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16 M. PIEPER: Ein Text über das ägyptische Brettspiel. [66. Band.

Lesung:

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Ein Text über das ägyptische Brettspiel.


V o n MAX PIEPER.

Hierzu Tafel III.

Der unten behandelte Papyrus ist zwar schon einmal von DARESSY im Recueil de
travaux usw. XVI, 129 veröffentlicht worden, aber nur in Transskription, ohne Über-
setzung und Kommentar. So wird eine nochmalige Behandlung gerechtfertigt erscheinen,
zumal ich in der Lage bin, Varianten mitzuteilen.
Es sind uns von diesem Texte drei Fassungen erhalten. Die eine, vollständigste
auf dem Tafel III abgebildeten Papyrus der Kairener Sammlung, der in seiner Art ein
Unikum ist. Er ist etwa 160 cm lang, enthält aber nur 3 Seiten (von verschiedener Länge),
jede Seite nur 3 Zeilen. Ich habe so große hieratische Buchstaben noch nirgends ge-
sehen. Der Schrift nach gehört er etwa in die Zeit Ramses' III. (vgl. MÖLLER, Hiera-
tische Paläographie II, Tafel 49, unterste Zeile). Der Papyrus enthält einige seltene
Zeichenformen (s. MÖLLER, a. a. O.), z. T. sind sie so genau ausgeführt, daß man sie nicht
zur hieratischen Buchschrift rechnen kann. Vgl. die schöne Form des Frosches (Z. II, 3),
bei MÖLLER nicht angegeben.
Natürlich kann man aus der erhaltenen Handschrift nicht ohne weiteres schließen,
daß der Text erst 20. Dynastie ist. Seine sprachlichen Formen (darüber wird im Kom-
mentar einzeln zu reden sein) zeigen das klassische Ägyptisch, wie es sich im Mittleren
Reiche herausgebildet hat. Man könnte also den Text noch im Mittleren Reiche ent-
standen denken. Dagegen erheben sich aber schwere Bedenken. Die Sprache des Mitt-
leren Reiches ist die' Literatursprache geworden, die man während der 18. Dynastie
bis zu Amenophis IV. für „Texte höherer Ordnung" angewandt hat, während die ge-
sprochene Sprache schon längst (mindestens seit dem Ende der 12. Dynastie) nicht mehr
dazu stimmte. Wir haben also, wie in so vielen Sprachen, so auch im Ägyptischen, eine
Literatursprache, an der man festhält, obwohl sie längst nicht mehr gesprochen wird.
Wie lange sie festgehalten ist, hat meines Wissens noch niemand untersucht.
So läßt sich einstweilen nicht beantworten, ob man nicht religiöse Texte auch in
späterer Zeit noch im „Klassischen Ägyptisch" abgefaßt hat. Dann wäre mit der Mög-

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Tafel III
Zeitechr. f. Igypt. Spr., ββ. Band: P i e p e r .
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Band 66.J M. PIEPER: Ein Text über das ägyptische Brettspiel. 17

lichkeit zu rechnen, daß unser Text erst aus derselben Zeit stammt wie die Handschrift.
Dazu würden noch andere Umstände stimmen. Die übrigen Texte, die unseren ,,Brett-
spie ltext" enthalten, entstammen nämlich ebenfalls erst der 20. Dynastie.
Die zweite Handschrift ist seit den Anfängen unserer Wissenschaft bekannt, war
aber lange Zeit völlig vergessen und ist erst von A L F R E D W I E D E M A N N wieder ans Licht
gezogen1. In den 20er Jahren des 1 9 . Jahrhunderts war der bekannte Gegner C H A M P O L L I O N S
S E Y F F A R T H , in Turin, wo er einer ganzen Reihe von Papyri die Gestalt gab, die sie bis
auf den heutigen Tag haben. Aus einer Fülle von Fragmenten (,,decies centena milia")
setzte er etwa 15 Papyri zusammen, darunter den berühmten Turiner Königspapyrus 2 .
Er entdeckte bei dieser Arbeit nebenbei das sogen. W I L C KENsche Gesetz von „Recto und
Verso" (s. Hermes X X I , 480). Seine Arbeit blieb leider unfruchtbar, da er, was er ge-
funden, in ein phantastisches astrologisches System zwängte, so daß sein Buch unter
den Fachgenossen unbeachtet blieb.
, Unter den Papyri, die er (nahezu völlig richtig) zusammensetzte, befand sich auch
unser Brettspieltext, in Hieroglyphen geschrieben, leider unvollständig, was um so mehr
zu bedauern ist, als auf der anderen Seite des Papyrus sich ein Plan des Spielbretts mit
Bezeichnung der einzelnen Felder befindet, wodurch der ganze Text eigentlich erst ver-
ständlich wird. Durch die bezeichneten Lücken ist eine vollständige Rekonstruktion
des Spieles ausgeschlossen. Soweit es möglich war, habe ich eine Rekonstruktion des
Planes in meiner Programmabhandlung „Das Brettspiel der alten Ägypter", Berlin 1909,
S. 10. Abb. 8 gegeben.
Der dritte Text steht in einem thebanischen Grabe, das L E P S I US auf seiner großen
Expedition entdeckte. Es enthielt u. a. die beiden Wandgemälde von Amenophis I.
und seiner Gemahlin, die heute im Berliner Museum hängen. L E P S I us gab darüber
einen kurzen Bericht in seinen Reisebriefen S. 268, eine Reihe von Notizen konnten im
dritten Textbande zu dem großen Denkmälerwerk S. 294 veröffentlicht werden. Leider
hat L E P S I us die Texte des Grabes nicht völlig abgeschrieben, seine Notizen enthalten
nur die ersten Zeilen unseres Textes. Das Grab ist heute meines Wissens verschüttet 8 ,
so daß eine wichtige Variante des Brettspieltextes nicht verwertet werden kann. L E P S I us
hatte das Grab nach den darin enthaltenen Königsbildern unbedenklich in die 18. Dynastie
gesetzt ; es ist heute längst festgestellt, daß es in die 20. Dynastie gehört. In dieser Zeit
genoß der Begründer der 18. Dynastie aus noch immer nicht aufgeklärten Gründen im
westlichen Theben besondere religiöse Verehrung; die Spuren davon sind verhältnis-
mäßig zahlreich.
Mithin gehören alle Zeugen unseres Brettspieltextes der späteren Ramessidenzeit
an; vorher findet sich von ihnen keine Spur, nachher auch nicht.
Auf S. 20f. soll nun eine hieroglyphische Umschrift des Textes gegeben werden;
die wichtigen Varianten des thebanischen und Turiner Textes habe ich im Kommentar
hinzugefügt, allerdings nur diese. Die Wiedergabe des Turiner Papyrus bei S E Y F F A R T H
ist völlig unzulänglich; eine Neuausgabe, der eine Neuordnung der Fragmente vorangehen
müßte, wäre sehr erwünscht. Vom thebanischen Text haben wir, wie gesagt, nur den
Anfang.
Einige Bemerkungen über das ägyptische Brettspiel seien vorausgeschickt. Spiele
hat es in Ägypten, wie zu erwarten, seit der ältesten Zeit gegeben, und zwar von der
verschiedensten Art. Unter den erhaltenen Spielen aus prähistorischer Zeit ragt das

1) In den Verhandlungen des Genfer Orientalistenkongresses von 1894, s. u. — 2) Beiträge zur Kenntnis
der Literatur der alten Ägypter, Heft 2—5. Leipzig 1835, S. 201 fi. Eine Ubersetzung des Brettspielpapyrus
von DÉVÉRIA, Bibl. Eg. V, 94ff. — 3) Wie ich höre, ist es jetzt freigelegt worden. Hoffentlich wird der
Text bald veröffentlicht.
Zeltschr. I. igjrpt. Spr., 6«. Band. 3

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18 [66. Band.

sogen. Schlangenspiel hervor, vermutlich unseren heutigen Geduldspielen in Spiralen-


