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Betrachtung der Willensfreiheit

unter Berücksichtigung der universellen Kausalität


Proseminararbeit zu Fragen der Freiheit / eine Einführung in die Ethik
Vorlesung von Dr. des. Stefan Brotbeck, Phil. Seminar Uni Basel

Sven Rizzotti, Mathematikstudent 3.Sem.


Tellstr.42, 4053 Basel
Tel: 061/331 76 17, email: Sven.Rizzotti@systor.com
Basel, 18.Februar 1998
Inhaltsverzeichnis
1 Motivation der Arbeit 3

2 Voraussetzung 3

3 Das Kausalgesetz 3
3.1 Kausalgesetz beim menschlichen Willen . . . . . . . . . . . . . . . 4
3.2 Erklärung anhand eines Beispiels . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
3.3 Eingriff in den kausalen Verlauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
3.4 Der Beobachter in der Realität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
3.5 Übergang zur Selbstbeobachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
3.5.1 Betrachtungen in der Vergangenheit . . . . . . . . . . . . . 6
3.5.2 Betrachtungen in der Zukunft . . . . . . . . . . . . . . . . 7
3.6 Folgerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

4 Die Willensfreiheit 8
4.1 Die Willensfreiheit in Bezug auf das Erkenntnisvermögen . . . . . 8

5 Beziehung zwischen Kausalität und Willensfreiheit 9

6 Schlussbemerkungen 10

Literatur 12

2
1 Motivation der Arbeit
Die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Willensfreiheit gehört wohl zu einem
der meist diskutierten Themen der Philosophie. Sie ist eng verknüpft mit Fragen
des verantwortungsvollen persönlichen Handelns.
Besonders interessant finde ich die nähere Betrachtung dieser Thematik aus
dem Blickfeld eines bekannten Naturwissenschaftlers, nämlich Max Plancks.

2 Voraussetzung
Max Planck geht bei seinen Gedankengängen stets von der Sicht als Wissen-
schaftler aus. Er führt eine der wichtigsten Begründungen des epistemischen In-
determinismus1 an, und betont die Notwendigkeit des Vorhandenseins gesetzli-
cher Zusammenhänge, wie sie beispielsweise in der Physik Gültigkeit haben. Er
spricht von der Gültigkeit eines allgemeinen Kausalgesetzes.2 Dieser Begriff soll
im nachfolgenden Abschnitt näher erklärt werden.

3 Das Kausalgesetz
Mit dem Kausalgesetz wird eine notwendige Verknüpfung zweier oder mehrerer
Ereignisse oder Ereignisklassen bezeichnet. Als Ereignisse gelten sowohl sicht-
bare Vorgänge als auch innere Motivkomplexe. Man kann sich einen aus einer
gewissen Höhe losgelassenen Stein vorstellen, der unweigerlich zu Boden fällt.
Man kann das Experiment unter gleichen Umständen beliebige Male wiederho-
len, der Stein wird stets zu Boden fallen. Darüber hinaus lässt sich sogar die
Zeit berechnen, die der Stein benötigt bis er auf den Boden aufschlägt. Nicht
nur das, auch die Auftrittsgeschwindigkeit und die Beschleunigung während des
Fluges kann mathematisch exakt berechnet werden. Man kann dies auch im Sinne
der Voraussagbarkeit des Ereignisses auffassen, da sich die Natur an dieser Stelle
immer gleich verhält. Dieses “immer” 3 steht unter dem Vorbehalt des Indukti-
onsprinzips. Das Prinzip besagt, dass bei der Feststellung von zwei gleichzeitig
auftretenden Dingen es niemals als Gewissheit angesehen werden kann, dass das
eine nicht ohne das andere auftritt. Jedoch wird, bei einer hinreichenden Zahl be-
obachteter Verknüpfungen unter denselben Bedingungen, die Wahrscheinlichkeit
einer erneut beobachtenden Verknüpfung sich dieser Gewissheit beliebig genau
annähern.
1
vgl. [Pot78] (269), Die Voraussage eigener Handlungen ist unmöglich, weil jeder Versuch,
Daten für eine solche Voraussage zu gewinnen, und auch die Formulierung der Voraussage selbst
die Handlungsweise der Person beeinflussen können
2
Die Seitenangaben beziehen sich, wenn nicht anders vermerkt auf [Pla90] (152, erster Ab-
schnitt)
3
vgl. [Rus79], (59/23-37)

