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In: Philokles H. 2-2000, S. 50-61

Psychologischer Determinismus und andere


Schwierigkeiten – Kommentar zu N. Psarros’ Versuch
einer Bestimmung des Gegenstandes der Psychologie

Frank Kannetzky

Wenn zwei Leute über Psychologie reden, dann reden sie gewöhnlich über un-
terschiedliche Dinge. Es gibt eine schier unüberschaubare Vielfalt psychologi-
scher Richtungen und Theorien. Ein einheitlicher Kern läßt sich zunächst nicht
ausmachen. Erst recht schwierig wird es, wenn Psychologen und Philosophen
aufeinandertreffen: Werden einerseits philosophische Bemühungen um psy-
chische Sachverhalte als ahnungslose Spekulation belächelt, so wird anderer-
seits der Psychologismus von vielen Philosophen, wenn sie nicht gleich ins na-
turalistische Lager überlaufen, als unkritischer Dogmatismus angesehen, wo-
zu nicht zuletzt der von manchen Psychologen vorgetragene Anspruch bei-
trägt, die ‘Dinge der Seele’ als natürliche, durch Anlage und psychische Aus-
stattung determinierte Phänomene zu erklären. Um so wichtiger sind Versu-
che, diesen Dschungel zu lichten und sich des Gegenstandes der Psychologie
zu versichern.
Psarros Stoßrichtung ist klar: Seine Gegner sind die, welche meinen, daß
geistige Zustände neurophysiologisch zu identifizieren seien, daß unsere kul-
turelle Verfaßtheit auf kausal wirksame mentale Zustände von Individuen zu-
rückzuführen und unser Handeln aus einer psychischen Determination her-
aus zu erklären sei, kurz: die, welche ein naturalistisches (nicht notwendig
physikalistisches) Reduktionsprogramm nicht nur hinsichtlich des Bewußt-
seins, sondern der conditio humana überhaupt verfechten. Zugleich wendet
sich Psarros, leider nicht sehr deutlich, gegen den mit dem Naturalisierungs-
programm zwar nicht systematisch, aber oft faktisch verbundenen Meßfetisch-
mus, dem Objektivität durch exakte quantitative Methoden der Erfassung des
Psychischen verbürgt zu sein scheint. Eine solche Exaktheit wird aber zur
Scheinexaktheit, wenn nicht erklärt wird, was genau es eigentlich ist, was da
quantitativ erfaßt wird. Gegen diese Versuche hebt Psarros, wie ich meine zu
recht, die immer schon aus einer Teilnehmerperspektive, teils reflektiert, teils
unreflektiert abgegebenen Kommentierungen menschlichen Tuns als konstitu-
tiv für dessen Handlungscharakter und somit als Grundlage jeder psychologi-
schen Untersuchung menschlichen Handelns, Erlebens und Denkens hervor.
Die folgenden Anmerkungen sind nicht gegen diese Grundintention gerich-
tet. Mir scheint aber, daß Psarros im Detail ein wenig zu eilig ist und deshalb
übers Ziel hinausschießt.
Psarros beginnt mit einer philosophischen Frage an die Psychologie: Wie-
weit kommt sie dem philosophischen Interesse an Freiheit entgegen? – und

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beantwortet sie negativ, indem er den „psychologischen Determinismus“ als
ein (uneingestandenes) Leitbild der naturwissenschaftlichen Psychologie ein-
führt. Dieser besteht wesentlich in der Behauptung, daß das menschliche Ver-
halten durch psychische Gesetzmäßigkeiten bestimmt wird und aufgrund die-
ser Gesetze im Prinzip vorhersagbar sei. Der Mensch sei Geisel seiner psychi-
schen Konstitution, letztlich seiner „individuellen organismisch verankerten
Verhaltensweisen“. Menschliches Handeln unterscheidet sich dann nur gra-
duell von tierischem Verhalten, nur daß der Mensch sich seiner Lage bewußt
werden kann. Damit kann von freiem, verantwortlichem und letztlich auch
sinnvollem Handeln nicht mehr die Rede sein, was nach Psarros in das Dilem-
ma des psychologischen Determinismus führt, in die Antinomie von Kausa-
lität und Freiheit. Meiner Meinung nach ergibt es sich aber nicht schon dar-
aus, daß die Psychologie naturwissenschaftlich verfährt, d. h. annimmt, daß
ihre Gegenstände, psychische und mentale Phänomene, (formale) Ähnlichkei-
ten aufweisen und entsprechend definierbar seien sowie über Eigenschaften
verfügen, die durch empirische Forschung entdeckt und mit Hilfe psycho-
logischer Gesetze beschrieben werden könnten. Freilich, betrachtet man die
naturgesetzlich-kausalen Zusammenhänge zwischen diesen Gegenständen als
definitorisches Merkmal dieser Gegenstände, dann umgeht man die eigentli-
che Frage. Denn daraus, daß die Psychologie Wissen über die Bedingungen,
Motive, Anstöße und Gesetzmäßigkeiten menschlichen Handelns, Erkennens
und Erlebens gewinnt, folgt noch kein psychologischer Determinismus.