form ähnlich1.
Seit dem Mittleren Reich taucht das „Palmenspiel" auf, so genannt nach dem
schönsten Exemplar, das Lord C A R N A R V O N bei seinen Ausgrabungen vor dem Terrassen-
tempel von Der el-Bahri gefunden hat. Neben einem Palmbaum sind rechts und links
eine Reihe Löcher eingegraben, die vom Fuße der Palme zum Gipfel laufen. Gewiß
kam es darauf an, welcher der beiden Spieler zuerst den Gipfel erreichte. Jeder Spieler
hat 5 Stifte, die in die Löcher gesteckt werden. Der Kopf jedes Stiftes ist als Hundekopf
gebildet. Man sieht hieraus, wie die Bezeichnung der Spielsteine als „Hunde" entstanden
sein mag.
Aus dem Neuen Reich kennen wir das ,, Schildkrötenspiel". Auf einer Schild-
kröte sind 23 Löcher angebracht. Dazu gehören 5 und ein Stift, alle mit Hundeköpfen,
der letzte von anderer Form als die 5. Uberliefert ist über dies Spiel nichts. Nach Analogie
moderner Spiele müßte man an eine Art „Festungs- und Belagerungsspiel" denken. Es
kommt darauf an, den einen Hund völlig einzuschließen, was ohne weiteres geht, wenn
man ihn auf das mittlere Loch der obersten Reihe zurückgedrängt hat. So könnte man
sich am ehesten ein Spiel zusammenreimen.
Die meisten Spiele, die in unserem Museum stehen, sind Kästen mit 2 Spielplänen,
einer mit 30, einer mit 20 Feldern. Das letzte Spiel hat 3 Reihen, oben und unten 4,
in der Mitte 12 Felder, so daß die Zeichnung wie eine am Ende stark verdickte Keule
1) Uber dieses Spiel ausführlich (aber ohne Versuch einer Deutung) RANKE in seiner Heidelberger
Akademieabhandlung 1920. Sonst ist über ägyptische Spiele nicht viel gearbeitet worden, die grund-
legende Abhandlung stammt von WIEDEMANN in den Akten des Genfer Orientalistenkongresses von 1894.
Für die Anfänge des Spieles bei den Menschen überhaupt ist selbstverständlich grundlegend: KARL GROSS,
Die Spiele der Menschen. Eine Zusammenstellung sämtlicher erhaltenen Spiele ist nachgerade zu einer Un-
möglichkeit geworden, würde auch die aufgewendete Arbeit nicht lohnen. Wichtig sind folgende:
1. QUIBELL, Excavations at Saqqara 1911, T. XI, XVI, Text, S. 19 (s. darüber auch RANKE a. a. O.
S. Iff.) enthält wertvolle Darstellungen aus der Dritten Dynastie. Sonst vgl. über Darstellungen aus dem
Alten und Mittleren Reich : LUISE KLEBS, Die Reliefs des Alten Reiches und Die Reliefs des Mittleren Reiches
in den Veröffentlichungen der Heidelberger Akademie, die hoffentlich bald ihre Fortsetzung erhalten.
2. Das interessanteste Beispiel aus dem Mittleren Reiche ist wohl das von GABSTANG in Beni Hasan
gefundene Schiffsmodell mit plastischer Darstellung zweier an einem Brette sitzender Spieler. GARSTANG,
Burial Customs of Ancient Egypt, S. 151, 157.
3. Aus dem Neuen Reich sind vor allem wichtig die Darstellungen Ramses' III, mit seinen Töchtern
spielend, im Hohen Tor von Medinet Habu, oft veröffentlicht, eine in meiner oben genannten Abhandlung
S. 5, Abb. 3. Die Karikatur eines Esels ( ?) und eines Löwen beim Brettspiel (BUDGE, Guide to the Eg. Col-
lection of the British Museum 1909, S. 30, meine Abhandlung, S. 6, Abb. 4) ist wohl, wie bereits LEPSIUS,
Auswahl T. XXIII, wollte, eine Karikatur einer ähnlichen Darstellung. Weiter ist zu berücksichtigen:
WRESZINSKI, Atlas zur Äg. Kulturgeschichte, T. 49, eine Darstellung eines Ehepaares aus der Ramessidenzeit,
wo beide Spieler 5 Steine haben, außerdem sind hier einmal Würfel dargestellt (in Knöchelform, von WRE-
SZINSKI in der Erläuterung zur Tafel nicht erwähnt). Eine ähnliche Darstellung aus einem thebanischen Grabe
nach einer Zeichnung von HAY aus dem Britischen Museum, die ich meinem verstorbenen Freunde MAX
BUKCHARDT verdanke, wird unten S. 19 veröffentlicht.
Spielbretter sind sehr viele erhalten, ein besonders schönes, jünst gefundenes, SCHIAPARELLI, Rei.
sui lavori della missione archeologica II, S. 175. Ein ägyptisches Brett mit mykenischen Darstellungen:
HOGARTH, Excavations at Enkomi, T . I .
Von anderen Spielen: Das „Schildkrötenspiel", BENEDITE. Objets de toilette, (da ist das Stück
hingeraten!) Tafel X. Über das Palmenspiel: CARNARVON-CARTER, Five Years Explorations at Thebes,
Pl. L, ferner: PETRIE, Kahun, Tafel 16. Neuerdings haben die Amerikaner ein solches Spiel bei Der el-Bahri
gefunden. Vgl. femer BRUNTON-PETBIE, Sedment I, Pl. XXII, wo 4 Spiele aus Kairo, ferner aus den Aus-
grabungen von Susa, Gezer, ferner aus dem Louvre abgebildet sind. Sie sind meistens als rohe menschliche
Figuren gestaltet, eins mit zwei Augen an Stelle der Palmkrone.

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Band 66.] M. PIEPER: Ein Text über das ägyptische Brettspiel. 19

aussieht. Eine Zeichnung eines solchen 20 Felderspiels hat sich auch auf dem Pflaster
des Anu-Adad-Tempels von Assur gefunden, leider ohne jede Erklärung. Von den Mög-
lichkeiten, das Auftreten des Spiels in Assyrien zu erklären, hatten wir lange nur die
eine in Betracht gezogen, daß das Spiel, wie so viele andere, in alter und neuer Zeit von
Ägypten weiter gewandert wäre. Doch kann man, nachdem sich bei den englischen
Ausgrabungen zu Ur ein Spiel gefunden hat, das wie eine einfache Form des 20 Felderspiels

π π π π π Μ A fifi
•••••••••••α
••••••••••••
• • • • • • • • • • E E

aussieht, auch Babylonien als die Heimat des Spiels ansehen und eine Wanderung nach
Ägypten annehmen.
Dann ist aber das Spiel völlig ägyptisiert worden. Einzelne Felder erhalten ge-
legentlich Inschriften. Auf dem Berliner Exemplar (s. mein Brettspiel, S. 7, Abb. 5b)
hat das 5. Feld der mittleren Reihe die beiden Zeichen: ^ und J „Leben" und „Schön",
das 8. Feld die Zeichen | ^ und ^ „Gunst" und „Liebe". Auf dem Kairener Spiel
des Chaj JELi^ (Catalogue général 68001) heißt das 4. Feld der mittleren Reihe:
„nichts", das 8. Feld ^yp · Von letzterem Zeichen wage ich keine Übersetzung.
Das von den Italienern in Der el-Medine gefundene Spiel(ScHiAPARELLi, Relazione II, p. 176)
zeigt auf dem 4. Feld: ^ ( j „Siehe" (wohl : paß auf !), das 8. und 12. Feld: (] 0 — ^
(so !) Amon an den beiden Festen ( ?). Die angegebenen Inschriften reizen zu allerhand Ver-
mutungen, geben aber keine Sicherheit; nur das dürfte sicher sein, daß die Inschriften
auf den Fortgang des Spiels Bezug haben.
Nun bleibt das häufigste und wichtigste Spiel übrig, das 30-Felderspiel, auf das
sich unser Text bezieht. Auch hier finden sich gelegentlich auf den Spielbrettern, die
sehr zahlreich sind, Inschriften. In der ehemaligen Sammlung Mac Gregor1 befand sich
ein Brettspiel aus Fayence. Auf dem Brette mit 30 Feldern sind die Felder 15 und 26—29
durch Inschriften hervorgehoben.
Die Inschriften lauten:

I I ΛΛΛΛΛΛ

Feld 27: ^ .-¡u- ra ^ —


^ ^ I ΜΛΛΛΛ ΛΛΛΛΛΛ

Feld 28: J L — ö
S
2 ΛΛΛΛΛΛ

Feld 29 : (Isis und Nephthys) ^ ])_

1 ) HENRY WALLIS, The Mac Gregor Collection, T . I V , Text S. 9 . Ich konnte auch eine Abschrift
ADOLF ERMANS, die sich in den Sammlungen des Berliner Wörterbuchs befindet, benutzen. — 2 ) lies snsn ?

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20 M. PIEPER: Ein Text über das ägyptische Brettspiel. [66. Band.

Das würde heißen: Feld 15: „Horas gibt ein freundliches Herz", o. ä. Feld 26 wage
ich nicht zu übersetzen. Feld 27: „Du fährst über den See, ohne durch das Wasser zu
waten" Feld 28: „Du besteigst die Treppe der Geister von Heliopolis." Feld 28: „Isis
und Nephthys vereinigen sich in Frieden mit Dir." Also ist das Ganze auf Osiris, d. h.
hier auf den Toten, zu beziehen.
Auf einem Brett von angeblich 33 Feldern (bei MOND, Annales du Service des An-
tiquites, V, 98) sind folgende Felder bezeichnet: Feld 6: Mann, die Hand ausstreckend.
Feld 11: Osiris. Feld 12: das Zeichen für Feuer. Feld 17: Zeichnung des Spiel-
brettes ( ?). Feld 20: zerstört. Feld 21 : |f). Feld 22: die Göttin Mut. Feld 23:
wie Feld 12. Feld 29: zerstört. Feld 30 bis 33 haben die üblichen Bezeichnungen der
letzten Felder: 3 Wasserlinien, 3, 2 und 1 Gott. Statt der Götter erscheinen oft auch
einfache Männer oder noch einfacher bloße Striche.
Auf dem Berliner Brettspiel: Feld 15 eine Rosette. Feld 26 das Zeichen £ „Schön".
Feld 27: 3 Wasserlinien. Feld 28 : diesmal die drei Vögel für die Geister von Heliopolis.
Feld 29: 2 Männer. Feld 30 ist unbezeichnet.
Die letzten Felder des 30-Felderbrettes werden nachher noch besprochen werden.
Im allgemeinen läßt sich sagen, daß die Beschriftungen eher reügiöse Bedeutung haben,
als daß man sie für den Gang des Spieles verwerten könnte.
Nun wenden wir uns unserm Brettspieltext zu, der ebenfalls sich auf das Brett
mit 30 Feldern bezieht.

