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AUSLAND

SCHRIFTSTELLER-KONFERENZ ZU EUROPA:

Ist der Krieg schon da?


Ein Gespräch zwischen Außenminister Frank-Walter
Steinmeier, dem russischen Schriftsteller Michail Schischkin
und der Autorin Mely Kiyak über unseren taumelnden
Kontinent. von Ijoma Mangold
DIE ZEIT Nº 19/2014 8. Mai 2014 07:22 Uhr 6 Kommentare

Frank-Walter Steinmeier und die Schriftsteller Mely Kiyak und Michail Schischkin im Weltsaal des
Auswärtigen Amtes vor einer Wand, die der Künstler Gerhard Merz gestaltet hat | © Gene Glover
(Kunst am Bau: Gerhard Merz/VG Bild-Kunst, Bonn 2014)

1988 gab es schon einmal eine internationale Schriftstellerkonferenz unter dem


Motto "Ein Traum von Europa". Sie nahm vieles von dem vorweg, was ein Jahr
später die weltpolitische Lage umkrempelte. In diesem Jahr treffen sich am 8. Mai
wieder 30 Autoren aus über 20 Ländern in Berlin zu einer Europäischen
Schriftstellerkonferenz, um den "Traum von Europa" weiterzuträumen. Initiiert
wurde die Konferenz von den Schriftstellern Mely Kiyak, Nicol Ljubić, Antje Rávic
Strubel und Tilman Spengler sowie dem deutschen Außenminister Frank-Walter
Steinmeier, der hier bereits mit zwei der Teilnehmer diskutiert.

DIE ZEIT: Während in der Bevölkerung Europa-Überdruss herrscht, ist mein


Eindruck, dass es unter den Schriftstellern nur euphorische Pro-Europäer gibt. Sind
Schriftsteller geborene Europäer?
Mely Kiyak: Mein Eindruck ist das gar nicht. Ich kenne Autoren, die
europaskeptisch sind, die am liebsten den Euro abschaffen würden und die
zunehmend rechtes Gedankengut in ihr literarisches Programm aufnehmen.

ZEIT: An wen denken Sie da?

Mely Kiyak Kiyak: Zum Beispiel an Leon de Winter, Ralph Giordano


1976 in Sulingen oder Richard Wagner. Letzterer begreift Europa explizit
geboren, Tochter als christliches Abendland. Es ist wohl eher so: Man hat
kurdischer Einwanderer. es gerne, wenn Schriftsteller die Europaliebhaber geben
Sie studierte am und das verkaufen, was die Politik da macht, in der
Deutschen Hoffnung, dass es dann irgendwie unangestrengter,
Literaturinstitut Leipzig unterhaltsamer klingt, als wenn ein Politiker von
und ist Schriftstellerin Wirtschaftswachstum und Sicherheit spricht.
und Journalistin. Eines
ZEIT: Deshalb hat sich in den vergangenen Jahren die
ihrer Themen ist
Formulierung durchgesetzt, Europa brauche ein neues
bikulturelles Leben in
Narrativ. Können Schriftsteller die ideelle Attraktivität
Deutschland. 2013
von Europa lebendiger machen?
erschien Herr Kiyak
dachte, jetzt fängt der
Frank-Walter Steinmeier: Der "Traum" von Europa
schöne Teil des Lebens
steht nicht für Entrücktes, sondern er trägt uns auch
an im S. Fischer Verlag.
über Phasen der Ernüchterung und Enttäuschung.
Kultur ist doch zumindest ein, wenn nicht der
Anziehungspunkt von Europa! Die Grundlage dafür ist die Freiheit von Kunst und
Kultur. Schriftsteller sollten sich nicht instrumentalisieren lassen. Was ich allerdings
manchmal vermisse, ist eine Debatte über Europa jenseits der Politik.

ZEIT: Die Idee Europas als Zukunftsprojekt war ja schon einmal stärker in den
Herzen verankert.