3
Max Planck geht nun davon aus, dass es für jegliche Ereignisse, auch für
diejenige vom Menschen bewusst initiierten, also Willenshandlungen, ein solches
Gesetz gibt. Ein Gesetz hat gemäss Max Planck nur universelle Gültigkeit, wenn
es nirgends durchbrochen wird, auch nicht in der Geisteswelt.4
Als Prüfstein für solch ein Gesetz nimmt er eben diese Voraussagbarkeit.5 Der
Ursprung und die Art der Kausalität kann hierbei ausser Acht gelassen werden.
Lediglich die Behauptung, dass ein Vorgang mit Sicherheit vorausgesehen wer-
den kann, also in irgendeiner Form kausal determiniert ist, wird im Weiteren
vorausgesetzt.
Für die nachfolgende Betrachtung wird gedanklich die Existenz eines Beob-
achters angenommen, der Scharfsinn genug besitzt, um eine Voraussage über
einen Vorgang machen zu können. Selbstverständlich muss er sich hierbei passiv
verhalten und darf in keiner Art in die Handlung eingreifen. Ob dieser Beobach-
ter wirklich existiert, ist für die Betrachtung selbstverständlich nicht von Belang.
Es genügt sicherzustellen, dass die Annahme des Beobachters weder zu einem
logischen noch zu einem empirischen Widerspruch führt. 6

3.1 Kausalgesetz beim menschlichen Willen


Was ist nun die Bedeutung des Kausalgesetzes für den menschlichen Willen?
Analog zum Beispiel aus der Physik muss auch für den menschlichen Willen ein
Zusammenhang bestehen, der den Ausgang einer menschlichen Entscheidung,
sei sie nun spontan oder nach längerer Überlegung getroffen, immer im voraus
bestimmen lässt. Natürlich tragen hier wesentlich mehr Faktoren zum Ausgang
des Entscheidungsprozesses bei.
Auch hierfür kann die Physik ein Modell geben, wenn man das Zusammenspiel
der einzelnen Motive, seien sie nun bewusst oder unbewusst, als Kräfte verschie-
dener Stärke in verschiedenen Richtungen auffasst. Daraus lässt sich ebenfalls
eine resultierende Kraft bestimmen. Diese Kraft wäre dann die “Ursache” der
Entscheidung.
Max Planck ist der Meinung, dass diese Voraussetzung die Grundlage jeder
wissenschaftlichen Untersuchung bildet. So wird in der Geschichtswissenschaft wie
auch in der Psychologie immer eine lückenlose Kausalität angenommen und nichts
dem Zufall zugeschrieben. Wie der Historiker ein geschichtliches Ereignis durch
vorliegende Umstände zu erklären versucht, so versucht auch der Psychologe die
Ursachen für Handlungen zu ergründen. Niemals wird angenommen, man könne
den Determinismus durchbrechen. Wird ein falscher Schluss gezogen, so wird dies
dem Umstand zugeschrieben, dass man nicht von sämtlichen Faktoren Kenntnis
hatte, die zur Handlung herbeigeführt haben.7
4
vgl. (153, 24)
5
vgl. (152, 31)
6
vgl. (153, 20)
7
vgl. (154)

4
Im täglichen Umgang mit unseren Mitmenschen gehen wir ebenfalls von einem
streng kausalen Determinismus aus. Je besser wir einen Menschen kennen, umso
sicherer, manchmal sogar zu selbstsicher, sind wir im Urteil über sein Verhalten.
Verhält er sich doch anders als erwartet, so schreiben wir dies einer Veranlagung
der entsprechenden Persönlichkeit zu, die wir bisher als Kausalfaktor übersehen
haben. Bezeichnungen wie Willkür und Laune räumen wir nur sprachlich einen
gesonderten Raum ein.

