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MUSIK

KLASSIKSZENE

Dirigenten zieht es nach Berlin


Berlin ist mit guten Dirigenten gesegnet: Rattle und Janowski
sind seit zehn Jahren da, Barenboim ist seit 20 Jahren hier. Drei
Maestri fangen in diesem Herbst neu an.
VON Frederik Hanssen | 23. September 2012 - 00:00 Uhr
© Hannibal Hanschke dpa/lbn

Tugan Sokhiev, der neue Chefdirigent des Deutschen Sinfonieorchesters


Erinnert sich noch jemand an den Vorgänger von Marek Janowski beim Rundfunk-
Sinfonieorchester Berlin? Erinnert sich noch jemand an irgendeinen seiner Vorgänger?
Als der Dirigent mit den polnischen Wurzeln und der strengen Miene vor zehn Jahren
sein Amt antrat, stand das RSB am Abgrund: Dieter Rexroth, der damalige Intendant
der Rundfunkorchester und -chöre GmbH, hatte die Halbierung des Traditionsensembles
vorgeschlagen. Aus dem großen Sinfonie- sollte ein kleines, flexibles Kammerorchester
werden. Dank Janowski kam es anders: Ein Jahrzehnt später macht das RSB mit seinem
Wagner-Zyklus Furore, bei den konzertanten Abenden in der Philharmonie ebenso wie
auf CD. So präzise gespielt hat man die Musikdramen selten erlebt, im prachtvollen,
aber schlanken, homogenen Klanggewand. Unter dem strengen Detailarbeiter Janowski
ist das Orchester zu einer eingeschworenen Gemeinschaft geworden. Und zu einer
selbstbewussten Truppe, die jederzeit Höchstleistungen abrufen kann, auch wenn der Chef
nicht am Pult steht. Eine Erfolgsgeschichte.

Stilbildend hat auch der zweite Maestro gewirkt, der in diesen Tagen sein zehnjähriges
Dienstjubiläum begeht: Simon Rattle. Als die Berliner Philharmoniker ihn – und nicht
Daniel Barenboim – in basisdemokratischer Wahl zum Nachfolger Claudio Abbados
erkoren, war das eine klare Richtungsentscheidung. Ins Offene sollte es mit Sir Simon
gehen, ästhetisch, medial und in Bezug auf die Kommunikation mit dem Publikum, vor
allem mit den Hörern von morgen.

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Die Erwartungen hat Rattle erfüllt. Nach einer Dekade der Zusammenarbeit zeigen sich
die Musiker stilistisch so wendig wie nie, Mut und Neugier sind ihr Markenzeichen, das
Erkennungsmerkmal der Berliner Philharmoniker. Denn das ist ihr Ziel: ein international
dauerpräsentes Premiumprodukt zu werden. Mit der Digital Concert Hall im Internet, mit
Liveübertragungen aus der Philharmonie in hunderte Kinos mutieren die Berliner immer
mehr zur multiplen Persönlichkeit, spielen lokal, agieren global.

Rattle stellt sich dieser Expansionspolitik nicht in den Weg, setzt aber eigene Akzente im
Bereich der sozialen Verantwortung, mit der von ihm initiierten Educationarbeit. Und mit
Gesten, die seine örtliche Verankerung betonen. So dirigiert er nicht nur an der Staatsoper
( Rosenkavalier im Dezember) und der Deutschen Oper (Wagners Ring im Herbst
2013), sondern beehrt auch als special guest das aus Laien und Halbprofis bestehende
Sinfonie Orchester Schöneberg (4. November) oder führt zum 40. Gründungsjubiläum
der Orchesterakademie der Philharmoniker mit 128 Alumni Bruckners Achte auf (2.
Dezember).

Den Zukunftskurs konnten die Philharmoniker seit 2002 auch deshalb so konsequent
verfolgen, weil ein paar hundert Meter weiter ein anderer Weltkünstler die Pflege des
"deutschen Klangs" übernommen hat. Zu den Großtaten Daniel Barenboims an der
Staatsoper zählt die Sensibilität, mit der er seiner Staatskapelle begegnet ist. Was sich
in der DDR-Isolation an spieltechnischer und gruppendynamischer Vorkriegstradition
konserviert hatte, bewahrte er, was an Leidenschaft in seiner Künstlerseele brodelt,
fügte er hinzu. Bei Mozart mag das zu verwirrend-vorgestrigen Ergebnissen führen, im
romantischen Repertoire aber reicht derzeit kaum ein Orchester an die Staatskapelle heran,
vor allem bei Wagner.

Es spricht für das Selbstvertrauen der drei Maestri, dass keiner offizielle Feierlichkeiten
zum runden Amtsjubiläum wünschte. Jeder hat längst für sich eine Ära begründet, eine
Kontinuität, derzeit noch ganz ohne Ermüdungserscheinungen. Marek Janowskis Vertrag
läuft bis 2016, der von Simon Rattle bis 2018. Daniel Barenboim, der Unermüdliche, hat
bis 2022 verlängert.

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© Tim Brakemeier dpa/lbn

Der Dirigent der Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle, probt mit dem Orchester in der
Philharmonie in Berlin.
Andere Institutionen der Stadt blicken durchaus neidvoll auf das RSB, die Philharmoniker
und die Staatskapelle. Das Deutsche Symphonie-Orchester hat in den letzten zehn
Jahren zwei Chefs kommen und gehen sehen, das Konzerthausorchester ebenso. Bei
der Komischen Oper waren es drei. Wenig Glück hat auch die Deutsche Oper: Auf
die Hü- und Hott-Jahre mit Christian Thielemann folgte das Debakel mit Renato
Palumbo. Mit dem pragmatischen, erfahrenen Donald Runnicles wurde vor drei
Jahren endlich ein Generalmusikdirektor gefunden, der den Musikern ein verlässlicher
Lebensabschnittspartner ist.

