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Perspektiven 08/1999 - Offen werden vor mir Page 1 of 6

Perspektiven - August-September 1999


Inhalt: Macht der Glaube krank? Columbine-Katastrophe
Offen werden vor mir Reichen Glaube und Gebet?

Offen werden vor mir

Warum fromme Masken so gefährlich sind

E in Begriff taucht in letzter Zeit häufig auf, Spiegelleser kennen ihn: »political correctness«.
Mit diesem Begriff bezeichnet man Dinge, die man zwar denkt und empfindet, aber besser nicht
ausspricht. Männer sind zum Beispiel gut beraten, nicht auszusprechen, was sie über Frauen am
Steuer denken. Man redet also über den Sollzustand und lieber nicht über den Ist-Zustand.

Ich habe beobachtet, dass es so etwas auch im geistlichen Leben gibt. »Spiritual correctness« möchte
ich es nennen, »geistliche Korrektheit«. Man unterdrückt die Wahrheit über sich selbst. Man redet
darüber, wie es sein sollte, und tut so, als wäre es so. Dabei verschweigt man, wie es wirklich ist.

Ein paar Beispiele: Der Pastor predigt am Sonntagmorgen: »Wir freuen uns doch alle auf den
Himmel. Wie Paulus empfinden wir: ‘Es ist eine Lust, abzuscheiden’.« Und ich sitze unten in der
Gemeinde und denke: »Nein, ich freue mich nicht auf den Himmel. Ich bin unsicher, was da kommt.
Wird meine Frau da sein? Wie wird es da sein? Ich steh’ gar nicht so auf goldene Straßen. Ich lebe
gerne hier.« Aber ich weiß genau: in der Gemeinde sag ich so etwas besser nicht. Vielleicht bin ich
ja der einzige, der so empfindet, und alle anderen freuen sich auf den Himmel.

Oder einer in der Gemeinde sagt häufig: »Jesus hat mir gesagt...« und »Gott hat mir gezeigt...« Aber
ich erlebe so etwas nicht. Und ich denke: »Halte lieber den Mund. Vielleicht bist du ja der einzige,
dem das so geht.«

Oder da sind biblische Geschichten, die uns aufstoßen. Bei der Opferung Isaaks zum Beispiel ruft

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Gott den Abraham erst im letzten Moment zurück. Und ich denke vielleicht: »Das ist Gott, der so
etwas Brutales tut?« Aber ich sage lieber nichts – wahrscheinlich haben die anderen ja gar keine
Probleme damit.

Oder da ist die Sache mit der Arche Noah. Ich frage mich: »Kann das wirklich alles so funktioniert
haben, mit den ganzen Tieren und dem Futter?« Aber ich sage lieber nichts, sonst denken die
anderen noch, ich sei gar kein Christ.

Vielleicht denkt jetzt einer: »Der hat aber gewagte Beispiele ausgesucht. Darüber sollte man lieber
nicht so laut reden.« Aber es ist wichtig, dass wir eins lernen: Es gibt keine Antworten auf
schwierige Fragen, wenn wir uns nicht erlauben, diese Fragen zu stellen. Unwahr zu sein ist
bequemer, aber immens gefährlich.

Wenn Schauspieler andere Schauspieler imitieren

Wir stehen in unseren Gemeinden in der Gefahr, bloße Darsteller von Christen zu sein. Wir treffen
auf andere Christen-Darsteller, und wir alle glauben: »So spielt man doch diese Rolle als Christ!«
Die Gefahr dabei ist, dass wir nur andere Schauspieler imitieren. Wir tun nur so, wie die anderen, die
auch nur so tun. Und damit leben wir an der Wahrheit vorbei, an den tragenden Antworten, weil wir
uns nie trauen zu fragen, uns ganz offen darzustellen.