3.2 Erklärung anhand eines Beispiels


Zur Verdeutlichung zieht Max Planck ein konkretes Beispiel heran8 . Man denke
sich einen unschuldig Verfolgten, der von einem ihm nahestehenden Freund an
einen sicheren Platz gebracht worden ist. Der Freund sei nun von den Verfolgern
aufgesucht worden. In diesem Abschnitt werden die Ursachen und die möglichen
Handlungsvarianten einer genaueren Betrachtung unterzogen.
Als moralisch reflektierende Persönlichkeit wird der Freund unzweifelhaft in
einen Konflikt zwischen seiner Wahrheitsliebe und Freundestreue geraten. Einer-
seits wird ihm sein Gewissen die sachgemässe Antwort nahelegen, andererseits
würde er dadurch seinen Freund ins Verderben bringen. Er könnte versuchen die
Unschuld ans Licht zu bringen, würde sich dann aber selber einer Gefahr ausset-
zen. Er könnte, um dem Dilemma auszuweichen, zu einer Lüge greifen und die
Verfolger irreführen. Er könnte etwa vorgeben, den Aufenthaltsort gar nicht zu
kennen oder er könnte sich taub stellen. All diese Überlegungen werden schlieslich
zu seiner Entscheidung führen. Nebst diesen Gedanken wird er noch von einer
Unmenge von Motiven beeinflusst werden, deren er sich gar nicht bewusst zu
sein braucht. Sein Charakter, sein Temperament, bisher gemachte Erfahrungen
werden ebenfalls eine Rolle spielen. Wie dem auch sei, der alles durchschauen-
de Beobachter wird all diese Faktoren erkennen und eine korrekte Voraussage
machen können.
Bis jetzt ist der Beobachter immer in seiner passiven Rolle geblieben und ist
lediglich als erkennendes Individuum aufgetreten. Im nächsten Abschnitt geht es
um die Änderung, die entsteht, wenn der Beobachter aus seiner passiven Rolle
hervortritt und in den Verlauf aktiv eingreift.

3.3 Eingriff in den kausalen Verlauf


Angenommen der Beobachter teile der Person seine gewonnene Erkenntnis mit,
bevor diese ihre beabsichtigte Handlung ausführen konnte. Auf einen Schlag hat
sich die Situation verändert: Neue Motive, von denen die Person bis anhin keine
Kenntnis hatte, tauchen auf. Entscheidend ist hier, dass das Wissen von den Kau-
salfaktoren selbst zu einem Kausalfaktor wird.9 Natürlich wird der Beobachtete
8
siehe auch [Kan] (635-643)
9
siehe auch [Pot80] (296), [LW76] (126-155)

5
sein Vorhaben neu überdenken und eventuell anders reagieren.
Man kann sich nun abermals vorstellen, dass der Beobachter den erneuten
kausalen Zusammenhang erkennen wird und diesen der Person wiederum mitteilt.
Nun beginnt die Kette wieder von vorne, denn die Person wird sich durch die neu
hinzugekommenen Motive möglicherweise wieder anders verhalten. Man sieht,
dass dieser Kreis zu keinem endgültigen Ergebnis gelangen kann und dass es
somit niemandem möglich ist, so klug zu werden, dass er nichts Neues mehr
erfahren kann.10

3.4 Der Beobachter in der Realität


Um dem Hauptproblem näher zu kommen, betrachtet Max Planck nun den Un-
terschied, der entsteht, wenn der theoretisch existierende Beobachter durch einen
wirklich lebenden Menschen ersetzt wird. Nun kann keineswegs mehr davon aus-
gegangen werden, dass dieser die Willensmotive alle erkennt und den kausalen Zu-
sammenhang voraussagen kann. Vielmehr ist jetzt nur noch von einer “mehr oder
minder begründeten Erwartung” zu sprechen.11 Doch nicht nur die ungenügende
Erkennung der Motive ist ausschlaggebend, sondern vielmehr ist die verlorenge-
gangene Passivität der entscheidende Faktor. Die Passivität ist für die Erkennt-
nis des Kausalzusammenhanges eines beobachteten Vorganges eine absolut nötige
Vorbedingung.12 Dies führt direkt zum wichtigsten Fall, nämlich der Beobachtung
der eigenen Willenshandlung.

