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WiSe 2017/18 BA-VO „Synchrone Sprachwissenschaft im Überblick Skript 2

(Russisch / Ukrainisch)

Lautsystem
Zwei Disziplinen – Phonologie und Phonetik (entsprechend der Dichotomie langue– parole)

Phonetik
Aufgabengebiete: Hervorbringung, Übertragung, Wahrnehmung der Laute →
- Artikulatorische Phonetik
 Traditionelle Klassifikationen der Vokale / Konsonanten (s. dazu u.)
- Akustische Phonetik
- Auditive Phonetik

Phonologie1
Phonemdefinition: kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit der Sprache
Phonembestand: in natürlichen Sprachen ist die Zahl der Phoneme deutlich beschränkt; es
gibt auch eine gewisse Korrelation (umgekehrte Proportion) zwischen der Anzahl der Vokal-
und der der Konsonantenphoneme.
Ermittlung des Phonembestands: durch Minimalpaare (zwei bedeutungstragende Lautketten,
die sich nur durch ein Phonem – und die Bedeutung – unterscheiden).
Phon2 – Phonem – Allophon (Phonemvariante)
Allophone:
(a) Kombinatorische (= stellungsbedingte): Bsp.: ich- vs. ach-Laut im Deutschen (Positi-
on nach vorderem/hinterem Vokal); kombinatorische Allophone befinden sich zuei-
nander im Verhältnis der komplementären Distribution.
(b) Fakultative (freie): Bsp.: Zungen- vs. Zäpfchen-r im Deutschen.

Lautbestand
Laute einer Sprache werden grundsätzlich in Vokale (V) und Konsonante (C) eingeteilt
Phonembestand des Russischen: 5 Vokal- / 37 Konsonantenphoneme
Phonembestand des Ukrainischen: 6 Vokal- / 32 Konsonantenphoneme.

Vokale
 Bestand im Russischen: /e/,3 /i/, /a/, /o/, /u/
 Bestand im Ukrainischen: /ï/, /i/, /e/, /a/, /u/, /o/.
! Der Phonemstatus von y wird in der Russistik kontrovers behandelt: (a) als selbständiges, 6.
Vokalphonem; (b) als kombinatorische Variante von /i/.

Klassifikation:
(1) Nach Zungenhöhe:
 Russisch: obere V: /i/, /u/; mittlere V: /e/, /o/; unterer V: /a/
 Ukrainisch: obere V: /ï/,4 /u/; mitllerer-oberer V: /i/; mittlere V: /e/, /o/; unterer V:
/a/

1
Empfohlene weiterführende Lektüre: H. PELZ, Linguistik bzw. Linguistik für alle (beliebige Auflage).
2
Begriff nachschlagen.
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Phonologische Transkription benutzt schräge Klammern: //, phonetische – eckige: [].
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Ein besonderer Laut, jotiertes /i/.
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(2) Nach Zungenstellung:


 Russisch: vordere V: /i/, /e/; mittlerer V: /a/; hintere V: /u/, /o/
 Ukrainisch: vordere V: /ï/, /i/, /e/; nicht-vordere V: /a/, /u/, /o/
(3) Nach Lippenrundung (Labialisierung):
 Russisch: nicht-labialisierte V: /i/, /e/, /a/; labialisierte V: /u/, /o/
 Ukrainisch: nicht-labialisierte V: /ï/, /i/, /e/, /a/; labialisierte V: /u/, /o/.
Die Gesamtmenge der Merkmale (= Mermalmatrix) erlaubt es, ein Phonem eindeutig zu be-
stimmen – keine Phoneme haben die gleiche Merkmalmatrix!5
Versuchen Sie, den Vokalbestand und die Klassifikationsmerkmale im Russischen / Ukraini-
schen mit dem des Deutschen zu vergleichen!6

Konsonanten
Klassifikation
 Stimmhaft – stimmlos
 Nach Artikulationsort (von vorne am Kopf nach hinten):
Bestand des Russischen:
 Labiale (Lippen-C):
(a) Bilabiale: /p/, /p`/, /b/, /b´/, /m/, /m´/
(b) Labio-dentale: /f/, /f´/, /v/, /v´/
 Dentale (Zahn-C): /t/, /t´/, /d/, /d´/, /c/, /s/, /s´/, /z/, /z´/, /n/, /n´/, /l/, /l´/
 Palatale (präpalatale) (palatum – weicher Gaumen): /č/, /š/, /šč/, /ž/, /ž´/, /r/, /r´/
 Velare (velum – harter Gaumen): /k´/, /k/, /g´/, /g/, /h´/, /h/
/j/ hat Zwischenstellung zwischen den Palatalen und den Velaren (= mediodorsal / mediopala-
tal).
Bestand des Ukrainischen:
 Labiale (Lippen-C):
(a) Bilabiale: /p/, /b/, /v/, /m/
(b) Labio-dentale: /f/
 Palatale (präpalatale): /t/, /d/, /s/, /s´/, /š/, /z/, /z´/, /ž´/, /c/, /c´/, /č/, /dz/, /dz´/, /dž/,
/n/, /l/, /r/, /r´/
 Velare: /k/, /g/7, /h/
Eine Zwischenstellung zwischen den Palatalen und den Velaren (= mediodorsal / mediopala-
tal) haben: /t´/, /d`/, /j/, /n´/, /l´/
 Pharingal: /γ/8
 Nach Artikulationsart:

