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Leonard Weiß, München

Hegel, Freud und der Begriff der Erinnerung

Freud hatte bekanntermaßen ein hoch ambivalentes Verhältnis zur


philosophischen Theorie und ihren systematisierten Gebäuden.
Immer wieder bemüht er in den Einleitungen seiner Texte die
Abgrenzung von philosophischer und psychoanalytischer Theorie.
Vor allem deren Herzstück, das Unbewusste, will er v o r der ab‑
strakten Vereinnahmung schützen, denn „[d]en meisten philoso‑
phisch Gebildeten ist die Idee eines Psychischen, das nicht auch
bewußt ist, so unfaßbar, dass sie ihnen absurd und durch bloße
Logik abweisbar erscheint“. Aber diese polemische Engführung
der Philosophie als bloße Bewusstseinsphilosophie lässt sich nicht
pauschalisieren. So hat e t w a der amerikanische Psychoanalytiker
Jon Mills unlängst herausgearbeitet, dass Hegel in seiner Philoso‑
phie des Geistes einen dem Freudschen nicht unähnlichen Begriff
des Unbewussten impliziert.2 Zudem a n t w o r t e t Freud selbst t r o t z
seiner Kritik an der Bewusstseinsphilosophie auf die Frage nach
unserem Zugang zum Unbewussten: „Wir kennen es natürlich n u r
[ . ] nachdem es eine Umsetzung oder Übersetzung in Bewußtes
erfahren hat.“3
Ich möchte diesen Übersetzungsprozess näher in den Blick
nehmen und zwar anhand des Begriffs der Erinnerung. Dabei
werde ich t r o t z der Freudschen Skepsis eine Konfrontation mit
dem Erinnerungsbegriff Hegels wagen und zeigen, dass sich beide
Konzeptionen gegenseitig ergänzen. Ich werde zunächst vorstellen,
wie Hegel die Genese von Erinnerung konzipiert und anschließend
die Freudsche Position referieren. Daran anknüpfend möchte ich
herausstellen, wie wir den Zugang zu den Erinnerungen mit Hegel
als einen Bewusstsein und Unbewusstes versöhnenden Prozess der
Äußerung verstehen können. Abschließend werde ich auf das
Problem einer rationalistischen Engführung v o m Freuds Theorie
eingehen.

' Freud (1923), 239.


2 Mills (1996).
3 Freud (1915), 264.

225
1. Hegel und die Genese v o n Erinnerung
Hegel greift den Begriff der Erinnerung an verschiedenen Stellen
seines Werkes auf. Wie Rossi Leidi bemerkt, ist Erinnerung dabei
z u m einen allgemeines Prinzip der Selbstaneignung, zum anderen
ein bestimmtes Vermögen des Geistes.4 Der systematische Ort an
dem beide Momente wirksam werden, ist die Philosophie des
subjektiven Geistes. Der Geist tritt als Seele zunächst ohne
Bewusstsein oder schlafend (vgl. S 388) aus der Natur hervor. Im
Erwachen des Geistes aus der einfachen Sichselbstgleichheit der
Seele konstituiert sich das Bewusstsein und bringt das Ich als jenes
„Licht, das sich und noch anderes manifestiert“ (S 413)5 hervor.
M i t diesem Anderen zielt Hegel auf die Gegenstände, v o n denen
das Bewusstsein Wissen hat. Mit dem Erwachen des Geistes geht
so ein doppelter Entfremdungsprozess einher: Es handelt sich
einerseits um die Spaltung in Bewusstsein und Gegenstand und
z u m anderen um einen Verlust der ursprünglichen Sichselbst‑
gleichheit der Seele. Die Überwindung dieser zweifachen Dicho‑
tomie ist das zentrale Anliegen v o n Hegels Philosophie des
Gei5tes.
Um die Einheit des Subjektiven und des Objektiven ohne
einen Rückfall in den v o r dem Bewusstsein liegenden ,Schlaf’ zu er‑
reichen, muss der Geist sich und seine Gegenstände e r n e u t
aneignen oder eben erinnern. So ist für Hegel „ [d]ies beides die
Innerlichmachung des Gegenstandes und die Erinnerung des
Geistes, [ . ] ein und dasselbe“ (@445 2). Dieser Prozess s e t z t bei
den sinnlichen Empfindungen an. Jene „unmittelbare, gleichsam
präsenteste Form, in der sich das Subjekt zu einem gegebenen In‑
halt verhält“ (S 447), wird an äußeren Gegenständen erfasst. Es ist
wichtig, zu verstehen, dass hier nicht auf die Konzeptualisierung
einer scheinbar objektiven Außenwelt gezielt wird. Vielmehr ver‑
steht Hegel u n t e r dem im weiteren entwickelten Begriff der An‑
schauung, ein „Erwachen [der geistigen Intelligenz] zu sich selbst
in [ . ] ihrer Unmittelbarkeit, ihre Erinnerung‐in-sich“ (S 450).

‘ Rossi Leidi (2009), 68f.


5 Hegel (2009): Verweise auf die Enzyklopädie der Philosophischen Wissen‑
schaft werden im Folgenden durch die Angabe der Paragraphen bzw. Zu‑
sätze in Klammern im Text kenntlich gemacht.

