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Kulturberichte 2011 aus Tirol und Südtirol

Impressum

2011 Kulturberichte aus Tirol und Südtirol


Musik
Kulturberichte 2011 aus Tirol und Südtirol
Herausgeber: Tiroler und Südtiroler Kulturabteilungen
Abteilung Deutsche Kultur
Abteilungsdirektor Dr. Armin Gatterer, Andreas-Hofer-Straße 18, 39100 Bozen
kulturabteilung@provinz.bz.it, www.provinz.bz.it/kulturabteilung

Amt der Tiroler Landesregierung, Abteilung Kultur


Vorstand HR Dr. Thomas Juen, Leopoldstraße 3/4, 6020 Innsbruck
kultur@tirol.gv.at, www.tirol.gv.at

© 2011

Konzept und Redaktion


Dr. Sylvia Hofer, Andreas-Hofer-Str. 18, 39100 Bozen, Tel. +39 0471 413314, sylvia.hofer@provinz.bz.it
Dr. Petra Streng, Müllerstr. 21, 6020 Innsbruck, Tel. +43 664 254 7337, petra.streng@vokus.at

Redaktionell abgeschlossen am 02. Dezember 2011

Grafik
Sonya Tschager
info@sonya-tschager.com, www.sonya-tschager.com

Druck
Karo Druck, Frangart/Eppan

Nachdruck nur mit Zustimmung der Redaktion gestattet.


Die mit Namen gekennzeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.
Vorwort Vorwort
„Musik wäscht den Staub des Alltags von der Seele“, so ein abgewan- Das Themenheft „Musik“ bietet einen Überblick über das blühende
deltes Sprichwort von Pablo Picasso. Tirol und Südtirol verfügen über und vielfältige Musikgeschehen und Musikschaffen in Südtirol und
eine äußerst vielfältige musikalische Landschaft. Alte und Neue Musik, in unserem Nachbarland Tirol – im Spannungsbogen zwischen Tra-
Volksmusik und Sakralmusik, Klassik und Jazz finden darin gleicherma- dition und Moderne. Gerade das Bemühen, diesen Spannungsbogen
ßen Platz – nicht zu vergessen die Blasmusik und das Sängerwesen, die zwischen Alt und Neu lebendig zu erhalten, bildet eine wesentliche
in unseren Ländern eine lange Tradition haben. Säule meines kulturpolitischen Handelns.
Der vorliegende Kulturbericht gewährt interessante Einblicke in die Tradition und Innovation sind aus meiner Sicht die tragenden Ele-
zahlreichen musikalischen Initiativen in unserem Land. Dazu zählen mente eines interessanten musikalischen Angebotes, aber auch der
Land Tirol/fotowerk nusser aichner

etablierte Festivals wie etwa die Festwochen der Alten Musik, die musikalischen Kreativität insgesamt. Ich bin davon überzeugt, dass
Festspiele Erl und die Klangspuren Schwaz ebenso wie Konzertreihen, es der Wahrung und Pflege des Brauchtums ebenso wie der För-
Opernaufführungen, Musicals und vieles mehr. Der Themenbogen ist derung des Neuen und im wahrsten Sinne des Wortes Unerhörten
weit gespannt und reicht von exzellenten Orchestern und Kammermu- bedarf, damit sich das Musikleben weiterentwickeln kann und nicht

Foto: Helmuth Rier


sikensembles, Jazz- und Pop-Formationen bis hin zu hervorragenden Gefahr läuft, in gediegener Mittelmäßigkeit zu erstarren.
Volksmusikgruppen, die sich der Pflege und Weiterentwicklung der al- Die vorliegende Publikation gibt Einblick in die unterschiedlichen in
penländischen Musiktradition widmen. Selbstverständlich wird auch Südtirol und Tirol gepflegten Musiksparten, von der Klassik und zeit-
den Chören und Blasmusikkapellen, die unser Land musikalisch seit genössischen Musik über Jazz, Musical sowie Rock- und Popmusik
jeher stark geprägt haben und einen wertvollen Beitrag zum sozialen bis hin zu Volksmusik und Blasmusik, und stellt deren AkteurInnen
Leben in unseren Gemeinden leisten, genügend Raum gegeben. Dem vor: MusikerInnen, KomponistInnen, VeranstalterInnen usw. Be-
Stellenwert der Neuen Musik wird ebenfalls entsprechend Rechnung schrieben werden außerdem Institutionen, Verbände, Projekte und
getragen. Hinter der Förderung der Emanzipation Neuer Musik durch Veranstaltungen, die ganz im Zeichen der Musik stehen, sowie das
das Land Tirol steht die Überzeugung, dass zu einer modernen Ge- musikalische Bildungswesen.
sellschaft die Kraft der Innovation gehört. Nur eine Gesellschaft, die Als Landesrätin, die auch für Bildung politische Verantwortung trägt,
Innovation zulässt, ist in der Lage, der heutigen Pluralität und Vielfalt liegt mir Letzteres besonders am Herzen. Wir wissen mittlerweile,
konstruktiv zu begegnen. Neue Musik ist aber nicht nur mit Innova- dass der Musikunterricht vor allem für die seelische und charakter-
tion verbunden, sondern auch mit Offenheit, Neugier und Toleranz. liche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sehr förderlich ist.
In diesem Sinn leistet sie einen wesentlichen Beitrag zur Verwirkli- Er sorgt dafür, in jungen Menschen das Interesse an Musik und am
chung einer liberalen Kulturpolitik, in der Unabhängigkeit, Freiheit Musizieren zu wecken und zu fördern. Die Bildungsarbeit der Mu-
und Vielfalt der Kunst wesentliche Ziele sind. sikschulen unseres Landes schlägt sich unter anderem darin nieder,
Neben der Präsentation unterschiedlicher musikalischer Stilrichtungen dass das musikalische Vereinsleben (Musikkapellen, Chöre, Volksmu-
und Ensembles, werden auch Tiroler KomponistInnen porträtiert und sik) reichlich jungen Nachwuchs findet und daher optimistisch in die
Institutionen, die sich der Vermittlung und Pflege der Musik widmen, Zukunft blicken kann. Auch die stets erfolgreiche Teilnahme junger
in den Blickpunkt gerückt. Besonders hervorheben möchte ich das Südtirolerinnen und Südtiroler an musikalischen Wettbewerben –
Musikschulwesen, das allen Musikbegeisterten eine musikalische Aus- wie etwa dem Jugendmusikwettbewerb „prima la musica“ – ist vor
bildung auf hohem Niveau ermöglicht. Der alljährlich stattfindende allem den Bemühungen der Musikschulen zu verdanken.
Musikwettbewerb „prima la musica“ legt Zeugnis vom großen Können Abschließend ist es mir ein Anliegen, zu betonen, dass die reiche
der musikalischen Nachwuchstalente diesseits und jenseits des Bren- Musiklandschaft Südtirols in besonderem Maße vom Ehrenamt lebt.
ners ab und ist ein gelungenes Beispiel für die erfolgreiche Zusam- Ohne das selbstlose Musizieren, Singen, Leiten und Veranstalten un-
menarbeit zwischen Tirol und Südtirol im Bereich der Musik. zähliger Südtirolerinnen und Südtiroler wäre ein Musikleben in die-
Ich danke allen, die zum Gelingen dieses Themenheftes beigetragen ser Vielfalt in unserem Land nicht denkbar.
haben, insbesondere den Autorinnen und Autoren und den beiden Ich danke den Autorinnen und Autoren sowie den Redakteurinnen
Redakteurinnen Dr. Petra Streng und Dr. Sylvia Hofer und bin über- Dr. Sylvia Hofer und Dr. Petra Streng, die das aktuelle Themenheft
zeugt, dass der vorliegende Bericht spannende Lektüre bietet und ei- „Musik“ erarbeitet haben und wünsche allen Leserinnen und Lesern
nen wertvollen Beitrag zur Musikgeschichte des Landes leistet. eine anregende und aufschlussreiche Lektüre.

Dr. Beate Palfrader Dr. Sabina Kasslatter Mur


Landesrätin für Bildung und Kultur Landesrätin für Bildung und deutsche Kultur

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Inhalt Inhalt
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Vorworte .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 und 3 Südtirol | Besonderheiten in der volksmusikalischen Vielfalt Südtirols –


gestern und heute | Manuela Cristofoletti .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 und 7
Tirol | Im Reich der Tiroler Klänge | Thomas Nußbaumer .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
Alles im Fluss | Irene Prugger .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
Südtirol | „Tanzen ist die Poesie des Fußes“ | Judith Unterholzner.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
Südtirol | Er sagt, ihm schmeckts ... | Robert Schwärzer .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
Tirol | Geselliger Volkstanz in Tirol – persönliche Erfahrungen | Helmut Jenewein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
Tirol | Volksmusik goes „global“ oder eine beinahe blasphemische Abhandlung zum
Phänomen von Tradition und Innovation | Sandra Hupfauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 Südtirol | Das Singen zwischen Lebenskunst und Kommerz | Gernot Niederfriniger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100

Südtirol | Musik-Erlebnis Südtirol. Ein Einblick in das gegenwärtige Musikgeschehen | Ferruccio Delle Cave . . . 16 Tirol | Das Singen ist des Tirolers Lust | Gunter Bakay .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102

Tirol | Musik in Tirol | Henner Kröper .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 Südtirol | Blasmusikszenerien im Zeitspiegel | Klaus Bragagna . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104

Südtirol | Auf den Spuren Wolfgang Amadeus Mozarts: Berühmte Musiker in Tirol | Ferruccio Delle Cave .. . . . . . . . 24 Tirol | Weniger Sozialprojekt, mehr Kunst! | Alois Schöpf .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108

Tirol | Klassische Tiroler Musikspuren: Tirol hatte auch seinen Mozart | Franz Gratl .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 Südtirol | „prima la musica“ | Irene Vieider .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111

Südtirol | Musiktheater in Südtirol | Mateo Taibon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 Tirol | Das Chorwesen in Tirol – Vergangenheit und Gegenwart | Martha Mravlag und Manfred Duringer . . . . . . . . . 115

Tirol | Klangwolke über’m Land | Ursula Strohal .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 Südtirol | Wurzeln und neue Triebe | P. Urban Stillhard . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120

Südtirol | Moderne und Zeitgenossenschaft: Zeitgenössische Musik in Südtirol | Ferruccio Delle Cave .. . . . . . . . . . . . 36 Tirol | Musikausbildung in Nord-, Süd- und Osttirol | Wolfram Rosenberger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124

Tirol | Raus aus dem Ghetto: Neue Musik | Ursula Strohal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 Südtirol | Musikschulen – eine Investition in die Zukunft | Margarete Pohl .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126

Südtirol | Cantate Domino! | Ursula Torggler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 Tirol | Früher oder später? | Ulla Fürlinger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130

Tirol | Sakrale Musikgeschichten aus Tirol | Franz Gratl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 Südtirol | Wie singe ich es meinem Kind vor ... | Ulrike Malsiner .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132

Südtirol | Alte Musik in jungen Händen | Franziska Romaner .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 Tirol | Das Tiroler Landeskonservatorium | Nikolaus Duregger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135

Tirol | Alte Musik wieder neu geworden | Ursula Strohal .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 Tirol | Wie wird man musikalisch? | Joch Weißbacher .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137

Südtirol | Ach wie gut, dass niemand weiß ... | Reinhold Giovanett . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 Südtirol | Musikalische Bildung in Südtirol | Irene Vieider .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139

Tirol | Internationale Töne | Esther Pirchner .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 Tirol | Tiroler Blasmusik | Michaela Mair . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142

Südtirol | Holzschranken, Wasser, Geigen, Barbie: Musikalische Impressionen Südtirol | Blasmusik in Südtirol | Gottfried Veit .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
der besonderen Art im Grenzbereich bildender Kunst und Musik | Manuela Kerer .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
Tirol | Das Tiroler Volksliedarchiv – wozu? | Sonja Ortner .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
Tirol | Wenn bildende Kunst auf Musik trifft | Inge Praxmarer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
Tirol | „musikmuseum“ – Musik in den Tiroler Landesmuseen | Franz Gratl .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
Südtirol | Die neue Befindlichkeit der Singer/Songwriter | Eva Reichegger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
Südtirol | Autorinnen und Autoren .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150
Tirol | Aus den unendlichen Weiten von Jazz, Rock und Pop | Esther Pirchner .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
Tirol | Autorinnen und Autoren .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
Südtirol | Es ist nicht alles Musik in unserm Land | Matthias Mayr .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
Notizen .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
Tirol | Brot und Festspiele | Ulla Fürlinger .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83

Tirol | „Spiel mir das Lied vom Tod“ | Silvia Albrich .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86

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Musik
Die Herleitung der Bezeichnung „Musik“ für DIE Kunst der Musen
kommt nicht von ungefähr, denn die Menschen verstehen zwar nicht
alle Sprachen, dafür verstehen alle die Sprache der Musik.
Die neun olympischen Musen haben über Tirol und Südtirol ihre
„Füllhörner“ mit göttlicher Inspiration üppig ausgeschüttet. Egal ob
es sich um Gesang, Tanz, um komödiantisches Ansinnen, Flötenspiel,
Epik oder das Zupfen eines Saiteninstrumentes u. a. handelt – die
Vielfalt der musischen Künste ist Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft zugleich.
Vorliegendes Themenheft der Kulturberichte legt Zeugnis von die-
sem Variantenreichtum ab: Es geht hier weniger um eine alleinige
historische Aufarbeitung, als vielmehr um eine Charakterisierung der
immensen Bandbreite. Und diese spiegelt sich nicht zuletzt in den
verschiedenen Beiträgen wider. Das Maß der Aussagen ist nicht ein
himmelhoch jauchzendes Jubilieren – um im musikalischen Jargon
zu verbleiben. Die Autorinnen und Autoren nähern sich ihren Spe-
zialgebieten auf ganz unterschiedliche Art und Weise: Persönliche
Erinnerungen kommen zutage, kritische Betrachtungen stehen ne-
ben aktuellen Bestandsaufnahmen, Einblicke in Vereinsleben wer-
den gewährt, Huldigungen von Persönlichkeiten finden sich neben
historischen Rückblicken.
Klassik, Tanz, Festivals, Jazz, Blas- und Volksmusik prägen mit- und
nebeneinander das Musikgeschehen in den Regionen. Zahlreiche
Bildungsmaßnahmen und Förderungen garantieren Qualität, die
über die Grenzen hinaus wirksam ist, beispielhaft festgemacht an den
vielen namhaften MusikerInnen und KomponistInnen, die zum Teil
weltweit präsent sind. Internationalität und regionale Eigenheit bilden
dabei keinen Widerspruch. Ob Harfenmusik in der Wirtshausstube
oder Orchesterklang im „soundgerechten“ Konzerthaus, alle die Musi-
kerInnen, InterpretInnen und KomponistInnen tragen ihren speziellen
Beitrag zum Tiroler und Südtiroler „Sound of Music“ bei.
Bei vielen Artikeln dieser Sondernummer finden sich Kurzporträts
von zeitgenössischen MusikerInnen bzw. KomponistInnen. Die Aus-
wahl erfolgte nach individuellen Kriterien durch die Autorinnen und
Autoren der Beiträge und sie beziehen sich nur auf lebende Künstler­
Innen.
Diese Sondernummer der Kulturberichte will vor allem eines aufzei-
gen: die Vielfalt der Tiroler und Südtiroler Musikszenarien. Tauchen
Sie symbolisch ein in Walzerklänge, schunkeln Sie mit Gassenhauern,
lauschen Sie Chorälen und Volksliedern, schwelgen Sie in Arien,
schwingen Sie das Tanzbein zur Volksmusik, oder swingen, jazzen bzw.
grooven Sie – all dies ist lebendige (Tiroler und Südtiroler) Musik.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Durchblättern und Lesen.


Petra Streng und Sylvia Hofer

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Alles im Fluss
Ein Ausflug in faszinierende Klangräume
mit der Tiroler Avantgarde-Musikerin
Lissie Rettenwander

Ein mächtiges Tosen und Rauschen liegt in der Luft. Ich


stehe mit Lissie Rettenwander auf der Brandachbrücke
von Ötz, unter uns schießt schäumend die Ötztaler Ache
talwärts. Ein mächtiger Klangkörper mit ständigen Rhyth-
muswechseln in den sich türmenden Wellen und der auf-
spritzenden Gischt. An der Einstiegstelle unweit der Brücke
macht sich soeben eine Raftmannschaft für das Abenteuer
bereit. Lissie ist aufgeregt, als würde sie selber gleich ein-
steigen. Für sie schwappen Erinnerungen auf. Lissie war
viele Jahre Raftguide und hat unter anderem auch die Ötz-
taler Ache befahren.
Mittlerweile steuert Lissie keine Rafts mehr auf Wild-
wasserflüssen, jetzt steht sie als Solistin oder mit Band-
projekten auf einer Bühne, improvisiert mit Stimme und
Instrumenten und schafft dabei neue Kompositionen
und ungewöhnliche Hörerlebnisse. Das komme einer
Risikosportart gleich und stelle ähnliche Anforderungen
wie eine Wildwasserfahrt, erzählt sie mir. So wie man die
Wasseroberfläche des Flusses lesen muss, um schnell rea-
gieren zu können, muss sie aufmerksam bleiben, um bei
den überraschend auftauchenden Tönen und Akkorden
auf Kurs zu bleiben. Das erfordert Erfahrung mit dem Ele-
ment, das Wissen um den richtigen Augenblick und Ver-
trauen. Wenn Plan A schiefgeht, gilt es, die Nerven zu be-
halten und augenblicklich einen Plan B parat zu haben,
sonst droht ein Kentern. Sich treiben zu lassen wäre fatal,
unkontrolliert treibt nur ein gekentertes Boot. Trotzdem
muss man dem Fluss die Hauptarbeit überlassen, es hät-
te keinen Sinn, kräfteraubend gegenzusteuern, es geht
ja nicht um ein Schwimmen gegen den Strom, sondern
um das Nützen der natürlichen Kräfte, dann wird es ein
wilder, aber vergnüglicher Ritt über die Strudel, Löcher,
Walzen und Wellen experimenteller und gleichzeitig Ich dreh den Wasserhahn auf
hochemotionaler Musik.
In meiner Stadtwohnung
Lissie improvisiert seit ihrem zehnten Lebensjahr, Haupt-
instrument ist ihre herrlich variable und vitale Stimme. Ich weiß Bescheid.
Sie begleitet sich dazu vorwiegend mit einer Zither oder
einer schwarzen Elektro-Gitarre, oder richtiger ausge- Alle Flüsse dieser Welt
drückt: ihre Stimme tritt mit diesen Instrumenten in einen
Dialog. Ein Dialog, der oft so spannend ist, dass das Pu-
Folgen denselben Gesetzen!
blikum die Luft anhält, weil es merkt, dass sich hier nicht (Lissie Rettenwander)
Südtirol Alte Musik in jungen Händen | Franziska Romaner Südtirol Alte Musik in jungen Händen | Franziska Romaner

jemand wie in einem Hochseilgarten fest angegurtet auf mächtiger Felsbrocken den Schall abschirmt. Sogar wenn Piburger See eine entgegenkommende Spaziergänge-
vorgegebenen Routen von Fixpunkt zu Fixpunkt hangelt, sie in ein intensives Gespräch vertieft ist, nimmt Lissie sol- rin, ob sie Lust hätte, ein Lied zu hören. „Nein danke“,
sondern dass Absturzgefahr inbegriffen ist. Verletzungs- che Veränderungen wahr. „Hörst du?“, fragt sie. „Als würde sagt die Frau, eine ältere Tirolerin, „ich hab es eilig und
gefahr ebenfalls, denn die Performance bedeutet für Lissie man auf einem Instrument einen anderen Ton anschla- muss schnell nach Hause.“ Man sieht ihr an, dass es eine
immer auch eine Entäußerung, ein Ausgesetztsein, die gen.“ Ausrede ist, dass sie Angst hat, wir möchten ihr mögli-
Möglichkeit des Scheiterns. „Meistens geht alles gut, vor Wer so aufmerksam durchs Leben geht, muss nicht unun- cherweise etwas verkaufen oder sie zum Narren halten.
allem, wenn das Publikum ebenso hochkonzentriert und terbrochen fremde Orte erkunden. Für Lissies Raftguide- Musikgebrauch und Musikgenuss funktionieren in vor-
hellwach der Performance folgt und mir vertraut“, sagt kollegen war es wichtig, Wildwasserflüsse auf der ganzen gestecktem Rahmen, in der Musikvermittlung bzw. bei
Lissie. „Wir sitzen sozusagen in einem Boot, und obwohl Welt zu befahren. Sie konnten nicht verstehen, dass sie der Performance gilt es wie beim Musizieren Regeln
ich das Steuer in der Hand habe und den Weg vorgebe, mit ihren Tiroler Flüssen zufrieden war, insbesondere mit einzuhalten. Regeln, die Lissie Rettenwander kreativ zu
sind wir doch als Team unterwegs.“ ihrem Lieblingsfluss Inn. Aber für Lissie war das Abwechs- erweitern versucht. Selbst wenn sie traditionelle Volks-
Die Rafter haben ihr Boot soeben in den Fluss gehievt lung genug, es gab ja ständig Veränderungen. In einem lieder interpretiert, ergeben sich dabei aufregend neue
und überlassen sich nun kraftvoll paddelnd dem wir- literarischen Text hat sie ihre Erfahrungen niedergeschrie- Klangerlebnisse.
belnden Spiel der Stromschnellen. Wir wechseln schnell ben: „Ich kannte den Fluss im Mai, im Juni, im Juli, im August, „In der Volksmusik liegen meine musikalischen Wurzeln,
auf die andere Seite der Brücke und sehen ihnen nach. im September und im Oktober. Von morgens bis abends, bei mit ihr bin ich aufgewachsen, sie ist der Schatz, aus dem
Lissie erklärt mir, welche Hindernisse auf sie warten und jedem Wasserstand. Um ihn bis in seine Eingeweide kennen- ich schöpfe. Mein Vater Rudi Rettenwander ist ein hoch-
worauf der Bootsführer bei der Auswahl der Route acht- zulernen, ging ich bei Niedrigwasser im Flussbett spazieren. musikalischer, musikantischer Mensch, er hat uns Kindern
geben muss. „Ich war auf den Flüssen, insbesondere auf Da lagen sie nun im Trockenen: die Gesteinsbocken, Felsen, das Musizieren beigebracht. Irgendwann war es dann aber
dem Inn, zu Hause, aber ich wollte auch alle anderen die Buhnen. Die Verursacher, die Auslöser der Walzen, Löcher, für mich an der Zeit, auch eigene Weg zu gehen und mei-
Elemente erforschen“, erzählt Lissie. „So gut mir das Ge- Kehrwässer, Rückläufe. Im Winter ist das Bett beinahe leer. ne ganz persönlichen Ausdrucksformen zu finden“, sagt
meinschaftserlebnis gefallen hat, waren mir doch immer Leises, langsames Plätschern anstatt dröhnendes Rauschen.“ Lissie. Die musikalische Gratwanderung zwischen Tradi­
auch die Einsamkeit und die Ruhe in der Natur wichtig. Auch bei scheinbar gleichbleibenden Bedingungen bleibt tion und Avantgarde wurde für sie zu einer Quelle motivie-
Denn wie Geräusche nur vor dem Hintergrund der Stille kaum etwas gleich. Der Inn ändert nahezu täglich und ab- render Erfahrungen. „Zu Hause haben wir am Wochenen-
erfahrbar werden, entsteht meine Musik ebenfalls aus schnittsweise seine Farbe und seinen Geruch, Regenschau- de Volkslieder gesungen und unter der Woche ging ich auf
der Stille, aus den Pausen heraus.“ er und wechselnde Wetter bringen neue Stimmungen, am Punkkonzerte und traf mich mit experimentellen Musikern
Die Räume der freien Natur sind für Lissie inspirierender als Abend kommt der Talaufwind. Aber diese Unterschiede zu gemeinsamen Sessions.“
ein nüchternes Studio. Auf Spaziergängen erprobt sie ihre nimmt man nur dann deutlich wahr, wenn man die Strecke Was früher der Drei- und Viergesang der Familie Retten-
Stimme, ahmt ab und zu Tierstimmen nach und freut sich, immer und immer wieder befährt, erst dadurch zeigt sich wander war, ist für Lissie nun ihr neuestes Projekt, der
wenn Antwort kommt. Besonders bei Schafen und Ziegen die unendliche Vielfalt der Variationen. Und so ist die Wie- „Lissie-Rettenwander-Chor“. Dabei nimmt sie ihren Impro-
funktioniert das gut. Aber es gibt auch andere aufmerk- derholung auch in Lissies Musik zu einem bestimmenden Gesang live vor Publikum auf, spielt die Aufnahme ab,
same Zuhörer. „Einmal habe ich auf einer Waldlichtung Element geworden. Ihre Lieder haben sich durch unter- improvisiert wieder dazu, spielt die nunmehr zweistim-
laut vor mich hin improvisiert und als ich mich umdrehte, schiedliche Nuancen in der Wiederholung ständig verän- mige Aufnahme von Neuem ab, improvisiert wieder dazu
stand ein Rehbock hinter mir. Es war ein magischer Augen- dert, so wie die Kraft des Wassers einem Fluss- oder Bach- und wiederholt das so oft, dass ein sieben- bis achtstim-
blick, denn normalerweise muss man ganz ruhig sein, da- stein einen perfekten Rundschliff verpasst. Es handelt sich miger Gesang mit verblüffenden Wendungen entsteht,
mit sich Wildtiere so nahe heranwagen.“ dabei nicht um ein bloßes Repetieren, wie man bei einem denn oft improvisiert Lissie nicht nur die Melodie, sondern
Im Schwarzsee bei Kitzbühel, in der Nähe des elterlichen Lied einen Refrain wiederholt, sondern um ein kreatives auch Text- und Lautfolgen. „Manchmal staune ich dabei
Bauernhofes, ist sie oft geschwommen, besonders gern Suchen und Finden. Indem alles Störende und Überflüs- selber über die Schönheit gewisser Klänge oder muss über
bei Regen, und hat auch hier eine faszinierende Klang- sige mit der Zeit wegfällt, findet die Komposition zu ihrer lus­tige Effekte lachen.“
welt erfahren: Drei Tempi unter Wasser, ein Zug über gültigen Form. Mittlerweile sind wir am Piburger See angelangt. Das
Wasser und jedes Mal beim Eintauchen veränderte sich Den Grund für ihre Lust an der Wiederholung vermutet ruhige Wasser, auf dem die Nachmittagssonne unzählige
der Sound, wurde dumpf und drängte die Außenwelt Lissie in ihrer Herkunft als Bauerntochter. „Bei der Arbeit Lichtreflexe aufblitzen lässt, bildet einen krassen Gegen-
weg, dann wieder die hellen, klaren Töne beim Auftauchen. auf den Feldern habe ich oft gesungen, denn ich mochte satz zum tosenden Fluss. Wir lauschen. Einen Moment
„Solche Wahrnehmungen bilden die Grundlage meiner den Rhythmus der immer gleichen Handgriffe und im- lang könnte man es hier als absolut still empfinden. Aber Porträt Lissie Rettenwander
Musik!“ provisierte dazu, wenn ich allein war und mich frei fühlte. die Natur schöpft nur Atem vor dem nächsten Einsatz. Geboren 1972 in Kitzbühel, begann ihre
Auf der Brücke über der Ache müssen wir gegen das Tosen Für mich gehören Musik und Natur zusammen. Auch das Nein, es kommt kein Gewitter auf, es grollt kein Donner. Ganz Laufbahn mit klassischer Volksmusik,
anschreien oder zumindest mit kraftvoller Stimme spre- Gehen inspiriert mich. Wenn ich in Bewegung bin, drängt un­spektakulär macht ein sanftes Plätschern auf der Wasser- sang und spielte Zither in der bekannten
chen, damit wir uns verstehen. Als wir weiterspazieren, es mich, zu singen.“ oberfläche der Pause ein Ende. Eine Forelle wahrscheinlich. Hausmusik­runde ihrer Familie. Sie betreibt
den Weg neben der Ache entlang, bricht das laute Rau- Weil Lissie inzwischen auch vor Publikum singt, machen avantgardistische Solo- und Bandprojekte
schen des Flusses abrupt ab und wird ganz leise, weil ein wir einen Versuch und fragen auf unserem Weg zum Irene Prugger mit Improvisationsfreiräumen.

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Südtirol Alte Musik in jungen Händen | Franziska Romaner Südtirol Er sagt, ihm schmeckts ... | Robert Schwärzer

experimentieren. Eine „Stilmischmusik“ entsteht, bei welcher sich virtuos, dass mitspielen sogar für begabte Profis
jede und jeder aus allen möglichen und unmöglichen Kochtöpfen eine echte Herausforderung darstellt. Dasselbe
bedient und so sein musikalisches Lieblingsgericht kreiert. Nun kom- gilt für die Reproduktion; das hohe künstlerische
men andere Adjektive in Mode, jetzt gibt es „neue Volksmusik“ und Niveau, das bei „neuer Volksmusik“ präsentiert
„schräge“, „progressive“, „alternative“, „moderne“ und „innovative“ ... wird, stellt eine (beinahe) unüberwindliche Hür-

Er sagt, ihm schmeckts ... Und damit erfüllt sich die alte Weisheit: Es dreht sich alles auf der Welt.
So ist es eigentlich überhaupt nichts Neues, dass über den musika-
de dar. Nur ganz wenige Harmonien (I., V. und
manchmal IV. Stufe) genügen bei „alter“ Volks-
Volksmusik goes global lischen Tellerrand geschaut wird. Musikgattungen haben sich immer musik, bei „neuer Volksmusik“ sind 10 und mehr
schon gegenseitig befruchtet und beeinflusst. Ob es nun die Arie des keine Seltenheit.
Uriel in Joseph Haydns Schöpfung ist, die ihre enge Verwandtschaft Ist „alte“ Volksmusik in vielen teilweise doch

A pfel – an was denken Sie, wenn Sie dieses


Wort hören? Etwa an einen leuchtend
roten, saftigen Apfel, makellos und EU-genormt?
Weihnachtslieder wie Stille Nacht oder Ihr Kinderlein kommet (ein-
schließlich der dazugehörigen Beleuchtung) werden ab Anfang
November in jedem Kaufhaus angeboten, wobei letzteres Lied doch
mit dem burgenländischen Volkslied Es stand ein Baum im tiefen Tal
nicht leugnen kann, oder Melodien aus Gaetano Donizettis Regi-
mentstochter, die in Varianten in alten handschriftlichen Notenhef-
recht unterschiedlichen Varianten verbreitet,
gibt es in der „neuen Volksmusik“ dank moder-
ner Medien nur ein Original.
Oder ist Ihr „Apfel-Bild“ mit einem grünen, leicht eigentlich besser in die Geburtsabteilungen unserer Krankenhäuser ten auftauchen. Ganz zu schweigen von Melodien, die doch kein ge- Auch die Funktion hat sich geändert. „Alte“
sauren und knackigen verbunden? passen würde. ringerer als Wolfgang Amadeus Mozart geschrieben hat. Volksmusik ist hauptsächlich Tanzmusik und
Wir Menschen geben den Dingen einen Namen Das Oktoberfest in Pfalzen fand heuer am 17. September statt, in Immer schon gab es den mehr oder weniger versteckten Blick und damit Gebrauchsmusik, „neue Volksmusik“ ist
und stellen uns dabei Farbe, Form, Geschmack München begann es zeitgleich, dauerte dafür aber immerhin „nur“ natürlich auch Griff in andere Partituren und Notenblätter. vorwiegend auf Konzertbühnen als Vorführ-
und besondere Eigenheiten vor. Vor unserem bis zum 4. Oktober. Während „alte“ Volksmusik für (mehr oder weniger) talentierte Laien musik zu finden. Der „Personalausweis“ der
geistigen Auge entsteht also ein ganz individu- Heuer im Frühsommer war in Brixen und seiner näheren und wei- mitspielbar ist, so ist „neue Volksmusik“ teilweise so komplex und „alten“ Volksmusik ist eine schöne Melodie, die
elles, einzigartiges Bild zu diesem Begriff – und teren Umgebung ein Plakat angeschlagen: Eingeladen wurde zur „neue Volksmusik“ lebt von überraschenden
wir sind erstaunt, wenn andere Menschen ein Christmas Schaum schiuma Party (mit Untertitel: Let it snow), die am Wendungen, die den Zuhörer herausfordern
anderes Bild davon haben. Freitag, 1. Juli 11 stattgefunden hat. Sagt einer zum anderen: „Heuer Plakat „Christmas Schaum schiuma Party“ | Foto: Günther Hopfgartner und seine musikalischen Glaubenssätze infrage
Nehmen wir beispielsweise den Begriff „Rock“. fällt der Heilige Abend auf einen Freitag.“ Darauf der andere: „Hof- stellen. Die viel zitierte Landschaftsgebunden-
Je nachdem, ob wir mit einer jungen oder mit fentlich ist es nicht der 13.!“ heit von Volksmusik, die regionalen Eigenheiten
einer nicht mehr ganz so jungen Frau sprechen, Fazit: Hätte Rumpelstilzchen gewusst, in welcher Vielfalt heute selbst weichen einem globalen Klangerlebnis, das
wird sich die Länge des Rockes ändern. In unter- vermeintlich „eindeutige“ Namen verwendet werden, wer weiß, ob problemlos in alle Regionen unserer Erde ein-
schiedlichen Farben, Mustern und Schnitten wer- es sich auseinandergerissen hätte? schließlich Nordpol und Sahara verpflanzt wer-
den sich die individuellen Vorlieben manifestie- den kann.
ren. Haben wir als Gesprächspartner aber einen Doch was hat das alles mit Volksmusik goes global zu tun? Wie in jeder Kunstgattung kann auch in der
Mann, vielleicht sogar einen Jäger, dann wird der Der Begriff Volkslied, im fernen Jahre 1776 von Johann Gottfried Volksmusik die Weiterentwicklung nicht ge-
Begriff „Rock“ völlig andere Assoziationen bei Herder „erdacht“, sollte der Überbegriff für die Musik des einfachen steuert oder gar politisch beeinflusst werden,
ihm auslösen. Er wird vermutlich von einem grü- Landvolkes sein, die es zu dokumentieren galt: […] in der Ursprache sondern sie geschieht einfach. Dabei spielt der
nen Lodenrock sprechen, an den Schultern ver- und mit genugsamer Erklärung, ungeschimpft und unverspottet, so wie Faktor Zeit die wichtigste Rolle, als unerbitt-
stärkt, vielleicht sogar mit Knöpfen aus (selbst unverschönt und unveredelt: wo möglich mit Gesangweise und Allem, licher Filter sortiert er aus: Brauch- und Nutz-
erlegtem) Hirschhorn und bequemen Taschen, was zum Leben des Volkes gehört. bares hält sich über einen längeren Zeitraum,
wo die Schlüssel der Schranken für die Forststra- Sehr bald schon stellt sich heraus, dass der Begriff Volksmusik vielfäl- anderes wird vergessen, auch wenn es vielleicht
ße gut greifbar sind. Ist es aber eine Musiklieb- tig Verwendung fand, und um doch etwas genauer und präziser zu eine Zeitlang besonders „in“ war, und der Man-
haberin, mit der wir gerade sprechen, dann sein, bekommt er eingrenzende Adjektive. Volksmusik wird „echt“, tel der Geschichte legt sich leise darüber.
verbindet sie „Rock“ vielleicht mit Elvis Presley „bodenständig“, „traditionell“, „überliefert“ und „alpenländisch“. Allzu Während ich schreibe, fällt mir mein Schwieger-
oder den Blues Brothers und trällert eventuell gerne wurde und wird dabei jedoch übersehen, dass es dann ja auch vater ein, der eine (für mich) geniale Idee ent-
sogar noch virtuos den Jailhouse-Rock. „unechte“ oder „falsche“ Volksmusik geben muss, „abgehobene“, „neu wickelt hat. Wenn seine Frau, also meine Schwie-
Wenn aber Begriffe, die an sich schon mehrdeu- erfundene“ und „interkontinentale“, um nur einige aufzuzählen. germutter, mal nicht zu Hause ist, kocht er selbst
tig sind, noch mehrdeutiger verwendet werden, Dann, Ende der 80er-Jahre des letzten Jahrtausends, entsteht eine für sich und dann gibt es „Schluck-abe-Suppe“.
dann werden die „individuellen“ Bilder um ein „neue“ Strömung. Hubert von Goisern, der 1992 mit „seinem“ Hia- Sein Rezept: Kühlschrank auf, alles irgendwie
Vielfaches potenziert und damit auch das Chaos. ta­­­madl eine goldene Schallplatte bekommt, will Volksmusik nicht Essfähige in einen Topf, Wasser dazu, etwas Salz
Einige Beispiele dazu: Faschings-Krapfen bekom- nur entstauben, sondern aus dem Ghetto holen, dekonstruieren und und Pfeffer, aufkochen lassen, umrühren – fertig
men Sie, egal ob zu Ostern, Pfingsten, im Som- neu zusammensetzen. Mittlerweile gibt es viele, die seinem Beispiel und „abe-schlucken“. Er sagt, ihm schmeckts ...
mer, Herbst oder zu Weihnachten, in jeder wirk- folgen, die verschiedene, oft auch vermeintlich gegensätzliche Mu-
lich guten Bäckerei. sikstile mehr oder weniger genial mischen, kombinieren und damit Robert Schwärzer

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Tirol Volksmusik goes „global“ oder eine beinahe blasphemische Abhandlung zum Phänomen von Tradition und Innovation | Sandra Hupfauf Tirol Volksmusik goes „global“ oder eine beinahe blasphemische Abhandlung zum Phänomen von Tradition und Innovation | Sandra Hupfauf

mehr. Und so lange macht man sich auch schon Gedanken über die die Verschiedenheit und Vielseitigkeit feiern
Intention dieser Musik: Will sie sich in die Volksmusikszene hinein- und fördern. Nur wenn man sie direkt neben-
drängen? Will sie etwa die Volksmusik weiterentwickeln? Was wollen einanderstellt, werden Unterschiede und Eigen-
die Musiker dieses Genres, wenn man die Vielfalt in diesem Bereich heiten aller Richtungen sichtbar. Die Steiermark
einmal über einen Kamm schert? „Weg vom andächtigen Spielen könnte in diesem Bereich Vorbild werden, seit
und den immer gleichen Stücken, hin zu Humor, Gegenwartsbezug Jahren setzt man dort auf einen freundschaft-
und ‚Unterleib‘“, bringt es einer der Pioniere, Hans Well von Biermösl lichen Umgang mit viel Begegnung zwischen
Blosn, in seinem Text „Weder Kitsch noch Museum“ auf den Punkt. den Traditionalisten und den Grenzgängern.
Dieses Problem der Progressiven mit der „Andacht“ liest man immer Aktuell führt Wikipedia unter „Neue Volksmu-
wieder. Volksmusik soll fromm und feierlich sein, vorausgesetzt sie sik“ immerhin 45 Gruppen an, darunter Aniada a
wird im kirchlichen Rahmen gespielt. Wenn sie ansonsten „andäch- Noar und Attwenger, aber auch die Trackshittaz
tig“ klingt, dann ist sie schlicht und einfach leidenschaftslos und und Rainer von Vielen. Für viele ist Volksmusik
schlecht gespielt. „Gut spielen“ sollte in der Volksmusik etwas völlig die grundlegende Zutat ihrer Musik, für an-
anderes sein als in der Kunstmusik: persönlicher Ausdruck, Kreativität dere nur ein exotisches Gewürz, aber jede Art
und Kommunikation – und dazu gehören besonders Humor und ‚Un- dieser Musik setzt sich mit einem Bereich der
terleib‘ – sollten eindeutig vor Technik und Klangideal gestellt wer- Volksmusik auseinander (vielleicht nicht immer
den. Es ist schwierig, in einer auf Perfektionismus gedrillten Welt den bewusst), dem Dialekt, volkstümlichen Thema-
Schritt zurück zu wagen. Etwas anderes ist der Gegenwartsbezug. tiken, dem Instrumentarium, der Harmonik. Und
Peter Moser wird im Buch von Andreas Safer „Folk & Volxmusik in der die Hörer dieser Musik damit auch (wahrschein-
Steiermark“ (Gnas 1999) zu diesem Thema zitiert: „Ich glaube, dass lich überwiegend unbewusst). Trotzdem ist dies
viele Lieder nicht mehr zeitgemäß sind. Denken wir an Handwerks-, Wil- auch eine Art von „Volksmusik­pflege“, wenn
derer- oder Almlieder. Dennoch werden sie gerne gesungen. Besonders auch weitab vom gängigen Verständnis des Be-
bei den Almliedern ist beispielsweise heute eine allgemein feststellbare griffes. Neue Volksmusik ist nicht neu, sie nimmt
KLANGstadt Hall in Tirol 2010 | Foto: Jakob Flarer für das ivk Sehnsucht nach Natur, einer heilen Welt und einer Freiheit des Menschen nur gerade einen neuen Anlauf: In Südtirol mit
dafür maßgebend (...) dennoch würde ich mir wünschen, dass vielmehr Pixner und Opas Diandl, in Vorarlberg mit dem
kritische Lieder in Gasthäusern gesungen würden“ (S. 45). Zugegeben, Holstuonarmusigbigbandclub, in Bayern mit La

Volksmusik goes „global“ oder eine beinahe es ist ein warmes und sicheres Gefühl, die Musik als Zufluchtsort zu
nutzen und den Alltagssorgen auf diese Weise zu entfliehen. Eine
Brass Banda und in Tirol: Wüste. Einzelne Pflänz-
chen kämpfen ums Überleben. Doch anstatt sie

blasphemische Abhandlung zum Phänomen wichtige Funktion der Volksmusik, aber nicht die einzige. Wenn
Volksmusik überhaupt keinen Gegenwartsbezug mehr herstellt, ist
großzügig zu düngen und gespannt darauf zu
warten, wohin sie wachsen, überlegt man, ob

von Tradition und Innovation sie selbst Geschichte. Dies bedeutet aber nicht, dass sich die tradi-
tionelle Volksmusik formal „weiterentwickeln“ muss, es bedeutet
sie überhaupt ins Beet gehören. Um von bota-
nischen noch zu meteorologischen Vergleichen
lediglich, dass man anderen volksmusikalischen Ausdrucksmöglich- überzugehen: „Wer auf frischen Wind wartet,
keiten Raum geben sollte, die dieses Bedürfnis befriedigen. Muss darf nicht verschnupft sein, wenn er kommt.“
„Tradition“ scheint in der Tiroler Volksmusik­ Volksmusik und entwickelt Volksmusikinstrumente weiter: ebenso es EINE Volksmusik geben? Es gibt Dinge, die mehr werden, wenn (Helmut Qualtinger)
szene manchmal mehr Gewicht als Wert zu Innovation. Man studiert Volksmusik ein und spielt sie eher im Kon- man sie teilt. Die Tatsache, dass es Traditionalisten und Progressive
haben. Das große Erbe wird auf wenigen Schul- zertsaal statt im Wirtshaus oder Familienkreis. Man nutzt Volksmu- gibt, ist der beste Beweis dafür, dass die Szene „lebt“. Man könnte Sandra Hupfauf
tern vorsichtig balanciert, ausladende Schritte sik kommerziell. Man fördert und bewertet die beste und schönste
sind schwer möglich. Aber muss man Tradition Volksmusik in Wettbewerben, Musik, bei der vorher lange nur die
beschützen? Kann man sie stehlen, verwässern „Gaudi“ im Mittelpunkt gestanden hat – Innovation, oder? Die Ge-
oder weiterentwickeln? Was ist „Tradition“ und schichte der Volksmusik ist voller Erneuerungen, nicht jeder wird sie Porträt Markus Geyr
wer entscheidet darüber? Eines scheint sie auf alle gutheißen. Man pflegt, hegt, belebt und hofft, dass der Funke auf Es gibt nicht viele Musiker, die den Spagat zwischen Volksmusik, volkstümlich und Jazz so
alle Fälle zu sein: das Gegenteil von Innovation, die jüngeren Generationen überspringt, dass vor allem das Interesse elegant und selbstverständlich schaffen wie Markus Geyr. Der beste musikalische Ausdruck
Foto: Jakob Flarer für das ivk

und mit dieser sieht sich die Tiroler Volksmu- der Jugend wächst. Es wächst und gedeiht, es treibt Blüten in ver- dafür ist seine Arbeit mit der ClariMusi. Zusammen mit den anderen höchst kreativen
siklandschaft im Moment konfrontiert ... aber schiedenste Richtungen, und zwar schon seit etwa zwanzig Jahren. Köpfen der Band lässt er einen VolksJazz-Sound entstehen, der seinesgleichen sucht.
warum? Man hat begonnen mündlich über- „Neue Volksmusik“ ist ein alter Hut, Biermösl Blosn und Broadlahn ge-
lieferte Volksmusik aufzuschreiben, damit sie hörten Mitte der 80er-Jahre zu den Vorreitern und so lange wird auch
nicht verloren geht: eindeutig eine Innovation. schon über den Begriff diskutiert: „Neue Volksmusik“, „Volxmusik“,
Man erforscht Volksmusik, komponiert bewusst „Folkmusik“, „VolksJazz“, „Alpenrock“, „Alpine Weltmusik“ und viele

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Südtirol Musik-Erlebnis Südtirol. Ein Einblick in das gegenwärtige Musikgeschehen | Ferruccio Delle Cave Südtirol Musik-Erlebnis Südtirol. Ein Einblick in das gegenwärtige Musikgeschehen | Ferruccio Delle Cave

wie namhafte Pianisten von Svjatoslav Richter über Andras Schiff bis Altschluderbach zwei seiner wichtigsten sympho-
zum russischen Klavierphilosophen Grigory Sokolov. Sie haben durch nischen Werke geschaffen: das „Lied von der Erde“
ihre unvergesslichen Interpretationen den „Bozner Konzertverein“ zu und die 9. Symphonie. Ihm zu Ehren werden seit
einem beliebten Zentrum hartgesottener Musikkenner gemacht, die den 80er-Jahren jährlich in Toblach von Juli bis
sich früher auch an Liederabenden erfreuen konnten. Durch die Grün- August im Konzertsaal des 1999 neu restaurierten
dung des „Eppaner Liedsommers“, dem seit 2008 die berühmte Altistin „Grandhotel“ die „Mahler-Wochen“ abgehalten.
Brigitte Fassbaender als Leiterin vorsteht, ist auch das Segment des Dazu gehören symphonische Konzerte und Kam-
Kunstliedes in Südtirol verankert, ebenso wie die Pflege der sakralen mermusikabende sowie im Spiegelsaal die Refe-
und profanen Alten Musik in den Festivals von „Musik und Kirche“ in rate und Diskussionsrunden des „Mahler-Pro-
Brixen und dem Festival „Musica Sacra“ in Bozen. Vor allem in Brixen tokolls“ zu Mahlers Leben und Werk, heuer zum
hat Josef Lanz in den letzten Jahren immer wieder Neuentdeckungen 100sten Todestag am 18. Mai mit der Aufführung
aus der Zeit der Renaissance und des Barock in ungewöhnlichen Be- der 5. Symphonie als Sonderkonzert. Seit 2010
setzungen angestrengt, die in beispielgebenden CD-Aufnahmen vom gehen im September in Toblach auch die von Gu-
ORF in Wien medial unterstützt und ausgestrahlt werden. Zu den histo- stav Kuhn gegründeten „Festspiele Südtirol“ über
risch gewachsenen Musikinitiativen in Meran gehört die ebenfalls von die Bühne, in denen „Das Lied von der Erde“ ne-
Josef Lanz kuratierte Reihe der Abendprogramme von „Musik Meran“, ben der 9. Symphonie und Opern von Rossini und
auch sie vornehmlich der Kammermusik gewidmet. Meran ist indes Donizetti als Fixstarter rangieren. Seitdem das Bo-
durch die seit 26 Jahren bestehenden „Meraner Musikwochen“, eines zner Stadttheater 1999 in Bozen auch ein Forum
der bestbesuchten Festivals unseres Landes, im internationalen Mu- für die Oper gestiftet hat, gibt es immer wieder
Kurhaus (Eröffnungskonzert) | Foto: Gigi Bortoli sikgeschehen eingebunden. Das von Andreas Cappello organisierte auch Opernaufführungen wie 2009 und 2010
Festival hat 2011 im Kursaal Meran wieder durch acht Konzertabende zwei viel diskutierte Inszenierungen von Richard
mit prominenten Orchestern, Dirigenten und Solisten aus aller Welt Strauss‘ „Elektra“ oder „Ariadne auf Naxos“. Dem

Musik-Erlebnis Südtirol. Ein Einblick in das das Musikpublikum verwöhnt: Ivan Fischer mit dem „Budapest Festival
Orchestra“ oder der Geiger Pinkas Zuckerman mit dem „Royal Philhar-
Klavier ist in Bozen seit 1949 der Internationale
„Ferruccio-Busoni-Klavierwettbewerb“ vorbehal-

gegenwärtige Musikgeschehen monic Orchestra“ gehörten zu den Höhepunkten der heurigen Saison.
Neben den Meraner Musikwochen gehören die Auftritte des seit fast
ten. Seit 2000 ist der früher jährlich stattfindende
Preis in einen Zweiphasenwettbewerb eingeteilt,
20 Jahren in Bozen agierenden „Mahler-Jugendorchesters“ und die der Klaviergrößen aus aller Welt nach Bozen lockt,
nunmehr jährlich stattfindende und von Claudio Abbado begründe- so Alfred Brendel und Andras Schiff 2010 und

I m Allgemeinen wird das musikalische Gesche-


hen weitgehend vom Konzert- und Opernbe-
trieb bestimmt, weniger vom kompositorischen
Jahren unter der künstlerischen Leitung des Salzburger Dirigenten
Gustav Kuhn ein Programm von in der Regel 14-15 Konzertabenden im
Bozner Konzerthaus und in Trient an, das sich hauptsächlich am tradi-
te „Mahler-Akademie“ zur notwendigen Nachwuchsarbeit junger In-
strumentalisten. Der Name Gustav Mahler ist freilich untrennbar mit
den „Gustav-Mahler-Wochen“ in Toblach verbunden. Mahler hat ja in
Martha Argerich heuer, die zugleich als Vorsitzen-
de der Jury des Busoni-Wettbewerbs 2011 fun-
gierte, einem Wettbewerb, der heuer keinen/keine
Schaffen einzelner zeitgenössischer Komponis- tionellen klassisch-romantischen Repertoire orientiert und immer wie- den Sommermonaten 1908–1910 in seinem Komponierhäuschen in Sieger/in hervorbrachte. Als Überschreitung von
tinnen/Komponisten. Zum Betrieb gehören na- der auch einen wichtigen symphonischen Zyklus anbietet: So waren es E- und U-Musik wird das von Peter Paul Kainrath
turgemäß die in unserem Lande bereits zu einer in den letzten vier Jahren die neun Symphonien Beethovens, die vier Symphonieorchester „J. Haydn” von Bozen und Trient. Dirigent: Gustav Kuhn ins Leben gerufene Festival„transart“ veranstaltet,
Foto: Luca Ognibeni
festen Einrichtung gehörenden und immer noch Brahmssymphonien, Tschaikowsky und Bruckners erste vier Sympho- ein Festival zeitgenössischer Kultur, das jeweils im
neu aufstrebenden Musikfestivals, die zwischen nien, die aus dem Reigen der Solistenkonzerte herausragten. Dazu gibt September und Oktober im Zeichen des Experi-
Tradition und Avantgarde die meisten Musikhörer das Haydn-Orchester immer auch Uraufführungen in Auftrag, in den ments und der Qualität einem offenen und neu-
in Bozen und Meran anlocken; dem bürgerlichen letzten drei Jahren auch kurze symphonische Arbeiten der Südtiroler gierigen Publikum Projekte der zeitgenössischen
Musikkonsum und Musikgenuss gleichermaßen Eduard Demetz, Heinrich Unterhofer und Manuela Kerer. Neben dem Musik und Kunst an ungewöhnlichen Schauplät-
verpflichtet sind aber von alters her die fest „instal- Haydn-Orchester rangiert die vom Geiger Georg Engl 1987 gegründe- zen bietet: Eröffnet wurde die Ausgabe 2011 vom
lierten“ musikalischen Angebote wie die sympho- te„Streicherakademie Bozen“ als zweites fixes Orchester in Südtirol, das New Yorker Ensemble „Alarm Will Sound“, das
nische Konzertsaison des Haydn-Orchesters Bozen in seiner Programmierung vor allem der Musik für Streicher verpflich- unter der Leitung von Alan Pierson dynamisch
und Trient jeweils von Oktober bis Mai; im selben tet ist. Der „Bozner Konzertverein“ ist der älteste Konzertveranstalter den Spielraum zwischen Neuer Musik, Impro-
Zeitraum finden in Bozen und Meran auch die des Landes: Er ist aus dem 1855 vom Bozner Magistrat gegründeten visation und Popavantgarde erkundet. Zuvor ließ
Konzertreihen des „Bozner Konzertvereins“ und und 1927 von den Faschisten aufgelösten „Musikverein“ hervorge- das Publikum unter der Leitung des englischen
„Musik Meran“ statt. Das 1958 gegründete Haydn- gangen und wurde 1942 als „Konzertverein Bozen“ wieder reaktiviert. Komponisten Matthew Herbert 500 Kuhglocken
Orchester Bozen-Trient ist mit seinen ca. 70 Instru- Unter der künstlerischen Leitung von Josef Lanz hat er sich die Pfle- erklingen.
mentalisten das einzige große Symphonieor- ge der Kammermusik zur Aufgabe gemacht. Berühmte Streichquar-
chester in unserem Land und bietet seit mehreren tette und Klaviertrios sind im „Bozner Konzertverein“ ebenso zu Gast Ferruccio Delle Cave

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Tirol Musik in Tirol | Henner Kröper Tirol Musik in Tirol | Henner Kröper

Musik in Tirol (die einzige Vorgabe waren die meistens aus Europa stammenden In-
strumente). Es lag in der Natur der Sache, dass die Improvisation zum
wesentlichen Merkmal dieser Musiksprache wurde. Und so beschrieb
Eindrücke eines Außenstehenden: Die vergangenen 40 Jahre jeder mit seinem Gesang oder seinem Instrument sein Gefühl, seine
Trauer, seine Liebe, seinen Hass, seine Freude. Das ist der Jazz.

W as ist Musik? In Europa, in Tirol, in Asien,


der Mongolei oder in einer Weltraumsta-
tion in der Stratosphäre (begrenzt), Töne, die auf
gleichzeitig leidet darunter die Spontanität, und Improvisation wird
beeinträchtigt. „Musikalischer Denkmalschutz“ hat in Tirol die Funk-
tion des Schutzpatrons der Barockmusik, Blasmusik und Stuben-
Nach dem Ende des 2. Weltkrieges ist mit den amerikanischen und
den französischen Besatzern auch in Tirol der Jazz eingezogen. In
zwei Clubs der US-Armee in Hall spielten einheimische Musiker zur
die unterschiedlichste Art und Weise gekenn- musik übernommen. Unterhaltung der G. I.s Jazz. Die Franzosen etablierten sich im Hof­
zeichnet, zusammengesetzt werden und den Die Zusammensetzung von Tönen (Musik und Sprache) wurde durch garten-Pavillon in Innsbruck mit einem Offizierskasino.
gleichen physikalischen und mathematischen Eroberungen und durch Troubadoure im Windschatten der Krieger Dort starteten auch unter den Argusaugen ihrer Landsleute die of-
Regeln folgen. Eine Sprache, die sich auf der und Händler verbreitet. fiziellen Karrieren der Tiroler Jazzpioniere Oskar Klein, Joschi Binder,
ganzen Welt der gleichen Worte bedient. Der Jazz aber nimmt eine Sonderstellung ein. Ihren kulturellen Wur- Günther Pollak, Werner Pirchner.
Musik ist Weltsprache, musikalische Menschen ver- zeln entrissene Sklaven, der Leibeigenschaft entflohene Siedler und Das übrige Europa, allen voran Frankreich, hatte den Jazz bereits zur
stehen sich überall, egal ob auf Neuguinea oder in bunt durcheinandergemischte Abenteurer, zum Großteil Analpha- eigenen Sache gemacht und schaffte dadurch auch für die klassische
Tirol oder untereinander. Noten sind Klangbuch- beten, kamen in ein Land, in dem es keine greifbare Kultur gab. Eine Musik (Zwölftonmusik) neue Klangräume.
staben, durch die wir mehr oder weniger unbe- gemeinsame Sprache gab es nicht. So konnte in einem kulturfreien
wusst Stimmungen und „Launen“ wahrnehmen. Raum neue Musik, frei von Zwängen und Traditionen, entstehen Es war die Verbreitung von Freiheit, Friede, Freude mit Tönen. Jazz-Live-Plakat mit Publikum, ohne Datum ca. 1975
Das Zugehörigkeitsgefühl der Tiroler zu ihrer Hei-
mat ist auch eng mit ihrer immer präsenten Mu-
sik verbunden (bewusst oder unbewusst). Es gibt Jazz-Live-Plakat, Werner Pirchner, 12. Feber 1978 Archie Shepp im Raiffeisensaal, 24. Feber 1977 | Foto: Unbekannt
viele gute Zuhörer und viel Verlangen, selber zu Wie ich durch Zufall den Jazz in Tirol entdeckte:
musizieren. Nicht überall gibt es eine derartige Abgesehen von einigen Brennerüberquerungen
Konzentration von Konzerten, Festivals, Musik- bin ich seit 1969 regelmäßig in Innsbruck. Tirol
wettbewerben („prima la musica“, Jeunesse usw.), war für mich eine Stimmung und ein Charakter,
Stubenmusik, Volksmusik, volkstümliche Musik, aber als politisches Gebilde habe ich, wie da-
Schlager, Folk, Rock- und Barockmusik, Opern, mals wohl die meisten Nichtösterreicher, das
Musicals, Blues, traditionellem Jazz, Rap, Avantgar- Land nicht gesehen, allenfalls fiel im deut-
de, Experimentalmusik, DJs auf so kleinem Raum. schen Sprachraum der Begriff vom „heiligen
In den knapp 40 Jahren, in denen ich hier lebe, Land Tirol“.
hat es eine am Anfang bekämpfte, dann aber Mein Tirolbild bestand aus den Erzählungen
bedachte und schließlich unbehinderte musi- meiner Eltern und meiner älteren Schwester,
kalische Öffnung sondergleichen gegeben, die aus der Schulzeit, durch Gemälde von Alfons Wal-
auch an der traditionellen Musik, in Form von de, Egger-Lienz und deren Zeitgenossen. Das
verbesserten und dadurch leichter zu beherr- musikalische Tirol setzte ich mit dem Andreas-
schenden Instrumenten, nicht vorbeiging. Hofer-Lied gleich, obwohl ich damals nicht die
Hier wird nun in Kurzform der Versuch unter- geringste Ahnung hatte, wer Adreas Hofer war.
nommen, den gesellschaftlichen Wandel Tirols Das Lied aber gehörte in meiner Jugend zum
in den letzten 40 Jahren anhand der Musik (in allgemeinen Liedgut am Lagerfeuer. Hinzu kam
erster Linie des Jazz) und deren Akzeptanz zu noch ein Klischeedenken geformt durch alpen-
beschreiben. ländisches Brauchtum, wie es in unzähligen im
Die sich immer schneller verändernde Zeit und Gebirge spielenden Heimatfilmen gezeigt wurde.
Technik verändert auch immer schneller die Durch die mir aus der Schulzeit im Gedächtnis
Musik, und viele der klingenden Traditionen haften gebliebenen Bilder von Alfons Walde,
müssen heute unter Denkmalschutz am Leben Egger-Lienz und deren Zeitgenossen wurde
erhalten werden. Das ist einerseits gut so, da meine Neugierde besonders für die Gegend zwi-
jedwegige Entwicklung zum großen Teil auf schen St.-Nikolaus-Gasse und der Riedgasse in
dem Wissen der Vergangenheit aufbaut und Innsbruck mit ihren schiefen Dächern und krum-
gerade dadurch eine gesunde Struktur erhält, men Mauern erweckt und so raffte ich mich also

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Tirol Musik in Tirol | Henner Kröper Tirol Musik in Tirol | Henner Kröper

eines frühen Abends zu einem Spaziergang durch Etwas später, in etwa gleichzeitig, entstanden in Innsbruck das Kripp- telten Mainstreams. Es ging aber nicht nur um
diesen Stadtteil Innsbrucks auf, bis ich schließlich Haus in der Sillgasse, ein kurzzeitiger Treffpunkt im Stiftskeller und den täglichen Kampf ums liebe Geld, sondern
und endlich von der St.-Nikolaus-Kirche, entlang auch in der Hofgasse in Innsbruck ein „Verein zur Pflege von Musik, auch um eine Vorverteidigung gegenüber den
der Riedgasse am Höttinger Platzl ankam und Laientheater und Malerei“, umgangssprachlich „Jazzkeller“ genannt, bürgerlichen Grundprinzipien, die alles, was sich
dann gleich weiter in die Schneeburggasse ging. mit einer Konzertreihe „Jazz-Live“. Ein paar Jahre darauf entstand in nicht unter das Dach der gültigen Wertmaß-
In meinem „Stillen Ohr“ wurde dieser Spazier- der Mensa der Uni Innsbruck das „KOMM“, das sich dann schließlich als stäbe stellte, behinderten.
gang von den Klängen der zuvor genannten Treibhaus des stadtbekannten Norbert Pleifer etablierte; und aus Ma- Um sich in den Zeitgeist hineinzudenken: Noch
Klischees, Kuhglocken, Marschmusik und silber- yerhofen kamen nächtlich die dunklen Töne der Initiative „Umadum“. 1970 wurde der Besuch eines Jazzkellers in der
hellem Jodeln aus blond umrahmten, über prall- Dann gründete eine Gruppe um Klaus Bucher das Utopia, tiefster Un- Welt der „ordentlichen“ Bürger einem geistigen
gefüllten Dirndln platzierten Kehlen begleitet. tergrund. Dem Utopia verdanken wir ein in jeder Hinsicht unvergleich- Bordellbesuch gleichgestellt, die offizielle Entrüs­
Plötzlich, vor einem heute nicht mehr bewirt- liches Festival am Bergisel. Für die damalige Zeit war es unüblich, ver- tung war enorm, jedoch auch immer von heim-
schafteten „Gasthof zum Goldenen Bär“ in der schiedene Stilrichtungen, „quer durch den Gemüsegarten“ innerhalb licher, lustvoller Neugierde geprägt (die machen
Schneeburggasse 31, wurde mein „Stilles Ohr“ eines Festivalrahmens, zusammen auf die Bühne zu bringen (z. B. Udo was, was ich auch gern täte, aber ich darf nicht).
von einer ganz anderen, mir sehr vertrauten Lindenberg und Miles Davis am gleichen Abend sowie innerhalb drei- Nur ein Beispiel, das ich selber erlebt habe: Bei
Musik in Echtton überlagert: ein Kontrabass, ein er Tage Auftritte von Stanley Clark, Paco de Lucia, Lucio Dalla, Ina einem der monatlich im Jazzkeller in der Hof-
richtiges, ganz normales (heutzutage muss das Detter u. v. a.). Dies erboste jedenfalls die Puristen, der Besuch war gasse stattfindenden Konzerte war unter den
besonders erwähnt werden) Klavier, ein Schlag- spärlich und die Veranstaltung (von vorneherein bereits untersubven- Zuhörern auch ein ruhiges, vielleicht 16 oder 17
zeug, ein Altsaxophon und ein Vibraphon. tioniert) wurde finanziell ein riesengroßer Flop. Meines Erachtens der Jahre altes Mädchen, das mit den anderen ge-
Sofort ging ich den Tönen, die aus dem Keller wohl schönste riesengroße Flop, den es je in Tirol gab. bannt der musikalischen Darbietung lauschte.
das Hauses kamen, nach, die Musik wurde lau- All diese Einrichtungen und Veranstaltungen wurden mit viel Engage­ Plötzlich kam, wie „von der Tarantel gesto-
ter und dann stand ich vor einer Türe, die ich, ment, viel Herzblut und wenig Geld gegründet, durchgeführt und chen“, eine Dame, (wie sich später herausstell-
nach Begutachtung durch Hans Olbrich und am Leben erhalten. Sie haben einen großen Teil der heute aktiven Ti- te die Mutter dieses Mädchens), die Treppe
dem Bezahlen eines Obulus von 10,00 Schil- roler mitgeformt. Einige dieser Institutionen akzeptierten ihr Ablauf- heruntergeschossen, mit dem festen Vorsatz,
ling (EUR 0,70) durchqueren durfte. Ich war im datum, andere haben sinnvolle Wandlungen vollzogen und wieder ihre Tochter vor den Unbilden dieses Sünden-
„Uptown Jazz Saloon“. andere, noch bestehende, wurden unerträglich „social correct“ oder pfuhls zu beschützen. Als sie aber die ruhige
Da war es, das wunderschöne Kellergewölbe, versinken im Sumpf des als Jugendprotest proklamierten geküns­ und freudige Atmosphäre mitbekam, blieb sie
ähnlich den Jazzclubs, die ich zuvor in Deutsch-
land und Frankreich besucht hatte. Vom ersten
Moment an war ich kein Fremder. Auf der Bühne Presseinterview mit Miles Davis im Utopia (Innsbruck) 1987 | Foto: Unbekannt
Ray-Charles-Plakat 1980
spielte ein Quintett, ohne jegliche Verstärkung,
vor einem konzentriert zuhörenden Publikum.
Schlagzeug Peter Mayerhofer, Kontrabass Gün-
ther Pollack, Klavier Peter Stambader, Altsaxophon Nicht aus eigener Erfahrung, sondern aus zweitem Munde weiß ich
Helmuth Erhard, Vibraphon Werner Pirchner. Ab von verschiedenen anderen „subversiven Musikertreffpunkten“ in
da bin ich jeden Donnerstag dorthin gegangen Innsbruck und im Umland.
und das Schlagzeug wurde ab und zu von einem Im Keller das Hauses der Eltern von Franz Unterberger, in der Kaiserjä-
Mädchen, zur damaligen Zeit so ungewöhnlich gerstraße, in der Museumstraße mit dem Konditorensohn Hammerle
wie ein weiblicher Soldat, namens Angela Berang als Schlagzeuger, eine Lokalität in der Nähe der Volksschule Wilten
aus Igls, gespielt. Das war um das Jahr 1970. (das bis dahin erste und auf lange Zeit einzige Projekt, das mit Hilfe der
Der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, Stadt, vertreten durch den Stadtrat Haidl ermöglicht und moralisch
dass es schon vor diesem Datum in Innsbruck unterstützt wurde) und wo der spätere Bauingenieur Herbert Juri als
und auch in anderen Orten Tirols solche für den Schlagzeuger eine kurze musikalische Karriere hatte. Auch außerhalb
damaligen offiziellen Zeitgeist fast unanständige der Landeshaupstadt gab es Jazzaktivitäten wie die von Gerd Chesi,
Lokalitäten, in denen sich junge Musiker ihre Oh- dem Gründervater der Eremitage (die dann später in Jazzkreisen unter
ren freispielten und ein danach gieriges Publi- „Leo“ weltweite Berühmtheit erlangte). Die Eremitage war 1964 das
kum sich akustisch vollsog, gab. Die Möglichkeit, erste richtige Jazzlokal in Tirol. Einige Jahre später gründete eine Grup-
ohne Worte, nur mit Tönen gegen die bestehen- pe um Gerhard Crepaz dann die Galerie St. Barbara. In Landeck gab es
den gesellschaftlichen Strukturen zu protestie- eine engagierte Gruppe von Jazzfans, in der die noch heute aktiven
ren (wie auch heute), war oft die halbe Freude. Musiker Wolfgang Kopp und Reinhardt Kröss ausgebrütet wurden.

