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ROMÂNĂ – GERMANĂ, ANUL III

Alexei Domnica
Anechitoaie Olguța
Apăvăloaie Bianca
Șerban Emanuela

Der Fuchs war damals schon der Jäger


Herta Müller

ȘERBAN EMANUELA
Herta Müller, deren Familie zur deutschen Minderheit in Rumänien gehörte,
wurde als Banater Schwäbin im Banat geboren. Ihr Großvater war ein
wohlhabender Bauer und Kaufmann und wurde unter dem kommunistischen
Regime in Rumänien enteignet. Ihre Mutter wurde nach dem Zweiten Weltkrieg
zu mehrjähriger Zwangsarbeit in ein ukrainisches Lager deportiert. Ihr Vater,
ehemals Soldat der Waffen-SS in der 10. SS-Panzer-Division „Frundsberg“,
verdiente seinen Lebensunterhalt als Lkw-Fahrer.
Steintafel in der Eingangshalle des Nikolaus-Lenau-Lyzeums in Timișoara
Herta Müller besuchte von 1960 bis 1968 die deutsche Schule in Nițchidorf,
hatte als Unterrichtsfach auch Rumänisch. Im Alter von 15 Jahren lehnte sie die
Lehrstelle ab, die ihre Mutter bei einer Schneiderin im Dorf organisiert hatte.
Stattdessen besuchte sie das deutschsprachige Nikolaus-Lenau-Lyzeum in
Timișoara, wo sie die rumänische Sprache zu beherrschen begann. Wegen der
Entfernung der Stadt von ihrem Heimatdorf lebte sie in Timișoara zur
Untermiete und kam lediglich am Wochenende nach Hause. Nach dem Abitur
studierte Müller von 1973 bis 1976 an der Universität des Westens Timișoara
Germanistik und Rumänistik.
Ab 1976 arbeitete sie als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik. Dann, so
Müller, sei dreimal ein Geheimdienstmitarbeiter erschienen, um sie zu nötigen,
für die Securitate Spitzeldienste zu leisten. Dies habe sie verweigert, indem sie
das Anwerbeblatt zerriss. Da sie trotz Todesandrohung nicht kooperierte, habe
sie danach jeden Morgen zum Appell beim Chef erscheinen müssen, der sie
gefragt hätte, wann sie sich eine neue Stellung suchen würde. Nachdem ihr das
Büro entzogen worden war, habe sie auf der Treppe Übersetzungen anfertigen
müssen, die niemand angefordert hätte; so sei sie zum Schreiben gekommen.
Unter den Kollegen sei verbreitet worden, sie arbeite für den Geheimdienst; ein
Gerücht, gegen das sie sich nicht hätte wehren können. „Die Kollegen dachten
von mir genau das, was ich verweigert hatte.“ 1979 wurde sie entlassen und war
dann zeitweise als Lehrerin tätig, unter anderem am Nikolaus-Lenau-Lyzeum,
arbeitete in Kindergärten und erteilte Privatschülern Deutschunterricht.
Nachdem sie ab 1984 dreimal die Bundesrepublik Deutschland besucht hatte,
reiste Herta Müller 1987 mit ihrem damaligen Ehemann Richard Wagner nach
Deutschland aus. Die Behandlung in der Landesaufnahmestelle für Aussiedler in
Nürnberg-Langwasser beschrieb sie als absurd. Sie wurde mehrere Tage von
Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz verhört, da sie im Verdacht
stand, eine Securitate-Agentin zu sein.
In den folgenden Jahren erhielt sie eine Reihe von Lehraufträgen als Writer in
residence an Universitäten im In- und Ausland. 1990 trennte sich Müller von
ihrem Ehemann Richard Wagner. Im gleichen Jahr traf sie ihren jetzigen
Ehemann Harry Merkle, mit dem zusammen sie das Drehbuch zum Spielfilm
Der Fuchs – Der Jäger (1993) verfasste. Herta Müller gehörte bis zu ihrem
Austritt 1997 dem P.E.N.-Zentrum Deutschland an.
1998 wurde sie auf die „Brüder-Grimm-Gastprofessur“ der Universität Kassel
berufen, 2001 hatte sie die Tübinger Poetik-Dozentur inne, 2005 war sie
„Heiner-Müller-Gastprofessorin“ an der Freien Universität in Berlin, wo sie
heute lebt. Seit 1995 ist sie Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und
Dichtung und seit 2016 in der Akademie der Künste in Berlin.
