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Rückenschmerz: Diagnostik und Intervention

Radiologe 2006 · 46:443–453 W. Reith · A. Nabhan · J. Kelm · N. Naumann · F. Ahlhelm


DOI 10.1007/s00117-006-1383-6 Klinik für diagnostische und interventionelle Neuroradiologie,
Online publiziert: 23. Mai 2006
Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg/Saar
© Springer Medizin Verlag 2006

Differenzialdiagnose
des Rückenschmerzes

Definition des Rückenschmerzes chungsbefunden, wie in zahlreichen Stu- F Akuter RS definiert den RS, der nicht
dien gezeigt werden konnte [2]. Entschei- wiederkehrend oder chronisch ist
Lokalisation dend bleibt, dass radiologisch nachgewie- und der kürzlich und plötzlich aufge-
sene Veränderungen mit den vom Pati- treten ist.
Rückenschmerzen sind Schmerzen in der enten primär geklagten Beschwerden und
Region zwischen dem 7. Halswirbel (Ver- klinischen Untersuchungsbefunden über- Folgen
tebra prominens) und dem Sakrum. Nach einstimmen. Aus diesem Grunde sollten
dem genaueren Ort ihres Auftretens kön- diagnostische Maßnahmen erst nach Er- Rückenschmerzen sind bei der Bevölke-
nen thorakale, lumbale und sakrale Rü- stellung einer Arbeitshypothese durchge- rung westlicher Industrienationen eine
ckenschmerzen unterschieden werden. führt werden, da eine breitgestreute Dia- häufige Erkrankung, die volkswirtschaft-
Rückenschmerzen treten häufig lokal auf, gnostik Fehlbefunde provozieren kann. lich mit hohen Kosten verbunden ist. Nach
können aber auch nach distal ausstrah- epidemiologischen Schätzungen leiden
len (radikulär, pseudoradikulär). Obwohl Einteilung etwa 85% bei der Bevölkerung westlicher
Rückenschmerzen zu den häufigsten Be- Industriestaaten mindestens einmal in ih-
schwerdebildern in der ärztlichen Praxis „Akut“ sind Rückenschmerzen, wenn rem Leben an diesen Beschwerden. Etwa
gehören, sind sie nicht leicht zu deuten. sie innerhalb weniger Stunden bis ma- 10% der Patienten, die wegen ihrer Rü-
ximal einen Tag aus wenigstens 6-mo- ckenschmerzen zu Ärzten gehen, leiden
Ursachen natiger Schmerzfreiheit aufgetreten sind an schweren chronifizierenden Beschwer-
und noch nicht länger als 3 Monate beste- den, die dauerhaft behandlungsbedürftig
Als einer der häufigsten Ursachen beim hen. Die Analyse der Schmerzmanifesta- sind. Zirka 50% der orthopädischen Pati-
Erwachsenen sind degenerative Wirbel- tion und der klinische Verlauf geben pro- enten leiden unter Rückenschmerzen. In
säulenveränderungen zu berücksichtigen. gnostische Informationen und dienen zur Deutschland ist dieses Krankheitsbild für
Unter dem Sammelbegriff degenerative Risikobeurteilung. 31% der krankheitsbedingten Arbeitsnie-
Wirbelsäulenveränderungen werden alle Nachemson u. Bigos [8] haben den Rü- derlegungen sowie ca. 50% der vorzeitig
Prozesse an Wirbelkörpern, Bandscheibe, ckenschmerz (RS) wie folgend definiert: gestellten Rentenanträge verantwortlich.
Bändern und Wirbelgelenken subsumiert, F Zeitweiser RS definiert sich als RS in Der Altersgipfel für diese Erkrankungen
die durch Überbelastung oder „Abnut- einem Zeitraum von höchstens 90 liegt zwischen 30–50 Jahren, es lässt sich
zung“ symptomatisch werden. Prädispo- zusammenhängenden Tagen, der in kein Geschlechtsunterschied nachwei-
nierend für diese Veränderung sind chro- einem Beobachtungszeitraum von sen. Die Krankheitsbilder des Rücken-
nische Fehlbelastungen z. B. bei bestehen- 12 Monaten nicht wiederkehrt. schmerzen verursachten im Jahre 1996 Ge-
den Wirbelsäulenfehlstellungen. Typische F Wiederkehrender RS ist an weni- samtkosten von 34 Mrd. DM, dies verteilt
radiologische Zeichen der Wirbelsäulen- ger als der Hälfte der Tage in einem sich auf 10,2 direkte und 23,8 Mrd. DM in-
degeneration lassen sich allerdings ab der 12-Monate-Zeitraum zugegen, wobei direkte Kosten.
4. Lebensdekade fast regelmäßig nachwei- mehrere Episoden in einem Beobach-
sen. Sie werden (häufig zu unrecht) als tungszeitraum von 12 Monaten auf- Entstehungsentwicklung
morphologisches Korrelat der Rückenbe- treten.
schwerden eines Patienten angesehen und F Chronischer RS definiert den RS, der Ein wesentlicher Punkt für die Entwick-
ihm gegenüber im Sinne von: „Die Be- an mindestens der Hälfte der Tage lung des Rückenschmerzes scheint die
schwerden sind bei Ihrer Wirbelsäule gar in einem Beobachtungszeitraum von evolutionäre Entscheidung zu sein, sich
kein Wunder“ geäußert. Dabei korrelie- 12 Monaten als Einzel- bzw. in multi- auf 2 Beinen fortzubewegen. Erstaunlich
ren bildmorphologische Befunde in vie- plen Episode(n) auftritt. ist allerdings die drastische Zunahme der
len Fällen nicht mit klinischen Untersu- Patienten mit Rückenschmerzen in den

