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Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing

(mit Links zu den entsprechenden Wikipedia-Artikeln), das 1779 das


erste Mal veröffentlicht wurde, ist eines der bekanntesten
Theaterstücke der deutschen Literatur und nach Goethes „Faust“ das
am häufigsten gespielte Stück auf deutschen Theaterbühnen. Für
Germanisten und auch für viele Oberstufenschüler zählt das Drama
zur Standardlektüre. Doch einfach zu lesen ist es gerade für jüngere
Leser nicht. Mirjam Pressler hat sich daran gemacht, aus der
Theatervorlage einen Jugendroman zu schreiben und so das wichtige
Werk der deutschen Aufklärung auch Jugendbuchlesern zugänglich zu
machen. Ein ehrwürdiges Vorhaben …

Inhalt:

Nathan ist ein angesehener und wohlhabender jüdischer Kaufmann,


der in Jerusalem, dem umkämpften Schmelztiegel von drei Religionen
(Judentum, Christentum und Islam), zur Zeit der Kreuzzüge lebt. Das
Leben in Jerusalem und den umliegenden Gebieten ist nicht gerade
einfach. Immer wieder bekämpfen sich die Vertreter der
verschiedenen Religionen erbittert, es gibt wohlhabende Leute wie
Nathan, aber auch viele Heimatlose, Bettler und Krüppel.

Nathan, der mit seiner Tochter Recha und vielen Vertrauten und
Bediensteten in einem großen Haus lebt, ist ein guter Mensch, der mit
seinem Reichtum anderen zu helfen versucht. Doch auch der jüdische
Kaufmann ist nicht davor gefeit, in die Intrigen und Kämpfe der
Religionen zu geraten. Die Juden werden nicht nur von den Christen,
die sie als Mörder Jesu ansehen, verachtet, sondern auch die Muslime
in der Stadt begegnen ihnen mit großem Misstrauen.

Der Sultan Saladin, der Jerusalem für die Muslime eingenommen hat,
ist – solange nicht seine Schiffe mit den Steuereinnahmen aus
Ägypten kommen – bankrott, und so wendet er sich über einen
gemeinsamen Bekannten an Nathan, um zu fragen, ob dieser ihm Geld
leihen kann. Doch Saladin ist ein furchterregender und grausamer
Herrscher, und Nathan und seine Gefolgsleute haben Angst, am Ende
nicht unbeschadet aus der Sache herauszukommen.

Doch es kommt anders: Der Sultan fragt Nathan, der von vielen als
Weiser bezeichnet wird, bei dessen erstem Besuch danach, welche der
drei Religionen denn nun die wahre sei. Die Fangfrage beantwortet
Nathan geschickt mit einer Gleichnis-Geschichte, die den Sultan
besänftigt und die beiden freundschaftlich auseinander gehen lässt.

Bewertung:

Etwas ganz Besonderes hat sich Mirjam Pressler da vorgenommen:


ein vom Schreibstil schon etwas in die Tage gekommenes
Theaterstück in eine moderne Romanfassung zu bringen, die man
auch jugendlichen Lesern vorlegen kann. Und nicht ohne Grund. Das
Thema der verschiedenen Religionen, die sich heute, gut 200 Jahre
später noch immer bekriegen, ist nach wie vor brandaktuell …

Um es gleich vorwegzunehmen: Mirjam Pressler ist die


Modernisierung von Lessings Drama sehr gut gelungen. Geschickt
erzählt die Autorin die wesentlichen Inhalte des Theaterstücks nach,
nicht ohne dabei auch ein bisschen Freiheit walten zu lassen. Wie die
Autorin im Nachwort selbst erläutert, hat sie z. B. Nathans Tochter
Recha etwas mehr in den Vordergrund gerückt, dem Buch außerdem
ein paar Figuren hinzugefügt, die nicht in Lessings Vorlage enthalten
sind. Zudem wurden die geschichtlichen Hintergründe der damaligen
Zeit etwas deutlicher herausgearbeitet, als dies Lessing getan hat.

Herausgekommen ist dabei ein leises, aber dennoch spannendes Buch,


das auch jugendlichen Lesern das Gedankengut der philosophischen
Aufklärung nahe bringt. Die Ringparabel, das zentrale Kernstück von
Lessings Drama, und deren Aufklärungsgedanke werden geschickt in
eine Geschichte gepackt.

Doch auch wenn man sich von der Überarbeitung von Lessings
Vorlage löst (denn nicht alle Leser mögen die kennen), so lässt sich
das Buch Mirjam Presslers auf vielen Ebenen loben: Da ist zum einen
die Erzählweise. Jedes der Buchkapitel wird von einer der
Romanfiguren aus ihrer Sicht erzählt – und auf diese Art und Weise
erfährt man auch einiges zum Hintergrund der Personen und damit
über die Geschichte der damaligen Zeit. Da kommt z. B. der
Tempelritter zu Wort, der Recha am Anfang des Buches aus dem
brennenden Haus rettet – ein junger Mann, der sich auf den Weg nach
Jerusalem machte, weil er vor seinem Ziehvater fliehen wollte. Oder
Saladins Schwester beschreibt, wie sie im Hintergrund die Fäden zu
ziehen versucht.

Zum anderen ist aber auch der literarische Stil des Buches
hervorzuheben. Sehr einfühlsam erzählt Mirjam Pressler die
Geschichte um Nathan den Weisen, der übrigens selbst als Erzähler
nicht zu Wort kommt. Zwar wird durchaus kein Hehl aus der
Grausamkeit der damaligen Zeit gemacht (wenn z. B. alle gefangenen
Tempelritter von Saladin eigenhändig mit einem Schwert ermordet
werden), aber trotzdem bleibt die Grausamkeit erträglich, weil sie
nicht in Details nacherzählt wird. Stattdessen erfährt man, was die
Figuren, die dabei waren, beobachten und fühlen …

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Nathan und seine Kinder“ ist eine rundum


gelungene Modernisierung von Lessings „Nathan der Weise“, die man
Jugendlichen schon in jüngeren Jahren (ab 13 bis 14 Jahren) zum
Lesen geben kann als Lessings Original. Eindrücklich wird man dabei
an das Gedankengut der Aufklärung und dessen
Menschenfreundlichkeit, die sich nicht an Gefühlen wie Rache
orientiert, herangeführt. Zugleich ist „Nathan und seine Kinder“ eine
aufgelockerte Geschichtsstunde, denn man erfährt vieles über die
Kreuzzüge und den Kampf der Religionen um Jerusalem (der ja bis
heute fortdauert).

Das Tolle dabei ist, dass Mirjam Presslers Buch ganz ohne
pädagogischen Zeigefinger auskommt. Man liest die den Roman, er
bleibt als gut erzählte Geschichte im Vordergrund, und erfährt
nebenbei vieles über Aufklärung, Kreuzzüge und den Kampf der
Religionen. Genau so sollte das auch sein: Keine Wissensvermittlung
mit der Brechstange, sondern behutsam, so dass der Lesespaß erhalten
bleibt. Und das ist Mirjam Pressler wirklich gelungen!