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Zweite Welle: Dieser Winter noch

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Die zweite Welle ist da. Was tun? Die Corona-Forscherin Isabella Eckerle schildert, was
sie ganz konkret an ihrem Leben ändert. Denn jede kleine Entscheidung zählt.

Ein Gastbeitrag von Isabella Eckerle


19. Oktober 2020, 18:08 Uhr

Was die Corona-Regeln angeht, blicken nur noch wenige durch. Klar ist, was im Kern
vor einer Ansteckung schützt. Und dass die Fallzahlen dramatisch steigen. Wie stellt
eine Forscherin, die selbst Expertin für Sars-CoV-2 ist, sich im täglichen Leben auf die
neue Lage ein? Isabella Eckerle von der Uni Genf schildert, was sie anders macht als
sonst.

Die Corona-Pandemie hat unser aller Leben überschattet und wird es diesen Winter
weiterhin tun. Wir dürfen dies bedauern und beklagen, ablehnen und verfluchen, doch
keiner dieser Abwehrmechanismen wird etwas an den Tatsachen ändern, vor die uns
diese Pandemie stellt.

Deswegen ist es sinnvoll, Abstand zu halten, Hände zu waschen, Maske zu tragen, gut zu
lüften und Menschenansammlungen zu meiden – aber entscheidend ist jetzt auch, wie
wir diese Empfehlungen ganz konkret in unser Leben integrieren. Die Summe der vielen
kleinen Alltagsentscheidungen jedes Einzelnen bestimmt, ob wir die Infektionsketten
unterbrechen können oder immer tiefer in die zweite Welle schlittern.

Wie das praktisch aussehen kann, möchte ich an ein paar Verhaltensweisen zeigen, die
ich größtenteils selbst im Moment berücksichtige, um durch den Winter zu kommen.
Manches davon mag banal wirken, anderes lässt sich nicht immer umsetzen. Aber jeder
Versuch kann entscheidend sein.

Draußen treffen: Statt Freunde im überfüllten, schlecht belüfteten Café zu


treffen, könnten wir uns mit ihnen zu einem Spaziergang verabreden. Und statt
uns in ein paar Wochen auf dem Weihnachtsmarkt zu drängen, könnten wir uns
mit einer Thermoskanne Glühwein und Lebkuchen aus der Brotdose gemeinsam
irgendwo draußen treffen. Wer Kinder hat und andere Familien treffen möchte,
kann einen Ausflug in den Wald oder Park unternehmen – die Kinder sammeln
Kastanien und Blätter, die Erwachsenen trinken mitgebrachten Kaffee.

Wenige Menschen treffen: Besuche bei Freunden finden, wenn überhaupt,


besser nur noch im ganz kleinen Kreis statt, am besten tagsüber, um dabei – wenn
das Wetter es erlaubt – auf der Terrasse oder dem Balkon sitzen zu können.

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An die frische Luft: Wir sollten zu unserem Arsenal an Masken und
Desinfektionsmittel nun warme Kleidung und wasserfeste Schuhe hinzufügen,
und wann immer möglich, lieber raus in die Natur als in geschlossene Räume
gehen.

Sport im Freien oder allein zu Hause: Den Besuch von Sport- und
Fitnesskursen könnten wir durch Outdoor-Sport ersetzen – Joggen und
Radfahren in einer kleinen Gruppe mit fester Zusammensetzung, oder aber durch
Yoga oder Fitness allein zu Hause.

Im Zweifel absagen: Bei Einladungen oder Geschäftsessen sollte es


selbstverständlich sein, dass die Gastgeber über die Einhaltung der Maßnahmen
bereits im Vorfeld informieren – und dass die Nachfrage danach erlaubt ist. Im
Zweifel sollte sich niemand scheuen, Alternativen oder eine Änderung des
Treffens vorzuschlagen – und auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn man
aus Vorsicht absagt.

