Sie sind auf Seite 1von 128

Katharina Neumann

Philip Baugut

Neonazis im
Scheinwerferlicht
der Medien
Eine Analyse reziproker
Medieneffekte innerhalb der
Neonazi-Szene in Deutschland
Neonazis im Scheinwerferlicht
der Medien
Katharina Neumann · Philip Baugut

Neonazis im
Scheinwerferlicht
der Medien
Eine Analyse reziproker
Medieneffekte innerhalb der
Neonazi-Szene in Deutschland
Katharina Neumann Philip Baugut
München, Deutschland München, Deutschland

ISBN 978-3-658-14250-6 ISBN 978-3-658-14251-3 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-658-14251-3

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National­


bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Springer VS
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die
nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung
des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen,
Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem
Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche
Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten
wären und daher von jedermann benutzt werden dürften.
Der Verlag, die Autoren und die Herausgeber gehen davon aus, dass die Angaben und Informa­
tionen in diesem Werk zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vollständig und korrekt sind.
Weder der Verlag noch die Autoren oder die Herausgeber übernehmen, ausdrücklich oder
implizit, Gewähr für den Inhalt des Werkes, etwaige Fehler oder Äußerungen.

Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier

Springer VS ist Teil von Springer Nature


Die eingetragene Gesellschaft ist Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH
Danksagung

Tausend Dank an Lili, Katrin, Philip, Hannah, Oli, Lisa, Lea, Conny, Juri, Re-
bekka, Alica, meinen Eltern und Oma Margot für wertvolle Anregungen, morali-
schen Beistand und Eure bedingungslose Unterstützung! Ihr seid die Besten!

Herzlichen Dank an Carsten und Exit Deutschland, ohne die diese Arbeit nicht
möglich gewesen wäre!

Vielen Dank auch an Helge und Helga – für alles.


Inhalt

1 Forschungsinteresse und Forschungsfragen .................................................. 9


2 Rechtsextremismus: Die Situation in Deutschland ..................................... 13
2.1 Was ist Rechtsextremismus und was sind mögliche Ursachen?........ 13
2.2 Rechtsextremismus in der Politik ...................................................... 16
2.3 Rechtsextremismus als soziale Bewegung ........................................ 19
3 Die rechte Szene und Medien ..................................................................... 25
3.1 Welche Medien werden in der Szene genutzt? .................................. 25
3.2 Wie gehen Medien mit Rechtsextremismus um? .............................. 29
3.3 Nachahmung rechter Gewalt: Das Eskalationsmodell ...................... 34
4 Theoretische Grundlage der Untersuchung ................................................. 39
4.1 Reziproke Effekte .............................................................................. 39
4.2 Forschungsstand ................................................................................ 40
4.3 Reziproke Effekte durch soziale Identifikation ................................. 44
4.4 Das Modell reziproker Effekte und seine Modifikation .................... 46
4.4.1 Ursache......................................................................................... 48
4.4.2 Verarbeitung ................................................................................. 51
4.4.3 Wirkung......................................................................................... 55
5 Methodisches Vorgehen ............................................................................. 61
5.1 Erhebungsmethode: Experteninterviews ........................................... 61
5.2 Auswertungsmethode: Inhaltliche Strukturierung ............................. 62
5.3 Induktive Modellmodifikation .......................................................... 65
5.4 Interviewablauf ................................................................................. 67
5.5 Die Befragten im Überblick .............................................................. 69
8 Inhalt

6 Ergebnisse................................................................................................... 75
6.1 Interpretation: Ursache ...................................................................... 75
6.1.1 Medium ......................................................................................... 75
6.1.2 Inhalt............................................................................................. 87
6.2 Interpretation: Verarbeitung .............................................................. 95
6.2.1 Aufmerksamkeit............................................................................. 95
6.2.2 Kognitive Verarbeitung................................................................. 98
6.2.3 Emotionen ................................................................................... 102
6.3 Interpretation: Wirkung................................................................... 104
6.3.1 Intentional pro-aktiv ................................................................... 104
6.3.2 Intentional inter-aktiv ................................................................. 106
6.3.3 Intentional re-aktiv...................................................................... 109
6.3.4 Non-intentional re-aktiv.............................................................. 111
6.4 Empfehlungen ................................................................................. 113
7 Diskussion................................................................................................. 117
8 Fazit .......................................................................................................... 12
9 Literaturverzeichnis .................................................................................. 12
Einleitung 9

Neonazis im Scheinwerferlicht
Katharina Neumann und Philip Baugut

1 Forschungsinteresse und Forschungsfragen

„Ich wollte genug töten, damit die Veröffentlichung meines Manifests genug Auf-
merksamkeit in der Weltpresse auf sich zieht. Die Operation war nur eine Forma-
lität“ (Anders Breivik, zitiert in Spiegel Online, 23.12.2011).
Am 22. Juli 2011 starben 77 junge Menschen in Oslo durch terroristische
Anschläge mit rechtsextremem Hintergrund. Anders Breivik, der zu diesem Zeit-
punkt 32-jährige Attentäter, tötete sich nach dem Anschlag nicht selbst, sondern
begab sich widerstandslos in die Hände der Justiz. Was zunächst für Verwirrung
sorgte, entpuppte sich als Teil von Breiviks Plan. In einem Verhör ließ er verlau-
ten, er habe genug Morde begangen, um die internationale Medienaufmerksamkeit
auf sich zu ziehen. Für die ideologische Rechtfertigung seiner Taten und die Ver-
breitung seines rechtsextremen Manifestes benötigte er eine möglichst große me-
diale Plattform. Die Anschläge selbst seien dafür lediglich eine „Formalität“ (ebd.)
gewesen – was eine internationale Diskussion darüber auslöste, wie Medien mit
dem Fall umgehen sollten. Manche Journalisten berichteten trotz aller Bedenken
ausführlich über Breiviks Prozess, andere verzichteten auf Bilder und Ausführun-
gen seiner rechtsideologischen Ansichten (Bundeszentrale für politische Bildung,
24.08.2012). In der Terrorismusforschung wird in diesem Zusammenhang von ei-
ner „symbiotischen Beziehung“ (Glaab, 2007, S. 13) gesprochen. Terroristen lie-
fern den Medien publikumsgenerierende Inhalte, die kommentiert und bewertet
werden, während sie im gleichen Zug mediale Aufmerksamkeit erhalten – und
damit eine Möglichkeit zur Selbstdarstellung. Diese symbiotische Beziehung birgt
für Medienmacher ein Dilemma: Wie sollen Journalisten die Öffentlichkeit infor-
mieren und aufklären, ohne ideologischem Gedankengut eine Plattform zu geben?

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016


K. Neumann und P. Baugut, Neonazis im Scheinwerferlicht der Medien,
DOI 10.1007/978-3-658-14251-3_1
10 Einleitung

Ein Katalysator für die intensive Beschäftigung mit dieser Problematik in


Deutschland war eine angebliche Verwicklung ehemaliger NPD-Mitglieder in die
sogenannten NSU-Morde, die von einer Gruppe Thüringer Rechtsterroristen, wel-
che unter dem Namen Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) agierten, verübt
wurden (Backes, 2012, S. 9). Am 3. Dezember 2013 wurde schließlich der Antrag
auf ein Verbot der NPD durch den Bundesrat beim Bundesverfassungsgericht ein-
gereicht (Zeit Online, 03.12.2013). Damit folgte die Politik dem in den Medien
lauter werdenden Ruf, die NPD als demokratiegefährdende Partei zu verbieten.
Und doch gibt es Kritiker, die ein Verbot zum jetzigen Zeitpunkt für keine gute
Idee halten. So habe die Partei in den letzten Jahren ohnehin kontinuierlich an
Wählerstimmen verloren und könne insbesondere durch die permanente mediale
Aufmerksamkeit, die das Verfahren mit sich bringe, wieder an Stärke gewinnen
(Bundeszentrale für politische Bildung, 16.10.2013).
Dass mediale Aufmerksamkeit innerhalb der rechtsextremen Szene durchaus
erwünscht ist, illustriert die 2011 von Neonazis ins Leben gerufene Kampagne Die
Unsterblichen. Hunderte von Anhängern der rechten1 Szene verabredeten sich in
verschiedenen deutschen Städten zu Fackelmärschen, um gegen Staat und Zivil-
gesellschaft zu demonstrieren. Die weiß maskierten Rechtsextremen filmten das
Geschehen und luden anschließend professionelle Videos der mystisch anmuten-
den Märsche im Internet hoch – was zur Folge hatte, dass diese PR-Aktion auch
in den traditionellen Massenmedien thematisiert wurde (Bundeszentrale für poli-
tische Bildung, 19.04.2012).

Abb. 1: Rechtsextreme ziehen durch deutsche Städte: Die Unsterblichen (zeit.de)

Der Begriff der Mediatisierung kann als eine Erklärung für ein solches Vorgehen
dienen. Er beschreibt die Tendenz gesellschaftlicher Akteure, sich in ihren Hand-

1
Wenn im Folgenden von „rechter Szene“ die Rede ist, ist das rechtsextremistische Personenpotential
in Deutschland gemeint.
Einleitung 11

lungen an der Logik der Medien zu orientieren und sich entsprechend medienwirk-
sam zu inszenieren. Kepplinger (2009, S. 117) führt dies auf den Umstand zurück,
dass die öffentliche Resonanz für gesellschaftliche Gruppen zunehmend wichtiger
wird und dass der Erfolg einzelner Subsysteme entscheidend von deren Präsenz in
den Medien abhängt. Dass auch die rechte Szene eine medienwirksame Inszenie-
rung intendiert, zeigen Aktionen wie Die Unsterblichen – was die Frage aufwirft,
wieviel Aufmerksamkeit rechtsextremen Gruppen in Deutschland zuteilwerden
sollte. Wohl nicht ganz unbegründet ist die Sorge des ehemaligen NPD-Funktio-
närs und Szeneaussteigers Matthias Adrian, dass eine permanente Berichterstat-
tung über Themen rechtsextremen Schwerpunktes die ideologischen Ideen der
rechten Szene gesellschaftsfähig und im politischen Spektrum präsenter macht.
Durch eine unentwegte gesellschaftliche Diskussion bestehe die Gefahr, rechts-
extreme Meinungen in den politischen Alltagsdiskurs zu inkludieren und der rech-
ten Szene somit eine Legitimations- und Rechtfertigungsbasis zu geben
(Neumann, 2014a, S. 40). Darüber hinaus muss die Möglichkeit in Betracht gezo-
gen werden, dass eine Radikalisierung (eventuell auch in Form zunehmender Ge-
walt) der rechten Szene stattfindet, um gezielt mediale Aufmerksamkeit auf sich
zu ziehen (Widmann, 2001, S. 153). Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit
ebendieser Problematik und somit den Effekten, die Berichterstattung über
Rechtsextremismus auf die Anhänger der rechten Szene hat.
Die forschungsleitende Frage lautet demnach: Kann Berichterstattung über
Rechtsextremismus gesellschaftlichen Schaden anrichten, indem Rechtsextreme in
ihrer Ideologie bestärkt werden? Falls ja, inwiefern?
Vier verschiedene Aspekte sollen in diesem Zusammenhang beleuchtet werden:
1. Welche Rolle spielen Medien überhaupt innerhalb der Szene?
2. Welche Rolle spielen unterschiedliche Medienthemen und
deren Darstellung?
3. Wie gestaltet sich die mediale Selbstinszenierung der rechten Szene?
4. Welche Rolle spielen Medien bei einem Ausstieg aus der Szene?

Ein besonderer Schwerpunkt soll auf die Frage nach der potenziellen Selbstinsze-
nierung der rechten Szene gelegt werden. Hier wird die Problematik behandelt, ob
die Szene gezielt provokativ oder sogar gewalttätig agiert, um mediale Aufmerk-
samkeit (und damit Bestätigung und Legitimation) zu erhalten.
Durch die Beantwortung der Forschungsfragen sollen Wege für einen verant-
wortungsbewussten medialen Umgang mit dem Phänomen Rechtsextremismus
aufgezeigt werden. Sollte sich beispielsweise herausstellen, dass eine zu ausführ-
liche Berichterstattung über gewalttätige Protestaktionen Rechtsextremer für Per-
sonen mit rechtsideologischem Hintergrund eher inspirierend als abschreckend
12 Einleitung

wirkt, sollte dies ein Denkanstoß für Medienmacher sein. Diese Studie will außer-
dem explorativ einen Beitrag dazu leisten, eine Lücke in der deutschsprachigen
empirischen Forschung zu schließen. So beschäftigen sich zwar viele Studien im
Kontext rechtsextremer Strömungen mit Prozessen der Radikalisierung oder den
Gründen für eine Hinwendung zu ideologischem Gedankengut (vgl. u.a. Pisoiu,
2013; Borstel, 2013; Pisoiu & Köhler, 2013) – und auch der mediale Umgang mit
Rechtsextremismus wurde zumindest vereinzelt untersucht (vgl. Schafraad,
Scheepers & Wester, 2008; Udris, Ettinger & Imhof, 2007). Eine Analyse der Wir-
kung medialer Berichterstattung über Rechtsextremismus auf Anhänger der Ideo-
logie selbst eröffnet allerdings ein neues Forschungsfeld, das es in die bisherige
Literatur einzuordnen gilt. Das Modell reziproker Effekte nach Kepplinger (2010,
S. 146) dient als theoretische Basis dieser Arbeit. Dieses beschreibt den Einfluss
medialer Berichterstattung auf deren „Protagonisten“, also auf die Personen, über
die berichtet wird (Kepplinger, 2009, S. 51). Untersucht wurden in diesem Kontext
bislang allerdings nur Personen, die konkret (wenn auch nicht zwingend nament-
lich genannt) in der Berichterstattung auftauchen – wie beispielsweise Politiker
(Kepplinger, 2009) oder Spitzensportler (Bernhart, 2008). Der wissenschaftliche
Beitrag dieser Arbeit besteht darin, die Übertragbarkeit des Modells reziproker
Effekte auf Anhänger einer bestimmten ideologischen Gruppe zu prüfen. Es wird
argumentiert, dass durch die Existenz einer „sozialen Identität“ (Tajfel & Turner,
1979) innerhalb der rechten Szene das Gefühl einer persönlichen Betroffenheit
von der Berichterstattung entsteht und somit die Basis für das Entstehen reziproker
Effekte gelegt wird. Sollte sich herausstellen, dass tatsächlich auch indirekt be-
troffene Szeneanhänger dem Modell entsprechend auf Berichterstattung über die
Szene reagieren, so erweitert sich dessen Geltungsraum enorm.
Vor der empirischen Analyse soll jedoch zunächst eine theoretische Basis
gelegt werden. Relevante Begriffe dieser Arbeit sollen diskutiert und das wechsel-
seitige Verhältnis von rechtsextremer Szene und Medien behandelt werden. Der
aktuelle Forschungsstand zur Thematik wird in die theoretischen Ausführungen
integriert. Anschließend wird die Vorstellung des Modells reziproker Effekte und
eine dem Forschungsgegenstand angemessene Modifizierung desselben folgen,
um auf Basis dieser Erkenntnisse eine theoretisch fundierte Analyse durchführen
zu können. Da in dieser Studie ein Forschungsfeld explorativ erschlossen werden
soll, legt die Literatur ein qualitatives empirisches Verfahren nahe (Glogner-Pilz,
2012, S. 63). Deshalb sollen halbstandardisierte, problemzentrierte Interviews mit
Aussteigern aus der rechten Szene durchgeführt werden. Es wird angenommen,
dass ehemalige Mitglieder am ehesten dazu in der Lage sind, einen Beitrag zur
Beantwortung der Forschungsfragen zu leisten. So waren diese selbst in der Szene
aktiv und können ihre eigenen Reaktionen sowie die anderer Szenemitglieder re-
flektiert einschätzen.
2 Rechtsextremismus: Die Situation in Deutschland

Dieser Abschnitt widmet sich zunächst der Diskussion der zentralen Begriffe Ext-
remismus, Rechtsextremismus, Radikalismus und Radikalisierung. Der Fokus soll
dabei dem Untersuchungsinteresse entsprechend auf dem Begriff Rechtsextremis-
mus liegen, außerdem wird nach Gründen für dieses Phänomen gesucht. Im An-
schluss folgt ein Überblick über die verschiedenen Ausdrucksformen von Rechts-
extremismus in Deutschland. So soll erläutert werden, in welchen Formen Rechts-
extremismus in der Politik auftaucht und inwiefern dieser als soziale Bewegung
bezeichnet werden kann.

2.1 Was ist Rechtsextremismus und was sind mögliche Ursachen?

Der Begriff Extremismus ist in der Sozialwissenschaft umstritten. So gibt es weder


eine einheitliche Definition noch eine Theorie, die dieses Phänomen umfassend zu
erklären vermag. Lediglich die in der Verwaltungspraxis gängige Definition von
politischem Extremismus gilt als relativ konzise – ist aufgrund ihres engen Be-
zugsrahmens allerdings für Zwecke der Sozialforschung und der politischen Bil-
dung nur bedingt geeignet (Stöss, 2010, S. 10).
So bezieht sich die praxisorientierte Definition explizit auf den Schutz des
demokratischen Wesenskerns, der durch das Grundgesetz gewährleistet ist. Als
extremistisch gelten demnach „Bestrebungen gegen die freiheitlich demokratische
Grundordnung, die gegen den Bestand und die Sicherheit des Bundes oder eines
Landes gerichtet sind, oder eine ungesetzliche Beeinträchtigung der Amtsführung
der Verfassungsorgane des Bundes oder eines Landes oder ihrer Mitglieder zum
Ziel haben“ (ebd., S. 13). Zu den Merkmalen des Extremismus aus der rechten
Ecke des politischen Spektrums zählen „Nationalismus, Rassismus, ein autoritäres
Staatsverständnis sowie die Ideologie einer Volksgemeinschaft“ (ebd.). Der links-
gerichtete Extremismus verfolgt entweder das Ziel der Etablierung einer sozialis-
tischen beziehungsweise kommunistischen Staatsordnung oder aber einer anar-
chistischen Staatsform. Sein politisches Handeln orientiert sich dabei entweder an

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016


K. Neumann und P. Baugut, Neonazis im Scheinwerferlicht der Medien,
DOI 10.1007/978-3-658-14251-3_2
14 Rechtsextremismus: Die Situation in Deutschland

einer marxistischen oder einer anarchistischen Ideologie. Es sei darauf hingewie-


sen, dass für die demokratische Grundordnung zwar auch eine Gefahr durch den
extrem linken Rand besteht – aufgrund des radikalen Egalitätsgedanken der links-
extremen Ideologie ist diese den Grundzügen der rechtsstaatlichen Demokratie al-
lerdings näher als das demokratiefeindliche rechte Lager (ebd.). Dem Verfas-
sungsschutz in Deutschland obliegt das Recht, extremistische Parteien und Orga-
nisationen beobachten zu lassen und im Falle einer verfassungsfeindlichen Grund-
orientierung sowie einer aggressiv-kämpferischen Verbreitung derselben diese
auch zu verbieten (Jesse, 2012, S. 297ff), was im Falle der NPD in diesem Jahr
erneut juristisch untersucht werden soll (Zeit Online, 03.12.2013).
Die Bewertung von Organisationen als extremistisch ist nicht immer eindeu-
tig und hängt unter anderem vom politischen Standpunkt des Beobachters ab. Dies
liegt auch daran, dass die Grenzen zwischen Demokratie und Extremismus flie-
ßend sind. Um diesem Problem beizukommen, wird der Begriff Radikalismus ge-
braucht, der die Grenzzone zwischen demokratischer Mitte und rechten und linken
Extremen bildet (Stöss, 2010, S. 14). Hierbei ist zu beachten, dass Rechts- bezie-
hungsweise Linksradikalismus noch zum verfassungskonformen Spektrum gehö-
ren, während Extremismus von beiden politischen Seiten laut Grundgesetz als ver-
fassungsgefährdend gilt (Stöss, 2010, S. 14).
Der Begriff Radikalisierung ist vom Terminus Radikalismus allerdings abzu-
grenzen. So beschreibt dieser einen Prozess, der eine Verstärkung des ideologi-
schen Denkens und Handelns beinhaltet. Anfang und Ende dieses Vorgangs sind
dabei umstritten. Auch für diesen Begriff gibt es also keine einheitliche Definition,
die Prozesshaftigkeit des Vorganges findet sich allerdings in jeder Abhandlung
wieder (Bundeszentrale für politische Bildung, 09.07.2013). Moghadam (2005)
beispielsweise vergleicht den Radikalisierungsprozess mit einer Treppe: Je extre-
mer die Einstellungen und das Verhalten einer Person werden, desto höher die
Stufe, auf der sie steht. Da der Endpunkt der Radikalisierung nicht genau festge-
legt wird, kann diese sich also auch innerhalb des extremen Spektrums fortsetzen.
Für die vorliegende Studie ist diese Erkenntnis von besonderer Relevanz. So soll
unter anderem untersucht werden, ob eine Radikalisierung (im Sinne einer pro-
gressiv-extremen Veränderung) in der rechten Szene stattfindet, um mediale Auf-
merksamkeit zu erlangen.
Trotz der scheinbar anschaulichen Einteilung des politischen Spektrums in
ein mittig-demokratisches und ein links- und rechtsextremes Lager bleibt zu be-
achten, dass auch der Begriff Rechtsextremismus, der den Forschungsgegenstand
dieser Arbeit beschreibt, nicht trennscharf und seine Verwendung nicht unproble-
matisch ist. Sowohl der nationalistische Intellektuelle als auch der militante Neo-
nazi und der rechtspopulistische Politiker fallen unter die Bezeichnung rechtsext-
rem.
Rechtsextremismus: Die Situation in Deutschland 15

Es stellt sich die Frage, inwiefern es berechtigt ist, ein derart ausdifferenziertes
Netzwerk von Personengruppen mit demselben Begriff zu deklarieren (Robertson-
von Trotha, 2011, S. 11). Um dem Problem einer Einebnung verschiedener For-
men von Rechtsextremismus beizukommen, schlägt Hans-Gerd Jaschke (2001)
folgende Definition vor, die auch dieser Arbeit zugrunde gelegt werden soll. Dem-
nach beschreibt Rechtsextremismus

„die Gesamtheit von Einstellungen, Verhaltensweisen und Aktionen, organisiert oder nicht, die
von der rassisch und ethnisch bedingten sozialen Ungleichheit der Menschen ausgehen, nach
ethnischer Homogenität von Völkern verlangen und das Gleichheitsgebot der Menschenrechts-
deklaration ablehnen, die den Vorrang der Gemeinschaft vor dem Individuum betonen, von der
Unterordnung des Bürgers unter die Staatsräson ausgehen und die den Wertepluralismus einer
liberalen Demokratie ablehnen und Demokratisierung rückgängig machen wollen“ (ebd., S. 30).

Diese Definition erscheint vor dem Hintergrund des Forschungsinteresses dieser


Studie als sinnvoll. Sie umfasst sowohl den übersteigerten, rassistisch begründeten
Nationalismus und die Idee einer Volksgemeinschaft als auch den Wunsch nach
der Etablierung einer anti-demokratischen, autoritären Staatsform. Diese Kern-
punkte rechtsideologischer Einstellungen sind bei einem Großteil der Anhänger
der rechtsextremen Szene zu finden (Stöss, 2010, S. 13), obwohl diese sich, wie
bereits angesprochen, durch zahlreiche Konfliktlinien und interne Unstimmigkei-
ten auszeichnet (Robertson-von Trotha, 2011, S. 11). Die NPD besetzt beispiels-
weise andere Themen als rechtspopulistische Organisationen wie die Pro-Parteien
(Pro-NRW, Pro-Köln, etc.), formuliert (in Teilen) abweichende Ziele und konkur-
riert entsprechend mit anderen rechten Parteien um Wählerstimmen (ebd., S. 20).
Dem semantischen Problem einer suggerierten politischen Mitte, der sprach-
logisch keine extremistischen Bestrebungen entspringen können (Robertson-von
Trotha, 2011, S. 12f; Kraushaar, 2005, S. 14ff), kann beigekommen werden, in-
dem ein duales Verständnis des Begriffes Rechtsextremismus entwickelt wird. So
unterscheidet Heitmeyer (1987) zwischen rechtsextremer Einstellung und rechts-
extremem Verhalten. Wird nur das rechtsextreme Verhalten betrachtet, wie das
Teilnehmen an Demonstrationen, das Ausüben von Gewalt oder das Wählen
rechtsextremer Parteien, so bleibt Rechtsextremismus tatsächlich ein Randphäno-
men (das den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit darstellen soll). Werden al-
lerdings rechtsextreme Einstellungen untersucht, so wird deutlich, dass diese sich
nicht nur am rechten Rand, sondern in der breiten Mitte der Gesellschaft finden
lassen (Decker, Kiess & Brähler, 2012). Gründe hierfür können beispielsweise
wirtschaftliche, aber auch politische Deprivationserfahrungen sein (Robertson-
von Trotha, 2011, S. 13). Die Angst um den Arbeitsplatz und die damit verbun-
dene Sorge um den eigenen sozialen Status können Faktoren sein, die eine Ein-
16 Rechtsextremismus: Die Situation in Deutschland

stellungsänderung in Richtung rechtem Rand bewirken. Vor allem bei sogenann-


ten „Modernisierungsverlierern“ (ebd.), also bei Menschen, die aufgrund einer
schlechteren Bildung mit einer größeren Konkurrenz um Arbeitsplätze zu kämp-
fen haben, wird dieser Faktor wirksam (ebd.). Auch das Gefühl, politisch keinen
Einfluss zu haben oder eine im Zuge der Sozialisation erworbene Affinität zu Vor-
urteilen gegenüber Ausländern kann rechtsextreme Einstellungen fördern (ebd.).
Adorno et al. halten in ihrem Werk The Authoritarian Personality (1950) fest, dass
die oben genannten Faktoren nur dann im Kontext rechtsextremer Einstellungen
evident werden können, wenn eine bestimmte Form der Persönlichkeitsstruktur
vorliegt, nämlich ein subjektives Bedürfnis nach autoritärer Herrschaft und per-
sönlicher Unterordnung. Auf Basis dieses Ansatzes ermittelte die Forschung wei-
tere Persönlichkeitsmerkmale, die Rechtsextremismus fördern. Zu diesen zählen
Dispositionen wie Dogmatismus, Rigidität, Konventionalismus und Konformis-
mus (Stöss, 2010, S. 48). Politische und wirtschaftliche Deprivationserfahrungen
und psychologische Dispositionen können zwar Erklärungsansätze für Rechtsext-
remismus liefern; allerdings existiert, wie bereits erwähnt, kein allgemeingültiges
Modell, welches dieses komplexe Phänomen umfassend zu erklären vermag (ebd.,
S. 10).
In der vorliegenden Arbeit soll auf Basis des Definitionsvorschlages von
Rechtsextremismus nach Jaschke (2001, S. 30) jene Personengruppe untersucht
werden, bei der sich rechtsextremes Verhalten (Heitmeyer, 1987) beobachten lässt
– also jene Personen, die ihre rechtsextremen Einstellungen in entsprechende
Handlungen umsetzen. Um der Komplexität des gesellschaftlichen Phänomens
Rechtsextremismus gerecht zu werden, sollen im nächsten Abschnitt zunächst die
hier relevanten politischen Strömungen vorgestellt werden.

2.2 Rechtsextremismus in der Politik

Zur politisch einflussreichsten rechtsextremen Partei in Deutschland hat sich die


Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) entwickelt, die teilweise in
enger Zusammenarbeit mit der Neonazi- und sogenannte Kameradschaftsszene
agiert (Edathy & Sommer, 2009, S. 45). Bezeichnend für dieses politische Lager
ist die offen zur Schau gestellte Nähe zum historischen Nationalsozialismus und
die aggressiv ablehnende Haltung gegenüber dem politischen System in Deutsch-
land (ebd.). Die NPD fordert den Schutz von Arbeitsplätzen vor Fremdarbeitern
sowie die Aufrechterhaltung beziehungsweise Erhöhung von Sozialleistungen für
deutsche Staatsbürger. Aus dem Netz der sozialen Sicherung sollten nach Ansicht
der NPD allerdings ausländische Ethnien exkludiert werden. Der Heimatschutz
und sozialpolitische Themen bilden also das zentrale Argumentationsmuster der
Rechtsextremismus: Die Situation in Deutschland 17

Partei, deren Anhänger häufig auch vor ideologisch motivierten Gewalttaten nicht
zurückschrecken (ebd.). Im Europa-Wahlkampf 2014 forderte die NPD entspre-
chend, die Einwanderung von Migranten „rigoros“ einzustellen, aus der Europäi-
schen Union auszutreten und die D-Mark in der BRD wiedereinzuführen (NPD.de,
27.02.2014, siehe Abb. 2) – mit dem Ergebnis, dass die NPD durch immerhin 1%
der Wählerstimmen nun mit einem Mandat im Europarlament vertreten ist (Lan-
deszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, 26.05.2014).
Mit einem Strategiewechsel in den 1990er Jahren, der die NPD unter Udo
Voigt offen radikaler werden ließ, wurde die Partei auch für die militante Neonazi-
und Kameradschaftsszene politisch interessant (Funke et al., 2005, S. 15). Kame-
radschaften sind weder Parteien noch Vereine und deswegen rechtlich nur schwer
greifbar. Sie bezeichnen sich als „freie Nationalisten“, als „nationale Bewegung“
(Bundeszentrale für politische Bildung, 23.04.2007) und sind eine Antwort auf
zahlreiche Verbote von rechtsextremen Organisationen in den 1990ern. Anstelle
einer bundesweiten, zentral organisierten Gruppe, die erneut verboten werden
könnte, wurde ein Konzept entwickelt, das strafrechtliche Verfolgung zu umgehen
versucht. Lokal agierende Kameradschaften ohne Listen mit Mitgliedernamen und
ohne rechtliche Strukturen vernetzen sich regional durch organisatorische Knoten-
punkte. Die freien Kameradschaften treten in Form von Aufmärschen und De-
monstrationen in Erscheinung und bergen das größte Aggressionspotenzial inner-
halb der rechten Szene (ebd.). So gehen die zumeist aus jungen Männern beste-
henden Gruppierungen militant gegen Nazigegner vor und stehen größtenteils of-
fen zu ihrer nationalsozialistischen Ausrichtung. Es bleibt festzuhalten, dass die
NPD eine Integration der Kameradschaften in die Partei befürwortet. Dass sich
das Gewaltpotenzial der Partei durch eine solche Kooperation enorm erhöhen
könnte, liegt auf der Hand und rückte die NPD in den Fokus des Verfassungs-
schutzes (ebd.).

Abb. 2: Wahlplakate der NPD im EU-Wahlkampf 2014 (npd-hessen.de)


18 Rechtsextremismus: Die Situation in Deutschland

Obwohl die NPD in den letzten Jahren keine großen Wahlerfolge erzielen konnte,
ist sie immerhin in zwei Landtagen vertreten (Sachsen und Mecklenburg-Vorpom-
mern) und scheint sich dort auch zu etablieren (Jesse, 2012, S. 302). Bei der Bun-
destagswahl 2013 verzeichnete die Partei allerdings ein Minus von 0,2% gegen-
über 2009 und konnte nur noch 1,3 % der Wählerstimmen auf sich vereinen (Ver-
fassungsschutz Sachsen, 27.09.2013). Doch trotz der aktuell eher abnehmenden
Relevanz der Partei ist der Ruf nach einem Verbot sowohl in der Politik und den
Medien als auch in der Bevölkerung deutlich zu vernehmen – so sind etwa zwei
Drittel der Deutschen für ein NPD-Verbot (Süddeutsche Zeitung, 23.4.2012, S. 6).
Katalysator für diese intensive öffentliche Beschäftigung mit dem verfassungs-
feindlichen Potenzial der Partei war die angebliche Verwicklung ehemaliger NPD-
Mitglieder in die NSU-Morde (Backes, 2012, S. 9). Am 3. Dezember 2013 wurde
dem lauter werdenden Ruf nach einem Parteiverbot gefolgt, indem ein Verbotsan-
trag des Bundesrates beim Bundesverfassungsgericht einging (Zeit Online,
03.12.2013). Nun gilt es zu prüfen, ob tatsächlich eine verfassungsfeindliche Hal-
tung der Partei vorliegt und diese ihre Ziele zusätzlich „aggressiv-kämpferisch“
verfolgt – laut Art.21 Abs. 2 des Grundgesetzes müssen diese Voraussetzungen
gegeben sein, um ein Verbot zu rechtfertigen (Jesse, 2012, S. 297ff). Ein Gutach-
ten des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) bestätigt die bedenklichen
Grundzüge der NPD. So sei das politische Programm in großen Teilen kongruent
mit der Ideologie der NSDAP unter Hitler (Süddeutsche Zeitung, 30.11.2013).
Die zweite dominante Strömung, die sich von der neonazistischen Szene
durch eine Ablehnung der historischen Nähe zum Nationalsozialismus abgrenzt,
wird als „neue radikale Rechte“ bezeichnet (Edathy & Sommer, 2009, S. 50ff).
Hier verbinden sich marktradikale, anti-etatische Positionen mit einer zuwande-
rungsaversen, rechtsautoritären Haltung. Die sogenannten Pro-Parteien und die
Republikaner (REP) sind in dieser Strömung zu verorten. Häufig wird im Zusam-
menhang mit diesem Lager auch von Rechtspopulismus gesprochen – so werden
massenwirksame Themen wie der Widerstand gegen die „Islamisierung Europas“
(Stöss, 2010, S. 37) und die grundsätzliche Kürzung von Sozialleistungen (nicht
nur für Ausländer) in den Fokus der politischen Argumentation gestellt (ebd.). Der
Ethnopluralismus, der als Alternative zum „Egalitarismus“ ausgelegt und von Kri-
tikern als „Kampfansage an die Menschenrechte“ angesehen wird, bildet dabei die
ideologische Basis der Parteien (ebd.). Jede Kultur habe demnach ein Anrecht auf
eine eigene Identität, die sich durch das entsprechende Heimatterritorium defi-
niert. Es geht hierbei (laut eigenem Verständnis der Rechtspopulisten) nicht um
eine biologisch erklärte Hierarchie der Rassen, sondern um den Schutz der eigenen
Identität vor Fremdeinwirkung (ebd.). Eine im Kontext von Rechtspopulismus
präsente Partei ist die 2013 gegründete „Alternative für Deutschland“ (AfD), die
sich vor allem durch ihre kritische Haltung gegenüber der Europäischen Union
Rechtsextremismus: Die Situation in Deutschland 19

auszeichnet. Mit 7% der Wählerstimmen wurde die AfD ins Europaparlament ge-
wählt und dürfte damit als rechtspopulistische Partei den „pro-europäischen“ Kon-
sens in Straßburg durchbrechen (Süddeutsche Zeitung Online, 25.05.2014). Doch
nicht nur in Deutschland stößt diese Form des Rechtspopulismus auf fruchtbaren
Boden. Globalisierung, wachsende Migrationsbewegungen, internationaler Wett-
bewerb und Massenarbeitslosigkeit haben auch in anderen europäischen Ländern
einen Weg für rechtspopulisitsche Parteien geebnet. So konnten in Italien die Al-
leanza Nazionale (AN), in Österreich die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ)
und in der Schweiz die Schweizerische Volkspartei (SVP) in den letzten Jahren
beachtliche Wahlerfolge verbuchen (Stöss, 2010, S. 37). Diese ermöglichten eine
politische Kooperation auf europäischer Ebene. So bildete sich nach den Europa-
wahlen 2007 eine rechtspopulistisch orientierte Fraktion im Europaparlament, die
sich allerdings aufgrund stark divergierender nationaler Interessen nach nicht ganz
einem Jahr wieder auflöste (taz.de, 23.01.2013). Angesichts der fulminanten
Wahlerfolge von rechten Parteien bei der Europawahl 2014 (Landeszentrale für
politische Bildung Baden-Württemberg, 26.05.2014) erscheint die Frage nach ei-
ner neuen rechten Fraktion im Europaparlament allerdings wieder aktuell. Vor al-
lem der eindeutige Wahlsieg der rechtsextremen Front National in Frankreich
(25%) deutet darauf hin, dass der rechte Rand in Europa auf breite Zustimmung in
der Wählerschaft stößt. Dass auch in Dänemark, England, Österreich, Ungarn,
Griechenland und Schweden rechtspopulistische Parteien Wahlerfolge feiern
konnten (ebd.), verstärkt diesen Eindruck. Obwohl extrem rechte Parteien in
Deutschland, im Gegensatz zu den politischen Pendants in den Nachbarländern,
einen relativ geringen politischen Einfluss haben, darf die potentielle Gefahr, die
von ihnen ausgeht, nicht unterschätzt werden. Warum die Wahlergebnisse rechts-
extremer Parteien in Deutschland bislang verhältnismäßig schlecht ausfallen und
in welcher Form Rechtsextremismus in der BRD zu beobachten ist, soll im nächs-
ten Kapitel diskutiert werden.

2.3 Rechtsextremismus als soziale Bewegung

„Rechtsextremismus ist längst keine Randerscheinung mehr. Von der Öffentlichkeit weitgehend
unbeachtet sind Strukturen entstanden, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung in
Frage stellen. Der Rechtsextremismus beginnt langsam, die Alltagskultur zu durchdringen. Es
ist eine Graswurzelrevolution, die die Zivilgesellschaft bedroht“ (Bundeszentrale für politische
Bildung, 2014, Absatz 1).

Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und nationalistische Positionen stoßen in


Deutschland in einem Maße auf Zustimmung, das über die bisherigen Wähleran-
20 Rechtsextremismus: Die Situation in Deutschland

teile der rechten Parteien weit hinausgeht (Edathy & Sommer, 2009, S. 54). Em-
pirische Befunde der Einstellungs- und Meinungsforschung bestätigen dies immer
wieder (vgl. Decker & Brähler, 2008; Heitmeyer, 2009). So zeigte die alle zwei
Jahre durchgeführte Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung im Jahr 2012, dass
sich jeder zehnte Deutsche wieder einen Führer wünscht und antisemitischen Äu-
ßerungen größtenteils zustimmt. Jeder vierte ist der Meinung, die Deutschen soll-
ten wieder mehr Nationalstolz entwickeln und rund ein Drittel der Bevölkerung
geht von einer gefährlichen Überfremdung durch Ausländer in Deutschland aus.
Auch zeigte sich, dass eine neue Generation von Personen mit rechtsextremen Ein-
stellungen heranwächst. Während in den Jahren zuvor hauptsächlich ältere Men-
schen rechtsextremen Aussagen zustimmten, zeigte sich in der aktuellen Befra-
gung, dass auch Jugendliche für die rechtsextreme Ideologie empfänglich sind,
was insbesondere für den Osten Deutschlands zu gelten scheint. Ost-West-Unter-
schiede werden auf die unterschiedlichen Wirtschaftsbedingungen und die ent-
sprechende wirtschaftliche Deprivation der Bevölkerung in den neuen Bundeslän-
dern zurückgeführt. So haben 16% der Ostdeutschen ein „geschlossenes rechts-
extremes Weltbild“ – eine bedenkliche Tatsache, die laut den Autoren in der prak-
tischen politischen Arbeit in Zukunft Beachtung finden sollte (Decker, Kiess &
Brähler, 2012). Bemerkenswert erscheint, dass sich diese breite Zustimmung zu
rechtsideologischen Ideen bislang noch nicht in den Wahlergebnissen rechtsextre-
mer Parteien niedergeschlagen hat (Edathy & Sommer, 2009, S. 54f). Dies ist ein
Hinweis darauf, dass sich Rechtsextremismus nicht allein über Wahlergebnisse
erfassen lässt. Klaus von Beyme forderte bereits in den 1980er Jahren, dass die
wissenschaftliche Beschäftigung mit Rechtsextremismus sich nicht nur auf die
Parteien- und Wahlforschung beschränken dürfe (von Beyme, 1988, S. 16), um
das Phänomen in seiner ganzen Komplexität zu erfassen. Rucht (2002, S. 75ff)
postuliert entsprechend, dass die extreme Rechte in der BRD in großen Teilen als
soziale Bewegung bezeichnet werden kann. Der Begriff soziale Bewegung umfasst
dabei gesellschaftliche Strömungen, die von gemeinsamen Ideen und Vorstellun-
gen getragen werden. Sie wirken als eine Art Sammelbecken für zum Teil höchst
unterschiedliche Menschen, die sich in verschiedenen Aktions- und Organisati-
onsformen zusammenschließen. Hinter eben diesen Zusammenschlüssen steht al-
lerdings ein gemeinsames Ziel: Das Erwirken grundlegender sozialer Veränderun-
gen (Jaschke, 1993, S. 105ff). Obwohl die These, dass die extreme Rechte in
Deutschland als soziale Bewegung bezeichnet werden kann, nicht ganz unumstrit-
ten ist (Grumke & Klärner, 2006, S. 15), so muss doch festgestellt werden, dass
die Rechtsextremisten in Deutschland einen grundlegenden sozialen Wandel an-
streben und sich in Form von Netzwerken miteinander verknüpfen (ebd., S. 16).
Im Folgenden soll deshalb ein Modell des Zentrums für demokratische Kultur
Rechtsextremismus: Die Situation in Deutschland 21

(ZDK) vorgestellt werden, das auf Basis von Erkenntnissen aus der Bewegungs-
forschung den Rechtsextremismus in Deutschland als soziale Bewegung zu erklä-
ren versucht. Nach diesem Modell lassen sich unterschiedliche Segmente der so-
zialen Bewegung unterscheiden, die hier in Form von konzentrischen Kreisen dar-
gestellt und der Komplexität des Phänomens Rechtsextremismus gerecht werden
sollen. Im Mittelpunkt des Modells befindet sich der Organisationskern der Be-
wegung, die Bewegungseliten beziehungsweise Kerngruppen. Hierzu zählen die
intellektuellen Kader, die Handlungen und Aktionen konzipieren und rechtsideo-
logisches Gedankengut verbreiten – beispielsweise Funktionäre rechtsextremer
Parteien oder Kameradschaftsführer. Sie übernehmen wichtige Organisations- und
Leitungsfunktionen und rekrutieren sich zumeist aus Personenkreisen, die bereits
langjährige Erfahrung innerhalb der Bewegung gesammelt haben und entspre-
chend über ein großes Kontaktnetzwerk verfügen.
Durch diese persönlichen Kontakte und ihre anerkannte Leitungsfunktion sind sie
in der Lage, der Bewegung Orientierung zu geben (Grumke & Klärner, 2006, S.
18). Oft beziehen die Personen in der Mitte der Bewegung ihren Lebensunterhalt
aus ihrer Arbeit für die Ideologie – so zum Beispiel im Falle von rechtsextremen
Musikproduzenten (Flad, 2006).
Im zweiten Ring sind die sogenannten Basisaktivisten angesiedelt, die ge-
meinhin als Szene betitelt werden. Diese nehmen regelmäßig an rechtsideologi-
schen Veranstaltungen und Demonstrationen teil. Sie übernehmen ihnen übertra-
gene organisatorische Aufgaben und investieren viel Zeit und finanzielle Mittel in
die Bewegung. Sie nehmen an Schulungen teil und tragen zur Verbreitung der
rechtsextremen Ideologie bei, können allerdings nur geringen Einfluss auf die
Richtung der Szene nehmen, haben sie doch keine herausgehobene Stellung inne
(Grumke & Klärner, 2006, S. 18). In diesem zweiten konzentrischen Kreis findet
sich ein hohes Gewaltpotenzial. Cliquen von zumeist männlichen Jugendlichen
vertreten rechtsextreme, rassistische und fremdenfeindliche Elemente der Ideolo-
gie und leben einen Kult von Gewalt und Maskulinität aus (Kohlstruck & Münch,
2006). Grumke & Klärner (2006, S. 18) grenzen zwar den inneren Kern der Be-
wegung semantisch von der eigentlichen Szene ab, dieser ist allerdings ebenfalls
in derselben zu verorten – in den Führungspositionen. Für diese Arbeit sollen unter
dem Begriff Szene sowohl der innere Kern als auch die Basisaktivisten subsum-
miert werden.
Der dritte Ring in diesem Modell umfasst die Gruppe der Unterstützer, die
erheblich weniger Zeit und Geld in die Szene investieren und nur gelegentlich an
Veranstaltungen und Aktionen teilnehmen. Sie unterstützen die Szene hauptsäch-
lich symbolisch, beispielsweise in Form von Unterschriften auf Protesterklärun-
gen. Diese Personengruppe ist zwar für Massenmobilisierungen quantitativ aus-
schlaggebend, allerdings ist sie schwer zu kalkulieren, da sie nur für bestimmte
22 Rechtsextremismus: Die Situation in Deutschland

massenwirksame Themen und unter außergewöhnlichen Kontextbedingungen zu


erreichen ist (Rucht, 1994, S. 86). Im äußersten Ring des Modells sind die Sympa-
thisanten der Bewegung angesiedelt. Sie nehmen in der Regel selten bis gar nicht
an rechtsextremen Aktionen teil, unterstützen die Szene aber ideologisch – etwa
durch das Vertreten rechtsextremer Positionen im Gespräch oder durch das Tragen
von entsprechender Kleidung (Grumke & Klärner, 2006, S. 19). Je größer die Dis-
tanz zur Mitte des Modells ist, desto geringer gestaltet sich die Organisations- und
Ideologiedichte. Allerdings sind auch die Sympathisanten der Szene eindeutig
feindbildorientiert und größtenteils mit der rechtsextremen Ideologie in Einklang
(ebd.).
Ziel einer jeden sozialen Bewegung ist es, das Mobilisierungspotenzial des
Bewegungskernes zu nutzen, um „möglichst viele Personen aus den außen gele-
genen Kreisen weiter nach innen zu bringen und um neutrale ,bystander‘ zumin-
dest in Sympathisanten zu verwandeln“ (Rucht, 1994, S. 86). Dies wird beispiels-
weise im Falle der rechtsextremen Bewegung durch sogenannte „Basisarbeit“ von
Parteien versucht, die sich mit unterschiedlichen Aktionen und Freizeitangeboten
vor allem an Jugendliche richten (Grumke & Klärner, 2006, S. 20). Es kann also
festgehalten werden, dass die rechte Szene trotz interner Konflikte und Spannun-
gen durch die gemeinsame Grundideologie, ihre netzwerkartige Verknüpfung und
das Verfolgen des Zieles einer grundlegenden gesellschaftlichen Veränderung als
soziale Bewegung bezeichnet werden kann (Grumke & Klärner, 2006, S. 17ff).
Aktuell werden immerhin rund 22 150 Personen in Deutschland zur rechtsextre-
men Szene gezählt (Bundesamt für Verfassungsschutz, 2014)2. Die Erkenntnis,
dass sich das Phänomen des Rechtsextremismus nicht nur auf Wahl- und Partei-
forschung beschränken lässt, sondern ein soziokulturelles Phänomen darstellt, be-
antwortet jedoch nicht die Frage, wieso sich die breite Zustimmung zu rechtside-
ologischen Ideen nicht in den Wahlergebnissen rechter Parteien niederschlägt.
Edathy & Sommer (2009, S. 54f) versuchen diese Diskrepanz zwischen Ein-
stellung und Wahlverhalten zu erklären und sehen den Grund für dieselbe in der
Geschichte des Dritten Reiches. Bis heute werden als rechtsextrem geltende Par-
teien in der Öffentlichkeit diskreditiert und tabuisiert (ebd.). Außerdem zeigt die
Empirie, dass sich eine Zustimmung zu rechtsextremem Gedankengut nicht zwin-
gend in der entsprechenden Wahlpräferenz niederschlagen muss (Bergmann,
2001, S. 57). So ist vor allem in Westdeutschland die traditionelle Parteibindung
noch relativ stark ausgeprägt – ein großer Teil der rechtsextrem orientierten Wäh-
lerschaft wählt entweder die CDU/CSU oder die SPD (Decker, Brähler & Geißler,
2006, S. 53). In Anbetracht der Tatsache, dass die Zustimmung zu rechtsextremen

2
Der Verfassungsschutz (ebd.) gibt an, dass es sich bei dieser Zahl nur um eine Schätzung handelt –
die tatsächliche Anzahl Rechtsextremer in Deutschland könnte also höher liegen.
Rechtsextremismus: Die Situation in Deutschland 23

Ideen in den letzten Jahren stetig zunimmt, erscheint es jedoch nicht unwahr-
scheinlich, dass die Hemmschwelle zum Wählen rechtsextremer Parteien in den
nächsten Jahren überschritten werden könnte. Rechtsextreme Einstellungen könn-
ten demnach in rechtsextremes Verhalten münden und die rechte Szene Sympa-
thisanten, wenn nicht sogar Mitglieder, gewinnen. Ein Blick ins europäische Aus-
land (insbesondere Frankreich, Belgien, Schweiz, Österreich und Italien) zeigt,
dass rechtsideologische Parteien durchaus eine Wählerschaft mobilisieren können,
die an jene der großen Volksparteien heranreicht (Edathy & Sommer, 2009, S. 55).
Es erscheint deshalb umso wichtiger, dass Parteien wie die NPD als genau das
bezeichnet werden, was sie sind: als rechtsextreme Strömungen. Tabuisierung und
Stigmatisierung dürfen laut Edathy & Sommer (2009, S. 55) nicht durch gesell-
schaftliche Akzeptanz abgelöst werden, soll ein Wahlerfolg rechtsextremer Par-
teien verhindert werden. Wie in der Einleitung dieser Arbeit erwähnt, bemerkte
der ehemalige NPD-Funktionär Matthias Adrian in einem Beitrag des Medienpro-
jektes Wuppertal (2013) zum Thema Rechtsextremismus, dass durch eine perma-
nente Berichterstattung über Themen rechtsextremen Schwerpunktes eine gesell-
schaftliche Akzeptanz evoziert würde. Je präsenter ein Thema in den Köpfen der
Menschen sei, desto eher würde darüber gesprochen und diskutiert. Adrian äußerte
die Befürchtung, dass genau über diese häufigen Diskussionen eine Abstumpfung
gegenüber der rechtsextremen Problematik stattfinden könne und die Ideologie auf
größere Akzeptanz stieße, was wiederum die Hemmschwelle, offen zu rechtsext-
remem Gedankengut zu stehen, senken würde. Und auch die Literatur stützt diese
Einschätzung. So macht Stöss (2010, S. 55) deutlich, dass für einen dauerhaften
Erfolg rechtsextremer Parteien eine „hinreichende Publizität in den Medien“ un-
erlässlich sei. Peter Widmann (2001) geht sogar so weit zu behaupten, Journalisten
könnten durch ihre Berichterstattung zu „Propagandahelfern“ von Rechtsextremen
werden (S. 151). Ebendiese Meinung teilen auch Kohring & Marcinkowski
(2011). Sie argumentieren, dass Journalisten durch das Aufgreifen und Kontextu-
alisieren von rechtsextremen Symbolen, die von der Szene selbst offen zur Schau
gestellt werden, diese strategische Selbstinszenierung unabsichtlich begünstigen.
Die Autoren sprechen von einer „ästhetischen Komplizenschaft“ zwischen Jour-
nalisten und Rechtsextremen, die dazu führe, dass die Szene in den Medien durch
die Verwendung provokativer Symbole genauso dargestellt würde, wie sie es in-
tendiere.
Im Rahmen dieser Studie kann zwar nicht die Einschätzung Matthias Adrians
untersucht werden, ob eine mediale Berichterstattung über Rechtsextremismus ge-
sellschaftliche Akzeptanz zur Folge hat – wohl aber, ob die rechtsextreme Szene
eine wahrgenommene Legitimationsbasis schafft und ob die Medien durch ihre
Berichterstattung tatsächlich bei der Verbreitung der gewünschten Selbstdarstel-
lung helfen.
3 Die rechte Szene und Medien

Im folgenden Kapitel sollen zunächst verschiedene Medienangebote in der rechts-


extremen Szene vorgestellt werden. Im Anschluss daran soll ein Überblick zum
medialen Umgang mit der rechten Szene und den möglichen Folgen gegeben wer-
den. Dieser Abschnitt der Arbeit soll zum einen dazu dienen, einen Überblick über
das Angebot an szeneinternen Medien zu bieten und erste Erkenntnisse zur Medi-
ennutzung Rechtsextremer vorzustellen. Da bis auf eine Studie von Köhler (2012)
hierzu keine empirischen Daten vorliegen, soll auch die szenespezifische Medien-
nutzung in dieser Studie untersucht werden – schließlich werden auch reziproke
Effekte maßgeblich von Nutzungsgewohnheiten mitbestimmt (Kepplinger, 2010,
S. 140).
Zum anderen soll die Unsicherheit von Medienmachern im Umgang mit
rechtsextremen Thematiken aufgezeigt werden – was in der Notwendigkeit kul-
miniert, die konkreten Folgen der Art der Berichterstattung im deutschen Kontext
wissenschaftlich zu analysieren. Im Kontext einer gewaltsamen Selbstinszenie-
rung der rechten Szene soll außerdem untersucht werden, inwiefern Medien durch
Berichterstattung über fremdenfeindliche Gewalt dazu beitragen, dass weitere Ge-
walt ausgeübt wird und ob diese Weiterführung Medienaufmerksamkeit zum Ziel
hat. Das Eskalationsmodell nach Brosius & Esser (2002) soll eine Basis für diesen
Teilaspekt der empirischen Studie bilden. Unter Bezugnahme auf das Modell soll
ein Weg gefunden werden, über fremdenfeindliche Gewalt zu berichten und dabei
das Risiko von Nachahmungstaten so gut wie möglich einzudämmen.

