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Nathan der Weise

Buch-Rezension von Corinna Abbassi-Götte

[Jugendbuch des Monats - Dezember 2009]

Der Kaufmann Nathan träumt davon, dass eines Tages Juden, Christen
und Muslime in Frieden miteinander leben werden. Doch in Jerusalem
um 1192 zur Zeit des dritten Kreuzzuges sind die Diskrepanzen
zwischen den Religionen groß. Vor allem für die wohlhabenden Juden
ist die Lage gefährlich, und Nathan weiß, dass sein Traum wohl
immer ein Traum bleiben wird.

Der jüdische Kaufmann Nathan kehrt nach Hause zurück und muss
erfahren, dass ein Feuer in seinem Haus ausgebrochen ist. Durch einen
glücklichen Zufall wurde seine Tochter Recha von einem jungen
Tempelritter aus den Flammen gerettet. Dieser junge Tempelritter,
Curd von Stauffen, steht unter dem Schutz des Sultans und ist als
einziger Tempelritter nicht getötet worden. Natürlich wollen Nathan
und Recha sich bei dem jungen Mann bedanken, doch dieser will als
Christ mit einem Juden nichts zu schaffen haben. Nathan gelingt es
schließlich jedoch, ihn einzuladen. Die beiden Männer werden schnell
zu Freunden, und auch Recha und Curd entwickeln Gefühle
füreinander.

Da Nathan ein reicher Kaufmann ist und die Kassen des Sultans leer
sind, wirft dieser recht schnell ein Auge auf sein Vermögen. Doch er
kann es nicht einfach nehmen, und so kommt es zur berühmten Frage
des Sultans an Nathan:
"Welche Religion ist die einzig wahre?"

Der Sultan weiß, dass Nathan seine Religion nicht verleugnen würde,
und gleichzeitig ist es gefährlich, etwas gegen den Islam sagen. Doch
Nathan wird nicht umsonst "der Weise" genannt. Er findet eine
Antwort.

Natürlich ist es kein Geheimnis, dass Mirjam Pressler Gotthold


Ephraim Lessings "Nathan der Weise" in ihren eigenen Worten
erzählt, und aus der Nachbemerkung geht hervor, dass es ihr ein
Bedürfnis war, die "im Dienst ihrer Gedanken" stehenden Figuren
Lessings plastischer und lebendiger darzustellen. Dies sei in einem
Roman leichter umzusetzen als in einem Drama, einem Theaterstück.
Um die Personen in eine soziale Wirklichkeit einzubetten und einen
möglichen Alltag zu beschreiben, erklärt die Autorin weiter, hat sie
einige Personen hinzugefügt. Insgesamt jedoch hat sie sich so weit wie
möglich an Lessings Vorgabe gehalten, schon um ihm ihre Referenz
zu erweisen. Sie hat sich jedoch Änderungen erlaubt, wenn es ihr
logisch erschien, und bezeichnet ihren Roman nicht als Gegentext,
sondern als Variation zu Lessings Werk.

Sofort fällt auf, dass Mirjam Pressler einen ganz besonderen


Kunstgriff gewählt hat: Sie lässt ihre Charaktere selbst zu Wort
kommen; jedes Kapitel wird von einer anderen Person erzählt. Aus
den unterschiedlichen Blickwinkeln erfährt der Leser nun von den
Vorgängen um Nathan, von ihren eigenen Gefühlen, den Gründen für
ihr Handeln und ihren Wünschen. Den Handlungsverlauf nie aus den
Augen verlierend und diesem chronologisch folgend, mit natürlich
einigen Ausflügen in die Vergangenheit der ein oder anderen Person,
setzt sich nach und nach ein umfassendes Bild der Ereignisse
zusammen, wobei Nathans Figur stets im Mittelpunkt steht. Die
Geschichte beginnt mit dem Jungen Geschem, der in Nathans
Haushalt lebt. Es folgen Rechas Gesellschafterin Daja, Nathans
Verwalter Elijahu, der junge Tempelritter, Recha, der Freund Nathans
und Cousin des Sultans Al-Hafi, ja sogar die Schwester des Sultans
Sittah und der Hauptmann Abu Hassan.

Nathan selbst kommt jedoch nicht zu Wort – ein geschickter Zug,


denn auf diese Weise wird umso deutlicher, wie sich das Netz um ihn
trotz seiner Sanftheit, Toleranz und Menschenfreundlichkeit immer
weiter zuzieht.

Mirjam Pressler schafft es durch ihre klare Ausdrucksweise, bei der


jeder Satz wohlformuliert und mit Bedacht gesetzt scheint, nicht nur
den Leser zu fesseln, sie berührt ihn und reißt ihn mit. Ihr Vorhaben,
die Figuren plastisch und lebendig darzustellen, ist ihr ganz klar
gelungen - und mehr als das. Sie geht durch die individuellen
Lebensgeschichten der Figuren auf die Hintergründe der damaligen
Zeit ein und schafft so ein komplexes, stimmiges und auch wertfreies
Bild.

Die Beweggründe Curd von Stauffens, als Tempelritter ins Heilige


Land zu ziehen, werden dabei zum Beispiel ebenso beleuchtet wie
Saladins Taten oder die tragische Vergangenheit Dajas. Und obwohl
diese fiktive Figurenkonstellation von Lessing erdacht und von
Pressler erweitert wurde, hat man doch das Gefühl, ein Stück
Zeitgeschichte vor sich zu haben. Und es ist ihr gelungen, nicht nur
eine Variation von Lessings "Nathan der Weise" vorzulegen, sie hat
einen modernen Roman verfasst, der trotzdem er um das Jahr 1192
angesiedelt ist, eine nach wie vor aktuelle Thematik beleuchtet. Auch
heute noch entstehen im Namen der Religion Kriege, werden
Verbrechen begangen und kommen die Menschen nicht zueinander.

FAZIT

Neben sämtlichen Bezügen zu Gotthold Ephraim Lessings "Nathan


der Weise" und abgesehen von der unumstößlichen Tatsache, dass
Mirjam Presslers Variation dieses bedeutenden Klassikers sowohl
inhaltlich als auch schriftstellerisch hervorragend ist: Ihr Roman für
jugendliche und erwachsene Leser unterhält, fesselt und berührt!