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Tirol Musik in Tirol | Henner Kröper Tirol Musik in Tirol | Henner Kröper

mit ihrer Tochter bis zum Ende des Konzerts. So wie sich die Gesellschaft in immer kürzeren
Auf meine Frage, wie es ihr gefallen habe, kam Abständen „hoch 2“ beschleunigt, so entfernt
die Antwort: „Das sind ja richtige Musiker, die sich auch die Sprache der Töne, die Musik, im-
können ja spielen.“ Die Dame war ein Mitglied mer weiter und unausweichlich von ihrer re-
des Pradler oder Wiltener Chors und verstand die gionalen Identität, der Radius wird größer zu
Friedlichkeit der, wenn auch ungewohnten Töne. immer intensiveren Tonwortvermengungen
Die nächste Generation Jazzmusiker hatte es da (multikulti).
schon, zumindest was die Akzeptanz betraf, viel Die mitten in der Stadt produzierenden Instru-
leichter. So wuchs mit den Adlaten von Oskar mentenbauer, Karl Dubsek, Bernhard Costa,
Klein, Werner Pirchner, Günther Pollack, Peter Wolfgang Kozak, Rudolf Tutz und viele mehr,
Mayerhofer, Helmuth Erhard, Peter Stambader, haben immer ein offenes Ohr für die kleinen
Heinz Cabas und Michael Oberguggenberger Probleme der Jazzmusiker und anderer, außer-
e-bass (zur damaligen Zeit im Jazz mit diesem halb des Mainstreams angesiedelter Instrumen-
Instrument Exoten) u.v. mehr auch die Gruppe talisten gehabt. Bezahlt wurde oft nur mit einem
der aktiven Musiker. Danke.
Florian Bramböck, ein Sprössling des Blasmusik­ Heutige Kulturmanager arbeiten sehr oft nach
adels, was von ihm ein besonderes Durchset- Jazzworkshop „Masterclass Ellis Marsalis“ in Innsbruck 1991 mit der „Next Generation“ dem Prinzip, wie hüte ich mein Nest am besten.
zungsvermögen verlangte, gab nach seiner Foto: Unbekannt Für ein Kuckucksei, aus dem ein prachtvoller
musikalische Ausbildung ein kurzfristiges (ich Vogel entschlüpfen könnte, gibt es kaum noch
vermute) Zwangsintermezzo bei der Militär- an der endlich eintretenden Aufmerksamkeit und Anerkennung, mit ein Plätzchen.
musik, bevor er sich ganz dem Jazz zuwandte. der eine Öffnung zu einem größeren Publikum eingeleitet wurde. Da die Geschichte sich wiederholt, gibt es na-
Roland Heinz, der als Mitglied der Jugendmann- Auch die öffentliche Hand, zu dieser Zeit allen voran die Kulturab- türlich auch in unseren Tagen am Hungertuch
schaft des FC WACKER Innsbruck an der Seite teilung der Tiroler Landesregierung, wurde durch engagierte Mit- knabbernde Musiker, die an ganz neuen Tech-
von Didi Constantini Österreichischer Jugend- arbeiter zum Helfer junger Kunstschaffender, Musiker, bildender niken zur Umsetzung von Sprache in Töne oder
meister von 1972 wurde, mit evtl. Möglich- Künstler, Theaterschaffender und Literaten. von Tönen in Sprache arbeiten. So schließt sich
keit einer Profifußballkarriere, entschloss sich Kurzfristig konnte man ein künstlerisch gesamtheitliches Schaffens- der Kreis.
Plakat „Der Kontrabass“, Entwurf Scherenschnitt EGONE 1987
(mit eisernem Willen und unter großen Entsa- bild in Tirol erkennen. Ihr Problem:
gungen), als Autodidakt Jazzmusiker, Kompo- Der größte Anteil der Musikförderung, finanziell und moralisch, ging 1. Sie haben Freude an ihrer Arbeit.
nist und Jazzlehrer zu werden. men) am Mozarteum, am Konservatorium, an den Musikschulen und jedoch an den mit viel Enthusiasmus arbeitenden Kunstschaffenden 2. Wer sich freut, arbeitet eigentlich gar nicht.
Da traten Charly Fischer, begnadeter Schlagzeu- im Musikunterricht weiter. Ihren Schülern bin ich in Bremen, Berlin vorbei. Als Beispiel: Noch 1976 versagte man während der Olympia- 3. Wer nicht arbeitet, bekommt kein Geld.
ger (heute Perkussionist des Freiburger Barock- und anderswo, wieder Musiker und Lehrer, begegnet. de einer Konzertreihe den Titel „JAZZ AT THE OLYMPICS“, verbunden Der Applaus ist und war schon immer das Brot
orchesters), Walter Rumer, Klaus Hofer, Stefan Die Tatsache, dass auch im ORF Tirol unter Joschi Kuderna ein Ge- mit „Kein Geld“, was aber nicht verhindern konnte, dass dieser Kon- der Künstler.
Costa, Gösta Müller ins kleine Rampenlicht der nerationswechsel stattgefunden hatte, beschleunigte die Akzep- zertreihe unter einem anderen Namen ein Teil im offiziellen ABC-TV-
Tiroler Musikszene und geben heute ihr frei er- tanz. Das Haus am Rennweg war nun voll von sich für ihre Arbeiten ge- Olympia-Film gewidmet wurde. Zitat: Jazzinstitut Darmstadt: „Improvisation ist
lerntes Jazzwissen (noch in den 70er-Jahren gab schmacklich und inhaltlich verantwortlich fühlenden Redakteuren. Ich Nicht zu vergessen Prof. Uhl, der unter ähnlichen Voraussetzungen eine verbindende globale Sprache von Menschen,
es keine Musikpädagogen für Jazz, fast immer nenne Dr. Othmar Costa, Wolfgang Praxmarer, Heinz Cabas, Dr. Monika mit zäher Arbeit und unbeugsamem Willen die „Wiederauferste- verwurzelt in allen Kulturen – und passt wie kaum
waren es Tourneemusiker, die aus der Praxis ka- Ladurner u. v. a. Sie alle haben Teil am gesellschaftlichen Wandel und hung“ der Barockmusik in Innsbruck eingeleitet hat. eine andere Musik in ihrer Vielfalt in das neue Jahr-
Zeitgleich gab es große Konzerte in der Olympia-Eishockey-Halle: tausend“
Dort traten die Rolling Stones und Ike und Tina Turner auf, im Kon-
gresshaus Gil Evans Orchestra, Ornette Coleman, Gato Barbieri, Stan Im Sinne einer verbesserten Lesbarkeit habe ich
Porträt Roland Heinz Getz, Ray Charles, Nina Hagen. Im Stadtsaal hatte man die Möglich- auf geschlechtsspezifische Formulierung weitge-
Gitarrist, Komponist, Lehrender, Dozent, wäre beinahe Profifußballer geworden, ging jedoch keit, Friedrich Gulda, Art Blakey, das Art Ensemble von Chicago oder hend verzichtet. Selbstverständlich sind Frauen
als Autodidakt unbeirrt den Weg seiner eigenen musikalischen Vorstellungen und gilt in der Stefan Grappelli zu hören. Im Raiffeisensaal traten John Scofield, und Männer gleichermaßen angesprochen.
Musikszene als (vielfach unverstandener) rebellischer Außenseiter. Cecil Tayler und Archie Shepp auf. In der Mensa Chet Baker und Sun Ein Hermaphrodit, eine Frau oder ein Mann
Ra. Jahre zuvor spielte Joe Zawinul in der Kanne in Seefeld, in der kann ein Musiker sein, es/sie/er muss nur die
auch Josephine Baker gastierte. Fähigkeit besitzen, mit Tönen Konversation zu
Viele Gastronomen versuchten, oft unter großen finanziellen Opfern, betreiben, dann ist es/sie/er Musiker.
Jazzkonzerte zu veranstalten, was aber an den für Kleinveranstalter
proportional zu hohen Kosten scheiterte. Henner Kröper

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Südtirol Auf den Spuren Wolfgang Amadeus Mozarts: Berühmte Musiker in Tirol | Ferruccio Delle Cave Südtirol Auf den Spuren Wolfgang Amadeus Mozarts: Berühmte Musiker in Tirol | Ferruccio Delle Cave

Auf den Spuren Wolfgang Amadeus Mozarts: im Trenkerhof Altschluderbach bei Toblach ein
geeignetes Sommerquartier fand. In einem Brief

Berühmte Musiker in Tirol an den Dirigenten Bruno Walter schreibt er im


Sommer 1908: „Diesmal habe ich nicht nur den
Ort, sondern meine ganze Lebensweise zu verän-
dern. [...] Ich hatte mich seit vielen Jahren an ste-
„Wir reiteten diesen Tag nicht sonderlich be- ebenso als Wunderkind präsentiert wie im nahe gelegenen Innsbruck te und kräftige Bewegung gewöhnt. Auf Bergen
quemm, indem der weeg zwar ausgefroren, am 15. und 16. Dezember 1769, wo er auf Empfehlung Johann Nepo- und Wäldern herumzustreifen und in einer Art
allein unbeschreiblich knoppericht und voller muk Graf Spaurs im Palais des Grafen Leopold Franz Reichsgraf Künigl keckem Raub meine Entwürfe davonzutragen.“
tieffer gruben und schläge war ...“ Was hier vor prominenten Mitgliedern des Innsbrucker Adels eine „Akademie“ (Wolfgang Erich Partsch: Mahler in Toblach. In:
Leopold Mozart über eine bewegte Kutschen- gab. Am 22.12. 1769 kamen die Mozarts nach Bozen, wo man im Gast- Gustav Mahler in Toblach. Brixen: Gustav-Mahler-
fahrt über Tirol nach Italien vermerkt, veranschau- hof Sonne logierte, wie es aus den Tagebuchnotizen Leopold Mozarts Komitee 2005, S. 32). In einem eigens für Mahler
licht, was man vor dem Anbruch der Eisenbahn zu entnehmen ist: „Botzen./ Logiert by der sonne, ... Weggereist Sams- aus Holz erbauten „Komponierhäuschen“ ent-
– die Strecke von Innsbruck nach Verona wurde tag nachmitag, nachts zu neumarckt/sontag mitags Trient, nachts zu wirft und vollendet der Wiener Opernintendant
1867, die Südbahnstrecke von Villach nach Fran- rovereto“ (Mozart in Tirol. Katalog zur Ausstellung im Tiroler Landes- in den Sommern 1908 bis 1910 zwei Meilensteine
zensfeste um 1871 errichtet – auf sich zu nehmen museum Ferdinandeum Innsbruck 1991, S. 8f.). Der außergewöhnlich Aus dem Buch „Mozart in Tirol“, Seite 20, W. A. Mozart, Streichquartett, D.Dur, KV seines künstlerischen Schaffens: „Das Lied von der
155, Kat.-Nr. 61
hatte. Radbrüche und ungewollte Aufenthalte herzliche Empfang in den Weihnachtstagen 1769 in Rovereto bildete Erde“ und die 9. Symphonie. Als namhafter Zeit-
mehrten sich, je weiter die Reise ging und je holp- in der Reise durch Tirol eine Ausnahme. Erst auf der dritten Italienrei- genosse Mahlers zog es den Münchner Richard
riger sich die Wege gestalteten. Man bediente se 1772 ist vermutlich zwischen Oktober und November in Bozen das Plakatentwurf „Merano“ in Gouache von Filippo Romoli mit Ausblick auf das Strauss (1864–1949) nicht nur in die Heimat sei-
Meraner Kurhaus. Datiert ca. 1935 | Sammlung Touriseum
sich meist ungefederter Wagen, die einem die Streichquartett D-Dur KV 155 entstanden, wie es Vater Mozart in einem nes Jugendfreundes Ludwig Thuille nach Bozen,
„Seele ausstießen“ oder „die Sitzfläche feuerrot“ Brief an seine Frau vom 28.10.1772 mitteilte. Am selben Tag vermerkt sondern auch nach Meran, wo er zum ersten Mal
werden ließen, wie es Wolfgang Amadeus Mozart Sohn Amadeus in einem Postskript an seine Schwester Nannerl: „Nun beim „Ersten Meraner Musikfest“ am 3. Oktober
auf seinen drei Italienreisen in den Jahren 1769– sind wir schon zu botzen. Schon? Erst! mich hungert, mich durst, mich 1922 im neu erbauten Stadttheater als Pianist auf-
1771, 1771 und 1772 erlebt hat. Musiker reisten schläffert, ich bin faul, ich bin aber gesund. Zu Hall haben wir daß stift trat. Von 1937 bis 1941 reiste Richard Strauss immer
spätestens seit dem 15. Jahrhundert regelmäßig gesehen, habe dort auf der orgel gespielt [...] lebe wohl. schreibe mir wieder auch zur Kur und konzertierte u.a. im 1945
über den Brenner nach Italien, um das Handwerk was neues. botzen dieß Sauloch. Ein gedichte von einen der über bot- zerstörten Stadttheater zu Bozen und in Meran.
der Opernkomposition zu erlernen, um sich in- zen fuchs-teufel wild und harb war. / soll ich noch komen nach bot- Vor ihm stieg ein noch junger und unbekannter
strumentale Finessen und Techniken anzueignen, zen/so schlag ich mich lieber in d’fozen.“ (Mozart in Tirol. Katalog zur ungarischer Komponist aus Budapest, Béla Bartók
aber auch um Mäzene zu gewinnen. Dass es bis Ausstellung im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck 1991, (1881–1945) 1901 mit seiner Mutter und Schwester
zum 19. Jahrhundert nicht so zahlreiche Reisebe- S. 65ff.). Ende des 18 Jahrhunderts hat auch ein Zeitgenosse Mozarts, in der „Villa Wallenstein“ in Meran ab. 1914 suchte
richte von Musikern aus Tirol auf ihrem Weg nach der Würzburger Komponist Johann Franz Xaver Sterkel (1750–1817), der schwer kranke bayrische Komponist Max
Italien gibt, hat mit der damals eher geringeren im Oktober 1782 seinem berühmten Musiklehrer Padre Martini nach Reger (1873–1916) im Sanatorium Martinsbrunn
„musikalischen Bedeutung“ der Reiseetappen Bologna aus Tirol berichtet. Der aus Königsberg stammende Otto Ni- Heilung und Ruhe. In der Meraner St.-Nikolaus-
Inns­bruck, Brixen und Bozen zu tun. Eine Aus- colai (1810–1849) ist durch seine Oper „Die lustigen Weiber von Wind- Pfarre erfreute er Kenner und Liebhaber mit seinen
nahme bildet die Familie Mozart: Obwohl dem sor“ (1849) in die Musikgeschichte eingegangen. Er reiste im Dezember großartigen Orgelimprovisatio­nen. Kurz nach dem
damals 13-jährigen Mozart der Ruhm eines Wun- 1833 über Tirol nach Italien und hielt in einem Brief an den Vater fest: Ersten Weltkrieg verbrachte der junge Paul Hinde-
derkindes nach Verona, Mailand, Bologna und „Die Berge waren sehr beglatteist, so dass die Pferde oder Maultiere mith (1895–1963) unter dem Pseudonym Paul Me-
Rom schon vorausging, ernteten Vater und beim Herabfahren von den Bergen den Wagen kaum halten konnten, rano 1921 einige Sommerwochen in Meran und
Sohn Mozart einen Erfolg nach dem anderen. Der welcher immer mehr wie ein Schlitten von der Seite rutschte [...] ich arbeitete an der Musik zum Film „Im Kampf mit
musikalische Ertrag bestand in mehreren Aufträ- saß wie auf Kohlen, überzeugt, daß diese Passage meinen armen Hals dem Berge“ des Regisseurs Arnold Fanck. Zu den
gen: Opern, Streichquartette und Symphonien, kosten würde.“ (Daniel Brandenburg: Über die Alpen im Dienste der Oper- und Operettenkomponisten, die zwischen
dazu sakrale Musik und ein Oratorium. Die- Musik: Reisen von Musikern und Musikliebhabern. In: Der Weg in den 1930 und 1938 im Meraner Stadttheater auftraten,
se Raststationen auf der Durchreise durch Tirol Süden. Reisen durch Tirol von Dürer bis Heine. Essayband. Schloss Tirol gehörten Größen des „Belcanto“ wie Giacomo
waren demnach für die Familie Mozart kurz be- 1968, S. 175). Erst mit dem einsetzenden Kur- und Sommerfrischtouris- Puccini, der aus Rovereto gebürtige Riccardo Zan-
messen. Der Zugang zum bodenständigen Adel mus in Südtirol fanden Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts donai, der deutsche Postwagnerianer Engelbert
geschah meist über Vermittlung von Salzburger wieder weltberühmte Komponisten den Weg ins Pustertal, nach Bozen Humperdinck und der Ungar Franz Léhar, unsterb-
Freunden und Bekannten oder durch Empfeh- und Meran. Zu den prominentesten gehört hier Gustav Mahler (1860– licher Vertreter der Wiener Operette.
lungsschreiben. Wolfgang Amadeus wurde am 1911), der bereits im Sommer 1897 und 1898 in Gossensaß und Vahrn
15. Dezember 1769 im Damenstift in Schwaz bei Brixen in verschiedenen Hotels abgestiegen war, bis er im Juni 1908 Ferruccio Delle Cave

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Tirol Klassische Tiroler Musikspuren: Tirol hatte auch seinen Mozart | Franz Gratl Tirol Klassische Tiroler Musikspuren: Tirol hatte auch seinen Mozart | Franz Gratl

Klassische Tiroler Musikspuren: Tirol hatte Alois Holzmanns und seines Stiefvaters gewesen sein. Vielerorts,
nicht zuletzt in Stams, trafen die beiden auf ein reiches, blühendes
keiten dieser Institutionen waren persönlich
miteinander bekannt.

auch seinen Mozart Musikleben.


Schon früh begann Joseph Alois Holzmann zu komponieren, und
Ein weiteres unechtes Mozart-Werk wurde in
der älteren Literatur mit Holzmann in Verbin-
bald verbreiteten sich seine Kompositionen und sein guter Ruf über dung gebracht: Eine Symphonie in C-Dur, die in
Tirol hinaus. Ehrenvolle und finanziell attraktive Stellenangebote den Anhang der 6. Auflage des Köchel-Verzeich-
2011 ist kein Mozartjahr – Gott sei Dank. Oder aus dem In- und Ausland, zum Beispiel aus Bozen und Mannheim, nisses Eingang fand (KV C11.11) und dort Joseph
eigentlich doch? Genau 250 Jahre ist es her, dass schlug er aus, stattdessen blieb er bis zu seinem Tod 1815 als Orga- Alois Holzmann zugeschrieben wurde, stammt
Vater Leopold mit großem Stolz zwei kleine nist in Hall, wo er unter seinem Schwiegervater, der ihn um sechs de facto aber aus der Feder von Adalbert Gyro-
Klavierstücke notierte, mit dem Vermerk „Des Jahre überlebte, nur als zweiter Organist tätig war, aber dennoch wetz – die Annahme von Holzmanns Autoren-
Wolfgangerl Compositiones“ versah und somit zum famosissimus in nostra patria organoeda, zum berühmtesten schaft beruht auf der Abschrift dieses Werkes im
als Erstlingswerke des Wunderkindes auswies. Organisten unseres Vaterlandes, aufstieg und als Komponist Nachlass Heinrich Ballmann2 im Tiroler Landes-
Seit 250 Jahren klingt Mozart. Dieses etwas an- höchste Wertschätzung erfuhr. Seine Werke wurden in Tirol richtig museum (M 3896). Manch ein Werk Holzmanns
dere Mozart-Jubiläum wird ganz ohne jenen populär und fehlen in keinem Tiroler Musikarchiv mit Beständen verdient eine Wiederaufführung, die dann die
Hype zu Ende gehen, der einem 1991 und 2006 aus dem 19. Jahrhundert. Bis weit ins 19. Jahrhundert bildeten die Mozart-Nähe dieser Musik klingend erfahrbar
das sprichwörtliche Mozart-Glück durchaus ver- Werke Holzmanns hierzulande einen Grundstock des kirchenmu- machen könnte.
leiden konnte. sikalischen Repertoires. Seine ambitioniertesten Kompositionen 2012 wird ein Holzmann-Jahr sein, wir feiern den
Mozarts vielfältige Beziehungen zu Tirol und weisen eine große Nähe zu den Werken Haydns und Mozarts auf, 250. Geburtstag des „Tiroler Mozarts“. Vielleicht
seine Reisen durch das „Land im Gebirge“ sind während anderen aus seiner Feder volksnahe Eingängigkeit und wird man die Musik Joseph Alois Holzmanns
bereits ausführlich in wissenschaftlichen Pu- ein ausgeprägter „Volkston“ eigen sind. in diesem Land wieder vermehrt vernehmen,
blikationen und – realen wie virtuellen – Aus- Es gibt, abgesehen vom gemeinsamen Wunderkind-Schicksal, einige vielleicht sogar in seiner Heimatstadt Hall?
stellungen thematisiert und erschöpfend be- interessante Berührungspunkte zwischen Holzmann und Mozart:
handelt worden. Dass unser Land aber einen Der bedeutende englische Musikverleger Vincent Novello veröf- Franz Gratl
Zeitgenossen des großen Komponisten der fentlichte um 1825 in London eine Gesamtausgabe von „Mozart’s
Wiener Klassik aufzuweisen hat, der das Attri- Masses“ in Orgelauszügen. In diese Serie wurde auch eine Messe
but „Tiroler Mozart“ verdient hat, ist weniger in C-Dur aufgenommen, die in einem Amsterdamer Kirchenarchiv
bekannt. tatsächlich als Werk Mozarts überliefert ist. Dem Mozartforscher
Dieser Tiroler Mozart hieß Joseph Alois Holz- Paul van Reijen verdanken wir die Erkenntnis, dass eine weitere
mann1 und kam nur sechs Jahre nach seinem Abschrift dieses angeblichen Werkes Mozarts im Domarchiv Feld-
berühmteren Komponistenkollegen 1762 in kirch liegt – mit Zuschreibung an Holzmann. Dass in Feldkirch eine FUSSNOTEN
Hall zur Welt. Während Wolfgang Amadé Mo- nicht geringe Zahl von Werken des „Tiroler Mozarts“ überliefert ist,
1 Zu Joseph Alois Holzmann siehe u. a. Franz GRATL,
zarts Vater am Salzburger Hof als Geiger und macht diese Zuschreibung plausibler; dass im alten Notenbestand Artikel „Holzmann, Joseph Alois“, in: Die Musik in
Joseph Alois Holzmann, Messe in C-Dur, im Köchel-Verzeichnis als KV Anh. C1.11,
Vizekapellmeister tätig war, wirkte Vater Holz- Titel der Abschrift aus Schwaz | Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck, der Stadtpfarrkirche Schwaz, der sich im Ferdinandeum befindet, Geschichte und Gegenwart, 2. Auflage, Supplement,
Musiksammlung, M 252 Kassel etc. 2008, Sp. 341-343.
mann in der damals primär aus professionellen eine weitere Abschrift aus der Zeit um 1800 unter Holzmann vor-
Musikern bestehenden und durchaus ange- handen ist, darf als definitiver Beleg für die Zuschreibung an den 2 Zu diesem Nachlass: Franz GRATL, Eine veritable mu-
sikalische Schatzkammer – Der Nachlass des Juristen
sehenen Haller Pfarrmusik – auch als Geiger, Haller Pfarrorganisten gelten, denn die Pfarrmusiken von Schwaz Heinrich Ballmann aus Hall in Tirol, in: Ferdinandea
aber er beherrschte, wie es damals üblich war, Gatten einen anderen Haller Pfarrmusikus, den Organisten Johann und Hall pflegten enge Kontakte und die führenden Persönlich- 4/2008, S. 10.
eine ganze Reihe von Instrumenten. Und so Prohaska, der schon früh das herausragende musikalische Talent
wie Mozart als Wunderkind europaweit prä- seines Stiefsohnes erkannte und daraus auch Kapital schlug. Zu-
sentiert wurde, so unternahm Holzmann mit nächst aber ließ er Joseph Alois eine solide Ausbildung zukommen:
seinem Stiefvater – sein Vater war früh gestor- Der Knabe wurde ins Benediktinerstift Fiecht bei Schwaz geschickt, Porträt Michael F. P. Huber
ben – Kunstreisen, um seine herausragenden um dort beim musikkundigen und auch komponierenden Pater Geboren 1971, Absolvent des Musikgymnasiums, erlernte Violine, Klavier und Posaune. Sein Gespür
Fähigkeiten im Cembalo- und Orgelspiel zu Magnus Dagn (1747–1792) die Grundlage des musikalischen Hand- für die Möglichkeiten der Instrumente rührt wohl auch von dieser Begegnung mit unterschiedlichen
demonstrieren. Joseph Alois Holzmanns Mut- werks, das Generalbassspiel, zu erlernen und Unterricht im Spiel Instrumentengruppen her. Nach Privatlektionen bei Peter Suitner studierte er an der Wiener Musik-
ter war die Tochter eines Musikers am Haller von Tasteninstrumenten (primär Orgel und Cembalo) zu erhalten. hochschule Komposition und Musiktheorie (I. Eröd / K. Schwertsik) sowie Medienkomposition und
Damenstift, das für seine exzellente Kapelle Konkrete Belege für die Kunstreisen des Tiroler Wunderkindes sind Filmmusik, Jazztheorie und -arrangement. Seine Lehrer bestärkten ihn darin, auf der Grundlage
weitum berühmt war und dem die Mozarts uns aus Stift Stams und aus der Fugger-Residenz Babenhausen er- der Beherrschung des Handwerks, ohne Scheu vor „Publikumswirksamkeit“ Neues zu suchen. Da-
1772 auf der Durchreise einen Besuch abstat- halten geblieben – Klöster und Adelsresidenzen des süddeutsch- mit steht Huber abseits dominanter Strömungen der Avantgarde, aber seine Werke begeistern.
teten. Sie heiratete nach dem Tod ihres ersten österreichischen Raumes dürften auch die primären Ziele Joseph

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Südtirol Musiktheater in Südtirol | Mateo Taibon Südtirol Musiktheater in Südtirol | Mateo Taibon

um sporadische Veranstaltungen, welche die Oper nicht ins allge- „Frozen Fritz“ – sein Einstand am Stadttheater –
meine Bewusstsein zu rücken vermochten. Dies geschah erst mit war hingegen ein Flop.
dem Opernprogramm des Bozner Stadttheaters.
Man trifft häufig auf die Meinung, Südtirol hätte
Das (Neue) Bozner Stadttheater wurde 1999 eröffnet. Mit einem Pot- mittlerweile im Musiktheater eine gute Posi­tion
pourri, so dass man weder die deutsche noch die italienische Oper errungen. Eine nüchterne Analyse kann dies
(bzw. das Schauspiel) bevorzugt oder benachteiligt hat. Darin zeigt nicht bestätigen. Das Stadttheater wird nach
sich aber auch eine kulturelle Schwäche: Statt mit einem Meisterwerk dem italienischen Stagione-System geführt:
der Operngeschichte (wie viele andere Spielstätten) wurde das neue Eine Produktion ist für einige Abende zu sehen
Theater mit einem Abend eröffnet, der keinerlei Spuren hinterlassen (in Bozen meist zwei Aufführungen) und geht
hat. Dem Hausherrn, der Stiftung Stadttheater und Konzerthaus, die dann in der Regel auf eine bescheidene Italien-
sich das Theater mit dem Teatro Stabile und den Vereinigten Bühnen Tournee, oder aber Produktionen anderer Häu-
Bozen teilt, fällt die Aufgabe der Pflege des Musiktheaters zu. Der Be- ser gastieren in Bozen. Die Stiftung Stadttheater
ginn war diesbezüglich jedoch zaghaft, um nicht zu sagen unwillig. setzt die Akzente zudem auf das (mehr oder
Als Claudio Abbado vom provisorischen (opernfreundlichen) Direk- minder moderne) Tanztheater, eine Lücke in
tor Renzo Caramaschi mit der Produktion des „Simon Boccanegra“ der italienischen Kulturlandschaft, mit der man
eingeladen war, widersetzte sich zunächst der neu ernannte Direktor sich profilieren kann. Für die Oper bleiben damit
des Stadttheaters, Manfred Schweigkofler; er vertrat die Ansicht, die wenige Abende übrig. Ganze drei Werke (insge-
Oper sei überholt, insbesondere schien ihm die (weltweit umjubelte) samt sieben Vorstellungen) waren in der Spiel-
Produktion zu teuer und er war der Meinung, man werde die Kar- zeit 2010/2011 zu erleben („Fidelio“, „My Way
ten nicht verkaufen können. Mit dem Musical fahre man besser. Die To Hell“, „Macbeth“), dazu gab es eine Kinder­
kulturhistorisch peinliche Fehlansicht musste er in der Folge revidie- oper mit didaktischem Begleitprogramm. In der
ren. Das Südtiroler Publikum liebt die Oper. Schweigkoflers Musical Spielzeit 2011/2012 werden es vier Opern sein
Alexander Kaimbacher („Jaquino“) in „Fidelio“ von Ludwig van Beethoven am Stadttheater Bozen | Foto: Franco Tutino

Operette in Südtirol: „Die lustige Witwe“. Magdalena Lang als Hanna Glawari mit Konrad Huber, Leo Ploner, Georg Hasler, Toni Klotzner, Norbert
Knollseisen, Joachim Mitterutzner | Foto: Südtiroler Operettenspiele

Musiktheater in Südtirol
Kurzporträt eines schwierigen, aber populären Genres

D ie Oper hat in Südtirol keine lange Ge-


schichte und auch keine besonders reich-
haltige. Obwohl das Land mit der Möglichkeit
undenkbar) und den Parametern der ethnisch geprägten Kulturan-
schauung widersprach.
In Bozen hatte es ein Stadttheater gegeben, das im 2. Weltkrieg den
der Begegnung zweier Opernkulturen wie prä- Bomben zum Opfer fiel. Auf diese Weise wurde auch eine im Aufbau
destiniert für eine intensive Pflege des Musik- begriffene (noch unvollständige) Tradition abrupt unterbrochen.
theaters erscheint, lag das Feld jahrzehntelang Doch ein Wiederaufbau des Theaters hätte unweigerlich zu Disso-
brach. Zum einen hatte man kein Theater, in nanzen geführt: Bei einer raschen Wiederherstellung der Spielstät-
dem eine reguläre Spielzeit möglich gewesen te wäre die Fortführung des Namens („Teatro Verdi“) naheliegend
wäre, zum anderen hat die Kulturpolitik jahr- gewesen. Dies hätte die Akzeptanz seitens der deutschsprachigen
zehntelang die ländliche, „identitätsstiftende“ Bevölkerung allerdings stark beeinträchtigt (der Name war vom Fa-
Peripherie bevorzugt und die städtische Kultur, schismus eingeführt worden). So gesehen war der späte Theaterbau
die zu mehr sprachlicher „Promiskuität“ bei Re- einer Erleichterung für eine vorurteilsfreie Annäherung an das Genre
pertoire und Publikum neigt, beargwöhnt und seitens einer breiteren Bevölkerung. Die Oper war dem heimischen
programmatisch vernachlässigt. Ein Opfer dieser Publikum dennoch nicht neu: Vor der Eröffnung des Stadttheaters
Kulturpolitik war die Oper, die ein „Eindringen“ gab es zum einen Operngastspiele, zum anderen einige Produktio­
italienischer Kultur mit sich gebracht hätte nen, die von dem Bass-Buffo Enzo Dara auf die Beine gestellt wurden
(ein Opernspielplan ohne italienische Werke ist (vor allem im Interesse der Stadt Bozen). Es handelte sich allerdings

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Südtirol Musiktheater in Südtirol | Mateo Taibon Südtirol Musiktheater in Südtirol | Mateo Taibon

„Il Tabarro“ (aus „Il Trittico“) von Giacomo Puccini am Stadttheater in Bozen | Foto: Rolando Paolo Guerzoni Sabina Willeit in „Ariadne auf Naxos“ | Foto: Franco Tutino Sabina von Walther in „Medusa“ von Arnaldo de Felice
(Bayerische Staatsoper und Stadttheater Bozen)
Foto: Wilfried Hösl

(„Roméo et Juliette“, „Salome“, „La Traviata“ und Castings und wechselnde Regieteams konnte ein beachtliches Ni- am Teatro Filarmonico bzw. an der Arena von Verona ist. Angefangen
„The Tyrant“). Das Theater ist vorwiegend ein veau erreicht werden. Dennoch bringt der Großaufwand die VBB an hatte er an diesem Traditionshaus als Korrepetitor und als Maestro
Gastspielbetrieb, vor Ort produziert wird wenig, den Rand der Belastbarkeit. suggeritore (der „Souffleur“ ist in der italienischen Oper ein Hilfs­
in der Regel eine Produktion pro Jahr, die vom Von politischer Seite wurde beschlossen, das Musiktheater auf Bozen dirigent). Als Chorleiter hat er eine hohe Position inne, die aber selten
immer gleichen Regisseur betreut wird (der zu konzentrieren, da es hohe Kosten mit sich bringt. Es ist zweifels- bei Aufführungen in Erscheinung tritt.
Stadttheaterdirektor selbst), so kann von einer ohne eine vernünftige Entscheidung, so wurden auch einige recht Gemma Bertagnolli ist die wohl erfolgreichste Opernsängerin aus
interpretatorischen Vielfalt nicht die Rede sein. dilettantische Produktionen (Meran) vorerst auf Eis gelegt. Eine par- Südtirol. Ihre brillante Laufbahn führte sie an die größten Häuser
Die Frage nach der Qualität der Inszenierungen tielle Ausnahme bildet die neue, populäre Schiene der Operettenpro- der Welt und mit den bedeutendsten Dirigenten der Zeit zusam-
kann an dieser Stelle nicht erörtert werden. duktion durch die Komödie Brixen bzw. Südtiroler Operettenspiele. men (u.a. Antonini, Jacobs, Koopmann, Maazel, Muti). Ihr Reper-
Ein Vergleich mit dem Tiroler Landestheater in Leo Ploner (als künstlerisch Verantwortlicher und meist auch als Re- toire reicht von der Barockmusik über die Klassik bis zu den Zeitge-
Innsbruck ist vielsagend: In der neuen Spielzeit gisseur) und der langjährige Opernkapellmeister Othmar Trenner nossen. Zurzeit hat sie von der Oper Abstand genommen, da ihr die
hat man 11 Premieren, davon neun Neuproduk- studieren jährlich eine Operette ein und gehen damit auf Südtirol- Einstudierung häufig zu oberflächlich ist. Sie widmet sich derzeit
tionen und zwei Wiederaufnahmen. Während in Tournee (Premiere ist jeweils im Waltherhaus in Bozen). Sänger, Chor intensiv der Alten Musik.
Bozen durchschnittlich höchstens zehn Opern- und Orchester werden aus Südtirol rekrutiert, man greift zum Teil Sehr erfolgreich ist auch Anna Maria Chiuri, die mit ihrem dunklen
abende auf dem Programm stehen, hat man in auf Amateure zurück. Die künstlerische Qualität mag darunter zum Timbre und einer kraftvollen Stimme besonders für Verdi-Rollen
Innsbruck mindestens 125 (Planungsstand bei Teil leiden, man erhebt aber nicht den Anspruch, sich mit Spitzen­ geeignet ist (Amneris, Azucena, Ulrica, Maddalena). Sie hat nicht
Redaktionsschluss, im Lauf der Spielzeit werden ensembles zu messen, sondern setzt bewusst auf Publikumsnähe nur zahlreiche Opernrollen in verschiedenen Sprachen gesungen
wahrscheinlich noch einige dazukommen). Die und auf die Involvierung der Menschen vor Ort. Der bisherige Erfolg (u.a. die Klytämnestra in der „Elektra“-Produktion am Bozner Stadt-
Südtiroler Opernlandschaft nimmt sich dage- der Aufführungen gibt den Veranstaltern Recht: Der „Vogelhändler“ theater), sondern pflegt auch das deutsche und russische Lied. Auf-
gen arm aus. erlebte 12 Aufführungen, der „Bettelstudent“ 14, die „Fledermaus“ 18, getreten ist Chiuri u.a. an der Mailänder Scala und am Teatro San
Während die Stiftung Stadttheater das Musical und „Die lustige Witwe“ 23 Aufführungen. Carlo in Neapel; sie hat mit Dirigenten wie Muti, Solti und Chailly
beiseite gelegt hat, konnten sich die Vereinig­ gesungen.
ten Bühnen Bozen mit der jährlichen Auffüh- Es gibt außerdem mehrere Südtiroler Künstler, die auswärts im Hans Peter Kammerer ist Solist an der Wiener Staatsoper. Er singt Pa-
rung eines Musicals profilieren (jeweils am Ende Opernbereich tätig sind, deren Wahrnehmung seitens der Institu­ raderollen wie den Papageno („Zauberflöte“) oder Masetto („Don
Hans Peter Kammerer als Papageno in der „Zauberflöte“
der Saison). Wie lange diese Praxis beibehalten tionen, Kulturvereine und Medien hierzulande jedoch auffallend Giovanni“), in denen er durch den Gesang überzeugt, aber auch von W. A. Mozart an der Wiener Staatsoper | Foto: Wiener
wird, bleibt abzuwarten. Durch internationale selektiv ist. So weiß kaum jemand, dass Andrea Cristofolini Chorleiter durch sein komödiantisches Talent. Er sang u.a. auch an der Staats- Staatsoper/Michael Pöhn

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Südtirol Musiktheater in Südtirol | Mateo Taibon Tirol Alte Musik in jungen Händen | Franziska Romaner

oper Berlin, an der Belgischen Nationaloper La Monnaie, bei den


Pfingstfestspielen in Salzburg, an der Opéra Bastille und am Staats-
theater Stuttgart.
Toni Klotzner war zuerst als Bariton tätig, bevor er ins Tenorfach
wechselte und zahlreiche größere Rollen interpretierte, wie Hermes
(„Orpheus in der Unterwelt“), Nemorino („L’elisir d’amore“), Tamino
(„Zauberflöte“), Don Ottavio („Don Giovanni“) oder Alfred („Die
Fledermaus“); er tritt auch bei internationalen Kirchenkonzerten
auf (Solokonzerte hatte er u.a. in Hongkong).
Die jüngste Südtiroler Künstlerin der Opernwelt ist Marlene Lichten-
berg, die zunächst keine sängerischen Ambitionen hatte und deren
Talent spät und durch einen Zufall entdeckt wurde. Sie ist derzeit
am Theater in Cottbus engagiert. Der Mezzosopran hat eine beson-
dere Vorliebe für die großen Verdi-Rollen. Ihre schöne Stimme und
ihre jugendliche Frische machen sie zu einem Publikumsliebling.
Sabina von Walther besticht durch die Vielseitigkeit ihres Repertoires
(von Händel bis zu Neuer Musik in Oper, Oratorium und Lied); sie
hatte Engagements in Bregenz, Innsbruck, St. Pölten, Opernhaus
Zürich, Staatstheater Nürnberg, Bayerische Staatsoper München,
Mailänder Scala. Sie arbeitete mit Dirigenten wie Riccardo Muti,
Adam Fischer, und Dennis Russell Davies. Ihre sängerischen und
darstellerischen Fähigkeiten stellte sie in Bozen u.a. in der zeitgenös-
sischen Oper „Medusa“ unter Beweis.
Gemma Bertagnolli in „Il matrimonio segreto“ (Stadt- Sabina Willeit ist seit 2008 Ensemblemitglied am Badischen Staats- Die Brass Connection Tirol vereint Spitzenbläser zu brillanten Konzerten | Foto: BCT
theater Bozen) | Foto: Franco Tutino
theater in Karlsruhe; zu ihren Rollen zählen Fricka („Rheingold“),
Eboli („Don Carlos“), Cherubino („Le Nozze di Figaro“), Judith
Operette ist auch in Südtirol beim Publikum sehr beliebt
Foto: Südtiroler Operettenspiele
(„Herzog Blaubarts Burg“), Dalila. In diesem anspruchsvollen Fach
erntete sie viel Zustimmung und wurde von der Kritik als „Mezzo- Klangwolke über’m Land
Vulkan“ bezeichnet. Willeit hatte erfolgreiche Auftritte u.a. am
Teatro Comunale in Bologna, im Maggio Musicale Fiorentino und
an der Oper in Rom und musizierte mit Dirigenten wie Nello Santi,
Alberto Zedda oder Zubin Mehta. In Bozen glänzte sie als Kompo-
nist („Ariadne auf Naxos“).
D er große Tiroler Landespreis für Kunst ehrt herausragend eta-
blierte Musiker, bis 2011 Werner Pirchner, Erich Urbanner, Paul
Engel, Bert Breit, Wolfgang Mitterer, Othmar Suitner, Günter Pichler
„Opernwelt“ als Opernhaus des Jahres nomi-
niert. Musik ist Chefsache. Der Opernspielplan
bietet Bewährtes und Gewünschtes aus dem
Nicht zu vergessen schließlich die Grande Dame Milena Rudiferia, die und Franz Baur. Die beiden anderen Landes-Musikauszeichnungen deutschen, italienischen, französischen und
eine beachtliche internationale Laufbahn aufzuweisen hat. Erfolge spiegeln eine Strömung: Der Emil-Berlanda-Preis wird für besonde- russischen Repertoire, es gab einen äußerst ge-
konnte sie nicht nur an der Volksoper in Wien feiern, sondern auch re Verdienste um die zeitgenössische Musik, der Jakob-Stainer-Preis lungenen Mozart-da Ponte-Zyklus, dazu Verdi,
u.a. in Barcelona, New York, Osaka, Köln, Amsterdam, Rom. für besondere Leistungen auf dem Gebiet der Alten Musik verge- Puccini, Strauss, aber zum Beispiel auch Britten
Dieser rudimentäre Überblick zeigt auf, dass Südtirol ein beachtliches ben. Diesen Entwicklungssträngen folgen zwei Kapitel dieser Mu- und Berlioz, Zeitgenössisches, kleine, verges-
Potential im Bereich des Musiktheaters hat. Der Umstand, dass man sikübersicht. Zwischen der Vermittlung von Alter und Neuer Musik sene Stücke (Benda), Opernkonzerte und die
am Schnittpunkt von Opernkulturen lebt, wurde von den Menschen liegt auf dem Gebiet der sogenannten Klassik aber noch viel mehr. beliebte Reihe konzertanter bis halbszenischer
als Chance erkannt. Es schwebt eine Klangwolke über’m Land und jeder kann fündig Aufführungen. Operette und Musical werden
werden. Größter Musentempel ist das Tiroler Landestheater, mit gestürmt wie das Tanztheater. 2012 wird Bri-
Mateo Taibon Oper, Operette, Tanz, Jugendschiene und Orchester ein Fünf-Sparten- gitte Fassbaender die Innsbrucker Intendanz
Haus, das unter der 25-jährigen Intendanz Helmut Wlasak ein an ihren Nachfolger Johannes Reitmeier (zuvor
breites Repertoire aufbaute, in den 1990er-Jahren unter Dominique Intendant am Pfalztheater Kaiserslautern) ab-
Mentha den Aufbruch übte und sich in der Intendanz Brigitte Fass- geben.
baenders ab 1999 überregional etablierte. Auslastung und Abon- Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck
nentenstand sind 2011 hoch wie nie, das deutsche Feuilleton wirft (TSOI) hat 2011 zwei seiner ehemaligen Chef-
seine Blicke auf das Haus, einmal war das TLT von der Zeitschrift dirigenten betrauert, Edgar Seipenbusch und

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Tirol Klangwolke über’m Land | Ursula Strohal Tirol Klangwolke über’m Land | Ursula Strohal

aber auch an die Öffentlichkeit gehen. Professionelle Tiroler Musi- die Blasmusik ist längst beim symphonischen
kerinnen und Musiker sind in unglaublich hoher Anzahl in in- und Repertoire angekommen und einige Brass-
ausländischen Orchestern vertreten oder freischaffend. Zum Beispiel Ensembles haben Spitzenqualität. Natürlich
gibt es in fast allen großen Münchner Orchestern Tiroler Musiker, strahlen auch die Jugend- und Ausbildungs-
davon allein fünf Trompeter, und von den fünf Flötisten der Wiener schienen von Klangspuren, Osterfestival, der
Symphoniker sind vier Tiroler. Innsbrucker Festwochen, Tiroler Festspiele Erl,
Im Raum Innsbruck haben sich zwei Kammerorchester etabliert: Das Academia vocalis Wörgl, TOP Opera Achensee,
Orchester der Akademie St. Blasius interpretiert klassische Moderne, Seefelder Kulturtage und der Horn- und Flöten-
neue Symphonik und auf Einladung des Instituts für Tiroler Musik- tage im Oberland folgenreich aus.
forschung Werke aus der Tiroler Musikgeschichte. Das Tiroler Kam- Seit Jahren im Gespräch ist ein Haus der Musik
merorchester InnStrumenti hat als jährliche Fixpunkte ein Neujahrs- im Gebäude des Innsbrucker Stadtsaales, mit
konzert, die Präsentation junger Interpreten, romantisches Repertoire geeigneten Proberäumen für das Tiroler Sym-
und Neues. Abseits der an anderer Stelle genannten Spezialensembles phonieorchester Innsbruck und Platz für wei-
Les Percussion de Strasbourg bei der Galerie St. Barbara Lucy Scherer im Lulu-Musical am Tiroler Landestheater | Foto: Larl
Foto: GSB spielen noch das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, das Tiroler tere Institutionen.
Landeskonservatorium und viele kleinere Vereinigungen im großen
Dietfried Bernet. Und zwei gewonnen: Chri- Der gesellschaftliche Aspekt spielt bei den Innsbrucker Meisterkon- Reigen mit, die besten Chöre wagen sich an die große Chorliteratur, Ursula Strohal
stoph Altstaedt für die Symphoniekonzerte und zerten, die auf berühmte Namen und Orchester ausgerichtet sind,
Alexander Rumpf für die Oper. Von 2009–11 eine Rolle. Handverlesene Ensembles und Solisten gestalten die
Sol Gabetta gastiert in den Innsbrucker Konzertzyklen | Foto: Uwe Arens/Sony
hat Georg Fritzsch als Chefdirigent Qualität und Innsbrucker Kammerkonzerte für ein fachkundiges Publikum. Classical
Ideen eingebracht und das Orchester auf der Große und kleine Festspiele, Musikwochen und Musiktage überzie-
Suche nach einem neuen Chef unterstützt. hen das Land und werden an anderer Stelle überblickt. Im Sommer
Dabei standen einige Jahre lang viele hervor- blühen an den schönsten und manchmal auch ein wenig versteckten
ragende, kurz vor dem internationalen Durch- Orten landauf, landab Konzertreihen. Während der Wintersaison gibt
bruch stehende junge Dirigenten am Pult. Die es in allen größeren und vielen kleinen Gemeinden Tirols Konzerte
acht Symphoniekonzerte des TSOI mit ihren und Konzertreihen. Die Galerie St. Barbara in Hall ist mit ihren „mu-
sorgfältig ausgewählten Solisten werden je- sik +“-Programmen international hochwertig unterwegs, fördert mit
weils zwei Mal angeboten, sind von hoher eigener Programmierung aber auch den Nachwuchs. Kufstein hat
Qualität und haben ihr treues, verständiges eine mehrteilige Aboreihe, oft hochkarätige Künstler und einen ras-
Publikum. Ergänzt werden sie durch die erfri- sigen Bläserherbst. In Landeck wird das Schloss bespielt, Lienz hat
schenden Ideen der Musiker für ihre beliebten ein lebendig gestaltetes, umfangreiches musikalisches Angebot. Im
kammermusikalischen Sonntagsmatineen. Und Außerfern sind die Plansee-Konzerte prominent bestückt, Innsbruck,
manchmal dürfen die Schülerorchester von Kon- Schwaz und St. Johann haben die Jeunessekonzerte, die mit ihren
servatorium oder Inns­­brucker Musikschule Seite ausgesuchten Programmen immer einen Besuch wert sind. Reichbe-
an Seite mit den Musikern und Musikerinnen stückte Stadtkultur oder ein Ausflug aufs Land – die Angebote sind
des TSOI ein Konzert mitgestalten und von den kaum überschaubar in ihrer Fülle und äußerst abwechslungsreich.
Herrlichkeiten, Schwierigkeiten und Anforde- Zunehmend spielen die Musikschulen eine Rolle, die mit ihren vie-
rungen professionellen Musizierens kosten. len Ensembles und reichen Begabungen ein Organismus in sich sind,
Foto: Universal Edition/Eric Marinitsch

Porträt Johannes Maria Staud


Geboren 1974 in Innsbruck, gilt als einer der wichtigsten österreichischen Komponisten der
jüngeren Generation. Seine Werke werden von führenden Orchestern, Dirigenten und
Ensembles zur Aufführung gebracht. Staud wird stark von Literatur, bildender Kunst und
Philosophie inspiriert.

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Südtirol Moderne und Zeitgenossenschaft: Zeitgenössische Musik in Südtirol | Ferruccio Delle Cave Südtirol Moderne und Zeitgenossenschaft: Zeitgenössische Musik in Südtirol | Ferruccio Delle Cave

Moderne und Zeitgenossenschaft: seinen wichtigsten musikwissenschaftlichen Publikationen gehören


„Mephisto-Walzer oder Der Tanz der Klaviere“ (1995), das Handbuch
fen hat er auf das Medium Film und auf die
Videokunst erweitert. „Train“ aus seiner mul-

Zeitgenössische Musik in Südtirol „Musik und Gesellschaft in Südtirol, Band 1: Bozen 1800–2000“ (2009)
und „Gustav Mahler. Endstation Toblach“ (2011). Eduard Demetz (geb.
timedialen Oper „Borderline“ wurde zunächst
exklusiv vom ORF ausgestrahlt und dann
1958 in Bozen) studierte Klavier, dann Dirigat bei Ulrich Weder am bei „Transart“ aufgeführt. Die Konzertsaison
Mozarteum in Salzburg und besuchte einen Meisterkurs in Dirigieren 2004–2005 des „Haydn-Orchesters von Bozen

N eben den in der Neuen Musik nach 1945 sich


durchsetzenden Kompositionstechniken
der „seriellen Musik“ und der elektronischen
fen Tirols von einem Stilpluralismus gesprochen werden kann. Au-
ßerdem existiert neben der jeweiligen Avantgarde eine große Zahl
von Komponisten, die neue Techniken mehr oder weniger partiell
bei Gary Bertini. Eduard Demetz ist neben seiner Tätigkeit als Kom-
ponist Lehrer für Komposition am Konservatorium in Bozen. Er über-
blickt ein breit gefächertes Œuvre für eine Vielzahl von Besetzungen:
und Trient“ wurde mit seinem symphonischen
Werk „Arcus pulcher aeteri“ eröffnet und seine
Komposition für Orchester „Francesco e Chiara
Musik eines Olivier Messiaen, Pierre Boulez, und selektiv in ihre von der Tradition bestimmte Kompositions- Kammerorchester, Symphonieorchester, Chor, Klavier, Klaviertrio d’Assisi“ wurde 2005 im Rahmen der „Incontri
Karlheinz Stockhausen, Luciano Berio, Luigi weise integrieren. Zu den bedeutendsten Komponisten der Tiroler und für diverse Blechbläserbesetzungen. Ebenso arbeitete er im Be- di Musica Sacra Contemporanea“ in Rom ur-
Nono und Mauricio Kagel beschworen auch die Szene gehört Herbert Paulmichl (geb. 1935 in Stilfs). Von 1959 bis reich der Musik für Film, Theater und Fernsehen. 1998 erhielt er das aufgeführt. Seit dem Jahr 2002 ist er Kompo-
in den 60er- und 70er-Jahren komponierenden 1961 studierte er zuerst an der „Akademie für Kirchenmusik“ Regens- „Österreichische Staatsstipendium“ für Komponisten und 2001 den sitionslehrer am Bozner Konservatorium. Zu
Südtiroler Komponisten wie Albert Mair, Her- burg, anschließend bis 1967 an der Musikhochschule in München „Walther-von-der-Vogelweide-Förderpreis“. Kompositionsaufträge vom seinen Hauptwerken zählt die Kinderoper „Ufo“
bert Paulmichl und Günther Andergassen Be- und dann besuchte er Dirigierkurse u.a. bei Rafael Kubilek und Hans „Festival Musica Sacra“ Bozen, vom Tiroler Landestheater, vom Tiroler (1991), die Oper für Alt und Jung „Der große
freiung der Musik vom Zwang der Tonalität, wie Swarowsky. Seit 1965 hat Herbert Paulmichl die Kapellmeister- und Symphonieorchester Innsbruck, vom Südtiroler Künstlerbund und Mäuseprozess zu Glurns“ (1991), „Borderline“
es Theodor W. Adorno in seinen Schriften zu ei- Organistenstelle im Bozner Dom inne und leitete von 1965 bis 2003 vom Haydn-Orchester führten zu einer Reihe von Uraufführungen. für Saxophon, Kemeso und Tonband (1996)
ner „Neuen Musik“ gefordert hatte. Als Erwei- die Kirchenmusikabteilung am Bozner Konservatorium. 1975 grün- Namhafte Solisten wie Thomas und Patrick Demenga sowie Thomas und die multimediale Oper „Machina Dolens“
terung traditioneller Spieltechniken begriffen dete er das Bozner Jugendorchester, mit dem er zahlreiche Konzerte Larcher haben seine Kompositionen uraufgeführt. Orchester und En- (1997). Zusätzlich vertonte Unterhofer zahl-
Hubert Stuppner, Eduard Demetz und Heinrich im In- und Ausland dirigierte. Paulmichl hat hauptsächlich sakrale sembles, die seine Werke interpretiert haben, sind das Tiroler Sym- reiche Südtiroler Autorinnen und Autoren wie
Unterhofer ihre Kompositionen der 80er- und Musik komponiert, die ihn mit einer Vielzahl von Messen, mehreren phonieorchester, das Frankfurter „Ensemble Modern“, das Ensemble „Nothing is beautifull as spring“ (Text von Bruna
90er-Jahre. Heute hat sich eine neue Art des Requiem- und Propriengesängen, Kantaten und unzähligen Orgel- „Intercontemporain Paris“ und das Ensemble „Contrapunkte“ Wien. Dal Lago Veneri) für Sopran, Flöte, Geige, Cello
Komponierens durchgesetzt, eine eher me- werken zum heute fruchtbarsten Kirchenmusiker Südtirols macht. Zu seinen wichtigsten Werken zählen „Ein Sommernachtstraum“ für und Klavier (2000) und die Gedichte „Polnische
ditative und einzelklang­orientierte Musik, die Hubert Stuppner (*1944 in Truden) studierte Klavier bei Nunzio Mon- Blechbläser und Elektronik (1992), „Läufer im Park“ für Sopran, Kla- Dörfer“ von Sepp Mall, „Scherzi“ von Norbert C.
zwischen „Minimal Music“ und „Neuer Einfach- tanari und Komposition bei Andrea Mascagni in Bozen; er promo- rinette und Klavier nach Gedichten von Sepp Mall (1993), „Tras“ für Kaser und Gedichte von Konrad Rabensteiner.
heit“ irisierend ihre Schwerpunkte findet wie vierte an der Universität Padua in Musikwissenschaft. 1970–1981 großes Orchester (1998), „Joghurt und Banane, Musik ohne Chole- Manuela Kerer (geb. 1980 in Brixen) beendete
in den scheinbar real-konkreten und genialen war er Professor für „Analyse und Harmonielehre“ am Bozner Kon- sterin“ für Flöte, Violine, Viola und Gitarre (2000), die Kammeroper 2004 das IGP-Studium der Violine am Landes­
„Gebrauchsmusiken“ von Manuela Kerer. Aus servatorium, dessen Direktor er von 1981 bis 1997 war. Von 1991 „Häftling von Mab“ (2002). Heinrich Unterhofer (geb. 1958 in Sarnt- konservatorium Innsbruck und das Studium
dem Blickfeld sind heute jene Kompositionen, bis 2002 stand er als künstlerischer Leiter dem Haydn-Orchester vor. hein) studierte am Bozner Konservatorium bei Maestro Francesco der Rechtswissenschaften an der Leopold-Fran-
die in den Siebzigerjahren mit Hilfe compu- Von 1982 bis 1996 hatte er den Vorsitz in der Jury des Internationa- Valdambrini und erlangte sein Diplom bei Maestro Azio Corghi am zens-Universität Innsbruck. 2005 erlangte sie
tergenerierter Strukturen erzeugt wurden. Vor len Klavierwettbewerbs „Ferruccio Busoni“ in Bozen inne. Zu seinen Konservatorium „Giuseppe Verdi“ in Mailand. Unterhofer hat eine An- das Diplom in Psychologie. Seit 2004 studiert
allem ab den 1970er-Jahren setzt ein Trend zur Hauptwerken gehören die Kammeroper „Totentanz“ (1978), zwei zahl von Orchester- und Kammermusikkompositionen geschaffen, Manuela Kerer Komposition bei Martin Licht-
Individualisierung ein, insbesondere eine end- Konzerte für Klavier und Orchester (1984–1986) und eine Symphonie die sowohl in den USA als auch in Europa uraufgeführt wurden; er fuß am Landeskonservatorium Innsbruck. Sie
gültige Ablösung vom seriellen Komponieren, aus dem Jahr 1985, mehrere Orchesterparaphrasen zu Wagners „Tri- ist Gewinner zahlreicher Auszeichnungen im Fach Komposition, wie erhielt in den letzten fünf Jahren eine ganze
sodass heute im zeitgenössischen Musikschaf- stan“ und aus Gustav Mahlers symphonischem und Liedschaffen. Zu „La ville de Bagneux“ in Paris und „IBLA“ in New York. Sein Schaf- Reihe von Auftragskompositionen für verschie-
dene Instrumentalensembles (u.a. „Next Step“,
„pro musica“, „Bläserharmonie Brixen“). Urauf-
führung von 5 Werken im Rahmen des Tirol-
Festival 2005 im Landesmuseum Ferdinandeum
Innsbruck (u.a. Vertonung von 7 Gesetzen des
italienischen Strafgesetzbuches für Streichsex-
tett). Manuela Kerer ist selbst als Instrumentali-
stin in mehreren Ensembles tätig. 2009 wurde
Foto: Gregor Khuen Belasi

sie mit dem „Walther-von-der-Vogelweide-


Foto: Eleonora Gelmo

Förderpreis“ ausgezeichnet und im Juli 2011 wur-

Foto: Rainer Held


de ihre neueste symphonische Arbeit bei den
Tiroler Festspielen in Erl uraufgeführt.