ι. >· •

?njn 2. ICT.Vá'

I M - «· J^nái^kTM

rt>ia «· u-iiríi^ázyii-
fTr^kTPéMM
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Band 66.] M. PIEPER: Ein Text über das ägyptische Brettspiel. 21

r^.âi'kninïiHàÎ'ek-àûû

Ubersetzung.
Ein Opfer, das der König gibt, Re, Atum, Wennofer, der Herr der Dreißig, Anubis
Thoth, Maat, die große Mannschaft des schönen Hauses, Heka, Hu, Sia, sie mögen mich
eintreten lassen in die Halle der Dreißig, daß ich zum Gotte werde als Einunddreißigster ( ?).
Ich nähere mich dem Mehen, ich hebe ihm seine Steine und lege sie an den Ort, wohin
ich will. Ich mache meinen Sitz im Hause des Thoth, ich kämpfe mit ihm (dem Gegner).
Ich sehe die Neith, wie sie ihre Arme über das Osirissymbol hält. Ich öffne das sehöne
Haus, in dem die Maat ist. Der Gott nimmt mich fort zu den Dreißig ( ?). Festgestellt
ist der Osirispfeiler und ( ?) das Isisblut. Ich sehe die Buto in ihrer Gestalt zur Seite
des Hauses der Mut. Mein Herz ist verständig, nicht vergißt es ( ?), mein Herz ist offen ( ?),
indem ich leite sein Spiel gegen mich ( ? ?). Ich bringe ihm seine Steine, seine Finger
zittern, sein Herz flieht von seinem Sitze, er weiß nicht zu antworten. Ich lebe im Hause
des Orion, ich lebe in Ewigkeit. Ich gehe weiter mit richtiger Leitung (?) zusammen
mit der Sonne zum Hause dessen, der das Leben erneuert, mein zweiter wartet im
Hause des Ihj, ich treffe ihn , ich hebe meinen Stein zu Ich
treffe ihn im schönen Hause. Ich hebe drei Steine und finde zwei Steine, mein zweiter
ist hinter mir. Ich nehme meinen Stein und setze ihn an den Ort, den ich wünsche.
Ich werde geleitet (?) im Vorübergehen, ich weiß Bescheid über den, der im Hause des
. . . . ist. Ich weiß ihre Namen, ein Schreiber, der seinen Besitz ausmißt, ist nicht un-
wissend. Der Mehen legt Zeugnis ab (?) für mich, er gibt mir Brot in das Haus des Brotes,
kühles Wasser in das Haus der Kühlung. Festgestellt sind meine Steine im schönen
Hause, ich bin vollzählig im schönen Hinterhause (?). Meine Steine sind vorn, meine Finger
sind wie der Schakal beim Ziehen des wß-Schiffes. Ich nehme seine Steine fort und

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22 M. PIEPER: Ein Text über das ägyptische Brettspiel. [66. Band.

werfe ihn in das Wasser, daß er ertrinke mit seinen Steinen. „Du bist gerechtfertigt",
sagt mir der Mehen. Mein Herz
Wie schwer der Text ist, geht aus dieser Ubersetzungsskizze hervor; auch der fol-
gende Kommentar kann nur weniges begründen. Die Abteilung der Sätze ist willkürlich.

Kommentar.
S e i t e I , Zeile 1. Der Anfang (nach dem von L E P S I US in Theben gefundenen Grabe)
entspricht den alten Opferformeln. In den Namen der Götter, die angerufen werden, läßt
sich ein bestimmtes System nur so weit erkennen, als die Götter des Osiriskreises zurück-
treten; an der Spitze stehen die Sonnengötter. Im Texte selbst ist von einer hervor-
ragenden Stellung der Sonnengötter aber nichts zu merken, so daß hier nicht zu schließen
ist, daß ein alter Sonnenhymnus vorliege.
„Die große Rudermannscîiaft des schönen Hauses." Damit ist gewiß die Mann-
schaft des Sonnenschiffes gemeint, unter die der selige Tote aufgenommen wird, worüber
es genügend Belege gibt. Schon im „Lebensmüden" heißt es: „Wer dort (im Jenseits)
ist, wird im Sonnenschiff stehen" ( E R M A N , Literatur, S. 72). Aus späterer Zeit, ζ. B. die
Florentiner Stele ( S C H I A P A R E L L I 1572): „Der Tote gesellt sich zu der Mannschaft des
Sonnenschiffes".
Mit dem „Schönen Haus" ist ursprünglich das Grab gemeint, Anubis ist der Vor-
steher des „Schönen Hauses", vgl. Kairo 20 457, i, wo ein à a ^ ^ ^ C l J n „Oberster
der Geheimnisse im schönen Hause" erwähnt wird, ferner B E R G M A N N , Hieroglyphische
Texte 84, 2, wo von einem ψ ¡S) t — Π „Vorsteher im schönen Hause" die Bede ist,
ferner Louvre, Kanope 770 (nach dem Berliner WB), wo es heißt: „Nachdem er (der Tote)
in das schöne Haus gebracht war".
Auch auf dem Spielbrett gibt es ein „Schönes Haus", es ist das 26. Feld ( P I E P E R ,
Brettspiel, S. 7, Abb. 5a). Alle drei, Sonnenschiff, Grab, Feld auf dem Spielbrett,
werden also von dieser ägyptischen Mystik gleich gesetzt.
Bezeichnend ist, daß (in dem von L E P S I us gefundenen Text ausgeschrieben) auch
Heka, der Gott des Zaubers, erwähnt wird. Damit wird deutlich, in welche Literatur
unser Text gehört.
S e i t e I , Zeile 2. Die rnblj.t „Das Kollegium der 30" ist zunächst eine oft er-
wähnte richterliche Behörde, vgl. Kairo 20 539, I, Z. 10 wird ein ^ l ^ T ^ c r T z i » ^ e n e r
der 30" oder „der die 30 hört" genannt. Auch unter den Göttern gibt es naturgemäß
ein Kollegium der 30. Horns (Aix en Provence, Nr. 14), Anubis (Theben, Grab des Ramose,
P I E H L , Inscr. I, 99, 2) und andere Götter, so Hathor, erscheinen als die Herren der 30.
Daß der Tote unter sie aufgenommen werden kann, zeigt das späte Buch vom Durch-
wandeln der Ewigkeit 35/36. „Du sitzest in der Halle der mbïj. t bei den 30". In un-
serem Texte scheint der Tote (doch ist die Übersetzung nicht sicher) der 31. zu werden.
Also auch das Aufnehmen in die Halle der 30 Richter wird dem Eingehen ins „Schöne
Haus" gleichgesetzt.
Über den Mehen s. weiter unten. Die folgenden Sätze beziehen sich auf das Spiel,
sie sind für uns leider unklar. „Ich hebe ihm seine Steine", das kann sich doch nur auf
den Mehen beziehen. „Ich setze sie dahin, wohin ich will." Also er macht sich die Partie
zurecht, er setzt die Steine möglichst geschickt. Es fällt nicht allzu schwer, eine möglichst
günstige Stellung der Steine „herauszuknobeln". Ich will aber meine früheren Versuche
nicht wiederholen, da eine Sicherheit sich doch nicht erzielen läßt. Zumal man auch
aus dieser Stelle zur Not schließen könnte, daß der Mehen der Gegner ist und die beiden
Sätze so verstehen könnte: „Ich nehme dem Gregner seine Steine fort und setze sie,

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Band 66.] M. PIEPER: Ein Text über das ägyptische Brettspiel. 23

wohin ich will, d. h. für ihn möglichst ungünstig." Die Folge wird zeigen, daß der Mehen
nicht einfach der Gegner sein kann.
Seite I , Zeile 3: „Ich nehme meinen Platz im Hause des Thoth." Das Haus
des Thoth ist nach dem Turiner Spielplan das Anfangsfeld. Dann maß dieser Satz im
Zusammenhang mit den vorhergehenden so verstanden werden: „Ich besetze das Feld
mit meinen Steinen, u. a. besetze ich gleich zuerst das erste Feld." Es müßte also beiden
Gregnern freigestanden haben, welche Felder sie besetzen wollten. „Ich kämpfe mit
ihm" d. h. mit dem Gregner.
Im folgenden scheint der Tote dem Osiris gleichgesetzt zu werden. „Ich sehe
die Neith, wie sie ihre Arme über den Osirispfeiler ausbreitet." Das bezieht sich auf
Feld 2 und 3 nach dem Turiner Spielplan. Zu Neith und Osiris vgl. die Stundenwachen
an der Leiche des Osiris ( J U N K E R , Stundenwachen S. 4 7 ) : „Die vierte Stunde des Tages
ist die Stunde, zu der Neith und die beiden Schwestern (Isis und Nephthys) in die Kapelle
des Osiris hinabsteigen."
„Ich öffne das schöne Haus, in dem die Maat ist." Das Haus der Wahrheitsgöttin
Maat muß Feld 4 oder 5 sein, der Turiner Spielplan ist hier zerstört.
Seite I I , Zeile 1. Der folgende Satz verliert seine Schwierigkeit erst, wenn man
das sehr zerstörte ^ ntr „Grott" hinter ^ erkannt hat. itj muß hier dem Zusammen-
hang nach heißen: „Führen, an einen Ort bringen". Der Satz könnte also übersetzt
werden: „Ich führe den Gott zur rnblj.t", oder, und dies ist das wahrscheinliche: „Der
Gott (wer das ist, später) führt mich zur rrfb—jt." Die tnbij. t, die Halle der 30 ist
das 7. Feld.
Der nächste Satz ist schwerlich im Turiner Text (die beiden anderen versagen
hier) richtig überliefert. Was dasteht, müßte heißen: „Festgestellt ist der Osirispfeiler
des Isisbluts". Man erwartet aber: „Festgestellt sind Osirispfeiler und Isisblut". Statt
Λ ΛΛΛΛΜ
müßte etwa χ oder eine andere Präposition dagestanden haben. „Osirispfeiler"
und „Isisblut" (über die Bedeutung des letzteren s. S C H Ä F E R , ÄZ 62, S. 108) stehen
auf dem Turiner Plan im 9. Felde. Auch dieser Satz zeigt, daß der Osiriskult unseren
Text beeinflußt hat.
„Ich sehe die Buto neben dem Hause der Mut." Das Haus der Mut ist Feld 11,
also am Anfang der zweiten Reihe. Am Ende der ersten (im 10. Feld) steht eine Göttin
neben dem Feuergefäß. In ihm hätten wir dann die Buto zu erblicken.
Wieder wie auf der ersten Seite folgen jetzt einige Sätze, die sich auf das Spiel
beziehen, wieder sind sie so allgemein gehalten, daß sich für uns nichts sagen läßt. Der
Gegner gerät in Unruhe, der Tote muß also einen oder mehrere glückliche Züge getan
haben. Aber inwiefern? Was heißt: „Ich bringe ihm seine Steine?"
Seite I I , Zeile 3. „Mein Name lebt im Hause des Orion." Feld 12.. Orion spielt
in der ägyptischen Mythologie eine große Rolle; im 11. Spruch der von LAC Α Υ ver-
öffentlichten Sargtexte des Mittleren Reiches wird gesagt, daß Orion den Osiris empfängt,
ihm sein Zepter reicht und ihn in sein Haus aufnimmt.
„Ich gelange mit der Sonne (Feld 14) zum Hause des Neuen Lebens." Das „neue
Leben" wird dargestellt unter dem Sinnbilde des Frosches. Noch in griechischer Zeit gibt
es bekanntlich Lampen in Form einës Frosches mit der Inschrift: 'Εγώ εΙμί ή άνάστασις. „Ich
bin die Auferstehung." Wie der Glaube entstanden ist, läßt sich denken. Die Frösche,
die aus dem Nilschlamm hervorkommen, erscheinen der primitiven Spekulation aus
dem Schlamm entstanden. Der Frosch ist ebenso wie der Käfer, dessen Larve angeblich
im Nilschlamm entsteht, ein Symbol des Neuen Lebens1. Das 15. Feld wird nicht ohne