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Das Subjekt selbst objektiviert also aktiv seine unmittelbare Ver‑
trautheit mit den Gegenständen, s t a t t sie als gegeben hinzuneh‑
men. In dem psychologischen Vermögen der Erinnerung wird
diese Aneignung affirmativ, indem der Anschauungsinhalt in Form
innerer Bilder in den Geist zurückkehrt.
Der Geist macht jetzt gewissermaßen Ernst mit der Einheit
von Subjekt und Objekt, aber diese Einheit wird, wie ich zeigen
möchte, teuer erkauft: Die geistige Intelligenz geht in ihrer
Auseinandersetzung mit der Unbestimmtheit soweit, dass sie sich
selbst zum Schauplatz derselben macht, selbst Unbestimmtheit
und Bestimmendes wird. War jener Inhalt in der Anschauung noch
raumzeitlich geordnet, hebt das Ich ihn nun „aus der Besonderheit
der Zeit und des Raumes heraus“ (452 Z). Durch die Schaffung
jener inneren Bilder wird der Geist unabhängig von dem ständigen
Vergehen in der raumzeitlichen Ordnung. Aber diese Freiheit er‑
langt er nur, wie Hegel sagt, „auf Kosten der Klarheit und Frische
[...]des Angeschauten; die Anschauung verdunkelt und verwischt,
indem sie zum Bild wird“ (S 452 Z).
Der entscheidende Punkt ist aber, dass das Bewusstsein nicht
mehr Herr über diese Bilder ist. Sie werden im Subjekt „bewusstlos
aufbewahrt“ (S 453). Hegel spricht von einem „nächtlichen Schacht,
in welchem eine Welt unendlich vieler Bilder und Vorstellungen
aufbewahrt ist, ohne daß sie im Bewusstsein wären“ (8 453). Die
gedoppelte Spaltung des Geistes ist nun eine Spaltung im Subjekt
geworden. Die Objekte sind als innere Objekte mit dem Subjekt
vereint und geben ‐ qua Unbestimmtheit der Bilder ‐ dem Geist
die Dimension der Seele gewissermaßen zurück. Das heißt jedoch
nichts weniger, als dass ein so strukturiertes Subjekt die Spannung
ertragen muss, Bewusstsein und Unbewusstes gleichermaßen zu
sein. Mit diesem Schritt wird das epistemologische Problem zu
einem psychologischen, denn das erkennende Subjekt hat sich ‑
nicht zufällig, sondern ‐ durch seine eigene Erkenntnistätigkeit mit
der Unbestimmtheit des Seins kontaminiert. Für den Geist ist das
Andere nun wahrlich „das Andere seiner Selbst“ (S 448), aber diese
Aneignung birgt eine unaufgelöste Spannung.

227
Jon Mills6 hat darauf hingewiesen, dass Hegel mit dem dunklen
Schacht der Erinnerungsbilder bereits einen Begriff v o n dem hat,
was Freud später das Unbewusste nennen sollte. Aber Hegels Psy‑
chologie kennt n u r den topischen Aspekt, der dynamische wird in
ihr allenfalls impliziert. Hegel geht davon aus, dass es dem Geist
gelingt, Licht in die Nacht des Bewusstseins zu bringen. Ich möch‑
te n u n mit Freud verdeutlichen, dass die Bezugnahme auf Erin‑
nerungen weitaus problematischer ist, als es Hegels Konzeption
zunächst v e r m u t e n lässt.

2. Freuds Konzeption der Erinnerung


2.1. Erinnerung als Übersetzung
Auch die Freudsche Darstellung des Erinnerungsbegriffs lässt sich
als Prozess v o m Wahrnehmen z u m bewussten Denken beschrei‑
ben. Schon früh, in einem Brief an Fließ, entwickelt er die Vorstel‑
lung, dass sich Erinnerungsspuren in einer Folge v o n Umschriften
bilden; zunächst als unmittelbar bewusstseinsfähige Wahrneh‑
mungen. Das Bewusstsein hat laut Freud eine momenthafte Struk‑
t u r , sodass er davon ausgeht, dass sich „Bewußtsein und Gedächt‑
nis [aus]schließen“. Deshalb führt er eine zweite Ebene ein, die
sich zwar dem Bewusstsein entzieht, dafür aber Dauer erlangt.
Freud spricht v o m „Aufleuchten und Vergehen des Bewußtseins
bei der Wahrnehmung“und rechtfertigt damit die Annahme jener
bewahrenden und zugleich unbewus5ten Erinnerungsspur. Inter‑
essanterweise betont Freud an anderer Stelle", ganz ähnlich wie
Hegel, den visuellen Charakter der Erinnerung und spricht von
Erinnerungsbildern.
N u n trifft es aber wenigstens für einige unserer Wahrneh‑
mungen zu, dass wir sie sowohl in der Erinnerung bewahren, als
auch dem Bewusstsein zugänglich machen können. Deshalb pos‑
tuliert Freud eine „dritte Umschrift“, diese entspricht dem
Vorbewussten und ist „ a n Wortvorstellungen gebunden“‘°. Schon

Mills (1996).
Freud (1986), 218.
Freud (1924), 7.
Vgl. Freud (1900), 548-553.
” Freud (1986), 218.

