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DIE NEUE ECHTER BIBEL Altes Testament
hrsg. von Josef G. Plöger und Josef Schreiner

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Buch Autor Lieferung

Genesis Josef Scharbert, München 5: Kap. 1-11


16: Kap. 12-50
Exodus Josef Scharben, München 24
Levitikus Walter Kornfeld, Wien 6
Numeri Josef Scharbert, München 27
Deuteronomium Georg Braulik, Wien 15: Kap. 1-16,17
28: Kap. 16,18-34,12
Josua Manfred Görg, München 26
Richter Manfred Görg, München
Rut Josef Scharbert, München
Samuel 1 Georg Hentschel, Erfurt
Samuel 2 Georg Hentschel, Erfurt
Könige 1 Georg Hentschel, Erfurt 10
Könige 2 Georg Hentschel, Erfurt 11
Chronik 1 • .• Joachim Becker, Simpelveld 18
Chronik 2 Joachim Becker, Simpelveld 20
Esra Joachim Becker, Simpelveld 25
Nehemia Joachim Becker, Simpelveld 25 •;
Tobit Heinrich Groß, Regensburg 19
Judit Heinrich Groß, Regensburg 19
Ester Werner Dommershausen, Trier 2
Makkabäer 1 u. 2 Werner Dommershausen, Trier 12
Ijob Heinrich Groß, Regensburg 13
Psalmen Erich Zenger, Münster
Frank Lothar Hossfeld, Bonn 29: Ps 1-50
Sprichwörter Hans F. Fuhs, Paderborn
Kohelet Norbert Lohfink, Frankfurt 1
Hoheslied Günter Krinetzki, Passau 2
Weisheit Armin Schmitt, Regensburg 23
Jesus Sirach Friedrich Vinzenz Reiterer, Salzburg
Jesaja Rudolf Kilian, Augsburg 17: Kap. 1-12 '
Jeremia Josef Schreiner, Würzburg 3: Kap. 1-25, 14 ■

9: Kap. 25, 15-52, 34


Klagelieder Heinrich Groß, Regensburg 14
Baruch Josef Schreiner, Würzburg 14
Ezechiel Hans F. Fuhs, Paderborn 7: Kap. 1-24
22: Kap. 25-48 :
Daniel Ernst Haag, Trier 30
Zwölfpropheten Alfons Deissler, Freiburg 4: Hosea - Joel - Amos
8: Obadja - Jona - Micha -
Nahum - Habakuk
21: Zefanja - Haggai -
Sacharja - Maleachi
Frank-Lothar Hossfeld / Erich Zenger
Die Psalmen I
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■ Frank-Lothar Hossfeld / Erich Zenger


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Die Psalmen I
Psalm 1-50

Echter Verlag
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Hinweis

Wir legen hiermit in erster Lieferung einen umfangreichen Psalmenkommen-


tar vor (zu Psalm 1-50). Dazu haben uns zwei Gründe bewogen: 1. Jeder
Psalm ist ein eigenständiger Text, der wie ein biblisches Buch, das sich unter
inen bestimmten Verfassernamen stellt oder eine fortlaufende Darstellung
bietet, einer eigenen Einleitung bzw. Hinführung bedarf. 2. Die redaktionskri­
tische und redaktionsgeschichtliche Interpretation, die in der hier gebotenen
Weise zum ersten Mal in einem Psalmenkommentar gegeben wird, muß hin­
reichend begründet werden, indem die Bezüge und Verbindungen in Wort
und Inhalt der Psalmen herausgearbeitet werden.
Herausgeber und Verlag

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Die Neue Echter Bibel - Würzburg : Echter.


Teilw. unter Mitarbeit von Georg Braulik ...
Kommentar zum Alten Testament mit der Einheitsübersetzung /
hrsg. von Josef G. Plöger und Josef Schreiner.
NE: Plöger, Josef G. [Hrsg.]; Braulik, Georg; Abt.
Lfg. 29. Hossfeld, Frank-Lothar / Zenger, Erich: Die Psalmen I. - 1993

Hossfeld Frank-Lothar / Zenger, Erich:


Die Psalmen I, Psalm 1-50. - Würzburg : Echter Verlag, 1993
(Die Neue Echter Bibel: Kommentar zum Alten Testament mit der Einheitsübersetzung ;
Lfg. 29)
ISBN 3-429-01503-0

Fotomechanische Wiedergabe verboten!

© 1993 Echter Verlag Würzburg


Gesamtherstellung: Echter Würzburg,
Fränkische Gesellschaftsdruckerei und Verlag GmbH
ISBN 3-429-01503-0
© Einheitsübersetzung
Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart 1980

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5
EINLEITUNG
i
Ps 1-50 im Kontext des Psalmenbuchs

Das biblische Buch der Psalmen ist eine Zusammenstellung von 150
poetischen Texten unterschiedlicher Herkunft und Zeit, die einerseits
als Einzeltexte und andererseits als Teiltexte größerer »Psalmengrup­
pen« bzw. des ganzen Psalmenbuchs gelesen und verstanden sein wol­
len.
: Die in der christlichen Tradition üblich gewordene Bezeichnung »(Buch
der) Psalmen« geht auf die schon in der Septuaginta belegte Überset­
zung der am häufigsten (57mal) als Psalmüberschrift begegnenden Be­
zeichnung mizmör = kantilierender Sprechgesang mit Saitenspielbe­
gleitung (xj/aXfiog von ij/aAAeiv = die Saiten spielen) zurück; diese
auch im NT verwendete Bezeichnung (vgl. Lk 2042 2444 Apg l20) steht
in der aus dem 4. Jh. n. Chr. stammenden Handschrift B (Codex Vati-
canus) ausdrücklich als Buchtitel über den 150 Psalmen. Allerdings ist
zweifelhaft, ob dies als Aussage über die in biblischer Zeit praktizierte
Vortragsweise dieser Texte ausgewertet werden darf; sie ist vermutlich
im Zusammenhang mit der »Davidisierung« der Psalmen (s. u.) ent­
standen {mizmör steht 35mal in Verbindung mit »von/für David«) und
knüpft an die biblische Tradition von David als »Leierspieler« (s. u.)
an. Die Bezeichnung »Psalter« geht auf das in der Septuaginta für das
Saiteninstrument nebcel — Standleier (meist, auch in der EÜ, wohl zu­
treffend mit »Harfe« wiedergegeben) gewählte \|/aX/rr|ptov zurück;
das Wort findet sich als Buchüberschrift in der aus dem 5. Jh. n.Chr.
stammenden Handschrift A (Codex Alexandrinus).
Die im Judentum übliche Bezeichnung (sefcer) tehiHirn = (Buch der)
Lobpreisungen (M. Buber: »Preisungen«) ist bereits auf einem Qum-
ranfragment der Höhle 4 (1. Jh. v. Chr.) bezeugt. Auch in dem Prosa­
text auf der aus dem 1. Jh. n. Chr. stammenden Psalmenrolle 11 QPsa,
der zwischen die auf ihr versammelten biblischen und nichtbiblischen
Psalmen eingeschoben ist, wird David als Verfasser von 3600 Thilllm
sowie 450 »Liedern« {sir = chorisches Lied) genannt. Dies ist ein wei­
teres Indiz für das hohe Alter der Tradition des Buchtitels t'hillim. Wie
die redaktionelle Notiz in Ps 7219 »Ende der Gebete (= teßllöt) Da­
vids, des Sohnes Isais«, die um 300 v. Chr. anzusetzen sein dürfte, na­
helegt, ist »Lobpreisungen« eine Gesamtbezeichnung, die gegenüber
der (älteren) Bezeichnung (Bitt-)Gebete (tefillöt) einen neuen theologi­
schen Akzent setzen will, der das Ziel der Bewegung unterstreicht, auf
das das Psalmenbuch in seinem letzten Drittel und insbesondere in sei­
nen letzten fünf Psalmen (146-150) und darin noch einmal in seinem
letzten Satz (1506) hindrängt: Das Psalmenbuch als Ganzes ist der viel­
stimmige Lobpreis JHWHs, der mitten aus den zahlenmäßig überwie­
genden Klage- und Bittgebeten erwachsen soll und kann. Die Bezeich-
6 DIE PSALMEN
nun g t'hillim dürfte auch in der bei Philo und Flavius Josephus begeg­
nenden Bezeichnung i)p,vot vorausgesetzt sein. Auch Hieronymus sagt
ausdrücklich, daß der hebräische Titel des Psalmenbuchs »sephar tal-
lim« ist.
Aus der Bezeichnung »Buch der Preisungen« bzw. »Buch der Hym-
nen« darf freilich nicht geschlossen werden, das Psalmenbuch sei als
»Gesangbuch des Zweiten Tempels« entstanden oder im Judentum der
Zeit Jesu verwendet worden. Zwar sind einzelne Psalmen, die aus-
drücklich für die Tempelliturgie geschaffen worden waren, im kanoni­
schen Psalmenbuch enthalten. Und daß bzw. wie im frühjüdischen
Tempelkult Psalmen Verwendung fanden, läßt sich plastisch in 1 Chr
16 und Sir 50,5~21 nachlesen. Die eigentlichen Psalmtexte wurden dem­
nach während des täglichen Tamidopfers und an besonderen Festta­
gen von einem musizierenden und singenden Levitenchor vorgetragen,
dem (zwei) Priester von einem Podium am Rande des Priesterhofs aus
(wo der Opferaltar stand) mit Trompetensignalen den Einsatz, die
Pausen und das Ende ihres Psalmenvortrags anzeigten. Dieser Levi­
tenchor stand auf den Stufen vom Vorhof der Frauen zum Vorhof der
Männer. Die teilnehmende Gemeinde konnte den Chor hier gut sehen
und hören; die »Gemeinde« sang in der Regel nur den Refrain oder ei­
nen Kurzvers (z.B. »denn seine Huld/Güte währet ewig«, vgl. Ps
135). Die Anzahl der dabei verwendeten Psalmen war freilich klein,
und sie orientierte sich nicht an der Abfolge des kanonischen Psalmen­
buchs (die »Wochenpsalmen« waren, beginnend mit dem Sonntag als
erstem Tag der Woche, die Psalmen 24 48 82 94 81 93 92). Daß be­
stimmte Psalmen bei Liturgien, an denen die Gemeinde stärker und
unmittelbarer als beim Opferritual beteiligt war, von allen gesungen
wurden (z. B. die »Festpsalmen« 50 81 95 bei einem »Bundesfest« oder
die »Hallelpsalmen« Ps 113-118 am Pesachabend), ist ebenfalls sicher.
Kein Zweifel dürfte auch über den chorischen Vortrag von »Volkskla­
gepsalmen« bei den großen Klage- und Bußliturgien am Tempel (vgl.
das Buch der Klagelieder) bestehen. Aber all dies sind keine hinrei­
chenden Belege dafür, daß das Psalmenbuch für die Teilnahme am
Tempelkult entstanden ist. Für diesen gab es möglicherweise eigene
kleine »Psalmenrollen«, die nach liturgischen Gesichtspunkten ausge­
wählt und angeordnet waren. Einige der in Qumran (in Fragmenten)
gefundenen Psalmenrollen mit unterschiedlicher Psalmenabfolge
könnten diese Hypothese bestätigen; zumindest wird von mehreren
Qumranspezialisten die liturgische Abzweckung mehrerer qumrani-
scher Psalmen-Kollektionen vertreten.
Das Psalmenbuch ist auch nicht als »Gesang- und Gebetbuch der synago-
galen Liturgie* entstanden. Leider wissen wir bislang kaum Genaueres
über Entstehung und Organisation der Synagogen-Gemeinden und
über deren Verhältnis zu den »Ortsgemeinden«. Daß hier die Verhält­
nisse in Israel und in der Diaspora unterschiedlich waren, ist anzuneh­
men. Aber selbst in Israel dürfte es unterschiedliche »Synagogenkon-
DIE PSALMEN 7
zepte« gegeben haben, in denen die verschiedenen Gruppierungen und
Bewegungen ihre spezifisch akzentuierte jüdische Identität lebten.
Deshalb verwundert es nicht, daß es archäologische Hinweise darauf
gibt, daß sogar in kleineren Städten mehrere Synagogenbauten waren.
Auch wenn die Grundstruktur der Liturgie in den einzelnen Synago­
gen festgeschrieben gewesen sein dürfte (Schriftlesung, rahmende Be-
nediktionen/Doxologien, »Höre Israel«), so gibt es doch keinen Hin­
weis darauf, daß das Psalmenbuch zu den gemeinsamen strukturellen
Elementen gehörte. Vor allem ist die früher wiederholt vorgetragene
Hypothese, die 150 biblischen Psalmen seien für die synagogale Sab­
batmorgenliturgie als »Antwortpsalmen« auf die (rund) 150 Lesungen
aus der Tora (nach der dreijährigen palästinischen Leseordnung) aus­
gewählt und angeordnet worden, weder in literarischer noch in histori­
scher Hinsicht begründet.
Daß die synagogale Liturgie völlig »psalmenlos« war, ist allerdings we­
nig wahrscheinlich. Vor allem aber dürften Psalmengesang, Psalmen­
rezitation und Psalmenauslegung in »privaten« gottesdienstlichen Ver­
sammlungen eine wichtige Rolle gespielt haben. Hinweise darauf sind
nicht nur einige Qumran-Psalmenrollen und die Nachrichten Philos
über die Nachtfeier der in Ägypten lebenden Gruppierungen der The­
rapeuten, auch im NT finden sich Indizien dafür, daß in den ältesten
christlichen (Haus-)Gottesdiensten biblische Psalmen verwendet wur­
den (vgl. z.B. Apg 424-30). Freilich haben die »häretischen« Gruppen
sowohl im Judentum wie dann auch im Christentum für ihre gottes­
dienstlichen Versammlungen »neue«, weitere »Psalmen« und »Hym­
nen« geschaffen, die sowohl von der pharisäisch-rabbinischen »Ortho­
doxie« wie von den christlichen Kirchenordnungen her bekämpft und
verdrängt wurden. Im Christentum führte dies dazu, daß schließlich
nur noch die kanonischen Psalmen in der offiziellen Liturgie gesungen
werden durften (vgl. Kanon 59 der Synode von Laodikea 364 n. Chr.).
Schon zu Beginn des 3. Jh.s empfiehlt die syrische Didaskalie: »Und
wenn du Hymnen begehrst, so hast du die Psalmen.« Im nachbibli­
schen Judentum fanden die biblischen Psalmen erst (wieder) ab dem
6./7. Jh. n. Chr. Aufnahme in die offizielle Liturgie, aber auch nun we­
der in der Reihenfolge des Psalmenbuchs noch gar das Psalmenbuch
als Ganzes.
Daß das Psalmenbuch dennoch nicht ein amorpher Haufe von zusam­
mengesetzten Einzelelementen (diese Sichtweise wirft W. Zimmerli
der neueren Exegese vor!) oder eine mehr oder weniger zufällige An­
einanderreihung von beziehungslos nebeneinander gestellten Einzel­
liedern und -gebeten (eine Art »Psalmen-Archiv«) ist, wird in der jüng­
sten Psalmenforschung mehr und mehr gesehen und herausgearbeitet.
Diese Sicht hat Folgen für die Frage nach Entstehung und Verwen­
dung des Psalmenbuchs: Es ist in mehreren »Schüben« entstanden als
Gebets- und Meditationsbuch, das als fortlaufender Zusammenhang ge­
lesen einerseits mitten in Leid und Angst eine umfassende, Hoffnung
r

8 DIE PSALMEN
stiftende Deutung menschlicher Existenz »im Angesicht Gottes« geben
will und das andererseits als rezitiertes »Gotteslob« die stellvertretend
für Israel und die ganze Schöpfung (vgl. Ps 146-150) gegebene Ant­
wort auf JHWHs Wirken und Gegenwärtigsein in Israel und in der
ganzen Schöpfung ist. Gerade von dieser zweifachen Funktion her ist
verständlich, daß das Psalmenbuch die Psalmen nicht nach Gattungs­
gesichtspunkten hintereinanderstellt, sondern die Gattungen gezielt
»mischt«: Es ist ein Spiegel der unsystematischen, ja widersprüchlichen
Vielfalt des Lebens selbst, das in den sich immer neu und anders ein­
stellenden Konstellationen mit Lob, Klage, Dank, Bitte, Reflexion,
Zeugnis u.a. ausgehalten werden soll — in der betenden Zusammen­
schau des Psalmenbuchs.
Im Judentum zurZeit Jesuwar das biblische Psalmenbuch offensichtlich
der Grundtext der persönlichen, meditativen Frömmigkeit und messia-
nischen Hoffnungen (vgl. Ps 1 und 2 als zweiteiliges Proömium des
Psalters!). Es war das »Lebensbuch« vor allem jener Gruppen, die in
den Psalmen »die Armen«, »die Frommen« und »die Gerechten« ge­
nannt werden. In den Psalmen suchten und fanden sie Erbauung,
Trost, Hoffnung und Lebensweisung. Wieweit diese sog. kleinen
Leute die Psalmen selbst lesen konnten und gelesen haben, ob sie ihnen
von schriftgelehrten Weisen vermittelt und ausgelegt wurden, ob die
Psalmen zum elementaren »Lernstoff« der »Lehrhäuser« (vgl. Sir 5123)
und der Synagogen gehört haben, ob sie in den »Genossenschaften«
(babüröt) der pharisäischen Bewegung zentrale Meditationstexte wa­
ren - all dies kann man sich vorstellen, ohne es mit Sicherheit beweisen
zu können. Diese breite Vertrautheit mit dem Psalmenbuch erklärt,
wieso gerade der Psalter nach Ausweis der Zitate im NT das Lieblings­
buch des entstehenden Christentums war. Gut ein Drittel aller alttesta-
mentlichen Zitate im NT stammt aus dem Psalter. Mit keinem anderen
Teil ihres Ersten Testaments waren die Christen in gleicher Weise ver­
traut - die Adressaten der ntl Schriften ebenso wie ihre Verfasser.
Die Schlußredaktion des (kanonischen) Psalmenbuchs dürfte um 200
v.Chr. abgeschlossen gewesen sein. Dies ist freilich nicht unbestritten.
Vor allem wird die in mehreren Qumran-Psalmenrollen erkennbare
abweichende Reihenfolge von Psalmen aus dem letzten Drittel des
Psalters als Argument dafür genannt, daß dieser Teil damals noch »of­
fen« war. Doch dürften diese Abweichungen mit der liturgischen Ab-
zweckung (s.o.) dieser Psalmen-Kollektionen Zusammenhängen;
denkbar (wenn auch u.E. unwahrscheinlich) wäre auch, daß es in der
Tat mehrere voneinander abweichende »Psalmenbuchausgaben« (vgl.
die unterschiedlichen Fassungen des hebräischen und griechischen Je-
remiabuchs!) gab, von denen dann die jetzt überlieferte spätestens im
ausgehenden 1. Jh. n.Chr. »kanonisch« wurde. Für den Abschluß der
Redaktion des jetzigen Psalmenbuchs schon um 200/190 v. Chr. spre­
chen vor allem zwei Beobachtungen, die mit der »Rahmung« des (ka­
nonischen) Psalmenbuchs Zusammenhängen: Zum einen wird in Sir
DIE PSALMEN 9
1420-1510 (also um 180 v. Chr.) Ps 1 als programmatischer Prolog des
Psalters aufgenommen; ebenso ist die enge Zusammenbindung von Ps
1 und Ps 2 als zweiteiliges Proömium in 4 Q Flor vorausgesetzt (aus
paläographischen Gründen freilich erst 1. Jh. n.Chr.). Zum anderen
wird Ps 148M im hebräischen Text von Sir 5120a zitiert; mindestens ein
Kolon von 14814 ist aber redaktionell eingefügte Überleitung zu Ps
149, dem strukturellen Schlußpendant zu Ps 2. Hinzu kommt, daß aus
sprachlichen Gründen die Septuagintafassung des Psalmenbuchs in
der ersten Hälfte des 1. Jh. v. Chr. anzusetzen ist, die in Umfang (ihr
zusätzlicher Ps 151 wird von ihr ausdrücklich als »außerhalb der Zäh­
lung« stehender Psalm qualifiziert) und in der Reihenfolge (auch wenn
sie, abweichend von der hebräischen Tradition, Ps 9 10 und Ps 114 115
jeweils als Einheit auffaßt und Ps 116 147 jeweils in zwei Psalmen auf­
teilt: So bleibt der Umfang von 150 Psalmen!) unserem hebräischen
Psalmenbuch entspricht.
Daß es neben »Tora« und »Nebiim« bereits im 2. Jh. die Akzeptanz
eines (allerdings noch unabgegrenzt-offenen) dritten Teils des hebräi­
schen Kanons gab, dessen Kristallisationskern gerade das Psalmenbuch
war, ergibt sich aus dem (griechischen) Prolog des Sirach-Enkels im
Ausgang des 2. Jh.s v. Chr., ja schon aus dem hebräischen Sirachbuch
selbst. Auch wenn die damals zum dritten Kanonteil gerechneten
Schriften in Sir nicht namentlich genannt sind, ist aus dem Väterhym­
nus und auch aus anderen Stellen in Sir unzweifelhaft, daß die Psal­
men dazugehörten. Die »Psalmen« als autoritativen dritten Teil der
»Heiligen Schrift« des Judentums bestätigt um die Zeitenwende aus­
drücklich der bislang unveröffentlichte »Lehrbrief« aus 4 Q ebenso wie
Philo in »De vita contemplativa«. Die »kanonische« Dignität geht auch
daraus hervor, daß es in Qumran dazu Pescharim gibt. Sie folgt
schließlich auch aus den Zitat- und Anspielungsverweisen, mit denen
im NT wörtlich oder sinngemäß aus Psalmen zitiert wird (»es steht ge­
schrieben«; »wie geschrieben steht«; »damit die Schrift erfüllt werde«).
Als derartigen »Schriftbeweis« zitiert übrigens schon das 1. Makkabä­
erbuch um 100 v.Chr. Ps 792f (vgl. 1 Makk 716f). Überhaupt sind die
sog. deuterokanonischen Bücher des AT mit außergewöhnlich vielen
impliziten Psalmzitaten und -verweisen gestaltet, was noch einmal die
Beliebtheit und die Dignität der Psalmen unterstreicht.
Im Endtext des hebräischen Psalmenbuchs überlagern sich mehrere
Strukturen, die mit dem komplexen Wachstum des Psalmenbuchs zu-
* sammenhängen.
Am auffallendsten ist die Fünfteilung des Psalmenbuchs, die durch die
vier doxologischen Schlußformeln Ps 4114 7218'19 8 953 1 0648, die alle­
samt nicht Bestandteil des jeweils vorausgehenden Psalms sind, be­
wirktwird; die meisten neueren Bibelausgaben (auch EÜ) zeigen diese
Aufteilung durch entsprechende Zwischenüberschriften sogar aus­
drücklich an. Einerseits ist festzuhalten, daß diese Fünfteilung im ma-
soretischen Text nicht ausdrücklich vermerkt ist. Die Formeln stam-
r DIE PSALMEN
10
men auch kaum von einer einzigen Hand, sondern markieren unter­
schiedliche Phasen der sukzessiven Zusammenstellung von Teilsamm­
lungen. Andererseits dürfte zumindest bereits die Schlußredaktion
diese (sich ergebende) Fünfteilung erkannt und ihrerseits unterstrichen
haben. Dafür sprechen u.a. folgende Beobachtungen:
1. Die vier Formeln stehen alle an anderweitig erkennbaren Zäsuren
(4114 am Ende des ersten Davidpsalters 3-41; 7218“'9 am Ende des zwei-
ten Davidpsalters 51-71 72; 8953 am Ende der angehängten und den
mittlerweile angewachsenen zweiten Davidpsalter rahmenden Ko-
rachpsalmen 84-85 87-89; 10 6 48 am Ende der thematisch bestimmten
und literarisch gerahmten Psalmenkomposition 90-106).
2. Die nach der Doxologie Ps 10648 noch folgende Halleluja-Aufforde­
rung, die strukturell nachklappt und von der Septuaginta (vereinfa­
chend) an den Anfang von Ps 107 gestellt wird, läßt sich als sekundäres
kompositionelles Element lesen, mit dem die Schlußredaktion auf das
»Halleluja-Finale« des Psalmenbuchs (Ps 146-150: alle fünf Psalmen
sind jeweils mit Halleluja gerahmt = lOmal Halleluja; Ps 150 bringt
darüber hinaus im Corpus des Psalms lOmal den Imperativ hall'lü
»lobpreiset«) hinweist.
3. Entgegen der verbreiteten Meinung, der erste Hinweis auf diese
Fünfteilung finde sich erst seit dem 4. Jh. n. Chr., nämlich bei Eusebius
von Cäsarea und Epiphanius von Salamis, lassen sich gute Gründe bei-
bringen, daß schon Origenes in der Mitte des 3. Jh.s die Fünfteilung
bezeugt: »In fünf Bücher teilen die Juden das Buch der Psalmen« (ei£
nevie ßißXia öiaipouaiv Eßpaioi ttiv tcdv TaA.p.cov ßißXov). Er setzt
sie als verbreitete Selbstverständlichkeit voraus, was auf Tradition
schließen läßt!
4. Unsicher, wenn auch nicht auszuschließen ist, daß die Fünfteilung
des Psalmenbuchs bereits in Qumran bezeugt ist (1 Q 30: sfrjm bwmsjm
»gefünftelte Bücher« könnte ebda, entweder die fünfteilige Tora oder
das fünfteilige Psalmenbuch meinen).
Die Strukturierung eines Werkes in fünf Teile bzw. fünf Bücher ist in
der jüdischen Überlieferung, wie die Tora, das Buch der Klagelieder
und das äthiopische Henochbuch bezeugen, beliebt und programma­
tisch zugleich. Was die entsprechende rabbinische Kommentierung im
schwer datierbaren Midrasch Tehillim (3.-9. Jh. n.Chr.?) darüber
sagt, könnte durchaus die Intention der Schlußredaktion des Psalmen­
buchs wiedergeben: »Mose gab den Israeliten die fünf Bücher der
Tora, und David gab den Israeliten die fünf Bücher der Psalmen.« Die
Psalmen sind die Antwort Israels auf die Israel gegebene Tora. Das hat
die Schlußredaktion hervorgehoben, indem sie dem Psalmenbuch Ps 1
als »hermeneutischen Schlüssel« vorangestellt hat.
Durch die vier doxologiscben Formeln und deren Hinordnung auf das
»Schluß-Hallel« Ps 150 (bzw. Ps 146—150) erhält das Psalmenbuch
drei bedeutsame Hinweise für den lesenden und betenden »Nachvoll­
zug« der Psalmen:
DIE PSALMEN 11
1. Alle vier Doxologien beginnen mit dem Nominalsatz »Gepriesen
ist/sei JFIWH ...«. In formaler Hinsicht haben sie also nicht die Struk­
tur des JHWH anredenden Gebets (vgl. demgegenüber die Formel in
Ps 11912: »Gepriesen bist/seist du...«), sondern des Bekenntnisses. Mit
ihm gibt/geben der/die Sprecher seine/ihre Antwort auf ein Handeln
JHWHs. Als Abschlußformel der vorangehenden Teilsammlung (des
»Psalmenbuchs«) qualifiziert und rezipiert sie diese Psalmen als Zeug­
nisse vom Handeln Gottes (fachtheologisch gesprochen: als Offenba­
rungszeugnisse).
2. Alle vier Doxologien schließen mit der Amen-Formel, die in Ps 10648
ausdrücklich als Reaktion »des ganzen Volkes« eingefordert wird.
Wie die übrigen Vorkommen der Amen-Formel im AT zeigen, wird
durch sie ein vorangehendes Wort in zweifacher Weise qualifiziert: als
wahres und als verpflichtendes Wort. Mit der Amen-Formel rezipieren
demnach ihre Sprecher die Psalmen als für sie gültige, segensreiche Le­
bensweisung.
3. Alle vier Doxologien heben hervor, daß die lobpreisende Zustim­
mung zu dem in den Psalmen offenbar werdenden Gott nicht ein ein­
maliger oder zeitlich bedingter Akt sein soll, sondern »auf Ewigkeit
:
hin« angelegt ist, d. h. die Psalmen sind die bis zum Ende der Weltzeit
vollgültige Antwort Israels (und der Völker) auf das Handeln
JHWHs. Die Psalmen wollen und sollen »ewig« weiterklingen.
Genau diese Perspektive der »Verewigung« (E. Jenni) wird auch im
großen »Hallel-Finale« Ps 146-150 entfaltet, mit dem die Schlußredak­
tion das Psalmenbuch beendet. Daß diese fünf Psalmen, die allesamt
eine Aufforderung zum Lobpreis JHWHs sind, als Komposition ver­
standen werden wollen, ist durch zwei Eigenheiten angezeigt: Alle ha­
ben als »Überschrift« und »Unterschrift« die Halleluja-Aufforderung,
und sie sind durch ein enges Stichwortgeflecht miteinander verwoben
(vgl. u. a. 14610 mit 147*2; 1474 mit 1483; 147“ mit 1494; 14720 mit 14814;
14814 mit 14919; 148 mit 150). Zugleich sind 146-150 die Durchfüh­
rung des in der letzten Zeile von 145 angekündigten »auf ewig« zu sin­
genden Lobpreises: »Den Lobpreis (fhilläh) JHWHs soll mein Mund
rezitieren, alles was lebt (vgl. dazu 1506) soll den Segensspruch seines
heiligen Namens (vgl. die vier Doxologien!) sagen - auf ewig und im­
merzu!« In einer zweifachen Bewegung vollzieht sich in 146-150 dieser
»ewige« Lobpreis. Ps 146 beginnt damit, daß ein einzelnes Ich sich
selbst zum Gotteslob auffordert. Ps 147 weitet die Aufforderung auf
Jerusalem/Zion aus. Ps 148 wendet sich an alles, was im Himmel und
auf Erden ist - und schließt außerordentlich wirkungsvoll mit dem
Blick auf die JHWH-Gemeinde »der Frommen«. Und mit der Auffor­
derung an diese »Gemeinde der Frommen« zum Gotteslob setzt in Ps
149 die zweite Bewegung ein, die sich im abschließenden Ps 150 aber­
mals ausweitet an »alles, was atmet« (1506).
Ps 149, der so hymnische Aufforderung zu jenem Gotteslob ist, das in
Ps 150 nochmals begründet und entfaltet wird, steht auf der Ebene des
r
12 DIE PSALMEN
Endtextes in einem Rückbezug zum zweiteiligen Proömium Ps 1 u. 2.
Den Psalmen, die gemäß 1491-4 das von JHWH gerettete Gottesvolk
singen soll, wird - unter Anspielung auf Ps 1 u. 2 - auch eine Funktion
gegenüber »den Völkern und Nationen« (1497 wie 21) sowie gegenüber
den »Königen« und »Fürsten« (1498; Anklang an 210) zugesprochen:
Die »Lobeserhebungen auf Gott in ihrer Kehle« sollen »das zwei­
schneidige Schwert« (1496: Anspielung auf 29) sein, mit dem sie das
»Gericht« an den Königen und an ihren Völkern vollziehen (1499: An­
spielung auf l5); die Psalmen sollen die »Fesseln« sein, mit denen sie
die Völkerwelt in die universale Gottesherrschaft einbinden sollen
(149®: Anspielung auf 23). In Ps 149 werden die Psalmen Israels auf
den Weltkönig JHWH als die »Waffen« dargestellt, mit denen JHWH
seine Gottesherrschaft auch über die Völker durchsetzen will. Mit
Blick auf Ps 210"12 bedeutet dies: Den dort gewiesenen Weg zum Leben,
der sie vor dem Abgrund bewahrt (l6 212), können die (Könige der)
Völker lernen, indem sie auf Israels Psalmen hören - und sie zusam­
men mit Israel singen (14811).
Teilweise in Spannung zur Einteilung des Psalters in die fünf »Bücher«
(3-41 42-72 73-89 90-106 107-145; das erste und das fünfte dieser
»Bücher« umfassen jeweils 39 Psalmen!) mit den »Rahmenteilen« Ps
1-2 und Ps 146-150 verlaufen andere Gliederungssysteme, die durch
Psalmüberschriften und durch thematische Verwandtschaft, aber auch
durch andere Struktursignale angezeigt werden. Hier soll nur ein kur­
zer Blick auf derartige Strukturen im Bereich der in diesem 1. Band un­
seres Psalmenkommentars ausgelegten Psalmen 1-50 geworfen wer­
den. Analoge Darstellungen zu Ps 51-100 bzw. zu Ps 101-150 werden
in den Bänden 2 und 3 folgen; ebenso wird die entsprechende Zusam­
menschau aller 150 Psalmen erst im 3. Band möglich sein.
Durch die Überschrift »von/für David« (s.u.) hebt sich die Sammlung
3-41 heraus, die meist (der erste) »Davidpsalter« genannt wird. Es sind
überwiegend Bitt- und Dankgebete inmitten von Verfolgung, Not und
Anfechtung, aber auch von erfahrener Rettung und Tröstung. Die
stark anthropologisch orientierte Sammlung, die als Komposition eine
umfassende Deutung der condition humaine bieten will, ist in die vier
Teilgruppen 3-14 15-24 25-34 35-41 gegliedert. Diese Gliederung ist
zum einen durch die jeweiligen Eckpsalmen angezeigt, die vielfältig
aufeinander hingeordnet sind. Zum anderen sind die Teilgruppen
durch Psalmen im Zentrum markiert, die ihrerseits inhaltlich und for­
mal aus ihrer Umgebung herausragen (Ps 8 - ein Hymnus inmitten von
Klagen; Ps 19 — ein Gotteslob unter Königsgebeten; Ps 29 — ein
JHWH-Hymnus im Kreis von Bitt- und Dankgebeten; Ps 38 - ein
Bittgebet mit Konzentration der Hauptthemen der Nachbarpsalmen
wie Krankheit, Feinde, Sünde, Sündenbekenntnis). Darüber hinaus
sind sie motivlich-theologisch aufeinander bezogen.
Am offensichtlichsten ist die Rahmungsfunktion der jeweiligen
»Eckpsalmen« bei den beiden inneren Teilsammlungen 15-24 25-34.
DIE PSALMEN 13
Die Psalmen 15 und 24 sind durch die jeweilige Aufnahme der »Ein­
laßliturgie« aufeinander bezogen; zugleich aber bedeutet 24 gegen­
über 15 eine Steigerung, indem dieser Psalm das »Kommen« des Welt­
königs zu der die »Bedingungen« von 15 und 24 erfüllenden »Ge­
meinde der Gerechten« (vgl. 246 mit Rückbezug nach 142) verheißt.
Der im Zentrum stehende Ps 19, der in seinem Schlußteil mit dem Bild
vom »Knecht JHWHs« motivlich sowohl nach 15 (vgl. die Bezüge 152
19,3f) wie nach 24 (vgl. die Bezüge 244 1913f) ausgreift, bekennt, daß
und wie JHWH ein Leben in Gerechtigkeit ermöglicht - nämlich
durch Annahme seiner umfassenden Welt- und Lebensordnung, die er
in Schöpfung und Tora offenbart. Um das Zentrum Ps 19 lagern sich
in spiegelbildlicher Entsprechung Ps 18 und Ps 20 u. 21 (Königspsal­
men: Dank, Bitte, Dank), Ps 17 und Ps 22 (Bitt- und Klagegebete), Ps
16 und Ps 23 (Vertrauensgebete), die vielfältig aufeinander hingeord­
net sind. Die Teilgruppe Ps 15-24 entwirft das Idealbild »des Gerech­
ten« und hält fest, daß er von JHWH Hilfe, ja Rettung erfährt.
Ebenso auffallend ist die Verwandtschaft der beiden Eckpsalmen 25
und 34. Sie sind inhaltlich stark verwandt, insbesondere durch ihre ge­
meinsame »Armenfrömmigkeit« (vgl. 25916 343-7). In formaler Hinsicht
sind sie parallelisiert: beide bieten ein einzeiliges Akrostichon, bei dem
jeweils die Zeile des Konsonanten waw fehlt; bei beiden schießt ein Bi-
kolon, das eine parallele Bitte um die Erlösung Israels bzw. der
JHWH-Knechte ausspricht, über das Akrostichon hinaus. Beide Psal­
men sind kompositionell als Bitte (Ps 25) und als Dank (Ps 34) aufein­
ander bezogen. Im Zentrum der Komposition steht Ps 29, der, wie Ps
19, die (rettende) Herrlichkeitsoffenbarung JHWHs feiert. Während
I Ps 19 sich dabei an der Sonnentheologie inspiriert, zeichnet Ps 29 un­
ter Aufnahme von El- und Baalüberlieferungen JHWH als König über
: das Chaos; gerade als solcher aber kann er die in den Eckpsalmen 25
| und 34 zum Schluß ausgesprochenen Bitten erfüllen. Auch in dieser
Teilgruppe legen sich um das Zentrum Ps 29 die übrigen Psalmen in
l
spiegelbildlicher Entsprechung: Ps 28 und Ps 30 (Bitt- und Dankge­
bete mit Tempelbezug), Ps 27 und Ps 31 (Dank und Bitte, Bitte und
I Dank eines Gerechten), Ps 26 und Ps 32 u. 33 (Bittgebet eines Un­
schuldigen; Dankgebet für Vergebung von Schuld).
Während in den beiden (inneren) Teilsammlungen 15-24 25-34 die
rettende Begegnung der Gerechten und der Armen mit dem in bzw.
von seinem Heiligtum aus rettenden »König der Herrlichkeit« (Ps 19
24 29) das Hauptthema ist (beide Sammlungen sind stark von weisheit-
lich »gebrochener« Tempeltheologie bestimmt!), kommt in den beiden
(äußeren) Teilsammlungen 3-14 und 35-41 die leidvolle Existenz der
Armen und Gerechten inmitten einer bösen Welt (3-14: Bedrohung
»von außen«: Verfolgung durch Feinde; Leben inmitten einer chaoti­
schen Welt; 35-41: Bedrohung »von innen«: Krankheit und eigene
Schuld) zur Sprache - gleichwohl in Hoffnungsperspektive. Diese arti­
kuliert sich vor allem in den jeweiligen Eckpsalmen 3 und 14 (vgl. die
r
14 DIE PSALMEN
Klammer 39 147) bzw. 35 und 41 (vgl. die Klammer 3527f 41,2f) und in
den beiden Psalmen in der Mitte (Ps 8: trotz aller Verfolgung und An­
fechtung bleibt die »Ehre« = Menschenwürde der Bedrängten und
Armen unzerstörbar, weil sie Teilhabe an der »Ehre« = Königsmäch­
tigkeit JHWHs selbst ist; Ps 38: der von Krankheit und Schuld Ge­
plagte setzt all* seine Hoffnung auf JHWH, seinen Retter, 3816-22, vgl.
auch die Stichwortbezüge von Ps 38 als Mitte zu den Eckpsalmen 35
und 40-41).
Die angedeutete Kompositionsstruktur des Davidpsalters 3-41 ist das
Ergebnis eines mehrstufigen Wachstumsprozesses, dessen einzelne Pha-
sen freilich nur annähernd und mit Vorbehalt so angegeben werden
können:
1. Einzelne in (spät)vorexilischer Zeit unabhängig voneinander ent­
standene Bitt-, Klage- und Dankgebete (Ps 3-7 11-14 17 18 20 21 22
26-28 30-31 35 38 41, jeweils in ihrer »Grundfassung«) sind in spätexi-
lischer/frühnachexilischer Zeit von einer Redaktion erweitert und unter
Einbeziehung weiterer vorexilischer oder exilischer bzw. teilweise von
der Redaktion geschaffener Psalmen (Ps 8 15 24 29 32 36) zu den vier
Teilsammlungen 3-14 (noch ohne 9/10) 15-24 (noch ohne 16 19 und
23) 26-32 und 35-41 (noch ohne 37 39 40) zusammengestellt worden.
In diesem spätexilischen/frühnachexilischen Kompendium von »Lai­
engebeten« artikuliert sich das Gruppenbewußtsein von Armen und
Verfolgten, die gleichwohl als »Gerechte« leben wollen. Ihre unter­
schiedlichen Notsituationen werden nüchtern wahrgenommen und in
ihren Ursachen benannt (Verfolgung, Armut als Folge gesellschaftli­
cher Zerklüftung und Unterdrückung, Rechtsnot durch Verleum­
dung, Falschanklage und Rechtsbeugung, Machtbesessenheit und
Brutalität von Mächtigen und Reichen, Krankheit, eigene Sünden).
Die Psalmen sind von starker Erhörungs- und Rettungsgewißheit ge­
prägt. Neben Klage und Bitte kommen in dem Kompendium auch
Lobpreis und Dank zu Wort, beides wohl in der Absicht, eine umfas­
sende Deutung menschlicher Existenz »im Angesicht« JHWHs (Auf­
nahme von Tempeltheologie!) zu geben. Die in den Psalmen sich
ausdrückende »Gottesgewißheit« variiert vor allem zwei Aussagen:
a) JHWH erweist sein Gott-Sein an und in den Armen und Leidenden;
b) JHWH rettet sie als »die Gerechten«.
2. Eine nachexilische Redaktion im Geist der »Armenfrömmigkeit«
(»die Armen« sind nun nicht mehr eine primär soziale, sondern eine re­
ligiöse Kategorie), die im 5.-4. Jh. anzusiedeln ist, zieht die Linien der
formativen exilisch-frühnachexilischen Komposition weiter aus, einer­
seits durch Integration weiterer Psalmen (16 19 23 25 33 34 37 39 40)
und andererseits durch »Fortschreibung« der übrigen Psalmen. Ihr An­
liegen ist es, in den Psalmenbetern die typischen Armen als Vertreter
des angefeindeten und angefochtenen »wahren Israel« zu sehen, die
aufgrund der beiderseitigen engen Beziehungen zwischen JHWH und
»den gerechten Knechten JHWHs« den Feinden im Gottesvolk Wi-

ßiJ
DIE PSALMEN 15
derstand leisten können, weil sie wissen, daß JHWH und seine Welt­
ordnung (vgl. besonders den »reflektierten« JHWH-Psalm 19, die Er­
weiterung Ps 182fr“32 sowie die Weisheitspsalmen 25 34 37 39) sich
durchsetzen werden. In dieser »Redaktion« spricht sich eine tiefe
»Gottesmystik« aus (vgl. besonders Ps 16 23 40 sowie die Erweiterung
in Ps 22).
3. In hellenistischer Zeit wird der Begriff der Armen (einschließlich
Synonyma) so ausgeweitet, daß damit Israel als Ganzes in seiner Be­
drohung von innen und vor allem von außen bezeichnet wird; gerade
als »das arme Israel« kann es aber darauf setzen, daß sich JHWH ihm
als »Retter der Armen und der Schwachen« erweisen wird. Diese neue
theologische Sicht wird einerseits in der Einfügung von Ps 9-10 greif­
bar; andererseits dürfte sie auch im Hintergrund jener Redaktion ste­
hen, die die Sammlung Ps 2-89 dadurch geschaffen hat, daß sie die
Sammlung 3-41 mit der unabhängig davon entstandenen Sammlung
42-88 verbunden hat. Dabei hat sie Ps 21"9 und Ps 89 als programmati­
sche Rahmenpsalmen plaziert und (wahrscheinlich) zugleich den »Ar­
menpsalm« Ps 86 eingefügt.
In der Sammlung 42-48 sind Psalmen unterschiedlicher Provenienz
sukzessiv zusammengestellt worden:
1. Die »Davidpsalmen« 51-71, die in Gestaltung und Thematik mit
den »Davidpsalmen« 3—41 verwandt sind, sind unabhängig vom ersten
»Davidpsalter« (dafür sprechen besonders die Doppelüberlieferungen
Ps 14 = Ps 53 Ps 4014~18 = Ps 70) und mit anderen theologischen Per­
spektiven (vgl. den 2. Band unseres Psalmenkommentars!) als weiterer
(zweiter) »Davidpsalter« zusammengestellt worden.
2. Um die Sammlung 51-71 sind sukzessiv die zwölf (!) Asafpsalmen
50 73-83 und (danach) die Korachiterpsalmen 42-49 84-85 87—88 ge­
legt worden, die ihrerseits ihre eigene Entstehungsgeschichte haben.
Innerhalb der so entstandenen Sammlung 42-88 fallen die Psalmen
42-83 dadurch auf, daß in ihnen überwiegend der Gattungsbegriff
»Gott« (>alohim) statt des Gottesnamens JHWH begegnet. Da abwei­
chend von den »Doppelüberlieferungen« Ps 14 4014-18 in Ps 53 70 statt
JHWH ebenfalls »Gott« steht, dürfte hier eine gezielt arbeitende Re­
daktion am Werk gewesen sein; sie wird von der Exegese »elohistische
Redaktion« genannt (und dementsprechend heißen Ps 42-83 auch
»elohistischer Psalter«).
3. Als die beiden Sammlungen 3-41 und 42-88 verbunden wurden,
wurden der neu formierten Sammlung die »Königspsalmen« 2l~9 72 89
als hermeneutischer Horizont hinzugefügt, so daß sie nun in kollektiv-
messianischer Perspektive zu lesen war: Das »arme« Israel wird als kö­
niglicher »Sohn« JHWHs gerettet, damit dadurch JHWHs Weltkö­
nigtum offenbar wird.
4. Die in diesem 1. Kommentarband ausgelegte Gruppe von Ko-
rachpsalmen 42-49 bildet eine in sich geschlossene Teilgruppe mit den
kollektiven Gemeindegebeten 44-48 im Zentrum und den Individual-

*
16 DIE PSALMEN
gebeten Ps 42 f und 49 als Rahmen. Ihr Verhältnis zum zweiten Da­
vidpsalter und ihre Position im zweiten Psalmenbuch (Ps 42-72) wird
im 2. Band erörtert. Ebenso wird der Asafpsalm 50, der als Ouvertüre
zum zweiten Davidpsalter 51—72 dient, in seiner kompositioneilen
Funktion dort behandelt.
Wann die Sammlung 3-41 »davidisierU (d. h. mit den Psalmüberschrif-
ten »von/für David« versehen) wurde, ist schwer zu entscheiden. Ei­
nerseits gibt es über David als »Leierspieler« und als »Dichter« eine
vom Psalmenbuch unabhängige und ihm gegenüber wahrscheinlich
vorgegebene Tradition (vgl. 1 Sam 1614-23 1810 2 Sam 119-27 333f 231-7 Am
65). Andererseits ist die Davidisierung des ersten wie des zweiten Da­
vidpsalters zusammenzusehen mit der Anbindung einzelner Psalmen
an bestimmte Lebenssituationen Davids (von 13 Fällen insgesamt ver­
teilen sich 4 auf den ersten und 8 auf den zweiten Davidpsalter). Die­
sem Vorgehen entspricht in etwa die Gegenbewegung, daß außerhalb
des Psalters Lieder/Psalmen in Erzählzusammenhänge eingefügt und
bedeutenden Betern in den Mund gelegt werden (Mose Ex 15 Dtn 32,
Hanna 1 Sam 1, David 2 Sam 22, Hiskija Jes 38, Jona Jon 2). Der Son­
dercharakter der Überschriften von Ps 7 18 sowie die führende Kon­
textposition der mit solchen Überschriften ausgestatteten Psalmen 3 7
18 legen nahe, daß die ausdrückliche Zuweisung eines Psalms an Da­
vid bereits durch die exilische (formative) Bearbeitung des ersten Da­
vidpsalters erfolgt sein kann und von dort her ihren weiteren Ausgang
in den Gesamtpsalter nahm.
Mit der sprachlich mehrdeutigen Zuweisung l'dawiddürften dabei zu­
mindest zwei Aussageintentionen verbunden sein:
1. Mit der Verfasserangabe »von David« wurden diese Psalmen als pa­
radigmatische Gebete Davids zum »Nachvollzug« angeboten. »David«
gab diesen Psalmen eine hohe geistliche Dignität.
2. In der Bedeutung »für David« wurde den Psalmen durch diese
Überschrift zugleich die Kraft zugesprochen, daß Israel in und mit die­
sen Psalmen seine »davidisch-messianische« Würde bzw. Sendung ein-
üben und realisieren könne - mitten in Verfolgung und im Leiden an
der eigenen Schuld, wie David!
3. Die von manchen Exegeten bevorzugte Deutung »zur Davidsamm-
lung gehörig«, die nicht auszuschließen ist, setzt die beiden erstge­
nannten (oder wenigstens eine von ihnen) voraus.
Die Zuweisung einzelner Psalmen bzw. Psalmensammlungen an »Da­
vid« wurde dann soweit ausgeweitet, daß David zum »Verfasser« bzw.
»Leitbild« aller Psalmen des Psalmenbuchs wurde. Die Psalmen in Ge­
meinschaft mit »David« und in seiner Nachfolge zu beten, ist ein ge­
eigneter Ansatz, die ursprünglich jüdischen Psalmen auch als christli­
che Psalmen zu beten — nämlich in der Nachfolge und in Gemeinschaft
mit dem Davidsohn Jesus von Nazaret.

, iil.
DIE PSALMEN 17
Schwerpunkte der Auslegung im Kontext derzeitiger Psalmenforschung

Wer zu Beginn der 90er Jahre einen Durchblick durch die derzeitige
Psalmenforschung versucht, stellt für den Bereich der Psalmen wie in
den anderen Literaturbereichen des AT eine Zunahme oder einen Zu­
gewinn an Vielstimmigkeit der Interpretationen fest. Es herrscht kein
bestimmter Aspekt der Interpretation vor, sondern traditionelle
Aspekte werden vertieft und teilweise spezialisiert; andere, neue
Aspekte treten hinzu, teilweise in Ergänzung, teilweise in Bestreitung
bisheriger Forschung. Von daher erscheint eine zusammenfassende
und die verschiedenen Aspekte integrierende Psalmenauslegung nur
begrenzt realisierbar.
1. Nach wie vor spielt die von H. Gunkel und S. Mowinckel angesto­
ßene Formen- und Gattungskritik in der Psalmenexegese eine dominie­
rende Rolle. Dies läßt sich unschwer an den gängigen Handbüchern
der »Einleitung in das Alte Testament« und an den »Einführungen in
die Psalmen« (H. Gunkel, K. Seybold) erkennen, die die Psalmen nach
gattungskritischen Gesichtspunkten ordnen und aufschlüsseln. J. Bek-
ker stellt in seinem 1975 erschienenen Überblick »Wege der Psalmen­
exegese« lapidar fest: »Wir beginnen mit der formgeschichtlichen Me­
thode, weil sie als Basismethode der Psalmenexegese zu gelten hat« (S.
12). Die Formen- und Gattungskritik ist auch in den letzten 20 Jahren
weiter vorangetrieben worden, und zwar besonders in dem Bemühen
um eine präzisere Erfassung der Hauptgattungen Lob (Hymnus) und
Dank, Klage und Bitte. Hier hat auf der einen Seite C. Westermann
versucht, die Unterscheidung von Hymnus und Danklied mit dem
Hinweis aufzuheben, daß es im Hebräischen keine unterschiedlichen
Verben für »loben« und »danken« gebe und daß es sowohl beim
»Hymnus« wie beim »Danklied« um ein Loben Gottes gehe.
»Lobpsalm« und »Klagepsalm« seien die beiden Grundgattungen. Der
»Lobpsalm« falte sich dann in zwei Untergattungen aus, in den berich­
tenden Lobpsalm, der Gottes einzelne Taten lobpreise, und in den be­
schreibenden Lobpsalm, der das den einzelnen Taten Gottes zugrun­
deliegende »Wesen« Gottes lobpreise (insbesondere seine Majestät
und sein Erbarmen). Da sich die Struktur dieser beiden »Untergattun­
gen« freilich stark unterscheidet, wird man die traditionellen Kenn­
zeichnungen als Hymnus (Aufbau: Einführung/Aufgesang - Haupt­
stück/Corpus hymni, eingeleitet mit &f»denn, fürwahr« - Ausleitung/
Abgesang) und als Danklied (fundamentale Zweiteilung des Aufbaus:
Zurückblickende Danksagungserzählung mit JHWH-Anrede in
2. Person — Einladung an die »Gemeinde«, sich dem Dank an JHWH
[3. Person] anzuschließen) besser beibehalten. Weitere Differenzie­
rungen der Grundgattung Hymnus hat F. Crüsemann vorgeschlagen
(imperativischer Hymnus als die eigentlich israelitische Hymnenform;
partizipialer Hymnus: Aneinanderreihung partizipialer Gottesprädi­
kationen nach Analogie der Gotteshymnen der Umwelt; JHWH-anre-

18 DIE PSALMEN
dender Hymnus des einzelnen), doch hat er dabei nur sehr begrenzte
Zustimmung erfahren. E. S. Gerstenberger hat durch Beiziehung alt-
orientalischer Parallelen den »Sitz im Leben« der Klagelieder vor al­
lem im Bereich der familiären Frömmigkeit zu erhellen versucht. Meh-
rere neue Arbeiten haben die Vernachlässigung des Elementes »Bitte«
in den Klagepsalmen und der Gattung »Bittgebet« überhaupt moniert
- nicht zuletzt mit Hinweis auf H. Gunkel, der konstatiert hatte: »Das
bedeutendste Stück der Klagelieder ist die Bitte. Sie ist das Herzstück
der Gattung, begreiflich, da es das Bestreben des Beters ist, etwas von
seinem Gott zu erlangen« (Einleitung in die Psalmen, S. 218). Unser
Kommentar widmet dem »Bittgebet« als eigener »Grundgattung«
mehr Aufmerksamkeit als dies meist der Fall ist. Dagegen halten wir
die verschiedentlich vorgeschlagene Aufteilung des Klagepsalms in
weitere Untergattungen für wenig hilfreich, zumal sie sich nicht durch
unterschiedliche Strukturschemata begründen läßt.
Während der gattungsgeschichtliche Ansatz H. Gunkels noch die
jüngst erschienenen Kommentare zu Ps 1-50 von P. C. Craigie (1983)
und E. S. Gerstenberger (1988), freilich in je spezifischer Ausprägung,
bestimmt, hat H.-J. Kraus in der 5. Auflage seines voluminösen Psal­
menkommentars (1978) insofern eine Teilrevision vollzogen, als er die
Gunkelschen Gattungsbezeichnungen einerseits durch neue, im AT
selbst begegnende Begriffe ersetzte, ohne daß dies freilich andererseits
den Kommentar selbst veränderte (was vielleicht »praktische« Gründe
hatte!).
Daß der gattungsgeschichtliche Ansatz in der Psalmenexegese sehr
fruchtbar war und sein kann, soll nicht bestritten werden. Aber seine
Grenzen sind ebenso deutlich. Wir sehen vor allem folgende Probleme:
a) Die überwiegende Mehrheit der.biblischen Psalmen läßt sich streng
genommen keiner üblichen Gattung zuordnen, außer man definiert sie
so allgemein, daß sie nur noch die Geschehens- und Sprachmuster der
Grundsituationen Klage und Bitte, Lob und Dank wiedergeben. Nicht
zu Unrecht stellt R. Smend in seiner Einleitung in das AT fest: Es gibt
hier einen form- und gattungsgeschichtlichen »Perfektionismus, der
zur Sisyphusarbeit immer weiterer Differenzierung innerhalb und au­
ßerhalb der unzweifelhaften großen Gattungen führt. Schon innerhalb
dieser Gattungen fügen sich ja die Texte den nachträglich aufgestell­
ten Schemata selten ganz. Die Überschneidungen von Klage- und
Danklied wurden schon erwähnt, ebenso die Nähe zwischen Danklied
und Hymnus. Oft fällt es schwer und ist es wohl geradezu unsachge­
mäß, einen Psalm auf eine dieser Gattungen festzulegen. Viele, ja die
meisten Psalmen sind unter diesem Gesichtspunkt als Mischungen zu
betrachten« (S. 200). Schon H. Gunkel hatte darauf aufmerksam ge­
macht, daß zwar die »Gattungen« der Psalmen ihren Ursprung in ei­
nem kultischen bzw. institutionellen »Sitz im Leben« haben, daß aber
die meisten der uns überkommenen Psalmen sich nur noch von den ur­
sprünglichen »Gattungen« anregen ließen, ohne selbst entsprechende
DIE PSALMEN 19
kultische/institutionelle Anbindung zu haben, wie die folgenden zwei
Zitate aus Gunkels »Einleitung in die Psalmen« bestätigen:
»Geht doch schon aus den angeführten Beispielen zur Genüge hervor, daß wir
auch in den Psalmen eine Fülle von Hinweisen auf ihren Sitz im Gottesdienst
finden. Nun gibt es freilich andere Lieder, die im Psalter sogar die Mehrzahl
bilden, in denen nichts oder nur sehr wenig von solchen Anspielungen hervor­
tritt, die viel mehr bei weitem mehr persönlicher Art und aus dem religiösen
Leben des einzelnen hervorgegangen sind« (S. 18).
»Ursprünglich aus dem Kultus hervorgegangen und mit ihm aufs engste ver­
bunden, hat sie [die Psalmendichtung] jetzt diesem den Rücken gekehrt. Die
frommen Seelen haben es gelernt, Lieder zu singen, ...die nicht mehr für den
öffentlichen Gottesdienst bestimmt waren... So ist die »geistliche Dich­
tung <, der eigentliche Schatz des Psalters, entstanden« (S. 30).
b) Indem die gattungsgeschichtliche Psalmenexegese, unter Absehung
von ihren eigenen methodischen Prinzipien, bestimmte Psalmen nach
inhaltlichen Kriterien zu Gruppen zusammenfaßte (JHWH-König-
Psalmen, Königspsalmen, Zionspsalmen, Geschichtspsalmen, Weis­
heitspsalmen, Torapsalmen), macht sie bereits selbst deutlich, daß ihre
»Gattungsprinzipien« nur begrenzte Gültigkeit haben können.
c) Die gattungskritisch dominierte Psalmenexegese läuft Gefahr, den
konkreten Psalm, insbesondere sein individuelles sprachliches und
theologisches Profil, zu nivellieren. Bisweilen gewinnt man in Kom­
mentaren den Eindruck, es komme beim Verstehen und im Nachvoll­
zug von Psalmen weniger auf die Semantik als auf die »Gattung« an.
Abweichungen vom Gattungsmuster erhalten deshalb nicht selten ne­
gative Bewertungen wie Zersetzung der Gattung, epigonale und be­
scheidene Kunst, unpassende bzw. störende Glossierung u.ä.
d) Der gattungsgeschichtliche Ansatz hat mit seiner Fixierung auf die
Gattung des Einzelpsalms wenig Interesse am Psalmenbuch als Gan­
zem. Er ist methodisch nicht in der Lage, den Vorgang der Zusam­
menstellung von einzelnen Psalmen zu kleineren Sammlungen zum
vorliegenden Psalmenbuch zu erklären. Das hat H. Gunkel klar gese­
hen, wenn er aus gattungsgeschichtlicher Sicht feststellt, »daß uns eine
innere Ordnung unter den einzelnen Psalmen im ganzen nicht überlie­
fert ist.« Zwar stünden manchmal gattungsmäßig verwandte Psalmen
nebeneinander, doch meist gelte: In der Abfolge der Psalmen »stimmt
kein einziger Psalm mit dem andern der Gattung nach überein« (Ein­
leitung, S. 3). Will man sich in der Frage nach den Intentionen, die hin­
ter den einzelnen Sammlungen stehen, nicht einfach mit einem »non
liquet« begnügen, müssen andere methodische Wege beschritten wer­
den.
In der Tat hat die Psalmenforschung »nach Gunkel« eine ganze Reihe
methodischer Neuorientierungen vollzogen, die in unserem Kommen­
tar, im einzelnen recht unterschiedlich und insbesondere bei der Ausle­
gung der unterschiedlichen Psalmen nicht immer auf gleiche Weise,
aufgenommen werden. Zu einer Begrenzung zwingt uns ohnedies der
20 DIE PSALMEN
Umfang dieses Kommentarwerks; eine entsprechend differenziertere
und breitere Aufnahme der »neuen« Methoden wird in unserem gro­
ßen wissenschaftlichen Psalmenkommentar in der Reihe »Herders
Theologischer Kommentar zum Alten Testament« realisiert werden,
dessen erster Band demnächst erscheinen wird. Die nach unserer Mei­
nung wichtigsten »Neuansätze«, die den gattungsgeschichtlichen An-
satz nicht ersetzen, wohl aber ergänzen, sollen im folgenden kurz skiz­
ziert werden.
2. Anknüpfend an H. Gunkels Hinweis, daß die Mehrzahl unserer
Psalmen »geistliche Dichtung« sei, hat sich eine Richtung der Psal­
menauslegung etabliert, die jeden Psalm als individuelles Kunstwerk
betrachtet (M. Weiss, L. Alonso-Schökel, N. H. Ridderbos, J. Tru-
blet/J, N. Aletti, P. Auffret, M. Girard u. a.). Man kann diesen Ansatz
unter dem Oberbegriff »poetologische Analyse« zusammenfassen. Sie
greift, im einzelnen sehr unterschiedlich, Ansätze der strukturalen Li­
teraturwissenschaft, der ästhetischen Stilistik und Rhetorik, der
Sprechakttheorie, aber auch der Motiv- und Symbolforschung auf, um
die verschiedenen Bild- und Kommunikationsstrukturen und insbe­
sondere die ornamentale und strukturale Form eines Psalms möglichst
präzise zu erfassen. Dieses Bemühen ist oft kombiniert mit dem Pro­
gramm des Close Reading der sog. Endtextexegese, die gegenüber der
in der historisch-kritischen Exegese meist üblichen Höherschätzung
der »Erstgestalt« eines Textes das Ernstnehmen der »Endgestalt« des
Textes einfordert. Insofern die poetologische Analyse die Psalmen
konsequent als Dichtung untersucht, kann sie einerseits die in der
Dichtungswissenschaft an anderen Texten erprobten Fragestellungen
aufnehmen, andererseits muß sie die spezifischen poetischen Techni­
ken der hebräischen Poesie im Kontext der semitischen Kultur beach­
ten, insbesondere den sog. Parallelismus mebrorum als deren grundle­
gendes Bauprinzip. Dieser besteht darin, daß zwei aufeinanderfol­
gende Zeilen (Stichen, Kola; die Herausarbeitung der Parallelismen
heißt deshalb kolometrische Analyse) zusammen so einen Gedanken­
oder Bildreim konstituieren, daß sie das Gleiche mit jeweils anderen
Worten bzw. Bildern sagen. Beide Zeilen wollen dabei als eine Aussage
genommen werden. Jede Zeile nähert sich gewissermaßen der gemein­
ten Sache mit einer etwas veränderten Perspektive. Das gibt der Aus­
sage eine produktive Unschärfe und Offenheit. Man hat nicht zu Un­
recht gesagt, hier komme jene Eigenart des semitischen/hebräischen
Denkens zum Niederschlag, das nicht wie das griechische Denken be­
grifflich abgrenzen, sondern möglichst plastisch die Lebendigkeit und
die Multiperspektivität einer Sache oder einer Erfahrung wiedergeben
will. Der Parallelismus lädt dazu ein, diese Plastizität nicht nur nach­
zuvollziehen, sondern sie selbst gedanklich >weiterzuspielen<, sozusa­
gen den Raum auszufüllen, der durch die beiden den Parallelismus bil­
denden Zeilen >aufgebaut< wird. Dabei ist es wichtig, gerade die Diffe­
renzen zwischen den beiden Zeilen, die sich gegenseitig beleuchten,

VL-..U
DIE PSALMEN 21
wahrzunehmen und als Variationen des gleichen Motivs bzw. >The-
mas< zu hören (wie bei einem Musikstück!).
Bei der Integration der poetologischen Analyse sind freilich Einseitig­
keiten und Fehlentwicklungen zu vermeiden, wie sie in verschiedenen
neueren Studien erkennbar sind:
a) Die erarbeiteten Baupläne und Strukturen eines Psalms rufen nicht
selten den Eindruck der Beliebigkeit hervor, insbesondere wenn sie un­
ter Verzicht auf die syntaktische und kolometrische Analyse bestimmt
werden. Entweder sind die Bezüge, die als strukturrelevant herausge­
stellt werden, zu punktuell und willkürlich ausgewählt, oder die be­
haupteten Einteilungen und Figuren ergeben sich erst aus einer letzten
Endes doch thematischen Interpretation.
b)Von der starken Betonung der Stilistik wie der Endtextexegese her
haben diese Ansätze eine starke Tendenz zur Enthistorisierung der
Texte, insbesondere wenn sie mit dem Verzicht auf diachrone Frage­
stellungen verbunden sind. Das Gewicht der den jeweiligen Psalmen­
dichter mitbestimmenden Überlieferung wird verkannt; ebenso bleiben
die Metamorphosen, die ein Psalm im Laufe seiner Überlieferungs­
und Redaktionsgeschichte durchlaufen haben kann, von vornherein
ausgeblendet.
3. Auf H. Gunkels Kennzeichnung eines großen Teils der Psalmen als
»geistliche Lieder« baut die sog. anthologische Psalmenexegese auf, die
im Raum der französischen Bibelwissenschaft entstand oder sich von
ihr inspirieren ließ (A. Robert, R. J. Tournay, A. Deissler). Diese For­
schungsrichtung hebt vor allem auf den Formularcharakter der Psal­
mensprache und auf deren Anspielungsreichtum ab. Sie hält mit H.
Gunkel daran fest, daß der vorexilische Kult der Mutterboden der bi­
blischen Psalmodie war, aber die Einordnung der meisten Psalmen in
die nachexilische Zeit erlaubt es, den starken Einfluß der Propheten
und der Weisheitslehrer auf die Psalmodie wahr- und ernstzunehmen.
A. Deissler faßt diese Sicht programmatisch so zusammen:
»Da die Psalmen als >Antwort Israels< (G. von Rad) auf das weisende und wal­
tende Wort Jahwes zu gelten haben, ist die ... Annahme völlig unwahrschein­
lich, daß die anonymen Kultsänger der Königszeit die eigentlich schöpferi­
schen Kräfte im Gottesvolk waren, von denen sogar die Propheten abhingen.
Wer sich nicht an Konstruktionen, sondern an das Zeugnis Israels selbst hält,
für den ist es klar, daß vielmehr die Propheten die Psalmodie des Gottesvolkes
mit ihrer Verkündigung indirekt mitgeprägt und mitentfaltet haben... Die ge­
naue - sehr mühselige - Analyse der uns erhaltenen Psalmen läßt erkennen,
daß die exilische und vor allem die nachexilische Zeit noch eine große Zahl
Psalmen selbst hervorgebracht und andere in einer Art >Wiederlesung< (fran­
zösisch: relecture) von einem neuen Verstehenshorizont her überarbeitet hat.
Vorab jene Richtung der nachexilischen Weisheitsschule, die Jahwes Offenba­
rung als Hauptquelle der Weisheit ansah, hat sich der Psalmendichtung zuge­
wandt bzw. unter den Tempelsängern ihre Anhänger gefunden« (Die Psalmen
S. 130-
22 DIE PSALMEN
Diese Einschätzung der biblischen Psälmodie 3.1s stark weisheitlich in­
spiriertes Gespräch mit der Prophetie und mit der Tora ist nicht nur
durch den Aufweis zahlreicher wörtlicher und motivlicher Verbindun­
gen mit Tora und Prophetie erhärtet und als heuristischer Ansatz jeder
Psalmenauslegung unverzichtbar, er kommt auch im zweiteiligen
Proömium des Psalmenbuchs selbst zum Ausdruck, wenn die Psalmen
in Ps l2 als Aktualisierung von Tora und Prophetie empfohlen werden
(vgl. die Auslegung). Die theologische Nähe der Psälmodie zu Tora
und Prophetie, aber auch zur Weisheit wird dadurch unterstrichen,
daß in ihnen, oft sogar an strukturrelevanter Stelle, Psalmen eingesetzt
wurden (z. B. Ex 15 Dtn 32 Jes 12 26 Jon 2 Hab 3 usw.). Der für die
anthologische Psalmenforschung bestimmende Gedanke der relecture
macht darüber hinaus auf das in der Gunkel-Schule vernachlässigte
Phänomen des sukzessiven Wachstums der Psalmen aufmerksam,
auch wenn ihre Anhänger dieser diachronen Fragestellung nur ansatz­
haft oder überhaupt nicht nachgehen.
Auch bei Anwendung der anthologischen Methode sind freilich Einsei­
tigkeiten zu vermeiden:
a) Der unbestreitbar starke anthologische Charakter zahlreicher Psal­
men darf nicht zu einer pauschalen Spätdatierung der Psalmen in die
nachexilische Zeit führen. Hier muß eine diachrone Analyse offen blei­
ben für differenzierte Zeitansätze.
b) Daß die Psalmen weithin »religiöses Gespräch mit der Tora und der
Prophetie« sind, dispensiert nicht von der Frage nach dem genaueren
sozialgeschichtlichen Kontext der Einzelpsalmen bzw. Psalmengrup­
pen.
4. Angesichts der großen in der Psalmenforschung der letzten hundert
Jahre aufgetretenen Gegensätze in der Datierung der Psalmen, in der
beinahe alle überhaupt nur denkbaren Positionen vorgetragen wurden
(der Psalter als Sammlung vorexilischer Kultlieder, als Schöpfung
nachexilischer Dichter, als Programmtexte der makkabäischen Bewe­
gung), ist in den letzten Jahren, zumindest in der europäischen Bibel­
wissenschaft, die Forderung nach Einzeluntersuchungen erhoben wor­
den, die den gesamten Psalter mit dem an den übrigen Literaturberei­
chen des AT erprobten, differenzierten Instrumentarium der histo­
risch-kritischen Methode, insbesondere unter Einbeziehung der literar-
kritischeny der traditions- und der religionsgeschichtlichen Analyse, unter­
suchen sollen. Dieses Bemühen schlägt sich in einer zunehmenden
Fülle von monographischen Studien zu Einzelpsalmen (z. B. W. Beyer-
lin, G. Braulik, P. Casetti, H. Irsigler) und Psalmengruppen (z.B. O.
Loretz, B. Janowski, J. Jeremias, K. Seybold, H. Spieckermann, S. Ö.
Steingrimsson) nieder. Insgesamt geht es diesen neueren Spezialstu­
dien, die im einzelnen methodisch differieren, darum, die unterschied­
lichen Psalmen als Elemente der Theologie- und Frömmigkeitsge­
schichte Israels zu begreifen. Dadurch werden die einzelnen Psalmen
in ihrem Anspielungsreichtum plastischer; vieles, was der gattungsge-
DIE PSALMEN 23
schichtliche Ansatz mit seiner These vom gattungstypischen Sprach-
und Bildstil zu nivellieren versucht war, wird nun als zeit- und fröm­
migkeitsgeschichtlich genauer beschreibbare Einzelaussage greifbar.
Insbesondere läßt sich vielfach die Wachstumsgeschichte eines einzel­
nen Psalms oder die Überlieferungsgeschichte einer Psalmengruppe
mit der auch in den anderen Literaturbereichen des AT erkennbaren
spannungsreichen Glaubensgeschichte Israels in Verbindung bringen.
Ein Forschungskonsens ist hier freilich (noch) nicht erkennbar. Doch
mehren sich die Positionen, die bei zahlreichen Psalmen mit einem
»Fortschreibungsprozeß« rechnen. Auch unser Psalmenkommentar
nimmt für zahlreiche Psalmen einen solchen an; wegen des begrenzten
Umfangs der NEB kann die Argumentation meist nur angedeutet wer­
den, sie kommt differenzierter in HThK zur Sprache.
5. Auch wenn richtig ist, daß jeder Psalm zunächst einmal als in sich
geschlossener Text entstanden und als solcher zu interpretieren ist, so
ist doch das nun vorliegende Psalmenbuch nicht ein gestaltloses Archiv
von Einzelpsalmen. Daß die Sammlung und Zusammenstellung nicht
ohne jegliches Konzept vor sich gingen, ist von vielen Psalmenausle­
gern immer wieder mit folgenden Beobachtungen vermutet worden:
a) Die meisten Psalmen haben Überschriften bzw. Titel, die diesen
nachträglich vorangestellt wurden. Diese Überschriften sind im Psal­
menbuch nicht planlos verstreut, sondern ordnen die durch sie gekenn­
zeichneten Psalmen zu (wie immer entstandenen) Psalmengruppen zu­
sammen (»von/für David«: 3-41 51-71 108-110 138-145; »von den/
für die Söhne Korachs«: 42—49 84-85 87—88; Asaf«: 50
73-83; »ein Wallfahrtspsalm«: 120-134).
b) Auch die meisten titellosen Psalmen bilden jewe lge von
Gruppen, die thematisch oder formal zusammeng ?9 100:
JHWH-König-Psalmen; 111-112 113-118 119 ! en, ge-
rahmt von Torapsalmen; 146-150 »Schluß-Halle!
c) Insgesamt läßt sich in der Abfolge der Psalmer
der Klage zum Lobpreis erkennen, die mit dazu 1
das Buch in der jüdischen Tradition »Buch der Lo
genannt wurde; auch die oben diskutierte »Fünfte
buchs ist ein Hinweis für gestalterische Absicht.
Schon allein diese Beobachtungen legen die begründete Vermutung
nahe, daß die Entstehung des Psalmenbuchs analog der Entstehung
der anderen biblischen Bücher vor sich gegangen ist, d. h. in einem suk­
zessiven Wachstumsprozeß, der mit übergreifenden Intentionen und
Konzeptionen verbunden war. Methodologisch bedeutet dies: Auch
das Psalmenbuch ist redaktionsgeschichtlich zu untersuchen. Konkret
bedeutet dies vor allem, daß die an Einzelpsalmen erkennbaren literar­
historischen Differenzierungen daraufhin befragt und ausgewertet
werden, ob sich in den früher nur als punktuellen Erweiterungen oder
Glossierungen bewerteten Textelementen nicht vielmehr der Entste­
hungsprozeß einzelner Psalmensammlungen bis hin zum Psalmenbuch
I
24 DIE PSALMEN
als ganzem so rekonstruieren läßt, daß dabei sogar die theologischen
Programme dieser Wachstumsstufen und ihre Trägergruppen sichtbar
werden. Insofern dieses Bemühen auf das Verstehen eines Einzel­
psalms als Teil des nun vorliegenden Psalmenbuchs zielt, verbindet
sich die redaktionsgeschichtliche Fragestellung mit dem Interesse der
sog. kanonischen Lektüre (canonical approach), die neuerdings von
mehreren Autoren, insbesondere im Raum der amerikanischen Bibel­
wissenschaft, propagiert wird (J. P. Brennan, W. Brueggemann, J. L.
Mays, P. D. Miller, G. H. Wilson, aber auch R. G. Kratz, N. Lohfink,
O. H. Steck u.a.).
In der konsequenten Beachtung dieser Fragestellung sehen wir ein
Proprium unserer Psalmenauslegung, auch wenn sie in diesem Kom­
mentar oft nur angedeutet werden kann (vgl. demgegenüber unsere
Auslegung in HThK). Im einzelnen muß diese »kanonische« Psalmen­
auslegung folgende Schritte durchführen:
a) Sie achtet auf die Stichwortbeziehungen zwischen nebeneinander
stehenden Psalmen und prüft, ob derartige sprachliche und motivliche
Gemeinsamkeiten einfach Zufall sind, ob sie der Anlaß waren, die be­
treffenden Psalmen hintereinander zu stellen, ob bei der Nebeneinan­
derstellung nachträglich semantische Angleichungen vorgenommen
wurden, ob einzelne Psalmen für ihren jetzigen literarischen (!) Zu­
sammenhang geschaffen wurden und ob die so gezielt miteinander
verketteten Einzelpsalmen sich gegenseitig auslegen wollen.
b) Sodann stellt sich die Frage, ob es im Psalter erkennbare »Psalmen­
gruppen« bzw. »Teilgruppen« gibt, innerhalb derer einzelne Psalmen
einen hermeneutisch besonders relevanten Ort einnehmen. Die Be­
zeichnung »Psalmengruppe« bezieht sich in diesem Falle nicht auf un­
ter inhaltlichen und formalen Gesichtspunkten selektierte Einzelpsal­
men (also wenn die Exegese z.B. »Königspsalmen«, »Geschichtspsal­
men«, »Weisheitspsalmen« oder »Klagepsalmen«, »Hymnen« nach­
träglich zu Gruppen bündelt und untersucht), sondern auf Reihungen
von Nachbarpsalmen im vorliegenden Endtext des Psalters,
c) Da diese »Teilgruppen« ihrerseits wieder im Zusammenhang eines
der fünf Psalmenbücher stehen, ist auch diesbezüglich zu fragen, ob
sich daraus auslegungsrelevante Gesichtspunkte ergeben, sei es hin­
sichtlich des Verhältnisses dieser »Teilgruppen« zueinander, sei es hin­
sichtlich von strukturell herausgehobenen Einzelpsalmen innerhalb
der Gesamtkomposition.
6. In der Konsequenz der historisch-kritischen Kommentierung der
Psalmen wie auch ihrer Auslegung im Horizont des biblischen Ge­
samtkanons ist in einem theologisch engagierten und hermeneutisch
reflektierten Psalmenkommentar prinzipiell auch die Berücksichti­
gung der Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte der Psal men unerläßlich.
Dabei ist zum einen die inneralttestamentliche Wirkungsgeschichte zu
beschreiben (z.B. die polemische Aufnahme von Ps 8 in Ijob 7). Und
zum anderen ist die doppelte Rezeptionsgeschichte im Judentum (ins­
DIE PSALMEN 25
besondere in der talmudischen und rabbinischen Tradition) und im
Christentum (insbesondere im NT, in der altkirchlichen Tradition und
in der Liturgie) wenigstens in ihren Hauptlinien so herauszuarbeiten,
daß dabei das jeweilige theologische Proprium in seiner Eigengewich­
tigkeit zum Tragen kommt; dabei sind die in der christlichen Rezep­
tion auftretenden Antijudaismen in ihrer historischen Bedingtheit auf­
zudecken und durch eine angemessenere Interpretation zu korrigie­
ren, die der neuen kirchlich-theologischen Sicht des Judentums ent­
spricht, die vom Zweiten Vatikanum eröffnet wurde. Da dieser Schritt
teilweise recht materialreich sein muß, muß dafür voll auf unseren
Kommentar in HThK verwiesen werden.
7. Gerade mit der verstärkten Herausarbeitung der Zusammenhänge
aufeinanderfolgender Psalmen will unser Kommentar zur Rückgewin­
nung einer weithin verlorenen Praxis der Psalmen-Meditation beitra­
gen, in der die Psalmen - wie auch andere biblische Bücher - in der
»lectio continua« rezitiert und meditiert wurden. Wenn sie im übergrei­
fenden Textzusammenhang als Deutung menschlicher Existenz in all
ihren Grenzen und Möglichkeiten gelesen werden, wird nicht nur ihre
von den Gattungsforschern beklagte »Unsystematik« der literarischen
Formen als Reichtum erfahren, sondern es ergeben sich subtile anthro­
pologische und theologische Zusammenklänge, deren Wahrnehmung
immer schon als Proprium einer meditativen Bibellektüre galt.
Die fortlaufende Psalmenrezitation gehört ohnedies zum frühesten
Umgang mit dem Psalmenbuch im Judentum. Die jüdischen Psalmen­
genossenschaften, deren Spur möglicherweise bis in die Zeit Jesu zu­
rückreicht, hatten sich verpflichtet, am 1. Wochentag mit der Rezita­
tion von Ps 1 zu beginnen und spätestens am Sabbat Ps 150 zu errei­
chen. Vermutlich im Horizont dieser jüdischen Tradition stehend,
schärfte die christliche Benediktusregel für das monastische Psalmen­
gebet ein, man solle allwöchentlich die 150 Psalmen der Reihe nach
ungekürzt singen und darauf achten, daß man »am Herrentag zu den
Nachtwachen immer wieder von vorn beginnt«. Und das sei eigentlich
sehr wenig, denn: »Lesen wir doch, daß unsere heiligen Väter an ey*
nem Tag tapfer das vollbracht haben, was wir Laue doch wenigstens
wenigstens^kf ^
einer ganzen Woche leisten sollten« i‘~(Regula Benedicti 18,23.25^3^

Die Psalmen als christliches Gebet

Gerade weil die Psalmen den Anspruch erheben, betend nachvolta^:


gen und lesend meditiert zu werden, stoßen sie heute vielfach auf Hin­
dernisse ihrer Rezeption. Wir greifen hier nur einige auf, damit sie an­
gemessen beurteilt und überwunden werden können.

1. Häufig wird ein Gegensatz gesehen zwischen Gebetsformularen


bzw. »Gebetskonserven« und dem persönlichen, spontanen, einer Si-
r

26 DIE PSALMEN
tuation entspringenden Gebet. Dabei wird nur die zweite Art zu beten
als authentisch gewertet.
Die Schrift selbst berichtet uns häufig von situationsgebundenen Gebe­
ten in den Geschichtserzählungen und bei den Propheten. Aber sie
übersieht mit ihren kanonisierten Liedern und Gebeten auch nicht, daß
der Mensch für das Beten Vorlagen braucht. Es gibt Situationen der
Not (der fremden wie der eigenen), sogar Situationen der Freude, die
einen Menschen sprachlos machen, wo er dankbar ist, daß die Psalmen
ihm das Wort leihen, um das, was ihn bewegt, vor Gott zur Sprache zu
bringen. Insofern helfen die Psalmen den Zerstreuten, den Ungeord­
neten, den Angefochtenen und Stummen, sich auf Gott auszurichten.
Die Bevorzugung des spontanen Gebets übersieht, daß Beten nicht nur
individuelles Sprechen des Einzelsubjekts mit Gott bedeutet, sondern
in kleiner wie großer Gemeinschaft vollzogen werden kann. Dank,
Lob und Freude drängen von Natur aus zur Mitteilung. Klage und
Not bleiben eher eingeschlossen. Psalmen können häufig der erste
Schritt zur Mitteilung an andere sein und diese dadurch zur solidari­
schen Teilhabe bitten.
Die Schrift weiß, daß gute Gebete gelehrt bzw. gelernt werden (vgl.
den Lebenslehrer Agur in Spr 307'9 und Jesus beim Vaterunser Mt
69-13). Jesus hat zwar kein Gebetbuch benützt, und wie Kohelet hat er
beherzigt, daß man beim Beten nicht viele Worte machen soll (Koh 51
Mt 67), aber in seinem Leiden hat er sich an die Psalmen gehalten (vgl.
die Passionserzählungen).

2. Die Psalmen sind oft Zielscheibe einer »christlichen Nörgelei«. Kri­


tisiert wird die »Allgegenwart« von Feinden gerade in den Klagegebe­
ten, die schwerlich die Situation des modernen Beters treffe. In den
Verwünschungen der Feinde, in den dringenden Appellen an die »Ra­
che Gottes«, daß er die persönlichen Feinde des Beters richte, komme
ein unchristlicher Zug zum Tragen, der das Niveau der christlichen
Feindesliebe nicht erreicht.
Solche pauschalen Urteile haben sich daraufhin zu prüfen, ob sie nicht
dem seit Markion schwer ausrottbaren Vorurteil Vorschub leisten, der
alttestamentliche Gott der Rache stehe dem neutestamentlichen Gott
der Liebe gegenüber - ein Vorurteil, das die Beziehungen des Juden­
tums zum Christentum vergiftet hat und das die Einheit der christli­
chen Bibel von Altem/Erstem Testament und Neuem Testament
schwer belastet.
Zuerst einmal ist hier der Respekt vor der Betroffenheit des Beters in
den Psalmen einzufordern, der auf der Seite der Opfer steht. Er befin­
det sich in realer Not und bringt sie ungefiltert vor Gott. Seine Gebete
fordern dazu auf, über Feinde und Feindschaft zu reden und diese im-
mer gegebenen Wirklichkeiten nicht zu verdrängen. Der Beter ringt
um die Aufhebung seiner verschiedenen Nöte und fordert die Durch­
setzung der göttlichen Maßstäbe jetzt in seinem Leben vor dem Tode.
DIE PSALMEN 27
Insofern können Psalmen dem Christen dazu verhelfen, konkrete Lei­
den wahrzunehmen, deren Bekämpfung nicht aufzuschieben und den
Glauben an den barmherzigen und gerechten Gott wachzuhalten, der
seine Gerechtigkeit aufrichten wird.

3. Häufig werden die Psalmen als nur »vorchristliche« Gebete angese­


hen, denen entscheidende christliche Glaubensgehalte fehlen. Sie be­
sitzen, so wird gesagt, noch nicht den Glauben an den dreieinigen
Gott. Wenn sie die Geschichte Gottes mit den Menschen erwähnen,
beschränkten sie sich oft nur auf die Geschichte Israels. Die anthropo­
logisch zentrale Vorstellung von der Auferstehung spiele in ihnen eine
zu geringe Rolle.
Gemessen am Credo und an der Ganzheit der Schrift bieten die Psal­
men nur einen Teil - wie jedes andere Buch der Bibel auch! Aber wie
jedes Gebet wollen auch sie nicht mit dem Vollmaß der Orthodoxie
verglichen werden, sondern authentisch die Vielfalt und Fülle mensch­
lichen Lebens vor Gott darstellen. In bezug auf die Auferstehung sind
die Psalmen ein wichtiger Zeuge dafür, weil dieser Glaubensinhalt sich
auch in ihnen entfaltet (Ps 16 2230f 49 73) und weil sie miterleben las­
sen, wie um ihn gerungen wird (vgl. Ps 2230 4915 88). Im übrigen ist die
ganze christliche Bibel vom kanonischen Wert und von der zureichen­
den Qualität der Psalmen überzeugt. Mit der Bibel und der darauf auf­
bauenden Tradition haben die Christen darauf verzichtet, nach dem
biblischen Psalter einen neuen Psalter zu kanonisieren oder in umfang­
reicher Weise Psalmen weiterzudichten bzw. fortzuschreiben.

4. Wenn Christen Psalmen beten, sollen sie sich bewußt machen, daß
sie diese gemeinsam mit den Juden beten, ja, daß die Juden bis heute
und bis zur Vollendung der Geschichte zuallererst und legitim die
Psalmen als das ihnen gegebene Gebet- und Lesebuch betrachten und
daß sie im Rezitieren der Psalmen ihre unzerstörbare Würde als Got­
tesvolk realisieren. Indem die Kirche die Psalmen Israels rezitiert, sagt
sie ausdrücklich Ja zu ihrer jüdischen Ursprungsgeschichte und zu
dem »geistlichen« Erbe, das sie seit ihren Anfängen mit dem Judentum
teilt. Wenn die Kirche in ihrer Liturgie die »jüdischen« Psalmen betet,
ist dies im Horizont des seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil erneu­
erten christlich-jüdischen Verhältnisses zugleich ein Bekenntnis der
Kirche zu ihrer unaufgebbaren Verbundenheit mit dem jüdischen
Volk.
28
LITERATURHINWEISE (AUSWAHL)

a) Kommentare
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L. Mays, The David ofthe Psalms: Interp 40(1986) 143-155; J. Jeremias, Das
Königtum Gottes in den Psalmen. Israels Begegnung mit dem kanaanäischen
Mythos in den Jahwe-König-Psalmen (FRLANT 141), Göttingen 1987; J. L.
Mays, The Place of the Torah Psalms in the Psalter: JBL 106 (1987) 3-12; B.
C. Ollenburger, Zion. The City of the Great King (JSOT.SS 41), Sheffield
1987; P. Fiedler, Zur Herkunft des gottesdienstlichen Gebrauchs von Psalmen
aus dem Frühjudentum: ALW 30 (1988) 229-237; N. Füglister, Die Verwen­
dung und das Verständnis der Psalmen und des Psalters um die Zeitenwende,
in: J. Schreiner (Hrsg.), Beiträge zur Psalmenforschung (FzB 60), Würzburg
1988, 319-384; M. Krieg, Todesbilder im Alten Testament (AThANT 73),
Zürich 1988; O. Loretz, Die Königspsalmen. Die altorientalisch-kanaanäische
Königstradition in jüdischer Sicht. Teil 1 (UBL 6), Münster 1988; H. Spiek-
kermann, Heilsgegenwart. Eine Theologie der Psalmen (FRLANT 148), Göt­
tingen 1988; R. J. Tournay, Voir et entendre Dieu avec les Psaumes ou la litur-
gie prophetique du second temple ä Jerusalem (CRB 24), Paris 1988; C. C.
Broyles, The Conflict of Faith and Experience in the Psalms. A Form-Critical
and Theological Study (JSOT.SS 32), Sheffield 1989; B. Janowski, Das Kö­
nigtum Gottes in den Psalmen. Bemerkungen zu einem neuen Gesamtentwurf:
ZThK 86 (1989) 389-453; B. Janowski, Rettungsgewißheit und Epiphanie des
Heils. Das Motiv der Hilfe Gottes »am Morgen« im Alten Orient und im Alten
Testament, Bd. I: Alter Orient (WMANT 59), Neukirchen-Vluyn 1989; J.
Vermeylen, L’usage liturgique des Psaumes dans la societe israelite antique:
QL 71 (1990) 191-206; W. Brueggemann, Bounded by Obedience and Praise:
JSOT 50 (1991) 63-92; O. H. Steck, Der Abschluß der Prophetie im Alten Te­
stament. Ein Versuch zur Vorgeschichte des Kanons (BThSt 17), Neukirchen
1991, 157-166 (»Anhang: Zur Frage der Schlußredaktion des Psalters«); E.
Zenger, Was wird anders bei kanonischer Psalmenauslegung?, in: Ein Gott-
eine Offenbarung. FS-N. Füglister, Würzburg 1991, 397-413; F. L. Hossfeld
- E. Zenger, »Selig, wer auf die Armen achtet« (Ps 41,2). Beobachtungen zur
Gottesvolk-Theologie des ersten Davidpsalters: JBTh 7 (1992) 21-50; R. G.
Kratz, Die Gnade des täglichen Brots - Späte Psalmen auf dem Weg zum Va­
terunser: ZThK 89 (1992) 1—40; N. Lohfink, Psalmengebet und Psalterredak­
tion: ALW 34 (1992) 1-22; J. C. McCann, The Psalms as Instruction: Interp
46 (1992) 117-128; G. T. Sheppard, Theology and the Book of Psalms: Interp
46 (1992) 143—155; M. S. Smith, The Psalms as a Book for Pilgrims: Interp 46
(1992) 156-166; G. H. Wilson, The Shape of the Book of Psalms: Interp 46
(1992) 129-142; E. Zenger, Schulter an Schulter mit dem Judentum. Wie
Christen heute die Psalmen beten und lesen sollten, in: Das Buch der Psalmen.
Band 7: Psalm 107-119 (Eschbacher Bilderbibel), Eschbach u. a. 1993 (im
DIE PSALMEN 31
Druck); F. L. Hossfeld - E. Zenger, »Wer darf hinaufziehn zum Berg
JHWHs?« Zur Redaktionsgeschichte und Theologie der Psalmengruppe
15-24, in: FS-N. Lohfink, Freiburg 1993 (im Druck).

d) Literatur zu den Psalmen 1-50


Ps 1: M. Buber, Recht und Unrecht. Deutung einiger Psalmen, Klosterberg-
Basel 1952, 63-74; G. J. Botterweck, Ein Lied vom glückseligen Menschen (Ps
1): ThQ 138 (1958) 129-151; N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c),
119-121; R. P. Merendino, Sprachkunst in Psalm 1: VT 29 (1979) 43-60;
J.Reindl, Psalm 1 und der >Sitz im Leben« des Psalters: Thjb Leipzig 1979,
39-50; W. Vogels, A Structural Analysis of Ps 1: Bib 60 (1979) 410—416; G.
Andre, »Walk«, »Stand« and »Sit« in Psalm I 1-2: VT 32 (1982) 327; J. A.
Durlesser, Poetic Style in Psalm 1 and Jeremiah 17:5-8. A Rhetorical Critical
Study: Semitics 9 (1984) 30-48; C. Westermann, Ausgewählte Psalmen, Göt­
tingen 1984, 204—205; J. Marböck, Zur frühen Wirkungsgeschichte von Ps 1,
in: FS-H. Groß (SBB 13), Stuttgart 1986 (21987) 207-222; P. D. Miller Jr., In-
terpreting 1986 (vgl. c), 81-86; B. J. Diebner, Psalm 1 als »Motto« der Samm­
lung des kanonischen Psalters: DBAT 23/24 (1987) 7-45; J. Maier, Psalm 1
im Licht antiker jüdischer Zeugnisse, in: FS-A. H. J. Gunneweg, Stuttgart
1987, 353-365; E. Haag, Psalm 1. Lebensgestaltung nach dem alttestamentli-
chen Menschenbild, in: FS-A. Deissler, Freiburg 1989, 153—172; P. Taglia-
carne, Grammatik und Poetik: Überlegungen zur Indetermination in Psalm 1,
in: FS-W. Richter, St. Ottilien 1991,549-559; E. Zenger, Der Psalter als Weg­
weiser und Wegbegleiter. Ps 1-2 als Proömium des Psalmenbuchs, in: FS-R.
Lettmann, Kevelaer 1993, 29-47.

Ps 2: W. Thiel, Der Weltherrschaftsanspruch des judäischen Königs nach


Psalm 2, in: Theologische Versuche III, Berlin 1971, 53-63; N. H. Ridderbos,
Die Psalmen 1972 (vgl. c), 122-124; G. Wilhelmi, Der Hirt mit dem eisernen
Szepter. Überlegungen zu Psalm II 9: VT 27 (1977) 196-204; J. A. Emerton,
The Translation of the Verbs in the Imperfect in Psalm II. 9: JTS 29 (1978)
499-503; A. Deissler, Zum Problem der Messianität von Psalm 2, in: FS-H.
Cazelles, Paris 1981,283-292. A. Lemaire, »Avec un sceptre de fer«. Ps II. 9 et
l’archeologie: Bi No 32 (1986) 25-30; E. Zenger, »Wozu tosen die Völker...?«
Beobachtungen zur Entstehung und Theologie des 2. Psalms, in: FS-H. Groß
(SBB 13), Stuttgart 1986 (21987) 495-511; P. D. Miller Jr., Interpreting 1986
(vgl. c), 87-93; O. Loretz, Eine kolometrische Analyse von Psalm 2, in: J.
Schreiner (Hrsg.), Beiträge zur Psalmenforschung (FzB 60), Würzburg 1988,
5-26; F. Diedrich, Psalm 2 - Überlegungen zur Endgestalt des Psalms, ebda.
27-71; A. Deissler, Die Stellung von Psalm 2 im Psalter. Folgen für die Ausle­
gung, ebda. 73-83; P. Maiberger, Das Verständnis von Psalm 2 in der Septua­
ginta, im Targum, in Qumran, im frühen Judentum und im Neuen Testament,
ebda. 85-151; B. Becking, »Wie Töpfe Sollst Du Sie Zerschmeißen.« Mesopo-
tamische Parallelen zu Psalm 2,9 b: ZAW 102 (1990) 59-79; J. W. Watts,
Psalm 2 in the Context of Biblical Theology: Horizons in Biblical Theology 12
(1990) 73-91; J. T. Willis, A Cry of Defiance - Psalm 2: JSOT 47 (1990)
33-50; B. Gosse, Le Psaume 2 et l’usage rfedactionnel des oracles contre les na-
tions ä l’6poque post-exilique: Bi No 62 (1992) 18-24; E. Zenger, Ps 1-2 als
Proömium, 1993 (vgl. Ps 1), 29-47.
r 32 DIE PSALMEN
Ps 3:G. J. Botterweck, Klage und Zuversicht der Bedrängten. Auslegung der
Psalmen 3 und 6: BiLe 3 (1962) 184-189; O. Keel, Feinde 1969 (vgl. c), 129 ff.
167ff; W. Beyerlin, Rettung 1970 (vgl. c), 75-84; N. H. Ridderbos, Die Psal­
men 1972 (vgl. c), 124 f; P. Auffret, Note sur la structure litteraire du Psaume
3: ZAW 91 (1979) 93-106; G. Gerlemann, Der »Einzelne« der Klage- und
Dankpsalmen: VT 32 (1982) 33-49; A. R. Müller, Stimmungsumschwung im
Klagepsalm: ALW 28 (1986) 416-426; H. Graf Reventlow, Gebet 1986 (vgl.
b), 168-182; P. Auffret, Notes complementaires sur la structure litteraire des
Psaumes 3 et 29: ZAW 99 (1987) 90-93; J. S. Kselman, Psalm 3: A Structural
and Literary Study: CBQ 49 (1987) 572-580; B. Janowski, Rettungsgewißheit
1989 (vgl. c), 6-18.180-191.

Ps 4: L. Dürr, Zur Datierung von Ps 4: Bib 16 (1935) 330-338; W. Beyerlin,


Die Rettung 1970 (vgl. c), 84-90; M. Mannati, Sur le sens de min en Ps 4,8:
VT 20 (1970) 361-366; N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c), 125-126;
F. Asensio, Salmo 4: Mentira o ld6latr[i]a?, Greg 61 (1980) 653-676; L.
Alonso Schökel, Treinta Salmos: Poesia y Oracion, Madrid 1986, 35-49; J. S.
Kselman, A note on Psalm 4,5: Bib 68 (1987) 103-105; O. Wahl, Du allein,
Herr, läßt mich sorglos ruhen. Die frohe Botschaft von Ps 4, in: FS-H. Groß
(s.o. zu Ps 1), 1986 (21987), 450-470; E. Zenger, »Gib mir Antwort, Gottmei-
ner Gerechtigkeit« (Ps 4,2). Zur Theologie des 4. Psalms, in: FS-H. Reinelt,
Stuttgart 1990, 377-403.

Ps 5:L. D. Delekat, Asylie und Schutzorakel am Zionheiligtum, Leiden 1967,


57ff; N. A. van Uchelen, *is dämmlm in the Psalms: OTS 15 (1969) 205—212;
W. Beyerlin, Rettung 1970 (vgl. c), 90-95; N. H. Ridderbos, Die Psalmen
1972 (vgl. c), 126-129; J. Coppens, La royautd 1977 (vgl. c), 297-306; J. W.
McKay, Psalms of Vigil: ZAW 91 (1979) 229-247; K. Koch, Was ist Formge­
schichte?, Neukirchen-Vluyn 41981, 209-222; B. Janowski, Rettungsgewiß­
heit 1989 (vgl. c), 181-191.