3.1 Welche Medien werden in der Szene genutzt?

In den 1990ern erfolgte in der rechten Szene eine Umstrukturierung durch die Ent-
wicklung einer rechten Jugendkultur. Das, was die rechtsextremen Jugendlichen
seither häufig zusammenführt, ist der sogenannte Deutsch Rock (Wetzel, 2001, S.
134). Der Journalist Thomas Kuban (Pseudonym) hat jahrelang undercover Kon-
zerte der rechten Szene besucht und konstatiert, dass diese oft volksverhetzenden
Musikveranstaltungen hauptsächlich der Rekrutierung neuer Mitglieder dienen

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016


K. Neumann und P. Baugut, Neonazis im Scheinwerferlicht der Medien,
DOI 10.1007/978-3-658-14251-3_3
26 Die rechte Szene und Medien

sollen (Bundeszentrale für politische Bildung, 10.03.2009a). Die Verbreitung der


rechtsextremen Musik erfolgt über das Internet – häufig vermittelt durch Betreiber
in den USA oder skandinavischen Ländern. Die Verlagerung der digitalen Ver-
breitung in Gebiete außerhalb Deutschlands wird deshalb notwendig, weil ein
Großteil der Musik in der BRD indiziert wurde und als verfassungsfeindlich gilt
(Wetzel, 2001, S. 135). Konzerte rechtsextremer Bands werden als Treffpunkt der
Szene genutzt, um deren Zusammenhalt zu stärken und die rechte Ideologie „ju-
gendgerecht“ aufbereitet zu verbreiten (ebd.). In den Texten rechtsextremer Bands
werden Tugenden wie Solidarität, Treue und Disziplin angepriesen und häufig mit
revisionistischen Gedanken in Verbindung gebracht (Bundeszentrale für politi-
sche Bildung, 10.03.2009b). Das Lied Wille und Sieg der rechtsextremen Band
Faktor Deutschland zeigt beispielhaft, dass der Aufruf zum Widerstand gegen in-
nere und äußere Bedrohungen des deutschen Vaterlandes häufig bezeichnend für
den Deutsch Rock ist:
Wille und Sieg – es lebe das Vaterland
Die Straßen frei unseren Bataillonen
Die Stiefel schmettern auf Asphalt
Wille und Sieg – jeder kämpft auf seinem Posten
Und mag es auch das Leben kosten
Ein freies Deutschland ist der größte Lohn (Youtube.com, 07.05.2014).

Eine Verherrlichung des Dritten Reiches wird auch in der Semantik der Texte ver-
wirklicht, die das Vokabular dieser Zeit widerspiegeln. Es wird versucht, einen
starken Gemeinsinn der „arischen Rasse“ zu evozieren und zum Widerstand gegen
die Bedrohung alles Fremden aufgerufen (Bundeszentrale für politische Bildung,
10.03.2009b). Zu den Feindbildern, die im Deutsch Rock gezeichnet werden, ge-
hören Ausländer genauso wie Juden, sozial Schwache oder politisch links orien-
tierte Personen. Die rechtsextreme Band Selbstdarsteller verbalisiert in dem Song
Klaus von der Antifa ihren Hass gegenüber „den Linken“:
"Ich mache vor nichts Halt und krieg die [im Original zensiert, d. Verf.] im Wald
bei den Chaostagen bin ich auch dabei
denn ich bin ein Kommischwein
ich werfe gerne Steine auch auf unschuldige Passanten
und brauch ich Geld für Drogen, beklau ich meine Verwandten
Denn ich bin Klaus von der Antifa und benehme mich wie ein Schwein
Und solange es Kommunisten gibt, werd ich´s, werd ich´s auch immer sein" (ebd.).
Die rechte Szene und Medien 27

Wie bereits erwähnt, findet ein Großteil der Verbreitung rechtsextremer Musik
über das Internet statt. Es stellt sich die Frage, zu welchen Zwecken dieses Kom-
munikationsmedium in der Szene noch genutzt wird. Köhler (2012) untersuchte
mithilfe der Grounded Theory die Rolle des Internets bei der Radikalisierung
Rechtsextremer. Er kam zu dem Schluss, dass das Internet Rechtsextremisten eine
Plattform bietet, um die notwendigen Fähigkeiten für die Interaktion innerhalb der
rechten Szene zu erlernen, rechtsextremen Gruppen beizutreten und in der grup-
peninternen Hierarchie aufzusteigen. Neben dem Vertrieb von rechtsextremer Mu-
sik, Kleidung oder Schriften wird das Internet also hauptsächlich zur Vernetzung
und Organisation der Szene genutzt, wodurch das einzelne Mitglied stärker in die
Szene integriert wird. Außerdem bietet das Internet durch die Möglichkeit einer
anonymen Meinungsäußerung eine Plattform für radikale Aussagen, die unter
Klarnamen nicht getätigt würden – so kann online offen über die rechtsextreme
Ideologie diskutiert werden. Das Internet stellt demnach eine treibende Kraft für
individuelle und kollektive Radikalisierungsprozesse innerhalb der Szene dar
(Köhler, 2012). Die Bundeszentrale für politische Bildung (25.05.2007a) geht so
weit, das Internet als das „Medium schlechthin“ für Rechtsextremisten zu bezeich-
nen. Besonders bedenklich in diesem Zusammenhang ist die Nutzung des Web 2.0
für propagandistische Zwecke. Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder ge-
rade auch Youtube werden genutzt, um (in teilweise subtiler Form) vor allem Ju-
gendliche als neue Mitglieder zu rekrutieren.
Neben dem Internet fungieren rechtsextreme Zeitungen und Zeitschriften
(Abb.3) als Bindeglied innerhalb der Szene (Bundeszentrale für politische Bil-
dung, 25.05.2007b). Zu den wichtigsten Publikationen zählen hier die monatlich
erscheinende Nation und Europa, die Deutsche Stimme der NPD und das Tages-
blatt Nationalzeitung. Die Nation und Europa zeichnet sich durch einen offenen
Fremdenhass aus – Migranten wird unterstellt, keinen Willen zur Integration in
die deutsche Gemeinschaft zu haben. Außerdem ist das Blatt durchzogen von re-
visionistischen Gedanken, die eine klar positive Einstellung zum Dritten Reich
erkennen lassen. Dennoch erscheint die Nation & Europa im Gegensatz zur Deut-
schen Stimme relativ gemäßigt, so soll hier zumindest der Anschein der Verfas-
sungskonformität gewahrt werden. Die Deutsche Stimme hingegen verbreitet kon-
kret rassistische, verfassungsfeindliche Parolen, welche die Ideologie der NPD un-
geschönt wiedergeben. So wird offen das Ziel verfolgt, zur Not mit Gewalt die
staatliche Ordnung zu stürzen. Antisemitisches, revisionistisches und rassistisches
Gedankengut prägt die Linie der Zeitschrift. So heißt es etwa in zwei Ausgaben
Mitte des Jahres 2006: „Rasse macht nicht nur die Eigenart des Volkes, sondern
auch die des Menschen aus; sie ist unveränderbar, sie führt zur Kultur und formt
die Erziehung." Oder auch: „Es gibt nach meiner Auffassung nicht die Menschheit
an sich, sondern Rassen und Völker" (ebd.).
28 Die rechte Szene und Medien

Abb. 3: Interne Printmedien der rechtsextremen Szene (bpb.com)

Die täglich erscheinende Nationalzeitung (NZ) hat mit knapp 40.000 Exemplaren
die höchste Auflage im rechten Zeitungsspektrum. Vertrieben wird sie durch das
Verlagshaus des 2013 verstorbenen Münchner Verlegers Dr. Gerhard Frey, dem
ehemaligen Vorsitzenden der inzwischen aufgelösten Deutschen Volksunion
(DVU). Die Nationalzeitung vertritt, ebenso wie die Deutsche Stimme, eine frem-
denfeindliche, revisionistische, antisemitische und nationalistische Haltung. Der
Stil der Zeitung ist geprägt durch starke Vereinfachungen und die plakative Dar-
stellung von Feindbildern, zu denen häufig auch Politiker des demokratischen
Spektrums zählen (ebd.).
Während das Internet und die rechtsextremen Printmedien von der Szene of-
fenbar als Vernetzungsmedien und Rekrutierungsmöglichkeit genutzt werden,
scheint die Nutzung traditioneller Massenmedien eine untergeordnete Rolle in der
Szene zu spielen. Peter Widmann (2001, S. 153) hält zwar fest, dass Rechtsext-
reme durch die Nutzung von aussagekräftigen Symbolen und eine provokant revi-
sionistische Inszenierung von Aufmärschen oder Demonstrationen zwar mit den
Medien spielen, diese allerdings nicht als Informationsmedien ernst nehmen. Für
die rechte Szene sind Massenmedien Teil des Systems, gegen das sie vorgehen.
Zwar werden Medienberichte über rechtsextreme Themen rezipiert, allerdings zu
eigenen Gunsten uminterpretiert. Gerade bei dem inneren Kern der Szene wird
selbst eine negative Berichterstattung als positiv gedeutet – schließlich bestätigt
sie die eigene Position als „outlaw“ (ebd.). Der szeneinternen Logik folgend, sollte
die individuelle Nutzung von Massenmedien über diese Umdeutungen hinaus eine
eher untergeordnete Rolle spielen. Diese Schlussfolgerung wurde allerdings aus
der Literatur abgeleitet, explizite empirische Befunde zur Nutzung traditioneller
Die rechte Szene und Medien 29

Massenmedien liegen nicht vor – eine Forschungslücke, die durch diese Arbeit
zumindest ansatzweise geschlossen werden soll.

3.2 Wie gehen Medien mit Rechtsextremismus um?

„Die Medien müssen die momentanen Bemühungen von Politik und Gesellschaft,
eine möglichst große Zahl von Menschen gegen die Verfassungsfeinde zu verei-
nen, massiv unterstützen“ (Sabine Christiansen, 2000, zitiert nach Widmann,
2001, S. 154).
Der Berliner Tagesspiegel veröffentlichte im Jahr 2000 eine Befragung von
29 Chefredakteuren deutschsprachiger Medienanstalten zur Problematik des me-
dialen Umgangs mit Rechtsextremismus. 28 der 29 Befragten, die wohl für ihren
Berufsstand repräsentativ gewesen sein dürften (Widmann, 2001, S. 154), emp-
fanden die Wirksamkeit der Berichte als legitimen Bewertungsmaßstab der Be-
richterstattung, lediglich der damalige Generalintendant des Österreichischen
Rundfunks, Gerhard Weis, bemerkte, dass sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk
die Frage nach der Wirksamkeit der Berichterstattung eigentlich gar nicht stellen
sollte (ebd.). Ein Großteil der Befragten machte deutlich, dass das Objektivitäts-
dogma des Journalismus bei rechtsextremen Themen scheinbar aufgehoben wird.
So stimmte Andreas Petzold, der ehemalige Chefredakteur des stern der Modera-
torin Sabine Christiansen zu, indem er verlauten ließ, die Berichterstattung über
Rechtsextremismus könne „gar nicht aufgeregt genug sein“, das Publikum müsse
emotional erreicht werden und ihm müsse klargemacht werden, „welche Folgen
der neue braune Wahnsinn hat“ (ebd.). In Anlehnung an Max Weber wird hier ein
Konflikt journalistischer Individualethik im Spannungsfeld zwischen Gesinnungs-
und Verantwortungsethik evident (Pürer, 2003, S. 145). Ein Großteil der Befrag-
ten ist demnach im Kontext des Rechtsextremismus der Überzeugung, verantwor-
tungsethisch zu handeln mit einer tendenziösen Berichterstattung, die eine nega-
tive Publikumshaltung gegenüber der Thematik zur Folge haben soll. Lediglich
Gerhard Weis scheint sich gesinnungsethischen Prämissen verpflichtet zu fühlen,
was für ihn bedeutet, das Dogma objektiver Berichterstattung auch beim Thema
Rechtsextremismus nicht aufzugeben.
In welcher Form sich diese journalistische Einstellung in der Berichterstat-
tung niederschlägt, untersuchte eine Studie der Universität Zürich (Udris, Ettinger
& Imhof, 2007). Sie analysierte den medialen Umgang mit dem Thema Rechtsra-
dikalismus/-extremismus in der Schweiz zwischen 1960 und 2005. Mithilfe einer
Inhaltsanalyse wurde untersucht, wann eine rechtsextreme Thematik Aufmerk-
samkeit auf sich zieht und in welcher Form diese medial zum Ausdruck kommt.
Es zeigte sich, dass Themen mit rechtsextremem Schwerpunkt vor allem in politi-
30 Die rechte Szene und Medien

schen Orientierungskrisen in den Medien auftauchen. Mithilfe von Differenzse-


mantiken wird orientierungsgebend unterschieden zwischen den Fremden (in
Form von Ausländern und Asylanten, aber auch sekundär in Form der EU) und
den Schweizer Staatsbürgern. Diese rigiden Differenzsemantiken dienen wiede-
rum für rechtsextreme Akteure als Anknüpfungspunkt für die öffentliche Diskus-
sion – ihre Resonanzchancen in der Öffentlichkeit werden durch diese Anschluss-
kommunikation massiv erhöht. Auch wurde festgehalten, dass bei aktuellen Er-
eignissen mit rechtsextremem Hintergrund (zum Beispiel bei Gewaltverbrechen,
Aufmärschen etc.) ein Anstieg der Berichterstattung zu verzeichnen ist, der aller-
dings relativ schnell wieder abflaut. Es wird postuliert, dass das Thema Rechts-
extremismus zwar einen hohen Nachrichtenwert besitzt und entsprechend zur Pub-
likumsgenerierung genutzt wird, eine langfristige Auseinandersetzung mit der
Thematik jedoch nicht stattfindet. So könnten zwar staatliche Interventionen zur
Bekämpfung von Rechtsextremismus durch eine kurzfristige, intensive Berichter-
stattung initiiert werden, eine nachhaltige Berichterstattung über die Umsetzung
von politischen Maßnahmen fehlt allerdings gänzlich. Auffallend ist außerdem,
dass vor allem boulevardeske Medien rechtsextreme Themen aufgreifen und auch
optisch auffallend präsentieren. Zitationen von Personen aus der rechten Szene
werden publikumswirksam aufbereitet und entsprechend zur Generierung von Öf-
fentlichkeitsinteresse und hohen Absatzzahlen beziehungsweise Einschaltquoten
genutzt. Aus den Ergebnissen dieser Studie kann geschlossen werden, dass vor
allem Boulevardmedien die Selbstinszenierung von Rechtsextremen durch eine
entsprechende publikumsorientierte Umsetzung begünstigen. Ökonomischen In-
teressen folgend wird versucht, den Nachrichtenwert der Thematik zu optimieren,
ohne dass eine nachhaltige, problemorientierte Nachberichterstattung erfolgt.
Auch Hintergründe zu rechtsextremen Themen tauchen, wenn überhaupt, erst re-
lativ spät im Berichterstattungsverlauf eines Ereignisses auf – die punktuelle,
skandalisierende und oberflächliche Boulevardberichterstattung dominiert im
Themenfeld des Rechtsextremismus. Rechtsextremen wird demnach vor allem
durch die Berichterstattung in Boulevardmedien nicht nur eine Plattform gegeben
– sie werden durch eine medienwirksame Berichterstattungsform in ihrer Selbst-
darstellung sogar noch unterstützt (ebd.).
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem medialen Umgang rechtsext-
remer Themen in Deutschland weist gravierende Lücken auf und beschränkt sich
weitgehend auf die Welle fremdenfeindlicher Gewalt in den 1990er Jahren (u.a.
Brosius & Esser, 2002). Eine der wenigen Analysen der medialen Thematisierung
von Rechtsextremismus stammt von Schafraad, Sheepers & Wester (2008), sie
befasst sich mit der Printberichterstattung zwischen 1987 und 2004. Die Studie
lässt darauf schließen, dass die Situation in Deutschland sich kaum von der in der
Die rechte Szene und Medien 31

Schweiz unterscheidet. So sei die Printberichterstattung relativ einseitig und be-


tone vor allem publikumswirksame Themen wie Fremdenfeindlichkeit, juristische
Konflikte und die schlechten Beziehungen der Rechtsparteien zu anderen politi-
schen Lagern. Qualitätszeitungen berichteten etwas ausführlicher als das unter-
suchte Boulevardmedium, die Bild – allerdings waren hier die Berichte etwas we-
niger sensationell aufgemacht als vermutet.
Weitere Befunde liefern Hinweise darauf, dass die Berichterstattung der öffent-
lich-rechtlichen Fernsehsender ARD und ZDF über Rechtsextremismus mit einer
klar negativen Positionierung der Journalisten einhergeht. Diese sei geprägt von
einer dramatisierenden, emotionalisierenden und skandalisierenden Darstellungs-
form. Hintergrundberichte würden zugunsten der visuellen Dramatisierung ver-
nachlässigt; stereotype, symbolhafte Darstellungen von Rechtsextremen die Be-
richterstattung dominieren (Oehmichen, Horn & Mosler 2005). Es scheint dem-
nach auch in Deutschland eine einseitige und weitgehend oberflächliche Bericht-
erstattung über Rechtsextremismus zu geben, die selbst im Kontext öffentlich-
rechtlicher Medien einer boulevardesken Medienlogik folgt.
Doch welche Auswirkungen hat die Thematisierung der rechtsextremen
Szene auf das Publikum und auf die Szene selbst? Dass das breite Publikum sich
zumindest in seinem Wahlverhalten durch eine verstärkte Thematisierung von
Rechtsextremismus nicht beeinflussen lässt, fand eine Studie der Universität
Münster heraus (Gehrau, Väth & Haake, 2014). Es wurde untersucht, ob die me-
diale Aufmerksamkeit, die das NPD-Verbotsverfahren 2003 mit sich brachte, das
Wahlverhalten in Bezug auf rechte Parteien positiv oder negativ beeinflusste. Bei-
des war nicht der Fall – das Wahlverhalten blieb sowohl bei hoher als auch nied-
riger Berichterstattungsfrequenz relativ konstant. Es bleibt zu erwähnen, dass die
Berichterstattung über das NPD-Verbotsverfahren sogar eher zu einer Sensibili-
sierung für das Thema Rechtsextremismus führte und eine leichte Präferenz linker
Parteien zur Folge hatte. Allerdings bleibt fraglich, ob Frequenz und Art der Be-
richterstattung hierfür ursächlich waren oder andere Ereignisse, wie die fremden-
feindlichen Gewalttaten Anfang der 2000er Jahre, die das Verbotsverfahren erst
initiierten. Hierfür spricht das Teilergebnis der Studie, dass die Publikumsagenda
im Kontext des Verbotsverfahrens eher die Medienagenda bestimmte als umge-
kehrt – die Medien reagierten also hauptsächlich auf Ereignisse oder Diskussio-
nen, die den Rechtsextremismus im Vorfeld des Verfahrens problematisierten
(ebd.). Auf Basis dieser Erkenntnis und der Ergebnisse der aktuellen Mitte-Studie
der Friedrich-Ebert-Stiftung (Decker, Kiess & Brähler, 2012), die eine Zunahme
rechtsextremer Einstellungen der Gesamtgesellschaft dokumentierte, kann vermu-
tet werden, dass die Intention der Journalisten, eine klar negative Position gegen-
über Rechtsextremismus zu beziehen, bislang nicht die gewünschte ablehnende
32 Die rechte Szene und Medien

Publikumshaltung zur Folge hatte. Allerdings konnte umgekehrt auch kein Wäh-
leranstieg rechter Parteien durch eine intensive Berichterstattung über Rechtsext-
remismus verzeichnet werden (Gehrau, Väth & Haake, 2014). Wie aber verhält es
sich mit den Reaktionen des Teilpublikums der rechtsextremen Szene auf die Be-
richterstattung über Rechtsextremismus?
Peter Widmann (2001, S. 152ff) diskutiert die Beziehungsmuster zwischen
Massenmedien und Rechtsextremisten und kommt zu dem Schluss, dass Journa-
listen durch ihre Berichterstattung das Phänomen Rechtsextremismus zwar nicht
bedingen, den Anhängern der Szene aber das Gefühl geben, Teil einer politischen
Bewegung zu sein. Laut Widmann registrieren Rechtsextreme mediale Muster und
reagieren darauf mit einer entsprechenden, zumeist symbolträchtigen Inszenie-
rung, die häufig einen Bezug zum Dritten Reich erkennen lässt. Eine negative Be-
richterstattung sei durchaus gewollt, markiere sie doch den gesellschaftlichen
Stand der Szeneanhänger als „outlaws“ (Widmann, 2001, S. 153) – eine empiri-
sche Bestätigung dieser These liegt allerdings bislang nicht vor und soll deshalb
im Rahmen dieser Arbeit geprüft werden. Allerdings zeigt ein Blick in die Litera-
tur der rechten Szene, dass die Annahme Widmanns nahe liegt, negative Medien-
aufmerksamkeit sei durchaus erwünscht. So schreibt Michael Kühnen, einer der
Schlüsselfiguren der deutschen Neonaziszene der 1980er Jahre, in seinem pro-
grammatischen Werk Die zweite Revolution (1979):

„Das Geheimnis unseres politischen Erfolgs ist der Einsatz der Massenmedien. […] in unserem
System haben die Massenmedien zwei Aufgaben – ein ,demokratisches Bewusstsein‘ zu schaf-
fen, das verlangt das System von seinen Rotationssynagogen, und eine interessante Story zu
liefern, das verlangt das Publikum. Bei dieser Sachlage braucht die ANS [Aktionsfront Nationa-
ler Sozialisten, d. Verf.] oder andere Kampfverbände des Nationalen Sozialismus, nur an einem
Tabu zu rühren und die Journalisten wittern eine gute Schlagzeile. […] auch die Mittel sind
einfach: Dreißig Mann mit Knobelbechern und braunen Hemden, eine Adolf Hitler-Gedenktafel,
oder das schlichte und ehrliche Bekenntnis: ,Ich bin kein Demokrat‘“.

Einen weiteren Hinweis darauf, in welchem Verhältnis Rechtsextreme und die


Massenmedien stehen, liefert ein Blick in die Terrorismusforschung. Hier wird
von einer „symbiotischen Beziehung“ (Glaab, 2007, S. 13) zwischen Terroristen
und Medien gesprochen. So sind Attentäter auf die mediale Berichterstattung über
ihre Verbrechen angewiesen, da diese dadurch erst gesellschaftliche Resonanz er-
fahren (ebd., S. 11). Auf der anderen Seite bergen Berichte über Terror einen ho-
hen Nachrichtenwert und damit die Sicherheit, ein breites Publikum zu erreichen.
Neben der Informationspflicht der Medien stehen bei Berichten über Terrorismus
also auch wirtschaftliche Überlegungen im Vordergrund. Kritiker gehen so weit
zu fordern, eine Berichterstattung über terroristische Anschläge gänzlich zu unter-
lassen, da diesen so der Nährboden entzogen und in der Folge deren Intensität
abnehmen würde (ebd.). Allerdings vergisst diese Argumentation, dass Medien
Die rechte Szene und Medien 33

Terrorismus zwar publik machen, allerdings nicht der Ausgangspunkt desselben


sind. Politische und gesellschaftliche Konflikte lassen terroristische Ideen erst ent-
stehen und sind jene Ursachen, auf die mit terroristischen Attentaten aufmerksam
zu machen versucht wird (ebd.). Ein Verzicht von Berichten über Terrorakte greift
deshalb zu kurz. Wohl aber muss die Frage gestellt werden, in welcher Form über
terroristische Ereignisse berichtet werden sollte.
Schicha (2007, S. 175ff) hält fest, dass Terroranschläge häufig als emotionale
„Medienevents“ dargestellt werden, die primär Feindbilder in den Fokus nehmen
und die politischen, wirtschaftlichen und historischen Beweggründe der Terroris-
ten eher vernachlässigen. Die Bundeszentrale für politische Bildung (28.10.2013)
bemängelt zudem, dass eine visuelle Ästhetisierung der Darstellung terroristischer
Anschläge zu beobachten ist, welche die Grenzen zwischen Fiktion und Realität
in den Medien schwammig werden lässt. So ging nach den Anschlägen auf das
World Trade Center am 11. September 2001 ein Bild des Fotografen Spencer Platt
um die Welt, das die beiden brennenden Türme in knalligen Farbkontrasten abbil-
det und den Eindruck einer Spielfilmeinstellung hinterlässt. Ein weiteres ikoni-
sches Foto ist das des Fotografen Richard Drew, das einen aus den oberen Stock-
werken springenden Mann abbildet (Abb. 4). Die beinahe anmutig wirkende Sil-
houette der Person teilt das Bild im goldenen Schnitt und verleiht der Szenerie
eine Ästhetik, die im krassen Kontrast zu der tatsächlich dargestellten Situation
stehen muss. Ikonische Bilder wie diese brennen sich in das kollektive Publikums-
gedächtnis ein und werden bei Berichten über die Taten immer wieder aufs Neue
aktiviert (ebd.). Die Ästhetisierung, Emotionalisierung und Dramatisierung von
Terrorakten erhöht zwar den Nachrichtenwert der Ereignisse, führt aber gleichzei-
tig zu einer Vernachlässigung der Ursachenanalysen und Hintergrundberichte.
Diese sind allerdings essenziell dafür, reflektiert mit der Thematik in den Medien
umzugehen und das Publikum umfassend zu informieren (Schicha, 2007, S. 185).
Schicha (ebd.) fordert deshalb einen besonneneren Umgang mit terroristi-
schen Themen auf internationaler Ebene, vor allem in Bezug auf eine ausführli-
chere Hintergrundberichterstattung. Auf diese Weise würden jene Probleme dis-
kutiert, welche die Entstehung von Terrorismus erst bedingen. Dies könnte dazu
beitragen, die Ursachen des Terrorismus zu bekämpfen, anstatt Konflikte durch
die Konstruktion von Feindbildern zu verschärfen. Allerdings würde dieser ver-
schobene Fokus eine Vernachlässigung publikumsgenerierender Nachrichtenfak-
toren bedeuten und damit in Kontrast zu wirtschaftlichen Medieninteressen stehen
(ebd.).
34 Die rechte Szene und Medien

Abb. 4: Ikonische Bilder der Anschläge des 11. September 2001 (cnn.com)

Es kann zusammenfassend festgehalten werden, dass die Berichterstattung über


extreme politische Strömungen und in diesem Zusammenhang verübte Gewaltta-
ten von einer boulevardesken, wirtschaftlichen Interessen folgenden Berichterstat-
tung geprägt ist. Die vorliegende Arbeit hat das Ziel, die Auswirkungen dieser
Form der Berichterstattung auf Anhänger der rechten Szene zu untersuchen.
Welche Folgen die Berichterstattung über fremdenfeindliche Gewaltverbre-
chen auf diese haben kann, soll im folgenden Abschnitt durch die Skizzierung des
Eskalationsmodells nach Brosius und Esser (2002) diskutiert werden. Zwar be-
zieht sich das Modell nur auf einen Teilaspekt des Forschungsinteresses dieser
Arbeit – die Frage nach einer gewaltsamen Selbstinszenierung der rechtsextremen
Szene ist angesichts aktueller Geschehnisse jedoch höchst bedeutsam. So ist das
Risiko einer Nachahmung fremdenfeindlicher Gewaltverbrechen gerade ange-
sichts deren rapider Zunahme seit dem öffentlichen Bekanntwerden der NSU-
Morde (Zeit Online, 05.03.2014) von enormer gesellschaftlicher Relevanz und er-
fordert eine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Thematik.

3.3 Nachahmung rechter Gewalt: Das Eskalationsmodell

In den 1990er Jahren hatte Deutschland mit einer deutlichen Zunahme fremden-
feindlicher Straftaten zu kämpfen. Einzelne Schlüsselereignisse wirkten hierbei
als Katalysator für Eskalations- und Mobilisierungswellen. Zu diesen Ereignissen
Die rechte Szene und Medien 35

zählten massive Ausschreitungen vor Asylantenheimen in Hoyerswerda und


Rostock, bei denen mehrere hundert Anhänger der rechten Szene versuchten, die
Heime zu stürmen (Brosius & Esser, 2002, S. 26). Einen weiteren Eckpfeiler der
fremdenfeindlichen Gewalt der 1990er bildeten zwei Brandanschläge in Mölln
und Solingen, bei denen jeweils mehrere immigrierte Personen ums Leben kamen.
Die Medien berichteten ausführlich über die Ereignisse und setzten sie in den Kon-
text einer stetig zunehmenden Zuwanderung (ebd., S. 28). Diese Berichterstattung
wurde scharf kritisiert – sowohl von Journalisten als auch von der Wissenschaft
(vgl. Kühnel, 1993; Jäger & Link, 1993; Scharf, 1993). Den Medien wurde vorge-
worfen, dramatisierende Elemente der Ereignisse in der Berichterstattung plakativ
hervorzuheben und diese nur unzureichend mit Hintergrundberichten zu unterfüt-
tern – eine Kritik an der Berichterstattung, die auch heute noch ähnlich klingt
(siehe Kapitel 3.2). Der schwerwiegendste Vorwurf lautete damals: Die Medien
hätten durch ihre unverantwortliche Berichterstattung zu Nachahmungstaten an-
geregt und seien schuld an der sprunghaften Zunahme von fremdenfeindlichen
Straftaten (Brosius & Esser, 2002, S. 29). In der Folge hat sich die Wissenschaft
empirisch mit der Berichterstattung der 1990er Jahre und deren Auswirkungen be-
schäftigt. Ein Ansatz, der versucht, die Rolle der Massenmedien in diesem Kontext
umfassend und systematisch zu erklären, stammt von Brosius und Esser (2002, S.
30ff). In ihrem Eskalationsmodell werden Überlegungen der sozialen Lerntheorie
mit Befunden zur suggestiv-imitativen Nachahmung (Ansteckungseffekte) ver-
knüpft. Im Folgenden soll dieses Modell vorgestellt und diskutiert werden.
Soziale Lerntheorie: Bandura (1989) unterscheidet in der sozialen Lerntheo-
rie zwischen Erwerb und Ausführung eines beobachteten Modellverhaltens. Doch
obwohl Massenmedien viele Modelle für aggressives Verhalten liefern (z.B. in
Form gewalthaltiger Spielfilme), ist die Anzahl der Nachahmungstaten verhältnis-
mäßig gering. Dieser Umstand ist nach Brosius und Esser (2002, S. 31) der Tatsa-
che geschuldet, dass die Differenz zwischen Erwerb und Ausführung wirksam
wird. Verschiedene Faktoren spielen eine Rolle bei der Frage, ob ein Modellver-
halten auch tatsächlich nachgeahmt wird. Hierzu zählen sowohl die Fähigkeit und
die Motivation, das Modell nachzuahmen, als auch die Verfügbarkeit der notwen-
digen Mittel. Außerdem steigt das Risiko einer Nachahmung mit der Auffälligkeit
des zu imitierenden Verhaltens, der Intensität der Nutzung und der Ähnlichkeit
zwischen Modellperson und Nachahmer. Wird das Modellverhalten mit positiven
Konsequenzen belohnt und werden diese auch bei einer Nachahmung erwartet,
wird eine solche zusätzlich wahrscheinlicher (ebd.).
Es kann also festgehalten werden, dass sowohl die Eigenschaften des Rezipienten
als auch dessen Beziehung zur Modellperson sowie die Art der Berichterstattung
einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit haben, dass eine Gewalttat nachgeahmt
wird.
36 Die rechte Szene und Medien

Ansteckungseffekte: Prinzipiell lässt sich die soziale Lerntheorie sowohl auf kurz-
als auch auf langfristige Medienwirkungen anwenden. Allerdings wird davon aus-
gegangen, dass Erwerb und Ausführung unabhängig voneinander sind – was im
Falle von Berichterstattung über Gewaltverbrechen eine dauerhaft erhöhte Bereit-
schaft zu Gewalt vermuten ließe (ebd., S. 31ff). Im Gegenteil zeigt sich jedoch,
dass zumeist unmittelbar nach einer spektakulären Gewalttat die Anzahl der Nach-
ahmungstaten sprunghaft ansteigt. Diese kurzfristig ausgelösten Nachahmungsta-
ten werden häufig als Ansteckungseffekte bezeichnet, die vor allem bei Minoritäten
zu beobachten sind (Brosius & Weimann, 1991). Während das Modelllernen nach
Bandura (1989) den Neuerwerb von Verhalten durch Beobachtung beschreibt, be-
ziehen sich die kurzfristigen Ansteckungseffekte eher auf eine Wiederholung einer
zuvor verübten Tat. Die Motivation zu einem bestimmten Verhalten muss bei ei-
nem kurzfristigen Ansteckungseffekt bereits vor der Tat vorhanden sein, die Be-
richterstattung wirkt dann nur noch als Katalysator (Brosius & Esser, 2002, S. 32).
Brosius und Esser (ebd., S. 33) bemerken, dass für die Nachahmung von fremden-
feindlichen Straftaten verschiedene Anknüpfungspunkte für die vorgestellten the-
oretischen Ansätze in der Empirie zu finden sind. So liegen auch bei der Imitation
von fremdenfeindlicher Gewalt der Zeitpunkt der Medienbeobachtung und der
Zeitpunkt der Nachahmung eng zusammen. Außerdem werden vor allem Taten
nachgeahmt, die leicht umzusetzen sind, gleichzeitig aber eine drastische, medi-
enrelevante Wirkung haben. Wichtig ist hierbei nicht unbedingt, dass die Tat eins
zu eins nachgeahmt wird, sondern dass die Ziele der Taten deckungsgleich sind:
Zum Beispiel die Schädigung von türkischen Asylanten. Außerdem muss auch im
Falle einer Nachahmung fremdenfeindlicher Gewalt die Motivation bereits vorher
vorhanden sein – die Rezeption der Berichterstattung baut vorhandene Hemmun-
gen ab und wirkt katalysierend auf das Gewaltpotenzial des Rezipienten (ebd.).
Auf Basis dieses theoretischen Gerüstes lautet die Grundannahme des Eska-
lationsmodelles: „Die Medien tragen aufgrund der suggestiv-ansteckenden Wir-
kung ihrer Berichterstattung über Gewalt zu einer weiteren Ausbreitung fremden-
feindlicher Straftaten bei“ (Brosius & Esser, 2002, S. 36). Um das Modell zu ver-
deutlichen, beschreiben die Autoren auf Basis der Problematik der 1990er Jahre
zwei unterschiedliche Szenarien. Im ersten Szenario wird dargestellt, wie Zuwan-
derungsproblematik, Problemwahrnehmung der Bevölkerung und Gewaltbereit-
schaft ohne den Einfluss von Massenmedien zusammenhängen (ebd., S. 34f). Es
wird hier von einer linearen Beziehung zwischen Zuwanderungsproblematik, der
öffentlichen Wahrnehmung dieses Problems und dem Gewaltpotenzial des Rezi-
pienten ausgegangen. Im zweiten Szenario werden die Massenmedien wirksam.
Sie durchbrechen die lineare Beziehung zwischen tatsächlicher Problematik und
der öffentlichen Wahrnehmung. Nicht mehr nur die persönlichen Erfahrungen der
Rezipienten mit Zuwanderern werden relevant, sondern deren Wahrnehmung der
Die rechte Szene und Medien 37

Berichterstattung – so wird die Problemwahrnehmung durch die Massenmedien


moderiert und durch die Intensität der Berichterstattung verstärkt. Der Kausalzu-
sammenhang zwischen Problemwahrnehmung und Gewaltbereitschaft wird eben-
falls durch die Medienberichterstattung durchbrochen. Potenzielle Täter werden
sowohl durch die „erfolgsversprechende“ Mediendarstellung der Verbrechen, als
auch durch den prominentenähnlichen Status, den die Modellstraftäter in den Me-
dien erlangen, motiviert (ebd., S. 35). Durch die medial suggerierte (oftmals ver-
zerrte) öffentliche Meinung zur Zuwanderungsproblematik erlangen die Nachah-
mungstäter zusätzliche Legitimation für ihre Taten (ebd.). Die Anstiftungswir-
kung wird auch dann verstärkt, wenn der Fokus der Berichterstattung primär auf
fremdenfeindlicher Gewalt liegt und die Modelltäter nicht gefasst wurden, bezie-
hungsweise hierüber nicht berichtet wurde (ebd., S. 36).
Obwohl Brosius & Esser eine Fülle an Faktoren berücksichtigen, bleibt die
Vorhersagekraft des Modells fraglich. Zwar wird bestimmten Eigenschaften der
potenziellen Nachahmer Rechnung getragen, diese hängen allerdings alle direkt
mit der Imitation des Verbrechens zusammen (Beziehung zum Modelltäter, bereits
vorhandene Motivation, Aussicht auf Erfolg etc.). Welche Rolle allerdings das so-
ziale Umfeld, die jeweilige Lebenssituation oder allgemein die psychische Verfas-
sung im Falle einer Nachahmung spielen, wird zum Großteil außen vor gelassen.
Gerade hinsichtlich einer Prävention von Gewalteskalationen werden diese Fak-
toren allerdings relevant und könnten einen tieferen Einblick in die Dynamiken
zwischen Berichterstattung und Nachahmung geben. In dieser Arbeit sollen eben-
diese individuellen Faktoren miteinbezogen werden, um ein differenzierteres Bild
von möglichen Nachahmungsprozessen zu zeichnen.
Dass fremdenfeindliche Gewaltverbrechen zu Nachahmungstaten führen
können, bestätigte sich auch in den Folgejahren nach den Gewaltwellen in den
1990er Jahren. So führte der am 27. Juli 2000 gegen jüdische Zuwanderer verübte
Sprengstoffanschlag laut Bundeskriminalamt in den Monaten danach zu einem
massiven Anstieg fremdenfeindlicher Gewalttaten (Widmann, 2001, S. 153). Und
auch heute erscheint die Frage nach Nachahmungstaten nicht weniger relevant als
zu Beginn der 1990er und 2000er Jahre. 2013 stieg die Anzahl rechtsextremer
Übergriffe auf Asylanten gegenüber dem Vorjahr um über die Hälfte – von 24 auf
58 Gewaltverbrechen. Seit Anfang 2014 sind bereits 21 gewalttätige Übergriffe
von Flüchtlingsorganisationen erfasst worden, mehr als die Hälfte davon waren
Brandstiftungen (Zeit Online, 05.03.2014). In Anbetracht der Tatsache, dass der
Verfassungsschutz nach der Aufdeckung der NSU-Morde durch die rechtsextreme
Zwickauer Terrorzelle vor möglichen Nachahmungstätern warnte (Süddeutsche
Zeitung Online, 11.06.2013), erscheint ein Zusammenhang zwischen der Bericht-
38 Die rechte Szene und Medien

erstattung über die NSU-Verbrechen, zu denen auch mehrere Brandanschläge ge-


zählt werden, und dem Anstieg rechtsextremer Gewalt in den Folgemonaten nicht
ausgeschlossen.
Für diese Studie ist nun ausgesprochen wichtig, was Brosius & Esser (2002,
S. 33f) immer wieder betonen, nämlich dass das Eskalationsmodell nur bei Perso-
nen wirksam wird, deren Motivation bereits vorhanden ist. Im Kontext fremden-
feindlicher Gewalt bezieht sich dies also auch (jedoch sicherlich nicht ausschließ-
lich) auf die rechtsextreme Szene. Deshalb will diese Studie auch ermitteln, ob
bestimmte Arten der Darstellung fremdenfeindlicher Gewaltverbrechen zur Nach-
ahmung anregen und ob durch diese Nachahmung weitere Berichterstattung evo-
ziert werden soll. Wie bereits erwähnt, sind hierbei auch individuelle Faktoren zu
berücksichtigen.
4 Theoretische Grundlage der Untersuchung

Im Folgenden soll der Begriff Reziproke Effekte erläutert und der Forschungsstand
in diesem Bereich skizziert werden. Anschließend wird auf Basis der sozialen
Identitätstheorie (Tajfel & Turner, 1979) die Annahme begründet, dass die Zuge-
hörigkeit zur rechten Szene ein Gefühl der persönlichen Betroffenheit von Bericht-
erstattung über dieselbe evozieren kann und damit die Bedingung für das Auftre-
ten reziproker Effekte erfüllt wird. Das Wirkmodell reziproker Effekte nach Kepp-
linger (2010, S. 146) soll ausführlich vorgestellt und dem Untersuchungsgegen-
stand entsprechend modifiziert werden. So wird für die Studie ein theoretisches
Fundament gelegt, von dem anschließend der Interviewleitfaden und das deduk-
tive Kategoriensystem für die Auswertung der Interviews abgeleitet werden sol-
len.

