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Ist der Intelligenzquotient ein

pseudowissenschaftlicher
Schwindel? Nassim Taleb geht
auf Konfrontation mit Steven
Pinker und anderen Helden des
Dark Web
Auf Twitter zettelt der libanesisch-amerikanische Philosoph
Nassim Nicholas Taleb eine Debatte an, die es in sich hat. Sie
ist nicht nur rau und roh, sondern auch substanziell.

Marc Neumann, Washington


12.1.2019, 05:30 Uhr

Wenn Nassim Nicholas Taleb vom Leder zieht, kracht es – wie eben
gerade: Auf Twitter feuerte er in einem Paper auf Medium.com Salve
um Salve auf die psychometrische Intelligenzforschung ab. Ein
pseudowissenschaftlicher Schwindel sei der Intelligenzquotient, IQ-
Messungen seien lediglich für einige willkürlich isolierte mentale
Fähigkeiten, und erst noch nur im künstlichen Testumfeld,
aussagefähig.

Nassim Nicholas Taleb


@nntaleb

I just published medium.com/@nntaleb/iq-is…

IQ is largely a pseudoscientific swindle


Background : “IQ” is a stale test meant to measure mental capacity
but in fact mostly measures extreme unintelligence (learning…
medium.com

2.774 03:09 - 2. Jan. 2019

1.017 Nutzer sprechen darüber

In der realen Welt taugen IQ-Zahlen wenig, schreibt Taleb. Bestenfalls


erhielten Intelligenztests begrenzte Gültigkeit, wenn man IQ als
«Funktionärs-Quotient» oder «Verkaufsperson-Quotient» verstehe.
Weswegen diese noch am relativ erfolgreichsten zur Rekrutierung von
Angestellten im Militär oder bei grossen Unternehmen eingesetzt
würden.
An der Statistik-Front machte Taleb geltend, dass die Aussagekraft von
IQ-Zahlen sinkt, sobald deren Wert steigt; dass es keinen
Zusammenhang zwischen höheren IQ und Einkommen gebe; und dass
der IQ-Test ein stumpfes, zirkuläres Messwerkzeug darstelle, das
unvorhergesehene Ereignisse am Ende des
Wahrscheinlichkeitsspektrums unbeachtet lasse (Talebs «fat tails», die
sein Buch «Black Swan» zum Bestseller machten).

IQ-Zahlen entstünden ohne Rücksicht auf unerwartete


Paradigmenwechsel. Und deshalb seien sie unter anderen
Rahmenbedingungen oder in der Zukunft ziemlich wirkungslos.
Ursprünglich (im 19. Jahrhundert) als Test für Lerndefizienz
entwickelt, sei der IQ ein Werkzeug für die Selektion von
Prüfungsteilnehmern, bürokratischen «Papiertigern», beliebt bei
Eugenikern und Rassisten sowie «IYI» (Intellectuals Yet Idiots).

Die Wohlwissenden
Nicholas Taleb / 15.11.2016, 05:30

Der IYI-Vorwurf zielte ins Herz von akademischen Intelligenz-


Intellektuellen. Namentlich erwähnte Taleb Steven Pinker, dem er
Unwissen über die statistischen Begriffe Varianz und Korrelation
unterstellte, sowie «Quacksalber» Charles Murray, einen streitbaren
Verfechter einer Gausskurvenverteilung von Intelligenz, mit der er
Ethnien und Rassen vergleicht.

Einige der Angegriffenen schluckten den Köder. Murray und


Neuropsychologe Sam Harris twitterten alsbald ad hominem über den
Genie-Komplex des egomanischen, arroganten Taleb. Jordan Peterson
und andere Adlaten des Intellectual Dark Web meldeten sich kurz zu
Wort, zogen sich aber schleunigst zurück, sobald ihnen eine weitere
geharnischte Tirade von Taleb entgegenschlug. Hier war kein
Blumentopf zu gewinnen.

Wohlgemerkt, Taleb nahm kein Blatt vor den Mund, unterlegte seine
Thesen mit reichlich probabilistischem und statistischem
Anschauungsmaterial und liess Verfechter von Kategorien wie
nationaler, ethnischer, geschlechtlicher oder historischer Intelligenz
alt aussehen.

Unter dem wissenschaftstheoretischen Strich wiederholte Taleb ein


Poppersches Mantra: Der Wert von Intelligenztests ist davon
abhängig, wie man den Messgegenstand definiert. Die hierbei
verwendete Definition von Intelligenz ist zu sehr reduziert auf
Geltungsbereiche, die einem komplexen Phänomen wie dem
menschlichen Intellekt in der Lebenswelt unmöglich gerecht werden.
Abgesehen von einem Punktsieg erreichte Taleb mit seinen Ausfällen
auf Twitter etwas Aussergewöhnliches: Indem er die IQ-Diskussion
nicht in gängige Stellvertreter-Streitigkeiten über akademische
Political Correctness, Rede- und Meinungsfreiheit verpackte, sprach
Taleb einen komplexen Gegenstand direkt und sachlich an. Das
Resultat war ein so derbes wie packendes und lehrreiches Social-
Media-Seminar. Das dürfte ruhig öfter passieren.

Akademischer Klimawandel? Gegen die


linke Orthodoxie an den
angelsächsischen Universitäten regt sich
Widerstand
Jene, die Vielfalt fordern, wollen oftmals nur Einfalt: Die Streitkultur an
Universitäten hat stark gelitten. Ein jüngerer Fall an einer Universität in
Waterloo, Kanada, zieht immer weitere Kreise. Der Psychologieprofessor Jordan
Peterson verteidigt die Redefreiheit bis an die Schmerzgrenze – und schlägt
daraus Kapital.
Markus Schär / 6.7.2018, 05:30

INTERVIEW
Steven Pinker: «Die Toilette war eine
grossartige Erfindung!»
Die moderne menschliche Welt ist für ihn kein Jammertal,
sondern eine unerhörte Erfolgsgeschichte. Der Harvard-Professor Steven
Pinker hält den Intellektuellen, zu denen er selbst zählt, den Spiegel vor: Hört
auf mit eurem gegenaufklärerischen Kulturpessimismus. Und gönnt euch ein
wenig mehr Bescheidenheit.
René Scheu / 15.11.2018, 05:30

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