1) Literatur: WIEDEMANN, Das alte Ägypten, S. 266.

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24 M. PIEPER: Ein Text über das ägyptische Brettspiel. [66. Band.

tìrund das Feld des „Neuen Lebens" heißen. Auf dem Berliner Spielbrett hat gerade
das 15. Feld neben den Schlußfeldern allein eine besondere Bezeichnung, eine Rosette.
Das 15. Feld muß also in diesem Spiele eine besondere Rolle gehabt haben.
Wieder folgen einige Sätze, die sich auf das Spiel beziehen, wieder so gut wie un-
verständlich. „Der zweite wartet im Hause des Ihj.'' Wer ist dieser zweite? Das
„ I h j " hat im Turiner Papyrus die Form eines Fangnetzes, aber das Zeichen des Kairener
Papyrus paßt nicht recht dazu. Ein Fangnetz würde man hier ja erwarten; man würde
dann die Sache so verstehen, daß der Gegner sich in eine ungünstige Situation verstrickt
hätte. Welches Feld gemeint ist, läßt sich wieder nicht sagen, da der Turiner Spielplan
hier zerstört ist. Bei den folgenden Sätzen sind die Schlußzeichen zerstört. So läßt
sich auch hier nicht erkennen, welche Felder (denn um ein Fortschreiten zu neuen Feldern
muß es sich handeln) gemeint sind. Es muß sich um Feld 16 oder 17 handeln. Jeden-
falls hat der Gegner die Partie verloren : schon in der vorigen Zeile hieß es : -^tf ^ <=>

« F L ^ ' Î J I ^ ·
Das muß heißen: Sein Herz vertreibt ihn von seinem Sitze o. ä., denn wenn die
Überlieferung richtig ist, muß rwj transitiv gefaßt werden. Der Tote aber muß sein
Spiel schon gewonnen haben, ,,er lebt in Ewigkeit".
Seite I I , Zeile 3, S e i t e I I I , Zeile 1.
Λ ΛΛΛΛΛΛ

„Ich hebe meinen Stein zu der A ^ , wohl Feld 17 oder 19. Die tnt (o. ä.) Schlange
ist mir unbekannt.
Das folgende muß heißen: „Ich trete an seine Stelle im schönen Haus". Das ist,
wie später sich noch zeigen wird, Feld 26, das auf den meisten erhaltenen Brettern eben
diese Beschriftung erhält. Das Wort ^ ^ ^ (so die Schreibung) ist doch wohl eine
ΛΛΛΛΛΛ Γ , W , I

verkürzte Schreibung für 0 ^ . Man könnte auch an dn „abschneiden" denken,


W
»ΛΛΛΛΛ 1 >

doch sehe ich nicht, wie man dann einen Sinn herausbringt.
Auch zu den folgenden Sätzen: „Ich hebe drei Steine, ich finde 2 Steine, mein
zweiter ist hinter mir" wünschte man gern eine nähere Erklärung. Wieder fragt man
sich, wer mit dem „zweiten" gemeint ist, und wie man sich die Reihenfolge der Steine
denken soll.
Bei dem Satze: „Ich setze meinen Stein dahin, wohin ich will" ist die Turiner
Variante hervorzuheben; hier steht ™ Kairener Text Beide Verben
werden also im gleichen Sinne gebraucht. Zu ^ twj ssmkwj vgl.
SETHE, Nominalsatz § 14d. Die Bedeutung des Pseudopartizips muß hier passivisch
sein: „Ich werde geleitet, indem ich vorbeigehe". Diese Stelle ist im Gegensatz zu dem
sonstigen Text neuägyptisch.
Im folgenden Satz: „Ich weiß Bescheid über den, der im Hause des ist,"
ist leider wieder der Name des „Hauses" zerstört. Auch auf dem Turiner Spielplan ist
dieses Feld nicht erhalten.
Den folgenden Satz habe ich zweifelnd übersetzt: „Ein Schreiber ist nicht un-
wissend, der seinen Besitz richtig bewertet." So etwa muß (| [j ip hier doch wohl
heißen. Der Ausdruck „ip dt" ist mir sonst nicht bekannt.
< = >
S e i t e III, Zeile 2. ® Ì ^ @ ( | ) ^ ^ heißen müssen: Der „Mehen
erkennt mich" oder: „er unterrichtet mich" o. ä. Jedenfalls ist der Mehen hier dem
Spieler günstig, nicht sein Gegner, wie auch das Folgende zeigt. Da steht : „Er gibt mir
Brot in das Haus des Brotes, Wasser in das Haus der Kühlung". Der Turiner Spielplan zeigt

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Band 66.] M. PIEPER: Ein Text über das ägyptische Brettspiel. 25

Feld 23 einen Mann, der etwas ausgießt. Das „Haus des Brotes" wird man Feld 20
oder 21 zu suchen haben, die Turiner Zeichnung ist bei SEYFFARTH schwerlich genau.
Damit neigt sich das Spiel dem Ende zu.
„Meine Steine stehen fest im schönen Hause ", das ist, wie bereits bemerkt, Feld 26.
Das wird noch einmal besonders hervorgehoben: „Ich bin vollzählig (d. h. meine Steine
sind alle da) im schönen Hinterhause", d. h. das ganze Haus ist von mir besetzt. Der
Verfasser des Textes hat hier eine eigentümliche Schwierigkeit: er will den Toten in
das „Schöne Haus", d. h. zur Seligkeit, führen. Das kann er hier nur so ausdrücken,
daß der Tote all seine Steine im „Schönen Hause" hat. Daß das spieltechnisch eine Un-
möglichkeit ist, darüber wird hinweggesehen.
Im folgenden Satz wird zum ersten und einzigen Male die Zahl der Steine des Spielers
genannt; es sind 7. Für gewöhnlich haben die Spielkästen nur 2 mal 5 Steine und einen
sechsten extra; nur das Spiel aus El Amrah (s. unten) hat 7 und 8 Steine. Um ein solches
Spiel handelt es sich also hier. Der Spieler hat die Steine alle bei sich, „vor seinen Fingern".
Dazu fügt der Verfasser einen hübschen Vergleich: „Die Steine sind wie der Schakal
um das wß-Schiff." Dieses Schiff ist die Prozessionsbarke der Götter, der Schakal ist
Wep-Wawet, der zum Schutze des Osiris vor dem Schiffe voranzieht. Wie Wep-Wawet
zum Schutze der Götter dient, so die Steine zum Schutze des Toten. Vgl. ferner folgende
Stellen: Theben, Grab des Inher-Chawi L. D. Text, I I I , S. 301: ^ IUI P f J ^ ^ ^ f
„Die 4 Schakale, die das W/3-Schiff ziehen". Ferner BRUGSCH, Reise nach
der großen Oase, T. X X V , Z. 9, Text, S. 9/10: S Í T ^ S
„Es empfangen dich die Gruppen der Schakale, sie ziehen dein Schiff".
Also wie die Schakale den Gott ziehen, so ziehen den Toten die Steine vorwärts.
Ferner vgl. PIEHL, Inscr. I, 141a: J()(] JF? „Die Schakale sind es,
die den Re ziehen."
S e i t e I I I , Zeile 3. Die letzten Zeilen des Textes scheinen nur im Kairener
Papyrus erhalten: „Ich nehme ihm (dem Gregner) seine Steine fort. Ich werfe ihn ins
Wasser, daß er ertrinke mit seinen Steinen." Damit ist das Spiel zu Ende. Der Gegner
ist ins Wasser geworfen, d. h. in das 27. Feld, das überall mit dem Wasserzeichen ver-
sehen ist, gedrängt.
Zum Schlüsse wird wieder der Mehen eingeführt. Abermals sieht man nicht, ob
er hier der Gegner ist, oder dem Toten freundlich. S. darüber weiter unten. Der Schluß
ist eher für die zweite Annahme günstig. „Du bist gerechtfertigt", d. h. du bist glücklich
in das Totenreich eingegangen, sagt der Mehen. Nur in unserem Falle ist meine Uber-
setzung zulässig: „Du hast gesiegt".
Damit ist der Text zu Ende, ein Durcheinander von Sätzen, die auf das Spiel Bezug
haben, und von religiösen Ausdeutungen der einzelnen Felder. Nur insofern ist eine
gewisse Ordnung festzustellen, als in der ersten Felderreihe die Gestalten des Osiriskreises
hervortreten, in der zweiten die Gestirne. Aber sonst kann man hier von einer systema-
tischen ägyptischen Theologie nicht reden.
Zum Verständnis des Textes müssen wir einen Blick werfen auf die Bücher, die aus
derselben Zeit überliefert sind, und die man gewöhnlich unter dem Namen „Amduat"
zusammenfaßt. Das Buch „von dem, was in der Unterwelt ist", enthält bekanntlich
eine Wanderung des Sonnengottes, dem der Tote gleichgesetzt wird, durch die Unter-
welt; sie ist in 12 Teile geteilt; in jedem befindet sich eine Stadt; auch verschiedene
Götter wohnen da.
Zettechr. f. Ägypt. Spr., 66. Band. 4

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26 M. P I E P E R : Ein Text über das ägyptische Brettspiel. [66. Band.