228
dieser knappe Entwurf enthält Wesentliches der Freudschen
Konzeption: Erinnerungen sind innerpsychische Phänomene, die
zwischen Wahrnehmung und Bewusstsein angesiedelt sind. Sie ver‑
leihen der flüchtigen Wahrnehmung Dauer im Inneren der Psyche.
Sollen sie jedoch wieder bewusst werden, müssen sie zuvor sprach‑
lich (re-)strukturiert werden. Doch Freud sieht, dass insbesondere
die dritte Umschrift problematisch ist und bemerkt: „Die Ei‑
gentümlichkeit der Psychoneurosen erkläre ich mir dadurch, daß
diese Übersetzung für gewisse Materien nicht erfolgt ist, was
gewisse Konsequenzen hat. [ . ] Die Versagung der Übersetzung,
das ist das, was klinisch »Verdrängung« heißt.““ Zudem bleiben
nach Freud die nicht übersetzten „Überlebsel“”keineswegs wir‑
kungslos, sie wirken n u r eben nicht über den bewusstseinsfähigen
Weg. Damit lässt sich die Unvollständigkeit unserer Macht über
die Erinnerungsbilder, welche bereits Hegel bemerkte, präzisieren:
Von den Erinnerungen selbst gibt es kein Bewusstsein, sie müssen
zunächst in bewusstseinsfähige Gehalte übersetzt werden, wobei
diese Einlassung mit dem Unbewussten nur u n t e r bestimmten
Bedingungen durch das Ich zugelassen, u n t e r anderen aktiv ver‑
weigert wird.
Das Gesagte wirft die Frage nach einem Kriterium für die
Übersetzbarkeit auf, welche, wie im Brief an Fließ, durch Verweis
auf das Lustprinzip n u r unzureichend beantwortet wird. Denn das
Lustprinzip ist eine fortgeschrittene Organisationsform der in‑
neren Bilder. Es impliziert bereits eine Differenzierung nach Maß‑
gabe des Wunsches. Weil Freud, wie Hegel, die Erinnerungen aus
der Wahrnehmung erklärt, kann er, jenseits des Lustprinzips, die
Auseinandersetzung mit dem Erinnerten als „Reizbewältigung“13
verstehen. Der Ort dieser von Freud als Übersetzung charak‑
terisierten Bewältigung ist aber längst ein innerpsychischer. Wir
haben es, wie mit Hegel dargestellt, mit der inneren Unmittel‑
barkeit zu t u n , die durch das Gegenstandsbewusstsein und die
Aufhebung seiner Gehalte im Subjekt als Unbewusstes entsteht.

" Freud (1986), 218f.


” Freud (1986), 219.
” Freud (1920), 32.

229
2.2. Erinnern als Äußerung
Es gilt n u n , das zu übersetzende Material, also das Unbewusste, in
den Blick zu nehmen. Laut Freud sind „Widerspruchslosigkeit,
Primärvorgang [ . ] , Zeitlosigkeit und Ersetzung der äußeren Re‑
alität durch die psychische [...] die Charaktere“”, welche den u n ‑
bewussten Vorgängen zukommen. Wie bei Hegels Charakterisier‑
ung der Nacht des Bewusstseins postuliert Freud die Konstitution
einer zeitlosen inneren Wirklichkeit. Darüber hinaus verschärft er
die Konzeption, indem er zusätzlich von der Widerspruchslosigkeit
der folglich diskursiv ungeordneten unbewussten Vorgänge aus‑
geht. In der bewu35ten Wahrnehmung bzw. in den Vorgängen des
Ver3tandes erleben wir hingegen eine raumzeitlich geordnete Welt.
Und wir handeln uns den Vorwurf unserer Hörer ein, wenn wir
Widersprüchliches behaupten. Die innere Realität scheint eine
verschärfte Realität zu sein, die wir uns und den anderen nicht zu‑
m u t e n wollen.
Die direkte Aktualisierung unbewusster Vorgänge würde den
psychischen Apparat überfordern. Davor schützt im wachen
Zustand die Verdrängung, die als Zensurmechanismus verhindert,
dass unbewusste Inhalte ins Bewusstsein gelangen. Vorbewusste
Inhalte hingegen bedürfen keiner solch strengen Zensur, sie sind
potentiell bewusstseinsfähig.15 Die Verdrängung interpretiere ich
als ein e r 5 t e s und noch grobes Mittel der Differenzierung. Sie
schafft eine Differenz zwischen dem Diskursfähigen und dem nicht‑
Diskursfähigen, indem sie beide Sphären schlicht trennt.“
Das Ich, als Instanz dieser Vermittlungsarbeit, steht an der
Schwelle zwischen innerer und äußerer Realität und besorgt die
Differenzierung nach außen ebenso wie nach innen.” Das Ich ist
dabei ein sekundäres Moment des psychischen Apparates, welches
sich aus dem Kontakt mit der Außenwelt ergibt, das Ich ist, wie

" Freud (1915), 286.


'5 Vgl. Freud (1915), 272.
”’ Interessanterweise sieht Freud in seinem Aufsatz über Die Verneinung
[Vgl. Freud (1925)] die Negation als einen späteren Nachhall dieser Form
der Differenzierung, wenn unbewusste Inhalte im Rahmen einer Analyse
bereits Zugang zum bewussten Diskurs gefunden haben.
'7 Vgl. Freud (1923), 242f.