Ps 6: H. C. Knuth, Zur Auslegungsgeschichte von Psalm 6 (BGBE 11), Tübin­


gen 1971; N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c), 129-131; K. Seybold,
Das Gebet des Kranken 1973 (vgl. c), 153-158; J. A. Soggin, Philological and
Exegetical Notes on Ps 6: Bib Or 29 (1975) 133-142; H. W. M. van Grol, Lite­
rair-stilistische analyse van Psalm 6: Bijdr 40 (1979) 245-264; C. Westermann,
Ausgewählte Psalmen, Göttingen 1984, 59-62; N. Lohfink, Psalm 6 - Beob­
achtungen beim Versuch, ihn »kanonisch« auszulegen: ThQ 167 (1987)
277-288; ders., Was wird anders bei kanonischer Schriftauslegung? Beobach­
tungen am Beispiel von Ps 6: JBTh 3 (1988) 29-53; P. Auffret, Note comple-
mentaire sur la structure litteraire du Psaume 6: Bi No 42 (1988) 7-13; J. Smit
Sibinga, Gedicht en getal. Over de compositie van Psalm 6: Ned TTs 42
(1988) 185-207; C. C. Broyles, The Conflict 1989 (vgl. c), 179-183; O. Lo-
retz, Adaption ugaritisch-kanaanäischer Literatur in Psalm 6: UF 22 (1990)
195-220.

Ps 7: W. Beyerlin, Rettung 1970 (vgl. c), 95-101; N. H. Ridderbos, Die Psal­


men 1972 (vgl. c), 131-135; C. Macholz, Bemerkungen zu Psalm 7,4—6: ZAW
91 (1979) 127-129; E. S. Gerstenberger, Der bittende Mensch 1980 (vgl. c),
128-134.153-156; R. L. Hubbard, Dynamistic and Legal Processes in Ps 7:
i3

U
DIE PSALMEN 33
ZAW 94 (1982) 267-279; W. H. Bellinger, Psalms of the Falsely Accused: A
Reassessment: SBL Seminar Papers 25 (1986) 463—469; K. van derToom, Or-
deal Procedures In the Psalms and the Passover Meal: VT 38 (1988) 427-445; ••
■ ■

M. Krieg, Todesbilder 1988 (vgl. c), 268-272; N. Lohfink, Ps 7,2-6-vom Lö­


wen gejagt, in: FS-O. B. Knoch, Stuttgart 1991, 60-67.
:i
Ps 8: W. H. Schmidt, Gott und Mensch in Psalm 8: ThZ 25 (1969) 1-15; A.
Soggin, Textkritische Untersuchung von Ps. VIII w. 2-3 und 6: VT 21 (1971) ;
565-571; N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c), 136-140; R. Tournay,
Le Psaume VIII et la doctrine biblique du nom: RB 78 (1971) 18-30; A. Al-
bertz, Weltschöpfung 1974 (vgl. c), 122-126; L. Perlitt, Der Mensch nach der
Offenbarung des Alten Testaments. Eine Auslegung des 8. Psalms, in: Das
Bild vom Menschen in Orthodoxie und Protestantismus (ÖR.B 26), Komta!
1974, 7-20; W. Beyerlin, Psalm 8. Chancen der Überlieferungskritik: ZThK j:
73 (1976) 1-22; W. Rudolph, »Aus dem Munde der jungen Kinder und Säug­ ;z
linge...« (Ps 8,3), in: FS-W. Zimmerli, Göttingen 1977, 388-396; M. Görg,
Der Mensch als königliches Kind nach Ps 8,3: Bi No 3 (1977) 7-13; G. Wallis,
Psalm 8 und die ethische Fragestellung der modernen Naturwissenschaft: ThZ
34 (1978) 193-201; N. Füglister, Psalm 8, in: Aus den Psalmen leben, Freiburg j
1979, 27-37; O. H. Steck, Beobachtungen zu Psalm 8: Bi No 14 (1981) 54-64;
C. Petersen, Mythos 1982 (vgl. c), 62-84; C. Westermann, Ausgewählte Psal­
men, Göttingen 1984, 183-186; L. Alonso Schökel, Salmos 1986 (vgl. zu Ps4),
63-78; H. G. Reventlow, Gebet 1986 (vgl. b), 139-148; M. Görg, Alles hast
du gelegt unter seine Füße, in: FS-H. Groß 1986 (vgl. c), 125-148; ders., Kö­
nigliche Eulogie. Erwägungen zur Bildsprache in Ps 8,2: Bi No 37 (1987)
38-47; H. Spieckermann, Heilsgegenwart 1989 (vgl. c), 227-239.

Ps 9/10: W. Beyerlin, Rettung 1970 (vgl. c), 20 f; P. R. Berger, Zu den Stro­


phen des 10. Psalms: UF 2 (1970) 7-17; N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972
(vgl. c), 140-146; St. N. Rosenbaum, New Evidence for Reading »ge’im« in
Place of »goyim« in Ps 9 and 10: HUCA 45 (1974) 65-70; J. Becker, Psalmen­
exegese 1975 (vgl. b), 73-98; J. Coppens, La royaute 1977 (vgl. c), 307-313; J.
Jeremias, Das Königtum Gottes 1987 (vgl. c), 143-147; E. S. Gerstenberger,
;
Art. 'änäh II, ThWAT VI, 1987, 264; M. Krieg, Todesbilder 1988 (vgl. c),
292 f; G. Schmuttermayr, Psalm 9-10. Studien zur Textkritik und Überset­ !
zung, St. Ottilien 1985; G. A. Rendsburg, Linguistic Evidence for the Nor­ L
thern Origin of Selected Psalms (SBL.MS 43), Atlanta 1990.

Ps 11: R. Tournay, Poesie biblique et traduction fran$aise. Un essai sur le


Psaume XI: RB 53 (1946) 349-364; I. Sonne, Psalm Eleven: JBL 68 (1949)
241-245; W. Beyerlin, Die Rettung 1970 (vgl. c), 101-105; N. H. Ridderbos,
Die Psalmen 1972 (vgl. c), 146-148; G. Rinaldi, Salmo 11: BeO 15 (1973)
123-127; M. Mannati, Le Psaume XI: VT 29 (1979) 222-228; T. Veerkamp,
Der Bewährte - was kann er wirken? Eine Auslegung des 11. Psalms: Texte
und Kontexte 3 (1979) 5-10; P. Auffret, Essai sur la structure litteraire du :
psaume 11: ZAW 93 (1981) 401-418; W. H. Bellinger, The Interpretation of
Psalm 11: EvQ 56 (1984) 95-101; L. Alonso Schökel, Salmos 1986 (vgl. zu Ps
4), 79-88; M. S. Smith, »Seeing God« in the Psalms: The Background to the !
Beatific Vision in the Hebrew Bible: CBQ 50 (1988) 171-183.

iii
DIE PSALMEN

3ÄÄ 1970, 111-114; W. E. March, A Note on the Text of


p. 12 Q- VT 21 (1971) 610-612; N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c),
149-151 • P. D. Miller Jr., Yäpiabin Psalm XII6: VT 29 (1979) 495-501; E. S.
Gerstenberger, Psalm 12: Gott hilft den Unterdrückten, in: FS-F. Hahn, Gie­
ßen 1983, 83-104.
Ps 13:N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c), 151-152; A. Lauha, »Do­
minus benefecit«. Die Wurzel gml und die Psalmenfrömmigkeit: ASTI 11
(1977) 57-62; J. L. Mays, Psalm 13: Int 34 (1980) 279-283; O. H. Steck, Be­
obachtungen zur Beziehung von Klage und Bitte in Psalm 13: Bi No 13 (1980)
57-62; C. Westermann, Ausgewählte Psalmen, Göttingen 1984, 55-59; C. C.
Broyles, The Conflict 1989 (vgl. c), 183-187.

Ps 14: Ch. C. Torrey, The Archetype of Psalm 14 and 53: JBL 46 (1927)
186-192; K. Budde, Psalm 14 und 53: JBL 47 (1928) 160-183; M. Buber,
Recht und Unrecht 1962 (vgl. zu Ps 1), 14-26; B. D. Eerdmans, Psalm XIV,
LIII and the Elohim-Psalms: OTS 1 (1942) 258-267; E. San Pedro, Proble-
mata philologica psalmi XIV: VD 45 (1967) 65-78; J. Jeremias, Kultprophetie
1970 (vgl. zu Ps 12), 114-117; N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c),
152-154; R. A. Bennett, Wisdom Motifs in Psalm 14-53; näbäland 'e#i£:BA-
SOR 220 (1975) 15-21; Sh. Weissblueth, Psalm 14 and Its Parallel Psalm 53:
Beth Mikra 29 (1983/84) 133-138; P. D. Miller Jr., Interpreting 1986 (vgl. b),
94-99; P. Auffret, »Qui donnera depuis Sion le salut d’Israel?« Etüde structu-
relle des Psaumes 14 et 53: BZ 35 (1991) 217-230.

Ps 15:0. Garcia de la Fuente, Liturgias de entrada, normas de asilo o exhorta-


ciones prof6ticas?: Augustinianum 9 (1969) 266-298; T. Lescow, Die dreistu­
fige Tora: ZAW 82 (1970) 362-379; N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl.
c), 154-156; J. T. Willis, »Ethics in a Cultic Setting«. Essays in Old Testament
Ethics, in: FS-J. Ph. Hyatt, New York 1974, 145-170; P. D. Miller Jr., Poetic
Ambiguity and Balance in Psalm XV: VT 29 (1979) 416-424; P. Auffret, Essai
sur la structure litteraire du Psaume XV: VT 31 (1981) 385-399; M. L. Barre,
Recovering the Literary Structure of Psalm XV: VT 34 (1984) 207-211; S. Ö.
Steingrimsson, Tor der Gerechtigkeit. Eine literarturwissenschaftliche Unter­
suchung der sogenannten Einzugsliturgien im AT (ATSAT 22), St. Ottilien
1984; W. Beyerlin, Weisheitlich-kultische Heilsordnung. Studien zum 15.
Psalm (BThSt 9), Neukirchen-Vluyn 1985; E. Otto, Kultus und Ethos in Jeru­
salemer Theologie. Ein Beitrag zur theologischen Begründung der Ethik im
AT: ZAW 98 (1986) 161-179; F. L. Hossfeld, Nachlese zu neueren Studien
der Einzugsliturgie von Ps 15, in: FS-H. Reinelt, Stuttgart 1990, 135-155; H.
J, Kraus, Tore der Gerechtigkeit, in: FS-K. Koch, Neukirchen-Vluyn 1991,
265-272.

Ps 16: E. Zolli, Die Heiligen im Psalm 16: ThZ 6 (1950) 149-150; S. Mo-
winckel, Zu Psalm 16,2ss: ThLZ 82 (1957) 649-654; L. Jacquet, Yahweh,
mon bonheur c’est toi!: BVC 43 (1962) 27—41; N. H. Ridderbos, Die Psalmen
1972 (vgl. c), 157-160; A. Schmitt, Ps 16,8-11 als Zeugnis der Auferstehung in
der Apg: BZ 17 (1973) 229-248; J. Lindblom, Erwägungen zu Psalm XVI: VT
DIE PSALMEN 35
24 (1974) 187-195; W. Quintens, Le chemin de vie dans psaume XVI: EThL
55 (1979) 233-242; Th. Bell, »...quia insignis estpsalmus iste de insigni mate-
ria...« Martin Luther über Psalm 16 in den »Operationes in Psalmos«: Bijdr 41
(1980) 419-435; W. A. M. Beuken, Psalm 16: The Path to Life: Bijdr 41
(1980) 368-385; H. auf der Maur, Zur Deutung von Ps 15 (16) in der Alten
Kirche. Eine Übersicht über die Interpretationsgeschichte bis zum Anfang des
4. Jh.s: Bijdr 41 (1980) 401-418; D. J. van Uden, >Als je leven zoekt«. De inter-
pretatie van het woord >leven< in Ps 16,11 in de rabbijnse literatur: Bijdr 41
(1980) 386-400; F. D. Hubmann, Textgraphik und Psalm XVI 2-3: VT 33
(1983) 101-106; N. Füglister, Gott allein genügt. Leben in der Gegenwart
Gottes anhand von Psalm 16: Christliche Innerlichkeit 19 (1984) 126-136; K.
Seybold, Der Weg des Lebens. Eine Studie zu Psalm 16: ThZ 40 (1984)
121-129; R. J. Tournay, Le Psaume 16, 1-3: RB 95 (1988) 332-336.

Ps 17: W. Beyerlin, Rettung 1970 (vgl. c), 105-111; N. H. Ridderbos, Die


Psalmen 1972 (vgl. c), 160-162; J. W. McKay, Psalms of Vigil: ZAW 91
(1979) 229—247; P. Auffret, La sagesse a bäti 1982 (vgl. c), 411-425; L. Neveu,
Au pas des Psaumes 1988 (vgl. b), 112-116.

Ps 18: G. Schmuttermayr, Ps 18 und 2 Sam 22. Studien zu einem Doppeltext


(StANT 25), München 1971; N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c),
162-173; T. Veijola, Die ewige Dynastie. David und die Entstehung seiner
Dynastie nach der deuteronomistischen Darstellung (AASF B 193), Helsinki
1975; D. N. Freedman, Divine Names and Titles in Early Hebrew Poetry, in:
FS-G. E. Wright, New York 1976; 55-107; J. Jeremias, Theophanie
(WMANT 10), Neukirchen-Vluyn 1965 (21977), 33-38.128-129; B. Cou-
royer, NHT: »Encorder un arc«(?): RB 88 (1981) 13-18; P. Auffret, La
sagesse a bäti 1982 (vgl. c), 409-438; S. Kreuzer, Der lebendige Gott
(BWANT 116), Stuttgart 1983, 146—161; J. K. Kuntz, Psalm 18: ARhetorical-
Critical Analysis: JSOT 26 (1983) 3-31; R. B. Chisholm, An Exegetical and
Theological Study of Psalm 18/2Sam 22, Michigan 1986; B. Couroyer, Ta
droite assiste mon epee: RB 93 (1986) 38-69; F. L. Hossfeld, Der Wandel des
Beters in Ps 18, in: FS-H. Groß (SBB 13), Stuttgart 1986 (21987), 171-190; J.
L. Vesco, Le Psaume 18. Lecture Davidique: RB 94 (1987) 5-62; U. Rüters-
wörden, Der Bogen in Gen 9. Militärhistorische und traditionsgeschichtliche
Erwägungen zu einem biblischen Symbol: UF 20 (1988) 247-263; B. Ja-
nowski, Keruben und Zion. Thesen zur Entstehung der Zionstradition, in
FS-K. Koch, Neukirchen-Vluyn 1991, 231-264.

Ps 19:0. H. Steck, Bemerkungen zur thematischen Einheit von Psalm 19,2-7,


in: FS-C. Westermann, Göttingen 1980, 318-324; H. Gese, Die Einheit des
Psalm 19, in: FS-G. Ebeling, Tübingen 1982, 3-10; Chr. Dohmen, Ps 19 und
sein altorientalischer Hintergrund: Bib 64 (1983) 501-517; I. Fischer, Ps 19-
Ursprüngliche Einheit oder Komposition?: Bi No 21 (1983) 16-25; A. Mein­
hold, Überlegungen zur Theologie des 19. Psalms: ZThK 80 (1983) 119-136;
J. M. Oesch, Zur Übersetzung und Auslegung von Psalm 19. FS-A. Gamper:
Bi No 26 (1985) 71-87; H. Spieckermann, Heilsgegenwart 1989 (vgl. c),
60-72; B. Janowski, Rettungsgewißheit 1989 (vgl. c); R. P. Knierim, On the
Theology of Psalm 19, in: FS-K. Koch, Neukirchen-Vluyn 1991, 439-458.
36 DIE PSALMEN
Ps 20:R. J. Tournay, Recherches sur la Chronologie des Psaumes. 3. Une litur-
gie d’inthronisation (Psaumes XX et XXI): RB 66 (1959) 161—190; N. H.
Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c), 179-182; J. H. Eaton, Kingship in the
Psalms, London 1976 (= Sheffield 21986), 111-134; S. P. Vleeming - J. W.
Wesselius, An Aramaic Hymn from the Fourth Century B. C.: BiOr 39 (1982)
501-509; Ch. F. Nims - R. C. Steiner, A Paganized Version of Psalm 20: 2-6
from the Aramaic Text in Demotic Script: JAOS 103 (1983) 261-274; K. A. D.
Smelik, The Origin of Psalm 20: JSOT 31 (1985) 75-81; M. Weinfeld, The
Pagan Version of Psalm 20:2-6. Vicissitudes of a Psalmodic Creation in Israel
and its Neighbours, in: Nahman Avigad Volume (Erez Israel 18), Jerusalem
1985, 130-140; I. Kottsieper, Anmerkungen zu Pap. Amherst 63 I: 12,11-19.
— Eine aramäische Version von Ps 20: ZAW 100 (1988) 217—244; O. Loretz,
Königspsalmen 1988 (vgl. c), 20-54.

Ps 21: R. J. Tournay, Recherches 1959 (vgl. zu Ps 20), 161-190; F. C. Fens-


ham, Ps 21 - A Covenant Song?: ZAW 77 (1965) 193-202; N. H. Ridderbos,
Die Psalmen 1972 (vgl. c), 182-185; J. H. Eaton, Kingship 1976 (vgl. zu Ps
20), 111-134; W. Quintens, La vie du roi dans le Psaume 21: Bib 59 (1978)
516-541; P. Auffret, Note sur la structure litt6raire du Psaume XXI: VT 30
(1980) 91-93; O. Loretz, Königspsalmen 1988 (vgl. c), 78-106; H. Spiecker-
mann, Heilsgegenwart 1989 (vgl. c), 208-219.

Ps 22: O. Keel, Nochmals Ps 22,28-33: Bib 51 (1970) 405-513; W. H.


Schmidt, »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Ps 22 als
Beispiel alttestamentlicher Rede von Krankheit und Tod: WuD 11 (1971)
119-140; N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c), 185-192; H. Gese, Ps
22 und das Neue Testament, in: ders., Vom Sinai zum Zion, München 1974,
180-201; J. Becker, Psalmenexegese 1975 (vgl. b), 92-96; F. Stolz, Alttesta-
mentliches Reden vom Menschen und neutestamentliches Reden von Jesus:
ZThK 77 (1980) 129-148; A. Deissler, »Mein Gott, warum hast du mich ver­
lassen?« (Ps 22,2). Das Reden zu Gott und von Gott in den Psalmen - am Bei­
I spiel von Ps 22, in: N. Lohfink u.a., »Ich will euer Gott werden« (SBS 100),
Stuttgart 1981,97-121; B, N. Wambacq, Psaume 22,4: Bib 62 (1981) 99-100;
O. Fuchs, Klage als Gebet. Eine theologische Besinnung am Beispiel des
Psalms 22, München 1982; J. S. Kselman, »Why Have You Abandoned Me?«
A Rhetorical Study of Psalm 22: JSOT 19 (1982) 172-198; C. Westermann,
\ Ausgewählte Psalmen, Göttingen 1984, 62-70; P. D. Miller Jr., »Enthroned
on the Praises of Israel«: Int 39 (1985) 5-19; A. R. Müller, Stimmungsum­
schwung im Klagepsalm. Zu Ottmar Fuchs, »Die Klage als Gebet«, ALW 28
(1986) 416-426; P. Weimar, Ps 22 - Beobachtungen zur Komposition und
:
Entstehungsgeschichte, in: FS-H. Groß, Stuttgart 1986 (21987), 471-494; J.
I Jeremias, Das Königtum Gottes 1987 (vgl. c), 144-146; B. Renaud, Le Psaume
22: Structure et relecture, in: FS-P. Grelot, Paris 1987, 155-164; H. J. Fabry,
Die Wirkungsgeschichte des Psalms 22, in: J. Schreiner (Hrsg.), Beiträge zur
Psalmenforschung. Psalm 2 und 22 (FzB 60), Würzburg 1988, 279-317; H. Ir-
sigler, Psalm 22: Endgestalt, Bedeutung und Funktion, ebd., 193-239; J.
Schreiner, Zur Stellung des Psalms 22 im Psalter. Folgen für die Auslegung,
ebd., 241-277; G. Vanoni, Psalm 22. Literarkritik, ebd., 153-192; H.
Spieckermann, Heilsgegenwart 1989 (vgl. c), 239-253.
I

DIE PSALMEN 37
Ps 23:E. Vogt, The >PIace in Life< of Ps 23: Bib 34 (1953) 195-211; L. Köhler,
Psalm 23: ZAW 68 (1956) 227-234; A. L. Merrill, Psalm 23 and the Jerusalem
Tradition: VT 15 (1965) 354-360; J. J. Stamm, Erwägungen zu Psalm 23, in:
FS-A. de Quervain (BEvTh 44), München 1966, 120-128; W. Beyerlin, Ret­
tung 1970 (vgl. c), 111-116; A. R. Johnson, Psalm 23 and the Household of
Faith, in: FS-G. H. Davies, Richmond 1970, 255-271; G. Schwarz, ». ..einen
Tisch angesichts meiner Feinde«?: VT 20 (1970) 118-120; N. H. Ridderbos,
i
Die Psalmen 1972 (vgl. c), 192-195; D. N. Freedman, The Twenty-Third
Psalm, in: FS-G. Cameron, Michigan 1976,139-166 (= ders., Pouery, Poetry
and Prophecy. Studies in Early Hebrew Poetry, Winona Lake 1980, 275-302);
R. Tomback, Psalm 23:2 Reconsidered: JNWSL 10 (1982) 93-96; W. Schott­
roff, Psalm 23. Zur Methode sozialgeschichtlicher Bibelauslegung, in: W.
Schottroff - W. Stegemann (Hrsg.), Traditionen der Befreiung, München
1980, 78-113; S. Mittmann, Aufbau und Einheit des Danklieds Psalm 23:
ZThK 77 (1980) 1-23; M. L. Barre-J. S. Kselman, New Exodus, Covenant, i
and Restoration in Psalm 23, in: FS-D. N. Freedman, Winona Lake 1983,
97-127; E. Haag, »Der Herr ist mein Hirt« (Ps 23,1). Ein Beitrag zum christli­
chen Psalmenverständnis, in: Dynamik im Wort, Stuttgart 1983, 85-101; L.
Alonso Schökel, Salmos 1986 (vgl. zu Ps 4), 107-120; A. Cooper, Structure,
Midrash and Meaning: The Case of Psalm 23, in: Proceedings of the World
Congress of Jewish Studies, August 4-12, 1985, The Period of the Bible, Jeru­
salem 1986, 107-114; J. R. Lundbom, Psalm 23: Song of Passage: Interp 40
(1986) 6-16; P. D. Miller Jr., Interpreting 1986 (vgl. b), 112-119; H. G. Re-
ventlow, Gebet 1986 (vgl. b), 220-227; W. Stenger, Strukturale >relecture< von
Ps 23, in: FS-H. Groß 1986 (vgl. c), 441-455; Th. M. Willis, A Fresh Look at
Psalm XXIII 3 a: VT 37 (1987) 104-106; Y. Mazor, Psalm 23:The Lord is My
Shepherd - Or is He My Host?: ZAW 100 (1988) 416-420; M. S. Smith, Set-
ting and Rhetoric in Psalm 23: JSOT 41 (1988) 61-66; H. Spieckermann,
Heilsgegenwart 1989 (vgl. c), 263-274; N. A. van Uchelen, Psalm XXIII:
Some Regulative Linguistic Evidence: OTS 25 (1989) 156-162; D. Pardee,
Structure and Meaning in Hebrew Poetry: The Example of Psalm 23, in: FS-
St. Segert (Maarav 5-6 [1990]), Santa Monica 1990, 275-280; D. D. Sylva,
The Changing of Images in Ps 23, 5.6: ZAW 102 (1990) 111-116; A. Heinz,
Der Psalm vom Guten Hirten (Ps 23) in der erneuerten Meßliturgie: TThZ
100 (1991) 289-306; O. Keel, Schöne, schwierige Welt - Leben mit Klagen
und Loben. Ausgewählte Psalmen, Berlin 1991, 16-33; S. Ö. Steingrimsson,
Der priesterliche Anteil. Bedeutung und Aussageabsicht in Psalm 23, in:
FS-W. Richter, St. Ottilien 1991, 483-519.

Ps 24: J. T. Willis, Ethics in a Cultic Setting 1974 (s. zu Ps 15); M. Dijkstra, A '
r
Ugaritic Pendant Of The Biblical Expression »Pure in Heart« (Ps 24,4; 74,1):
UF 8 (1976) 550; W. Dietrich, Gott als König: ZThK 77 (1980) 251-268; N.
Tromp, Jacob in Psalm 24: Apposition, Aphaeresis or Apostrophe, in: FS-J. P.
M. van der Ploeg (AOAT 211) Kevelaer 1982, 271-282; C. Petersen, Mythos :
1982 (vgl. c), 95-100; A. Cooper, Ps 24,7-10: Mythology and Exegesis: JBL V
102 (1983) 37-60; S. Ö. Steingrimsson, Tor der Gerechtigkeit (ATSAT 22)
1984 (vgl. Ps. 15); M. Metzger, Königsthron und Gottesthron (AOAT 15/1),
i
Neukirchen-Vluyn 1985, 362-363; E. Otto, Kultus und Ethos in Jerusalemer
Theologie: ZAW 98 (1986) 161-179; J. Jeremias, Das Königtum Gottes 1987
(vgl. c); O. Loretz, Ugarit-Texte und Thronbesteigungspsalmen. Die Meta-
38 DIE PSALMEN
morphose des Regenspenders Baal-Jahwe (UBL 7), Münster 1989, 239—274;
H. Spieckermann, Heilsgegenwart 1989 (vgl. c), 196-208; O. H. Steck, Zion
als Gelände und Gestalt: ZThK 86 (1989) 261-281; B. Janowski, Das König­
tum Gottes in den Psalmen: ZThK 86 (1989) 389-454; H. Spieckermann,
»Die ganze Erde ist seiner Herrlichkeit voll«. Pantheismus im AT?: ZThK 87
(1990) 415-436.

Ps 25: N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c), 200-206; L. Ruppert, Ps


25 und die Grenze kultorientierter Psalmenexegese: ZAW 84 (1972) 576-582;
J. Becker 1975 (vgl. b), 73-84; P. Auffret, La sagesse a bäti 1982 (vgl. c),
207-227; N. Lohfink, Der neue Bund und die Völker: Kirche und Israel 6
(1991) 115-133.

Ps 26: E. Vogt, Psalm 26, ein Pilgergebet: Bib 43 (1962) 328-337; L. A.


Snijders, Psaume XXVI et l’innocence: OTS 13 (1963) 112-130; W. Beyerlin,
Rettung 1970 (vgl. c), 117-122; N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c),
206-210; P. G. Mosca, Psalm 26: Poetic Structure and the Form-Critical
Task: CBQ 47 (1985) 212-237; P. Auffret, »La voix de l’action de grä-
ces«-Etude structurelle du Ps 26: NRTh 111 (1989) 217-227; W. H. Bellinger,
Psalm 26: Review and Expositor 86 (1989) 577-582; N. Lohfink, Einige Beob­
achtungen zu Psalm 26, in: FS-N. Füglister, Würzburg 1991, 189-204.

Ps 27: W. Beyerlin, Rettung 1970 (vgl. c), 122-129; N. H. Ridderbos, Die


Psalmen 1972 (vgl. c), 210-214; J. W. McKay, Psalms of Vigil: ZAW 91
(1979) 220-247; J. Niehaus, The Use of Lule in Psalm 27: JBL 98 (1979)
88-89; R. Schmid, Opfer mit Jubel: ThZ 35 (1979), 48-54; S. M. Paul, Ps
27,10 and the Babylonian Theodicy: VT 32 (1982) 489-492; C. Westermann,
Psalmen 1984 (vgl. Ps 8), 107-110; P. Auffret, »Yahve m’accueillera«. Etüde
structurelle du Psaume 27: ScE 38 (1986) 97-113; L. Neveu, Psaumes I 1988
1 (vgl. b), 37-41.

1 Ps 28: A. Gelston, A Note on the Text of Psalm XXVIII 7 b: VT 25 (1975)


214-216; J. Becker, Die kollektive Deutung der Königspsalmen: ThPh 52
(1977) 561-578; M. Dahood, Ugaritic msr, »Song«, in Psalms 28,7 and 137,3:
Bib 58 (1977) 216-217; A. R. Johnson, The Cultic Prophet and Israel’s Psal-
; mody, Oxford 1979, 215-226; N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c),
214-217; A. Aejmelaeus, TheTraditional Prayer 1986 (vgl. c), passim; P. Auf­
fret, »II jubiie mon coeur« Etüde Structurelle du Psaume 28: EstBi 46 (1988)
187-216.

Ps 29: W. H. Schmidt, Königtum Gottes in Ugarit und in Israel (BZAW 80),


Berlin 1961 (21966), 25-27.55-58; W. Groß, Verbform und Funktion. Wayyiq-
tol für die Gegenwart? (ATS 1), St. Ottilien 1976, 93-99; S. Mittmann, Kom­
position und Redaktion von Ps 29: VT 28 (1978) 172-194; C. Macholz, Psalm
29 und 1. Könige 19. Jahwes und Baals Theophanie, in: FS-C. Westermann,
Göttingen 1980, 325-333; P. Auffret, Notes complementaires sur la structure
littdraire des psaumes 3 et 29: ZAW 99 (1987) 90-93; J. Jeremias, Das König­
tum Gottes 1987 (vgl. c), 29-45; O. Loretz, Ugarit-Texte 1989 (s. zu Ps 24),
76-248 (Lit.l); H. Spieckermann, Heilsgegenwart 1989 (vgl. c), 165-179; B.
Janowski, Das Königtum Gottes in den Psalmen: ZThK 86 (1989) 389-454;

!
DIE PSALMEN 39
G. A. Rendsburg, Linguistic Evidence for the Northern Origin of Selected
Psalms (SBL.MS 43), Atlanta 1990, 35-37.
:
Ps 30: J. Schildenberger, Tod und Leben. Eine Auslegung von Ps 30 (29): BiKi
13 (1958) 110-115; L. Krinetzki, Psalm 30 in stilistisch-exegetischer Betrach­
tung: ZkTh 83 (1961) 345-360; J. Schreiner, Aus schwerer Krankheit errettet.
Auslegung von Psalm 30: BiLe 10 (1969) 164-175; N. H. Ridderbos, Die Psal­
men 1972 (vgl. c), 222-225; Ch. Barth, Das Heil der Welt nach Ps 30, in: P. A. :
Potter (Hrsg.), Das Heil der Welt, Stuttgart 1973, 51-57; H. Witzenrath, Am
Abend Weinen - doch am Morgen Jubel. Ps 30 - ein alter Osternachtspsalm ;
der Kirche, in: H. Becker - R. Kaczynski, Liturgie 1983 (vgl. c), 447-495; C.
Westermann, Psalmen 1984 (vgl. Ps 8), 121-125; L. Alonso Schökel, Salmos i
1986 (vgl. zu Ps 4), 133-146; N. J. Tromp, La louange realiste du Psaume 30
(29). »Ne pas separer ce que Dieu a uni«: EThL 62 (1986) 257-266. :
i
Ps 31: N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c), 225-231; K. Seybold, Das
Gebet 1973 (vgl. c), 71 f; P. Auffret, »Pivot Pattern«: Nouveaux examples: VT
28 (1978) 103-110; L. Laberge, A Literary Analysis of Psalm 31: EgT 16
(1985) 147-168; M. Krieg, Todesbilder 1988 (vgl. c), 296-298; F. Crüsemann,
Im Netz: Zur Frage nach der »eigentlichen Not« in den Klagen der Einzelnen,
in: FS-C. Westermann, Stuttgart 1989, 139-148; Ch. Markschies, »Ich aber
vertraue auf dich, Herr!« — Vertrauensäußerungen als Grundmotiv in den Kla­
geliedern des Einzelnen: ZAW 103 (1991) 386-398.

Ps 32: F. Crüsemann, Studien 1969 (vgl. c), 236-239; N. H. Ridderbos, Die


Psalmen 1972 (vgl. c), 231-236; K. Seybold, Das Gebet 1973 (vgl. c),
159-163; F. Stolz, Psalmen 1983 (vgl. c), 53-56; P. Auffret, Essai sur la struc-
ture litteraire du Psaume XXXII: VT 38 (1988) 257-285.

Ps 33: A. Deissler, Der anthologische Charakter des Psalmes 33(32), in: FS-A.
Robert, Paris 1957, 225-233; N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c),
236-245; J. M. Vincent, Recherches ex6getiques sur le Psaume XXXIII: VT
28 (1978) 442-454; C. Petersen, Mythos 1982 (vgl. c), 101-115; C. Wester­
mann, Psalmen 1984 (vgl. Ps 8), 148-155; H. Graf Reventlow, Gebet 1986
(vgl. b), 131-139; P. Auffret, Les pensees de son coeur: Etüde structurelle du
Ps 33: ScE 39 (1987) 47-49. ;

Ps 34: L. J. Liebreich, Psalms 34 and 145 in the Light of their Key Words:
HUCA 27 (1956) 181-192; W. Vischer, Du texte au sermon - Psaume 34:
EThR 44 (1969) 247-264; N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c), !
245-251; J. J. M. Roberts, The Young Lions of Psalm 34,11: Bib 54 (1973)
265-267; J. Schildenberger, Das Psalmenpaar 25 und 34: EuA 57 (1981) :
270-274; A. R. Ceresko, The ABCs of Wisdom in Psalm XXXFV: VT 35
(1985) 99-104; K. H. Richards, Psalm 34: Interp 40 (1986) 175-180; L. O.
Eriksson, »Come Children, Listen to Me!« Psalm 34 in the Hebrew Bible and
.
in Early Christian Writings (CB.OT 32), Stockholm 1991.
Ps 35:0. Keel, Feinde 1969 (vgl. c), 102ff. 123 ff. 157 ff; N. H. Ridderbos, Die
Psalmen 1972 (vgl. c), 251-259; F. Asensio, »Sobre la marcha del Salmo 35«: .
EstBi 31 (1972) 5-16; K. Seybold, Das Gebet 1973 (vgl. c), 66f; E. S. Gersten­
berger, Der bittende Mensch 1980 (vgl. c), 124 ff.
:
40 DIE PSALMEN
Ps 36:N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c), 260-267; R. Tournay, Le
Psaume XXXVI: Structure et doctrine: RB 90 (1983) 5-22; P. Auffret,
»Yahv6, qu(’elle nous est) chere, ta loyaut6!« Etüde structurelle du Ps 36: ScE
40 (1988) 53-73; N. Lohfink, Das Böse im Herzen und Gottes Gerechtigkeit
in der weiten Welt. Gedanken zu Ps 36, in: FS-Josef Sudbrack, Würzburg
! 1990, 327-341.

Ps 37: J. M. Allegro, A Newly Discovered Fragment of a Commentary on


Psalm XXXVII From Qumran: PEQ 86 (1954) 69-75; N. H. Ridderbos, Die
Psalmen 1972 (vgl. c), 267-277; D. Pardee, A Restudy of the Commentary on
Psalm 37 from Qumran Cave 4: RQ 8 (1973) 163-194; A. Ricciardi, Los po-
bres y la tierra segün el Salmo 37: RBib 41 (1979) 225-237; K. J. Torjesen, In­
i
terpretation of the Psalms: Study of the Exegesis of Ps 37: Aug 22 (1982)
349-355; F. Stolz, Psalmen 1983 (vgl. c), 60-64; L. Alonso Schökel, Salmos
1986 (vgl. zu Ps 4), 405-415; J. Maier, Auslegungsgeschichtliche Beobachtun­
gen zu Psalm 37,1.7.8: RQ 13 (1988) 465-479.

Ps 38: K. Seybold, Das Gebet 1973 (vgl. c), 98-106; E. S. Gerstenberger, Der
bittende Mensch 1980 (vgl. c), 113-160; H. Graf Reventlow, Gebet 1986 (vgl.
b), 163-189; P. Auffret, »Toi Tu repondras« Etüde structurelle du Psaume
38: ScE 40 (1988) 295-314.

Ps 39: N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c), 283-289; K. Seybold, Das
Gebet 1973 (vgl. c), 129-173; F. Stolz, Der 39. Psalm: WuD 13 (1975) 23-33;
ders., Psalmen 1983 (vgl. c), 39-42; A. Angerstorfer, Der Mensch nach Ps
39,6 f und Targum 39,6 f. Vergänglichkeitsaussage und Auferstehungshoff­
nung, in: FS-H. Groß (SBB 13), Stuttgart 1986 (21987), 1-15; P. Auffret, »Car
Toi, Tu as agi«. Etüde structurelle du Psaume 39: Bijdr 51 (1990) 118-138.

Ps 40: B. S. Cavaletti, II rotolo dell’orante: RSO 32 (1957) 293-299; P. E.


Bonnard, Tendu, j’ai attendu le Seigneur (Psaume 40): BVC 45 (1962) 16-25;
N. H. Ridderbos, The Structure of Psalm XL: OTS 14 (1965) 296-304; N. Ai-
roldi, II Salmo 40B: RivBib 16 (1968) 247-258; F. Crüsemann, Studien 1969
(vgl. c), 258-263; N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c), 289-297; G.
Braulik, Psalm 40 und der Gottesknecht (FzB 18), Würzburg 1975; J. S. Ksel-
man, A Note on LR' WT\n Ps 40:13: Bib 62 (1982) 552-554; C. Westermann,
Psalmen 1984 (vgl. Ps 8), 129-133.

Ps 41 :N. H. Ridderbos, Die Psalmen 1972 (vgl. c), 298-300; K. Seybold, Das
Gebet 1973 (vgl. c), 106-113; J. K. Kuntz, The Canonical Wisdom Psalms of
Ancient Israel, in: FS-J. Muilenberg, Pittsburg 1974, 186-222; J. Gamberoni,
Der einzelne in den Psalmen, in: FS-H. Groß (SBB 13), Stuttgart 1986
(21987), 107-123; G. H. Wilson, The Use of Royal Psalms at the >Seams< of
the Hebrew Psalter: JSOT 35 (1986) 85-94; P. Auffret, »O bonheurs de
l’homme attentif au faible!«. Etüde structurelle du Psaume 41: Bijdr 50 (1989)
2-23; E. Jenni, Zu den doxologischen Schlußformeln des Psalters, ThZ 40
(1984) 114-120.

Ps 42/43: H. H. Rowley, The Structure of Psalm XLII-XLIII: Bib 21 (1940)


45-50; A. Ros6, La soif du Dieu vivant (Psaumes 42 et 43): BVC 25 (1959)
DIE PSALMEN 41
29-38; G. M. Behler, Was bist du betrübt meine Seele (Ps 42f): BiLi 38
(1964/65) 379-398; J. Schreiner, Verlangen nach Gottes Nähe und Hilfe.
Auslegung von Psalm 42/43: BiLe 10 (1969) 254-264; R. J. Tournay, Notes
sur les Psaumes (Ps XLII,9; LXXV,7-9; XL, 5 et LXXVI,2ss): RB 79 (1972)
39-58; N. M. Waldman, Some Notes on Malachi 3:6, 3:13 and Ps 42:11: JBL
93 (1974) 543-549; L. Alonso Schökel, The Poetic Structure of Psalm 42-43:
JSOT 1 (1976) 4-11; dazu ebda. »Responses« von M. Kessler (12-15) und N.
H. Ridderbos (16-21); dazu wiederum L. Alonso Schökel: JSOT 3 (1977)
61-65; E. Haag, Die Sehnsucht nach dem lebendigen Gott im Zeugnis des
Psalms 42/43: GuL 49 (1976) 167-177; G. W. Anderson, »Sicut cervus«: Evi-
dence in the Psalter of Private Devotion in Ancient Israel: VT 30 (1980)
388-397; J. A. Durlesse, A Rhetorical Critical Study of Psalms 19, 42, and 43: .
StudBT 10 (1980) 179-197;T. Tsimaryon, Psalms 42-43 and the Contrasts in
Them: BetM 32 (1986/87) 296-298; M. S. Smith, »Seeing God« 1988 (vgl. zu
Ps 11), 171-183; C. C. Broyles, The Conflict 1989 (vgl. c), 201-206; L. Rup-
pert, Dürsten nach Gott. Ein psalmistisches Motiv im religionsphänomenolo­
gischen Vergleich, in: FS-H. Reinelt, Stuttgart 1990, 237-251.

Ps 44:E. Läkatos, Salmo 44: RBib 17 (1955) 40-42; 18 (1956) 15-19; H.


Groß, Geschichtserfahrung in den Psalmen 44 und 77: TThZ 80 (1971)
207-221; W. Beyerlin, Innerbiblische Aktualisierungsversuche: Schichten im
44. Psalm: ZThK 73 (1976) 446-460; H. M. Parker Jr., Artaxerxes III Ochus
and Psalm 44: JQR 68 (1978) 152-168; C. Giraudo, La struttura letteraria
della preghiera eucaristica. Saggio sulla genesi letteraria di una forma (AnBib
92), Rom 1981,70-79; E. Vogt, Das Klagegebet Psalm 44 und die Belagerung
Jerusalems 701 v. Chr (AnBib 106), Rom 1986, 78-86; J. H. Coetzee, The
Functioning of Elements of Tension in Psalm 44:TEvca 21 (1988) 2-5; C. C.
Broyles, The Conflict 1989 (vgl. c), 139-144; E. Zenger, Warum verbirgst du
dein Angesicht? Vom Leiden Israels an seinem Gott, in: R. Zerfaß - H. Poens-
gen (Hrsg.), Die vergessene Wurzel, Würzburg 1990, 89-119; P. von der
Osten-Sacken, Der Wille zur Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnis­
ses in seiner Bedeutung für biblische Exegese und Theologie: JBTh 6 (1991)
247-257.

Ps 45:Th. H. Gaster, Psalm 45: JBL 74 (1955) 239-251; E. Beaucamp, L’oint


de Yahweh et la princesse etrang£re: BVC 28 (1959) 34-45; J. H. Darby,
Psalm 44 (45). The King and His Bride: IER 91 (1959) 249-255; P. J. King, A
Study of Psalm 45 (44), Rom 1959; J. Schildenberger, Zur Textkritik von Ps
45 (44): BZ 3 (1959) 31-43; J. R. Porter, Psalm XLV. 7: JThS 12 (1961)
51-53; R. J. Tournay, Les affinites du Ps. XLV avec le Cantique des Cantiques
et leur interpr6tation messianique: VTS 9 (1963) 168-212; C. Schedl, Neue
Vorschläge zu Text und Deutung des Psalms XLV: VT 14 (1964) 310-318; E.
Beaucamp, Des justices plein ta main, de redoutables exploits plein ta droite
(Ps 45,5 c): Bib 47 (1966) 110-112; J. A. Emerton, The Syntactical Problem of
Psalm XLV, 7: JSS 13 (1968) 58-63; B. Couroyer, Dieu ou Roi? Le vocatif
dans le Psaume XLV (w 1-9): RB 78 (1971) 233-241; O. Loretz, Studien zur
althebräischen Poesie I. Das althebräische Liebeslied. Untersuchung zur Sti-
chometrie und Redaktionsgeschichte des Hohenliedes und des 45. Psalms
(AOAT 14,1), Kevelaer - Neukirchen 1971, 67-70; J. Mulder, Studies on
Psalm 45, Diss. Nijmegen 1972; A. S. van der Woude, Ps 45, 11-18. Ein neuer

‘ .

||
i
42 DIE PSALMEN
Interpretationsversuch, in: FS-N. H. Ridderbos, Amsterdam 1975, 111—116;
J. P. J. Olivier, The Sceptre of Justice and Ps 45:7b: JNWSL 7 (1979) 45-54; J.
Schildenberger, Der Königspsalm 45: EuA 56 (1980) 128-133; G. L. Carr,
The Old Testament Love Songs and Their Use in the New Testament: JETS
24 (1981) 97-105; M. J. Harris, The Translation of Elohim in Psalm 45:7-8:
TynB 35 (1984) 65-89; R. D. Patterson, A Multiplex Approach to Psalm 45:
Grace Theological Journal 6 (1985) 29-48; L. Alonso Schökel, Salmos 1986
(vgl. zu Ps 4), 167-188; C. F. Whitley, Textual and Exegetical Observations
on Ps 45,4-7: ZAW 98 (1986) 277-282.

Ps 46: M. Weiss, Wege der neuen Dichtungswissenschaft in ihrer Anwendung


auf die Psalmenforschung. Methodologische Bemerkungen, dargelegt am Bei­
spiel von Psalm XLVI: Bib 42 (1961) 255-302; H. Junker, Der Strom, dessen
Arme die Stadt Gottes erfreuen (Ps 46,5): Bib 43 (1962) 197-201; L. Kri-
netzki, Jahwe ist uns Zuflucht und Wehr. Eine stilistisch-theologische Ausle­
gung von Psalm 46 (45): BiLe 3 (1962) 26-42; S. Kelley, Psalm 46: A Study in
Imagery: JBL 89 (1970) 305-312; J. B. Bauer, Zions Flüsse. Ps 45 (46), 5, in:
FS-F. Sauer, Graz 1977, 59-91; M. Milani, Salmo 46. Uno Studio strutturale
sulle imagini di guerra e di giudizio: StPat 27 (1980) 513-537; D. T. Tsumura,
The Literary Structure of Psalm 46,2-8: AJBI 6 (1980) 29-55; ders., Twofold
Image of Wine in Psalm 46: 4-5: JQR 71 (1981) 167-175; A. Steiner, Wenn
auch die Erde bebt, wir fürchten uns nicht. Psalm 46, in: Psalmen: Bibelarbeit
in der Gemeinde, Basel-Zürich-Köln 1982, 115-136; C. Westermann, Psal­
men 1984 (vgl. Ps 8), 198-201; H. Schweizer, »Ein feste Burg...« Der Beitrag
der Prädikate zur Aussageabsicht von Ps 46:ThQ 166 (1986) 107-119; J. Jere­
mias, Das Königtum Gottes 1987 (vgl. c), 172-182; P. Auffret, La ville de
Dieu: £tude structurelle du Psaume 46: ScE: 41 (1989) 323-341; N. Lohfink,
»Der den Kriegen einen Sabbat bereitet.« Psalm 46 - ein Beispiel alttestament-
licher Friedenslyrik: BiKi 44 (1989) 148-153; E. Zenger, Von der Unverzicht-
barkeit der historisch-kritischen Exegese. Am Beispiel des 46. Psalms: BiLi 62
!' (1989) 10-20; H. Spieckermann, Stadtgott und Gottesstadt. Beobachtungen
im Alten Orient und im Alten Testament: Bib 73 (1992) 1-31.
:
Ps 47:]. Muilenburg, Psalm 47: JBL 63 (1944) 235-256; E. Beaucamp,
Psaume 47 Verset 10a: Bib 38 (1957) 457-460; A. Caquot, Le Psaume 47 et la
royaut6 de Yahv6: RHPhR 39 (1959) 311-337; J. M. Roberts, The Religio-
Political Seuing of Psalm 47: BASOR 221 (1976) 129-132; I. Seeligman,
Psalm 47: Tarb 50 (1980/81) 25-36; W. A. M. Beuken, Psalm XLVII: Struc­
: ture and Drama: OTS 21 (1981) 38-45; J. Jeremias, Das Königtum Gottes
1987 (vgl. c), 50-69; J. S. Sibinga, Some Observations on the Composition of
Psalm XLVII: VT 38 (1988) 474-480; E. Zenger, Der Gott Abrahams und die
Völker. Beobachtungen zu Psalm 47, in: FS-J. Scharbert, Stuttgart 1989,
413-430.

Ps 48:]. Morgenstern, Psalm 48: HUCA 16 (1941/42) 1-95; A. Deissler, Der


anthologische Charakter des Ps. XLVIII (XLVII): Sacra Pagina 1 (BEThL
12), Gembloux 1959, 495-503; L. Krinetzki, Zur Poetik und Exegese von Ps
48: BZ 4 (1960) 70-97; M. Palmer, The Cardinal Points in Psalm 48: Bib 46
(1965) 357-358; A. Robinson, Zion und Saphon in Psalm XLVIII, 3: VT 24
(1974) 118-123; J. Jeremias, Das Königtum Gottes 1987 (vgl. c), 172-182; M.
I
?
DIE PSALMEN 43
L. Barre, The Seven Epithets of Zion in Ps 48,2-3: Bib 69 (1988) 557-563; M.
S. Smith, God and Zion: Form and Meaning in Psalm 48: SEL6 (1989) 67-77;
H. Spieckermann, Heilsgegenwart 1989 (vgl. c), 186-195; J. Scharben, Das i
historische Umfeld von Psalm 48, in: FS-N. Füglister, Würzburg 1991, \\
291-306; H. Spieckermann, Stadtgott 1992 (vgl. zu Ps 46), 1-31.
:
Ps 49: A. Schmitt, Entrückung - Aufnahme - Himmelfahrt. Untersuchungen ? -
zu einem Vorstellungsbereich im AT (FzB 10), Stuttgart 1973 (21976), I
193-252; P. Casetti, Gibt es ein Leben vor dem Tod? Eine Auslegung von Ps
49 (OBO 44), Freiburg-Göttingen 1982; H. Irsigler, Ps 73 - Monolog eines
Weisen (ATS 20), St. Ottilien 1984; O. Loretz, Ugaritisches und Jüdisches.
Weisheit und Tod in Psalm 49: UF 17 (1986) 189-212; D. Michel, Untersu­
chungen zur Eigenart des Buches Qohelet (BZAW 83), Berlin 1989.

Ps 50: J. Jeremias, Kultprophetie und Gerichtsverkündigung in der späten Kö­


nigszeit (WMANT 35), Neukirchen-Vluyn 1970, 125-127; M. Mannati, Le
Psaume 50 est-il un rib?: Sem 23 (1973) 27-50; dies., Les accusations de
Psaume L 18-20: VT 25 (1975) 659-669; H. Gese, Psalm 50 und das alttesta-
mentliche Gesetzesverständnis, in: FS-E. Käsemann, Göttingen 1976, 58-77;
W. Gross, Verbform und Funktion. Wayyiqtol für die Gegenwart (ATS 1), St.
Ottilien 1976; K. J. Illmann, Thema und Tradition in den Asaf-Psalmen, Abo
1976; A. R. Johnson, The Cultic Prophet and Israels Psalmody, Cardiff 1979;
J. W. H. Bos, Oh, When the Saints: A Consideration of the Meaning Of Psalm
50: JSOT 24 (1982) 65-77; F. L. Hossfeld, Ps 50 und die Verkündigung des
Gottesrechts, in: FS-N. Füglister, Würzburg 1991, 83-101.

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Ps 1 45
PSALM 1
WEGWEISUNG FÜR DIE GEMEINDE DER GERECHTEN

Auf der Ebene der Schlußredaktion bilden Ps 1 und Ps 2 das zweiteilige Pro-
ömium zum Psalmenbuch (vgl. Apg 1333 D). Sie heben sich von den nachfol­
genden Psalmen dadurch ab, daß sie keine Überschrift und keinerlei Gottesan­
rede haben. Sie sind durch die Seligpreisungen l1 212 zu einer redaktionellen
Einheit verbunden; sie sind durch mehrere Stichworte aufeinanderbezogen
(hägäh»halblaut sprechen, rezitieren, meditieren«: l2 EÜ »nachsinnen«, 21 EÜ
»Pläne machen«; »Weg führt in den Abgrund«: l6 212); beide Psalmen spielen
auf Dtn 64-19 Jos 1 Mal 3 an. Ps 1 hebt die Bedeutung der Tora für das »wahre«
Israel als die Gemeinde der Gerechten, Ps 2 für das Zusammenleben Israels
und der Völkerwelt hervor. Wahrscheinlich ist Ps 1 ausdrücklich für dieses
Proömium geschaffen worden, während Ps 2, der in seiner Grundform bereits
die im 3. Jh. zusammengestellte Sammlung Ps 3-89 eröffnete, dabei erweitert
wurde, um die beabsichtigte Programmatik zu verdeutlichen. Einerseits wird
das Psalmenbuch dadurch als meditierende Aktualisierung der Tora und der
Nebiim (Jos 1 eröffnet im hebräischen Kanon den Teil Nebiim = Propheten;
Mal 3 schließt diesen Teil ab) gekennzeichnet und kanonisch legitimiert. An­
dererseits wird den Psalmen insgesamt damit eine hohe Aufgabe zugewiesen.
Sie sind Wegweisung für ein Leben in der Gemeinde der Gerechten (Ps 1) und
Botschaft Israels an die Völkerwelt, damit die universale Gottesherrschaft
JHWHs anbricht (Ps 2).
Ps 1, der in Sprache und Bildwelt von der Weisheit als »Lebenslehre« geprägt
ist und eine solche »von A bis Z« (das erste Wort beginnt mit Aleph, das letzte
Won mit Taw: »Alphabetakrostichon«!) bieten will, ist durchgängig vom Ge­
gensatz zweier »Lebenswege« bzw. Lebensweisen bestimmt (vgl. Jer 175“8). Sie
werden freilich nicht als gleichwertige Alternativen dargestellt, wie besonders
der Schlußsatz unterstreicht. Der Weg der Frevler ist nur scheinbar ein Weg;
irgendwann bzw. am Lebensende stellt sich heraus, daß er kein Ziel erreicht,
sondern »in den Abgrund führt« bzw. einfach abbricht. So stellt Ps 1 den Psal­
menbeter nicht, wie die hellenistische Zwei-Wege-Lehre, an den Scheideweg,
sondern er will eindeutig dazu motivieren, den »Weg der Gerechten« zu ge­
hen, indem er diesen selbst beschreibt 1-3, ihn vom Weg der Frevler markant
absetzt4-5 und schließlich JHWHs unterschiedliche Beziehung zu den beiden
Wegen festhält6. Die Darstellung der beiden Lebenswege besteht jeweils aus
einer Sachhälfte 1-2 5 und einer Bildhälfte 3-4, die sich auch motivlich chiastisch
zueinander verhalten (der Gerechte inmitten der Frevler - der Fruchtbaum -
die Spreu - die Frevler angesichts der Gemeinde der Gerechten).
Der Psalm, der sich auch an Ps 37 112 119 inspiriert hat, ist gattungsmäßig
eine »begründete Seligpreisung« (Makarismus). Die Gattung hat ihren »Sitz
1 im Leben« ursprünglich im staatlich-politischen Leben und in der Weisheits­
schule. Mit ihr werden die jeweiligen Adressaten werbend aufgefordert, ihrem
König in unverbrüchlicher Treue zu folgen oder eine ihnen vorgelegte Lebens­
weisheit bzw. Lebenslehre zu lernen und zu verwirklichen. Für beide Verwen­
dungsbereiche zeigt die ägyptische und die jüdische Literatur zahlreiche Be­
lege (z.B. 1 Kön 108 Spr 313"20 832'36 Sir 1420-15,04Q 525 Lk620"22). Durch den
Makarismus Ps 1 wird das Psalmenbuch also als »Lebenslehre« ausgewiesen
und empfohlen. Falls l5 eschatologisch zu verstehen ist und wenn Ps 1 mit Ps 2
II

46 DIE PSALMEN Ps 1
zusammengelesen wird, schwingt in der Seligpreisung l1 auch schon der Zu­
spruch gottgeschenkten Heils mit - allen widrigen Lebenserfahrungen zum
Trotz. Gerade als Proömium will Ps 1 mit seiner auf den ersten Blick zu ein­
fach erscheinenden Aufteilung der Menschen in Böse und Gute und mit sei-
nem Optimismus, daß den Gerechten »alles gelingt«, als Hoffnungstext ange­
sichts der dann im Psalmenbuch entfalteten Leidensgeschichte der Gerechten
gelesen werden. Auch die Schlußaussage l6a läßt eigenartig offen, wie sich die-
ses » Kennen« JHWHs konkret vollzieht. So klingt in Ps 1 bereits an, daß die
Psalmen Wegweiser in einem vom Bösen und von Bösen bedrohten Leben
sind, das seinen tiefsten Hoffnungsgrund darin hat, daß JHWH »dabei« ist.
Der Psalm erinnert stark an Dtn 3019: »Leben und Tod lege ich dir vor, Segen
und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst.«

264f 11 Wohl dem Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt,/
Spr 414 nicht auf dem Weg der Sünder geht,
nicht im Kreis der Spötter sitzt,
112» Jos l8 2 sondern Freude hat an der Weisung des Herrn,
über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht.
92,3Jer 178 3 Er ist wie ein Baum,
der an Wasserbächen gepflanzt ist,
der zur rechten Zeit seine Frucht bringt
und dessen Blätter nicht welken.
Alles, was er tut,
wird ihm gut gelingen.
355 4 Nicht so die Frevler:
Ijob 2118 Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht.
5 Darum werden die Frevler im Gericht nicht bestehen
noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.
1191 Spr 1028 6 Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten,
der Weg der Frevler aber führt in den Abgrund.

1 Wörtlich: »... geht... steht... sitzt«.


3 Wörtlich: »und er wird sein ... und alles, was...«
4 Wörtlich: »sondern sie sind wie...« (vgl.2).

Der Lebensweg des Gerechten 1-3: Die der Gerechte sein Nein lebt. Er läßt
Seligpreisung zeichnet das Bild des sich nicht beeinflussen von den Ideen
gelingenden Menschseins in einer (»Rat«) der Frevler, er ahmt nicht die
Kontrastaussage. Mit einer sich stei- Taten (»Weg«) der Sünder nach, und
gernden Reihe wird das umfassende er wirkt nicht mit bei den gemeinsa-
Nein zu den Bösen als Vorausset- men Treffen und Aktionen (»Kreis«)
;I! zung für das Ja zum Leben mit der Spötter. Die drei Verben »gehen
JHWH herausgestellt. Die Steige- - stehen - sitzen«, die die Totalität
| rung geschieht mit der Nennung der des Lebensweges meinen, sind mit
Formen des Bösen, gegenüber denen Suffixkonjugation gebildet; damit
f

i
PS 1 DIE PSALMEN 47
soll unterstrichen werden: dieser des Lebens in allem gelingt (Ps
Mensch hat sich definitiv entschie­ l2b = Jos l8; Ps l3b = Jos l7). Wahr­
den. Die Verbenreihe selbst spielt auf scheinlich denken die Redaktoren,
Dtn 67 an, wo positiv das Gehen, Ste­ die Ps 1 an den Anfang des dem Da­
hen, Sitzen »mit den Worten der vid zugeschriebenen Psalmenbuchs
Tora« als Lebensideal eingeschärft setzen, bei dem seliggepriesenen
wird. Die klare Absage an das Böse »Mann« zunächst an David als Psal­
erinnert an die »Einlaßbedingungen« mendichter und abgeleitet davon
(»negative Beichte«) zur Gottesbe­ dann an alle, die in der Nachfolge
gegnung im Heiligtum, auf die in Ps Davids »seine« Psalmen beten. In Ps
15 24 26 angespielt wird. Die in 2 auf­ I2b geht es also um das halblaute Re­
fallende Wiederholung von »Wei­ zitieren der »Tora«, damit das Leben
sung« (töräh) könnte zum einen damit in Gottesfurcht (als Anfang der Weis­
Zusammenhängen, daß die Tora eben heit: Spr l7) gelingt, genauer um das
das Hauptthema des Psalms ist; aller­ Rezitieren »seinerTora«, das aus Be­
dings zeigen Ps 19 und 119, daß da­ geisterung, Glück und Lust über »die
für zahlreiche Synonyma zur Verfü­ Tora JHWHs« als der grundlegen­
gung standen. So ist zum anderen den Welt- und Lebensordnung, die in
möglich, daß hier zwei unterschiedli­ der Tora des Mose geoffenbart
che Aspekte der einen Tora gemeint wurde (vgl. Sir 24), geschieht. Mit
sind. Hier sind die Bezüge nach Dtn der jüdischen Auslegung (Avoda Za-
67 1719 Jos l7-8, aber auch nach Ps 19 rah 19a; Raschi) ist das Possessivpro­
119 zu beachten; auch die in der Wir­ nomen »seine« auf David bzw. den
kungsgeschichte von Ps 1 stehenden Psalmenbeter zu beziehen: Er läßt
Texte Sir 1420-1510 und 4 Q 525 hel­ sich so sehr von der Tora JHWHs er­
fen weiter. Das in 2b verwendete Ver­ greifen 2a, daß sie, wie Ps 19 119 be­
bum hägäh meint nicht, wie EÜ schreiben, ihre das Herz und den
nahelegt, das gedankliche »Nachsin­ Mund öffnende Kraft entfaltet und in
nen« und Reflektieren, sondern »auf­ ihm Meditationstexte über die Tora
! sagen, rezitieren«. So ist in Dtn 67 als »seine Tora« hervorbringt - eben
auch nicht gemeint, daß die Israeliten das Psalmenbuch, dessen Proömium
» über das Gesetz« oder »von dem Ge­ Ps 1 ist. Analog werden in Sir 1420
setz« reden sollen (dibber tf), ob sie und in 4 Q 525 »das Rezitieren der
gehen, stehen oder sitzen, sondern Weisheit«, die aus der Tora ent­
daß sie die Worte der Tora aufsagen springt, als Wegweisung für das Le­
sollen, um sie so als Lebenslehre und ben gepriesen. Das Psalmenrezitieren
als Lebenspraxis einzuüben und ihren als Meditation und Aktualisierung
Kindern weiterzugeben. Auch im der Tora soll »bei Tag und bei
Königsgesetz Dtn 1714-20 besteht die Nacht« geschehen. Auch dies schließt
Hauptaufgabe des idealen Königs sich an Dtn 67 Jos l8 an; dies ist einer­
darin, »an allen Tagen seines Lebens« seits ein Merismus für »immer, jeden
in seinem Toraexemplar, das er spe­ Augenblick«, aber andererseits dürf­
ziell für sich anfertigen lassen soll, ten auch die Konnotationen »bei
laut zu lesen, damit er lernt, JHWH Tag« = in Zeiten des Lichts, des Heils
zu fürchten, die Tora zu erfüllen und bzw. »bei Nacht« = in Zeiten der Fin­
sich nicht über seine Brüder und sternis, des Unheils mitschwingen.
Schwestern zu erheben. Und nichts 3 Daß in einem solchen Menschen­
anderes befiehlt JHWH nach Jos l7"8 leben aus der Tora und mit den Psal­
dem Josua und verheißt ihm, daß men Gottes Lebensmächtigkeit selbst
dann der Weg in das Gelobte Land wirksam wird, deutet das Bild vom
48 DIE PSALMEN Ps 1
Baum an, das viele Facetten hat: Die­ So unfruchtbar und nichtig sind die
ser Mensch, der sich losgesagt hat Frevler, wenn es um die Lebens-
vom Bösen, ist wie ein Baum, der sich Ernte geht, und zwar im Blick auf an­
hat umpflanzen lassen an die immer dere und für sich selbst. Auch dies ist
fließenden Wasserbäche der Tora eine gezielte Kontrastaussage gegen
und der Psalmen (vgl. Sir 159_,°). An den scheinbaren Erfolg der Frevler,
ihm erfüllt sich, was Ez 4712 für die über den im Psalmenbuch selbst im­
Endzeit verheißt, wo die aus dem mer wieder geklagt wird. Dieser Er­
Heiligtum entspringende Quelle fahrung setzt Ps 1 nicht nur den weis-
sogar in der Wüste am Toten Meer heitlichen Hinweis »Bedenke das
Bäume wachsen läßt, deren Laub ganze Leben!« entgegen, sondern in 5
nicht welkt und die immerzu Frucht vor allem den Blick auf das eschatolo-
bringen: »Die Früchte werden als gische Gottesgericht, in dem nur »die
Speise und die Blätter als Heilmittel Gemeinde der Gerechten« bestehen
dienen« (Ez 4712). Er ist, wie die im (bzw. auferstehen: G und V; vgl. Jes
Hause JHWHs wachsenden üppigen 2610) wird. Die genauere Deutung
Fruchtbäume, die Gestalt gewordene von 5 ist kontrovers. Gegenüber einer
Verkündigung »Gerecht ist JFTWH« im Rahmen des innergeschichtlichen
(vgl. Ps 94,3~16). Er ist für seine Um­ Tun-Ergehen-Zusammenhangs blei­
gebung wie der König, der Frucht benden Deutung ist wegen des Zu­
und Schatten gibt (vgl. Ps 7216 Klgl sammenhangs von Ps 1 mit Ps 2 das
420). Weil er tut, wozu die Tora ihn von der Wortbedeutung her durch­
bewegt, gelingt ihm dies (Anspielung aus mögliche Verständnis wahr­
auf Gen 393-23 Jos l8) - als Segen der scheinlicher: Bei dem »bald« (vgl.
Tora! Insofern Ps 1 auf das dann fol­ 212) kommenden Gottesgericht, das
gende Psalmenbuch blickt, in dem die endgültige Scheidung zwischen
»die Gerechten« meist »die Armen«, »Frevlern« und »Gerechten« (vgl.
die Verfolgten und die Angefochte­ Mal 318) sowie »der Gemeinde der
nen sind, ist diese Aussage alles an­ Gerechten« das endgültige Heil brin­
dere als vordergründig optimistisch. gen wird (vgl. auch Ps 149), werden
Sie will vielmehr allen Leiderfahrun­ die Frevler und die Sünder »keinen
gen, die dann im Psalmenbuch zur Bestand« (vgl. Nah l6) haben, son­
Sprache kommen, zum Trotz von dern nur die, »die JHWH vertrauen«
Anfang an daran festhalten, daß ein (vgl. 212 mit Anspielung auf Nah l7
Menschenleben mit und aus der Tora Jes 3018).
Vollendung finden wird, weil 6a gilt.
Abschließende Begründung 6: Entspre­
Der Lebensweg der Frevler 4-5. Die chend der Abfolge ihrer Beschrei­
Bild- und die Sachhälfte, die das Le­ bung zieht 6 das zweigeteilte Fazit
ben der Frevler zeichnen, haben in über die beiden Lebenswege; daß der
ihrem gemeinsamen Bezug zur Ge- Psalm nicht mit der positiven Aussage
richtstopik (Jes 1713 Zef 22 Mal 319) schließt, dürfte auch damit Zusam­
von vornherein stark negative Kon- menhängen, daß die Negativaussage
notationen. Die »Spreu«, eigentlich 6b zum folgenden Ps 2 hinüberleiten
der Spreustaub (mos), nimmt das in 3 soll. Daß JHWH den Lebensweg der
begonnene Erntebild auf (vgl. 3: die Gerechten »kennt« (Jädac), meint ei­
Früchte des Baums werden ebenfalls nerseits gewiß seine liebende Zuwen­
geerntet), aber sie ist ein »Ernte-Er­ dung, mit der er die einzelnen Le­
trag«, der zu nichts nütze ist und den bensstationen so begleitet, daß »die
der Wind spurlos verschwinden läßt: Gerechten« (d.h. die sich gemein-

I
Ps 2 DIE PSALMEN 49
schaftsadäquat verhalten und einset- rung machen, daß das, was sie für ei-
zen) dieses sein Erkennen als »Le- nen Weg hielten, doch keiner ist -
bensgemeinschaft« mit JHWH erle- und daß es für sie keinen Aus-Weg
ben, die ihnen Kraft und Licht gibt, mehr gibt, weder vorwärts noch
damit sie »gehen« können und wollen rückwärts. Auch diese letzte Aussage
(vgl. Ex 3312 Jer l5 Ps 318 3718). Es muß freilich, analog der Gerichtspre-
meint andererseits aber auch jenes digt der Propheten, im Horizont des
»Erkennen«, das zugleich ein Läu- Gesamttextes gesehen werden: Er
tern und Leiten ist, damit der Weg will dazu bewegen, den Lebensweg
wirklich ein Lebensweg bleibt (vgl. Ps der Gerechtigkeit zu wählen und zu
1391-23“24) und sich nicht als ein Irr- gehen - mit dem Psalmenbuch als
weg erweist wie der der Frevler 6b, die »Wegweiser«,
plötzlich die erschreckende Erfah- Erich Zetiger

!
PSALM 2
WEGWEISUNG FÜR DIE VÖLKER
!
Ps 2 gehört zu den im NT am häufigsten zitierten atl Texten. Wegen seiner of­
fensichtlichen bzw. scheinbaren Legitimation von Gewalt und Vernichtung ist
er gleichwohl immer wieder massiver Kritik christlicher Ausleger ausgesetzt.
1 Diese Problematik darf nicht verharmlost werden. Sie fordert einerseits eine
historisch-kritische Einordnung der Entstehungssituation und der Bildsprache
des Psalms. Und sie verlangt andererseits, die Auseinandersetzung mit dem
Thema »Gewalt« ernst zu nehmen, die bereits im Psalm selbst und in dem lite­
rarischen Zusammenhang, in den er gehört, stattfindet.
Der Psalm läßt sich in vier etwa gleich lange Abschnitte bzw. Szenen gliedern:
1-3 schildert entsetzt die Revolte der Völker und ihrer Könige gegen JHWH
und seinen Gesalbten; der Abschnitt kulminiert in einem (nicht eingeführten)
Zitat der direkten Rede der Rebellen. 4-6 wechselt den Ort des Geschehens
(von der Erde in den Himmel) und berichtet von der Reaktion JHWHs; auch
dieser Abschnitt kulminiert im Zitat einer direkten Rede, nämlich JHWHs.
^^bringt, mit abermaligem Ortswechsel zum Zion, die Reaktion »des Gesalb­
ten«, der nun seinerseits mit Zitat einer JHWH-Rede seine Rolle gegenüber
den »Rebellen« erläutert. 10^ ist eine an die revoltierenden Könige gerichtete
ultimative Aufforderung, Tie von JHWH gesetzte Welt- und Lebensordnung
anzunehmen. Als »überschüssiges« Element erscheint die abschließende Selig­
preisung Sie ist redaktionell und bindet Ps 2 mit Ps 1 zusammen.
Die vier Äbschnitte/Szenen bilden eine kunstvolle Komposition. Die beiden
inneren Szenen beschreiben die besondere Beziehung zwischen JHWH und
»seinem« König. Die beiden äußeren Szenen beschreiben, in gegenläufiger Be­
wegung, ein VerhaltenTn Ter VöIRerwclt* einmal den Versuch, sich von der
Gottesherrschaft loszureißen, und zum anderen die Aufforderung, sich der
Gottesherrschaft zu unterwerfen. Darüber hinaus sind die vier Abschnitte so
miteinander verwoben, daß der erste und der dritte (Stichwortaufnahme: Völ­
ker, Könige/Enden der Erde) sowie der zweite und der vierte (Stichwort:
JHWHs Zorn) zusammenklingen.
50 DIE PSALMEN Ps 2
Allerdings ist fraglich, ob diese Komposition ursprünglich ist. Die Abfolge der
Szenen entspricht zunächst dem Ritual einer Königseinsetzung. Das in w
skizzierte »Chaos« gehört in ägyptischen Texten zur Topik, mit deren Hilfe
der neue König als Wiederhersteller bzw. »Schöpfer« der Weltordnung darge­
stellt wird. 4-6 bringt die Königsproklamation, während dann in 7-9 der »neue«
König aus dem »Königsprotokoll« seine Amtseinsetzung und seinen Herr­
schaftsauftrag vorliest. Danach müßte eigentlich die Huldigung vor dem
neuen König folgen. Statt dessen kommt - aus dem Munde des Königs - die
Aufforderung, JHWHs Herrschaft anzuerkennen. Dabei überraschen drei
Einzelheiten: 1. Wie immer der Auftrag 8-9 genauer (s.u.) zu verstehen ist, so
zielt er in jedem Fall auf die Unterwerfung der »Rebellen«, zumal das Stich­
wort »Völker« aus 1 in8 aufgenommen wird; nach diesem Auftrag erübrigt sich
eigentlich die Aufforderung von ,CM2; um einen stimmigeren Zusammenhang
zu erhalten, übersetzen manche Ausleger die Verbformen in 9 deshalb modal
mit »Du kannst ..., du magst ...«• 2. Die Begründung in 12 arbeitet nicht mit
dem dem König gegebenen Auftrag. 3. Die Aufforderung in 10 wendet sich nur
an die Könige/Gebieter der Erde und nicht auch an die Völker. Diese Beob­
achtungen legen die Hypothese nahe, 10-12 sei eine redaktionelle Erweiterung
derürsprünglichenTT2^,~dle im Zusammenhang mit der Vorschaltung von
Ps 1 stelü7wodurch Ps 1 und Ps 2 zum zweiteiligen Proömium des Psalmen­
buchs wurden (zu den Stichwortverbindungen zwischen Ps 1 und Ps 2 s. o. die
Auslegung von Ps 1). Durch diese Erweiterung hat sich zugleich das »Bild« des
Königs verändert: Aus dem König, der »mit eiserner Keule« im Namen
JHWHs das Weltregiment durchsetzen soll, wird nun ein König, der zu den
Wegen der Tora (s.u.) auffordert, um die Könige und ihre Völker vor dem
Untergang zu retten. Aus dem »Mann des Schwertes« wird ein »Mann des
Wortes« (vgl. ähnlich Jes 1l4). Die abschließende Seligpreisung 12b greift in ih­
rer Generalisierung ausdrücklich über Israel hinaus.
Der Grundpsalm, der aus sprachlichen und motivlichen Gründen (zwei Ara­
maismen: rägaü»toben«, rä?ac »zerschlagen«; Vorstellungen von der Weltre­
volte gegen JHWH und seinen König: vgl. Jes 89-10 1712-14) nachexilisch ist, ist
insgesamt von der Bildsprache der ägyptischen bzw. hellenistischen Königs-
^ ideologie und von der Königspropaganda, wie sie in neuassyrischen Königsin-
*. Schriften belegt ist, stark beeinflußt. Schon die am Jerusalemer Hof für das
vorexilische Königtum entwickelte »Amtstheologie« hatte aus Ägypten und
Mesopotamien Vorstellungen und Bilder aufgegriffen, um die Davididen den
Großkönigen zumindest ideologisch gleichzustellen, zumal sie ja Könige des
Gottes JHWH waren. Unter den vielgestaltigen theologischen Konzeptionen
der nachexilischen Zeit war auch eine, die um ein erneuertes Königtum
kreiste. Ps 2 ist eine Anspielung auf diese Konzeption: Sie hält daran fest, daß
sich JH^J/U mit der Erwählung »seines Königs David« ein für allemal daran
gebunden hat, seine universale Gottesherrschaft durch ein vom Zion her am­
tierendes Königtum durchzusetzen (»Davidbund«). Und sie tut dies gerade im
Widerspruch zu den geschichtlichen Erfahrungen: Weder konnte das histori­
sche Ende der davidischen Dynastie im 6. Jh. das letzte Wort sein, noch wollte
sie den göttlichen Heilsanspruch akzeptieren, mit dem die hellenistischen (pto-
lemäischen) Nachfolger Alexanders sich präsentierten und die kleinen Völker
*2 ihres »Weltreichs« unterdrückten. Gegen diese belastenden Erfahrungen
. setzte (um 300 v. Chr.) Ps 21“9 sein »aggressives« Programm - nicht als durch­
setzbares Projekt einer Großmacht, sondern als Hoffnungsvision einer be-
Ps 2 DIE PSALMEN 51
drohten Minderheit, die gleichwohl an ihrem Gott, der für sie der einzig
wahre Gott war, und an seinen Verheißungen festhielt.
Gegenüber der von vielen Auslegern vertretenen Auffassung, Ps 2 sei ein Text
des vorexilischen Hofzeremoniells gewesen (Rezitation durch den König bei
seiner Inthronisation oder am Krönungsjahrestag am Ende der liturgischen
Feierlichkeiten im Palast), legt sich die These nahe, Ps 21"9 sei als Eröffnungs­
psalm der (um 300 v. Chr.) zusammengestellten Teilsammlung Ps 2-89 (dazu
s.o. die Einleitung) geschaffen und sei auf die in dieser Sammlung wichtigen
»Königspsalmen« 72 (Schlußpsalm der »Davidsammlung« 51-71) und 89
(Schlußpsalm der ganzen Teilsammlung) hingeordnet. Gegenüber der Klage
von Ps 89 über das Ende des davidischen Königtums und über die daraus resul­
tierende Verachtung »des Gesalbten JHWHs« Israel (in Ps 8 939"52 sieht sich Is­
rael als »David«) durch die Völker (8 947-52; Motiventsprechungen: 21"2 8951"52)
verkündet Ps 2 programmatisch, daß JHWH an der »Davidverheißung« fest­
hält (27-9 inspiriert sich an 8924-28; vgl. aber auch Ps 18 20 21 45). Auch der »für
Salomo« gebetete »Königspsalm« 72 des alten (sterbenden) David bleibt gültig
und wird von JHWH »erfüllt« werden (vgl. die Anspielungen in 28-9 auf
728-11). Ps 21-9 lädt also ein, die Sammlung 2-89 als leid- und gleichwohl hoff­
nungsvolle Geschichte und Theologie des davidischen Königtums Tn HofP
nungs-PerspektmTfür »David« = Israel zu lesen. In dieser Sammlung stehen
' übrigen neben dem Bild des »gewalttätigen« Königs von Ps 2 die vielen
im
Psalmen vom verfolgten und angefochtenen »David«; auch dies relativiert die
Gewaltaspekte von 21-9.
Durch den von der Schlußredaktion des Psalters hinzugefügten Abschnitt 10-12
wird Ps 2 zum zweiten Teil des Proömiums Ps 1 + 2 des Gesamtpsalters (s. o.
zu Ps 1); die in 21*3 geschilderte Revolte ist nun als Paradigma des in l, 6b ge­
schilderten Treibens »der Frevler« zu lesen. Durch Stichwortanspielungen
werden Bezüge zu den beiden Kanonteilen »Tora« (Gen - Dtn) und »Prophe­
ten« (Jos - Mal) hergestellt (vgl. u.a. Dtn 613-15 Jos l7 8 Mal 316"20). Gegenüber
dem »Grundpsalm« tritt nun die eschatologische Zielperspektive der universa­
len Königsherrschaft JHWHs in den Vordergrund (vgl. 21(M1 mit 72n), die
auch den Schluß des Psalmenbuchs bestimmt.
In seiner Endgestalt ist Ps 2 nun mit Blick auf Ps 149 zu lesen, der seinerseits
mitPs 148 redaktionell verbunden ist (14814 149l):In 14811 werden die Könige
der Erde und die Nationen (malke'cer#le’ummim, soßte’ceraf:wie in 212J0)
aufgefordert, in den universalen Lobpreis des Weltkönigs JHWH einzustim­
men. In 1496 sind die Loblieder der Kinder Zions (vgl. auch Ps 87) einerseits
die Königshuldigung vor JHWH (gil»jubeln« 1492 wie in 211 MT); anderer­
seits sollen sie »das zweischneidige Schwert in den Händen« Israels sein, mit
dem sie »die Völker und die Nationen« (1497 2‘) besiegen und »binden« sollen
(1497-8 23“10), damit diese so »das Gericht« überstehen (1499 15 212). In der Zu­
sammenschau von Ps 1-2 mit Ps 149-150 (Ps 150 ist die »Summe« der Loblie­
der, die Israel und die Völkerwelt singen sollen: vgl. auch Ps 117) verändert
sich also das Bild des »Königs« gegenüber 21-9: Der Zionskönig ruft die (Kö­
nige der) Völker auf, die Wege des Bösen zu verlassen und auf den Weg des
Lebens zu gehen - indem sie »seine Tora« (vgl. I2) auf- und annehmen, näm­
lich die Psalmen als Wegweisung und Wegbegleiter (vgl. Ps 1384).
52 DIE PSALMEN Ps 2
Offb 11» 21 Warum toben die Völker,
lf: Apg 425* warum machen die Nationen vergebliche Pläne?
2 Die Könige der Erde stehen auf,
die Großen haben sich verbündet
Offb 1919 gegen den Herrn und seinen Gesalbten.
3 »Laßt uns ihre Fesseln zerreißen
und von uns werfen ihre Stricke!«
599 4 Doch er, der im Himmel thront, lacht,
der Herr verspottet sie.
5 Dann aber spricht er zu ihnen im Zorn,
in seinem Grimm wird er sie erschrecken:
6 »Ich selber habe meinen König eingesetzt
auf Zion, meinem heiligen Berg.«
8927f 7 Den Beschluß des Herrn will ich kundtun./
Apg 13" Er sprach zu mir: »Mein Sohn bist du.
Hebr l5 55
Heute habe ich dich gezeugt.
7 28 8 Fordere von mir, und ich gebe dir die Völker zum Erbe,
8f: die Enden der Erde zum Eigentum.
Offb 226f
9 Du wirst sie zerschlagen mit eiserner Keule,
1105f wie Krüge aus Ton wirst du sie zertrümmern.«
Offb 125 1915
10 Nun denn, ihr Könige, kommt zur Einsicht,
laßt euch warnen, ihr Gebieter der Erde!
11 Dient dem Herrn in Furcht,
und küßt ihm mit Beben die Füße,
12 damit er nicht zürnt
und euer Weg nicht in den Abgrund führt.
Denn wenig nur, und sein Zorn ist entbrannt.
Wohl allen, die ihm vertrauen!

1 »machen Pläne«: H hat das gleiche Verbum hägäb wie in l2 (allerdings


ohne Präposition \f)y wo EÜ »nachsinnen« übersetzt.
8 »dir«: ergänzt nach G und S.
9 Die Verbformen sind jussivisch gemeint: »Du sollst...«
11—12a
H wörtlich: »jauchzt/jubelt mit Beben; küsset den Sohn/den Reinen/
das Reine«. EÜ schließt sich einer verbreiteten Textkonjektur an. G liest/
übersetzt: »jauchzt ihm zu mit Beben. Ergreifet die Lehre...«; sie bezieht
das Wort bar As »die Reine« offensichtlich auf die Tora (vgl. Ps 199b). An­
dere Möglichkeit: »Küsset den Sohn« ist eine Glosse, die den in 10-12 feh­
lenden Messias-Bezug (s.o.) eintragen will.
12 Andere Übersetzungsmöglichkeit: »denn es entbrennt bald sein Zorn«
(eschatologische Perspektive; vgl. G sowie Ps 8115 Ijob 3222).
I
I
Ps 2 DIE PSALMEN 53
Die Revolte der Völker1-3: Im Hinter­ Lachen und Spotten ist Ausdruck sei­
grund steht das altorientalisch-ägyp­ ner Souveränität gegenüber dem Bö­ ! \
tische Weltordnungsdenken. Durch sen (vgl. Ps 3713 599 10426 Weish 418).
die Schöpfung als Setzung einer um­ Die Kehrseite dieser Souveränität ist
fassenden Lebensordnung ist das Ur- sein »Gotteszorn« 5, der nicht emo­
Chaos zwar gebändigt, aber es be­ tionale Irratio^ meint, sondern
drängt und bedroht nach wie vor die die Leidenschaft unterstreicht, mit ;
Schöpfung. Es bricht in der Ge­ der er durch sein »Gericht« die ge­
schichte in Kriegen und in Natur­ störte Q rd nüng wlederherste Ilen, i
katastrophen, aber auch in Krankheit also ins Rechte bringen will. Das :
und Verbrechen auf. Weil und »Feuer des Gotteszorns« lodert vor
solange es vom Götterkönig/von allem auf, wenn JHWH als gerechter
JHWH bekämpft wird, kann es den Weltenrichter erscheint bzw. kommt
Kosmos freilich nicht zerstören. In (Theophaniemotiv). Von der chaos­
der Bekämpfung des Chaos bedienen bannenden Macht göttlichen Redens
sich die Götter vor allem des irdi­ ist in der Schöpfungstheologie (Ps
schen Königs, in dem und durch den 1047), vor allem aber in der Abwehr
als ihrem »Sohn« sie die Schöpfung des sog. Völkersturms gegen den
erhalten, verteidigen und erneuern. Zion (Ps 467 767-9 Jes 1713 3030) die
21-3 schildert unter Aufnahme ver­ Rede. Uber wen der »Gottesschrek-
breiteter Bildvorstellungen, mögli­ ken« fällt, sei es im sog. Gotteskrieg,
cherweise als Reflex auf den Zusam­ sei es am »Tag JHWHs«, der wird
menbruch des relative Stabilität starr und leblos (Ex 1515 Ps 486), aber
schaffenden achämenidischen Welt­ auch zu neuer JHWH-Erkenntnis fä­
reichs, das die Lebensordnung bedro­ hig (vgl. Ps 6" 46" 48,s 7612'13 8319).
hende Chaos (vgl. Jes 1712-14 4021-26 Die in 26 von JHWH den Rebellen
Ps 46 48 83).3 spielt auf die ikonogra- verkündete »Wahrheit« üt ein
phisch und literarisch reich belegte »Machtwort« gegen das Chaos. Es
Vorstellung von der Fesselung der spielt einerseits auf die Zidnstheolo-
Völker durch den Schöpfergott bzw. gie an, wonach der Zion der Götter­
seinen König an. Die Völker und ihre und Weltberg ist, von dem Leben und
Könige wollen zunächst »die Fes­ Frieden ausgehen sollen (Ps 46 48);
seln«, mit denen ihre Arme nach hin­ andererseits wird dem Zionskönig als
ten geschnürt sind, zerreißen, um »seinem« König Schutz und Auftrag
dann »die Stricke« (eigentlich: »die zugesprochen (vgl. Ps 18 89).
Seile«), mit denen sie am Hals zusam­
mengebunden und der Herrschaft Die Vollmacht des Zionskönigs 7-9:
des Weltkönigs sowie seines irdi­ Mit dem in 7 zitierten »Beschluß«
schen Repräsentanten eingegliedert (besser: »Setzung«) wird auf das sog.
sind, von sich zu werfen. Königsprotokoll angespielt, eine Art
königliche Amtsurkunde, die bei der
Die Reaktion des himmlischen Weltkö- Inthronisation vorgelesen und über­
nigs4-6: Daß die Revolte »des Chaos« geben wurde (vgl. 2 Kön 1112). In Ps
zutiefst »vergeblich« (vgl. *) ist und 2 werden drei Zusagen JHWHs ge­
daß Israel inmitten dieses »Chaos­ nannt: Gottessohnschaft durch Zeu­
sturms« nicht in tödliche Angst zu gung 7 (vgl. Ps 8927"28 1 103), Übereig­
versinken braucht, hebt4 doppelt her­ nung der ganzen Erde aTs~Herr-
vor: Die »Erdenkönige« können schaftsgebiet8 (vgl. Ps 72* 8926) und ;
doch dem »Himmelskönig« nicht ge­ Inbesitznahme des Reichs durch Un­
fährlich werden (vgl. Jes 4022'23); sein terwerfung aller Völker 9 (vgl. Ps > I

I
54 DIE PSALMEN Ps 2
729'11 8924 1105). Der Akt der Inthro- nige der Völker zum Weg ins Gottes-
nisation (»heute«) wird hier, wie in reich zu bewegen. Das Verbum des
Ägypten, als mythisch-mystische ersten Imperativs haskilu »kommt zur
Neuzeugung bzw. Wiedergeburt ver- Einsicht« begegnet vor allem in weis­
standen, die den (messianischen) Kö- heitlichem Kontext und meint die Fä-
nig befähigt, wie Gott selbst, aber higkeit, die der Welt innewohnende
auch in Abhängigkeit von ihm Le- Ordnung, die von Gott gesetzt ist
bens- und Heilsmittler für sein Reich und das Leben bestimmt, wahrzuneh-
zu sein. Daß ihm in 8 die ganze Erde men, zu befolgen und so »erfolg­
übergeben wird, ist die rechtliche und reich« zu sein. Daneben wird damit
logische Konsequenz seiner göttli- jene erfolgreiche Regierungskunst ei­
chen Sohnschaft. »Erbe« und »Eigen- nes Königs zum Wohl seines Volkes
tum« (besser: »Besitz«) sind Begriffe bezeichnet, die aus dem Gehorsam
des altisraelitischen Bodenrechts; der gegenüber der Tora JHWHs resul-
König ist nur in Abhängigkeit von tiert (1 Kön 23 2 Kön 187; vgl. auch
JHWH, dessen Eigentum die Erde Ps 1012). So begegnet das Verbum
bleibt (vgl. Ps 241 u.ö.), »Besitzer« auch in Jos l7-8 (s.o. zu Ps l);vor al-
und Verwalter. Die »harten« Bilder lern darauf ist hier angespielt (vgl.
von 9, die nicht fundamentalistisch auch Dtn 297). Von der Tora
mißverstanden werden dürfen, stam­ JHWHs sollen sich die Könige zum
men aus der ägyptischen und meso- JHWH-Dienst und zur Anerken-
potamischen Königspropaganda. nung seiner Königsherrschaft beleh­
9a spielt auf die vielfach an Tempel­ ren lassen (vgl. Dtn 1719), dann wer-
wänden und auf Stelen, Felswänden, den sie und ihre Völker das eschato-
Skarabäen u.ä. abgebildete Szene an, logische Gericht (vgl. Mal 3) beste­
in der der König über den Feinden, hen (vgl. die Anspielungen in 1,-12 auf
die er meist am Haarschopf hält, die Dtn 613-15 sowie das sich am »Völker­
eiserne Keule schwingt. Derartige wallfahrtstext« Jes 6012 inspirierende
Bilder entsprangen nicht der Lust an Wortspiel 'äbad - 'äbad »dienen« -
Gewalt und Krieg, sondern sie sollen ^ »untergehen«). Der »messianische«
als Bilder (!) bewirken, was sie abbil- , König realisiert hier als »Tora-Leh-
den, nämlich die Abwehr der Feinde rer« der Völker die eschatologische
zum Schutz der Untertanen. 9b greift Vision von Jes 4216 496 514 (vgl. 4 Q
Formulierungen auf, die vor allem in 185); er erweist sich als der exempla-
assyrischen Königsinschriften Stereo- rische Tora-Fromme von Ps 11946
typ gebraucht werden, um die Siege und als Übermittler der wahren Weis-
über feindliche Nachbarvölker als heit Spr 815-33. So hat auch Weish
vollständige Brechung ihrer Macht 61-21 den 2. Psalm ausgelegt. Die ab-
zu feiern. Beide Bilder von 9 wollen schließende Seligpreisung (vgl. Jes
die Autorität des Zionskönigs beto- 3018) verweist auf Nah l*-7 (Ps l6a
nen. Sie müssen von ihrem zeitge- und Ps 2,2b sind in Nah l7b zu einer
schichtlichen Ort her verstanden wer- Aussage verbunden!) und verwurzelt
den; sie sind keine Legitimation von den in Ps 1 + 2 gepriesenen Tora-Ge-
aggressiver, zerstörerischer Gewalt. horsam im Vertrauen (»Glauben«);
zugleich leitet diese Seligpreisung auf
Aufforderung an die Völkerwelt zum die dann folgenden »Davidpsalmen«
JHWH-Dienst10"12: In der Sicht der über, in denen sich das Vertrauens­
Schlußredaktion greift der (messiani­ motiv als basso ostinato durchhält
sche) Zionskönig nicht zu den Waf- (vgl. die wörtliche Entsprechung in
fen, sondern zum Wort, um die Kö- 512). Erich Zenger

|
i
Ps 3 55
PSALM 3 ä
HILFERUF UND ERHÖRUNG EINES BEDRÄNGTEN

Der Psalm ist ein Klagegebet. Er läßt sich in drei Teile gliedern: 1. Teil mit
Schilderung der Feindesnot und Vertrauenserklärung 2-4 (die Vertrauenserklä­
rung 4 bildet den Gegenpol zur Behauptung der Feinde in 3; von den Feinden
wie von JHWH werden jeweils drei Aussagen gemacht); 2. Teil mit Bericht5-7
(Erzählung vor Publikum mit abschließenden Vertrauensaussagen und Rede
von JHWH in dritter Person); 3. Teil mit Bitte und Erhörung 8~9. Bei diesem
Psalm reichen die Pauschaletikette »Klagelied« und »Bittgebet« zur Charakte­
risierung des Psalms nicht aus, denn sein Spezifikum ist der Bogen von der Not
zu deren Aufhebung und die Gravitation von der gegnerischen Bestreitung der
Hilfe JHWHs zu deren unmittelbarer Erfahrung. Die Vertrauenserklärung
von 4 zeigt die Haltung des Beters an und ist problemlos mit der vorausgehen­
den Klage zu verbinden; aber wie verhält sich der Bericht über erfahrene Ret­
tungen im Zentrum des Psalms 5f mit der sich daraus ergebenden Zuversicht
6b_7 zum »Notschrei« von 8 und wie ist das unmittelbare Nebeneinander von
»Notschrei« und Konstatierung der endgültigen Rettung vor den Feinden in 8
zu erklären? Eine einflußreiche Hypothese nimmt ein gestuftes Gerichtsver­
fahren am Tempel an (der Beter in Rechtsnot flüchtet ins Tempelasyl; nach si­
cherverbrachter Nacht erwartet er den morgendlichen Bescheid des Gottesge­
richts, vgl. die Bitte in 8; die Auswirkungen des ergangenen Gottesurteils schla­
gen sich in der Siegeszuversicht von 8-9a nieder).
Aber der Beter befindet sich nicht im Tempel, denn die Aussagen von 5 fordern
nicht seine Präsenz im Tempelbereich, sondern lassen ihn nur an den Tempel
denken. In 6 geht es nicht um den spezifischen Tempelschlaf, ob als Inkubation
oder als Nachtasyl, sondern um eine ruhig verbrachte Nacht, die der Beter im
Kontext altorientalischer Qualifizierung von Tag und Nacht als Hinweis auf
Gottes Schutz deutet. Die Verweise auf die Gebetserhörung 5 und den göttli­
chen Schutz 6f bereiten die entscheidende Bitte um Befreiung von Feindesnot in
8 vor. Dramaturgisch und lexikalisch ist die Bitte mit dem Psalm verbunden
und kann nicht literarkritisch herausgelöst werden. In bezug auf die Klagelie­
der des einzelnen ist die Kombination von Bitte mit einem motivierenden kf-
Satz geläufig. Ein solcher Satz enthält entweder Hinweise auf die Not oder
auf das Vertrauen des Beters oder die besondere Beziehung JFTWHs zum Be­
ter. Im Falle von 38 gehören Bitte und Motivierung zusammen, weil nur durch
die Bitte der Wechsel vom Bericht 5-7 zur Anrede JHWHs in 8f herbeigeführt
wird. Singulär und damit die »crux interpretum« ist die unmittelbare Nachbar­
schaft von Bitte und Konstatierung der Besiegung der Feinde. Weder die Um­
deutung des Perfekts in 8 (prekatives Perfekt) noch eine literarkritische Tren­
nung von Bitte und £f-Satz noch die Annahme eines vorausgesetzten priesterli-
chen Heilsorakels bzw. eines kultischen Gerichtsurteils nach der Bitte vermö­
gen das Nebeneinander zu klären. Wie der Beter zur Konstatierung des Sieges
kommt, bleibt letzten Endes offen. Allerdings gibt es doch für die enge Nach­
barschaft von Bitte und schon geschehener Errettung berühmte Parallelen. So­
wohl in Ps 2222 wie in 3612f kippt die Bitte unmittelbar in die Konstatierung der
Erhörung und Rettung um. Analog verbindet das Heilsorakel von Jes 431 die
Mahnung »fürchte dich nicht« mit der Feststellung stattgehabter Erlösung.
Das Perfekt in 8 muß also im Sinne einer wie auch immer durch JHWH vermit-
56 DIE PSALMEN Ps 3
teilen Gewißheit des Beters interpretiert werden, die den Sieg gegenwärtig
setzt und die vollständige Errettung antizipiert. Der Psalm als ganzer bleibt
unangetastet bis auf 39b. Das Bekenntnis 39a bildet den Gegenpol zu 33b und
schließt den Grundpsalm ab. Das Bekenntnis faßt die vorausgehende Erret­
tung aus kriegerisch beschriebener Not 2{J{ zusammen. Die Schlußbitte von 9b
wechselt die Perspektiven. Unter dem Volk wird nicht wie in 7 das Kriegsvolk,
sondern Israel als Kultgemeinde verstanden. Das im profanen Bereich gespro­
chene Gebet des einzelnen wird dadurch in den Kult des Gottesvolkes aufge­
nommen. Der Grundpsalm nimmt einige Beziehungen zu vorexilischen Kö­
nigsgebeten auf: Sein Leitthema der Hilfe JHWHs (33 8,9a) ist auch Thema der
königlichen Gebete Ps 183-36-42-47 und Ps 353f 203-6a,l°; die Metapher von
JHfWH als Rundschild des Beters findet sich unter anderen Parallelen auch
dort (Ps 183-*31)-36 352); das Bild von den Tausenden an Kriegern erinnert an ein
altes Lied über Saul und David (1 Sam 187 2112 295) und an Ps 1844; ebenso das
Bild von der Belagerung vgl. 1819; daß der königliche Beter Hilfe vom Heilig­
tum her erwartet, erscheint plausibel, vgl. Ps 187 und 202f, galt der erste Tem­
pel doch als »Staats- und Palastheiligtum« der davidischen Dynastie; schließ­
lich paßt die martialische Sprache, mit der der Sieg über die Feinde konstatiert
wird 8, zur handgreiflichen Konkretheit, mit der Ps 1833~50 den Sieg beschreibt.
Für das vorexilische Alter sprechen auch die Anlehnung der Einleitung in 32f an
den kanaanäischen Stufenparallelismus wie in Ps 247-10 29lf 933f und schließlich
der Gebrauch der Präfixkonjugation als archaisierendes Perfekt wie in Ps
jg2-7.17-20.3>-50>
Die Redaktionskritik beobachtet die Stellung von Ps 3 innerhalb der ersten
Psalmengruppe 3-14 des ersten Davidpsalters näherhin innerhalb der Reihe
der Klagelieder eines Verfolgten 3-7. Eine Klammer um die erste Psalmen­
gruppe schaffen die redaktionellen Verse 39b 147, die für das Gottesvolk Israel
vom Zionsgott Hilfe und Segen erbitten. Die nachexilische Situation ist da­
durch begründet, daß der Zion die Funktion der Restituierung des Gottesvol­
kes noch nicht erfüllt.
Ps 3 ist durch eine Reihe von linearen Verknüpfungen mit den nachfolgenden
Psalmen zur Komposition der Ps 3-7 verbunden. Die Feinde werden überwie­
gend mit profanen, auf die reale Not zielenden Begriffen charakterisiert; nur
in den Eckpsalmen werden sie je einmal religiös als Frevler qualifiziert (38 710).
Der Beter sorgt sich um sein gesellschaftliches Ansehen (34 43 76). Durchge­
hend werden Rettungsgewißheit und »Morgenmotiv« (JHWH übernimmt die
Funktion der siegreichen Sonne am Morgen) miteinander verklammert (35f 49
54 67 712). Ebenso durchlaufend ist der Bezug zum Tempel (35 46 54 8 77{ l8), ob­
wohl auch weisheitliche Distanzierungen zum Kult spürbar sind. Zusammen
mit Ps 7 bildet Ps 3 den »Eckpsalm« der Komposition, die paradigmatische
Notsituationen vorstellt. Die beiden Eckpsalmen zeigen den (politisch) ver­
folgten Beter, dessen Sprache vom Königsgebet beeinflußt ist. Ps 4 stellt das
Bittgebet eines Armen dar, Ps 5 das eines Beters in Rechtsnot, Ps 6 das eines
Kranken.
Ps 3 DIE PSALMEN 57
31 [Ein Psalm Davids, als er vor seinem Sohn Abschalom floh.] 2 Sam 15
2 Herr, wie zahlreich sind meine Bedränger; 25«9
so viele stehen gegen mich auf.
3 Viele gibt es, die von mir sagen:
»Er findet keine Hilfe bei Gott.« [Sela]
4 Du aber, Herr, bist ein Schild für mich, 7” 183
du bist meine Ehre und richtest mich auf. 3320 8412
,,59-h
5 Ich habe laut zum Herrn gerufen; Gen 151
Dtn 3329
da erhörte er mich von seinem heiligen Berg. [Sela] Spr 305
6 Ich lege mich nieder und schlafe ein, Sir 34*6
49
ich wache wieder auf, denn der Herr beschützt mich.
7 Viele Tausende von Kriegern fürchte ich nicht, 273
wenn sie mich ringsum belagern.
8 Herr, erhebe dich,
mein Gott, bring mir Hilfe!
Denn all meinen Feinden hast du den Kiefer zerschmettert,
hast den Frevlern die Zähne zerbrochen.
9 Beim Herrn findet man Hilfe.
Auf dein Volk komme dein Segen! [Sela]

5 EÜ übersetzt zuerst die im Hebräischen eigentümliche Abfolge von Prä­


fixkonjugation und Narrativ weder präsentisch noch vergangen-iterativ
(sooft ich rief, da antwortete er...), sondern als Erzählung einer abge­
schlossenen Handlung. MT gebraucht die Präfixkonjugation im Sinne ei­
nes archaisierenden Perfekts wie in Ps 184ff l7ff 39ff.
6 Die Verbformen fordern eindeutig Vergangenheit statt des Präsens der
EÜ (also: Ich legte mich nieder und schlief ein, ich wachte auf, denn der
Herr beschützt mich).