Steinmeier: Außerhalb Europas erlebe ich immer wieder, wie junge Menschen,
auch Künstler und Schriftsteller, noch von Europa träumen und beflügelt werden.
Alles, was für uns selbstverständlich ist, steht dort vielerorts für eine Sehnsucht und
ganz konkrete politische Forderungen. Ein anderes Bild haben wir in der Tat, wenn
wir in die Länder der Europäischen Union schauen. Hier wird Europa zunehmend als
Zumutung wahrgenommen. Diese negativen Assoziationen mit Europa müssen wir
überwinden. Dafür müssen wir die in den letzten Jahren immer größer gewordene
Distanz zwischen Kultur und Politik verringern. Politik muss der Kultur wieder
zuhören, und Kultur sollte ihrerseits bei praktischen politischen Fragen das Wort
erheben. Mein Gefühl ist, dass die Bereitschaft unter Künstlern, sich politisch zu
engagieren, eher nachgelassen hat.
Kiyak: Der Schriftsteller spricht erst einmal für sich. Die Politiker organisieren den
Staat, die Schriftsteller reflektieren die Gesellschaft. Allerdings beobachte ich auch,
dass es bei bestimmten Diskursen so eine merkwürdige Verstummung gibt und dann
nur noch Politiker sprechen. Das hängt mit der Sorge der Schriftsteller zusammen,
sich für politische Zwecke vereinnahmen zu lassen und den Leser damit zu verstören.

ZEIT: Kann es sein, dass man als russischer Schriftsteller automatisch viel
politischer ist, weil das System seinerseits nicht so gleichgültig reagiert?

Michail Schischkin Michail Schischkin: Russland ist schon ein


1961 in Moskau geboren, besonderes Land, und russische Schriftsteller sind ein
studierte Germanistik besonderes Volk. Mir kommt es merkwürdig vor, wenn
und Anglistik an der wir in diesen Tagen abstrakt über Europa und Kultur
Universität Moskau. Er diskutieren. Heute ist Europa ein Schiff, und der Krieg ist
ist Schriftsteller und lebt schon da, und da kommt schon ein Torpedo – wir wissen
seit 1995 in der Schweiz. nicht, ob der Torpedo das Schiff Europa erreicht oder
2000 erhielt er den nicht. Wir wissen nicht, was morgen geschieht. Die
russischen Booker-Preis. Leute, die diesen Torpedo schicken, das sind auch
Zuletzt erschien bei DVA Schriftsteller! Sie können sich nicht vorstellen, wie viele
sein Roman Briefsteller. Schriftsteller in Russland die Annexion der Krim in
einem offenen Brief an Putin unterstützt haben. Sie
können sich die aufgeladene Atmosphäre in Russland
nicht vorstellen. Seit Jahren wurde das Fernsehen in Russland zu einem
Massenvernichtungsmittel gemacht, und viele Schriftsteller haben da gerne
mitgewirkt. Das Fernsehen vernichtet die Seelen und vernichtet die Gehirne der
Menschen. Wenn ich sehe, wie die Menschen in Russland weinend den Anschluss der
Krim bejubeln und die Trikolore schwenken und schreien vor Glück, tut mir das weh,
denn sie sind Opfer dieses Propagandakrieges. Die russische Regierung selbst ist
schon zur Geisel ihrer eigenen Propaganda geworden. Sie haben den ersten Schritt
auf der Krim gemacht, jetzt müssen sie den zweiten Schritt tun.

Steinmeier: Die Geister, die sie riefen, werden sie nicht wieder los. Hier waren
Zauberlehrlinge der Propaganda am Werk.

ZEIT: Als Sie die europäische Schriftstellerkonferenz planten, hatte keiner mit dem
Ukraine-Thema gerechnet. Was man lange als Phrase abgetan hat, Europa als
Friedensprojekt, steht einem nun wieder mit ganz anderer Vitalität vor Augen.