4.1 Reziproke Effekte

Der Begriff Reziproke Effekte tauchte in der wissenschaftlichen Literatur das erste
Mal in den 1950er Jahren in einer Studie von Lang & Lang (1952) auf. Untersucht
wurde die unterschiedliche Wahrnehmung einer Parade zu Ehren des Generals
Douglas MacArthur in Chicago durch Zuschauer vor Ort beziehungsweise durch
das Fernsehpublikum. Eher als nebensächliche Beobachtung wurde festgehalten,
dass die Zuschauer der Parade, die von Fernsehkameras gefilmt wurden, sich an-
ders verhielten als der Rest der Zuschauer, der nicht gefilmt wurde. So wurde laut
geklatscht und gejubelt, sobald die Kamera in Richtung Publikum geschwenkt
wurde. Dieses Phänomen bezeichneten Lang & Lang (ebd.) als reziproke, also
wechselseitige Effekte: Diejenigen, über die in den Medien berichtet wird, reagie-
ren auf diese Berichterstattung und lösen durch ihre Reaktion wiederum neues
Medieninteresse aus (Bernhart, 2008, S. 23f).
Was eher arbiträr als Randnotiz festgehalten wurde, ist auch heute, über 60
Jahre später, noch immer in der Peripherie des wissenschaftlichen Diskurses zu
verorten. Dies liegt zum einen an der scheinbar fehlenden Relevanz des For-
schungsgegenstandes, denn relativ zur Gesamtbevölkerung wird nur über eine ver-

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016


K. Neumann und P. Baugut, Neonazis im Scheinwerferlicht der Medien,
DOI 10.1007/978-3-658-14251-3_4
40 Theoretische Grundlage der Untersuchung

schwindend geringe Anzahl an Personen konkret in den Medien berichtet. Aller-


dings wird hierbei außer Acht gelassen, dass genau diese kleine Personengruppe
zumeist relevante Positionen in der Gesellschaft besetzt – wie beispielsweise Po-
litiker oder Wirtschaftsakteure. Diese zumeist hochrangigen Positionen der Perso-
nengruppe bergen jedoch einen weiteren Grund für die bislang eher vernachläs-
sigte Frage nach reziproken Medieneffekten. So ist es schlichtweg schwierig, eine
ausreichend große Anzahl an Untersuchungsteilnehmern für eine aussagekräftige
quantitative Studie zu gewinnen. Werden Medieneffekte auf die Objekte der Be-
richterstattung untersucht, dann zumeist in indirekter Form, also als Einfluss der
Reaktionen dritter Personen auf die Medienberichte. Direkte Effekte auf Personen
in den Medien spielen nach wie vor eine untergeordnete Rolle (ebd., S. 24f). Den-
noch beschäftigen sich einige wissenschaftliche Arbeiten mit verschiedenen As-
pekten reziproker Effekte, vor allem in Bezug auf Akteure aus Politik, Wirtschaft
und Justiz (ebd., S. 37). Die wichtigsten Erkenntnisse dieser Analysen sollen im
Folgenden vorgestellt werden, um einerseits einen Überblick über die bisherige
Forschung zum Bereich reziproker Effekte zu geben und um andererseits die Lü-
cke aufzuzeigen, die durch diese Studie geschlossen werden soll.

4.2 Forschungsstand

Am meisten Beachtung fanden reziproke Effekte bislang im Bereich der Politik


(Bernhart, 2008) – was angesichts der gesellschaftlichen Relevanz dieser Perso-
nengruppe einleuchtend erscheint. Eine quantitative Befragung von Bundestags-
abgeordneten aus dem Jahr 1979 beschäftigte sich mit dem Verhältnis zwischen
Journalisten und Politikern. Zu den zentralen Ergebnissen der Arbeit zählte die
Erkenntnis, dass eine journalistische Beeinflussung von Interviewsituationen ent-
scheidend davon abhängt, ob beide Gesprächspartner demselben politischen Lager
angehören. Je weiter die politischen Meinungen auseinanderklaffen, desto stärker
wird die Beeinflussung des Gesprächsverlaufes empfunden. Vor allem bei Fern-
sehinterviews schlägt sich eine solche verbale oder nonverbale Beeinflussung un-
mittelbar in der Berichterstattung nieder. Interessant erscheint außerdem, dass ein
Großteil der Bundestagsabgeordneten angab, relativ zufrieden mit der Berichter-
stattung zu sein, wobei Berichte in Rundfunk und Fernsehen tendenziell als zu-
friedenstellender empfunden wurden als Berichte in Printmedien (Kepplinger &
Fritsch, 1981). Kepplinger (2009, S. 79) nennt als einen Grund hierfür die Tatsa-
che, dass viele Politiker nur in Printmedien auftauchen und sich deshalb die Wahr-
scheinlichkeit erhöht, dort auch nicht zufriedenstellende Berichterstattung zu fin-
den. Fast 30 Jahre später führten Kepplinger & Marx (2008) eine ähnliche Studie
in Form einer Online-Befragung mit knapp 600 Landtagsabgeordneten durch. Hier
Theoretische Grundlage der Untersuchung 41

wurde der Fokus der Befragung unter anderem auf die Berichterstattungsbewer-
tung und die Wirkungsvermutungen der Politiker gelegt. Die Teilnehmer dieser
Studie wiesen allerdings eine geringere Zufriedenheit mit der Berichterstattung
auf als in der Vorgängerstudie und fühlten sich durch negative Berichterstattung
falsch dargestellt und ungerecht behandelt. Gleichzeitig schrieben sie genau die-
sen Negativberichten eine stärkere Wirkung auf das Publikum zu als positiven Be-
richten (ebd., S. 204). Eine mögliche Erklärung für die scheinbar zunehmende Un-
zufriedenheit mit der Berichterstattung von Politikern könnte in der fortschreiten-
den Boulevardisierung der Medien begründet liegen (Weischenberg et al., 2006).
Dem Publikumsinteresse folgend, dürften auch politische Medienberichte zuneh-
mend skandalisierend und emotionalisierend aufbereitet werden – was die Unzu-
friedenheit der Objekte der Berichterstattung erklären würde. Es bleibt zu kritisie-
ren, dass den beiden Studien die Annahme zu Grunde liegt, dass Medien einen
Einfluss auf politische Amtsinhaber ausüben und die Politik somit mitbestimmen.
Deshalb ist an den methodischen Ansätzen der Untersuchungen zu kritisieren, dass
lediglich die Politiker um eine Einschätzung gebeten wurden – inwiefern Journa-
listen tatsächlich intendiert auf die Politik einwirken oder welche Form der Beein-
flussung seitens der Politik stattfindet, bleibt in beiden Ansätzen außen vor.
Eine Untersuchung, die auch die Seite der Journalisten berücksichtigt, wurde
von Linsky (1986) durchgeführt. Im Rahmen einer multimethodischen Studie
wurde der mediale Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse in den USA un-
tersucht. Der Autor benutzte hierfür eine Analyse des Medieneinflusses politischer
Ereignisse anhand von sechs Fallstudien und führte zusätzlich Interviews mit Po-
litikern und Journalisten durch. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Presse
eine wichtige Rolle dabei spielt, die politische Themenagenda zu setzen. Auch
bestimmen die Medien maßgeblich mit, wie ein bestimmtes Thema in der Öffent-
lichkeit wahrgenommen wird und beschleunigen so gleichzeitig den politischen
Entscheidungsprozess – ein Ergebnis, das sich auch in anderen Studien wiederfin-
det (Livingston, 1997). Rivers (1991, S. 155) sieht aufgrund des starken Beein-
flussungspotenzials den Begriff „Schattenregierung“ (ebd.) für die Medienschaf-
fenden als angebracht und betont, dass auch Politiker ihr Wissen größtenteils aus
den Medien beziehen und die mediale Macht hinsichtlich der politischen Themen-
setzung so erklärt werden kann.
Einen weiteren interessanten Aspekt der medialen Beeinflussung politischer
Entscheidungsträger beleuchteten Protess et al. (1987), indem sie im Rahmen ver-
schiedener Fallstudien den Einfluss von Investigativberichterstattung auf die öf-
fentliche Meinung und auf Politiker miteinander verglichen. Die Autoren kamen
zu dem Schluss, dass sich zwar weder eine Einstellungs- noch eine Verhaltensän-
42 Theoretische Grundlage der Untersuchung

derung durch investigative Berichte beim Publikum zeigt, die politischen Ent-
scheidungsträger sich jedoch nach der Veröffentlichung solcher Berichte im poli-
tischen Zugzwang sehen und sich deswegen zu Reaktionen gedrängt fühlen.
Neben dem medialen Einfluss auf politische Akteure fand auch die Beein-
flussung von Wirtschaftsfunktionären in der Forschung Beachtung. So untersuchte
Köbke (2001), inwiefern Medien Einfluss auf wirtschaftliche Entscheidungen
nehmen. Er kam im Rahmen einer Befragung verschiedener Unternehmen zu dem
Schluss, dass Medienberichterstattung eine zunehmend große Rolle bei wirtschaft-
lichen Entscheidungsprozessen spielt. Ein ausschlaggebender Faktor waren auch
in dieser Untersuchung Vermutungen der Wirtschaftakteure über die Wirkung ih-
res Handelns auf die öffentliche Meinung.
Dass auch der Justizapparat medial beeinflusst wird, lassen mehrere Fallstu-
dien vermuten (vgl. u.a. Wagner, 1987; Hamm, 1997). Kepplinger & Zerback
(2012) untersuchten mithilfe einer quantitativen Befragung von über 700 Richtern
und Staatsanwälten, in welcher Form reziproke Effekte sich im Rahmen von Straf-
prozessen äußern. Es stellte sich heraus, dass auch Juristen Berichterstattung über
Prozesse, an denen sie selbst beteiligt sind, intensiver verfolgen als Berichterstat-
tung, von der sie sich nicht persönlich betroffen fühlen. Bei der Rezeption wird
die eigene Wahrnehmung des Prozesses mit der Darstellung in den Medien abge-
glichen und bewertet, wobei die betroffenen Akteure sich häufig falsch und unge-
recht dargestellt fühlen. Gleichzeitig wird vermutet, dass die Wirkung dieser ne-
gativen Darstellung in der Öffentlichkeit zu einer starken Beeinflussung führt, der
entgegenzuwirken den Akteuren unmöglich scheint. Diese Hilflosigkeit wird als
einer der Gründe angesehen, warum Medien bereits im Vorfeld von Berichterstat-
tung juristische Entscheidungen beeinflussen. So gab rund ein Drittel der Befrag-
ten an, dass sowohl das Strafmaß als auch die Bewilligung einer Bewährungsstrafe
von der Beeinflussung durch Medienberichte abhängen kann.
Eine Studie von Bernhart (2008) befasste sich zwar nicht unmittelbar mit politisch
relevanten Prozessen, erscheint für diese Arbeit aufgrund ihrer theoretischen Fun-
dierung und ihres methodischen Vorgehens allerdings dennoch von Relevanz. So
führte die Autorin qualitative Interviews mit Spitzensportlern durch und unter-
schied in der Ergebnisaufbereitung auf Basis des Modells reziproker Effekte nach
Kepplinger (2010, S. 146) zwischen interaktiven, reaktiven und proaktiven Effek-
ten, was auch dem Vorgehen der vorliegenden Arbeit entspricht. Im Bereich der
interaktiven Wirkphase konnte festgehalten werden, dass Sportler die Anwesen-
heit von Journalisten und Kamerateams als eher motivierend empfinden, es sei
denn, sie werden in der Ausübung ihrer Sportart behindert. Interviewsituationen
werden vor allem dann als Spaß machend empfunden, wenn die Sportler mit ihrem
Auftreten zufrieden sind. Insgesamt verhielten sich die befragten Personen gegen-
über den Medien eher passiv – proaktive Versuche, die Berichterstattung positiv
Theoretische Grundlage der Untersuchung 43

zu beeinflussen, waren eher selten und oft nicht durch professionelle PR-Berater
gesteuert. Diese passive Grundeinstellung wird von der Autoren mit der relativen
Irrelevanz von Medienberichterstattung für diese Berufsgruppe begründet – so sei
der sportliche Erfolg einer Person relativ unabhängig von ihrer öffentlichen
Beliebtheit (Bernhart, 2008, S. 172). Ob sich die passive Grundeinstellung der Be-
fragten gegenüber Medien auch in der vorliegenden Befragung widerspiegeln
wird, kann angesichts der hohen Relevanz von Medienberichten über politische
Ereignisse bezweifelt werden.
All diese Akteure stehen mehr oder weniger im Zentrum des öffentlichen In-
teresses oder agieren zumindest bewusst im Fokus der öffentlichen Aufmerksam-
keit. Inwiefern reziproke Effekte bei Personen zum Tragen kommen, die unfrei-
willig in den Fokus der Medienberichterstattung geraten sind, untersuchten Kepp-
linger & Glaab (2005). Sie führten eine quantitative Befragung mit 91 Personen
durch, die sich beim Deutschen Presserat über Medienberichterstattung beschwert
hatten. Vor allem jene Personen, die im Umgang mit Medien unerfahren waren,
empfanden die Verletzung ihrer Intimsphäre als besonders schwer und fühlten sich
durch die Berichterstattung diskriminiert. Insgesamt waren die emotionalen Reak-
tionen auf die Berichterstattung jedoch sowohl bei medienerfahrenen als auch bei
medienunerfahrenen Personen relativ ähnlich und zumeist negativ. Das Gefühl der
Hilflosigkeit gegenüber der Mediendarstellung der eigenen Person war in diesem
Zusammenhang besonders präsent. Dass negative Berichterstattung weitreichende
Folgen für die betroffenen Personen haben kann, wurde durch das Ergebnis deut-
lich, wonach über die Hälfte der Befragten angab, dass die Berichterstattung ihnen
auch noch lange Zeit nach der Veröffentlichung nahe ging. Angesichts der Tatsa-
che, dass die Antworten der Befragten dieser Studie eine relativ hohe Varianz auf-
wiesen (ebd., S. 351), liegt die kritische Frage nahe, ob sich ein qualitatives Vor-
gehen für die Fragestellung der Arbeit besser geeignet hätte – schließlich eröffne-
ten die Forscher mit der Untersuchung reziproker Effekte bei Personen, die nicht
in der Öffentlichkeit stehen, ein neues Forschungsfeld. Es bleibt zu wünschen,
dass gerade Verarbeitungsprozesse in weitergehenden Analysen mit einem verste-
henden Zugang untersucht werden. Nosper (2004) nutzte einen solch qualitativen
Ansatz um herauszufinden, inwiefern Experteninterviews in TV-Magazinen durch
reziproke Effekte verzerrt werden. Er kam im Rahmen von acht Tiefeninterviews
zu dem Schluss, dass Experten sich auch entgegen ihrer eigenen Meinung der
Kommunikationslogik des Fernsehens unterordnen und somit die Medienlogik be-
wusst über die ihrer eigenen Fachbereiche stellen.
Obwohl in vielen der hier vorgestellten Studien reziproke Effekt nur einen
Teilaspekt des jeweiligen Forschungsinteresses darstellen, kann festgehalten wer-
den, dass reziproke Effekte sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft und
Justiz zum Tragen kommen und sich in Form eines verzerrten, den vermuteten
44 Theoretische Grundlage der Untersuchung

Publikumserwartungen folgenden Verhaltens äußern. Auch wurde festgestellt,


dass sich die bisherige Forschung im Bereich reziproker Effekte sowohl mit Per-
sonen des öffentlichen Lebens (Kepplinger & Fritsch, 1981; Kepplinger, 2007;
Bernhart, 2008) als auch mit Privatpersonen beschäftigte, die mehr oder weniger
unfreiwillig zum Gegenstand von Medienberichterstattung geworden sind (Kepp-
linger & Glaab, 2005). All diese Personengruppen haben jedoch gemein, dass sie
direkt in der Berichterstattung beschrieben werden, während die Befragten der
vorliegenden Studie nur indirekt, in Form ihrer Zugehörigkeit zu einer ideologi-
schen Gruppe, von der Berichterstattung betroffen sind. Diese Annahme eröffnet
ein bislang unbeachtetes Forschungsfeld, dessen theoretische Relevanz nicht zu
unterschätzen ist. Sollten reziproke Effekte tatsächlich auch indirekt zum Tragen
kommen, so muss der mediale Einfluss auf politische Gruppierungen neu über-
dacht werden. Es wäre in diesem Fall davon auszugehen, dass die politische Grup-
penausrichtung und ihre jeweiligen Agitationsformen maßgeblich von der Art und
Weise abhängen, wie in den Medien über sie berichtet wird. Um der theoretischen
Annahme ein Fundament zu legen, dass reziproke Effekte auch indirekt zum Tra-
gen kommen können, soll im Folgenden die Theorie der sozialen Identität (Tajfel
& Turner, 1979) erläutert und mit dem Modell reziproker Effekte nach Kepplinger
(2010, S. 146) verknüpft werden.

4.3 Reziproke Effekte durch soziale Identifikation

Um die Theorie der sozialen Identität zu erklären, soll zunächst auf den psycholo-
gischen Prozess der Kategorisierung eingegangen werden. Demnach ist die
menschliche Psyche geprägt durch das permanente Ordnen der Umwelt (Bierhoff,
2002, S. 105). Diese wird durch Begriffe interpretiert, deren Anwendung eine Ab-
grenzung erfordern, wie hell/ dunkel, Tisch/ Stuhl oder gut/ schlecht. Das Denken
in Kategorien wird durch die Komplexität der Umwelt erforderlich – eine Verar-
beitung von Umwelteindrücken wäre ohne eine Strukturierung für das menschli-
che Gehirn nicht darstellbar. Kategorisierungen, auch von sozialen Gruppen, sor-
gen somit für Struktur und erleichtern Verarbeitungs- und Kommunikationspro-
zesse (ebd.). Problematisch werden sie allerdings dann, wenn Unterschiede zwi-
schen sozialen Gruppen überschätzt und Unterschiede zwischen den Individuen
einer Gruppe eingeebnet werden. Häufig wird in einem solchen Fall für die Ein-
schätzung einer Person auf sogenannte Prototypen zurückgegriffen, die als Kenn-
zeichnung der jeweiligen sozialen Gruppe dienen. Mit diesen prototypischen Zu-
schreibungen verbunden sind bestimmte Erwartungen an Personen einer Gruppe,
ebenso wie Emotionen, die durch diese Erwartungen ausgelöst werden (ebd.).
Theoretische Grundlage der Untersuchung 45

Der Begriff der Assimilation beschreibt diesen psychologischen Prozess der sozi-
alen Kategorisierung: Personen werden auf Basis der Vorurteile gegenüber ihrer
sozialen Gruppe eingeschätzt, weil die Unterschiede zwischen den Personen in-
nerhalb einer Gruppe unterschätzt werden. Der Kontrasteffekt hingegen besagt,
dass die Unterschiedlichkeit zwischen Mitgliedern verschiedener Gruppen über-
schätzt wird (Bierhoff, 2002, S106). Relevant wird dieses Phänomen bei der Er-
klärung von Gruppenkonflikten. Fühlt sich ein Individuum einer sozialen Gruppe,
also seiner Binnengruppe, zugehörig, so erfolgt eine soziale Diskriminierung an-
derer Gruppen zugunsten der Binnengruppe (vgl. Dann & Doise, 1974; St.Claire
& Turner, 1982; Turner, Brown & Tajfel, 1979).
An dieser Stelle greift die Theorie der sozialen Identität (Tajfel & Turner,
1979). Demnach sucht das Individuum nach Gemeinsamkeiten zwischen sich und
der sozialen Binnengruppe und versucht dadurch, seinen Selbstwert zu steigern –
ein in der menschlichen Psyche verankertes Bedürfnis. In Abgrenzung zu anderen
Gruppen soll die eigene Gruppe aufgewertet werden. Hier wird der Begriff des
sozialen Vergleichs relevant. Die eigene Binnengruppe, das Wir, tritt in eine Kon-
kurrenzsituation mit Fremdgruppen, den Anderen. (Bierhoff, 2002, S. 108). Die
Überlegenheit gegenüber anderen Gruppen, durch die eine positive soziale Identi-
tät konstruiert wird, entsteht häufig durch subjektive Bewertungen bestimmter
Vergleichsdimensionen, in denen die Binnengruppe überlegen erscheint. Es ist un-
möglich, objektiv zu beurteilen, welcher Gott oder welcher Glauben der richtige
ist – für Anhänger einer bestimmten religiösen Gruppe allerdings ist die subjektive
Bewertung ihrer Religion als einzig wahre eindeutig (ebd., S. 109).
Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe kann also den Selbstwert einer Person
auf- oder abwerten, je nachdem, wie der soziale Vergleich mit anderen Gruppen
ausfällt. Da das Streben nach einem positiven Selbstwert sich häufig in einer sehr
subjektiven, positiven Bewertung der Binnengruppe niederschlägt, verhilft diese
den Gruppenmitgliedern zumeist zu einer Selbstwertsteigerung. Ein Angriff von
außen auf die Gruppe führt also auch nicht zwingend zu einer Abwertung der so-
zialen Identität, sondern kann im Gegenteil den internen Gruppenzusammenhalt
massiv steigern (ebd., S. 114).
Das Dritte Reich ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine Gruppe von Menschen
(die ,arische‘ Rasse) durch vollkommen willkürliche, pseudowissenschaftliche
Argumente subjektiv soweit aufgewertet wurde, dass alle anderen Gruppen als
minderwertig und nicht lebenswürdig erachtet wurden. Die Annahme, zu einer al-
len anderen überlegenen Rasse zu gehören, wertet die Binnengruppe gegenüber
Fremdgruppen maximal auf und steigert in der Folge den kollektiven Selbstwert
der Gruppe und damit auch den des einzelnen Gruppenmitgliedes. Trotz des de-
saströsen Endes des Dritten Reiches und der Aufarbeitungsarbeit in der BRD nach
46 Theoretische Grundlage der Untersuchung

1945 wird die rechtsextreme Ideologie der Nationalsozialisten bis heute in unter-
schiedlichen Abstufungen von bestimmten Gruppen vertreten (siehe Kap. 2.4).
Auf Basis der oben gewonnenen Erkenntnisse findet demnach in der rechten Szene
durch die von einer radikalen Überlegenheit ausgehende Ideologie eine starke Bin-
dung an die Binnengruppe statt. Dass vor allem jene Personen nach einer positiven
sozialen Identität streben, die im individuellen sozialen Vergleich eher unterlegen
erscheinen, spiegelt sich in der Demographie rechtsextremer Wähler wider: Vor
allem junge, niedrig gebildete oder arbeitslose Personen unterstützen rechte Par-
teien (Frankfurter Allgemeine Online, 20.09.2006). Auf Basis dieser theoretischen
Argumentation wird angenommen, dass die soziale Identifikation innerhalb der
rechten Szene so stark ist, dass im Falle einer Berichterstattung über dieselbe nicht
nur bei den direkt betroffenen, sondern auch bei den indirekt betroffenen Anhä-
ngern der Szene reziproke Medieneffekte zu beobachten sind. Über das Empfin-
den einer persönlichen Betroffenheit sollte also das Modell reziproker Effekte
greifen, welches im folgenden Abschnitt vorgestellt und dem Untersuchungsge-
genstand entsprechend modifiziert werden wird.

4.4 Das Modell reziproker Effekte und seine Modifikation

In Anbetracht der Tatsache, dass reziproke Effekte bislang lediglich eine periphere
Rolle in der Wissenschaft spielten, plädiert vor allem Kepplinger für eine syste-
matische Vorgehensweise bei der Untersuchung reziproker Effekte (siehe Bern-
hart, 2008, S. 23ff). Er versucht, diese in einem Modell darzustellen (siehe Abb.5),
das die Rückkopplung der Medienakteure an die Berichterstattung berücksichtigt
(Kepplinger, 2010, S. 146). Auf Basis der Annahme, dass sich das Modell rezip-
roker Effekte durch die starke soziale Identifikation innerhalb der rechten Szene
auch auf deren Anhänger übertragen lässt, soll Kepplingers Modell nun dem Un-
tersuchungsgegenstand entsprechend angepasst werden. Implikationen aus der So-
zialpsychologie (darunter auch das Eskalationsmodell nach Brosius & Esser,
2002) sollen in diese Überlegungen einfließen und bei der Interpretation der Er-
gebnisse aufgegriffen werden. Als Basis für die theoretische Unterfütterung des
Modells bei der anschließenden Ergebnisaufbereitung soll ein Ansatz von Dasch-
mann (2007) dienen, dessen Fokus darauf liegt, die kognitive und emotionale Ver-
arbeitung im Prozess reziproker Medienwirkungen bei prominenten Personen psy-
chologisch zu erklären. Obwohl es sich bei den Teilnehmern dieser Befragung
nicht um prominente Personen handelt, kann auf Basis der Erkenntnis, dass gerade
emotionale Reaktionen auf Berichterstattung bei medienerfahrenen und medien-
unerfahrenen Personen relativ ähnlich ausfallen (vgl. Kepplinger & Glaab, 2005;
Daschmann, 2007), davon ausgegangen werden, dass die Erklärungsansätze nach
Theoretische Grundlage der Untersuchung 47

Daschmann (2007) auch für die Befragten dieser Arbeit Gültigkeit besitzen und
somit das im folgenden Abschnitt vorgestellte Modell nach Kepplinger (2010, S.
146) theoretisch ergänzen können.

Primäre Variablen: Sekundäre Variablen: Tertiäre Variablen:


Medien & Inhalt Aufmerksamkeit & Verarbeitung Entscheidungen & Folgen

Medien Inhalt Aufmerk- Kognition Emotion Intentional Non-


samkeit Intentional
Qualitäts- Themen
zeitungen Dastel- Bewer- Negativ Proaktiv
lungsart tung

Regionale Intensität
Presse Nutzungs- Wirkungs- Interaktiv
intensität annahme

TV & Tenor
Radio Nutzungs- Positiv Reaktiv
Wahrneh-
intention mung

Internet Konsonanz

Quelle: nach Kepplinger, 2010, S. 146

Abb. 5: Modell indirekter reziproker Effekte (nach Kepplinger, 2010, S. 146)

Die Art und Intensität der reziproken Effekte hängt laut Kepplinger (ebd., S. 138ff)
von einer Vielzahl von Faktoren ab, die in einem komplexen Wechselverhältnis
zueinander stehen und die Reaktion der Protagonisten auf die Berichterstattung
beeinflussen. Diese Reaktion wiederum löst erneutes Medieninteresse aus, ist also
ihrerseits Ausgangspunkt weitergehender Berichterstattung. Ursache und Wir-
kung sind hier nicht eindeutig voneinander zu trennen. Dennoch unterscheidet
Kepplinger (ebd.) aus Gründen der Übersichtlichkeit analytisch zwischen unab-
hängigen (primären), intervenierenden (sekundären) und abhängigen (tertiären)
Variablen. Als Ausgangspunkt des Modells wählt Kepplinger die Medienbericht-
erstattung. Er begründet dies mit dem Verweis auf eine zunehmende Mediatisie-
rung – so geschähe in modernen Gesellschaften vieles nur deshalb, weil die Me-
dien darüber berichteten (ebd., S. 138). Obwohl das Zusammenspiel von Bericht-
erstattung und Medienprotagonisten grundsätzlich wechselseitig abläuft, wird das
Beeinflussungspotenzial von Berichterstattung auf die Protagonisten als stärker
48 Theoretische Grundlage der Untersuchung

eingeschätzt als umgekehrt der Einfluss dieser Personen auf die Medienberichte.
Deswegen wird die Medienberichterstattung als unabhängige Variable angesehen
– diese Beschreibung kann allerdings nur formal erfolgen.
Kepplinger unterscheidet also zwischen ursächlicher Berichterstattung (un-
abhängige Variablen), Verarbeitungsprozessen (intervenierende Variablen) und
der Wirkung (abhängige Variablen) von Berichterstattung. Diese grundsätzliche
Einteilung soll für die vorliegende Arbeit übernommen werden. Kepplingers Mo-
dell wird in der Abb.5 zusammengefasst dargestellt und soll als Basis für das The-
oriegerüst dieser Studie dienen. Die Modifikation beziehungsweise Erweiterung
des Modells soll im Folgenden für jede Variable einzeln begründet und zur besse-
ren Verständlichkeit visualisiert werden. Es soll bereits hier darauf verwiesen wer-
den, dass die Variablen des modifizierten Modells im anschließenden empirischen
Teil in Kategorien überführt werden sollen, die zur systematischen Auswertung
des Interviewmaterials dienen werden.

4.4.1 Ursache

Kepplinger (ebd. S. 138ff) folgend, sollen die Art des Medieninhaltes und die Me-
diengattung als unabhängige (primäre) Variablen bezeichnet werden; mit dem
Verweis auf eine zunehmende Mediatisierung der Gesellschaft erscheint die Be-
richterstattung als Ursache reziproker Effekte gerechtfertigt.

4.4.1.1 Medium

Das Medium, in dem die Berichterstattung präsentiert wird, spielt eine entschei-
dende Rolle für die Stärke reziproker Effekte. Neben der Art des Medieninhaltes
werden auch unterschiedliche Mediengattungen im Kontext reziproker Effekte als
unabhängige Variablen relevant (siehe Abb. 6). Diese werden hinsichtlich ihrer
Glaubwürdigkeit und ihres Einflusspotenzials unterschiedlich eingeschätzt. Je
größer das Ansehen der Medien bei den jeweiligen Protagonisten und ihrem sozi-
alen Umfeld ist, desto stärker ist auch der theoretische Einfluss der Berichterstat-
tung. Nicht die Reichweite des Mediums ist entscheidend für die Wirkkraft der
Botschaft, sondern dessen Ansehen. Wird eine Zeitung geschätzt, so ist z.B. Kritik
hier schmerzlicher als in einem unbedeutenden Boulevardblatt (ebd.). In dieser
Arbeit soll nicht, wie es Kepplinger vorschlägt, zwischen verschiedenen Formen
traditioneller Medien unterschieden werden. Vielmehr soll der Fokus (dem Unter-
suchungsinteresse entsprechend) auf der unterschiedlichen Wirkung von Massen-
Theoretische Grundlage der Untersuchung 49

medien und internen Medien liegen. In Anbetracht der Tatsache, dass Massenme-
dien von der rechten Szene als Teil des zu bekämpfenden Systems angesehen wer-
den (Widmann, 2001, S. 153), erscheint es außerdem eher unwahrscheinlich, dass
diese so differenziert bewertet werden, dass durch die Rezeption verschiedener
traditioneller Medien unterschiedliche Reaktionen zu Tage treten könnten. Der
Umgang mit der Basistechnologie Internet soll jeweils separat in die Nutzung von
Massenmedien und internen Medien mit einfließen. Schließlich erscheint es denk-
bar, dass sowohl öffentliche Online-Angebote als auch spezifisch rechtsextreme
Seiten genutzt werden.

4.4.1.2 Inhalt

Neben dem Medium spielt auch der Inhalt der Berichterstattung eine große Rolle
für die Ausprägung reziproker Effekte. Einflussgrößen sind in Kepplingers Modell
sowohl das Thema der Berichte als auch deren Intensität, Frequenz, Tendenz und
Konsonanz. Themen, die emotionale Reaktionen auslösen, evozieren stärkere Ef-
fekte als weniger emotionale Themen; kontrovers dargestellte Problematiken sind
weniger wirkungsmächtig als solche, die konsonant in den Medien bewertet wer-
den. Auch eine intensive Berichterstattung hat mehr Wirkpotenzial als Themen,
die nur spärlich in den Medien vorkommen. Kepplinger ordnet die Art der Dar-
stellung (zum Beispiel emotional/ dramatisierend/ neutral) der rezipierten Bericht-
erstattung zwar den intervenierenden Variablen zu (Kepplinger, 2010, S138ff),
begründet diese Entscheidung allerdings nicht. Für diese Arbeit soll die Darstel-
lungsart jedoch zu den unabhängigen Variablen gezählt werden. Diese Einteilung
erscheint deshalb sinnvoller, weil die Art der Darstellung den Verarbeitungspro-
zessen zeitlich vorgeschaltet ist und deshalb als Ausgangspunkt reziproker Ef-
fekte, nicht als moderierender Einfluss, gesehen wird. Die Abgrenzung zwischen
medialen Ursachen und intervenierenden Variablen ist so trennschärfer gewähr-
leistet. Um die Untersuchungsteilnehmer nicht durch eine zu detailreiche Befra-
gung zu überfordern, sollen nur die für das Forschungsinteresse wichtigsten Vari-
ablen abgefragt werden – das Thema und die Art der Darstellung der Berichter-
stattung. Intensität, Tendenz und Konsonanz der Berichterstattung sollen hingegen
bei der Befragung außen vor gelassen werden. So ist zu vermuten, dass sich die
Intensität der Berichterstattung zumeist aus den angesprochenen Themen erschlie-
ßen wird; außerdem ist anzunehmen, dass im deutschen Medienkontext konsonant
negativ über Rechtsextremismus berichtet wird, während die szeneinternen Me-
dien einen konsonant positiven Tenor erwarten lassen.
50 Theoretische Grundlage der Untersuchung

Ursache: Verarbeitung: Wirkung:


Medien & Inhalt Aufmerksamkeit/Emotion/Kognition Entscheidungen & Folgen

Medien Inhalt Aufmerk- Kognition Emotion Intentional Non-


samkeit Intentional
Bewer-
Interne tungen Negativ Proaktiv Reaktiv
Thema Nutzungs-
Medien intensität

Wirkungs-
annahme Interaktiv Kognition

Wahr-
Massen- Darstel- Nutzungs- nehmung Positiv Reaktiv Emotion
medien lungsart intention

Anpassung

Abb. 6: Modell indirekter reziproker Effekte: Unabhängige Variablen (nach


Kepplinger, 2010, S. 146)

Hinsichtlich des Themas ist von Interesse, über was innerhalb der Szene überhaupt
gesprochen wird und ob beziehungsweise in welcher Form in den szeneinternen
Diskussionen auch aktuelle Themen aus den Massenmedien aufgegriffen werden.
Obwohl Kepplinger (ebd.) sich in seinen Ausführungen auf die Themen der Be-
richte über die jeweiligen Protagonisten der Berichterstattung bezieht, soll in die-
ser Arbeit auch auf Themen eingegangen werden, die nur ideologisch oder poli-
tisch die Szene betreffen (z.B. Asylpolitik), um herauszufinden, inwiefern diese
Themen in der Selbstdarstellung der Szene aufgegriffen und ideologisch verarbei-
tet werden.
Hinsichtlich der Darstellung soll abgefragt werden, welchen Einfluss die Me-
dien als Akteur auf die Reaktionen zu für die rechte Szene relevanten Themen
haben. Es lässt sich sicherlich nicht vermeiden, über rechtsextreme Gewalt zu be-
richten, aber inwiefern unterscheiden sich die Reaktionen auf solche Berichte hin-
sichtlich ihres medialen Framings? Außerdem soll in Erfahrung gebracht werden,
welche Wunschdarstellung die Szene in den Massenmedien anstrebt und wie die
tatsächliche massenmediale Darstellung in den Augen der Befragten von dieser
Idealvorstellung abweicht. Des Weiteren soll der Frage nachgegangen werden, in-
wiefern sich die szeneinterne Selbstdarstellung von der externen unterscheidet und
an welchen Stellen mögliche Schnittstellen beobachtet werden können. Den Stra-
tegien zur Optimierung der Selbstdarstellung und den Folgen der massenmedialen
Theoretische Grundlage der Untersuchung 51

Szenedarstellung soll im Block der Verarbeitungsprozesse und Wirkungen Rech-


nung getragen werden (tertiäre Variablen).

4.4.2 Verarbeitung

Zu den intervenierenden Variablen, die Kepplingers Modell folgend übernommen


werden sollen, zählen sowohl die Aufmerksamkeit, welche die Protagonisten der
Berichterstattung über die eigene Person zukommen lassen, als auch deren kogni-
tive und emotionale Verarbeitung (siehe Abb. 7). Diese beiden Verarbeitungsarten
können nur analytisch voneinander getrennt werden – es sei auf eine Verflechtung
von Kognitionen und Emotionen im Verarbeitungsprozess verwiesen (Kepplinger,
2010, S. 139f), die in der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden soll.
Um Kepplingers Modell psychologisch zu fundieren, sollen im Folgenden einige
medienpsychologische Ansätze nach Daschmann (2007) zur Erklärung der Verar-
beitungsprozesse herangezogen werden, die dann in der Interpretation aufgegrif-
fen und ergänzt werden.

4.4.2.1 Aufmerksamkeit

Intensität und Intention der Mediennutzung: Es wird angenommen, dass Protago-


nisten der Berichterstattung dieser in höheren Dosen ausgesetzt sind als Personen,
die nicht in den Medien auftauchen, da sie die Berichte über ihre Person und Tä-
tigkeit intensiver nutzen als andere Beobachter (Kepplinger, 2010, S. 140). Dasch-
mann (2007, S. 196) führt dies auf den Umstand zurück, dass die betroffenen Per-
sonen unter Stress stehen und ihre selektive Wahrnehmung dadurch gesteigert
wird. Die Intensität der Nutzung hängt also nicht (nur) vom Thema ab, sondern
von der persönlichen Betroffenheit der Protagonisten und von deren Nutzungsin-
tention (Kepplinger, 2010, S. 140). Ob sich eine empfundene persönliche Betrof-
fenheit der Anhänger der rechten Szene in einer erhöhten Medienzuwendung nie-
derschlägt und welche Intentionen durch diese Zuwendung verfolgt werden, wird
abgefragt. Auf Basis der Annahme, die Massenmedien stellten einen Teil des zu
bekämpfenden Systems dar (Widmann, 2001, S. 153), kann angenommen werden,
dass sich den traditionellen Medien nur dann zugewandt wird, wenn tatsächlich
über rechtsextreme Themen berichtet wird. Ob sich diese Vermutung bestätigt, gilt
es zu untersuchen.
52 Theoretische Grundlage der Untersuchung

Ursache: Verarbeitung: Wirkung:


Medien & Inhalt Aufmerksamkeit/Emotion/Kognition Entscheidungen & Folgen

Medien Inhalt Aufmerk- Kognition Emotion Intentional Non-


samkeit Intentional
Bewer-
Interne tungen Negativ Proaktiv Reaktiv
Thema Nutzungs-
Medien intensität

Wirkungs-
annahme Interaktiv Kognition

Wahr-
Massen- Darstel- Nutzungs- nehmung Positiv Reaktiv Emotion
medien lungsart intention

Anpassung

Abb. 7: Modell indirekter reziproker Effekte: Intervenierende Variablen (nach


Kepplinger, 2010. S. 146)

4.4.2.2 Kognitive Verarbeitung

Darstellungsbewertung: Verfolgt ein Protagonist die Berichterstattung über seine


Person, so gleicht er seine eigenen Vorstellungen der Situation mit der Darstellung
in den Medien ab. Um diesen Verarbeitungsprozess zu erklären, verweist Kepp-
linger auf attributionstheoretische Ansätze. So begründen die Protagonisten ihr
eigenes Handeln zumeist durch die Umstände der jeweiligen Situation, während
unbeteiligte Zuschauer bestimmte Verhaltensweisen der Akteure auf deren Cha-
rakter zurückführen. Dieses Phänomen wird in der Sozialpsychologie als Attribu-
tionsfehler bezeichnet, der auch im Kontext reziproker Effekte wirksam werden
kann. Da Journalisten als Beobachter zumeist den Charakter und die Motive der
Handelnden in den Vordergrund rücken, fühlen sich die Protagonisten der Bericht-
erstattung falsch dargestellt – sie selbst sehen sich als Opfer der Umstände, wäh-
rend sie in der Berichterstattung ihrer Meinung nach als entscheidungsautonom
dargestellt werden (Kepplinger, 2010, S. 140). Daschmann (2007, S. 201f) führt
diese Reaktionen auf den empfundenen Kontrollverlust der Protagonisten zurück
Theoretische Grundlage der Untersuchung 53

– vor allem bei einer konsonant negativen Darstellung entstehe demnach ein Ge-
fühl der Ohnmacht, das bis hin zur Depression reichen kann. Wird der Annahme
Widmanns (2001, S. 153) gefolgt, dass Rechtsextreme sich eine Negativdarstel-
lung als „outlaws“ in den Massenmedien wünschen, so ist anzunehmen, dass sich
die Verarbeitungsprozesse einer negativen Berichterstattung ins Gegenteil verkeh-
ren. Es kann vermutet werden, dass auf eine aus Medienperspektive negative Be-
richterstattung jene Verarbeitungsprozesse folgen werden, die bei anderen Perso-
nen im Falle positiver Berichterstattung zum Tragen kommen und beispielsweise
der Attributionsfehler bei der untersuchten Personengruppe nicht greift.
Wirkungseinschätzungen: Neben dem Abgleich von eigener Vorstellung und
Berichterstattung findet auch eine Einschätzung der Wirkung auf dritte Personen
und die öffentliche Meinung statt. So lässt sich beobachten, dass die meisten Men-
schen eine stärkere Wirkkraft von Medien auf andere Personen vermuten als auf
sich selbst, während sie ihre eigene Resistenz gegenüber medialer Manipulation
überschätzen (Kepplinger, 2010, S. 141f). Dieses Phänomen wird in der Literatur
als Third-Person-Effekt bezeichnet, sowohl Kepplinger (ebd.) als auch Dasch-
mann (2007, S. 197f) verweisen darauf. Verstärkt wird dieser Effekt durch eine
persönliche Betroffenheit der jeweiligen Personen – und sollte damit im Verarbei-
tungsprozess reziproker Effekte zum Tragen kommen. Eine ebenfalls verstärkende
Wirkung dieses Effektes hat die soziale Distanz zwischen Rezipient (in diesem
Fall gleichzeitig Protagonist) und dritten Personen. Je größer diese Distanz ist,
desto eher werden starke Wirkungsvermutungen angestellt. Da die Masse des Pub-
likums sich durch eine große soziale Distanz zu den Protagonisten der Berichter-
stattung auszeichnet, wird die Wirkkraft der Medien auf die öffentliche Meinung
vor allem bei negativer Berichterstattung häufig überschätzt (Kepplinger, 2010, S.
141). Ob dieses Phänomen tatsächlich auch zum Tragen kommt bei Personen, die
nur indirekt von der Berichterstattung betroffen sind und ob Mitglieder der rechten
Szene entsprechend davon ausgehen, dass das negative Massenmedienbild durch
das Publikum adaptiert wird, gilt es zu klären.
Wahrnehmung von Verhaltensänderungen: Kepplinger führt die Wahrneh-
mung von Verhaltensänderungen im sozialen Umfeld als intervenierende Variable
in sein Modell ein. So würde jede Form eines von der Normalität abweichenden
Verhaltens als Folge der Berichterstattung über den Protagonisten interpretiert
(ebd.). Dieser Aspekt könnte auch innerhalb der rechten Szene relevant werden,
und zwar in Form von Kontakten außerhalb der Szene. Wird eine ablehnende Hal-
tung außenstehender Personen gegenüber der Szene als Folge negativer Medien-
berichterstattung interpretiert, auch wenn diese vielleicht gar nicht ursächlich für
die Ablehnung war, also eine Fehlattribution vorliegt (ebd.)?
Anpassung: Eine weitere mögliche theoretische Implikation, die Kepplinger
(2010) außer Acht lässt, stellt der Band-Wagon-Effekt dar (Lazarsfeld, Berelson &
54 Theoretische Grundlage der Untersuchung

Gaudet, 1948). Dieser besagt, dass das Individuum aus Angst vor sozialer Isolation
die eigene Einstellung der vermeintlichen Mehrheitsmeinung anpasst, da es sich
hiervon einen positiven Effekt verspricht. Dies äußert sich beispielsweise bei
Wahlen darin, dass eine vermutete Mehrheitspartei gewählt wird, obwohl die ei-
gene Wahlpräferenz eigentlich bei einer schwächeren Partei läge (ebd.). Im Kon-
text reziproker Effekte vermutet Daschmann (2007, S. 197), dass ein zum Tragen
kommender Third-Person-Effekt bei negativer Berichterstattung über die eigene
Person dazu führt, dass dieselbe eine verstärkte Angst vor sozialer Ausgrenzung
empfindet. Infolgedessen sollte auch ein erhöhter Handlungs- und Konformitäts-
druck empfunden und versucht werden, die negativen Folgen der Berichterstattung
durch Anpassung des Verhaltens an die Norm von sich abzuwenden. In dieser Ar-
beit soll der Frage nachgegangen werden, ob dieser Effekt sich auch bei Anhä-
ngern der rechten Szene beobachten lässt: Kann die Tatsache, dass den Massen-
medien immer wieder entnommen wird, dass die breite Öffentlichkeit rechtsext-
reme Einstellungen verurteilt, unter Umständen zu einer Anpassung an die öffent-
liche Meinung und damit zu einem Ausstieg führen?

4.4.2.3 Emotionale Verarbeitung

Positive und negative Emotionen: Durch die persönliche Betroffenheit der Prota-
gonisten und der häufig intensiven Beschäftigung mit der Berichterstattung rea-
gieren die Betroffenen zumeist heftig emotional auf diese. Der Annahme folgend,
dass Individuen nach einem positiven Selbstwert streben, kann vermutet werden,
dass positive Berichterstattung eher positive Emotionen wie Glück oder Stolz zur
Folge hat, negative Berichte hingegen vor allem Ärger, Wut und Hilflosigkeit aus-
lösen (Kepplinger, 2010, S. 141).3 Ob diese Vermutung auch von den Befragten
dieser Studie bestätigt werden kann, ist fraglich. So geht Widmann (2001, S. 153)
davon aus, dass eine negative Darstellung der Szene deren Mitglieder als nicht-
systemkonform propagiert und damit dem Ziel der Bewegung entspricht. Welche
Emotionen eine positive Darstellung in traditionellen Medien zur Folge hat, bleibt
hingegen fraglich – zumal eine Positivdarstellung in den deutschen Massenmedien
eher unwahrscheinlich ist. Hingegen erscheint es denkbar, dass positive Berichte
in internen Medien durchaus positive Emotionen bei den Szeneanhängern auslö-
sen können.
Kepplinger (2010, S. 142) bemerkt, dass Kognitionen und Emotionen generell in
sich stimmig entwickelt werden. Neue Kognitionen werden bekannten Emotionen

3
Die Bewertungskategorien positiv beziehungsweise negativ werden in diesem Zusammenhang aus
einer gesellschaftsnormativen Perspektive abgeleitet – gesellschaftskonformes Verhalten sollte ent-
sprechend in positive, gesellschaftlich inakzeptables Verhalten in negative Berichterstattung münden.
Theoretische Grundlage der Untersuchung 55

angepasst und emotionale Eindrücke vor dem Hintergrund bestehender Kognitio-


nen interpretiert. Wird durch Medienberichterstattung beispielsweise Wut hervor-
gerufen, so werden im Anschluss vor allem jene Berichte als relevant und glaub-
würdig empfunden, welche die bestehende Emotion bestätigen. Daschmann
(2007, S. 198) verweist in diesem Zusammenhang auf die sogenannten Ap-
praisaltheorien und betont, dass Emotionen und Kognitionen sich gegenseitig be-
dingen und verstärken. Im Fall negativer Berichterstattung kann dies zu einer Ne-
gativspirale führen, der auch erfahrene Medienprotagonisten nur schwer entkom-
men können (Kepplinger, 2010, S. 142).
Während die analytische Trennung von Emotionen und Kognitionen für diese
Arbeit übernommen werden soll, erscheint die Einordnung derselben im Verarbei-
tungsprozess (wie sie Kepplinger vornimmt) zu kurz gegriffen. So bemerkt Bern-
hard (2008, S. 29f), dass eine Verortung emotionaler und kognitiver Prozesse im
Bereich der Verarbeitung nicht erschöpfend sein kann. Demnach können Kogniti-
onen und Emotionen auch selbst schon Wirkungen der Medienrezeption darstel-
len. Als abhängige Variablen sieht Kepplinger (2010, S. 142ff) jedoch nur jene
Wirkungen an, die von außen beobachtet werden können, also nach der inneren
Verarbeitung in ein entsprechendes Verhalten münden. In dieser Arbeit soll ein
Kompromiss zwischen beiden Ansätzen gefunden werden, um auch jene Prozesse
explizit zu beleuchten, die das Überführen von Kognitionen oder Emotionen in ein
entsprechendes Verhalten evozieren, und sie von jenen abzugrenzen, die zu keiner
Verhaltensänderung führen. So sollen Kognitionen und Emotionen sowohl bei der
Verarbeitung der Medienbotschaft als auch als Wirkung (abhängige Variable) Be-
achtung finden.