Wie Psarros einschränkend bemerkt, sind die Gesetze der Psychologie
großenteils stochastischer (allgemein: statistischer) Natur. Diese Einschrän-
kung ist wesentlich, denn sie ist nicht mit dem Leitbild des „psychologi-
schen Determinismus“ vereinbar – der Determinismus ist keiner mehr, wenn
er von statistischen Zusammenhängen her gedacht werden muß. Statistische
Gesetze sind geradezu dadurch definiert, daß Abweichungen vom behaupte-
ten Zusammenhang zwischen Eigenschaften oder Ereignissen möglich sind.
Das Maß möglicher (erwartbarer) Abweichungen definiert gerade die Wahr-
scheinlichkeit des fraglichen Zusammenhangs. Wo aber Abweichungen mög-
lich sind, da gibt es keinen Determinismus, denn dieser behauptet einen (fak-
tisch) notwendigen Zusammenhang, der für einen bestimmten Ausgangszu-
stand genau einen Endzustand festlegt. Alternativen, d. h. die Voraussetzung
von Wahlfreiheit kann es dann nicht geben. Aber diese Behauptung kann gera-
de nicht auf Basis der Geltung statistischer Gesetze begründet werden. Statisti-
sche Gesetzmäßigkeiten fassen Häufigkeitsverteilungen über einer Grundge-
samtheit zusammen, sie gelten von Gruppen von Individuen – für den Einzel-
nen besagen sie nichts, eben weil sie per Definition das Maß möglicher Abwei-
chungen festhalten. Daher ist eine Vorhersage individuellen Verhaltens nicht
möglich – eine „Sackgasse der Voraussagbarkeit“ gibt es hier nicht. Der von
Psarros geschilderte „psychologische Determinismus“ ist deshalb keine Posi-
tion, die sich sinnvoll vertreten läßt, wenn man akzeptiert, daß psychologische
Gesetze statistischer Natur sind und sein müssen, weil man es hier mit teleo-
logischem Verhalten (bzw. Handlungen) zu tun hat.
Freilich begründet die Tatsache, daß man in der Psychologie mit Wahr-
scheinlichkeiten arbeiten muß, nicht die Möglichkeit freien Handelns. (Frei-

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es Handeln ist mit Zufall sowenig vereinbar wie mit Notwendigkeit: Frei zu
handeln, d. h. im Blick auf zu erwartende Folgen zu entscheiden, setzt eine
gewisse Prognostizierbarkeit möglicher Verläufe voraus.) Daß man es bei psy-
chologischen Gesetzen mit Wahrscheinlichkeiten zu tun hat ist aber ein Indi-
kator dafür, daß es sich dabei um Regelmäßigkeiten freier Tätigkeit handelt:
Weil es die Möglichkeit freien Handelns und Entscheidens gibt, können wir
nur statistische Angaben über Verhaltenswahrscheinlichkeiten machen.
