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UNI-LEBEN

MEISTERKURSE

Lektion vor Publikum


Meisterkurse können für junge Musiker Hinrichtung oder
Offenbarung sein. Der berühmte Pianist Leon Fleisher
unterrichtete in Düsseldorf.
VON Wolfram Goertz | 06. Dezember 2012 - 07:00 Uhr

»In diesem toten Blatt ist zu viel Leben.« Das sieht der ältere Herr nicht – er hört es. Die
Sicherheit, mit der er seinen Befund mitteilt, lässt den erfahrenen Profi erkennen. Der
Diagnostiker mit Bart, Brille, heller Stoffhose und Freizeitjacke ist aber kein Baumforscher,
kein Botaniker. Er heißt Leon Fleisher und ist mit 84 Jahren der Dienstälteste unter den
großen Pianisten der Gegenwart. Jetzt gibt er einen mehrtägigen öffentlichen Meisterkurs
an der Düsseldorfer Robert-Schumann-Hochschule. Drei Studentinnen haben sich
angemeldet, um bis in die Fingerspitzen gezwirbelt zu werden. Der Kammermusiksaal ist
sehr gut gefüllt: Studenten, Dozenten, Musikfreunde aus der Stadt.

Soeben spielt dem Meister die Dänin Anne Sofie Sloth Nilausen das Prélude Feuilles
mortes (»Tote Blätter«) von Claude Debussy vor. Jeder Akkord müsse hier, findet Fleisher,
welk am Boden liegen, Frau Nilausen aber betreibe Reanimation. Schon der erste Akkord
ist Fleisher zu vital. »Wiederholen Sie ihn – leiser«, bittet der Maestro, der neben ihr am
Klavier sitzt. Frau Nilausen versucht es, Fleisher lobt – doch noch 22 Mal wird sie diesen
Akkord anschlagen müssen, bis der Lehrer sich entspannt und ruft: »That’s it!«

Junge Musiker lieben solche mitleidlosen Manöver nicht, aber sie brauchen sie.
Meisterkurse bedeuten Unterricht bei einem Star, das liest sich gut in der Biografie
und beflügelt das Selbstbewusstsein. Entweder bieten die Hochschulen die Kurse ihren
hochbegabten Studierenden an (in Düsseldorf hat der Förderverein die Kosten für Fleishers
Engagement übernommen), oder renommierte Musiker laden für eine ganze Woche an
einen ausgewählten Ort, um dort etwa 20 Teilnehmer zu unterrichten. Die müssen sich
bewerben und einige hundert Euro aus eigener Tasche zahlen, je nach der internationalen
Reputation des Coachs. In Härtefällen helfen Stipendien. Meisterkurse für Laienmusiker
sind selten. Die Stars unterrichten nur ungern unterhalb eines gewissen Niveaus.

Öffentliche musikalische Hinrichtungen

In jedem Fall erhöht die Öffentlichkeit solcher Meisterkurse den Stress für den Nachwuchs,
aber das ist gewollt. Wer nur im Kämmerlein musikalische Höchstleistungen zuwege
bringt, sollte seinen Berufswunsch überdenken. Vor Publikum gelobt zu werden ist
ein erhebendes Gefühl. Man hat aber auch schon Hinrichtungen erlebt. Kurse mit
der Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf endeten für manches zarte Sänger-Gemüt im
Weinkrampf. Aus spitzem Mund bekam der Schüler mitgeteilt, dass er noch am Anfang

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des Singens stehe. Bei manchem war für Frau Schwarzkopf schon der erste Ton verkorkst,
bevor er ihn überhaupt gesungen hatte.

Fleisher ist dagegen der Prototyp des einfühlsamen Pädagogen, denn er hat am eigenen
Leib erfahren, dass man als Musiker auf Hilfe angewiesen sein kann. Er war Schüler
des legendären Artur Schnabel, hatte weltweit konzertiert und famose Platten mit dem
Cleveland Orchestra unter George Szell eingespielt, bis ihn in den sechziger Jahren eine
Nervenkrankheit zum einarmigen Pianisten machte: Sobald er den vierten Finger der
rechten Hand bewegte, verkrampfte er sich. Fokale Dystonie nennen das Mediziner,
und erst Jahrzehnte später kannten sie ein Gegenmittel: die Injektion des Nervengifts
Botulinumtoxin, kurz Botox.