3.5 Übergang zur Selbstbeobachtung


Es stellt sich die Frage, wie weit es einem Menschen selber möglich ist, seine
eigene Willenshandlung zu beobachten und die kausale Bedingtheit zu begreifen.
Zu diesem Zweck lässt sich unser Ich als in zwei Teile aufgespaltet vorstellen: Das
erkennende Ich, welches der Rolle des Beobachters entspricht, und das wollende
Ich, das für den Beobachteten steht. Die nächste offensichtliche Unterscheidung
betrifft die Betrachtung, ob es sich um eine Handlung in der Vergangenheit oder
um eine in der Zukunft handelt.

3.5.1 Betrachtungen in der Vergangenheit


Bei einer bereits vollzogenen Handlung trifft die Passivität des Beobachters voll
zu, da das wollende Ich der Beobachtung zeitlich vorausgeht und dem Beobachter
die Möglichkeit eines kausalen Eingriffes verwehrt ist. Dadurch besteht für ab-
geschlossene Ereignisse prinzipiell die Möglichkeit, eine vollständige Einsicht in
den kausalen Ablauf zu erhalten. Ob wir diese tatsächlich erhalten, ist nun nur
10
(158/1)
11
vgl. (158/16)
12
vgl. (158/25)

6
noch eine Frage der grösseren oder geringeren Ausbildung unserer Kenntnisse und
unseres Urteilsvermögens, aber sie liegt im Bereich des Möglichen.13

3.5.2 Betrachtungen in der Zukunft


Wie steht es nun aber für Willenshandlungen der Zukunft ? Es ist einleuchtend,
dass hier die Passivität des erkennenden Ichs nicht mehr vorhanden ist. “Vielmehr
verschmelzen dann Beobachter und Beobachteter, das erkennende Ich und das
wollende Ich, miteinander im Selbstbewusstsein und es kann keine Rede davon
sein, dass der Beobachter sich jeder kausalen Einwirkung auf den Beobachteten
enthält”.14
Max Planck betont, dass es eine “gefährliche Selbsttäuschung” ist, wenn man
meint, man könne die Rolle des unbeteiligten übernehmen und sich auf reines
Beobachten beschränken. Gewiss ist es bis zu einem gewissen Grade durchführbar,
aber in dem Moment, in dem man bewusst eine Entscheidung trifft, verschmelzen
die beiden Ich miteinander. Genau in diesem Augenblick ist eine gedankliche
Trennung eine logische Unmöglichkeit, eine “contradictio in adjecto.” 15
Man kann sich nun fragen ob es wenigstens grundsätzlich möglich ist, die
eigenen gegenwärtigen Willensmotive so genau zu durchschauen, dass man die
daraus folgenden Willensentscheidungen mit Sicherheit voraussehen kann. Aber
analog zum Beispiel aus Kapitel 3.3 stellt man fest, dass die Selbsterkenntnis
eine prinzipielle Grenze hat. Denn jedesmal, wenn man über seine eigenen Motive
nachdenkt, also in der Rolle des Beobachters steht, wird man sich deren sofort
bewusst, und beeinflusst somit seine eigene Entscheidung. Man wird niemals mit
Sicherheit behaupten können, dass die zuletzt gewonnene Erkenntnis endgültig
ist.
Dies ist vielleicht ein erstes Indiz der Freiheit und der Entwicklungsfähigkeit
von Motiven und Motivationen.

3.6 Folgerungen
Zusammenfassend wird deutlich, dass ein kausales Verständnis für die eigene Ver-
gangenheit, im Sinne einer Aussenperspektive, mindestens grundsätzlich möglich
ist. Hingegen bleibt eine vollkommene Einsicht in gegenwärtige Willensmotive,
also eine Beobachtung der Innenperspektive und die daraus abgeleiteten Willens-
handlungen für die Zukunft immer unerreichbar.16
13
(159/25)
14
(159/32)
15
(160/8)
16
vgl. (161/5)