Ferruccio Delle Cave

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Tirol Raus aus dem Ghetto: Neue Musik | Ursula Strohal Tirol Raus aus dem Ghetto: Neue Musik | Ursula Strohal

Osterfestival mit der Mischung aus Alter, Neuer Musik und Tanz auch Jedes Festival wird einem anderen Länder-
auf Innsbruck aus. Schwerpunkt gewidmet, die Internationale
Ikonen wie John Cage, Karlheinz Stockhausen, György Ligeti, Conlon Ensemble Modern Akademie ist eine von Stu-
Nancarrow, Terry Riley, Steve Reich, Michael Nyman, Klaus Huber, denten aus aller Welt begehrte jährliche Ein-
Friedrich Cerha, Dieter Schnebel u.a. traten hier auf, waren ganze richtung, verschiedene pädagogische Projekte
Wochenenden zu erleben. Selbstverständlich waren auch die Tiroler greifen und heimsen Preise ein.
vertreten, Werner Pirchner, Paul Engel, Haimo Wisser, Franz Schreyer, Und wahrlich hinterlässt das Festival seine
Günther Zechberger, Gunther Schneider, Wolfgang Mitterer, Martin Klangspuren. Der Trompeter Franz Hackl („Out­
Lichtfuß, Kurt Estermann, Norbert Zehm u.a. reach“) und der Cembalist und Organist Peter
Und es gab in Hall erste Crossover-Projekte wie 1976 die Urauffüh- Waldner (Alte Musik) haben inzwischen eige-
rung von Paul Engels symphonischem Werk „Begegnung für 18 So- ne Festivals bzw. Musikreihen, Akkordeonist
listen und 2 Blasmusikkapellen“. Harald Pröckl leitet das Tiroler Ensemble für
Ab 1971 wurde das ORF-Landesstudio Tirol mit seiner Musik im Neue Musik mit originellen Programmen, eine
Studio zu einem Mekka für viele heimische Komponisten. Allmählich Unzahl aus Tirols unerschöpflichem Talentebio-
entwickelte sich eine lebhafte Szene der Neuen Musik, ein Kommen top hat bei Klangspuren die Faszination Neue
und naturgemäß auch Gehen von Kreativen, Anregern, Veranstal- Musik gelernt. Das Festival wurde als Plattform
tern, Schauplätzen. für Debüts und Uraufführungen, als Informant
1994 gelang dem Pianisten Thomas Larcher mit der Gründung des und Treffpunkt zu einem Angelpunkt der Mu-
Festivals Klangspuren in seiner Heimatstadt Schwaz ein folgen- sikszene. 1999 ging aus dem Festival Windkraft,
reicher Coup. Klangspuren wurde zu einem Forum für Entwick- Kapelle für Neue Musik hervor und wurde zu
lungslinien, Zusammenhänge, Versuch und Irrtum, Bezüge und einem Aushängeschild.
Windkraft, Tiroler Ensemble mit internationalem Renommé | Foto: Klangspuren/Karger Tendenzen in der Neuen Musik. An immer anderen, besonderen 2003 übernimmt der Pianist Peter Paul Kain-
Aufführungsorten konnte und kann das Publikum das Schaffen rath die künstlerische Leitung von Klangspuren.
internationaler und heimischer Komponisten – die ja nicht selten Thomas Larcher verlässt sein Festival und steigt
auch internationale sind – erfahren und in ihrem Fortschreiten zu einem international renommierten Kompo-
Raus aus dem Ghetto: verfolgen. Heinz Holliger, Wolfgang Rihm und anderen „Vätern“ nisten auf, ebenso wie Johannes Maria Staud,
sowie Newcomern stehen die Tiroler gegenüber: viele der oben dessen Karriere bei Klangspuren begann.
Neue Musik Genannten sowie, die Aufzählung muss fragmentarisch bleiben, Ein Jahr vor der Klangspuren-Legung, 1993,
Florian Bramböck, Christof Dienz, Bernhard Jestl, Hermann Delago, hatte Marianne Penz-van Stappershoef in
Franz Baur, Sebastian Themessl, Bernhard Gander, Thomas Amann, Schwaz avantgarde, das Festival und die In-

Z eitgenössische Musik trifft auf Ablehnung,


wo man sich nicht darauf einlässt. Die ab
1950 entstandene E-Musik ist von enormer sti-
nalem Austausch. In Tirol komponierten Erich Urbanner, den es dann
nach Wien zog, Emil Berlanda, Robert Nessler, Günther Andergassen,
Peter Suitner, Heinzpeter Helberger, Peter Zwetkoff, Bert Breit, Radu
Judith Unterpertinger und auch die Südtiroler mit Eduard Demetz,
Herbert Grassl, Michaela Kerer u.a. Auch ganz junge Komponisten
erhalten bei Klangspuren ihre Chance.
ternationale Akademie für Neue Komposition
und Audio-Art, gegründet. Ihre künstlerischen
Schwergewichte waren und blieben Boguslaw
listischer Bandbreite, offen für Elektronik, au- Malfatti und Werner Pirchner, der zu einer Schlüsselfigur des Tiroler Schaeffer und Marek Choloniewski. Bis 2010 ar-
ßereuropäische Erfahrungen, Improvisation und Musiklebens wurde und international Karriere machte. beiteten rund 100 junge Komponisten aus fünf
die gesamte Musikgeschichte, ob man sich auf In den frühen 1970er-Jahren wuchs in Hall aus der jungen Galerie Kinder übten beim Osterfestival „Das Große Lernen” von Cornelius Cardew Kontinenten in der Akademie. Nach Schwaz und
Foto: GSB
sie beruft oder in Abgrenzung neue Paradigmen St. Barbara ein Musikforum, das bald weit über Tirol hinaus wirksam Seefeld fand avantgarde im Raum Rattenberg
setzt. In Tirol ist viel von den Strömungen der wurde. Gerhard und Maria Crepaz fanden und finden mit untrüg- Unterkunft, um weiterhin aktuelle Klangkunst
Neuen Musik zu erfahren, die Veranstalter wis- lichem Instinkt, Wissen und künstlerischem Feeling die besten jun- des 21. Jahrhunderts zu präsentieren.
sen um ihre Verantwortung und handeln kennt- gen Musiker, die oftmals zu Weltkarrieren ansetzen, der Galerie Auch die wagnerschweren Tiroler Festspiele Erl
nisreich. Und das Publikum kommt. Die interna- St. Barbara aber treu bleiben. Das stets zeitnah agierende Alban- bieten Zeitgenössisches und jährlich Urauf-
tionale Szene schaut schon lange verwundert Berg-Quartett war in den Anfängen ein signifikantes Beispiel. führungen an.
auf das Land im Gebirge. Hall wurde zur Pilgerstätte für Wissensdurstige und Experimentier- Jahrzehntelang spielte Neue Musik beim Eu-
Nach dem Krieg waren die in Innsbruck veran- freudige. Hier war ohne ästhetische Einschränkung Neues zu erleben. ropäischen Forum in Alpbach eine Rolle, u. a.
stalteten Österreichischen Jugendkulturwochen Man konnte wesentlichen Konzepten folgen und auf gegensätzliche gab es Uraufführungen von Ernst Krenek und
(1950–69) bundesweit prägend für die junge kompositorische Positionen treffen: Auf Boulez’, Stockhausens und Gottfried von Einem, prominent besetzte Se-
Kunst, da hatten die jungen Wilden, später Le- Nonos strengen Serialismus, Ligetis Klangflächen, auf Morton Feld- minare und Diskussionen. Musikalischer Rest-
genden mit internationalem Rang und Namen, mans stillem Klangfluss und die Minimalisten. Die Galerie St. Barbara posten ist die jährliche Uraufführung am Er-
ein Podium und Gelegenheit zu überregio- betreibt ihre saisonalen Veranstaltungsreihen in Hall und dehnt ihr öffnungstag.

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Tirol Raus aus dem Ghetto: Neue Musik | Ursula Strohal Südtirol Cantate Domino! | Ursula Torggler

Mit der stilistischen Öffnung nahm die Akzep- „Der Wolkensteiner“ und 1988 Erich Urbanners „Ninive“ heraus,
tanz Neuer Musik rasch zu. Die Kammerorches­ Dominique Mentha legte sich mit nachgespielten Werken von
ter InnStrumenti und Akademie St. Blasius kön- Ligeti, Willi, Zehm, Rautavaara stärker ins Zeug. Brigitte Fassbaender,
nen ihrem Stammpublikum zeitgenössische ab 1999 im Amt, hat eine wahrlich stolze Bilanz vorzuweisen. Neben
Tiroler Musik zumuten und tun es regelmäßig Aufführungen von Krenek, Reimann, Weir, Nyman, Adès und Trojahn
mit Uraufführungen. Nur selten reiht sich hier regte sie bis 2011 eine Fülle neuer Opern, vor allem auch aus Tiro-
das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck ein. ler Feder an, und brachte sie am Rennweg zur Uraufführung: Martin
Der Verein kraftfeld neue musik tirol kümmert Wolfrum, „Im Sturm“; Eduard Demetz, „Häftling von Mab“ (Libretto
sich um das Schaffen Tiroler Komponisten, der Händl Klaus); Carsten Hennig, „Malins Heimkehr“; sieben Operellen;
Verein Gegen: Klang – Neue Musik und Netz- Akos Banlaky, „Under Milkwood“; sieben Operellen 2; Florian Bram-
werke hat zum Ziel, die Kunstmusik des 20. und böck, „Hofers Nacht“ (Libretto Alois Schöpf); Stephan Kanyar, „Lulu
21. Jahrhunderts in Netzwerke zu integrieren. – Das Musical“ (Libretto Brigitte Fassbaender); Norbert Zehm,
Gunther Schneider, Gitarrist, Komponist und „Cadence Macbeth“. Dazu kamen die Bühnenmusiken. Für die Saison
Professor für Gegenwartsmusik, vermittelt ex- 2011/12 sind Uraufführungen des Musicals „Shylock!“ von Stephan
perimentelle und improvisatorische Tendenzen. Kanyar (Libretto Brigitte Fassbaender) und der Oper „Der dritte
Letztere sind auch Inhalt des Festivals „artacts“ Polizist“ von Florian Bramböck (Libretto Doris Happl) angekündigt.
in St. Johann. Wie denn überhaupt die Übergän- Bei Jugendwettbewerben wie „prima la musica“ und „Jugend
ge von Neuer Musik zu Jazz und der Freien musiziert“ fällt auf, dass der Anteil an Neuer Musik unter den Darbie-
Szene fließend sind. tungen deutlich gestiegen ist.
Eine Spezialität des Bühnenlandes Tirol dürfte Zeitgenössische Musik ist in Tirol längst keine Ghetto-Kunst mehr.
sein, dass viele Laienbühnen, oftmals dem Vor-
bild der professionellen Tiroler Volksschauspiele Ursula Strohal
Telfs folgend, für ihre (Ur-)Aufführungen eigene
Diözesantag der Kirchenchöre im Dom zu Brixen, 29. Mai 2011 – Eine singend feiernde Gottesdienst-Gemeinde | Foto: Peter Viehweider
Musiken schreiben lassen. Ausgangspunkt für
diesen innovativen Aspekt in Telfs war 1982
Werner Pirchners Bühnenmusik zu Felix Mitte-
rers „Stigma“. Auch in der Blasmusikszene sind
auf symphonischem Niveau viele zeitgenös-
Cantate Domino!
sische Werke und zahlreiche kompositorische Kirchenmusikalische Aktivität in Südtirol
Talente aus Tirol auszumachen, Hermann Pall-
huber ist der internationale Anschluss gelun-
gen. Wenig wird in Tirol für Chor geschrieben. „Cantate Domino“ – aus rund 700 Kehlen erschallt der Aufruf „Singet an 8 Absolventinnen der Brixner Kirchenmusik-
Die Pflege des aktuellen Musiktheaters liegt na- dem Herrn“ beim Diözesantag der Kirchenchöre Südtirols am schule geben davon Zeugnis.
turgemäß in den Händen der Intendanten des 29. Mai 2011. Der Brixner Dom widerhallt an diesem Sonntag vom Allein die Tatsache, dass in Südtirol auf 276
Tiroler Landestheaters. Helmut Wlasak, eher begeisterten Gesang der Sängerinnen und Sänger aus rund 50 Pfarreien 328 Kirchenchöre und Singgemein-
scheu in dieser Hinsicht, brachte Cesar Bresgens Südtiroler Kirchenchören. Es erklingen Motetten und Psalmen von schaften mit geistlicher Ausrichtung und 7.870
Christian Matthias Heiß, Heinrich Walder, Paul Isom und Michael Prae- Sängerinnen und Sängern kommen, belegt die
torius/Heinrich Ehmann. Höhepunkt ist die Uraufführung der für die- Wertschätzung der Sakralmusik in unserem
sen Tag in Auftrag gegebenen „Missa Brixinensis“ von Stefan Trenner Lande.
unter der Leitung des Komponisten. Dass die „Musica Sacra“ in un- Die große kirchenmusikalische Tradition, die sich
Porträt Thomas Larcher serem Lande einen hohen Stellenwert hat, kommt beim Diözesantag oft über Jahrhunderte zurückverfolgen lässt,
Der Komponist und Pianist Thomas Larcher, geboren 1963 in Innsbruck, gründete 1994 das höchst eindrucksvoll zum Ausdruck: Sowohl der Festgottesdienst wird vom Allgemeinen Deutschen Cäcilien­
Festival Klangspuren und programmiert seit 2004 „Musik im Riesen“. Larcher bekommt mit P. Urban Stillhard als auch der Vortrag über die Südtiroler Orgel- verband für die Länder deutscher Zunge mit
Kompositionsaufträge international bedeutender Ensembles und Institutionen, seine CDs landschaft, eine gut sortierte Notenausstellung des Carus-Verlags der Palestrina-Medaille ausgezeichnet. 2010/11
Foto: Richard Haughton

werden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. aus Stuttgart, eine Meditationsstunde mit Orgelmusik und grego- erhalten diese die Kirchenchöre von St. Vigil/
rianischen Gesängen in der Frauenkirche sowie die abschließende Enneberg, Schabs, Tschengls, St. Georgen/
Feierstunde im Dom mit der Aufführung von John Rutters „Gloria“ Bruneck, Radein und Laatsch für über 100-jährige
durch die Kirchenchöre von Schalders und Lüsen unter der Leitung kontinuierliche Tätigkeit im Dienste der „Musica
von Verena Gruber und der Überreichung der Abschlussdiplome Sacra“.

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Südtirol Cantate Domino! | Ursula Torggler Südtirol Cantate Domino! | Ursula Torggler

Diözesantag der Kirchenchöre Südtirols, Dom zu Brixen, Diözesantag der Kirchenchöre Südtirols, Dom zu Brixen, 29. Mai 2011 – „Gloria“ Chor-Wochenende des Bezirkes Bozen – Überetsch-Unterland, Bildungshaus Die neue Pirchner-Orgel in der Musikschule Auer
29. Mai 2011 – Uraufführung der „Missa Brixinensis“ von von John Rutter mit den Kirchenchören von Schalders und Lüsen, Marion Leitner, Lichtenburg/Nals, 29./30.01.2011. Probenarbeit mit Domkapellmeister Thomas Foto: Ursula Torggler
Stefan Trenner unter der Leitung des Komponisten Orgel, und einem Instrumentalensemble unter der Leitung von Verena Gruber Wasserfaller, Klagenfurt | Foto: Ursula Torggler
Foto: Peter Viehweider Foto: Peter Viehweider

Kirchenmusik hat viele Facetten: Chorgesang, dalena Schwärzer und Margareth Viehweider die dreijährige Aus- Nach Domkapellmeister Markus Landerer aus Wien im Jahre 2010 ist Brixen, Sterzing und Gröden entsprechende
Kantorendienst, Orgelspiel, Sologesang sowie bildung an der Kirchenmusikschule Brixen ab und dürfen bei der es vom 15. bis 20. August 2011 der Brixner Domkapellmeister Hein- Weiterbildungsangebote, die von 65 Interessier-
instrumentales und solistisches Musizieren in nachmittäglichen musikalischen Feierstunde anlässlich des Diöze- rich Walder, der 105 Sängerinnen und Sänger aus verschiedenen ten genutzt werden.
Gottesdienst und Konzert. Erster Ansprechpart- santages der Kirchenchöre Südtirols aus den Händen von P. Urban Chören Südtirols begeistert. Höhepunkte der Schulungswoche sind Die musikalische Gestaltung des Gottesdienstes
ner für die Begleitung, Beratung und Koordi- Stillhard, Seelsorgeamtsleiter Mag. Eugen Rungaldier und Schullei- eine Meditationsstunde zum Thema „Schöpfung und Leben“ mit am Kassianssonntag wird alljährlich von meh-
nation all dieser Aktivitäten, aber auch für die ter Dr. Robert Mur die Abschlussdiplome entgegennehmen. An der Musik, Bildern und Texten sowie die Aufführung der Messe in C-Dur reren Chören eines Dekanates bewerkstelligt.
Aus- und Weiterbildung ist der Verband der Kir- Kirchenmusikschule Brixen beginnt mit September 2011 ein neuer op. 169 von Josef Gabriel Rheinberger in der Fassung für Soli, Chor Am 8. Mai 2011 wird das Hochamt am Fest der
chenchöre Südtirols (VKS). Drehscheibe all die- dreijähriger Ausbildungslehrgang unter der Leitung von Mag. Josef und Bläser mit Unterstützung des Bläserensembles Euphorie. Diözesanpatrone Kassian und Vigilius von Chö-
ser Aktivitäten ist die Geschäftsstelle in Bozen, Sagmeister. Theoriekurse, ein Wochenendseminar im Frühjahr und das alljähr- ren aus dem Gadertal unter der Leitung von Elio
wo auch eine umfangreiche Studienbibliothek Mit Herbst 2011 kann am Bozner Konservatorium „Claudio Monte­ liche ChorleiterInnenseminar in Dietenheim, das 2011 vom 21. bis Clara mit Giuliano Viabiles „Missa in translatione
mit über 55.000 Titeln zur Verfügung steht. verdi“ ein Kirchenmusikstudium auf Hochschulebene absolviert 27. August unter der Führung von Dan-Olof Stenlund abgehalten Almae Domus“ festlich mitgestaltet.
Besonders beeindruckend ist das umfangreiche werden, das einen dreijährigen Studiengang mit Bachelor-Abschluss wird, werden in Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Chorverband Die alljährliche Vollversammlung des Verbandes
Aus- und Weiterbildungsangebot auf Landes-, und eine zweijährige Fortführung mit Master-Abschluss vorsieht. Für angeboten. Auch mit dem Liturgiereferat der Diözese Bozen-Brixen der Kirchenchöre findet am 16. Januar 2010
Bezirks- und Dekanatsebene. Nichtmaturanten werden Vorbereitungskurse angeboten. besteht eine fruchtbare Zusammenarbeit. erstmals im großen Rahmen in der Brixner Cu-
Am 5. Juni 2010 beenden Stefania Cavallar, Cri- Im März lädt der Verband der Kirchenchöre alljährlich Führungskräf- Auf Bezirksebene werden Wochenendseminare angeboten. Am sanus-Akademie statt. Die Bedeutung dieser
stina Decarli, Alessandro Ditadi, Helga Flecker, te zu einer Literaturvorstellung ein. Am 12. März 2011 werden in der 29. und 30. Jänner 2011 bilden sich über 70 Chorsängerinnen und Veranstaltung wird durch die Präsenz von Diö­
Heinrich Grumer, Barbara Hofer, Peter Laimer, Benediktskapelle im Haus St. Benedikt des Klosters Muri-Gries den Chorsänger in Nals bei Domkapellmeister Thomas Wasserfaller wei- zesanbischof Dr. Karl Golser hervorgehoben,
Christa Micka-Waldthaler, Nicole Pastore, Nora rund 65 Anwesenden 37 Chorwerke in verschiedensten Besetzungen ter und lernen Literatur unter dem Leitmotiv „Halleluja ist ein fröh- der dem abschließenden Gottesdienst im Dom
Prünster, Silvia Weger und Sr. Felicitas Wieser für die Zeit von Ostern bis Pfingsten von einem kleinen Auswahlchor lich Gesang – Geistliche Chorwerke zwischen Ostern und Pfingsten“ zu Brixen vorsteht. Der Kirchenchor von Peters-
die dreijährige kirchenmusikalische Ausbildung unter der Leitung von Mag. Ursula Torggler nicht nur im Notenbild, kennen, während im Vinschgau traditionsgemäß das erste Septem- berg unter der Leitung von Albert Gallmetzer
an der Schule für Kirchenmusik und Chorleitung sondern auch akustisch vorgestellt. berwochenende der Weiterbildung gewidmet ist. 77 Interessierte übernimmt die ehrenvolle Aufgabe der mu-
Lana (Leitung Mag. Ursula Torggler) und erhal- Unter dem Leitwort „Sing to the Lord a NEW Song“ und unter der erarbeiten mit Stefan Kaltenböck in Kortsch am 3. und 4. September sikalischen Mitgestaltung des Gottesdienstes
ten bei einem Festgottesdienst in der Hl.-Kreuz- Leitung von Stefan Kaltenböck findet vom 4. bis 8. Juli 2011 bereits 2011 neue geistliche Gesänge und gestalten einen Abschlussgottes- mit Joseph Haydns Nelson-Messe. Die Vollver-
Kirche in Lana die Abschlussdiplome. zum vierzehnten Mal im Haus St. Georg in Sarns die Schulungs­woche dienst in der Pfarrkirche von Schlanders. sammlung am 17. September 2011 bringt eine
Am 29. Mai 2011 schließen Sabine Broy, Isabell für das Neue Geistliche Lied statt, die mit einem eindrucksvollen Kantorenkurse werden auf Dekanatsebene angeboten. Während einschneidende Veränderung mit sich. Es ste-
Freinademetz, Marion Grumer, Hildegard Mair- Konzert der 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Pfarrkirche sich 2010 in Bozen und im Unterland rund 60 Kantorinnen und Kan- hen Neuwahlen an, und der langjährige Vorsit-
Schenk, Silvia Malsiner, Judith Meraner, Mag- St. Michael ausklingt. toren fortbilden, gibt es im Frühjahr 2011 in den Dekanaten Klausen, zende P. Urban Stillhard, die prägende Persön-

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Südtirol Cantate Domino! | Ursula Torggler Tirol Sakrale Musikgeschichten aus Tirol | Franz Gratl

2010) und Meran (Klop) sowie die neue Orgel für die Pfarrkirche
St. Ulrich/Gröden (Pirchner 2010), weiters 2011 die Orgeln für die Sakrale Musikgeschichten aus Tirol
Kirchen von Hinterkirch/Langtaufers (Vier), St. Ruprecht/Dorf Tirol
Anmerkungen zu einer aussterbenden Spezies: Die Lehrerorganisten
(Kaufmann), Unterinn (Wegscheider), Jaufental (Pirchner) und die
Hausorgel für Karl Weinreich in Eppan (Pirchner). Weitere Orgelpro-
jekte sind für 2012 und 2013 in der Bozner Dominikanerkirche, in Kur-
tinig, Vierschach, Abtei, Reinswald und Vezzan in Planung.
Die Organistenausbildung erfolgt weitgehend in den Musikschulen
des Institutes für Musikerziehung; das Angebot des VKS umfasst zu-
M ancherorts in diesem Land gibt es sie
noch, die Vertreter einer aussterbenden
Spezies, die Lehrerorganisten alten Schlages,
sätzliche Seminare wie beispielsweise ein Improvisationsseminar für die die Funktionen des Mesners, Lehrers und
Fortgeschrittene mit Domkapellmeister Heinrich Walder im Oktober Organisten (dazu oft die des Chorleiters und
2010 oder eine Orgelexkursion nach Salzburg am 2. Juni 2010 mit Kapellmeisters) in Personalunion vereinen und
Wolfgang Niederbacher, Geschäftsführer des VKS als Sänger
beim Diözesantag der Kirchenchöre | Foto: Peter Viehweider
Dom­organist Franz Comploi, an der über 30 Interessierte teilnehmen. so das musikalische Faktotum ihrer Gemeinde
Für alle jene, die nicht selbst singen und musizieren, gibt es ein um- bilden, den Kulminationspunkt aller musika-
fassendes Angebot an geistlichen Konzerten. Stellvertretend für die lischen Aktivitäten. Die große Zeit der Lehreror-
lichkeit der Südtiroler Kirchenmusikszene, legt vielen Veranstalter von geistlichen Konzerten seien an dieser Stelle ganisten begann mit der theresianischen Schul-
sein Amt als Vorsitzender zurück. Er wird fortan die Brixner Initiative Musik und Kirche, die alljährlich für eine Reihe reform, die zur flächendeckenden Einrichtung
noch in der Orgelkommission tätig sein und die von hochkarätig besetzten geistlichen Konzerten verantwortlich und Verstaatlichung von Schulen führte. Die
Einführung des neuen gemeinsamen Gebet- zeichnet, und das „Festival Musica Sacra“ genannt, das vom 3. Mai einheitliche Besoldung, die den Lehrpersonen
und Gesangbuchs (GGB) für den deutschen bis zum 5. Juni 2011 seine 40. Auflage mit 16 Konzertprogrammen an zugesprochen wurde, war so niedrig, dass die
Sprachraum betreuen. verschiedenen Orten der Region Trentino-Südtirol erlebt. meisten Betroffenen gezwungen waren, weitere
Zeugnis für die äußerst intensive und leben- Das Herbstsymposion der Brixner Initiative Musik und Kirche steht im bezahlte Tätigkeiten auszuüben (eine auffällige
dige Kirchenmusikpflege ist auch die reichhal- Zeichen von „Drama und Liturgie – Das liturgische Drama in Ost und Parallele zu heutigen prekären Arbeitsverhältnis-
tige Südtiroler Orgellandschaft mit 476 Instru- West“ und findet vom 7. bis 9. Oktober 2011 mit international renom- sen). Viele Lehrer betrieben eine Landwirtschaft,
menten vom kleinen Portativ hin bis zur großen mierten Referenten in Brixen statt. Das Symposion setzt sich mit der noch mehr versahen in der Kirche ihres Ortes
dreimanualigen Orgel mit 48 Registern, die nun Kirchenmusik zwischen Tradition und Innovation auseinander und den Organistendienst. Schließlich gehörte die
erstmals in einer umfangreichen, im September zeigt auf, dass man sich trotz Bewahrung des Überlieferten für neue Vermittlung rudimentärer musikalischer Kennt-
2011 von P. Urban Stillhard und Hannes Torggler Formen öffnen kann. nisse zur Lehrerausbildung. Zudem entwickelte
herausgegebenen Publikation erfasst und pu- Kirchenmusik kann Ausdruck höchster Freude und Begleiterin in sich innerhalb der Berufsgruppe ein dichtes
bliziert ist. Zehn Orgeln können in den letzten Stunden des Leids und der Trauer sein. Sie führt Menschen zusam- Netzwerk: Arrivierte Lehrerorganisten erteilten
beiden Jahren geweiht und ihrer Bestimmung men. Sie kann Glaubensinhalte verdeutlichen und „das ausdrücken, Unterricht und unterwiesen junge Kollegen in
Alois Steinlechner (Lehrer, Chorregent und Kapellmeister in Wattens, 1805–1863),
übergeben werden, nämlich die rekonstruierte was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist zu Harmoniemesse (um 1850), Titelblatt der Druckausgabe (Lithografie) Innsbruck: den grundlegenden Fertigkeiten des Orgel-
Czichna, A-Imf M 72 | Fotos: TLM
Orgel der Frauenkirche Brixen (Ahrens 2010), schweigen“ (nach Victor Hugo). spiels, des Choralgesangs und der Komposition.
die neue Orgel für die Evangelische Pfarrkirche In diesem Sinne: „Cantate Domino!“ Tatsächlich wurde von einem Organisten im
in Bozen (Ghilardi 2010), die Unterrichtsorgeln Pange lingua und Tantum Ergo für Chor mit Bläserbegleitung, vermutlich für Pro- 19. Jahrhundert auch auf dem Lande erwartet,
zessionen, Titelblatt, Handschrift des Lehrerorganisten Nikolaus Knoll (um 1850),
für die Musikschuldirektion Unterland (Pirchner Ursula Torggler tätig in St. Peter/Ellnbögen und Achenkirch
dass er seinen Kirchenchor mit neuen Kompo-
sitionen versehen konnte. Vielerorts – oft auch
in sehr kleinen Ortschaften – bestand neben
dem Chor ein Kirchenorchester mit Streichern
und Bläsern, die dörfliche Kirchenmusikpflege
Porträt P. Urban Stillhard OSB erreichte eine beachtliche Intensität. In der
Geboren 1955 im Toggenburg (Schweiz), 1975 Eintritt in das Benediktinerkloster Muri-Gries. Musiksammlung des Tiroler Landesmuseums
Studienjahre in Nordtirol: Theologie bei den Franziskanern in Schwaz, Katholische Kirchen- Ferdinandeum befinden sich in großer Zahl
musik und Orgelpädagogik am Tiroler Landeskonservatorium Innsbruck, Priesterweihe 1980. Zeugnisse der ländlichen Musikpflege – haupt-
Stiftskapellmeister im Kloster Muri-Gries. Langjähriger Vorsitzender des Verbandes der sächlich Werke, die dem Genre der „Musica
Kirchenchöre Südtirols und der diözesanen Orgelkommission. Freier Mitarbeiter bei Rai/ Sacra“ zugehören, aber auch Blasmusik, darüber
Sender Bozen und Publizist bei verschiedenen Printmedien. hinaus vereinzelt Klavier- und Kammermusik
aus dem Besitz von Dorfschullehrern. Die Land-
chöre versuchten nach Kräften, den Chören der

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Tirol Sakrale Musikgeschichten aus Tirol | Franz Gratl Tirol Sakrale Musikgeschichten aus Tirol | Franz Gratl

großen Stadtkirchen und Klöstern nachzueifern.


In der Folge finden sich in den Notenbeständen
dörflicher Provenienz durchaus repräsentative,
aufführungspraktisch anspruchsvolle und groß O Jungfrau, der Jungfrauen Lust, geistliche Kontrafaktur
besetzte Werke etwa der Wiener Klassiker Haydn des Duetts „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ aus der
Zauberflöte von W. A. Mozart von der Hand Sebastian
und Mozart, aber auch etwa die Kompositionen Fallers, Lehrer und Chorregent in Mariastein und Achen-
Johann Baptist Gänsbachers (1778–1844), der kirch, datiert 1828, Sopranstimme

als Wiener Domkapellmeister in seiner Heimat


Tirol immer noch einen klingenden Namen
hatte. Dazu aber umfassen die Sammlungen in
großer Zahl kirchenmusikalische Werke, die ei-
gens für die ländliche Musikpflege komponiert
wurden. Musik „für Landchöre“, sogenannte Ru-
ralmusik, die sich durch eine leichte Ausführbar-
keit, relativ knappe Gestaltung und variable Be-
setzung auszeichnete, wurde zum Beispiel vom
geschäftstüchtigen Wiener Verleger Anton Dia-
belli und den Augsburger Domkapellmeistern
Franz Bühler und Donat Müller komponiert.
Einer der um die Mitte des 19. Jahrhunderts in
ganz Mitteleuropa populärsten Komponisten
war Robert Führer (1807–1861), der wegen einer
Affäre und seiner Trunksucht sein Amt als Prager
Domkapellmeister in den späten 1830er-Jahren
aufgeben musste und fortan ein unstetes Leben
führte, dessen Stationen u. a. Gmunden, Braunau,
Salzburg und Wien waren. Führer ist deshalb im
Tiroler Kontext erwähnenswert, weil von ihm
um 1855 mehrere Werke in den damals führen-
Martin Rauth, Lehrerorganist in Mieders, Hirtenlied für Singstimmen und Bläser Martin Rauth, Lehrerorganist in Mieders, „Lied für einen guten Seelenhirten“
(1835), Titelblatt | Fotos: TLM Singstimmen und Bläser, um 1830, mit der damals modernen Klappentrompete
Fotos: TLM
Aus dem „Pracktischen Handbuch für Cantor und
Organisten“ (um 1813) des Götzner Lehrers, Organisten,
Kapellmeisters, Komponisten und Schützenhauptmannes
Joseph Abenthung (1779–1860) den Innsbrucker Verlagen Möst und Gross erschienen. Beide spielten von Holzmanns Kompositionen nicht unwesentlich beigetragen Flachs). Aus Abenthungs Besitz stammen auch
in der Verbreitung kirchenmusikalischer Werke des „ländlichen“ Typs haben dürfte. Ab seiner Gründung 1818 bot der Innsbrucker Musik- Abschriften von Werken Mozarts, Haydns und
eine nicht geringe Rolle. Zum Beispiel erschien bei Gross die Serie verein Dorfschullehrern die Möglichkeit einer soliden Ausbildung; anderer bedeutender Musiker – ein Indiz für den
der „Land-Festmessen“ des Unterländer Lehrerorganisten Johann an dieser Institution unterrichtete bis zu seinem Tod 1836 der ehe- durchaus nicht engen musikalischen Horizont
Obersteiner (Zell am Ziller 1824 – Kufstein 1896), der als Schulgehilfe malige Fiechter Benediktinerpater und tüchtige Komponist P. Martin manch eines Tiroler Dorfschullehrers. Viele Kir-
in Ebbs und später Lehrer in Kufstein ein gesuchter Pädagoge war, Goller (1764–1836) Orgel und Generalbass, sein Nachfolger Michael chen im Land erhielten in der ersten Hälfte des
der zahlreiche Berufskollegen in der Musik unterwies und als Kom- Sebastian Pegger (1806–1896) aus Tschengls im Vinschgau galt als 19. Jahrhunderts neue Orgeln, vielerorts waren
ponist durchaus Beachtung verdient. Persönlichkeiten wie ihm ist es sehr volkstümliche und originelle Persönlichkeit mit einem großen bis dato überhaupt keine Instrumente verfüg-
zu verdanken, dass die Tiroler „Schullehrermusik“ vielfach das beacht- Schülerkreis. Mehrere hundert Schüler soll auch der Götzner Lehrer, bar gewesen. Tiroler Orgelbauerdynastien wie
liche Niveau qualitativ ansprechender kirchlicher Gebrauchsmusik Mesner, Chorleiter, Organist, Kapellmeister, Bauer, Händler, Schüt- die Maurachers aus dem Zillertal, die Familie
erreichte. Es ist kein Zufall, dass namhafte Tiroler Komponisten aus zenhauptmann und Freiheitskämpfer von 1809 Josef Abenthung Weber aus Oberperfuß und die Fa. Reinisch aus
Lehrerfamilien stammen, zum Beispiel Joseph Alois und Ignaz Anton (1779–1860) gehabt haben; sein umfangreicher Nachlass ist eine Steinach profitierten von der reichen Entfaltung
Ladurner, Johann Baptist Gänsbacher und Joseph Netzer. Viele Tiro- wahre Fundgrube für die Geschichte dörflicher Musikpflege in Tirol. der „Musica Sacra“ auf dem Lande, die wesent-
ler Schullehrer der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden von Er war nicht nur ein sehr volkstümlicher, sondern auch ein außeror- lich von den Lehrerorganisten getragen wurde.
Joseph Alois Holzmann (1762–1815) ausgebildet, dem Haller Pfarror- dentlich geschäftstüchtiger Mann und betrieb einen regen Handel
ganisten (siehe Beitrag in diesem Heft), was zur enormen Verbreitung mit Musikalien und Instrumenten (nebst dem von ihm angebauten Franz Gratl

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Südtirol Alte Musik in jungen Händen | Franziska Romaner Südtirol Alte Musik in jungen Händen | Franziska Romaner

„Musik und Kirche“ zu gestalten, 1991 wieder, die Johannespassion


aufzuführen. Ja, und mit der Zeit wurde der Wunsch wach, diese Art
des Spielens auch in Südtirol anzusiedeln. Es gab auf diesem Gebiet
zwar schon einige einheimische Musiker, etwa die Brixner Geigerin
Irene Troi, die mit dem Wiener Concentus Musicus unter Harnon-
court spielt. Aber es waren Einzelne. Ich hab mit dem Bach-Ensemble
gesprochen und die Musiker waren sofort bereit, im Sommer einen
Kurs auf historischen Instrumenten mit Schwerpunkt Bach abzuhal-
ten. Und das wurde dann mehrere Jahre lang fortgeführt.

Diese Akademie fand von 1991 bis 1998 jedes Jahr statt, immer mit
dem Bach-Ensemble. Für mich unglaublich schöne Jahre. Wie war die
Reaktion bei den anderen Südtiroler Musikern und wie beim Publi-
kum der Konzerte?
Schon beim ersten Konzert des Bach-Ensembles war das Brixner Publi-
kum einfach begeistert. Die Zuhörer wussten ja nichts von dem Streit
Wenn der Basso Continuo das harmonische und rhyth-
der Musikwissenschaftler um solistische oder chorische Besetzung, mische Fundament schafft,
um die Frage des Stimmtons oder der historischen Instrumente; es ist
ihnen einfach in die Ohren und ins Herz gefahren, dass diese Art der
Interpretation um so vieles mitreißender und bewegender ist als die
traditionelle, weil sie plötzlich alles verstehen und mitverfolgen konn-
ten. Jedes Detail kommt durch die historische Aufführungspraxis ganz
plastisch raus, jede Stimmungslage wird so eindrücklich. Der gute An-
Schwarz-weiße Tasten: nicht nur farblich wird in der „Alten Musik“ so einiges auf den Kopf gestellt ... | Foto: Martin Tinkhauser
klang, den die Alte Musik in Brixen findet, mag auch damit zusammen-
hängen, dass die Brixner Initiative ja hauptsächlich geistliche Werke
im Programm hat und Brixen wundervolle Räumlichkeiten bietet, in
Alte Musik in jungen Händen denen sich die alten Instrumente klanglich so schön entfalten können.
Auch in Meran, in der Pfarrkirche, im Pavillon oder im Kursaal, funktio-
Ein Gespräch mit Josef Lanz, dem „Papa“ der Alten-Musik-Bewegung in Südtirol niert die Akustik gut für die Alte Musik. Schwieriger ist es da in Bozen, über welchem sich die Melodie auf wundervollen Instru-
die Säle sind eher trocken und für größere Besetzungen geeignet und menten frei entfalten kann,
das Publikum ist nicht wirklich auf diese Spielweise eingestiegen. Da

E s war Anfang der Neunzigerjahre, ich lernte


am Bozner Konservatorium Cello. Im Kam-
mermusikkurs fand ich wunderbare Freunde,
dieser Bach-Akademie in Brixen und vieler anderer Initiativen, die die
„Alte Musik“ nach Südtirol gebracht haben.
muss man schon etwas umdenken, sich auf etwas Neues einlassen.

Das Gleiche gilt ja auch für die Musiker. Nicht jeder ist bereit, sich
die meine Liebe zur Barockmusik teilten; wir Was hat dich dazu angeregt, eine Bach-Akademie in Brixen zu initiie- auf dieses Neue einzulassen, das die Alte Musik mit sich bringt: bei
besorgten uns Faksimiles, hörten mit Bewun- ren, was hat dich an der Alten Musik so fasziniert? Streichern die Darmsaiten, die verschiedenen Stimmungen, oder
derung die Aufnahmen berühmter Ensembles Als Musikwissenschaftler und Oboist hab ich immer schon viel Musik Nichtstimmungen, und die Bläser haben ganz eigene „Berührungs-
auf historischen Instrumenten und probten, aus der Barockzeit gehört und gespielt, aber eben auf traditionelle ängste“... Es waren aber immer auch einige Südtiroler dabei.
probten, probten. Und dann, eines Tages, hing Weise. Ausschlaggebend für meine Begeisterung für die historische Ja, da waren doch die vielen Organisten, weißt du noch? Und Block-
da am Schwarzen Brett die Ausschreibung für Aufführungspraxis waren zwei Erlebnisse: einmal Vivaldis Konzert flötisten und Sänger. Und die haben inzwischen auch wieder viele
einen „Alte Musik“-Kurs in Brixen! – mit dem „La notte“ auf Originalinstrumenten mit Nikolaus Harnoncourt; das junge Nachwuchsmusiker beeinflusst ... Streicher hatten wir auch, ei-
amerikanischen „Bach-Ensemble“ unter der war so anders, da hörte ich zum ersten Mal die fantasmi flattern, das nige haben dann Alte Musik studiert, und heute haben wir eigentlich
Leitung von Joshua Rifkin, zum Studium der klang fast wie ein Kriminalroman (lacht hinter seinem Bart), während viele gute Geiger und Geigerinnen, die international mitmachen kön-
Musik von Johann Sebastian Bach auf histo- es bis dahin einfach ordentlich und schön gespielt worden ist. Und nen. Wie beim Konzert gestern (27. August, Bach-Kantaten im Brixner
rischen Instrumenten ... dann die Aufnahmen der Bach-Kantaten mit dem Bach-Ensemble Priesterseminar mit dem Ensemble ,,Musica Saeculorum“ unter der Lei-
unter Joshua Rifkin – solistisch besetzt, klar, durchsichtig, jedes Wort tung von Philipp Steinaecker), da waren sechs Musiker aus Südtirol da-
Nach zwanzig Jahren sitze ich an einem som- verständlich. Das hat mich sofort überzeugt. Ich konnte dann die bei. Oder wie bei eurem Ensemble in Bruneck, wo ihr einheimische
merlichen Spätnachmittag mit Josef Lanz zu traditionellen Aufnahmen kaum noch anhören. 1988 habe ich das junge Musiker mit internationalen Spitzenleuten zusammensetzt. dann liegt die Alte Musik in besten Händen.
einem Gespräch zusammen. Er war der Initiator Bach-Ensemble eingeladen, das erste Konzert der Brixner Initiative Schau, ich glaub, es ist einfach wichtig, auf einem hohen Niveau zu Fotos: Oliver Oppitz

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Südtirol Alte Musik in jungen Händen | Franziska Romaner Südtirol Alte Musik in jungen Händen | Franziska Romaner

musizieren, gleich von Anfang an, damit etwas und Nationen musikalisch zu begegnen und am Ende beflügelnde chen immer wieder auch junge Ensembles auf,
Gescheites daraus wird. Wirklich gute Musiker Konzerte zusammen zu spielen. Einige der ausländischen Teilnehmer die voller Begeisterung diesen Weg einschlagen.
aus dem In- und Ausland zusammen mit un- sind dann immer wieder im Brunecker Ensemble Cordia mit dabei Dein Kind ist aus den Kinderschuhen raus-
seren Musikern, damit das Ganze wachsen kann. und spielen dort am Pult mit Südtirolern, die nach der Akademie in gewachsen, was könntest du ihm als guten
Die Latte muss hoch gelegt werden. Bruneck die historische Aufführungspraxis in Musikhochschulen ver- Wunsch mitgeben?
tieft haben und europaweit mitspielen.
Die Alte-Musik-Bewegung, am Anfang eine Das ist so eine Besonderheit in der Alten-Musik-Szene (lacht): Da spie- Da fällt mir dazu die Bach-Arie ein: „Wir eilen mit
Revolution, ist inzwischen ja längst über das len irgendwie immer die Gleichen in allen möglichen verschiedenen schwachen doch emsigen Schritten“, das möch-
Barock-Zeitalter hinaus. Gruppen. Da ist der Neapolitaner, der spielt neben dem Schweizer in te ich umdrehen: „wir eilen mit emsigen doch
Alte Musik, das ist eben nicht nur Musik aus der einer englischen Gruppe, und es klingt halt englisch, weil der vorne schwachen Schritten“. Es gibt in Südtirol so viele
Barockzeit. Angefangen hat die Bewegung da- ein Engländer ist. Spielt der Neapolitaner in einer neapolitanischen gute Initiativen und fleißige Musiker, die sich mit
mit, ja, aber sie steht eigentlich für eine neue Gruppe, dann klingt das ganz anders. Jeder bringt sich selbst ein mit Begeisterung einsetzen und musikalisch wert-
Haltung beim Musizieren und alle haben davon seinem Lokalkolorit und es kommt jedes Mal was anderes heraus. volle Arbeit leisten. Ich wünsche diesen Musikern,
profitiert: Wenn du heute die besten Ensembles Das ist so spannend, das ist auch so befreiend für die Musiker und und nicht nur in der Alten Musik, in der zeitge-
anhörst, an keinem ist dieses Umdenken spur- das gefällt dem Publikum auch so. nössischen ist es sehr ähnlich, dass sie eine stär-
los vorbeigegangen. Viele der jungen Quartette kere Beachtung und Unterstützung fänden.
Ensemble Cordia im Brunecker Ragenhaus | Foto: Martin Tinkhauser
studieren das klassische Repertoire mit Spe- Auch in Bozen hat es bis vor einigen Jahren eine Fortführung der Es ist wie bei einer Pyramide: die Arbeit an der
zialisten der Alten Musik ein. Alle spielen sie mit Brixner Akademie gegeben, künstlerischer Leiter waren Claudio breiten musikalischen Basis wird – Gott sei Dank –
viel mehr Freiheit, mit einer inneren Freiheit, die Astronio und der Cembalist und Organist Marco Facchin, ebenfalls sehr unterstützt, das sind die stabilen, festen
das „eigene“ Musizieren besser zulässt. Das ein Abgänger „deiner“ Kurse in Brixen. Hat die Alte-Musik-Bewegung spielen heute in Ensembles auf historischen Instrumenten in vielen Säulen: die Musikkapellen, die Kirchenchöre,
fasziniert mich an der Alten Musik ... in Südtirol alle Sparten erreicht? Ländern Europas, in Südtirol selbst gibt es seit dem Jahr 2000 wie- das Institut für Musikerziehung. Ganz oben, der
Und dann ist da noch die Suche nach dem Klang Nun, wir haben heute viele gute Organisten, Sänger und Streicher, der eine international beachtete Akademie für Alte Musik, jetzt Gipfel, das sind die Events, die finden ebenfalls
der Instrumente ... ein Schubert auf Hammer- aber es fehlt leider noch an Bläsern. Ich bin wohl schon an den Ver- in Bruneck, die auch vom Institut für Musikerziehung in das Fort­ große Unterstützung und Anerkennung, etwa
klavier ... für mich einfach besser als auf einem band Südtiroler Musikkapellen herangetreten mit der Idee, Blechblä- bildungs­angebot für ihre Lehrer aufgenommen wurde. Am Bozner das neue Mahler-Festival in Toblach, das Tanzfe-
Steinway ... sern die historischen Instrumente näher zu bringen. Das wäre doch Konservatorium gibt es Blockflöte, Cembalo und Barockgesang und stival in Bozen oder die Meraner Musikwochen.
Wenn ich das Geld hätte, würde ich einmal gerne toll, wenn von unseren Burgen einheimische Musiker alte Posaunen als Wahlfach auch Kammermusik mit Barockvioline und Barock- Oben gibt es keine Zweifel, unten gibt es keine
in Toblach eine Mahler-Symphonie aufführen, die runterblasen könnten. Zurzeit muss ich sie immer von Innsbruck bratsche. Verschiedene Konzertreihen widmen sich der Alten Musik, Zweifel. Aber die lebendige, sich immer wieder
vierte, mit Wiener Instrumenten aus der Mahler holen. Wie es auch jammerschade ist, dass „unsere“ Musik, die in den etwa die Reihe „Im Zeichen Bachs“ in Bruneck, das Festival „Antiqua“ verändernde, innovative Kultur, die hat neben
Zeit. Was meinst du, wie das klingen würde? Archiven unseres Landes aufliegt, nicht von uns selbst wiederent- in Bozen; die Brixner Initiative für Musik und Kirche, Musik Meran, Erfolgen auch mit Zweifeln, mit Unsicherheiten,
Oder die Salonmusik im Meraner Archiv: um deckt und aufgeführt werden kann. Das machen alles unsere Kolle- valgardena musica, Pauls Sakral, MusiKultur Taufers, die Brunecker mit Suchen zu tun. Ihr aber seid genau in dieser
1900 war das Salonorchester in Meran eines gen am Ferdinandeum in Innsbruck. Da ist das Land Tirol doch sehr Sommerkonzerte, die Meraner Musikwochen und andere Konzertrei- Mitte, dort wo unsere Musikkultur auf hohem
der besten in der gesamten k.u.k. Monarchie. dahinter, dass diese musikalischen Schätze nicht für immer auf dem hen bringen renommierte Ensembles und Solisten der Alten Musik Niveau erhalten und vorangetrieben wird. Und
Da gibt es ein umfangreiches Archiv. Wir (Musik Papier bleiben. Musik lebt nur, wenn sie klingt. Die Nordtiroler wis- nach Südtirol, sind aber auch eine Plattform für einheimischen En- diese Mitte sollte mehr Beachtung und größere
Meran) haben mit „Musica Saeculorum“ einige sen, das ist unsere Kultur, das muss gemacht werden. Ich frag mich da sembles: das „Harmonices Mundi“ unter der Leitung von Claudio finanzielle Unterstützung erfahren.
Werke davon aufgeführt: traumhaft, mit einem schon, wieso das nicht in Südtirol produziert werden kann ... Astronio, das „Musica Saeculorum“ von Philipp Steinaecker, das „En-
Klavier aus der Jahrhundertwende, mit dem semble Cordia“ unter der Leitung von Stefano Veggetti. Daneben tau- Franziska Romaner
Klang dieser historischen Klarinette ... ach, es Das Ferdinandeum als Modell?
gibt tausend Projekte, die zu machen wären ... Ja, es braucht Musikwissenschaftler, die die alten Notenarchive
aufarbeiten, gute Musiker, die die Werke aufführen, Konzerte, CD-
Seit dem Jahr 2000 führe ich zusammen mit Produktionen, damit die Werke zum Publikum gelangen. Und das
meinem Mann Stefano Veggetti die Brixner Er- schafft einen ganzen Kreis: Es braucht dann die entsprechende Aus- Porträt Josef Lanz
fahrung mit einer Akademie für Alte Musik in bildung für die jungen Leute, es braucht die richtigen Instrumente ... Geboren 1940 in Toblach. Humanistisches Gymnasium-Lyzeum Brixen, 1961 klassische Matura
Bruneck weiter. Die Grundidee bleibt, dass sich Musik muss aufgeführt werden, das ist nicht wie mit einem Bild: Das in Meran. Universität und Konservatorium in Innsbruck: 1968 Doktor der Musikwissenschaft,
junge Leute zehn Tage lang treffen und mit Bild muss man nur aufhängen, Noten muss man zum Klingen brin- 1969 Reifeprüfung in Oboe und B-Seminar am Konservatorium. 1971–1999 im Sender Bozen
wirklich erfahrenen Musikern zusammenspie- gen. Und das braucht Geld ... der RAI: E-Musik-Abteilung. Künstlerischer Leiter von: Gustav-Mahler-Musikwochen Toblach,
len. Da gibt es nicht den großen Professor auf Brixner Initiative Musik und Kirche, Konzertverein Bozen, Musik Meran, Musica Viva Vinsch-
der einen Seite und den kleinen, unwissenden Du hast den Stein ins Rollen gebracht durch die ersten Konzerte mit gau, Festival geistlicher Musik von Bozen und Trient, weiters Leiter des Fachbereichs Musik im
Schüler auf der anderen: Wir verstehen die Aka- dem Bach-Ensemble von Joshua Rifkin und durch die Brixner Bach- Südtiroler Künstlerbund.
demie als eine Gelegenheit, anderen Musikern Akademie: Viele Musiker aus Südtirol, hauptsächlich Streicher,

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Tirol Alte Musik wieder neu geworden | Ursula Strohal Tirol Alte Musik wieder neu geworden | Ursula Strohal

Der Fagottist und Musikpädagoge Otto Ulf (1907–1993) gehörte Innsbrucker Festwochen, im selben Jahr fand
in Innsbruck zu den Pionieren. 1963 veranstaltete er zur Feier der erstmals der internationale Gesangswettbewerb
600-jährigen Zugehörigkeit Tirols zu Österreich das erste der für Barockoper Pietro Antonio Cesti statt.
Ambraser Schlosskonzerte. Aus seinen intensiven Bemühungen um In den 1970er-Jahren haben in Hall Gerhard
die historische Aufführungspraxis erwuchs 1972 die Internationale und Maria Crepaz ihre Galerie St. Barbara in die
Sommerakademie für Alte Musik und daraus wiederum 1976 eine Alte-Musik-Szene eingeklinkt. Mit ihrer profes-
Festwoche der Alten Musik, die sich als ein Mekka historisch infor- sionellen Neugier und ihrem Gespür präsen-
mierten Musizierens international etablierte und zu den im August tierten sie wie in der Neuen Musik so auch hier
mehrwöchig geführten Innsbrucker Festwochen anwuchs. junge Künstler am Beginn ihrer internationalen
Nikolaus Harnoncourt, John Eliot Gardiner, William Christie, Alan Karriere, etwa Jordi Savall, René Jacobs, die
Curtis, René Jacobs, Konrad Junghänel, Sigiswald und Wieland Ensemble Musica Antiqua Köln und Il Giardino
Kuijken und viele andere wesentliche Musiker haben in Innsbruck Armonico, in den letzten Jahren Philippe Ja-
geforscht, gelehrt, experimentiert, konzertiert. 1982 brachte Alan roussky. Philippe Herreweghe bescherte beim
Curtis am Tiroler Landestheater mit Monteverdis „L‘incoronazione Osterfestival wunderbare Aufführungen.
di Poppea“ die erste Barockoper der Festwoche heraus und gerade Chöre waren der vorklassischen Musik immer
auch auf dem Gebiet der frühen Oper wurde Innsbruck führend. schon nah, der in Igls tätige Lehrer und Orga-
Der Sänger René Jacobs begann hier seine Karriere als Dirigent, nist Hans Erhardt band sie schon 1952 in seine
wurde zunächst Opernchef, 1997 künstlerischer Leiter der Innsbru- sommerlichen Igler Kirchenkonzerte ein: „Wir
cker Festwochen und hat bis 2009 in Innsbruck mehr als 20 Opern hatten nach dem Krieg solche Sehnsucht nach
von Monteverdi, Cesti, Cavalli, Händel, Telemann, Hasse, Haydn, Bach, Telemann, Buxtehude ...“
Mozart u. a. aufgeführt. Die Orgel kam ja nie ohne die alten Meister
2010 übernahm Alessandro De Marchi die künstlerische Leitung der aus, und die Orgelstadt Innsbruck hat mit dem

Rudolf Tutz, weltweit gefragter Kenner und Nachbauer historischer Blasinstrumente, in seiner Innsbrucker Werkstatt | Foto: MT

Festwochen der Alten Musik: Bachs „Kaffeekantate“ auf Schloss Ambras | Foto: Larl

Alte Musik wieder neu geworden

M an schrieb die Jahre um 1400, da hielt


der erste in Innsbruck residierende Tiro-
ler Landesfürst, Herzog Friedrich, am Hof bereits
Rang, wesentlichen Anteil daran hatte auf dem Opernsektor der
Italiener Pietro Antonio (Marc‘Antonio) Cesti (1623–1669). Mitte
des 16. Jahrhunderts baute Jörg Ebert eine Orgel für die Innsbrucker
Trompeter, Posaunisten, Pauker, Pfeifer, Laute- Hofkirche, heute eine weltweit bewunderte Kostbarkeit. Hundert
nisten und Harfenisten. Als König Maximilian 1490 Jahre später wurde an Stelle der heutigen Dogana ein „Comedi-
die Regentschaft übernahm, war der damals haus“ gebaut, wo festliche Opernaufführungen stattfanden. Damals
namhafteste Organist, Paul Hofhaimer, schon war die Alte Musik noch Neue Musik.
da. Maximilian, ab 1508 Kaiser des Heiligen Rö- Damit sind für die Tiroler Pflege Alter Musik seit Mitte des 20. Jahr-
mischen Reiches, unterhielt in Innsbruck eine hunderts wesentliche Stichwörter gefallen. Damals bildete sich inter-
prunkvolle Hofhaltung, deren Aufwendungen zu national ein neues Bewusstsein heraus: Es ging darum, vorklassische
seiner chronischen Geldnot beitrugen, aber zu ei- Musik unter den Bedingungen ihrer Entstehungszeit aufzuführen,
ner Musikblüte führten. Berühmte Komponisten um durch angepasste Techniken auf historischem (oder nachge-
wie Heinrich Isaak und Ludwig Senfl waren hier bautem) Instrumentarium einer Authentizität nahe zu kommen –
tätig. auch wenn diese niemals erreichbar ist. Durch die Beschäftigung mit
Auch Erzherzog Ferdinand II. war Musikliebha- musikwissenschaftlichen Quellen und historischen Traktaten sowie
ber, er beschäftigte u. a. die Komponisten Jakob den daraus resultierenden Fragestellungen hinsichtlich Aufführungs-
Regnart, Alexander Utendal und den Haller Bla- praxis und Werktreue gelangte man – möglichst an den originalen
sius Amon. Die Musik am Hof zu Innsbruck er- Schauplätzen – zu Resultaten, die eine wachsende Hörerschaft faszi-
reichte im 16. und 17. Jahrhundert europäischen nierten und zur umfassenden Originalklangbewegung führten.