Dagegen könnte eingewandt werden, daß man nur die Bedingungen ge-
nauer festlegen müßte, dann würde man auch das Verhalten einzelner Perso-
nen genauer prognostizieren können. Aber zusätzliche Bedingungen führen
nicht aus der Wahrscheinlichkeit hinaus, sondern sie schränken die Grundge-
samtheit ein – klar daß es dann eine höhere Trefferquote gibt, falls die zusätzli-
che Bedingung statistisch signifikant mit der fraglichen Eigenschaft oder dem
fraglichen Verlauf zusammenhängt, gerade das ist der Sinn der Einschränkung
der Grundgesamtheit. Das ändert aber nichts am statistischen Charakter des
Zusammenhangs. Statistische Zusammenhänge haben für den Einzelfall keine
Anwendung, man kann ihn daraus weder erklären noch vorhersagen, deshalb
ist es auch Unsinn zu sagen, man sei durch statistische Gesetze in seinem Han-
deln determiniert.
Auch der in der Psychologie naheliegende Verweis auf empirisch erfaßba-
re (biologisch vorgegebene) Dispositionen, die Tendenz, auf bestimmte Reize
in bestimmter Weise zu reagieren, hilft dem Deterministen nicht weiter, denn
sie erklären den Einzelfall nicht. Eine Disposition faßt tatsächliche Verhaltens-
weisen bzw. Handlungsentscheidungen zusammen. Zu sagen, es bestünde die
Disposition X zu tun, bedeutet demnach nur, daß X unter bestimmten Bedin-
gungen eine häufige Verhaltensweise ist. Aber damit kann der konkrete Ein-
zelfall des X-tuns weder erklärt noch prognostiziert werden. Aus der Erfah-
rung weiß man, daß Glas zerbrechlich ist. Nun zerbricht eine Scheibe. Wie ist
das zu erklären? Damit, daß Glas zerbrechlich ist? Manchmal zerbricht die
Scheibe auch nicht – wäre es dann eine gute Erklärung, auf die Disposition
‘Zerbrechlichkeit’ zu verweisen? In diese Situation begibt sich der psycholo-
gische Determinist: die Darstellung durchschnittlichen, normalen Verhaltens
wird unter der Hand zu dessen Erklärung. Eine solche Erklärung ist aber zir-
kulär und im Falle abweichenden Verhaltens absurd.
Aber erklärt nicht der Charakter einer Person in gewissem Maße deren Ver-
halten? In diesem Falle hat man es nicht mit dem üblichen Begriff der (biolo-
gisch verankerten) Disposition zu tun, sondern mit einer komplexen, erworbe-
nen Präferenzstruktur, die über verschiedene Situationstypen stabil bleibt. Der
Charakter repräsentiert in gewisser Weise nichts anderes als die Gesamtheit
der in der Vergangenheit getroffenen Entscheidungen und setzt daher freie
Entscheidungen voraus. Er hat mit einer natürlichen Disposition nichts zu tun.
Es ist deshalb absurd, die für eine Person charakteristischen Verhaltensweisen
für den Determinismus einzuspannen.
Es soll nicht geleugnet werden, daß wir oft entscheiden müssen, ob jemand
aus eigenem Entschluß gehandelt hat oder ob es gar keine Entscheidungsmög-
lichkeit gab. Wir können ein Verhalten nicht als determiniert und frei zugleich
behandeln – wir müssen uns für jeweils für eine Beschreibung entscheiden.

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Die Psychologie hat uns gelehrt, daß wir in vielen Fällen, in denen wir willent-
liches Handeln vermutet haben, nicht Herr im Hause sind. Sie hat uns damit
auch Mittel in die Hand gegeben, in manchen Fällen sicherer zu urteilen, wel-
che Beschreibungsweise die angemessene ist. Aber daraus, daß manche Fälle
als determiniertes Verhalten (etwa als reflexhaft oder aufgrund psychischer
Störungen) zu beschreiben sind, folgt nicht, daß dies für beliebige Fälle gilt.
Insofern beruht der „psychologische Determinismus“ als inhaltliche Behaup-
tung auf einer falschen Verallgemeinerung.
