Sie sind auf Seite 1von 176

Michel Serres

Hermes I

Kommunikation

Herausgegeben von Aus dem Französischen übersetzt


Günther Rösch von Michael Bischoff

Merve Verlag
Titel der Originalausgabe:
Hermes I - La cornmunication
© Les Editions de Minuit, Paris 1968

Veröffentlicht
mit Unterstützung des Ministere
fran~ais charge de la culture.

Für Maurice und Suzanne Capul

rY1f. ~)
\Ä..)v

HfG
I<arl$iuhe

© der deutschen Ausgabe


Merve Verlag Berlin 1991
Alle Rechte vorbehalten.
Gesamtherstellung: Kösel, Kempten.
Umschlag und Buchgestaltung:
Jochen Stankowski, Köln.
Printed in Germany
ISBN 3-88396-083-7
Aufweiche Weise die Idee der Kommunikation entstand, wie sie sich
gleichsam blind herausbildete, davon berichtet dieses Buch in einer
Reihe verstreuter Aufsätze, die sich über sechs Jahre und mehrere
Themen erstrecken. Verstreut, aber im Rückblick dennoch nicht dispa-
rat; ihre Zusammenstellung und ihre Lektüre bilden eine - zweifellos
unvollständige, aber durchaus geordnete - Variation über das Thema
Hermes.
Am Anfang steht die Mathematik, steht eine Hypothese über die
intersubjektive Genese des griechischen Wunders, wie es sich uns im
Spiel des Platonischen Dialogs darbietet. Und auf die Mathematik
kommen wir zurück, wir schließen einen ersten Kreis, indem wir in ihr
und durch sie die Strenge der Leibnizschen Hauptordnung aufweisen:
die der Kommunikation zwischen den Substanzen. Die allergrößte
Abstraktion ergibt sich hier aus der radikalen Forderung nach der
bestmöglichen Kommunikation. Im Zeitalter der klassischen Philoso-
phie stützte sie sich gleichsam rückgreifend auf eine mathematische
Grundlage. Der Kreis, der damit gezeichnet war, mußte unvermeidlich
in die Geschichte jenes zeitgenössischen Wunders, des Streits zwischen
den alten Vertretern der Analysis und den modernen Anhängern der
Algebra, eingehen, und allgemeiner noch gehört er zujenemfortwäh-
renden Wunder: der Kommunikation, die durch die Geschichte hin-
durch zwischen den Mathematiken stattfindet. Von der Frage» Was
geht im Wechselspiel der Fragen und Antworten verloren?« gehen wir
zu der Frage über: »Was ist entlang dieser fast fertig zu nennenden
Kette in Vergessenheit geraten, wenn sie erst einmal unverrückbar
steht?« Der Cartesianismus bildet ein besonders interessantes Beispiel
für Fragen dieser Art; es erwies sich als aufschlußreich, das Modell der
Kette, die Operation der Intuition und die Setzung des cogito nach
denselben Normen zu untersuchen - eine Untersuchung, in deren
Mittelpunkt hier vor allem die Begriffe des Übergangs und des unend-
lich kleinen Abstands stehen. Und wieder einmal verbanden sich die;·
Wege des mathematischen Denkens mit denen der Kommunikation.
Doch es gibt zwei Möglichkeiten, sich dieser Verbindung zu nähern:
aus der Perspektive des Bewußtseins wie bei Descartes oder aber
unmittelbar, über den Begriff, wie bei Leibniz; dieser Dialog, den die
Moderne zum Abschluß zu bringen sucht, wird hier wieder aufgenom-
men.

7
Kehren wir aufdie Erde zurück oder tauchen wir ein inden Strom der
Bedeutungen, so heißt kommunizieren: reisen, übersetzen, austau-
Einleitung
schen, heißt auf die Position des Anderen wechseln, sein Wort als
Lesart begreifen, als eine Lesart, .die eher als querliegend denn als
subversiv zu verstehen ist, heißt sich wechselseitig auf den Handel mit
Pfandobjekten einlassen. Und da haben wir ihn: Hermes, den Gott der
Wege und Kreuzungen, der Botschaften und der Händler. DAS KOMMUNIKATIONSNETZ: PENELOPE
Wir hatten das Universelle der klassischen Vernunft nicht verlassen,
die Ausbreitung seiner strengen Logik in einem Feld, das von vornher- Bevor Persephone von Zeus in Gestalt einer
ein als grenzenlos gilt (das Universelle kennt keine Lesart), und dies Schlange verführt wurde und von ihm den Diony-
entlang von Ketten, die nirgendwo unterbrochen sind. So kommt es, sos empfing, webte sie in der Grotte der Cyane, bei
daß die Unvernunft darin stets anderswo und im strengen Sinne nicht der Demeter sie zurückgelassen hatte, an einem
kommunizierbar ist. In einem merkwürdigen Rückgriff zeichnet die Teppich, auf dem das ganze Universum abgebildet
sein sollte.
strukturale Methode mit leichter Hand die geschlossenen Kurven einer (Nach orphischen Erzählungen.)
Geometrie des Wahnsinns; sie zeichnet - und schließt damit einen
zweiten Kreis - die geodätischen Linien der klassischen Vernunft, die Stellen wir uns ein netzfärmiges Diagramm vor, das in einen
nun jedoch nur noch regionale Geltung beanspruchen darf. Die Mathe- Darstellungsraum eingezeichnet ist. Zu einem bestimmten Zeit-
matik ist nicht mehr Fundament und auch nicht schützendes Geländer; punkt (wie wir noch sehen werden, repräsentiert das Netz den je
sie ist zum Wörterbuch geworden; der Ausdruck »Methode« erhält
spezifischen Zustand einer veränderlichen Situation) besteht es
seine ursprüngliche Bedeutung des Transportierens zurück.
aus einer Mehrzahl von Punkten (Gipfeln), die untereinander
Blieb noch die Übersetzung, für die es die sonderbarsten Texte
auszusuchen galt: abenteuerliche Reiseberichte für Kinder, Geschich-
durch eine Mehrzahl von Verzweigungen (Wegen) verbunden
tenfür Verliebte, volkstümliche Legenden und die Träume von Alchimi- sind. Jeder Punkt repräsentiert eine These oder ein eindeutig
steno Blieb noch der Handel, der Austausch von Worten, Geld und definierbares Element einer wohlbestimmten empirischen
Frauen, mit dem diese Variationen im Dunst des Gastmahls, im Menge. Jeder Weg steht für eine Verbindung oder Beziehung
Tabaksrauch und in den unauslöschlichen Ketten des Lachens enden. zwischen zwei oder mehreren Thesen oder für einen Determina-
tionsfluß 1 zwischen zwei oder mehreren Elementen dieser empi-
Wir danken den Herren Schuhl, Bastide, Costabel, Cordier, Devaux rischen Situation. Dabei ist per definitionem kein Punkt gegen-
und insbesondere Jean Pielfür die freundliche Erlaubnis, die Aufsätze, über einem anderen privilegiert, und keiner ist einseitig einem
die in den von ihnen herausgegebenen Zeitschriften erschienen sind, anderen untergeordnet; jeder Punkt hat seine eigene Kraft (die in
hier abzudrucken.
der Zeit möglicherweise variiert), seinen eigenen Wirkungsbe-;~
reich oder sein eigenes Determinationsvermögen. So ist es zwar
nicht ausgeschlossen, daß Punkte miteinander identisch sind,
doch im allgemeinen werden sie verschieden sein. Dasselbe gilt

1. Wenn wir von Detennination sprechen, so verstehen wir darunter ganz allgemein
Relation oder Wirkung; dabei kann es sich um eine Analogie, eine Deduktion, eine
Einwirkung, einen Gegensatz, eine Reaktion usw. handeln.

8 9
für die Wege; sie transportieren Determinationsflüsse, die sich alten durch die Lage der Punkte zueinander wie auch durch die
jeweils voneinander unterscheiden und in der Zeit variieren. Mannigfaltigkeit der Wege unterscheidet. Mit diesem Modell
Schließlich besteht noch eine tiefgreifende Reziprozität oder, wollen wir uns nun abstrakt auseinandersetzen, und in jeder
wenn man so will, eine Dualitä(zwischen den Gipfeln und den Phase dieser Untersuchung werden wir es mit der traditionellen
Wegen. Die Gipfel können als Schnittpunkte zweier oder mehre- dialektischen Argumentation vergleichen:
rer Wege angesehen werden (eine These kann sich als Schnitt-
punkt mehrerer Relationen konstituieren; ein Situationselement 1. Zwischen zwei Thesen oder zwei Situationselementen, das
kann plötzlich aus dem Zusammenfluß mehrerer Determinatio- heißt, zwei Gipfelpunkten, gibt es nach Auffassung der Dialektik
nen hervorgehen); entsprechend können wir einen Weg als eine einen und nur einen Weg, auf dem man vom einen zum anderen
Determination begreifen, die dadurch zustande kommt, daß zwei gelangen kann; dieser Weg ist »logisch« notwendig und verläuft
vorgegebene Gipfel in ein Verhältnis zueinander gebracht wer- durch einen ganz bestimmten Punkt, den der Antithese oder der
den (zwei Thesen werden zueinander in Beziehung gesetzt, entgegengesetzten Situation. In dieser Hinsicht ist die dialekti-
zwischen zwei Situationen wird eine Wechselbeziehung herge- sche Argumentation einlinig; sie ist dadurch gekennzeichnet, daß
stellt usw.). Es handelt sich also um ein Netz, dessen interne es nur einen Weg gibt, daß dieser Weg einfach und der Determi-
Differenzierung sich nach Belieben steigern läßt; um ein Dia- nationsfluß , den dieser Weg transportiert, eindeutig ist. Das oben
gramm, das durch die denkbar größte Unregelmäßigkeit gekenn- beschriebene Modell ist dagegen durch die Vielfalt und Komple-
zeichnet ist. Ein regelmäßiges Netzwerk mit identischen Gipfel- xität der vermittelnden Wege charakterisiert. Hier gibt es, wie
punkten und konvergierenden, parallelen oder senkrecht zuein- man auf den ersten Blick erkennt, zwar nicht beliebig viele
ander verlaufenden, äquivalenten Wegen wäre ein Sonderfall Wege, die von einem Gipfelpunkt zum anderen führen, wohl
dieses »ungleichseitigen« Netzes. 2 Ebensogut könnte man auch aber eine große Zahl von Wegen, sofern die Zahl der Gipfel
von einem regelmäßigen Netz ausgehen; dann bräuchte man endlich ist. Es liegt auf der Hand, daß der Weg durch beliebig
lediglich die Gipfelpunkte und Wege zu differenzieren und viele und im Grenzfall durch sämtliche Punkte führen kann.
variieren zu lassen, bis sich das hier vorgeschlagene Modell Keiner dieser Wege kann für sich beanspruchen, der »logisch«
ergibt. Andererseits gehen wir davon aus, daß es sich um die notwendige zu sein; es mag durchaus vorkommen, daß der
formale Darstellung einer veränderlichen Situation handelt, also kürzeste Weg zwischen den beiden fraglichen Punkten am Ende
einer Situation, die sich im Laufe der Zeit global verändert; zum der schwierigere oder weniger interessante (weniger praktikable)
Beispiel wechselt ein Punkt oder Gipfel des Netzes plötzlich ist als ein anderer, der zwar länger ist, aber ein höheres Maß an
seinen Ort (wie eine Figur mit einer bestimmten Bedeutung - Determination transportiert oder zum betreffenden Zeitpunkt aus
König, Dame, Läufer usw. - auf einem Schachbrett), und das diesen oder jenen Gründen offen steht. 3 Der eine Weg (oder die,-
gesamte Netz verwandelt sich in ein neues Netz, das sich vom Gesamtheit der Wege), den die Theorie, die Entscheidung oder
die Geschichte einschlägt - oder auch jede spezielle Entwicklung
2. einer veränderlichen Situation -, ist unter anderen möglichen
Wegen ausgewählt, wurde innerhalb einer Verteilung
2. Allgemeiner Fall - Sonderfall •

3. Diese Unbestimmtheit des Weges ist die Voraussetzung der List.

10 11
bestimmt, die auch zufälliger Natur sein kann. An die Stelle der mit einem und nur einem Weg zu tun, sondern mit einer bestimm-
starren Notwendigkeit einer einzigartigen Vermittlung tritt die ten Zahl von Wegen oder einer Wahrscheinlichkeits verteilung .
Selektion einer Vermittlung unter anderen Vermittlungen. Und Doch andererseits sorgt das vorgeschlagene Modell nicht nur für
das stellt einen beachtlichen Vorteil dar, denn es handelt sich um eine verfeinerte Differenzierung der Verbindungen zwischen
eine bessere Annäherung an reale Situationen, deren Komplexi- zwei oder mehreren Thesen (bzw. zwischen den Elementen
tät häufig auf der Vielzahl denkbarer praktikabler Vermittlungs- realer Situationen), es eröffnet auch die Möglichkeit, nicht nur
möglichkeiten beruht; und dieser Vorteil verdankt sich der Über- die Zahl, sondern auch die Natur und die Kraft dieser Verknüp-
legenheit eines tabulatorischen Modells über ein lineares Modell fungen zu differenzieren. Das dialektische Argument zum Bei-
oder auch der Tatsache, daß eine Argumentation mit mehreren spiel transportiert entlang seiner Linearität nur einen eindeutigen
Eingängen und vielfältigen Verknüpfungen reicher und flexibler Typ von Determination, Negation, Gegensatz, Überschreitung,
ist als eine lineare Verkettung von Gründen, ganz gleich ob diese dessen Kraft durchaus existiert, aber nicht bewertet wird. 5 Des-
Verkettung nun auf Deduktion, Determination, Entgegensetzung halb läßt sich unser Modell keinesfalls auf ein komplexes Ge-
usw. beruht. Insbesondere wird das dialektische Argument hier webe aus mehreren dialektischen Folgen reduzieren, denn solch
zu einem Spezialfall des allgemeinen tabulatorischen Netzes; um ein Gewebe wäre nur ein Spezialfall unseres Modells. Trotz der
es wiederzufinden, brauchen wir das Netz lediglich zu homoge- Multilinearität seiner Wege fehlt ihm die Mehrdeutigkeit der
nisieren und eine bestimmte Sequenz mit festgelegtem Determi- Relationstypen, und es fehlt ihm die Bewertung ihrer jeweiligen
nationsfluß herauszugreifen, oder wir projizieren es auf eine Kraft, ganz zu schweigen von einer differenzierten Bewertung.
einzige Linie. In all diesen Fällen erhalten wir das dialektische Da jeder Weg für eine Relation oder Korrespondenz im allgemei-
Argument als Spezialfall, als Projektion aus einer eingeschränk- nen steht, transportiert er jeweils einen bestimmten Fluß von
ten Perspektive. Wir gelangen also zu einer Pluralisierung und Wirkung oder Gegenwirkung: Kausalität, Deduktion, Analogie,
Generalisierung der dialektischen Sequenz, indem wir auf der Reversibilität, Einwirkung, Widerspruch usw., die jeweils für
Ebene des formalen Modells von der Linie zum Raum übergehen: sich zumindest theoretisch quantifiziert werden können. Ande-
Das Modell wechselt die Dimension. Die Dialektik glaubte, sie rerseits kann jeder dieser Flüsse am Ende auf ein und demselben
hätte alle früheren Argumentationen flexibler gemacht und ver- Weg Reziprozität erlangen, ein Umstand, den keine dialektische
allgemeinert, indem sie aus der geraden Linie eine gebrochene Folge vorauszusehen vermag: Zwei Gipfelpunkte können in der
Linie machte; doch so sehr und so oft die Linie auch gebrochen Tat untereinander in einem Verhältnis wechselseitiger Verursa-
sein mag, sie bleibt dennoch immer innerhalb ihrer Dimension. 4 chung, wechselseitiger Einwirkung, äquivalenter Wirkung und
Gegenwirkung, ja sogar in einem Rückkopplungsverhältnis ste-
2. Beim Übergang von der Linearität zur» Tabularität« vergrö- hen (dem Feedback der Kybernetiker). Und schließlich kann eil1.
ßert sich die Zahl der möglichen Vermittlungen, und zugleich Gipfel zugleich Objekt (oder Ausgangspunkt) mehrerer Determi-
werden diese Vermittlungen flexibler. Wir haben es nicht mehr
5. Diese Kraft wird nicht quantifiziert, weil sie stets als eine global determinierende Kraft
4. Bei dieser Dimension handelt es sich meist um die Zeit. Daher das große philosophi- gilt; sie wird deshalb immer in grober Weise maximiert. Aber die Erfahrung lehrt uns, daß
sche Problem der Tradition: Logik oder Zeitlichkeit? Das hier analysierte Modell bricht es Schwellen gibt, unterhalb deren eine entgegengesetzte Kraft gar nichts determiniert.
diese Alternative zwischen Konsequenz und Sequenz, zwischen logischer und zeitlicher Der antithetische Charakter der Antithese reicht da nicht aus; das wissen wir von den
Folge, auf. Dialektikern.

12 13
nationen sein, die sich nach ihrer Qualität, nach der Art ihrer minationen, die sich nach ihrer Qualität und nach der Quantität
Kraft und nach der Quantität ihrer Wirkung voneinander unter- bzw. der Richtung des Determinationsflusses unterscheiden, und
scheiden. Statt eines eindeutigen Gegensatzes haben wir hier also entsprechend gibt es determinierende (oder determinierte) Ele-
eine Differenzierung der Determination nach Art und Stärke, mente, die sich nach Qualität und Lage voneinander unterschei-
wobei jeder Gipfel Ausgangs- oder Endpunkt einer Mehrzahl von den. Es ist so, als wäre mein Netz ein kompliziertes, in ständiger
Determinationsflüssen ist; das dialektische Argument erfährt Entwicklung begriffenes Gebilde, das eine instabile Machtsitua-
damit eine Verallgemeinerung hinsichtlich der Grundlage und tion darstellt, welche ihre Waffen oder Argumente feinstens in
der Dynamik seiner Determinationsprozesse . einem unregelmäßig gescheckten Raum verteilt. Das dialekti-
sche Argument ist dann nur noch der ausgesprochen ärmliche und
3. Wenn aber jeder Gipfel mehrfach determiniert (und auf- äußerst beschränkte Fall eines Kampfes, der in konstanter, wenn-
grund quantitativer Variation auch unterdeterminiert, überdeter- gleich gebrochener Richtung zwischen zwei einzelnen und
miniert usw.) sein kann, das heißt, wenn er als Schnittpunkt oder gleichmächtigen Figuren, das heißt zwischen zwei Elementen
Zusammenfluß von Linien oder Wirkungen unterschiedlichster ausgefochten wird, die durch einen bestimmten und hinsichtlich
Art verstanden werden kann, von Wirkungen, die unter anderem einer privilegierten Richtung konstanten Abstand getrennt sind
auch in einem relativen oder absoluten Widerspruch zueinander und in dem Augenblick in offenen Konflikt miteinander geraten,
stehen mögen (Kausalität, Unabhängkeit, Bedingungsverhältnis , da eines von bei den vermittels Arbeit und Kultur zur Äquipotenz
Widerspruch, Analogie, bloße Andersheit usw.), dann ist es mit dem anderen gelangt (woraus sich die erstaunliche Tatsache
unmöglich, für diese Punkte Äquivalenz - das heißt Äquipotenz- ergibt, daß es das Spiel des anderen nicht durchschaut), und sein
zu postulieren, ganz gleich, ob sie nun jeweils als Ausgangs- oder Ende findet dieser Konflikt mit der Einnahme eines privilegierten
Endpunkt, als Empfänger oder Quelle verstanden werden. Des- Punktes, den zuvor der nun besiegte Gegner besetzt hatte (und
halb läßt sich dieses Netz recht gut mit einem Schachbrett der eine Sackgasse darstellt, wodurch die lineare Sequenz abge-
vergleichen. Auf dem Schachbrett gibt es Figuren, die theore- brochen wird). Der Fall ist so ärmlich, daß man ein Paradigma
tisch dieselben Fähigkeiten besitzen, deren aktuelle Fähigkeiten dafür allenfalls in der unspezifischen Allgemeinheit des biologi-
jedoch von ihrer gegenwärtigen Stellung im Hinblick auf andere schen Lebens finden könnte, im Muskelspiel eines Kampfes um
Figuren, auf die Gesamtheit der übrigen Figuren und auf deren Leben und Tod zwischen zwei Gegnern, zwischen Herrscher und
komplexe Verteilung im Vergleich mit dem gegnerischen Spiel- Beherrschtem, in einem Augenblick gleicher Stärke und Bewaff-
netz abhängt; es gibt jedoch auch Figuren mit unterschiedlichen nung, einem Augenblick, der durch die Schwächung des Herr-
Fähigkeiten (König, Dame, Turm, Läufer ... ), die per definitio- schers und den Aufstieg des Beherrschten gekennzeichnet ist:
nem oder aufgrund ihres Charakters Quelle (oder Empfänger) Herr und Knecht. Allgemeiner ausgedrückt, vermischt sich hier
unterschiedlicher, an vorgegebene Wege gebundener Determina:.. ein differenziertes und instabiles Machtnetz mit einem gleichfalls-
tionen sind (Waagerechte, Diagonale, Senkrechte, abgewinkelte instabilen und differenzierten Machtnetz (der Abstand ist aufge-
Bahn), deren Fähigkeiten aber ebenfalls (wie die der Figuren mit hoben), und dies in alle Richtungen des Raumes. Eine komplexe
gleichen Fähigkeiten) von ihrer jeweiligen Stellung und der Strategie, welche die Zahl der Kombattanten erhöht , deren
Verteilung der Figuren zum betreffenden Zeitpunkt abhängen. Macht differenziert (zwei Kuratier besiegen jeweils zwei Hora-
Auf dem Schachbrett gibt es also wie in unserem Modell Deter- tier, doch durch List nimmt ein Horatier es mit drei Kuratiern

14 15
auf), eine Strategie, welche die jeweilige Lage der Kombattanten zusammengefaßt werden (Dreierpasch, Viererpasch, Full-
mit der Zeit variieren läßt und damit (wie der letzte Horatier) house), die ein größeres Determinationsvermögen besitzen als
Macht durch Variation der Situation zu maximieren vermag, die Summe der einzelnen Elemente. So können auch innerhalb
ersetzt den biologischen Kampf auf Leben und Tod; die unendli- der Gesamtmenge weitere lokale Obermengen auftreten, die
che Vielzahl der möglichen Listen ersetzt die eine und einzige ihrerseits untereinander differenziert sind und ebenso zahlreiche
List der tödlichen Konfrontation, die grobschlächtige List des Beziehungen miteinander unterhalten wie die Elemente. In den
Todesmutes, die das Leben gewinnt, weil sie sich den Anschein Sternenraum können wir lokale Konstellationen, Milchstraßen,
der Todesverachtung gegeben hat. Sonnensysteme usw. einzeichnen. Die Dialektik ist offensicht-
lich zu schwach, um eine Trennung zwischen Lokalem und
4. Doch bevor wir diesen Gedanken weiterverfolgen, sei Globalem vorzunehmen; sie vermag lediglich diffizile Totalitä-
angemerkt, daß unser Netzmodell ein neues Situationselement ten zu schaffen, die im übrigen erst noch präzise zu definieren
zum Ausdruck bringt, das der dialektischen Argumentation ent- wären. Während wir nun wissen, daß eine These (oder ein
geht. In der Tat eröffnen uns die pluralistische Differenzierung Situationselement) ganz unterschiedliches Gewicht haben kann,
und die Unregelmäßigkeit der räumlichen Verteilung der Gipfel- je nachdem, ob sie sich auf sich selbst, auf eine lokale Teilmenge
punkte und Wege die Möglichkeit, uns lokale und momentane oder auf die Totalität des Netzes bezieht, ist die Dialektik
Verknüpfungen von speziellen Punkten und Verbindungen vor- unfähig, ihre Analyse so weit zu verfeinern, daß sie über das
zustellen (und auszuprobieren), die eine wohldefinierte Familie Begriffspaar Totalität-Widerspruch hinaus gelangte, wobei das
mit eigenständiger determinierender Kraft bilden. Anders ge- eine ein Moment des anderen ist und umgekehrt. So haben wir
sagt, es ist möglich, aus der Totalität des Netzes begrenzte uns denn ein weiteres Mal durch Verfeinerung und Komplizie-
Teilmengen auszusondern, die lokal gut organisiert sind, so daß rung des Modells der Realität angenähert, indem wir die metho-
deren Elemente sich leichter auf diesen Teil als auf das Ganze dische Technik generalisierten. Man kann in Ruhe nachprüfen,
beziehen lassen (obwohl sie natürlich immer noch Bezug zum daß die eine dieser Techniken eine bessere Annäherung an
Ganzen haben). Indem diese Elemente sich als Teile organisie- historische Situationen erlaubt als die andere. Die Vorstellung
ren, bilden sie eine Familie, deren lokales Determinationsvermö- einer Mehrzahl urspünglicher Teilgesamtheiten hat dabei offen-
gen größer ist als die bloße Summe aus den einzelnen Determina- kundig zentrale Bedeutung: Sie ermöglicht eine feinere Annähe-
tionskräften. Auf diese Weise definiert man hochgradig organi- rung als die grobschlächtigen Thesen der Ereignisgeschichte oder
sierte lokale Gruppierungen, die mit anderen Gruppierungen der globalen Gesetzmäßigkeiten, des epistemologischen Atomis-
dieser Art koexistieren und auf komplexe Weise interferieren mus oder eines dekuktiven Enzyklopädismus.
können, wobei man sie von der Gesamtheit des Netzes unter-
scheidet. Diese Unterscheidung zwischen lokalen Teilen und 5. Das netzförmige Diagramm bildet eine, - theoretische oder
dem Ganzen, zwischen Gesamtmenge und Teilmenge, läßt sich reale - Situation durch räumliche Ausbreitung und Verteilung
bei Spielen wie Dame, Schach oder auch einfachen Kartenspie- von Thesen oder Ereignissen ab. Innerhalb dieser räumlichen
len gut beobachten; eine bestimmte Verteilung bildet hier eine Auffächerung, im Schoße dieser Verteilung, kommt es zu Stel-
aus Elementen zusammengesetzte Grundgesamtheit, und einige lungswechseln, zu Abwandlungen des Determinationsflusses,
dieser Elemente können zu Dreier-, Vierer- oder Fünfergruppen zur Gruppierung lokaler Teilmengen usw., die zugleich im Raum

16 17
(daher die Differenzierung des Netzes zu jedem gegebenen beider Spielnetze eine immer stärkere Strukturierung, ganz so,
Zeitpunkt) und in der Zeit stattfinden. Wir haben es also gewis- als hätten wir es hier mit einer fortschreitenden Realisierung des
sermaßen mit einer Transformation, einer globalen Evolution der Konzepts der Determinierung zu tun. So kommt es zunächst zu
Situation in einem Raum-Zeit-Kontinuum zu tun. Über diese einigen Zügen, die im Hinblick auf die Gesamtheit ein mittleres
Transformatio~ läßt sich zumindest eine Aussage machen, die Maß an Determinierung besitzen, dann zu weiteren, die ein
allen anderen Erkenntnismethoden gewöhnlich entgeht. Greifen immer höheres Maß an Determinierung aufweisen, bis dann das
wir zu diesem Zweck noch einmal das Paradigma des SPIELS Spiel mit dem entscheidenden Zug innerhalb einer lokalen Teil-
auf. Auf dem Schachbrett erleben wir den Kampf zweier ver- gesamtheit mit höchstrangiger Bedeutung seinen Abschluß im
schiedener differenzierter Netze, in dessen Verlauf die beiden Schachmatt findet. Dieser letzte Zug ist die obere Grenze der
Netze sich wechselseitig aufs engste durchdringen. Im Raum- Überdeterminierung, während der erste Zug die untere Grenze
Zeit-Kontinuum des Spiels erfährt jedes der beiden Netze eine der Unterdeterminierung darstellt. Unser Modell gestattet mithin
Transformation, und zwar jedes für sich und jedes aufgrund der eine Abstufung der Determinierung in einem Raum-Zeit-Konti-
Transformation des anderen Netzes. Die Gesamtsituation ist nuum, eine Abstufung, die von maximaler Zufalls abhängigkeit
daher durch eine derart komplexe Veränderlichkeit und Mobilität bis hin zur eindeutigen Notwendigkeit reicht. Doch darüber
gekennzeichnet, daß sich praktisch unmöglich voraussehen läßt, hinaus gestattet es auch, den Gradienten dieser Abstufung zu
was nach zwei Spielzügen geschehen wird. Daraus wird man den variieren. Denn in der Tat können wir mit unterschiedlicher
Schluß ziehen, daß es undenkbar ist, für reale Situationen, die Geschwindigkeit vom Wahrscheinlichen zum Entscheidenden,
noch komplexer sind als die des Schachspiels, Gesetze aufzustel- vom bloß Vorbereitenden zum Abschließenden übergehen; bei
len, mit denen die Entwicklung der Situation sich voraussagen gleicher Ausgangslage kann man mit fünf, vier oder auch drei
ließe. Dagegen kann man allerdings einwenden, daß sich zumin- Zügen zum »Schachmatt« gelangen. Die fortschreitende Reali-
dest zwei Typen von Situationen unterscheiden lassen; sie zeigen sierung des Konzepts der Determinierung kann blitzschnell,
sich im Schachspiel ebenso wie in historischen Situationen, die mehr oder weniger beschleunigt, schnell, verzögert, langsam
sich im Wandel befinden, oder auch in Entwicklungen aller Art, oder im Grenzfall gar nicht erfolgen. In der Tat kommt es vor,
welche die Geschichte des Wissens betreffen. Zum einen finden daß man von der anfänglichen Indeterminiertheit über eine Folge
wir dort globale Situationen vorbereitenden Charakters, die beliebig vieler Veränderungen der globalen Situation zu einer
unterdeterminiert (und im Grenzfall bisweilen indeterminiert) neuen, abschließenden Indeterminiertheit gelangt; in diesem
sind, zum anderen globale Situationen entscheidenden Charak- Falle sagt man dann, das Ergebnis sei gleich Null. Anders
ters, die überdeterminiert (und im Grenzfall gelegentlich sogar ausgedrückt, der Anstieg des historischen Fortschritts hin zu
pandeterminiert) sind. Innerhalb eines bestimmten zeitlichen einer entscheidenden Verteilung kann gleich Null oder von
Zyklus nähern die beiden Spielnetze sich langsam und auf mittlerer Stärke oder stark sein oder sogar asymptotisch anwach-'
probabilistische Weise einander an; in dieser Phase herrschen sen und so weiter: Mehr oder weniger rasch gelangt man dann zu
Unterdeterminierung und die Gesetze des Zufalls; im Grenzfall einer Krise, die eine historische Situation bzw. ein Ensemble von
(der Indetermination) kann man für manche Spiele sagen, daß es Erkenntnissen lokal oder, sofern sie entscheidend ist, global
vollkommen gleichgültig ist, mit welchem Zug man beginnt. Mit restrukturiert. Zum selben Ergebnis käme man auch, wenn man
der Zeit erfährt der Raum der wechselseitigen Durchdringung als Beispiel eine komplexe elektrische Schaltung wählte, die aus

18 19
veränderbaren Widerständen, Spulen, Kondensatoren usw. der schränkt ist). Der Dialektiker läßt sich von der Erfahrung eines
unterschiedlichsten Art aufgebaut wäre, wobei man dann zeigte, Besseren belehren, leert den Kelch der Schande bis zur bitteren
daß man diese Schaltung auf n verschiedene Weisen manipulie- Neige und verwandelt seine Gesetze in Anpassungsgesetze, das
ren kann, bevor man zu dem überdeterminierten Fall des Kurz- heißt, er akzeptiert den Wandel als solchen und bekehrt sich zur
schlusses gelangt. Ereignisgeschichte hinsichtlich der zeitlichen Folge, wie der
Interessant ist also nicht so sehr die anfängliche Unterschei- Pluralist dies hinsichtlich der räumlichen Verteilung schon im-
dungzwischen zwei verschiedenen Situationstypen, einem vor- mer getan hat. Wenn wi~~ beide Enden der Kette in Händen
bereitenden und einem entscheidenden, als vielmehr die vielfälti- behalten wollen, müssen wir verstehen lernen, wie eine be-
gen Wege, auf denen die Gesamtsituation von Situationen des stimmte Transformation vom Wahrscheinlichen ins Überdeter-
ersten zu Situationen des zweiten Typs übergeht (oder zuweilen minierte übergeht. Statt willkürlich eine Folge fixer und erschöp-
auch nicht übergeht). Anscheinend haben wir hier die beiden fender Determinierungen herauszugreifen, müssen wir auf der
Enden einer Kette in Händen, die von den Geschichtsphiloso- linken Seite den fixen, unveränderlichen Charakter der Determi-
phen schon vor langer Zeit zerbrochen worden ist: auf der einen nierung hin zur Pluralität möglicher Unterdeterminierungen öff-
Seite prinzipielle Nichtvorhersehbarkeit in der unendlichen Man- nen und auf der rechten Seite die Eindeutigkeit der Determinie-
nigfaltigkeit der Ereignisse, auf der anderen Seite die souveräne rung hin zur Überdeterminierung. Danach vermag sich ein realer
Formulierung von Gesetzen und die strenge Verkettung von Prozeß (wenn man einmal ~ von geringfügigen Variationen des
Momenten einer zeitlichen Folge. Es ist ganz so, als gelänge es Gesetzes absieht) nur zwischen zwei Grenzen der Determination
einerseits einer komplexen räumlichen Verteilung nicht, sich auf (zwischen schwacher und starker Determinierung) zuentwik-
organisierte Weise in Bewegung zu setzen, als berücksichtigte keIn, und das heißt im einfaphsten Falle: von der Wahrscheinlich-
sie alles, verlöre sich dabei jedoch in den allzu feinen Differen- keit hin zur Überdetermini~rung, von einem Zustand statistischer
zierungen der Synchronie; und als gelangte man zu Gesetzen nur Verteilung hin zu einem Entscheidungsknoten, von einer aleato-
durch die willkürliche Auswahl von entscheidenden Momenten rischen Spielsituation hin zu einem notwendigen (und Notwen-
einer bis auf ihr Skelett reduzierten Diachronie, wobei nur ein digkeit erzeugenden) Spielzug. Man kann auch sagen: Dies ist
Minimum an Dingen berücksichtigt werden kann. Danach hätten das Gesetz des elementaren Zyklus eines Prozesses. Und dieses
wir nur die Wahl, im Rahmen einer Philosophie des Zufälligen zu elementare Gesetz besagt: Eine allgemeine Situation wandelt
bleiben oder uns mit Gesetzen zu begnügen, die keine große sich stets in der Weise, daß sie von der Wahrscheinlichkeit zur
Aussagekraft besitzen, aber eine eindeutige und festliegende Überdeterminierung übergeht.
Determinierung zum Ausdruck bringen. Zwischen beiden »Sich-
ten« läßt sich endlos streiten. Der Pluralist hat leichtes Spiel, 6. Unter diesen Umständen ist es unvermeidlich, auf die
wenn er dem Dialektiker die Armut seiner Strukturen und den traditionellen Begriffe der Ursache, der Bedingung, der Wirkung'
stets aufs neue begangenen Fehler in seiner Voraus schau vorwirft usw. zurückzukommen, kurz: auf jene von der klassischen Phi-
(und wenn die Wissenschaftsgeschichte irgend etwas zeigt, losophie so häufig analysierte Theorie, zu der sich unsere Zeit so
dann, wie sehr doch der Prophet oder Dogmatiker der Zukunft merkwürdig schweigsam verhält: die Kausalitätstheorie, Be-
desavouiert wird, denn er ignoriert die Erkenntnis der Mathema- trachten wir einmal einen beliebigen Schnitt durch unser Netz;
tik, wonach unsere Vorausschau auf höchsten zwei Züge be- dann sehen wir sogleich, daß die Zeit, die ein beliebiger Fluß auf

20 21
einem beliebigen Weg (oder auf mehreren Wegen) von einem Damit haben wir die wichtigsten Merkmale unseres Netzes
Gipfel zu einem anderen (oder von mehreren Gipfeln zu mehre- skizziert. Es dürfte nicht schwer sein, zu erkennen, daß es sich
ren anderen) benötigt, die unterschiedlichsten Werte annehmen dabei um eine abstrakte philosophische Struktur handelt, für die
kann. Welche Zeit im Einzelfall benötigt wird, hängt von den man zahlreiche verschiedene Modelle finden kann. Wenn man
Verzögerungen ab, die der Fluß auf seinem Weg erfährt. 6 Die den Elementen, Gipfeln, Wegen, Kommunikationsflüssen einen
Zeit, die er benötigt, kann unendlich oder begrenzt - sehr lang, bestimmten Inhalt gibt, dann zeigt sich, daß wir hier über eine
sehr kurz - und im Grenzfall gleich Null sein. Damit haben wir Methode verfügen, die wirkungsvoll eingesetzt werden kann.
nun erstmals die Möglichkeit, uns eine Ursache ohne Wirkung - Um dies zu begreifen, genügt es schon, wenn wir uns klarma-
eine Information, die sich verliert, eine verlorene Ursache - oder chen, daß man die genannten Ausdrücke einerseits mit abstrak-
auch eine Ursache vorzustellen, die zeitgleich mit ihrer Wirkung ten, andererseits mit empirischen Inhalten füllen kann. Auf dem
ist. 7 Doch die Vielzahl der Verbindungen zwischen den Gipfeln abstrakten Pol entsteht auf diese Weise eine Mathematik, eine
führt unweigerlich zur Vorstellung einer Rückwirkung, bei der Kurventheorie, eine kombinatorische Topologie oder eine Theo-
die Wirkung unmittelbar auf ihre Ursache zurückwirkt oder rie der Schemata; auf dem empirischen Pol bietet sich uns ein
besser: bei der ein Empfängergipfel auf den Quellgipfel zurück- ausgezeichnetes Organon für ein Verständnis historischer Phäno-
wirkt. Der Kausalstrom ist nicht mehr kausal, weil Kausalität mene. Das ist nur deshalb möglich, weil hier endgültig mit der
nicht mehr irreversibel ist: Wer etwas beeinflussen will, wird Linearität der traditionellen Konzepte gebrochen worden ist.
plötzlich selbst durch das Ergebnis seines Einflusses beeinflußt. Komplexität ist nun kein Hindernis für die Erkenntnis und erst
Wir können diesen Sachverhalt auch in anderen Modellen zum recht kein bloß deskriptives Urteil mehr; vielmehr ist sie zu einem
Ausdruck bringen: Zwischen den beiden Polen kommt es zu ausgezeichneten Hilfsmittel des Wissens und der Erfahrung
Induktionsströmen, zu einer Hysterese, zu Störungen, zu Phäno- geworden.
menen mit den unterschiedlichsten Zeiten, deren Dauer im
Grenzfall gegen Null gehen kann; es kommt zu einem Feedback, Januar 1964.
einer Rückkopplung, zwischen Sender und Empfänger. Wir
müssen daher die Struktur des Komplexen mit allen ihren Be-
stimmungen auf den Begriff der Kausalität anwenden und For-
men semizyklischer Kausalität definieren. Für solch eine Theorie
der semizyklischen Kausalität eröffnen sich zahlreiche und viel-
fältige Anwendungsmöglichkeiten. Sie hat den Vorzug, daß sie
sowohl mit der logischen Irreversibilität der (logischen) Folge als
auch mit der zeitlichen Irreversibilität der (zeitlichen) Folge
bricht: Sender und Empfänger gleichermaßen, Wirkung und
Ursache zugleich.

6. Der Begriff der Verzögerung in der Kommunikation ist ein zentraler Begriff, den wir an
anderer Stelle noch gesondert entwickeln werden.
7. Ein Kommunikationsfluß kann im übrigen auch transitiv oder intransitiv sein.

22 23
STRUKTUR UND ÜBERNAHME:
VON DER MATHEMATIK ZU DEN MYTHEN

Wir haben das unbestimmte Gefühl, daß sich der kulturelle


Horizont vor unseren Augen verändert. Wir träumen nicht mehr
dieselben Träume wie unsere unmittelbaren Vorfahren; wir den-
ken und schreiben nicht mehr wie sie. Das zwanzigste Jahrhun-
dert macht seine zweite Revolution durch, und die besteht, wenn
ich so sagen darf, in dem Bemühen, die erste kulturell zu
verdauen; doch das geht nicht ohne gewisse Unpäßlichkeiten ab.
Unser Jahrhundert hat bereits mehrere tiefgreifende Umwälzun-
gen in den wissenschaftlichen Grundauffassungen erlebt, und es
zeichnen sich weitere Revolutionen auf diesem Gebiet ab, die das
theoretische Universum ebenso plötzlich aus den Angeln heben
werden wie - mit einer der Trägheit geschuldeten Verzögerung -
die Welt der Praxis und der Technik. Wir bewohnen die Welt
nicht mehr in derselben Weise wie früher. Es ist kaum vorstell-
bar, daß dies ohne Auswirkungen auf unsere Sicht der Kultur
bleiben könnte. So wird denn allenthalben mit einem Gefühl ganz
neuer Dringlichkeit über die Kultur nachgedacht. Zu den beson-
deren Merkmalen dieses neuen Nachdenkens über die Kultur
gehört die kritische Verwendung eines Begriffes, der aus dem
Bereich wissenschaftlicher Theorien übernommen worden ist,
des Begriffs der Struktur. Nun seinerseits in dem Gefühl einer
gewissen Beunruhigung angesichts der massiven Verwendung
des Begriffs und angesichts der zahlreichen Wahnvorstellungen,
die daraus erwachsen - hier haben wir eine der Unpäßlichkeiten,
die mit der genannten Verdauung einhergehen -, kann man auch
den Versuch machen, ihm eine normative, kathartische und
reinigende Definition zu geben. Dann zeigt sich, daß der Begriff'
der Struktur keineswegs der geheimnisvolle Schlüssel ist, der alle
Türen öffnet, sondern ein methodisch klarer, abgegrenzter und
erhellender Begriff. So ist es denn möglich, die Schatten mit drei
Worten zu vertreiben.

25
Und wieder einmal müssen wir von Bachelard ausgehen, zugestehen können, daß die methodische Wahrheit der Romantik
einem der wenigen, die es verstanden haben, eine reine Form die Technik der symbolischen Analyse ist. Wenn das Problem der
aufzuzeigen und zugleich einem gewichtigen kulturellen Inhalt Klassik die Frage nach der Wahrheit und das Betätigungsfeld
Sinn zu verleihen. Doch in der Zweiteilung seines Werkes hat er dieses Problems die Vernunft ist, dann liegt das Problem der
die beiden Projekte voneinander getrennt, hat er beide in einem Romantik in der Frage nach dem Sinn und ihr Betätigungsfeld in
polemischen Verhältnis zueinander gehalten, als wäre die Lust, der historischen Gesamtheit der menschlichen Einstellungen.
die das eine bietet, die Entbindung von den Freuden, die das Der methodische Horizont der Klassik ist dann der Horizont der
andere schenkt (und umgekehrt). Und ganz so, als bliebe die Ordnung (der Deduktionen, der Themen, der Bedingungen
Arbeit der Entbindung von der Form stets unvollendet, inchoativ usw.), den methodischen Horizont der Romantik bilden dagegen
und approximativ (hier liegt der eigentliche »Zugang« zu seiner die Symbole. Will man dem Ideal der Ordnung treu bleiben, ist es
Philosophie), bleibt seine Epistemologie eher impressionistisch notwendig und hinreichend, daß ein Modell existiert, in dem die
als einheitlich, und seine literarische Kritik bleibt eher Symbolen ideale Ordnung vollkommen verwirklicht ist; dieses Modell
und Archetypen verhaftet denn formalistisch. So läßt sich denn liefern die exakten Wissenschaften. Die mathematische Ord-
die heutige Idee der Kritik recht leicht als ein Grenzübergang nung, die der exakten Wissenschaften usw., war der Archetyp
bezüglich der Bachelardschen Nichtvollendung definieren. der klassischen Methode, den es nachzuahmen galt; Archetyp
Wir wollen einen Augenblick bei diesen ersten Begriffen meint hier ein ausgezeichnetes Modell. Sobald man nun aber das
innehalten. Man wird uns ohne allzugroße Gefahren zugestehen Feld der Fragen erweitert und die Dunkelheit des Sinnes als
können, daß dort von Klassik die Rede sein darf, wo die Kultur solche angenommen werden muß, verliert der Bezugsarchetyp
zugunsten der Vernunft ausgeschlossen, wo der Sinn zugunsten seine Angemessenheit. Der Bereich des Sinnes ahmt kei~en
der Wahrheit ignoriert wird (und zwar in solchem Maße, daß man strengen, geordneten Archetyp und kein Modell nach, das von
lieber die Vernunft geringschätzt, als daß man einem kulturellen Geburt an das Siegel der reinen Vernunft trüge. Dann gilt es, im
Inhalt irgendeine rationale Bedeutung zugestünde, wie man es Bereich des Sinnes selbst einen Archetyp auszuwählen und das
etwa bei Pascal beobachten kann). Aufgrund der Generalisierung ganze Wesen des analysierten kulturellen Inhalts auf dieses
der klassischen Wahrheitsidee und aufgrund der Zulassung des Modell zu projizieren. Statt sich auf ein ideales Modell zu
Sinnbegriffs ist die Romantik ein Versuch, kulturelle Inhalte als beziehen, das als normativer Richtpunkt dient, gilt es nun,
solche zu würdigen und zu fördern; damit initiiert die Romantik innerhalb des analysierten Feldes ein konkretes Modell zu kon-
jenes Projekt, an dem wir heute noch arbeiten und das darin struieren und sich eher auf dessen Inhalt als auf dessen Ordnung
besteht, die Vielfalt der Bedeutungen zu begreifen und sämtliche zu beziehen. Der Inhalt ahmt nicht mehr ein ideales Modell nach ,
Sprachen zu entschlüsseln, die nicht im strengen Sinne die sondern wiederholt Inhalt für Inhalt ein konkretes universelles
Sprache der reinen Vernunft sind. Symbol. Damit sind die Symbole vom Himmel auf die Erde;-
Um dieses Projekt erfolgreich angehen zu können, mußte die herabgestiegen - wenn auch nicht ganz, denn sie sind nur vom
Romantik sich eine Methode schaffen, wie die Klassik sie in ihrer Himmel der Ideen oder aus der Geschichte der Mythen 1 auf die
Suche nach Wahrheit besaß. Wenn man uns erlaubt, rasch
weiterzugehen und uns nicht mit nebensächlichen Präzisierungen 1. Woraus man ersieht, daß aus dem Reinen das Mythische wird, wobei letzteres zugleich
aufzuhalten, so wird man gleichfalls ohne allzugroße Gefahren universell und singulär ist.

26 27
Erde herabgestiegen. In diesem Sinne sind die Analysetechniken angeht, wechselt der Bezugsbereich vom Rationalen zur Gesamt-
bei Hegel, Nietzsehe und Freud symbolisch und archetypisch; die heit der Bedeutungsfunktionen.
einzige Frage ist, wo man den Archetyp hernehmen, aus welcher Diese knappe Analyse zeigt die Begriffe, mit denen wir bis
Symbolgesamtheit man ihn auswählen soll. Im allgemeinen gestern noch gelebt haben: Problem des Sinnes und des Zei-
entnahmen die symbolischen Analysen des neunzehnten Jahr- chens, Symbolik und Sprachen, Archetypen und Geschichte,
hunderts ihre Modelle der mythischen Geschichte; ApolI, Diony- Verständnis dunkler kultureller Inhalte, Faszination des Ur-
sos, Ariadne, Zarathustra, Elektra, Ödipus usw. repräsentieren sprungs und des Ursprünglichen und so weiter. Hervorzuheben
in erster Linie (das heißt: symbolisieren) das gesamte Wesen ist indessen die Variation der gewählten Modelle. Was man
eines kulturellen Bedeutungsgehalts. 2 Die Bedeutung dieses In- damals nicht wußte, ist uns inzwischen so hell und klar wie
halts ist verstanden und erlaßt, sobald man zeigen kann, daß er tausend Sonnen aufgegangen: Wenn wir unsere Probleme vari-
den betreffenden Archetyp wiederaufnimmt, ihn wiederholt und ieren, dann variieren wir unsere Bezugsgrundlage. Die symboli-
aufs neue verwirklicht, daß er ihn vom Mythos in Geschichte, sche Analyse der Romantik ist durchaus kein methodisches
vom Ewigen ins Evolutionäre überführt. Zwischen dem Inhalt Wunder ursprünglichen Charakters, sondern lediglich eine
und seinem Symbol besteht eine sinngleiche Korrespondenz, und Etappe im Verlaufe einer Variation. Wenn wir die Frage nach
diese Korrespondenz bringt die Geschichte oder die ewige Wie- der Wahrheit stellen, haben wir als letzte Leitlinie nur die
derkehr hervor, so daß die Technik der symbolischen Analyse Mathematik; stellen wir die Frage nach der Erfahrung, so blei-
mit dem Begriff der Geschichte verbunden ist; umgekehrt gehen ben uns nur die Mechanik, die Physik oder die Naturphiloso-
die historischen Typologien aus der Gesamtheit der gewählten phie; und stellen wir schließlich die Frage nach der Bedeutung
Archetypen hervor. Daraus wird klar, was die symbolische der Kulturen, so haben wir nur die Gesamtheit der Archetypen,
Analyse bedeutet: die Projektion eines dichten Sinnes auf einen die uns das Gedächtnis der Menschheit aus unvordenklichen
einzigen kompakten Archetyp, der seinerseits in einen möglichst Zeiten überliefert hat. Charakter und Funktion des Modells
weit zurückliegenden (möglichst archaischen) historischen Ur- variieren, aber was uns interessiert, ist die Variation.
sprung zurückverlegt wird. Die Gesamtheit der ausgewählten Man möge mir diese Verkürzung verzeihen, aber es handelt
Modelle ist dann die mythische Geschichte, denn der Mythos ist sich um Bachelard. Betrachtet man diese Entwicklung, so ist
nicht nur Symbol, er ist der erste Ursprung. Im Übergang von der seine literarische Kritik noch ein Moment dieser Variation, aber
Klassik zur Romantik wechselt der Begriff des Modells vom sie ist das letzte Moment. In diesem Sinne ist Bachelard der letzte
Hellen ins Dunkle (im Bereich der Probleme heißt das: vom symbolische Analytiker, der letzte Vertreter einer »romanti-
Wahren zum Sinnhaften), vom Normativen zum Symbolischen, schen« Kritik. Und dies aus dem elementaren Grunde, daß er die
vom Transzendenten zum Ursprünglichen. 3 Was den Menschen letzte Variationsmöglichkeit bei der Auswahl der Bezugsarche-

2. Die symbolische Analyse lädt dazu ein, die Geschichte (im weitesten Sinne) durch die in der klassischen Zeit ein Philosoph wie Leibniz bereits diesen Übergang von der
Gesamtheit der mythologischen Archetypen zu begreifen. Wenn man den Abstand dieser Wahrheit zum Sinn, vom Hellen ins Dunkle, vom Normativen zum Symbolischen, vom
Symbole von ihrer geschichtlichen Bedeutung mäße, so sähe man, daß dieser Abstand in Transzendenten zum Ursprünglichen. Bei ihm findet man daher eine klassische Methode,
dem Maße abnimmt, wie die symbolische Analyse an Feinheit und Genauigkeit gewinnt. eine symbolische Methode und - sogar bereits - eine strukturale Methode. Er bleibt der
Im Grenzfall gelangt man dann zu der Technik von G. Dumezil, für den eine bestimmte Klassik verhaftet, aber er interessiert sich auch für kulturelle Inhalte (Literatur, Ge-
Geschichte nichts anderes als der Mythos selbst ist. schichte, Philologie usw.). Er bewahrt das Ideal der Klarheit und der Unterscheidung,
3. Natürlich wären diese allzu globalen Bemerkungen noch zu präzisieren. So praktiziert aber er hat den Wunsch, auch das Dunkle als solches anzunehmen.

28 29
typen realisiert hat. Bei ihm erleben wir, daß Erde, Feuer, Luft ist er der erste Neoklassiker).6 So wechselt Bachelard die Sym-
und Wasser an die Stelle von Apoll oder Ödipus treten, daß die bole, aber er bleibt Symbolist in der großen Tradition des
Elemente als Archetyp an die Stelle des Heroen-Archetyps treten; neunzehnten Jahrhunderts.
und wenn Empedokles oder Ophelia dennoch gelegentlich in Wie der Symbolist des neunzehnten Jahrhunderts Archetypen
seinen Schriften auftauchen, dann stets in untergeordneter Funk- gebar, so versucht unser Symbolist, inzwischen zum Formalisten
tion: Empedokles ist lediglich eine Spezies der Gattung Feuer, geworden, Strukturen zu gebären. Im ersten Fall ist das Modell
Ophelia eine Spezies der Gattung Wasser. Die von der mythi- das Wesen (es realisiert das Wesen in hervorragender Weise); im
schen Geschichte hervorgebrachte Typologie ist der von der zweiten Fall ist es das Paradigma (es realisiert die Struktur in
mythischen Naturgeschichte hervorgebrachten Typologie unter- exemplarischer Weise). Im ersten Fall ist das Modell primär, im
geordnet4 , einer neuen Gesamtheit, der Bachelard seine Archety- zweiten dagegen sekundär; entweder ist es die Referenz, die
pen entnimmt. Und in einem blendenden Kurzschluß wird diese erklärt oder vielmehr verstehen läßt, oder es bildet das Objekt,
Auswahlgrundlage (nach einem chiasmenförmigen Diagramm) das erklärt wird. Um vom Symbolismus zum Formalismus, das
in einer Psychoanalyse der objektiven Erkenntnis zum Her- heißt vom Modell als Ziel und Zweck der Methode zum Modell
kunftsort der klaren wissenschaftlichen Modelle und zugleich in als Problem zu gelangen, muß man sich davon ~berzeugen, daß
einer Psychoanalyse der sinnhaften materiellen Vorstellungskraft die Variation jener Gesamtheiten, aus denen man symbolische
zum Herkunftsort der kulturellen symbolischen Archetypen er- Archetypen entnehmen kann, erschöpft ist. Um zu dem Ent-
klärt. 5 Es gibt demnach zwei Gründe, weshalb die Variation an schluß zu gelangen, jedes Symbol seines Sinnes zu entleeren und
ihr Ende gelangt ist; zunächst weil Bachelard seine Archetypen zum Formalen überzugehen, muß man sich davon überzeugen,
dem letzten Mythos der letzten Wissenschaft entnommen hat daß die Welt der Symbole erschöpfend durchlaufen worden ist.
(darum ist er der letzte Romantiker); und sodann weil er in einem Genau in diesem Sinne bezeichnen wir Bachelard als den letzten
waghalsigen Zusammenschluß die Klarheit der zu entbindenden Symbolisten: Die Gesamtheit, der er seine Archetypen ent-
Form mit der Dichte des zu verstehenden Inhalts vereint (darum nimmt, ist das Ganze der Natur, für das eine Erweiterung nicht
vorstellbar ist, und das Ursprüngliche der Natur, dem nichts als
4. Diese Geschichte ist noch ursprünglicher als jene, die von der Herkunft der Götter und vorausliegend vorgestellt werden kann. Er ist der letzte »Psycho-
Heroen berichtet.
5. Dieser Kurzschluß erklärt auf unerwartete Weise, weshalb Bachelard anders als analytiker«, wenn er eine generalisierte (und keiner weiteren
Baudelaire niemals von künstlichen Träumen spricht, weshalb er keine Bücher mit dem Generalisierung fähige) Psychoanalyse schreibt, in der das Kör-
Titel Das Haschisch und die Träume oder Der Betel und die Träume geschrieben hat,
denn Opium, Mohn, Tollkirsche oder Meskalin sind Stoffe einer Chemie, die weder
per-Unbewußte durch das Natur-Unbewußte ersetzt wird, in der
mythisch noch archetypisch ist. Einer falschen (und ursprünglichen) Alchimie entspre- die mythische Geschichte der Welt an die Stelle der mythischen
chen die wahren Träume; einer wahren (und akmellen) Chemie entsprechen die falschen Geschichte des Menschen tritt und diese beherrscht, das heißt
Bilder - man denke nur an Sartre. Und so kann denn der Sokrates der Geburt der Tragödie
nicht der historische Sokrates sein: Die symbolische Analyse bedarf eines mythischen wenn er eine Physioanalyse schreibt. Und da in dieser Physioana- .
Sokrates, wenn sie in der Wahrheit bleiben soll. Dieses Ergebnis ist von absoluter
Allgemeingültigkeit. Sollte die Wahrheit der Seele das Falsche des Geistes sein und
umgekehrt? Das wäre eine Erklärung für die heimliche Verbindung zwischen symboli- 6. Es gibt noch einen dritten Grund: Kein Mythos liegt dem Mythos der vier Elemente
scher Methode und Irrationalismus in der romantischen Philosophie. Oder um das voraus. Jenseits dessen gibt es nichts mehr, was als Ursprungsmythos dienen könnte. So
Paradoxon ein wenig abzuschwächen: Die Wahrheit des Menschen wohnt an den Rändern wird es von Hesiod oder Aristophanes erzählt. Das Ursprüngliche der Weltentstehung
der Vernunft (diese Grenze, im zeitlichen Sinne verstanden, ist Ursprung, im logischen liegt dem Ursprünglichen der Geschichte voraus. Jenseits dessen gibt es keinen verstehba-
Sinne verstanden, ist sie Dunkelheit). ren Mythos mehr. Jegliche Mythologie ist einer Kosmogonie untergeordnet.

30 31
lyse sämtliche vorangegangenen Versuche zusammenfließen: heit entnommen sind, für die es kein Analogon mehr gibt. Nach
Psychoanalyse, Sozioanalyse usw., braucht er nur noch - oder ihm ist deshalb die Variation abgeschlossen, die symbolische
wieder, aber in einem neuen Sinne - Logoanalytiker zu werden. Analyse ist vollendet, das heißt beendet. Das bedeutet zugleich
Nicht anders definiert sich auch unsere heutige strukturale Me- das Ende des romantischen Ideals, durch Schließung des Feldes
thode als Logoanalyse . vorstellbarer Symbole und durch eine nicht mehr zu überbietende
Aufladung der Archetypen mit Sinn. Danach bleibt nur noch eine
Jede methodische oder kritische Frage dreht sich seither um Analyse oder Kritik, die das Gegenteil der symbolischen Analyse
den Begriff des Sinns und, wenn ich so sagen darf, um dessen darstellt und darin besteht, die Form von jeglichem Sinn zu
Quantifizierung. Nehmen wir irgendeine Form, der wir eine entleeren, sie jeden erdenklichen Sinnes zu entledigen, das heißt,
methodische Funktion beilegen wollen. Und nehmen wir an, daß sie formal zu denken, und das heißt wiederum, von der ideographi-
wir sie mit Sinn erfüllen, daß wir sie mit Bedeutungen aufladen schen Schrift der symbolischen Analyse zur abstrakten Sprache
und überladen, mit materiellen, historischen, menschlichen, der strukturalen Analyse überzugehen. Erstaunlicherweise zeigt
existenziellen Bedeutungen, bis hin zur reinen Singularität. Dann sich also, daß man mit Sinnproblemen am besten zurande kommt,
wird diese Form zum Archetyp, das heißt zur Bezugsgrundlage wenn man die Form von ihrem Sinn entleert.
für eine symbolische Analyse: Die Sprache des Sinnes hat als Damit haben wir in der Tat das Ende einer Epoche erreicht. Wir
Ausdrücke ausschließlich Archetypen, die Sprache des Sinnes werden nun nicht mehr Sternbilder an den Himmel zeichnen,
spricht allein in Ideogrammen; man kann sie nicht mit Buchsta- deren dunkle Klarheit den Menschen sagte, was sie sind. Bache-
ben ausdrücken, die hinsichtlich ihres Inhalts oder ihrer mög- lard hat auch hier den Schlußstein gesetzt, und unsere Welt ist
lichen Beziehungen undefiniert sind, man kann nur synthetische fertig. Doch welche Weltbeginntnun?We1cheMorgenröte bringt
Gemälde davon anfertigen, überladene Bilder. Je mehr eine jene symbolischen Gewebe, den Stier, Argo, den Schwan und den
Form symbolischen Charakter annimmt, desto schwieriger wird Großen Bären, zum Verschwinden?
es, sie formal zu denken. Der Archetyp ist durch ein Maximum
an Bedeutungsüberladung gekennzeichnet, ganz gleich ob es sich Kehren wir zu Bachelard zurück. Er hat sein Leben damit
dabei um Gott, um Heroen oder um die Elemente handelt (Ödipus zugebracht, einen neuen wissenschaftlichen Geist und eine neue
- ein Eigenname, der zur Gattungsbezeichnung wurde - ist ein Kritik zu definieren. Und er hat versucht, ein neues Gleichgewicht
Ideogramm, das es ermöglicht, die sprachlose Sprache des Unbe- zwischen diesen beiden Projekten herzustellen , die von nun an und
wußten zu sprechen), und das muß so sein, wenn die symbolische dank seiner unauflösbar miteinander verbunden sind. Diese
Analyse darin die Totalität eines in hervorragender Weise reali- Lektion kann nicht wieder vergessen werden: Historisch ist sie von
sierten Wesens finden soll. Der Archetyp ist eine mit Sinn überragender Bedeutung, denn sie eröffnet eine neue Klassik, in
gesättigte Form. Nun scheint uns Bachelard den Finger auf der die Vernunft den kulturellen Inhalten nicht mehr den Rücken"
Archetypen gelegt zu haben, die mit Sinn geradezu übersättigt kehrt, in der sie nicht mehr versucht, diese kulturellen Inhalte über
sind (ihr Bedeutungsgehalt erreicht ein nicht zu überbietendes symbolische Archetypen zu verstehen, sondern unmittelbar, mit
Maximum), auf Archetypen, die in der mythischen Gesamtheit ihren ureigensten Mitteln, und in der sie sich bemüht, in der Masse
als mythisch oder symbolisch primär dastehen, das heißt, denen der kulturellen Inhalte strenge Strukturen aufzuzeigen. Deshalb
kein anderer Archetyp vorausliegen kann und die einer Gesamt- haben wir von Logoanalyse gesprochen.

32 33
Nun, da Bachelard tot ist, geht die Wissenschaft ihren Weg, Gueroult, bei dem diese Idee eine weniger eng umgrenzte und
und die Kulturanalyse geht den ihren, doch beider Schicksale weniger methodische Rolle spielt, mit Ausnahme vielleicht sei-
sind jetzt verbunden. Und obwohl diese Wege, genau besehen, ner Arbeiten über Descartes, in denen sich tatsächlich eine
nicht als Bachelardisch zu bezeichnen sind (was ihm durchaus Struktur isolieren läßt.
recht wäre), bleibt es dennoch bei dem Zusammenfluß von Wir sehen nun, was mit Übertragung gemeint ist. Ein metho-
Formalem und Kulturellem, den er dunkel vorgezeichnet oder, dologisches Konzept, das in einem bestimmten Bereich klar und
wenn man so will, handelnd verwirklicht hatte. Nun, da Bache- präzise definiert ist und dort erfolgreich eingesetzt wird (Metho-
lard tot ist, bleibt ein Neuer neuer wissenschaftlicher Geist zu den können und dürfen nur an ihren Früchten gemessen werden),
schreiben, der die fortwährende mathematische Revolution be- gelangt nun auch in anderen Bereichen des Wissens oder der
rücksichtigt, die man wenig treffend mit dem Namen modeme Kritik usw. zur Anwendung. Das galt bereits für den methodolo-
Mathematik belegt hat, wie auch die Fortschritte in den übrigen gischen Begriff des Symbols: Die symbolische Analyse war zwar
exakten Wissenschaften; das ist noch zu leisten. Es bleibt die das Werk der von uns so genannten romantischen Kritik, doch im
Aufgabe, eine Neue neue Kritik zu schreiben, und das geschieht ganzen neunzehnten Jahrhundert praktizierten Naturwissen-
bereits. Es geschieht mit einigem Unbehagen, und dies aus dem schaftler, Mathematiker, Physiker usw. diese Art von Denken:
einfachen Grunde, weil die zugehörige Epistemologie erst noch symbolischer Kalkül, physikalische Modelle, ökonomische Mo-
zu schaffen ist. Mit der Folge, daß diese neue Klassik, die der delle usw. In seinem Buch L'(Eil et l' esprit hat Merleau-Ponty
Feinheit der Geometrie und der Geometrien der Feinheit, jene, diese Art von Übernahme methodologischer Verfahren andeu-
die bis an die Grenze des bei Bachelard Unerreichten, der tungsweise skizziert, aber er nimmt ihr viel von ihrer Allgemein-
Entbindung von der Form, zu gehen versucht; jene, die den Sinn gültigkeit, indem er die Mode als Motiv vorschiebt und nur auf
wieder in die Vernunft integrieren möchte, indem sie sich von der das wenig aussagekräftige Beispiel des Gradienten verweist.
Dichte der Symbole befreit; die den kulturellen Inhalten wieder Tatsächlich kann nur dann von einer Mode die Rede sein, wenn
eine feine syntaktische Architektonik verleihen will - mit der im Laufe der aufeinanderfolgenden Übernahmen ein Entropiege-
Folge also, daß diese neue Klassik sich sehr schwertut, weil es ihr setz zum Zuge kommt und zu irgendeinem Zeitpunkt in dieser
an einer klaren Vorstellung und einer präzisen Bewertung jenes .Folge das Konzept in seiner strengen Bedeutung im Teil wie im
methodischen Begriffs der zu gebärenden, zu isolierenden Form, Ganzen verloren gegangen ist; wenn man es nur noch vom
Hörensagen kennt, ganz wie ein Kind die Worte der Erwachse-
kurz: der Struktur, gebricht.
Um klar und präzise zu bleiben, genügt es, jede Abweichung nen ausprobiert. Will man dieser fortschreitenden Verdunklung,
und Mehrdeutigkeit zu vermeiden, wenn man die Idee der diesem wachsenden Rauschen entgehen, muß man die Informa-
Struktur aus den naturwissenschaftlichen Theorien in den Be- tionskette, die dieser Übernahmevorgang darstellt, bis zu seiner
reich der Kulturkritik überträgt. In der Algebra etwa hat diese Quelle zurückverfolgen, das heißt bis zu dem Punkt, wo der'-
Idee nichts Geheimnisvolles an sich, und wenn Levi-Strauss sie Inhalt des Konzepts noch die größte Wahrheitstreue besitzt. 7
in die Anthropologie oder Dumezil sie in die Religionsgeschichte
7. Eine Informationskette zurückverfolgen, um dem fortschreitenden Schwund des
einführt, dann geschieht das ohne jede Verzerrung oder Verdun- Informationsgehalts zu entgehen, dieses Verfahren ist auch charakteristisch für das, was
kelung: Ihre Analysen sind in einem authentischen Sinne struk- man den historischen Zweifel nennen könnte. Die Forderung, zu den Quellen zurückzu-
turalen Charakters. Weniger gilt das zum Beispiel schon für gehen, das Ideal des Historikers wie des Kritikers, hat eine Implikation, mit der sich

35
34
Dieser Punkt ist im übrigen nicht grundsätzlich im voraus be- kodifizierte Bedeutung gegeben haben, die den Neuigkeitswert
stimmt; es gibt nicht den einen Pol, von dem aus alle Wahrheit in seiner Verwendung in den heutigen Methoden ausmacht. Tat-
alle Richtungen übertragen wird; das entspräche der klassischen sächlich wird der Begriff der Struktur seit dem siebzehnten
Vorstellung, die sich auf die Vorrangstellung einer Wissenschaft Jahrhundert in seiner lateinischen Bedeutung benutzt, also im
stützte. Es liegt auf der Hand, daß dies in Zeiten eines epistemo- Sinne von Bau oder Architektur. Leibniz zum Beispiel spricht
logischen Pluralismus nicht mehr möglich ist. Im Falle unseres von der Struktur der Tiere und Pflanzen und meint damit den
Begriffs der Struktur ist dieser Punkt, wie wir gesehen haben, die allgemeinen Plan ihrer Organisation, die Umrisse, die architek-
Algebra. Das heißt nicht, daß die Mathematiker ihn als erste tonische Skizze ihres Baues. Struktur ist hier die Art und Weise,
benutzt hätten; sie waren nur die ersten, die ihm jene präzise und wie etwas gebaut ist, die räumliche Anordnung der Glieder und

meines Wissens bisher noch niemand ausreichend befaßt hat, die Tatsache nämlich, daß sie urteilen gar nicht über die Idee als solche oder über deren Einbindung in den Rahmen
geschichtliche Inhalte, zum Beispiel eine Idee (was die Philosophiegeschichte betrifft), der Mode oder des Zeitgeistes. Vielmehr bringen sie näherungsweise eben jene Idee zum
sich verlieren, schwächer werden, zurücJifallen und sich vermischen kann. Der zeitliche Ausdruck (die selbst Ausdruck der geschichtlichen Verknüpfung des Denkens ist),
Vektor der Geschichte ist Träger der fortschreitenden Auflösung der Idee. Bei dieser wonach die Geschichte der Ideen die Geschichte der Ausbreitung, Weitergabe und
Auflösung handelt es sich nicht um ein einfaches und reines Vergessen (wie sollte man Kommunikation der Ideen ist (siehe G. Canguilhems Aufsatz in: Revue de l' enseignement
solch ein Vergessen definieren?), sondern um eine zunehmende Abschwächung der Idee superieur, 1961, Nr. 3, S. 6-15). Ausbreitung und Weitergabe bedeuten aber die Unter-
im Verlaufe aufeinanderfolgender Kommunikationen. Die Ideengeschichte ähnelt darin werfung unter die ehernen Gesetze der Kommunikation und des Informationsverlustes im
dem Telefon, bei dem die Nachricht beim Empfänger um so deformierter ankommt, je Verlaufe der Kette. Wie Borel gezeigt hat, sinkt die Wahrscheinlichkeit, daß sich nach n
länger die Kommunikationskette gewesen ist. (Damit läßt sich der Bachelardsche Begriff Generationen noch irgendein Chromosom eines Erzeugers im Erbgut seiner Nachkom-
der historischen Rekurrenz auch in der Sprache der Kommunikationstheorie ausdrücken; men wiederfindet, rasch gegen Null; der Beweis ist derselbe wie der Beweis für den
und die Bergsonsche Vorstellung einer Rückwärtsbewegung des Wahren läßt sich in der unvermeidlichen Ruin eines Spielers. Der Denker ist zugleich dieser Spieler und dieser
Sprache der Zufallsprozesse fassen, wodurch Geschichte von der Wahrscheinlichkeit zur Erzeuger; er gibt Elemente in die historische Kette, deren Verlust nach einer gewissen
Determination übergeht.) Das geschichtswissenschaftliche Ideal einer Rückkehr zu den Zeit absolut gewiß wäre, wenn der Historiker nicht eingriffe. Und so erscheint es als
Quellen läßt sich nur dann in einem strengen Sinne als rekurrente Rückverfolgung der geradezu mathematische Wahrheit, daß die Philosophie ohne ihre eigene Geschichte gar
Kommunikationskette begreifen, wenn man davon ausgeht: nicht existierte. Allgemeiner ausgedrückt, macht erst der Historiker die Kultur zu einer
1. daß es bei philosophischen Ideen im Verlaufe der Geschichte tatsächlich zu einem Schöpfung, die Bestand hat; die Geschichte ist die Insel der Negentropie in der Entropie
Informationsverlust kommt, daß diese Ideen einem Entropiegesetz unterliegen, daß also der Kultur. Ganz analog heißt wissen sich erinnern. Sokrates setzt den Sklavenjungen des
Wahrheit verloren gehen kann; Menon in unmittelbare Kommunikation mit dem Ursprung. Allgemeiner noch läßt die
2. daß die Geschichte folglich die Ideen nicht unverändert weitergibt; daß den Ideen Geschichte sich nach dem Modell des zufalls ge steuerten Mischens begreifen. Unablässig
vielmehr ihrem Wesen nach ein Stör- oder Rauschpotential innewohnt, welches die mischt Clio die Karten, in denen der Denker die Dreier und Full-houses gesondert hatte.
Übertragung philosophischer Botschaften beeinträchtigt. Dieses Rauschen zu bestimmen Der Historiker sucht in dem in Unordnung geratenen Spiel nach den vermischten Dreiern.
gehört zu den wichtigsten Aufgaben rekurrenter geschichtswissenschaftlicher Methoden, Der Historiker sucht die Ordnung in der gegenwärtigen Zufallsverteilung ; der Denker
die den Strom der Entropie in umgekehrter Richtung befahren wollen. Auch in der Kultur sucht sie in der zukünftigen Verteilung.
gibt es das Phänomen des Rauschens. So kann ein Denker einen anderen verdunkeln. Newton zum Beispiel hat als jenes
Daher kommt es - und nun in aller Strenge -, daß die Wissenschaftsgeschichte, insoweit Rauschen fungiert, das die Übertragung der Leibnizschen Botschaft verhindert hat, und
sie eine reine Geschichte der Wahrheit (und nichts anderes als eine Geschichte der Descartes als das Rauschen, das uns das Mittelalter verdunkelt, usw. Der Historiker kann
Wahrheit) ist, nur eine rekurrente Geschichte sein kann und daß jedes Stadium dieser einen Gedanken demnach alternativ als Ordnung oder als Rauschen begreifen.
Geschichte sich innerhalb der Kommunikationskette stets in der größtmöglichen Nähe zu So kann der Denker nur eine tragische Sicht der Geschichte haben: das Durcheinander
deren Quelle befindet. Es ist eine geschlossene Geschichte ohne jedes Rauschen. des Vergessens, das Zufallsgemisch der Idee; und der Historiker eine mutige Sicht: die
Während Perikles und Clemenceau unendlich weit voneinander entfernt sind, ist Thales Teile der in tausend Stücke zerborstenen und von den Sanden der Sintflut zugedeckten
einer der nächsten Nachbarn Poincares; genau das meint die Anamnesis des Menon. Idee wieder einzusammeln.
All das macht die qualitativen Vorstellungen des Alterns, des Veraltens und des Verlustes In unserem Falle geht es um eine ähnliche Idee, die sich allerdings nicht auf die
einer Idee verständlich. Diese Vorstellungen besagen nicht unbedingt, eine Idee sterbe, Geschichte als solche bezieht, sondern auf eine oft ahistorische Übertragung von
weil sie in sich selbst unvollständig oder von mangelnder Strenge oder allzusehr von Konzepten aus einem Problernfeld in ein anderes. Unser Ziel ist es, wieder eine direkte
Umständen bestimmt gewesen sei, die raschem Wandel und Umsturz unterworfen waren; Kommunikation zwischen der Kritik und der präzisen Idee der Struktur herzustellen.

36 37
Organe. Wenn man die neue Bedeutung des Ausdrucks vergißt, Singuläres wird hier zum Modell erhoben, indem man es seman-
fällt man sehr schnell in diese alte Bedeutung zurück. So benutzt tisch auffüllt und mit Sinn überlädt. Und genau das heißt symbo-
nach Gueroult die technische Systemanalyse den Ausdruck lisieren: präzise Korrespondenzen zwischen einem einzelnen
Struktur gewöhnlich in dieser.ßedeutung. 8 In einem abstrakteren Zeichen und einem semantischen Inhalt herzustellen. Formalisie-
Sinne verwendet man den Ausdruck Struktur, um die Gesamtheit rung dagegen hat mit dieser Methode nichts gemein.
der Organisationsgesetze eines Phänomens zu bezeichnen (das Die klassische Mathematik war grundsätzlich symbolisch
gilt zum Beispiel für die Ökonomen Ende des neunzehnten Gedes Zeichen verweist auf eine festumrissene Bedeutung), die
Jahrhunderts). Und auch hier fällt man leicht wieder in diese modeme Mathematik ist formal. In formalen Systemen befaßt
Bedeutung oder sogar in gänzlich unbestimmte Verwendungswei- man sich niemals mit Sinn, man verweist weder explizit noch
sen zurück, wenn man nicht auf die von der Algebra vorgegebene implizit auf irgendwelche Bedeutungsgehalte. Man untersucht
Bedeutung zurückgeht. Die räumliche Ausbreitung der Mode lediglich das wechselseitige Verhältnis zwischen korrekt gebil-
verläuft streng proportional zur Ausweitung der präzisen Bedeu- deten (undefinierten) Objekten, wobei zunächst einmal die Re-
tung. Es liegt auf der Hand, daß es recht gewagt ist, den Begriff der geln für die korrekte Bildung von Objekten festgelegt werden
Struktur in andere Bereiche als den der Biologie zu übertragen, müssen. Einerseits gibt es kein Symbol ohne eine ihm zugrun-
wenn er seine im siebzehnten Jahrhundert übliche Bedeutung deliegende Semantik, und eine symbolische Analyse ist jenes
behält. Tatsächlich lassen sich nur hochgradig formalisierte arbeitssparende Nachdenken über die Ordnung, das an die
Konzepte nach Belieben übertragen. Und genau deshalb eignet Stelle der (komplexen) Ordnung des Sinnes die (klare, einfa-
sich das neue Konzept der Struktur so gut zu einer Übertragung. che und schnell zu erfassende) Ordnung des Zeichens setzt.
Denn es ist durch und durch formal. Darum sind wir von der Doch die wahre Ordnung, auf der die gesamte Analyse beruht,
symbolischen Analyse ausgegangen. Symbole und Archetypen ist und bleibt die Ordnung des Sinnes. Die symbolische Ord-
verweisen nur deshalb auf einen Sinn und sind nur deshalb der nung sagt nichts Neues darüber aus, sie ermöglicht lediglich
Schlüssel zu einer Methode, weil sie ein präzises semantisches deren Lektüre. Im Gegenteil, ein Komplex formaler Begriffe
Feld abstecken. Die psychoanalytische Typologie ist eine Galerie besitzt keine zugrunde liegende Struktur; die wirkliche Ordnung
von' Symbolen, deren jedes auf ein klinisches Bild verweist, das ist die Ordnung dieser Begriffe selbst. Die symbolische Ana-
durch Bedeutungselemente definiert werden kann. Dasselbe gilt lyse besteht darin, Sinngehalte in Zeichen zu übersetzen, eine
für die Typologien von Nietzsche, Kierkegaard, Bachelard usw. Sprache zu kodieren und zu dekodieren. Eine formale Analyse
besteht darin, eine Sprache zu schaffen, die aus ihren eigenen
8. Hier lohnt vielleicht der Hinweis, daß Gueroults Methode vollkommen entsprochen Regeln hervorgeht; erst danach eröffnet sich die Möglichkeit,
würde, wenn es gelänge, eine Maschine zu bauen (Struktur-Technologie), die analog dem sie in Inhalte oder Modelle zu übersetzen. Entweder geht man
analysierten System funktionierte. Für seinen Descartes ist dies im Grenzfall möglich,
denn es ist recht leicht, dafür - wie überhaupt für den Cartesianismus - mechanische vom Sinn aus, oder man findet ihn (bzw. man erzeugt ihn).
Modelle anzugeben. (Einige solcher Modelle werden wir später noch vorschlagen und Der Begriff der Struktur ist also ein formaler Begriff. Und
unsere Argumentation direkt daran knüpfen.) Wer solch eine Reduktion skandalös findet,
dem sei gesagt, daß man bereits Maschinen vorgeschlagen hat, die wie Darwins System hier ist seine Definition, bei der wir all die Punkte hervorhe-
funktionieren. Die Idee ist nicht neu, und sie erscheint nur denen als Schändlichkeit, die ben, die gewöhnlich falsch verstanden werden: Eine Struktur
Verachtung für Maschinen hegen und nicht wissen, was sie sind, sein können und sein
müssen. Wie aufschlußreich ist es doch, daß die Philosophen der Technik nur dann
ist eine operationale Menge mit undefinierter Bedeutung (wäh-
Beachtung schenken, wenn sie prähistorischen Charakters ist. rend ein Archetyp eine konkrete Menge mit überdefinierter

38 39
Bedeutung ist), die beliebig viele, inhaltlich nicht spezifizierte Struktur besteht, und diese Struktur ist die operationale Inva-
Elemente und eine endliche Zahl von Relationen zusammen- riante, die sie'unabhängig von jedem Inhalt organisiert. Wenn
faßt, deren Natur nicht weiter spezifiziert ist, für die jedoch die man die Struktur als solche (Elemente und abstrakte Relationen)
Funktion und gewisse Auswirkungen auf die Elemente defi- erst einmal isoliert hat, ist es möglich, alle denkbaren Modelle,
niert sind. Wenn man nun die Elemente inhaltlich bestimmt die sie erzeugt, ausfindig zu machen, das heißt, es ist möglich,
und die Art der Relationen festlegt, erhält man ein Modell (ein eine kulturelle Entität zu konstruieren, indem man eine Form mit
Paradigma) dieser Struktur. Diese Struktur ist dann das for- Bedeutung füllt. Die Bedeutung ist hier nichts Vorgegebenes
male Analogon sämtlicher konkreten Modelle, die sie organi- mehr, dessen dunkle Sprache es zu verstehen gilt; sie ist vielmehr
siert. Modelle symbolisieren keinen Inhalt, sie »realisieren« das, was man zu der Struktur hinzugibt, damit ein Modell
eine Struktur. So und nicht anders lautet die klare und eindeu- entsteht. Die symbolische Analyse wurde gleichsam vom Sinn
tige Definition des Ausdrucks »Struktur«. Wir können die un- erdrückt; sie stellte sich unter den Sinn. Die strukturale Analyse
sinnigen Vorstellungen, die damit verbunden sind, nur verste- stellt sich darüber, sie beherrscht ihn, konstruiert ihn und gibt ihn
hen, wenn wir sie uns am Beispiel des Telefons klarmachen, vor. Deshalb sind ihre Typologien gleichgültig gegen die Bedeu-
das unser vom Hören-Sagen stammendes Wissen zunehmend tung, während die von der symbolischen Analyse hervorgebrach-
verzerrt. ten Typologien durch die Bedeutung bedingt waren. 9
Die Analyse eines kulturellen Inhalts, ob es sich dabei nun Sich vom Sinn befreien, ihn beherrschen und nicht nur aufneh-
um Gott, einen Tisch oder eine Waschschüssel handelt, ist men, um eine autochtone Sprache für ihn zu finden; eine Entität
dann und nur dann eine strukturale Analyse, wenn sie diesen aus einem formalen Analogon heraus erzeugen; die Kette der
Inhalt als Modell im oben beschriebenen Sinne erscheinen läßt, reinen Konsequenzen einer gegebenen Struktur entfalten und in
das heißt, wenn sie eine formale Menge von Elementen und einem bestimmten Stadium dieser Kette nach Belieben ein Mo-
Relationen isoliert, über die man reden kann, ohne sich auf die dell konstruieren - all das liefert eine präzise Definition der
Bedeutung des betreffenden Inhalts zu beziehen. Die struk- strukturalen Analyse. Ohne jeden Zweifel kann diese Methode
turale Analyse bringt ein neues Methodenverständnis hervor; auch in anderen Bereichen als der Mathematik angewendet
sie führt zu einer tiefgreifenden Revolution in der Frage nach werden; nichts spricht dagegen, sie in all jene Problemfelder zu
dem Sinn. An die Stelle der eindeutigen Beziehung zwischen übertragen, in denen bis zu Bachelard die symbolische Analyse
Symbol und Symbolisiertem (zwischen Sinngefäß und Sinnge- ihre Triumphe feierte, die historische, literarische und philoso-
halt) der romantischen Analyse setzt die strukturalistische Kri- phische Kritik.
tik die Pluralität der Beziehungen zwischen der (reinen, forma-
len, sinnentleerten) Struktur und ihren Modellen, deren jedes
9. Dieser Punkt ist von zentraler Bedeutung: Eine strukturale Analyse ist dann erfolgreiclJ._
mit einer besonderen Bedeutung gefüllt ist. Daraus resultiert und fruchtbar, wenn es ihr gelingt, von einer Form ausgehend ein Element der Kultur zu
eine ganz neue Fähigkeit zur Bildung von Klassifikationen und rekonstruieren. Das Verständnis, das die symbolische Analyse bot, war von der Art des
Wiedererkennens: Man stößt hier und dort auf Elektra oder Dionysos; man erkennt sie
Typologien. Anstelle von Familien, die sich auf der Grundlage wieder. Das Verständis, das eine strukturale Analyse bietet, muß von der Art einer
einer Bedeutungsähnlichkeit an den Archetyp knüpfen, erzeugt Rekonstruktion sein. Wenn ich ein Element der Kultur zu rekonstruieren vermag, bin ich
nicht mehr vom Mythos des Ursprünglichen fasziniert, denn ich erzeuge etwas. Eine
man nun Familien von Modellen mit unterschiedlichen Bedeu-
wirklich strukturale Analyse erkennt man - unter anderem - daran, daß es ihr gelingt,
tungsgehalten, deren Gemeinsamkeit in einer formal analogen ihren Gegenstand als ein Modell zu rekonstruieren.

