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Resilienzforschung

Resilienz ist die Fähigkeit, mit Problemen und Traumata


umzugehen und sie zu bewältigen. Die Resilienzforschung gibt
wertvolle Hinweise darauf, wie die Resilienz traumatisierter,
geschädigter und belasteter Kinder gestärkt werden kann. Mit
anderen Worten: wie erzieherische Arbeit im allgemeinen, die
Pflege in Pflegefamilien im besonderen therapeutisch wirken kann.
Prof. Fthenakis hat in einem Folienvortrag (der Text enthält die
Folientexte) die Grundzüge der Resilienzforschung dargestellt.

Unter Resilienz versteht man die Fähigkeit(en) von Individuen oder Systemen
(z.B. Familie), erfolgreich mit belastenden Situationen (z.B. Misserfolgen,
Unglücken, Notsituationen, traumatischen Erfahrungen, Risikosituationen u.ä.)
umzugehen.

Resilienz muss nicht alle Verhaltens- und Erlebensbereiche eines Kindes


betreffen. Ein Kind kann z.B. hervorragende Leistungen in der Schule
vorweisen, jedoch starke Schwierigkeiten und Defizite in seiner sozialen
Entwicklung aufweisen. Dieser Punkt betrifft auch Faktoren der Umwelt. Eine
hohe Erwartungshaltung der Eltern und deren Strukturvorgaben können den
Schulerfolg des Kindes beeinflussen und diesem eventuell als Schutzfaktor
dienen. Dagegen wird die Wärme und die emotionale Unterstützung, welche
die Eltern ihrem Kind zukommen lassen, stärker Einfluss nehmen auf die
Entwicklung sozialer Kompetenzen (z.B. Hilfeverhalten,
Perspektivenübernahme u.ä.).

Resilienz sollte stets im Kontext mindestens dreier übergeordneter Bereiche


beachtet werden:

(a) biologische (z.B. Temperament)


(b) psychologische (z.B. intellektuelle Fähigkeiten des Kindes) und
(c) soziokulturelle Faktoren (z.B. sozioökonomischer Status; gängige
Erziehungsvorstellungen; Wohnverhältnisse u.ä.)

Kinder verfügen über ein unterschiedliches Ausmaß an Risikound


Schutzfaktoren in verschiedenen Kontexten und zu verschiedenen Zeitpunkten
in ihrem Entwicklungsverlauf. So sind z.B. Säuglinge den Handlungen ihrer
Umwelt in besonders verletzlicher Weise ausgesetzt, in selbem Maße jedoch
auch besonders zugänglich für die kontingenten Handlungen einer responsiven
Bezugsperson, woraus sich beispielsweise eine sichere Bindung als Schutzfaktor
entwickeln kann.

Es gibt geschlechtsspezifische Unterschiede. Insgesamt erweisen sich Mädchen


resilienter als Jungen. Resiliente Mädchen wie Jungen zeigen androgyne
Verhaltensund Persönlichkeitsmerkmale.

SCHWERPUNKTE DER RESILIENZFORSCHUNG

1. Individuelle Merkmale des Kindes z. B. Intellektuelle Fähigkeiten,


Temperament etc.
2. Familiale Faktoren Familienformen Partnerschaftsqualität Qualität der
Bindung Erziehungsqualität (Erziehungsstile; Eltern-Kind-
Interaktion)) Psychopathologie der Eltern Substanzmissbrauch Gewalt
in der Familie Missbrauch und Vernachlässigung des Kindes
3. Soziale Faktoren Armut Sozioökonomischer Status Deprivation Soziale
Unterstützungssysteme Ausserfamiliale Betreuung des Kindes -
Pädagogische Qualität

RESILIENZMODELLE

1. Kompensatorische Modelle
2. Schutz- vs. Risikofaktoren-Modelle
3. Modelle der Herausforderung
4. Kumulative oder additive Modelle

FAKTOREN, DIE EINEN ERFOLGREICHEN UMGANG MIT


AVERSIVEN REIZEN BEDINGEN

Der Erfolg im Umgang mit aversiven Ereignissen gründet auf verschiedenen


Fähigkeiten, wie z.B.:

1. Erkennen und strukturieren der Problemsituation;


2. Handhabung der (eigenen wie fremden) zur Verfügung stehenden
Ressourcen sowie;
3. einer (aus (1) und (2) resultierenden) erfolgreichen Anpassung oder
eines erfolgreichen Umgangs mit derartigen Situationen;
4. darüber hinaus ist unter Resilienz der erfolgreiche Erholungsprozess
von belastenden Situationen zu verstehen.
CHARAKTERISTIKA RESILIENTER KINDER

1. Interne Kontrollüberzeugung Resiliente Kinder entwickeln die


Fähigkeit zur Selbstkontrolle, die Akzeptanz der Verantwortung
eigener Entscheidungen und deren Konsequenzen. Kinder mit
interner Kontrollüberzeugung erwarten von andern Kindern (bzw.
Erwachsenen) keine Hilfe bei Dingen, die sie selbst erledigen können.
Sie übernehmen selbst die Verantwortung und sind damit unabhängig
und proaktiv in ihrer Suche nach Problemlösungen.
2. Herausforderung Resiliente Kinder betrachten das Leben als eine
Herausforderung. Sie sind in der Lage die positiven Aspekte von
Veränderungen zu erkennen und die negativen Aspekte der Situation
zu minimieren. Sie verfügen über eine generelle positive
Lebenseinstellung und sind in der Lage, (a) Unglücken und Brüchen im
Lebenslauf ihren Schrecken zu nehmen sowie (b) Nutzen aus diesen
Veränderungen zu ziehen. Dies setzt voraus, dass das Kind über eine
flexible Denkweise verfügt sowie über die Fähigkeit, eine Situation aus
verschiedenen Perspektiven zu betrachten und unterschiedliche
Problemlösungen abzuleiten.
3. Verpflichtungsgefühl Damit ist die Fähigkeit gemeint, Bedeutung und
Wert im eigenen Tun zu suchen bzw.einen Grund oder einen Zweck
und Sinn in der eigenen Existenz zu sehen. Diese Fähigkeit führt das
Individuum in der Regel dazu, Verpflichtungen einzugehen. Durch
Verpflichtungen setzten wir uns Ziele und strengen uns an, diese zu
erreichen. Verpflichtungen in diesem Sinne haben eine
stressreduzierende und leistungsmotivierende Wirkung. In schwierigen
Zeiten kann dann eine zielorientierte Perspektive die Person zum
Durchhalten motivieren.

STÄRKUNG VON RESILIENZ

Basiskompetenzen, die Kinder brauchen, um besonderen Anforderungen


gewachsen zu sein und sich zu „gesunden“ und kompetenten Erwachsenen zu
entwickeln:

positives Selbstkonzept
Kontrollerwartung und ein Gefühl der Selbstwirksamkeit
Fähigkeit zur Selbstregulation
Anpassungsfähigkeit im Umgang mit Belastungen oder übermäßigen
Reizen (einschließlich der Fähigkeit, sich innerlich zu distanzieren)
Fähigkeit, sich vor gefährdenden Einflüssen zu schützen
Regelbewußtsein - Fähigkeit zu konstruktivem Denken (auch bei
widrigen Umständen)
Fähigkeit, sich zu entscheiden und zu organisieren (Selbstmanagement)
Fähigkeit, sich in verschiedenen kulturellen und sozialen Umwelten zu
bewegen und mit unterschiedlichen Rollenerwartungen konstruktiv
umzugehen
Fähigkeit, Konflikte gewaltlos zu bewältigen
Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen
Kreativität und Explorationslust
sachbezogenes Engagement und intrinsische Motivation

WAS HILFT DEM EINZELNEN, DEN PRAKTISCHEN ALLTAG ZU


BEWÄLTIGEN UND SEINE POSITION IN DER KÜNFTIGEN
WISSENSGESELLSCHAFT ZU FINDEN?

Erforderliche Kompetenzen nach der Delphi-Studie


Zeitgemäße Konzeption von Bildungsqualität inTageseinrichtungen
Selbstbildnis, Selbstbewußtsein, Selbstmanagement: Wahrnehmung
und Berücksichtigung eigener Stärken und Schwächen, Neugier und
Nutzung von Freiheit.
Offenheit und Bildungsfähigkeit in persönlichenBeziehungen,
Kommunikationsfähigkeit und Aufbau bzw. Nutzung sozialer Netze:
Freundschaft, Nachbarschaft.
Grundlegende Kulturtechniken, zu denen neben den in der
Grundschule zu erwerbenden Fertigkeiten wie Lesen, Schreiben,
Rechnen zunehmend die persönliche Ausdrucksfähigkeit und
Fremdsprachen ebenso gehören wie der Umgang mit neuen
Informations- und Kommunikationsmedien.