Aber gibt es nicht Reflexe und übermächtige Leidenschaften, die unser
Handeln bestimmen? Soweit dies unbedingte Reflexe sind, gehören sie zur
Physiologie und sagen uns nichts über mögliche Handlungen, sondern etwas
über deren Bedingungen bzw. Umgebung. (Eine psychologische Frage wäre
dann: Wie kann, vorausgesetzt es liegt keine Beschädigung der Nervenbah-
nen vor, gegen Reflexe gehandelt werden, z. B. einen heißen Topf vom Herd
ziehen?) Sie widersprechen der Möglichkeit freien Handelns sowenig wie der
Einfluß der Schwerkraft. Mit Leidenschaften, wo sie zum Zwang werden, muß
sich die Psychologie in der therapeutischen Absicht, die Kompetenz freier
Handlung wiederherzustellen, befassen. Allgemein: Sollen die Faktoren, die
unser Verhalten determinieren, Naturfaktoren wie die Schwerkraft sein, dann
setzen sie keine Grenzen des freien Handelns, sondern bilden, vermittelt durch
die Psyche, seinen Rahmen. Jemand der meint, daß die natürlichen Bedingun-
gen, seien sie nun innerer (psychischer) oder äußerer Natur, freies Handeln
verhindern, muß anhand instruktiver Beispiele in den Unterschied zwischen
(schon) Machbaren und (noch) Unmöglichen eingeführt werden, er hat noch
nicht verstanden, was sinnvolle, handlungsleitende Absichten im Gegensatz
zu bloßen Träumereien oder Wünschen sind. Sind es keine Naturkräfte, son-
dern erworbene Präferenzen, Gewohnheiten usw., dann können wir sie ver-
ändern. In jedem Fall schafft Wissen um Bedingungen unseres Handelns und
Verhaltens Möglichkeiten freier Handlung. Deshalb ist unverständlich, warum
wir in Bezug auf psychologisches Wissen unfrei sein sollen: wir können psy-
chologisches Wissen für zweckhaftes Handelns so gut wie physikalisches Wis-
sen nutzen. Darüber hinaus birgt es, in gewissem Kontrast zu den ‘klassischen’
Wissenschaften, aufklärerische Potenz.
Psarros verbindet das Determinismusproblem zu recht mit der Perspek-
tive, die man gegenüber psychischen Phänomenen einnimmt. Er unterschei-
det zwei Perspektiven, die Teilnehmer- und die Beobachterperspektive, wo-
bei psychologisches Wissen stets das Einnehmen einer Teilnehmerperspekti-
ve, einer intentionalen Haltung zu den psychischen Phänomenen beinhaltet.
Daraus erwächst ein Gegensatz zum naturwissenschaftlichen Vorgehen: „[...]
die Teilnehmerperspektive kennt keine naturgesetzmäßige Kausalität und die
Beobachterperspektive keine Intentionalität, man kann nicht beide Perspekti-
ven gleichzeitig einnehmen.“ Das ist der Grund des oben genannten Dilem-
mas von Kausalität und Freiheit, und nicht, daß die Psychologie psychische
Gegenstände untersucht. Zugleich scheint damit eine naturwissenschaftliche,
auf Objektivität zielende Psychologie nicht möglich zu sein. Mir scheint aber,
daß Psarros den Gegensatz beider Perspektiven überzieht, und ihm dabei die
empirische Psychologie verloren geht.

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Beobachter- und Teilnehmerperspektive bilden einen relativen Gegensatz,
indem die Beobachterperspektive von den je partikularen, zufälligen Stand-
punkten und Zwecken der unmittelbar Beteiligten unter dem Interesse in-
tersubjektiver Kontrollierbarkeit von Aussagen abstrahiert. Freilich ist auch
der Standpunkt eines solchen (kontrafaktischen) Beobachters nicht frei von
Bedingtheiten und Einschränkungen und daher selbst möglicher Gegenstand
weiterer Objektivierungen. Mit solchen Objektivierungen, Abstraktionen und
Idealisierungen ‘verschwinden’ aber auch verschiedene aus der Teilnehmer-
perspektive wichtige Momente des je fraglichen Bereiches. Man sollte aber
nicht vergessen, daß die ‘objektive’ Sicht ihren Sinn gerade daraus zieht, die
je eingeschränkten ‘subjektiven’ Gesichtspunkte hinsichtlich des interessieren-
den Bereiches austauschbar zu machen. Deshalb ist es ein Fehler, nur die Ge-
genstände der Beobachterperspektive für ‘wirkliche’ Gegenstände zu halten.
