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POLITIK

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3. Februar 2011

DIE ZEIT N o 6 5

Revolution offline

Die Umstürze brauchen kein Internet – es kann die Demonstranten sogar gefährden VON EVGENY MOZOROV

W ie wichtig ist das Internet, um Dikta-

turen zu stürzen? Aus der Revolution

in Tunesien könnte man schließen,

das Netz werde in Ägypten zu einem

ähnlichen Erfolg führen, schließlich organisieren sich auch die jungen Ägypter über soziale Medien wie Twitter und Facebook. Als Hosni Mubarak am Freitag vergangener Woche Ägypten vom Internet und Mobilfunknetz abschnitt, beeilten sich Google und Twitter, ihren ägyptischen Nutzern zu helfen. Sie richteten einen Service ein, mit dem Ägypter Tweets über ihr nor- males Telefon versenden konnten. Da die anderen Ägypter diese Tweets nicht lesen konnten, war der Beitrag dieses Angebots vermutlich begrenzt. Aber er war sehr medienwirksam für die beiden Tech- nologiegiganten – wer wird schon nicht gern als Dienstleister der Revolution gesehen? Nur wenigen fiel auf, dass die fehlende Online- kommunikation die ägyptische Protestbewegung kaum geschwächt hat: Auch ohne Twitter und SMS gab es viele und gut organisierte Demons- tranten. Wären sie mit digitaler Technik noch stärker gewesen? Vielleicht. Aber entscheidend war die Technik offensichtlich nicht. Jedenfalls nicht so sehr, dass man wieder einmal von einer »Twit- ter-Revolution« sprechen könnte. Angesichts der zunehmenden Proteste in der arabischen Welt war viel von der demokratisieren- den Kraft des Internets die Rede. Doch die Cheer- leader der Befreiungstechnologie übersehen nur zu gern, dass sie in der Hand eines diktatorischen Regimes auch zu einem Werkzeug der Repression werden kann. Über Facebook und Twitter werden Proteste und Menschenrechtsverletzungen bekannt gemacht, doch nach einer gescheiterten Revolte können auf diesem Wege die Dissidenten ausfin- dig gemacht werden. In Iran wurden am 24. Januar zwei Aktivisten gehängt, weil sie Videos von der »Twitterrevolu- tion« 2009 im Internet verbreitet hatten. Eine in Kairo verbreitete 26-seitige Broschüre mit Tipps für Aktionen fordert ihre Leser eindringlich auf, sie lieber als Fotokopie oder per E-Mail zu verbreiten als über die sozialen Medien, da diese von der Si- cherheitspolizei bespitzelt werden könnten. Schon immer waren revolutionäre Bewegungen und neueste Kommunikationstechnik symbiotisch verbunden. Lenin pries die Möglichkeiten von Te- legrafen und Post, und die iranische Revolution 1979 hat dem Kassettenrecorder sehr viel zu verdanken. Damit hatte Ajatollah Chomeini Predigten in Paris aufgenommen und dann in das Schah-Regime in Iran geschmuggelt. Es ist deshalb nur natürlich, dass die neuesten Protestbewegungen im Nahen Osten auf Facebook und Twitter vertrauen: Diese Foren sind billig und schnell. Die Lektion für Tyrannen ist einfach: Sie können den digital verstärkten Aufruhr nur dann eindämmen, wenn sie die gesamte Telekommunikation im Land kontrollieren und zentralisieren. Ohne einen Not- Schalter, der das digitale Netzwerk in Krisenzeiten komplett lahmlegt, geht es nicht. Das passiert derzeit in Ägypten. Aber auch in Iran haben die Revolutions- wächter wenige Monate nach den angefochtenen Wahlen von 2009 die Herrschaft über die Telekom-

munikationsgesellschaft des Landes teilweise über- nommen, um die Kontrolle über Festnetz, Handy und Internet zu sichern. Ve rmutlich werden andere Diktatoren, Tunesien und Ägypten vor Augen, die iranischen Erfahrungen beherzigen. Die Entwicklungen in Ägypten und Tunesien stimmen auf den ersten Blick optimistisch, was die Macht des Internets angeht. Doch das Netz nützt dem Unterdrücker ebenso wie dem Unterdrück- ten. Es kann die revolutionären Gefühle hervor- ragend anfeuern – und diejenigen aufspüren, die für eine Revolution kämpfen. Es kann Propaganda im Blitztempo verbreiten – und die Lügen der Re- gierung entlarven. Es kann die Überwachung durch die Regierung verstärken – und den Men- schen helfen, sich ihr zu entziehen. Um Revolten zu unterdrücken, ließen Auto- kraten in der Vergangenheit die Telefonverbindun- gen kappen, nicht jedoch den Rundfunk. Sie be- nutzten das Radio, um das Volk mit Propaganda einzulullen. Das Internet jedoch spielt die Rolle von Telefon und Radio zugleich; es hat viele Funk- tionen, wobei einige an bestimmten Punkten der politischen Entwicklung deutlicher sind als andere. Es ist also durchaus logisch, wenn Despoten wie Hosni Mubarak diese Plattform in aufrührerischen Zeiten schließen, sie in Zeiten relativer Stabilität aber für sich nutzen möchten. Wer glaubt, dass Autokraten dem Web nichts abgewinnen können, hat eine naive Sicht auf moderne Diktaturen. Vermutlich werden bestimmte Formen von Netz- politik in repressiven Gesellschaften zu längeren und häufigeren Phasen der Stabilität führen. Die Geheim- polizei kann mehr über die Gegner des Staates erfah- ren, wenn sie sich ihre Profile – und die ihrer Freun- de – in sozialen Netzwerken ansieht. Die Ideologen der Regierung können ihre Legitimität durch neue Medienpropaganda künstlich steigern; sie können soziale Netzwerke unterwandern und sich dort als »Stimme des Volkes« inszenieren. Außerdem: Junge Menschen nutzen das Netz nicht nur für Politik. Durch Onlineshopping und Unterhaltung im Netz, das neue i-Opium des Volkes, kann es sogar von der Politik abgelenkt werden. Nichts von alldem erhöht die Aussicht auf eine Revolution gegen ein bestimmtes Regime. Dafür gibt es viele Offlinefaktoren, die die Wahrschein- lichkeit vergrößern. Es wäre absurd, wollte man so tun, als könnten Probleme wie Arbeitslosigkeit oder Korruption durch das Internet verschwinden. Tatkräftige Autokraten jedoch, die ihre Macht ver- mehren, während sie ihre Scheinkriege gegen Kor- ruption über das Internet bekannt machen, haben gute Überlebenschancen – und sie werden Mittel finden, das Internet zu ihrem Vorteil zu nutzen. Verliert man diesen entscheidenden Punkt aus den Augen, so entlässt man diejenigen zu schnell aus der Verantwortung, die den Fortbestand dieser Regime sichern helfen: an erster Stelle die west- lichen Unternehmen, die sie mit Zensur- und Überwachungssoftware versorgen.