40 41
Das Neue an dieser Methode liegt in der Tatsache, daß der der Ideengeschichte zu eröffnen scheint, obwohl sie gar nicht
Analytiker zum erstenmal seit der Zeit der Klassik wieder Ver- danach gesucht hat. Zunächst ist da die vereinheitlichende Kraft
trauen in das schöpft, was wir grob als Abstraktion bezeichnen dieses Denkens in einer Welt, die durch grenzenlosen Pluralis-
könnten. In diesem Sinne dürfen wir von einer neuen Klassik mus und regionale Komplexität gekennzeichnet ist. Doch das ist
sprechen. Bisher war es unmöglich, ein kulturelles Element zu noch nicht alles; im Vordergrund steht die Tatsache, daß die
verstehen, ohne es auf einen Komplex überladener mythischer abstrakte Vernunft auf subtile Weise wieder Einzug in einen
Konstellationen zu projizieren, die auf dunkle Weise ein Wesen, Bereich hält, aus dem sie seit nunmehr einem Jahrhundert weit-
einen Sinn, eine singuläre Entität, eine Geschichte und einen gehend verbannt war - weitgehend, das heißt in der Breite. Die
Ursprung umfaßte. Wollte man eine Sprache verstehen, die nicht Vernunft findet in der Tiefe zu dem zurück, was sie in der Breite
die Sprache der Vernunft war, gab es keine andere Möglichkeit, verloren hatte.
als all ihr Gestammel in einer kompakten Form zusammenzufas- Unsere Zeit scheint also Wahrheit und Sinn miteinander
sen, deren mythische Überexistenz Dauer zu gewährleisten versöhnen zu können - und gäbe damit Anlaß zu der bislang
schien. Die mythischen Symbole waren die uralten Erinnerungen unberechtigten Hoffnung, im selben Zuge das griechische Wun-
an die Entstehungszeit sämtlicher Sprachen. Durch die struk- der der Mathematik und die phantastische Blüte der griechischen
turale Analyse entdecken wir, daß die Vernunft auch in den Mythologie begreifen zu können. Es ist richtig, den Gestalten
Tiefenschichten solcher Gebilde anzutreffen ist, die nicht unmit- dieser anderen, dionysischen Welt undurchdringliche, dichte,
telbar von ihr hervorgebracht worden sind. In diesem Sinne habe dunkle Bedeutungen zu geben, in denen die menschliche Seele,
ich den Ausdruck Logoanalyse vorgeschlagen. Deren oberstes die Gefühle und das Schicksal des Menschen ihren Ausdruck
Ziel ist es, in einem scheinbar ungeordneten kulturellen Gebilde finden, denn hier handelt es sich um die Realität und die Bestim-
eine strenge Struktur aufzuzeigen, Schemata herauszuarbeiten, mung des Menschen, um seine Zeit und sein Unglück, all dies in
die der reinen Vernunft zugänglich sind und jenen Mythologien einem universellen Sinne verstanden. Aber sind diese Bedeutun-
zugrunde liegen, die bisher selbst als Grundlage der Kultur gen nur Symbole der Geschichte? Sind sie nicht auch in einem
angesehen wurden. Die symbolische Methode hat die Psycho- letzten Akt der Überladung , in ihrer allerletzten Determination
analyse hervorgebracht; der kritische Formalismus bringt die bedeutungstragende Modelle transparenter Strukturen, Modelle
Logoanalyse hervor. Die Logoanalyse sucht nach rationalen der Ordnung der Erkenntnis, des Verstandes und der Wissen-
(strukturellen) Schemata, wobei sie davon ausgeht, daß solche schaft? Es erscheint uns nicht unsinnig, untersuchen zu wollen,
Schemata unterhalb jener mythischen Komplexe liegen, die welches Paradigma ein mythisches Symbol, welches Schema
ihrerseits die symbolische Analyse trugen, indem sie ihr die eine Parabel enthält, das heißt, nach einer neuen Deutung der
Archetypen lieferten. Das klassische Denken vertraute auf eine Kultur zu suchen, einer Deutung, die sich an der reinen Ordnung
regionale Vernunft; die neue Kritik glaubt an eine generalisierte der Erkenntnis orientiert. Dieses Vorhaben ist durchaus nichf
Vernunft, die den Bereich des Sinnes in der oben beschriebenen unsinnig, wenn man bedenkt, welchen Formalisierungsgrad die
Weise in sich aufnimmt. neuen Methoden erreicht haben und welche komplexe Feinheit
den neuen kritischen Instrumenten eigen ist. Damit fänden dann
Über die bloße Methode hinaus liegt darin auch ein Verspre- die beiden Lehren des Bachelardschen Denkens zu ihrer Wahr-
chen: das Versprechen einer erstaunlichen Versöhnung, die sich heit, und das griechische Wunder fände zu einer neuen Einheit.

42 43
Die loganalytische Methode der neuen Klassik bezeichnet eine ERSTER TEIL
neue Verwandtschaft zwischen dem indeterminierten Abstrakten
und den mannigfaltigen Bedeutungsinhalten der menschlichen
Kultur.
VON DER MATHEMATISCHEN
KOMMUNIKATION ZUR
November 1961 .
MATHEMATIK DER
KOMMUNIKATION

44
Erstes Kapitel
Mathematik

DER PLATONISCHE DIALOG UND DIE


INTERSUBJEKTIVE GENESE DER ABSTRAKTION

Die Diskussion, die von den Logikern über den Begriff des
Symbols geführt worden ist, dürfte bekannt sein. 1 Wir wollen
hier nicht im einzelnen auf die unterschiedlichen Argumentatio-
nen der Realisten Hilbertscher Provenienz, der Nominalisten im
Gefolge Quines, der polnischen Schule usw. eingehen, sondern
nur einen Aspekt der Frage aufgreifen und ihm eine andere
Ausrichtung geben.

Wenn ich mit jemandem kommunizieren möchte, steht mir


dazu eine Reihe alter oder neuer Techniken zur Verfügung,
wobei uns für den Augenblick nicht interessieren soll, ob es sich
dabei um natürliche oder künstliche Techniken handelt; als
Beispiele seien hier genannt: Sprache und Schrift, Mittel zur
Speicherung, Übertragung und Vervielfältigung von Informa-
tion, Tonbandaufzeichnung, Telefon, Druck usw. Die Schrift ist
eine der einfachsten und reichhaltigsten Techniken, denn sie
gestattet es uns, Information zu speichern, zu übertragen und zu
vervielfältigen. Doch bevor wir uns diesen Aspekten zuwenden,
zu denen auch noch Fragen des Stils, des Aufbaus eines Textes.
und der Argumentation hinzukommen, geht es zunächst einmal
um die graphische Gestalt: Schrift ist in erster Linie eine Zeich-
nung, ein Ideogramm, eine durch Konvention festgelegte graphi-

1. Vergleiche Rager Martin, Logique contemporaine et formalisation, Paris 1964,


S.24-30.

47
sche Figur. Für den Augenblick werden wir davon ausgehen Kalligramm voraus, doch diese Bedingung ist eigentlich nie oder
können, daß schriftliche Kommunikation nur zwischen Personen fast nie erfüllt. 3 Das Kalligramm bewahrt die Form vo:r Zufällig-
möglich ist, die derselben Schrift mächtig sind2 , die in der Lage keiten aller Art: Wenn nun Logiker sich für die Form der
sind, eine Bedeutung mit Hilfe desselben Schlüssels zu kodieren Schriftzeichen interessieren, dann kann man sich auch für deren
und zu dekodieren. Pathologien, also die Kakographie, interessieren. Die Grapholo-
Betrachten wir eine geschriebene Nachricht an ihrer Quelle; gie ist die falsche Wissenschaft (oder die Scheinwissenschaft),
sie wird nur dann verstanden, sagen wir, wenn der Empfänger die sich mit den psychologischen Beweggründen der Kakogra-
den Schlüssel für die Zeichnung besitzt. Dies ist eine notwendige phie befaßt. Kann es eine reine Wissenschaft der Kakographie
Bedingung für den Empfang der Nachricht. Aber es gibt noch geben, das heißt eine reine Wissenschaft der Unreinheit?
eine weitere Bedingung, eine Anforderung an den Sender, die Kommunikationspathologien finden sich nicht nur in der
ebenso analysiert zu werden verdient, auch wenn sie nicht das Schrift, sondern auch in der gesprochenen Sprache, man denke
Wesen des Kommunikationsvorgangs, sondern lediglich dessen nur an Stottern und Stammeln, an regionale Akzente, an Dispho-
Umstände betrifft. Der Schreibende muß die Zeichnung so gut nie und Kakophonie. Und ebenso finden sie sich bei technischen
wie möglich ausführen. Was heißt das? Zunächst einmal, daß Kommunikationsmitteln: Hintergrundgeräusche, Flimmern,
jeder Schriftzug besondere Merkmale aufweist, die wesentlich Störungen aller Art, Rauschen, mangelnde Synchronisation; wie
sind und Bedeutung tragen: die (festgelegte) Form der Buchsta- für die Gesamtheit der Gedanken ist das Zufällige, das Hinter-
ben, die korrekte Abfolge der Buchstaben und der Worte (die grundrauschen, wesentliches Moment der Kommunikation.
durch die Regeln der Morphologie und der Syntax vorgeschrie-
ben ist), usw. Darüber hinaus weist jeder Schriftzug noch Merk- Im Anschluß an die naturwissenschaftliche Tradition wollen
male auf, die nicht wesentlich, sondern akzidentieller Natur sind, wir unter Rauschen die Gesamtheit jener Störungserscheinungen
die keine Bedeutung tragen und von Faktoren wie Geschicklich- verstehen, die die Kommunikation behindern. So ist die Kako-
keit oder Ungeschicklichkeit des Schreibenden, Kultur, Leiden- graphie das Rauschen des Schriftzugs oder eher noch: die Schrift
schaft, Krankheit und vielem anderen abhängen; Beispiele dafür enthält eine (wesentliche) Form und ein (wesentliches oder
sind unsicher oder falsch gesetzte Striche, orthographische Feh- akzidentielles) Rauschen. Wer schlecht schreibt, der taucht die
ler usw. Die erste Bedingung setzt ein Orthogramm und ein graphisch verschlüsselte Nachricht in solch ein Rauschen; er
behindert die Lektüre und macht den Leser zum Epigraphiker.
2. Es läßt sich leicht zeigen, daß kein Kommunikationsmittel für sich gesehen Universali-
tät beanspruchen kann; vielmehr sind sie sämtlich regionalen Charakters, das heißt, sie
Schreiben heißt, eine Form den Gefahren solcher Störungen
sind einer Sprache isomorph. Der Raum der sprachlichen Kommunikation (der den auszusetzen. Und mündlich kommunizieren heißt, einen Sinn
Prototyp jeglichen Kommunikationsraums bildet) ist nicht isotrop. Es gibt allerdings ein den Gefahren des Rauschens auszusetzen. Dieser Komplex von
Objekt, das den universellen Kommunikanten oder den universellen Kommunikationsge-
genstand darstellt, und das ist das technische Objekt im allgemeinen. Deshalb ist das erste Erscheinungen schien manchen Sprachtheoretikern4 so be deut.::.
Ausbreitungsphänomen, auf das wir an den Anfängen der Geschichte stoßen, die
Ausbreitung technischer Objekte: Ihr Kommunikationsraum ist isotrop. Eines sollte
indessen klar sein: Es handelt sich hier um eine Definition von Vorgeschichte. Die 3. Der erste Vorzug des Drucks liegt natürlich darin, daß er den Leser der Notwendigkeit
Geschichte beginnt mit der regionalen Sprache und dem anisotropen Kommunikations- enthebt, sich als Handschriftenentzifferer zu betätigen. Gedruckte Texte sind Kalli-
raum. So erklärt sich folgendes Dreistufengesetz: Isotropie der Technik, Anisotropie der gramme (wenn auch nicht unbedingt Orthogramme). Der zweite Vorzug des Drucks liegt
Sprache, Isotropie von Sprache und Technik. Die dritte Stufe dürfte schon bald erreicht in der Möglichkeit beliebig häufiger Vervielfältigung.
sein. 4. Zum Beispiel B. Mandelbrot und Roman Jakobson. Vergleiche Norbert Wiener, The

48 49
sam zu sein, daß sie im Blick darauf sogar unsere gewohnte jedoch wollen wir uns mit den Platonischen Dialogen befassen.
Auffassung vom Dialog einer Revision unterzogen. Eine Kom- Die mäeutische Methode vereint in der Tat den Fragenden und
munikation dieser Art ähnelt einem Spiel, das zwei als Verbün- den Antwortenden in der Arbeit des Gebärens . Die Dialektik
dete verstandene Gesprächspartner gemeinsam gegen die Phäno- stellt beide Gesprächspartner auf dieselbe Seite; gemeinsam
mene der Störung und Konfusion, ja eigentlich sogar gegen kämpfen sie für die Freisetzung einer Wahrheit, über die Eini-
Personen spielen, die ein Interesse daran haben, die Kommunika- gung zu erzielen den Zweck des ganzen Unternehmens darstellt,
tion zu stören. 5 Die beiden Gesprächspartner sind durchaus keine das heißt, sie kämpfen gemeinsam für das Gelingen der Kommu-
Opponenten, wie es der traditionellen Auffassung des dialekti- nikation. In gewisser Weise kämpfen sie dabei gemeinsam gegen
schen Spiels entspräche; vielmehr stehen beide auf derselben Störungen aller Art, gegen den Dämon, gegen den Dritten.
Seite und haben dieselben Interessen; gemeinsam kämpfen sie Dieser Kampf geht bekanntlich nicht immer glücklich aus. In den
gegen das Rauschen. Der Kakograph und der Epigraphiker, der aporetischen Dialogen tragen die Kräfte des Rauschens den Sieg
Kakophone und der Hörer tauschen im Dialog so häufig ihre davon, in anderen bleibt der Kampf unentschieden, woraus man
Rolle - wobei der Sender zum Empfänger und der Empfänger ersieht, welche Macht dieser Dritte besitzt. Nach und nach kehrt
zum Sender wird -, daß man in ihnen Verbündete sieht, die dann wieder Heiterkeit ein, wenn der Exorzismus endgültig (?)
vereint gegen einen gemeinsamen Feind vorgehen. Einen Dialog gelungen ist.
führen heißt einen Dritten setzen und ihn auszuschließen versu- Es würde den Rahmen dieser Untersuchung sprengen, wenn
chen. Gelungene Kommunikation ist der erfolgreiche Ausschluß wir dem Problem des Dritten in der Platonischen Dialektik
dieses Dritten. Das dialektische Grundproblem ist nicht das ausführlicher nachgehen wollten. Das würde uns zu weit von
Problem des Anderen, der ja lediglich eine Abart - oder eine unseren Prämissen wegführen, und es hat uns auch bereits recht
Variation - des Selben ist, sondern das Problem des dritten weit davon weggeführt. Wenngleich nicht so weit, wie es schei-
Menschen. Diesen Dritten haben wir an anderer Stelle den nen mag.
Dämon genannt, das personifizierte Rauschen.
Die hier beschriebene Konzeption des Dialogs läßt sich unmit- Kehren wir deshalb zur Logik und damit zur Schrift zurück.
telbar auf berühmte Philosopheme anwenden und eröffnet die Für den Logiker ist ein Symbol etwas Gezeichnetes, ein konkre-
Möglichkeit, ihnen ganz neue Bedeutungen abzugewinnen. So tes graphisches Zeichen, das ich mit Kreide an die Tafel male. 7
lassen sich etwa Descartes ' Meditationen nach diesen Prinzipien Dabei kann ein bestimmtes Symbol in einer Serie von Formeln
erklären: Descartes sucht darin nach dem Anderen, den er mit durchaus in mehreren Ausprägungen vorkommen. Die Mathe-
dem Selberi verbünden will, um den Dritten zu vertreiben. 6 Hier matiker stimmen ausnahmslos darin überein, in zwei oder meh-
reren Ausprägungen solch eines Symbols »ein und dasselbe«
Human Use of Human Beings, Kap. IV und V; dLMenseh und Mensehmasehine, Symbol zu erblicken. Und dennoch unterscheiden sich die einzel~'­
Frankfurt am Main 1952
5. Entsprechendes gilt für die geschriebene Kommunikation: Der Schreibende und der nen Ausprägungen voneinander durch ihre graphische Gestalt,
Leser verfolgen dieselben Interessen und Ziele; gemeinsam kämpfen sie gegen alles, was
die Kommunikation behindert: Flaschenpost. Ergebnis, daß Descartes' Text die Bedingungen der Möglichkeit physikalischer Erfah-
6. Diese Interpretation der Meditationen werden wir in Kürze veröffentlichen (siehe rung formuliert und daß er in diesem Sinne metaphysisch ist. Platons Texte hatten zuvor
HERMES IV. La distribution, Kapitel: »Le jeu du loup, II. Une fable de Descartes« die Bedingungen der Möglichkeit mathematischer Ideation geklärt.
S.95-104, demnächst deutsch, d. Ü.). Grob gesprochen kommen wir darin zu dem 7. Siehe R. Martin, op. eir., S. 26f.

50 51
durch unsicher oder falsch gesetzte Striche usw. Deshalb spricht langer Zeit, daß er sich nur wundem kann, wenn jemand diese
der Logiker nicht über das konkrete Zeichen, das hier und jetzt an Frage von neuem aufwirft. Er denkt in der Welt des »Wir« und in
der Tafel steht, sondern, wie Tarski sagt, über die Klasse von der Welt des Abstrakten, und beide Welten sil1;d isomorph,
Objekten, denen dieselbe Form eigen ist. Das Symbol ist danach vielleicht sogar identisch. Denn das Subjekt der abstrakten Ma-
eine abstrakte Entität, die durch das konkrete graphische Zeichen thematik ist das Wir einer idealen Republik - woraus sich
lediglich evoziert wird. Erkannt wird diese Entität sozusagen übrigens erklärt, weshalb Platon und Leibniz keine Idealisten
über die Homöomorphie der betreffenden graphischen Zeichen. waren; es ist das Wir einer Gemeinschaft, deren Kommunikation
Will man diese Entität erkennen, so setzt dies voraus, daß man durch maximale Rauschfreiheit gekennzeichnet ist. 8 Ganz allge-
die Form von dem unterscheidet, was ich oben als Kakographie mein ist Formalisierung ein Vorgang, bei dem man von einer
bezeichnet habe. Der Mathematiker sieht hier keinerlei Schwie- konkreten Denkweise zu einer oder mehreren abstrakten Formen
rigkeiten, und in der Regel erscheint es ihm überflüssig, über- übergeht, wobei man im selben Zuge das Rauschen in optimaler
haupt darüber zu diskutieren. Weise eliminiert. Formalisieren heißt erkennen, daß die Mathe-
Doch was der Mathematiker mit Ungeduld beiseite wischt, das matik jenes Reich ist, das nur das unausweichliche Mindestmaß
läßt den Philosophen stutzen, und er fragt sich, wie es denn um an Rauschen beherbergt, das Reich der beinahe vollkommenen
diese Frage bestellt wäre, wenn es keine Mathematik gäbe. Er Kommunikation, des manthanein, des ausgeschlossenen Dritten,
sieht, daß alle Mathematiker sich einig sind, durch die Variation in dem der Exorzismus des Dämons beinahe endgültig gelungen
der konkreten graphischen Zeichen hindurch dieselbe invariante ist. Gäbe es keine Mathematik, müßte man mit dem Exorzismus
Form zu erkennen. Er weiß aber wie jeder andere auch, daß kein von vorne anfangen.
konkretes graphisches Zeichen dem anderen vollkommen Die Beweisführung beginnt von vorn. In der Morgendämme-
gleicht; daß man auf die Frage, welches Gewicht der Form und rung der Logik, das heißt in den gleichermaßen historischen und
welches Gewicht der Kakographie in der Schrift zukommt, wohl logischen Anfängen der Logik, aber auch in den logischen
wird antworten müssen, daß dem Rauschen der größere Anteil Anfängen der Mathematik wiederholen Hilbert und andere den
·'!ti'"
zufällt, und manche werden sogar sagen, es sei der LöwenantelM. Platonischen Umgang mit den abstrakten Ideen, der zu den
Wenn er dann noch bedenkt, was oben bereits gesagt wurde, wird Voraussetzungen des griechischen Wunders in den - historischen
er zu dem Schluß gelangen, daß es ein und derselbe Akt ist, eine - Anfängen der Mathematik gehörte. Bei uns jedoch ist die
abstrakte Entität durch die konkreten Ausprägungen ihrer Erken- Diskussion verstümmelt, weil sie das unausweichliche Faktum,
nungsmerkmale hindurch zu erkennen und hinsichtlich dieses das die historische Existenz der Mathematik darstellt, nicht
Erkennens mit anderen Übereinstimmung zu erzielen. Diesen ausklammern kann. Bei Platon dagegen ist die Diskussion voll-
Sachverhalt können wir auch folgendermaßen ausdrücken: Der ständig und ganz; sie sorgt dafür, daß die Erkenntnis der abstrak-
Akt der Beseitigung der Kakographie, also der Versuch, das tenForm und das Problem des gelungenen Dialogs koexistieren."
Rauschen zu eliminieren, ist die Voraussetzung für das Erkennen Wenn ich »das Bett« sage, dann spreche ich nicht von diesem
der abstrakten Form und zugleich die Voraussetzung für das oder jenem, von meinem oder deinem Bett, vielmehr meine ich
Gelingen der Kommunikation. Der Mathematiker reagiert mit die Idee des Bettes; wenn ich ein Quadrat und dessen Diagonale
Ungeduld auf unsere Frage, weil er innerhalb einer Gemeinschaft
denkt, die das Rauschen bereits besiegt hat, und dies schon vor so 8. Der einzigen vielleicht, die es gibt, neben der Musik, wie Leibniz gerne sagte.

52 53
in den Sand zeichne, dann habe ich keineswegs die Absicht, über anderes Wort für gestern, heute und morgen und noch ein anderes
diese unsicher gezeichnete, unregelmäßige und ungenaue Figur Wort, je nachdem, ob du die Sache wahrnimmst oder ich, ob
dort im Sand zu sprechen, vielmehr meine ich damit die ideale einer von uns beiden gerade zornig oder verärgert ist und so
Form der Diagonalen und des Quadrats; ich eliminiere alles weiter und so fort, bis ins Unendliche. Treibt man den Empiris-
Empirische, nehme der Argumentation jede Stofflichkeit. Indem mus bis zu seiner letzten Konsequenz, so ist Sinn vollständig im
ich das tue, mache ich Wissenschaft möglich, sowohl was die Rauschen versunken; dann ist der Kommunikationsraum von
Strenge als auch was die Wahrheit angeht, aber auch was das körniger Beschaffenheit9 , und der Dialog ist zur Kakophonie
Universelle betrifft, das Universelle an sich. Indem ich das tue, verdammt: Die Weitergabe von Information ist ewiger Wandel.
beseitige ich alles, was die Form verdeckt: die Kakographie, den Das Empirische ist demnach im strengen Sinne das Rauschen,
Lärm und das Rauschen, und ich ermögliche eine Wissenschaft das zugleich wesentlich und akzidentiell ist. Der erste »Dritte«,
im Universellen für uns. Die mathematische Form ist zugleich den es auszuschließen gilt, ist der Empirist; das erste Dritte, das
eine Universalie an sich und eine Universalie für uns. Daraus ausgeschlossen werden muß, ist die Empirie; und dieser Dämon
ergibt sich, daß die erste Anstrengung, die Kommunikation ist der stärkste unter allen Dämonen; man braucht nur Augen und
innerhalb eines Dialogs gelingen zu lassen, und die Anstren- Ohren zu öffnen, um zu erkennen, daß er der Herr der Welt ist. 10
gung, eine Form unabhängig von ihren empirischen Realisierun- Damit ein Dialog möglich wird, müssen wir die Augen verschlie-
gen zu machen, isomorph sind. Die empirischen Realisierungen ßen vor der Schönheit der Sirenen und unsere Ohren verstopfen
sind die Dritten der Form, ihre Störungen und ihr Rauschen. Und vor ihrem Gesang. Im gleichen Zuge eliminieren wir das Gehör
eben weil es nicht gelang, dieses Rauschen zu unterdrücken, sind und das Rauschen, den Gesichtssinn und das stets mit Mängeln
die ersten Dialoge aporetisch. Die dialektische Methode der behaftete konkrete Zeichen; im gleichen Zuge erfassen wir die
Platonischen Dialoge hat ihren Ursprung in denselben Regionen Form und verstehen wir uns. Und deshalb mußte das griechische
wie die mathematische Methode, die im übrigen ja auch als Wunder, das der Mathematik, zur selben Zeit - zur selben
dialektisch bezeichnet wird. historischen, logischen und reflexiven Zeit - entstehen wie eine
Alles Empirische auszuschließen heißt, die Unterschiede und im Dialog gründende Philosophie des Dialogs.
die Vielfalt der Anderen auszuschließen, die das Selbe verdek- Die Verbindung, die eine - im Sinne der Kommunikation-
ken. Dies ist die erste Aktion der Mathematisierung und Formali- dialektische Methode im Platonismus mit einer fortschreitenden
sierung. In diesem Sinne verläuft der Diskurs der modemen
9. Wenn man dem Indiscernibilienprinzip beipflichtet, dann trifft es auch zu, daß die
Logiker bezüglich des Symbols ganz analog zu Platons Diskus-
Monaden einander weder hören noch verstehen, sie sind ohne Fenster oder Türen, eine
sion der in den Sand gemalten geometrischen Form: Es gilt, die Implikation, die Leibniz zwingend herausgearbeitet hat. Wenn Zenon recht hat, dann
müssen die Eleaten verstummen.
Kakographie auszuschalten, die Unsicherheiten der Linienfüh-
10. Und wie man an jeder Diskussion zwischen einem Empiristen und einem Rationali-
rung, die Zufälligkeiten des Schriftzuges, das Fehlverhalten der sten . . : zwischen Locke und Leibniz zum Beispiel - leicht erkennen kann, hätte der'
Hand, all jene Umstände also, die dafür verantwortlich sind, daß Empirismus immer recht, wenn es die Mathematik nicht gäbe. Der Empirismus ist die
wahre Philosophie, solange man die Mathematik ausklammert. Tut man das nicht, muß
kein konkretes Zeichen im strengen Sinne genau dieselbe Form man Protagoras und Kallikies schon willentlich überhören, und zwar eben deshalb, weil
hat wie ein anderes. Und ebenso ist die erkannte Sache unendlich sie recht haben. Doch je mehr sie recht haben, desto weniger kann man sie verstehen; am
Ende erzeugen sie nur noch ein Rauschen. Das Argument, das Leibniz Locke entgegen-
erkennbar: Wir bräuchten ein anderes Wort für jeden Kreis, jedes hält: Ihr habt keine Ahnung von Mathematik, dieses Argument ist nicht ad hominem
Symbol, jeden Baum und jede Taube und noch jeweils eIn gerichtet, es ist die einzig mögliche logische Entgegnung.

54 55
Reinigung der abstrakten Ideen im Stile der Geometrie eingeht, DER STREIT ZWISCHEN ALTEN UND MODERNEN
ist kein bloßer Zufall der Geistesgeschichte, keine Episode, die
auf die voluntaristischen Entscheidungen dieses Philosophen Wir hatten uns mit dem Gedanken abgefunden, daß die
zurückginge; vielmehr entspricht sie der Natur der Dinge. Eine strengen Wissenschaften sich entwickeln. Jetzt müssen wir ak-
ideale Form herausarbeiten heißt, sie unabhängig von allem zeptieren' daß unser Denken über diese Wissenschaften dies
Empirischen und vom Rauschen zu machen. Das Rauschen ist ebenfalls tut. Wie die Mathematik, so hat auch die Epistemologie
das Empirische an der Nachricht, und das Empirische ist das der eine Geschichte. Und die unserem zeitgenössischen Stand unmit-
Form anhaftende Rauschen. So gesehen, sind die kleinen Sokra- telbar vorausgegangene Phase dieser Geschichte hat - volens
tischen Dialoge im selben Sinne vormathematisch wie das Aus- nolens - Edouard Le Roy in jenen Vorträgen skizziert, die er in
11
messen eines rechteckigen Weizenfeldes im Niltal. den beiden ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts am College
de France hielt. 1 Seine Absicht war es damals, die Reinheit eines
Oktober 1966. unerhört stabilen Denkens aufzuzeigen; aus heutiger Sicht be-
trachtet, zeigt er jedoch vor allem eines: den langsamen und
zögerlichen Prozeß eines Werdens.
Zu der Zeit, als dieser Gelehrte seine Vorträge hielt, befand
die Mathematik sich noch mitten in der berühmten Krise und
nahm Zug um Zug jene Gestalt an, die uns seither vertraut ist. All
diese gewichtigen Neuerungen kamen keineswegs durch eine
langsame, lineare Akkullmlation einzelner Entdeckungen und
kleiner partieller Fortschritte zustande, sondern durch eine glo-
bale Umgestaltung des Systems, von den Grundaxiomen bis hin
zu den feinsten Ausläufern der Realisierung. Zu der Zeit, als
dieses neue Profil aus dem. Schmelzfluß der alten Sichtweisen
emportauchte, dachte Le Roy als Philosoph und als überaus
kompetenter Ingenieur über eine Mathematik nach, die nicht
ganz als die Mathematik seiner Zeit oder der Forscher seiner Zeit
gelten kann; vielmehr war sie ein wenig dahinter zurückgeblie-
ben, und pädagogische Erfordernisse wie auch der Konservatis-
11. Man könnte einwenden, die Kakographie eines Kreises und die eines Buchstabens mus der Universitäten verliehen ihr jenen Anschein von Unver-
ließen sich nicht ineinander auflösen. Seit der Erfindung der Topologie wissen wir aber,
daß es im Hinblick auf die Meßbeziehung sowohl inexakte als auch exakte Idealitäten rückbarkeit, der es möglich machte, die Mathematik schlechthin'-
gibt. Deshalb haben wir hier in reiner Form nur vom Gegenteil des Unreinen gesprochen. darin zu erblicken.
In reiner Form vom Unreinen spräche man, wenn man versuchte, das Problem der
Kakographie in einer inexakten Form zu formulieren. Das wäre schon schwieriger, führte
Le Roys Buch ist also bereits Zeugnis einer Verspätung; daß es
aber über den Rahmen dieser Untersuchung hinaus; an anderer Stelle haben wir bereits erst in unserer Zeit veröffentlicht wurde, verweist vage auf eine
einiges dazu gesagt. Im übrigen setzt Leibniz die beiden Formen, Graph und Graphismus,
in einem Dialog von 1677 ineins (Die philosophischen Schriften, hg. von C. J. Gerhardt,
7 Bde., Berlin 1875-1890, Bd. VII, S. 190). 1. Edouard Le Roy, La Pensee mathematique pure, Paris 1960.

56 57
zweite Verspätung, die vielleicht subtiler, aber auch dramati- roatikem ist die Frage erledigt; das gilt jedoch keineswegs für die
scher ist. Die erste Verspätung ist schlechterdings nicht zu Mehrzahl der Philosophen; sie leiden immer noch unter derselben
kritisieren; schließlich hat jeder die Freiheit, das Fach seiner - bis ins Groteske verlängerten - Verspätung und glauben, in
Wahl in dem von ihm bestimmten synchronen Zustand und nach jenen Vorlesungen, in die nun endlich die mathematische Revo-
der von ihm bevorzugten Philosophie zu beschreiben. Und dieses lution Einzug gehalten hat, immer noch »Logik« zu lehren.
Recht bleibt selbst dann bestehen, wenn im Laufe der Analyse die Was die Geschichte oder die Beschreibung betrifft, so steht
Stunde schlägt, da die Geschichte ihre Richtung wechselt. Wel- dieses Buch für eine bestimmte Zeit; was die normative Seite
che Epistemologie könnte wohl standhalten, wenn man eine betrifft, sind diese Zeit und diese Verspätung durch aufschlußrei-
andere Elle anlegte? Und eben diese Dehiszenz ist einer Genera- che Irrtümer gekennzeichnet; was den philosophischen Apparat
tion immer noch vertraut, die ihr Bild von der Mathematik in betrifft, auf den die Beschreibungen und Urteile sich stützen,
Spezialstudien erworben hat, welche erst seit kurzem veraltet bezieht der Autor sich ständig auf einen ominösen N achkantia-
sind, einer Generation, die sich urplötzlich mitten unter die nismus, der gelegentlich durch einen diffusen Bergsonismus
»Modernen« geworfen sieht und nun vor einem Gebäude steht, gemäßigt wird - worin diese Mäßigung auch immer bestehen
das bislang von der Tradition verhüllt wurde. Genau diese alte mag. All das reicht aus, um in Le Roys Buch ein exemplarisches
Vorstellung vertritt Le Roy, und aus seinem Buch spricht ein Werk zu erblicken, den Typus einer abgeschlossenen Epistemo-
Bewußtsein, daß besorgt auf die großen Vorreiter der Neuerung logie, die man inzwischen als klassisch bezeichnen muß, ein
blickt. Daher rührt das Wohlbehagen, das man bei seiner Lektüre Werk, das als exemplarisch für jene Mathematik gelten darf, die
empfindet: Man fühlt sich an seine Vorlesungen erinnert und an von den Fachwissenschaftlern die klassische Mathematik ge-
eine verlorene Jugend, die verlieren zu können man an einem nannt wird. Aber gerade weil die Wissenschaft, die Le Roy darin
gewissen Punkt seiner persönlichen Geschichte hatte lernen analysiert, sich bereits auf den Weg in die Moderne gemacht hat,
müssen. Solch eine Verspätung kann man gelassen hinnehmen bereitet dieses Buch, von dem wir gesagt haben, daß es ange-
und sogar genießen. Aber das gilt nur im Blick auf die Geschichte nehme Erinnerungen weckt, zugleich auch Unbehagen. Man hat
der Wissenschaften und solange die zugehörige Epistemologie den Eindruck, ein philosophischer Komplex, der in seinen
sich auf Beschreibung beschränkt. Unruhig wird man erst, wenn Grundlagen und geschichtlichen Traditionen Stabilität erlangt
an die Stelle der Geschichte die Methodologie tritt, wenn die hat, quält sich hier mit dem Versuch, einen im Werden begriffe-
Beschreibung dem normativen Urteil Platz macht. Denn dann nen Gegenstand zu fassen, den er früher einmal zureichend
wird es abenteuerlich und gefährlich. So jedenfalls muß ein analysiert hatte und den er nun immer weniger wiederzuerkennen
»modemes« Bewußtsein die brüsken Verdikte empfinden, die Le vermag. So fragt man sich denn, ob es möglich ist, diese
Roy im Gefolge Brunschvicgs gegen die Logik auspricht. Das klassische Epistemologie in der Weise zu »verlängern«, daß sie
war die Zeit, als die philosophische Tradition in Frankreich sich auch der inzwischen zur Reife gelangten modernen Mathematik"
von den »logistischen« Entdeckungen abwandte, wobei sie sich Rechnung zu tragen vermag. »Verlängern« heißt hier eine Funk-
auf Poincare bezog (oder ihn mißinterpretierte); eine seltsame tion bewahren, indem man ihr einen neuen Gegenstand zuweist.
Zeit, da die »Logik« im Sinne der Lehrbücher sich über die Logik Einen ersten Aufschluß über diese Frage könnte uns der Ver-
im Sinne Russells mokierte. Inzwischen ist das Lachen auf der gleich zwischen den beiden Zuständen dieses Gegenstandes
anderen Seite, und für eine oder zwei Generationen von Mathe- geben, also ein Vergleich zwischen der klassischen und der

58 59
modemen Mathematik. Solch ein Vergleich zwischen dem ver- unterstellt. Gerade mit dieser Homogeneität müssen wir heute zu
alteten Gesicht und der neuen Gestalt ist inzwischen trivial, bleibt brechen versuchen. Dann wäre die gegenwärtige Leere der
aber dennoch interessant. Allerdings ist er weniger interessant als traditionellen (philosophischen) »Logik« ebensosehr eine Sache
eine Überlegung, die vier Ausdrücke umfaßt. Und die sähe so des Wesens wie der Geschichte. Es fällt schwer, sich zu verheh-
aus: Auf der einen Seite haben wir die klassische Mathematik und len, wie gravierend die Crux ist.
ihre traditionelle Epistemologie, die in festumrissenerund exem- Nun wird deutlich, warum Le Roys Buch uns als Beispiel und
plarischer Gestalt vorliegen; auf der anderen Seite haben wir die Bezugspunkt dienen kann. Es steht an der Kreuzung zahlreicher
modeme Mathematik und deren mögliche Epistemologie, die Wege, an der die Technik sich wandelt, die Lehrmeinungen
erst noch zu umreißen wäre. Der oben beschriebene Vergleich ist einander widersprechen, die Geschichte zögert und die Philoso-
danach nur der erste Schritt. Wenn wir die Frage der Verlänge- phie ihre Horizonte wechselt. Das zeigt sich indessen nur dann,
rung in aller Strenge beantworten wollen, müssen wir die vier wenn wir bereit sind, die winzigen Schwankungen der Ge-
Ausdrücke sämtlich jeweils zu zweien miteinander in Beziehung schichte, der Techniken und der Lehrmeinungen zu extrapolie-
setzen, und ganz besondere Bedeutung kommt dabei dem Ver- ren, die dieses Werk ganz gegen seinen Willen enthält. Erst solch
hältnis zwischen der alten Epistemologie und der neuen Mathe- eine Extrapolation gestattet es uns, das Problem der oben ange-
matik zu. Wie wir sehen werden, führt dieser Vergleich zu einem sprochenen Verlängerung zu formulieren: Ein synchroner Schnitt
interessanten Ergebnis; er wird zeigen, daß solch eine Verlänge- erhält erst dann seine ganze Kraft, wenn er in die Weite der
rungzwar existiert, daß sie jedoch nichts anderes ist als die bloße Diachronie getaucht wird. Von daher geht es nun keineswegs
Übertragung sämtlicher Projekte der klassischen Epistemologie mehr darum, Verdammungsurteile zu fällen; die Wissenschaften
in die modeme Mathematik, wobei diese in ihrem allgemeinen machen sich daran, die Epistemologien unwiderruflich altem zu
Sinne zu nehmen ist (und bestimmte Bedingungen zu setzen lassen; fast möchte man sagen, irgendeine List der Vernunft
wären, die sich recht leicht formulieren lassen). Die modeme bewirkt, daß unsere Reflexionen über die strengsten aller Wis-
Mathematik erscheint dann als eine Wissenschaft, die in ihrem senschaften zugleich jene sind, die am schnellsten veralten, so
autochtonen Bereich über eine eigene Methodologie, eine eigene daß wir mit Verdammungsurteilen gerade den Weg beschreiten
»Selbstbeschreibung« und eine eigene »Logik« verfügt, all das in würden, der den Irrtum erst möglich macht. Es geht vielmehr
positivem Sinne. Die interne Selbststeuerung einer strengen darum, diesen komplizierten verlängerten Knoten zu knüpfen,
Wissenschaft ist ohne Zweifel das spektakulärste Kennzeichen diese beiden Entwicklungsprozesse des strengen Denkens und
des neuen wissenschaftlichen Geistes. Das ganze Problem - und seines reflexiven Bewußtseins in Gang zu setzen, in denen die
damit die Ungewißheit - beschränkt sich dann auf die Frage, ob Gewißheiten sich wandeln und ihrer Wahrheit zustreben - auf-
angesichts dieser vollzogenen und möglicherweise sogar endgül-- grund jenes Prozesses der Rekurrenz, den Bachelard beobachtet
tigen Übernahme der vierte Ausdruck in unserer Vergleichskon- hat (der zutiefst erkannt hatte, welches Drama der Wechsel der'-
stellation überhaupt gedacht werden kann: Die Schaffung einer Sprache für die Physik bedeutet) - diese Entwicklungsstränge,
modemen Epistemologie der modernen Mathematik ist eher eine zwischen denen diverse transversale Beziehungen entstehen und
Frage der Möglichkeit und der Existenz als eine Frage des hergestellt werden, Beziehungen der zeitlichen Verzögerung und
Inhalts, wenn man sie innerhalb eines Rahmens denkt, der eine Verspätung, des Irrtums und der wechselseitigen Übernahme.
Homogeneität zwischen ihr und der klassischen Epistemologie Wir müssen also für den Augenblick mit vier Größen arbeiten,

60 61
das heißt genauer: mit zwei mal zwei, wobei jede dieser Folgen mation ihrer Wahrheiten bewahren, die ein unnützes Völkchen
sich auf ihrer diachronen Linie entwickelt. stets für abgeschlossen und definitiv hält, während das Gewissen
So werden wir diesen Streit zwischen Alten und Modernen auf der Philosophen nicht unberührt bleibt von der Erkenntnis, daß in
neue Weise denken. Der Weg der eigentlichen Wissenschaftsent- einern Reflexionsgesichtspunkt zur Frage der im Werden befind-
wicklung ist geprägt durch Kräftemessen, Kampf, Sieg, Frieden, lichen Wahrheit irgend etwas Falsches endemisch gewesen ist.
und am Horizont wird eine Mathematik sichtbar, die bereits Das kann nur dazu führen, daß man in einer neuen Wendung über
modern-modem ist und die neue Mathematik zu einer klassischen jenen Typus Wahrheit nachdenkt, den die epistemologische
macht. 2 (So würde auch eine Epistemologie unserer jetzigen Reflexion selbst vorführt - und damit zu einer Wiederholung der
Mathematik an einer ähnlichen Verspätung leiden, wie wir sie bei Frage nach der Möglichkeit einer modernen Epistemologie.
Le Roy beobachtet haben. Die Geschichte schreitet so schnell
voran, daß der Philosoph dazu verdammt ist, stets der Klassiker Die »rekurrente« Sicht führt also auf dem Wege über diese
einer modernen Mathematik zu sein. Er wird unausweichlich auf notwendigen Extrapolationen zu einem Urteil über veraltet oder
die Geschichte verwiesen, und »schnell« ist dabei nicht einmal aktuell und im Grenzfall über wahr und falsch. Betrachtet man
der richtige Ausdruck, denn die neuen Entdeckungen vermehren jedoch den Zustand der fertigen Wissenschaft zu einem Zeit-
die Möglichkeiten der Methoden in solchem Maße, daß man punkt, der den Analysen Le Roys vorausliegt, das heißt, läßt man
schon von einer Beschleunigung des Werdens sprechen muß.) Im sich auf eine synchrone Sicht ein, so kommt man gar nicht
Zuge der epistemologischen Entwicklung kommt es zu einer umhin, die vollkommene Klarheit der technischen Beschreibung
progressiven Verflüchtigung der ursprünglichen Problemstellun- hervorzuheben. Die Forschung ist geduldig bis hin zur Schwer-
gen und zu deren fortschreitenden Übertragung in die Bereiche fälligkeit; ihre Präzision hat die Feinheit des Pointillismus; die
der reinen Kunst und der reinen Technik; damit verringert sich wissenschaftlichen Beispiele sind in einer Sprache gehalten, die
die Beschleunigung ihrer Erfindungsdynamik, das Feld ihrer rein und sicher daherkommt. Wir könnten vom besten aller
Analyse schrumpft im Hinblick auf ihre alten Methoden und ihre denkbaren Fälle sprechen: Hier ist das Monument der klassischen
ehemaligen Projekte. Daraus ergibt sich eine seltsame Kreuzbe- Epistemologie - aus den bereits genannten Gründen, aber auch
ziehung zwischen den wissenschaftlichen und den epistemologi- als ihrer Qualität nach vollendete Form. Die klassische Mathe-
schen Wahrheiten: Während die wissenschaftlichen Erkenntnisse matik findet dort ihren ausgezeichneten - und letzten - Philoso-
sich entwickeln, ausbreiten und verstärken, wie es das niemals phen.
abgeschlossene Drama der strengen Wissenschaften zeigt, wer- Aber was ist die klassische Mathematik, ihrem Wesen nach?
den die Reflexionsintentionen, die ihnen zeitlich in gewissem Das Wesen ist ihre Reinheit, die nichts weiter voraussetzt als »das
Abstand vorausgehen, von ihnen negiert, absorbiert oder über- Bewußtsein des Geistes als Operator« (S. 24). (Man beachte
flüssig gemacht. Da ist es aufschlußreich, zu sehen, welch ein diese Definition von Reinheit mit Bezug auf das denkende'-
gutes Gewissen sich die Wissenschaften angesichts der Transfor- Subjekt, die äußerst charakteristisch ist.) Die reine Mathematik
wird definiert als Analysis, unter Ausschluß der Mechanik, die
2. Ein kürzlich in Critique erschienener Aufsatz hatte den Titel: »Bourbaki ou la dem Bereich der Erfahrung zugehört, der Geometrie, die auf
mathematique de demain«, (Bourbaki oder die Mathematik von morgen). Dabei wissen
einer der Wahrnehmung nahen Anschauung basiert, usw. Die
zahlreiche Mitglieder dieses illustren Kreises sehr wohl, daß es sich dabei schon um die
Mathematik von gestern handelt. hier gemeinte Analysis, die den Kern der Mathematik bildet, ist

62 63
im großen und ganzen die des ausgehenden neunzehnten Jahr- gegangen ist). Von der ganzen Zahl, Quelle und Anfang alles
hunderts, mit Leibniz entstanden, von Euler weiterentwickelt, weiteren, breitet sich ein Fächer sukzessiver Generalisierungen
mit Riemann auf ihrem Höhepunkt angelangt, um nur ihre aus: rationale Zahlen, relative Zahlen, irrationale Zahlen, tran-
wichtigsten Väter zu nennep. Nach Le Roys Aussage umfaßt sie szendente Zahlen, komplexe Zahlen (der Autor vergißt manches,
die Arithmetik, die Algebra (im klassischen Sinne), die Infinite- darunter auch Hamiltons Quaternionen). Entlang dieser fächer-
simalrechnung und die Funktionentheorie. Soviel zum Inhalt der förmig ausgebreiteten Genealogie schneiden bestimmte Diszipli-
klassischen Mathematik. Und wie lautet ihre Definition? Dazu nen ihren Bereich heraus; die Arithmetik verschwindet und räumt
muß man den charakteristischen, nicht analysierbaren, undefi- ihren Platz der (klassischen) Algebra, die ihrerseits nur eine
nierbaren, unveränderlichen und primären Begriff finden, der Übergangs wissenschaft darstellt und der Analysis weicht (die
diesem Gebiet seine Originalität verleiht und es als System Algebra wird sehr feinsinnig als die Untersuchung der Anwen-
konstituiert. Dieser Begriff ist die Größe oder besser das Maß dung inverser Operationen auf die Polynome definiert). Die
oder noch besser die Zahl; und die Analysis ist die Wissenschaft Analysis setzt dabei eine hinreichende Definition der irrationalen
von der Zahl, wobei die Arithmetik die übrigen Disziplinen und damit der reellen Zahlen voraus; sie ist folglich die» Wissen-
unangefochten beherrscht und dem gesamten Gebäude seinen schaft des Operationsinhalts« . Der Begriff der Analysis wird
Zusammenhalt gibt. Angenommen, man legt das Schwergewicht mehrdeutig verwendet; manchmal steht er für einen Teil und
nicht auf das Maß, sondern auf die Ordnung, dann zählen nur manchmal für das Ganze der Mathematik; doch das ist nicht
noch die numerisch ausdrückbaren Ordnungen (S. 38, 123). Die weiter störend. Wir haben es also mit drei Wissenschaften von
alte aristotelische und cartesische Tradition findet hier ihre Ver- den Zahlen zu tun, die sich nach der Generalisierung ihres
einheitlichung in der Zahl, verstanden als logische Form und Gegenstandes gliedern. Daraus folgt, daß diese Theorien gleich-
operatives Prinzip zugleich, Typus und Quelle einer Denkbewe- sam von der vorgängigen Existenz des Gegenstandes ausgehen -
gung eigener Art. Was in dem beschriebenen technischen Be- auch das ein charakteristisches Merkmal.
reich als Arithmetisierung der Analysis bezeichnet wird, findet Man möge mir diese Banalitäten verzeihen, aber es schien mir
hier seine Entsprechung in der epistemologischen Reflexion, die sinnvoll, das Schema der klassischen Mathematik zumindest in
sie abhorcht. Diese zweigeteilte Auffassung gestattet es, eine seinen Grundzügen kurz zu skizzieren. Daß jedermann es im
logische und eine reflexive Genese der Mathematik in einem Kopf hat, zeigt ja nur, was jedermann nunmehr vergessen muß,
Zuge zu erfassen (Le Roy spricht hier von der »Genealogie der und es zeigt, welche Jugend er verlieren muß. Außerdem liefert
Operationen«, S.214). Die Zahl ist also gleich in zweifacher dieses Schema das Grundgerüst für die Untersuchungen in Le
Weise primär. Roys Buch. Auf dieser Grundlage folgt der Autor einem Plan,
Ihre Untersuchung muß uns den Schlüssel liefern und alle dessen geschichtliche Bedeutung nicht übersehen werden darf; in
Geheimnisse lüften. Die (klassische) Mathematik ist Analysis. der Tat setzt er den Schlußpunkt, bevor dann der Umbau der'-
Die Analysis ist die Wissenschaft von der Zahl. Von hier aus klassischen zur »modernen« Mathematik erfolgt; er zeigt uns den
ergibt sich alles weitere: »Es ist möglich, die gesamte Analysis letzten synchronen Schnitt durch die klassische Mathematik.
logisch allein vom Begriff der ganzen Zahl her zu konstruieren, Und dieser Schnitt ist so geartet, daß wir über die drei Zweige
dem operativen Kern des Zahlbegriffs schlechthin« (man be- dieser Analyse (Funktionentheorie, Analyse der Ordnung, Ana-
achte, wie sehr uns der Sinn solcher Worte inzwischen verloren lyse des Inhalts) und anhand ihrer wichtigsten Resultate den

64 65
Ausgangszustand zu erkennen vermögen, von dem aus die »Mo- Fortschritt nicht allein auf der Akkumulation von Entdeckungen
demen« das gesamte Gebäude umbauen werden. »Wir müssen und der Erweiterung der Theorie basiert und auch nicht auf reiner
klassifizieren; diverse Arten von Objekten; diverse Arten von Deduktion entlang eines oder mehrerer hypothetisch-deduktiver
Korrespondenzen. Allgemeiner Begriff der funktionalen Korre- Stränge; der mathematische Fortschritt entfaltet sich auch und
spondenz, auf den sich alles zurückführen läßt. Theorie der vor allem über die sprunghafte und umfassende Restrukturierung
Relationen. Operationen: Schluß. Klassifikation der Gruppen. der Theorie. Wenn man sich daran macht, ein Gebiet zu vertie-
Invariant. Was wesentlich ist, hängt allein von der Struktur oder fen, so kann es geschehen, daß sich am Ende neue Prioritäten
von der Zusammensetzung der Gruppe ab. Isomorphie usw.« ergeben, die dazu berufen sind, als Grundlage für eine Klassifika-
Weiter heißt es im Text: »Hier haben wir einen Gesichtspunkt, tion und Systematisierung zu dienen. Fast könnte man sagen, die
unter dem sich die gesamte Wissenschaft erfassen und organisie- Mathematik strebt ihren Prioritäten mindestens ebenso entgegen,
ren läßt.« Es ist so, als führte uns eine Gesamtbeschreibung am wie sie von ihnen herkommt. Und das ist durchaus nicht so
Ende ein bestimmtes Gebiet vor Augen, das zunächst nur ein paradox, wie es klingt, denn in den meisten Fällen läßt die
singuläres Endergebnis darstellt, dann aber universellen und Entwicklung die Stabilität des Systems unangetastet, weil Evolu-
prinzipiellen Charakter gewinnt. Hier stoßen wir in der Tat auf tion und Architektur stets gleichzeitig präsent sind. Angesichts
eine Konstante in der Geschichte der Mathematik. Ob man nun des beständigen Hin und Her zwischen Geschichte und System,
an die Probleme der Tangenten, an die Theorie der Transversalen zwischen Genese und Norm kann man die Entwicklung nur als
oder an den Begriff der Gruppe denkt, immer wieder geschieht kontinuierlichen Umbau denken. So kommt es, daß die synchro-
es, daß Probleme, die zunächst als partiell oder als feinsinnige nen Wahrheiten sich zu einem Netz verknüpfen, das sich um die
Verästelungen galten, zur Grundlage für einen allgemeinen Um- diachronen Wahrheiten zusammenschließt; daß in einem be-
bau des gesamten Gebäudes werden. Deshalb ist dieser syn- stimmten Augenblick eine Priorität gegeben ist, welche auf eine
chrone Schnitt so interessant: Er enthält die Elemente für einen andere Priorität hinweist, die morgen grundlegend für sie werden
Umbau des Systems, der nach ganz anderen Normen und Grund- wird.
sätzen erfolgt, als sie bei der Entwicklung dieses Schnittes zum Daraus resultiert eine neue Verspätung, die eine Erklärung für
Zuge gekommen sind. Zunächst möchte man meinen, von einem die erste Verspätung liefern könnte. Nun ist es nicht mehr so sehr
als primär verstandenen Element aus müsse dieser Plan zur die Epistemologie, die in einem zeitlichen Verzug zur Wissen-
Untergliederung homogener Gebiete führen, die beständig auf schaft steht; vielmehr zeigt die Wissenschaft eine Verspätung
die behauptete Priorität bezogen bleiben; dem ist aber nicht so; sich selbst gegenüber: die konstituierte und gleichsam institutio-
wenn die Ausdifferenzierung erfolgt ist, bringt sie ihrerseits nalisierte Mathematik gegenüber der lebendigen und im Werden
primäre Elemente hervor. Dann heißt es, von vorne zu beginnen, begriffenen Mathematik. Im Gleichgewicht zwischen zwei mög-
den vorgeschlagenen Plan wie einen Handschuh zu wenden und lichen Gravitationszentren, dem Alten und dem Neuen, erweist'-
Extrapolationen auf der Achse der Diachronie vorzunehmen, um sich Le Roys Gesamtdarstellung, die auf das Neue hinweist und
zu einem Verständnis zu gelangen. Hier zeigt sich das Ende einer das Alte wählt, weniger als System denn als kondensierte Ge-
Geschichte, die alle Voraussetzungen für ihren Neubeginn in sich schichte. Aber ist das nicht das Schicksal jeder Gesamtdarstel-
trägt. lung? So immerhin darf man ohne Zweifel Euklids Elemente
All das bedeutet in erster Linie, daß der mathematische bezeichnen, die von jeher wegen ihres Aufbaus bewundert und

66 67
als »Monument« im zweifachen Sinne des Wortes verstanden praktischen Zustands oder allgemeiner und komplexer darin, daß
wurden. So stark ist der Drang nach vorne, so wesentlich ist die man die Extrapolation vergißt.
Zukunfts orientierung für die Mathematik, daß jede Bemühung Es heißt, ein Unglück komme selten allein. Le Roy verfehlt
um Systematisierung von einer rekurrenten Vereinnahmung der die moderne Mathematik unmittelbar vor deren Triumph und
Vergangenheit durch die Gegenwart begleitet sein muß und von ausgerechnet in dem Augenblick, da die Prioritäten sich wan-
einem programmatischen Versuch, der die zukünftigen Erweite- deln. Aber dieser Augenblick geht auch unmittelbar jener Zeit
rungen offen läßt. Es ist ausgesprochen tiefgründig, von Elemen- voraus, in der die Probleme der traditionellen Epistemologie in
ten zu sprechen wie Euklid und Bourbaki oder von einem die moderne Logik übernommen werden. Die Weigerung, diese
Programm wie Klein, und es ist gleichfalls tiefgründig, Elemen- Übertragung zu vollziehen, läßt Le Roy auch die modeme Logik
ten der Geschichte didaktische Elemente zur Seite zu stellen. So verfehlen. Dabei kann man hier nicht einmal von Blindheit oder
gesehen ist Le Roys Gesamtdarstellung das Gegenteil eines einer unzureichenden Wahrnehmung sprechen; Le Roy erkennt
Programms, denn es will sich blind gegen die kommenden das Problem, und er beschreibt den Kampf. Doch daß der Kampf
Entwicklungen stellen und befaßt sich ausschließlich mit der heiß ist, ändert nichts an seiner Aussichtslosigkeit. Die vorge-
Systematisierung des Bestehenden. Das könnte man das euklidi- brachten Argumente sind ausnahmslos schwach. Zum Beispiel
sche Mißverständnis nennen, das in der Mathematik etwas Abge- weist er die logische Intention ständig unter Hinweis auf die
schlossenes erblickt, etwas, das es in aller Strenge zu rekonstru- Nutzlosigkeit, die Kompliziertheit, die Redundanz oder die Pasi-
ieren gilt (was an sich gut ist), ohne daß man sich dabei der graphie zurück (S. 65, 119, 169 usw.). Und er mokiert sich:
Tatsache bewußt würde, daß es eine Residualgeschichte gibt, die Burali-Forti benötigt siebenundzwanzig Gleichungen, um die
links mit dem System kollaboriert und ihm rechts Widerstand Zahl 1 zu erhalten. Das ist ein gewaltiger Aufwand für so wenig.
leistet. In diesem Sinne ist Le Roy ein »Kommentator«, wie man Es ist kaum vorstellbar, daß Le Roy sich der Schwäche dieses
es sich auch von Euklid vorstellen kann, während beide doch »ästhetischen« Arguments nicht bewußt gewesen wäre, das im-
etwas ganz anderes vorhatten. Sie gehen vom System aus, und mer wieder auftaucht und den alten Grundsatz des maximis et
dann stolpern sie über die Geschichte, das heißt über die innere minimis in sein Gegenteil verkehrt, wobei er völlig verkennt, was
der Begriff der Einfachheit bedeutet; denn die Einfachheit der
Bewegung des Systems.
Daher rührt die Irritation des Philosophen, der nachdenkt, linearen Verkettung ist nicht die der primären Elemente. Wie
während um ihn her eine Revolution stattfindet. Wer es ablehnt, viele Verhältnisse müssen in der elementaren Geometrie be-
eine ebenso sichere wie altehrwürdige Priorität aufzugeben, stimmt werden, bevor ein Satz bewiesen ist, den man durch
während er die neuen Prioritäten doch bereits ahnt; wer an stärkere Methoden mit einem Schlage beweisen kann? Das
banalen Eponymen festhält zu einer Zeit, da der Sieg bereits in hindert ihn freilich nicht, sich unter Berufung auf die Strenge der
Frage gestellt ist, gleicht der nicht jemandem, der sich weigert, Beweisführung über die Länge dieses Weges lustig zu machen.·-
zur Quelle zu gehen, weil er bereits von dort komme? Er sieht Und außerdem, wenn die Zahl das Einfache und Primäre ist , das
nicht, welch eine komplexe Bewegung die Wissenschaft im Le Roy in ihr sieht, wie soll man es dann bewerten, daß er sie
Hinblick auf Öffnung und Schließung, System und Entwicklung zunächst auf gut zweihundert Seiten analysiert, bevor er endlich
vollführt. Konservatismus oder Dogmatismus, wenn man so in die Mathematik einsteigt? Auch das ist lang und wahrhaft
will, finden ihre Erklärung stets in der verkürzten Sicht eines unnütz. Das vorgebrachte Argument wendet sich gegen seinen

69
68
Urheber. Und so geht es weiter: Nach links verteidigt er sich tem der modernen Logik. Die Epistemologie ist aus dem Spiel.
gegen den Intuitionismus , nach rechts wehrt er Logizismen aller Soweit sie an ihren traditionellen Absichten festhält, ist sie es
Art ab, und rundum verteilt er Hiebe gegen logistische Tenden- heute noch.
zen', er will an einer Einfachheit und Reinheit festhalten, die Für die Tatsache, daß die klassische Epistemologie von der
nichts der Anschauung verdankt, was durchaus in Ordnung ist modemen Mathematik und der mathematischen Logik abge-
(Kap. XV), und nichts der Logik, was schon weniger in Ordnung schnitten ist, sehen wir zwei Gründe: einmal die Weigerung, den
ist. Dadurch möchte er alle Genesen elimieren, die nicht reflexi- Wandel der Prioritäten hinzunehmen, zum anderen das Festhal-
ven Charakters sind, zum Beispiel Empirie und Logik. Dann ten an der reflexiven Analyse, das den tatsächlichen Übergang
definiert er eine »mittlere« Reinheit, die sich operative Schöp- der epistemologischen Problemstellungen in den Bereich der
fung des Geistes nennt. Und um diesen Bereich zu schützen, Wissenschaftstechnik nur verhüllt. In beiden Fällen geht es um
verschließt er sich willkürlich allen wirklich epistemologischen Ursprung und Grundlegung: Man hält fest an der Priorität der
Problemen, das_ heißt jenen, die tatsächliche Entscheidungen Zahl, was das Gebäude angeht, und am Subjekt der Operationen,
hinsichtlich der Methode, des Gegenstandes und der Mathematik was die Grundlegung betrifft.
als ganzer verlangen. Genau das ist der Augenblick der Über-
nahme: Alle wirklichen Probleme verlassen die Mutter-Episte- All das ist überaus aufschlußreich für die Frage, was Fort-
mologie, und diese meint, sie zurückhalten zu können, indem sie schritt und Entdeckung, geschichtliche Entwicklung und dia-
ein Wahrheits feld abgrenzt, von dem nun plötzlich klar wird, das chrones Gesetz in der Mathematik bedeuten. Und wir müssen
es leer ist. Dann explodiert die Diskussion, der diesem Feld das, was hier über die Zahl und über Alte und Modeme gesagt
innewohnende Dialog, und wird zum Streit zwischen mathemati- wird, wiederum als Spezialfall einer dem mathematischen Fort-
schen Schulen im technischen Sinne. Daher rührt dieses erstaunli- schritt eigenen Konstante begreifen. Um uns das klar zu machen,
che historische Bild: einerseits eine Mathematik aus lauter unter- brauchen wir lediglich ein beliebiges Problem herauszugreifen,
einander zerstrittenen Schulen, deren jede für sich (und alle das mit unseren gegenwärtigen Problemstellungen gar nichts zu
zusammen jenseits der Philosophie) außerordentlich wichtige tun hat, und seine Geschichte zu verfolgen. Wir wählen dazu ein
Entscheidungen trifft (darunter auch solche hinsichtlich der klassisches Problem der Geometrie aus, wie es sich bei Pappus
Funktionsweise des Geistes); auf der anderen Seite eine über- findet. Chasles hat dessen Geschichte in seinem Aperru
kommene Epistemologie, die sich nach und nach von ihren (S. 328 f.) dargestellt. Was zeigt diese Entwicklung? Nichts
ursprünglichen Problemen entleert und immer noch auf eine anderes als eine kontinuierliche Verallgemeinerung ihrer An-
Analyse des denkenden Subjekts fixiert ist, die immer potentiel- fangsbedingungen und ihrer Lösungen; aber diese Erweiterung
leren Charakter annimmt und dabei immer mehr an Aussagekraft ist hier wie bereits oben eine Vertiefung, das heißt, wenn die
verliert. Die wirklichen Probleme verlassen gleichsam den Stock allgemeinste Lösung gefunden ist, zeigt sich, daß damit zugleich'
und schwärmen: Le Roys Buch markiert den Augenblick und die auch die bestmögliche Vertiefung der Anfangsbedingungen er-
Gründe dieses Schwärmens. Von da an gibt es keinen Streit mehr reicht ist. Das Streben nach Allgemeinheit ist eine Bewegung hin
zwischen Alten und Modemen, bei dem die Philosophie zu den z~r Wahrheit des Prinzips. Dann kehrt die Geschichte sich um

streitenden Parteien gehörte; es gibt nur noch einen Streit zwi- und das Ende wird zum Anfang; das historische Ziel wird zum
schen alten und neuen Mathematikern und zwischen den Vertre- wesensmäßigen Ursprung. Die krönende Lösung, die Poncelet

70 71
dem Pappusschen Problem gegeben hat, ist Anfang und Ende in
einem. Indem man die Möglichkeiten der Erweiterung eines
***
Problems bis zum letzten ausschöpft, entdeckt man die Voraus- Die Generalisierung der Zahl ist demnach das Konstruktions-
setzungen einer neuen Geometrie. Das mathematische Genie ist prinzip der klassischen Mathematik; zugleich dient sie als Indika-
eines der Generalisierung, es äußert sich in der Bewegung hin zur tor für die Einschätzung ihrer Entwicklung und ihres Fortschritts.
Wahrheit des Ursprungs. Generalisieren heißt den Dingen ge- Es wäre zweifellos interessant, diesen Schlüssel einigen Schlüs-
recht werden. Man sagt viel über die Mathematik, wenn man den selelementen der modemen Mathematik gegenüberzustellen und
Ausdruck »a parte post« verwendet. »Nur weiter, der Glaube so zu einem Vergleich ihres jeweiligen Baus zu gelangen. Die
wird schon kommen.« Soviel, was das Verstehen betrifft. »Ge- Ergebnisse solch eines Vergleichs sind indessen so zahlreich, daß
neralisiere und du wirst den Dingen gerecht werden.« Soviel, sie den Rahmen der vorliegenden Untersuchung sprengen müß-
was die Wahrheit angeht. »Drehe dich um.« Das mit Bezug auf ten. Jedenfalls zeichnen sie sich immer noch durch große Ein-
die Geschichte. »Mache dich an den Umbau.« Das schließlich fachheit aus und sind außerdem in aller Bewußtsein.
mit Blick auf das System. Daher die Abkehr der »Modemen« (die Dennoch lassen sich auch hier einige allgemeine Hinweise
entschiedenste vielleicht in der ganzen Geschichte der Mathema- anbringen. Insbesondere seien die diversen theoretischen Ver-
tik) - die Abkehr der »Modemen« von der Konstruktion, die Le schiebungen innerhalb der beiden Konstruktionen hervorgeho-
Roy in seinem Buch vorstellt. Die Zweige seiner Gliederung sind ben: So verteilen sich die von Le Roy unter der Rubrik »Analy-
tiefgründige, wahre Gesichtspunkte, unter denen man alles neu- sis« zusammengefaßten Probleme auf sämtliche Ebenen der
erlich zusammenfassen kann. Danach gibt es wirklichen Fort- modemen Mathematik. Was zur Theorie des Unendlichen ge-
schritt und wahrhafte Entdeckungen nur im Rahmen jenes be- hört, ist heute im wesentlichen Teil der Mengenlehre; die unter
ständigen Streits zwischen Alten und Modernen, der radikal mit der Rubrik» Theorie der Ordnung« zusammengefaßten Probleme
der Kontinuität einer schrittweisen Akkumulation partieller De- fügen sich recht zwanglos in den Rahmen der modemen Algebra
duktionsergebnisse bricht. Dann kehrt sich die Reihenfolge um, ein, und was bei Le Roy über die Funktionsanalyse gesagt wird,
man zeichnet ein neues Bild und spricht eine neue Sprache. Was findet sich heute auf die Algebra, die Topologie, die Integral-
uns angeht, so wäre es gut, ein vergleichendes »Wörterbuch« des rechnung usw. verteilt. Ähnliches gilt für die Fragen, die Le Roy
klassischen Dialekts und der modemen Sprache zu schaffen; der Algebra zurechnet; sie findet man heute in der Mengenlehre,
solch ein Wörterbuch würde diesen Bruch, diese Dehiszenz und der Algebra und der Topologie. Es ist also zu einer beträchtlichen
diese Umkehrung unweigerlich zum Vorschein bringen. Jedes- Umstellung und Neuverteilung gekommen. Wenn wir gesagt
mal, wenn in der Geschichte der Mathematik solch ein Wörter- haben, ein Endergebnis erhalte prinzipiellen Charakter, so
buch erforderlich wird, haben wir es mit einer Phase gewaltigen stimmt dies nur im großen und ganzen. In Wirklichkeit geht die,_
Fortschritts zu tun, in der die Bewegung hin zur Erweiterung wie Neuorganisation in zahlreiche Richtungen. Zwischen den beiden
auch zur Wahrheit eine Beschleunigung erfährt. Die wirkliche damit gelegten synchronen Schnitten bestehen komplexe Kreuz-
mathematische Entdeckung erstreckt sich auf die Mathematik als beziehungen.
ganze, sie ist Rekonstruktion; der mathematische Fortschritt ist Das bisher Gesagte mag zu dem Fehlschluß verleiten, schon
die Folge dieser Umbauten. die Verschiebung der Probleme und Theorien genüge, um den
Unterschied zwischen den beiden Mathematiken zum Ausdruck

72 73
zu bringen, als handelte es sich um ein Puzzle, das lediglich werden muß, wenn man zur Freiheit der Operationen gelangen
anders zusammengesetzt würde, als bestünde der Umbau in der will. Wir stoßen hier unter veränderter Perspektive wieder auf
Umstellung einiger Elemente. In Wirklichkeit reichen die Unter- jene Priorität der Zahl, die Le Roy zum Dogma erhoben hat; doch
schiede bis in den Geist hirrein, der dem Aufbau der jeweiligen diese Priorität wird als eine eher drückende Hypothek empfun-
Mathematik zugrunde liegt, reichen sie bis hin zu der allgemei- den, als eine Form der Unterdrückung freien Denkens. Wenn
nen Idee, die bei ihren Bewegungen im Spiele ist. dann dieser Begriff endlich hinreichend generalisiert, genügend
Diese Idee zu analysieren und diesen Geist zu beschreiben gereinigt und passend formalisiert ist, wenn die Mathematik ihre
wäre eine umfangreiche Aufgabe. Wir können hier lediglich auf letzte longitudinale Generalisierungsbemühung hinter sich ge-
ein Moment verweisen, das als Indikator dienen könnte, und bracht hat, dann wird man in der Lage sein, eine andere Perspek-
zwar auf den Typus der Allgemeinheit, den die betreffende tive aufzugreifen, sich aus dieser engen Bindung an die Erfah-
Mathematik jeweils anstrebt und realisiert. Die klassische Ma- rung des Objekts zu lösen, eine neue Unbefangenheit, Freiheit
thematik zeigt eine Generalisierungsbewegung, wie wir sie mit und (mit Merleau-Ponty zu reden) »Lässigkeit« zu erlangen und
Le Roy beschrieben haben. Diese Bewegung ist nichts anderes schließlich von beliebigen Gegenständen zu reden, über die man
als die ständige Erweiterung eines Ausgangsobjektfeldes. Die keinerlei vorgängige Hypothese aufstellt. Das vorgängig Objek-
diversen intuitiven Darstellungen dieser Erweiterung sind sehr tive, dem die Priorität zukam, wird nun als Hypothek verstanden
eloquent. Die Erweiterung, die dabei auf den einzelnen Etappen - und aufgehoben. Daher die Verbindung zwischen dieser Ge-
erzielt wird, ist an die Analyse der Eigenschaften einer Entität, nese und der Geschichte: Man mußte erst bei den Objekten ein
eines Objekts, gebunden. Man arbeitet an deren operativen Höchstmaß an wünschbarer Ausdehnung erreichen, bevor man in
Eigenschaften, verfeinert sie, vervollständigt sie; das Zahl-Ob- der Allgemeinheit eine höhere Stufe erreichen konnte.
jekt verwandelt sich, wird reicher, dringt in die Randbereiche ein Im Verhältnis zu diesem Typus einer auf die Objekte und auf
und vervollständigt die diskrete Folge, die am Anfang bestand. die Extension bezogenen Allgemeinheit nünmt die neue Mathe-
Der neu eroberte Bereich zeigt sich nur, wenn man die darin matik einen radikalen Wechsel der Perspektive vor. Zuvor hatten
enthaltenen Objekte, ihre operativen Eigenschaften und - fast wir eine longitudinale Bewegung, die Eroberung von Randberei-
möchte man sagen - ihre Wesensmerkmale betrachtet. Aber die chen, die von als solchen bestimmten Objekten besetzt sind. Der
klassische Mathematik bleibt auf dem Niveau der Erfahrung Typus von Allgemeinheit, den die modeme Mathematik an-
ihres Denkobjekts; in gewisser Weise ist sie von ihm gefesselt, strebt, ist völlig anderer Art; ihn erreicht man, indem man eine
läßt sich leiten von den Möglichkeiten, die es bietet, und von den transversale und regressive Perspektive wählt, indem man sämt-
Unmöglichkeiten, die darin angelegt sind. In dieser Hinsicht ist liche Objektbestimmungen eliminiert und Bereiche schafft die
ihr historisches. Vokabular aufschlußreich, das von den Irratio- nicht mehr durch ihre Objektelernente, sondern durch ei~ene
nalzahlen der Griechen bis hin zu den komplexen Zahlen allerlei Gesetze charakterisiert sind.
unmögliche, scheinbare, imaginäre Zahlen hervorbrachte. Die Zunächst einmal läßt man jeglichen Gedanken an bestimmte
»longitudinale« Generalisierungsbewegung gleicht einem Objekte fallen. Ein Objekt ist nur noch das Objekt X, nur noch
Kampf gegen ein kompaktes Wesen, das sich allen Bearbeitungs- irgendein beliebiger Gegenstand. Das Denken geht vom Sein zur
versuchen widersetzt und so manche Manipulation undurchführ- Relation über, vom Objekt zu dessen Manifestation, von der
bar macht, ein Wesen, das beständiger Reinigung unterzogen Sache zur Methode. Auf das naive Niveau kehrt man nur dann

74
75
zurück, wenn man ein Paradigma, ein Beispiel, ein Gegenbei- Gegenüber ihrem klassischen Vorgänger zeigt die modeme
spiel, kurz: ein Modell vorstellen möchte. Und unter die relatio- Mathematik folgende Besonderheiten: ihre entschiedene Ab-
nal untersuchte Struktur lassen sich zahlreiche solcher Modelle sicht, sich selbst zu ihrem Objekt zu machen und insbesondere
fassen, die diese Struktur 'gleichsam transversal zum Ausdruck zum Objekt ihres eigenen Diskurses. Wenn die traditionelle
bringt: Gott, Tisch oder Schüssel. Die so im Wege der Analogie Epistemologie sich als Diskurs über die Wissenschaft definiert,
zusammengefaßten Bereiche umfassen zweifellos auch die oben dann wird sehr schnell deutlich, daß die modeme Mathematik
genannten »Zahlenarten«, aber auch Gruppen von geometrischen sich als Epistemologie ihrer eigenen Vorgehensweisen konstitu-
Transformationen usw. Daher rührt die organisatorische und iert. Sie ist dieser Diskurs, und sie ist es auf strenge Weise. Im
klassifikatorische Potenz dieser neuen Sicht, ihre Kraft, Dinge Vergleich mit der Wissenschaft, die ihr vorausging, gewinnt sie
zusammenzufassen, die sie ihrem hohen Allgemeinheitsgrad eine neue Dimension hinzu, die man nur als technische, analyti-
verdankt. Wie Leibniz schon sagte, der als der erste Vorbote sche und sprachliche Eroberung jenes Problemfeldes kennzeich-
dieser Methode gelten kann: »Nun ist es nicht mehr nötig, nen kann, das einmal der Philosophie der Mathematik eigen war.
tausendmal denselben Stein zu rollen.« Indem ich aufmerksam Die moderne Mathematik ist endlich in der Lage, auf ihrem
studiere, auf welche Weise ich den Stein rolle, kann ich mit ureigensten Gebiet Fragen aufzuwerfen und gelegentlich auch zu
einem Schlage alles erfahren, was mich interessiert, ohne den lösen, die früher in andere Gebiete verwiesen wurden. Deshalb
Stein selbst zu betrachten. Aus der Sicht des modernen M athema- kann man nur noch schwer über sie reden, denn sie spricht nun
tikers hat der klassische das Bewußtsein eines Sisyphus. Statt wie endlich selbst über sich, und dies mit einem Höchstmaß an
der klassische Mathematiker partikulare Theorien in Abwandlun- Wahrheit und Strenge.
gen zu wiederholen, schafft er Theorien, die multivalent sind. Er Verfolgt man eine Reihe von Entwicklungen innerhalb der
erzeugt beliebige Felder, die er nach seinem Gutdünken be- modemen Mathematik, so drängt sich dieser Schluß geradezu auf
stimmt, indem er die Bedingungen der Manipulation variiert. und wird schließlich zur Gewißheit. Diese Mathematik manipu-
Neben dieser »transversalen« Bewegung gibt es also noch eine liert ein Ensemble von Entitäten, und zugleich manipuliert sie die
regressive; man untersucht nicht nur das Wie, sondern auch Art und Weise dieser Manipulation oder, wenn man so will, die
dessen Voraussetzungen; und die Analyse dieser Voraussetzun- Methode dieses Manipulierens. Wenn aber eine Methode zum
gen führt zu einer Beschleunigung der Vorwärtsbewegung. Gegenstand des Wissens wird, dann wird man von diesem
Wenn man über die Methode und die Voraussetzungen der Wissen sagen müssen, daß es seine eigene Methodologie entwik-
Methode nachdenkt, ist es entscheidend, daß man am Ende die kelt. Und genau das gilt für die Mathematik unserer Zeit; sie ist in
stärkstmögliche Methode wählt. So erklärt sich zweifellos die ungleich höherem Maße Mathematik der Umgangsweise als
Tatsache, daß die Klassifikation immer enger, die Entwicklung Mathematik der Sache, und die Umgangsweise wird für sie zur
dagegen immer schneller wird. Wir könnten diese Dinge noch Sache und zum Objekt des Denkens. Der alte Weg effektiven'·
weiter ausführen, aber abgesehen davon, daß all dies inzwischen Fortschritts erfährt eine »reflexive« Verdopplung, die sich im
trivial ist, gilt unsere Aufmerksamkeit hier einem anderen Ge- Zuge ihrer Verwirklichung selbst beschreibt, steuert und nor-
danken, der zudem eher geeignet ist, den Philosophen zu interes- miert, und diese Verdopplung ist der eigentliche Weg, auf dem
sieren. das neue Wissen voranschreitet. Und sie ist strengen Charakters:
Gewiß, die Topologie hat die Begriffe der Grenze, der Stetigkeit,