230
Freud feststellt, n u r „ein besonders differenzierter Anteil des Es“'8.
Das Subjekt gerät damit in eine Dynamik mit der Außenwelt, in
welche es zunächst eingebunden ist, sich sodann des Äußeren als
Objekt bemächtigt, es sich aneignet und schließlich in sich
zurückkehrt, sich er-innert und die Realität als seine eigene, innere
erfasst.
Das primäre Motiv dieser Dialektik besteht in der Bezogenheit
auf Äußeres. Freud schließt daraus: „[B]ewußt werden kann n u r
das, was schon einmal bw [bewusste, LW] Wahrnehmung war, und
was [ . ] v o n innen her bewußt werden will, muß versuchen, sich in
äußere Wahrnehmungen umzusetzen.“ 19Der Zugang z u m u n ‑
bewussten Inneren wird also durch dessen Äußerung ermöglicht ‑
oder: Erinnern s e t z t Äußerung voraus. Die Verdrängung verhält
sich zu den Äußerungen des Unbewussten wegen der erwähnten
Strukturverschiedenheit z u m Bewusstsein in einer ersten, n u r n e ‑
gativen, Weise. Eine gelungene Übersetzung muss folglich die in‑
nere Unmittelbarkeit einerseits aufheben, aber zugleich muss sie
Aufhebung derselben als Bewahrung sein.

2.3. Die Modi der Äußerung: Erinnern und Wiederholen


Eine vorläufige Antwort auf die Frage nach dem Kriterium der
Übersetzbarkeit wäre also die Möglichkeit z u r Äußerung. Doch
gibt es, das zeigen Freuds klinische Beobachtungen, verschiedene
Formen der Äußerung. Das Unbewusste kann u n t e r Umgehung
des Bewusstseins unmittelbar in Handlungen geäußert werden:
Der Kranke „reproduziert esnicht als Erinnerung, sondern als Tat,
er wiederholt es, ohne natürlich zu wissen, daß er eswiederholt.“20
Zwei Aspekte werden hierbei deutlich: Wiederholung ist, erstens,
eine Form der Äußerung als Handlung und, zweitens, eine solche,
die v o m bewusstseinsfähigen Diskurs entkoppelt bzw. mit dem
Unbewussten kurzgeschlossen ist. Diese Äußerungsform fungiert
„als Widerstand gegen jedes Erinnern“21 und zeitigt de5truktive
Effekte im Leben des Patienten. Aber zugleich ist sie bekannter‑

'8 Freud (1923), 267.


"’ Freud (1923), 247.
2° Freud (1914), 129.
“ Freud (1914), 130.

231
maßen auch Ansatzpunkt für die übertragungsfokussierte psycho‑
analytische Therapie. 30 bemerkt Freud: „[D]ie Übertragung ist
selbst n u r ein Stück Wiederholung und die Wiederholung ist die
Übertragung der vergessenen Vergangenheit nicht n u r auf den
Arzt, sondern auch auf alle anderen Gebiete der gegenwärtigen Si‑
tuation.“22 Er schöpft daraus die Hoffnung auf eine diskursive Ein‑
holung des Wiederholungszwangs im therapeutischen Durchar‑
beiten, was wiederum zeigt, wie er auch die Wiederholung als eine
Äußerung begreift, welche dem Erinnern den Boden bereiten kann.
In jenseits des Lustprinzips hingegen verfolgt Freud den
Wiederholungszwang in seine radikale Konsequenz. Freud ver‑
sucht das Konzept der Wiederholung an seine Triebtheorie rück‑
zubinden, indem er einen konservativen Charakter der Triebe an‑
nimmt: „Ein Trieb wäre also ein dem belebten Organischen inne‑
wohnender Drang z u r Wiederherstellung eines früheren Zustandes,
welchen dies Belebte u n t e r dem Einflusse äußerer Störungskräfte
aufgeben mußte, eine Art v o n organischer Elastizität“. Vielleicht
kommen wir dem v o n Freud Intendierten nahe, w e n n wir sagen,
dass er v o n einer natürlichen Tendenz z u r Wiederherstellung ener‑
gieärmerer Zustände auf eine dem kontingenterweise entstandenen
Leben innewohnende Tendenz z u m Tod spekuliert bzw. den Tod
als Telos des Lebens ausmacht.
Die Pointe dieser Interpretation besteht n u n darin, das Leben
als einen Aufschub seiner Erfüllung im Tod zu begreifen. Der Eros
wirkt als Sexualtrieb, indem er „neue Vitaldifferenzen einführt”;
als Quelle der Kultur kann er eine geistige Höherentwicklung in
Gang s e t z t e n . Das Leben des Geistes spielt sich i n dem Raum ab,
der durch den Aufschub seiner Erfüllung im Tod entsteht. Vor
dem Erreichen des Ziels schützt uns die Übersetzungsleistung des
Ich, die in ihrer einfachsten Form als Verdrängung dargestellt wur‑
de.25 Wiederholung und Symptombildung sind gleichsam die Brand‑

" Freud (1914), 130.


” Freud (1920), 38.
" Freud (1920), 60.
25 Die so entstehende scharfe Opposition von Sexualität und Kultur ist si‑
cher bedenklich, kann aber korrigiert werden, wenn der Eros u n t e r Ver‑
zicht auf eine hierarchische Gliederung als gemeinsame Quelle beider
Momente gelesen wird.