4.4.3 Wirkung

Als Output des Modells bezeichnet Kepplinger reziprok wirkende Verhaltenswei-


sen der Protagonisten, welche die abhängigen Variablen bilden (siehe Abb.8). Un-
terschieden werden direkte und indirekte reziproke Effekte, wobei im Folgenden
der Fokus auf den direkten Medienwirkungen liegen soll. Die Unterscheidung
zwischen proaktiven, interaktiven und reaktiven Verhaltensweisen untergliedert
diese direkten (eine Medienbeeinflussung intendierende) Effekte zusätzlich
(Kepplinger, 2010, S. 42ff) – diese Einteilung soll auch für die vorliegende Studie
gelten, allerdings um jene Verhaltensweisen erweitert werden, die nicht explizit
auf weiterführende Berichterstattung ausgerichtet sind, also non-intentional Me-
dienberichte beeinflussen können.
56 Theoretische Grundlage der Untersuchung

Ursache: Verarbeitung: Wirkung:


Medien & Inhalt Aufmerksamkeit/Emotion/Kognition Entscheidungen & Folgen

Medien Inhalt Aufmerk- Kognition Emotion Intentional Non-


samkeit Intentional
Bewer-
Interne tungen Negativ Proaktiv Reaktiv
Thema Nutzungs-
Medien intensität

Wirkungs-
annahme Interaktiv Kognition

Wahr-
Massen- Darstel- Nutzungs- nehmung Positiv Reaktiv Emotion
medien lungsart intention

Anpassung

Abb. 8: Modell indirekter reziproker Effekte: Abhängige Variablen (nach


Kepplinger, 2010, S. 146)

4.4.3.1 Wirkungen: intentional

Proaktive Verhaltensweisen: Im Zuge der technischen Entwicklung der letzten


100-150 Jahre hat sich die politische und wirtschaftliche Machtbalance zumindest
teilweise in Richtung der Medien verlagert (Kepplinger, 2010, S. 143). Als Reak-
tion auf diese Machtverlagerung haben sich politische, wirtschaftliche und gesell-
schaftliche Akteure der Logik des Mediensystems angepasst, um sich durch be-
stimmte Inszenierungsweisen möglichst vorteilhaft in den Medien darzustellen.
Dieser Prozess, in dem auch reziproke Effekte zu verorten sind, wird in der Lite-
ratur mit dem Begriff Mediatisierung bezeichnet. Hierbei werden zumeist zwei
Strategien verfolgt: Es wird entweder versucht, positive Berichterstattung herbei-
zuführen, oder negative Berichterstattung zu vermeiden. Dies kann so weit gehen,
dass bestimmte Ereignisse inszeniert werden, die ohne die Präsenz von Medien
nicht stattfinden würden, oder dass bestimmte politische Entscheidungen gefällt
werden, die ohne den Druck, den eine negative Berichterstattung erzeugt, nicht
getroffen würden (ebd.). Im Kontext der rechtsextremen Szene könnte (analog zur
vermuteten emotionalen Verarbeitung) eine negative Darstellung erwünscht sein
Theoretische Grundlage der Untersuchung 57

und damit unter Umständen zu Ereignissen führen, die eine Negativberichterstat-


tung evozieren sollen. Daschmann (2007, S. 200) verweist in diesem Zusammen-
hang auf die Impression-Management-Theorie, die das psychologische Bedürfnis
von Individuen beschreibt, deren Außenwirkung zu kontrollieren und zu beein-
flussen. Dabei wird eine Selbstdarstellung angestrebt, die mit der Idealvorstellung
der eigenen Person möglichst konsonant ist. Sollte tatsächlich eine Negativdarstel-
lung, die Rechtsextreme als systemfeindlich zeichnet, erwünscht sein, so wäre es
denkbar, dass Gewaltverbrechen verübt werden, die das explizite Ziel verfolgen,
Medienaufmerksamkeit zu generieren.
Interaktive Verhaltensweisen: Findet ein direktes Gespräch zwischen Prota-
gonisten der Berichterstattung und Journalisten statt, so beeinflussen sich die Ge-
sprächsteilnehmer immer wechselseitig. Dies drückt sich sowohl in der Art des
Gesprächsverlaufs als auch in der Mimik und Gestik der Teilnehmer aus. Als ent-
scheidende Faktoren der Beeinflussung nennt Kepplinger (2010, S. 143) das Rol-
lenverständnis und die Interessenlage der Akteure, aber auch deren Vorstellung
vom jeweiligen Gegenüber. Situationen, in denen eine solche wechselseitige Be-
einflussung von Dritten beobachtet werden kann, sind beispielsweise Fernsehin-
terviews oder Talkshows. So verhalten sich Journalisten und Politiker im Ge-
spräch unterschiedlich, je nachdem, ob sie demselben politischen Lager angehören
oder nicht. Auch Publikumsreaktionen und das Vorhandensein von Aufnahme-
technik kann eine Beeinflussung von beiden Gesprächspartnern bedingen (ebd.).
Ob diese Variable in der vorliegenden Studie zum Tragen kommt, ist fraglich. So
ist es unwahrscheinlich, dass Anhänger der rechten Szene aktiv persönlichen Kon-
takt zu Journalisten suchen, die für ein System arbeiten, das nicht szenekonform
ist (Widmann, 2001, S. 153). Eher ist zu vermuten, dass Berichte über Rechtsext-
reme diese kollektiv abbilden, beispielsweise auf Demonstrationen oder Protest-
märschen. Dennoch soll diese Variable zunächst im Modell bleiben, um dem Pa-
radigma der Offenheit gerecht zu werden und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen.
Reaktive Verhaltensweisen: Laut Kepplinger (2010, S. 143f) wird nach einer
positiven Berichterstattung über die eigene Person häufig versucht, die entstan-
dene Popularität und Bekanntheit zu verstärken beziehungsweise von ihr zu pro-
fitieren. Werden beispielsweise bestimmte Produkte in den Medien positiv bewer-
tet, so können von den entsprechenden Unternehmen gezielt zusätzliche Werbe-
maßnahmen in die Wege geleitet werden, um diesen positiven Eindruck zu unter-
stützen. Komplexer gestalten sich die Reaktionen der Protagonisten auf negative
Berichterstattung. Sie können entweder versuchen, die negative Darstellung öf-
fentlich zu revidieren, oder darauf hoffen, dass die negative Berichterstattung bald
vergessen und die öffentliche Meinung dadurch nicht negativ geprägt wird (ebd.).
Auch im Bereich der reaktiven Wirkungen kann auf das Verhaltensrepertoire des
58 Theoretische Grundlage der Untersuchung

Impression-Managements, auf das Daschmann (2007, S. 200) verweist, zurückge-


griffen werden. So wird auf Negativberichterstattung beispielweise durch Leug-
nen oder Uminterpretieren der Inhalte reagiert. Der Annahme folgend, dass
Rechtsextreme auch eine negative Berichterstattung zu ihren Gunsten umdeuten
würden (Widmann, 2001, S. 153), kann auch hier eine Umkehrung der Verhal-
tensweisen angenommen werden. So ist nicht zwingend zu vermuten, dass eine
Negativdarstellung zu revidieren versucht wird. Im Gegenteil könnte ein bestäti-
gende Berichterstattung evozierendes Verhalten zum Tragen kommen, beispiels-
weise indem die Kritik der Berichterstattung in der Selbstinszenierung aufgegrif-
fen und reproduziert wird. Im Bereich der intentional reaktiven Effekte soll außer-
dem ermittelt werden, inwiefern das Eskalationsmodell nach Brosius & Esser
(2002) innerhalb der rechten Szene Anwendung finden kann. Wird auf Berichter-
stattung über rechtsextreme Gewalt mit entsprechenden Nachahmungstaten rea-
giert und welche Aspekte in der Berichterstattung können eine Nachahmung be-
günstigen beziehungsweise deren Wahrscheinlichkeit verringern?

4.4.3.2 Wirkungen: non-intentional

Die Einteilung der abhängigen Variablen nach Kepplinger (2010, S. 142ff) soll für
diese Arbeit eine Erweiterung erfahren. So unterscheidet Kepplinger zwischen
pro-aktiven, inter-aktiven und re-aktiven Effekten, die sich aber alle darauf bezie-
hen, dass die Protagonisten durch ihre Reaktion eine Beeinflussung weiterführen-
der Berichterstattung intendieren – Reaktionen auf die Berichterstattung, die sich
nicht nach einer Beeinflussung derselben ausrichten, erwähnt Kepplinger (ebd., S.
138) zwar, allerdings finden sie keine explizite Beachtung in seinem Modell. Vor
allem für den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit bildet diese Nichtbeachtung
eine Schwachstelle. So ist anzunehmen, dass Anhänger der rechten Szene sich
durch Berichterstattung über dieselbe zwar persönlich betroffen fühlen und sie un-
ter Umständen auch ihre Einstellungen beziehungsweise ihr Verhalten ändern,
aber auch, dass sie dadurch nicht zwingend Medienaufmerksamkeit herbeizufüh-
ren versuchen, da sie sich selbst nicht direkt als Personen des öffentlichen Lebens
wahrnehmen. Aufgrund des großen Medieninteresses an der Szene können diese
Reaktionen auf Berichterstattung allerdings wiederum non-intentional reziprok
wirken und Ausgangspunkt neuer Berichterstattung werden. So wäre es beispiels-
weise denkbar, dass ein Bericht über Opfer rechtsextremer Gewaltverbrechen zu
einem Ausstieg aus der Szene führen kann, der zwar keine Medienaufmerksamkeit
intendiert, aber beispielsweise durch ein Interview nach dem Ausstieg zum Ge-
genstand von neuer Berichterstattung werden kann. Deshalb soll für diese Unter-
suchung unterschieden werden zwischen jenen Verhaltensweisen, die sich explizit
Theoretische Grundlage der Untersuchung 59

auf weitergehende Berichterstattung beziehen, und jenen, die als reine Medien-
wirkungen auf die Berichterstattung anzusehen sind, ohne dass weitere Berichter-
stattung intendiert wird. Letztere sollen im Modell als non-intentional-reaktiv be-
zeichnet werden. Auch die als Wirkungskategorien eingeordneten Emotionen und
Kognitionen werden den non-intentionalen Variablen zugeordnet, da eine Medi-
enwirkung, die in keine Verhaltensänderung mündet, in der logischen Folge auch
keine Beeinflussung weiterführender Berichterstattung zum Ziel haben kann.
Aus Gründen der Vollständigkeit soll erwähnt werden, dass sowohl proak-
tive, als auch inter- und reaktive Effekte indirekte Effekte mit sich ziehen können.
Unter indirekten Effekten versteht Kepplinger (ebd., 144f) jene Reaktionen, die
aufgrund öffentlichen Drucks infolge der Berichterstattung hervorgerufen werden.
Er lässt diese in seinem Modell allerdings weitgehend unbeachtet und weist darauf
hin, dass indirekte Effekte nur schwer ursächlich auf die Berichterstattung zurück-
zuführen und damit kaum greifbar sind. In dieser Arbeit sollen sekundäre Effekte
deshalb außen vor gelassen werden – es erscheint zudem unwahrscheinlich, dass
Szenemitglieder, die zum Großteil kein politisches Amt oder Ähnliches innehaben
und für einen Umsturz der bestehenden Ordnung einstehen, sich einem öffentli-
chen Handlungsdruck ausgesetzt sehen.
Die in diesem Abschnitt erläuterten Variablen sollen im empirischen Teil in
ein Kategoriensystem überführt werden, das zur systematischen Bearbeitung des
Interviewmaterials dienen soll. Die Hauptkategorien werden hierbei durch die ana-
lytische Trennung von Ursache, Verarbeitung und Wirkungen beschrieben, wäh-
rend die Unterkategorien durch die einzelnen Variablen gebildet werden, die den
jeweiligen Prozessschritten des Modells zugeordnet sind.
5 Methodisches Vorgehen

5.1 Erhebungsmethode: Experteninterviews

Da mit dieser Studie ein Forschungsfeld explorativ erschlossen werden soll, legt
die Literatur ein qualitatives Verfahren nahe (Glogner-Pilz, 2012, S. 63). Ein ver-
stehender Zugang bietet sich auch deshalb an, weil nach Ursachen und Gründen
für die Einschätzungen der Befragten gesucht wird. Um der Beantwortung der
Forschungsfragen näher zu kommen, sollen deshalb halbstandardisierte, problem-
zentrierte Experteninterviews mit Aussteigern aus der rechten Szene durchgeführt
werden. Die Befragung orientiert sich an einem vorher erstellten Leitfaden, der
(dem Paradigma der Offenheit folgend) Spielraum für den Ablauf und die Formu-
lierung der Fragestellungen lässt (Hopf, 2008, S. 351). Auf Basis des im Punkt 4.4
beschriebenen Modells wurde ein Fragekatalog abgeleitet, der dem Anhang (10.1)
entnommen werden kann. Entsprechend dem Forschungsinteresse dieser Untersu-
chung wurden die Fragen in vier Blöcke eingeteilt, deren Antworten wiederum in
die aus dem Modell reziproker Effekte abgeleiteten Kategorien eingeordnet wer-
den sollen:
1. Welche Rolle spielen Medien in der Szene?
2. Welche Rolle spielen unterschiedliche Medienthemen und deren Darstel-
lungen?
3. Wie gestaltet sich die mediale Selbstinszenierung der rechten Szene?
4. Welche Rolle spielen Medien beim Ausstieg?

Als Teilnehmer der Untersuchung wurden bewusst Aussteiger aus der rechten
Szene ausgewählt und keine aktiven Mitglieder. Grund hierfür ist die Annahme,
dass eine unverzerrte Befragung mit aktiven Szenemitgliedern nur schwer umsetz-
bar wäre. So ist zum einen zu vermuten, dass diese sich gegenüber einer Befragung
komplett verweigern oder verzerrt antworten würden. Auch ist es unwahrschein-
lich, dass eine angemessene Reflexion über das eigene Verhalten und das der an-
deren Szenemitglieder stattfinden kann, solange die befragte Person der rechtsext-

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016


K. Neumann und P. Baugut, Neonazis im Scheinwerferlicht der Medien,
DOI 10.1007/978-3-658-14251-3_5
62 0HWKRGLVFKHV9RUJHKHQ

remen Ideologie verhaftet ist und szenekonform argumentieren will beziehungs-


weise muss. Deshalb wird angenommen, dass Aussteiger am ehesten dazu in der
Lage sind, einen Beitrag zur Beantwortung der Forschungsfragen zu leisten. So
waren diese selbst in der Szene aktiv, können ihre eigenen Reaktionen sowie die
anderer Szenemitglieder reflektiert einschätzen und somit als Experten für das
Themengebiet fungieren, denn: „Als Experte wird angesprochen, […] wer über
einen privilegierten Zugang zu Informationen über Personengruppen oder Ent-
scheidungsprozesse verfügt“ (Meuser & Nagel, 1991, S. 442). Es ist zu betonen,
dass die Befragten dieser Arbeit innerhalb der Szene hochrangige Positionen ein-
genommen haben (Kameradschaftsführer, Liedermacher etc.) und zum Teil eine
hohe Bildung aufweisen. Die Befragung solcher ehemaliger Funktionäre ist gerade
deshalb von großer Relevanz, weil diese entscheidend zur politischen Ausrichtung
der Szene beigetragen haben und weil die intellektuelle Elite der rechten Szene
sowohl in den Medien als auch in der Wissenschaft größtenteils ausgeblendet und
unterschätzt wird – was gerade angesichts der szeneinternen Wichtigkeit dieser
Personengruppe hochproblematisch erscheint und in der Öffentlichkeit ein fal-
sches Bild von der Szene zeichnet (Wichmann, F., persönliche Kommunikation,
02.05.2014). Außerdem ist zu betonen, dass das Wissen der Befragten einen ex-
klusiven Einblick in die Dynamiken der Szene bietet. So ist davon auszugehen,
dass lediglich die Führungskader Zugang zu bestimmten strategischen Informati-
onen haben, wobei aktive Mitglieder diese natürlich nicht der Öffentlichkeit Preis
geben würden. Demnach bietet das Sampling dieser Arbeit einen authentischen
und exklusiven Zugang zum Forschungsfeld der rechtsextremen Szene. Der Kon-
takt mit den Untersuchungsteilnehmern wird über das Institute for the Study of
Radical Movement (ISRM) in Berlin hergestellt, welches eng mit EXIT-Deutsch-
land zusammenarbeitet – einer bundesweiten Institution, die Mitglieder aus der
rechten Szene beim Ausstieg unterstützt. Laut ISRM sind fünf bis acht potenzielle
Untersuchungsteilnehmer verfügbar, was als Stichprobengröße angestrebt wird.

5.2 Auswertungsmethode: Inhaltliche Strukturierung

Die Auswertung der transkribierten Interviews soll mithilfe einer qualitativen In-
haltsanalyse erfolgen. Zurückgegriffen werden soll hierbei auf die inhaltliche
Strukturierung, deren Ziel es ist, bestimmte Themen und Aspekte aus dem Text-
material herauszufiltern und zusammenzufassen (Mayring, 2010, S. 98f). Auf wel-
che Inhalte der Fokus gelegt werden soll, wird mithilfe eines deduktiv aus den
theoretischen Vorüberlegungen abgeleiteten Kategoriensystems festgelegt (siehe
10.2). Auf Basis der erhobenen Daten soll im Anschluss eine induktive Erweite-
Methodisches Vorgehen 63

rung des Kategoriensystems folgen. Durch eine zweite Reduktion der zusammen-
gefassten Interviews soll ein komprimierter, problemorientierter Textkorpus ent-
stehen, der eine systematisierte Beantwortung der Forschungsfragen möglich
macht.
Um den Forschungsprozess nachvollziehbar zu machen, wird zunächst die
Methode vorgestellt und auf den Untersuchungsgegenstand angewandt werden.
Mayring (2010) legt verschiedene Schritte für die inhaltliche Strukturierung fest,
die dem Forschungsgegenstand entsprechend leicht modifiziert wurden:
1. Bestimmung der Analyseeinheiten: In einem ersten Schritt sollen die Ana-
lyseeinheiten (Auswertungseinheit, Kodiereinheit, Kontexteinheit) festgelegt und
damit bestimmt werden, welche Abschnitte des Textes für die inhaltliche Zusam-
menfassung relevant sind. In diesem Kontext sollen alle Textabschnitte analysiert
werden, welche Erfahrungen mit Medien oder deren Wirkungen in der rechten
Szene beinhalten – diese bilden demnach die Auswertungseinheiten. Als kleinste
auszuwertende Texteinheit, also als Kodiereinheit, wird ein einzelner Satz festge-
legt. Die größte Sinneinheit, die unter eine Kategorie fallen kann, also die Kon-
texteinheit, soll ein bis drei komplette Antwortabschnitte umfassen.
2. Festlegung der inhaltlichen Hauptkategorien: Im nächsten Schritt sollen
die inhaltlichen Hauptkategorien von der Hauptfragestellung ausgehend deduktiv
abgeleitet werden. Die Hauptfragestellung dieser Arbeit lautet: Kann mediale Auf-
merksamkeit für Rechtsextremismus gesellschaftlichen Schaden anrichten, indem
Rechtsextreme in ihrer Ideologie bestärkt werden? Falls ja, inwiefern?
Dementsprechend soll das Material in Input (Ursache), Throughput (Verar-
beitung) und Output (Wirkung) der Rezeption von Medienberichten über rechts-
extreme Themen eingeteilt werden – in Anlehnung an das Modell reziproker Ef-
fekte nach Kepplinger (2010, S. 146).
3. Festlegung der inhaltlichen Subkategorien (Ausprägungen): Der dritte
Schritt legt fest, welche Textbestandteile unter die jeweiligen Hauptkategorien fal-
len. Auch diese Subkategorien werden deduktiv aus der Theorie abgeleitet. Für
den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit sollen auf Basis des modifizierten
Modells folgende Subkategorien gelten:
Input: Unter diese Hauptkategorie fallen Textbestandteile, welche die Art des
Mediums (intern vs. extern) oder die Art des Inhaltes (Thema, Darstellungsart)
beschreiben.
Throughput: Diese Kategorie soll eingeteilt werden in die spezifische Auf-
merksamkeit (Nutzungsintention und -intensität) des befragten Akteurs hinsicht-
lich der Berichterstattung und in dessen emotionale (positiv vs. negativ) und kog-
nitive (Bewertung, Wirkungsvermutung, Wahrnehmung, Anpassung) Verarbei-
tungsprozesse.
64 0HWKRGLVFKHV9RUJHKHQ

Output: Die dritte Kategorie beschreibt die Wirkung der Berichterstattung und soll
in die Kategorien intentional und non-intentional eingeteilt werden. Die Subkate-
gorie intentional beschreibt hierbei alle Verhaltensweisen (pro-aktiv, inter-aktiv
und re-aktiv), die in der Folge vorangehender Berichterstattung eine Weiterfüh-
rung derselben intendieren. Hierunter fallen also beispielsweise Formen der me-
dialen Selbstinszenierung. Die Kategorie non-intentional hingegen beschreibt Fol-
gen der Berichterstattung, die sich zwar in veränderten Einstellungen (emotional,
kognitiv) oder verändertem Verhalten (re-aktiv) äußern, aber nicht zum Ziel ha-
ben, weiterführende Berichterstattung zu evozieren – wenngleich der Fokus der
medialen Aufmerksamkeit auf der Szene liegt und somit eine Verhaltensänderung
automatisch eine weiterführende Berichterstattung zur Folge haben kann. Wenn
eine Auswertungseinheit in mehrere Kategorien passt, so soll dieser Textabschnitt
in all diesen Kategorien aufgeführt werden. Dieses Vorgehen erscheint sinnvoll in
Anbetracht der Tatsache, dass die strikte Trennung zwischen Verarbeitungs- und
Wirkprozessen nur analytischen Charakter haben kann. In der anschließenden Er-
gebnisaufbereitung sollen die Paraphrasen dann je nach Kategorienschwerpunkt
interpretiert werden.
4. Formulierung von Definitionen, Ankerbeispielen und Kodierregeln: Im
vierten Schritt wird festgelegt, wie die einzelnen Haupt- und Subkategorien durch
Definitionen, Ankerbeispiele und Kodierregeln zu beschreiben sind. Eine genaue
Explikation der deduktiv abgeleiteten Kategorien findet sich unter dem Punkt 4.4,
in dem die dem Forschungsgegenstand angemessene Modifizierung des Modells
nach Kepplinger (ebd.) beschrieben wird.
5. Fundstellenbezeichnung: Im Anschluss an die Formulierung des Kodier-
leitfadens soll das als Auswertungseinheit bewertete Material markiert und durch-
nummeriert werden. Im Anhang findet sich der Materialdurchlauf mit der
Fundstellenbezeichnung S1, S2, S3 usw. pro Auswertungseinheit.
6. Bearbeitung der Fundstellen: Der folgende Schritt sieht die Bearbeitung
der Fundstellen vor. Hierfür werden zunächst die auszuwertenden Textbestand-
teile in Form von Paraphrasen zur Ergebnisaufbereitung festgehalten. Da in dieser
Arbeit ein deduktiv aus der Theorie abgeleitetes Kategoriensystem der Auswer-
tung zugrunde liegt, werden anschließend die Paraphrasen den jeweiligen Katego-
rien zugeordnet. Mayring (2010, S. 108) sieht für die Fundstellenbearbeitung mit
deduktiven Kategorien für jede Fundstelle eine kurze Begründung vor. Allerdings
merkt er an, dass diese bei größeren Datenmengen nicht mehr möglich ist – was
auch für diese Arbeit gilt.
7. Induktive Überarbeitung des Kategoriensystems: Im siebten Schritt erfolgt
eine induktive Überarbeitung des Kategoriensystems. Es können sinnvolle Kate-
gorien hinzugefügt, weniger sinnvolle gestrichen werden. Dieser Prozess soll im
Methodisches Vorgehen 65

Kapitel 5.3 nachvollziehbar gemacht werden. Ein erneuter Materialdurchlauf mit


dem überarbeiteten Kodierleitfaden erfolgt daraufhin.
8. Ergebnisaufbereitung: Anschließend an den zweiten Materialdurchlauf
wird das paraphrasierte Material zunächst pro Subkategorie, anschließend pro
Hauptkategorie zusammengefasst. Hierbei wird den Regeln der Zusammenfas-
sung nach Mayring (2010, S. 67ff) gefolgt. Demnach sollen die Paraphrasen zu-
nächst auf ein einheitliches Abstraktionsniveau gebracht (Generalisierung) und
anschließend so lange reduziert werden, bis ein Textkorpus entsteht, der den Ur-
sprungstext hinsichtlich der Fragstellung widerspiegelt. Da davon auszugehen ist,
dass die Aussagen der Untersuchungsteilnehmer sich auf sehr spezifische Phäno-
mene beziehen, soll für diese Arbeit die Paraphrasierung mit der Generalisierung
zusammenfallen. So soll versucht werden, alle Fundstellen auf einem möglichst
einheitlichen Abstraktionsniveau zusammenzufassen, ohne dabei Gefahr zu lau-
fen, durch eine ,erzwungene‘ Generalisierung Phänomene zu verzerren, die nur
für einen spezifischen Kontext Gültigkeit besitzen. Die Sortierung der Paraphra-
sen nach den jeweiligen Kategorien kann für jedes Interview unter Reduktion 1
dem Anhang entnommen werden. In der Reduktion 2 werden alle zusammenge-
fassten Interviews in einem Textkorpus komprimiert und in die jeweiligen Kate-
gorien eingeordnet. Die Ergebnisse sollen anschließend interpretiert und in Aus-
sagen überführt werden, welche die wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit zusam-
menfassen und für weiterführende Forschung genutzt werden können.
Es bleibt zusammenzufassen, dass die Unterscheidung des Modells nach
Kepplinger (ebd.) zwischen Ursache, Verarbeitung und Wirkung und den jeweils
zugeordneten Variablen für den empirischen Teil der Studie zentral ist. So sollen
diese die Haupt- und Subkategorien des Kodierleitfadens bilden, mithilfe dessen
das Material systematisch ausgewertet werden soll. Der Leitfaden kann dem An-
hang entnommen werden (10.2), eine Beschreibung der induktiven Kategorien-
überarbeitung soll im nächsten Abschnitt folgen. Obwohl diese ein Teilergebnis
der Arbeit darstellt, soll sie doch aus Gründen der Übersichtlichkeit in der Metho-
denbeschreibung verortet werden – schließlich wurde das induktiv überarbeitete
Kategoriensystem zur Datenauswertung genutzt.

5.3 Induktive Modellmodifikation

Nach einem ersten Materialdurchlauf wurde das Kategoriensystem validiert und


den erhobenen Daten angepasst. Die Kategorien wurden vor Beginn der Untersu-
chung in Anlehnung an das Modell reziproker Effekte nach Kepplinger (2010, S.
146) abgeleitet und sollen nach der induktiven Überarbeitung mit den Variablen
66 0HWKRGLVFKHV9RUJHKHQ

des Basismodells abgeglichen werden. Dieses wurde vor Beginn der Untersu-
chung dem Untersuchungsgegenstand entsprechend modifiziert und erweitert
(siehe 4.4). Die Modelländerung (und damit das Kategoriensystem) erwies sich
zum Großteil als valide für indirekte reziproke Medieneffekte innerhalb der rechts-
extremen Subkultur, so konnten mithilfe der Kategorie non-intentional reaktive
Wirkungen jene Effekte beschrieben werden, die zwar durch Berichterstattung
herbeigeführt werden und weiterführende Medienberichte bedingen können, diese
aber nicht bewusst intendieren, da nicht alle Gruppenmitglieder sich explizit als
Personen des öffentlichen Lebens begreifen. Auch die Zuordnung der Kategorie
Darstellung zu den unabhängigen Variablen erwies sich als gewinnbringend und
trug zu einer klareren Trennung zwischen ursächlicher Berichterstattung und
intrinsischen Verarbeitungsprozessen bei. Das Modell musste allerdings auch an
einigen Stellen geändert werden. So erwiesen sich die Kategorien Emotion und
Kognition im Bereich der Wirkungen als nicht sinnvoll. Die Annahme, zwischen
jenen Prozessen unterscheiden zu können, die in Verhalten münden und jenen, die
nur intrinsisch ablaufen, konnte nicht gehalten werden. So war es im Rahmen die-
ser Befragung nicht möglich, zu extrahieren, in welchen Fällen Verarbeitungspro-
zesse eine Verhaltensänderung nach sich zogen und wann sich nur der emotionale
oder kognitive Zustand des Befragten änderte. Dies hatte nicht zwingend etwas
mit dem Reflexionsniveau der Untersuchungsteilnehmer zu tun, sondern vielmehr
mit der Tatsache, dass sich kein generelles Muster erkennen lässt, das eine solche
Unterscheidung rechtfertigt. Die intervenierende Variable Anpassung musste au-
ßerdem gestrichen werden, da keiner der Befragten von einem erhöhten Konfor-
mitätsdruck infolge einer zur eigenen Einstellung konträren öffentlichen Meinung
berichtete. Im Modell wird die Variable demnach nicht mehr aufgeführt, in der
Interpretation wird jedoch unter dem Punkt Anpassung nach Gründen dafür ge-
sucht, wieso dieser Prozess innerhalb der Szene nicht zu beobachten ist. Entspre-
chend ergibt sich ein induktiv modifiziertes Modell, das in der Abbildung 9 visu-
alisiert wird.
Neben dem Wegfall der drei genannten Kategorien, die entsprechend als Va-
riablen des Modells gestrichen werden mussten, wurde auch eine weitere Katego-
rie hinzugefügt: Es erschien sinnvoll, alle Empfehlungen an Journalisten, die von
den Befragten ausgesprochen wurden, in einer eigenständigen Kategorie (0) zu-
sammenzufassen. Da diese Empfehlungen zwar auf Basis der Erfahrungen in der
Szene ausgesprochen wurden, jedoch nicht dem Modell reziproker Medieneffekte
aktiver Szenemitglieder zugeordnet werden können, soll diese Kategorie zwar im
Kategoriensystem (siehe Kodierleitfaden) aufgeführt werden, aber zu keiner Mo-
difikation des Modells führen. So ist logischerweise nicht davon auszugehen, dass
journalistische Empfehlungen eine systematische Folge der Medienberichterstat-
tung über die rechte Szene sind.
Methodisches Vorgehen 67

Ursache: Verarbeitung: Wirkung:


Medien & Inhalt Aufmerksamkeit/Emotion/Kognition Entscheidungen & Folgen

Medien Inhalt Aufmerk- Kognition Emotion Intentional Non-


samkeit Intentional
Bewer-
Interne tungen Negativ Proaktiv Reaktiv
Thema Nutzungs-
Medien intensität

Wirkungs-
annahme Interaktiv Kognition

Wahr-
Massen- Darstel- Nutzungs- nehmung Positiv Reaktiv Emotion
medien lungsart intention

Anpassung

Abb. 9: Modell indirekter reziproker Effekte: Induktive Modelländerung (nach


Kepplinger, 2010, S. 146)

5.4 Interviewablauf

Insgesamt wurden sieben Interviews durchgeführt, wobei drei davon auf Wunsch
der Befragten per Skype realisiert wurden, eines per Telefon. Ein Interview fand
in Süddeutschland, zwei weitere in Ostdeutschland statt. Die Dauer der Interviews
variierte zwischen ca. einer und drei Stunden, wobei die in allen Fällen entspannte
Gesprächssituation dazu führte, dass auch Informationen ausgetauscht wurden, die
nicht spezifisch auf das Forschungsinteresse bezogen waren, sondern hauptsäch-
lich Hintergrundwissen über die Szeneideologie umfassten. Im ersten Interview
wurde relativ strikt die Reihenfolge des Leitfadens eingehalten, doch bei der Be-
fragung des zweiten Befragten wurde es erforderlich, die Reihenfolge des Leitfa-
dens flexibler zu gestalten, was auch bei den darauffolgenden Interviews so bei-
behalten wurde. Ein Grund hierfür war die Tatsache, dass den Befragten der Fra-
gebogen schon im Vorfeld zugeschickt wurde und entsprechend bei der Beantwor-
tung einer Frage häufig bereits auf einen weiteren Aspekt Bezug genommen
wurde. Dies führte zwar zu einer stringenten und in sich schlüssigen Argumenta-
tion der Befragten, erschwerte aber gleichzeitig die Datenerhebung insofern, als
dass darauf geachtet werden musste, dass die Gesprächsführung weiterhin durch
68 0HWKRGLVFKHV9RUJHKHQ

die Interviewerin realisiert wurde. Neben der Kenntnis des Fragebogens könnten
auch die ehemaligen Positionen der Befragten in der Szene hierfür ursächlich ge-
wesen sein. So handelte es sich bei sechs der sieben Untersuchungsteilnehmer um
Mitglieder der Führungsriegen, die sowohl rhetorisch als auch psychologisch ge-
schult wurden und über eine entsprechende Sprachkompetenz verfügten. Insge-
samt wiesen die Befragten durchgängig ein extrem hohes Reflexionsniveau und
ein tiefes Verständnis für die Materie auf. Die im Vorfeld gehegten Befürchtun-
gen, der Leitfaden könnte durch seinen fachbezogenen Fokus für Laien kognitiv
überfordernd wirken, erwiesen sich als unbegründet. So wurde beispielsweise auf
die Frage nach der Nutzung von Massenmedien die Gegenfrage gestellt: „Ist mit
Nutzung Rezeption oder Instrumentalisierung gemeint?“ (Fall B). Die Tatsache,
dass ein Großteil der Befragten sich mit dem Ausstieg an die Öffentlichkeit
wandte, dürfte wohl außerdem zu einer Interview-Erfahrung geführt haben, die
sich in dieser Befragung in Form von routinierten und ausführlichen Antworten
niederschlug.
Gerade hinsichtlich der rhetorischen Kompetenzen der Befragten drängt sich
die Frage auf, wie vertrauenswürdig diese als Quellen einzuschätzen sind. Es sei
hier noch einmal darauf verwiesen, dass das ISRM eng mit EXIT-Deutschland
zusammenarbeitet und alle Befragten bereits vor mehreren Jahren mithilfe der
Ausstiegsorganisation den Absprung aus der Szene geschafft haben, sich außer-
dem ein neues soziales Umfeld aufbauten und heute gewöhnlichen Tätigkeiten
nachgehen (Erzieher, Student, Rettungssanitäter etc.). Entsprechend wird ange-
nommen, dass die Aussagen der Befragten der Wahrheit entsprechen und deshalb
als valide Informationen über die Dynamiken in der rechten Szene angesehen wer-
den können. Im Kontext der „Wahrheit“ sei jedoch auf die Besonderheiten quali-
tativer Forschung verwiesen: Die Aussagen der Befragten können keine objektive
Realität abbilden, ist diese doch zwangsläufig immer ein Produkt subjektiver Kon-
struktionsprozesse (Bernhart, 2008, S. 74f). Aus diesem Grund sollen die Inter-
views auf Basis der jeweiligen persönlichen Hintergründe der Befragten interpre-
tiert werden, um verlässliche Einschätzungen über die Gültigkeit der Aussagen
treffen zu können. Deshalb wurde im Rahmen der Interviews mit abgefragt, wie
es zum Einstieg in die Szene kam, welche Aufgaben innerhalb der Szene ausge-
führt wurden und wie der Ausstiegsprozess verlief. Interpretationsrelevante Infor-
mationen, die in keinem direkten Zusammenhang mit dem medialen Forschungs-
schwerpunkt der Arbeit stehen, werden überblicksartig im folgenden Kapitel vor-
gestellt und in der darauffolgenden Interpretation berücksichtigt.
Methodisches Vorgehen 69

5.5 Die Befragten im Überblick

Befragt wurden sechs Männer und eine Frau. Ein Geschlechterverhältnis, das auf
die in der Szene insgesamt eher geringe Frauenquote zurückgeführt und auch mit
den rangniedrigeren Positionen von Frauen in der Szene begründet werden kann.
In Anbetracht der Tatsache, dass ein traditionelles Geschlechterrollenverständnis
in vielen Gruppen vorherrscht (Weißgerber, 2014), ist es nicht weiter verwunder-
lich, dass sich nur sehr wenige Frauen (wenn überhaupt) in Führungspositionen
befinden und auch entsprechend weniger weibliche Aussteigerinnen existieren.
Auffallend war außerdem, dass alle Befragten bereits in der frühen Jugend mit der
Szene in Berührung kamen und relativ durchgängig rechtsextreme Musik als ein
Grund für den Einstieg genannt wurde. Betont wurden außerdem immer wieder
die Pluralität der Szene und die Tatsache, dass von der ,Szene‘ an sich in der Praxis
nicht gesprochen werden kann. So unterscheiden sich Skinheadgruppen von auto-
nomen Nationalisten, Rechtspopulisten, Nationalbolschewisten oder völkisch ori-
entierten Gruppierungen. Die verschiedenen Gruppenzugehörigkeiten der Befrag-
ten machen eine kurze Abhandlung der jeweiligen Werdegänge sinnvoll, vor al-
lem, weil sich die einzelnen Gruppen je nach ideologischer Ausrichtung auch in
ihren politischen (und damit auch medial wirksamen) Agitationsformen und Zie-
len unterscheiden.
Im Folgenden werden deshalb alle sieben Befragten kurz einzeln vorgestellt,
wobei darauf Wert gelegt werden musste, ihre Anonymität so gut wie möglich zu
gewährleisten. Dies liegt zum einen daran, dass die meisten Szeneaussteiger mas-
siv von den ehemaligen Kameraden in der Szene bedroht werden und zum ande-
ren, dass in den Interviews teilweise Informationen preisgegeben wurden, die
strafrechtliche Konsequenzen für die Befragten nach sich ziehen könnten. Deshalb
werden die Befragten unter der Bezeichnung Fall/Befragter A-G aufgeführt, wo-
bei ein Befragter auf die Aufhebung der Anonymität bestand – dem Ziel folgend,
Öffentlichkeit und damit eine effektive Aufklärung über die rechte Szene zu er-
wirken. Unter der Chiffrierung Fall E wird im Folgenden der Befragte Christian
Ernst Weißgerber bezeichnet.
Fall A: Der erste Befragte stammt aus Süddeutschland und wurde im Rahmen
eines persönlichen Treffens befragt. Der Einstieg in die Szene wurde zum einen
damit begründet, dass im Heimatort des Befragten „immer schon“ Neonazis aktiv
waren und der entsprechende Zugang zur Szene demnach vorhanden war. Aus-
schlaggebend war außerdem die Tatsache, dass die Clique des Befragten Konflikte
mit der Polizei hatte und diese entsprechend als Feindbild geprägt wurde. Der ide-
ologische Einstieg in die Szene erfolgte dann durch in der Clique kursierende
rechtsextreme Musik und die Auseinandersetzung mit Szeneliteratur. Zunächst
70 0HWKRGLVFKHV9RUJHKHQ

schloss sich der Befragte einer Skinheadgruppe an, verließ diese jedoch bald wie-
der aufgrund der fehlenden politischen Ausrichtung. Nach der Festnahme mehre-
rer Führungskräfte seiner neuen Kameradschaft stieg der Befragte in der Hierar-
chie dieser Gruppe auf und wurde in den Führungskader aufgenommen. Daraufhin
entwickelte sich eine „Karriere“ als rechtsextremer Liedermacher, wodurch ver-
sucht wurde, die NS-Ideologie subtil zu implementieren. Nach Gründung einer
eigenen Kameradschaft zog der Befragte nach Mitteldeutschland, um dort die
Szene „voranzubringen“, musste allerdings nach szeneinternen Konflikten bald
wieder zurückkehren. Es folgte schließlich eine Inhaftierung, während derer der
Befragte Abschiebeflüchtlinge kennenlernte. Diese Begegnung und verschiedene
ideologische Zweifelsmomente führten letztendlich zum Ausstieg aus der Szene,
der im Jahr 2011 erfolgte.
Fall B: Der zweite Befragte stammt aus Mitteldeutschland und wurde auf
dessen Wunsch hin per Skype interviewt. Der Einstieg in die Szene erfolgte in
diesem Fall mit 15, wobei auch hier als Hauptgründe für den Einstieg die rechts-
politische Ausrichtung des sozialen Umfeldes und rechtsextreme Musik auf dem
Schulhof angegeben wurden. Die Aktivität in der Szene sollte dem politischen Ziel
dienen, die Gesellschaft positiv zu verändern und dauerte volle sieben Jahre. In
der Anfangszeit bezeichnete sich der Befragte selbst als „Mitläufer“, der schließ-
lich zum Kameradschaftsleiter aufstieg. Hauptaufgabe des Befragten war hierbei,
die „Leute zusammenzuhalten“ und sowohl bundes- als auch europaweite Vernet-
zungen der Szene voranzutreiben. Der Befragte zeichnete sich in den letzten Jah-
ren seiner Aktivität durch einen sehr intellektuellen Zugang zu der Ideologie aus
und verfolgte das Ziel, sich vom historischen Nationalsozialismus abzugrenzen
und stattdessen einer ethnopluralistischen Idee zu folgen. Die Tatsache, dass sich
die Gruppe autonomer Nationalisten4, die er schließlich leitete, in die gegenteilige
Richtung entwickelte, war ein Grund für den Ausstieg im Jahr 2010.
Fall C: Der dritte Befragte stammt aus Ostdeutschland und wurde im persön-
lichen Gespräch interviewt. Die ideologische Implementierung erfolgte bereits in
der Kindheit durch einen einflussreichen Großvater, der ihm das Dritte Reich ver-
herrlichend vermittelte. Hinzu kamen auch hier der Kontakt mit rechtsextremer
Musik auf dem Schulhof und die Begeisterung des Befragten für Fußball – so
knüpfte er im Stadion erste Kontakte mit Kameradschaftsmitgliedern. Bei diesen
losen Kontakten blieb es einige Jahre, wobei der ideologische Einstieg in dieser

4
Unter autonomen Nationalisten wird eine seit Mitte der 2000er Jahre agierende rechtsextreme Strö-
mung verstanden, welche vom Erscheinungsbild her nicht mehr als solche zu erkennen ist. Ästhetik
und Aktionsformen werden aus der linken Szene adaptiert, die rechtsideologische Ausrichtung dieser
Bewegung ist allerdings nicht gemäßigter, sondern orientiert sich in der Regel stark am Dritten Reich
(Bundeszentrale für politische Bildung, 25.07.2013).
Methodisches Vorgehen 71

Zeit vollzogen wurde – durch die Auseinandersetzung mit NS-Literatur und mas-
sive Probleme im sozialen Umfeld, die in eine subjektive Opferrolle mündeten.
Mit ca. 20 Jahren folgte der Einstieg in die organisierte Neonaziszene. Hier war
der Befragte für die Vernetzung zwischen einzelnen Gruppen und die Rekrutie-
rung neuer (vornehmlich jugendlicher) Mitglieder zuständig. Er war außerdem da-
ran beteiligt, neonazistische Internetauftritte zu erstellen und politische Foren zu
unterwandern. Seine politische Ausrichtung orientierte sich in seiner aktiven Zeit
zunächst stark an der NSDAP und wandelte sich im Laufe der Jahre in Richtung
national-revolutionär in Anlehnung an die Strasser-Brüder. Der Befragte war Mit-
gründer einer inzwischen verbotenen neonazistischen Kameradschaft. Der Aus-
stieg erfolgte 2005 nach 15 aktiven Szenejahren und wurde damit begründet, dass
die Ideologie zu wenig Spielraum für Individualität gegeben hätte.
Fall D: Der vierte Befragte stammt ebenfalls aus Ostdeutschland und auch er
wurde persönlich interviewt. Der Einstieg in die Szene erfolgte mit 14 durch einen
rechtsextremen Freundeskreis und auch in diesem Fall durch die Beschäftigung
mit rechter Musik. Sein Mitläuferdasein in der Szene entwickelte sich bis hin zur
stellvertretenden Leitung einer Gruppierung, deren Namen der Befragte nicht
nennt, die von der ideologischen Ausrichtung her aber ebenfalls im Bereich der
neonazistischen Kameradschaft zu verorten ist. Seine Aufgaben in der Szene um-
fassten die Organisation von Veranstaltungen und das Gestalten von Internetauf-
tritten. Der Ausstieg erfolgte schließlich durch ein „Outing“ der Antifa 5, welches
massive Drohungen und körperliche Übergriffe für den Befragten zur Folge hatte.
Fall E: Der fünfte Befragte, Christian Ernst Weißgerber, war in Südthüringen
aktiv und lebt aktuell in Berlin. Aus terminlichen Gründen wurde das Interview
via Skype durchgeführt. Den Einstieg in die Szene beschreibt Herr Weißgerber als
einen „langwierigen Prozess“, der ursprünglich durch seine Faszination für die
Geschichte des als „das radikale Böse“ beschriebenen Nationalsozialismus ausge-
löst wurde. Auch sein problematisches familiäres Umfeld und seine autoritäre Er-
ziehung trugen dazu bei, dass er mit der nationalsozialistischen Ideologie zu sym-
pathisieren begann. Der Zugang zur Szene erfolgte auch in Herrn Weißgerbers
Fall über rechtsextreme Musik, die über Freunde oder das Internet bezogen wurde.
Mit 15 begann schließlich die aktive Zeit in der Szene, wobei er zunächst mit 17
eine völkisch-nationalistische Jugendorganisation6 gründete. Nach einem Bruch

5
Unter „Outings“ wird die Veröffentlichung der Namen und Adressen von Funktionären der rechten
Szene durch die antifaschistische Szene verstanden. Diese Informationen werden beispielsweise via
Internet und Flugblätter verbreitet und/ oder gezielt an z. B. Arbeitgeber weitergegeben (Fall C).
6
Unter völkischen Gruppen werden alle Strömungen verstanden, die sich für den rassisch begründeten
Schutz ihrer Nation einsetzen. In Zusammenhang mit völkischen Gruppen wird häufig ein ethnoplura-
listisches Konzept propagiert: „Deutschland den Deutschen, die Türkei den Türken“ (Fall E).
72 0HWKRGLVFKHV9RUJHKHQ

mit der völkisch-nationalistischen Ideologie wandte er sich schließlich den auto-


nomen Nationalisten zu und leitete eine Gruppe dieser Strömung. Zu seinen Auf-
gaben gehörte vor allem ideologische Arbeit: Reden halten, Flugblätter verfassen,
Internetauftritte erstellen. Auch Herr Weißgerber verließ die Szene unter anderem
deshalb, weil die ideologische Entwicklung der Szene nicht mehr mit seinen eige-
nen politischen Einstellungen vereinbar war. Nach einem stillen Rückzug erfolgte
der öffentliche Bruch im Jahr 2011. Herr Weißgerber studiert heute Kulturwissen-
schaft im Master und wirkt an diversen Ausstiegsprojekten mit. Auch er zeichnet
sich durch einen sehr intellektuellen Zugang zur Thematik und ein extrem hohes
Reflexionsniveau aus.
Fall F: Der sechste Befragte stammt aus Mitteldeutschland und wurde per
Skype befragt. Der Einstieg in die Szene erfolgte zum einen aufgrund einer xeno-
phoben Haltung, die durch den hohen Ausländeranteil in seiner Heimatstadt und
schlechte Erfahrungen mit Ausländern erklärt wurde. Zum anderen gibt der Be-
fragte an, durch seinen Freundeskreis in die Szene hineingerutscht zu sein und auf
einer Veranstaltung gegen Linke mehrere hochrangige Personen aus der rechten
Szene kennen gelernt und diese „sympathisch“ gefunden zu haben. Im Jahr 2007
begann die aktive Zeit des Befragten in einer rechten Gruppierung, die sich zur
einen Hälfte aus autonomen Nationalisten und zur anderen Hälfte aus Skinheads
zusammensetzte und in engem Zusammenhang mit der NPD stand, teilweise sogar
über NPD-Funktionäre finanziert wurde7. Auch dieser Befragte stieg in der Hie-
rarchie bis zur Führungsriege auf und verrichtete ideologische Arbeit, z.B. in Form
von szeneinternen oder öffentlichen Reden. Der stille Rückzug aus der Szene er-
folgte 2010, weil sich der Befragte mit der hohen Gewaltbereitschaft der Szene
nicht identifizieren konnte und er nach einer Inhaftierung für sich entschieden
hatte, für die Szene nicht „seine Zukunft in den Sand“ zu setzen.
Fall G: Die letzte (per Telefon befragte) Untersuchungsteilnehmerin ist die
einzige befragte Frau dieser Studie und stellt nicht nur in dieser Hinsicht einen
Sonderfall dar. So ist sie nicht wie die anderen Befragten in ihrer Jugend freiwillig
in die rechte Szene eingestiegen, sondern wurde in eine Familie hineingeboren,
die väterlicherseits durchweg rechtsextremen Strömungen angehörte beziehungs-
weise bis heute angehört. Als Kleinkind wurde die Befragte Mitglied der HDJ 8
und war bei entsprechend vielen Schulungen und pfadfinderartigen, völkisch-ide-
ologisch geprägten Lagern dabei. Mit 13 verließ sie die HDJ schließlich und

7
Das Verhältnis der freien Kameradschaftsszene zur NPD ist gespalten. Manche Gruppen arbeiten eng
mit der Partei zusammen, andere distanzieren sich von ihr, um nicht mit dem demokratisch wählbaren
Spektrum in Verbindung gebracht zu werden (Fall E; Fall F).
8
Die HDJ (Heimattreue Deutsche Jugend) war ein rechtsextremer deutscher Jugendverband in Anleh-
nung an die HJ im Dritten Reich. Seit 2009 ist die HDJ verboten (Fall G).
Methodisches Vorgehen 73

schloss sich der JN9 an. In dieser Zeit suchte sie auch Kontakte zur „cooleren“
freien radikalen Szene. Der Ausstieg aus der Szene erfolgte 2011 und ist durch
einen ideologischen Bruch und die Abgrenzung von ihrem Vater, der bis heute in
der Szene aktiv ist, zu begründen. Da die Befragte keine Führungsposition in der
Szene eingenommen hat, aber relevante Einblicke in dieselbe aus Sicht eines Kin-
des geben konnte, wurde der Fragebogen in diesem Fall leicht modifiziert und ein
Fokus auf die Mediensozialisation von Kindern in der Szene gelegt.
Nach der Vorstellung der Befragten sollen nun die Ergebnisse in der Reihen-
folge der Modellvariablen vorgestellt und auf Basis der persönlichen Hintergründe
der Befragten interpretiert und in Thesen überführt werden.