76 77
der Umgebung zum Gegenstand, aber sie hat auch zum Gegen- schen Fragen übernommen, analysiert, mit Normen versehen
stand die diversen, nach ihrer »Feinheit« geordneten Topologien, und als strengen Bereich ausgebildet hatte - machte sich die
die topologischen Transformationen und so weiter. Wie wir Mathematik daran, ihren eigenen inneren Aufbau bis ins Unend-
gesehen haben, dekliniert sie sich stets im Genitiv; sie konstitu- liche zu variieren. Und sie bearbeitete diese Fragen mit der
iert sich unablässig als Mathematik ihrer selbst. Das gilt für alle ganzen Freiheit, die ihr die eigene Strenge bietet.
Bereiche. Die modeme Logik zum Beispiel, die nun der mathe- Diese reflexive Verdopplung, die dem Philosophen ein wenig
matischen Welt zugehört, bemüht sich einerseits, Beschreibung, von der Einzigartigkeit seiner Position nimmt, ist dennoch äu-
Reflexion, Verdopplung, Steuerung und Begründung dieser Ma- ßerst lehrreich für ihn. Das wesentliche Moment daran ist näm-
thematik zu sein; andererseits ist sie dies alles aber auch für sich lich die Wiederholung der Rückwendung, denn dieser Vorgang
selbst; sie überwacht sich selbst, sie steuert sich selbst, sie denkt führt zu einer ungeheuren Vermehrung der abstrakten und naiven
über sich selbst nach. Ebenso die Algebra; sie ist Steuerung und Ebenen. Sie analysiert und relativiert diese beiden Begriffe, die
Norm der naiven Ebenen, die sie zum Ausdruck bringt, aber zuvor so stabil erschienen: Eine Ebene ist abstrakt im Verhältnis
zugleich ist sie auch Selbststeuerung. Diese beständige transver- zu einer anderen und konkret im Verhältnis zu der Ebene, die in
sale Thematisierung der eigenen Bewegung, in der die Konstan- der Ordnung der Reflexion auf sie folgt. Daher die Fülle der
ten jeglichen naiven Fortschritts ihren Ausdruck finden und die Arten und Weisen, über sich selbst zu sprechen, sich selbst zum
zugleich eben dieses Voran schreiten hervorbringt, hat so große Objekt zu machen. Diese Ebenen werden in einer Weise entfal-
Bedeutung, daß sich ihre Präsenz immer stärker im gesamten tet, daß man manchmal schon sagen kann, man experimentiert
Gebäude bemerkbar macht. Man könnte diese Bewegung auch hier mit einem Paradigma, einem Beispiel oder Gegenbeispiel,
folgendermaßen beschreiben: Die Mathematik versucht, mög- oder aber man reflektiert über eine abstrakte Struktur. Daraus
lichst viele Gesichtspunkte zu entdecken, die es ihr ermöglichen, ergeben sich zwei neue Begriffe, der des mathematischen Experi-
über sich selbst zu sprechen. So kommt es dann zur Herausbil- ments und der einer mathematischen Reflexion, die beide ebenso
dung einer zunächst positiven, dann strengen und schließlich relativ sind wie die Begriffe der abstrakten und der konkreten
generalisierten Epistemologie. Kommen wir noch einmal. auf Ebene.
unseren Ausgangsvergleich zurück: Die Verallgemeinerung des Solcherart »generalisiert«, übernimmt diese positive Episte-
Zahlbegriffs durch die klassische Mathematik lief darauf hinaus, mologie abwechselnd sämtliche traditionellen Rollen der klassi-
den Begriff zu erweitern, um ihn für bestimmte Operationen schen Epistemologie, nachdem sie ihren Handlungsbereich in die
zugänglich zu machen. In der modemen Mathematik dagegen Mathematik selbst hineinverlagert hat. Auf jeder Abstraktionse-
bezieht die Generalisierung sich auf die Operation als solche, und bene ist eine Vielzahl von Beispielen aus der darunter liegenden
diese Variation beschreibt beliebige Objektfelder. Auf der einen Ebene versammelt, die im Verhältnis zu der höheren Ebene als
Seite haben wir die Generalisierung eines Objekts, auf der naiv einzustufen ist; sie werden mit einem einzigen Blick zusam-"
anderen eine »methodologische« Generalisierung. Hier stoßen mengefaßt und transversal auf analoge Weise beschrieben. Eine
wir auf das Komplement jenes Ergebnisses, wonach diese Ma- Struktur ist nichts anderes als das Analogon zu dieser Vielzahl
thematik insgesamt eine generalisierte Methodologie darstellt. von naiven Modellen. Die alte deskriptive Absicht der klassi-
Getreu dem Geist, der sie schon immer beseelt hatte, machte sich schen Epistemologie geht nun in dieser strengen Beschreibung
die Mathematik, nachdem sie das Feld der alten epistemologi- auf. Dank dieser Umgruppierung und transversalen Wahrneh-

79
78
mung konstituiert die Mathematik sich als strenge Epistemologie dieses Problem aufgeworfen, umschrieben, bestimmt und abge-
des analogen Wissens (ein sehr schönes Beispiel dafür liefert der wickelt wird. Sie ist die Quelle, aus der jede Theorie des
berühmte Satz über den festen Punkt, der eine Vielzahl von Wissens, wie immer sie geartet sein mag, ihre Bedeutungen
Ergebnissen der klassischen Algebra oder Analysis auf analoge schöpfen muß.
Weise neu zusammenfaßt; dieser Satz ist gleichsam ein allgemei- Nun zeigt sich, daß es unter den gegenwärtigen Bedingungen
ner Ausdruck für die Wahrheit jeglicher Approximationsme- nahezu unmöglich ist, den Wahrheitstypus zu definieren, den sie
thode ). In gewisser Weise ist der Formalismus die Sprache dieser propagiert. Das gilt sowohl für den sprachlichen Typus von
Beschreibung. Aber wie jede Sprache, so gehorcht auch diese Wahrheit (Kohärenz ihrer Syntax oder Bedeutungsgehalt ihrer
Gesetzen. Damit tritt zur deskriptiven Absicht die normative Semantik) als auch für den Typus ihrer eigenen Strenge (in
hinzu. Und diese Normen finden ihren Ausdruck je nach System normativer Hinsicht oder im Hinblick auf die Begründung).
in der axiomatischen Sprache oder in der logischen Forschung. 3 Gewiß, die normative und kritische Intention, die sie traditionell
Wenn diese Sprache, diese Gesetze, diese Normen, dieses Sy- mit Blick auf die Wissenschaft verfolgte, hat sie (ohne Zweifel für
stem in strengem Sinne begründet werden soll, stehen wir auch immer) aufgegeben. So bleibt ihr als Berufung und Ziel nur noch
sogleich vor dem Problem der Begründung. All das ist hier die Beschreibung. Dann aber ist es unvermeidlich, daß die
natürlich nur in groben Zügen skizziert, und eine genauere Philosophie der Wissenschaften zur Philosophie der Wissen-
Analyse ergäbe eine unendliche Differenzierung der Ergebnisse. schaftsgeschichte oder zur Wissenschaftsgeschichte oder auch
Eines ist dennoch offenkundig: Die Aufteilung der alten episte- zur Geschichte der Wissenschaftsphilosophie wird. Es ist unver-
mologischen Intentionen ist Realität und ihre Verwirklichung meidlich, daß sie in den Historismus einmündet, entweder im
effektiv; es gibt in der modemen Mathematik eine positive üblichen Sinne oder im Sinne von Naturgeschichte, das heißt, sie
Epistemologie sowohl hinsichtlich der Beschreibung als auch wird entweder zur diachronen oder zur synchronen Beschrei-
hinsichtlich der Norm und hinsichtlich der Begründung. Es liegt bung. Darüber hinaus kann diese Beschreibung noch eine psy-
auf der Hand, daß die Vervielfachung der Ebenen die Möglich- chologische, eine genetische in allen erdenklichen Bedeutungen
keit eröffnet, Fragen technisch angehbar und denkbar zu machen, des Wortes, im Grenzfall eine popularisierende, auch eine klassi-
welche die »reflexive« Epistemologie nicht zu lösen oder auch fizierende oder endlich eine phänomenologische sein. Das alles
nur in lösungsfähigen Begriffen zu formulieren vermochte. ist seit Comte deutlich genug zu beobachten; zumindest in
Frankreich ist jeder Epistemologe seither entweder Historiker
Aus Tradition und Berufung ist die Epistemologie der Ort, an oder Naturgeschichtler in allen nur vorstellbaren Bedeutungen
dem auf die spezifischste und präziseste Weise um das philoso- dieser Bezeichnungen.
phische Problem der Wahrheit gerungen wird, der Ort, an dem Die Tradition sorgte dafür, daß all dies einen Diskurs über die
Wissenschaft konstituierte. Aber hat sie jemals an die Grammatik-
3. Für die Beschreibung habe ich als Beispiel den festen Punkt angeführt; für die Norm
könnt man das sehr schöne Beispiel der rekursiven Funktionen in der Logik nennen. In dieses Diskurses gedacht, an seine Morphologie, seine Syntax,
gewisser Weise dienen sie als Indikatoren für die Bewieilung mathematischer Beweisfüh- seine Semantik? Ist es nicht anmaßend, einen Diskurs über eine
rungen, je nachdem, welches Maß an Risiko sie mit sich bringen. In einem anderen Sinne
gestatten sie es, das normative Urteil je nach Klassifikation auszubreiten. Das wäre dann,
strenge Sprache führen zu wollen, wenn man die Sprache, in der
nebenbei bemerkt, eine Bestätigung für den Gedanken einer Vielzahl von Ebenen, dieser Diskurs geführt wird, vorher nicht im mindesten geregelt
diesmal aus der Perspektive der Norm gesehen.
hat? In gleicher Entfernung von der Sprache der (syllogistischen,

80
81
formalen, modemen) Logik und der Sprache der Mathematik, tun hier wie ansonsten auch lediglich die Arbeit, die ihnen als
stellt die Epistemologie sich auf eine sprachliche Ebene, die, Philosophen ansteht; sie denken über einen Gegenstand nach und
soweit es das Beschreiben angeht, undefinierbar und vage ist. lösen sich zu diesem Zweck von ihrem Gegenstand. Die Mathe-
Und auf dieser sprachlichen,Ebene unterscheidet sie sich nicht matik ist danach ein System, das allein die reflexive Epistemolo-
wesentlich von der Populärwissenschaft oder dem Kommentar, gie zu schließen vermag. Obgleich diese Epistemologie außer-
die von einer technischen Sprache zur Umgangssprache überge- halb der Mathematik steht, ist sie unlösbar mit ihr verbunden,
hen. Die erste Schwierigkeit ergibt sich, wenn der Sinn, den die insofern sie Probleme regelt - oder vielmehr stellt -, die in der
Wissenschaft bezeichnet, sich von der gemeinen Erfahrung und Mathematik auftreten - oder vielmehr vergessen werden.
dem gemeinen Verstand so weit entfernt, daß jede Übersetzung Wenn die Krise sich löst oder besser: um die Krise zu lösen,
in eine popularisierende Sprache nur Verrat sein kann. Wenn es erscheinen eines Tages neue Techniken, und zwar in einem
sich um Norm und Begründung handelt, übernimmt dieser Dis- Augenblick, da das oben beschriebene Bild durch seine Voll-
kurs die philosophische Sprache, die ihm als Grundlage dient. kommenheit zu bestechen scheint. Ihre globale Intention ist es,
Noch eine Verspätung, welche die Epistemologie vergeblich zu die Mathematik zu einem autonomen Gebilde abzuschließen,
verringern sucht, denn sie trägt sie in sich, eine Verspätung auf einen Diskurs über sie zu führen, der von ihr selbst ausgeht, und
der Ebene ihres eigenen Diskurses, eine Heterogeneität vierer dies in einer Sprache, die ihr äußerst nahe steht. Dadurch entsteht
Sprachen: der logischen, der mathematischen, der philosophi- der Eindruck, daß diese neuen Techniken den Inhalt der äußeren
schen und der Umgangssprache. Methodologie im Sinne der Epistemologie in sich aufgenommen haben, und nicht nur den
Tradition zu betreiben heißt dieses Volapük zu sprechen, das sich Inhalt, sondern auch deren Intention und Einstellung, wobei der
willkürlich auf mindestens vier Sprachfelder zugleich bezieht. Unterschied nur noch in ihrer Position liegt, die sie zu einer
Das epistemologische Konkordat wurde in Esperanto geschrie- inneren Epistemologie macht. Diese Position ermöglicht es den
ben. modemen Logiken, sparsam mit der philosophischen und der
Wenn wir das bisher Gesagte verallgemeinern, läßt sich die populären (das heißt popularisierenden) Sprache umzugehen und
traditionelle Epistemologie leicht als äußere Epistemologie be- die alte sprachliche Verspätung nicht aufholen zu müssen. Und
stimmen. Diese Situation - die an der Distanz zwischen einer da sie sich im Rahmen einer Sprache entwickeln, die den aufge-
logisch-philosophisch-popularisierenden und der technisch-ma- worfenen Problemen natürlich ist, fällt es ihnen recht leicht, die
thematischen Sprache abzulesen ist - hat ihre Wirkung entfaltet Theorie dieser Sprache zu schaffen - eine Aufgabe, die dem
und trägt die Ursachen ihres Scheiterns bereits in sich. Kommen künstlichen Diskurs der äußeren Epistemologie ausgesprochen
wir noch einmal auf Le Roy zurück. Der Zustand der klassischen schwerfiel. Le Roys Buch markiert die Zeit des Aufeinandertref-
Mathematik kurz vor und während der Krise ist, aus der Sicht der fens und Kampfes dieser beiden Arten von Reflexion, der inten-
Normen und der Begründung betrachtet, von der Art, daß nur ein tionalen und der technisierten, es markiert den Augenblick des"
äußerer Diskurs sie noch zu stützen vermag. Man muß sich Übergangs von einer Position zur anderen. Letztlich geht es bei
außerhalb der naiven Betrachtungsweise stellen, um eine Posi- alledem um den Genitiv der Definition: Ist die Wissenschaft der
tion zu erlangen, von der aus Reflexion und Begründung möglich Wissenschaft Bestandteil der letztgenannten, oder steht sie au-
werden. Hier haben wir eine alte Idee der Philosophen; sie haben ßerhalb ihrer?
keineswegs den Eindruck, sich irgendein Recht anzumaßen; sie Man wird uns entgegenhalten, es sei übertrieben, den Streit

82 83
zwischen der klassischen Methodologie und den modernen Logi- Wissenschaft war auf dieselbe Weise das Modell der Epistemolo-
ken auf einen bloßen Wechsel in der jeweiligen Position zu gie, wie irgendein Athlet dem Praxiteles Modell stand oder
reduzieren. Wir halten indessen daran fest, daß dieser Streit auf besser noch: wie irgendein Insekt als Modell für Fabres entomo-
einem gemeinsamen Terraip ausgefochten wird (oder genauer: logische Zeichnungen diente: man betrachtet es, um eine Zeich-
ausgefochten wurde, denn er ist vorüber); das hat unser Buch nung, einen Abdruck, ein Schema davon anzufertigen. Wenn die
deutlich erwiesen. Die traditionelle Philosophie der Mathematik Zeichnung fertig ist, dann ist das Modell beschrieben, aber es hat
beschrieb, setzte Normen und legte Grundlagen. Sie versuchte zu keine Veränderung erfahren. Ganz anders bei der Selbstbeschrei-
sagen, was die Wissenschaft ist und wie sie sich entwickelt: bung , von der oben die Rede war.
Objekte, Methoden, Geschichte. Der Epistemologe betätigte So erklärt sich unsere Debatte über den Genitiv: Hier ist die
sich dabei als Naturhistoriker im Sinne der Naturgeschichte. Er Wissenschaft der Wissenschaft eine Verdopplung der Wissen-
beschrieb die Anatomie ihres Aufbaus, die Physiologie ihrer schaft in sich selbst, eine Quasireflexion, und nicht etwa die
Funktionen, den Verlauf ihrer (chronologischen, genetischen, Trennung eines Diskurses von seinem Gegenstand. Es gibt
psychologischen, reflexiven) Evolution. Und damit naturali- keinen Boden mehr, der den mathemata exterritorial wäre; sie
sierte er sie; zumindest so weit, daß seine Beschreibung niemals stützen sich vielmehr auf die Spur ihrer eigenen Bewegung.
auf das Objekt selbst zurückwirkte, daß sein Diskurs kein neues Oder, wenn man so will, es gibt kein überfliegendes Denken
Leben in die methodischen Strukturen brachte; genau dies meint mehr, das Denken stützt sich nur noch auf seinen eigenen Flug.
die Kennzeichnung als »äußere« Epistemologie. Die Selbstbe- Die Wissenschaft der Wissenschaft ist nicht mehr jener univer-
schreibung dagegen, welche die innere Epistemologie vornimmt, selle äußere Bezug, dieser Pol, an dem sämtliche Längengrade
übt einen äußerst bedeutsamen Einfluß auf den Gegenstand ihrer zusammenlaufen; sie ist nun innerer Zugang und regionale
Beschreibung aus: Weit davon entfernt, ihn zu stabilisieren und Reflexion. Meines Wissens ist dies nicht das erste Mal, daß unser
zu naturalisieren, rekonstruiert, restrukturiert und erfüllt sie ihn zeitgenössisches Denken auf diese Idee einer autonomen und
mit neuem Leben. In diesem Sinne ist die modeme Algebra eine autochtonen Referenz stößt, auf diesen Gedanken, wonach die
mathematische Selbstbeschreibung der klassischen Naivitäten; Beschreibung einer Bewegung auf diese Bewegung zurückwirkt.
sie bezeichnet deren operatives Wesen, was ja auch die klassi- Und je näher ich dem beschriebenen Objekt stehe, je enger ich
sche Methodologie zu tun versuchte (das gemeinsame Terrain); mit ihm in denselben Prozeß verwickelt bin, desto größer die
aber zugleich macht sie dieses Wesen und diese Strukturen zum Homogeneität zwischen dem Diskurs und seiner Form, desto
Objekt ihrer mathematischen Jurisdiktion und verfolgt ihren treuer der Diskurs gegenüber seinem Wesen, desto stärker trans-
Weg. Damit ist sie die modeme Wissenschaft der klassischen formiere ich ihn jedoch auch und bringe ihn voran, während ich
Wissenschaft, die sie in gewissem Sinn zwar durchaus naturali- den Diskurs entfalte. Im Grenzfall bedeutet die Selbstbeschrei-
siert, aber dabei dennoch mit neuem Leben erfüllt, vertieft und bung, welche die mathematische Sprache leistet, ihre eigene;-
erweitert. Die naiven klassischen Theorien werden zu Modellen Reaktivierung; sie baut sich in diesem Prozeß selbst um und
der strukturalen Wissenschaft. Das Wort Modell hat hier die bringt sich voran. Sie ist die Mathematik, und dies nicht nur im
Bedeutung eines »Paradigmas für eine Abstraktion«; das Modell Bereich der Evidenz, sondern auch im Bereich des blinden,
ist der Ort, an dem die Struktur sich realisiert und spiegelt, an formalen Denkens. Und was die Bewegung angeht, so ist natür-
dem sie sich selbst als Realisiertes betrachtet. Die klassische lich klar, daß diese reaktivierende Verdopplung eine ihrer Quel-

84 85
len darstellt. Wir haben gesagt, der Ursprung der Mathematik *
**
liege in ihrem Ziel; vielleicht könnten wir nun besser sagen, er
liege - insofern er dynamischer Ursprung und nicht letztes Ziel, Schon zu Le Roys Zeiten kann der Wahrheitstypus der Episte-
sondern Motor und Triebkraft ist - in jedem Moment, jedem mologie nur noch historisch-deskriptiver Natur sein. 4 Sie ist nicht
Augenblick dieser Bewegung auf das Ziel hin. Es gibt also mehr Wissenschaft der Wissenschaft, sondern Diskurs in einer
innerhalb der Mathematik eine Wissenschaft ihrer selbst, die Metasprache, Diskurs in einer Sprache, die sich gegenüber jeder
heuristisch ist und zugleich deskriptiv bleibt. speziellen Sprache sämtlicher Regionen des Wissen in der Posi-
Es kommt selten genug vor in der Philosophie, daß die tion einer Metasprache befindet. Jede regionale Epistemologie
Verschiebung der methodologischeh Intention hin zur hochgradi- äußert sich in einer Art philosophischer Metasprache über das
gen Technizität einer Wissenschaft die Möglichkeit eröffnet, ein Wissenschaftsgebiet, das sie beschreibt. Das Problem stellt sich
strenges Urteil über den wissenschaftlichen Wert der alten Inten- dann folgendermaßen: Welchen Wert, welche Kohärenz, welche
tion zu fällen. Bei Le Roy muß die klassische Epistemologie auf Bedeutung usw. hat diese epistemologische Metasprache? Und
logistische Versuchungen stoßen und unterwirft sie einem äuße- vor allem, welches Verhältnis hat sie zu dem wissenschaftlichen
ren Tribunal reflexiver Analyse; nachdem die Verschiebung Diskurs, von dem sie spricht? Was die Mathematik angeht, ist die
erfolgt und eine Verdopplung erkannt ist, die an die Stelle der Antwort auf diese Frage absolut unmißverständlich: Solch eine
Reflexion tritt, verwandeln subtile Substitutionsvorgänge den epistemologische Metasprache existiert nicht in irgendeiner ori-
Gerichtssaal: Der Richter wird zum Beschuldigten, und der giären oder notwendigen Weise, denn die Mathematik besitzt
Angeklagte wird zum Kläger. In den Augen der klassischen selbst genügend Metasprachen, um über sich zu sprechen, sich zu
Methodologie war die modeme Logik unnütz, kompliziert und beschreiben und sogar sich selbst zu begründen. Mit anderen
überflüssig; in den Augen des Logikers ist die alte Epistemologie Worten, wenn der Wahrheits typ der Epistemologie nur noch
nicht einmal unnütz, sie ist falsch. Solch ein Urteil kann nur dann deskriptiver Natur ist, dann äußert dieser Wahrheitstyp sich in
ausgesprochen werden, wenn es sich um dieselben Probleme einer Metasprache, die nichts anderes ist als die Sprache der
handelt. Man muß also dieselbe Elle anlegen, wenn man den
wissenschaftlichen Wert zweier Intentionen miteinander verglei- 4. Das Problem, das sich hier stellt, unterscheidet sich letztlich nicht von dem Problem
jeglichen KOMMENTARS und insbesondere jeglichen literarischen Kommentars. Daß es in
chen will. Der Kampf, an dem Le Roy sich beteiligte, war ein den meisten Fällen verdeckt wird von der rein technischen Aufzählung passend ausge-
guter Krieg, solange die klassische Mathematik herrschte; aber wählter Beispiele, ändert daran gar nichts. Ganz wie der literarische Kommentar bei
Strafe, sich in eine unbestimmte Kunst seines eigenen Vorgehens zu verwandeln, wählen
der Kampf war aus diachroner Sicht aussichtslos. Und nicht nur muß zwischen der Geschichte (verstanden in allen denkbaren und bereits genannten
eine Schlacht ist verloren, sondern der ganze Krieg: Die klassi- Bedeutungen) und der Philologie oder Sprachwissenschaft, so hat sich auch die Epistemo-
sche Epistemologie ist tot. Aber anderswo lebt sie fort, unter logie in Richtung Geschichte bewegt und dabei allmählich den Charakter der logischen
Wissenschaft verloren. Genau dies ist zweifellos das Schicksal jeglichen Kommentars -,.
transparenten Himmeln. und seiner Wahrheit -, daß er sich entweder in solch einer unbestimmten Kunst oder aber
in Techniken verlieren muß, die ihn überschreiten. Daher diese schicksalhafte Entschei-
dung und vor der Entscheidung diese Prolegomena. Entweder bleibt der Epistemologe
dieser Künstler (und dort erkennen wir die einzige Quelle des Werkes Gaston Bachelards,
dieses großartigen Künstlers, der die wissenschaftliche Beschreibung in seiner eigenen
Sprache so meisterlich beherrschte, und dieses Technikers der Ästhetik), oder er geht bei
den Philologen der Wissenschaft, diesen wahren Logikern, in die Lehre. Oder aber die
Epistemologie ist nichts als redundant und der Kommentar bloße Wiederholung.

86 87
Beschreibung. Wenn die Beschreibung streng und gegenstands- unerwartete Extrapolationen der Reflexion, von der Le Roy
getreu sein soll, muß sie diese Metasprache beherrschen; also ist spricht.
es die Mathematik selbst, die sie initiiert. Noch einmal: Die Wir können das Problem der modemen Epistemologie nur mit
deskriptive Epistemologie ist geradeso wie die normative und die Bezug auf die zweifache Diachronie der Probleme und der
begründende vollständig in die mathematische Technologie Reflexionen stellen. Unsere Zeit ist (oder war bis vor kurzem)
übernommen worden. Einerseits ist die synchrone Beschreibung eine Zeit der systematischen Rekonstruktion; möglich wurde
ureigenste Angelegenheit des betreffenden Gebiets; andererseits diese Rekonstruktion erst durch eine Reflexion der Mathematik
ist es schon erstaunlich, in welchem Maße die diachrone Be- auf sich selbst, ihre Methode, ihre Gegenstände, ihre Vorausset-
schreibung den Mathematiker interessiert, denn nur durch tiefes zungen, kurz: durch die Überschneidung zweier Diachronien.
Nachdenken über den Entwicklungsgang eines Problems (das Das haben wir mit der Feststellung gemeint, daß sich innerhalb
heißt über seine innere Entwicklung und über seine vielfältigen der Wissenschaft allmählich eine positive Epistemologie heraus-
externen Verzweigungen) vermag er es zu erfassen und schließ- gebildet hat. Das heißt aber auch, daß sich unmöglich voraussa-
lich exakt zu beschreiben. So sind denn die modeme Logik und gen läßt, wohin uns die Reise morgen führen wird, ob auf die
die moderne Mathematik nicht nur Logiken, sondern auch Me- gefahrvollen Wege, die Gallois Mitte des neunzehnten Jahrhun-
thodologien im traditionellen Sinne des Wortes. Zum Beispiel derts beklagte, oder aber hin zu einer Stärkung von Systematik
bildet unsere heutige lineare Algebra die wirkungsvolle Metho- und Reflexion - was für uns andere Philosophen Systole oder
dologie für eine Vielzahl klassischer Probleme; sie reichen von Diastole dieser positiven Epistemologie bedeutet. Mit der Folge,
solchen der elementaren Algebra bis hin zu Problemen der reinen daß die Unvorhersehbarkeit der Entdeckungen und Restrukturie-
Geometrie. Und auch dort war die epistemologische Intention der rungen auf der einen dieser beiden Diachronien uns die Möglich-
modemen Mathematik Voraussetzung und Motor ihrer Entwick- keit verwehrt, Extrapolationen auf der anderen vorzunehmen.
lung. Jedenfalls haben wir damit unser Problem zu einem histori-
Es läßt sich kaum verheimlichen, wie gravierend das Problem schen Gesetz verallgemeinert: Immer wenn es zu einem großen
ist. In grausamen Augenblicken der Geschichte kommt es vor, Umbau des Systems kommt, werden die Mathematiker zu Episte-
daß die Wahrheit nur um den Preis von Hellsichtigkeiten und mologen ihres eigenen Wissens. Diese Transformation ist eine
Amputationen, also um den Preis eines Vatermordes, zu haben Mutation, die sich im Inneren vollzieht. Es ist ganz so, als
ist. Was zum Beispiel lehrt uns Lautmans Werk? Er häuft verspürte die Mathematik jedesmal, wenn sie sich in ein neues
Beispiel auf Beispiel, um daraus »Strukturen« und »Ideen« System verwandelt, plötzlich das Bedürfnis, die Gesamtheit der
platonischen Zuschnitts herzuleiten. Doch wie der Teufel es will, epistemologischen Fragen in sich aufzunehmen. Auf diese Weise
tun die Mathematiker kaum jemals etwas anderes, ohne sich um reihen sich synchrone Knoten reflexiven und steuernden Charak-
platonische Ideen zu kümmern. Selbst Cavailles spricht sich nach ters in einer stets unerwarteten Entwicklung aneinander.
dem Scheitern der Logique formelle et transcendentale kurz vor
seinem Tode für die Rückkehr zu einer Philosophie des Begriffs All dies hilft, das seltsame Paradoxon aufzuklären, wonach
und die Abkehr von der Bewußtseinsphilosophie aus. Genau dies gerade strenge Diskurse sich in einer Weise entwickeln, die nicht
ist auch die Perspektive der modemen Wissenschaft in dem im voraus bestimmt werden kann. In Wirklichkeit vermag dieser
Sinne, den wir oben definiert haben. Am Ende stehen also zwei Sachverhalt nur den äußeren Beobachter in Erstaunen zu verset-

88 89
zen, der einen Prozeß objektiviert, naturalisiert und einfriert. Er der Funktion verallgemeinern und den Begriff der Verteilung
räumt ohne jeden Hintergedanken ein, daß die Mathematik eine definieren. So sucht man denn in der Extension die Begründung
strenge Wissenschaft ist, ja daß ihr diese Eigenschaft gleichsam für eine singuläre Anomalie und versucht, zu einer strengen
kraft göttlichen Rechts zukommt. Wagen wir es zu sagen: Die Fassung zu gelangen, indem man das Feld erweitert. Doch diese
Mathematik ist keine strenge Wissenschaft; sie ist auf dem Wege Erweiterung verlangt nach einer neuerlichen Abschließung. Die
dorthin. Jeder Schritt, den sie vorwärts tut, zeigt, daß der Mathematik ist eine Theorie, die sich erweitert und zugleich
vorangegangene noch weniger sicher war; jedes System, das abschließt.
heute errichtet wird, ist solider als das Gebäude, das davor Sie kann daher gemäß dem jeweils letzten synchronen Schnitt
bestanden hat. So ist die Modellwahrheit diachron zu entwickeln, nur als jene Gesamtheit von Gedanken erscheinen, die ein
und zwar unmittelbar in ihrer Qualität als Modell. Die Strenge Höchstmaß an Allgemeinheit und Abschließung besitzt. Dem
bildet die unendliche Aufgabe der Mathematik. Dasselbe gilt für äußeren Beobachter bietet sie das Bild eines normierten Univer-
die Reinheit: Die Mathematik ist nicht rein; sie ist auf dem Wege sellen, dessen historische und architektonische Genese Kohärenz
zur Reinheit, die gleichfalls ihre unendliche Aufgabe darstellt. zeigt. Das ergibt eine Art »Psychoanalyse« der Epistemologie.
Und umgekehrt nimmt man zu jedem Zeitpunkt dieser Entwick- Nun gilt für den Mathematiker, daß er diese Optik zugleich hat
lung das oder die vorangegangenen Momente von innen her als und nicht hat: genauer gesagt, es gilt für den forschenden
anwendungsorientiert wahr. Erst jetzt wissen wir und können wir Mathematiker, für den die Wissenschaft keineswegs die Institu-
wissen, daß der euklidische Raum im Grenzfall der Raum der tion eines Denkens oder einer Gemeinschaft darstellt. Gewiß
Technik und die zugehörige Geometrie die der Maurermeister ist. »lebt« er in seinem System, aber er sieht darin ein freies und
Die rekurrente Optik der Modernisten aller Zeiten ist dann kein offenes Feld. Für ihn gibt es nicht nur die Notwendigkeit, das
gewöhnlicher Historismus mehr, der darin bestünde, den Ideen Gebäude fertigzustellen, sondern vor allem auch diese berau-
des Tages und den Moden des Augenblicks den Vorzug zu geben; schende Lässigkeit des Nichtvollendeten, des nur schlecht Abge-
vielmehr haben wir es hier mit einer fundamentalen Neuordnung schlossenen und des Drangs, die Arbeit am Gebäude immer
zu tun, welche die beiden Bilder, das diachrone und das syn- wieder aufzunehmen. Er wählt frei seine Wege im komplexen,
chrone, als die bestmöglichen hinstellt, was Wahrheit, Strenge transparenten Gewirr eines leuchtenden Netzes oder Labyrinths.
und Reinheit betrifft. Die Sichtweise der Epistemologie - und Le Roys Buch liefert
Nicht zu übersehen ist bei der Erfüllung dieser Aufgaben das dafür eine glänzende Bestätigung - erstreckt sich also auf eine
ständige Bemühen dieser Wissenschaft, ihren eigenen Bereich Wissenschaft, die nicht nur historisch zum Stillstand gelangt ist,
abzuschließen, als gäbe es keine bessere Norm als solch eine sondern auch gnoseologisch als konstituiert gilt. Für diese Frei-
Schließung. Und stets zeigen sich die besten Abschließungen in heit des Weges hin zur Strenge hat sie keinen Blick.
den allgemeinsten Strukturen. So kommt es, daß ihr Bereich sich Hier haben Vorstellungen eine Vertiefung erfahren, die bis-
in ein und derselben Bewegung erweitert, vertieft und abschließt; lang nur historischen Charakters waren. Daß die Epistemologie
die Grenzen werden weiter und zugleich dichter. Ein Beispiel: sich stets jenseits befindet, daß die Objekte morgen ganz andere
Will man die alte Leibnizsche Idee einer Ableitung beliebiger sein werden, allgemeiner, reiner und besser begründet, das ist
Ordnung, die nach der klassischen Differentialrechnung undenk- eine Sache. Doch daß besagte Verspätung zum Wesen der
bar ist, schärfer fassen, gibt es nur einen Weg: man muß die Idee Epistemologie gehört, ist etwas ganz anderes. Und dies aus dem

90 91
einfachen Grunde, weil die Strenge in der Bewegung liegt, weil solchen Notiz nimmt, wobei sie sich von jeglichem Gedanken an
sie dem Prozeß des Werdens als Ziel dient. Die äußere Sicht der das Subjekt dieser Tätigkeiten löst. Es handelt sich gleichsam um
klassischen Epistemologie läßt keine Angleichung an den aktuel- ein Nachdenken über jenes Quasi-Objekt, das die Operation des
len Stand zu, und das gilt· für sämtliche Aspekte, für die Ge- Denkens darstellt und das der traditionellen Epistemologie eher
schichte, für die Sprache und für den Aufbau. Die äußere als ein Quasi-Subjekt erschienen war. Diese Einstellung, man
Beschreibung vermag nur eine Strenge zweiter Ordnung zu kann es nicht genug betonen, besitzt eine überaus tiefgründige
erfassen, eine Strenge, die gleichsam tot ist. Wir stoßen also Originalität.
gleich zweimal auf die Notwendigkeit, daß die Epistemologie der Letztlich ist es sogar von Vorteil für den heutigen Philoso-
Wissenschaft immanent ist, und unsere Beweisführung schließt phen, daß diese Epistemologie sich fern von ihm und ohne sein
sich: Der Philosoph kann nur zur Wissenschaft »hinabsteigen«, Zutun entwickelt, denn so kann er rasch die Zeit der Propädeutik
wo ihn, wie wir gesehen haben, eine Epistemologie erwartet. hinter sich lassen. Noch niemals in der Geschichte der Philoso-
Genau dies ist die Überschneidung, von der wir gesprochen phie war das Nachdenken über die Erkenntnis so bequem. Entge-
haben. gen der allgemeinen Ansicht war die Wissenschaftsphilosophie
noch nie so einfach wie heute. Früher lief man Gefahr, Irrtümern
Wie es scheint, haben wir bewiesen - oder zumindest festge- zu verfallen; das heutige Unternehmen, das innerhalb der jeweili-
stellt -, daß die Aufgaben der traditionellen oder klassischen gen Gebiete stattfindet, bewahrt den Philosophen davor. Jede
Epistemologie als originäre Momente der philosophischen Inten- Region spricht von sich mit einem Höchstmaß an Trifftigkeit,
tion verschwunden sind. Seither leistet die Mathematik ihre jede legt sich ein reflexives Organon zu oder versucht, sich solch
eigene Beschreibung, begründet sie sich selbst, gibt sie sich ein Organon zuzulegen, aus dem der Philosoph seine Bedeutun-
selbst ihre Normen, oder zumindest versucht sie, dies zu tun. gen nach Belieben schöpfen kann. Ja, der Pluralismus des
Kurz, sie ist beinahe zu einer selbständigen Regulierung ihres Wissens ist in der Tat spektakulär, aber schon zeichnet sich das
eigenen Feldes gelangt, oder zumindest hat sie sich sämtliche Problem der Enzyklopädie ab.
Instrumente geschaffen, die für solch eine Selbststeuerung erfor- Es läßt sich durchaus zeigen, daß dieses Phänomen auch in
derlich sind. Wenn es denn zutrifft, was die Tradition behauptet, anderen Wissenschaften anzutreffen ist, die noch nicht ein sol-
daß nämlich die epistemologische Analyse eine privilegierte ches Maß an Reife erreicht haben wie die Mathematik. Wir
Propädeutik zu jeder Erkenntnistheorie darstellt, dann trifft es können auch anderswo (unter bestimmten Bedingungen) eine
auch zu, daß diese Propädeutik zur Zeit außerhalb der Philoso- analoge Übernahme epistemologischen Denkens in den autoch-
phie und ohne sie stattfindet. Wir erleben heute die Herausbil- tonen Bereich einer Wissenschaft beobachten, deren Epistemolo-
dung einer positiven Epistemologie - ein Vorgang, der im gie dieses Denken einmal gebildet hatte. So war es üblich, in der
übrigen nicht auf die Mathematik beschränkt zu sein scheint, Philosophie über den Begriff der Erfahrung nachzudenken, so-
wenngleich wir dort das am weitesten fortgeschrittene Beispiel weit er die angewandten Wissenschaften betrifft. Nun liegt aber
für dieses Phänomen beobachten können. Allenthalben können auf der Hand, daß viele dieser Wissenschaften sich inzwischen
wir sehen, daß sich eine eigenständige reflexive Einstellung ein präzises, exaktes Organon reflexiven Denkens zugelegt ha-
herausbildet, die quer zu den wissenschaftlichen Handlungen ben, mit dessen Hilfe sie über ihr Wissen nachdenken und sogar
und Vorgehensweisen steht und die von all diesen Aktivitäten als den Begriff der Erfahrung analysieren. Eine Vielzahl von Er-

92 93
scheinungen dieser Art führt uns zu dem Schluß, daß eine Reihe Zweifel auf die zeitweilige Unfähigkeit der Wissenschaftsspra-
von Erfahrungswissenschaften nicht mehr weit von einer Selbst- che, sie normativ einzuordnen, zurückgeht. Daher der Bezug auf
beschreibung und Selbststeuerung entfernt sind, mit der Aus- eine Vernunft, die außerhalb des rein technischen Bereiches liegt
nahme allerdings, daß sie,über ihr Verhältnis zum mathemati- und von der man, zu Recht oder zu Unrecht, glaubt, daß sie in der
schen Modell nicht nachdenken. Das ist etwas ganz Neues und Lage sei, diese Situation zu beurteilen. Nehmen wir also an, die
überaus Bedeutsames. Diese Entwicklung meinen wir, wenn wir Mathematik hat diesen Bezug in sich aufgenommen, sie hat die
von der Schließung eines Gebietes und der Reife seines Inhalts philosophische Intention übernommen, soweit es ihre eigenen
sprechen. Normen betrifft; dann ist sie in der Lage, ihre Strukturen und
selbst noch ihre potentiellen Monstergeburten rational zu beherr-
Hier stellt sich nun wieder die Frage, was es heißt, daß eine schen. Sie wird sich selbst zum index veri; sie versteht es, ihre
Wissenschaft zur Reife gelangt ist. Es heißt, daß sie selbst die eigene Beweiskraft abzuwägen und die Schwierigkeiten ihres
Steuerung ihres eigenen Gebietes übernommen und in ihrer Entscheidungsvermögens zumindest aufzuzeigen, und sie setzt
Sprache eine eigenständige Epistemologie, eine Theorie ihrer all dem selbst seine Grenzen. Ohne tiefer in die Probleme
selbst, entwickelt hat, und dies im Hinblick auf Beschreibung, einzudringen, die sich hier abzeichnen, erkennen wir doch, daß
Begründung und Normen. all diese Probleme hinfort innerhalb der reinen technischen
Wir wollen der letztgenannten Kennzeichnung etwas genauer Aktivität gestellt werden, so daß es in gewisser Weise nicht mehr
nachgehen, der Frage also, was es heißt, daß ein Wissensgebiet möglich ist, sich zu täuschen, Begriffe zu schaffen, deren norma-
sich seine Normen selbst setzt. Damit ist gemeint, daß ihr keine tiven Status man nicht abzuschätzen vermag (mit der Einschrän-
allgemeinen Beurteilungskriterien für wahr und falsch von außen kung allerdings, daß man ein überaus klares Bewußtsein von den
vorgegeben werden; sie ist auf gänzlich unabhängige Weise Schwierigkeiten, das heißt den Paradoxa dieses »Abgeschätzten«
index veri et falsi. Hier wird man vielleicht einwenden, dies habe besitzt). Von nun an will diese Wissenschaft sich als eine, die so
doch immer schon für die Mathematik gegolten. Doch das trifft gut sie eben kann über das reflektiert, was in ihrem Gebiet
nicht zu. Die mathematische Sprache war durchaus nicht immer Wahrheit ist, die sich als Indikator ihrer eigenen Wahrheit
auf der normativen Höhe der entdeckten Gegenstände und Theo- betätigt (Indikator im Sinne der Chemie und in dem Sinne, wie
rien. Ihre Geschichte ist nicht frei von Schöpfungen, die sich als Leibniz nach einem Prüfstein verlangte). In dem Maße, wie die
nicht zu beherrschende Mißbildungen erwiesen; die Mathematik Mathematik sich in sich selbst schließt, wird sie das Gebiet der
hat unvermeidliche Monstren hervorgebracht, die sie nicht mehr automatischen Wahrheitsfindung, wobei der Ausdruck »automa-
verstand und die sich an Orten einnisteten, zu denen die Mathe- tisch« hier in dem tiefgründigen Sinne einer Ausführung zu
matik mit ihren normativen Konzepten nicht vorzudringen ver- verstehen ist, die unabhängig von allem erfolgt, was nicht zu dem
mochte. Das gilt für die irrationalen Zahlen, die imaginären betreffenden Gebiet gehört.
Zahlen, die Differential- und Integralrechnung, jeweils zum
Zeitpunkt ihrer Entdeckung. Man sagt oft genug, diese »Mutan- Ein Wort indessen könnte ein Mißverständnis auslösen: Zur
ten« hätten der Wissenschaft und in deren Gefolge auch der Reife gelangt, das könnte so klingen, als wäre da eine Geschichte
Philosophie jedesmal einen kräftigen Impuls verliehen; aber man an ihr Ende gekommen. Besser sagte man hier: in den Zustand
sagt vielleicht nicht, daß die Aufregung der Philosophie ohne der Reife eingetreten, denn das läßt die weitere Geschichte offen.

94 95
System und Bewegung, die Mathematik entwickelt sich fort und 1. Die Mathematik strebt ihren Prioritäten ebensosehr und mehr
bleibt dennoch ihrem Wesen nach dieselbe, das heißt sie wird noch entgegen, als sie von ihnen herkommt. So werden die (im
ihrem Wesen nach Mathematik, obgleich sie sich ständig wandelt, historischen Sinne) alten Prioritäten im Rückblick zu Ergebnissen
in gewaltigen Schüben ei?,er vollständigen Restrukturierung. Ein (Le Roy ist dafür ein gutes Beispiel).
letztes Wort zu dieser Bewegung:
Die Mathematik ist eine Theorie, die nach innen offen und nach 2. Sie strebt ihrer Reinheit ebensosehr und mehr noch entgegen,
außen geschlossen ist. als sie daher kommt (die Bewegung der Abschließung ist also
Die äußere Abschließung ist: lediglich ein Korrelat zur Öffnung der Bewegung und löst das
Paradoxon hinsichtlich der Anwendungsfrage ). Was ehemals als
1. Reinheit im Hinblick auf die übrigen Wissenschaften und die rein galt, wird im Rückblick zu etwas Anwendungsorientiertem.
angewandte Mathematik (oder deren Objekte).
3. Sie strebt der Strenge ebensosehr und mehr noch entgegen,
2. Übernahme des Problemgehalts der allgemeinen Epistemo- als sie daher kommt, und was einst als exakt galt, kann im
logie, Verinnerlichung ihrer Intentionen, Erfindung einer autoch- Rückblick nun als ungenau angesehen werden.
tonen Sprache, die geeignet ist, diese Probleme zu stellen und Daß der letzte Horizont der da~it umschriebenen Bewegung
diese Intentionen zu verwirklichen, soweit es eben möglich ist. durch eine der Mathematik jeweils eigene Priorität, Reinheit,
Strenge und Grundlegung gebildet wird, erklärt den Gedanken,
3. Eliminierung der Anschauung, der Evidenz, der Reflexion, wonach die hier in Rede stehende Öffnung eine innere ist. Die
der Begründung, soweit sie sich auf das wahrnehmende, rationale, Mathematik ist nicht offen für etwas außerhalb Stehendes, sie ist
reflexive bzw. transzendentale Subjekt beziehen. offen für sich oder auf sich selbst. Daß sie andererseits nach außen
Diese Abschließung ist also Reinigung, Selbststeuerung und geschlossen ist, bringt insbesondere die Tatsache zum Ausdruck,
Befreiung vom Ich. Die Abschließung gegenüber jeglichem daß sie hinfort auch für eine äußere Epistemologie verschlossen
anderen Wissen führt zu dem (paradoxen) Ergebnis, daß die sein wird, so jung diese Epistemologie auch sein mag - sie wird
solcherart gereinigte Sprache, das Organon, universellen Charak- nicht lange leben.
ter erhält. Die Bewegung der Abschließung ist eine universalisie- Autonomie und Bewegung, darin liegen die definierenden
rende Bewegung. Im Maße, wie die Mathematik diese (radikale) Merkmale der Reife.
Reinigung vornimmt, nähert sie sich dem Nullpunkt der Anwen-
dung (oder des Außenbezuges ) und damit dem Maximum ihrer Und so wurde die Mathematik zu jener Sprache, die ohne Mund
Anwendbarkeit. Die unabhängigste aller Sprachen ist die Sprache spricht, zu jenem blinden Denken, das ohne Augen sieht, zu jenem
der Sprachen. Je weniger Fenster sie hat, desto besser vermag das aktiven Denken, das ohne ein Subjekt für das cogito denkt, zu
Universum sich darin zu spiegeln. jenem menschlichen Schöpfungwerk vom siebten Tage einer
Andererseits ist die Mathematik nach innen offen, das heißt, sie neuen Genesis, einem Werk, das wachsen und gedeihen wird,
strebt ihrem Wesen zu, und dies ebenso sehr und mehr noch, als sie während der Philosophengott, der sieht, daß dieses Werk gut ist,
es verwirklicht. Sagen wir, sie strebt der Mathematizität entgegen. sich nur davon zurückziehen kann und hinnehmen muß, daß es
Diese Aussage bedarf der Erläuterung: seine eigene Wirkungskraft entfaltet.

96 97
Eine kurze Bilanz: Wie haben zu Beginn von einem zweifa- liefern, die unendlich weit entfernt ist von einer transzendentalen
chen Entwicklungsstrang gesprochen; der eine repräsentiert die Grundlegung in subjecto; und schlimmer noch, dieser Stil macht
innere Geschichte der Mathematik, die Entwicklung ihrer allge- es gelegentlich sogar erforderlich, die Aufgabe einer logischen
meinen Idee; der andere steht für die Geschichte und Evolution Grundlegung überhaupt zurückzuweisen. Le Roy ist ein Beispiel
der epistemologischen Intentionen und Projekte. Man muß si~h dafür; und Husserls Scheitern wäre ein zweites. Was die Be-
zwei Zeiten in diesem parallelen Geschehen vorstellen: dIe schreibung angeht, so enthüllt jeder synchrone Schnitt eine
klassische und die modeme Zeit. Welches sind nun die Querver- Zeitverschiebung zwischen der Geschichte der Probleme und der
bindungen zwischen den beiden Entwicklungsprozessen ? Geschichte der zugehörigen Epistemologie. Atemlos hastet die
Die wesentliche Verbindung in der klassischen Zeit ist die Epistemologie hinter der Problemgeschichte her, ist nur, was sie
reflexive Verbindung. Die Unzulänglichkeit de~ klassis~hen Ma- a parte post ist, und ihre Verspätung wird um so größer, je mehr
thematik macht sie dringend erforderlich. In ihrer naiven Ent- die Problemgeschichte voranschreitet. Das Bedürfnis nach Re-
wicklung weist sie der äußeren Epistemologie, die sie begleitet, flexivität wird also niemals zu dem Zeitpunkt erfüllt, da es sich
zumindest drei Arten von Problemen zu, solche der methodologi- bemerkbar macht. Was die Norm angeht, bedeutet die Verspä-
schen Beschreibung, solche der logischen Normierung und sol- tung Irrtum. Diese drei Mängel sind einander analog. Nach und
che der Begründung, kurz: sämtliche Probleme, die mit ihrem nach wird das Scheitern der drei zentralen Aufgaben deutlich,
Systemcharakter zusammenhängen. Diese ~roblem~ definier~n welche die Berufung und die Intention der Epistemologie ausma-
das ursprüngliche Feld, in dem sich die klaSSIsche EpIstemologIe chen. Um dieses Scheitern zu umgehen (oder zu verbergen),
entfaltet. Sie behandelt diese Fragen auf reflexive Weise und unterdrückt man zwei der drei Aufgaben, und zwar die Normie-
bringt damit eine allgemeine Theorie des Wissens schlechthin rung und Begründung der wissenschaftlichen Vernunft; die Epi-
hervor. Die Gesamtheit der Schwächen, die der klassischen stemologie erfährt eine Historisierung; sie wird regional (sie
Wissenschaft anhaften, bilden das Feld, in dem sich ihr episte- explodiert gleichsam und verteilt sich auf partielle Beschreibun-
mologisches Wissen entwickelt, eine Unzulänglichkeit, die .das gen, die immer engere Gebiete betreffen); sie wird impressioni-
auslösende Moment für die Übertragung der Probleme auf dIese stisch (das jeweilige Gebiet beschreibt sie immer präziser, aber
Epistemologie darstellt. das gnoseologische Unternehmen schiebt sie in immer weitere
Wir wollen nun einmal unsere beiden Leitstränge verfolgen Feme), kurz: sie konstituiert sich als Naturgeschichte der Wis-
und synchrone Schnitte hindurchlegen. Einerseits erlan~t die senschaften. Indem sie das tut, nähert sie sich gut oder schlecht,
Mathematik ein immer größeres und autochtones BewußtseIn der auf jeden Fall aber immer stärker der eigentlich wissenschaftli-
in Frage stehenden Schwierigkeiten. Aufgrund ihrer inneren chen Intention an; ihr Strang neigt sich in Richtung seines
Entwicklung nähert sie sich immer stärker der epistemologischen Parallelstrangs . Allmählich verliert sie ihr ursprüngliches Pro-
Problematik als solcher an: der Strang neigt sich in Richtung blemfeld an die wissenschaftliche Technik, die nun ihrerseits
seines Parallelstrangs . Andererseits fragt sich, wie die Epistemo- beginnt, dieses Problemfeld mit Beschlag zu belegen. Die Unzu-
logie ihre dreifache Aufgabe übernimmt. Was die Beg~ndung länglichkeit der epistemologischen Lösungen ist also ein speziel-
angeht, erweist sie sich als unfähig, eine Grundlage bereitzustel- ler Grund (oder eine Begleiterscheinung) des Rückimports dieser
len die von der Mathematik wirkungsvoll gedacht werden kann, Probleme in ihr Ursprungsgebiet.
de~n ihr reflexiver Stil vermag lediglich eine Perspektive zu Die Modeme beginnt in dem Augenblick, da die beiden

98 99
Stränge sich einander merklich annähern. Diese Annäherung hat, plarisch gelten, denn es bietet das Paradigma des Operativen oder
wie wir wissen, zwei Gründe: Die Epistemologie scheitert auf der Operation. Soweit es die beschränkte Zahl von Elementen
dem Feld ihrer einstigen Siege, und die Mathematik gewinnt betrifft, die der von ihm vorgestellte synchrone Schnitt enthielt
Geschmack daran, auf dem Feld ihrer einstigen Niederlagen und die nun prinzipiellen Charakter erlangten, wurde dieses
Triumphe zu feiern. Und dieses Terrain, das Abfluß und Rück- Operationsfeld, das in der Perspektive der klassischen Epistemo-
fluß erlebt, ist das Gebiet der ursprünglichen epistemologischen logie reflexiver und grundlegender Natur war, zu einem (beliebi-
Intention; es umfaßt die Probleme der Beschreibung (in einer gen) rein technischen Feld des mathematischen Denkens. So war
bestimmten Sprache), der Begründung, der Norm und des Sy- es denn sinnvoll, dieses Paradigma zu verallgemeinern, und das
stemcharakters . Der Prozeß der Übernahme wird nicht eher zum haben wir getan: Dieser besondere Übernahmevorgang läßt sich
Stillstand kommen, bevor nicht der gesamte Problembereich der nur im Rahmen einer allgemeinen Bewegung denken.
traditionellen Epistemologie mit den streng definierten Einzel- Doch hier ist eine Präzisierung angebracht: Diese Verschmel-
problemen der modemen Mathematik verschmolzen ist. Dieses zung stellt unter keinen Umständen einen Endpunkt dar. Gewiß,
Problemfeld, das zunächst auf einer reflexiven Linie in die die Mathematik versucht, sich durch die Übernahme der episte-
Epistemologie verwiesen worden war, wird wieder von der mologischen Intention zu »schließen«, aber ihre Kunst bleibt
Mathematik absorbiert, wird von ihr zurückgenommen, wenn dennoch offen. Kein Problem kann jemals als endgültig gelöst
der Horizont der Analyse in subjecto in Vergessenheit geraten ist. gelten; es gibt einen wesensgemäßen »Historismus«, der be-
Die Probleme sind dieselben, aber sie haben technischen Charak- wirkt, daß die Mathematik gleichermaßen Bewegung und Sy-
ter angenommen, sind formalisiert und ihrer reflexiven Aura stem ist. Es bleiben stets so viele offene Fragen, was Norm,
entkleidet. Durch die Einschränkung des Allgemeinheitsgrades, Beschreibung und Begründung angeht (wobei wir von den eher
durch den Bezug auf wohlbestimmte singuläre Strukturen, durch »technischen« Fragen hier einmal absehen wollen), daß ein
Analyse, durch die Entfaltung vielfältiger, abwechselnd be- neuerlicher Umbau des gesamten Gebäudes niemals ausge-
herrschter Ebenen finden sie zu einer Lösung oder gelangen schlossen ist, und auch jetzt sind bereits Anzeichen dafür erkenn-
wenigstens in eine Situation, in der Lösungen möglich erschei- bar. Undenkbar ist indessen, daß man diese Probleme im Geiste
nen. Worin das epistemologische Projekt ursprünglich auch und mit den Methoden einer klassischen Epistemologie angehen
bestanden haben mag, in jedem Falle besitzt es nun ein techni- könnte; diese klassische Epistemologie ist tot. So erhebt sich
sches Analogon (oder besser: eine Vielzahl technischer Analoga) denn die Frage, in welchem Bereich sich von nun an das im
innerhalb einer ganzen Serie festumrissener Probleme oder Theo- eigentlichen Sinne philosophische Denken der mathematischen
rien. Was ist der Beweis, die Deduktion, die Rekurrenz, die Wissenschaft entwickeln wird, und es stellt sich die Aufgabe, die
Analogie, die Zahl, die Ordnung und das Maß, ja selbst die Sprache zu entdecken, in der dieses Denken sich bewegt. Wir
Wahrheit und die Kohärenz der Diskurse des mathematischen können auch sagen, es stellt sich die Aufgabe, den vierten
Dialekts ... ? Da käme eine lange - und zweifellos erschöpfende Ausdruck unseres Vergleichs zu definieren.
_ Liste jener Probleme zusammen, welche die alte »Logik« Wie steht es nun also um die Möglichkeit, eine »modeme«
entwickelt hat und die sich seither auf der Tafel aneinanderrei- Epistemologie zu schaffen? Dazu läßt sich im Augenblick nur
hen, in den transparenten Ausdrücken eines blendenden Kontra- sagen, daß es die erste Aufgabe solch einer Epistemologie sein
punktes. Auch in dieser Hinsicht kann Le Roys Buch als exem- muß, den oben kurz skizzierten Stand der Dinge mit der größt-

100 101
möglichen Klarsicht zur Kenntnis zu nehmen. Wieder einmal hat DIE ANAMNESEN DER MATHEMATIK
die Philosophie sich in Schale geworfen, um die Ehe mit dem
arbeitenden Künstler einzugehen. Ich kann mir schlechterdings Seit Auguste Comte siedelt zumindest die französische Wis-
nur eine Daseinberechtigung für die Philosophie der Mathematik senschaftsphilosophie ihr Projekt gerne im Bereich der Wissen-
vorstellen, zumindest soweit sie etwas anderes als bloße Technik schaftsgeschichte an. Ob man diese Geschichte nun als Abfolge
sein will: Sie muß sich selbst als Philosophie, das heißt die von Stadien oder dialektisch, als rationale oder psychosoziale
Kohärenz ihrer deskriptiven Sprache, den Wert ihrer Normen, Genese, als Terrain einer archäologischen oder psychoanalyti-
die Festigkeit der von ihr vorgeschlagenen Gründung und selbst schen Suche begreift, in jedem Falle kommen uns sogleich die
noch ihre eigene Möglichkeit, einer radikalen Kritik unterziehen. großen Namen dieser Disziplin in den Sinn, von Duhem und
Wenn sich zeigt, daß alle ihre Probleme in ein anderes Gebiet Brunschvicg bis hin zu Bachelard. In dem Winkel, den diese
übernommen worden sind, dann muß sie über die Voraussetzun- Geschichtsphilosophien mit der am Ende doch wiedergefunde-
gen und Gründe dieser Übernahme nachdenken und über die nen formalen Logik bilden, läuft eine gewisse synchrone Episte-
Möglichkeit eines RÜckimports. Ganz generell hat es den An- mologie Gefahr, ins Abseits zu geraten. Ist dies nur faktisch so,
schein, als läge in dieser Bewegung von Ausdrücken und Proble- oder geschieht es mit vollem Recht? Das ist die Frage, die wir uns
men zwischen verschiedenen Gebieten und Bereichen eine der stellen wollen.
fundamentalsten Fragen moderner Wissenschaftsphilosophie.
Solch eine moderne Philosophie der Wissenschaften ist nur als Neben einem überzogenen Anspruch gibt es ohne Zweifel
eine allgemeine Epistemologie positiver regionaler Epistemolo- auch ein verdecktes Paradoxon, das die Geschichte einer Wissen-
schaft, die nichts anderes ist als der Triumph des Logos, wieder
gien vorstellbar.
einmal zum Gegenstand ihres Diskurses machen müßte. In der
Damit sind wir beim eigentlichen »Streitpunkt« . In der Mathe- Tat liegt der Skandal nicht allein an dem Ort, an dem die Begriffe
matik gehört der Sieg den Modemen; allerdings nur für eine ihn erwarten lassen, sondern in der Frage, wie es möglich ist (und
gewisse Zeit, denn sie sind bereits die Klassiker von morgen. dann auch, unter welcher Voraussetzung es möglich ist), daß
Gibt es in der Epistemologie einen Streit zwischen Alten und mathematische Wahrheiten mit einem geschichtlichen Index
Modernen? Wäre so etwas vorstellbar, wenn es gar keine Streit- versehen sind, daß Invarianten wie Strenge und Reinheit dem
parteien und vielleicht nicht einmal einen Grund zum Streit gibt? Wandel unterworfen sind. Wenn die Mathematik eine gut ge-
baute Sprache ist, dann ist es doch offenbar unnötig und sogar
November 1963. widersprüchlich, diese Sprache zu verändern. Nun weiß inzwi-
schen jeder, daß eine wissenschaftliche Wahrheit außerhalb des
Systems, das sie enthält und überhaupt erst möglich macht, gar
keine Bedeutung besitzt - eine Feststellung, die ihren Sinn noch
am vollkommensten in der Welt des mathematischen Diskurses
entfaltet. Hier ist die Wahrheit, um es kurz zusammenzufassen,
lediglich eine Beziehung, die ein Satz oder ein Wort zu ihrer
Sprache, ein Atom des Systems zu seiner Familie, kurz: die das

103
102
System zu sich selbst unterhält. Das Paradoxon löst sich auf, Wir können auf diesem Wege anhalten, um eine lokale Unter-
wenn man die Geschichte nicht als Folge von Wandlungen eines suchung vorzunehmen; wir können versuchen, den ganzen Weg
reinen Logos begreift, sondern als (Meta-)Morphosen eines zu durchmessen und eine globale Synopse zu erstellen. Im ersten
selbstreferentiellen Logos~'die Mathematik ist dann nichts ande- Fall ist es eine gute Strategie, ein System auszuwählen und zu
res als die Wissenschaft dieser Selbstreferenz, und Strenge ist die sehen, wie es die historischen Fragen reduziert. Im zweiten Fall
Strenge ihrer Anwendung. In der Allee der Spiegel, von der empfiehlt es sich, Modelle zu schaffen, mit denen man der
Lautreamont spricht, müssen wir den geraden oder gebrochen Abfolge der Formen und siegreichen Systeme im Gewirr der
Strahlen des Lichtes folgen. Diese offene Allee ist die Geschichte Sprachen gerecht werden kann. Eine Gestalt erwartet uns an den
der Mathematik, die Geschichte einer Sprache, deren Worte Kreuzungen dieses Weges, stets derselbe und immer ein anderer,
einander aufs genauste antworten, einer Sprache, die unzählige der Sklavenjunge aus dem Menon.
Male in neue, aber homologe Sprachen übersetzt worden ist, die
Geschichte selbstbezüglicher und daher geschlossener Systeme, Meine beste Erfahrung mit diesen Dingen ist ein Fehlschlag,
die sich auf andere Systeme beziehen und mithin offen sind, den ich wohl eher beichten als bekennen sollte. Er betrifft die
wobei sie sich jedoch stets auf neue scheinbar mathematische und Philosophie von Leibniz, die mir als Paradigma oder Prototyp für
damit geschlossene Systeme beziehen ... , die Geschichte von den Beginn einer Analyse dienen wird. Zunächst aber handelt es
Formen, die ihre Bedeutung innerhalb eines Systems erhalten sich um ein gutes Beispiel, denn sein Werk ist gleichermaßen
und von daher gänzlich nach innen gerichtet sind, aber zuweilen eine systematische Philosophie, eine wissenschaftliche Enzyklo-
2
plötzlich eine andere Bedeutung annehmen, über ihre interne pädie und eine Sammlung wissenschaftlicher Lehrmeinungen.
Selbstbezüglichkeit hinausgehen und über die Grenzen des Sy- Deshalb glaube ich behaupten zu können, daß die Metaphysik der
stems hinaus greifen wie ein pathologischer Auswuchs, in Rich- prästabilierten Harmonie ein kompliziertes, flexibles und undefi-
tung eines neuen internen Systembezugs, gleichsam wie ein niertes System darstellt, mit dem sich Thesen ineinander überset-
verlorener Lichtstrahl auf der Suche nach seinem Spiegel. . ., die zen lassen, die gelegentlich (oft) wissenschaftlicher Natur sind ,
Geschichte von Wahrheiten, die ständig auf der Suche nach einer wobei der Ausdruck »wissenschaftlich« hier in seinem weitesten ,
geschlossenen Welt sind, in die sie sich einschließen können, die das heißt enzyklopädischen Sinne zu verstehen ist. Besser und
ihnen ihre Existenz und ihre Möglichkeit sichert, bis die Anfor- tiefer fassen wir die Sache, wenn wir sagen, es handelt sich um
derungen der Strenge die interne Anwendung unmöglich machen
und den Riegel sprengen für einen besseren und besser in sich Möglichkeit ihrer eigenen Konstitution als Wissenschaft in Szene. Sie wird sich eines Ich
bewußt, das ihr in ihrem historisch-philosophischen Kontext schon immer präsent
selbst geschlossenen Bezug ... Dann wendet sich die unerbittli- gewesen ist. Bei der Mathematik liegen die Dinge anders. Wenn sie zur Reife gelangt,
che Dynamik von sich selbst ab und hin zum Universellen in verleiht sie der Wahrheit Ausdruck, die immer schon die ihre gewesen ist, seit ihren
Anfängen in Griechenland; hier finden wir also die denkbar strikteste Ausschließung des,.
actu, vollkommen offen und vollkommen geschlossen, hin zu Subjekts. Anders gesagt, die Bedingung der Möglichkeit der Anwendung auf die Welt
dem stets weiter hinausgeschobenen Ziel der Geschichte. 1 liegt im transzendentalen Bereich in subjecto, während die Bedingung der Möglichkeit
der Anwendung auf sich selbst in ebendem Bereich liegt, in dem sie sich vollzieht. Damit
soll gesagt sein, daß die Mathematik ein quasi-objektiver, transzendentaler Bereich an
1. Daher die verlangte Bedingung: Einerseits ist die historische Wahrheit des Idealismus- sich ist.
kurz gesagt - die Physik. Wenn nun eine Wissenschaft zur Reife gelangt und sich reflexiv 2. Eine wissenschaftliche Enzyklopädie, die paradoxerweise mit der Zeit nicht zuneh-
auf sich selbst zurückwendet, bringt sie plötzlich ihre eigene philosophische Wahrheit mend veraltet, sondern sich durch beständige Rekurrenz ihre Lebendigkeit bis in die
zum Ausdruck. Deshalb setzt die zeitgenössische Physik das Ich als Bedingung der Gegenwart erhalten hat.

104 105
ein Netz von Korrespondenzen, das die universelle Möglichkeit wicklung, das heißt eine Explikation: Das System ist zugleich das
jeglicher Übersetzung einer Thematik in eine beliebige andere zu Erklärende und das Erklärende (explicandum et ultimum
gewährle~stet und umgekehrt. Wenn man darauf verzichtet, zu explicans).3
erzählen, zu berichten und zu wiederholen, kompliziert sich das Daher kommt es, daß die Leibnizsche Philosophie in einer
Problem der Erklärung sogleich, das heißt, es verdoppelt sich. Universalsprache geschrieben ist, die sich beliebig in sämtliche
Man übersetze zum Beispiel eine These in die dem Autor eigene positiven Sprachen im Lande der Enzyklopädie übersetzen läßt,
mathematische Sprache und führe zum Beweis dafür an, was oder besser, daß sie wie ein vielsprachiges Wörterbuch mit
Leibniz ankündigte und wünschte; obwohl diese Erklärungstech- mehreren Eingängen aufgebaut ist. Anders gesagt, der Pluralis-
nik möglich und oft auch realisierbar ist, reicht sie nicht aus; sie mus ist nicht nur ontologischer und substantieller Art, er ist
sündigt durch Einseitigkeit und perspektivische Verzerrung wie gewissermaßen strukturell. Couturat, Russell und andere hatten
übrigens jede Erklärung, die sich auf eine regionale Wissenschaft versucht, die Grammatik dieser Sprache zu schreiben, ihre Syn-
stützt, auf die Dynamik, um ein weiteres Beispiel zu nennen, tax und ihre Morphologie; blieb noch, die Semantik des Systems
oder auf die Rechtstheorie. Die Erklärung erfolgt hier durch zu erstellen, das heißt, das zugehörige Wörterbuch zu schaffen.
Reduktion eines Systems auf ein lokales Gebiet, durch Reduktion Und obwohl es sich dabei um eine komplizierte und gewisserma-
der Theorie sämtlicher möglichen Übergänge zwischen beliebi- ßen unendliche Aufgabe handelt, ist sie nicht unlösbar.
gen SP!achen auf eine einzige Sprache. Paradoxerweise bedeutet Hier stoßen wir nun auf die Schwierigkeit, die ich oben bereits
beweisen dann nicht mehr erklären, sondern implizieren: man kurz angesprochen habe: Solange man sich in einer idealen
impliziert in einer positiven Sprache die Theorie der Überset- Systematik bewegt und insbesondere in einem System, das die
zung, man umhüllt die Theorie der Erklärung, der Erklärung ars combinatoria zu seinen Elementen zählt, verlangt die archi-
dessen, was ein Wissensinhalt an Implizitem umhüllt. Bei Leib- tektonische Anordnung der Dinge lediglich naive Geduld und
niz nun ist das einem Gebiet Implizite nichts anderes als die eine triviale wissenschaftliche Technik. Wenn man ein Klavier
Totalität des Systems. Anders gesagt, das Leibnizsche System hat, ist es zumindest theoretisch leicht, alle Melodien und Har-
erklärt sich selbst, indem es sich unablässig auf sich selbst monien darauf zu spielen, die man nur möchte. Nun hat aber
bezieht. So läßt sich die Theorie des Standpunktes leicht in die Leibniz sein System niemals als etwas Fertiges, in idealer Weise
geometrische und perspektivische Sprache der Kegelschnitte Erstarrtes oder Gefrorenes beschrieben. Im Gegenteil, er besaß
übersetzen, eine Übersetzung, die es dann gestattet, eine These ein sehr ausgeprägtes Bewußtsein für die epistemologische Ent-
zu beweisen, zum Beispiel eine aus dem Bereich der Philosophie; wicklung, für das Erbe und die enzyklopädische Tradition und
doch die Theorie der Kegelschnitte umhüllt ihrerseits die Idee der ganz allgemein für die wissenschaftliche Vorausschau. Wir le-
Harmonie, das Problem des Irrtums (Theorie der Schatten), das ben, hat er einmal gesagt, in einer gleichsam jugendlichen Welt,
Prinzip der Kontinuität, Fragen hinsichtlich des Unendlichen, die in quodam mundi infantia; und mehr noch, er verzichtete gerne'-
Existenz einer Invarianten in einer Folge von Metamorphosen, auf die Strenge der Begriffe zugunsten ihrer Effizienz, ihrer
die Erstellung einer Klassifikation der natürlichen Wesen und Fruchtbarkeit, ihrer Wirksamkeit, wenn es darum ging, »Boden
neben weiterem natürlich die Frage des Standpunktes, der Per-
3. Mit der Folge, daß mathematische Erklärungen gültig und zugleich unzureichend sind.
zeption und der Expression im allgemeinen. Die erste Technik, Man muß mathematisch erklären, weshalb die Mathematik nur eine Erklärung unter
der Beweis, ist eine Implikation, die zweite dagegen eine Ent- vielen ist.

106 107
zu gewinnen«, wie er selbst es einmal ausdrückte. Mit einem - letztlich sollte der Ausdruck originatio (De Rerum origina-
Wort, er stellte die ars inveniendi über die Methode der Gewiß- tione radicali) nie etwas anderes bedeuten als Etymologie, wobei
heit. 4 Außerdem bedeutete Entdeckung für ihn nicht, daß es gar der Ausdruck radicalis dann die Wurzel der Worte meint.
keine Vorläufer gab; vielmehr dachte er dabei an eine methodische
Akkumulation der Tradition und an deren Reaktivierung: Golda- »Genetisch« versteht sich gleichfalls von selbst, denn jedes
dern in taubem Gestein. beliebige Element trägt seine Vergangenheit, seine Gegenwart
Danach ist das strukturelle Wörterbuch nicht bloß ein formaler und seine Zukunft in Gestalt einer göttlichen Ur-Inschrift in sich:
und idealer Bau, es gehört nicht zum synchronen Typus, sondern So ist es bei der Monade, und dieses Thema überträgt sich in
berücksichtigt die Diachronien sämtlicher Sprachen, die es mobi- unveränderter Form auf die Erkenntnistätigkeit des Verstandes
lisiert. So finden wir dort die Geschichte der Wissenschaften, die (passiv allwissendes Gedächtnis - beständige Wiederentdek-
Geschichte der Sprachen - im regionalen Sinne der Philologie -, kung), auf die Entwicklung der Lebenskeime und des Organis-
die Geschichte der (politischen, diplomatischen, rechtlichen) mus (Involution - Metamorphose), auf das geschichtliche Aben-
Institutionen, die Geschichte der Religionen, die Ethnologie teuer des Individuums (Cäsar, Alexander, Sextus), auf die über-
(Novissima sinica) und die Mythologie, die Naturgeschichte der natürliche Bestimmung der sündhaften Seele usw., aber auch
Lebewesen und die Archäologie der Erde (Protogaea) oder die unmittelbar auf den Inhalt unseres Wissens (Theorie vom Fort-
Geologie der tiefen Sedimentschichten. Das strukturelle Wörter- schritt der Aufklärung).
buch ist nicht nur Grundinstrument der thematischen Korrespon- Kurz gesagt, das formale atomare Element, das überall im
denzen im allgemeinen oder der wechselseitigen semantischen System übersetzbar ist, erweist sich zugleich als geschichtliches
Ausdrücke; es ist zugleich auch ein etymologische$, genetisches Kondensat, das seine Wurzeln, das Gesetz seiner Entwicklung
und prospektives Wörterbuch. Die Bedeutungsatome darin sind und den Horizont seiner Finalität in sich trägt. Zu jedem Zeit-
zugleichjormal und in Bildung begriffen. punkt seiner Entwicklung ist es theoretisch möglich, darauf wie
auf einem verblichenen Palimpsest seinen vergessenen Ursprung
»Etymologisch« versteht sich von selbst, denn: abzulesen, der im Reich der Zwecke den Schlüssel zu seinem
Zweck darstellt. Daraus lassen sich alle erdenklichen Geschichts-
- jede Entwicklung geht auf eine Prästabilierung zurück, die modelle ableiten, auf die ich nachher noch eingehen werde:
sich regional in Präformation, Präexistenz, Prädestination, Präde- lineare Folgen, die sich bis ins Unendliche fortsetzen, zirkuläre,
monstration, Prädetermination usw. übersetzt; rekurrente und spiralförmige Modelle, Verfall, statische Unbe-
weglichkeit und so weiter. Da die Zeit nur eine Ordnung ist, sind
- in jeder Disziplin basieren Erfindung und Projekt auf der alle Ordnungen vorstellbar. 5 Zu der universellen Möglichkeit, die
Erforschung von Urelementen, die regional in Urzahlen, Ur- Themen zu übersetzen, tritt noch die universelle Möglichkeit·
kräfte, Urbegriffe, Urworte, Ursprachen oder die Sprache Adams , hinzu, sie in sich selbst variieren zu lassen, um ihre Entstehung
das Alphabet der menschlichen Gedanken usw. übersetzt werden; zu erkennen. Das formale Denken nimmt die Geschichte wieder

4. Oder vielmehr hat Leibniz den Gedanken entdeckt (bzw. wiederentdeckt), wonach 5. Die Reduktion der Zeit auf eine Ordnung macht es möglich, die Kombinatorik auf die
Strenge heuristische Kraft hat und zur Erfindung führt. Geschichte anzuwenden.

