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Leitthema: Demenzielle Erkrankungen

Radiologe 2015 · 55:386–388 U. Yilmaz


DOI 10.1007/s00117-014-2796-2 Klinik für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie, Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg/Saar
Online publiziert: 10. Mai 2015
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015

Alzheimer-Demenz

Die Alzheimer-Demenz ist die häu- werden. Die MCI zeigt pro Jahr in bis zu wenn diese neuropathologisch gesi-
figste Form der Demenz und ge- 28% der Fälle eine Progression zur Alzhei- chert sind),
kennzeichnet durch charakteristi- mer-Demenz [6]. F unauffälliger Liquorbefund,
sche neuropathologische Verände- F unauffälliges EEG mit allenfalls un-
rungen. Ihre Ursache ist weiterhin un- Prävalenz und Diagnosekriterien spezifischen Veränderungen,
bekannt und eine kausale Therapie der Alzheimer-Demenz F Hirnatrophie in der Bildgebung mit
nicht verfügbar. Ergänzend zu den Fortschreiten in Verlaufsuntersu-
Artikeln über die Bildgebung demen- Mit einer Prävalenz von 4,4% ist die Alz- chungen.
zieller Erkrankungen dieses Themen- heimer-Demenz die häufigste Form der 3. Klinische Befunde, die mit einer wahr-
hefts dient dieser Artikel einem Über- Demenz (Prävalenz der Demenz insge- scheinlichen Alzheimer-Demenz ver-
blick über klinische Aspekte der Alz- samt 6,4% [4]). Sie geht mit charakte- einbar sind, wenn andere Ursachen
heimer-Demenz. ristischen neuropathologischen Verän- einer Demenz ausgeschlossen wurden
derungen, wie der Ablagerung kortika- F Plateaus in der Krankheitsprogredienz,
Demenz und „mild ler und perivaskulärer Amyloidplaques F begleitende Symptome wie Depres-
cognitive impairment“ und der Aggregation von Tau-Proteinen sion, Schlaflosigkeit, Inkontinenz, il-
zu Neurofibrillenbündeln einher und lusionäre Verkennungen, Halluzina-
Allgemein ist die Demenz ein Krankheits- kann nur pathologisch sicher diagnosti- tionen, Aggressionen, sexuelle Funk-
bild, das definiert wird durch die Störung ziert werden [2]. Die klinische Diagnose tionsstörungen, Gewichtsverlust,
kognitiver Funktionen, die länger als 6 Mo- einer wahrscheinlichen Alzheimer-De- F in einigen Fällen andere neurologi-
nate dauern und mit Beeinträchtigungen menz erfolgt nach den 1984 veröffentlich- sche Störungen, insbesondere bei Pa-
der Aktivitäten des alltäglichen Lebens ten NINCDS-ADRDA-Kriterien [5]: tienten mit fortgeschrittener Erkran-
einhergehen. Charakteristische Symptome 1. Kriterien für die klinische ­Diagnose kung einschließlich motorischer Stö-
sind die Verminderung der Merkfähigkeit einer wahrscheinlichen Alzheimer- rungen wie erhöhtem Muskeltonus,
(für neue Informationen), Gedächtnisstö- Demenz Myoklonien und Gangstörungen,
rungen (von Informationen, die vormals F Nachweis einer Demenz in der klini- F bei fortgeschrittenen Erkrankungen
gewusst wurden) und Orientierungsstö- schen Untersuchung mit Hilfe neuro- Krampfanfälle,
rungen zur eigenen Person sowie zu Zeit, psychologischer Testverfahren, F altersentsprechende kraniale Compu-
Ort und Situation. F Defizite in mindestens 2 kognitiven tertomographie (CCT),
Neben diesen Kernsymptomen kann Bereichen, 4. Befunde, die gegen eine Alzheimer-
es im Rahmen einer Demenz zu Persön- F fortschreitende Verschlechterung des Demenz sprechen
lichkeitsveränderungen, affektiven Störun- Gedächtnisses und weiterer kogniti- F plötzlicher, apoplektiformer Beginn,
gen, körperlichen Symptomen und Störun- ver Funktionen, F fokalneurologische Störungen wie
gen spezifischer kognitiver Funktionen wie F fehlende Bewusstseinsstörungen, Hemiparese, Gefühlsstörungen, Ge-
der Sprache, der motorischen Fähigkeiten F Beginn zwischen dem 40. und 90. Le- sichtsfeldeinschränkungen und Koor-
und der Wahrnehmung kommen. Abzu- bensjahr, meist nach dem 65. Lebensjahr, dinationsstörungen in frühen Stadien
grenzen ist die Demenz von altersbeding- F keine sonstigen systemischen oder der Erkrankung,
ten Gedächtnisstörungen, die in der Regel Hirnerkrankungen, die die fortschrei- F Krampfanfälle oder Gangstörungen
das alltägliche Leben allenfalls leicht be- tenden Defizite erklären können. zu Beginn oder in einem sehr frühen
einträchtigen und sich von der Demenz 2. Befunde, die die Diagnose einer wahr- Stadium der Erkrankung.
v. a. durch ein langsameres Fortschrei- scheinlichen Alzheimer-Demenz stützen
ten im Verlauf unterscheiden. Liegen die F fortschreitende Verschlechterung spe-
Gedächtnisleistung und/oder kognitiven zifischer kognitiver Funktionen (wie Tab. 1  Schweregrade der Alzheimer-Demenz
Funktionen deutlich unter der Altersnorm, Aphasie, Apraxie, Agnosie), Punkte   Stadium
im MMST
ohne dass die Alltagsaktivitäten stark ein- F Beeinträchtigungen von Alltagsaktivi-
≥20 Leichte Alzheimer-Demenz
geschränkt sind, kann die Diagnose einer täten und Verhaltensänderungen,
leichten kognitiven Beeinträchtigung (engl. F positive Familienanamnese für ähn- 10–19 Mittelschwere Alzheimer-Demenz
„mild cognitive impairment“, MCI) gestellt liche Erkrankungen (insbesondere, <10 Schwere Alzheimer-Demenz