In seinem Buch »Gott braucht keine Helden« (edition Aufatmen/Brockhaus-Verlag) zitiert Magnus
Malm den Wüstenvater Johannes Kolobos: »Über keinen freut sich der Teufel so sehr wie über jene,
die ihre Gedanken nicht offenbaren.«

Warum freut der Teufel sich über solche Leute? Weil er genau weiß: Leute, die ihre Gedanken nicht
offen legen, werden an den Grenzen scheitern, die sie sich selbst stecken. Gott hat gar keine Chance,
an meine tiefen Fragen heranzukommen, weil ich nicht wahr mit ihnen umgehe. Und das hat massive
Folgen für meine Gottesbeziehung. Nehmen wir nur mal die wichtige Frage: Wer ist Gott für mich?
Glaube ich wirklich von Herzen, mit Vertrauen, dass Gott gut ist, dass er der optimale Vater ist, dass
er in seinem Wesen nichts anderes als Liebe ist? Glaube ich, dass er es wirklich in allem gut mit mir
meint? Oder glaube ich das nur für die Andacht, die ich morgen zu halten habe? Glaube ich das nur
für das Streitgespräch, in dem ich zur Stange halte? – Und während ich nach außen hin sicher
dastehe, sieht es innen drin ganz anders aus: Mein Herz ist zerfressen von Zweifel.

Wenn wir offen werden wollen vor uns selbst, dann müssen die Fragen, die tief in uns verborgen
sind, ans Licht. Vielleicht haben wir solche Fragen nicht – dann müssen wir uns keine Probleme
machen, die wir nicht haben. Aber ich beobachte, dass dort, wo endlich mal einer die Wahrheit sagt,
auf einmal ganz viele Hände hochgehen und Leute bestätigen: »Ja, wenn ich ehrlich bin, dann geht
es mir auch so.« Dieses Verstecken von tiefen Fragen müssen wir aufgeben. Wir leben sonst ein
Kunstchristentum, das die realen Fragen und Konflikte unseres Lebens überhaupt nicht berührt.

Ich habe den Eindruck, wenn wir unsere Fragen verbergen, steckt dahinter die Vorstellung, wir
müssten Gott vor unseren Zweifeln, vor unseren kritischen Anfragen schützen. Am Ende hat er
vielleicht keine guten Antworten, und wir werden enttäuscht. Aber damit unterschätzen wir Gott –
und überschätzen uns. Wenn wir das glauben, dann sitzen wir in einer tiefen Hoffnungslosigkeit, die
das Christsein zum Krampf macht. Das ist nicht das erfüllte Leben, das Gott uns verheißen hat. Es
lohnt sich nicht, ein solches Christsein zu leben, so unehrlich, so fassadenhaft, mit dieser strahlenden
Maske.

Gottes Probleme mit Pharisäern

Jesus begegnet im Neuen Testament immer wieder Pharisäern. Das waren für mich lange Zeit diese
(ein-) gebildeten Leute damals in Israel. Und Pharisäer heute waren für mich diese unangenehmen

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Zeitgenossen, diese Rechtgläubigen, die immer so kernig genau wissen, was Sache ist.

Aber auch wir haben etwas Pharisäerhaftes in uns, wenn wir Masken aufbauen. Wir tun so, als sei
alles klar, aber in uns ist Unwahrheit. Pharisäer sein heißt: Leuten in Unwahrheit begegnen. Nicht
wirklich sagen, was in mir drin ist. So tun als ob.

Was ist denn die Schuld von Pharisäern? Dass es in ihnen finster aussieht? Nein! Gott hat kein
Problem mit unserer Dunkelheit. Dafür ist Jesus gekommen. Jesus ist das Licht in unserer
Dunkelheit. Gott hat kein Problem mit unseren Problemen – Gott hat ein Problem mit unserer
übertünchten Fassade.

Nicht unsere Dunkelheit ist das Problem. Unser Problem ist unser Stolz vor anderen, der uns nicht
zugeben lässt, wie es wirklich in uns aussieht. Unser Problem ist unser Stolz auch vor Gott, der uns
nicht aushalten lässt, dass wir immer wieder auf Gott angewiesen sind, dass wir immer wieder an uns
scheitern. – Dieser Stolz, das ist ein Problem für Gott. Warum? Weil er nicht an uns ‘ran kommt, an
unsere Fragen, an unsere Zweifel.