Der Radiologe 6 · 2006 | 443


Zusammenfassung · Abstract

Radiologe 2006 · 46:443–453 Tab. 1 Differenzialdiagnose des Kreuzschmerzes


DOI 10.1007/s00117-006-1383-6
Vertebrale Ursachen Extravertebrale Ursachen
© Springer Medizin Verlag 2006
Degenerativ Psychogen
W. Reith · A. Nabhan · J. Kelm · N. Nau- Bandscheibenschaden, Spondylarthrose, Chronifizierte Rückenschmerzen, depressive
mann · F. Ahlhelm Osteochondrose Syndrome, psychosomatische Störungen
Differenzialdiagnose des Entzündlich/immunologisch Nephrourologisch
Rückenschmerzes Morbus Bechterew, rheumatische Erkran- Pyelonephritis, Hydronephrose, Urolithiasis,
kungen, Psoriasis, Morbus Reiter, Morbus Crohn, Nieren-/Prostatatumoren
Morbus Whipple, Colitis ulcerosa, Infektionen
Zusammenfassung (Osteomyelitis, Tuberkulose, Zoster)
Rückenschmerzen gehören zu den häu- Endokrin/metabolisch Gynäkologisch
figsten Krankheitsbildern in der ärztlichen
Osteoporose, Osteomalazie, Hyperparathyreoi- Adnex- und Uterusprozesse
Praxis. Sie können individuell sehr belastend
dismus, Akromegalie
und darüber hinaus multifaktoriell bedingt
und durch die Bandscheibe, Wirbelgelenke, Variationen, Fehlbildungen, statische Störungen Retroperitoneal
Nervenwurzeln, Ligamente, Sakroiliakalge- Spondylolisthesis, Sakralisation des 5. LWK, Tumoren und Metastasen
lenke oder eine Kombination der genannten Skoliose
bedingt sein. Der Rückenschmerz, als Sym- Entwicklungsstörung Anorektal
ptom einer systemischen Erkrankung, kann Morbus Scheuermann Rektumkarzinom, Abszesse
auch ein Warnsignal bei schwerwiegenden
Erkrankungen wie malignen Erkrankungen Traumen Vaskulär
oder im Falle eines Aortenaneurysmas sein. Frakturen, Luxationen Aortenaneurysma, spinale Durchblutungs-
Die reflektierte Wahl des adäquaten Diagnos- störungen
tikums und eine angemessene Therapie set- Tumoren Hämatologische Systemerkrankungen
zen ein gründliches Wissen über dieses multi- Knochentumoren und -metastasen, Tumoren im und Hämolysen
faktorielle Krankheitsbild voraus. Wirbelkanal

Schlüsselwörter
Rückenschmerz · Degeneratives Wirbelsäu- letzten 30 Jahren. Neben Bewegungsman- Spondylarthrosen, diskoligamentäre In-
lenleiden · Radikuäre und nichtradikuläre
gel, mangelndem Training des Stütz- und stabilitäten (Spondylolisthesis) oder die
Schmerzen
Bewegungsapparats sind sicher auch psy- schmerzhafte Bandscheibe (discogenic
Differential diagnosis chosoziale Belastungssituationen mit an- pain) gehören zu den häufigeren Ursa-
of back pain zuführen. Differenzialdiagnostisch und chen. Bei der Vielzahl der differenzialdi-
therapeutisch hat sich die Unterschei- agnostisch zu erwägenden Ursachen ist
dung zwischen akuten, chronischen so- die Anamnese besonders wichtig für das
Abstract
wie chronisch-rezidivierenden Rücken- weitere diagnostische und therapeutische
Back pain is one of the most frequent clinical
pictures encountered in a physician’s practice. schmerzen als günstig herausgestellt. Des Procedere.
It can pose a great burden on the individu- Weiteren sollte die Unterscheidung zwi-
al and in addition have a multifactorial origin. schen radikulären und nichtradikulären Anamnese
It can be caused by intervertebral discs, ver- Rückenschmerzen erfolgen. Dabei bleibt
tebral joints, nerve roots, ligaments, sacroili- zu berücksichtigen, dass auch nichtradi- Zu den wichtigsten anamnestisch zu be-
ac joints, or a combination of the above. Back
pain, as a symptom of a systemic disease, can kuläre Schmerzen zu einer Schmerzpro- rücksichtigenden Faktoren zählen:
also be a warning signal of grave disorders jektion in andere Körperregionen füh- F Schmerzbeginn, -auftreten (plötzlich/
such as malignancies or in the event of aortic ren können. Bei der Diagnostik spielt ne- allmählich, nachts, in Ruhe/bei Bela-
aneurysm. The well-considered choice of ap- ben der gezielten klinischen und bildge- stung);
propriate diagnostic procedures and suitable benden Untersuchung die Anamnese eine F Schmerzlokalisation (umschrie-
treatment requires a thorough knowledge of
entscheidende Rolle. Rückenschmerzen ben, ausstrahlend, diffus, wechselnd,
this multifactorial clinical picture.
infolge urologischer, gynäkologischer, in- s. auch Abschn. “Lokalisation und
Keywords ternistischer oder psychosomatischer Er- Schmerzcharakter“);
Back pain · Degenerative spine disease · Radi- krankungen müssen ebenfalls berücksich- F Schmerzauslöser (Traumen, körper-
cular and pseudoradicular pain tigt werden. liche/psychosoziale Belastungen,
spontan);
Diagnostik F Schmerzdauer (stundenweise, anhal-
tend und dauerhaft);
Das Spektrum der differenzialdiagnos- F Schmerzmittelkonsum;
tisch zu erwägenden Ursachen für den F frühere Erkrankungen (Tumoren) und
Rückenschmerz ist sehr groß (. Tab. 1). Begleiterkrankungen (Osteoporose);
Degenerative Veränderungen wie Band- F wirbelsäulenunspezifische Symptome
scheibenvorfälle- oder -protrusionen, (z. B. Fieber, Gewichtsverlust).

