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Literatur in zisterziensischen Frauenklöstern

Proseminar, BM ÄDL
Dozentin: Tanja Mattern
WS 05/06
Vanessa Noll
Matrikel-Nr: 4012089

Inhaltsverzeichnis

1. Zur Struktur und methodischem Vorgehen 1

2. Einführung ins Kloster Wienhausen und dessen


Nachlass 2

3. Das Wienhäuser Liederbuch 3

4. Definition von Lied und Mystik 5


a. Definition von ‚Lied’ 5
b. Terminologische Problematisierung von Mystik 6

5. Der himmlische Bräutigam-


eine exemplarische Interpretation 7

6. Schlussfolgerung 10

Quellenverzeichnis Anhang

Bibliographie World Wide Web Anhang

-1-
Literatur in zisterziensischen Frauenklöstern
Proseminar, BM ÄDL
Dozentin: Tanja Mattern
WS 05/06
Vanessa Noll
Matrikel-Nr: 4012089

1. Zur Struktur und methodischem Vorgehen

Diese Proseminararbeit widmet sich der Aufgabe, mystische Aspekte in


Texten des Wienhäuser Liederbuches aufzuzeigen und diese dann in
Bezugnahme auf historische und kulturelle Hintergründe auszuwerten.
Dazu wird zunächst kurz in Kapitel zwei ein Überblick über das Kloster
Wienhausen und dessen Nachlass aus dem Mittelalter gegeben, um dann
direkt zum Wienhäuser Liederbuch überzuleiten. In diesem folgendem
Paragrafen wird das Liederbuch als Gesamtwerk betrachtet.
Bevor es zu einem direkten Bezug zum Inhalt kommt, ist eine allgemeine
terminologische Definition der Begriffe ‚Lied’ und vor allem von ‚Mystik’
notwendig. Da das Verständnis dieser Begriffe im Laufe der Zeit einen
terminlogischen Wandel durchgemacht hat, ist es wichtig herauszufinden,
wie diese Begriffe im Zeitalter der Abfassung des Wienhäuser Liederbuchs
zu verstehen waren. Deshalb wird Abschnitt vier komplett der Erklärung
dieser beiden Begriffe gewidmet. Dadurch besteht die Möglichkeit in
Kapitel fünf die Grundlage für die entsprechende Interpretation für das Lied
„der himmlische Bräutigam“ zu bekommen.
Dieses Lied wurde gewählt, weil es schon der Titel mystische Aspekte zu
tragen scheint. Ob dies wirklich der Fall sein wird, ergibt sich aus der
näheren Betrachtung desselben.1 Die Literatur aus dem Mittelalter,
insbesondere Literatur aus (Frauen)Klöstern, ist in den meisten Fällen
immer ein unzertrennbares Gemisch aus Theologie, Alltag und
Literaturwissenschaft. Gerade auch, weil die meisten Frauen schon in
Kindertagen in ein Kloster gingen und dort mit dem Glauben erzogen
wurden und heranwuchsen, soll versucht werden, inwieweit der Aspekt der
Mystik im Wienhäuser Liederbuch auch außerhalb der theologischen Basis
eine Rolle spielt und ob dies überhaupt möglich ist. In der Auslegung des
Textes ‚Der himmlische Bräutigam’ wird es also vorrangig um eine

-2-

1
Es wird sich hier auf die Textsammlung von Peter Kaufhold bezogen, in der das Lied 29 den
hochdeutschen Titel ‚der himmlische Bräutigam’ trägt. In der Originalhandschrift, steht das
Lied, Paul Alpers zufolge, an Stelle 30 und heißt „ik draghe an mynes herten grund“.
Vgl. Sievers, Wienhäuser Liederbuch, S. 55.
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literaturwissenschaftliche Analyse des Textes gehen und der daraus


resultierenden Deutungsmöglichkeiten.
Die Mystik war da Ergebnis einer persönlichen Frömmigkeit und der
Eigeninitiative seinen christlichen Glauben aktiv zu gestalten. Dies wurde
nicht nur von Schwestern und Brüdern gelebt, sondern teilweise auch vom
gemeinen Volk. Lieder spielten dabei eine sehr große Rolle, weil diese
von den meisten Personen, auch ohne Buchstaben- bzw. Lesekenntnisse
leicht zu behalten waren, sobald sie mehrmals in einer Gruppe rezitiert
wurde.