9
Die JN (Junge Nationaldemokraten) ist die offizielle Jugendorganisation der NPD (ebd.).
6 Ergebnisse

6.1 Interpretation: Ursache

Als Ausgangspunkt des Modells wurde die Berichterstattung festgelegt, welche


sich wiederum in verschiedene Mediengattungen (intern, extern) und -inhalte
(Thema, Darstellungsart) untergliedert. Es sei an dieser Stelle noch einmal darauf
hingewiesen, dass die Trennung von Ursache, Verarbeitung und Wirkung nur ana-
lytisch erfolgen kann und dass sich bei der Interpretation der Ergebnisse die ein-
zelnen Kategorien verschränken können.

6.1.1 Medium

Zu Beginn der Interviews wurde die szenespezifische Mediennutzung abgefragt.


Unterschieden wurde zwischen internen Szenemedien und externen Massenme-
dien, wobei vor allem die Glaubwürdigkeit und das Ansehen des jeweiligen Me-
diums relevant für die Stärke reziproker Effekte sind.

Interne Medien
Szenemedien erstrecken sich über alle Medienformen, die für die Szene „finanziell
zugänglich“ sind (Fall E, Stelle (S) 5). So werden rechtsextreme Zeitungen und
Bücher gedruckt und vor allem das Internet in unterschiedlichster Form genutzt
(Politische Foren, Homepages, Social Networks, Online TV- und Radiosender
etc.). Nach einem grundsätzlichen Überblick zur Funktion und zum Stellenwert
interner Medien soll auf die unterschiedlichen Angebote im Einzelnen eingegan-
gen werden.
Funktion und Stellenwert: Obwohl es eine große Anzahl journalistischer Sze-
nemedien gibt, existieren keine szeneinternen Journalisten, die im klassischen
Sinne vor Ort recherchieren. Stattdessen werden Inhalte in Massenmedien ver-
folgt, die anschließend szenekonform umgedeutet und interpretiert werden. So hält
der Befragte A fest: „Also die Leute, die da Pressearbeit, in Anführungszeichen,

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016


K. Neumann und P. Baugut, Neonazis im Scheinwerferlicht der Medien,
DOI 10.1007/978-3-658-14251-3_6
76 Ergebnisse

machen, die recherchieren natürlich bei etablierten Medien, weil sie selber nir-
gendwo hinfahren und sich einfach nur was durchlesen“ (S8). Zuständig für diese
journalistische Umdeutung sind einzelne Szenemitglieder in höheren Positionen,
die durch die verzerrten Informationen in den internen Medien verhindern wollen,
dass Basisaktivisten mit kritischen Argumenten der Massenmedien in Berührung
kommen. So ist laut Befragtem A das Ziel: „dass man das selber alles so verpackt
in den internen Medien. Also man hält sich dann selber für was Intelligenteres,
wenn man die externen Medien liest und man daraus das eben rausfiltert, was man
selber brauchen kann und das dann eben nochmal verpackt auf interne Medien
für die dümmeren Nazis, von denen es ja jede Menge gibt. Damit die eben auf die
internen Medien zurückgreifen können, damit die sich gar nicht großartig in den
externen Medien informieren müssen“ (S15). Die Nutzung interner Medien er-
scheint den Führungsriegen extrem wichtig, weil: „eine gewisse Hermetik des
Weltbildes nur dadurch aufrecht erhalten werden kann, wenn man sich von den
richtigen Nachrichten die Infos holt“ (Fall E, S10). Entsprechend unterscheidet
sich die Mediennutzung in der Szene in Abhängigkeit davon, auf welcher Hierar-
chiestufe ein Szenemitglied steht. Höhere Riegen kommen sowohl mit massenme-
dialen Inhalten als auch Szenemedien in Berührung, während Basisaktivisten eher
interne Medien nutzen. Neben der hierarchischen Stellung ist auch die generelle
Gruppenzugehörigkeit entscheidend für die Mediennutzung. So hält Befragter E
fest, dass völkische Gruppen lieber auf traditionelle Printmedien zurückgreifen,
weil diese als „deutscher“ angesehen werden. Dem Internet stehen völkische
Gruppen eher skeptisch gegenüber, benötigen es allerdings als „Sendemedium“
(S12). Bei Skinheadgruppen hingegen werden tendenziell weniger Printmedien
rezipiert, weil die Implementierung und Festigung der rechtsextremen Ideologie
hier eher über rechtsextreme Musik, Gespräche mit den Kameraden oder Diskus-
sionen im Internet abläuft. Die Mediennutzung autonomer Nationalisten hingegen
wird als sehr offen beschrieben, „weil der Punkt natürlich derjenige war: Einer-
seits Antifa- Strukturen, und damit auch Antifa-Medien zu kopieren und sozusagen
umzukehren. Und andererseits sollte das natürlich eine neue, junge Bewegung
sein und deshalb wäre es unsinnig gewesen, da irgendein Medium, vor allem ein
so wichtiges wie das Internet, auszuschließen“ (Fall E, S13).
Hinsichtlich der Glaubwürdigkeit interner Medien spalten sich die Meinun-
gen der Befragten. Einerseits wird postuliert, dass innerhalb der Szene bekannt ist,
dass die internen Informationen durch ihre übertrieben positiven Darstellungen der
Szeneaktivitäten nicht als „der ultimative Wahrheitsmaßstab“ angesehen werden
(Fall A, S81), andererseits „denkt man halt irgendwie: Warum sollten die eigenen
Leute einen anlügen“ (Fall F, S8)? Auffallend in diesem Zusammenhang ist au-
ßerdem die Tatsache, dass von mehreren Befragten angegeben wurde, dass beson-
ders abstruse Argumente in den internen Medien einfach ausgeblendet und der
Ergebnisse 77

Pluralität der Szene zugesprochen werden: „Na, das ist halt Hitlerismus, aber was
wir hier machen, das ist ja kein Hitlerismus. Sondern wir machen einen - hört,
hört! - einen nationalen Sozialismus“ (Fall E, S64). Demnach ist die Nutzung
interner Medien sowohl gruppenabhängig als auch inhaltlich selektiv. Die Plura-
lität der Szene dient bei der Einschätzung der Glaubwürdigkeit interner Informa-
tionen als Begründung für subjektiv absurde Argumente, die mit dem Verweis auf
die Ideologie anderer rechter Gruppen abgetan werden und somit die bereits ange-
sprochene Hermetik des rechten Weltbildes nicht berühren. Auch werden Absur-
ditäten relativiert durch gemeinsame Vorstellungen und Ziele: „Gut, aber das än-
dert ja nichts daran, dass das deutsche Volk stirbt […]. Das ist dann egal, ob
Hitler irgendwas Komisches im zweiten Buch von ,Mein Kampf‘ geschrieben hat,
über Pferde und Mohren. Das ist dann nicht mehr so wichtig“ (Fall E, S64). Dem-
nach dienen sowohl der Verweis auf die Pluralität der Szene als auch der Verweis
auf vereinende Elemente als Mittel, um die in den internen Medien vermittelte
ideologische Hermetik aufrecht zu erhalten.
Eine weitere Funktion der szeneinternen Medien findet sich in der Szeneide-
ologie selbst. So erklärt der Befragte B, dass das Ziel der rechten Szene darin be-
steht, eine vollkollektive Volksgemeinschaft zu bilden und das demokratische
System der BRD umzustürzen. Dieser Tag des Umbruches wird als Tag X be-
schrieben, auf den hingearbeitet wird. Es wird versucht, eine parallelgesellschaft-
liche Infrastruktur aufzubauen, um das alte System am Tag der Revolution voll-
ständig ersetzen zu können – zu dieser Infrastruktur gehören auch rechtsextreme
Medien, die gegen die heutigen „Systemmedien“ eingetauscht werden sollen:
„Also wenn man sich das so vorstellt, dieser Tag X […], an diesem möchte man
sozusagen das System komplett ersetzen können. Und das eben auch mit Medien
und sowas. Also was im Dritten Reich beispielsweise dann das neu erfundene Ra-
dio war damals, das man nutzen konnte, ist das jetzt das Internet, weil man da
viele Leute erreichen kann. […] somit kann man eben in breite Bevölkerungskreise
eindringen“ (Fall B, S41).
Es kann also festgehalten werden, dass interne Medien grundsätzlich dazu
dienen, die Hermetik des Weltbildes aufrecht zu erhalten und als Ersatzmedien für
die Zeit nach dem ,Systemzusammenbruch‘ fungieren sollen. Die Nutzung von
internen Medien ist grundsätzlich abhängig von der Gruppenzugehörigkeit und der
Hierarchiestufe der jeweiligen Szenemitglieder. Im Folgenden soll auf die einzel-
nen Mediengattungen binnen der Szene eingegangen werden.
Internet (interne Seiten): „Das Internet ist für Rechtsradikale das wichtigste
Medium, das überhaupt gemacht werden konnte. Wir haben damals Aktionen mit
zwanzigtausend Flugblättern gemacht. Das ist ein Witz dagegen, was eine Inter-
netseite kann, die gut gemacht wird“ (Fall B, S40). Rechtsextreme Gruppen be-
78 Ergebnisse

gannen Ende der 1990er Jahre, die Möglichkeiten des Internets für sich zu entde-
cken, was in der rechten Szene dazu führte, dass Printmedien enorm an Bedeutung
verloren (ebd.; Fall C, S29). Damals wurde das Internet als ein „gefühlt rechts-
freier Raum“ (Fall C, S4) empfunden, was auch heute noch für einige Rechtsext-
reme gilt. Um sich vor strafrechtlicher Verfolgung zu schützen, wurden Server in
den USA genutzt, was das Gefühl der Sicherheit im Netz noch verstärkte (ebd.).
Das bis vor zwei Jahren wichtigste und bekannteste Neonazi Forum, das Thiazi-
Forum, wurde trotz der scheinbaren Sicherheit im Jahr 2012 als „kriminelle Ver-
einigung“ verboten und 500 aktive Mitglieder dieses Forum angezeigt (Fall C,
S4f). Befragter D vermutet, dass die Szene seit diesem Vorfall insgesamt bedach-
ter vorgeht, was ihre Aktivitäten im Netz betrifft: „Ich denk mal schon, dass man
da vorsichtiger geworden ist. Oder es gibt ja allgemein auch Schulungen. Wie geh
ich im Internet mit Daten um? Wie verschlüssele ich passend meinen PC? Welche
Chatprogramme kann ich gefahrlos nutzen, ohne dass jemand mitlesen kann“
(ebd.)? Rechtsextreme Seiten wie das Thiazi-Forum oder das Infoportal Alterme
dia dienen als Informationsquellen, Austausch- und Informationsplattform oder
beispielsweise zur Nachbereitung von Demonstrationen. So werden Bilder von
Aktionen hochgeladen und offizielle Stellungnahmen der Szene verbreitet (Fall D,
S6). Der Befragte C (S27) beschreibt, dass die meisten rechtsextremen Foren für
alle Szenemitglieder zugänglich sind, dass allerdings auch Unterforen existieren,
auf die nur die Führungsriege Zugriff hat und in denen strafrechtlich relevante
Informationen auftauchen. Diese Foren dienen der Vernetzung verschiedener
Gruppen sowie dem Festlegen von Treffpunkten und dem Austausch von Anti-
Antifa-Infos10: „Da wurden halt dann von Journalisten, Polizisten auch Fotos hin-
gestellt mit einer Kommentarfunktion. Wer ist der und der? Taucht ständig auf,
nervt – Name, Adresse? Also alles wurde da ausgetauscht. Wenn du es wusstest,
hast du es hingeschrieben und verbreitet. Ähnlich auch diese Unterforen, was
Konzerte angeht. Die sind ja auch sehr konspirativ“ (Fall C, S28). Befragter D
gibt ebenfalls an, Zugriff auf derartige Unterforen gehabt zu haben und ergänzt,
dass auf diesen Seiten „Volksverhetzung in groben Massen“ ausgetauscht wird
(S8). Auch C spricht davon, dass dort „alles besprochen wurde, ungefiltert“ (S27).
Dieses Ergebnis deckt sich auch mit den Erkenntnissen der Studie von Köhler
(2012) – er kam zu dem Schluss, dass das Internet zum unzensierten ideologischen
Austausch genutzt wird. Im Falle des Thiazi-Forums blieb dieser nicht unbemerkt
und mündete sowohl in eine strafrechtliche Verfolgung der Mitglieder als auch in
eine Verstärkung der Präventivmaßnahmen der Szene in Form von Schulungen

10
Unter Anti-Antifa-Arbeit wird in der rechten Szene das Sammeln von (teilweise vertraulichen) In-
formationen über „Feinde“ der Szene bezeichnet; hierzu zählen Linke ebenso wie Journalisten, Poli-
zisten, Politiker, Staatsschützer usw. (Fall C).
Ergebnisse 79

und Verschlüsselungsprogrammen (Fall D, S49; Fall C, S28). Es finden sich je-


doch nicht nur Seiten, auf denen sich Mitglieder unterschiedlicher Gruppen aus-
tauschen können – einzelne Kameradschaften haben auch eigene Homepages. So
gibt D (S3) an, am Internetauftritt seiner Gruppe mitgewirkt zu haben und auch
der Befragte E verweist darauf, dass Neonazis Homepages nutzen, um ihre Ideo-
logie zu verbreiten (S10). Neben szeneübergreifenden Foren und gruppenspezifi-
schen Internetauftritten finden sich im Web auch rechtsextreme Radio- und Fern-
sehprogramme, wie beispielsweise die FSN-Medien11. Der Befragte B (S40) be-
tont in diesem Zusammenhang, dass versucht wird, Formate der Massenmedien
zu kopieren: „Also das ist explizit, die sehen auch aus wie klassische Nachrichten-
sendungen, außer dass halt […] statt irgendein ARD-Moderator ein Nazi dort
sitzt. Aber die sind im klassischen Format gehalten und […] repräsentieren einen
Ersatz für die Massenmedien“. Doch nicht nur TV- und Radioformate werden von
Rechtsextremen kopiert, sondern beispielsweise auch soziale Netzwerke. So
spricht Befragter C (S25) von einem „Nazi-Facebook“ und betont, dass die rechte
Szene erpicht darauf ist, alle klassischen Online-Angebote auch szeneintern anzu-
bieten. Ziel dieser Kopierprozesse ist es laut Fall E (S6), ein möglichst breites
Publikum zu erreichen und somit sowohl neue Mitglieder zu rekrutieren, als auch
die Ideologie zu reproduzieren und zu festigen. Wie Rechtsextreme mit Internet-
angeboten umgehen, die nicht spezifisch rechtsextrem geprägt sind, soll im Punkt
externe Medien behandelt werden.
Interne Zeitungen: Der Befragte C konstatiert, dass der szeneinterne Zei-
tungsmarkt sich analog zu massenmedialen Printangeboten in einer Krise befindet,
seit das Internet aktiv genutzt wird: „Naja, das ist ja generell das Problem der
Printmedien heutzutage. Ich mein früher, zu meiner Zeit, wo es das Internet noch
nicht gab, hatten wir natürlich diese kleinen Faltblättchen, das waren so die Aus-
tauschorgane. […] Heutzutage ist es einfach, die Möglichkeiten zu nutzen im In-
ternet. Man spart sich Druckkosten und die Möglichkeiten haben wir auch ge-
nutzt“ (S29). Die Relevanz von Printmedien scheint demnach tendenziell abge-
nommen zu haben, obwohl der Befragte E vermutet, dass stark völkisch orientierte
Gruppen wie die ehemalige HDJ aufgrund ihres Traditionsbewusstseins lieber auf
Printmedien als auf Onlinemedien zurückgreifen (S12). Dennoch empfindet Be-
fragter A interne Printmedien als erfolglos, da die hohe Fluktuationsrate in der
Szene die Durchführung erfolgreicher Projekte erschwere (S9) und die Medienan-
gebote in der Szene nicht angenommen und anerkannt würden (S81). Dieser Er-
kenntnis widerspricht die Tatsache, dass die Nationalzeitung mit knapp 40.000
Exemplaren eine enorm hohe Auflage im rechtsextremen Zeitungsspektrum hat
(Bundeszentrale für politische Bildung, 25.05.2007b). Auf die Nachfrage hin, wie

11
FSN-Medien (Frei, Sozial, National) umfassen Web-Radio und -TV-Programme (www.fsn-tv.de).
80 Ergebnisse

dieser Widerspruch zu erklären sei, antwortet Befragter A: „Ja, die Nationalzei-


tung ist wirklich tatsächlich sehr verbreitet, aber das lesen halt tatsächlich einfach
Rentner. Die Nationalzeitung spielt in der aktiven Szene selber überhaupt keine
Rolle. […] Die Nationalzeitung hat ein sehr breites Klientel, weil sie halt wirklich
viele Leute lesen, die dann am Ende doch die CSU wählen oder so“ (S10). Obwohl
keiner der Befragten ohne Nachfrage auf szeneinterne Printmedien eingeht, son-
dern der Fokus der Überlegungen in allen Fällen auf dem Internet liegt, äußert
beispielsweise Befragter B, dass die NPD im Lokalen und Regionalen immer mehr
Zeitungen veröffentlicht, weil es eine potenzielle Leserschaft in der Szene gibt
(S41). Befragter D betont, dass auch interne Printmedien in der Szene genutzt und
anerkannt werden (S6). Diese unterschiedlichen Einschätzungen der Befragten A
und D könnten der gruppenspezifischen Mediennutzung geschuldet sein, aller-
dings gehörten sowohl Befragter A also auch D der neonazistischen Kamerad-
schaftsszene an und dürften sich in ihrer Ausrichtung nicht allzu sehr unterschie-
den haben. Eine weitere mögliche Erklärung wäre, dass der szeneinterne Printzei-
tungsmarkt in Süddeutschland (Fall A) weniger erfolgreich ist als in Ostdeutsch-
land (Fall D). Eine Nachfrage bei Fabian Wichmann von EXIT Deutschland ergibt
allerdings, dass eine regionale Differenz im Zeitungsmarkt aufgrund der starken
Vernetzung in der Szene eher unwahrscheinlich ist. Ein genauerer Blick auf die
persönlichen Aufgaben in der Szene des Befragten A könnte Aufschluss darüber
geben, wieso dieser Printmedien als erfolglos und nicht anerkannt empfindet. So
war er selbst als Medienproduzent tätig und durchschaute entsprechend die mani-
pulativen Techniken der Medienproduktion: „Also ich hab schnell gemerkt, dass
die Hälfte davon Propaganda ist, was in diesen Medien steht. Das war mir auch
meistens klar, ich hab ja selber auch dann einen Blog gemacht gegen Polizeige-
walt, wo ich auch ganz gezielt halt ganz bestimmte Themen verdreht hab oder
auch so n bisschen beschönigt hab, damit man sie einfach propagandistisch nutzen
kann“ (S81). Es erscheint möglich, dass der Befragte A seine damalige Reflexion
auch auf andere Mitglieder projiziert hat oder aber mit anderen Medienmachern
zu tun hatte und deshalb eine dementsprechend abweichende Einschätzung äu-
ßerte. Es bleibt insgesamt festzuhalten, dass die Nutzung interner Zeitungen ge-
genüber der Internetnutzung eher marginal erscheint.
Rechtsextreme Musik: Bis auf die Befragten F und G gaben alle Interviewten
an, dass die Rezeption rechtsextremer Musik ein Grund für ihren Einstieg in die
Szene war und entweder über Freunde oder das Internet bezogen wurde. Der Ein-
stiegsprozess des Befragten A beschreibt diese Dynamik. So fühlte dieser sich be-
nachteiligt, da er und seine Clique in seinem Heimatort keinen Zugang zum Ju-
gendzentrum hatten, in dem Jugendliche mit Migrationshintergrund verkehrten.
Daraufhin folgten Konflikte mit der Polizei, die nicht wollte, dass sich die Clique
des Befragten A auf der Straße aufhielt. Durch seine Freunde geriet der Befragte
Ergebnisse 81

schließlich an rechtsextreme Musik, der ideologische Einstieg folgte: „In der Mu-
sik wird einem halt verkörpert, die Ausländer werden vom Staat auch gefördert
und so weiter und die deutschen Jugendlichen sitzen auf der Straße und der Staat
bekämpft dich. Da wurden die Jugendlichen im Jugendzentrum auf einmal zu Ka-
naken. Das hat man dann wirklich durch die Musik auch so angenommen“ (S1).
In seiner aktiven Zeit wurde Befragter A ein szeneweit bekannter Liedermacher,
der unter einem Künstlernamen durch Deutschland tourte und auch eigene CDs
veröffentlichte. Auf diese Weise wollte er Leute beeinflussen und die Ideologie
durch die Rekrutierung neuer Mitglieder voranbringen. Die Titel seiner CDs wur-
den absichtlich so gewählt, dass nicht sofort klar wird, um welche Form von Musik
es sich handelt – mit dem Ziel, einen subtilen Zugang zum Publikum zu eröffnen
(S6). Diese subversive Form der Ideologieimplementierung beschreiben auch an-
dere Befragte. So erzählt Fall D von seinen ersten Erfahrungen mit rechter Musik:
„Dann wurde mir auch Musik zugespielt und da hatte ich mir erst mal die ersten
Lieder auf Youtube angehört und da dachte ich mir so: ,Hm, hört sich ja gar nicht
so schlecht an, ganz ähnlich wie die Musik, die ich bis jetzt gehört hab, hören wir
mal weiter‘. Und so hab ich dann Stück für Stück mich in die rechte Musik verguckt
gehabt“ (S2). Der Befragte C, der selbst für die Rekrutierung und Politisierung
neuer Mitglieder zuständig war, beschreibt die Funktion rechtsextremer Musik aus
Sicht des Rekrutierenden: „Junge Leute lesen erstmal weniger ein Buch, sondern
beziehen sich erstmal auf Musik, filtern daraus die erste Ideologie oder erste po-
litische Ansichten und das wurde eigentlich sehr, sehr viel genutzt“ (S26). Die
ideologische Verblendung durch Musik kann so weit gehen, dass sich einzelne
Personen ihre „Weltanschauung aus Musiktexten zusammenschrauben“ (Fall E,
S63). Besonders gefährlich erscheint dem Befragten A hierbei die Tatsache, dass
in der Musik häufig auf den bereits erwähnten Tag X referiert wird, an dem das
jetzige System zusammenbrechen wird. In Bezug auf einschneidende Ereignisse
wie die NSU-Morde befürchtet er, dass die musikalische Referenz auf einen un-
bestimmten Tag der Revolution die Gewaltbereitschaft steigern kann: „Aber da ist
halt die Musik ganz fatal, weil die verkörpert jedem Einzelnen: ,Irgendwann geht’s
los, und dann müsst ihr alle‘. Und da war halt für viele wahrscheinlich der NSU
jetzt sowas, dass man sagt, die Revolution geht los, jetzt ist es soweit“ (S61).
Rechte Musik wird also zur Rekrutierung neuer Mitglieder und zur Implementie-
rung der Szeneideologie benutzt. Sie dient aber auch dazu, die Szene zusammen-
zuhalten und zu verbinden. So fungieren rechtsextreme Konzerte als konspirativer
Treffpunkt. Um vor Strafverfolgung geschützt zu sein, finden diese Konzerte häu-
fig im Ausland statt. Befragter C erzählt: „Das war ein Konzert um 1500, 2000
Leute. Im Ausland deshalb, weil dort halt die Bands spielen konnten und man vor
allen Dingen auch die Lieder hören konnte, die man hören wollte und Sieg heil
skandieren. […] man hat dort quasi alles rufen können, […] war alles möglich“
82 Ergebnisse

(S52). Der Befragte referiert auf den Journalisten Thomas Kuban, der über Jahre
hinweg undercover über rechtsextreme Konzerte berichtete und aus diesem Film-
material im Jahr 2012 eine Dokumentation („Blut muss fließen“) veröffentlichte.
Fall C macht deutlich, dass Konzerte für die Szene eine Art geschützten Raum für
die ungestörte Auslebung ihrer Ideologie darstellen. Wird dieser geschützte Raum
von außen gestört, reagieren die Konzertbesucher ungehalten: „Wenn der [Thomas
Kuben, d. Verf.] erwischt worden wäre, der wär tot. Das kann ich heute sagen,
den hätten sie ermurkst. […] Was war da passiert? Der ist quasi in eine Welt
eingedrungen, […] da hat kein anderer was reinzugucken, das ist was, das ist un-
ser Ding […]. Da deckt jemand ungefiltert was auf, was kein anderer sehen sollte“
(Fall C, S53).
In Bezug auf rechtsextreme Konzerte deckt Befragter B (S31) einen interes-
santen Zusammenhang auf. So wirft das internationale Geschäft mit rechtsextre-
mer Musik enorm viel Geld ab, von dem wiederum für ihre Gewaltbereitschaft
bekannte Gruppierungen wie das internationale neonazistische Netzwerk „Blood
and Honour“ finanziert werden. Rechtsextreme Musik ist also sowohl in ideolo-
gischer als auch in organisatorischer und finanzieller Hinsicht von enormer Be-
deutung für die Szene.
NS-Medien: Eine Gattung interner Medien, die im theoretischen Teil dieser
Arbeit nicht berücksichtigt wurde, sind die historischen Propaganda-Medien aus
der NS-Zeit. Mehrere Befragte berichten von ideologischen Schulungen, an denen
sie in ihrer aktiven Zeit teilgenommen haben und im Rahmen derer auch NS-Me-
dien rezipiert wurden. Da eine der Hauptaufgaben des Befragten C darin bestand,
Jugendliche ideologisch in die Szene hineinzuziehen, führte dieser selbst solche
Schulungen durch. Auf NS-Propaganda griff er zurück, um Aggressivität zu evo-
zieren: „[…] Befehl des Gewissens, da ging es um diesen Hans Kraft, hieß da der
Protagonist, der so den Nationalsozialismus für sich entdeckt und der dann noch
in die SA hineingeht. Und das konnte man so abschnittsweise unglaublich emoti-
onal, also so kämpferisch vorlesen, dass dann alle so: ,Woah‘. Also die gingen
aufgeputscht nach Hause. Aber diese Richtung, aufgeputscht, leider natürlich
auch, aus heutiger Sicht, ins Gewalttätige“ (S45). Nicht nur NS-Literatur wird auf
ideologischen Schulungen genutzt, auch NS-Filme sind hierbei anscheinend von
Relevanz. So gilt der „ewige Jude“12 als „Klassiker“ (Fall C, S11), der in Szene-
seminaren häufig gezeigt wird. Allerdings geben sowohl Befragter C (ebd.) als
auch Befragter F (S3) an, dass dieser Film weniger als konkreter Lehrfilm, sondern
eher zur Unterhaltung und Belustigung genutzt wurde, allerdings in der Szene als
Lehrfilm gedacht ist (Fall C, S11). Hier kann auf das Konzept der Entertainment
Education verwiesen werden (Garsoffky, 2008, S. 161). Dieser Ansatz beschreibt
12
Der „ewige Jude“ gilt als der aggressivste antisemitische Propagandafilm aus der NS-Zeit (Dörner,
2010, S. 97).
Ergebnisse 83

den Prozess der subtilen Implementierung einer Mediennachricht, die sowohl das
Ziel verfolgt zu unterhalten, als auch zu erziehen und zu beeinflussen. Gerade die
Subversion dieser Kommunikationsstrategie begünstigt die unbewusste Festigung
der rechtsextremen Ideologie der Rezipienten. Doch nicht nur im Rahmen von
Schulungen werden NS-Medien rezipiert, auch die individuelle Auseinanderset-
zung mit Medien aus dem Dritten Reich spielt eine große Rolle bei der Ideologi-
sierung. So erzählt der Befragte C, vor seinem Einstieg in die Szene Literatur von
Goebbels, Rosenberg und Hitler gelesen zu haben (S3). Befragter A berichtet, fas-
ziniert davon gewesen zu sein, dass NS-Literatur vermittelt, Nazis wünschten sich
im Grunde nur Frieden durch die imperialistische Verbreitung ihrer Ideologie
(S3). Wie bereits erwähnt, werden Absurditäten in der Literatur einfach ausge-
blendet und nur jene ideologischen Elemente herausselektiert, die mit der eigenen
Weltanschauung vereinbar sind (Fall E, S64) – was die Ideologieimplementierung
durch NS-Medien in der Szene noch relevanter macht.
Medienangebote für Kinder: Einen interessanten Einblick in die mediale Ide-
ologieimplementierung bei Kindern bietet die Geschichte der Befragten G. Diese
berichtet, in ihrer Kindheit mit externen Massenmedien so gut wie überhaupt nicht
in Berührung gekommen und hauptsächlich mit internen Medien aufgewachsen zu
sein. Als ehemaliges Mitglied der HDJ beschreibt sie, wie revisionistische Filme
genutzt wurden, um Kinder zwischen sieben und acht Jahren davon zu überzeu-
gen, dass die Geschichtsschreibung die Deutschen zu Unrecht als Täter zeichnet.
So wurde in Filmen gezeigt, wie „deutsche Kriegsgefangene gefoltert worden sind
und welche Verhörmethoden da angewandt wurden […]. Und eben lauter alte
Leute erzählen dann, wie sie gefoltert worden sind. Was einen natürlich, wenn
mans so sieht, erstmal nicht kalt lässt. Und für Kinder ist das natürlich besonders
schlimm, wenn da ein alter Mann sitzt und erzählt, ihm ist eine Kapuze über den
Kopf gezogen worden und der hätte dann tagelang so sitzen müssen. Das ist ja für
Kinder überhaupt nicht vorstellbar“ (S1). Die Befragte berichtet außerdem davon,
dass sie in ihrer Kindheit ausschließlich Kinderbücher lesen durfte, die sich mit
einer völkisch-nationalistischen Ideologie vereinbaren ließen. So wurden Werke
von Hans Baumann rezipiert, einem Kinder- und Jugendbuchautor der NS-Zeit,
oder „Wikingermalbücher“ (S2) ausgemalt. Das dreiteilige Kinderbuch „Baska“,
von dem zwei Teile verboten sind, beschreibt die Befragte als „Lassie für Nazikin-
der“ (S39) und erzählt: „Es geht um einen Hund, der im zweiten Weltkrieg mit
seinem Besitzer gekämpft hat. Also das ist so ein Lassie für Nazikinder. Unsere
Hunde hießen dann übrigens genauso, die hießen dann beide Baska. So wie alle
auf einmal Collies haben wollten und die dann Lassie hießen, hatten wir Baska“.
Der Befragten waren bis zu ihrem neunten Lebensjahr auch keine normalen Ta-
geszeitungen bekannt: „Meine Eltern haben sich getrennt, da war ich ungefähr
neun Jahre alt und davor hatten wir auch keine Tageszeitung oder so. Also die
84 Ergebnisse

hatten nur diese Ostpreußen-Zeitung, also nur Zeitungen, die man irgendwie in
völkischen Kreisen findet. Also wir hatten tatsächlich zu Hause keine normalen
Medien“ (S5). Durch diese Erzählungen wird sehr deutlich, dass innerhalb der
rechten Szene versucht wird, Kinder fernab von normalen Massenmedien auf-
wachsen zu lassen und ihnen so keine Möglichkeit zu bieten, aus der Hermetik des
rechtsextremen Weltbildes auszubrechen.

Massenmedien
Funktion und Stellenwert: Um zu verstehen, welchen Stellenwert Massenmedien
in der Szene einnehmen, muss zunächst geklärt werden, was die Grundzüge des
rechtsideologischen Weltbildes ausmacht. Fall B versucht, die Isolation der Szene
vom Rest der Gesellschaft zu beschreiben: „Stell dir eine Blase um dich herum
vor, die aus ganz vielen kleinen Steinchen besteht und das ist sozusagen dein Welt-
bild. Also aus allen sozialisatorischen Komponenten besteht dieses Weltbild. Und
das ist bei Rechtsextremen genauso, bloß dass das viel festgekloppter ist, also
diese Steine sind viel fester als bei anderen Leuten, das ist hermetisch abgeriegelt“
(S1). Zu der ideologischen Abriegelung gegenüber Umwelteinflüssen kommt die
Tatsache, dass die Szene aktiv einen gesellschaftlichen Umbruch herbeizuführen
versucht: „Die Szene, die sieht sich ja auch im permanenten Kriegszustand. Das
klingt jetzt vielleicht ein bisschen groß, aber sie ist im Krieg gegen […] ein
,Scheiß-System‘“ (Fall C, S42). Da dieser Kampf bislang relativ erfolglos blieb,
rutschen Szenemitglieder in eine Art dauerhafte Opferrolle, die der Befragte E
(S27) folgendermaßen erklärt: „Wir Deutschen sind die ganze Zeit zu kurz gekom-
men. Erst wird unser Volk im 30-jährigen Krieg geschröpft, dann kommt die Viel-
staaterei, dann kommen Goldman Sachs und Rothschild und die ganzen Banken
im 19. Jahrhundert und fangen an, die Welt zu kosmopolitisieren und den Kapita-
lismus voranzutreiben. Dann kommt Versailles und dann ist der große Messias für
12 Jahre an der Macht und danach geht’s wieder bergab mit Deutschland“. Die
Szene sieht sich deshalb in der Position, für die „Wahrheit“ (ebd.) kämpfen zu
müssen, und gibt den Massenmedien die Hauptschuld für die Verblendung der
deutschen Gesellschaft nach dem zweiten Weltkrieg (Fall B, S33). Es wird also
von einer grundsätzlichen Infiltration der Massenmedien durch den Staat ausge-
gangen, weshalb Massenmedien in der Szene keine Glaubwürdigkeit zugespro-
chen wird: „Externe Medien sind keine authentischen, also um es mit Foucault zu
sagen, sind keine wahrheitsschaffenden Instanzen. Also die können keine Wahrheit
sagen, die sind kein Teil der Veridiction. Sondern das sind nur die internen Me-
dien, das sind nur die Kameradschaftskader, das sind nur die Leute, die die Ideo-
logie sozusagen verbreiten, die mit dir diskutieren und die dir sagen, wie du zu
denken hast“ (Fall E, S54). Diese Argumentation folgt einer Systematik und
Ergebnisse 85

wurde durchgängig von allen Befragten beschrieben. Die Stellung der Massenme-
dien in der Szene ist demnach eindeutig und dennoch werden diese gruppenabhän-
gig auch von Basisaktivisten genutzt (Fall D, S7), aber: „immer mit dieser Schab-
lone, dass die Hälfte davon halt nur Lügen sind, das ist sozusagen ein Verblen-
dungs-Apparat“ (Fall E, S11). Ein Bruch in der Veridictionslogik findet sich al-
lerdings dann, wenn Medienberichte rezipiert werden, die der Argumentationsli-
nie der rechten Szene entsprechen: „Aber das hat man sich dann so zurechtgedreht
[…]. Wenn das ein kritischer Bericht über Flüchtlingspolitik gewesen wäre […],
wo gesagt wird: Wir nehmen viel zu viele Flüchtlinge auf, wir können uns das gar
nicht leisten. Dann hätte ich das natürlich sehr gut gefunden. Und das machen
sehr, sehr viele so, dass die sich rausfiltern, was die glauben möchten“ (Fall G,
S7). Die rechte Szene zeichnet sich also durch eine systematische, ideologisch
hergeleitete Unglaubwürdigmachung von Massenmedien aus, die aber in seltenen
Fällen durchbrochen wird. Das Social Influence Model of Technology Use (Fulk
et al., 1990) bildet eine theoretische Grundlage, um dieses Phänomen zu erklären.
Demnach ist die Medienauswahl das Ergebnis von verschiedenen sozialen Kon-
struktionsprozessen – die vorherrschende Form der Mediennutzung des sozialen
Umfeldes determiniert die Mediennutzung des Individuums stärker mit, als die
Mediencharakteristika selbst. Auch der Bewertung von Medien wird eine starke
Abhängigkeit von der jeweiligen Gruppenzugehörigkeit des Mediennutzers zuge-
sprochen (Fischer, 2008, S. 53ff) – was im Fall der rechten Szene nachvollzogen
werden kann.
Internet (externe Seiten): Es wurde bereits festgehalten, dass das Internet das
wichtigste Medium innerhalb der rechten Szene darstellt. Es werden nicht nur ex-
plizit rechtsextreme Seiten genutzt, sondern auch öffentlich zugängliche Online-
Angebote wie soziale Netzwerke oder Homepages. Hauptziel dieser Nutzung ist
die Rekrutierung neuer Mitglieder. So wird beispielsweise auf Youtube rechtsext-
reme Musik hochgeladen und dann mit dem Rekrutierungsprozess begonnen:
„Also da sitzen Leute, die auf Youtube diese Musik hören oder Daumen hoch an-
klicken und das kann man ja sehen. Dann werden die Leute angeschrieben und
dann bekommen die Informationen. ,Möchtest du mal neue Musik hören, möchtest
du mal eine CD kaufen?‘ Und so entstehen Kontakte. Das heißt, man rekrutiert
sehr stark dann auch über die Social Networks […]“ (Fall C, S31). Interessant
hierbei ist, dass nicht die rechte Musik an sich im Fokus steht, sondern dass auf
Seiten wie Youtube häufig Verlinkungen zu rechtsextremen Seiten angegeben
werden, auf die der Musikrezipient wechseln soll, damit dort dessen „Ideologisie-
rung“ beginnen kann (Fall B, S43). Befragter B (ebd.) fasst zusammen: „Das In-
teressante dabei ist eigentlich nicht, wie die Erstwirkung dazu ist, sondern wie die
subtile Zweitwirkung ist, weil man weiterleiten kann und erstmal das Interesse
weckt“. Auch Twitter wird zur subtilen Ideologieimplementierung genutzt. So
86 Ergebnisse

„sprießen“ Twitterseiten von Rechtsextremen „nur so aus dem Boden“ (Fall B,


S41). Mithilfe von unverfänglichen „Hashtags“, wie z.B. „Dresden“, können Ne-
onazis in „breite Bevölkerungskreise“ eindringen und alle Personen über ihre Ak-
tionen informieren, die der Stadt Dresden auf Twitter folgen. Soziale Netzwerke
werden also zum einen zur subtilen Rekrutierung (vornehmlich jugendlicher)
neuer Mitglieder genutzt und dienen zum anderen auch der Selbstdarstellung und
internen Kommunikation der Szene. So hat beispielsweise die NPD eine offizielle
Facebook-Seite, ebenso wie verschiedene NPD-Politiker. Auch Siegfried
Borchardt, Lokalpolitiker der „Rechten“, der in diesem Jahr in den Dortmunder
Stadtrat gewählt wurde, unterhält einen eigenen Facebook-Auftritt. Da Fall A
(S60) die Szene bis heute aus journalistischer Perspektive beobachtet, konnte er
darüber berichten, dass Borchardt auf seiner Seite den Sturm des Dortmunder Rat-
hauses am 25. Mai 2014 einen Tag zuvor ankündigte.
Neben sozialen Netzwerken werden auch politische Foren oder Kommentar-
spalten von Nachrichtenseiten genutzt, um die rechtsextreme Ideologie zu verbrei-
ten. So erzählt der Befragte C davon, in einen Dialog mit Usern von einem antifa-
schistischen Forum getreten zu sein und erfolgreiche ideologische Überzeugungs-
arbeit geleistet zu haben, die darin mündete, auf einer Großdemonstration der Ge-
genseite ein Transparent vorgehalten zu haben mit der Aufschrift: „Danke für die
Kontakte“ (Fall C, S6). Fall F (S12) berichtet von der Dynamik auf Nachrichten-
portalen wie Der Westen: „Wenn da irgendwelche Berichte über irgendwelche
neuen Gesetze für Ausländer, über rechte Aktionen oder sowas kamen, dann
konnte man gerade mal 10 Minuten warten, dann standen da schon die ersten Be-
richte von den Leuten von NW Dortmund, NPD oder sowas. Die haben das dann
direkt runtergeschrieben. Teilweise, um dann wirklich richtig Stellung zu machen,
oder halt um ihre eigene Meinung darunter zu schreiben.“ Befragter B (S15) er-
gänzt: „Und so wird eben auch versucht, Einfluss […] zu nehmen, weil doch viele
Leute Kommentarspalten lesen.“ Obwohl die Szene die Berichterstattung in Mas-
senmedien hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit zum Großteil ablehnt, so ist den-
noch eine gewisse Medienkompetenz zu erkennen. Fall B (S13) hält fest, dass
Rechtsextremen bewusst ist, dass höchstens bei rechts-konservativen Medien wie
der „Welt“ die Chance einer direkten Einflussnahme bestehen könnte, weil „die
sowieso schon ähnlich denken“. Groeben (2004) teilt Medienkompetenz in sieben
verschiedene Dimensionen ein, wobei eine davon die Fähigkeit beinhaltet, am po-
litischen Diskurs teilzunehmen und zu einer Anschlusskommunikation motiviert
zu sein. Diese Kompetenz kann zumindest der führenden Riege in der Szene an-
gesichts dieser Aussage nicht abgesprochen werden, auch wenn von einer Fähig-
keit zur kritischen Auseinandersetzung mit massenmedialen Inhalten nicht gespro-
chen werden kann.
Ergebnisse 87

Zusammenfassung: Massenmedien gelten in der rechten Szene als unglaubwürdig


und systeminfiltriert, werden aber ernst genommen, wenn Inhalte ideologisch in-
strumentalisiert werden können.

6.1.2 Inhalt

Neben dem Medium spielt auch der Inhalt der Berichterstattung eine große Rolle
für die Ausprägung reziproker Effekte. Hierunter fallen für diese Arbeit sowohl
das Thema der Berichterstattung als auch dessen Darstellung. Abgefragt wurde
außerdem die Wunschdarstellung der Szene und inwiefern deren Selbstinszenie-
rung variiert, je nachdem, ob sie sich an ein internes oder externes Publikum rich-
tet. Die Antwort auf diese Fragen erscheint insofern relevant, als dass nur auf die-
ser Basis fundiert herausgearbeitet werden kann, welche Strategien die rechte
Szene verfolgt, um ihre mediale Selbstdarstellung zu optimieren.