232
zeichen, welche das Psychische v o n seiner Herkunft aus dem Na‑
türlichen behält. Sie werden immer dann sichtbar, w e n n der Auf‑
schub des Todestriebs misslingt.
Die Rede v o n der Übersetzung des Unmittelbaren der Erin‑
nerung erfährt somit eine bedeutende Erweiterung: Die Unmittel‑
barkeit und Differenzlosigkeit des Unbewussten ist n u r die innere
Repräsentanz jenes „allgemeinsten Streben[s] alles Lebenden, z u r
Ruhe der anorganischen Welt zurückzukehren““. Der Vollzug des
Denkens verhält sich z u m Unbewussten so wie der Lebensauf‑
schub des Eros z u m Tod. Ob also die Übersetzung gelingt,
entscheidet sich daran, ob die Vermittlungsarbeit selbst einen der
ursprünglichen Unmittelbarkeit adäquaten Charakter annimmt.
Übersetzbar sind folglich diejenigen Vorstellungen, bei denen es
gelingt, den ins Leben gewendeten Todestrieb als ihre Erfüllung
anzuerkennen, nicht mehr auf der Radikalität des Todes zu behar‑
ren. Der Tod stellt in dieser Perspektive eine Erfüllung im Resultat
dar, der das Leben als Erfüllung im Werden gegenüber tritt. Der
Vollzug des Bewusstseins bei der Wahrnehmung stellt das Subjekt
immer wieder aufs Neue in diesen Zusammenhang. In der Wahr‑
nehmung wird die Unmittelbarkeit des Äußeren in Zeit und Raum
gebannt. In der Erinnerung fallen diese Differenzen weg und
müssen in einer Weise rekonstruiert werden, die der nunmehr in‑
neren Unmittelbarkeit entspricht. Ich möchte n u n mit Hegel ver‑
suchen, einen angemessenen Modus der Äußerung vorzustellen.

3. Hegel und die Äußerung der unbewussten Erinnerung:


Die Zeit und die Sprache
So wenig durchsichtig ‐ und der Erweiterung durch Freud
bedürftig ‐ Hegels Bemerkungen z u r Natur der Nacht des
Bewusstseins waren, so hilfreich ist seine Theorie der Äußerung
der Erinnerung. Zugleich sind die theoretischen Beiträge Freuds in
diesem Punkt vage, sodass eine Klärung u n t e r Bezugnahme auf
Hegel sinnvoll erscheint. Von Freud wissen wir bereits, dass er die
Verbindung mit den im Vorbewussten aufgehobenen Wortvorstel‑
lungen für entscheidend bei der Äußerung hält, was zu der
Hoffnung berechtigt, jenes Bekenntnis z u r Sprache weiterer Ex‑

2" Freud (1920), 68.

233
plikation zugänglich machen zu können. Die Hegelsche Position
lässt sich in seinen eigenen Worten zusammenfassen: „Der Weg
der Intelligenz in den Vorstellungen ist, die Unmittelbarkeit
ebenso innerlich zu machen, [ . ] als die Subjektivität der Inner‑
lichkeit aufzuheben und in ihr selbst ihrer sich zu entäußern und in
ihrer eigenen Äußerlichkeit in sich zu sein.“ (8 451) Freud und
Hegel sind dabei in der These vereint, dass dieser Prozess der Erin‑
nerung mit einer Aufhebung der Zeit einhergeht. So hatte Freud
das Unbewusste als zeitlos charakterisiert, was wiederum mit der
momenthaften Struktur des Bewusstseins im Gegensatz zu den
Dauerspuren im Unbewussten begründbar ist. Ähnlich argumen‑
tiert Hegel, wenn er die Aufhebung der äußeren raumzeitlichen
Verfasstheit der Anschauung in den inneren Bildern beschreibt.
Die so entstandene innere Unmittelbarkeit verweist jedoch immer
schon über ihre n u r subjektive Dimension hinaus auf eine Re‑
Etablierung der Objektivität. Mit Freuds Theorie des Todestriebes
wurde es möglich, diesen Aspekt als Scheideweg zwischen Auf‑
hebung der Subjektivität im Tod (Rückkehr ins Anorganische)
einerseits und deren Aufschub im unabgeschlossenen Prozess des
Lebens andererseits auszuweisen.
Ich interpretiere n u n die Aufhebung der Zeitlichkeit als das
entscheidende Moment dieser Dynamik. Hegels Zeitbegriff steht
in der Tradition des Augustinus, wenn er sie als „das Sein, das, in‑
dem es ist, nicht ist, und indem es nicht ist, ist“ (S 258) begreift."
Die so verstandene Zeit fungiert in Hegels System als prototyp‑
ische Form der Negativität und Differenz des Unmittelbaren. Vit‑
torio Hösle bemerkt hierzu: „Die Zeit hebt auf einer e r s t e n Ebene
die scheinbar stabile Endlichkeit des Natürlichen auf; sie vollzieht
jene Abstraktionsleistung real, die dem Ich auf einer ideellen Ebene
eigentümlich ist.“28 Dass diese Abstraktionsleistung in Bezug auf
die Erinnerung als Äußerung vollzogen wird, wurde bereits
gezeigt. Soll sie der inneren Unmittelbarkeit adäquat sein, muss sie
dem Verlust des differenzstiftenden Moments Rechnung tragen:
Hegel sieht die Lösung des Problems in der „wahrhafte[n]‚
konkrete[n] Negativität des Sprachzeichens“ (S 462 Z). Verfolgen

” Vgl. hierzu die Dar5tellung von Hösle (1987), 306‐312.