2. Einführung ins Kloster Wienhausen und dessen Nachlass

Das Kloster Wienhausen wurde Anfang des 13. Jahrhunderts von


Herzogin Agnes, zweite Gemahlin des Herzog Heinrichs von Sachsen, in
Wienhausen gegründet. Über das genaue Gründungsjahr wird noch
diskutiert. Der Chronik Wienhausens zufolge, soll dieses jedoch zuerst in
Nienhagen gelegen haben und erst zehn Jahre später, wegen örtlicher,
naturbedingter Missstände nach Wienhausen umgesiedelt sein. Die
Klosterchronik selbst entstand zwar erst im 17. Jahrhundert, scheint sich
aber auf ältere Quellen zu beziehen. Das erste Mal wird das Kloster
Wienhausen in einer Urkunde vom 24. April 1233 erwähnt, in welcher
Bischof Konrad die Instituierung des Klosters bestätigt. 2
Heutzutage sind die Bildteppiche und Teppichfragmente wohl die
wertvollsten und bekanntesten Kunstschätze, die das Kloster vorzuweisen
hat. Sie sind zwischen dem 14. und 15. Jahrhundert angefertigt worden
und weisen neben biblischen Darstellungen auch Legenden auf, die
bildlich als Wollstickereien auf Leinen gebracht wurden. Die Tristan-Sage
oder die Geschichte der hl. Mutter Anna, zum Beispiel, wurden thematisch
auf solchen Wandteppichen verarbeitet. Zu diesen Schätzen, neben
Glasfenstern, Schnitzwerken und Altären, gehört auch das Wienhäuser
Liederbuch. Das Wienhäuser Liederbuch wurde im Jahre 1934 von

-3-

2
Vgl. Germania Benedictina, Band XII, S. 756 f.
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Heinrich Sievers3 unter den Holzdielen des Klosterarchivs gefunden und


bearbeitet herausgegeben.4

3. Das Wienhäuser Liederbuch

Das Wienhäuser Liederbuch gilt als älteste und umfangreichste Sammlung


mittelalterlicher Lieder in mittelhochdeutscher Sprache.5
Der auf 1470 datierte unscheinbare Codex ist in ein Stück Pergament, aus
einer zerschnittenen, älteren Handschrift in lateinischer Sprache,
eingebunden. Nach seiner Entdeckung 1934 im Kloster Wienhausen,
erschien im Jahre 1944 die erste öffentliche Textausgabe unter der Leitung
von Dr. Paul Alpers6, der die Handschriften in eine lesbare Form brachte.
Heinrich Sievers brachte das gesamte Liederbuch als Faksimile 1954
heraus, plus einen zweiten Band mit Erläuterungen zu denen im
Liederbuch enthaltenden Melodien. 7
Im Folgenden wird nun zunächst eine inhaltliche Übersicht über das
Liederbuch gegeben.
Der Inhalt von 59 Liedern, einem Prosastück und einem Brieffragment sind
auf 40 Blätter in einem Format von 14x10 cm, beidseitig beschrieben
8
worden. Von den Liedern sind 55 religiös und vier weltlichen Inhalts. 17
sind in lateinischer Sprache, sechs in lateinisch-niederdeutscher
Wechselsprache und 36 in Niederdeutsch verfasst. Melodien von 15
Liedern sind in Hufnagelschrift notiert.

Das lateinische Lied Nr. 7 [resurrexit dominus], enthält einen


niederdeutschen Kehrreim, und umgekehrt besitzen die
niederdeutschen Lieder Nr. 31 und 36 [der göttliche Freund/
Weihnachtsjubel] einen lateinischen Kehrreim.9