7
4 Die Willensfreiheit
Max Planck sieht es als grundsätzlichen Irrtum an, wenn die Willensfreiheit in
der Einsicht der Willensmotive gesucht wird. Er sieht die Willensfreiheit gerade in
umgekehrtem Verhältnis zum Verständnis des kausalen Zusammenhanges. Max
Planck fasst diesen Gedanken in folgender Aussage zusammen: “Denn je genauere
Einsicht wir in die kausale Bedingtheit unserer Willensmotive gewinnen, desto
mehr schwindet das Gefühl der Verantwortung für die Folgen einer zu treffenden
Willensentscheidung. Eine vollkommene Einsicht in die eigenen Willensmotive
würde daher nach meiner Meinung die Freiheit des Willens geradezu aufheben.”17
Eine Handlung ist also bei vollständigem Verständnis der Motive gar nicht mehr
frei möglich, sondern notwendig. Die Zunahme von Wissen über Kausalfaktoren
ist also indirekt proportional mit dem Bewusstsein von Verantwortlichkeit. Der
epistemische Indeterminismus hat hier seine Bedeutung verloren, weil die Freiheit
als Unkenntnis der Kausalfaktoren interpretiert wird.
Aber wie im letzten Abschnitt erläutert wurde, kann dies gar nie zutreffen.
Aus eigener Erfahrung lässt sich erkennen, dass man von einer beschlossenen
Handlung im letzten Augenblick genau das Gegenteil tun kann, auch wenn vorher
lange Überlegungen vorausgegangen sind.

4.1 Die Willensfreiheit in Bezug auf das Erkenntnisver-


mögen
Beruht nun die Willensfreiheit im Grunde auf einer Unvollkommenheit des eige-
nen Erkenntnisvermögens? Max Planck verneint diese Frage eindeutig und ver-
gleicht die Aussage mit einem Schnelläufer, dem es trotz aller Steigerung seines
Tempos ebenfalls nie möglich sein wird sich selber zu überholen. Die Freiheit
beruht weder auf einer Unvollkommenheit des Erkenntnisvermögens noch auf ei-
nem Mangel der Einsicht in die Willensmotive oder gar einer Lücke im kausalen
Zusammenhang. Max Planck sieht die Ursache der Willensfreiheit darin, dass
“der Wille eines Menschen seinem Verstande vorgeht, oder wie man auch sagen
kann, dass sein Charakter mehr wiegt als sein Intellekt.” Der Wille lässt sich vom
Verstand wohl beeinflussen, aber niemals beherrschen. Er nennt als Beispiel eine
Frau, die nach einer gründlichen wissenschaftlichen Erklärung antwortete: “Ja,
das habe ich jetzt alles sehr gut verstanden, aber glauben tue ich’s doch nicht”.18
17
(161/22)
18
(162/mittlerer Abschnitt)

8
5 Beziehung zwischen Kausalität und Willens-
freiheit
Der Gegensatz zwischen Kausalität und Willensfreiheit ist nur scheinbar, denn
die Antwort auf die Frage, ob der Wille kausal determiniert ist oder nicht, ist
je nach Standort der Betrachtung verschieden. Von aussen, objektiv betrachtet,
also aus der Sicht des theoretisch existierenden Beobachters, ist der Wille kausal
gebunden. Von innen hingegen, subjektiv betrachtet, also von einer Person selber,
ist der Wille frei. Der eigene Wille ist nur für eigene vergangene Handlungen
kausal verständlich, für zukünftige Handlungen ist er frei. In der Vergangenheit
wird der eigene Wille also zur Aussenwelt und für die Zukunft bleibt er Innenwelt.
Oder anders gesagt: “Fremder Wille ist kausal gebunden, jede Willenshand-
lung eines anderen Menschen lässt sich, wenigstens grundsätzlich, bei hinreichend
genauer Kenntnis der Vorbedingungen, als notwendige Folge aus dem Kausalge-
setz verstehen und in allen Einzelheiten vorausbestimmen.”19
Hier tritt möglicherweise die Unsicherheit auf, dass das Kausalgesetz nun doch
nicht in voller Form Gültigkeit habe, da der Wille ja nur entweder kausal deter-
miniert sein könne oder nicht, aber eine dritte Variante nicht existiere. Dies wird
dadurch entschärft, dass es sich ja nicht um eine Diskrepanz des Begriffes handelt,
sondern lediglich um einen Unterschied in der Betrachtungsweise. Eine Analogie
findet sich wieder in der Physik. Nämlich darin, dass jede quantitative Aussage
über ein raumzeitliches Geschehen nur dann einen bestimmten Sinn hat, wenn
das Bezugssystem angegeben ist, für das sie Bedeutung haben soll.20 Nimmt man
zum Beispiel ein mit unserer Erde verbundenes Bezugssytem, stellt man fest, dass
sich die Sonne, von der Erde aus betrachtet, scheinbar bewegt. Verlegt man aber
das Bezugssystem auf einen Fixstern, steht sie still. Beide Betrachtungsweisen
sind korrekt, lediglich der Standpunkt ist verschieden.
Die Feststellung, dass der eigene Wille undeterminierbar ist, steht ebenfalls
nicht im Widerspruch zur objektiven Determiniertheit der vollzogenen Willens-
akte. “Bei der Selbstbeobachtung handelt es sich nicht darum, dass wir frei sind,
sondern darum, dass wir uns frei fühlen.”21 .
“Diese Art der Freiheit scheint illusorisch, dann ist aber überhaupt jedes
Gefühl eine Illusion. Denn Gefühle lassen sich niemals objektiv-wissenschaftlich
erfassen, sie können nur persönlich erlebt werden, und wenn sie erlebt werden,
sind sie nur unmittelbar gegeben und tun ihre Wirkung, einerlei wie von andern
über sie geurteilt wird.”22
Demnach ist die Diskussion über die Willensfreiheit eigentlich belanglos, da
gar kein eigentliches Problem, welches eine abschliessende Lösung ermöglicht,
19
(163/8)
20
vgl. (163/32)
21
vgl. (165/1-10)
22
(165/7)