Nun können wir die Phänomene unseres Lebens aus beiden Perspektiven
betrachten – zwar nicht zugleich, aber alterierend. Halte ich mich für frei und
einzigartig, so lehrt mich der objektive Blick des Psychologen oder des Sozio-
logen, daß ich Teil eines statistischen Massenphänomens bin. Welche Sicht ist
die richtige? Sind die Phänomene, die dem Teilnehmer sichtbar sind, nur Il-
lusion, nicht die ‘wirkliche’ Wirklichkeit? Wenn man verstanden hat, wie die
Beobachterperspektive verfaßt ist, dann erübrigt sich diese Frage. Sie stellt sich
nur vor dem Hintergrund einer Hypostasierung der Beobachterperspektive zu
einer absoluten Perspektive, dem Gottestandpunkt, und ihrer Gegenstände zu
‘Dingen an sich’, zu den eigentlich ‘wirklichen’ Gegenständen. Wenden wir
dies auf das Determinismusproblem an, dann wird sichtbar, daß der Gegen-
satz von Kausalität und Freiheit auf einem Mißverständnis der Beobachterper-
spektive und der Rede von Objektivität beruht, auf der Hypostasierung die-
ser Perspektive und deren Rückprojektion auf die Teilnehmerperspektive. Für
die Perspektive der Psychologie heißt das, daß die Alternative nicht zwischen
reiner Teilnehmer- und reiner Beobachterperspektive steht, sondern daß hier
Abstufungen möglich sind, etwa die partikuläre, interessierte Sicht des Teil-
nehmers einer Praxis und die des nicht unmittelbar beteiligten, aber mit den
Üblichkeiten und Regeln vertrauten ‘Insiders’. Dies könnte die Position einer
Psychologie sein, welche die allgemeinen Formen des Verhaltens und Han-
delns der in die Gesellschaft und deren Praxen, Institutionen und Traditio-
nen eingebundenen Individuen sowie die Steuerung und Bedingungen dieser
Verhaltensweisen untersucht und in gewissem Sinne gerade die Perspektivität
und Individualität des Erlebens, Problemlösens, Denken und Handelns in der
natürlichen und sozialen Umgebung zum Thema macht.
Psarros verbindet mit der Einnahme einer Teilnehmerperspektive auch die
besondere Konstitution des Gegenstandes der Psychologie: „psychische Ge-
genstände [werden] durch Kommentierung physischer Situationen konstitu-
iert“, „durch Kommentierungen von Handlungen und Verhalten von Indivi-
duen, und zwar unter der Prämisse, daß sie von ihrem gemeinschaftlichen
Kontext isolierbar und unabhängig sind.“ Die Gegenstände der Psychologie
könnten weder hinweisend noch per Abstraktion eingeführt werden, sondern
es geht „um den angemessenen Gebrauch sprachlicher Ausdrücke“ zur Be-
schreibung von Situationen des sozialen Lebens. Und weiter: „Gegenstände

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des sozialen Lebens werden durch die Anwendung von Regeln des Gebrauchs
sprachlicher Ausdrücke konstituiert.“
Ich glaube, daß Psarros hier einen wichtigen Punkte erwischt hat: Im Un-
terschied zu physischen Abläufen müssen wir zur Beschreibung des Psychi-
schen auf teleologische Begriffe zurückgreifen. Etwa gehört zur Identifikati-
on einer Handlung als Handlung die Angabe der mit ihr verfolgten Absicht.
