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Periode  und  Sa,

Formen- und Strukturanalyse 2019


Charles  Rosen:  Der  klassische  Stil.  Haydn,  Mozart,  Beethoven,  
4.  Auflage,  Kassel  (u.a.):  Bärenreiter  2003.  (Erstausgabe  
1971  unter  dem  Titel  The  Classical  Style)
„Das deutlichste Element in der Ausbildung des frühen,
klassischen Stils [...] ist die kurze, gegliederte Phrase, die Periode.
Bei ihrem ersten Auftreten sprengt sie den Barockstil, der im
allgemeinen von umfassender, weitreichender Kontinuität
geprägt ist. Als Paradigma dient zwar die viertaktige Periode,
aber historisch gesehen war sie nicht das Muster, sondern, wie
sich herausstellte, nur die häufigste Art.“ (S. 60)

„Der gegliederte Periodenbau veränderte das Wesen der Musik


des 18. Jahrhunderts in zweierlei Hinsicht: einmal schuf er ein
gesteigertes, ja überwältigendes Gefühl für Symmetrie und
zweitens ein äußerst vielfältiges rhythmische Gewebe, in dem die
Rhythmen nicht kontrastieren oder sich überlagern, sondern
logisch und mühelos ineinander übergehen. Die Herrschaft der
Symmetrie ergab sich aus der Regelmäßigkeit des klassischen
Periodenbaus.“ (S. 61)
Zu  den  Begriffen
•  Widersprüchliche Definitionen
•  19./20. Jh.: neue Termini führten zu Vorstellungen
von Normen und Ausnahmen
•  Erwin Ratz: Periode und Satz als „eindeutig
bestimmbare Grenzfälle entgegengesetzten
Charakters“
•  Hugo Riemann: beschreibt „Normalfall“ der Periode
mit 8 Takten, gegliedert in 4 Takte Vordersatz (mit
Halbschluss auf der Dominante) und in 4 Takte
Nachsatz (mit Ganzschluss auf der Tonika)
Innere und äußere Erweiterungen
Erwin  Ra,:  Einführung  in  die  musikalische  Formenlehre.  Über  
Formprinzipien  in  den  Inventionen  und  Fugen  J.S.  Bachs  und  
ihre  Bedeutung  für  die  Kompositionstechnik  Beethovens,    
Wien:  Universal-­‐‑Edition  1951.
Periode
•  Im einfachsten Fall 4 + 4 Takte
•  Vordersatz + Nachsatz motivisch sehr ähnlich
•  Vordersatz öffnend, Nachsatz schließend
•  Häufige harmonische Gliederungen (nach Ratz):
VS: I – V, NS: I – I
VS: I – V, NS: V – I
VS: I – V, NS: II – I
•  Charakteristisch für Ratz ist die Symmetrie zwischen
Vorder- und Nachsatz und der dadurch erreichte
eher in sich ruhende Charakter
Sa,
•  Im einfachsten Fall 2+2 + 4 Takte
•  Der Satz besteht aus einem Zweitakter, seiner (oft
variierten) Wiederholung und einer viertaktigen
Entwicklung, die einen Teil der Motive verarbeitet.
•  Es kann der Eindruck von einer Verdichtung und
Beschleunigung entstehen. Ratz spricht von einem
dadurch erzielten „vorwärtstreibenden“ Charakter.
•  Laut Clemens Kühn seien „motivische Ereignisse
maßgeblicher als harmonische
Beziehungen“ (Kühn, Formenlehre, S. 61)
Sätze und Perioden können in einer Tonart
bleiben oder modulieren.
Unterschiedliche  Denkweisen
„Satz und Periode beruhen also auf ganz
unterschiedlichen Denkweisen. Dem Satz, mit
motivisch Gleichem oder Ähnlichem im Vordersatz,
geht es im Nachsatz um weiterstrebende Fortführung.
Der Periode, mit motivisch Anderem oder
Gegensätzlichem im Vordersatz, geht es im Nachsatz
um ergänzende Entsprechung.“
(Kühn, Formenlehre, S. 61)
Phrasenverschränkung
•  Im 18. Jh. plastischer mit „Takterstickung“
bezeichnet (vgl. Heinrich Christoph Koch)
•  Der Schluss der ersten Phrase fällt mit dem Beginn
einer zweiten Phrase zusammen, wodurch eine
Verschränkung, Verzahnung oder Überlagerung
entsteht oder auch der Schluss vermieden wird
•  Charakteristisches Merkmal der
Phrasenverschränkung: eine „neue metrische
Ordnung“ setzt ein, „bevor die vorhergehende in
ihrem normalen Verlauf das Ende erreicht
hat.“ (Wiehmayer, Musikalische Rhythmik und
Metrik, S. 152)
Beispiel für Phrasenverschränkung (Takterstickung):
W.A. Mozart Sinfonie in g-Moll, KV 550, 1. Satz, Takt 28
Analysemethodik  
 (angelehnt  an  Marie  Agnes  DiWrich)
1. Schritt: Bestimmung elementarer syntaktischer Ereignisse wie
Eröffnen, Fortsetzen, Schließen, Vermeiden von Schlüssen
•  durch Harmonik: Klarheit oder Verschleierung der Tonart, Kadenzen,
Lagen, Trugschlüsse, etc.
•  durch Rhythmik und Metrik: wichtige Harmonien bzw. Schlüsse auf
betonter / unbetonter Taktzeit; Voll- bzw. Auftaktigkeit, etc.
•  durch Satztechnik: Homophonie; komplexere Stimmführung, etc.
•  durch Verwendung oder Vermeidung von Zäsuren wie Pausen,
Lagenwechsel usw.
•  durch Formprinzipien wie Symmetrie, Wiederholung, Variante, Kontrast,
Fortspinnung, Entwicklung, etc.