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Tab. 2 Symptomatik des Bandschei- Wichtige laborchemische Untersuchungen
benvorfalls beinhalten Entzündungsparameter (BSG,
Akutes Einsetzen intensiver Schmerzen CRP), Blutbild und ggf. andere zur Diffe-
(Blockierung) renzialdiagnose erforderliche Parameter
Projektion der Schmerzen in das sensible (z. B. Tumormarker wie das prostataspe-
Ausbreitungsgebiet der betroffenen Nerven- zifische Antigen bei bekanntem Prostata-
wurzel
karzinom).
Exazerbation der Schmerzen bei gewissen
Bewegungen (Reklination der Wirbelsäule,
beim Pressen, Husten, Niesen) Bildgebung
Blockade der entsprechenden Wirbelab- Die Indikationsstellung zur Anwendung
schnitte und skoliotischer Verkrümmung bildgebender Verfahren (Projektionsra-
derselben diographie, Computertomographie, Ma-
Dehnungsschmerz der entsprechenden Wur- gnetresonanztomographie, Skelettszinti-
zel bzw. des peripheren Nervenstamms, z. B. graphie) wird unterschiedlich und nicht
als positives Lasègue-Zeichen einheitlich gehandhabt. Es existieren un-
Neurologische Ausfälle in der Frühphase terschiedliche Faktoren, die die Häufig-
keineswegs obligat, sodass objektivierbare
keit der Anwendung bildgebender Ver-
Sensibilitätsstörungen, Paresen oder Reflexa-
nomalien auch fehlen können! fahren beeinflussen. Um bei akuten Rü-
ckenschmerzen ein möglichst einheit-
Notfallindikation: Weichteilbedingte Raum-
forderungen im Spinalkanal des lumbosakral- liches Vorgehen einzuhalten, wurde mit
en Übergangs mit Kompression des Myelons Hilfe der ärztlichen zentralen Qualitätssi-
(Kauda-Konus-Symptomatik) cherung ein Leitlinienbericht „Akuter Rü-
ckenschmerz“ herausgegeben. Hier findet
Wichtige Schmerzattribute können auch sich der folgende Vorschlag für die risiko-
durch den Mnemonic „PQRST“ in Erin- adaptierte Diagnostik.
nerung gerufen werden: Zur Indikationsstellung von Über-
F P (provozierende (auslösende) Fak- sichtsaufnahmen, Computertomogram-
toren), men und Magnetresonanztomogrammen
F Q (Qualität des Schmerzes), in der Abklärung von Rückenschmerzen
F R (Region), sind die Leitlinien für diese Indikations-
F S (Severity; Ausprägung des stellung zu berücksichtigen. In den ersten
Schmerzes), 4 Wochen nach Auftreten der Rücken-
F T (temporal characteristics; Verlauf). schmerzen wird keine bildgebende Dia-
gnostik (Röntgenübersichtsaufnahmen,
Weitere Diagnostik CT, MRT) empfohlen. Ausnahmen gibt es
bei radikulärer Symptomatik oder ande-
Die klinische Untersuchung umfasst: ren neurologischen Defiziten, die länger
F Inspektion (Haltung, Deformie- als 4 Wochen anhalten. Hier sollen eine
rungen), CT oder MRT erfolgen (. Abb. 1). Der
F Palpation (Schmerz-, und Druck- Magnetresonanztomographie ist, wenn
punkte, muskulärer Tonus), möglich, in der weiteren Abklärung der
F Perkussion, Vorzug zu geben. Die Überweisung sollte
F Funktionsprüfung der Wirbelsäule durch einen Spezialisten erfolgen. Die
(Stauchung, Beweglichkeit, Lasègue, MRT ist in der Diagnostik und Differen-
Pseudolasègue), zialdiagnostik von Wirbelsäulenerkran-
F Motorik (schlaffe Paresen, spastische kungen derzeit die beste Methode und
Lähmung), auch der Computertomographie, Myelo-
F Blasen- und Mastdarmstörung, graphie und postmyelographischen CT in
F Reflexe (abgeschwächt oder gestei- fast jeder Hinsicht überlegen. Neben der
gert, Seitendifferenz, pathologische zuverlässigen Diagnostik von Bandschei-
Reflexe), benvorfällen kann die MRT erosiv verlau-
F Sensibilität (segmental bezogene Dy- fende Osteochondrosen, aktivierte Spon-
sästhesien oder medulläre Ausfälle), dylarthrosen sowie Spinalkanalstenosen
F vegetative Störung. auch ohne Anwendung von Kontrast-
mittel darstellen. Wegen der Möglich-
keit zum Nachweis von Knochenmark-
Rückenschmerz: Diagnostik und Intervention

Übersichtsaufnahmen angefertigt wer-


den, ebenso, wenn Zeichen einer Infekti-
on oder eines Tumors bestehen und bei
jüngeren Patienten eine Spondylolisthese
nachgewiesen werden soll. Bei älteren Pa-
tienten besteht die Möglichkeit einer oste-
oporotischen Wirbelkörperfraktur.
Alarmierende Syndrome, die zu einer
sofortigen Bildgebung und evtl. Klinikan-
weisung führen, sind:
F auffälliges Labor,
F Gewichtsverlust,
F weitere neurologische Defizite,
F Knochendestruktionen,
F Karzinomanamnese,
F Steroidmedikation,
F HIV.

Ebenfalls sollte eine sofortige Bildgebung


bei einem Kaudasyndrom mit Kontin-
zenzstörung, Reithosenanästhesie und
Paresen erfolgen.

Ursachen des Rückenschmerzes

Aufgrund der Fülle der Thematik kann


von den Autoren kein Anspruch auf Voll-
ständigkeit erhoben werden. Einige wich-
tige bzw. häufige Krankheitsbilder, die mit
Rückenschmerzen einhergehen, werden
näher besprochen.

Degenerative Veränderungen
der Bandscheiben sowie der
angrenzenden Abschlussplatten
Abb. 1a–d 8 Patient mit anamnestisch länger bestehendem Rückenschmerz. Grund der Vorstel- des Bewegungssegments
lung war eine neu aufgetretene rechtsseitige Quadrizepsparese. Die seitliche Myelographie zeigt ei-
ne Pelottierung des Duralsacks von ventral, vereinbar mit einem weichen Vorfall in Höhe LWK3/4 Mikroskopische und magnetresonanzto-
(a). Die MRT (b) und die Myelo-CT im Weichteil- (c) und Knochenfenster bestätigen die Verdachtsdi- mographische Untersuchungen konnten
agnose eines mediolateral rechts gelegenen Badscheibenvorfalls bei primärer spinaler Enge sowie
degenerativen Veränderungen der Facettengelenke (d)
nachweisen, dass der Wassergehalt der
Bandscheibe sowie Menge und Art der
enthaltenen Proteoglykane in ihrer Zu-
ödem und sensitiven Nachweis kleiner Er- tion sind bildgebende Verfahren unver- sammensetzung mit zunehmendem Le-
gussansammlungen hat hier die MRT me- zichtbar. bensalter verändert werden [1, 7].
thodische Vorteile gegenüber der CT. Die Bei „normalen“ Rückenschmerzen Biomechanische Untersuchungen
CT stellt den Mineralisierungsgehalt (Os- werden Röntgenübersichtsaufnahmen zeigten, dass die Bandscheibe bei diesem
teosklerose, Osteolyse) besser dar als die nicht routinemäßig empfohlen, da die Prozess an Höhe und Elastizität verliert.
MRT. Ursache für akute Rückenschmerzen übli- Es handelt sich hierbei also um Altersver-
Bei Rückenschmerzen mit Sphinkter- cherweise nicht durch Übersichtsaufnah- änderungen, die keinen eigenen Krank-
störungen oder Gangstörung mit Reit- men diagnostiziert werden können [14, heitswert besitzen, allerdings könnten be-
hosenanästhesie oder starker und zuneh- 15] und die Schmerzen nur schlecht mit stimmte Zusammensetzungen von Prote-
mender motorischer Einschränkung so- den nachweisbaren degenerativen Verän- oglykantypen mit einem erhöhten Risi-
wie bei bestehendem ausgedehntem neu- derungen korrelieren. Wenn Beschwer- ko eines Bandscheibenvorfalls einherge-
rologischem Defizit und bei vorbekannter den allerdings persistieren oder zuneh- hen [9, 10].
Karzinomerkrankung, schlechtem Allge- men, neurologische Defizite bestehen und
meinzustand und bekannter HIV-Infek- ein Trauma vorausgegangen war, sollten