Thema
In Abweichung zu Kepplinger soll in dieser Arbeit auch auf Themen eingegangen
werden, die nur ideologisch oder politisch die Szene betreffen, um herauszufinden,
inwiefern diese Themen in der Selbstdarstellung der Szene aufgegriffen und ideo-
logisch verarbeitet werden. Über welche Themen in der rechten Szene gesprochen
wird, darüber sind sich die Befragten einig. Die szeneinternen Diskussionsthemen
weichen nach Auffassung der Befragten nur marginal von denen außerhalb der
Szene ab. So gibt es kaum Themen, „die nie aufgegriffen werden, oder die nie
zumindest auch in der Diskussion sind. Es wird sich eigentlich auch in der rechten
Szene sehr breit mit dem politischen Alltag und mit dem soziokulturellen Alltag
beschäftigt“ (S16). Es werden tagesaktuelle Nachrichten aufgegriffen und disku-
tiert, wobei der Befragte C die internen Diskussionsthemen mit denen außerhalb
gleichsetzt (S56). Das Prinzip des Agenda-Settings (z.B. McCombs & Reynolds,
2002) greift also auch in der rechtsextremen Subkultur, trotz der ablehnenden Hal-
tung gegenüber den Massenmedien. Von besonderem Interesse sind für die Szene
dabei alle Berichte, die sich um nationale Belange im weitesten Sinne drehen. So
konstatiert Befragter D (S13), dass geredet wird über „das allgemeine politische
Geschehen, das hier in Deutschland los ist. Beispielsweise Asylantenpolitik ist zur
Zeit sehr gefragt.“ Den nationalen Fokus greift Befragter B ebenfalls auf und
nennt Fragen rund um den Erhalt der deutschen Kultur und Umweltschutz als zent-
ral (S16). Der Befragte A ergänzt, dass neben Zuwanderungsfragen auch die Wirt-
schaftskrise, Sexualstraftaten und Korruptionsfälle in der Politik häufig themati-
siert werden (S22). Befragter B betont im Zusammenhang der Thematisierung von
Wirtschaftskrisen abermals den permanenten Kampf gegen das System, dessen
88 Ergebnisse

Zusammenbruch in den Augen der Szenemitglieder durch jede Finanz- und Wirt-
schaftskrise näher rücken kann (S15). Der Befragte E spezifiziert die Frage nach
den Gesprächsthemen innerhalb der Szene und verweist auf den Aufbau derselben
als politische Bewegung in Form konzentrischer Kreise. Er hält fest, dass im in-
nersten Kreis der Kaderpersonen vor allem ideologische Fragen besprochen wer-
den. Mit den Basisaktivisten im zweiten Kreis wird weniger über ideologische
Fragen, als vielmehr über aktuelle Aktionen und die Einstellung zu rechtspopulis-
tischen Themen wie die „Asylflut“ gesprochen. Als äußersten Kreis benennt Be-
fragter E die Sympathisanten, das Mobilisierungspotenzial der Szene, mit denen
taktisch diskutiert wird, um das „Gespräch in eine spezifische Richtung zu lenken,
um eine Ideologie zu implementieren. Das kann zum Beispiel über irgendwas in
den Medien sein. Du sitzt in der Bahn und irgendjemand unterhält sich über die
und die Politik und dann fängst du an sowas zu sagen wie: ,Ja, die Politik ist ja
sowieso nicht mehr so ganz…‘ wie in so nem schlechten NPD-Werbespot, wo sich
Holger Apfel umdreht und sagt: ,Ja, da brauchts eine Alternative und so weiter.
Wir sind es, rechts außen.‘ Also das wäre dann der äußerste Kreis von Gesprä-
chen“ (Fall E, S44). Dass Medienthemen aufgegriffen, ideologisiert und dann zu
strategischen Zwecken genutzt werden, berichtet auch Fall B: „Da wird natürlich
auch geschaut: Wie sieht das in den Massenmedien aus, wie wird das gerade be-
handelt? Weil eben so ein großes Paradigma eben ist: Wir holen die Leute ab, wo
sie sind und bringen sie dorthin, wo wir sie wollen. Also muss man in der rechten
Szene auch wissen: ,Ja, wo, was ist jetzt der aktuelle Status quo?‘“ (S17). Durch
die Beobachtung der Massenmedien können Führungsriegen der Szene also auch
abschätzen, wie die öffentliche Meinung zu bestimmten Themen aussieht und ent-
sprechend auf die Objekte der Rekrutierung eingehen. Vor allem diejenigen The-
men, die mit starken Emotionen wie Angst oder Wut besetzt sind, macht sich die
rechte Szene zum Nutzen. Dieser Prozess der Anschlusskommunikation wird wie
folgt beschrieben: Zunächst werden aktuelle Themen identifiziert, die mit starken
Emotionen besetzt sind und die Ideologie so subtil in sich tragen, dass der Interes-
sent sich nicht direkt dafür „schämen“ muss, rechts zu sein (Fall F, S30). Anschlie-
ßend wird auf diese Themen eingegangen, um sich überhaupt Gehör zu verschaf-
fen. Schließlich wird nach einfachen und radikalen Lösungen gesucht, die dann
dem Publikum angeboten werden (Fall C, S58). Ein häufig angeführtes Beispiel
für einen solchen Prozess ist die Forderung der NPD, Kinderschänder mit dem
Tod zu bestrafen. Befragter B spricht davon, dass „Triggerthemen“ wie dieses eine
Brücke zwischen rechter Szene und gesellschaftlicher Mitte bauen und verdeut-
licht dies an folgendem Beispiel: Vor einigen Jahren gab es in einer Kleinstadt in
Südthüringen einen Fall von Kindesmissbrauch mit Todesfolge. Als Reaktion auf
diesen Fall solidarisierte sich die lokale rechte Szene mit der bürgerlichen Mitte
und organisierte eine Demonstration in der betreffenden Stadt, bei der rund ein
Ergebnisse 89

Drittel der Teilnehmer der rechten Szene angehörte. Hier wird deutlich, dass
rechtspopulistische, mit Angst besetzte Themen Anknüpfungspunkte zur Mitte der
Gesellschaft bieten.
Wie bereits ausgeführt, nutzen Führungsriegen sowohl interne als auch ex-
terne Medien – zum einen, um externe Inhalte intern umzudeuten, und zum ande-
ren, um die Bewegung der Szene in den internen Medien wie von einem Seismo-
graph abzulesen, denn: „Man muss ja nicht nur den Einfluss auf die Menschen
außerhalb der Szene haben, sondern man muss auch wissen, was in der eigenen
Szene los ist. Weil man ja die Leute wieder zusammenbringen muss. Also da sind
beide [interne und externe Medien, d. Verf.] wichtig für diese Schicht in der rech-
ten Szene und da würd ich sagen, gibt’s keine Präferenz“ (Fall B, S18). Externe
Medien dienen demnach dazu, politstrategisch nutzbare Themen zu identifizieren,
die mit den Vorstellungen der Szene in den internen Medien abgeglichen werden.
In diesem Abschnitt wurde geklärt, welche Themen Rechtsextreme aus dem
massenmedialen Spektrum aufgreifen, und wie die strategische Weiterverarbei-
tung abläuft. Welche Reaktionen verschiedene Themen innerhalb der Szene aus-
lösen können, soll im Kontext der Verarbeitungsprozesse und Wirkungen geklärt
werden.
Zusammenfassung: Rechtsextreme Führungsriegen identifizieren massen-
wirksame, emotional aufgeladene Themen in den Massenmedien, und nutzen
diese für die Entwicklung politischer Strategien.

Darstellung
Neben den Themen der Berichterstattung wird auch deren Darstellung im Kontext
reziproker Effekte relevant. Von besonderem Interesse ist hierbei die Frage, wel-
chen Handlungsspielraum Medienakteure haben, um über bestimmte Themen zu
berichten, ohne gesellschaftliche Negativfolgen zu evozieren. In diesem Abschnitt
soll auch die Wunschdarstellung der Szene mit der tatsächlichen Mediendarstel-
lung in externen und internen Medien abgeglichen werden.
Einfluss der Darstellungsart von Medienthemen: Hinsichtlich der Frage, wel-
che Darstellungsform szenerelevanter Medienthemen innerhalb der Szene positiv
aufgenommen wird, kann festgehalten werden, dass vor allem jene Berichte über
rechtspopulistische Themen bestärkend auf die rechte Szene wirken, die be-
stimmte Sachverhalte nur einseitig und sensationell aufgemacht darstellen, und die
mit der Szeneargumentation zu vereinbaren sind. So erinnert sich die Befragte G
(S32) an eine Reportage über eine Kleinstadt, in der ein Asylantenheim gebaut
werden sollte und die Anwohner zu ihrer Meinung gefragt wurden, welche durch-
weg ablehnend gegenüber dem Vorhaben ausfiel: „Ich glaube, dass sich Nazis da
auch sehr bestätigt fühlen, dass auch der Staat da einfach so den Willen des Volkes
total ignoriert: ,Das sieht man ja, das Volk, das möchte das gar nicht‘“ (Fall G,
90 Ergebnisse

S32). Befragter A (S32) ergänzt, dass bei boulevardesken „RTL-Berichten“ über


von Nazis eingenommene Dörfer in Mecklenburg-Vorpommern das Gefühl ent-
steht, „die Stimme der schweigenden Mehrheit“ zu sein und einer politischen Be-
wegung anzugehören. Insgesamt kann festgehalten werden, dass eine rechtskon-
servative Berichterstattung Neonazis Anknüpfungspunkte zur Anschlusskommu-
nikation und eine Bestätigung in ihrer Ideologie liefert. Des Weiteren sei darauf
hingewiesen, dass ideologiekonforme Aussagen von Politikern in der Szene dazu
führen, dass die betreffenden Personen positiv diskutiert werden. So ist die Be-
fragte G der Meinung, dass die Aussagen des Bundespräsidenten Gauck zu mili-
tärischen Interventionen Deutschlands im Ausland in der Szene auf große Zustim-
mung gestoßen sein dürften. Sie gibt folgende Einschätzung ab: „Natürlich sieht
man sich da bestätigt. Das ist genau das, was Nazis immer sagen: ,Wir haben
diese ewige Schuldzuweisung von allen für Sachen, für die wir, unsere Generation,
ja nichts kann. Aber wir müssen dafür einstehen, wir müssen uns dafür rechtferti-
gen, wir müssen Gelder zahlen, um das wieder gut zu machen. Aber die Sachen,
die uns zu Unrecht getan wurden, die müssen sofort vergessen werden‘. Und wenn
dann so jemand kommt und sagt so Sätze: ,Wir haben das Recht, eine Art Weltpo-
lizei zu sein, und das hat damit überhaupt nichts zu tun, weil das Dritte Reich ist
eh schon so lange her, das kann man ja gar nicht vergleichen‘. Das kann schon
gut sein, dass man sich dadurch bestätigt gefühlt hat“ (S8). Grundsätzlich ist also
anzunehmen, dass eine einseitige, rechtskonservative und boulevardesk geprägte
Berichterstattung für positive Resonanz in der Szene sorgt, weil diese Berichte so
interpretiert werden, dass endlich der tatsächliche Volkswille thematisiert wird.
Inwiefern dieser Mechanismus durch Medienmacher verhindert werden könnte,
soll unter dem Punkt Empfehlungen (6.6) diskutiert werden.
Tatsächliche Darstellung und Wunschdarstellung der Szene: Um festzustel-
len, welche Strategien der medialen Selbstinszenierung die rechte Szene verfolgt,
soll zunächst analysiert werden, wie die tatsächliche Mediendarstellung der Szene
empfunden wird, und inwiefern sich diese von der Wunschinszenierung unter-
scheidet.
Genau wie die Mediennutzung kann auch die Wunschdarstellung rechter
Gruppen nicht pauschalisiert werden, sie variiert zwischen den unterschiedlichen
Strömungen. Allerdings betont unter anderem der Befragte E, dass sich die meis-
ten Szenemitglieder gar keine Illusionen darüber machen, wie sie am liebsten in
den Medien dargestellt werden würden, weil ihnen absolut bewusst ist, dass ihre
„Wahrheit“ niemals in den Massenmedien auftauchen wird. Klar ist: „dass die
Massenmedien der Feind sind. Das Beste, was man sozusagen von einem Feind
erwarten kann, ist, dass er einen selbst so stark wie möglich darstellt […]. Also
das ist das Beste, was man erhoffen kann“ (S27) und macht es den Szenemitglie-
dern überhaupt erst möglich, sich als „revolutionäres Subjekt“ (ebd.) gegen den
Ergebnisse 91

Staat zu konstituieren. Diese Hoffnung erfüllen viele Medienmacher, indem sie


ein „ganz spezifisches, adversatives Bild von Rechtsextremen zeichnen, um sie
sozusagen auch in der Öffentlichkeit möglichst unmöglich zu machen“ (S14). In-
haltliche Auseinandersetzungen mit der Argumentation Rechtsextremer finden da-
bei so gut wie nie statt, was der rechten Szene suggeriert, die Gegenseite hätte
Angst vor ihren starken Argumenten. Neben der fehlenden inhaltlichen Auseinan-
dersetzung merken die Befragten an, dass Medien ein veraltetes Bild der Szene
verbreiten und in den entsprechenden Berichten häufig nur Bilder von „Skinheads“
und „Springerstiefeln“ (Fall B, S67) gezeigt werden, was der aktuellen Szene nicht
mehr entspricht. So sind beispielsweise autonome Nationalisten äußerlich nicht
mehr als Rechtsextreme zu erkennen, was in den Massenmedien kaum thematisiert
wird. Der Pluralität der Szene wird also in der Berichterstattung kaum Rechnung
getragen, diese beschränkt sich zumeist auf eine pauschalisierende, oberflächliche
und boulevardesk vereinfachende Darstellung, wobei oft vergessen wird, dass es
„halt nicht nur Leute gibt, die Nazis schlecht finden“ (Fall A, S30) und die durch
eine zu oberflächliche Berichterstattung eher positiv als negativ beeinflusst wer-
den können. Trotz der als verallgemeinernd empfundenen Darstellung in den Me-
dien sind die gewünschten Darstellungsformen der verschiedenen Gruppierungen
sehr ausdifferenziert. So finden manche neonazistischen Kameradschaften eine
Mediendarstellung erstrebenswert, die sie als gewaltbereit zeichnet: „Manche Ka-
meradschaften, die freuen sich natürlich da drüber, wenn sie als besonders ge-
fährlich dargestellt werden. Also es gibt auch durchaus Gruppen, die so ein Image
gut finden“ (Fall G, S15). Auch Befragter E betont, dass nicht alle Kameradschaf-
ten dieselbe Wunschdarstellung verfolgen: „Der Punkt ist, dass es nicht so ist,
dass es in allen Kameradschaften die gleiche Taktik gibt, sondern es gibt ja gerade
in jeder Kameradschaft eine andere Taktik und teilweise werden die abgesprochen
und teilweise gibt’s aber Kameradschaften, die überhaupt nicht miteinander ver-
netzt sind oder nur über Dritt- oder Viertinstanzen, die dann auch nur Familien-
ähnlichkeiten mit ihren Taktiken aufweisen und mehr nicht“ (S43). Als Beispiel
für eine Gruppierung, die ein Gewaltimage anstrebt, führt der Befragte E die Partei
„die Rechte“ an, welche ihre „kollektive Identität“ auf dieser Darstellung aufbaut.
Nach dem Verbot zweier Kameradschaften im Ruhrgebiet formierte sich aus deren
Führungskadern besagte Partei, um „nicht mehr so leicht verboten werden zu kön-
nen“ (S36). Das Ziel der „Rechten“ ist es nach wie vor, trotz ihrer Position als
demokratisch wählbare Partei das System revolutionär umzustürzen – allerdings
nicht „reformistisch über irgendwelches Parteigegackel“ (ebd.). Genau das wer-
fen sie wiederum der NPD vor und bezeichnen diese als „Tiger ohne Zähne“
(ebd.), von dem es sich in ihrer Selbstinszenierung radikal abzugrenzen gilt. Wird
in den Medien darauf referiert, dass in Dortmund die größte und gewalttätigste
Rechtsextremistengruppe Deutschlands ihren Sitz hat, dann ist das „sozusagen
92 Ergebnisse

auch so eine gewisse Marke, weil man dann weiß, auch in den Massenmedien
werden wir so gehandelt. Das ist für deren Gruppen, also für deren In-Group,
wenn man so möchte, ein extrem wichtiger Identifikationspunkt. Und zieht auch
extrem viele Leute nach Dortmund, weil man weiß, da ist was los, die Leute sind
zu allem bereit und dergleichen“ (S22). Andere Kameradschaften versuchen eher,
ein gewalttätiges Image zu vermeiden, um massenwirksam zu bleiben. Die Gruppe
des Befragten D wollte in ihrer Selbstdarstellung eher auf Gewalttätigkeit verzich-
ten, „weil das dann wiederum eine Medienwirkung ist, die man überhaupt nicht
gebrauchen kann. Dann kommt da wieder dieses Bild: ,Die sind ja sowieso nur
gewalttätig, die saufen sowieso nur‘“(S34). Er gibt an, dass man sich vor der Öf-
fentlichkeit zurückhält, „um wählbar zu bleiben, um Leute zu rekrutieren. Und das
is genauso dieses Bild: Wem würde man wohl eher ein Flugblatt abnehmen? Nem
Skinhead oder jemand, der normal gekleidet ist“ (S30)? Im besten Fall würde die
Gruppe dargestellt als „Bewegung des Volkes“ (S27), das sich für die Belange der
deutschen Bevölkerung einsetzt – hier dürfte Befragter E (S26) wohl damit richtig
liegen, dass eine Kameradschaft auf diese Weise nicht in deutschen Medien ge-
zeichnet werden würde.
Befragter A, der durch seine journalistische Arbeit auch aktuelle Entwicklun-
gen valide einschätzen kann, sieht seit der Finanzkrise 2013 eine Veränderung in
der Selbstinszenierung der Szene: „Sie [die Kameradschaften, d. Verf.] sind sehr
radikal, also äußerst radikal. Und sie neigen auch wieder mehr dazu, diese Radi-
kalität in den Medien bewusst haben zu wollen. Weil sie eben davon ausgehen,
dass das alles bald zusammenbrechen wird, dass die Leute dann praktisch nichts
mehr zu essen haben, und dass die Leute dann auch radikale Lösungen wollen.
Das versucht man in der Kameradschaftsszene auf jeden Fall, so radikal wie mög-
lich aufzutreten, dabei möglichst wenig stumpf gewalttätig, sondern schon mili-
tant, aber eben so, dass man sagt: ,Wir tun niemandem was, der uns nichts tut‘“
(S63). Analog dazu entwickelt sich auch die Selbstdarstellung der NPD in eine
radikalere Richtung. Grundsätzlich würde sich die Partei am liebsten als „Heil-
bringer“ und ernstzunehmende „Samariteropposition“ (Fall E, S35) in den Me-
dien wiederfinden. Aus der Überzeugung heraus, der Tag X würde durch den na-
henden Zusammenbruch der EU bevorstehen, radikalisiert sich allerdings auch die
Selbstinszenierung der NPD: „Die Wunschdarstellung ist jetzt momentan vor al-
lem, dass sie [die NPD, d. Verf.] eine Alternative sind. Also dass sie die einzigen
sind, die außerhalb des Systems stehen. Deswegen fühlen sie sich auch in der Rolle
wohl, dass kritisch und negativ über sie berichtet wird, weil sie wollen jetzt auch
gerade wirklich dieses Bild haben: ,Wir sind die einzigen, die mit diesem System
nichts zu tun haben. Wenn das System zusammenbricht, sind wir die einzigen, die
einen Plan haben, der unabhängig von dieser Wirtschaft ist und so weiter‘“ (S50).
Ergebnisse 93

Besonders wünschenswert erscheine der Partei außerdem, ihre Ideologie mög-


lichst „ungefiltert“ in die Medien zu tragen – das geschieht beispielsweise dann,
wenn Pressetexte der Partei unredigiert abgedruckt werden oder Zitate von Partei-
mitgliedern ohne kritische Kommentare in den Medien auftauchen (S21). Fall A
ergänzt, dass die rechtspopulistische Szene, zu der beispielsweise die Republika-
ner oder die Pro-Parteien gehören, an der beschriebenen Radikalisierung nicht in-
teressiert ist. Hier will man sich nach wie vor „deradikalisiert“ geben, um eine
möglichst große Anhängerschaft über Wahlen für sich zu gewinnen (S64).
Eine häufig genannte Strömung, die sich in ihrer Selbstinszenierung von
rechten Parteien und Kameradschaften unterscheidet, ist die identitäre Bewegung,
aus der sich auch die Agitationsform der Unsterblichen in Deutschland entwickelt
hat (Fall E, S30). Das Ziel ihrer Selbstdarstellung ist es, sich vom historischen
Nationalsozialismus abzugrenzen und den Anschein einer neuen Bewegung zu er-
wecken, die sich dem Schutz und der Wahrung der deutschen beziehungsweise
europäischen Identität verschrieben hat. Zielgruppe sind hier vor allem Jugendli-
che, welche durch die propagandistischen Internetauftritte der Bewegung ange-
sprochen werden sollen (Fall E, S30f). Es kann insgesamt festgehalten werden,
dass sich Kameradschaften und die NPD aktuell in Richtung einer radikaleren
Selbstinszenierung entwickeln, während Rechtspopulisten nach wie vor deradika-
lisiert und massenwirksam dargestellt werden wollen. Der identitären Bewegung
ist vor allem wichtig, nicht mit dem historischen Nationalsozialismus in Verbin-
dung gebracht zu werden, sondern massenwirksam und wählbar zu blieben. Wel-
che Taktiken die jeweiligen Gruppen zur Erreichung ihrer Wunschdarstellung ein-
setzen, und wie die rechte Szene die tatsächliche Berichterstattung über sich selbst
empfindet, soll in den Punkten Verarbeitung und Wirkungen abgehandelt werden.
Interne Darstellung: Gerade hinsichtlich der tatsächlichen politischen Ziele
rechtsextremer Gruppierungen wird die Frage relevant, inwiefern sich die öffent-
liche Darstellung von der internen unterscheidet. Insgesamt sind sich die Befrag-
ten einig, dass die interne Inszenierung als wesentlich extremer und radikaler ein-
gestuft werden kann. Gerade hinsichtlich revisionistischer Gedanken halten
Rechtsextreme sich in der Öffentlichkeit zurück, äußern ihre Meinung intern, aber
unverblümt, „gerade im Punkt auf Holocaustverschwörungen, […] da hat man
nach innen eine ganz andere Argumentation als nach außen“ (Fall A, S55). Auch
in Bezug darauf, dass die rechte Szene sich in einem permanenten Kampf gegen
das System befindet, ist die Wortwahl wesentlich eindeutiger und radikaler. So
zitiert die Befragte G aus einem szeneinternen Propagandaheft („Vergiss mein
nicht“) einen Leserkommentar zur Auflösung eines rechtsextremen Vereins: „Sie
lassen die anderen Kameraden, die noch weiterhin in diesem Propagandakrieg
die Abwehrgefechte ausstehen müssen, schlicht und einfach im Stich“. Und stellt
fest: „Also so würde man das ja vor der Öffentlichkeit nicht präsentieren, so würde
94 Ergebnisse

man da nicht sprechen. Aber so würden solche Leute sich auch untereinander un-
terhalten, also die denken tatsächlich, sie sind im Krieg“ (S29). Doch nicht nur
hinsichtlich der Argumentationslinie geben sich Rechtsextreme intern anders als
öffentlich. Auch die Darstellung der Szeneaktivitäten in den internen Medien
weicht deutlich von der in den externen ab. So wird hier, wenig verwunderlich,
beinahe ausschließlich übertrieben positiv über die Szene selbst berichtet. Teil-
nehmerzahlen von Demonstrationen und Protestaktionen werden großzügig nach
oben korrigiert („statt 200 Teilnehmer werdens dann halt 300“, Fall A, S16) und
Bilder oder Videos im Nachhinein so bearbeitet, dass der Eindruck einer erfolg-
reichen Aktion mit vielen Teilnehmern entsteht. So erzählt Befragter A (S49) von
der Entstehung des auch in den Massenmedien viral verbreiteten Videos eines
Aufmarsches der Unsterblichen in Bautzen: „Das ist dieses bekannte Video von
denen, waren nur ungefähr 100 Leute da und das hat man dann durch Verspiege-
lungen so gemacht, dass man da denkt, dass da tausende waren. […] durch die
Medienberichterstattung ist da mit minimalem Aufwand der maximale Ertrag er-
reicht. Also das is auch so ne kaufmännische Rechnung dann“. Kritik in internen
Medien (v.a. Blogs, Internetportale) gibt es im Fall persönlicher Konflikte oder
bei starker Konkurrenz zwischen verschiedenen Gruppierungen. Hiervon berichtet
F: „Wir haben dann den Dortmundern vor die Nase gehalten, dass sie mit ihren
30, 40 Mann, die sie damals waren, es nichtmal ansatzweise hinbekommen, so
viele Aktionen zu starten, wie wir damals mit 5 Mann. Also man versucht dann
halt immer, sei es nur ein kleiner Erfolg, das so groß wie möglich aufzubauschen
und dann den anderen Rechten vor die Nase zu halten und zu sagen: ,Ihr seid
schlechter als wir‘“ (S33). Dennoch finden intern insgesamt eher Bemühungen
statt, die Szene in einem positiven Licht darzustellen. So wird in internen Medien
auch häufig explizit Bezug auf Berichte in den Massenmedien genommen, um
diese für die Zwecke der Szene zu instrumentalisieren und das intern positive
Image aufrecht zu erhalten. Auf rechten Seiten werden z.B. massenmediale Be-
richte geteilt, die kritisch gewalttätige Ausländer thematisieren (Fall A, S20). Als
ein weiteres Beispiel nennt der Befragte A die Rolle des Verfassungsschutzes bei
den NSU-Morden: „Wenn da jetzt eine kritische Doku übern Verfassungsschutz
kommt, über die Rolle des Verfassungsschutzes beim NSU, dann wird die auch
gerne innerhalb der Naziszene geteilt, weil man dann sagt, wenn die Massenme-
dien schon sagen, dass da der Verfassungsschutz im Spiel war, dann wird’s in
Wirklichkeit rein vom VVS gewesen sein“ (S19). Auch die Art der Darstellung von
Szeneaussteigern dient der Aufrechterhaltung eines positiven internen Images, so
werden diese „ex post facto“ als Verräter dargestellt, deren Ausstieg aus der Szene
nur erfolgen konnte, weil diese von Anfang an nicht wirklich an die Ideologie ge-
glaubt haben (Fall E, S58) – ein Argument, das die Glaubwürdigkeit der Ausstei-
ger innerhalb der Szene natürlich kategorisch außer Kraft setzt.
Ergebnisse 95

Zusammenfassung: Eine einseitige, boulevardeske Berichterstattung über rechts-


populistische Themen bestärkt die Szene. Deren Wunschdarstellung variiert zwi-
schen unterschiedlichen Gruppierungen und wird teilweise massenmedial repro-
duziert.

6.2 Interpretation: Verarbeitung

Zu den intervenierenden Variablen des Modells zählen sowohl die spezifische


Aufmerksamkeit, die der Berichterstattung entgegen gebracht wird, als auch deren
kognitive und emotionale Verarbeitung.

6.2.1 Aufmerksamkeit

Nutzungsintensität und -intention


Damit reziproke Effekte evident werden können, muss zunächst ein Gefühl der
persönlichen Betroffenheit von der Berichterstattung gegeben sein, dem eine
Reihe von spezifischen Verarbeitungsprozessen folgt (Kepplinger, 2010, S. 140).
In dieser Arbeit sollte herausgefunden werden, ob eine persönliche Betroffenheit
auch dann gegeben ist, wenn die Protagonisten der Berichterstattung eben nicht
persönlich, sondern nur als Anhänger einer ideologischen Gruppe in den Medien
auftauchen. Es wurde argumentiert, dass dies aufgrund der starken sozialen Iden-
tifikation innerhalb der rechten Szene der Fall sein sollte. Diese Annahme hat sich
in den Interviews bestätigt. So bejaht Befragter B die Frage, ob Szenemitglieder
sich durch Berichterstattung über dieselbe persönlich betroffen fühlen und erklärt:
„Die rechte Szene beschäftigt sich ja, oder ihr Ziel ist es ja eigentlich, eine Volks-
gemeinschaft zu bilden, und die ist relativ geschlossen. Und deshalb nimmt man
sich auch selbst als Szene, als einen Körper wahr, also als ein Gesamtgebilde
sozusagen. Und deswegen fühlt man sich schon, weil man ja in diesem Gebilde
sich engagiert, weil ja dieses Gebilde die eigenen Ideale widerspiegelt, deswegen
fühlt man sich dadurch auch betroffen […]. Also das einzelne Individuum in der
rechten Szene ist eigentlich nicht viel Wert, sondern die Ideologie, die Gemein-
schaft. So aus dem Leitspruch, aus dem historischen Nationalsozialismus heraus:
,Du bist nichts, dein Volk ist alles‘ oder ,Gemeinnutz vor Eigennutz‘. Deswegen
identifiziert man sich sehr stark mit allem, was in der Szene passiert und auch
allem, was dann darüber berichtet wird“ (S20). Befragter E konkretisiert diese
Aussage und macht deutlich, dass aufgrund der Pluralität der Szene verschiedene
Identifikationsebenen bestehen. So antwortet er auf die Frage nach persönlicher
96 Ergebnisse

Betroffenheit: „Das kommt immer darauf an, inwiefern ich mich mit dieser spezi-
fischen Sache identifizieren kann. Wenn du so möchtest, ob das dem spezifischen
Ideologem meiner eigenen Vorstellung oder den Vorstellungen meiner In-Group
entspricht. Dann solidarisiere ich mich damit, oder ich tue es nicht“ (S52). So
würde sich eine Person aus der identitären Bewegung beispielsweise nicht mit ei-
nem rassistisch motivierten Gewaltverbrechen eines Skinheads identifizieren kön-
nen. Der Befragte F betont, dass trotz der starken Identifikation mit der eigenen
Gruppe eine kollektive Identifikation auf Ebene der Gesamtszene besteht (S34),
welche durch die Nutzung leerer Signifikanten (Freiheit, Nationaler Widerstand,
Nationalismus, Deutschland etc.) erklärt werden kann (Fall E, S39). Diese tauchen
in der Selbstinszenierung gruppenübergreifend auf und vereinen die Szene auf ide-
ologischer Ebene: „Die [leeren Signifikanten, d. Verf.] sind in jeder Gruppe ei-
gentlich relativ verschieden definiert, aber man tut trotzdem so, als würde man
über das gleiche sprechen“ (ebd.). Um das zu verdeutlichen, berichtet er von einer
Unterhaltung mit einem Lokalpolitiker der NPD, der auf eben jene „Herrensigni-
fikanten“ verweist, um den ehemaligen autonomen Nationalisten (Befragter E) da-
von zu überzeugen, für die NPD zu werben: „,Ihr esst halt kein Fleisch und seid
so straight edge, das ist ja alles schön und gut. Aber der eigentliche Punkt ist doch,
dass wir alle für die gleiche Idee kämpfen. Wir kämpfen nämlich alle für ein nati-
onalsozialistisches Deutschland, wo die Deutschen wirklich frei sind und so wei-
ter‘. Dann fallen alle diese Begriffe, die eigentlich extrem leer oder komplett ver-
schieden definiert sind, die aber so Identifikationspunkte ausgeben sollen für so
eine große kollektive Identität, die alle Nationalisten verbindet“ (S39). Obwohl
also die Identifikation mit der eigenen Gruppe stärker ausfällt als mit der Gesamt-
szene, kann das Gefühl einer persönlichen Betroffenheit von der Berichterstattung
auf beiden Ebenen entstehen und führt damit zu einer erhöhten Aufmerksamkeit
sowohl für Medienberichte über die eigene Gruppe als auch für Medienberichte
über die Szene insgesamt.
Neben dem Bedürfnis, sich über seine Identifikationsgruppen zu informieren
und der strategischen Beobachtung der öffentlichen Meinung (siehe Themen) gibt
es noch weitere Nutzungsmotive, welche die Befragten für die Rezeption der Be-
richte über die Szene nennen. So sammelt die Führungsriege in Archiven Bericht-
erstattung über die Szene, welche zum einen zur Strategieentwicklung genutzt
wird und zum anderen eine Übersicht darüber geben soll, welche Journalisten als
besonders störend für die Szene empfunden werden. Diese Medienberichte wer-
den ergänzt durch persönliche Daten: „Diese Archive sind ja nicht nur, um Zeitun-
gen zu sammeln, sondern da geht’s auch um Feindaufklärung, wie man so schön
sagt. Also diese sogenannte Anti-Antifaarbeit, dementsprechend dann auch mit
Journalisten. Das wird dann auch journalistisch aufgeteilt, also so haben wirs
Ergebnisse 97

gemacht. Weil es gibt ja bestimmte Journalisten, die sich sehr auf Rechtsextremis-
mus spezialisieren und da geht’s dann weiter. […] also Aufklärung, Daten sam-
meln vom politischen Gegner, also komplett alles, alles was es über dich irgendwo
zu erfahren gibt“ (Fall C, S24). Befragter C (ebd.) berichtet weiter von einem Ne-
onazi (Name bekannt), der in einem Berliner Amt arbeitete und für Anti-Antifa-
Archive Daten sammelte: „Und der hat halt komplette Festplatten ausm Amt ko-
piert. Also wir hatten Kontakte zum Jobcenter, wir haben Kontakte zum Bürgeramt
gehabt, also da gabs Leute, die hatten, also ich hatte […] Kontakt zu verschiede-
nen Handy- und Internetanbietern. Leute, die halt Einsicht in Kundendaten hatten.
Also ich kann noch so viele Sperren einrichten, wenn ich weiß, dass im Bürgeramt
ein Neonazi sitzt […]. Da braucht man nur deinen Namen und schon hab ich eine
Adresse. […] dann kann ich mich auf die Lauer legen. Und dann hab ich schonmal
deinen Mann oder deine Frau oder deine Kinder, und das ist natürlich ein Unter-
schied, wenn ich dann einen Brief schreibe: ,Herr Journalist, schreiben Sie mal
bitte sowas, weil ihr Kind ist in dem Kindergarten, ja‘. Wurde alles gemacht, in
die Richtung.“ Allerdings werden Medienberichte über die Szene nicht nur strate-
gisch genutzt, sondern dienen auch der Belustigung. So berichtet die Befragte G
davon, dass ein ARD-Beitrag über die HDJ der Journalistin Andrea Röpke auf
einer Veranstaltung der Organisation gezeigt wurde, um sich über zwei Recher-
chefehler der Journalistin lustig zu machen (S26). Auch Befragter F (S11) erzählt,
dass vor allem jene Medienberichte für Unterhaltung sorgen, die Aktionen anders
darstellen, als sie in den Augen der Befragten abgelaufen sind: „Wenn man sowas
liest, dann macht man sich schonmal darüber lustig, weil man das dann halt teil-
weise, so wie die Presse das dann ausschmückt, gar nicht für bar nehmen kann,
so wie es berichtet wurde“. Ein weiteres interessantes Nutzungsmotiv nennt der
Befragte A und erzählt, dass Printberichterstattung über die eigene Person gesam-
melt wird: „Das hab ich eine Zeit lang auch gemacht, das gehört dazu. Das ma-
chen viele. Das ist so ein Nachweis darüber sozusagen, wie aktiv man ist in der
Szene. […] Das wird von anderen dann schon auch als überheblich wahrgenom-
men, es wird aber auch oft danach gefragt“ (S28f). Berichterstattung über die ei-
gene Person gilt also in der Szene als Indikator für politische Aktivität und stößt
auch auf Interesse bei den Kameraden. Es kann festgestellt werden, dass die Nut-
zung von Massenmedien innerhalb der rechten Szene als sehr reflektiert und be-
dürfnisorientiert einzustufen ist. Nach Schramm & Hasebrink (2004) können auf
Basis des Uses-and-Gratifications-Ansatz vier basale Dimensionen von Bedürf-
nissen extrahiert werden, die immer wieder auftauchen: Das Bedürfnis nach Infor-
mation, nach Unterhaltung, nach persönlicher Identität und sozialer Interaktion.
Drei der vier Nutzungsmotive treffen auch eindeutig auf die externe Mediennut-
zung der Szene zu. So werden gezielt Informationen über das Meinungsklima zu
98 Ergebnisse

für die Szene relevanten Themen gesucht, um auf dieser Basis politische Strate-
gien zu entwickeln. Zur Unterhaltung werden gezielt jene Medienberichte genutzt,
die aus Sicht der Szene eindeutig fehlerhaft sind und die fehlende Glaubwürdigkeit
der Massenmedien reproduzieren. Das Bedürfnis nach Integration beziehungs-
weise sozialer Interaktion wird zum einen in der szeneinternen Diskussion von
massenmedialen Themen deutlich, zum anderen in der Tatsache, dass Szenemit-
glieder mit Berichten über die eigene Person in der Szene prahlen. Unwahrschein-
lich erscheint allerdings, dass Rechtsextreme sich Massenmedien zuwenden, um
nach Identifikation oder Verhaltensmodellen zu suchen. Denkbar wäre lediglich,
dass Massenmedien als Negativschablone für das eigene Wertesystem fungieren
können – das Bedürfnis nach einer Positividentifikation scheint auf Basis der bis-
herigen Erkenntnisse allerdings eher durch interne Medien zu erfolgen.
Zusammenfassung: Rechtsextreme rezipieren massenmediale Berichterstat-
tung über die rechte Szene, um die öffentliche Meinung zu beobachten, sich dar-
über zu amüsieren und um mitreden zu können. Auch wenn sie nicht persönlich
auftauchen, fühlen sie sich betroffen.

6.2.2 Kognitive Verarbeitung

Bewertung der Berichterstattung


Wie bereits erläutert, werden nur jene massenmedialen Inhalte in der Szene ange-
nommen, die ideologisch nutzbar gemacht und verarbeitet werden können (siehe
Kap. Externe Medien). Medieninhalte, welche die Szene in einem schlechten Licht
darstellen, werden kategorisch abgelehnt und auf die Systeminfiltration der Me-
dien geschoben: „Also wenn zum Beispiel von rechten Demos berichtet wurde, hat
man natürlich gesagt: ,Ja, die verfälschen alles‘, da wird alles verfälscht und wir
werden nur im schlechten Licht dargestellt, ins schlechte Licht gerückt und eigent-
lich ist sozusagen da das Problem, es wird immer sehr selektiv vorgegangen. Man-
ches kann man für sich nutzbar machen, manches aber auch gar nicht und das
wird dann sozusagen wieder durch diese Ideologieblase […] genutzt, dass eben
gesagt wird: ,Ja, das sind eben wieder diese Massenmedien, das sind ja Sys-
temmedien, die uns eben verblenden wollen‘“ (Fall B, S7). Hier kann auf den
Hostile Media Effekt (Vallone, Ross & Lepper, 1985) verwiesen werden: Selbst
objektive Berichterstattung wird als feindselig und tendenziös zuungunsten der ei-
genen Einstellung wahrgenommen – und bestätigt im Fall der rechten Szene deren
permanente subjektive Opferrolle. Obwohl die Ursachen für den Hostile Media
Effekt multifaktoriell sind (z.B. Krämer, 2008, S. 142), kann in diesem Fall als
eine mögliche Erklärung das Konzept der Prior beliefs (Giner-Sorolla & Chaiken,
1994), also der Rezipientenvorannahmen, dienen. Demnach bewerten Personen
Ergebnisse 99

Berichterstattung auf Basis ihrer Voreinstellungen zu Medien – in der Szene wird


diesen die Hauptschuld an der verblendenden Umerziehung der Bevölkerung nach
dem zweiten Weltkrieg gegeben. Wenig verwunderlich also, dass sich die Szene
durch Medienberichterstattung angegriffen fühlt und davon ausgeht, die „Wahr-
heit“ (Fall B, S33) gegen das feindliche System verteidigen zu müssen. Entgegen
der Vermutung, dass eine negative Darstellung erwünscht sei und der Attributi-
onsfehler deshalb nicht greife, fühlen sich auch Szenemitglieder in der Berichter-
stattung ungerecht behandelt und sehen sich z.B. bei Berichten über Gewalteska-
lationen auf Demonstrationen zu Unrecht als gewalttätige Neonazis dargestellt –
vielmehr wird die Eskalation auf die Situation zurückgeführt, was in der Bericht-
erstattung in den Augen der Szene oft nicht genug Beachtung findet.
Zusammenfassung: Rechtsextreme nehmen ausschließlich ideologiekonforme Be-
richterstattung ernst und fühlen sich ansonsten von den Medien ungerecht behan-
delt.

Wirkungsannahmen
Obwohl Szenemitglieder Massenmedien selbst nicht für glaubwürdig halten, spre-
chen sie diesen ein enormes Wirkpotenzial zu. So gehen sie davon aus, dass die
gesellschaftliche Umerziehung und Verblendung nur durch die Verbreitung von
politischen Unwahrheiten durch Massenmedien möglich war (Fall B, S33). Der
Third-Person-Effekt (Daschmann, 2007, S. 197) kommt also auch innerhalb der
rechten Szene zum Tragen: Rechtsextreme empfinden sich als „die Einzigen“, die
trotz der übermächtigen Medieneinflüsse die „Wahrheit“ nicht vergessen haben
(Fall B, S33). Auch wird angenommen, dass das negative und vor allem stereotype
Bild der Szene in den Massenmedien von der Öffentlichkeit adaptiert wird.
Rechtsextreme machen sich das zum Vorteil und versuchen, das negative Medi-
enimage in der persönlichen Interaktion (z.B. an Infoständen) durch übertriebene
Freundlichkeit zu widerlegen und damit die Glaubwürdigkeit der Massenmedien
öffentlich in Frage zu stellen: „Also man provoziert negative Berichterstattung und
sagt danach: ,Ihr könnt ja selber sehen, dass wir gar nicht so böse sind, wie es
wieder in den Medien behauptet wurde‘“ (Fall A, S54) . Auf diese Weise wird
auch eine negative Mediendarstellung genutzt, um Menschen für die rechte Ideo-
logie zu gewinnen, frei nach dem Motto: „Hey, der Staat macht die billigste Wer-
bung für uns, die wir nur haben können. Was kann man mehr wollen“ (Fall F,
S27)? Auch die Beschäftigung der Szene mit sozialen Themen soll das negative
Medienimage aufbrechen: „So, schaut mal her, wir engagieren uns auch für Tier-
schutz, dann können wir ja gar nicht so schlimm sein, wie die Medien immer be-
haupten“ (Fall D, S21). Befragter B berichtet davon, dass Massenmedien außer-
100 Ergebnisse

dem als Mittel fungieren, um eine Gewaltkulisse zu erschaffen. Es wird angenom-


men, dass psychische Gewalt erst durch Medienberichterstattung die nötige Rele-
vanz erfährt, um bei der betroffenen „Zielgruppe“ ein Angstklima auszulösen:
„Stell dir mal vor, irgendwelche Rechten […] beschmieren irgendeine Synagoge
mit Blut oder so, hauen da dann in die Fensterscheiben einen Schweinekopf rein
und Massenmedien fungieren dann dort als Mittel dazu, dass es verbreitet wird.
Es ist dann eben nicht nur die jüdische Gemeinde in diesem Ort, die betroffen ist,
sondern eben die jüdischen Gemeinden allgemein. Also es geht ja nicht nur darum
jetzt, einzelne Personen einzuschüchtern, sondern auch eine Gewaltkulisse zu
schaffen“ (S51). Szenemitglieder gehen also von enorm starken Medieneffekten
auf die Öffentlichkeit aus – was ausgenutzt wird, um Drohungen an ein breites
Publikum zu richten.
Zusammenfassung: Rechtsextreme gehen von extrem starken Medieneinflüs-
sen auf das Publikum aus. In der persönlichen Interaktion wird versucht, das ne-
gative Medienbild aufzubrechen und die Massenmedien zu widerlegen.

Wahrnehmungen (Attributionen)
Kepplinger (2010, S. 141) nimmt an, dass Protagonisten der Berichterstattung
Verhaltensänderungen in ihrem Umfeld (teilweise zu Unrecht) auf die Medienbe-
richterstattung über sich zurückführen und ihre eigenen Handlungen nicht als ur-
sächlich hierfür in Betracht ziehen. Diese externalen Attributionen, die vor allem
bei negativen Veränderungen im Umfeld Anwendung finden, lassen sich auch in
der rechten Szene nachweisen. Befragter A gibt folgende Einschätzung ab: „Wenn
ein Nazi jetzt seinen Arbeitsplatz verliert, ist es ja meistens durch Medienbericht-
erstattung, also da entwickelt sich so ein persönlicher Hass dann“. Und weiter:
„Wenn es zu Übergriffen auf die Nazis kommt, sind die Medien deutlich Schuld
daran. Weil im Weltbild der Kameradschaftsszene sind ja die Gegendemonstran-
ten […] umerzogene Idioten sozusagen“ (S65f). Befragter D (S41) berichtet da-
von, dass er konkret nach seinem Eintritt in die Szene Veränderungen in seinem
Umfeld wahrgenommen hat, die er sich durch die medial vermittelte Angst vor
Neonazis erklärte und die ihm ein „Machtgefühl“ gaben: „Die Leute behandeln
einen anders. Ich hab es damals in der Schulzeit gemerkt gehabt, als in der Ober-
stufe dann auch teilweise bekannt wurde: ,Ja, der denkt rechts‘. Einige haben um
mich rum dann plötzlich einen riesen Bogen gemacht, ich wurde dann auch nicht
mehr blöd angemacht. Weil ich denk mal, dass viele dachten: ,Wer weiß, was bei
dem dann der Freundeskreis macht‘“ (ebd.). Einen weiteren interessanten Gedan-
kengang beschreiben die Befragten A und E: „Einem fällt als Nazi natürlich schon
auf, dass in seinem Umfeld überdurchschnittlich viele Vollidioten sind. Aber da
hab ich wirklich gedacht, das ist die Schuld der Medien, weil die immer sagen, da
kann jeder hin und das ist ein reiner Haufen von Kriminellen und nur deswegen
Ergebnisse 101

würden sich diese Leute uns anschließen“ (S67). Mit dieser Einschätzung ist er
nicht alleine. Befragter E liefert die psychologische Erklärung für dieses Phäno-
men und erklärt, wieso auch er dachte, in seiner Gruppe habe eine „Interferenz“
stattgefunden: „Also unsere eigene kollektive Identität wurde in den Medien gar
nicht so wiedergegeben, wie wir es wollten, aber andere Personen haben das dann
so aufgegriffen, haben sich dann selber als autonome Nationalisten bezeichnet
und haben das Stereotyp oder das Medienbild dann versucht zu reproduzieren und
zu ihrem Ich-Ideal dann gemacht, wenn man so will“ (S38). Medienberichterstat-
tung wird also die Schuld daran gegeben, dass die Szene Zulauf von Mitgliedern
bekommt, welche den Führungskadern nicht zusagen. Befragter A lenkt heute ein,
dass eigentlich die Ideologie selbst entsprechende Personen anzieht: „Die Ideolo-
gie ist einfach so stumpf, dass dadurch eben die Leute, die nicht großartig nach-
denken, angezogen werden. […] Man sagt ja immer, man will eine Elite sein, aber
man spricht ja ganz gezielt die Leute an, die nichts mehr haben oder die absolute
Angst haben“ (S67). Die Schuldzuschreibungen in der Szene können so weit ge-
hen, dass nicht nur Medien als Gesamtkonstrukt, sondern auch einzelne Journalis-
ten zu Schuldigen an unangenehmen Veränderungen erklärt werden. So berichtet
die Befragte G davon, dass die Journalistin Andrea Röpke durch ihre intensive
Recherchearbeit zur HDJ zu deren Verbot beigetragen hat. Die Befragte G kann
sich vorstellen, welche Konsequenzen das für die Journalistin gehabt haben muss:
„Ja, die arme Frau. Die tut mit sehr, sehr leid. […] also die lebt halt noch dazu in
einer Gegend, in der es viele Nazis gibt und ich glaube, das ist nicht so schön“
(S25). Obwohl auch hier mit Sicherheit das Konzept der HDJ selbst ursprünglich
für deren Verbot war, wird der Journalistin die Schuld daran gegeben.
Zusammenfassung: Erfahren Rechtsextreme Ablehnung von außen, so wird
den Massenmedien die Schuld daran gegeben.