Überschrift1: Die Gattungs- und Au­ Klage und Vertrauen 2-4: Das Gebet
torenangabe der Überschrift ist kon­ beginnt mit einer Anrufung JHWHs
stitutiv für die der folgenden vier ohne explizite Bitte und geht sofort in
Psalmen. Angeschlossen wird mit üb­ eine Klage über, um die drängende
licher Infinitivkonstruktion eine bio­ Notlage zu unterstreichen (vgl. Ps
graphische Ergänzung. Ps 3 wird auf 132 222). Der Beter beklagt die Viel­
dem Hintergrund von 2 Sam 15-17. heit der Feinde, ein Topos, der die
18 verstanden (David wird vom eige­ Übermacht der Feinde veranschau­
nen Sohn verfolgt, über den er einen licht. Die Feindbezeichnungen wie
»Pyrrhussieg« erringt). Vielleicht hat Bedränger und Aufständiger bzw.
die formative exilische Redaktion die Widersacher heben nur auf das Fak-
Eckpsalmen 3 und 7 als Königsge­ tum der Feindschaft ab. Das Zitat 3b
bote bestätigt und ihr Interesse an der konkretisiert die Feindschaft. Die
Davidisierung s.u. zu Ps 18 verdeut­ Feinde bestreiten die Verbindung des
licht. Beters zu JHWH und liefern ihn da­
durch der Isolation und Hoffnungs-
58 DIE PSALMEN Ps 3
losigkeit aus. Der Beurteilung der Bitte und Erhörung 8-9: Korrespon­
Feinde setzt der Beter seine Zuver­ dierend zur Anrufung am Anfang 2
sicht und sein Vertrauen entgegen 4. bittet der Beter jetzt um das entschei­
JHWH ist für ihn ein Rundschild, dende Eingreifen JFTWHs. Die ver­
wie er es auch für Abraham war (Gen trauliche Prädikation »JHWH, mein
15l). JHWH garantiert die öffentli­ Gott« wird auf zwei Bitten verteilt.
che Reputation des Beters, die JHWH soll sich erheben in Antwort
JHWH schützen soll wie in Ps 43 und auf das Aufstehen der Feinde 2 (Ps 77
76. Die Wendung »aufrichten bzw. 1713 352). Er soll helfen (Ps 65 72 n
das Haupt jmds. erheben« ist gemein­ 122), um die Feinde zu widerlegen 3b.
altorientalisch. Sie läßt sich nicht auf Die Parallelen aus kriegerischem
den Kontext der Rechtsprechung Kontext deuten eine militärische
festlegen, sondern meint die Ermuti­ Hilfe an wie der »Ladespruch« Num
gung, das Ablegen von Trauer und IO35 oder das Kriegsgesetz Dtn 204.
Angst (vgl. Ps 276 1107). Die Bitte wird überraschend sofort
mit der Vorwegnahme des Sieges
Bericht und Vertrauensaussage 5-7: Der motiviert. Nach dem Prinzip prophe­
Beter erzählt eine Gebetserhörung, tischer Gerichtsrede, worin und wo­
und er stellt sich dabei vor, daß mit man gesündigt hat, wird man be­
JFTWH vom Tempel her, dem Ort straft, wurden den Feinden die Werk­
seiner besonderen Gegenwart, gehol­ zeuge ihrer Reden 3 zerstört. Im Al­
fen hat. Mit der Bezeichnung »heili­ ten Orient wie im Alten Testament
ger Berg« spielt er auf die altorientali­ gilt der Backenstreich als schwere ge­
sche Tradition vom Götterwohnsitz richtsnotorische Beleidigung (1 Kön
auf dem Weltberg an, die auf den 2224 Mi 414). Hier ist die Härte ge­
Zion, den Jerusalemer Tempelberg, steigert, weil der Kiefer zerbrochen
übertragen wurde (Ps 26 151 433 482). wurde und weitere Reden gegen den
6 berichtet von einem natürlichen Beter unmöglich gemacht wurden.
Vorgang (sich niederlegen, schlafen, Das gleiche gilt für das Zerbrechen
aufwachen). Seine Bedeutung erhält der Zähne (Ps 587 Ijob 2917, vgl. Spr
er nicht durch den Ort (Tempelschlaf 30'4).
i
oder Tempelasyl) oder als Metapher Das Gebet endet in 9a mit einem Be­
(Todesschlaf vgl. Ps 134), sondern kenntnis vor dem Auditorium, das
durch die Bedeutung, die der Beter schon im Bericht5-7 Zeuge war. Die­
angesichts seiner bedrohten Situation ses Bekenntnis widerspricht der Be­
der ruhig verbrachten Nacht beimißt. hauptung der Feinde aus 3b. Der re­
Er kann dabei an altorientalische daktionelle Anhang 9b ist gemäß den
Qualifikation der Zeiten anknüpfen, Parallelen in Ps 1298 vgl. Ps 289 5120
bei der die Nacht die Zeit des Chaos als Segensbitte oder Segenswunsch
ist. Die Gewißheit des göttlichen zu verstehen - hier mit Blick auf das
Schutzes läßt den Beter »weder Tod gesamte Gebet wieder in die Anrede
noch Teufel« fürchten. Er trotzt gro­ an JHWH gekleidet. Die Segensbitte
ßen Mengen an Kriegsvolk (1 Sam holt das Gebet des Grundpsalms in
187//21i2//295 Num 2020 Ri 52 Ps den Kult der Gemeinde. Der hel-
1844), die ihn belagern (Jes 227 vgl. Ps fende JHWH soll das exilische Israel
273). segnen. Frank-Lothar Hossfeld
u
Ps 4 59 5
PSALM 4
BITTGEBET EINES ARMEN UM ERWEIS DER GOTTESGERECHTIGKEIT
i

Es gibt zwei unterschiedliche Richtungen, den Psalm auszulegen; die Unter­


schiede hängen mit dem Verständnis der im Psalm beklagten Not zusammen:
1. Eine »theologische« Deutung sieht einflußreiche und mächtige Kreise in der
Umgebung des Beters, die »seine Ehre« 3, d.h. JHWH (vgl. Jer 2n Ps 10620),
durch Nichtiges und Lügen, d. h. durch den Abfall zu fremden Göttern und zu
kultischen Verirrungen, schmähen und schänden.
2. Eine »soziale« Deutung versteht unter »Ehre« 3 die Ehre des Beters selbst,
d.h. seine Stellung in der Gesellschaft: Seine Menschenwürde wird von den
Mächtigen und Reichen mit Füßen getreten, indem sie über ihn allerlei Lügen
verbreiten und dabei sogar den Gottesnamen beim Lügeneid einsetzen. Für
dieses Verständnis des Psalms als Bittgebet eines Armen sprechen vor allem
zwei Beobachtungen: Zum einen zielt die Aufforderung des Beters in 6 darauf,
daß die Mächtigen »Opfer der Gerechtigkeit« darbringen, d. h., daß sie sich
dem Beter gegenüber endlich sozial und solidarisch verhalten sollen. Zum an­
deren hat »Ehre« in den Nachbarpsalmen unbestreitbar soziale Konnotationen
(vgl. 34 76 86); mit diesen Psalmen aber bildet Ps 4 die (spätexilische) Teilkom­
position 3-7, die auf 8 hingeordnet ist. In 3-7 sind konkrete Bedrängnisse der
Beter (3 und 7: der politisch Verfolgte; 4: der Arme; 5: der unschuldig Ange­
klagte; 6: der Kranke) als paradigmatische Aspekte leidvoller Existenz zusam­
mengestellt (vgl. das durchlaufende Motiv von JHWH als der »am Morgen«
rettenden »Sonne der Gerechtigkeit« in 3sf 49 54 67 712 sowie das weisheitlich
gebrochene »Tempelkolorit« in 35 46 54 8 77*18). Noch genauere Bestimmungen
der ursprünglichen Verwendung des Psalms (Formular für das sakrale Ge­
richtsverfahren am Tempel, für die Durchführung eines Ordals, im Kontext
von »Kleingruppengottesdiensten« zur Bewältigung sozialer Konflikte) sind
problematisch.
Der Psalm ist kunstvoll aufgebaut. Er wird in 2 mit einer an Gott gerichteten
Bitte eröffnet; in 3-6 folgt eine an die Mächtigen adressierte Rede; mit 7-9
schließt sich eine wieder Gott ansprechende Rede an; alle drei Abschnitte sind
als Ich-Rede des Beters gestaltet. 3-6 und 7-9 entsprechen sich in ihrer dreiglied­
rigen Struktur (Frage - Hinweis auf ein Handeln JHWHs am Beter - Ver­
trauen auf JHWH), wobei der Beter sich beide Male von einer Gruppe absetzt.
Gegenüber beiden Gruppen betont der Beter die Wichtigkeit des Vertrauens
auf JHWH als Grundlage des Lebens. Man kann sagen: 3-9 ist das »Bittgebet«
{ffillähHij: »Flehen«), von dem in 2d die Rede ist. Der Beter bittet um Rettung
aus einer individuellen Not als Erweis der »Gottesgerechtigkeit« inmitten der
ihn umgebenden Menschen, die durch ihren praktischen Atheismus (vgl. 5-*)
und durch ihre Resignation angesichts der gesellschaftlichen Mißstände
(vgl. 7) die Glaubwürdigkeit JHWHs selbst erschüttern.

41 [Für den Chormeister. Mit Saitenspiel. Ein Psalm Davids.]


2 Wenn ich rufe, erhöre mich,
Gott, du mein Retter!
Du hast mir Raum geschaffen, als mir angst war.
Sei mir gnädig, und hör auf mein Flehen!
60 DIE PSALMEN Ps 4
3 Ihr Mächtigen, wie lange noch schmäht ihr meine Ehre,
warum liebt ihr den Schein und sinnt auf Lügen ? [Sela]
4 Erkennt doch: Wunderbar handelt der Herr an den Frommen;
der Herr erhört mich, wenn ich zu ihm rufe.
Eph 426 5 Ereifert ihr euch, so sündigt nicht!
Bedenkt es auf eurem Lager, und werdet stille! [Sela]
5119.21 6 Bringt rechte Opfer dar,
1 Petr 25 und vertraut auf den Herrn!
3117 444 7 Viele sagen: »Wer läßt uns Gutes erleben?«
672 804 Herr, laß dein Angesicht über uns leuchten!
11934 8 Du legst mir größere Freude ins Herz,
Num 625f
als andere haben bei Korn und Wein in Fülle.
36 9 In Frieden leg’ ich mich nieder und schlafe ein;
denn du allein, Herr, läßt mich sorglos ruhen.

2b Wörtlich: »Gott meiner Gerechtigkeit.«


3b Wörtlich: »indem ihr...«
4a MT: »Erkennt doch, daß JHWH wohlwollend aussondert (hifläh) seinen
Frommen« (Sg); EÜ korr.: »...daß JHWH wunderbar handelt (hiflV)«.
4b »mich« ergänzt nach G; statt »erhört« richtiger »hört« (sämä wie 2d!).
51 So im Anschluß an G. Wörtlich (und besser beizubehalten): »Erzittert
und sündigt nicht mehr!«
5b Wörtlich: »Erwägt es in eurem Herzen auf eurem Lager.«
6a Wörtlich: »Opfert Opfer der Gerechtigkeit.«
7 Text korr.; andere (bessere?) Textkorrektur: »Viele sagen: >Wer kann
uns noch Gutes schauen lassen? Geflohen ist von uns das Licht deines An­
gesichts!««
8a Wörtlich: »Du hast gegeben.«

Überschrifi 1: »Für den Chormeister« 1520f auf das Spielen von Standleiern
(lam'natffb) steht über 55 Psalmen (nebcel) und Trageleiern (kimtör) be­
als Überschrift (falls mehrere Anga­ zieht, das als Melodieführung bzw.
ben, immer an 1. Stelle) und in Hab Begleitung von Liedern (Psalmen)
3,s als Unterschrift. Genaue Bedeu­ diente; von daher dürfte menaffeab
tung umstritten, auch nicht durch die jenen Leierspieler bezeichnen, der die
wechselnden Übersetzungen der musikalische Aufführung eines Lie­
Versionen zu klären. Zwei Probleme: des mit seinem Spiel (also als »Kapell­
meister« und nicht als »Dirigent«) lei­
■i 1. Bedeutung von t (»für«, »für den tete. Das wird auch durch die zweite
Gebrauch von«, »verfaßt von«, »zur Angabe bin'ginöt »mit Saitenspielbe­
Liedersammlung von gehörig«?). 2. gleitung« (aufzuführen) bestätigt. Im
Bedeutung von menaffeab, meist her­ nachbiblischen Judentum verstärkte
geleitet von n$b »beaufsichtigen, lei­ sich die Herleitung von n$b »siegen«,
ten«, seltener von nfb »glänzen, wobei »für den/im Blick auf den Sie­
leuchten«: »Chormeister« (EÜ), rich­ ger« messianisch verstanden wurde;
tiger »Kapellmeister, Konzertmei­ von daher entwickelte sich das chri-
ster«, da sich das Verbum in 1 Chr stologische Verständnis des Psalms.
Ps 4 DIE PSALMEN 61
Zur Angabe »Ein Psalm Davids« vgl. Gott, der Wunder tut« (vgl. Ps 7715)
die Einleitung sowie zu 3*. anzunehmen, die Mächtigen zum
wahren »Gotteswissen« bewegen,
2: Mit einer formelhaft gestal­ wonach JHWH als der in der Ge­
teten Bitte (Imperative 2ad, Anrede 2b, schichte seines Volkes Handelnde
Hinweis auf Vergangenheit als Be­ auch am einzelnen »Frommen«
weggrund zum Eingreifen 2c), in der (Ipäsid) handelt 4a (vgl. JHWHs
sich die Grundstruktur biblischer »Wunderwirken« am Volk: Ex 15n
Gottesvorstellung verdichtet (bei­ 3410 Jos 35; falls die Lesart MT akzep­
spielhaft: JHWH erweist gegenüber tiert wird, daß JHWH »seinen From­
Baal sein Gott-Sein, indem er »ant­ men wohlwollend aussondert [plh
wortet«, vgl. 1 Kön 18; Ansatz der hi.]«: vgl. Ex 818 94 U7). Vor allem
Geschichtstheologie: JHWH »hört« aber erweist er sein »jahwistisches«
auf den Notschrei seines Volkes und Proprium, indem er, anders als die
rettet es, vgl. Ex 224 37 Dtn 267 u.ö.; Götzen der Völker, wirklich »hört«
zur Abfolge »rufen« — »antworten« bzw. »hören kann«, wenn seine An­
vgl. 35 176 2010 223 277 u. ö.), appelliert hänger ihn »rufen« 4b (Rückbezug
der Beter an den »Gott meiner Ge­ nach 2; zur Sache vgl. 1 Kön 1824-26-37
rechtigkeit« (EÜ »Gott, du mein Ret­ Ps 1156 13517 sowie die auf zahlrei­
ter«). Dieser möge sich als »Gerech­ chen ägyptischen Dank- oder Bittste­
tigkeit« schaffender Gott erweisen, len abgebildeten Ohren, die die hö­
als den ihn nicht nur der Beter (vgl. rende Gottheit darstellen). 5-6 Mit
auch die Gottesprädikationen Ps 279 sechs Imperativen, von denen je zwei
5116 sowie besonders Ps 95 4011 1294), zu einem Paar verbunden sind, wer­
sondern ganz Israel in seiner Grün­ den »die Mächtigen« sodann aufge­
dungsgeschichte (vgl. Dtn 3321 Ri 511 fordert, umzukehren und das rechte
sowie Ps 656 994-11 1 113-9 1457) erfah­ Verhalten JHWH gegenüber zu
ren hat. Auch 2c erinnert zunächst an praktizieren. Der erste Imperativ
individuelle Erfahrungen des Beters rig'zü »erzittert« (anders EÜ) gehört
(Metapher für Rettung aus Not, die zum Sprachspiel der Theophanie.
als lebensbedrohliche Enge bzw. Ge­ Das Verbum (vgl. Ex 1514 Dtn 224 Jes
fangenschaft erfahren wurde: Ps 1820 641 Jer 339 Mi 7n Ps 991) bezeichnet
319 6611 1185), läßt aber auch die ge­ die Reaktion auf das Wahrnehmen
schichtstheologische Kategorie an­ der Göttlichkeit JHWHs, der sich in
klingen, wonach JHWH Israel wei­ seinen Taten machtvoll erweist. Auch
ten Lebensraum verheißt und gibt, am Sinai »erbebt« das Volk beim
damit es als sein freies Volk leben Kommen Gottes (Ex 1916-18), was
kann (vgl. Gen 1317 2 622 Ex 38 3424 Mose in Ex 2020 so deutet: »Gott ist
Dtn 1220 1 98). gekommen, damit die Furcht vor ihm
auf eurem Angesicht sei, auf daß ihr
Aufforderung an die Mächtigen 5-6: nicht sündigt.« Diese Konsequenz
Hinter der vorwurfsvollen Frage des zieht auch der zweite Imperativ »und
Armen an die Reichen, warum sie sündigt nicht (mehr)!«, d.h. nehmt in
»seine Ehre«, d.h. sein gesellschaftli­ Gottesfurcht (»erzittert«) wahr, daß
ches Ansehen und seine Menschen­ JHWH, der so handelt wie 4 bekennt,
würde mißachten, steht seine Über­ sich offenbaren wird, und hört auf,
zeugung, daß sich dies letztlich ge­ die Armen zu vernichten. EÜ orien­
gen JHWH selbst richtet. So will der tiert sich bei ihrer Übersetzung von 5a
Arme mit seinem Appell, sein Leben an G. In dieser Lesart bringt der Be­
als Hinweis auf JHWH als »den ter den Menschen seiner Umgebung
62 DIE PSALMEN Ps 4
einerseits ein gewisses Verständnis ben ist, setzt er sein klares und wer­
entgegen, aber er fordert sie anderer­ bendes JHWH-Bekenntnis entgegen.
seits auf, nicht maßlos zu werden. Aus dem Zitat wird die schwere so­
Das zweite Imperativpaar5b führt die ziale und theologische Not der (fikti­
in 5a begonnene Linie weiter. Die ven) Sprecher sichtbar: Ihnen fehlt
Nacht, die mit der Angabe »auf eu­ »das Gute« fob, d.h. »das, was man
rem Lager« anvisiert ist, und womit zum Leben braucht«, also die lebens­
zugleich ein semantischer Bogen zu 9a förderlichen Gaben des guten Schöp­
geschlagen wird, gilt vor allem in der fergottes (vgl. Ps 341113 8513 10428).
Psalmensprache als Zeit des Nach­ Aus ihrer (nicht zuletzt durch »die
denkens (vgl. Ps67 167 ?><y‘77'-7 1028). Mächtigen« mitverschuldeten) Subsi­
Beim nächtlichen Erwägen jenes stenzkrise erwächst der Zweifel, ob
»Gotteswissens«, von dem 4 sprach, es überhaupt noch einen Gott gibt,
sollen die Reichen »verstummen«, der ihnen glückliches, menschenwür­
d.h. sie sollen stille werden vor die­ diges Leben gewähren kann. So
sem Gottgeheimnis und es demütig spricht aus 7 eine Form von Got­
annehmen (vgl. zu dieser Bedeutung teszweifel, auf die der Beter in 8 mit
von dmm Ps 377 626 1312 Ijob 3027 so- einem abermaligen Hinweis auf ei­
wie die Metapher »die Hand auf den gene Gotteserfahrungen antwortet.
Mund legen« [vgl. Ijob 404] in der Er vergleicht die Freude, die er in sei­
Funktion des Verstummens vor dem ner Gottesgemeinschaft gefunden hat
offenbar gewordenen Gott). 6 Wie (vgl. Ps 16) mit der Freude, die »die
das dritte Imperativpaar zeigt, ist der Vielen« in jenen Zeiten hatten, als es
Beter der Meinung, daß sich die An­ »Korn und Most«, die jungen Pro­
erkennung des Gott-Seins JHWHs in dukte der Getreide- und Weinernte
der Alltagspraxis des Zusammenle­ (Brot und Wein!) und Realsymbole
bens erweisen muß: Der »Gott der für die Segensgaben JHWHs im
Gerechtigkeit« 2b fordert »Opfer der Lande Israel, in Fülle gab. Daß der
Gerechtigkeit« (EÜ: »rechte Op­ Beter »die Freude« als die große
fer«). Damit soll nicht eigens unter­ JHWH-Gabe herausstellt, hängt da­
strichen werden (wie EÜ nahelegt), mit zusammen, daß die Ernte die Zeit
daß die Opfer den Vorschriften der großer Freude und überschäumender
Tora entsprechen und in der rechten Feste war (vgl. Jes 92 u.ö.). Für den
Gesinnung dargebracht werden müs­ Beter ist sein Vertrauen auf JHWH
sen, sondern daß die Opfer in Ge­ und das darin erfahrene Glück das
rechtigkeit bestehen sollen, d. h. »die Fest schlechthin, demgegenüber alle
Mächtigen« sollen jene »Schlachtop­ Erntefreuden verblassen. Deshalb
fer« darbringen, die wirklich zum kann er in 9 sein Fazit ziehen, das zu­
Heil führen: Sie sollen soziale Ge­ gleich seine Antwort auf die in 7 zi­
rechtigkeit praktizieren und aufhö­ tierte Frage »der Vielen« ist. In der
ren mit ihrer Ausbeutung der Armen Gewißheit, daß »die Nacht« ihn nicht
(»der Vielen«), indem sie JHWH zerstören wird und daß JHWH ihm
zum Maß und zur Mitte ihres Lebens als die rettende Morgensonne wieder
machen. Genau dies alles heißt: sein Angesicht zuwenden wird, kann
»Vertraut auf JHWH!« der Beter »in Frieden« schlafen:
■i JHWH selbst ist ihm gewissermaßen
Vertrauensbekenntnis 7-9: Nun wen­ der Raum, in dem er Schutz und
■ det sich der Beter direkt an JHWH. Ruhe findet (zum guten Schlaf als
Der resignierten Haltung »der Vie­ Gabe des guten Gottes vgl. Ps 36 1272
■i len«, die durch ein Zitat wiedergege- Spr 324 Sir 31lf 40sf). Erich Zenger

.
Ps 5 63
PSALM 5
MORGENGEBET UM RECHTSHILFE

Ps 5 stellt ein Bittgebet mit Klageelementen dar. Weichenstellend für das Ver­
ständnis des gesamten Psalms ist die Interpretation von4. Die einflußreiche
kultgeschichtliche Psalmeninterpretation entdeckt hier den Hinweis auf den
Sitz im Leben des Psalms. Der Beter befindet sich demnach im Tempelareal,
wie es ja auch 8 anzeigt. Er bringt gerade sein Morgenopfer dar und äußert da­
bei das vorliegende Gebet in der Zuversicht, Erhörung zu finden. Aus der ge­
währten Zulassung zum Heiligtum 5-7 schöpft er Hoffnung 8 und bittet um das
endgültig rettende Gottesgericht am Morgen im Tempel 9-11. In 12-13 preist der
Beter JHWH in Vorfreude auf die erwartete Rettung. Nur ist die Frage, ob die
knappe Ausdrucksweise von 4 diese zeitliche und lokale Konkretion hergibt
und die Leerstellen des Psalms richtig ausgefüllt sind. Die folgende Auslegung
versteht die Verbformen von 4 in dem Sinne, daß der Beter gleichzeitig Gebet
und Handlung vollzieht. Das entscheidende Verb »ein Opfer zurüsten« ist all­
gemeiner zu verstehen in der Bedeutung, von »seinen Fall geordnet darlegen«.
Der Beter legt am Morgen seine Rechtsnot dar und hält Ausschau nach
JHWHs Rechtshilfe, die nicht nur durch ein Gottesgericht im Tempel reali­
siert werden muß, sondern viele Möglichkeiten der Durchsetzung des Gottes­
rechts im profanen Alltag einschließt. Die wiederholte Zeitangabe »am Mor­
gen« fungiert nicht als reiner Zeitanzeiger, sondern evoziert das bekannte
»Morgenmotiv«. Die morgendliche Erscheinung des Sonnengottes hat recht­
lich-soziale Bedeutung, insofern dessen morgendliche Erscheinung aus
Rechtsnot hilft. Dieser Vorstellungszusammenhang wird auf JHWH übertra­
gen und findet sich an vielen Stellen (vgl. z. B. Gen 1915 Hos 65 Zef 35 Jes 514 Ps
376 1018 Ijob 3812-15).

Kultischen Hintergrund verrät der Abschnitt 5-8. Er wird eigens durch ki


»denn« eingeleitet. Drei Sätze mit Negationen entsprechen drei Sätzen mit Posi­
tionen. Der überraschende Umbruch aus der Du-Anrede in die Rede von
JHWH in dritter Person im letzten der sechs Sätze entspricht der Tendenz zur
Lehre, die man in den verwandten weisheitlichen Widerspiegelungen der Ein-
zugstora Ps 15 (vgl. 154) und 243-5 feststellt. Vers 8 gehört dazu und ist Teil die­
ser Anlehnung an die Einzugstora. Thema, Stil und gelegentliche Wortwahl
entsprechen also den weisheitlichen Einzugsliturgien von Ps 13 243-5.
Insgesamt zeigt der Psalm eine wenn auch gebrochene Nähe zum Jerusalemer
Tempelkult. Die seltene Anrufung »mein König« stammt aus dem Jerusalemer
Tempelkult (vgl. Ps 24 und 29). Die redundante Motivation der Bitten 3b meint
das feierliche, liturgisch geregelte Gebet. Der Schluß in 13 hat Beziehungen
zum kultischen Schlußsegen. Typisch für den Psalm sind die weisheitliche Ar­
gumentation (Tun-Ergehen-Zusammenhang in ,lf) und Sprache (aufmerken/
vernehmen in 3, Seufzen 2, »Worte geordnet vorlegen« wie in Ijob 335 37l9, die
nachgestellte Anrede Gottes mit Gattungsnamen vgl. Ps 161 176).
Der gesamte Ps 5 hat seinen nächsten Verwandten in Ps 17. Das belegt zuerst
einmal der fünfteilige Aufbau: Einleitende Bitten, wobei das Morgenmotiv in
Ps 54 eine Größe für sich ist, in 52-4 171-2; dann die Beteuerung der eigenen Un­
schuld 55-8 173-5; die zentrale Bitte mit Schilderung der Notlage durch Feinde
59-10 176-12. Schlußbitten mit Blick auf die Gruppe der Feinde und der Gleich-
64 DIE PSALMEN Ps 5
gesinnten 5,,_12; Vertrauensbekenntnis 513 1715. Hinzu kommt eine Reihe von
Motiventsprechungen und lexikalischen Besonderheiten.
Beide Psalmen sind Bittgebete des einzelnen mit integrierter Klage. Beide mi­
schen kultische Anklänge mit weisheitlichen Elementen. Für Ps 5 läßt sich aus
den wenigen konkreten Angaben (57 und 510) die Rechtsnot des Beters er­
schließen, die in den Klageliedern des einzelnen zu einer der häufigeren bei­
spielhaften Notlagen gehört. Der Psalm kann in die vorexilische oder auch exi-
*-j lische Zeit eingeordnet werden.
Die Redaktionskritik kann sich im Fall von Ps 5 wie bei seinen unmittelbaren
Nachbarpsalmen vor allem auf durchlaufende Linien neben einzelnen Berüh­
rungspunkten konzentrieren. (Bitte um Zuwendung 42 52f 63; Zuversicht der
Erhörung 4* 54 69{; variiertes Morgenmotiv 49 5 4 67; Feindbezeichnungen 57 68
75-7; Vorwurf der Lüge an die Adresse der Feinde 43 57; Thema Gerechtigkeit
42-6 (ö5-8) 5613; die Huld JHWHs 58 65). Zwischen dem Armenpsalm 4 und dem
Krankengebet 6 behandelt Ps 5 die paradigmatische Rechtsnot.

51 [Für den Chormeister. Zum Flötenspiel. Ein Psalm Davids.]


2 Höre meine Worte, Herr,
achte auf mein Seufzen!
445 844 3 Vernimm mein lautes Schreien, mein König und mein Gott,
denn ich flehe zu dir.

! 8814 4 Herr, am Morgen hörst du mein Rufen,


Wcish 1628 am Morgen rüst’ ich das Opfer zu,
halte Ausschau nach dir.
3417 5 Denn du bist kein Gott, dem das Unrecht gefällt;
der Frevler darf nicht bei dir weilen.
6f: 6 Wer sich brüstet, besteht nicht vor deinen Augen;
Spr 6lfr~19 denn dein Haß trifft alle, die Böses tun.
7 Du läßt die Lügner zugrunde gehn,
Mörder und Betrüger sind dem Herrn ein Greuel.
268 8 Ich aber darf dein Haus betreten
dank deiner großen Güte,
1382 ich werfe mich nieder in Ehrfurcht
vor deinem heiligen Tempel.
9 Leite mich, Herr, in deiner Gerechtigkeit, /
meinen Feinden zum Trotz;
254 ebne deinen Weg vor mir!
10 Aus ihrem Mund kommt kein wahres Wort,
ihr Inneres ist voll Verderben.
Röm 313 Ihre Kehle ist ein offenes Grab,
aalglatt ist ihre Zunge.
11 Gott, laß sie dafür büßen;
sie sollen fallen durch ihre eigenen Ränke.
Ps 5 DIE PSALMEN 65
Verstoße sie wegen ihrer vielen Verbrechen;
denn sie empören sich gegen dich.
12 Doch alle sollen sich freuen, die auf dich vertrauen,
und sollen immerfort jubeln.
Beschütze alle, die deinen Namen lieben,
damit sie dich rühmen.
13 Denn du, Herr, segnest den Gerechten.
Wie mit einem Schild deckst du ihn mit deiner Gnade.
I
4b Wörtlich: Am Morgen lege ich dir dar und schaue aus. Das jeweilige Ob­
jekt ist Interpretation vom Kontext her. Die vorliegende Exegese deutet
auf Rechtsnot, also: am Morgen lege ich dir (meinen Rechtsfall) vor und
schaue aus nach (deinem Rechtsentscheid).
5b Wörtlich: Nicht darf bei dir weilen der Böse.
,0a EÜ übergeht die Begründungspartikel und ebnet den Numeruswechsel
ein; wörtlich: Denn aus seinem Mund kommt kein wahres Wort.
nb Statt Präsens Perfekt: Denn sie empörten sich gegen dich.
12/13 Viele (so auch die EÜ) nehmen Anstoß daran, daß der dritte Satz in 12
zum Subjekt JHWH wechselt, wo die Nachbarsätze das pluralische Sub­
jekt »die auf dich vertrauen« festhalten. Beliebt sind deswegen Umstellun­
gen des dritten Satzes nach ,3; die Syntax der EÜ folgt diesem Bestreben.
Solche Maßnahmen sind überflüssig. Der dritte Satz in 12 soll die Aussage
von 13 nach vorne verklammern.

Überschrift ': S.o. zu 41. enthält, hofft der Beter auf den mor­
gendlichen Aufgang der Sonnengott­
Die Eingangsbitten 2-3: Die dreiglied­ heit bzw. JHWHs als Retter und
rige Bitte an JHWH um Gehör hat Richter.
ihre nächsten Parallelen einschließ­ Das »Ausschau halten« meint allge­
lich der nachgestellten Gottesanru­ mein ein Warten und Hoffen, das ;
fung und des kohortativ verstärkten nicht von vornherein auf ein be­
Imperativs in Ps 171 552f 866. Die stimmtes kultisches Verhalten festzu­
nachgestellte Doppelanrufung legen ist (vgl. Klgl 417 Mi 77).
;
JHWHs in 3a kommt innerhalb des
Psalters nur noch in Ps 445 6825 7412 Hinweis auf die Einzugsliturgie5-8' Im
844vgl. 1451 vor. Der Gott-König-Ti­ Gebet zu JHWH läßt der Beter die
tel der Tempeltheologie soll in die Bedingungen für den Zutritt zum
persönliche Frömmigkeit integriert Tempel anklingen. Die Vorausset­
werden. zungen für die kultische Nähe zu
JHWH werden in sechs Sätzen (drei
Das Gebet am Morgen 4: Die absolute mit, drei ohne Negation) beschrie­
Verwendung der Verben in 4b zwingt ben. Von den katalogartig aufgeführ­
zur Ergänzung der Objekte vom ten Verhaltensweisen, die vor dem
Kontext her. Der weisheitliche Cha­ heiligen Gott nicht bestehen können,
rakter des Psalms läßt an Worte den­ setzt sich der Beter in 8 ab. Er hat
ken. Weil das morgendliche Wirken nicht das Selbstbewußtsein eigener
JHWHs rechtlich-soziale Aspekte Unschuld wie der Beter von Ps 79
66 DIE PSALMEN Ps 5
26*•II und 4112f, sondern beruft sich des Beters. JHWH soll die Feinde der
auf JHWHs Gnadenfülle - eine An­ gerechten Strafe zuführen. Der
spielung auf die sogenannte Gnaden­ zweite Wunsch wendet den Tun-
formel (ein barmherziger und gnädi­ Ergehen-Zusammenhang auf die
ger Gott, langmütig und von großer Feinde an. Das Bild vom Fallen in die
Güte) aus dem altisraelitischen Kult selbstgegrabene Grube (Ps 716 272)
(vgl. Ex 346 Ps 86515 1038 - in Anklän­ klingt an.
gen in Ps 691417 1067 45). Der Beter Dem Schicksal der Feinde wird das
kann also auf zwei Meriten verwei­ der Gruppe entgegengesetzt, zu der
sen: das Bittgebet zum richtigen Zeit­ der Beter gehört. Die Gegenüberstel­
punkt 4 und die eigene Kultfähigkeit lung entspricht dem Gegensatz von
5-8. Auf dieser Basis wagt er die zen­ Ungerechter-Gerechter aus der Ein­
trale Bitte. zugsliturgie. Die eigene Gruppe wird
vielfältig umschrieben (»auf JHWH
Zentrale Bitte 9_,°: Die Bitte mit ih­ Vertrauende« vgl. Nah l7 Ps 1831 3120
rem besonderen Charakter erschließt u.ö.; die JHWHs Namen lieben vgl.
sich im Blick auf die nahe Parallele Ps Ps 6937; sie ist identisch mit den Ge­
27llf. Es ist eine Bitte um rechte Lei­ rechten vgl. Ps 6411 684). Ihr Verhal­
tung, die unmittelbar die Feinde be­ ten (Freude, dauerhafter Jubel und
rücksichtigt (»meinen Feinden zum Rühmung JHWHs) entspricht dem
Trotz«) und die Notschilderung in der späteren Armen, vgl. Ps 3527 6933
der Motivation der Bitte unterbringt. Hab 318.
JHWH soll vor dem Beter seinen
(d. h. JHWHs) Weg ebnen. Damit ist Schlußbekenntnis 13: Sonst wird häu­
mehr gemeint als korrekte Lebens­ fig am Schluß einzelner Psalmen der
führung auf seiten des Beters. Es geht Segen für das Volk erbeten oder kon­
hier auch um das Schicksal des Be­ statiert (Ps 39 289 2911 672 7f). Hier er­
ters, das Leiten auf ebener Bahn wie geht er an den einzelnen Gerechten.
in Ps 27n (vgl. Ps [1831] 673 7714 Spr Die Schlußzeile konkretisiert den Se­
822). Die Feindschilderung konzen­ gen auf den Schutz hin, den JHWH
triert sich auf deren Waffen des Re­ rundum gewährt.
dens und nennt die Rede-Organe in Die Kontextstellung der Gottesanru­
der Polarität von Innen (Inneres, fung wie in 2-3(5), das in Anlehnung
Kehle) und Außen (Mund, Zunge). an die Einzugsliturgie implizierte
Thema des Gerechten und die Ver­
Schlußbitten Durch erneute klammerung mit 12 sprechen gegen
Gottesanrufung abgesetzt, erwägen eine häufige literarkritische Abtren­
die Schlußbitten das weitere Schick­ nung von 13.
sal der Feinde und der Verbündeten Frank-Lothar Hossfeld
j

Ps 6 67
PSALM 6
BITTGEBET IN SCHWERER KRANKHEIT

Der Psalm ist von drei Wortfeldern bestimmt, die sich teilweise überlagern:
1. Der Beter bittet um Abwendung des Gotteszorns als Reaktion des ihn (we­
gen einer Schuld?) strafenden Gottes. 2. Er zählt Symptome einer schweren
Krankheit auf. 3. Er ist oder fühlt sich bedroht von Feinden. Je nach Gewich­
tung dieser Wortfelder wird der Psalm ausgelegt als Klage unter der Last von
Schuld (»Bußpsalm«), als Klage in schwerer Krankheit (»Krankenpsalm«)
oder als Klage über feindliche Bedrängnis (»Feindpsalm«).
1. Die Auslegung als »Bußpsalm«, die eine lange kirchliche Tradition hat
(nach dieser Tradition, die erstmals bei Cassiodor [gestorben 583 n.Chr.] be­
legt ist, gehört er zur Gruppe der sieben kirchlichen Bußpsalmen 6 32 38 51
102 130 142), geht davon aus, daß aus dem Psalm ein tiefes Wissen um Schuld
spricht, so daß er letztlich als Gebet um Vergebung von Schuld gelesen werden
muß. Wenn man »Bußpsalm« als ein Gebet um Vergebung aus dem Wissen um
Schuld definiert, ist Ps 6 kein »Bußpsalm«.
2. Die Auslegung als »Feindpsalm« kann darauf verweisen, daß der Psalm ge­
gen sein Ende hin immer stärker von der Feindperspektive bestimmt ist und
daß insbesondere die Schlußbitte nur noch die Feinde im Blick hat. Allerdings
ist nicht zu übersehen, daß das »Feindmotiv« bis 8b überhaupt nicht auftritt.
3. Am verbreitetsten (und am wahrscheinlichsten) ist die Deutung als »Kran­
kenpsalm«, dessen ursprüngliche Verwendung teilweise recht konkret als Ge­
betsformular für eine Krankenliturgie am Bett des Kranken oder im Heiligtum
beschrieben wird. Die »Feinde«, von denen im Psalm die Rede ist, werden da­
bei unterschiedlich interpretiert. Entweder sieht man in ihnen »Krankheitsdä­
monen« oder man hält sie für Personifikationen der Ängste und der Projektio­
nen des Kranken oder man deutet sie als die feindliche Umgebung des Kran­
ken, die sich über dessen Krankheit auch noch freut. — Eine Sondervariante
dieser Auslegungsrichtung teilt den Text des Psalms zeitlich und örtlich auf
zwei unterschiedliche Situationen auf. 2-8 ist dann das eigentliche Krankenge­
bet, während 9-11 erst nach erfolgter Heilung angesetzt und mit der sog. Resti­
tutionspraxis in Verbindung gebracht wird.
Von seiner Sprachgestalt her ist der Psalm stark appellativ. Er besteht aus einer
Kette von Aufforderungen, deren drängender Charakter durch unterschied­
lich lange (mit »denn« eingeleitete) Begründungssätze unterstrichen wird. Von
diesem Satzgefüge her ergibt sich eine Gliederung des Psalms in die drei Stro­
phen 2-4.5-8.9-11 , die durch mehrere Stichwortbezüge untereinander vernetzt •J
sind. Die ersten beiden Strophen reden JHWH an, die dritte Strophe wendet
sich an die »Feinde« und redet über JHWH in dritter Person. Der Schwer­
punkt des Psalms liegt in der mittleren Strophe. Sie ist nicht nur die längste
Strophe. Sie entfaltet auch die Not am breitesten; sie kennzeichnet die Krank­
heit als Zerstörung des Lebenssinns 6, des Lebenswillens 7, der Lebenskraft8
und als Erfahrung feindlicher Bedrängnis 8. All dies breitet der Beter in einem
Gewebe von Bitten und Klageelementen vor JHWH aus - in der Gewißheit,
daß ER ihn hört und ihm seine Gnade und Güte erweist, gerade seinen Fein­
den zum Trotz 9-11.
Nach der traditionellen Gattungseinteilung der Psalmen lassen sich die heraus­
gearbeiteten drei Strophen als die typischen Strukturelemente eines individuel-

:
68 DIE PSALMEN Ps 6
len Klagepsalms begreifen:2-4 Klage (mit Anrufung des Gottesnamens und mit
entfalteter Notschilderung), 5-8 Bitte an JFTWH um Ende der Not (mit Angabe
von Gründen, die JHWH zum Eingreifen bewegen sollen),9_n Bekenntnis des
Vertrauens auf JHWH (»Erhörungsgewißheit«).
Ps 6 gehört innerhalb des Psalmenbuchs zu den zehn Psalmen, die am stärk­
sten in formelhafter Sprache gestaltet sind. Es wurde nachgewiesen, daß der
Psalm 60 Prozent formelhafte Elemente mit anderen Psalmen teilt. Von daher
kann unser Psalm keine einmalige Lebenssituation widerspiegeln, sondern ist
als Gebetsformular verfaßt worden, das für möglichst viele Konkretionen of­
fen sein sollte. Ob der Psalm für institutioneile Verwendung im Tempel oder
in der Synagoge geschaffen wurde, ist schwer zu entscheiden. Uns scheint das
Verständnis des Psalms als eines (privaten) »Bittgebets in schwerer Krankheit«
wahrscheinlicher zu sein; die in 9f formulierte Anrede an die Unrechttäter ist
dann literarisch-fiktiv gemeint (vgl. ähnlich 43~6 u.ö.).
Dieses Verständnis legt sich auch von der (exilischen) Einbindung des Psalms
in die Teilkomposition Ps 3-7 her nahe, in der typische Not- und Feindsitua­
tionen zur Sprache kommen, in denen JHWH als rettender Gott angerufen
wird (Ps 3: Verfolgung; Ps 4: Armut; Ps 5: Rechtsnot; Ps 6: Krankheit; Ps 7:
Verfolgung). Die Reihenfolge orientiert sich an dem »Morgenmotiv« (Ret­
tungsgewißheit), das in Ps 6 mit der Angabe »in der ganzen Nacht« 7b auftritt.
Auf die exilische Redaktion dürfte auch 7a zurückgehen (s.u.).

61 [Für den Chormeister. Mit Saitenspiel nach der Achten.


Ein Psalm Davids.]
382 Jer 1024 2 Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn,
und züchtige mich nicht in deinem Grimm!
Jcr 1714 3 Sei mir gnädig, Herr, ich sieche dahin;
heile mich, Herr, denn meine Glieder zerfallen!
132f426 4 Meine Seele ist tief verstört.
Du aber, Herr, wie lange säumst du noch?
5 Herr, wende dich mir zu und errette mich,
in deiner Huld bring mir Hilfe!
3010 6 Denn bei den Toten denkt niemand mehr an dich.
ggll-13
Wer wird dich in der Unterwelt noch preisen?
11517
Sir 1727 7 Ich bin erschöpft vom Seufzen, /
Jes 3818 jede Nacht benetzen Ströme von Tränen mein Bett,
Bar 217 ich überschwemme mein Lager mit Tränen.
8 Mein Auge ist getrübt vor Kummer,
ich bin gealtert wegen all meiner Gegner.
119115 9 Weicht zurück von mir, all ihr Frevler;
Mt 723 denn der Herr hat mein lautes Weinen gehört.
10 Gehört hat der Herr mein Flehen,
der Herr nimmt mein Beten an.
354 4015 11 In Schmach und Verstörung geraten all meine Feinde,
sie müssen weichen und gehen plötzlich zugrunde.
Ps 6 DIE PSALMEN 69
3a Wörtlich: »denn ich verwelke.«
3b Text korr (bälü statt MT nibhalü—y>sie sind schreckensstarr«); EÜ läßt
»denn« (kl) weg. i
4a Wörtlich: »Meine Seele ist schreckensstarr gar sehr.«
4b Wörtlich: »Du aber, Herr-bis wie lange noch...?«
5a EÜ ergänzt: »mir zu«.
5b Wörtlich: »um deiner Güte willen«.
6z Richtiger: »gedenkt« (statt »denkt«).
7b Richtiger: »die ganze Nacht«.
8b
Wörtlich: »Trüb geworden ist es (das Auge) angesichts all meiner Bedrän­
ger.«
11 Wörtlich: »Beschämt und schreckensstarr gar sehr sollen werden all
meine Feinde / sie sollen sich wenden, sie sollen beschämt werden mit ei­
nem Schlag!«

Überschrift!: Vgl. zu 41; »mit Saiten­ tieren soll. Um »Heilung« dieser für
spiel nach der Achten« (vgl. dazu ihn schrecklichen Situation bittet er
auch Ps 121 1 Chr 1521): nach man­ (vgl. zu diesem theologischen Begriff
chen Auslegern Hinweis auf eine von »heilen«: Ps 303 415 604 10720 Jer
achtsaitige Leier (weniger wahr­ 1714). Die Begründungssätze in 3-4a,
scheinlich), nach anderen Hinweis die JHWH zum baldigen Handeln
auf eine (Saiten-)Baßbegleitung (tiefe bewegen sollen, beschreiben den Zer­
Oktav?). fall, den der Beter an sich erleidet.
Die Schilderung geht gewissermaßen
Eröjfnende Bitten und Klagen 2-4: Im von außen nach innen. 3a meint ei­
Hintergrund von 2 steht nicht JHWH gentlich: »ich verwelke fortwährend,
als Richter, sondern als Lehrer und ich trockne Tag für Tag mehr aus«,
Erzieher. Er bittet nicht darum, daß d.h. ich verliere immerzu an Lebens­
JHWH sein Erziehungshandeln an blüte und Lebensfrische.3b blickt »un­
ihm einstellt, sondern daß er dies ter die Haut«: »die Knochen« sind
nicht als »Zorngericht« (die Präposi­ starr und unbeweglich, d.h. die Ge­
tion be ist, abweichend von EÜ, in­ lenke sind steif, und der Rücken ist
strumental zu verstehen: »durch krumm geworden. 4a schaut auf das
Zorn«) erleben und begreifen muß, Zentrum: »die Seele«, d.h. der Sitz
weil dies ihn noch weiter bzw. eben des Lebenshungers und der Lebens­
total zerstören würde. Der Imperativ dynamik, ist wie durch einen gewalti­
»sei mir gnädig« appelliert an die gen Schock gelähmt und in ihrer Vi­
Großzügigkeit des Höhergestellten talität zerstört. So schließt die erste
und erwartet einen Gunsterweis, den Strophe mit der vorwurfsvollen Frage
der Imperativ »heile mich« konkreti­ »Und du, JHWH, bis wie lange
siert: Er zielt auf die Beendigung je­ noch...?«, die den ganzen Abschnitt
ner umfassenden »Krankheit«, die rückwirkend zur Klage bzw. Anklage
darin besteht, daß der Beter sein Le­ macht. Die »Wie lange noch?«-Frage
ben nicht mehr leben kann und will, (vgl. Ps 7410 805 822 90'3 943 8) drückt ■i
wenn er seine Not (wie Ijob!) nicht äußerste Ungeduld aus und prote­
anders denn als Wirken des Gottes­ stiert dagegen, daß eine negative •j
zorns (wie er sich selbst oder wie die Handlung (die Frage begegnet nie in
»amtliche« Theologie seiner Umge­ positivem Kontext!) schon viel zu
bung ihm sagt) begreifen und akzep- lange ihre zerstörerische Macht ent-

:
70 DIE PSALMEN Ps 6
falten kann. Die Frage ist hier, wie es niemand, der den Gottesnamen
auch in Ps 9013, als Aposiopese ver­ JFfWH lobpreisend anrufen kann
wendet, d.h. der Beter bricht mitten und will (vgl. Ps 3010 884“13 11517 Jes
in der Frage ab: Genauso plötzlich 3818f Sir 1727f Bar 217f). Da das Toten­
soll der Zorn Gottes abbrechen, dem reich für alttestamentliche Menschen
der Beter letztlich seine Krankheit nicht der Ort war, an dem JHWH
und sein Leid zuschreibt. Wenn die sich als Gott erweisen konnte (vgl.
EÜ die Frage vervollständigt, nimmt dazu jedoch die Auslegungen von Ps
sie dem Psalm seine poetische und 16 49 73), mußte die Entscheidung
theologische Sprengkraft. darüber, ob JHWH für den Beter
wirklich der JHWH der kanonischen
Zentrale Bitte 5-8: Von der vorwurfs­ Überlieferung war, in diesem Leben
vollen Ungeduldsfrage 4b her ist der fallen. Daß und wie er dieses als in je­
erste Imperativ als »Umkehrruf« zu der Hinsicht zerstört erfährt, be­
verstehen, mit dem der Beter an eine schreibt 7f mit der Metaphorik des
Wandlung Gottes selbst appelliert. Weinens. Vom atl Sprachgebrauch
Was der Beter konkret erbittet, for­ her ist das Weinen nicht nur Aus­
muliert er in 5a und 5b mit zwei weite­ druck von Schmerz und Leid, son­
ren Imperativen, die auf ein Handeln dern das Ausgießen der körperlichen
JHWHs zielen. Das erste Verbum Lebenskraft. Er benetzt »die ganze
hälaf (EÜ »errette«) wird mehrmals Nacht« sein Lager mit Tränen; aber
für ein Eingreifen JHWHs verwen­ er hat zugleich die Zuversicht, daß
det, durch das er Israel aus Sklaverei auf die lange Nacht ein »Morgen«
(vgl. Ps 817^) oder einen Menschen folgen wird (vgl. die Kette der Zeit­
aus den Fesseln tödlicher Bedrohung angaben in der Komposition Ps
(vgl. Ps 1168) entkommen läßt. Das 3-7 8 11-14). Wahrscheinlich ist 7a
zweite Verbum jäsa hi. (EÜ »Hilfe erst sekundär in den Psalm eingefügt
bringen«; besser: »retten«) ist theolo­ worden (das Kolon ist im Hebr ge­
gische Fachsprache; der (häufiger be­ genüber den übrigen Kola kürzer; 7
gegnende) Imperativ fordert JHWH ist das einzige Trikolon des Psalms,
auf, er möge sich endlich als der Gott bildet allerdings genau die Mitte des
erweisen, als der er doch im Glau­ Psalms; es ist wortgleich mit Jer 453),
bensbekenntnis Israels verkündet um dem Psalm durch die Bezug­
wird, nämlich als der Gott, der aus nahme auf Jer 451-5 eine neue theolo­
Feindesmacht kraftvoll erlöst. Mit gische Dimension einzustiften. Den
dem Hinweis in 5b »um deiner Güte über seine Leiden klagenden Baruch
willen« (so richtiger als EÜ »in deiner verweist dort JHWH auf die Leiden,
Huld/Güte«; vgl. die demgegenüber die er selbst mit seinem Volk erfährt
unterschiedlichen Formulierungen Ps und aushalten muß. Mit dieser Ant­
3117 10926) löst der Beter sich bereits wort will JHWH Baruch nicht nur ta­
von der Zornkategorie und macht deln, sondern trösten und stärken,
deutlich, daß mit seinem Schicksal sein Leid in Solidarität mit dem an
doch das Gott-Sein JHWHs auf dem seinem Volk leidenden Gott anzu­
Spiele steht. Dies wird durch die bei­ nehmen. 8 hält mit der Metapher des
den Begründungen verstärkt, die in 6 verquollenen und trübgewordenen
als generelle Aussage 6a und als rheto­ Auges das Ergebnis des in 7 prozeß­
rische Frage 6b, auf die keine Antwort haft beschriebenen Zerfalls fest.
erwartet wird, JHWH unter Druck Während helle, leuchtende Augen als
setzen wollen, endlich eine Änderung Zeichen von Lebenskraft und Lebens­
herbeizuführen: Im Totenreich gibt frische gelten (vgl. Dtn 347 1 Sam
1

Ps 7 DIE PSALMEN 71
1427,29)> sind trüb gewordene Augen Zukunft = Gegenwart). Die Verben
Zeichen des nahen Todes (vgl. Ps 134 meinen eine zusammenhängende Ge­
1167). Das ist der Tiefpunkt, den 8b schehensfolge: lla zielt darauf, daß
formuliert (EÜ deutet hier sehr ei­ das ganze System der Gewalt, mit
genwillig!) - und wo nun in betonter dem »alle Feinde« den Leidenden ge­
Schlußstellung überraschend nicht ängstet haben, »zuschanden« wird
mehr Gottes Zorn, sondern »Bedrän­ (Ps 354-26 587-9 8317-19 8617) und daß
ger« als die Ursache der Not des Be­ sie in »Verstörung« geraten, d.h.
ters benannt werden. In 8b sind sie wenn das Netz ihrer Machenschaften
durch ihre Wirkung gekennzeichnet, zerreißt und sie in ihren Aktivitäten
die von ihnen auf den Beter hin aus­ vor aller Welt bloßgestellt sind, wird •1
geht: Er erfährt sie als eine Totalität lähmendes Entsetzen sie erfassen
{köl »alle«) und als eine Masse, die (vgl. zu 145). Ob in 1,b das Ende der
ihn wie ein Belagerungsring umgibt Feinde gemeint ist, wie EÜ annimmt,
(färar »einschließen, belagern«) und ist zweifelhaft. Das zweite Verbum in
zu erdrücken droht. llb ist identisch mit dem ersten von lla I
und betont abschließend: »sie sollen
!
Erhörungsgewißheit9-11: Mit der Auf­ beschämt werden mit einem Schlag«,
forderung 9a, die den Taburuf nach­ d.h. das Unrecht ihres Tuns soll ih­
ahmt, mit dem Verurteilte aus der nen urplötzlich und unausweichlich
Gemeinschaft ausgeschlossen werden aufgehen — als Folge jener »Um­
(vgl. Mt 723 2 541), stemmt sich der kehr«, von der das erste Verbum in
Leidende gegen das feindliche Netz, 1!b spricht: jasübü »sie sollen sich
das ihn umgibt. Die Dynamik seines wenden«. Gewiß ist hier zunächst ge­
Gebets hat ihn zu der Gewißheit ge­ sagt, daß sie sich vom Leidenden »ab­
führt, daß JHWH sich auf seine Seite wenden« und ihn in Ruhe lassen.
gestellt hat9b-10; daraus erwächst ihm Aber es ist nicht auszuschließen, daß
die Zuversicht, daß seine Angst vor auch die Hinkehr zur Wahrheit
seiner feindlichen Umgebung ein JHWHs mitschwingt, um die es im
Ende nehmen wird - entsprechend Psalm insgesamt geht (vgl. ähnlich Ps
seiner Bitte 11 (EÜ liest 11 als sichere 83198617). Erich Zenger :

PSALM 7
BITTGEBET EINES UNSCHULDIG VERFOLGTEN UND ANGEKLAGTEN ZU
GOTT, DEM GERECHTEN RICHTER

Der Psalm ist einheitlich. Einzig der erste Satz von 9 (von der EÜ ans Ende von
7 versetzt) ist redaktione!T(Recle übeFjHWH statt Anrede, Ausweitung des
Gerichts auf die Völker). Die Einfügung steht in Verbindung mit einer Bear­
beitung der JHWH-König-Psalmen in 9610b13 989.
Der Psalm besteht aus fünf Abschnitten: die Eingangsbitten 2-3, die Unschulds­
beteuerung 4-6 mit neuer Doppelanrufung JFfWHs und der Entsprechung von
drei Vorder- und drei Nachsätzen, die zentralen Bitten 7-10 mit Anrufungen
Gottes zu Anfang, in der Mitte und am Schluß, die Lehre über JHWH als Be­ i
:
schützer, Richter und Krieger mit Darlegung des Schicksals des Frevlers

*
i T
72 DIE PSALMEN Ps 7
,,_17und das Lobversprechen am Schluß ,8. Dieser Aufbau findet seine Seiten­
gänger in den Psalmen 5 und 17. Punktuelle Entsprechungen wie der Nume-
\ ruswechsel in der Rede von den Feinden (Singular - Plural) verstärken die Pa­
rallelität.
Der militärische Anstrich der Bitten in 27 und des Bildes von JHWH als König
8 und Krieger lll3f zeigt den Einfluß des Königsgebets, macht aber aus dem Be­
ter noch keinen König.
Desgleichen kann der Psalm nicht völlig an ein kultisches Gottesgericht oder
an ein Ordal im Tempel angebunden werden (vgl. Num 511-13 und 1 Kön 831f).
Der Beter spricht in 4-6 einen Reinigungseid, vgl. Ijob 315-40 und Ps 1375f. Wie
in Ex 2210 schwört er vor JHWH, das anvertraute Eigentum des Nächsten
nicht veruntreut zu haben. In 7-10 appelliert er an den himmlischen Richter,
ihm, dem Unschuldigen, Recht zu verschaffen.
In Ps 7 steht kein verfahrensrechtiich geregeltes Gottesgericht am Tempel im
Hintergrund, sondern der Beter bringt die persönliche Vorleistung eines Rei­
nigungseides zum Beweis seiner Unschuld ein und bittet um die mächtige
Durchsetzung der göttlichen Rechtsmaßstäbe in seinem eigenen Leben als von
JHWH beschützter Gerechter und im Schicksal seines Feindes, der ihn, den
Schuldlosen, fälschlich angeklagt und seine Ehre herabgesetzt hat. Der Psalm
kann im Tempel gesprochen sein. Er kann aber ebensogut in einem liturgi­
schen Kreis außerhalb des Tempels im Kontext eines Familiengottesdienstes
gebetet worden sein. Wichtig ist nur, daß dieses Gebet in seinen weisheitlich-
lehrhaften Zügen vor allem im vierten und fünften Teil 11-1718 vor einer Ge-
meinde oder Versammlung ergeht. Wie bei Ps 5 werden kultische Anleihen
und Motive weisheitlich gebrochen. Das Weisheitliche äußert sich vor allem
neben sprachlichen Beziehungen im Interesse göttlicher Lebensbegleitung und
Lenkung, an der Gegenüberstellung von Gerechter und Frevler und an der Be­
tonung des Tun-Ergehen-Zusammenhangs. Der Psalm kann wie sein Ver­
wandter Ps 5 in die vorexilische oder exilische Zeit eingestuft werden.
Mit Ps 6 ist Ps 7 durch die seltene Bitte an JFIWH »kehre doch um« (65 78),
durch die Feindbezeichnungen und vor allem durch die Zeitangabe »die ganze
Nacht« 67 bzw. »den ganzen Tag« 712 verbunden.
i In 712 schlägt wieder der Gedankenkreis um das Morgenmotiv durch. JFTWH
j übernimmt die Rolle des altorientalischen Sonnengottes, der als Tagesgestirn
j den Himmel durchquert und die gerechte Ordnung der Welt bzw. des Kosmos
I durchsetzt.
Ps 7 bringt die Gruppe der Gebete aus paradigmatischen Nöten 3-7 zum Ab­
schluß und bekennt sich in 718 zu JHWH als dem Garanten des Rechts und dem
mächtigen Zionsgott, der die Unordnung besiegt (vgl. 35).
Das Nachtlied Ps 8 nimmt die Zeitmetaphorik aus 3-7 auf. Das Lob auf den
»Namen JFIWHs«, das 718 versprochen hat, wird mit dem Hymnus Ps 8 (vgl.
8210) eingelöst. Was Ps 7 konkret im Leben des verfolgten Gerechten bedacht
hat, seine Ehre 76 und seinen gesellschaftlichen Status/Bestand 710, verallge­
meinert Ps 8 ins Grundsätzliche (vgl. die Ehre/Würde des Menschen 86 und
den Bestand der kosmischen Ordnung 84).
Ps 7 DIE PSALMEN 73
71 [Ein Klagelied Davids, das er dem Herrn sang wegen des Benjami- :
niters Kusch.]
2 Herr, mein Gott, ich flüchte mich zu dir;
hilf mir vor allen Verfolgern und rette mich,
3 damit mir niemand wie ein Löwe das Leben raubt, 17’2
mich zerreißt, und keiner ist da, der mich reuet.
4 Wenn ich das getan habe, Herr, mein Gott, 4f:
wenn an meinen Händen Unrecht klebt, Ijob 317-34
5 wenn ich meinem Freunde Böses tat,
wenn ich den quälte, der mich grundlos bedrängt hat,
6 dann soll mich der Feind verfolgen und ergreifen; / 1433
er richte mein Leben zugrunde
und trete meine Ehre mit Füßen. [Sela]
7 Herr, steh auf in deinem Zorn, 920

erheb dich gegen meine wütenden Feinde!


Wach auf, du mein Gott! /
Du hast zum Gericht gerufen.
Der Herr richtet die Völker.
8 Um dich stehe die Schar der Völker im Kreis;
über ihnen throne du in der Höhe!
9 Herr, weil ich gerecht bin, verschaff mir Recht, 1821"27
(und tu an mir Gutes,) weil ich schuldlos bin!
10 Die Bosheit der Frevler finde ein Ende, / 262
doch gib dem Gerechten Bestand, Jcr 1120
1710 2012
gerechter Gott, der du auf Herz und Nieren prüfst. Offb 223
11 Ein Schild über mir ist Gott, 34
er rettet die Menschen mit redlichem Herzen.
12 Gott ist ein gerechter Richter,
ein Gott, der täglich strafen kann.
13 Wenn der Frevler sein Schwert wieder schärft, ll2
seinen Bogen spannt und zielt,
14 dann rüstet er tödliche Waffen gegen sich selbst, Jcs 50*1
bereitet sich glühende Pfeile.
15 Er hat Böses im Sinn; Ijob 1535
er geht schwanger mit Unheil, und Tücke gebiert er. Jcs 594
16 Er gräbt ein Loch, er schaufelt es aus, 916 357f
doch er stürzt in die Grube, die er selber gemacht hat. 577
Spr 2627
17 Seine Untat kommt auf sein eigenes Haupt, Koh 108
seine Gewalttat fällt auf seinen Scheitel zurück. |
18 Ich will dem Herrn danken, denn er ist gerecht; 912 1850
dem Namen des Herrn, des Höchsten, 305 578f
68533 7123
will ich singen und spielen. 922 10433
1353 1382
1462
74 DIE PSALMEN Ps 7
2b Wörtlich: »vor allen meinen Verfolgern«.
3 Wörtlich: »damit er nicht wie ein Löwe mein Leben zerreißt, mich weg­
reißt und keiner ist da, der mich rettet.« EÜ schwächt das Bild des Löwen
ab, der seiner Beute nachsetzt, das Opfer schlägt und wegschleppt, um es
am ruhigen Ort zu verzehren.
4a Die Doppelanrufung steht zu Beginn des Verses.
5b Der zweite Satz des Verses setzt unmittelbar die vergangene Handlung
des ersten fort und konkretisiert sie (indem ich...). Das Verb £//bedeutet
»plündern, ausrauben«, vgl. Ri 14,92 Sam 221.
6a Wörtlich: »Dann soll der Feind mein Leben verfolgen und ergreifen und
soll mein Lebendiges zu Boden treten/schlagen.« Das Löwenbild aus 3
klingt wohl noch nach.
7 EÜ stellt die Einfügung »der Herr richtet die Völker« aus dem Anfang
von 9 ans Ende von 7; es ist beim MT zu bleiben.
8b EÜ übernimmt die gängige Konjektur von sübäh »kehre« zurück zu sebäh
lasse dich nieder; es ist beim MT zu bleiben (vgl. Num 1036): Und über
sie (die Schar der Völker) kehre zur Höhe zurück!
i°b Wörtlich: »Und der du auf Herzen und Nieren prüfst, gerechter Gott.«
lla Wörtlich: »Mein Schild (ist) über Gott.« Gott steht neben dem Beter und
hält den Schild über sich und seinen Schützling.
,2b Wörtlich: »Ein Gott, der an jedem Tag straft.« EÜ ebnet die Tageszeiten­
angabe zur (möglichen) Stetigkeit ein.
13-14 Der erste Satz des Verses 13 ist eine crux interpretum. Drei Alternativen
stehen mit den alten Versionen zur Wahl. Gehört der Satz ans Ende von
12 als Bedingung des göttlichen Zorns oder eröffnet er 13? Der MT ver­
steht ihn als Einleitung und verdient den Vorzug. - Ist Gott das Subjekt
oder der Feind und Frevler? Die Syntax votiert für Gott (anders EU), weil'
er das nächste öubjeküst, auf das sich das Verb zurückbeziehen kann. Das
Verb beschreibt dieselbe Tätigkeit Gottes wie 8b. Der Kontext in I3f be­
richtet von kriegerischen Tätigkeiten, die zu den kriegerischen Konnota-
tionen in den Tätigkeiten Gottes aus dem Vorhergehenden passen. - Ist
die einleitende Partikel 'im /ö’deiktisch (fürwahr) oder konditional (wenn
nicht) zu übersetzen? Beides ist grammatikalisch möglich. Der Kontext
läßt das konditionale Verständnis vorziehen. Dann übernimmt der erste
Satz die Funktion der Protasis ( = EÜ). Die Apodosis ist im zweiten Satz
zu finden (anders EÜ). Der folgende Vers 14 behält das göttliche Subjekt
bei und beschreibt, wie JHWH die Waffen des Feindes gegen ihn wendet.
Die Präpositionalverbindung am Anfang von 14 wird nicht als dativus ethi-
cus, sondern als normaler Dativ »und für ihn (den Feind)« verstanden.
Wenn er (Gott) nicht zurückkehrt (von seinem strafenden Richteramt),
dann schärft er sein (des Feindes) Schwert, seinen (des Feindes) Bogen
hat er gespannt und ausgerichtet. Und ihm (dem Feind) hat er tödliche
Waffen aufgestellt und seine (des Feindes) Pfeile, zu brennenden wird er
(sie) machen.
16 Probleme bereitet die Zeitfolge in den Verben; EÜ weicht ins Präsens
aus. Sicher ist, daß die drei ersten Verben in der Vergangenheit abge­
schlossene Sachverhalte bezeichnen (er hat gegraben, er hat geschaufelt
und ist hineingefallen). Für den abschließenden asyndetischen Relativsatz
erwartet man eine Suffixkonjugation (die er gemacht hat) wie in Ps 916
statt der vorliegenden Präfixkonjugation.
Ps 7 DIE PSALMEN 75
Überschrift 1: Die Überschrift besitzt metapher aus 3 nach und ist ständig '-
}
zwei Besonderheiten: Die singuläre mitzuhören. Wie in der Protasis wird
Gattungsangabe »Klagelied« und den auch in der Apodosis der jeweils
Anschluß der biographischen Ergän­ dritte Teil am konkretesten. Die Ehre }
zung durch Relativsatz wie in Ps 18*. des Beters wird vernichtet. Nichts in
Der Hintergrund der biographischen
Situierung ist 2 Sam 18. David besiegt
4-6 zeigt an, daß der Reinigungseid im
Tempel gesprochen wird. Mit dem i i
seinen Feind, der zugleich sein Sohn Reinigungseid hat der Beter die ent­ |E
ist, um den Preis von dessen Tod. scheidende Vorleistung erbracht, um (
Deswegen wird das zuversichtliche auf diesem Fundament die zentralen
Bittgebet zugleich »Klagelied« ge­ Bitten auszusprechen. l
nannt. Die formative exilische Re­ ■ :

daktion akzentuiert die Eckpsalmen .Zentrale Bitten 7-10: Zuerst drängt


3 und 7 und weist sie in eine analoge eine T rias von TJItten JHWH zum
Lebenssituation ein (vgl. Ps 181). Eingreifen. Die erste Bitte evoziert '
die Vorstellung vom kriegerischen j
1
Eingangsbitten 2-3: Die einleitende JHWH (vgl. Num 1035 und Ps 38 1713
Döppelänrüfürijjf'stellt die persönli­ 352). Sein Zorn soll der Wut der
che Beziehung des Beters zu seinem Feinde des Beters Paroli bieten, wie J :
Gott her. Die beigestellte Vertrau­ es die zweite Bitte fordert (vgl. Ps
ensaussage will gleich, zu Anfang das 942). Die dritte Bitte klingt wie ein
besondere Verhältnis des Beters her­ Weckruf zur Schlacht (vgl. Ri 512 und
vorheben und die nachfolgenden Bit­ Ps 3523 4424 595). Mitten in den Bitten
ten vorbereiten. Die Eingangsbitten von 7i stellt der Beter fest, daß JHWH
um Hilfe und Rettung stecken selbst das Gericht einberufen hat (vgl. die
schon den Rahmen ab, in dem der Erhörungszuversicht in Ps 44 54 69f).
Beter seine Not zur Sprache bringt. Die beiden parallelen Bitten von 8 be­
Die Löwenmetapher tendiert zur schreiben die erbetene Gerichtsver­
Einzahl und bewirkt den Numerus- sammlung mit alten Vorstellungen.
umsprung (vgl. Ps 1712 2214-<17>-22). Mit Blick auf die Parallele Ps 821 ist
Der Löwe fällt das Opfer an und wohl an eine himmlische Gerichtsver­
beißt zu; er schleppt die Beute weg, sammlung gedacht für KecRtsfäIle
und keiner kann sie seinem Rachen der ganzen Welt (deshalb die umge­
entreißen. Der letzte Satz konstatiert bende Schar der Völker). Wie im La­
die Aussichtslosigkeit der Rettung despruch Num 1036 vgl. Ps 65 soll
i'
wie Ps 1842. JHWH von etwas (Ungenanntem)
zurückkehren und die Funktion des :
Die Unschuldsbeteuerung4-6: Der Be­ Kriegers bzw. königlichen Richters 1
ter sprichTeTnFSelbstverflüchung aus wahrnehmen. Die Funktion des ;
für den Fall der unterstellten Tat. Er Richters und Königs wird durch die
soll einen nahestehenden Vertrauten Ortsangabe ȟber der Schar in der
(vgl. Ps 4110) ausgeraubt haben. Der Höhe« (vgl. Jes 2421 Jer 2530 Klgl 113)
Szenerie am nächsten kommt Ex angezeigt.
2210, wo ein Depositar dem Deposi­ Die Bitte von 9 fordert nun direkt das
tor einen JHWH-Schwur leistet, daß göttliche Gericht über den konkreten
. er sich nicht am anvertrauten Gut Fall und darüber hinausgehend über
vergriffen hat. Auf die vorausge­ den Lebenswandel des Beters. Zu sei­
hende Periode antwortet in 6 eine nen Gunsten kann er auf »meine Ge­
korrespondierende Periode von drei rechtigkeit« und »meine Vollkom­
Fluchfolgen. Dabei klingt die Löwen- menheit« verweisen. Gerechtigkeit

■■ r
i
]•
76 DIE PSALMEN Ps 7
und Vollkommenheit des Beters sind nem Schaden aufrüsten: Er wird des­
hier wie eine Sphäre, sogar wie ein sen Schwert schärfen (vgl. nur noch
Gewicht über ihm vorgestellt (vgl. 9b 1 Sam 1320). Den Bogen des Feindes
wörtlich: gemäß meiner Gerechtig- hat er schon gespannt und ausgerich-
keit und meiner Vollkommenheit auf tet (vgl. KIgl 24 312). 14 hält fest, daß
mir!). Im Folgenden geht es um die JHWH damit die Aufrüstung zum
Qualität des göttlichen Richtens und Bumerang für den Frevler macht.
15-17 konzentrieren sich ganz auf Ver-
seine Durchsetzung. Zuerst soll die
Bosheit der Frevler an ein Ende kom- halten und Schicksal des Frevlers,
men 10 (vgl. nur noch in Ps 122). Den Das (weisheitliche) Bild von Schwan­
Gerechten, wozu sich der Beter gerschaft und Geburt 15 soll im Falle
zählt, soll JHWH Bestand geben. des Frevlers die völlige Verderbtheit
Mit dem dritten Satz aus 10 geht der von innen heraus darstellen (vgl. Jes
Beter zur Beschreibung des göttli­ 33n 594f Ijob 1535). 16 expliziert das
chen Richters über. Er gibt der alten ehrwürdige weisheitliche Bild vom
(weisheitlichen) Überzeugung Aus­ Hineinfallen in die für andere gegra­
druck, daß JFfWH unbestechlich, bene Grube - klassischer Ausdruck
wirksam und durchdringend die für den Tun-Ergehen-Zusammen-
Menschen bis auf ihr geheimstes In­ hang im Negativen (Spr 2627 Koh 108f
neres prüft (vgl. Spr 173 und Ps 173 Sir 2726 Weish ll16). 17 erläutert den
262). Tun-Ergehen-Zusammenhang mit
Hilfe bekannter Vergeltungsformeln.
Lehre zum göttlichen Walten gegen­ Die theologische Leistung der Lehre
über Gerechten und Sündern 11-17: Der 11-17 liegt darin, das Gericht JHWHs
Beter beschäftigt sich nun vor den durch die im vollen Sinne alltägliche
Ohren seines Publikums (der fami­ Weltlenkung auszulegen und zu kon­
liären Umgebung oder der Gemeinde) kretisieren.
mit dem dauernden alltäglichen Wir­
ken des göttlichen Richters. Gott und Das Lobversprechen 18: In bezug auf
Beter stehen zusammen, und Gott dfe'IexikäirschVFüllung kommt18 der
hält über beide den Schild (vgl. Ps 34 Ps 1850 am nächsten. Gepriesen wer­
1836). 12 konzentriert sich auf Gottes den soll JHWH bzw. sein Name,
Richteramt, und zwar in zweifacher d.h. sein Ruhm als durchsetzungs­
Form: Gott ist ein gerechter Richter, fähiger gerechter Richter. Am Ende
indem er dem Gerechten Recht ver­ des Psalms erhält JHWH den Titel
schafft im forensischen Sinne. Ande­ »Höchster«. Der Titel verweist auf
rerseits zürnt er, in dem er den Schul­ den Vorstellungskreis vom Götterkö­
digen straft und für Vergeltung sorgt nig auf dem Götter- und Weltberg,
(vgl. Num 23® Spr 2214). JHWH der in Jerusalem seinen Sitz genom­
übernimmt die Funktion des altorien- men und die Stadt zu seiner Residenz
talischen_Sonnengottes, der am Tage gemacht hat (vgl. Ps 1814 465 473 826).
füF die Ordnung der Welt sorgt Zugleich steht der Titel in Zusam­
(s.o.). 13f erläutern, wie die Bestra­ menhang mit dem Richterkönig von
fung des Frevlers erfolgt. Wenn Gott 8 , der die Funktion des richtenden
von seiner strafenden Richterfunk­ Sonnengottes 12 übernommen hat.
tion nicht zurückkehrt, dann wird er
den Feind und Frevler zu dessen eige- Frank-Lotha r Hossfeld
Ps 8 77
PSALM 8
VON DER MENSCHENWÜRDE

Der Psalm läßt sich keiner der klassischen Psalmengattungen zuweisen. Zwar
fehlen entscheidende Merkmale des Hymnus (Aufforderung zum Lobpreis, kt
zur Einführung des corpus hymni, Beschreibung der Größe JHWHs in 3. Per­
son), doch sind andererseits hymnische Züge unverkennbar: die beiden Rah­
menteile 2ab-,0ab sind vollzogener Lobpreis in der Funktion von »Aufgesang«
und »Abgesang«;. 2c-9 besingt JHWHs Schöpferhandeln an seiner Gemeinde
und am Menschen nicht als situativ einmaliges (typisch für das Danklied), son­
dern als ein für allemal gesetztes und nun fortdauerndes Geschehen (typisch
für den Hymnus). Der weisheitlich geprägte (Frage-Antwort-Stil; Vergleich
»des Menschen« mit »Gott«; listenartige Aufzählung der Tierwelt; Weltord­
nungsdenken) Grundpsalm, der wahrscheinlich von Gen 126-28 vorausgesetzt
ist, umfaßte nur 2ab,4-,°. Daß zunächst2c redaktionell ist, geht vor allem daraus
hervor, daß dieses Element beim Refrain 10 fehlt. Es stammt von jener spätexili-
schen Redaktion, die Ps 8 in die Mitte ihrer Teilgruppe 3-7 8 11-14 gestellt
hat (vgl. das Motiv vom himmlischen Weltenkönig in 11-14). Daß 3 und 4-10
nicht von derselben Hand stammen, legen folgende Beobachtungen nahe:
1. Während 4-9 durchgängig im synonymen und synthetischen Parallelismus
gestaltet sind, ist die kolometrische Struktur von 3 unklar. 2. Die 3 und 4-9 be­
stimmende Bildwelt steht spannungsreich nebeneinander. 3. Während 3 aus­
drücklich die Gruppe »der Neugeborenen und Säuglinge« im Blick hat, reden
4-9 singularisch über »den Menschen«. 4. Der Übergang von 3 nach 4 ist unver­
mittelt. Die Erweiterung 3 dürfte auf die nachexilische Armenredaktion des
Davidpsalters zurückgehen (vgl. die Stichwortbezüge nach Ps 288 29“).
Der Grundpsalm greift die vor allem in Ägypten bezeugte Vorstellung vom
König als Stellvertreter des Schöpfergottes auf, der die Aufgabe hat, die chao­
tischen Mächte zu bekämpfen und zu unterwerfen, um so die Schöpfungs- und
Gerechtigkeitsordnung zu erhalten bzw. durchzusetzen. Wie in der priester­
schriftlichen Urgeschichte (vgl. Gen 126-28 91-3) ist auch in Ps 8 diese Vorstel­
lung »demokratisiert« bzw. (besser) »universalisiert«, d. h. auf den Menschen
als Gattungswesen übertragen. Der Psalm preist JFTWH als den majestäti­
schen Gott, der sich »dem Menschen« zuwendet und ihm Anteil an seiner
»Ehre« gibt; diese »Ehre« des (königlichen) Menschen ist das, was wir heute
»Menschenwürde« nennen. Sie erhält in Ps 8 eine geradezu ontische Absiche­ |
rung; sie ist unzerstörbar, weil sie von JHWH selbst gewährt ist, in seiner
Weltordnung gründet und als Erweis »seines Namens« - allen Widerständen
zum Trotz - »auf der ganzen Erde« offenbar werden soll. Durch die Einbin­
dung von Ps 8 als Mitte der Bitt- und Klagegebete 3-7 11-14 erhält die in Ps 8
entworfene Theologie der Menschenwürde ein besonderes Gewicht: Die
Menschenwürde gerade der Armen gründet in JHWHs Weltkönigtum; im Re­
zitieren der (königlichen) »Bittgebete« 3-7 und der »Klageliturgien« 11-14 wi­
dersetzen sie sich dem Chaos und bereiten dem Kommen der Gottesherrschaft
(von Zion aus) den Weg.

=
ü
78 DIE PSALMEN Ps 8
81 [Für den Chormeister. Nach dem Kelterlied. Ein Psalm Davids.]
2 Herr, unser Herrscher, /
wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde;
über den Himmel breitest du deine Hoheit aus.
Mt 2116 3 Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob, /
deinen Gegnern zum Trotz;
deine Feinde und Widersacher müssen verstummen.
4 Seh’ ich den Himmel, das Werk deiner Finger,
Mond und Sterne, die du befestigt:
1443 5 Was ist der Mensch, daß du an ihn denkst,
5-7: des Menschen Kind, daß du dich seiner annimmst?
Gen l26-28
Hebr 26*8 6 Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott,
1 Kor 1527 hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.
Eph l22 7 Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände,
hast ihm alles zu Füßen gelegt:
8 All die Schafe, Ziegen und Rinder
und auch die wilden Tiere,
9 die Vögel des Himmels und die Fische im Meer,
alles, was auf den Pfaden der Meere dahinzieht.
10 Herr, unser Herrscher,
wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde!
2c MT 'ai>cer tenäh= Relativpartikel + Imp m mit Verstärkung durch -a (»gib
doch!«): syntaktisch kaum möglich; unklar auch, worauf der Relativsatz
zu beziehen ist (JHWH? dein Name? Erde?). Schon die alten Versionen
bieten unterschiedliche Lesarten. EÜ schließt sich hier (qui posuisti) S
und T an. Möglicherweise lautete der ursprüngliche Text **far tattäh
(Kurzform für nätattäh, vgl. 2 Sam 2241): »du hast gegeben« (zum Beginn
einer hymnischen Reihe mit 'ascer vgl. Ps 71l9b). EÜ übersetzt präsentisch;
richtiger, wie auch in 3a (vgl. EÜ in 6f!), ist die Wiedergabe als genereller
Sachverhalt der Vergangenheit.
3 EÜ gibt'oz im Anschluß an G (vgl. Mt 2116) mit »Lob« wieder; richtiger:
»Festung, Macht«; EÜ »deine Feinde und Widersacher«: MT hat Sg
sowie keine Possessivpronomina; EÜ »müssen verstummen«: MT hat
le+ Inf. hi. von säbat (»um ein Ende zu setzen«).
4 MT »deinen Himmel«; EÜ nach G.
6 G S V übersetzen: »als die Engel« (s.u.).