Psychische Zustände beschreiben wir funktional: Angst zu haben bedeutet
eben nicht nur bestimmte körperliche Symptome zu zeigen, sondern auch den
Drang, sich aus der (für gefährlich gehaltenen) Situation zu entfernen. Daß je-
mand Angst hat, ist keine bloße Konstatierung, sondern eine Kommentierung
bzw. Interpretation aus der Sicht eines kompetenten Sprechers (oder besser:
eines „Insiders“), denn nicht jedes Auftreten der genannten Merkmale bedeu-
tet notwendig, daß der Betroffene tatsächlich Angst hat. Diese Konzeption, so
wie sie von Psarros vorgetragen wird, birgt aber einige Schwierigkeiten:
1. Im Überschwang der Ablehnung eines deterministischen Verständnis-
ses der Gesetze der Psychologie sowie einer naturalistischen Auffassung ih-
res Gegenstandes schüttet Psarros das Kind mit dem Bade aus. Zwar stimmt
es, daß die Gegenstände der Psychologie uns nicht einfach (auf)gegeben sind,
und nicht in gleicher Weise wie die Gegenstände der Naturwissenschaften per
Abstraktion und Idealisierung gewonnen werden können. Und er hat darin
Recht, daß er Kommentierungen, d. h. die Bewertung und Typisierung von
Verhaltensweisen als Handlungen bestimmter Art aus der Perspektive des
Teilnehmers einer kollektiven Beurteilungspraxis, für gegenstandskonstitutiv
hält. Aber dies ist einseitig: Wären es tatsächlich nur die Kommentierungen,
die den Bereich der Gegenstände der Psychologie konstituieren, dann müßte
sich, etwas überspitzt, Psychologie aus bloßer Sprachkenntnis aufbauen lassen
– schließlich haben wir als kompetente Sprecher die Kommentierungspraxis
quasi in der Tasche. Betrachtet man aber nur diesen Aspekt als relevant, dann
beraubt man sich der Möglichkeit, interessante empirische Fragen zu stellen:
Wonach richten sich Menschen in Entscheidungssituationen tatsächlich? Wel-
che Rolle spielen moralische Prinzipien dabei? Macht Bildung immun gegen-
über Autoritäten? Sind Männer in Gegenwart von Frauen eloquenter? Und
mutiger? Warum bewertet man Tatsachen höher, wenn sie für vorgefaßte Mei-
nungen sprechen? Wie kommt es, daß unterschiedliche Menschen die gleiche
Situation ganz unterschiedlich beurteilen (kommentieren)? Bringt uns Hun-
ger dazu, in undeutlichen Bildern etwas Eßbares zu sehen? Wovon hängt es
ab, ob man in einer Diskussion seinen Standpunkt konsequent vertritt? Kann
uns das Urteil anderer dazu bringen, Farben falsch wahrzunehmen? In wel-
chem Maße? Wie kommt es zu zwanghaftem Verhalten? Und wie läßt es sich
therapieren? All diese Fragen sind in der Psychologie nicht nur gestellt, son-
dern zum großen Teil auch beantwortet worden. Ihnen ist gemeinsam, daß
sie die Beurteilung von Verhalten als bestimmte Handlung voraussetzen. Das
heißt: Kommentierungen sind der Psychologie vorausgesetzt, aber sie machen
nicht deren Wesen aus. Eine Psychologie ohne Voraussetzung dieser Kommen-
tierungspraxis, d. h. der Typisierung beobachtbaren Verhaltens als bestimmte
Handlungen kann es nicht geben, genauso wenig wie es eine Mathematik oh-
ne die Voraussetzung einer Zählpraxis geben könnte. Aber sie geht nicht darin

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auf, sowenig wie die Mathematik sich auf das Zählen reduzieren läßt.