Steinmeier: Wir stecken gegenwärtig in einer Krise, die die schwerste in Europa seit
dem Ende des Kalten Krieges ist. Die europäische Friedensordnung steht auf dem
Spiel. Wenn wir nicht achtgeben, droht die Rückabwicklung des zivilisatorischen
Fortschritts, den wir nach der Auflösung des Ost-West-Konfliktes erleben durften.
Dass sieben Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg Grenzen korrigiert werden, ist,
glaube ich, in seinen politischen Konsequenzen noch gar nicht zu übersehen. Das zu
verhindern sollte im Interesse aller liegen.

Schischkin: Für mich ist eine solche Zeit der Krise eine Chance für Europa, sich
wiederzufinden. In der Ukraine hat alles mit der europäischen Idee angefangen: Die
Ukraine wollte nach Europa. Unter Europa versteht man im Osten nicht dieses
Knäuel von Problemen. Für Russland ist Europa der Mythos vom menschlichen
Leben. Ein Ideal dessen, wie man das Leben organisieren muss, mit freien Wahlen,
mit ehrlichen Gerichten und so weiter. In der jetzigen Krise kann den Menschen in
der Ukraine nur diese Idee vom menschlichen Leben einen Ausweg bieten. Sonst
droht das Ende Europas, nämlich eine Flut von Flüchtlingen. Es braucht nur ein paar
Stunden, um von der Ukraine hierherzukommen und um Asyl zu ersuchen, und dann
ist die Welle schon da.

ZEIT: So, wie Sie Europa mit den Segnungen von Demokratie und Rechtsstaat
gleichsetzen, kann man das auch als eine westliche Interessenpolitik sehen, durch die
sich Russland bedroht fühlt.

Schischkin: Jetzt sprechen Sie wie die russische Propaganda!

ZEIT: Wir sind wieder an einem Punkt, an dem sich die Idealvorstellungen und die
Realpolitik hart im Raume stoßen. Ich nehme an, dass Sie, Herr Steinmeier, anders
als Herr Schischkin, Russland eine Einflusssphäre zugestehen.

Steinmeier: Wir müssen erkennen, dass wir in unterschiedlichen außenpolitischen


Kategorien denken. Freiheit, Demokratie, Menschenrechte, freie und soziale
Marktwirtschaft, all das sind fundamentale Grundsätze für unser Handeln. Auf dieser
Grundlage laden wir andere ein, gemeinsam mit uns Politik zu machen. Russland hat
zum Teil andere Kategorien in der Außenpolitik, die mehr der Zeit vor 1989, ja
manche würden sogar sagen: vergangenen Jahrhunderten, verbunden sind. Hier
spielen geopolitische Kategorien wie Macht, das Denken in Einflusszonen nach wie
vor eine dominierende Rolle.

Schischkin: Was mich ein bisschen stört: Wenn Sie Russland sagen, dann meinen
Sie nicht das Volk Russlands, sondern diese kriminelle Bande, die die Macht dort
usurpiert hat und die ganze Bevölkerung zur Geisel genommen hat. Man muss nicht
nach Sotschi fahren und Solidarität mit den Geiselnehmern zeigen. Die Pflicht
Europas ist es, den Menschen dort zu helfen, sich von ihren Geiselnehmern zu
befreien! Deswegen sind die Sanktionen so wichtig. Nicht aber Sanktionen gegen die
Bevölkerung; es gibt etwa 200 bis 300 Familien, die die Macht haben. Für sie war
Putin ein Stabilitätsfaktor. Wenn sie sehen, dass er zum Risikofaktor wird, werden sie
ihn in zwei Minuten fallen lassen. Gegen diese Familien muss man Sanktionen
verhängen, das wird funktionieren.