-4-

3
*1908 +1999, Professor der Musikwissenschaft an der TH Hannover
4
Vgl.: Kaufhold, Das Wienhäuser Liederbuch, S.3f
5
Ebd. S. 5
6
Dr. Paul Alpers, *1887 Hannover, +1968 Celle, Oberstudienrat und Heimatforscher.
7
Vgl. Kaufhold, Wienhäuser Liederbuch, S. 8.
8
Janota in Verfasserlexikon 10, Sp. 1046.
9
aus: Kaufhold, Wienhäuser Liederbuch, S. 9.
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Die 55 geistlichen Lieder sind folgendermaßen in Themengebiete


aufgeteilt. 14 Lieder behandeln Weihnachten und Verkündigung. In
7 Liedern wird die Passion und Ostern behandelt, während sich 12
Lieder inhaltlich mit der Gottesmutter Maria beschäftigen. Den
größten thematischen Teil nehmen jedoch die Motive ‚Bittgesänge’
und ‚Leben aus dem Glauben’ mit 22 Liedern ein.10
Vorerst scheint keine systematische Ordnung einer Reihenfolge der
Lieder zugrunde zu liegen. Es fällt jedoch auf, dass die ersten zehn
Lieder in ein und derselben Handschrift verfasst wurden. Diese
wurden zudem, mit Ausnahme von Nr. 8 und Nr. 10, mit Melodien
notiert. Es lässt sich, bis auf einige kleine Abweichungen eine
Ordnung von Weihnachtsliedern und Ostergesängen erkennen.
Ab Lied Nr. 11 [ Audiat vestra caritas] verliert sich dieser Aufbau und
auch die Handschrift ändert sich. Hier erkennt man, dass es sich
nicht, wie teilweise angenommen, um eine Schreiberin handelt,
sondern mehrere Personen an der Entstehung des gesamten
Werkes beteiligt waren. Ein weiterer Fakt dafür, zeigt sich in der
Tatsache, dass Lieder auf frei gebliebene Blätter nachgetragen
wurden oder einige Lieder innerhalb des gesamten Codexes in einer
Gruppe zusammengefasst werden können.11
Datiert wird der erste Teil auf die Jahre nach 1460, die folgenden
Lieder und Schriften mindestens 50 Jahre später.12 Hier zeigt sich,
dass die Arbeit an einer Entstehung dieses Liederbuchs nicht nur
eine kurze Idee lediglich einer Person war, sondern ein Werk des
Zusammenspiels der Schwesterngemeinschaft. Auch lässt diese
Tatsache vermuten, dass das Liederbuch ein unverzichtbares
Medium im Alltag des Klosterlebens einnahm, was eine Erweiterung
und Ergänzung notwendig machte. Dies würde auch das eher
handliche Format des Liederbuchs erklären. Durch die kleine Größe

-5-

10
Vgl. Kaufhold, Wienhäuser Liederbuch, S. 10.
11
z.B. Lieder vom Hostienfrevel [Nr. 21 & Nr. 22], geistliche Liebeslieder [Nr. 28-31].
12
Vgl.: Janota in Verfasserlexikon 10, Sp. 1046.
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war es den Schwestern möglich, es jeder Zeit mit sich zu tragen


oder eventuell neue Ideen oder Gesänge einzutragen.13
Die Texte der Gesänge beziehen sich auf liturgische,
hagiographische, mystische und weltliche Inhalte, die jedoch
wahllos verstreut sind. Bei näherer Betrachtung der Texte stellt man
fest, dass das Hauptanliegen in der Zwiesprache mit Gott lag.

4. Definition von Lied und Mystik

Da die Texte des Wienhäuser Liederbuchs vor sechs Jahrhunderten


schriftlich fixiert wurden, ist die terminologische Untersuchung der beiden
Begriffe „Lied“ und „Mystik“ unumgänglich. Dabei soll auch Rücksicht auf
den Wandel der jeweiligen Bedeutungen im Laufe der Zeit genommen
werden.

4.a Definition von ‚Lied’

Das Wort Lied hat seinen Ursprung im mittelhochdeutschen Wort liet,


welches auf das gotische Wort liuÞon zurückzuführen ist, was soviel wie
lobsingen bedeutet.14
Heutzutage stellt das Lied einen Sammelbegriff dar, der sowohl in der
Musik-, als auch in der Literaturwissenschaft verwendet wird.
Zusammenfassend bezeichnet man ihn als „singbar oder als singbar
intendierte lyrische (meist strophische) Texte vorwiegend kleineren
Umfangs“.15 Im historischen Kontext wird das Lied nach seinem Inhalt
differenziert, nämlich in Kategorien wie geistlich-religiöse oder weltliche
16
Lieder. Da beim Wienhäuser Liederbuch neben den Texten auch
Notenaufzeichnungen im gregorianischen Stil vorhanden sind, kann man