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Tirol Alte Musik wieder neu geworden | Ursula Strohal Südtirol Ach, wie gut dass niemand weiß ... | Reinhold Giovanett

kleinen italienischen Renaissancewerk in der Silbernen Kapelle der


Hofburg neben der Ebert-Orgel ein weiteres außergewöhnliches
Instrument. Der zweijährig ausgetragene Innsbrucker Hofhaimer-
Orgelwettbewerb gehört zu den weltweit führenden Bewerben.
Der Bogen bedeutender Instrumentenmacher reicht von dem klang-
prägenden Jakob Stainer aus der Barockzeit bis zur gegenwärtigen
Werkstatt Rudolf Tutz, wo weltweit führende Nachbauten histo-
rischer Blasinstrumente gefertigt werden.
Der große Gustav Leonhardt gab 2001 in der Innsbrucker Pfarre
Mariahilf ein denkwürdiges Konzert am Cembalo und „weihte“
damit die der Alten Musik gewidmete Konzertreihe AbendMusic –
Lebensmusik ein, die nach langer Aufbauarbeit von dem Organisten
und Cembalisten Peter Waldner installiert wurde, „um mit hochkarä-
tigen Ensembles und Solisten ... heimische und internationale Bei-
träge“ zu präsentieren.
Die Barocktage Götzens wurden zur festen Einrichtung. In der CD-
Reihe „Klingende Musikgeschichte Tirols“ des Instituts für Tiroler
Musikforschung, die das Komponieren in Tirol von der Renaissance
Die 450 Jahre alte Ebert-Orgel in der Innsbrucker bis zur Gegenwart dokumentiert, sind Namen wie Utendal, Amon,
Hofkirche | Foto: TLM Regnart, Stadlmayr u.a. wiederbelebt und mit ausgewählten Werken
in ihrem Wirken erfahrbar.
Das österreichische Kammerorchester moderntimes 1800 hat als
seinen Sitz Tirol gewählt.
VeryShortShorts live beim „Rock in Dörfl“ in Auer, Juni 2011 | Foto: Reinhold Giovanett
Alte Musik ist ein prägender Faktor des Tiroler Kulturlebens. Unter
den Tiroler Musikerinnen und Musikern sind nicht wenige Spezia­listen
für die historische Aufführungspraxis, die solistisch und in wechseln-
den Ensembles konzertieren, pädagogisch tätig und oft auch auf
internationalen Podien zu finden sind.
Ach wie gut, dass niemand weiß ...
Über die Strukturen und den Gesundheitszustand der alternativen Musikkultur in Südtirol
Ursula Strohal

I. Die Ausgangssituation Herbst 2010 gibt es zudem ein Treffen aller Festi-
Südtirol ist ein kleines Land. 500.000 Einwohner, verteilt auf einige valveranstalter, innerhalb dessen die Termine ab-
Täler und eine Hand voll kleiner Städte. Dies vorauszuschicken ist gesprochen, problematische Themen diskutiert
deshalb wichtig, weil sich im Bezug dazu die Situation der Strukturen und Informationen direkt ausgetauscht werden.
alternativer Musikkultur als sehr positiv darstellt. Als Beweis dafür Nicht ganz so „fett” ist die Situation im restlichen
bedarf es keines Vergleichs mit der Situation von vor 20 Jahren, es Jahreslauf. Es gibt mit einigen wenigen Ausnah-
genügt ein Blick auf den Sommer 2011: Von Mitte Mai bis Mitte Sep- men, wie dem „Zenti‘s Pub” am Ritten, dem „Rock
tember fanden mehr als 50 Open Airs und Festivals statt, d.h. durch- Café” in Meran oder dem „AurOra” in Auer, sehr
schnittlich 3 Festivals pro Wochenende. Dabei ist festzuhalten, dass wenige privat geführte Lokale, die regelmäßig
Porträt Alessandro De Marchi der größte Teil dieser Festivals von Jugendzentren und Jugendgrup- Livemusik bieten. Diese „Lücke” schließen seit
Der römische Cembalist, Organist und Dirigent Alessandro De Marchi etablierte sich als pen organisiert wird und dass in der Regel der größte Teil der Bands, Jahren ebenfalls die Jugendzentren mit regelmä-
Opern- und Konzertdirigent mit Schwerpunkt auf der Musik des 17. bis 19. Jahrhunderts in die dort spielen, Südtiroler Bands und MusikerInnen sind. Abgese- ßigen Konzerten wie im UFO Bruneck, Konzert­
Europa und Übersee. 2009 wurde er als Nachfolger von René Jacobs zum künstlerischen hen von einigen traditionellen Festivals (beispielsweise das Metal- reihen wie dem „Stromkeller” im Jux Lana oder
Foto: Martin Vandory

Leiter der Innsbrucker Festwochen bestellt. Festival „Eternity of Rock“ im Vinschgau) haben etliche Open Airs den monatlichen Liveterminen im Point in Neu-
in den letzten Jahren damit begonnen, ihr Profil zu schärfen, indem markt. Jugendzentren haben sich diesbezüglich
durch die bewusste stilistische Ausrichtung eine ganz bestimmte nicht nur als Initiatoren von Konzerten etabliert,
Zielgruppe angesprochen wird („Rock the Lahn” in Meran mit Ska/ Jugendzentren dienen auch immer wieder als
Punk, „Zugluft” in Brixen mit Ethno, Folk und akustischer Musik). Seit Plattform für Bands und MusikerInnen, die eige-

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Südtirol Ach wie gut, dass niemand weiß ... | Reinhold Giovanett Südtirol Ach wie gut, dass niemand weiß ... | Reinhold Giovanett

ne Wünsche (Demo-Aufnahmen, selbst organi- News, ein Forum, ein nahezu vollständiger Überblick über die
sierte Konzerte, Release-Partys ...) umzusetzen Releases der letzten drei Jahre, eine umfangreiche Linkliste u.a.m.
versuchen. Darüber hinaus nimmt auch die
Zahl der Proberäume zu, die den Bands in den III. Die engen provinziellen Grenzen fallen
Jugendzentren angeboten werden. Eine „normale” Band hat eine durchschnittliche Lebensdauer von
etwa vier Jahren: Sie wird im Alter von 14, 15 Jahren gegründet und
II. Die Medien löst sich mit dem Beginn des Universitätsstudiums oder mit dem Ein-
Die Rolle der Medien in Bezug auf die (lokale) stieg in die Arbeitswelt der einzelnen Musiker/-innen auf. Diese Bands
alternative Musikkultur lässt sich mit zwei Auf- spielen in der Regel nur in Südtirol. Eine immer größer werdende Zahl
gabenbereichen definieren: der Weitergabe von an Gruppen nehmen nicht nur ihr eigenes kreatives Schaffen ernster,
Informationen wie Konzertterminen und der ge- sondern suchen mit beträchtlichem Energieaufwand den Weg nach
nerellen „Wahrnehmung” dessen, was an Kreati- draußen, versuchen im restlichen Europa zu spielen oder gehen so-
vität geboten wird. Hat die offizielle Kultur ihre gar nach Übersee. Der 2011 verstorbene Country-Musiker George
diesbezüglichen etablierten Kanäle und Abläufe, McAnthony hat einige seiner CDs in Nashville produziert, die Bozner
so finden sich im Alltag der klassischen Medien Band VeryShortShorts konnte ihre Debüt-CD „Backgroundmusic for
nur sporadische Nachrichten über alternative Bank Robberies” (2010) nicht nur in den USA veröffentlichen, sie hat
Musikkultur. Ausnahmen sind die bezahlte Be- Die Veranstaltungs-Website www.kultur.bz.it mit Eventkalender dort – neben zahlreichen Auftritten in Europa – auch eine Tour
richterstattung, die direkte Bekanntschaft mit absolviert. Die Bozner Metal-Band Slowtorch war 2011 zum dritten
einem Journalisten/einer Journalistin, oder man Mal in England auf Tour, die Brixner Frei.Wild haben sich ihre Fange-
kann eine ganz besondere Nachricht vorweisen, meinschaft in Deutschland erspielt und füllen dort Hallen von einem Ferbegy? live bei Radio Freier Fall, April 2011
wie beispielsweise die Brixner Band Frei.Wild, Fassungsvermögen von 2000 bis 10000 Personen und mehr. Das sind Foto: Reinhold Giovanett

die im Frühsommer einen Einstig in die deut- nur die bezeichnendsten konkreten Beispiele der letzten Zeit.
schen Charts erreicht hatte. Unterstützt wird diese Tendenz von Veranstaltungen wie den beiden
Parallel zu dieser wohl überall gültigen und als Nachwuchswettbewerben „Upload” in Bozen (organisiert vom itali-
normal wahrgenommenen Situation, beschäfti- enischen Amt für Jugendarbeit) und dem „International Live Award”
gen sich in Südtirol einige Medien ganz konkret (organisiert vom Verein „Liederszene Südtirol”). Beide Veranstaltungen
und mit Regelmäßigkeit mit der alternativen bieten zahlreichen jungen Südtiroler Bands professionelle Auftritts-
Musikkultur: Radio Freier Fall (Sender Bozen) möglichkeiten im Vorfeld, wobei die Siegerbands mit Auftritten
sendet jeden Donnerstag mehr als 2 Stunden außerhalb Südtirols – einer kleinen Italientour, bzw. der Teilnahme
Interviews, CD-Vorstellungen und Livekonzerte beim Finale des „International Live Award” in Wien – belohnt werden.
von Südtiroler Bands, Musikerinnen und Musi- Die Bands konfrontieren sich also längst auf internationaler Ba-
kern; die „Neue Südtiroler Tageszeitung” hat mit sis, sind demnach aktuell unterwegs, besitzen das entsprechende
dem „Headliner” freitags eine wöchentlich er- Die Website der Radiosendung „Radio Freier Fall“, donnerstags im RAI-Sender Bozen Selbstbewusstsein und sind in der Lage, die Möglichkeiten der neu-
scheinende Musikbeilage, die seit August 2008 en Kommunikationsmittel konkret für sich zu nutzen.
fast ausschließlich über das alternative Musik- Die Gründe für diesen Qualitätssprung sind vielfältig, drei seien den-
geschehen in Südtirol berichtet und dabei auch noch erwähnt:
„Randbereiche” wie Comics, Skater und Biker – Die Südtiroler Öffentlichkeit hat die alternative Jugendkultur mitt-
immer wieder berücksichtigt. lerweile angenommen und akzeptiert (obwohl es von Seiten der
Das Internet betreffend ist auf die Veranstal- Politik keine dezidierte Unterstützung gab und gibt). Ein Beweis
tungsseite www.kultur.bz.it zu verweisen, die dafür ist der Umstand, dass in den letzten Jahren immer mehr jun-
(fast) alle kulturellen Termine kostenlos und ge Musiker/-innen in der Musikkapelle spielen, parallel dazu aber
ohne Vorauswahl veröffentlicht und also auch auch ihre eigenen Bands haben, ob dies nun Reggae, extremer Me-
der alternativen Kultur Platz bietet. tal oder Indie-Rock ist. Dasselbe gilt für die Eltern, die die jungen
Seit mehr als vier Jahren online ist zudem Musiker/-innen darin bestärken, Musik zu machen (unabhängig
das Webzine airbagpromo.com, ein kleines von der Stilrichtung) und sie darin sehr konkret unterstützen.
Schmuckstück, das sich nicht nur durch Bestän- – Musikkapellen stellen jungen Bands mittlerweile auch Probelokale
digkeit auszeichnet, sondern den interessierten zur Verfügung, etwas, was vor 20 Jahren noch absolut undenkbar
Usern einen recht kompletten Überblick über Das Webzine Airbagpromo.com mit einer Auflistung nahezu aller Releases der
war. Zwar spielt der größte Teil der Bands im klassischen privaten Manuelon live bei Radio Freier Fall, Oktober 2010
die alternative (Jugend-)Kultur bietet: aktuelle letzten 3 Jahre Keller, es gibt aber mittlerweile Angebote wie „Sol Music” in Bozen, Foto: Reinhold Giovanett

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Südtirol Ach wie gut, dass niemand weiß ... | Reinhold Giovanett Südtirol Ach wie gut, dass niemand weiß ... | Reinhold Giovanett

Knrrz live in Kurtatsch, Dezember 2010 | Fotos: Reinhold Nora13 live beim „Open Air for Africa“ in Steinegg, Juni 2010 Brothers Records live bei Radio Freier Fall, April 2010 Average live bei Radio Freier Fall, März 2010
Giovanett

die Proberäumlichkeiten auf Stundenbasis nen Unsicherheit was Tonträger und digitale Veröffentlichung der Living Targets, Montan), Hiphop/Rap mehrsprachig (Brothers Records, – Der Gedanke der Musikschulen ist nicht ganz
vermieten. Und es ist fast schon der Normal- Musik betrifft, werden sowohl alte Medien (Vinyl, CD) als auch neue Lana), New Country (Jambalaya News, Bozen), Volksmusik/Ethno zu Ende gedacht, denn nach dem Abschluss
fall, dass ein Jugendzentrum den Bands des Medien (soundcloud.com, Downloadportale wie iTunes-Musicstore (Opas Diandl, Tscherms/Meran), Hardcore (Not Bound By Convention, werden die StundentInnen sich selbst über-
Dorfes Proberäume bietet. Diese Entwicklung oder freie Download-Releases unter der Creative-Commons-Lizenz) Bruneck), Progressive Pop-Rock (Nora 13, Bozen), Punkrock (Average, lassen, wer nicht genügend Eigeninitiative be-
ist deswegen so wichtig, weil ein Proberaum genutzt. Die Erfahrung zeigt, dass Bands, die sich bemühen, regel- Sarntal), Rock (Ferbegy?, Bozen), Progressive-Metal (Scrat Till Death, sitzt, wird das Erlernte nicht mehr anwenden.
quasi das Fahrgestell für eine Band ist: Ohne mäßig live spielen und ihr Album promoten, ohne Weiteres Auflagen Völs), Folk (Patrick & Co., Schlanders), Oldschool-Deathmetal (Blood – Die Vernetzung unter den jungen Bands lässt
Proberaum hat eine Band kaum Überleben- von 300 bis zu 1000 Stück unter die Leute zu bringen imstande sind. Edition, Naturns), Country-Punk (Butch Cassidy, Sundance Kid & The seit jeher zu wünschen übrig. Es fehlen der
schancen. Es sind diese Releases, die, gemeinsam mit den oben erwähnten Bad Bastards, Meran), Hiphop/Rap mit deutschen Texten (Manuelon, Zusammenhalt und das neidlose Interesse
– Zu erwähnen ist zudem der Einfluss der Musik- Sommerfestivals, eindrucksvoll belegen, dass die Kreativität und die Brixen), Gothic-Metal (Phantom, Gröden), Pop (4twenty, Brixen) ... an dem, was die Band aus der Nachbarschaft
schulen in Südtirol. Weltoffene, junge Musikleh- Aktualität der alternativen Kultur ein hohes Niveau an Quantität und Diese Bands und MusikerInnen – wie auch die allermeisten, die nicht macht. Der Gemeinschaftsgedanke wird nur
rerInnen bringen den SchülerInnen nicht nur Qualität erreicht hat und zur internationalen Gegenwart durchaus erwähnt sind – schreiben ihre eigenen Songs, ihre eigene Musik, in Jugendzentren und bei der Organisation
das Instrument bei, sondern haben auch ein aufgeschlossen hat. und wenn die Originalität auch schwankend ist, so schaffen es doch gemeinsamer Festivals gefördert.
Ohr (und ein Herz) für die Musik ihrer Schüler­ Neue Tendenzen kommen in Südtirol mit einer Verzögerung von vier, viele, die Standards ihrer Stilrichtung zu erreichen. Zudem nutzen
Innen, gehen darauf ein, bringen ihnen das bei, fünf Jahren zum Tragen. Bis ein neuer Impuls ein Feuer entfacht, das sie ein mittlerweile breites Angebot von Aufnahmestudios von un- VI. Das Fazit
was sie gerne spielen. Diese neue Entwicklung dann eine Bandgründung und das Schreiben der Musik zur Folge hat, terschiedlichster Größe und Ausstattung, das sich ihnen in Südtirol Südtirol besitzt also eine relativ gut aufgestell-
(und in Verbindung mit den neuen Lernquellen bedarf es einer gewissen Zeit. Aber abgesehen von dieser nachvoll- bietet. Und wer seine Musik nicht im Studio mit Hilfe eines Technikers te Struktur und bietet jungen MusikerInnen ein
wie YouTube und Tabs, die das Internet bietet) ziehbaren Verzögerung lässt sich auch in stilistischer Hinsicht sagen, einspielt, der nimmt sich dank erschwinglicher digitaler Technik sein gut ausgestattetes Betätigungsfeld. Blickt man
hat dazu geführt, dass die jungen Bands in der dass die hiesigen Bands aufgeholt haben, aktuell sind. Verkürzt lässt Material im eigenen Proberaum auf. Auch hier wird in der Regel ein auf die letzten Jahrzehnte zurück und bezieht
Regel ein hohes technisches Niveau auf ihren sich sagen, dass Südtirol für jede Stilrichtung drei Bands vorweisen gewisser Standard erreicht und das Ergebnis reicht im Normalfall von das Kommen und Gehen einzelner Tendenzen
Instrumenten erreicht haben, was sich direkt kann: eine sehr gute, eine mittelmäßige und eine schlechte. Eine un- akzeptabel bis sehr gut. und das Engagement einzelner Personen, Ver-
auf das Selbstbewusstsein und die Umsetzung vollständige Liste von Stilrichtungen und Bands, die im Moment aktiv Die MusikerInnen und Bands sind also sehr eigenständig, selbstbe- anstalter und Vereine mit ein, so lässt sich sagen,
der eigenen Kreativität auswirkt. sind: Oi-Punk (Foiernacht, Wiesen/Sterzing), Original-Ska (Jokerface, wusst und wissen die Angebote der Gegenwart sehr wohl zu nutzen. dass für diese positive Entwicklung nicht die
Naturns), Indie-Folk (Artificial Harbor, Brixen/Wien), Garage-Rock (Peg- Kulturarbeit in Südtirol verantwortlich ist, son-
IV. Die Aufholjagd gy Germs, Bozen), Stonerrock (Slowtorch, Bozen), Reggae (We & Them, V. Was fehlt? dern die Jugendarbeit. Das Jugendförderungs-
Die Zahl der aktiven Bands und MusikerInnen Meran), Dubstep (Corax, Mazzon/Neumarkt), Electronic/Field-Recor- Wenn sich die Situation im Vergleich zur Vergangenheit und auch im gesetz von 1983, das den Grundstein für die
ist ausgesprochen hoch. Ausgesprochen hoch dings (Knrrz, Bozen), Post-Rock/Alternative (Sense Of Akasha), Blues- direkten, gegenwärtigen Vergleich zu den Nachbarprovinzen Tren- offene Jugendarbeit in Südtirol gelegt hat, war
ist auch die Zahl der Veröffentlichungen dieser rock (The Origin Of Redemption, Klausen), Neo-Thrashmetal (Prehate, tino und Tirol als äußerst positiv darstellt, so gibt es doch ein paar und ist federführend für das Zustandekommen
Bands und MusikerInnen, wie die fast vollstän- Brixen), Grindcore/Deathmetal (Meat Devourer, Naturns), Reggae/Dub prekäre Punkte, von denen einige erwähnt seien: und das nachhaltige Bestehen dieser positiven
dige Liste der Releases der letzten drei Jahre (The Gleeman Members, Schlanders), Hiphop/Rap mit Dialekttexten – Die Städte – Ausnahme ist einzig Bruneck – bieten der alternativen gegenwärtigen Situation verantwortlich.
zeigt, zu sehen unter http://regal.airbagpromo. (Chackall, Bozen), Hiphop/Rap mit italienischen Texten (NidoSound, Jugendkultur keinen angemessenen Platz, sich zu treffen, sich zu
com. Trotz der Widersprüche und der allgemei- Bozen), Metalcore (Burning The Ocean, Eppan), Indie/Alternative (The konfrontieren, sich zu präsentieren. Reinhold Giovanett

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Tirol Internationale Töne | Esther Pirchner Tirol Internationale Töne | Esther Pirchner

Grünbein beruht und mit Bruno Ganz als Sprecher umgesetzt wurde. Hier sein
Staud erhält seine Inspirationen von musikalischen wie außermusi- Die Werke Stauds, Larchers und Ganders wer-
kalischen Quellen, etwa aus den Texten des polnischen Schriftstellers den mitunter auch in Tirol gespielt. Darüber
Bruno Schulz (1892–1942), von Landkarten, botanischen Begriffen oder hinaus sind Christian Reimeir und Ralph Schutti
einer Skizze von Wolfgang Amadeus Mozart. Sein Bestreben, in jedem zu nennen, die das Kompositionsstipendium
Werk etwas Neues zu versuchen, seine unglaubliche Präzision in der der Stadt Innsbruck 2010 dazu nutzten, für die
Ausarbeitung von Details, vor allem aber der Reichtum an Ideen in sei- Klang­spuren bzw. für die elfte Auflage von
nen Werken haben schon früh dazu geführt, dass er im Auftrag der Wie- „Komponisten unserer Zeit“ des Tiroler Kam-
ner und Berliner Philharmoniker, des Cleveland Orchestra und anderer merorchesters Innstrumenti zu komponieren.
internationaler Ensembles komponieren konnte. Im Juni 2011 führte das Schutti war mit einem „werk für orchester“ neben
Ensemble InterContemporain unter Susanna Mälkki Stauds Werk „Par Hannes Sprenger bei „Komponisten unserer
ici!“ erstmals auf, für 2012 schreibt Staud ein Stück für das Symphonieor- Zeit“ mit einer Uraufführung vertreten, Reimeirs
chester des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons, und auch mit Uraufführung „phen-ix“ wird bei den Klangs-
Durs Grünbein plant er eine weitere Zusammenarbeit im Operngenre. puren vom Trio Arbós interpretiert, das auch
Bernhard Ganders „Schlechtecharakterstücke“
... und Residenzen aufs Programm gesetzt hat. Thomas Amann
Ähnlich vielfältig zeigt sich auch der (Konzert-)Kalender von Thomas steuert zum Eröffnungskonzert der Klangspuren
Johannes Maria Staud erlebt 2012 eine Uraufführung Thomas Larcher, derzeit Composer in Residence des Mozarteumorchesters
Larcher, dessen Musik sich abseits des Kanons der Neuen Musik eta- das neue Orchesterstück „On Vanishing“ bei, das
durch das Symphonieorchester des Bayerischen Rund- Salzburg und im Wiener Konzerthaus | Foto: Richard Haughton
funks | Foto: Mateo Taibon bliert hat. Nach Auftragswerken für das San Francisco Symphony mit einer Kompositionsbeihilfe des Landes Tirol
Orchestra und das Südtiroler Festival VIN-o-TON im ersten Halbjahr entstanden ist, und Franz Baurs Oratorium „Die
2011 komponierte Larcher für das BBC Scottish Symphony Orchestra, Schöpfung“ erfuhr im Oktober 2011 seine Ur-

Internationale Töne Victoria Mullova (Violine) und Matthew Barley (Violoncello) ein Kon-
zert, das im August beim Festival BBC Proms in der Royal Albert Hall
aufführung bei Cultura Sacra in der Wallfahrts-
kirche Götzens, ein Kompositionsauftrag in
Zeitgenössische klassische Musik aus und in Tirol in London uraufgeführt wird. Im November 2011 war die Londoner Kooperation mit dem Tiroler Landesmuseum
Wigmore Hall Schauplatz eines Porträtkonzertes, bei dem Werke Ferdinandeum.
Larchers in unterschiedlichen Besetzungen gespielt wurden. In der Bleibt noch Florian Bramböck zu nennen, der
Als Ausgangspunkt zeitgenössischer klas- sischer Musik aus Tirol durch das Kammerorchester Innstrumenti und Saison 2011/12 fungiert Larcher zudem als Composer in Residence nach „Hofers Nacht“ eine weitere Oper im Auf-
sischer Musik ist Tirol offenbar ein guter das Tiroler Ensemble für Neue Musik, nicht zu vergessen die jährliche des Mozarteumorchesters Salzburg und im Wiener Konzerthaus – trag des Tiroler Landestheaters komponiert.
Boden. Eine ganze Reihe von Komponisten, Vergabe von Kompositionsstipendien durch die Stadt Innsbruck. und gestaltet dabei unter anderem auch ein Konzert mit Kindern, bei Sein Musiktheater „Der dritte Polizist“ nach
die hier geboren sind, hat sich in der inter- dem seine und andere Werke für Klavier aufgeführt werden. Flann O’Brien feiert im Mai 2012 Premiere in den
nationalen Musikszene etabliert und/oder Dort sein Bernhard Gander, zuletzt 2009 Composer in Residence bei den Klang­ Kammerspielen und wird eines sicherlich zei-
bespielt die Konzertpodien des Landes. Ist Tirol also ein Land der Neuen und anderer zeitgenössischer Mu- spuren, ist demgegenüber bei Ensembles wie dem Klangforum Wien, gen: Zeitgenössische klassische Musik in Tirol
sik? Ja und nein, könnte man sagen, denn auch wenn aus all dem in Donaueschingen und bei Wien Modern beheimatet. Als Anre- vereint viele Einflüsse in sich – von der Jazzmusik
Mit dem Begriff der „Neuen Musik“ und dem ein deutliches Bemühen um Heutiges erkennbar ist, so lässt sich gungen für seine Musik können Heavy-Metal-Zitate und Horrorfilme bis hin zu einem der skurrilsten Bücher der Welt-
Segment heutigen Musikschaffens, das er be- weiterreichendes Renommee doch nur im internationalen Kontext dienen, antike Sagengestalten oder auch der momentane Aufent- literatur.
zeichnet, assoziiert man in Tirol vor allem das erwerben. Komponisten wie Johannes Maria Staud (*1974), Bernhard haltsort des Komponisten, doch ist dieses Material in den Kompositio­
Schwazer Festival Klangspuren, das alljährlich im Gander (*1969), die beide seit vielen Jahren nicht mehr in Tirol leben, nen immer so ver- und bearbeitet, dass es kaum mehr erkennbar ist. Esther Pirchner
September stattfindet, vielleicht auch die avant- und Thomas Larcher (*1963) komponieren vor allem für Orchester,
garde tirol, die sich 2011 Rattenberg als Standort Ensembles und Solisten der europäischen und US-amerikanischen
gewählt hat. Kontinuierliche Aufbauarbeit – man Musikszene, während es sich für andere oft als schwierig erweist,
könnte auch sagen Aufbereitungsarbeit – leistet über die Grenzen Tirols hinaus wahrgenommen zu werden. Porträt Thomas Amann
seit Jahrzehnten die Galerie St. Barbara, wenn- Geboren 1978, studierte u. a. bei Beat Furrer und Chaya Czernowin. Seine Werke, darunter Roto-
gleich der Fokus dort mehr auf dem internationa- Internationale Größen … Spiegel (2008), transcription studies (2010) und transcripts on améry (2010), wurden zum
len als auf dem Tiroler Musikschaffen liegt. Dazu Als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten aus Öster- Beispiel bei den Internationalen Darmstädter Ferienkursen aufgeführt, wo er 2010 Stipendiat
Foto: Thomas Amann

kommen die Vergabe einzelner Kompositions- reich hat Johannes Maria Staud 2010/11 ein Jahr als Capell-Compositeur war. 2011 war er mit „On Vanishing“ bei den Klangspuren vertreten.
aufträge durch das Tiroler Symphonieorchester der Sächsischen Staatskapelle Dresden verbracht, wobei dies die Urauf-
Innsbruck, das Tiroler Landestheater und das führung dreier neuer Werke umfasste: „Tondo“, Preludio für Orchester,
Festival Musik im Riesen sowie eine fortgesetz- „Celluloid“ für Fagott solo und „Der Riss durch den Tag“ für Sprecher
te Aufführungstätigkeit zeitgenössischer klas- und Ensemble, Letzteres ein „Monodram“, das auf Texten von Durs

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Südtirol Holzschranken, Wasser, Geigen, Barbie: Musikalische Impressionen der besonderen Art ... | Manuela Kerer Südtirol Holzschranken, Wasser, Geigen, Barbie: Musikalische Impressionen der besonderen Art ... | Manuela Kerer

tungsgrenzen. Der englische Begriff sound impliziert dabei mehr als aufgrund der offenen Gestaltung des Systems
das deutsche Wort Klang die Einbeziehung von Geräuschen aller Art, nicht vorhersagbar.
die von Alltagsgeräuschen bis hin zu instrumentalen Klängen reichen. Hartwig Thaler hat mit „Ein Kind = die ganze
Besondere Geräusche bezog Paul Feichter in seiner Arbeit „3 Schran- Welt“ eine interaktive Klang-Skulptur für die
ken“ ein. Die Holzschranken werden horizontal bewegt, wodurch ein Ausstellung 50x50x50 artSüdtirol 2011 geschaf-
knarrender, manchmal singender Ton entsteht. Die Arbeit entstand fen. Sich nähernd löst der Betrachter mit Hilfe
2008 im Rahmen des Projekts VOR ORT in Völs am Schlern. mehrerer Bewegungsmelder eine eigens kon-
Albert Mayrs „Parcours rythmé“ erfordert eine Strecke mit räum- zipierte digitale Befehlskette aus, die in sich
licher „Rhythmisierung“ (durch Säulen, Bäume, Laternen usw.). Die intensivierende Klangreihen umgesetzt wird.
mit kleinen tragbaren Instrumenten ausgerüsteten Ausführenden Diese werden mittels Boxen übertragen, syn-
gehen die Strecke in einem von ihnen gewählten Gehrhythmus ab. chron dazu erscheinen blitzlichtartige Lichtim-
Nach einer für die jeweilige Situation erstellten Partitur machen sie pulse. Trommelstöcke animieren zum Bespielen
ihren Weg an den räumlichen Rhythmisierungselementen hörbar. der hängenden Kinderfigur.
Die Uraufführung der (bislang) letzten Version erfolgte 1981 im Log- Auch im Besucherzentrum Karersee kann man
giato degli Uffizi in Florenz. zum aktiven Mitspieler werden. Einerseits er-
In der Installation „800/20“ von Benjamin Tomasi (2008) wird das wartet einen dort ein Mythenraum, der nach
Flackern einer Kerze durch einen Schlitz eines ihr gegenüber ste- einem visuellen Konzept von Manfred Alois
henden Kartonschubers geworfen, in eine Sinusschwingung umge- Mayr und einer zugespielten Klangcollage von
wandelt und durch einen Lautsprecher wieder ausgegeben. Dessen mir mehrsinnlich in die Welt des Karersees ent-
Ton bringt die Kerze durch den entstehenden Luftdruck erneut in führt. Außerdem gestaltete Mayr einen Klangkör-
Bewegung, die Flamme übersetzt Luft in Bewegung. Ihr Input ist per bestehend aus Holz der Gegend, dessen Ton-
„3 Schranken“ von Paul Feichter | Foto: Paul Feichter

„Ein Kind = die ganze Welt“ von Hartwig Thaler | Foto: Georg Hofer Installation „800/20“ von Benjamin Tomasi | Foto: Privatbesitz

Holzschranken, Wasser, Geigen, Barbie:


Musikalische Impressionen der besonderen Art
im Grenzbereich bildender Kunst und Musik

K unst ist Luxus. In Zeiten von Finanzkrisen,


Hungersnöten und Kämpfen gegen Ty-
rannen mag dies manch einem so erscheinen.
verwunderlich, dass Musik und bildende Kunst seit jeher miteinander
verbunden sind. Ihre Beziehungen zogen sich historisch gleicherma-
ßen durch die theoretische Betrachtung wie durch die praktische
Kunst ist aber in jeder Beziehung lebensnot- Arbeit, die sich in wechselseitigen Beeinflussungen niederschlug
wendig. Sie erst erlaubt das Menschsein, ist ge- (denken wir an Mussorgskis Bilder einer Ausstellung nach Entwürfen
bunden an Kreativität, Mut zur Kritik, Willen zur von W.A. Hartmann oder an Schönberg als Maler). Zunehmend be-
freien Meinungsäußerung, Gestaltungskraft und ziehen bildende Künstler und Komponisten die andere Kunst in ihr
an die ganze Palette menschlicher Emotionen. Schaffen ein. So schrieb Eduard Demetz kürzlich das Stück „DOI“ (lad.
Insofern ist sie ein Erlebnis, das mehr als nur ei- zwei) für zwei Bassklarinetten und Samples und reagierte dabei auf
nen Sinn erfasst. Nicht umsonst entwickelte sich die manisch reduzierte und wiederholte Form des Themas „zwei“
das Wort „Ästhetik“ aus dem Griechischen aís- in den Werken von Hugo Vallazza, uraufgeführt anlässlich einer Aus-
thesis, „sinnliche Wahrnehmung“. Was liegt also stellung der Werke des verstorbenen Grödner Malers in Meran.
näher als eine Verbindung von Auge und Ohr? Trotz grundlegender Unterschiede (wie z.B. im Zeitphänomen) ist die
Auge und Ohr essen nämlich beide – und zwar Grenze zwischen bildender Kunst und Musik oft eine Gratwanderung.
gemeinsam – mit, oder können Sie sich vorstel- So versteht man unter soundart bzw. Klangkunst alle intermedialen
len, in den saftigsten, schönsten Apfel zu beißen, Kunstformen, in denen Klänge mit anderen Künsten und Medien zu
ohne dass es ordentlich knackt? So ist es nicht einem Kunstwerk verschmelzen, also ohne deutlich erkennbare Gat-

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Südtirol Holzschranken, Wasser, Geigen, Barbie: Musikalische Impressionen der besonderen Art ... | Manuela Kerer Südtirol Holzschranken, Wasser, Geigen, Barbie: Musikalische Impressionen der besonderen Art ... | Manuela Kerer

Umgebung zuerst einen neuen Raum hervor-


bringen, in welchem der Betrachter mit aufge-
nommen wird. Man könnte Klang aus seiner
Sicht auch als Atmosphäre übersetzen, aller-
dings würde die Wahrnehmung dann nicht nur
über das Ohr, sondern über alle Sinne erfolgen.
In diesem Sinne schuf er 2011 die Arbeit „Das
Gras wachsen hören“.
Auch in den Arbeiten von Daniel Oberegger
überschneiden sich verschiedenste Disziplinen.
So besteht seine „Sweet Barbie Suite“ aus 10
Kurzfilmen, die anhand der weltbekannten
Puppe aus Amerika zeigen, wie Oberflächlich-
keit wirkt. Musikalisch wurden u.a. der Barbie-
Große Schale in Toblach von Ulrich Egger | Foto: Privatbesitz Michael Stauder bei der Arbeit | Foto: Margareth Eisendle Song von „Acqua“ nach der Vorlage von Schu-
berts Variationen aus dem Streichquartett „Der
Das Gras wachsen hören von Wolfgang Wohlfahrt | Foto: Privatbesitz Tod und das Mädchen“ umgeschrieben.
anordnung ich festlegte. Der Besucher kann die Ein ehemals öffentlicher Telefonapparat steht
Hölzer im Vorbeigehen zum Schwingen bringen im Mittelpunkt von Hubert Kostners „Pronto“
oder länger verharren. Das Gebiet um den Karer- (2011). In Zusammenarbeit mit mir entstand
see ist bekannt für sein Holz, das u.a. zum Instru- dazu eine Klangcollage, die aus dem Telefon-
mentenbau bestens geeignet ist. Wer je einem hörer klingt und mentale Räume eröffnen will.
Instrumentenbauer über die Schulter schaute, „Pronto“ wurde in der Galerie „Kapsula“ in Ljubl-
wird mir recht geben, dass er die „Künste des jana ausgestellt und weist nicht nur auf unser
Auges und des Ohres“ wohl am vollendetsten wachsendes Kommunikationsdefizit hin.
vereint. Der derzeit einzige hauptberuflich tätige Von der Brisanz der Verbindung verschiedener
Geigenbauer Südtirols lebt und arbeitet in Wie- Kunstgattungen zeugt nicht zuletzt der vor
sen/ Pfitsch. Zu Michael Stauders Aufgaben zäh- Kurzem ausgeschriebene Ideenwettbewerb des
len beispielsweise Reparatur, Wartung, Restaura- Kulturvereins Transart, der Stiftung Museion
tion, Rückbau zu Barockinstrumenten, aber auch und des Südtiroler Künstlerbunds. Ziel war die
die Lösung von heiklen Klangproblemen bei al- Förderung der künstlerischen Auseinanderset-
len Arten der Streichinstrumente. Wasserhaus von Kontschieder-Kinkelin | Foto: Martin Geier zung mit der Ausdrucksform des Klanges, die
Die Natur und ihre Elemente schaffen immer sich spartenübergreifend auf die visuelle Kunst,
wieder Verbindungen von Musik und bildender die performative Kunst, die Architektur und alle
Kunst. So beschreibt Ulrich Egger mit seiner In- SweetBarbieSuite von Daniel Oberegger | Foto: Daniel Oberegger andere kreativen Ausdrucksformen der heu-
stallation im Park des Kulturzentrums Grand tigen Gesellschaft ausdehnt. Das Siegerprojekt
Hotel Toblach Wasser als Metapher für Musik. „SCORE“ der experimentellen Theatergruppe
Zwei wassergefüllte Schalen aus Edelstahl mar- Codice Ivan wurde im Rahmen von Transart
kieren die Pole einer „Wasserachse“. Das „Wasser­ 2011 uraufgeführt.
haus“ im Trojer- Gebäude in Algund hingegen „Der gebildete Musiker wird an einer Raffael’schen
war eine begehbare Installation von Thomas Madonna mit gleichem Nutzen studieren können
Kinkelin und Ewald Kontschieder. Kontschieder wie der Maler an einer Mozart’schen Symphonie.
sammelte dafür europaweit Aufnahmen, die mit Noch mehr: dem Bildhauer wird jeder Schauspieler
Wasser in Zusammenhang standen, und verwob zur ruhigen Statue, diesem die Werke jenes zu leben-
sie zu einer Art Klangerzählung. Kinkelin stattete digen Gestalten; dem Maler wird das Gedicht zum
die Trojer-Fabrikhalle dazu mit vier „goldenen“ Bild, der Musiker setzt die Gemälde in Töne um.“
Sälen aus. Wie recht Robert Schumann doch hatte!
Für Wolfgang Wohlfahrt ist Kunst die Natur des
Menschen. Gute Kunstwerke müssen in ihrer Manuela Kerer

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Südtirol Porträts | Manuela Kerer TirolTirol
Wenn
Wenn
bildende
bildende
Kunst
Kunst
auf Musik
auf Musik | Inge
triffttrifft | Inge
Praxmarer
Praxmarer

Ulrich Egger (geboren 1959 in St. Valentin auf der Haide)


Kunstakademie in Florenz, Abschlussdiplom 1985 im Fach Bildhauerei. Neben seiner künst-
lerischen Arbeit und seiner regen Ausstellungstätigkeit in Italien und im Ausland setzt sich
Egger mit dem Verhältnis zwischen Kunst und Architektur auseinander. Lebt und arbeitet in
Foto: Privatbesitz

Meran.

Paul S. Feichter (geboren 1964 in Luttach)


Fachschule für Bildhauer in St. Jakob und St. Christina, Eröffnung einer Bildhauerwerkstatt,
Arbeitsaufenthalt bei Heinz Oliberius, St. Wendel, D. Seit 1990 Teilnahme an internationalen
Symposien und Ausstellungen, u.a. in Südkorea und Japan. Lebt und arbeitet als freischaf-
Foto: Privatbesitz

fender Bildhauer in Luttach, Ahrntal.

Gerd Hermann Ortler (geboren 1983 in Südtirol)


Er studierte Saxophon an der „Konservatorium Wien – Privatuniversität“ und Jazz-Komposition
& Arrangement an der „Universität für Musik und darstellende Kunst Graz“. Ortler arbeitet als
Foto: Manfredo Weihs

Komponist, Arrangeur und Dirigent für zahlreiche Ensembles aus dem internationalen Jazz- und
Klassikbereich. Er lebt in Wien und ist Dozent für Komposition am „Vienna Music Institute“ Kon-
servatorium. Neben weiteren Anerkennungen erhielt Ortler ein Staatsstipendium für Kompo-
Ausstellungsansicht „Bernhard Leitner – Pulsierende Stille“, Innsbruck, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum | Foto: TLM
sition (BMUKK, Österreich) und den US-amerikanischen „DownBeat Student Music Award“.

Albert Mayr (geboren 1943 in Bozen)


Kompositionsstudien in Bozen, Florenz und Berlin. Assistent von Pietro Grossi am Studio für
elektronische Musik in Florenz. Lehrtätigkeit an der McGill University, Montréal (1970–73) und
Wenn bildende Kunst auf Musik trifft
Foto: Birgid Rauen

am Konservatorium in Florenz (1973–91). Zahlreiche Aufführungen und Präsentationen expe-


rimenteller Musik und Kunst in Europa und Nordamerika.

D ie Begegnung zwischen bildender Kunst und Musik, welche


sich direkt in den Kunstwerken zu manifestieren vermag, stellt
sich zum einen als ein spannender sehens- und hörenswerter Annä-
des Entstehens. „S. Angelo-Duke“ wurde, von der
Musik Duke Ellingtons begleitet, 1977 gemalt.
Zehn Jahre später entstand nach Bach-Kantaten
herungsversuch dar, zum anderen bringt sie Wechselbeziehungen die Serie „Umbria Cantata“. Die Musik der späten
Manfred Alois Mayr (Wohnort Meran /Atelier in Bozen)
der besonderen Art zum Ausdruck. Wie unterschiedlich und vielför- Beethoven-Quartette bestimmte „Umbria Quar-
Bildender Künstler; Diplom an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, anschließend
mig das Aufeinandertreffen geschehen kann, zeigen folgende Ar- tetto“ (1989). Das in Paestum entstandene Werk
mehrjähriger Lehrauftrag. Mayr arbeitet im Spannungsfeld von Bildkunst und Baukunst.
beiten zeitgenössischer Tiroler beziehungsweise mit Tirol in Verbin- „Poseidon Stomp“ (1992) sowie „Hongkong
Foto: Privatbersitz

Der Künstler thematisiert (Farb-)Räume zwischen Oberfläche und Konstrukt, analysiert Farb­
dung stehender KünstlerInnen. Ramble“ (2000) wurde von der Musik Jelly Roll
existenzen und Materialkörper formal, geographisch, soziologisch und kulturhistorisch. Zahl-
Mortons angeregt, „Luxor Swing“ (1997) basiert
reiche künstlerische Interventionen an öffentlichen und privaten Bauten.
auf Dizzy Gillespie und Stan Getz. Im Jahr 2001
Dixi, Jazz und Klassik entstand, von Miles Davies begleitet, die Serie
„California revisited“.
Daniel Oberegger (geboren 1971 in Bozen)
Für den 1932 in Innsbruck geborenen, vor Kurzem, am 16. Juli 2011 in Markus Prachensky hat die Musik stets bewusst
Komponist, Schriftsteller und Filmemacher. Film- und Fernsehschule ZELIG. Mitarbeiter für
Wien verstorbenen Maler MARKUS PRACHENSKY, stellt die Musik die ausgewählt. Es kam auf die Bildthemen an. Den
Foto: Daniel Oberegger

Musikkomposition von F. Valdambrini. Zahlreiche Kompositionen, darunter Kammermusik,


Basis vieler seiner Bildzyklen dar. Der Künstler, der 1952 nach Wien strengen Aufbau der Bach-Kantaten vermoch-
Orchesterstücke, Bühnenwerke. Video-, Audioproduktion und -installation für das Theater-
zog, um dort Architektur (Lois Welzenbacher) und Malerei (Albert ten so zum Beispiel die Bilder der Serie „Umbria
stück „Medea“, Theaterhaus Stuttgart 2011, Dozent bei der „Kompositionswerkstatt an der
Paris Gütersloh) zu studieren, unternahm stets zahlreiche Reisen. Sie Cantata“ mitzubestimmen. Markus Prachensky
Grenze“, Brenner 2011.
führten ihn unter anderem nach Paris, Berlin, Los Angeles und immer ist ein bedeutender Vertreter der abstrakten,
wieder nach Italien. Er benannte die Serien jeweils nach den Orten informellen Malerei. Er setzt die Pinselstriche,

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Tirol Wenn bildende Kunst auf Musik trifft | Inge Praxmarer Tirol Wenn bildende Kunst auf Musik trifft | Inge Praxmarer

welche Farbbalken bilden, breit und großzügig. die Meisterklasse von Eva Schlegel und Franz Graf an der Akademie
Dabei wird der Auftrag nicht dem Zufall über- der Bildenden Künste in Wien.
lassen. Seine Arbeiten werden vor allem von der Seit 1999 spielt die Künstlerin singende Säge. Sie tritt zusammen mit
Ratio, von einer eingehenden Auseinanderset- der Band „Nicky Swing & the Slaves of Beauty“ auf. Die singende Säge
zung mit dem Motiv und den Bildmitteln be- stellt auch einen Bestandteil ihrer Kunstprojekte dar, wie zum Beispiel
stimmt. in „Lautsägen“6, eine Text-, Laut- und Bildcollage. Der Text des aus
sechs Szenen und sechs Monologen bestehenden Stückes stammt
aus dem Dramolett „Buchstäblich sprechen“ von Jakob Lediger. Die
Steine, mythische Wesen und Handelnden sind die Buchstaben des Alphabetes. Ein Buchstabe
Börsendaten artikuliert nur ein Wort, an dessen Anfang er selbst steht. Inhalt des
Stückes sind die dadurch hervorgerufenen Einschränkungen und die
Steinerne Instrumente Versuche, sich trotzdem zu verständigen.
Wie kreativ das Aufeinandertreffen von zum Die bildliche Umsetzung erfolgt von Martina Gasser mittels Schwarz-
Beispiel Bildhauerkunst und Musik sich aus- Weiß-Dias, die auf eine im Raum schwebende Leinwand projiziert
wirken kann, veranschaulichen die abstrakten werden. Die Dias bilden die AkteurInnen des Stückes ab. Sie stellen
Plastiken von KASSIAN ERHART. Sie gehen auch Miniatur-Bühnenbild-Entwürfe dar, in denen die Architektur des
eine tatsächliche Verbindung mit Musik ein. Aufführungsortes eine wichtige Rolle spielt. Die Buchstaben, denen
Kassian Erhart – 1948 in Wenns geboren, als Jakob Lediger die Stimme verleiht, interagieren mit dem Publikum
Bildhauer geschult, als Lehrer in Elbigenalp und dem „Sägenparavent“. Hinter einem Paravent blitzt farbiges Licht
sowie am Bergbauernhof arbeitend, seit 1992 auf und der Blick fällt auf den Schattenriss der Sägespielerin.
als freischaffender Künstler tätig – gestaltet 2005 wird „Lautsäge“ als „Versägtes Dramolett“ anlässlich der „DaDa
Musikskulpturen, vor allem aus Stein und im Merz“-Veranstaltungsreihe von SyndikART, einem Kunstverein,
Holz. Diese sind sowohl Kunstobjekte als auch dessen Mitbegründerin Martina Gasser ist, aufgeführt. Weitere
Klang­instrumente, die bei konzertanten Auf- Musikprojekte mit singender Säge sind u. a. „Buch im Beisl“7, „Säge-
führungen verwendet werden. Zusammen mit zahn und Sinuswelle“8, „The Beggar’s Opera“9 sowie „Wohnt und
dem Tiroler Komponisten Günther Zechberger spielt in Ottakring“10.
entstanden zum Beispiel die Werke „Lithopho-
„Vanity and High Fidelity“, Julia Bornefeld, Innsbruck (Tiroler Landesmuseum „Der Spielzeuge“, Thomas Eisl, Silberne Kapelle, Hofkirche,
nie“1 und „Rondeau“2, mit dem Tiroler Gitarren- „wandelmaultrommelein“11 Ferdinandeum) 2010/11 | Foto: TLM Innsbruck 2011 | Foto: IP
spieler und Komponisten Gunter Schneider die Für den 1937 in Hall in Tirol geborenen und 1997 verstorbenen Künst-
Projekte „Stimmen der Steine erspüren“3 und ler GEORG DECRISTEL bedeutete Leben Kunst und Kunst Leben. Er
„Bewegungsklangschalen“4. bewegte sich in den Zwischenbereichen der Künste wie Musik, Lite- boren, studierte 1995 an der Universität Wien Kunstgeschichte und – einschließlich der Künstler selbst – hat an der ‚inter-
Kassian Erhart organisiert seit 1986 Symposien ratur, bildender und darstellender Kunst. Er reiste viel, liebte „strol- Philosophie, lehrt(e) an der Universität Innsbruck, Hochschule für aktiven’ Installation nicht mehr Einfluss als auf das
und Ausstellungen am Piller. Auf dem dortigen ling performances“ und „Intrigen“, hielt Lesungen und Workshops Musik und Darstellende Kunst Bern, Hochschule für Gestaltung und Börsengeschehen der internationalen Geldmärkte.“15
Skulpturenfeld Fuchsmoos sind sowohl Ar- in Europa und den USA. Jedoch war für ihn auch stets „die arbeit Kunst Zürich sowie an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Mit dem Titel stellt Thomas Feuerstein den Be-
beiten von ihm als auch von Veranstaltungs- dazwischen“ von gleicher Bedeutung. In seinem 1993 entstandenen Werk „Hausmusik“14 spielt, wie der Titel zug zur Geschichte, zum 18. Jahrhundert her,
teilnehmerInnen ausgestellt. Seit fünf Jahren Im Zentrum der Aktionen von Georg Decristel stand die Maultrommel bereits verrät, die „Musik“ eine zentrale Rolle. Es erfolgt eine kammer- denn sowohl die Internationalisierung des Geld-
beschäftigt sich der Künstler besonders mit mit ihrem ganz speziellen Klang. Er wird vor allem von Obertönen be- musikalische Aufführung mit Geige und Klavier. So weit, so vertraut. marktes als auch die Salonmusik gewann in die-
Klanghölzern, hierbei vor allem mit der Hasel- stimmt, die durch Änderung und Größe der Mundhöhle und durch die Der Bruch mit dem Gewohnten geschieht jedoch durch das Mitein- ser Zeit an entscheidender Bedeutung.
fichte. Im „FeuerWerk“ in Fügen fand im Jahr Atmung variiert werden können. Eine der wichtigsten Intentionen des beziehen neuer Medien. Die Generierung der Noten erfolgt über On-
2006 anlässlich einer Ausstellung mit Klang- Künstlers war es, „... in gemeinschaft mit anderen wo auch immer..“12, line-Daten, die mittels einer Standleitung der Post vom Börsendienst Performances von göttlichen und ganz
holzskulpturen die Aufführung „Wenns am Piller zum Maultrommelspiel zu verführen. Georg Decristel schrieb: „... (es der Firma Reuters übermittelt werden. Diese Daten basieren auf den irdischen Wesen
Haselfichte“5 statt. Derzeit zeigt Kassian Erhart geht) mir dabei um verführung zum maultrommeln, kunstvoll und lust- Bewegungen an den weltweiten Geldmärkten. Mit Hilfe von Rechnern Die Performance- und Videokünstlerin RENÉE
ebenfalls Skulpturen aus Holz im „Kunstforum voll geleistet, um verführung zu einer kunstübung in einem bereich unge- und entsprechender Software steuern sie, mathematisch statistischen STIEGER tritt seit 1988 mit verschiedenen Bands
Troadkastn“ in Kramsach. wohnter sinnesempfindungen, modifizierte realitätswahrnehmung för- Kriterien folgend, automatisch die Musikinstrumente, die zu Musikro- und seit 1994 unter dem Namen „SIRENÉE“ mit
dernd. um schallerzeugung im schatten, um minimalsierungserlebnisse.“13 botern werden. Aus den Werten der aktuellen Kursnotierungen ent- Soloprogrammen auf. Sie wurde 1969 in Inns-
Singende Säge wickelt sich das „Konzert der Konzerne“. Dies ist für den Künstler aber bruck geboren, wo sie heute wieder tätig ist,
MARTINA GASSER beschäftigt sich mit Fotogra- Das Konzert der Konzerne auch ein Konzert „... von einem Kollektiv weltweit verteilter Konsumenten. studierte an der Universität für künstlerische
fie, Malerei und Musik. Sie wurde 1975 in Inns- Thematisch umfassend und medial vielgestaltig zeigt sich die Arbeit Die Partizipation an und Interaktion mit dem technisch musikalischen und industrielle Gestaltung in Linz sowie an der
bruck geboren und besuchte von 1997 bis 2003 von THOMAS FEUERSTEIN. Feuerstein wurde 1968 in Innsbruck ge- Ensemble ist daher an reale Machtverhältnisse gebunden: Jeder Partizipient Universidad de las Bellas Artes in Barcelona.

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Tirol Wenn bildende Kunst auf Musik trifft | Inge Praxmarer Tirol Wenn bildende Kunst auf Musik trifft | Inge Praxmarer

In der ein Jahr später entstandenen Performance „Cygnus“ steht das


nördlich des Himmeläquators gelegene Sternbild des Schwans im
Mittelpunkt des Geschehens. Das lateinische Wort Cygnus bedeutet
Schwan, dessen Flug das Sternbild veranschaulicht. In der griechischen
Mythologie stellt der Schwan den Gott Zeus dar, der Leda verführte.

Geflügelte Wesen erscheinen auch im Werk von THOMAS EISL.


Engelsgleicher Gesang ertönte am 2. Juli dieses Jahres anlässlich des
Performance-Festivals „performIC“ in der Silbernen Kapelle der Inns-
brucker Hofkirche. Die Musikperformance „Der Spielzeuge“ wurde
mit einem Kammerensemble, bestehend aus Geige, Gitarre, Loco-
phone, Luftmatratze, Melodica, Scalyre, Stitchodeon und Vokalist zur
Aufführung gebracht.
Thomas Eisl, der 1947 in Wattens geboren wurde und seit 1969 in
London lebt, gestaltet allgemein irritierende Objekte und Installatio­
nen. Er bricht spielerisch und ironisch Konventionen.
Das gilt auch für die Musikperformances, die beim „Klangspuren
„Lixor Swing“, Markus Prachensky, 1997, Acryl auf „Lithophonie“, Kassian Erhart & Günther Zechberger, Skulpturenfeld Fuchsmoos, 1998 | Foto: Christian Unterhuber
Leinwand, Pra/M 970002 | Foto: Galerie Elisabeth & Klaus Festival zeitgenössischer Musik“ in der Kulturbackstube, Drei-
Thoman, Innsbruck heiligenstraße 21a, Innsbruck, am 23.09.2011 auf dem Programm
standen. Es handelt sich hierbei um „Der Leiermann“18, ein Stück für
Gesang, Trampolin, Geige und Klavier, sowie „Ad Hoctett für acht aus Kompositionen von Hartmann Campidell und aus der „Burgen- ständig verändernde Raumkörper auf. Es entste-
Renée Stieger schreibt und inszeniert ihre Musiker“19, mit acht neuen akustischen und verstärkten Instru- ländischen Suite“ Opus 41 von Rudolf Graf collageartig eingearbeitet. hen eigenständige Räume, die sich visuell nicht
Stücke selbst, tritt auch als Sängerin auf. Die menten und mechanischem Dirigenten. Die BesucherInnen können sich auf dem Plattenteller mit der Musik festmachen lassen und nicht von außen überblickt
Musik spielt in ihren Performances von Anfang von „Brasentina feat.Eke“ bewegen. werden können, hörbare, mit dem ganzen Körper
an eine bedeutende Rolle. Viele ihrer Projekte Dirigentin eines zur „Plastik gewordenen Orchesters“20 Für die Installation „Ariadne’s Steroid Centrifuge“ komponierte die spürbare, innere Räume. Leitner spricht von >kör-
entstanden in Zusammenarbeit mit dem Kom- Arbeiten von JULIA BORNEFELD stellen immer wieder Auseinanderset- Gruppe „sense of akasha“ die Musik. Der Song „Sehnsucht“ be- perhaftem Hören<, demgemäß die akustische
ponisten, Musiker und Sound Designer Markus zungen mit ihrer Familiengeschichte dar. Die Künstlerin wurde 1963 in gleitet das von Julia Bornefeld anlässlich der Landesausstellung Wahrnehmung nicht nur über die Ohren sondern
Reuter, so auch folgende zwei stellvertretend Kiel geboren und arbeitet heute vor allem in Bruneck (Südtirol/I). Sie „Labyrinth:Freiheit“ in der Franzensfeste 2009 geschaffene Werk, in über den ganzen Körper erfolgt, wobei jeder Kör-
genannte. studierte von 1984 bis 1989 an der Fachhochschule für Gestaltung in Kiel dem die Künstlerin in einem dunklen Raum mit Leuchtfäden umwi- perteil unterschiedlich gut >hört<“23.
Die Künstlerin setzt sich stets mit der Situa­tion sowie an der Accademia delle Belle Arti di Venezia bei Emilio Vedova. ckelte Planeten aufscheinen und erlöschen ließ. Diese beziehen sich Im Werk von Bernhard Leitner kommt es zur Be-
von Frauen, mit der Konstruktion weiblicher Julia Bornefeld stammt aus einer Musikerfamilie. Ihr Großvater auf den antiken Mythos von Ariadne und Minotaurus, der den gewalt- rührung mit Architektur, Skulptur und Ton. Zu-
Identität auseinander. Die Themen entnimmt Rudolf Graf war Komponist, Musikprofessor, Dirigent und Pianist. samen Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat22 verdeutlicht. nächst schuf er Skulpturen und Installationen,
Renée Stieger aus antiken Mythen. Gegenwart Er übte die Tätigkeit des Stadtkapellmeisters in Innsbruck aus. Die in der Folge abstrakte Räume. Mit der Verwen-
und Vergangenheit werden miteinander kon- Konfrontation mit der eigenen Geschichte und der Musik nimmt in Klang-Raum-Körper dung einer reduzierteren und strengeren For-
frontiert, die Mythen dabei unterwandert. ihrem Werk einen großen Platz ein. Die Auseinandersetzung kann BERNHALRD LEITNER wurde 1938 in Feldkirch geboren, lebte von mensprache erfolgte eine „... Verschiebung der
Im Steinbruch von Gavorrano in der südlichen zerstörerisch erfolgen, aber auch konstruktiv sein. 1939 bis 1956 in Innsbruck und studierte von 1956 bis 1963 Archi- Aufmerksamkeit von der visuellen zu klanglichen
Toskana ertönt täglich um acht Uhr morgens In „Fantasia e Bagatelle“ (2009) durchbohrt ein riesiges Messer einen tektur an der Technischen Hochschule in Wien. Er lebte in Paris, Wien, Ebene der Installation. In dem Moment nämlich, in
die Bergwerkssirene, um an die verunglückten Klavierflügel. Für die Künstlerin ist das Klavier ein Erziehungsinstru- New York und Berlin. Er nahm 1982 an der documenta 7 in Kassel und dem der Besucher nicht durch visuelle Reize unnö-
Arbeiter zu erinnern. Dort entstand 2005 die ment. „Ganze Generationen wurden am Klavier erzogen – auch ich. 1986 an der Biennale in Venedig teil. Von 1987 bis 2005 leitete er die tig abgelenkt wird, erhöht sich automatisch die
Performance „SIRenée mit Sirene“16, welcher Bis zum Heulen.“21 Auf den Notenblättern werden Videos projiziert, Klasse Medienübergreifende Kunst an der Universität für Angewandte akustische Aufmerksamkeit“24.
der griechische Mythos von den Sirenen, die die welche das traditionelle Frauen-Bild verdeutlichen beziehungsweise Kunst in Wien.
verirrten Seelen in die Unterwelt begleiten, zu- in Frage stellen. Das Werk von Bernhard Leitner verdeutlicht eine der konsequentesten
grunde gelegt wurde. Die Sirenen sind „göttliche Ein überdimensional großes Grammophon mit einem Trichter, der Auseinandersetzungen mit der Beziehung zwischen Klang, Raum und Rock and Roll, Funk und Klassik
Mischwesen aus Vogel- und Mädchenleibern, deren einer Blüte gleicht, sowie ein riesiger, runder, kreisender Plattenteller, Körper, die er seit Ende der 1960er-Jahre untersucht.
Aufenthalt man sich im Hades oder in himmlischen welcher entsprechend dem Parkettboden des Ausstellungsraumes Für Bernhard Leitner sind Klänge konstruktives Material, „... archi- „Disco Boys“ und „The Throat of Citzien
Sphären dachte. Als Himmelssirenen sind sie mit im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum gestaltet ist, bestimmt die tektonische Elemente, die einen Raum erst entstehen lassen. Töne be- Just“
bezauberndem Gesang oder instrumentalem Spiel Installation „Vanity and High Fidelity“ (2010/11). Aus dem Schalltrich- wegen sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten durch den Raum, Eine weitere Variante für bildende KünstlerInnen
begabt, als Hadessirenen sorgen sie freundlich für ter erklingt das Stück „High Fidelity“ für Klavier, Violine, Akkorden steigen auf und ab, schwingen hin und her und spannen innerhalb der sich mit Musik zu befassen, ist, in einer eigenen
den Verstorbenen oder klagen um ihn.“17 und Elektronik. In die Komposition von Ivo Forrer sind Fragmente statischen Grenzen des architektonischen Rahmens dynamische, sich Band zu spielen.