Müller und der rumänische Geheimdienst
2008 äußerte Müller in einem Gespräch, sie sei noch in Deutschland seitens der
Securitate mit dem Tod bedroht und von ihren Gegnern unter den Banater
Schwaben mit anonymen Briefen belästigt worden. Im gleichen Jahr kritisierte
sie in einem offenen Brief die Einladung des Historikers Sorin Antohi und des
Germanisten Andrei Corbea-Hoișie zu einer Tagung des Berliner Rumänischen
Kulturinstituts am 25. Juli 2008, da beide Informanten der Securitate im
kommunistischen Rumänien gewesen waren.
Herta Müller beschrieb, welchen Maßnahmen des rumänischen Geheimdienstes
sie „zur Kompromittierung und Isolierung“ ausgesetzt war. Die Akten der
Securitate über die Aktionsgruppe Banat offenbarten aus Müllers Sicht, dass sie
durch Diskreditierungsmaßnahmen unglaubwürdig gemacht werden sollte.
Müller nimmt an, dass von der Securitate entworfene Briefe an deutsche
Rundfunkanstalten geschickt wurden, in denen sie als Agentin denunziert
wurde. Weiterhin beschuldigten sie führende Personen der Landsmannschaft der
Banater Schwaben, von denen Müller vermutet, dass sie informelle Mitarbeiter
der Securitate waren und im Auftrag der Rumänischen Kommunistischen Partei
schrieben.
2005 war zunächst berichtet worden, dass die über Müller angelegte Akte der
Securitate nach Angaben des Nationalen Rats für das Studium der Archive der
Securitate (CNSAS) vernichtet worden sei. Über den Teil ihrer Securitate-Akte,
zu der sie mittlerweile Einsicht erhielt, schrieb Müller: „Frisieren kann man es
nicht nennen, die Akte ist regelrecht entkernt.“ Die Akte mit dem Namen
Cristina. besteht aus drei Bänden mit 914 Seiten und soll am 8. März 1983
angelegt worden sein, enthält jedoch Dokumente aus den Jahren davor. Grund
für die Eröffnung der Akte waren „Tendenziöse Verzerrungen der Realitäten im
Land, insbesondere im dörflichen Milieu“ sowie die Zugehörigkeit zu dem
„Zirkel deutschsprachiger Dichter“, der „bekannt ist für seine feindseligen
Arbeiten“.

ANECHITOAIE OLGUȚA
Wichtige Werke von Herta Müller
Die Werke der deutsch-rumänischen Autorin Herta Müller sind geprägt von
ihren Erfahrungen im totalitären System des kommunistischen Ceausescu-
Regimes. Eine Auswahl ihrer Werke.
"Atemschaukel", Carl Hanser Verlag, München, 2009
Der Roman erzählt von der Deportation deutschstämmiger Rumänen nach dem
Zweiten Weltkrieg in die damalige Sowjetunion.
"Die blassen Herren mit den Mokkatassen", Carl Hanser Verlag,
München, 2005:
Die Texte sind aus Zeitungsausschnitten und Bildern zusammengesetzt. So
entstehen Gedichte, die gleichzeitig Collagen sind.
"Der König verneigt sich und tötet", Carl Hanser Verlag, München, 2003
In den Essays erzählt Müller von ihrem Leben unter absoluter Herrschaft. Neben
Erinnerungen an die Kindheit steht ihr Sprachbewusstsein im Vordergrund.
Unter der Diktatur Ceausescus erlebte sie Sprache als Instrument der
Unterdrückung, aber auch als Möglichkeit des Widerstands.
"Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet", Rowohlt, Reinbek bei
Hamburg, 1997
In dem Roman schildert Müller die Erfahrungen mit dem Terror der
Staatsmacht. Sie thematisiert Einsamkeit, Trunksucht, Angst und Verrat - nie
verschwundene Alpträume der traumatisierten Schriftstellerin.
"Herztier", Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1994
Der Roman erzählt die Geschichte junger Menschen, die sich gegen das
totalitäre System auflehnen. Die ständigen Schikanen, Verrat und Angst führen
schließlich in die soziale Isolation.
"Der Fuchs war damals schon der Jäger", Rowohlt, Reinbek bei Hamburg,
1992
In dem Roman beschreibt Müller das Rumänien in den letzten Tagen des
Ceausescu-Regimes und eine Gesellschaft ohne Perspektive.