-6-

13
Dieser Gedankengang hat sich als Schlussfolgerung meiner Recherchen ergeben und ist
nicht zwangsläufig als richtig zu betrachten.
14
Vgl: Brunner, Reallexikon Literaturwissenschaft Bd. 2, S. 421.
15
Ebd.: S.420.
16
Ebd.: S.420.
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davon ausgehen, dass es sich um „singbar und singbar intendierbare


Texte“17 handelt. Diese Aufzeichnungen geben zwar nicht eindeutig
Auskunft über die genaue Tonfolge, allerdings lässt sich ein Aufsteigen
oder Absteigen der Melodie ausmachen.18 Grund für die Abfassung war
wohl der Wunsch, dass diese Lieder und Aufzeichnungen für die Nachwelt
erhalten bleiben. Was eine weitere Bestätigung wäre, dass diese Lieder
gesungen wurden. Denn sowohl durch die Niederschrift, als auch durch
den ständig wiederholten Gesang innerhalb der Gemeinschaft, ist Erhalt
und Weitergabe möglich.

4.b Terminologische Problematisierung von ‚Mystik’

Das Wort Mystik hat seinen etymologischen Ursprung wohl bei dem
griechischen Wort  mystérion], was wiederum von
 mýein] stammt. Übersetzt heißt dies „sich schließen, die
Augen verschließen“.19
Unter Mystik verstand man im Mittelalter etwas anderes, als der Begriff
gegenwärtig gebraucht wird. Während heutzutage mysteriöses eher dem
Seltsamen, Unheimlichen und Unerklärbaren zugeordnet wird, galt die
Mystik damals als ganz bestimmter Frömmigkeitstypus. Dabei war das
eigentliche Ziel des Mystikers darauf ausgerichtet, eine Verbindung zu und
mit Gott herzustellen, so, dass es zu einer Vereinigung mit diesem kommt.
Dabei halfen Meditationspraktiken oder auch Askese.20
Besonders auffällig sind in diesem Zusammenhang religiöse Texte mit
Braut- oder Christusmystik, wie sie auch im Wienhäuser Liederbuch zu
finden sind. Hier wirken besonders die metaphorischen Beschreibungen
des jeweiligen Autors, die neben den christlichen Elementen auch
erotische Züge aufweisen. Die Entstehung solcher Texte und Thematiken
kann man wohl auch auf das existierende Zölibat beziehen, welches den
Frauen untersagt sich auf körperliche Nähe einzulassen. Die Weihe wird

-7-

17
Vgl. Brunner, Reallexikon der Literaturwissenschaft 10, S.420.
18
Vgl. Sievers, Wienhäuser Liederbuch, S.17.
19
Vgl.: Gemoll, S. 512.
20
Askese: [gr. Άκ , die Übung], Ursprünglich körperliche Ertüchtigung oder geistige
zum Erlangung von Weisheit und Sittlichkeit. Heute eher religiös geprägt. Vor allem im Bezug
auf Enthaltung von Nahrung und Geschlechtsverkehr. Teilweise auch mit Selbstpeinigung.
Ziel ist die mystisch gedachte Vereinigung mit Gott. Siehe oben.
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als Hochzeit mit Jesus Christus angesehen, wodurch die Brautmystik


nochmals einen wichtigeren Stellenwert bekommt.
Diese Erfahrungen wurden auch im Kloster Wienhausen gemacht und sind
natürlich auch im Wienhäuser Liederbuch wieder zu finden. Der Legende
des Klosters zu folge, basiert die ganze Gründung dessen auf einer
göttlichen Eingebung der Herzogin
Agnes. Auch Bernhard von Clairvaux21 hat Erfahrungen mit der „unio
mystika“22 gemacht und schriftlich tradiert.23