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Tirol Wenn bildende Kunst auf Musik trifft | Inge Praxmarer Tirol Wenn bildende Kunst auf Musik trifft | Inge Praxmarer

Medial vielseitig ist das Schaffen von HANS zum Ausdruck. Ihr Engagement zeigt sie als Mitglied der x-tra künst- den Niederlanden ausgebildeten Künstler Hartwig Thaler entstand im FUSSNOTEN
WEIGAND. 1954 in Hall in Tirol geboren, lebt und lerinnen kooperative Innsbruck, der artistinn-Plattform weiblicher Jahr 2009 das Werk „kkapelle“, zu dem Manuela Kerer das „Klangde- 1 Erstaufführung: August 1998, Piller.
arbeitet er heute vor allem in Wien, wo er von Kultur sowie Cunst & Co., Verein zur Förderung künstlerischer Tätigkeit. sign“ schuf. Diese Arbeit soll stellvertretend für die Kooperation mit bil- 2 Erstaufführung: Februar 2002, Innsbruck.
3 Erstaufführung: 2002, Piller.
1978 bis 1983 die Hochschule für Angewandte denden KünstlerInnen stehen. Der Raum der „kkapelle“ ist ein weißer 4 Aufführung: 2006, im Rahmen der Klangspuren
Kunst besucht hatte (Oswald Oberhuber). Eine musikalische Fiktion Kubus, der Dinge hörbar, Musik sichtbar macht. Er ist mehrteilig gestal- Schwaz.
5 mit Siggi und Juliana Haider.
Hans Weigand befasst sich in seinen Arbeiten Eine ganz spezielle Auseinandersetzung mit Musik veranschaulicht tet, sodass fünf Schau- und Höropern in fünf Akten mit jeweils zehnmi- 6 Erstaufführung: 30.10.2001, Semperdepot, Akade-
vor allem mit der Trivialität der Alltags-, der Pop- ANNA MITTERER in ihrem 2008 entstandenen Film „Sonate“27. Die nütigen Musikstücken zur Darstellung gebracht werden können. mie der Bildenden Künste, Wien; Konzept: Martina
Gasser & Jakob Lediger, Text: Jakob Lediger, Dias &
kultur, die er in der Malerei, Objektkunst, Grafik, 1980 in Innsbruck geborene Künstlerin studierte von 2000 bis 2005 Singende Säge: Martina Gasser, Bühnenbild: Mar-
Fotografie, Performance, Installation, Compu- an der Wiener Akademie der Bildenden Künste (Gunter Damisch), Der Komponist GÜNTHER ZECHBERGER, 1951 in Hall in Tirol geboren, tina Gasser & Jakob Lediger, Lichttechnik: Gerhard
Grassböck.
terkunst, Film, Video und nicht zuletzt in der zuvor, von 1999 bis 2003, Philosophie und Musikwissenschaft an der dort lebend, Mitbegründer des „Tiroler Ensemble für Neue Musik“, 7-8 Aufführung: 2008, Café CI, Wien, komponiert von
Musik zum Ausdruck bringt. Universität Wien. Heute ist sie in Österreich und Irland tätig. geht ebenfalls immer wieder ganz spezielle Beziehungen mit der Erik Janson, gemeinsam mit Christoph Theiler,
Renate Pittroff und Jakob Lediger.
Bereits 1977 schuf der Künstler die Fotoserie­ In „Sonate“ thematisiert Anna Mitterer die Beeinflussung der Formung bildenden Kunst ein. Ein Beispiel dafür stellt die bereits eingangs 9 Aufführung: 2009, Café Deniz, Wien, Auftritt mit
„Disco Boys“, dessen Titel auf einen Song von der Realität durch die Erinnerung. Die Künstlerin beauftragte den Wiener erwähnte Zusammenarbeit mit dem Bildhauer Kassian Erhart dar, Paul Roza.
10 Aufführung: 2006, Weinhaus Sittl, Wien, mit marri-
Frank Zappa zurückgeht. Hierbei wird der Komponisten Alexander Wagendristel, sich mit der „Sonate de Vinteuil“ dessen Kunstobjekte Klanginstrumente darstellen, Blas- und Schlag- time & the playback orkestar.
Körper als Projektionsfläche männlicher Kli- auseinanderzusetzen, die im Werk „A la recherche du temps perdu“ (auf instrumente sowie steinerne Violinen angeben. Als Komponist hat 11-13 www.kunstradio.at/SPECIAL/DECRISTEL
(18.07.2011).
scheebilder genutzt. der Suche nach der verlorenen Zeit) von Marcel Proust vorkommt. In Günther Zechberger hierbei, wie er selbst sagt, auf eine besondere 14 Idee und Konzept: Thomas Feuerstein, Computer­
Als Musiker, der Hans Weigand auch selbst ist, der Violinsonate wird gleichfalls die Verschiebung der Realität zum Aus- Weise deren Klangfarben, Dynamik etc. gerecht zu werden. programm: Mathias Fuchs, Organisation: Klaus
Strickner, Musikroboter: Mia Zabelka, Martin
sind ihm diese Posen nicht fremd. Zusammen mit druck gebracht, denn weder sie noch der Komponist Vinteuil existieren Zusammen mit der Tiroler Künstlerin Margret Wibmer entstand „Off Ritsches.
dem international bekannten bildenden Künst- real, sie sind Erfindungen des Dichters. „In dem Projekt (...) geht es nicht the Wall“30, eine interaktive „Virtual Reality Opera“, welche im Jahr 15 http://feuerstein.myzel.net/hausmusik/haus.html
(12.07.2011).
ler Raymond Pettibon stellte er erst kürzlich eine um die Rekonstruktion der Sonate von Vinteuil, sondern um das Beschreiben 2000 im Museum de Beyerd Center of Contemporary Art in Brede 16 Stimmimpro, Handsirene: Renée Stieger, Electro-
(Rock-)Band zusammen, die am 2. März 2010 im eines mentalen Prozesses, dem Moment der memoire involontaire, der un- (NL) uraufgeführt wurde. Die Künstlerin erscheint als virtuelle Skulp- nics: Markus Reuter.
17 Hunger, Herbert: Lexikon der griechischen und
Museum für Angewandte Kunst25 in Wien auftrat: willentlichen oder intuitiven Erinnerung. Aber eben auch um den Moment tur, mit einem gelben Gummianzug bekleidet, sowohl im Raum als römischen Mythologie, Wien 1976, S 378.
Musik und Gitarre von Hans Weigand, Videos der Rezeption; wie der innere Vorgang der Rezeption eines Kunstwerkes mit auch auf den Screens. Skulptur und Raum sind weitgehend abstra- 18-19 mit Michael Cede, Kerstin Gieber, Linja Meller, Mi-
lena Meller, Nikolaus Messner, Klaus Niederstätter,
und Talk von Raymond Pettibon. Für die CD „The den Mitteln von Bild und Ton reflektiert werden kann.“28 hiert. Der Raum auf den Screens ist schwarz, jener, in dem sich die Andreas Schiffer, Walter Singer.
Throat of Citzien Just“ schrieb Raymond Pettibon Künstlerin bewegt, entspricht einem „Galerieraum“, der an der Decke 20 Julia Bornefeld: Vanity and High Fidelity, Studio-
hefete 06, Innsbruck (TLMF) 2001, S. 42-43.
die Lyrics, die Musik Hans Weigand. mit Kameras ausgestattet ist. Günther Zechberger hat diesen durch 21 www.ndr.de/kultur/kunst_und_ausstel-
Wenn Musik auf bildende Kunst trifft seine Soundkomposition strukturiert. Ausgehend vom Gummianzug lungen/schleswig-holstein/bornefeld101.html
(17.07.2001).
„The Frog Band“ wurden von ihm Töne von spezifischer Dynamik, Frequenz, Klang- 22 nach Robert von Ranke-Graves (1895 London –
Die musikalischen Protagonisten der 2002 ge- MANUELA KERER schreibt über ihre Arbeit „Meine Musik lebt vom farbe und Länge generiert. Diese werden von den Bewegungen der 1985 Mallorca), britischer Schriftsteller und
Dichter.
gründeten, fünfköpfigen „frog band“ sind hin- Alltag und ist von ihm inspiriert. Ich verwende Wasserklänge in Orches­ virtuellen Skulptur, diese wiederum von jenen der BesucherInnen, 23-24 Liewehr, Fiona, www.georgkargl.com/en/fine-arts/
gegen aus Plastik. Sie wollen mit ihrem funky terwerken, Live-Klänge in elektroakustischen Stücken, Strafgesetze für die sich im Aktionsraum gleich einer Computer-Mouse bewegen, be- pressetext/bernhard-leitner-earspacebodysound
(17.07.2011).
Hit mit dem Titel „baby jump“ ganz nach oben. Kammermusik oder möglichst lebensnahe Klänge und kaputte Töne stimmt. „Bild“, „Ton“ und „PerzipientIn“ bedingen einander, woraus 24 Bernhard Leitner www.bernhardleitner.at/en
DANIELA SPAN hat ihren Auftritt im Video „green für Gesangswerke. Musik ist mehr als die Abfolge von Tönen, mehr als sich unendlich viele Möglichkeiten einer eigenen Komposition und (17.07.2011).
25 Mac Nite c spezial, Wien, weitere Bandmitglieder:
machine – the frog band ist da!“26 festgehalten. die Summe rhythmischer Muster oder dynamischer Ereignisse, lässt sich Choreografie ergeben. Stefan Bidner (Vocals), Albert Mayer.
Der erste Proberaum der Band war ein Tümpel nicht mit Worten erklären. Musik will gespürt, geschmeckt, er- und ge- 26 2003, Music-DVD, daniela span – idea & artwork:
Julia Wallnöfer, realisation & cut: Christian Kuen,
in der Nähe der ehemaligen Weyrerfabrik in Inns­ lebt werden, und ist Erlebnis, das mehr als nur das menschliche Gehör camera: Georg Peneff, music, produced by zzapp
bruck. Bühne und Zuschauerraum befinden sich erfasst und ganzheitlich wahrgenommen werden will. Der Mensch ist tv, dedicated to johannes atzinger & club orchi-
dee.
auf schwimmenden Inseln mit tropischen, eben- Bestandteil meiner Musik, das Total seiner Sinne, das Leben. Die ganze Überraschende Wechselbeziehungen 27 16mm/DVD
Original Soundtrack Alexander
falls aus Plastik geformten Gewächsen. Welt klingt.“29 Wagendristel
(Hommage à Vinteuil),
Violine:
Bojidara Kouzmanova,
Piano: Kaori Nishii, Recording
Die weiblichen Fans stellen Barbie-Puppen dar. Manuela Kerer, 1980 in Brixen (Südtirol/Italien) geboren, studierte Wenn bildende Kunst auf Musik, aber auch Musik auf bildende Kunst Egineer: Heinz Kohlbauer,
Camera: Peter Pulker,

Für Daniela Span verkörpern sie das Schönheits­ Violine und Komposition am Tiroler Landeskonservatorium sowie treffen, können sich ganz spezielle Wechselbeziehungen ergeben. Editing Silvia Schönhardt,
Swann Alexander:
Emanuely
Odette, Anna Mitterer, 16mm Film,
ideal und die von Männern bestimmten Bilder Rechtswissenschaften und Psychologie an der Universität Innsbruck. Diese knapp gefasste Recherche zeigt das breite Spektrum der inno- digitalised (DVD), 6.20 min,
der Geschlechter. Im Vordergrund stehen Ju- Ihre Kompositionen sind außergewöhnlich, unter anderem schuf sie vativen und spannenden Projekte seitens der KünstlerInnen. Die hier 28 www.annamitterer.net/wp-content/uploads/port-
folioweb.pdf (18.07.2011). 29 www.hartwigthaler.
gendlichkeit, Fitness, im Hintergrund Schönheits- „son moussant“, eine akustische Inszenierung des Ferdinandeums als angesprochenen Arbeiten verdeutlichen die Vielfältigkeit der Formen de/kkapelle/ (18.07.2011).
operationen, Diät, Mode-, Pharma- und Kosmetik­ Gebäude, „tickende polli“, eine Kurzoper sowie „Die Prozession der der Auseinandersetzung. Sie stecken die Grenzen ab, übertreten tra- 30 construction of robot for QuickTime VR recording;
Rens Veltman, image and sound control: Tommi
industrie. Für die in Innsbruck tätige Künstlerin Käfer“, eine Hausoper, welche in Privatwohnungen zur Aufführung ditionelle Vorstellungen von bildender Kunst ebenso wie Musik, ganz Bergmann, motion tracking/mathematical opera-
spielt in ihren Arbeiten die Auseinandersetzung gelangte. im Sinne von Manuela Kerer: „Musik ist mehr“, „Kunst ist mehr“! tions: Heiko Lochas, motion tracking/translations
into computer language; Daniel Fischer.
mit vor allem weiblichen Klischeebildern eine Aus der Zusammenarbeit mit dem 1962 ebenfalls in Brixen geborenen
zentrale Rolle. Dies kommt auch in ihrer Biografie und arbeitenden, an der Kunstakademie in Arnheim und Enschede in Inge Praxmarer

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Südtirol Die neue Befindlichkeit der Singer/Songwriter | Eva Reichegger Südtirol Die neue Befindlichkeit der Singer/Songwriter | Eva Reichegger

Musiker Joerg Hansen ins Leben gerufen wurde. Der Begriff Indie Ebenfalls gefühlsbetont zeigt sich der Songwri-
verweist hier auf die klare Einstellung des Künstlers, die Do-it-your- ter Patrick Strobl (25) aus Schlanders, der unter
self-Philosophie, fernab von Hype und mit Nähe zur Bescheidenheit. dem Namen Patrick & Co. auftritt, und – wie
Auch lassen sich hier Bezüge zu weiteren aktuellen hiesigen Singer/ vor allem die gemeinsamen Auftritte seiner
Songwritern entdecken, die dieser Denkweise nahe stehen. seit Kurzem nicht mehr aktiven Band Looky­
Zu erwähnen sind diesbezüglich auch die Bozner Musiker Willy Theil butnotouchy gezeigt haben – ein Gespür für
(25) und Armin Huber (26) mit dem gemeinsamen Projekt Wiarm. Songwriting mit hohem Popgehalt hat. Mit
Aufgrund ihrer Herangehensweise und ihrem Zugang zum Musik- Lookybutnotouchy, die sich 2010 bei der Süd-
machen können Wiarm, deren Bandname sich aus den Anfangs- tirolvorentscheidung des „International Live
buchstaben ihrer Vornamen zusammensetzt, ebenfalls dem Genre Awards“ durchsetzten konnten, kombinierte er
Songwriter zugeordnet werden. Spielten Wiarm auf dem Debütal- Pop, Folk und sonnigen Reggae; auf Solopfaden
bum „Dreamland“, das im April 2011 über das Indie-Label „LaGrind steht vor allem Folk-Pop im Mittelpunkt, so wie
Noire“ im „Büchle“-Format erschien, noch vorwiegend eine poppige beispielsweise auch bei Christian Pitschl aus Bo-
Mischung aus Indie-Rock und Electronic (auch Indietronic genannt), zen/Wien und seiner Begleitband. Chris & The
so war bereits damals in einigen ihrer Songs ein leichter Folktouch Other Girls gaben im Frühjahr 2011 bekannt,
festzustellen. Wiarm haben ihr Akustik-Konzept weiter ausgebaut nach beinahe 4 Jahren erstmals wieder neue
und konzentrieren sich in neuen Songs mehr denn je auf Indie-Folk, Aufnahmen für den Nachfolger zum Debütal-
der traditionellerweise wichtiger Bestandteil der Singer/Songwriter- bum „They Will Say I’ve Been Trying Too Hard“
Szene ist. Selbst definiertes Ziel für Wiarm ist es, neue Klänge oder in Berlin eingespielt zu haben. Ebenso arbeitet
Genres zu vereinen. Der verträumte Ansatz bleibt dabei in ihrer Mu- auch Patrick Strobl, der seine Texte in Eng-
sik erhalten. Dies ist auch im Stil von June Niesein, mit bürgerlichem lisch und teilweise im Dialekt („Huck die her“,
Kurt J. Moser live bei Radio Freier Fall, Juli 2008 | Foto: Reinhold Giovanett Namen Michael Della Giustina aus Waidbruck/Wien, wiederzufinden. „Nit aloan“) verfasst, derzeit mit seinem neuen
Der junge Songwriter untermalt Indie-Pop/Folk und Alternative mit Bandprojekt Mainfelt an einem ersten Album
elektronischen Effekten und setzt dabei großteils auf Lo-Fi. und hat – wie Moser, Marcher oder Pitschl –
Nun malt der Begriff Liedermacher das erwähnte imaginäre Bild vor auch melancholische Songs im Repertoire.
Die neue Befindlichkeit Augen, das einen Musiker mit Gitarre zeigt. Leider entspricht diese Erkennbar ist diese textinhaltliche Entwicklung
Vorstellung auch in Südtirol noch immer dem Stand der Dinge. Song- der Singer-/Songwriterszene ansatzweise eben-
der Singer/Songwriter writerinnen gibt es nach wie vor wenige, darunter Stefanie Marcher falls beim Interpreten Dor Doggi Sing’, Markus
aus Luttach/Montal, die auf ihrem 2009er Album „Both Sides“ ruhige, Dorfmann aus Brixen. Zwar ist er hierzulande vor
poppig zarte Stücke mit eingängigen Melodien präsentiert, die u.a. allem für seine Witzeleien oder gesellschaftskri-

L iedermacherInnen sind MusikerInnen, die


sich ihre eigenen Lieder schreiben und diese
ohne großen Aufwand auf die Bühne (oder auf
hat die Liederszene auch hierzulande weiter an Form angenommen
und bietet dennoch genug Freiraum, den Songwriter und seine
Texte im Mittelpunkt stehen zu lassen. Es spiegelt sich also auch in
mit Hubert Dorigatti an der Gitarre und Klaus Telfser am Bass einge-
spielt wurden. Auf der Bühne ist Marcher selten zu sehen.
tischen, teils politischen Songs bekannt, und
sein Lied „Dor Franz vom Grödnertol“ lässt sich

Tonträger) bringen. LiedermacherInnen nutzen unserem Land wider, was die internationale Ebene auszeichnet – mit
dabei die deutsche Sprache, wobei in den Tex- einer zeitlichen Verzögerung von ca. 5 Jahren. Die Richtung zeigt Willy Theil von Wiarm live bei Radio Freier Fall, April 2011 Michael Della Giustina (June Niesein) live im Jugend-
ten betont Wert auf „Qualität” gelegt wird, ob jedoch ganz deutlich, dass ein Bezug zur Aktualität gegeben ist. Fotos: Reinhold Giovanett zentrum Ufo Bruneck, März 2010

dies nun die eigene Befindlichkeit betrifft oder Der am Deutschnonsberg ansässige Singer/Songwriter Kurt J. Moser
die eventuell behandelten gesellschaftlichen (37) hat Ende 2009 sein Debütalbum „Permeable Tents“ veröffent-
Themen. Singer/Songwriter nutzen im Gegen- licht, mit dem er wie auf seinem 4-Track-Demo „How Has Life Been
satz dazu die englische Sprache und lassen sich Treaten You?“ abseits von seinem Münchner Bandprojekt Shape SP
auch nicht wirklich allein auf das Bild Gitarre im Alleingang mit Gitarre und Stimme zu hören ist. Die Aufnahmen
und Mikrophon reduzieren. sind minimalistisch arrangiert, das Hauptaugenmerk ist auf das We-
Der Songwriter mit starkem Bezug zur Gegen- sentliche gerichtet: traurig ummalte, sehr reduzierte Gitarrensongs,
wart setzt auch in Südtirol verstärkt auf Melan- dominiert von gefühlsbetonter Melancholie, die Mosers Stärke zei-
cholie, Gefühlsbetontes fernab von Pathos und gen. Vor Sensibilität wird hier nicht gescheut. Sein zweites Album
Persönlichem; seine Songs werden nicht mehr arrangierte der Songwriter erstmals banddynamischer, um es auch
ausschließlich alleine, sondern teilweise mit Be- mit Liveband auf die Bühne bringen zu können. Die Grundstimmung
gleitband umgesetzt und dementsprechend ist dunkler als auf dem Debüt und beide Alben sind über das Indie-
musikalisch durchdachter arrangiert. Dadurch Label „No-Concept Recordings“ erschienen, das vom Münchner

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Südtirol Die neue Befindlichkeit der Singer/Songwriter | Eva Reichegger Tirol Aus den unendlichen Weiten von Jazz, Rock und Pop | Esther Pirchner

Patrick Strobl (Patrick & Co., Mainfelt, Lookybutnotouchy) Max von Milland live bei Radio Freier Fall, Juli 2010 | Fotos: Reinhold Giovanett
live bei Radio Freier Fall, Juni 2010

gut mit Sepp Messner Windschnur’s „Beppo del


Trentin“ aus den frühen 80er-Jahren verglei-
chen. Dennoch lässt sich in Dorfmanns neuen
Songs neben Komik und Kritik letztlich gar Trau-
rigkeit erkennen. Persönliches wird nicht mehr
ausgeklammert, wie etwa im Song „Sorgn um
di“, der die Frage aufwirft, wie es seiner kleiner
Tochter später wohl in der großen weiten Welt Dubduo Hey ø Hansen: erfolgreiche Tiroler in Berlin | Foto: Hey ø Hansen
ergehen mag. Doggi gehört aber vor allem, wie
auch Sepp Messner Windschnur oder Christoph
Gasser und Lukas Steinmair von Matschedonia
(„Puschtra zi sein“), zu den Liedermachern der Aus den unendlichen Weiten von
alten Schule mit starkem Bezug zur Heimat.
Dies liegt nicht nur an den Inhalten, die in ihren Andreas Unterholzner (Underwood) live bei Radio Freier Fall, März 2010
Foto: Roland Leitner
Jazz, Rock und Pop
Songs dargelegt werden, sondern auch an der
Verwendung des Dialekts als Textsprache. Eine Auswahl nach Vorlieben von Esther Pirchner
Heimatverbunden tritt auch der 25-jährige Max
Hilpold auf, der wie bereits Dominik Plangger Diese Vorgehensweise findet sich beim Meraner Andreas Unterholz-
aus Stilfs beim Liedermacherfestival „Songs an
einem Sommerabend“ in Bad Staffelstein (D)
aufgetreten ist. Mit seinem Künstlernamen Max
ner (35), Mitglied der Coverbands No Way Out und Bluestorm sowie
Amanecer (Gitarrenduo für klassische Musik), in konkretisierter Form B ands und Solisten in und aus Tirol gibt es wie Sand am Meer, in
nahezu jeder musikalischen Ecke, von Jazz bis Reggea, von Rock
bis Dancefloor. Einen Tiroler Stil gibt es nicht, weshalb hier nur einige
Innsbruck ist ein guter Rahmen für kleine, feine
Konzerte, die Kreativ Selch in Zirl initiiert immer
wieder Projekte für und mit Tiroler Musikern
wieder: Unter dem Namen Underwood hat der Songwriter einen
von Milland schlägt der junge Liedermacher mutigen Versuch gewagt und überzeugend umgesetzt; sein Soloal- Streiflichter auf das vielfältige Schaffen möglich sind. und anderen kreativen Köpfen. Das Kulturlabor
eine direkte Brücke zu seinem Heimatort, die bum „Moving Alone – Music for Loop Station and Solo Guitar“ (2010) Stromboli in Hall ist Heimat für DJs der ersten
auch in seinen Texten wiederzufinden ist. Hil- beinhaltet ausschließlich Songs, die mit akustischer und elektrischer 1. Verortungen Stunde und viele andere, die Alte Gerberei der
pold war als Jugendlicher mit seiner Poprock- Gitarre, Loop Station und Effektpedal umgesetzt wurden. Auf diese Musik braucht Raum: zum Proben, zum Aufführen, für Aufnahmen. Musik Kultur St. Johann ein Zentrum experi-
Band Zaiocane in Berlin unterwegs und schreibt Weise hat Unterholzner sogar ein komplettes Bühnenprogramm Vor allem Ersteres ist in Tirol schwierig. In einem Land, in dem Raum menteller Auseinandersetzungen. Die Worksta-
seit Anfang 2010 thematisch die Rückbesinnung zusammengestellt und ist ein treffendes Beispiel dafür, dass dem grundsätzlich knapp bemessen ist, fehlt oft der Platz dafür, Musik tion, Probenort für mehr als zwanzig Bands und
aufs Heimatland und den Konflikt zwischen modernen Liedermacher auch im Alleingang (und ohne Texte) mit entstehen zu lassen, aber auch dafür, sich mit anderen auszutau- Einzelkünstler, feiert 2011 ihr 20-jähriges Beste-
Großstadt und Heimweh groß. Sein Konzept ist wenigen Mitteln ausreichende Möglichkeiten offen stehen. schen. Manchem in den letzten Jahren verschwundenen oder in sei- hen, das Treibhaus teilt seine Aufmerksamkeit
dementsprechend einfach gestrickt; Songs und ner Funktion eingeschränkten Ort wie dem Kulturgasthaus Bierstindl zwischen internationalen Musikgrößen und Ti-
Texte sind simpel gehalten und werden bei Live- Eva Reichegger oder dem Kulturcafé Propolis in Innsbruck stehen glücklicherweise roler Musikern unterschiedlichster Genres und
auftritten manchmal mit einer Loop Station als andere gegenüber, die neu entstanden sind, oder solche, die seit Bekanntheitsgrade. Daneben hat es eine Daten-
Begleitung umgesetzt. vielen Jahren Musikern und Bands Rückhalt geben. Die Bäckerei in bank jener Tiroler Musikschaffender angelegt,

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Tirol Aus den unendlichen Weiten von Jazz, Rock und Pop | Esther Pirchner Tirol Aus den unendlichen Weiten von Jazz, Rock und Pop | Esther Pirchner

von Österreich 1 ausgezeichnet – zuletzt im Juni 2011 für ihre CD mit


Mahler-Liedern –, beackern Franui fröhlich und unbekümmert das
Feld der klassischen Musik, ohne ihre Vorlagen als unverrückbare
Monumente zu begreifen. Ganz nach dem Muster zeitgenössischer
kreativer Prozesse entstehen so neue Kleinodien aus bestehendem
Material.
Darin findet sich ein Berührungspunkt zu Akkosax – Akkordeonist
Siggi Haider und Saxophonist Hannes Sprenger –, die viel Musik für
Theater, Hörspiele und Filme geschrieben und gespielt haben und
sich die Musik von Werner Pirchner auf besondere Weise zu eigen
machten. Ihre eigenwillige, dabei berührend schöne Klangsprache
brachte ihnen 2009 den Austrian World Music Award ein.

4. Krachmacher und Leisetreter


Doch keiner lebt von Jazz, Improvisation und Klassik allein, und
erfreulicherweise gibt es viele parallel existierende oder sich über-
schneidende Szenen in Tirol. Ein besonders vielschichtiges musika-
lisches Konglomerat bietet die Innsbrucker pmk, wo Hip-Hop und
Noise Rock, Cowpunk, DJ-Events und Singer/Songwriter Platz finden
und wo man sich im Juni 2011 beim ersten Heart-of-Noise-Festival
von den Qualitäten von Lärm überzeugen konnte. Und weil wir ge-
rade beim Lärm sind: Mit dem Quartett Bug aus dem Workstation-
Umfeld, dem Soundtüftler Brttrkllr und Hornyphon kann Tirol auf
drei Krachmacher reinsten Wassers verweisen, die – entweder mit
elektronischen Mitteln oder in der klassischen Besetzung Gitarre,
Wenn die pmk feiert, ... ... kommt die halbe Stadt | Fotos: Pirchner Bass, Schlagzeug, Gesang – ebenso laut wie kreativ sind.
An einem anderen Ende des Spektrums werkt das aus Tirol stam-
mende und in Berlin lebenden Dubduo Hey ø Hansen entspannt und
die mit dem Haus in enger Verbindung stehen: sikalischen Spur zu folgen. Aktuelle und vergangene Projekte fügen zurückgelehnt, an einem weiteren die Singer/Songwriterin Soe
junge Formationen und alte Hasen (und auch sich zu einem vielfarbigen Bild: Mit Paint erforscht er als Improvisator Tolloy mit Folkmusik von internationalem Zuschnitt. Dazwischen
ein paar Karteileichen). die Jazzmusik. 6to6 String Dezibel entstand als Gitarrenprojekt auf tummeln sich Ska-Bands, Punk-Bands und Funk-Bands, Rapper, DJs
einem weiten Experimentierfeld. Elektro Farmer wurzelte in Post- und Reggea-Formationen – viel Hörenswertes, viel Eigenwilliges,
2. Hänse unter Dampf rock und seltsamem Folk. Mit Giant Dwarf wendet sich Philadelphy vieles, was einfach Spaß macht: dem Publikum, den Veranstaltern
So mancher Hansdampf in allen Gassen findet mehr der Rockmusik zu, solistisch widmete er sich beispielsweise und sicher auch den Musikern selbst.
dort Erwähnung. Der Saxophonist Florian Bram- der Interpretation von Texten Robert Gernhardts. Neuere CD-Veröf-
böck zum Beispiel, ein Alleskönner mit eigenem fentlichungen umfassen eine Kollaboration mit Wolfgang Mitterer, Esther Pirchner
Ton, der die österreichische Jazzmusik seit vie- einem weiteren Tiroler von Renommee, und Josef Klammer (Bad-
len Jahren entscheidend mitprägt: als Mitglied minton: „playing“) sowie das laut Eigendefinition im Bereich Blues,
des Vienna Art Orchestra, von Saxofour oder Jazz und Rock angesiedelte Album „Inugami“ der Formation Missing
dem Jazzorchester Tirol. Oder Hans Platzgumer, Dog Head.
der auf Wegen und Umwegen von der Punk- Porträt Wolfgang Mitterer
musik zur Elektronik gelangt ist, dessen Bands 3. Ausgezeichnete Randzonen Der aus Osttirol stammende Komponist und Musiker Wolfgang Mitterer könnte hier auch
und Kooperationen (von HP Zinker bis zu den Wer in Tirol nach Musik mit Geist und Inspiration forscht, wird oft in für die zeitgenössische klassische Musik stehen, ist er doch ein Grenzgänger, der verschiedene
Goldenen Zitronen) ungezählt sind und der als Randzonen fündig. Wo ließen sich Bands wie Franui, Akkosax, der
Foto: Wolfgang Mitterer

Genres miteinander verbindet. Seine (Groß-)Projekte vereinen Improvisation und Elektronik


Autor ebenso reüssiert wie als Komponist von Hang-Spieler Manu Delago oder die luftigen Blushing Melons ein- und binden mitunter auch Blasmusik u. ä. mit ein.
Film- und Theatermusiken. ordnen, wenn nicht abseits des Mainstreams und auf jeweils ihrem
Ein nicht ganz so bekannter Vertreter mehre- eigenen Planeten? Franui sind nach ihren Ursprüngen Volksmu-
rer Genres ist der Gitarrist Martin Philadelphy, sikanten, lieben das romantische Lied von Brahms, Schubert und
doch gerade deshalb lohnt es sich, seiner mu- Mahler, frönen dem Trauermarsch. Zweifach mit dem Pasticciopreis

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Südtirol Spiele braucht das Volk. Gedanken über den Südtiroler Festspielreigen | Matthias Mayr Südtirol Es ist nicht alles Musik in unserm Land | Matthias Mayr

rol auch die Kultur, und hierzu vor allem die Musik, aus allen Nähten Budget der Meraner Musikwochen ist oder der
platzen. Runkelsteiner Klangfeste.
Welches Bestreben ist in Südtirol aber das bestimmende? Was treibt Nein, es geht darum, dass wie immer bei einem
die Veranstalter hierzulande an? Ist es ein rein wirtschaftlicher, kom- Überfluss an Angebot, und ich wiederhole, dass
merzieller Grund oder geht es den Veranstaltern doch ein wenig das nichts Negatives ist, die Konsumentinnen/
um die Sache selbst? Denn allzu leicht kann man sich hinter Kultur, Konsumenten entscheiden müssen, wo und wie
hinter Kunst verstecken, den wahren Wert vorschieben, um aber jetzt wirklich der wahre Sinn angeboten wird.
doch mehr das Geschäftliche zu sehen. Wohlgemerkt, der Schrei- Was ist „gut gemacht“ oder „einfach nur da“
ber denkt hierbei ausschließlich an das musikalische Geschehen im oder „wirklich nur provinziell“?
Land, auch wenn es in der jüngeren Vergangenheit Diskussionen im Das sollten wir versuchen zu entdecken! Und
theatralischen Bereich gab. Bei all den Querelen ist die „Platzfrage“ das Paradoxe daran ist, dass sich die Qualität der
doch eine entscheidende, welche dann, wie in der Natur, wieder ver- Veranstaltung nicht parallel dazu verbessert, je
stummt. Nach jedem Brunftgeschrei legt sich der Kampf der Platz- mehr Geld im Topf vorhanden ist. Ganz im Ge-
hirsche dann doch recht schnell. Und dann darf, nein muss man in genteil. Oft verhält es sich geradezu umgekehrt
diesem Land auch wirklich glücklich sein, dass so viel Kultur gemacht und es ist erfreulich zu bemerken, dass sich
werden will. Und seien wir ehrlich: Wann erreicht man die Grenze kein/e Veranstalter/in vor der Wahrheit, vor dem
des „Zuviel-Kulturmachens“? Eigentlich nie, und mit einem Schlag wirklichen Wert der Veranstaltung, des Festivals
können wir nur jubeln, dass der Festivalreigen in Südtirol aus allen verstecken kann. Ganz egal wie despotisch man
Nähten platzt. auftritt oder wie gut diverse Beziehungen zu
Es bleibt den Veranstalterinnen/Veranstaltern überlassen, welches Persönlichkeiten im Land sind. Dabei bleibt der
Bild sie von dem, was sie organisieren, abgeben wollen. Liebe Le- Inhalt auf der Strecke und das Geld, ja das Geld,
serin, lieber Leser, Sie erfahren in diesen persönlichen Zeilen keine wurde verkehrt verteilt. Den Besucherinnen/
Gustav-Mahler-Saal | Foto: Privatbesitz Wertung, Sie erfahren darin auch keine Zahlen, wie z.B. welches Besuchern, dem Publikum bleibt die Rolle des
Musikfestival wie viel Beitrag vom Land erhält oder wie groß das Richters. Nehmen wir sie ernst, denn auch daran

Es ist nicht alles Musik in unserm Land


Runkelstein | Foto: Privatbesitz Schloss Maretsch, Innenhof | Foto: Privatbesitz
Gedanken über den Südtiroler Festspielreigen

S üdtirol ist in jeder Hinsicht ein reiches Land.


Vollzeitbeschäftigung, die funktionierende
Sanität, ein weitverzweigtes, modernes Ver-
sichtlich will Südtirol eine Eliteuniversität, und auch in Sachen Musik
gibt es, angeführt von einem erst kürzlich in den Hochschulstand
gehievten Konservatorium, in fast jedem Dorf die Möglichkeit, die
kehrsnetz, auch mit dem Fahrrad kommt man musische Kunst zu lernen und ihr zu frönen. Kurz, wer in Südtirol
fast überall hin. Südtirol kann stolz sein auf all etwas lernen will, der kann das tun.
die landschaftliche Schönheit, auf die Bauern, Gerade in diesem kleinen Land, mit seinen gemütlichen und doch
die jeden Quadratmeter im Land in eine Park- emsig wirkenden Einwohnern, kann zwar der Eindruck einer land-
landschaft verwandeln, stolz sein auf die wun- wirtschaftlich geprägten Tradition entstehen, der Geist und der
derbaren landwirtschaftlichen Produkte, die Intellekt dürfen aber nicht zu kurz kommen. Und den kann man in
herrliche Gastronomie, die nicht minder erfolg- Südtirol eben auch trainieren und fördern.
reiche Hotellerie und auf all das, was einem Südtirol ist geprägt von Realisten, von Menschen, die sich bewusst
Besucher dieses vermeintlichen Schlaraffen- fest verankert geben. Von Menschen, welche durch ihre jüngste
landes rund ums Jahr geboten wird. Zu jeder Geschichte, durch die dadurch gewonnenen Vorteile, besonders
Jahreszeit gibt es Feiern und Feste, Vernissagen wurden. Und jetzt, wo ein Kampf zwar immer noch aktuell ist, aber
und Konzerte. doch zu Ende gekämpft ist, entsteht die Lust, sich dem wahren
Der strebsame Klassenprimus fördert Ausbil- Reichtum einer Gesellschaft hinzugeben. Die Kultur in all ihren For-
dungsstätten und baut Vorzeigezentren für men wird in Südtirol großgeschrieben. Gleich dem dicken Bacchus
Handwerk, Sport und Landwirtschaft. Offen- als Inbegriff des Überflusses und des Wohlstandes, muss in Südti-

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Südtirol Es ist nicht alles Musik in unserm Land | Matthias Mayr Tirol Brot und Festspiele | Ulla Fürlinger

erkennt man den Reichtum einer Gesellschaft.


Ist es richtig, in ein Konzert zu gehen, um auf
dieselbe Art und Weise wieder raus zu gehen?
Ist es vermessen, sich über all das Angebot
auch eine Meinung zu bilden? Falsch, ob vom
Fach oder nicht, das Erlebte zu beurteilen?
Viele Konzerte im Land sind nicht einfach nur
schön. Die Diskussion darüber muss entstehen!
Und wenn dabei dem einen oder anderen Kon-
zert der Schwarze Peter zugespielt wird, dann
ist das zu akzeptieren. Zu oft gewinnt man den
Eindruck, dass in der kleinen Provinz Südtirol
Erziehungsarbeit geleistet werden muss und
genau dieser Meinung bin ich nicht.
Vielmehr muss die Urteilsbildung gefördert Konzerthaus Bozen | Foto: Privatbesitz

werden. Lorbeeren werden zu rasch und zu


zahlreich verteilt und die bestimmende Tages­
zeitung im Land unterstützt diese Tatsache. Es
ist löblich, wie viel Raum Kunst, und hierbei
auch Musik gegeben wird, aber eine Diskus-
sion darüber, wie es wirklich war, findet nicht
statt. Und so werden wir noch lange beo­
bachten, dass beim Stichwort Südtirol nicht
spontan über ein „Kultur-, Kunst-, Musikland“
gesprochen wird. Landschaftskultur schon, die Die Galerie des spektakulären CUBE Hotels in Biberwier-Lermoos, Austragungsstätte des Smooth Jazz in the Cube Festivals
Foto: Eduard Hueber/archphoto
steht ganzen oben in den Köpfen der vielen
Südtirolfans. Dolomiten, das Burggrafenamt,
Wein, Speck, Kastanien, Skisport ... alles kommt
einem in den Sinn ... nur nicht die Musik. Wobei, Brot und Festspiele
wie gesagt, die Veranstaltungen in Südtirol mit
wirklich hochwertigsten Veranstaltungen aus
allen Nähten platzen. Anderenorts im Ausland, Kurhaus | Foto: Privatbesitz Tirol ist mit Festivals reich gesegnet, landauf landab, es gibt sie nahezu man die Innsbrucker Promenadenkonzerte im
aber auch im restlichen Italien, könnte man in jedem Ort. Natürlich ist beileibe nicht jedes ein Musik-Festival, es Innenhof der Hofburg durchaus zu dieser Spe-
sich auch bezogen auf das Kulturgeschehen im gibt die meist mehrtägigen Veranstaltungen ebenso auf dem Gebiet zies zählen. Seit 17 Jahren werden fast alle Juli-
Land eine Scheibe abschneiden und doch ge- der Literatur, des Schauspiels oder der Kleinkunst. Der Versuch allein, Abende mit den Freiluftserenaden verschönt,
nügt es bei uns noch nicht, all diesen Reichtum die musikalischen Festivalereignisse aufzulisten, wird sich dem im Rahmen derer die besten Bläserensembles
ins rechte Licht zu rücken. Freuen wir uns auf Vorwurf der Unvollständigkeit aussetzen. und -orchester auftreten.
die nächsten Jahre, denn dann wird Südtirol Das höchst gelegene Festival Mitteleuropas
auch ein Musikland sein. Wir brauchen eben Seit 1976 pilgern Freunde der alten Musik zu den Innsbrucker Fest- heißt treffenderweise Wetterleuchten und
nur etwas länger. wochen. Von 1991–2009 programmierte Dirigent und Countertenor findet auf der Seegrube oberhalb Innsbrucks
René Jacobs das Opernprogramm, von 1997 bis 2009 war er künst- statt. Es vereint alle Freunde der Elektro-Musik.
Matthias Mayr lerischer Leiter der Festwochen der Alten Musik, 2009 löste ihn Bereits seit 21 Jahren wird jeweils im August
Alessandro De Marchi ab. zum Festival der Träume geladen, ein musika-
Innsbruck als Wiege des Jazz? Man könnte es meinen, zumindest lisches Feuerwerk gespickt mit Spektakulärem
dann, wenn das New Orleans Festival die Stadt zum Brodeln bringt aus der Welt der Clowns und der Akrobaten.
und das Motto „Keep groovin“ lautet. Seit 13 Jahren musizieren die
besten Musiker aus Louisiana und Tirol miteinander, nacheinander Vor allem der Aspekt, dass das Osterfestival Hall
und durcheinander. immer einem aktuellen, zeitkritischen Thema
Kurhaus | Foto: Privatbesitz Obwohl sie sich nicht als Festspiele oder Festival titulieren, kann folgt, verleiht ihm seinen unverwechselbaren

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Tirol Brot und Festspiele | Ulla Fürlinger Tirol Brot und Festspiele | Ulla Fürlinger

Charakter.
 Seit 23 Jahren wird zur Osterzeit


zwei Wochen lang Musik, aber auch Tanz, Per-
formance, Gespräche und Film auf höchstem
Niveau geboten.
Die Swarovski-Kristallwelten laden alljährlich
im Mai zum Festival „Musik im Riesen“. Das vom
Tiroler Komponisten und Pianisten Thomas Lar-
cher auf höchstem Niveau zusammengestellte
Kammermusikprogramm konnte sich in den
letzten Jahren als kreativer Freiraum etablieren,
in dem der künstlerische Austausch und ein in-
tensives Musikerlebnis im Mittelpunkt stehen.
Der Silbersommer ist das regionale Festival der
Schwazer, das den Sommer mit Aktivitäten von
Konzert bis Kino füllt.
Die im September stattfindenden Klangspuren
Schwaz – Festival für Zeitgenössische Musik
widmen ihr Programm jeweils einem Land, Entspannung während der Probe. Klangspuren Schwaz 2010 Bubble Beatz beim TschirgArt-Jazzfestival | Foto: Bubble Beatz/Art Club Imst Der künstlerische Leiter der Festwochen der Alten Musik
bieten eine Plattform für Neues und Zukunfts- Foto: Astrid Karger/Klangspuren Schwaz Alessandro De Marchi | Foto: Rupert Larl
weisendes und vernetzen regionale mit interna-
tionalen Künstlern.
Das Outreach Festival in Schwaz, gegründet ten beim Cover Me Festival im Wörgler Veranstaltungszentrum Alpine Volksmusik erklingt beim Festival Alpentöne in Obergurgl. Bereits seit 9 Jahren wird der ganze Skiort
vom Jazztrompeter Franz Hackl, bietet mit seiner KOMMA auf. Der Bogen des Gebotenen reicht von vertrauten Weisen und Volks- St. Anton an einem Augusttag mit echter al-
einzigartigen Musikprogrammierung Originäres In der Alten Gerberei in St. Johann geht „artacts“, das Festival für musik bis zu Jazzstandards und Blues. Seit 21 Jahren wird durch das penländischer Volksmusik bespielt. Am Tag der
und Unverwechselbares. Jazz und Improvisierte Musik, über die Bühne. Zusammentreffen von regionaler, authentischer Musik und Tönen Volksmusik treten Ensembles aus Tirol, Vorarl­
Das internationale Kulturfestival „stummer Das 1995 gegründete Kammermusikfest Hopfgarten hat sich in der etwas anderen Art große Spannung erzeugt. berg, Steiermark, Südtirol, Schweiz und Süd-
schrei“ lockt nach Stumm ins Zillertal. Im Zwei- den vergangenen 16 Jahren von einem Geheimtipp zu einer der Beim TschirgArt-Jazzfestival in Imst, veranstaltet vom Art Club Imst, deutschland auf.
jahresrhythmus zeigt man Schauspiel, Musik feinsten musikalischen Veranstaltungsreihen Westösterreichs ent- werden seit neun Jahren sehr erfolgreich Randzonen des Jazz be- Das Smooth Jazz in the CUBE Festival Biberwier-
und Tanz auf höchstem Niveau. Der Verein wickelt. Unter der künstlerischen Leitung von Ramon Jaffé beschritt leuchtet. Lermoos ist das weltweit erste Smooth Jazz Fe-
„stummer schrei“ wurde 2003 als Gegenpol zur es eigene Wege, die Programme werden ausschließlich für Hopf- Die Landecker Festwochen horizonte setzen laut Definition ihres stival und hat im Designhotel CUBE Bieberwier-
traditionellen Kultur gegründet. garten erarbeitet und es werden keine fixen Ensembles engagiert, künstlerischen Leiters Karl Heinz Schütz „einen Glanzpunkt mit in- Lermoos seine Heimat gefunden. Einige der
Ein Stück weiter, in Aschau und Mayrhofen, sondern die Besetzungen Jahr für Jahr neu zusammengestellt. ternational anerkannten Musikgrößen und schlagen die Brücke zur größten und erfolgreichsten Stars der interna-
findet seit 23 Jahren das Internationale Country-, Relativ jung an Jahren sind die Beethoven Tage Kufstein. Unter der Kulturszene vor Ort“. tionalen Contemporary und Smooth-Jazz-Szene
Blues- und Folkfestival statt. Leitung von Matthias G. Kendlinger musizieren zum dritten Mal die Das innovative Musik- und Kulturfestival „Xong“ im Dreiländereck können dort begrüßt werden.
Nach 13 Jahren in Schwaz, drei in Seefeld und renommierten K&K Philharmoniker. Wer glaubt, es werde allein Mu- Tirol-Engadin-Vinschgau wurde bedauerlicherweise nur 12 Jahre alt
zwei in Rattenberg-Radfeld und Kramsach, sik des großen Meisters Beethoven präsentiert, irrt. und aus finanziellen Gründen eingestellt. Ulla Fürlinger
kehrte 2009 avantgarde tirol, das Festival für Schauplatz des Operettensommers Kufstein ist die Festung Kuf-
Neue Musik und Audio-Art, in das Unterinntal stein, die zu den imposantesten mittelalterlichen Bauwerken des
zurück – nach Rattenberg. Mit Forschergeist Landes zählt. Der südlich vorgelagerte Festungshof der Josefsburg
und Schwung präsentiert das Festival aktuelle mit seiner wetterfesten Überdachung bildet die Kulisse des som-
Klangkunst des 21. Jahrhunderts. merlichen Spektakels, das die legendärsten Werke des Genres auf- Porträt Gustav Kuhn
Perchtenrocknacht der Party Rock Band Wild- fährt. Karajan-Schüler, Dirigent, Regisseur, Komponist, mehrfacher Festspielleiter, Autor und
bach – gemeinsam mit dem Perchtenverein Tiroler Bläserherbst Kufstein, ein Festival in Zusammenarbeit mit pro einstiger Segelsportler. Von der Presse gerne als „enfant terrible“ bezeichnet, darf man von
Wima Pass veranstaltet Wildbach seit 2009 cultura, das 2011 zum fünften Mal über die Bühne ging. dem gebürtigen Salzburger noch bis in die ferne Zukunft Großes erwarten.
dieses Festival in Kramsach. Die Party Rock- Großes Musiktheater und Konzerte in grüner, gut gedüngter Wie-
Foto: Rupert Larl

band Wildbach kombiniert traditionelle Volks- se offerieren die Tiroler Festspiele Erl. So außergewöhnlich wie das
musik mit rassigen Rock-Klassikern und kombi- Event ist dessen Gründer, Intendant, Regisseur und Dirigent, Gustav
niert Steirische Harmonika mit Rockmusik. Kuhn. Er fand im Passionsspielort Erl seine Heimat und rief 1997 die
Die besten Coverbands beliebter Stars tre- Festspiele ins Leben.

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Tirol „Spiel mir das Lied vom Tod“ | Silvia Albrich Tirol „Spiel mir das Lied vom Tod“ | Silvia Albrich

„Spiel mir das Lied vom Tod“ Der stille Ozean, zu Käthe Kratz‘ Lebenslinien I bis
VI, und zum Film Raffl des Oscar-Nominierten
Christian Berger.
Filmmusik-Komponisten Der Komponist und Musiker Werner Pirchner
(1940–2001) lieferte Text & Musik zu Bergers

D ie Musik zum obigen Titel stammt zwar nicht


vom prominenten Südtiroler Giorgio Moro-
der, sondern von seinem Zeitgenossen Ennio
Gun (1986) erhielt er den Oscar. Er komponierte und produzierte auch
bekannte Werke wie Scarface, Katzenmenschen und American Gigolo,
steuerte die Musik zur 1984er Neufassung des Stummfilm-Klassikers
Kurzfilm Der Untergang des Alpenlandes, schrieb
die Musik für die Filmserie Faces of Europe von
Henry Materna, zu dem Heide-Pils-Film Das raue
Morricone (geb. 1928), dessen Name eng mit dem Metropolis bei sowie das Titellied zu Die unendliche Geschichte I und II. Leben, zu Mirakel, Brechreiz für große Orchester,
Filmgenre des Italo-Western verbunden ist. Doch Seine Songs für die Olympischen Spiele von Los Angeles 1984 12 Ton- und andere Experimente, Paradiso del
mindestens so weltberühmt im Genre Filmmusik (Reach Out), für die Olympischen Sommerspiele 1988 in Seoul (Hand Cevedale, zu Mitterers Verkaufte Heimat, Feuer-
ist inzwischen der Grödener Produzent und Kom- in Hand) und die Fußball-WM 1990 (Un‘estate Italiana) wurden Best- nacht und Komplott und andere mehr.
ponist Giorgio Moroder, geboren am 26. April seller. Seinen Hang zu schönen Dingen (Luxussportwagen) erklärt sich „Der Kompositionsprozess hat sich in den letz-
1940. Im Unterschied zu Morricone, der sein Kon- der Klangschöpfer aus den tristen Wanderjahren, als er als Bassist und ten 25 Jahren sehr verändert. Mit digitalen Nota­
zertdiplom als Trompeter machte, ist Moroder Gitarrist einer Tanzkapelle durch Europa tingelte. Heute lebt Moroder tions­programmen lassen sich beliebige Töne von
Autodidakt. Er hat nie studiert und sollte eigent- mit seiner Frau Francisca und seinem Sohn Alex (geb. 1989) in Beverly Klangerzeugern wie Synthesizer oder Sampler
lich Landvermesser werden. Mit 16 begann er Hills. Im Grödnertal besitzt er noch ein Haus, wo er seine Urlaube ver- abspielen, was eine immense Zeit- und Kostener-
mit dem Gitarrespiel, tourte ab dem 19. Lebens- bringt. 2005 wurde ihm der Verdienstorden der italenischen Republik, sparnis bedeutet, da ich für kleinere Projekte
jahr mit Bands durch Europa und konzentrierte 2010 der Große Verdienstorden des Landes Südtirol verliehen. (Umfas- 2 große Tiroler (Film-)Komponisten: Werner Pirchner und Bert Breit 1998 (bei der nicht mehr ein ganzes Orchester einladen muss,
sich ab 1967 aufs Komponieren. Inzwischen ist er sende Werkliste auf www.wikipedia.org/wiki/Giorgio_Moroder.) Verleihung des Tiroler Landespreises für Kunst an Bert Breit) | Foto: Albrich sondern es über einen einzigen Laptop steuern
„so etwas wie ein Klassiker der Popmusik“ (Wall kann“, sagt der 1980 geborene Rumer Komponist
Street Journal) und gilt als Erfinder der Synthe- Filmmusik ist laut Hans Jörg Pauli funktionale Musik, da sie nicht um und Sound-Designer Roman Schönbichler, der
sizer-Disco-Musik. 1970 produzierte er mit „Ari- ihrer selbst willen entsteht, sondern um Visuelles klanglich zu unter- Zwei große Tiroler Komponisten unserer Zeit, die leider schon ver- neben Sportfilmen viel für Fernsehen und Wer-
zona Man“ den ersten Hit, in dem ein Synthesizer stützen und die Wahrnehmung und Emotionen des Zuschauers zu storben sind, sind auch durch ihre Filmmusik bekannt geworden: bung komponiert und produziert. Seine ersten
verwendet wurde. 1978 übersiedelte Moroder beeinflussen. Sie ist neben Bild und Dialog das wichtigste Mittel, um Das Multitalent Bert Breit (1927–2004) komponierte die Musik zu Gehversuche auf Musikinstrumenten machte er
in die USA und komponierte den Soundtrack zu einem Film Ausdruck zu verleihen. Hauptfunktion der Filmmusik ist zahlreichen Filmen von Rainer Wolffhardt (Die Deutsche, Kleinbürger- bereits mit vier Jahren, später schrieb er nach-
12 Uhr nachts – Midnight Express; sein erster Ver- es, die Dramaturgie zu unterstützen. Seit der Etablierung des Fern- hochzeit, Martin Luther, Rumplhanni I und II u.v.a.) und Axel Corti wie zuspielende Stücke auf dem Klavier einfach um.
such auf diesem Gebiet wurde sofort mit einem sehens ist Musik in fast jedem Sendeformat, in der Dokumentation, etwa Dorf ohne Männer, Der Marquis von Keith und Totstellen; zu Wolf- Sein Musiklehrer unterrichtete Roman in Noten­
Oscar (1979) belohnt. Auch für den besten Song der Nachrichtensendung, der Soap Opera, den Zeichentrickfilmen ram Paulus‘ Filmen (Zug um Zug, Ministranten, Nachsaison, Heidenlö- lehre und Komposition, 2004 schloss Schönbich-
in Flashdance (1983) und den Titelsong aus Top und Werbespots vertreten. cher, etc.), zu Schwarzenberger-Filmen wie Franza, Donauwalzer oder ler sein vierjähriges MultiMediaArt-Studium

Giorgio Moroder, der Südtiroler Musikproduzent gilt als Er-


folgsgarant für Filmhits | Foto: Südtirol Marketing/Alex Filz Giorgio Moroder an seinem Arbeitsplatz | Foto: Moroder Der Komponist und Sound-Designer Roman Schönbichler | Foto: upperception Sounds

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Tirol „Spiel mir das Lied vom Tod“ | Silvia Albrich Südtirol Besonderheiten in der volksmusikalischen Vielfalt Südtirols - gestern und heute | Manuela Cristofoletti

Der Komponist Martin Anton Schmid | Foto: Maria Gärtner Martin Anton Schmid bei den Aufnahmen zum Film „Julie“ | Foto: five season cinema

in Salzburg mit Auszeichnung ab. Die von ihm Werbe- und Imagespots für Tourismus, große Firmen, Institutionen
gegründete Upperception Sounds (www.up- und Künstler. Eine umfassende Werkliste siehe unter www.frizzey.com.
perception.com) fungiert als „All-in-One-Lösung
für Musik und Ton, speziell für Bewegtbild“ und Der 24-jährige Komponist und Musiker Martin Anton Schmid lebt in
produziert Werbe- und Imagefilme für große Oberperfuss, studierte vergleichende Literaturwissenschaft (Mag.
bekannte Organisationen und Unternehmen. phil.) und studiert seit 2008 Komposition und Musiktheorie bei Franz
Baur in Innsbruck und seit 2010 Schulmusik, Klavier und Gesang am
Kirchensinger von St. Jakob im Ahrntal am 17. Oktober 1941 | Fotosammlung Quellmalz, Referat Volksmusik am Institut für Musikerziehung in
Als Komponist, Musikproduzent und Sound Mozarteum in Salzburg. Erste musikalische Erfahrungen machte der
deutscher und ladinischer Sprache, Negativ 24_11
Designer für Film, Fernsehen und Werbung ar- Klangkünstler auf dem Flügelhorn bei der heimischen Musikkapelle,
beitet auch der 32-jährige Innsbrucker Matthias später als Chorsänger, wobei er mit 16 Jahren einen eigenen Chor
Hacksteiner. Auch er studierte in Salzburg
MultiMediaArt (Major Audio, Minor Film/Video)
gründete und über fünf Jahre leitete. Er machte bereits mit Kompo-
sitionen „Neuer Musik“ für viele Ensembles und Orchester sowie mit
Besonderheiten in der volksmusikalischen
sowie Sound Design & Audio Postproduction.
Er komponierte die Musik zu TV-Dokumentatio­
vielseitigen Kompostionen für Blasorchester, verschiedene Ensem-
bles und Besetzungen und mit Filmmusik auf Orchesterbasis auf sich
Vielfalt Südtirols – gestern und heute
nen wie Eiszeit, Free Solo und Der Sammler und aufmerksam. Er vertonte mehrere Kurzfilme (u.a. The Sword, Gang-
zu zahlreichen Werbe- und Imagefilmen für sters and others, Es geschah in Jerusalem, Elbrus – Gestern und heute)
große bekannte Firmen (www.fifth-music.com). und den 90-minütigen Spielfilm Julie (Regie: Philipp Umek, 2010),
wofür ein 70-köpfiges Orchester zusammengestellt wurde, das unter
Z ugegeben, die Vielfalt und Besonderheiten der Volksmusik in
Südtirol anhand einer Tonband-Sammlung aufzuzeigen, die zur
Zeit der Option in den Jahren 1940–1942 entstand, ist etwas gewagt.
sembles, Tanzmusikensembles sowie vereinzelt
große Besetzungen dokumentiert. Sie spielen
Märsche auf Schwegeln und Rührtrommeln,
Der Multimediakünstler, Film- & Musikproduzent Schmids Leitung die Filmmusik einspielte. Der junge Komponist mu-
Die sog. Sammlung Quellmalz1 ist ja in einem sehr komplexen po- Stücke auf der Bauernharfe und auf dem Raffele,
und Gitarrensammler Frizzey Greif beherrscht siziert bei vier Bands (Rock, Jazz, Pop) sowie bei verschiedenen For-
litischen und ideologischen Kontext entstanden und ist außerdem Signale auf dem sog. Waldtuter, Tänze auf Bau-
viele Instrumente, schreibt Drehbücher, führt Re­­ mationen und als Solokünstler (www.myspace.com/needymusic).
eine Bestandsaufnahme des bekannten mündlich überlieferten erngeigen oder Blasmusikinstrumenten.
gie und Kamera und mischt in seinem Multi­me­
Volksmusikgutes in Südtirol vor nunmehr 60 Jahren.2 Aus diesem kostbaren Material schöpfen wir
dia­studio in Prutz. Er komponiert Musik für Filme, Silvia Albrich
Tatsache ist die Vielfalt des überlieferten Sammelbestandes: Auf heute in der wissenschaftlichen Auseinander-
insgesamt 415 Tonbändern wurden rund 3.000 Tonaufnahmen – setzung mit Volksmusik und in der Volksmu-
zum größten Teil Lieder, zusätzlich Instrumentalmusikaufnahmen sikpflege in Südtirol.3 Und so spiegeln sich die
Porträt Giorgio Moroder und rund 100 Sprechaufnahmen – festgehalten. Die Volksliedauf- „alten“ Tonaufnahmen durchaus in der heute
Der Komponist und Produzent Hansjörg „Giorgio“ Moroder, geboren am 26. April 1940 nahmen beziehen sich auf beinahe jede Liedgattung. Hier finden gängigen vokalen und instrumentalen Volks-
in St. Ulrich in Gröden, gilt als Erfinder der Synthesizer-Disco-Musik. Dreimaliger Oscar- sich neben Alm-, Jäger-, Liebes-, Trink- oder Scherzliedern sehr viele musik wider. Die Verbindung zwischen der
Preisträger: 1979 für die Beste Filmmusik für „Midnight Express“; 1983 und 1986 für den Besten Balladen, historisch-politische Lieder, geistliche Lieder, Kinder- historischen Sammlung Quellmalz und der der-
Song in „Flashdance“ (What a Feeling) und „Top Gun“ (Take My Breath Away). Vier Golden lieder und nahezu alle jene Lieder, die das damals noch lebendige zeitigen volksmusikalischen Praxis in Südtirol ist
Globe Awards, 1998 Grammy Award für „Carry On“, 2004 Aufnahme in die „Dance Musik Hall Brauchtum (Klöckeln, Neujahrssingen, Sternsingen, Hochzeitsbräu- damit hergestellt.
Foto: Moroder

of Fame“. che, etc.) begleiteten. Ebenso vermitteln die instrumentalen Auf- Der österreichische Volksmusikforscher
nahmen die ganze Breite des volksmusikalischen Instrumentalspiels Prof. Walter Deutsch hat richtigerweise fest-
in Südtirol zur damaligen Zeit: Es sind Solisten, kleine Hausmusiken- gehalten, dass die „Volksmusik in Südtirol [...]

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Südtirol Besonderheiten in der volksmusikalischen Vielfalt Südtirols – gestern und heute | Manuela Cristofoletti Südtirol Besonderheiten in der volksmusikalischen Vielfalt Südtirols – gestern und heute | Manuela Cristofoletti

Schnalser Gletscherfleach, v.l. Leonhard Rainer (Raffele), Josef Dandler (Raffele) und Gottfried Rauch (Gitarre) am 21. November 1941 in Böhmische Kastelruth am 12. September 1940 | Fotosammlung Quellmalz, Referat Seppl-Musig aus Völs am Schlern | Foto: Seppl-Musig
Johanna Rainer (Raffele), Tamara Rainer (Gitarre) Platt/Passeier | Fotosammlung Quellmalz, Referat Volksmusik am IME, Nr. 161 Volksmusik am IME, Nr. 45
Foto: Familie Rainer


zwar nur ein Teil im großen Bild der gesamten tätig waren und zum Teil heute noch tätig sind, seine ganz beson- in Verbindung mit den Tonaufnahmen untermauern sie die ver- FUSSNOTEN
tirolischen volksmusikalischen Überlieferung dere Singtradition. schiedenen Spielweisen. Die zahlreichen Aufnahmen von damals
1 Die Sammlung ist nach dem deutschen Musikwissen-
[ist], dennoch ist sie mit spezifischen Konturen Die Sammlung Quellmalz bietet nur eine punktuelle Dokumenta- belegen eindrucksvoll den Stellenwert des Raffeles vor allem im schaftler Dr. Alfred Quellmalz benannt, der damals die
umfassende volksmusikalische Forschung in Südtirol
ausgestattet“4. Dazu zählt er die Tradition des tion der um 1940 in Südtirol noch aktiven Kirchensinger.6 Trotz- privaten beziehungsweise familiären Musikalltag. Heute spielt man
leitete.
Geigenspiels in Südtirol, das Raffele5 als etwas dem ist sie eine wertvolle Quelle für diese einzigartige und leider das Raffele vorwiegend bei Musikantentreffen, bei Hoangarten 2 Näheres dazu in Thomas Nußbaumer, Alfred Quellmalz
und seine Südtiroler Feldforschungen (1940–1942). Eine
Besonderes innerhalb des traditionellen Instru- immer mehr verschwindende Singtradition. Das Kirchensingen im Gasthaus und bei verschiedenen anderen Veranstaltungen der
Studie zur musikalischen Volkskunde unter dem Natio-
mentariums in Südtirol oder auch das spezi- in St. Jakob im Ahrntal beispielsweise, das ja heute noch besteht, Volksmusikpflege. Das Spielgut blieb allerdings unverändert: Es nalsozialismus, Innsbruck – Wien – München – Lucca:
StudienVerlag und Libreria Musicale Italiana LIM, 2001
fische Liedrepertoire innerhalb des Brauchtums. wird darin mit rund 28 Aufnahmen belegt. Sollte diese mündliche setzt sich früher wie heute aus den gebräuchlichsten Tänzen wie
(Biblioteca Musicologica, Band VI).
Besonderheiten, die auch heute noch unsere Überlieferung irgendwann unterbrochen werden, können diese Märsche, Polka, Landler, etc. zusammen. Die Aufarbeitung der 3 Im Referat Volksmusik am Institut für Musikerziehung
in Bozen sind die Tonbandsammlung in Kopie (die
volksmusikalische Identität prägen, sind auch Aufnahmen eine wesentliche Grundlage für die Wiederaufnahme alten Tonaufnahmen und die Publikation der überlieferten Stücke8
Originale sind in der Universitätsbibliothek Regens-
in der Sammlung Quellmalz dokumentiert. Dazu dieser Tradition sein. sowie das Engagement begeisterter junger Raffelespieler tragen in burg) sowie alle schriftlichen Begleitmaterialien und
eine dazu gehörende rund 1.800 Bilder umfassende
drei Beispiele: Insgesamt 164 Tonaufnahmen von den sog. Böhmischen, die vor großem Maße dazu bei, dass die Tradition des Raffelespiels als etwas
Fotosammlung aufbewahrt und zugänglich.
Nur noch in Südtirol anzutreffen und deshalb allem im Schlerngebiet und auf dem Ritten zu finden waren, belegen Besonderes in der Südtiroler Volksmusik erhalten bleibt. 4 Walter Deutsch, „Musica Alpina. Gedanken und Fakten
zur Geschichte der Volksmusik in Südtirol“, in: Öster­
etwas ganz Besonderes ist die Tradition der Kir- in der Sammlung Quellmalz eine Tanzmusik, die in ihrer Art und Weise
reichische MusikZeitschrift, 42. Jg., Heft 9 (1987),
chensinger. Der Begriff Kirchensinger bezeich- einzigartig war: Meist waren es zweiteilige Stücke, die in einer unge- Als Ausblick auf die „Besonderheiten in der volksmusikalischen S. 420–434, hier S. 432.
5 Das Raffele ist ein Vorläufer unserer heutigen Konzert-
net eine Gruppe von 5-12 Sängerinnen und heuren Variantenvielfalt mit unterschiedlichen Ausprägungen und Vielfalt Südtirols“ von morgen, ein Zitat von Alfred Quellmalz nach
zither und wird häufig auch als „Urzither“ bezeichnet.
Sängern, die früher während des lateinischen Ausschmückungen auswendig gespielt wurden. Die Böhmischen Abschluss seiner Feldforschungen in Südtirol aus dem Jahre 1942: In der Entwicklungsgeschichte der Zither ist es dem
Typ der Kratzzither zuzuordnen.
Gottesdienstes Lieder in deutscher Sprache a gibt es auch heute noch, das Spielrepertoire jedoch hat sich wesent- „In ihm [im Sammelergebnis] besitzen die künftigen Volksbildungs-
6 Vgl. Thomas Nußbaumer, „Die Südtirolsammlung
cappella gesungen haben. Waren die Kirchen- lich verändert. Egerländer, böhmisch-mährische Stücke nach Noten beauftragten einen fast unerschöpflichen Quell guter alter Lieder und Quellmalz als Quelle für das geistliche Lied um 1940“,
in: Josef Sulz und Thomas Nußbaumer (Hg.), Religiöse
singer damals in den kleinen Landkirchen des stehen im Vordergrund, doch beim „Moidnpfeifen“ beispielsweise, Spielstücke, die aus ihrem eigenen Volkstum stammen. An ihnen allein
Volksmusik in den Alpen. Musikalisch volkskundliche und
gesamten Alpenraums anzutreffen, sind sie einem heute noch im Schlerngebiet üblichen Brauch, mit dem der wird es liegen, ob sie aus diesem Quell zu schöpfen und ihn umzusetzen theologische Aspekte. Anif/Salzburg: Verlag Mueller-
Speiser, 2002 (Innsbrucker Hochschulschriften. Serie B:
heute nur noch in einigen wenigen Orten im Monat Mai begrüßt wird, wird musiziert wie früher. vermögen in eine singende und klingende Gegenwart!“ 9
Musikalische Volkskunde, Band 4), S. 127–177, hier
Pustertal aktiv, und zwar in St. Jakob im Ahrntal, Für das Raffelespiel gilt Südtirol als Zentrum im Alpenraum.7 Eine S. 142ff.
7 Vgl. Gernot Niederfriniger, „Das Raffele in Südtirol –
in Mühlbach bei Gais, in Oberwielenbach ober- starke Spieltradition ist besonders im Sarntal, im Passeiertal, im Manuela Cristofoletti
vom Kratzen und Raffeln früher und heute“, in:
halb von Percha. Das Besondere ist, dass allein Burggrafenamt und im Vinschgau nachzuweisen, wo sie bis in die g’sungen und g’spielt 23 (1998), Heft 80, S. 5–10.
8 Raffele-Stücke aus der Sammlung Quellmalz sind
die Liedtexte schriftlich festgehalten und bis in heutige Zeit überliefert wird. Die Sammlung Quellmalz belegt das
unter anderem erschienen in: Wolfgang Neumüller,
die heutige Zeit überliefert wurden und dass Raffelespiel zudem im Ahrntal und im Gadertal. Außerdem doku- Raffele Musig. Aus der Sammlung Dr. Alfred Quellmalz
Südtirol 1940–1942, hrsg. v. Institut für Musikerziehung
die Melodien und die eigentümliche Mehr- mentiert diese Sammlung die Vielfalt des Raffeles in Wort, Ton und
in deutscher und ladinischer Sprache, Abt. Volksmusik,
stimmigkeit mündlich weitergegeben werden. Bild. So finden sich in den Protokollen zu den Tondokumenten ver- Bozen: 1990; weiters in: Raffeleheft hrsg. v. Institut für
Musikerziehung in deutscher und ladinischer Sprache
Nachforschungen haben ergeben, dass sich schiedene Namen für dieses Instrument: in Naturns, im Schnalstal
– Referat Volksmusik, Bozen 2001 (Dr.-Alfred-
die Mehrstimmigkeit aufgrund der mündlichen und im Sarntal wurde das Raffele Schlagzither genannt, im Passeier­ Quellmalz-Sammlung, 5)
9 Alfred Quellmalz, Bericht über den Abschluß der
Überlieferung immer wieder verändert hat. tal Kralzither, in Graun im Vinschgau sagte man dazu Kratzzither.
Arbeiten der Gruppe Volksmusik in der Deutschen Kultur-
Somit hat jeder Ort, an dem die Kirchensinger Die Fotos von damals zeigen die unterschiedlichsten Bauarten und kommission Südtirol, 11.12.1942: S. 9.