Steinmeier: Wäre Politik und besonders Außenpolitik so einfach, hätten wir ein
paar Probleme weniger auf der Welt. Die Erfahrungen der letzten Zeit zeigen uns
doch aber, dass man nicht grundsätzlich gegen Sanktionen sein muss, dass man aber
aufpassen muss, dass man nicht unversehens in einen Automatismus hineingerät, der
einen in einen Krieg hineinstolpern lässt, den eigentlich keiner wollte. Und Sie
müssen immer damit rechnen, dass die andere Seite – vielleicht aus ganz irrationalen
Gründen und mit selbstschädigenden Folgen – auch unter dem Druck von
Sanktionen ihr Verhalten nicht ändert. Deshalb: Alles auf eine Karte setzen, das ist
falsch und gefährlich. Sie müssen in einem Konflikt immer wieder Exit-Möglichkeiten
schaffen, die neue Lösungsansätze zulassen.

Schischkin: Aber man muss etwas tun, sonst haben wir die Situation des Zweiten
Weltkriegs wieder: zuerst das Sudetenland, dann Polen, dann Frankreich und so
weiter.

Steinmeier: Dass Sie mir sagen, man muss etwas tun ... Ich mache 24 Stunden am
Tag nichts anderes!

Kiyak: Aber das "man", von dem Sie, Herr Schischkin, sprechen, schließt ja mich
und Sie ein. Wenn wir darüber sprechen, wie Politik es schaffen kann, dass man auf
einem Kontinent friedlich miteinander lebt, dann müssen wir auch fragen, was wir
Kulturschaffenden dazu beigetragen haben. Warum stört das eigentlich Menschen
eines bestimmten Territoriums, dass sie unter der Fahne eines bestimmten Landes
leben, warum möchten sie lieber unter der Fahne eines anderen Landes leben – diese
Fragen müssen wir viel stärker diskutieren, als wir das in den vergangenen Jahren
getan haben. Im vergangenen Jahr, als wir anfingen, unsere Konferenz zu planen, da
war der Krisenherd die Türkei. Da gab es die Gezi-Proteste. Da lagen hinter der
Türkei 30 Jahre Bürgerkrieg, 3.000 zerstörte Dörfer, 40.000 ermordete Menschen
unter den Augen der Weltöffentlichkeit, während man gleichzeitig über den EU-
Beitritt der Türkei verhandelte. Da müssen wir doch endlich fragen: Was sind
eigentlich die Grundlagen dafür, dass ein Volk in Ruhe lebt? Wir landen bei all diesen
Konflikten am Ende immer bei etwas Kulturellem: Man will seine Identität bewahren,
seine eigene Sprache sprechen, seine Traditionen leben und seine Gewohnheiten
nicht ändern. Wieso stört es Menschen auf der Krim, die sich als russischstämmig
identifizieren, unter einer ukrainischen Fahne zu leben? Das zweite große Problem:
Die europäischen Gesellschaften konstruieren am laufenden Band Minderheiten, zum
Beispiel die Sinti und Roma aus Rumänien, die Muslime und so weiter. Wie kann es
in einem vereinten Europa Minderheiten geben?

Steinmeier: Sie meinen, dass wir alle irgendwo Minderheiten sind?

Kiyak: Wir sind Europäer, was sonst? Europa wurde geschaffen, damit gerade keine
Minderheiten konstruiert werden und man nicht wie Barbaren übereinander herfällt.

ZEIT: Woher kommt das Identitätsbedürfnis? Vor 200 Jahren waren die
Schriftsteller die treibenden Kräfte, um Nationalidentitäten durchzusetzen. Sie
lieferten die Geschichten, die Dramen dazu. Ich habe das Gefühl, jetzt haben sie eine
neue Aufgabe übernommen, sie sind immer noch die Identitätslieferer, aber das
Banner lautet Europa.