108 109
auf und verleiht ihr ein Spektrum von Bedeutungen, das heißt die wird; die Gesamtheit seiner Bedeutungen bei den einzelnen
Totalität der vorstellbaren Bedeutungen. Aus der Perspektive des Reaktivierungen, die ihn mit einer neuen Bedeutung ausstatten
Systems besitzt die Geschichte sämtliche Bedeutungen; aus der und zugleich die vorangegangenen Reaktivierungen naturalisie-
Sicht der Geschichte hat das System zugleich einen Sinn und ren; und schließlich seine rekurrente Bedeutung im rückblicken-
etwas Unendliches. den Urteil des neuesten Umbaus der Mathematik. Allein die
So also steht es um ein System, dessen exemplarische Bedeu- letztgenannte Bedeutung ist dessen wissenschaftliche Wahrheit.
tung hinsichtlich unserer Fragen in der großen Vollkommenheit Nun aber fallen die Normen der historischen Treue auseinan-
seiner Architektur und der außergewöhnlich großen und umfas- der: Wenn ich zum Beispiel an die Leibnizsche Mathematik mit
senden Rolle liegt, die es der Geschichte zuweist. Es ist Wissen- dem rekurrenten Urteil der heutigen Algebra herangehe, dann
schaftswissenschaft und Wissenschaftsgeschichte, aber auch Ge- gebe ich ihr ihre Wahrheit, das heißt, ich filtere ihre Teleologie,
schichtswissenschaft und Geschichte der Geschichte. In gewisser doch einer bestimmten Geschichte gegenüber lasse ich es an
Weise kommt es hinsichtlich seines paradigmatischen Wertes in Treue fehlen, nämlich gegenüber der Ideengeschichte als Kata-
die Nähe der Euklidschen Elemente oder auch der Elemente von log der jeweils neuesten Ergebnisse. Außerdem findet die Wahr-
Bourbaki, denn auch sie bilden ein nahezu vollkommenes Ideen- heit, die ich ihr gebe, ihre Grenze in meinem aktuellen Bezug:
gebäude und ähneln dennoch einem geschichtlichen Kondensat: Indem ich die vergangene Bedeutung überdecke, laufe ich auch
Zusammenfassung des Erbes, synchroner Schnitt durch die idea- Gefahr, eine noch nicht vorstellbare zukünftige Bedeutung zu
len Gegenstände, die sie verknüpfen - Schnitte, die stets in verdecken. Ich wecke das Interesse des heutigen Wissenschaft-
Gefahr stehen zu veralten oder bereits veraltet sind -, Öffnung 1ers' indem ich ihm einen Vorläufer gebe, aber ich bin kein
der Bedeutung für die künftigen Mathematiker. Historiker im üblichen Sinne des Wortes. Wenn ich ihm dagegen
allein mit synchronen Bezügen komme, bin ich zweifellos ein
Daher die Schwierigkeit, die uns die Frage bereitet, wie wir getreulicher Historiker, aber das Wesentliche lasse ich außer
diese exemplarischen Systeme erfassen, das heißt historisch acht: die finalisierte Wahrheit der Mathematik - treu gegenüber
erfassen sollen. Wie zum Beispiel sollen wir ein mathematisches der sedimentierten Geschichte, untreu gegenüber der Wissen-
Konzept von Leibniz datieren? Oder eines von Bourbaki? Es schaft als Geschichte, untreu gegenüber der Wahrheit, die nichts
kennt zumindest drei Zeiten: die Zeit seines ersten Auftretens in anderes als Teleologie ist. Daraus resultiert jenes Unbestimmt-
der mathematischen Tradition, die Zeit seiner Reaktivierung heitsprinzip der Wissenschaftsgeschichte , das sich so schwer
innerhalb des Systems, das ihm eine neue Bedeutung verleiht, reduzieren läßt: Wenn ich Wahres im Sinne von Leibniz sage, so
und die rekurrente Zeit seiner Fruchtbarkeit, über die wir heute sage ich nicht notwendig etwas, das in allen Fällen »wahr« wäre;
zu urteilen haben. Aus der Sicht der gewöhnlichen, chronologi- wenn ich Wahres sage, so sage ich nicht notwendig etwas, das in
schen Geschichte ist es die erste Zeit, die zählt; aus der Sicht der allen Fällen »wahr« im Sinne von Leibniz wäre. Ich muß entwe-
Wahrheit innerhalb der Synchronie des Systems ist es die zweite, der den Mathematiker vor den Kopf stoßen, für den das histori-
und aus der Sicht der vollständigen Diachronie der Mathematik sche Konzept mit Sedimenten bedeckt ist, oder den Historiker,
schließlich ist es die dritte. So hat denn jeder ideale Gegenstand für den das wahre Konzept zuweilen nur ein Fossil ist. Kurz
zumindest drei historische Bedeutungen: die Bedeutung bei sei- gesagt, entweder ich kenne die Position des Konzepts, nicht aber
ner Entstehung, die dann gleichsam abgelagert und naturalisiert seine Geschwindigkeit, seine Eigenbewegung, die seinen Wahr-

110 111
heitsgehalt ausmacht, oder ich kenne seine Geschwindigkeit, enthaltenen Konzepte für denselben Augenblick der Reaktivie-
nicht aber seine Position. Diese Unbestimmtheit findet ihre rung einen Schnitt legen. Der Kontakt ist hier eindeutig herge-
Grenze in der Frage des Irrtums, den der Historiker als situierbare stellt; ich lege einen synchronen Schnitt durch das System idealer
Wahrheit zu reaktivieren versucht, während sich der Wissen- Gegenstände, und zwar für die aktuelle Zeit der Geschichte und
schaftler im Gegenteil bemüht, ihn zuzudecken und zu verges- für die ideale Zeit der Reaktivierung. Betrachten wir diesen
sen. Als Historiker interessieren wir uns für die Schlacken, die Schnitt als Historiker im üblichen Sinne des Wortes (das heißt,
Galilei uns hinterlassen hat; die Wissenschaftler interessieren nicht im Blick auf die rekurrente Diachronie - was im übrigen
sich für Messiers geniale Intuitionen, denen zu seiner Zeit unmöglich wäre6 - , sondern im Blick auf die sedimentierte
niemand einen Sinn abzugewinnen vermochte. Die historische Diachronie), dann zeigt sich ein sehr bemerkenswertes Unbe-
Wahrheit kann zu Schlacke werden, und Schlacke wird gelegent- stimmtheitsprinzip. In der Tat stoße ich hier auf die Idealitäten
lich als Wahrheit reaktiviert. Daher die Grenze: Wenn ich Wah- des gefaserten, gefalteten, buntscheckigen, chaotischen, kom-
res im Sinne von Galilei sage, so kann ich am Ende Falsches pakten Raumes der vierzig er Jahre, auf die Idealität der Kategorie
sagen; wenn ich Wahres sage, so kann ich am Ende Falsches im von 1955, der Menge aus dem neunzehnten Jahrhundert, der
Sinne von Galilei sagen. Diese Unbestimmtheit definiert umge- Funktion aus dem achtzehnten Jahrhundert, der Integration aus
kehrt die Wissenschaftsgeschichte nicht als kontinuierliche Tra- dem siebzehnten Jahrhundert, der Diagonale aus dem fünften
dition, sondern als einen zerrissenen, diskontinuierlichen Faden. vorchristlichen Jahrhundert, der Addition aus der Zeit um tau-
Es ist denkbar, daß all dies mit der außergewöhnlichen Stel- send vor Christus und so weiter. Die dem System eigene Zeitlich-
lung der Wissenschaftsgeschichte und, wie wir seit kurzem keit ist homogen; betrachtet man dagegen die Atome des Systems
wissen, der Wissenschaften selbst zusammenhängt; sie sind der nur als Sedimente, die durch die betreffende Restrukturierung
Ort des Zusammentreffens von Geschichtlichkeit und Idealität nicht reaktiviert worden sind, dann ist deren Zeitlichkeit unbe-
oder, allgemeiner ausgedrückt, der Ort des Zusammentreffens stimmt, sie ist zerrissen, chaotisch und, von außen besehen,
zweier Seinsweisen, die völlig unterschiedlichen Normen unter- zufällig.
liegen. Das Unbestimmtheitsprinzip bedeutet den ersten Schritt Der Ort, an dem die Geschichtlichkeit der Wissenschaften als
in der Erforschung dieses Ortes, einer Erforschung, die, wie wir Geschichte von Systemen idealer Gegenstände und die Ge-
gesehen haben, darin besteht, normative Bezüge an diesen Ort schichte im üblichen Sinne zusammentreffen, ist also in der einen
heranzutragen, welche einerseits der Geschichtlichkeit, anderer- Richtung dem Widerspruch ausgesetzt und in der anderen durch
seits der Idealität entspringen, wobei man letztere jedoch mit Unbestimmtheit gekennzeichnet. Die Situation ist durchaus un-
einer eigenständigen Geschichtlichkeit ausstattet. Und tatsäch- gewöhnlich, aber vor allem ist sie paradox. Diese und andere
lich gibt es Berührungspunkte, denn die Wissenschaft ist selbst Paradoxa, die noch folgen werden, bilden den tieferen Grund für
Geschichte. Das Prinzip eignete sich also durchaus für die das offenkundige Desinteresse, das die Wissenschaftler der Wis- .
Wissenschaftsgeschichte. Kann man den Spieß umdrehen und senschaftsgeschichte entgegenbringen7 , soweit es sich dabei um
diesen Ort des Zusammentreffens aus der Perspektive der Wis-
senschaft erforschen? Betrachten wir einmal ein System idealer 6. Es müßte die vorangegangene Unbestimmtheit beseitigen, weil die ganze Frage präsent
ist.
Gegenstände (zum Beispiel die Elemente von Bourbaki aus dem 7. Da ich nun schon bei dieser Frage bin, möchte ich anmerken, daß es vielleicht weniger
Jahre 1966), und zwar in der Weise, daß wir durchjedes der darin interessant ist, die Frage zu stellen, welche Wissenschaftsgeschichte den Wissenschaftler

112 113
einen Katalog aufeinanderfolgender Ergebnisse oder um die Niederschlag ist; er lebt eine eigentümliche Teleologie, deren
Entwicklung der Ideen handelt. Der Wissenschaftler bewegt sich geschichtliche Entwicklung eine endgültig erschöpfte Möglich-
in einem System, dessen Katalog nicht mehr als ein fossilisierter keit darstellt, insofern es sich dabei um eine festliegende Kette
handelt, die allein der Lehrer wiedererwecken soll, um sie als
interessiert oder nicht interessiert, als danach zu fragen, welcher Wissenschaftler sich für
Tradition aus einer Welt weiterzugeben, die ohne ihn, wie im
Wissenschaftsgeschichte interessiert. Hier ließen sich dann grob zwei Typen von Erfin- Menon, dem Vergessen anheimfiele. Anders gesagt, unsere
dern unterscheiden:
Wissenschaftsgeschichte (die von Montucla, von Moritz Cantor
a) Der Erfinder, der dem Weg in der naturalisierten Abfolge der vorangegangenen
Ergebnisse folgt; er braucht lediglich die Zeitlichkeit zu reaktivieren, die der Kette, in die usw.) ist eine Geschichte von Professoren der Wissenschaft,
sich seine Arbeit einfügt, eigen ist, von den speziellen axiomatischen Anfängen bis hin zu deren Ziel es ist, eine Information weiterzugeben, die der Wis-
den nachfolgenden Theoremen.
b) Der Erfinder, dem es um einen globalen Umbau des Systems geht und der das senschaftler als Erfinder eher neu zu bewerten trachtet. Es
Bedürfnis hat, die gesamte Tradition zu reaktivieren. Er ist im allgemeinen Historiker und handelt sich um eine Geschichte, der wir Zusammenhalt und
benötigt eine gewaltige doxographische Bildung. Selbst wenn er eine historisch falsche
Geschichte schreibt, so schreibt er doch eine teleologisch wahre Geschichte (zum Beispiel Kontinuität zu geben versuchen, indem wir ihre Brüche und
Leibniz, Chasles, Bourbaki). Risse kitten, während der Erfinder-Wissenschaftler sie zerhackt
Demnach gibt es ebenso viele (völlig unterschiedliche) Wissenschaftsgeschichten,
wie es globalisierende wissenschaftliche Eifindungen gibt. Anders gesagt, jedem Umbau
und diskontinuierlich macht. Wir bemühen uns, die Kommuni -
des Systems entspricht ein anderer Typus der Totalisierung von Tradition, ein anderer kation nicht abbrechen zu lassen, während die Erfindungstätig-
Typus einer Teleologie, die durch ein rekurrentes Urteil wiederaufgenommen wird.
keit den Bruch mit ihr vollzieht. Die Gemeinschaft der Erfinder
Zwischen den Wissenschaftsgeschichten besteht dasselbe Verhältnis wie zwischen der
neuen Wissenschaft und der vorangegangenen, das heißt dasselbe Verhältnis wie zwi- von Beweisen spricht nicht dieselbe Sprache wie die Gemein-
schen Geschichte und Vorgeschichte, einer Zeit, als die neue Sprache noch nicht schaft der Übermittler von Beweisen. Das zeigt sich auch in
geschrieben wurde, ja nicht einmal eifunden war. Euklids Geometrie ist für uns heute
ebenso vorgeschichtlich, wie die ägyptische Feldmeßkunst für das griechische Wunder unseren Tagen an einer historisch sehr zugespitzten Erfahrung.
Vorgeschichte war. Die traditionelle Wissenschaftsgeschichte projiziert die ständig
Es scheint mir deshalb ungenau, mit Kant von einem Versuch zu sprechen, »von
welchem an die Bahn, die man nehmen mußte, nicht mehr zu verfehlen war« (Vorrede zur aufs neue eintretenden Erschütterungen der alten Ordnungen, die
zweiten Auflage der Kritik der reinen Vernunft), oder mit Husserl nach dem »ursprüngli- stets neu zusammengesetzten Kombinationen reversibler Folgen
chen Sinn« zu fragen, »in welchem die Geometrie dereinst geworden ist und seitdem als
Tradition der Jahrtausende da war« (»Die Frage nach dem Ursprung der Geometrie als
auf eine invariable und irreversible Linie (auf eine Tradition).
intentionalhistorisches Problem«, Revue internationale de philosophie I, 1938-1939;
wiederabgedruckt in Husserliana Bd. VI, Beilage III zu Die Krisis der europäischen
Letzten Endes gäbe es danach drei Typen von Geschichte:
Wissenschaften, S.366). Oder aber diese Tradition ist präsent wie die ausgelöschte
Schicht eines Palimpsests, im selben Sinne wie die vergessenen Sprachen aus der Zeit vor
Thales. Ursprünge der Geometrie, die jene Geburtsanstrengung verlangen, welche der 1. die Wissenschaftsgeschichte, verstanden als akkumulative
mythische Thales unternommen hat, solche Ursprünge gibt es ebenso viele wie die
Geschichten, von denen ich gesprochen habe: Desargues, Galois, Cantor, Hilbert haben Totalisierung der Tradition, als Sammlung sämtlicher Doku-
radikal Neues in die Linguistik, die Schrift und den Umgang mit idealen Gegenständen mente, im Idealfall ohne jeden Verlust sowohl in der Vereinigung
eingebracht.
Der Ursprung reicht unendlich weit nach links zurück, er wird unendlich weit nach als auch der Kommunikation entlang der gewöhnlichen Diachro- .
rechts verschoben, als Ziel und telos, aber er ist auch und vor allem in jedem beliebigen nie. Das wäre die zusammenhängende, einheitliche und totalisie-
und von der gewöhnlichen Geschichte verorteten Punkt. Im Grenzfall wäre er in allen
Punkten (so, als gehörten in der Mathematik sämtliche Erfinder der zweiten Gruppe an);
rende Geschichte der Professoren;
dann gäbe es so viele Geschichten, wie man nur will. Das wäre dann wiederum paradox,
aber es erklärt, denke ich, so mancherlei. Es ähnelt dem Datierungssystem, das der
2. die rekurrente Geschichte, die sich an die jeweils neuesten
Marmor von Paros bietet, einem zugleichen festen und beweglichen Bezug, der von der
Gegenwart ausgeht. Wahrheiten anlehnt, und das heißt an die Wahrheit. Von diesen

114 115
selektiven Uchronien wählt man nur die jeweils neueste. Das ist Platon fragt: Wo ist das Quadrat? Wo ist die Diagonale? Nicht
die Geschichte, die jede zum Umbau des Systems führende auf dem Boden der Arena, nicht im Sand, wohin ich sie gezeich-
Erfindung hinter sich herzieht. Es gibt deren viele, und ihr net habe. Sie ist eine Form im Himmel der Formen. Wir fragen
wichtigstes Attribut ist ihre Filtereigenschaft. Letztlich bietet die nicht mehr nach dem Wo; wir fragen: Wann? In welchem
Gesamtheit dieser Geschichten sich uns als eine Folge von Augenblick, zu welcher Zeit tritt die Diagonale des Menon als die
aufeinandergesetzten Filtern dar. Wie die Geschichte, so unter- reine Form hervor, die Platon meinte? Was bedeutet diese Frage,
scheidet sich auch das System hier von der Totalisierung. Es ist die uns dazu führt, den auf ewig unverrückbaren Himmel der
eher selektiv als akkumulativ 8; Kosmologie durch den veränderlichen Himmel der Kosmogonie
zu ersetzen?
3. die Geschichte, die die Wissenschaft selbst als ursprüngli- Da war einmal das Quadrat des Pythagoras, dieser mythische
che Bewegung darstellt, als unendlicher Bildungsprozeß eines Schild, der wie ein Andreaskreuz die Diagonalen der Eselsbrücke
Systems. trug. Dann kam das Quadrat der Krise mit seiner irrationalen
Diagonalen, ein Schiffbruch im Absurden. Euklid stellte es aufs
Natürlich entsprechen diesen unterschiedlichen Geschichtsty- neue in ein kohärentes Universum. Dann gab es die Quadrate des
pen auch unterschiedliche Arten von Zeitlichkeit. Deshalb hatte Archimedes, die der Quadraturen und das phantasievolle Quadrat
die Leibnizsche Lösung solche Tiefe; sie reduziert die Zeit auf derer, die davon träumten, den Kreis damit zu umhüllen. Descar-
eine Ordnung und betrachtet die vorangegangene Unbestimmt- tes ordnete die Ebene durch Bezugsachsen und pflasterte sie mit
heit als Möglichkeit eines ganzen Spektrums von Lösungen. Der einem Netz aus Parallelogrammen, das sich sehr schnell in ein
Raum des Systems rekonstruiert sämtliche möglichen zeitlichen Pflaster aus Quadraten verwandelte. Zur selben Zeit verfügten
Linien. Amauld, Pascal und andere über arithmetische, magische, ma-
gico-magische und bald auch satanische Quadrate. Das alte
Wir müssen die Frage nun von der anderen Seite her aufrollen: logische Quadrat der logica minora taucht bei Leibniz wieder
Statt von der Beschreibung eines Systems zu den diversen auf, der die Begriffe in dieser Form anordnete, nur unendlich oft
Möglichkeiten einer historischen Projektion überzugehen, könn- wiederholt, ein neues Modell der Dichotomie. Bald wird die
ten wir von historischen Beschreibungen zu der Möglichkeit Algebra quadratische Determinanten kennen, deren Diagonalen
übergehen, sie in ein System zu projizieren. Versuchen wir also, zuweilen bemerkenswert sind; sie wird mit Matrizen hantieren,
eine einzige und totalisierende Geschichte zu erzählen und an- von denen gleichfalls einige quadratisch sind. Die Wahrsch~in­
schließend eine Reihe von Filtern auf sie anzuwenden, die aus lichkeitsrechnung kommt nicht ohne lateinische Quadrate aus,
verschiedenen Systemen stammen. und es kam der Tag, da. wurde aus der Diagonalen in der
Geometrie, was sie niemals hätte aufhören sollen zu sein, ein'
Vektor. Die bereits alte kombinatorische Topologie bezeichnete
als Jordan-Kurve das archaische Quadrat, das einem Kreis, einer
8. Der Gegensatz zwischen diesen beiden Geschichtstypen, zwischen Akkumulation und Ellipse, jeglicher in sich geschlossenen Kurve homöomorph ist.
Selektion, verweist natürlich auf die oben beschriebene Unbestimmtheit. Der Gegensatz
zwischen der Notwendigkeit des Verlustes und der Abwesenheit von Verlusten, zum
Cantors Methoden führten dazu, der Gesamtheit seiner Punkte
Ideal erhoben. die Mächtigkeit seines Inhalts zuzuweisen, aufgrund der Gleich-

116 117
mächtigkeit mit der Menge der Punkte auf dem Segment (0,1). anderen? Und die Geschichtlichkeit der Wissenschaft, ist sie
Zur selben Zeit wurde die Diagonalisierung zu einer klassischen generell kontinuierlich oder diskontinuierlich? Welche Bedeu-
Methode der algebraischen Geometrie, der algebraischen Topo- tung hat sie dann in beiden Fällen?
logie und der Mengenlehre. Und seither sind Diagonale und Wir kennen die Geschichte aus dem Menon, in der ein unwis-
Quadrat Schemata im Sinne der neuen Algebra oder Graphen im sender Sklavenjunge einen Beweis rekonstruiert, wobei es heißt,
Sinne der Kurventheorie. es handele sich dabei um Anamnesis. Zugunsten der geometri-
Bei genauerem Hinsehen zeigt sich zwar, daß die historische schen Kette wird die Kommunikation mit einer vergessenen Welt
Variation keineswegs vollständig ist, aber für den Augenblick wiederhergestellt. Gibt es eine Möglichkeit, diese Anekdote
genügt es, um die nahezu chaotische Entwicklung einer idealen jenseits der Bedeutung, die sie innerhalb der Platonischen Phi-
Form zu verdeutlichen. In der Tat ist sie so chaotisch, daß kein losophie besitzt, im Kontext unserer Fragen ernst zu nehmen? Sie
Mathematiker bereit wäre, darin eine Geschichte zu erblicken; in bringt mehrere Arten von Zeitlichkeit ins Spiel: einen Bruch in
seinen Augen, das heißt in den Augen der Wahrheit, handelt es der Tradition zunächst, dann eine wiederhergestellte Kontinuität;
sich bei alle dem niemals oder fast niemals um ein und dieselbe eine Rekurrenz zuerst, eine Rückkehr, dann eine wiederherge-
Form. Und wenn man schon einräumt, daß es sich im weitesten stellte Teleologie, wobei der Lehrer und der Unwissende sich
Sinne um dieselbe Form handelt, so bildet sie dennoch keines- gemeinsam in einer quasi-zirkulären Zeitlichkeit befinden, die
wegs die Grundlage für ein und denselben Gedanken. 9 Das sich unendlich wiederholen läßt.
platonische Firmament ist der Ort eines Werdens, für das sich Nun ist diese Platonische Situation eine mathematisch ganz
nun neuerlich das Problem stellt, welches Modell man dafür gewöhnliche Situation. Lesen wir zum Beispiel noch einmal das
ansetzen könnte. Kann man sich für eine reine Idealität ein fünfte Kapitel des Rationalisme applique: Gaston Bachelard
Entwicklungsmodell oder mehrere Entwicklungsmodelle vor- übersetzt dort den Satz des Pythagoras in die zeitgenössische
stellen? Ist diese Monographie überhaupt möglich? Ist es die Sprache der Gruppentheorie. Und wieder haben wir die Situation
Monographie einer Kurve? des Menon vor uns, verstärkt noch durch die Ähnlichkeit der
Die Entwicklung kompliziert sich bis ins Chaotische. In Probleme. Bachelards Text verleiht einer geometrischen Bild-
keinem System auf der Diachronie hat ein Formatom dieselbe welt neuerlich Gestalt, die von der Theorie der Strukturen verges-
Lage, dasselbe Gewicht oder gar dieselbe Bedeutung wie in sen worden war; er erklärt die historische Situation einer verlore-
einem anderen. Jeder synchrone Schnitt sorgt für solch eine nen Geometrie mit dem Mittel einer neuen Priorität; er legt einen
Umverteilung, bewirkt solch eine Umstrukturierung, daß die verschütteten Ursprung mit Hilfe eines wiedergewonnenen Ur-
verfolgte Form hier ein prinzipielles Element, dort nur zurückge- sprungs frei; er findet eine archaische Welt wieder als marginale
bliebene Schlacke und in einem anderen System wiederum ein Konsequenz, als triviales technologisches Modell der neuen
archaisches Sediment ist, das durch Verallgemeinerung wieder- Welt. Der Text wird indessen noch interessanter, wenn man auf
aufgenommen, neuerlich integriert und reaktiviert wird. Haben die Umkehrung der im Menon vorgestellten Situation achtet: Hier
wir es hier mit ein und derselben Form zu tun oder stets mit einer ist Sokrates der Unwissende, das heißt der Traditionalist, der den
Pythagoras kennt und nur ihn, der also die Gruppentheorie
9. Oder besser: desselben Systems. Sie ist ein Atom für ein System, so daß ihre Bedeutung
mit dem System wechselt, das sie enthält und ermöglicht: Das Wort verändert seinen
»vergessen« hat. Und der Wissenschaftler, der die Strukturen
Sinn, wenn die Sprache sich verändert. kennt, er hat den Satz des Pythagoras »vergessen«; und er fordert

118 119
den Unwissenden auf, die traditionellen Idealitäten möglichst lyse durch ultra-elementare Triangulation mit Hilfe von Winkel-
schnell zu vergessen. Bachelard wendet sich an den unwissen- halbierenden, Höhen, Medianen, Mittelsenkrechten ... Es ist
den Sokrates: »Wenn eine Sphinx dir eines Tages dieses Rätsel bekannt, auf welche Weise der Timaios die kosmischen Elemente
zu lösen gibt, verlierst du dich in den Mäandern und dem trianguliert. Daher auch finden Metrik und metrischer Raum
dunklen Gewirr der Diagonalen und machst, Peer Gynt zitie- ihren frühesten Ausdruck unter anderem im Satz des Pythagoras.
rend, einen Umweg.« Besser wäre es, Galois zu zitieren: Wenn Euklid und seine Vorgänger im Dreieck die Hälfte eines
»Springe mit gebundenen Füßen über die Kalküle«, springe mit Quadrats oder besser noch die Hälfte eines Parallelogramms
gebundenen Füßen über den Platonischen Graphen, vergiß die gesehen hätten, dann wären sie unmittelbar zum Vektor gelangt,
Welt, an die du dich einmal erinnern solltest, zerreiße die das heißt zur Struktur des Raumes als Vektorraum. Damit wären
Kontinuität der Tradition, dann wird dieses Vergessen dich zu wir wieder am Ursprung angelangt, und diesmal nehmen wir die
einem noch ferneren, noch tiefer vergrabenen Ursprung führen, Geschichte an ihrem guten Ende auf: Der Punkt, das Segment,
in eine neue Welt, die in der Vergessenheit ruht. Daraus erge- der Winkel, dann das offene Dreieck (drei Segmente mit gemein-
ben sich mehrere Arten von Zeitlichkeit: Die Diskontinuität der samer Spitze, Teil des Parallelogramms) - nicht der geschlossene
inventiven Zeitlichkeit ist noch tiefer als die Kontinuität der Dreiseiter, den wir Dreieck nennen - das offene Dreieck, dem die
Tradition; die Idee der Gruppe geht dem geometrischen Satz Addition des Vektors mit Komponenten und Resultante ent-
voraus oder folgt ihm; man weiß nicht, was zuerst kommt, die springt, was wiederum dazu führt, daß der nun seinerseits als
Teleologie oder das rekurrente Urteil. Ein Sediment reaktivieren Grundbegriff fungierende Begriff des Sektors auf das Konzept
heißt, es als solches zu bezeichnen: Das da war der Satz des des Segments zurückfällt, der des Nullvektors auf den des
Pythagoras, das hätte er sein sollen, das hätte er niemals aufhö- Punktes und so weiter. So tritt allmählich die vektorielle Struktur
ren sollen zu sein, das ist er, und das ist der Grund, warum er des Raumes hervor, in ihrer ersten Einfachheit und im Verlaufe
nichts mehr ist. Der wiederauferstandene Pythagoras erklärt, einer spiraljörmigen Zeitlichkeit, die tausende Male durch den
warum er tot ist, warum er nur noch als Schatten existiert. Vom Ursprung führt und die ich nur durch die Richtungsumkehr ans
Menon zum Gespräch mit den Toten. Licht zu bringen vermag, welche mein rekurrentes Urteil be-
Die Beispiele ließen sich leicht vermehren: Wir könnten wirkt. Die Fragen der Norm und des skalaren Produkts folgen auf
erklären, inwiefern die Schwartzsche Distributionstheorie ein diese Elemente, der Satz des Pythagoras verschiebt sich weit
Totengespräcrrmit Leibniz ist, während sein unsinniger Gedanke hinauf auf dieser Kette, wird zu einer trivialen Anwendung.
einer· Ableitung reeller Ordnung, die gestern noch tot war und Daher das historische Urteil: Wären wir so vorgegangen, hätten
heute wieder lebt, ein Totengespräch mit Pythagoras darstellt. wir uns mehr als zwanzig Jahrhunderte der Unschlüssigkeit und
Wir könnten erklären, weshalb Hilbert in ein Gespräch mit einer oberflächlichen Analyse des Raumes erspart. Es ist so, als
Euklid eintritt, die heutige Mathematik jedoch die Diachronie deckten wir die gewöhnliche Tradition zu, um uns vor den
Euklid-Hilbert für archaisch hält und diese Verbindung zer- griechischen Ursprung zu setzen. Die metrische Diagonale
schneidet. Immer noch geht es um die abenteuerliche Geschichte wurde historisch als das Drama des Irrationalen und als der Tod
der Diagonalen. In den Anfängen der Geometrie hielt man das des reinen Denkens erlebt; wir erleben sie nun als etwas, das der
Dreieck für die figura simplex des Raumes, nach dem Segment erste Schritt hin zu einer Rationalität hätte sein können, die höher
und dem Winkel. Daher der traditionelle Reichtum seiner Ana- steht als die des Euklid, und zwar um so vieles höher, daß das

120 121
ehemals Reine nun als unrein, vermischt und schlecht analy- halb der Geometrie. Denn das mathematische Denken verstand
siert angesehen werden muß. Das Drama liegt damit auf der es selbst schon zu der Zeit, als Husserl schrieb, die idealen
anderen Seite: Die euklidische Rationalität wird zum Drama, Gebilde mit Rundungen, Einschnitten usw. zu versehen -
das sich durch die Geschichte zieht, während das griechische Jordan-Kurven, Riemannsche Flächen, Sphären mit kreuzförmi-
Wunder nur noch ein schlechter Zufall oder infelix culpa ist. gen Kappen -, bevor sie darin einwilligte, die pseudo-ursprüngli-
Der Begriff des Vektorraumes zwingt mich, eine ganze Dia- chen Werkzeuge der pythagoräischen Metrik zu übernehmen. Sie
chronie zu vergessen und zu reduzieren, eine ganze Ge- verstand es, die historische Verwechslung von reiner Mathema-
schichte, die für das luzide Denken nicht mehr als das Drama tik und Metrik aufzugeben, diese für die Tradition konstitutive
einer Erblindung darstellt. Er läßt mich mit gebundenen Füßen Zweideutigkeit, welche die Philosophen zu dem Irrglauben ver-
über die Axiomatik von Euklid-Hilbert hinwegspringen, in leitete, sie hätten sich vom mathematon befreit, wenn es ihnen
welche Richtung auch immer. Auch hier zerreißt die Rekur- nur gelang, sich von der Metrik zu befreien. Durch diese rück-
renz die Kommunikationskette der Tradition; ich kann sie ,al- greifende Analyse entdeckt die Geometrie eine neue Reinheit,
lenfalls als sedimentierte Kulturschicht verfolgen. Die Ge- die nichts mehr dem Maß verdankt, die dem Maß vorausliegt,
schichte dieser Wissenschaft ist nur noch die Geschichte einer und damit suspendiert sie wiederum zwei Jahrtausende einer
gewissen Art von Nichtwissen, einer gewissen Weise des zweideutigen Tradition, erkennt sie als unrein und konfus, als auf
Nicht-Wissens, eines gewissen Typs von Unreinheit. Die Um- Technik und Anwendung bezogen, kurz: als nichtmathematisch;
kehrung der Teleologie ist manifest; sie reicht so weit wie die sie verdeckt und verhüllt sie als etwas Abwesendes und Verfehltes
Rekurrenz: Die Diagonale war Selbstmord und Schiffbruch, sie (in Umkehrung der Kantschen und Husserlschen Terminologie).
hätte die Geburt, das Wiedererscheinen, die Renaissance einer Sie kehrt aufs neue unsere Sicht des Ursprungs um und macht aus
höheren und tieferen Geometrie sein sollen, ja ihr Ursprung, dem Wunder einen Skandal. Wie war es nur möglich, daß die
aufgrund ihres Anfangs in der Verschmelzung und Zellteilung Tradition ihre Wurzel mitten im Stamm ansetzte, an einem
zwischen Metrik und Vektor. willkürlichen Ort - wunderbar, weil willkürlich? Es ist fürwahr
Unser Beispiel ist ein ganz gewöhnliches, es bringt die übliche ein Wunder, das heißt der reinste Zufall, daß die Griechen es
Situation der Mathematik als lebendiger Bewegung zum Aus- fertigbrachten, auf den fahrenden Zug zu springen, zu einem
druck. Beginnen wir die Geschichte noch einmal von vom: Zeitpunkt, als alles bereits gelaufen war, als die Konzepte schon
Knüpfen wir das rekurrente Urteil nicht mehr an die Gruppen- tausendfach überdeterminiert waren - kein Wunder ultra-ele-
strukturen oder den Vektorraum, sondern an die topologischen mentarer Reinheit, sondern das Wunder, ein Mineral als rein
Strukturen. Wir werden zurückgeführt zu den Ursprüngen, aber hingestellt zu haben, das in Wirklichkeit ein komplexes Gemisch
nicht zum logischen oder historischen Ursprung, sondern zu den darstellte. Die topologische Regression zwingt uns dazu, die
fundamentalen Konstitutionsbedingungen der räumlichen Ideali- Tradition zu vergessen und uns an eine räumliche Konstitution zu
täten. Mit der Folge, daß man die idealen Gegenstände, welche erinnern, die vom griechischen Wunder, von der Zweideutigkeit
die Ideen zu einer reinen Phänomenologie als morphologisch des griechischen Wunders, verdeckt wird; sie suspendiert die
bezeichnen, in den Fundamenten der Geometrie entdeckt, und traditionelle Sprache wegen ihrer Mehrdeutigkeit und sorgt von
nicht nur als Intention oder auf dem archaischen Boden der Anfang an für eine Trennung zwischen nichtmetrischer Reinheit
Prägeometrie, sondern bereits thematisiert und sehr wohl inner- und Maß. Und wieder einmal ist die ganze Wissenschaftsge-

122 123
schichte nichts als die Geschichte einer Unreinheit, das heißt ablagert, kurz: als den Lichtpunkt der Erfindung. 11 Hier ist der
einer bestimmten Art von Nichtmathematizität. 10 Mathematiker unablässig damit beschäftigt, die Tradition zu
Die Mathematik befindet sich also in der Situation eines durch suspendieren und zum (gleichermaßen logischen und konstitu-
die Geschichte reichenden Dialogs im direkten und (oder) umge- ierenden) Ursprung zurückzukehren oder den Ursprung zuzu-
kehrten Sinne des Menon, eines kontinuierlichen Dialogs mit schütten und die Tradition zu reaktivieren, die Diachronien zu
einem unwissenden traditionalistischen Wissenschaftler, das zerschneiden und (oder) miteinander zu verbinden, die sich auf
heißt mit dem Historiker seiner eigenen Wissenschaft, einem alle erdenkliche Arten kreuzen. Hier ist der Mathematiker-
Doxographen dessen, was die doxa übersteigt, damit er Gewuß- Erfinder Herr über die Zeit und die Geschichte; er erfindet die
tes vergißt und sich an vorgängiges Nichtgewußtes erinnert, Zeit seiner Wissenschaft und damit auch die Zeit der Geschichte,
damit er eine Wahl trifft zwischen Reaktivieren und Verschütten. die wir dann nach ihm wiederaufzunehmen versuchen. Wie
So ist es denn gleichgültig, daß Pascal den Euklid neu erfunden Leibnizens Gott liest er auf einer in Bildung begriffenen formalen
haben soll- das ist gleich in zweierlei Hinsicht nur ein Historiker- Idealität die dunkle Vergangenheit, die aktive Gegenwart und die
mythos. Interessant ist dagegen, daß er die Geometrie neu Möglichkeiten ab; er wendet die Teleologie auf die Rekurrenz an,
hervorbrachte, indem er von tieferen Prioritäten ausging, die in dem Brennpunkt, von dem ich oben gesprochen habe. In einem
apollinischen Charakters waren und bald dem Argus verpflichtet System, das ein Netz ist, ein Netz, in dem jedes Element einen
sein sollten. Daher die mehrfache Wahl zwischen Vergessen und Knoten aus anachronen Diachronien darstellt, kann er nach
Wiedererinnern. Jedes gewonnene Stück Boden erleuchtet oder Belieben trennen und verbinden: vom Gespräch mit den Toten in
verdunkelt die Geschichte der Wissenschaften in einem Rhyth- das Reich der Parzen. Die Übernahme der Verantwortung für
mus, der Zufallscharakter hat: Die laufende Erfindung erfindet Mathematizität und Reinheit als lebendige Entwicklung erfordert
Vorläufer oder sorgt für die Ablagerung von Verwirrungen. Es eine originäre, außergewöhnliche und freie Einstellung gegen-
kann keineswegs erstaunen, daß die traditionelle Geschichte über der Geschichtlichkeit. Jedes Aufbringen einer Form bedeu-
indeterministisch ist, denn sie ist einer unvorhersehbaren Teleo- tet eine Reform der Zeitlichkeit oder die Konstitution einer neuen
logie nachgeordnet. Vor allem aber ist sie der Umbestimmtheit Art von Geschichte; vor allem aber bewirkt der ahistorische
nachgeordnet, von der oben die Rede war. Denn die Komplexität Charakter der reinen Form, daß sie sich in einer Zeit entwickelt,
des Systems, das den Wahrheitsbezug des rekurrenten Urteils
bildet, bewirkt, daß man nur schwer zwischen den Traditionen 11. Die mathematische Erfindung ist das, was von einer Wette zwischen der Imagination
und den dagegen angeführten Gegenbeispielen übrigbleibt. Sie ist das Residuum der
und Ursprüngen, die unbedingt verschüttet werden sollten, und
Spekulation und der Kritik, des Traumes und des Irrtums. Diese Beschreibung ist
den Ursprüngen und Traditionen unterscheiden kann, an die wir durchaus nicht psychologistisch. Die modalen Logiken analysieren diesen Sachverhalt
uns erinnern müssen. Ich möchte diese Schwierigkeit als den auf bewundernswerte Weise. Die Notwendigkeit wird uns dort vorgestellt als einmal die
Möglichkeit und zweimal die Negation, was nicht nicht sein kann. Wenn man die logische
lebendigen Kern der mathematischen Geschichtlichkeit schlecht- Definition in der Genese auseinanderbreitet, so bleibt die Aufgabe, das Mögliche
hin, als den Ort bezeichnen, an dem die Verbindungen sich herauszustellen und die Gegenbeispiele zu zerstören, die das Mögliche zerstören. Es
bleibt einmal die Spekulation und zweimal die Kritik. Die Vorstellungskraft setzt
knüpfen, an dem das Unreine abgeschieden wird, damit es sich natürlich auf das erste Mögliche. Es ist schon seltsam, daß Leibniz zum Beispiel eine
Kunst des Erfindens erfand, und dies im Herzen einer Metaphysik, die als Grundlage für
die modale Logik dienen sollte, das heißt in dem logisch-metaphysischen Quadrat:
10. Diese Ausklammerung der Tradition umfaßt natürlich auch die nichteuklidischen möglich, unmöglich, notwendig, kontingent. Es gibt also eine Genese der Notwendig-
Geometrien als letzte große Hervorbringung der Metrik. keit, die eine Kunst des Erfindens in und durch Strenge ist.

124 125
die eine Projektion sämtlicher vorstellbaren Modalitäten von konnex und (oder) diskontinuierlich sein; man konnte sie im
Zeitlichkeit darstellt. Der ahistorische Charakter präsentiert sich direkten Sinne der Teleologie oder im umgekehrten Sinne der
dabei keineswegs als Abwesenheit von Zeit, sondern als Ver- Rekurrenz lesen (wobei allerdings zu fragen wäre, wer sie so liest
schmelzung aller möglich~n Zeiten, der unvorhersehbaren, der und wer SO). In erster Annäherung ergeben sich daraus vier
determinierten und überdeterminierten, der irreversiblen und der Typen von elementaren Modellen: konnexe direkte und konnexe
reversiblen, der finalisierten und der rekurrenten, der konnexen rekurrente sowie nichtkonnexe rekurrente und nichtkonnexe di-
und der ständig zerrissenen, der auf einen, zwei oder tausend rekte. Wofür stehen nun diese Modelle im einzelnen?
Ursprünge bezogenen, der toten, der vergessenen, der wieder-
aufgenommenen, der urplötzlich beschleunigten USW. 12 Daß es KONNEXE NICHTKONNEXE
eine Geschichte ahistorischer Idealitäten gibt, wird überhaupt nur
begreifhar, wenn wir von einer Panhistorizität ausgehen, einer Konnexe Nichtkonnexe
DIREKTE
komplexen Zeitlichkeit, die vielfältig gefasert oder gefaltet ist. In Direkte Direkte
gewisser Weise sind die Grundlinien, die Husserl in seiner Krisis
thematisiert, von der Mathematik eingehüllt, als ein spezieller Konnexe Nichtkonnexe
REKURRENTE
oder vereinfachter Fall: Die Mathematik befindet sich stets und Rekurrente Rekurrente
notwendig in der Krise, und ständig ist sie dabei, diese Krise zu
lösen. Auf diesen Punkt werde ich zweifellos noch zurückkom- 1. Die konnexen direkten Modelle sind zugleich die traditio-
men müssen. nellen Modelle und die der Tradition.
Interessant sind sie, weil sie Ausdruck sind für
Wir müssen nun mit gebundenen Füßen über Beispiele hin-
wegspringen und den Versuch machen, vom Einfachen ausge- a) die Zeitlichkeit der Deduktion oder der strengen Verkettung im
hend, das komplizierte Gewirr der verschiedenen Arten von Sinne von Descartes.
Zeitlichkeit zu rekonstruieren. Ich vermag diese Aufgabe, deren Auf dem geradlinigen und bruchlosen Weg läßt sich unmög-
Naivität man mir verzeihen möge, nur anzugehen, indem ich auf lich ein Glied überspringen; wie man es auch nimmt, »diesen
die Methode der Modellbildung zurückgreife, ganz wie der Weg kann man nicht verfehlen«. Die Geschwindigkeit der Fort-
Kosmologe angesichts der raum-zeitlichen Komplexität unserer bewegung entlang dieser Kette variiert; sie kann geradezu blitzar-
Informationen über die Welt - diese Welt, die gerade den tig sein, wie man es an der Argumentationsfigur der Rekurrenz
Griechen als ewig galt - ganz wie der Kosmologe Modelle zu sieht. Doch dies ist nicht die Form dieser Zeitlichkeit, die uns hier
bilden versucht, die eine möglichst große Zahl von Phänomenen unmittelbar interessiert; sondern
berücksichtigen.
Bisher sind uns vier Grundkonzepte begegnet: Die den (ma- b) die Form der lehrenden Kommunikation, die vollkommene
thematischen) Wissenschaften eigene Geschichtlichkeit konnte Weitergabe von Information.
Der Ausdruck Mathematik erhält hier seinen ersten Sinn als
manthanein, lernen, gelernt haben. Denn die Mathematik liefert
12. Einschließlich der Möglichkeit, die Uchronie der Mathematik unzählige Male neu zu
schreiben: ein Gespräch über die Vielzahl der vergessenen Welten. das Beispiel einer nahezu vollkommenen Kommunikation, einer

126 127
Information, die bei Sender und Empfänger identisch ist. Daraus der reinen Vernunft, Folge der außergewöhnlichen Form oder
darf man sogar den Schluß ziehen, daß sie ihren Ursprung in Grenze der mathematischen Traditionalität;
einem Dialog hat, bei dem die beiden Gesprächspartner gemein-
sam gegen die Macht des Rfluschens anreden; daß die Mathema- c) daraus folgt, daß dieses Modell eine Form kontinuierlicher
tik in dem Augenblick gewonnen ist, da ihnen der Sieg über das Geschichtlichkeit zum Ausdruck bringt, die auf irreversible
Rauschen gelingt. Es ist daher ganz natürlich, wenn die Platoni- Weise durch ein Ziel polarisiert wird und ihren Ursprung für
sche Philosophie zugleich eine Philosophie des reinen mathema- immer hinter sich läßt: Der Akt der Geburt oder der Konstitution
ton und eine Dialektik bietet, letztere im Sinne von Benoit aus vorgeschichtlichen Archaismen heraus wäre ein point 01 no
Mandelbrot verstanden. Weiter oben habe ich das zu zeigen return.
versucht, indem ich die Rolle eines Dritten oder dritten Men-
schen definierte, der den Dialog stört und auf dessen Ausschluß Die fortschreitende Ausdehnung des mathematischen Feldes,
Platons ganzes Unternehmen zielt. Die Entmaterialisierung, die die beständige Reinigung der Konzepte, die ständig wachsende
Mugler beschrieben hat, reduzierte sich demnach auf diesen Kraft der Methoden, die Bewegung hin zu einer als Horizont
Ausschluß, der eine Voraussetzung des reinen Denkens in der verstandenen Mathematik, all das läßt ganz unwillkürlich an eine
transzendentalen Intersubjektivität wäre. Niemand möge hier zusammenhängende, durch Stadien und Etappen gegliederte
eintreten, es sei denn, er ist Geometer. Aus dieser Perspektive Form von Entwicklung im Sinne Brunschvicgs oder besser noch
läßt sich die Mathematik leicht als die Welt einer maximal vom an Krisen denken, wie die Mengentheoretiker des zwanzigsten
Rauschen gereinigten Kommunikation und damit auch als jene Jahrhunderts gern sagen. Diese Stadien oder Krisen wären nichts
Welt definieren, in der die Tradition ein Minimum an Verlusten anderes als die globale Reorganisation eines ohne jeden Verlust
aufweist. Der Kommunikationsweg ist seinem Wesen nach über- übertragenen Wissens, das sich eben darum unaufhörlich akku-
all konnex und ohne jeden Bruch, ein außergewöhnlicher und muliert. Die Bahn ist auch deshalb nicht zu verfehlen, weil sie
ohne Zweifel paradoxer Grenzfall der Geschichtlichkeit im übli- akkumulativen Charakter hat, weil jede Etappe als Punkt beson-
chen Sinne. Der bruchlose Weg, den das Modell vorzeichnet, derer Akkumulation lediglich die Reorganisation eines allzu weit
kann deshalb nicht mehr verfehlt werden, weil es zu seinem zerfaserten Aggregates wäre, eine Systematisierung verstreuter
Wesen gehört, daß die Information in ihrer gesamten Bedeutung Elemente. Die Bahn ändert die Richtung, weil man die Mathema-
erhalten bleibt; weil es unmöglich ist, daß die Kommunikation tisierung von den Atomen auf die distributive Gesamtheit der
gestört oder unterbrochen wird, es sei denn, es käme zu einem Disziplinen ausdehnt. Jeder Wendepunkt ist ein Punkt der Infla-
Absturz ins Nichtmathematische. Anders gesagt, die Mathema- tion und der Rekonstruktion. So fassen Euklid, Leibniz, Cauchy
tik wird entweder ganz oder gar nicht übertragen. Die Wieder- usw. die gesamte Geschichte in ein totalisierendes System:
erinnerung im M enon ist eine Wiederanknüpfung an eine Tradi- Kondensation und Konsistenz. Ein gutes mathematisches Sy-
tion oder die vollständige Übernahme einer Tradition durch den stem, das heißt ein universelles System, präsentierte sich als
Erben oder Belehrten, und diese Tradition ist weder für Wider- synchroner Schnitt im Augenblick einer Wende der Diachronie.
sinnigkeiten noch für Zweideutigkeit oder Lückenhaftigkeit an- Bachelard hatte diesen Sachverhalt erkannt: »ln dem Augen-
fällig . Umgekehrt wäre eine Konzeption der laufenden Ge- blick, da ein Konzept seine Bedeutung verändert, zeigt es die
schichte, die auf einem konnexen Modell basierte, eine Illusion größte Bedeutungsfülle .« Die Wahrheit dieser historischen Be-

128 129
deutungsausbrüche hat die Philosophie in gewisser Weise durch- idealer Gegenstände und die Übernahme des gesamten Gebäudes
aus erkannt; man denke an Platon und die irrationalen Zahlen, an drängen den Wissenschaftler in Zeiten großer Systematisierungs-
Descartes und die algebraische Geometrie, an Leibniz und die bemühungen dazu, den gesamten zurückgelegten Weg noch
Infinitesimalrechnung ... , an Husserl und die Grundlagenkrise. einmal aufzugreifen. Deshalb ist das rekurrente Urteil nicht nur
Das Ausgangsmodell hat sich verfeinert; es ist nicht mehr historische, sondern vor allem auch epistemologische Praxis. Die
linear, vielmehr schematisiert es eine Diachronie in Stufen, rückwärtsgewandte Frage, das Infragestellen der Grundlagen
Intervallen oder Zwischenräumen, die durch Augenblicke des und die verfeinerte Analyse der ursprünglichen elementaren
Systems, der globalen Reorganisation verbunden sind. Ein belie- Idealitäten, die im Rückblick als gefaltete, stratifizierte Begriffe,
biger synchroner Schnitt durch die Intervalle enthüllt das voran- als Sonderfall noch ursprünglicherer komplexer Idealitäten er-
gegangene System und zusätzlich neue Schichten, die nicht zu kannt werden, all das entspricht einer Einstellung, die den
diesem System gehören und auch nicht darin integriert werden Mathematikern sehr vertraut ist. Wir haben oben den dreifachen
können - ein Turm zu Babel, der unablässig umgebaut werden Rückgriff auf pseudo-elementare oder pseudo-ursprüngliche eu-
muß, der dringend des Umbaus bedarf, sobald neu hinzugekom- klidische Formen des Raumes beschrieben. Es läßt sich gar nicht
mene Elemente untereinander und mit dem vorangegangenen mehr zählen, wie oft die Frage nach der reellen Zahlengeraden
System nicht mehr dieselbe Sprache sprechen. Dann wird es aufgeworfen worden ist oder die nach der Null, nach den ganzen
notwendig, eine neue Vereinigung herbeizuführen, und zwar Zahlen, nach der Gleichheit, der Diagonalen, dem Kreis, und wie
durch ein System, das zunächst nur ein Wörterbuch darstellt, ein oft die Antwort auf diese Fragen sich in einem idealen Element
Wörterbuch, dessen Zweck es ist, eine neue vollkommene Kom- fand, welches das betreffende ideale Element effektiv begrün-
munikation zu ermöglichen. Gergonne, Cauchy, Abel, Galois, dete, und zwar nicht nur aufgrund seiner definierten axiomati-
Cantor und andere arbeiten zunächst auf einer gemeinsamen schen Struktur, sondern auch aufgrund seiner Konstitution - ein
systematischen Grundlage, dann gehen sie darüber hinaus und Beispiel dafür ist die Gerade R, von der man sich lange gefragt
erzeugen eine Sprachverwirrung, daß man meinen könnte, die hat, ob sie eine natürliche Topologie besitzt oder ob man sie nur
Mathematik sei tot; doch im Ergebnis schaffen sie eine neue mit bestimmten Topologien ausgestattet hat.
Grundlage, welche die gemeinsame Etymologie ihrer Sprachen ßs ist geradeso, als müßte man die direkte Bewegung der
in sich vereint; damit wird auch die Mathematizität wiedergebo- Teleologie und die umgekehrte Bewegung der Rekurrenz auf
ren, und so weiter, bis hin zur neuerlichen Vereinigung durch einem kreisförmigen oder besser noch einem spiralförmigen
Groethendyck, usw. So haben Platon, Leibniz, die Zeitgenossen Diagramm zusammenbringen; als könnte die Erweiterung der
neue Sprachen, neue universelle Charakteristiken geschaffen. Zu Theorie ihre Wirksamkeit nur im endlos wiederholten Durchgang
Beginn unseres Jahrhunderts befanden wir uns in einer Leibniz- durch den Ursprung entfalten, wobei sie selbst dann mit dem bei
schen Situation. der Erweiterung geschaffenen methodischen Rüstzeug neu be-
trachtet wird. Auf diese Weise ergäbe sich ein Feedback-Modell,
2. Konnexe Modelle mit Rekurrenz. Diese Analyse soll zei- eine Rückkopplung der Erweiterung an die Quelle und der Quelle
gen, daß die Mathematik nicht nur ein einziges Mal an ihrem an die Erweiterung. Man fühlt sich an Antaios erinnert, der seine
Ursprung gestanden hat. Die Schaffung einer neuen Sprache für Kräfte zurückgewann, wenn er mit dem Fuß die Erde berührte,
eine neue vollkommene Kommunikation, die Konstitution neuer oder mehr noch an die Anekdote im M enon, und an diese gleich

130 131
dreifach: aufgrund der Verknüpfung des direkten Voranschrei- um logisch-axiomatische Voraussetzungen, sondern auch um
tens mit der Anamnesis; aufgrund der Tatsache, daß ein mathe- Konstitutionsbedingungen: Als die Infinitesimalrechnung ent-
matisches Beispiel gewählt wurde und diese Wahl durchaus stand, ging es nicht allein um wahr und falsch und um die Strenge
wesentlich ist, weil nur die Mathematik den Weg einer blitzarti- der Verkettungen, sondern um die Mathematizität insgesamt und
gen und vollkommen eindeutigen Kommunikation mit dem Ur- deren Gründung in einer Welt. Es ging um nichts geringeres als
sprung bietet, einer Kommunikation, von der keine andere histo- die Erde und die Fixsterne. Diese rekurrente Bewegung, die von
rische Erfahrung eine Vorstellung zu geben vermag; und schließ- den neuen Hervorbringungen ausgeht und vertikal in das System
lich aufgrund der Möglichkeit einer endlosen Wiederholung des vorgetragen wird, diese rekurrente Bewegung zeigt, daß es eine
Prozesses: Wie Leibniz sagt, wäre es möglich, einem Sklaven der zeitgenössische Archäologie der wesentlichen Fortschritte gibt
vergessenen Welt die Anamnesis einer zweifach vergessenen und mehr noch: daß ein Fortschritt nur dann wesentlich ist, wenn
Welt abzugewinnen et ita porro. Der Ursprung der Mathematik er im Augenblick seines Erscheinens die ursprünglichen Archais-
enthüllt sich in jedem großen Augenblick des Umbaus (historisch men ans Licht holt. Es besteht eine Gleichzeitigkeit zwischen der
ist dies von außen erkennbar) und durch jeden Umbau (die teleologischen Beschleunigung und der archäologischen Rekur-
Bewegung läßt sich von innen her wahrnehmen). renz. Daher die Originalität der mathematischen Zeitlichkeit, die
Ich wiederhole: Die Rekurrenz ist nicht in erster Linie eine sich im selben Augenblick ihrem telos und ihrem Anfang zuwen-
historiographische Bewegung; es reicht nicht, wenn man sagt, det. Praktisch folgt daraus: Wenn ich der historischen oder
jeder Sprung nach vorne zwinge dazu, die Uchronie dessen, was logischen oder gnoseologischen oder transzendentalen Frage des
vorangegangen ist, neu zu schreiben, die gesamte Perspektive im Ursprungs der Mathematik nachgehen will, kann ich mich glei-
Sinne dessen, »was man hätte denken müssen«, umzugestalten. chermaßen an Thales oder Pythagoras im Mythos, an Desargues
Es genügt nicht, wenn man sagt, die Geschichte der Mathematik oder Descartes in der Geschichte und an Bourbaki, Serre oder
ist kein Datierungsmaßstab ähnlich dem Marmor von Paros. Sie Groethendyck in der lebendigen Gegenwart wenden. Jeder belie-
ist vor allem eine Bewegung, die der mathematischen Zeitlich- bige Ursprung ist der Ursprung. 13 Man kann sogar sagen, solch
keit als solcher eigen ist, insofern sie sich als unablässiger eine Untersuchung fördert Strukturen ans Licht, die allen diesen
Systemumbau darbietet. Die im eigentlichen Sinne historische Untersuchungen gemein sind, Strukturen, die eine Antwort auf
Rekurrenz ist lediglich die zweite Folge dieser eigentümlichen unsere Frage geben.
inneren Bewegung. Die Elemente der Geschichte von Bourbaki Daraus ergibt sich folgendes naive Modell: Ich stelle fest, daß
sind gleichsam ein Spiegelbild der Elemente der Mathematik, die unser erstes Schema sich nicht von einem Kegel unterscheidet -
Projektion auf eine Diachronie dessen, was innerhalb des Sy- das Modell ist im übrigen nicht neu, seit Bergson oder Einstein;
stems tatsächlich geschieht; sie breiten die Genese des Systems in ich stelle weiter fest, daß jeder synchrone oder systematische
einer geschichtlichen Genese vor uns aus. Neuerungen - wie die Schnitt einen Kegelschnitt darstellt, wie Desargues es aus-'
Infinitesimalrechnung, die Theorie der Gruppen, der Mengen drückte, und daß in dem Raum zwischen diesen Schnitten alle
oder der Kategorien - finden globalen Widerhall im gesamten passenden geodätischen Linien zu erkennen sind, als Helix auf
Gebäude und breiten sich blitzartig bis in die untersten Funda-
mente hinein aus, ganz so, als stellte das zuletzt Entstandene den 13. Daher die Frage: Ist der mythische Ursprung bei Thales und Pythagoras wirklich
ganzen Bau in Frage. Und wiederum handelt es sich nicht bloß (historisch) der erste Ursprung? Nichts ist weniger gewiß.

132 133
die Schicht gezeichnet. Interessant an diesem Modell ist der gische Bewegung ist eine Bewegung hin zu den elementaren
Umstand, daß diese geodätischen Linien unterschiedslos von Spezifikationen der Mathematik als solcher, und zwar im Sinne
vom nach hinten oder von hintennach vom verlaufen; dadurch eines Horizonts: hin zu Strenge, Reinheit, analytischer Verfeine-
werden Teleologie und Rekurrenz zusammengebunden. Außer- rung usw. Unter diesen Umständen ist jeder synchrone/systema-
dem läßt sich die ganze Figur je nach Perspektive auf zwei neue tische Schnitt in höherem Maße mathematisch als der vorherge-
Schemata projizieren. An ihnen können wir die zunehmende hende; im Grenzfall ist die vorangegangene Mathematik dem
Erweiterung der Theorie, deren Abschließung und die Verknüp- rekurrenten Urteil Nichtmathematik, und das rekurrente Urteil ist
fung zwischen der Erweiterung und dem unzählige Male wieder- ein Wahrheitsurteil; sie ist unrein, konfus, wenig streng - konfus
holten Durchgang durch den Ursprung ablesen. Die zweite insofern, als sie Strukturen vermengt, die eigentlich getrennt
Perspektive ist vielleicht noch interessanter, denn sie zeigt, daß werden müssen. Das rekurrente Urteil wird damit zu einem Urteil
jeder Erweiterung eine beständige archäologische Vertiefung über Anwendungen. Für uns ist die Geometrie des Thales eine
entspricht. Wir haben zum Beispiel gesehen, daß die neue Meßkunde für Maurer, die von Desargues ist die eines Experten
Geometrie die räumlichen Idealitäten Euklids in konstitutiv tiefe- der Steinmetzkunst, mit Trompen und Treppen; die cartesische
ren Idealitäten grü~dete: in Gruppenstrukturen, im Vektorraum, Geometrie ist die eines Ingenieurs, die von Monges ist eine für
in einer topologischen Mannigfaltigkeit. Man kann sich im Architekten bei ihren Entwurfzeichnungen (man hat sie als
übrigen fragen, ob wir das Schema vorwärts oder rückwärts lesen deskriptiv bezeichnet); die sogenannten nichteuklidischen Geo-
müssen, so sehr genügt die präzise Analyse der Bedingungen, um metrien sind Meßsysteme für Physiker, die Mathematik von
das Feld unverzüglich zu erweitern. Denn die axiomatische Lorentz und Einstein ist eine angewandte Mathematik, deren
Methode verläßt kaum noch bestimmte Ursprünge. Anwendungsbereich der Kosmos und die Welt der Elektronen
Der Ursprung der Mathematik ist also im gesamten Verlauf ist. Die Mathematiker sagen manchmal scherzhaft, es handele
ihrer Geschichte präsent; es handelt sich um einen durchlaufen- sich hier um Geographien - ein Ausdruck, dem wir Philosophen
den Ursprung. Die Rückkehr zu den Ursprungsbedingungen ist durchaus Sinn abgewinnen können. Er bedeutet, daß es sich um
historisch (Rekurrenz), logisch (Axiomatik), transzendental Mathematiken handelt, die zu Sedimenten abgesunken sind und
(Konstitution). 14 sich durch den Reinigungsvorgang auf Technologien reduziert
haben. Und der Charakter des Artefakts wird um so ausgeprägter,
3. Nichtkonnexe Modelle. Die bislang beschriebenen Modelle je älter die Sedimentierung ist. 15 In diesem Sinne sind sie
lassen ein wesentliches Phänomen unberücksichtigt. Die teleolo- vergessen: Wieder einmal finden wir den Menon - und eine
Weise notwendigen Zudeckens, den Bruch, die Diskontinuität
14. Wie wir noch sehen werden, nähert sich das Modell, das man von der Wissenschaft der mathematischen Zeit. Mit der Folge, daß die Geschichte der
erstellen könnte, dem Modell, das die Wissenschaft sich von der Welt macht. Hier geht es
nicht um den unvergänglichen Himmel, sondern um die Unzerstörbarkeit der Atome. Diagonalen und des Quadrats, die ich oben erzählt habe, für den'-
Unendlich hart und nicht spaltbar, entgehen sie der Geschichte, der Abnutzung durch Mathematiker eine falsche, nichtgetreue und sinnlose Geschichte
Gebrauch. Wir wissen heute, daß man sie sehr wohl auseinandersprengen kann, aber vor
allem wissen wir; daß sie sich regenerieren können, wenn man die Anfangsbedingungen ist: ein zweidimensionaler Katalog, in dem wir die übereinander-
wiederherstellt. Deshalb läßt sich das Modell einer »ersten Schöpfung«, das von Euklid
bis Newton relativ stabilen Bestand hatte, nur zugunsten eines Modelles aufgeben, bei
dem die ursprüngliche Konstitution ein durchgängiges, durchlaufendes Geschehen ist, 15. Wir müßten uns fragen: Ist der technologische Ursprung der Mathematik eine Illusion
das »überall« und »jederzeit« stattfindet. der Rekurrenz oder eine Entdeckung durch die Rekurrenz?

134 135
gelagerten Blätter der unterschiedlichen Bedeutungen, die Str~ti­
die der mathematischen Bewegung als solcher eigen ist, die
fikation der verschiedenen Altersschichten, das schroffe RelIef
durch die beständige Wiederholung ihrer inneren Rekurrenz
der vergessenen Welten gar nicht mehr wahrnehmen können.
unablässig die Ursprünge reaktiviert und die Grundlagen vertieft;
Man müßte darin wie auf einer komplexen Fläche lesen können,
sie enthüllt ursprüngliche Idealitäten, die nicht mathematisch
mit »Bahnen« rascher Beschleunigung, mit »Gipfelpunkten«, an
waren und es nun werden; sie historisiert nach und nach die
denen der Anstieg zum Stillstand kommt, mit Zonen gleichblei-
Vorgeschichte und gibt dem eine Sprache, was zuvor keine hatte:
bender Werte, mit Klüften und Spalten und so weiter, ähnlich den
Auf diese Weise umhüllt und thematisiert die Topologie besagte
.
Flächen, die Euler oder Riemann erdacht haben. 16 Denn k em
.
Morphologie. Die zweite Archäologie liest die Vorgeschichte
System erschließt sämtliche alten Sedimentschichte?, v~rge~en­
anhand von aufgegebenen Konzepten, die mathematisch waren
wärtigt die gesamte Tradition. Im Gegenteil, es trIfft In seIner
und es nicht mehr sind; sie liest die tote Vorgeschichte in den
rekurrenten Bewegung eine Auswahl, nimmt eine Selek~~on vor;
Fossilien, die die Geschichte mit sich geschleppt und dann
es läßt Konzepte versteinern wie mit einem technischen Uberzug
fallengelassen hat. Die erste Archäologie bewegt sich innerhalb
versehen. Im zuletzt beschriebenen Modell fehlen manche geo-
der Wissenschaft, die zweite steht außerhalb; sie rekonstruiert die
dätischen Linien, gibt es Brüche in den Verbindungen und
verlorene Genese einer verlorenen Idealität, wie am Beispiel des
endgültig zerschnittene Verküpfungen: Das System wirkt wie ein
euklidischen Raumes gesehen. Die erste ist zugleich regressiv
Filter die teleologische Filterung der Reinheit, der Strenge usw.
elimi~iert die Versteinerungen. Der Fluß wird um so klarer, je und progressiv, weil sie die beiden Bewegungen der Teleologie
und der Rekurrenz miteinander verbindet; die zweite kann nur
feiner die Schwemmbestandteile, die herausgefiltert werden.
regressiv sein; deshalb vermag sie früheren Boden zu entdecken
Entfaltet man den euklidischen Raum zum topologischen Raum,
und ist dann unfähig zu einer effektiven Grundlegung, weil sie
zum Vektorraum, zum metrischen Raum, zur Verschiebungs-
unfähig ist, auf sich selbst zurückzukommen und die progessive
gruppe usw., so bleibt von ihm nichts übrig als der Dreiflä~hner
Richtung einzuschlagen; diese Bewegung ist ihr versagt, dieser
aus Mauern und Decke, der mir in meinem Haus Schutz bIetet.
Weg ist versperrt, weil der ideale Gegenstand, mit dem sie es zu
Ich kenne keine ähnlich erhellende Technik zur Darstellung von
tun hat, kein mathematischer mehr ist. Da die erste Archäologie
Archaismen wie die Filterung und Reinigung durch die der
beide Bewegungen in sich vereinigt, fällt es nicht schwer, die
Mathematik eigene Bewegung. An jedem Punkt im Gang dieses
Mathematik als eine eigenständige Technik archäologischer
Verfahrens lassen sich Zeugnisse des Ursprungs ausfindig ma-
Forschung zu definieren, wie es, wenn auch unwillentlich, im
chen, die bis dorthin gelangt und dann durch die zeitgenössische
Menon zum Ausdruck kommt. In gewisser Weise gibt es eine
Filterung ausgeschieden worden sind, Zeugnisse der Vorge-
kontinuierliche Lösung für das alte Problem des Ursprungs der
schichte: Die Situation ist dieselbe wie in der Astronomie, wo wir
Mathematik, und diese Lösung ist unendlich lesbar im Inneren,_
Informationen aus Welten erhalten, die nicht mehr existieren.
des mathematischen Prozesses. Damit will ich sage, ein kultu-
Damit sind zwei verschiedene Archäologien bezeichnet: jene,
relles Gebilde ist als vormathematisches allein im autochtonen
Prozeß der Mathematik und durch diesen Prozeß zugänglich. Als
16. Es wäre sogar interessant, wenn man Flächen als Modell näh~e, die ~icht ori~nti:r­
bar sind, denn wir müssen eine Geschichtlichkeit zum Ausdruck bnngen ko~nen, dl~ SIch die topologische Graphentheorie Knoten, Labyrinthe und Wege
unterschiedslos in beide Richtungen entwickelt und zuweilen konnex, zuweilen zemssen mathematisierte, da und erst da konnte mir klar werden, daß der
ist. Die allereinfachste Topologie bietet solche Flächen bekanntlich in Hülle und Fülle.
Weber ein noch älterer vormathematischer Techniker war als der

136
137
Feldmesser, ganz wie der gestreckte Faden des Lotes lediglich lationsprozeß einer Enzyklopädie, der gleichsam in einem
eine metrische Modalität des auf tausenderlei Arten gewundenen Schneeballeffekt auf sich selbst zurückwirkte. Letztlich spricht
Fadens darstellt; da und erst da konnte ich den gordischen Knoten daraus ein Vertrauen in konnexe Geschichtsmodelle. Was die
und Minos als vormathematische mythische Schemata erkennen, Mathematik angeht, liegt auf der Hand, daß die Dinge nicht so
die noch tiefer vergraben sind als die Mythen der Konstrukteure. verlaufen 17: Sie filtert ihr Erbe und nimmt es nicht in seiner
Keine andere archäologische Technik wäre in der Lage gewesen, Gesamtheit in Anspruch; oder besser, sie nimmt es an, indem sie
uns noch vor die traditionelle Feldmeßkunde zu führen. Deshalb es filtert. Auf diese Weise verkürzt die Mathematik sich, indem
ist das unsicher in den Sand der Arena gezeichnete Quadrat, ist sie sich vergrößert, sie saugt sich auf, indem sie sich akkumu~
die zittrige und anexakte Figur, die Platon sich weigerte zu sehen, liert. Ein arithmetischer Satz über das Dreieck macht drei Bände
zugleich sinnlicher und rein mathematischer Natur. Deshalb ist Rechnungen über die Harmonie von R. P. Mersenne überflüssig;
die Welt der zittrigen Figur die Welt, die Platon selbst vergessen eine Seite aus De Arte Combinatoria stellt zahlreiche Techniken
hat und die der intelligiblen Metrik vorausliegt, und zweitausend- von der Art des Lullus ins Abseits; eine bestimmte Struktur nimmt
fünfhundert nach ihm erinnern wir uns endlich. Deshalb läßt mit einem Schlage eine ganze Galerie von Modellen in sich auf.
mich die Mathematisierung des Anexakten jeden Graphismus Die Geschichte der Mathematik ist eine Geschichte der Theorie
schlechthin als vormathematischen Umgang mit topologischen der Theorie: Die Wissenschaft der Wissenschaft setzt sich stets
Mannigfaltigkeiten schlechthin erkennen. Die Mathematisierung aufs neue an die Stelle der Wissenschaft, als folgte die Synthese.
führt mich zur Prämathematik. Das Problem des Ursprungs der auf die Zerstreuung, um sie mit einem Federstrich in Nichts zu
Mathematik wird durch die Mathematizität als solche ständig verwandeln, als hätte man plötzlich die Möglichkeit, in einem
gelöst und immer wieder aufs neue gestellt - Mathematizität Wort zu sagen, was einmal eine gewaltige Sisyphusarbeit war.
verstanden als rekurrente und teleologische Zeitlichkeit. Indem Das rekurrente Urteil enthüllt eine Wissenschaft der Wiederho-
ich die Dynamik des Flusses studiere, begreife ich den Prozeß der lung, hier und da die Iteration eines Wortes, das man bislang
Sedimentierung und die Existenz vergessener Mäander. Vom nicht aussprechen konnte, und nun, da es ausgesprochen ist, setzt
Quadrat im Sand der Arena gelange ich direkt zur topologischen es dem Abenteuer ein Ende. In diesem Sinne hat Descartes von
Mannigfaltigkeit und überspringe dabei den euklidischen Mäan- Desargues gesagt, er habe die Metaphysik der Geometrie ge-
der: ein blitzartiger Kurzschluß mit einem Sklavenjungen, einem schaffen; in diesem Sinne warf Leibniz den Wissenschaftlern
Sohn der Erde. Und wieder einmal ist die Situation dieselbe wie seiner Zeit vor, immer denselben Stein zu wälzen; und in diesem
in der Astronomie, wo ich in alle Zukunft Informationen erwar- Sinne empfahl Galois, mit gebundenen Füßen über den Kalkül
ten kann, die aus längst vergangenen Welten stammen. hinwegzuspringen; in diesem Sinne schließlich riet Bachelard,
Leibniz - und nach ihm unter anderen Engels - hat die sich keinesfalls im Dickicht des Graphismus zu verirren. Damit
Befürchtung geäußert, die Akkumulation des Wissens führe ist gesagt, daß eine große wissenschaftliche Erfindung ebenso-
ebenso unaufhaltsam in die Barbarei wie dessen Abwesenheit. sehr Annullierung und Unterdrückung eines Wissensbereiches
Die Wissenschaft breche unter ihrem eigenen Wachstum zusam- wie die Hervorbringung neuen Wissens ist. Wie mit einem
men. Dahinter steckt der Gedanke, der stetige Fortschritt der
17. Natürlich muß die Leibnizsche Befürchtung uns auch heute noch beunruhigen, wenn
Erkenntnisse sei ein beständig erneuertes Wiedererlangen der es denn zutrifft - und es trifft zu -, daß die Gemeinschaft der Wissenschaftler heute, um
distributiven Totalität des vorangegangen Wissens: der Akkumu- den Satz von Auguste Comte umzukehren, aus mehr Lebenden als Toten besteht.

138 139
»Sesam schließe dich« verschließt sie einen ganzen Bereich, der Strukturen; umgekehrt gibt es im euklidischen Repertoire keinen
nach ihr kaum anders verstanden werden kann denn als Hölle, in Ausdruck, der dem Konzept der topologischen Mannigfaltigkeit
der die Töchter des Danaos ihr Unwesen treiben. Durch sie wird entspräche. Sofern man im Weg der Rekurrenz nicht die bloße
jedes Korpus kurzgeschlossen und bleibt dann wie ein vergesse- Umkehrung der Diachronie sieht, ist dieser Weg abgeschnitten-
nes Stück Leitung in der Geschichte zurück: durch den Kurz- mindestens in der Regel. Die Kommunikation ist abgeschnitten,
schluß zwar aufgenommen, aber von der gesamten Umgebung weil die Schnittmenge beider Repertoires leer sein kann. 18 Und
vergessen. Fortschritt wird wieder möglich, indem man be- wenn man bedenkt, wie viele points of no return sich auf diesem
stimmte Wiederholungen unterdrückt, und das rekurrente Urteil Weg befinden, dann ermißt man, wie sinnlos eine regressive
bezeichnet die Stellen des Stillstands. Die Geschichte der Wis- Archäologie sein müßte, die sich daraufbeschränkte , die Diachro-
senschaften erscheint wie eine Folge von Kurzschlüssen, eine nie umzukehren, eine Archäologie, die der eigentümlichen Bewe-
Folge von Außerdienststellungen. Daher die urplötzliche Kom- gung der Wissenschaft gar nicht Rechnung trüge. Die der Wissen-
munikation mit dem Ursprung in genau dem Augenblick, da die schaft eigene Bewegung dagegen verweist auf tieferliegende
Erfindung die epoche ihres Erbes herbeiführt. Daher die Punkte Schichten und versieht überholte Idealitäten mit einer neuen
des Bruches, des Anhaltens und der Wiederaufnahme bei den Bedeutung oder besser noch: sie definiert ein Übersetzungssy-
nichtkonnexen Modellen. stem. Jeder synchrone Schnitt enthält seine eigenen Überset-
zungsbedingungen. Das rekurrente Urteil bewegt sich nicht vom
Daher· auch die Brüche in den Verbindungen und die stets topologischen zum euklidischen Raum, sondern von den topologi-
verfehlte Bahn: Einerseits verfüge ich über tradierte Informatio- schen Voraussetzungen des euklidischen Raumes hin zu einer
nen, die aus verschwundenen Welten stammen, andererseits globalen Neuinterpretation des ganzen euklidschen Korpus. Die
entdecke ich neue Informationen aus Welten, die der Tradition neue Sprache liegt der vorangegangen zugleich voraus und folgt
fremd sind, und diese Informationen gelangen auf dem kürzesten ihr nach, sie zerlegt, zerschneidet und filtert sie, sie beseitigt das
Wege zu mir. Mathematik ist Archäologie, aber Archäologie auf Unreine und behält von ihr nur das Gold der Mathematizität
dem kürzesten Wege, durch beständige Aufgabe traditionsver- zurück. Jede Restrukturierung ist gleichsam ein Erdbeben, das mit
hafteter Mäander. Diese Situation definiert die äußersten Gren- einem Schlage die archaischen Schichten freilegt und die jüngeren
zen des Filters; sie bestimmt, was die Gegenwart links liegen läßt Sedimente verschüttet. Wenn ich blitzartig mit dem Ursprung in
und findet, was die Archäologie wiederfindet und beiseite läßt, Kommunikation trete, so nicht über den traditionellen histori-
eine ganze Bewegung von Geburt und Wiedergeburt und endgül- schen Kanal, sondern über die Arbeit der Grundlegung der
tigem Tod. Da dies nun feststeht, müssen wir den Filter innerhalb Mathematik. Meine Regression folgt nicht dem nun unendlich
seiner Grenzen untersuchen. Betrachten wir einmal zwei syn- abgelegenen Weg der Tradition, sondern der vertikalen B ahn einer
chrone Schnitte: Die mathematische Sprache A liegt in der Vertiefung der Mathematik; von dorther nehme ich eine Neuinter- .
gewöhnlichen Diachronie vor der Sprache B. Fast immer ist es pretation der geschichtlichen Tradition vor.
möglich, A in B zu übersetzen; umgekehrt dagegen ist es nur
selten möglich, B in A zu übersetzen. Zum Beispiel läßt sich der 18. Die Sache wird noch gravierender, wenn man die Argumentation wiederholt, denn
der Schnitt ist nicht transitiv. Falls die Schnittmenge der Repertoires A und B nicht leer ist
euklidische Raum in die Sprache der Topologie, der Metrik oder und die der Repertoires Bund C gleichfalls nicht, dann folgt daraus keineswegs, daß auch
des Vektorraumes übersetzen; er ist ein Modell für bestimmte die Schnittmenge der Repertoires A und C nicht leer ist.

140 141
Wie wir gesehen haben, vermochte das Leibnizsche System sationen von Ägypten bis Sumer. Kein Bauwerk vermag uns
sich selbst zu erklären, wenn man es auf es selbst anwendete. Wir etwas über die gnoseologische Einstellung der damaligen Men-
haben auf die Möglichkeiten verwiesen, eine mathematische schen gegenüber diesen Formen mitzuteilen. Aber wir sind uns
Sprache in eine andere zu üb~rsetzen, und zwar in der Weise, daß sicher, daß die Griechen begannen, über diese Formen zu spre-
die Entwicklung dieser Wissenschaft als eine Folge von Erfolgen chen, sie zum Gegenstand ihres Diskurses zu machen; daß sie
und Mißerfolgen bei solch einem Übersetzungsuntemehmen einen Logos erfanden, der eine Analyse (eine bestimmte Art von
verstanden werden kann: Der größte Erfolg wäre natürlich die Analyse) dieser Formen ermöglichte; daß sie sich daran machten,
Schaffung einer Sprache, die mehreren Dialekten gemeinsam ist, sie in eine sagbare, universell kommunizierbare Sprache zu
Dialekten, die vormals verschieden waren und seither in Bezie- übersetzen; daß sie begannen, diese Formen zu dekodieren und
hung zu einer Muttersprache stehen; das neueste Beispiel dafür zu dechiffrieren; daß sie von dem in sich selbst zurückgeboge-
ist die zeitgenössische mathematische Sprache mit dem ihr eige- nen, bewegungslosen, im Geheimnis der Töpferscheibe kommu-
nen Vorrang der Algebra. Erfindung wäre damit die gelungene nizierbaren Raumschematismus zu einer Sprache übergingen,
Anwendung eines Gebietes auf ein oder mehrere andere und im die einen Teil ihres Sinnes bezeichnete; mit anderen Worten, daß
Grenzfall eine Selbstanwendung des Systems auf sich selbst. sie die ideographische Schrift der geometrischen Formen durch
Umgekehrt befände die Mathematik sich in der Krise, wenn eine signaletische Schrift aus Buchstaben und Zeichen ersetzten,
eine Anwendung dieser Art fehlschlüge. Das führt zu dem die sich bestens auf die frühere Schrift anwenden ließ, wobei
reziproken Gedanken, daß jedes mathematische System - wie Strenge die Strenge dieser Anwendung, dieser Übersetzung,
das von Leibniz - im ganzen gesehen eine ars inveniendi dar- bedeutete. Das griechische Wunder ist dieses in der Mathematik
stellt, und dies ad infinitum. Ihre Geschichte ist ein Über-setzen, so übliche Wunder, das darin besteht, in einer Form eine Ideogra-
in jedem Augenblick eine Wiederaufnahme, Geschichte der phie, in einem Symbol eine oder mehrere Bedeutungen zu
Entdeckungen und Verschüttungen. erkennen und sie in einen signaletischen , kommunizierbaren
Nach alle dem wollen wir nun auf das griechische Wunder Graphismus zu übersetzen, so daß beide Sprachen, beide Schrif-
zurückkommen, und das ist nun wahrhaftig nicht mehr bloß ein ten in einem überaus exakten Verhältnis zueinander stehen.
Wort, das Renan in einem Augenblick der Freude entschlüpfte. Damit erfindet man eine Korrespondenz zwischen einem symbo-
Haben wir es hier nicht wie anderswo, das heißt wie in jedem lischen Schematismus und einer analytischen Charakteristik -
Augenblick des Ursprungs, mit der Anwendung einer bestimm- wie in der ersten Arithmetik zwischen den Dingen und den
ten mathematischen Sprache auf eine andere zu tun, mit der Zahlen, das heißt den Buchstaben des Alphabets. Doch da es
Anwendung eines bestimmten graphischen Verfahrens auf ein dieser Analyse letztlich nicht gelingt, die kompakte Bedeutung
anderes? Die geometrischen Formen - Quadrat, Dreieck, Kreis, des Schemas auszuschöpfen, wie umgekehrt die Zeichenschrift..
Tetraeder ... -, von denen wir nun wissen, daß die metrische absurde Geheimnisse enthüllt, welche die geometrische Ideogra-
»Vollkommenheit« keineswegs eine notwendige Bedingung der phie nicht direkt freilegt - ein Gegenbeweis, der dem pythagoräi-
Mathematizität darstellt, diese Formen waren schon lange vor schen Bewußtsein schon bald mit der Krise der irrationalen
Thales bekannt und in Gebrauch; davon zeugen zur Genüge die Zahlen zu schaffen machen sollte -, verfällt die Übersetzungs-
dekorativen Künste und die Technologien (Töpferei, Korbflech- korrespondenz ebenso rasch dem Scheitern, wie sie Erfolge
terei, Verkehrswesen, Bautätigkeit) der vorangegangenen Zivili- zeitigt. Es drängt sich die Notwendigkeit auf, vollkommene

142 143
Anwendung in einen immer weiter zurückverlegten Horizont wurden, durch Weber und Dekorationshandwerker, durch
hinein zu verfolgen. Das griechische Wunder bezeichnet nicht Schriftgelehrte und Steuerleute. Allerdings ist der Mathematiker
mehr den Ursprung der Geometrie, sondern einen Ausgangs- auch mit der umgekehrten Anwendung vertraut, wenn er eine
punkt für die Geschichte einer bestimmten Mathematik; es eröff- Mannigfaltigkeit von Bedeutungen, die aus einer Charakteristik
net die Geschichtlichkeit der Wissenschaft. Die (hier regionale) hervorgehen, in ein Schema einbringt. Das griechische Wunder
Idee, ein Schema in Buchstaben, in Charaktere, zu übersetzen, ist das Wunder der Wissenschaftsgeschichte, ohne daß die Geo-
eröffnet eine endlose Folge von Anwendungen derselben Art, meter-Philosophen davon ein anderes als mythisches Bewußtsein
eine Folge voller Fehlschläge und Triumphe; sie befreit die gehabt hätten: Die vergessene Welt ist darin lediglich ein Stern-
Ideogramme von ihrer vorgeschichtlichen Unbeweglichkeit (vor- bild am Himmel, und der Himmel ist nur der Mythos der
geschichtlich und nicht ahistorisch oder transhistorisch, wie ein Vorgeschichte. Die Geschichte der Mathematik ist die Ge-
gewisser Platonismus es gerne lehrt); sie befreit sie aus dem schichte von Wundem dieser Art.
Gefängnis ihres Sinnes, von der Kommunikation durch unverän-
dertes Weiterreichen, deren Gegenstand sie in Kunst und Tech- So scheint es denn unerläßlich, die konnexen Modelle zu
nik waren. Von nun an ist die Geschichte offen, und die neue korrigieren; sie behalten ihren Wert nur in den außergewöhnli-
Charakteristik schafft die Möglichkeit, die in das quadratische chen Fällen, wo immer schon ein gemeinsames Repertoire be-
Schema gesperrten Bedeutungen unendlich oft und in Tausende standen hat. Man müßte also die letzte Projektion als eine Folge
von Sprachen zu übersetzen. Sobald Sokrates dem Unwissenden geologischer Schnitte begreifen, deren letzter stets der tiefste ist
die Möglichkeit gibt, darüber zu sprechen, erinnert dieser sich und Aufschluß über die vorangehenden gibt, damit zugleich aber
seiner stummen Vorgeschichte wie einer vergessenen Welt. Die belegt, wie wenig interessant, oberflächlich und problematisch,
Anamnesis ist die Erinnerung - im Medium einer kommunizier- wie prähistorisch und vormathematisch diese Schichten einzustu-
baren Sprache - an etwas, das nur als Schema strukturiert ist19 fen sind. Damit gelangen wir zu einem bemerkenswerten Ergeb-
und das sich in der Vorgeschichte als hieratisches, unveränderli- nis: Wenn es schon keine Kontinuität zwischen den im eigentli-
ches, unhörbares oder greifbares Symbol tradierte. So beginnt chen Sinne mathematischen Schnitten gibt, weil jeder von ihnen
denn der Ursprung der Geschichte bei jeder Übersetzung in eine in einer Art Kurzschluß an den vorangehenden anschließt, um
neue Sprache aufs neue: mit der Einführung einer Charakteristik wieviel weniger besteht dann Kontinuität zwischen den kultu-
zum Beispiel, die in der Lage ist, Knoten oder Wege, Geflechte rellen Gebilden als solchen und jenen Gebilden, die sich von
oder Labyrinthe zu übersetzen oder zu entschlüsseln und die ersteren dadurch unterscheiden, daß sie die Wahrheit mit sich
Bedeutung von Schemata wiederzugeben, die früher, in der nehmen. 20
Vorgeschichte des Logos, von Hand zu Hand weitergereicht Und wiederum müssen wir von den letztgenannten Gebilden

19. Diese vorgeschichtliche schematische Strukturierung im allgemeinen - und die 20. In der Krisis (dritter Teil, Paragraph 31) spricht Husserl von »geistigen Gebilden einer
wissenschaftliche im besonderen - oder die schematische Strukturierung des Unbewuß- gewissen, theoretisch genannten Art«. Danach wäre eine theoretische Schicht eine
ten, das sich seines Wissens oder seines Logos - und seiner Wissenschaft im besonderen- besondere Spezies der Gattung »Gebilde«. Das setzt voraus, daß die Bewegung der
nicht bewußt ist, verweist, um einige modische Aphorismen umzukehren, auf so manche Wissenschaft das Band zwischen theoretischem Denken und Erleben bis zum äußersten
zeitgenössische Arbeit aus dem Bereich der Interpretation oder der Archäologie (Leroi- gedehnt, aber nicht zerrissen hätte. Und das ist die ganze Frage: Ist das Band nun zerrissen
Gourhan). oder nicht?

144 145
her die kulturellen Gebilde interpretieren. Bislang sehe ich keine verstreuten Teilen zusammen, die der Zerfall des alten Modells
Hoffnung, wir könnten die chtonischen Grundlagen der Mathe- zurückgelassen hat. Es geht nicht mehr um Zeit oder Ewigkeit, um
matik anders auffinden als dadurch, daß wir der autochtonen die Berührung zwischen der Zeit und dem, was außerhalb der Zeit
Bewegung der Mathematik folgen, denn gerade das Abschalten ist; es handelt sich vielmehr um die Konstitution einer Geschicht-
der Wissenschaft vollzieht sich auf rigorose Weise innerhalb lichkeit, die ihre alten Merkmale nach Belieben neu zusammen-
ihrer Geschichtlichkeit. Es gibt eine Forschung transzendentalen setzt. Deshalb habe ich von Panchronie und Uchronie oder von
Typs, die der mathematischen Geschichtlichkeit eigen ist, oder Nichtorientierbarkeit gesprochen.
besser noch, die mathematische Geschichtlichkeit ist auch tran-
szendental. Die Mathematik alsformales, in Bildung begriffenes Ist es möglich, ein Auswahlprinzip für die Entscheidung
systematisches Organon ist ein objektives und intersubjektives zwischen den verschiedenen Modellen zu formulieren? Bedenken
transzendentales Feld. Die Mathematik ist zugleich eine formale wir zunächst einmal, daß die Gebilde, die der für die mathemati-
Ontologie und eine transzendentale Logik. sche Entwicklung charakteristische Sedimentierungsprozeß zu-
Das unablässige Abschalten verweist zutiefst auf das oben rückläßt, nicht so konkret sind, daß nur ein außermathematisches
angesprochene Unbestimmtheitsprinzip: Entweder geht man Wissen in der Lage wäre, ihre Bedeutung zu retten; das ist die
über die kulturellen Gebilde zurück und trifft niemals auf die Hauptlehre der Anamnesis im Menon. Indessen erfolgt die Sedi-
Wissenschaft als originäre und wahrheitstragende Bewegung, mentierung durch Konkretion des Abstrakten. In diesen Konkre-
oder man geht über die Wissenschaft selbst zurück und gibt den tionen erhält sich unverändert eine gewisse Mathematizität, so daß
kulturellen Gebilden ständig neue Deutungen, wobei das Kultu- die Geschichtlichkeit ihren Bezugspunkt innerhalb des Organons
relle selbst immer tiefer in den Prozeß der Aushöhlung gerät. im weitesten Sinne behält und die historische Erfahrung zu einem
Indem die Mathematik sich in einem unendlichen Prozeß auf die wesentlichen Teil mathematische Erfahrung bleibt und gelegent-
Mathematizität ausrichtet, wendet sie (und die Wissenschaft lich auch umgekehrt. Mit anderen Worten, die Geschichte der
überhaupt) sich zurück auf ein anderes telos, das der Vorge- Mathematik zeigt einen eigentümlichen Modus der Sedimentie-
schichte der Vorgeschichte. rung des Klaren - wenn auch zweifellos nicht Wohlunterschiede-
In gewisser Weise neigt die Wissenschaft dazu, die traditio- nen - und des Wahren. Das Wahre wird von den diachronen
nellenMerkmale des Zeitmodells zu unterdrücken: die Gerichtet- Transformationen nicht betroffen; nur das Konzept der Wahrheit
heit der Zeit, ihre Irreversibilität, den Pfeil und die Fiederung verändert sich. Die mathematische Wahrheit, index sui etfalsi, das
ihres Vektors 21 , ihren kontinuierlichen Charakter, ihr Vergessen automatische Wesen dieses Wahren, bleibt stabil- eben weil es
und ihre Akkumulation von Erinnerung. Durch die ständig erneu- das automatische Wesen ist -, und die Mathematik oder besser: die
erte Wahl zwischen blitzartiger Kommunikation und Abschalten Mathematizität, bleibt stabil. Die Veränderung betrifft, wagen wir
wechselt die Wissenschaft zwischen der Rolle des Sokrates und ruhig, es zu sagen: die Veränderung betrifft nur die Philosophie der
der des Sklavenjungen. Mit einem Wort, sie ist die Herrin einer Mathematik, das heißt die Seinsweise dieses Wahren. Doch da
neuen Zeit, sie erfindet eine neue Zeit, setzt sie historisch aus den diese Philosophie autochton ist, verändert sich wiederum die
Mathematik. Sie ist die Invarianz des Wahren in einer stets
21. Die neuesten Modelle der Physik versuchen die Fälle einer Rückkehr zu den
Anfangsbedingungen durch Symmetrien zu erklären, ganz so, als fände die Urschöpfung
konnexen Diachronie und die Varianz der Modalität des Wahren
in jedem Augenblick der Zeit statt. auf einer unablässig gebrochenen Bahn.