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Tirol Im Reich der Tiroler Klänge. | Thomas Nußbaumer Tirol Im Reich der Tiroler Klänge | Thomas Nußbaumer

nämlich funktionalen Form. Zu erwähnen sind auch die zum Teil sehr und lebt von der Spannungskraft zwischen
alten Brauchtumslieder fürs Anklöpfeln, Neujahrsingen, Sternsingen, stringenter, tänzerischer Metrik und parlando-
Maisingen und die dazu passenden Musikstücke. artigem, narrativem Vortrag. Das fasziniert uns,
Meist assoziiert man mit Volksmusik das Singen von alten Liedern wenn wir Wirtshaussänger oder geübte, alte
und Musizieren auf volksmusikalischen Instrumenten nach überlie- Überlieferungsträger hören.
ferten Stilregeln. In Tirol gibt es viele Zwei-, Drei- und Viergesänge. Unter dem Einfluss der „Verschulung“ von
Manche sind Mitglieder des Tiroler Volksmusikvereins und auf den Volksmusik – durchaus im positiven Sinn! – und
Veranstaltungen der regionalen Pflege zu hören, andere singen in durch die forcierte instrumentale Volksmusikaus-
anderen Kontexten, zum Beispiel im Wirtshaus, bei den Nachbarn bildung am Konservatorium, Mozarteum und
oder daheim, oder beim Tirolerabend. Auch im 21. Jahrhundert sind an den Musikschulen stieg der Stellenwert des
„naturverbundene“ Liedgattungen wie Almlied, Jägerlied, Liebeslied instrumentalen Musizierens gegenüber dem
und alte Schwankballaden beliebt. Die Landlermelodik, der ¾-Takt, Singen immens an. Das Gattungsrepertoire ist
das Schnaderhüpfel, die austerzende Zweistimmigkeit haben noch ja überschaubar – Landler, Polka, Boarischer,
lange nicht ausgedient. Walzer, Masulka –, aber die Vielfalt des Musizie-
Doch nicht der Text und die Noten allein machen aus einem Lied ein rens hält trotz fortschreitender Verschulung,
„Tirolerlied“, sondern vor allem der Liedvortrag. Regionalspezifisches Medialisierung und gelenkter Volksmusikpfle-
Singen in Tirol ist kurzphrasig, bedeutet Dramatisierung des Textes ge an. Die „Kugelaten“ (kurzen Ländler) so ra-
sant und mit „Schmiss“ spielen zu können wie
Die „Fidelen Inntaler“ um Gottlieb Weissbacher, Ende der Sechzigerjahre
die alten Zillertaler Geiger im hinteren Zillertal
Foto: Franz Posch ist noch immer ein Thema, und es gibt Gruppen
Willi Neuhauser, Brandenberg, spielt in Zigeunerstimmung | Foto: Stefan Hackl und einzelne Musikanten, die diesen Vorbildern
nacheifern und ihre Musik und Vortragsart in
neue, zeitgemäße Kontexte einbinden. Ein wei-
teres Thema ist unüberhörbar auch das Zieh-
Im Reich der Tiroler Klänge harmonikaspiel, das Spiel auf der „Steirischen“.
Nicht zuletzt wegen Franz Posch wissen wir,
Vom Schellenschlagen, Almsingen, „Zigeunerisch spielen“ und von anderen dass es in den MARTHA-Dörfern Mühlau, Arzl,
Facetten der Volksmusik Rum, Thaur, Absam eine ganz lokaltypische
Art des „Ziachorgel“-Spiels gibt, mit eigenem
Repertoire und einer eigenen Vortragsstilistik,
„Volksmusik“ ist ein weit gefasster Begriff und zielle Folklore, aus der sich viel später die Präsentationsformen der die besonders aus der Fastnacht – hier dem
bedeutet für Hansi Hinterseer etwas anderes als medialen „volkstümlichen Unterhaltungsmusik“ entwickelten, salon- Mullen – gespeist wurde, denn ein Mullermu-
für den Tiroler Volksmusikverein. Die Tiroler Volks- fähig machten. sikant muss die unzähligen Landlerstücke alle
musik – genauer: das „Tirolerlied“ – ist seit dem Daneben gab es, genauso wie heute, in diesem Land musikbe-
19. Jahrhundert ein Mythos, ein identitätsstif- geisterte Menschen, die zum Spaß sangen, miteinander tanzten,
Die „Fisser Musikanten“ um Ernst Rietzler (Fiss), eine von vielen „Inntalergruppen“ Die zwei Sängerinnen Anneliese Waldegger und Elsa
tender „Erinnerungsort“. Schon für Beet­hoven musizierten und durch die Musik auch so etwas wie eine Verbindung mit Klarinette, 2 Flügelhörnern, Akkordeon, Posaune, Harfe, Tuba, Schlagzeug Moritz aus Nauders | Fotos: Thomas Nußbaumer
existierte aus musikalischer Sicht unabhängig zum Unerklärlichen, Überirdischen suchten, etwa bei ritualartigen
von der österreichischen Nation eine „tirolische Tänzen, bei der Gestaltung von Umzügen, Messen und Beerdi-
Nation“. Um 1800 wurde das Jodeln zum Syno- gungen. Es entstanden volks- und populärmusikalische „Traditionen“
nym für tirolerisches Singen schlechthin und in mit einer weitverzweigten Funktionalität, deren Wurzeln zwar tief in
anderen Sprachen auch dementsprechend um- der Geschichte liegen, die sich aber im Lauf der Zeit immer wieder
schrieben („to sing in Swiss or Tyrolese style“; verändert haben.
„chanter à la manière tyroliens“; „cantare alla Um genuine „Volksmusik“ zu erleben, genügen bereits Erfahrungen
maniera dei montanari tirolesi“) – ungeachtet mit der „Brauchlandschaft Tirol“. Dort ist das Reich der prämusika-
dessen, dass es das registerwechselnde Singen lischen Klänge. Die rhythmisch schreitenden „Schellenschlager“ im
auch anderswo gab und gibt. Die jodelnden Unterinntal, die stampfenden und hüpfenden Scheller und Roller im
Sendboten der heilen Tiroler Alpenwelt des Oberland, die „Katzenmusik“ erzeugenden „Hexenmusikanten“ und
19. Jahrhunderts waren die Nationalsängerge- „Hutteler“, die „Goaßlschnöller“, die zur Ziehharmonika tresternden
sellschaften, die die fremdorientierte, kommer- „Muller“ – sie alle machen „Volksmusik“ in ihrer elementarsten,

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Tirol Im Reich der Tiroler Klänge | Thomas Nußbaumer Südtirol „Tanzen ist die Poesie des Fußes.“ | Judith Unterholzner

Runde aus Sängerinnen und Sängern in Prutz im Hause Imster Scheller und Roller beim „Gangl“ (Schellentanz) | Foto: Karl C. Berger
Thurner | Foto: Alfred Thurner

aus dem „Effeff“ beherrschen und in der Lage Bauart und Ästhetik europäisch einzigartig ist, oder das Osttiroler
sein, 30 Minuten ohne Unterbrechung Landler Hackbrett.
zu spielen, damit die Maskierten den nötigen Und da sind wir auch schon beim Ensemblemusizieren, denn Volks-
Rhythmus zum Springen, Trestern und Platteln musik ist meistens ein „Miteinander“. Zwei bedeutende Musi-
im Ohr haben. kanten schufen innovativ auf der Basis der volksmusikalischen und
Weniger spektakulär, fast zurückgezogen auf Blasmusik-Tradition dieses Landes zwei Besetzungstypen, die mitt- Der Bandltanz – traditionell um den Maibaum getanzt – gehört zu den zahlreichen tänzerischen Großformen, die aus einer Vielzahl an Figuren
das Häusliche und die Freundesrunden im lerweile in Bayern und Österreich als vorbildlich gelten: der Wörgler bestehen und dadurch vor allem die Zuschauer beeindrucken gleichzeitig, aber auch voller Symbolik sind | Foto: Arbeitsgemeinschaft Volkstanz
Gasthaus, ist dagegen das solistische Melo- Tanzmusikant Gottlieb Weissbacher (1907–1988) die sogenannte
dienspiel auf stahlsaitenbespannten Gitarren, „Inntalerbesetzung“ (benannt nach seiner legendären Gruppe
die zudem „umgestimmt“ werden. „Zigeuner- Fidele Inntaler), und der Musiker und Volksmusikpfleger Peter „Tanzen ist die Poesie des Fußes“ (John Dryden)
stimmung“ lautet der alte Begriff dafür. „Zigeu- Moser (*1935) die sogenannte „Kirchtagmusig“-Besetzung. Gruppen
nerisch spielen“ ist das Musizieren von Volks- wie die Alt Matreier Tanzmusik aus Osttirol, die Bläser und Streicher Einblick in über fünf Jahrzehnte Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaft Volkstanz in Südtirol
weisen und Schlagern auf einer Gitarre, die wie mischt, oder die Mitterhögl Hausmusik aus Kitzbühel besitzen
eine Zither klingt. Mit den Zigeunern hat das dagegen fast schon ehrwürdige Tradition und tragen zur Singulari-

W
nichts zu tun. Die Volksmusikpflege hat diese tät einer breit gefächerten Gattung bei, die als „Tiroler Volksmusik“ ie im gesamten süddeutschen Raum war auch in Südtirol nach Es waren zuerst einzelne Versuche von Volks-
Tradition, in der noch so viel vom „alten Tirol“ ein unverwechselbares Profil erlangt hat. dem Ersten Weltkrieg das Interesse an traditionellen Tänzen tanzbegeisterten, Gruppen aufzubauen.
mitschwingt, ebenso vor dem Aussterben be- wieder aufgeblüht. Durch die faschistische Machtergreifung und Gelegentliche Auftritte dieser Tanzgruppen
wahrt wie früher die Tiroler Volksharfe, deren Thomas Nußbaumer Unterdrückung aller volkskulturellen Tätigkeiten ist auch der Volks- und häufigere Anfragen von auswärts gaben
tanz verboten worden und konnte nur mehr im Geheimen, in den schließlich den Anstoß, dem Volkstanz größere
privaten Stuben und auf entlegenen Almen, wo das Auge des Ge- Aufmerksamkeit zu widmen.
setzes nicht hinreichte, weiter gepflegt und betrieben werden. Im Jahre 1956 fand in Lienz eine erste gesamt-
Gerade in dieser Zeit wurde in Anbetracht der schwierigen Situa­ österreichische Volkstanzwoche statt, zu der
tion ein Grundstein für einen bodenständigen Neuaufbau gelegt. Da Prof. Alois Staindl eingeladen wurde. Er war da-
durch die Option und die Umsiedlung zahlreicher Südtiroler/-innen mals Mitglied des Landesvorstandes im Heimat-
Porträt Rupert Stecher und Andrä Greiter die Gefahr bestand, dass ein Großteil der Überlieferungen in Verges- pflegeverband und außerdem begeisterter Tän-
Rupert Stecher (geboren 1940) und Andrä Greiter (geboren 1925) aus in Ried senheit gerät, kam die sogenannte „Kulturkommission“ zum Einsatz. zer bei der Volkstanzgruppe Brixen. Eine Reihe
im Oberinntal, letzte Vertreter des „Wirtshaussingens“. Sie beherrschen zahllose Auf dem Gebiete des Volkstanzes war es vor allem Karl Horak, dessen von Fachleuten vermittelte bei diesem Seminar
Tiroler Volkslieder und begeistern durch ihren pointierten Vortragsstil, der seine Aufzeichnungen auch heute noch den Grundstein für unsere Tätig- theoretische und praktische Kenntnisse, so dass
Foto: Alfred Rafetzeder

Kraft aus dem Wechsel von metrischer Gebundenheit und freier Deklamation keit darstellen. Staindl sich für seine Arbeit bei verschiedenen
bezieht. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatte man in unseren Südtiroler Gruppen das notwendige Hand-
Breitengraden zunächst andere Sorgen, der wirtschaftliche Wie- werkszeug aneignen konnte.
deraufbau war vorrangig. Doch allmählich begann sich auch das Nach mehreren Gesprächen mit dem damaligen
Interesse für Brauchtum und überlieferte Werte wieder zu regen. Geschäftsführer Hans Nagele des Verbandes

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Südtirol „Tanzen ist die Poesie des Fußes“ | Judith Unterholzner Südtirol „Tanzen ist die Poesie des Fußes“ | Judith Unterholzner

wirksamkeit des Volkstanzes. Dadurch versuchte


man die überlieferten Tänze im wahrsten Sinne
des Wortes zum „Tanz des Volkes“ zu machen.
Neben der aktiven Tätigkeit der Volkstanzgrup-
pen vor Ort sind es sicherlich auch Großveran-
staltungen wie die Europeade, das größte Volks-
tanzfest Europas, welches im Juli 2010 über
5.000 Tänzerinnen und Tänzer, Musikantinnen
und Musikanten, Sängerinnen und Sänger und
Fahnenschwinger aus über 20 europäischen
Ländern nach Bozen brachte, die den Volkstanz
vermehrt in die Öffentlichkeit rücken.
Zurzeit sind in Südtirol 56 der Arbeitsgemein-
schaft angeschlossene Volkstanzgruppen bzw.
-kreise sowie 213 Einzelmitglieder aktiv. Sie ge-
hören innerhalb ihrer Dorfgemeinschaften zu
wichtigen Mitträgern des örtlichen Brauchtums
und sind zum Teil sehr bemüht, den seit 30
Jahren verstärkt eingeschlagenen Weg der Brei-
tenwirkung zu verfolgen.
Seit 1960 stellt das Landes-Kathrein-Tanzfest den tänzerischen und gesellschaftlichen Höhepunkt im Tätigkeitsjahr der Arbeitsgemeinschaft In den letzten fünf Jahrzehnten gab es immer wieder große Auftritte, in deren
Volkstanz in Südtirol dar | Foto: Sebastian Niederrutzner Rahmen einer breiten Öffentlichkeit die (Süd-)Tiroler Volkstänze nähergebracht Ziel der Arbeitsgemeinschaft ist es auch heute
wurden, wie beim Ersten Alpenländischen Volkstanztreffen 1978 in Bozen noch, Tiroler Volkstanz und Brauchtum zu pfle-
Foto: Arbeitsgemeinschaft Volkstanz
gen und aktiv zu leben. Aufbauend auf den Auf-
zeichnungen von Prof. Horak, die sowohl Tänze
Südtiroler Musikkapellen reifte allmählich der tanzgruppen zu einer Tagung nach Brixen. Dieser Einladung für Volkstänzer unseres Landes. Durch die verstärkte Zusammenarbeit aus Südtirol als auch aus Nord- und Osttirol um-
Entschluss, auch in Südtirol einen solchen Aus- Sonntag, den 31. Jänner 1960 folgten zwölf Vereine aus dem ganzen mit der Arbeitsgemeinschaft Volkstanz Tirol geht diese Veranstal- fassen, sollen der Südtiroler Bevölkerung wie-
bildungslehrgang für Volkstanz durchzuführen. Land. Durch die Genehmigung der ersten Satzung vonseiten der tung seit 1991 als Gesamttiroler Maitanz über die Bühne und wird der die einheimischen Tänze, eingebettet in
Dieser wurde dann 1958 in Zusammenarbeit anwesenden Funktionärinnen und Funktionäre hob man damals jeweils abwechselnd dies- und jenseits des Brenners ausgetragen. die Tiroler Traditionen, nähergebracht werden.
mit dem Landesverband für Heimatpflege und die „Arbeitsgemeinschaft zur Pflege des Volkstanzes“ als Teilorga- Neben der Abhaltung dieser größeren Eigenveranstaltungen blieb Dazu hat die Arbeitsgemeinschaft die in Südti-
dem Assessorat für Schule und Kultur der Süd- nisation des Landesverbandes für Heimatpflege aus der Taufe. die wichtigste Aufgabe des Dachverbandes aber stets die Pflege des rol tätigen Volkstanzgruppen, Volkstanzkreise
tiroler Landesregierung in Bozen durchgeführt. Zum Vorsitzenden wurde Prof. Alois Staindl bestimmt, der diese Gemeinschaftstanzes. Dies kommt auch bei allen Veranstaltungen, und Brauchtumsträger erfasst und legt stets ein
Mit einer bescheidenen Anzahl von 14 Teilneh- Funktion ganze 25 Jahre lang innehatte. Die Hauptzielsetzung der mit welchen man an die Öffentlichkeit tritt und diese auf sich besonderes Augenmerk auf das richtige Erler-
merinnen und Teilnehmern war er der Anfang Arbeitsgemeinschaft wurde vom Vorsitzenden in einem Einfüh- aufmerksam machte, eindeutig zum Ausdruck. nen der Volkstänze.
für das Aufkommen bzw. Erweitern der Tätigkeit rungsreferat kurz dargelegt: Die Volkstanzpflege vertritt den Stand- Ab dem Jahre 1970 wagte man durch die Organisation „Offener
zahlreicher Tanzgruppen und schuf die ersten punkt, dass es viel wichtiger ist, dass 100 Paare fünf Tänze können, Tanzen“ erstmals auch einen Schritt in Richtung verstärkter Breiten- Judith Unterholzner
Voraussetzungen für die Gründung unseres als fünf Paare 100 Tänze. Diesem Ziel hat sich unser Dachverband bis
Dachverbandes. heute verschrieben und es ist weiterhin eine der Hauptaufgaben der
Ziel der Arbeitsgemeinschaft Volkstanz ist es seit einigen Jahren auch, bei den Kindern die Freude am Tanzen zu wecken und unsere Tanz- und
Da derartige Lehrgänge auch in den Folgejah- Arbeitsgemeinschaft. Singkultur weiterzugeben. Der Kindertanz bildet den Grundstein für das (Volks-)Tanzen | Foto: Florian Andergassen
ren äußerst erfolgreich über die Bühne gegan- Um den Zusammenhalt zwischen den Gruppen zu fördern, wurden
gen waren und großen Zuspruch gefunden ab 1963 jeweils im Sommer Gruppentreffen – heutzutage Almtanz
hatten, ergaben sich der Wunsch und die Not- genannt – organisiert. Das Können der Gruppen, die gute Zusam-
wendigkeit eines organisatorischen Zusammen- menarbeit und die helle Begeisterung für den Volkstanz und das
schlusses, um so eine Verbindung zwischen den Volkslied kommen alljährlich besonders beim Kathreintanz zum Aus-
einzelnen Gruppen herzustellen und um die druck. Die erste Ausgabe dieses, nach dem Motto „Kathrein stellt den
Arbeit gemeinsam auszurichten und zu koordi- Tanz ein“, alljährlichen feierlichen Abschlusses der Tanzsaison fand
nieren. 1965 im Meraner Kurhaus statt, wo man auch jetzt noch immer die
Aus diesem Grund lud der Landesverband für tanzfreie Zeit einläutet.
Heimatpflege in Südtirol auf Anregung des Seit Beginn der Siebzigerjahre, genauer gesagt seit 1971, steht auch
Landeskulturrates alle damals aktiven Volks- der Maitanz immer im Terminkalender der Volkstänzerinnen und

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Tirol Geselliger Volkstanz in Tirol – persönliche Erfahrungen | Helmut Jenewein Tirol Geselliger Volkstanz in Tirol – persönliche Erfahrungen | Helmut Jenewein

Zudem fand heuer die 24. Kinder- und Jugendmusizierwoche mit Begegnung im Krankenhaus die Wichtigkeit
ca. 90 TeilnehmerInnen im Alter zwischen 10 und 18 Jahren statt, die einer guten Gemeinschaft und das rücksichts-
sich großer Beliebtheit erfreut. Diese Wochen wurden Tausenden volle Miteinander hervorhob.
Menschen zum unvergesslichen Gemeinschaftserlebnis. Nähere In den über 30 Jahren durften wir erleben, dass
Hinweise unter www.volkstanz-tirol.at ! Volkstanz als Hilfe und wertvoller Ausgleich zur
Volkstanz beinhaltet aber auch Förderung des kulturellen Stellenwertes Alltagsbewältigung empfunden wurde.
der Tracht und der Volksmusik. Da Volkstänzen meistens spezielle In den letzten Jahren veränderten sich auch in
Melodien zugeordnet sind, bedarf es auch Musikanten. Zum Glück gibt Tirol die Tanzprogramme, jedoch sind nach wie
es in Tirol zunehmend Musikgruppen, die zum Volkstanz aufspielen. vor die Tanzfolgen – mehr als in anderen Bundes­
Um eine gesamtheitliche Volkstanzpflege bemühen sich in der ländern – von bodenständigen Tänzen bestimmt.
„Arbeitsgemeinschaft Volkstanz Tirol“ unter der Obmannschaft von Durch die Arbeit in Vereinen und Gruppen und
Ing. Kaspar Schreder Verantwortliche in den Referaten Kindertanz, die über die Landesgrenzen hinausgehenden
Kinder- und Jugendmusizierwoche und Musik, Tracht. Mitgliedsver- tänzerischen Erfahrungen steigt auch der
eine: Stubaital, Achental, Kufstein und Umgebung, Kitzbühel und Wunsch nach Anwendung der erlernten Tänze
Umgebung, Innsbruck und Umgebung, Zillertal, Söllandl, Brixental, bei öffentlichen Tanzveranstaltungen.
Fieberbrunn. Darüber hinaus pflegt man die Zusammenarbeit mit der Die Zusammenarbeit mit Trachtenvereinen
Volkshochschule (z. B. Historischer Tanz) mit der Pädagogischen Hoch- führte erfreulicherweise zu mehr geselligen
schule Tirol und der Arbeitsgemeinschaft Volkstanz in Südtirol. Tanzveranstaltungen.
Ein nachhaltig erfolgreich gestaltetes Ereignis, an das sich viele Solange die in den Vereinsstatuten festgelegten
immer wieder gerne erinnern, war das Österreichische Bundesvolks- Zielvorgaben – weltanschaulich und parteipolitisch
tanztreffen 1988 in Innsbruck. Über 1200 Teilnehmer trafen sich für nicht gebunden – ausschließlich volkskulturellen
Agat Hochzeitstanz | Foto: Helmut Jenewein drei Tage in Innsbruck, präsentierten ihre Volkstänze und begeg- Interessen zum Dienst – aus der Überlieferung
neten sich beim Tanz. gewachsene und dennoch zeitgemäße Volks-
Auch die Mitgestaltung des von der Stadt Innsbruck übernommenen tanzpflege – Wiederbelebung, Erneuerung und
Tiroler Balls 2006 in Wien – vor allem die erstmalige Einbindung des Verbreitung der überlieferten Formen von Musik,
Geselliger Volkstanz in Tirol – Volkstanzes – zählt zu den erfreulichen Aktivitäten. Vielen in guter Lied, Tanz und Tracht – Förderung des übrigen
Erinnerung ist auch das Jubiläumstanzfest (60 Jahre Arbeitsgemein- bodenständigen Brauchtums zur Wahrung dieses
persönliche Erfahrungen schaft Volkstanz Tirol), anlässlich des Gedenkjahres 1809–2009, kulturellen Erbes – beachtet und angestrebt
bei dem TänzerInnen aus Tirol, Österreich, Bayern und Frankreich werden, wird es immer wieder Menschen geben,
gemeinsam tanzten. die sich für den Volkstanz begeistern lassen.

W enn meine Frau und ich im festlichen


Gewand zum Volkstanz unterwegs sind,
werden wir oft gefragt, ob wir einen Auftritt haben.
Tirol hinaus in der Tanzforschung tätig und bemüht, die von Gewährs-
personen überlieferten Tänze aufzuzeichnen und zu beleben.
Prof. Horak war vor über 60 Jahren der Gründer der heutigen
Die ersten Volkstanzschritte erlernten meine Frau und ich 1980 von
Dr. Klaus Tschurtschenthaler, der bei unserer letzten persönlichen Helmut Jenewein

Denke ich an unsere tänzerischen Anfänge zu- „Arbeitsgemeinschaft Volkstanz Tirol“, die sich zu einer aktiven Fach-
rück, ist es uns schon vor 1980 aufgefallen, dass organisation mit eigenständigen Mitgliedsvereinen entwickelt hat
Tanz in der Garage | Foto: Helmut Jenewein Tänzerische Begegnung | Foto: Helmut Jenewein
der Volkstanz zur eigenen Freude und gesell- und in die Bundesarbeitsgemeinschaft Österreichischer Volkstanz
schaftlichem Zusammensein kaum bekannt war. eingebunden ist.
Von einem Mühlauer Sänger erfuhren wir von Im Veranstaltungsfalter der AG Volkstanz steht als Leitsatz:
der Existenz des damals schon seit 30 Jahren be- „Volkstanz ist Ausdruck einer gepflegten Geselligkeit
stehenden Volkstanzkreises Innsbruck. Obwohl in einer toleranten Gemeinschaft.
sich seither einiges getan hat, ist das Interesse im Wir sind der Auffassung, dass Volkstanz erst in zweiter Linie –
städtischen Bereich relativ gering. Seit geraumer wenn überhaupt – Darbietung ist.“
Zeit werden Volkstanzkurse (auch in Zusammen-
arbeit mit Einrichtungen der Erwachsenenbil- Durch die Aktivitäten der einschlägigen Volkstanzvereine haben sich
dung) angeboten und tragen erfolgreich dazu die Veranstaltungsangebote stark vermehrt. Es waren im Arbeitsjahr
bei, den gesellschaftlichen Volkstanz allgemei- 2010/2011 über 40 Veranstaltungen vorgesehen. Neben öffentlichen
ner bekannt zu machen. Der Volkstanz in Tirol Tanzfesten gibt es Möglichkeiten zur Vertiefung. So wurden u.a. der
wurde wesentlich von Prof. Karl Horak und Prof. 54. Rotholzer Volkstanzlehrgang und die 98. Kaserer-Meranser
Hermann Jülg gefördert. Beide waren weit über Volkstanzwoche abgehalten.

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Südtirol Das Singen zwischen Lebenskunst und Kommerz | Gernot Niederfriniger Südtirol Das Singen zwischen Lebenskunst und Kommerz | Gernot Niederfriniger

Das Singen zwischen Lebenskunst und MusikerIinnen gegen den Missbrauch ih-
rer Kompostionen. Am Beispiel des Marsches

und Kommerz mit Triogesang „Dem Land Tirol die Treue“ des
Osttiroler Komponisten Florian Pedarnig wird
deutlich, wie schnell Musik und Text verändert,
„Singen ist die eigentliche Muttersprache aller Seither kann man bis in unsere Zeit, Anfang des 21. Jahrhunderts, instrumentalisiert und für eigene ideologische,
Menschen“ viele Arten und Abarten der volkskulturellen Praxis des Singens politische Zwecke verwendet wird.
beobachten und sich freuen oder ärgern.
Vielleicht hat auch der „Mann aus dem Eis“ Ötzi Jeder von uns kann sein eigenes Lied davon singen ... Der Begriff der „Neuen Volksmusik“ ist irrefüh-
schon gejodelt, mit Silben und Lauten improvi- rend, weil es ihn musikwissenschaftlich nicht
siert, sich die Zeit verschönert, seinen freudigen Als Spiegel der Zeit ist die singende Praxis der Menschen in Südti- gibt. Er steht als Synonym für Cross Over, für
und schmerzlichen Gefühlen Ausdruck verliehen rol durch zwei groß angelegte Sammlungen dokumentiert: um 1900 das Vermischen von mehreren Musikstilen. Hier
oder sich mit anderen verständigt. Vielleicht lässt die handschriftlich gesammelten und mehrstimmig bearbeiteten werden Elemente der Volksmusik mit Rhythmik-
sich durch wissenschaftliche Forschungen am „Echten Tiroler Lieder“ von Franz Friedrich Kohl1 (1851–1924) und und Harmonikelementen des Blues, des Jazz und
Ötzi gar eine kleine Melodie rekonstruieren. 1940/42 die Tonbandsammlung des Dr. Alfred Quellmalz2 (1899–1979) außereuropäischer (Volks-)Musik vermischt. Zur-
„Über Berg und Tål ...“ – Seit über 50 Jahren singen die Geschwister Oberhöller
mit ca. 1.700 Liedern aus fast jedem Ort in Südtirol. Beide Samm- (Sarntal/St. Lorenzen) in ihrer unverkennbaren Art. Zahlreiche neue Texte und Me- zeit ist diese Richtung höchst erfolgreich und be-
Singen war und ist ein Lebensmittel, Aus- lungen sind eine Fundgrube an Liedern und Jodlern aus dem bäuer- lodien stammen von Sepp Oberhöller. V.l.n.r. Geschwister Oberhöller Sepp, Anna, liebt und als Modeerscheinung interessant, aber
Margareth, Paul Peintner: 2001 beim Adventsingen in Ebersberg | Foto: Archiv
druck der Gefühle wie Freude, Liebe, Heiterkeit, lichen Leben, der kirchlichen und weltlichen Feste im Jahreslauf, der Geschwister Oberhöller kurzlebig. Sogar manche Kulturverantwortlichen
Schmerz, Trauer und begleitete die Menschen Freude am Leben, aber auch der Trauer um Verlorenes, den Verlust in Südtirol sehen in diesen Cross-Over-Projekten
durchs ganze Jahr. Das Singen erleichterte im der Heimat in der Optionszeit. eine zeitgemäße Volksmusik, wird doch meist
bäuerlichen Alltag die Arbeit, sorgte für Motiva- Heute ist eine große Öffnung des Liedgutes der Bevölkerung in Die Kommerzialisierung des Volksliedes begann schon im 19. Jh. Als durch BerufsmusikerInnen hervorragend musi-
tion und Ordnung bei Arbeitsabläufen und war Südtirol nach allen Stilrichtungen und Moden festzustellen. Durch „Volksmusik“ wird heute der „volkstümliche Schlager“ erfolgreich ziert, kombiniert und improvisiert.
Ansporn für Kreativität, Geselligkeit und Muse. Im die modernen Medien ist es möglich, jederzeit – und an jedem Ort – vermarktet. Der „Grand Prix der Volksmusik“ verschluckte vor einigen
Jahreskreis gab es Feste und Feiern in Kirche und so oft man will, Musik zu konsumieren, ohne dass man selber singen Jahren sogar das ganze Kultur-Jahresbudget des RAI-Senders Bozen. Erfreulicherweise entdecken viele junge Men-
Gesellschaft, die es mitzugestalten galt. Es ent- muss, ohne sich mit anderen Leuten zu treffen oder ins Konzert zu Die Sonntagszeitung „Zett“ kommentierte dies in einer Karikatur mit schen auf unterschiedlichen Zugängen das Sin-
standen immer wieder neue Herausforderungen gehen. dem Text: „Singen macht Freude ... und Geld“3. Meist deutsche oder gen. Sie entdecken den eigenen Klang und die
im Berufs- und Gemeinschaftsleben und ein Im Schulalltag sind das Selbersingen, das eigene aktive Musikmachen österreichische KomponistenInnen und TexterInnen schreiben die Fertigkeit, mit „ihrem“ Instrument Stimme das
Bedarf an neuer Singliteratur, die sich bewährt oder der kreative (auch dichterische) Umgang mit dem Singen und der Musik, für die dann Südtiroler InterpretenInnen ausgesucht werden. Leben zum Klingen zu bringen. Damit verbun-
und die ihren bestimmten Platz und Wert hat. Sprache durch die Vielzahl von Playback-CDs und Karaoke-DVDs Plattenfirmen und ManagerInnen begleiten die jungen Stars unter den ist die verstärkte Verwendung des Dialektes,
stark eingeschränkt worden. Viele Lehrpersonen sind auf neue Medien Vertrag von den Anfängen bis zum Traumerfolg beim großen Fina- das dem Singen eine besonders persönliche
Das Singen war stetiger Begleiter aller Gesell- und Musikrichtungen fixiert und lassen die klassischen und volksmu- le. Für einige ist es das große Glückslos, für viele das unübertroffene Note verleiht. Die Suche und die Orientierung
schaftsschichten und Berufe: von höchster sikalischen Lerninhalte lieber beiseite. Höchst erfolgreich war und ist das Bauchgefühl, herrlich traumhafte „Volksmusik“ zu machen und zum an den eigenen (musikalischen) Wurzeln gibt
Kunst- und Kirchenmusik an Fürstenhöfen und in Projekt „Wir singen unsere Lieder – Volksmusik in der Schule“: Es bietet „Zauberreich der Volksmusik“ zu gehören. Für die anderen ist diese Verbundenheit und Wertschätzung und spornt
Klöstern bis zur Gebrauchsmusik in Städten und seit mehreren Jahren Volkslieder zu den Themen Jahreszeiten, weltliche völlige Vermarktung meist peinlich und beschämend, oft mit dem zu neuem, kreativem Umgang mit Text und
Dörfern. Singen als Lebensmittel, als Notwendig- und kirchliche Feiern, Natur, Landschaft und Geselligkeit an. Volksmu- Gefühl verbunden, als MusikerInnen nahe der Prostitution zu sein. Sprache an. Das WIR-Gefühl und die wachsende
keit, als Zeichen und Ausdruck tiefen kreativen sikbegegnungen in der Schule bringen den Schülerinnen/Schülern und Verglichen mit dem Lebensmittel Volksmusik sei hier der Vergleich ICH-Stärke im gemeinsamen Singen und Jodeln
und künstlerischen Empfindens. Jeder singende Lehrerinnen/Lehrern heimische Musikinstrumente und Tänze näher. gestattet, dass holländisches oder dänisches Schweinefleisch als Süd- geben Kraft, Motivation und machen wieder
Mensch klingt inspiriert und beeinflusst von Zu bedauern ist der Umstand, dass in den meisten Oberschulen in tiroler Speck vermarktet wird. Trotz allem (oder gerade deswegen) Lust und Freude.
seinem Umfeld und seinen Möglichkeiten. Südtirol der Sing- oder Musikunterricht in den letzten 20 Jahren ab- sind die Events der volkstümlichen Schlagermusik ein bedeutender
geschafft worden ist. Wirtschaftsfaktor geworden: Stadthallen und Riesenzelte sind aus- Gernot Niederfriniger
Bereits im 19. Jahrhundert begannen im Ziller- verkauft, ganze Täler und Landschaften haben volle Gästebetten.
tal Gruppen von Sängern und Musikanten sich Unter dem Begriff Volksmusik und Volkslied wird viel verkauft und
auf den Weg durch ganz Europa und Amerika zu erfolgreich vermarktet, wobei vieles oft nur im Entferntesten als Politische Absichten führten zum Missbrauch des Singens und spe-
FUSSNOTEN
machen, um durch Gesang und Musik ihren Le- Volkslied zu erkennen bzw. zu erklären ist. Hier sind dem Umgang ziell des „Volks“liedsingens durch den Nationalsozialismus. Die miss-
bensunterhalt zu verdienen. Der große Erfolg die- mit dem Singen viele Fallen gestellt, die auch fleißig benützt wer- bräuchliche Prägung dieser instrumentalisierten Form der Musikaus- 1 Tiroler Volksmusikverein und Südtiroler Volksmusik-
kreis (Hg.), Echte Tiroler Lieder. Ergänzte und kommen-
ser sogenannten „Nationalsänger“ brachte neue den. So gibt es viele Realitäten des Volksliedes, die sich durch die übung sorgt bis in die heutige Zeit für eine Abneigung und für einen
tierte Neuausgabe der Tiroler Liedersammlungen von
Komponenten und Formen in die kulturelle Mu- Verbindung mit kommerziellen und politischen Absichten sowie erschwerten Zugang zum Singen. Franz Friedrich Kohl, 3 Bände, Innsbruck – Wien 1999
2 Quellmalz, Alfred, Südtiroler Volkslieder. 3 Bände. Kassel
sikausübung der eigenen Heimat. Auch in Südtirol durch die Vermischung verschiedener musikalischer Stilrichtungen Umformulierte Texte zugunsten eigener politischer Ideologien sind
– Basel – Tours – London 1968, 1972, 1976
kann man dieses Phänomen um 1900 nachweisen. ergeben. auch heute noch gängige Praxis. Zu Recht wehren sich TexterInnen 3 Sonntag, 8. 9. 2002 „Grand Prix der Volksmusik“

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Tirol Das Singen ist des Tirolers Lust | Gunter Bakay Tirol Das Singen ist des Tirolers Lust | Gunter Bakay

Das Singen ist des Tirolers Lust lenden Almhütten- und Schrebergartenmusikanten der Name
(entgegen den Bemühungen der Kufsteiner Touristiker) kein Begriff
zu akzeptieren heißt dann konsequent: jene
Lebenswelt, in welcher der so oder so verwen-
und der Urheber des eben angestimmten Schunkelliedes auch völlig dete Begriff „zu Hause ist“, als die einzig wah-
wurst ist. Mithin singt die feucht-fröhliche Runde eben ein Volkslied – re (und richtige) Wirklichkeit festzuschreiben.

G eistreiche Menschen fragen den Volks-


kundler gerne, ob denn das „Kufsteinlied“
ein Volkslied sei? So harmlos die Frage (quasi auf
weil es ein bekanntes und beliebtes Lied des Volkes ist. Und basta.
Aber was ist damit gewonnen?
Offensichtlich kann man den inkriminierten Begriff so verwenden,
Und zum Beispiel gegen die anderen vor Ge-
richt oder gleich den Knüppel zu ziehen.
Und was hat das mit der Lust des Tirolers am
den Füßchen eines bloß allgemein kulturhisto- dass in der damit bezeichneten Gattung das Kufsteinlied einmal Platz Singen, Jodeln und Schunkeln zu tun?
rischen oder auch nur taxonomischen Interes- findet und einmal nicht. Spätestens jetzt brechen natürlich Streite- Viel. Denn der Begriffs- und Definitionsreigen,
ses) daherkommt, so bösartig ist sie natürlich. reien aus, wer über den „richtigen“ Gattungsbegriff verfügt: „Volks- das Panoptikum der Lebenswelten und das
Denn man kann sich gewiss sein, dass der ver- musik ist ...“, ein „Volkslied ist ...“. Ziehen sich die Streitereien lange Karussell der Tagesabschnittsrollenentwürfe
schmitzte Fragesteller weiß, dass das Kufstein- hin, Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte, dann spricht man von Be- drehen sich hier genauso rasch wie die Tänzer
lied einen namentlich bekannten Autor hat. griffsgeschichte (und tatsächlich: der Begriff „Volkslied“ ist im 18./19. an Kathrein.
Dabei handelt es sich um einen aus Brixlegg ge- Jahrhundert etwas anderes als etwa in der gegenwärtigen musi- Und: In der wievielten Generation muss man
borenen Herrn Karl Ganzer, Musikautodidakt in kalischen Volkskunde – die mittlerweile übrigens die Bezeichnung bei uns eigentlich einheimisch sein, um beim
jeglicher Hinsicht, der sich durch das Aufspielen Popularmusik vorzuziehen scheint). Die Lösung aus diesem anschei- Schunkeln als Tiroler zu gelten und damit ein
in diversen Wirtshäusern im Tiroler Unterinn- nenden Dilemma verdanken wir dem österreichischen Philosophen typisches Verhalten an den Tag zu legen? Oder
tal so leidlich durchzubringen in der Lage war. Ludwig Wittgenstein (II). Er zeigte, dass die Bedeutung eines Wortes geht das Jodeln des schnauzbärtigen Herrn am
Insbesondere das Gasthaus „Auracher Löchl“ nicht in der Übereinstimmung mit einem (auch idealen, abstrakten) unteren Ende des Biertisches höchstens als gut-
hatte es ihm angetan und so war die statistische Gegenstand liegt, sondern in seiner Verwendung. Das heißt also: turale anatolische Lautäußerung durch?
Wahrscheinlichkeit hoch, dass er ausgerechnet „Volkslied“ bezeichnet nicht etwas real Existierendes, sondern kon-
dort einen Welthit komponieren würde. 1946 Und ewig drehen sich die Lebenswelten ... struiert vielmehr eine Gattung, in die bestimmte Tonwerke fallen Gunter Bakay
Einladungssujet Tiroler Abend NEU (Projekt der Tirolwerbung 2006)
rann ihm so das gegenständliche Lied aus der © Bakay/Rosenhammer und andere nicht. Ändert man die Kriterien (die Verwendungsregeln
Harmonika, und zum Gaudium vieler etablierte des Begriffs), dann ändert sich auch der Inhalt.
es sich zunächst als veritable regionale Schnulze – Beliebig ist diese Änderung und die „alternative“ Verwendung des
ursprünglich allerdings noch im 4/8-Takt und kannt. Also ist das Kufsteinlied kein Volkslied, sondern höchstens Wortes aber nicht (sonst würden sich die Leute ja nicht die Köpfe
damit etwas sperriger als heute üblich. eines im Volkston (so nannte man das früher), und die Szene ist keine einschlagen), sondern basiert auf einer jeweiligen, bestimmten
Da Ganzer der Notenschrift unkund war, dauerte der Volks-, sondern der volkstümlichen Musik (so nennt man dies seit Lebenswelt. So ist das „Volkslied“ für den deutsch-nationalen Bur-
es einige Jahre, bis das Lied notiert, gedruckt etwa Mitte der 80er-Jahre). Auch ist der Begriff Schnulze abwertend schenschafter natürlich etwas anderes als für die Macher der (volks-
und verlegt wurde. Und einige weitere Jahre und könnte, wie in einem ähnlich gelagerten Falle im Jahre 1954, tümlichen) „Krone der Volksmusik“, und für den „Pfleger“ wieder
dauerte es, bis die überregionale Volksmusik­ gerichtliche Nachspiele haben (Mayrhofner Trio versus Sepp Land- anders als für den Tirolerabend-Touristiker oder unsere johlend-
szene darauf aufmerksam wurde, den 4/8- in mann, dem späteren Mitbegründer des Tiroler Volksmusikvereins). schunkelnde Runde im Schrebergarten. Und das Schöne daran: so-
den 3/4-Schunkeltakt geändert und es so lange Belassen wir es also am besten bei der schlichten Antwort: nein. lange sich jeder an seine Verwendungsregeln hält, sie und sich klar
durch diverse Shows geschliffen hatte, bis der Aber der verschmitzte Fragesteller ist, wie eingangs erwähnt, eben deklariert und die Verwendungsregeln der anderen akzeptiert – ist
Hit auch außerhalb des Auracher Löchls (etwa ein geistreicher und deshalb gibt er auch so leicht keine Ruh´. Denn jeder im Recht. Das hat aber nichts mit political correctness zu tun,
auf der Reeperbahn oder in Karl-Marx-Stadt, was, wenn Herr Ganzer das Lied in einer weniger notations- und in sondern entspricht dem Wesen der Sprache. Dies wiederum nicht
heute Chemnitz) bekannt war. Seitdem ist Kuf- jedem Fall weniger copyrightwütigen Zeit komponiert hätte? Sa-
stein erklärterweise eine Perle, liegt am grünen gen wir statt 1946 zum Beispiel 1746? Das Lied hätte die Stube des
Inn und Herrn Ganzers wird auf sämtlichen Tou- Auracher Löchls verlassen, wäre von diesem oder jener gesungen,
rismusseiten der Festungsstadt als Urheber des gemerkt, bearbeitet, weitergegeben worden, der Name Ganzer hät-
Liedes gedacht. Ein Porträt schmückt das Wirts- te seine innige Verbundenheit mit dem Tonstück früher oder später Porträt Wolfram Rosenberger
haus. eingebüßt, und plötzlich stünde es herrenlos da und wäre bereit, als Der Direktor der Musikschule Innsbruck stellt die Ausbildung von Talenten auf eine so breite
So weit die kurze Zusammenfassung. ächtes Tyrolerlied von der anno dazumal gerade alpenselig, ja völlig und anspruchsvolle Basis, dass es gar nicht mehr wenigen davon gelingt, über den ein-
Vollkommen falsch daran ist aber natürlich, dass alpenduselig werdenden Weltöffentlichkeit zur Kenntnis genommen heimischen Tellerrand sehend zu schlüpfen und sich dankenswerterweise auf den Weg in die
die oben erwähnte überregionale Volksmusik­ zu werden. Akkurat so ist es ein bisschen später Stille Nacht, heilige Internationalität machen zu können.
Foto: Gunter Bakay

szene auf das Lied aufmerksam und dieses in Nacht gegangen. Mohr, Gruber, who?
ihren Händen zum Goldschatz geformt wurde. Deshalb weiter und zurück in die Gegenwart: Wer kennt denn Herrn
Denn erstens ist Volksmusik regional und zwei- Ganzer tatsächlich? Wir müssen nämlich aus Erfahrung geradezu
tens der Verfasser (das Volk) namentlich unbe- zwingend annehmen, dass den klampfen- und quetschorgelspie-

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Südtirol Blasmusikszenerien im Zeitspiegel | Klaus Bragagna Südtirol Blasmusikszenerien im Zeitspiegel | Klaus Bragagna

So sehr all diese Erneuerungsbemühungen im Rückblick wegwei-


send für die Blasmusikentwicklung waren, so unbeachtet blieben sie
zunächst vom Großteil der Musikkapellen, die weiterhin ihr traditio-
nelles Repertoire auf das Programm setzten. Größere und leistungs-
stärkere Klangkörper widmeten sich in ihren konzertanten Auftritten
vorwiegend Opernbearbeitungen, während das Programm kleinerer
Kapellen aus Märschen, Polkas u. dgl. bestand.
Erst mit der Gründung der Blasmusikverbände im süddeutschen
Raum und in Österreich und dank deren intensiven Bemühungen
um die Repertoireerneuerung fanden die „neuen“ Ideen nach und
nach ihren Weg zu den Musikkapellen. Im Umfeld dieser Verbände
entstanden nunmehr zunehmend Originalkompositionen, welche
Die Bürgerkapelle Gries ist eine jener fünf Kapellen, die
künstlerische Maßstäbe mit pädagogischen Gesichtspunkten in sich für ihre innovativen Ideen und zeitgemäßen Gestal-
vereinten.5 Der Verband Südtiroler Musikkapellen (1948 gegründet) tungswillen 2011 mit dem Blasmusikpreis des Landes
Südtirol ausgezeichnet wurden | Foto: Archiv VSM
hat sich von allem Anfang an ganz energisch und konsequent der
Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit in diesem Sinne gewidmet.
Ab den 1960er-Jahren fanden diese Anstrengungen zunächst noch zierten programmatischen Ausrichtungen neben-
zaghaft, dann bei zunehmender Akzeptanz, ihren Niederschlag in einander. Die bedachte Öffnung hin zu neuen
der Programmgestaltung aufgeschlossener Kapellmeister. Zudem Originalwerken und die mehr oder weniger weit
Das Südtiroler Jugendblasorchester, 2006 ins Leben gerufen, ist als hochmotiviertes Ensemble mit deutlich definierten musikalisch-künstlerischen übernahmen junge, an Konservatorien und Hochschulen ausgebil- reichenden Zugeständnisse an traditionelle Hör-
Ansprüchen das Aushängeschild der Südtiroler Blasmusikszene | Foto: Archiv VSM dete Musiker die Leitung von repräsentativen Musikkapellen und gewohnheiten sollen den Erwartungen sowohl
beschritten neue Wege in der Programmgestaltung. vieler Musikanten wie auch des Publikums Rech-
Die Einbindung des VSM in internationale Organisationen wie den nung tragen und den überkommenen Konsens

Blasmusikszenerien im Zeitspiegel „Internationalen Musikbund“ und die „Internationale Gesellschaft


zur Erforschung und Förderung der Blasmusik“ und die Kontakte
zwischen der Kapelle und deren Zuhörern nicht
beeinträchtigen. So hat sich recht bald ein Auf-
zu den Blasmusikverbänden in Österreich, Deutschland und der führungsschema entwickelt, wonach im ersten
Schweiz brachten vielfältige neue Impulse nach Südtirol, die dann Konzertteil „neue, ernste Musik“, im zweiten Kon-

B lasmusik wird von Vertretern eines elitären


Kunst- und Kulturverständnisses gerne pau-
schal als eine dem volkskulturellen Bereich
Erst das „Überschwappen“ militärmusikalischer Musizierpraxis auf
weit weniger gut ausgestattete Laienkapellen brachte den Image-
verlust der Blasmusik in der damaligen Musikwelt mit sich. „So wurde
in gezielten Aus- und Weiterbildungsveranstaltungen für die Kapell-
meister vertieft und aufbereitet wurden.
1987 stellt Wolfgang Suppan für den europäischen Raum eine Tren-
zertteil „leichtere Kost“ dargeboten wird, wobei
sich immer mehr Kapellmeister auf die Suche nach
einem „roten Faden“ in der Programmfolge ma-
zuzuordnende Gebrauchs- und Unterhaltungs- mit indiskutablen Interpretationen der Blasmusikbearbeitungen nung der Blasorchester in symphonische Blasorchester, also solche, chen und die ausgetretenen Pfade des konzept-
musik wahrgenommen und definiert. Dabei ist durch kleine Stadt- und Dorfblaskapellen die Blasmusikbearbeitung die nach amerikanischem Vorbild bewusst hohe Ansprüche erfüllen losen „von Allem etwas – für Alle etwas“ verlassen.
das Phänomen Blasmusik durchaus vielschich- in ihrer Gesamtheit – und letztlich das Blasmusikwesen denunziert.“2 und die neue Blasmusik unseres Jahrhunderts pflegen, und in Blas- Der Zuordnung zum symphonischen Blasorche-
tiger und umfasst eine viel breiter gefächerte Den Weg aus dieser Situation heraus eröffneten um die Jahrhundert- orchester, die „ihre Hauptaufgabe in der Bewahrung konventioneller ster entsprechen die zunächst als definierte Pro-
Palette musikalischer Ausdrucksformen, um an wende englische Komponisten wie Elgar, Grainger, Holst und unterhaltsamer Gebrauchsmusik – mit gelegentlichen Ausflügen in jekte in unregelmäßigen Abständen ins Leben
einer solch einschränkenden und grundlegende Williams, die mit qualitätsvollen, eigens für Blasorchester kompo- sogenannte „konzertante“ Bereiche“6 sehen, fest. gerufenen Auswahlorchester und seit 2005 das
Entwicklungen im 20. Jahrhundert außer Acht nierten und somit deren Eigenheiten berücksichtigenden Werken Für Südtirol kann eine solche Trennung innerhalb der vereinsmäßig als ständige Einrichtung des Verbandes Südtiroler
lassenden Zuordnung festgemacht zu werden. neue Maßstäbe setzten. organisierten Musikkapellen nicht festgestellt werden. Die Ursachen Musikkapellen gegründete Südtiroler Jugend­
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass dem Einen weiteren Markstein in der Neuausrichtung der Blasmusik dafür liegen wohl in der grundsätzlichen Ausrichtung unserer Kapel- blasorchester. Ziel dieser Initiative ist es, gut aus-
nicht immer so war. Wegbereiter für das moder- stellen die „Donaueschinger Kammermusiktage“ 1926 dar, in deren len, die, fest verankert im gesellschaftlichen Gefüge ihrer Gemeinden, gebildeten, talentierten und musizierfreudigen
ne Blasorchester waren im 19. Jahrhundert die Rahmen Blasmusikwerke von Hindemith, Krenek, Pepping, Toch und dort eine breit gefächerte Palette an Aufgaben für die Gemeinschaft jungen Musikerinnen und Musikern die Möglich-
Militärkapellen, die sowohl in ihrer instrumen- Gal aufgeführt wurden. Paul Hindemith hatte seine Komponisten- wahrzunehmen haben. Die Mitgestaltung religiöser Feiern, Ständ- keit zu geben, unter der Leitung eines renom-
talen Zusammensetzung als auch in der Qualität kollegen aufgefordert, das „jugendbewegte Suchen nach neuen chen zu allen möglichen Anlässen, Fremdenverkehrskonzerte stehen mierten Dirigenten und qualifizierter Lehrkräfte
der Darbietungen neue Horizonte eröffneten Ausdrucksformen im Amateurmusikbereich ernst zu nehmen“.3 in beeindruckender Dichte auf dem Jahresprogramm jeder Kapelle, interessante, symphonische Blasorchesterliteratur
und sich durchaus der Anerkennung der da- Weitere Entwicklungsschritte in der Schweiz lösten dort eine breite unabhängig von ihrer Mitglieder- oder Leistungsstärke. Zwar nehmen einzustudieren und aufzuführen. Auf diese Weise
maligen Komponisten- und Dirigentengrößen Bewegung für die „originale Blasmusik“ aus, die den Amateurblas- auch hier einige besonders innovationsfreudige Kapellen, in der Regel übt das SJBO auf mehreren Ebenen eine wichtige
wie beispielsweise Berlioz, Rimskij-Korsakow, kapellen „eine eigenständige Entwicklung im Rahmen der Gesamt- aufgrund eines ausgeprägten Gestaltungs- und Erneuerungswillens Vorbildfunktion für die allgemeine Blasmusik­
Brahms, Richard Wagner, Hans von Bülow und kultur eines Landes“4 ermöglichen sollte. Der Begriff der „Sympho- der Kapellmeisterin/des Kapellmeisters, eine Vorreiterrolle hinsichtlich landschaft aus. Dies wird noch dadurch verstärkt,
Artur Nikisch erfreuten.1 nischen Blasmusik“ wurde geboren. der Programmgestaltung ein, meist aber bestehen die oben skiz- dass die Auftritte in der Regel auf besonders

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Südtirol Blasmusikszenerien im Zeitspiegel | Klaus Bragagna Südtirol Blasmusikszenerien im Zeitspiegel | Klaus Bragagna

Die bereits angesprochenen Bemühungen des VSM um die Reper- Qualität verpflichtet fühlen. Diese Suche nach unverbrauchten musi- zweimaligen Teilnahme an den Europameister-
toireerneuerung fanden und finden ihre unmittelbarste Umsetzung kalischen Ausdrucksmöglichkeiten belegen die da und dort, meist zu schaften geführt hat.
in der Vergabe von Kompositionsaufträgen und der Ausschreibung besonderen Festlichkeiten, von einzelnen Kapellen vergebenen Kom- Als jüngstes Projekt in diesem Bereich wurde
von Kompositionswettbewerben. Im Laufe der Jahre hat es mehrere positionsaufträge und neue Formen des konzertanten Auftritts wie 2008 die „Brass Band Überetsch“ ins Leben ge-
solcher Initiativen gegeben, wobei abwechselnd die internationale beispielsweise geistliche Konzerte, Kinderkonzerte in Zusammenarbeit rufen. Einen Höhepunkt für Brassliebhaber stellt
Ausrichtung und die bewusste Einbindung lokaler Komponisten mit Schulen, Konzerte im Zusammenspiel mit anderen Musikformatio­ das jährlich in Meran stattfindende und stets
angestrebt wurden. Dass dabei nicht ausschließlich Werke für den nen (Rockgruppe, Chor usw.). mit internationalen Spitzenensembles besetzte
„täglichen Gebrauch“ der heimischen Musikkapellen entstanden, ist Mit der vor Kurzem erstmalig erfolgten Vergabe des „Blasmusikpreises“ Brassfestival dar. Die zweite Sonderform betrifft
nicht so sehr von Bedeutung wie der Umstand, dass sich nahezu alle an fünf Musikkapellen, die ihre Tätigkeit in der hier geschilderten die böhmisch-mährische Blasmusik. Diese defi-
in Südtirol wirkenden Komponisten zumindest marginal mit Blasmusik Weise ausgerichtet haben, wollen VSM und die Kulturabteilung der niert sich zum einen über die in der Regel auf 25
befasst und schöpferisch auseinandergesetzt haben. Deshalb ist es Landesregierung innovative Ideen und kreative Gestaltungsweise Musikanten beschränkte Besetzung mit Holz-
eine dringend anstehende Aufgabe des VSM, die an die zwei Duzend fördern und als beispielhaft hervorheben. und Blechblasinstrumenten, zum anderen über
auf diese Weise in den vergangenen Jahren neu geschaffenen Blas- Qualitätsbewusste Musikkapellen werten außerdem die mit zusätz- das Repertoire, das sich im Wesentlichen auf
1996 gestaltete das Südtiroler Landesblasorchester unter musikwerke entsprechend aufzubereiten und den Musikkapellen lichem Imagegewinn verbundene Einladung zu einem Auftritt bei Marsch-, Walzer- und Polkakompositionen aus
der Leitung von Michael Luig im Rahmen von „Musik allgemein zugänglich zu machen. den jährlichen Innsbrucker Promenadenkonzerten als Bestätigung der böhmisch-mährischen Volksmusiktradition
Meran“ ein Konzert mit Werken der „Donaueschinger“
Komponisten Paul Hindemith und Hans Gal sowie von Ein zweiter für die Blasmusikentwicklung entscheidender Bereich der von ihnen gewählten musikalischen Ausrichtung oder holen sich beschränkt. 2012 findet in Mühlbach das „3. Süd-
Hans Werner Henze und Krzysztof Penderecki. umfasst die Ausbildung der Kapellmeisterinnen/Kapellmeister. Es durch die Teilnahme an Wettbewerben in und außerhalb des Ver- tiroler Festival der böhmischen und mährischen
Letzterer wünschte dem Orchester in einer handschrift-
lichen Botschaft viel Erfolg bei der Aufführung. soll hier nicht auf die vielfältigen Bemühungen eingegangen werden, bandes Impulse zur eigenen Weiterentwicklung. Blasmusik“ mit Wettbewerb statt.
die diesbezüglich vom VSM und in seinem Umfeld unternommen In vielen Musikkapellen bestreiten kleinere, innerhalb des Gesamt-
worden sind. Als ein besonders zukunftsweisendes Ereignis ist aber vereins bestehende Ensembles und Bläsergruppen die regelmäßig, Klaus Bragagna
repräsentative Anlässe (z.B Gustav-Mahler-Woche, die heuer (2011) in enger Zusammenarbeit zwischen Konservatorium meist aus gesellschaftlichen Anlässen anfallenden „Pflichtauftritte“.
Zusammenarbeit mit Musik Meran 1996, Lan- und VSM erfolgte Einführung eines Studienganges für Blasorchester- Auf zwei blasmusikalische Sonderformen sei hier abschließend noch kurz
FUSSNOTEN
desmusikfest, Jubiläumsfeier, Mid-Europe in leitung am Konservatorium in Bozen zu erwähnen. hingewiesen, in denen jeweils eine eher kleine Anzahl von Ausübenden
1 Vergl. dazu: Suppan, Wolfgang: Das Blasorchester.
Schladming) gelegt werden. Die aktuelle Situation in Südtirols Blasmusiklandschaft wird charakte- tätig ist, wobei aber jede für sich begeisterte Anhänger aufzuweisen hat. Forschungsbericht und Forschungsaufgabe, in: Alta
1989 entstand unter der Regie von Alexander Veit risiert von einem Stil- und Formenpluralismus, der eine kurz gefasste Die vor allem in den nordeuropäischen Ländern und der Schweiz Musica, Eine Publikation der Gesellschaft zur Erfor-
schung und Förderung der Blasmusik, herausgegeben
außerhalb des VSM als eigenständige und unab- und allgemeingültige Definition nicht zulässt. Sicher – ein Großteil der stark verbreiteten Brass Bands (Blasmusikformationen ohne Holzblas- von Wolfgang Suppan und Eugen Brixel, Band 1, S. 11,
hängige Organisation das Blasorchester „Sym- Musikkapellen bewegt sich innerhalb des oben skizzierten Rahmens, instrumente) haben seit einigen Jahren auch in Südtirol Fuß gefasst. verlegt bei Hans Schneider, Tutzing, 1976;
2 Suppan, Wolfgang: a.a.O.
phonic Wind“ als semiprofessionelles Ensemble aber das dank des Wirkens der Musikschulen konstant steigende mu- Innerhalb der Musikkapelle „Peter Mayr Pfeffersberg“ (Brixen) konsti- 3 Suppan, Wolfgang: Skizzen zu einer Geschichte der
mit dem Anspruch, „einen Fixplatz in der euro- sikalische Niveau der Musikantinnen und Musikanten und die gezielte tuierte sich im Jahr 2000 die „Brass Band Pfeffersberg“, die seither in Literatur für Blasorchester seit dem ausgehenden
18. Jahrhundert, in: Komponieren für Amateure, in: Alta
päischen Kultur- und Blasmusikszene einzuneh- Förderung der Kapellmeisterinnen/Kapellmeister eröffnen dem einer jährlichen Konzerttournee vor das Publikum tritt und die bereits Musica, Eine Publikation der Gesellschaft zur Erfor-
men“.7 In einer jährlichen Konzertsession präsen- Laien­musizieren neue Möglichkeiten. Zwar wird die Wahrnehmung wiederholt erfolgreich an den eigens für Brass Bands ausgerichteten schung und Förderung der Blasmusik, herausgegeben
von Wolfgang Suppan und Eugen Brixel, Band 10,
tiert das Orchester – meist in Zusammenarbeit mit von Blasmusik im öffentlichen Raum noch immer vorrangig von de- Europameisterschaften teilgenommen hat. 2005 entstand mit der S. 23, verlegt bei Hans Schneider, Tutzing, 1987;
einem/einer international renommierten Solistin/ ren gesellschaftlichen Funktionen bestimmt, aber es gibt zunehmend „Brass Band Wipptal“ die zweite Formation dieser Art in Südtirol, deren 4 Suppan, Wolfgang: a.a.O, S. 55
5 Vgl. dazu: Suppan, Wolfgang: a.a.O., S. 68;
Solisten – moderne Blasmusik, des Öfteren in mehr Musikkapellen, die sich in allen ihren musikalischen Äußerungen, Musiker sich aus Mitglieder der Musikkapellen des Wipptales rekrutie- 6 Suppan, Wolfgang: a.a.O., S. 65;
eignes für es geschriebenen Spezialarrangements. also auch bei Auftritten imminent „unterhaltsamen Charakters“, der ren. Auch sie ist stark dem Wettbewerbsgedanken verpflichtet, was zur 7 Zitat aus: http://www.symphonicwinds.it;

Porträt Andreas Reifer Porträt Armin Kofler


Geboren 1939, ist eine der markantesten Kapellmeisterpersönlichkeiten unseres Landes. 1963 Geboren 1981, ist Blasmusikkomponist, der in letzter Zeit immer wieder mit gehaltvollen Kom-
übernahm er die musikalische Leitung der Musikkapelle Peter Mayr Pfeffersberg, die er schritt- positionen auf sich aufmerksam gemacht hat, die in gemäßigt moderner Tonsprache unter
weise von einer kleinen bescheidenen Dorfkapelle zur repräsentativen Höchststufenkapelle Verwendung zeitnaher Klänge und Rhythmen das Repertoire der heimischen Musikkapellen
umgestaltete, deren Auftritte weit über die Landesgrenzen hinaus Beachtung und Anerken- bereichern. Als Autodidakt erwarb er sich durch das Studium und die Analyse von Blasmusik-
nung finden. Außergewöhnliche musikalische Begabung, eiserne Konsequenz, Selbstdisziplin partituren die fachlichen Kenntnisse für die Komposition. 2001 debütierte er mit seinem
und Präzision in allen musikalischen Belangen und ein hohes Maß an Kompromisslosigkeit in Erstlingswerk „A New Age“. Seither sind zahlreiche weitere Werke für Blasorchester, Brassband
der Verfolgung einmal als erstrebenswert erkannter Ziele kennzeichnen Reifers bald 50 Jahre und andere Bläserformationen entstanden. Beim Kompositionswettbewerb des VSM 2009
währendes Wirken als Kapellmeister. Stets aufmerksam verfolgte er die Entwicklung der Blas- anlässlich des Tiroler Gedenkjahres wurde sein Werk „Tirol 2.0“ mit dem dritten Preis ausge-
musik auf europäischer Ebene und seine Konzertprogramme erfüllten eine Vorreiterrolle mit zeichnet, ebenso auch sein jüngstes Werk „Ålm“ anlässlich des Kompositionswettbewerbes im
großer Strahlkraft auf die einheimische Blasmusikszene. Rahmen der Sepp-Thaler-Musiktage 2011.