”* Hösle (1987), 310.

234
wir also Hegels Konzeption einer Versprachlichung der Nacht des
Bewusstseins:
Der Prozess der Redifferenzierung s e t z t bei den bildhaften In‑
halten der Erinnerung an. Diese Tätigkeit beschreibt Hegel in
erstaunlicher Nähe zu Freud29 als Assoziation. Sie bezieht die
einzelnen Vorstellungen „aufeinander und erhebt sie auf diese
Weise zu allgemeinen Vorstellungen“ (S 455 Z). Hegel spricht v o n
einer „Subsumtion der einzelnen [Vorstellung] u n t e r eine allge‑
meine, welche deren Zusammenhang ausmacht“. Diese Organisa‑
tion der inneren Unmittelbarkeit wird durch Wiederholung in
Gang gesetzt. Ähnlich wie beim v o n Freud beschriebenen Fort‑
Da-Spiel des Kindes30 gewinnt das Ich eine gewisse Vertrautheit im
Umgang mit seinem Inneren. Was sich dabei vollzieht, ist eine Dif‑
ferenz zwischen der sinnlichen Unmittelbarkeit der Bilder und der
Allgemeinheit der durch sie repräsentierten Vorstellungen. In jener
„Verbildlichung des Allgemeinen und [ . . ] Verallgemeinerung des
Bildes“ (S 456 Z) dämmert gewissermaßen die logisch adäquate
Struktur der Äußerung des Inneren über Abstufungen herauf: Im
Symbol e t w a ist der Signifikant noch ganz der Bedeutung verhaftet,
eine Rose darf als Symbol der Schönheit eines konkreten Mensch‑
en gelten, weil Rosen für schön gelten. Durchaus im Einklang mit
Freud, der ja in den Traumsymbolen einen möglichen Zugang zu
den Bilderrätseln des Unbewussten sieht, fasst Hegel das Symbol
als Vorstufe z u m Zeichen auf. Im Zeichen nämlich befreit sich der
Signifikant v o m bildlichen Signifikat; die Beziehung des Zeichens
auf seinen Inhalt ist willkürlich gesetzt. Erst diese Freiheit der
Vernunft ermöglicht laut Hegel einen willkürlichen Abruf einzel‑
ner Erinnerungen im Sinne eines Gedächtnisses. (Vgl. S 458) Da‑
mit i3t eine Struktur erreicht, die dem Freudschen Vorbewussten
entspricht. Sie enthält sprachlich strukturierte Inhalte, die dem
Bewusstsein zugänglich sind.
Aber der durch das Sprachzeichen eröffnete Verständnishori‑
z o n t geht weit über die Konzeption des Willkürgedächtnisses
hinaus, sie ist vielmehr n u r ein Nebenergebnis auf der Suche nach
einer adäquaten Äußerung des Unbewussten. In der Sprache,
insbesondere in der Tonsprache, identifiziert Hegel den gesuchten

” Vgl. Freud (1900), 543ff.


3° Vgl. Freud (1920), 11‐15.

235
Prozess, der die Aufhebung der Zeit in der Bilderwelt des Inneren
e r n e u t aufhebt. Denn das gesprochene Wort übernimmt oder erbt
gleichsam die negative Struktur, welche der Anschauung in der Zeit
zukam: Das Sprachzeichen gewinnt „ein Dasein in der Zeit, - ein
Verschwinden des Daseins, indem es ist, [ . ] der Ton, [ist] die
erfüllte Äußerung der sich kundgebenden Innerlichkeit“ (S459).
Mit dieser Redifferenzierung der inneren Unmittelbarkeit eb‑
n e t die Sprache letztlich dem Denken den Weg. Im Denken
nämlich sieht Hegel die vermittelte Unmittelbarkeit, in welcher der
Geisr seine Freiheit findet. Hegel zielt dabei insbesondere auf das
epistemologische Problem einer bloßes Gegenstandsbewusstsein
übersteigenden Erkenntnis. Zugleich Öffnet die Sprache den
Zugang z u r Intersubjektivität, z u m Raum des Sittlichen bzw. Sozi‑
alen. In Bezug auf Freud ließe sich ergänzen, dass mit der Sprache
ein Weg zur Überwindung des Todestriebes gangbar wird. Das
Subjekt erscheint in dieser Lesart seinem Inneren nicht mehr
hilflos ausgeliefert. Es hat die Möglichkeit, die Sphäre der Wieder‑
holung, des kurzfristigen Abschlusses der Äußerung, zu überwin‑
den. Die individuellen physischen und mentalen Voraussetzungen
mögen in Bezug auf die Vermittlungsleistung unterschiedlich sein;
es bleibt immer die Möglichkeit bestehen, als Einzelner mit der
Vermittlungsarbeit zu scheitern. Aber sobald das Potential zur
vermittelten Äußerung prinzipiell besteht, können wir die Hilfe
Anderer in Anspruch nehmen. Es ist wohl diese Hoffnung, die
Freud leitet, wenn er den intersubjektiven Prozess der Psychothe‑
rapie auf die „Versöhnung mit dem Verdrängten“31 hin versteht.
Der Radikalität des Todes kann auf der Ebene des Lebens
Aufschub gewährt werden und im Bereich des Psychischen kann
dieser Aufschub im Idealfall als lebendige, als vermittelte Unmit‑
telbarkeit die Sehnsucht nach der einfachen Ruhe des Anorga‑
nischen überwinden.