146 147
Dies nun ist das Feld der toten Geschichte: die griechische mals dementiert hat. Wie steht es heute um dieses Philosophem?
Geometrie, die klassische Analysis, die modeme Mathematik, Trotz aller Veränderungen in der Theorie der Welt und in der
die aufgehört hat, zeitgenössisch zu sein. Tot und nicht etwa Theorie der Theorie hat es sich unverändert erhalten.
falsch: Was ist das für eitl Tod, der niemals in den Irrtum Zuerst haben wir die Geschichte in den Bereich des Modells
abgleitet? Einzigartiger Tod hebbarer Schichten, Klarheit, die der idealen Gegenstände hineingetragen und zugleich in den des
schwarz oder kalt geworden ist von einem unauslöschlichen Modells der Welt. Wenn die Objekte des Himmels unseren
Licht, die abgesunkenen Konzepte verlieren ihre Klarheit und Vorfahren ebenso stabil und rein erschienen wie die Idealitäten
Wahrheit nicht. Aus der Tiefe der Zeiten spricht mit unverändert des theoretischen Denkens, so· wissen wir seither, daß Strenge
hörbarer Stimme der sogenannte Pythagoras noch immer in und Reinheit ebenso im Werden begriffen sind wie die Sterne, die
Strenge und vermöchte weder sich noch uns zu täuschen; und seit geboren werden, altern und sterben, wenn sie in einer Nova
sehr viel kürzerer Zeit verkündet der sogenannte Bourbaki das untergehen und Reste hinterlassen, die nun das Müll-Universum
Wahre, das sich niemals abnutzt. Doch die klaren Konzepte sind bevölkern. Die Theorie ist eine Geschichte, die Reinheit hat eine
sedimentiert, zu Konkretionen geworden, in ein Ganggestein eigene Zeit, wie die Kosmologie nun ihre Kosmogonie hat: nicht
eingeschlossen, das nur die neue Wahrheit aufzulösen vermag, Ruhe, Bewegung, geregelte Orts veränderung , sondern Ur-
um das neue Wahre des Alten ans Licht zu bringen. Unter diesen sprung, Evolution und Verschwinden. Wie einst die kopernikani-
Umständen ist die einzig zulässige Zeitlichkeit die der Systeme sche Revolution die Grundlagen des Denkens veränderte, so hat
(und in den Zwischenzeiten die ihrer Konstitution): Die Seins- nun eine Revolution in der Astrophysik zu einer Strenge mit
weise des Wahren liegt genau hier: in ihrem Verhältnis zum Varianz, aber ohne Variation der Strenge geführt.
System. Das System ist es, das lebt und stirbt, zuerst als fruchtba- Sodann und vor allem beobachte ich den Himmel, wie ich das
rer Aufschluß, dann als erdrückendes Ganggestein. Die gebro- System des Wissens beobachte. Hier und jetzt geben mir die
chene Geschichtlichkeit ist die einer Alethologie, die konnexe sichtbaren oder die Hertzschen Wellen zusammenhanglose oder
Geschichtlichkeit die einer Alethik. zufällige Informationen über meine Zeit und die Zeit meiner
Geschichte zu lesen. Die eine informiert mich über ein erst vor
Mir scheint, an dieser Kreuzung treffe ich auf die älteste und kurzem geschehenes Ereignis, die andere verweist auf ein Ge-
am häufigsten wiederaufgenommene unter den philosophischen schehen, das Jahrtausende zurückliegt, und eine dritte schließlich
Traditionen, wonach das strengste Paradigma theoretischen Den- zeugt von einem Ereignis, das in historischer Hinsicht gar keine
kens in der Betrachtung des Himmels liegt. Es ist fast so, als Bedeutung hat. Das ist nicht mehr die Ewigkeit, die ich hier
wären die Modelle, welche die Philosophie sich von der Wissen- entdecke, sondern das endlose Gewirr der chronologischen
schaft zu machen vermag, jenen Modellen isomorph, welche die Pfade; ich halte gleichzeitig zwei, drei, n anachrone Elemente in
Wissenschaft sich von der Welt macht. Ich bestehe nicht auf Händen und reaktiviere sie in ein und demselben Gedanken. Der
jenem Erbe, das sich von den Ioniern bis zum Timaios oder zu De heutige Himmel, wie er sich meinem Blick darbietet, dieser reine
caelo, von Ptolemäus bis Bruno, von Tycho Brahe bis Pascal und Gedanke, dessen Geschichte ich nachzeichnen möchte, diese
Leibniz, von Kopernikus bis Newton und Kant, von Laplace bis bei den Systeme: die Welt und das Wissen, sie bringen mich alle
Comte, von William Thompson bis Nietzsche und bis hin zu zugleich in eine blitzartige Kommunikation mit Ereignissen, die
Husserls großem Text über die Unbeweglichkeit der Erde nie- zeitlich in jeder nur erdenklichen Weise verstreut sind. Und

148 149
dennoch, wenn ich begreifen will, muß ich den Ort des Kontakts schreibt eine leere Geschichte der Wissenschaft, auf die Gefahr
zwischen meinem gegenwärtigen Erleben und diesem theore- hin, dabei eine vorwissenschaftliche und eine wissenschaftliche
tisch-konkreten Schauspiel begreifen, das sämtliche zeitlichen Schicht miteinander zu vermengen, ein Irrtum, den er in seiner
Folgen auf gleichsam zufällige Weise zerhackt, durcheinander- Theorie der morphologischen Idealitäten begeht; und er entdeckt
wirft und kompliziert; den Ort des Kontakts zwischen einem die Erde als ursprünglichen festen Punkt und transzendentale
Chronem und einer gewaltigen Zahl von Anachronemen, zwi- Bezugsgrundlage. Von nun an gilt es, die Geschichte zu schrei-
schen einer Zeit und einer distributiven Panchronie. Bekanntlich ben, die die Wissenschaft als solche ist, das heißt verwirrte,
reagieren wir auf diese Unbestimmtheit, indem wir eine gewisse komplizierte Zeitlichkeiten in einer einzigen, allumfassenden
Zahl von Modellen der Welt vorschlagen. Und ohne Zweifel gibt Zeitlichkeit; und dazu wäre eine Revolution vonnöten, die ihres-
es ebenso viele Modelle der Wissenschaftsgeschichte: Leibniz gleichen suchte. Das wäre dann die Rückkehr zur Welt als
hatte das bemerkt, und er hatte gerade die relativistische Theorie solcher, das heißt zur Neuen Welt.
der Zeit als Auftrag erkannt. Auch hier ist also eine relativistische Und wiederum stehen wir am Ursprung, in quodam mundi
Revolution durchzuführen, was unsere Sicht des theoretischen infantia. Wir müssen wie zu jedem Zeitpunkt der Geschichte ein
Universums betrifft. Hätte Bachelard die wesensmäßige Kom- neues Wissen annehmen, eine neue Welt entdecken, deren in-
plexität der Wissenschaft analysiert - statt sich dieses Konzepts choative Geschichte unsere Kultur nicht mehr auf die Ge-
als eines deskriptiven Attributs zu bedienen -, dann wäre er schichte, sondern auf die Vorgeschichte verweist. Es ist so, als
unvermeidlich zur Idee einer astrophysikalischen Revolution befänden wir uns in allernächster Nachbarschaft zu archaischen
gelangt. Schichten, die es zu vergessen, und zu neuen Idealitäten, die es
Gegen Husserl möchte ich deshalb sagen, daß nicht die Erde zu begreifen gilt. In Gestalt der heutigen Mathematiker, Astro-
der ursprüngliche Boden ist, aus dem das theoretische Denken physiker und Biochemiker ist Thales neuerlich unter uns erschie-
seine Konstitution schöpft; nicht die Erde verleiht der Bewegung nen, um uns zu neuen Übersetzungen, zu neuen Anamnesen
und der Ruhe Bedeutung, denn diese Konzepte sind bereits einzuladen.
künstlich und residuell; vielmehr gibt das ganze Universum, das
zugleich in Entwicklung und in Anachronie befindlich ist, der April-Mai 1966.
Zeit und der Abwesenheit von Zeit, der Zeit und der Vielzahl der
Zeiten ihren Sinn. Die Welt, die stets durch Anachronie und
Uchronie (Achronie und Panchronie) gekennzeichnet ist, diese
Welt ist das neue Paradigma der Philosophie, das Modell, das die
Möglichkeit des Ortes begründet, an dem unsere Zeit und die
Abwesenheit von Zeit, unsere Zeit und die Totalität der mög-
lichen Zeiten einander berühren.
Kant hat eine Wissenschaftsgeschichte beschrieben, die eine
Geschichte der Reinheit ist, und in dieser Geschichte fand er die
kopernikanische Revolution als ein Ereignis, das es für die
nunmehr strenge Metaphysik zu widerholen galt. Husserl be-

150 151
Zweites Kapitel
Philosophie

DESCARTES: DIE KETTE OHNE GLIEDER

Jedermann kennt die dritte Regel zur Ausrichtung der Erkennt-


niskraft: Descartes geht darin auf zwei Operationen des Verstan-
des ein, die Intuition und die Deduktion. Diese beiden Tätigkei-
ten reichen für sich allein schon aus, um zur Erkenntnis der Dinge
zu gelangen, ohne daß man befürchten müßte, einem Irrtum zu
verfallen. 1 Nachdem Descartes eine Definition der Intuition
gegeben hat, auf die wir noch zurückkommen werden, führt er
vier Beispiele für Intuition an: Ita unusquisque animo potest
intueri, se existere, se cogitare, triangulum terminari tribus
lineis tantum, globum unica superjicie, et similia: »So kann jeder
intuitiv mit dem Verstande sehen, daß er existiert, daß er denkt,
daß ein Dreieck von nur drei Linien, daß die Kugel von einer
einzigen Oberfläche begrenzt ist und Ähnliches. «2 Wir wollen
versuchen, diese wenigen Worte zu erläutern.

Erste Hypothese: Die angeführten Beispiele sind willkürlich


herausgegriffen, und ihre Reihenfolge ist zufällig. Unter den
Dingen, die ich durch Intuition unmittelbar erfasse, gibt es solche
und solche und im einzelnen dieses oder jenes. In dieser Aufzäh-

1. Zu Beginn der dritten Regel benutzt Descartes zweimal den Ausdruck Gemisch
(admiscendas, permiscentes) , den er auch in der ersten Meditation wiederaufnimmt. Wir
werden eine Studie über das böse Genie veröffentlichen, in deren Mittelpunkt dieses
Thema steht. (Siehe Hermes IV. La Distribution, Paris 1977, Abschnitt »Regression«,
S. 63-86, demnächst deutsch, d. Ü.) Bekanntlich hat die zeitgenössische Physik sowohl
die Idee des Dämons als auch die des Gemischs wiederaufgegriffen.
2. Regulae ad directionem ingenii. Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft, latei-
nisch-deutsche Ausgabe, Hamburg 1973, S. 18

153
lung von Beispielen stehen die Elemente des cogito neben durch eine einzige Oberfläche, einen einzigen Rand begrenzt
geometrischen Elementen; nach unserer Hypothese verlieren wird. Aber auch, daß die Kugel einen Körper darstellt, der durch
erstere ihre Vorrangstellung und fügen sich in die Reihe anderer eine Fläche begrenzt wird. Und schließlich, daß die Kugel eine
cogitata ein. In gewisser Weise stehen wir hier mitten im dreidimensionale Wesenheit bildet, die durch eine zweidimensio-
Leibnizianismus: »varia a me cogitantur«. Bei Descartes gibt es nale Wesenheit eingefaßt ist. Das bedeutet nun wiederum (mit
solche Mannigfaltigkeiten ohne Ordnung und solch eine Mannig- den oben gemachten Einschränkungen hinsichtlich des me tri -
faltigkeit der Ordnung nicht. So müssen wir unsere Hypothese schen Charakters), daß die Kugel sich zur Fläche verhält wie drei
fallen lassen. zu zwei. Und dieses »Verhalten« hat denselben notwendigen und
Wenn wir die vier Beispiele aufmerksam betrachten, fällt auf, hinreichenden Charakter wie beim Dreieck, denn dem tantum
daß sie zwei Paare bilden; einerseits »ich bin« und »ich denke«, entspricht hier der Ausdruck unica. Die Kugel braucht eine
andererseits das Dreieck und die Kugel. Sehen wir uns zunächst Fläche, und sie braucht nicht mehr als eine Fläche, damit sie als
die letzten beiden Beispiele an. Da wird gesagt, das Dreieck sei die Figur de-terminiert ist, die wir unter dieser Bezeichnung
begrenzt und werde von nur drei Linien eingefaßt. Was soll das intuitiv erfassen.
heißen? Daß das Dreieck eine begrenzte Figur ist, die von Allein schon die Betrachtung der Ränder oder Grenzen - und
Rändern umgeben ist und daß es sich bei diesen Rändern um selbst die Form des Satzes, in dem für beide Beispiele nur ein
Linien handelt. Aber auch, daß das Dreieck eine Fläche ist, die einziges Verbum, terminari, verwendet wird - berechtigt uns,
von linearen Grenzen eingefaßt wird. Und schließlich, daß das die zwei Beispiele zu einer Kategorie zusammenzufassen: Die
Dreieck eine zweidimensionale Wesenheit3 darstellt, die durch Linie verhält sich zum Dreieck wie die Fläche zur Kugel. Mit
eindimensionale Wesenheiten begrenzt wird. Damit ist gesagt, anderen Worten, die eindimensionale Wesenheit ist für die zwei-
daß das Dreieck sich zur Linie verhält wie zwei zu eins. Natürlich dimensionale, was diese wiederum für die dreidimensionale
haben diese Zahlen keine arithmetische oder metrische Bedeu- Wesenheit ist; jede bildet den Rand der nächsthöheren Ordnung.
tung; das werden wir noch zur Genüge sehen. Aber sie kenn- Diese aufeinanderfolgenden Verhältnisse darf man indessen
zeichnen besagte Figur dennoch aufs vollkommenste, und zwar nicht mißverstehen; es handelt sich keineswegs um metrische
in der Weise, daß ihre Verbindung notwendig und hinreichend Verhältnisse, nicht um Proportionen, sondern um notwendige
ist; darauf verweist die Verwendung des Ausdrucks tantum: Das und hinreichende Beziehungen, die ausschließlich für den Be-
Dreieck braucht Linien und es braucht nicht mehr als Linien, reich der räumlichen Intuition gelten. Regel XIV definiert übri-
damit es als die Figur determiniert ist, die wir unter dieser gens die Dimension als »die Bestimmung und Beziehung, in der
Bezeichnung intuitiv erfassen. Dasselbe Verhältnis eines not- ein Gegenstand als meßbar betrachtet wird«; sie unterliegt also
wendigen und hinreichenden Zusammenhangs besteht folglich nicht der Jurisdiktion des Maßes, sondern bildet dessen Voraus-
auch zwischen den Zahlen zwei und eins. setzung. Folglich lassen die beiden in Regel III angeführten
Und weiter: Ein sphärischer Körper, eine Kugel (globum), ist Beispiele sich ordnen wie 1, 2, 3, wobei zu berücksichtigen ist,
begrenzt und wird von einer einzigen Oberfläche eingefaßt. Was daß 1, 2, 3 lediglich eine Ordnung darstellt und kein Maß, eine
soll das heißen? Daß die Kugel eine räumliche Figur ist, die Ordnung, die aber dennoch streng notwendigen und hinreichen-
den Charakters ist; kurz, daß 1, 2, 3 nicht als Zahlen im
3. Regel XIV (ibid., S. 132/133) definiert die Dimension als Voraussetzung des Messens. arithmetischen Sinne verstanden werden dürfen.

154 155
Vielleicht erstaunt es den Leser, wenn wir behaupten, die Und dies ist um so wertvoller, als hier eine Kette hergestellt
genannten Beispiele seien nicht im strengen Sinne mathematisch. wird, deren Glieder der Intuition nichts verdanken. Als Descartes
Tatsächlich gibt es in der Geometrie, wie sie zu Descartes' Zeiten wenige Zeilen später ein nun allerdings wirklich mathematisches
und davor bestand, keinen ,Satz, der solche Tatsachen bewiese. Modell der diskursiven Ordnung geben will, wählt er dazu die
Das bedeutet lediglich, daß Überlegungen hinsichtlich der Gren- Zahlen 1, 2, 3 und verleiht ihnen eine arithmetische Bedeutung,
zen und Ränder nicht Bestandteil eines gesicherten Organons von die sich von der oben analysierten Rolle tiefgreifend unterschei-
Beweisen sind, sondern die Voraussetzung solch eines theoreti- det. Hier lassen sich 1, 2, 3 weder addieren noch überhaupt
schen Organons bilden. In gewisser Weise handelt es sich um quantitativ zusammensetzen. Vielmehr bilden sie eine qualitative
vormathematische oder vorgeometrische Beispiele in demselben Ordnung.
Sinne, wie die Dimension eine Voraussetzung des Maßes ist. Sie Damit ist der Weg frei für die Betrachtung der beiden ersten
fallen also in einen Bereich, der außerhalb der Deduktionsketten Beispiele, bei denen es sich um nichts Geringeres als die Ele-
der Theorie liegt, welche ihrerseits dem Maß unterworfen sind. mente des cogito handelt: ich bin, ich denke, nicht weiter
Folglich gehören sie dem Bereich an, der ausschließlich der reduzierbare Elemente der Intuition. Wir sagen: Ebenso wie die
Intuition vorbehalten ist. Es ist Sache der Intuition, solche beiden letzten Beispiele eine Ordnung enthalten, so bergen auch
räumlichen Erscheinungen zu erkennen. Damit aber- und dies ist die beiden ersten Beispiele eine Ordnung. Und dies aus zwei
der entscheidende Punkt - ist es möglich, in der reinen Intuition Gründen, die wir dem Text selbst entnehmen können:
eine Ordnung zu erkennen, und dazu noch eine strenge Ordnung,
die immer ausgedehntere räumliche Mannigfaltigkeiten zusam- l. Die traditionelle Reihenfolge: ich denke, ich bin, wird
mensetzt, wobei sie von Mannigfaltigkeiten niederen Grades umgekehrt. Die Erklärung dafür liegt darin - und kann nur darin
ausgeht, welche die Begrenzung der Varietäten höheren Grades liegen -, daß auch die vorgeometrischen Beispiele in umgekehr-
bilden; dieses Zusammensetzen hat notwendigen und hinreichen- ter Reihenfolge erscheinen. In der Tat wird das Dreieck vor der
den Charakter und beginnt bei einer Grundeinheit, der Linie, der Linie; die Kugel vor der Fläche genannt. Wollte man die Aufzäh-
zumindest hier die Rolle des nicht weiter reduzierbaren Intui- lung in die Reihenfolge 1, 2, 3 bringen, müßte man Linie,
tionsgegenstandes zufällt. Auf diese Weise gelangen wir in der Fläche, Kugel sagen. Dann hieße es auch: ich denke, ich bin.
räumlichen Anschauung zu einer Ordnung, deren Strenge sich Descartes hat diese Umkehrung möglicherweise bewußt in dem-
über das Maß, die metrische Proportion und sämtliche Bestim- selben Sinne vorgenommen, wie er weiter unten zwischen enun-
mungen hinwegsetzt, die gemeinhin das Modell der cartesischen ciatio· und discursus unterscheidet.
Ordnung ausmachen. Wir haben es hier mit einem vormathemati-
schen, einem vorgeometrischen Modell von Ordnung zu tun. 4

4. Um es modern zu sagen, wollen wir gerne einräumen, daß Descartes ein Vorläufer des
Intuitionismus ist, und zwar insofern er der Intuition eine gewisse regulative Funktion im eines Maßes zukäme. Und tatsächlich sagt Descartes in diesem Text nicht »Gerade«,
Denken zuweist. Aber darum geht es hier nicht. Wenn er eine strenge Ordnung in der von sondern »Linie«, nicht »Sphäre«, sondern »globum«, was ich (im Französischen) mit
jedem Maß entleerten räumlichen Anschauung entdeckt, insofern sie die Voraussetzung boule (Kugel, Ball) übersetzt habe. In unserem Sinne müßte man also die meisten
für die Deduktionsketten der Geometrie bildet, dann ist er der entfernteste Vorläufer der Übersetzungen korrigieren (vgl. R. Descartes, Geometrie, hg. vom Auguste Comte,
Analysis situs. Ein weiteres Beispiel wäre sein berühmter Satz über die Polyeder, in dem Buch II, S. 35, und G. W. Leibniz, »Definitions matMmatiques«, in ders., Opuseules et
die Zahl eher die Rolle einer topologischen Invarianten spielt, als daß ihr die Funktion fragments inedits, hg. von L. Couturat, Paris 1903, S. 439f.).

156 157
2. Um auf weitere mögliche Beispiele hinzuweisen, bedient Wir haben auf den vorgeometrischen Charakter dieser Modelle
Descartes sich nicht des Ausdrucks et cetera; vielmehr sagt er et hingewiesen. Linie, Fläche und Kugel sind Formen, die der
similia. Mit dieser Nuance sind einerseits Beispiele gemeint, die
Schaubild I
der Intuition ebenso leicht z~gänglich sind wie die genannten;
wenn man jedoch genauer untersucht, welche Bedeutung diesem
»Cogito, sum« Strenge Ordnung
Ausdruck in der Mathematik zukommt, gelangt man unweigerlich
oder in der
zu dem Gedanken, daß hier eine Ähnlichkeitsbeziehung zwischen
»Cogito ergo sum« reinen Intuition
den beiden vorgeometrischen Beispielen, den beiden Elementen
des cogito und weiteren möglichen Beispielen besteht.
Von daher sind das ich denke und das ich bin sowohl auf
notwendige als auch auf hinreichende Weise durch eine Ordnung
miteinander verbunden, die mit den traditionellen Bestimmungen
der Deduktion, des Maßes und der Quantität nichts zu tun hat ,
I I
sondern ausschließlich im Bereich der reinen Intuition angesiedelt Vorgeometrische Strenge Ordnung
Paradigmen der in der räum-
ist, undzwarauJdieselbe Weise, wie die vorgeometrischeOrdnung räumlichen Anschauung lichen Anschauung
1, 2, 3 sich in dem Bereich bewegte, der ausschließlich der
räumlichen Anschauung vorbehalten ist. Wenn das ich denke und Kugel 3
das ich bin zum Gegenstand der Intuition werden, dann ist dies
notwendig und hinreichend, damit sogleich auch ihre strenge
Verbindung zum Gegenstand der Intuition wird, und dies mit Dreieck ~
1
Fläche
12
derselben Gewißheit, wie die Grenze der Kugel oder die Ränder des
Dreiecks zum Gegenstand der Intuition werden. Oder, wenn man so
will, das cogito ist für die Anschauung meines Seins dasselbe wie
I
Linie 1
I
die Linie für die Anschauung des Dreiecks, die Fläche für die 1, 2, 3 »nichtarith-
Anschauung der Kugel et similia. Dabei ist wiederum mitgedacht, metisch«
daß es hier keineswegs um eine Proportion im metrischen Sinne
geht, sondern um eine Verhaltens analogie zum Moment der Die untere Spalte ist die Spalte der vonnathematischen Modelle; auf der linken Seite geht
es um den Inhalt der Intuition, auf der rechten um deren Ordnung. Von links nach rechts
notwendigen und hinreichenden Bedingung. Das ergo des cogito gehen wir vom Beispiel zum Modell über. Die rechte Spalte ist die Spalte der Ordnungen;
gehört daher nicht zu einer Deduktionskette im eigentlichen Sinne; im unteren Kasten geht es um Modelle von Ordnung, im oberen um die allgemeine
Struktur von Ordnung. Von unten nach oben gehen wir von Modellen zur Philosophie.
vielmehr handelt es sich um eine intraintuitive Verbindung. Darum über.
ist es gleichbedeutend, wenn man »ich denke, also bin ich« oder
»ich denke, ich bin« sagt, und Descartes benutzt diese beiden räumlichen Anschauung unmittelbar präsent sind, noch bevor die
Ausdrucksweisen in der Tat so, als wären sie gleichbedeutend. Nur Begriffe der geraden und gekrümmten Linie, der ebenen und
die Betrachtung der beiden letzten B eispiele als Modelle der beiden gekrümmten Fläche oder der Kugelfläche durch metrische Defini-
ersten konnte dieses alte Problem zu einer strengen Lösung führen. tionen spezifiziert sind. Die räumliche Anschauung dieser For-

158 159
men geht (sowohl in subjecto als auch in objecto) der räumlichen andererseits entwickelt sich ein theoretischer Diskurs aus metri-
Anschauung der metrisierten Figuren voraus; a fortiori geht sie schen Transformationen. Im allgemeinen finden diese Transfor-
jedem deduktiven Diskurs der (metrischen oder algebraischen) mationen ihren Ausdruck in Folgen von Proportionen, bei de-
Geometrie und jeder theoretischen Kette voraus. Diese Vorgän- nen es sich um Folgen von Ähnlichkeitbeziehungen handelt5 - so
gigkeit ist daher zugleich methodischer, logischer, subjektiver jedenfalls läßt sich die cartesische Geometrie (wie übrigens
und objektiver Natur; sie ist eine absolute Vorbedingung. Wenn auch die griechische) charakterisieren, ohne daß man Gefahr
man nun in diesem vorgängigen Bereich der räumlichen An- liefe, einen Irrtum zu begehen. Auf der Ebene des geometri-
schauung eine strenge Ordnung entdeckt, dann spielt diese Ord- schen Modells können wir die Unterscheidung, um die es hier
nung in intuitu dieselbe Rolle hinsichtlich der theoretischen geht, auch anders formulieren: Intuition von Formen einerseits,
Ketten der Wissenschaft wie die strenge Ordnung der Elemente stetige Folgen von Ähnlichkeiten andererseits. Damit haben wir
des cogito in der reinen Anschauung hinsichtlich der Schlußket- nun einen Schlüssel für die Reduktion des Begriffspaars »Intui-
ten der deduktiven Philosophie: die Rolle einer absoluten, logi- tion-Deduktion« auf das Begriffspaar »Figur-Bewegung«. An-
schen, methodischen, subjektiven und objektiven Vorbedin- dererseits sagt das in Regel III gegebene arithmetische Beispiel:
gung. Das mathematische Beispiel läßt uns nicht nur eine ur- 2 + 2 = 4 und 3 + 1 = 4, also 2 + 2 = 3 + 1. Wir haben es
sprüngliche Ordnung innerhalb der reinen Intuition erkennen, hier in der Tat mit einer Denkbewegung zu tun, einer Bewe-
sondern zeigt uns auch den absoluten Charakter dieser Vorausset- gung, die wir als Transitivität bezeichnen; jedenfalls ist dieses
zung. Wort am besten geeignet, Descartes' Gedanken zu kennzeich-
nen, auch wenn er selbst es nicht benutzt. Die heutige Mathe-
Die beschriebene strukturelle Parallelität zwischen zwei Ord- matik kennt nichttransitive Relationen (zum Beispiel den
nungen und zwei Grundlegungen ist aufschlußreicher, als es auf Schnitt von Mengen); aber das oben analysierte »vormathemati-
den ersten Blick erscheinen mag. Sie organisiert auf exakte sche« Beispiel ist gleichfalls nichttransitiv: 1 wird von 2 be-
Weise die Ursprünge des Denkens, und zugleich berührt sie grenzt, 2 wird von 3 begrenzt, doch daraus folgt nicht (oder
Unterscheidungen, die dem cartesischen Geist generell vertraut zumindest nicht hinreichend), daß 1 von 3 begrenzt wird. Des-
sind. In der Tat nennt dieselbe Regel III als Unterscheidungs- cartes hat also vollauf Recht, wenn er sagt, im deduktiven
merkmal zwischen Intuition und Deduktion die stetige, bruchlose Diskurs gebe es Bewegung (Transitivität), aber in der strengen
Bewegung entlang einer Kette und mehr noch: motus sive succes- intraintuitiven Ordnung gebe es keine Bewegung (Nichttransiti-
sio quaedam. Es gibt keine Bewegung in der Intuition; subjektiv vität) , sondern allein Figur. Daher die vorgeschlagene Reduk-
betrachtet, gibt es nur Erinnerung oder keine Erinnerung. tion; die Idee der Transitivität ist ein zweiter und noch wir-
Die Prüfung des vorgeometrischen Modells der Intuition hat kungsvollerer Schlüssel dazu.
uns zur Annahme von nichtmetrisierten Formen oder Figuren Doch das ist noch nicht alles: Wir müssen das Beispiel der
geführt. Danach scheint es nun so, als wäre das Begriffspaar Kette ernst nehmen, denn das haben wir auch bei den übrigen
Intuition-Deduktion auf das altbekannte Begrijfspaar Figur- Beispielen getan. Mit der Kette definieren wir ein mechanisches
Bewegung zurückjührbar. Dieser Gedanke wird durch das geo-
metrische Modell als ganzes vollauf bestätigt: Einerseits gibt es 5. Man könnte Descartes' Satz über die veränderlichen Winkel leicht für n verallgemei-
nern. Dieser Satz bietet ein ausgezeichnetes Modellfür solche Folgen (vgl. J. Vuillemin,
eine Vorbedingung, die in der Intuition von Formen besteht; MatMmatiques et metaphysique chezDescartes, Paris 1960, Anmerkung XIII, S. 182f.).

160 161
Modell. Eine einfache Maschine - und aforteriori eine cartesi- Schaubild II
sche Maschine - läßt sich als eine Topographie (als Beschrei-
bung von Organformen) definieren, auf die man eine Folge von Methode Intuition Deduktion
mechanischen Transmissiont;n anwendet. In einer Maschinerie Vorgängige intrain- Diskursive Ordnung
cartesischer Prägung übersetzt das Begriffspaar Figur-Bewe- tuitive (nichttransi- Transitivität
gung sich damit in das Paar Topographie-Transmission. Und tive) Ordnung
wiederum würde die Geometrie solch eine Unterscheidung
durchaus nicht verachten, die ihrerseits auf Formen-Ähnlich- Mechanisches Topographie Transmission
keitsfolgen reduziert werden kann, und das gilt insbesondere für Modell, die Kettenglied Verkettung
veränderliche Winkel. Im Grenzfall wäre danach die einfachste Kette (die ein-
Maschine 6 jene, bei der die Form stets dieselbe wäre, die fachste Ma-
Transmission ohne Verluste erfolgte und die Ähnlichkeit. zur schine)
Identität würde. Die Kette ist die Maschine, die diesen Grenz-
Geometrisches Räumliche Anschau- Folge von Ähnlich-
fall realisiert; im Bereich von Figur und Bewegung zeigt sie die
Modell ung; z.,ß.: Strenge keiten; z. B.: Satz
größte Einfachheit und Leichtigkeit. Nun verstehen wir auch,
vorgängige Ordnung der veränderlichen
weshalb Descartes dieses Beispiel anläßlich der Analyse von
der »topologischen« Winkel (Transforma-
Intuition und Deduktion anführt: Die Intuition betrachtet die
Formen tionen)
reine Form der Kettenglieder, die Deduktion überträge eine
Bewegung entlang der Kette. Es handelt sich in der Tat um jene Allgemeines Figur Bewegung
der Methode analoge Maschine, die in den Regulae beschrieben Modell (Transport)
ist und auch später wieder aufgegriffen wurde. 7 Wir haben es
mit intuitiver Evidenz und mit der Übertragung von Evidenz zu Philosophie Strenge vorgängige Ordnung der Ver-
tun; daraus erklärt sich die strukturelle Parallelität, die in Schau- Ordnung in der nunftgründe
bild n zusammengefaßt ist. reinen Intuition
Die vier in Regel In angeführten Beispiele für Intuition sind Cogito, sum
also nicht willkürlich herausgegriffen. Vielmehr bilden sie eine
streng geordnete Familie von Elementen, deren gemeinsame

Struktur durch den Begriff der Ordnung in intuitu bezeichnet ist.


6 .. Im zweiten Teil des Discours spricht Descartes von jenen »langen Ketten ganz
einfacher und leichter Begründungen«, ces longues chafnes de raisons, toutes simples et Geometrische Formen, die nicht in den Beweisgang eingebaut
faciles . .. (dt. zit. nach: R. Descartes, Von der Methode, Hamburg 1960, S.16). sind, sondern der Kette vorausliegen, bilden einen Ordnungsty-
Offenbar sind es die Ketten, die einfach und leicht sein sollen, nicht die Begründungen.
7. In der Schiffskunde sagt man, eine Kette ist nur so stark wie das schwächste ihrer pus von der Art 1, 2, 3, deren Zusammenhang nicht durch
Glieder. Dieses Prinzip könnte man auch als kritischen Maßstab an die Kette der Deduktion zustande kommt, sondern als notwendige und hinrei-
Meditationen anlegen, wobei man es sich zur Aufgabe machte, das schwächste Glied zu
suchen. Michel Foucault hat es gefunden in seiner Histoire de lafalie, Paris 1961; dt.:
chende Bedingung innerhalb der Intuition: ein Zusammenhang,
Wahnsinn und Gesellschaft, Frankfurt am Main 1973, S. 66-69. der zwingende Evidenz erzeugt. Die Zahlen sind dabei ebenso-

162 163
wenig arithmetischer Art, wie Linie und Kugel Gerade und dient in der neunten Regel dem Zweck, das Begriffspaar Intui-
Sphäre sind. Diese Ordnung struktur findet sich, was den meta- tion-Deduktion in das Begriffspaar Scharfsinn-Klugheit zu wen-
phischen Bereich angeht, im ergo des cogito wieder. den, das heißt, uns von den Operationen des Verstandes auf
Dagegen bilden dieselben. Zahlen 1, 2, 3, nun im arithmeti- dessen Fähigkeiten zu lenken. Während der Übergang von der
schen Sinne verstanden und in den Additionsprozeß eingebun- Deduktion zur Klugheit der zehnten Regel vorbehalten ist, zeigt
den, einen transitiven Ordnungstyp. Diese neue Struktur findet uns die neunte, daß man seine intuitive Fähigkeit auf dieselbe
sich, was den metaphysischen Bereich angeht, in der Ordnung Weise verbessern kann wie den Blick. Bei Descartes ist die
der Argumente. Wie man sieht, kann das mechanische Modell Erkenntniskraft bekanntlich nicht gleichumfänglich mit dem
formal auf dasselbe Begriffspaar reduziert werden; das zeigt der Wissen: Es gibt ein reines Erkenntnissubjekt; folglich hängen
Grenzfall der Kette, diese einfache Maschine zum Transport von Ausbildung, Hygiene und Übung der Erkenntniskraft keines-
Evidenz (Transport im Sinne von Transitivität oder Transmis- wegs von den Objekten des erkennenden Subjekts ab; sie können
sion). sich vielmehr auf Übungen beschränken, die sich auf leichte, das
heißt unbedeutende Dinge (minimas res) beziehen. Die Erkennt-
So verfährt eine strukturale Analyse: Sie prüft ein oder meh- niskraft ist nicht auf Rezepte angewiesen; sie entfaltet sich in
rere einzelne Modelle, die sie auf eine (oder mehrere) Formen einer disziplinierten Tätigkeit und gibt sich selbst nach freiem
zurückführt: vorgängige Ordnung, transitive Ordnung. Dann Ermessen das Minimalkorrelat, das sie braucht, um Erfolg zu
findet sie diese Form oder Struktur analog auch in anderen haben. Daher das Modell des Handwerkers, der eine Präzisions-
Bereichen wieder, et similia tam jacilia. Daher die Kraft dieses arbeit verrichtet und dabei sowohl Konzentration als auch Unter-
Verfahrens, wenn es um Verständnis, Klassifikation und Erklä- scheidungsvermögen beweist; er richtet seinen Blick auf viele
rung geht: Geometrie, Arithmetik, Mechanik, Methode, Philoso- einzelne Dinge, um Zerstreuung und Verwirrung zu vermeiden,
phie. zwei Übel, denen nur wenige Menschen entgehen, weil die
Sterblichen den Fehler gemein 'haben, daß sie »die Dunkelheit
*
**
lieber haben als das Licht«. Wer schlechte Augen hat, der fühlt
sich im Halbdunkel wohler als im hellen Licht, das ihm Schmer-
In der neunten Regel zur Ausrichtung der Erkenntniskraft8 zen bereitet. Ein geschultes, also scharfsinniges Auge dagegen
greift Descartes den alten Vergleich zwischen Erkennen und hat seine natürliche Umwelt im Licht. 11
Sehen wieder auf. Schon in der zweiten Regel9 hatte er dieses All diese Dinge, die ganz nach Belieben mit der Metapher des
Bild benutzt, allerdings mit deutlichen Unterschieden gegenüber Blickes spielen, blieben allerdings banal, wenn Descartes nicht
der Tradition, wie sie von Platon, Augustinus oder Plotin her- im Anschluß daran gleichsam als Übungsprogramm zwei Pro-
kam; und in der dritten Regel lO hatte er hervorgehoben, daß der bleme vorstellte, die auf den ersten Blick unlösbar erscheinen, in"
Ausdruck Intuition streng in seinem lateinischen Sinne verstan-
den werden müsse. Die Analogie zwischen Sehen und Erkennen 11. Leibniz unterscheidet Kurz- und Weitsichtige anläßlich derselben Frage wie in der
neunten Regel: Kann man multa simul 'sehen? (Opuscules, op. eiL, S.562.) Die
8. Regulae ... , op. eil., S.56-61. Kurzsichtigen, sagt Leibniz, sind die Analytiker (Descartes' Handwerker), die Weitsich-
9.1bid., S. 2/3. tigen sind die Kombinatoriker. Bekanntlich löst sein De Arte combinatoria sämtliche
10. Ibid., S. 18/19. Probleme, die das multa simul aufwirft.

164 165
Wirklichkeit aber gar nicht schwer zu lösen sind. Das erste dieser ren; es handelt sich um ein mechanisches Modell. Die Probleme
Probleme ist die Frage nach der Naturkraft, die in einem und des Lichtes können durch Rückgriff auf Figur und Bewegung
demselben Augenblick an einen entfernten Ort übergehen kann. gelöst werden, das heißt, sie sind durch eine Transposition per
Diese Naturkraft ist bekanntlich das Licht; aber da bisher von imitationem einer mechanischen Lösung zugänglich (und das
nichts anderem die Rede war, besteht vielleicht doch ein Zusam- heißt wiederum: einer geometrischen Lösung, denn die Bewe-
menhang zwischen den ersten Empfehlungen der Regel und den gung ist eine augenblickliche).
Beispielen, die am Schluß folgen. Fragt sich also, welche Bedeu- Das Sehen ist nun das Modell per imitationem für die Intui-
tung diese Beispiele haben, wenn man sie in ihrem Kontext tion. Die korrespondierenden analytischen Elemente der Analo-
betrachtet. gie sind: Licht und natürliches Licht, Abstand zwischen Auge
und Objekt - Unmittelbarkeit der Evidenz. Das zweite Element
Intueri heißt sehen. Die Intuition ist eine Operation des ist das Problem; um dieses Problem zu lösen, muß der Abstand
Geistes, »die allein dem Lichte der Vernunft entspringt«12; sie zwischen Auge und Objekt aufgehoben werden; falls das gelingt,
erfolgt ohne jede zeitliche Verzögerung, das heißt, sie ist einfach ist die Analogie eine adäquate Nachahmung. Zu diesem Zweck
und hebt die Distanz der deduktiven Inferenz auf. Das Sehen, das transponiert Descartes das Problem ein weiteres Mal und schlägt
hier als Modell dient, ist eine Sinnestätigkeit, die gleichfalls das Modell des Modells vor: Das Berühren ist das Modell des
Licht voraussetzt und ihrerseits eine Frage der Distanz regelt: Das Sehens, welches das Modell der Intuition ist. Wenn der Abstand
Objekt, das ich sehe, befindet sich stets in einem mehr oder verschwinden soll, muß das Licht sich augenblicklich ausbreiten.
weniger großen Abstand vom Auge, und dennoch sehe ich es Das wird verständlich, wenn ich analysiere, was geschieht, wenn
unmittelbar und ohne Zeitverzug. Wie ist es vorstellbar, daß das ich versuche, die Gegenstände um mich her mit Hilfe eines
Sehen diesen Abstand aufhebt? Diese Frage wird von dem Stockes wahrzunehmen. 15 Dabei kommt es zu einer Kommunika-
Problem der neunten Regel korrekt gestellt und beantwortet, tion ohne Transport, einer Ausbreitung ohne Transitivität. Mein
woraus wir ersehen können, daß sie sich als vollkommen iso- Tastsinn springt unverzüglich an die Spitze des Stockes und
morph zur gesamten Entwicklung der Regel erweist. unterscheidet Bäume und Steine, Wasser und Sand, Gras und
Die vorangegangene Regel 13 hatte angesichts des Problems Erde. Das Phänomen läßt sich keinesfalls mit der kinematischen
der anaklastischen Linie dringend empfohlen, auf die Methode Bahn eines Steins oder einer Kugel vergleichen, die nacheinan-
per imitationem zurückzugreifen, also auf Analogien und Mo- der sämtliche Orte der Bahn Punkt für Punkt einnehmen; diese
delle. Von diesem Lösungsverfahren macht Descartes in der Bewegung ist lokal und partitiv, sie ist eine transitive Ausbrei-
Dioptrique 14 Gebrauch, wo er die Gesetze der Reflexion und der tung, ein Transport, der Zeit beansprucht. Die Bewegung des
Lichtbrechung aus Schemata ableitet, welche die Ausbreitung Stockes dagegen ist so beschaffen, daß alle ihre Teile sich in ein
des Lichtstrahis in die Bahnen einer bewegten Kugel transponie- und demselben Augenblick konzentrieren. Das Sehen wird ins

12. Regel III, Regulae ... , op. eiL, S.16/17. 15. Regel IX, Regulae ... , op. cit., S.58/59f. Dioptrik, op. cit., S. 70. Vg~. Die
13. Regel VIII, ibid., S. 174/175f. philosophischen Schriften von G. W. Leibniz, hg. von C. 1. Gerhardt, 7 Bde., Ber~m un?
14. Dioptrique, in: (Euvres de Rene Descartes, hg. von. Ch. Adam und P. Tannery, Halle 1849-1863, Bd. IV, S. 305: »Die Erklärung des Lichtes durch den VergleIch mIt
Bd. VI, Paris 1902; dt.: Descartes Dioptrik, hg. von Gertrud Leisegang, Meisenheim am einem Stock, der entfernte Dinge berührt, wird bereits in der Antike von Simplicius
Glan 1954, S. 73-76 (Reflexion), und S. 76ff. (Brechung). mitgeteilt.«

166 167
Tasten transponiert, und zwar so, daß der Tastsinn bei Blindge- dell jede Bewegung, das heißt jede Transitivität hinsichtlich
borenen vollständig an dessen Stelle tritt: »Dieses Gefühl ist des Abstandes aufheben und nur noch an der Figur festhalten.
allerdings für den, der keine Übung darin hat, ein wenig wirr und 'Wir haben gezeigt, wie Regel III, vom Begriffspaar Intuition-
undeutlich. Doch beobachten Sie einmal Menschen, die von Deduktion ausgehend, zum Modell von Figur und Bewegung
Geburt an blind sind. Sie bedienen sich des Stockes ihr ganzes gelangt. Wir müssen nun eine Figuration ausfindig machen,
Leben lang, und man kann beobachten, wie vollkommen und welche die Distanz als solche aufhebt und nur noch die Vor-
genau sie, man könnte geradezu sagen, >mit den Händen sehen<. stellung von Unmittelbarkeit zurückbehält. Die Bewegung auf-
Der Stock ist ihnen in Ermangelung des Gesichtes geradezu ein heben setzt voraus, daß das Licht sich augenblicklich ausbrei-
sechster Sinn geworden. «16 Auch hier sorgt Übung für die tet; die Distanz aufheben heißt den Gesichtssinn durch den
Schärfung der Sinne; vor allem aber tritt das Modell des Tastsinns Tastsinn, den Sehstrahl durch den Stock ersetzen; und Tasten
vollständig an die Stelle des Gesichtssinns, denn das Licht wird bedeutet Kontakt herstellen. Die zweifache Analogie führt zu
in die Abwesenheit von Licht transponiert. 17 Wir haben es also einem mechanischen Modell: Dieser Stock, der eine Naturkraft
mit zwei aufeinanderfolgenden vollständigen Analogien zu tun: unverzüglich von der Hand auf den Stein überträgt, ist eine
Sehen-Licht-Abstand, Berühren-Dunkelheit-Nähe, und die einfache Maschine, in allen Punkten einem Hebel vergleich-
zweite bietet die Lösung für die erste. Die geistige Operation bar, der eine andere Naturkraft ohne Verzögerung von einem
wird in eine Sinnestätigkeit transponiert, welche durch eine Punkt an einen anderen überträgt 18 - ein mechanisches Modell
zweite Sinnestätigkeit erklärt wird. nicht im Sinne der Theorie, sondern im praktischen, hand-
Der Gesichtssinn ist das Modell der Intuition, und der distanz- werklichen Sinne der einfachen Maschinen. Im Beispiel des
lose Tastsinn ist das Modell des Gesichtssinns. Über diese Stocks betrifft die unmittelbare Ausbreitung eine Kraft, die mit
zweifache Bewegung gelangt Descartes zu einem mechanischen sich identisch oder zu sich selbst proportional ist. Es gibt je-
Modell der Intuition. Der Ausdruck wird jeden überraschen, der doch noch eine andere Art Hebel, durch den die augenblickli-
mit dem radikalen Unterschied zwischen Denken und Ausdeh- che Kommunikation besagte Kraft von der Identität in deren
nung vertraut ist. Doch gerade das Sehen wirft Probleme auf, die Gegenteil verkehrt, und zwar die Waage, die am Ende der
durch mechanische Vorstellungen nicht zu lösen sind: eine Kom- Regel als Beispiel angeführt wird und als mechanisches Modell
munikation auf Distanz, aber ohne Transport; eine Ausbreitung für die Umkehrung des Bildes auf der Netzhaut dienen
ohne vermittelnde Schritte. Deshalb muß das mechanische Mo- könnte. 19 So heißt denn intueri sehen, aber es heißt sehen, wie
man tastet, das heißt unter Aufhebung der Distanz und der
16. Dioptrik, op. eit., S. 70. Bewegung, gemäß einem mechanischen Modell, in dem die
17. Es ist schon amüsant, daß wir hier per imitationem von der Intuition zur Berührung Figur die Bewegung und der Kontakt die Figur oder die Figur
übergehen, das heißt von der Evidenz zur Erblindung. Leibniz nimmt diese Passage
(nolens volens?) ernst und geht über das Bild hinaus, indem er eine eogitatio eaeea
definiert. Die Bemerkung, daß der Blinde, der sich eines Stockes bedient, als Modell für
Klarsicht dient, ist von einigem Reichtum, denn sie enthält die ganze cartesische Theorie 18. Explieation des engins par l' aide desquels on peut avee une petite foree lever un
der Zeit: Die Intuitionen konstituieren sich als lückenhafte Kette aus getrennten Elemen- fardeaufortpesant, in CEuvres de Rene Deseartes, op. eit., Bd. I, S. 435-447. LeLevier,
ten, ganz wie der Stock ein Objekt nach dem anderen abtastet. Die Intuition vermag multa ibid., S.443.
simul nicht zu erfassen; der Gesichtssinn könnte es, der Tastsinn nicht; er erkundet partes 19. Dioptrik, op. eil., S. 94f., und insbesondere S. 102f. sowie das dortige Bild 16. Um
extra partes. Die Zeit zerlegt sich wie der Tastraum. Bergson wird die ganze Argumenta- den Punkt E der Figur verteilen sich die »gegenteiligen Effekte«, AC in der einen
tion nur noch umkehren müssen (er braucht sie nicht zu erfinden). Richtung, OB in der anderen.

168 169
die Distanz autbebt. 20 Und Kontakt läßt sich mechanisch sehr Schaubild III
leicht vorstellen.
Intuition Sehen Berühren
Der Stock ist also das mechanische Bild für eine Kommunika-
tion, die ohne vermittelnden Transport stattfindet; er symbolisiert Autbebung der
die Unmittelbarkeit intuitiven Sehens. Die Deduktion dagegen ist Bewegung
eine transitive Ausbreitung über eine Reihe voneinander entfern- Natürliches Licht Licht Augenblickliche
ter Kettenglieder; sie ist vermittelt. Wenn wir nun eine Deduk- Ausbreitung
tionskette oft und schnell genug durchlaufen haben, tendiert Stock
unsere Bewegung zu einer einfachen, einheitlichen Schau. Das
heißt, die Deduktion tendiert zur Intuition, die Klugheit zum Autbebung der
Scharfsinn, das Vermittelte zum Unmittelbaren, die Kette zum Unmittelbarkeit Distanz Distanz
Stock. Die durch die Kette symbolisierte Ordnung der Argumente Kontakt
hat nur vorbereitenden Charakter; am Ende führt sie zu einer
unmittelbaren globalen Evidenz, symbolisiert in einer einfachen
Maschine. Der Stock ist eine Kette ohne Glieder.
Januar 1965.
Als der Hebel entdeckt war, brauchte man nur noch einen
festen Punkt, um ihn anzusetzen. »Nichts als einen festen Punkt
verlangte Archimedes, um die ganze Erde von ihrer Stelle zu
bewegen, und so darf auch ich Großes hoffen, wenn ich auch nur
das geringste finde, das von unerschütterlicher Gewißheit ist. «21
Von diesem festen Punkt werden wir an anderer Stelle sprechen.

20. Bei Berkeley können wir die Fortsetzung dieser Vorrangstellung des Tastsinnes
nachlesen: Essays Towards a New Theory ofVision Vindicated, in The Works ofGeorge
Berkeley, Bd. 1, London 1948; dt.: Versuch einer neuen Theorie der Gesichtswahrneh-
mung, Leipzig 1912, S. 24ff.; vgl. die Theorie der Annäherung durch das Mikroskop in
ders., Dialogues BetweenHylas andPhilonous, in ders., The Works ofGeorge Berkeley,
Bd. 2, London 1949; dt.: B erkeleys drei Dialoge zwischen Hylas und P hilonous, Leipzig
1901, S. 30.
21. R. Descartes, M editationes de prima philosophia, in: (Euvres de Rene Descartes, op.
cit., Bd. VII; dt.: Meditationen über die Grundlagen der Philosophie, Hamburg 1965,
S.17.

170 171
DER DIALOG ZWISCHEN DESCARTES UND LEIBNIZ

Descartes' Philosophie verstehen; das Leibnizsche System


rekonstruieren; analysieren, auf welche Weise ersteres in letzte-
rem gebrochen wird; dieses Verständnis, diese Konstruktion und
diese Analyse in den Rahmen des siebzehnten Jahrhunderts und
seines Geistes stellen; das Ganze schließlich in eine Meditation
über die Geschichte der Wissenschaft und der Ideen einbetten -
dieses gelehrte, wissenschaftliche und philosophische Programm
hat Belaval in seinem Leibniz, critique de Descartes 1 mit
Strenge, Kohärenz und Klarheit ausgeführt.

1. Dieses Buch ist in der Tat zunächst das Werk eines Gelehrten,
der seine Geschichtsauffassung rundum abgesteckt hat. An Infor-
mation mangelt es niemals, und stets ist sie präzise in den
Rahmen der Zeit gestellt. Belaval bemüht sich unablässig, über
Descartes nicht so zu sprechen, wie ein Postkantianer es täte, und
über Leibniz nicht wie jemand, der im Gefolge Hegels steht.
Auch übersetzt er niemals einen Satz oder einen wissenschaftli-
chen Beweis in die Sprache dessen, was Bachelard die rekurrente
Geschichte genannt hat. Denn es gibt zwei Arten von Wissen-
schaftsgeschichte. Die eine hilft uns, die heutige Wissenschaft zu
verstehen; sie lehnt es ab, sich mit den Schlacken zu beschäfti-
gen, die während der Entwicklung der Wissenschaft angefallen
sind und zurückgelassen wurden. Diese Geschichte ist die der
Wissenschaftler. Die andere führt uns zu einem tiefgründigen
Verständnis der Autoren und Epochen, indem sie die Erfolge und
Irrtümer von innen her rechtfertigt; hier werden nicht nur Trium-
phe in langer Folge aneinandergereiht. Diese Geschichte ist die
der Philosophen. So besitzt Descartes' Blindheit gegenüber den

1. Paris 1960.

173
imaginären Zahlen für die erste Geschichtsauffassung keinerlei uns, die Kritik zu verstehen, die Leibniz an Descartes übt, und
Bedeutung, in der zweiten dagegen findet sie eine Erklärung. wir meinen, beide sagten letztlich doch dasselbe. Mehr noch aber
Entweder man vergiBt einen Irrtum, oder man rechtfertigt ihn als hindert sie uns an einem Verständis des Cartesianismus. Der ist,
solchen; für die Wissenschaft ist eine Rechtfertigung dieser Art sagt der Historiker, durchaus nicht der erste Schritt zu einer
lehrreich; für ein philosophisches Denken ist sie entscheidend, Transzendentalphilosophie, wie es den Anschein haben mag;
denn nur sie vermag ihm Kohärenz zu verleihen. Belaval ent- vielmehr ist er für seine Zeit - und für Leibniz - zunächst eine
scheidet sich für den zweiten Weg. Das bietet ihm die Möglich- Methode und vor allem eine Physik; die Regeln, die mechani-
keit, Descartes so zu betrachten, wie Leibniz selbst ihn gesehen schen Vorstellungen, die Meteore, die Dioptrik, die Wirbel -
hat; es bietet ihm darüber hinaus jedoch noch zahlreiche weitere Descartes ist eher ein Vornewtonianer als ein Vorkantianer. Das
Vorteile, zum Beispiel die Gelegenheit, Auguste Comte und Unglück will es, daß wir eher Nachkantianer als Nachnewtonia-
dessen rekurrentes Urteil über die Geometrie auf brillante Art zu ner sind.
widerlegen (S. 300) oder den Unsinn sehr gelungen zu analysie- Umgekehrt dürfen wir aus Descartes keinen Positivisten ma-
ren, der über Cavalieris Werk verbreitet worden ist (S. 313ff.). chen. Die Interpretationen von Liard und Adam sind gleichfalls
Ebenso gibt es allerdings auch zwei Arten von Philosophiege- rekurrent, und sie stehen in der Nachfolge Comtes. Der Bruch,
schichte. Entweder man berücksichtigt, ohne sich dessen immer den Descartes vollzieht, verläuft nicht zwischen Wissenschaft
voll bewußt zu sein, bei der Analyse alter Sedimente die jeweils und Metaphysik, sondern zwischen einer Wissenschaft mit meta-
neueren Ablagerungen und gelangt so zum Verständnis einer physischer Grundlegung und der Theologie. Belaval zeigt einen
Genese, indem man in die Geschichte zurückgeht - schließlich Cartesianismus, der historisch wahr und ausgeglichen ist und bei
hat Descartes auch nach Kant und durch ihn eine Bedeutung -, dem der Philosoph nicht den Wissenschaftler auffrißt (oder
wobei man dann allerdings das Ganze eines Denkens nicht mehr umgekehrt) .
zu begreifen vermag; oder aber man hält sich an dieses Denken in
seiner reinen Form. In der zweiten Perspektive, die wiederum die 2. Dieses Buch ist das Werk eines Gelehrten und Historikers,
unseres Autors ist, stehen im Mittelpunkt des Descartesschen aber auch das Werk eines Wissenschaftlers. Mit großer Leichtig-
Werkes nicht mehr das Cogito und die Meditationen, sondern die keit behandelt Belaval darin mathematische Techniken und den
Prinzipien. Das hat beträchtliche Auswirkungen, und Belaval Aufbau der Welt. Ich denke da vor allem an das ausgezeichnete
weist uns darauf hin: Wir alle sind Nachkantianer. Der Historiker Kapitel, in dem er die algebraische Geometrie mit der Infinitesi-
des siebzehnten Jahrhunderts muß alle Mühe darangeben, diese malrechnung vergleicht. Die Darstellung zeigt eine nicht zu
Hypothek zu löschen. Descartes gegen Leibniz; es besteht die übertreffende Klarheit, und gelegentlich schwingt sie sich zu
Gefahr, daß dies für uns heute Kant gegen Aristoteles bedeutet. glückhaften Wendungen auf, etwa in dem brillanten Abschnitt,.
Unsere Perspektive ist dadurch gleich in zweifacher Weise verän- über Subtangente und Subnormale bei Fermat und Descartes oder
dert; sie ist rekurrent im angezeigten Sinne, aber sie hat sich auch in der gesamten Behandlung der mathematischen Zahlenfolgen
in einem neuen Sinne verkehrt: Wir haben uns an den Gedanken und der Arithmetik des Unendlichen. Dort paart sich technische
gewöhnt, eine Bewußtseinsphilosophie sei »moderner« und tief- Kompetenz mit einer historischen Vision, und man muß Belaval
gründiger als eine Seinsphilosophie , weshalb erstere berechtigt dankbar sein, daß er Descartes' Geometrie als algebraische und
sei, letztere zu kritisieren. Diese zweifache Veränderung hindert nicht als analytische Geometrie bezeichnet, wie es die Tradition

174 175
tut; denn der Ausdruck »analytisch« verweist auf die Idee einer beiden Fragen, indem sie sie realiter und nicht nur der Möglich-
an der Inifinitesimalrechnung geschulten Geometrie, also einer keit nach vortragen. Vielleicht bringen sie zwei Grundstrukturen
Geometrie, die eine Synthese mit der Analysis eingegangen ist- der Mathesis perennis zum Ausdruck, zwei fundamentale Mög-
eine moderne Vorstellung, die erst sehr lange nach Descartes lichkeiten, die Mathematik als ganze zu denken. Eben deshalb
aufgekommen ist. Der von Belaval benutzte Ausdruck hat dage- erhebt Belaval sich von der Technik zur allgemeinen Idee der
gen gleich zwei Vorzüge; zunächst einmal handelt es sich in der mathematischen Wissenschaft, vom Dialog einer Epoche zu
Tat um eine Synthese zwischen Geometrie und Algebra, und einem zeitlosen Gegensatz.
nicht zwischen Geometrie und Analysis (es sei denn, man sprä-
che wie Fontenelle von der »gewöhnlichen Analysis«), und mehr 3. Diese zweifache Analyse enthüllt zwei Rekurrenzsysteme.
noch: Descartes geht hier nicht über die Beschreibung von Das erste wird kritisiert und zurückgewiesen; die Zurückweisung
Kurven hinaus, die algebraische Gleichungen repräsentieren. und Kritik erfüllt den Cartesianismus mit neuem Leben, gibt ihm
Angesichts dieser Tatsache begreift man leicht, weshalb der sein authentisches historische Gesicht zurück. Das war notwen-
Autor kein großes Aufheben von seiner Entdeckung machte; sie dig, insofern Belaval einen Descartes suchte, wie Leibniz ihn
bringt in mehr als einem Sinne zum Ausdruck, was schon den gesehen hatte und wie er sich folglich auch seiner Zeit darstellte.
Griechen bekannt war. Die fortschreitende Erhellung einer Philosophie durch das
Die technische Kompetenz verbindet sich nicht allein mit einer spätere Denken wird kategorisch ausgeschlossen; so kommt die
historischen Vision, sondern auch mit historischer Forschung. Geschichte der Philosophie auf ihre Kosten.
Man lese nur einmal die Seiten, auf denen man endlich in aller Das zweite Rekurrenzsystem wird dagegen akzeptiert und
Klarheit die schwierige Frage der historischen und epistemologi- analysiert. Um es besser zu definieren, brauchen wir uns ledig-
schen Genese des Infinitesimalbegriffs begreift (ich komme lich die allgemeinste Lektion anzusehen, die uns jeder der beiden
später noch einmal ausführlich darauf zurück, denn Belavals Philosophen hinsichtlich der wissenschaftlichen Erkenntnis er-
Darstellung ist hier endgültig). Schließlich und allgemeiner als teilt. Diese Lektion wird von der Geschichte im Laufe ihrer
das bisherige erreicht die wissenschaftliche Kompetenz des Au- Entwicklung nach und nach enthüllt. Nehmen wir ein Beispiel:
tors ihren Höhepunkt in einem Gedanken, der sich durch das Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert bildete die Analy-
ganze Buch zieht und wonach der Begriff der Ordnung mathema- sis das Zentrum der Mathematik. Dasselbe gilt für den Leibnizia-
tisch tiefer ist als der Begriff des Maßes; wenn Leibniz hier über nismus, denn er umfaßt sowohl die technische Invention als auch
Descartes zu siegen scheint, so nicht, weil die Infinitesimalrech- die philosophische Elaboration dieser Wissenschaft. Brunsch-
nung »stärker« ist als die algebraische Geometrie, sondern weil vicgs Interpretation verhält sich in gewissem Sinne »zeitgenös-
die qualitativen Begriffe eine Essenz darstellen, für die das sisch« zu dieser Idee. Wir wollen dieses Zentrum nun variieren
Quantitative ledigleich Akzidenz ist. Vielleicht, werden Sie lassen und die allgemeine Idee der Mathematik vertiefen; dann'-
sagen, hilft die moderne Mathematik uns beträchtlich, dies alles wird der Leibnizianismus sich gemeinsam mit dieser Variation
zu verstehen, weil unsere Logik uns zwingt, den Dialog zwischen vertiefen, und zwar offenbar in dem Maße, wie er sie umfaßt. So
Intuitionismus und Formalismus vollauf nachzuvollziehen. Das entdecken denn Couturat und Russell einen logistischen Leibniz.
trifft zweifellos zu, doch in diesem Falle kann man in rekurrenter Belaval verfolgt diese rückwirkende, rekurrente Bewegung auf-
Weise denken: Descartes und Leibniz streiten sich über diese merksam. Couturat geht weiter als Brunschvicg, weil die logisti-

176 177
sche Auffassung tiefer ist als die in der Analysis gründende. systematisch: In gewisser Weise haben wir es hier mit dem
Belaval dringt dann noch tiefer vor, als er in Leibniz den ersten System aller möglichen Systeme zu tun. Folgt man den Kom-
Formalisten entdeckt, den ersten Mathematiker der Ordnung und mentatoren, so hat man nacheinander die Rolle erkennen können,
der Qualität. Dieselbe Bewegl,mg finden wir beim Cartesianis- die darin die Logik, die Dynamik, die Geschichte, die Jurispru-
mus; er ist mit großer Sicherheit ein Geometrismus, aber vor denz usw. gespielt haben. Man zieht an einem Faden in diesem
allem ist er ein Intuitionismus. Nun wird verständlich, wie Labyrinth und hat den ganzen Strang in Händen. Die Gesamtheit
Belaval seine Vorgänger überholt, indem er sie einhüllt. Leibniz der gleichmöglichen Rekonstruktionsweisen gleichzeitig und
ist der Analysis verpflichtet; mehr noch ist er mathemathischer synthetisch im Blick zu behalten ist eines der großen Probleme
Logiker; mehr noch ist er Formalist. Descartes ist ein griechi- des Leibnizianismus. Genau dies ist das unerreichbare Ideal.
scher Geometer; mehr noch ist er Algebraiker (im klassischen Doch Belavals Programm zielt gar nicht auf diese unendliche
Sinne); mehr noch ist er Intuitionist. Indem die Geschichte sich Arbeit oder auf eine erschöpfende Behandlung. Ihm genügt es,
entwickelt, verleiht sie der Mathematik eine reflexive Dimen- jenen Bereich des Systems präzise zubestim:nen., in dem Desc~­
sion, welche aparte post ein neues und stets helleres Licht auf die tes' Thesen Widerhall finden. Dieser BereIch 1st begrenzt; dIe
Reflexionen der beiden Denker über diese Wissenschaft wirft. Leibnizsche Philosophie ist weiter und allgemeiner. Woraus wir
Dieselbe zweifache Rekurrenz findet sich auch im Kapitel über bereits ersehen können, daß Descartes Leibniz gleichsam mar-
die Physik. Wer die Kosmologie des siebzehnten Jahrhunderts kiert; sein Schatten grenzt bei Leibniz eine spezifizierte Region
verstehen will, muß den Positivismus vergessen; aber wer sie ab.
beurteilen möchte und zeigen will, auf welche Weise sie das
modeme Denken vorbereitet, der kann nicht an Newtons Princi- 2. Dieser Spezifizierung müssen wir nun in ihren Einzelheiten
pia vorbei. nachgehen. Zwar ist es nicht erforderlich, die Leibnizsche Phi-
Die Zurückweisung des ersten Rekurrenzsystems erklärt sich losophie insgesamt zu begreifen, wohl aber den Cartesianismus.
also aus dem Wunsch, den betrachteten Dialog in sein wahres Daher die Aufgabe: Descartes' Philosophie verstehen. Descartes
historisches Licht zu stellen, und aus dem Wunsch, dem Denken betreibt ein emanzipatorisches Werk, er befreit die Philosophie
der beiden Autoren treu zu bleiben. Die Annahme des zweiten von der Theologie. Er arbeitet auf dem Gebiet der Methode und
Systems erklärt sich aus dem Vorhaben, zeitlose Strukturen und der Physik. Die Regeln, Von der Methode, die Prinzipien und vor
eingehüllte fruchtbare Ansätze wiederzufinden. allem die Meditationen; so sah ihn das siebzehnte Jahrhundert-
so sah ihn auch Leibniz, der nur selten aus den Meditationen
zitiert. Als Newton seine Principia publizierte, gab es keine
II Cartesianer mehr. Umgekehrt erhellt die Lektüre des Leibniz-_
schen Werkes diese Vorstellung vom Cartesianismus auf einzig-'
1. Das Leibnizsche System rekonstruieren ... Wie der Autor uns artige Weise und bestätigt sie.
wissen läßt, muß dies ein unerreichbares Ideal, eine niemals
abgeschlossene Aufgabe bleiben. Brunschvicg sagt es, Mahnke 3. Soviel zum Gesamtbild der Brechung; nun wollen wir uns
zeigt es. Es gibt zu viele Gesichtspunkte, unter denen man es ihrer Zerlegung zuwenden. Jedes Jahrhundert hat sein enzyklo-
erschöpfend zusammenzusetzen vermag. Auch das ist schon pädisches Ideal. Wenn das unsrige keines besitzt und anschei-

179
178
nend auch die Hoffnung aufgegeben hat, jemals eines zu entwik- 1. Noch einmal: Was ist der Cartesianismus? Er ist die
keIn, so ist das siebzehnte Jahrhundert sich seines Ideals sehr Aufhebung der intelligiblen Welt. Es ist Gott allein, der allmäch-
gewiß; die Methode, das mathematische Ideal, seine Enzyklopä- tige Gott, dessen Wille alles beherrscht, Herr über ~en St~x u~d
die ist die Mathesis universaZis, aber eine Mathesis, in der die das Schicksal. Er erschafft die Welt, aber auch dIe LogIk, dIe
wissenschaftliche Technik die Tochter der metaphysischen Dok- ewigen Wahrheiten, die Sätze und Axiome. Wenn er gewollt
trin bleibt. Daraus ergibt sich, daß die Philosophie ordnet, dabei hätte, dann hätte er machen können, daß zwei und zwei fünf ist
jedoch einer Methode folgt, die selbst einem mathematischen und der Raum unserer Anschauung vier Dimensionen hat, wo-
Modell verbunden ist, und daß sie daraus, ohne dem Schauspiel durch er der euklidischen Geometrie ihre Evidenz genommen
allzugroße Beachtung zu schenken, eine physikalische Sicht der hätte. Angesichts dieser philosophischen Revolution werden
Welt ableitet. Leibniz und mit ihm alle Cartesianer nicht locker lassen, diese
Die Schnittmenge der beiden Philosophien werden wir in drei Welt zu begründen. Gegenüber dem göttlichen Willen erhält der
Abteilungen untersuchen, deren Unterscheidung selbst Ausdruck göttliche Verstand nun wieder unantastbare Rechte. So ist für
des Zeitgeistes ist. Ohne Zweifel war es eine vorkantische Zeit , Gott wie für uns das Ganze größer als dessen Teile ~ es gibt keine
in der man sich mit naivem Stolz daran machte, eine Welt von größte Zahl, zwei und zwei sind vier. Deus calculat, und dabei
rationalen Gewißheiten her zu konstruieren, statt die Grundlagen unterliegt er dem Prinzip des Widerspruchs und den Axiomen der
dieser Gewißheiten zu erforschen; aber es war vor allem eine Arithmetik. Einerseits geht der Wille dem Urteil voraus, anderer-
vornewtonsche Zeit, in der die geträumte Welt mehr Evidenz und seits befiehlt das Urteil dem Willen. Voluntarismus oder Intellek-
Realität besaß als die empfundene. tualismus, im Hinblick auf Gott und im Hinblick auf den Men-
schen. Kurz, der Schöpfung ewiger Wahrheiten steht die Exi-
stenz einer ungeschaffenen Logik entgegen. Die Schöpfung be-
III trifft entweder das Wesen und die seienden Dinge oder die
seienden Dinge allein. Hier haben wir den ersten, den metaphysi-
Die philosophische Vision ordnet. Das gilt noch für den Aufbau schen Leitgedanken, der sich durch alle Repliken des Dialogs
des Buches. Tatsächlich kommen in den drei Untersuchungen zieht. Ich kann nicht sämtliche Folgerungen aufzählen, die
Leitgedanken zum Zuge, die wir zunächst einmal betrachten Belaval daraus zieht, sowohl im Vergleich der Methoden, Wis-
sollten. Der Dialog zwischen Leibniz und Descartes bezieht sich senschaften oder Kosmologien als auch im Vergleich der philo-
ständig darauf, und sie beherrschen die drei Analysen. Es gibt sophischen Reflexion beider Autoren. Ein sehr spezielles Bei-
deren mindestens drei; sie betreffen die Metaphysik, die Methode spiel epistemologischer Art sei jedoch genannt: Für Leibniz kann
und die Geschichte. Sie sind verschieden, aber sie konvergieren es bekanntlich weder eine größte Zahl noch einen größten Raum,
und passen zueinander, und dies so sehr, daß man sie diffus oder noch eine größte Geschwindigkeit geben. Eine aktual unendliche
explizit allenthalben antrifft. Um diese Konvergenz aufzuzeigen, Größe widerspricht den Gesetzen der Logik. Das folgt aus einem
werde ich für jeden der drei Leitgedanken eine Konsequenz aus formalen Beweis, der stets möglich ist; wir werden noch sehen,
dem benachbarten Bereich anführen. warum. Descartes dagegen hält schon das Problem und den
Beweis für fragwürdig: Mein Verstand ist endlich, und ich kann
lediglich darauf schließen, daß es unmöglich für ihn ist, zu

181
180
ruus und Formalismus haben hier noch nicht die spezifizierte,
entscheiden, ob es eine Größe gibt, die größer ist als alle anderen;
technische Bedeutung, die wir heute damit verbinden; sie über-
so müssen wir denn von Unbestimmtheit sprechen. Für den einen
schneiden sich mit dieser Bedeutung bei diversen Gelegenheiten
ist der Beweis zwingend, für den anderen ist die Frage unent-
wie in den brillanten Beispielen des Unendlichen und des Konti-
scheidbar. Warum? Weil der, Verstand bei Leibniz an diese
nuums. Im allgemeinen dagegen ist ihre Bedeutung weiter und
ungeschaffene Logik heranreicht und wir mit Gott diese Bezie-
traditioneller. Auf der einen Seite die Vision, wie Jean Laporte
hungen gemein haben. Weil ich für Descartes das Prinzip des
sagen würde; auf der anderen das Vertrauen - unter gewissen
Widerspruchs nicht auf das Unendliche anwenden kann, da Gott
Voraussetzungen - in die cogitatio caeca. Die Sache selbst und
der Schöpfer der ewigen Wahrheiten ist und über ihnen steht:
das Zeichen der Sache. Das ist der Ausgangspunkt, und die
umgekehrt, wenn ich es nicht tun kann, erschafft Gott die ewigen
Unterscheidung ist in Belavals Augen so wichtig, daß er ihre
Wahrheiten (S. 227). Die Leibnizsche Kritik dreht sich um dieses
Analyse an den Anfang des Buches stellt. Tatsächlich beherrscht
Skandalon, wonach ein logisches Prinzip zwar faktischen, nicht
sie die ganze Untersuchung, und man könnte ihre Früchte allent-
aber theoretischen Wert haben soll.
halben einsammeln. Auf der Ebene der Metaphysik zum Beispiel
leitet er daraus auf strenge Weise sowohl die Existenz einer
2. Nun zur zweiten Ebene der Meinungsverschiedenheiten,
ungeschaffenen Logik als auch die Schöpfung ewiger Wahrhei-
der methodologischen. Descartes ist Intuitionist, Leibniz Forma-
list. Wir haben eben »unentscheidbar« gesagt, um aparte ante ten ab (S. 66 und 71).
klarzustellen, daß dasselbe Beispiel aus diesem zweiten Unter-
a) Intuitionismus, was ist das? Zunächst einmal die Vorstellung,
schied abgeleitet werden könnte. Der Leibnizsche Beweis ist
daß es kein anderes Kriterium und keine andere Begründung für
bereits formalistischen Geistes. Und die Descartessche Entschei-
Wahrheit geben kann als die Evidenz; daß alles andere darauf
dung hinsichtlich dieses Problems ist bereits intuitionistischen
zurückgeht. Diese aktuelle Evidenz ist weder formalisierbar noch
Geistes; ganz wie Brouwer, Weyl und Lebesgue lehnt auch
lehrbar und erfordert daher eine Reform oder Konversion des
Descartes die Intervention des ausgeschlossenen Dritten für das
Geistes. Die erste Regel der Methode verleiht den drei anderen
Unendliche ab (S. 221). Der modeme Dialog, der zwei funda-
ihre Bedeutung. (In dieser Hinsicht könnte ein Vergleich zwi-
mentale und nicht aufeinander reduzierbare Auffassungen vom
schen Belavals Buch und Vuillemins Mathematiques et mbaphy-
mathematischen Denken zum Ausdruck bringt, hat offenbar
sique chez Descartes zu interessanten Ergebnissen führen; denn
tiefreichende Wurzeln in dem hier analysierten Dialog. 2
genau in dieser Frage gehen ihre Meinungen auseinander; der
In einem dürfen wir uns allerdings nicht täuschen: Intuitionis-
eine erhellt die drei letzten Regeln durch die erste; der andere
2. Die Leser der Zeitschrift Critique können in Nr. 67 vom Dezember 1952, S. 1061 ff., isoliert die vierte, indem er ihr eine reflexive Bedeutung gibt,
nachschlagen, wo R. Campbell anläßlich einer Besprechnung des Werkes von Cavailles S. 135ff.). Was zum Gegenstand der Intuition wird, das wird in'-
die fraglichen Schulen kurz definiert und dabei Bolzano und Descartes-Leibniz einander
gegenüberstellt (»Essai sur la Philosophie des Mathematiques selon Jean Cavailles«).
seiner Wahrheit und Wirklichkeit erkannt, aber auch nur das wird
Belavals Buch bringt die historische Einleitung der Cavaillesschen These auf den Punkt. ohne Verwirrung erkannt, eine enge und ausschließliche Ver-
Dabei wird man beträchtliche Unterschiede zwischen den beiden Autoren feststellen:
Cavailles spricht von einer »arithmetistischen Tendenz« bei Descartes und von seiner
»relativistischen« Physik (S. 23); außerdem sagt er, die Leibnizsche Mathematik bleibe betrachtet. Für Cavailles handelt es sich um die Vorgeschichte des mathematischen
»auf der Ebene der Intuition« (S. 25). Man wird sich hier für Belaval wie für Cavailles
Denkens, für Belaval dagegen um dessen Geschichte.
entscheiden, der zweifellos ein anderes Problem unter einer ganz anderen Perspektive

183
182
knüpfung von Gewißheit und Evidenz. Daraus resultiert ein nicht müde, genau diesen zentralen Bereich anzugreifen. Man
restriktiver, kritischer Dogmatismus, in diesem Punkt sind Bela- verfehlte deshalb den Kern des Descartesschen Geistes, wenn
val und Vuillemin sich einig. (Man vergleiche dazu Belaval, man in der Methode suchte, was sich darin gar nicht finden läßt:
S. 62, und Vuillemin, S. 93 - 9,7. Sie formulieren dasselbe Ge- einen rundum gebahnten Weg, auf dem man zu Beweisen gelan-
setz: klar und deutlich erkennen, wo die Jurisdiktion der klaren gen kann, eine operative Technik, ei~e ars inveniendi, b~stehen~
und deutlichen Ideen endet.) Der Intuitionismus ist seinem We- aus Regeln, Kriterien, Marken, typIschen ArgumentatlOnsweI-
sen nach restriktiv, und zwar sowohl in seinem weiten Sinne: sen, kurz einen Fundus von Verfahren: die zu schaffen, bleibt
alles, was der Jurisdiktion der Evidenz entgeht, ist ausgeschlos- jedem selbst überlassen.
sen; als auch in seinem engeren Sinne: hier kommt es zu einer
Überdeckung mit den Thesen der Brouwerschen Schule oder, b) Und genau darin liegt der Gegensatz zu Leibniz. Konversion
wie Heyting es ausdrückt, die Möglichkeit von Erkenntnis zeigt des Geistes? Zweifel? Stilistische Klauseln! Rhetorische Verzie-
sich ausschließlich im Akt des Erkennens. Die Verknüpfung rungen! Intuition? Evidenz? Subjektive Sicht, wie sie Visionäreil
dieser beiden Bedeutungen findet sich dadurch gerechtfertigt: ansteht! Die Methode? Man braucht sie nur einmal mit dem
Wenn Brouwers Versuch uns a parte post zu verstehen hilft, ironischen Rezept irgendeines Chemikers zu vergleichen: Nimm,
weshalb Descartes zu der seltsamen Entscheidung gelangt, Ver- was du brauchst; tue damit, was nötig ist; dann erhältst du, was du
fahren und Methoden aus der Mathematik auszuschließen, deren wünschst. Ein »Gelegenheitsdiskurs«, die »geringste aller Höf-
Strenge uns als ausreichend erscheint, so liefert uns umgekehrt lichkeiten«, wird man später sagen, und in der Tat lesen wir in
der dogmatische Stil, den das intuitionistische Kriterium der einem Brief an Mersenne: » .. .ich sage bewußt nicht Abhand-
Evidenz mit sich bringt, aus der Tiefe der Geschichte die eigentli- lung über die Methode, sondern Diskurs ... , um deutlich zu
che Erklärung für die Brouwersche Entscheidung. Getreu seinem machen, daß ich nicht die Absicht habe, sie zu lehren, sondern
Gewißheitskriterium macht Descartes keine Aussagen über tran- lediglich, darüber zu sprechen, denn wie man aus dem ersieht,
szendente und unendlich kleine Zahlen, überschreitet er nicht den was ich dazu gesagt habe, besteht sie mehr in der Praxis als in der
Bereich des Mechanischen, hütet er sich vor dem Gebiet der Theorie.« Anders als bei Descartes läßt sich bei Leibniz Gewiß-
Wahrscheinlichkeit. Der Intuitionismus ist das eigentliche Ge- heit, losgelöst von der Evidenz, nur durch die prüfende Kraft
heimnis der Beschränkungen, die das Descartessche Denken geregelten Argumentierens erlangen; und dieses Argumentieren
kennzeichnen, aber auch das Geheimnis seiner Kraft. Da er allem kann man sowohl lehren als auch lernen. Um sich von subjekti-
den Rücken kehrt, was faktisch nicht Gegenstand der Intuition ist ven Einschätzungen zu befreien, muß man Formeln finden, die
oder theoretisch nicht Gegenstand der Intuition sein kann, ver- unabhängig von dem, der denkt, von seiner persönlichen Art des
mag er hinsichtlich eines Bereichs, der doch so klar umrissen und Argumentierens und von seinem System sind; letztlich müssen._
vom Licht der Evidenz so sehr durchdrungen ist, dennoch keine sie sogar unabhängig von ihrem Inhalt sein. An die Stelle der
absolute Gewißheit zu erlangen. Er schließt vieles aus und Bewertung, der Meinung, der leidenschaftlichen Diskussion
beschränkt sich dadurch selbst, aber was übrig bleibt, ist wohlbe- muß der Kalkül treten. Ein Beweis, der unabhängig von seinem
gründet und unanfechtbar; für Relativismus ist da kein Platz. In Gegenstand ist und sich nach im voraus festgelegten Regeln
diesem Sinne begründet und erhellt der Intuitionismus den Geo- entfaltet, besitzt afortiori Autonomie gegenüber denen, die ihn
metrismus. Leibniz ist sich dessen nur allzusehr bewußt und wird denken. In analoger Weise ist die ungeschaffene Logik unabhän-