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Tirol Weniger Sozialprojekt, mehr Kunst! | Alois Schöpf Tirol Weniger Sozialprojekt, mehr Kunst! | Alois Schöpf

Natürlich fehlten unter diesen Größen nicht Tiroler Orchester, wobei Die Gegenwart unterscheidet sich von der Zeit um
sich vor allem jene aus dem südlichen Landesteil durch feines Spiel 1900 vor allem dadurch, dass der Zuhörer heute
und ästhetisch hochwertige Selbstdarstellung in auffällig gepflegter vom altehrwürdigen Radio über das Fernsehen
Trachtengewandung auszeichneten. So vermittelten die Musik- bis hin zu CDs, DVDs und YouTube-Clips über
kapellen aus Lana und Algund zur Eröffnung und zum Abschluss der unbeschränkte Vergleichsmöglichkeiten verfügt.
Konzertreihe ein für Amateure ungewöhnlich transparentes und ge- Wenn es also in der k.u.k. Monarchie noch glaub-
pflegtes Klangbild. Und so bewies die Musikkapelle Latzfons unter haft möglich war, die Werke der hohen Kunst
Georg Hasler, dass auch eine einfache, fast durchwegs aus Laien be- über die Militärorchester der Garnisonen und von
stehende Dorfkapelle mit ihren Flügelhorn- und Tenorhornregistern dort über einzelne Musiker, die mit Notenmateri-
innig, stimmig und überzeugend musizieren kann. An dieses Niveau al in ihre Dörfer als Kapellmeister zurückkehrten,
konnten mit Ausnahme der Musikkapelle aus Oberhofen unter der in Bläserfassungen dem sogenannten gemeinen
Leitung von Stefan Köhle und der Stadtmusikkapelle Wilten, die unter Volk näherzubringen, so würden Aufführungen
Peter Kostner seit Jahren eine herausgehobene Position einnimmt, von damals heute nur noch Kopfschütteln aus-
die Nordtiroler Kapellen nur schwer anschließen: Der entscheidende lösen, wie ja noch in den Sechzigerjahren etwa
Grund hierfür dürfte sein, dass der internationale Trend hin zu einer eine Puccini-Einspielung der Blasmusikikone
stark von Holzregistern dominierten und äußerst transparenten Be- Sepp Tanzer, wie sie im ORF-Archiv aufbewahrt
setzung durch das Beibehalten umfangreicher Blechregister in den wird, als inakzeptable Klangsuppe die Forderung
letzten Jahren nicht mitvollzogen wurde. Dies ist jedoch eine unab- berechtigt erscheinen lässt, wonach Blasmusik
dingbare Voraussetzung, um in einem Niveausegment bestehen zu besser bei ihren Märschen bleiben sollte, als sich
können, das längst den Wettbewerb mit den klanglichen Herausfor- an den Werken des letzten großen Opernkompo-
derungen professioneller Symphonieorchester aufgenommen hat nisten zu vergreifen.
und, in den besten Fällen, durchaus bestehen kann. Die modernen Hörerwartungen sind heute so
Innsbrucker Promenadenkonzerte | Foto: Erich Wolf Als Bilanz der Innsbrucker Promenadenkonzerte im Hinblick auf den gestiegen, dass Bläserversionen von Werken der
Entwicklungsstand der Tiroler Blas- und Bläsermusikbewegung muss Klassik, aber auch der modernen Unterhaltungs-
daher festgehalten werden, dass nur wenige Orchester aus Nordtirol musik zwar nur von Fundamentalisten grundsätz-
und einige mehr aus Südtirol in der Lage sind, klanglich mit jenen lich abgelehnt werden, sonst jedoch alle Anfor-
Weniger Sozialprojekt, mehr Kunst! Anforderungen zurechtzukommen, die sich ein an Musik interessier-
ter Zuhörer erwarten kann, wenn er bei Bläsermusik im Vergleich zu
derungen im Hinblick auf Klang, Klangausgleich,
Instrumentation, Qualität der Instrumente, Trans-
Wo steht Tirols Blasmusik heute? Streichorchestern und den übrigen Angeboten der Hochkultur nicht parenz, Stimmung, einwandfreie Stilistik und
von vornherein dem Laienhaften und dem Dilettantischen geschul- kompetente Interpretation bestehen bleiben.
dete Abstriche zu machen bereit ist. Nur Orchester, welche diese Hörerwartungen

D ie 17. Innsbrucker Promenadenkonzerte


2011 fanden vom 7. bis zum 31. Juli im
Innenhof der kaiserlichen Hofburg in Innsbruck
Österreich seinesgleichen sucht und mit der Suite aus dem Ballett „Der
Feuervogel“ von Igor Strawinsky und einer Ballett-Suite von Dimitri
Schostakowitsch in idealer Weise die Brücke zur klassischen Musik
Innsbrucker Promenadenkonzerte | Foto: Erich Wolf
erfüllen, garantieren der Bläser- und Blasmusik
eine Zukunft, in der sie als die gültigste Form
von Freiluftmusik und darüber hinaus als ernst
statt. An 24 Konzerttagen traten 30 Blasorche- schlug. Denn das ist das Ziel der Innsbrucker Promenadenkonzerte: zu nehmende Alternative zum klassischen Or-
ster, Symphonische Bläserensembles, Brassbands, Wie zu Zeiten der Donaumonarchie, als es Aufgabe der Militär- und chester und anderen Formen des gemeinsamen
Militär- und Trachtenkapellen auf. Ohne in unge- Trachtenkapellen war, die Werke der hohen Kunst- und Unterhaltungs- Musizierens wahrgenommen wird. Alle Kapellen
höriges Eigenlob zu verfallen, darf festgehalten musik vor allem des 19. Jahrhunderts in Bläserfassungen zu popula- und Musikvereine, die diese Basisleistung nicht
werden, dass nirgendwo sonst in Österreich und risieren, so auch heute im barocken Ambiente einer kaiserlichen erbringen, werden sich damit begnügen müssen,
seinen Nachbarländern Bläsermusik auf solch hohem Residenz unter optimalen akustischen Bedingungen bei freiem Eintritt auf ein soziales Projekt reduziert zu sein, das bei
Niveau und in diesem Ausmaß angeboten wird. die Besucher dazu zu verführen, sich den großen Werken der vor allem Abzug aller Verwandten, Freunde und Funktio-
Dies begann schon am ersten Wochenende mit altösterreichischen Musik zuzuwenden und in Zeiten kommerzieller näre kaum noch ein Konzertpublikum anziehen
der Brassband Bürgermusik Luzern, der besten Verödung über leicht zugängliche Werke zur abendländischen Klassik kann, das der Musik wegen kommt.
Formation ihrer Art aus der Schweiz, die unter zurückzufinden. Den Abschluss des ersten Wochenendes bildete üb- Um einem solchen Untergang vor leeren Rängen
der Leitung von Michael Bach durch ein für eine rigens ein Konzert der Sächsischen Bläserphilharmonie unter der Lei- entgegenzuwirken, wurde eine Verbesserung
Brassbesetzung äußerst seelenvolles Spiel fas- tung des Berliner Philharmonikers Thomas Clamor, derzeit wohl eines der Kapellmeisterausbildung in Angriff genom-
zinierte, und setzte sich fort mit dem Sympho- der weltweit besten symphonischen Bläserensembles: Wie hier die men, die ich in einer Ausgabe der Deutschen
nischen Blasorchester Vorarlberg unter Thomas Werke Bachs und Händels von Bläsern gespielt wurden, hätte selbst Musikzeitschrift „Clarino“ als zu „aufgeblasen“
Ludescher, einem mächtigen Klangkörper, der in die gestrengsten Anhänger der Alten-Musik-Bewegung begeistert. kritisierte, weil damit aus meiner Sicht und aus

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Tirol Weniger Sozialprojekt, mehr Kunst! | Alois Schöpf Südtirol „prima la musica“ | Irene Vieider

langjähriger Erfahrung heraus die entschei-


denden Probleme nicht erkannt und daher auch „prima la musica“
nicht behoben würden. Diese bestehen nämlich
weniger darin, dass die Dirigenten zu wenig aus-
gebildet wären. Ein solcher Missstand wird erst
dann schlagend, wenn Dirigenten vor einem
Orchester stehen, das bereit und dazu in der
A lljährlich im März – rund um den Tiroler Feiertag Josefi – ist es
so weit: Eine Gemeinde Tirols wird über eine Woche lang mit
Musik erfüllt und von vielen jungen Musikerinnen und Musikern be-
ten Öffentlichkeit präsentieren zu dürfen. Die
Musik­schulen putzen sich heraus, die Gemein-
den suchen nach ihren musikalischen Spuren,
Lage ist, allfällige künstlerische Wünsche adä- völkert – und das schon seit über 15 Jahren. Der Grund: Der Gesamt- die Tourismusvereine nehmen die Gelegenheit
quat umzusetzen. Bei den meisten Musikkapel- tiroler Wettbewerb „prima la musica“ wird ausgetragen. Es handelt wahr, neben den musikalischen Spezialitäten
len ist dies mitnichten der Fall, was dazu führt, sich um einen der neun Landeswettbewerbe, die in jedem Frühjahr auch noch mit anderen Besonderheiten der je-
dass es gerade die Bildung und der hohe Aus- in den Bundesländern Österreichs im Vorfeld des Bundesmusikwett- weiligen Region aufzuwarten, und können so
bildungsgrad der Kapellmeister sind, die dazu bewerbes „prima la musica“ stattfinden. Alle vier Jahre findet dieses untereinander in Austausch treten.
Innsbrucker Promenadenkonzerte | Foto: Erich Wolf
führen, dass viele von ihnen binnen kürzester musikalische Großereignis in einer Südtiroler Gemeinde statt.
Zeit ihren Job als Zwangsexekutoren musika- Im Vorwort zur Wettbewerbsausschreibung 2012
lischer Unterschichtkultur zurücklegen und ihn kulturelle Vermittler die Kompetenz raubten. Diese Kompetenz muss Der musikalische Wettstreit hat sich in den Jahren seines Bestehens schreibt Paul Roczek, Vorsitzender des Bundes-
Leuten überlassen, die alles zu schlucken bereit unter neuen und wesentlich verschärften Bedingungen bei zugleich etabliert, an Zuspruch gewonnen und ist so zu einer Begegnung fachbeirates Musik der Jugend und der Bundes-
sind, weil sie auf das kleine finanzielle Zubrot zu ungemein verbesserten Ausbildungsmöglichkeiten wiedererrungen vieler musikbegeisterter Kinder und Jugendlicher geworden, die jury „prima la musica“: „Der Wettbewerb „prima
ihrem mageren Verdienst als Musiklehrer nicht werden. Das ist die Herausforderung der Zukunft, die weniger durch von Familienmitgliedern und Lehrpersonen begleitet ihren musika- la musica“ hat insbesondere im jüngeren Altersbe-
verzichten wollen. zwar gebildete, aber desto mehr allein gelassene Kapellmeister ge- lischen Entwicklungsstand fachkundigen Jurorinnen/Juroren und reich in seinem mittlerweile 18-jährigen Bestehen
Noch so viele Blasmusik-Karajans werden nichts meistert werden muss, als vielmehr durch einen kulturpolitischen einem interessierten Publikum präsentieren. bewirkt, dass ein stetig ansteigendes musikalisches
nützen, wenn die Musikvereine sich weiterhin Mut, der die Vergabe von öffentlichen Zuschüssen davon abhängig Können und eine Qualitätssteigerung der künstle-
als soziale Projekte definieren, im Rahmen derer macht, inwieweit mit einer immer gleich bleibenden, international Die Musikschulen und Gemeinden, die den Wettbewerb beherber- rischen Darbietungen nachweisbar festzustellen
ein Trompeter so lange falsch spielen darf, als er konkurrenzfähigen Orchesterbesetzung gespielt wird. Ohne eine gen, tun dies in enger Zusammenarbeit mit der Bundesgeschäfts- ist. Dies ist eine erfreulich positive Resonanz an
an der Fritteuse steht und die besten Schnitzel solche Besetzung, die für jedes Symphonieorchester eine Voraus- stelle von „Musik der Jugend“ in Linz, dem Tiroler Musikschulwerk den Wettbewerb, der in kontinuierlicher Wechsel-
herausbacken kann. Nur Musikvereine, die sich setzung ist, über die nicht einmal debattiert wird, sind ernst zu neh- und dem Südtiroler Institut für Musikerziehung in deutscher und wirkung mit den Ausbildungsinstitutionen die
zuerst als Kunstprojekt definieren, können Kunst mende Klänge erst gar nicht möglich. Ebenso gefragt ist aber auch ladinischer Sprache, die den Wettbewerb gemeinsam ausrichten. Leis­tungsdichte und die Qualität vorantreiben hilft.
produzieren, die vor dem Publikum Bestand hat der Mut gebildeter politischer Mandatare, die es endlich wagen, den Sie sind stolz darauf, in diesem Zusammenhang auch ihr Wirken Damit leistet dieser österreichische Nachwuchswett-
und die öffentliche Zuschüsse aus dem Kultur- musikalischen Ramsch am Notenpult als Ergebnis eines kommer­ im Bereich der Musikerziehung und der Musikkultur einer brei- bewerb einen entscheidenden Evaluierungsbeitrag
und nicht aus dem Sozialtopf rechtfertigt. Wenn ziell verstörten Geschmacks als nicht förderungswürdig abzulehnen, zur weiteren Stärkung des Musiklandes Österreich.“
wir auch, wie schon angedeutet, besser nicht und die zur Verbesserung dieses Geschmacks auf hochwertiger und
Laurin Wenter (Musikschule Meran) und Flora Stecher Alonso Lillo (Musikschule
wissen, wie schräg eine Ouvertüre von Weber, der eigenen Musiktradition verpflichteter Literatur bestehen. Bleibt Oberer Vinschgau) mit Lehrperson für Klavier und Fachgruppenleiterin für Tasten-
„prima la musica“ richtet sich an die Schüle-
Wagner oder Verdi in einem Bergdorf der Kai- nur noch hinzuzufügen, dass eine moderne, international gültige instrumente Margrit Schild | Foto: Maria Tutzer rinnen und Schüler aller musikalischen Bildungs-
serzeit geklungen haben mag – außer Streit Orches­terbesetzung keineswegs auf eine sensible und vernünftige einrichtungen im Lande, an junge Menschen bis
steht dennoch, dass selbst der kleinsten Dorf- Implementierung spezifisch österreichischer Klangtraditionen ver- zum Alter von 19 Jahren, die von recht unter-
musik damit die Anbindung an die Entwicklung zichten muss. schiedlichen Zielen beflügelt sind: an die große
der Kunst- und Unterhaltungsmusik ihrer Zeit Gruppe jener, die den Wettstreit und die Begeg-
gelang, bis Moderne und Tonträger ihr als volks- Alois Schöpf nung suchen, die ihre musikalische Ausbildung
als Grundlage für ein erfülltes lebenslanges
Laienmusizieren verstehen, und die kleine
Gruppe derer, die eine berufliche Laufbahn als
Porträt Kurt Estermann Musikerin bzw. Musiker anstreben, und die den
Das Tiroler Kammerorchester InnStrumenti lädt immer wieder zu Konzerten, bei denen Urauf- Wettbewerb als Vorbereitung auf Prüfungen
führungen von Werken Tiroler Komponisten auf dem Programm stehen. Wenn es irgendwie nehmen, mit denen ihr zukünftiger Weg gepfla-
geht, versuche ich diese hochinteressante Reise durch die klingenden Bewusstseinsströme stert sein wird. „prima la musica“ will nicht nur
Foto: Rita Schafferer

meiner Zeitgenossen nicht zu versäumen. In besonderer Erinnerung blieb mir neben vielen Solistinnen und Solisten ein Podium bieten,
anderen ausgezeichneten Werken das Doppelkonzert für Cembalo, Orgelpositiv und sondern auch zum Ensemblespiel in den Schu-
Streicher von Kurt Estermann. len und schul- bzw. institutionsübergreifend an-
regen und nicht zuletzt die Gruppe der jugend-
lichen Begleiterinnen und Begleiter am Klavier

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Südtirol „prima la musica“ | Irene Vieider Südtirol „prima la musica“ | Irene Vieider

hervorheben. Letztere müssen eigens erwähnt letzten Sommerferien bereitet sich unser Klaviertrio auf ‚prima la mu-
werden, weil sie mit ihrem musikalischen Tun sica‘ vor. Es gefällt uns, Musik zu machen. Wenn man sich über lange
nicht so vordergründig wahrgenommen wer- Zeit intensiv mit bestimmten Musikstücken beschäftigt, lernt man sie
den, obwohl sie einen bedeutenden Anteil am besser kennen. Es ist wie bei Menschen: aus Fremden werden Freunde.
Erfolg der Solistinnen und Solisten haben. Der Wettbewerb bietet eine solche Möglichkeit. Musik schätzen. Musik
Was geht aber in den Jugendlichen, die sich mit kennen. Musik machen. Wenn wir musizieren, erkennen wir uns selbst
ihren Lehrpersonen im Ensemble oder als Solis­ und kommunizieren miteinander, indem wir aufeinander hören.
tinnen und Solisten auf den Wettbewerb vor- Doch kein Licht ohne Schatten. Bei den vielen Vorspielen und Proben
bereiten, wirklich vor? Stellvertretend soll hier entsteht oft Stress und Enttäuschung. Zweifel am eigenen Können ent-
Anna Mitterer, eine 18-jährige Geigenschülerin stehen. Man meint, es passe nichts mehr. Es ist eine Gratwanderung
der Musikschule Meran, zu Wort kommen. Sie zwischen Genuss und Hektik. Aber auch daraus kann man lernen: Wo
hat ihre Teilnahme am letzten Landeswettbe- sind meine Grenzen? Was kann ich wirklich? Welche Takte muss ich
werb 2011 wie folgt reflektiert: noch üben? Wenn man es jedoch schafft, aus seinen Fehlern zu lernen
„Ich setze mich hin, stimme die Geige und nicke und dem Wettbewerb als Möglichkeit der Verwirklichung musikalischer
meinen Trio-Partnern zu. Die Jury starrt uns an Ideen entgegenschaut, wird dieser sicherlich zu einem tollen Erlebnis.“
und wartet gespannt. Stille. Es nieselt im ‚andante
con moto‘, die Töne des Klaviers fallen wie Regen- Auch kleinere Schulen, die sich beim Bilden klassischer Ensembles
tropfen auf die Erde. Nach zwei Takten gesellt sich schwertun, finden in der Kategorie „Kammermusik in offenen Beset-
das Cello dazu. Traurig aber entschlossen erzählt zungen“ eine Möglichkeit, Schülerinnen und Schüler zum Zusam-
es seine Geschichte. Wie ein Spaziergang scheint menspiel und zur Teilnahme am Wettbewerb zu ermuntern, damit
es mir, ein Spaziergang im November. Der Himmel sie, angespornt durch den Wettbewerb aber nicht nur deswegen, die
ist grau. Es regnet zwischendurch und es ist schon beglückenden Erfahrungen des gemeinsamen Musizierens machen.
etwas kühl. Zwischen kahlen Ästen starre ich auf Trio Eigenart: Anna Mitterer, Violine – Jakob Mitterer, Violoncello – Elisa Wallnöfer, Klavier (alle Musikschule Meran) | Foto: Maria Tutzer

den bewölkten Himmel und denke nach ... Musikschulen hängen die Diplome, mit denen ihre Schülerinnen und
Bis hierhin war es ein langer Weg. Seit Beginn der Schüler ausgezeichnet worden sind, gerne in den Eingangsbereich.
Sie zeigen damit, dass die gemeinsamen Bemühungen beim Lehren mittlerweile achten Teilnahme an ‚prima la musi-
und Lernen sichtbare Früchte tragen. Aber der große Gewinn, den ca‘ machen werde.
die Teilnahme an einem solchen Wettbewerb bringt, ist für die Öf- Doch was, wenn das Lampenfieber zu groß ist, um
Teilnehmer- Davon aus Davon aus
Jahr Ort fentlichkeit gar nicht so sichtbar. Vielmehr ist auch hier der Weg das sich von der Musik tragen zu lassen, oder einige
anzahl Tirol Südtirol
Ziel, der persönliche Fortschritt der große Sieg, das Über-sich-selbst- der jungen Musiker trotz guter Vorbereitung einen
1995 Innsbruck 205 136 69
Hinauswachsen der Gewinn. Sehr schön bringt dies der 18-jährige schlechten Tag erwischen? Auf jeden Fall spielen
1996 Innsbruck 340 304 36 Maximilian Mair, der an der Musikschule Bruneck Geige und am sich wichtige Reifungs- und Lernprozesse ab, un-
1997 Innsbruck 279 208 71 Konservatorium Bozen Blockflöte studiert, in folgendem Text zum abhängig vom verliehenen Preis – und darauf
1998 Brixen 402 290 112 Ausdruck: kommt es an.
1999 Schwaz 375 290 85 „März 2011. Zeitgleich zu den ersten Frühlingsboten ist ‚prima la musica‘ Der Weg ist das Ziel – und der Wettbewerb und
2000 Telfs 597 477 120 wieder zum Greifen nah: Der Terminkalender füllt sich mit den letzten die erreichten Erfolge sind die Belohnung für die
Proben vor diesem Ereignis und die Beschäftigung mit dem Instrument Mühen. Denn nicht zuletzt profitieren wir von der
2001 Wörgl-Kundl 571 475 96
rückt auf der Prioritätenliste nach oben. Im zu bewältigenden Programm Reise – von der Vorbereitungszeit, in der wir unsere
2002 Eppan 604 482 122
werden die letzten Unsicherheiten beseitigt, die feinsten musikalischen Fähigkeiten erweitern, die Musik erkunden und
2003 Hall 729 601 128 Nuancen definiert. Der Vorhalt in Takt 16 im Largo kann mit mehr Ruhe erfühlen können.“
2004 Reutte-Breiterwang 807 669 138 und zufriedenerem Charakter erklingen. Der Einstieg in den Allegro-Teil
2005 Wattens 771 663 108 in Takt 31 energischer erfolgen. Die Überleitung in Takt 94 zum Adagio Wettbewerbe sind also nicht das Ziel, sondern
2006 Innsbruck 895 706 189 einen größeren Überraschungseffekt auslösen ... ein wichtiges Motivationsmittel auf dem Weg
2007 Sterzing 899 672 227 Was nach Anstrengung und einer gewissen Portion Leistungsdruck zum Ziel. Das Ziel ist wohl immer, dass die
klingt, ist die Suche nach musikalischen Ideen, nach dem Fluss der Töne Musik und das Musizieren im Leben als etwas
2008 Kufstein 938 702 236
und Klänge. Eine lange Reise, die Monate und auch Jahre vor dem Wett- Beglückendes erfahren wird, dass jeder und
2009 Imst 753 535 218
bewerb beginnt und auch danach keineswegs zu Ende ist, und doch jede sich in der Sprache der Musik selbst finden
2010 St. Johann/Tirol 848 624 224
eine Standortbestimmung darstellt, mit hilfreichen Rückmeldungen von und ausdrücken und vielen anderen echt be-
2011 Klausen/Seis 998 683 315 Fachjuroren – eine Erfahrung, die ich sicherlich auch heuer bei meiner gegnen kann: den anderen Mitgliedern eines

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Südtirol „prima la musica“ | Irene Vieider Tirol Das Chorwesen in Tirol – Vergangenheit und Gegenwart | Martha Mravlag und Manfred Duringer

Ensembles, dem Publikum und nicht zuletzt dem Vor allem gibt das Spielen neuer Musik unseren jungen Interpreten
Schöpfer des Musikstückes, das gespielt wird. die Möglichkeit, den Autor des Werkes kennenzulernen und mit ihm
Wer Wettbewerbe in der Musikschulausbildung das Werk zu diskutieren. Es ist eine ganz wesentliche Erfahrung: den
so definiert, betrachtet sie in erster Linie als pä- Komponisten vom ehernen Podest herunter- oder die Musik aus der
dagogisches Mittel und nimmt ihnen einiges an verstaubten Partitur herauszuholen, seine Menschlichkeit zu erfah-
Brisanz, die sie immer auch haben. Eine ganz ent- ren und sich dann auch bei älteren, nicht mehr lebenden Kompo-
scheidende Rolle spielen hier nicht nur die Lehr- nisten auf Spurensuche zu begeben.
personen und die Eltern, sondern vor allem die T.: Sie sind ja nun schon seit Jahren ein gefragter Juror, was ist
Jurorinnen und Juroren, von denen man in den Ihnen persönlich in den letzten Jahren sehr nahegegangen? Ihr
Beratungsgesprächen erwarten darf, dass sie ihr schönstes Erlebnis?
Urteil fair, sachlich und in einer altersangemes- B.: Zum Schönsten gehört es für mich zu sehen, wie junge Künstler über
senen Sprache formulieren. Weder Lobhudeleien die Jahre wachsen und mitzuverfolgen, wie sie ihren Weg zurück­
bei den Erfolgreichen noch abwertende Äuße- legen und ihrem Ziel näherkommen!
rungen gegenüber Gescheiterten bringen diese T.: Welches ist Ihrer Meinung nach der meistbegangene Fehler
in ihrem Lernen weiter. Eines ist sowieso klar: Mit seitens der Eltern und Lehrer? Wann sollte sich ein Kind/Jugend­
der Bewertung der Schülerleistung steht immer licher lieber nicht einem Wettbewerb stellen?
auch die pädagogische Leistung der Lehrerein B.: Eine gute und gründliche Vorbereitung vorausgesetzt soll man einen
und des Lehrers auf dem Prüfstand. Wettbewerb als etwas Künstlerisches sehen, nicht als einen Kampf.
Lassen wir dazu Herrn Georg Baich vom Kon- Die Kunst – nicht der Preis – soll im Vordergrund stehen!
servatorium Wien, Juror bei der Streicherkam- T.: Wettbewerbstage sind ja für alle Beteiligten eine enorme An-
mermusik 2011 in Klausen/Seis sprechen, der strengung. Wie schafft man es, dem letzten Kandidaten noch
in einem mit Fachgruppenleiterin Maria Tutzer dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken wie dem ersten? Männerchöre gestalten eine Bergmesse | Foto: tsb
geführten Interview wie folgt geantwortet hat: B.: Auch die Tätigkeit einer Jurorin/eines Jurors ist Erfahrungssache: Im
T.: Bei der Ergebnisbekanntgabe gibt es leider Laufe der Zeit legt man sich ein inneres „Raster“ zurecht, einen indi-
immer wieder enttäuschte Gesichter. Was viduellen aber objektivierbaren und nachvollziehbaren Katalog von
möchten Sie den Teilnehmern sagen, die
von vornherein mit einem 1. Preis rechnen?
Kriterien, nach dem man Kandidatinnen/Kandidaten beurteilt. Aber
darüber hinaus gibt es immer wieder Überraschungen, etwas sehr Das Chorwesen in Tirol – Vergangenheit
B.: Wenn ich enttäuschte Gesichter sehe, sage ich
meistens Folgendes: Ein Wettbewerb ist ein Mo-
Individuelles im Spiel, eine „persönliche Note“, und das macht die
Arbeit der Jurorinnen/Juroren abwechslungsreich. und Gegenwart
saiksteinchen auf einem sehr langem Weg – eine
Momentaufnahme, die eigentlich nur zur Stand- Mögen auch bei zukünftigen Wettbewerben die Teilnehmerinnen
ortbestimmung dienen kann. Aber letztlich darf und Teilnehmer „prima la musica“ als ermutigende Herausforderung Das Laien-Chorwesen Friedrich Händels und Joseph Haydns aufführen
man sich nicht mit anderen messen, sondern nur erleben, bei der zwar für jeden Einzelnen alte Maßstäbe relativiert Wenn wir in der Folge einen Überblick über das Chorwesen in Tirol zu können, benötigten die Musikvereine zahl-
mit sich selbst: Habe ich meine Möglichkeiten und neue etabliert werden, die unvermeidbare Konkurrenz aber die zu erstellen versuchen, so ist in diesem Zusammenhang der Laien- reiche Sänger. So wurden in der 1. Hälfte des
maximal ausgeschöpft, habe ich in meiner Vor- Begegnung und die wechselseitige Inspiration nicht ausschließt. Die Chorgesang gemeint. Diese Form des Chorgesanges ist kaum 200 19. Jahrhunderts etliche Männerchöre ins Leben
bereitung alles gegeben, was ich geben konnte? Erwachsenen, seien es nun Eltern, Lehrpersonen oder Juroren, kön- Jahre alt. Entstehung und Entwicklung dieses Chorwesens haben ihren gerufen, z. B.: „Die Laternenbrüder (1815), „Aka-
Wenn ja, dann habe ich gewonnen! nen dies durch ihre Einstellung, Haltung und Unterstützung fördern Ursprung im tief greifenden Wandel der Gesellschaft im Laufe des demische Liedertafel“ (1842) oder die heute noch
T.: Jeder weiß, wie viel Arbeit hinter der Vor- und begünstigen. 18. Jahrhunderts durch die Aufklärung, die Französische Revolution bestehende „Innsbrucker Liedertafel“ (1855).2
bereitung der Teilnehmer steckt. Aber wie und das durch den Humanismus allerorts entzündete Bildungsstreben. Diese „Liedertafel“ oder „Liederkränze“ waren
darf man sich die Vorbereitung eines Jury- Irene Vieider Man hatte den Wert einer musikalischen Bildung für die Entfaltung der großteils „Männerbünde mit einer idealisie-
mitgliedes vorstellen? Ich denke speziell an Persönlichkeit entdeckt. Der Schweizer Pädagoge „Sängervater“ Hans renden Vorstellung von einer Vereinigung im
die Stücke lebender Komponisten. Die kann Georg Nägeli formulierte in seiner „Gesangsbildungslehre“ (1809) den deutschen Lied, die auf romantischen Bildern
man doch nicht alle kennen. Nutzen des Chorgesanges mit folgenden Worten: „Das Zeitalter der vom altdeutschen Wesen beruhen“ (Christian
B.: Ich bin sehr froh, dass „prima la musica“ obli- Musik beginnt da, wo (...) die höhere Kunst zum Gemeingut des Volkes, Glanz). Der Gedanke der nationalen Einheit im
gatorisch ein Werk verlangt, das in den letzten der Nation, ja der ganzen europäischen Zeitgenossenschaft geworden ganzen deutschen Sprachgebiet war eine trei-
30 Jahren komponiert wurde. In der Regel fin- ist. (...) Das wird nur möglich durch Begründung des Chorgesanges.“1 bende Kraft für die rasche Verbreitung des Män-
de ich mich als Juror sehr schnell mit für mich Auch in Innsbruck bemühten sich die gebildeten Kreise um schön- nerchorwesens. Auch die Chorvereine auf Tiroler
neuen Werken zurecht – sicher ist das auch geistige und gesellige Unterhaltung und es kam zur Gründung des Gebiet waren, z. B. zum großen Deutschen Sän-
Übungssache ... Musikvereins (1818). Um die so beliebten großen Oratorien Georg gerfest 1861, geladen. Da die Teilnahme nur als

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Tirol Das Chorwesen in Tirol – Vergangenheit und Gegenwart | Martha Mravlag und Manfred Duringer Tirol Das Chorwesen in Tirol – Vergangenheit und Gegenwart | Martha Mravlag und Manfred Duringer

Familiensingwochenende | Foto: tsb Pop/Rock/Jazz-Tage | Foto: tsb

geschlossener Bund (nicht als einzelne Vereine) wurden Singschüler ausgebildet. 3 Die Stimmen waren aber meist • Mitgliedschöre des tsb 2010
möglich war, kam es 1860 zum Zusammen- solistisch besetzt und von Instrumenten unterstützt. In ländlichen
Chöre Männer- Gemischte Frauen- Kirchen- Jugend- Kinder- Vokal-
schluss aller Tiroler Chöre und so zur Gründung Gegenden traf man die „Kirchensinger“ an. Das waren meist singende gesamt chöre Chöre chöre chöre chöre chöre ensembles
des Tiroler Sängerbundes. Die weitere Entwick- Familien von vier bis sieben Personen aus dem bäuerlichen Stand,
431 71 139 41 97 38 19 26
lung des Chorwesens in Tirol war aufs Engste die mehrstimmige, mündlich überlieferte Lieder sangen.4 Erst in
mit dem Schicksal des Tiroler Sängerbundes ver- der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts wuchs eine bürgerliche Kirchen-
knüpft (siehe Abschnitt Tiroler Sängerbund 1860). musikkultur heran, deren Florieren sehr stark orts- und personenge- • Chorgattungen Die Entstehung und Entwicklung
Waren es anfangs zahlreiche Männerchöre, die in bunden war. Ende des 19. Jahrhunderts fanden dann Kirchenchöre Aus den Zahlen der letzten Statistik des Tiroler Sängerbundes tsb der Bünde und Dachverbände
der Öffentlichkeit auftraten, so folgten Anfang in einer Zusammensetzung, wie man sie heute kennt (vierstimmig, ergibt sich, dass heute in Tirol etwa zwei Drittel der Chöre gemischt
des 20. Jahrhunderts die gemischten Chöre und Sopran, Alt, Tenor und Bass) in Tirols Kirchen große Verbreitung. Die besetzte Ensembles sind. Nur noch rund ein Fünftel sind Männer- Der Tiroler Sängerbund 1860 (bis 1996)
in der Folge Kinder-, Jugend- und Frauenchöre. kirchenmusikalische Reformbewegung des Cäcilianismus Ende des chöre, etwa 10 Prozent Frauenchöre. Um bei den beliebten Sängerfesten in Deutsch-
Einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Blüte des 19. Jahrhunderts hatte gerade in Tirol eine maßgebende Stellung.5 land teilnehmen zu können, schlossen sich die
Chorwesens im 19. Jahrhundert leistete die Wie- • Das Repertoire Tiroler Männerchöre 1860 zum Tiroler Sänger-
derentdeckung des Volksliedes. Schon im ausge- Zahlen und Fakten heute (Stand 2010) Aber nicht nur Ziele und Aufgaben und die Besetzung haben sich bund zusammen. Es waren Männerchöre aus
henden 18. Jahrhundert schenkten Denker und Es gibt noch kein Verzeichnis, in dem lückenlos alle Chöre Tirols in den letzten Jahrzehnten verändert. Auch das Repertoire wur- Inns­bruck, Hall, Schwaz, Rattenberg, Zillertal,
Pädagogen dem mündlich überlieferten, auch erfasst wären. Nach Schätzungen von Kennern der Tiroler Chorszene de je nach Besetzung, Genre und Durchschnittsalter teilweise Silz, Ötztal, Sterzing, Brixen, Bozen, Meran und
ohne Noten mehrstimmig gesungenen Lied sind etwa 750 Chöre und Vokalensembles im Lande tätig, Schulchöre bis gravierend ausgetauscht, ergänzt und erweitert. Neben den Lienz. In den folgenden Jahren kam es zu einem
Aufmerksamkeit. Mit großer Sorgfalt wurden an Pflichtschulen nicht eingerechnet. Aus dem vorliegenden Mate- von großen gemischten Chören immer schon gepflegten Ora- wechselvollen Auf und Ab der Vereinstätigkeiten.
sie gesammelt, aufgezeichnet und von Kompo- rial des Tiroler Sängerbundes tsb und der Kirchenmusikreferate der torien und Passionen und den Werken der Wiener Klassik, von Nach der Überwindung der Schwierigkeiten, die
nisten wie Franz Schubert oder Friedrich Silcher Diözese Innsbruck und der Erzdiözese Salzburg lassen sich folgende Franz Schubert, Franz Wilhelm Abt über Friedrich Silcher bis Felix der 1. Weltkrieg mit sich gebracht hatte, wur-
für Männerchöre adaptiert. Die Volksliedpflege Fakten zusammentragen: Mendelssohn-Bartholdy, den anspruchsvollen hochromantischen de der Tiroler Sängerbund neu geordnet: Die
hatte in allen Chören höchste Priorität. • In der Diözese Innsbruck und den Pfarren der Erzdiözese Salzburg Kompositionen von Richard Strauss, Ludwig Thuille oder Friedrich Südtiroler Chöre gingen verloren, die Chöre des
innerhalb der Tiroler Landesgrenzen sind 360 Kirchenchöre ge- Hegar und der vielfältigen Beschäftigung mit dem Volkslied fan- Unter- und des Oberinntales wurden jeweils in
Pfarr- und Kirchenchöre meldet. Es ist davon auszugehen, dass vor allem Jugendchöre den im Laufe der vergangenen Jahrzehnte Renaissance-Madrigale, Gauen zusammengefasst. Im Herbst 1938 wur-
In Stiften und Klöstern wurde seit jeher kunst- innerhalb der Pfarren auch kirchenmusikalische Dienste überneh- Zeitgenössisches und Jazz, Rock, Spiritual, Gospel und Pop ihren de der Tiroler Sängerbund als Sängerkreis Ti-
voller Gesang gepflegt und in „Lateinschulen“ men und in keinem Verzeichnis aufscheinen. Platz in den Konzertprogrammen.6 rol in den Deutschen Sängerbund integriert,

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Tirol Das Chorwesen in Tirol – Vergangenheit und Gegenwart | Martha Mravlag und Manfred Duringer Tirol Das Chorwesen in Tirol – Vergangenheit und Gegenwart | Martha Mravlag und Manfred Duringer

Männerchorwochenende | Foto: tsb Seminar-Meisterkurs: Referent Ragnar Rasmussen (rechts) und Seminarteilnehmer | Foto: tsb

andere Vereine wurden verboten. Nach Been- Der tsb hat als Kulturauftrag des Landes Tirol zum Ziel, das Singen QUELLENVERZEICHNIS UND LITERATURHINWEISE
digung des 2. Weltkrieges wurden sämtliche in der Gemeinschaft auf breiter Ebene in allen Alters- und Gesell-
1 Karl Schnürl in: Land der Chöre, Dokumentation über
Vereine des Tiroler Sängerbundes nach einer schaftsschichten zu fördern. Um diese Ziele zu erreichen, kümmert den Österreichischen Sängerbund, Graz 1990, Band 1,
Verordnung der Regierungsbehörde aufgelöst S. 22
sich der tsb um die Aus- und Weiterbildung seiner Mitglieder
2 Vgl. HR Mag. Wenzel-Josef Meindl in: Land der Chöre,
und das Vereinsvermögen beschlagnahmt. (Seminare, Kurse, Fortbildungstage), veranstaltet Wettbewerbe und Dokumentation über den Österreichischen Sänger-
1948 wurde diese Verordnung aufgrund eines bund (Graz 1990), Tiroler Sängerbund 1860, S. 84ff
vergibt im Auftrag des Landes Förderungsgelder für ambitionierte
3 Vgl.www.musikland-tirol.at/musikgeschichten/musik-
Entscheides des Verfassungsgerichtshofes aber Projekte. Weiters verwaltet der tsb das größte Noten- und Tonarchiv intirol, Stand: Juni 2002
aufgehoben und so die Wiedergründung des 4 Vgl. Prof. Josef Sulz, Kirchenmusik in Natters, Studien-
Westösterreichs und bietet auf seiner Homepage den Chören die
verlag 2009, S. 41ff
Tiroler Sängerbundes ermöglicht. Bedeutende Möglichkeit, Veranstaltungen anzukündigen.9 5 Vgl. www.musikland-tirol.at/musikgeschichten/musik-
Persönlichkeiten wie Kurt Strele, Josef Pöll oder intirol, Musik in Pfarrkirchen
6 Vgl. Mag. Christa Meixner in: Festschrift 150 Jahre tsb
Arthur Kanetscheider förderten das Aufblühen Martha Mravlag und Manfred Duringer (Innsbruck 2010)
der Chöre. 7 Vgl. www.dasrotewien.at/arbeitersaengerbund.html,
Link: ÖASB
8 Vgl. Andreas Hochenegger in: Festschrift 40 Jahre
Arbeitergesangsverein Tiroler Sängerverband (1986) und Franz Wurnig in:
Land der Chöre, Dokumentation über den Öster­
Parallel zu den „bürgerlichen“ Gesangsverei- Seminar-Chorleiterwoche: Referentin Maria Goundorina (links) und Seminarteil- reichischen Sängerbund (Graz 1990), Tiroler Sänger­
nehmerin | Foto: tsb verband, S. 108ff
nen des Tiroler Sängerbundes kam es auch
9 Vgl. Festschrift 150 Jahre tsb (Innsbruck 2010)
in Tirol zu zahlreichen Gründungen von Ar-
beitergesangsvereinen. Diese organisierten
sich 1907 in zwei Gauen: Innsbruck-Tirol und und Lehrern wurde ein Chor nach dem anderen gegründet, auch
Meran-Tirol. Heute sind noch drei Tiroler Chöre gemischte Chöre. Diese schlossen sich 1946 zum Tiroler Sängerver-
Mitglied beim Österreichischen Arbeitersän- band zusammen, der bereits nach vier Jahren 50 Mitgliedschöre Porträt HR Mag. Siegfried Singer (geboren 1947)
gerbund ÖASB.7 hatte. In der Folge gab es bis 1996 – neben dem ÖASB – zwei Geiger, Pianist, Organist, Dirigent, Komponist, Autor, studierte Musikerziehung und Geschichte,
Dachverbände in Tirol, den Tiroler Sängerbund 1860 und den Ti- vom Lehrer bis zum Fachinspektor für Musikerziehung an mittleren und höheren Schulen. Seit 40
Jahren Chorleiter des Pfarrchors Mühlau, leitete den Vereins „Cantare et sonare“. Seit 1966 Mit-
Der Tiroler Sängerverband (1946–1996) roler Sängerverband.8
glied bei der Sängervereinigung Mühlau und war 30 Jahre deren Chorleiter. Über 1000 Chorsätze
Gleich nach Ende des 2. Weltkrieges erhielt
für unterschiedliche Chorgattungen stammen aus seiner Feder sowie eine Vielzahl sonstiger Kom-
Ernst Würtele vom damaligen Landeskultur- Der neue Tiroler Sängerbund tsb (seit 1996)
positionen. Er hat sich als Autor wissenschaftlicher Publikationen, die in namhaften Zeitschriften
referenten Dr. Hans Gamper den Auftrag, das Im Jahre 1996 gelang endlich die Fusion der beiden Dachverbände
veröffentlicht wurden, und auch als Juror bei Wettbewerben einen Namen gemacht. Für seine
Sängerwesen im Lande wieder neu zu bele- zum neuen Tiroler Sängerbund tsb, dem bereits über 430 Chöre Verdienste um das Tiroler Chorwesen hat Siegfried Singer viele Auszeichnungen bekommen.
ben. Dank der Mithilfe von Bürgermeistern angehören.

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Südtirol Wurzeln und neue Triebe | P. Urban Stillhard Südtirol Wurzeln und neue Triebe | P. Urban Stillhard

Wurzeln und neue Triebe Bresgen, Josef Friedrich Doppelbauer, Hermann


Schröder, Peter Planyavsky und viele andere
mehr weitergeführt wurde. Sein großes Werk war
Die Entwicklung des Südtiroler Chorwesens neben der pädagogischen Arbeit die Gründung
des Kammerchores Leonhard Lechner. Jaeggi
sang damals, als noch niemand in kleinen Forma-
Das Chorwesen und seine Geschichte Giovanni Pierluigi da Palestrina sein neues Kompositionsvorbild sah. tionen musizierte, mit einer kleinen Sängerschar
Unsere Chorwelt hat tiefe, alte Wurzeln. Während Diese Musikrichtung prägte einen neuen kirchenmusikalischen Stil, und hat mit seinem Kammerchor international
einzelne Chöre in unserem Land zum Teil eini- der eine unglaubliche Welle kirchenmusikalischer Werke auch in un- für Aufmerksamkeit gesorgt. Lange war der Kam-
ge Hundert Jahre alt sind und eine lückenlose serem Lande hervorbrachte. Zugleich entstanden in Stadt und Land merchor Leonhard Lechner zusammen mit dem
Tradition über Jahrhunderte aufweisen, so hat unzählige Kirchenchöre, die den Geist des Cäcilianismus pflegten. In Kammerchor Walther von der Vogelweide das
das organisierte Chorwesen im 19. Jahrhundert Gries bei Bozen wurde im Jahre 1863 der erste Cäcilienverein von Franz chorische Aushängeschild Tirols.
seine Wurzeln. Im Zusammenhang mit dem sich Schöpf, P. Gerold Zwissig und drei weiteren Repräsentanten gegrün- Heute steht der Kammerchor Leonhard Lechner,
formierenden Bürgertum kam es zur Gründung det, und dies fünf Jahre vor der Gründung des Allgemeinen deutschen der mittlerweile seit 60 Jahren besteht, unter
von Chorgemeinschaften und Sängerbünden, Cäcilienverbandes durch den deutschen Priester Franz Xaver Witt, der der Leitung von Othmar Trenner, der im Jahre
die primär das Volkslied pflegten. ein streitbarer Vertreter dieser neuen kirchenmusikalischen Richtung 2011 mit seinem Chor Beethovens C-Dur-Messe
Geprägt von diesem Geist des gemeinsamen war und dem Cäcilianismus durch seine Gründung zu einem interna- und im kammermusikalischen Bereich die dop-
Singens war es kirchlicherseits der Cäcilianismus, tionalen Ansehen verhalf. In den damals behördlich registrierten pelchörige Messkomposition „Cantus Missae“
der dem kirchlichen Chorwesen zu großer Blüte Vereinsstatuten, die übrigens für Witts Gründung Pate gestanden von Rheinberger musizierte.
verhalf. Die cäcilianische Richtung propagier- haben sollen, werden schon Ziele formuliert, die auch heute noch
te einen Kompositionsstil, der die strenge Anleh- ihre Gültigkeit haben. Die dort geforderte Vereinsbibliothek, die den Neuere Entwicklungen
nung an die alte Vokalpolyphonie forderte und in Mitgliedschören den Einblick in gute Chorliteratur ermöglichen sollte, Das Chorwesen konnte sich durch die beiden
existiert heute noch im Verwaltungsbüro des Verbandes der Kirchen- Großverbände, den Verband der Kirchenchöre
chöre Südtirols im Pastoralzentrum in Bozen. Südtirols und den Südtiroler Chorverband, im
Der 1987 gegründete Verband der Kirchenchöre Südtirols ist der öffentlichen Leben etablieren. Die größte Ent-
P. Gerold Zwissig (1825–1874) | Foto: Jos. Gugler rechtliche Nachfolger des Allgemeinen Cäcilienverbandes (ACV). wicklung der letzten Jahrzehnte ist bestimmt
Aufgrund der neuen nachkonziliaren kirchlichen Gesetzgebung das Entstehen von Chorgemeinschaften, die
Aus: Brixner Initiative „Musik und Kirche“, Symposion 2002: Cäcilianismus in Tirol, S. 63
durfte es keine Strukturen über den Rahmen einer Bischofskonferenz weder kirchlich gebunden noch dem traditio-
hinaus geben. Somit war der Allgemeine deutsche Cäcilienverband nellen Sängerwesen zuzuordnen sind.
gezwungen, sich regional zu organisieren, und Südtirol schloss sich zur heutigen Entwicklung und offiziellen Akzeptanz. Dem Südtiroler Das älteste Ensemble im Bereich der konzer-
als Sonderfall dem österreichischen Cäcilienverband, der sich den Chorverband steht heute Erich Deltedesco als Obmann vor. tanten Chormusik ist das 1983 von Hubert
Namen „österreichische Kirchenmusikkommission“ gab, an. Der Ver- Die sowohl vom Verband der Kirchenchöre als auch vom Südtiroler Hopfgartner gegründete „Collegium Musicum“
band der Kirchenchöre Südtirols (VKS), der einer der ältesten Verbän- Chorverband organisierten Weiterbildungen mit internationalen Bruneck. Hopfgartner gehört zu den Pionieren
de unseres Landes ist, wird heute von Theodor Rifesser geführt. Fachkräften haben dem Südtiroler Chorwesen nicht nur eine Öffnung, der heutigen Chorszene und hat bis zu seinem
Auf weltlicher Seite hatten die politischen Entwicklungen nach dem sondern vor allem auch neue Akzente und Inhalte gebracht. Das reich- frühen Tod im Jahre 2009 das Ensemble, das sich
Ersten Weltkrieg das Vereinsleben zum Erliegen gebracht und erst haltige und alle Stilrichtungen berücksichtigende Weiterbildungsan- vor allem aus Sängerinnen und Sängern des
1949 konnte der Südtiroler Sängerbund aus der Taufe gehoben gebot der beiden Chorverbände orientiert sich an den Wünschen der Pustertales zusammensetzte, dirigiert. Er pflegte
werden. Gründungsobmann des Südtiroler Sängerbundes, der den Sängerinnen und Sänger und wird reichlich genutzt. Während sich neben den klassischen Oratorien und Kantaten
nicht kirchlich gebundenen Chören eine Heimat geben wollte, war der Südtiroler Chorverband die Jugendarbeit auf ihre Fahnen ge- auch die neue und unbekannte Chormusik. Das
Dr. Hugo Perathoner. Der spätere Langzeitobmann Dr. Siegfried schrieben hat, setzt der VKS in seiner mehrjährigen kirchenmusika- letzte Werk, das er einstudierte, war das Oratori-
Tappeiner verhalf in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts lischen Ausbildung auf kontinuierliche Ausbildungsarbeit. um „Paulus“ von Mendelssohn, das er aber nicht
dem bis 1975 eher bescheiden agierenden Südtiroler Sängerbund mehr dirigieren durfte. Als Gedächtniskonzert zu
zur heutigen Blüte. Der Südtiroler Chorverband (SCV), wie er mitt- Repräsentant eines neuen Chorstils seinem ersten Todestag wurde es von Helmut
lerweile seinen Namen aktualisiert hat, schloss sich unter ihm der Einer, der in der Entwicklung des Südtiroler Chorwesens deutliche Rilling geleitet und man erinnerte sich mit die-
Chorbewegung „Europa cantat“ an und ist Gründungsmitglied der Akzente zu setzen wusste, war der aus dem Kloster Einsiedeln stam- sem grandiosen Chorwerk an den fachlich hoch-
„AGACH“ (Arbeitsgemeinschaft alpenländischer Chorverbände), die mende und in Muri-Gries wirkende Pater Oswald Jäeggi (1913–1963). qualifizierten Chorleiter Hubert Hopfgartner.
ein symbolträchtiger Zusammenschluss von 13 Chorverbänden des Durch seinen Kompositionsstil löste er den Cäcilianismus ab und 1986 kam es zur Gründung des Südtiroler Vokal­
Alpenraumes ist. Tappeiner verhalf nicht zuletzt auch durch den in- prägte zusammen mit anderen Komponisten eine neue Vokalmu- ensembles, das seit der Gründung unter der Lei-
ternationalen Anschluss seines Chorverbandes dem Sängerwesen sik, die vor allem nach dem II. Vaticanum durch Anton Heiller, Cesar tung von Willi Tschenett steht, der mit seinem

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Südtirol Wurzeln und neue Triebe | P. Urban Stillhard Südtirol Wurzeln und neue Triebe | P. Urban Stillhard

Franz Comploi. Das Ensemble singt Werke aller Stilepochen von der fen wurde und getragen wird. Das Ziel dieses
A-cappella-Literatur bis hin zum orchesterbegleiteten Chorwerk und Chores ist die qualitätsvolle Chorarbeit mit
macht immer wieder durch besondere und interessante Programme jungen Menschen analog zum Landesjugend­
auf sich aufmerksam. orchester und Landesjugendblasorchester. In
Eine Besonderheit unserer Chorlandschaft ist die Gruppe Flat Caps, Stefan Kaltenböck konnte ein künstlerischer
die seit 2004 besteht und von Christine Tutzer geleitet wurde. Der Leiter gefunden werden, der in der Steiermark
junge Chor, der sich vor allem Gospels, Spirituals, Popsongs und mit dem dortigen Landesjugendchor wertvolle
Musicals widmet, ist grundsätzlich inhaltlich offen und wagt sich Erfahrungen machen durfte und diese beim
auch einmal an Operettenmusik. Stefan Kaltenböck hat das Ensemble, Südtiroler Projekt, das organisatorisch von Ursula
das praktisch immer vor ausverkauften Sälen singt, im Jahre 2011 Stampfer beleitet wird, einbringt. Der gebürtige
übernommen und hat in seinen ersten Konzerten die inhaltliche Oberösterreicher, der als Schulmusiker am Vin-
Ausrichtung des Ensembles weitergeführt. zentinum in Brixen auch beruflich mit jungen
Menschen arbeitet, hat sich durch seine unter-
Vokalausbildung schiedlichen Aktivitäten schon gut in unsere
Eine wichtige Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist die vielseitige Chorwelt hineingelebt.
vokale Ausbildung, die nicht zuletzt durch die Chorverbände ange- Der Landesjugendchor mit hoch motivierten
regt wurde. Analog zu den Instrumenten kann im Institut für Mu- Sängerinnen und Sängern wurde im Herbst
sikerziehung in einer Kleingruppe oder im eher selten angebotenen 2010 nach einem Vorsingen zusammengestellt
Einzelunterricht das Singen gelernt werden. Zurzeit unterrichten an 15 und hat an verschiedenen Probenwochenen-
Südtiroler Vokalensemble mit der Streicherakademie Bozen unter der Leitung von Wilhelm Tschenett, 2011 | Foto: Marion Lafogler Musikschulen 20 ausgebildete Lehrkräfte diese Fachrichtung. Dieses den ein Chorkonzert einstudiert. Das interes-
flächendeckende Angebot des IME kommt nicht zuletzt auch unseren sierte Publikum konnte am 17. September 2011
Chören zugute. Denn eine vokale Befähigung hebt das Niveau unserer im Forum Brixen ein vielseitiges Programm mit
Chor vom kammermusikalischen Werk bis hin und K. Estermann ins Programm genommen, die ihm teilweise auch Chorgemeinschaften und bringt auch den einzelnen Sängerinnen und einem äußerst leistungsfähigen jungen Landes-
zum großen Oratorium eine breite Musikpalette gewidmet wurden. Im Jahre 2011 musizierte er beim Konzert zum Sängern, die dieses Fach belegen, vokale Sicherheit und vor allem jugendchor erleben. Das junge Ensemble hat
musiziert. Er hat im Laufe seines Bestehens alle 20-jährigen Bestehen des Chores von Hannes Kerschbaumer „Ma- besseren und kontrollierteren Umgang mit der eigenen Stimme. mit seinem Engagement und seinem hohen
großen Chorwerke interpretiert und durch seine serung II“ und machte mit dem Te Deum von Johann Adolf Hasse Neben diesem Angebot des IME sind es die Chöre selbst, die eine Standard eine Erwartung geweckt und man darf
Arbeit in unserer Südtiroler Kulturwelt einen be- auf unbekannte Barockkompositionen wie mit der Missa „Rectorum Fachkraft für Stimmbildung einladen und an Wochenenden oder auf die neuen Projekte gespannt sein.
deutenden Akzent gesetzt. Im Jahr 2011 feierte cordium“ von P. Romanus Weichlein auf alte Südtiroler Komponisten verteilt auf einen längeren Zeitraum dieses zusätzliche Angebot
das Vokalensemble seinen 25. Geburtstag und es aufmerksam. ihren Sängerinnen und Sängern ermöglichen. Die beiden Chorver- P. Urban Stillhard
tat dies mit einer beachtenswerten Aufführung Das Vocalensemble Alla breve wurde 1997 von Musikstudenten aus bände unterstützen dieses Weiterbildungsangebot finanziell.
der Johannes-Passion von Johann Sebastian Südtirol, Nordtirol und Vorarlberg gegründet, mit dem Ziel, Chor-
Bach und der Lobgesang-Symphonie von Felix musik in kammermusikalischer Besetzung aufzuführen. Der Chor, der Landesjugendchor
Mendelssohn-Bartholdy; im Januar 2012 setzte von Waltraud Pörnbacher, Wolfgang Sieberer und Othmar Trenner Der jüngste Lichtblick in unserer Chorlandschaft ist der Landes-
es einen musikalischen Schlusspunkt mit dem geleitet wurde, steht heute unter der musikalischen Führung von jugendchor, der vom VKS, dem SCV und dem IME ins Leben geru-
Chichester-Psalm und der „Mass“ von Leonard
Bernstein sowie Gospels von William L. Dawson. Chor Flat Caps, Konzert „One day in heaven“, Villner Kirche Neumarkt,
Ganz im Sinne englischer Vorbilder gründete Ensemble VocalArt Brixen, vor der Badia S. Lorenzo, Trient | Foto: Karlheinz Troi November 2011 | Foto: Manfred Furlan Kammerchor Leonhard Lechner | Foto: Stefan Eckl
der Brixner Domkapellmeister Heinrich Walder
1991 das Vokalensemble „VokalArt“. Vom A-
cappella-Werk bis hin zum orchesterbegleiteten
Oratorium hat es in den 20 Jahren des Beste-
hens eine reichhaltige Literatur aufgeführt und
dabei bei den internationalen Chorwettbewer-
ben in Spittal an der Drau 2006 den ersten und
beim Wettbewerb Guido d’Arezzo 1998 einen
zweiten Preis errungen. Heinrich Walder hat sich
bei seiner chorischen Aktivität immer wieder
um Uraufführungen zeitgenössischer Werke be-
müht und dabei Werke von N. Castiglioni, A. Mayr

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Tirol Musikausbildung in Nord-, Süd- und Osttirol | Wolfram Rosenberger

dungsstätten von Nord-, Ost- und Südtirol bieten einen qualifizierten und Alt. Damit wird ein wichtiger Beitrag zum
Vokal- und Instrumentalunterricht an und ergänzen so den Bildungs- Kulturleben, aber auch zum Zusammenwirken
auftrag der öffentlichen Schulen. Die Musikausbildungsstätten erfül- der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten
len dadurch einen Teil des staatlichen Bildungsauftrages. und Generationen geleistet.
Noch nie in der Geschichte haben so viele Jugendliche und Erwach- Die Aufgaben der Musikerziehung werden
sene aktiv musiziert wie heute. Durch die Arbeit der Musikschulen im Bundesland Tirol von mehreren in Ziel-
wird das kulturelle Leben in Konzert, Musiktheater und musikalischen setzung, Organisationsform, Kompetenz und
Umrahmungen in Stadt und Land zur Freude der Mitmenschen ge- Trägerschaft differenzierten Institutionen
steigert, teilweise sogar fast ausschließlich von diesen Institutionen wahr­genommen. Der Bogen der Unterrichts-
bestritten. Der kulturelle Auftrag von Staat und Gemeinden wird und Erziehungstätigkeit spannt sich von den
oft maßgeblich durch Schüler und Lehrer der Musikschulen erfüllt. Musik­schulen Nord- und Südtirols über die in
Nicht nur aktiv, sondern auch als Zuhörer im Konzert, Musiktheater Innsbruck eingerichtete „Abteilung für Musiker-
und in den Medien treten Musikschüler und ehemalige Musikschüler ziehung“ der Musikhochschule Mozarteum, das
aktiv in Erscheinung. Zehntausende1 Menschen in Nord- und Süd- Tiroler Landeskonservatorium und das Kon­
tirol musizieren in Laienmusik- und Chorvereinigungen. Den Verei- servatorium Bozen, die Pädagogischen Akade-
nen kommt neben der Pflege der österreichischen Musik auch eine mien, das Institut für Musikwissenschaft an der
Sommerfest im Hofgarten | Foto: Musikschule Innsbruck sehr hohe soziale Aufgabe zu. Gerade in den europäischen Staaten Universität Innsbruck bis zum Musikunterricht
Schweiz, Österreich und Deutschland, ganz besonders in Nord- und im Rahmen des allgemein- und berufsbilden-
Südtirol ist dieses Laienmusizieren sehr stark ausgeprägt. Die mu- den Schulwesens und der musikschulartigen
sikalischen Ausbildungsstätten liefern einen erheblichen Teil des Einrichtungen im Lande. Einen Einblick in die
Musikausbildung in Nord-, Süd- und Osttirol Nachwuchses für die Laienmusik, sowohl im weltlichen als auch im Situation der Musikerziehung in Tirol in Form
kirchlichen Bereich. von Selbstdarstellungen der einschlägigen
Im Jahr 1989 haben die Vereinten Nationen mit 179 Mitgliedsstaaten Institutio­nen vermitteln die entsprechenden

E uropa baut auf einem gemeinsamen kultu-


rellen Fundament auf und besitzt vielfältige
kulturelle Landschaften. Bildung setzt Kultur vo-
Kriege (z. B. Musikschule der Stadt Innsbruck 1818). Eine weitere
Gründungsphase erfolgte in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts.
Hier war vor allem der Komponist und Musiker Paul Hindemith die
die Konvention über „Die Rechte des Kindes“ angenommen. Darin
heißt es: „Die Menschheit schuldet dem Kind das Beste, was sie zu
geben hat.“ Es wird weiterhin festgehalten, dass alle Kinder das Recht
Auftritte im Internet.