Steinmeier: Auf der anderen Seite stellen wir aber auch fest, dass das gar nicht so
einfach ist. Es gibt ein europäisches Kulturerbe, zum Beispiel in der Gestalt der
europäischen Aufklärung, aber aktuelle Ausprägungen der Kultur folgen sehr oft den
jeweils eigenen historischen und sprachlichen Gestaltungsformen. Deshalb ist das
Europäische einer Literatur gar nicht einfach zu beschreiben. Was die Haltung der
Schriftsteller zu Europa angeht, gibt es Begeisterung für die Idee des Abstands von
nationalem Stolz oder gar Eifer, aber es gibt wenig Begeisterung für den Alltag
Europas. Robert Menasses Buch Der europäische Landbote ist da die Ausnahme.
Menasse ist mit einer sehr kritischen Vorstellung nach Brüssel gereist und war dann
erstaunt, wie viele begeisterte junge Leute er in diesen europäischen Institutionen
kennenlernte. Aber vielleicht gibt es noch einen ganz anderen Aspekt zum Thema
Identität. Der Bedeutungsschwund von politischen Grenzen führt dazu, dass die
Identitätssuche im Sprachlichen und Traditionalen umso stärker wird.

Schischkin: Was hat europäische Identität mit der Sprache zu tun? Ich finde: gar
nichts. Ich würde nie über europäische Politik oder über Putin in meinen Romanen
schreiben, das ist die Arbeit der Journalisten. Ein Schriftsteller kann das tun, was die
Publizisten nicht können. Ein Beispiel aus der Musik: Wenn ich die unsterbliche
Musik von Rachmaninow höre, dann werde ich in diesem Augenblick auch ein wenig
unsterblich. Das kann nur die Kunst. Das ist das Privileg der Kunst. Ich muss über die
Sachen schreiben, die in meinem Leser das Gefühl der menschlichen Würde wecken.
Und wenn diese menschliche Würde da ist, dann wird er selber entscheiden, ob er für
oder gegen Putin, für oder gegen Europa ist.

Kiyak: Mich stört immer diese Rede von europäischer Kultur und Pro-Europäertum.
Die europäische Kultur ist die Summe aller von Europäern gesprochenen Sprachen,
ihrer ausgeübten Religionen, ihrer Erzählungen, Lieder und ihrer Gebräuche.

Schischkin: Und minus die Grenzen! Denn die Grenzen gehören zum
mittelalterlichen Bewusstsein.

Kiyak: Die Grenzen sind so flüchtig, sie ändern sich alle paar Jahrzehnte.

Steinmeier: Wirklich?

Schischkin: Freie Menschen brauchen keine Grenzen, nur die Diktatoren brauchen
Grenzen.

Steinmeier: Erlauben Sie mir Widerspruch: Gerade den Diktatoren muss die
Freiheit ihre Grenzen aufzeigen!

Kiyak: Vor 25 Jahren hatten wir hier auch eine Grenze – und sie ist weg. Zwischen
Kroatien und Serbien gibt es plötzlich eine Grenze, die Leute müssen unterschiedliche
Buslinien nehmen, die eine führt nach Europa hinein, die andere davon weg. Es ist ja
nicht nur so, dass nur die Menschen über die Grenzen gehen, die Grenzen gehen ja
auch über die Menschen. Und trotzdem bleibt der Mensch da mit seiner Sprache und
seiner Kultur. Bis gestern waren die Menschen auf der Krim Ukrainer, jetzt sind sie
Russen, aber was bedeutet das für die Menschen, die dort leben? Da stimmen die
Begriffe für mich nicht. Auch wenn man sagt: Europäische Kultur ist Aufklärung und
Humanismus. Ich komme aus einem Land, in dem vor 100 Jahren Christen verfolgt
wurden, wo es den ersten Völkermord der jüngeren Geschichte gegeben hat. Und
dann gehen meine Eltern in ein Land, in dem es den zweiten Völkermord gegeben
hat. Meine anatolische Großmutter fand den ersten Völkermord an Christen
schrecklich und den zweiten an Juden auch. War sie dadurch europäisch, weil sie
Völkermorde ablehnt? Ist es europäisch, human zu denken, ein Mensch zu sein?