185
184
gig vom göttlichen Willen. Daher die ausgezeichnete Definition ~Methoden, zwei Dogmatismen; die eine vertraut sich der Evidenz
die Belaval bei Gonseth entlehnt hat: Der Formalismus ist di~ an und verschließt sich freiwillig alle anderen Wege; die zweite
Logik des beliebigen Objekts. wappnet sich vi formae gegen die Fallstricke eben dieser Evi-
An dieser Stelle sollten wir kurz innehalten und hervorheben denz; die eine findet eine sowohl der Reihenfolge als auch dem
wie treu Leibniz dieser allgemeinen Idee der Methode bleibt, ein~ Inhalt nach erste und fundamentale Wahrheit, von der aus sie eine
Treue, die vielleicht eines der Geheimnisse seines ganz auf irreversible Kette von Gründen konstruiert; die andere umgibt
Systeme ausgerichteten Denkens ist, von dem es immer wieder sich mit rationalen Symbolen, die sich wechselseitig determinie-
heißen sollte, die Schlüssel dazu seien verborgen. Tatsächlich ren, und konstruiert einen ganzen Komplex reversibler Verket-
finden wir bei ihm beliebige Beweisformen, die er immer wieder tungen, deren zentrales Glied das Identitätsprinzip ist. Am Ur-
verwendet, ganz gleich, mit welchem Problem er sich beschäf- sprung der einen steht eine einfache und durchsichtige Wahrheit,
tigt. Isolierbare operative Strukturen laufen analog durch sein im Zentrum der anderen ein formales Prinzip. Wenn der Descar-
ganzes System. Deshalb ist dieses System unabhängig von den tessche Dogmatismus restriktiv und extensiv ist, so ist der
Problemen; deshalb zieht eines von ihnen alle anderen nach sich Leibnizsche Dogmatismus intensiv und generalisierend. An die
und zwar aufgrund des Formalismus, mit dem es sich umgibt~ Stelle des Vertrauens in einen geschlossenen, begrenzten Be-
Belaval hat diesen tiefgründigen Mathematismus gut erkannt, der reich, eines Vertrauens, das andere Bereiche ausschließt, in
Leibniz leere Strukturen an die Hand gibt, in deren Rahmen der denen uns gelegentlich ein Element entgeht, setzt er das Ver-
Inhalt der Begriffe auf geregelte Weise variieren kann. Das ist trauen in Bereiche, in denen die Wahrheit involutiv enthalten ist,
Formalismus in Reinkultur, sowohl im weiteren Sinne (als Ver- ohne uns aktuell zu erscheinen. Das formale Ideal auf der einen,
trauen in die cogitatio caeca) als auch in seiner spezifizierten das virtuelle auf der anderen Seite ersetzen das aktuale. Zwischen
Bedeutung, die er bei den Modemen annehmen kann. Ganz das Wahre und das Nichterkennbare setzt Descartes gleichsam
wesentlich ist die allgemeine Idee der Mathematik und der Kunst eine natürliche Barriere, Leibniz dagegen einen Schleier, der sich
des Denkens, wonach die Analogie der Relationen die Natur der graduell heben läßt. Daraus resultiert eine gewisse Wertschät-
Begriffe vergessen macht. Und der Grund liegt zweifellos darin, zung für Wirres und nur virtuell Klares, in deren Analyse ich
daß für Leibniz das mathematische Objekt eine A"bstraktion ist immer weiter voranschreiten kann (man sehe sich diese Analyse
deren Beziehungen er systematisch untersucht; wenn diese~ einmal im Kapitel über die Epistemologie der sinnlichen Gegen-
Objekt dagegen für etwas Reales gehalten wird, wie Descartes es stände an - Kapitel VII, Paragraph VII -, das gleichsam deren
tut, dann ist der Intuitionismus die Regel. Und damit sind wir auf Anwendung auf die Erkenntnis der Welt darstellt). Wovon Des-
den Dialog zwischen Platon und Aristoteles verwiesen (S. 492). cartes sich abwendet, daraus zieht Leibniz seinen Gewinn: Je
Zugleich aber stoßen wir hier bei einem Denker des siebzehnten mehr ich von den wirren Dingen begreife, desto gelehrter werde
Jahrhunderts auf die ersten Ansätze moderner Ideen, die auf diese ich in Wirklichkeit sein - ein Optimismus hinsichtlich des
Weise in eine Tradition eingebunden werden und diese Tradition Erkenntnisvermögens, der dem Leibnizschen Denken einen wei-
erhellen. Wir stoßen auf zwei Grundauffassungen von Wissen- teren Impuls in Richtung Universalität verleiht. Und schließlich
schaft und Denken, die ohne jeden Zweifel nicht aufeinander führt die eine Methode zur Evidenz, die andere zur virtuellen
zurückgeführt werden können. Der Philosoph kann viel gewin- Gesamtheit der symbolischen Schlußfolgerungen. Damit ist es
nen, wenn er über diese Nichtreduzierbarkeit nachdenkt. Zwei selbstverständlich, daß der eine Dogmatismus unsere Begrenzt-

186 187
heit und den Begriff der Unbestimmtheit hervorhebt, während schwergefallen, in Descartes' Texten zahlreiche alte Elemente
der andere die Grenzen der Jurisdiktion unseres Geistes immer ausfindig zu machen; andere waren der Meinung, er erneuere die
weiter hinausschiebt, womit er den Begriff eines virtuell Unend- historische Kritik und auch Bayle sei in diesem Sinne Cartesia-
lichen schafft und den des aktual Unendlichen als widersprüch- ner. Umgekehrt hat zum Beispiel Dilthey gezeigt, daß die Welt
lich abtut. Endgültige Verbote in gnoseologischen Dingen oder der Geschichte im Leibnizschen System gar nicht vorkommt.
die Möglichkeit zu einem Fortschritt ohne Ende. Belaval entzieht sich dieser Schwierigkeit, indem er Definitionen
und Unterscheidungen einbringt. Was weist Descartes wirklich
3. Und noch ein weiterer Leitgedanke, der die beiden Philoso- zurück? Letztlich nichts anderes als die Geschichte im Bacon-
phen unterscheidet; diesmal betrifft er die Geschichte. Zunächst schen Sinne, diese Ansammlung pittoresker Fakten und amüsan-
die Menschen: Ein Junggeselle im freiwilligen Exil, verletzbar ter Meinungen, Kompilationen im Stile eines Diogenes Laertius.
und hochmütig, der die Bücher anderer aus seinem Temperament Und warum? Weil es ihr an Ordnung, Beweiskraft und Frucht-
heraus oder aufgrund methodischer Entscheidung verwirft, der barkeit mangelt, weil sie sich auf das Gedächtnis stützt und nicht
Augen und Ohren verschließt, um nur auf sein eigenes Denken zu auf die Intuition, weil sie auf Konsens und Autorität basiert.
achten. Auf der anderen Seite eine Seele mit tausend Stimmen , Leibniz empfiehlt dagegen Bildung, die Beschreibung von Tatsa-
Sprachrohr seiner Zeit, der mit den Großen des Geistes und den chenwahrheiten aus dem Bereich der Natur und des Menschen.
Großen dieser Welt verkehrt, gewandt im Umgang und bereit, Im liberalen reformatorischen Geiste aufgewachsen, kommt er
seine Meinung zu ändern. Dann die Werke: Ein Held, der darum auf die Tradition zurück, während der Jesuitenzögling sich von
kämpft, sich zu befreien, alle Tradition, alle Scholastik und ihr lossagt. Das hängt mit der Vorstellung zusammen, die beide
Bildung, seine Kultur und seine Jugend abzuschütteln. Auf der Philosophen von der Wahrscheinlichkeit (le probable) haben.
anderen Seite ein enzyklopädischer Vermittler, der alles wissen Für den einen ist das Wahrscheinliche das Zweifelhafte und
und sich überall informieren möchte, ein begeisterter Liebhaber Falsche, das es auszuschließen gilt; für ihn gibt es nur eine Art
von Inventaren aller Art, ganz gleich, welche Ideen oder Tatsa- von Gewißheit. Für den anderen gibt es mehrere, graduell
chen sie aufzeichnen mögen; ein Mann, der noch Historiker im verschiedene Arten von Gewißheit. Deshalb kann man eine
Sinne Bacons ist oder bereits im Sinne der Naturgeschichte; doch Wissenschaft des Wahrscheinlichen (vraisemblable) schaffen,
dies wird zugleich auch Geschichte im moderneren Sinne sein, die unter der Regel der Charakteristik steht; darin gibt es einen
wenn Leibniz sich als Philologe, Jurist, Politiker, Genealoge Kalkül der wahrscheinlichen Wahrheiten (un calcul des verisimi-
oder Geologe betätigt. Das Interesse an einer kritischen und litudes) , eine Logik des Wahrscheinlichen (probable), die es
historischen Bildung, das zu Zeiten des Baylschen Anticartesia- gestatten soll, eine Fülle von Erkenntnissen (von der Sprachwis-
nismus blühte, ist außerordentlich wichtig; manche Kommen- senschaft bis hin zur Jurisprudenz) in die wahre Wissenschaft
tatoren sehen darin sogar einen weiteren »Keim, aus dem das einzubringen. (Man sehe sich dazu die Analyse in Kapitel VII,
gesamte Leibnizsche Denken sich entwickelt«, einen weiteren Paragraph X, an, wo dieser Gedanke auf die Erkenntnis der
Ordnungs gesichtspunkt seines Systems. Alles in allem also ein physikalischen Welt angewendet wird, mit dem Vorzug einer
Revolutionär auf der einen Seite, ein Traditionalist auf der Unterscheidung zwischen probable und vraisemblable). Hier
anderen. stoßen wir wieder auf das enzyklopädistische Ideal, das alle
Allerdings ist es den Kritikern - darunter auch Leibniz - nicht Tatsachenwahrheiten aufnehmen möchte, und, dem entgegenge-

188 189
setzt, auf die kritischen Beschränkungen, die es zur Pflicht den Expression innerhalb eines offenen Feldes und der endgülti-
machen wollen, niemals über die mathematische Gewißheit gen Klarheit in einem geschlossenen Bereich, der Anfang und
hinauszugehen. Entweder das Wissen ist Intuition und schließt Ende besitzt. Aber da der Leibnizsche Bereich bruchlos an eine
das Gedächtnis aus, oder da~. Gedächtnis liegt den rationalen unveränderliche intelligible Welt anschließt, ist es gegen jede
Aktivitäten kontinuierlich zugrunde. Nachdem dieses Funda- Erwartung Descartes, der die zukünftige Geschichte der Philoso-
ment gelegt ist, wirft Leibniz Fragen auf, die wirklich histori- phie unterrichten wird, die nun von jedem fremden impedimen-
schen Charakters sind wie die nach dem Fortschritt und den turn befreit ist: Bruch, Definition, Unabhängigkeit von der
Gesetzen der Entwicklung oder der Involution. Er entwirft geo- menschlichen Welt. Der Descartessche Solipsismus kündet eine
metrische Modelle dafür (Fußnote 6 auf S. 114) oder zeichnet autonome Philosophie an, die Leibniz sektiererisch und partiell
algebraische Bilder: Folgen von Folgen, welche die Intelligibili- nennt, während Hegel sie als die endliche Befreiung von jegli-
tät der Welt konstituieren. Zwei Dinge sind hier anzumerken: chem Despotismus begrüßt. Dagegen wird Leibnizens universa-
Zum einen ist die Methode zur Erkenntnis historischer Sachver- listische - »katholische« - Sicht die Gelehrtenrepublik als objek-
halte mathematischer Natur; daraus ergibt sich auch, daß das tives Subjekt der Erkenntnis setzen, das sich in der Immanenz der
Leibnizsche Modell größere Anwendungsmöglichkeiten besitzt Geschichte entwickelt: Es wird »Cartesianer« geben, aber keine
als das von Descartes benutzte. Zum anderen haben die Welt und Leibnizianer. Aus den genannten Leitgedanken lassen sich noch
ihre Geschichte bei Leibniz insofern eine Bedeutung, als sie in zwei weitere nicht aufeinander reduzierbare Positionen ableiten:
Übereinstimmung mit der Expressionstheorie nach und nach die Die geschichtliche Welt ist die zeitliche Projektion der intelligi-
ewigen Wahrheiten in der Zeit hervortreten lassen (wobei die blen Welt; der Intuitionismus impliziert eine Theorie der Zeit und
Expressionstheorie das Verhältnis zwischen der ungeschaffenen der Erkenntnis, die es verbietet, das Problem der Geschichte
Logik und der Schöpfung mathematisiert). Die geschaffene Welt überhaupt zu stellen.
ist der Spiegel der intelligiblen Welt, die Geschichte der Spiegel Der Schluß, zu dem Belaval gelangt, ist von daher zwingend.
der P hilosophia perennis, ganz wie die unterschiedlichen Spra- Eine revolutionäre Philosophie führt zur absoluten Unabhängig-
chen unveränderliche Begriffe zum Ausdruck bringen keit der Philosophie. Mit Descartes beginnt die Geschichte der
(S. 183-189), deren beste Übersetzung die Universalsprache in Philosophie als solche; das Dogma des Anfangs führt zum
ihrer fortschreitenden Herausbildung zu liefern vermöchte. So Anfang der Geschichte. Indem Descartes vom Bewußtsein und
mündet der Leibnizsche Historizismus letztlich in den Eklektizis- nicht vom Sein ausgeht, befreit er das philosophische Bewußt-
mus: Suchen wir in der Welt und der Geschichte nach den sein; das cogito bringt keine intelligible Welt mehr zum Aus-
zahllosen Funken der Wahrheit! Aber er mündet auch in den druck, die Philosophie wird nicht mehr nur Seiendes zum Gegen-
Präformationismus , denn die Gesetze der Zahlenfolgen und die stand haben; im achtzehnten Jahrhundert dami wird es nur noch
ungeschaffene Logik sind für alle Ewigkeit gesetzt. Der Descar- menschliche Ideen geben; die von der Aufklärung formulierte
tessche Antihistorizismus mündet dagegen in den Dogmatismus; Theorie des Fortschritts wird unablässig auf den cartesischen
er präsentiert sich als absoluter Anfang, als endgültige Regel und Ursprung verweisen. Dagegen wird Leibniz der Philosophiege-
Autorität in Fragen der Wahrheit (ganz wie er die Vollendung der schichte trotz der gelehrten Gründlichkeit, mit der er jedes
Wissenschaft für die Schaffung der Universalsprache voraus- Problem in den Rahmen seiner historischen Prämissen stellt,
setzt). Wir stoßen auf den Gegensatz zwischen der fortschreiten- keinen besonderen Impuls verleihen. Kann er wenigstens als

190 191
Vorläufer der Geschichtsphilosophie gelten? Als Vorläufer viel- IV
leicht, aber nicht als Begründer; tatsächlich ist er eher ein
Theologe der Geschichte. So mußte diese Disziplin die cartesi- Bei Descartes ist das mathematische Modell beschränkt (und
sche Revolution durchmacheJ}, um zu ihrer ganzen Reinheit zu damit ist es zugleich ein Modell der Beschränkung); bei Leibniz
gelangen. Das heißt, daß wir in beiden Fällen anerkennen, was dagegen ist es hochgradig generalisiert und ermöglicht einen
wir dem Philosophen und seinen Schülern verdanken, die alles umfassenderen Zugriff auf eine größere Zahl von Problemen.
Vorangehende theologischer, kultureller und historischer Art Die Analyse dieses Modells führt uns ins Zentrum des Buches.
zurückgewiesen und damit letztlich jeder Frage einen autonomen
menschlichen Status verliehen haben. Die universelle Kritik 1. Revolutionär ist Descartes im Hinblick auf die Situation
verflüchtigt sich in einen Humanismus. der Mathematik: Ihre Fruchtbarkeit ist unabhängig von der steri-
len Logik der Schule. Das Modell ist autonom gegenüber einer
4. Die intelligible Welt aufheben, die Scholastik und ihren Disziplin, die er ablehnt, geradeso wie die Philosophie sich von
Formalismus verachten und darüber hinaus jegliche Tradition einer Theodizee befreit, aus der die intelligible Welt verschwun-
und jegliche Ordnung, die sich von der selbst geschaffenen den ist, oder geradeso wie das Vorgehen des erkennenden Sub-
unterscheidet, das bedeutet für Descartes, seinen Weg vom Er- jekts sich von einem fertigen, formalen System des Wissens
kennen zum Sein zu bahnen. Darin liegt das zutiefst Neue und der gelöst hat. Doch was den Inhalt dieses Modells betrifft, findet
eigentliche Grund der Revolutionen. In diesem Sinne kündet die Revolution nicht statt: Die Descartessche Mathematik bleibt
Descartes Kant an und begründet die moderne Philosophie. griechisch, das heißt metrisch und in gewissem Sinne auf eine
Leibniz, der in der Folge die Kette der Tradition, die ungeschaf- Theorie der Proportionen reduzierbar. Sie besteht aus einer
fe ne Logik und die Welt der Zeichen wiederherstellen will, Arithmetik (die den Autor nicht interessiert) und einer generali-
möchte dagegen die aristotelischen Wege vom Sein zum Erken- sierten metrischen Geometrie griechischen Typs, wobei die
nen neuerlich beschreiten und öffnet damit in gewisser Weise den Verbindung zwischen beiden durch eine Algebra hergestellt
HegeIschen Weg. Die Ordnung der Vernunftgründe enthüllt sich wird, die weit davon entfernt ist, einen eigenständigen Algorith-
hier in ihrer Einfachheit erst nach Abschluß des 'enzyklopädi- mus zu bilden, sondern allenfalls eine Theorie der Gleichungen
schen Unternehmens oder zumindest erst während dessen Entfal- darstellt. Der kritische und restriktive Stil des Cartesischen
tung, nicht jedoch an einem absoluten Anfang, wo sie als erstes Unternehmens ist in beiden Fällen erkennbar; hinter dem Revo-
erkannt würde. Das ist der wichtigste Unterschied, den Belaval in lutionär verbirgt sich ein entschiedener Bewahrer. In beiden
das Filigran seines Textes einwebt und der dafür sorgt, daß die Hinsichten erweist sich das Leibnizsche Modell als ein chias-
drei übrigen Unterschiede letztlich nur einen einzigen bilden. menförmiger Gegensatz dazu. In der Tat bleibt die Mathematik
hier die Fortsetzung der aristotelischen Logik, und in ihrer
weiteren Entwicklung wird sie analytisch bleiben; eine be-
stimmte Form der Logistik nimmt die von Descartes zerbro-
chene Tradition wieder auf. Doch -andererseits und obwohl
Leibniz sich selbst in die archimedische Tradition stellt, erfah-
ren die Inhalte eine Generalisierung und geraten in Bereiche, die

192 193
bislang unbekannt oder verboten waren. Hinter dem Traditionali-
Ordnung oder vielmehr eine Praxis der Ordnung. Zunächst der
sten scheint der Neuerer durch.
mathematischen Ordnung als solcher, in deren Rahmen zwei
Dieser Gegensatz läßt sich in einem Wort zusammenfassen:
aufeinanderfolgende Ideen A und B insofern aufeinander folgen,
Bekanntlich definiert Descart~s die Mathematik nach Aristoteles
als sie durch einen dritten Ausdruck, ihr Größenverhältnis,
als Wissenschaft der Ordnung und des Maßes. In Wirklichkeit ist
miteinander verbunden sind. Daraus läßt sich ersehen, daß die
sie für ihn vor allem die Wissenschaft des Maßes, und für Leibniz
mathematische Ordnung dem Maß, das heißt der Proportion,
ist sie die Wissenschaft der Ordnung (passim). Daraus lassen sich
unterworfen ist (S. 282f.).
nun zahllose Schlußfolgerungen ziehen, zum Beispiel, daß Des-
Sodann bildet die mathematische Ordnung das Modell für die
cartes die Mathematik unter quantitativem Gesichtspunkt, aus
philosophische Ordnung. Doch beide lassen sich keineswegs
der Perspektive von gleich und ungleich betrachtet; daß er
aufeinander reduzieren. Sie unterscheiden sich dadurch, daß
deshalb die Geometrie und den Begriff der Gleichung bevorzugt.
Descartes zwischen die Gedanken A und B niemals einen dritten
Und umgekehrt, daß Leibniz sie vor allem unter qualitativem
Ausdruck einfügt, er betrachtet sie vielmehr jeweils für sich
Aspekt, unter dem Aspekt von ähnlich und unähnlich (S. 202)
(S. 220f.; man vergleiche einmal S. 220 mit Anmerkung XIII im
betrachtet und daß er deshalb der Arithmetik und dem Begriff der
Anhang des zitierten Buches von Vuillemin und mit der Einlei-
Funktion den Vorzug gibt. Bei Leibniz ist eine echte Analysis in
tung zu Gueroults Buch über Descartes). Beide Ordnungen sind
Entstehung begriffen (Infinitesimalrechnung und Funktionen-
dennoch insofern vergleichbar, als die mathematische Ordnung
theorie), und diese Analysis stützt sich auf einen bereits elabo-
die Vorstellung nahelegt, daß eine ähnlich geregelte Bewegung
rierten arithmetischen Formalismus (denn Leibniz kennt bereits
des Denkens in der Philosophie zur Gewißheit führen müsse. So
die Kombinatorik und ahnt schon etwas von Kongruenz und
liegt für Gueroult die in den Meditationen genutzte Möglichkeit,
Determinanten), der seinerseits seine Grundlegung in einer allge-
die Ordnung als Prüfstein zu verwenden, in der [rreversibilität
meinen und abstrakten Wissenschaft der Formen und der Ord-
der Deduktion begründet, wobei diese Irreversibilität das eigent-
nung findet, einer Wissenschaft, die beinahe schon eine Algebra
liche Band zwischen dem Modell und seiner Anwendung bildet.
im modemen Sinne des Wortes ist und als Vorläufer der Analysis
Es ist mir unmöglich, B zu verstehen, wenn ich nicht zuvor A
situs gelten kann (S. 137 und 236). Besser könnte man den
verstanden habe, während ich umgekehrt B und alles, was daraus
Vergleich nicht ausrichten.
folgt, ignorieren kann, um A zu verstehen. Aber streng genom-
men gehört die Irreversibilität natürlich nicht zum Wesen der
1a. Bevor wir jedoch auf die Einzelheiten dieses Vergleichs
Mathematik. Oder vielmehr, es gibt zwei mathematische Ord-
eingehen, wollen wir etwas über den Begriff der Ordnung sagen,
nungen. In der einen werden Lösungen gefunden; dort herrscht
der ihm zugrunde liegt.
Irreversibilität, denn wir gehen dort vom Bekannten zum Unbe-
Vielleicht wundert sich mancher, daß Belaval Leibniz gegen-
kannten über und verweben Einfaches zu Komplexem, Leichtes
über Descartes das Privileg einräumt, sein Denken um den
zu Schwierigem. Dies ist der Bereich der Erfindung; es ist nicht
Gedanken der Ordnung zentriert zu haben. Doch dies ist nicht nur
die Ordnung der Mathematik schlechthin, sondern dessen, was
unter rein epistemologischen Gesichtspunkten unbestreitbar, es
Mathematiker tun. Die Ordnung der Mathematik schlechthin ist
läßt sich auch noch allgemeiner verifizieren.
dagegen durch unbegrenzte Reversibilität gekennzeichnet. Viele
Ganz gewiß gibt es auch bei Descartes eine Philosophie der
Wege, um nicht zu sagen: alle, führen zu einem Begriff oder

194
195
einer Idee. Leibniz, der Philosoph der Standpunkte und vieldeuti- Doktrinen wählt der Autor als Prüfstein die Idee der Zahl (auf
gen Systeme, weiß das sehr genau. In einem engeren Sinne ist es S. 253 kann man beobachten, wie die Gesamtkonzeptionen sich
auch die Betrachtung des Kerns, von dem ich ausgehe, und des in diesem Paradigma spiegeln). Und in der Tat werden uns die
konstanten Elements, die das:Verhältnis zwischen zwei beliebi- wichtigsten Unterscheidungskriterien in der gesamten Untersu-
gen aufeinanderfolgenden Ausdrücken darstellt. Die totale Ho- chung immer wieder begegnen: Intuition, räumliche Ausdeh-
mogeneität, die durch diese Betrachtung in die Ordnung einge- nung, Maß, Diskontinuität - sämtlich Kennzeichen, die der
führt wird, schwächt den Begriff der Irreversibilität so sehr, daß Descartesschen Mathematik eine eigene Ausprägung verleihen
er sich beinahe erübrigt. Leibniz, der Philosoph der Folgenge- und gemeinsam zur Lösung des (bereits angesprochenen) Pro-
setze, weiß auch das sehr genau. So ist denn, in Übereinstim- blems der größten Zahl beitragen werden. Derselbe Prüfstein
mung mit den zitierten Kommentatoren, die Irreversibilität der wird auch auf die Leibnizsche Lehre angewendet; dabei er-
Descartesschen Ordnung die der ratio cognoscendi und nicht die scheint seine Doktrin als komplexer und detaillierter, und zwar
der ratio essendi. Das bestätigt aufs neue die prinzipiellen aus dem einfachen Grunde, weil die Idee der Zahl bei ihm eine
Unterschiede, die Belaval hinsichtlich des Weges vom Erkennen grundlegende Rolle spielt, während sie bei Descartes allenfalls
zum Sein oder vom Sein zum Erkennen und hinsichtlich der marginale Bedeutung besitzt. Da die Ordnung dem Maß voraus-
intelligiblen Welt herausgearbeitet hat. Es bestätigt aber auch geht, ersetzt der Arithmetismus den Geometrismus , multitudo
seine aktuellen Schlußfolgerungen: Descartes bedient sich der begründet magnitudo, und Kontinuität bildet die Grundlage für
mathematischen Ordnung und unterwirft sein Denken einer ähn- Kontiguität, die nur noch einen Grenzfall darstellt; desgleichen
lichen, wenngleich etwas anderen Ordnung. Leibniz dagegen gilt, das Intensive ist tiefer als das Extensive, der situs tiefer als
denkt diese Ordnung als solche und verallgemeinert sie. Für den die materia sive quantitas. Bei Descartes war die Zahl Meßin-
einen ist sie Instrument, Ariadnefaden, Methode; für den anderen strument, bei Leibniz wird sie zur Operation; sie war räumlich
ist sie ein fundamentaler Gegenstand formalen Denkens. So ist und wird nun zu einem idealen Element; sie hatte den extrinsi-
Descartes der Philosoph, der gemäß der irreversiblen Ordnung schen Charakter eines Zeichens und erhält nun eine intrinsische
des erkennenden Subjekts denkt; Leibniz dagegen ist der Philo- Beziehung sowohl zum Gezählten als auch zur geistigen Opera-
soph der unendlich restrukturierbaren Ordnung der Dinge. Aus tion des Zählens, zwei Beziehungen, die sie in einem zum
Descartes' Irreversibilität der gnoseologischen Kette wird bei Ausdruck bringt. Gerade diese Identität zwischen der Operation
Leibniz der qualitative und nicht reduzierbare situs alles Seien- und ihrem Ergebnis bildet den bemerkenswertesten Vorzug der
den. Arithmetik, macht ihre Tiefe und Fruchtbarkeit aus. Descartes
Doch was das mathematische Modell im strengen Sinne be- bedient sich der Zahl, Leibniz analysiert und verallgemeinert
trifft, bleibt es bei der genannten Unterscheidung zwischen sie. So können denn mit demselben Recht wie die ganzen
Ordnung und Maß, und diese Unterscheidung erweist sich als Zahlen auch die rationalen, die irrationalen, die transzendenten,
hinreichend. die algebraischen und die imaginären Zahlen in die Charakteri-
stik Einzug halten. Und das ist nur möglich, weil die nun
2. An diesem Punkt angekommen, präzisiert Belaval den formalisierte Zahl zugleich eine Ansammlung und eine Opera-
Vergleich in zweifacher Weise: Zunächst beschreibt er die Dok- tion darstellt. Daraus ergeben sich gleich zwei Vorteile: Der
trinen, dann wendet er sich den Techniken zu. Hinsichtlich der Bereich der Zahlen wird erweitert, zugleich aber läßt man Ope-

196 197
rationen zu, die Descartes abgelehnt hätte, zum Beispiel den 3. Die Gesamtheit der mit dem Zahlbegriff verbundenen
Grenzübergang. Probleme der Doktrin münden anläßlich der durch die größte
Hier sollten wir einen Augenblick innehalten, denn diese Zahl aufgeworfenen Schwierigkeiten in die Frage nach dem
Vorstellungen sind von allergrößter Bedeutung (S.256-266). Unendlichen. Descartes weigert sich, Aussagen über dieses
Wenn die Zahl Operation ist, vielleicht könnten wir dann Zahlen Gebiet zu machen oder sich auch nur damit zu beschäftigen;
finden, die den Übergang vom Diskreten zum Stetigen begrün- Leibniz, der - wenn auch negativ - darüber urteilt, zeigt damit,
den. Damit befinden wir uns zweifellos am Ursprung der Lösung daß er wenigstens bereit ist, diesen Bereich zu erkunden. Eine
eines wichtigen Problems im Leibnizschen Denken. In seinem bessere Hinleitung zur Untersuchung der algebraischen Techni-
Buch Pour comprendre la pensee de Leibniz (S.207) weist ken bei Descartes und der kühnen Vorstöße in das Gebiet der
Belaval nicht ohne Tiefe daraufhin, daß die Hauptschwierigkeit infinitesimalen Größen bei Leibniz können wir uns gar nicht
des Systems in der gleichzeitigen Anwendung des Indiscernibi- wünschen. Ich möchte mir erlauben, die Aufmerksamkeit des
lienprinzips und des Kontinuitätsprinzips liegt. Das Ähnlich- Lesers auf diese Untersuchung zu lenken; sie bringt in der Tat
keitsprinzip oder die virtuell unbegrenzte Wiederholung einer endgültig Licht in zahlreiche Fragen.
Operation liegt am Grunde des Unendlichen (S. 260). Hier wird Zunächst zum allgemeinen Rahmen des Vergleichs: Der hier
sehr deutlich, wie die Arithmetisierung der Analysis, die Unter- beschriebene mathematische Dialog wiederholt in gewisser
scheidung zwischen endlichen und unendlichen Operationen, Weise den alten Gegensatz zwischen den Methoden des Archi-
zwischen Vernunftwahrheit und Tatsachenwahrheit, zwischen medes und denen des Apollonius. Bekanntlich hat ersterer sich
Notwendigkeit und Freiheit ... funktionieren. Man könnte sogar vor allem durch Begradigungsrechnungen und Quadraturen ei-
sagen, das gesamte Leibnizsche Denken orientiert sich an zwei nen Namen gemacht, in denen bereits der Geist der Infinitesimal-
Prinzipien oder Begriffen, die auf den ersten Blick nicht mitein- rechnung zu spüren ist, und letzterer durch die räumliche Syn-
ander vereinbar erscheinen, dem Begriff der Ähnlichkeit und these von Problemen zweiter Ordnung. Daß eine starke Ähnlich-
dem Begriff des Unendlichen. Diese Bemerkungen nun sollen keit besteht, kann niemand leugnen, und Leibniz, der sich gerne
zeigen, daß im Bilde des arithmetischen Formalismus ersteres die auf ein Erbe beruft, geht auch an diesem nicht vorbei (S. 362).
Quelle von letzterem ist. Die Leibnizsche Welt erhält dadurch Doch Belaval zitiert einen Text von Chasles (S. 279), mit dem er
ihre Kohärenz zurück; die Unzugänglichkeit des Systems wird klarmachen möchte, daß diese Parallelität unzureichend ist.
deutlich vermindert. Über diesen Abschnitt lohnt es sich, aus- Gewiß ist Leibniz offen für die archimedischen Methoden, die
führlich nachzudenken; er gehört meines Erachtens zu den stärk- Descartes ablehnt. Doch wenn der Geist dieser Methoden im
sten des ganzen Buches; vor allem aber gehört er zum Tiefgrün- Blick auf das, was später einmal die Analysis sein wird, den Sieg
digsten, was jemals über Leibniz geschrieben worden ist. über die von Apollonius ausgehende Tradition davonträgt, so
Hier wird man endlich verstehen, in welcher Weise die Lö- triumphiert der Stil des Apollonius nun seinerseits über die
sung für das Problem der größten Zahl auf den virtuellen Charak- archimedische Problematik, insofern eine Geometrie der Form
ter der geistigen Wiederholung zurückgreift, als Quelle des und der Lage selbst zur Grundlage der Analysis wird. Wir haben
potentiell Unendlichen innerhalb des Kalküls, und letztlich zum es also nicht mit einer Parallele, sondern mit einem Chiasmus zu
Ausschluß eines quantitativ-aktual Unendlichen führt (S. 271). tun. Leibniz profitiert gleichermaßen von beiden Traditionen; er
ist Mathematiker des Unendlichen und der Qualität. Descartes

198 199
erbt die Beschränkungen, die in beiden angelegt sind; er ist der Analyse der transzendenten Zahlen abgelehnt. Die Beschrän-
Mathematiker des Endlichen und der Quantität. kung ist zweifach und wechselseitig; jede Disziplin setzt ihrer
Auf jeden Fall aber ist das dem mathematischen Geist eigene Nachbardisziplin Grenzen.
Genie in beiden zu finden; und dieses Genie ist stets das der
Generalisierung. Das ist die eigentliche Verbindung zwischen 4. Angesichts dieser Umstände erscheint die Leibnizsche
diesen beiden historischen Dialogen; in beiden Fällen haben wir Kritik nur allzu verständlich. Der Geist der Generalisierung muß
es mit einer algorithmischen Generalisierung der griechischen die solcherart definierten Grenzen aufheben. Dann findet die
Tradition zu tun: Die der Algebra bzw. der Differentialrechnung Arithmetik zur Würde eines formalen Algorithmus: Die Zahl, die
zugehörigen Notationen, auf die unsere beiden Autoren mit in einer, wie man bereits sagen könnte, Theorie der Determinan-
solchem Stolz blicken, sind nur deren »sprachlicher« Ausdruck. ten Anwendung findet, erhält eine abstrakte Bedeutung von
Daher Descartes' Vorliebe für die Algebra und seine Verachtung Ordnung und Position; sodann macht die Alegbra sich an die
für die Arithmetik; er vermutet in ihr keine formale Kraft; er sieht Untersuchung von Ausdrücken mit beliebigen Exponenten, dar-
darin, wie wir gesehen haben, lediglich ein Instrument des unter insbesondere solche mit irrationalen oder variablen Hoch-
Messens; sein Verhältnis zur Algebra entspricht der Beziehung zahlen; und schließlich muß die Geometrie einen direkten Kalkül
zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen. Aufgrund der Formen hervorbringen und damit die Ausschließlichkeit der
dieser Beziehung klärt die Algebra Ideen, welche die Zahlen in Betrachtung unter dem Gesichtpunkt von gleich oder ungleich
konfuser Form enthalten. Die Theorie der Proportionen verkürzt, überwinden. Alle nur möglichen Erweiterungen werden von
vereinfacht, ordnet und erhellt Zusammenhänge, welche die Leibniz gedacht, dessen Ars combinatoria den höchsten und
Arithmetik nicht wahrnimmt. Diese Funktion der Vereinheitli- fundamentalen Ausdruck darstellt: Sie wird die Wissenschaft der
chung und Klärung wird die Algebra auch für die Geometrie Formen und Qualitäten in universum sein. Gedachte Generalisie-
erfüllen; es muß möglich sein, daß sie für die Figuren leistet, was rungen, die zwar nicht alle realisiert worden sind, doch deren die
ihr bei den Zahlen gelungen ist: zwei Verallgemeinerungen Geschichte der Mathematik sich bis heute getreulich und in
griechischer Problemstellungen in einer einzigen Disziplin mancherlei Weise erinnert. Wir dürfen sicher sein, daß im
(S. 285); und letzteres ist nur dann möglich, wenn es gelingt, den Vergleich zu diesen sublimen Vorwegnahmen die Infinitesimal-
Begriff der Dimension zu generalisieren. Es zeigt sich indessen, rechnung eine Entdeckung ist, der allenfalls relative Bedeutung
daß die Descartesschen Erweiterungen über eine bestimmte zukommt. Der Reichtum der Leibnizschen Mathematik rechtfer-
Grenze nicht hinausgelangen, und dies ohne Zweifel deshalb, tigt das rekurrente Urteil, von dem wir gesprochen haben.
weil das gesamte Projekt letztlich das eines Geometers bleibt. So Und dennoch ist es in einer streng historischen Perspektive -
werden denn negative Wurzeln akzeptiert, weil sie auf einer das heißt jener, die dieses Urteil ablehnt - gerade die Infinitesi-
Achse einen Sinn haben, nicht aber die imaginären Zahlen, denn malrechnung, die den Gegensatz zwischen bei den Philosophen
ihre (paradoxen) räumlichen Eigenschaften werden nicht er- ausmacht. Auf anderen Gebieten, welche die tiefgründige Origi-
kannt. Auf dem Gebiet der Algebra findet die Erfindungskraft nalität des Leibnizschen Denkens begründen, stellt dieser sich
ihre Grenzen in der Intuition; aufgrund dieser Beschränkung außerhalb der Descartesschen Optik und nimmt den allgemeinen
gelangt die Algebra nicht einmal zu den Ausdrücken mit beliebi- Geist der Mathematik des siebzehnten Jahrhunderts vorweg. Hier
gen Exponenten. Folglich und im Gegenzug wird auch die jedoch und obwohl er seinem Vorläufer widerspricht, gelangt er

200 201
zu Ergebnissen (S. 301), die Descartes' Werk vervollständigen unteilbaren Größen, der inkomparablen Größen, der homogonen
und ihm eine neue Kraft und Richtung geben: Die Geometrie ist Größen und der Differentiale.
erst dann wirklich analytisch, wenn sie die Notation der Infinite- Beginnen müssen wir bei Cavaleri und den irrtümlichen An-
simalrechnung übernommen, hat. Dort liegt das Zentrum des sichten, die über ihn im Umlauf waren. Denn in Wirklichkeit sind
Vergleichs im Hinblick auf die Werke wie auch hinsichtlich des seine unteilbaren Größen keine Differentiale; vielmehr handelt
Geistes dieser Zeit. es sich dabei um bestimmbare, endliche, invariable Elemente,
So stoßen wir wieder auf das Problem des Unendlichen und drei Merkmale, die dem Geist der Infinitesimalrechnung gar
dessen Spezifizierungen: Folgen, Konvergenz, Grenzübergang, nicht entsprechen. Deshalb hält Descartes sich an Cavalieri, weil
Funktion. Belaval führt überaus brillante Beispiele an für die der ihn vom Grenzübergang befreit, dieser Operati9n, die er
Behandlung identischer Probleme mit Methoden, die das Werk- ablehnt; wer dagegen den Grenzübergang akzeptiert, der befreit
zeug der Infinitesimalrechnung nutzen oder ablehnen: Tangen- sich von den unteilbaren Größen. Es liegt auf der Hand, wie
tenbestimmung und Berechnung der Subnormalen, Oberfläche widersinnig es ist, wenn Pascal oder Roberval zum Beispiel sie
von Rotationskörpern, das Problem des Florimond de Beaune. als verschwindende Größen interpretieren, doch im Schutze
Ich kann dies alles hier nicht im einzelnen untersuchen; es muß dieses Unsinns tritt die Infinitesimalrechnung ihren Siegeszug
genügen, wenn ich sage, daß man bei alledem nicht umhin an. Leibniz stellt Descartes neben Cavalieri, und durch die
kann, Descartes' mathematisches Genie zu bewundern , der, Untersuchung von Summenfolgen gelangt er zur Idee des Ver-
darin den Griechen vergleichbar, ohne »starke« Methoden (die schwindens einer nichtbestimmbaren Größe. Hier sei angemerkt,
er entweder nicht besitzt oder aber ablehnt) dennoch zu den daß die archimedische Tradition wie gewöhnlich den Weg über
Lösungen gelangt (S. 309). So umgeht er die Betrachtung des die Mechanik nimmt: Das betrachtete Element hat einen dynami-
Unendlichen durch die Entdeckung von reziproken Korrespon- schen Status.
denzen. Ein Vergleich zwischen der Schwäche der Methoden Wie gewöhnlich nahm sie ihren Weg auch über die Untersu-
und der Stärke der damit gelösten Probleme bietet eine ausge- chung von Quadraturen. Auf diesem Gebiet waren Progressions-
zeichnete Möglichkeit, sich dieses einzigartigen Genies bewußt und Approximationsrechnungen üblich; Leibniz ersetzt nun die
zu werden. 3 Wie dem auch sei, es stellt sich nun eine Frage, die Unordnung der Approximation von Dezimalzahlen durch die
nicht mehr die Operationen oder Methoden betrifft, sondern exakte Ordnung von Zahlenfolgen; und die Summierung solcher
das, wovon die Infinitesimalrechnung spricht. Was ist eine Folgen führt uns ganz natürlich zur Lehre der inkomparablen
infinitesimale Größe? Größen. Um diese Lehre zu verstehen, müssen wir eine Stufen-
folge von Ordnungen unterstellen, bei der ein beliebiges Element
5. Um diese schwierige Frage zu beantworten, beschreibt im Verhältnis zum vorausgehenden oder nachfolgenden Element
Belaval die geschichtliche Entwicklung und die epistemologi- unendlich klein oder unendlich groß ist. Innerhalb ein und"
sche Genese, in deren Verlauf der Begriff herausgearbeitet derselben Ordnung herrscht das Stetigkeitsprinzip oder das Ar-
wurde. Dabei mußten vier Etappen durchlaufen werden, die der chimedische Axiom: Durch geeignetes Multiplizieren können die
Elemente dieser Ordnung, die sämtlich homogen sind, überein-
ander hinauswachsen, was für Elemente verschiedener Ordnung
3. Diese Bemerkung kann übrigens eine noch weiterreichende Bedeutung haben; sie
bezieht sich nicht nur auf eine Psychologie der Erfindung. offenkundig nicht gilt. Auf diese Weise läßt sich jedes Element

202 203
zweiter Ordnung eindeutig und irrtums frei aus einem linearen entheorie. Dann erlangten die Infinitesimalrechnung und die
Kalkül eliminieren. Doch die inkomparable Größe ist noch keine Entwicklungen, auf die sich diese Theorie stützt, beträchtliche
infinitesimale Größe, denn selbst im Vergleich zur Sphäre der Bedeutung, und bei Leibniz ist man versucht, beiden den Vor-
Fixsterne hat auch ein Sandkqrn noch ein Gewicht, das zählt und rang zu geben. In unserer Zeit sind wir wie gesagt eher geneigt,
ernstzunehmen ist, so lächerlich gering es auch sein mag. diesen Aspekt gering zu achten und dafür andere Aspekte seines
Deshalb muß die Operation des Grenzübergangs noch einmal Werkes in den Vordergrund zu rücken. Ähnlich verfuhren Rus-
gedacht werden. Und wieder liefert uns die Untersuchung von sell und Couturat bei der Entstehung der Logistik. Das Verdienst
Zahlenfolgen und ihrer Konvergenz einen Typus von Übergang, des Belavalschen Werkes liegt nun darin, daß es über diese
der von jeder räumlichen Anschauung losgelöst ist. So strebt die Tendenzen minutiös Buch führt. Es zeigt in geradezu vollkom-
Summe einer Folge gegen einen Grenzwert, ohne daß es jemals mener Weise auf, weshalb Leibniz der erste »Klassiker« ist (und
unmöglich würde, einen Wert zwischen die Summe und ihren Descartes der letzte Grieche), und es zeichnet in geschickten,
Grenzwert einzufügen. Es besteht keine Homogeneität im Archi- eindringlichen Strichen nach, was Leibniz zum Vorläufer der
medischen Sinne zwischen der Grenze und dem Begrenzten; es Modemen macht.
handelt sich, sagt Leibniz, um Homogone (S.333f.). Dieser Doch kommen wir auf unsere Zahlenfolgen zurück. Wenn wir
Ausdruck gestattet es uns, zu verstehen, wieso die Gleichheit der ihre Bedeutung hervorkehren, so sagen wir damit, daß der
Grenzwert der Ungleichheit ist, die Ruhe der Grenzwert der Begriff des Differentials zwar offenkundig geometrischen Ur-
Bewegung usw. Es liegt auf der Hand, daß diese Lehre vom sprungs ist, zugleich aber auch viel der Arithmetik verdankt; und
Grenzübergang einerseits die Jurisdiktion des Prinzips vom aus- in der Tat gelangt Leibniz über die von Wallis erzielten bemer-
geschlossen Dritten aufbebt, andererseits aber Vorstellungen in kenswerten Ergebnisse bezüglich der Zahlenfolgen zur Idee der
die Mathematik einführt, die der Metrik in gewisser Weise Funktion. Diese Idee hat, wie wir gesehen haben, seither zentrale
entgehen. Bedeutung für die Analysis. Die neue Mathematik entwickelt
Nachdem diese drei Etappen durchlaufen sind, wollen wir sich um drei konvergierende Begriffe herum: das Gesetz der
Bilanz ziehen: Unsere infinitesimalen Größen sind verschwin- Zahlenfolge in einem Sinne, der über Wallis hinausgeht; die
dende, nichtbestimmbare Größen, die nach inkomparablen Ord- Funktion, die über die cartesische Gleichung hinausgeht; und
nungen arrangiert werden können und auf die sich die Operation schließlich die infinitesimale Größe in einem Sinne, der über
des Grenzübergangs anwenden läßt. Cavalieri hinausgeht. Damit ist der Kern der als »klassisch«
bezeichneten Organisation gegeben. Daß er in Ordnungs- und
6. Die drei Analysen haben zugleich auch gezeigt, welche Lagebeziehungen gründet - um diese Leibnizsche Vorwegnahme
zentrale Rolle die Untersuchung von Zahlenfolgen bei der Entste- vollständig zu erkennen, wird man noch zwei Jahrhunderte
hung der Infinitesimalrechnung gespielt hat. Pierre Boutroux brauchen.
schreibt in seinem Buch Ideal scientifique des mathematiciens Doch auch nachdem die Genese abgeschlossen und das Bild
(S. 117), die Theorie der Entwicklung von Folgen und Reihen gezeichnet ist, bleiben noch einige Schwierigkeiten, und der
bilde den wichtigsten und fruchtbarsten Teil dieser neuen Mathe- Streit um die infinitesimale Größe wird noch eine Weile andau-
matik. Tatsächlich sahen jene, die wir heute als »Klassiker« ern. Es handelt sich um eine verschwindende Größe; arithmetisch
bezeichnen, das Kernstück ihrer Wissenschaft in der Funktion- haben wir es mit Konvergenz, geometrisch mit einem stetigen

204 205
Übergang, in beiden Fällen also mit einem Grenzübergang zu Wir können unmöglich alle Verzweigungen dieser Darstel-
tun; andererseits erfordert die Sprache der Funktionen die Rezi- lung getreulich nachzeichnen. Aber wir wollen wenigstens auf
prozität von Differential und Integral und geht damit über die ein seltsames Paradoxon eingehen, das diese Physik enthält. Wie
Idee der inkomparablen Größe.hinaus. Aber wenn diese Sprache war es möglich, daß man bei der Konstruktion dieser Physik
formal vorstellbar ist, so haftet dem Gedanken des Verschwin- ausgerechnet die dafür entwickelten Werkzeuge oder besser: die
dens dennoch etwas Ungenaues an; daher der Streit um die Werkzeug, die sich in unseren modemen Augen am ehesten für
Realität einer Entität, die weder anschaulich noch darstellbar ist diesen Zweck eigneten, unbeachtet ließ? Und wie war es dann
und in der Leibniz selbst lediglich eine ideale Entität oder eine möglich, daß die wichtigsten methodologischen und die Lehre
Hilfskonstruktion erblickt. Ich kann hier nicht auf die Einzelhei- betreffenden Fragen der Welterkenntnis dennoch als gelöst er-
ten dieser Diskussion eingehen und auch nicht auf die berühmte schienen?
Theorie des kompensierten Irrtums, in der Poincare Berkeley, Die erste Frage erfordert natürlich eine Untersuchung des
Carnot und Comte bestätigt (S. 349f.). Wir wollen hier lediglich Begriffs der Erfahrung und seiner metaphysischen Implikatio-
festhalten, daß zwei tiefgründige Tendenzen die Aufnahme des nen. In der Tat - und das ist von zentraler Bedeutung - hat der
Differentials in das Leibnizsche Denken erklären: erstens der Erfahrungsbegriff seine Autonomie und Notwendigkeit erst über
Formalismus und das Vertrauen in die cogitatio caeca, die ein diese Implikationen erwerben können (S. 371). Und diese Impli-
operatives Symbol daraus machen; zweitens der Gedanke, wo- kationen sind: das Mögliche, das Kontingente, das Wahrscheinli-
nach das Unendliche eine Aktivität des Geistes, ein dynamisches che, das Hypothetische. Daß die Erfahrung ein Erfordernis
Vermögen der Erkenntniskraft darstellt. Begründet wird der beider Philosophien darstellt, ergibt sich aus der Analyse der
Begriff »objektiv« in einem erfolgreichen Algorithmus und sub- ersten dieser Implikationen. Einerseits ist die mögliche Allge-
jektiv in einer allgemeinen Auffassung von Erkenntnis (S. 361). meinheit umfassender als das Wirkliche; andererseits ist die
Singularität des Wirklichen umfassender als unser Mögliches.
Deshalb ist der Rückgriff auf die Erfahrung unerläßlich, um die
V Lücke zu schließen, die bei Descartes Indiz für das Mißlingen der
universellen Deduktion in der einen Richtung ist und bei Leibniz
1. Damit haben wir die Werkzeuge an der Hand, die zur Indiz für das Mißlingen der enzyklopädischen Induktion in der
Konstruktion einer Welt erforderlich sind. Die Werkzeuge sind anderen Richtung. In gewisser Weise ergibt sich dieses Erforder-
verschieden, die Welten ebenfalls. nis aus einem Mangel. Wenn wir Gott wären, dann wäre der
Dieser Teil des Buches ist ohne Zweifel der schwierigste, denn Rückgriff auf Erfahrung unnötig. Aber wir sind in demselben
wenn auch die Mathematik der beiden Autoren für uns immer Sinne geschaffen wie die Welt, auf die unsere Erfahrung sich,.
noch lebendig ist, so ist uns ihre Physik doch in gewissem Sinne beziehen soll. Als Geschöpfe sind wir kontingente Wesen. Die
fremd geworden; als vomewtonsche Physik gehört sie gleichsam vomewtonsche Physik ist die Physik einer kontingenten, einer
zur Vorgeschichte der Wissenschaft. Dies ist auch der Ort, an geschaffenen Welt. Wir müssen den kosmologischen Dialog
dem Belaval die größte architektonische Virtuosität entfaltet, um deshalb auf die Prinzipien jenes »Schöpfungsgedankens« bezie-
sämtliche zuvor behandelten Themen miteinander zu verknüp- hen, der ihn erst ermöglicht. Bei Descartes kommt im Schöp-
fen, die zum Aufbau der beiden Kosmologien beitragen. fungsakt der göttliche Wille in seiner reinen Form zum Ausdruck;

206 207
bei Leibniz wirken der göttliche Wille, der göttliche Verstand 2. Nachdem die grundlegenden Fragen der Lehre geklärt
und ihr geregeltes Wechselverhältnis gemeinsam daraufhin, eine sind, müssen wir uns nun den methodologischen Prinzipien
determinierte, geordnete, finalisierte Welt hervorzubringen, de- zuwenden. Man wird Belaval dankbar dafür sein müssen, daß er
ren Elemente einer unendli~hen Analyse unterzogen werden die Probleme der allgemeinen Kosmologie und die Fragen der
können und die im Gegensatz zur cartesischen Welt der Unbe- Methode sorgfältig auseinanderhält. Dadurch wird es ihm mög-
stimmtheit und der Ausdehnung steht. Für diese Welten erweisen lich, die vornewtonsche Physik sehr exakt in das Bild einzubrin-
sich sämtliche oben analysierten Elemente als konstitutiv: me- gen. Tatsächlich wird deutlich, wie ontologisch und apriorisch,
chanistische Vorstellungen und Finalismus, Quantität und Quali- das heißt theologisch, sie letztlich war; aber andererseits sehen
tät, Homogeneität und Andersheit, Diskontinuität und stetige wir auch, auf welche Weise sie der modemen Wissenschaft den
Variation, die zu einer Einfachheit ohne Symmetrie führen, Weg bereitet hat. Zum Beispiel führt die Vermengung von
Maschine und Natur, offene Zeit und die Ordnung der logischen Kontingenz und Indeterminismus, von Determinismus und Not-
Beziehungen, und all diese Elemente sind Zeichen einer Welt, wendigkeit zu derselben Verwirrung wie die Verbindung von
die entweder von einem allmächtigen Wesen ohne Vorbild ge- Ursache und Gesetz. Wenn das modeme Denken solchen Kon-
schaffen worden ist oder von einer Macht, die unter diversen fusionen (rechtens) nicht mehr verfallen kann, so liegt es doch
Konstruktionsweisen jene vollkommene architektonische Orga- auf der Hand, daß diese Physik ihnen verfiel, denn ihre Metho-
nisation auswählt, welche ihr der Verstand eingibt (ich verweise dologie gründete in der Metaphysik und hatte sich noch nicht
hier auf den ausgezeichneten Abschnitt S. 423-428). davon gelöst. Gelegentlich zeigen sich erste Anzeichen für die
In diesem Zusammenhang wird man sich an die allererste »positivistische« Bedeutung dieser Begriffe, aber erreicht wird
Unterscheidung erinnern, die zwischen der ungeschaffenen Lo- sie niemals. Das Thema der Schöpfung ist ständig präsent: Die
gik und der Aufhebung der intelligiblen Welt. Diese Unterschei- physikalischen Prinzipien sind das, was Gott aufrechterhält; die
dung begegnet uns nun wieder, wenn wir uns die Frage nach der Gesetze sind das, was Gott geschehen läßt. Belavals Unter-
Rationalität des Wirklichen stellen, eine Frage, die Belaval scheidung enthüllt einen tiefgründigen Zusammenhang, auf den
beantwortet, indem er sich für das Thema der Kausalität entschei- er uns immer wieder hinweist: Die Grundlagen der Lehre sind
det. Für Descartes setzt Gott unsere Vernunft ein und garantiert nicht im Blick auf Methoden formuliert, vielmehr sind die
deren Reichweite durch seine Wahrhaftigkeit. Selbst wenn er in Methoden ganz auf die Grundlagen der Lehre bezogen. Ganz
seiner Allmacht Berge ohne Täler gewollt hätte, würde unsere gleich, welche Methoden es ermöglichen, zu den Prinzipien und
anders geartete Vernunft dieses Schauspiel aufgrund der göttli- Gesetzen zu gelangen; ganz gleich, auf welche Bereiche sie
chen Wahrhaftigkeit verstehen. Das Wirkliche ist bei ihm also angewendet werden (träge Materie, Psychologie, Geschichte),
hypothetische Rationalität. Bei Leibniz dagegen ist die Rationali- sie werden niemals nach den praktischen Erfordernissen experi-
tät absolut, oder causa ist identisch mit ratio. Auf der einen Seite mentellen Messens ausgewählt, sondern stets im Hinblick auf'-
ist die Materie irrational, aber intelligibel; sie beseelt sich auf der die Kohärenz der Lehre.
anderen Seite, wo das Irrationale nur noch die jedem Geschöpf Und dennoch haben Descartes und Leibniz getreu den Anfor-
innewohnende Begrenztheit und die Unabschließbarkeit der derungen ihrer Theorie das Interesse an dieser Praxis gemein.
Analyse darstellt. Ohne Zweifel ist es bei Descartes unzureichend entwickelt und
gänzlich der Deduktion untergeordnet. Aber die Leibnizsche

208 209
~tik bezieht sich sehr viel weniger auf diese Schwäche als auf keitsrechnung anzuwenden, weil er der Ansicht ist, sie sei
dIe Unzulänglichkeit der theoretischen Folgerungen. Damit be- wissenschaftlich unvollkommen und habe allenfalls praktischen
weist er, daß er wie sein Vorläufer nicht auf die Höhe der Wert.
Newtonschen Wende gelangt, die das moderne Denken ankün- Die wahre Wissenschaft stellt sich auf den Standpunkt Gottes.
digt und darin besteht, nicht mehr von der Lehre zur Methode Wie wir gesehen haben, ist Erfahrung in diesem Falle nutzlos.
s~nde~ v?n der Erfahrung zur Gesetzeshypothese zu gehen~ Für den Menschen ist sie aufgrund seiner mangelhaften Ausstat-
DIe LeIb~Izsche.~itik erfolgt auch hier in allen Punkten paral- tung unerläßlich. Aber wenn die Physik eine wahre Wissenschaft
lel zu semer KntIk an Descartes' mathematischen Vorstellun- sein soll, muß sie streng sein, nicht präzise. Also folgt man der
gen: Es geht ihm darum, Descartes ins Universelle hinein zu deduktiven Kette, und die Newtonsche Wende wird unmöglich.
überholen.
Der Dämon der Allgemeinheit, der Descartes und Leibniz auf
Ihr Abstand zu Newtons Principia hat noch zwei weitere dem Gebiet der Mathematik hat triumphieren lassen, dieser
Gründe: ihre (unterschiedliche) Epistemologie der sinnlichen Dämon sorgt dafür, daß sie die approximativen und wahrschein-
Geg~nstä~de .und ihre (gleichartige) Mathematisierung der lichen Singularitäten wie auch die besonderen Induktionen und
PhYSIk. HIer fm den sich meines Erachtens die brillantesten und Messungen vergessen oder verachten.
st~ksten Abschnitte dieses letzten Teils (S. 480-496). Die
DIchte des Textes macht es unmöglich, ihn kurz zusammenzu- Belavals Buch ist von beträchtlicher Bedeutung, weil es
f~ssen. Beschränken wir uns deshalb auf die Feststellung, daß Vorzüge in sich vereinigt, die sich nur schwer miteinander
dIe ~~alyse ..des ersten Grundes die oben getroffenen Aussagen verbinden lassen.
bestatIgt: Fur Descartes ist das Rationale wirklich, aber ich Zunächst lehrt es uns historische Strenge und Präzision. Es
kann nicht wissen, ob das Wirkliche rational ist. Für Leibniz vermeidet jede Parteilichkeit, und zwar aufgrund der Tiefe der
dagegen ist alles Wirkliche rational; die Erfahrung kann des- dort vermittelten Informationen, aufgrund eines außergewöhnli-
halb die Theorie nicht bei einem Fehler ertappen. Andererseits chen Verständnisses für das siebzehnte Jahrhundert, aufgrund
bestätigt und bestärkt die Analyse des zweiten Grundes die seiner eigentümlichen Argumentationsweise und der ebenso ei-
Th~se de~ Apriorismus beider Autoren: Ihre Physik ist allge- gentümlichen Behandlung der wissenschaftlichen und philoso-
mem, unIversell und übernimmt von der Mathematik lediglich phischen Probleme wie auch aufgrund der originellen Art, sie
das, was.. d~e. Gewißheit ihrer Methode ausmacht, nicht jedoch miteinander zu verbinden. Darin liegt der erste Vorzug dieses
deren PrazIsIOn. Tatsächlich bietet das mathematische Modell Werkes: in einer Treue, die keine Konzessionen macht. Dadurch
die deduktive. Stre.nge von Ketten universeller Vernunftgründe entgeht die Ideengeschichte allen scholastischen Kategorien,
und ~nde:erselts d~e perfektionierbare Präzision induktiver Ap- allen akademischen Streitereien und allen Vereinfachungen in
proxImatIOnen. DIe Vornewtonianer entscheiden sich für die Gestalt von Ismen.
Strenge und deduzieren; die Newtonianer wählen die Präzision Sodann - und aufgrund desselben Vorzuges - geht Belaval in
und messen. So kann man denn sagen, Descartes und Leibniz seinem Buch über die bloße historische Beschreibung hinaus. In
verfehlen die nlathematische Physik wegen eines Übermaßes einem vomewtonschen Dialog, der uns gelegentlich fremd er-
an Strenge und Universalität. Den letzten Beweis für diese scheint, entdeckt er einen zeitlosen Gegensatz. Dieses Buch, das
These liefert die Leibnizsche Weigerung, die Wahrscheinlich- sich bescheiden als ein historisches Werk gibt, ist weit mehr als

210
211
das. In Wirklichkeit sehen wir, daß dieser Gegensatz sich über letzterer nicht ohne Argumente dasteht, die eine.Philosop~ie des
alle Zeiten und Orte erstreckt. Apollonius und Archimedes cog ito zu kritisieren vermögen, zumindest falls SIe das GebIet des
antworten einander wie Platon und Aristoteles, Comte und Cour- Erkennens in actu verläßt. Nun sind wir gegen das Vergessen
not, Brouwer und Hilbert hinsichtlich Geist, Konzeption, Me- zweier Weisheiten gewappnet.
thode und Natur der mathematischen Wissenschaft; desgleichen
Januar 1961.
Anaxagoras und Platon, Epikur und Aristoteles hinsichtlich
deren Anwendung auf die Konstruktion des Universums und
schließlich Kant und Hegel hinsichtlich der philosophischen
Sicht der Dinge. .. Die historische Treue ist Ausdruck einer
allgemeinen Philosophie der Geschichte. Im Grunde glaubt
Belaval an eine Philosophia perennis und ohne Zweifel auch an
eine Mathesis perennis, deren zuweilen unabhängige, hier aber
zutiefst miteinander verknüpfte Probleme neue, aber stets wieder
aufgenommene Gestalten annehmen.
Und er zeigt dies mit Bezug auf unsere Zeit. Denn welcher
dieser beiden Heroen ist uns heute am nächsten? Modem ist
ohne Zweifel der Mann der Logistik. Die Begründer dieser
Bewegung haben denn auch nicht gezögert, Leibniz ihren Tri-
but zu zollen, wie Belaval einen anderen, ebenso wichtigen
Tribut zollt, indem er ihn als den Mathematiker des Formalis-
mus, der Ordnung und der Situation feiert. Doch viele neuere
Ergebnisse führen zu einer Kritik und Einschränkung der er-
sten Ambitionen; da hörte man dann gerne das Echo der fernen
cartesischen Imperative. So schöpft man unermüdlich aus
einem Erbe, das jeden Tag eine aktuelle Bedeutung annimmt.
Dieses Buch, das fundamentale Konzeptionen der Mathesis
aeterna zum Ausdruck bringt, ist zugleich auch ein lebendiges
Buch, das zentrale Schwierigkeiten des heutigen Wissens er-
hellt. Es ist wertvoll für den Historiker, wertvoll für den Ge-
schichtsphilosophen und von allergrößter Bedeutung für den
Epistemologen.
Aber auch für den Philosophen unserer Zeit. Wenn der Wind
sich inzwischen zugunsten Descartes' und gegen Leibniz gedreht
hat, also zugunsten einer Bewußtseinsphilosophie und gegen
einen Enzyklopädismus, so war es immerhin gut, zu zeigen, daß
213
212
DIE KOMMUNIKATION DER SUBSTANZEN,
MORE MATHEMATICO BEWIESEN

Die Monade hat »keine Fenster, durch die etwas hinein- oder
heraustreten könnte«. 1 Sie ist allein in der Welt, abgeschlossen
und isoliert, allein mit Gott, der mit den Geistern »in Verkehr und
sozusagen in Gemeinschaft treten kann, sofern er ihnen seine
Meinungen und seinen Willen auf besondere Weise ... mit-
teilt«.2 Als Spiegel Gottes, als »die Region der ewigen Wahrhei-
ten«3, ist sie zugleich auch Spiegel des Universums, der Region
der Übereinstimmung und Verknüpfung. Denn alles darin wirkt
zusammen, ist miteinander verbunden, bringt sich wechselseitig
zum Ausdruck und steht miteinander in Einklang. Diese bis ins
Unendliche vervielfachten Beziehungen, in denen die Atome der
Natur oder die metaphysischen Punkte untereinander stehen,
werden erst in ihrer einfachen und einsamen Beziehung zur
Monas monadum verständlich. In der Tat ist nicht zu ersehen,
wie denn eine geschaffene Substanz mit einer anderen geschaffe-
nen Substanz kommunizieren könnte, auf welche Weise nach den
strengen Prinzipien der Metaphysik die eine Substanz einen
realen Einfluß auf die andere auszuüben vermöchte. Jede ist eine
Welt für sich und >bemüht sich spontan, als gäbe es nur sie selbst
und Gott<, um einen Ausspruch der Theresa von Avila aufzugrei-
fen. Aus dieser einen und einzigen Verbindung, die von Ewigkeit
zu Ewigkeit besteht, ergeben sich eine vollkommene Harmonie
und eine wechselseitige Beziehung, die wir als Kommunikation
bezeichnen. 4

1. G. W. Leibniz, Les Prineipes de la Philosophie ou la Monadologie, in: Die


philosophischen Schriften von G. W. Leibniz, hg. von C. 1. Gerhardt, 7 Bde., Berlin und
Halle 1849-1863, Bd. VI; dt. Monadologie, in ders., Hauptschriften zur Grundlegung
der Philosophie, hg. von Ernst Cassierer, 2 Bde., Hamburg 1966, S. 436.
2. Discours de Mhaphysique, in: Philosophische Schriften, op. eit., Bd. IV; dt.:
Metaphysische Abhandlung, in: Hauptschriften ... , op. eit., Bd. II, S. 185.
3. Monadologie, op. cit., S. 444; vgl. Philosophische Schriften, op. eit., Bd. VII, S. 311.
4. Systeme nouveau de la nature et des communication des substances, in: Philosophische
Schriften, op. eit., Bd.IV; dt.: Neues System der Natur und der Gemeinschaft der

215
Die wechselseitige Unabhängigkeit der Monaden in Verbin-
Auf den ersten Blick verstößt die Lösung der prästabilierten
dung mit ihrer jeweiligen Abhängigkeit von Gott begründet die
Harmonie gegen die bekanntesten Spezifikationen des Prinzips
Kommunikation zwischen ihnen. 5
des bestimmenden Grundes und der Notwendigkeit des Besten:
Wenn man sagt, die Beziehung zwischen Substanzen resul-
Erstens, um zu einer einzigen Beziehung zwischen zwei
tiere aus ihrer Isolierung und ihrem mystischen Dialog, so ist dies
Monaden zu gelangen - ohne dabei nach der ontologischen
eine Exposition der Sachlage in ihrer metaphysischen Realität.
Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer wechselseitigen Einwir-
Wenn diese Exposition zutrifft, muß diese Sachlage erklärbar,
kung zu fragen -, ist es erforderlich, zwei Beziehungen zu setzen,
das heißt beweisbar sein aufgrund der Notwendigkeit, welche die
nämlich die jeder einzelnen Substanz zur Monas monadum.
Konstitution der Welt beherrscht, das heißt aufgrund der minima-
Damit verstößt man offenbar gegen das Prinzip des geringsten
len Notwendigkeit des Besten oder der moralischen Notwendig-
Aufwandes, wonach es sich empfiehlt, niemals mehr Relationen
keit. Deshalb sollte der Beweis allein jene Prinzipien benutzen,
anzunehmen, als notwendig sind. Man könnte sagen, die Welt
die in der Leibnizschen Logik des metaphysischen Mechanismus
6 scheint aus einem Bündel zusammengesetzt, das aus weit mehr
enthalten sind. Gewiß nimmt dieses Vorhaben uns nicht das
Verbindungen besteht, als erforderlich wären, um den wechsel-
Recht, die existentielle Tiefe eines Denkens zu bemerken, das
seitigen Ausdruck der Monaden zu begründen, in unserem Falle
durch einen äußeren Bezug die objektive Solidarität der Dinge
aus zwei Verbindungen statt einer. Darin scheint ein quantitativer
und Schicksale zu erklären versucht, indem es die schmerzhafte
Verstoß gegen das Ökonomieprinzip und damit ein erster Mangel
Erfahrung ihrer Taubheit, ihrer UndurchSichtigkeit und ihrer
zu liegen.
wechselseitigen Fremdheit annimmt; in der Tat bedarf es minde-
Betrachtet man zweitens die beiden metaphysischen Punkte,
stens eines Gottes, damit die Monaden einander hören und
zwischen denen man eine Kommunikation zu denken versucht,
verstehen. Beweisen bedeutet nicht, die Betrachtung der Dinge
erscheint die Lösung der prästabilierten Harmonie offenkundig
selbst auszuschließen, und die gelebte Erfahrung dispensiert
als die des längstmäglichen Weges 7 - nebenbei sei nochmals
nicht vom argumentativen Gebrauch der Vernunft.
angemerkt, daß wir hier keineswegs im strengen Sinne metaphy-
sisch sprechen, sondern logisch und mechanisch, auf dieselbe

Substanzen, wie der Vereinigung zwischen Körper und Seele, in: Hauptschriften, op. eit.,
Bd. II, S. 266-270. 7. Die besten (abstrakten) Definitionen des zurückgelegten Weges finden sich i~ den
5. Das erklärt bekanntlich insbesondere die Einheit von Körper und Seele. Nouveaux essais sur l' entendement humain. Neue Abhandlungen über den menschlzehen
6. De rerum originatione radicali, in: Philosophische Schriften, op. eil., Bd. VII, S. 304. Verstand lateinisch-deutsche Ausgabe, Darmstadt 1959, 2. Buch, Kap. XIII, § 3, S. 184/
Die mathematische oder metaphysische Notwendigkeit ist der Art, daß das Gegenteil zu 185, ode~ in den Initia rerum mathematicarum metaphysica, in: Leibnizens mathemati-
einem Widerspruch führt; die moralische Notwendigkeit, die der Schöpfung innewohnt, sche Schriften, hg. von C. 1. Gerhardt, 7 Bde., Berlin 1875-1890: Bd. VII; dt.:
ist der Art, daß das Gegenteil Unvollkommenheit bedeutet. Hinsichtlich des metaphysi- Metaphysische Anfangsgründe der Mathematik, in: H auptschrifte~, op. Cl!., Bd. I, S. 54:
schen Mechanismus wird häufig nicht genügend beachtet, daß eine Kontinuität besteht »Es sind also zwei Punkte einander näher, wenn die Punkte ZWischen ihnen, und das
zwischen dem Gesetz der Unterordnung der physikalischen Mechanik unter die Prinzi- Gebilde, das aus ihnen in höchster Bestimmtheit hervorgeht, etwas rel~tiv Ein~a~he~es
pien der :t:tetaphysik und dem Gesetz der mechanischen Organisation der metaphysischen darstellen. Ein solches Gebilde, das die Zwischenglieder in höchster Beshmmtheit m Sich
~ese~heIten .. Das. bedeutet, daß der Weg, der von der Mechanik zur Metaphysik führt, vereint ist der einfachste, d. h. der kürzeste und gleichförmigste Weg von einem zum
mcht meversibelist. Tatsächlich läßt er sich Punkt für Punkt umkehren. Wenn es eine andere~ Punkte ... « Reichenbach, der diesen Text kommentiert, begeht ständig den
Metaphysik der mechanischen und dynamischen Vorgänge gibt, dann gibt es auch einen Irrtum darin kaum im Entstehen begriffene topologische Begriffe zu erkennen, und
metaphysischen Mechanismus und eine metaphysische Dynamik. Es wäre also ein verke~t dabei, daß hier systematisch Begriffe aus der »Variationsrechnung« verwendet
Leichtes, das klassische Werk von Gueroult im umgekehrten Sinne umzuschreiben. werden. Hans Reichenbach, »Die Bewegungslehre bei Newton, Leibniz und Huyghens«,
Kantstudien 29 (1924), S.422f.

216
217
Weise nämlich, wie Leibniz in De Rerum hinsichtlich der Schöp- über die Algebra und die Zahl zu gehen garantiert den Erfolg in
fung von einer optimalen Gestaltung des Raumes spricht. Und in einem Verfahren, das darin besteht, ein und denselben Vorgang
der Tat, wenn man einen Gott zwischen die beiden Punkte ständig zu wiederholen; aber in vielen Fällen erweist sich dies als
»einschiebt«, so wählt man damit letztlich den längsten Weg der längste und komplizierteste Weg. Die algebraische Geomet-
zwischen ihnen und vielleicht auch den am wenigsten einfachen; rie verstößt gegen das Prinzip der Einfachheit der Wege oder,
mit anderen Worten, mit einem Maximum an Aufwand gelangt wenn man so will, der Dreiecksungleichung: Von Linie zu Linie
man zu einem lokalen und singulären Ergebnis. Wenn man die kann der kürzeste Weg nur über die Linie führen. Die Zahl
klarsichtigste (und eleganteste) Kritik, die jemals an der cartesi- einzuschalten bedeutet unweigerlich eine Verlängerung oder
schen Geometrie geübt worden ist, als Maßstab anlegt, so scheint Komplizierung des Weges; zwei Wege statt eines einzigen bilden
es, daß die Theorie der Kommunikation der Substanzen, zumin- eben einen längeren Weg. In derselben Weise wird nun gesagt,
dest soweit es den relationalen Aspekt betrifft, gleichfalls zu daß ich zum Anderen gelange, indem ich über die Monas
Recht dieser Kritik unterworfen werden kann. Als Descartes die monadum gehe, und zwar stets nur über sie, die meine ganze
Geometrie der Algebra unterordnete, eröffnete er einen sicheren, Ursache und ihren eigenen Grund darstellt. Aber handelt es sich
aber nicht optimalen Weg, einen Umweg, der (für den Willen) nicht um einen gewaltigen Umweg - also den längsten Weg? Und
bequem, aber (für den Verstand) oft übertrieben lang war: verstößt dies nicht gleichfalls gegen das Prinzip des Minimums
»gleich als ob jemand, um von einem Orte zu einem anderen zu der Dreiecksungleichung? Oder ist Gott dieser Umweg, dessen
gelangen, stets nur dem Lauf der Flüsse folgen wollte«.8 Stets Notwendigkeit auf der Unmöglichkeit beruht, einen Weg z~~­
schen dem Anderen und mir zu finden, weil unser wechselseitI-
8. »Projet d'un art d'inventer« in: Opuscules etfragments inedits, hg. von L. Couturat, ges Verhältnis durch Abschließung und Unabhängigkeit gekenn-
Paris 1903, S. 181. Im Text heißt es weiter: »Wie es ein italienischer Reisender tat, den zeichnet ist? Doch gleich ob es sich nun um den längsten Weg
ich einmal kennengelemt habe; er fuhr stets mit dem Schiff, wenn es ihm nur möglich
war, und obwohl es von Würzburg bis Wertheim in Deutschland zwölf Meilen sind, wenn
oder um eine Lösung im Sinne des geringsten Übels handelt, in
man dem Lauf des Mains folgt, zog er diesen Weg der nur fünf Stunden dauernden beiden Fällen stoßen wir auf das Gegenteil von logischer Not-
Landreise vor. Wenn aber die Wege über Land noch nicht ausgebaut sind wie etwa in
Amerika, ist man nur allzu glücklich, sich der Flüsse bedienen zu können. Und dasselbe
wendigkeit, also auf moralische Unvollkommenheit.
gilt für die Geometrie, wenn sie die Elemente durchgeht. Denn die Vorstellungskraft
verlöre sich in der Vielzahl der Figuren, wenn die Algebra ihr nicht zu Hilfe käme, bis Es läßt sich leicht zeigen, daß diese Einwände auf einem
eine eigene geometrische Charakteristik entwickelt worden ist, die die Lage in derselben
Weise kennzeichnet wie die Arithmetik die Größen.« Zwei Bemerkungen zu diesem Text: Irrtum beruhen oder der Grundlage entbehren und daß die prästa-
1. Würzburg und Wertheim liegen an den beiden Enden einer Mainschleife, deren Spitze bilierte Harmonie in Wirklichkeit die einfachste und ökono-
sich bei Gemünden befindet. Das Leibnizsche Prinzip entspricht also der Dreiecksunglei-
chung; es bezeichnet das Prinzip des kürzesten Weges oder des Kurzschlusses in einer mischste, also die »notwendige« Lösung des Problems einer
Leitung; es handelt sich um ein methodisches Schema im modernen Sinne. Kommunikation der Substanzen darstellt.
2. Das cartesische Prinzip verlangt, daß man stets bei derselben Methode bleibt, das heißt
hier, daß man dem Main folgt. Daraus ergibt sich, daß die bekannte Metapher des
Wir wollen zunächst einmal von zwei Monaden ausgehen,
Waldes, den man mit Sicherheit einmal durchquert haben wird, wenn man nur dieselbe zwischen denen nach den strengen Vorstellungen der Metaphysik
Richtung beibehält, der Methode der algebraischen Geometrie isomorph ist: Der Weg ist
keine direkte Beziehung besteht; diese Beziehung kommt erst als
sicher, auch wenn es geschehen kann, daß er länger und komplizierter als andere
vorstellbare Wege ist. Man geht stets über die Zahl, wie man dieselbe Richtung beibehält.
Was beide Denker voneinander unterscheidet, ist die Auffassung hinsichtlich des richti-
gen Weges: der realiter kürzeste oder der hinsichtlich der Entscheidung des Subjekts einer unbeirrbaren Methode und einer Methode, die durch die Eleganz eines Kurzschlus-
konstanteste. (Die mathematische Praxis stellt uns häufig vor solch eine Wahl zwischen ses gekennzeichnet ist.)

219
218
Ergebnis der beiden - einzig möglichen und realen - Beziehun- gen zwischen den Monaden zahlenmäßig überaus groß; es ist
gen zustande, welche die beiden Monaden zu Gott unterhalten. kompliziert und phänomenal; es existiert aus theoretischer Sicht
Wenn wir nun die Zahl der Substanzen auf mehr als drei erhöhen wie auch in der Realität nur durch Vermittlung des Bündels aus
sehen wir sogleich, welche numerische Ökonomie die von Leib~ harmonischen Beziehungen; letzteres ist zahlenmäßig nicht so
niz gewählte These kennzeichnet; das läßt sich mit Hilfe der Ars groß, und hinsichtlich seiner Form ist es einfacher; es besitzt nur
combinatoria zeigen, das heißt berechnen. Nehmen wir an, es einen Gipfel für eine Vielzahl von Schnittpunkten, die sich
seien n Monaden gegeben; in der Lösung der prästabilierten gleichfalls mit Hilfe der Kombinatorik berechnen lassen. So
Harmonie gibt es nun ebenso viele Beziehungen zu Gott, wie es begründet die Realität die Erscheinung, wie das Einfache das
Monaden gibt, also n; in der Lösung, die wechselseitige Bezie- Komplexe erklärt und wie die kleine Zahl- das heißt die Einheit-
hungen zwischen den Mona- die große konstituiert. 10 Diese Erklärung durch das Einfache ist
den unterstellt, gäbe es dage- bereits ökonomisch; und mehr noch: der Effekt ist am größten,
gen ebenso viele Beziehun- wenn der Aufwand am kleinsten ist; denn im Falle einer Mehr-
gen, wie es Zweierkombina- zahl von Substanzen kann das Minimum der vorstellbaren Bezie-
tionen zwischen n Elementen hungen nicht kleiner sein als die Anzahl der Monaden. ll Der
gibt, also C~. Es liegt auf der reale, von Gott gewollte Aufwand ist der kleinstmögliche. Um-
Hand, daß diese Zahl sehr gekehrt ist es unmöglich, für diese Vielzahl von Monaden eine
schnell weit über n hinauswächst, nämlich ebenso schnell wie die größere Zahl phänomenaler Verknüpfungen zu finden als die
Folge der »Dreieckszahlen« über die der »gewöhnlichen« Zah- Anzahl der universellen wechselseitigen Ausdrucksbeziehungen,
9
len , sobald die Zahl 3 überschritten ist. Das Bündel der Bezie- die ein vollständiges Netz bilden. Wir haben hier also nicht nur
hungen zu Gott besteht aus weniger Linien als das Netz der eine Erklärung durch das einfache Reale oder auch - im Einklang
wechselseitigen Ausdrucksbeziehungen, und die Differenz zwi- damit - die Erzeugung einer Welt der universellen Kommunika-
schen beiden ist um so größer, je höher die Zahl der Monaden. tion durch die allereinfachste Realität des einsamen Dialogs. Die
Fast könnte man daraus einen Lehrsatz machen: Wenn eine Lösung der prästabilierten Harmonie entspricht strengstens dem
Mehrheit von Substanzen besteht, läßt sich mit Hilfe der Kombi- Prinzip des Maximums und des Minimums, also dem Ökonomie-
natorik beweisen, daß die prästabilierte Harmonie die numerisch prinzip, also dem Vemunftprinzip. Der Beweis, das heißt die
ökonomischste Lösung darstellt, um die Vollständigkeit der Berechnung, bewegt sich vollständig im Bereich der moralischen
Beziehungen innerhalb dieser Vielfalt sicherzustellen. Die These Notwendigkeit, der nichts anderes als der Bereich der Schöpfung
der prästabilierten Harmonie ist mit der Tatsache der Mehrzahl ist.
von Monaden impliziert, und zwar vermittelt über die Kombina-
torik. Aber vor allem ist das Netz der wechselseitigen Beziehun-
10. In einem anderen Zusammenhang benutzt Leibniz die binäre Zählweise als Bild für
die Schöpfung (Mathematische Schriften, op. cit., Bd. In, S. 660; Bd. VII, S. 223-234;
2
9 . Cn> • n(n-l) G. W. Leibniz, Opera omnia, hg. von L. Dutens, 6 Bde., Genf 1768, Bd. In,
n 1st dann gegeben, wenn - - 2 - , das heißt wenn n> 3. Sobald es mehr als
S. 346-348; Bd. IV, I, S. 207; Philosophische Schriften, op. eil., Bd. II, S. 383; Leibniz:
drei Monaden gibt, ist die Lösung der prästabilierten Harmonie ökonomisch. Berechnun- Textes inedits, hg. von G. Grua, 2 Bde., Paris 1948, Bd. I, S. 126; Opuscules, op. eit.,
gen dieser Art, man wird es ahnen, gibt es im Leibnizschen Werk in Hülle und Fülle (siehe S. 473f.) Dabei handelt es sich um die »ökonomischste« Zählweise.
z.B. Mathematische Schriften, op. eit., Bd. V, S. 16ff. und Bd. VII, S. 179 für das 11. Formulierung des Ökonomieprinzips in Philosophische Schriften, op. cit., Bd. VII,
Schema).
S.303.