Evgeny Mozorov ist Blogg er und Autor des Buchs »T he Net Delusion: The Dark Side of Internet Freedom«

Aus dem Englischen von ELISABETH THIELICKE

Quelle Internet: Tunesier informieren sich, wo Proteste stattfinden. Doch so können Dissidenten aufgespürt werden
Quelle Internet:
Tunesier informieren
sich, wo Proteste
stattfinden. Doch so
können Dissidenten
aufgespürt werden
Foto (Ausschnitt): ABACA PRESS/action press

Allein

gelassen

Die Exil-Ägypter in Deutschland sind wütend auf die Bundesregierung

Mohamed Sameh El Nakoury ist in Alexandria ge- boren, lebt in Berlin, ist mittlerweile Rentner und leitet die Gesellschaft für deutsch-ägyptische Freundschaft, einen lockeren Zusammenschluss von 40 ägyptischen Familien. Was El Nakoury zu sagen hat, klingt allerdings nicht so freundschaft- lich. »Seit 30 Jahren stinkt es in Ägypten, und Deutschland hat sich einfach die Nase zugehalten.« Und jetzt, wo sich das ägyptische Volk selbst ans Ausmisten mache, zeige die deutsche Regierung, dass sie gar kein Interesse daran habe, dass der Dreck beseitigt werde. El Nakoury ist enttäuscht von dem Land, das seit mehr als 30 Jahren sein Zuhause ist. Ein Land, das er für seine demokrati- schen Werte achtet und das er für seine friedliche Revolution von 1989 bewundert. »Wir fühlen uns allein gelassen«, sagt El Nakoury. Dieser Satz ist in diesen Tagen oft zu hören, wenn man mit Ägyptern, die in Deutschland leben, über die Ereignisse in ihrer Heimat spricht. Die meisten haben dort Verwandte, Eltern und Geschwister, so wie Sarwat Ramadan, der sich im Verein Das ägyp- tische Haus engagiert. Seine Schwester lebt in Al Mansura, 120 Kilometer nördlich von Kairo. Auch dort ist der Protest angekommen, und seine Schwes- ter hat sich ihm angeschlossen. »Sie ist 62 Jahre alt, und es ist die erste Demonstration in ihrem Leben. Eigentlich sind wir keine Revolutionäre«, sagt Rama- dan. Er klingt, als könne er immer noch nicht ganz fassen, dass seine Schwester jetzt tatsächlich auf die Straße geht und demonstriert. Es ist eine schöne Fassungslosigkeit, die da aus ihm spricht. Sie wird zu einer traurigen Fassungslosigkeit, wenn er von der Haltung Deutschlands, ja überhaupt des Westens erzählt. Die Worte, die Hillary Clinton unmittelbar nach Beginn der Proteste in Kairo wählte – »Ägypten ist stabil« –, wird Ramadan nicht vergessen. »Ich kann nicht verstehen, warum der Westen zögert, die Men- schen in Ägypten zu unterstützen. Sie wollen doch nur Freiheit.« Die Haltung Deutschlands, die zurückhalten- den Worte der Kanzlerin, Atef Botros findet sie »beschämend«. Deshalb hat er bei Facebook die Gruppe Egyptian German Network for Changing Egypt, ein deutsch-ägyptisches Netzwerk für den Wandel in Ägypten, gegründet und dort zu einer Kundgebung in Berlin eingeladen. Mehr als 200 Menschen sind am vergangenen Sonntag seinem Aufruf gefolgt, haben vor der ägyptischen Bot- schaft Kerzen und Fotos von den Demonstratio- nen in Kairo aufgestellt. »Mit der Kundgebung wollten wir an die deutsche Regierung appellieren, sich endlich auf die Seite des ägyptischen Volkes zu stellen.« Botros, in Kairo geboren, Literaturwis- senschaftler und Dozent an der Universität Mar- burg, versucht in Deutschland, für seine Lands- leute zu kämpfen, wenn auch mit bescheidenen Mitteln. So organisiert er nun eine Mahnwache vor dem Auswärtigen Amt. Auf Botros’ Facebook- Seite hat ein Mann aus Alexandria über ein Ge- spräch mit einem Demonstranten geschrieben, der seinen Sohn bei den Protesten verloren und gesagt hat, er sei bereit, auch seine anderen zwei Söhne herzugeben, um Mubarak loszuwerden. »Diese Menschen«, sagt Botros, »haben Deutschlands Unterstützung verdient.« DAGMAR ROSENFELD

verdient.« D A G M A R R O S E N F E L D

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