Überschuß *: Vgl. zu 31 41. Die ei- cherweise metaphorisch (vgl. Klgl


gentlich unverständliche Angabe 'al- 115); das würde dem von uns oben an-
hagittit (auch 811 841), mit der auf die genommenen »Sitz im Leben« ent-
Melodie (»nach gititischer Weise«) sprechen.
hingewiesen sein könnte, bringt G, Refrain 2ab: Die hymnische Anrede
der sich EÜ anschließt, in Zusam- gibt das spannungsreiche Thema des
menhang mit gat »Kelter« (»über/auf Psalms an: Auf der einen Seite ist
den Kelter«) und meint dies mögli- JHWH der im Himmel thronende
Ps 8 DIE PSALMEN 79
König (adonenü Königstitulatur: 1 Säuglinge« zur gottesdienstlichen
Sam 251417 1 Kön 1IM3'47), von dem Versammlung aufgefordert (vgl. Joöl
sich die den Psalm betende Gruppe 216), um durch die Anrufung des Na­ i
als »Knechte und Mägde« abhängig mens JHWH (vgl. Joöl 226 35) zur
und in Dienst genommen bekennt Rettung durch JHWH beizutragen. i
(vgl. Ps 123), der aber zugleich der Aus 3 spricht demnach in knapper
Schöpfer des Himmels und der Erde Metaphorik das Selbstverständnis ei­
ist. Auf der anderen Seite offenbart er ner Gruppe von JHWH-Frommen,
seinen Namen, d.h. sein innerstes die sich als Festung inmitten einer
Wesen, auf der Erde - und zwar in feindlichen Umwelt behauptet (vgl.
dessen spezifisch göttlicher Mächtig­ zum Namen JHWH als Festung be­
keit (zu dieser Bedeutung von \addir sonders Ps 5610 11810-14 sowie Spr
vgl. 1 Sam 48 Jes 3321 Ps 765), die 1810). Andere Ausleger sehen in 3 ei­ i
seine von Urzeit her ausgeübte Kö­ nen Hinweis auf die Mächtigkeit
nigsherrschaft auszeichnet (vgl. Ps Gottes, die sich im (Ur-)Schrei der i
934f). Neugeborenen oder im »entwaffnen­
JHWHs Zuwendung zu den Kleinen den« Kinderwort (»Kindermund tut
2c_3: Als Weltkönig hat JHWH auf Gottes Allmacht kund«) offenbart;
der Erde gegen die Chaosmächte, wieder andere sehen einen mythi­
insbesondere gegen die ihn und seine schen Hintergrund (»Kinder und .
Verehrer bekämpfenden Völker und Säuglinge«: depotenzierte Götter)
Gruppen im Volk Israel selbst (die oder einen Zusammenhang mit der
pleonastische Zusammenstellung der ägyptischen Königsideologie (die
Feindbegriffe in 3bc meint alle Vorstellung vom königlichen Kind
JHWH-widrigen Mächte und Indivi­ als Besieger der Feinde kraft der in
duen), eine uneinnehmbare und ihm »gegenwärtigen« Gottheit). -
schutzgebende »Festung errichtet«, EÜ folgt in 3 der G: JHWH schafft
und zwar »aus dem Mund von Neu­ sich »Lob« aus dem Munde der Klei­
geborenen und Säuglingen«, d. h. aus nen und »besiegt« so die Gottlosig­
der schwächsten und wehrlosesten keit. !
Gruppe im Volk JHWHs, die inmit­ JHWHs Zuwendung zum Menschen :
!
ten ihrer feindlichen Umgebung am 4-9: Die theologische Antwort 6-9 auf
Lobpreis JHWHs festhält - sogar als die rhetorische Frage 4-5 stößt ins
Antwort auf Verfolgung und Unter­ Zentrum biblischer Anthropologie
drückung durch Feinde! Daß das vor: Anders als die altorientalische
Hendiadyoin »Neugeborene und Anthropologie, die die Menschen als
Säuglinge« als Metapher für leidende Sklaven der Götter definiert und le­
und wehrlose Menschen verwendet diglich die Könige (und gelegentlich !'
werden kann, belegt sein Vorkom­ die Oberpriester von Tempeln) aus .
men in drei Bereichen: a) bei Kriegs­ der Masse der Göttersklaven heraus­
schilderungen unterstreicht ihre Nen- hebt und als »Gottesbilder«, »Gottes­
nung die Brutalität der feindlichen söhne« oder sogar als »Götter« pro­
Heere bzw. die tiefe Not des Volkes klamiert, spricht 6-9 (ähnlich wie Gen
(vgl. 1 Sam 153 2219 Jer 447); b) als l26-28) dem Menschen als Menschen
Kinder der leidenden und verstörten eine Würde zu, die ihn zu einem
Mutter Zion verkörpern sie die Not »Beinahe-Gott« und zu einem könig­
des Exils (vgl. Klgl 2llf 44); c) ange­ lichen Stellvertreter Gottes auf der
sichts der in Joel 1-2 beschriebenen Erde macht. Diese quasi-göttliche I'.
Kriegs- und Hungersnot werden und königliche »Menschenwürde«,
auch »die Neugeborenen und die die den Menschen für den Weltherr-

*
80 DIE PSALMEN Ps 8
scher-Gott liebenswürdig macht und Weltordnung »am Leben« zu halten,
die dieser schützt, muß er sich nicht ist hier mit im Hintergrund zu sehen
erst erkämpfen, sie ist ihm von (vgl. dazu auch Ijob 40,5-4126 u.a.).
JHWH mit seinem Mensch-Sein, so Der Horizont der »dem Menschen«
zerbrechlich und gefährdet es sein als Herrschaftsbereich »untergebe­
mag, gegeben. Daß in 6a nicht ge­ nen« Tierwelt ist freilich typisch is­
meint ist, daß der Mensch wenig ge­ raelitisch (vgl. Gen l26-28, allerdings
ringer geschaffen sei als »himmlische in anderer Reihenfolge!). Er wird in
Wesen« bzw. als »Engel« (’*lohim der nominalen Reihe 8f kunstvoll ent­
kann durchaus als Plural »Götter, faltet. Er wird, vom Standort des
Gottwesen« bezeichnen; innerhalb Sprechers aus gesehen, in konzentri­
der ao Vorstellung vom Götterpan­ schen Kreisen immer weiter und fer­
theon wären dann die dem Götterkö­ ner. Alle diese hat der Schöpfergott,
nig unterstehenden Götter gemeint; dessen Werke sie allesamt sind, dem
nach Aufkommen der Engelvorstel- Menschen »unter seine Füße gelegt«.
lung übersetzt G dann entsprechend Damit ist zunächst ein Doppeltes ge­
»Engel«), ist nicht nur von der den sagt: Sie zumindest können sein kö­
ganzen Psalm so stark bestimmenden nigliches Mensch-Sein nicht gefähr­
JHWH-Zentrierung her ausgeschlos­ den; sie sind im Gegenteil seinem
sen, sondern vor allem von dem 6a pa­ ordnenden und befriedenden »Stell­
rallelen Kolon 6b her, wo dem Men­ vertreter-Königtum« unterworfen,
schen die für den Weltherrscher durch das er am lebenschützenden
JHWH typischen Prädikationen Weltkönigtum JHWHs (vgl. 2-10) An­
»Herrlichkeit und Ehre« (kähöd teil hat. Im Vergleich mit der ägypti­
ufhädär:vgl. Ps 29M 966 1041) zuge­ schen Königsideologie wird aber
sprochen werden; gerade diese kö­ noch ein Drittes deutlich: Von einer
niglichen Attribute werden weder Herrschaft des Menschen über an­
den Mitgliedern des himmlischen dere Menschen redet der Psalm
Pantheons noch den Engeln, sondern nicht. Im Kontext von Ps 3-14 sind es
nur dem Götterkönig bzw. JHWH »die Armen«, die sich hier — allen Wi­
und dem König (vgl. Ps 216 454) bzw. derwärtigkeiten und Verfolgungen
dem (quasi-göttlichen, königlichen) zum Trotz ihrer königlichen
Menschen zugeordnet. Daß dem Würde vergewissern: Diese »Würde«
Menschen damit sogar eine kosmos­ ist der tiefste Grund dafür, daß der
stabilisierende und -schützende Rolle Weltenkönig (vgl. 4) sich jedes einzel­
gegeben ist, wird in 7-9 mit der in der nen Menschen »gedenkend« und
ägyptischen, aber auch in der israeli­ »fürsorgend« annimmt (vgl. 5).
tischen (vgl. Ps 1848 1101 1442 sowie Refrain 10: Der Psalm weiß, daß die
Ps 474) Königsideologie beheimate­ in 2c-9 beschriebene Menschenwürde
ten Vorstellung erläutert, wonach Gottes Gnade ist - und so schließt er
dem Pharao sowohl in Texten wie in mit einem abermaligen Lobpreis der
Bildern die von ihm unterworfenen Selbstoffenbarung Gottes »auf der
Völker »unter die Sandalen« bzw. ganzen Erde«. Diesen Gott akzeptie­
»unter die Füße« gelegt sind. Auch ren und rühmen die Leidenden und
die Vorstellung vom Pharao, der Vö­ die Armen (vgl. Ps 3—7 11-14) als ih­
gel und Fische und insbesondere ren »Herrscher« — anders als die
Nilpferd und Krokodil, aber auch Frevler, die in ihrer gottes- und men-
wilde Tiere der Wüste und des Wal­ schenverächterischen Hybris sagen:
des als Symbole des Chaos »besiegt »Wer ist schon Herrscher (’ädön)
und unterwirft«, um so die göttliche über uns?« (Ps 125). Erich Zenger
I

Ps 9/10 81
PSALM 9/10
GOTT ALS KÖNIGLICHER RICHTER DER VÖLKER
UND RETTER DER ARMEN

Die beiden Psalmen 9 und 10 werden als ein geschlossener Psalm betrachtet.
Psalm 9/10 erfüllt die Bedingungen eines durchgestalteten Akrostichons ge­
mäß den beiden Grundregeln: Die Abfolge der Anfangsbuchstaben der einzel­
nen Einheiten gehorcht dem Gesetz der Alphabetreihe, und die einzelnen Ein­
heiten haben alle die gleiche Länge. Nur die Mitte 101"11 ist verderbt. Die alten
Versionen (G und Vg) stützen die Einheit. Ferner fehlt Ps 10 die Überschrift,
was im ersten Davidspsalter 3-41 nur noch in Ps 33 begegnet. Entscheidend
für die Einheit votiert auch die Gemeinsamkeit von Sprache und Stil: die über
9/10 verteilte Armenterminologie, seltene Wendungen wie »in Zeiten der
Not« (910 101), die seltene Relativpartikel zü (916 102), die Erwähnung des hin­
fälligen, sündigen Menschen (’*nös) am jeweiligen Schluß in 921 1018 und der
häufigere Hinweis auf JHWHs Richter- und Königsamt. i
Der H hat den Psalm aufgetrennt und die beiden Psalmen gegeneinander pro­
filiert: Ps 9 als Danklied gegenüber Ps 10 als Klage. Diese seltene Abfolge be­
gegnet noch in Psalm 40. In der für die Psalmen wichtigen Frage nach der Gat­
tung relativiert die Form des Akrostichons alle weiteren Überlegungen zur
Einteilung von 9/10 wie zur spezifischen Form von Einzelabschnitten und
lenkt die Aufmerksamkeit des Beters stärker den Alphabetzeilen entlang. 9/10
beginnt mit einem Lobversprechen 2f, gefolgt von einer Zukunftsansage 4. Das
angesagte Lob wird mit einer Schilderung vergangener Taten JHWHs begrün­
det 5-7 und mit einer Schilderung eben dieser in Gegenwart und Zukunft 8-10
fortgesetzt; dabei wechselt der letzte Abschnitt von der bisherigen Anrede in
die Er-Rede von JHWH - ein für Danklieder geläufiger Wechsel. Mit11 pen­
delt die Ansage zum Verhalten der Gemeinde in die Anrede Gottes zurück. ,2f
bietet einen begründeten Lobaufruf an die Gemeinde. In I4f folgt eine persönli­
che Bitte, die mit einem Lobversprechen motiviert ist. ,6f blendet einen Rück­
blick in die Vergangenheit und 18t einen Ausblick in die Zukunft ein.20f schließt
sich mit allgemeinen Bitten an. 101 beginnt mit einer klagenden Frage und
nennt in 102 mit einer Art Themasatz das Wirken und das Schicksal des
Frevlers. In IO3"11 folgt eine der ausführlichsten Schilderungen des gottlosen
Treibens der Frevler im gesamten Psalter. In 10,2-,s folgen Bitten, die auf ver­
schiedene Weise nachhaltig unterstrichen werden. Ps 9/10 schließt in IO16-18
mit einem Lobpreis auf JHWHs Wirken in Vergangenheit, Gegenwan und
Zukunft. Auch in 10 wechselt die Rede von der Anrede an JHWH (IO1'5’12-15-17)
zur Rede über JHWH (10316) mehrmals hin und her.
Der Psalm fällt auf durch ein reiches und verstreutes Vokabular zum Thema
»Armut«: Leitwort ist 'änf»der Arme« (913-19 IO29-12-17), einmal in 919 begleitet
vom Synonymbegriff ’cebjön »der Elende«; daneben tauchen fast singuläre
Austauschbegriffe auf wie dak »der Bedrückte« (910 1018) und hel'käh »der
Schwache« (IO8-1014). Dadurch weist sich der Psalm aus als einer der typischen
Armenpsalmen (9/10 25 34 37 69 72 109), die im ersten Davidpsalter zugleich
identisch sind mit der Reihe der akrostichischen Psalmen (9/10 25 34 37). Der
Psalm wechselt mühelos zwischen dem Blick auf den einzelnen Armen (9 10.14.19
102.8.9.14.18) un(j cjem Bijck auf das Kollektiv der Armen (91319 IO10,1217). Die
Armut hat viele Facetten: soziale Not und Ausbeutung (91013), Verfolgung
i
82 DIE PSALMEN Ps 9/10
(102), Rechtsnot (IO78) und Ausgeliefertsein an die hinterhältige feindliche
Übermacht (109f). Der Beter bedenkt die Armut in all ihren Dimensionen und
schildert die eigene wie die der Gruppe der Armen. Er überschaut Vergangen­
heit, Gegenwart und Zukunft und sieht die Armut sowohl unter sozialem als
auch religiösem Aspekt.
Der Beter steht nicht wie in den älteren, vorexilischen Klagegebeten nur einer
Übermacht der Feinde gegenüber, sondern der Arme innerhalb der Gruppe
der Armen steht den innenpolitischen Feinden wie auch den außenpolitischen
Gegnern und Fremdvölkern gegenüber. Eine zeitgeschichtliche Hintergrund­
situation deutet sich an, wo Fremdvölker und Unterdrücker mit den Feinden
des Armen im Innern des Gottesvolkes gemeinsame Sache gegen den Armen
und JHWH-Treuen machen. Das kann auf die hellenistische Zeit im 3. Jahr­
hundert deuten und mit einer Situationsschilderung konform gehen, wie sie
Koh 57 anzeigt: Die Oberschicht läßt sich zum Agenten der Fremdherrschaft
mißbrauchen und im System der Staatsmacht zum Handlanger einer ausbeute­
rischen Abgaben- und Steuerregelung machen. Die ausführliche Schilderung
der Frevler in IO2"11 befindet sich auf dem Wege zur Darstellung des frevleri-
schen Treibens in Weish 2 (vgl. vor allem 210"20).
Bezüglich des Gottesbildes entfaltet der Armenpsalm eine kleine Theologie
der Königsherrschaft JHWHs. JHWH erhält vier Titel, die ihrerseits Aspekte
des titular wie in Bildern dargestellten Königtums umschreiben. Er heißt der
»Höchste« (93), insofern er Götterkönig ist, der auf dem Weltberg thront und
diesen Thronsitz in Jerusalem aufgeschlagen hat. Er amtet als »Richter« (95)
sowohl gegenüber dem einzelnen (95) wie gegenüber dem universalen Erdkreis
(98f). Der Zion ist sein Thronsitz als »Zionsthroner« (912 ,5). Schließlich ist er
beständiger, ewig fortdauernder »König« (1016)- Seine Schöpfermacht wird
mit einem Verb aus dem alten Motiv des Chaoskampfes assoziiert und auf das
Gericht an den Völkern übertragen (gr »schelten« 96). Insofern wirkt JHWH
als Schöpfer und Lenker der Geschichte.
Unter redaktionskritischem Aspekt zeigt Ps 9/10 seine Sonderstellung im
Kreis der Nachbarpsalmen. Das einleitende Lobversprechen 92f nimmt bewußt
Formulierungen aus den Lobversprechen am Schluß der Vorgänger in 512 und
718 auf. Mit dem Refrain von Ps 82,10 verbindet das Motiv des Namens. Somit
ergibt sich ein häufiger notierter Duktus: Ps 5 und 7 kündigen Freude der
JHWH-Treuen und Lob des Namens Gottes an. Ps 8 vollzieht dieses Lob.
Dann ist Ps 9/10 als Weiterführung des Lobes zu verstehen. Ps 9/10 besitzt
eine besondere Spannweite im Vergleich zu den Nachbarpsalmen, zu denen er
Beziehungen aufnimmt: Mit Ps 3 verbindet die Bitte an JHWH aufzustehen
(3 8 920 IO12), mit Ps 5 das oben genannte Lobversprechen, die Kennzeichnung
der eigenen Gruppe 512 911 und die Aktivitäten der Frevler vgl. 56 103; 510 107;
56f 107. Zu Ps 6 werden in gleicher Weise Brücken geschlagen (vgl. das Zu­
rückweichen der Feinde 611 94, die Bitte um JHWHs Erbarmen 63 914, die
Scheol 66 913, die Erhörung 63 914). Dicht sind die Beziehungen zu Ps 7 (neben
dem Lobversprechen s.o. die Beschreibung JHWHs als königlicher Richter
vgl. 77-10 95, das Völkergericht 77f 99, die Rechtsprechung in der Höhe 78 105,
der Tun-Ergehen-Zusammenhang 7,lff 9l6f, das frevlerische Treiben 714 102).
Ps 8 hat die gleiche Feindterminologie (83 94-7 105) und redet ebenso vom
schwachen Menschen (85 920f IO16). Zu den nachfolgenden Armenpsalmen lau­
fen ebenso viele Linien: die Rede vom »Thron JHWHs« (95-8 114); die Armen­
terminologie (126 146); der Hinweis auf die falsch redende Zunge (107 124f);
Ps 9/10 DIE PSALMEN 83
die Korrespondenz der Bitte um das »Aufstehen JHWHs« in 920 IO12 mit der
Ankündigung JHWHs, »jetzt aufzustehen« 126; der angesagte Jubel des Be­
ters über JHWHs Hilfe 915136; die Sicherheit des Frevlers, daß JHWH verges­
sen und sein Angesicht verborgen hat, in 10n wird beim Beter von Ps 13 zur

anklagenden Frage 132; das Zitat des Frevlers in 104 stimmt mit dem des Toren
von 141 überein; die JFTWH-Sucher von 911 gleichen den Gott-Suchern von
142; die Erwartung göttlicher Hilfe vom Zion her 912-15 begegnet im Bittruf
147.
Die hellenistische Armentheologie von 9/10 verarbeitet die Konzeption ihrer !
exilischen Vorlage Ps 3-8.11-14 und ist bewußt neben das ältere Zentrum der
ersten Psalmengruppe Ps 8 und vor die Armenpsalmen 11-14 eingeschaltet
worden. Sie adaptiert die Vorlage an die neue geschichtliche Situation und er­
schließt den gesamten Davidpsalter als Gebete des Armen und des armen Vol­
kes Israel.

i
91 [Für den Chormeister. Nach der Weise »Stirb für den Sohn!«
Ein Psalm Davids.]
2 Ich will dir danken, Herr, aus ganzem Herzen, 138*
verkünden will ich all deine Wunder.
3 Ich will jauchzen und an dir mich freuen,
für dich, du Höchster, will ich singen und spielen.
4 Denn zurückgewichen sind meine Feinde,
gestürzt und vergangen vor deinem Angesicht.
5 Du hast mir Recht verschafft und für mich entschieden,
dich auf den Thron gesetzt als ein gerechter Richter.
6 Du hast die Völker bedroht, die Frevler vernichtet, ;
ihren Namen gelöscht für immer und ewig.
7 Die Feinde sind dahin, zerschlagen für immer.
Du hast Städte entvölkert, ihr Ruhm ist versunken.
8 Der Herr aber thront für ewig;
er stellt seinen Thron auf zum Gericht.
9 Er richtet den Erdkreis gerecht, 9613
er spricht den Völkern das Urteil, das sie verdienen.
10 So wird der Herr für den Bedrückten zur Burg,
zur Burg in Zeiten der Not.
11 Darum vertraut dir, wer deinen Namen kennt;
denn du, Herr, verläßt keinen, der dich sucht.
12 Singt dem Herrn, der thront auf dem Zion,
verkündet unter den Völkern seine Taten!
13 Denn er, der jede Blutschuld rächt, denkt an die Armen, I084
und ihren Notschrei vergißt er nicht. Ijob 3428

i i
84 DIE PSALMEN Ps 9/10
304 4916 14 Sei mir gnädig in meiner Not;
5614 Herr, sieh doch, wie sie mich hassen!
6821
7120 8613 Führ mich herauf von den Pforten des Todes, /
I168 15 damit ich all deinen Ruhm verkünde in den Toren von Zion
Weish 613 und frohlocke, weil du mir hilfst.
Jona 27
7i6 i6 Völker versanken in der Grube, die sie selber gegraben;
im Netz, das sie heimlich gelegt,
hat ihr Fuß sich verfangen.
17 Kundgetan hat sich der Herr: Er hielt sein Gericht;
im eigenen Werk hat sich der Frevler verstrickt.
[Zwischenspiel. Sela]
18 Hinabfahren müssen die Frevler zum Totenreich,
alle Heiden, die Gottvergessen.
19 Doch der Arme ist nicht auf ewig vergessen,
des Elenden Hoffnung ist nicht für immer verloren.
77 20 Erheb dich, Herr, damit nicht der Mensch triumphiert,
damit die Völker gerichtet werden vor deinem Angesicht.
21 Wirf Schrecken auf sie, o Herr!
Erkennen sollen die Völker: Sie sind nur Menschen. [Sela]

1Ö1 Herr, warum bleibst du so fern,


verbirgst dich in Zeiten der Not?
2 In seinem Hochmut quält der Frevler die Armen.
Er soll sich fangen in den Ränken,
die er selbst ersonnen hat.
3 Denn der Frevler rühmt sich nach Herzenslust,
er raubt, er lästert und verachtet den Herrn.
I41 4 Überheblich sagt der Frevler: /
»Gott straft nicht. Es gibt keinen Gott.«
So ist sein ganzes Denken.
5 Zu jeder Zeit glückt ihm sein Tun. /
Hoch droben und fern von sich wähnt er deine Gerichte.
All seine Gegner faucht er an.
6 Er sagt in seinem Herzen: »Ich werde niemals wanken.
Von Geschlecht zu Geschlecht trifft mich kein Unglück.«
Röm 314 7 Sein Mund ist voll Fluch und Trug und Gewalttat;
auf seiner Zunge sind Verderben und Unheil.
ll2 8 Er liegt auf der Lauer in den Gehöften /
und will den Schuldlosen heimlich ermorden;
seine Augen spähen aus nach dem Armen.
!•
Ps 9/10 DIE PSALMEN 85
9 Er lauert im Versteck wie ein Löwe im Dickicht, / 1712 :
er lauert darauf, den Armen zu fangen;
er fängt den Armen und zieht ihn in sein Netz.
10 Er duckt sich und kauert sich nieder,
seine Übermacht bringt die Schwachen zu Fall.
11 Er sagt in seinem Herzen: »Gott vergißt es, 646 73"
er verbirgt sein Gesicht, er sieht es niemals.« 947 !
Ijob 22,3f
12 Herr, steh auf, Gott, erheb deine Hand, Jcs 2915
Ez 8»2 99
vergiß die Gebeugten nicht!
13 Warum darf der Frevler Gott verachten,
und in seinem Herzen sagen: »Du strafst nicht«?
14 Du siehst es ja selbst;
denn du schaust auf Unheil und Kummer.
Der Schwache vertraut sich dir an;
du bist den Verwaisten ein Helfer.
15 Zerbrich den Arm des Frevlers und des Bösen,
bestraf seine Frevel,
so daß man von ihm nichts mehr findet.
247-10
16 Der Herr ist König für immer und ewig,
in seinem Land gehen die Heiden zugrunde.
17 Herr, du hast die Sehnsucht der Armen gestillt, !
du stärkst ihr Herz, du hörst auf sie: j
18 Du verschaffst den Verwaisten und Bedrückten ihr Recht. 686 I469
;
Kein Mensch mehr verbreite Schrecken im Land. Ex 2221
Dtn 1018
94 EÜ versteht den ganzen Vers als Einleitung zum Rückblick ab 5. Aber die
Konjunktion »denn« steht erst in 5, und 4 ist eine Ansage; wörtlich: Beim
Zurückweichen meiner Feinde nach hinten werden sie fallen und verge­
hen vor deinem Angesicht.
8 Die Verseinleitung wörtlich mit Rücksicht auf das Akrostichon: So sind
sie - der Herr aber thront...
llb Berichtet in Vergangenheit: denn du Herr hast keinen verlassen, der dich
sucht. ;
13 Ebenso in Vergangenheit: Denn er, der jede Blutschuld rächt, hat an die
Armen gedacht, ihren Notschrei nicht vergessen.
103 In Vergangenheit statt des Präsens der EÜ.
11 Ebenso.
13 Ebenso bis auf das Zitat.
14a Ebenso, wörtlich: Du hast (es) gesehen, ja du, Unheil und Kummer, du
schaust darauf, in deine Hand zu geben (zu vergelten).
16b Wörtlich: Verschwunden sind die Völker aus seinem Land.
18b Kann zweifach übersetzt werden: 1. daß kein Mensch von der Erde mehr
Schrecken verbreitet (so die alten Versionen und auch die EÜ). 2. daß
kein Mensch von der Erde sich mehr fürchtet. Der Kontext des Psalms
votiert für die erste Möglichkeit (vgl. Jes 219 21).
86 DIE PSALMEN Ps 9/10
Überschrift 1: Sie entspricht dem Typ Gegenwart und Zukunft fortgesetzt.
(Adressat, Musikangabe, Autor) von Die Feinde und Völker kennzeichnet
Ps 4-6.8. Die Angabe zur Musik ist Vergänglichkeit, JHWHs Königs­
kaum aufzuhellen. und Richteramt dagegen Ewigkeit.
Mit der Festigkeit der göttlichen
Einleitendes Lobversprechen 2-3: Wie Herrschaft verbindet sich die Hoff­
bei einem Danklied steht das Lobver­ nung auf das universale Gericht über
sprechen am Anfang (vgl. Ps 1111 die Völker 9, in dem JHWH endgül­
1381-2). Es ist stilistisch besonders ge­ tig die Maßstäbe seiner Gerechtigkeit
staltet (Alliteration der vier Satzein­ durchsetzen wird. Der Arme wird
heiten und Rahmung durch die Vo­ hier als »Bedrückter« beschrieben (so
kative »JHWH« und »Höchster«). häufiger in exilisch-nachexilischen
Das Lobversprechen ist in formelhaf­ Psalmen), was den Aspekt der Aus­
ten Wendungen gehalten. Inhalt des beutung und Entrechtung unter­
Rühmens sind JHWHs Wunder und streicht.
sein Name. Beide Begriffe umschrei­
ben die göttlichen Taten in Schöp­ Bekenntnis des Vertrauens 11: Der Be­
fung und Geschichte auch in den ter ordnet sich hier in die Gruppe der
kleinen Ereignissen des persönlichen Armen ein und läßt die Gruppe ihr
Lebens des Beters. Der Titel »Höch­ Vertrauen bekennen. Die soziale
ster« (s. o. zu 718) zielt auf den Göt­ Charakterisierung des Armen wird
terkönig mit Sitz in Jerusalem. erweitert auf religiöse Kennzeich­
nungen: »Kenner des JHWH-Na-
Ansage und Vertrauen4: Wie in Ps 6n mens« ist ein weisheitlich beeinfluß­
ist sich der Beter darin sicher, daß tes Etikett für die Gerechten (vgl. [512
seine Feinde vor JHWHs Epiphanie »die Deinen Namen lieben«] 3611 796
zurückweichen müssen und schließ­ 874 9114 1 1979 und Spr 36). Die
lich vergehen (vgl. Ps 5610 Klgl l13 »JHWH-Suchenden« sind fromme,
23). gerechte Kultteilnehmer (142 2227 246
34n 6933).
Bericht5-7: Der Bericht begründet das
Lobversprechen.5 beschreibt JHWHs Lobaufruf an die Gemeinde 12-13: Der
vergangene Prozeßführung in den Lobaufruf gilt JHWH, dem »Zion-
Rechtsangelegenheiten des Beters. throner« (vgl. Ps 147 482f 742 848 992
Mit 6 weitet sich der Horizont in die 1102). 13 begründet den Aufruf und
Geschichte und ins Universale. Die spezifiziert den Inhalt der Verkündi­
individuellen Feinde (Frevler) ver­ gung: JHWH ahndet die Bluttaten,
schmelzen mit den äußeren Feinden vornehmlich Vergehen an den Armen
(Völker). Das Motiv des mythischen (vgl. Gen 410f95 Ez 3362 Chr2422 Ijob
Chaoskampfes (zum Schelten 1618). Hier ist an das alte Exoduspro-
JHWHs vgl. 1816) wird auf die histo­ gramm zu erinnern Ex 37-10 wie an
rischen Feinde übertragen (vgl. Jes rechtliche Zusicherung im Bundes­
1713 6615). 7 erläutert den Untergang buch Ex 2225f oder prophetische Zu­
mit historischen Reminiszenzen an sage Jes 1428-32.
den Untergang großer Weltreiche
(Assur, Ägypten, Babylon). Persönliche Bitte des Beters 14-15: Wie
im Krankenpsalm 63 bittet der Beter
Blick in Gegenwart und Zukunft 8-10: JHWH um Erbarmen und um Wahr­
Die Schilderung der vergangenen nehmung seines Elends. Der Beter
Gerichtsgewalt JHWHs wird für die sieht sich bereits als Bewohner der
Ps 9/10 DIE PSALMEN 87
Totenwelt und motiviert seine drin­ werden (vgl. Gen 92 Dtn 225 1 125 Sir
gende Errettung mit dem öffentli­ 362 1 Makk 432).
chen JHWH-Lob - eine Argumenta­
tion wie in Ps 66. Den »Toren des To­ Klage 101: Die anklagende Frage be­
des« wird der Wohnbereich der Le­ stimmt den Klagecharakter des nach­
benden, die »Tore der Tochter Zion« folgenden Textes. Die JHWH-Ferne
gegenübergestellt, d.h. ganz Jerusa­ schafft ein Vakuum zugunsten des
lem, die Stadt und ihre Bewohner. Wirkens der Feinde. Gott bleibt in
Die Rede von der »Tochter Zion« der Distanz (vgl. 222 1220 3522 3812)
kommt in exilisch-nachexilischer Zeit und verbirgt sich (Spr 2827* Ijob 2821
auf (Jer 431 Klgl l15 28 18 422). Num 513).

Rückblick 16-17: Die beiden Verse ar­ Themasatz 2: Der Vers beschreibt die
gumentieren wie der Ps 710"17 sowohl Konfrontation zwischen dem Typ
mit der »Automatik« des Tun-Erge- des Frevlers und dem Typ des Armen.
hen-Zusammenhangs als auch mit Der Themasatz fungiert wie eine
dem Gerichthalten JHWHs, ja, sie Überschrift über eine der ausführ­
verknüpfen beides. 16 gebraucht die lichsten Feindschilderungen des Psal­
typisch weisheitlichen Bilder für den ters.
Tun-Ergehen-Zusammenhang (zum
Bild von der Grube: Spr 2 627 Ps 716 Feindschilderung 3-11: 3 stellt zuerst
357f 577; zum Bild vom Netz: Ps 315 die hybride Selbstrühmung des
357f 1406). 17a spricht von der vergan­ Frevlers vor Augen (vgl. Ps 56 4919
genen Gerichtsoffenbarung (vgl. Ps 755f). Dann wird der Raub genannt,
762), 17b setzt ein Bild der Jagd (vgl. d.h. die Erpressung von unlauterem
3813) ein, das den Tun-Ergehen-Zu­ Gewinn (Spr l19 1527 Jer 613 810 Ez
sammenhang beschreibt. 2212 Hab 29). Es folgen religiöse Ver­
gehen wie Gotteslästerung (Ijob l5 il
Ausblick 18-19: Der Vernichtungs­ 25-9) und Gottesverachtung. 4 belegt
wunsch verbindet wieder das zukünf­ den Hochmut mit Zitaten des
tige Los der äußeren (Völker) mit Frevlers: Gott straft nicht! - die Ne­ ■

dem der inneren Feinde (Frevler). gation des Bekenntnisses der Armen ;
Dem Ende der Frevler und Völker aus 913. Es gibt keinen Gott! Das Zi­
stellt 19 die Zukunft der Armen und tat behauptet thetisch die Wirkungs­
Elenden entgegen. Die Gegenüber­ losigkeit JHWHs wie in Ps 141 532. i
stellung malt schwarz-weiß wie die 5 nährt die Zweifel an der Gültigkeit
Lehre von den zwei Wegen. Das Ar­ des Tun-Ergehen-Zusammenhangs
menkollektiv wird mit dem Begriffs­ wie Ijob 217-16 und Ps 733-12. Das ;
:
paar »Elender r Armer« charakteri­ zweite Zitat der Frevler in 6 bestätigt
siert (Ps 126 3510 3714 4018 7212 7421 861 die Hybris. Was nur von JHWH her
10922). gilt, nicht zu wanken (vgl. 135 155 168
u.a.), das spricht sich der Frevler in
Allgemeine Bitten 20-21: Der Beter re­ gottloser Eigenkompetenz selbst zu.
det jetzt vom schwachen und sündi­ 7 konzentriert sich auf das gefährli­
gen Menschen (vgl. Ps 85 562 6612) che Gerede der Frevler (vgl. Ps 5710
und schließt darin alle Feinde ein. 124f). 8-10 schildern den Habitus des
Die Völker sollen vor Gott gerichtet Frevlers und sind direkt oder indirekt
werden (vgl. Ps 7610 Zef 38 Joel 4212). geprägt durch den Vergleich mit dem
Eine Art Gottesschrecken wie bei den Löwen wie in Ps 73 1 712 2 214-22. Zum
JFTWH-Kriegen soll auf sie gelegt dritten Mal nach IO46 beleuchtet ein
!
:
88 DIE PSALMEN Ps 11
Lobpreis 16-18.:Nach den Klagen und
Zitat in 11 die innere Einstellung des
Frevlers. Gott kümmert sich über­ Bitten findet der Beter zum abschlie­
haupt nicht um den Armen: Er hat ßenden Lob zurück und preist
ihn vergessen (das Gegenteil zum Be­ JHWH als König, wie er es bereits in
kenntnis des Armen 913 und zu seiner 93.5-9 variierend umschrieben hat. Die
Sorge wie in Ps 132). unbegrenzte Beständigkeit der Kö­
nigsherrschaft JHWHs (98) führt
Bitten 12-15: Die inständigen Bitten zum sicheren Verschwinden der
sammeln Motivationen für JFIWHs Fremdvölker und Feinde aus JFIWHs
Eingreifen. JHWH wird mit Eigen­ eigenem Land. JHWH wird die Ar­
namen und Gattungsnamen angere­ men stärken (mit menschlichem Sub­
det (letzteres wohl im Aufgreifen der jekt: vgl. Ps 787f Ijob 1113 2 Chr 1214)
Rede von »Gott« in 10411). JHWH und ihnen zuhören (vgl. Ps 52f 171-6
soll seine Hand in kriegerischer Ab­ und Spr 22 mit demselben pleonasti-
sicht erheben wie in 2 Sam 2021, soll schen Zusatz von »Ohr«). Das eta­
die Armen nicht vergessen, also nicht blierte Wortpaar »Witwe - Waise«
das Bekenntnis von 913 desavouieren. für die personae miserabiles wird hier
13 kritisiert die Langmut JHWHs ge­ zu »Waise - Bedrückter« wegen der
genüber dem Frevler. 14 beruft sich Armenterminologie des Psalms (910
darauf, daß JHWH die Not doch 1014) abgewandelt. Ferner gilt es, den
wahrgenommen hat (vgl. Ps 2519 Klgl Terror des Erdenmenschen (d.h. des
359*), gibt der Zuversicht Ausdruck, inneren [Frevler] und äußeren Fein­
daß JHWH das Heft in der Hand be­ des [Völker]) zu beenden! Der
hält und Vergeltung übt. 15soll die Schluß greift zurück auf 920f.
Macht des Frevlers gebrochen wer­
den (Ps 3717 Ijob 3815), denn er ist Frank-Lothar Hossfeld
Frevler und Böser wie in Ps 55.

PSALM II
VERTRAUEN DER BEDRÄNGTEN IN JHWHS GERECHTIGKEIT

Der Psalm bietet von der Textüberlieferung her und in der Semantik zahlrei­
che Probleme, die auch zu unterschiedlichen Gesamtdeutungen geführt ha­
ben. Kontrovers sind vor allem folgende Fragen: 1. Wieweit reicht das in ld be­
ginnende Zitat: Endet es bereits mitld (so EÜ) oder reicht es bis 3b einschließ­
lich (so die meisten Ausleger)? 2. Wer ist »der Gerechte« in 3b: der (ein) ge­
rechte^) Mensch oder JHWH? Mit dieser Frage hängt auch das genauere
Verständnis des im Hebr syntaktisch schwierigen Verses 5 zusammen: Ist hier
davon die Rede, daß JHWH »den Gerechten« prüft oder daß JHWH »als Ge­
rechter« prüft? 3. Ist 6a jussivisch als Wunsch (so EÜ) oder als Aussage über
JHWHs Handeln, das sich eng an4f anschließt, zu verstehen? 4. Wer ist der ur­
sprüngliche Sprecher des Psalms: Ein Frommer, der inmitten einer gewalttäti­
gen Welt sein Vertrauen auf JHWH bezeugt? Ein zu Unrecht Beschuldigter
oder Verfolgter, der im Tempel Asyl gesucht hat und um einen Gottesent­
scheid bittet? Ein von Feinden Bedrängter, der in einem liturgischen Schlich­
tungsverfahren (»Versöhnungsliturgie«), zu dem auch seine Gegner geladen
Ps 11 DIE PSALMEN 89
sind, seine Klagen und Bitten vorträgt? Ein Kultprophet, der gegen die Feinde
Israels das Gericht JHWHs herabruft? Am wahrscheinlichsten ist die Deutung
des spätvorexilischen Psalms als Vertrauensbekenntnis eines JHWH-From-
men, der angesichts einer durch Gewalt erschütterten Gesellschaftsordnung
und ihn selbst tödlich bedrohenden Umgebung »auf seinem Posten« bleibt und
an seiner »Geradheit« (joser; vgl. 2-7) festhält, weil er darauf setzt und dafür
Zeugnis ablegt, daß JHWH als »der Gerechte« eine gerechte Lebensordnung
herbeiführen will.
Von diesem Verständnis her legt sich folgender Aufbau des Psalms nahe: Die
beiden Vertrauensaussagen lb und 7b, die zudem durch ein Wortspiel ihrer Ver­
ben (häsäh »sich flüchten«, häzäh »schauen«) aufeinander bezogen sind, bilden
einen Rahmen um den Psalm und formulieren die Hauptaussage, die der !
Psalm »einüben« will. Das Corpus des Psalms besteht aus den zwei Abschnit­
ten lc_3 und 4-7a, die durch Stichwortbezüge und insbesondere als Sprechakte
aufeinander hingeordnet sind:lc_3 zitiert eine begründete Aufforderung an den
Beter, die in einer (ironischen?) Infragestellung der Gerechtigkeit JHWHs
gipfelt; 4-78 ist die Antwort des Beters darauf. Diese dialogische Struktur gibt
dem Psalm zugleich eine paränetische bzw. lehrhafte Intention.
Die EÜ versteht - wie insbesondere ihre Entscheidungen zeigen, als zitierte
Rede nur ld zu betrachten sowie 3 als Klage über die Ohnmacht des Beters und
6 als Vernichtungswunsch zu beurteilen - den Psalm als Klagepsalm, der dann
so zu gliedern ist: 1 Vertrauensbekenntnis mit Zurückweisung der Aufforde­
rung zur Flucht; 2-3 Notschilderung des Beters (Klage); 4-5 hymnisches Be­
kenntnis zu JHWH als dem Gott der Gerechtigkeit; 6 Bitte um Vernichtung
der Frevler; 7 abschließende Äußerung des Vertrauens und der Erhörungsge-
wißheit. Unsere Auslegung folgt diesem (u. E. weniger wahrscheinlichen) Ver­
ständnis des Psalms.
Der Psalm wurde von der spätexilischen »Armentheologie« in ihre Komposi­
tion 3-7.8.11-14 aufgenommen. 7 und 11 sind als die beiden »inneren« Psal­
men der um 8 (Proklamation der unzerstörbaren Menschenwürde) gelegten
Teilgruppen 3-7 und 11-14 eng miteinander verwandt: Beide beginnen mit
dem wortgleichen Vertrauensbekenntnis (72 11 *), sie verwenden die gleiche
Gruppenbezeichnung (7n 112) und sie kulminieren in der Aussage von JHWH
|
als dem gerechten Weltenrichter, der »prüft« und die Gerechten rettet (710 115
711 117). In der Gruppe 11-14, in die 11 motivlich stark eingebunden ist, bildet
11 mit 14 durch das gemeinsame Bild von JHWH als dem die Gerechtigkeit in­
mitten einer chaotischen Welt verteidigenden Weltkönig (vgl. auch Ps 8) einen
Rahmen. Mit der in 117 entworfenen Vision wird eine Gebetsdynamik eröff­
net, die diese Vision in 12 13 einklagt und in 14 prophetisch als »erfüllt« kon­
statiert.

ll1 [Für den Chormeister. Von David.]


Beim Herrn finde ich Zuflucht.
Wie könnt ihr mir sagen :
»In die Berge flieh wie ein Vogel«?
2 Schon spannen die Frevler den Bogen, 713 io8 ;
sie legen den Pfeil auf die Sehne, 3714 32
644f 11995
um aus dem Dunkel zu treffen
die Menschen mit redlichem Herzen. j
90 DIE PSALMEN Ps 11
3 Gerät alles ins Wanken,
was kann da der Gerechte noch tun?
Hab 220 4 Der Herr weilt in seinem heiligen Tempel,
der Thron des Herrn ist im Himmel.
Seine Augen schauen herab,
seine Blicke prüfen die Menschen.
5 Der Herr prüft Gerechte und Frevler;
wer Gewalttat liebt, den haßt er aus tiefster Seele.
140" 6 Auf die Frevler lasse er Feuer und Schwefel regnen;
Gen 1924 sengender Wind sei ihr Anteil.
Ijob 1815
7 Denn der Herr ist gerecht, er liebt gerechte Taten;
wer rechtschaffen ist, darf sein Angesicht schauen.

ld So nach G und Vg; MT Ketib:»fliegt!« Qere»fliege« (Imp fern, Rückbe­


zug nach lc »meine Seele«). Andere (bessere?) Übersetzungsmöglichkeit:
»Flieg hinauf in das Gebirge, Vogel!«
2b MT: »ihren Pfeil«; G: »Pfeile« (vgl. 644).
3a Wörtlich: »Ja, die Grundfesten werden eingerissen!«
3b Andere Übersetzungsmöglichkeit: »Der Gerechte, was wirkt der eigent­
lich?«
5 EÜ folgt G (Umstellung im Satz!). Andere Übersetzungsmöglichkeit,
wobei die Wortfolge im Hebr beibehalten wird: »JFTWH ist gerecht, so
prüft er den Frevler und den, der Gewalt liebt, haßt seine Seele.«
6a Andere Übersetzungsmöglichkeit: »Er wird regnen lassen« (jamfer: ar­
chaisierende oder poetische Kurzform statt Langform jamfir); Hebr hat
noch pabim »Schlingen, Netze« (Textkorrektur wie schon G: pceham
»Kohlen« bzw. palfme 'es »feurige Kohlen«) vor »Feuer«.
6b Wörtlich: »Becheranteil« (Zornbecher, »Taumelbecher« s. u.).
7a Andere Übersetzungsmöglichkeit: »Ja, gerecht ist JFTWH, / die Gerech­
tigkeit liebt er.«
^ jäsär» redlich« wie2d.

Überschriftla: »Für den Chormeister« (zu den Bergen mit ihren Höhlen am
vgl. zu 4'; /cdäwid »von/für/imHin- Osthang des judäischen Bergrückens
blick auf David« vgl. die Einleitung. bzw. an den Hängen des Jordangra­
bens als beliebten Zufluchtsorten von
Vertrauensbekenntnis lb-d: Mit Beto- Flüchtlingen, vgl. 1 Sam 136 1422
mjng“semernrEntschlossenheit: »Bei 241-23). Er soll sich darauf besinnen,
JHWH (erstes Wort des Psalms; bei was einen Vogel allein vor seinen Jä­
ihm und nirgendwo sonst!) habe ich gern retten kann: möglichst schnell
Zuflucht gesucht« (basiti) und mit und möglichst weit wegfliegen (vgl.
vorwurfsvoller Frage weist der Beter dazu Ps 557; vgl. auch die Aufforde­
die wörtlich zitierte Rede seiner Um­ rung zur Flucht an Arnos Am 712; zur
gebung zurück, die an JHWHs Ge­ Versuchung, sich einem Auftrag
rechtigkeit schaffender Mächtigkeit durch Flucht zu entziehen vgl. noch
zweifelt und ihn deshalb zur retten­ Jer 91).
den Flucht in die Berge auffordert
Ps 11 DIE PSALMEN 91
Notschilderung (Klage)1"*: Da ist eine gen (vgl. z.B. Jes 61) über JHWHs
wahre Menschenjagd im Gange, mit Weltkönigtum, insbesondere unter
| der »die Frevler« (nicht einfach dem Aspekt von Recht und Gerech­
»Feinde« des Beters, sondern brutale tigkeit. Wenn JHWH sich auf den
und rücksichtslose Menschen, die Königsthron in seinem hirnrnfischen
sich weder um Gottes- noch um Palast setzt, nimmt er sein Richter­
Menschenrechte kümmern, d.h. amt wahr (vgl, besonders Ps 9y8f): Er
»Gottlose«) auf Menschen, deren iührt die Untersuchung durch ♦c-sa , er
Herz »gerade« (jäsär ethischer Be­ fällt das Urteil 5b und er vollstreckt
griff aus der Weisheitsüberlieferung: es 6. Er »prüft« wie ein Metallprüfer,
»lauter, redlich, aufrecht, auf Ge­ der dabei die nicht brauchbaren Zu­
rechtigkeit bedacht«) ist und die sich sätze ausschmilzt (bähan: vgl. Jer
an JFTWHs Weisungen orientieren, 627-30). Wo seine prüfenden Blicke
mit ihren »Pfeilen im Dunkel« auf einen rasa »Frevler« (wer mit sei­
(»Nacht«: Zeit des Unheils) zielen, nem verbrecherischen Reden und
um sie aus dem Weg zu räumen, aus Tun die Solidarität des gemeinschaft­
Haß oder aus Habgier oder aus Lust lichen Lebens stört, insbesondere
an der Gewalt. Der Vorgang wird weil JHWH für ihn praktisch keine
mit lebendiger Metaphorik beschrie­ Rolle spielt) und auf einen Men­
ben: Sie haben den Bogen, der aus ei­ schen, »der Gewalt liebt« ('oheb hä­
nem biegsamen Holzstab besteht und mäs), treffen, bricht in seiner »Seele«
der bis zum Gebrauch ohne Sehne (Sitz der Vitalität und Verletzlichkeit
aufbewahrt wird, bereits mit einer zugleich!) »Haß« aus (säne’ »hassen«
Sehne »bespannt« und den Pfeil zum umfaßt die ganze Bandbreite, von
Abschuß auf die Sehne gesetzt. In »Widerwillen empfinden« über »ver­
und mit ihrem verbrecherischen Tun abscheuen« bis »bekämpfen wollen«;
hat das Chaos die Macht übernom­ hier ist es Gegenbegriff zu »Gerech­
men und die vom Schöpfergott ge­ tigkeit lieben« 7a; zur Formulierung
setzten Fundamente des Kosmos ein- vgl. auch Jes l14; die Vorstellung von
gerissen (zur Vorstellung vom Bösen, der Leidenschaft der »Seele« JHWHs
das die kosmische Ordnung zerstört, findet sich vor allem bei Jer: 5923 68 98
vgl. Ps 825 Jer 525). Deshalb kulmi- * 1419 151 514). Wo »Gewaltliebe« (das
1 niert die Aufforderung in der resigna- Partizip unterstreicht: hier ist eine
tiven oder ironischen Frage: Wo »teuflische« Macht am Werk!) auf- i
bleibt da eigentlich »der Gerechte«? tritt, ist der »König der gerechten Le­
EÜ bezieht die Frage auf den Men­ bens- und Weltordnung« in besonde­
schen, der gegen dieses Treiben rer Weise herausgefordert, da durch •
machtlos ist. Möglich ist auch, daß hämäs Menschenrecht und Men­
JHWH gemeint ist: Schaut er hier schenwürde (hämäs: Brutalität der i
hilflos zu? Oder ist er gar nicht Mächtigen und Reichen gegenüber
faddfq, ist er gar selbst auf der Seite den Armen und Rechtlosen, vgl. Am
der r'sä'im (vgl. zu diesem Vorwurf 3'° 61-3 Mi 612 Zef l9; Rechtsbeugung,
Ijob 924). vgl. Jes 59*~9 Ps 582f12), Menschenle­
ben (Ez 723), ja die Schöpfungsord­
Hymnisches Bekenntnis4-5: JHWH ist nung insgesamt (Gen 6lu3; die er­
gleichwohl wTr’krnäcHug' da, und neuerte bzw. vollendete Schöpfung
zwar in seinem »Palast« (hekal) mit wird ohne hämäs sein: Jes 6018) zer­
seiner »Heiligkeit« und im Himmel stört werden.
auf seinem »Thron« (hisse'). Beides Bitte 6: 6a spielt auf das Gericht mit
sind zusammengehörende Bildaussa- »Regen von Feuer und Schwefel«
92 DIE PSALMEN Ps 12
I über die gewaltbesessene Stadt So- Abschließende Vertrauensäußerung 7:
# dom (Gen 1924 im Horizont von Gen In seiner »GerechtigkeitslieFe«, d'.'h.
1820f) und auf die Epiphanie des vom in der Liebe zu jener Welt- und Le­
Himmel her kämpfenden JHWH bensordnung, die er als »Weltkönig«
(vgl. besonders Ps 188-16) an (zum im­ geschaffen hat und immer neu ver­
mer neu geführten Kampf des Schöp­ wirklichen will (zu JHWH als »dem
fergottes gegen die fsä'lm vgl. auch Liebhaber der Gerechtigkeit« vgl. Ps
Ijob 409-14). 6b greift entweder die 335 3728 994), steht JHWH auf der
Vorstellung vom Becher auf, den der Seite der Gerechten. Auch wenn sie
Hausherr seinen Mahlgenossen von den r'sä'im gejagt werden (vgl.
reicht (vgl. 1 Sam l4f sowie besonders 2), werden sie dennoch JHWHs »An­
Jes 5117: »Zornbecher«), oder vom gesicht« (aus der Tempeltheologie
Becher, aus dem die Schicksalslose stammende Metapher für JHWHs
geschüttelt werden (vgl. zu Ps 165), beschützende, rettende Zuwendung
um ein weiteres Gerichtsbild, das Num 624-26 und seine lebenserhal­
JHWH als »Schöpfergott« kenn­ tende Nähe Ps 16u 1715 u.ö.)
zeichnet, anzuschließen: Der glü­ »schauen« (häzäh wie von JHWH in
hende Wüstenwind wird den Störern 4c), d. h. offensichtlich: Die Blicke
der Lebensordnung ihre »Quellen« JHWHs und der jcsartm treffen sich
austrocknen (vgl. Hos 1315); viel­ (möglicherweise ist mit dem Stich­
leicht denkt der Psalm aber auch an wortbezug sogar angedeutet: das
einen Wüstensturm, der über die Schauen der ßsarim ist ermöglicht
Frevler und ihre Machenschaften durch JHWHs Blicke, vgl. Ps 3610).
hinwegfegt und sie in jeder Hinsicht
| I »entmachtet« (beachte: vom Tod der Erich Zenger
* I Frevler redet der Psalm nicht!).

PSALM 12
HILFESCHREI ZU JHWH, DEM GOTT DER ARMEN

Der Aufbau des Psalms ist konsequent auf die im Zentrum stehende Gottes­
rede 6 hin entworfen (abweichend von EÜ umfaßt diese, mit Ausnahme der
Formel »spricht JHWH«, den ganzen Vers 6, wie die Syntax ausweist: 6a ist ad­
verbiale Bestimmung [Präposition min »wegen«] zum Prädikat in 6b!). Seman­
tisch ist die Gottesrede in zweifacher Hinsicht betont; zum einen greift die
Heilszusage in 6c die Anfangsbitte des Psalms2a auf (2a: hosiäh »rette doch, be­
freie doch!«; 60: äsTt Ifjesd »ich setze in Freiheit«), und zum anderen ist der in
6b strukturell in der Mitte der Gottesrede stehende Gottesname innerhalb der
fünf Vorkommen im Psalm (vgl. 2a-4a-6*>7a-8a) ebenfalls die Mitte (an 3. Stelle!).
Auch die Abfolge der Sprechrichtungen (Sprechakte) ist konzentrisch gestal­
tet: 2"3 Du-Anrede an JHWH, 4"5 Bitte an JHWH in 3. Person Gussiv), 7 Aus­
sage über JHWHs Worte QHWH in 3. Person), 8-9 Du-Anrede an JHWH.
Schließlich sind Anfang und Ende des Psalms durch Stichwortbeziehung ge­
rahmt (»unter den Menschen«; vgl. dazu auch den Nachbarpsalm 114!). Als
sprachlicher Vorgang stellt sich der Psalm demnach so dar: 2-3 Hilferuf mit
Ps 12 DIE PSALMEN 93
zweimaliger Begründung und entfalteter Schilderung der gesellschaftlichen
Krise (zerstörerischer Mißbrauch des menschlichen Wortes);4-5 Wunsch zur
Ausrottung der Frevler, deren schrankenlose Überheblichkeit und faktische
Gottlosigkeit poetisch eindrucksvoll mit einem Zitat zusammengefaßt ist, von
dem sich als Kontrast das in 6 angeschlossene Zitat des Gotteswortes abhebt;
7 antwortet darauf mit einer im nominalen Hymnenstil gestalteten Lobprei­
sung des Gotteswortes; der mit betontem Personalpronomen »Du« (»Du
JHWH bist es, der...«) eingeführte letzte Abschnitt8-9 ist ein Bekenntnis der I
Zuversicht, mit dem sich der Beter der in der Gegenwart immer noch als über­
mächtig erlittenen Gemeinheit der r*$a im widersetzt und zum Widerstand,
der sich in JHWHs Wort gründet, auffordert.
So empfiehlt es sich, den Psalm von der Gattung der prophetischen Klagelitur­
gie her zu verstehen (vgl. auch Ps 14 28), in deren Mittelpunkt der von einem
offiziellen Kultpropheten (falls die Liturgie am Jerusalemer Tempel gehalten
!
wurde) oder von einem »Charismatiker« (falls die Liturgie als Gemeinde- bzw.
Gruppenliturgie außerhalb des Tempels in Jerusalem oder irgendwo im Lande
stattfand) verkündete Gottesspruch stand. Wie die kultprophetische Samm­
lung des Habakuk-Buches belegt, inspiriert sich Ps 12 am Ablauf einer solchen
Liturgie, die mindestens aus drei Elementen bestand: Klage des Liturgen über
die Notsituation (vgl. Hab l2“4 ), Antwort Gottes in der Ich-Form (vgl. Hab
l5-11) und lobpreisender Dank der Gemeinde bzw. des Liturgen für die Ret­
tungszusage Gottes (vgl. Hab 3,8f).
Die Entstehungszeit des Psalms, in dem prophetische und weisheitliche (Kenn­
zeichnung der Bösen in 4f; Worttheologie in 7; der insgesamt stark lehrhafte
Charakter des Psalms) Sprache und Vorstellungswelt zusammenfließen, ist
schwer zu präzisieren; der im Psalm vorausgesetzte sozialgeschichtliche Hin­
tergrund könnte, wie Hab l2-4 belegt, spätvorexilische Zustände ansprechen.
Für diese Datierung spricht die Aufnahme von Ps 12 durch die spätexilische
Redaktion in ihre Teilkomposition 11-14; auf diese Redaktion dürfte 129 zu­
rückgehen (der syntaktische Anschluß von 9 ist schwierig; die in 2-8 fehlende
Gruppe »der Frevler«, die in 9 unvermittelt auftritt, wird dreimal im vorange­
henden Ps 11 erwähnt).
! Innerhalb der Komposition der »Armenpsalmen« 11-14 klagt 12 die in 11 ent­
worfene Vision vom himmlischen Weltenrichter als dem Schutzgott der Ar­
men ein, wobei die in 6 als direkte JHWH-Rede gestaltete Zusage im Horizont
von Ps 3-7 die Konnotationen des rettenden »Lichtgottes« anklingen läßt, der
»jetzt«, d.h. »am Tage«, rettet (vgl. Ps 77 bzw. Ijob ll57 2 5 3).

;
!
121 [Für den Chormeister. Nach der Achten. Ein Psalm Davids.]
2 Hilf doch, o Herr, die Frommen schwinden dahin, 143 Mi 72
unter den Menschen gibt es keine Treue mehr.
1 3 Sie lügen einander an, einer den andern, 3-5: 152f
mit falscher Zunge und zwiespältigem Herzen reden sie. 283 52*-*
5522 116»
4 Der Herr vertilge alle falschen Zungen, 1202f
jede Zunge, die vermessen redet. Ijob 521
5 Sie sagen: »Durch unsre Zunge sind wir mächtig; Jes 593f
Jer 97 :
unsre Lippen sind unsre Stärke. Wer ist uns überlegen?«

-
94 DIE PSALMEN Ps 12
6 Die Schwachen werden unterdrückt, die Armen seufzen. /
Darum spricht der Herr: »Jetzt stehe ich auf,
dem Verachteten bringe ich Heil.«
,g31 ,98f 7 Die Worte des Herrn sind lautere Worte, /
U9140
Silber, geschmolzen im Ofen,
Spr 305
von Schlacken geschieden, geläutert siebenfach.
8 Du, Herr, wirst uns behüten
und uns vor diesen Leuten für immer erretten,
9 auch wenn die Frevler frei umhergehen
und unter den Menschen die Gemeinheit groß wird.

5 Wörtlich: »Wer ist Herr/Herrscher über uns ?«


6 Von der Syntax her muß, abweichend von EÜ, der ganze Vers als direkte
Gottesrede gelesen werden: »Wegen der Vergewaltigung der Schwachen,
wegen des Stöhnens der Besitzlosen stehe ich jetzt auf«, spricht JHWH,
»ich bringe Rettung dem, gegen den man schnaubt.« Andere (weniger
wahrscheinliche) Übersetzungsmöglichkeit: »...ich bringe Rettung dem,
der sich danach sehnt.« Wegen der ungewöhnlichen Konstruktion gibt es
zahlreiche Textkorrekturen.
7bc EÜ nach Vg; MT schwierig: »Silber geschmolzen im Schmelztiegel (?) zur
Erde hin (?) [beide Elemente sind wahrscheinlich eine Glosse], gereinigt
siebenmal.«
8 EÜ nach G Vg; MT; »Du JHWH wirst sie (Rückbezug auf die Schwachen
und Besitzlosen 6a) behüten, du wirst ihn (Rückbezug auf »den, gegen
den man schnaubt« [EÜ: den »Verachteten«]) erretten.«
9b MT kerum schwer verständlich (»wie denn...«); besser mit einigen Mss
und mit G: Ifrum:»auch wenn sich erhebt/groß ist...«; freilich ist zur Not
auch zeitliches Verständnis von kc möglich.

Überschrift ,: Zu den einzelnen Ele­ 594 Mi 72{). Mit »glatten Lippen«,


menten vgl. zu 3l 4l 61. d. h. mit Schmeicheleien und falschen
Versprechungen (vgl. Ps 510 Spr 624
Klage 2-3: Der Hilferuf benennt mit 2628 295), und mit »zweierlei Herzen«
dem Aussterben des Frommen und (vgl. ähnlich die Warnung vor dem
der Treuen eine radikale Auflösung betrügerischen Gebrauch von zweier­
des altüberlieferten JHWH-Ethos, lei Gewichtsteinen für Einkauf und
bei dem Gottes- und Nächstenliebe Verkauf: Lev 1935f Dtn 2513-16 Spr
die Grundsäulen gedeihlichen Zu­ 2010-23), d.h. mit gezielter Täuschung
sammenlebens waren. Insbesondere der »Geschäftspartner« in unter­
wurden offensichtlich verschuldete schiedlichen Situationen oder mit
Kleinbauern und besitzlose Hand­ Einsatz aller psychologischen Mittel
werker durch Scheinprozesse oder von Lüge bis Drohung und von Ver­
durch Zurückweisung ihrer Rechts­ sprechung bis zum Meineid, versu­
ansprüche, aber auch durch Betrug chen die im Psalm inkriminierten
und Einschüchterung wirtschaftlich Leute ihren Reichtum und ihre
und sozial ruiniert (vgl. für die vor- Macht zu steigern - auf Kosten der
exilische Zeit: Am 26f 39f 57 10-12 u. a.; ohnedies Schwachen und Armen.
für die frühnachexilische Zeit: Jes 571
Ps 12 DIE PSALMEN 95
Bitte 4-5: In dem bildhaft-plastischen Handwerker bis zum Tagelöhner
Vernichtungswunsch, JHWH möge und Bettler, denen gemeinsam ist,
die verbrecherischen Lippen und daß sie ihre Existenz nur noch in
Zungen (Realmetapher der Sprech­ wirtschaftlicher Abhängigkeit von
werkzeuge von außen nach innen!) den Mächtigen oder Reichen fristen
»abschneiden«, damit dem überhebli­ können) will JHWH als der König
chen und machtgierigen (das Zitat in seines Volkes, der dieses von äußeren
5a verwendet mit dem verbum gäbar und inneren Feinden befreien muß,
hi. Kriegs- bzw. Siegersprache: vgl. beenden. Hier steht insbesondere
Ex 1711 2 Sam ll23), ja sogar wider­ seine eigene »Exodus-Dimension«
göttlichen (die ironisch hybride Frage auf dem Spiel (vgl. Ex 223-25 37-10 Dtn
in 5b richtet sich auch gegen JFTWH: 26fr_8 u.ö.), aber auch die Gültigkeit
vgl. Ps IO411 14* = 532) Treiben ein des »Exodus-Ethos«, wonach die Si­
Ende gesetzt wird, wird deutlich, daß tuation »des Schwachen« und »des
für den/die Sprecher die gesellschaft­ Besitzlosen« in besonderer Weise
liche Macht der Frevler eine Infrage­ nach selbstloser Hilfe ruft (Ex 2220-26
stellung der Wahrheit JHWFIs selbst Lev 2535-38 u. a.). Da Ps 12 die Schwa­
geworden ist. chen und die Besitzlosen im Plural
nennt, ist anzunehmen, daß es sich
Antwort 6: Mit einer betont an den nicht um »Einzelfälle«, sondern um
Anfang gestellten zweifachen Präpo- eine grundlegende gesellschaftliche
sitionalangabe (EÜ paraphrasiert, Verwerfung (Herausbildung einer
s.o.) nennt JFIWH den Grund seines »Unterschicht«?) handelt, die zu­
Eingreifens: Als Gott des Rechts (mif- gleich die »Wahrheit« der Rede von
sod 'anijjim »wegen der Unterdrük- Israel als »Gottesvolk« (vgl. Ps 144) in
kung der Schwachen«) und als Gott Frage stellt. So ist die pointierte (vgl.
der mitleidenden Güte (me cenqat ebenso Jes 3310) Zeitangabe verständ­
'cebjönim »wegen des Stöhnens der lich: »Jetzt« (nicht erst »am Ende der
Besitzlosen«) muß und will er »sich Tage« o.ä.) erhebe ich mich und bin
erheben/aufstehen« (Anspielung auf bereits im Vollzug, alle die, gegen die
die Ladetradition: JHWH erhebt sich man mit falschen, schmeichelnden
zum Kampf gegen seine Feinde, um oder bedrohenden Worten »bläst und
sein Volk zu retten, vgl. Num 1035 Ps schnaubt« (puah hi. »mit Nachdruck,
682; Vorstellung vom Sonnen-Rich- mit Eifer, mit Gier reden«, insbeson­
ter-Gott, der sich vom Thron erhebt, dere als Lügenzeuge bei Gericht: vgl.
um das Urteil zu sprechen bzw. zu Spr 619 Hab 23, aber auch mit Droh­
vollstrecken, vgl. Ps 77 35223a 828 worten jemanden einschüchtern und
u.ö.). Den »Vernichtungs- und Aus­ ruinieren: vgl. Ps 104f), »ins Heil zu
plünderungskrieg« gegen die >anijjim setzen« (asit b*jesa\\gl. Ps 669), d. h.
(ani »schwach, unterdrückt«, allge­ ich will ihnen wieder Lebensrecht
meiner Begriff für die wirtschaftlich und Lebensraum (be präpositionale
Schwachen, insbesondere die ver­ Ortsangabe), Freiheit von Bedrük-
schuldeten Kleinbauern und die per- kung und Todesangst und insbeson­
sonae miserabiles >Waise, Witwe, dere die ihnen zustehende Reintegra­
Fremdlinge vgl. Jes 102; der Begriff tion in die Gesellschaft geben.
bezieht sich in der Regel auf eine un­
verschuldete, von außen kommende Lobpreis7: Mit der aus der weisheitli-
Not!) und die ‘cebjönim (Leute ohne chen Tradition kommenden Meta­
Grundbesitz, in verschiedenen sozia­ phorik von Wert und Schönheit rei­
len Einbindungen vom kleinen nen Silbers (vgl. Spr 24 IO20 Ijob 2225)
96 DIE PSALMEN Ps 13
wird das in 6 ergangene Gotteswort dern die Bewahrung und der Schutz
von den trügerischen und lebenzer- der Schwachen, Armen und Rechtlo-
störenden Worten der Frevler abge- sen »vor diesem Geschlecht« (Anspie-
setzt. Möglicherweise spielt die Me- lung auf die »Sintflutgeneration«:
tapher auch auf das ruinöse Ge- vgl. Gen 71) der Frevler, die freilich,
schäftsgebaren der Unterdrücker an, wie 9 betont, immer noch und überall
die mit schmutzigem oder billigem ihr Unwesen treiben und sogar mit
Silbergeld ihre Machenschaften trie- ihrer Gemeinheit die gesellschaftliche
ben. und politische Macht übernommen
haben (rüm »in die Höhe kommen«
Vertrauensbekenntnis 8-9: Ziel des = die Macht übernehmen),
göttlichen Eingreifens ist nicht die
Vernichtung der Gewalttäter, son- Erich Zenger

PSALM 13
DRÄNGENDE KLAGE IN GROSSER BEDRÄNGNIS

Von seinen sprachlichen Elementen her (Frage »bis wann«, Imperative »blick
doch her«, »gib doch Antwort«) und vor allem in der Abfolge der Sprechakte
gilt der Psalm als »Muster eines Klageliedes des einzelnen« (H. Gunkel). Er
besteht aus folgenden Elementen:2-3 Klage mit Anrufung des Gottesnamens
und Schilderung der Not; 4-5 Bitte an JHWH um ein Ende der Not, mit
Angabe von Motiven/Gründen, die JHWH zum Eingreifen bewegen sollen;
6 Bekenntnis des Vertrauens zu JHWH, mit Ankündigung eines Loblieds, das
als Zitat wiedergegeben wird (falls in5cd, abweichend von der Sicht der EÜ, ein
neues Satzgefüge beginnt, ergibt sich eine etwas andere Dreiteilung:
2-3.4-5b.5c-6)
Man kann fragen, ob 3b ursprünglich oder eine spätere Einfügung ist. Für die
zweite Möglichkeit sprechen folgende Beobachtungen: a) Kolometrisch ist 3
schwierig. Entweder teilt man in drei Kola auf, dann ist 3b etwas kurz, und
außerdem ist30 ohne paralleles Kolon (weshalb einige Autoren annehmen, hier
sei ein Kolon weggefallen); liest man 3ab als ein Kolon, ist es zu lang; nimmt
man hingegen 3a 3c als das ursprüngliche Bikolon, ergibt sich ein antithetischer
Parallelismus; b) alle Fragesätze in 2f haben je ein Verbum, dagegen muß für3b
die Verbalform aus 3a mitgedacht werden (»double duty«); c) gegenüber der
Kurzform für »Herz« (leb) in 6b verwendet3b die Langform (lebab). Die Einfü­
gung dürfte durch die exilische Armenredaktion erfolgt sein, die die Komposi­
tion 11-14 zusammenstellte (zum verbindenden Zeitmotiv »am Tage« vgl. die
Auslegung).
Zwar fehlen im Psalm semantische oder theologiegeschichtliche Eigenheiten,
durch die er datiert werden könnte. Doch legt ein Vergleich des Psalms mit an­
deren Klagepsalmen, in denen ebenfalls das Verhalten von »Feinden« beklagt
wird, nahe, daß Ps 13 zu den ältesten dieser Psalmen gehört, also aus vor-
exilischer Zeit stammt. Auch das Fehlen der in den jüngeren Psalmen verstärkt
auTtretenden Vernichtungswünsche spricht für vorexilische Herkunft des
Psalms.
Ps 13 DIE PSALMEN 97
Von Ps 13 aus laufen Stichwortverbindungen zu den Nachbarpsalmen 12 und ^
14. Der wahrscheinlich sekundäre Schluß von 12 verwendet in 9b das in 133 ori­
ginär sitzende Verbum rüm »sich erheben«, um mit ihm die verbrecherische
Herrschaft der Frevler zu benennen. Da außerdem das in 135 verkündete Ret­ Ab*
tungshandeln JHWHs den in 122 6 stehenden Begriff jsc verwendet, ist Ps 13
nun im Kontext der Teilgruppe 11-14 als Klagepsalm jener Armen und Be­
drängten zu lesen, für die Ps 12 Partei ergreift; zugleich wird dadurch das in
Ps 13 allgemein bleibende »Feindprofil« sozialgeschichtlich konkret. Dadurch
daß die Redaktion Ps 13 gezielt hinter Ps 12 gestellt hat, beschwört nun die
vierfach wiederholte Frage »Wie lange noch?« das in 126 verkündete »Jetzt«
des Eingreifens JHWHs.

131 [Für den Chormeister. Ein Psalm Davids.]


2 Wie lange noch, Herr, vergißt du mich ganz? 64 4210
Wie lange noch verbirgst du dein Gesicht vor mir? 8947
Klgl 520
3 Wie lange noch muß ich Schmerzen ertragen in meiner Seele, / Hab l2
in meinem Herzen Kummer Tag für Tag?
Wie lange noch darf mein Feind über mich triumphieren?
I
4 Blick doch her, erhöre mich, Herr, mein Gott,
erleuchte meine Augen,
damit ich nicht entschlafe und sterbe,
5 damit mein Feind nicht sagen kann:
»Ich habe ihn überwältigt«,
damit meine Gegner nicht jubeln,
weil ich ihnen erlegen bin.
6 Ich aber baue auf deine Huld,
mein Herz soll über deine Hilfe frohlocken.
Singen will ich dem Herrn,
weil er mir Gutes getan hat.

3a MT ’eföt »Pläne, Überlegungen, Beschlüsse, Ratschläge« (so auch G


ßouXai und Vg consilia) erscheint vielen Auslegern als schwierig (vgl. auch
I die Anm. der EÜ: »H ist unverständlich«); meist wird (so auch EÜ) der
Text korrigiert zu 'fbt f afäböt) »Schmerzen». MT kann dennoch beibe­
halten werden, wenn eföt jene Gedanken und Überlegungen (»Grübeln,
Sorgen«) bezeichnet, mit denen der Leidende angesichts seiner Situation
fortwährend (Plural!) »seine Seele« beschäftigt.
3b jömäm »am/bei Tage«. Hier haben schon mehrere griechische Hand­
schriften Kai vukto«; »und in/bei der Nacht« ergänzt. Das ist die übliche
Zeitangabe, wenn endlos erscheinendes Leid beklagt wird (z. B. Ps 223 324
5511 Jer 823). Manche Autoren schlagen ursprüngliches jöm jöm »Tag für
Tag« vor (so offensichtlich auch EÜ). Will man (richtiger) MT beibehal­
ten, könnte die Angabe als Steigerung verstanden werden »sogar bei
Tage« (s. u.).
6cd Als Zitat des in6b angekündigten »Jubellieds« zu lesen.
98 DIE PSALMEN Ps 13
Überschrift1: Vgl. zu Ps 3‘ 41. Bild: Der Beter empfindet den Feind
als übermächtigen Angreifer, der ihn
Klage 2-3: Die vierfach wiederholte niederdrücken und vernichten will.
Frage impliziert ein Doppeltes: Ei­
nerseits drückt sie als an JHWH ge­ Bitte 4-5: 4a ruft nach einer Antwort,
richtete Frage Vorwurf und Anklage die dem Leidenden deutlich macht,
aus, aber andererseits spricht aus ihr daß JHWH ihn eben nicht vergessen
die Hoffnung, daß JHWH der be­ hat, sondern ihn kennt und um seine
klagten Situation ein Ende setzen Not weiß. 4b ist nicht, wie manche
wird, ja muß. Die beiden ersten Fra­ Ausleger meinen, Bitte um Heilung
gen 2 klagen darüber, daß der Beter von einer Augenkrankheit, aber auch
sich von seinem Gott »vergessen« und nicht um Beendigung einer metapho­
vernachlässigt empfindet. Nach sei­ risch gemeinten Blindheit des Her­
ner Auffassung widerspricht es dem zens. Die Bitte muß vor dem Hinter­
innersten Wesen JHWHs, daß er grund der Rede von den matt,
eine einmal eingegangene Beziehung schwach und alt gewordenen Augen
»vergißt« (vgl. Ps 4210 Jes 49Mf sowie als Metapher für tödliche Krankheit
als Kontrast JFTWHs »Gedenken«: sowie für Schwinden von Lebensmut
Gen 8‘ Ex 224 65 Ps 85 u. ö.) und daß er und Lebenskraft (vgl. Dtn 347 Ps 68
sein Leben und Glück verströmendes 38n Klgl 517*) angesehen werden.
Angesicht (vgl. Ps 1611 1715 Num Der Imperativ zielt also auf die Er­
£24-26) von Menschen, die bei ihm Zu­ neuerung der Lebenskraft - und
flucht suchen, abwendet. Die dritte zwar, so legt es die strukturelle Ent­
Frage 3a stellt die psychische Dimen­ sprechung von 4b zu 2b nahe, dadurch,
sion des Leids dar. Seine »Seele«, daß JHWHs Angesicht sich ihm wie­
d.h. sein Lebenszentrum, ist im­ der zuwendet, d.h. indem JHWHs
merzu besetzt mit »Sorgen« bzw. mit und des Beters Augen sich treffen!
»Grübeln« (zu dieser Bedeutung von Den negierten Finalsätzen 4c_5 liegt
l 'eföt vgl. Sir 3021) darüber, warum die Vorstellung zugrunde, daß der
und wozu er dies erleiden muß. Alle Beter aus dem Herrschaftsbereich
seine Gedanken kreisen nur noch um JHWHs ausscheiden und JFLWH
sein Leid - und um die wirkliche oder selbst eine »Niederlage« erleiden
befürchtete Reaktion seines »Fein­ würde, wenn der Beter defintiv in den
des« darauf (vgl. 3c). 3b steigert: »der Machtbereich des Todes käme (vgl.
Kummer« ist nach Ausweis von Gen Ps 66 881M3) und zum Opfer seines
4238 4431 eine Gemütsverfassung, die Feindes würde.
den von ihr Betroffenen in das Grab
bringt; außerdem vollzieht sich dies Vertrauensbekenntnis 6: Der »Stim­
»sogar am Tage«, d. h. in der Zeit, die mungsumschwung« muß nicht, wie
doch eigentlich die Zeit des Heils ist. manche Ausleger meinen, durch ei­
Die vierte Frage 3c beklagt die soziale nen tröstenden Zuspruch ausgelöst
Dimension des Leids. Was mit dem sein, den zwischen der zweiten und
Verbum rüm »sich erheben« konkret der dritten Strophe ein Liturge (Kult­
gemeint ist, läßt sich zwar auch aus prophet, Priester beim familiären
dem Redezitat 5a nicht im Detail er­ »Bittgottesdienst«) im Namen Gottes
schließen (als Gebetsformular bleibt erteilt hätte, sondern er gehört zur
der Psalm ohnehin für viele Verwen­ Dynamik des Psalms als Gebetsge­
dungssituationen offen), doch im­ schehen Im Unterschied zu häsäh
merhin bietet die Zusammenschau »vertrauen«, das den Vorgang be­
der beiden Aussagen ein plastisches zeichnet, durch den jemand Zuflucht
Ps 14 DIE PSALMEN 99
und Vertrauen sucht, meint das in 6a die Kampfmetaphorik in der Be­
verwendete Verbum bätah das posi­ schreibung des Feindes 3c,5a) und als
tive Ergebnis dieses Vorgangs, das »Sieg« (über den Tod: vgl. 4c) beju­
Festsein und Festbleiben im Ver­ beln will ^ und das andererseits in
trauen. Der Raum, in dem der Lei­ dem Zitat des Danklieds 601 (Formele­
dende seine Gelassenheit gefunden mente: Selbstaufforderung zum Sin­
hat, ist JHWHs b^sced »Güte«, d.h. gen, kl in der Doppelfunktion von
jene großzügige und liebende Zu­ Begründung und Deixis, Bericht über
wendung, in der JHWH sich selbst JHWHs Handeln in 3. Person als In­
dem Beter mitteilt. Auf diese Erfah­ halt bzw. Durchführung des Liedes
rung der ihm geschenkten Gottesge­ mit dem Verbum gämal; vgl. ähnlich |
wißheit antwortet der Psalm abschlie­ Ps 1167 1428) einen theologisch ge­
ßend mit dem entfalteten Lobverspre­ wichtigen Schlußakzent setzt.
chen 6b_d, das einerseits JHWHs Zu­
A
wendung als »Hilfe, Rettung« (vgl. Erich Zenger
1

PSALM 14
JHWH ALS RETTER SEINES ARMEN VOLKES

Abgesehen von den unterschiedlichen Lösungsvorschlägen zur Herstellung ei­


nes lesbaren Textes in 4-6 (manche Autoren verzichten sogar darauf, im Kom­
mentar einen vollen Text wiederzugeben!) werden vor allem drei Problem­
kreise kontrovers diskutiert:
1. Da der Psalm beinahe wortgleich noch einmal als Ps 53 im Psalmenbuch
überliefert ist, stellt sich die Frage nach dem Verhältnis der beiden Fassungen
zueinander. Meist wird (wohl mit Recht) angenommen, daß die Fassung von
53 eine gezielte Veränderung von 14 ist. Manche Autoren wollen nachweisen,
daß die Abweichungen von 53 auf Hörfehler (!) zurückgehen.
2. Die unterschiedlichen Auslegungen lassen sich auf zwei Grundtypen redu­
zieren, je nachdem ob der Psalm als Klage und Gewaltandrohung über Feinde
Israels (Philister, Babylonier u.a.; man sucht sogar ein Wortspiel näbäl = Ba­
bel!) verstanden wird, oder ob ein innerisraelitischer Gruppen- bzw. Schich­
tenkonflikt als sozialer Kontext vorausgesetzt wird.
3. Kontrovers ist die Einzelfrage, wer der Sprecher von 4 ist. Falls es JHWH
ist, setzt mit4 bereits die (kultprophetisch geschaute) Antwort JHWHs auf das
verbrecherische Treiben der »Toren« ein. Falls es der (kultprophetische) Spre­
cher des Psalms ist, ist4 Höhepunkt seiner Klage, auf die dann erst5 die Reak­
tion JHWHs konstatiert.
Der ursprüngliche Psalm umfaßte nur ,-5. Er inspiriert sich an der Gattung der
»prophetischen Klageliturgie« (vgl. zu Ps 12 28); allerdings fehlt das (lobprei­
sende) Antwortelement. In seiner narrativen Struktur, die einleitend das Trei­
ben der Toren mit Zitat präsentiert und ausleitend ihr Ende konstatiert, be­
rührt der Psalm sich mit Ps 36. Er mischt weisheitliche und prophetische Über­
lieferung. Wegen der Nähe von 1 zu Hos 4lf Zef 37 und von 4 zu Mi 33 Hab 314
könnte er spätvorexilisch sein.
100 DIE PSALMEN Ps 14
Er gliedert sich in vier Abschnitte: Klage über das verbrecherische Treiben der
Toren richterliche Untersuchung durch JHWH 2-3, Vorwurf und Urteil
JHWHs in direkter JHWH-Rede 4, Folge des JHWH-Urteils für die Übel­
täter 5. Daß 4 nicht als (kultprophetische) Klage, sondern als direkte JHWH-
Rede gemeint ist, legt sich vom Zusammenhang (nach 2-3 führt JHWH vom
Himmel aus die Überprüfung durch und kommt zu einem eindeutigen Ergeb­
nis; 4 ist dann seine Reaktion darauf) und vom Sprachgebrauch (»mein Volk«
begegnet im Psalter mit Ausnahme von 5912 78' immer in einer direkten
JHWH-Rede; so auch in der Prophetie, mit Ausnahme von Mi 33) her nahe.
Wie Ps 46“ 753f 9114-16 zeigen, kann eine Gottesrede eingesetzt werden, ohne
daß sie explizit als solche eingeleitet wird. Daß innerhalb dieser Rede JHWH
von sich in 3. Person spricht, ist zwar ungewöhnlich, aber nicht unmöglich,
wie sich z. B. an Ps 5014-22 758 8116 erkennen läßt. Die vier Abschnitte bilden ei­
nerseits einen linearen Geschehenszusammenhang, andererseits sind sie inso­
fern zugleich chiastisch strukturiert, als die beiden äußeren Abschnitte das
Verhalten bzw. das Geschick der Toren und die beiden inneren Abschnitte die
Reaktion JHWHs beschreiben. Dabei scheint der Wechsel von Gattungsbe­
griff »Gott« und Eigenname JHWH (EÜ: »der Herr«) ein theologisches Pro­
gramm anzudeuten: Das Eingreifen JHWHs soll die gottlosen Toren dazu
zwingen, ihre Einstellung zur Gottesfrage grundsätzlich zu revidieren.
6 hebt sich (sowohl in der Lesart der EÜ wie in der von uns favorisierten) als
»Ihr-Anrede« deutlich von 1-5 ab. Nachdem der Sprecher seine »prophetische
Vision« erzählt hat, wendet er sich nun direkt an die, deren Treiben in 1-5 ver­
urteilt wurde. Der Vers dürfte kaum ursprünglich sein (wie die Parallele Ps 36
bestätigt, markiert5 einen Abschluß; in 1-5 fehlt die in 6 erscheinende Armen­
perspektive, diese ist in 126 ursprünglich und mit Blick darauf hier eingetra­
gen). Er stammt von der exilischen »Armenredaktion«, die 141-5 in die Teil­
gruppe Ps 11-14 (bzw. Ps 3-7 8) eingebunden hat, in der die »Eckpsalmen« 11
und 14 motivlich aufeinander bezogen sind. Beide setzen mit der gleichen
Schilderung des geradezu chaotischen Treibens der Gottlosen ein und stellen
dagegen das Bild von JHWH, der als Weltkönig von seinem himmlischen
Thron aus sein universales Richteramt ausübt (114-6 142) und sich als »der Ge­
rechte« (113-5-7) dadurch bewährt, daß er auf der Seite »der Gerechten« (145)
steht. Die Abfolge der Psalmen 11-14 ist so arrangiert, daß sie sich als ein be­
tender Prozeß begreifen lassen, der die Gewißheit einüben will, daß JHWH
der Schutzgott »der Armen« ist.
Die erst auf die nachexilische »Armenredaktion« zurückgehende Schlußbitte 7,
durch die der Psalm die Funktion einer Volksklage erhält, bildet zusammen
mit 39b eine Klammer um die Komposition 3-14. Sie bittet, angesichts der ge­
sellschaftlichen Zerklüftung Israels und der Bedrohung durch äußere Feinde,
um die Restitution des Gottesvolkes vom Zion aus - als dem Ausgangspunkt
der (universalen) Gottesherrschaft.

Ps 53 14* [Für den Chormeister. Von David.]


104 Jes 326 Die Toren sagen in ihrem Herzen:
Mi 72 »Es gibt keinen Gott.«
1-3:
Röm 3,CM2 Sie handeln verwerflich und schnöde;
da ist keiner, der Gutes tut.
Ps 14 DIE PSALMEN 101
331>-15
2 Der Herr blickt vom Himmel herab auf die Menschen,
ob noch ein Verständiger da ist, der Gott sucht.
3 Alle sind sie abtrünnig und verdorben, 122 Gen 612
keiner tut Gutes, auch nicht ein einziger.
4 Haben denn all die Übeltäter keine Einsicht?
Sie verschlingen mein Volk. Mi 33
Sie essen das Brot des Herrn,
doch seinen Namen rufen sie nicht an.
5 Es trifft sie Furcht und Schrecken;
denn Gott steht auf der Seite der Gerechten.
6 Die Pläne der Armen wollt ihr vereiteln,
doch ihre Zuflucht ist der Herr.
7 Ach, käme doch vom Zion Hilfe für Israel!/
Wenn einst der Herr das Geschick seines Volkes wendet, 126lf
dann jubelt Jakob, dann freut sich Israel. Jes 35‘°

MT näbäl »Tor« Sg; EÜ pluralisch, da kollektiv gemeint. - Der Psalm


verwendet bis 5 durchgängig (konstatierendes) Perfekt, das in 5 als »pro­
phetisch-visionäres« Perfekt zu verstehen ist.
3b Da hier,d wörtlich wiederholt wird, sollte nicht anders übersetzt werden!
MT schwierig. EÜ zieht gegen MT »Brot JHWHs« als Constructus-Ver-
bindung zusammen und ergänzt s'mö »seinen Namen« (oder punktiert sie
säm »plötzlich« am Anfang von 5 als semöund zieht dies nach 4?). Zu ande­
ren Übersetzungsmöglichkeiten vgl. die Auslegung.
5 EÜ läßt die lokale Deixis säm »da, dort« unübersetzt. Wörtlich: »Dort
schrecken sie zusammen im Schrecken.«
6 MT täblsü »ihr beschämt, macht zuschanden« im Textzusammenhang
kaum sinnvoll; höchstens wie EÜ »...wollt ihr...« oder: »Den Plan des
Armen könnt ihr zwar beschämen, aber JHWH ist doch seine Zuflucht.«
Wahrscheinlicher: tobtsü»ihr werdet zuschanden, ihr scheitert«, nämlich:
»am Plan des Armen, denn...«. MT 'äni»Armer« Sg; EÜ pluralisch, da
kollektiv gemeint.
7c Die Präformativkonjugation ist hier (wahrscheinlicher) Jussiv: »soll ju­
beln/sich freuen«.

Überschrift u: Vgl. zu 31 41. gewöhnlich als Ausdruck eines prak­


tischen Atheismus, doch wird damit
Die prophetische Vision ,b"s: Mit einer verdeckt, daß die in ,dc aus der Got-
weisheitlichen Klage 1 über »den tesleugnung resultierenden Taten
Tor« bzw. »die Toren« (da ld plura- »der Toren« Ausdruck fundamenta-
lisch fortfährt, ist klar, daß der Singu- 1er Gottlosigkeit sind. Die Perversion
lar von lb kollektiv gemeint ist) wird ihres Tuns ld erinnert an die Ver-
der Psalm eröffnet. Das den Toren in derbtheit, die zur Sintflut führte (Gen
,c in den Mund gelegte Zitat, das 612; vgl. auch Zef 37), aber auch an
wortgleich im Mund der Frevler in Ps die prophetischen Summarien Jes
104 begegnet, kennzeichnet man für S94-8 Jer 51“6 91-8 Hos 4lf. Durch die
102 DIE PSALMEN Ps 14
stilistische Parallelität von ,c und ,c Priesterschaft gedeutet, die zwar
unterstreicht der Psalm, wie eng der JHWHs Brot essen (Anspielung auf
Gottesglaube und die Ethik des All­ den Opferkult: vgl. Lev 2122) und in
tags Zusammenhängen. Wer sich und seinem Dienst stehen (zu dieser Be­
sein Leben in Gott gründet, der läßt deutung von »Brot essen« vgl. Am
sich auf das Guttun als eine das Le­ 712), aber in ihrem Alltag nicht
ben insgesamt mehrende Kraft ein JHWH-gemäß leben, ja sogar ihre
(vgl. Ps 373, aber auch Am 5Mf), w0_ Opfer durch Vernichtung der Klein­
hingegen »der Tor« sein Nein zu bauern ermöglichen (vgl. die prophe­
Gott zugleich als ein Nein zur Ge­ tische Kultkritik). Zwei andere Über­
meinschaft praktiziert. Mit dem auch setzungsmöglichkeiten: 1. »Sie essen
in Ps 11* 3313"15 1 0220 belegten Bild Brot, den Herrn aber rufen sie nicht
von JHWH, der von seinem himmli­ an«, d.h. sie nehmen aus JFTWHs
schen Palast aus seine Blicke über die Hand »Brot« (= seine Gaben) entge­
einzelnen Menschen hinweggehen gen, aber dies bewegt sie nicht zur
läßt, um sie daraufhin zu prüfen, ob rechten JFTWH-Anerkenntnis (vgl.
sie aus Einsicht in die von ihm ge­ Dtn 82-11 Hos 210). 2. »Haben denn
setzte Ordnung leben und handeln 2, all die Übeltäter keine Einsicht, die
bestätigt der Psalm in 3: Gottes Prü­ ihr Brot essen, dadurch daß sie mein
fung ergibt, daß »alle« (Hyperbel!) Volk fressen, den Herrn aber nicht
vom rechten Weg abgewichen (Dtn anrufen?« Wo Arme bedroht und ver­
1116 1717 Jer 523) und daß sie insge­ nichtet werden, muß JHWH aus
samt und gemeinsam (jafjdäw) »ver­ Treue zu sich selbst und zu der von
dorben« (älafj ni. »verderben« wie ihm mit seinem Volk begonnenen
Milch, Obst usw.) sind. Die abschlie­ Geschichte eingreifen. Der Psalm
ßende Hyperbel3c will die ganze Dra­ hält dies fest, indem er in 5 die Wir­
matik und scheinbare Ausweglosig­ kung dieses Eingreifens beschreibt,
keit der Situation zusammenfassen, wobei die Partikel säm »da« (vgl. ähn­
angesichts derer der himmlische lich Ps 3613) am Anfang von 5 den en­
Weltregent handeln muß. gen Zusammenhang zwischen der
4-5 Mit seiner als direkte Rede wie­ JHWH-Rede und der Wirkung un­
dergegebenen Frage * brandmarkt terstreicht. (Anspielung auf den Tem­
JHWH das Treiben der »Unrechttä­ pel, an dem die Scheidung zwischen
ter« als brutalen Vernichtungskrieg, »Gerechten« und »Frevlern« erfolgt?;
wie ihn sonst die »heidnischen« Völ­ vgl. die Tempelperspektive in der
ker gegen das Gottesvolk geführt ha­ Teilgruppe Ps 3—14 sowie den Nach­
ben (Ps 796f Jer IO25). Ihre fehlende barpsalm 15.) JHWH beendet diesen
Gottes(an)erkenntnis und ihre Vernichtungskrieg durch den „Got­
JHWH-Vergessenheit führen dazu, tesschrecken«, der die feindlichen
daß sie buchstäblich von ihrem rück­ Angreifer verwirrt und lähmt (vgl. zu
sichtslosen »Wohlstandskannibalis­ pähadds Topos im Vorstellungskom­
mus« (H. W. Wolff) leben, indem sie plex des sog. JHWH-Kriegs: Ex 1516
Kleinbauern und Handwerker, ja so­ Dtn 225 ll25 u.ö.). Der numinose
gar Besitzlose »auffressen« (vgl. Mi Schrecken, der von JHWH ausgeht
33 Hab 314 Ps 272 Spr 3014). In ihrer (vgl. 1 Sam ll7 2 Chr 1413 u.ö.), fällt
»Freßlust« merken sic gar nicht, daß auch über Frevler (Ijob 1521 2210) und
sie »sein Volk« verzehren, also ihn Götzendiener (Jes 210,19-21 49"). um
selbst bedrohen! Die von EÜ für4 ge­ ihnen die gotteslästerliche Dimension
wählte Übersetzung wird von man- ihres Tuns und Denkens bewußt zu
chen Auslegern als Attacke gegen die machen.
Ps 15 DIE PSALMEN 103
Der Gott der Armen6: Weil und wenn (zur »Zionsperspektive« in der Kom­
JHWH sich als uneinnehmbare und position Ps 3-14 vgl. 35) die Rettung
»seine« Armen schützende Zufluchts­ als eschatologische Heilswende, bei
burg erweist (vgl. den Rückbezug der Israel wieder als »Volk JHWHs«
nach ll1 sowie 462 613), werden die zu einer brüderlichen (geschwisterli­
Gottlosen scheitern - und zwar ge­ chen) Solidargemeinschaft im Sinne
rade »am Plan des Armen«, der sein der Anfänge und nach dem Entwurf
Leben voll auf JHWH gründet. Von der deuteronomischen Theologie
dieser Gerichtsbotschaft her fällt wird und als solche in Freiheit von
kräftige Ironie zurück auf die in 1 zi­ jeglicher Bedrückung durch Feinde
tierte Meinung der Toren: für sie ist von innen und von außen leben kann
Gott wirklich nicht als rettender (zu diesen Implikationen der in der
JHWH da! Die Unterdrücker müs­ exilischen und nachexilischen Zeit
sen und werden deshalb scheitern, breit belegten Wendung süb s'büt
weil JHWH selbst einen Plan mit sei­ »die Wende wenden« vgl. Dtn 303 Ez
nem Volk hat. 1653 2914 Am 914 Hos 6“ Joel 41 u.ö.
sowie besonders Ps 12614).
Die Schlußbitte 7: Sie erfleht durch
den vom Zion aus wirkenden JHWH Erich Zenger

PSALM 15
DIE BEDINGUNGEN FÜR DEN EINTRITT INS HEILIGTUM

Der alte Orient (Ägypten, Mesopotamien) kennt rituell-moralische Einlaßbe­


dingungen für die Tempelbezirke. Das AT kann die Zulassung zur »Gemeinde
JHWHs« regeln Dtn 232-9 oder Nachrichten über die Prüfung am Tempeltor
übermitteln 2 Chr 2319 Ps 118,9"2°. Demnach wurden auch in Israel Kultteil­
nehmer auf ihre kultisch-moralische Integrität befragt. Der spezifische Dialog,
( der die Struktur von Ps 15 243-5 Jes 33 14-16 bestimmt, ist zu Recht immer wie-
der mit obiger Prüfung in Verbindung gebracht worden. Die drei genannten
Texte verbindet neben unterschiedlich intensiven Wortbeziehungen miteinan­
der vor allem ein- und dasselbe Schema: Zur Einleitung eine Frage, wer sich
I
am Kultort in der Nähe JHWHs aufhalten darH~im~Korpus Tie _ntwort mit
Angaben zum gewünscIuerrVerhaIten~3es"Kultteilnehmers; am Ende eine ab­
schließende Auskunft für, die Folgen sofcHenVerhaltens. "Die Reihung der
Verhaltensanglaben im Korpus des Schemas hat man in der Exegese mit ande­
ren Gebotsreihen in Verbindung gebracht, wie z. B. mit dem Dekalog. Der
Vergleich scheitert daran, daß für das Schema der EinlaßliturgieTTie Zennzahl
der aufgereihten Verhaltensangaben völlig bedeutungslos und nicht zu bele­
gen ist und sich selbst für den Dekalog erst in zweiter Linie auf redaktioneller
Stufe formgebend auswirkt. Die Angaben zu vergangenen Einzeitaten des
Kultteilnehmers hat man an die Beichte im Stil von Dtn 2612-14 angenähert.
Beide verbindet der Rekurs auf vergangene Taten, wobei aber im Unterschied
zur Beichte für die obigen drei Texte nicht die erste Person des Bekennenden
gefordert ist. Zwar ist bei der Beichte wie beim Schema der Einlaßliturgie die
104 DIE PSALMEN Ps 15
Situierung am Kultort gegeben, aber Ein- und Ausleitung gehen in verschie­
dene Richtungen. Eine gewisse Verwandtschaft besteht auch zur Beschrei­
bung des Gerechten in Ez 185"9* sie bezieht sich vor allem auf die dortige Rei­
hung von Verhaltensmerkmalen des Gerechten und die vermutete priesterlich-
kultische Situierung der Beschreibung. Allerdings weichen die Einleitung
Ez 185 (Kasuistischer Rechtssatz als Überschrift und These) und die Auslei­
tung Ez 189 (Zusammenfassung und priesterliche Deklarationsurteile) von der
Rahmung des Schemas der Einlaßliturgie ab. Innerhalb der drei, durch das
Schema verbundenen Texte behauptet Ps 15 eine Sonderstellung. Das Schema
deckt hier einen einzelnen Psalm ab, wohingegen es an den beiden anderen
Stellen mit dem Kontext verwoben ist. Die Selbständigkeit des Schemas in
Ps 15 bedingt wahrscheinlich auch die komplexere Ausführung. Die Aus­
gangsfrage 151 ist im Gebetsstil gehalten (im Unterschied zu Ps 243 Jes 3314).
Im Korpus variieren die Satztypen stärker als bei den beiden anderen Stellen.
Die Selbständigkeit und Eigenart von Ps 15 stimuliert zur Suche nach Paralle­
len im Kontext des ersten Davidpsalters. Dem Schema nahekommt die Un-
schuTdserklärung im Bittgebet des Gerechten in Ps 55-8 (einleitende Feststel­
lung über die Unvereinbarkeit von Sünder und JHWH-Nähe mit Wortent-
sprechung zu 151, Beschreibung des Sünders durch Satzreihen, ausleitende
Aussage über den Zugang des Beters zum Tempel). Viel Wort- und Sachan-
klänge enthält die Unschuldsbeteuerung im Bittgebet des bedrängten Gerech­
ten 173“5 (Motiv der göttlichen Prüfung, die Wegterminologie, die Rede vom
Innern, d.h. Herzen, und vom Nicht-Wanken des Beters). Schließlich fallen
die Bezüge zum Schema und zu Ps 15 in der Unschuldserklärung des Bittgebe­
tes eines Gerechten in Ps 263-7 auf (einleitende Erklärung über den gerechten
Wandel des Beters 263, Reihung von Auskünften über das vergangene und ge­
genwärtige Verhalten 264-5, Schluß mit der Erklärung zum persönlichen Zu­
gang zum Heiligtum in der Aussage über die rituelle Händewaschung und den
Altarumgang 266f).
Diese genannten Anklänge an die Einzugsliturgie stehen darüber hinaus in
einer manchmal textlichen als auch sachlichen Nähe zum Motiv des göttlichen
Prüfens, wobei JHWH den Beter bis auf »Herz und Nieren« durchschaut.
Dieses Motiv taucht wiederum in Bittgebeten des Gerechten auf (Ps 710 173
262) ebenso wie in den Armenpsalmen ll4f 142.
Im Kontext des ersten Davidpsalters lag also die Einzugsliturgie von Ps 15 »in
der Luft«.
Mit den nahen Verwandten aus dem ersten Davidpsalter (Ps 517"26) ist Ps 15
durch den Gebetsstil in der Einleitungsfrage verbunden - ein erstes Indiz, daß
wir hier keine rubrikengetreue Widerspiegelung der Einzugsliturgie vor uns
haben. Denn Ps 15 macht keine Angaben, wer den Dialog zwischen Fragestel­
ler und Antwortendem führt und wo er stattfindet. Das alles ist aus den ein­
gangs angegebenen verstreuten Nachrichten zu erschließen. Traditioneller­
weise wird der Frager mit dem identifiziert, der an den Tempeltoren um Ein­
laß bittet und nacKTragt. Adressat se”iner~FrageTsT3eFdäfür zuständige“Priester
bzw. Schwellenhüter in der Funktion eines Mittlers und Stellvertreters
JHWHs. Er gibt die Antwort und spricht auch die abschließende Auskunft
aus. Ps 15 ist überhaupt nicht an der Rollenverteilung und an der rubrizisti-
schen Stimmigkeit des liturgischen Vorgangs interessiert. Ein weiteres Indiz
für dieses Desinteresse liefert die abschließende Auskunft über die Folgen des
richtigen Verhaltens. Sie entspricht nicht exakt der erwarteten Bestätigung
Ps 15 DIE PSALMEN 105
durch eine Eintrittserlaubnis im Stile etwa von Ps 58 oder 266. Ihre Aussage ist
der Sache nach (Tun-Ergehen-Zusammenhang) und der Sprache gemäß (vgl.
den Unterschied zur priesterlich-kultischen Sprache in Ps 245) weisheitlich ge­
prägt.
Dieser Einzelzug paßt zur Gesamttendenz des Psalms, möglichst knapp und
umfassend den eintrittswürdigen Gerechten zu beschreiben und vorbildhaft
vorzustellen. Demnach ist Ps 15 eine weisheitlich beeinflußte Anlehnung an
die Einzugsliturgie. Das verbietet, Ps 15 von vornherein zum alten Ürexem-
plar einer Einzugsliturgie zu machen und z. B. dem Ps 243-5 vorzuordnen. Die
Einzugsliturgie haben wir nur in indirekter Widerspiegelung vor uns; sie bleibt
ein mit Plausibilität erschlossenes Stück Liturgie des Jerusalemer Tempels. Die
Verbindung von kultischer Tradition und weisheitlicher Prägung macht eine
Einstufung in die spätvorexilisch-exilische Zeit möglich. Ps 15 ist nicht einheit­
lich.
Auf 4 fällt der Verdacht des Sekundären. Die elaborierte Sprache der aufge­
reihten Kurzsätze 2 3 wird zugunsten prosaischer Satzgefüge aufgegeben. Jetzt
geht es nicht mehr nur um gerechtes Einzel-, sondern auch um richtiges Grup­
penverhalten. Der Gerechte weiß, wohin er gehört - zur Gruppe der JHWH-
Treuen und JHWH-Fürchtenden, die sich von den Verworfenen, d.h. den
Frevlern abgrenzt. Die in 4b geforderte Treue zum einmal gegebenen Schwur
hat zwar eine Parallele in Ps 244, verweist aber im Sprachgebrauch auf die
nachexilische Zeit. Die erste Zeile von 5 scheint zu den negierten Verbalsätzen
von 3 zurückzukehren. Allerdings fehlt die Betonung des Nächsten wie in 3,
und vor allem wechselt das Interesse von allgemeinen, die Zucht in der Rede
hervorhebenden Sätzen zu konkreten Maximen sozialen Verhaltens (Zins-
nahme und Bestechung), die aus den Gesetzeskorpora des Pentateuch geläufig
sind. Aus diesen Gründen werden 4 und die erste Zeile von 5 für eine nachexili­
sche Erweiterung gehalten.
Eine exilische Redaktion hat Ps 15 hinter die Armengebete Ps 11-14 einge­
stellt. Jetzt greift Ps 15 deren Nöte und Klagen auf und wendet sie ins Positive.
Die Leitfigur desjenigen, der das Rechte tut, ist der Gegenspieler des »Übel­
täters« (vgl. Ps 56-13 144-5 36IU3). Den Übeltäter trifft im Tempel »Furcht und
Schrecken« (145), der Gerechte hat freien Zugang (152ff). Die Anfechtungen
des Armen aus Ps 113 122-4 141-3 werden durch den Gerechten widerlegt. Der
Nachbarpsalm 16 besitzt zwar punktuelle Anspielungen an Ps 15, ihm fehlt
aber dessen Tempelperspektive. Über Ps 16 hinweg ist von Ps 15 eine Brücke
zu schlagen zum Bittgebeteines Gerechten in Ps 17 (vgl. die Unschuldsbeteue­
rung 17ws.o. und die Tempelperspektive in 178 M). MitPs 151-3-5* entwirft die
exilische Redaktion das Leitbild des Beters für die Psalmen 15-24. Die nach­
exilische Redaktion identifiziert ihn in 154-5* als Mitglied der Gruppe der
JHWH-Fürchtigen.

15' [Ein Psalm Davids.]


Herr, wer darf Gast sein in deinem Zelt,
wer darf weilen auf deinem heiligen Berg?
2 Der makellos lebt und das Rechte tut; / 2f: 123-5
der von Herzen die Wahrheit sagt
106 DIE PSALMEN Ps 15
3 und mit seiner Zunge nicht verleumdet,
der seinem Freund nichts Böses antut
und seinen Nächsten nicht schmäht;
4 der den Verworfenen verachtet,
doch alle, die den Herrn fürchten, in Ehren hält;
der sein Versprechen nicht ändert,
das er seinem Nächsten geschworen hat;
Ex 2224 238 5 der sein Geld nicht auf Wucher ausleiht
und nicht zum Nachteil des Schuldlosen
Bestechung annimmt.
Wer sich danach richtet,
der wird niemals wanken.

EÜ übergeht das zweite »und«.


3 EÜ geht mit der Abfolge von Asyndese, Asyndese, Syndese frei um und
schaltet das Tempus (Vergangenheit) mit dem von 2 (Präsens) gleich.
Der erste Satz heißt wörtlich: Der Verworfene ist in seinen Augen verach­
tet. Der Versteilb wird nach G frei übersetzt. Die traditionelle Textkritik
stellt für diesen schwierigen Versteil zwei Möglichkeiten zur Wahl: mit
G zu konjizieren (so EÜ) oder es beim MT zu belassen und ihn als Brevi-
loquenz von Lev 54 zu verstehen: Er hat (unbesonnen) zu (seinem) Scha­
den geschworen und ändert nicht. Letztere Möglichkeit ist die sparsa­
mere und deswegen vorzuziehen. Beide Leseweisen zielen auf die Verläß­
lichkeit des Schwurs.
5 EÜ nivelliert in der ersten Zeile wieder die Vergangenheit durch Rück­
zug aufs Präsens.