220
221
Wenn die Welt der Vielzahl der Monaden (in jedem Sinne) die wie der Ort in dem, was er erfüllt, und damit meine ich keinen
beste sein soll, ist die prästabilierte Harmonie moralisch notwen- gemessenen oder geteilten Ort, sondern einen geistigen oder
dig und wird letztlich auch von der Kombinatorik erfordert: Dum permanenten. . . Gott ist unermeßlich und überall; er ist in der
Deus calculat, fit harmonia)2 Jede andere Lösung könnte nur Welt anwesend, und alles ist in ihm; er ist dort, wo die Dinge
unvollkommen sein. Man kann daher unterschiedslos vom Sy- sind, dort, wo sie nicht sind; er bleibt dort, wenn sie gehen, und er
stem der Monaden (oder der Monadologie) oder vom System der ist bereits da, wenn sie kommen ... « 14 Die Unermeßlichkeit und
prästabilierten Harmonie oder auch vom System der Kommuni- Allgegenwart Gottes müssen im Sinne von Wesen und Opera-
kation der Substanzen sprechen. tion, nicht im Sinne von Situation oder Lage verstanden wer-
Der zweite Einwand, wonach es sich hier um den längeren den. 15
Weg handelt, läßt sich nicht so leicht widerlegen, weil der Raum Die Kopräsenz Gottes und der Monade ist keine Überlagerung
eine delikatere Ordnung darstellt als die Zahl, trotz des Aus- von situs, sondern die Unmittelbarkeit einer Operation; seine
d~cksverhältnisses, das zwischen ihnen besteht. Allerdings Allgegenwart ist nichts anderes als der Dialog mit der einsamen
ware es unvorstellbar, daß die Methode in lineis ductis dem Monade. »So haben Zeit und Raum ihre Wirklichkeit nur von
arithmetischen Kalkül widerspräche. Zunächst einmal und wie- ihm, und er kann das Leere ausfüllen, wenn es ihm gut scheint. In
derum in streng metaphysischer Betrachtung ist hier von Linien dieser Hinsicht ist er also überall. «16 Die göttliche Ubiquität ist
und Räumen stets in symbolischem Sinne die Rede. Jeder Kalkül operational, relational und unmittelbar; erst durch sie erscheint
und jede Argumentation, die sich auf Schemata beziehen, sind die Ordnung des Raumes. Die räumliche Erscheinung gründet in
lediglich Approximationen, die geeignet sind, die Vorstellungs- der göttlichen Operation, die selbst keine Ausdehnung besitzt.
kraft anzusprechen - die Vorstellungskraft ist die »Fähigkeit« der Und so ist es keineswegs erforderlich, die prästabilierte Harmo-
Geometrie; sie sprechen von den Dingen selbst nur bis auf einen nie durch den Ort, seine Linien und Schemata, zu begründen; in
Ausdruck: die binäre Mathematik, die Diagramme der Kombina- Wirklichkeit wird der Ort als phänomenale Relation durch die
torik usw. sind lediglich imagines creationis, das heißt Modelle. operative Beziehung erklärt und begründet, welche die Monaden
Wenn man diese Einschränkung beachtet, weil man sich nicht in der prästabilierten Harmonie zu Gott unterhalten. Diese Bezie-
selbst täuschen und das Bild für die Sache nehmen will, kann man hung nun ist unmittelbar und kopräsent, weil die Monaden in
die räumliche Sprache benutzen. Die Monaden sind bekanntlich Gott wie an einem geistigen Ort sind, der weder teilbar noch
ausdehnungslose Punkte; sie können daher keinen Raum konsti- meßbar ist. Hinter der pänomenalen Räumlichkeit, hinter dem
13
tuieren. Andererseits gehört die Ausdehnung nicht zu den vorgestellten Diagramm in lineis ductis, vollziehen sich die
Attributen Gottes, denn das müßte zu einem Widerspruch hin- realen Operationen in einem Null-Ort, in der Abwesenheit von
sichtlich des Unendlichen führen. Gott ist nirgendwo sonst als in Maß, Teilung, Lage und Distanz. Wenn man sagt, die Lösung
sich selbst, aber alles ist in ihm. »Alles ist in Gott, und zwar nicht
wie der Teil im Ganzen ist oder ein Akzidenz im Subjekt, sondern
14. G. W. Leibniz, Refutation inedite, hg. von Foucher de Careil, Paris 1824, S. 38.
15. »Gott ist in den Dingen nicht der Lage, sondern dem Wesen nach gegenwärtig; seine
12. Wo der Ursprung der Dinge symbolisch durch die binäre Arithmetik dargestellt wird Gegenwart manifestiert sich in seiner unmittelbaren Tätigkeit.« Brief an Clarke, in:
da benutzt Leibniz gleichfalls den Ausdruck »Harmonie«. ' Philosophische Schriften, op. eit., Bd. VII, S. 365.
13 .. Mathe~atischer ~eweis in lineis ductis: Brief an de Bosses vom 24. April 1709, in: 16. Neue Abhandlungen . .. , op. cit., zweites Buch, Kap. XV, § 4, S. 205 (vgl. das bei
Phtlosophlsche Schriften, op. eil., Bd. II; S. 370. der Scholastik entlehnte Konzept des repletiven Wo-seins, ibid., Kap XXIII, § 21, S. 373.

222 223
der prästabilierten Harmonie verstoße gegen das ökonomische metaphysischen Punkte. Jetzt kann man keinen Weg finden, der
Prinzip des kürzesten Weges (der Einfachheit der Wege), dann kürzer wäre als Null.
begeht man gleich zwei Fehler: In Wirklichkeit gibt es solch Zum zweiten sehen wir, wie bequem und praktikabel die
einen Weg gar nicht, sondern, eine wesensmäßige Kopräsenz. Es imaginäre oder symbolische Räumlichkeit den metaphysischen
ist gar nicht möglich, einen Abstand zwischen zwei situs zu Gedankengang macht, indem sie die Integration des geometri-
unterstellen; ja, man kann sich nicht einmal eine Überlagerung schen Beweisverfahrens ermöglicht wie anderswo die der stren-
von situs vorstellen. Dann aber ist jeder relationale Weg zwi- gen Folgen des metaphysischen Mechanismus. 18 Das »Bündel«
schen zwei Kopräsenzen (Ordnung des Raumes) nur als das der Harmonie ist so geartet, daß sein Gipfel allgegenwärtig ist
Fehlen jeglicher Distanz vorstellbar, wie es aus der Unmittelbar- und seine Linien die Länge Null haben; anders gesagt, es ist
keit des göttlichen HandeIns folgt. Der direkte Beweis erfolgt überall Zentrum und nirgendwo Umfang. Dies ist eine schwie-
danach in zwei Zügen: Zunächst einmal genügt es, auf das rige, aber nicht unzugängliche Vorstellung des nicht meßbaren
Phänomen, das räumliche Modell, das imaginäre Schema zu- und nicht teilbaren realen geistigen Ortes: a fortiori ist dieser Ort
rückzukommen, um in dieser Hinsicht mit Recht sagen zu von Wegen der Länge Null durchzogen, ut ita dicam. 19 Aus der
können, daß Gott überall ist, mit allen Einschränkungen hinsicht- Rückführung der Harmonie auf dieses Schema, das die Vorstel-
lich der Erscheinung: hier schließt der Beweis mit geometrischer lungskraft übersteigt, erklärt sich in aller Strenge, warum Leibniz
Strenge: Da Gott dort ist, wo die Monaden sind, und dort, wo sie unterschiedslos davon spricht, daß Gott die Ursache der Harmo-
nicht sind, da er dort ist, wo sie hinkommen, und dort, wo sie nie, daß die Harmonie eine Emanation Gottes oder daß die
weggehen, bedeutet es strictu sensu, den kürzestmöglichen Weg Harmonie Gott selbst sei. 20 In beiden Fällen handelt es sich um
zu gehen, wenn man die Kommunikation ausschließlich durch einen Gipfel oder ein Zentrum, das überall gegenwärtig ist und
die Beziehungen zu Gott erklärt. Die Zweiheit aus Allgegenwart rundum Beziehungen des Abstandes Null unterhält. Dieselbe
und Kopräsenz reduziert den relationalen Weg auf Null. Der Denkstruktur ist sowohl auf das eine (Gott) als auch auf das
kürzeste Weg zwischen zwei Substanzen ist der Null-Weg zwi- andere (die Harmonie) anwendbar. Damit sind wir vom Imaginä-
schen jeder von ihnen und Gott plus der Null-Weg zwischen Gott ren zum Realen, vom Raum zu dessen Bedingung, von der
und Gott plus der Nullweg zwischen Gott und jeder von ihnen. l7
Es ist - mathematisch - absolut unmöglich, eine Lösung zu
finden, die mit einem geringeren Aufwand auskäme. Eben 18. » .. . ex his mirifice intelligitur, quomodo in ipsa originatione rerum Mathesis
quaedam divina seu Mechanismus M etaphysicus exerceatur, et maximi determinatio
konnte man keine Zahl finden, die niedriger ist als die Anzahl der
habet locum.« Philosophische Schriften, op. cit., Bd. VII.; S. 304. ( ... daraus wird auf
wunderbare Weise deutlich, daß in diesem Ursprung der mathematischen Dinge etwas
Göttliches oder ein metaphysischer Mechanismus am Werke ist und der Ort ein Höchst-
17. Wie wir sehen, wird das Prinzip der Einfachheit des Weges oder das Ökonomieprinzip maß an Bestimmtheit besitzt«.)
nicht nur im Ganzen befolgt, wie die Kombinatorik es aufgestellt hat, sondern auch in 19. Was für Leibniz lediglich eine Ausdrucksweise darstellt, ist für uns inzwischen eine
allen Teilen, was bemerkenswert ist, da es sich dabei um jede einzelne Monade handelt. Sache der Intuition.
»Noch die geringsten Teile des Universums sind gemäß der Ordnung der größten 20. Gott ist Harmonie: Confessio philosophii, hg. von O. Saame, Frankfurt am Main
Vollkommenheit geregelt; anderenfalls wäre das Ganze nicht.« Philosophische Schriften, 1967, S. 73 und passim. Er ist ihr Sitz: Theodicee, in: Philosophische Schriften, op. cit.,
op. eil., Bd. VII, S. 272f, Tentamen anagogicum. Man beachte, daß unser Beweis, der Bd. VI; dt.: Die Theodizee, Hamburg 1925, S. 21-24. Und seine Emanation, Leibniz:
zunächst über die Zahl und dann über den» Weg« geht, der Leibnizschen Bewegung folgt, Textes inedits, op. cit., S. 580f. Zahlreiche Texte drehen sich um diese Fragen: G. Grua,
die zunächst verlangt de maximis el minimis quantitatibus und dann de formis optimis zu Jurisprudence universelle et tModicee selonLeibniz, Paris 1953, S. 329f.; M. Gueroult,
gehen; vgl. Opuscules, op. cit., S. 229 und 577-581. Dynamique et meraphysique leibniziennes, Paris 1934, S. 17.

224 225
Geometrie zur Metaphysik übergegangen. 21 In der Realität wird ist die Schöpfung selbst. Das mathematische Modell des ex nihilo
das der Anschauung so schwer zugängliche Schema der univer- ist die. Konstitution a nullo. 24
sellen Kommunikation ab origine erst durch die göttliche Opera-
tion konstituiert, in Abwesenheit der Zeit (Ewigkeit, Prästabilie- Die These der prästabilierten Harmonie läßt sich in der Weise
rung), in Abwesenheit der Lage (Wesen?2, bei Null Maß (Koprä- darstellen, wie es in der Theodizee, den Neuen Abhandlungen,
senz) , Null Abstand (Unmittelbarkeit) und der Unmöglichkeit den Aufsätzen und Opuscules geschieht. Sie läßt sich aber auch
einer Teilung (Geistigkeit). Die Geometrie beweist für dieses erklären: Nun muß jede Erklärung nach Leibnizschem Verständ-
vom Imaginären gereinigte Schema die Minimumeigenschaft des nis Beweis und Berechnung sein. Um den Streit zu beenden,
Weges, und die Reinigung von sämtlichen räumlichen Elemen- müssen wir die Philosophie in das Berechenbare integrieren. Da
ten führt zu der Idee, daß die Minimumeigenschajt all dieser nun die fragliche These die Hauptrolle in der Konstitution der
Bestimmungen in der Realität konstitutiv für die kontingente Welt Welt spielt, ist sie dem Bereich der moralischen Notwendigkeit
ist, für die Welt, wie sie uns in Raum und Zeit erscheint. 23 Anders unterworfen, der seiners~its vom Vernunftprinzip und dessen
gesagt, es gibt zwei Bewegungen: einmal die Reinigung von verschiedenen Spezifikationen beherrscht wird: Ökonomie, Ein-
allem Räumlichen durch die vollständige Unterdrückung aller fachheit, Maximum und Minimum usw. Innerhalb dieses Rah-
dem Raum eigenen Bestimmungen, eine Bewegung, die von der mens müssen wir sie in den Kalkül einbringen. Die Kombinatorik
Geometrie zur Metaphysik geht und dabei den zwingenden muß ihre Ergebnisse auf die mehr oder weniger große Zahl
Charakter des Beweises unberührt läßt; zum anderen die Konsti- beziehen und die Geometrie ihre Ergebnisse auf den mehr oder
tution der Welt, die von sämtlichen Null-Bestimmungen zur weniger langen Weg, wenn der Beweis numero et mensura
vollständigen Kommunikation der Substanzen geht. Die von zustande kommen soll. Die Vollkommenheit der Monadenwelt
diesem Fehlen jeglicher Bestimmung ausgehende Konstitution liegt im geringstmöglichen numerischen und metrischen Auf-
der Welt der im Einklang stehenden Vielzahl ist im strengen wand für das größtmögliche Ergebnis. Daher unsere Berechnung
Sinne eine creatio ex nihilo oder a minimo. Die prästabilierte und unsere Messung. Die These der prästabilierten Harmonie ist
Harmonie ist im Imaginären die Lösung mit dem kürzesten Weg, die ökonomischste, einfachste und vernünftigste für den göttli-
sie ist im Realen die einfachste Konstitution; vor allem aber ist sie chen Baumeister, der den Platz für das beste aller Gebäude
aufgrund der mathematischen Tatsache, daß die Einfachheit der herrichtet; das läßt sich im Sinne der Leibnizschen Wissenschaft
Wege ein Null-Weg ist, dem radikalen Ursprung isomorph, sie berechnen und messen. 25 Sie ist deshalb unausweichlich.
Doch im Laufe des Beweises ist noch ein anderes Ergebnis
zutage getreten als die U nanfechtbarkeit der These, und zwar
deren mögliche Zurüc!iführung auf andere Thesen der Leibniz-
21. Diese Überschreitung des räumlichen Schemas hat, wie wir gesehen haben, den schen Metaphysik oder Theologie. Zunächst einmal ist es das-··
Beweis nicht unmöglich gemacht; aber er ließ sich nur durchführen, weil die räumlichen
Merkmale (Lage, Maß, Distanz, Länge, Teilbarkeit) aufgehoben wurden.
22. Philosophische Schriften, op. eil., Bd. VII, S. 365. 24. Dieselbe Vorstellung findet sich in den Texten über die binäre Zählweise.
23. Jenseits von Raum und Zeit stehend, macht Gott ihre Realität aus; jenseits jeglichen 25. Woraus wir ersehen können, daß die Endursachen sowohl in der Anwendung des
situs, konstituiert er sie; jenseits von Distanz, Maß und Teilbarkeit, macht er sie möglich, geometrischen Organons zum Zuge kommen - das wußten wir bereits (siehe M. Gueroult,
das Ganze in einer essentiellen, unmittelbaren, nicht von irgendwelchen Lagebeziehun- Dynamique . .. , op. cit., S. 215ff., und Suzanne Bachelard in: Thales, 1958, S. 3-36)-
gen abhängen Weise. als auch in der Anwendung der Kombinatorik oder der Arithmetik.

226 227
selbe, ob man vom System der Monaden oder vom System der sein schöpferisches Tun; sie ist das Gewebe, das die Monaden
prästabilierten Harmonie spricht; sodann ist die Harmonie Gott miteinander verbindet; sie ist die Monadologie. Aufgrund ihres
selbst, wobei ihr reales Schema sich auf die Formel »überall Inhalts ist die These der prästabilierten Harmonie moralisch
Zentrum und nirgendwo Umfang« reduzieren läßt; und schließ- notwendig; ihr Gegenteil bedeutete Unvollkommenheit; und es
lich ist sie der creatio ex nihilo isomorph, der constitutio maxi- ist keineswegs paradox, dies more mathematico zu beweisen.
morum a minimis. Je nach Perspektive reduziert sich diese These Aufgrund ihres formalen Charakters als These des Systems ist sie
im Laufe der Analyse auf Gott, die Schöpfung und die Monado- ein Moment der Wiederholung des Gleichen; ihre metaphysische
logie. Hier haben wir ein interessantes Beispiel dafür, was ganz Notwendigkeit entspricht dem Identitätsprinzip. Da sie Gott
generell eine These innerhalb des Leibnizschen Systems ist, und selbst isomorph ist, kann man sie ebensowenig anzweifeln wie
dafür, was das System selbst ist. Das Objekt der Metaphysik ist IHN. 28
das gemeinsame mögliche Sein26 , das analoge Sein; ihre relatio-
nale Ausrüstung ist die analoge Verknüpfung; durch die erste Januar 1966.
Entscheidung erreicht man Eindeutigkeit, durch die zweite ma-
thematisiert man diese Eindeutigkeit. Unseres Erachtens ist es
eine gute Definition des Leibnizschen Systems, wenn man von
einer Mathematisierung der Eindeutigkeit spricht. Mit anderen
Worten - oder um die scholastische Terminologie aufzugeben
und das heutige Vokabular zu übernehmen -, es handelt sich um
ein System kontinuierlicher Isomorphien, ein Begriff, in dem der
universelle Einklang seinen strengen Ausdruck findet. Damit
gehen wir über von der Welt der Kommunikation der Substanzen
und ihres wechselseitigen Ausdrucks zum theoretischen System
der Übereinstimmung der Thesen und ihrer wechselseitigen
Reduzierbarkeit. Die Ordnung zählt nicht, oder vielmehr ist eine
Fülle von Ordnungen möglich, da alle Thesen dasselbe ausdrük-
ken, nur jeweils unter einer anderen Perspektive, unter einem
anderen Aspekt. Genau das übrigens wiederholt Leibniz allent-
halben und immer wieder. 27 Gott ist die Harmonie; er ist ihr Sitz
und ihre Ursache; sie ist die Emanation Gottes, seine Operation,

26. G. Grua, Jurisprudence universelle . .. , op. cit., S. 25ff. - Vgl. »De arte combinato-
ria«, in: Mathematische Schriften, op. cit., Bd. V, S. 13. 28. Daraus können wir ersehen, wie willkürlich BlondeIs Urteil ist (Une Enigme
27. Philosophische Schriften, op. cit., Bd. V, S. 413. »Von der Lehre über die Gemein- historique: le Vinculum substantiale, Paris 1930, S.39); für ihn ist die These der
schaft der Substanzen hängt die Erkenntnis der Geister und insbesondere Gottes ab.« prästabilierten Harmonie ein unendlich zerbrechliches Phantasiegebilde, eine »Erfin-
Damit geht die Metaphysik der Theologie voraus und begründet sie. Ein paar Zeilen dung, die sich jeder denkbaren Kontrolle entzieht«. In Wirklichkeit gibt es sehr wohl eine
weiter heißt es: » ... die natürliche Theologie ... enthält zugleich auch die Metaphysik Kontrolle im Leibnizschen Sinne, ein Zeichen, eine Begründung, das heißt ein Beweis
und die Moral.« numero et mensura.

228 229
ZWEITER TEIL
REISEN, ÜBERSETZUNGEN,
AUSTAUSCH

I
Erstes Kapitel
Von Erehwon in die Höhle
des Zyklopen

GEOMETRIE DES NICHTKOMMUNIZIERBAREN:


DER WAHNSINN

In seiner Maladie mentale et personalite verstand Michel


Foucault sich als Kliniker. In seinem Wahnsinn und Gesellschaft.
Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft l sehen wir
ihn als Historiker. Es handelt sich dennoch in mancherlei Weise
um eine ungewöhnliche, eine wiedererschaffene Geschichte.
Dieses Buch muß Epoche machen: aufgrund seiner Methode,
aufgrund seines Aufbaus und aufgrund der Technik, mit der
Foucault hier ein »historisches Ensemble« angeht, das viel zu
komplex ist, als daß die Dimensionen einer kritischen Analyse
seiner auch nur im mindesten gerecht werden könnten. Deshalb
sei an dieser Stelle zunächst die unerhörte Gelehrsamkeit hervor-
gehoben, die aus diesem Werk spricht, denn wir werden kaum
Gelegenheit haben, darauf zurückzukommen. Man sehe sich
einmal an, welche Unmengen von Fakten aus dem Bereich des
Wahnsinns hier erkundet worden sind: Drei Jahrhunderte Erfah-
rung - aus Spätmittelalter und Renaissance, aus dem siebzehnten
und achtzehnten Jahrhundert bis hin zur angeblichen Befreiung;-
der Kranken von Bicetre - werden minutiös in europäischem
Maßstab untersucht. Dabei betrifft der Umfang der Studie nicht
nur die chronologische und geographische, sondern vor allem die

1. Frankfurt am Main 1973; Originaltitel: Histoire de la folie a l' tige classique, Paris
1961; die Seitenzahlen im Text beziehen sich auf die deutsche Übersetzung_

233
kulturelle Dimension. Der Autor beschränkt sich keineswegs auf Strukturen sind ganz offenkundig »geometrischen« Charakters;
die Monumente, die sich unmittelbar auf die Sache der Psychia- sie überziehen das betrachtete historische Ensemble mit einem
trie beziehen (eigentlich müßte man »auf die Archäologie der feingesponnenen Netz von Dualitäten. Wir brauchen diese »binä-
Psychiatrie« sagen, wobei der 'Ausdruck »Archäologie« in sei- ren« Strukturen daher nur über sämtliche möglichen Erfahrungs-
nem philosophisch stärksten Sinne zu verstehen wäre); vielmehr ebenen (auf deren Vielzahl wir bereits hingewiesen haben) vari-
durchsucht er alle nur vorstellbaren Schichten, in denen der ieren zu lassen, um ein Bild des strengen Organons zu erhalten,
Schatten der Geisteskrankheit eine Spur hinterlassen haben kann. das für den Aufbau des Buches verantwortlich ist.
Wo immer er auf eine Anspielung, einen Schrei, ein Bild, eine Natürlich kann solch eine Analyse dem Leser nur eine schwa-
flehentliche Bitte, eine Karikatur stößt, da wird er aufmerksam, che Vorstellung von einem Werk vermitteln, das sich über seinen
und es folgt eine luzide, tiefgründige Analyse. Daher die Erha- Gegenstand und seinen Aufbau hinaus ganz bewußt von zahlrei-
benheit einer Odyssee, die den Leser von den alten, verfallenen chen Quellen inspirieren läßt, darunter dem Michelet der Hexe
Leprosorien zu den Ufern führt, an denen das Narrenschiff und dem Nietzsche der Geburt der Tragödie, den untergründigen
anlegte, von der mittelalterlichen Ikonographie zu den Bilderbo- Vorstellungen de Sades, dem poetischen und sprachlichen Licht
gen des Tukeschen Asyls, von der tragischen Raserei des Orest eines Char und Artaud, um nur einige wenige zu nennen, wobei
zu dem seltsamen Dialog von Rameaus Neffen, von den Erlassen all diese Inspirationen zu einer logischen Konstruktion beitragen,
Colberts zu den Beschlüssen der Französischen Revolution. Die von der wir hier leider nur die Elemente anzugeben vermögen.
unterschiedlichsten Ebenen allgemeiner kultureller Aktivitäten
werden hier der Erforschung für wert befunden; daher die Kom-
paktheit des historischen Ensembles, das dieses Blich ans Licht I
holt.
Damit verlagert sich das eigentliche Problem auf die Organisa- Wer über den Wahnsinn sprechen will, muß sich zunächst für
tion, den Aufbau, die Strukturierung. Zu den Verdiensten der eine Sprache entscheiden. Diese Wahlentscheidung hat ihre
Gelehrsamkeit gesellt sich die Klarheit des philosophischen Auswirkungen auf sämtliche Probleme. Man kann über die
Bewußtseins, der historischen Synthese und des aufmerksamen, Unvernunft reden, man kann die Nichtvernunft auch selbst
leidenschaftlichen Herangehens an die latenten Realitäten der sprechen lassen.
Unvernunft. Da es uns nicht möglich ist, dieses Werk in der Im ersten Falle bedient man sich der Idiome der Ablehnung
Vielgestaltigkeit seiner konkreten Analysen zu fassen, wollen und Vereinnahmung. So macht man es im Blick auf ein fremdes
wir es zu verstehen versuchen, indem wir der Bewegung folgen, Land, eine Reise nach Erehwon, ein Tier mit sonderbaren Ver-
durch die der Autor selbst diese Vielgestaltigkeit meistert. Das haltensweisen, einen gefährlichen Gedanken oder eine naturali-
wird uns eine Vorstellung von der Höhe seiner Meisterschaft sierte Sache. Das Objekt wird dort hinter das Strahlenbündel'
vermitteln. einer perspektivischen Sprache gesperrt, deren Zentrum die
Wir beginnen mit der Sprache, der Schrift, der sprachlichen Wahrheit bildet, und dieses Zentrum liegt im Mund des sprechen-
Technik Michel FoucauIts. Schon sein Stil scheint uns die den Subjekts. Letzteres wird hier verstanden und nicht das,
überaus unmittelbaren und tiefgründigen Strukturen zu erschlie- wovon es spricht. Verstanden wird der Vernünftige, der nach
ßen, die das Werk und seinen Gegenstand organisieren. Diese seinen eigenen Normen über den Verrückten spricht; der Ver-

234 235
rückte dagegen wird abgewiesen, wird selbst von den Normen das Wort geben, denen bislang niemand zugehört hat, selbst
jener Sprache ausgeschlossen, deren Objekt er ist. wenn die Kohärenz ihres Wortes eine irre ist. Daß diese Entschei-
Dagegen ist auch möglich, die autochtone Sprache dessen zu dung erhebliche Schwierigkeiten mit sich bringt, werden wir
übernehmen, von dem man spricht. Wer zuhört, muß dann seinen noch sehen; aber einen Teil der Geschichte des Wahnsinns haben
Weg über geeignete Übersetzungen und Dechiffrierungen neh- wir bereits verstanden: Durch drei Jahrhunderte des Elends
men. Das setzt voraus, daß solche Übersetzungen möglich sind, hindurch hat man über einen Stummen gesprochen; jetzt hat er
daß jede menschliche Sprache eine Chiffre impliziert, die sie in seine verlorene Sprache wiedergewonnen; jetzt beginnt er selbst
eine andere Sprache transponiert - was im allgemeinen auch und über sich selbst zu reden.
zutrifft. Doch im Grenzfall scheint diese Chiffre sich zu verflüch- Hier wird also jemandem - ohne Zweifel zum erstenmal- das
tigen, wenn die betreffende Sprache sich außerhalb der Regeln Wort gegeben, dem es stets verweigert worden ist. (Die Voraus-
jenes vernünftigen Spiels stellt, das Übersetzungen erst möglich setzungen dieser Gabe werden in bemerkenswerter Symmetrie
macht. Niemand vermöchte einen Menschen zu verstehen, der die grausamen Motive dieser Verweigerung ans Licht bringen;
mit den Vögeln spricht, wenn der sich wirklich auf den Gesang im übrigen werden wir uns diesen Gedanken einer Spiegelsym-
der· Vögel einläßt. Das gewählte Idiom bringt dann am besten metrie merken müssen, er ist ein Schlüssel zum gesamten Werk.)
zum Ausdruck, wovon es spricht; doch das hat allenfalls einen Aber wie soll man einen Menschen zum Sprechen bringen, der
verrückten Sinn, wenn es sich um Irresein handelt. Der Irre seit Anbeginn der Geschichte in den Kerker der Stummheit
spricht endlich selbst, aber er schreit seinen Wahn in die Wüste eingemauert ist, einen Menschen, der sich nur in einer nichtkom-
hinaus. Ein Sonderfall, der auch auf den Traum zutrifft. munizierbaren Sprache auszudrücken vermöchte? Wie soll man
Die erste Wahlentscheidung und das erste Dilemma. Michel die Nichtsprache der Unvernunft entwickeln? Wie soll man den
Foucault hat den Mut, sich für den zweiten Weg und dessen durchsichtigsten aller Spiegel entdecken, damit jeder Schirm vor
Schwierigkeiten zu entscheiden. Er sucht - und findet - die dem Irren weggezogen werden kann? Aber auch wenn dies dem
Schlüssel zur Sprache des Wahnsinns, wie Freud die Schlüssel Autor gelingen sollte, bleibt immer noch zu bedenken, daß
zur Sprache des Traumes gefunden hatte, und dies auf dieselbe solche Transparenz nichts anderes sichtbar machen könnte als
Weise: indem er die Menschen selbst sprechen läßt. Damit lehnt Wahn und Nichtsinn. Wir müssen deshalb an die Grenze zweier
er die Sprachen der Ablehnung und Vereinnahmung nun seiner- Qualitäten der Sprache gehen, an die Grenze der Transparenz und
seits ab. Der Ablehnung verfällt der Positivismus mit seinen an die Grenze der Opazität, wenn wir die Wahrheit der Nichtver-
Definitionen und Klassifikationen, seinen Stammtafeln und bota- nunft in den ihr eigenen und dennoch aussagekräftigen und
nischen Gärten, das ganze sprachliche System, das man der kommunizierbaren Strukturen zum Ausdruck bringen wollen.
Realität des Wahnsinns übergestülpt hat. Die rationalistische Wir müssen einen Schirm aufstellen und ihn wegnehmen; wir
Einstellung gegenüber dem Problem der Unvernunft erscheint als müssen ihn durchsichtig und kompakt zugleich gestalten. Wir
eine Zurückweisung der darin enthaltenen tiefen Wahrheit; sie müssen, könnte man sagen, die Gleichungen des schwarzen
übersetzt die Nichtvernunft in die Normen der Vernunft und Lichts entschlüsseln.
verfehlt damit deren autochtone Bedeutung. Die Elle einer Syn- Deshalb war Michel Foucaults Buch eines, das zu schreiben
tax an wirres Gerede anzulegen ist widersinnig; so lassen sich unmöglich war, es sei denn, er hätte das Wunder vollbracht,
allenfalls Trugbilder unterscheiden. Deshalb müssen wir denen diese beiden Notwendigkeiten zu entwirren. Nun ist es aber

236 237
tatsächlich geschrieben worden, denn es liegt vor uns. Wir Stil der Voraussetzungen der Möglichkeit dieses Schweigens.
werden herausfinden müssen, wie das möglich war; wir werden Der Ausschluß von jeglicher Sprache findet seinen Ausdruck in
das Wunder seines Schreibens klären müssen, wenn wir in die der Sprache einer abstrakten Theorie der reinen Ausschließungs-
buchstäblich unerhörte Welt eintreten wollen, die uns darin vorgänge. Es war schwierig, einen derart eng aus widersprüchli-
beschrieben wird. chen Notwendigkeiten geknüpften Knoten mit solcher Strenge zu
lösen. Im weiteren werden wir sehen, daß die Sprachen der
Hier nun, wie uns scheint, eines der Geheimnisse dieser Ablehnung und Vereinnahmung in eben dieser Theorie ihre
Sprache: Michel Foucault hat sich entschlossen, sein Buch in der Erklärung finden.
Sprache der Geometrie zu schreiben, und zwar der Geometrie,
wie sie sich gewissermaßen zur Zeit ihrer Entstehung darbot, zu Doch bevor wir weitergehen, müssen wir noch einmal auf die
einer Zeit nämlich, als sie noch ästhetisch und dennoch schon »geometrischen« Strukturen zurückkommen. Denn die Ge-
formal, ihre Ausdrucksform noch konkret, aber bereits äußerst schichte des Wahnsinns folgt diesen räumlichen Grundlinien mit
streng war, als ihre Dichte sich in einem begrifflichen Quasi- außerordentlicher Treue. Man könnte sagen, am Anfang ist ein
Vakuum präsentierte. Wenn man sich die Ausdrücke und Voka- einziger, chaotisch strukturierter Raum gegeben, der ebenso
beln, den Stil, die Logik und das Organon des Buches anschaut, undefinierbar ist wie der Raum jenes Gewässers, auf dem das
dann erkennt man in der Tat, daß sie ohne Zweifel aus einer Narrenschiff, Navis Stultifera, umhertreibt. Der Irre ist da,
dichten Meditation über die primären Eigenschaften des Raumes überall und sich selbst stets so nahe, wie man nur mag; zusammen
und über die unmittelbaren Phänomene der Situation stammen. mit dem Armen, dem Elenden, dem Enterbten steht er für das
Wenn man eine Inhaltsanalyse machte und die Häufigkeit der Reich aller Hoffnungen, das heißt für eine Welt - eine Hinterwelt
benutzten Ausdrücke sorgfältig zählte, dann zeigte sich die _, die dieser Welt so nahe und auch so fern ist, wie man nur mag.
Bedeutung von Worten wie Raum, Leere, Grenze, Situation, Die Erfahrung des Wahnsinns verbindet sich hier mit der Erfah-
Teilung, Trennung, Einschließung . . . Ebenso reproduziert die rung der unmittelbaren Nachbarschaft sämtlicher möglichen
Argumentation, wie wir noch sehen werden, vielfach reine Punkte des Raumes und auch mit der Erfahrung einer Fusion der
Positionsbeschreibungen. Und tatsächlich lassen sich die Pro- Welt mit den Hinterwelten. In gewisser Hinsicht gibt es durchaus
bleme der Unvernunft bestens in solch einem sprachlichen und zwei Räume, doch aufgrund der Ubiquität, der immanenten
logischen Netz zum Ausdruck bringen. Denn die massivste und Repräsentation des Leidens Christi und des Skandalon des Kreu-
historisch stabilste Erfahrung, das eherne Gesetz der Nichtver- zes bilden sie einen einzigen Raum. Die Grenze, die Trennungs-
nunft, ist die Absonderung der Geisteskrankheit in einem ge- linie, die Oberfläche des Spiegels verschmelzen miteinander und
schlossenen, isolierten, abgetrennten Raum. Einschließung und sind in allen Punkten präsent; sie bilden das System aller mög-
Absonderung, das sind die tatsächlichen Erfahrungen, die histo- lichen Nachbarschaften. Aber plötzlich strukturiert der Raum des
rischen Gesetze; daraus resultiert eine Exkommunikation, die Wahnsinns sich in völlig neuer Weise. An die Stelle eines
schon bald jeglichen Austausch und Dialog untersagt. Damit Systems unendlich feiner Beziehungen der Nähe und der wech-
nähert sich die hier gewählte Sprache sehr schnell einer Erklä- selseitigen Wahrnehmung tritt eine grobschlächtige räumliche
rung für das Schweigen der Irren. Der räumliche Stil, der die Zweiteilung: auf der einen Seite das Gebiet jeglicher Vernunft
Grunderfahrung der Quarantäne zum Ausdruck bringt, wird zum und aller Siege, auf der anderen das Land, in das ich niemals

238 239
reisen werde, dank meines Mutes und meiner geistigen Energie, wird die Geschichte des Wahnsinns hier niemals als Genese
auch wenn die Versuchung dazu mir nicht ganz fremd ist. Oder psychiatrischer Kategorien verstanden oder als Suche nach den
wie Descartes sagen würde, weil das Andere da ist und ich sicher Vorformen positiver Begriffe im Zeitalter der Vernunft. Foucault
bin, von ihm verschieden zu sein;:deshalb denke ich wahr. Damit verfolgt keine rekurrente Entwicklungslinie, die durch das heu-
ist die räumliche Strukturierung bis auf Nuancen für mehr als tige medizinische Denken geprägt wäre. Vielmehr beschreibt er
zwei Jahrhunderte festgelegt. Ebenso wie man die wilden Tiere die Variation der Strukturen, die sich diesen beiden Familien von
in Käfige sperrt, wie man Verbrecher ins Gefängnis wirft, wie es Räumen auferlegen lassen und die ihnen tatsächlich auferlegt
einen Ort gibt, an dem die Verdammten für ihre Sünden büßen, worden sind: Strukturen der Trennung, der Beziehung, der
so beginnen nun auch die Geisteskranken, unter Quarantäne und Verschmelzung, der Öffnung, der Begründung, der Abweisung,
Gnadenlosigkeit zu leiden. Von nun an konzentriert sich die der Reziprozität, des Ausschlusses und sogar des »Ernährens«;
Aufmerksamkeit des Autors und des Lesers bis hin zum Schwin- kurz, alle denkbaren und in der Geschichte in dieser doppelten
del auf Natur, Funktion und Ausrichtung dieser unüberschreitba- Einfachheit mehr oder weniger unbewußt gedachten Strukturen,
ren Grenze zwischen den bei den solcherart getrennten Berei- bis hin zu dem unbestimmten Kreis, der den bruchlosen Über-
chen. Es wird sich zeigen, daß die ganze Geschichte des Wahn- gang von einem Bereich in den anderen darstellt. Die Geschichte
sinns in den diversen Antworten auf einige wenige Fragen des Wahnsinns ist alles andere als eine Chronik; vielmehr ist sie
enthalten ist: die Variation dualer Strukturen (der »binären Strukturen«, von
- Welcher Art ist die Teilung zwischen diesen beiden Räu- denen auf S. 548 f. die Rede ist), die zwei Räumen auferlegt sind,
men? dem der Vernunft und dem des Un-Sinns.
- Welcher Art ist die Grenze, die sie trennt? Die Notwendigkeit dieser »geometrischen« Sprache und die-
- Welche spezielle Struktur weisen die beiden Räume auf, und ser Problematik der Situation erschließt sich dem Leser in dem
insbesondere, welche Struktur hat der »abgewiesene« Raum? Maße, wie die Geschichte sich entwickelt und dabei deren
Gibt es irgendeine Beziehung, ein symmetrisches Verhältnis Elemente präzisiert. Und plötzlich (S. 455) begreift man, daß das
zwischen den beiden Bereichen? Hat der Stil des »freien« Rau- Wesen des Wahnsinns in nichts anderem als dieser Situation
mes irgendeinen Einfluß auf die Art und Weise, wie das Subjekt liegt: »Er bildet notwendig eine Einheit mit jener abgeschlosse-
dieses Raumes den »abgewiesenen« Raum strukturiert? Anders nen Welt, die gleichzeitig für ihn seine Wahrheit und sein
ausgedrückt: Läßt die Ausstoßung einen bestimmten Typ von Aufenthalt ist. Durch einen Rückgriff, der nur seltsam ist, wenn
Freiheit, einen bestimmten Typ von Vernunft erkennen? Und man den Wahnsinn vor den ihn bezeichnenden und betreffenden
schließlich: Läßt sich erkennen, ob das »abgewiesene« Subjekt Praktiken ansetzt, wird seine Situation ihm zur Natur.« Der
selbst eine Strukturierung des »abgewiesenen« Raumes vor- geschlossene Raum der Internierung bildet die konkrete Grund-
nimmt, also ob es aus dem Reich der Sklaverei ein Land der lage einer reinen Theorie der Situation, und diese Situation bringt
Freiheit macht? bald schon die eigentliche Natur der Unvernunft zum Ausdruck.
Wir begreifen nun, weshalb die Probleme der Sprache und der Sie ist entfremdet, weil in Ungnade gefallen. Wir werden später
Logik bei Michel Foucault Einfluß auf das Verständnis von noch sehen, wie die Wahrnehmung der Situation zur Erkenntnis
Geschichte haben und warum er zu Beginn des Buches die des Wesens wird.
Vorzüge der von Dumezil entwickelten Methode lobt. In der Tat Darüber hinaus möchte Michel Foucault uns verständlich

240 241
machen, wie die Linien gezeichnet sind, welche die bei den
neutrale Sprache par exellence ist, von äußerster Strenge und
betrachteten Räume öffnen, schließen oder miteinander verbin-
selbst frei von Bedeutungen oder Inhalten. Es ist transparente
den. Natürlich wohnt der, der den Stift führt, sicher und guten Struktur und niemals Verschleierung.
Gewissens im Raum der Vernunft; mit der denkbar größten
Entschiedenheit - und Grausamkeit - pocht er auf die Grenzlinie, Wir wollen uns nun einigen Beispielen zuwenden, die zeigen,
die ihn vom »Anderen« trennt und den alienus in seinem Käfig- welches konkrete Interesse diese formalen Strukturen verdienen.
raum gefangen hält. Manchmal jedoch im Laufe der Geschichte Was ist eine Grenze? Zunächst einmal ist sie die gezogene Linie
machen ein paar Blitze Schatten sichtbar, die sich der teilenden selbst, gleichsam deren »Grat«; was sie interessant macht, sagt
Grenze unmittelbar nähern (wie zu Zeiten, als der Irre uns nahe schon ihre Definition. Diese Grenze oder Linie hat andererseits
war), lassen sogar einen Mund erkennen, der aus dem Bereich zwei Ränder. Wenn ich eine geschlossene Linie um mich ziehe,
?es Schweigens heraus spricht. So wird zum Beispiel der Dialog so schütze und verteidige ich mich damit. Die eine Seite der Linie
1ll Rameaus Neffe verstanden; die Gesprächspartner sind beide
bedeutet Schutz für mich, die andere Seite bedeutet den Aus-
nicht weit von der Grenzlinie entfernt; der Irre ist nicht ganz schluß für die anderen. Wir müssen daher zwischen Formen der
verrückt, und der Vernünftige flüchtet nicht, schließt den Irren Befreiung und Strukturen des Schutzes (S. 479) unterscheiden,
nicht aus. Die Geschichte des Wahnsinns ist danach eben diese welche die »linke und die rechte Seite« der Trennungslinie
gebrochene Linie, die nur selten ein Ort der Annäherung, dafür
bilden. Ein Beispiel: Das achtzehnte Jahrhundert rühmt sich,
aber zumeist eine Linie der Abstoßung und Zurückweisung über
innerhalb des Internierungsraumes eine Trennung zwischen Irren
die Grenze hinweg gewesen ist.
und Kriminellen vorzunehmen. Müssen wir nun glauben, dahin-
Hier wäre hinzuzufügen, daß diese formalen oder sprachli- ter steckten humanitäre Erwägungen hinsichtlich der Geistes-
chen Strukturen natürlich auch im Stil des Autors zutage treten, kranken? Sehen wir uns einmal an, wie die Trennungslinie
auf der offenkundigsten Ebene dieses Stils, in seinen Bildern und angeordnet, wie sie ausgerichtet ist. Da zeigt sich nun, daß ihre
in den Bildern, die er analysiert. Daher die überaus breite und
Wächterseite dem Raum der Irren zugekehrt ist (S. 360- 368,
gravitätische Beschreibung der beiden Bereiche als Land und
dort heißt es zum Beispiel: »alle Internierungsstätten müssen
Meer, Tag und Nacht, und der Grenze zwischen ihnen als besser isoliert ... werden«). Hier haben wir den Spezialfall eines
Morgen- und Abenddämmerung. Wir werden noch sehen, wie Gesetzes, einer Konstanten der allgemeinen Geschichte des
glücklich Foucault den Racineschen Traum und die Racinesche Wahnsinns: bei allen Abtrennungen ist die Ausschließungsseite
Morgenfrühe mit Hilfe dieser ersten Methode erklärt.
der Trennungslinie stets dem Raum der Unvernunft zugekehrt.
Mit der Lösung der primären Sprachprobleme hat Michel Das gilt selbst dort, wo man sich um feinsinnige Analysen dieses
Foucault zugleich auch die fundamentalen Probleme gelöst; er Raumes bemüht, die naiv für Versuche gehalten werden können,
führt uns seine Strukturen vor, zeigt uns die Architektur seines die Kranken zu befreien. Doch die Scheinbefreiung verdeckt
Buches und skizziert sein Programm. Das Wort und seine Bilder
stets nur eine noch schlimmere und realere Einschließung . Daher
das Wort und seine Bedeutungen, sie führen uns bruchlos von de; die Hagiographie der Wunderheilungen von Bicetre; in Wirklich-
formalen Konstruktion bis hin zu den feinsten Nuancen. In einer keit hört man niemals auf, Barrabas zu befreien.
bemerkenswerten Umkehrung wird das allerrationalste Wort Es zeigt sich nun, daß dieses allgemeine Gesetz eine überaus
zum Ausdrucksmittel für das Unnennbare. Und dies, weil es die wichtige Konsequenz hat. Die Trennungslinie mit ihren beiden
242
243
charakteristischen Seiten führt niemals zu einer Annäherung an Hier liegt es nun nahe, auf zwei Themen hinzuweisen, die sich
den Wahnsinn, sondern stets zu dessen weitestmöglicher Entfer- als Analoga dieses Gesetzes darstellen, als Analoga auf ganz
nung, zum perfektesten Ausschluß, kurz, zur denkbar reinsten unterschiedlichen Ebenen. Auf der Ebene des Bildes gehen wir
Mißachtung. Folglich schließt siG:h der Bereich der Geisteskran- vom Meer, auf dem das Narrenschiff umherirrt, zur Festung
ken immer stärker; aufgrund der fortgesetzten Einschließung und über, zur Zelle, zum Verließ, zum Kloster, zum Schloß, zur Insel
Isolierung schrumpft seine Haut. Dann aber, in einer unvermeid- (S.366f. und 415). Auf der Ebene des Bewußtse~~s wird die
lichen Umkehrung, kommt auch der Wahnsinn auf seine Kosten. geschichtliche Bewegung, deren epistemologische Ubersetzung
Er reinigt sich nach und nach (er war das, wovon man die übrigen wir hier erhalten haben, zu einem Prozeß beständiger Verinnerli-
Bereiche gereinigt hatte) und determiniert sich definiert sich chung. Man lese einmal aufmerksam das zweite Kapitel des
individualisiert sich als das, was er ist: als Wahn~inn - wobei di~ dritten Teils in diesem vom Autor ausdrücklich angesprochenen
Ausdrücke »determiniert« und »definiert« in ihrem etymologi- Geiste und man wird in aller nur wünschbaren Deutlichkeit
schen Sinne zu verstehen sind. Da man ihn von allen nur erkennen, wie die Gesamtheit dieser räumlichen Strukturen sich
möglichen Nachbarschaften ausgeschlossen hat - seine Ge- mit den genannten Ergebnissen hinsichtlich des Gedankens der
schichte reduziert sich gelegentlich auf die bloße Aufzählung der Grenze verbindet; wie sich insbesondere ein besonderer Raum
Nachbarschaften, von denen man ihn trennt -, findet er sich am innerhalb des alten gemeinsamen Raumes herausbildet (S. 397),
Ende als das einzig Ausgeschlossene, das heißt, er wird endlich wie dieser besondere Raum sich mit einem Netz von Unterschei-
in seiner Reinheit, seinem Wesen und seiner Unterschiedenheit dungen und Kategorisierungen überzieht (S. 399), mit anderen
anerkannt. Der Wahnsinn ist zugleich das Ausgeschlossene, das Worten, wie die zum Zwecke der Abwehr gezogenen Grenzen
Unterschiedene, das in Trennungslinien und Grenzen Einge- nun zu Grenzen des geschlossenen Raumes der Internierung
schlossene. Die Vielzahl der Abtrennungen im Laufe der Ge- selbst werden, wie die Strukturierung dieses besonderen Raumes
schichte führt zu einer epistemologischen Klärung. Die Wieder- im Innern des alten gemeinsamen Raumes aufgrund einer präzi-
holung der Umgebungen und Entfremdungen führt gewisserma- sen Beziehung zum Raum der Vernunft erfolgt (S. 405). Diese
ßen zur Entdeckung des Stoffes im Reinzustand: Die aufeinan- Betrachtung erreicht ihren Höhepunkt in dem Augenblick, da die
derfolgenden Eliminierungen werden zu Analysen. Damit hat Grenze, die den Raum der Irren umschließt, zu einem Filter wird,
sich uns das spektakulärste und aussagekräftigste Gesetz dieser der selbst über Zu- und Abgänge entscheidet (S. 454 f.). Damit ist
seltsamen Geschichte enthüllt, fast könnte man sagen, ihre das Ende dieses Strukturierungsprozesses erreicht: Die Grenze
Finalität: Der Wahnsinn ist seinem Wesen nach die letzte aller beurteilt und definierte den Irren; am Fuße dieser Mauer wird er
Ausschließungen. Auf diese Weise wird die Wahrnehmung der als solcher erkannt. Die Selbstdefinition ist abgeschlossen -
Situation zur Erkenntnis des Wesens. Es ist kaum anzunehmen , genau dies hatte die reine Theorie vorausgesehen.
daß der Autor diese Entdeckung hätte machen können, wenn er
nicht ständig auf die an den Anfang seiner Überlegungen gesetzte Unseres Erachtens ist es sinnvoll, die letztgenannten Themen
Struktur hätte zurückgreifen können. Allein die von uns so zu verallgemeinern. Wenn man in dieser Weise auf die elemen-
genannte reine Theorie der Ausschließung vermag eine Defi- tarsten Strukturen des Raumes zurückgreift, das heißt auf jene
nition des Wahnsinns zu liefern: die Definition, Unterscheidung strengen Strukturen, die der Ästhetik noch am nächsten sind,
oder Abgrenzung eines Wesen, einer Natur, einer Situation. dann schafft man damit an einem Beispiel eine bemerkenswerte

245
244
Methodologie der reinen Beschreibung. Gewiß hat der Leser in Die ganze Strenge des Aufbaus wäre indessen vergeblich,
den vorangegangenen Zeilen einige Elemente einer Geometrie wenn nicht über das strukturale Verständnis hinaus noch eine
wiedererkannt, die sich von Quantität und Maß befreit hat, einer geheimere Vision und eine leidenschaftlichere Aufmerksamkeit
Geometrie, die der wahrgenommenen Qualität sehr nahe kommt. zum Zuge kämen; anderenfalls wäre das Werk zwar präzise, aber
Diese methodischen Elemente haben eine philosophische Bedeu- nicht ganz und gar wahr. So sind denn die logische Argumenta-
tung, die man gar nicht hoch genug bewerten kann. In der Tat tion und die minutiöse Gelehrsamkeit der historischen Untersu-
bietet sich uns hier ein strenges formales Organon des rein chungsarbeit von einer tiefen Liebe durchzogen, einer keines-
Qualitativen. Wenn man Phänomene beschreiben will, die einer wegs vage humanitären, sondern nahezu frommen Liebe zu
Messung ihrem Wesen nach nicht zugänglich sind, wenn man diesem dunklen Volk, in dem er den unendlich Nahen, den
Strenge in einer reinen Form oder einer stetigen und nicht Anderen schlechthin erkennt. Die klaren Strukturen der Tren-
quantifizierbaren Variation erfassen möchte, dann wird man nur nung finden hier ihre Antwort im bewegenden Schmerz der
solch ein Organon dafür einsetzen können, das diesen Anforde- Zerrissenheit.
rungen genauestens entspricht. Wenn man das von Michel Fou- So ist denn dieses Buch, das immer wieder siegreich aus dem
cault benutzte strukturelle Ensemble in seiner Reinheit, das heißt Kampf mit einem unmöglichen Wort hervorgeht, das dem
jenseits des hier behandelten historischen Beispiels (der Ge- Nichtstrukturierbaren mit allergrößter Rationalität Struktur ver-
schichte des Wahnsinns nämlich), und als solches betrachtet, leiht - so ist denn dieses Buch zugleich auch ein Schrei. Es weist
könnte man leicht zu einem allgemeinen Organon jener Wissen- das Pathos des Rationalismus zurück, der hochmütig und ver-
schaften gelangen, die sich noch im Stadium der Beschreibung ächtlich ist; es weigert sich, den Standort des äußeren, abgelösten
befinden (und auch niemals über dieses Stadium hinaus gelangen Beobachters einzunehmen, und damit weist es vor allem eines
können) und auf die man über diverse Verfahren scheinquali- zurück: den ärztlichen Blick. Nachdem der Riß vollzogen und
tative Strukturen anzuwenden versucht. Sollte dieses Unterneh- schmerzhaft erkannt ist, steigt der Schrei aus der Mitte der
men erfolgreich sein - und es erfordert die ganze Anstrengung tausend konzentrischen Kreise empor, hin zu jenen und gegen
unseres heutigen Denkens -, dann erblickte zweifellos eine neue jene gerichtet, die diese Kreise langsam und unerbittlich mit der
Familie wahrer Wissenschaften das Licht der Welt, die man als bitteren Spitze ihres Zirkels ziehen.
morphologische Wissenschaften bezeichnen könnte. Und Michel So ist denn diese transparente Geometrie die bewegende
Foucault wüßte ganz gewiß nur zu gut, daß allein die Sprache Sprache jener Menschen, welche die schlimmste Qual der Aus-
dieser in Entstehung begriffenen Geometrie jenes Ensemble von schließung, des Exils, der Quarantäne, der Ächtung und der
Strukturen bereitzustellen vermag, nach denen zahlreiche Den- Exkommunikation erleiden. Und dieses Buch ist das Buch aller
ker unserer Zeit bewußt oder unbewußt suchen. Von daher kann Einsamkeiten. Doch inmitten all dieses Leidens zeigt sich die
diese Geschichte einer vorwissenschaftlichen Erfahrung (das vor Anziehung hin zu sämtlichen Grenzen; der Schwindel der Nähe,
in allen nur denkbaren Bedeutungen verstanden) in der Tat als die Hoffnung auf eine neue Verbindung, das Haus in der aufge-
einer der ersten Schritte einer sehr naheliegenden und notwendi- henden Sonne.
gen wissenschaftlichen Arbeit angesehen werden.

247
246
II ist gleichsam mit einem negativen Vorzeichen versehen, ja er ist
nichts anderes als das Negativ der klassischen Werte des Denkens
Das erste sprachliche und logische Thema des Werkes ist also und der Kultur. Unser siebzehntes und achtzehntes Jahrhundert
diese Struktur einer räumlich~n Teilung, einer Dualität getrenn- wird wie in einem Spiegel enthüllt und gelesen oder genauer: von
ter Bereiche. Überall in dem untersuchten Zeitraum stößt man der anderen Seite des Spiegels her.
darauf, unter tausend Gestalten, mit tausend Gesichtern, im Aus dieser Analyse dürfen wir indessen nicht den Schluß
feinen Geflecht der soziopolitischen, ökonomischen und morali- Zl
.ehen , die dadurch ans Licht gebrachten Themen seien lediglich.
schen Praktiken der Internierung, in den dunklen Vorlieben der Bilder: im Inneren eines formalen Raumes erlaßt, haben sie
medizinischen Theorie, in der grausamen Willkür einer Thera- vielmehr den Charakter von Voraussetzungen. Wenn Michel
pie, die ebenso wahnhaft ist wie das Verhalten des Patienten, den Foucault die Kehrseite der klassischen Vernunft enthüllt und die
sie heilen will. Die vollkommene wechselseitige Unabhängigkeit Phantasmen der Unvernunft hervorholt, die von der Vernunft
dieser drei Ebenen ist andererseits ein Element in der Erfahrung abgewiesen werden, dann enthüllt er damit das Gegenst~ck ~u
des Wahnsinns, das mindestens ebenso bedeutsam· ist wie die dem was man zu wissen glaubte. Und dieses Gegenstuck Ist
Tatsache, daß die hier beschriebene Struktur in analoger Weise kein~ bloße Wiederholung der klassischen Ordnung im Bilde des
über alle drei Ebenen variiert. Wahns sondern Voraussetzung für die Herstellung dieser Ord-
Doch bevor wir darauf kommen, müssen wir aus dem Raum- nung. Man kann sogar ohne jede Einschränkung sagen, ~ichel
gedanken eine überaus wichtige Folgerung ziehen, ohne die eine Foucaults Werk ist für die Tragödie der Aufklärungszelt (und
der Entdeckungen des Buches unbeachtet bliebe. Betrachten wir ganz allgemein für die klassische Kultur, w~e wir n?ch .sehen
noch einmal die Konfiguration der beiden getrennten Bereiche. werden) dasselbe wie Nietzsches Umgang mit der gnechlschen
Hinsichtlich ihres wechselseitigen Verhältnisses haben wir bis- Tragödie und der griechischen Kultur: Er zeigt die dionysisc.hen
lang nur die Vorstellung einer gemeinsamen Grenze. In Wirk- Momente, die unter dem apollinischen Lichte verborgen sind.
lichkeit aber müssen wir uns dieses Verhältnis als invers oder Wenn der Leser sich im Gefolge des Autors auf den mühsamen
komplementär denken. Selbstverständlich steht einer der beiden Weg durch die ersten dreihundert Seiten macht, um in die W~lt
Bereiche für die unmittelbar rationalistischen Einstellungen, die der Besserungsanstalten und den unsinnigen Raum der Internie-
Einstellungen des Ausschlusses und der Abwehr, für das, was rung einzudringen, und dann zurückblickt, so wird er mit einem
kulturell, moralisch oder religiös als »normal« gilt, kurz: für die Schlage erkennen und, dank dieses Spiegels gleichsam ~ausend­
Summe der klassischen Erfahrungen, aus denen die Welt des fach verstärkt, in gänzlich neuem Lichte sehen, worauf, 1ll bezug
Handeins und Denkens besteht, die den ehrbaren Leuten vertraut auf was und wogegen die klassische Welt erbaut worden ist, ihre
ist. Der zweite Bereich steht für die Welt der Unvernunft, er ist soziale, politische, ökonomische Organisation, und i~ Gre~z­
die formale Projektion dessen, was die Internierung in vivo ist. fall, worauf, in bezug auf was und wogegen Descartes Medlta-
Aus dieser Anordnung folgt, daß die Beschreibung der komple- tionen, die Racinesche Tragödie, Malebranches Gedankenge-
xen Organisations weisen dieses zweiten Raumes sich als das bäude oder Spinozas Axiomatik errichtet worden sind. Sagen,
System aller Momente darstellen muß, die sich zu der von der daß dieser Rationalismus rein sei, heißt sagen, wovon er sich
klassischen Vernunft gebildeten kulturellen Welt invers, entge- gereinigt hat, durch Ausschluß, Abweisung und Ver~chtu~~.
gengesetzt oder komplementär verhalten. Dieser zweite Bereich Was zunächst nur als Bild, als Gegenstück, als RezIprozItat

249
248
erschien, das wird nun zur eigentlichen Grundlage. Der schönste geometrischen Sprache zu bleiben: Sämtliche Punkte sind einan-
Lohn, den der Anfang dieses Werkes gewährt, liegt in dieser der benachbart; der Irre ist der Nächste, ganz wie der Bettler und
rückblickenden Erkenntnis, wie sehr die Vernunft an den Tag zu der Arme. Diesem Chaos überlagert sich die transzendente
bringen versucht, daß der Wahnsinn ihre ganze Reinheit be- Teilung des Raumes; der Nächste ist Zeichen (Abbild) und
schmutzt. Wenn wir Äschylos und Sophokles ganz wie den Offenbarung der Stadt Gottes, das heißt die Voraussetzung der
Sokrates nach Nietzsche besser begreifen, so sind uns Descartes mystischen Erkenntnis Gottes. Das hat zur Folge, daß die beiden
und vor allem Racine besser erklärlich nach Foucault, und dies Räume (oder vielmehr die zwei mal zwei Räume) allenfalls durch
aus ganz ähnlichen Gründen. Wir wissen nun, von welchen eine Grenze getrennt sind, die unablässig im Verschwinden
Nächten die Tage umgeben sind, von welchen Irrtümern unsere begriffen ist: Der Irre ist da, geradeso wie Christus. Die Struk-
Wahrheiten, von welchem Nichtsein unsere Realitäten. Diese turierung des Raumes ist zutiefst christlich; sie entspricht der
formale räumliche Grenze, die für das Gefühl einen Riß darstellt , Unterscheidung und Verschmelzung von Immanenz und Tran-
sie ist Morgen- oder Abenddämmerung für die Vernunft. Das szendenz und dem Lesen der Symbole. Es gibt durchaus zwei
Tragische sieht den Wahn die unbestimmte Barriere der Morgen- Reiche, doch das »andere« ist stets unendlich nahe und allenthal-
dämmerung durchbrechen, um die Klarheit des Tages mit seinen ben an Zeichen erkennbar. Diese unbestimmte Grenze nun ver-
Schatten zu überziehen, um die Nacht mit gleißendem Licht zu härtet, definiert und materialisiert sich plötzlich durch die Mau-
zerreißen. Irrtum und Vernunft, Träume und Luzidität, Tag und em der Internierung. An die Stelle der Lichtblitze eines in
Nacht, Leiden und Tyrannei, diese dualen Begriffe verhalten sich tausend Stücke zerfallenen Spiegels, dessen Teile alles Licht des
zueinander wie gesunder Menschenverstand und Wahnsinn; der Sinnes sammeln, treten die Starrheit einer absoluten Grenze und
zweite Raum enthält Nachahmungen, Karikaturen, Existenzbe- die für alle Zeiten gültige Unterscheidung zweier getrennter
dingungen der Themen des ersten Raumes, und dieser, der Raum Räume. Was Gott nicht hatte tun können, das tun nun Colbert und
der Siege, vermag sie nur zu gewinnen und zu halten, wenn er Descartes und der heilige Vincent von Paul. Der Irre zeugt jetzt
solche Gesten des Schutzes, der Zurückweisung und Vereinnah- nicht mehr von der Nähe eines abwesenden Reiches; er wird in
mung vollzieht. Spiegelbildliche Verhältnisse, Symmetrien, Be- ein Verließ gesperrt, und verliert damit auch seine Funktion als
dingungen sind im übrigen nicht die einzig möglichen Beziehun- Zeichen. Doch das Chaos des Gesamtraumes, der den Luziden,
gen, denn die Grenze, die beide Bereich voneinander trennt , den Armen, den Irren und den Kranken unterschiedslos in sich
verändert deren Natur und vervielfältigt sie bis ins Unendliche. barg, dieses Chaos findet sich nun im abgesonderten Raum aller
Elenden wieder. Wenn auf der einen Seite der Vernünftige durch
Diese Transformationen, die ja gerade die Natur der Grenze diese Teilung gerettet wird und hinfort in einem gereinigten
betreffen und damit auch die Abfolge der Wendungen in den Reich regiert, so bleibt der Irre weiterhin in dem chaotischen
reziproken Beziehungen zwischen den beiden Räumen, diese Raum, zusammen mit Armen, Kranken und Asozialen. Nach der
Transformationen bilden in den Augen des Autors die eigentliche Teilung müssen wir daher den Transport der chaotischen Struk-
Geschichte des Wahnsinns. Wenn wir uns die räumlichen Struk- tur betrachten. Der Irre ist entfernt worden, weg von der materiel-
turen der mittelalterlichen Erfahrung noch einmal ansehen, er- len Nähe und weg von der Bedeutung; die Grenze, die ihn
kennen wir den Weg, der zurückgelegt worden ist. Wir haben zurückweist, ist definiert, keineswegs aber der Wahnsinn; er ist
seine Organisation chaotisch genannt, um möglichst nahe an der unterschiedslos das Schlechte, der Irrtum, das Elend, das Nicht-

250
251
sein, kurz: alles, wovon man die Vernunft gereinigt hat. Wir Wir können dieses System komplementärer Elemente hier
stoßen hier wieder auf die »binäre« Struktur der klassischen unmöglich in seinen Einzelheiten beschreiben. Es gliedert sich
Epoche. An diesem Beispiel können wir erkennen, wie die nach dem von Foucault selbst ausdrücklich benannten Prinzip
Geschichte sich auf der Basis einer einfachen strukturellen Varia- (S.386), wonach »die Geschichte des Wahnsinns das Gegen-
tion konstituiert.
stück der Geschichte der Vernunft« ist. Hinter dem Spiegel der
Gemäß der großen klassischen Dualität macht die Analyse Internierung entfaltet sich eine dunkle Geschichte, die gleichsam
folglich den Raum des Wahnsinns sichtbar als Raum aller nur die Umkehrung der unserer Kultur bekannten Geschichte dar-
denkbaren Negativa, all der Dinge, von denen die Vernunft stellt; und diese Umkehrung bedarf der Erklärung. Es ist so, als
gereinigt worden ist. Die oben vorgestellte Erklärung entfaltet hätte die Geschichte der Ideen ihr Gegenstück im abgeschlosse-
hier ihren ganzen Reichtum und ihre ganze Bedeutung. Wir nen Raum des Asyls.
sehen nun, wie es möglich ist, zu den Wurzeln aller Positiva des Wir haben bereits gesehen, wie Descartes ohne jede Argumen-
Zeitalters der Vernunft zu gelangen. Die traditionelle Ökonomie tation und ohne Beweis eine Möglichkeit von Wahnsinn zurück-
hat Reichtum und Wohlstand zum Objekt: Michel Foucault weist, die ihn nicht betreffen konnte - eine hochmütige Zurück-
schreibt die Geschichte aller Formen von Armut und Elend. Die weisung in ein virtuelles Bild, eine extravagante Phantasmago-
Moral ist das System des Guten: Michel Foucault steigt zu den rie. Desgleichen haben wir gesehen, wie das Kristall der Aurora
Urgründen des Bösen und aller Übel hinab. Die Philosophie des die Schrecken der Nacht im rationalen Licht der klassischen
Zeitalters der Aufklärung war eine Philosophie der Ordnung alles Tragödie spiegelt. In derselben Weise sehen wir nun - und
Vernünftigen: Michel Foucault beschreibt das Chaos der Unver- mangels Raum können wir all das hier nur aufzählen - im
nunft ... Und jedesmal, wenn wir den klassischen Positiva achtzehnten Jahrhundert nicht mehr das Bild einer Philosophie
solcherart den ~ücken kehren, entfaltet sich vor unseren Augen der Vernunft, sondern das Negativ einer Philosophie der Natur
das Spektrum aller Negativa, deren Grenzwert der Wahnsinn (S. 359f., 493f. usw.); einer Philosophie der Aufklärung und
bildet - Widernatur und Widervernunft. Geschichte erscheint nur ihrer Zukunftsprojekte; das Negativ zum Thema des guten Wil-
~och als Geschichte der Erfolge und glücklichen Wendungen in den (S. 382); und die Theorie des Fortschritts findet ihr Gegen-
Ihrem vertrauten Sinne. Und dies ist sie nur, weil alle nicht so stück gleichsam als Hohlform in der Theorie der Degeneration.
glücklichen Unternehmungen und Beweisführungen ständig ab- Gleiches gilt für den Begriff des »Milieus« bei Montesquieu: Wie
geschoben und unter Quarantäne gestellt werden. Auf ihrem dort das Klima usw. die Verfassung des englischen Staatswesens
unerbittlichen Wege deckt die Geschichte ihre Mißerfolge und erklären soll, so sehen zeitgenössische Autoren ähnliche Ursa-
die Embryonen ihrer Triumphe unablässig zu. (Man vergleiche chen für die englische Krankheit, Melancholie und Selbstmord
diese Gedanken einmal mit Foucaults abschließender Definition (S. 373 f.). Die Gegenüberstellung ist hier besonders bemerkens-
des Wahnsinns als Abwesenheit des Werkes.) Auf dieser Ebene wert: Ein und dieselbe Familie von Gründen hat Geltung für das
besteht das zentrale Projekt des Buches schlicht darin, diese Positiv der Institutionen wie auch für das Negativ der verpfusch-
verstümmelten Komplexe, dieses Geflüster des Denkens und der ten Momente in der Geschichte. Was das Irrenhaus selbst angeht,
Sprache aufzudecken und sie zu den tiefgründigsten Reagenzien so wird es als »umgekehrtes Bild der Gesellschaft« dargestellt
der Ideengeschichte zu machen. (S.444); darin herrscht das genaue Gegenteil der bürgerlichen
Moral. Eine weitere Umkehrung bezieht sich auf den Gesell-
252
253
schaftsvertrag (S. 495), und etwas später erscheint de Sade als
r getrennt werden (oder sein Objekt von ihm); es muß sein Objekt
Anti-Rousseau. Doch nach und nach nimmt in dieser Welt von
Negativa die positive Psychologie Gestalt an; sie sind die Voraus-
I
!
objektivieren, das heißt, es muß die Gewißheit haben, nicht
dieses Objekt zu sein, sondern es so weit zu beherrschen, daß es
sich von jeder Beunruhigung oder Emotion frei macht, die vom
setzung ihrer Entstehung und zugleich ihr Sündenfall; voll gerü-
stet geht sie aus der Psychopathologie hervor (S.480, 548, Objekt ausgehen könnten. Diese apollinische Heiterkeit, Voraus-
550 f.). Gleiches gilt für die Psychoanalyse: In Tukes Asyl ahmt setzung von Erkenntnis und Befreiung von der Emotion, diese
man die familialen Beziehungen nach; dort entstehen sowohl die Heiterkeit wird dramatisch, wenn das Objekt der Mensch ist.
Realität als auch die Themen der Elternkomplexe; doch nicht die Dann wird Erkenntnis zur Verkennung. Aus der Logik der
familiale Situation in ihrem positiven Charakter ist entscheidend , Umkehrung wird eine Logik der Ignoranz - und des Ausschlus-
sondern deren Bild innerhalb des Asyls (der Text spricht hier von ses.
einem »beinahe imaginären Trugbild«). Mit Bewunderung lesen Zwei konkrete Beispiele demonstrieren die bemerkenswerte
wir einen entsprechenden Text über den psychoanalytischen Umkehrbarkeit dieser symmetrischen Strukturen. Nehmen wir
Monolog (S. 519-521) und über den Psychoanalytiker als Thau- an, in einer neuen Wendung ergriffe der Irre das Wort und fragte
maturgen (S. 531-536). Alles, was Foucault zu diesem Thema sich nach dem tieferen Grund der Unvernunft; dann liefert
schreibt, ist von allererster Güte und wird in seiner Feinsinnigkeit Rameaus Neffe (S. 352-355) die reziproke Fassung der klassi-
allenfalls noch von der großartigen Passage über den »Pithiatis- schen Umkehrung und rekonstruiert auf verkehrte Weise die
mus von Babinski« übertroffen (S. 534), in der aufgrund eines Welt auf der Bühne der Illusion. Ein zweites Beispiel ist das
blendenden Kurzschlusses die Ideen des Bildes und des Negativs therapeutische Experiment; es wird stets verstanden als Rückkehr
plötzlich alle nur erdenklichen Bedeutungen annehmen. zu den Werten der Positivität, zur Vernunft, zur Natur, zur
All diese Spiegelsymmetrien und Komplementärbeziehungen Moral, als Rückkehr zu den Normen, von denen die Kultur der
haben natürlich einen Grund, und der liegt darin, daß das Zeit geprägt ist, als Rückkehr zu jener Realität, die von den
denkende Subjekt stets auf der anderen Seite der Trennungslinie Träumen und Phantasmen ausgelöscht worden war. Die Rück-
steht. Dabei transportiert es die Werte, die Sprache und die kehr von der Unvernunft zur Vernunft bedeutet, zu diesem
Organisation seines eigenen rationalen Raumes in den Raum der Nichtentfremdbaren zurückzukehren, indem man vom umge-
Unvernunft. Wir haben es durchaus mit spiegelbildlichen Sym- kehrten Bild zum wiedergewonnenen Objekt übergeht. Die The-
metrien und spiegelbildlichem Erkennen zu tun, aber vor allem rapeutik ist folglich jene konkrete Übertragung, welche die der
mit einer Übertragung. Und diese Übertragung gehört zweifellos theoretischen Erkenntnis entgegengesetzte Richtung einschlägt.
zu den Dramen der klassischen Vernunft, die sich, wenn sie
denken will, von ihrem Objekt trennen muß und paradoxerweise Wenn Michel Foucaults Feder sich gelegentlich überraschend
zur Gefangenen dieser Übertragung wird. Und in dem Augen- hegelianisch gibt, so verfällt das Denken dennoch nur selten der
blick, da ihr Objekt ist, was sie für dessen Gegenteil hält, wird Dialektik, und dies obwohl kein »historisches Ensemble«, sol-
diese Übertragung zur Umkehrung. Hier liegt der Grund für diese cherart bloßgelegt, so sehr dazu verleiten könnte, dem Charme
ganze Familie von Symmetrien und Verkehrungen. So zeigt sich dieser Methode zu erliegen, denn dieses Ensemble ist in der Tat
eine der fundamentalen Bedingungen von Erkenntnis im klassi- das System der negativen Bestimmungen und die Odyssee der
schen Sinne. Das denkende Subjekt muß von seinem Objekt Andersheit. Indessen müssen wir unsere Aufmerksamkeit vor

255
254
allem auf die Variabilität dieser Negationen und ihre Feinanalyse che. So liegt es denn auf der Hand, daß die oben beschriebene
richten; ohne Zweifel hätte die Erklärung eine Funktion, die im »geometrische« Sprache, die einen dem rationalen Raum be-
Verlaufe dieser Odyssee und quer durch das System niemals nachbarten, aber durch Grenzen variierenden Charakters ge-
dieselbe ist, auf eine einzige, Bedeutung festgelegt. trennten Raum unterstellt, alle Bedeutungen, die, wie wir gese-
Manchmal ist das Negative in der Tat ein Bild, eine Darstel- hen haben, entweder gemeinsam oder getrennt gegenwärtig sind,
lung, etwas, das an einem Anderswo und einer anderen Welt in einem Zuge generalisiert und in sich enthält. Diese Sprache ist
teilhat, das eine verkannte Gegenwart hierher transportiert. gleichsam das geometrische Abbild jeglicher Negativität. Darin
Manchmal ist es das, was abgewiesen wird, das, was ich ganz läßt sich nach Belieben die griechische wie auch die klassische
sicher nicht bin, ein absolut fremder Anderer, mit dem ich nichts Bedeutung des Anderen zum Ausdruck bringen, desgleichen
zu tun habe; dann wird die Beziehung der Andersheit selbst seine logische, seine existentielle, seine ontologische, morali-
ausgeschlossen, der Andere wird isoliert, auf seiner Insel einge- sche, epistemologische und religiöse Bedeutung; in ein und
sperrt: entweder ist er im moralischen Sinne schlecht, oder er ist derselben Bezeichnung können wir darin die Platonische Anders-
der Sünder im Sinne der Bibel; er ist der Asoziale oder der heit, die Marxsche Entfremdung, die medizinische Alienation
schlechterdings Unverständliche, der eine Sprache spricht, die und die existentialistische Fremdheit ausdrücken.
nichts Menschliches mehr besitzt, und schließlich ist er jener, Diese formalen Bereiche sind also durchaus keine Bezeich-
dem das Werk zwischen den Fingern zerrinnt, ohne daß er es nungen von beliebiger, abstrakter Allgemeinheit; vielmehr bil-
festhalten oder vollenden könnte. .. Wir haben es hier also den sie das Fundament, auf dem sämtliche Sprachen der Entfrem-
durchaus mit dem System aller möglichen Variationen des Nega- dung aufbauen und das die Bedingungen ihrer Möglichkeit
tiven zu tun: Und die strukturelle Variation der Negation konsti- enthält. Daraus folgt, daß die Alienation im streng medizinischen
tuiert die Geschichte als solche, die Odyssee der Entfremdung. In Sinne lediglich die positivistische Verhüllung eines Ausschnitts
gewissem Sinne erhalten wir hier eine strukturelle Genese jeder aus dem Gesamtbereich des Andersseins darstellt. In gewisser
nur möglichen Entfremdung. Von daher ist es gar nicht mehr Weise handelt es sich um einen falsch interpretierten Sonderfall.
erstaunlich, daß wir in den diversen Momenten, den diversen So verläuft die Genese des psychologisch Anormalen in der
Versuchen, aus denen die Erfahrung des Wahnsinns besteht, auf Weise, daß sie dessen wesensmäßige Relativität hervortreten
sämtliche Bedeutungen von Andersheit stoßen, und dies gleich- läßt. (Die schönste Passage des Buches innerhalb des hier be-
sam im Zustand ihres Entstehens. Wenn wir uns in dieser schriebenen Projekts findet sich ohne Zweifel auf den bereits
Erfahrung umhertasten, so treffen wir auf sämtliche formalen zitierten Seiten, auf denen von der Entstehung der Psychoana-
Schemata der Behandlung des Anderen, und wir finden sie in lyse, S. 511-532, oder allgemein der Psychopathologie die Rede
vivo. Daher ist es möglich, diese Erfahrung mit Hilfe besagter ist, S. 480,548-551; diese zugleich genetische und strukturale
Strukturen zu beschreiben. Die unmittelbare Wahrnehmung des Methode bildet dort gleichsam eine generalisierte Psychoanalyse
Wahnsinns ist indessen so reichhaltig, daß sie die formalen und der Psychoanalyse, mit der Folge, daß diese trotz ihres An-
verständnis schaffenden Möglichkeiten dieser Strukturen bei wei- spruchs auf Tiefe plötzlich beschränkt und veraltet erscheint.) So
tem übersteigen müßte, wenn nicht jede für sich als eindeutige folgt also überall die Geschichte der Struktur: Die Aufgabe
Struktur genommen würde. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit zweier Jahrhunderte bestand darin, den Geisteskranken in einen
einer extrem allgemeinen, transparenten und analytischen Spra- geschlossenen Raum zu sperren, ihn von den Nichtkranken zu

256 257
trennen (den absoluten Anderen von den relativen Anderen rung nämlich oder der Gegenschlag. Wenn es zu einer Klärung,
abzusondern); und ebenso wie die angeblichen Wunder den Irren Analyse, Unterscheidung der Unvernunft kommen und diese
nur ihre Ketten nahmen, um die Nichtirren zu befreien und die Unterscheidung im Gegenzug ein Bild des Rationalen entwerfen
Kranken nur um so fester einzuschließen, so definierte man den soll, dann setzt das voraus, daß man auch Vernunft und Norm
Wahnsinn als solchen lediglich, um ihn besser verdecken und definiert. Und plötzlich sind es Vernunft und Norm, die als
ignorieren zu können. An diesem Punkt der Analyse nun kommt begrenzte Inseln erscheinen. Man sperre den Wahnsinn hinter
es zu einer zweiten epistemologischen Umkehrung. Gitter, sei sich aber dessen bewußt, daß man damit auch die
Man suche in der Tat einmal eine Definition des Wahnsinns; Vernunft begrenzt. Hier zeichnet sich ab, was man die koperni-
vor allem aber sei man sich der Unsinnigkeit solch eines Vorha- kanische Revolution der Unvernunft nennen könnte: Aus dem
bens bewußt. Seit mehr als zweihundert Jahren werden angebli- endlosen Meer des Irrationalen, des Nichtentzifferbaren und des
che Wesensbeschreibungen vorschlagen, die sich jeweils auf Schweigens steigt langsam die abgeschlossene Insel der Vernunft
eine reine Theorie der Internierung zurückführen lassen, das empor. Und diese dunkle Umgebung nährt die Vernunft. Michel
heißt auf eine formale Theorie getrennter Räume, in denen Foucaults Buch ist dieser Revolution gewidmet; sie bildet gleich-
Menschen eine Quarantäne erleiden. Es wäre nicht ganz richtig, sam dessen Ziel. Alles was vorangeht, bildet nur die tausendfäl-
wenn man im banalen Sinne des Wortes sagte, die Internierung tige Ablehnung dieser Nahrung, die tausenderlei Arten, nicht
mache den Wahnsinn. Wir müssen zunächst sagen, daß eine eingestehen zu wollen, was man dem, den man da ausstößt,
Übereinstimmung besteht zwischen dem Stil einer »Einschlie- verdankt, und bei aller Entfernung und Trennung die Nähe
ßung« und einer Erfahrung der Unvernunft und daß es sich bei aufrechtzuerhalten, die für das Denken lebensnotwendig ist. Auf
dieser Übereinstimmung niemals um ein Erkenntnisverhältnis sehr tiefgründige Weise werden hier Nietzsches Lektionen wie-
oder um eine therapeutische Beziehung handelt. Die Beziehung deraufgenommen, aber auch die der Griechen und des Mittelal-
geht nicht vom Wahnsinn zur Internierung, sondern umgekehrt ters. Ein Diskurs der Unvernunft über die Vernunft deutet sich an
von der Internierung zum Wahnsinn. Die Sorgen und Definitio- in diesem Gestammel der Vernunft über den Wahnsinn. Wir
nen auf der einen Seite wiegen ebensoviel wie die Schlösser auf stoßen hier auf eine Inspirationskette, die über Artaud, Tsche-
der anderen. Oder wenn man so will und wenn »Definition« chow und van Gogh bis zu Goya zurückreicht. Wir erkennen aber
bedeutet, daß der Geist eine Trennungslinie um die unbekannte auch, wie tief das ursprüngliche Vorhaben reicht, diesem schwei-
Sache zieht, dann hat man vielleicht immer nur den Wahnsinn genden Volk das Wort zu geben, die Perspektive der Sprache
definiert. Doch der Stil der Definition verrät mehr über die umzukehren und ein denkendes Subjekt, ein cogito, ein histori-
Vernunft - oder die Gesellschaft -, die da isoliert, um zu sches, ein sprechendes Subjekt in den Bereich der Unvernunft
erkennen, als über den Wahnsinn, den man isoliert; daher die einzuführen, in den man bis dahin nur passive Objekte gesetzt
Relativität der Alienation und der Gegenschlag. Gewiß kann es hatte, die man nach Belieben beobachtete wie auf dem Jahrmarkt
Irre stets nur für eine Kultur geben; das ist geradezu trivial, es sei oder im Zirkus. Das denkende und handelnde Subjekt der De-
denn, man geht davon aus, daß eine Kultur - um sich als solche monstrationen und Unternehmungen blieb im Raum der Ver-
zu etablieren und gleichsam im Akt ihrer Konstitution - ebenso nunft; dort war sein Reich, das es verteidigte und schützte; dort
notwendig Irre hervorbringt, wie ein Fluß in seinem Verlauf igelte es sich ein. Auf den benachbarten Inseln befinden sich die
Ablagerungen hinterläßt. Doch da ist weit mehr: diese Umkeh- Objekte, die nichts als Objekte sind. Dann besteht die ganze