AUFGABEN DER TAGESEINRICHTUNGEN FÜR KINDER IN


SCHWEDEN

Kinder zur aktiven Teilnahme an Veränderungen in der Gesellschaft


ermuntern
Das Selbstwertgefühl und die soziale undkulturelle Identität stärken
Raum schaffen für Aktivitäten, in denen Kindereinen Sinn sehen
das Spiel der Kinder stimulieren und unterstützen
Kindern Zukunftsglauben vermitteln
Ihnen Erfahrungen ermöglichen, die sie erkennen lassen, daß es
Handlungsalternativen gibt
Kindern helfen, Engagement und Verantwortungsgefühl zu
entwickeln, um für sich und andere bessere Lebensbedingungen zu
schaffen
Die Lernfähigkeit und die soziale, emotionale,psychomotorische,
linguistische und interkulturelle Entwicklung der Kinder unterstützen
und stimulieren
Die kreativen Fähigkeiten entwickeln und fördern Eine gute und
sichere Betreuung für die Kinder gewährleisten

PÄDAGOGISCHE MASSNAHMEN

Die Erzieherin sollte dem Kind helfen,

1. spezifische Fertigkeiten zu entwickeln,


2. Interessen und Hobbys zu entwickeln,
3. Soziale Fertigkeiten zu entwickeln und sich auch an anderen zu
orientieren,
4. Verantwortung zu übernehmen,
5. Bewältigungsmechanismen zu entwickeln
6. sich Ziele zu setzen und zu erreichen
7. eine Einstellung des Bestmöglichen zu entwickeln
8. effektiv mit Veränderungen umzugehen
9. eine bedeutungsvolle Philosophie zu entwickeln
10. und schließlich sollte sie dem Kind Erziehung, Struktur und ein gutes
Beispiel bieten.

SCHWERPUNKTE PÄDAGOGISCHER BILDUNGSPROZESSE

Förderung positive Selbsteinschätzung


Förderung der kindlichen Selbstregulation
Bewältigungsstile: Der Einfluss von Entspannung, Ernährung und
Sport
Bewältigungsstile: Konstruktives Denken
Bewältigungsstile: Entscheidungsfindung und Problemlösestrategien
Förderung von Resilienz durch Erziehungsmaßnahmen
Vermittlung resilienter Werte und Einstellungen mittels Geschichten

EIN ARBEITSMODELL VOM SELBST

SELBSTEINSCHÄTZUNG
Unbedingte positive Wertschätzung nach Carl Rogers

Dadurch soll dem Kind vermittelt werden, dass es schlichtweg aufgrund seiner
Existenz geliebt wird. An diese Form der Wertschätzung ist folglich keine
Bedingung geknüpft. Der Begriff der „unbedingten positiven Wertschätzung“
basiert auf folgenden Überlegungen:

Positive Wertschätzung vermittelt dem Kind das Gefühl, geliebt und


wertvoll zu sein.
Geliebte Kinder befürchten nicht negative Bewertungen oder Fehler.
Das Kind kann sich neuen Zielen und Möglichkeiten zur
Weiterentwicklung zuwenden.
Bedingungslose Liebe und Wertschätzung stellen einen Schutzfaktor
für das Kind da.

Natürlich ist es für das Kind auch wichtig, von seinen Erziehern und Eltern
ebenso angemessenes Feedback über die eigenen Schwächen zu erhalten. Dies
sollte sich jedoch auf eine ganz bestimmte Leistung oder ein ganz bestimmtes
Verhalten beziehen, nicht auf das Kind an sich. Bei der bedingten positiven
Wertschätzung wird das Kind für eine bestimmte Erwartung belohnt und es
fühlt sich nur solange wertvoll, wie es diese Erwartung erfüllt. Die Folge davon
ist, daß das Kind nur noch Dinge tut, die für andere „akzeptabel“ sind und
zögert, sich neuen Wagnissen zu stellen, um eine mögliche Zurückweisung
nicht erleben zu müssen. Den Grad an Akzeptanz, welcher dem Kind mit der
unbedingten positiven Wertschätzung vermittelt wird, benötigt es von
mindestens einer Person zu jedem Zeitpunkt im Leben.