Überscbriß *: Der Struktur nach bil­ alten variationsreichen Benamung


den die Überschriften der Ps 15-17 des Jerusalemer Tempels, d.h. der
eine Gruppe. Eine wechselnde Gat­ Zionstradition. »Zelt JHWHs« ist
tungsangabe (hier: Psalm) mit der eine archaisierende Metapher (vgl.
Autorenangabe. Ps 275f 615 7860). Der »heilige Berg
JHWHs« erinnert an die erhöhte
Eingangsfrage 1: Die Doppelfrage er­ Lage der Kultstätten. Für Israel ist
bittet Auskunft über den Menschen, der Zion zum heiligen Berg schlecht­
der sich bei JHWH im Bereich des hin geworden (Ps 35 433 482f).
Tempels aufhalten darf. Die beiden
Verben für den Aufenthalt (Gast sein, Erster Teil der Antwort 2: Die Ant­
weilen) haben synonyme Bedeutung. wort beschreibt Satz für Satz den
Für die synonyme allgemeine Bedeu­ zum Heiligtum zugelassenen Ge­
tung der Verben sprechen die Paral­ rechten. Er »wandelt vollkommen«.
lelen in Ps 55 615 sowie die metaphori­ Diese allgemeine Charakterisierung
sche Verwendung der Zeltterminolo­ hat strikt genommen nur eine direkte
gie. Die Bezeichnungen des Aufent­ Parallele in Spr2818. Deutlich sicht­
haltsortes mit »Zelt JHWHs« und bar liegt der Einfluß weisheitlicher
»heiliger Berg JHWHs« gehören zur Sprache vor, die über die Bittgebete
Ps 15 DIE PSALMEN 107
des Gerechten (Ps 7 26) Eingang in der meiden. Die JHWH-Fürchtigen
den Psalter gefunden hat. Er »tut das sind eine in den Psalmen beliebte
Rechte« ist eine singuläre Formulie­ Gruppenbezeichnung von jeweils un­
rung. Sie wird verständlich als Ge­ terschiedlichem Umfang (vgl. [Ps 58]
genbegriff zu dem weiter verbreiteten 2224 26 2 512.14 3 1 20 3318348 .0)
»Übeltäter« (Ps 56 144 283 3613). 4b drückt sich wieder sehr knapp aus.
Er »sagt von Herzen die Wahrheit«. Der Gerechte bricht seinen Schwur
Gemeint ist ein wahrhaftiges Reden nicht. Hier meldet sich in Analogie
aus lauterer Gesinnung, wie es die zu Lev 54 Num 302-16 eine Sorge zu
Parallele Spr 1528 schildert und vor Wort. Das einmal beeidete Verspre­
allem der Axmenpsalm 122f im Nega­ chen ist unbedingt einzuhalten. In 5
tivbild darstellt. nimmt der erste Verbalsatz das für Is­
rael signifikante Zinsverbot auf. Di­
Zweiter Teil der Antwort 3: Der rekte Parallelen bieten Ez 18813
zweite Teil führt vergangene Einzel­ Lev 2537. Die Gesetzeskorpora wie
taten auf, die der Gerechte sich nicht die prophetische Kritik sehen im
hat zuschulden kommen lassen. Der Zinsnehmen einen Verstoß gegen die
erste Satz beschreibt selten bildreich Solidarität des Gottesvolkes. Der
die Verleumdung »jemandem auf sei­ zweite Verbalsatz in 5 nimmt das Be­
ner Zunge hinterherlaufen« (nur stechungsverbot aus dem Kontext der
noch in Sir 514). Der Sache nach bie­ Richterspiegel auf (vgl. Ex 238
tet wiederum Ps 123-5 das passende Dtn 10171619 Ez 2212 Spr 1723). In sei­
Gegenbild. Der zweite Satz drückt ner ausführlichen Abzweckung zum
sich wieder singulär und ohne direkte Schutz des Schuldlosen kommt5 der
Parallelen aus. Das unspezifische Fluchsatz aus der Fluchreihe
»Böses tun« versteht sich am besten Dtn 2725 am nächsten. Der ganze
als Gegenformulierung zu dem allge­ dritte Teil der Antwort gibt dem Ge­
meinen »keiner, der Gutes tut« aus rechten das Profil eines wahren
Ps 141-3. Auch der dritte Satz findet JHWH-Frommen der nachexilischen
keine direkten Parallelen. Die beiden Gemeinde.
Begriffe für den Nachbarn »der
Nächste« und »der Nahestehende Abschließende Verheißung 5: Der
(d. h. Verwandter oder Freund)« sind partizipiale Vordersatz faßt alle ein­
hier synonym zu nehmen. Auffällig zelnen Charakterisierungen des Ge­
ist die Betonung des Nächsten, wie rechten zusammen. Wer sich so ver­
sie im Zusammenhang falschen Re­ hält, dem wird zugesichert, daß er
dens auch in Ps 123 283 begegnet. Der niemals wanken wird (vgl. Ps 135 168
zweite Teil der Antwort knüpft an 175 218 307). Der weisheitliche Tun-
:
den ersten Teil an und verstärkt des­ Ergehen-Zusammenhang kommt voll
zum Tragen wie in Spr IO25-30 123. ;
sen Interesse am wahrhaftigen Re­
den. Negative Erfahrungen des Be­ Im Unterschied zu Ps 245 (vgl. auch
ters bilden den Hintergrund. Jes 3316) fehlt der Verheißung jegli­
ches kultisches Kolorit. In seiner
Lehre vom kultfähigen Gerechten
Dritter Teil der Antwort4-5: Das erste verzichtet der Psalm völlig auf ritu­
Satzgefüge zielt auf die richtige Ab­ elle Vorschriften (vgl. etwa Ez 186)
grenzung in der (nachexilischen) Ge­ und konzentriert sich ausschließlich
meinde. Der Gerechte soll sich zu auf das Ethos.
den Frommen schlagen und die Sün- Frank-Lothar Hossfeld
108 Ps 16
PSALM 16
BITTE UM DAS GLÜCKEN DES LEBENSWEGES

Der Psalm ist gattungsmäßig schwer einzuordnen. Weil der Beter in 2-4 sein
Bekenntnis zu JHWH so entschieden mit einer Abschwörung an andere Göt­
ter und Kulte verbindet, wird der Psalm nicht selten als »Bekehrungspsalm«
oder als »Bekenntnislied« eines JHWH-Gläubigen, der sich von eigener göt­
zendienerischer Vergangenheit oder von seiner synkretistischen Umgebung
distanziert, bezeichnet. Wegen der im Psalm angesprochenen Heilsgegenwart
JHWHs im Tempel wird er von anderen Auslegern als »Bitte um Tempelasyl«
oder als Bitte um Weiterwirken der im Tempel erfahrenen Gottesnähe auch
»draußen« im Alltag, insbesondere angesichts der Angst vor Krankheit (7: Nie­
renleiden?) und vor plötzlichem Tod (9_10), gedeutet. Da der Psalm insgesamt 1
von Vertrauensaussagen bestimmt ist, wird er oft als »individuelles Vertrau­
enslied« verstanden, in dem ein Levit das Glück bezeugt, daß er durch seine
Teilnahme am Jerusalemer Tempelkult immer wieder mystische Gottesge­
meinschaft erleben darf; oder der Psalm gilt deswegen in einem allgemeinen
Sinn als »Gedicht eines glücklichen Menschen, der sein Glück allein von Gott
erhält.« Aufgrund einer bestimmten Lesart der schwierigen Verse 3-4 (s. u.) und
mit Blick auf 10 wird der Psalm sogar (kollektiv) auf das frühnachexilische Is­
rael hin ausgelegt, das mit dem Psalm seiner Freude über die Wiederherstel­
lung der Gemeinde Ausdruck verleiht. Achtet man auf Struktur und Sprechdy­
namik des Psalms, kann man ihn am ehesten als Bittgebet eines einzelnen be-
zeichnen, der inmitten tiefsitzender Lebensangst anTseiner fundamentalen Op­
tion für JHWH als seinem persönlichen Schutzgott festKält und von ihmdas
Glücken seines Lebensweges erKofft.
Auch wenn die textlich schwierigen Verse 3-4 thematisch, syntaktisch (siehe die
Auslegung) und sogar semantisch eng an lb~2 anschließen (die eigenartige sin-
gularische Formulierung in H »ein anderer/fremder« [sc. Gott] - die EÜ über­
setzt pluralisch - greift auf die Anrede »o Gott« in ,b zurück und hat vermutlich
Ex 3414 zum Vorbild), so ist aus folgenden Gründen doch wahrscheinlich, daß
sie eine spätere Erweiterung sind: 1. Die in 3-4 zur Sprache kommende kulti­
sche Dimension (Opfer, Anrufung des Gottesnamens) spielt im übrigen Psalm
keine Rolle; 2. nur die beiden Kola 3b und 4c sind mit we »und« eingeleitet; 3.
die Verse unterbrechen den engen Zusammenhang zwischen 2 und 5_*; 4. von
der durchgehenden Parallelismusstruktur des Psalms (die betont am Anfang
und am Schluß gesetzten Dreizeiler ausgenommen!) weicht der Dreizeiler 4
ab. Daß und warum 3-4 eingefügt wurde, ist andererseits gut ersichtlich: Nach
der Lesart der EÜ wird das Bekenntnis zur Exklusivität JHWHs doppelt wei­
tergeführt, sowohl als Bekenntnis zur Gemeinde als auch als Absage an
JHWH-widrige Kulte; beides ist für die spätnachexilische (hellenistische) Zeit
typisch; liest man 3-4 insgesamt als abrenuntiatio, ist der Bezug zu den Verhält­
nissen, wie sie in Jes 576 vorausgesetzt sincT^ocb^leutlicber.
Das beterische GescKeben des Psalms stellt sich so dar: Auf die begründete
Bitte um Schutz auf dem Lebensweg lb, die durch das Bekenntnis zu JHWH 2
und zur Gemeinde 3 (so nach der Lesart der EÜ) sowie durch die Absage an
andere Götter4 verstärkt wird, folgt die Schilderung einer zweifachen Gottes­
erfahrung, nämlich die von JHWH als Lebensraum 5-6 (Leben als zufallende
Gabe) und die von JHWH als Lebenslenker7-8 (Leben als Auf-Gabe). Aus ihr
Ps 16 DIE PSALMEN 109
9-10 bekennt, die Hoffnung, daß solches Leben letztlich in der
erwächst, wie
Hand JHWHs bleibt (Leben als dankbar angenommene Gabe). Mit der Vision
vom Lebensweg in der heilvollen Gegenwart des guten Königs JHWH kommt
der Psalm in 11 zu seinem kulminierenden Abschluß. Ob der Psalm in 9-11 wie
zahlreiche andere Psalmen »nur« die Hoffnung auf Rettung aus tödlicher Ge­
fahr bzw. auf Bewahrung vor einem allzu frühen Tod formuliert oder ob er,
ähnlich wie die Psalmen 49 73, zu der Hoffnungsbotschaft vorstößt, daß
JHWH seine Frommen sogar im Tod nicht verlassen wird, indem er die im Le­
ben gewachsene Gottesgemeinschaft endgültig und voll Wirklichkeit werden
läßt, ist unter den Auslegern kontrovers; unsere Auslegung votiert für die
zweite Deutung.
Als Zeugnis der »persönlichen Frömmigkeit«, durch seine individualisierende
Aktualisierung der Gotteserfahrung des Volkes und durch seine Todestheolo­
gie erweist sich der Psalm als in jedem Fall nachexilisch; in diese Richtung
weist auch das weisheitliche Kolorit (2b: »mein Glück«; 7-8: Vorstellung vom
Lebensplan und von der nächtlichen Erziehung; 11: »Lebensweg«). Auch die
Bezüge von 3-4 zu Tritojesaja und zu dtr Jer bestätigen diese Datierung.
Innerhalb des Davidpsalters 3-41 gehört Ps 16 in den Zusammenhang
Ps 15-24 (vgl. die Einleitung). Aus Ps 15 führt er die beiden Verben säkan
(»wohnen«, EÜ »weilen«: 151) und möf (»[nicht] wanken«: 155) sowie beson­
ders das Thema »Lebensweg« (152 »der makellos wandelt«; EÜ »der makellos
lebt«) weiter (168b 9b Ma). Vor allem will Ps 16 mit den Psalmen 17 und 18 als
ein übergreifender Textzusammenhang (allgemeine Bitte um Lebensschutz -
konkrete Bitte um Rettung - Dank für Lebensschutz und Rettung) gelesen
werden, worauf zahlreiche Stichwortbezüge hinweisen. Ps 16 und Ps 17 sind
so stark miteinander verwoben, daß der jüngere Ps 16 möglicherweise mit
Blick auf Ps 17 formuliert wurde und grundsätzlicher als dieser das Leben des
Frommen mit seinem Gott (1610) bedenken wollte; er ist gezielt zwischen 15
und 17 eingefügt. Im Komplex 15-24 hat Ps 16 sein theologisches »Pendant«
in Ps 23 (vgl. besonders 162 mit 236 und 16*1 mit 2336).

161 [Ein Lied Davids.]


Behüte mich, Gott, denn ich vertraue dir. /
2 Ich sage zum Herrn: »Du bist mein Herr; 7325
mein ganzes Glück bist du allein.«
3 An den Heiligen im Lande, den Herrlichen,
an ihnen nur hab’ ich mein Gefallen.
4 Viele Schmerzen leidet, wer fremden Göttern folgt. /
Ich will ihnen nicht opfern,
ich nehme ihre Namen nicht auf meine Lippen.
5 Du, Herr, gibst mir das Erbe und reichst mir den Becher; 235
du hältst mein Los in deinen Händen.
6 Auf schönem Land fiel mir mein Anteil zu. 7326
Ja, mein Erbe gefällt mir gut.
7 Ich preise den Herrn, der mich beraten hat.
Auch mahnt mich mein Herz in der Nacht.
110 DIE PSALMEN Ps 16 !
8-11: 8 Ich habe den Herrn beständig vor Augen.
Apg 225“28 Er steht mir zur Rechten, ich wanke nicht.
9 Darum freut sich mein Herz und frohlockt meine Seele;
auch mein Leib wird wohnen in Sicherheit.
Apg 231 1335 10 Denn du gibst mich nicht der Unterwelt preis;
du läßt deinen Frommen das Grab nicht schauen.

254 n Du zeigst mir den Pfad zum Leben. /


Vor deinem Angesicht herrscht Freude in Fülle,
zu deiner Rechten Wonne für alle Zeit.

2* MT »du sagst» (2.P Sg fern): Die Masoreten denken mit dieser Vokalisa-
tion an Israel als Frau bzw. Dienerin Gottes. Targum ergänzt: »Du meine
Seele hast gesagt« (vgl. 9_,°). EÜ ändert MT (mit guten Gründen) : »Ich
sage (hiermit)« (vgl. Ps 3115 1407 1426).
5-4 Der überlieferte Text ist nicht ohne Eingriffe übersetz- und verstehbar.
Dies hat eine Flut von Hypothesen ausgelöst, die hier nicht diskutiert jj
werden können. EÜ setzt gegenüber MT folgende Textänderungen vor­
aus: 3b 'addirim statt ’addire; 4a ’aherm statt 'aber. In 4a fügt EÜ zur Ver­
deutlichung »Göttern« ein; in 4b wird zu blaß übersetzt, in MT steht:
»nicht will ich ausgießen ihre Trankopfer aus/von Blut.«
5a Wörtlich: »JHWH, du (bist) die Portion meines Anteils und meines Be­
chers.»
5b In MT ein Nominalsatz; da von der Parallelismusstruktur her wie in 5a so
auch in 5b eher die Aussage zu erwarten wäre, daß JHWH das Los des Be­
ters ist und nicht dessen Geber oder Halter (EÜ trägt »in deinen Händen«
ein!), schlagen manche Ausleger eine kleine Textänderung vor: tämfdstatt
tomik»du (bist) für immer mein Los« (tämidauch in 8a: EÜ »beständig«).
6b EÜ »mein« ergänzt nach G und S; MT könnte als Sonderform »dieses
Erbteil« beibehalten werden.
7b EÜ »mein Herz«, wohl in glättender Absicht für H »meine Nieren« (Le­
benszentrum!).
9a MT »es frohlockt meine Herrlichkeit« (k'bödi). Da im Kontext die an­
thropologischen Begriffe »Herz«, »Fleisch« (EÜ: »Leib«), »Seele«, »Nie­
ren« stehen, nimmt EÜ (mit vielen Auslegern) an, daß statt k'bödi ur­
sprünglich k'bedi»meine Leber« = »mein Inneres, meine Seele« zu lesen
ist.

Überschrift,a: miktam in Verbindung borgen und leise zu sprechendes Ge­


mit lfdäwid findet sich auch über den bet«. Im Anschluß an G: »Inschrift«
fünf Davidpsalmen 56-60. Die Be­ (vgl. Jes 389: miktab als Überschrift
deutung ist unklar. Die Rabbinen des Danklieds Hiskijas; miktam dann
deuten von kcetcem »Gold« her: gol­ entweder Sonderform oder von ktm
denes Gedicht, Kleinod (wegen sei­ »eine Inschrift anbringen« Jer 222?).
nes Inhalts). Andere Möglichkeit: Für die Deutung (unauslöschbare)
von htm »verbergen« her als »Ge­ »Inschrift« könnte die zusätzliche
heimnis«, d.h. »Mysterienlied« (vor Angabe in den Psalmen 57 58 59
allem mit Blick auf 9_M) oder als »ver­ »Nach der Weise >Zerstöre nicht!«
Ps 16 DIE PSALMEN 111
»Lösche nicht aus!<« sprechen (vgl. Dtn 1820 Hos 219) oder im politisch­
auch Ijob 1923f als Einleitung zu dem wirtschaftlichen Kontext (vgl. Jos 237
mit unserem Psalm verwandten Ab­ Mi 45) nicht in Frage. Ob beim »Aus­
schnitt 192*-27). gießen der Gießopfer aus/von Blut«
(»Gießopfer ausgießen« ist in der dtr
Eröffnende Bitte und Bekenntnis ,b"2: Schicht des Jeremiabuchs terminus
Die Bitte zielt auf Schutz nfcht nur in tecbnicus für synkretistische Riten:
einer Einzelsituation, sondern im Jer718 1913 3 29 4417-18 19-25; vgl.
ganzen Leben, d. h. auf dem »Lebens­ Ez 2028) an für Israels Verständnis
weg« ,la; möglicherweise Anspielung von Blut als Träger des JFTWH gehö­
auf den aaronitischen Segen renden Lebens abscheuliche Libation
Num 624-26 (vgl. dazu auch die Be­ von Tierblut (vgl. Jes 663; bei »ortho­
deutung des Angesichts JHWHs in doxen« Libationen wurde Wein oder
,lb). Die Bereitschaft, ganz im Blick Wasser verwendet; zur Verbindung
auf JHWH zu leben (vgl. Ps 1222), von Trankopfer und Ausrufung des
wurzelt in der Erfahrung: Was immer Gottesnamens: Ps 11613) gedacht ist
ein Mensch an Lebensglück genießen (wahrscheinlich!) oder an Trankop­
kann (föbäh vor allem weisheitlicher fer, die abgelehnt werden, weil sie
Begriff für Lebensgenüsse aller Art: von gewalttätigen Menschen mit Blut
Koh 48 510-17 63 6 u.ö.), für den Beter an den Händen vollzogen werden
ist seine Beziehung zu JHWH die (vgl. Jes l15 Ps 5013), oder ob Riten
Summe aller Lebensgenüsse (föbäh anvisiert sind, die mit den in der
als Totalitätsbegriff; vgl. ähnlich föb nachexilischen Zeit (unter phönizi-
in Ps 73 L28). schem Einfluß?) um sich greifenden
Kinderopfern Zusammenhängen (vgl.
Bekenntnis 3-4: Die nicht zuletzt we- Jes 575* Ps 10637f, aber auch die Aus­
genTTer schwierigen Textüberliefe­ einandersetzung damit in den späten
rung außerordentlich divergierenden Texten Ex 13lf Lev 27), ist schwer zu
Auslegungen stimmen zunächst darin entscheiden.
überein, daß 4 eine Absage an hetero-
doxe Kultpraktiken zur Zeit des Be­ JHWH als Lebensraum b~4>: Während 6
ters darstellt. Worum es dabei kon­ eindeutig mit der Metaphorik der
kret geht, hängt einerseits von den Landzuteilung gestaltet ist, ist um­
Textkonjekturen und andererseits stritten, ob sie auch in 5 vorliegt.
von der Deutung der »Heiligen« und Manche Ausleger sehen hier die Bild­
»Herrlichen« in3a ab. Die von der EÜ welt des Gastmahles oder des Opfer­
vertretene Position versteht sie als die mahles. Da bel&q »Erbe, Anteil« fast
Gemeinde der orthodoxen Frommen. ausschließlich den »Land-anteil, der
Nur in dieser communio sanctorum einem nach Sitte und Gesetz zusteht«
will der Beter leben. Sie ist für ihn die meint, dürfte wie in 6 so auch in 5 die
Konkretion jener Geborgenheit, die »Landmetaphorik« bestimmend sein.
er mit dem in ,b~2 formulierten Be­ Dann ist in 5 auf den konkreten Vor­
kenntnis anstrebt. Deshalb lehnt er gang der Landzuteilung durch ein
die Gemeinschaft mit jenen Men­ Becherordal angespielt, wie er in
schen seiner Umgebung ab, die neben Jos 18 erzählt wird; zuerst wird das
JHWH auch noch auf andere Göt­ Land in einzelne »Anteile« auf Ur­
ter/Götzen setzen. Für ihn kommen kunden geschrieben, über die dann
»Blut-Trankopfer« für fremde Götter das Los geworfen wird, indem der
und Anrufung ihrer Namen im Kult Becher mit den Lossteinchen so ge­
und in der Magie (vgl. Ex 2313 schüttelt wird, daß diese auf die Ur-
112 DIE PSALMEN Ps 16
künden fallen. Danach setzt die kon­ der aufrichten (Ps 3724 14514 Spr 2024
krete Landvermessung ein, und zwar 2416).
durch das »Auswerfen« der Meß­
stricke 6a (vg. Jos 175 Ps 7855 Am 717 JHWH als Lebensfiille 9~": Was
Mi 25).645 unterstreicht ein Doppeltes: JHWH für Israel mit der Heilsgabe
Der durch sakrales Los zugefallene des Landes wollte, erfährt der Beter
und dann amtlich vermessene Land­ in allen Dimensionen seiner Existenz:
anteil ist ein nicht mehr wegnehmba- »Freude« und »Jubel« (die Verben
rer Erbanteil und vor allem ist es ein bezeichnen häufig die Freude über
wunderschönes Grundstück und Ak- die Fruchtbarkeit des Landes) sowie
kerland. All dies ist für den Beter sein »Wohnen in Sicherheit« vor Feinden
Gott JHWH, doch so, daß nicht er und vor Vernichtung (dazu
sich JHWH erwählt hätte, sondern Dtn 3312,28 Jer 236 3316).10 und 11 sind ■I

daß JHWH ihm buchstäblich »zuge­ in motivlicher Hinsicht antithetisch


teilt« wurde - von JHWH selbst. konzipiert: »Unterwelt« als Haus der
Dunkelheit und der Existenzminde­
JHWH als Lebenslenker 7-8: Der rung - »Angesicht Gottes« als Quelle
»Hat«-,'für dessen Gäbe~3er Beter zu des Lichts und der Lebensfülle »das
JHWH den dankenden Lobpreis Grab/die Grube schauen« = sterben
(brk) spricht, ist der Zukunftsplan, (Ps 4910) - sich »den Weg des Le­
den Gott für das Leben des einzelnen bens« führen lassen. Der weisheit-
hat und verwirklicht. Daß der Beter lich-pädagogische Begriff »Weg des
sich auf diesen gottgegebenen guten Lebens/Weg zum Leben« meint zu­
»Lebensplan« einläßt, dazu «erzie­ nächst eine Lebensweise, die an den
hen« (jäsar »erziehen«: Dtn 436 tödlichen Mächten vorbei durch ein
Ps 5017 9412 Spr 413 1510 Jer 1723) ihn »Land der Lebensfülle« führt (vgl.
seine »Nieren« als nächtliche Lehr­ Spr 1524); er impliziert die persönli­
meister (hier ist nicht die Rede von che Entscheidung zwischen »Weg
»Nierenleiden«, also von Krankheit des Todes und Weg des Lebens« (vgl.
als pädagogischem Instrument Got­ Dtn 30,5f Jer 218); dieser Weg ist er­
tes, sondern von den Nieren als Sitz lernbar (vgl. Spr 623 1 510); vor allem
der Sensibilität und Individualität: aber erweist er sich als Weg nur für
Ps 7321 13916). Von seinem »Lebens­ den, der ihn in seinem Lebenswandel
planer« JHWH will der Beter sich im­ geht. Dieses traditionelle Theologu-
mer begleiten lassen (8a wörtlich: »Ich menon wird in unserem Psalm durch
habe JHWH zu meinem ständigen die beiden Interpretamente llbc zu ei-
Gegenüber gemacht«; vgl. Gen 218,20: ner Hoffnungsaussage über ein »dem
Mann und Frau als sich ergänzende Frommen« (zur Aussage, daß JHWH
Gegenüber/Partner); Ps 1823 1 1930 »seinen Frömmen« nicht »verläßt«,
konkretisieren »die Gebote« JHWHs wie 16l0b wörtlich sagt, vgl. Ps 3728
als rettendes »Gegenüber« des Men­ Jes 4117 4914f) von seinem Gott in un­
schen (vgl. die altägyptische Rede­ endlicher Fülle geschenktes Leben
weise: »sich Gott ins [hörende] Herz ausgedehnt (vgl. ähnlich Ps 4916
setzen«). Wenn JHWH an seiner 7323~26). Irn^ Hintergrund von llbc
rechten Seite »geht« (besser als EÜ steht die Vorstellung von der »Ein-
»steht«), kann er ihn vor dem Strau­ führung« des JITWH-Verehrers (des
cheln und Zusammenbrechen auf Toten?) zur Audienz beim (Gott-)
dem Weg bewahren; selbst wenn er König; wem sich dessen leuchtendes
fällt, wird JHWH ihn mit seiner Angesicht, das Chaos bzw. Tod ver­
(rechten) Hand auffangen und wie- drängt und Kosmos bzw. Leben stif-
Ps 17 DIE PSALMEN 113
tet (vgl. besonders die altägyptische in der motivlichen Antithese zu 10
und altorientalische Vorstellung von zeichnet so n nicht die Botschaft der
der aufgehenden Sonne als Retter Rettung vor dem plötzlichen Tod,
und Richter), zuwendet, der wird sondern die Vision, daß der Weg des
gleichsam vom Tod zum Leben hin- Lebens nicht im Tod an sein Ende
übergeführt. Der Psalm erwartet kommt, weil die mit Gott gelebte Ge-
diese »Belebung« vom Angesicht meinschaft auch durch den Tod nicht
Gottes in unbegrenzter Fülle. Gerade zerstört werden kann.
Erich Zenger

PSALM 17
BITTGEBET EINES BEDRÄNGTEN GERECHTEN

Der Psalm wird mit Bitten an JHWH in ,f eingeleitet. Deutlich setzt sich davon
ein zweiter Abschnitt in 3-5 ab. Er gibt sich durch seine perfektischen Verb­
formen zu erkennen. In 6 setzen das vorangestellte Peronalpronomen mit der
Beschreibung des Bittaktes, ein neuer Vokativ und die Variationen der Ein­
gangsbitten aus 1 eine weitere Zäsur. Es folgen Bitten um den Schutz des Be­
ters, die ab 9 in die Schilderung der Feinde übergehen. Letztere reicht bis ,2. So
bilden 6-12 den durchgehenden dritten Abschnitt. Davon heben sich wiederum
die Bitten von 13-14 ab. Ihr schnelles Staccato sowie der zweifache Vokativ
»JHWH« sichern die Eigenständigkeit des vierten Abschnitts. Die Schlußzeile
15 behauptet ihren Selbstand durch das vorangestellte Personalpronomen wie
in 6 und durch ihren Inhalt. Damit erweist sich Ps 17 als fünfteiliges Bittgebet
1-2.3-5.6-12.13-14.15

Die Differenzen in der Interpretation ergeben sich vor allem durch die schwie­
rige Textlage. Das trifft vor allem für die Verse 3“5-101214 zu. Die Textverderb­
nis muß sehr früh stattgefunden haben, denn die alten Versionen unterschei­
den sich beträchtlich. Die folgende Auslegung optiert, so gut es geht, für den
MT (s.u.).
Die Ps 5 7 17 bilden eine kleine Gruppe von fünfteiligen Bittgebeten des Ge­
rechten mit integrierter Klage, wie ein Strukturvergleich mit hinzukommen­
den sprachlichen Übereinstimmungen bestätigt: Einleitende Bitten um Gehör
(52f 72f 171 f); Unschuldsbeteuerung (55-8 74'6 173“5); zentrale Bitten mit Feind­
schilderung (59f 77-10 176-12); Schlußbitten gegen die Feinde für den Beter (5llf
711-17 1713^. Schlußerklärung des Beters (513 718 1715).
Ferner verbinden Themen und Motive diese Psalmen miteinander wie das
! Thema der Gerechtigkeit des Beters (513 79 171 IS), das »Morgenmotiv« (54 712
172f.i5) uncj ^je Gewißheit der Erhörung (54 176) sowie der Gebrauch des Gat­
tungsnamens »Gott« (5n 7,<M2 176).
Der gerechte Beter von Ps 17 ist kaum näher einzukreisen. Er ist umfassend
schuldlos. Die Feinde werden als Frevler religiös verurteilt 179 und als Empö­
rer gegen JHWHs Rechte bzw. Kraft dargestellt 177. Die Skizze der Feinde in
9-12 hebt besonders auf ihre Gewalt, mitleidlose Härte, Mordgier und Heim­
tücke ab, verstärkt durch das Löwenbild. So vermittelt das Bittgebet, daß der
Beter in Todesgefahr schwebt, ohne daß die Gründe für die Not sich weiter
114 DIE PSALMEN Ps 17
aufhellen ließen und etwas über die Identität des Beters aussagen würden. In 8
und 15 sind bei deren bildhafter Redeweise Assoziationen an den Tempel gar
nicht auszuschließen; die Anspielungen sind aber andererseits auch nicht da­
hingehend auszuwerten, daß der Beter sich im Tempel befindet und während
seines Gebetes das Tempelasyl in Anspruch nimmt. So bleibt es bei Ps 17 als
Bittgebet eines tödlich bedrohten Gerechten, der außerhalb des Tempels
JHWH als mächtigen Schutzgott und Richter anfleht, seine Todfeinde zu be­
siegen. Dabei ist der Rhythmus von Tag und Nacht (Sonnenaufgang und Son­
nenuntergang) ein Zeichen dafür, daß Gott die Ordnung der Welt in Händen
hält und in der Lage ist, seine und des Beters Gerechtigkeit gegen die Feinde
zu behaupten. Weisheitlich beeinflußt ist der Psalm vor allem in der Wegtermi­
nologie der Unschuldsbeteuerung 3-5, in der Vorstellung von der durchdrin­
genden Prüfung JHWHs 3 und im Rekurs auf den Zusammenhang von Sonne,
kosmischer Ordnung und Recht. Von den Vokabeln und Motiven her laufen
manche Verbindungen zur vorexilischen und exilischen Prophetie und zu vor-
exilisch-exilischen Psalmen (Ps 4 6 18 22). Deswegen kann der Psalm auch mit
Rücksicht auf die verwandten Bittgebete eines Gerechten 5 7 in die vorexi-
lisch-exilische Zeit eingeordnet werden. Über Ps 16 hinweg verbindet Ps 17
mit 15 (s.o.) das Thema Gerechtigkeit (152 17115), die Unschuldsbeteuerung
173"5 mit Hinweis auf den Wandel des Beters (152 175) und auf die Vorsicht im
Reden (152f 173) sowie die gemeinsame Tempelperspektive (151 178 H). Die
formative exilische Redaktion hat Ps 17 direkt hinter Ps 15 gestellt. Der zum
Tempel zugelassene Gerechte (Ps 15) ist zugleich der angefochtene Gerechte
(Ps 17), der von JFIWH unterstützt wird. Der später eingeschobene nachexili-
sche Psalm 16 hat zwar viele Berührungen mit Ps 17, ihm fehlen aber der
durchgehende Bezug zum Tempel sowie die Auseinandersetzung mit den
Feinden, die die Pss 17 und 18 beherrscht. Von Ps 17 her konzentrieren sich die
Bezüge zu Ps 18 auf drei Bereiche: Die Feinde (vgl. 1713 mit 186 19-40-44 etc.), die
Errettung durch JHWH (176f,s 183-742) und die Gerechtigkeit des Beters
(171 15 1821 25).

171 [Ein Gebet Davids.]


Höre, Herr, die gerechte Sache, /
achte auf mein Flehen,
vernimm mein Gebet von Lippen ohne Falsch!
2 Von deinem Angesicht ergehe mein Urteil;
denn deine Augen sehen, was recht ist.
1391 3 Prüfst du mein Herz, /
Ijob 718 2310 suchst du mich heim in der Nacht und erprobst mich,
dann findest du an mir kein Unrecht.
Mein Mund verging sich nicht, /
4f: 4 trotz allem, was die Menschen auch treiben;
Ijob 23nf • ich halte mich an das Wort deiner Lippen.
5 Auf dem Weg deiner Gebote gehn meine Schritte,
meine Füße wanken nicht auf deinen Pfaden.
Ps 17 DIE PSALMEN 115
6 Ich rufe dich an, denn du, Gott, erhörst mich.
Wende dein Ohr mir zu, vernimm meine Rede!
7 Wunderbar erweise deine Huld! 7f: 368
Du rettest alle, die sich an deiner Rechten vor den 572 615
638 914
Feinden bergen. Ex 379
8 Behüte mich wie den Augapfel, den Stern des Auges, Mt 2337
Dtn 3210
birg mich im Schatten deiner Flügel Sach 212
9 vor den Frevlern, die mich hart bedrängen,
vor den Feinden, die mich wütend umringen.
10 Sie haben ihr hartes Herz verschlossen,
sie führen stolze Worte im Mund,
11 sie lauern mir auf, jetzt kreisen sie mich ein;
sie trachten danach, mich zu Boden zu strecken,
12 so wie der Löwe voll Gier ist zu zerreißen 73 109
wie der junge Löwe, der im Hinterhalt lauert. 22*4 22 3517
575 587
13 Erheb dich, Herr, tritt dem Frevler entgegen!
Wirf ihn zu Boden,
mit deinem Schwert entreiß mich ihm!
14 Rette mich, Herr, mit deiner Hand vor diesen Leuten,
vor denen, die im Leben schon alles haben. 7312
Du füllst ihren Leib mit Gütern, /
auch ihre Söhne werden noch satt
und hinterlassen den Enkeln, was übrigbleibt.
15 Ich aber will in Gerechtigkeit dein Angesicht schauen, Num 128
mich satt sehen an deiner Gestalt, wenn ich erwache. Offb 22*

3a Die ersten drei Verben sind perfektisch zu übersetzen (du hast geprüft...
du hast mich heimgesucht... du hast mich erprobt...). Der vierte Satz
heißt wörtlich: Nicht wirst du (etwas) finden.
3b Die EÜ hat sich an G angeschlossen und die erste Verbform zu einem
Nomen umpunktiert. Aus dem zammöti »ich habe beschlossen« des MT
wird ein zimmäti »mein Unrecht«. Vielleicht hat sie an die dreiteiligen
Sätze mit bal »nicht« in 3 und 5 gedacht und beim ersten bal-Satz ein Ob­
jekt vermißt. Der MT ist aber eindeutig (vgl. die Verseinteilung) und er­
gibt guten Sinn: Ich habe beschlossen, daß mein Mund sich nicht vergehe.
4 EÜ schlägt die beiden letzten Worte des Verses dem nächsten Vers 5 zu
und übersetzt die Konstruktverbindung mit Hilfe des Akkadischen: Die
Wege der Gebote! Der MT von 4 drückt sich zwar sehr elliptisch aus, ist
aber nicht unübersetzbar: Bezüglich des Treibens der Menschen - auf das
Wort deiner Lippen, ich habe überwacht (vgl. Ijob 1327 33") die Pfade
des Rechtsbrechers. Letzteres impliziert, daß der Beter das Verhalten des
Verbrechers gemieden hat.
5 Der einleitende absolute Infinitiv des MT von tmk »festhalten« ist zur
Pluralform täm'ku »sie haben festgehalten« kontextgemäß zu konjizieren.
Wörtlich: Es haben festgehalten meine Schritte auf deinen Geleisen, nicht
haben gewankt meine Tritte.
116 DIE PSALMEN Ps 17

6 Der erste Satz des Verses ist perfektlsch zu übersetzen.


7 EÜ stellt unnötigerweise die Anordnung der Wörter um. MT heißt wört­
lich : Wunderbar erweise deine Huld, Retter der Zuflucht Suchenden, vor
den Empörern gegen deine Rechte.
9 Der erste Relativsatz ist perfektisch wiederzugeben: die mich hart be­
drängthaben.
10b Der zweite Satz ist wie der erste perfektisch wiederzugeben.
: ,u EÜ übersetzt frei. Der MT ist mit seinem K'tib zugrunde zu legen: Un-
sere Schritte (Hinweis auf das gemeinsame Gehen von Frevlern und Be­
ter), jetzt haben sie mich eingekreist!
,2a Wörtlich: seine (des Feindes) Erscheinung wie der Löwe, der voll Gier ist
zu zerreißen.
14 Die erste Zeile des Verses ist kaum übersetzbar und hat bei den alten Ver­
sionen zu den unterschiedlichsten Lösungen geführt. Die EÜ macht einen
passablen Vorschlag, der sich an den MT hält und die Feinde als Leute
bzw. Männer (vgl. Ps 264 Ijob 1111 1919 2215) beschreibt, die aus beständi­
gen Lebensverhältnissen stammen und ihren Anteil am Leben besitzen.
Die zweite Zeile wird gewöhnlich wie bei der EÜ auch auf. die Feinde
bzw. Frevler bezogen. Das erklärt aber nicht das auffällige waw »und«
zu Beginn der Zeile nach vorherrschender Asyndese. Es ist adversativ als
»aber« zu verstehen. Der Strukturvergleich (s.o.) hat gezeigt, daß es beim
Bittgebet des Gerechten im vierten Abschnitt, bei den Schlußbitten, im­
mer um die Besiegung der Feinde und um die Rettung des Beters mit sei­
ner Gruppe geht. Das erste Nomen der Zeile ist mit dem Qere des MT zu
lesen fejunka »dein Geborgenes« als Kollektivbegriff für die Gruppe de­
rer, die JHWHs Schutz anbefohlen sind, vgl. Ps 834. MT heißt wörtlich:
Aber deine Schutzbefohlenen, du füllst ihren Bauch, es werden satt die
Söhne und ihren Überfluß hinterlassen sie ihren Kindern.

Überschrifi 1: In ihrem Aufbau »von Lippen ohne Falsch« verweist


(Gattungsangabe, Autorenangabe) der Beter auf seine Redlichkeit und
folgt die Überschrift dem Muster von wirbt für seine Bitten (vgl. Ps 57,10 124
Ps 15* 166. Die Gattungsangabe 3119). Die erste Bitte von 2 ist nur auf
ffilläh »Bittgebet« findet sich nur dem Hintergrund altorientalischer
noch in Ps 861 90* 1021 vgl. 142* und Vorstellungen zur Funktion des Son­
Hab 3‘. nengottes verständlich. Darauf führt
der terminus technicus jf* »herausge­
Einleitende Bitten 1-2: Die drei Bitten hen« für den Sonnenaufgang. Der
um Gehör 1 haben ihre nächste Ver­ Beter bittet hier in 2 darum, daß von
wandte in 52f. Das Objekt des ersten JHWHs leuchtendem Angesicht in
i Imperativs fällt auf: fcedcek »eine ge­ der Funktion des Sonnengottes das
rechte Sache«/oder »Gerechtigkeit«. für ihn gerechte Urteil seinen Aus­
Kontextgemäß muß es etwas sein, was gang nehme (vgl. Ps 196f 376 Hos 65
der Beter JHWH vorträgt. Für den Be­ Zef 35 Hab l4). Auch die zweite Bitte
; zug zum Beter spricht auch der rah­ des Verses bleibt im Rahmen des
;
mende Schlußvers 1S. Es ist also die Sonnenbildes. JHWH schaut vom
gerechte Sache, die der Beter als sei­ Himmel herab, und was er prüfend
!

nen Fall und sein Anliegen vor feststellt, ist »Geradheit/Rechtschaf­
JHWH ausbreitet. Mit der Angabe fenheit« (vgl. Ps ll4 142 3313"15).
i
:
:
|
:
Ps 17 DIE PSALMEN 117
Die Unschuldsbeteuerung 3-5: Der Be­ Vergleich zieht zwei synonyme Be­
ter blickt auf eine Prüfung zurück, griffe zusammen: Augapfel (Spr 72
die JHWH an ihm veranstaltet hat. Dtn 32i0) und »Tochter des Auges«,
JHWH hat ihn geprüft, wie er Ge­ d. h. Augapfel (KIgl 218 Sach 212). Die
rechte und Frevler prüft (Ps 114f); zweite Bitte greift ein weitverbreite­
Herz und Nieren stehen für das Zen­ tes Schutzbild auf, das viele Assozia­
trum des Fühlens, Wollens und Den­ tionen weckt: Die Vogelmutter, die
kens (vgl. Ps 710 262 Spr 173). In der geflügelte Sonne und die Kerubim im
Nacht kann der Beter sich nicht vor Jerusalemer Tempel. Die Frevler be­
Gott verstecken oder verstellen und drängen den Beter auf todbringende
ist deshalb offen für Gottes Zugriff Weise (vgl. Jer 56 4928 Ez 32‘2). Mit
(Ps 67 Ijob 412-16). JHWH hat den ihrer Übermacht und Mordgier um­
Beter geläutert bzw. erprobt wie ein ringen sie ihn (Ps 2217 8818). Der
Metallschmelzer (]es\2225 Jer 627-29 hebräische Ausdruck »ihr Fettes« in
96, vgl. Ez 22l7—22 Spr 173 2721 Ps 262). 10, das sie verschlossen haben, ist eine
Der Beter ist gewiß, daß JFTWH Sonderbedeutung für das fühllose
nichts findet. Denn er hat den festen und verhärtete Herz (Ps 737 1I970).
Vorsatz gefaßt, im gefährlichen Be­ In 11 wird die Beschreibung erregt
reich der Rede sich vor jeder Übertre­ und knapp. Beim gemeinsamen Ge­
tung zu hüten (Jer 528 Ps 1486). In al­ hen haben die Feinde den Beter
lem, was Menschen treiben, hat er plötzlich eingekreist - eine typische
sich an JHWHs Mitteilung gehalten, Verfolgungssituation wie in Ps 186
ohne daß im Bekenntnis konkretisiert 2213 17 8818. Ab 12 springt der Nume­
würde, welches Gesetz oder welche rus beim Feind um. Der Beter kon­
Weisung damit gemeint ist. Die zentriert sich auf einen Hauptfeind
Pfade des Rechtsbrechers (Jer 7n (vgl. Ps 510 73) und vergleicht ihn mit
Ez 722 1810-13) hat er überwacht (vgl. einem Löwen (Ps 73 108f
22H.17(MT).22^
Ps 567) bzw. gemieden. 5 betont den
dauernden und konsequenten Wan­
del in den Spuren JHWHs (vgl. die Schlußbitten 13-14: Der Beter stößt
weisheitliche Wegterminologie von nun knappe Bitten hervor, die
Spr 29-15-'8 411-26 56-21 und Ps 1525 233 JHWH zum Eingreifen drängen sol­
s. u.). len. Sie besitzen in 13 durchwegs krie­
gerische Konnotationen. Die schwer
Zentrale Bitten 6-12: Der Beter hebt übersetzbare erste Zeile von 14 setzt
neu an. Hinweis auf den Bittakt und die Rettungsbitte fort und charakteri­
Vertrauensäußerung zusammen sol­ siert die Feinde als Männer mit gesi­
len den nachfolgenden Bitten um Ge­ cherter Lebensgrundlage (zu hcelced
hör Gewicht und Erfolg verleihen. In »Lebensgrundlage« Ps 396 492 8948
7 zeigt der Beter indirekt an, daß er Ijob ll17) und mit gutem Anteil am
sich in schwerer Not und ausweglo­ Leben. Aber JHWH wird seine
ser Lage befindet (Ps 44 3122), JHWH Schutzbefohlenen belohnen. Der Be­
wird unter dem Titel »Helfer der Zu­ ter bezeichnet seine eigene Gruppe
fluchtsuchenden« angerufen (Ps7n als die Schutzbefohlenen JHWHs
1842). Die Feinde werden beschrieben wie in Ps 834 (vgl. Ps 275 3121 Ez 722).
als »Empörer gegen deine Rechte«, Den Schutzbefohlenen gibt JHWH
d.h. Aufständische gegen das kraft­ überreichlich Nahrung. Der Schluß
volle Wirken JHWHs (vgl. Ps 511). des Brotvermehrungswunders des
Die erste Bitte von 8 greift das spre­ Elischa 2 Kön 443f »essen und noch
chende Bild vom Augapfel auf. Der übrig lassen« wird hier auf drei Gene-
118 DIE PSALMEN Ps 18
rationen durch Synonyma (den nicht des Bauches, sondern des Ge­
Bauch füllen und satt werden) ge­ sichtssinns. Der Morgen gibt die Ta­
streckt. geszeit an. Der Begriff fmünäh
»Gestalt« ist Leitwort der Bilderver­
Vertrauensbekenntnis 15: Der erste botstexte (vgl. die Dekaloge und Dtn
Teil des Vertrauensbekenntnisses 4) und meint die sichtbare, kontu-
greift auf Stichworte des Anfangs zu­ rierte Erscheinung (vgl. Num 128).
rück. Sonst formuliert er allgemein Im Hintergrund der singulären Wen­
bzw. geläufig (vgl. Ps ll7 [1611] 274 dung steht die morgendliche Epipha­
633) und läßt eine kultische Theopha- nie des Sonnengottes. Die Überwin­
nie anklingen, sich aber nicht allein dung 3er gefährlichen Nacht beim
darauf festlegen. Denn der zweite Sonnenaufgang, das Überleben trotz
Teil formuliert singulär und ist nicht der Feinde ist für den Beter Zeichen
vom ersten Teil her zu verstehen. Je­ der Hilfe JHWHs und zugleich
des Wort bleibt bei seiner konkreten Rechtfertigung seines Status als Ge­
Bedeutung. Das Verb meint wie im rechter.
Vorgängervers ein Satt-Werden hier Frank-Lothar Hossfeld

PSALM 18
GEBET DES VERFOLGTEN, GERECHTEN UND SIEGREICHEN
KÖNIGS DAVID

Psalm 18 ragt aus der Reihe der Psalmen durch mehrere Besonderheiten her­
aus. Nach Ps 119 und Ps 78 ist er der drittlängste Psalm des Psalters. Ps 18 ist
der einzige Psalm, der einen Doppelgänger im deuteronomistischen Ge­
schichtswerk in 2 Sam 22 hat.
Eine dritte Besonderheit ist, daß Ps 18 die psalmenübliche Gattungsfrage ver­
schärft; er ist formen- und gattungskritisch betrachtet ein Unikum (Danklied
i
eines einzelnen oder königliches Siegeslied mit hymnischen Partien oder spä­
tes, komplexes und nichtsdestoweniger zusammengehöriges messianisches
Danklied der nachexilischen Synagoge mit eingebauten weisheitlichen Refle­
xionen).
Diese Besonderheiten bedingen nach wie vor die Diskussion um die Datierung
;
; als auch um die Einheitlichkeit und damit zusammenhängend um die Eintei­
lung des Ganzen.
Das einleitende Lob von 2 ist sowohl als Aussage wie als Selbstaufforderung in­
: terpretierbar (vgl. Ps 302 1451). In der syntaktischen Fügung (Verb mit nachge­
r stelltem Vokativ der Gottesanrede) wie im Inhalt korrespondiert die Einlei­
I tung mit der Ausleitung in 50.
3 3 wiederholt das Tetragramm, und zwar in für den ganzen Psalm singulärer
: Frontstellung. Er wechselt von der Anrede 2 in die Rede über JHWH und for­
= muliert eine nominale Vertrauensaussage, die in ihrer barocken Ausgestaltung
: von acht Epitheta für JHWH im Psalter ihresgleichen sucht. Die Syntax glie­

dert die Reihe in drei Gruppen. Das achte Glied »meine Zuflucht« übersteigt
die stilbildende Zahl sieben und verrät sich durch mangelnde Syndese als se-
=
Ps 18 DIE PSALMEN 119
kundärer Überschuß. Wahrscheinlich ist dieses Epitheton mit Rücksicht auf
den Anfang des Königsgebetes 202 bei der redaktionellen Zusammenstellung
in exilischer Zeit hinzugesetzt worden. Es folgt der Bericht von der Rettung
des Beters. Im großen und ganzen hält sich das Metrum der Doppeldreier im
Bericht4-20 durch. Der eigentümliche Gebrauch der Präfixkonjugation ist ent­
weder archaisch oder archaisierend. Für das Tempus der Vergangenheit plä­
dieren die Funktion des Abschnitts4-20, Bericht über Not und Rettung in einem
Danklied zu sein, sowie die Narrativketten des eingebauten Theophaniebe-
richts 8-16.
Mit breitem Konsens wird der Theophanieschilderung 8 16 eine relative Eigen­
ständigkeit zugestanden. Sie ist durch erläuternde Glossen in den Versen
8.9.12.13.14
aufgefüllt worden. Die Glossen geben sich dadurch zu erkennen, daß
sie das Metrum des Doppeldreiers sprengen und in der Sache den Haupttext
absichernd wiederholen bzw. doppeln. Allerdings kann man die Theophanie­
schilderung literarkritisch nicht nach Vers 7 abtrennen, denn die pronominalen
Rückverweise bei gleichbleibendem Subjekt binden die Schilderung zurück an
7. Explizit wird JHWH erst wieder in 14 erwähnt. Somit kann man syntaktisch­
stilistisch nur von relativer Selbständigkeit sprechen. Inhaltliche Beobachtun­
gen unterstreichen die relative Eigenständigkeit. Man kann von 7 aus die Theo-
phanie 8-16 überspringen und bruchlos mit 17 anschließen. Die unterschiedli­
chen Konzeptionen (JHWH hört den Notschrei in seinem himmlisch-irdi­
schen Palast, also in der Höhe 7, und greift von oben den Beter und zieht ihn
heraus 17 — dagegen neigt er in der Theophanie den Himmel und fährt auf den
Kerub herab 10) reiben sich aneinander. Traditionsgeschichtlich ist die Theo­
phanieschilderung eigenen Ursprungs. Mit Hab 3 gehört sie zu den ausgebau­
testen des AT. Sie mischt in eigener Weise unterschiedliche Theophaniephäno-
mene (Vulkan- vgl. 8f.13.16a und Gewittertheophanie vgl. 10-15 ) mit Jerusalemer
Tempeltradition (Kerub u, Höchster ,4) und ezechielischen Anklägen (Sturm,
Glanz, Glühkohlen vgl. Ez l413 102 4), so daß sie ungefähr in die spätvorexili-
sche Zeit Anfang des 6. Jhs. v. Chr. eingeordnet werden kann. Aus der Theo­
phanieschilderung heraus fällt die zweite Zeile von 16: Innerhalb von 3-25 be­
sitzt sie die einzige Anrede; sie wechselt das Metrum und steht außerhalb des
Rahmens von8 und der ersten Zeile von 16. Das Motiv des Chaoskampfes wird
nachgetragen, vgl. Ps 1047 1069 Nah 14 Jes 502. Der Bericht3-20 schildert in Bil­
dern eine fast übermenschliche Not, die einen besonderen Einsatz JHWHs zur
Rettung verlangt. Eine Spezifizierung des Beters ist nur über seine Vertrauens­
aussage 3 möglich, die militärische Bilder gebraucht und eine Notsituation po­
litischer Verfolgung insinuiert. Bemerkenswert ist die Anbindung an den Jeru­
salemer Tempel 7, die durch die Theophanie verstärkt wird. Der Bericht des
königlich-menschlichen Beters verbleibt nach Sprache und Vorstellungen im
Rahmen vorexilischer Psalmen. Ein Danklied läßt nach der Schilderung von
Not und Rettung den Lobpreis durch den Beter selbst oder durch das Audito­
rium erwarten. In Ps 18 wird diese Erwartung enttäuscht, denn die nachfol­
genden Verse 2,-31 bieten eine Kommentierung der Rettung, die offensichtlich
an der Aussage 20 anknüpft, daß JHWH am Beter Gefallen hatte. 2,-25 bilden
einen Abschnitt für sich, denn 2125 formen eine gezielt gestaltete Klammer.
Der Abschnitt rechtfertigt in erster Linie den Beter und legitimiert indirekt
JHWHs Rettertat. Die Rettung entspricht dem Verhalten des Beters nach in­
nen wie nach außen (Gerechtigkeit, Reinheit der Hände). Besonders die Bin-
nenverse 22-24 mit der Darstellung des Verhaltens sind deuteronomistisch im-
120 DIE PSALMEN Ps 18
prägnicrt (nomistische Wegterminologie, die Reihung der Synonyma für Ge­
setz und schließlich die seltene Wendung »ohne Makel vor Gott sein«, mit der
der wahre JHWH-Prophet in Dtn 1813 gekennzeichnet wird). Die deuterono-
mistische Prägung verweist auf späte deuteronomistische Schichten, die hier in
diesem Abschnitt den Beter als idealen König zeichnen, der den Ansprüchen
des Königsgesetzes Dtn 1714-20 in seiner dtr Endgestalt gerecht wird (vgl. ins­
besondere Dtn 17I7,8f-20).
Der folgende Abschnitt26-32 setzt sich von seinem Vorgänger ab. Er beginnt im
Gebetsstil der Du-Anrede an Gott und kippt ab 29b um in den Er-Bericht über
JHWH, der dann in31f das Feld beherrscht. Hinter dem Einzelbeter taucht das
Kollektiv einer Gruppe auf; typisch dafür ist das im ganzen Psalm singuläre
»unser Gott« aus 32, das in Verbindung steht mit der Erwähnung des bedrück­
ten, d.h. armen Volkes aus 28 oder mit der Rede von »allen, die sich bei ihm
bergen« aus 31. Offensichtlich soll dem gesamten Psalm in diesem Abschnitt
eine neue Richtung gegeben werden, und die ist als nachexilische Armentheo­
logie zu identifizieren. Der Beter spricht als Vertreter des armen Volkes (vgl.
denLeitbegriff »der Fromme/Treue« der Armentheologie in 26 wie bei den vor-
exilischen Armenpsalmen 44 122 305; die Gegensatzpaare arm-reich, demütig­
stolz in 28 wie in Zef 311-13 1 Sam 27; die Metaphern von der Erleuchtung aus
Ps 134 in 29 und vom geläuterten Wort Gottes aus Ps 127 in31). Die Gruppe der
Armen bekennt sich zum monotheistischen Gott 32. Deswegen können hinter
der Gegengruppe der »Stolzen« aus 28, die sich nicht beim einzigen Gott und
Fels bergen, auch die fremden Völker stehen, die dem kleinen und wahren
Israel feind sind, die aber schließlich nach Aussage von 44-46 besiegt werden.
In 33-49-50 folgt das Siegeslied eines Königs. Seine Autarkie ergibt sich aus der
parallelen Konstruktion der Rahmenverse 33-35-48f. Dadurch erhält das Sieges­
lied eine hymnische Ein- und Ausleitung, die überwiegend im Er-Stil über
JHWH berichtet. Im Korpus des Siegesliedes 36-46 beherrscht die Anrede an
JHWH die Rede. Besonders ins Auge stechen die vollmundigen Siegeserklä­
rungen des Beters in 38f-41b43 , die ihm Leistungen zuschreiben, die andernorts
in den Psalmen zu den Tätigkeiten Gottes zählen. Nichts im Siegeslied läßt die
abgrundtiefe Not des Berichts 3-20 anklingen. In der Wahl der Konjugationen,
1 im poetischen Stil und gewählt-seltenem Sprachgebrauch zeigt das Siegeslied
Konventionen der älteren, vorexilischen Poesie. Die Motive stammen aus der
altorientalischen Königsideologie, wie sie uns aus Texten und Ikonographie
bekannt ist. Alle Begriffe für die Feinde gehören in den militärisch-politischen
! Bereich, ihnen fehlt jegliche ethisch-religiöse Konnotation, so daß sie gut zum
Königsgebet passen. Der Schlußhymnus 48-49 wendet sich mit der Anrede im
zweiten Kolon um zur Anrede des Lobversprechens in 50. So kommt das Sie­
geslied zu einem für Danklieder gattungstypischen Schluß, der zugleich den
Auftakt in 2 rahmend aufgreift (vgl. Ps 305fl3b). Das Ende in 51 steht stilistisch,
gattungskritisch und inhaltlich außerhalb des Siegesliedes. Der Vers ist ein
Trikolon mit durchgehendem, reihendem Parallelismus im Unterschied zu den
i
komplexen Trikola des Siegesliedes. Gattungskritisch schießt er über das abge­
: rundete Danklied hinaus und nimmt noch einmal den hymnischen Stil auf. In­
haltlich ist sein Aussageziel wie in der Überschrift1 ein zweifaches: Der ano-
nyme Beter soll als das Individuum David identifiziert werden. David steht in
einem einmaligen Verhältnis zu JHWH. Er ist JHWHs Knecht, König und
5 Gesalbter, der in kaum zu überbietender Weise Gottes Rettung, Hilfe und
Huld erfahren hat und der das alles nicht nur für sich, sondern auch zugunsten

:
I ;
!
Ps 18 DIE PSALMEN 121
seiner Dynastie erhalten hat, damit diese auf Dauer bestehen bleibt. Es ergibt
sich der für die Psalmen seltene Fall, daß ein Psalm sowohl eine Über- wie eine
Unterschrift erhalten hat, die von einer Hand stammen.
Die Überschrift hat einige Besonderheiten: Ihr Anfang ist identisch mit der
von Ps 361 - die einzigen Fälle mit dem Titel »Knecht JFIWHs« für David in
einer Überschrift. Im Unterschied zu den Kontextparallelen (Ps 7870 894-21
13210 14410) geht der Titel dem Eigennamen voraus. Nur in Ps 71 181 werden
die historischen Angaben durch Relativsatz angeschlossen statt durch eine In­
finitivkonstruktion. Die sprachliche Gestaltung weicht von der Sprechweise
der Psalmen ab und richtet sich nach dem Rahmen des Moseliedes in Dtn 3130
3244. Der Zeitpunkt des Liedvortrags markiert keine punktuelle Situation, son­
dern den Abschluß einer Lebensphase. Von daher erhält das Lied testamentari­
sches Gewicht und ist konsequenterweise im dtr Geschichtswerk an das Ende
von Davids Leben gesetzt worden. Damit ist die Besonderheit der Doppelung
des Psalms im deuteronomistischen Geschichtswerk wie im Psalter das Ergeb­
nis der redaktionellen Rahmung. Nimmt man alle Beobachtungen zur außer­
I gewöhnlichen Rahmung in 1,51 zusammen, dann kann man eine spätexilische
deuteronomistische Redaktion dafür verantwortlich machen, die unschwer auch
hinter dem Abschnitt21-25 zu entdecken ist. Sie hat Ps 18 zum Vermächtnis Da­
vids stilisiert und David als idealen König und Beter gezeichnet. Mit ihr stehen
wir an der Quelle der wachsenden Davidisierung des Psalters.
Die Wachstumsphasen des Psalms lassen sich folgendermaßen aufreihen: Am
Anfang steht das alte, militärisch-politisch akzentuierte Sieges- und Danklied
eines Königs in 2-33-50. Noch in spätvorexilischer Zeit ist es durch den ausge­
bauten Rettungsbericht 3-20* (einschließlich der Theophanieschilderung) zum
Danklied für jeden Menschen in extremer Not ausgestaltet worden. In spätexi-
lischer Zeit hat eine dtr Redaktion in L21-25,51 das Danklied davidisiert und zu­
gleich in 2 Sam 22 eingestellt. Schließlich erfolgt durch 26-32 die Kollektivie-
rung des Individualgebets ganz im Sinne der nachexilischen Armentheologie:
der betende König David wird zum Hoffnungsträger für das kleine, angefoch-
! tene, gesetzestreue Israel. Die Davidisierung von Ps 18 liegt also vor der ar­
mentheologischen Kollektivierung. In seinem Endtext ist Ps 18 demnach ein
komplexes »geistliches Lied« der nachexilischen Gemeinde.
Die Redaktionskritik stellt den gestuften Ps 18 in den Kontext der Nachbar­
psalmen, insbesondere der zweiten Teilgruppe des ersten Davidpsalters Ps
15-24. Dabei fällt sofort auf, daß im Zentrum der Teilgruppe - unter vorläufi­
gem Übergehen des besonders gearteten Ps 19 - eine Trias von Königsgebeten
steht, deren jeweiliger Grundtext aus vorexilischer Zeit stammt: Ps 18 - das
Danklied Davids, Ps 20 - das Bittgebet des Volkes für den König als Priester
und Krieger, Ps 21 - das Dankgebet des Volkes für den König. Durchgehen­
des und verbindendes Thema ist die Beziehung JHWHs zum König.
Die Beziehungen zwischen Ps 18 und 20 erfassen jeweils ziemlich den gesam­
ten Grundtext (Ps is2-20-33-50 201-6a-8-,°). Sie konzentrieren sich sachlich auf
die militärische Notlage, den Vorgang von Notschrei, Antwort und Hilfe und
berücksichtigen die Zionstradition.
Ps 18 (in seiner dritten Stufe von 1 82-25-33-51) und der vorliegende Text von Ps
20 sind von der späten deuteronomistischen Redaktion durch den achten Titel
(misgabbt »meine Zuflucht«) 183 vgl. 202 und durch den redaktionellen Vers
207 vgl. 1851 miteinander gezielt verklammert worden. Ähnliches gilt für Ps 21.
Die redaktionellen Anteile von 21810* verklammern ihn mit der Theophanie-
122 DIE PSALMEN Ps 18
1
Schilderung von 189-14-16 (JHWHs Zorn und Feuer und JFIWH mit dem Titel
»Höchster«) und beziehen sich vor allem auf 1851 (der König erfährt die dauer­
hafte »Huld JHWHs«). Der Vergleich der Königsgebete macht die Hypothese
plausibel, daß vorexilische Königsgebete in 132-20.33-50 2Q2-6a-8-10 212-7-9-14
durch eine späte deuteronomistische Redaktion 181-21-25,51 206b_7 21810* bear­
beitet und zusammengestellt werden. Der König wird dadurch mit David
identifiziert.
Die Psalmen 17 und 18 haben eine gewisse Verwandtschaft (s.o. zur Redak­
tionskritik von Ps 17), die die Zusammenstellung rechtfertigt, aber auch einen
Eigencharakter, der die jeweilige Individualität vom Ursprung her verbürgt.
Die Analogien und Bezüge legen nahe, daß die späte exilische Redaktion der
Königspsalmen den Ps 17 vor Ps 18 eingestellt hat. In diesem Zusammenhang
verdient festgehalten zu werden, daß auch Ps 17814 Assoziationen zum Jerusa­
lemer Tempel enthält, wie sie im Rettungsbericht 183*20 allenthalben gegeben
sind.
Auf diesem redaktionskritischen Hintergrund betrachtet schert Ps 19 erheblich
aus der Reihe. Er drängt sich in die Trias der Königsgebete, redet weder vom
König noch von realer Feindesnot, noch läßt er irgendeine deutliche Anspie­
lung an den Tempelkult erkennen. Seine Hauptthemen Schöpfung und Tora
tauchen ihrerseits - direkt angesprochen - in der Nachbarschaft nicht auf. Der
Löwenanteil der Bezüge ist zwischen den exilisch-nachexilischen Abschnitten
von jg 1.21-25.26-32 un(j redaktionellen Anteil 1912“1415 zu finden. Wie der
König David 181, so versteht sich auch der Beter des Bittgebetes 1912-15 als
»Knecht JHWHs« (1912,14). Er bewahrt (lmr) die Weisungen JHWHs (1822
1912), legtauf die Vollkommenheit bzw. Makellosigkeit wert (1824-26 1914) und
hütet sich vor Schuld (1824 vgl. 1914).
Erst auf der Basis der armentheologisch bearbeiteten Endgestalt, d.h. nach
Einfügung von 1826-32, ist Ps 19 in seiner vorliegenden Form ins Zentrum der
zweiten Teilgruppe des ersten Davidpsalters eingerückt worden. Das geschah
erst in nachexilischer Zeit. David, der beispielhafte, gesetzestreue Vorbeter
des armen Israel aus Ps 18, ist zugleich der Knecht und Beter von Ps 19, der
Gottes Ordnung in Schöpfung und Tora anerkennt und zur Richtschnur eines
:
makellosen sowie erfolgreichen Lebens macht.

!
181 [Für den Chormeister. Von David, dem Knecht des Herrn, der
dem Herrn die Worte dieses Liedes sang an dem Tag, als ihn der
Herr aus der Gewalt all seiner Feinde und aus der Hand Sauls er­
rettet hatte.
2 Er sprach:]
Ich will dich rühmen, Herr, meine Stärke,
•I 92,6 275 3 Herr, du mein Fels, meine Burg, mein Retter,
313 34
mein Gott, meine Feste, in der ich mich berge,
I mein Schild und sicheres Heil, meine Zuflucht.
4 Ich rufe: Der Herr sei gepriesen!,
und ich werde vor meinen Feinden gerettet.
428 5 Mich umfingen die Fesseln des Todes,
5-7: 1163f mich erschreckten die Fluten des Verderbens.

I;
I :!
Ps 18 DIE PSALMEN 123
6 Die Bande der Unterwelt umstrickten mich,
über mich fielen die Schlingen des Todes.
7 In meiner Not rief ich zum Herrn
und schrie zu meinem Gott.
Aus seinem Heiligtum hörte er mein Rufen,
mein Hilfeschrei drang an sein Ohr.
8 Da wankte und schwankte die Erde, / 689
die Grundfesten der Berge erbebten.
Sie wankten, denn sein Zorn war entbrannt.
9 Rauch stieg aus seiner Nase auf, / 9 73
aus seinem Mund kam verzehrendes Feuer, Ex 1918
glühende Kohlen sprühten aus von ihm.
10 Er neigte den Himmel und fuhr herab, 10-17: 1445“7
zu seinen Füßen dunkle Wolken.
11 Er fuhr auf dem Kerub und flog daher; 99* 1044
er schwebte auf den Flügeln des Windes.
12 Er hüllte sich in Finsternis,
in dunkles Wasser und dichtes Gewölk wie in ein Zelt.
13 Von seinem Glanz erstrahlten die Wolken,
Hagel fiel nieder und glühende Kohlen.
14 Da ließ der Herr den Donner im Himmel erdröhnen, 14f: 77,8f
der Höchste ließ seine Stimme erschallen.
15 Er schoß seine Pfeile und streute sie,
er schleuderte Blitze und jagte sie dahin.
16 Da wurden sichtbar die Tiefen des Meeres, 7717 Ex 158
die Grundfesten der Erde wurden entblößt
vor deinem Drohen, Herr,
vor dem Schnauben deines zornigen Atems.
17 Er griff aus der Höhe herab und faßte mich, 326 1447
zog mich heraus aus gewaltigen Wassern.
18 Er entriß mich meinen mächtigen Feinden,
die stärker waren als ich und mich haßten.
,9 Sie überfielen mich am Tag meines Unheils,
doch der Herr wurde mein Halt.
20 Er führte mich hinaus ins Weite, 319
er befreite mich, denn er hatte an mir Gefallen.
21 Der Herr hat gut an mir gehandelt und mir vergolten,
weil ich gerecht bin und meine Hände rein sind.
22 Denn ich hielt mich an die Wege des Herrn
und fiel nicht ruchlos ab von meinem Gott.
23 Ja, ich habe alle seine Gebote vor Augen,
weise seine Gesetze niemals ab.
24 Ich war vor ihm ohne Makel,
ich nahm mich in acht vor der Sünde.
124 DIE PSALMEN Ps 18
25 Darum hat der Herr mir vergolten, weil ich gerecht bin
und meine Hände rein sind vor seinen Augen.
26 Gegen den Treuen zeigst du dich treu,
an dem Aufrichtigen handelst du recht.
27 Gegen den Reinen zeigst du dich rein,
doch falsch gegen den Falschen.
28 Dem bedrückten Volk bringst du Heil,

Ijob 2229 doch die Blicke der Stolzen zwingst du nieder.


Ijob 293 29 Du, Herr, läßt meine Leuchte erstrahlen,
mein Gott macht meine Finsternis hell.
30 Mit dir erstürme ich Wälle,
mit meinem Gott überspringe ich Mauern.
254 127 31 Vollkommen ist Gottes Weg, /
84 Spr 305 das Wort des Herrn ist im Feuer geläutert.
Ein Schild ist er für alle, die sich bei ihm bergen.
Jcs 448 32 Denn wer ist Gott als allein der Herr,
Ps 9216 wer ist ein Fels, wenn nicht unser Gott?
33 Gott hat mich mit Kraft umgürtet,
er führte mich auf einen Weg ohne Hindernis.
Hab 319 34 Er ließ mich springen schnell wie Hirsche,
Jcs 5814 auf hohem Weg ließ er mich gehen.
1441
35 Er lehrte meine Hände zu kämpfen,
meine Arme, den ehernen Bogen zu spannen.
36 Du gabst mir deine Hilfe zum Schild, /
deine Rechte stützt mich;
du neigst dich mir zu und machst mich groß.
Ijob 187 37 Du schaffst meinen Schritten weiten Raum,
meine Knöchel wanken nicht.
38 Ich verfolge meine Feinde und hole sie ein,
ich kehre nicht um, bis sie vernichtet sind.
39 Ich schlage sie nieder;
sie können sich nicht mehr erheben,
sie fallen und liegen unter meinen Füßen.
40 Du hast mich zum Kampf mit Kraft umgürtet,
hast alle in die Knie gezwungen,
die sich gegen mich erhoben.
2113 41 Meine Feinde hast du zur Flucht gezwungen;
ich konnte die vernichten, die mich hassen.
\
42 Sie schreien, doch hilft ihnen niemand,
:

sie schreien zum Herrn, doch ergibt keine Antwort.


43 Ich zermalme sie zu Staub vor dem Wind,
schütte sie auf die Straße wie Unrat.
44 Du rettest mich vor zahllosem Kriegsvolk,
28 du machst mich zum Haupt über ganze Völker.

!
Ü
Ps 18 DIE PSALMEN 125
Stämme, die ich früher nicht kannte,
sind mir nun untertan.
45 Sobald sie mich nur hören, gehorchen sie.
Mir huldigen die Söhne der Fremde,
46 sie kommen zitternd aus ihren Burgen hervor. Mi 717
47 Es lebt der Herr! Mein Fels sei gepriesen. 9216
Der Gott meines Heils sei hoch erhoben;
48 denn Gott verschaffte mir Vergeltung
und unterwarf mir die Völker.
49 Du hast mich von meinen Feinden befreit, / 1442
mich über meine Gegner erhoben,
dem Mann der Gewalt mich entrissen.
50 Darum will ich dir danken, Herr, vor den Völkern, 7»8
ich will deinem Namen singen und spielen. 1084
Röm 159
51 Seinem König verlieh er große Hilfe, / 207 8929f
14410
Huld erwies er seinem Gesalbten,
David und seinem Stamm auf ewig.

1 Der Titel »Knecht des Herrn« steht im MT vor dem Eigennamen David.
2 MT bietet das seltene, aber authentische ’arbomkä »ich will dich lieben«.
EÜ konjiziert zu *römimkä»ich will dich rühmen«, vgl. Ps 302.
3 EÜ übergeht in der Reihung der Epitheta JHWHs den Wechsel von Syn-
dese (mein Fels und meine Burg und mein Retter) zur Asyndese (mein
Gott, meine Feste) und zurück zur Syndese (mein Schild und Horn mei­
nes Heils).
4 EÜ setzt den Vers ins Präsens, obwohl sie dieselbe Konstruktion in 7 mit
Vergangenheit wiedergibt. Außerdem baut sie 4a zu einem Lobpreis um. 4
ist Überleitung von der Vertrauensaussage in 3 zum Bericht ab 5ff. Wört­
lich: (So) gepriesen (vgl. Ps 482) rief ich zu JHWH und wurde von mei­
nen Feinden gerettet.
7b Wörtlich: Aus seinem Palast hörte er mein Rufen.
12 Wörtlich: Er machte Dunkelheit zu seiner Hülle um ihn herum, zu seiner
Hütte Wasserdunkel, dichte Wolken.
13 Wörtlich: Aus dem Glanz vor ihm, seine Wolken, brechen hervor Hagel
und feurige Kohlen.
,4b EÜ übergeht die Glosse »Hagel und feurige Kohlen«.
23 EÜ wechselt unnötigerweise von Vergangenheit ins Präsens.
29 Der MT ist durch das Verb tä ’Tr »du läßt erstrahlen« metrisch und sinn­
gemäß überfüllt. 2 Sam 2 229 bietet den kürzeren Text: Denn du bist meine
Leuchte, JFTWH.
36-39 EÜ wechselt ins Präsens. Der eigentümliche Gebrauch der Präfixkonju­
gationen im schwer durchschaubaren Wechsel mit Affixkonjugationen ist
wie im gesamten Kontext 33-44 perfektisch wiederzugeben.
36b EÜ interpretiert den schwierigen MT, dessen Vokalisierung ‘anwatkä
»deine Demut« im Vers sinngemäß sperrig bleibt. Mit der Parallele 2 Sam
2236 ist 'anötkä — dein Antworten/dein Zuspruch zu vokalisieren: Dein
Zuspruch machte mich groß.
126 DIE PSALMEN Ps 18
42“44 EÜ konjiziert, aber der MT mit »Streitigkeiten des Volkes« macht durch­
aus Sinn.
46 Im MT geht eine zusätzliche Zeile voraus: Die Söhne der Fremde ver­
schmachten.
49 Das erste Kolon heißt wörtlich: »Er hat mich vor meinen Feinden des
Zorns gerettet.« Danach erst wechselt der Vers in die Du-Anrede.
51 MT hat nur zeitneutrale Partizipien: Er verleiht... er erweist.

Überschrift1: Die redaktionelle Über­ schreibt die Not des Beters eingangs
schrift (s.o.) gleicht in ihrem 1. Teil mit einem klassischen Bild der Enge,
der von Ps 301. Der Relativsatz situ­ die Angst macht und auf weiten
iert das Lied Davids am Ende seines Raum und Befreiung hoffen läßt, vgl.
Lebens nach Rettung von seinem Ps 42 3110 327. Der Notschrei geht
Hauptgegner Saul und allen Feinden. zum Aufenthaltsort JHWHs, seinem
Tempel und Palast, wo er als Götter­
Lobaufruf1: Der Lobaufruf ist singu­ könig auf Erden thront. In der bibli­
lär formuliert. Ihm nahekommen die schen Raumvorstellung thront Gott
Parallelen in Ps 268 116*, wo der Be­ immer oben, vgl. ,7.
ter seine Liebe zu JHWH erklärt. Die Die statische Vorstellung vom Auf­
Bezeichnung JPIWHs als Stärke des enthaltsort wird durch die große
Beters entspricht seinen Hilfeleistun­ Theophanie dynamisiert. Der Rah­
gen im Kampf des Königs in 33ff. men der Theophanie in 8 16 schildert
die Auswirkungen des göttlichen Er­
Bericht der Not und Rettung 3-20: Er scheinens, die Erschütterung des
beginnt mit der stark ausgebauten Ganzen, der Erde und Berge oben 8
Vertrauensaussage, was JHWH für sowie der Wassertiefen und Funda­
den verfolgten und bedrängten Beter mente des Erdkreises unten16. 9 erin­
bedeutet. Der Häufung der Titel am nert an eine Vulkantheophanie wie in
nächsten kommen die Parallelen in Ex 1918. 10 leitet über zu den Phäno­
Ps 313"5 713 1441“2. Der Titel »Horn menen einer Gewittertheophanie in
meines Heils« ist im AT singulär. Das Analogie zum Erscheinen des Wet­
Horn ist Zeichen der Macht (vgl. die tergottes Baal (vgl. Ps 29 und Ex
Hörnerkrone der antiken Götter).4 1916) 11 verbindet die Vorstellung
dient der Überleitung. Das Partizip vom »Kerubenthroner« mit der vom
»gepriesen« faßt die Vertrauensaus­ Gewittergott und »Wolkenfahrer«,
sage zusammen; der Rest des Verses der zugleich den Sturm zu seinem
formuliert die Überschrift: Der Beter Gefährt macht (s.o.). Die Kumula­
schrie zu JHWH und wurde gerettet. tion der Vorstellungen steigert die
In 5f wird mit seltenen mythischen Bil­ Beweglichkeit JHWHs im Sinne der
dern die fast übermenschliche Not Ubiquität. 12 betont die Verhüllung
des Beters beschrieben. Tod, Chaos des erscheinenden Gottes, der trotz
. und Unterwelt bilden einen einzigen aller Nähe sich entzieht, vgl. Klgl
; Vorstellungskomplex. Die »Ströme/ 343f. 13 versammelt die Theophanie-
Fluten des Verderbens« zielen auf die phänomene: den heilvollen Glanz,
jl-
alles verschlingende Macht des den Hagel (Gewitter) und die glü­
Chaotischen (vgl. Ps 419 1013). Der henden Kohlen (Vulkanausbruch).
Beter geht unter wie in Klgl 354. 14f konzentriert sich auf die Gewitter­
; Stricke/Bande und Schlingen erin­ theophanie. JFIWH erhält den Titel
nern an Gefahren der Jagd. 7 be­ »Höchster«, der in die Jerusalemer

t
Ps 18 DIE PSALMEN 127
Zionstradition gehört, vgl. Ps 718. aus redaktioneller Hand in exilisch-
Die zweite Zeile von 16 trägt das Mo­ frühnachexilischer Zeit (vgl. 1 Sam
tiv des Chaoskampfes nach. Das Bin­ 27). JHWH steht den Demütigen und
nenwasser aus der ersten Zeile wird Armen bei; die Hochmütigen und
nun auf das Meer gedeutet, das beim Reichen erniedrigt er! 31 preist die
Chaoskampfmotiv Objekt des Schel- Vollkommenheit und Verläßlichkeit
tens/Drohens JHWHs ist, vgl. Ps Gottes und seines weisenden Wortes
1046f 1069 Nah l4 Jes 502. (vgl. Dtn 324 Ps 127 Spr 305 Ps
17 knüpft über die Theophanieschil- 119140). Gottes vollkommener Weg,
derung 8-16 hinweg an den Bericht der sein geläutertes Wort und sein Instru­
Not 5-7 an. Die Vorstellung ist sehr ment des Schutzes für alle, die sich
konkret: JHWH oben im Tempel bei ihm bergen (vgl. 3), ist nichts an­
streckt seine Hand nach unten und deres als seine Tora. Die monothei­
zieht den untergehenden Beter aus stische Unvergleichlichkeitsaussage
den Wassern von 5f. Die »vielen/ge­ von32 stellt das Credo der Armen dar:
waltigen Wasser« sind das klassische JHWH ist der einzige Gott, der kon­
Bild für das Chaos wie in Ps 293 326. kurrenzlos Sicherheit gebende Felsen
,8f übersetzt das Rettungsbild in die (vgl. Dtn 3215 2 Sam 72 Jes 448). Ein
Realität der Verfolgung durch analoges Bekenntnis legt der einzelne
Feinde und Hasser (vgl. Ps 219). Arme in Ps 3510 ab.
20 pendelt zurück ins Metaphorische.
Das »Herausführen ins Weite« ist das Das Siegeslied 33-50.: Die Einleitung
33-35 berichtet hymnisch reihend da­
Gegenteil der Enge von 7 (sonst noch
Ps 319). Die Rettung, ausgedrückt von, wie Gott den König zum Kampf
wie in Ps 65, wird begründet mit dem vorbereitet hat. Er gürtete ihn mit
Wohlgefallen des Beters bei JHWH physischer Kraft (vgl. Ps 302), räumte
wie in Ps 229 und 4112. Hindernisse auf seinem Weg zum
Kampf beiseite und wies ihm einen
Kommentierung und Rechtfertigung strategisch schnellen und günstigen
der Rettung 2,-25: Die Rahmenverse Anmarsch an. Die Hände erlernten
beschreiben das Handeln JHWHs das Führen von Keule und Sichel­
mit Verben und Wendungen, die aus schwert, wie es die altorientalische
alten vorexilischen Psalmen bekannt Ikonographie für Könige zeigt. Die
sind (Ps 79 136 284). Die Rettung ent­ Arme lernten, den ehernen Bogen zu
spricht der umfassenden Gerechtig­ spannen; damit ist der Kompositbo-
keit des Beters (vgl. Ps 79 17115), die gen gemeint, der aus mehreren Höl­
auch in der »Reinheit seiner Hände«, zern zusammengesetzt und durch
d.h. in den sichtbaren Taten, zu Bronzeeinlagen verstärkt ist, um
Tage tritt (vgl. Ps 244). Die Binnen- seine Reichweite zu erhöhen, 36-39 ge-
verse 22-24 referieren das Handeln des hen zum Kampfgeschehen über. Da­
Beters in nomisticher Terminologie. bei übernimmt JHWH die Aufgabe
von Schild und Deckung. Zugleich
Lehre fiir jeglichen Armen 26-32: Die tritt er hinter den kämpfenden König
paronomastische Formulierung der und unterstützt ihn bei der Führung
Lehrsätze 26f will das Prinzip gerech­ der Angriffswaffen (vgl. die ägypti­
ter (fast talionischer) Vergeltung ein­ sche Königsikonographie). Der gött­
schärfen. 27b hat eine entfernte Paral­ liche Zuspruch baut ihn psychisch
lele in Dtn 325. 28 betreibt Armen­ auf. Der König besiegte die Flüchten­
theologie im Stile von Zef 311-13, ei­ den total 38f. Was sonst der Engel
nem locus classicus, wahrscheinlich JHWHs vollbrachte Ps 355 oder
128 DIE PSALMEN Ps 19

JHWH selbst herbeiführte (Ps 3613 tanen mit allen Zeichen der Unter­
6822 1105f), konnte der König selbst werfung 45f.
bewerkstelligen. Der Schluß 47-49 preist JHWH wieder
40-46 schildert die Reaktion der Feinde hymnisch reihend. Er ist der leben­
und setzt neu ein (vgl.40 mit33). Man dige Gott (vgl. Ps 423), der geprie­
hat den Eindruck, daß es sich in 40-44» sene rettende Fels (vgl. die Dankprei­
um innenpolitische Feinde handelt. sungen in Ps 286 3122 und die Schluß-
JHWH und der König wirkten zu­ doxologie von Ps 4114), der erhabene
sammen gegen die Putschisten (die helfende Gott (vgl. Ps 2114a). 48f fas­
sich Erhebenden) und vernichteten sen individuell die Rettungstaten
sie. Wiederum übernimmt der König JFLWHs zusammen (vgl. Ps 474
Taten auf sein Konto, die sonst von 1402'5-!2). Das Lobversprechen 50 bil­
JHWH vollbracht werden (vgl. Ps det den kongenialen Abschluß des
547 9423). Beim Zusammenwirken Siegesliedes (vgl. die Lobversprechen
von Gott und König ist es nur konse­ in Ps 206 21I4b 305f-,3b). Dem suprana­
quent, daß der Hilferuf der innenpo­ tionalen Herrschaftsbereich des Kö­
litischen Gegner zu JHWH unerhört nigs entspricht das völkerübergrei-
blieb. Der König konnte sie zu Staub fende Lob.
und Gassenkot machen - Bilder der Unterschrift 51: Sie identifiziert den
Entehrung und Vernichtung wie in König mit David und hebt die Größe
Ps 403 6915. und Dauer der göttlichen Zuwen­
In 44 aber wendet sich das Siegeslied dung an den davidischen König her­
den außenpolitischen Feinden zu. vor, denn ihr Interesse gilt nicht nur
Der König wurde zum Großkönig der Person Davids, sondern seiner
über Völker und über unbekannte Dynastie auf unbegrenzte Dauer. In
Leute/Stämme 44-46. Sie gehorchen diesem Sinne ist ihre Absicht »messia-
aufs Wort und sind willfährige Unter- nisch«.
Frank-Lothar Hossfeld

PSALM 19
GOTTES LOB IN SCHÖPFUNG UND GESETZ

ji
' Der erste Eindruck des Beters und Lesers, daß Ps 19 aus zwei getrennten Tei­
len bestehe, wurde in der Exegese schon bald zur festen und traditionellen In­
: terpretationsregel. Demnach trennt man den Psalm auf in die Teile 19A2-7 und
: 19B8-15, unterschieden nach Thema (Schöpfungspsalm - Gesetzespsalm) und
5 poetischer Gestaltung (freier gearbeitete Parallelismen - kürzere und straff ge­
' staltete Reihen von Zeilen). Die Zweiteiligkeit wurde ebenso früh und kon­
stant mit dem Urteil über Alter, Herkunft und Gattung verknüpft: Ps 19A hat
kanaanäische Wurzeln und stellt einen archaischen Naturhymnus dar. 19B
stammt aus viel späterer, nachexilischer Zeit und preist das Gesetz.
Die neuere Exegese hat sich im Gegenzug um den Nachweis der Einheit des
Psalms bemüht.
Der gesamte Psalm spricht und klingt über weite Strecken hymnisch, aber erst
ab 12 findet sich die bei Hymnen erwartete Anrede an Gott bzw. JHWH. In 2-7
: wird die Gottesbezeichnung 'el anfänglich erwähnt und dann versteckt; in 8-11
i

v U
Ps 19 DIE PSALMEN 129
taucht der Eigenname JHWH nur in Genitiwerbindungen auf. Der erste
Hauptteil des Psalms 2-7 wird beherrscht von der Einleitung in 2, herausgeho­
ben durch sorgfältige chiastische Gestaltung, durch das semantische Gewicht
ihrer Aussagen und durch die pronominalen Rückbezüge in den folgenden
Versen. Mit 5b beginnt ein neuer Unterabschnitt, weil die Sonne als neuer
Handlungsträger eingeführt wird, der bis 7 einschließlich die Szene beherrscht.
Der zweite Hauptteil 8-11 hebt sich durch seine stilistische Formung ab. Mit sei­
nem Staccato-Stil und der Kette der Wiederholungen des JHWH-Namens un­
terstreicht er Konstanz und Prägnanz seiner Tora-Aussagen.
Gegen die traditionelle These, ein alter Naturhymnus 2-7 sei durch einen jun­
gen Torapsalm 8-11 erweitert worden, gibt es genügend Hinweise auf eine in
sich abgerundete Komposition. Die in verbreiteten altorientalischen Vorstel­
lungen verwurzelten Inhalte (die Herrlichkeit Gottes in der Schöpfung, die
Zwiesprache von Mächten der Natur, der Sonnenlauf) werden in einen jünge­
ren Zusammenhang integriert. Die gesamte Komposition ist von exilisch-
nachexilischen Vorstellungen durchzogen (die Beschreibung des Himmels als
Firmament 2, die Vorstellung von der Erde als Fundament und dem Himmel
als darüber gespanntem Zelt 5b, die Übertragung von Eigenschaften der Weis­
heit auf die Tora 8“n, die Identifizierung der »Furcht JHWHs« mit der Tora
I0). Ebenso wird sie durch eine relativ »späte« Sprache geprägt. Vor allem läßt
sich ein Gedankenduktus feststellen von der indirekten Offenbarung Gottes in
der Schöpfung zur direkten Offenbarung in der Tora. Zuerst wird vom Schöp­
fergott ’e/ nur verhalten geredet. Dagegen wird in 8-10 JFIWH sechsfach ge­
nannt.
Die ersten beiden Abschnitte2_5a 5b“7 verbinden den Aspekt der creatio origina­
le (»Werk seiner Hände« 2b und perfektische Verbformen in 5) mit dem der
creatio continua (Partizipien und imperfektische Verbformen in 2“7). In beiden
Abschnitten findet sich eine Präferenz für das Licht (vgl. Trennung von Tag
und Nacht in 3 mit Betonung der Tagesaktivität, Bevorzugung des Sonnenum­
laufs ohne Rekurs auf den Mond (anders Ps 8), Schilderung der Tagesfahrt
der Sonne gegenüber der Andeutung der Nachtfahrt in 7).
Die beiden Abschnitte kulminieren in der täglichen Richterfunktion der Sonne
7b, die über den Gang der Schöpfung und das Verhalten der Menschen wacht.
Damit ist der Übergang zum Tora-Hymnus geschaffen, wo die Tora leitet und
erleuchtet.
Die Komposition 2-11 setzt viele Begriffe für die Kunde aus der Schöpfung und
die Mitteilung des göttlichen Willens an den Menschen ein. Dabei fällt eine be­
wußte Trennung auf. In 2-7 sind es Kommunikationsbegriffe wie Rede, Wis­
sen, Worte, Stimme, die sich an die Erkenntnis und akustische Wahrnehmung
des Menschen wenden; in 8-11 dagegen werden Austauschbegriffe für das gött­
liche Gesetz verwendet, die vornehmlich den menschlichen Willen anspre­
chen, wobei solche Gesetzesbegriffe vermieden werden, die sich wie däbär
»Wort« und ’imrä»Ausspruch« mit der ersten Gruppe überschneiden. Insofern
nehmen 2-7 und 8-11 aufeinander Rücksicht, was für eine einheitliche Komposi­
tion sprechen kann. 2-7 erläutern die Herrlichkeitskunde der Himmel vor allem
an der Ordnung der Zeiten im Lauf der Gestirne. Diese Sicht der geordneten
Schöpfung korrespondiert mit der Überzeugung der späten Weisheit, daß
JHWH Erde und Himmel mit Weisheit und Einsicht geschaffen hat (Spr 319 Ps
10424). Ebenso wie Ps 192_n denkt die späte Weisheit Schöpfung und Tora zu­
sammen (Ijob 2820-28 Spr 812-31). Im Vergleich mit diesen Parallelen redet Ps
!
■ 130 DIE PSALMEN Ps 19
192-11 konkreter in bezug auf die Lebensordnungen der Zeit und der Tora. In­
sofern ist er ein Vorläufer von Sir 24.
Der dritte Hauptteil ,2_14, samt der abschließenden Weiheformel oder Wid­
ü mung ,5, unterscheidet sich erheblich vom Vorhergehenden, und zwar im For­
i malen wie im Inhaltlichen (erstmalige Gebetsanrede an JHWH 12 U15, Her­
vortreten des Beters- als »Knecht JHWHs« 12M, redaktioneller Anschluß mit
gam »auch«, Verschiebungen in der Torafrömmigkeit: Die Tora verspricht
reichen Lohn; der Torafromme muß sich vor Frevlern schützen; die Tora
schützt nicht mehr allein, sondern JHWH muß die verborgenen Sünden verge­
ben). Insgesamt erscheint für Ps 19 ein Wachstum in zwei Stufen plausibel. Zu­
erst der weisheitliche Grundpsalm 2"n, dann die Aufnahme in das von priester-
licher Sünden- und Sühnetheologie beeinflußte Bittgebet eines Torafrommen
12-14.15
Ps 19 fällt aus dem Rahmen der umgebenden Königsgebete heraus (keine
Rede vom König, von realen Feinden, keine direkten Verweise auf den Tem­
pel). Umgekehrt tauchen seine Themen (Schöpfung, Tora) im Kontext nicht
auf. Der Löwenanteil der Bezüge konzentriert sich auf die exilisch-nachexili-
schen Abschnitte 181-21-25-26-32 und 1912"1415 (vgl. »Knecht JHWHs« 181 1912-14;
Bewahren der Weisungen 1822 1914; Vollkommenheit 1824 26 1914; Bewahren
vor Schuld 1824 vgl. 19!4). Das Gruppenbewußtsein des Armen 1828 gleicht
dem desjenigen, der sich von »vermessenen Menschen« abgrenzt 1914. Die
Vergeltungslehre von 1826f hat Analogien zu der von 1912. Die weisheitlich-no-
mistische Terminologie von 1826-32 ist transparent auf die Tora von 198~n (vgl.
die vollkommene, geläuterte und erleuchtende Tora). Die Widmung »mein
Fels« 1915 greift die Vertrauensaussage 183,47 auf, d.h.: Auf der Ebene der ar­
mentheologisch bearbeiteten Endgestalt von Ps 18 ist der Endtext von Ps 19
ins Zentrum der zweiten Teilgruppe des ersten Davidpsalters eingerückt wor­
den. David, der gesetzestreue Vorbeter des armen Israel aus Ps 18, ist auch der
Beter von Ps 19, der Gottes Ordnung in Schöpfung und Tora anerkennt. Mit
i Ps 20 ergeben sich kaum Stichwortverbindungen (außer das Herz des Beters
I915 205). Aber von Ps 18 her ist der Gesalbte von 206b7, dessen Bitten erhört
werden sollen, zugleich der torafromme »Knecht JHWHs« aus Ps 19.

!
;i 19' [Für den Chormeister, ein Psalm Davids.]
506 Sir 43,f 2 Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes,
vom Werk seiner Hände kündet das Firmament.
3 Ein Tag sagt es dem andern,
eine Nacht tut es der andern kund,
4 ohne Worte und ohne Reden,
I
unhörbar bleibt ihre Stimme.
il Röm 10‘8 5 Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus,
Ü ihre Kunde bis zu den Enden der Erde.
Dort hat er der Sonne ein Zelt gebaut.
Sie tritt aus ihrem Gemach hervor wie ein Bräutigam;
sie frohlockt wie ein Held
und läuft ihre Bahn.

, 2-i
Ps 19 DIE PSALMEN 131
7 Am einen Ende des Himmels geht sie auf /
und läuft bis ans andere Ende;
nichts kann sich vor ihrer Glut verbergen.
8 Die Weisung des Herrn ist vollkommen,
sie erquickt den Menschen.
Das Gesetz des Herrn ist verläßlich,
den Unwissenden macht es weise.
9 Die Befehle des Herrn sind richtig,
sie erfreuen das Herz;
das Gebot des Herrn ist lauter,
es erleuchtet die Augen.
10 Die Furcht des Herrn ist rein,
sie besteht für immer.
Die Urteile des Herrn sind wahr,
gerecht sind sie alle.
11 Sie sind kostbarer als Gold, als Feingold in Menge. 11972
Sie sind süßer als Honig, als Honig aus Waben.
12 Auch dein Knecht läßt sich von ihnen warnen;
wer sie beachtet, hat reichen Lohn.
13 Wer bemerkt seine eigenen Fehler?
Sprich mich frei von Schuld, die mir nicht bewußt ist!
14 Behüte deinen Knecht auch vor vermessenen Menschen;
sie sollen nicht über mich herrschen.
Denn bin ich ohne Makel
und rein von schwerer Schuld.
15 Die Worte meines Mundes mögen dir gefallen; /
was ich im Herzen erwäge, stehe dir vor Augen,
Herr, mein Fels und mein Erlöser. 9216

3a Wörtlich: Tag sprudelt dem Tag Rede zu (nb »hervorsprudeln«).


5a Die Syntax fordert für die Übersetzung der Verbform von jf* »herausge­
hen« ein resultatives Perfekt wie in 5b »ist (seit Schöpfungsbeginn) ausge­
gangen«. Für die Übersetzung von qawwäm gibt es drei Möglichkeiten:
a) »Ihre Meßschnur« - paßt nicht in den Parallelismus des Bikolons und
ebensowenig in den näheren Kontext; b) ein Schall- und Lallwort im
Sinne von Jes 2810,13 - solche Lallwörter werden aber nicht mit Suffixen
konstruiert wie in diesem Fall; c) eine Konjektur zu qöläm »ihre Stimme« -
paßt in den Kontext und ist mit den alten Versionen vereinbar.
5b EÜ gibt die Präpositionalverbindung bäham lokal wieder; es empfiehlt
sich ein instrumentales Verständnis »durch sie (die Himmel)«.
7a Der zweite Teil des Halbverses lautet wörtlich: Und ihr (der Sonne)
Wendepunkt bzw. Umlauf zu ihrem (der Himmel) Ende hin.7a beschreibt
den vollen Umlauf der Sonne mit Tagesfahrt von Ost nach West am Him­
mel entlang und mit Nachtfahrt von West nach Ost unter der Erdscheibe
durch.
132 DIE PSALMEN Ps 19
,c* EÜ bleibt zu Recht beim MT und verzichtet auf eine häufige Konjektur
der »Furcht JHWHs« in das »Wort JHWHs« (s. u.).