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Phaseneinteilung
Die degenerativen Veränderungen eines
Bewegungssegments lassen sich in 3 Sta-
dien einteilen [18]:
F Stadium 1: Dysfunktion durch ver-
änderte Elastizität des Anulus fibro-
sus und eingeschränkter Belastbar-
keit (erste Mikrorisse). Nach Yu et al.
[19] liegen dem sog. Bandscheiben-
schmerz („schmerzhafte Scheibe“)
bzw. „discogenic pain“ in vielen Fäl-
len radiale Einrisse zugrunde. Kon-
zentrische und transversale Einrisse
lassen jedoch nach den Ergebnissen
dieser Arbeitsgruppe nicht an einen
„discogenic pain“ denken (. Abb. 2). Abb. 2a, b 8 Patient mit Verdacht auf discogenic pain. Die Diskographie
Von vielen Autoren wird die Dis- des Segments L3/L4 zeigt ein unauffälliges Cotton-wool-Zeichen des Nukle-
kographie zum Nachweis eines dis- us und war nicht schmerzauslösend (a). Im Gegensatz dazu zeigt die Band-
scheibe des Segments L5/S1 eine strukturelle Schädigung des Diskus und
cogenic pain als ein Distensionstest einen defekten Nukleus (b). Bei der Diskographie dieses Segments lässt sich
(Stresstest) verstanden, der darü- der Schmerz typischerweise provozieren
ber Aufschluss geben soll, ob sich die
vom Patienten angegebenen Schmer-
zen durch Druckerhöhung in der Phospholipase A2 verbunden ist [13]. nen und nach KM-Gabe Kontrastmit-
Bandscheibe provozieren lassen [12]. Ein Sequester ist aus dem Bandschei- tel anreichern,
F Die 2. Phase ist durch Höhenminde- benfach austretendes Gewebe, das 1 pseudoentzündliche Prozesse, der
rung der Bandscheibe und Lockerung keine Verbindung zur Bandscheibe erhöhte Druck im Knochenmark
der Bandführung des Bewegungsseg- mehr aufweist. kann zu umschriebenen Schmerzen
ments gekennzeichnet. Diese Pha- führen,
se entspricht der Phase der Instabi- Neben Bandscheibenveränderungen füh- 1 Typ I kann sich folgenlos zurückbil-
lität. Bei zunehmender Schwächung ren degenerative Wirbelsäulenerkran- den oder sich zum Typ II weiter ent-
des Anulus kann dieser einreißen. kungen auch zu Veränderungen der an- wickeln;
Der Austritt von Anteilen des Nucle- grenzenden ossären Strukturen. Insbe- F Typ II
us pulposus wird so möglich. Bleibt sondere subkortikale Reaktionen sind bei 1 streifenförmig und umschriebene
der Austritt des Bandscheibengewe- Bandscheibenveränderungen zusätzlich subkortikale fettige Knochenmark-
bes auf den Raum hinter dem Längs- betroffen. Ob dabei zuerst Bandscheiben- konversionen,
band beschränkt, spricht man von veränderungen oder diese subkortikalen 1 Ausdruck der chronischen Stressre-
Protrusion, wird das hintere Längs- Veränderungen auftreten oder ob es sich aktion des Knochenmarks,
band durchbrochen, von einer Extru- hierbei um zeitgleiche Phänomene han- 1 Entstehungsdauer aus Typ I minde-
sion (Prolaps). Allerdings werden di- delt, ist unklar. stens 6–9 Monate,
ese Begriffe in der radiologischen/or- 1 subkortikale Lokalisation,
thopädischen/neurochirurgischen/ Modic-Klassifikation 1 hyperintenses Signalverhalten auf
unfallchirurgischen Literatur unein- T1- und T2-gewichteten Aufnahmen;
heitlich verwendet, sodass sich der Bei Veränderungen des subkortikalen F Typ III
Leser unbedingt vergewissern sollte, Knochens und den Knochenmarkverän- 1 seit Jahrzehnten aus der konventio-
welche Nomenklatur bei den jewei- derungen ruhen die Erkenntnisse im We- nellen Röntgendiagnostik bekannt,
ligen Befunden zugrunde gelegt wur- sentlichen auf den Studien von Modic et 1 reaktive subkortikale, bandförmige
de. Tritt Bandscheibengewebe durch al. [7]. Hier werden 3 Grundtypen unter- oder umschriebene Sklerosen,
einen Riss aus, kann durch Dehnung schieden: 1 Entstehungsdauer beträgt ein bis
und Einklemmung anderer Struk- F Typ I mehrere Jahre,
turen Schmerz verursacht werden 1 pseudoentzündliche Reaktionen 1 in diesem Stadium sind oft ventra-
(. Tab. 2). Dabei kommt es durch mit Knochenmarködem und Hyper- le und dorsale osteophytäre Anbauten
den mechanischen Druck zu einer vaskularisation, als Zeichen der Instabilität festzustel-
ödematösen Schwellung der Nerven- 1 in der MRT streifenförmig, um- len.
wurzel mit erhöhte Gefäßpermeabili- schriebene hypointense Strukturen
tät und Leukotaxis [11], was mit Frei- in T1-Wichtung, die auf T2-gewichte- Die einzige Erkrankung, die osteophytäre
setzung von Schmerzmediatoren wie ten Aufnahmen hyperintens erschei- Anbauten ohne Sklerosierungen der an-

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Rückenschmerz: Diagnostik und Intervention