2. Psarros zieht eine Grenze zwischen Prädikation und Kommentierung,
und damit zwischen Naturwissenschaft und Psychologie, die ich in ihrer
Schärfe nicht nachvollziehen kann. Denn in gewisser Hinsicht ist jede Prädi-
kation eine Kommentierung, sofern Kommentierung nur heißt, als Teilnehmer
einer sozialen Praxis zu urteilen. Jeder korrekte Sprachgebrauch und jedes Ur-
teil ist an eine gemeinsame Urteilspraxis, deren Tradition und schon anerkann-
te geteilte Urteile gebunden. (Nur verwiesen sei hier auf Wittgensteins Privat-
sprachenargument.) Sicherheit im Urteil haben wir nur da, wo wir uns auf eine
solche Praxis stützen können. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Sach-
urteile (Prädikationen), Kommentierungen oder im engeren Sinne moralische
Urteile handelt. Der Unterschied ist allenfalls ein gradueller. Auch im Falle
von Prädikationen bedürfen wir des Rückhalts möglicher Korrektur und Kon-
trolle durch andere, nicht nur im Umgang mit sozialen Gegenständen. Nun
könnte Psarros darauf verweisen, daß der für die Psychologie relevante Typ
von Kommentierungen gegenstandskonstitutiv ist. Aber sofern Gegenstände
die Grenze unserer Unterscheidungsvermögen markieren, gilt dies auch von
in Prädikaten fixierten Unterscheidungen. Der Verweis auf Kommentare ist
demnach nicht spezifisch genug, um den Bereich der Psychologie zu umrei-
ßen, und dies betrifft nicht nur ihren Unterschied zu den Sozialwissenschaf-
ten.
3. Daß soziale Gegenstände durch Kommentierung, durch angemessenen
Sprachgebrauch konstituiert werden ist so nicht richtig, wenngleich damit ein
wichtiger Aspekt benannt wird. Sie werden auch dadurch konstituiert. Aber
vor allem doch wohl durch und im Verhalten gemäß bestimmter sozialer Re-
geln, durch deren Anerkennung und Sanktionierung (Bsp.: Geld ist zweifellos
ein sozialer Gegenstand, aber nicht sprachlich konstituiert, wenngleich die Er-
klärung bestimmter Objekte zu Geld sprachlich erfolgt.) Freilich können sol-
che Regeln und die Korrektheitsbedingungen für die Anwendung der entspre-
chenden Ausdrücke dann auch sprachlich artikuliert werden und stabilisie-
rend auf die Praxis zurückwirken.
Entsprechend besteht eine Schwäche von Psarros’ Konzeption darin, daß
nicht genauer erklärt wird, worauf sich die Kommentierungen beziehen. Ein
Kommentar setzt etwas voraus, das kommentiert wird. Dann kann das, was
kommentiert wird aber nicht durch den Kommentar konstituiert werden.
Psarros stellt sich hier selbst ein Bein, wenn er zu Lösung dieses Problems auf
„physische Situationen“ verweist. Denn damit wird unter der Hand die pro-
blematische Beobachterperspektive samt ihren Reduktionismen wieder einge-
führt. Hier die objektiven Abläufe – da deren Interpretation oder Kommentie-
rung als Handlung, inklusive der Zuschreibung entsprechender psychischer
Zustände. Daß Psarros das so sieht, zeigt sich an seiner Behandlung des Bei-
spiels Demonstration, Volksmarathon, Massenpanik: Die Beschreibung des
Geschehens mittels Prädikatoren würde für diese sozialen Situationen gleich
ausfallen, d. h. sie seien vom beobachtbaren Verhalten her nicht zu unterschei-
den. Freilich ist zur Unterscheidung des Typus dieser Vorgänge eine empiri-
stisch verengte Beobachterperspektive, die alles ausblendet, was über physi-
sche Bewegung und Veränderung hinausgeht, nicht geeignet. Aber das besagt

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nicht, daß ein ‘Insider’ die fraglichen Ereignisse nicht direkt zu beobachten
bzw. zu unterscheiden vermag: Er sieht, ob Menschen in Panik auseinander-
laufen oder gezielt in eine Richtung marschieren, ob sie Straßen- oder Sport-
bekleidung tragen usw. Demnach spricht Psarros Beispiel nicht gegen die Be-
obachtbarkeit von Handlungen und in gewisser Weise auch psychischer Zu-
stände (wir sehen, ob jemand Angst hat oder nervös ist, auch wenn wir uns
dabei manchmal täuschen), sondern gegen die Unterstellung, nur physische
Dinge seien beobachtbar, der Rest sei Interpretation. Im sozialen Leben hat
man nicht hier die physischen Abläufe, da die Interpretation dieser Abläufe
aus einer Teilnehmerperspektive, sondern wir beobachten eine Massenpanik
oder einen Volksmarathon, und diese sind nicht weniger wirklich als die ent-
sprechenden physischen Abläufe. Vielmehr hypostasiert man, wenn man nur
den physischen Gegenständen „wirkliche Realität“ zubilligt, eine bestimmte
Perspektive, die unter dem Interesse kontextfreien und ‘ewigen’ Wissens (et-
wa der Physik) Sinn hat, zur einzig objektiven. Im Grunde gibt Psarros dies
auch zu: Kommentierungen sind nicht willkürlich, sondern unterliegen Krite-
rien und lassen sich teilweise durch Prädikationen angeben.