Jeder Pharisäer hat irgendwann natürlich und echt angefangen zu glauben. Aber in Gemeinden,
Jugend- und Hauskreisen kriegen wir häufig nur zu hören, wie unser Christsein sein soll. Es ist
mühsam, Niederlagen einzugestehen und zu bekennen, dass wir unser Christsein oft anders erleben.
So lernen wir nach und nach, so zu tun als ob. Das ist einfacher. Das zahlt sich aus. Oberflächlich
betrachtet haben wir keine Probleme, aber innen drin geht immer mehr kaputt. Wenn wir unwahr mit
uns umgehen, und wenn wir nicht offen vor Gott bringen, was wirklich in uns drin ist, dann
vergewaltigen wir uns. Wir missbrauchen uns selbst.

Es ist immer der Kopf, der ganz clever sagt: »Das ist okay, das ist praktisch, das ist einfacher so.
Lass dich nicht immer auf diese schwierigen Fragen ein. Das macht dich nur traurig, das gibt
Probleme und dann fragen Leute nach und letztlich gibt es doch keine guten Antworten. Schütze
dich vor der Enttäuschung, lass das.«

Aber mein Herz kann ich nicht betrügen. Und bei einem solchen Lebensstil erkaltet das Herz,
verliert alle Hoffnung. Und es ist das Herz, mit dem wir Gott empfangen. Wenn wir aber so
verkrümmt, so verkrampft, so wie im Kälteschlaf leben, dann ist unser Christsein nicht ansteckend
und noch schlimmer – es überzeugt uns selbst nicht. Wir wissen genau, dass wir spielen, und wir
haben keine Hoffnung mehr.

Die große Gefahr an einem Leben in Unwahrhaftigkeit ist, dass dieser Geist der Hoffnungslosigkeit
bei uns einzieht. Dahinter steht die Haltung: Es lohnt sich nicht, ehrlich zu sein. Ich krieg ja keine
Antworten. Es gibt keinen Ausweg.

Der Geist der Wahrheit

Aber das ist verkehrt. Gott hat etwas gegen diesen Geist der Hoffnungslosigkeit gesetzt, nämlich den
Geist der Wahrheit. Der heilige Geist ist der Geist der Wahrheit.

In seinem Buch sagt Magnus Malm: »Bei meiner Berufung zu Jesus tritt der Geist der Wahrheit in
ein persönliches Verhältnis zu mir. Und dieser heilige Geist beginnt eine lebenslange
Zusammenarbeit. Sein Ziel ist es, mich zu befreien. Und dies ist nur möglich durch die Wahrheit.«
Der Heilige Geist kann uns nur befreien, wenn wir wahr werden.

Über diese Frage nach Wahrheit hat Gott eine riesengroße Verheißung gestellt. In Johannes 16,13
steht »Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten«.
Für mein Leben war es eine Explosion der Befreiung zu entdecken, dass Wahrheit uns ganz nahe an
den Herzschlag Gottes bringt und dass Unwahrheit uns entfernt von ihm hält und verkümmern lässt.

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Johannes 8 Vers 32 ist für mich fast so etwas wie mein Lebensvers geworden: »Wenn ihr bleiben
werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen,
und die Wahrheit wird euch freimachen.«

Die Wahrheit macht frei, die Unwahrheit fesselt und hält uns gefangen. Dieser Satz ist so enorm
wichtig für unser Leben. Wenn ihr nur das von heute Morgen mitnehmt, dann reicht das: Die
Wahrheit macht uns frei, und vor Gott können wir uns Wahrheit leisten. Denn er hat seinen Geist
gesandt, damit die Dinge ans Licht kommen, die vorhanden sind. Wir brauchen diesen Blick in den
Spiegel des Heiligen Geistes. Wir haben es dringend nötig, unser reales Abbild zu sehen. Gott kennt
es ja längst – aber wir müssen uns aus dem Gefängnis der Unwahrheit befreien lassen. Im Spiegel
der Wahrheit werden wir sehen: Gott, ich brauche dich, ich schaff mein Leben nicht allein. Es klappt
nicht ohne dich, ich bringe das nicht. Ich brauche dich, Gott.