5. „Der himmlische Bräutigam“ - eine exemplarische


Interpretation

Der hier vorliegende Text ist in 19 Strophen unterteilt. Ein regelmäßiges


Reimschema ist jedoch nicht zu finden. Zwar kommen immer mal wieder
Wörter vor, die sich reimen, jedoch ist nicht erkennbar, ob dies bewusst
gesetzt wurde oder ob es sich um Zufall handelt. In Strophe zwei reimt sich
lediglich „wyl“ auf „spel“, beziehungsweise „varen“ mit „waren“.
In Strophe eins ist kein Reim feststellbar. Kreuzreime sind augenscheinlich
in den Strophen zwei, fünf, sechs, acht, neun, zehn, elf, 13, 14, 15 und 19.
Diese Strophen bestehen dann allerdings nicht aus reinen Kreuzreimen,
sondern nur zwei der 4 Zeilen reimen sich auf Kreuz. Die anderen zwei
Zeilen haben keine reimschematische Verbindung. Der Kreuzreim geht
demnach nicht auf. Wie man sieht, besitzen zwar elf der 19 Strophen einen
Kreuzreim, aber da auch in der Setzung dieser Kreuzreime, innerhalb
dieser 19 Strophen, keine Ordnung zu erkennen ist, lässt sich ableiten,
dass bei der Entstehung des Liedes nicht so sehr auf Form, sondern eher
auf den Inhalt geachtet wurde. Jedoch sollte man den Aspekt von Peter
Kaufhold nicht außer Acht lassen, dass das Lied einen niederländischen
Ursprung hat.24

-8-
21
(Mit-)Begründer der Zisterzienser und der Verbreitung innerhalb Europas.
22
unio mystika: Vereinigung, bzw. Identität mit Gott.
23
Vgl. Langner, Reallexikon Literaturwissenschaft Bd. 2, S. 657.
24
Vgl. Kaufhold, Wienhäuser Liederbuch, S. 7.
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Selbst wenn das niederländische „Original“ ein exaktes Reimschema


aufgewiesen hätte, muss dies nicht zwangsläufig ins Niederdeutsche mit
übertragen worden sein. Es bestand eventuell ein so genanntes
„Übersetzungsproblem“, in der Tatsache, dass ein gleichzeitiges
Übertragen in ein einheitliches Reimschema nicht möglich war, ohne den
Inhalt zu verfälschen.25
Inhaltlich beschreibt das Lyrische Ich auf sehr innige Weise ihre Sehnsucht
zu ihrem himmlischen Bräutigam Jesus.
Aufteilen kann man das Lied in vier Sinnabschnitte. Bis Strophe vier
erzählt das LI wie tief ihre Liebe zu Jesus ist und ihr Verlangen diesen zu
kosen. Für ihn würde sie alles auf der Welt zurücklassen, weil er die „Rose
ist, die allezeit blüht“.26
Ab Strophe 5 beginnt ein inhaltlicher Einschnitt, indem das lyrische Ich
wahrnimmt, wie schlecht doch die Welt ist und von vergänglichen
Genüssen durchzogen. Sie verweilt in der Hoffnung, sich von dieser Welt
zu lösen, um mit Jesus glücklich zu werden. Solange ist sie aber von tiefer
Trauer erfasst, ihm nicht näher sein zu können.
Ab Strophe 10 beginnt der dritte Abschnitt, indem das LI erkennt, wie rein
Jesus doch im Gegensatz zu ihr ist. Sie erwähnt, dass auch sie erst den
gleichen Leidensweg gehen muss, wie er, um seiner würdig zu werden:

Den wech den hat he vorghegan.


den wil ik overlyden:
we mynem leve volghen wil,
dem mot vulstendich bliven.27

Im letzten Abschnitt ab Strophe 15 wird dann metaphorisch von der


Vermählung von Jesus und dem LI gesprochen. Nachdem der Winter
vergangen ist, folgt nun die Sonne. Die Weinstöcke28 stehen in voller
Pracht und das LI wird in den Hof des ewigen Königs eingelassen. Jesus
selbst wird als Ölzweig dargestellt, der symbolisch, gleichsam dem
-9-