Die Psychologie hat es als empirische Disziplin mit dem Erleben und Ver-
halten/Handeln der Menschen zu tun. Insofern sind die Kommentare konsti-
tutiv, aber, ins Unreine gesprochen, nicht für die psychologischen Gegenstän-
de selbst, sondern für die Phänomene, aus denen u. a. mit Hilfe statistischer
Methoden ihre Gegenstände erst gewonnen werden. Man könnte, unter der
Voraussetzung der ‘teilnehmenden Beobachterperspektive des Insiders’, Kom-
mentierungen selbst als eine Art Abstraktionsverfahren auffassen, welche vor
der Abstraktion der Psychologie liegt. Abstraktion heißt ja zunächst nur, daß
man idealisierend von bestimmten Merkmalen absieht, und andere hervor-
hebt. Genau dies geschieht auch in Kommentierungen: konkretes Verhalten
wird idealisierend als Verhalten oder Handlung eines bestimmten Typs auf-
gefaßt und es werden entsprechende ‘geistige Zustände’ (Motive, Absichten,
Überzeugungen usw.) zugeschrieben. Ein Beispiel mag der Begriff der Intel-
ligenz bilden: wir verfügen über einen vortheroretischer Begriff intelligenten
Handelns (hier greifen Psarros’ Kommentierungen als idealisierende Abstrak-
tionen, die Gleichheiten und Ungleichheiten festlegen), der etwa mittels Tests
und statistischen Verfahren ‘verobjektiviert’ wird. Statistische Verfahren legen
ein Normalmaß (IQ 100) und eine Normalverteilung der gemessenen Werte
fest. Nun kann, wie in anderen Naturwissenschaften, nach objektiven Ursa-
chen von Abweichungen vom Standard, nach Beziehungen zu anderen Grö-
ßen, Regularitäten usw. gefragt werden.
Die Schwierigkeit der Psychologie als empirische Wissenschaft besteht, im
Gegensatz z. B. zur Physik, darin, daß die Praxen des freien Handelns, auf das
ihre Interesse gerichtet ist, ständigen Veränderungen unterliegen, ihre Resul-
tate daher nicht ohne weiteres übertragbar sind und immer einen Gutteil Wer-
tungen beinhalten. (Was als aggressiv, als übermütig oder als intelligent zählt,
wird zu anderen Zeiten, in anderen Kulturen oder auch sozialen Gruppen an-
ders beurteilt werden.) Psarros verweist unter dem Titel „Kommentierung“
daher zu recht darauf, daß wir es hier nicht mit ‘natürlichen’, sondern mit kul-
turellen Größen zu tun haben, weshalb der Naturalismus in der Psychologie

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verfehlt ist. Die psychologischen Begriffe müssen an soziale Handlungsfor-
men, Praxen, Institutionen zurückgebunden werden. Ohne diesen Bezug läuft
die Rede von individuellen Kompetenzen, entsprechenden Dispositionen und
anderen psychischen Eigenschaften leer. Allerdings sollte dies nicht in das an-
dere, kulturalistische, Extrem führen. Stellt man die Psychologie zu grob unter
den Titel „Kommentierungen“, dann geht ihre spezifische Fragestellung nach
den ‘inneren Mechanismen’ der Vermittlung und Auseinandersetzung des Or-
ganismus „Mensch“ mit seiner (natürlichen und sozialen) Umwelt, nach der
Steuerung des individuellen Handelns und Verhaltens, verloren.

Frank Kannetzky
Univ. Leipzig, Inst. f. Philosophie
fkannet@gmx.de