9
vorliegt. Es handelt sich lediglich um den Unterschied der Betrachtungsweise.

6 Schlussbemerkungen
Mir scheint die Argumentation von Max Planck aus der Sicht als Wissenschaftler
sehr verständlich, und es gibt wohl nichts einzuwenden gegen die aufgeführten
Gedankengänge – Aber meiner Meinung nach, nimmt Max Planck einerseits den
Standpunkt des korrekten Wissenschaftlers ein und verleiht seinen Erklärungen
immer wieder anhand von Beispielen der Physik festen Boden, andererseits aber
lässt er ausser Acht, dass die Erkenntnisse der Physik ebenfalls nicht als beendet
betrachtet werden können.
Marquis de Laplace23 , ein französischer Wissenschaftler, verleiteten die Er-
folge wissenschaftlicher Theorien schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu der
Aussage, das Universum sei vollständig deterministisch und anhand einiger we-
niger wissenschaftlicher Gesetze müssten wir alles vorhersagen können, was im
Universum geschehe. Wenn wir beispielsweise die Position und Geschwindigkeit
der Sonne und der Planeten zu einem gewissen Zeitpunkt kennen, könnten wir mit
Newtons Gesetzen den Zustand des Sonnensystems zu jedem anderen Zeitpunkt
berechnen. In diesem Fall scheint der Determinismus nun auch auf der Hand zu
liegen, aber Laplace behauptete ebenfalls, dass auch alles andere, das menschliche
Verhalten nicht ausgenommen, von entsprechenden Gesetzen bestimmt würde. 24
Interessanterweise hat nun Max Planck 1900 die Grundsteine für die Quan-
tentheorie gelegt. Sie erlaubt die Vorstellung, dass Licht, oder irgendeine andere
klassische Welle nur in bestimmten “Paketen”, Quanten genannt, deren Energie
ihrer Frequenz proportional ist, abgegeben oder absorbiert werden kann.
Nur kurze Zeit später, 1926, hat dann der deutsche Physiker Werner Hei-
senberg seine berühmte Unschärferelation formuliert. Diese besagt, dass sich Po-
sition und Geschwindigkeit eines Teilchens nicht beide mit absoluter Genauig-
keit angeben lassen. Je genauer man eine Grösse kennt, desto grösser wird die
Ungewissheit hinsichtlich der anderen. Heisenberg wies nach, dass die Ungewiss-
heit hinsichtlich seiner Geschwindigkeit mal seiner Masse nie einen bestimmten
Wert unterschreiten kann. Diesen Wert nennt man Plancksche Konstante. Dieser
Grenzwert hängt weder davon ab, wie man die Position oder Geschwindigkeit des
Teilchens zu messen versucht noch von der Art des Teilchens. Die Heisenbergsche
Unschärferelation ist eine fundamentale, unausweichliche Eigenschaft.
Die Unschärferelation hat weitreichende Folgen für unsere Weltsicht, und
gemäss Stephen W.Hawking “haben selbst heute, fünfzig Jahre nach ihrer Formu-
lierung viele Philosophen diese Konsequenzen noch nicht in ihrer vollen Bedeu-
tung erfasst.”25 Man kann künftige Ereignisse nie exakt voraussagen, wenn man
23
vgl. [W.H91], (75/3)
24
vgl. [W.H91], (75-85)
25
[W.H91], (77/20)