Auch unser Buch enthält eine Wanderung durch das Totenreich; aber hier sind
es nicht 12, sondern 30 Teile, den Feldern des Spielbretts entsprechend. Der Tote wandert
durch die verschiedenen „Häuser", deren ein großer Teil mit Namen aufgeführt wird.
Selbstverständlich kommt er zu einem glücklichen Ende, sonst hätte ja das ganze Buch
keinen Sinn.
Ein Spieler muß natürlich einen Gegenspieler haben. Als solchen habe ich vor
20 Jahren den in unserem Buche verschiedentlich erwähnten Mehen angesehen, nach
dem Determinativ eine Gottheit in Schlangenform. R A N K E in seiner im Eingang er-
wähnten Abhandlung über das ägyptische Schlangenspiel hat mir zugestimmt. Aber
meine Annahme ist nur bedingt richtig. Wenn in dem Buche Stellen vorkommen: ,,Er
(der Mehen) gibt mir Brot in das Haus des Brotes" und „Er gibt mir Kühlung" usw.,
so kann der Spieler es nicht mit einem Gegner zu tun haben.
Dazu ist zu berücksichtigen, welche Rolle der Mehen sonst spielt. Im Amduat
erscheint die Schlange Mehen als die Schlange, die den Sonnengott (den Toten) schützend
umgibt. In der siebenten Stunde legt sie sich als schützendes Wesen statt des Schreins
über den Sonnengott. Mehenet (mit der Femininendung) ist ferner die bekannte Uräus-
schlange, die sich schützend vor die Stirn des Königs legt. Wie würde der Mehen zu
einer solchen Stellung in dem ägyptischen Mythus kommen, wenn er von Haus aus ein
den Menschen feindliches Wesen ist ?
Nun ist allerdings an manchen Stellen des Textes unzweideutig von einem Gegner
die Rede. „Ich werfe ihn ins Wasser, auf daß er ertrinke mit seinen Steinen." Das ist
der Gegner. Es wird kein Name genannt, aber der einzige, von dem vorher die Rede ist,
ist eben der Mehen. Sollte er hier also nicht der Gegner des Toten sein ?
Seit ältester Zeit gab es in Ägypten ein Spiel in Form einer zusammengerollten
Schlange. Dieses Spiel heißt, wie R A N K E erkannt hat, seit ältester Zeit Mehen1.
So wurde die Mehenschlange zur Spielgottheit, hier also zum Gegner des Spielenden.
Gleichzeitig aber mußte auffallen, daß der Mehen auch die schützende Schlange des
Gottes und des Königs war. So blieb ein Widerspruch, der hier, wie in so vielen reli-
giösen Texten, nicht nur der ägyptischen Religion, nicht ausgeglichen wurde. Daher
kommt es, daß der Mehen in unserem Texte bald der Schutzgeist, bald der Gegner ist.
Auch an etwas anderes kann man denken. Die ägyptische Zauberliteratur lehrt uns
in zahllosen Beispielen, wie man böse Geister, Schlangen, Krokodile, Skorpione u. dgl.
sich dienstbar machen kann; die zahllosen Amulette weisen in derselben Richtung. So
kann man unseren Text auch als einen Zaubertext auffassen, der einen feindlichen Dämon
zwingt, dem Beschwörer zu Willen zu sein.
Wie schon am Ende des Kommentars bemerkt, läßt sich ein Prinzip, nach dem
der Verfasser seine Vorstellungen ordnet, kaum erkennen. Höchstens könnte man sagen,
daß er zuerst die Gestalten des Osiriskreises, dann die Gestirne, Sonne und Orion, in
seinem Buche unterbringt. Einzelne Gottheiten hatten wohl von vornherein einen festen
Standort. Am Anfang steht natürlich Thoth, der Finder aller Weisheit, der auch das
Brettspiel erfunden hat. Wenn das 15. Feld das Feld des „Neuen Lebens" heißt, so wird
da, wie bereits im Kommentar bemerkt, ein wichtiges Feld der üblichen Spielpartie einen
passenden Namen erhalten haben.
In der Einleitung hatte ich Zweifel ausgesprochen, ob sich der Text datieren lasse.
Ich muß hier wiederholen, daß die Idee, den Gang durch die Unterwelt einer Spielpartie

1) Über das Spiel siehe die mehrfach zitierte Abhandlung von RANKE. Im Berliner Museum befindet
sich ein vorzügliches Exemplar. Über die Art des Spiels kann kaum ein Zweifel sein. Es war ein Geduldspiel,
wie wir heute noch ähnliche haben. Kleine Kugeln wurden vom Rande durch die Windungen zur Mitte
bugsiert, was wegen der vielen Schnitte durch die Windungen seine Schwierigkeit hatte.

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Band 66 ] M. PIEPER: Ein Text über das ägyptische Brettspiel. 27

gleichzusetzen, der ganzen älteren Totenliteratur, von der wir doch so überreichliche
Proben haben, durchaus fremd ist. Wohl kommt das Brettspiel im 17. Kapitel des
Totenbuches vor, aber da erscheint es als ein Lohn, der des Toten ,,in der Halle" wartet,
durchaus nicht als ein Symbol des Ganges durch die Unterwelt. Hier wissen wir doch
einmal wirklich genug, so daß das argumentum ex silentio erlaubt ist. Der Mehen, der
in unserem Texte eine solche Rolle spielt, ist auch für die Amduat-Literatur charakte-
ristisch, die auch in derselben Zeit auftritt. Ich denke also : Solange nicht nachgewiesen
wird, daß die Sprache unseres Textes n o t w e n d i g auf frühere Zeit weist, daß der Text
in einer Sprache geschrieben ist, die im Neuen Reich nicht mehr vorkommt, auch in
religiösen Texten nicht, solange können wir bei unserer Anschauung bleiben, daß der
Brettspieltext erst im späten Neuen Reich entstanden ist 1 .
Wir sind in der religiösen Literatur Alt-Ägyptens an allerhand Wunderlichkeiten
gewöhnt. Aber der Gedanke, die Unterwelt einem Spielbrett gleichzusetzen, ist doch
dermaßen seltsam, daß man nicht glauben kann, hier liege eine volkstümliche Anschauung
vor. Es ist der barocke Einfall eines ägyptischen Theologen, oder, wenn man will, ein
Stück Geheimliteratur, das in möglichst wunderlichen Einfällen einen besonders tiefen
Sinn sucht. A D O L F E R M A N S alter Gedanke, daß uns in der Amduat-Literatur eine solche
Geheimlehre erhalten ist, hat für unseren Text seine zweifellose Berechtigung. Inwieweit
unserem Texte dabei l e t z t e n G r u n d e s eine volkstümliche Vorstellung zugrunde liegen
kann, soll nachher erörtert werden.
Es soll nicht ein ohne weiteres absprechendes Urteil über diese Art Literatur gefällt
werden. Der Gedanke, daß, wie alles Irdische, auch das Spiel ein Symbol von etwas
Uberirdischem sei, ist sehr wertvoll. Und daß man alltäglichen Dingen und Handlungen
durch mystische Auslegung einen tieferen, geheimen Sinn unterlegt, findet sich in den
verschiedensten Religionen. Aber auch hier offenbart sich die Wahrheit des Satzes
A D O L F E R M A N S : „Auf dem ägyptischen Volke lastete ein Fluch, es konnte nicht ver-
gessen." Die ägyptische theologische Spekulation beschränkt sich regelmäßig darauf,
die zahllosen religiösen Vorstellungen und Mythen, von denen sie nicht los kann, mecha-
nisch aneinander zu reihen.
Die Zeit, aus der die Handschriften des Buches stammen, muß eine Zeit innerer
Gärung gewesen sein. Gerade aus dieser Zeit stammen die merkwürdigen Denkmäler
innerlicher Frömmigkeit aus der thebanischen Gräberwelt, die A D O L F E R M A N seinerzeit
veröffentlichte. Aus der 20. Dynastie stammt die eigenartige Inschrift Ramses' IV.
aus Abydos, die uns den Pharao (ganz anders als seine Vorgänger) als armen Menschen
zeigt, der seine Sündlosigkeit beteuert 2 . Da mag man auf alle möglichen Gedanken ge-
1) S. übrigens oben S. 24 über einen neuägyptischen Satz im Text. — 2) In dem wertvollen
Vortrage von HEBMANN JUNKER (Internationale Woche für Religions-Ethnologie, 4. Tagung, Mailand 1925) :
Die Osirisreligion und der Erlösungsgedanke bei den Ägyptern, wird die ägyptische Religiosität m. E.
etwas zu ungünstig beurteilt. Aus dem „negativen Sündenbekenntnis" des Totenbuches geht doch klar
hervor, daß sittliche Reinheit für den frommen Ägypter notwendig war. Die religiöse Entwicklung läßt
sich doch nicht einfach damit erklären, daß seit dem Sturz der Herrscher des Alten Reiches jeder
Tote zum Osiris wurde, daß das, was einst nur für den König gegolten, jetzt einem jeden zuteil wurde.
Das Sündenbekenntnis des 125. Kapitels ist doch nicht so zu verstehen, daß der Tote sich mit ge-
wissem Stolze dem sündlosen Osiris gleichsetzt. Es handelt sich um Verbrechen, die niemals dem Osiris
zugetraut wurden. Es ist eben gegen Ende des Alten Reiches das ethische Bewußtsein erwacht. Wenn der
Tote sich rechtfertigt, zeigt das, daß mit derartigen Sünden gerechnet wurde. Auf volkskundlichem Gebiet
ist reichliche Belehrung zu schöpfen aus folgenden Werken, die ich zurate gezogen: SARTORI, Sitte
und Brauch (Handbücher zur Volkskunde Bd. V—VII), SAMTER, Geburt, Hochzeit, Tod, und dem gen.
Buche von SCHWEBEL. SCHNEIDERS Buch : „Kultur und Denken der alten Ägypter", vor mehr als 20 Jahren
erschienen, ist heute natürlich überholt, aber immer noch lesenswert. Hier ist einmal der Versuch gemacht,
eine Entwicklung der Kultur festzulegen.
4*