Meine Befreiung beginnt mit der Wahrheit über mich selbst, mit der Wahrheit, dass ich auf Gott
angewiesen bin, bis an mein Lebensende. Und je reifer ich als Christ werde, umso mehr werde ich
das einsehen.

Vielleicht denkt jetzt jemand: »Wenn ich wirklich sagen würde, wie’s um mich steht, was ich
manchmal denke, was mir immer wieder passiert, woran ich mich gebunden fühle, wie’s in meinem
Leben aussieht, dann...« Habe den Mut, sag es endlich. Darin liegt der Weg zur Freiheit.

Ich möchte euch von mir erzählen. Ich bin jetzt 44 und habe den größten Teil meines Lebens Angst
vor Gott gehabt. Das hat keiner gemerkt, weil ich das nie jemandem gesagt habe. Ich bin schon
Pastor gewesen und habe lange Jahre Zeitschriften gemacht. Aber im Geheimen war mein Leben
bestimmt von Unfreiheit vor Gott, von Angst vor Gott. Ich war total engagiert, ich hab viel geleistet,
ich hab viel gemacht. Aber an dieser einen Stelle, in meinem persönlichen Sein vor Gott, da hab ich
mich nicht getraut, wahr zu werden. Und das hat schlimme Folgen: Dann bist du immer wie
gefesselt. Du kannst sehr überzeugt arbeiten. Du kannst eine Menge leisten, je nach deiner
Persönlichkeit. Aber die Freiheit der Liebe Gottes zu erleben, das ist dir verbaut. Warum? Weil du
ihn gar nicht ‘ran lässt an dich. Du sagst ihm deine entscheidende Stelle nicht.

Für mich ist ein Knoten geplatzt, als ich endlich gewagt habe, ihm zu sagen, wie es um mich steht,
ihm zu sagen: »Gott, ich liebe dich nicht! Ich liebe dich nicht so, wie ich meine Frau liebe. Ich liebe
dich nicht so, wie ich das in den Liedern singe, mit schlechtem Gewissen. Im Gegenteil, ich hab
Angst. Ich weiß nicht, ob ich genüge. Ich weiß nicht, was du mit mir machst, wenn ich mich dir ganz
hingebe, wenn ich alles loslasse, wenn ich nicht mehr selbst der Chef bin.«

Man kann unheimlich kontrolliert Christsein leben. Aber das ist nicht das, was Gott will.

Für mich brach ein Staudamm, als ich Gott endlich gesagt habe: »Ich habe nichts. An dieser
entscheidenden Stelle, Gott, habe ich nichts.« Und der entscheidende Schritt war, dass ich in dieser
Phase sagen konnte: »Aber ich begreife es langsam, Herr: du kannst mir helfen. Herr, hilf mir, dass
ich dich lieben kann. Herr, hilf mir, dass in meine Armut etwas von dir hineinkommt. Herr, hilf mir,
dass das in mir aufblüht, was du versprichst.«

Auf diese Weise wahr zu werden ist ein einzigartiger Weg zur Freiheit. Und ich habe erlebt, dass
Gott angefangen hat, meine Zweifel zu überwinden, in dem Moment, wo ich angefangen habe, wahr
zu werden. Nach und nach zog ein ganz anderes Bild von Gott in meinem Leben ein. Als ich eines
Tages auf dem Heimweg von einer Sitzung war, musste ich am Straßenrand anhalten, weil ich vor
Freude kaum weiterfahren konnte. Auf einmal war mir ohne alle Zweifel klar: Dieser Gott liebt
mich, so, wie ich bin, ganz tief, ganz nackt, ganz wahr. Ich hätte das nie erlebt, wenn ich mich nicht
getraut hätte, vor ihm wahr zu werden. Ich wäre nie in diese innere Nähe zu Gott gekommen, wenn
ich es nicht gewagt hätte, zu sagen, wie es wirklich aussieht, ganz tief im Keller meines Lebens.