10
nicht einmal in der Lage ist, den gegenwärtigen Zustand des Universums genau
zu messen. Man kann Handlungen aufgrund von Motiven eher mit der Quanten-
mechanik vergleichen, die nicht ein bestimmtes Ergebnis für eine Beobachtung
voraussagt, sondern lediglich eine Reihe von Möglichkeiten und die dafür vorhan-
dene Wahrscheinlichkeit angibt. Die Quantenmechanik führt also ein Element der
Unvorhersagbarkeit, des Zufalls ein. Und obwohl Einstein, der den Nobelpreis für
seinen Beitrag zur Quantenmechanik erhalten hatte, diese Tatsache nie wahrha-
ben wollte, wie er zum Beispiel in seinem berühmt gewordenen Ausspruch “Gott
würfelt nicht” bestätigte, wird die Quantenmechanik heute allgemein akzeptiert
und liegt fast der gesamten Wissenschaft und Technologie zugrunde.
Meiner Meinung nach, die ich ebenfalls anhand der Physik begründe, kann die
Willensfreiheit überhaupt nicht in Zusammenhang mit einem kausalen Determi-
nismus gebracht werden, da es einen Determinismus im strengen Sinn überhaupt
nicht gibt.
Die Freiheit des Willens soll jedoch nicht als reiner Zufall verstanden werden.
Der Mensch baut sich im Laufe seines Lebens ein Netz von Erfahrungen auf, das
bereits getroffene Entscheidungen und dessen vorausgehende Motive miteinander
verbindet. Dabei hat er die Fähigkeit, neue, beliebig komplexe Verknüpfungen
herzustellen, die selbst bisher völlig unvereinbare Dinge miteinander in Beziehung
bringen. In der folgenden Analogie: “der Fluss verhält sich zum Ufer, wie das Auto
zum Strassenrand”, wird beispielsweise das Auto in Verbindung zu einem Fluss
gesetzt. Künftige Willenshandlungen werden ab dem Zeitpunkt dieses Gedankens,
diesen stets mitberücksichtigen. Nur die Auswahl des jeweiligen Motives, das zum
Entscheid für eine gewisse Willenshandlung führt, oder das den Gedankengang
beeinflusst, ist letztlich, physikalisch gesehen, einem Zufall unterworfen, der nicht
umgangen werden kann.

11
Literatur
[Kan] Immanuel Kant. Über ein vermeintliches Recht aus Menschenliebe zu
lügen. Werkausgabe Bd. VIII.

[LW76] Beck Lewis White. Akteur und Betrachter. Zur Grundlegung der Hand-
lungstheorie. Freiburg, München, 1976.

[Pla90] Max Planck. Vom Wesen der Willensfreiheit und andere Vorträge. Phi-
losophie Fischer, Frankfurt a.M., 1990.

[Pot78] Ulrich Pothast. Einleitung zu Seminar: Freies Handeln und Determi-


nismus. Frankfurt a.M., 1978.

[Pot80] Ulrich Pothast. Die Unzulänglichkeit der Freiheitsbeweise. Zu einigen


Lehrstücken aus der neueren Geschichte der Philosophie. Frankfurt
a.M., 1980.

[Rus79] Bertrand Russell. Probleme der Philosophie. Frankfurt a.M., 1979.

[W.H91] Stephen W.Hawking. Die Unschärferelation. Eine kurze Geschichte der


Zeit. Rowolt, Hamburg, 1991.

12