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28 M. PIEPER: Ein Text über das ägyptische Brettspiel. [66. Band.

kommen sein, dem Toten die ewige Seligkeit sicher zu stellen, auch auf die Mittel der
Zauberei. Denn dahin gehört unser Brettspielbuch. Es enthält zwar keine Anweisungen zum
Zaubern, aber die Mittel, durch die der Tote sein Spiel gewinnt, kann man sich doch nur
als magischer Natur vorstellen.
Soweit würden wir ungefähr kommen, wenn wir nur das ägyptische Material zu-
rate ziehen. Das kann aber in unserem Falle nicht genügen. Es ist das Vorrecht, aber
auch die Pflicht des Religionshistorikers, auch in den wunderlichsten Formen den echt
menschlichen Kern herauszufinden. Das kann nur durch Vergleich mit anderen Re-
ligionen geschehen. Der Vergleich wird uns übrigens lehren, daß die ägyptische Religion
dabei nicht verliert, sondern gewinnt. Auch nach deutschem Volksglauben hat die arme
Seele einen weiten Weg zurückzulegen, ehe sie die ewige Ruhe findet.
Im Schlußakte von H A U P T M A N N S „Florian Geyer" wird gefragt, wo die arme
Seele nach dem Tode des Menschen sich aufhalte. Die Antwort lautet: „In der ersten
Nacht bei Sankt Gertraud, in der zweiten bei Sankt Michael, in der dritten Nacht da,
wo sie zu sein verdient". Das ist alter deutscher Volksglaube, wie jeder Kenner ohne
weiteres bestätigen wird. Also erst eine dreitägige Wanderung. Die Phantasie des
Volkes weiß aber noch mehr. Eine weite dornige Strecke Weges ist zu durchwandern,
darum ist es gut, wenn man dazu gute Schuhe hat, die deshalb dem Toten mit auf die
letzte Fahrt gegeben werden. Ein schöner Brauch, diesmal aus Yorkshire, ist von W A L T E R
S C O T T aufgezeichnet. Es ist ratsam, einem armen Manne im Leben einmal ein Paar
neue Schuhe zu schenken. Nach dem Tode muß man über eine weite, mit Dornsträuchen
bewachsene Ebene. Am Anfang derselben steht ein freundlicher Greis; der gibt der
Seele die Schuhe, die sie im Leben mildtätig den Armen gespendet. Dann kann sie ruhig
ihres Weges ziehen. Auf dem Wege gibt es schauerliche Wirtshäuser, wo die Seele ein-
kehren muß („Zum toten Mann" o.ä.). Auch durch finstere Wälder muß die Seele. Wälder,
in denen wilde Männer hausen. Oder sie muß nach einer geheimnisvollen Insel, „der
richtigen Toteninsel", übergesetzt werden.
Auch von Spielen auf dieser letzten Fahrt weiß der Volksglaube zu melden. In
meiner altmärkischen Heimat, aber auch sonst, kennt man einen „Nobiskrug". „Da
kommen wir alle einmal nach dem Tode zusammen, und dann wird Karte gespielt. Die,
die nicht Karten spielen können (die gelten offenbar als minderwertig), müssen Fidibusse
drehen" ( S C H W E B E L , Tod und ewiges Leben im deutschen Volksglauben, S. 80). A D A L B E R T
K U H N , der berühmte Sammler, bemerkt dazu: „Einige sagen, im Nobiskrug erhalte
man den Paß zum Himmel; andere sagen, es sei der Himmel selbst." Das Spiel, von
von dem hier die Rede ist, wird das letzte Vergnügen des Toten sein.
Das sind Vorstellungen deutschen Volksglaubens. Aber nirgends, soweit mir
bekannt, hat man eine Karte des Weges zum Totenreich entworfen. Das ist schon Theo-
logie (oder wenn man lieber will, Geheimwissenschaft). Dazu ist es in Ägypten sehr früh
gekommen, wohl schon im Alten Reich, jedenfalls bald darauf.
Es gab zweierlei Wege, die von solcher Vorstellung aus weiter führten. Entweder
gestaltete die Dichtung ein mehr oder weniger großartiges Bild der Unterwelt. Ein
Dante ist den Ägyptern versagt geblieben. Oder aber: die Theologie nahm sich der
Sache an, und das ist, wie vielerorts, auch in Ägypten geschehen. Wo es nicht dazu kam,
daß die religiösen Vorstellungen erschüttert wurden, wie in Griechenland, war man ge-
zwungen, alle möglichen Vorstellungen früherer Zeiten, so gut oder so schlecht es ging,
miteinander zu vereinigen. So versuchten die Männer, die das Amduat und ähnliche
Bücher verfaßt habeji, ein systematisches Bild des Totenlandes zu gewinnen, wie noch
heutigen Tages Topographien der Hölle entworfen werden. Es liegt in diesen Bestre-
bungen nach einer systematischen Ordnung, wenn man will, ein wissenschaftlicher Trieb,
und so hat H E R M A N N S C H N E I D E R S zunächst sonderbar klingendes Wort: „Das ägyp-

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Band 66.] M. PIEPER : Ein Text über das ägyptische Brettspiel. 29

tische Amduat ist eine bedeutende wissenschaftliche Leistung" eine gewisse Berech-
tigung.
Das Vergnügen des Brettspiels nahm der Ägypter mit in das Jenseits. Dann ist
irgend einmal, vielleicht liegt einer der so häufigen poetischen Vergleiche vor, jemand
auf den Gedanken gekommen, die Reise in das Jenseits einem Brettspiel gleichzusetzen.
Die beiden Vorstellungskreise, die wir so oft finden, die Sonnenreligion von Heliopolis
und der Osirisglauben, wurden auch für die Ausbildung dieses Gedankens verwertet, und
der Verfasser des Brettspieltextes ist systematisch vorgegangen, indem er zuerst die
Sonnenreligion, dann den Osirisglauben verwertet.
Neben dem großen Brettspieltext der Turiner und Kairener Papyri haben wir noch
den kurzen Text auf dem Spielbrett der Sammlung M A C GREGOR. Da sehen wir gewisser-
maßen einen Ansatz zu dem, was in den Papyri vollendet ist.
Es war noch nicht der letzte Schritt, den der Ägypter getan hat. Im Brettspiel-
text ist der Weg des Spielers dem Wege des Toten in der Unterwelt gleichgesetzt. Eine
andere Möglichkeit war die, das Spiel astral zu deuten, in den Zügen des Spiels Anspie-
lungen auf die Bahnen am Sternenhimmel wiederzufinden. Auch das ist noch in Ägypten
geschehen. Zeugen dafür haben wir allerdings erst aus griechischer Zeit, und es ist sehr
wohl möglich, daß die astrale Deutung erst in dieser Zeit aufgekommen ist, wenn man sich
überlegt, wie sich erst in hellenistischer Zeit Spuren zeigen, daß vorderasiatische Astrologie
in Ägypten eindringt (s. den „Zodiacus von Athribis").
Der folgende griechische Text steht auf der Vorderseite eines leider nicht völlig
erhaltenen Pergamentblattes, das in GRENFELLundHuNT, Oxyrrynchuspapyri III, S. 141 ff.
veröffentlicht ist. Eine seinerzeit durch W. SCHUBARTS freundliche Vermittlung vor-
genommene Nachprüfung ergab keine neuen Resultate. Eine Photographie wurde auf
meinen Wunsch angefertigt; sie ist veröffentlicht in BORCHARDT, Die ägyptische Zeit-
messung ( B A S S E R M A N N - J O R D A N , Geschichte der Uhren, 2. Lieferung S . 10). Doch ist
dort der Text, der für uns in Betracht kommt, nicht transkribiert. Der Text lautet (mit
einigen Verbesserungen G R E N F E L L S ) :
Kol. I XIV ή σελήνη. Άφ' ών άρι-
1 όμων εάν άφελωμαι.
φωτός [ίκλειψιν ]
μετα&ο [(eic) ]
σων από τ[ων . . .] χωρ[ών]
5 ών ζ μέν είσιν μέλανε\ς] Kol. II
ξδ λευκοί καί πάντεζ κν-
νόζ προσηγορίαν εχουσιν 11 Buchstab, fehlen] ρώ [. . κα-
όντως: ιε, ις, <ζ, ιη, ι&, κ, κα, ϋάπερ γάρ σοι ου . [. . .]
κβ, κγ, κδ, κε, κς, κζ, κη, βίβλος λέγει ε . . . [. πε]
10 λ, γείνονται τξ, i ζ 5 ρι της Φερνονψεως [. . . .]
την λεγομένην εν τω διόπερ καί την εν [. . .]
πεσσευτηρίω Φορώρ, τη Φερνούψι ûeàv
εστίν Ώρου οίκος, ίς συμ- μεγίστη ν λέγουσ[ιν á-]
πλήρωσιν λ χωρών πό της μεγάλης περ [. .]
15 t]ç τόν άριάμόν των ή- 10 ας τήν προσηγορίαν εχ[ον]
μερων της συνόδους' τες [Folgt ein Kapitel über
ί]ς ταύτη ν δε την χώραν die Wasseruhr]
ου μεταψέρουσιν ψηφον, [Zeilenlänge etwa 15—18 Buch-
επειδή καί έν τη συνοδική staben]
20 ήμερψ άφώτιστός έσ-

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30 M. P I E P E R : Ein Text über das ägyptische Brettspiel. [66. Band.