"Reisende auf einem Bein", Rotbuch-Verlag, Berlin, 1989
Der Prosaband entstand in West-Berlin und spiegelt das Fremdsein in der neuen
Heimat wider.
"Niederungen", Rotbuch-Verlag, Berlin, 1984
Der Erzählband ist eine Mischung aus lyrischen Bildern, surrealen Szenen und
lakonischen Mitteilungen. Aus der Perspektive eines Kindes beschreibt Müller
das Landleben der deutschsprachigen Banater Schwaben als "Anti-Idylle".

Der Fuchs war damals schon der Jäger


Der Fuchs war damals schon der Jäger ist ein 1992 erschienener Roman von
Herta Müller. Er ist in zweifacher Hinsicht bedeutungsvoll für ihr Werk:
einerseits ist es der erste Roman in ihrem Schaffen und andererseits ist es ihr
erster Text, nachdem Herta Müller 1987 in die Bundesrepublik Deutschland
übergesiedelt ist. Der Roman widmet sich rückblickend ausschließlich der
Ceaușescu-Diktatur und ist nach dem Tod des Diktators entstanden. Der Roman
gilt als ihr erstes großes politisches Werk zur Diktatur der 80er-Jahre in
Rumänien. Er lässt sich ins Genre der autofiktionalen Erzähltexte einordnen, in
denen historisch-politische Erfahrungen thematisiert werden.
Inhalt Bearbeiten
Die Handlung des Romans spielt sich in der Endphase des Ceaușescu-Regimes
in Rumänien ab und kann zeitlich von Sommer 1989 bis Anfang 1990
eingegrenzt werden. Kurz bevor der Roman endet, wird die Hinrichtung des
Diktators und dessen Frau erwähnt, wodurch eine zeitliche Zäsur am 25.
Dezember 1989 möglich ist. Die Hauptperson Adina arbeitet als Lehrerin und
ihre beste Freundin Clara, die als Ingenieurin tätig ist, in einer Fabrik. Adina war
früher mit Paul, einem Arzt, zusammen, der jetzt einer ihrer besten Freunde ist.
Adina ist nun mit Iljie, einem Soldat zusammen. Schauplätze sind öffentliche
Institutionen wie die Fabrik, die Schule oder das Krankenhaus. Eines Tages lernt
Clara einen Mitarbeiter des Geheimdienstes kennen, Pavel. Als sie es
herausfindet, sagt sie erstens Adina nichts und zweitens will sie, dass er sie in
Ruhe lässt. Leute der Securitate fangen an, Adinas Wohnung zu durchsuchen
und schneiden jedes Mal, wenn sie dort sind, einen Teil des am Boden liegenden
Fuchsfelles ab. Adina sucht sich darauf hin Hilfe bei Paul, der in der
Dissidenten-Szene tätig ist. Er hat zusammen mit Abi eine Musikgruppe, welche
systemwidrige Lieder singt, so unter anderem folgender Vers, der immer wieder
im Roman auftaucht und die ständige Präsenz markiert: "Gesicht ohne Gesicht",
was zu einem Leitspruch des Romans und der Dissidentengruppe wird. Abi wird
erpresst und muss eine Erklärung unterzeichnen, dass sich dieser Vers auf den
Diktator Ceaușescu bezieht. Die Leute des Geheimdienstes kommen immer
wieder und es gibt bald kein Ausweg mehr, sie schneiden immer mehr
Gliedmaßen des Felles ab, die zur ständig wiederkehrenden und omnipräsenten
Peinigung des Geheimdienstes wird. Clara warnt Adina, dass Leute verhaftet
werden sollten. Zusammen mit Paul flieht sie in ein südromanischen Dorf, zu
einem gemenisamen Freund Liviu. Abi will nicht mitkommen. Pavel Mugru
wird nach dem Tod des Diktators selbst zum Gejagten und verlässt mit Abis
Pass das Land. Der Roman endet mit dem Gedenken an ihren verstorbenen
Freund Abi, der scheinbar wegen eines systemwidrigen Witzes gestorben ist.
Man erfährt gegen Ende auch, dass er diesen Rumänen-Witz dem Soldaten Iljie
erzählt hat.
Themen Bearbeiten
Themen, die im Roman immer wieder auftauchen, sind neben Freundschaft und
Verrat vor allem die Diktatur. Die menschliche Existenz in einem totalitären
Regime wird aus verschiedenen Perspektiven thematisiert. Dabei steht die
Unterdrückung, die Adina seitens des Geheimdienstes erfährt, im Vordergrund.