Anpassung
Daschmann (2007, S. 197) vernutet, dass ein zum Tragen kommender Third-Per-
son-Effekt bei negativer Berichterstattung über die eigene Person dazu führt, dass
diese eine gesteigerte Angst vor sozialer Ausgrenzung empfindet. Infolgedessen
sollte auch ein erhöhter Handlungs- und Konformitätsdruck empfunden und ver-
sucht werden, die negativen Folgen der Berichterstattung durch Anpassung des
Verhaltens an die Norm von sich abzuwenden. Dieser Effekt scheint innerhalb der
rechten Szene überhaupt nicht zu existieren. So berichtet keiner der Befragten,
dass die Annahme, die Öffentlichkeit verurteile die eigenen Einstellungen, dazu
führen kann, diese zu überdenken. Im Gegenteil ist diese Verurteilung eher ein
Ansporn: „Dass alle gegen einen stehen, das ist eher das Gefühl: Wir gegen die
anderen. Also da sind die Fronten klar“ (Fall A, S77). Ursächlich für den fehlen-
102 Ergebnisse

den Konformitätsdruck sind hier wahrscheinlich mehrere Komponenten. Zum ei-


nen ist es möglich, dass das Individuum in der Gruppe eine geringe Verantwort-
lichkeit für die Negativberichterstattung empfindet, da sich diese auf alle Grup-
penmitglieder verteilt. Gleichzeitig wird durch Angriffe auf die „In-Group“ von
außen die Gruppenkohäsion innerhalb der Gruppe gestärkt (Bierhoff, 2002, S.
114), was das Gefühl „Wir gegen die anderen“ bedingen kann, so dass kein Druck
entsteht, sich der öffentlichen Meinung anzupassen. Zum anderen kann der feh-
lende Anpassungsdruck darauf zurückgeführt werden, dass Massenmedien „keine
wahrheitsschaffenden Instanzen in dem Sinne sind. Also die können keine Wahr-
heit sagen, die sind kein Teil der Veridiction“ (Fall E, S54). Berichte darüber, dass
die Öffentlichkeit die eigene Meinung verurteilt, werden also gar nicht ernst ge-
nommen. Vielmehr sieht sich die Szene selbst als die „Stimme der schweigenden
Mehrheit“ (Fall A, S32), die den eigentlichen Volkswillen durchsetzen will, wel-
cher durch die Massenmedien verzerrt wiedergegeben wird: „Man geht da von so
einer Ultraverschwörung aus, dass eben die alle […] absichtlich genauso berich-
ten, […] dass das rauskommt, was rauskommt“. Auch die Annahme, Journalisten
würden entlassen, wenn sie positiv über die Aktivitäten der Szene berichten, stützt
diese Erklärung (Fall C, S64). Widersprüchlich erscheint an dieser Stelle aller-
dings die Tatsache, dass Führungskader Massenmedien zur Beobachtung der öf-
fentlichen Meinung nutzen – einer von vielen Widersprüchen, die in der rechten
Szene auftauchen und nicht hinterfragt werden: „Da ist man halt so weit isoliert,
dass es keine Widersprüche gibt. Also da gibt’s keine Leute, die was anderes sa-
gen, deswegen kann man es annehmen“ (Fall A, S18).
Zusammenfassung: Innerhalb der rechten Szene wird kein Druck empfunden, sich
der massenmedial vermittelten öffentlichen Meinung anzupassen.

6.2.3 Emotionen

Positive und negative Emotionen


Es sei noch einmal betont, dass die Trennung von Kognitionen und Emotionen nur
analytisch erfolgen kann. Entsprechend wurden verschiedene spezifische Emotio-
nen bereits in der Interpretation der bisherigen Ergebnisse berücksichtigt, wobei
in diesem Abschnitt grundsätzliche Schemata der emotionalen Verarbeitung her-
ausgearbeitet werden sollen. Im Vorfeld wurde vermutet, dass sich die emotionale
Verarbeitung von Medienbotschaften innerhalb der rechten Szene ins Gegenteil
verkehrt – also dass auf (aus gesellschaftsnormativer Sicht) negative Berichter-
stattung emotional positiv reagiert wird und umgekehrt. Begründet wurde dies
durch die Vermutung, dass die rechte Szene sich wünscht, durch Negativbericht-
erstattung als „outlaw“ gekennzeichnet zu werden (Widmann, 2001, S. 153). Diese
Ergebnisse 103

Vermutung hat sich zumindest teilweise bestätigt. So wird negative Berichterstat-


tung über Aktionen der Szene als „Belohnung“ (Fall A, S48) oder sogar „Ehrung“
(ebd., S23) empfunden, solange die Berichterstattung nur oberflächlich kritisch
bleibt. Ärgerlich wird diese allerdings dann, wenn Szenemitglieder verunglimpft
werden. So berichtet Befragte G von einem Bericht über die Unsterblichen: „Spie-
gel-TV hat das, glaub ich, mal gemacht. Hat dann da diverse Personen, die da
dran teilgenommen haben, die das angeleitet haben auch, zu Hause besucht und
über ihre Vorstrafenregister berichtet und so. Das finden die dann auch nicht
mehr so cool, so sieht man sich ja nicht gerade gerne im Fernsehen. Das ist dann
irgendwie auch nicht mehr so sympathisch und vielleicht für Jugendliche auch
nicht mehr so attraktiv“ (S28). Es sei an dieser Stelle auf die verschiedenen
Wunschdarstellungen rechtsextremer Strömungen verwiesen. Solange die Nega-
tivberichte den Idealimages der jeweiligen Gruppierung entsprechen, begrüßen die
Szenemitglieder diese. So empfänden Skinheads einen Bericht, der sie als rassis-
tisch und gewalttätig darstellt, als erfreulich, während autonome Nationalisten sich
eher darüber ärgern würden (Fall E, S51). Von einer Negativspirale, in der sich
Emotionen und Kognitionen gegenseitig bedingen und verstärken (Kepplinger,
2010, S. 142) kann allerdings auch bei Ärger über die Berichterstattung keine Rede
sein – der in Daschmanns (2007, S. 201) Modell beschriebene, mit Ohnmachtsge-
fühlen verbundene Kontrollverlust kann in der rechten Szene also nicht beobachtet
werden. So scheinen Rechtsextreme gegenüber negativen Berichten zu sehr abge-
stumpft zu sein, um einem solchen Prozess zu unterliegen: „Wenn man die ganze
Zeit nur negativ über irgendwas berichtet, irgendwann schließt du ab. Welcher
Mensch würde sich schon gerne die ganze Zeit irgendwelche Fehler vorwerfen
lassen? Keiner. Die Medien lügen eh“ (Fall D, S46).
Da (wenig überraschend) kein Befragter von Erfahrungen mit positiver Be-
richterstattung über die Szene berichtete, können nur Vermutungen darüber ange-
stellt werden, wie hierauf reagiert werden würde. In Anbetracht der Tatsache, dass
Medienberichterstattung jedoch immer genau so interpretiert wird, wie sie für die
Szene am günstigsten ausfällt, ist anzunehmen, dass positive Berichte als glaub-
würdig empfunden und mit Freude aufgenommen werden würden. Frei nach dem
Motto, das Befragter A in diesem Zusammenhang formuliert: „Wenn die Massen-
medien das schon sagen…“ (S19).
Zusammenfassung: Rechtsextreme reagieren mit positiven Emotionen, wenn
die Mediendarstellung ihrer Wunschdarstellung entspricht. Als ärgerlich empfin-
den sie eine kontextualisierende Berichterstattung.
104 Ergebnisse

6.3 Interpretation: Wirkung

Kepplingers Modell folgend, werden die intentional reziproken Wirkungen von


Berichterstattung eingeteilt in proaktive, interaktive und reaktive Wirkungen, wo-
bei jenen Medieneffekten, die keine weiterführende Berichterstattung intendieren,
im Punkt non-intentional re-aktive Wirkungen Rechnung getragen werden soll.

6.3.1 Intentional pro-aktiv

Aufgrund der zunehmenden Mediatisierung der Gesellschaft wird die Frage rele-
vant, welche assertiven Techniken der Imagebildung innerhalb der rechten Szene
angewandt werden. Die Impression-Management-Theorie besagt, dass Individuen
darauf bedacht sind, ihre Außenwirkung zu kontrollieren und zu steuern, wobei
das angestrebte Image möglichst kongruent mit dem Ich-Ideal der jeweiligen Per-
son sein sollte (Daschmann, 2007, S. 199f). Hinsichtlich der Feststellung, dass
manche rechtsextreme Gruppen ein angsteinflößendes Image intendieren, er-
scheint es wenig verwunderlich, dass teilweise Straftaten verübt werden mit dem
expliziten Ziel, dadurch Medienaufmerksamkeit zu generieren. Strafverfolgung
infolge von Verstößen gegen Gesetze des feindlichen Systems spielt bei der Ver-
breitung der Ideologie eine untergeordnete Rolle, obwohl natürlich versucht wird,
nicht bei Straftaten erwischt zu werden, denn „dann ist man halt nach ein paar
Aktionen im Knast und dann hilft man der Bewegung selber auch nicht mehr“
(Fall F, S43). Doch gerade als junger Neonazi riskiere man laut Befragtem A
(S69), „dass man in den Knast kommt, weil einem das wichtiger ist, die Ideologie
zu verkörpern. Und man auch eine gewisse Form der Anerkennung schon be-
kommt, wenn man dann strafrechtlich verfolgt wird. Laut Szenekodex ist man dann
praktisch ein Märtyrer“. Als Beispiel für eine gezielte Gewaltaktion nennt der
Befragte A den Rathaussturm in Dortmund am 25. Mai 2014 und vermutet, diese
Aktion sei durchgeführt worden, um „damit dann in die Medien zu kommen und
so bundesweit das Gefühl zu vermitteln, da sind Demokraten nicht mehr sicher
[…]. Das ist natürlich eine Situation, wo jeder, der da hingeht, genau weiß, dass
das wahrscheinlich sogar international in den Medien kommt, wenn deutsche Na-
zis eine deutsche Behörde stürmen wollen“ (S60). Die Befragte G erzählt von der
Beerdigung eines Altnazis, bei der auch Journalisten anwesend waren, die nach
der Zeremonie von den Neonazis körperlich angegriffen wurden. Die Befragte
vermutet, dass durch diesen Übergriff die Außenwirkung erzielt werden sollte,
dass die Szene es sich nicht gefallen lässt, wenn Journalisten die Totenruhe eines
Kameraden stören (S17). Es wird jedoch betont, dass solche gezielten Gewaltak-
tionen meistens von kleineren Gruppierungen oder Einzelpersonen durchgeführt
werden, weil ein Gewaltimage der Wunschdarstellung und dem „politischen Plan“
Ergebnisse 105

der meisten rechtsextremen Gruppierungen widerspricht und durch Führungsrie-


gen zu verhindern versucht wird (Fall A, S61). Rhetorische Provokationen spielen
hingegen eine weitaus größere Rolle im assertiven Impression-Management
rechtsextremer Gruppen und Parteien: „Die NPD benutzt natürlich die Medien,
das machen sie ja geschickt im Wahlkampf […]. Nehmen wir das Beispiel von vor
ein paar Jahren, das Plakat mit Udo Voigt ,Gas geben‘. […] Perfekt. Klar ist es
provokant, und klar ist es eine Zweideutigkeit, die ist gewollt, aber du bist natür-
lich in den Medien […]. Und nicht irgendwie mit Ausschreitungen, sondern mit
einem Wahlplakat, mit Provokation nach außen“ (S37). Auch der Befragte A be-
richtet von einem provokativen Wahlplakat der Bürgerinitiative Ausländerstopp,
das ein homosexuelles Pärchen als Strichmännchen beim Geschlechtsverkehr dar-
stellt und einige Tage in seiner Heimatstadt hing, bevor es verboten wurde. Was
daraufhin passierte, führte laut Befragtem A für die Partei schließlich zum Wahl-
erfolg bei den Kommunalwahlen dieses Jahres: „Wirklich alle Zeitungen haben
dann dieses Plakat abgedruckt. Also […] das ist das Beste, was passieren kann.
Dass alle Zeitungen dieses Plakat in Farbe, halbe Seite, abdrucken“ (S25).
Rechtsextreme Strömungen, die keinen Wahlkampf führen, machen auf andere
Weise auf sich aufmerksam. Anhänger der identitären Bewegung, in deren Fahr-
wasser die Unsterblichen stehen, wollen durch gezielte PR-Aktionen den An-
schein einer neuen Bewegung erwecken. Ihr Ziel ist es dabei, „die Köpfe der Men-
schen zu öffnen, und jede Erinnerung an den Nationalsozialismus auszulöschen
und nur die Erinnerungen an die konservative Revolution da stehen zu lassen. Das
heißt, die Strasser-Brüder und so eine ganz bestimmte Vorstellung von Nation,
Kultur und Tradition, die mit Identität in Verbindung steht […]. Die sagen halt
nicht mehr Rasse, sondern Ethnie. Und die meinen das gleiche, das ist der Punkt.
[…] Die sagen halt Identität anstatt Volk […], aber was sie damit eigentlich mei-
nen, ist trotzdem, dass diese Differenzen klar aufrecht erhalten bleiben müssen,
die sind eigentlich auf eine bestimmte Art und Weise trotzdem Rassentheoretike-
rInnen“ (Fall E, S29). Bei den öffentlichen Auftritten der Bewegung geht es nicht
darum, für die breite Masse wirksam zu sein, sondern eine jugendliche Zielgruppe
und das interne Publikum anzusprechen: „Die Unsterblichen haben ja extrem ein-
schüchternd gewirkt auf viele Otto-Normal-Verbraucher, in Bezug darauf, dass
sich halt einfach mehrere hundert Personen versammeln konnten und konnten mit
Masken und Fackeln durch irgendne Stadt rennen. […] Die Wirkung nach innen
ist extrem stark gewesen, es wurde extrem stark aufgenommen, […] es ist total oft
wiederholt worden, auch europaweit“ (Fall E, S31). Die weißen Masken der Un-
sterblichen haben in dieser Selbstinszenierung eine Art Symbolfunktion und bil-
den einen Anknüpfungspunkt zur Bewegung, an die sich durch das Aufgreifen der
Symbolik anschließen lässt (ebd., S30).
106 Ergebnisse

Befragter B berichtet des Weiteren von verschiedenen Maskottchen, die in der


rechten Szene genutzt werden, um Medienaufmerksamkeit zu generieren. Zu die-
sen gehören unter anderem der „Abschiebär“ und das inzwischen verbotene „Krü-
melmonster“, von denen Videos gedreht und im Internet hochgeladen werden:
„Ich weiß nicht, ob du dieses Video kennst, da haben die [Neonazis, d. Verf.] halt
ein Krümelmonsterkostüm an und verteilen auf irgendeinem Schulhof irgendein
paar Aufkleber. Das ist nicht dafür da, die Leute zu überzeugen, sondern […] die
versuchen, in die Medien zu kommen und sich selbst darzustellen“ (S35). Die
rechte Szene nutzt also vielfältige Strategien zur proaktiven Generierung medialer
Aufmerksamkeit und schreckt weder vor der Ausübung von Gewalt noch vor der
Instrumentalisierung von Schulkindern für ihre Zwecke zurück.
Zusammenfassung: Rechtsextreme versuchen durch rhetorische Provokatio-
nen, PR-Aktionen, Maskottchen und vereinzelt durch Gewaltverbrechen in die
Medien zu kommen.

6.3.2 Intentional inter-aktiv

Im Vorfeld wurde angenommen, dass diese Kategorie in den Ergebnissen nicht


wirklich relevant wird, weil es unwahrscheinlich erschien, dass Rechtsextreme mit
Journalisten, also Feinden der Szene, in direkte Interaktion treten. Diese Vermu-
tung musste revidiert werden. So bestätigte sich zwar die Vermutung, dass Rechts-
extreme auf Veranstaltungen eher keine Interviews geben, allerdings aus anderen
Gründen als vermutet. Es wird Basisaktivisten durch Lautsprecher, Ordner oder
Verhaltensauflagen durch die Führungsriegen verboten, mit den Medien zu spre-
chen. Die offizielle Begründung hierfür ist zwar, dass Szenemitglieder ,Sys-
temmedien‘ als Feinde ansehen und deshalb ignorieren sollen – allerdings verfol-
gen Führungskader durch das Interviewverbot ein ganz anderes Ziel. Befragter A
erzählt: „Also ich war auch als Ordner auf Naziaufmärschen. […] ich hab die
Medien auch alleine deswegen abgedrängt, damit die nicht irgendnen Idioten vor
die Kamera bekommen und der genau das sagt, was die hören wollen. Also man
schützt sich da vor sich selbst quasi. So denken eigentlich die ganzen Führungs-
kräfte, […] dass man mit den Medien schon spielen kann, aber die haben halt vor
allem Schiss, dass die einfachen Aktivisten vor die Kamera kommen“ (S59). Die
Angst vor öffentlicher Bloßstellung ist also der Hauptgrund dafür, dass Rechtsext-
reme nur selten in direkten Kontakt mit Journalisten treten. Die einzigen Personen,
die mit Journalisten sprechen dürfen, sind entweder Pressesprecher (vor allem im
Fall rechter Parteien) oder sehr hohe Funktionäre (Fall D, S35). Wird das Verbot
ignoriert, drohen Sanktionen. So berichtet Befragter D, „dass man droht, denjeni-
gen, wenn es nochmal vorkommt, aus der Kameradschaft rauszuschmeißen. Dass
Ergebnisse 107

der dann auch wirklich komplett rausgeschmissen wird. Dass er weiter runter ge-
stuft wird. Also zum Beispiel aus einer Führungsriege rausgeschmissen wird,
wenn er in einer drin ist“ (S35). Findet ein Gespräch zwischen einer befugten
Person und einem Journalisten statt, so hat auch diese sich an bestimmte Auflagen
zu halten: „Aber wenns ums Thema Juden geht, also Israel, Holocaust, brechen
wir sofort ab, da gibt’s keine Diskussion, da reden wir nicht drüber“ (Fall C, S16).
Rechtsextreme halten sich also im direkten Gespräch ideologisch und rhetorisch
zurück, um ihre Massenwirksamkeit nicht zunichte zu machen: „Also da wird
schon sehr, sehr strategisch in seiner Rhetorik vorgegangen, […] man möchte na-
türlich im besten Licht erscheinen […] da möchte man ein bestimmtes Bild sugge-
rieren und da ist schon sehr viel Berechnung dabei“ (Fall B, S46). Außerdem wird
versucht, mit Journalisten auf der Hinterbühne in Kontakt zu kommen, also infor-
melle Gespräche zu führen, um die Berichterstattung manipulativ zu beeinflussen:
„Man fängt zum Beispiel an, was weiß ich, übers Wetter zu reden, und darüber
kommt man mit denen [den Journalisten, d. Verf.] ins Gespräch. Da zeigt man
eben selbst, dass man ein ganz normaler Mensch ist. […] damit kommt wieder
diese psychologische Komponente mit rein, dass man zeigt, man ist kein schlechter
Mensch. […] und das ist die beste Grundvoraussetzung, wenn man schon so eine
unterschwellige Gemeinsamkeit gefunden hat. Also der menschliche Kontext ein-
fach, dass man dort dann auch ideologisch tätig werden kann“ (Fall B, S45). Wäh-
rend hier eine subtile Form der Beeinflussung von Journalisten beschrieben wird,
berichtet der Befragte B von einer sehr viel direkteren Einflussnahme: „In unserer
Gruppe haben wir auch den Vorteil gehabt, ein Massenmedium selbst für uns in-
strumentalisieren zu können. Also beispielsweise in Arnstadt, das ist eine Stadt in
Thüringen, da gibt’s ein Anzeigenblatt, das heißt Arnstädter Stadtecho, das ist eine
Stadtzeitung und die ist sehr konservativ. Und wir haben zum Beispiel damals je-
manden kennengelernt, der für diese Zeitung schreibt und dort konnten wir dann
auch Artikel unterbringen und wir konnten Artikel schreiben für diese Zeitung.
Also wir haben sie aktiv für unsere Zwecke genutzt. Wir waren ja, wie gesagt, ne
relativ liberale Gruppe, also wir haben jetzt nicht von der Asylflut zum Beispiel
gesprochen, aber trotzdem noch in Grundlage völkisch-nationalistisch und da
wurde nichts gefiltert, also wir wussten auch, was wir schreiben mussten“ (S5).
Obwohl insgesamt betont wird, dass eine direkte Beeinflussung eher selten funk-
tioniert, kann festgehalten werden, dass die Chancen für einen Erfolg steigen, je
liberaler die jeweilige politische Strömung und je konservativer das entsprechende
Medium ist. Eine ähnliche Geschichte direkter Einflussnahme erzählt der Befragte
C: „Wir hatten mal einen Journalist von einer Berliner Zeitung, da hab ich so
seine Privatnummer gehabt, mit dem haben wir kommuniziert. Ich nenn jetzt mal
nen Namen, Herr K., damit ich auch glaubwürdig bin. Den haben wir immer ziem-
lich zeitnah mit Informationen versorgt. Das heißt, wir haben eine Mahnwache
108 Ergebnisse

abgehalten, Spontandemonstration, haben ihn dabei angerufen: ,Herr K., kommen


sie doch mal vorbei.‘ Oder: ,Herr K., wir machen gerade das und das. ‘ […] er
war kein Freund von uns, ja. Aber er hatte immer, also er hat uns in die Medien
gebracht. Wir haben Öffentlichkeit hergestellt und hatten ihn als Mittelmann“
(S50). Dass Journalisten Informationen von der Szene erhalten, bestätigt auch Fall
F und berichtet davon, dass seine Kameradschaft eine Art Werbevideo an Journa-
listen geschickt hat, um sich als Gruppe vorzustellen (S31). Die Befragte G be-
richtet ergänzend, dass Journalisten nicht nur die Informationen nutzen, die sie
von Rechtsextremen aktiv zugespielt bekommen, sondern dass auch Naziseiten
von Journalisten als Quellen verwendet, allerdings in der Berichterstattung nicht
als solche gekennzeichnet werden: „Es ging um irgendne Geschichte, die auf ir-
gendner Naziseite über den XY [Fall A, d. Verf.] stand und die wurde dann wirk-
lich eins zu eins da rausgenommen als glaubhafte Quelle. Und die Geschichte ist
von vorne bis hinten natürlich nicht wahr. […] ja, und es gibt halt Journalisten,
die fallen halt wirklich auf sowas rein“ (S11). Sie bemängelt außerdem, dass Jour-
nalisten sich von Neonazis teilweise so stark einschüchtern lassen, dass bestimmte
Informationen gar nicht erst veröffentlicht werden: „Also kurz nachdem ich aus-
gestiegen bin, hat ein Journalist mich angesprochen auf unserer Pressekonferenz,
als wir unseren Verein gegründet haben. Ja, er findet das alles total interessant,
meine Familiengeschichte. Mein Vater ist nämlich auch noch Vollstreckungsbe-
amter beim Zoll, also auch in einer gehobenen Position […] und zwei Wochen
später hat er [der Journalist, d. Verf.] dann gesagt: ,Ne, er macht das nicht, das
ist ihm irgendwie zu heiß […]‘ und wir wissen halt, dass das Innenministerium
sehr dahinter ist, dass sowas nicht rauskommt. Mein Vater arbeitet ja auch noch
in seinem Job und dass dann solche Leute eben auch gedeckt werden“ (S23f). Die
Interaktion zwischen Journalisten und Rechtsextremen scheint also geprägt von
einer starken Einflussnahme seitens der Szenemitglieder auf die Journalisten, z.B.
in Form von Manipulationen und Einschüchterungen (erinnert sei hier noch ein-
mal an die Anti-Antifa-Arbeit), die bei den Journalisten auch entsprechende Wir-
kung zeigt und sich in den Augen der Befragten auch in der Berichterstattung nie-
derschlägt.
Zusammenfassung: Aus Angst vor Bloßstellung sind nur wenige hochrangige
Personen befugt, mit Medien zu sprechen. Diese halten sich vor Journalisten rhe-
torisch zurück.
Ergebnisse 109

6.3.3 Intentional re-aktiv

Wie bereits beschrieben, reagieren Szenemitglieder vor allem mit Ablehnung oder
Gleichgültigkeit auf negative Berichte über die Szene. Ist ein Bericht nicht ideo-
logisch weiterzuverarbeiten, so wird der massenmedialen Quelle die Glaubwür-
digkeit abgesprochen, Versuche einer direkten Korrektur der Berichterstattung er-
folgen nur vereinzelt, z.B. in Form von Leserbriefen (Fall G, S12). Häufig werden
jedoch negative Massenmedienberichte auf internen Seiten aufgegriffen und kom-
mentiert, positiv wie negativ – abhängig davon, ob es sich um einen ideologiekon-
formen Bericht handelt oder nicht (siehe auch Kapitel interne Medien). Die Be-
fragte G berichtet von der Aussage eines Politikers auf einer internen Neonazi-
seite: „Ja, der ist eigentlich schon auf dem richtigen Weg. Weil er irgendwie ge-
sagt hat, er möchte sich von der Antifa distanzieren. Und dann gesagt wurde: Ah
schau, der möchte mit denen auch nichts zu tun haben“ (S9). Grundsätzlich rea-
gieren Führungsriegen wesentlich differenzierter auf Berichterstattung über die
Szene als Basisaktivisten. Eine strategische Auswertung als Reaktion auf negative
Berichte findet sich also vor allem bei den Kaderfiguren, die ihre Taktiken aller-
dings für sich behalten: „Im innersten konzentrischen Kreis sprichst du halt mit
den Personen und sagst: ,Alles klar, das ist jetzt nicht perfekt gewesen, aber das
hat uns die und die Vorteile gebracht. Dann müssen wir das und das machen‘.
Und mit den größeren konzentrischen Kreisen versuchst du dich einfach zu soli-
darisieren, indem du sagst: ,Ja, das ist ja eine riesengroße Schande und so weiter
und so fort‘“ (Fall E, S48). Zu den taktischen Reaktionen auf Berichterstattung
zählen beispielsweise die verschärften Sicherheitsmaßnahmen (Kontrollen, Foto-
verbot etc.) auf rechtsextremen Konzerten nach der Veröffentlichung der Under-
cover-Dokumentation „Blut muss fließen“ (Fall C, S52). Doch auch andere rechts-
extreme Aktionen werden durch Berichterstattung beeinflusst. So berichtet Be-
fragter D von Verhaltensauflagen, die im Vorfeld über interne Medien verbreitet
werden, um zu verhindern, dass externe Medien die Szeneaktivität wieder einmal
in einem schlechten Licht darstellen können: „Es gibt zum Beispiel sehr strenge
Auflagen in der Szene, wie man sich auf Demonstrationen zu verhalten hat. Wie
dass man achtzehn Stunden vorher keinen Alkohol mehr zu sich nimmt. Da gibt es
interne Auflagen, dass man nicht betrunken zu Demonstrationen erscheinen soll.
Dass man eben geordnet laufen soll. Bei Trauermärschen, dass man da eben zum
Beispiel keinen Ton sagt“ (S39). Befragter B berichtet davon, dass Medienkritik
auch teilweise konkret aufgegriffen und umgesetzt wird, zumindest bei der NPD.
So habe die Partei im Wahljahr 2009 auf Demonstrationen die vielfach kritisierten
schwarz-weiß-roten Reichsfahnen durch schwarz-rot-goldene Fahnen ersetzt, was
der Partei ein massentauglicheres Image verleihen sollte (S11). Dass Massenme-
110 Ergebnisse

dien Neonazis manchmal auch auf Ideen bringen können, um ihr Image aufzubes-
sern, bestätigt auch Befragter C und erzählt von einem selbstgebastelten Jugend-
zentrum voller rechtsextremer Symbole, das von Einzelpersonen ins Leben geru-
fen worden war und eigentlich nichts mit seiner Kameradschaft zu tun hatte, aber
in der Lokalpresse als deren Idee dargestellt wurde: „Die Presse hat uns auf die
Idee gebracht, und da ist eine Kampagne entstanden mit einer jährlichen De-
monstration in Berlin für die Schaffung eines nationalen Jugendzentrums in Ber-
lin. […] das ging dann weiter mit obligatorischen Hausbesetzungen, um zu zeigen:
,Hier steht Raum leer, hier kann man dieses Zentrum hinbauen‘“ (S15). Diese
Form der Instrumentalisierung scheint kein Einzelfall in der rechten Szene zu sein.
So übernahm Siegfried Borchert seinen vom Stern eigentlich negativ gemeinten
Spitznamen „SS-Siggie“ und trieb die Provokation auf die Spitze, indem er öffent-
lich verlauten ließ, er würde eigentlich lieber „SA-Siggie“ heißen, weil die freien
Kameradschaften die SA eher als Vorbild ansehen als die SS (Fall C, S44).
Auf die Frage, ob auf Berichterstattung über rechtsextreme Gewalt mit einer
Nachahmung derselben reagiert wird, antworten alle Befragten zögerlich. Befrag-
ter A ist sicher, dass der politische Plan der meisten Kameradschaften ein Gewal-
timage eher zu vermeiden versucht und deshalb auch Eskalationen nach Berichten
über rechte Gewalt von den Führungsriegen verhindert werden (S61). Allerdings
räumt er ein, dass das Gewaltpotenzial in der Szene so hoch ist, dass Medienbe-
richte über Gewalt durchaus als Katalysator wirken können, allerdings eher bei
Einzelpersonen oder kleineren Gruppen. Obwohl die Befragte E betont, dass es
insgesamt schwierig ist zu extrahieren, inwiefern Medienberichterstattung ursäch-
lich für die Nachahmung rechtsextremer Gewaltverbrechen ist, werden verschie-
dene Faktoren genannt, die eine Nachahmung wahrscheinlicher machen, z.B.
wenn der Eindruck entsteht: „damit komm ich wirklich durch“ (Fall F, S39), wenn
also darüber berichtet wird, dass die Modelltäter noch nicht gefasst wurden. Den-
selben Eindruck hat der Befragte B und sagt in Bezug auf die NSU-Verbrechen:
„Das ist sozusagen Vorbild und das ist natürlich dann zumindest teilweise durch
die Massenmedien auch evoziert. Allein dadurch, dass das eben aufgezeigt wird:
,Sowas hats gegeben, sowas hat es jahrelang gegeben‘. Und […] diese Leute fun-
gieren zum einen als Märtyrer und weil sie Märtyrer sind, auch als Vorbild“ (S52).
Wie Brosius & Esser (2002, S. 31) in ihrem Eskalationsmodell beschreiben, wird
also auch innerhalb der rechten Szene eine Nachahmung von rechten Gewaltver-
brechen dann wahrscheinlicher, wenn das Modellverbrechen in den Massenme-
dien als „erfolgreich“ (ebd.) dargestellt wird. Allerdings wird innerhalb der rech-
ten Szene ein Faktor relevant, den Brosius & Esser (ebd.) außen vor lassen. So
hängt die Wahrscheinlichkeit einer Nachahmung stark mit der Gruppenzugehörig-
keit des jeweiligen Nachahmers zusammen. Es können bei einem Mitglied einer
Ergebnisse 111

Kameradschaft sowohl die Fähigkeit als auch die Motivation und die entsprechen-
den Mittel zur Nachahmung gegeben sein – wenn die Kaderpersonen der Kame-
radschaft eine Gewalteskalation verhindern, wird es zu keiner Nachahmung kom-
men, schließlich agieren Kameradschaften auf Basis des Führerprinzips13. Die Zu-
nahme fremdenfeindlicher Gewalt nach Bekanntwerden der NSU-Morde lässt sich
also entweder durch Taten von Einzelpersonen erklären, oder durch Gruppierun-
gen in der rechten Szene, die ein Gewaltimage intendieren. Dass sich derart ext-
reme Ausschreitungswellen wie in den 1990er Jahren nach Bekanntwerden der
NSU-Morde nicht wiederholt haben, könnte also durch eine zunehmende Media-
tisierung der rechten Szene erklärt werden. Wären die meisten neonazistischen
Kameradschaften nicht darauf bedacht, Gewalt aus den Medien heraus zu halten,
wäre die Anzahl der Nachahmungstäter mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit we-
sentlich höher.
Zusammenfassung: Rechtsextreme reagieren taktisch auf Kritik in der Medi-
enberichterstattung und greifen diese in ihrer Selbstinszenierung auf. Die Nach-
ahmung von Gewaltverbrechen spielt in der organisierten Szene eher keine Rolle.

6.3.4 Non-intentional re-aktiv

Es wurden zwei grundsätzliche Wirkungen extrahiert, die durch Berichterstattung


evoziert werden und keine weitere Berichterstattung intendieren – aber durch den
medialen Fokus, der auf der Szene liegt, dennoch weitere Berichterstattung nach
sich ziehen können. So führen bestimmte Medienthemen dazu, dass sich Sympa-
thisanten entschließen, der aktiven Szene beizutreten. Gewisse Formen der Be-
richterstattung können also bewirken, dass Mitglieder der Szene in der konzent-
risch aufgebauten Bewegung in einen zentraleren Kreis vorrücken. Dies geschieht
vor allem dann, wenn Themen in den Medien präsent sind, mit denen Ängste ge-
schürt werden, wie „Flüchtlingspolitik oder die Griechenlandkrise. Das sind The-
men, die spielen der rechten Szene in die Hand“ (Fall G, S34). Befragter A fügt
hinzu, dass er einen starken Zuwachs der Szene bemerkte, als Hartz IV in den
Medien diskutiert wurde (S42), während Befragter F die aktuelle Diskussion über
Sinti und Roma als mögliche Ursache für einen Einstieg in die aktive Szene nennt
(S23). Befragter D fügt Themen der Lokalpolitik hinzu, wie den Bau eines Asy-
lantenheims in Berlin, der dazu führte, dass die rechte Szene in der Stadt Zulauf
bekam (S37). Medienberichte können jedoch nicht nur einen Einstieg in die Szene

13
Das Führerprinzip beschreibt eine pyramidenartige Gruppenhierarchie, wobei Basisaktivisten zu
strengem Gehorsam verpflichtet sind – ein Grundprinzip faschistischer Gruppen (www.netz-gegen-
nazis.de, 2013).
112 Ergebnisse

bedingen, sondern auch zu einem Ausstieg anregen. Dies ist allerdings nur mög-
lich, wenn die betreffende Person schon Zweifel an der Szeneideologie hat und
die „Hermetik des Weltbildes“ (Fall E, S10) bereits ansatzweise aufgebrochen
wurde – ansonsten würde jede Kritik in den Medien als Systeminfiltration abgetan.
Dennoch berichten immerhin drei der Befragten, dass Medienberichte maßgeblich
zu ihrem Ausstieg beigetragen haben. Befragter C wird sich dessen allerdings erst
im laufenden Interview bewusst und erzählt von einem Mordanschlag, der durch
einen seiner Mentes an zwei Antifa-Mitgliedern verübt wurde: „Jetzt fällt mir was
ein, ich hab nämlich diesen Fall in den Medien verfolgt, daraufhin hat sich das
entwickelt. Siehst du, jetzt hab ich gerade was gelernt. […] da war ein Überfall
auf zwei junge Männer, einer davon in der Antifaszene, […] es war ein versuchter
Totschlag. […] ich hab den Fall in den Medien verfolgt und daraufhin hab ich mir
Gedanken gemacht“ (S63). Auch Befragte G erzählt davon, einen Beitrag über
Rostock-Lichtenhagen gesehen zu haben, der sie in Richtung Ausstieg bewegte:
„Als ich da mal Videos da drüber angesehen hab, da war ich richtig schockiert.
Das ist mir auch richtig nahe gegangen, weil ich das total heftig fand, dass da ein
Haus angezündet wird, in dem lebende Menschen sind, die da eigentlich gar nichts
dafür können, weil das Asylbewerberheim war ja schon längst geräumt und da
waren nur noch irgendwelche Gastarbeiter da, die damit ja gar nichts zu tun hat-
ten“ (S35). B berichtet davon, dass er seine aufkeimenden Zweifel an der rechts-
extremen Ideologie durch die Beschäftigung mit Systemmedien eigentlich zu zer-
streuen versuchte. So kam er irgendwann an den Punkt, sich zu fragen: „Wieso
sind eigentlich so viele Leute gegen uns? Naja, ich beschäftige mich jetzt auch mal
mit der Literatur und mit den Argumenten, die unsere politischen Gegner haben.
Aber nicht aus der Situation heraus, um es zu verstehen, sondern um es zu dekon-
struieren. Und da hab ich dann eigentlich drin gesehen so: ,Ja, so unrecht haben
die gar nicht‘“ (S2). Im Ausstiegsprozess selbst sind Medien zwar eher zweitran-
gig, allerdings berichten einige Befragte davon, während ihres Ausstiegs gezielt
nach Informationen gesucht zu haben, die sie in ihrem Vorhaben bestätigten. Vor
allem Berichte von anderen Aussteigern scheinen hierbei hilfreich. Befragter F
erzählt: „Tatsächlich hab ich dann halt auch Aussteigerprogramme so generell ein
bisschen durchsucht, beziehungsweise dann auch im Internet einfach mal so ge-
guckt: ,Ok, was hat Exit bisher so erreicht, beziehungsweise was haben Aussteiger
so erreicht, nachdem sie ausgestiegen sind beziehungsweise wie haben sie das
selber geschafft‘“ (S45)? Es zeigt sich also, dass Medienberichte der Szene so-
wohl Zulauf bringen, als auch deren Mitgliederzahl unter bestimmten Umständen
verringern können. Welche Empfehlungen die Befragten an Journalisten ausspre-
chen, um Impulse für einen Ausstieg zu geben, soll im folgenden Abschnitt geklärt
werden.
Ergebnisse 113

Zusammenfassung: Massenmediale Berichterstattung kann der Szene sowohl Zu-


wachs bescheren, als auch bereits zweifelnde Mitglieder zum Ausstieg anregen
(vgl. Neumann, 2014b).

6.4 Empfehlungen

Diese Kategorie wurde dem Kategoriensystem nach einem ersten Materialdurch-


lauf hinzugefügt, weil sich zeigte, dass die Befragten zahlreiche Empfehlungen an
Journalisten richteten, wie mit Rechtsextremismus in den Medien umzugehen sei.
Im Theorieteil dieser Arbeit wurde der Konflikt journalistischer Individualethik
zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik bei dem Thema Rechtsextremis-
mus angesprochen. Während ein Großteil der deutschen Chefredakteure eher ei-
nen verantwortungsethischen Ansatz wählt und wie Andreas Petzold der Meinung
ist, dem Publikum müsse klargemacht werden, „welche Folgen der neue braune
Wahnsinn hat“ (Widmann, 2001, S. 154), vermutet Befragter F, dass sich gesin-
nungs- und verantwortungsethische Berichterstattung im Kontext von Rechtsext-
remismus nicht ausschließen, sondern kongruent sind. So glaubt er, dass ein Jour-
nalist, der dem Dogma der Objektivität folgt, ebenjene Publikumswirkung erzielt,
die ein Verantwortungsethiker wie Petzold durch seine „aufgeregte“ (ebd.) Be-
richterstattung vergeblich zu erreichen versucht: „Man sollte […] auch so berich-
ten, wie es auch wirklich ist. Man sollte […] neutral beschreiben. […] Man sollte
auf die Gefährlichkeit oder generell auf die Rechten hinweisen, aber man sollte
sie nicht allein als ,das Böse‘ schlechthin zeichnen. Weil ich glaube, dadurch
macht man halt mehr falsch, als dass man richtig macht“ (S50). Auch der Befragte
B nennt journalistische Objektivität als ein wichtiges Kriterium: „Was Journalis-
ten natürlich als Auftrag haben, ist objektiv und investigativ zu recherchieren und
das sollten sie auch tun. Sie sollten weder Sachen überspitzen noch Sachen rela-
tivieren. Sie sollten ein Bild zeichnen, und das natürlich im Sinne eines demokra-
tischen Miteinander, wo kein Mensch diskriminiert wird. Sie sollten aber das an-
nehmen, was auch wirklich in der Szene ist. Weil es ist erschreckend genug, was
in der Szene abläuft und dabei muss man nicht tendenziös überspitzen oder nichts
relativieren, sondern die Realität ist da schon schrecklich genug, um aufzuzeigen,
was da drin los ist“ (S63). Auch sollten keine voreiligen Schlüsse gezogen wer-
den, da Recherchefehler wie im Fall Sebnitz14 innerhalb der rechtsextremen Be-
wegung enorme Bestätigung verursachen und die Glaubwürdigkeit der Massen-
medien zusätzlich herabsetzen (Fall C, S71) – allerdings nicht nur innerhalb der

14
Mit dem Fall Sebnitz ist der mediale Umgang mit dem Tod eines Kindes mit Migrationshintergrund
im Ort Sebnitz gemeint. Auf vage Argumente gestützt, wurden Rechtsextreme zu Unrecht für den Tod
des Kindes vorverurteilt (Spiegel Online, 24.12.2000).
114 Ergebnisse

rechten Szene, sondern auch in der Gesamtöffentlichkeit. Alle Befragten sind sich
außerdem darin einig, dass eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Rechtsextre-
men stattfinden muss. Nicht nur deswegen, weil deren Vermeidung den Szenemit-
gliedern suggeriert, die Medien hätten Angst vor ihren überlegenen Argumenten,
sondern auch, weil dadurch die Gefahren der Ideologie deutlich werden. Vor allem
demokratisch gewählte Personen wie Udo Pastörs sollten in den Medien ungefil-
tert zu Wort kommen und sich auf diese Weise selbst demaskieren, denn: „Dann
wissen vielleicht auch die anderen Leute Bescheid, vielleicht sogar, dass einer
sagt: ,Ach du meine Güte, so einen hab ich gewählt‘“ (Fall C, S72)? Allerdings
sollte darauf geachtet werden, dass gerade rechtsextremen Mitläufern keine Platt-
form gegeben wird und dass in der Auseinandersetzung mit rechtsextremen Per-
sonen deren Argumente nicht unhinterfragt stehengelassen werden dürfen, son-
dern „zu Ende gedacht“ werden: „Zum Beispiel, wenn Menschen in der NPD […]
nen Einwanderungsstopp wollen oder wenn sie andere Sachen wollen, wenn sie
eine Rückführung von Menschen mit Migrationshintergrund wollen, was ist das
zu Ende gedacht? Wie sieht das aus? Und hat es vielleicht sowas in der Geschichte
schon mal gegeben“ (Fall B, S64)? Die Befragten C und G bemängeln an der ak-
tuellen Berichterstattung, dass rechtsextreme Themen in den Medien immer nur
kurzfristig auftauchen und danach schnell wieder abflachen, ohne dass offene Fra-
gen geklärt werden: „Wenn irgendwas Brisantes passiert [wird darüber berichtet,
d. Verf.], aber danach ist man dann komplett raus, also aus der Öffentlichkeit. Da
werde ich dann gefragt, ob ich mal wieder was gehört hab davon. Und du fängst
dann an aufzuklären, aber das ist doch eigentlich, meiner Meinung nach, Aufgabe
der Medien“ (Fall C, S73). Diese Problematik ist eng mit der Tatsache verknüpft,
dass keine permanente, sorgfältige Recherchearbeit stattzufinden scheint – vor al-
lem auf lokaler Ebene wird bemängelt, dass häufig nur oberflächlich recherchiert
und stark mit Stereotypen gearbeitet wird (Fall E, S28). Dem aktuellen Wandel
der Szene wird die Berichterstattung dabei nicht gerecht. Nicht nur die Pluralität
der Szene wird in der Berichterstattung häufig eingeebnet, sondern auch die intel-
lektuelle Elite im Zentrum der Bewegung ausgeklammert: „Die Leute werden als
total dumm dargestellt, was aber nicht so ist. Es gibt Professoren, die in der rech-
ten Szene sind. Es gibt ultraviele kluge Leute, es gibt auch ultraviele Dumpfnasen,
das möchte ich auch nicht verheimlichen und die sind auch sehr gefährlich. Aber
man darf eben auch nicht vergessen, dass nicht nur die Nazis gefährlich sind, die
irgendwo jemanden zusammenschlagen, sondern auch die, die strategisch und
taktisch versuchen, die Gesellschaft zu unterwandern und unsere Gesellschaft um-
zukehren“ (Fall B, S67). Da die Umsetzbarkeit eines investigativen Journalismus,
wie ihn Befragter B fordert, aufgrund der hermetischen Abriegelung der Szene
äußerst schwierig erscheint (Fall E, S59), äußert die Befragte G eine Idee, um die-
Ergebnisse 115

sem Problem beizukommen und rät, „an Experten ranzutreten und die zu inter-
viewen und sich auch einfach mal ein bisschen schulen zu lassen von denen. Weil
teilweise wissen Journalisten ja wirklich gar nichts über die Szene und schreiben
einfach mal drauf los. Das haben sie dann nicht böse gemeint, aber es ist halt in
die Hose gegangen“ (S30). Hinsichtlich der Frage, welche Aspekte in der Bericht-
erstattung betont werden sollen, um zweifelnde Szenemitglieder zu erreichen,
konstatiert Befragter E, dass es sehr wirksam sein kann, die Authentizität der
Szene in Frage zu stellen: „Das klingt jetzt plump, aber sowas wie wirklich nach-
zuweisen, dass es wirklich Kinderpornograhpie in der NPD gibt und so weiter und
so fort, sowas streut Zweifel. Weil die NPD ja immer sagt: ,Ey, wir sind ja die
einzigen Politiker, die nicht korrupt sind, die wirklich authentische, moralische
Menschen noch sind, in einer Welt, in der es eigentlich keine Moral mehr gibt, in
der multikulturellen Welt‘. Und wenn dann die Gruppe selbst nicht besser ist als
alle anderen, dadurch wird dann deren Authentizität, meiner Meinung nach, ext-
rem untergraben“ (S58). Auch wenn in den Medien betont wird, dass Strafen für
rechtsextreme Verbrechen erhöht werden oder intensiv über Hausdurchsuchungs-
wellen berichtet wird, kann das dazu führen, dass Szenemitglieder abspringen
(Fall D, S38) – allerdings wohl weniger aus Überzeugung, als vielmehr aus Angst
vor Sanktionen. Als hilfreich im Ausstiegsprozess werden außerdem Berichte von
Aussteigern empfunden, solange sie authentisch über ihre Erfahrungen berichten
und nicht nur deshalb an die Öffentlichkeit treten, um Aufmerksamkeit zu bekom-
men (Fall A, S74). Ob dies der Fall ist oder nicht, kann von außenstehenden Jour-
nalisten natürlich nur schwer beurteilt werden. Umsetzbar erscheint hingegen, bei
Berichten über die rechte Szene auch Werbung für Aussteigerprogramme zu ma-
chen, denn „wenn einem da überhaupt keine [Ausstiegsorganisation, d. Verf.] ein-
fällt, dann wär es natürlich schön, wenn man sie irgendwo findet und das können
natürlich Massenmedien auch leisten“ (Fall B, S57). Insgesamt ist festzuhalten,
dass es den Befragten wichtig erscheint, unaufgeregt und möglichst objektiv über
Rechtsextremismus zu berichten, wobei eine fundierte inhaltliche Auseinanderset-
zung mit den Argumenten Rechtsextremer der Schlüssel zu einer ,Demaskierung‘
der Ideologie ist (vgl. Neumann, 2014a).
7 Diskussion

Zu Beginn dieses Buchs wurde die forschungsleitende Frage gestellt: Kann Be-
richterstattung über Rechtsextremismus gesellschaftlichen Schaden anrichten, in-
dem Rechtsextreme in ihrer Ideologie bestärkt werden? Dieser Frage untergeord-
net sollte geklärt werden, welche Rolle Medien (Massenmedien und interne Me-
dien) sowie verschiedene Medienthemen und deren Darstellung innerhalb der
rechten Szene spielen, welche Strategien der Selbstinszenierung verfolgt werden
und welche Rolle Medien bei einem Ausstieg aus der Szene spielen können. Als
theoretisches Grundgerüst der Studie diente das Modell reziproker Effekte nach
Kepplinger (2010, S. 146), das dem Forschungsgegenstand entsprechend modifi-
ziert wurde. Es wurde vermutet, dass sich der Geltungsraum des Modells auch auf
jene Personen erweitern lässt, die nicht persönlich in der Berichterstattung auftau-
chen, sondern nur als Mitglied einer ideologischen Gruppe in den Medien präsent
sind. Argumentativ begründet wurde diese Vermutung damit, dass sich die Mit-
glieder der rechten Szene stark mit dieser Gruppe identifizieren und sich entspre-
chend von der Berichterstattung über Rechtsextreme betroffen fühlen könnten.
Um diese Annahme zu überprüfen und die Forschungsfragen zu beantworten, wur-
den Experteninterviews mit ehemaligen Funktionären aus der rechtsextremen
Szene als Erhebungsmethode gewählt, welche anschließend mithilfe einer inhalt-
lichen Strukturierung ausgewertet wurden. Es zeigte sich, dass die forschungslei-
tende Frage deutlich bejaht werden muss.
So ist die wohl wichtigste Erkenntnis dieser Arbeit, dass die Führungsriege
der rechten Szene die Berichterstattung in Massenmedien aktiv rezipiert und auf
Basis dieser Rezeption politische Strategien und Taktiken für ihre Selbstinszenie-
rung entwickelt. Vor allem eine sensationell aufgemachte Berichterstattung
rechtspopulistischer Themen bestätigt Rechtsextreme in ihrer Ideologie und er-
leichtert die politische Anschlusskommunikation, wodurch das Fundament für
eine erfolgreiche Rekrutierung neuer Mitglieder und Sympathisanten gelegt wird
– dass durch diesen Prozess ein gesellschaftlicher Schaden entstehen kann, steht
in Anbetracht der demokratiefeindlichen Ausrichtung der Ideologie (Stöss, 2010,
S. 13) außer Frage.
Die Szene beobachtet die Massenmedien und reagiert, manchmal agiert sie
auch und evoziert massenmediale Reaktionen – ein reziproker Kreislauf, der die