DSO, Komische Oper und Konzerthausorchester dagegen erleben in diesem Herbst


schon wieder neue Chefdirigenten. Trotzdem müssen sie versuchen, sich klar umrissene
künstlerische Profile zu erarbeiten und ihre Nische innerhalb der hauptstädtischen
Klassikszene zu finden. Barrie Kosky, der neue Intendant der Komischen Oper, hofft
darauf, mit dem 37-jährigen Henrik Nanasi einen ebenso großen Glücksgriff getan
zu haben wie sein Vorgänger Andreas Homoki 2002 mit Kirill Petrenko. Fünf Jahre
lang setzte der fabulöse Russe die Komische Oper unter Hochspannung, bevor ihn das
internationale Musikbusiness abwarb. Mit seinem Nachfolger Carl St. Clair kam das
Orchester des Hauses überhaupt nicht zurecht; nach der vorfristigen Trennung rettete der
junge Kapellmeister Patrick Lange die Situation und ließ sich für zwei Jahre als Interims-
Chef verpflichten.

Wenn sich Henrik Nanasi am 12. Oktober als neuer Musikdirektor an der Behrenstraße
vorstellt, ist er ein unbeschriebenes Blatt, für das Publikum wie für das Orchester. Weil sich
derzeit alle Bühnen um die jungen Hoffnungsträger reißen, hat man schnell zugegriffen,
den Ungarn, der bislang als Kapellmeister in Klagenfurt, Augsburg und am Münchner
Gärtnerplatztheater arbeitete, mit hohem Vertrauensvorschuss verpflichtet. Wie sich Effekt
machen lässt, das weiß Nanasi jedenfalls schon: Beim Antrittskonzert mit Richard Strauss’
Till Eulenspiegel und Bartóks Der wunderbare Mandarin kann das Orchester Brillanz
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vorführen – und der Dirigent seine Schlagtechnik. Und um mit Dvoráks Sinfonie Aus der
neuen Welt keinen Erfolg einzufahren, muss man sich schon arg ungeschickt anstellen.

Wie viel schwerer machte es sich da Ivan Fischer bei seinem Einstand im Konzerthaus
am Gendarmenmarkt mit Brahms’ Doppelkonzert, das sich blendendem Virtuosentum
konsequent verweigert, und Dvoraks siebter Sinfonie, die vor allem aus langatmigem
Leerlauf besteht. Eine gelinde gesagt eigenwillige Auswahl. Umso mehr konnte er dann
begeistern: weil der 61-jährige Fischer seine ganze Klasse zeigen, sich als tiefgründiger,
mitfühlender Interpret beweisen konnte. Und als akribischer Partiturtüftler.

Profimusiker mögen ja oft keine Dirigenten, die sich vor allem um die große Linie eines
Werks kümmern und dabei womöglich die historischen Hintergründe dieser oder jener
kompositorischen Eigenheit noch langatmig erklären wollen. Dagegen verehren sie
Maestri, die in den Proben konzentriert an den Details arbeiten, ohne viele Worte, aber mit
einer kenntnisreichen Aufmerksamkeit, die jede kleinste Ungenauigkeit aus dem Tuttiklang
sofort heraushört. Genau so einer ist Ivan Fischer.

Die größte Vorfreude aber verbindet sich zu diesem Saisonbeginn mit dem Start der Ära
Tugan Sokhiev beim Deutschen Symphonie-Orchester. Schon bei der ersten Begegnung
des 1977 geborenen Osseten mit dem DSO 2003 hatte es gefunkt, bei den folgenden
Gastauftritten wurde das Publikum vom Energiefluss zwischen dem Dirigenten und den
Musikern geradezu elektrisiert. Dennoch musste Orchesterdirektor Alexander Steinbeis
lange um den allseits begehrten Maestro buhlen. Seine gestisch so souveräne, frühreife
Dirigiertechnik, die er beim St. Petersburger Altmeister Ilya Musin gelernt hat, war auch
im Rahmen des Musikfests am 7. September wieder zu bewundern. Nur wollte der Funke
diesmal nicht recht überspringen, weder bei Strawinskys verzopfter Pulcinella -Suite noch
bei Rachmaninows klangprächtig veredelter dritter Sinfonie.

Vielleicht lag es am ungeschickt gestrickten Programm, vielleicht an der übersteigerten


Erwartung. Noch jedenfalls besteht kein Grund, daran zu zweifeln, dass Tugan Sokhiev
nach dem kühlen Analytiker Kent Nagano und dem geistreichen Gedankenspieler
Ingo Metzmacher genau der Richtige ist, um das Potenzial des DSO voll auszureizen,
den silbrigen, durchhörbaren Klang, den freien Geist der Musiker und ihre stilistische
Vielseitigkeit. Die Lust, beim Musizieren mit dem jungen Russen abzuheben, beflügelt von
seiner Emphase, war jedenfalls an diesem Abend in der Philharmonie unüberhörbar. Die
beste Voraussetzung, damit große Kunst entsteht.

Erschienen im Tagesspiegel

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ADRESSE: http://www.zeit.de/kultur/musik/2012-09/dirigenten-berlin-konzertsaele

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