plumpung der Wirbelgelenke und spon-


dylophytären Anbauten dar [5].
Weitere Gründe für Fehlbelastungen
im Bewegungssegment sind Anlagestö-
rungen der Wirbelkörper (Halb-, Block-
wirbel, Hemisakralisation) oder der Wir-
belbögen (Kontinuitätsunterbrechung,
Spondylolisthesis, Elongation sowie Ver-
letzungsfolgen). Auch in diesen Fällen
kommt es zur Arthrose der Wirbelge-
lenke. Durch spondylophytäre Verände-
rungen der Gelenke kann es zu einer Ein-
engung der Foramina intervertebralia
kommen, was zu radikulären Symptomen
(. Tab. 2) führt.
Durch die Arthrose der Gelenkfacet-
ten kann es zu lokalen und pseudoradi-
kulären Schmerzen kommen. Der charak-
Abb. 3a–c 8 Osteoporotische Sinterungsfraktur des 7. und 12. Brustwirbelkörpers. Röntgenologisch
teristische Anlaufschmerz, der sich unter
(a) lassen sich keine sicheren Aussagen über das Alter der Fraktur machen. Im Vergleich zur nativen Belastung bessert, führt zur Verdachtsdi-
T1-gewichteten Untersuchungstechnik (b) lassen sich frische Frakturen in der STIR Sequenz (c) an- agnose und kann probeweise durch die
hand des hyperintensen Signals gut abgrenzen. Beachte die Vertebra plana von BWK12 mit Stufenbil- (CT-gesteuerte) Infiltration in die Facet-
dung im Bereich der Wirbelkörperhinterkante tengelenke verifiziert werden. Tritt darun-
ter eine entsprechend längere Beschwer-
grenzenden Grund- und Deckplatten zur Einengung des Spinalkanals führen. defreiheit ein, ist das untersuchte Wirbel-
zeigt, ist die diffuse idiopathische Skelett- Schmerzen treten insbesondere bei zuvor säulengelenk zumindest anteilig an der
hyperostose (hieran ist insbesondere bei engem Spinalkanal auf. Die Symptomatik Schmerzentstehung beteiligt. Ein Placebo-
gutachterlichen Fragen zu denken!). entspricht der eines weichen Vorfalls, tritt effekt (bei über 30% der Patienten kommt
aber in der Regel schubweise auf, näm- es zu einer Besserung) kann durch Test-
Stenosen des Spinalkanals infolge lich dann, wenn die komprimierte Ner- wiederholung mit einem Lokalanästheti-
degenerativer Veränderungen venwurzel entzündlich reagiert. Die knö- kum anderer Wirkdauer weitgehend aus-
chernen Appositionen können zur voll- geschlossen werden [16].
Diese werden insbesondere bei primärer ständigen Überbauung des Bandschei- Neben einem weichen Vorfall als Ursa-
spinaler Enge (absolute Enge <=10 mm benraums und damit zur Versteifung des che für radikuläre Schmerzen ist auch an
sagittaler Durchmesser; relative Enge 10– Segments führen. Diese 3. und letzte Pha- einen „harten“ Vorfall (hard disc) durch
12 mm sagittaler Durchmesser) klinisch se der degenerativen Veränderung eines eine knöcherne Enge im Bereich der Fo-
manifest [17]. Allerdings ist zu berück- Bewegungssegments (spontane Fusion) ramina intervertebralia zu denken.
sichtigen, dass die Weichteildichtstruk- führt im Allgemeinen zur Schmerzfrei- Stenosen des Spinalkanals verursachen
turen des Spinalkanals röntgenologisch heit. ein buntes Bild neurologischer Ausfäl-
bzw. computertomographisch nicht im- le, insbesondere wenn das Myelon selbst
mer sicher beurteilt werden kann. Auch Degenerative Veränderungen komprimiert wird. Häufig werden Pati-
ist die Beurteilung des sagittalen Durch- des Bewegungssegments im enten längere Zeit behandelt, ohne dass
messers allein nicht ausreichend. 3D-Ana- Bereich der Wirbelgelenke neurologische Ausfallssymptome über-
lysen sowie weitere Studien hinsichtlich haupt in Erwägung gezogen werden. Die
anatomisch morphologischer Substrate Da die Mechanik der Wirbelgelenke auf akut aufgetretene Konus-Kauda-Sympto-
und klinischer Symptomatik sind hier eine achsengerechte Stellung des Bewe- matik ist eine Notfallindikation und er-
weiter dringend erforderlich. gungssegments ausgelegt ist, kommt es fordert eine notfallmäßige magnetreso-
Der langfristige Verlauf der Band- bei Bandscheibenhöhenminderung (de- nanz- bzw. computertomographische Ab-
scheibendegeneration mit Höhenminde- generative Veränderungen, Bandschei- klärung ggf. mit Myelo-CT.
rung des Bandscheibenfachs ist im All- benvorfall) oder nach Nukleotomie zu ei-
gemeinen auf Übersichtsaufnahmen zu ner asymmetrischen Belastung der Ge-
erkennen. Um den veränderten biome- lenkflächen mit resultierender Arthro-
chanischen Beanspruchungen gerecht zu se im oberen Anteil der unteren Facette
werden, reagieren Boden- und Deckplatte und im unteren Anteil der oberen Facet-
des Motorsegments mit knöchernen An- te. Röntgenologisch stellt sich dies als Ver-
baureaktionen. Diese können ebenfalls

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Abb. 4a–g 9 Die axiale (a)
und sagittale (b) Reformati-
on einer Spiral-CT-Untersu-
chung bei diesem Patienten
mit zunehmender Myelo-
pathie zeigt verdickte, line-
are Trabekulierungen im Be-
reich des betroffenen 9. und
10. Brustwirbelkörpers so-
wie eine Arrosion der Wir-
belkörperhinterkante von
BWK9. In sagittaler T2-ge-
wichteter Spinecho- (c) so-
wie in TIRM-Technik (d)
zeigt sich eine Signalanhe-
bung der betroffenen Wir-
belkörper. In sagittaler T1-
Wichtung vor (e) und nach
(f) Kontrastmittelgabe zeigt
sich (wie schon in c und
d sichtbar) die intraspina-
le Ausdehnung der weitge-
hend homogen KM-affinen
Raumforderung. In axialer
T1-gewichteter Schnittfüh-
rung nach KM-Gabe (g) er-
kennt man die Kompression
des Myelons duch die spi-
nale Ausdehnung des Hä-
mangioms

Weitere Differenzialdiagnosen Spondylolisthesis Morbus Baastrup (Osteoarthritis


als seltenere Ursachen für Höchstens 10% der Patienten mit posi- interspinalis bzw. „kissing spine“)
den Rückenschmerz tivem Röntgenbefund haben entspre- Hier handelt es sich um eine Affektion der
chende Beschwerden. Der Wirbelkörper einander zugewendeten Flächen benach-
Morbus Bechterew gleitet mitsamt seinen kranialen Gelenk- barter lumbaler Dornfortsätze. Dieses
(Spondylarthritis ancylopoetica) fortsätzen nach ventral. Der Wirbelbogen Phänomen kann die Manifestation an-
Die autosomal dominant vererbte Krank- mit den kaudalen Gelenkfortsätzen zeigt derer degenerativer Veränderungen der
heit mit unvollständiger Penetranz be- keine Verlagerung. In 80% der Fälle ist der lumbalen Wirbelsäule (Baastrup-Phäno-
trifft v. a. junge Männer. Häufig sind ein 5., seltener der 4. und 3. Lumbalwirbel be- men) sein.
initialer Ileosakralgelenkbefall sowie ent- troffen. Nach Meyerding werden 3 Grade
zündliche Veränderungen der Wirbelge- entsprechend des sagittalen Wirbelkör- ISG-Syndrom
lenke und der Kostovertebralgelenke zu perdurchmessers unterschieden. Tritt ei- Eine Schmerzhaftigkeit des sakroiliaka-
finden. Zu Beginn treten auch einseitige ne Verschiebung um eine ganze Wirbel- len Bandapparats, wobei die Schmerzen
zunehmende Lumbalgien (v. a. nachts; körperbreite auf, spricht man von Spon- lokal als auch in die Kreuzgegend und die
DD Spondylodiszitis, die beim Morbus dyloptose. Von der Spondylolisthesis sind Rückseite der Beine ausstrahlen können.
Bechterew gehäuft zu finden ist) nicht wenige Prozente der Bevölkerung be- Das Beschwerdebild kann durch heftige
selten mit ischialgiformen Ausstrah- troffen. Beide Geschlechter werden etwa Torsionsbewegungen in Gang gebracht
lungen auf [5]. Selten sind ferner Thorax- gleich häufig betroffen, wobei aber sub- werden. Schmerzauslösung kann unter
schmerzen sowie Schmerzen proxima- jektive Beschwerden beim Mann doppelt Lastenhebung und Aufrichtung aus ge-
ler Gelenke vorzufinden. Eine Iritis, be- so oft wie bei der Frau vorkommen. Dies bückter Haltung provoziert werden. Hin-
schleunigte BSG, der Röntgenbefund an spricht dafür, dass körperliche Beanspru- weisend ist der Untersuchungsbefund
den Iliosakralgelenken und später an der chung bei der Symptomatik einer Spondy- (lokaler Druckschmerz, Menell-Zeichen,
Wirbelsäule, sichern die Diagnose. lolisthesis eine Rolle spielt.