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Gott kann verändern. Aber nur er kann verändern durch seinen Heiligen Geist. Gott hält uns aus und
liebt uns gerade in unserer ganzen Wahrheit. Und ich möchte euch Mut machen, die Lügen, die sich
in euer Leben eingeschlichen haben, endlich loszulassen.

Wir alle spielen Theater an bestimmten Stellen. Lasst das sein. Gott kann unsere Wahrheit aushalten.
Und wenn wir wahr werden, wird er sie verändern. Er hat seinen Heiligen Geist gesandt, den Geist
der Wahrheit, um unserem Geist Zeugnis zu geben, dass wir geliebt sind, dass Angst vor Gott keinen
Bestand hat. Wir brauchen keine Angst zu haben, er ist Liebe, und in seiner Liebe erleben wir
Freiheit.

Auch das Gefühl, ich kann mich Gott nicht ganz hingeben, hat oft damit zu tun, dass diese ängstliche
Frage da ist: »Was wird er dann tun?« Auch da müssen wir Gott hineinlassen und ihm sagen: »Gott,
so sieht das bei mir aus. Bitte verändere das. Ich wünsche mir das, aber ich schaffe das nicht.«

Gott möchte uns als seine Kinder haben

Wenn wir vor Gott wahr werden, wird sich unser Leben verändern. Wir können vor ihm nicht als
religiöse Pflichterfüller leben. Der Weg zu Gott ist der Weg eines Kindes, eines Menschen, der
nichts zu bringen hat, sondern alles von Gott erwartet.

Im Zusammenleben mit meinen Kindern ist mir etwas aufgefallen: Es kommt vor, dass wir
Aufgaben verteilt haben und sie sich überhaupt nicht um ihre Pflichten kümmern. Und wenn ich sie
dann das dritte Mal ermahnt habe und sie sich immer noch nicht bewegen, dann frag ich mich: »Was
ist denn hier los? Woher nehmen die dieses ruhige Selbstvertrauen? Haben die denn überhaupt keine
Angst vor mir?« – Nein, sie haben keine Angst vor mir. Sie spielen nämlich nicht meine Kinder,
sondern sie sind meine Kinder. Sie leben in einer totalen Sicherheit, weil sie wissen: »Ich bin Kind,
ich weiß, dass Papa mich liebt. Mir geht dieser Vater nie verloren. Ich werde ihn in seiner Liebe
nicht verändern, ob ich jetzt gehorsam oder ungehorsam bin.« Und während sie in meiner Liebe
leben, werden sie sich verändern – aus Liebe. Und ich kann sagen, sie machen sich schon ganz gut
und gehorchen in der Regel.

Der einzige Schutz vor der Unwahrheit in unserem Leben, vor der Schauspielerei, ist das Kindsein
vor Gott. Wir müssen nichts darstellen, nichts leisten, wenn wir vor ihm stehen. Wir bleiben Kind,
wir bleiben schwach, und wir bleiben angewiesen auf die Liebe. Wir werden wachsen – aber wir
bleiben sein Kind. Und wir dürfen immer wieder hinfallen, so wie unsere Kinder immer wieder
hinfallen dürfen und wir ihnen nicht böse sind, dass sie noch nicht besser laufen können.

Sünde ist nicht harmlos – aber dank Jesus, kann ich mir ins Gesicht schauen, selbst wenn ich mich
als großen Sünder weiß. Gerade wenn ich mich so abhängig, so begnadet erlebe, dann wächst Liebe
in mir, denn ich brauche diesen Gott. Als Sünder, als hilfloses Kind, als Abhängiger brauche ich
Gott, richte ich mich auf ihn aus und kann ihn lieben. Wahrwerden erlaubt mir, seine Liebe zu
erkennen und ihn zu lieben.