Jetzt ist der Zeitpunkt, um über Weihnachten zu reden


Den richtigen Moment abpassen: Wer sein Lieblingsrestaurant unbedingt
besuchen möchte, kann dies auf den Mittag statt auf den Abend legen und nach
einem Platz im Freien fragen. Wenn man sich aber für ein Essen am Abend
entscheidet, dann sind womöglich Gerichte zum Mitnehmen die bessere Wahl: mit
viel Abstand am eigenen Tisch zu Hause, bei regelmäßigem Lüften und in ruhiger
Umgebung ohne laute Musik, damit wir nicht so laut sprechen müssen. Dies kann
einen bedeutenden Unterschied für das Infektionsrisiko durch Aerosole machen.
Im besten Fall findet auch so ein privates Treffen im ganz kleinen Kreis statt, also
mit nur einem weiteren fremden Haushalt. In Baden-Württemberg ist diese Regel
bereits Teil der neuen Corona-Verordnung.

Menschenmengen meiden: Überfüllten Fußgängerzonen oder langen


Schlangen an den Supermarktkassen kann man ausweichen, indem man Einkäufe
vorbestellt oder, wenn möglich, unter der Woche erledigt. Und wann immer
machbar, lieber aufs Fahrrad steigen oder zu Fuß gehen, statt sich in Bussen und
Bahnen zu drängen.

Draußen warten: Volle Wartezimmer bei Arztbesuchen kann man meiden und
stattdessen vor der Tür oder im Auto warten, bis man an der Reihe ist. Die Maske
konsequent in allen Innenräumen zu tragen, gehört natürlich sowieso dazu.

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Familienfeste anders planen: Es ist nicht zu früh, jetzt schon über
Weihnachten zu sprechen – was in diesem Jahr kein normales Fest sein wird.
Besonders längere Familienbesuche erfordern in diesem Winter ein paar
zusätzliche Überlegungen: Eine bewusste Kontaktreduktion in der Woche vor dem
Fest wurde sinnvollerweise bereits vorgeschlagen. Wer kann, sollte in diesen
Tagen im Homeoffice arbeiten und größere soziale Aktivitäten meiden. Weiteren
Schutz kann die Festlegung auf eine Kernfamilie bieten, mit der wir die Feiertage
verbringen – optimalerweise wäre das nur ein einziger weiterer Haushalt. Mit
dieser Gruppe teilen wir dann nicht nur unsere Plätzchen, den Weihnachtsbraten
und die Festtagsstimmung, sondern auch ein gemeinsames Infektionsrisiko.

Gefährdete Angehörige im Blick haben: Sonstige Besuche über die


verbleibenden Feiertage sollten wir auf Treffen im Freien beschränken – und uns
schon vorher überlegen: Wer hat ein besonders hohes Risiko in meiner Familie,
in meinem Umfeld und muss besonders geschützt werden?

Körperkontakt reduzieren: Auch wenn uns die körperliche Nähe zu Freunden


und Familien schmerzlich fehlt, sollten wir zurzeit (außerhalb unseres
Haushaltes) davon Abstand nehmen. Zum Selbst- und Fremdschutz ist es im
Moment die beste Entscheidung, auf Umarmungen und Begrüßungsküsse zu
verzichten. Diese Zeit wird wiederkommen – und bis dahin kann auch eine
liebevolle Berührung am Oberarm oder an der Schulter Nähe und Zuneigung
ausdrücken.

Über Corona-Vorsorge sprechen: Auch die Frage "Wie hältst Du es mit der
Prävention?" sollten wir uns und unserem Gegenüber in diesen Zeiten erlauben –
und Verständnis haben für eine unterschiedlich ausgeprägte Risikobereitschaft,
auch innerhalb der eigenen Familie und im Freundeskreis. Selbst im engen
persönlichen Umfeld kennen wir die Risikofaktoren eines anderen unter
Umständen nicht. Dies können eine erst neu diagnostizierte Krebserkrankung
sein, eine Schwangerschaft, eine chronische Grunderkrankung oder ein
Immundefekt – Faktoren, die alle mit dem Risiko eines schwereren Verlaufs von
Covid-19 einhergehen.