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Rückenschmerz: Diagnostik und Intervention

Besserung unter Trochantergurtthera- Osteoporose gende Abklärung ist entsprechend impe-


pie). Die osteoporotische Wirbelkörperfraktur rativ [4].
ist die häufigste Fraktur des Menschen. Sie Radiologische Interventionsverfah-
Kokzygodynie kann im Rahmen eines Bagatelltraumas ren wie die minimalinvasive Vertebropla-
Quälende, ziehende und brennende oder spontan auftreten. Vor allem post- stie haben zu deutlichen Fortschritten auf
Schmerzen, die in der Gegend der Steiß- menopausale Frauen sind betroffen. Das dem Gebiet der Therapie der symptoma-
beinspitze auftreten. Ursächlich sind Stau- lebenslange Risiko bei Frauen <50 be- tischen Wirbelkörperkompressionsfrak-
chungstraumen (Sturz und Folgezustände trägt 26% mit einer Gesamtinzidenz von turen, malignen Hämangiomen und Wir-
nach operativen Eingriffen). Arachnoidal- ca. 117/100.000/Jahr in der EU, Prävalenz belkörpermetastasen geführt.
zysten sowie zunehmend auch chronische steigend [3]. Auch wenn die meisten Wir-
Mikrotraumen (Sitzen auf harter Unterla- belkörperkompressionsfrakturen nicht Weitere Differenzialdiagnosen
ge; „Television bottom“) werden als aus- symptomatisch sind, muss bei entspre- Granulomatöse Erkrankungen wie der
lösende Faktoren diskutiert. Bei der rek- chender Anamnese an weitere, mögli- Morbus Hodgkin als maligne Variante
talen Untersuchung verursacht die Bewe- cherweise symptomatische Wirbelfrak- und der Morbus Boeck können bildmor-
gung des Os coccygis Schmerzen. Neuro- turen gedacht werden (. Abb. 3). Nach phologisch eine Metastase imitieren. Da
logische Ausfälle sind dabei nicht vorhan- Auftreten einer Wirbelkörperkompressi- auch die klinische Symptomatik hier nicht
den. Differenzialdiagnostisch sind ent- onsfraktur ist das Risiko für weitere Frak- wegweisend ist, kann auf eine Biopsie oft
zündliche und tumoröse Veränderungen turen um das 5fache erhöht. Röntgeno- nicht verzichtet werden.
der Genital- und Analregion zu berück- logisch kann schlecht zwischen frischen Das Bauchaortenaneurysma (Aneurys-
sichtigen. und alten Frakturen unterschieden wer- ma verum, Aneurysma dissecans) stellt ei-
den, sodass hier die MRT, insbesonde- ne weitere, ernste Erkrankung dar, die mit
Kompressionssyndrome re zur Beurteilung der Stabilität, vorteil- Rückenschmerzen klinisch manifest wer-
spinaler Nervenäste haft ist. den kann. Die MR- bzw. CT-Angiographie
Schmerzen in der tiefen Lumbalregi- ermöglichen die Diagnosesicherung.
on können durch eine Reizung der Rami Tumoren Akute hämolytische Reaktionen ent-
dorsales der Spinalnerven erklärt werden. Natürlich muss bei persistierenden und stehen durch präformierte Antikörper
Anatomisches Korrelat ist die Region, in insbesondere progredienten Schmerzen (Isoagglutinine, atypische Antikörper).
der die Rami dorsales in direktem Kon- mit neurologischen Defiziten an eine ne- Die Patienten klagen über Fieber, Rücken-
takt mit den Kapseln der kleinen Wirbel- oplastische Ursache gedacht werden. schmerzen, Angina pectoris und Übelkeit.
gelenke verlaufen. Es findet sich dann ei- Das Spektrum der verschiedenen Kno- Der Blutdruck ist niedrig. An ein akutes
ne Druckdolenz des hinteren Gelenkfort- chentumoren ist sehr groß. Zu den häu- Nierenversagen ist zu denken.
satzes sowie im Bereich der Crista iliaca. figsten benignen Tumoren der Wirbel-
Die Rami dorsales der Spinalnerven säule gehört das Hämangiom. In der Re- Lokalisation und
durchdringen nach Innervation der pa- gel sind Wirbelkörperhämangiome asym- Schmerzcharakter
ravertebralen Rückenmuskeln deren seh- ptomatisch. So genannte aggressive oder
nigen Ansätze und die Rückenfaszie. Fehl- „maligne“ Hämangiome können zu fort- Die systematische Analyse der Rücken-
haltungen und biomechanische Überbe- schreitenden ossären Destruktionen und und Rumpfschmerzen geht am ehesten
anspruchungen der Nervenäste an den einer ausgeprägten Schmerzsymptomatik von ihrer Lokalisation und dann vom
erwähnten Durchtrittsstellen oder der führen (. Abb. 4). Schmerzcharakter aus.
Druck durch lumbale Fettgewebehernien Primäre Knochentumoren, wie z. B.
an der Durchtrittsstelle durch die Faszie das Osteoidosteom, aber auch die aneu- Schmerzen im Bereich des
können zu hartnäckigen lokalen Schmerz- rysmatische Knochenzyste sowie das Os- Nackens und der thorakalen
syndromen führen. teoblastom, sind differenzialdiagnostisch Brustwirbelsäule
zu erwägen.
Nothalgia parästhetica Sekundäre Knochentumoren, insbe- Schmerzen, die im Nackenbereich loka-
Die Nothalgia parästhetica ist durch ste- sondere maligne Metastasen, gehören zu lisiert sind und durch Kopfbewegungen
chende Schmerzen zwischen Wirbelsäu- den häufigsten Knochenläsionen des Er- ausgelöst werden können und evtl. von
le und Schulterblätter charakterisiert. wachsenen. Die Wirbelsäule ist hiervon einem Torticollis begleitet sind, sprechen
Es handelt sich um ein Kompressions- besonders häufig betroffen. Beim Kind für eine zervikale Spondylose oder Dis-
syndrom des sensiblen Endastes der Ra- muss zusätzlich an ein Ewing-Sarkom ge- kushernie. Einseitige im Schulterbereich
mi dorsales der Spinalnerven bei ihrem dacht werden. In beiden Altersgruppen auftretende Schmerzen finden sich häufig
Durchtritt durch die Rückenfaszie. Ur- muss auch immer eine entzündliche Ursa- beim Skapulokostalsyndrom, einem ten-
sächlich ist ein lokales Trauma. Häufig che differenzialdiagnostisch berücksichti- domyalgischen Überlastungsschmerz.
findet sich eine ca. Zweieurostück große gt werden (s. Beitrag „Spondylitis/Spon- Bei der „snapping scapula“ tritt zu-
Sensibilitätsstörung auf der Haut. dylodiszitis“ in diesem Heft). Eine drin- gleich mit einem gut hörbaren und tast-
baren Geräusch bei bestimmten Bewe-