386 |  Der Radiologe 5 · 2015


Zusammenfassung · Abstract

5. D ie Diagnose einer möglichen Alzhei- Demenz, Rauchen, das Apolipoprotein- Radiologe 2015 · 55:386–388


mer-Demenz Eε4-Allel, ein niedrigeres Bildungsniveau, DOI 10.1007/s00117-014-2796-2
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015
F kann auf der Grundlage eines de- niedrigeres Einkommen und weibliches
menziellen Syndroms auch bei Ab- Geschlecht [3]. Das genetische Risiko für U. Yilmaz
weichungen in Beginn, Symptoma- das Auftreten einer Alzheimer-Demenz Alzheimer-Demenz
tik oder Verlauf gestellt werden, wenn steigt weiter bei Menschen, die homozy-
andere neurologische, systemische got das Apolipoprotein Eε4-Allel tragen. Zusammenfassung
Die Alzheimer-Demenz ist eine fortschreiten-
oder psychiatrische Erkrankungen Ein höheres Bildungsniveau anderer-
de neurodegenerative Erkrankung mit cha-
ausgeschlossen wurden, seits ist aber mit einer rascheren Progre- rakteristischen neuropathologischen Verän-
F kann bei Vorhandensein einer zweiten dienz der kognitiven Verschlechterung derungen und die häufigste Form der De-
systemischen oder Hirnerkrankung assoziiert. Dies wird durch die Hypothe- menz. Da ihre sichere Diagnose eine neuro-
gestellt werden, auch wenn diese ein se der kognitiven Reserve möglicherweise pathologische Untersuchung erfordert, gibt
demenzielles Syndrom verursachen dadurch erklärt, dass die neuropathologi- es klinische Kriterien für die Diagnose einer
wahrscheinlichen Alzheimer-Demenz. In Er-
kann, aber nicht als Ursache des vor- schen Veränderungen bei höherer Anzahl
gänzung zu den Artikeln dieses Heftes, die
liegenden Syndroms angesehen wird, von Synapsen erst in einem fortgeschritte- sich mit der Bildgebung der Demenz be-
F sollte in wissenschaftlichen Studien neren Stadium symptomatisch werden [3]. schäftigen, dient dieser Artikel dem kurzen
gestellt werden, wenn ein einzelnes Überblick über klinisch relevante Aspekte der
schweres und fortschreitendes kog- Fazit für die Praxis Alzheimer-Demenz.
nitives Defizit ohne andere Ursache
Schlüsselwörter
festgestellt wird. F Die jährliche Konversionsrate des Neurodegenerativ · Demenz ·
6. Kriterien für die sichere Diagnose einer „mild cognitive impairment“ zur   Neuropathologische Veränderungen ·
Alzheimer-Demenz sind Alzheimer-Demenz liegt bei 28%. Klinischer Kriterienkatalog · „Mild cognitive
F die klinischen Kriterien einer wahr- F Die Diagnose einer wahrscheinli- impairment“
scheinlichen Alzheimer-Demenz und chen Alzheimer-Demenz wird anhand
F die histopathologische Sicherung eines klinischen Kriterienkatalogs ge- Alzheimer’s disease
nach Autopsie. stellt. Ihre sichere Diagnose kann nur
Abstract
neuropathologisch gestellt werden.
Alzheimer’s disease is a progressive neurode-
Hierbei spielt v. a. der Ausschluss anderer F Neben kognitiven Störungen treten generative disorder with characteristic neuro-
Ursachen einer Demenz eine entschei- sehr häufig neuropsychiatrische Sym- pathological changes. It is the most common