K o l u m n e I.
Der Anfang der ersten Kolumne ist unübersetzbar, da zuviel verloren ist. In der
zweiten Zeile ist das überlieferte μεταϋο unmöglich, die Photographie zeigt aber, daß
wirklich so dasteht. Von der dritten Zeile an läßt sich übersetzen: „von den Orten (das
muß zum Vorhergehenden gehören), von denen es 7 schwarze gibt und 64 weiße, und
alle haben den Namen „Hunde", folgendermaßen: 15, 16, 17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24,
25, 26, 27, 28, 29, 30, macht zusammen: 360, bis zu dem Feld auf dem Spielbrett, das
Phoror genannt wird, was „Haus der Horus" heißt, auf daß 30 Plätze voll werden, das
ist die Zahl der Tage des synodischen Monats. Auf diesen Platz (i. e. das Feld des Horus)
dürfen sie keinen Stein hinsetzen, da auch am synodischen Tage (dem Monatsschlußtage)
der Mond unsichtbar ist." Nun folgt ein neuer Abschnitt. „Wenn ich mir von diesen Zahlen
wegnehme (das Folgende stand auf dem verlorenen oberen Teile der Kolumne II).
Leider läßt sich aus dem verstümmelten Texte gar nichts entnehmen.

K o l u m n e II.
Von den beiden ersten Zeilen nur Buchstaben erhalten, die nichts ergeben. Dritte
Zeile : Wie dir das Buch sagt . . . . über das Phernuphis-Feld Deshalb nennen
sie auch die Göttin in dem Phernuphis-Feld die größte, indem sie ihr von der großen
den Namen geben."
Man wünschte wirklich, es wäre mehr da. Aber es geht deutlich aus dem Fragmente
hervor, daß im Anfang vom Spielbrett mit 30 Feldern die Rede ist. Dabei muß schon
von vornherein ein Fehler untergelaufen sein. Die 7 Steine der einen Partei werden
durch den ägyptischen Text bestätigt, daß der Gregner aber 64 haben soll, bei einem
Brette von nur 30 Feldern, ist ein Unsinn. Wahrscheinlich hat der Schreiber — wer weiß,
wie er darauf gekommen sein mag — die Quadratzahl des Richtigen (8) gesetzt. Sehr
hübsch ist die Angabe, daß die Steine „Hunde" genannt werden. So heißen die Spiel-
steine noch bei den heutigen Fellachen (LANE, Die modernen Ägypter, deutsche Ausgabe
von ZENKER, I I , 1 8 0 ) . Dann folgt die Erklärung, wie man auf dem Brette von 3 0 Feldern
360 Punkte gewinnen kann. Dadurch wird die berühmte Plutarchstelle verständlich:
Thoth (Hermes) habe der Selene 360/72 abgewonnen und daraus 5 ganze Tage gemacht
(s. weiter unten).
Das ganze Spiel ist astrologisch erklärt, was, wie bereits bemerkt, nicht der ursprüng-
liche Sinn ist. Wertvoll ist die Angabe, daß das 30. Feld, das „Haus des Horus", nicht
besetzt werden darf. Die Begründung, die dafür gegeben wird, paßt ganz zur astrolo-
gischen Deutung des Spiels.
Daß von der zweiten Kolumne soviel fehlt, ist besonders bedauerlich; man wüßte
gar zu gern mehr über das erwähnte „Buch". Das Phernuphis-Feld ist das sogenannte
„pr nfr", das ist nach der gewöhnlichen Zählung das 26. Feld, was die „größte Göttin",
der das Feld gehört, bedeutet, ist nicht ersichtlich, da das Wort, auf das es ankommt
(in der vorletzten Zeile), nicht erhalten ist; auch die ersten drei hier wiedergegebenen
Zeichen sind unsicher. Es sei darauf aufmerksam gemacht, daß der Brettspielpapyrus
auch ein „schönes Haus, in dem die Maat" ist (auf dem Turiner Spielplan Feld 4 oder 5)
nennt 1 .

1) Die auf den Brettspieltext folgende Beschreibung einer ägyptischen Wasseruhr geht uns] hier nichts
an, sie ist ausführlich von BORCHARDT in dem oben angeführten Buche ( S . 7 ) besprochen. Wesentlich ist für
uns nur, was auch BORCHARDT hervorhebt, daß die Zahlenangaben hier reichlich fehlerhaft sind. Das ist
bezeichnend für die Korrektheit oder vielmehr Inkorrektheit des ganzen Textes.

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Band 66.J M. P I E P E R : Ein Text über das ägyptische Brettspiel. 31

Damit dürfte alles erledigt sein, was zu den Einzelheiten des Textes zu sagen ist.
Mit Avas für einem Buche wir es zu tun haben, soll im folgenden erörtert
werden :
Aus dem griechischen Brettspieltext wird ersichtlich, daß der Verfasser in den
30 Feldern ein Bild des Jahres mit den 360 Tagen (das ägyptische Jahr hat bekanntlich
12 Monate zu 30 Tagen) gesehen hat; das Spiel hatte für ihn astronomische Bedeutung.
Dann wird auch begreiflich, daß er die Beschreibung der Wasseruhr anschließt. Also:
von einem Werk astronomischen Inhalts sind uns 2 Seiten erhalten geblieben. Es war
aber keine griechische Astronomie, beide Dinge, von denen gesprochen wird, sind ägyp-
tisch, und zum Uberfluß gibt der Verfasser ganz richtige Ubersetzung ägyptischer Wörter,
so ζ. B. Col. I, Ζ. 13: Phoror = Haus des Horus. Also wir haben vor uns eine griechische
Ubersetzung eines ägyptischen Handbuchs der Astronomie. Von einer solchen ist uns
aber auch eine viel behandelte Nachricht erhalten. Clemens Alexandrinus redet
gelegentlich (Stromateis VI, p. 269) von den 40 heiligen („hermetischen") Schriften, in
denen die Ägypter ihre ganze Weisheit zusammengefaßt haben. Aus diesen „Herme-
tischen" Büchern zitiert Plutarch (de Iside et Osiride, cap. 61b) einen Satz, wonach der
Sonnengott ägyptisch Horus, griechisch Apollon heiße. Auch die griechische Ubersetzung
müßte, wenn man Plutarchs Worte genau nimmt, in den „Hermetischen" Schriften
gestanden haben. Also eine griechische Ubersetzung der „Hermetischen" Bücher hätte
es gegeben. Von einer solchen Ubersetzung ägyptischer Schriften ins Griechische ist
auch sonst die Bede, sie soll auf Veranlassung des zweiten Ptolemäers erfolgt sein (SYN-
KELLOS, p. 271 D ; 516 Bonn. Ausg.) und man hat den vielgenannten Namen Manethos
damit in Verbindung gebracht.
Nach dem alten bewährten Grundsatz, jede unwahrscheinlich klingende Notiz
aus dem Altertum als unglaubwürdig abzutun, hat man die Richtigkeit von C L E M E N S '
Angaben in Zweifel gezogen. Der fanatische Anhänger der Christen fand bei seiner
unverkennbaren Tendenz, alles Heidnische möglichst gehässig darzustellen, keinen
Glauben. Man scheint heute von dem einstigen Skeptizismus etwas abzukommen; so
finden die Angaben der Christen über die eleusinischen Mysterien wieder Glauben. So
werden wir auch keinen Grund haben, die Angaben von C L E M E N S von vornherein zu
verwerfen. Denn es scheint sich wirklich zu bestätigen, daß in griechischer Zeit eine
Kodifikation der ägyptischen Weisheit stattgefunden hat. Der verstorbene G E O R G
MÖLLER, wohl der beste Kenner ägyptischer Paläographie, hat mir wiederholt versichert,
daß er den berühmten, von L E P S I U S veröffentlichten Turiner Totenbuch-Papyrus in früh-
ptolemäische Zeit setze. Und erst hier zeigt sich die feste Ordnung der einzelnen Sprüche,
nach der wir heute noch zitieren. Wenn unter den ersten Ptolemäern Manetho seinen
Abriß der ägyptischen Geschichte schrieb, wenn unter Ptolemäus Philadelphus die Ent-
stehung der Septuaginta gesetzt wird, so kann man sich nur schwer der jedem Historiker
ohnedies selbstverständlichen Auffassung verschließen, daß die neuen Eroberer, die
zudem so starke wissenschaftliche Interessen hatten, die wichtigste Literatur der Unter-
worfenen übersetzen ließen, um über sie ins Klare zu kommen. Daß die Griechen im
Seleukidenreich sich in babylonische Geschichte und Astronomie vertieften, bezweifelt
niemand; warum in aller Welt soll das im Ptolemäerreich anders gewesen sein? 1

1) Damit soll nicht gesagt sein, daß die Nachricht des SYNKELLOS, der auch lateinische Schriftsteller
unter den in Alexandria übersetzten aufführt, voll und ganz richtig sei, Übertreibung wird vorliegen, aber
deshalb die ganze Angabe in Bausch und Bogen zu verwerfen, halte ich für verkehrt. In den älteren Auflagen
der Christlichen Literaturgeschichte war die Notiz glaubwürdig angeführt. Der Bearbeiter der 5. Auflage
erklärt die Angaben des S Y N K E L L O S einfach als unglaubwürdig, weshalb, weiß ich nicht. (Band II, 14,
Anm. 3.)