Bald begriff Fleisher auch, was seine Misere ausgelöst hatte: zu heftiges Üben. Deshalb
predigt er in Düsseldorf die Entschleunigung und lässt die Kandidaten eine Phrase auch
mal singen – oder nur denken: »Stellen Sie sich Debussys Orchesterfarben vor! Hier, diese
Stelle klingt doch, als könne sie ein gestopftes Horn spielen.« Frau Nilausen nickt, aber die
Botschaft muss sie erst für sich und ihre Finger übersetzen. Das wird Wochen brauchen.
Ihr Fazit hinterher ist trotzdem positiv: »Fleisher hat in mir etwas angeregt: streng mit mir
selbst zu sein!«

Auch Inge Du aus Rottweil bekommt eine eindrucksvolle und nachhaltige Lektion des
großen Musikers. Sie spielt César Francks Prélude, Chorale et Fugue, aber oft sei ihr Forte
nicht sonor, sondern nur laut, merkt Fleisher an. »Franck war doch Organist. Sie müssen
Farben addieren, wenn Sie lauter werden, nicht Kraft!« Und die dürfe nicht nur das Resultat
der Finger oder der Arme sein. »Sonst klingt das Klavier wie ein Schlagzeug!« Manchmal
müsse die Power aus dem Oberschenkel kommen, das habe schon Arthur Rubinstein
gelehrt. Artig lächelt Frau Du. Das Lächeln ihrer Lehrerin im Auditorium ist schwer zu
deuten. Das Publikum staunt.

Ja, es handelt sich um 60 Jahre Abstand, die hier nebeneinander sitzen – und das erklärt,
warum manche von Fleishers Wissensschätzen bei den Studentinnen unzustellbar scheinen
wie Pakete, die fälschlich beim Nachbarn abgegeben werden. Fabelhaft haben sie gelernt
zu spielen, weniger, sich selbst zuzuhören. Das Training der Selbstkritik ist jedoch
das Wichtigste in Fleishers Unterricht. Zwischendurch lehnt sich der Meister zurück,
statt ganze Passagen am Klavier neben der jeweiligen Elevin mit seiner linken Hand
mitzuspielen, und doziert: »Der Künstler ist nur das Medium des Komponisten, sein
Instrument.« Oder er sagt: »Musik ist horizontale Aktivität«. Fast düster ist seine Frage:
»Und wie fanden Sie es selbst?« Darauf wissen die jungen Pianistinnen nichts zu sagen.

Gleich wird der Meister, als habe er es bemerkt, pragmatischer. »Machen Sie nicht so
viel expressiven Zirkus«, ruft der alte Mann. »Sie rudern mit dem Körper, als wollten Sie
zeigen, welche Leidenschaft die Musik in Ihnen erregt«, hält er der Koreanerin Sukyeon
Kim vor, die das zyklopisch schwere 2. Klavierkonzert B-Dur von Johannes Brahms
spielt. So ein zartes Persönchen – und solche Energie! Fleisher schaut verwundert, welche
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herbstlichen Stürme die zierlichen Finger von Frau Kim entfachen. Sogar auf einen
Generationenvertrag kann sie sich gegenüber Fleisher berufen, denn ihr Lehrer ist Schüler
von Fleishers namhaftem Schüler Andre Watts.

»Denken Sie an eine Rose, die sich öffnet«

Solche Nähe über weite biografische Entfernung hinweg bewahrt die musikalische
Urenkelin jedoch nicht vor Einträgen ins Klassenbuch. Auch Frau Kim ist Fleisher oft zu
fortissimo, das liege aber vielleicht an dem Flügel im Raum. Fleisher blinzelt und sagt
fast einen Schwarzkopf-Satz: »Wenn Sie die Taste dieses Klaviers nur anhauchen, ist
es schon zu laut.« Frau Kim kichert. Fleisher probiert es metaphorisch: »Denken Sie an
eine Rose, die sich öffnet.« Das versteht Frau Kim. Schon klingt die Passage blühend und
vielversprechend. Aber immer noch hört Fleisher die Taktstriche wie Korsettstangen, die
raus müssen aus dem Klang: »Denken Sie, wie gregorianische Mönche gesungen haben!«
Das ist ein weiter Weg von Brahms zurück ins Mittelalter, zu weit für Frau Kim in diesem
Moment.

Zugleich muss Frau Kim lernen, dass sie in diesem Monsterstück nicht der Nabel der Welt
ist. »Schauen Sie auf den Dirigenten, der ist nicht unwichtig«, sagt Fleisher. Momentan
ist zwar keiner anwesend, aber in diesen Tagen wird es ihn geben, wenn sie das Brahms-
Konzert zum Konzertexamen mit dem Hochschulorchester in der Düsseldorfer Tonhalle
spielt. Dann ist Mr. Fleisher zwar schon wieder in den USA, aber die Sache mit der Rose
wird Frau Kim hoffentlich behalten haben.

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