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016


K. Neumann und P. Baugut, Neonazis im Scheinwerferlicht der Medien,
DOI 10.1007/978-3-658-14251-3_7
118 Diskussion

theoretische Basis dieser Arbeit rechtfertigt und aufzeigt, dass auch die rechte
Szene den Dynamiken der Mediatisierung unterliegt. Auch die Tatsache, dass sich
Mitglieder der Szene bei einer Berichterstattung über dieselbe scheinbar durch-
gängig betroffen fühlen, verleiht der theoretischen Fundierung Legitima-tion und
zeigt, dass sich das Modell reziproker Effekte auch auf Gruppen übertragen lässt
– zumindest was die Anhänger der rechten Szene betrifft. Eine Besonderheit dieser
indirekten reziproken Effekte ist allerdings im Bereich der intervenierenden Vari-
ablen zu beobachten: Die Annahme, dass ein Konformitätsdruck durch negative
Berichterstattung empfunden wird (Daschmann, 2007, S. 197), konnte nicht auf-
rechterhalten werden. Im Gegensatz zu Einzelpersonen empfinden Mitglieder der
rechten Szene keinen Zwang, sich den normativen Erwartungen der Öffentlichkeit
anzupassen – was einer Verantwortungsdiffusion in Gruppen oder auch einer Ver-
stärkung der Gruppenkohäsion durch Angriffe von außen geschuldet sein könnte.
Eine weitere mögliche Erklärung für den fehlenden Konformitätsdruck liegt in der
rechtsextremen Ideologie selbst begründet, die Massenmedien als unglaubwürdi-
gen Teil des zu bekämpfenden Systems markiert.
Wie tief die Feindlichkeit gegen das System und seine einzelnen Segmente
sitzt, zeigt auch die Tatsache, dass Medien die Schuld an der ,Verblendung‘ der
Gesamtgesellschaft gegeben wird, während die Szenemitglieder sich selbst als die
einzigen Personen ansehen, die für die ,Wahrheit‘ kämpfen – wie auch immer
diese aussehen mag. Es ist nur konsequent, dass den Medien auch die Schuld an
jeder Form der Ablehnung von außen gegeben wird und beispielsweise der Verlust
des Arbeitsplatzes kausal auf die mediale Beeinflussung des Arbeitgebers zurück-
geführt wird, ohne eigenes Fehlverhalten zu reflektieren.
Obwohl massenmediale Inhalte trotz aller Vorbehalte rezipiert werden, cha-
rakterisiert die Basis der rechten Szene ein klares Übergewicht der Nutzung von
internen Medien, wobei das Internet mit Abstand am bedeutendsten ist. Interne
Seiten dienen der Vernetzung, dem (teilweise unzensierten) ideologischen Aus-
tausch und der Verbreitung rechtsextremer Musik – der ,Einstiegsdroge‘ Nummer
eins für Sympathisanten. Doch selbst die internen Seiten sind von den Massenme-
dien beeinflusst. In Anlehnung an das Format Tagesschau werden rechtsextreme
Online-Nachrichten verbreitet, Nazis haben ihr eigenes Facebook und Webradio-
Programm. Nicht nur formal, sondern auch inhaltlich lässt sich ein massenmedia-
ler Einfluss erkennen. So wird immer wieder Bezug auf Medienberichte genom-
men, die meistens negativ kommentiert und umgedeutet werden. Die Idee, eine
Parallelgesellschaft aufzubauen, die am Tag des Zusammenbruchs der BRD das
aktuelle System ersetzen soll, haben Rechtsextreme auch auf interne Medien über-
tragen und wollen diese am Tag X als radikale Alternative zu den ,systeminfiltrier-
ten‘ Medien etablieren. Von autarken Parallelmedien kann hier allerdings keine
Diskussion 119

Rede sein, stattdessen finden sich enorm viele massenmediale Schnittstellen und
Bezugnahmen.
Obwohl im Weltbild Rechtsextremer eine grundlegende Skepsis gegenüber
Massenmedien tief verankert ist, werden diese auch als Seismograph für die öf-
fentliche Meinung zu rechtspopulistischen Medienthemen genutzt – den Massen-
medien wird also ein extrem großes Beeinflussungspotenzial auf die Bevölkerung
zugesprochen. Tauchen ebenjene rechtspopulistischen, mit starken Emotionen
verbundenen Themen (Asylpolitik, Pädophilie, Korruptionsverdacht etc.) in Zu-
sammenhang mit einer einseitig rechts-konservativen und sensationellen Darstel-
lung auf, so erfährt die rechte Szene ein starkes Gefühl der Bestätigung ihrer poli-
tischen Ansichten. In der Folge werden diese Themen aufgegriffen und für die
Selbstdarstellung der jeweiligen Gruppierungen instrumentalisiert. Doch nicht nur
bei der Darstellung rechtspopulistisch instrumentalisierbarer Themen, sondern
auch bei der Art und Weise, wie die Szene in den Medien gezeichnet wird, haben
Medienmacher einen aktiven Einfluss darauf, welche Reaktionen innerhalb der-
selben evident werden. Die Intention vieler Redakteure, die „Folgen des braunen
Wahnsinns“ (Widmann, 2001, S. 154) in einer „aufgeregten“ (ebd.) Berichterstat-
tung aufzuzeigen, mag gut gemeint sein, kann aber innerhalb der Szene begrüßt
werden, wenn die mediale Darstellung mit der Wunschdarstellung der jeweiligen
Gruppe übereinstimmt. So gibt es rechtsextreme Strömungen, die eine massen-
wirksame, ,bürgerliche‘ Inszenierungsstrategie verfolgen (z. B. die NPD), aber
auch solche, die gezielt an einem Gewaltimage arbeiten (z. B. die Rechte), um
ihren entsprechenden Sympathisantenkreis anzusprechen. Es ist naheliegend, dass
sich eine investigative Recherche gerade im Milieu der freien Kameradschaften
aus Sicherheitsgründen eher schwierig gestaltet und dass es für Journalisten ent-
sprechend problematisch ist, herauszufinden, welche Wunschdarstellung eine
Gruppe in den Medien verfolgt. Was allerdings durchweg auf negative Reaktionen
innerhalb der rechten Szene stoßen dürfte, ist eine gut recherchierte Hintergrund-
berichterstattung, die im besten Fall die Authentizität rechtsextremer Gruppen o-
der Personen in Frage stellt und so ein identitätsstiftendes Attribut dekonstruiert –
was dazu führt, dass Rechtsextreme nicht mehr als ernst zu nehmende politische
Opposition gezeichnet, sondern unglaubwürdig gemacht werden.
Um ihre Selbstinszenierung zu verbessern und möglichst viele Personen von
ihren politischen Einstellungen zu überzeugen, lassen sich Rechtsextreme einiges
einfallen. PR-Aktionen wie die Unsterblichen oder das Maskottchen Krümelmons-
ter sind nur zwei Beispiele einer ganzen Reihe mehr oder weniger kreativer Maß-
nahmen, um das Medienbild proaktiv zu lenken. Die gezielte Ausübung oder
Nachahmung von Gewalt gehört ebenfalls in diese Reihe, wird allerdings nur von
Einzeltätern ausgeführt und widerspricht den politischen Plänen der meisten Grup-
pierungen. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der intensiven Beschäftigung
120 Diskussion

der rechtsextremen Führungsriege mit Massenmedien halten sich diese in Bezug


auf ihre Selbstdarstellung in der direkten Interaktion mit Journalisten eher zurück
– rhetorisch geben sich Neonazis in etablierten Medien wesentlich ,handzahmer‘
als in den eigenen Szenemedien. Dies dient vor allem dem Ziel der meisten Grup-
pierungen, massenwirksam zu bleiben und Sympathisanten nicht durch eine zu
offensichtlich systemfeindliche Inszenierung abzuschrecken. Der breiten Basis
wird aus Angst vor einer solchen ideologischen ,Demaskierung‘ der Kontakt zu
Journalisten kategorisch untersagt. Eine solche mediale Bloßstellung kann, wie
bereits erwähnt, auch durch eine journalistische Dekonstruktion identitätsstiften-
der Attribute herbeigeführt werden. Diese würde zwar mit hoher Wahrscheinlich-
keit als politische Infiltration des Mediensystems interpretiert – bei Personen, die
aber ohnehin schon Zweifel an der Ideologie hegen, könnten derartige Medienbe-
richte allerdings einen Impuls in Richtung Ausstieg geben. Wie viele Zweifler es
in der Szene tatsächlich gibt, ist schwer zu sagen, da die rechtsextremen Führungs-
kader durch die Etablierung interner Szenemedien zu verhindern versuchen, dass
die Hermetik des Weltbildes der Basisaktivisten durch die Beschäftigung mit Mas-
senmedien brüchig wird. Entsprechend untergeordnet ist die Rolle, die Massen-
medien bei einem Ausstieg spielen.
Nachdem die Forschungsfragen dieser Arbeit beantwortet wurden, bleibt nun
noch eines offen: Was können Journalisten tun, um die beschriebenen Dynamiken
innerhalb der Szene durch ihre Berichterstattung möglichst nicht zu befeuern? An-
hand der Befunde kann abgelesen werden, dass vor allem eine intensive, fundierte
Recherchearbeit wichtig ist, um der Szene nicht noch mehr Grund zu geben, die
Glaubwürdigkeit der Massenmedien in Frage zu stellen. Außerdem sollten Hinter-
grundberichte in die Berichterstattung mit einfließen, welche die Authentizität ein-
zelner Gruppen oder Personen in Frage stellen. Die Befragten empfehlen mit
Nachdruck, auch der Pluralität der Szene und aktuellen Entwicklungen Rechnung
zu tragen, gerade um die Bevölkerung auch auf eine intellektuelle Elite hinzuwei-
sen, welche die Gesellschaft zu zersetzen intendiert.
Werden jedoch diese basalen Empfehlungen mit den aktuellen Untersuchun-
gen zum medialen Umgang mit Rechtsextremismus verglichen, so zeigt sich eine
enorme Diskrepanz, denn gerade eine oberflächliche, boulevardeske und stereo-
type Berichterstattung dominiert die Medienlandschaft (Udris, Ettinger & Imhof,
2007; Schafraad, Sheepers & Wester, 2008). Diese Diskrepanz gilt es zu verrin-
gern, um der rechtsextremen Ideologie zumindest einen Teil ihres Nährbodens zu
entziehen. Um das zu erreichen, muss wohl zunächst die journalistische Wirkungs-
vorstellung zum Thema Rechtsextremismus überdacht werden. Obwohl viele
Journalisten in einem verantwortungsethischen Sinne handeln wollen und deshalb
entsprechend tendenziös schreiben (Widmann, 2001, S. 154), erreichen sie hiermit
das Gegenteil ihrer Intentionen und entsprechen im schlimmsten Fall noch der
Diskussion 121

rechtsextremen Wunschdarstellung. Mit der Missachtung journalistischer Stan-


dards ist im Kontext des Rechtsextremismus also niemandem geholfen, mögen die
Motive noch so edel sein. Vielmehr ist dafür zu plädieren, dass gerade bei dieser
heiklen Thematik die journalistische Norm der Objektivität gilt, die nicht zwangs-
läufig Kritik ausschließen muss. Allerdings sollten Rechtsextreme auf Basis ihrer
tatsächlichen Einstellungen und Aktionen dekonstruiert und hinterfragt werden
und nicht auf Basis von Spekulationen oder Übertreibungen. Denn gerade diese
machen Berichte in den Massenmedien sowohl für aktive Szenemitglieder als auch
für Sympathisanten unglaubwürdig – und stärken damit die rechtsextreme Ideolo-
gie.
Obwohl sich das methodische Vorgehen dieser Arbeit als geeignet zur Be-
antwortung der Forschungsfragen erwiesen hat, sind doch einige Einschränkungen
der Studie zu nennen. So wurden beinahe ausschließlich Führungskader befragt,
die zwar einen Einblick in die Strategieentwicklung der rechten Szene bieten, aber
die Perspektive der Basisaktivisten nur aus Sicht von Beobachtern einschätzen
konnten. Ob die Mediennutzung der Basis in der sozialen Realität diesen Einschät-
zungen entspricht, bleibt offen. Auch die Frage nach der tatsächlichen Mediendar-
stellung der Szene wurde nicht etwa inhaltsanalytisch untersucht, sondern basiert
lediglich auf subjektiven Einschätzungen der Befragten. Hier wäre eine Fra-
minganalyse zusätzlich gewinnbringend gewesen, um die Deskription der Befrag-
ten mit der tatsächlichen Berichterstattung abzugleichen und nach Gründen für
mögliche Diskrepanzen zu suchen. In Anbetracht der Tatsache, dass die Pluralität
der Szene mit Nachdruck betont wurde, ist es außerdem schwierig, anhand von
sieben Expertenaussagen pauschalisierende Schlüsse über die Rolle der Medien
zu ziehen. Die Befragung weiterer Akteure wäre deshalb wünschenswert gewesen,
um so viele rechtspolitische Strömungen wie möglich in die Auswertung mit ein-
zubeziehen. Eine weitere Einschränkung bleibt zu erwähnen: Befragt wurden Aus-
steiger aus der rechten Szene, die jahrelang die Ziele der Szene vertreten und aktiv
verfolgt haben. Obwohl davon ausgegangen wurde, dass die Befragten wahrheits-
gemäß antworteten, bleibt doch ein Restzweifel bestehen, dass Informationen
(auch unbewusst) verfälscht oder zurückgehalten wurden.
8 Fazit

Diese Arbeit hat einen ersten Beitrag dazu geleistet, eine Forschungslücke in der
deutschsprachigen Literatur zu schließen, waren doch die Auswirkungen von Be-
richterstattung über Rechtsextremismus innerhalb der rechten Szene gänzlich un-
erforscht.
In der Einleitung wurde auf den Fall Anders Breivik verwiesen, um die Un-
sicherheit von Medienmachern bezüglich rechtsextremer Thematiken aufzuzei-
gen: Es herrschte in der internationalen Medienlandschaft Unklarheit darüber, wie
über den Fall berichtet werden sollte, ohne Breiviks rechtsideologischem Gedan-
kengut eine Plattform zu geben. Das praktische Forschungsziel dieser Arbeit war
es deshalb, Empfehlungen für einen verantwortungsvollen journalistischen Um-
gang mit dem Thema Rechtsextremismus zu entwickeln. Vor allem die Erkennt-
nis, dass die rechte Szene massenmediale Berichterstattung aktiv rezipiert und
strategisch zu instrumentalisieren und zu beeinflussen versucht, machte die Frage
nach einer verantwortungsvollen Berichterstattung umso dringlicher. Auf Basis
der Erkenntnisse dieser Arbeit wurde festgehalten, dass Journalisten auch im Kon-
text rechtsextremistischer Themen der journalistischen Norm einer objektiven, gut
recherchierten Berichterstattung folgen sollten, um Rechtsextremen keine An-
knüpfungspunkte für eine Anschlusskommunikation zu geben und zu verhindern,
dass die Wunschdarstellung verschiedener rechtsextremer Gruppen durch eine
boulevardeske, sensationell aufgemachte Mediendarstellung erfüllt wird. Auf
diese Weise könnte der rechten Szene die Basis für ihre Selbstinszenierung weit-
gehend entzogen werden und ihre Attraktivität für Sympathisanten entsprechend
sinken.
Neben diesem praktischen Forschungsziel sollte außerdem die empirische
Forschung zu reziproken Medieneffekten vorangebracht werden. So wurde das
personenbezogene Modell reziproker Effekte nach Kepplinger (2010, S. 146) mo-
difiziert und auf die Gruppe der rechten Szene übertragen, was dessen Geltungs-
raum enorm erweitert hat. Die Modifikation des Modells in Form einer Ergänzung
der Wirkungskategorien um non-intentional reaktive Effekte erwies sich als ge-
winnbringend. So konnten auch jene Effekte berücksichtigt werden, die durch Be-
richterstattung herbeigeführt wurden, aber keine weiterführende Berichterstattung

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016


K. Neumann und P. Baugut, Neonazis im Scheinwerferlicht der Medien,
DOI 10.1007/978-3-658-14251-3_8
124 Fazit

zum Ziel hatten – durch den medialen Fokus, der auf der Szene liegt, allerdings
eine solche Berichterstattung bedingen können. Es gilt nun, im Rahmen weiter-
führender Forschung zu untersuchen, ob sich das modifizierte Modell systema-
tisch auf Gruppen übertragen lässt. Da argumentiert wurde, dass die rechtsextreme
Ideologie eine starke soziale Identifikation innerhalb der rechten Szene begünstigt,
kann von diesem Einzelfall nicht abgeleitet werden, dass in allen politischen oder
religiösen Gruppen reziproke Effekte zu beobachten sind. Sollten Replikationsstu-
dien mit anderen Gruppierungen allerdings zu ähnlichen Ergebnissen kommen wie
diese Arbeit, so wäre dies ein Hinweis darauf, dass reziproke Effekte systematisch
auch innerhalb von Gruppen auftauchen. Der mediale Umgang mit politischen und
religiösen Strömungen müsste in diesem Fall neu überdacht werden, da Stärke und
Relevanz von Medieneinflüssen innerhalb dieser Gruppen bislang möglicherweise
unterschätzt wurden.
Eine mögliche Form der Anknüpfung an diese Studie wäre beispielsweise
eine komparative Analyse der medialen Selbstinszenierungs- und Rekrutierungs-
strategien der rechtsextremen Szene und islamistischer Gruppierungen. Neben der
Frage, ob sich das Modell reziproker Effekte auch auf weitere politische Strömun-
gen anwenden lässt, könnte so auch geklärt werden, wie Terrorgruppen wie der
Islamische Staat (IS) es schaffen, international Anhänger zu rekrutieren, um im
Nahen Osten in den Dschihad zu ziehen (Spiegel Online, 10.07.2014). Ein weite-
rer Anknüpfungspunkt an diese Arbeit findet sich in der Interaktion von Rechts-
extremen mit Journalisten auf lokaler Ebene. So stellte sich heraus, dass gerade im
Lokalen Manipulations- und Beeinflussungsversuche der rechten Szene besonders
häufig vorkommen und auch am ehesten Aussicht auf Erfolg haben. Diese Er-
kenntnis macht die Frage evident, wie diese Form der Beeinflussung abläuft und
was auch aus strafrechtlicher Sicht getan werden kann, um beispielsweise Dro-
hungen gegen Journalisten zu verhindern. Tiefeninterviews mit Lokaljournalisten
und (ehemaligen) Szenemitgliedern wären eine mögliche Methode, um die Dyna-
miken der Interaktion ausführlicher zu analysieren.
Da der wissenschaftliche Zugang zu aktiven Mitgliedern der rechten Szene
wohl auch weiterhin verschlossen bleiben wird, müssten solche an diese Untersu-
chung anschließenden Studien auch auf die Expertise ehemaliger Mitglieder zu-
rückgreifen – was wohl nur in Kooperation mit Initiativen wie EXIT zu bewerk-
stelligen ist, sich aber im Falle dieser Arbeit als eine valide Alternative erwiesen
hat. Ob es allerdings möglich ist, eine hinreichend große Anzahl an Befragten für
anschließende quantitative Forschung mit repräsentativem Charakter zu rekrutie-
ren, bleibt fraglich. Dennoch wäre es wünschenswert, die Befunde dieser Studie
mithilfe einer quantitativen Befragung zu überprüfen.
Letztlich bleibt folgendes festzuhalten: Dass reziproke Effekte in der rechten
Szene überhaupt zu finden sind, macht deutlich, welch starke Gruppendynamiken
Fazit 125

die rechtsextreme Ideologie auch heute noch bewirken kann. Eine reflektierte jour-
nalistische Aufklärung wird deshalb umso notwendiger, damit die Bemühungen
Rechtsextremer um eine Wiederholung der Geschichte im Keim erstickt werden
und das hermetisch abgeriegelte Weltbild dieser ideologischen Gruppierung ins
Wanken gerät.
9 Literaturverzeichnis

Adorno, T. W., Frenkel-Brunswik, E., Levinson, D. J., & Sanford, N. (1950). The
Authoritarian Personality. New York: Harper and Row.
Backes, U. (2012). NPD-Verbot: Pro und Contra. Politik und Zeitgeschichte,
18/19, 9-15.
Bandura, A. (1989). Die sozial-kognitive Theorie der Massenkommunikation. In
Groebel, J. & Winterhoff-Spurk, P. (Hrsg.), Empirische Medienpsychologie
(S. 7-32). München: Psychologie Verlags Union.
Bergmann, W. (2001). Wie viele Deutsche sind rechtsextrem, fremdenfeindlich
und antisemitisch? Ergebnisse der empirischen Forschung 1990–2000. In
Widmann, P. (Hrsg.), Auf dem Weg zum Bürgerkrieg. Rechtsextremismus und
Gewalt gegen Fremde in Deutschland (S. 41-62). Frankfurt am Main: Fischer
Taschenbuch Verlag.
Bernhart, S. (2008). Reziproke Effekte durch Sportberichterstattung. Wiesbaden:
Springer VS.
Bierhoff (2002). Einführung in die Sozialpsychologie. Weinheim: Beltz.
Borstel, D. (2013). Rechtsextremismus und Werte. Journal Exit-Deutschland.
Zeitschrift für Deradikalisierung und demokratische Kultur, 1, 88-93.
Brosius, H. B. & Esser, F. (2002). Fremdenfeindlichkeit als Medienthema und Me-
dienwirkung: Deutschland im internationalen Scheinwerferlicht. Wiesbaden:
Westdeutscher Verlag.
Brosius, H. B., & Weimann, G. (1991). The contagiousness of mass-mediated ter-
rorism. European Journal of Communication, 6(1), 63-75.
Bundesamt für Verfassungsschutz (2014). Rechtsextremistisches Potential (Ge-
samtübersicht). Abgerufen am 17.03.2016 von https://www.verfassungs-
schutz.de/de/arbeitsfelder/af-rechtsextremismus/zahlen-und-fakten-rechts-
extremismus/zuf-re-2014-personenpotenzial.html
Bundeszentrale für politische Bildung (09.07.2013). Radikalisierung, Deradikali-
sierung und Extremismus. Abgerufen am 29.05.2014 von http://www.bpb.de/
apuz/164918/radikalisierung-deradikalisierung-und-extremismus?p=all

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016


K. Neumann und P. Baugut, Neonazis im Scheinwerferlicht der Medien,
DOI 10.1007/978-3-658-14251-3
1 Literaturverzeichnis

Bundeszentrale für politische Bildung (10.03.2009a). Undercover in der Szene.


Abgerufen am 29.05.2014 von http://www.bpb.de/politik/extremis-
mus/rechtsextremismus/41249/undercover-in-der-szene
Bundeszentrale für politische Bildung (10.03.2009b). Rechtsextremes Liedgut.
Abgerufen am 29.05.2014 von http://www.bpb.de/themen/S8FNLY,0,Recht
sextremes_Liedgut.html
Bundeszentrale für politische Bildung (16.10.2013). NPD-Verbot. Contra. Abge-
rufen am 23.01.2014 von http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsext-
remismus/170617/npd-verbot-contra
Bundeszentrale für politische Bildung (19.04.2012). Neonazis hinter weißen Mas-
ken. Abgerufen am 29.05.2014 von http://www.bpb.de/politik/extremismus
/rechtsextremismus/132732/neonazis-hinter-weissen-masken
Bundeszentrale für politische Bildung (2014). Dossier-Rechtsextremismus. Abge-
rufen am 29.05.2014 von http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsext-
remismus/
Bundeszentrale für politische Bildung (23.04.2007). Kameradschaften als Strate-
gieelement. Abgerufen am 28.05.2014 von http://www.bpb.de/politik/extre-
mismus/rechtsextremismus/41761/kameradschaften?p=all
Bundeszentrale für politische Bildung (24.08.2012). Der mediale Umgang mit
dem Breivik-Prozess. Abgerufen am 23.01.2014 von http://www.bpb.de/po-
litik/hintergrund-aktuell/142949/der-mediale-umgang-mit-dem-breivik-pro-
zess
Bundeszentrale für politische Bildung (25.05.2007a). Neonazis auf Youtube –
Rechtsextreme Selbstdarstellung im „Weltnetz“. Abgerufen am 30.05.2014
von http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/41719/rech
tsextreme-selbstdarstellung-im-weltnetz?p=all
Bundeszentrale für politische Bildung (25.05.2007b). Rechtsextreme Schwarz-
Weiß-Malerei. Ein kurzer Überblick über die tonangebenden rechtsextremen
Printmedien. Abgerufen am 24.05.2014 von http://www.bpb.de/politik/ext-
remismus/rechtsextremismus/41714/rechtsextreme-schwarz-weiss-malerei
Bundeszentrale für politische Bildung (25.07.2013). Turnschuhe statt Springer-
stiefel. Abgerufen am 25.07.2013 von http://www.bpb.de/politik/extremis-
mus/rechtsextremismus/165545/turnschuhe-statt-springerstiefel
Bundeszentrale für politische Bildung (28.10.2013). Macht der Bilder – Attentate
als Ereignis. Abgerufen am 24.05.2014 von http://www.bpb.de/apuz/171
117/macht-der-bilder-attentate-als-medienereignis
Dann, H. D., & Doise, W. (1974). Ein neuer methodologischer Ansatz zur experi-
mentellen Erforschung von Intergruppen-Beziehungen. Zeitschrift für Sozi-
alpsychologie, 5, 2-15.
Literaturverzeichnis 1

Daschmann, G. (2007). Der Preis der Prominenz. Medienpsychologische Überle-


gungen zu den Wirkungen von Medienberichterstattung auf die dargestellten
Akteure. In Schierl, T (Hrsg.), Prominenz in den Medien. Zur Genese und
Verwertung von Prominenten in Sport, Wirtschaft und Kultur (S. 184-211).
Köln: Herbert von Halem Verlag.
Decker, O., & Brähler, E. (2008). Bewegung in der Mitte. Rechtsextreme Einstel-
lungen in Deutschland (2002–2008). Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung.
Decker, O., Brähler, E., & Geißler, N. (2006). Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme
Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland. Berlin: Friedrich-
Ebert-Stiftung.
Decker, O., Kiess, J., & Brähler, E. (2012). Die Mitte im Umbruch: Rechtsextreme
Einstellungen in Deutschland 2012. Bonn: Dietz Verlag.
Dörner, B. (2010). Der Holocaust – Die Endlösung der Judenfrage. In Benz,
W. (Hrsg.), Vorurteil und Genozid: Ideologische Prämissen des Völkermord.
Wien/Köln/Weimar: Böhlau.
Edathy, S., & Sommer, B. (2009). Die zwei Gesichter des Rechtsextremismus in
Deutschland – Themen, Machtressourcen und Mobilisierungspotentiale der
extremen Rechten. In Braun, S. , Geisler, A. & Gerster, M. (Hrsg.), Strate-
gien der extremen Rechten (S. 45-57). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwis-
senschaften.
Fischer, O. (2008). Modell des sozialen Einflusses. In Krämer, N. C., Schwan, S.,
Unz, D., & Suckfüll, M. (Hrsg.), Medienpsychologie. Schlüsselbegriffe und
Konzepte (S. 161-166). Stuttgart: Kohlhammer.
Flad, H. (2006). Zur Ökonomie der rechtsextremen Szene - Die Bedeutung des
Handels mit Musik. In Klärner, A. & Kohlstruck, M. (Hrsg.), Moderner
Rechtsextremismus in Deutschland (S. 102-115). Hamburg: Hamburger Edi-
tion.
Frankfurter Allgemeine Online (20.09.2006). NPD-Wähler – Ein heilloser Män-
nerüberschuss. Abgerufen am 23.05.2014 von http://www.faz.net/aktu-
ell/feuilleton/debatten/npd-waehler-ein-heilloser-maennerueberschuss-
1353307.html
Fulk, J. , Schmitz, J., & Steinfield, C. (1990). A social influence model of technol-
ogy use in organizations. Paper vorgestellt bei der Annual Academy of Ma-
nagement Convention. Anaheim, CA.
Funke, H., Rensmann, L., Sommer, B., & Waldhoff, H. P. (2005). Rechtsextremis-
mus in Deutschland: eine Handreichung. Berlin: SPD-Bundestagsfraktion.
Garsoffky, B. (2008). Entertainment Education. In Krämer, N. C., Schwan, S. ,
Unz, D., & Suckfüll, M. (Hrsg.), Medienpsychologie. Schlüsselbegriffe und
Konzepte (S. 161-166). Stuttgart: Kohlhammer.
13 Literaturverzeichnis

Gehrau, V., Väth, J., & Haake, G. (2014). Dynamiken der öffentlichen Problem-
wahrnhemung. Umwelt, Terrorismus, Rechtsextremismus und Konsumklima
in der deutschen Öffentlichkeit. Berlin: Springer VS.
Giner-Sorolla, R., & Chaiken, S. (1994). The causes of hostile media judgments.
Journal of Experimental Social Psychology, 30(2), 165-180.
Glaab, S. (2007). Medien und Terrorismus: eine Einführung. In Glaab, S. (Hrsg.),
Medien und Terrorismus: auf den Spuren einer symbiotischen Beziehung (3.
Aufl.) (S. 11-16). Berlin: BWV Verlag.
Glogner-Pilz, P. (2012). Publikumsforschung: Grundlagen und Methoden. Wies-
baden: Springer VS.
Groeben, N. (2004). Medienkompetenz. In Mangold, R., Vorderer, P. & Bente, G.
(Hrsg.), Lehrbuch der Medienpsychologie (S. 27-50). Göttingen: Hogrefe.
Grumke, T., & Klärner, A. (2006). Rechtsextremismus, die soziale Frage und Glo-
balisierungskritik: eine vergleichende Studie zu Deutschland und Großbri-
tannien seit 1990. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung.
Hamm, R. (1997). Große Strafprozesse und die Macht der Medien. Baden-Baden:
Nomos Verlagsgesellschaft.
Heitmeyer, W. (1987). Rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen.
Empirische Ergebnisse und Erklärungsmuster zur politischen Sozialisation.
Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung.
Heitmeyer, W. (2009). Deutsche Zustände (7. Aufl.). Frankfurt am Main: Suhr-
kamp Verlag.
Hopf, C. (2008). Qualitative Interviews – ein Überblick. In U. Flick, E. von Kar-
doff & I. Steinke (Hrsg.), Qualitative Forschung. Ein Handbuch (S. 349-
360). Reinbek: Rowohlt-Taschenbuch Verlag.
Jäger, S., & Link, J. (1993). Die vierte Gewalt (Doctoral dissertation). Universität
Duisburg, Deutschland.
Jaschke, H. G. (1993). Rechtsradikalismus als soziale Bewegung. Was heißt
das? Vorgänge, 122(32), 105-116.
Jaschke, H. G. (2001). Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit: Begriffe,
Positionen, Praxisfelder. Wiesbaden: VS Verlag.
Jesse, E. (2012). Die Diskussion um ein neuerliches NPD-Verbotsverfahren–Ver-
bot: kein Gebot, Gebot: kein Verbot. Zeitschrift für Politik, 59(3), 296-313.
Kepplinger, H. M. & Fritsch, J. (1981). Unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Ab-
geordnete des 8. Deutschen Bundestages berichten über ihre Erfahrungen im
Umgang mit Journalisten. Publizistik, 26(1), 33-56.
Kepplinger, H. M. (2007). Toward a Theory of Mass Media Effects on Decision
Makers. Harvard Journal Press/Politics, 12(2), 3-23.
Kepplinger, H. M. (2009). Politikvermittlung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozial-
wissenschaften/GWV Fachverlage.
Literaturverzeichnis 13

Kepplinger, H. M. (2010). Medieneffekte. Wiesbaden: VS Verlag.


Kepplinger, H. M., & Glaab, S. (2005). Folgen ungewollter Öffentlichkeit: Ab-
wertende Pressebeiträge aus der Sichtweise der Betroffenen. In Beater, A. &
Habermeier, S. (Hrsg.), Verletzung von Persönlichkeitsrechten durch die Me-
dien (S. 117-137). Tübingen: Verlag Mohr Siebeck.
Kepplinger, H. M., & Marx, D. (2008). Wirkungen und Rückwirkungen der poli-
tischen Kommunikation. Reziproke Effekte auf Landtagsabgeordnete. In Sar-
cinelli, U. & Tenscher, J. (Hrsg.), Politikherstellung und Politikdarstellung.
Beiträge zur politischen Kommunikation (S. 188-208). Köln: Herbert von Ha-
lem Verlag.
Kepplinger, H. M., & Zerback, T. (2012). Der Einfluss der Medien auf Richter
und Staatsanwälte. In Hestermann, T. (Hrsg.), Von Lichtgestalten und Dun-
kelmännern (S. 153-176). Wiesbaden: VS Verlag.
Köbke, U. (2001). Einfluss der Medien auf Entscheider in der Wirtschaft (Doc-
toral dissertation). Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland.
Köhler, D. (2012). Connecting the dots. The role of the internet in the Individual
Radicalization Processes of Richt-Wing Extremists [Working paper]. Abge-
rufen am 30.05.2014 von http://www.istramo.com/images/ISRM_K%C3%
B6hler _Internet_and_Radicalization.pdf
Kohlstruck, M., & Münch, A. V. (2006). Hypermaskuline Szenen und fremden-
feindliche Gewalt. Der Fall Schöberl. In Klärner, A. & Kohlstruck, M.
(Hrsg.), Moderner Rechtsextremismus in Deutschland (302-337). Hamburg:
Hamburger Edition.
Kohring, M., & Marcinkowski (2011). Die rechtsextreme Symbolik der NPD in
der politischen Fernsehberichterstattung. Unveröffentlichtes Forschungs-
projekt der Universitäten Münster und Mannheim.
Krämer, N. (2008). Hostile Media Effect. In Krämer, N. C., Schwan, S. , Unz, D.,
& Suckfüll, M. (Hrsg.), Medienpsychologie. Schlüsselbegriffe und Konzepte
(S. 161-166). Stuttgart: Kohlhammer.
Kraushaar, W. (2005). Extremismus der Mitte. Zur Logik einer Paradoxie. In Fu-
est, L., & Löffler, J. (Hrsg.), Diskurse des Extremen. Über Extremismus und
Radikalität in Theorie, Literatur und Medien (6. Aufl.) (S. 13-22). Würzburg:
Königshausen & Neumann.
Kühnel, W. (1993). Gewalt durch Jugendliche im Osten Deutschlands. In Merten,
R. & Otto, H. U. (Hrsg), Rechtsradikale Gewalt im vereinigten Deutsch-
land (S. 237-246). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (26.05.2014). Europa-
wahl 2014 – Europa hat gewählt. Abgerufen am 28.05.2014 von
http://www.europawahl-bw.de/
132 Literaturverzeichnis

Lang, K., & Lang, G. E. (1952). The Unique Perspective of Television and its
Effect: A Pilot Study. In Schramm, W., & Roberts, D.F. (Hrsg.), The Process
and Effects of Mass Communication (S. 169-188). Urbana: University of Il-
linois Press.
Lazarsfeld P. F., Berelson, B., & Gaudet, H. (1948). The people's choice. How the
Voter Makes Up His Mind in a Presidential Campaign. New York: Columbia
University Press.
Linsky, M. (1986). Impact. How the Press Affects Federal Policy Making. New
York/London: W.W. Norton & Company.
Livingston, S. (1997). Beyond the “CNN effect”: The media-foreign policy dy-
namic. Politics and the press: The news media and their influences, 291-318.
Mayring, P. (2010). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken
(11.Aufl.). Weinheim und Basel: Beltz Verlag.
McCombs, M., & Reynolds, A. (2002). News influence on our picture of the
world. In Bryant, J. & Zillmann, D. (Hrsg.), Media effects: Advances in the-
ory and research (S. 1-18). Mahwah, NJ: Lawrence Erlbaum.
Medienprojekt Wuppertal (2013). Jugendliche und Rechtsextremismus. Das
braune Chamäleon [Videodatei]. Abgerufen am 29.05.2014 von
http://www.youtube.com/watch?v=4Umr4UtZ5HM
Meuser, M., & Nagel, U. (1991). ExpertInneninterviews – vielfach erprobt, wenig
bedacht. Ein Beitrag zur qualitativen Methodendiskussion. In Garz & Krai-
mer (Hrsg), Qualitativ-empirische Sozialforschung im Aufbruch (S. 443-
471).Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Moghadam, F. M. (2005). The Staircase to Terrorism: A Psychological Explora-
tion. American Psychologist, 60(2), 161–169.
Netz-gegen-Nazis. de. Führerprinzip. Abgerufen am 25.07.2013 von
http://www.netz-gegen-nazis.de/lexikontext/fuehrerprinzip
Neumann, K. (2014a). Rechtsextreme links liegen lassen? Eine Einschätzung von
Szeneaussteigern zu Medieneffekten innerhalb der rechtsextremen Szene.
Journal for Deradicalization, 1, 38-65.
Neumann, K. (2014b). Kameradschaft vor der Kamera–Eine Analyse reziproker
Effekte von Medienberichterstattung über die rechtsextreme Szene auf deren
Anhänger. Journal Exit-Deutschland. Zeitschrift für Deradikalisierung und
demokratische Kultur, 3, 18-63.
Nosper, A. (2004). Echo des Experten: eine Exploration reziproker Effekte der
Produktion und Rezeption von Expertenstellungnahmen in TV-Magazinen
(Doctoral dissertation). Hochschule für Musik, Theater und Medien, Hanno-
ver, Deutschland.
NPD.de (27.02.2014). Das Wahlprogramm zur Europawahl. Abgerufen am
29.05.2014 von http://npd.de/html/1/artikel/detail/3570/
Literaturverzeichnis 133

Oehmichen, E., Horn, I., & Mosler, S. (2005). Rechtsextremismus und Fernsehen:
Inhalts- und Rezeptionsanalysen der Berichterstattung im öffentlich-rechtli-
chen Fernsehen. In Bertelsmann Forschungsgruppe Politik (Hrsg.), Strate-
gien gegen Rechtsextremismus (1. Aufl.) (S. 146-207). Gütersloh: Bertels-
mann Stiftung.
Pisoiu, D. (2013). Theoretische Ansätze zur Erklärung individueller Radikalisie-
rungsprozesse: eine kritische Beurteilung und Überblick der Kontroversen.
Journal Exit-Deutschland. Zeitschrift für Deradikalisierung und demokrati-
sche Kultur, 1, 41-87.
Pisoiu, D., & Köhler, D. (2013). Individuelle Loslösung von Radikalisierungspro-
zessen. Stand der Forschung und eine Überprüfung bestehender Theorien an-
hand eines Ausstiegsfalls aus dem militanten Salafismus. Journal Exit-
Deutschland. Zeitschrift für Deradikalisierung und demokratische Kultur, 2,
241-274.
Protess, D. L., Cook, F. L., Curtin, T. R., Gordon, M. T., Leff, D. R., McCombs,
M. E., & Miller, P. (1987). The impact of investigative reporting on public
opinion and policymaking targeting toxic waste. Public Opinion Quarter-
ly, 51(2), 166-185.
Pürer, H. (2003). Publizistik-und Kommunikationswissenschaft. Ein Handbuch.
Konstanz: UVK Verlag.
Rivers, W. L. (1991). The Media as Shadow Government. In Protess, D., &
McCombs, M. E. (Hrsg.), Agenda setting: Readings on media, public opin-
ion, and policymaking (S. 153-160). Hillsdale: Erlbaum.
Robertson-von Trotha, C. Y. (2011). Rechtsextremismus in Deutschland und Eu-
ropa. Einleitende Anmerkungen. In Robertson-von Trotha, C. Y. (Hrsg.),
Rechtsextremismus in Deutschland und Europa: rechts außen - rechts
„Mitte“? (S. 11-18). Baden Baden: Nomos Verlag.
Rucht, D. (1994). Modernisierung und neue soziale Bewegungen. Deutschland,
Frankreich und USA im Vergleich. Frankfurt am Main: Campus-Verlag.
Rucht, D. (2002). Rechtsradikalismus aus der Perspektive der Bewegungsfor-
schung. In Grumke, T., & Wagner, B. (Hrsg.), Handbuch Rechtsradikalis-
mus: Personen, Organisationen, Netzwerke: vom Neonazismus bis in die
Mitte der Gesellschaft (S. 75-86). Opladen: Verlag Leske & Budrich.
Schafraad, P., Scheepers, P., & Wester, F. (2008). Der Umgang mit den Dämonen
der Vergangenheit. Berichterstattung über Rechtsextreme in der deutschen
Presse (1987-2004). Publizistik, 53(3), 362-385.
Scharf, W. (1993). Zur Berichterstattung über Rechtsextremismus in der deut-
schen Presse. Communications, 18(3), 255-290.
13 Literaturverzeichnis

Schicha, C. (2007). Der 11. September 2001- Symbolische Politikvermittlung in


den Medien. In Glaab, S. (Hrsg.). Medien und Terrorismus: auf den Spuren
einer symbiotischen Beziehung (3. Aufl.) (S. 175-186). Berlin: BWV Verlag.
Schramm, H., & Hasebrink, U. (2004). Fernsehnutzung und Fernsehwirkung. In
Mangold, R., Vorderer, P. & Bente, G. (Hrsg.), Lehrbuch der Medienpsycho-
logie (S. 465-492). Göttingen: Hogrefe.
Spiegel Online (10.07.2014). Dschihadisten aus der Türkei: Verführung zum Hei-
ligen Krieg. Abgerufen am 14.08.2014 von http://www.spiegel.de/poli-
tik/ausland/extremisten-von-is-isis-rekrutieren-in-istanbul-dschihadisten-a-
980122.html
Spiegel Online (23.12.2011). Muttersohn und Massenmörder. Abgerufen am
18.04.2014 von http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83328970.html
Spiegel Online (24.12.2000). Die traurigen Tage von Sebnitz. Abgerufen am
03.08.2014 von http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-17976118.html
St. Claire, L. S., & Turner, J. C. (1982). The role of demand characteristics in the
social categorization paradigm. European Journal of Social Psycholo-
gy, 12(3), 307-314.
Stöss, R. (2010). Rechtsextremismus im Wandel. Abgerufen am 28.05.2014 von
http://library.feS. de/pdf-files/do/08223.pdf
Süddeutsche Zeitung (23.04.2012). Bürger für NPD-Verbot.
Süddeutsche Zeitung (30.11.2013). „Wesensverwandschaft zwischen NPD und
NSDAP“ - IfZ legt Gutachten für das NPD-Verbotsverfahren vor.
Süddeutsche Zeitung Online (11.06.2013). Verfassungsschutz warnt vor NSU-
Nachahmern. Abgerufen am 30.05.2014 von http://www.sueddeutsche.de/
politik/rechtsterrorismus-in-deutschland-verfassungsschutz-warnt-vor-nsu-
nachahmern-1.1693470
Süddeutsche Zeitung Online (25.05.2014). Mit scharfer Kritik nach Straßbourg.
Abgerufen am 28.05.2014 von http://www.sueddeutsche.de/politik/wahler-
folg-der-afd-mit-scharfer-eu-kritik-nach-strassburg-1.1974257
Tajfel, H., & Turner, J. C. (1979). An integrative theory of intergroup conflict. The
social psychology of interpersonal conflict. In Worchel, S. & Austin, W.G.
(Hrsg.), Psychology of intergroup relations (S. 7-24). Chicago: Nelson-Hall.
taz.de (23.01.2013). Rechte Fraktion im EU-Parlament. Europas rechter Rand.
Abgerufen am 28.05.2014 von http://www.taz.de/!109382/
Turner, J. C., Brown, R. J., & Tajfel, H. (1979). Social comparison and group
interest in ingroup favouritism. European Journal of Social Psychology, 9(2),
187-204.
Udris, L., Ettinger, P., & Imhof, K. (2007). Rechtsextremismus und Öffentlichkeit
in der Schweiz. Ein Forschungsbericht. Abgerufen am 29.05.2014 von
Literaturverzeichnis 13

http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/41732/rechtsext-
remismus-und-oeffentlichkeit-in-der-schweiz?p=0
Vallone, R. P., Ross, L., & Lepper, M. R. (1985). The hostile media phenomenon:
biased perception and perceptions of media bias in coverage of the Beirut
massacre. Journal of personality and social psychology, 49(3), 577-585.
Verfassungsschutz Sachsen (27.09.2013). Bundestagswahl: NPD verliert Wäh-
lerstimmen. Abgerufen am 23.01.2014 von http://www.verfassungs-
schutz.sachsen.de/1423.htm
Von Beyme, K. (1988). RightǦwing extremism in postǦwar Europe. Western Eu-
ropean Politics, 11(2), 1-18.
Wagner, J. (1987). Strafprozessführung über Medien. Baden-Baden: Nomos Ver-
lag.
Weischenberg, S. , Malik, M., & Scholl, A. (2006). Journalismus in Deutschland
2005. Zentrale Befunde der aktuellen Repräsentativbefragung deutscher
Journalisten. Media Perspektiven, 7, 346-361.
Weißgerber, C. E. (2014). Ausstieg – (k)ein Weg zurück. Rechte Frauenbilder und
Genderproblematik. [Videodatei]. Abgerufen am 23.08.2014 von
https://www.youtube.com/watch?v=Ol184zXDreE
Wetzel, J. (2001). Rechtsextreme Propaganda im Internet. Ideologietransport und
Vernetzung. In Benz, W. & Benz, U. (Hrsg.), Auf dem Weg zum Bürger-
krieg?: Rechtsextremismus und Gewalt gegen Fremde in Deutschland (S.
134-150). Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.
Wichmann, F., persönliche Kommunikation, 02.05.2014.
Widmann, P. (2001). Die Aufklärungsfalle. Wem der Entlarvungsjournalismus
nützt. In Benz, W. & Benz, U. (Hrsg.), Auf dem Weg zum Bürgerkrieg?:
Rechtsextremismus und Gewalt gegen Fremde in Deutschland (S. 151-166).
Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.
Youtube.com (07.05.2014). Faktor Deutschland – Wille und Sieg [Videodatei].
Abgerufen am 30.05.2014 von http://www.youtube.com/watch?v=qWlRJV
AgJ14
Zeit Online (03.12.2013). Bundesrat reicht NPD-Verbotsantrag ein. Abgerufen
am 23.01.2014 von http://www.zeit.de/politik/deutschland/2013-12/bundes-
verfassungsgericht-karlsruhe-npd-verbot
Zeit Online (05.03.2014). Drastischer Anstieg von Angriffen auf Asylbewerber in
Deutschland. Abgerufen am 25.05.2014 von http://www.zeit.de/gesellschaft/
2014-03/rechtsextremismus-asylbewerber-angriffe