25
Spekulativ.
26
Vgl. Kaufhold, Wienhäuser Liederbuch, S. 118.
27
Ebd. S. 120.
28
Wein hat seit dem letzten Abendmahl eine besondere Bedeutung, besonders bei den
Katholiken. Wen wird beim eucharistischen Mahl konsekriert und gewandelt. Darüber wird
vom Priester das Kelchwort gesprochen: „Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes,
mein Blut, dass für alle vergossen wird, zur Vergebung der Sünden.“
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Palmzweig, in Anlehnung an die Offenbarung 7,929, als Zeichen für


sieghafte Vollendung und Triumph gegen das Böse, als Symbol des
Friedens gewählt wird.
Hier erkennt man eindeutig die mystischen Aspekte des Liedes. Eine
Vereinigung mit Jesus30, demnach der Wusch der göttlichen Inkarnation ist
hier eindeutig festzumachen. Das Verlangen nach dem Jenseits zeigt sich
nicht nur in der Abkehr von allem Irdischen, sondern auch gleichzeitig in
der Abkehr von der eigenen Person. Das Unwürdigsein des eigenen Ichs
für Jesus spielt eine bedeutsame Rolle. Die Haltung des lyrischen Ichs
entspricht demnach den Anforderungen des klösterlichen Lebens.
Doch wird in diesem Text nicht nur die geistige Verbindung zu Jesus
erwünscht, sondern gleichwohl die körperliche Sehnsucht angesprochen:
„We mit Jhesum kosen wyl“.31 Dies kann man wohl in dem Wunsch nach
körperlicher Nähe begründen, dem man als Konventmitglied nicht
nachgehen durfte. Für die Verfasserinnen dieses Textes war es
wahrscheinlich eine Art Projektion ihrer inneren Bedürfnisse, denen sie in
diesen Liedern Ausdruck verliehen, ohne „schuldig“ zu werden.
In monologischer Form besingt das lyrische Ich ihre Liebe zu Christus. Da
das lyrische Ich jedoch nicht eindeutig als Person auszumachen ist, kann
man hier eventuell auch die „Seele“ als LI bezeichnen. Diese Metaphorik
wird in vielen Liedern gebraucht, ist also nicht gänzlich von der Hand zu
weisen. Da im „himmlischen Bräutigam“ inhaltlich jedoch viel von der
realen Welt, „Adde, du bedrechlike werlt,32“ gesprochen wird, kann es sich
auch um eine Wahrnehmung einer „Person“ handeln. Hier käme es zu der
Fragestellung, ob man die Seele von der Person trennen kann. Nach
Auslegung der unio mystica ist die prinzipiell möglich ist.
Warum wurde dieses Lied mit in den Codex aufgenommen? –
Wahrscheinlich kann man davon ausgehen, dass der Inhalt sehr
bedeutsam für die Schwestern war. Wahrscheinlich sollte es gerade auch
zweifelnde Nonnen in ihren Glauben unterstützen, dadurch, dass die Liebe
-10-

29
Offb. 7,9: Danach sah ich, eine große Schar […], vor dem Thron stehen und vor dem Lamm,
angetan mit weißen Gewändern und Palmen in ihren Händen; […].“
30
Nach der katholischen Trinitätslehre handelt es sich bei Jesus nicht eindeutig um Jesus als
Person, sondern kann auch gleichzeitig Gott, hl. Geist und Mutter sein. (Konstantinopel 381
n. Chr.).
31
Vgl. Kaufhold, Wienhäuser Liederbuch, S. 118
32
Ebd. S.118.
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nicht nur als schön, sondern auch schmerzhaft dargestellt wird. Es war
bestimmt nicht immer einfach, besonders in Bezug auf pubertierende
Novizen/Nonnen, sich den Regeln des Konvents zu unterwerfen und seine
eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken.
Dieses Lied spricht von der „flüchtigen Genüssen“ der Welt und von dem
Heil, was einem zu Teil wird, wenn man mit Jesus zusammentrifft. Einen
gewissen ideologischen Wert kann man ihm demnach nicht absprechen.

6. Schlussfolgerung

Das Wienhäuser Liederbuch ist in einem Frauenkloster entstanden,


demnach auch ein Werk von Frauen. Dies scheint derzeit nichts
Besonderes zu sein, wo fast jeder zweite Autor weiblich ist. Wenn man
sich jedoch in 15. Jahrhundert zurück versetzt, in dem die Emanzipation in
keinster Weise zum Alltag gehörte, bekommt dieses Werk einen anderen
Stellenwert.
Das Eintreten in einen Konvent war für die Frau nicht nur Verzicht auf
weltliche Genüsse. Natürlich war es in vielerlei Hinsicht eine
Einschränkung der persönlichen Freiheit, die damals noch weitgehend
beengter war, als heute. Für viele Frauen war es aber auch die einzige
Möglichkeit, eine qualifizierte Ausbildung zu erhalten, um zum Beispiel als
Autorin tätig zu werden oder handwerkliche Arbeiten zu verrichten. Dabei
war es von Nöten, sich in ein strukturiertes Ganzes einzufügen.
Da es in dieser Zeit die Hochphase der Hexenverfolgung war, konnte man
sich mit einem Eintritt in ein Kloster nicht nur geistig weiterbilden, sondern
für manchen konnte dies sogar die Rettung vor dem Scheiterhaufen sein.33