4. Erinnerung: Die Chance, das Unbewusste zur Sprache


zu bringen
Ich möchte im Folgenden noch einmal zusammenfassen, was an‑
hand der Theorien Hegels und Freuds über den Erinnerungsbegriff

“ Freud (1914), 132.

236
gesagt werden kann. Beide Konzeptionen begreifen Erinnerung als
eine Aneignung der aus der Wahrnehmung stammenden Bewusst‑
seinsinhalte. Ebenso gehen Freud und Hegel davon aus, dass die
Bildung jener Dauerspuren bzw. Erinnerungsbilder mit einem
Strukturverlust einhergeht, welchen Hegel näher als Aufhebung
der Zeitlichkeit beschreibt. Durch die Erinnerung erlangt das
Subjekt einerseits Unabhängigkeit von der Außenwelt, andererseits
wird es aber tiefer in die Konfrontation mit der Unmittelbarkeit
des Äußeren verstrickt. Die Spaltung, welche das Bewusstsein
zwischen dem Subjekt und dem Objekt einführt, rekonstituiert
sich im Subjekt sobald sich die unbewussten Erinnerungen vorn
Bewusstsein abheben. Die Notwendigkeit einer Wiedervereinigung
beider Sphären kann systematisch mit Hegels Vernunftbegriff als
selbstbezüglicher Einheit von Subjektivem und Objektiven be‑
gründet werden. Sie ergibt sich aber ebenso aus der Freudschen
Konzeption des Wiederholungszwangs. Beiden Konzepten gemein
ist die Vorstellung einer wiederhergestellten Einheit durch Äußer‑
ung. Diese interpretiere ich als ein Beispiel für die logische
Struktur einer vermittelten Unmittelbarkeit im Sinne Hegels. Mit
Freud konnte zudem gezeigt werden, dass das Subjekt dabei stets
der Versuchung einer radikalen Wiedervereinigung mit dem
Äußeren im Tod ausgesetzt ist. Um einen lebensbejahenden Um‑
gang mit der in der Erinnerung thematischen Verstrickung in die
Unmittelbarkeit des Seins zu ermöglichen, muss diese in ihrer
Äußerung e r n e u t strukturiert werden. Mit Hegel konnte erläutert
werden, wie die Versprachlichung der Erinnerungsbilder die durch
die Aufhebung der Zeit verlorene Differenz wiederherstellt. Das
Subjekt erhält auf diesem Weg die Möglichkeit, das Unbewusste
zur Sprache zu bringen und sich dem circulus vitiosus der Wieder‑
holung zu entziehen.

5. Nachträglichkeit: Warum die Erinnerung eine Heraus‑


forderung bleibt
Ich habe bereits vorgeschlagen, diese Versöhnung nicht als
Ergebnis, sondern als stets unabgeschlossenen Prozess zu be‑

237
greifen. Während Freud selbst skeptisch32 war, ob sie jemals voll‑
ständig gelingen kann, ist bei Hegel nicht zu erkennen, warum sich
die Nacht des Bewussrseins nicht v0115tändig im Licht der
Vernunft auflösen sollte. Eine rationalistische Engführung Freuds
ist sicher eine Gefahr der an Hegel orientierten Interpretation. Ein
Hauptproblem liegt in der Versuchung, den Vermittlungsprozess
theoretisch zu einem Ende zu führen, zumal Hegel selbst immer
wieder abschließende Deutungen begrifflicher Prozesse nahegelegt
hat, man denke n u r an die berüchtigte These v o m Ende der Ge‑
schichte. Dennoch hätte Hegel, der sich in seinen metatheo‑
retischen Überlegungen stets gegen ein Denken v o m Resultat her
wandte, wohl mit Freud sympathisiert, w e n n dieser zu bedenken
gibt: „Bei Entwicklungen und Verwandlungen richtet sich unsere
Aufmerksamkeit allein auf das Resultat; wir übersehen gern, daß
sich solche Vorgänge gewöhnlich mehr oder weniger unvollständig
vollziehen, also eigentlich im Grunde n u r partielle Veränderungen
sind.“33 Insbesondere v o r dem Hintergrund der z u r Theorie des
Todestriebs angestellten Überlegungen wäre eine abschließende
und totale Transparenz des erinnernden Subjekts geradezu eine
Wiederholung der Ruhe des Anorganischen, ein Tod im Geiste.
Vo r jenem theoretischen Kollaps schützt ein, bis zu diesem Punkt
der Untersuchung n u r impliziter, Aspekt der Freudschen Erin‑
nerungskonzeption: Der Begriff der Nachträglichkeit.
Das von Freud immer wieder erwähnte Konzept geht davon
aus, dass das Subjekt wie ein „Geschichtsschreiber die Vergangen‑
heit im Lichte der Gegenwart“34 interpretiert. Das Erlebte und in
der Erinnerung Aufbewahrte wird u n t e r Umständen e r s t viel später
in einen sinnhaften Kontext integriert, weil die Integrations‑
leistung des Subjekts sich e r 3 t entwickeln muss. Ilka Quindeau
bemerkt treffend: „Mit zunehmendem Verstehenshorizont kann
somit den früheren Erlebnissen ein anderer Sinn zugeschrieben
werden. [ . ] Das Konzept der Nachträglichkeit wäre damit so zu

” Vgl. Freud (1937); An anderer Stelle bemerkt Freud (1923), 239: „[D]ie
Psychoanalyse kann das Wesen des Psychischen nicht ins Bewußtsein ver‑
legen, sondern muß das Bewußtsein als eine Qualität des Psychischen an‑
sehen, die zu anderen Qualitäten hinzukommen oder wegbleiben mag.“
” Freud (1937), 72.
“ Freud (1909), 427 Anmerkung 1.