Sie hat es mit Entwürdigungen, Bespitzelungen und Unterdrückung zu tun. Der
Text drückt diese Monotonie ihres Lebens performativ durch wiederkehrende,
leicht abgewandelte Motive aus, wie das Fuchsfell. So wird ein trister und
scheinbar auswegloser Alltag konstruiert.

ALEXEI DOMNICA
Titel Bearbeiten
Der Titel des Romans ist doppelt bezeichnend für das Werk: Einerseits benennt
er das leitende Motiv des Romans, den Fuchs, genauer das Fuchsfell, und
andererseits wirft er zunächst einmal Rätsel auf. Denn was heißt es, wenn der
Fuchs damals schon der Jäger war? Dieses rätselhafte ist zugleich
programmatisch für Müllers Poetik, die ein sehr spezielles Verhältnis zu Dingen
und in diesem Roman vor allem zu Tieren konstruiert. Der Titel stellt zwei
Behauptungen auf, die sich erst durch eine Entschlüsselung ergeben: Erstens
behauptet er, dass der Fuchs mit dem Jäger eine Verbindung eingeht und – wider
Erwarten – der Fuchs der Jäger ist. "Damals" behauptet zweitens, dass es schon
immer so gewesen ist. Eine Deutung bzw. Decodierung des Fuchsfelles bietet
sich in der Rückblende Adinas an, in der sie erzählt, wie sie sich als Kind ein
Fuchsfell gewünscht hat: "Der Jäger legte den Fuchs auf den Tisch und strich
ihm das Haar glatt. Er sagte, auf Füchse schießt man nicht, Füchse gehen in die
Falle. Sein Haar und sein Bart und seine Haare auf den Händen waren rot wie
der Fuchs. Auch seine Wangen. Der Fuchs war damals schon der Jäger". Es gibt
also eine frappante Ähnlichkeit zwischen dem Jäger, der den Fuchs in die Falle
gehen ließ, und dem Fuchs selbst. Einerseits ist das Fell so als Metonymie bzw.
Teil des Kindes und dessen Begehren und Ängste und andererseits als Metapher
für die Überwachung des Geheimdienstes zu verstehen. Das Fell agiert so
maßgeblich strukturbildend. Denn es verweist auf dessen Funktion im Roman:
Der Text bewegt sich von Wahrnehmung zu Wahrnehmung und ist maßgeblich
über Oppositionen wie Innen vs. Außen, Zentrum vs. Hülle und eben Jäger vs.
Gejagter strukturiert. Das Fell fungiert so als Metapher für eine jetzt in der
Diktatur vorherrschende Menschenjagd. Füchse jagen normalerweise keine
Menschen, aber sie dringen in dessen Umgebung ein, wenn sie beispielsweise
die Müllsäcke aufsuchen. Das macht sie zu Grenzfiguren zwischen Natur und
Kultur. Das Fell bekommt seine Funktion im Roman aber hauptsächlich über die
passive Funktion: Mit einer Rasierklinge trennt der Geheimdienst jedes Mal ein
Bein oder einen Arm des Fuchses ab.

Tiermotivik Bearbeiten
Indem die Rasierklinge eigentlich dazu gedacht ist, die menschliche Haut zu
rasieren, diskutiert die Denkfigur des Fuchsfelles die Grenze zwischen Tieren
und Menschen. In dieser Diskussion, die zwischen den Zeilen mitschwingt, wird
eine Nähe und gleichzeitige Ferne konstruiert, und das über die Haut als Grenze.