Wolfram Rosenberger
raus, ebenso erschließt sich die Kultur erst durch treibende Kraft bei der Gründung von Musikschulen und Konserva- auf eine gesunde geistige und körperliche Entwicklung und auf
Bildung. Kultur umfasst dabei die gesamte Viel- torien. Gleichzeitig mit der weltweiten Rezession in den 70er-Jahren Unterricht haben. Dieses Recht schließt die Entwicklung der musika-
falt künstlerischer Ausdrucksformen, die aktive wurde eine dritte Gründungswelle von Musikschulen ausgelöst. lischen Fähigkeiten mit ein.
Rezeption, die Kultureinrichtungen sowie alle Die musikalische Frühförderung fand in Tirol zuerst in der Familie statt, Musikschulen, Vereine und Ausbildungsstätten pflegen die musika-
FUSSNOTE
Einrichtungen der kulturellen Bildung. Für die wo gesungen, musiziert und getanzt wurde. Mit der Zunahme der lische Tradition der Region. Sie sind Hüter, Träger und Förderer mu-
weitere Entwicklung der Gesellschaft ist die Musikschulen konnte die Familientradition gestützt und ausgeweitet sikalischer Überlieferungen. Der Unterricht umfasst neben den klas-
1 Stand – Schuljahr 2005/2006: Tiroler Musikschulwerk:
Kultur ein unverzichtbarer Nährboden, zugleich werden. sischen Instrumenten auch die Volksmusikinstrumente der Region. über 600 Lehrer, 17.755 Schüler, Südtiroler Musik-
schulwerk: 463 Lehrer, 15.725 Schüler, Städtische
auch Anstoß und Wirtschaftsfaktor. Kulturelle Die Musikerziehung stellt einen unverzichtbaren Teil der Allgemein- Die Institutionen berücksichtigen aber auch aktuelle Entwicklungen.
Musikschulen Nordtirols (Innsbruck, Wattens, Hall,
Bildung ermöglicht die aktive Auseinanderset- und Humanbildung dar. Die Musikschulen und musikalischen Ausbil- Neuere Genres, wie Pop, Rock und Jazz, haben bei den Jugendlichen Telfs und Mittleres Oberinntal): ca. 235 Lehrer, ca. 6000
Schüler, Nordtiroler und Südtiroler Blasmusikverband:
zung des Menschen mit sich, seiner Umwelt einen hohen Stellenwert. Sie sind im weitesten Sinn „Jugendmusik“.
ca. 21850 Musiker, Tiroler Sängerbund: ca. 8.000 Mit-
und mit anderen. Angesichts der globalen Wirt- In gemeinsamen Aufführungen treffen sich in der Musikschule Jung glieder, Südtiroler Chorbund 10.124 Mitglieder.
schaftsverflechtungen und der Entwicklung der Hofkonzert der MS | Foto: Musikschule Innsbruck
Informationsgesellschaft wird die kulturelle
Bildung an Bedeutung gewinnen.
Betrachtet man die Entwicklung der Musikausbil- Porträt Paolo Tomada
dung in den letzten zwei Jahrhunderten, so stößt Geboren 1969 in Bozen. Studium: 1980­–1997 Klavier- und Komposition bei F. Valdambrini,
man auf interessante gesellschaftliche Details. In 1997–1998 Komposition am Centro Musica del Comune di Modena bei Franco Donatoni. Seit
Zeiten, in denen es der Menschheit durch äußere 2000 ist er Korrepetitor an der Musikschule der Stadt Innsbruck. 2004: Zuerkennung des
Faktoren, wie Kriege, Wirtschaft, Energieengpäs- Förderungspreises der Stadt Innsbruck für sein künstlerisches Schaffen. Kompositionen: Werke
se usw. schlecht ging, war das Verlangen nach für Tasteninstrumente, Kammermusik, Chor und Orchester. Sein Kompositionsstil ist gekenn-
Kultur am größten. Die ersten Musikschulen in zeichnet von einer eigenständigen Modalität, teils auch dodekaphonisch, teils aber auch
Europa entstanden – zunächst in den größeren tricordal.
Städten – nach dem Ende der napoleonischen

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Südtirol Musikschulen- eine Investition in die Zukunft | Margarete Pohl Südtirol Musikschulen – eine Investition in die Zukunft | Margarete Pohl

Ausschnitt aus dem Criminal „Max und die Käsebande“, welches am 9. und 10. September 2011 im Waltherhaus aufgeführt wurde | Foto: Clara Pohl Ausschnitte aus dem Criminal „Max und die Käsebande“, welches am 9. und 10. September 2011 im Waltherhaus aufgeführt wurde | Fotos: Clara Pohl

Musikschulen – eine Investition in die Zukunft den als Wegbereiter für musikalische Hochschulen immer wich- Projekten, Konzerten, Wettbewerben und
tiger, haben gleichzeitig das Laienmusizieren zu fördern und ihre anderen Veranstaltungen sind sie selbstver-
gesamte Arbeit in den Kontext des kulturellen Umfeldes zu stellen ständlich dabei – auch wenn es nicht immer
„Die Musik: Wer sie liebt, ist erst ein halber Sechs Grundsätze sind darin klar verankert. Sie spiegeln die Ziel- – ein sehr komplexer Aufgabenbereich! ihre Arbeitszeit betrifft. Das Engagement
Mensch. Wer sie aber treibt, der ist ein ganzer setzung der Musikschule im 21. Jahrhundert und die damit verbun- – Musikschulen bieten Bedingungen, in denen Lernen und Lehren wird belohnt durch das gemeinsame Erleben
Mensch.“ (J. W. v. Goethe) denen Anforderungen wider. in einer Atmosphäre gegenseitiger Wertschätzung stattfindet mit den SchülerInnen, durch den Erfolg, weil
– Musikschulen sind Zentren künstlerisch-musikalischer Bildung. und kulturelles Bewusstsein entstehen und wachsen kann. wieder einmal musikalische Qualität sichtbar
Südtirol kann stolz sein auf ein vernetzt ange- Neben der eigenständigen pädagogischen und kulturellen Auf- Voraussetzung dafür ist eine zentral angelegte, gut ausgestattete wurde.
legtes Musikschulangebot. 17.000 musikinte- gabe der Musikschulen ergeben sich immer neue Kooperations- Musikschule. In den letzten Jahren hat sich in dieser Hinsicht in – Die LehrerInnen führen die SchülerInnen zu
ressierte Menschen, vornehmlich Kinder und möglichkeiten der Musikschulen untereinander (etwa durch groß Südtirol sehr viel getan; so sind fast alle Musikschulen in eigenen selbstständigem Umgang mit Musik, indem
Jugendliche, besuchen derzeit die ca. 50 Musik- angelegte Projekte), mit Kindergärten bzw. öffentlichen Schulen. Häusern untergebracht und mit dem nötigen Instrumentarium der Grundstein dazu gelegt wird, dass ein
schulen Südtirols, die zu 19 Direktionen zusam- Letztere sind v.a. in der derzeitigen Diskussion um die 5- oder ausgerüstet. Nur in den Städten gestaltet sich die Bereitstellung lebenslanges Musizieren möglich wird. Sin-
mengefasst über das gesamte Land verstreut 6-Tage-Woche an den öffentlichen Schulen näher zu betrachten. von geeigneten Infrastrukturen schwierig. gen und Musizieren stehen dabei gleicher-
sind. Über 400 qualifizierte MusikpädagogInnen Es muss ein Weg gefunden werden, den Musikschulen das not- Musikschulen sind als Treffpunkt Gleichgesinnter Orte, an die „man maßen im Mittelpunkt. Bereits im Säuglings­
unterrichten nach dem neuen Lehrplan der wendige zeitliche Fenster zu bieten. Die Anerkennung des Musik- kommen will, weil man darf und nicht muss“. (Reinhard von Gutzeit) alter werden Kleinkinder zusammen mit
KOMU (Konferenz der österreichischen Musik- schulangebots im Wahl- bzw. Wahlpflichtbereich landesweit wäre Von den Lehrenden wird Kompetenz und Kreativität verlangt. ihren Eltern in sog. „Eltern-Kind-Gruppen“ an
schulwerke). 2.500 LehrerInnen aus Österreich ein Schritt in die richtige Richtung. Die Zusammenarbeit mit den Der Großteil des Lehrkörpers verfügt über ein abgeschlossenes die Musik herangeführt. Darauf aufbauend
und Südtirol haben diesen Lehrplan entwickelt, öffentlichen Schulen ist zu stärken, „aber sie darf nicht dazu führen, Musikstudium. Durch ein reichhaltiges Fortbildungsprogramm besuchen die Kinder ab dem Alter von fünf
der aus vier Modulen besteht: dass Musikschulen wieder zu ambulanten Unternehmungen werden mit fachspezifischen wie auch allgemein pädagogischen Inhalten Jahren die „Musikalische Früherziehung“, ein
1. Visionärer Wegweiser und ihre eigene Identität verlieren“. (Reinhard von Gutzeit, Rektor werden die Lehrpersonen auf dem neuesten Stand der Musik- Angebot, wo die musikalischen Grundkennt-
2. Allgemeiner pädagogisch- didaktisch- am Mozarteum, Salzburg) pädagogik gehalten. nisse mit den Methoden der elementaren
psychologischer Teil Musikschulen sind Angebotsschulen, wo sich der Bogen vom Damit eine Atmosphäre der gegenseitigen Wertschätzung ent- Musikpädagogik vermittelt werden, wo aber
3. Fachspezifischer Teil elementaren Musizieren über das Ensemblespiel bis hin zum stehen kann, müssen die Lehrpersonen über ein hohes Maß an auch erkannt wird, welche Kinder für wel-
4. Literaturdatenbank hochwertigen künstlerischen Spielen und Singen spannt. Sie wer- sozialen und emotionalen Kompetenzen verfügen. Bei vielen chen Instrumentalunterricht geeignet sind.

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Südtirol Musikschulen – eine Investition in die Zukunft | Margarete Pohl Südtirol Musikschulen – eine Investition in die Zukunft | Margarete Pohl

Mit dem Besuch der Grundschule sind grundle- genden Schülerzahlen wird auf alternative
gende musikalische Kenntnisse bereits vorhan- Unterrichtsformen zum Einzel- und Partner-
den und die Kinder beginnen allmählich mit dem unterricht zurückgegriffen: durch Gruppen-
Instrumentalunterricht, wobei der Besuch eines unterricht und erweiterte Lehrformen wird
Ergänzungsfaches selbstverständlich sein sollte. versucht, die langen Wartelisten einzudäm-
Während die Grundausbildung auch durch Ko- men. Gleichzeitig aber sollen besonders ta-
operationen mit öffentlichen Schulen ausgela- lentierte SchülerInnen gefördert werden, in-
gert werden kann, soll sich der Vokal- und Instru- dem sie mehr Unterrichtszeit erhalten. Auch
mentalunterricht an der Musikschule abwickeln, dem Zusammenspiel sollen der nötige Raum
in „familiärer Atmosphäre“, wo das gemeinsame und die nötige Zeit zugestanden werden.
Erleben von Musik am besten möglich ist. Hier gilt es genau zu kalkulieren.
Flexible Unterrichtszeiten sollen ermöglichen, Die Musikschule wird sich weiter mit ande-
dass jeder Schülerin/jedem Schüler ein maßge- ren Bildungseinrichtungen vernetzen, wobei
schneidertes Unterrichtsangebot gemacht wer- nicht wirtschaftliche Faktoren, sondern die
den kann. Neue Unterrichtsformen führen dazu, Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt
dass SchülerInnen gemeinsam und voneinander stehen müssen.
lernen, weil das gemeinsame Musizieren im Mit- „Wenn es den Anschein hat, dass Entfaltungs-
telpunkt der pädagogischen Arbeit steht. Es wird möglichkeiten von Kindern und Jugendlichen
versucht, die SchülerInnen öfters an die Musik- wirtschaftlichen Interessen geopfert werden, also
schule zu „lotsen“, um sie durch Ensemblespiel wenn Konditionierungstendenzen im Bildungs-
und Mitwirken bei Projekten zu fördern, auch im sektor die Agenda dominieren, dann kann be-
Sinne eines selbstständigen Umganges mit Musik. triebswirtschaftliche Kurzsichtigkeit zu volkswirt-
Die vielen Möglichkeiten, die den SchülerInnen schaftlichen Langzeitschäden führen: Nämlich
geboten werden, bei musikalischen Veranstal- dann, wenn nicht gesehen wird, dass die persona-
tungen in und außerhalb der Musikschulen mit- le Kompetenz und die Kreativität der Menschen
zuwirken, tragen ebenfalls zum selbstständigen wahrscheinlich die einzige Chance sind, die Zu-
Umgang mit Musik bei. kunftsfähigkeit der Gesellschaft sichern zu hel-
Der selbstständige Umgang mit Musik ist auch fen.“ (Ulrich Rademacher und Matthias Pannes,
die Voraussetzung dafür, dass Jugendliche und „Üben und Musizieren“ 4–11, S. 26)
Erwachsene in die Musikkapelle oder in einen
Chor eintreten können: Die Vorbereitung dafür Margarete Pohl
erfolgt in der Musikschule! „Tag der offenen Tür“ der Musikschule, welcher am 19.02. 2011 in Gries stattgefun-
den hat. Die abgebildete Lehrkraft heißt Carla Tezzele und ist die Koordinatorin der
– Musikschularbeit ist Teamarbeit. Auch hier- Musikschule in der Altstadt | Foto: Margarete Pohl
für bildet die zentrale Anlage der Musik-
schule die Voraussetzung. Die Arbeit der Musikerziehung unterstützt die vielen Projekte, die alljährlich lan-
Lehrenden geht weit über das Vermitteln desweit in und außerhalb der Musikschulen stattfinden. Dadurch
musikalischer Fertigkeiten hinaus. Durch re- leisten die Musikschulen einen erheblichen Beitrag zum kultu-
gelmäßige Besprechungen im Plenum oder rellen Leben ihres Umfeldes. Nicht selten kommt es bei den mu-
in den einzelnen Fachgruppen entstehen sikalischen Projekten zu Zusammenarbeiten mit den öffentlichen
Ideen für besondere Vorhaben der einzelnen Schulen, mit Theatervereinen und anderen kulturellen Trägern.
Musikschulen, die auch musikschulübergrei- – Musikschulen sind Orte der Begegnung und der Auseinanderset- Porträt Laura Cazzanelli
fend sein können. Mehrere Musikschulen im zung mit allen Künsten – ein visionärer Anspruch, der durch die Am 13. April 1959 in Bozen geboren, begann Laura Cazzanelli ihre musikalische Laufbahn in
Lande pflegen seit vielen Jahren einen regen gesellschaftlichen Entwicklungen und die veränderten Familiensi- Bozen und schloss 1983 das instrumental- und gesangpädagogische Studium am Innsbrucker
musikalischen Austausch mit Musikschulen in tuationen konkret werden könnte: Die SchülerInnen kommen an Konservatorium im Fach Orgel ab. In ihrer über 30-jährigen Tätigkeit als Musiklehrerin am
Foto: Magdalena Masè

Österreich, Deutschland oder Italien. Bei Pro- die Musikschule, um sich dort auch mit bildender Kunst, Theater, Institut für Musikerziehung gilt ihr unermüdlicher Einsatz der Implementierung des Faches
jekten, wo die Mitwirkenden singen, tanzen Literatur und Medien auseinanderzusetzen. Kleine Akzente in die- EMP/Singen an den Musikschulen Südtirols, um allen Kindern einen natürlichen und selbst-
und musizieren, arbeiten die Lehrpersonen se Richtung sind bereits vorhanden. verständlichen Zugang zur Musik zu ermöglichen.
im Team, indem sie einander unterstützen – Die Musikschulen stellen sich den Herausforderungen der Zu-
und auch voneinander lernen. Das Institut für kunft. Bei gleich bleibendem Personaleinsatz und immer stei-

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Tirol Früher oder später? | Ulla Fürlinger Tirol Früher oder später? | Ulla Fürlinger

Früher oder später? und dem Südtiroler Institut für Musikerziehung


in deutscher und ladinischer Sprache veranstal-
teten die Klangspuren zum wiederholten Mal
Musikpädagogik in Tirol unter dem Namen „Klangspuren Stufenlos“ eine
zweitägige Fortbildungsveranstaltung für Mu-
sikpädagogen zum Thema Improvisieren und
Komponieren mit Kindern. Klangspuren Stu-
fenlos erfreut sich großer Beliebtheit und reger
Teilnahme, 35 Musikpädagogen aus Nord- und
Südtirol haben 2011 teilgenommen und die
Vorbereitungen für eine Fortsetzung im Jahr
2012 sind im Gange.
Auch andere Veranstalter wenden sich jun-
Fotos: mascotti-knoflach
gen Menschen, Schülern und Studenten zu. So
etwa „AbendMusik – Lebensmusik“, die 2010
erstmals ein Kinderprojekt realisierten, oder
die Tiroler Festspiele Erl, die die Türen des Pas-
sionsspielhauses alljährlich einen Tag lang für
den Tiroler Musikschulen unterrichten ca. 600 Lehrpersonen insge- tive Weise. Letztendlich entsteht ein ganz normales Bedürfnis, sich Tiroler Schüler öffnen. In der Outreach Academy
samt 26.000 Eleven. Zahlen, die einem „Musikland Tirol“ durchaus in dieser Welt zu bewegen. Hervorhebenswert auf diesem Gebiet in Schwaz lernen Anfänger wie Könner sich
zur Ehre gereichen. sind zweifellos die Leistungen der Klangspuren Schwaz, des Festivals auf ihrem Instrument aus zu drücken und in
für zeitgenössische Musik, dessen Angebot, Kinder an Instrumente, den Outreach-Academy-Workshops bekommen

E in Kind im Mutterleib. Man hört den Herz-


schlag. Plötzlich ein Klavierkonzert von
Mozart. Die frühkindliche Förderung hat einge-
Als Gegenpol zum passiven Musikkonsum sieht sich die Musikschule
Innsbruck als ein Zentrum von Kreativität, musischer und sozialer
Erfahrung. Das Unterrichtsangebot umfasst, neben der Früherzie-
Töne und Klänge heranzuführen, facettenreich wie beispielhaft ist.
So wendet sich der Veranstalter gleich über mehrere Schienen an
Kinder und Jugendliche aller Altersklassen. Angesprochen werden
Musik­studenten die Chance, sich Tipps und Know­­­-
how von renommierten Profimusikern zu holen.

setzt. Eltern sind hin- und hergerissen: immer hung, Tasten-, Saiten-, Blas- und Schlaginstrumente sowie Gesang, etwa soziale Einrichtungen, Schulen, Kindergärten und Lehrlingsab- Das musikpädagogische Angebot für Kinder und
mehr Frühförderungsangebote sind am Markt. Singschule und Musikwerkstatt. Außerdem bietet die Musikschule teilungen mit jeweils individuellen Kultur- bzw. Musikvermittlungs- Jugendliche in Tirol ist vielfältig und breit. Für
Pränatale Musikbeschallung, elementare Früh- den kostenlosen Zugang zu vielen Ensembles, wie etwa das Sym- programmen. 2008 wurde erstmals unter dem Motto „Klangspuren Eltern gilt es also nur auszuwählen und ihr Kind
förderung, etc. Noch bevor das Kind krabbeln phonieorchester oder das Klarinettenorchester, die Big Band, Blues Lautstark“ eine mehrtägige Musizier- und Komponierwerkstatt für mit professioneller Unterstützung ungezwungen
kann, klimpert es am Piano, bald darauf die erste Band, Jazzensemble, Volksmusikensemble, etc., an. An dieser Stelle Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 18 Jahren durchgeführt. und spielerisch zur Musik, zum Gesang oder zum
Klavierstunde. Die Sinnhaftigkeit frühkindlicher sei hervorgehoben, dass das Tiroler Symphonieorchester ein beson- Unter der Leitung einer Komponistin konnten Kinder und Jugend- Instrument hinzuführen. Junge Menschen sind
Förderung ist durch zahllose Studien belegt. ders breit gefächertes Angebot für Kinder und Jugendliche – und liche Musik-Machen als ganzheitliche Erfahrung erleben. Seit mehr leicht entflammbar und begeisterungsfähig. Die
Doch ab welchem Alter? Mit welcher Intensität? ebenso für jung gebliebene Erwachsene – bereithält (Kids4Music, als einem Jahr bewegt sich „Klangspuren Mobil“, ein mit allen In- schwierigste Klippe, die es zu umrunden gilt, ist
Ab wann sind Kinder – und letztlich auch Eltern – Kleine Töne, Große Töne, Klassik Lounge, Workshops, etc.). Durch das strumenten eines Symphonieorchesters beladener Bus, zu Tiroler sicherlich die, das entzündete Feuer für die Musik
überfordert? Man sucht Rat und bekommt ihn in dichte Angebot werden das gemeinsame Musizieren und darüber Schulen und Kindergärten und bereichert die Erfahrungswelt der über längere Zeit hinweg aufrechtzuerhalten.
Tirol, sei es in einer der zahlreichen öffentlichen hinaus die Entfaltungsmöglichkeiten des einzelnen Kindes gefördert. Teilnehmer im Alter von 4 bis 16 Jahren durch Tasten, Angreifen und
Institutionen oder bei privaten Pädagogen. Ausprobieren. In Zusammenarbeit mit dem Tiroler Musikschulwerk Ulla Fürlinger
Nach dem Durchlaufen einer der genannten Musikschulen oder eines
Mit frühkindlicher Musikpädagogik befasst man privaten Unterrichts folgt im ehrgeizigen Fall ein Studium. Die Abtei-
sich an der Musikschule Innsbruck, am Tiroler lung für Musikpädagogik in Innsbruck, eine Expositur der Universität
Landeskonservatorium und an der Universi- Mozarteum Salzburg, bietet zahlreiche Studienmöglichkeiten an, wie Porträt Wolfgang Praxmarer
tät Mozarteum Standort Innsbruck. Nach den etwa das Lehramtsstudium Musikpädagogik, das Lehramtsstudium Der geborene Innsbrucker war, nach einigen Jahren der Lehrtätigkeit, leitender Musik-
elementaren frühpädagogischen Maßnahmen Instrumentalmusikpädagogik, ein Doktoratsstudium und in Koope- redakteur des ORF Tirol. Seit 1970 pflegt er die Praxis auf historischen Zupfinstrumenten wie
wird das Angebot immer breiter: Für die Mu- ration mit dem Tiroler Landeskonservatorium das Bachelorstudium Laute, Theorbe, Vihuela, Barockgitarre, etc. und ist Mitglied verschiedener Ensembles für alte
Foto: Ernst Bimminger

sikerziehung seines Kindes kann man unter 25 Instrumental- und Gesangspädagogik. Musik. Auftritte führen ihn durch ganz Europa. Für die Klangspuren leitet er alljährlich –
Landesmusikschulen und weiteren Tiroler Mu- anregend, belebend, röstfrisch – das „Café Klangspuren“.
sikschulen, wie der Städtischen Musikschule Begleitend und unterstützend bieten zahlreiche Kulturveranstalter
Hall, den Musikschulen Mittleres Oberinntal, Aktivitäten an, alle mit dem Ziel, Kindern und Jugendlichen die Welt
Telfs, Wattens und Innsbruck, auswählen. An der Musik zugänglich zu machen, meist auf spielerische und interak-

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Südtirol Wie singe ich es meinem Kind vor ... | Ulrike Malsiner Südtirol Wie singe ich es meinem Kind vor ... | Ulrike Malsiner

Nicht zuletzt sei aber auch die soziale Komponente gemeinsamen Renaissance zu führen, und zwar in allen Phasen
Singens genannt. Singen in der Gruppe bedeutet Sozialkontakt, der Entwicklung der Kinder und Jugendlichen –
gemeinsames Tun und ständige soziale Sensibilisierung. Aktive Chor- vom Vorschulalter bis ins Erwachsenenalter.
tätigkeit fördert Gemeinschaft und soziales Verhalten maßgeblich.
Wissenschaftliche Untersuchen haben ganz klar ergeben: Kinder, die Singen als Grundlage frühkindlicher
singen, entwickeln sich auf allen Ebenen besser als Kinder, die diesen Förderung
Zugang zum Gesang nicht haben. Singen fördert demnach vor allem: Die Fähigkeit zu singen muss bereits von früher
Kindheit an gefördert werden. Ein Kind wird in
• die allgemeine Hirnentwicklung dem Maße Freude am Singen entwickeln, wie
• die Entwicklung hin zur Schulfähigkeit es durch die engsten Bezugspersonen stimu-
• Kreativität, Sprach- und Lernfähigkeit liert wird. Schon das Eltern-Kind-Singen trägt
• soziale Kompetenz, Empathiefähigkeit und Lebensfreude ganz entscheidend zur psychischen und phy-
• physische, psychische und soziale Gesundheit sischen Entfaltung des Kindes bei, sowohl zur
• die Kompetenz, u. a. Angst, Aggressionen und Trauer konstruktiv Vermittlung der Sprachkompetenzen als auch
zu bewältigen zur Förderung sozialer Kompetenzen wie Ge-
• die Integration von Kindern mit besonderen Bedürfnissen und meinschaftssinn. Kinder sollen über das Singen
Kindern mit Migrationshintergrund. entdecken, dass ihr Körper das wichtigste Mu-
sikinstrument und das Singen wesentlicher
Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse prägen die Entwicklung der Gefühls- und Stimmungsträger ist.
Musikpädagogik heute. Leider wurde – wohl auch aus historisch-
ideologischen Gründen – das Singen in vielen Regionen in der Kleinkinder lernen das Singen über das Hören.
Gemeinschaftsprojekt der Musikkapellen und des Schulsprengels Tschögglberg: „Max der Regenbogenritter“ | Foto: Archiv der Grundschule Jenesien
Vergangenheit für viele Jahre vernachlässigt. Folglich ist es dank Sie versuchen überwiegend, Erwachsene zu imi-
neuester Forschungen von großer Bedeutung, das Singen zu einer tieren, und durchlaufen damit einen wichtigen

Wie singe ich es meinem Kind vor ... „Sagenprojekt“ auf dem Salten | Foto: Archiv der Grundschule Jenesien

Musikpädagogik unserer Zeit


„Singen ist die eigentliche Muttersprache des Menschen,
denn sie ist die natürlichste und einfachste Weise,
in der wir ungeteilt da sind und uns ganz mitteilen können –
mit all unseren Erfahrungen, Empfindungen und Hoffnungen.“
Yehudi Menuhin (1916–1999)

Allein diese Aussage eines der bedeutendsten öffnet nämlich den Zugang zum inneren Erleben. Es ermöglicht in
Dirigenten des 20. Jahrhunderts unterstreicht, verstärk­tem Maße Selbsterfahrung für die Kinder. Wer sich auf seine
dass das Singen nicht nur zum Fundament der Stimme einlässt, ist bereit, sich auf sich selbst einzulassen, eigene
Musik gehört, sondern für die Entwicklung der Fähigkeiten zu entdecken, sie zu pflegen und weiterzuentwickeln.
Kinder äußerst bedeutsam ist. So dient Vokal­arbeit wesentlich auch der Identitätsfindung bzw.
Persönlichkeitsbildung.
In der heutigen technisierten Welt scheint das
Singen oft überflüssig geworden zu sein. Die Singen als Stimulans von Physis und Psyche
Notwendigkeit dazu besteht heute auf einen Singen wirkt aber nicht nur auf die seelische Entwicklung, sondern
ersten Blick nicht mehr, gibt es doch unter- beeinflusst auch die körperliche Verfassung, denn es werden Pro-
schiedlichstes Liedgut in vollendeter Form auf zesse in Gang gesetzt, die sich positiv und nachhaltig auf den gesam-
verschiedenen Tonträgern. Allerdings rückt ten Organismus auswirken. Am Singvorgang sind nämlich zahlreiche
dabei passives Hören anstelle kreativen Han- Organe und Muskeln beteiligt, die zwischen Anspannung und
delns in den Vordergrund, und zwar in einem Entspannung wechseln. Singen forciert somit eine aktive Grundhal-
bedenklichen Ausmaß. Das eigene Singen er- tung zu Körper und Seele.

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Südtirol Wie singe ich es meinem Kind vor ... | Ulrike Malsiner Tirol Das Tiroler Landeskonservatorium | Nikolaus Duregger

des Singens. Stimmbildung, Musik und Bewegung, elementare Lied-


begleitung und Rhythmik sollen so lebendig wie möglich gestaltet Das Tiroler Landeskonservatorium
werden, das aktive Handeln stets im Vordergrund stehen. Spielerisch,
aber durch gezielte Übungen sollen die richtige Körperhaltung und
die richtige Atemtechnik vermittelt werden. Genauso sollten alle
weiteren Bereiche der Stimmbildung immer wieder in das Liedgut
eingebaut bzw. beim Singen selbst praktiziert werden.
D urch seinen Gesang und das Spiel seiner Lyra bewegt Orpheus
den Gott Hades, ihm seine Geliebte zurückzugeben. Tamino
kann mit seiner Zauberflöte „allmächtig handeln, der Menschen Lei-
kunst“ um die Genehmigung ansuchen, in ihrer
Stadt einen „wirklichen akademischen Musik-
verein“ gründen zu dürfen.
denschaft verwandeln“, Papageno mit seinem Glockenspiel die Tiere Am 2. Juni 1818 trat die konstituierende Ver-
Pubertät als besondere Herausforderung zum Tanzen bringen. Wem diese Belege für die Macht der Musik zu sammlung des „Vereins zur Beförderung der
In der Pubertät steht das Singen erneut auf dem Prüfstand, und in unwissenschaftlich sind, der findet bei den Philosophen der grie- Tonkunst“ zusammen. Er gliederte sich in die
dieser Phase besteht besonders häufig die Gefahr, dass Jugendliche, chischen Antike genauso wie in der barocken Affektenlehre oder in „Lehranstalt“ und in den Verein „als Beförde-
„Chorische Stimmbildung“: Projekttag mit Markus vor allem Buben, definitiv für den Gesang verloren gehen. In dieser den verschiedensten medizinischen Einsatzgebieten der modernen rungsmittel des Vergnügens“. Der Musikverein
Detterbeck im Klassischen-, Sprachen- und Kunstgym- Musiktherapie unserer Zeit bestimmt überzeugende Argumente. In fungierte also gleicherweise als Schule wie als
Altersstufe bedarf es eines besonders großen Feingefühls seitens
nasium mit Landesschwerpunkt Musik „Walther von der
Vogelweide“ in Bozen | Foto: Archiv dieser Schule der Musikpädagoginnen/Musikpädagogen bei der Betreuung der seiner „Allgemeinen Theorie der schönen Künste“ (Leipzig, 1792) be- Organisator von musikalischen Veranstaltungen.
Heranwachsenden. Das Singen soll weiter gepflegt werden, damit schwört Johann Georg Sulzer die „gewaltige Kraft“, die die Musik „auf Es ist wohl wieder dieser Macht der Musik zu-
die Stimmmuskulatur in Übung bleibt, aber niemand soll über- den ganzen Körper und folglich auch über die ganze Seele“ ausüben zuschreiben, dass der Vereinszweck durch alle
Lernprozess. Die Vorbildfunktion der Erwachse- fordert werden. Die ChorleiterInnen bzw. die StimmbildnerInnen kann. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn Innsbrucker Bürger im Wirrnisse und Schwierigkeiten der Zeiten hin-
nen ist dabei nicht zu unterschätzen. Kinder ler- müssen sorgfältig lehren, wobei eine gesunde Mischung zwischen Jahr 1817 „aus edlem Sinne für die mannigfaltigen Vorzüge der Ton- durch bruchlos bis heute gewahrt werden konn-
nen das Singen über das Singen. Dabei geht es Schonung und Forderung sowie verantwortungsvolles Training der
bei Kleinkindern zunächst um das Entdecken der Stimme, unterstützt durch das Vermitteln von Selbstvertrauen, stets
eigenen Stimme und darum, dass sie den Mut im Vordergrund stehen müssen. In dieser Phase ist es auch wichtig, Tiroler Landeskonservatorium | Fotos: Tiroler Landeskonservatorium
finden, sich singend zu äußern und zu exponie- das Repertoire dem Geschmack der Jugendlichen anzupassen und
ren und somit ihr Selbstwertgefühl zu stärken. zu versuchen, von deren Interessenbereich aus die Jugendlichen für
unterschiedliche Chorliteratur, nicht zuletzt auch für das Volkslied, zu
Im Kindergartenalter lassen sich Kinder am bes­ begeistern, um den jungen Menschen auch die kulturelle Identität
ten durch eine Kombination von Gesang und und die Vielfalt der Musik bewusst zu machen.
Bewegung zum Singen motivieren. Gerade Mu-
sik-, Bewegungs- und Sprachspiele in der Grup-
pe tragen dazu bei, soziale, kognitive und emo- Abschließend sei angemerkt: Das Singen ist ein vielseitiges kultu-
tionale Fähigkeiten und Fertigkeiten des Kindes relles Phänomen und weit mehr als nur Selbstzweck. Denn das Sin-
zu entwickeln; einer ganzheitlichen Förderung gen verbindet über die Grenzen hinweg: Jung und Alt, Stadt und
obliegt dabei ein wichtiger Aspekt. Dazu kommt Land, Volks- und Hochkultur. Es findet Platz an verschiedenen Orten,
die Aufgabe, Kindern die Entdeckung der Lust vom Konzertsaal bis in die Pubs, und in den verschiedenen Lebens-
am eigenen Stimmausdruck auf vielfältige Weise bereichen des Menschen: von der Unterhaltung über die Therapie
zu ermöglichen, sie als natürliche, ganzkörper- bis hin zur Religion. Die Musikpädagogik heute versucht mit großem
liche Ausdrucksform zu akzeptieren, emotionale Einsatz, den Fokus auch darauf zu lenken.
Beziehungen zu den Liedern aufzubauen und in
dieser sensiblen Wachstumsphase die Entwick- Ulrike Malsiner
lung der Kinderstimme unter Beachtung stimm-
hygienischer Gesetzmäßigkeiten zu fördern.
Bewegungslieder und neue Kinderlieder stehen
an erster Stelle des aktuellen Kindergartenreper- LITERATURVERZEICHNIS
toires, jedoch sollte das einfache, kindgemäße
Blank, Thomas; Adamek, Karl: Singen in der Kindheit. Waxmann GmbH, Münster, 2010
Volkslied nicht vergessen werden, ist der Kinder- Mohr, Andreas: Praxis der Kinderstimmbildung. Schott Musik International, Mainz, 2004
garten doch auch ein erster Ort der Vermittlung Pachner, Rainer, Vokalpädagogik. Fidula, Boppard am Rhein, 2007
unserer kulturellen Wurzeln. Wieblitz, Christiane, Lebendiger Kinderchor. Gustav Bosse Verlag, Kassel, 2004
www.aktiv-gesunden.de (Zugriff: 17.08.2011, 15.00 Uhr)
www.il-canto-del-mondo.de (Zugriff: 22.08.2011, 10.03 Uhr)
Im Grundschulalter steht verstärkt die ganzheit- www.karladamek.de (Zugriff: 21.08.2011, 13.50 Uhr)
liche Umsetzung der Lieder im Vordergrund www.ku-eichstätt.de (Zugriff: 23.08.2011, 10.00 Uhr)

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Tirol Das Tiroler Landeskonservatorium | Nikolaus Duregger Tirol Wie wird man musikalisch? | Joch Weißbacher

te. Unmittelbar aus dem Musikverein hervorge-


gangen sind das Tiroler Symphonieorchester Wie wird man musikalisch?
Innsbruck, die Musikschule Innsbruck und eben
Einblicke in das Tiroler Ausbildungswesen – Schwerpunkt Musikhauptschule
das Tiroler Landeskonservatorium, der Verein
selbst ist freilich dem Nationalsozialismus zum
Opfer gefallen. Der Musikverein war zunächst
im Lyceal-, dem späteren Universitätsgebäude,
untergebracht, später im Theresianum. 1906
stellte die Stadt Innsbruck unentgeltlich den
M ontag, 3. Mai 2011 gegen 18.00 Uhr treffen die ersten Schüle-
rinnen und Schüler in der Mehrzweckhalle ein – alle im roten
T-Shirt mit dem Aufdruck „Musikhauptschule Wildschönau“. Die
Eine von vielen Situationen im Schuljahr einer
Klasse mit musikalischem Schwerpunkt. Neben
Instrumentalunterricht in möglichst kleinen
Grund für einen Neubau zur Verfügung; 1910 Aufregung ist nicht gering – schließlich beginnt der erste Vorspiel­ Gruppen gibt es hier Ensemblespiel in allen nur
wurde der Bau in Angriff genommen und am abend der Musikklasse 1M in knapp einer Stunde. Letzte Vorberei- denkbaren Besetzungen – z.T. sogar klassen-
16. April 1912 das Musikvereinsgebäude, das tungen – Saiten werden zum wiederholten Mal durchgestimmt, die und jahrgangsübergreifend – bis hin zu Sing-,
heutige Konservatorium, unter Anwesenheit Aufstellung für die Klassenstücke noch leicht verändert, einige Re- Tanz- und Spieleinheiten mit der ganzen Klas-
Bronzebüste von Josef Pembaur (1848–1923), Akademischer Musikdirektor (1874
von Erzherzog Eugen eingeweiht. bis 1918) und Komponist | Fotos: Tiroler Landeskonservatorium servestühle an der Wand bereitgestellt, der Korb für die freiwilligen se. Dazu ergänzend wird im Theorieunterricht
1934 wurde der Musikschule des Innsbrucker Spenden un­übersehbar am Eingang platziert. Laut Schätzungen der grundlegendes Wissen vermittelt, ebenso gibt es
Musikvereins vom Bundesministerium für Un- stimmlichen Höchstleistungen der Wiltener Sängerknaben, deren Schüler dürften an die 200 Zuhörer kommen: Eltern und Geschwis­ Klassen- und Schulchor im Angebot. Vorspiela-
terricht die Bezeichnung „Konservatorium“ zu- Qualität heute von maßgeblichen Persönlichkeiten bereits höher als ter, Verwandt- und Nachbarschaft sowie Freunde und Bekannte. bende, Auftritte bei schulischen und anderen
erkannt, und zwar in „Anerkennung der mehr jene der Wiener Sängerknaben eingestuft wird. Eine enge Zusammen- Nach einer kurzen Durchlaufprobe – mit all den Unsicherheiten, die Veranstaltungen, im Altenwohnheim ebenso wie
als hundertjährigen erfolgreichen Tätigkeit des arbeit erfolgt weiters mit dem Musikgymnasium Innsbruck. Diese bei der Aufführung (hoffentlich) nicht mehr passieren – versammeln in der Kirche und im Veranstaltungszentrum oder
ersten Tiroler Musiklehrinstitutes“. 1939 wurde BORG-Sonderform mit dem Schwerpunkt Musik verbindet Schule und sich die 24 „Erstklassler“ am Hintereingang, von wo sie singend in Gasthäusern des Tales, bilden willkommene
der Musikverein praktisch (förmlich 1941) auf- hochqualitative Musikausbildung in idealer Weise. Das TLK betreut einmarschieren werden: „Lasst uns miteinander ...“ Gelegenheiten, das Gelernte zu präsentieren.
gelöst und die Musikschule in „Musikschule der darüber hinaus hochbegabte Kinder, die musikalisch nach den Sternen Das Wesentliche dabei sind nicht die Einzel-
Gauhauptstadt Innsbruck“ umbe­nannt. Nach greifen. Und auch die ganz Kleinen, die erst dabei sind, die Wunder der leistungen herausragender Schüler (die es natür-
dem Krieg entstand daraus die Städtische Mu- Musik zu entdecken, finden am TLK im Rahmen des EMP-Lehrganges lich gibt!), sondern der Wert gemeinschaftlichen
Noch ist der Kontrabass für Christian etwas zu groß | Foto: Elmar Mayr, MHS
sikschule Innsbruck. Den Rang als Konservato- ein inspirierendes Betätigungsfeld. Wildschönau Tuns und Erlebens. Das bedeutet weniger Stress
rium hatte sie freilich verloren, erhielt ihn aber Neben der Ausbildung ist das TLK ganz im Sinne des ursprünglichen und Erfolgsdruck, weil sich die Leistungen ge-
1957 erneut. 1987 trennte die Stadt Innsbruck Musikvereins weiterhin auch ein „Beförderungsmittel des Vergnü- genseitig ausgleichen.
Musikschule und Konservatorium verwaltungs- gens“. Das Orchester des TLK, das Ensemble Konstellation (widmet Mag sein, dass bei gezieltem Einzelunterricht
technisch. Mit 1. September 1990 hat das Land sich der zeitgenössischen Musik), KonsBrass, die Opernklasse, der ein wesentlich höheres Niveau erzielt werden
Tirol das Konservatorium übernommen. Chor, verschiedene kammermusikalische Ensembles und eine Viel- könnte. Was hier geschieht, ist aber ein breites
Das Tiroler Landeskonservatorium bildet die Py- zahl an Solisten konzertieren regelmäßig; seit 2011 auch ein sym- Kennenlernen, also ein Lernen und Kennen –
ramidenspitze der Tiroler Musikausbildung und phonisches Blasorchester und das Ensemble KonsBarock, das sich nicht nur des eigenen Instruments, sondern auch
bietet jungen, sehr begabten Musikern die Mög- mit Alter Musik beschäftigt. Die Jazz-Big-Band, verschiedene Jazz- grundlegender Bereiche anderer, mit denen man
lichkeit, zur höchsten künstlerischen Reife ge- Ensembles (treten regelmäßig im Treibhaus auf) und nicht zuletzt zusammen musiziert. Hier wird auch gefördert,
führt zu werden. Eine wichtige Aufgabe besteht auch die Volksmusik-Ensembles runden die Palette ab. Dazu gibt es was allgemein als wünschenswerte Art des Wis-
in der Ausbildung hochqualifizierter Musikschul- immer wieder Konzerte der Lehrenden des TLK. So haben sich im senserwerbs gilt: dass Kinder sich gegenseitig
lehrerInnen. Diese erfolgt in Kooperation mit der heurigen Liszt-Jahr die Pianisten des Hauses im vierteiligen Zyklus etwas erklären, vorzeigen, probieren lassen ...
Universität Mozarteum Salzburg und schließt „Mythos Franz Liszt“ meisterlich präsentiert. Als Höhepunkt gibt es einmal in vier Jahren ein
mit dem akademischen Grad „Bachelor“ ab. Im In allen großen österreichischen und deutschen Orchestern finden besonders Zuckerl – zum Dank und Ausgleich für
„Künstlerischen Diplomstudium“ (Konzertfach) sich Absolventen des TLK, ebenso auf vielen Bühnen der Welt. Viele viele Mehrstunden, die ein Musikhauptschüler
werden Studierende zu Solisten, Orchester- und bringen ihr großes Können als Musikschullehrer, Chorleiter, Diri- auf sich nimmt, und das nicht nur in der Stun-
Kammermusikern, Opern- und Konzertsängern, genten von Blas- und Liebhaberorchestern, Sänger, Bläser, Solisten dentafel: Die jeweils 3. Musikklasse fährt kurz vor
Dirigenten und Komponisten ausgebildet. Ne- usw. landauf, landab in Tirol ein und verantworten ganz wesentlich Ferienbeginn auf eine Musikwoche, bei der man
ben diesen achtsemestrigen Berufsstudien bietet die hohe Qualität des Musiklandes Tirol. Die Gründerväter des Musik- neben eigenem musikalischen Tun (manchmal
das TLK auch sechssemestrige berufsbegleitende vereins wären wohl sehr stolz darauf. Ja, es ist eine gute Sache um die sogar unter Zuhilfenahme von Gastreferenten)
Lehrgänge an: Volksmusik, Jazz und improvisier- „gewaltige Kraft“ der Musik, und ihrer Macht unterwerfen sich alle auch Konzerte besucht, interessante Orte be-
te Musik, Elementare Musikpädagogik (EMP) und gern und mit Gewinn. sichtigt und so eine breite Palette an kulturellen
Blasorchesterleitung. Was vielleicht nicht so be- Ausdrucksformen kennenlernt. Das schafft Vor-
kannt ist: Das TLK sorgt auch erfolgreich für die Nikolaus Duregger bilder und bildet den persönlichen Geschmack.

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Tirol Wie wird man musikalisch? | Joch Weißbacher Südtirol Musikalische Bildung in Südtirol | Irene Vieider

Fortsetzung seines musikalischen Weges in jeder Richtung offen –


im Besuch des Musikgymnasiums, des Konservatoriums oder ande- Musikalische Bildung in Südtirol
rer Schulen mit musikalischem Schwerpunkt.
Der Vorwurf mangelnder Qualifikation von Instrumentallehrern
an Musikhauptschulen mag in Einzelfällen berechtigt sein. Es ist „Die Erziehung zur Musik ist von höchster Wichtigkeit, weil Rhyth- sind, dass die Musikerziehung für viele Bevölke-
aber nicht die instrumentale Fähigkeit allein, die einen Musikbe- mus und Harmonie machtvoll in das Innerste der Seele dringen“, rungskreise einen großen Wert darstellt.
geisterten ausmacht. Durch das ausgewogene Zusammenspiel von das hat kein Geringerer als der griechische Philosoph Platon gesagt.
theoretischen Grundlagen, instrumentalem Können, der Freude am Beim „Tag der ladinischen Schulen“ am 09. September 2011 sprach Im öffentlichen Bildungswesen finden wir ver-
Tanzen und Singen kann ein vielseitig musikalisch gebildeter junger der Dekan der Bildungswissenschaftlichen Fakultät der Universität schiedene Institutionen, die Musik in ihrem Bil-
Mensch nach der Musikhauptschule seinen ganz persönlichen Weg Bozen, Franz Comploi, selbst Musiker, zum Thema „Die Bedeutung dungsauftrag verankert haben. Die Tatsache,
einschlagen. der Musik in der Erziehung“ und konnte an den großen Philosophen dass die Musikschulen des Landes ab Septem-
Einer bedauerlichen Tatsache wirken die Musikhauptschulen je- unmittelbar anknüpfen. Dessen Aussagen haben nämlich auch 2500 ber 2012 in die jeweiligen Bildungsressorts auf-
Eine vielsaitige Stubenmusik | Foto: Elmar Mayr, MHS
Wildschönau
denfalls erfreulich – und großteils erfolgreich – entgegen: dem Jahre nach seiner Zeit keineswegs an Bedeutung verloren. Allerdings genommen werden, zeugt vom politischen Be-
(ver)schwindenden Gesang. Ob im Klassen- oder Schulchor, im scheint es in unserer Zeit wichtig zu sein, dass die Auswirkungen mühen, alle diese Bildungsträger sozusagen in
Gesangs­ensemble oder ergänzend im Instrumentalunterricht einge- der Musik auf Intelligenz und Gedächtnis, auf Hirnvernetzung einem Ensemble spielen zu lassen, auf dass den
Die Musikhauptschule Wildschönau wurde im setzt – das Lied hat einen fixen Platz, den es leider gerade auch im und Hirnstruktur messbar und mit Daten und Fakten belegbar sind. Kindern und Jugendlichen eine möglichst gute
Jahr 1983 als damals noch junge Sonderform Pflichtschulbereich mehr und mehr verliert. Tatsache ist, dass diesbezügliche Studien keine „wissenschaftlichen musikalische Bildung angedeihe.
der HS eingeführt, um möglichst vielen musi- Die Musikhauptschule Wildschönau war die erste und ist heute eine Belege“ liefern und viele den wissenschaftlichen Prüfverfahren nicht
kalisch interessierten und talentierten jungen von insgesamt neun Tiroler Schulen dieser erhaltenswerten Sonder- Stand gehalten haben. Vielleicht ist es doch besser, wenn wir einfach Und so haben die Kindergärten, Grund- und
Menschen eine Möglichkeit des Lernens und form: Axams, Imst, Innsbruck-Olympisches Dorf, Nussdorf-Debant, unserem natürlichen Empfinden trauen. Mittelschulen mit dem Bildungsfeld „Musik und
Anwendens instrumentaler Fähigkeiten zu bie- Kappl, Rattenberg, Sillian, Wildschönau, Zell am Ziller. Tanz“ bzw. dem Fach Musik, die inhaltlich und
ten. Gab es damals noch keine Außenstelle einer Apropos Sonderform: Es gibt keine zwei gleichen, sondern so viele Auch die rege öffentliche Beteiligung an der Diskussion um den Stel- methodisch durch die entsprechenden Rah-
Musikschule im Tal, funktioniert inzwischen die Modelle, wie es Schulen mit derartigem Schwerpunkt gibt. lenwert der Musik bei der Konzeption der neuen Bildungslandschaft menrichtlinien geregelt sind, und die Mittel- und
Zusammenarbeit mit der LMS Brixental bestens. Was aber alle verbindet: „Kinder mit Musikerfahrung sind deutlich im Bereich der Oberschulen im vergangenen Jahr hat gezeigt, dass Oberschulen mit musikalischer Ausrichtung
Unsere Schüler sind an der Musikhauptschule erfolgsmotivierter als Kinder ohne Musikunterricht.“1 Musik und musikalische Erziehung in Südtirol ein wichtiges Thema mit ihrem erweiterten und vertiefenden Musik­
bestens aufgehoben – das bestätigen nicht nur
die z.T. beachtlichen Leistungen, sondern ge- Joch Weißbacher
rade auch das soziale Netz der Klasse oder der
Open Air 2011 der Musikschule Meran. Im Bild 4 Tänzerinnen der Landesmusikschule Grieskirchen: Teresa Baumgartner, Magdalena Meindl-
Kleingruppe, das weniger Talentierten (oder humer, Elena Pausenberger, Verena Ziegler (Dance-Performance-Choreographie: Gerlinde Klausberger). Im Hintergrund: Instrumentalisten der
auch nicht so Fleißigen) immer wieder die Musikschule Meran (Leitung: Hubert Weiss) | Foto: Kurt Tischlinger

Chance zum Durchstarten bietet.


Und sollte sich die anfängliche Begeisterung bis LITERATURVERZEICHNIS:

zum Ende des ersten Schuljahres mehr oder 1 Kurt Prackwieser in „AUFLEBEN“ – Zeitschrift für Pädagoginnen und Pädagogen
weniger auflösen, besteht die Möglichkeit, in in Tirol, Nr.2, Mai 2011, S. 35

die Normalklasse zu wechseln. Wer es aber


Mehr Information unter:
schafft, durch Begabung und Fleiß entspre-
http://bsr.tsn.at/tbw/?getPage=docs/musik_hs.html&menu=405
chende Leistungen zu erzielen, dem steht eine http://www.musikhauptschulen.at/db/mhs/ff_dbs.php?abfragewahl=Tirol

Porträt Peter Reitmeir


Geboren 1947 in Telfs. Lehrer, Harfenist, Sänger und Volkstänzer. Seit 20 Jahren ehrenamt-
licher Obmann des Tiroler Volksmusikvereins und Leiter des Alpenländischen Volksmusikwett-
bewerbs. 1. Tiroler Volkskultur-Preisträger. Er kennt, liebt und praktiziert die Volksmusik. Vieles
in der heutigen VM-Landschaft Tirols wäre ohne ihn undenkbar.

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Südtirol Musikalische Bildung in Südtirol | Irene Vieider Südtirol Musikalische Bildung in Südtirol | Irene Vieider

nachgegangen werden, wo musikalische Bildung für einen Men- fortgeschrittenen Alter Möglichkeiten des ge-
schen beginnt und wie eine Institution für die Ausbildung des meinsamen Musizierens zu bieten, so etwa die
Lehrpersonals für die Musikerziehung für eine optimale Umsetzung Möglichkeit, ein Instrument neu zu lernen oder
sorgen kann. die Kenntnisse, die in jungen Jahren erworben
wurden, aufzufrischen.
Die Bildung eines Menschen beginnt im Elternhaus: Die erste
„Lehrerin“ ist die Mutter, dann alle anderen Familienmitglieder und Bei allem institutionellen und organisierten Ler-
darüber hinaus das soziale Umfeld, in dem das Kind aufwächst. Ein nen gilt es auch wahrzunehmen, dass Musik-
afrikanisches Sprichwort sagt: „Um einen Menschen zu erziehen, begeisterte auch außerhalb der Institutionen
braucht es ein ganzes Dorf.“ Es wird heute oft und mit Recht be- lernen und sich bilden können, etwa durch das
dauert, dass in den Familien zu wenig gesungen und kaum mehr Mitwirken in einem Chor, einer Singgemein-
Lukas Psaier, Schüler für Steirische Harmonika, heuer im miteinander musiziert wird. Die meisten von uns haben dennoch schaft, einer Musikkapelle, einem Vokal- oder
5. Jahr (Lehrer: Michael Ritsch) | Foto: Bernadette Pfeifer ihr erstes Lied in der Familie gelernt, dort ihre ersten musikalischen Instrumentalensemble, einer Band. Erst in den
Erfahrungen gemacht. Wenn die Musikschulen des Landes „Eltern- letzten Jahrzehnten geht diesem lebenslangen
Kind-Musizieren“ anbieten, wo Kinder zwischen ein und vier Jahren musikalischen Tun in der Regel der Besuch ei-
in Begleitung einer erwachsenen Bezugsperson unter Anleitung ner musikbildenden Institution voraus bzw. mit
einer Musikerzieherin miteinander das Reich der Töne und Klänge, diesem einher. Im günstigen Fall stehen for-
der Stimme und der Bewegung erkunden, gemeinsam singen und Holzbläsertrio der Musikschule Unterland. Von links nach rechts: Johannes Mayr,
mal gelenktes Lernen und informelles Lernen
musizieren, dann ist damit vor allem die Absicht verbunden, dass Fabian Pedrotti, Luca Moranduzzo | Foto: Manuela Moranduzzo in einem förderlichen Verhältnis. Interessierte
das Musikmachen nicht nur in der einen wöchentlichen Stunde in lernen immer noch von denen, die schon län-
der Musikschule geschieht, sondern im Alltag der Familie Fuß fasst. ger im „Geschäft“ sind, die ihre Begeisterung
Den erwachsenen Bezugspersonen werden so Impulse gegeben, Dies gilt natürlich auch für das institutionelle Lernen in Kindergär- und ihr Können, das sie sich im Laufe ihres Le-
um das Singen und Musizieren in der Familie wieder vermehrt zu ten und Schulen, in Musikschulen und im Konservatorium. Das vor bens erworben haben, weitergeben. Jeder von
fördern. einiger Zeit erstellte Konzept der musikalischen Ausbildung ist im uns weiß, wie viel er sich auch außerhalb der
Sinne einer guten Nutzung der von der Landesregierung zur Verfü- Institutionen an musikalischen Kompetenzen
Die Qualität der musikalischen Bildung in den Institutionen und in gung gestellten Ressourcen und zum Zwecke der Vermeidung von angeeignet hat und sich dadurch ein intensives
den zahlreichen musikalischen Vereinen beginnt mit der Ausbil- Bildungsbrüchen weiterzuentwickeln. Dabei sollen das filigrane musikalisches Erleben, sei es im aktiven Musizie-
SchülerInnen der Gruppe Singen 3 mit der Lehrerin Judit
dung der Lehrpersonen und Führungskräfte in den musikalischen Netz der Musikschulen mit seinen 50 Standorten, die sieben Mit- ren wie beim Musikhören, verschaffen konnte.
Pixner | Foto: Bernadette Pfeifer Vereinen. Das bedeutet, dass einerseits in der LehrerInnenausbil- telschulen und die fünf Oberschulen mit musikalischem Schwer-
dung für den Primar- und Sekundarschulbereich der musikalischen punkt, die allesamt in den großen Zentren im Land verteilt angesie- Das reiche musikalische Angebot aller Stil-
Bildung ein entsprechender Platz eingeräumt werden muss, ande- delt sind, sowie das Konservatorium „Claudio Monteverdi“ in Bozen richtungen, die Musikfestivals unterschiedlicher
angebot sowie die Musikschulen mit ihrem Bil- rerseits auch Angebote der Grund- und Weiterbildung für musika- als gewachsene Kristallisationspunkte in diesen Prozess eingebun- Prägung und die vielen musikalischen Auffüh-
dungsauftrag der musikalischen Breiten- und lische Leiterinnen und Leiter von Chören, Musikkapellen, Volks- den werden. rungen in ganz Südtirol geben ein beredtes
Begabungsförderung für alle Altersgruppen musikensembles und Bands weiterentwickelt bzw. geschaffen Zeugnis davon, dass Südtirols Musiklandschaft
und schließlich das Konservatorium mit dem werden müssen. Gelungene Beispiele für gemeinsames und abgestimmtes Ar- vielfältig und vor allem lebendig ist.
Auftrag, für die postmaturäre Ausbildung von beiten über die Grenzen der Institutionen und Verbände hinweg
BerufsmusikerInnen und MusiklehrerInnen zu Während die Verantwortungsträger hinsichtlich der Verstärkung sind jene Einrichtungen, die man im Bereich der Begabtenförde- Irene Vieider
sorgen, in diesem Ensemble ihren je eigenen der musischen Bildung im Allgemeinen und der musikalischen Bil- rung ansiedeln kann: das Jugendsymphonieorchester Südtirol, das
Part zu spielen, sich gegenseitig zu ergänzen dung im Besonderen in der Ausbildung für die Lehrpersonen im Landesjugendblasorchester, der Landesjugendchor. Dort werden
und durch ihr Zusammenspiel das Musikland Primarbereich erst noch geeignete Wege im Rahmen der gesamt- jene Jugendlichen landesweit und teilweise auch sprachgruppenü-
Südtirol zu prägen. Nur so kann gewährleistet staatlichen Studienpläne suchen und ansatzweise erproben, gibt bergreifend zusammengeführt, die ein besonderes Interesse, eine
werden, dass auch in Zukunft für das Laienmusi- es bereits ein breites Angebot vor allem der Verbände im Bereich besondere Neigung und eine besondere Begabung für Musik ver-
zieren einerseits und das berufliche Musizieren der Führungsarbeit in der musikalischen Vereinstätigkeit: Lehrgän- eint. Diese Einrichtungen haben sich mittlerweile so bewährt, dass