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Rückenschmerz: Diagnostik und Intervention

gungen des Schulterblatts ein kurz dau- Schmerzen im Lumbal-, sich auch Parästhesien oder Sensibilitäts-
ernder Schmerz in Erscheinung. Ur- Sakral- und Glutealbereich störungen der Fußsohle. Oft wird der Pa-
sächlich hierfür sind Veränderungen des tient zum Anhalten gezwungen, erst das
subskapulären Raums. Die in der Re- Infolge eines Verhebetraumas oder einer Absitzen oder Bücken, evtl. auch Nieder-
gel dumpfem Schmerzen zwischen den „dummen Bewegung“ können plötzlich kauern, jedenfalls eine Stellungsänderung
Schulterblättern werden durch langes einschießende Schmerzen auftreten, die der Wirbelsäule bewirkt eine Rückbil-
Stehen oder langes Sitzen bzw. Heben auch zu einer Bewegungseinschränkung dung der Schmerzsymptomatik. Ursäch-
schwerer Lasten verstärkt. Bei älteren Pa- der Lendenwirbelsäule führen (Lumbago, lich ist oft ein meist kongenital enger lum-
tienten und erstmaligem Auftreten der- Hexenschuss). Beim Husten und Pressen baler Spinalkanal, zusätzlich wegen zu-
artiger Beschwerden muss auch an ei- verstärken sich diese Schmerzen. Manche nehmender Osteochondrose und Spon-
ne Raumforderung und eine Osteoporo- (mutmaßliche) „akute Lumboischialgie“ dylose auftretenden degenerativen Ein-
se mit Deckplatteneinbrüchen gedacht ist muskulären Ursprungs. Echte radi- engungen in späteren Jahren. Diese Ver-
werden. Da es röntgenologisch schwierig kuläre Ausstrahlungen fehlen, allerdings änderungen sind im seitlichen Röntgen-
ist, frische Frakturen von alten zu unter- sind pseudoradikuläre Schmerzen häu- bild evident und durch ein Myelogramm
scheiden, kann die MRT (T2-gewichtete fig vorhanden. Eine Suche nach Trigger- oder CT nachweisbar.
und STIR-Sequenzen) zur Diagnose füh- punkten und deren Schmerzausschaltung
ren (. Abb. 1). durch lokale Anästhesie können differen- Zentrale Schmerzsyndrome
Schmerzen zwischen den Schulterblät- zialdiagnostisch wegweisend sein.
tern von dumpfem Charakter, verstärkt Nächtliche Schmerzen finden sich oft Selten können Schmerzen mehr oder we-
durch langes Stehen oder Sitzen bzw. He- bei Spondylarthritis ankylopoetica (Mor- niger vollständig eine Ganzkörperhälfte
ben schwerer Lasten, sind Ausdruck einer bus Bechterew) und Osteoidosteom (deut- betreffen. Daran ist unter Einbezug des
verstärkten Kyphose, Skoliose oder ande- liche Besserung unter Salicylattherapie). Gesichts an eine Läsion des Thalamus
rer Deformitäten der Brustwirbelsäule, Bewegungs- und belastungsabhängige zu denken, so z. B. bei Hirntumoren, be-
z. B. eines Morbus Scheuermann. Bei äl- Schmerzen im seitlichen Sakralbereich sonders bei Meningeomen. Bei Ausspa-
teren Patienten und erstmaligem plötz- finden sich beim sog. ISG-Syndrom. Di- rung des Gesichts und Störungen, die
lichem Auftreten derartiger Beschwerden ese Schmerzhaftigkeit des ISG kann in auf einer Körperhälfte beschränkt sind,
ist auch an eine osteoporotische Wirbel- die Kreuzgegend, aber auch distalwärts in sollte man an eine Läsion der spinothala-
körperfraktur bzw. pathologische Frak- das Bein ausstrahlen. Der Schmerz kann mischen Bahnen im Rückenmark, so z. B.
turen zu denken. durch lokalen Druck und Dehnung des bei Syringomyelie, aber auch an die Spät-
Bei mehr oder weniger permanent vor- ISG ausgelöst werden. folge eines Wallenberg-Syndroms den-
handenen Schmerzen kommen lokale os- Reizungen der Rr. dorsales der Spinal- ken. Gürtelförmig von hinten nach vor-
säre, tumoröse oder entzündliche Pro- nerven können durch den direkten Kon- ne ausstrahlende Rumpfschmerzen, evtl.
zesse in Frage. Erkrankungen der inneren takt mit den Kapseln der kleinen Wirbel- auch nur auf eine Körperseite ausstrah-
Organe können entsprechend der Head- gelenke dumpfe Pseudoischialgien erzeu- lend, sind auf einen intraspinalen raum-
zonen zu Schmerzprojektionen führen, gen. Sie sind dann mit einer Druckdo- fordernden Prozess oder auf einen begin-
z. B. der Gallenblase in die rechte Schul- lenz v. a. an der Crista iliaca verbunden nenden Zoster verdächtig. Lokalisierte
terblattregion. und sprechen auf lokale Anästhesierung hartnäckige Schmerzen irgendeines Kör-
Beim Kompressionssyndrom des gut an. perteils können selten als Frühsymptom
N. suprascapularis finden sich dump- Wenn der Schmerzbeginn im Lumbo- einer multiplen Sklerose auftreten oder
fe Schmerzen, die ohne Sensibilitätsstö- sakralbereich nicht akut, sondern allmäh- auch als prämonitorischer Schmerz vor
rungen mit einer Atrophie und Schwäche lich ist und einem Crescendo von Rücken- dem Ausbruch eines Herpes zoster.
der Mm. supra- und infraspinatus einher- schmerzen sich langsam zunehmende ra-
gehen. dikuläre Ausfällen aufpfropfen, sollte man Therapie
Gürtelförmige ein- oder beidseitige, v. a. an eine Raumforderung, z. B. eine
thorakale oder abdominale Schmerzen, Knochenmetastase oder an einen intra- Die Therapie des Rückenschmerzes ist
die von hinten nach vorne ausstrahlen, spinalen Prozess, denken. sehr komplex und hängt von der Ätiolo-
weisen auf einen Prozess mit beidseitiger Sollte bei bestehenden chronischen gie, und dem Ansprechen der therapeu-
radikulärer Reizung hin, z. B. bei einem Lumboischialgien die ausstrahlenden tischen Maßnahmen ab.
intraspinalen Tumor. Schmerzen ausschließlich beim Gehen Eine symptomatische Therapie hat
Plötzlich auftretende, stechende (neu- auftreten, muss an eine Claudicatio in- primär das Ziel, Schmerzfreiheit oder zu-
ralgiforme) Schmerzen treten bei einer termittens der Cauda equina gedacht mindest Schmerzreduktion zu erreichen.
Zosteraffektion auf. werden. Die Schmerzen werden beson- Sekundäres Ziel ist es, darüber hinaus die
ders beim Bergabgehen ausgelöst und Funktion der Wirbelsäule wiederherzu-
sind in der Regel beidseitig und strahlen stellen.
vom Kreuz dorsal an den Beinen hinun- Bei der Therapie unterscheidet man
ter bis zu den Füßen. Gelegentlich finden nichtinvasive (analgetisch-antiphlogi-