Einerseits erblickt Adina das Fuchsfell distanziert und andererseits nimmt sie
das Fuchsfell mit allen Sinnen wahr, indem sie es beispielsweise mit den Füßen
fühlt. Was auch passiert und wie nahe sie dem Fuchs auch kommt, sie kann ihn
aber nie ganz fassen, er ist und bleibt letztlich nur eine Hülle. Der Fuchs bleibt
durch die menschliche Sicht etwas Interpretiertes. Dieser Vorgang ist
bezeichnend für Müllers Poetik, denn an diesem Fuchsfell wird performativ
vorgeführt, wie Menschen mit Tieren umgehen. Letztlich ist das Zugreifen auf
die animalische Welt ein interpretieren, es bleibt beim Fühlen, Berühren und
Anschauen des Tieres oder eben wie hier: des Felles. Des Weiteren sind über die
Tierhaut und den Titel verschiedene Jäger-Beute-Beziehungen mitgedacht und
angesprochen. Der Fuchs des Titels ist dabei ein Jäger, weil er sich in der Natur
wie ein Jäger verhält, in dem er lauert und angreift, und weil es einen Jäger gibt,
der – durch seine roten Haare – wie ein Fuchs ist. Zusätzlich wird der Staat in
einer Diktatur zum Jäger, aber die Opfer werden hier auch zu den Jägern, da sich
der Roman kurz vor und kurz nach der Hinrichtung Ceaușescus situiert. Für
Adina selbst agiert die Securitate als Jäger, sie jagt aber ihre Freundin Clara, da
sie mit Pavel zusammen ist. Pavel wiederum jagt Adina und wird nach dem
Sturz des Diktators selbst zum Gejagten und verlässt das Land. Man beobachtet
also ein komplexes Netz aus Jäger-Beute-Beziehungen im Roman, was
kennzeichnend für ein Leben in der Diktatur ist und im Titel klug platziert wird.
Diese Dimension ergibt sich aber erst durch eine Decodierung des Motiv-Netzes
und offenbart so die Poetik Herta Müllers. Im Roman gibt es noch weitere
Tierdarstellungen, die für den Text bezeichnend sind, wenn sie allegorisch
gelesen werden, so gleich zu Beginn: "Die Ameise trägt eine tote Fliege. Die
Ameise sieht den Weg nicht, sie dreht die Fliege um und kriecht zurück. Die
Fliege ist dreimal größer als die Ameise. [...] Die Fliege lebt, weil sie dreimal
größer ist und getragen wird, sie ist für das Auge ein Tier." Erstens verweist
diese Stelle auf andere Tierdarstellungen in Müllers Werk, denen es noch
nachzugehen gilt. Sie literaturwissenschaftlich einzuordnen, wäre das Ziel.
Zweitens offenbart sich an dieser Stelle – rückwirkend gelesen – ein weiteres
ästhetisches Programm von Herta Müller. Diese Szene stellt sozusagen in
Miniatur dar, was es heißt im Alltag der Diktatur zu leben und verweist auf ein
wichtiges Element des Ästhetik des Romans, das sowohl strukturell als auch
thematisch agiert: Der Blick.
Stil Bearbeiten
Der Blick stellt zunächst thematisch ein wichtiges Element dar, denn das Leben
in der Diktatur ist stets ein Blick des Staates auf die Bevölkerung. Das Sehen ist
so dem totalitären Regime unterstellt, was sich in den Bespitzelungen und
Verhören Müllers äußert. Das geht auch mit einer Art Omnipräsenz der
stattlichen Macht einher. Aussagen wie "das Schwarze im Auge" verweisen so
auf die totalitäre Überwachung. Auch für ihr gesamtes Werk kann allgemein
gesagt werden, dass es ohne den Blick bei Müller keine Literatur gibt. Sie erhebt
die Wahrnehmung zum Kern ihrer Schreibweise und daran sind die Augen und
der Blick maßgeblich beteiligt. Die Erzählinstanzen entwickeln sich so zu
Experten des Hinsehens. Im modernen literaturwissenschaftlichen Diskurs ist
das ein Kernthema geworden, denn die Frage danach wie man etwas sieht oder
wahrnimmt, ist einer der häufig diskutierten Themen. Denn die Wahrnehmung
und das Sehen entscheidet über die Darstellung (Mimesis) der Literatur. Und das
Wie bzw. die Form der Literatur macht sie zu einem großen Teil zu dem, was
sie ist. Dabei gestaltet sich der Augen-Blick des Sehens aber nicht als ein bis ins
letzte Detail durchdachter und reflektierter Blick, sondern vielmehr als ein stets
aufmerksamer Blick, der eine scheinbar neutrale Position konstruiert. Diese
vielleicht als neutrale Perspektive gewertete Sicht verweist direkt auf die
strukturelle Bedeutung des Blickes bzw. der fiktionalen Erzähler-Perspektive im
Roman Der Fuchs war damals schon der Jäger und Müllers Werk allgemein.