dende Rolle. Die Schwere der Alzheimer- ptome wie Depression, Angst, illusio- form of dementia. As a definitive diagnosis
Demenz kann mit Hilfe des Mini-Mental- näre Verkennungen, Halluzinationen requires a neuropathological examination,
Status-Test (MMST) in 3 Grade eingeteilt und Aggressionen auf. clinical criteria have been established for the
diagnostics of a probable Alzheimer’s disease.
werden (. Tab. 1). Die jährliche kogni-
In addition to the articles in this issue that fo-
tive Verschlechterung entsprach in einer cus on the imaging of dementia, this article
Studie im Durchschnitt einem Verlust von
Korrespondenzadresse
provides a brief overview of clinically relevant
2,7 bis 4,5 Punkten im MMST [1]. Dr. U. Yilmaz aspects of Alzheimer’s disease.
Klinik für Diagnostische und Interventionelle
Keywords
Neuropsychiatrische Symptome Neuroradiologie, Universitätsklinikum des
Neurodegenerative · Dementia ·
Saarlandes
Kirrberger Str., 66424 Homburg/Saar Neuropathological alterations · Clinical
Die Häufigkeit neuropychiatrischer Sym- criteria catalogue · Mild cognitive impairment
umut.yilmaz@uks.eu
ptome wird bei der Alzheimer-Demenz
auf 60–80% geschätzt. Diese beinhalten
4. Lobo A, Launer LJ, Fratiglioni L et al (2000) Preva-
Depression, Angst, illusionäre Verken- Einhaltung ethischer Richtlinien lence of dementia and major subtypes in Europe:
nungen, Halluzinationen und Aggressio- a collaborative study of population-based cohorts.
Interessenkonflikt.  U. Yilmaz gibt an, dass kein
nen und treten im Verlauf der Krankheit Neurologic Diseases in the Elderly Research Group.
Interessenkonflikt besteht. Dieser Beitrag beinhaltet Neurology 54(11 Suppl 5):S4–S9
in nahezu 100% der Fälle auf [3]. keine Studien an Menschen oder Tieren. 5. McKhann G, Drachman D, Folstein M et al (1984)
Clinical diagnosis of Alzheimer’s disease: report of
the NINCDS-ADRDA Work Group under the aus-
Risikofaktoren Literatur pices of Department of Health and Human Ser-
vices Task Force on Alzheimer’s Disease. Neurology
Obwohl die Ursache der Alzheimer-De- 1. Agüero-Torres H, Fratiglioni L, Winblad B (1998) 34:939–944
Natural history of Alzheimer’s disease and other
menz weiterhin ungeklärt ist, wurden in 6. Schmidtke K, Hermeneit S (2008) High rate of con-
dementias: review of the literature in the light of version to Alzheimer’s disease in a cohort of am-
der Vergangenheit einige Faktoren iden- the findings from the Kungsholmen Project. Int J nestic MCI patients. Int Psychogeriatr 20:96–108
tifiziert, die das Risiko, an einer Alzhei- Geriatr Psychiatry 13(11):755–766
2. Cummings JL (2004) Alzheimer’s disease. N Engl J
mer-Demenz zu erkranken, erhöhen. Da-
Med 351:56–67
zu gehören neben dem Alter eine positi- 3. Jalbert JJ, Daiello LA, Lapane KL (2008) Dementia
ve Familienanamnese für die Alzheimer- of the Alzheimer type. Epidemiol Rev 30:15–34

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