258 259
Geschichte der »Erfahrungs struktur, die eine Kultur vom Wahn- sen wir auf die konkreten Inhalte des Buches eingehen und die
sinn entwickeln kann«, darin, daß man verfolgt, wie in diesem Masse der Fakten beschreiben, in denen die Erfahrung des
Niemandsland Subjekte hervortreten, die endlich von ihrem Wahnsinns sich konstituiert.
eigenen Land zu sprechen, ihren Bereich zu denken und nach Diese Erfahrung entfaltet sich in der soziopolitischen Praxis
eigenen Normen aufzuteilen vermögen und dies nicht länger der Internierung, in der medizinischen Theorie und in der Thera-
irgend jemand anderem überlassen (S. 405 -408, 461). Es ist peutik. Die drei Bereiche sind in der Regel unabhängig voneinan-
tiefgründig, wenn man sagt, das ausgehende neunzehnte und das der; diese Unabhängigkeit macht aus der Geschichte des Wahn-
zwanzigste Jahrhundert hätten diese neue Aufteilung , diese Neu- sinns ein Drama, das Drama der Ignoranz. Einerseits führen
strukturierung vorgenommen, in der die Familie der Inversen ökonomische, soziale und demographische Erfordernisse zu
ihre Positivität erhält, das heißt in der sie zum Ensemble der einer politischen Entscheidung, die eine nur vage umrissene,
dynamischsten aller Positivitäten wird. Es ist korrekt, wenn man bunt gemischte Gruppe von Kranken, Armen und Irren in die
sagt, daß es Irre jeweils nur für eine bestimmte Gesellschaft, eine alten, von der Lepra verlassenen Mauern der Leprosorien »ein-
bestimmte Kultur geben kann. Michel Foucaults Buch zeigt eine schließt«; andererseits gibt man sich philosophierenden und
Perspektive auf, die in ganz anderer Weise tiefgründig ist, denn alchimistischen Träumereien hin; am Ende verfolgt der Wärter
sie läßt uns erkennen, daß es Vernunft nur aufgrund der Unver- den Gefangenen. Zwischen den drei Ebenen besteht eine deutli-
nunft geben kann, die sie begrenzt, die sie nährt, gegen die man che Trennung, und man erkennt, daß es kein gemeinsames Maß
sich verteidigt, indem man sie akzeptiert, und deren Botschaft gibt zwischen dem Gefängnisaufseher, dem Doktor Faustus und
das menschliche Werk ebenso verkündet wie die der Triumphe dem Minister, der die Dekrete erläßt. Oder vielmehr doch: Ihr
der räsonierenden Vernunft. Der wahre Wahnsinn ist seinem gemeinsames Maß ist eben eine Struktur, die für alle Zeiten
Wesen nach die Abwesenheit dieses Werkes, die Ablehnung invariant ist und ihre analoge (oder analogische ) Erfahrung des
dieses Kampfes und dieses Akzeptierens . Ein Irrer ist nur der, in Wahnsinns vereinheitlicht. Die Gesamtheit der oben beschriebe-
dem das Werk schläft und der vergißt zu schaffen. nen Strukturen ist dieses Analogon dreier gesonderter Erfahrun-
So wird das gesamte System des Andersseins einer Verkeh- gen, dreier unterschiedlicher Wahrnehmungen: der Erfahrung
rung des Anderen in das Gleiche, des Negativen ins Positive des Politikers, welcher den geschlossenen Raum der Internierung
untergeordnet, durch die der Irre sich feierlich die Tore zur erfindet oder vorhandene Räume den Pflichten seines Amtes
menschlichen Kultur öffnet. gemäß nutzt; der Erfahrung des Theoretikers, welcher diesen
reinen Raum denkt, ohne sich auf Experimente einzulassen; der
Erfahrung des »Praktikers«, welcher in diesem Raum beständig
III in Kontakt mit dem Patienten steht, aber gleichfalls nicht auf den
Gedanken kommt, eine Wissenschaft daraus zu machen. Die
An diesem Punkt der Analyse ist noch längst nicht alles gesagt. Bedeutung der Geschichte des Wahnsinns liegt in dieser den drei
Es bleibt in der Tat die reale Dichte des historischen Ensembles, isolierten Wahrnehmungen gemeinsamen Norm, und ihr Sinn ist
das in diesen Strukturen und durch sie erfaßt ist. Wir haben folgender: Die drei Erfahrungen werden nach und nach in der
gesehen, daß die Strukturen auf den verschiedenen Ebenen Person des Irrenarztes zusammenfließen; er sammelt das zweifel-
variieren. Wollen wir diese Ebenen näher charakterisieren, müs- hafte Erbe dessen, der einschließt, dessen, der bewacht, und

260 261
dessen, der weiß - unreine Erbteile, in denen die Funktionen des also durchaus um die Geschichte einer kulturellen Erfahrung,
Vaters, des Henkers, des Chefs, des Thaumaturgen, des Theore- aber in erster Linie enthüllt diese Geschichte die Voraussetzun-
tikers und des Moralwächters sich vermengen. Der Arzt kann gen der genannten Erfahrung. Ihr Objekt wird, wie wir gesehen
diese drückende Hypothek nicht abschütteln, als aus der Galeere haben, zum Subjekt, und in einer weiteren Wendung werden die
das Krankenhaus wird. Die modeme Irrenanstalt ist der Ort, an alten Erfahrungen naturalisiert.
dem all diese von der Geschichte mitgeschleppten Elemente sich
in bunter Mischung abgelagert haben. An diesem Beispiel sehen Wenn all dies zutrifft, und zwar sowohl im Hinblick auf die
wir, wie die analogen Erfahrungsstrukturen sich zur Identität Sprache als auch im Hinblick auf deren Angleichung an die
einer einheitlichen Wahrnehmung verdichten. Realität des Wahnsinns, dann stellt sich uns unausweichlich ein
Darüber hinaus sollten wir erkennen, wie die Erfahrung, die neues Problem, nämlich das eines Dialogs zwischen den Trägem
eine Kultur vom Wahnsinn macht, sich auf diesen drei Ebenen einer solchen Sprache und den Anwendern der heutigen psychia-
vollzieht und weshalb es' zu solchen strukturellen Analogien trischen Kategorien. Genau an diesem Punkt treffen wir wieder
kommt. Gewiß haben diese Erfahrungen verschiedene Grundla- auf die Geschichte.
gen; sie gehen von ökonomischen, juristischen, demographi- In der Tat verhält sich dieses Buch recht fremd gegenüber den
schen Gegebenheiten aus. Dennoch erfolgt diese Konstitution medizinischen Vorstellungen unserer Zeit. Doch darin liegt we-
auf einer gemeinsamen Basis: Ob es sich nun um die politische der Ignoranz noch ein Mangel; verantwortlich dafür ist vielmehr
Macht und ihre Rücksichtnahmen handelt oder um die strafende eine historische Notwendigkeit: Man denke nur daran, welche
Gewalt und ihre Brutalität oder aber um die Theorie und ihre Enddaten sich die Untersuchung gesetzt hat. Hier dreht sich das
traumverlorene Ignoranz, sie alle machen sich ein Bild vom ganze Problem um die Vorstellung, die man sich von der Genese
Wahnsinn, das seine Bedeutungsinhalte unterschiedslos aus einer beliebigen wissenschaftlichen Erkenntnis machen kann.
einer Ökonomie des Elends, einer Religion der Sünde, einer Wir wollen einen kleinen Umweg machen, um die Sache besser
Moral der Verfehlung, einer Ethik des Leidens, einer Logik des zu verstehen. Nehmen wir an, dasselbe Problem stellt sich für
Irrtums und einer Metaphysik des Nichtseins schöpft. Aus all eine andere objektive Erkenntnis als die Psychiatrie, zum Bei-
diesen negativen Bedeutungen, die, wie wir wissen, das struktu- spiel die Physik. Niemand hat die Frage nach ihrer Vorge-
relle Analogon konstituieren, entwickelt sich ein gemeinsames schichte, ihrer Archäologie, besser gestellt als Bachelard. Und
Schema der Unvernunft, das weniger eine Wesenserkenntnis bekanntlich hat er sie im Sinne einer »Psychoanalyse der objekti-
darstellt als vielmehr eine Projektion dieser kulturellen Welt auf ven Erkenntnis« formuliert. Zu welchem Ergebnis sind diese
sich selbst. Wir stoßen hier wieder auf die oben angesprochenen Untersuchungen nun gelangt, soweit es die möglichen Beziehun-
Themen und auf die Symmetrien der Ideengeschichte. Das be- gen zwischen einer vorgeschichtlichen und einer aktuellen Er-
trachtete historische Ensemble ordnet sich also präzise nach den kenntnis betrifft? Es ist absolut klar, daß Abbe Nollet von
beschriebenen Prinzipien; andererseits ist es gerade deshalb Berthelot abgeschnitten ist; keine historische Rekurrenz könnte
notwendig, die Gesamtheit dieser kulturellen Sprachen zurück- eine Verbindung zwischen beiden herstellen, weder in den Ge-
zuweisen, damit wir nicht neuerlich in solche Projektionen genständen, mit denen sie sich befassen, noch in den Methoden,
verfallen, damit wir das Objekt nicht naturalisieren und damit wir die sie befürworten.
die Verhüllungen als solche ans Licht bringen. Es handelt sich Was das Objekt angeht, zeigt Bachelard, daß der Alchimist

262 263
nicht so sehr ein natürliches Phänomen betrachtet als vielmehr des Physikers. Wer versucht, die Sprache des Alchimisten durch
das psychologische Subjekt. Das Objekt dieser archaischen Er- die Grammatik der physikalischen Sprache zu erschließen, der
kenntnis ist daher nichts anderes als eine Projektion der kultu- muß in die Irre gehen. Desgleichen ist der Begriff der inneren
rellen Welt in das unbewußte8ubjekt der Gefühle und Leiden- Unruhe keine Approximation einer bestimmten Form von Para-
schaften. Mutatis mutandis ist es bei Foucault ganz ähnlich: Im noia. Die Komplexität der modemen Analysen psychischer Er-
Zeitalter der Aufklärung ist das Objekt der archaischen psychia- krankungen verhält sich zur Einfachheit der von Foucault benutz-
trischen Erkenntnis nicht eigentlich der Irre (man weiß gar nicht, ten Sprache ebenso wie die Komplexität der Mendelejeffschen
wer und welcher Art er ist), sondern eine Projektion der zeitge- Tafel der Elemente zur Einfachheit der Sprache der Elemente
nössischen kulturellen Welt in den Raum der Internierung. Und Wasser, Erde und Feuer. Man kann die Parallele so weit voran-
wie man das Objekt Elektrizität nur entdeckt, wenn man eine treiben, wie man mag, stets führt sie zu denselben Ergebnissen:
gewaltige Masse emotionaler Reaktionen durchdringt, so ent- historischer Bruch, erklärende Vertauschung. Eine Sprache ist
deckt man den Irren erst, wenn man eine gewaltige Masse von für immer gestorben, sie wird durch eine andere Sprache mit
Reaktionen (das Wort nimmt hier eine intensive, strenge Bedeu- neuem Leben erfüllt und in einen anderen Bereich effektiver
tung an) und von Zurückweisungen durchdrungen hat. Der Erkenntnis übertragen.
Vergleich dieser beiden »Projektionen« fördert ein überaus be- Indessen scheint es zumindest nach unserem Dafürhalten
merkenswertes Phänomen zutage: eine immense Vertauschung unmöglich, die Parallele bis ans Ende zu treiben. Denn der
bei der genetischen Erklärung von Erkenntnissen. Um das archai- epistemologische Bruch ist endgültig vollzogen, soweit es die
sche Objekt der Physik zu entdecken, muß Bachelard sich der physikalischen· Wissenschaften angeht, während dies bei den
Sprache der Psychoanalyse bedienen; um das archaische Objekt Humanwissenschaften noch nicht ganz der Fall zu sein scheint.
der Psychiatrie zu entdecken, muß Foucault auf die Sprache der Die Retorten des Doktor Faustus sind aus den modernen Labora-
»Geometrie« zurückgreifen. Das können wir verallgemeinern: torien verschwunden. Kann man sagen - und das schmälert
Um den Bruch in den historischen Rekurrenzen zu begreifen, keineswegs die genialen Entdeckungen der Psychiatrie -, daß
benutzt man eine aktuelle Sprache, wechselt aber die Wissen- dies in gleicher Weise auch für die Erkenntnis des psychisch
schaft. Das ist im übrigen keineswegs erstaunlich: Man muß kranken Menschen gilt? Nehmen wir einmal an, dieser Bruch sei
erklären, warum es einerseits ein Irrtum ist, wenn man Vernunft- eines Tages endgültig vollzogen - für uns ist dies nichts anderes
losigkeit in eine Erkenntnis einführt, die zu rationaler Erkenntnis als die Definition einer zur Reife gelangten Wissenschaft2 -,
werden wird; und warum es andererseits gleichfalls ein Irrtum ist,
Strenge (die Mehrdeutigkeit des Ausdrucks sei hier akzeptiert) in 2. Zur Reife gelangt ist eine Wissenschaft, wenn sie den Bruch zwischen ihrem aktuellen
die Unvernunft einzubringen. Eine seltsame Kreuzung zwischen und ihrem archaischen Zustand vollständig vollzogen hat. Die Geschichte der so
bezeichneten Wissenschaften könnte sich auf die Erforschung jener Zeitspanne beschrän-,-
Geist und Seele. Wir haben also zwei Wissenschaften, bei denen ken, die auf den Augenblick dieses Bruches in der Rekurrenz folgt. Dieser Punkt läßt sich
der Weg der Genese abgeschnitten ist; um ihn wiederzufinden, leicht als der Augenblick bestimmen, da die in dieser Zeitspanne benutzte Sprache die
davor liegenden Versuche unverständlich macht. Jenseits dieses Punktes handelt es sich
um den Zugang zur Archäologie wieder zu öffnen, nimmt man um Archäologie. Diese Definitionen implizieren keinerlei Urteil über den jeweiligen
eine epistemologische Vertauschung vor. Was die Methode Wert der betreffenden Erkenntnisse. Das mag tautologisch erscheinen, wenn man nicht
die Vertauschung berücksichtigt, von der oben die Rede war. Zur Reife gelangt ist
angeht, ist die Parallele ebenso aufschlußreich. Hier haben wir demnach eine Wissenschaft, die eine autochthone, zur Selbststeuerung fähige Sprache
denselben Bruch zwischen der Sprache des Alchimisten und der besitzt (deshalb entgeht sie in gewisser Weise der »Philosophie«) und die es nicht mehr

264 265
dann kann der Dialog zwischen dem Historiker-Archäologen und nunft. Von der formalen Erfassung des dieser Archäologie eige-
dem Psychiater nicht mehr kontrovers sein. Letzterer hätte die nen Terrains bis hin zur konkreten Behandlung des Anderen im
nötige epistemologische Heiterkeit erlangt, um seine eigene allgemeinen führt Michel Foucault uns in den transzendentalen
Geschichte zu durchschauen;, So hatten die Arbeiten Gaston Bereich, der die Bedingungen dieses Verhältnisses in sich ver-
Bachelards niemals die Aufgabe, die Wissenschaft der Elektrizi- eint.
tät von ihren verliebten Träumereien zu reinigen - aber vielleicht Diese Geschichte des Wahns ist daher in Wirklichkeit eine
hat Michel Foucaults Buch die Fähigkeit zu solch einer epistemo- Geschichte der Ideen. Wir sehen sie im Spiegel des Mikrokosmos
logischen Katharsis. Geschichte betreiben, solange sie noch Asyl, verzerrt ohne Zweifel, schweigend und leidend, aber
nicht tot ist (während die Vorgeschichte in Agonie liegt), damit strengstens geordnet durch die Umkehrungen, die uns von nun an
zeigt man dem Psychologen vielleicht das Land, aus dem er vertraut sind. Und dieser Zerrspiegel führt uns keineswegs in den
kommt und in dessen Gefängnisse wir niemals mehr zurückkeh- Raum virtueller Bilder, sondern enthüllt das ursprüngliche Ter-
ren dürfen. rain kultureller Vorgehensweisen, die vergessenen Latenzen der
Aus alle dem folgt, daß Michel Foucaults Buch keineswegs menschlichen Werke.
eine Geschichte (oder Chronik) der Psychiatrie ist, insofern die
rekurrente Forschung, die er betreibt, keine Vorwissenschaften Es war einmal ein Land mit Namen Erehwon. In diesem
zutage fördert. Vielmehr ist sein Werk eine Archäologie des ungewöhnlichen Lande werden die Verbrecher gepflegt; die
kranken Subjekts im denkbar tiefsten Sinne, das heißt tiefer als Kranken werden vor Gericht gestellt und oftmals verurteilt. Dort
eine generalisierte Ätiologie, insofern es Erkenntnisvorausset- ist die Hölle der Unschuld. Der befremdlich verkehrte Name
zungen ans Licht bringt, die unlösbar mit Krankheitsbedingun- dieses Landes bedeutet »nirgendwo« - für den, der sich weigert
gen verknüpft sind. Foucault erbringt den Beweis, daß die zu verstehen. Nirgendwo oder jenseits der Berge.
Beziehung zum Wahnsinn bei den klassischen Theoretikern
durch Traum und Ablehnung, bei den positiven Theoretikern August-September 1962.
dagegen durch Verhüllung gekennzeichnet ist. Der Positivismus
im Hinblick auf die Geisteskrankheiten ist ein Spezialfall all
dessen, was über Positivität im allgemeinen gesagt worden ist,
geradeso wie die medizinische Alienation ein begrenzter Fall
dessen ist, was über das Anderssein gesagt worden ist. Eine
Chronik der Psychiatrie kann daher im Augenblick nur als unnütz
angesehen werden, ähnlich der Geschichte einer Wissenschaft im
oben definierten Sinne. Hier zeigt sich die Genese einer Erkennt-
nis und ihres »Objekts«, die langsame, komplexe und mehrdeu-
tige Herausbildung aller nur denkbaren Beziehungen zur Unver-

nötig hat, ihre Bedeutungen im Bereich eines anderen Wissens zu suchen. Genau dies
muß sie indessen tun, wenn sie sich selbst ihre Vorgeschichte erklären will.

266 267
DIE RÜCKKEHR DES NARRENSCHIFFS

Im Prado kann man Las Menifias in einem Spiegel betrachten.


Zwischen dem Gemälde - dem Bild - und dem Bild des Gemäl-
des gibt der Saal die Möglichkeit umherzugehen und macht in der
Tiefe der Flucht offenbar, was der Spiegel enthüllt und die Fläche
der Leinwand einhüllt, die Realität des Raumes nämlich - als
träte die Architektur des Velasquezschen Bildes hier erst wirklich
nach außen. Den Anfängern in der beschreibenden Geometrie
gibt man gelegentlich optische Apparate, mit denen sich die
Begrenzungsflächen von Körpern aufklappen lassen; sie öffnen
den festen Körper für seine objektiven Dimensionen: Es ist so, als
hätte die Repräsentation das Objekt unter sich begraben, als träte
sein Doppel an seine Stelle, als könnte man die Realität nur als
Bild eines Bildes wiederfinden, als Schatten eines Schattens. Ist
nun die Sache ihrerseits eine Repräsentation? In den Saal einzu-
treten, in dem die - realen und imaginären - Flächen des
Gemäldes und des Spiegels einander gegenüberstehen, das ist so,
als schlüpfte man zwischen den optischen Achsen hindurch in
den Raum des Gemäldes hinein, in jenen Raum, dessen Aufklap-
pung und Quelle das Gemälde ist und dessen Flucht der Spiegel
wiedergibt. Ist man dorthin gelangt, gibt es Punkte, von denen
aus man sehen kann, ohne sich selbst zu sehen, und andere, von
denen aus man sieht, ohne es vermeiden zu können, sich selbst zu
sehen; und schließlich gibt es Punkte, da führt die kleinste
Ortsveränderung zu einem Wechsel zwischen den beiden Räu-
men, wie der Finger eines Handschuhs. Auf diesem Grat ahmt
man in drei Dimensionen nach, was der Maler auf der Leinwand
vollführt: Er betritt und verläßt die Szene nach Belieben; zurück-
gezogen, hält er sich im zweiten Raum auf; wenn er sich
vorbeugt, um zu arbeiten, verläßt er diesen Raum und nimmt den
Platz des Königs ein, hinter der falschen Leinwand oder vor der
wahren. Der Saal ist keineswegs dreifach: die Mutterszene als
falsches Interieur, das tiefe Bild als falsches Exterieur und der
Ort, an dem ich mich befinde, als innen und außen; die drei

269
Räume sind sämtlich doppelt, und zwischen ihnen befindet sich tet - damit beschäftigt, Kompositionen und Transpositionen
ein Riß, in dem sich - links und rechts - das vibrierende Wunder zusammenzusetzen im Unterschiedenen, wohin jedoch das na-
von Subjekt-Objekt und Objekt-Subjekt vollzieht. Der Ort ist türliche Licht führt, sobald man die strahlendste, die geradeste,
hier oder, wie man sagt, im Unendlichen, wenn er, auf der einen die strengste Linie überschreitet: zweite Metapher, trübe Hälfte.
Seite, dem Hier am nächsten ist. Rand, Zusammentreffen, Michel Foucaults Buch! - These: Das historisch Gleiche
Grenze zweier Räume: Im Sprung über diese Grenze, bin ich dort verdoppelt zum dreifachen Unterschied das überall verdoppelte
und bin ich nicht dort, bin ich und bin ich nicht, mein Ort ist Bild, die Erscheinung und den Tod; und Metaphern: Öffnung,
endlich und unendlich, davor und dahinter, draußen und drinnen, Klaffendes, Spalt, Raum und glatte Fläche - Michel Foucaults
ich bin imaginär und real, der Andere und der Gleiche. Ich bin in Buch hat dieselbe Struktur wie der kleine Saal im Prado, durch
drei ähnlichen und verschiedenen Räumen, und ich bin dort den ein unsichtbarer Vorhang verläuft, den zu zerreißen oder
fremd: erste Metapher. nicht zu zerreißen man sich entscheiden muß und der die Repro-
Muß ich wählen, oder wählt die Geschichte - das heißt das duktion der Bilder und das Verschwinden im Tode auf beide
Umhergehen - für mich? Gibt es da ein Geheimnis, das an der Seiten der Erscheinungsebene verteilt. Und wie anders könnte es
Oberfläche der Leinwand für das Spiel der gekreuzten oder anders sein, handelt es sich doch in beiden Fällen um den nicht
parallelen Lichtstrahlen sorgt und das diesem zufälligen Pendeln punktförmigen Ort, das heißt um die Umgebung, in der man
zwischen den beiden Seiten der Schwelle ein Ende setzt? Kann umhergeht und von wo aus man Las Menilias sieht?
man auf dieser Leinwand lesen, von der der Maler sich im
Augenblick der Unbeweglichkeit löst, dort, von uns aus gesehen, Der Andere und das Unendliche
rechts der Grenze? Und wieder einmal müssen wir umgekehrt
lesen: nicht im Spiegel diesmal, sondern vom Anderen, das heißt Der Autor ist ein dickköpfiger Geometer. An anderer Stelle
von der anderen Seite aus. Und da, zwischen den beiden horizon- hat er die Situationen einer gewissen Art wilder Vernunft oder
talen Balken an der Rückwand, auf der Höhe des Kopfes von andersartigen Lebens dargestellt; er hat eine Ästhetik der Ränder
Velasquez, Auge in Auge, Mund an Mund, zeichnet sich in den des aufgegebenen Denkens geschrieben. Quer durch einen
zufällig verteilten Flecken und dem unbestimmten Grau in Grau Raum, der ein Problem bleibt, verläuft ein Grat, der den Raum
ein Totenkopf ab , genau auf der optischen Achse und, von uns aus teilt: Wissen und Unvernunft, Bewußtsein und Anderssein, nor-
gesehen, links des Risses. Natürlich ist dieses beunruhigende mal und pathologisch, Subjekt und Objekt, Ähnlichkeit und
Phantom im Spiegel besser zu erkennen als auf dem Gemälde Unterschied ... Für den Augenblick ist der Raum Ort von
oder der anderen Seite des Gemäldes des Gemäldes. Das durch Operationen, die für eine Problematik des Stillstandes erforder-
die doppelte Repräsentation verborgene Objekt ist nichts anderes lich sind, die Gesamtheit der Ortsveränderungen, die vorgenom-
als das, wovon der Tod die andere Seite ist. Der Tod ist sehr wohl men werden müssen, um sich ihr zu nähern oder sie zu ordnen. In .
das, »von wo aus das Wissen im allgemeinen möglich ist« gewisser Weise fällt ihre Entstehung in das Zeitalter der Aufklä-
(S. 448) oder das Unbewußte oder das Ungedachte ... , falls die rung; diese Zeit hat sie geschaffen und gleichsam abgesondert;
Voraussetzung in letzter Analyse die letzte andere Seite der
kaskadenförmig aneinandergereihten Repräsentationen ist; und 1. Michel Foucault, Les Mots et les choses, Paris 1966; dt.: Die Ordnung der Dinge. Eine
sie ist bereits da, ist das Ungesehene, das, was niemand betrach- Archäologie der Humanwissenschaften, Frankfurt am Main 1974.

270 271
das Gleiche konstruierte damals das Andere und gab ihm seinen ist und hier in einer symbolischen und konkreten Kristallisierung
insularen Charakter. Das klassische Zeitalter ist das der geschlos- der reinen Kategorien dem ausgeschlossen-eingeschlossenen Ir-
senen Kurven, das heißt der klaren Definitionen und abgegrenz- ren den überrationalen Ritter von der traurigen Gestalt entgegen-
ten Bereiche. Die Geschichte." die diesen Kern gebildet hat, stellt, der draußen über die Hochebenen Kastiliens irrt und
deformiert ihn: Ein paar Reisende der Vernunft oder der Normali- zugleich zweifach in die Falzen eines Buches eingebunden ist,
tät nähern sich dem Limes, andere kommen aus dem Innern der das aus dem Geiste der Inklusion geschrieben ist, kurz: den Raum
Insel dorthin, Irre oder Kranke, Insassen des Asyls oder des der Explikation und der Implikation; dann den späteren und
Krankenhauses; und dort sehen sie einander an, erkennen sich hochgeschätzten .Raum des Impartitiven und der »Gegenwissen-
gegenseitig, analog oder antisymmetrisch, und die Grenze wird schaften« (S. 456), einer Anwendung des Wissens auf sich selbst
zum Spiegel - kann man sagen zur Psyche, zum Spiegel der und das Nichtwissen, deren geodätische Linien jene paradoxen
Seele?2 Dort beginnt die Auflösung, der Versuch, die Abschlie- Öffnungslinien sind, die ich oben definiert habe. Die Archäolo-
ßungen aufzubrechen und die Definitionen aufzulösen. Foucault gie nun verfolgt den Lauf oder die Fläche dieser verräumlichten
will in den Spiegel hinein, er will die Öffnung, den Spalt, die Geschichte zurück, aber auf einem anderen Wege, das heißt auf
Verwerfung finden, will in den Raum dazwischen schlüpfen und dem Wege des Anderen. Dabei verleiht sie den abstrakten
das Spiegelobjekt verkleinern, um es auf das Spiegelbild anzu- Unterscheidungen ein naturalistisches Gewicht, jenen Unter-
wenden, das zu ihm dringt. Das Ende des klassischen Zeitalters scheidungen, die eine Analogiebildung zwischen dem Subjekt,
und der Aufgang der Modeme, das ist zunächst einmal die dem Gleichen und dem Normalen oder besser dem Normalen und
Entdeckung, daß die definitiven Grenzen in nichts als diesen dem Normierten ermöglichen und andererseits zwischen dem
Linien bestehen, die zugleich drinnen und draußen sind; daß die Objekt, dem Anderen und dem Pathologischen, das heißt dem
für verschieden gehaltenen Räume dieselben sind; daß sie sich Nichtrationalen; darüber hinaus ist die Archäologie aber auch
auf derselben Seite der Trennungslinie befinden: daß die klassi- eine H eterologie, die am Ende, wie wir leicht ahnen können, zur
sche Ebene der naiven Geometrie eine reale Projektionsfläche Entdeckung einer Heteronomie als fundamentales Betätigungs-
ist. Die Serie der anfänglichen Unterscheidungen ist lediglich feld und Grundsituation jeglichen Denkens, das heißt Seins,
eine Folge von Ähnlichkeiten, deren Unterschiede, obwohl vor- gelangen muß. Das zum Subjekt gewordene Andere verkündet
handen, zu gering sind, als daß irgendein Denken sie zu benen- nun den objektiven Tod des Gleichen; das zum Subjekt geworde-
nen vermöchte. Man hat in diesem Zusammenhang von einer nen Nicht-Ich führt das Subjekt-Ich zum reinen Nein, in das
Kantischen Problematik gesprochen. Wenn sie an etwas erinnert, Nichts des Todes. Wir müssen diese Auflösung erklären, die
dann an die Dissertation. zugleich Ende und Freisetzung der verknüpften Fäden bedeutet.
Auf ihrem Wege stromabwärts erzeugt die Geschichte Räume Das klassische Zeitalter ist der Augenblick, da die Tragödie ihren
unterschiedlichen Charakters: den der Vernunft und der verteil- Anfang nimmt: Das Subjekt der normierten Vernunft tut dem
ten Bereiche, der Wissenschaft durch Ausschließung und Ein- Ding und dem Anderen Gewalt an, weist ihnen einen abgeschlos-
schließung - die für den Logiker die Analyse schlechthin war und senen, abgetrennten, passiven und in größtmögliche Feme ge-
rückten Raum zu: den Bereich des Inversen, des Nicht-Ich, der
2. Im Französischen bezeichnet psyche nicht nur die Psyche und die Seele, sondern auch Nichtvernunft, des Nichtseins ganz allgemein, so daß der Rand,
einen großen beweglichen Standspiegel, d. Ü. der die bei den Mannigfaltigkeiten trennt, begrenzt und definiert,

272 273
zum Ort von Inversionspunkten wird, von Brennpunkten, an und damit hat es auch das Recht, alles, was nicht es selbst ist, ins
denen es zu einer Richtungsumkehrung kommt, von Zentren, in Unendliche zurückzuschieben. Das Subjekt bewohnt einen
denen Kultur, Denken und Bewußtsein negiert sind. Aus der unendlichen Bereich, der stets derselbe bleibt: in allen Richtun-
Sicht der Vernunft stellen diese Punkte Grenzwerte, Extrem- gen und in jeglicher Entfernung. Die Vernunft bewohnt dagegen
punkte der Welt dar, jenseits deren Nichtexistenz und Nichtbe- das Universelle, das heißt das Gleiche und dessen freie Wieder-
grifflichkeit angesiedelt sind; es sind Punkte, die unablässig ins holung in der Totalität; sie bewegt sich frei von jeder Behinde-
Unendliche zurückverlegt werden. Das Subjekt, das im rationa- rung in der Umgebung dessen, was sie sich angeeignet hat. Man
len Raum bleibt, sieht sie nicht und kann sie nicht sehen, diese kann das klassische Zeitalter nicht naturalisieren, das heißt zum
Orte, an denen es zu einer Umkehrung der Richtung kommt oder Objekt machen, ohne diese Totalität zu relativieren, ohne diesen
Verankerungen sich lösen. Weiß man dagegen um die - erst sehr Bereich zu verlassen, ohne sich an den Punkt zu versetzen, an
viel später entdeckte - Tatsache, daß dieses Unendliche sich in dem die Parallelen des Bündels zusammenlaufen, ohne an diesen
unmittelbarer Nachbarschaft zur Vernunft befindet, daß dieser Punkt im Unendlichen zu gelangen, der außerhalb des Universel-
Rand eine Linie ist, die zu ihrem Raum gehört und ihn charakteri- len und der Aneignung liegt, an diesen Punkt der Inversion und
siert, dann vermag man das Subjekt in einer rückgreifenden Ausschließung, den das Projekt der rationalen Universalität oder
Bewegung an die Stelle des Anderen zu setzen, des Anderen auf der Anspruch darauf selbstverständlich ins Unendliche verlegt
der anderen Seite der unendlichen Geraden, und man kann in der hatte. Auf den Wegen des Anderen gelangt man an die räumli-
Umkehrung den gesamten klassischen Raum von diesem neuen chen Grenzen des klassischen Wissens, gelangt man zur Philoso-
Standort aus betrachten. Von hier aus wird nun deutlich, daß ein phie, ohne sich darin zu lokalisieren; gelangt man zu einem
Bündel von Parallelen ihn durchzieht, daß er der Raum der Standpunkt, der jegliches Denken und jegliche Wissenschaft
Ähnlichkeit ist - was man durchaus bereits wußte, war er doch entlang von geodätischen Linien ordnet, an denen sie bereits
schon lange als der Raum der naiven, also euklidischen Geomet- präsent sind, von parallelen Geodätischen, die hier in einem
rie bekannt. Wie sich leicht zeigen läßt, wählt das klassische gemeinsamen Mittelpunkt enden. Und plötzlich kehrt die histori-
Zeitalter sich zu seinem primären Forschungsobjekt einen festen sche Situation sich um; das Universelle wird zu einem Merkmal
Punkt, der als Bezugspunkt und Ort einer optimalen Sicht dienen der Kultur naturalisiert, weil die klassische Vernunft sich auf-
soll. Im Raum der griechischen und cartesischen Geometrie kann grund der Ordnung besagter Punkte gleichsam eingefaßt und in
jeder beliebige Punkt diese Funktion übernehmen. Der freie eine Insel verwandelt sieht; sie gefriert zu einer kleinen Insel,
Wille benennt ihn, eine Entscheidung, die für Descartes' metho- deren Grenze sich hat markieren lassen. Die Archäologie kehrt
dischen Triumph verantwortlich ist und für Pascals verzweifeltes auf den Wegen der Heterologie um und vertauscht heimlich die
Umherirren oder das ontologische Gleichgewicht eines Leibniz; alte Kantische oder Husserlsche Metapher des tiefgründigen
und die Bedingung der Möglichkeit dieser Entscheidung liegt in Bodens mit der des Randes und der Grenze: Nicht mehr graben,
der Homogeneität des Repräsentationsraumes. Diese Homoge- um Bedingungen zu setzen, sondern einfassen, um zu objektivie-
neität ist synonym mit Universalität: Mein Denken bleibt inva- ren - Bäume leben von der Rinde her. Es bleibt eine Theorie der
riant, gleich welchen Ort ich ihm zuweise, und diese Invarianz Grenzen, ein Marginalismus, eine Methode, die mit Ultrastruk-
gewährleistet die Rationalität meines Denkens; es breitet sich turen arbeitet, woraus ihr tiefgreifender Gegensatz zu Marx
überall hin aus, es hat das Recht, sich überall hin auszubreiten, resultiert. Aber diese Theorie kehrt die Funktion der Grenze um;

274 275
sie kehrt das Äußere nach innen (und macht es damit zum besitzen, jemanden außerhalb zu stellen, diesen hyperplatoni-
bedingenden Kern, ganz wie die Embryogenese nichts anderes ist schen Staatsstreich zu versuchen, der darin besteht, die Synthese
als eine Theorie der Haut); sie macht den Wärter zum Gefange- zwischen dem Anderen und dem Unendlichen herzustellen.
nen, das Subjekt zum Objekt. Ariadne läßt ihrerseits den Helden Damit fand dann dasselbe Subjekt sich de-finiert, objektiviert
los und umwickelt mit ihrem Faden die zum Labyrinth gewor- und in eine Salzsäule verwandelt. Bleibt noch die Frage, ob man
dene Welt. Vom Rand des Unendlichen her betrachtet, laufen die den günstigsten Fall wählt, wenn man die Beweisführung an
Parallelen zusammen, der Gleiche wird zum Anderen, das An- einigen epistemologischen Inhalten der Naturforschung vor-
dere umschließt das Gleiche oder eher noch: der Gleiche wird nimmt und dabei der Philosophie und ihren strengen Stützen den
zum Anderen des Anderen. Der Autonome ist heteronom, ist Rücken kehrt. Es lohnt sich, diese Frage zu stellen, auch wenn
nicht mehr Richter, sondern Objekt einer Ethnologie, da auf sein die Antwort, wie ich glaube, negativ ausfällt. Und sie ist offen-
Gebiet reduziert; er ist nicht mehr Subjekt der Vernunft, sondern sichtlich negativ, denn die methodischen Voraussetzungen des
wird durch bereits vorhandene kulturelle Gebilde determiniert. ganzen Unternehmens basieren auf der Verknüpfung der beiden
Das klassische Zeitalter ist nicht mehr das Feld der klaren Inhalte. Da wäre es schon lohnender, diese Verknüpfung selbst
Wahrheiten, sondern Ort der Irrtümer des Irrtums. Die hinsicht- zu befragen, ist sie doch der nervus probandi des gesamten
lich der Grenzen des Wissens vollzogene Revolution, die an der Foucaultschen Projekts. Ich habe oben gesagt, er verleiht ab-
Technik der Ränder vorgenommene Umkehrung, führt zu einer strakten Unterscheidungen ein naturalistisches Gewicht; man
Reduzierung des Universellen auf eine beliebige kulturelle Re- könnte auch sagen, er sorgt für eine kategoriale Verhärtung der
gion. Vielleicht haben wir es hier mit einer kopernikanischen naturalisierten Bereiche; aber all das soll eigentlich nur zum
Bewegung zu tun, dann aber mit einer recht eigentümlichen: Ausdruck bringen, daß Foucaults Projekt die Mitte zwischen
Vom Rand der letzten äußeren Sphäre her wird die Sonne zu Logismus und Psychologismus hält, daß sein Ziel jenseits dieser
einem Stern unter Sternen naturalisiert. Dazu war es erforderlich, Teilung liegt - oder diesseits. In Wahrheit hat es etwas von dem
das Problem der Endlichkeit im Sinne von Andersheit zu behan- Versuch, das Meer auszutrinken.
deIn. Man mußte erkennen - oder entdecken -, daß sich an den Woher - aus welcher Intention - kommt dieser unerbittliche
Grenzen der systematischen Ordnung bestimmte Arten von De- Wille, die Identität des Gleichen aufzuheben und das Subjekt zu
vianten befinden, die für sich den weiträumigeren Pfaden des enteignen? Die Quelle liegt nirgendwo anders als in der Dynamik
Ungedachten und Undenkbaren folgen, den Wegen jenes Ver- des Gleichen, in der Natur seines Wissens und in seiner Reprä-
hältnisses, dem das richtige Denken ein wildes Denken ist. Von sentation, im Gebrauch, den er von seiner Freiheit machte. Im
dort kommt man, wie ich glaube, auf eine Philosophie des Nein Universellen lebend (dessen heteronome Funktionen wir nun
zurück, mit dem einen Unterschied allerdings, daß das vorherige entdecken), hat der Autonome die Anderen oder inversen Dou-
universelle Ja nicht auf eine besondere Affirmation aufgrund bles an die Grenzen des Universums (und des Universums seines
extensiver Generalisierung reduziert wird, sondern auf die Nega- Diskurses) zurückgedrängt, und diese Anderen verfolgen uns
tion seiner Negation. Die rationale Notwendigkeit ist als kultu- nun , sie wohnen in uns und wir in ihnen. Darüber nun begann er
relle Determinierung unter anderen bestimmt; das Problem der ein listenreiches und tödliches Spiel: Er ließ sich auf den Schwin-
Endlichkeit hat nicht mehr denselben Sinn, ja seine Bedeutung del ein, nach ebendem zu fragen, was er selbst zurückwies; er
hat sich sogar ins Gegenteil verkehrt. Man mußte die Kühnheit entfaltete eine ganze falsche Metaphysik um die Grenzen, die er

276 277
selbst gezogen hatte, als er den Ausschluß vornahm; er stellte che Landstriche durch Negation, Mord und eine Praxis der
seine gewalttätige Bosheit als heitere Weisheit dar und verwan- verbrannten Erde. Auch im stillen Haus des universalen Men-
delte seine Härte in Strenge. So war er der erste, der aufzeigte, schen liegen Leichen im Keller. Von diesen Landstrichen aus
daß das Grundlegende in deIl Extremen, der Boden an den gesehen, ist es ein wildes Zeitalter, und die Toten schreien nach
Rändern, die Voraussetzungen an den Grenzen angesiedelt wa- Rache. Es vertrieb die Irren und gab ihnen als Wohnstatt das
ren. Und er spielte die grausame Komödie des Horizonts, den er Meer des Irrationalen; es verbrannte die Hexen, die Juden und
selbst zurückverlegte, um nicht sehen zu müssen, und sprach einige Astronomen; es unterdrückte die Phantasie, drückte dem
dabei von dessen schwindelerregender Anziehungskraft. Das Traum seine Herrschaft auf, eliminierte den Irrtum und lehnte im
Wesen, sagt er, liegt in dem, was ich nicht sehe, was jenseits strengen Sinne die Kultur ab oder vielmehr die Kulturen. Es
meiner Macht liegt, und dabei verschweigt er, daß er es gar nicht ahmte in vollen Zügen jene weißen Horden nach, die jenseits des
sehen will und alles tut, damit er es nicht sieht. Deshalb sucht er Meeres die Inkas, die Azteken und die Algonkin-Indianer nieder-
sich solche Orte, an denen er sicher sein kann, nichts zu sehen, machten. Wenn erst der Logismus der klassischen Zeit naturali-
denn jenseits dieser Orte regiert der Tod - was Las Meniiias siert ist, wer sähe dann nicht, als wie hart und tödlich ihre -
sichtbar machen. Die List hat die Struktur des Raumes, in dem sie kategorischen - Kategorien: Gesetz, Ordnung, sich erweisen -
sich bewegt; sie ist durch Inklusion und Exklusion gekennzeich- Konzepte, die mit den Ketten der Vernunft beladen sind. So
net. Der klassische Diskurs bestätigt, was er zurückweist; er schlug denn die Stunde der Wiederkehr des Narrenschiffs und der
weist zurück, was er bestätigt; er weist ab, wovon er spricht, und weißen Karavellen: Die Rache vollendet ihr Werk. Den homo
er kehrt dem den Rücken, was er selbst für fundamental erklärt. rationalis von seinem angestammten Boden vertreiben, ihn als
Er übernimmt die List, deren gewöhnlichste Beispiele Religion Objekt der Ethnologie analysieren, die klassische Vernunft zu
und Metaphysik sind. einem wilden Denken machen, den homo des Humanismus töten,
In diesem Diskurs kleidet der klassische Raisonneur sein das ist die terroristische Entkolonisierung der Kultur, das heißt
Fragen in Abstraktion; doch damit verhüllt er lediglich, was er die Umkehrung der Kolonisierung: Der Andere kehrt als Wieder-
negiert und abweist; er kleidet eine unbestimmte jenseitige Welt gänger zurück, der Irre, der Häretiker, der Wilde, sie haben die
in Abstraktion, in der er sich als Herr zu behaupten versteht. So cartesischen Ketten gesprengt und machen nun als Subjekte eines
ist er es denn, der das Natürliche und jene Metaphysis logisiert bedeutungs tragenden Wissens den Rationalisten zum irren Wil-
(klassifiziert, ordnet), die nichts anderes ist als abgewiesene den des wilden Irren. Und sie behandeln ihn, wie sie selbst
Heterophysis; und deshalb nimmt Foucault sich das Recht - das behandelt wurden: Die Sprache des Anderen ist die inverse
heißt, er greift zu ebenso tödlichen Waffen -, die Kategorien des Wiederholung der Sprache des Gleichen, sie ist die Sprache des
klassischen Raisonneurs zu naturalisieren, das heißt, die Meta- Terrors. Das alte HegeIsche Schema wird räumlich erweitert für
physik als Antiphysik zu analysieren. Die List ist durchschaut: die weltweite Geographie der Kulturen und die gemachte Erfah-
Das Projekt der Universalität ist eine Projektion der von Gewalt rung des niemals Erfahrenen. Damit erscheint das Diagramm des
geprägten Situation des Herrn und Kolonisators auf das Ratio- Kolonialherrn und des Wilden, des klaren, wachsamen, bewuß-
nale. Das Unsinnige, das Ungedachte, das Unfühlbare und ten und dominanten Denkens und des träumerischen, mythi-
Undenkbare, das Unbewußte, all das ist buchstäblich häretisch , schen, unbewußten, naturverhafteten, delirierenden und unter-
wild, versklavt. Das klassische Zeitalter kolonisiert jungfräuli- worfenen Denkens. Die Entkolonisierung des Kolonialherren

278 279
durch ihn selbst, durch ihn, in dem die Schatten des Anderen zwischen dem Historiker und dem zu Geschichte Gewordenen
umgehen, hat begonnen. Es ist ganz gewiß die Bestimmung ermöglicht. Diese Brüche sind nun wiederum nichts Geringeres
unserer modemen Zeit, diese jahrhundertealte Schuld abzutra- als die Voraussetzungen seines Tuns; sie ermöglichen es dem
gen. Ist es notwendig, das mit Feuer und Schwert zu tun? Wir Archäologen, ein kulturelles Ensemble, das vor kurzem noch
beginnen, von einem Gandhi der Innenwelt zu träumen, von gelebt worden ist, wie wir unsere eigene Kultur leben, zu
einer selbst vollzogenen Entkolonisierung, die ohne Gewalt objektivieren und zu einer Familie von Aussagen zu naturalisie-
auskommt. ren, deren Bedeutung gleichsam gerinnt und ein unabhängiges
Netz bildet, das er zu umreißen vermag, sobald es für ihn keine
Sein und Nichtsein Bedeutung mehr besitzt. Und eine weitere Umkehrung: Das
klassische Bewußtsein ist danach wie ein Unbewußtes struktu-
Nun steht nichts mehr im Wege, daß die Archäologie sich als riert. Der Historiker wird zugleich zu einem Analytiker, der die
Ethnologie des europäischen Wissens präsentiert und die Ideen- Gesetze der Anamnese kennt und selbst erinnerungslos analysiert
geschichte als eine Epistemologie des Raumes statt der Zeit, der ist. Es ist so, als könnte eine Kultur nur dann erfaßt oder definiert
Fasern eines unbeweglichen Raumes und nicht als Epistemologie werden, wenn sie zumindest für den, der sie beobachtet, ein Ende
evolutiver Genesen. Unser kulturelles Erbe ist eher anderswo gefunden hat und in weite Ferne gerückt ist, wenn sie sich zu
denn früher; es steht jenseits dieser Brüche, deren Definition einem objektiven Unbewußten dessen, was sie ihrem Wesen
darauf hinausläuft, Formationen zu fossilisieren, die wir für nach ist, kristallisiert hat. Das Prähistorische oder Allogene läßt
lebendig hielten und die der Archäologe nun als prähistorische dem Kliniker außergewöhnliche Bewegungsfreiheit, denn dieses
Monumente dechiffriert. Unsere Vorläufer oder angeblichen Feld übt keine heteronomen Kräfte mehr auf ihn aus. Der
Vorläufer sind Fremde; sie leben auf femen Inseln, die durch das Archäologe steht außerhalb des Gravitationsfeldes der klassi-
Meer von uns getrennt sind; ihre Kultur ist die eines Stammes, schen Vernunft. Und das ist durchaus keine bloße Metapher: Der
dessen Denken sich im für uns Undenkbaren bewegt: Wie der Raum der Einschließung und der Ausschließung ist dies nur,
argentinische Fabeldichter des Vorworts erzählt, spielt die Ge- sofern er ein Kraftfeld mit Anziehungs- und Abstoßungskräften
schichte in China, das heißt anderswo. Man lese einmal die darstellt und die Vernunft schließlich Macht, Wille, Kraft und
Pensees, indem man sich auf die andere Seite der Pyrenäen Gewalt ist - was man ja zur Genüge gesehen hat; wer in diesen
versetzt, die Feder in der Hand, und man wird am Ende eine Räumen lebt, ist Gefangener dieser Kraftlinien links und rechts.
spanische Heterotypie im Stile von Pacheco, Velasquez, Cervan- Es ist daher unerläßlich, daß man sich der dynamischen Struktur
tes schreiben. . . oder besser im Stile von Cortez und Trujillo. entzieht und sie neutralisiert: Und wiederum ist diese dynamische
Die Umkehrung ist bedeutsam; letztlich macht sie das klassische Struktur die eines Unbewußten oder einer Kultur. Wer außerhalb
Denken undenkbar. Der Archäologe geht an die Geschichte dieses Feldes bleibt, braucht in dieser Richtung keine Probleme
heran, als wäre sie in einer Sprache geschrieben, die nicht mehr hinsichtlich Irrtum oder Wahrheit mehr zu befürchten. Es geht
die Sprache der Wissenschaft ist, in einer toten, vergessenen, nur noch darum, ein beliebiges Objekt als Stein von Rosette zu
aufgegebenen Sprache; er hebt jene instinktive Rekurrenz auf, entschlüsseln, und nicht mehr um dieses bevorzugte Objekt, das
die den Forscher mit seinem Gegenstand verbindet; er annulliert als Stein von Magnesia anzieht und festhält. Auch darf, wer dort
jenen Kommunikationsfluß, der eine kulturelle Gemeinschaft Position bezieht, hoffen, der alten, von Marx formulierten Pro-

280 281
blematik zu entgehen: Außerhalb dieses Feldes, das ihn nicht schen Menschen am Ende als jemanden zeigt, der in das Laby-
beeinflußt und das er nicht beeinflußt, beherrscht er ein konkretes rinth dieses Netzes eingeschlossen ist, psychologisiert, kulturali-
Objekt, das heißt eine Konkretion; bleiben noch ein paar Inschrif- siert, zur Salzsäule naturalisiert: Die Universalität des mathema-
ten auf festem Grund, ein paar Sätze auf einem Sockel. Soviel ich tisierenden Subjekts ist nur noch die Verwandlung einer kultu-
weiß, ist die Archäologie nichts anderes als eine Wissenschaft rellen Konkretion. Aber wenn diese Situation allgemein ist, dann
der Inschriften und Graffiti. Kurz: Foucault behandelt eine Bi- erscheinen die oben genannten Probleme - invariant - unter
bliothek wie ein kulturelles, kollektives Unbewußtes (von dem einem neuen Licht: Reicht eine Gegenwissenschaft zur Gegen-
zu sagen, daß es wie eine Sprache strukturiert ist, nur eine wissenschaft aus, um sich von jeder möglichen Heteronomie zu
Tautologie wäre; daher die Nähe zu Lacan in der Mitte zwischen befreien und die regionalen Heteronomien zu objektivieren,
Logismus und Psychologismus); er behandelt sie wie einen darunter auch die unsere? Davon wird man träumen, wie man
fremden, abgeschlossenen Raum. Der Historiker betätigt sich vom Übermenschen geträumt hat; man wird Prophezeiungen
hier als Analytiker des Dramas eines Anderen (der derselbe ist); machen, wie man den Übermenschen angekündigt hat. Die
er ist die Erinnerung seines Vergessens, er ist hier Ethnologe Archäologie ist das Ende der Geschichte, blinkende Grenze und
eines femen, stummen Sinnes und führt dessen Abwesenheit Ort des Null-Ortes, allerdings nur, wenn wir den Ausdruck
zurück; er behandelt Bücher wie versunkene Bauwerke und die »Ende der Geschichte« in allen möglichen Bedeutungen nehmen
Schrift wie eine Inschrift. Er ist Archäologe einer heute vergesse- und nicht in dem eindeutigen Sinne, den die Tradition ihm
nen Sprache. Er bringt es fertig, in diesen Raum einzudringen, beilegt: Ende der Zeiten und Installation der Räume, Anhalten
ohne darin zu sein; sich ihm zu nähern, ohne von der Kraft eines der Genesen und Blüte der Systeme, Ziel, Grenze, Verschwin-
Sinnes angezogen zu werden; er bringt es fertig, die Gravitation den, Tod der Geschichte als Wissenschaft und als Wissenschaft
aufzuheben; hineinzuschlüpfen, ohne sich verwickeln zu lassen' der Humanwissenschaften. Die Archäologie wäre in diesem
aufmerksam zu sein und dennoch nicht betroffen: eine epoche: prospektiven Kontext die Gegenwissenschaft zur Gegenwissen-
die ihre Möglichkeit der vibrierenden Grenze zwischen dem schaft der heteronomen Systeme. Nachdem die Geschichte end-
Gleichen und dem Anderen verdankt. Foucault betritt die Biblio- lich vom extra-directed entbunden hätte, nähme die Archäologie
thek wie den kleinen Saal im Prado; er hört eine Sprache, wie ein Besitz von den Bedingungsstrukturen. Dann bliebe noch der Ort
Analytiker es tut, liest einen Satz wie ein Epigraph, nähert sich der Archäologen selbst zu ergründen. An ihn wäre die Frage zu
den Inseln wie ein Ethnologe, um das Unverständliche zu verste- richten: Wie kann er eine Botschaft verstehen, die keine Bot-
hen, verständnisvoll, aber für alle Zeiten fremd. Diese epoche ist schaft mehr für ihn ist und auch niemals eine Botschaft an ihn
wiederum nur möglich, wenn das klassische Bewußtsein als war? Wie kann er eine Botschaft verstehen, die er doch gerade als
Unbewußtes eingestuft wird, das Denken als undenkbar, die solche und als ihn betreffend zurückweist? Sein Ort ist weder der
klare Vernunft als rätselhafter Mythos und die Heiterkeit als des Senders noch der des Empfängers, sondern der des Abhören-
unverständliche Grimasse, wenn der Graphismus des Wissens als den; und es ist der Ort des Betrachters oder des Malers der
Graffiti gelesen wird. Dann und nur dann kann man sich nach der Menifias, der sich dort dank eines paradoxen Zwischenraumes
Natur des Sockels fragen, auf den sie von fremder Hand geschrie- überraschend Eintritt verschafft hat. Der an einem Ort verwur-
ben wurde. Fremd zweifellos deshalb, weil das logistische Ver- zelte Historiker betätigte sich als Empfänger, und indem er dies
ständnis des von diesen Inschriften gebildeten Gitters den klassi- tat, bestimmte er in gewisser Weise auch das Senden, wobei sein

282 283
Wissen sich während dieses spiralförmig fortlaufenden Aus- System der indoeuropäischen Trilogien verbindet. Auch Dume-
tauschs beständig vertiefte. Der Archäologe dagegen versucht, in zil ist Archäologe. Und wie Kant die Unterscheidungen der
die Position des universell Mithörenden zu gelangen. Das Nar- Newtonschen Mechanik heranzog, um das Netz der kritischen
renschiff irrt über die Meere und schneidet die Bahn der durch Frage zu knüpfen, so übernimmt Foucault die Rahmenkonzepte
alluviale Konkretionen fossilisierten Flaschenpost. Und noch der als reif unterstellten (7) Humanwissenschaften, um das Raster
einmal: Wie soll man eine Information verstehen, wenn die so der archäologischen Sprache herzustellen. Es fragt sich indessen,
definierte Haltung, die selbst der Wissenschaftler ihr gegenüber ob nicht in beiden Fällen die Übernahme des Positiven ins
einnimmt, voraussetzt, daß sie für ihn nur ein sinnentleertes Konditionale die angestrebte Universalität der Frage auf einen
Objekt darstellt? Darüber zu träumen ist dringend nötig, denn Bereich reduziert, der ebenso eng begrenzt ist wie der Ausgangs-
einen Satz als solchen zu betrachten könnte allenfalls zu einer bereich. Was man auch tun mag, die Bedingung geht nicht über
reinen, logischen oder topologischen Theorie führen, zumindest das Bedingte hinaus, sie klebt gleichsam am Bedingten, dort an
für den Augenblick. Und der Sinn wird ausgeschlossen, also die der N ewtonschen Annäherung, hier an unserem kulturellen Parti-
Kultur- womit wir wieder da wären, wo wir hergekommen sind. kularismus. Der Maler verurteilt sich selbst zur Bewegungslosig-
Angesichts dieser Tatsache mobilisiert die Archäologie die keit in einem seitlich gelegenen Teil des Bildes. Er hat den Grat
Gegenwissenschaften und benutzt deren Rahmen, um die ur- des Verschwindens um einen infinitesimalen Abstand verfehlt.
sprünglichen Räume zu erkunden, in denen die historischen Aber betrachten wir diese ternäre, verräumlichte (nicht zeitli-
Formationen gründen. Daher die Anwendung des von Levi- che und nicht dialektische) Form einmal für sich. Beschreiben
Strauss benutzten Rasters auf die westliche Kultur: Die Welt der wir eine erste Schicht (die hier epistemologischer, im allgemei-
Parallelen verbindet sich bestens mit den strukturellen Analo- nen aber kultureller Art ist), dann eine zweite und schließlich eine
gien, die den Austausch der Worte durchziehen (Grammatik, dritte. Die Methode der strukturellen Analogien bezieht diese
Linguistik - unsere vergessene-formalisierte Oralität?), den Aus- einlinigen Beschreibungen auf eine gemeinsame Referenztafel,
tausch der Güter (Analyse der Reichtümer, Ökonomie - unsere die deren Invarianten enthält (das ist es, was in der Tafel
archaische-symbolisierte Analität?) und den Austausch der aufgeführt wird) und deren Extension beschreibt (die Tafel wird
Frauen (Naturgeschichte, Biologie - unsere primäre-Iogisierte durch die Grenzen der Vereinigung ihrer Projektion auf die Tafel
Genitalität?). In gewisser Weise haben wir keinen Augenblick begrenzt). Eine Kultur ist nun nichts anderes als dieser Bezugs-
den Raum der parallelen geodätischen Linien verlassen, denn sockel im Sinne des strukturellen Inhalts und der definierten
wenn die klassische Kultur ihn voraussetzt, dann setzt der Struk- Besetzung eines Segmentes der Raum-Zeit. Sie besitzt zwei
turalismus ihn bewußt ein: Die Methode der kontinuierlichen wesentliche Merkmale: den Typus der Einschreibung und den
Analogiebildung ist nichts anderes als eine Analytik der Iteration Zuschnitt ihrer Ränder. Diese Bestimmungen sind nun ihrerseits
des Gleichen und des Anderen, das heißt eine Methodologie der relativ zur Anzahl der von den projizierten Beschreibungen
Ähnlichkeit. Vielleicht haben wir ihn nie verlassen seit Platon selegierten Formationen. 3 Nehmen wir an, wir wählen eine vierte
und seiner Konstituierung der Polis durch ökonomischen Aus- Schicht, dann eine fünfte usw. unter den als menschliche Vorwis-
tausch, biologisches Modell und Bildung einer gemeinsamen
Sprache. Vielleicht ist der Strukturalismus (dieser Strukturalis- 3. In diesem Schema haben die Projektionen zylindrische Form, der Standpunkt liegt also
mus) das letzte - diesmal bewußte - Band, das uns mit dem im Unendlichen - was wir bewiesen haben.

284 285
senschaft (als Nichtwissen oder Irrtum) zu wertenden archai- jene Mutation herbeiführen, die jedes Wissen im Augenblick der
schen Formationen aus - zum Beispiel politische oder soziologi- Universalität durchmacht; die Gegenwissenschaften müßten ihre
sche Theorien (die Demographie entsteht im klassischen Zeital- Enzyklopädie durchgegangen sein, um per analogiam zu spre-
ter, denn es verbreitet sich d,ie Idee, die Sterblichkeitstafeln chen. Mangels dessen ist die Referenztafellediglich eine weitere
auszuwerten) oder ethnographische Theorien (die N ovissima kulturelle Schicht, eine Art und Weise, die Kultur auf sich selbst
sinica stammen aus dieser Zeit) oder auch Theorien der Reli- zUfÜckzufalten oder zu replizieren, eine Metasprache, die wie
gionsgeschichte usw. -, dann verschiebt und verändert sich die üblich nichts anderes als die Sprache selbst ist. Vielleicht können
Referenztafel, die zu ein und derselben Kultur gehört und sie wir dieser Wiederholung wie zwischen parallelen Spiegeln gar
durch strukturelle Invarianten definiert. Einerseits geht sie in nicht entgehen; vielleicht gibt es hinter der kulturellen Totalität
Richtung größerer Allgemeinheit der Bedeutung und einer Verar- gar nicht diese nackte formalisierende Aktivität, wie es hinter
mung der Schrift, andererseits verschwinden die von den ersten dem Wissen keine konstituierende intellektuelle Aktivität gibt.
Schichten determinierten Schnitte und verlagern sich: Die Tafel Vielleicht gibt es jenseits des Grats nur einen Totenkopf. Daher
erweitert und leert sich; sie tendiert dahin, die Geschichte auf das vibrierende Zögern, die Schwelle zu überschreiten; daher
konnexe Weise zu verhüllen und an Spezifikationen zu verlieren, diese Kritik mit ihren Lichtblitzen und Verdunklungen.
was sie an Allgemeinheit hinzugewinnt. Hinsichtlich dieses Auch über dies alles kann man träumen - und unterstellen, wir
Wachstums taucht auch das transzendentale Problem wieder auf, besäßen das endgültige Kriterium. Dann könnten wir wetten, daß
allerdings an einem unerwarteten Ort. Es fehlt uns an einem ein einziger Satz in der Tafel stehen bliebe: Das Sein ist, was
Zeichen oder Kriterium, aufgrund dessen wir die Zahl der nicht das Sein nicht ist - und insbesondere der Mensch, was
Schichten m-aximieren könnten, die notwendig und hinreichend zeigt, daß man die tödliche Grenze überschritten hätte, die
sind, um die Totalität einer Kultur zu erkunden oder um sie als Grenze zwischen Sein und Nichtsein, daß es, wie Nietzsche sagt,
solche zu definieren, also um zu einer festen und unveränderli- nur noch darum geht, eine Linie jenseits von Sein und Nichtsein
chen Tafel zu gelangen. Solange wir solch ein Kriterium nicht zu ziehen. Die Verallgemeinerung der Methode führt an der
haben, bleibt unsere Analyse abhängig von einer willkürlich Grenze des Wachstums zu dem Gedanken, den man niemals hat
festgelegten Zahl, sie bleibt relativ und damit in der betreffenden verlassen können, wonach alles sich um den Begriff der Grenze
Kultur erstarrt. Der das Bild malt, ist selbst in dem Bild, in dreht: der Andere, das Unendliche, das Sein und das Nichts. Die
Gesellschaft derer, die zusehen, wie das Bild gemalt wird, und Verschiebung des Schnittes ist die einzige Variable, die die
dabei, ohne es zu wissen, selbst zum Bild gehören. Das heißt, fundamentale Inschrift determiniert. So hat denn Foucault den
daß wir die endgültige Tafel noch nicht erreicht haben, daß wir kürzesten unter den längsten Wegen gewählt, um zu der Heideg-
immer eine tiefere Ebene, eine Person dahinter, bezeichnen gerschen Tautologie zu gelangen, den kürzesten unter den We-
können, die uns überrascht und auf ein neues objektivierbares gen in einem Wald von Symbolen.
Ensemble hinweist. Seit mehr als einem Jahrhundert breitet die Haben wir seit dem klassischen Zeitalter einen Orts wechsel
Philosophie den Inhalt möglicher Erfahrung aus, vom Feld des vorgenommen? Sind wir nicht an den Ausgangspunkt zurückge-
Exakten zum Erlebten schlechthin - es ist, als müßte man ein kehrt - oder über diesen Punkt hinaus zu den griechischen
Meer austrinken, und noch immer ist es nicht leer. Wenn wir Anfängen? Am Ende glaubt man fast, das zentrale Moment des
einen neuen Bedingungsgrund entdecken wollen, müßten wir Buches liege letztlich in der Aushöhlung seines eigenen Diskur-

286 287
ses; es sage genau das, was zu sagen es ablehnt; es lehne ab, das den Mittelpunkt ausgerichteten Netz setze ich euch stets auf
zu sagen, was es sagt. Denn es verweist auf einen spinozistischen Wege, die im voraus bestimmt, die vorausgesehen und als Falle
Horizont - monistische Ontologie und determinatio negatio; es vorbereitet sind. Der Tod erwartet euch an der Wegbiegung, im
bewegt sich in einem Raum~, der von der Repräsentation zum Geflecht meiner Listen.
Willen geht, ohne sich dabei mit Schopenhauer zu treffen; es Will man diesen universell subtilen Betrüger seinerseits be-
verfolgt auf der allenthalben erkennbaren Ebene der Wissensin- trügen, so gibt es nur eine List, und die besteht darin, den
halte den Leibnizschen Weg der strukturalen Enzyklopädie usw. Worten jeden Sinn zu nehmen: der Fels muß immer wieder
Der Diskurs des Anderen über den Gleichen greift zu der gleichen danebenfallen, während er mich doch in jedem Falle zermalmen
(aber anderen, das heißt inversen) List wie der Diskurs des soll. Dazu ist es unerläßlich, daß ich mich jenseits der Totalität
Gleichen über den Anderen. Wie der Gleiche den Anderen zu der Bahnen stelle, in das Nichts des Ortes, des Wortes und
Nichts werden ließ, indem er ihn hinter die Grenzen des Univer- schließlich des Seins: Es ist unerläßlich, daß ich mich Niemand
sellen, hinter das Unendliche verbannte, das seine Strenge er- nenne. In diesem Augenblick ist der Einäugige, der alles in
kannte, und dennoch so tat, als ginge es ihm in seiner fundamen- einem einzigen Blick sieht und alles in einem einzigen Wort
talen Fragestellung um eine Metaphysik der Endlichkeit (wäh- sagt, geblendet und auf die flehentliche Anrufung verwiesen: Er
rend doch das Unendliche nichts anderes als das Andere seiner kann den nicht sehen, der beschlossen hat, unsichtbar zu sein,
Ablehnung war; während doch das compelle intrare den Tod der schweigend spricht, der nirgendwo ist. In dem Augenblick,
voraussetzte, wenn die Türen sich öffnen sollten), so bildet der da Odysseus Niemand ist, befindet er sich zugleich in der Höhle
Andere einen unteilbaren Raum, die Umkehrung zum Raum des und außerhalb , innerhalb und außerhalb des Zauberkreises des
Gleichen, außen für innen, Linie für Linie, Punkt für Punkt und Universellen.
Begriff für Begriff; er sperrt den Gleichen in eine Höhle aus Angesichts des allersubtilsten Listigen ist Odysseus feinsin-
Schweigen, raubt ihm die Sprache, vernichtet seinen Willen zur niger als Descartes; er behauptet keineswegs das Sein seines
Universalisierung, neutralisiert seine Wünsche, kehrt die Lein- Ich, sondern erklärt es für Nichts. Es stimmt, daß er dem Tod
wand um und reduziert das denkende Wesen auf den Totenkopf. geweiht ist, ohne auf einen Gott bauen zu können, der stärker ist
Die (buchstäbliche) Ausklammerung der Philosophie, aller auf als der Zyklop: Der Böse aus dem Rauchfang ist nur ein Schat-
Universalisierung beruhenden Philosophien, ist charakteristisch ten, den Gott auslöscht, verglichen mit dem Monstrum in der
für eine unerbittliche Logik: Die Nichtgeschichte der Gegenwis- Höhle, die der Grabstein schon verschlossen hat. Es ist leicht,
senschaften verflüchtigt sich in eine Anti-Metaphysik. sein Spiel zu maximieren, wenn man sich auf das quo nihil
majus cogitari possit stützt. Wenn dieser Verbündete in einer

***
Dämmerung verschwindet, deren Tragik uns immer bewußt
war, dann bemächtigt der Gegner sich der besseren Karten. Und
Als boshaftes Genie, dessen Worte alle erdenklichen Bedeu- dann bleibt nur die List der Nichtexistenz, die unsere letzte
tungen bezeichnen, nenne ich mich Polyphem. Ich sage, und die Wahrheit ist.
Sache ist anderswo und hier, ganz wie ich es will, so daß es Vielleicht ist Polyphem der Name der Welt, insofern sie
unmöglich ist, meine Höhle zu verlassen, so sehr ist man gebun- Trägerin der Universalsprache ist, Trägerin der Totalität des vor-
den von den Kettengliedern meiner Rede. In diesem überall auf geschriebenen Sinnes. Und Niemand ist der Name des Unbe-

288 289
kannten, der sich verbirgt oder verschwindet, um das Unbe- Zweites Kapitel
kannte = x zu setzen, ein Element dieser mathematischen Spra-
che , die universell in ihrer Leere ist, damit sie keinen Sinn Wörterbücher
ausdrückt. Bleibt das unendliche,Spiel der leeren Universalspra-
che und der universellen Sprache des Universums.

August 1966.

LOXODROMEN DER »VOYAGES


EXTRAORDINAIRES«

Grotte, Höhle, Schacht, Brunnen, Grube, Stollen - es gibt nur


wenige Romane von Jules Veme, in denen solche unterirdischen
Basiliken fehlten. Reale: Fingal in Rayon vert, das Mammuth
von Kentucky in Testament d' un excentrique; real-imaginäre: das
neue Aberfoyle im platonischen Text der Indes noires; vollkom-
men phantastische oder von Menschenhand gegrabene: Granite-
House, die halbmarine Zufluchtstätte Nemos, die Columbiad des
Gun-Club, der gewaltige feuerspeiende Schlund des Kilimand-
scharo, der die Polachsen wiederaufrichten soll, die ausgehöhlte
Insel in Face au drapeau und so weiter. Unter diese tellurischen
Themen mischt sich jede Menge Bachelardscher Motive des
Wassers und des Feuers, bis schließlich das zentrale Bild des
ganzen Werkes vor uns steht: der Vulkan. Die Welt - im
geologischen Sinne verstanden - ist vor allem (und letztlich)
vulkanischer Natur; die außergewöhnliche Reise zu dem subli-
men Punkt ist eine Reise, die zu einem Krater führt, von einem
Krater ausgeht oder ihren Weg durch einen Krater nimmt, man
denke an Maftre Antifer, Le Volcan d' or, Servadac. Was finden
die Gefährten des Kapitän Hatteras am Pol? Eine Insel (auch dies
ein zentrales Thema); in der Mitte der Insel liegt ein Vulkan; und
der mathematische Punkt des Pols befindet sich im Zentrum des
Kraters. Überdies wird die Grundidee der ewigen Wiederkehr
(die in l' Ile mysterieuse erstmals auftritt und dann bis zu l' Eternel
Adam immer wieder anzutreffen ist) erst möglich durch Folgen

290 291
von eruptiven Zerstörungen und Palingenesen. Es liegt auf der thias Sandorff tauft, hatte ihn ganz sicher gelesen: Und er hat
Hand, was eine psychoanalytische Kritik aus alledem hervorho- daraus etwas ganz anderes übernommen.
len könnte, und man sieht es zu gut, als daß man zögern möchte. Frage: Was suchen die Helden der Reise am Avemus ? Etwas
ähnliches wie das, was Laquedem dort findet.
Der Roman Voyage au centre de la terre ist das vollkommene Laquedem ist zum Reisen und Umherirren verdammt. Man
Werk des Empedokles-Komplexes. Auf den kryptographischen findet ihn in Griechenland, im Kaukasus, in Rom, auf den
Spuren des Alchimisten Arne Saknussemm (dessen gesamtes Meeren und in den Wüsten - an allen Orten und in allen Zeiten,
Werk verloren gegangen ist, bis auf die in Runenschrift verfaßte denn er kann nicht sterben. Er ist der ewige Jude, der Odysseus
Botschaft), dringen Axel und sein Onkel in den Jökull des ohne Heimkehr, bei dem aus dem griechischen Kreis eine fortlau-
Snoeffels in Island ein und gelangen durch den Stromboli wieder fende Linie wird. Dumas' Text ist ein Versuch; er hat ihn nie
an die Erdoberfläche; die Reise verbindet den Mund eines erlo- vollendet. Das Programm war maßlos; fünfundzwanzig Bände
schenen Vulkans mit einem in voller Aktivität befindlichen sollten die vergangene, gegenwärtige und zukünftige Geschichte
Krater. Wünscht man sich einen Katalog, so findet man ihn hier der Menschheit aufzeichnen, erlebt und beobachtet von dem
vollständig zusammengestellt: Das Innere der Erde enthält alles, ewigen Zeitgenossen, der so in die Antizipation eintaucht. Dort
was man nur möchte, an Höhlen, Schlünden und Abgründen, an hätte man gesehen »den neuen Messias Siloe, die Welt, zur
verwinkelten Gängen und Labyrinthen (einschließlich des Ariad- Vollkommenheit gelangt und sich gegen Gott erhebend, die
nefadens: des Hans-Bachs), an wassergefüllten Grotten, Bächen, zweite Passion, das Ende der Welt in Kälte und Finsternis, den
Meeren und unterirdischen Stürmen, an elektrischen, magneti- Juden, den letzten Menschen der alten und den ersten der neuen
schen und tektonischen Feuern. Einen ganzen Schatz kann der Welt«. Paul Lacroix hatte l' Eternel Adam projektiert; Jules
Psychoanalytiker hier ohne großen Aufwand heben; und welch Verne hat ihn geschrieben. Man möchte fast meinen, Dumas'
ein Entzücken werden ihm die Riesenchampignons einflößen - Programm findet seine Verwirklichung in der Gesamtheit der
ein Wald von Symbolen -, diese ins Gigantische vergrößerten Voyages extraordinaires, wobei sie weniger von dem unsterbli-
kalten und feuchten Gewächse, oder die Flutwelle, die ganz chen Zeugen, dafür mehr vom wiedergefundenen Kreis enthal-
gegen die Naturgesetze zunächst ein gewisses Floß in die Höhe ten. War das Absicht, oder war es unbewußt? Oder entsprach es
hebt, um es dann eruptiv in einen Kamin zu stürzen. Die einfach dem Zeitgeist? Ich weiß es nicht, aber die Tatsache bleibt
Symbolik liegt an der Oberfläche des Textes und bedarf keiner bestehen. Die Antizipation ist dann nur noch eine dritte Seite der
Übersetzung - ein schlecht gehütetes Geheimnis, ob es nun in der Dinge, und die vollständige Rekapitulation der Vergangenheit ist
Erde vergraben ist oder in einem Code. eine andere - oder dieselbe: l' Ile mysterieuse zum Beispiel ist
All das wäre überzeugend ohne Isaac Laquedem - und es eine Zeitreise, die den futuristischen Zukunftsvisionen gleicht.
bleibt auch mit ihm zum Teil überzeugend. Wir alle kennen Der Ballon ist eine Maschine, mit der man in die Vergangenheit
diesen Roman, in dem zum erstenmal gesagt wird, daß alle zurückkehren kann, ganz wie die Säulen der Lincoln-Insel die
Menschen sterblich sind und daß folglich die schlimmste aller gesamte Geschichte vom Punkt Null an wiederholen, vom ada-
Strafen die Unsterblichkeit sein müsse. Simone de Beauvoir und mitischen Zustand bis hin zur eruptiven Katastrophe des Endes
Borges haben den älteren Dumas möglicherweise gelesen. Doch und Anfangs. Im Mikrokosmos der Insel durchläuft diese exem-
Verne, der den Monte-Christo der Voyages extraordinaires Ma- plarische Mikromenschheit noch einmal die bekannten Zeitalter

292 293
und Entwicklungsstadien bis hin zur vollkommenen Welt, dem tes; der Ursprung der Welt und des Menschen, ausgelöscht und
Tod von Gott-Nemo und der vulkanischen Eschatologie. Die bewahrt in den Tiefenschichten des Granits, in Knochenhaufen
Geschichte bildet einen Kreis und kann von vorn beginnen: Bei oder Plesiosaurusfunden ; alte esoterische Traditionen der hohlen
einer Reise, deren räumliche Dimension nahe Null liegt, ist die Erde und der riesenhaften Vorfahren. Auf diesen Wegen verliert
zeitliche Dimension des zurückgelegten Weges nahezu erschöp- Axel die Erinnerung an die jüngste Vergangenheit, Grauben, die
fend. Überdies ist l' Ile mysterieuse der Prototyp aller Romane, schöne Vierländerin, schwindet aus seinem Gedächtnis. In ihrer
die sie lediglich wiederholen, ergänzen oder analysieren. Phantastik läßt die Reise nun all ihre Vorläufer, Homer, Dante
Kehren wir zu Laquedem-Saknussemm zurück, und gehen wir und Dumas, hinter sich; als das unterirdi~che Mittelmeer erreicht
von der Geschichte zur Vorgeschichte, von der Archäologie zur ist, erleben die Toten ihre Auferstehung oder eher noch, sie sind
Paläontologie über. Isaac hat vom sterbenden Prometheus den niemals gestorben: Das Geheimnis enthüllt sich höchst lebendig
goldenen Zweig erhalten, der die Tore der Hölle öffnet, und das in Fleisch und Blut, Knochen und Krallen; die großen Saurier
transzendente Wissen um den Ort, an dem die Parzen sich gehen einander an die Kehle; primitive Farne ziehen sich unter
aufhalten: den Mittelpunkt der Erde. In Begleitung des Apollo- Bäumen hin und dienen den Mastodonten als Nahrung, deren
nius von Tyana bringt er die Etappen der Initiation hinter sich, Rüssel ein Gewirr von Schlangen bilden. Es handelt sich nicht
überquert den schwarzen See und steht dann am Rande des mehr darum, die Schatten von Schatten zu befragen oder die
Abgrundes. Weder bei Verne noch bei Dumas braucht man dem Göttinnen des Todes, sondern um die Betrachtung des ursprüng-
Text Gewalt anzutun, um sich von der Prägnanz der bei Homer, lichen, protohistorischen Lebens, das auf naive Weise entdeckt
Vergil und Dante entlehnten Themen zu überzeugen: Beide wird und präsent ist wie ein Buch erlebter Paläontologie. Und
zitieren im selben Augenblick denfacilis descensus Averni, den dann, mitten im Urwald, in einer wahrhaft traumgleichen Angst,
leichten Abstieg zum Avernersee, beschreiben dieselben sanften finden wir Adam wieder, gewaltige zwölf Fuß groß, mit dem
Wiesen, dieselben dunklen Wasser, dasselbe fahle Licht. Die Kopf eines Büffels! und der Mähne eines Löwen, vorsintflutli-
modemen Reisen unterscheiden sich von den alten in dem cher Hirte einer Herde von Ungeheuern. Daß ein Unfall das
einzigen Punkt, der sich verändern kann: der Wissenschaft. Die Erreichen des Mittelpunkts verhindert und zu überstürzter Rück-
Schatten sind nicht mehr Spuren vertrauter Toter; nun berichten kehr durch den Rachen des Stromboli zwingt (zur Rückkehr in
die geologischen Schichten von einer verlorenen Geschichte und die Geschichte, in die alte-neue Welt), was zählt das schon? Die
einem verlorenen Wissen ähnlich den Ossuarien und der fossilen Reise ist beendet , das Wissen vollkommen und die Initiation
Flora. Cuvier, Milne-Edwards und Quatrefages haben ihre Spu- erfolgt, als man den ersten Menschen sieht, den Vater unserer
ren hinterlassen. Apollonius und Lidenbrock sind Geophysiker Väter oder den letzten Zeugen. Die Zeit nimmt ihren gewohnten
und Paläontologen und nicht bloß Mystagogen oder Medien. Bei Gang wieder auf, die Begrabenen erleben ihre Auferstehung (die
Verne haben wir es wiederum mit einer Reise zu tun, die im Toten sind niemals gestorben), die Parze des Mittelpunkts knüpft
selben Maße zurück in die Zeit führt, wie sie in die Tiefe neuerlich den Faden.
vordringt: eine neue (oder sehr alte) Bedeutung von Anamnesis. Ich habe nichts dagegen, daß man die Symbole einer psycho-
Die Archäologie erhält hier die globale Konstellation ihrer Be-
deutungen: verloren-wiedergefundenes Geheimnis der Runenin-
1. Isaac Laquedem gräbt solch einen Riesen aus, ganz zu Beginn des Werkes, in einem
schrift; vergessenes, in klare Symbole eingebettetes Unbewuß- Grab der Gaetani. Doch bei Verne handelt es sich um den Minotaurus.

294 295
analytischen Kritik unterzieht- daß der Vorfahr-Gott-Vater so schämt Jules Verne sich ein wenig. Wo die soziale und
immanior ipse ist usw. -, aber man sollte auch zugeben, daß der politische Antizipation gewagt und detailliert ausfällt (Begum,
Schlüssel für die Lektüre gleich mit der Lektüre mitgeliefert Jonathan), da ist die technische Extrapolation ängstlich, daran ist
wird, die Methode mit dem Problem, die Bewegung mit dem nicht zu rütteln. Diese erste Reise ist im allgemeinen kreisjörmig
Ziel, der Arzt samt seinem Wissen mit dem Kranken und seiner wie die Zeit, in der sie gemessen wird oder in der sie sich bewegt.
Krankheit, der Lernende mit seinem Führer, der Initiierte mit Der Gedanke der ewigen Wiederkehr beherrscht sie, die Zukunft
seinem Priester, das Labyrinth mit seinem Faden. Dem Krypto- ist nur grob skizziert. An anderer Stelle2 werde ich zeigen, daß
gramm ist sein Dechiffrierschlüssel beigegeben und dem Ab- die Bilder sich hier um eine durch Punkt und Kreis gekennzeich-
grund sein Hans-Bach (und sollte man einmal den Ariadne-Bach nete Struktur gruppieren, die auf vielfältige Weise übersetzt
verlieren, sorgt die Ausbreitung des Schalls für Ersatz); der wird: Pol, Zentrum, Vulkaninsel 3 , Maelström usw. Der sublime
finstere Schlund ist mit Runeninschriften versehen; die Wege des Punkt ist hier der Bezugspunkt einer geschlossenen räumlichen
Todes und des Ursprungs sind markiert; desgleichen stehen die oder zeitlichen Geodätischen.
unbewußte-imaginäre-wissenschaftliche Fauna und Flora am Sodann ist es eine enzyklopädische Reise: Die Odyssee ist
Ende der regressiven Bewegung, der Anamnese, des Abstiegs zirkulär, sie durchläuft den Zyklus des Wissens. Ziel der Reise ist
und der Umkehrung der Zeit. Die Geheimnisse sind Ergebnisse, ein privilegierter Ort, an dem es möglich ist, eine wissenschaftli-
oder, wenn man so will, die Analyse wird zeitgleich mit dem che Theorie der unmittelbaren Prüfung durch die Erfahrung zu
vorgestellt, was zu analysieren ist. Es gibt stets einen Vorläufer unterziehen oder ein ungelöstes Problem zu klären: Gibt es ein
auf dem Wege des Helden, einen Forscher oder Wissenschaftler, Vermittlungsglied zwischen den Menschenaffen und dem Men-
der erklärt: eine Welt der Zeugnisse und des Wissens im selben schen? Schauen Sie in Village aerien nach. Besitzt die Erde einen
Maße wie des Symbols und des Verborgenen; oder besser: eine zweiten Trabanten? Folgen Sie Barbicane usw. Daher dieser
Welt der Wege des Geheimen, naiv aufgezeigt. überreichliche Rückgriff auf Algebra, Mechanik, Geographie
und Geschichte, der allzu elementar und naiv ausfällt, als daß er
Tatsächlich ist immer nur die Rede von Forschungen und erträglich wäre, jedenfalls in den meisten Fällen. Wir haben eben
Entdeckungen, von Reisen, die etwas zu sehen geben, von gesehen, wie eine kindliche Paläontologie und Geologie freien
Routen, die zur Erkenntnis des Unbekannten führen sollen. Was Lauf erhält und die Frage der Wärme im Erdmittelpunkt durch
ist denn nun ganz allgemein eine außergewöhnliche Reise? erlebte Anschauung gelöst wird. Das ist die Bildungsseite des
Zunächst ist es eine gewöhnliche Reise im Raum (zu Lande, HetzeIschen Magazins, wie die erste Reise die Unterhaltung in
zu Wasser, in der Luft, ins All) oder in der Zeit (Vergangenheit, den Vordergrund stellte. Doch in der Intention wird die homeri-
Gegenwart, Zukunft: Hier et Demain), eine Reise von einem sche Tradition respektiert: bilden und unterhalten, die Bilanz von
gegebenen Punkt zu einem anderen, angestrebten Punkt unter Wissenschaft und Technik der Zeit ziehen; über die bekannten'
Benutzung aller möglichen Fortbewegungsmittel; in dieser Hin- Räume und den Stand des menschlichen Wissens hinausgehen.