Überschrift Sie entspricht in ihrer Psalms - wie sie hier angenommen


Dreiteilung (Adressat, Gattungsan­ wird. Die Himmel teilen also etwas
gabe, Autor) denen von Ps 20 21. über die Qualität der Schöpfung seit
Schöpfungsbeginn mit, etwas, das
Der erste Abschnitt 2_5a: Die Über­ letzten Endes eine Aussage über den
schrift 2 stellt zuerst die Subjekte vor, Schöpfer macht, die wahrgenommen
die von der Gottesherrlichkeit erzäh­ bzw. erkannt werden kann.
len. Dabei werden die Himmel (der Die besondere Kunde wird in den
obere Raum über der Erdscheibe und folgenden Versen erläutert.3 identifi­
der Ort der thronenden Gegenwart ziert sie als zeitliche Ordnung. Im
Gottes) durch den Parallelbegriff Fir­ Unterschied zu Gen l3-5-14-18 und 822
mament näher beschrieben. Er be­ wechseln sich aber Tag und Nacht
zeichnet die Platte, die das blaue nicht periodisch ab, sondern Tag und
Meer des Himmelsozeans nach oben Nacht sagen getrennt ihresgleichen
abdrängt und dadurch den Luftraum diese Rede und das Wissen weiter.
für die Lebewesen schafft. Der Ge­ Tag und Nacht sollen voneinander
brauch dieses Begriffes konzentriert geschieden werden, um sie unter­
sich auf die exilisch-nachexilische Li­ schiedlich zu gewichten. In 3 fällt die
teratur (Ez l22ff 101: Gen 1 Ps 1501 Präferenz dem Tage zu. Sie hat ihr
Dan 123 und Sir 438). Daß die stum­ Echo in der Wahl der Verben, denn
men Subjekte Himmel und Firma­ dem Tag wird das überquellende
ment verkünden, hat seine entfernte­ »Hervorsprudeln« der Rede zuge­
ren Parallelen in Ps 506 976, wo sie ordnet, der Nacht hingegen das
i Gottes Gerechtigkeit kundtun, und schwächere »Verkünden«. 4 zieht die
in Ijob 127-9, wo die gesamte Tierwelt Linien von 2f nur aus. Die eingesetz­
das Faktum ihrer Erschaffung ver­ ten Begriffe der Wortmitteilung neh­
kündet. Umstritten ist, ob das nomen men Termini der Nachbarverse auf
rectum ’el in der Genitiwerbindung (»Rede« in 3 und »Stimme« in 5a). Die
»Herrlichkeit Eis« als Gattungs- oder dreifache Negation unterstreicht den
l als Eigenname verstanden werden
soll. Als Eigenname zielt es auf den
Sondercharakter der himmlischen
Kunde, die nicht dem Gehör, son­
kanaanäischen Göttervater El, dem dern nur dem Erkennen zugänglich
nach Art von Ps 2919 Ehre darge­ ist. 5a beschreibt die räumliche Aus­
■.
bracht wird. Ein solches Verständnis dehnung des Kundegeschehens. Seit
; spricht dann entschieden für das ka- Beginn der Schöpfung ist die Kunde
naanäische Kolorit dieser Rede. Als über die ganze Erdscheibe ausgegan­
ii Gattungsname verweist es auf den gen und breitet sich immer wieder
! Schöpfergott - eine Redeweise, die aus. Die vom Himmel mitgeteilte
den etablierten Monotheismus vor­ Kunde ist die Ordnung der Zeiten,
aussetzt wie bei Deuterojesaja in Jes die von Anfang an universal gültig
4qJ8 4312 4522 un(j dem Konzept der und dauerhaft beständig auf die
•i gestuften Offenbarungsentwicklung Herrlichkeit des Schöpfergottes ver­
. in der Priestergrundschrift ent­ weist.
spricht, die in der Urgeschichte von
»Gott« redet. Dann bevorzugt man Der Sonnenhymnus5l>_7: Die Ordnung
eine nachexilische Entstehung dieses der Zeiten wird im zweiten Abschnitt
i

i
! i
Ps 19 DIE PSALMEN 133
am Sonnenlauf visuell konkretisiert. che (Willensoffenbarung JHWHs)
Die Präferenz für den hellichten Tag her ist Ps 119 die nächste Parallele.
setzt sich fort in der Wahl des vor­ Fünf Begriffe haben beide Psalmen
nehmsten Gestirns als Beispiel. Der gemeinsam: törä »Weisung« - ein
ehemalige Sonnengott ist zur Kreatur zusammenfassender Gesetzesbegriff
des Schöpfergottes depotenziert. Das vor allem aus der dtn-dtr Literatur;
Firmament hat seinen Charakter ge­ 'edüt »Zeugnis« bzw. Gesetz - ein
wandelt. Es besteht aus leichtem Leitbegriff priesterlicher Literatur zur
Stoff, der wie ein Zelt über der Erde Bezeichnung der Abmachungen zwi­
ausgespannt ist (vgl. Jes 402,f 425 4424 schen JHWH und seinem Gottesvolk;
4512 5113 Jer 1012 Sach 121 Ijob 98 Ps piqqüdim »Befehle« - ein Begriff,
1042). Die Bahn der Sonne wird in ih­ der auf die Autorität des Gesetzge­
rem vollen Umlauf erfaßt: Von ihrem bers abhebt; miywä »Gebot« - ein
Aufgang am östlichen Horizont, wo Begriff für Einzelanordnungen wie
Himmel und Erde sich berühren, zu auch Sammelbegriff für Gesetzeskor­
ihrer Tagesreise über oder am Him­ pora; mispäffm »Urteile« bzw. Ent­
mel entlang, bis zu ihrem Untergang scheidungen - ein Begriff, der im
am westlichen Horizont. Die Nacht­ Kontext von Gesetzgebung die von
fahrt wird in 6b nur angedeutet. Die einer Autorität erlassenen Rechts­
Metapher des Bräutigams erinnert sätze beinhaltet. Aus der Reihe tanzt
daran, daß dem Sonnengott eine die jirat JHWH »Jahwefurcht« in 10;
Braut und Gemahlin beigegeben weil ihr genetivus objectivus (Furcht
wurde. Hier hat sie die mythische vor JHWH) dem genitivus subjecti-
Verbindung abgestreift und assozi­ vus der Nachbarbegriffe wider­
iert vor allem »strahlende Schönheit spricht. Die »Jahwefurcht« ist so zum
und jugendliche Frische«. Mit der Inbegriff der Weisheit geworden
morgendlichen Epiphanie der Sonne (vgl. Spr l7 910 u. ö.), daß die Aspekte
verbindet sich nicht nur ein neutraler menschlich-religiöser Haltung nicht
Wechsel der Zeiten, sondern auch mehr durchschlagen und der weis-
der siegreiche Übergang der Sonne heitliche Begriff in die Kette der Ge­
vom Bereich des Chaos (Finsternis, setzestermini aufgenommen werden
Unheil, Tod und Unterwelt) zum Be­ kann. Alle sechs Begriffe haben mehr
reich des Kosmos (Helligkeit, Heil, oder minder stark legale Bedeutung;
Leben und Welt der Lebenden). 7b sie betonen den einfordernden, ver­
fängt zuerst einmal die spezifisch ori­ pflichtenden Charakter der Gesetzes­
entalische Erfahrung ein, daß die offenbarung im Unterschied zur
Sonne zur Zeit der Mittagshöhe die Wortoffenbarung der Herrlichkeits­
Welt in Glut versetzt (vgl. Sir 431"5). kunde.
Über die Assoziationskette von Die Nominalsätze im jeweils ersten
Licht-Augen-Sehen-Wissen wird der Kolon machen Wesensaussagen über
Sonnengott zuständig für die Wah­ die Tora. Die dort der Tora zuge­
rung des Rechts. Indem der Hymnus sprochenen Eigenschaften charakte­
in der Richterfunktion der morgend­ risieren sonst das göttliche und
lichen Sonne kulminiert, bereitet er menschliche Wort (verläßlich 8b, lau­
den nachfolgenden dritten Abschnitt, ter 9b, wahr ,ob) oder bezeichnen kul­
den Torahymnus, vor. tische (rein ,0a) und ethische (voll­
kommen 8a, richtig 9a) Qualitäten.
Der Torahymnus 8-11: Vom Varia­ Die Appositionen im jeweils zweiten
tionsreichtum und von der umfassen­ Kolon schildern die Wirkungen der
den Bedeutung der beschriebenen Sa­ Willensoffenbarung. Die Schlußkoda
: Ps 19
: 134
11 läßt den Hymnus in zwei sich stei­ nen. I2b trägt den Tun-Ergehen-Zu-
gernde Vergleichspaare münden sammenhang ein. Der Toragehorsam
(Gold, Feingold - Honig, Wabenho­ verspricht reichen Lohn; nach Spr 224
nig), die die Kostbarkeit der Tora be­ heißt das: Reichtum, Ehre, Leben.
schreiben. Hinter 13 steht priesterliche Sünden­
Die Tora in 8-11 umfaßt die gesamte theologie, die zwischen wissenschaft­
Willensoffenbarung JHWHs. Diese lichen und unwissenschaftlichen Ver­
wird auf zweifache Weise der Weis­ gehen unterscheidet (Lev 413 Num
heit angenähert: Wie die Weisheit 1522 vgl. Ps 1192i n8). 14 zieht die
spricht sie den ganzen Menschen an Linie von 13 aus und betont die
mit seinem Erkenntnisvermögen, sei­ Schwäche und Verführbarkeit des
nem Willen, seiner Lebenskraft. Was Beters wie Ps 1 1921 122 134. Jetzt geht
von den Wirkungen gilt, gilt auch es um wissentliche Sünden, die durch
beim Wesen: Weisheit und Tora wer­ den Druck und die Verführung von
den identisch. Sündern zustande kommen und den
Insgesamt bietet der Grundpsalm Beter zum Mitläufer machen.
192-n eine weisheitliche Zusammen­ JHWHs Vergebung und Schutz be­
schau von Schöpfung und Willensof­ wirken die erbetene Vollkommenheit
fenbarung JHWHs. Die seit Schöp­ und Schuldfreiheit.
fungsbeginn sich im stetigen Lauf der
Gestirne (Sonne) manifestierende Die Widmung 15 verquickt Opferter­
Ordnung der Zeiten setzt sich fort in minologie (»Wohlgefallen« und »vor
der das menschliche Leben fördern­ deinem Angesicht«) mit Bezeichnun­
den Tora. Der Denkhorizont des gen für den ganzen Psalm (»Worte
Grundpsalms verweist auf die späte meines Mundes« und »Erwägung
Weisheit, insbesondere auf die älte­ meines Herzens«, vgl. Spr 1528 2 42 Ps
ren oder zeitgleichen Spr 8 und Ijob l2 494) zu einer Weiheformel mit spi-
28 und die späteren Parallelen Ps ritualisierendem Kultverständnis (Ps
11989-96 und Sir 24. 5119 6931 1 19108 1412). Die Schlußan­
rufung JHWHs in I5b verbindet zwei
Das Bittgebet des Torafrommen 12-14. Titel, die so nur noch Ps 7 8 35 zusam-
Der Beter bezeichnet sich in ,2a als menspannt. Der eine (»Fels«) stammt
»Knecht« JHWHs (z.B. Ps 279 119 aus der Psalmensprache, der andere
passim). Die Beziehung zur Tora (»Erlöser«) zeichnet die Heilsansage
i wird distanzierter. Ihre Belehrung Deuterojesajas aus.
kann sowohl erleuchten als auch war- Frank-Lothar Hossfeld

:

Ps 20 135
PSALM 20
BITTE UM DIE RETTUNG DES KÖNIGS

Da nach Meinung mancher Kommentatoren eine aktuelle Kriegsbedrohung


im Psalm kaum erkennbar sei, deuten sie den Psalm als kultisches Bittgebet für
einen König bei dessen Inthronisation oder bei der Jahresfeier (zum Herbst­
fest) seiner Amtsübernahme. Es gibt sogar Versuche, den Psalm 20 zusammen
mit dem Nachbarpsalm 21 (zu den Stichwortbezügen zwischen beiden Psal­
men s.u.) fest in den Ablauf einer Inthronisationsliturgie einzufügen. Diese
Auslegungsrichtungen verbinden den Psalm von Anfang an mit der Institution
des Jerusalemer Königtums, weshalb der Psalm aus vorexilischer Zeit hergelei­
tet wird. Daneben gibt es Versuche, den Psalm kollektiv als nachexilisches
Bittgebet der »königlichen Gemeinde« bzw. für diese zu deuten. Immerhin
wurde der Psalm so in der nachbiblischen jüdischen Tradition gelesen.
Eine genauere Analyse des Psalms kann diesen kaum als ursprüngliche Text­
einheit begreifen. Zunächst einmal ist auffallend, daß 7 sich einerseits sprach­
lich am übrigen Psalmtext inspiriert, aber andererseits dennoch abweichende
theologische Akzente setzt: Gegenüber3 hört JHWH nicht vom Heiligtum auf
dem Zion, sondern von seinem heiligen Himmel her und außerdem »schickt er
nicht seine Hilfe«, sondern sein rettendes Handeln erfolgt nun mit seiner
Rechten. Im Vergleich zu 10b (»König« ohne Suffix) scheint die Beziehung
zwischen »JHWH im Himmel« und »seinem Gesalbten« in 7 enger zu sein und
stärker der altorientalischen Königstheologie zu entsprechen (vgl. Ps 2 45),
wonach der König »ex opere operato« an Gottes Stelle handelt, während 2-5 den
König sogar von der Bitte seines Volkes abhängig macht. Schließlich weicht
der Vers von der den Psalm sonst prägenden Parallelismusstruktur ab (EÜ
glättet hier den Text, indem sie in 7d ein Verbum einfügt!). Die Sonderstellung
läßt sich nicht mit einer »Orakelhypothese« erklären, da sprachlich gar kein
solches vorliegt, sondern ein in Ich-Form gestaltetes Bekenntnis des Ver­
trauens (vgl. die ähnliche Bedeutung von jädati»ich habe erkannt« [EÜ: »ich
bin gewiß«]: Ex 18n Ri 1713 Ps 4112 5610 1355); dann aber stellt sich die Frage,
wer überhaupt das hier redende Ich ist. Ein weiteres Problem hinsichtlich der
ursprünglichen Fassung des Psalms ist 6c. Das Kolon, das isoliert nach dem
schönen Parallelismus-Gefüge2_6b folgt, überrascht als Bitte insofern, als diese
nach den Bitten2-5 und nach dem Lobgelübde 6ab »überschießt« und weil sie an­
dererseits das Verbum ml' pi. »erfüllen« aus 5b (EÜ übersetzt inkonsequent!)
wiederholt. Diese Besonderheiten von 6c und 7 lassen sich gut erklären, wenn
man sie als Erweiterungen deutet, die das vorexilische Bittgebet mit den Nach­
barpsalmen 18 und 21 in Beziehung setzen wollen. Das Ich von 7 ist dann der
Gesalbte JHWHs selbst, der 1851 aufgreift (vgl. die Stichwortaufnahmen!),
aber auch zugleich die in Ps 21 bezeugte Hilfe JHWHs im Blick hat. Darüber
hinaus wird mit 6c das Motiv der »Königsbitte«, die in Ps 21 die rettenden
»Machttaten« JHWHs auslöst (vgl. die Stichwortverbindungen /»fragen, bit­
ten« 206c 215; g'büräh »Machttat« 207d 2114b), ausdrücklich in unseren Psalm
eingeführt: Der Gesalbte, der im Kontext der spätexilischen Komposition Ps
15 17 18 20 21 22 24 (vgl. die Einleitung) Leitbild »des Gerechten« ist, wurde
gerettet, weil auch er selbst darum gebetet hat. Da im jetzigen Textzusammen­
hang vor dem »messianischen« Ps 20 der nachexilische Tora-Psalm 19 steht
(vgl. den Schluß von Ps 19 mit 205), müssen auf der Ebene des Endtextes die in
136 DIE PSALMEN Ps 20
* genannten Bitten des Königs als Bitte um ein Leben nach der Tora (vgl. das
dtn Königsideal Dtn 1714-20!) gelesen werden.
Die Grundfassung des Psalms ist, falls unsere Hypothese hinreichend plausibel
erscheint, ein zweiteiliges Gebet für den König: 2-5 ist Bitte (Adressat: König;
Sprecher: nicht bestimmt), 6ab8~10 ist Bekenntnis mit abschließender Bitte
(Adressat: JHWH; Sprecher: »Wir«). Wegen der stark militärischen Konota-
tionen dürfte der Psalm für Zeiten kriegerischer Bedrohung verfaßt sein; seine
formularhafte Allgemeinheit spricht dagegen, das Gebet ursprünglich mit ei­
nem besonderen kultischen Anlaß (z.B. Inthronisation) zu verbinden. Seine
Theologie erinnert an die vorexilische Königskonzeption von Ps 18 und an die
Erzählungen von der Hilfe JHWHs für David bei seinen Kriegen mit den
Nachbarn (vgl. besonders 2 Sam 86,3)* an die dtn Kriegstheologie (vgl. 8f mit
Dtn 201), an die dtn »Namenstheologie« und an die kriegerische Namenstheo­
logie der spätvorexilischen Grundfassung von Ps 44 (siehe die Auslegung die­
ses Psalms). Daß »der Gott Jakobs« sich vom Zion aus bzw. am Zion dadurch
als »Felsenburg« erweist, daß er die Feinde entwaffnet bzw. daß er Pferde und
Wagen erschreckt, wird (allerdings ohne Bezug auf den König) in den »Zion­
liedern« 46 76 entfaltet (vgl. besonders 2b mit 46812 sowie 8 mit 767).
Die Diskussion über die Entstehung von Ps 20 ist neuerdings durch den 1982
erstmals übersetzten (freilich schon 1944 edierten) aramäischen »Papyrus Am-
herst« (in demotischer Schrift) neu angestoßen worden. Auf dem bislang un­
terschiedlich datierten (Mitte des 1. Jt. v. Chr.?) in Ägypten gefundenen Papy­
rus findet sich u.a. auch ein Bittgebet (Pap. Amherst 63,12.11-19), das sich in
Aufbau und Wortwahl so stark mit der oben herausgearbeiteten vorexilischen
»Grundfassung« von Ps 20 berührt, daß diese Gemeinsamkeiten kaum zufällig
sein können. Wie der Zusammenhang der beiden Texte zu sehen ist, wird der­
zeit unterschiedlich beurteilt. Drei Modelle werden vertreten: 1. Ps 20 hängt
vom Text des Pap. Amherst ab. 2. Der Text des Pap. Amherst hängt von Ps 20
ab. 3. Beide Texte hängen von einer gemeinsamen (uns nicht bekannten) Vor­
lage ab. Unsere Analyse von Ps 20 schließt Modell 1 aus; sie spricht eher für
Modell 2.

201 [Für den Chormeister. Ein Psalm Davids.]


Spr 1810 2 Der Herr erhöre dich am Tage der Not,
der Name von Jakobs Gott möge dich schützen.
3 Er sende dir Hilfe vom Heiligtum
und stehe dir bei vom Zion her.
4 An all deine Speiseopfer denke er,

nehme dein Brandopfer gnädig an. [Sela]
213 374 5 Er schenke dir, was dein Herz begehrt,
j
und lasse all deine Pläne gelingen.
6 Dann wollen wir jubeln über deinen Sieg. /
im Namen unseres Gottes das Banner erheben.
All deine Bitten erfülle der Herr.

! 1831 7 Nun bin ich gewiß:


; der Herr schenkt seinem Gesalbten den Sieg;
Ps 20 DIE PSALMEN 137
er erhört ihn von seinem heiligen Himmel her
und hilft ihm mit der Macht seiner Rechten.
8 Die einen sind stark durch Wagen, 3316f

die andern durch Rosse, 14 7,cf


Dtn 20*
wir aber sind stark im Namen des Herrn, unseres Gottes. Jdi 97
9 Sie sind gestürzt und gefallen; Spr 2131
wir bleiben aufrecht und stehen. Jes 31*
Hos l7
10 Herr, verleihe dem König den Sieg!
Erhör uns am Tag, da wir rufen!

2b Wörtlich: »... stelle dich auf eine uneinnehmbare Anhöhe/Felsenburg.«


3b Wörtlich: »... er stütze dich.«
4b Wörtlich: »Er erkläre dein Brandopfer für fett.«
5a Wörtlich: »Er gebe dir gemäß deinem Herzen.«
5b Wörtlich: »er erfülle« (das gleiche Verbum wie 6c).
7a Wörtlich: »Nun aber habe ich erkannt.«
7b Das gleiche Verbum js hi. »retten, den Sieg geben« wie in ,0a.
7d Im Hebr steht kein Verbum.
8 EÜ korr nach G; MT ist beizubehalten: »Die einen (setzen auf) Streitwa­
gen, die anderen auf Pferde, wir aber rufen den Namen JHWHs, unseres
Gottes an.«

Überschrift *: Vgl. zu Ps 41. treide und Öl, vgl. Gen 44; ein Teil
dieser Gaben wurde, vermischt mit
Bittefiirden König2_6: Die den Psalm Weihrauch, verbrannt, der Rest ge­
eröffnende und beschließende Bitte, hörte dem Tempelpersonal; EÜ:
die mit dem Verbum 'änäh »erhören, »Speiseopfer«, diese enge Bedeutung
antworten« gebildet ist, zielt nicht, hat mitihäh erst in nachexilischer
wie von den Vertretern einer zu en­ Zeit) und Brandopfer ('öläh:das Op­
gen kultischen Deutung des Psalms fertier wird ganz für JHWH auf dem
angenommen wird, auf die Kund­ Altar verbrannt, so daß nichts davon
gabe des Gotteswillens durch ein weder für den Opfernden noch für
Orakel (zu dieser Bedeutung von das Tempelpersona! zurückbleibt)
'änäh vgl. 1 Sam 1437 286-15), gar im wohlwollend annehmen und sich
Zusammenhang mit den in 4 genann­ dem König gegenüber entsprechend
ten Opfern (Orakel durch Einge­ verhalten (die beiden Verben in 4 ha­
weide- oder Leberschau). Einerseits ben opfertechnische Bedeutung). An­
bezieht sich 4 nicht (allein) auf eine dererseits zeigen die in 2.7.10 jeweils im
aktuelle Opferdarbringung, sondern Parallelismus zu 'änäh stehenden
appelliert an JHWH, er möge den Verben, daß die im Psalm erflehte
König als den (de iure, wenn auch »Antwort« darin besteht, daß JHWH
nicht de facto) obersten Priester des dem König bei seiner Aufgabe »hilft«
Jerusalemer Tempels nicht im Stich (js hi.), das Volk aus feindlicher Be­
lassen, sondern alle seine Opfergaben drohung (i/jöm färäh: vor allem in
(tninbäh Oberbegriff für alle Arten den Klagepsalmen allgemeine An­
von Weihegaben, insbesondere für gabe von »Not« und »Leid«, hier
die Erstlingsgaben von Tieren, Ge- wohl im engeren Sinn »Bedrängnis«
138 DIE PSALMEN Ps 20
durch eine feindliche Invasion: vgl. 2 fassung des Psalms ist 6a allerdings
Kön 193 Jer 148 Ps 462) zu befreien. 2b mit Blick auf die durch den König be­
spielt vielleicht auf Gen 353 an, wahr­ wirkte Rettung (EÜ: »dein Sieg«) zu
scheinlicher aber steht die im Zion­ lesen.
lied Ps 46 entfaltete Theologie vom
Ziongott, von dem auch in 3 die Rede Erklärung des Königs 7: Nach dem
. ist, im Hintergrund: Der Name des eingangs erläutenen Gesamtver-
-
= Gottes Jakobs soll sich für den König ständnis spricht hier nicht ein Kult­
als uneinnehmbare Burg erweisen prophet, sondern »der Gesalbte«
(vgl. Ps 9,0 183 468-12 614 Sprl810). 3 selbst, der im Rückgriff auf Ps 18
appelliert an die spezifische Kompe­ (vgl. besonders die Stichwortbezie-
tenz des Ziongottes (s.u. zu Ps 46), hungen zum Schluß von Ps 18: »Ret­
der als Schöpfergott »dem Erdkreis tung, Hilfe«, »sein Gesalbter«) und in
und allem, was auf ihm ist« Festigkeit Anspielung auf Ps 21 (vgl. besonders
und Unerschütterlichkeit gibt (Ps die Stichwortbeziehung zum Schluß
24,f) und als solcher in besonderer von Ps 21: gfbüräh:»Macht«, »Kraft«
Weise das kosmosstiftende Amt des [EÜ: »siegreiche Kraft«]) seine »Got­
auf dem Zion residierenden Königs teserkenntnis« verkündet: Der in sei-
»(unterstützt« {sä'ad »stützen«: den nem himmlischen Heiligtum als
König im Kampf gegen die Feinde Ps Weltkönig thronende JFTWH hat auf
1836 2 03, den Thron bzw. die Herr­ dem Zion »seinen Gesalbten« einge­
schaft des Königs Jes 96 Spr 2028). setzt, damit dieser die Weltordnung
5 spielt auf das »Königsprivileg« an, durchsetzt, insbesondere im Kampf
wonach der König bei seiner Amts­ gegen alle feindlichen Mächte (vgl.
übernahme JHWH sein »Regie­ Ps 2), bei dem er ihn mit Machttaten
rungsprogramm« (5b »Pläne«: vgl. Jes seiner »Rechten« unterstützt (die
95) mit entsprechenden Bitten vor­ »Rechte« JHWHs als Zeichen seiner
trägt (vgl. 1 Kön 3 sowie insbeson­ Macht bei Exodus und Landnahme:
dere den Nachbarpsalm 213 aber Ex 15612 Ps 444; die »Rechte« als Ret­
; auch 28a). Das auf die »messianische« tung des Königs: Ps 1836).
Erweiterung zurückgehende Kolon
u hat diese Vorstellung noch einmal Bekenntnis mit abschließender Bitte
: eingefügt, um die in 7 formulierte 8-11: Pferde und Streitwagen gehör­
»Erkenntnis« ausdrücklich als das ten zwar seit Salomo zum militäri­
: dem messianischen König gewährte schen Potential Israels, insbesondere
Amtscharisma zu kennzeichnen. In gehörten sie zur Substanz der könig­
der »Grundfassung« bezog sich das lichen Gewalt, weil das Streitwagen­
Lobgelübde 6a auf die von JHWH er­ korps direkt dem König unterstand,
i: hoffte Rettung (6 eröffnete ursprüng­ aber sie blieben zumindest für breite
'rj lich ja den Abschnitt 6-8-10), wofür Kreise der Bevölkerung und beson­
:> auch das im Parallelismus stehende ders für die Propheten ein nicht-is­
Kolon 6b spricht, das den Namen des raelitisches, ja JHWH-widriges In­
Gottes Jakobs als schützende und lei­ strumentarium der Politik. Das mag
tende Feldstandarte (vgl. das altori­ zum einen damit Zusammenhängen,
entalische Verständnis der Feldzei­ daß die Pferde und die Streitwagen
chen als Realsymbol der mit in den aus dem Ausland (vor allem aus
Kampf ziehenden Götter) feien; von Ägypten: 1 Kön IO28 Jes 311_3; vgl.
i daher könnte 6a ursprünglich die auch die Vernichtung von Pferden,
Konnotation des siegesgewissen Wagen und Reitern des Pharao in Ex
Kampfgeschreis haben. In der End- 14 f als »Basismotiv« des Jahwismus!)

i.
8f: 127

Ps 21 DIE PSALMEN 139


eingeführt wurden. Zum anderen davon »träumen«, daß JFTWH alle
drangen nach Ausweis von 2 Kön Pferde und Streitwagen vernichten
23n offensichtlich zur Zeit des Ma- wird (vgl. Mi 59 Sach 910). Die Ver-
nasse (assyrische) Orakelpraktiken gangenheitsaussagen in 9 blicken zur
ein, bei denen Pferde und Wagen Zeit der Entstehung des Psalms auf
(des Sonnengottes) eine Rolle spiel- den Zusammenbruch des assyrischen
ten; Jes 27 polemisiert gegen Pferde Weltreichs94 (vgl. Nah22'14;zu94vgl.
und Streitwagen als »Götzendienst« Ri 527 Ps 1839f), während das schein-
(vgl. auch die weisheitliche Kritik an bar vor Assur in die Knie gezwun-
der »Streitwagenfaszination«: Spr gene Juda sich nun wieder erhoben
2131). Vor diesem Hintergrund erhält hat, und, um das Feldzeichen des
das Bekenntnis in 8, das auch 1 Sam Gottesnamens (vgl. 6b 8b) als neue
1745 zum Vorbild haben könnte, eine »Sammlungsbewegung« geschart,
besondere zeitgeschichtliche Aktuali- aufrecht stehen bleibt. Wie der Nach-
tät für die spätvorexilische Zeit; der barpsalm (vgl. 2114) schließt der
Bekenntnischarakter wird noch Psalm in 10 mit einer den Psalm resü-
schärfer, wenn der MT beibehalten mierenden Bitte, wobei das in l0b ge-
wird (gegen EÜ, die G folgt!). Daß nannte »Rufen« einerseits auf die ty-
man in der Exils- bzw. Nachexilszeit pisch atl Vorstellung von dem Gott,
das (messianische) Idealkönigtum ge- der auf das Rufen eine Antwort gibt
rade von diesen götzendienerischen (vgl. besonders Ps 35 42 176 223 818,
»Machtsymbolen« befreit wissen aber auch Ex 1919 1 Kön 18 Hos 223
wollte, bezeugt Dtn 1716. Es ist dann 149 u.ö.), anspielt, andererseits aber
nur konsequent, wenn eschatologi- meint »das Rufen« auch einfach den
sehe Visionen der Prophetenbücher Psalm 20 selbst.
Erich Zenger

PSALM 21
DANK FÜR DIE RETTUNG DES KÖNIGS

Ps 20 und Ps 21 sind in vielfacher Weise verbunden: 1. Sie sind von der glei­
chen Vorstellungswelt geprägt (der König als Sieger über die Feinde; durch
den König wirkt eigentlich die Macht JHWHs; JFfWH erfüllt die Bitten »sei­
nes« Königs; Freude und Jubel über die Rettung des Königs). 2. Es gibt meh­
rere Stichwortbezüge. 3. Sie haben eine ähnliche Sprachstruktur: Sie reden in
ihrem ersten Teil über den König bzw. über das Verhältnis JHWH-König, im
zweiten Teil reden sie JHWH als Du an (zumindest in der Endfassung; dazu
s.u.); sie schließen mit einem Imperativ und einer kollektiven Aussage/Bitte. 4.
Sie lassen sich nacheinander lesen wie Bitte um Rettung des Königs in kriegeri­
scher Bedrängnis (Ps 20) und wie Dank nach erfolgter Rettung mit vertrauens­
vollem Ausblick auf die Zukunft (Ps 21); so hat offensichtlich schon die (exili-
sche) Redaktion die Psalmen verstanden wissen wollen, als sie beide in dieser
Reihenfolge hinter Ps 18 stellte und diese drei »Königspsalmen« mit den Psal­
men 15 17 22 24 zu einer Teilkomposition zusammenstellte (»der König« wird
dabei zum anthropologischen Paradigma des angefochtenen, geretteten »Ge­
rechten«).
1

140 DIE PSALMEN Ps 21


Manche Ausleger sind der Meinung, beide Psalmen seien auch zusammen in
der Jerusalemer Liturgie verwendet worden, sei es zur Zeit kriegerischer Be­
drohung (Ps 20 vor dem Auszug des Heeres, Ps 21 bei der Siegesfeier nach ge­
wonnener Schlacht), sei es im Ablauf einer Königskrönung (Ps 20 vor, Ps 21
nach dem Akt der Investitur durch einen Kultpropheten/Priester; Hinweise
auf die einzelnen Riten bei der Krönung findet man in 4 [Krönung] 5 [Über­
gabe des »Königsprotokolls«]6 [Bekleidung mit dem Königsornat] und 7 [Hin­
treten des Königs vor Gottes Angesicht]), sei es bei den Feierlichkeiten zum
Jahrestag der Amtsübernahme. Diese Deutungen setzen voraus, daß der Psalm
entstanden ist, als es das Königtum noch gab - also in vorexilischer Zeit. Unter
d£r Voraussetzung, daß der Psalm erst eine nachexilische Komposition (aus
teilweise alten Textelementen) sei, wird er auch von einigen Auslegern - wie
Ps 20 (s.o.) - kollektiv verstanden, da insbesondere das pluralische »Lobge­
lübde« ,4b (Schluß des Psalms!) die »königliche« (messianische) Gemeinde im
Blick habe.
Daß die Psalmen 20 und 21 von ihrer Entstehung oder ihrer kultischen Ver­
wendung her ursprünglich zusammengehört hätten, ist wenig wahrscheinlich.
Bei aller »Verwandtschaft« dürfen die sprachlichen und motivlichen Unter­
schiede nicht übersehen werden (die in Ps 20 zentrale Vorstellung vom retten­
den Gottesnamen fehlt in Ps 21; die Beziehung Gott - König ist in Ps 21 viel
enger, während die altorientalische Königsideologie in 20 kaum spürbar ist;
die für Ps 20 bestimmende theologische Spannung »rufen - erhören« ist in Ps
21 nicht erkennbar). So wird es dabei bleiben, daß Ps 21 als eigenständiger
Psalm entstanden und im vorexilischen Jerusalemer Tempelkult Verwendung
fand, wobei eine genauere Festlegung (Krönungsritual oder Jahresfeier der
Krönung?) kaum möglich ist.
Der Psalm ist kunstvoll komponiert. Von den beiden als Du-Anrede gestal­
teten Abschnitten 5-7 und 9-13 sind der Anfang 2, die Mitte 8 und der Schluß 14
strukturell und semantisch abgehoben. 2 und 8 sind Aussagen über den König,
wobei er zugleich Subjekt der Sätze ist (nur in diesen beiden Versen begegnet
das Nomen »König«); 14 bietet den einzigen kollektiven Bezug des Psalms; 2
und 14 sind durch die Angabe »an/in deiner Macht« sowie durch das Motiv des
Jubels miteinander verbunden; schließlich steht in den drei Versen das Tetra­
gramm. Sie bilden die Rahmenstruktur, in die die beiden aus je fünf Parallelis­
men (zu 10 s. u.) gebildeten Abschnitte 3-7.9-13 eingefügt sind. Der Abschnitt 3-7
wendet sich in Du-Anrede an JHWH. Wen das in 9-13 angeredete Du meint, ist
; - blickt man auf die Forschungsmeinungen, die entweder für den König oder
ebenfalls für Gott plädieren - offensichtlich schwerer zu entscheiden. Betrach­
j
tet man 9-13 als eine Einheit, so ist es nach der überlieferten Textgestalt keine
Frage, daß JHWH angesprochen ist (zum schwierigen Text s. u.). Andererseits
sind die in 9 und 12 formulierten »Verheißungen« nur schwer als Gottesanrede
im Mund eines menschlichen Sprechers vorstellbar; wohl aber fassen sie gut
den Auftrag des Königs als Kämpfer gegen alles und alle Böse(n) zusammen.
So wird in 9-13 ursprünglich der König angesprochen worden sein, die von !0
her sich ergebende Anrede an JHWH verdankt sich dann einer späteren Hand,
die durch das »Zorn-Theophanie-Motiv« zugleich einen Rückbezug nach Ps
18 (vgl. 188'16) herstcllte.
Strukturell und theologisch bildet 8 die Mitte des Psalms. Der Vers verheißt
dem König, der nach dem Ideal des Frommen, der auf JHWH und seine
b*s*d»Huld« vertraut, lebt, »daß er nicht ins Wanken gerät« (vgl. den Rück-

!
Ps 21 DIE PSALMEN 141
bezug zum Eckpsalm der Komposition 15—24:155). Das ist freilich eine theolo­
gische Aussage, die sich von der Königstheologie, wonach der König »Gott«
und deshalb unerschütterlich ist, abhebt. So ist zu fragen, ob 8 nicht erst auf
eine (nach)exilische Erweiterung zurückgeht, die nicht mehr auf die Macht
2 H, sondern auf die Güte 8 JHWHs (vgl. 1851) bzw. »des Höchsten« (Auf­
nahme von 1814) setzt und den König als Ideal des JHWH-Frommen begreift.
Daß 8 nicht zur »Erstfassung« des Psalms gehört, legen auch syntaktisch-stili­
stische Beobachtungen nahe:8 ist das einzige Bikolon des Psalms, das nicht als
Anrede formuliert ist;8a bietet die einzige Partizipialkonstruktion.

211 [Für den Chormeister. Ein Psalm Davids.]

2 An deiner Macht, Herr, freut sich der König;


über deine Hilfe, wie jubelt er laut!
3 Du hast ihm den Wunsch seines Herzens erfüllt, 205 !
ihm nicht versagt, was seine Lippen begehrten. [Sela]
4 Du kamst ihm entgegen mit Segen und Glück,
du kröntest ihn mit einer goldenen Krone. 13218
5 Leben erbat er von dir, du gabst es ihm, 617
viele Tage, für immer und ewig. 1 Kön 314
6 Groß ist sein Ruhm durch deine Hilfe,
du hast ihn bekleidet mit Hoheit und Pracht.
7 Du machst ihn zum Segen für immer; Gen 122
4820
wenn du ihn anblickst, schenkst du ihm große Freude. 1 Chr 1727
8 Denn der König vertraut auf den Herrn,
die Huld des Höchsten läßt ihn niemals wanken.
9 Deine Hand wird all deine Feinde finden;
wer dich haßt, den trifft deine Rechte.
10 Du läßt sie glühen wie einen feurigen Ofen,
sobald du erscheinst.
Der Herr verschlingt sie im Zorn,
das Feuer verzehrt sie.
11 Du wirst ihre Brut von der Erde vertilgen; 10913
ihr Geschlecht [verschwindet]
aus der Mitte der Menschen.
12 Schmieden sie auch böse und listige Pläne,
richten sie doch nichts aus gegen dich.
13 Du schlägst sie alle in die Flucht,
wenn du mit deinem Bogen auf sie zielst.
14 Erhebe dich, Herr, in deiner Macht!
Deiner siegreichen Kraft wollen wir singen und spielen.
142 DIE PSALMEN Ps 21
10 Andere Übersetzungsmöglichkeit: »Du packst sie wie ein feuriger Ofen, /
wenn dein Angesicht erscheint in seinem Zorn, er verschlingt sie und das
Feuer verzehrt sie.«
13 Wörtlich: »Du machst, daß sie den Rücken zeigen, / mit deiner (Bo­
gensehne zielst du auf ihr Angesicht.« Andere Übersetzungsmöglich­
keit: »Du packst sie am Rücken, / mit deinem Seil fesselst du sie an ihren
Gesichtern.«
14 MT be'uzz?kä »in deinem Schutz«, besser wie 2 ff'özzfkä »in deiner
Macht«.
)
Überschrift *: Vgl. zu Ps 4*. überhäuft hat. Dies wird wie eine Be­
gegnung zwischen JHWH und dem
Eröffnung 2: Der Rahmenvers gibt König geschildert (vgl. 1 Kön 32“15):
das Thema an: Es geht um die Bezie­ Der König wurde gewissermaßen in
hung JHWH - König (in dieser Rei­ den Thronsaal Gottes gebracht, wo
henfolge!). Die beiden Verben sämab er sein Versprechen, ein guter König
»sich freuen« und gtl »jubeln« (Stei­ zu sein, in Form der »Königsbitte«
gerung nicht-verbaler Freudens- und vor Regierungsantritt abgab 3. Dar­
Glücksäußerung) formulieren häufig auf ging Gott auf ihn zu und stattete
die Reaktion auf die Erfahrung des ihn mit den Machtsymbolen des
rettenden und am Leben erhaltenden »göttlichen« Königsamtes aus, näm­
Gottes JHWH (vgl. Ps 915 136 318 lich mit Krone 4:1 und Königsornat 6b.
u.ö.), insbesondere auf das Offen­ Im Alten Orient und in Ägypten wa­
barwerden des Königtums JHWHs ren Kronen den Göttern und den Kö­
(vgl. Ps 4812 684 8916-19 9611 971 1492). nigen Vorbehalten; um sie entwik-
Auf dieses verweisen auch die No­ kelte sich teilweise ein kultisches Ri­
mina »Macht« (öz) und »Hilfe«, bes­ tual. Die atl Überlieferung ist auffal­
ser »Heilswirken« (fsuäb); 'öz ist ge­ lend zurückhaltend mit Hinweisen
radezu jene Eigenschaft JHWHs, in auf den Vorgang der Königskrö­
der er seine Königsherrschaft als Be­ nung. Von einer »Krone« ('afäräb) ist
sieger und Bändiger des Chaos »von nur zweimal die Rede: David setzt
Urzeit an« erworben hat und mit der sich nach 2 Sam 1230 (Text korr; vgl.
er die auf Leben und Heil (jesuäb: 1 Kön ll5) die Götterkrone des Mil-
•’
vgl. Ps 7412 1494) ausgerichtete uni­ kom von Ammon auf sein Haupt; die
! versale Weltordnung durchsetzt (vgl. Polemik gegen das Königshaus in Jer
Ps 7412-17 89n 93l 994 Jes 519). An die­ 1318 droht den Verlust der »Krone«
ser königlichen Mächtigkeit gibt er an. Vielleicht ist »Krone« in Israel
»seinem« König Anteil (1 Sam 210 Mi »nur« Bezeichnung für die von
53 Ps 287f), damit dieser als sein Re­ JHWH verliehene göttliche Königs­
präsentant die zwei wichtigen Aufga­ würde. Immerhin ist Subjekt des mit
ben seines Amtes erfüllen kann: Meh­ »Krönen« ('ä(ar) bezeichneten Ge­
rung des Lebens 3-7 und Abwehr des schehens immer JHWH (Ps 86 6512
Chaos 9-13. 1034) und drückt die Mitteilung von
Eigenschaften und Fähigkeiten
Mehrung des Lebens 3-7: Der (ur­ JHWHs selbst aus. Auch die Beklei­
: sprünglich kultprophetische, priester- dung mit »Hoheit und Pracht« 6 be­

liche?) Sprecher preist JHWH für die deutet, daß der König zum Abbild
Gaben, mit denen er den König für des Königs JHWH gemacht werden
die Durchführung seines Auftrags soll (böd ufbädär als Königsornat

:'

I
Ps 21 DIE PSALMEN 143
JHWHs: Ps 966 1041 1113 Ijob 40'°; auf die rettende hcesced JHWHs set­
als Ornat des Königs: Ps 454 bzw. des zen (1851 207 218).
königlichen Menschen: Ps 86). Die
Übergabe der Königsinsignien be­ Abwehr des Chaos 9-13: Die Vernich­
wirkt aber vor allem die Befähigung tungsbilder, mit denen der Sprecher
und die Beauftragung, dem König­ sich in der »Grundfassung« des
reich alle Gaben zu vermitteln, die Psalms an den König wandte, um ihm
dieses zu einem glücklichen Leben die von seinem »göttlichen« Amt auf­
braucht: Der König wird mit »Segen erlegte Bekämpfung und Bändigung
und Glück« 4a (eigentlich: Segen an aller chaotischen Mächte zuzuspre­
»Gutem« [tob], d.h. alles was lebens­ chen (der Abschnitt könnte auch jus-
notwendig und lebensförderlich ist) sivisch gelesen werden!), entstammen
überhäuft, so daß er zur schier uner­ voll der altorientalischen Königsideo­
schöpflichen (»ewigen«) Segens­ logie: Niederschlagen der Feinde mit
quelle für alle 7a werden kann. Genau der Keule oder dem Sichelschwert in
dies meint letztlich die in der Mitte der Rechten 9 (vgl. Ps 28 1 839 1 105-7),
des Abschnitts stehende Königsbitte Vernichtung mit Feuer wie ein hoch-
um »ewiges Leben« 5; hier geht es we­ aufflammender Backofen 10 (vgl. Hos
der um ein Fortleben nach dem Tod 76f), Ausrottung jeglicher Nachkom­
noch nur um die Geschlechterfolge menschaft n, Vereitelung aller politi­
einer Dynastie (vgl. Dtn 1720 2 Sam schen und militärischen Pläne der
716 Ps 4517), sondern um Teilhabe an Feinde 12 (vgl. Ps 22-4), Abwehr und
der gottköniglichen Lebensmächtig­ Verjagung der Angreifer 13 (vgl. Ps
keit (vgl. den Huldigungsgruß vor 1841). Wie oben bereits erläutert
dem König 1 Kön l31 Neh23 [»admul- wurde, ist9-13 in der »Endfassung« an
tos annos!»] sowie die Vorstellung JFIWH gerichtet. Dies wurde da­
vom König als Lebenshauch seines durch erreicht, daß der in der
Volkes: Klgl 420). Er darf immerfort »Grundfassung« an den König adres­
leben im Licht des göttlichen Ange­ sierte Text (»Du packst sie wie ein
sichts 7b (vgl. Ps 47 16n 8916 14014), feuriger Ofen, er verschlingt sie und
über dessen Zugewandtheit er Glück das Feuer verzehrt sie«) durch den
empfindet (7b: das in EÜ gebotene Zusatz erweitert wurde: »wenn dein
temporale oder konditionale Satzge­ Angesicht, JHWH, erscheint in sei­
füge ist im Hebr nicht gegeben!). nem Zorn« (vgl. Ps 212 188~16 Jes 3027
331(M2 Mal 319), womit das (messiani-
sche) Königtum der eschatologischen
Der König als Paradigma 8: Zu dieser Gottesherrschaft untergeordnet
(sekundär eingefügten) strukturellen wird.
und semantischen Mitte des Psalms Abschließende Bitte 14: Aufforderung
s.o.; zum Vertrauen als Grundhal­ an JHWH, seine in der Urzeit be­
tung des JHWH-Frommen: Ps 136 gründete und in der Geschichte Is­
252 261 287 317,15; zum Vertrauen des raels aktualisierte göttliche Königs­
Königs auf die b&sced vgl. besonders macht so zu erweisen (vgl. Ps 46“
Ps 89. Die redaktionelle Aussage ist 56612 992), daß das Volk ihn als Ver­
im Horizont der exilischen Teil­ teidiger der von ihm gegründeten
gruppe 15 17 18 20 21 22 24 zu lesen: universalen Lebensordnung wahr­
Wenn der »königliche Mensch« das nehmen und ihn mit Liedern und Sai­
ethische Paradigma von 15 17 ver­ tenspiel (»Hofmusik«) feiern kann
wirklicht, wird er »nicht wanken« (vgl. Ps 95,f 984f; auch Ex 15lf).
(155 175 218); insbesondere kann er Erich Zetiger
144 Ps 22
PSALM 22
KLAGE, BITTE, LOB EINES ZUM TODE LEIDENDEN UND GERETTETEN

Der Endtext von Psalm 22 wird überwiegend als ein Mischgebilde heterogener
Gattungselemente (Klage, Bitte, Lob, Dank und hymnische Lobwünsche mit
Zukunftsansagen) angesehen. Dieses Mischgebilde ist nicht aus einem Guß.
Sein internes Wachstum wird vornehmlich mit einem redaktionskritischen
Modell von Grundtext mit Erweiterungen beschrieben. Unterschiede brechen
auf bei neuralgischen Stellen der Textkritik (Ps 222-4 17b-22-30f), in der Feinab­
grenzung der Unterteile und in der Zahl der Wachstumsstufen. Der Psalm
i
hebt an mit Anrufungen Gottes und anklagenden Fragen 2-3. Der Abschnitt4-6
bekennt das Vertrauen des Beters in Gott. Zusammengehalten wird er durch
1 die betonte Anrede Gottes zu Beginn jedes Verses und durch das Leitwort bpb
»vertrauen«. Das Vertrauensbekenntnis ist sekundär (Präludium für das Lob
ab 23ff statt der erwarteten Klage, Numeruswechsel ins »Wir« einer Gruppe 5,
kultische Aspekte wie »Heiligkeit Gottes« und »Thronen über den Lobgesän­
gen« verbinden mit dem Blick auf die Gemeinde in 24-27 vgl. Israel 4 mit Stamm
Jakobs und Nachkommen Israels in 24). Die eigentliche Klage beginnt in 7-9.
I Der Lage und dem Sarkasmus der Feinde setzt der Beter in I0_u sein persönli­
ches Vertrauensbekenntnis entgegen. Es folgt in der Mitte der Klage die iso­
lierte Bitte von ,2. Sie greift das Stichwort der einleitenden Anrufung rbq
»fern sein« auf und variiert das Thema der (ausbleibenden) Hilfe. Der zweite
Teil der Lage setzt sich fort in ,*-19. Das Gerüst des zweiten Klageteils 13-19 ent-
spricht chiastisch dem Aufbau der nachfolgenden Bitten 20-22 (in den Außen­
gliedern die Metapher der Stiere/Büffel von Baschan 13 bzw. Wildstiere 22b,
dann das Löwenbild 14 und 22a, die Rede von den Hunden 17a und 2,b bis zum
Mittelglied, d.h. dem Klartext über die Todesgefahr durch die Feinde 17a. 18f
und 21a; der Halbvers l7b ist aus vielen Gründen [s.u.] ein Fremdkörper).
In den Bitten 20-22 redet der Beter zum ersten Male JHWH mit Eigennamen
an. Die Bitten erinnern an den Anfang 2f, die Mitte 12 und greifen Verben aus
der Klage auf. Das Lobversprechen von 23 setzt den Gebetsstil von 20-22 fort.
Nimmt man das Lobversprechen wörtlich, die Brüder des Beters als leibliche
Brüder und die »große Versammlung« als Ansammlung von Menschen, dann
zwingt in dem Versprechen nichts, an eine kultische Versammlung sogar im
Tempel zu denken und das vorhergehende Gebet von vornherein in den Tem­
pelkult zu verlegen. Allerdings wechselt das Ambiente im folgenden Abschnitt
24-27 (Übergang von Selbstaufforderung zu Fremdaufforderung, Wechsel der
Sprechrichtung mit Rede über JHWH, Wandel des Publikums vom profanen
Kreis in 23 zur kultisch versammelten Großgruppe 26). Der ganze Abschnitt
24-27 zeichnet sich durch zwei Charakteristika aus: den häufigen Wechsel der
Sprechrichtung auf engem Raum, was ein typisches Zeichen für ein Danklied
ist, und stellt die kompakte Armentheologie (das »Elend des Armen« 25, die
Gemeinde als das »wahre, ganze Israel«, die Gemeinschaft der JHWH-Fürch-
tigen, der JHWH-Sucher und der Armen). Das Danklied der Armen kommt in
27 an sein Ende, das durch die Floskel »für immer« angezeigt wird. Auf vielfäl­
tige Weise hebt sich der Schlußabschnitt 28-32 vom vorausgehenden Psalm ab
(das Ich des Beters verschwindet, dafür treten Völker und Generationen auf,
der Sprechrichtungswechsel des Dankliedes wird aufgegeben zugunsten der
Zukunftsansage, semantische Abweichungen wie 'am »Leute«, jetzt Nation
Ps 22 DIE PSALMEN 145
32, und ein neuer Gottesname ’adönäi »Herr« 31, durchschnittliche Verlänge­
rung der Zeilen).
Aus diesem Durchgang ergibt sich für den vorliegenden Endtext: Ein Grund­
psalm 2-3.7-23 , eine erste Erweiterung mit dazugehörigem Einschub 4“*-24-27 und
eine zweite Erweiterung in 28-32 . Der Strukturvergleich (Anrufung Gottes mit
Fragen oder Bitten, Notschilderung und Schluß mit Bitten und/oder Lobver­
sprechen oder Bekenntnis) verweist auf die vorexilischen Klagegebete 3 13 35
(Grundpsalm) als nächste Verwandte. Sie alle stehen unter der besonderen
Spannung, daß sich der Beter aus großer Not durchringt zu einer Siegeszuver­
sicht, die sogar ausdrücklich die Rettung konstatieren kann (vgl. 38 136b). In
diesem Punkt besitzt der Grundpsalm eine vieldiskutierte Besonderheit. Nach
dem MT bricht die letzte Bitte um Hilfe in 22 mitten im zweiten Stichos ab und
wechselt mit dem Schlußwort 'anitäni in die Gewißheit der Erhörung »du hast
geantwortet«. Der MT besitzt die »lectio difficilior«; dafür bürgen die Inklu­
sion mit dem Verb ’nh »antworten«, der auffällige Wachstumsprozeß im gan­
zen und die Parallelen. Denn der schwer verständliche Stimmungsumschwung
von intensiver Bitte als Hinweis auf die Notlage und unmittelbar folgender Er-
hörungsgewißheit hat im ersten Davidpsalter Seitengänger: Ps 38 (Bitte um
Rettung und Konstatierung der vollendeten Besiegung der Feinde) vgl. 69f
(Aufforderung an die Feinde, vom Beter abzulassen und Konstatierung der be­
ginnenden Erhörung) und 36,2f (Bitte um Rettung vor den Feinden und Kon­
statierung von deren Besiegung). Diese Besonderheit des Grundpsalms spricht
für sein relativ hohes (vorexilisches) Alter und macht die Nacharbeit verständ­
lich, die sich beim Lobvollzug darauf stützen kann.
Für die erste Redaktion 4~6 24~27 wird der Fall des zu Tode Leidenden und Ge­
retteten zum Paradigma für das Schicksal des Armen, der selbst in Todesnot
von JFTWH doch gerettet wird. Das profane Klagegebet wird in den Kult des
wahren Israel übertragen. Selbstbewußtsein und Theologie dieser Redaktion
entsprechen derjenigen der nachexilischen Armenpsalmen 25 34 37 69.
Die zweite Redaktion 28-32 stellt die Rettungstat am typischen Armen, der zu­
gleich für das Kollektiv des armen Israel steht, in den Zusammenhang der sich
durchsetzenden Königsherrschaft JFTWHs. Die individuelle Rettung mit kol­
lektiver Bedeutung soll zum Signal für die Völkerwelt und die Generationen
im Fluß der Zeiten werden, sich an das Königtum JHWHs zu halten. Ziel ist
das in Zeit und Raum unbegrenzte Lob JHWHs, in das sogar die Toten (vgl.
30) eingeschlossen werden. Das theologische Profil dieser Redaktion verweist
in die hellenistische Zeit. Vielleicht läßt sich damit auch der Wechsel des Got­
tesnamens in 31b zusammenbringen: Der Gattungs- und der Eigenname wer­
den durch Adonai ersetzt. Zur selben Zeit gegen Ende des 4. Jhs. v.Chr. setzt
die Verdrängung der Aussprache des Tetragramms durch Adonai ein.
Verglichen mit dem königlichen Dankgebet Ps 21 und dem Vertrauensgebet
Ps 23 hebt sich Ps 22 durch seinen ausgedehnten Klageteil ab. In Ps 21 geht es
um den siegreichen König, in Ps 22 um den leidenden und geretteten Beter/
Armen. Beide Psalmen treffen sich beim Thema der »Hilfe JHWHs« (Ps 212 6
222 (12) <20>22). Die übrigen Verbindungen sind eher punktueller Natur (ange­
sichts JFIWHs Ps 217 10 2225 28 30, Lebenszusage 215 2227 auf Dauer 215-7 227,
Vertrauen auf JFTWH 218 224-*). Ps 22 ist mit Ps 21 nur als erfolgreiches Kla­
gegebet zusammenzusehen, was allerdings schon für den Grundpsalm gilt.
Der elende Beter ist als »Wurm« das konträre Gegenteil des königlichen Men­
schen, der mit »Hoheit und Pracht« bekleidet ist (Ps 86 216). Diesen Zustand
;
! 146 DIE PSALMEN Ps 22
erreichen und halten können der König wie der Beter nur durch die Hilfe
JHWHs. In Korrespondenz zum vorexilischen Bittgebet Ps 17 ist der Grund­
I psalm von Ps 22 von der formativen exilischen Redaktion als innerer Rahmen
um die drei Königsgebete 18 20 21 im Zentrum gelegt worden. Der königliche
Beter befindet sich in extremer Rechts- und Todesnot, kann aber auf die Hilfe
JHWHs bauen.
Von Ps 22 her liest sich das Vertrauensgebet Ps 24 wie ein Kommentar zum
Klageprozeß und Weg des Armen. Beide Beter stehen dem Tod gegenüber
2216 234 und erhoffen die Rettung des Lebens 2221 233. Das in 2223 verspro­
chene Lob des JHWH-Namens wird vollzogen (233). Vor allem wird das
Gastmahl der Armen 2 227 weiter ausgeführt 235 (s.u.). Zu der spätnachexili-
schen Deutung von 2228"32 her vgl. Ps 23.

221 [Für den Chormeister. Nach der Weise »Hinde der Morgenröte«.
Ein Psalm Davids.]
Mt 2746 2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen,
bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?
3 Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort;
:
' ich rufe bei Nacht und finde doch keine Ruhe.
Jes 63 4 Aber du bist heilig,
du thronst über dem Lobpreis Israels.
5f: 252f 5 Dir haben unsere Väter vertraut,
sie haben vertraut, und du hast sie gerettet.
6 Zu dir riefen sie und wurden befreit,
dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.
Ijob 256 7 Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch,
Jes 4114 533 der Leute Spott, vom Volk verachet.
10925 8 Alle, die mich sehen, verlachen mich,
Mt 2739 verziehen die Lippen, schütteln den Kopf:
i Weish 2‘8-20 9 »Er wälze die Last auf den Herrn,
Mt 2743 der soll ihn befreien!
;
Der reiße ihn heraus,
wenn er an ihm Gefallen hat.«
Jes 442-24 10 Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog,
mich barg an der Brust der Mutter.
! 716 11 Von Geburt an bin ich geworfen auf dich,
vom Mutterleib an bist du mein Gott.
V. 20 3522 12 Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe,
3822f und niemand ist da, der hilft.
4014 7112
13 Viele Stiere umgeben mich,
Büffel von Baschan umringen mich.

;
Ps 22 DIE PSALMEN 147
14 Sie sperren gegen mich ihren Rachen auf,
reißende, brüllende Löwen. 1712
15 Ich bin hingeschüttet wie Wasser, / I Petr 58
gelöst haben sich all meine Glieder.
Mein Herz ist in meinem Leib wie Wachs zerflossen.
16 Meine Kehle ist trocken wie eine Scherbe, / Joh 1928
die Zunge klebt mir am Gaumen,
du legst mich in den Staub des Todes.
17 Viele Hunde umlagern mich, /
eine Rotte von Bösen umkreist mich.
Sie durchbohren mir Hände und Füße.
18 Man kann all meine Knochen zählen;
sie gaffen und weiden sich an mir.
19 Sie verteilen unter sich meine Kleider Mt 2735
und werfen das Los um mein Gewand. Joh I923f

20 Du aber, Herr, halte dich nicht fern! V. 12


Du, meine Stärke, eil mir zu Hilfe!
21 Entreiße mein Leben dem Schwert,
mein einziges Gut aus der Gewalt der Hunde!
22 Rette mich vor dem Rachen des Löwen, 17i2

vor den Hörnern der Büffel rette mich Armen! 2 Tim 417

23 Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, V. 26 9‘5


inmitten der Gemeinde dich preisen. 2612 3518
40iof
10 732 1 0930
24 Die ihr den Herrn fürchtet, preist ihn, / 111»
ihr alle vom Stamm Jakobs, rühmt ihn; Hebr 212
erschauet alle vor ihm, ihr Nachkommen Israels!
25 Denn er hat nicht verachtet,
nicht verabscheut das Elend des Armen.
Er verbirgt sein Gesicht nicht vor ihm;
er hat auf sein Schreien gehört.
26 Deine Treue preise ich in großer Gemeinde;
ich erfülle meine Gelübde vor denen, die Gott fürchten. 66'3
27 Die Armen sollen essen und sich sättigen; /
den Herrn sollen preisen, die ihn suchen.
Aufleben soll euer Herz für immer. 6933

28 Alle Enden der Erde sollen daran denken / Jes 4522


und werden umkehren zum Herrn: Tob 1313
Vor ihm werfen sich alle Stämme der Völker nieder.
29 Denn der Herr regiert als König; 247-io
er herrscht über die Völker.
30 Vor ihm allein sollen niederfallen die Mächtigen der Erde,
vor ihm sich alle niederwerfen, die in der Erde ruhen.
[Meine Seele, sie lebt für ihn;
31 mein Stamm wird ihm dienen.]
148 DIE PSALMEN Ps 22

31 f: 48m Vom Herrn wird man dem künftigen Geschlecht erzählen, /


7118 78*-* 32 seine Heilstat verkündet man dem kommenden Volk;
10219 145*
denn er hat das Werk getan.
i
2b EÜ nimmt eine gängige Konjektur vor und ändert misuäti »von mei­
i ner Hilfe« des MT in misawäti »von meinem Schreien«. Der MT kann
! beibehalten werden. Er ist elliptischer Ausdruck für unterlassene Hilfelei­
stung Gottes: (Du bist) fern von meiner Hilfe! D.h. Gott nimmt davon
: Abstand, dem Beter zu helfen. Das Nomen »meine Hilfe« umschreibt wie
■ ! »meine Stärke« aus20 Wesen und Funktion Gottes im Blick auf den Beter,
i vgl. Ps 33 9 1 8 3 6930u.ö.
4 EÜ hält sich zu Recht an den Wortlaut sowie die Versabtrennung des MT
;
. und verzichtet auf übliche Konjekturen.
! 9a EÜ bleibt beim MT, dessen Verbform gol sowohl ein absoluter Infinitiv
mit der Bedeutung »er soll wälzen« als auch ein Imperativ »wälze« sein
kann. G hat gal »er hat gewälzt« (Mt2743) gelesen.
I3—14a Die Verbformen sind präterital zu übersetzen.

17a Präteritale Verbformen.


17b MT wörtlich: Wie der Löwe - meine Hände und Füße! Die alten Versio­
nen haben den Vergleich als Verb in 3. P PI gelesen (kärü »sie haben
gebunden«). Der Halbvers ist eine Glosse: Seine Kurzform von »Löwe«
'an steht in Spannung zur Langform ’arjevon 14 und 22. Die Tiermeta­
phern werden im Kontext sonst ohne Vergleichspartikel eingeführt. Die
Erwähnung des Löwen an dieser Stelle stört den Chiasmus in der Abfolge
der Tiernennungen (s.o.).
18a hat die 1. P Sg. »ich kann zählen«.
22b EÜ hat sich G angeschlossen. Es ist aber beim MT zu bleiben (s. o.).
28b EÜ übergeht den Sprechrichtungswechsel »vor dir werfen sich nieder«.
! 30a MT wörtlich: »Gegessen haben und niedergefallen sind ...«. Ohne Ände­
rung des Konsonantenbestandes ist aus der ersten Verbform ein Aufruf
’ak »ja und ein Präpositionalausdruck lö »vor ihm« zu rekonstruieren.
So auch die EÜ. MT denkt wohl an ein eschatologisches Gastmahl nach
Art von Jes 256.
30b-31a
MT wörtlich: Und sein Leben, das er nicht bewahrt hat. Same, der ihm
: dienen soll! Die beiden Sätze sind noch am besten als Satzgefüge zu ver­
stehen: Und ist einer selbst nicht mehr am Leben, so wird Nachkom­
:
menschaft ihm (d.h. JHWH) dienen! EÜ hält sich an G vor allem beim
ersten Satz, muß dann aber mehrere Konjekturen vornehmen. Mit EÜ ist
eine Glosse anzunehmen. Das Satzgefüge fällt aus dem Parallelismus und
dem Metrum von 30a und 31b-32 heraus. Die Glosse korrigiert die kühne
Aussage vom Gottesvolk selbst der Toten in 30a und biegt sie in traditio­
nelle dogmatische Bahnen zurück: Wenn einer gestorben ist, dann über­
nimmt sein Gotteslob die nachfolgende Generation.

i.
Ps 22 DIE PSALMEN 149
Überschrift 1: Im Aufbau entspricht darstellen. Diese Beschreibung eines
sie denen der Pss 19-21 bis auf die extrem Leidenden hat auf die Gottes­
Musikangabe. G interpretiert diese knechtslieder Deuterojesajas einge­
mit Bezug auf 20 auf die »morgendli­ wirkt. Das Leiden wird nicht durch
che Hilfe« und weist der Klage den Anteilnahme der Mitwelt gelindert,
kultischen Ort im Tagesablauf zu. sondern durch Spott verschärft: Sie
verlachen ihn (Ps 4414 807 Jer 207), sie
Einleitende Anrufung 2-3: Die singu­ reißen das Maul auf (Ps 3521 Ijob
läre Doppelanrufung mit »mein 1610) und schütteln den Kopf zum
Gott« unterstreicht die Intensität des Zeichen der Distanzierung (KJgl 215
Gebetes. Der Wechsel zum geläufi­ Ijob 164). In 9 ironisieren die Feinde
gen *lohaj »mein Gott« zu Beginn einen alten weisheitlichen Grund­
von 3 liegt innerhalb der Sprachmög- satz: »Befiehl dem JFFWH dein Tun
lichkeiten der älteren Psalmen (vgl. an, so werden deine Pläne gelingen«
38 1 847 3115). Der Beter beginnt sofort (Spr 163 vgl. Ps 375). Der Tun-Erge-
mit einer anklagenden Frage wie in hen-Zusammenhang wird hier sarka­
Ps 32 101 132f 741. Der persönliche stisch gebrochen. Weil die Feinde das
Gott ist ihm zum fernen Gott gewor­ Verhältnis des Beters zu Gott in
den. Der Beter betont seine extreme Frage gestellt haben, setzt er ihnen
Not: Die Klage wird nicht normal sein persönliches Vertrauensbekennt­
gesprochen, sondern herausgebrüllt nis entgegen.
wie das Brüllen des Löwen (vgl. H).
Sie erfolgt ununterbrochen, Tag und Vertrauensbekenntnis des Beters io-h.
Nacht. Der Beter erinnert Gott an die per­
sönliche Verbindung von Anfang an.
Vertrauensbekenntnis der Gemeinde Gott übernimmt hier die singuläre
4-6: Der Beter spricht für die Ge­ Rolle einer Hebamme. Die existen-
meinde und erinnert Gott an das Ver­ tialistisch klingende Aussage »auf
hältnis zu Israel; dazu greift er kulti­ dich bin ich geworfen vom Mutter­
sche Überlieferungen auf. Gott ist leibe an« hat wohl im Hintergrund
der Heilige (1 Sam 22 620 Jes 63 3015). den Rechtsbrauch, das Neugeborene
Er thront über den Lobgesängen Is­ auf die Knie des Vaters bzw. der
raels. Der alte Titel des unsichtbaren Mutter zu legen zum Zeichen der
»Kerubenthrones« im salomonischen bindenden Annahme als eigenes Kind
Tempel (1 Sam 44 2 Sam 62 Ps 802 991) vgl. Gen 5023 und Gen 303.
wird spiritualisierend umgebildet. 5f
blicken zurück auf die heilvolle Vor­ Zentrale Bitte 12: In der Mitte der
geschichte des Volkes. Das bisher Klage vergegenwärtigt die Bitte die
nicht enttäuschte Vertrauen in Gott Ausgangssituation mit deutlichem
wird zum Leitthema (vgl. Jes 3015 Ps Rekurs auf 2f. Die Bedrängnis ist
312). nahe, und außer Gott gibt es keinen,
der helfen kann (vgl. Ps 1842).
Klage des einzelnen 7-9: Der Beter be­
klagt den Verlust seiner Menschen­ Klage des einzelnen 13-19: Die Tierver­
würde. Er führt die Existenz eines gleiche stellen die übermenschliche
»Wurms« (Jes 1411 4114 Ijob 256). Der Gegenmacht dar, die mit dämoni­
Beter ist zur Unperson geworden, scher Übermacht keinen Ausweg zu­
zum Gegenteil des königlichen Men­ läßt. Die Stiere, vor allem die aus Ba-
schen, der in »Herrlichkeit und schan im Ostjordanland, sind be­
Pracht gekleidet ist«, wie es Ps 86 216 rühmt für Stärke und Angriffslust
.
150 DIE PSALMEN Ps 22
(Am 4‘ Mich 714 Dtn 32M). Beim Lö­ Feindmetaphern und Aktivitäten auf:
wenbild 14 ergibt sich die für die älte­ Das Schwert steht hier für die Todes­
i
ren Psalmen typische Numerusinkon­ gefahr durch die Bösen I7-19. In wel­
gruenz (Ps 73 1712 vgl. 510). Der Beter cher Weise es mit den Feinden ver­
konzentriert sich entweder auf einen bunden ist, bleibt offen. Seine kriege­
Hauptfeind, oder der einzelne Löwe rische Note könnte aus dem Königs­
i entspricht seinem Erfahrungshori­ gebet stammen. Wie in Ps 3517 (vgl.
zont. In l5f beschreibt der Beter sei­ Ps 687) geht es dem Beter nur ums
nen Todeskampf. Das Bild vom aus­ »nackte Überleben«, Die Bitten bre-
i
geschütteten Wasser ist eine be­ chen in 22b ab. Es bleibt völlig offen,
kannte Aussage über die Vergäng­ wie der Beter zur plötzlichen Erhö-
lichkeit des Menschen wie in 2 Sam rungsgewißheit gekommen ist, ob
1414. In singulärer Weise wird das durch ein Eingreifen von außen oder
Bild vom zerfließenden Wachs (Mi - was das wahrscheinlichere ist -
l4 Ps 683 975) auf das Herz übertra- durch Gewinn an eigener Zuversicht.
gen. Seltene Bilder eines tödlichen Mit dem »du hast mir geantwortet«
Fiebers werden aufgegriffen (vgl. nur ist das die Klage auslösende Nicht-
noch Klgl 44). Und hinter all den Be­ Antworten Gottes 2 aufgehoben.
drohungen steht Gott, der den Beter
in den Todesstaub legt. 17 beschreibt Das Lobversprechen 23: Das Lob für
die Feinde als Rudel herrenloser und den Namen JHWHs besteht in nichts
hungriger, streunender Hunde, die in anderem als der Erzählung von seiner
der Nacht kläffend die Stadt durch­ Rettungstat am Beter. Das Publikum
streifen (Ps 597f l6), sich mit Hyänen wird zweifach beschrieben: Die Brü­
um die Beute streiten (Sir 1318) und sich der des Beters und die »große Ver­
über wehrlose Verwundete (1 Kön sammlung«. Von den nahen Paralle­
2i 19 2 238) und - wie hier - über Ster­ len (Ps 3514 5020 699) her ist an die
bende hermachen (vgl. 1 Kön 164 leiblichen Brüder zu denken. Die
2 Kön 936). Hinter den Stieren, dem »große Versammlung« ist hier profan
Löwen und dem Rudel der Hunde als Ansammlung (Ps 3518 40lof) zu
taucht nun im Klartext die Rotte der verstehen.
»Bösen« auf. ,8f schieben die Be­
schreibung des Leidens in den Be­ Danklied des Armen in der Gemeinde
reich des Todes vor. Man behandelt 24-27: Der Beter fordert in 24 die (kulti­
den Sterbenden wie einen schon Ge­ sche) Gemeinde auf, mit ihm JHWH
storbenen und macht sich über seine zu loben. Die Gemeinde sind die
Habseligkeiten her. JHWH-Fürchtigen, d.h. die wahren
JHWH-Verehrer. Ferner werden sie
Schlußbitten 2&*22: Der Beter bäumt als »Same Jakobs« (Jes 4519 Jer 3326
sich zu den entscheidenden Schluß­ Ez 205 vgl. Ps 246) und als »Same Is­
bitten auf. Singulär ist die Anrede mit raels« (2 Kön 1720 Jes 4525 Jer 3136f
»meine Stärke«, die wiederum wie Neh 92) bezeichnet. Der Verbge­
»meine Hilfe« in 2 das wahre Wesen brauch mit »ehren« (vgl. Ps 154) und
JHWHs festhält und gegen alle Ver­ »erschauern« (Ps 338) zeigt auf nach-
dunkelung durchträgt. Die Bitten exilische Sprache. 25 begründet den
von 20 nehmen 2,12 auf und sind kon­ Lobaufruf. Sache und Sprache gehö­
ventionell formuliert. Die Bitten von ren in die nachexilische Armentheo­
2U greifen die Sprache des Psalms aus logie, die von JFfWHs Option für die
9 und 2 auf. Zugleich rollen sie von Armen ausgeht und Erhörungszuver-
hinten in chiastischer Abfolge die sicht propagiert (Ps IO17 3 47-18 6 934).

;
!
Ps 22 DIE PSALMEN 151
26 schildert den individuellen Lobvoll­ des Raumes im Blick, so bedenken
zug des armen Beters. Dieses Lob die folgenden Verse sie unter dem
wird in großer Versammlung 23 vor­ Aspekt der Zeit. Der singuläre Aus­
getragen, wobei jetzt die Versamm­ druck »die Fetten der Erde« zielt auf
lung von Israeliten bei den Wall­ die Lebenden, die in »Saft und Kraft«
fahrtsfesten gemeint ist. Ps 50,4f ver­ stehen, d.h. im Vollbesitz des Lebens
deutlicht den Zusammenhang: Die sich befinden. In einer Art Merismus
Gelübdeerfüllung konkretisiert sich werden ihnen die »zum Staub Herab­
in verschiedenen Dankopfern und steigenden« gegenübergestellt. Nach
Dankesgaben (Schlacht-, Brandopfer Ausweis der Parallelen bezieht sich
und Votivgaben). Das Danklied das auf die Verstorbenen (vgl. die ins
mündet in Wünsche für die Gruppe Schweigen Hinabsteigenden Ps 11517
der Armen. Wiederum kommt deut­ und die zur Grube fahrenden Jes 3818
lich Armentheologie zum Vorschein Ps 281 304 885 1437).30 nimmt bewußt
(vgl. die Geborgenheit der JHWH- die Todesmetapher von 16b auf. Daß
Sucher in Ps 911 246, die erhoffte aus­ die Lebenden und die Toten vor
reichende Lebensversorgung im Es- JHWH niederfallen und ihn loben,
sen und Sattwerden Ps 34" 3719 7829 widerspricht einem alten und durch­
13215 und die Lebensfülle der Gottes­ gehaltenen Glaubenssatz, daß die
nähe in unbegrenzter Dauer in Ps Toten in der Unterwelt JHWH nicht
6933). loben können (Ps 66 3010 88n"13 11517
Jes 3818 Bar 2,7f Sir 1727f). Hier wird
Das endzeitliche Lob 28-32: Jetzt auf der Linie von Am 92f (Ez 37) Ps
spricht der Beter Wünsche aus, die 1398 eine dauernde Verbindung mit
sich alle auf das künftige, universale JHWH festgehalten, die allerdings
Lob des Königs JHWH beziehen. nicht die Konkretion der Auferste­
Alle sollen daran denken und zu hung von den Toten aus Jes 258 26‘9
JHWH umkehren, wie es die spät­ Dan 12 besitzt. Es ist verständlich,
prophetische Verheißung für Ägyp­ daß die Glosse von 30b~3la diese kühne
ten vorsieht Jes 1922. Die »Enden der Aussage wieder in die etablierte Tra­
Welt« (Jes 4522 52!0 Ps 28 678 728) und dition zurücknimmt. Die Schlußzeile
die »Sippen der Völker« (vgl. Gen 123 3ib-32 hebt auf <jas ununterbrochene
2814 Am 3lf und vor allem Ps 967) be­ Lob in der Folge der Zeiten ab. Der
stimmen den universalen Horizont.29 König JHWH wird jetzt als Herr ti­
begründet die weltweite Verehrung tuliert. Von ihm und seiner gerechten
mit der Königsherrschaft JHWHs. Rettungstat soll allen künftigen Ge­
Das seltene Abstraktum m'lükäk »Kö­ schlechtern erzählt werden (Ps 7118
nigtum« findet sich nur noch Ob 21 786 10219).
vgl. Ps 9610 und 10319. Hat28 die Ver­
ehrung JHWHs unter dem Aspekt Frank-Lothar Hossfeld
152 Ps 23
PSALM 23
BLEIBENDE LEBENSGEMEINSCHAFT MIT JHWH

Daß der Psalm ursprünglich nicht als Danklied bei einer Opfermahlfeier im
Tempel, sondern als Vertrauensgebet verwendet wurde, legt sich von seinem
Eingangsbekenntnis her nahe, das als Nominalsatz gestaltet ist, aber auch von
dem den ganzen Psalm durchziehenden Ausdruck der Geborgenheit des Be­
ters in der ihm von JHWH geschenkten Lebensgemeinschaft, kraft derer er
alle Widerwärtigkeiten des Lebens auszuhalten vermag.
Im Psalm überlagern sich mehrere Strukturen: 1. Von den wechselnden
Sprechrichtungen her läßt sich der Psalm in vier Abschnitte gliedern, die spie­
gelbildlich (chiastisch) aufeinander bezogen sind: ,b_3 Bekenntnis/Zeugnis
über JHWH (er-ich),4 Vertrauensgebet zu JHWH (ich-du),5 Vertrauensge­
bet zu JHWH (du-ich),6 Bekenntnis/Zeugnis über JHWH (ich-er). Die chia-
stische Struktur wird auch motivlich unterstrichen: Anfang und Ende des
Psalms sind durch die Motive vom Lagern bzw. von der Ruhe 2 und vom blei­
benden Wohnen 6 aufeinander hingeordnet; analog ist den beiden mittleren
Abschnitten das Motiv von der Gefährdung des Beters (»in finsterer Schlucht«
4, »vor den Augen meiner Feinde« 5) gemeinsam. Von dieser Struktur her liegt
der Akzent in der Mitte des Psalms. 2. Die vier Abschnitte, die auf der Bild­
ebene paarweise zusammengehören (1 +2: JHWH als Hirte; 3 + 4: JHWH als
Gastgeber), bilden auch eine Parallelstruktur. Der erste und der dritte Ab­
schnitt variieren das Thema, daß JHWH Essen und Trinken gibt, während der
zweite und der vierte Abschnitt das Thema des Schutzes, den JHWH gibt, ent­
falten. Den beiden »Schutzwerkzeugen« Stock und Stab im zweiten Abschnitt
entsprechen die beiden »Schutzboten« Güte und Huld im vierten Abschnitt. 3.
Der Psalm hat insgesamt eine fortschreitende Bewegung, die am Schluß zur
Ruhe kommt. Der Psalm setzt mit dem Bild vom Unterwegssein ein, deutet die
Gefahren des Wegs an, stößt zur Ankunft in einem schützenden Haus vor und
schließt mit der Betonung vom fortwährenden Bleiben in diesem Haus.
Der Psalm spielt auf die Erzählungen über Israels Weg durch die Wüste beim
Ersten Exodus bis zur Landnahme sowie auf die prophetischen Verheißungen
des Zweiten Exodus aus dem Exil an und individualisiert diese ebenso wie die
Metapher von JHWH als dem Hirten seiner Herde/seines Volkes; dies spricht
für nachexilische Entstehung des Psalms (vgl. ähnlich Ps 16). Er ist das Be­
kenntnis eines »Frommen«, der sich gegenüber seinen Feinden dezidiert als
Glied des beim Ersten Exodus geschaffenen und im Zweiten Exodus erneuer­
ten Gottesvolks behauptet. Im entschiedenen Bekenntnis »Mein Hirte ist
JHWH (und keiner sonst!)« spricht sich ein Selbstbewußtsein aus, das der im
ersten Davidpsalter erkennbaren nachexilischen »Armenfrömmigkeit« ent­
spricht. So könnte Ps 23 aus ihrem Milieu stammen; auch die Betonung des
Glücks »mitten im Leid« wird so verständlich.
Ps 23 wurde zusammen mit dem in vielfacher Hinsicht verwandten Ps 16 (vgl.
besonders 233 H mit 1610 H; 234 mit 168; 236 mit 16211) von der nachexilischen
Redaktion in die ihr vorgegebene Teilgruppe Ps 15-24* (ohne Ps 19) inte­
griert. Er führt nun einerseits Ps 22 in seiner nachexilischen Gestalt (2 22-27)
weiter: Er ist das in 2223 angekündigte Lob des Namens JHWH (vgl. 233) und
erläutert, wie und wo »die Armen« von 2227 zum sättigenden Mahl gelangen.
Andererseits wird durch die Einbindung von Ps 23 zwischen Ps 22 und Ps 24
Ps 23 DIE PSALMEN 153
präzisiert, wer das betende Ich von Ps 23 ist: die Armen und die Gerechten als
Repräsentanten des wahren Israel. Eine nochmal andere Perspektive erhielt Ps
23, als Ps 22 von einer spätnachexilischen Hand durch 2 228“32 erweitert wurde:
Nun ist Ps 23 als Vertrauensgebet derer zu lesen, die zur Völkerwallfahrt
»zum Haus JHWHs« aufbrechen (vgl. besonders die Stichwortbeziehungen:
»die Fetten« = die Mächtigen der Erde 2230 bzw. »du hast fett gemacht« = du
hast gesalbt 235; f'däqäh »seine Heilstat« 2232 bzw. magle fcedceq »rechte
Pfade« 233), um dort zusammen mit dem »König der Herrlichkeit« Einzug zu
halten (Ps 24) und von ihm Segen und »Heil« {f'däqäh: 245!) zu empfangen.

231 [Ein Psalm Davids.] 802 957


Gen 4815
Der Herr ist mein Hirte, Jes 4010
nichts wird mir fehlen. Ez 342
Mi 7M
2 Er läßt mich lagern auf grünen Auen Joh I0n
und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Ez 3413-15
Offb 7V
3 Er stillt mein Verlangen; 25* Spr4"
er leitet mich auf rechten Pfaden,
treu seinem Namen.
4 Muß ich auch wandern in finsterer Schlucht, Jes SO10
ich fürchte kein Unheil;
denn du bist bei mir,
dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.
5 Du deckst mir den Tisch 369 92"
16*
vor den Augen meiner Feinde. i
Du salbst mein Haupt mit Ol,
du füllst mir reichlich den Becher. i

6 Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang, 274 423
633655 !
und im Haus des Herrn darf ich wohnen 843-5.U
- für lange Zeit.

i
Genauer: »Mein Hirte ist der Herr« (und niemand sonst!).
2b EÜ ändert die Wortfolge und ergänzt am Anfang »und«.
3a Andere Übersetzung: »Er stellt meine Lebenskraft wieder her.«
5d Wörtlich: »mein Becher ist Überfluß«.
6 MT: w'sabti»und ich werde zurückkehren«. EÜ liest im Anschluß an G S
und T (vgl. auch Ps 27*) ’ufsibti »und mein Wohnen ist...«, d. h. ich
werde wohnen; die im MT vorliegende Verbindung süb + b' ist unge­
wöhnlich. Die Vokalisation von MT ist vermutlich eine Aktualisierung,
die die Hoffnung auf Rückkehr nach Jerusalem und vor allem auf den
Wiederaufbau des 70 n. Chr. zerstörten Tempels cinträgt.

Überschrift ,a: Vgl. zu 31. Lebenswelt des israelitischen Klein­


viehnomaden, der mit seiner Herde
JHWH als Hirte lb_4: Die Einzelzüge auf der Suche nach Weideplätzen,
der Hirtenmetapher stammen aus der insbesondere im Sommer, unterwegs
154 DIE PSALMEN Ps 23
ist. Wo cs keine saftigen Wiesen oder Jes 356f 4118), erfährt der Beter als
grünen Berghänge als Weideland gibt Gabe »seines« Hirten JHWH. Ja, der
und wo die abgeernteten Felder von Psalm steigert sogar: Während die
den Bauern für die eigenen Schafher­ Wasserstellen beim Ersten Exodus
den reserviert bleiben, ist die Herde »Wasser des Streits und der Erpro­
der Halbnomaden auf einen »guten« bung bzw. Versuchung« waren, wo
Hirten angewiesen, damit sie keinen Israel schuldig wurde und Gott zu
Mangel an dem hat, was sie braucht dem Schwur verleitete: »Sie sollen
lb: Weideplätze (Plural!), auf denen nicht kommen in das Land meiner
selbst im Sommer noch junges fri­ Ruhe (m'nübäti)« (Ps 9511; vgl. auch
sches Grün (dasce’) vorhanden ist 2a, Ps 8 1 8 1 0632), sind sie für den Beter
Wasserstellen mit Wasser in Fülle »Wasser der Ruhe« (me m'nühöt),
(wieder Plural!) 2b - und beides vor d.h. nicht ruhige, stille Wasser, son­
allem als Orte der Ruhe, an denen die dern Orte (Situationen), an denen er
Herde sicher vor wilden Tieren, aber das große Heilsgut der Ruhe in Fülle
auch vor feindlichen Hirten oder (menü/?öt: Plural!) findet. Vor allem
Räubern weiden, trinken und schla­ »führt« (nähäh hi. ist auch terminus
fen konnte. Mit den Formulierungen tecbnicus der Führung Israels beim
dieser Einzelzüge spielt der Psalm Exodus durch JHWH: vgl. Ex 1317-21
zugleich auf die Ursprungsgeschichte 1513) JHWH den Beter auf Wegen
Israels (Exodus - Wüstenwanderung von feedeeq, womit nicht gerechte Ta­
- Landnahme) und auf die propheti­ ten des Beters gemeint sind, sondern
sche Verheißung von der Erneuerung Wege, auf denen der Beter in der um­
Israels durch den Zweiten Exodus fassenden von JHWH gesetzten Le­
aus dem Exil an. Dies gilt zunächst bens- und Heilsordnung glücklich
von der Hirtenmetapher selbst, mit und geschützt wandelt; es sind vor al­
i der JHWHs Geleit und Fürsorge lem Wege, die nicht in die Irre und
beim Exodus aus Ägypten (vgl. Ps ins Unglück, sondern zur Fülle des
7721 7852f), aber auch bei der Heim- Heils führen (zu dieser Bedeutung
holung aus der exilischen Verban­ von icedceq vgl. besonders Ps 3528 506
nung und Zerstreuung (vgl. Jes 4011 976 sowie Jes 4818 515f 622). Daß
Ez 34) zusammengefaßt ist. Weil JFTWH so am Beter »um seines Na­
I JHWH sein Hirte ist, leidet der Beter mens willen« 3c handelt, meint ein
keinen Mangel (frsr)- wie Israel wäh­ Doppeltes: zum einen entspricht die­
rend der vierzig Jahre der Wüstenzeit ses Handeln seinem »Namen« =
(Dtn 27 Neh 921) und wie danach in Wesen, wie er sich in der Geschichte
dem Land, in das JHWH sein Volk seines Volkes als der Mit-Seiende,
! führte (Dtn 89). Die »Weiden, Auen« Mit-Gehende (vgl. Ex 314) geoffen-
(näweeb), auf denen der Beter »la­ bart hat, er handelt so gewissermaßen
gern« darf, sind jene »Auen«, die das aus innerer Treue zu sich selbst; zum
Ziel des Exodus waren (vgl. Ex 1513) anderen will er seinen Namen weiter­
und auf die JHWH das zerstreute hin offenbaren - auch und gerade in
Volk aus dem Exil zurückführt (vgl. der Lebensgeschichte des Beters (vgl.
näwceh: Jer 23} 3123 Ez 34Mf). Und Ps 25'1 314 sowie Ez 3620-23).
| auch die wunderbare Führung an 4 Auch im zweiten Abschnitt überla­
Wasser, die Israel beim Ersten Exo­ gern sich Hirtenmetaphorik und An­
dus erfahren hat (Ex 1522“27 171-7 spielungen auf die Volksgeschichte.
Num 201“13 sowie Ps 7 8 20 1 0 541 »In finsterer Schlucht« evoziert die
I 10733”35 u.a.) und die auch für den Gefahren, denen eine Herde in den
Zweiten Exodus verheißen war (vgl. tief eingeschnittenen, engen Tälern
I
' I
Ps 23 DIE PSALMEN 155
und Schluchten der Bergregionen, mit der unser Psalm die JFfWH-
insbesondere der Wüste Juda, ausge­ Frommen von damals (und danach!)
setzt war. Daß die Herde die Gefah­ nicht ohne Hoffnung lassen wollte.
ren solcher Wadis gut überstand,
hing auch an den beiden in 4d genann­ JHWH als Gastgeber 5-6: Die Meta­
ten »Werkzeugen« des israelitischen pher von JFTWH als (lebenslangem 6)
Hirten, die schon seit dem 3. Jt. iko- Gastgeber führt die in 1-3 entfaltete
nographisch bezeugt sind. Es ist zum Erfahrung der Lebensermöglichung
einen die kurze Keule aus hartem (Essen, Trinken, Ruhe) weiter und
Holz (»Stock«), womit der Hirte tie­ steigert sie: Der Beter ist nun nicht
rische und menschliche Feinde von mehr das Tier, das hinter oder vor
der Herde abwehrte; zum andern ist dem Hirten einherläuft, ohne diesen
es der lange Hirtenstab, mit dem der zu sehen. Nun wird er zum glückli­
Hirte die Tiere lenkte oder miteinan­ chen Gast im geschützten Haus eines I
der kämpfende Tiere trennte, mit Gastgebers, der sich ihm von »Ange­
dem er aber auch einen den Weg be­ sicht zu Angesicht« zuwendet. Die
hindernden Dornstrauch beiseite Verbindung von Hirten- und Gastge­
drücken oder mit dem er schwachen bermetapher findet sich ähnlich mit
Tieren beim Klettern in der Schlucht Blick auf die Wüstenwanderung beim
Halt geben konnte. »Finsternis« ($al- Exodus auch in Ps 78,9f 52f (und sogar
mäwcet) war einer der Schrecken der in ägyptischen Texten über den Son­
Wüste, durch die JHWH sein Volk nengott als »Guten Hirten« der Men­
beim Exodus führte (vgl. Jer 26), d. h. schen). Das in 5 angedeutete Mahl ist
sie war ein Ort des Todes (zu dieser ein Festmahl, durch das der Beter vor
Konnotation von salmäwcet vgl. be­ seinen ihn bedrängenden Gegnern
sonders Ijob 102,f 3817). Weil sie kein nicht nur geehrt (die Salbung mit par­
Vertrauen zu dem sie führenden Gott fümiertem Öl durch den Gastgeber
hatten und weil sie sich vor den Ge­ zu Beginn des Mahles ist eine beson­
fahren dieses Weges fürchteten, dere Ehrung) wird, sondern wodurch
mußten sie alle sterben (vgl. Dtn der Gast zugleich unter den besonde­
l19“35). Anders der Beter des Psalms: ren Schutz des Gastgebers (vgl. Gen
Er vertraut auf die Zusage, die der 198 Ri 1923f) gestellt wird (möglicher­
Gottesname JFTWH ausdrückt: »du weise liegt auch eine Anspielung auf
bist mit mir« 4c; deshalb geht er das Festmahl nach siegreicher
furchtlos und den in der Finsternis Schlacht vor: Rettung vor den Fein­
des Exils erklungenen prophetischen den!). Den Luxus des dem Beter von
Verheißungen vertrauend, daß JHWH selbst bereiteten und servier­
JHWH sein Volk aus der Finsternis ten Mahles (vgl. dazu auch Gen
herausführt (vgl. Jes 91 499 sowie 4110 181"5: Abraham bedient, während
43l_3^ Ob der Psalm ursprünglich, seine Gäste essen; ähnlich Sir 32l) un­
wie dies schon G mit der Wiedergabe terstreicht nicht nur die Salbung mit
von falmäwcet als »Schatten des To­ Öl (vgl. dazu Ps 1332 Koh 98 Am 66
des« (= sel-mäwcet) tut, den Tod als sowie Lk 737f-46), sondern auch der
letzte Bedrohung des Lebens mit­ mit Wein übervolle Becher. Anders
denkt, ist schwer zu entscheiden. als die Exodusgeneration, die gegen­
Von 6b (s. u.) her ist es durchaus denk­ über ihrem Hirten JHWH (Ps 7 852f)
bar; falls der Psalm erst in das 4. Jh. die Zweifel äußerte: »Kann uns denn
datiert wird, ist es sogar wahrschein­ Gott den Tisch bereiten in der Wü­
lich. Dann ist4 eine Vertrauensäuße­ ste? Kann er uns auch Brot erschaffen
rung gegen die Angst vor dem Tod, und sein Volk mit Fleisch versor-
i

156 DIE PSALMEN Ps 24


gen?« (Ps 7819f), erlebt der Beter sei- blickt die eigenartige Formulierung
nen Gott als den Gott, der ihn mit »für die Länge der Tage« (EÜ: »für
den klassischen Gaben des Israel ge­ lange Zeit«) in 6 sogar über den Tod
gebenen Landes Brot, Wein und Öl hinaus. Für den Menschen, der im
(vgl. Jer 3112 Hos 27 u.ö.), ja der »Tal der Finsternis« sich dem Geleit
Schöpfung überhaupt (vgl. Ps 104I4f) und der Fürsorge JHWHs überläßt,
überschüttet. wird hier eine Gottesheimat sichtbar,
6 Der letzte Abschnitt steigert das deren bergende und beglückende
i Gottesverhältnis des Beters abermals: Dauer im Hirten- und Gastgeber-
i: Nicht nur einmaliger Gast ist der Be­ Gott selbst ihr (unendliches) Maß hat
ter, sondern »Dauerbewohner« im (zur Angabe »für die Länge der
Haus JFfWHs. Es geht nicht um eine Tage« als die Zeit JHWHs, die die
einmalige Ehrung, sondern um eine Zeit der Menschen umgreift, vgl. Ps
bleibende Schutz- und Tischgemein­ 935).
schaft mit JHWH. Möglicherweise Erich Zenger

PSALM 24
BEGEGNUNG VON GOTT UND MENSCH IM TEMPEL

Die Exegese hat vier Aspekte zu diesem Psalm herausgearbeitet. Zuerst hat sie
schon bald und dann mit wachsender Differenzierung wahrgenommen, daß
■1 dieser Psalm aus heterogenen Teilen zusammengesetzt ist. Er besteht aus vier
Einzelstücken: Der hymnisch klingenden Einleitung in 1-2, der sogenannten
: Einzugstora 3-5, dem Hinweis 6 und der Liturgie an den Toren 7_I0. Zugleich
hat sich die Exegese festgebissen in der formen- und gattungskritischen Rück­
1 frage nach dem »Sitz im Leben« der Einzelteile, vor allem hat sie sich dabei auf
die Einzugstora und die Liturgie an den Toren konzentriert. Der dritte Aspekt
ergab sich eher nebenbei, nämlich die Vermutung hohen Alters für fast alle vier
! Teile, so daß Ps 24 wichtige Hinweise für den vorexilischen Jerusalemer Kult
gibt. Der vierte Aspekt antwortet auf die vorhergehenden drei Aspekte. Die
Entdeckung der gewichtigen Einzelteile forderte im Gegenzug die Frage nach
der Einheit des Psalms heraus. Die stilistisch und sachlich eigenständige Einlei­
tung 1-2 trägt Züge eines Bekenntnisses zu JHWH, dem Eigentümer - weil
Schöpfer-der Erde. In der Art kanaanäischer Aussagen über den Götterkönig
El, den Schöpfer der Götter und der Welt sowie den Vater der Menschen,
werden Aussagen über JHWH gemacht. Wie ein Architekt hat er die Erde ge­
! gründet (creatio) und festigt sie ständig gegen das Chaos der Wasserfluten
1 (conservatio).
Die Einzugstora 5-5 grenzt sich durch ihre Struktur (s.o. zu Ps 15) aus. Sie be­
hauptet ihre Eigenheiten im Vergleich mit ihren Parallelen in Ps 15 und Jes 33
(durchgehende Rede von JHWH in dritter Person, Jerusalemer Kolorit in den
I: : Bezeichnungen des Kultortes, kultisch geprägte Sprache in der abschließenden
Verheißung 5). Der Gerechte wird im Tempel Segen und Heil empfangen. Die
Gaben Jahwes übersteigen den Verdienst im Tun-Ergehen-Zusammenhang.
. Das normgerechte Verhalten des Beters ist Anlaß, Anstoß für die Mitteilung
| : der Gnade am Ort des Heils.
i; ■

i
i
Ps 24 DIE PSALMEN 157
Im ersten Relativsatz wie in der Verheißung wählt die Einzugstora seltene For­
mulierungen mit ns' »tragen« bzw. erheben, einem Leitwort aus der älteren
Liturgie 7-10 (vgl. 247-9). Das erweckt den Eindruck, als sei die Einzugstora 3-5
mit Blick auf 7"10 aufgeschrieben worden.
Der Hinweis in 6 reklamiert einen Sonderstatus. Er überträgt die Qualitäten
des einlaßberechtigten einzelnen Gerechten auf das Kollektiv der Gottsucher.
Der Personenwechsel von der 3. zur 2. Person verweist wohl auf die Anwesen­
heit der Gruppe der Gottsucher. Der MT mit seiner lectio difficilior durch­
bricht den Parallelismus der Objekte (JHWH-Sucher, Jakob-Sucher) und zielt
mit »Jakob« auf das wahre Israel.
Der Zusatz 6 verankert die messianische Armenfrömmigkeit in Ps 24. Das Ge­
schlecht bzw. der Kreis der JFTWH-Suchenden ist die Gruppe der Armen, die
nach Ausweis der Parallelen aus Ps 9 14 22 73 112 in einem besonderen Ver­
hältnis zu JHWH stehen. Heil erlangen die Außenstehenden, die das Antlitz
bzw. den Anschluß an Jakob suchen (vgl. Jes 445).
Die Liturgie an den Toren7-10 ist unbestritten ein eigenständiger, und zwar der
älteste Teil von Ps 24. Die dreihebigen Trikola kennzeichnen die ältere kanaa-
näische und vorexilisch-israelitische Poesie (vgl. Ps 93f 7717"20), ebenso der kli-
maktische Parallelismus (vgl. Ps 29lf 933f). Die Liturgie ist durchzogen von ka-
naanäischen Vorstellungen (die uralten Tempeltore 7, das »Erheben der Tor­
häupter« 7 sowohl als Aufweitung für den einziehenden Gottkönig wie auch als
freudige Begrüßung, der »König der Herrlichkeit« als Titel Eis wie in Ps 29
oder Jes 61-5, die Nähe des Kriegers JHWH 8 zu Baal, »dem Erhabenen unter
den Kriegshelden«).
Hinter der Liturgie steht weder ein kanaanäischer Mythos vom Abstieg eines
Gottes in die Unterwelt (keine Belege) noch ein Rekurs auf die Überführung
der Lade nach Jerusalem unter David (2 Sam 6) oder ihre Übertragung in den
Tempel unter Salomo (1 Kön 8), noch das Ritual einer Ladeprozession. Ob­
wohl die Schilderung JHWHs als Krieger und der Titel »JHWH der Heer­
scharen« mit der Lade verbunden sind, wird sie in der Liturgie nicht erwähnt.
Somit bleibt der konkrete Vollzug der Liturgie verborgen. Deutlicher ist ihre
Funktion der Verkündigung, wer der einziehende König der Herrlichkeit ist,
nämlich der königliche Ziongott, der auf dem Tempelberg die Gnade seiner
Anwesenheit gewährt, damit die Menschen ihm nahen können.
Der vorexilisch-exilische Grundpsalm besteht nach dem Ausscheiden von 6 nun
aus drei Teilen (Einleitung, Einzugstora, Liturgie an den Toren). Die distan­
zierte, beschreibende Darstellung der Einzugstora sowie deren Formulierun­
gen mit Rücksicht auf die alte Liturgie 7~10, ferner die einer genauen Konkre­
tion sich entziehende Liturgie scheinen eher auf eine literarische Komposition
zu deuten, die dem Einzug JHWHs, des Königs der Herrlichkeit, in den Tempel
die Einzugsbedingungen für den Tempelbesucher voranstellt und sie mit einer
hymnischen Aussage zum Schöpfer einleitet. Somit liegt ein knapper Abriß der
vorexilischen Tempeltheologie vor. Der Schöpfer nimmt als Jahwe der Heer­
scharen auf dem Zion Wohnung, allerdings in spezifischer Weise. Wie in Jes 6
der Tempel die Erhabenheit JHWHs nicht fassen kann, so verdeutlicht der
Einzug JHWHs die Kontingenz und den Gabecharakter seiner Anwesenheit.
So bewegen sich im Tempel JHWH und der Mensch aufeinander zu und be­
gegnen sich.
Redaktionskritisch betrachtet ordnet vor allem das Zentrum der Komposition,
die Einzugstora 3-5, den Grundpsalm in den Kontext dieser Nachbarpsalmen
158 DIE PSALMEN Ps 24
ein. In der konzentrischen Teilsammlung Ps 15-24* bilden wegen der Ein-
zugstora die Pss 15 und 24 die Eckpsalmen. Die Anordnung geht auf die for-
mauve exilische Redaktion zurück. Sie gestaltete oder setzte wenigstens den
i Grundpsalm als Abschluß der Teilsammlung hinter Ps 22 (Grundpsalm). Von
der Einzugstora her ergeben sich auch die Verbindungen zu den unmittelba-
ren Nachbarpsalmen. Mit dem nachexilischen Ps 23 verbindet das Thema der
Gerechtigkeit als Gnadengabe JHWHs (233 245) wie der Rekurs auf den Tem­
pel (236 243-7-10). Die punktuellen Beziehungen zu Ps 25 können hier übergan­
gen werden. Einschlägig sind die Bezüge zu Ps26: Der Gerechte darf bei
JHWH im Tempel weilen (sein Herz ist lauter/geprüft 244 262; er hat die Un­
schuld/Reinheit der Hände 244 266; er darf im Tempel weilen 243 266 8; der
Tempel als Ort der Herrlichkeit JHWHs 247_,° 268; er empfängt dort Segen
245 und segnet/preist JHWH 2612).
1 Der nachexilische Zusatz 246 betreibt Armentheologie im Stile von Ps 2227
2522.

5012 8912 241 [Ein Psalm Davids.]


935 1366
Ex 929 Dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt,
Dtn 10‘4 der Erdkreis und seine Bewohner.
Jes 425
I 1 Kor 1026 2 Denn er hat ihn auf Meere gegründet,
ihn über Strömen befestigt.
3-6: 11819f 3 Wer darf hinaufziehn zum Berg des Herrn,
wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?
4 Der reine Hände hat und ein lauteres Herz,
der nicht betrügt und keinen Meineid schwört.
5 Er wird Segen empfangen vom Herrn
und Heil von Gott, seinem Helfer.
278 6 Das sind die Menschen, die nach ihm fragen,
die dein Antlitz suchen, Gott Jakobs. [Sela]
7-10: 1016 7 Ihr Tore, hebt euch nach oben, /
22” 2910 hebt euch, ihr uralten Pforten;
47sf 93*
96l097l denn es kommt der König der Herrlichkeit.
936991 8
Wer ist der König der Herrlichkeit?
14511 14610 Der Herr, stark und gewaltig,
Ex 1518
Jcs 527 der Herr, mächtig im Kampf.
'• 9 Ihr Tore, hebt euch nach oben, /
hebt euch, ihr uralten Pforten;
denn es kommt der König der Herrlichkeit.
10 Wer ist der König der Herrlichkeit?
Der Herr der Heerscharen,
er ist der König der Herrlichkeit. [Sela]
!
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;
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•:
Ps 24 DIE PSALMEN 159
2 EÜ übersetzt den Parallelismus entsprechend durchgehend präterital.
Der Tempuswechsel beim MT (abgeschlossenes, vergangenes und durati­
ves Geschehen) ist beabsichtigt und wird durch die nahestehende Paral­
lele Spr 319 (Perfekt-Partizip) bestätigt. Er zielt auf die beiden Aspekte
der Schöpfung, creatio und conservatio.
4 Im ersten Relativsatz setzt EÜ die Wendung lo* näsä ’ laSsaw nafiö voraus
und korrigiert beim MT zu Recht die erste Person im Suffix beim Akku­
sativobjekt. Dafür spricht der Kontext, der von JHWH nur in dritter Per­
son redet. Alle Parallelen der Wendung (Ps 251 864 1438 Dtn 24,s Hos 48
Spr 1918) belegen die Kongruenz von Subjekt des Verbs und Personalsuf­
fix bei ncefces. In der Schrift wird selten von JHWHs ncefces geredet, und :
daß ein Mensch JHWHs ncefces erhebt, ist nur in (sekundärer) Anlehnung i
an das dritte Dekaloggebot zu verstehen, wenn dabei ncefces und sem
JHWHs ineinander übergehen.
5a EÜ entscheidet sich für die Lesart des Ketib; das Qere gleicht sekundär-
dem Parallelismus folgend - das singularische Partizip dem folgenden
pluralischen an.
6b EÜ schließt sich an die Septuaginta an, die die lectio difficilior des MT
(nach JHWH fragen - Jakobs Antlitz suchen) zum Parallelismus (nach
JHWH fragen - nach dem Antlitz des Gottes Jakobs suchen) einebnet.
9 EÜ setzt zu Recht mit den alten Versionen den zweiten Imperativ im ni.
wie7 voraus.
10 EÜ wiederholt die Frage von 8, statt wörtlich zu übersetzen (»wer ist denn
er, der König der Herrlichkeit?«) und den drängenden Nachdruck der
Wiederholung einzufangen.