Vielleicht denkt jetzt der eine oder andere: »Das klingt aber arg einfach. Nur Kind sein, seine Liebe
genießen. Sollen wir nicht auch gehorsam sein?« – Doch! Heiligung ist ein Gebiet, das für uns
wichtig ist. Aber es ist entscheidend, dass wir erkennen: Es gibt keine Heiligung in unserem Leben,
ohne dass wir begreifen, dass wir Kind sind. Nur als fest Angenommener können wir heiliger leben,
gehorsamer werden. Es gibt keine Heiligung ohne Kindsein!

Diesen Gedanken umzukehren ist eine Lüge des Teufels: »Es gibt kein Kindsein ohne Heiligung.«
Wenn du dich nicht besserst, dann liebt dich Gott nicht mehr. Wenn du nicht morgens gebetet hast,
dann musst du dich nicht wundern, wenn dein Tag nicht klappt.« Es gibt kein Kindsein ohne
Heiligung ist falsch. Richtig ist: Es gibt keine Heiligung ohne Kindsein.

http://www.fbgg.de/perspektiven/1999-08/1999-08-3.htm 14.03.2005
Perspektiven 08/1999 - Offen werden vor mir Page 6 of 6

In der Freiheit des Kindseins kann ich blühen, werde gehorsam, denn er zieht mich in sein Leben
hinein. Es ist ein Liebesgehorsam, den ich lerne, kein Angstgehorsam. Gott liebt uns zurecht. Wir
werden vernünftiger, wir wachsen, wir reifen, und Gehorsam fällt uns leichter.

Es ist wichtig, die frommen Masken abzulegen und uns zu trauen, vor Gott wahr zu werden. Gott
hält das aus. Er will es so. Und wenn du merkst, dass etwas tief in dir immer wieder nagt, dann sage
es Gott: »Herr, erforsche mich, erkenne, wie ich’s meine und bring mir meine eigene Wirklichkeit
vor Augen. Ich will dich an mein Leben heran lassen.« Und du kannst dich darauf verlassen: der
Heilige Geist baut in dir die Liebe zu Gott auf, wenn du dich traust, wahr zu werden.

Ulrich Eggers

Aus einer Predigt, gehalten auf dem Gemeinde-Ferien-Festival Spring 99, mit freundlicher Genehmigung. Bearbeitet von
Andreas Bürgin

Gott braucht keine Helden

In seiner Predigt nahm Ulrich Eggers verschiedene Male Bezug auf das Buch von
Magnus Malm: »Gott braucht keine Helden«. Ich empfehle allen, die in irgendeiner Verantwortung
in ihrer Gemeinde stehen, dieses Buch durchzuarbeiten. »Noch ein Buch das ich auch noch lesen
muss«, mag mancher jetzt stöhnen. Aber hier geht es nicht darum, neues Material für meine Aufgabe
zu bekommen. Dieses Buch birgt die Chance zu einer neuen Sicht für meine Beziehung zu Jesus und
für die Arbeit für ihn.

Aus dem Text auf der Rückseite des Buches: »Allzeit bereit und immer im Einsatz« – das ist ein
Leitbild für Mitarbeiter und Leiter in Gemeinden. Es führt aber allzu oft zu einem überfordernden
Berufungsverständnis. Das Ergebnis sind ausgebrannte Christen, die sich mit leeren Herzen kraftlos
durch den Alltag kämpfen.

Wie kann es gelingen, Verantwortung zu übernehmen und doch man selbst zu bleiben? Schwächen
und Fehler zuzugeben und trotzdem Autorität zu haben? Für andere da zu sein und dabei nicht selbst
geistig zu verhungern?

Malm rückt den Blick radikal zurecht: Gott braucht keine frommen Helden – aus dieser Einsicht
entsteht der Weg zu einem erfüllten Glauben, der fruchtbar ist. Das Buch eines Betroffenen.

Magnus Malm, edition Aufatmen, pb, 270 S., DM 29,80.

Andreas Bürgin

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