SELBSTEINSCHÄTZUNG

FÖRDERUNG POSITIVER SELBSTEINSCHÄTZUNG

Pädagogische Maßnahmen zur Förderung von positiver Selbsteinschätzung


beim Kind

Das Kind bedingungslos wertschätzen.


Dem Kind zu Erfolgen verhelfen und dabei produktives Feedback
geben.
Das Kind zur Selbständigkeit erziehen.
Dem Kind helfen, soziale Fertigkeiten zu entwickeln.
Das Kind ermutigen, positiv zu denken.
Dem Kind Bedürfnisaufschub lehren.
Dem Kind ein positives Modell darstellen.

SELBSTEINSCHÄTZUNG

Bis zum achten Lebensjahr entwickeln KinderKompetenz zur


Selbsteinschätzung in fünf wichtigen Bereichen:

Physische Erscheinung
Soziale Akzeptanz
Schulische Kompetenz
Sportliche und künstlerische
Fähigkeiten Verhaltensführung

Grundlegende Formen der Selbsteinschätzung bilden sich in der frühen


Kindheit. Sie basieren auf eigenen Erwartungen sowie der eigenen Meinung,
wie uns andere Menschen bewerten. Erzieher, Eltern und Gleichaltrige
vermitteln starke Erwartungen und Bewertungen, welche die Entwicklung der
Selbstwirksamkeit stark beeinflussen können. Bestimmte Aspekte der
Selbsteinschätzung sind demnach abhängig von sozialen Standards und
Zielsetzungen der Gruppe, in welcher sich das Kind befindet.

PÄDAGOGISCHE ANREGUNGEN

Ein resilienter Ansatz im Umgang mit

mit Märchen, Geschichten und Liedern


mit Wettbewerb, Fehlern und Versagen sowie
mit Verlusten und Krisen

PÄDAGOGISCHE MAßNAHMEN

Die Erzieherin sollte dem Kind helfen,

eigene Begabungen und Fertigkeiten, Interessen und Hobbies sowie


soziale Fertigkeiten zu entwickeln und sich auch an anderen Kindern
und Erwachsenen zu orientieren;
Verantwortung zu übernehmen, d.h. sich zum aktiven Problemlöser zu
entwickeln und für sich selbst die Verantwortung zu übernehmen,
Bewältigungsmechanismen, d.h. emotions- und problemzentrierte
Bewältigungsstile zu entwickeln,
Ziele zu setzen und zu erreichen,
eine bedeutungsvolle Lebensphilosophie zu vermitteln,
eine Einstellung zum Bestmöglichen zu entwickeln,
effektiv mit Veränderungen umzugehen,
und schließlich sollte die Erzieherin dem Kind Erziehung, Struktur und
ein gutes Rollenmodell bieten.

Michael Rutter (1997) hat in seinem Vortrag auf der VII. EECERA-Konferenz
in München die folgenden Aspekte früher Interventionsmaßnahmen
zusammengefasst:

Es gibt deutliche Evidenz dafür, dass frühe Interventionsmaßnahmen


erfolgreich sind
Kontinuierliche Interventionsmaßnahmen sind insbesondere bei
langfristigen Zielsetzungen erforderlich
Multimodale Interventionsformen sind wünschenswert: Ansatz an
vielen verschiedenen Einzelstellen gleichzeitig
Interventionsmaßnahmen sollten die relevanten Risiko- oder
Schutzfaktoren fokussieren
Bei einer effektiven Intervention wird es notwendig sein, positive
soziale Verhaltensweisen zu fördern und gleichzeitig deviante
Verhaltensweisen zu minimieren
Interventionen sind besonders effektiv, wenn die Familien deutlich den
Nutzen bzw. die Erfolge erkennen können
Es ist wünschenswert, wenn Interventionsmaßnahmen in Institutionen
(z.B. Schule) integriert werden können

Wassilios E. Fthenakis, Folientexte zu einem Vortrag in Bremen 2001