ZEIT: Also gibt es doch eine Reibungsfläche zwischen dem literarischen Diskurs und
dem politischen. Für den politischen Diskurs sind Grenzen natürlich wesentlich,
während aus der Perspektive der Menschenbeschreibung Grenzen etwas Äußerliches
sind.

Kiyak: Wenn ein Schriftsteller einen Familienroman über drei Generationen


schreiben möchte, ist doch vollkommen klar, dass er das nicht innerhalb bestimmter
Staatsgrenzen tun kann. Der literarische Diskurs ist etwas anderes. Bisher ist es so:
Wir gucken, was die Politiker mit diesem Kontinent machen, und dann
kommentieren wir das. Wieso ist es nicht umgekehrt? Wieso können nicht
Schriftsteller Visionen, Wünsche, Forderungen in die Welt setzen, und die Politiker
müssen sich dazu verhalten?

Steinmeier: Weil Schriftsteller oft literarisch ergreifen, was Politik erst später
begreift. Deswegen auch unsere Idee, den Ansatz der Schriftstellerkonferenz des
Jahres 1988 neu fruchtbar zu machen. Warum? 1988 war das Jahr vor dem Fall der
Mauer – und trotzdem hat diese Schriftstellerkonferenz etwas vorweggenommen, was
sich in der Politik erst später ereignet hat. Der Zerfall der Sowjetunion. So eine
Standortbestimmung schwebte uns vor. Gerade mit der aktuellen Brisanz der
Ukraine-Krise, die sicher auch zu kontroversen Diskussionen Anlass geben wird.

Schischkin: Darf ich noch eine kurze Frage, die für mich sehr wichtig ist, an Sie
stellen, denn nicht oft treffe ich mich mit Politikern von solchem Rang: Ich bin freier
Schriftsteller, also kann ich selber entscheiden, wem ich die Hand gebe. Wenn ich
weiß, dass der Typ ein krimineller Schurke ist, dann werde ich kein handshake
machen, das ist meine freie Wahl. Was spüren Sie, Herr Steinmeier, was fühlen Sie,
wie rechtfertigen Sie sich, wenn Sie einem kriminellen Schurken wie Putin die Hand
drücken?

Steinmeier: Vor drei Jahren – während der "Arabellion" – wurden in den Medien
triumphierend Fotos herumgereicht, auf denen auch zum Beispiel ich beim
Händedruck mit Mubarak zu sehen war. So als ob die Fotos bewiesen, dass man auf
der falschen Seite der Geschichte gestanden hätte. Die Lage ist doch komplizierter: Es
gibt in den Vereinten Nationen ungefähr 40 Staaten, die unseren
kontinentaleuropäischen Vorstellungen von Demokratie und Rechtsstaat
entsprechen, die anderen 160 sind mehr oder weniger weit davon entfernt. Viele
folgen anderen Prinzipien ihrer innerstaatlichen Ordnung, manche auch sehr
radikalen, autoritären, um nicht zu sagen brutalen. Ich kann mich entscheiden, was
ich anspreche, und werde Problematisches nicht außen vor lassen. Ich kann nicht
meine außenpolitischen Kontakte auf diejenigen beschränken, mit denen wir keine
Probleme haben. Die Aufgabe der Außenpolitik ist nicht regime change an möglichst
vielen Orten der Welt, sondern eine Vision von einer friedlicheren Welt und dafür zu
sorgen, dass aus meistens ja unübersehbaren Unterschieden und Konflikten nicht
Gewalt, Blutvergießen und neuer Krieg entstehen.

Änderung vom 16.5.2014: In der zweiten Antwort von Mely Kiyak wurde der Name
der Autorin Monika Maron entfernt. Ursprünglich hieß es: "Zum Beispiel an Leon de
Winter, Monika Maron, Ralph Giordano oder Richard Wagner."

ADRESSE: http://www.zeit.de/2014/19/traum-von-europa-steinmeier-michail-schischkin-mely-
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