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verstehen, dass zu verschiedenen Zeitpunkten entsprechend der
psycho-sexuellen und kognitiven Entwicklung vergangene Erleb‑
nisse einen jeweils veränderten, neuen Sinn entfalten.“35 Sowohl der
Übersetzer als auch das zu übersetzende Material unterliegen einer
fortwährenden Wandlung, weil der Primärvorgang dem sich e n t ‑
wickelnden Sekundärvorgang stets vorausgeht. Auch die analy‑
tische Therapie leistet laut Freud n u r eine „nachträgliche Korrektur
des ursprünglichen Verdrängungsvorganges““i Ohne die komplex‑
en Implikationen des Nachträglichkeitsbegriff vertiefen zu wollen,
kann festgehalten werden, dass ein restloses Abschließen der
Übersetzungsarbeit durch ihre zeitliche Struktur verhindert wird.
Der Geist kommt, wie Catherine Malabou in Bezug auf Hegel
feststellt, zu seiner eigenen Feier stets zu spät.” Dennoch besteht
zumindest als Denkmöglichkeit die Versuchung eines radikalen
Endes der Vermittlungsarbeit.
Der Todestrieb und das abstrakte Denken in Resultaten sind
die beiden Pole, in welchen der lebendige Diskurs des Geistes
v e r s t u m m e n kann. E s geht also letztlich nicht darum, eine
Übersetzung der Erinnerungen zu erstellen, die man schwarz auf
weiß nach Hause tragen kann, sondern die Arbeit des Übersetzens
als beständige Erneuerung immer wieder anzufangen. Die zeitlose
Erinnerung verweist auf unsere Verstrickung in die Unmittel‑
barkeit des Seins, welche das Denken als sprachlich vermittelte
Unmittelbarkeit überwindet. Dass sich jene Vermittlung aber im‑
mer n u r nachträglich ergeben kann, selbst wieder in die Zeit fällt,
zeigt, dass die dem Subjekt durch seine Erinnerung gestellte Auf‑
gabe eine unabschließbare ist. Die Maxime Freuds: „Wo Es war,
soll Ich werden.“38 ist unbedingt wörtlich zu verstehen, die Beto‑
nung liegt auf dem beständigen Werden der Vermittlung.

” Quindeau (2004), 36.


“’ Freud (1937), 71.
37 Vgl. Malabou (2000), 199f.
"‘ Freud (1933), 86.

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Literatur
Die Texte von Sigmund Freud werden, sofern nicht anders
vermerkt, zitiert nach: Sigmund Freud, Gesammelte Werke,
chronologisch geordnet, u n t e r Mitwirkung von Marie Bonaparte,
hg. v. A. Freud, E. Bibring, W. Hoffer, E. Kris u. 0. Isakower,
London 1948: Imago.
Freud, Sigmund (1900): Die Traumdeutung. GW I I /I I I .
‐ (1909): Bemerkungen über einen Fall v o n Zwangsneurose. GW
V I I , 381-463.
‐ (1914): Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten. GW X, 126‑
136.
‐ (1915): Das Unbewusste. GW X, 264-303.
‐ (1920): Jenseits des Lustprinzips. GW X I I I , 3-69.
‐ (1923): Das Ich und das Es. GW X I I I , 237-289.
‐ (1924): Notitz über den »Wunderblock«. GW X I V, 3-8.
‐ (1925): Die Verneinung. GW X I V, 11‐15.
‐ (1933): Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit. GW XV,
62-86.
‐ (1937): Die endliche und die unendliche Analyse. GW XVI, 59‑
99.
Freud, Sigmund: Briefe an Wilhelm Fliess 1887 ‐ 1904, hg. v. ].
Moussaieff Masson, Frankfurt am Main 1986.
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Enzyklopädie der philosophi‑
schen Wissenschaften im Grundrisse 1830. Zweiter u. Dritter
Teil (GW, Bd. 9 u. 10), Frankfurt amMain 2009.
Hösle, Vittorio: Hegels System. Der Idealismus der Subjektivität
und das Problem der Intersubjektivität. Bd. 2: Philosophie der
Natur und des Geistes, Hamburg 1987.
Malabou, Catherine (2000): The Future of Hegel. Plasticity, Tem‑
porality, Dialectic. Hypatia, 15(4), 196‐220.
Mills, Jon (1996): Hegel on the Unconscious Abyss: Implications
for Psychoanalysis. The Owl of Minerva, 28(1), 59-75.
Quindeau, Ilka: Spur und Umschrift. Die konstitutive Bedeutung
von Erinnerung in der Psychoanalyse, München 2004.
Rossi Leidi, Thamar: Hegels Begriff der Erinnerung: Subjektivität,
Logik, Geschichte, Frankfurt am Main 2009.

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