Überschrift 1: Von zweiteiligem Auf­ seitdem eine dauernde Kontrolle


bau wie 231, allerdings mit Voranstel­ über sie aus. Er garantiert die kosmi­
lung der Autorenangabe. Entweder sche Stabilität (vgl. Ps 293 10 931-3
!
wird Ps 24 als Schluß der Psalmen­ 1366) auf unbegrenzte Dauer wie in
gruppe der »Psalmen Davids« 19-24 Ps 1045 (vgl. Ps 489). ::
: !
oder als Überleitung zur Psalmen­
!.
gruppe »Von David« 25-28 betrach- Die Einzugstora 3-5: Die einleitende
Doppelfrage (vgl. Ps 151) erfragt die
. ■

tet.
Einlaßbedingungen für den Bereich i
Die hymnische Einleitung1-2: Sie stellt des Tempels.
in der Eigentumserklärung 1 wie in ’lh »aufsteigen« kann hier terminus »
deren Begründung 2 Jahwe als Sub­ technicus für die Wallfahrt zum Zion
jekt betont voran. Die Eigentums­ sein wie in Dtn 178 1 Kön 1227f oder
erklärung erfaßt hier die Erde und Ps 122-134. qüm »stehen« bezeichnet i
ihre Lebewesen (vgl. lSam 28 und wie ’md in Jer 710 die kultische Hal­
Ps 954f) und noch nicht den gesamten tung und darüber hinaus den liturgi­
Kosmos wie in Ps 5010-12 8912, vgl. schen Vollzug am hl. Ort. Dieser
Ex 195. Die creatio wird wie ein wird mit Begriffen aus der alten
Hausbau vorgestellt, bei dem die Zionsüberlieferung benannt (vgl.
Erdscheibe auf Pfeilern befestigt wird Jes 3029 Sach 83 und die sicher alten
(vgl. lSam 28 Ps 1816 1043"5 Belege Mi 312 »Berg des Hauses«
Ijob 384-*). JHWH hat Meere und Ps 482f »sein heiliger Berg, Berg
Ströme anfänglich besiegt und übt Zion«). Die »hl. Stätte« gehört in den
;

160 DIE PSALMEN Ps 24


priesterlichen Sprachbereich (Lev 72 JHWH fragen. So beschreibt sich die
1413 Esra 98 vgl. Koh 810), hat aber im Gruppe der sogenannten Armen in
I »hl. Tempel« einen wichtigen Seiten­ den Psalmen (Ps9u 142-5 2227 731 15
gänger (Ps 58 ll4 79' 1382, vgl. 1122). 6b deutet an, daß der Kreis der
Jes 6,_5). Wie in Ps 15 wird das Ver­ JHWH-Sucher mit dem anwesenden
halten des einlaßberechtigten Ge­ Jakob/Israel identisch ist und noch
rechten zuerst allgemein umschrie­ darüber hinaus die Proselyten ein­
! ben und dann in Einzeltaten konkre­ schließt, die sich über die Vermitt­
tisiert. Das erste Paar der Konstrukt­ lung von Israel zu JHWH hinwen­
1 verbindungen hat jeweils im einzel­ den, wie es exakt Jes 444 beschreibt
nen (vgl. Ps 266 713 - ugaritische Pa­ und das Motiv der Völkerwallfahrt
rallelen und Ps73‘) und als Paar anzeigt (Jes 2//Mi 4 und Sach 215).
seine Parallelen, die Vollkommenheit
in äußerer Tat und innerer Gesin­ Die Liturgie 7-10: Den ersten Befehl
nung bezeichnen, wie in Gen 205 kann man wörtlich verstehen; er rich­
(elohistisch) Ps 7313 7872 und 1 Kön tet sich dann an die Türsturze
94. Der erste Relativsatz hebt auf eine (= Häupter) der Tore, die sich in au­
vergangene Einzeltat ab. Dabei bleibt ßergewöhnlicher Weise aufweiten
offen, was Ä*w»Trug« konkret meint: sollen, damit die Erhabenheit des
allgemein Betrügereien wie in Gottkönigs überhaupt einziehen
Ijob 315 Ps 264 11937 oder spezielle kann. Ebenso füllt der Saum des Ge­
Götterbilder wie in Jer 1815. Der wandes des Königs JHWH in Jes 61
zweite Relativsatz faßt das Vergehen den ganzen Tempel aus. Man kann
des Falschschwurs ins Auge, das häu­ aber im Befehl auch eine mythische
figer in exilisch-nachexilischer Zeit Redeweise sehen, die die Tempeltore
erwähnt wird (Lev 522 24 1 912 Jer [42] personifiziert und sie mit Erleichte­
52 79 Sach 54 [817] Mal 35) und auch rung und Freude den einziehenden
im redaktionellen Vers Ps 154 aufge­ König begrüßen läßt. Die »uralten
I griffen wird. Dabei wird die formel­ Tore« haben teil an der dauerhaften
' hafte Wendung sB (ni.) laKceqcer Qualität des himmlisch-irdischen
>
»zum Trug schwören« durch das syn­ Heiligtums (vgl. Gen 4926 Hab 36).
onyme tmirmäh ersetzt, das zur Psal­ Der Titel »König der Herrlichkeit«
mensprache gehört. ist traditionsgeschichtlich in der ka-
Die Verheißung in 5 verspricht dem naanäischen El-Verehrung verwur­
j; Gerechten die Teilhabe an Segen und zelt. Sowohl der Königstitel selbst als
Gerechtigkeit JHWHs. Segen und auch das Epitheton »Herrlichkeit«
i:
Ü Heil sind Gaben, die den verdienten sind ihr entnommen, wie der Kron­
Lohn übersteigen. Auffällig an 5a ist zeuge Ps 29 belegt. Die erste Rück­
die seltene und kultisch geprägte frage nach der genauen Identität des
Ausdrucksweise (vgl. Ps 1285 1343), Königs der Herrlichkeit zielt auf die
die sich wiederum von ihrem Pendant Antwort, die den König mit JHWH
' in Ps 155 abhebt. Die parallele Titu­ identifiziert. Zugleich wird er als
; lierung JHWHs mit »Gott seiner Krieger dargestellt. Dabei werden Ei­
Hilfe« gehört in die typische Psal­ genschaften des kriegerischen Baal
! mensprache (Ps 1847 255 279 [51l6] 656 auf JHWH übertragen; JHWH ist
; 799 855). also Erbe Eis und Baals zusammen.
i
Die kriegerische Stärke beweist
!■
Der Hinweis in 6: Er überträgt die JHWH in der Bändigung der Natur-
Qualifikationen des Einlaßberechtig­ und Chaosgewalten (vgl. Ps 212-14),
‘ : ten auf den Kreis derer, die nach ebenso in den Wundertaten der Ge-
r
j

1
Ps 25 DIE PSALMEN 161
schichte (Ps 784), in der Kriegshilfe Schilo, wo er mit dem Kriegspalla-
ftir den irdischen König (vgl. dium der Lade verbunden wurde
Ps I833-50) wie in den vorstaatlich- (1 Sam 1315 44). Für seine Übernahme
frühen JHWH-Kriegen (Ri 51113,23 in den Zionskult sprechen Ps 489 und
Ex 1414). Der Dialog an den Toren Jes 635. Die Liturgie spiegelt die Inte-
wird wiederholt mit kleinen Ände- gration kanaanäischer Überlieferun­
rungen, bis der »aufschließende« Ti- gen zur Funktion des Tempels sowie
tel »JHWH der Heerscharen« fällt, zur El- und Baalverehrung in den Je-
Die »Heerscharen« sind kaum noch rusalemer Zionskult. Zugleich entfal-
näher einzukreisen, ob sie israeliti- tet sie anschaulich die spezifische
sehe oder himmlische Heerscharen Würde des Königs JHWH, der im
oder unterworfene Naturmächte Tempel seine Anwesenheit gewährt,
bzw. Gestirne bedeuten. Sicherer ist
die frühe Herkunft des Titels aus Frank-Lothar Hossfeld

PSALM 25
BITTE EINES ARMEN UM RETTUNG, VERGEBUNG UND WEGWEISUNG

Ps 25 gehört zur Gruppe der akrostichischen Psalmen (Ps 9/10 34 37 111 112 f
119 145). Wegen dieses Formzwanges wird der Psalm dem nachexilischen
Gottesdienst zugerechnet. In bezug auf das Akrostichon hat dieser Psalm sei­
nen nahen Verwandten in Ps 34 (einzeiliges Akrostichon, fehlender Waw-
Vers, zusätzlicher Pe-Vers als Erlösungsbitte für Israel, gleichlautende Vers-
anfänge in den Mem-, Ajin- und Pe-Zeilen, zentrale Stellung der Lamed-
Zeile).
Traditionelle Gebetsformen mischen sich zugunsten einer neuen Ganzheit, der
des Akrostichons (die vorherrschende Bitte wird durch eine Sentenz 3 und ein
Vertrauensbekenntnis 15 durchbrochen; um das Zentrum in 11 legt sich die
Lehre von 810 I2~14). Will man das Spezifische dieses Psalms erfassen, ist man
also von der Form auf den Inhalt verwiesen, um die Anliegen des gelehrten !
und lehrenden Bittenden zu erfassen. Die Feinde erhalten relativ blasse Kontu­
ren und werden neutral als »Feinde« des Beters 119 bezeichnet. Sie gehören zur
Gruppe der Treulosen 3, worunter wohl diejenigen zu verstehen sind, die
JHWHs Gesetz bzw. seinen Bund verlassen haben. Bemerkenswert ist der ge­
waltige, tödliche Haß, mit dem sie den Beter verfolgen 19. Der Beter selbst zählt
-sich zur Gruppe der Armen 916 und übernimmt ihre besonderen Verhaltens­
weisen in bezug auf JHWH: Er vertraut auf ihn, harrt seiner, hofft auf ihn und
bezeichnet die Gruppenmitglieder auch als JHWH-Fürchtige 12. Die soziale :.
Charakterisierung der Armen tritt in den Hintergrund bzw. ist kaum noch
greifbar, dafür tritt die religiöse Beschreibung in den Vordergrund. Besonders
machen die eigenen Sünden dem Beter Sorgen 7f.ll.J7f, Sünden seit seiner Ju-
gendzeit. Die Sünde kann überwunden werden durch JHWHs Lehre, deren
Inhalt mit seinen gemeinschaftlichen »Weg JHWHS«, sein »Bund«, seine
»Zeugnisse« und sein gemeinschaftlicher »Rat« umschrieben wird, alles ge­
füllte Begriffe aus weisheitlicher und deuteronomistischer Tradition.

:
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j
! n
DIE PSALMEN Ps 25
162
!
BSSSSäSÄS^BSSSaffi
bestimmte Verwandtschaft anzeigen. Eine erste Gruppe zum Vergleich
bilden späte, nachexilische Individualklagen. Mit Ps 86 kommt Ps 25 überein
in der A^menfrömmigkeit, in der verhaltenen Femdschilderung und vor allem
im Gottesbild Sowohl die Sünde des Beters als auch die notwendige Unterwei­
sung durch JHWH werden in Ps 86 nur angedeutet. Hier redet Ps 25 ausführ­
licher und nachdrücklicher. Ihm gegenüber fehlt Ps 86 die Erwähnung von
Bund und Zeugnissen JHWHs. Ähnlich gestaltet sich der Vergleich mit dem
späten Klagelied Ps 143. Im Profilvergleich unter den späten Individualklagen
sticht die gegenüber den älteren Klageliedern zurückgenommene Feindschil­
derung ins Auge sowie das neue Interesse an göttlicher Unterweisung. Ps 25
ragt aus dieser Gruppe (Ps 86 143) vor allem durch das Bedenken der Sünde,
der notwendigen Sündenvergebung und das Heranziehen von Bund und Ge­
setz heraus.
Schon von Form und Stil her legt sich ein Vergleich mit den akrostichischen
Verwandten des ersten Davidpsalters und des ersten Psalmenbuches, den Psal­
men 37 und 34, nahe.
Von Ps 37 zu Ps 25 hat sich das Profil erheblich verändert. Statt der Antithese
Gerechter-Sünder von Ps 37 werden die Feinde in Ps 25 zum Nebenthema,
und die eigene Sünde rückt ins Zentrum der Armenfrömmigkeit. Die Sicher­
heit der Vergeltungslehre von Ps 37 schwächt sich ab, und der Appell an
JHWHs Gnade und Barmherzigkeit schiebt sich in Ps 25 in den Vordergrund.
Das geht konform mit der Wende vom Anthropologischen zum Theologi­
schen. In Ps 25 zieht das Thema Sünde und Sündenvergebung neu ein, und
beide zusammen verstärken die Notwendigkeit der Unterweisung des Beters
durch Gottes Wege, Gesetze und Bund. Theologiegeschichtlich ist Ps 25 dem
Ps 37 nachzuordnen, weil die ungebrochene weisheitliche Position von Ps 37
in Ps 25 nur mehr anklingt und durch neue Themen erweitert wird. Näher an
Ps 25 reicht Ps 34 heran.
In Ps 34 klingt die weisheitliche Antithese von Gerechter-Frevler bzw. Armer-
Reicher noch nach, die in Ps 25 so nicht mehr besteht, obwohl beide Beter sich
als Arme begreifen. Der Tun-Ergehen-Zusammenhang ist in Ps 34 noch intakt
und wird vielfältig variiert, wohingegen er in Ps 2513 nur angedeutet wird. Die
Reflexion auf die eigene Sünde kündigt sich in 3419 an, wird aber in Ps 25 zum
Hauptthema. Die Verhaltensmaximen kann 3414f in konkret-allgemeine Ori­
entierungen zusammenfassen, wohingegen Ps 25 auf Bund und Gesetz rekur­
riert. Auch gegenüber Ps 34 erscheint so Ps 25 als verwandt, aber theologiege-
schichdich später, weil die Themen Sünde, Sündenvergebung durch den gnä­
digen Gott und Bund stärker in den Gesichtskreis des Beters rücken. Diese
Themen verbinden Ps 25 mit einer weiteren Gruppe von Psalmen, allesamt Ge­
bete des Volkes, die die Volksgeschichte zur Sprache bringen und in diesem
Zusammenhang den Bund JHWHs erwähnen und andeuten, daß man gegen ihn
verstoßen hat bzw. ungehorsam war. Diese Psalmengruppe steht unter dem
Einfluß deuteronomistischer Theologie vgl. Ps 4418f 78 (passim) 103,7f 132.
Die Rede vom Bund JHWHs isoliert Ps 25 im ersten Davidpsalter. Einem letz­
ten Hinweis bei der Profilierung von Ps 25, den uns der Psalm selbst zuspielt,
ist nachzugehen. Ps 25 nimmt bestimmte Beziehungen zur Tora-Frömmigkeit
auf, wie sie uns in Ps 19 und besonders im paradigmatischen Torapsalm 119
gegenübertritt (vgl. das Thema Gesetzesgehorsam, die göttliche Lehre des Ge-
Ps 25 DIE PSALMEN 163
setzes und Führung, die Betonung der dem Beter zugewandten Eigenschaften
JHWHs wie sein Gedenken, seine Gutheit, sein barmherziger Blick, sein
Schauen auf das Elend des Beters etc.). Der Durchgang und Vergleich mit na­
1 hestehenden Psalmengruppen hat das Profil von Ps 25 schärfer konturiert: Er
verbindet klassische Anliegen der Psalmen wie Armenfrömmigkeit, Feindthe­
matik und kultisch orientierte Gnadenlehre mit typisch weisheitlichen Aspek­ =
ten wie Wegterminologie und Vergeltungslehre unter Einbindung deuterono-
mistisch geprägter Theologumena wie Gesetzesgehorsam, Bundestreue und
Erinnerungen an Ex 34. Zugleich befindet er sich auf dem Wege zur späten
Torafrömmigkeit. Dieses Profil veranlaßt, den Ps 25 in die nachexilische Zeit
einzuordnen, wobei diese grobe Zuordnung nur durch eine dichte und schwie­
rige Nachzeichnung theologischer Entwicklungen in nachexilischer Zeit ver­
feinert werden kann.
Im Kreise der angrenzenden Nachbarpsalmen 22-24.26-31 fällt Ps 25 aus
dem Rahmen, weil er überhaupt keinen Bezug zum Tempel besitzt. Mit dem
Vorgänger Ps 24 verbindet ihn die Frage nach dem Gerechten/Gottesfürchti-
gen 243(810) 2512, der seine Seele erhebt 244 251 und in JFFWH den Gott seiner
Hilfe anruft 245 255. Vor allem die Armenfrömmigkeit von 246 mit ihrer Israel­
perspektive schlägt Brücken zu 25912 14 16. Mit dem Nachfolger Ps 26 verbin­
det vor allem das Thema der Gerechtigkeit (Etablierung des Rechts 259 26‘,
Vollkommenheit/Unschuld des Beters 2521 26ul) und die Hoffnung auf
JHWH (den Gott der Huld und Treue 25sf 10 263, der sich erbarmt und erlöst
2516-22 2611, auf den der Beter vertraut 252 261 und von dem er festen Stand sei­
ner Füße erwartet 2515 2612). Eine nachexilische Redaktion, die Armentheolo­
gie betreibt, hat also Ps 25 gezielt zwischen Ps 24 und 26 gesetzt, um das Bild
des Gerechten durch ihr Leitbild des nachdenklichen Armen zu ergänzen.

251 [Von David.]


Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele. 864 1438
2 Mein Gott, auf dich vertraue ich.
Laß mich nicht scheitern,
I laß meine Feinde nicht triumphieren!
l
3 Denn niemand, der auf dich hofft, wird zuschanden; Jcs 4923
zuschanden wird, wer dir schnöde die Treue bricht.
4 Zeige mir, Herr, deine Wege, 59 1611 i
lehre mich deine Pfade! 27n 86“
11930.35
5 Führe mich in deiner Treue und lehre mich; / 128* 13924
denn du bist der Gott meines Heiles. 143®
Ijob 2114
Auf dich hoffe ich allezeit.
6 Denk an dein Erbarmen, Herr, /
und an die Taten deiner Huld;
denn sie bestehen seit Ewigkeit.
7 Denk nicht an meine Jugendsünden und meine Frevel! Ijob 1326
In deiner Huld denk an mich, Herr, denn du bist gütig.
!

1
- 164 DIE PSALMEN Ps 25

8 Gut und gerecht ist der Herr,
I darum weist er die Irrenden auf den rechten Weg.
9 Die Demütigen leitet er nach seinem Recht,
die Gebeugten lehrt er seinen Weg.
Tob 32 10 Alle Pfade des Herrn sind Huld und Treue
denen, die seinen Bund und seine Gebote bewahren.
11 Um deines Namens willen, Herr, verzeih mir;
denn meine Schuld ist groß.
328 12 Wer ist der Mann, der Gott fürchtet?
Ihm zeigt er den Weg, den erwählen soll.
379.29 13 Dann wird er wohnen im Glück,
seine Kinder werden das Land besitzen.
u Die sind Vertraute des Herrn, die ihn fürchten;
er weiht sie ein in seinen Bund.
123,f 15 Meine Augen schauen stets auf den Herrn;
1418f denn er befreit meine Füße aus dem Netz.
8616 I19132 16 Wende dich mir zu und sei mir gnädig,
denn ich bin einsam und gebeugt.
17 Befrei mein Herz von der Angst,
führe mich heraus aus der Bedrängnis!
18 Sieh meine Not und Plage an,
und vergib mir all meine Sünden!
32 19 Sieh doch, wie zahlreich meine Feinde sind,
mit welch tödlichem Haß sie mich hassen!
862 20 Erhalte mein Leben und rette mich, /
laß mich nicht scheitern!
Denn ich nehme zu dir meine Zuflucht.
21 Unschuld und Redlichkeit mögen mich schützen,
denn ich hoffe auf dich, o Herr.
!:
1308 22 O Gott, erlöse Israel
; ; aus all seinen Nöten!
f.
9a Wörtlich: Die Armen leitet er nach Recht.
i°b Wörtlich: Denen, die seinen Bund und seine Zeugnisse bewahren.
1 lb Wörtlich: Verzeih mir meine Schuld, denn groß ist sie.
,4b Die Verbform im MT ist dieselbe wie in 4a.
17 EÜ konjiziert den MT zu Recht; der Parallelismus im Vers und der Kon­
text erfordern beide Male Bitten.

l
II
:
: ■

Ps 25 DIE PSALMEN 165 :


Überschrifi 1: Sie besteht nur aus der kretisierungen ab, die seit Schöp­
Autorenangabe wie im Falle der fungsbeginn, von Ewigkeit her voll­
Ps 26-28, die dadurch zu einer zogen wurden (vgl. Ps 10317 und den
Gruppe zusammengeordnet werden. Refrain von Ps 136). Bei den »Ju­
gendsünden« geht es nicht um »Kava­
Vertrauen und Bitte1-2: »Die Seele er­ liersdelikte«, sondern um die vielen
heben« mit JHWH als Zielpunkt ge­ Einzelsünden seit Beginn des verant­
hört zur Psalmensprache (Ps 244 864 wortlichen Vernunftgebrauchs
1438 vgl. 1231). Der Beter bekennt (Jer 3119 Ijob 1326). :
i
sein Vertrauen und verbindet es hier
mit der abwehrenden Bitte, nicht zu­ Gotteslehre 8-10: Gott ist gut und ge­
schanden zu werden wie am Schluß20 recht, d. h. er gibt dem Menschen ge­
(vgl. Ps 312 (18) und Ps 711). Das »Zu­ rechte und erfolgversprechende
schanden werden« und der Triumph Handlungsanweisungen. Das Wesen i
der Feinde wären für den Beter eine JHWHs wirkt sich für den dauerhaft
öffentliche Demütigung. Deswegen sündigenden Menschen darin aus,
soll JHWH das Vertrauen des Beters daß Gott ihn unterweist (vgl. Ps 328
vor aller Augen rechtfertigen. Spr 4n Ijob 27“). In 9 offenbart der
Beter seine Gruppenzugehörigkeit.
Sentenz 3: Im Stil eines antithetischen Vom Kontext her hat der Begriff der
weisheitlichen Lehrsatzes wird das »Armen« mehr religiöse als soziale
l!
Schicksal der auf JHWH Hoffenden Bedeutung. 10 beurteilt das gesamte
dem der Treulosen gegenüberge­ Wirken JHWHs mit dem Wortpaar
stellt. Das »Hoffen auf JHWH« ge­ »Huld und Treue«, das zur Psalmen­
hört zur Grundhaltung der Armen­ theologie gehört (vgl. Ps 366 40nf
frömmigkeit (vgl. 379-34 697-21). Die 574“ 618 6914 85n 88'2) und das zur
Treulosigkeit kann weisheitlich als erweiterten Gnadenformel hinzutre­
Verstoß gegen die Schöpfungsord­ ten kann wie in Ps 8615 Ex 346. In der
nung (vgl. Spr 222f U3 2118 Ps 596) Reihung der Gesetzestermini von 10 i
oder bundestheologisch als Verstoß kommen 2 Kön 1715 und Ps 13212 am :
gegen die Bundesordnung (vgl. nächsten. Beide Formulierungen ste­
Hos 67 Jer 320) interpretiert werden. hen unter dtr Einfluß. Die Nuancen
Die zweite Möglichkeit liegt näher. zwischen den verschiedenen Termini
I verschwimmen; aber an beiden Stel­ !
Bitten 4-7: Der Beter bittet nach­ len geht es auch nach Ausweis analo­
drücklich um Unterweisung (vgl. ger Parallelen wie Ps 78510 893,f um
Ps 395 9012 1438), Lehre (vgl. den Gesetzesinhalt des Sinai-Horeb-
Ps 11912-26 u.ö. 14310) und Führung Bundes.
(vgl. Psll935) in den Wegen ■

JHWHs, d. h. in seinen Lebensregeln Zentrale Bitte 11: Aus der Lehre über
und Gesetzen (vgl. Ps 1822). Mit den Gott zieht der Beter nun für sich die
weiteren Bitten steuert der Beter auf Konsequenz. Er wagt die Bitte um
sein Hauptthema zu: Die Vergebung Sündenvergebung. Von Vergebung, !
der eigenen Sünden durch den gnädi­ ausgedrückt mit dem Verb slfr, ist im i
gen Gott! JHWH soll seines Erbar­ Psalter nur noch an drei weiteren i
mens und seiner Huld gedenken. Da­ Stellen die Rede Ps 865 1033 1304, die
mit werden Leitbegriffe der Gnaden­ alle den Einfluß von Ex 34 verraten. !
formel aufgegriffen wie in Ex 346. Solche Nähe zu Ex 34 zumindest auf
Die pluralische Verwendung der Be­ der Ebene seiner dtr Bearbeitung legt
!
griffe in 6 hebt auf die einzelnen Kon- sich auch für Ps 25 nahe; dafür spre-

i
166 DIE PSALMEN Ps 25
chen die Verwendung der drei ge­ 10922 gegeben. Mit dem seltenen Ter­
wichtigsten Sündenbegriffe Ps 25711 minus jähid »einsam« (vgl. Ps 2221
Ex 347, die Anspielungen an die Gna­ 3517 687) verschiebt sich der Inhalt
denformel Ps 25610 Ex 346 und die der Armut von der sozialen zur reli­
Erwähnung von Bund bzw. Gesetz giösen Isolierung. 17 bittet um die Be­
Ps 251014 Ex 3410-27“. freiung von Nöten, die sich üblicher­
weise auf äußere Notlagen beziehen
Lehre überden Menschen 12-14: Korre­ (vgl. z.B. Ps 42 1076 13,19,28); hier aber
spondierend zur Lehre über Gott 8-10 geht es um die »Seelennot« des (sün­
entfaltet der Beter nun seine Lehre digenden) Herzens. 18 beschreibt mit
über den idealen Menschen. Die ein­ dem Wortpaar »Elend und Mühsal«
leitende rhetorische Frage (vgl. (vgl. Dtn 267 Ps 10712) umfassend die
Ps 3413) will den Gottesfürchtigen Notlage des Beters, die durch die
vorstellen. 13f entwickeln eine tradi­ nachfolgende Vergebungsbitte spezi­
tionelle weisheitliche Vergeltungs­ fiziert wird (vgl. die Wortparallelen
lehre nach dem Tun-Ergehen-Zu- Gen 5017 Ex 2321 [347] Jos 2419). Mit
sammenhang. Der JHWH-Fürchtige I9f kehrt der Beter zu den Feindbitten
weilt im Glück (vgl. Ps9I5), und des Anfangs 2 zurück. Die Überzahl
seine Kinder werden das Land erben und der Haß der Feinde gehören zur
(vgl. den Leitsatz von Ps 37). Die Standardbeschreibung der Feinde in
Vorstellung von der himmlischen den Klagegebeten des einzelnen (vgl.
Ratsversammlung wird hier demo­ Ps 32 3820 563 695 vgl. 119157). Die
kratisiert (vgl. Am 37 Jer 2318 Spr 332 Feindschaft hat sich wohl religiös
Ijob 294). Ausdruck der besonderen aufgeladen und dadurch verschärft
Gottesbeziehung ist die Teilhabe an (vgl. Ps 13919-22). 20 erbittet die Ret­
JHWHs Bundesbelehrung (vgl. 4). tung des eigenen Lebens und begrün­
det die Bitte wie 2 mit der Grundhal­
tung des Vertrauens, das den Armen
Vertrauensbekenntnis 15: Der Beter auszeichnet (vgl. Ps 161 862 1438).
schiebt eine Vertrauensaussage ein. Wie zwei Schutzgenien sollen den
Wie zu Anfang seine Seele auf Beter »Unschuld bzw. Vollständig­
JHWH ausgerichtet war *, so sind es keit und Redlichkeit« begleiten. Häu­
jetzt seine Augen (vgl. Ps 168 1231 figer übernehmen »Huld und Treue«
1418). Er begründet das mit einem diese Aufgabe (Ps 236 4012 618 8511
Vergleich aus der Jagd, der zur To- 8915), hier das weisheitliche Paar
pik der Klagelieder gehört (vgl. 916 »Unschuld und Redlichkeit« (vgl.
109 315 358 577 Ijob 188). 1 Kön 94 Ps 3737 Spr 136 Ijob 1 >).

Bitten 16-21: In den folgenden Bitten Bitte Jur Israel21: Mit der sekundären
sammelt der Beter Gründe, die Bitte für Israel wird das Bittgebet des
JHWH zum Eingreifen bewegen Armen kollektiviert. Sie trägt explizit
können. Die Eingangsbitten stimmen die Israelperspektive des Volksklage­
wörtlich mit Ps 8616 und 119132 über­ liedes ein (vgl. Ps 4427 1 308 - und
ein. Die Begründung mit seinem Sta­ Ps 3423).
tus als Armer wird auch in Ps 861 Frank-Lothar Hossfeld

I
II
Ps 26 167
PSALM 26 f
BITTE UM JHWHS RETTENDE GNADE

Die in der Forschung vertretenen Auslegungen des Psalms lassen sich auf drei ■

Positionen engführen:
1. Der Psalm ist das Gebet eines zu Unrecht Angeklagten, der in einem kul­
tisch-sakralen Verfahren am Heiligtum einen Gottesgerichtsentscheid erbittet I
(vgl. 1 Kön 831f). Für diese Deutung sollen vor allem die Imperative lf, die brei­
ten Unschuldsbeteuerungen 4f und die Riten des Händewaschens und des
Altarumschreitens sprechen. Als Anklagepunkt wäre insbesondere mit Blick
auf4 (verbotene Kultpraktiken?) an Apostasie zu denken. — Gegen diese Deu­ ;'
tung ist freilich zu sagen: Die genaue Anklage ist schwer auszumachen; von ei­
ner Anklage oder Verfolgung durch Feinde ist nicht die Rede; die »negative i ;
Beichte« in 4f und die Bitte in 9f zielen nicht auf Einzelvergehen, sondern auf ei­
nen ganzen Lebensentwurf; zumindest durch 91 ist die These von der Apostasie
nicht gedeckt; die Bitten 1-3 und 9-11 sind wenig spezifisch für ein Gottes­
gerichtsverfahren.
2. Wegen der im Psalm erkennbaren Tempelfrömmigkeit und insbesondere
wegen der rituellen Anspielungen in 6-8 wird der Psalm als (nachexilisches) Ge­
bet, das israelitische Priester, jedesmal wenn sie ihre Tätigkeit ausübten, etwa
im Zusammenhang mit der Waschung, persönlich rezitieren mußten (ähnlich
der aus ägyptischen Ritualbüchern bekannten priesterlichen »Reinigungs­
beichte«), oder als Unschuldsbekenntnis eines am Tempel angestellten Leviten
ausgelegt, der die ungeteilte, mystische Gemeinschaft mit seinem Gott erfleht.
Teilweise werden bei diesem Deutungsansatz dann auch noch Konflikte zwi­
schen unterschiedlichen rivalisierenden Gruppen des Jerusalemer Kultperso­
nals (vgl. die Gruppenhinweise in 4f-9f-12) »herausgehört« bzw. »hineingelesen«.
- Gegen diese Deutung spricht vor allem, daß die negativen und positiven
Konkretionen des Lebenswandels des Beters kein spezifisches »Priester- oder
Levitenethos« zeigen und daß die in 6f aufgezählten kultischen Aktivitäten
nicht auf die Priester und Leviten beschränkt sind bzw. nicht typisch für amtli­
che Tempeldienste sind.
3. Der Psalm ist das Bittgebet eines Tempelbesuchers (»Pilgergebet«). Wegen
der sprachlichen und motivlichen Gemeinsamkeiten mit den Psalmen 15 24
wurde er sogar als Gegenstück zur priesterlichen Weisung im Zusammenhang
der sog. Torliturgie verstanden, d. h. mit diesem Psalm hätte der Beter die am
Toreingang zum Tempelareal die Pilger empfangenden bzw. zurückweisen­
den Priester um Zulassung zur Liturgie gebeten. - Gegen diese enge Bindung
des Psalms an den Tempeleinlaßritus (vgl. zu Ps 15 24) sind vor allem zwei Be­
denken anzumelden: Zum einen klingt die Bitte um Tempeleinlaß nirgends an,
vor allem nicht am Beginn des Psalms; zum anderen setzen die in 9-11 formu­
lierten Bitten eine spezifische Notsituation des Beters voraus, die ursprünglich ■'

nichts mit dem Tempelbesuch zu tun hat und kaum für alle Tempelbesucher
gelten kann. Allerdings könnte die exilische Redaktion, die Ps 26 hinter Ps 24
gestellt hat (s.u.), den Psalm durchaus als ein solches »Pilgergebet« gemeint
haben.
Von seinem Aufbau her hat Ps 26 starke Ähnlichkeit mit den Psalmen 5 7 17
(und mit 277'13). So dürfte er am ehesten als »Bittgebet eines Gerechten« zu be­
stimmen sein, das aus folgenden Elementen besteht: einleitende Bitten 1-3; Un- :
!;
I
-
168 DIE PSALMEN Ps 26
i schuldsbckcnntnis 4-7; zentrale Bitte, eingeleitet durch ein JHWH-Bekenntnis
8-'°; zusammenfassende Bitte 11; abschließendes Lobversprechen 12. Der Psalm
verarbeitet tempelkultische Motive, durch die er zugleich nach Ps 24 zurück­
verweist, auf den er in der »formativen« Phase der Entstehung des (spätexili-
schcn) Davidpsalters unmittelbar folgte. Der enge kompositioneile und motiv-
liche Zusammenhang zwischen Ps 24 und Ps 26 (Tempelbesuch; Begegnung
mit dem Gott »der Herrlichkeit«: vgl. 268 mit 247“10 aber auch mit Ps 29; ethi­
sches Paradigma der Gerechtigkeit: vgl. 2646 mit 244; der Beter preist/segnet
JHWH, von dem er Segen erhofft/erhält: vgl. 2612 mit 245) wurde durch die
nachexilische Redaktion aufgebrochen, die Ps 25 dazwischenschob, wodurch
zugleich Ps 26 auf der Endtextebene eine neue Perspektive erhielt (als Gebet
der »Gottsucher«, die auch aus den Völkern kommen).

261 [Von David.]


594f Verschaff mir Recht, o Herr; denn ich habe ohne Schuld gelebt.
Dem Herrn habe ich vertraut, ohne zu wanken.
7io i73 2 Erprobe mich, Herr, und durchforsche mich,
13923 prüfe mich auf Herz und Nieren!
3 Denn mir stand deine Huld vor Augen,
119' 86“ ich ging meinen Weg in Treue zu dir.
f 4f: l1 4 Ich saß nicht bei falschen Menschen,
£ mit Heuchlern hatte ich keinen Umgang.
5 Verhaßt ist mir die Schar derer, die Unrecht tun;
ich sitze nicht bei den Frevlern.
73” 6 Ich wasche meine Hände in Unschuld;
Dtn 216f ich umschreite, Herr, deinen Altar,
Mt 2724
! 7 um laut dein Lob zu verkünden
r ■
und all deine Wunder zu erzählen.
274 8 Herr, ich liebe den Ort, wo dein Tempel steht,
die Stätte, wo deine Herrlichkeit wohnt.
283 9 Raff mich nicht hinweg mit den Sündern,
nimm mir nicht das Leben
l zusammen mit dem der Mörder!
10 An ihren Händen klebt Schandtat,
Ex 238 ihre Rechte ist voll von Bestechung.
11 Ich aber gehe meinen Weg ohne Schuld.
Erlöse mich, und sei mir gnädig!
' 2223 12 Mein Fuß steht auf festem Grund.
•: Den Herrn will ich preisen in der Gemeinde.

,c Richtiger: »Darum werde ich nicht wanken.«


4-5 EÜ beachtet nicht die unterschiedlichen Tempora:4a und 5a sind Vergan­
genheit; 4b und 5b blicken auf die Zukunft (»ich werde nicht..., ich will
! nicht...«); vgl. analog Ps 152-3244.
11 Richtiger: »ich werde, ich will gehen ...«
|

'
Ps 26 DIE PSALMEN 169
Überschrift u: Vgl. zu 11*. leger mit Verweis auf Ps 244 317 mei­
nen, sondern an Lüge, Meineid und
Einleitende Bitten ,b-3: Der eröff­ Intrige als Mittel bei der Durchset­
nende Imperativ (vgl. ähnlich 43‘; an­ zung wirtschaftlicher, gesellschaftli­
ders 79 3524) appelliert an JHWH als cher und juristischer Interessen, wo­
den Garanten und Schützer der bei immer die Kooperation mehrerer, I
Welt- und Lebensordnung, nach der wie der Psalm festhält, notwendig ist;
doch gelten sollte: »Wer in Lauter­ zu m'te saw vgl. Ps 123 417 1448 11
keit seinen Lebensweg geht, wird ge­ Ijob 1111 sowie das Dekaloggebot
rettet, wer krumme Wege geht, fällt Ex 207; 5 setzt mit der Bezeichnung
in die Grube« (Spr2818). Der Stich­ cfhal EÜ »Schar«, besser »Bande«,
wortbezug zwischen ,a (»ich bin in voraus, daß es sogar mafia-artige
Lauterkeit gewandelt«) und 3b (»ich Gruppen gab, die verboten oder of­
bin in deiner Treue gewandelt«) un­ fen ihr Unwesen trieben und dabei, ;
terstreicht: Der Beter weiß sich und wie 9f sagt, vor Mord, Vergewalti­
sein Tun voll von Gottes »Güte und gung und Erpressung nicht zurück­
Treue« (Ex 346 Ps 25510) umfangen schreckten), keine gemeinsame Sache
(EÜ verfehlt hier die theologische machte und ihre Aktionen zutiefst
Pointe: »ich ging... in Treue zu haßte, ist für unseren Beter die »Au­
dir«); deshalb will und kann er sich ßenseite« seiner tiefen Beheimatung
dem im Tempel gegenwärtigen Gott im Tempel als dem Ort seiner Gottes­
wie einem Metallschmelzer ausset­ begegnung: Da er den im Tempel ge­
zen, der ihn bis in sein Innerstes hin- genwärtigen JHWH liebt8 (vgl. den
ein(»Nieren und Herz« als Sitz der Gegensatz »hassen« 5 - »lieben« 8),
Empfindungen sowie des Denkens will er diese Stätte, zu der JHWHs
und Wollens: vgl. Jer ll20 1720 2012) Herrlichkeit kommt, um den Men­
reinigen und formen kann (vgl. schen zu begegnen (vgl. besonders
Ijob 2310 Ps66‘° Spr 254 Jes 125 Ps 24), nicht durch einen JHWH-
Jer 629); zum Tempel als dem Ort, an widrigen Lebenswandel zu einer
dem JHWH die Menschen »über­ »Räuberhöhle« machen (vgl-
prüft« und über sie das entsprechende Jer 71_u). Er hat seine Hände im All­
Urteil verhängt, vgl. auch Ps 114-7 145 tag von Gewalt und Unrecht rein ge­
15 24. halten (vgl. Ps 244 7313 Jes l15f). Viel­
leicht ist an das für altorientalische
Unschuldsbekenntnis 4-7: 4f bezieht Heiligtümer archäologisch und in­
sich nicht wie in Ps 74-6 auf Einzelta­ schriftlich bezeugte rituelle Hände­
ten (so auch in der oft als Parallele zi­ waschen als Voraussetzung der Zu­
tierten »negativen Beichte« im ägypti­ lassung zum Tempel zu denken, al­
schen Totenbuch), sondern betont, lerdings ist dieser Ritus biblisch nicht
daß der Beter dezidiert mit den Bösen bezeugt (Ex 3017~19 schreibt das Wa­
keine Gemeinschaft haben wollte und schen der Hände und der Füße für
haben will (im Hebr liegt eine chiasti- die Priester vor, auch fehlt dort die
sche Rahmung vor, die dies unter­ ethische Kategorie »Unschuld«; I
streicht: »Ich saß nicht zusammen Ex 191014 kennt das Waschen der I
mit... und zusammen mit Frevlern Kleider als rituelle Vorbereitung des
will ich nicht sitzen«). Daß er mit sol­ Volkes zur Teilnahme an der Litur­ I
chen Gruppen, die verdeckt4 oder of­ gie). Ziel des Tempelbesuchs ist nach
fen * Schlimmes planen oder tun (in 4 6b“7 der Dank und Lobpreis JHWHs
ist nicht an kultische Apostasie oder für »alle seine Wundertaten«, die er
an Magie gedacht, wie manche Aus- am Volk (Ps 1052S Ul4 1364 145*)

I
170 DIE PSALMEN Ps 26
und am Beter selbst (Ps 92 7117 8610) mäh vgl. Ri 206 Hos 69), und die mit
gewirkt hat und wirkt. In all diesen Erpressung (aktive und passive Beste-
Wundertaten offenbart sich JHWH chung: vgl. Ex 238 10 Dm 1619 Ps 155
als der Gott, der inmitten tödlicher Jes 123 Mi 3“; Zwangszahlungen für
Bedrohung am Leben erhält, weil er »Schutz«: vgl. 1 Sam 25) nicht auf die
»gütig und treu« 3 ist. »Güte und Dauer Erfolg haben dürfen, wenn
Treue« sind für den, der JHWH ver- JHWH ein Gott der Gerechtigkeit
traut 2b, »das Haus«, in dem er des- ist, gehört zu den »Grundaxiomen«
halb immerzu »wohnen« möchte der biblischen Überlieferung, insbe-
(Ps 236 274f). Das »Umschreiten dei- sondere der prophetischen, der weis-
nes Altares« 6b (der im Tempelhof ste- heitlichen und der apokalyptischen
hende Altar ist hier Realsymbol der Theologie. Wenn also Gott
Gegenwart JHWHs: vgl. Ps 434 844) »kommt«, um ihrem Treiben ein
könnte einerseits kultische Tänze um Ende zu setzen, soll er mit den Hen-
den Altar, wobei Hymnen und Dank- kern nicht auch die Opfer treffen
lieder gesungen wurden, im Blick ha- (vgl. dazu besonders die theologische
ben (vgl. Ps 6826 11827 1493). Für Reflexion in Gen 1823-33).
diese Deutung könnte auch ,2b spre­
chen. Andererseits muß freilich keine Zusammenfassende Bitte 11: Mit dem
offizielle liturgische Feier vorausge- Versprechen, sein ganzes Leben wei-
setzt werden, zumal,2b nicht, wie EÜ terhin als »Gerechter« im Sinne der
übersetzt, von »Gemeinde« redet, Weisheit zu gehen (vgl. Spr 27 109 191
sondern von »Menschen, die sich (zu 207 u.ö.), verstärkt der Beter seine
einer Gruppe) versammeln, zusam- Bitte um Bewahrung vor dem Bösen
mentun« (Partizip), d.h. denkbar ist und um Rettung aus der Macht der
auch eine einfache Prozession, die Bösen - aus Gnade,
um den Altar herumgeleitet wird, wo­
bei die Tempelbesucher ihre Lieder Abschließendes Lobversprechen 12: Es
und Gebete singen und murmeln. faßt zusammen, was der Beter er­
hofft: Daß er inmitten des gesell-
Zentrale Bitte *~10: Weil er sich von al- schaftlichen Chaos, in dem er leben
! 1 lern (organisiertem) Bösen ferngehal- muß, »auf festem Grund stehen
ten hat und das Glück seines Lebens bleibt« ('ämedäh: Afformativkonjuga-
voll in der Gottesgemeinschaft sucht, tion als Resultativ), d.h. daß er auf
erbittet der Beter, daß er bei der seinem »ebenen, festen Weg« der Ge-
Durchsetzung der gerechten Lebens- rechtigkeit (vgl. Ps 27u 14310) bleibt
L Ordnung durch das göttliche Gericht und nicht zu Fall kommt (vgl. das
nicht zugleich mit den Bösen Scha- Wortspiel mit lb). Vor allem aber er­
den erleiden muß. Daß die Men- hofft er sich, daß so sein Leben insge-
schen, an deren Händen Blut klebt samt inmitten seiner Glaubensgenos­
(9b: vgl. Ps 57 5524 593 13919), die vor sen ,2b ein authentisches Zeugnis für
keiner Gewalttat ,0a zurückschrek- die belebende Wundermacht
ken, insbesondere nicht vor Verge- JHWHs bleiben kann,
waltigung (zu diesem Sinn von zim- Erich Zenger
'
!
'
:
Ps 27 171
PSALM 27
BITTGEBETE EINES SIEGESSICHEREN VERFOLGTEN UND
ANGEKLAGTEN GERECHTEN
i
Die Kardinalfrage für die Auslegung dieses Psalms ist die nach seiner Einheit­ r
lichkeit. Wer den Psalm für ein zusammenhängendes, in sich geschlossenes
Gebet hält, hat die Mühe, seine bestimmende Mitte anzugeben: Betet ein Kö­
nig in von Kriegsbildern gesättigter Sprache 1-6 oder ein fälschlich Angeklagter I
in Rechtsnot 7-14? Ist der Beter im Gottvertrauen gefestigt1-6 oder ist ihm ge­
rade dieses Vertrauen brüchig geworden, so daß er intensiv um Gehör und
Hilfe bittet 7-14? Wer in Ps 27 zwei getrennte Gebete, einen Vertrauenspsalm
1-6 und ein Klagelied 7"13, enthalten sieht, hat seine liebe Not damit zu erklä­
ren, wie beide zusammengewachsen sind. Eine Reihe von Unterschieden ge­ :
ben Grund genug zur Trennung in zwei ursprünglich voneinander unabhän­
gige Gebete. Das erste Gebet1-6 redet durchgehend von JHWH in dritter Per­ :
son und zeigt sich dadurch als Rede über Gott vor einem Auditorium. Solcher
Stil paßt eher zu einem Danklied vgl. Ps 23. Im Vordergrund des Gebetes ste­
hen die starken Äußerungen des Vertrauens in 1-3 und wohingegen eine ak­
tuelle Notlage, die Grund zur Klage mit Bitte gibt, nur angedeutet wird (vgl.
2-3 eine fast schon überwundene Feindgefahr,4 Bitte mit Andeutung der Not,5f
Zuversicht mit Widerspiegelung einer Notlage). Somit haben wir ein Vertrau­
enslied vor uns, das Elemente der Klage bzw. Bitte nur durchscheinen läßt. Al­
lerdings endet dieses Gebet mit einem Lobgelübde in 6b, wie es fast regelmäßig
Klagepsalmen abschließt, wie z. B. in Ps 718 136 2223 2612b 286f 3518. Das Gebet
kreist um zwei Anliegen, die sich auf seine beiden Hälften aufteilen: die Sie­
gessicherheit über die kriegerischen Feinde in 1-3 und der Wunsch nach retten­
der JHWH-Nähe im Tempel 4_6. Die zweite Zeile von 4 ist ein redaktioneller
Einschub von Ps 236 her. Metrisch, syntaktisch (abweichende Infinitivkon­ .
struktion) und inhaltlich (Daueraufenthalt im Tempel statt punktueller Tem­
pelbesuche in 4b s) hebt der Einschub sich vom Kontext ab. ; !:
Das zweite Gebet 7-13 ist von ganz anderer Statur. Es ist durch und durch ein i
Bittgebet an JHWH; nur zweimal wird die Sprechrichtung gewechselt: In 10b
und 13 wendet sich der Beter an die Gemeinde und spricht von JHWH in drit­ :
ter Person. Das Bittgebet hat die Klage integriert. Ein starkes Argument für
die Selbständigkeit des zweiten Gebets ist der formenkritische Vergleich mit ;
den fünfteiligen Bittgebeten eines Gerechten mit integrierter Klage, die wir in
den Pss 5 7 17 wiedergefunden haben (einleitende Bitten um JHWHs Gehör ;:
52f 17lf 5 277, Beteuerung der Unschuld S5-8 74-6 173"5 vgl. 278, zentrale Bitten
5* 77-10 176-12 279*10, Schlußbitten 5,,f 7'1"17 17,3f 27“-12, abschließendes Be­
kenntnis/Erklärung 513 718 1715 27'3).
Die Strukturverwandtschaft wird unterstrichen durch einzelne sprachliche
;!
Übereinstimmungen. Die Formulierung der Schlußbitten von 2711”12 hat ihre
nächste Parallele in Ps 59“10. Die Aussage von 27l2a hat ihre Analogie in 179.
Wie bei den vorausgehenden drei Bittgebeten des Gerechten taucht auch hier :
in 2713 das Morgenmotiv auf. ü
: i
Mit dem Aufweis der ursprünglichen Selbständigkeit des Bittgebetes 277-13 ist
zugleich eine Entscheidung über 14 gefallen. Der Vers steht außerhalb des Bitt­
gebetes und stammt wohl aus der Hand der exilischen Redaktion, die die bei­
I
den Gebete ,-6-7-13 zum Endpsalm 27 zusammengefügt hat. Das Vokabular der

II
172 DIE PSALMEN Ps 27
beiden Gebete überlappt sich, ohne deckungsgleich zu sein (JHWH als Hilfe 1
vgl. Gott meiner Hilfe 9, nur ein Feindbegriff »meine Feinde« 212 unter sonst
verschiedenen, die Rede vom Herzen des Beters 38, das »Aufstehen der
Feinde« 3,12 mit allerdings unterschiedlicher Präposition, die Rede vom Erbit­
ten bzw. Suchen 4-8, das Leben in M13. Das Vertrauenslied 1-6 redet ausführlich
und differenziert vom Tempel (Tempel4, Hütte 5, Zelt6). Das Bittgebet deutet
den Bezug zum Tempel in der Rede vom »Antlitz JHWHs« (vgl. 8-9-(*3)) nur
an. Das Morgenmotiv allerdings wird in beiden Teilen sowohl in 4b mit dem
»Schauen auf die Lieblichkeit/Freundlichkeit JHWHs« wie in 13 mit dem »Se­
hen auf die Güte bzw. Schönheit JHWHs« gleich stark angezeigt.
Das Vertrauenslied 1-6 spiegelt in seiner militärischen Sprache und in seinen
Kriegsbildern den Einfluß von Königsliedern wider wie etwa die Psalmen 3 18
351“6. Die breite Aufnahme Jerusalemer Tempeltradition in 4-6 paßt sich dem
ein. Nichts spricht gegen eine vorexilische Abfassung. Das selbständige Bittge­
bet eines Gerechten mit integrierter Klage 7-13 kann aus vorexilischer wie exili-
scher Zeit stammen. Beide Gebete sind von einer exilischen Redaktion wegen
ihrer oben beschriebenen Verbindungen zusammengefügt worden. Eine ver­
gleichbare Kombination von »Königsgebet« und Bittgebet eines fälschlich An­
geklagten haben wir im Grundpsalm 351-*-11-18 vor uns (s. dort).
Der Psalm 27 in seiner Endgestalt ist fest in den Kontext der Nachbarpsalmen
eingebunden. Mit Ps 26 verbindet ein analoges Verhalten des Beters (Ver­
trauen auf JHWH 26* 273, Stehen auf ebenem/festem Grund 2612 27n, Sorge
um sein Leben 269 274-13), die Rede von den Feinden als Übeltäter 265 272, die
Schilderung JHWHs (sein Erbarmen 2611 277und seine fürsorgliche Trennung
des Beters von den Gegnern 269 2712) und insbesondere der Tempelbezug 268
274ff. Mit dem nachfolgenden Ps 28 sind die Verbindungen ähnlich eng: Der
Beter vertraut auf JHWH (273 287); sein Herz ist betroffen (273 8 287); er ruft
zu JHWH (277 28*) mit lauter Stimme (277 282-6); er möchte zu den Lebenden
gehören (2713) und nicht zu den Toten, zu denen, die in die Grube steigen
(281); er verpflichtet sich zum Lob (276 287b). JHWH soll antworten (277), d. h.
in semantischer Opposition »nicht stumm sein« (281); er soll hören (277 282 6);
er ist »Schutzwehr« (271 288) und »Fels« (vgl. 275 281). Die Feinde sind Übeltä­
ter (272 vgl. 283), Verursacher der Bösen (275 283). Wiederum wird der Tempel
differenziert erwähnt (274-6 282).

27' [Von David.]


97“ 565 Der Herr ist mein Licht und mein Heil:
Mi 78 Vor wem sollte ich mich fürchten?
Der Herr ist die Kraft meines Lebens:
Vor wem sollte mir bangen?
Ijob 1922 2 Dringen Frevler auf mich ein,
um mich zu verschlingen,
meine Bedränger und Feinde,
sie müssen straucheln und fallen.
37 3 Mag ein Heer mich belagern:
Mein Herz wird nicht verzagen.

i
' i-

Ps 27 DIE PSALMEN 173


Mag Krieg gegen mich toben:
Ich bleibe dennoch voll Zuversicht.
4 Nur eines erbitte ich vom Herrn,
danach verlangt mich:
Im Haus des Herrn zu wohnen 236

alle Tage meines Lebens,


j
die Freundlichkeit des Herrn zu schauen
und nachzusinnen in seinem Tempel. \
5 Denn er birgt mich in seinem Haus 3121
am Tage des Unheils;
er beschirmt mich im Schutz seines Zeltes,
er hebt mich auf einen Felsen empor.
6 Nun kann ich mein Haupt erheben
über die Feinde, die mich.umringen.
Ich will Opfer darbringen in seinem Zelt, Opfer mit Jubel;
dem Herrn will ich singen und spielen.
7 Vernimm, o Herr, mein lautes Rufen;
sei mir gnädig, und erhöre mich!
8 Mein Herz denkt an dein Wort: »Sucht mein Angesicht!« 246 1054
Dein Angesicht, Herr, will ich suchen. Dtn 429

9 Verbirg nicht dein Gesicht vor mir; /


weise deinen Knecht im Zorn nicht ab!
Du wurdest meine Hilfe.
Verstoß mich nicht, verlaß mich nicht,
du Gott meines Heiles!
10 Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, Jcs 4915
der Herr nimmt mich auf.
11 Zeige mir, Herr, deinen Weg, 254
leite mich auf ebener Bahn trotz meiner Feinde!
12 Gib mich nicht meinen gierigen Gegnern preis; 35“
denn falsche Zeugen stehen gegen mich auf und wüten.
13 Ich aber bin gewiß, zu schauen 527 56‘4
1169 1426
die Güte des Herrn im Land der Lebenden. Jcs 38“
14 Hoffe auf den Herrn, und sei stark! 3125
hab festen Mut, und hoffe auf den Herrn!

Ia Wörtlich: JFIWH ist die Schutzwehr/Bergfeste meines Lebens.


2b Die Perfekta des Halbverses halten die sichere Zuversicht fest: Sie sind
(schon) gestrauchelt und gefallen.
4a Wörtlich:... danach verlangt mich: Mein Wohnen im Hause JHWHs alle
Tage meines Lebens.
4b Wörtlich: zu schauen die Lieblichkeit JHWHs und auszuspähen in sei­
nem Tempel.
5a Wörtlich: Denn er birgt mich in seiner Hütte.
10 Der ganze Vers konstatiert wie 12 die Begründung für die vorausgehen-

!
174 DIE PSALMEN Ps 27
den Bitten. Er ist also nicht mit EÜ als selbständiges Satzgefüge mit einer
Bedingung in der Protasis zu interpretieren: Wörtlich: Denn mein Vater
und meine Mutter haben mich verlassen, aber JHWH wird sich meiner
annehmen.
,2b Die Verbformen fordern Vergangenheit. Wörtlich: Denn es standen auf
gegen mich falsche Zeugen und ein Gewaltzeuge.
13 Das Wort föb »Güte« kann hier »Schönheit« bedeuten.
14 Der Mittelteil des Verses heißt wörtlich: Sei stark, und mutig sei dein
Herz!

Überschrift *: s.o. zu 25*. Wunsch nach Gottesnähe im Tempel


4-6: Der Beter ist sich der göttlichen
Bekenntnis des Vertrauens 1_3. Der pa­ Errettung vor den Feinden sicher, so
rallel gebaute Vers 1 verbindet Be­ daß ihm letztlich die eine Hauptbitte
kenntnisaussagen im Stile von Ps 231 von 4 übrigbleibt. Der Beter möchte
mit rhetorischen Fragen. Die für auf JHWH wie auf die aufgehende
JHWH weitverbreitete Metapher Sonne am Morgen schauen, die für
»Licht« wird hier ungewöhnlich mit ihn zum Zeichen des Sieges über
dem Ehrentitel »meine Hilfe« zusam­ chaotische Gegner wird. Ferner
mengespannt. Letzterer hat an vielen möchte er im Tempel kultische Vor­
Psalmparallelen einen kriegerischen bereitungen treffen, um zu einem
Hintergrund (Ps [126] 1847 3117 353 Gottesbescheid durch Opferschau zu
vgl. Ps 38 222). JFTWH als »Schutz­ kommen, der ihm den Sieg über die
wehr meines Lebens« bleibt im selben Feinde zusagt. Das seltene bqr »aus­
Bildkontext, vgl. Ps 183 3135 529. 2 spähen« ist mit Hilfe von 2 Kön
konkretisiert die Siegeszuversicht an­ 1615 zu verstehen und ist in Verbin­
gesichts der Feinde. Selbst wenn die dung mit den Jubelopfern von 6 zu in­
Übeltäter dem bekennenden Beter terpretieren. Wiederum bekundet der
feindlich nahen wie im Krieg (vgl. Ps Beter in 5 sein Vertrauen. Am Tage
37), um sein Fleisch zu fressen, dann der Not (vgl. Ps 412) findet er Schutz
ist ihnen eine Niederlage sicher. Der in der Hütte JHWHs (vgl. Ps 3121 763
Topos des Kannibalismus ist typisch Klgl 26), eine Zuversicht, die zur Je­
für die altorientalische Schilderung rusalemer Tempeltradition gehört.
extremer Kriegsnot. Die eigenen JHWH wird ihn in seinem Zelt (vgl.
Leute können gefressen werden aus Ps 151 615) bergen wie in Ps 3121; er
Hunger (2 Kön 628 Klgl 220 410 Dtn wird ihn auf den Felsen heben. In 6
■■
2852‘57), oder die Feinde werden als hat der Beter sein Ziel erreicht, Sieg
unüberbietbar brutal geschildert und Gottesnähe. Er kann als Gewin­
(Num 2 324 Mi 33 Ps 144). 3 setzt die ner des Kampfes sein Haupt erheben
Darstellung von Not und Zuversicht (vgl. Ps 34 HO7 anders 133) über die
des Beters fort. Die Feinde belagern Feinde, die ihn eingekesselt haben -
den Beter (Ps 37 - das Gegenteil eines eine Fortsetzung der Bilder von 3 (vgl.
beschirmenden Lagers durch den En­ Ps 37 2217). Und er kann im Zelt/
gel JHWHs in Ps 348); sie führen ei­ Tempel sowohl opfern als auch lo­
}
nen Krieg gegen den Beter (vgl. Ps ben. Die Opfer sind festliche Ge­
1835-40). Der ganze Abschnitt 1-3 ist meinschaftsopfer (vgl. Ps 46), die ei­
also gesättigt mit Kriegsmetaphern. nerseits Gott gegenüber Dank abstat­
ten und die Gemeinde am Kampfes­
sieg durch den Jubel teilhaben lassen.
-
DIE PSALMEN 175
-
Ps 27 i
Bittgebet eines Gerechten unter Todes­ soll den Beter vor der Gier der Feinde
anklage 7'13: Der Beter eröffnet sein bewahren. Ihre Machenschaften ha­
Gebet in 7 mit der für Bittgebete, ins­ ben etwas tödlich Triebhaftes (vgl. Ps '
,
besondere für solche aus der Gruppe 179) an sich. Wie in Ps 59f wird die
»Bittgebete eines Gerechten«, typi­ Notschilderung bzw. Feindklage
schen Bitte um Gehör. In 8 verweist durch einen Begründungssatz einge­
der Beter auf seinen Gehorsam ge­ führt. Der Beter befindet sich in i
genüber Gottes Gebot, um Motive Rechtsnot. Das einleitende Verb mit i
für JHWHs Eingreifen zu sammeln. Präposition bezeichnet ein »Sich-Er-
Nach einer kurzen Einleitung wird heben in der Rechtsversammlung am
das Gebot zitiert. Es ist ein Gottesge­ Tor« (Ps 126 35'1 Dtn 191517). Dort
bot im Stile von Am 54, JHWHs Ant­ stehen Lügenzeugen auf - ein termi- j
litz zu suchen. Man kann dieses Ge­ nus technicus des altisraelitischen ;
bot ganz konkret deuten; dann meint Prozeßrechtes (vgl. das dekalogische
es einen Besuch im Tempel vor dem Lügenverbot Ex 2016; die Zweizeu­ i
unsichtbar präsenten JHWH wie in 2 genregel von Dtn 1918; die Recht­
Sam 211 und Hos 5,s. Oder man deu­ sprechungsregel von Ex 237 und die
tet es verinnerlichter und zugleich all­ Maximen von Spr 1217 145 1959).
gemeiner auf ein Festhalten am Hinzu kommt ein einzelner »Gewalt­
JHWH-Glauben wie in Ps 246. Der zeuge«. Die Konstruktverbindung ist
Kontext und das Alter des Psalms vo­ ein seltenerer Rechtsterminus (vgl.
tieren für die erste Möglichkeit. In Ex 231 Dtn 1916 Ps 35“ und Spr 195),
9-10 bringt der Beter nun die zentralen der nach altisraelitischem Prozeß­
Bitten vor. In der ersten Bitte geht es recht sowohl den Zeugen wie auch
um (räumliche) Nähe und Zuwen­ den Ankläger im Verfahren bei Kapi­
dung (vgl. Ps 6918 1023 1437). Die taldelikten meinen kann. Der Beter
zweite Bitte deutet durch Hinweis bekennt zum Schluß in 13 sein festes
auf den Zorn JHWHs (vgl. Ps 62 Vertrauen in Gott. Er baut darauf,
1021 *) eine Spannung im Verhältnis die Güte bzw. Schönheit JHWHs zu
des Beters zu JHWH an. In der drit­ sehen. Der formenkritische Struktur­
ten und vierten Bitte geht es um Bei­ vergleich mit den Bittgebeten der Pss
stand (Ps 94H) und Dabeibleiben (Ps 5 7 17 führt dahin, hier in 13 einen
3 8 22 71918).10 begründet die zentralen Hinweis auf das Morgenmotiv zu se­ 1
Bitten, und zwar in Sprechrichtung hen, was durch die analoge Anspie­
auf die Gemeinde. Die Eltern haben lung im Kontext des Endpsalms (s.o.
den Beter verlassen, was hier bedeu­ zu 4) gestützt wird (vgl. Ps 1715). Die
ten kann, daß sie verschieden sind morgendliche Epiphanie der Sonne
und als natürliche Verbündete im ist für den gefährdeten Beter das Zei­
Rechtsstreit ausfallen. Aber JHWH chen der göttlichen Macht und Ent­
springt in die Bresche (vgl. Ps 269 und schlossenheit, die Todfeinde im
Jos 218). Die Schlußbitten von 11-12 Rechtsverfahren zu überwinden.
haben ihre engste Parallele in Ps
59“10. Dem Beter geht es zuerst um Schlußmahnung ,4. Der redaktionelle
die rechte Leitung bzw. Unterwei­ Schluß will aus den Gebeten die Kon­
sung (vgl. Ps 59b 86n). Dann bittet er sequenz ziehen. Der Beter fordert je­
um Führung auf ebener Bahn, was so­ den anwesenden einzelnen auf. Die
wohl gerechtes Verhalten des Beters den Vers rahmenden identischen Er­
als auch dementsprechendes Ergehen mahnungen verlangen die begrün­
einschließt. Wie in Ps 59 folgt sofort dete Hoffnung auf JHWH nicht als
der Hinweis auf die Feinde. JHWH Einzelakt, sondern als Lebenshaltung
176 DIE PSALMEN Ps 28
(vgl. Ps 373< und öfters in Ps 25; Aufforderungen zum Kampf (vgl.
ebenso Hos 127Jes 515). Im Zentrum Dtn 203 316f-23 Jos l6f>9); damit knüp-
des Verses stehen zwei Mahnungen fen sie bewußt an die militärischen
bzw. Ermutigungen (vgl. Ps 3125). Metaphern aus dem Vertrauenslied
Die Redewendungen der Ermuti- an.
gung gehören in den Kontext von Frank-Lotha r Hossfeld

PSALM 28
HILFERUF IN TODESGEFAHR UND DANK FÜR ERHÖRUNG

Der Psalm hebt an mit den Bitten um Gehör 1-2, die durch weitere Bitten mit
Schilderung der Feinde 3-4 fortgeführt werden. 5 begründet die vorausgehen­
den Bitten und nimmt tragende Stichworte des Vorgängerverses gezielt auf
(Tun/Walten und Werk der Hände); zugleich wechselt er die Sprechrichtung
von der Bitte an JHWH zur Rede über JHWH vor dem Auditorium, vor dem
der Beter dann auch seine feste Zuversicht zum Ausdruck bringt, daß JHWH
die Feinde besiegen wird. Insofern leitet5 über zum nachfolgenden Lob und
Dank b~7. Der Psalm schließt mit einem Bekenntnis zum Beistand JHWHs für
Volk und König 8 und nochmaliger Bitte, diesmal für das Volk allein 9. Insge­
samt gehört der Psalm zur Gattung der Bittgebete, entwickelt aber seine Ei­
genheiten bei der Ankündigung der Besiegung der Feinde in 5b und im ausge­
bauten Dankabschluß 6~7. Von daher kommt er im Aufbau der dreigeteilten
prophetischen Klageliturgie von Ps 12 (Klage, Antwort Gottes, Dank mit Lob­
preis) recht nahe.
Unverkennbar kommt der Psalm mit 6-7 zu einem Abschluß. Die Begründung
der Segensformel in 6 greift wortwörtlich auf den Anfang 2 zurück. Ebenso be­
gegnet in7 wie in 1 die Bildsprache des Königsgebetes (Fels, Kraft, Schild). Mit
der Toda/Dank-Formel kommt der Dankteil zu seinem gattungstypischen
Ende (Vgl. Ps 1850 3013 1 1821 28). Die damit gegebene Zäsur bestätigt auch der
Anhang 8~9. Er spricht nicht mehr aus der Perspektive des einzelnen Beters,
sondern aus der pluralischen des Volkes (zum MT s.u.). Das Individualgebet
wird nun auf die Anliegen des Kollektivs übertragen (Hilfe und Schutz für Is­
rael und den gesalbten König). Die nachträgliche Kollektivierung findet sich
im ersten Davidpsalter häufiger wie in 39b 147 (2522) 2911 (3422), vgl. 6836. Die
das Bittgebet auslösende Notsituation bleibt in der Schwebe. Der Beter befin­
det sich in Todesgefahr. Wort- und Sachanalogien in 3 zu den Krankenpsal­
men 6 und 416ff legen eine lebensgefährliche Krankheit nahe. Andererseits
kann das Reden und Handeln der Feinde nach Ausweis der Parallele 269“10
1 auch auf Rechtsnot gedeutet werden.
Schließlich kann man den Beter als König identifizieren. Das legen die Anleh­
nungen an das Königsgebet in1 und7 nahe. Vor allem hat der Nachtrag in8 das
ihm vorgegebene Gebet so verstanden und die Hilfe für Volk und König aus­
drücklich zum Thema seines Anhangs gemacht. Der Kontext der Nachbar­
psalmen bestätigt diese Deutung, weil auch Ps 27 vom Königsgebet beeinflußt
ist und Ps 29 das Königtum JHWHs zum Leitgedanken erhebt. Die davon ab-
Ps 28 DIE PSALMEN 177
zusetzende Bitte überträgt die Königsperspektive aus 8 auf das Volk (vgl.
Ps 89).
Besondere Aufmerksamkeit verlangt der sogenannte »Stimmungsum­
schwung«, vorbereitet in 5b und deutlich verkündet in 6. Vergleichbare »Stim­
mungsumschwünge« begegnen uns in Ps 38 6^ 2222 und 3613. In bezug auf den
»Stimmungsumschwung« von 285f fallen zwei Fakten auf. Der Beter hat nach 2
eine enge Beziehung zum Tempel, so daß man annehmen kann, daß er sein
Bitt- und Dankgebet im Tempel spricht (s.u.). Ferner ändert sich mit dem
Überleitungsvers 5 die Sprechrichtung. Vielleicht ist die neutrale Rede über
JHWH, die also die Du-Anrede verläßt und auch nicht im Ich-Stil einer pro­
phetischen Ankündigung wie Ps 126 redet, ein Indiz dafür, daß der Beter hier
auf die Ankündigung eines Dritten (vielleicht eines Kultpropheten) Rücksicht
nimmt.
Der Grundpsalm 1-7 hat formal wie sprachlich enge Verwandte in den vorexili-
schen Königsgebeten (Ps 3 und 18*). Bestimmte Wendungen haben ihre Paral­
lelen im vorexilischen Krankenpsalm 6 wie in den ebenso alten Bittgebeten ei­
nes Gerechten (Ps 5 17 27). Die relativ alte prophetische Klageliturgie von Ps
12 nimmt vergleichbare Beziehungen zu Ps 28 auf. Insbesondere sticht die ge­
legentliche Nähe zur Prophetie eines Jesaja, Jeremia und zu den Klageliedern
ins Auge. Wegen seiner typisierten Sprache und seiner Vieldeutigkeit wird
man Ps 28 nicht zu den ältesten Psalmen rechnen und ihn in die spätvorexili-
sche bzw. frühexilische Zeit ansetzen. Der kollektivierende Anhang 8 gehört
zur formativen spätexilischen Psalmenredaktion (vgl. die restaurative Königs­
hoffnung wie in Ps 1851 207 und die Verbindungen zur Prophetie Deuterojesa-
jas). Die Schlußbitte 9 geht auf die nachexilische Redaktion zurück.
Zum redaktionskritischen Vergleich mit Ps 27 s.o. Die Bezüge konzentrieren I
sich überwiegend auf den Grundpsalm, vor allem wenn man die gemeinsame
Beziehung zum Tempel (274“6 282) in Rechnung stellt. Das entgegengesetzte i
Bild ergibt sich im Verhältnis von Ps 28 zum Nachfolger Ps 29. Beide preisen
die Macht/Kraft JHWHs (287f 29* n); beide reden vom Tempel (282 29(2)9).
Wörtliche und thematische Entsprechungen gibt es aber vor allem zwischen
dem Anhang 288-9 und dem analogen Zusatz 2911 (JFTWH schützt und segnet
sein Volk); beide Anhänge bewegt das Thema des Königtums, sei es dasjenige
des irdischen Stellvertreters 288 oder des himmlischen Königs 29,(MI.

281 [Von David.]


Zu dir rufe ich, Herr, mein Fels. 9216

Wende dich nicht schweigend ab von mir!


Denn wolltest du schweigen,
würde ich denen gleich, die längst begraben sind. 1437
\
2 Höre mein lautes Flehen, wenn ich zu dir schreie, 1342 Dan 6U
wenn ich die Hände zu deinem Allerheiligsten erhebe. i
3 Raff mich nicht weg mit den Übeltätern und Frevlern, / 269 625
die ihren Nächsten freundlich grüßen, Spr 2624-28
doch Böses hegen in ihrem Herzen.

;
178 DIE PSALMEN Ps 28
6213 4 Vergilt ihnen, wie es ihrem Treiben entspricht
und ihren bösen Taten.
Vergilt ihnen, wie es das Werk ihrer Hände verdient.
Wende ihr Tun auf sie selbst zurück!
Jcs 512f 5 Denn sie achten nicht auf das Walten des Herrn
und auf das Werk seiner Hände.
Darum reißt er sie nieder
und richtet sie nicht wieder auf.
6 Der Herr sei gepriesen
Denn er hat mein lautes Flehen erhört.
7 Der Herr ist meine Kraft und mein Schild,
mein Herz vertraut ihm.
Mir wurde geholfen. Da jubelte mein Herz;
ich will ihm danken mit meinem Lied.
8 Der Herr ist die Stärke seines Volkes,
er ist Schutz und Heil für seinen Gesalbten.
29" Dtn 929 9 Hilf deinem Volk, und segne dein Erbe,
führe und trage es in Ewigkeit!

8 EÜ folgt beim ersten Satz der Konjektur der alten Versionen, die das Prä­
positionalobjekt lämö »für sie« mit Blick auf die wörtliche Parallele in
29n und sinngemäß richtig durch lf attimö »für sein Volk« ersetzen.
Der MT bietet aber die »lectio difficilior«. Der plurale Rückbezug des
Präpositionalobjekts bezieht sich nicht auf die Feinde, sondern auf die
hinter dem Beter stehende Gemeinde der Frommen, das in 9 ausdrücklich
genannte Volk JHWHs. In 8 ist das plurale Präpositionalobjekt notwen­
dig, um den Rückbezug von »sein Gesalbter« auf JHWH (und nicht auf
! »sein Volk«) zu sichern, denn im Falle des Gesalbten ist im AT exklusiv
vom »Gesalbten JHWHs« die Rede.

Überschrift *: So.o. zu 251. Todgeweihten, die einen unnatürlich


frühen Tod sterben (vgl. Ps 304 885
Einleitende Bitten 1-2: Zu Beginn be­ und 1437). Die Bitte um Erhörung 2
dient sich der Beter einer von Kon­ gehört zur Eröffnung alter Gebete
ventionen geprägten Sprache. Der wie Ps 42 und den Bittgebeten des Ge­
! Vokativ »mein Fels« ist vor allem im rechten (Ps 53 176 277 - vgl. noch Ps
Königsgebet anzutreffen (Ps 183,47). 3011). Die Gebetsrichtung »zu dei­
■: •
Eine weitere Bitte (nicht stumm zu nem Allerheiligsten hin« visiert den
1 sein) mit abhängigen Finalsätzen will Ort von Gotteslade und Keruben-
JHWH zum Eingreifen drängen. Die thron an (vgl. 1 Kön 6). Sowohl die
Konstruktion findet sich ähnlich in enge Parallele Ps 58 wie die detail­
Ps 72f 134f, die lexikalische Füllung ist lierte und für die Psalmen singuläre
häufig vertreten (Ps 3522 3913 und 503 Bezeichnung eines Tempelteils zu­
822 zu Beginn des Bittgebetes). Die sammen mit den konkreten Tempel­
»zur Grube Steigenden« sind die bezügen der Nachbarpsalmen votie-
Ps 28 DIE PSALMEN 179
ren für die Anwesenheit des Beters im sprechung angedeutet. Die Anrede 1
Tempel. des Bittgebetes wird verlassen, und
\ der Stil einer Ankündigung der Reak­
Feindbitten 3-4: Wie in Ps 269 (vgl. Ps tion JHWHs durch einen offiziellen
10225) bittet der Beter JHWH, den Kultvertreter (Priester oder Pro­
strafenden Gott, ihn nicht zusammen phet?) wird übernommen. Das alte
mit den Feinden einem frühen Straf­ Wortpaar (einreißen/aufbauen) kann
tod auszuliefern. Die Feindbezeich­ sich konkret auf den Haus- und Städ­
nungen tauchen so auch in Ps 55f und tebau (Spr 141) beziehen, dann aber
3612' auf. Zur Identifizierung der auch auf Menschen als Objekte der
Feinde geben sie kaum etwas her, au­ Tätigkeiten übertragen werden wie
ßer daß die Feinde moralisch disqua­ hier in 5 (vgl. Jes 2219 Ex 1517). Die
lifiziert werden. Weitere Sätze schil­ deuteronomistische Bearbeitung des
dern das heuchlerische Reden der Jeremiabuches setzt das Wonpaar
t
Feinde. Ihnen sehr nahe kommt die formelhaft ein (Jer l10 246 3128 4210
Schilderung der Perversion sozialen 454 —vgl. Ez 3636 Mal l4 Ijob 1214).
Friedens durch Jer 97 und Ps 3520;
ähnlich lauten auch die Klagen zum Dankgebet 6-7: Die einleitende Se­
verwilderten Rechts- und Geschäfts­ gensformel begegnet sonst im Hym­
leben in Ps 510 123 625, so daß das nus und im Danklied. Sie setzt hier
weisheitliche Ideal des »von Herzen die erfahrene Rettung oder zumin­
die Wahrheit Redenden« aus Ps 152 dest deren Zusicherung voraus (vgl.
verständlich wird. JHWH soll in 4 die Ps 1847 und 3122). Der Lobpreis wird
gerechte Ordnung durchsetzen, d.h. sofort begründet wie in Ps 3122 mit
er selbst soll den Tun-Ergehen-Zu- der erfolgten Erhörung, die auf die
sammenhang anwenden, wie mit be­ einleitende Bitte von 2 zurückgreift
sonderer stilistischer Gestaltung und wie die Parallele Ps 69f formuliert I
(Chiasmus in 4a) und dreifachem ist (vgl. Ps 2225 6619). In 7 folgt eine
Nachdruck gefordert wird - ähnlich hymnische Anrufung JHWHs, deren
in Ps 6928 7912 und 942 (vgl. Klgl 364). Einzelglieder hier in singulärer Kom­
Dem Beter geht es in einem Konflikt bination auftauchen, aber sonst für
auf Leben oder Tod um das Kommen sich im Königsgebet belegt sind:
. der Gerechtigkeit Gottes auf Erden. JHWH als Macht/Kraft des Beters
Das »Tun der Hände« ist ein für Je­ Ps 462 5918 628, vgl. 183, und als Schild
saja (Jes 512), das Deuteronomium Ps 34 7“ 183 3 320 (3 52) 5912 u. ö. (dar­
(Dtn 1429 1510 1615 2419) und Klgl 364 unter gelten als Königsgebete die Pss
geläufiger Sammelbegriff für 3 18 351"6). Der Beter bekundet so­
menschliche Arbeit und Verhalten. fort sein Vertrauen (vgl. Ps 136 225
252 273). Dann schildert er kurz die ;
Überleitende Begründung 5: Wie in Ps zurückliegende Rettung. Der Grund­
5n wird die Forderung nach Vergel­ psalm endet mit der Toda-Formel ;
tung für das Treiben der Feinde mit (zum Abschluß eines Dankliedes wie
deren Haltung JHWH gegenüber be­ in Ps 1850 3013, vgl. 11821, oder als I
gründet. Die Sprache ist der Jesajas Lobversprechen zur Abrundung von
(vgl. Jes 512 19 2821) verwandt. Mit Klage- und Bittgebeten wie in Ps i
den gefüllten Begriffen (Tätigkeiten 26,2b 276 u.ö.).
JHWHs und Werk seiner Hände)
wird die Vielfalt des göttlichen Wir­ Bekenntnis zur Hilfe Jur König und
kens in Schöpfung, Geschichte und Volk 8: Die Perspektive des Beters
im Bereich von Recht bzw. Recht- weitet sich im Nachtrag aus auf das

:
i

180 DIE PSALMEN Ps 29


gesamte Kollektiv von Volk und Kö­ tionellen Passagen der Pss 1851 207
nig. Nach altorientalischer Königs­ 288 anzeigen (vgl. Ps 8410 1 Sam 210
ideologie ist das Schicksal des Königs Klgl 420 Hab 313).
für das Ergehen von Staat und Volk
entscheidend, wie es geradezu klas­ Bitte fiir das Volk 9: Das Bekenntnis
sisch die Volksklage Klgl 420 zum zu JHWHs Einsatz für Volk und Kö­
Ausdruck bringt. 8 übernimmt das nig mündet in eine Bitte für das Volk
Vokabular des Grundpsalms und (vgl. Num 624 Ps 39b 147 29»1; vgl. 2522
macht Anleihen bei den Nachbarpsal­ 3 423). Israel ist das Volk JHWHs und
men, vgl. die Rede von der »Schutz­ sein Erbe - eine Anspielung auf die
wehr« Ps 27* 313-5. Der König wird alte mythische Vorstellung, daß die
mit dem Jerusalemer Königstitel »der Erde unter die Göttersöhne aufgeteilt
Gesalbte JHWHs« bezeichnet, der wurde und JHWH Israel als Erbe zu­
die exklusive Bindung des Königs an fiel (vgl. Dtn 328f Ps 826-8). Zum
JHWH anzeigt. Zur Zeit des Exils, in Schluß wird das Bild des ständigen
der Zeit der Lücke und des Verlustes guten Hirten beschworen (vgl. Jes
der Institution des Königtums, läßt 40nEz34,3ffundPs231 802).
sich eine restaurative Königshoff­
nung beobachten, wie es die redak- Frank-Lothar Hossfeld

PSALM 29
DAS KÖNIGTUM GOTTES IN DER HULDIGUNG WIE IM GEWITTER

Die besondere Beziehung zur kanaanäischen Religion und ihren Mythen steht
seit Auffindung und Aufarbeitung der ugaritischen Literatur für Ps 29 außer
Frage. Mehr und mehr setzt sich die Meinung durch, daß er sowohl an Über­
lieferungen zum Götterkönig El wie zum dynamischen Wettergott Baal an­
knüpft, sie auf seine Weise mischt und auf JHWH überträgt. Einig ist man sich
über das hohe Alter einiger Phänomene, die Ps 29 in seiner Besonderheit cha­
rakterisieren (das enklitische m am Verb von 6a - vom MT als Personalsuffix
mißverstanden, der dreigliedrige Stufenparallelismus von 1_2a - s.o. zu Ps
247-10, der Femininplural f'äröt in 9a, kanaanäische Begriffe wie »Göttersöhne«
in 1 und die kanaanäische Geographie (Libanon, Sirjon, Kadesch) in 5f-8, Mo­
: tive der El- und Baalverehrung).
Beim poetischen Aufbau hebt sich die imperativische Einleitung lf ab. Ein alt
erscheinender Stufenparallelismus mit demselben Verb 1-2a wird um ein viertes
Glied erweitert, so daß eine Versgruppe von zwei Bikola entsteht.
ii Das Psalmkorpus besteht aus 3_9a, nochmals unterteilt in die Versgruppe 3-4
und die konzentrische Komposition 5_9a, den hinteren Rahmen bilden 9b_n.
Man kann die Beobachtung einbringen, daß die »Stimme JHWHs« siebenmal,
und zwar in fast durchgehender Frontstellung des Verses bzw. Bikolons, er­
wähnt wird, allerdings mit Ausnahme von 4b 6. Immerhin ist dieser Eindruck so
prägend, daß ihn Offb 103f aufgreift. Ein ugaritischer Zahlenspruch über die
Erscheinung Baals in Blitz und Donner tat sein übriges und rief die These her­
vor, im Kern von Ps 29 stecke eine kanaanäische Litanei über die »sieben Don-
Ps 29 DIE PSALMEN 181
ner« Baals. Diese These tut dem vorliegenden Psalm Gewalt an. Besser im
Text verankert ist die Feststellung der Ringkomposition in 5-91. Diese Verse be­
schreiben die Wirkungen der Donnerstimme JHWHs auf die Natur. Das Zen­
trum 7 beschreibt die wohl gefährlichste Wirkung des Gewitters im Feuer der
Blitze und bietet nur einen isolierten Stichos ohne Parallelglied. Das Zentrum
umgibt ein innerer (Erdbeben in 6,s) und ein äußerer Ring (Sturm in 5 9a). Die
Dramatik einer Gewittertheophanie, die Ps 29 in einer Ringkomposition ein­
fängt, gestaltet 1 Kön 19 in einer linearen Komposition, wobei die Wirkungen
nicht geschildert, sondern nur abstrakt-begrifflich aufgeführt werden (Sturm,
Erdbeben, Feuer). In 1 Kön 19 wird die Gewittertheophanie zum Vorspiel der
eigentlichen Offenbarung JHWHs in seiner schweigenden Stimme 19,lf. Ge­
meinsam ist beiden Texten die Szenerie einer Gewittertheophanie Baals und
die Dramaturgie der sich steigernden Gewitterphänomene mit der Hervorhe­
bung der akustischen Eindrücke. Ein weiter entferntes Echo auf die Gewitter­
theophanie läßt sich auch in Jes 296 entdecken. Bei Ps 29 überlagern sich meh­ ;
rere poetische Strukturen (Strophenaufbau, Litanei der Donneraussagen,
Ringkomposition), die diachron nicht voneinander getrennt werden können.
Für Ps 29 eigentümlich ist eine differenzierte Verwendung von Verbkonjuga­
i
tionen und Satztypen.
Die adverbiellen 3f wie die partizipialen Nominalsätze 5a79b beschreiben Zu­
stände und ununterbrochene Vorgänge. Die imperfektischen Verbalsätze in
8.9a schildern iterative Vorgänge von genereller Art. Diese Satztypen sind mit

Narrativ-Sätzen in 5b.6.9a verbunden bzw. durchsetzt, die von einmaligen Ge­


schehnissen in der Vergangenheit berichten. So schwankt der Text zwischen
der Darstellung eines einmaligen Geschehens in der Vergangenheit und der
Schilderung von generellen Sachverhalten, die nicht auf eine Zeitebene festzu­
legen sind. Offensichtlich sind die Übergänge von einem einmaligen vergange­
nen Ereignis zu seiner dauernden Bedeutung und Wiederholbarkeit vor allem
bei kultischer Vergegenwärtigung fließend (vgl. ein analoges Schwanken bei
anderen Theophanieschilderungen in Ps 188'16 501-4).
In Vers 10 geht es um ein verwandtes Problem. Das Bikolon mit Stufenparalle­
lismus und chiastischer Wortstellung verwendet das Verb jsb, das wie mlk (Kö­
nig werden/König sein) eine ingressive und durative Bedeutung hat im Sinne
von »sich setzen« und »sitzen«. In beiden Kola hat das Verb perfektiven
Aspekt: JHWH hat sich (auf seinen Thron) gesetzt und damit seine von nun
an fortbestehende Herrschaft begründet. Damit entspricht diese Herrschaft
dem Typus des Königtums Baals (vergangene Thronbesteigung als Herr­
schaftsantritt). Der Psalm mischt die Überlieferungen vom zeitlosen König­
tum Eis mit denen vom dynamischen Königtum Baals.
Literarkritisch fallen nur der zweite Stichos in 3a und Vers 11 auf. Der Verbal­
satz (»der Gott der Herrlichkeit hat gedonnert«) unterbricht den Stufenparal­
lelismus und fällt aus der Reihe der Nominalsätze in der Versgruppe 3f heraus.
Am Übergang von El-Überlieferung lf zu Baal-Traditionen 3ff interpretiert und
vernäht ein Redaktor beide. Der Titel »Gott der Herrlichkeit« bezieht sich auf
den Bereich Eis, die Aussage »hat gedonnert« deutet die Gewittertheophanie
Baals als vergangenes Geschehen und verbindet sie mit anderen (JHWH-)
Theophanien (vgl. 1 Sam 210 Ps 1814). Stilistisch (synonymer Parallelismus) und
durch Stichwortaufnahme (vgl. 'öz »Kraft, Macht« in 1 n) knüpft 11 an den
Grundpsalm an, aber mit abweichender Aussage. Im Grundpsalm geht es um
die Huldigung JHWHs durch seine (himmlischen wie irdischen) Geschöpfe
182 DIE PSALMEN Ps 29
und seinen Machterweis im Gewitter, in 11 aber soll sein bedürftiges Volk
daran teilhaben. Die Gotteserfahrungen werden jetzt nicht mehr in der Schöp­
fung bzw. Natur gemacht, sondern werden für die Geschichte erbeten, wo
»Kraft« und »Segen« dem Gottesvolk von JHWH geschenkt werden sollen.
Der Grundpsalm hat nach Form, Sprache und Inhalt ein hohes Alter. Er
verschränkt El-Überlieferungen lf9b mit Baal-Traditionen 5“9a10. In 3f werden
sie miteinander verbunden und am Ende hintereinander gestaffelt. Um die von
der El-Verehrung beeinflußten Teile den von Baal-Überlieferung imprägnier­
ten zeitlich vorzuordnen oder auch umgekehrt, fehlen sichere diachrone Para­
meter, die sowieso für die frühe Königszeit kaum zu erhalten sind. Es emp­
fiehlt sich daher, den Grundpsalm als ganzen der älteren Tempeltheologie
womöglich der des Jerusalemer Tempels zuzuweisen. Diese Tempeltheologie
entfaltet die verschiedenen Aspekte der Königsherrschaft JHWHs, seine Herr­
lichkeitsausstrahlung und ihr Echo im Lob des Himmels wie auf Erden und
seine Machterweise über Chaosmächte und Naturgewalten. Dafür integriert
sie verschiedene kanaanäische Vorgaben ohne jegliche Polemik und degradie­
rende Verformung. Der Grundpsalm paßt sich damit ein in die frühe Phase der
Entwicklung des Jahweglaubens, die man eine Phase der integrierenden, un­
polemischen Jahwemonolatrie nennen kann. Die formative exilische Redak­
tion, die in 3a ihre Spuren hinterlassen hat, ordnet den Grundpsalm in den Ho­
rizont der Nachbarpsalmen ein. Der Grundpsalm setzt sich durch seinen
streng theologischen und beschreibenden Charakter von den umgebenden
Bitt- und Dankgebeten ab. Deswegen nimmt er theozentrische Linien aus der
Theophanieschilderung von Ps 18 auf (vgl. 293 mit 1814). Mit der Tempeltheo­
logie von Ps 24 verbindet ihn die Themenkombination von Herrschaft
JHWHs über den Chaoswassern (vgl. 293-10 mit 242) mit der Rede von der
Herrlichkeit des Gottkönigs (vgl. 29lf,9b10 mit 247-10). Aus dem Vorgänger­
psalm 28 greift der Grundpsalm 29 die Rede von Macht/Kraft JHWHs (287f
29') und die Erwähnung des Tempels (282 299) auf. Die formative exilische Re­
daktion sah in den vorausgehenden Königsgebeten das Thema des himmli­
schen Königtums mit angeschlagen (vgl. 288 29') und hat es in Ps 29 als theolo­
gischem Zentrum explizit gemacht. Mit dem Nachfolger Ps 30 ergeben sich
Brücken vor allem von dessen Ende her (Wurzelverwandtschaft von mäl)Öl
»Tanz« 3012 mit ^/"/»kreisen (lassen)« 298f; das Lobversprechen von 30,3a (MT)
preist die Herrlichkeit JHWHs wie 299b).11 bietet ein Summarium der nachexi-
lischen Gottcsvolktheologie. Die Macht und die Herrlichkeit des Gottkönigs
werden für das (arme) Volk erbeten (vgl. Ps 39b 83 147 288 9).
Der Bedeutung und dem hohen Alter entspricht die inneralttestamentliche
Wirkungsgeschichte des Grundpsalms. Die himmlische Huldigung von 29,f
wird aufgegriffen in Dtn 323 Ps 661-4 1151. Auf die Gewittertheophanie und
das Psalmkorpus überhaupt wird angespielt in Ps 68 33-36 9 67-9 1144-6 und vor al­
lem auch in Ijob 372"5.
{■

29' [Ein Psalm Davids.]


10320f Bringt dar dem Herrn, ihr Himmlischen,
bringt dar dem Herrn Lob und Ehre!
968f 2 Bringt dar dem Herrn die Ehre seines Namens,
werft euch nieder vor dem Herrn in heiligem Schmuck!
Ps 29 DIE PSALMEN 183
3 Die Stimme des Herrn erschallt über den Wassern, / 3f:
Der Gott der Herrlichkeit donnert, Ijob 374
der Herr über gewaltigen Wassern.
4 Die Stimme des Herrn ertönt mit Macht,
die Stimme des Herrn voll Majestät.
5 Die Stimme des Herrn zerbricht die Zedern,
der Herr zerschmettert die Zedern des Libanon.
6 Er läßt den Libanon hüpfen wie ein Kalb, 1144 Dtn 38f
wie einen Wildstier den Sirjon. '
7 Die Stimme des Herrn sprüht flammendes Feuer, /
8 die Stimme des Herrn läßt die Wüste beben,
beben läßt der Herr die Wüste von Kadesch. i
9 Die Stimme des Herrn wirbelt Eichen empor, / :
sie reißt ganze Wälder kahl. !
In seinem Palast rufen alle: O herrlicher Gott!
10 Der Herr thront über der Flut, 247-io
der Herr thront als König in Ewigkeit. Bar 33 !
11 Der Herr gebe Kraft seinem Volk. 289
Der Herr segne sein Volk mit Frieden.

,b Wörtlich: »Ehre und Kraft«; besser wegen der Stichwortverbindungen zu


2a.3a.9b 1 la

2b EÜ versteht unter der seltenen Wortverbindung hadrat qödces die liturgi­


sche Gewandung der Mitglieder des himmlischen Hofstaates (vgl. 2 Chr
2021). Das Fehlen eines Personalsuffixes bei der Wortverbindung läßt die
Zuordnung entweder zu JHWH oder zu den angeredeten Mitgliedern
des Hofstaates offen. In lf geht es aber durchgehend um Eigenschaften
des Götterkönigs, die im Lob anerkannt werden. Ferner ist 4b hädär
»Majestät« mit der Wortverbindung verwandt. Deshalb empfiehlt sich die
Übersetzung »in (seiner) heiligen Majestät«.
3a Satzstellung und Verbkonjugation fordern Perfekt: Der Gott der Herr­ :
lichkeit/Ehre hat gedonnert.
I
5b.6.9bp)je Narrative heißen wörtlich: da zerschmetterte ... da ließ hüpfen ... da
riß kahl.
6 EÜ folgt zu Recht nicht dem MT; der deutet das alte enklitische -m am
Verb als Personalsuffix und versetzt deswegen den Atnach ein Wort nach
vorne, was den ursprünglichen Parallelismus mit chiastischer Wortstel­
lung von »Libanon« und »Sirjon« zerstört.
9a Für den Halbvers steht zur Debatte, ob man die Objekte auf die Fauna
(»Hirschkühe«, »Zicklein«) oder die Flora (»Eichen«, »Wälder«) festlegt.
Mit der EÜ ist für die zweite Möglichkeit zu votieren aus drei Gründen:
1. Die Ringkomposition verlangt in Entsprechung zu 5 die Flora; 2. die fe­
minine Pluralendung bei f'äröt »Wälder« ist in einigen Fällen bei masku­
linen Substantiven möglich; dann verlangt der Parallelismus in 9a das syn­
onyme ’elä »Eiche«, mächtiger Baum; 3. das Verb £j/»abschälen, kahlschla­
gen« ist in Joöl l7 belegt, ohne daß man hier eine Sonderbedeutung ein­
fordern oder Textkorruption annehmen muß.
184 DIE PSALMEN Ps 29
ib
9b EÜ gibt eine freie Interpretation des Lobzitats »Ehre«, so zu
10 Semantik, Verbkonjugation und Satzstellung des Verbs jsb »sich setzen,
sitzen« erfordern beide Male präteritale Übersetzung: Er hat sich (auf
den Thron) gesetzt, d. h. er sitzt bzw. thront deswegen.