Müller konstruiert im Roman eine "dritte Position der Wahrnehmung". Diese
externe Position, die es aber nahelegt, als interne Fokalisierung gedeutet zu
werden, bewegt sich an einer Schwelle, und zwar zwischen Wahrnehmung und
der Darstellung, was zentral für Müllers Schreiben gesehen werden kann. Denn
mit der Thematisierung der Wahrnehmung thematisiert das Werk auch das
literarische Schaffen im Allgemeinen, das immer mit Wahrnehmung und
Darstellung oder Lesen und Schreiben zu tun hat. Für diesen Roman ist dieses
Nachdenken umso bezeichnender, da es sich in einer großen Vielfalt um
Wahrnehmungen von Tieren handelt. Tiere werden, wie das Fuchsfell, stets
interpretiert und aus einem menschlichen Blick wahrgenommen. Der Text macht
kenntlich, was der Blick auf die Tiere mit den Tieren macht und umgekehrt:
Tiere sind auch Akteure und tragen maßgeblich zur Wahrnehmung Adinas bei,
denn die Darstellung thematisiert auch immer wieder nicht-menschliche
Wahrnehmung. So zeigt "Müllers Erzählen die Illusion der Beobachtung einer
Wahrnehmung."

APĂVĂLOAIE BIANCA
Elemente der Interkulturalität
„Die Ameise trägt eine tote Fliege. Die Ameise sieht den Weg nicht, sie dreht
die Fliege um und kriecht zurück. Die Fliege ist dreimal größer als die Ameise.“
(S. 7)
Herta Müller beginnt ihren, im Jahre 1992 erschienenen Roman „Der Fuchs war
damals schon der Jäger“ mit einer schlichten Naturbeobachtung. Doch die
Kulisse täuscht. Herta Müller bricht mit ihrer Tradition, setzt eine Zäsur in
ihrem bisherigen Schaffen.
Denn das Szenario zwischen Ameise und Fliege spielt sich nicht, wie sich
vermuten ließe, in ländlicher Idylle oder banatschwäbischer Dörflichkeit ab. Im
Gegenteil. Wir befinden uns auf dem Dach eines Wohnblocks am Rande einer
namenlosen Großstadt. Man spürt die Hitze, das unerträgliche Drücken des
Sommers, sieht die Gräser, die sich reptiliengleich, beinahe bedrohlich am
Stadtrand schlängeln, man hört das Rauschen der Pappeln, die „höher als alle
Dächer der Stadt“ (S. 9) sind.
Es scheint, als würde Müller die Natur des Dorfes nicht loslassen wollen, als
würde sie Tiere und Pflanzen ihrer früheren Texte in ein neues Umfeld setzen.
Doch während die Natur in Müllers bisherigen Veröffentlichungen das
Handlungsgeschehen metaphorisch umrahmte, die Stimmungen und Gefühle der
Protagonisten unterstrich und ins Zentrum setzte, tritt sie in diesem Roman in
ihrer Bedeutung zurück. Dabei wird die Natur auch hier keineswegs zur
Marginalie. Ihre Metaphorik bleibt erhalten. Die Tier- und Pflanzenwelt der
Müllerschen Sprachlandschaft bettet sich hier jedoch ein in das steinerne,
staubige Gesicht der Metropole, in die grauen Innenhöfe der Wohnviertel,
schmiegt sich zwischen die öligen und rostigen Plätze der Fabriken. In teils
grotesken Bildern eröffnet sich dem Leser eine Realität, die an die dörflichen
Gegebenheiten anknüpft und sie in gleichem Maße ad absurdum führt. So grenzt
das Rübenfeld an „weiße Wände“ (S. 12), so lecken „Schafe an den Wänden der
Fabrik“ (S. 12).

Die Vorstadt ist die Brücke zwischen Dorf und Stadt. Die Straßenbahn verbindet
die Vorstadt mit der Stadt. Die Straßenbahn ist das Transportmittel der Arbeiter.
Sie rauscht, wie die Pappeln rauschen. Die Fabrik bläst ihren Rauch weithin
sichtbar über die Stadt.
Indem Müller den örtlichen Handlungsrahmen ihrer Geschichten vom Dorf auf
die Stadt erweitert, erweitert sie gleichsam ihren Blick aufs Universelle. Das,
was im Rahmen des Dorfes noch als private Angelegenheit galt, das Schicksal
eines Einzelnen, bzw. einer kleinen Gruppe (der Dorfgemeinschaft) darstellt,
bekommt im Kontext der Stadt Allgemeingültigkeit. Die Protagonisten reihen
sich ein in eine Masse Namenloser. Es geht hier nicht um diese oder jene
Familie, diese oder jene Einzelperson. Es geht in diesem Roman ums Ganze.