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32 M. PIEPER: Ein Text über das ägyptische Brettspiel. [66. Band.

Zu den ägyptischen, ins Griechische übersetzten Texten wird man nun auch das
Buch rechnen müssen, aus dem uns durch Zufall ein Blatt erhalten ist. Es ist natürlich
möglich, daß wir es mit irgendeiner anderen Übersetzung ägyptischer Texte zu tun
haben. Aber wahrscheinlich ist es doch gerade nicht, daß ein Privatmann für sich auf
den Gedanken gekommen ist, die altägyptischen Bücher zu übersetzen, viel eher wird
man an eine offizielle Veranstaltung denken. Und da uns anderweitig berichtet wird,
daß solche offiziellen Ubersetzungen wirklich stattgefunden haben, so ist es, wie mir
scheint, das einfachste, den letzten Fall für wahrscheinlich zu halten.
Das Spiel, von dem auf dem Pergamentblatt von Oxyrrynchus die Rede ist, ist
aller Wahrscheinlichkeit nach dasselbe, von dem Plutarch in seinem Buche über Isis
und Osiris (Kap. 12) zu berichten weiß. Rhea (Nut) sei wegen Ehebruchs von ihrem
Gatten verflucht, sie sollte an keinem Tage des Jahres gebären, ein Zug, wie er ähnlich
auch in den Mythen anderer Völker wiederkehrt. Auch Thoth habe aber die Göttin
geliebt und der Selene (man weiß nicht recht, welche ägyptische Gottheit hier gemeint
ist), 360/72 im Brettspiel abgewonnen und daraus 5 ganze Tage gemacht, an ihnen (den
Epagomenen) habe die Himmelsgöttin 5 Kinder (Osiris, Haroeris, Typhon, Isis, Ne-
phthys) geboren.
Das Spiel, das hier gemeint ist, muß natürlich ein anderes sein, als das in den Texten
von Kairo, Theben und Turin behandelte. Bei dem alten Spiel geht die Partie nur bis
zum 27. Felde; hier geht sie bis zum 30., dem Haus des Horns (freilich soll dieses nicht
besetzt werden). Das alte Spiel ist ein Spiel des Toten in der Unterwelt, das uns in den
griechischen Quellen überlieferte ein astronomisches Spiel. Es ist nicht unwahrscheinlich,
daß das letztere Spiel, das ja auch schon altägyptisch sein muß, mit den 2 mal 15 Steinen
und 2 Würfeln, die sich gewöhnlich in einem ägyptischen Spielkasten finden, gespielt
wurde, denn auf diese Weise läßt sich mit Leichtigkeit eine Partie spielen, bei der es darauf
ankam, 360 Punkte zu gewinnen.
Das ägyptische Spiel hat, wie die griechischen Angaben lehren, bis in griechische
Zeit fortgelebt. Hat es auch noch weiter gewirkt ? Hier seien 2 Stellen aus der jüdischen
und indischen Literatur erwähnt, die vor langen Jahren in der Zeitschrift der Deutschen
Morgenländischen Gesellschaft besprochen wurden.
In einer jüdischen Notiz ZDMG. 46, 130 ff beklagt sich ein Rabbi über faule Schüler,
die beim Unterricht heimlich „Iskumdari" gespielt hätten. Ein späterer Erklärer fügt hinzu,
dieses Spiel würde mit kleinen Hunden gespielt. Der gelehrte Erklärer hat den Sinn des
Wortes nicht mehr verstanden. Die Spielsteine hießen im alten wie im modernen Ägypten
„Hunde" (heute kilâb). Es handelte sich also um ein ägyptisches Spiel, das in der Tal-
mudschule heimlich gespielt wurde, wie ja auch in modernen Schulen noch etwas Ähn-
liches vorkommen soll. Der rätselhafte Ausdruck „Iskumdari" ist in „Iskundari" zu
ändern, d. h. das Alexanderspiel. Alexander d. Gr. gilt also hier als Erfinder des Brett-
spiels. Diese seltsame Ansicht findet sich nun auch ganz anderswo, in Indien. Der
berühmte Sanskritist A L B R E C H T W E B E R führt in seiner Arbeit Beri. Sitzungsber. 8. II 1872
indische Quellen an, nach denen das Schachspiel durch Alexander d. Gr. nach Indien
gebracht sei, der Gott Hermes habe es erfunden. Das ist nun ein Irrtum, nirgends erscheint
meines Wissens der Gott Hermes als Erfinder des Brettspiels. Wohl aber wird Hermes regel-
mäßig mit dem ägyptischen Thoth gleichgesetzt, und Thoth ist bei den Ägyptern stets
der Erfinder des Brettspiels. So scheint sich hier im fernen Osten eine Erinnerung an
ägyptische Mythen erhalten zu haben. Freilich muß gesagt werden: Von dem ägyp-
tischen Spiel mit 3 mal 10 Feldern läßt sich zum Schachspiel keine Brücke schlagen.
Allerdings sind es in Indien durchaus nicht immer 8 mal 8 Felder gewesen, aber quadratisch
war das Spielbrett stets. Ein ähnliches Spielbrett kennt auch Griechenland (s. die

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Band 66.] Κ . VOGEL: Zur F r a g e der Scheffelteile. 33

Zeichnung: Archäologische Zeitung 1863, 173, Baumeister, Denkmäler I, 354). Vielleicht


war es das von Plato u. a. erwähnte Polis-, d. i. Städtespiel.
So ist es immerhin möglich, daß nach Indien ein griechisches Spiel zusammen mit
ägyptisch-griechischen Fabeleien gelangte, und daß im Laufe der Zeit die indische Phan-
tasie daraus das Königsspiel, das sich die Welt eroberte, geschaffen hat.

Zur Frage der Scheffelteile.


Von KURT VOGEL.

In seinem Aufsatze „Uber den Scheffel und seine Teile" (Ä. Z. 65,1930, S.42—48)
stellt N E U G E B A U E R die These auf, daß das System der ägyptischen Getreidemaße nicht
homogen sei, sondern aus 2 „Kernen" bestehe. Neben dem auf dem Hekat (Scheffel) selbst
aufgebauten System mit dezimalem Grundcharakter (100 H., 10 H., Vio H. 1 , Va H. und
andere „natürliche" Bruchteile) habe ein zweites bestanden, das sich um den Kern R o
gebildet habe mit den hauptsächlichen Vielfachen 10 und 20 Ro. Erst später seien die
beiden Systeme, „so gut es eben noch gehen wollte" 2 , aneinandergeschlossen worden
unter Fixierung des Verhältnisses Hekat: Ro = 320:1.
Daß sich Maßsysteme derselben Gattung aus verschiedenen Voraussetzungen entwickeln
und erst nachträglich verschmolzen werden, ist oft zu beobachten. So lassen sich ζ. B.
Längenmaße auf der Elle, dem Klafter, dem Fuß oder dem Schritt aufbauen ; diese ver-
schiedenen Ausgangspunkte haben direkt miteinander nichts zu tun und es ist klar, daß
eine spätere „Verkittung" nicht immer reibungslos verlaufen wird. D. h. die dabei auf-
tretenden Reduktionszahlen werden, wenn es sich nicht um die bewußte Neuschaffung eines
Maßsystemes handelt, entweder ziemlich willkürlich festgesetzt 3 oder aber das Umrechnungs-
verhältnis kann, von Zufällen abgesehen, nicht so einfach werden wie hier, wo es durch
10:1 gegeben ist 4 . So wurde ζ. B. bei den griechischen Längenmaßen 1 Schritt = 2V2 Fuß
und dieser gleich 2/s Elle normiert. Nimmt man in unserem Fall nun wirklich verschiedene
Kerne an, so sollte doch jeder der beiden eine praktische Bedeutung haben. Dies ist aber
bei dem Kern Ro wohl nicht der Fall. Dießes „Maß" ist so klein, daß man mit ihm, abge-
sehen vom Apothekermaßstab aus, nichts wird praktisch messen können. Das kleinste
griechisch-römische Hohlmaß, der Kyathus (etwa 1 / 2 Ei) ist noch dreimal so groß wie das
Ro mit seinen ca. 0,015 Litern. Besonders als Getreidemaß wird es sich nicht eignen!
Schon der Name Ro = „Teil" (par excellence5) weist darauf hin, daß es sich hier weniger
um eine konkrete Maßeinheit als um eine Rechnungseinheit zur Erleichterung der Rechen-
praxis handelt. Klar hat dies G R I F F I T H hervorgehoben, wenn er von dem Ro als „greatest
commune measure" oder als „arithmetical fiction" spricht®.

1) Nach P E E T (The Rhind Math. P . S. 25) hat das Henu einen unabhängigen Ursprung. — 2 ) Es
geht aber auf der einfachsten Basis 10:1 sehr gut. — 3) ζ. Β. 1 Maß = 1 Liter oder 1 Schoppen = V4 (bzw.
V2) Liter. — 4 ) Ich glaube nicht, daß man G A R D I N E R (Gramm. S. 198) so auslegen kann, daß bei 1 / 3 2 H.
2 K e r n e z u s a m m e n g e k o m m e n seien (NEUGEBAUER S . 46, F u ß n . 1). — 5) GRIFFITH, P r o c . S . Β . A . 14, S . 426. —
6) GRIFFITH, Proc. S. Β. A. 13, S. 535. N E U G E B A U E R meint umgekehrt (S. 46), daß die äg. Bruchbezeich-
nung von dem Ro-Maß ausgegangen sein könnte. Dazu müßte das Ro ein konkretes Maß (Mundvoll?)
gewesen sein. Aber der Begriff „Teil" ist dann nur wieder indirekt zu gewinnen.
Zcitsclir. f. Ägypt. Spr., G6. Band. •r>

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