Überschrift Die Überschriften von königs El, nämlich »Macht« und


Ps 29-31 werden durch Gattungs­ »Majestät«.
und Autorenangabe strukturiert und
zusammengehalten. Die Ringkomposition 5-9a: Die Don­
nerstimme JHWHs wirkt zuerst
Der Lobaufruf,f: Aufgefordert wer­ durch einen Sturm, der die Zedern
den die Himmlischen oder die Göt­ des Libanon zerbricht. Dem gesam­
tersöhne. Dahinter steht das kanaa- ten Alten Orient gelten sie als Inbe­
näische Götterpantheon, in dem die griff mächtiger Bäume (vgl. Ps 8011
untergebenen Götter Söhne Eis, des 10416 und vor allem Ez 31). Im Baal-
Vaters und Königs der Götter sind. Mythos stellen sie das Baumaterial
Sie stellen die himmlische Ratsver­ für Baals Palast (vgl. 1 Kön 520 69,15 72
sammlung dar (vgl. Ps. 821 897f). Sie mit Salomos Tempel und »Libanon­
bringen dem Götterkönig Gaben dar waldhaus«); in Text und Ikonogra­
(Ehre, Kraft, Ehre seines Namens), phie hält Baal die Zeder wie eine
die ihm schon immer zu eigen sind; Waffe in seiner rechten Hand. Im
d. h. sie geben das an ihn zurück, was korrespondierenden Vers 9a versetzt
er in seiner Majestät und Glorie der Sturm mächtige Bäume wie die
schon immer entfaltet hat, wie es Ps Eichen in eine kreisende, sich win­
931 beschreibt. Der für die kanaanä- dende Bewegung und schält an den
ische Tempeltheologie typische Stämmen Zweige und Rinde ab. Die
Kreislauf der Herrlichkeit (vom Göt­ zweite Wirkung beschreiben 6 8, näm­
terkönig zum Hofstaat und zurück) lich das Erdbeben. Ins Auge sticht der
kommt auch in der Bedeutung des Gegensatz zwischen der Schwere
Leitwortes käbödzum Tragen; es be­ mächtiger Gebirgszüge und der spie­
zeichnet die Eigenschaft Eis, die Glo­ lerisch-leichten Bewegung (»hüpfen
rie, Herrlichkeit, und zugleich das lassen«) der zum Vergleich herange­
Lob bzw. die Ehre, die darauf ant­ zogenen Jungtiere Kalb und Wild­
wortet. stier (vgl. Ps 1144-6). »Libanon« und
»Sirjon« bezeichnen hier geogra­
Die Überleitung 3f: Neu eingeführt phisch exakt die beiden Gebirgszüge
wird die »Stimme JHWHs« mit An­ des Libanon und Antilibanon mit
gabe des Aufenthaltsortes und einer dem Massiv des Hermon (vgl. Dtn
Charakteristik ihres Wesens. Sie steht 39). In 8 wird das Erdbeben bzw. das
für JHWH insgesamt, genauso wie Beben der Steppe und Wüste Ka-
sie als Donnerstimme den kanaanä- desch mit den Wehen einer Gebären­
ischen Wettergott Baal kennzeichnet. den verglichen. Die geographische
Die Stimme wohnt über den Was­ Identifizierung der Wüste verbleibt
sern. Der Wohnort ist wie in Ps 242 im Rahmen der nördlich-ugariti-
Zeichen der Herrschermacht. Ob­ schen Geographie. Im Zentrum 7
wohl die Stimme Markenzeichen des wird die gefährlichste Wirkung der
dynamischen Gottes Baal ist, hat sie Donnerstimme beschrieben. Sie ver­
als Stimme JHWHs teil an den ruhi­ einigt sich mit den Gewitterblitzen,
gen Dauereigenschaften des Götter- die (wie ein Steinmetz) aus hartem
Ps 29 DIE PSALMEN 185
Gestein Feuerfunken und Flammen durativer Bedeutung, chiastische
schlagen. Wortstellung mit demselben Verb).
Die Gewittertheophanie der Ring­ Der Vorgang wird hier erinnert, um
komposition behauptet ihre Eigenart die gegenwärtige, fortdauernde Kö­
im Vergleich mit anderen Theopha- nigsherrschaft JHWHs zu charakte­
nien etwa wie in Ps 188-16 oder Ps risieren, und zwar in bezug auf Raum
501'4. Typisch für sie sind die Drama­ und Zeit. Im Hintergrund steht wie­
tik des Vorgangs (die sich steigernde der der kanaanäische Mythos (vgl.
Trias von Sturm - Beben - Feuer vgl. die Thronbesteigung Baals und die
i
1 Kön 19llf), die nordpalästinensi­ versuchte Thronbesteigung »Asch-
sche Geographie (Libanon, Antiliba­ tars, des Schrecklichen«). Für 10a ist
non und Ostwüste) und vor allem die umstritten, ob er zeitlich (seit der
mythischen Anspielungen bzw. Wur­ Sintflut) oder räumlich interpretiert
zeln der Bilder. Die nachexilische Re­ werden soll. Die räumliche Interpre­
daktion (vgl. n) dürfte hier über die tation aber hat Vorrang. Das Verbßb
Vermittlung von 1 Kön 19 Anspielun­ regiert hier die Präposition A »auf«,
gen an die Sinaitheophanie Ex 19 die ein lokales Verständnis von mab-
mitgehört haben. bülfordert. Darum paßt der alte Vor­
schlag, darunter den Himmelsozean
Die Huldigung 9b: Gleichzeitig (vgl. zu verstehen, am besten. Ferner
das waw copulativum und das Parti­ bringt der Thron über dem Himmels­
zip) mit den Vorgängen in der Natur ozean wie in 3, der Aufenthaltsort der
findet im Palast JHWHs die Ehrung Stimme JHWHs über den Wassern,
JHWHs statt, zu der lf aufgerufen die Macht über die Chaosfluten zum
haben. Man kann fragen, ob der Ausdruck. In ,ob wird der Anfang in
himmlische oder irdische Tempel-Pa­ der Thronbesteigung nur angedeutet;
last gemeint ist. Aber nach altorienta­ der Blick geht auf das unbegrenzte
lischer Überzeugung gehören himm­ Fortbestehen in der Zukunft (»in
lisches und irdisches Heiligtum zu­ Ewigkeit«).
sammen. Das Lob des himmlischen Gerade die dem Mythos verhaftete
Hofstaates wird hier durch den Hin­ und begrifflich noch tastende Aus­
weis »ein jeder, alle« auf die Men­ sage über die Königsherrschaft
schen im irdischen Tempel ausgewei­ JHWHs in 10 im Unterschied zu den
tet. Parallelen etwa von Ps 24lf oder Ps 93
belegt auf ihre Weise das hohe Alter
Die Thronbesteigung 10f: Der Vor­ des Grundpsalms. Zum redaktionel­
gang der Thronbesteigung hat seine len Anhang 11 vgl. oben zur Literar­
nächste Parallele in Ps 931 (Thema und Redaktionskritik.
des Königtums JHWHs, Einsatz von
i
j
Verben wie ßb und mlk mit ingressiv- Frank-Lothar Hossfeld
186 Ps 30
PSALM 30
DANK FÜR HEILUNG IN TODESNOT

Der Psalm zeigt zunächst in 2-6 die üblichen Bauelemente des »Danklieds des
einzelnen«: a) Selbstaufforderung zum Gotteslob in direkter JHWH-Anrede,
wobei eine positive (Rettungshandeln am Beter) und eine negative (Wirkung
auf die Feinde des Beters) Begründung gegeben wird 2; b) zurückblickende,
JHWH anredende Danksagungserzählung, unter Hinweis auf den Hilferuf
und die darauf erfolgte Rettung 3-4; c) Aufforderung an die Frommen zum
Gotteslob 5, begründet durch eine allgemeine Aussage über JHWH 6 (Wechsel
der Sprechrichtung), die als Folgerung aus dem in 3-4 erzählten Geschehen ge­
meint ist. Mit 7 setzt der Beter abermals zu einem Selbstrückblick an; das be­
tont am Anfang stehende Personalpronomen wa’ani »ich aber« markiert den
Neueinsatz. Der Rückblick folgt dem Schema der Danksagungserzählung: 7-8
Schilderung der Not, mit kurzem Selbstzitat 7b zum Ausdruck der Sorglosig­
keit bzw. Überheblichkeit vor Hereinbrechen der Not;. 9-11 Hilferuf in der
Not, mit ausführlichem Selbstzitat, bestehend aus Fragen und Imperativen an
JHWH; 12 Bericht über die Rettung durch JFIWH. Mit dem Lobgelübde 13
schließt der Psalm gattungstypisch.
Die beiden Danksagungserzählungen 3-4 und 7-12 haben ihr je eigenes Profil.
Während 3-4 mehr den äußeren Vorgang der Rettung in den Blick nimmt, be­
schreibt 7-12 die innere Verwandlung des Beters, die das plötzliche Hereinbre­
chen der Not und die Erfahrung der ihm neu geschenkten Lebensfreude her­
vorgerufen haben. Auch die jeweils vorausgesetzte Notsituation ist unter­
schiedlich akzentuiert: 2-4 spielt auf schwere Krankheit und Spott von Feinden
an; 7-8 bleibt die Not unbestimmt, von Feinden ist gar nicht mehr die Rede.
Den Unterschied zwischen beiden Abschnitten unterstreicht auch die andere
sprachliche Gestalt von 7-12 (Redezitate, argumentatives Ringen mit JHWH,
Imperative, Metaphern für die Veränderung des Lebensgefühls). Beide Teile
des Psalms sind durch Stichwort- und Motivbezüge aufeinander hingeordnet
(Hilferuf: 3a.9a ; Todeserfahrung: 4 I°; »Güte, Huld«: 6b8a); so ist 7-13 am ein­
fachsten als eine »Fortschreibung« des »Grundpsalms« 2-6, 3er seinerseits Tn"6
einen guten Abschluß hat, zu begreifen. In 7^-n fehlt auch 3er in 2:li gegebene
Wechsel der Sprechrichtung.
£s fällt au£ daß 7-r3 zahlreiche Stichwort- und Motivbezüge zu den Nachbar­
psalmen 27 28 31 hat, insbesondere zu deren ebenfalls sekundären Passagen
(vgl. u. a.: die Stilfigur des Selbstzitats mit Situationsangabe 30 7 3 123; das Mo­
tiv von der rettenden »Macht, Kraft« JHWHs 287 308 313 und vom schützen­
den Felsen 308 313-4; JHWH als gnädiger, helfender Gott der Treue 277 287
309~n 3123; JHWH hört, wer zu ihm schreit 30911 3123). Falls in 13 die masoreti-
sche Lesart (EÜ korr) beibehalten wird (»auf daß dich besinge >Ehre!< und dies
nie verstumme«), liegt auch ein Rückbezug nach 299 vor. All dies spricht dafür,
daß die Fortschreibung 7-13 mit der (nach)exilischen Zusammenstellung der
Psalmengruppe 26-32 (die ihrerseits nochmals später durch 25 33 34 zur Teil­
gruppe 25-34 erweitert wurde) in Verbindung zu bringen ist.
Hinsichtlich der ursprünglichen Verwendungssituation des »Grundpsalms«
läßt sich folgendes erkennen: In dem Wechsel von Gottesanrede (Ich-Du) und
Aussage über Gott (Er-Ich) in einer Anrede an die Gruppe der Frommen spie­
gelt sich das Sprachgeschehen wider, das für eine liturgische Dankopferfeier
Ps 30 DIE PSALMEN 187
(Toda) charakteristisch war (vgl. Ps 548f 56,3f 66'3“16 11617“19). Die Ich-Du- ,
Rede begleitete die Darbringung (Übereignung) des Opfers, während die Ich-
Er-Rede sich an die Umstehenden wandte, die zur Teilnahme am anschließen­
den Opfermahl eingeladen wurden (vgl. Ps 2227), das in besonderen Fällen
sogar mit Reigentänzen verbunden sein konnte (vgl. Ps 1 1827*). Allerdings
fehlt in Ps 30 jegliche Anspielung auf ein Opfer, so daß das kultische Dankop­
fer als »Sitz im Leben« zweifelhaft ist. Die lehrhafte Tendenz von 6 spricht für
Verwendung in weisheitlichem Milieu, wobei kultischer Bezug nicht auszu­
schließen ist.
Wie so oft entscheidet sich auch hier das Gesamtverständnis des Psalms an der
Frage, ob seine Aussagen konkret oder metaphorisch gemeint sind. Wer den
Psalm möglichst konkret deuten will, betrachtet ihn als Dankpsalm eines
Schwerkranken, der seine Krankheit als Strafe Gottes annahm, zum Zeichen
seiner Buße das Sackgewand trug und nach seiner Heilung zum Heiligtum
kam, wo er, nach öffentlichem Sündenbekenntnis, wieder in die sakrale Le­
bensgemeinschaft mit seinem Gott und mit der Gemeinde rituell aufgenom­
men wurde, wobei er zum Zeichen der Restitution mit einem »Festgewand«
bekleidet wurde. Wer demgegenüber die Aussagen der »Fortschreibung« me­
taphorisch deutet (s.u.), versteht den Psalm als ein Gebet, durch das ein aus
tödlicher Bedrohung Geretteter diese »Lebenswende« als Heilung zu einem
neuen Gottesverhältnis begreift, dafür seinem Gott dankt und diese Lebens­
sicht seiner Umgebung weitergeben will.
Wie die sekundär erweiterte Überschrift (ursprünglich wohl: »ein Psalm von
David«) anzeigt, wurde der Psalm von einer nicht genauer festlegbaren Zeit an
als Festpsalm zum Gedenktag der »Tempelweihe« gesungen, d. h. zum Cha­
nukkafest (vgl. auch Talmud, Soferim XVIII 2), das zum einen zur Erinne­ \
rung an die 164 v.Chr. vollzogene Wiedereinweihung des durch Antiochus IV
Epiphanes geschändeten Tempels und zum anderen als Fest der Befreiung von
tödlicher Bedrohung durch die seleukidischen Fremdherrscher gefeiert wrurde
(vgl. 1 Mkk436-** 2 Makk 101"8). Nach dem Mischna-Traktat Bikkurim (Erst­
linge) stimmen die Leviten Ps 30 an, wenn die Erstlingsgaben in den Tempel-
vorhof gebracht werden (vgl. Bikkurim III 4 und Tosefta Bikkurim II 10).

301 [Ein Psalm. Ein Lied zurTempelweihe. Von David.] Esra 616 ■

1 Makk 4*"54
2 Ich will dich rühmen, Herr, /
denn du hast mich aus der Tiefe gezogen
und läßt meine Feinde nicht über mich triumphieren.
3 Herr, mein Gott, ich habe zu dir geschrien,
und du hast mich geheilt. Ex 1526
4 Herr, du hast mich herausgeholt aus dem Reich des Todes, 9u
aus der Schar der Todgeweihten
mich zum Leben gerufen.
5 Singt und spielt dem Herrn, ihr seine Frommen, 7n 9712
preist seinen heiligen Namen! 1
6 Denn sein Zorn dauert nur einen Augenblick, Jcs 547f
doch seine Güte ein Leben lang.

i
188 DIE PSALMEN Ps 30
Wenn man am Abend auch weint,
am Morgen herrscht wieder Jubel.
7 Im sicheren Glück dachte ich einst:
Ich werde niemals wanken.
8 Herr, in deiner Güte

stelltest du mich auf den schützenden Berg.


Doch dann hast du dein Gesicht verborgen.
Da bin ich erschrocken.
9 Zu dir, Herr, rief ich um Hilfe,
ich flehte meinen Herrn um Gnade an.
10 (Ich sagte:) /
66 Was nützt dir mein Blut, wenn ich begraben bin?
Kann der Staub dich preisen, deine Treue verkünden?
11 Höre mich, Herr, sei mir gnädig!
Herr, sei du mein Helfer!
126 Jes 613 12 Da hast du mein Klagen in Tanzen verwandelt,
hast mir das Trauergewand ausgezogen
und mich mit Freude umgürtet.
13 Darum singt dir mein Herz und will nicht verstummen.
Herr, mein Gott, ich will dir danken in Ewigkeit.

2b »aus der Tiefe«: verdeutlichende Hinzufügung.


4b EÜ orientiert sich an K'tfb: »du hast mich lebendig gemacht heraus aus
den zur Grube Hinabsteigenden.« Q're’: »aus meinem Hinabsteigen«.
5a zamm'rü »singt und spielt«; in ,3a wird das gleiche Verbum von EÜ nur
mit »singen« übersetzt.
6 Wörtlich: »denn ein Augenblick - in seinem Zorn, ein Leben lang — in sei­
ner Güte/Huld; am Abend kehrt Weinen ein, am Morgen-Jubel!«
8 MT »du hattest hingestellt meinem Berge Macht« ist schwer verständlich.
EÜ korr l'har're (statt: l'har'n) ’oz »auf feste Berge« = »auf den schüt­
zenden Berg«.
i
13 EÜ korr k'bedf »mein Herz, mein Inneres«; MT käböd »Ehre« (beizube­
halten als Stichwortbeziehung nach Ps 299?); G »singt dir meine Ehre«.
I
H
Überschrift str »chorisches Lied«; Zusammenhang brachte. Zwischen
!! »zur Einweihung (banukkäb) des Ps 30 und 1 Chr 21 gibt es drei diesen
Hauses« = des Tempels (»das Haus« midraschischen Zusammenhang
,j
in dieser Bedeutung: vgl. 1 Kön 8,9f »rechtfertigende« Stichwortbezie-
Jes 64 Esra 312 63 u. ö.). Der Psalm hungen.
H wurde in gut midraschischer Technik
mit der Tempelweihe verbunden, Ankündigung des Dankes 2: Das die
!j weil man die in Ps 30 erzählte Ret­ Se 1 bstaufförderung"*"züm“ Gotteslob
tung »Davids« mit 1 Chr21 (Rettung eröffnende Verbum rüm po. »erhö­
Davids und seines Volks durch den hen, erheben« meint die öffentlich
Tempelbau vor der durch David ver­ vollzogene Rühmung JHWHs. Die
schuldeten tödlichen Bedrohung) in mit kt »denn« angeführte zweifache
Ps 30 DIE PSALMEN 189
Begründung erläutert, wie der Beter fisch göttliche Kompetenz voraus­
JHWHs Erhabenheit erfahren hat. setzt (vgl. Dtn 3229 2 Kön 57 Hos 62).
Zum einen hat er ihn »emporgezo­
gen« wie man einen Schöpfeimer aus Aufforderung an die Frommen 3-6:
einem tiefen und engen Grundwas­ MöglicherwelseTst 6 Zitat des~zu sin­
serbrunnen oder aus einer Zisterne genden Lobpreises (eingeleitet mit
hochzieht (Ex 21619 Spr 205; vgl. auch deiktischem kV), wofür die besondere
Ps 403 693 1301). Das »Erhöhen« sprachliche Gestalt (Nominalsätze;
JHWHs durch den Beter ist also die parallele Satzfügung; EÜ zerdehnt
Fortsetzung des »Erhöhens« des Be­ die im Hebr gegebene rhythmische
ters durch den rettenden Gott. Zum Struktur!) sprechen würde. Es han­
anderen hat er ihn durch die Rettung delt sich um kunstvoll gebildete An­
davor bewahrt, durch die Schaden­ tithesen: kurzer Moment - voller
freude seiner Feinde auch noch den Umfang eines Lebens; JHWHs Zorn
!
psychisch-sozialen Tod sterben zu - JHWHs Huld/Wohlgefallen;
müssen (vgl. Ps 135). Ob es sich bei Abend (Beginn der Nacht als Zeit der
diesen »Feinden«, die im weiteren Finsternis, des Unheils, des Todes) -
Psalm nicht mehr Vorkommen, um Morgen (Beginn des Tages als Zeit
eine reale Bedrohung oder um eine des Lichts, des Heils und der Lebens­
Chiffre für eine überhaupt als feind­ möglichkeiten), Weinen (Trauer,
lich empfundene Lebenswelt und für Angst, Schmerz) - Jubel (Glück,
die eigenen Ängste des Beters han­ Wohlbefinden, Zufriedenheit). Die
delt, ist schwer zu entscheiden. Antithesen ziehen das theologische
Fazit aus der (allgemein gültigen!)
Erfahrung des Beters: Es gibt in je­
Danksagungserzählung 3-4: Mit beton- dem Menschenleben angesichts von
terTFTeraTs*stHlüng”BeF*persönlichen Leid und Krankheit die Angst vor der
Beziehung JHWHs zu ihm (»JHWH Irrationalität des Gotteszorns; in sol­
mein Gott«) bekennt der Beter, daß chen Ängsten kommt es darauf an,
JHWH sich ihm seinem »kanoni­ das Leben als ganzes in den Blick zu
schen« Wesen entsprechend erwiesen nehmen und dabei wahrzunehmen,
hat: Er ist ein Gott, der das Flehen daß größer und stärker die Gnade
seines Volkes oder seiner einzelnen JFTWHs ist, der nicht den Tod, son­
Verehrer hört und sie als der Exodus- dern das Leben will. Und so gewiß
Gott aus ihrer Not »heraufführt« (4a »der Abend« mit seinen Schatten und
'äläh hi.). Die »Krankheit«, von der Gefahren im Leben da ist, so gilt
JHWH den Beter »heilte« {räfa »hei­ noch mehr (zweites Glied der Anti­
len« kann sowohl wörtliche wie me­ these!), daß »der Morgen« anbricht,
taphorische Bedeutung haben: vgl. Ps indem JHWH als rettende und bele­
63 415 604 10720), war nach 4 eigentlich bende Sonne aufgeht (zum »Mor­
»der Tod«. Er befand sich bereits auf gen« als Zeit des rettenden Eingrei­
dem Wege zur Scheol, d. h. zum To­ fens JHWHs vgl. besonders die Teil­ i
tenreich unter der Erde, inmitten des komposition Ps 3-7.8.11-14).
unaufhörlichen Stroms derer, die in ■;

ihr Grab wie in eine als Kerker die­ Abermaliger Rückblick7"12: Mit einem
nende Zisterne (vgl. Jer 387,13) hinab­ SeibstzitaT77~däsTn Ps 1Ö6 auch die
steigen müssen. »Heilung« von sol­ faktische Gottlosigkeit des Frevlers
cher Krankheit bedeutet deshalb charakterisiert (vgl. demgegenüber
»Wiederlebendigmachen« bzw. »Ins- die Aussage des JHWH-Frommen im
Leben-Zurückrufen«, was die spezi- Ps 168!), ruft der Beter seine eigene
190 DIE PSALMEN Ps 30
oberflächliche Selbstsicherheit in Er- des Todes und die wiedererlangte Le­
mnerung - bis wie durch einen bensfülle verwandelt (zum Tanz als
Schock sein Lebensglück jäh zu Ende »Verleiblichung« der Freude vgl. Ex
war und er »schreckensstarr« wurde, 1520 Ri 2121 Ps 1493 1504 Jer 3113 Klgl
d.h. zutiefst lebensunfähig, sozusa­ 515). Durch sein Eingreifen befreit
gen krank bis in die Knochen hinein JHWH gewissermaßen den Beter aus
(zu dieser Bedeutung von bähal ni. einem Zustand, in dem er in seiner
vgl. Ps 63f n). Gerade dies aber Umwelt zur Sonderexistenz gewor­
brachte ihn zu der heilenden Er­ den war (der aus grober Ziegenwolle
kenntnis, daß sein Glück (8b: sein Le­ oder aus Ziegenhaar verfertigte Bü­
ben »auf einem schützenden Berg« ßersack, der um die Hüften gelegt
inmitten chaotischer Wasserfluten und von einem Gürtel gehalten
vgl. Ps 46 bzw. angesichts einer wurde, ist hier Metapher für die psy­
feindlichen Umgebung vgl. Jos 216-22 chische und soziale Desintegration
1 Sam 2314) das unverdiente Ge­ des Notleidenden) und legte ihm
schenk der Gnade JHWHs war. In selbst ein Festgewand an, das er mit
seinem Hilferuf, den er in ,0* zitiert, der Freude als Gürtel schmückte
kämpfte er mit JHWH um sein Le­ (Metapher für die Freude über das
ben. Er argumentierte zunächst in 10 geschenkte Leben). Durch die Kon­
adpersonam dei, d.h. er will mit sei­ frontation mit dem Tod hat der Beter
nen beiden Fragen JHWH klarma­ nun am eigenen Leib buchstäblich ge­
chen, daß sein Tod JHWH nicht nur lernt, daß Leben bedeutet: leben dür­
nichts nützen (vgl. Gen 3726 zur fen und leben können. Er darf leben,
Frage von 10a), sondern im Gegenteil obwohl der Tod ständig versucht, ihn
sogar schädigen würde (vgl. ähnlich in die Tiefe der Scheol zu ziehen.
Ps 68 8811"13 11517 Jes 3818f Sir 1727f
Bar 217*). In 11 steigerte der Beter Lobgelübde 13: Weil er sein Leben als
noch: Er argumentierte nicht mehr, Geschenk seines Gottes begriffen
sondern appellierte an JHWHs und angenommen hat, wird der Beter
Großzügigkeit (hänan »gnädig sein« nicht mehr aufhören, »JHWH sei­
als Gunsterweis eines »Herrn« gegen­ nem Gott« Dankpsalmen zu singen
über seinem »Diener«, vgl. 9b!) und und für ihn Zeugnis abzulegen. Die
Hilfsbereitschaft. Der Bericht über eigentliche »Krankheit« des Beters
die Rettung 12 beschreibt die Ver­ war seine faktische Gottesblindheit.
wandlung des Beters, die dieses Ein­ Daß er nun das öffentliche Gotteslob
greifen JHWHs ausgelöst hat. Wie in als dichtesten Lebensvollzug »in
6 wird wieder mit Gegensatzpaaren Ewigkeit« (le'öläm) verwirklichen
gearbeitet, die den Kontrast Tod-Le­ will, ist Ausdruck seiner radikalen
ben betonen: Die Buß- und Trauer­ »Heilung« (vgl. Jer 1714): Wo Gott
klage über die tödliche Bedrohung gelobt wird, ist das Leben.
des Beters hat JHWH selbst in einen
Freudentanz über die Entmachtung Erich Zenger
i
Ps 31 191
PSALM 31
BITTE, KLAGE UND DANK EINES GERETTETEN

Der relativ umfangreiche Psalm macht immer wieder den Eindruck, er lasse
eine klare Linie in seiner Aussage vermissen, habe keinen durchsichtigen poeti­
schen Aufbau und vermittle den Eindruck einer zusammengesetzten Komposi­
tion aus heterogenen Teilen (vgl. die Anleihen aus dem Jeremiabuch, beson­
ders aus den sogenannten »Konfessionen des Jeremia« und die Geprägtheit
mancher Passagen [Wortgruppen, Sätze, ganze Verse], die wortwörtlich in
anderen Psalmen auftauchen wie Ps 711-3 Jona 2 und Ps 69). So erscheint der
Psalm als Collage, die auch das wechselnde Metrum der Gedichtzeilen erklä­
ren kann. Eine gewisse Konstanz des Metrums ergibt sich nur für das Zentrum
des Psalms in den Versen 11-17, wo es sich dem sogenannten Qina-Metrum
(Totenklage) annähert. Die formen- und gattungskritische Bestimmung des
Psalms wird immer wieder irritiert durch die Mischung von Elementen des
Dankliedes mit denen des Klageliedes des einzelnen. Zwar können sich beide
> grundlegenden Gebetsformen einander annähern und überschneiden; die
Klage kann in Lob und Dank einmünden, der Dank kann auf Not und Klage
zurückblicken. Was allerdings bei diesem Psalm auffällt, ist die starke Diffu­
sion der unterschiedlichen Gebetsformen. Die Elemente des Klageliedes wie
Bitte, Klage und Schilderung der Not konzentrieren sich überwiegend auf das
Zentrum des Psalms 10"‘9, wohingegen die Elemente des Dankliedes wie Be­
richt über den Vorgang der Rettung, hymnische Passagen mit Segensformeln
und der für Danklieder typische Wechsel der Sprechrichtung am Anfang 2-9
und am Ende 20-25 ihren Schwerpunkt haben. Die vielseitig verwendbaren Ver­
trauenserklärungen des Beters in 2-7,15 ziehen sich durch den ganzen Psalm.
Unsicherheit besteht über die im Psalm vorausgesetzte Gebetssituation. In
manchen Passagen spricht der Beter wie eine von politischen Feinden oder von
gesellschaftlichen Gegnern verfolgte Person, so in 9,M l6; andererseits kann er
die Notlage eines Kranken schildern wie in 10-n, wobei der Eindruck schwerer
Krankheit vermittelt wird. Deswegen ist man erstaunt, in 12 zu erfahren, daß er
auf der Straße gesehen werden kann. Schließlich geriert sich der Beter wie ein
unschuldig Angeklagter, der den Lügen und Verleumdungen seiner Widersa­
cher ausgesetzt ist 19,21,24. Die spezifische Not der gesellschaftlichen Isolie­
rung, daß die alltägliche, häusliche Mitwelt sich vom Beter abwendet und ihm
feindlich gegenübertritt, wird in 12-13 deutlich skizziert. Sie kann sich nach
Ausweis der vorexilischen Klagelieder sowohl mit der Ursituation des Kran­
ken (Ps 38 41) sowie mit der des fälschlich Angeklagten (Ps 35) als auch mit
der des politisch Verfolgten (Ps 35,ff vgl. 18) verbinden. Insofern erscheint der
Psalm in seinen vom Klagelied bestimmten Passagen wie ein Kompendium
mehrerer konkreter Nöte, die der Beter zur Sprache bringt. Überblickt man
den obigen Befund, dann schälen sich die relativ deutlichsten Situationsanga­
ben wiederum im Bereich des Zentrums 10-19 heraus. An der Peripherie dage­
gen überwiegen die unbestimmteren Aussagen, Erklärungen und Bilder.
Die Erfassung der Struktur des Psalms bestätigt die vorhergehenden Ein­
drücke. Der Eingangsvers 2 hat die Qualitäten einer Themaangabe (Vertrau­
ensäußerung vgl. 7bl5a, Bitte in bezug auf die Feinde vgl. 18a, Rettungsbitte mit
Thema »Gerechtigkeit« vgl. I9), in der er die leitenden Teilelemente des gan­
zen Gebetes vorneweg versammelt. In 3-6 wechseln Bitten und Vertrauensäu-
192 DIE PSALMEN Ps 31
ßerungen (Klimax in 6 mit Hinweis auf schon erfahrene Rettung - Rückblick
oder Rettungsgewißheit). In 7 bekennt der Beter sich zu JHWH vor der Ge­
meinde. Das Lobversprechen mit begründendem Rettungsbericht 8f schließt
den Eingangsteil ab (vgl. Ps 136 359). Ein Neueinsatz des Gebetes folgt mit der
Bitte um Erbarmen 10 (häufiger Anhang von Bitt- und Klagegebeten Ps 63 4I5
513). 10-19 stellen das Klagelied eines einzelnen dar (Eingangsbitte 10, Notschil-
derung 10-14 , zentrale Vertrauensäußerung 15-16a , drei Bitten um Hilfe 16b-17,
drei Feindbitten 18, ergänzende Feindbitte mit Blick auf die Notlage des un­
schuldigen Gerechten). Der Psalm kommt zum Ende im Dankteil 20-25 mit
hymnischer Beschreibung der Taten JHWHs 20f, Segensformel und Rettungs­
bericht 22f, Konsequenzen für die eigene Gruppe 24f. Im Zentrum steht der
Grundpsalm l0-19, das Klagelied eines einzelnen, dessen Nöte kompendienar­
tig zusammengestellt sind (Krankheit 10f, soziale Isolierung 12f, öffentliche
Verfolgung 14, Andeutung der Rechtsnot ,9). Vielleicht hat der Grundpsalm
als Formular oder Agende für notgeplagte Beter gedient.
Eine besondere Anbindung an den Tempelkult wird auch in der Wendung
vom »Leuchten des göttlichen Angesichts« in 17 nicht deutlich. Der Beter steht
allein mit JHWH an seiner Seite den Feinden gegenüber, die aus der alltägli­
chen Lebenswelt stammen. Erst zum Schluß in 18 werden sie religiös als Frevler
gebrandmarkt. Im Aufbau und in der lexikalischen Füllung hat der Grund­
psalm viele Entsprechungen zu anderen vorexilischen Klageliedern des einzel­
nen, allen voran zu Ps 6. Typisch für ihn ist die durchgehende Prägung durch
die Verkündigung des Propheten Jeremia, insbesondere durch dessen Konfes­
sionen. Die Beziehungen laufen auch gelegentlich zur Verkündigung der spät-
vorexilischen Propheten wie Nahum oder Habakuk. Annäherungsweise kann
man den Grundpsalm in die spätvorexilische oder frühexilische Zeit einord­
nen.
Der Grundpsalm ist von der exilischen und formativen Redaktion in einen
Rahmen von Bitt- und Dankteilen 2-9-20-25 eingefügt worden. Der Eingangsteil
2-9 kopiert eine Reihe von Bitten und die Vertrauensäußerungen des Grund­
psalms, ebenso das Motiv der Übergabe in JHWHs Hand 616 wie die Wesens­
beschreibung JHWHs 615 und die Rede von »Elend« und »Not« des Beters
810f. Der abschließende Dankteil 20-25 schöpft ebenso aus dem Grundpsalm
(das Angesicht JHWHs 17-21, seine Güte I7,22) und rekurriert auf den Eingangs­
teil (die Güte JFiWHs 8-22, die Zuflucht bei JHWH 2 20).
Die Vielzahl der redaktionellen Bezüge zum Grundpsalm zusammen mit be­
stimmten Abwandlungen spricht für eine gezielt arbeitende Redaktion, deren
Konzept sich weiter beschreiben läßt. Sie entfaltet das Gottesbild. Aus dem
persönlichen Schutzgott des Grundpsalms entwickelt sie im Anschluß an die
Credoformulierung aus Ex 346f den Gott der Treue und Güte 6-8-22, der dort
wie hier zweiseitig wirkt, nämlich die Treuen bewahrend, den Feinden aber ih­
ren Hochmut vergeltend 24. Der barmherzige JHWH ist zugleich der (eifernd)
strafende Gott, der seinen Exklusivitätsanspruch zur Geltung bringt und alle
Götzenverehrer haßt7.
Vor allem ist er ein Gott, den die Redaktion mit dem Jerusalemer Tempel in
Verbindung bringt. Die kultischen Anspielungen häufen sich. Der Tempel ist
; der Ort, wo bevorzugt die Rettung erfahren wird. Hinter der Metapher vom
:■
schützenden Felsen taucht der Felsentempel von Jerusalem auf, vor allem
dann, wenn die singuläre Formulierung vom »Haus der Bergungen« hinzutritt
\ Unabweisbar hat21 den Tempel im Blick, wo JHWHs Angesicht (jetzt kul-

;
!
Ps 31 DIE PSALMEN 193
tisch zu verstehen) den Schutz gewährt. Die »befestigte Stadt« aus22 paßt dazu
und weist auf Jerusalem.
Der Beter steht mit JHWH nicht mehr allein den Feinden gegenüber, son­
dern er gehört zu einer Gruppe, wie auch die Feinde zur Antigruppe innerhalb
der Gemeinde zusammengefaßt werden. Er ordnet sich den Rechtgläubigen ■

zu, die allein auf JHWH setzen 7. Frommes Vertrauen auf Gott wird zum Zei­
:
chen der Orthodoxie. Er gehört zur Gruppe der Gottesfürchtigen, die
JHWHs Schutz erfahren haben und aufseine zukünftige Hilfe gerade in Jeru­ I
salem hoffen 20f. Aus dem Gebetsformular für den einzelnen wird nun ein Ge­
bet vor der Gemeinde (s. o. zu 7 22-24f), das zugleich die Gruppe der Frommen,
Treuen, der JHWH Harrenden 24f stärkt und unterweist.
Die Gegengruppe der Feinde wird religiös abgeurteilt (Götzendiener 7, Frevler
18), moralisch disqualifiziert (voll Hochmut und Verachtung 19-24), und es ist
möglich, daß die Spannung zur eigenen Gruppe des Beters, der geängstigt und
im Elend ist8, auch ein soziales Gefälle impliziert. Dann besitzt die Konfronta­
tion zwischen dem Beter ln seiner Gruppe und den Feinden ähnliche Facetten
wie die von Zef 31,-13 (wahrscheinlich redaktionell), einem der Schlüsseltexte
der Armentheologie: JHWH entfernt aus Jerusalem die hochmütige Herren­
schicht, so daß auf seinem hl. Berg ein demütiges und armes Volk übrigbleibt-
! vgl. dazu Ps 102 3612 736! Allerdings findet sich bei dieser formativen exilischen
Redaktion noch nicht die ausgebaute nachexilische Armentheologie.
Für die Endredaktion ist der Gesamtpsalm ein Gebet in drei Akten. 2-9 stimmen
in die vertrauensvolle Bitthaltung des Frommen ein, der in vielfältiger Not sich
an JHWH, den barmherzigen bzw. gütigen und gerecht vergeltenden Gott
wendet. Der Beter weiß, daß JHWHs Rettung vom Tempel her kommt. In
10-19 klagt er über verschiedene Nöte und wünscht sich göttliche Hilfe und

Vernichtung seiner Feinde. Im Schlußteil 20-25 ordnet sich der Beter ein in die
Gruppe der Gottesfürchtigen und Frommen, die zu allen Zeiten JFTWHs Güte
erfahren hat und erfährt. Der Beter blickt auf seine Rettung zurück und läßt
I
die Gemeinde daran teilhaben. Vor allem weiß er die Gruppe der Frommen
auf seiner Seite. Sie möchte er durch sein Gebet in der Haltung des Vertrauens
bestärken und in der Auseinandersetzung mit den Hochmütigen ermutigen.
Der Grundpsalm 31 10-19 ist mit dem Vorgänger zuerst über die Notsituation
der Krankheit verbunden, die ein bestimmtes Verhalten des Beters bedingt
(Anrufung JHWHs mit »mein Gott« 3Q3 13 3115, das Angewiesensein auf das
zugewandte Angesicht JHWHs 308 3117, die Bitte um Erbarmen 309“ 3110, das
Rufen zu JHWH 309 31 *8, die Rede vom Leben des Beters 304 31*°, die Rede
vom »Verstummen« in 3013 3118 und die Rede von der »Scheol« 304 31l8). Die
exilische Redaktion hat die Bezüge verstärkt: Der Beter schreit zu JHWH 303
3123; JHWH soll hören 30n 31323; die Assoziation beim Motiv des »Verber-
gens des Angesichts« 308 3121; die Einordnung des Beters in die Gruppe der
Frommen 305 3124; das Motiv vom Hinstellen des Beters durch JHWH 308 319;
vor allem die Tempelanspielungen stechen ins Auge 308 313f-21.
Für beide Psalmen ist JHWH ein Gott der Treue 3010 316, und beide betonen
die Zweiseitigkeit seines Wirkens (den gütigen und strafenden Gott): 306 legt
mehr Gewicht auf die Güte, 3124 mehr auf die Vergeltung. Dabei schlägt der
unterschiedliche Ansatz der Gebete durch, sei es beim Dank, sei es bei der
Klage. Nebenbei gebrauchen beide Psalmen die Stilfigur des Selbstzitats mit
Situationsangabe 307 312}.
Zum Nachfolger, Ps 32, gibt es einige Berührungen in bezug auf die Aus-
194 DIE PSALMEN Ps 31
gangslage des Beters (die Rede von den Knochen 3111 323; den Hinweis auf die
Not 31810 327; die Vertrauensaussage, daß JHWH Schutz gewährt 3121 327;
JHWH bewahrt 3 1 24 3 27 und rettet 312 327). Besonders fällt auf, daß die redak­
tionellen Passagen von Ps 3269f ebenso wie die redaktionellen Teile von Ps
3 j2-9.20-25 Gruppengegensätze kennen. Der Beter von Ps 32 rechnet sich
auch zur Gruppe der Frommen 3124 326, die auf JHWH vertrauen 317-15 3210,
zugleich die Gerechten^ind 3119 32n und die JHWHs Güte erfahren 318.17.22
3210. Ihnen stehen die Frevler gegenüber 3118 3210. Das unterschiedliche
Schicksal (Schmerzen für den Frevler, JHWHs Güte für den auf ihn Vertrau­
enden) aus 3210 klingt wie die weisheitliche Variante der theologischen Aus­
sage zum zweiseitigen Wirken JHWHs in 3124. Die exilische Redaktion legt
bei der Zusammenstellung ihrer Psalmen von Ps 29 her kommend Wert auf die
durchgehende Tempelperspektive (Tempel als Ort der Rettung). Sie hegt ein
theologisch-systematisches Interesse am zweiseitigen Wirken JHWHs und
plädiert für eine besondere Beziehung der Gruppe der Frommen zu JHWH.
Ab Ps 30 kündigt sich ein neues Interesse am Thema Krankheit und Sünde an
(vgl. 306,7 3111 MT).

311 [Für den Chormeister. Ein Psalm Davids.]


2-4: 7'-3 2 Herr, ich suche Zuflucht bei dir. /
Laß mich doch niemals scheitern;
rette mich in deiner Gerechtigkeit!
1023 3 Wende dein Ohr mir zu,
erlöse mich bald!
:
Sei mir ein schützender Fels,
eine feste Burg, die mich rettet.
9216 233 4 Denn du bist mein Fels und meine Burg;
um deines Namens willen
wirst du mich führen und leiten.
2515 1406 5 Du wirst mich befreien aus dem Netz,
das sie mir heimlich legten;
denn du bist meine Zuflucht.
Lk 2346 6 In deine Hände lege ich voll Vertrauen meinen Geist;
Apg 759 du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.
;
7 Dir sind alle verhaßt, die nichtige Götzen verehren,
ich aber verlasse mich auf den Herrn.
93 8 Ich will jubeln und über deine Huld mich freuen; /
denn du hast mein Elend angesehn,
du bist mit meiner Not vertraut.
1820 9 Du hast mich nicht preisgegeben
der Gewalt meines Feindes,
hast meinen Füßen freien Raum geschenkt.
68 10 Herr, sei mir gnädig, denn mir ist angst;
lOf: 38" vor Gram zerfallen mir Auge, Seele und Leib.
Ps 31 DIE PSALMEN 195
11 In Kummer schwindet mein Leben dahin, 63
meine Jahre verrinnen im Seufzen.
Meine Kraft ist ermattet im Elend,
meine Glieder sind zerfallen.
12 Zum Spott geworden bin ich all meinen Feinden, / 12: 3812 4110
ein Hohn den Nachbarn, ein Schrecken den Freunden; 44,4f 5513f
699i2f
wer mich auf der Straße sieht, der flieht vor mir. 794 889 19
13 Ich bin dem Gedächtnis entschwunden wie ein Toter, 8942
Ijob 19,3~19
bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß.
14 Ich höre das Zischeln der Menge - Grauen ringsum. / 416
Sie tun sich gegen mich zusammen; Jer 20*°
;
sie sinnen darauf, mir das Leben zu rauben.
l 15 Ich aber, Herr, ich vertraue dir,
ich sage: »Du bist mein Gott.« 1407
16 In deiner Hand liegt mein Geschick; 13916
entreiß mich der Hand meiner Feinde und Verfolger!
17 Laß dein Angesicht leuchten über deinem Knecht, 47
hilf mir in deiner Güte!
18 Herr, laß mich nicht scheitern,
denn ich rufe zu dir.
Scheitern sollen die Frevler,
verstummen und hinabfahren ins Reich der Toten.
19 Jeder Mund, der lügt, soll sich schließen,
der Mund, der frech gegen den Gerechten redet,
hochmütig und verächtlich.
20 Wie groß ist deine Güte, Herr,
die du bereithältst für alle,
die dich fürchten und ehren;
du erweist sie allen,
die sich vor den Menschen zu dir flüchten.
21 Du beschirmst sie im Schutz deines Angesichts 275
vor dem Toben der Menschen. Ijob 521
Wie unter einem Dach bewahrst du sie
vor dem Gezänk der Zungen.
22 Gepriesen sei der Herr, der wunderbar an mir gehandelt
und mir seine Güte erwiesen hat
zur Zeit der Bedrängnis.
23 Ich aberdachte in meiner Angst: Jona 25
Ich bin aus deiner Nähe verstoßen.
Doch du hast mein lautes Flehen gehört,
als ich zu dir um Hilfe rief.
24 Liebt den Herrn, all seine Frommen! /
Seine Getreuen behütet der Herr,
doch den Hochmütigen vergilt er ihr Tun mit vollem Maß. 62'3
25 Euer Herz sei stark und unverzagt, 27h
ihr alle, die ihr wartet auf den Herrn.

t
196 DIE PSALMEN Ps 31
3b Wörtlich im zweiten Stichos: (Sei mir) zum Haus der Bergungen, mich zu
retten!
4b_5 Die futurischen Sätze der EÜ sind als drängende Bitten zu verstehen.
7* EÜ setzt mit den alten Versionen und den meisten Kommentatoren beim
Verb die 2. P Sg voraus wegen des Gegensatzes (du..., aber ich...),
den die Syntax von 7b intendiert. Es ergibt sich dann die leichte Spannung
von Anrede JHWHs im ersten Teil und von Rede über JHWH im zwei­
ten Teil des Verses. MT bietet die 1. P Sg (mir sind verhaßt), vermei­
det die genannte leichte Spannung und dämpft einen vielleicht anstößigen
Anthropomorphismus, daß JHWH haßt.
11 EÜ liest im zweiten Stichos mit den alten Versionen und den modernen
Kommentatoren ba°nl »im Elend«. MT liest bä 'awöni »durch meine
Schuld«. Die alten Versionen können von 8 her (»mein Elend«) den Text
geglättet haben, während MT mit seinem spezifischen Verständnis die
lectio difficilior bietet. Die Not der Krankheit zieht die Frage nach der
Sünde an (vgl. Ps 62). Der MT greift mit einer Lesung eines der Leitwör­
ter für Sünde auf, die der nachfolgende Ps 322 5 einsetzt.
12 MT suffigiert durchgend die Menschengruppen (meine Feinde, meine
Nachbarn, meine Freunde).
14 Der ganze Vers ist ein Bericht über vergangene Sachverhalte; er ist präte-
rital wiederzugeben statt des Präsens der EÜ.
J5b Wörtlich: Ich habe (mir) gesagt.
,8a Wörtlich: Denn ich habe zu dir gerufen.
20 EÜ insinuiert im zweiten Halbvers eine Flucht vor allen Menschen zu
JHWH. MT meint aber wörtlich ein Sich-Bergen bei JHWH vor dem Fo­
rum der Menschen.
21 Wörtlich im ersten Stichos: Du beschirmst sie im Schutz deines Ange­
sichts vor dem Toben bzw. den Verschwörungen der Leute.
Im zweiten Stichos unterschlägt die EÜ bei ihrer freien Wiedergabe die
Anspielungen an den Tempel im Sinne der herangezogenen Parallele von
Ps 275; wörtlich heißt der Stichos: Du bewahrst sie in der Hütte (im Tem­
pel) vor dem Gezänk der Zungen.
22 Die adverbiale Bestimmung am Ende des Verses wird auf dreierlei Weise
gedeutet: 1. Man konjiziert wie die EÜ If et mäför »zur Zeit der Bedräng­
nis« und blickt dabei auf die Parallele im Nachbarpsalm 326. 2. Man bleibt
beim MT tf'ir mäför»in der befestigten Stadt« und versteht die Angabe
als Metapher für einen sicheren Ort in Korrespondenz zum Anfang des
r Psalms 313-4. 3. Beim MT bleibend, versteht man unter mäför »Belage­
rung« und sieht dann in der Konstruktverbindung einen Hinweis auf das
belagerte Jerusalem (vgl. Ez 43-7 8). Der MT ist beizubehalten und die
zweite Möglichkeit wahrscheinlich.

Überschrift1: Sie erweitert die struk- zwei Bitten. Die Vertrauenserklä-


tur- und gruppenbildende Angabe rung steht häufig am Anfang von Ge-
»ein Psalm Davids« (Ps 29-31) um beten und hat ihre nächste Parallele
den Adressanten. in Ps 72. Die erste Bitte zielt auf den
Sieg oder die Durchsetzung gegen-
Themaangabe 2: Die Themaangabe über den Feinden des Beters, wie es
vereint eine Vertrauenserklärung und die Parallelen 18 Ps 252 20, vgl. Ps 226
Ps 31 DIE PSALMEN 197
und Jer 17l7{ belegen. Die zweite Beter seinen Lebensgeist an JHWH -
Bitte spielt auf die Lügen und Verun­ eine singuläre Aussage. JHWH wird
glimpfungen des Gerechten aus 19 an damit zum verantwortlichen Hüter
und fordert die Rettung durch Gottes für das Leben des Beters (vgl. die kor­
Gerechtigkeit (zum »retten« vgl. Ps respondierenden Schöpfungsaussa­
18 3 44 2 25). gen von Gen 27 Ez 375ff und Koh
127). Die Rede vom Loskauf 66 des
Bitten 3-6: Die Bitte um Gehör ist Teil einzelnen wie des ganzen Volkes fin­
des Repertoirs des Beters (Ps 176 1023 det sich als Bitte in vielen Psalmen (Ps
1162 u.ö.); sie wird verstärkt durch 2522 3423 49*6 55'9 6919, vgl. Jer 1521).
den Wunsch nach schneller Errettung Hier konstatiert sie die schon erfolgte
(vgl. Ps 372 6918) zum Zeichen be­ Erlösung entweder im Rückblick auf
drängender Not. Die folgende Bitte vergangene Befreiungstaten oder in
( überträgt die Dauerfunktion (vgl. die Antizipation der sicheren Errettung.
seltene Konstruktion) des Schutzes Die Anrufung am Schluß des Verses
auf JHWH wie in Ps 9422. Das Motiv beschreibt das Wesen JFTWHs ganz
von JHWH als sicherem Fels ist breit im Sinne der älteren Credoformulie­
belegt in alten wie in späten Zeiten. rung aus Ex 346f, wo JHWH sich
Die wichtigsten Parallelen finden selbst im Kontext der sogenannten
sich in Ps 183 3247 28' (vgl. Ps 1915 Gnadenformel als »Gott der Huld
623-79216 1441). In Dtn 32 wird »Fels« und Treue« beschreibt. Von JHWHs
zum Ehrentitel JHWHs. Das Bild Huld reden 8 17 22. Das Nachleben
vom Felsen geht über in das Motiv dieser Prädikation zeigt sich in Ps 366
vom Schutz, vgl. Ps 271 288 (vgl. 3739 mit Parallelen Dtn 324 Jer IO10 und
433 529). Die singuläre Wendung 2Chr 1513.
»Haus der Bergungen« führt das
Felsbild weiter (vgl. Ps 183 912 1442) Bekenntnis 7: Der treue Exodusgott
und assoziiert die Vorstellung vom zeigt neben seiner Barmherzigkeit
Jerusalemer Tempelheiligtum. Die auch seine Gerechtigkeit, die auf sei­
von 3 abhängige Parallele Ps 713 inter­ nen Exklusivanspruch achtet. Des­
pretiert die Metapher eindeutig lokal. halb eifert er in der Ablehnung der
Die Vertrauenserklärung von 4a greift Götzen und ihrer Verehrer, was hier
noch einmal die Schutzbilder auf mit mit »Haß« umschrieben wird. Im Be­
analoger Fülle wie Ps 183 (vgl. Ps 4210 kenntnis trennt der Beter scharf zwi­
und 275 613). Die Bitte von 4b fordert schen den Götzenverehrern und sei­
die Führung durch JHWH aus Treue nem JHWH-Vertrauen. Die Götzen
zu sich selbst bzw. zu seinem Namen. werden hier als »ohnmächtige
Dieses Motiv ist aus der Verkündi­ Nichtse« charakterisiert - eine Rede­
gung Ezechiels (Ez 209-14-22 3620ff) weise, die auf den Propheten Jeremia
und Deuterojesajas (Jes 4325 489) be­ zurückgeht (Jer 25 vgl. Jer 819 108
kannt und verbindet sich hier mit 1422). In singulärer Weise verstärkt 7a
dem der Führung wie in Ps 233, vgl. die Kennzeichnung durch das No­
25u. Die Bitte von 5a zeigt im men säw’ »Nichtigkeit«, so daß die
Jagdbild die Verfolgung des Beters Genetivverbindung »Windhauche
an. Die nächste Parallele stammt aus der Nichtigkeit« lautet.
Ps 2515; sonst wird das Bild in weis-
heitlich geprägten Passagen aufge­ Lob und Dank 8-9: Der Beter ver­
griffen (vgl. Ps 916 357 Jer 1822 Spr l17 spricht das Lob der Güte JHWHs
Ijob 1810). 5b variiert die Vertrauens­ (vgl. Ps 93 ,s) und begründet es mit ei­
erklärung aus 4a. In 6 übereignet der ner sogenannten Dankerzählung, die
198 DIE PSALMEN Ps 31
vorwegnehmend den Rettungsvor­ sehe Klagelieder widerspiegeln (Ps
gang beschreibt. Der Kurzbericht ist 35 38 41). Der Anblick des Beters
nach dem Dreischritt sehen - urteilen schreckt die ihn Sehenden ab (Nah 37
- handeln aufgebaut. Wie beim Ex­ Ps 10925). Er fühlt sich wie ein leben­
odus das Elend seines Volkes (Ex 37 der Toter, vergessen und aus dem
431), so hat JHWH das Elend seines Gedächtnis gestrichen ,3. Dieser sel­
Beters wahrgenommen (Ps 913 2518 tene Vergleich wird durch ein Bild
Klgl 359f). Er hat die Enge der Not­ aus der Überlieferung Hoseas und Je­
lage erfaßt (vgl. Ps 4010 696-20 u.ö.) remias ergänzt (Hos 88 Jer 2228 4 8 38).
und den Beter nicht den Feinden Der Beter ist wie zerbrochenes Töp­
preisgegeben - ein für die Gebets­ fergeschirr geworden. Mit14 wechselt
sprache seltener Ausdruck (vgl. Am wiederum die Notlage. Der Beter er­
68 Klgl 27 Dtn 3230 Ijob 16" Ps lebt nun die Leiden öffentlicher Ver­
7g48.50.62j ^um Motiv von der Weite folgung »in persona Jeremiae«. Der
vgl. Ps42 lg2034 37 2517 1185. erste Halbvers ist wörtliches Zitat aus
Jer 2010, der fünften und letzten Kon­
Klage 10-1819: Der Beter setzt neu ein fession des Propheten. Das Zitat der
mit einer begründeten Bitte um Er­ Menge »Grauen ringsum« greift ein
barmen (vgl. Ps 6918 Jona 23). Die Be­ Schiagwort der Umheilsansage Jere­
gründung leitet über zur Schilderung mias auf (Jer 625 203 465 4929 vgl. Klgl
der Not: Die Augen zerfallen vor 222). Die vorherige soziale Isolierung
Gram 10 - ein kaum zu identifizieren­ ist nun in aktive Todfeindschaft um­
des Krankheitssymptom (nur noch Ps geschlagen, wie sie eine Person mit
68). Dem Beter verrinnt sein Leben in politischer Aufgabe und Sendung, sei
Kummer und Seufzen 11. Er klagt wie es ein König oder ein Prophet, erfah­
der Prophet Jeremia (Jer 2Q18 453 Ps ren kann. Dagegen setzt der Beter
67). Die Kräfte schwinden (nur noch sein Vertrauen 15. Die Redeweise mit
Klgl 114 Neh 44), die Knochen zerfal­ bftial »sein Vertrauen auf jmd. set­
len. Das physische Leiden ruft die zen« ist nicht so häufig und gehört zur
Frage nach der Ursache in der per­ überlegten Sprechweise vorexilischer
sönlichen Schuld des Beters hervor Propheten (Jes 311 Jer 93 4911 Ez 3313
(zum MT s.o.). Die Krankheit 10-11 Hab 218 vgl. Ps 375 497). Im Selbstzi­
ist kaum noch auszumachen, weil die tat erklärt der Beter seine persönliche
Ausdrücke sehr selten Vorkommen Gottesbeziehung. Mit ,6a eröffnet er
und in die Unbestimmtheit der Meta­ die Bitten um persönliche Rettung.
pher ausweichen. Nach den physi­ Er übergibt seine Zeiten, d.h. sein
schen Leiden schildern 12-13 die seeli­ Schicksal (vgl. Jes 336) in die Hände
schen Leiden der sozialen Isolierung, JHWHs. Er bittet um gnädige Zu­
ohne irgendeinen Hinweis zu geben, wendung, d. h. das Leuchten lassen
wie beide Zusammenhängen. Der Be­ des Angesichts ,7. Diese Redewen­
ter fällt dem öffentlichen Spott zum dung kann kultische Konnotationen
Opfer (vgl. Ps 68 6920). Die gesell­ haben, ist aber darauf nicht festgelegt
schaftliche Nähe zum Beter steigert (Ps 47 672 8 04-8-20 1 19135 Num 625).
sich: Feinde, dann Nachbarn (Spr Der Beter sieht sich als demütig un­
2710 Ps 794 807 8942 10925) und dann tergebener Knecht und appelliert des­
Bekannte bzw. Vertraute (Ps 5514 wegen um Hilfe aus Gottes Gnade
889 19), wer immer ihm auf der Straße (vgl. Ps 65). In 18 schließt der Beter
begegnet. Die gesellschaftlichen Be­ mit den Feindbitten. Er hat Gott an­
ziehungen im häuslichen Umkreis gerufen und ihn dadurch für die öf­
sind gestört, wie es andere vorexili- fentliche Durchsetzung der göttli-
Ps 31 DIE PSALMEN 199
chen Macht verantwortlich gemacht. durch Priester und Propheten. Der
Wie in Jer 1718 soll der Verfolgte öf­ Segensspruch 22 ist keine Schlußdo-
fentlich rehabilitiert werden, soll xologie, sondern ein Lobpreis vor der
nicht scheitern, wohingegen die Gemeinde, den wir am Ende anderer
Frevler scheitern und vernichtet wer­ Dankgebete finden können wie in Ps
den sollen (vgl. nur noch 2 Sam 29 Ps 1847 6 620. Hier erhält er eine Begrün­
918). Die Ergänzung 19 induziert eine dung wie in Ps 286 6620 1246, die auf
weitere Verfolgungssituation. Der JHWHs Wundertaten am Beter ver­ '
Beter befindet sich jetzt in der Not weist (Ps 44 177) und auf den Ort des
des unschuldigen verfolgten Gerech­ Geschehens, Jerusalem, anspielt. Mit
ten, der den Lügen (vgl. Ps 57 124) und 23 steuert der Beter auf den Schluß
den frechen, vermessenen Reden der des Gebetes zu und gibt einen zusam­ !
Hochmütigen ausgesetzt ist. Wie die menfassenden Bericht seiner Ret­
Parallelen nahelegen, enthält der Ge­ tung. Die Erfahrung, abgeschnitten !
gensatz zwischen Hochmütigen und zu sein, gehört zu den herausragen­
dem klagenden Gerechten ein sozia­ den Leidenserfahrungen des Exils
les Gefälle (I Sam 23 Ps 756 944 - Ps (Klgl 354 Ez 37" Jes 538 Ps 886). Doch
1710 1234). JHWH hat ihn erhört (Ps 282 6 116‘
1302 1407). Die Schlußmahnungen
von 24* an die Gemeinde, näherhin an
Dank, Lob und Ermahnung 2(3-25: Mit deren Gruppe der Frommen, vermit­
einer rhetorischen Frage beginnt das teln Lehre und Handlungsanweisun­
hymnische Lob wie in Ps 8210 3510 gen. Der erste Aufruf an die From­
368. Der Beter preist die Güte men fordert die Gottesliebe nach Art
JHWHs in ihrer unvergleichlichen von Dtn 65 1 042 (vgl. Ps 1161 und 182).
Fülle (vgl. Ps 2713 1457 Jes 637). Die in Dann wird knapp das Wesen
20f folgenden Sätze belegen und be­ JHWHs beschrieben. Die Eigenstän­
gründen. In der Vergangenheit hat digkeit des Bekenntnisses ergibt sich
JHWH die Gottesfürchtigen gebor­ aus der redundanten Erwähnung
gen (vgl. Ps 834) und hat denen, die JFTWHs in der Mitte der beiden Sti­
auf ihn vertrauen, Schutz gewährt chen, die überdies chiastisch aufge­
(vgl. Ps 6829 7412). Mit 21 nimmt der baut sind. In bezug auf Struktur und
Beter die Zukunft in den Blick. Die lexikalische Füllung folgt das Be­
Gruppe der Gottesfürchtigen und kenntnis der alten Credoformulic-
JHWH-Vertrauten erfährt im Tem­ rung von Ex 347 und deren Nachwir­
pel Schutz und Schirm vor den verba­ kungen in Dtn 79f Jer 3218. Das zwei­
len Nachstellungen der Feinde. Für 21 seitige Wirken JHWHs wird hier auf
hat Ps 275 Pate gestanden (vgl. Ps 178 die gegnerischen Gruppen der From­
615 911 - Dtn 3238). Den Schutz im men bzw. Treuen und der Hochmüti­
Hause JHWHs zu erfahren, gehört gen hin ausgelegt. Die Mahnungen
zum Erfahrungsbereich alter Jerusa­ von 25a zitieren Ps 2714 und greifen
lemer Heiligtumstradition (vgl. Ps auf die Ermutigungsformel von Dtn
763) und kann in den verschiedenen 316f-23 Jos l6f-9 zurück. Der Vokativ
Beistandsfunktionen des Tempels am Schluß 25b variiert noch einmal die
konkretisiert werden wie in der Hei- Gruppenbezeichnung der Frommen
ligtumsasylie, der Erfahrung beson­ (vgl. Ps 33‘822 1 47“, vgl. 694).
derer Anwesenheit (Theophanie)
oder im Erleben helfenden Zuspruchs Frank-Lothar Hossfeld
200 Ps 32
PSALM 32
GNADE UND LOB DER VERGEBUNG

Der Psalm besitzt ein Janusgesicht. Zuerst schaut er aus wie das Danklied ei­
nes einzelnen mit seinen typischen Elementen (Schilderung der Not und Ret­
tung 3"5, Vertrauensaussage von 7 und das JHWH-Orakel von 8, dann der ab­
schließende Aufruf zum Lob in **). Für die Gattung Danklied spricht auch die
typische doppelte Sprechrichtung sowohl zu JHWH als auch zur umstehenden
Gemeinde hin 9-1Dann zeigt der Psalm aber auch das Aussehen eines Weis­
heitsliedes mit weisheitlichen Redeformen (die einleitenden Seligpreisungen lf,
die Mahnungen von 6-9, der Spruch von I0), mit weisheitlichem Vokabular (die
Rede von Rat, Lehre und Unterweisung in 8, der »Weg« als Lebenswandel 8,
die Tiervergleiche in 9, die Gleichsetzung der Gerechten mit Menschen redli­
chen Herzens “) und mit weisheitlichen Vorstellungen (die Entgegensetzung
von Gerechterund Sünder l0, derTun-Ergehen-Zusammenhang l0, die Verall­
gemeinerung auf den Menschen hin 2). Man kann Dank- und Weisheitslied
nicht voneinander ablösen und den Endtext durch das Zusammenwachsen bei­
der erklären.
Den weisheitlichen Charakter bestätigt der Psalmtitel »ein Weisheitslied«. Der
Titel kann sowohl ein Kunstlied meinen mit Blick auf die künstlerische Gestal­
tung als auch ein Lehrgedicht unter Berücksichtigung des Inhaltes und der
pädagogischen Absicht. Für letzteres spricht das leitende Stichwort mit dersel­
ben Wurzel »ich unterweise dich« aus dem JHWH-Orakel 8. Der Beter und
Dichter arbeitet mit Parallelen und Verdoppelungen. Als Einleitung dienen
zwei Seligpreisungen lf, gefolgt von zwei gleichgebauten Satzgruppen 3* (deik­
tisch-begründendes &f»das« bzw. denn; zwei asyndetische Sätze mit abschlie­
ßender adverbialer Bestimmung). Die Parallelisierung begegnet wieder in 7-8.
In 7 spricht der Beter zu JHWH und nennt Aktionen JFIWHs zugunsten des
i Beters. In 8 spricht JHWH zum Beter und beschreibt seine Hilfen für den Be­
ter. Ferner spielt der Dichter mit Triaden. Eingangs redet er in dreifacher Va­
riation von Sünde und Vergebung lf; in 5 verbindet er dieselben Begriffe für
Sünde mit drei verschiedenen Verben des Bekennens (kundtun, nicht verber­
gen, bekennen); in 7 nennt er drei Aktionen JHWHs zum Schutz des Beters
(Schutz sein, bewahren, umhüllen) und in 8 dreifache Beratung (unterweisen,
lehren, raten). Den Psalm rundet er ab mit dem dreifachen Jubel der Gerech­
ten (sich freuen, jauchzen, jubeln). Im Zentrum des Psalms sticht5 hervor, weil
er durch eine Inklusion (hattä’ti»meine Sünde«) gestaltet ist, die am Versende
durch eine plerophore Konstruktverbindung »Schuld meiner Sünde« herbeige­
führt wird. Insofern macht der Psalm seinem Titel alle Ehre. Allerdings fällt
auf, daß 1-5 eine in sich geschlossene Gestalt haben, wohingegen 6-11 viel stär­
ker durch heterogene Elemente zersetzt sind, die sich kaum in die Komposi­
tion einbinden lassen. Die unpersönliche Mahnung 6 verrät keine besondere
i poetische Gestaltung und verschiebt die Akzente von der Erfahrung der Ver­
gebung des Beters zu einer allgemeinen Rettungsgewißheit jedes Frommen.
!■
Desgleichen ist die unpoetische Mahnung von 9 darum bemüht, weisheitliche
Pädagogik nachzutragen, die auf die Psalmsituation wenig Rücksicht nimmt.
Schließlich zeigt die Sentenz bzw. der Spruch von 10 zwar durchaus gewollte
Gestaltung (chiastische Wortstellung durch Pendenskonstruktion im zweiten
Teil des antithetischen Parallelismus), allerdings gehorcht sie nicht den Prinzi-

:
Ps 32 DIE PSALMEN 201
pien des Grundpsalms. Die Sentenz verkündet eine Vergeltungslehre, wie sie
Ps l6 vertritt.
Somit schält sich ein Grundpsalm in 1-5.7-8.11 heraus - ein weisheitlich geprägtes
Danklied eines einzelnen anläßlich erfahrener Vergebung seiner Sünden. An
der Erfahrung der Vergebung nimmt die Gemeinde Anteil 7,1 *. So wird das
Schicksal des Beters zum Paradigma für jeden JHWH-gläubigen Menschen i{.
Das weisheitliche JHWH-Orakel in 8 stellt ein Spezifikum des Grundpsalms
dar und hat wohl die weiteren weisheitlichen Ergänzungen angezogen.
Den Grundpsalm charakterisieren drei Eigenheiten: 1. Er denkt über die Zu­
sammenhänge von Schuld - Krankheit - Rettung/Vergebung nach (vgl. Ps 62
303-6 3110f). 2. Als Ort der erfahrenen Vergebung wird der Tempel angedeutet
(vgl. öffentliches Bekenntnis 5, Rettungsjubel der Kultgemeinde 7, weisheit-
lich-kultprophetisches Heilsorakel8). 3. Der Grundpsalm verbindet weisheitli­
che Theologie mit tempelkultischen Aspekten wie etwa der Grundpsalm von
Ps 15. Wegen dieser Eigenheiten kann er in die spätvorexilisch-exilische Zeit !
eingeordnet werden. I
Die exilische Redaktion Ps 3269f (zu den einzelnen Bezügen s. o. bei Ps 31) hat !
die Verwandtschaft des Grundpsalms mit Ps 30 31 berücksichtigt: Es geht um
den Zusammenhang von Krankheit und Sünde, darum, daß JHWH Rettung
verschafft. Der Bezug zum Tempel bleibt erhalten. Deswegen hat diese Re­
daktion Ps 32 hier eingestellt und ihrerseits die Einbindung des Beters in seine
Gruppe der Frommen, Vertrauenden, Gerechten, von JHWHs Güte Umheg­
ten verstärkt und dieser die Antigruppe der Frevler gegenübergestellt. Das In­
teresse der Redaktion am zweiseitigen Wirken JHWHs (Güte/Schutz für die
Gruppe des Beters - Schmerzen/Vergeltung für die Frevler) hat sie einge­
bracht. Zu den Verbindungen von Ps 32 zu Ps 33 s.u.

321 [Von David. Ein Weisheitslied.]


Wohl dem, dessen Frevel vergeben 654 7838
und dessen Sünde bedeckt ist. 853 1033
Jcs l18 3817
: 2 Wohl dem Menschen, dem der Herr die Schuld nicht zur Last legt Jcr 3134
und dessen Herz keine Falschheit kennt. 1 Joh l9
3 Solang* ich es verschwieg, waren meine Glieder matt, lf: Röm 47*
den ganzen Tag mußte ich stöhnen.
4 Denn deine Hand lag schwer auf mir bei Tag und bei Nacht; 38J 1025f
meine Lebenskraft war verdorrt
wie durch die Glut des Sommers. [Sela]
5 Da bekannte ich dir meine Sünde 38>9
und verbarg nicht länger meine Schuld vor dir.
Ich sagte: Ich will dem Herrn meine Frevel bekennen.
Und du hast mir die Schuld vergeben. [Sela]
6 Darum soll jeder Fromme in der Not zu dir beten;
fluten hohe Wasser heran, 6612
ihn werden sie nicht erreichen.
202 DIE PSALMEN Ps 32
7 Du bist mein Schutz, bewahrst mich vor Not;
du rettest mich und hüllst mich in Jubel. [Sela]
2512 1191 8 »Ich unterweise dich und zeige dir den Weg,
den du gehen sollst.
33>8 Ich will dir raten; über dir wacht mein Auge.«
9 Werdet nicht wie Roß und Maultier,
die ohne Verstand sind.
Mit Zaum und Zügel muß man ihr Ungestüm bändigen,
sonst folgen sie dir nicht.
10 Der Frevler leidet viele Schmerzen,
doch wer dem Herrn vertraut,
den wird er mit seiner Huld umgeben.
33* 11 Freut euch am Herrn und jauchzt, ihr Gerechten,
jubelt alle, ihr Menschen mit redlichem Herzen!

2b Wörtlich: »und in dessen Geist keine Falschheit ist«.


Die Tempora bezeichnen durative Zustände: »Deine Hand liegt schwer
auf mir« - »meine Zunge ist verdorrt«. Der Text des zweiten Satzes ist
wegen des Nomens schwierig zu verstehen; EÜ interpretiert auf läsäd
»Saft, Mark« hin, was sich kaum halten läßt, häufiger wird mit Hilfe der
Parallele Ps 2216 zu l*söm»meine Zunge« konjiziert.
5 Das Tempus im ersten Satz wird als temporale Nebenhandlung verstan­
den: Als ich meine Sünde dir kundtun wollte, da verbarg ich nicht län­
ger.-.
EÜ interpretiert den Zeitpunkt des Betens im schwierigen MT nach dem
ebenso konjizierten Ps 3122 mit »zur Zeit der Not« (s. o. zu 3122).
EÜ bleibt zu Recht beim MT; wörtlich: »Mit Jubel(schreien) der Rettung
umgibst du mich.«
8 EÜ weist den Vers zu Recht als Zitat JHWHs aus.
9 Der Vers besitzt drei »cruces«: 1. Die Numerusinkongruenz zwischen
dem einleitenden Vetitiv Plural und dem Singular des abschließenden In­
finitivsatzes »nicht zu nahen dir«. Das bringt die Zuordnung des Infinitiv­
satzes zum Versganzen in Schwebe (redet er isoliert von der Unantastbar­
keit des begnadigten Beters oder gar JHWHs? Oder bleibt er im Tierbild
und spricht davon, daß das ungebändigte Tier dem angeredeten Domp­
teur nicht naht, so EÜ?). 2. MT hat 'cedjö »sein Schmuck«, was keinen
Sinn ergibt; EÜ liest wie viele ’uzzö »seine Kraft«, Ungestüm. 3. Die syn­
taktische Zuordnung des abschließenden Infinitivsatzes (vgl. zu 1.); steht
er in Verbindung mit dem vorausgehenden Infinitivsatz (so EÜ), oder ist
er ein eigenständiger Satz oder gar Glosse? Jede Übersetzung ist nur ein
Annäherungsversuch.

Überschrift 1: Die Autorenangabe 328 und auf Inhalt sowie poetische


»von David« ist für die Überschriften Gestaltung um die Gattungsangabe
der Psalmen 32.34-35 strukturbil- »Weisheitslied« ergänzt worden,
dend. Sie ist hier mit Rücksicht auf
Ps 32 DIE PSALMEN 203
Seligpreisungen 1-2: Der Psalm hebt Innere, den Sitz des Willens und des
an mit einer doppelten Seligpreisung Gemüts. Insofern ist das Verhalten
(s.o. zu Ps 1). Wie in Ps l1 4I2 1122 des Seliggepriesenen dem des Ge­
1281 und 119,f (zweifach wie hier) rechten von Ps 244 vergleichbar, der
steht sie an der Spitze, ist aber im Un­ reinen Herzens ist.
terschied zu Ps l1'3,6 unbegründet. Die Seligpreisungen verkünden die
Der Adressat des Zuspruchs wird hier Vergebung als Zuspruch und An­
in weisheitlicher Manier mit dem all­ spruch. Da der Adressat der Selig­
gemeinen Gattungswesen »Mensch« preisung die Vergebung nur passiv als
angegeben, ein Hinweis für die Ten­ Geschenk erfahren kann, muß der
denz zur Universalisierung. Die bei­ weitere Psalm angeben, wie in den
den Seligpreisungen versammeln die Genuß göttlicher Verzeihung zu
drei wichtigsten Begriffe für Sünde, kommen ist.
die hier mit synonymer Tendenz die
Sünde umfassend darstellen sollen.
Solche Begriffskonzentration begeg­ Bericht 3-5: Mit dem Bericht tritt das
net gerade an den Stellen, die ihr ent­ Ich des Beters in den Vordergrund.
scheidendes Wort zu Sünde und gött­ Die ägyptische wie die ältere israeliti­
licher Vergebung zu sagen haben wie sche Weisheit kennen das Ideal des
Ex 346f (ältestes Credo der Schrift) schweigenden Menschen, der seine
Lev 1621 (Versöhnungstag) Ps 513f Zunge und sein Temperament zügelt
(Bußpsalm Davids) Ps 1031012 (Lob­ (vgl. Spr 1 112 1727-28). Für den schuld­
lied auf den verzeihenden Gott). Den beladenen Beter ist dieses Ideal erle­
Sündentermini entsprechend wird die digt. Er hat am eigenen Leib den Zu­
Vergebung dreifach umschrieben: sammenhang von Krankheit und
Die Schuld aufheben und wegtragen, Sünde bzw. von Heilung und Verge­
d.h. vergeben - eine häufige Wen­ bung erfahren. Diesen psychosomati­
dung innerhalb der deuteronomisch- schen Zusammenhang bezeugen Jes
deuteronomistischen Literatur (Ex 3324 Ps 1033 Ijob 720f. Wie Ijob 31,3f
2321 3232 347 u.ö.) und innerhalb der war er versucht zu schweigen, seine
Schriften (Ps 2518 853 Ijob 72‘, vgl. Sünde zu verheimlichen aus unter­
noch Jes 3324); die Sünde bedecken schiedlichen Motiven heraus (Scheu
mit positiver Konnotation im Sinne vor der Öffentlichkeit, Furcht vor
von auswischen wie hier und mit ne­ Verachtung). Er mußte das Fonbe­
gativer im Sinne von verheimlichen stehen der Krankheit erfahren. Sie
und verhehlen wie in Spr 2813 Ijob wird in 3f mit stereotypen Hinweisen
3133; den Frevel nicht anrechnen - angedeutet: Das Erschlaffen der
eine Wendung profanen nichtkulti­ Glieder (wörtlich »die Abnützung
schen Ursprungs mit gewichtigen Pa­ der Knochen« - eine singuläre Wen­
rallelen (Gen 156 5 020 2 Sam 1910 Ps dung) gehört in die Topik der Krank­
10631). Im Falle von 2b ist es offen, ob heitsschilderungen (Ps 63 2215 31“
hier die Folge der Vergebung oder 42n 5110 1024), ebenso das fortdau­
deren Voraussetzung (so EU) ge- ernde Stöhnen des Kranken (Ps 222
schildert wird. Das Nomen remijjä 389 Ijob 324). Die Krankheit ist von
»Falschheit« wird in den Psalmen und JHWH geschickt, seine Hand lastet
bei Ijob überwiegend mit dem Tatbe­ auf dem Beter (vgl. 1 Sam 56 11 Ps 383
stand des schlechten und falschen Re­ 39“ Ijob 232). Einzig der Hinweis 4b
1 dens verbunden; hier in 2b geht es um (vgl. Ps 2216) kann auf eine fiebrige
die gesamte innere Haltung; der Erkrankung verweisen. Von den
Geist steht hier wie das Herz für das Feinden des Beters, also von den so- l
j
204 DIE PSALMEN Ps 32
zialen Auswirkungen der Krankheit, 3124 326)- Wie der Beter des Grund­
ist hier nicht die Rede. psalms, so soll jeder Fromme zu
5 berichtet nun von der Wende zur JHWH beten (pH [Hit.] im Sinne ei­
Heilung. Der Beter faßte den Ent­ nes liturgisch-feierlichen Gebets, vgl.
schluß, JHWH die Schuld offenzule­ die wenigen Psalmstellen 522f und
gen, die eigene Sünde nicht mehr zu 7215) vor allem in Zeiten der Not; er
verheimlichen. Er legte ein öffentli­ wird dann trotz der Anfechtung
ches Bekenntnis ab; das einleitende durch chaotische Gewalten (vgl. das
»ich sagte« zielt hier nicht auf einen Chaosbild der heranflutenden Was­
Monolog oder ein persönliches Be­ ser in Ps 18517 293 692 und vor allem
denken, sondern auf das folgende Zi­ Jes 282,15 18) Rettung erfahren. Die
tat. Daß bei dem Geständnis Öffent­ Ausgangssituation im Grundpsalm
lichkeit hergestellt ist, liegt durch die von Schuld und Vergebung ist verlas­
Verbbedeutung und die Situation fest sen zugunsten der Lehre, daß das
(vgl. Jes 719 Esra 10“ Spr 2813 Ijob recte et rite vollzogene Gebet des
3133f). Wahrscheinlich hat es im Tem­ Frommen hilft.
pel »vor JHWH« stattgefunden. Auf
den Bußakt folgte sofort die göttliche Bekenntnis und Zuspruch 7-8: Im
Vergebung. Der Beter hat Anteil an Grundpsalm kommentiert die dreitei­
Erfahrungen, die David gemacht hat lige Vertrauensaussage von 7 die
(2 Sam 1213), die die ältere Weisheit Wende von 5b (vgl. in beiden Fällen
zur Sentenz Spr 2813 verdichtet, die das betonte »Du« in Frontstellung).
Elihu dem Ijob empfiehlt Ijob 3 327f Im Stil des Dankliedes verkündet der
und an die sich der Psalmist Ps 3819 Beter JHWHs Schutz (vgl. Ps 275
anschließt. Dahinter steht die alte 3121), das Bewahren in Not (vgl. Ps
Überzeugung von »JHWH ein barm­ 3124 402) und das Echo auf die per­
herziger und gnädiger Gott, langmü­ sönliche Rettung in der Gemeinde.
8 Aus dem Inhalt des Verses ergibt
tig und reich an Huld«, die sich dann
vor allem in der Sündenvergebung sich, daß hier ein Heilsorakel aus
bestätigt sah (vgl. Ex 3232 346f). 5b be­ dem Munde JHWHs vorliegt. Solche
richtet also von der Vergebung und Heilsorakel tauchen gelegentlich in
Wende ohne eine Andeutung zum Bitt- und Dankgebeten auf (Ps 126
Vorgang der Sündenvergebung (wie 753-11 91l4-!6) und bestärken in der
und durch welchen Liturgen vermit­ Zuversicht der Rettung. Ein Kultpro­
telt?). Desgleichen wird nichts von phet kann es vermittelt haben. In Ps
der Genesung gesagt, die aber wohl 32 ist die Rettung vollzogen, und der
mitgedacht ist (vgl. noch Hos 143 und Beter hat darauf in der Vertrauens­
Mk 21"12 mit Parallelen). Ferner er­ aussage von 7 schon reagiert. Das
halten wir keinen Hinweis auf ein Orakel von 8 zielt deswegen auf den
Dankopfer, was wohl weisheitlicher weiteren göttlichen Beistand für den
Zurückhaltung gegenüber dem Kult begnadigten Sünder. Typisch weis-
entspricht. heitlich sind die Formulierung und
Interessen dieses Orakels. JHWH
Lehre6: Der redaktionelle Vers 6 wer­ will fürderhin den Beter einsichtig
tet die Erfahrungen des Beters aus machen (s£/»klug sein« ist weisheitli­
und weitet sie aus auf »jeden From­ cher Spezialbegriff); er will ihm den
men« - eine für die älteren Armen- richtigen Weg weisen (vgl. Ps 1611
Psalmen typische Gruppenbezeich­ 258 12), d.h. den für die gesamte Le­
nung (Ps 44 122), die die Psalmen benserstreckung erfolgreichen Le­
30-32 miteinander verbindet (305 benswandel; er will ihm raten (vgl. Ps
Ps 33 DIE PSALMEN 205
167) wie ein Experte und Ratgeber; Sprüche (Spr 1620 2 825 2 925, vgl. Jer
schließlich will er auf ihn ein fürsorg­ 175-7) sowie der Psalmen (Ps 22*"*, vgl.
liches Auge haben (vgl. Ps 3318). 317404f 8413 1127 1251). In einer spezi­
fischen Weise wird der Tun-Erge-
Mahnung und Lehre 9-10: Die redak­ hen-Zusammenhang angewandt. Der
tionelle Mahnung zeigt durch ihren Sünder erntet viele Schmerzen, die
pluralischen Adressaten an, daß sie eigene Tat straft ihn gleichsam auto­
selbst nicht mehr zum JHWH-Ora- matisch. Dagegen erfährt der
kel in 8 gehört. Der Beter fordert als JHWH-Vertrauende dessen Zuwen­
Weisheitslehrer die Umstehenden dung und wird mit Huld, d. h. Zunei­
auf, nicht wie Tiere ohne Verstand gung und Fürsorge, umgeben (An­
und Einsicht die Lehre (hier des knüpfungen an 7). Das erinnert an die
Weisheitsliedes) abzulehnen. Sowohl Vergeltungslehre von Ps l6.
der Tiervergleich (Spr 263 Sir 308) als
auch die darin zum Ausdruck kom­ Lobaufruf 11: Zum Schluß kommt
mende autoritäre Pädagogik (vgl. Spr wieder der Grundpsalm zu Wort. Mit
1324 2313 2915) gehören zum Standard dreifachem Imperativ wird die Ge­
weisheitlicher Erziehung: Zügello­ meinde zum Lob aufgerufen (vgl.
sigkeit und Verweigerung der Zucht analoge Schlußaufrufe in Ps 2114 3013
erniedrigen den Menschen zum un­ 9712). Das Lob schließt hier den
vernünftigen Tier. Dank für die Rettung ein. Weisheit-
Die chiastisch geformte Sentenz 10 lich ist die Gleichsetzung von Ge­
vergleicht das Schicksal des Sünders rechten und Menschen geraden Her­
mit dem, der auf JHWH vertraut. zens (Ps 710f 1 l2f 331 97U{), die wahr­
Letztere Charakteristik des Gerech­ haftig und konsequent in Gesinnung
ten hat ihre prominenten Vertreter in und Tat sind.
der Verkündigung Jesajas und der Frank-Lothar Hossfeld

PSALM 33
LOBGESANG AUF JHWHS MACHT UND GÜTE

In seinem Aufbau ist der Psalm geradezu das Musterbeispiel eines Hymnus:1-3
Aufgesang (imperativische Aufforderung zum gemeinschaftlich gesungenen
und mit Instrumenten begleiteten »Lobgesang«: u tehilläh);4-19 corpus hymni,
Ausführung des Hymnus, eingeleitet mit gattungstypischem kt (EU »denn«;
man könnte auch [richtiger!] übersetzen: »ja, fürwahr«) und überwiegend ge­
staltet mit Verbalsätzen in Afformativkonjugation zur Bezeichnung von
Handlungen JHWHs als Schöpfer und Gestalter der Weltgeschichte, die an­
dauern und weiterwirken, sowie mit hymnischen Partizipien; 20-22 Abgesang
(20f Vertrauensaussage;22 Bitte in direkter JHWH-Anrede). Die drei Teile sind
als unterschiedliche Sprachhandlungen voneinander abgehoben: ,-} Aufforde­
rungen, »ihr«;4-19 beschreibender Lobpreis, »er«; 20-22 Bekenntnis, »wir«.
Das corpus hymni4-19 ist nochmals deutlich gegliedert. Es nennt zunächst in 4*
durch eine Zusammenstellung wichtiger theologischer Begriffe das Thema des
Hymnus (all sein Tun vollzieht sich gemäß der von ihm gegründeten gerechten
206 DIE PSALMEN Ps 33
Lebensordnung, deren innerstes Prinzip seine Güte ist). Dieses wird dann in
den zwei jeweils sieben Parallelismen umfassenden Abschnitten 6-12 und 15-19 in
unterschiedlicher Perspektive entfaltet. 6-12 rühmt JHWH als den machtvollen
Weltherrscher, dessen Handeln in Schöpfung und Geschichte (Tradition:
Weltschöpfung) darauf abzielte, sich Israel als sein »Erbteil« zu erwählen.15-19
rühmt JHWH als den Schöpfer und König »aller Menschenkinder« (Tradi­
tion: Menschenschöpfung), der sich rettend denen zuwendet, die nicht auf
eigene Macht setzen, sondern sich nach seiner Güte ausstrecken. Beide Ab­
schnitte sind analog strukturiert: Sie setzen jeweils mit dem Motiv von JHWH
als dem, der den Himmel schafft bzw. im Himmel thront, an und beschreiben
dann eine Bewegung herab zur Erde, wobei zunächst negativ das Scheitern
gottwidriger Pläne der Völker bzw. der Mächtigen und dann positiv JHWHs
erwählendes bzw. rettendes Handeln herausgestellt wird.
Entstehungsgeschichtlich dürfte der Psalm aus weisheitlichen Kreisen der
nachexilischen Zeit stammen, die zugleich priesterliche und prophetische Ge­
danken aufnehmen. Weisheitlich sind die alphabetisierende Form (mit seinen
22 Parallelismen inspiriert sich der Psalm an den 22 Buchstaben des Alpha­
bets), die dem Psalm zugrundeliegende Vorstellung von einer der Schöpfung
eingestifteten Welt- und Lebensordnung sowie von einem Geschichtsplan
JHWHs, aber auch die Motive von dem auf alle Menschenkinder schauenden
Weltenrichter, der die Herzen der Menschen durchschaut, weil er diese Her­
zen (!) geschaffen hat. Priesterliche Theologie findet sich vor allem in 6-9 (Ab­
hängigkeit von Gen 1 ?); prophetisch inspiriert sind die Vorstellungen von der
Zuverlässigkeit des einmal ergangenen Gottesworts und von der Güte als
Grundprinzip des Handelns JHWHs, aber auch die Kritik an Macht und
Krieg.
Wegen der entfalteten Aufforderung 1-5 ist für den Psalm eine ursprüngliche
Verwendung im offiziellen Tempelkult denkbar, zumal die Gattung des Hym­
nus mit seiner nicht auf ein konkretes Ereignis, sondern auf die »immer« gül­
tige Gotteswirklichkeit blickenden (beinahe »dogmatischen«) Lehre ohnedies
ursprünglich die kultische Gemeinde (strenggenommen gibt es keinen Hym­
nus eines einzelnen!) als »Sitz im Leben« verlangt. Der Psalm könnte aber
ebensogut eine »literarische« Komposition der nachexilischen »Armenfröm­
migkeit« sein, die dem Davidpsalter 3-41, insbesondere in seinen beiden letz­
! ten Teilkompositionen, sein spezifisches Profil gegeben hat.
Nach MT hat Ps 33 innerhalb des Davidpsalters 3-41 als einziger Psalm keine
Überschrift; G hat »von/für David«. Entweder stand diese Überschrift ur­
sprünglich auch im Hebr und ist nachträglich weggefallen oder sie wurde in G
nachträglich hinzugesetzt (G hat ohnehin die Tendenz, die Überschriften zu
erweitern). Dann aber ist zu fragen, ob Ps 33 deshalb keine eigene Überschrift
hat, weil die nachexilische »Armenredaktion« ihn als »Fortsetzung« des voran­
stehenden Ps 32 einfügte. Daß die Psalmen 32 und 33 keine ursprüngliche Ein­
1: heit darstellen, ist unbestreitbar, aber andererseits ist 3211 nun als Überleitung
nach 331 zu lesen (vgl. die Stichwortbeziehungen; in EÜ nicht vollständig ver­
wirklicht!). Der nun entstehende Zusammenhang 32-33, der auf der Text­
ebene selbst vor allem in 328 durch die Motive vom Plan JHWHs (vgl. 3310"11)
und vom (gütigen) Auge JHWHs (vgl. 3318) sowie durch das in 32-33 mehr­
fach explizierte Thema der »Güte« (bcesced) JHWHs gegeben ist, ist theolo­
I gisch höchst bedeutsam: Ps 33 ist dann das »neue Lied«, das aus der Erfahrung
der Sündenvergebung erwächst (zur Theologie von dem sein Volk durch die
if
;
Ps 33 DIE PSALMEN 207
Vergebung erneuernden Gott JHWH vgl. besonders Jer 3131-34): Ps 33 ist im
Horizont von Ps 32 ein Hymnus »der Gerechten« über die sich in der Bundes­
erneuerung offenbarende Güte JHWHs, die programmatisch in Ps 25, dem
Eröffnungspsalm der Komposition 25-34, anklingt.

331 Ihr Gerechten, jubelt vor dem Herrn; 3211 922


für die Frommen ziemt es sich, Gott zu loben.
2 Preist den Herrn mit der Zither, 924
spielt für ihn auf der zehnsaitigen Harfe!
3 Singt ihm ein neues Lied, 404 96*
greift voll in die Saiten und jubelt laut! 9811449
149*
4 Denn das Wort des Herrn ist wahrhaftig, Jdt 161 13
Jes 4210
all sein Tun ist verläßlich. Offb 59 143
5 Er liebt Gerechtigkeit und Recht,
die Erde ist erfüllt von der Huld des Herrn. 11964

6 Durch das Wort des Herrn wurden die Himmel geschaffen, Gen i^-8.'4-18
ihr ganzes Heer durch den Hauch seines Mundes. Joh l3
7 Wie in einem Schlauch faßt er das Wasser des Meeres, Ijob 388-'1
verschließt die Urflut in Kammern.
8 Alle Welt fürchte den Herrn; 67*
vor ihm sollen alle beben, die den Erdkreis bewohnen.
9 Denn der Herr sprach, und sogleich geschah es; 14S5
er gebot, und alles war da. Gen l3-26
Sir 3916
10 Der Herr vereitelt die Beschlüsse der Heiden, Jes 4813
er macht die Pläne der Völker zunichte. lOf:
Spr 1921
11 Der Ratschluß des Herrn bleibt ewig bestehen,
die Pläne seines Herzens überdauern die Zeiten. Jes 408 4610
12 Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, 144is
der Nation, die er sich zum Erbteil erwählt hat. Ex 196
Dtn 76
13 Der Herr blickt herab vom Himmel, 13-15: 142
er sieht auf alle Menschen. 10220
2 Chr 169
14 Von seinem Thronsitz schaut er nieder Ijob 3421
auf alle Bewohner der Erde. Sir 15l8f
15 Der ihre Herzen gebildet hat, 949-m

er achtet auf all ihre Taten.


16 Dem König hilft nicht sein starkes Heer, 16f: 208
der Held rettet sich nicht durch große Stärke. 1 Sam 146
1745-47
17 Nichts nützen die Rosse zum Sieg,
mit all ihrer Kraft können sie niemand retten.
18 Doch das Auge des Herrn ruht auf allen, 32* 3416
die ihn fürchten und ehren, Sir 3419
i
die nach seiner Güte ausschaun;
; 19 denn er will sie dem Tod entreißen 3719
und in der Hungersnot ihr Leben erhalten. Ijob 520
208 DIE PSALMEN Ps 33
34 1159-11 20 Unsre Seele hofft auf den Herrn;
er ist für uns Schild und Hilfe.
9017 21 Ja, an ihm freut sich unser Herz,
wir vertrauen auf seinen heiligen Namen.
22 Laß deine Güte über uns walten, o Herr,
denn wir schauen aus nach dir.

u Wörtlich: »Jubelt über JHWH.«


,b Wörtlich: »Den Redlichen ziemt Lobgesang ft'hilläb).«
*5b Genauer: »von der Güte« (hcescedwie in 18.22 )•
7a EÜ korr nach G k'no'd »wie in einem Schlauch« statt MT kanned »als
Wall/wie zu einem Wall« (vgl. Ex 158 Jos 31316 Ps 7813); MT könnte
durchaus beibehalten werden.
8 Auch indikativische Übersetzung möglich. EÜ »Welt«, genauer »Erde«
(wie 5b ,4b).
15b MT hat zusätzlich: »allesamt«.
18 In MT nur ein Bikolon; EÜ ergänzt (verdeutlichend) »und ehren«.
191 Wörtlich: »um ihre Seele/ihr Leben aus dem Tod zu retten«.

Aufgesang 1-3: Mit Imperativen wer­ der Götter und lebensbedrohlichen


den »die Gerechten« und »die Redli­ Mächte sowie Lebensfülle für alle,
chen« aufgefordert, über JHWH die JHWH als ihren König anneh­
(d.h. über sein Wirken) zu jubeln men (vgl. Ps 29 als Mitte der Kompo­
und ihm ein mit Trag- und Standleier sition 25-34).
(kinnör, EÜ »Zither*, ist die volks­
tümliche »Tragleier«, besonders der Thema 4-5: Inhalt des Hymnus ist
Hirten; nebcel, EÜ »Harfe«, ist die JHWHs Reden und Tun unter den
größere und seltenere »Standleier«, qualitativen Aspekten von Redlich-
die ursprünglich eher im höfischen keit/Aufrichtigkeit und Zuverlässig­
und gehobenen Milieu beheimatet keit/Treue. Sein Wort ist lauter und
war) begleitetes »Loblied« (tehilläh) wahr (vgl. Jes 4519), und all sein Wal­
zu singen. Es soll ein »neues Lied« ten entspricht seinem einmal ergan­
sein, das »mit Jubel« (t'rü'äh) verbun­ genen Wort (vgl. Dtn 324). Auf die
den sein soll. Wie Ps 404 961 981 1491 von ihm gegebenen Verheißungen
Jes 4210 zeigen, hat die frühestens in und Ordnungen kann man bauen,
der Exilszeit aufgekommene Be­ denn er selbst handelt nach ihnen. Er
zeichnung »neues Lied« drei Konno- hat seiner Schöpfung eine alles
tauonen : . Es heißt nicht »neu« im durchwaltende gerechte Lebensord­
Gegensatz zu »alt, veraltet«, sondern nung (Tdäqäh ümispäf) eingestiftet,
weil es eine neu machende, erneu­ an die er sich selbst hält und über die
ernde Botschaft von einer erneuten er wacht, weil er sie als guter König
Zuwendung JHWHs singt. 2. Die liebt (vgl. Ps ll7 3728 994 Jes 618).
Kategorie »neu« zeigt eine eschatolo- Prinzip dieser Lebensordnung ist
gische Dynamik an. 3. Hauptthema seine Güte (vgl. Jer 23), die die Erde
der »neuen« Lieder ist die Hoffnung umhüllt und erfüllt (5b ist eine Neu­
auf das Offenbarwerden der univer­ interpretation von Jes 63; seine könig­
salen Königsherrschaft JHWHs un­ liche Mächtigkeit erweist sich als
ter dem Doppelaspekt Entmachtung Güte).
Ps 33 DIE PSALMEN 209
Erste Entfaltung 6-12: In einem Span­ Volk« JHWHs verhindern wollten
nungsbogen, der an die pentateuchi- und wollen (im Sinne des Psalms:
sche Geschichtserzähiung erinnert, vom ägyptischen Pharao bis zu den
wird das Gemeinschaftsverhältnis Fremdherrschem der Exils- und
JHWH-Israel, das in 12 in einer auf Nachexilszeit), weil sein einmal ent­
die Bundesformel (JHWH der Gott worfener Plan und gefaßter Ent­
Israels - Israel das Eigentumsvolk schluß »auf ewig bestehen bleibt«. Als
JHWHs, vgl. den Grundtext Dtn »Erbbesitz« JHWHs bleibt Israel sei­
2617-19) anspielenden Seligpreisung nem Gott, was immer an Katastro­
zusammengefaßt ist, als Verwirkli­ phen hereinbrechen mag, dauerhaft
chung des mit der Schöpfung von und gewissermaßen unveräußerlich
Himmel, Meer und Erde (der Psalm (Kategorie des Eigentumsrechts!)
greift das dreiteilige Weltbild auf) be­ verbunden. Und insofern der Welt­
gonnenen Geschichtsplans erzählt. herrscher JHWH sich aus der Viel­
Die Erschaffung des Himmels und zahl der Völker Israel als sein Erbteil
des an ihm sich geordnet bewegen­ ausgewählt hat (vgl. Ex 195f), hat er
den Heeres der Gestirne (vgl. Gen dafür eine besondere Fürsorge- und
1,4"18 21 sowie Ps 84 1474f Ijob 383,f Jes Schutzpflicht übernommen.
4026) wird in 6 als »Schöpfung durch
das Wort« gedeutet, weil damit zwei Zweite Entfaltung 13-19: Von seinem
wichtige Aussagen gleich an den An­ himmlischen Wohnsitz aus, wo er als
fang gestellt werden: 1. Insofern das königlicher Weltenrichter thront, er­
Wort der zur Sprache gewordene forscht er jeden einzelnen bis ins In­
Gedanke des Schöpfergottes (vgl. 10) nerste (vgl. Ps II4-7 142). Weil er »alle
ist, wird betont, daß der Schöpfer Menschenkinder« kunstvoll geschaf­
durch seine Schöpfung eine grundle­ fen hat (vgl. Ps 1391*-16 Ijob 108-11)
gende Ordnung eingestiftet hat und und weil er insbesondere ihr Herz,
daß der Schöpfungsprozeß insgesamt den Sitz der Gedanken und Pläne,
ein Wort ist, durch das der Schöpfer »formt« (jo$er: hymnisches Partizip),
sich selbst mitteilt (vgl. 1219). 2. Inso­ kennt und durchschaut er »das Herz«
fern das Schöpfungswort ein Befehls­ aller Menschen (1 Kön 839 Ps 4422
wort ist (vgl. 9), das wie ein altorien­ 13923 Spr 15M). Die Kontrastbilder 16f
talisches Königsedikt geradezu bzw. l8f halten fest, wem dabei der
zwangsläufig zur Ausführung ge­ wohlgefällige und rettende Blick
langt (vgl. auch Gen 1), setzt sich das JHWHs (»das Auge« ,8a ist Oxymo­
mit der Schöpfung initiierte Gesche­ ron für die huldvolle Zuwendung des
hen unaufhaltsam durch. Diesen Angesichts: vgl. besonders 1 Kön 852)
Aspekt vertieft 7 mit dem Bild von gilt: Nicht den Mächtigen, die auf
JHWH als dem Bändiger der Chaos­ kriegerische Macht setzen und diese
wasser (im Hebr unterstreichen die vergötzen, sondern den Schwachen
Partizipien das andauernde Tätig­ und scheinbar Ohnmächtigen, die
sein!). Diesen machtvollen Schöpfer sich ganz nach JHWHs Güte aus­
und Erhalter des Kosmos sollten alle strecken und darin ihr Lebensglück
Lebewesen der Erde als ihren Herrn erhoffen (zur Rettung Israels aus
anerkennen und seinem Schöpfungs­ »Tod« und »Hunger« vgl. besonders
und Geschichtsplan gemäß leben 8. Ex 14—16 Ez 37,-,4; zur Rettung der
Das expliziert 9-12 an der Geschichte »Gottesfürchtigen« aus tödlicher
Israels. JHWH vereitelte und verei­ Hungersnot vgl. 1 Sam 24 6 Ps 1079 Lk
telt immer noch die Pläne der Völker, 1”).
I die Israels Weg zum »Erbbesitz-
:

I
210 DIE PSALMEN Ps 34
Abgesang 20-22 :
Der »Abgesang«, in Zuflucht des einzelnen (Ps 34 7n 1831
welchem die den Hymnus singende 287 u. ö.). Auch das Motiv der Freude
»Gemeinde« das in 4-19 entworfene in 2U fügt sich als Freude über die
JHWH-Bild zur Hoffnungsperspek­ Rettung vor den Feinden in diese Me­
tive ihres Lebens macht, verwendet taphorik (vgl. 1 Sam 119 195 2 Sam l20
wieder Kriegsmetaphorik, allerdings Ps 212 Jes 259 3029 u.ö.), die freil