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stische Stufenschemata) von invasiven len bei der Diagnose Rückenschmerz 13. Saal JS, Franson RC, Dobrow R et al. (1990) High le-
vels of inflammatory phospholipase A2 activity in
Therapieformen (Facetteninfiltration, zweifellos eine entscheidende Rolle. Da lumbar disc herniations. Spine 15(7): 674–678
PRT, Quaddeln) einschließlich operativer dieses Volksleiden ein echtes medizi- 14. Scavone JG, Latshaw RF, Rohrer GV (1981) Use of
Prozeduren (Resektion, Dekompression, nisches und sozioökonomisches Problem lumbar spine films. Statistical evaluation at a uni-
versity teaching hospital. JAMA 246: 1105–1108
Fixation, Remodeling, Relief). darstellt und auch Ausdruck einer „ernst- 15. Scavone JG, Latshaw RF, Weidner WA (1981) Ante-
Das therapeutische Vorgehen ist von haften“ Erkrankung sein kann, ist die roposterior and lateral radiographs: an adequate
den subjektiven Beschwerden sowie der Grundkenntnis der häufigsten Ursachen lumbar spine examination. Am J Roentgenol 136:
715–717
neurologischen Symptomatik und nicht erforderlich. 16. Schwarzer AC (1994) Pain from the lumbar zyga-
dem Ausmaß der radiologischen Befunde pophysial joints: a test of two models. J Spinal Dis-
anzupassen. Korrespondierender Autor orders 7: 331–336
17. Verbiest H (1989) Stenosis of the bony lumbar ver-
Prof. Dr. W. Reith tebral canal. In: Wackenheim A, Babin E (eds) The
Weitere Maßnahmen Klinik für diagnostische narrow lumbar canal. Springer, Berlin Heidelberg
und interventionelle Neuroradiologie, New York
Universitätsklinikum des Saarlandes, 18. Wood GW (1994) Lower back pain and disorders of
F Ärztliches Gespräch: Aufklärung, bei 66421 Homburg/Saar intervertebral disk. In: Grenshaw AH (ed) Campells
psychogenen oder chronifizierten nrreith@uniklinik-saarland.de operative orthopedics. Mobsy Year Book, St. Louis
Schmerzen ggf. psychotherapeutische 19. Yu S, Haughton VM, Sether LA et al. (1989) Criteria
for classifying normal and degenerated lumbar in-
Führung. Interessenkonflikt. Es besteht kein Interessenkon- tervertebral disks. Radiology 170: 523–526
flikt. Der korrespondierende Autor versichert, dass kei-
F Körperliche Aktivität: Bei unkom-
ne Verbindungen mit einer Firma, deren Produkt in
plizierten Rückenschmerzen ist die dem Artikel genannt ist, oder einer Firma, die ein Kon-
möglichst weitgehende Beibehaltung kurrenzprodukt vertreibt, bestehen. Die Präsentation
des Themas ist unabhängig und die Darstellung der In-
oder baldige schrittweise Wiederauf-
halte produktneutral.
nahme der täglichen Aktivitäten an-
zustreben, da dies eine schnellere
symptomatische Besserung fördert Literatur
und zur Vermeidung einer Chroni-
fizierung der Rückenschmerzen bei- 1. Aguilia LA, Piranio DW, Modic MT et al. (1985) The
intranuclear cleft of the intervertebral disk: ma-
trägt. Bettruhe ist für maximal 2 Ta- gnetic resonance imaging. Radiology 155: 155–
ge indiziert, sofern keine radikulären 158
Schmerzen vorliegen. 2. Boden SD, Wiesel S, Laws E, Rothmann R (1991)
The aging spine. Essentials of pathophysiology, di-
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Besondere Patientengruppen 3. Cooper C, Atkinson EJ, Kotowicz M et al. (1992) Se-
und Behandlungsformen cular trends in the incidence of postmenopausal
vertebral fractures. Calcif Tissue Int 51(2): 100–104
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generative Wirbelsäulen-erkrankung. In: Dihlmann
bedeutet Übergang vom akuten zum A, Stender T (Hrsg) Radiologische Praxis – Wirbel-
chronischen Rückenschmerz, wenn das säule, Rückenmark, 7. Aufl. Thieme, Stuttgart New
Schmerzgeschehen mehr als 3 Monate an- York, S 154–178
6. Lanting PJ, Kruijsen JJ, Rasker RL, Prevo MW (1994)
hält, seine Alarmfunktion verloren hat und Spondylodiscitis in Bechterew disease; inflamma-
zunehmend psychologische Begleiterschei- tion or trauma. Ned Tijdschr Geneeskd 138(40):
nungen mit veränderter Schmerzwahr- 1997–2001
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Fazit für die Praxis Churchill-Livingstone, New York, pp 843–937
9. Olczyk H (1994) Age-related changes in prote-
Rückenschmerzen gehören zu den häu- oglycans of human intervertebral disk. Z Rheuma-
tol 53: 19–25
figsten Beschwerdebildern in der ärzt- 10. Olczyk H (1994) Age-related changes of elastin
lichen Praxis. Sie sind häufig nicht leicht content in humanintervertebrl disk. Folia Histo-
zu deuten. Neben den häufigen, in ihrer chem Cytobiol 32: 41–44
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Pathogenese klar definierten Schmerz- gous nucleus pulposus induces neurophysiologic
syndromen, sind auch nichtspezifische and histologic changes in porcine cauda equina
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12. Pneumaticus SG, Reitman CA, Lindsey RW (2006)
ferenzialdiagnostisch zu berücksichti- Diskography in the evaluation of low back pain. J
gen. Nichtorganische Ursachen sowie ge- Am Acad Orthop 14: 46–55
sellschaftliche und soziale Aspekte spie-

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