2. Schritt: Nur wenn problemlos möglich: Bestimmung der Formen


durch Termini wie Periode, Satz, Liedform, etc.
Wenn das nicht möglich ist: neutrale Begriffe wie „x-Takter“
Beispiel 1: L. v. Beethoven, Klaviersonate in f-Moll, op. 2 Nr. 1
Ratz, Formenlehre, S. 23, als Beispiel für Satz
Beispiel 2: W.A. Mozart, Sinfonie in C, Nr. 41, KV 551 Jupiter
Kühn, Formenlehre, S. 56, als Beispiel für Periode
Beispiel 3: W.A. Mozart, Klaviersonate in A, Nr. 11, KV 331, 3. Satz
Beispiel 4: W.A. Mozart, Klaviersonate in A, Nr. 11, KV 331, 1. Satz
Einfache  
Reprisenformen  /  
Liedformen
Formen- und Strukturanalyse 2019
•  Begriff der „Liedform“ problematisch
„...denn nicht alle Lieder haben diese Form, wohl aber
viele Instrumentalstücke. Der Terminus sollte wohl nur
‚liedhaft einfache Form‘ bedeuten.“ (Dittrich,
Musikalische Formenlehre, S. 19)

2-­‐‑teilige  Liedform
•  Zwei etwa gleich lange Teile
1. Teil: Thema (Vordersatz, Nachsatz) - 2. Teil:
Kontrastteil mit Teilreprise des Themas (z.B.: Nachsatz)
1. Teil endet halbschlüssig oder in verwandter Tonart
2. Teil führt nach Kontrastteil in die Haupttonart zurück
•  Unvollständige Reprise!
3-­‐‑teilige  Liedform
1. Teil: Thema (Vordersatz, Nachsatz) - 2. Teil: Kontrastteil – 3.
Teil: Vollständige Reprise des Themas
ABA, aber manchmal Zäsur zwischen A und BA -> dann
der äußeren Form nach 2-teilig
•  Kontrastteil in kontrastierender Tonart
•  Vollständige Reprise!

•  Reprisenformen / Liedformen in: Themen, Liedern,


Tänzen, Märschen, Klavierstücken, Arien, Kammermusik,
Sinfonien (insbesondere mittlere Sätze)
•  Potenzierte Liedformen = 3-teilige Formen, die jeweils aus
Liedformen bestehen, z.B.: oft bei Menuett – Trio –
Menuett
•  2- oder 3-Teiligkeit manchmal nicht eindeutig
bestimmbar
Ergänzungen
•  Scheinreprise:
z.B.: Mozart Klaviersonate KV 283, 2. Satz (Scheinreprise T. 132, Reprise T.
154), Haydn Sinfonie Nr. 96, 1. Satz (Scheinreprise T. 132, Reprise T. 154)
(vgl. Dittrich, Musikalische Formen, S. 14)
•  „Liedformen“ nicht verwechseln mit Formen von Liedern!
Strophenlied, Variiertes Strophenlied,
Durchkomponiertes Lied
Barformen
•  Barform: AAB oft in Liedern
„Zu zwei melodisch gleichen Stollen als Aufgesang tritt ein
melodisch anderer Abgesang.“ (Kühn, Formenlehre, S. 70)
A Stollen Aufgesang
A (Gegen)stollen
B Abgesang