Um den Staat, die Gesellschaft, das Leben, den Alltag in der Diktatur.
Dabei lässt sich der Fabrik ein besonderer Stellenwert beimessen. An ihr
exemplifizieren sich die letzten Züge des rumänischen Sozialismus unter
Ceaușescu in aller Deutlichkeit.
Beinahe alles, was die Alltäglichkeit des Lebens außerhalb der Fabrikmauern
definiert, findet innerhalb dieser Mauern ein Äquivalent. Die Parallelen
zwischen der gesellschaftlichen Ordnung und den fabrikinternen
Arbeitsverhältnissen, zwischen der Aufweichung moralischer Werte außer- und
innerhalb der Fabrikmauern, zwischen dem privaten Hunger und dem Mangel an
Produktionsmitteln sind nicht zu verkennen.
Die Fabrik – der Staat
Die Helden der Arbeit. Vorwärtsgewandte Blicke und aufrechte Rücken. Sie
krempeln sich die Ärmel hoch, halten ihre Symbole, den Hammer, den Amboss,
gen Himmel. Mutig und stolz streben sie dem Betrachter entgegen. Ideale.
Arbeiterfiguren, in Stein gemeißelt oder aus Stahl gegossen. Wer kennt sie nicht,
die statischen Symbole des Fortschritts, die imposanten Denkmäler, die
gewaltigen Gemälde?

Auch in Müllers Roman Der Fuchs war damals schon der Jäger tauchen die
Helden der Arbeit auf. Auch hier finden Parolen und Symboliken des
Sozialismus ihren Niederschlag. In großen Lettern prangt der Ehrentitel
„Genossenschaft der Fortschritt“ (S. 14), platziert im Zentrum der Seite.
Nelkensträuße und applaudierende Arbeiter im hinteren Drittel des Buches.
Doch idelatypische Bilder und Parolen stehen nicht allein. Müller setzt sie in
den Kontext von Armseligkeit, Angst und Verfall. Sie bricht mit dem Idealbild
des sozialistischen Arbeiters ebenso, wie sie die Fabrik als Ort des Fortschritts,
als Hort der arbeitenden Bevölkerung negiert.
Zwischen den gesellschaftlichen Umständen und den Gegebenheiten innerhalb
der Fabrikmauern lassen sich Parallelen erkennen, die im Folgenden aufgezeigt
werden sollen.
Hierarchische Strukturen in Fabrik und Gesellschaft
Müller geht in ihrem Roman nicht explizit auf die hierarchischen Strukturen der
rumänischen Diktatur unter Nicolae Ceaușescu ein. Anstelle von Fakten offeriert
sie Bilder, die so eindringlich sind, dass sie eine Ahnung von dem geben, was
nicht klar benannt wird oder nicht klar benannt werden kann.
Der Diktator. „Der Bilderrahmen des Diktators ist jeden Tag in der Zeitung so
groß wie der halbe Tisch.“ (S. 27) Doch der „geliebteste Sohn des Volkes“ (S.
27) erhält in Müllers Roman erst mit dem Zusammenbruch des Systems einen
Namen. Die Autorität des Diktators verschwindet hinter einem Bildnis, seine
Persönlichkeit tritt zurück hinter die bloße Bezeichnung seiner Funktion. Es
scheint, als würde es zur Beschreibung der Macht eines Einzelnen keines
Namens bedürfen. Die Person Ceaușescu verliert sich in einem äußerlichen
Charakteristikum, seiner Stirnlocke. Nicht der Diktator an sich ist es, der über
die tagtägliche Präsenz auf dem Titelblatt der Zeitung wirkt, nicht der Diktatur
ist es, der die Protagonistin Adina „den eigenen Atem“ (S. 27) schlucken lässt.
Es ist die Stirnlocke, das ölig glänzende Haar des Machthabers, „das Schwarze“
(S. 27) in seinem Auge, welches Angst und Beklemmung heraufbeschwört. Die
Allmacht des Diktators funktioniert über eine distanzierte und beinahe
ikonenhafte Präsenz. Seine Stirnlocke glänzt. Und „was glänzt, das sieht“ (S. 27,
S. 28). Obschon der Diktator körperlich nicht anwesend ist, scheint er doch
allgegenwärtig.