Das Wienhäuser Liederbuch ist eine speziell für das Kloster


zusammengestellte Sammlung von Liedern, die auf die entsprechenden
Bedürfnisse der Schwestern anspielt. Für verschiedene Lebenssituationen
sollten passende Bezüge hergestellt werden.34 Dabei ist das Anliegen der
-11-

33
Zwar machten die Inquisitoren auch vor Nonnen und Priestern keinen Halt, diese als Hexen
zu bezichtigen, doch wurden weitaus mehr „Bürgerliche“ als Hexen verurteilt, als Geistliche.
34
Vgl. Agricola, Mystische Lyrik, S. 140
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Texte, meist darauf ausgelegt, die Lösung für die jeweiligen Probleme oder
den Ursprung allen Seins bei Gott zu suchen. Für die Frauen, die alltäglich
mit der mystischen Spiritualität vertraut waren, war das Liederbuch mit
seinen Gesängen eine Option, den Glauben zu Gott gesanglich zu
interpretieren, wodurch das Gefühl der unio mystica verstärkt wurde.
Zwar enthält das Wienhäuser Liederbuch auch heute noch mystische
Aspekte. Prinzipiell ist es jedoch darauf ausgelegt, für „mehr oder weniger
minnende Seelen“ ein Identifikationsangebot zu erstellen.35 Durch die
empfindungsreichen sprachlichen Bildern ist es jedoch auch gegenwärtig
möglich, einen kleinen Tei des mystischen Erlebnisgehalts zu spüren,
selbst, wenn man keine religiöse Haltung hat, jedoch mit der
terminologischen (Ur-)Bedeutung der Mystik vertraut ist.

Anhang:

35
Vgl. Agricola, mystische Lyrik, S. 164.
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Quellenverzeichnis

AGRICOLA, KATHRIN:
‚O here, giff my der leve brant’- mystische Lyrik im
Wienhäuser Liederbuch.
– In: Europäische Mystik vom Hochmittelalter bis zum
Barock. Bremer Beiträge zur Literatur- u. Ideengeschichte 21.
Hrsg. von Wolfgang Beutin. Frankfurt/M.: 1998, S. 139-164.

BRUNNER, HORST: Art. Lied.


– In: Reallexikon der deutschen Literatutwissenschaft. Hrsg. von
Klaus Weimar Bd. 1-3. Berlin, New York: de Gruyter 1997-2003,
Bd. 2, S. 420-423.

GEMOLL, WILHELM: Art. Myein


- In: Schul- und Handwörterbuch. Aufl. 9. München: 1989.

GERMANIA BENEDICTA: Art. Wienhausen.


- In: Germania Benedicta. Bd. XII. Hrsg. von der Bayerischen
Benediktinerakademie München. München: 1994.

JANOTA, JOHANNES: Art. Wienhäuser Liederbuch.


– In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon.
Hrsg. von Kurt Ruh u.a. 2., völlig neu bearb. Aufl. Bd. 1-10 (A-Z),
Bd. 11: Nachträge. Berlin, New York: de Gruyter 1978-2003, Bd.
10, Sp. 1046-1052.

KAUFHOLD, PETER:
Das Wienhäuser Liederbuch. Hrsg. Kloster Wienhausen. Bd. 6.
Wienhausen: 2002.

LANGNER, OTTO: Art. Mystik


- In: Reallexikon der deutschen Literatutwissenschaft. Hrsg. von
Klaus Weimar Bd. 1-3. Berlin, New York: de Gruyter 1997-2003,
Bd. 2, S. 653-658.

Bibliographie WorldWideWeb:
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http://www.frauenkloester.de/liedbuch.html

http://www.wienhausen.de/allgemeines.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Mystik

http://de.wikipedia.org/wiki/bernhardvonclairvaux