Wir müssen nicht perfekt sein.


Verzichten, wo es geht: Wir sollten aber auch klar darüber reden, dass es in
der aktuellen Situation für bestimmte Aktivitäten keinen Spielraum gibt – und
dazu gehören Urlaubsreisen und größere Feiern. Dies sind höchst unpopuläre
Empfehlungen, aber jetzt ist nicht die Zeit für touristische, und damit
vermeidbare, Reisen, und auch nicht für runde Geburtstagsfeiern,
Junggesellenabschiede oder Hochzeiten, nicht für Privatpartys oder Club-
Besuche. Warum die Reise oder die Feier nicht auf den nächsten Sommer
verschieben – und sich für den Moment mit der Vorfreude darüber begnügen,
dass wieder eine Zeit kommen wird, in der all dies möglich ist?

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Auf Symptome achten: Besonders aufmerksam sollten wir in diesem Winter
auch uns selbst gegenüber sein – denn die Symptome, mit denen sich eine
Corona-Infektion ankündigt, sind vielfältig und unspezifisch. Halskratzen, Fieber,
Husten, Geschmacks- oder Geruchsverlust, Kopfschmerzen und
Erkältungssymptome, aber auch Durchfall, Gliederschmerzen, starke Müdigkeit
und Abgeschlagenheit können ein erstes Anzeichen sein. Die höchste Virusmenge
im Rachen findet sich kurz vor oder um den Krankheitsbeginn herum. Zu diesem
Zeitpunkt ist es am wahrscheinlichsten, dass wir andere anstecken. Wer
Symptome bei sich selbst feststellt, sollte zwei wichtige nächste Schritte befolgen:
Erstens, Kontakte zu anderen Menschen vermeiden. Zweitens, telefonisch
Kontakt aufnehmen zur Hausärztin, zum ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der
Nummer 116117 oder zu einer Fieberambulanz. Wird ein Corona-Test veranlasst,
sollte die Person so lange Kontakte zu anderen meiden, bis sie ein negatives
Resultat erhält.

Jeder sollte tun, was für ihn oder sie machbar ist
Nicht alles davon ist in jeder Situation, für jeden, zu jeder Zeit möglich. Niemand muss
perfekt sein, und manch Uneinsichtigen wird man nicht überzeugen – dennoch: Jeder
sollte jetzt tun, was er kann, um in der Summe das Infektionsrisiko stark zu verringern.
Es kann auf Kleinigkeiten ankommen: Auf den einen Tag im Homeoffice, die eine
abgesagte Party oder genau den einen ausgelassenen Restaurantbesuch, der womöglich
eine neue Infektionskette hätte anstoßen können, die nun nicht entsteht.

Nein, das ist kein Zustand, in dem wir dauerhaft leben wollen. Aber wir werden im
nächsten Jahr höchstwahrscheinlich einen oder mehrere Impfstoffe und bessere
Therapien für Covid-19 zur Verfügung haben. Unser Leben wird dann wieder langsam
zur Normalität zurückkehren. Doch dieser Winter wird noch nicht dazugehören.

Im Angesicht der europaweiten zweiten Welle sind wir nun alle gefordert, uns selbst ein
Stück weit zurückzunehmen, um diese Pandemie einzudämmen. Dies nimmt nicht die
Politik aus der Verantwortung, jetzt ebenfalls effektive Sofortmaßnahmen zu ergreifen –
aber ebenso wenig können und sollten die täglichen Alltagsentscheidungen bis ins letzte
Detail von Vorgaben reguliert werden. Mit kleinen, klugen und vorausschauenden
Entscheidungen können wir eine akzeptable Balance zwischen Infektionsschutz und
Lebensqualität finden – dies sollte für die allermeisten für eine begrenzte Zeit tragbar
sein.

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