5
Tabellarische Darstellung der Vokale des Russischen s. bei LEHMANN und BRUNS.
6
Entsprechende tabellarische Übersicht findet man bei PELZ.
7
Das plosive /g/, graphische Wiedergabe durch: ґ.
8
Das frikative /h/, graphische Wiedergabe durch: г.
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Russisch:
 Verschlusslaute (Plosive): /p/, /p`/, /b/, /b´/, /t/, /t´/, /d/, /d´/, /k´/, /k/, /g´/, /g/
 Affrikate: /c/, /č/
 Frikative: /f/, /f´/, /v/, /v´/, /s/, /s´/, /z/, /z´/, /š/, /šč/, /ž/, /ž´/, /h´/, /h/, /j/
 Sonanten:
 Nasale: /m/, /m´/, /n/, /n´/
 Laterale: /l/, /l´/
 Vibranten: /r/, /r´/
 Gleitlaut:9 /j/
Ukrainisch:
 Verschlusslaute (Plosive): /p/, /b/, /t/, /t´/, /d/, /d´/, /k/, /g/
 Affrikate: /c/, /c´/, /č/, /dz/, /dz´/, /dž/
 Frikative: /f/, /v/, /s/, /s´/, /z/, /z´/, /š/, /ž/, /γ/, /h/, /j/
 Sonanten:
 Nasale: /m/, /n/, /n´/
 Laterale: /l/, /l´/
 Vibranten: /r/, /r´/.
Versuchen Sie, den Vokalbestand und die Klassifikationsmerkmale im Russischen / Ukraini-
schen mit denen des Deutschen zu vergleichen!
Aus der Übersicht oben geht deutlich ein Merkmal des Ostslawischen hervor, besonders prä-
sent im Russischen: Palatalität als zusätzliches distinktives Merkmal auf der langue-Ebene
bei C: Im Russischen haben die meisten C ein palatalisiertes Partner-Phonem.
10
Morphonologie
Der Begriff geht auf den → Prager Linguistischen Zirkel zurück. Der Status als eigenständige Disziplin
ist allerdings umstritten. Sie befasst sich mit den Alternationen der Phonem (s. dazu u.) sowie der
morphologischen Realisierung der Phoneme (Verwendung / Vorkommen der Phoneme in den Mor-
phemen).11

Lautalternationen / Lautwechsel12
Sie können historisch oder positionsbedingt sein.
Dazu zählen:
1. Assimilation (= Anpassung; Unterart: Dissimilation = unähnlich werden) an die lautli-
che Umgebung
2. Akkomodation: im russischen v. a. als Angleichung der V an die Qualität der C der
Umgebung
3. Reduktion: sehr stark vertreten im Russischen bei V in den unbetonten Positionen –
während im Ukrainischen V auch in dieser Position ihre Merkmale im Wesentlichen
behalten.
Diese Lautwechsel sind auf der parole-Ebene angesiedelt.

9
Nach einigen Klassifikationsmodellen.
10
Kleiner gesetzte Passagen stellen fakultatives Material dar.
11
Eine gute Darstellung dieser Disziplin findet man bei BRUNS (13.4).
12
S. dazu entsprechendes Unterkapitel bei LEHMANN und BRUNS.
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Dagegen greifen historische Lautalternation in die langue-Ebene sowie in die graphische Re-
alisation ein, vgl.:
1. Sg. Prs.: пишу – Inf. писáть
1. Sg. Prs.могу – 2. Sg. Prs. можешь
1. Sg. Prs. люблю – Inf. любить etc.
Prosodie13
Intonation: Starke einzelsprachliche Spezifik
Akzent: Im Ostslawischen mechanischer (dynamischer), freier (beweglicher) Akzent.14

Graphisches System
Graphem (Buchstabe) – Allograph (Variante des Graphems – z. B., Druckbuchstabe, ge-
schriebener Buchstabe, Kursivdruck etc.)
Kyrillisches Alphabet (kyrillica) wird heute verwendet im Russischen, Ukrainischen, Belarus-
sischen, Bulgarischen, Mazedonischen, Serbischen (zusammen mit latinica), Montenegrini-
schen (dto.).15 Andere slawische Sprachen verwenden die sog. latinica.16
Entstehung
Im 10. Jh. im 1. Bulgarischen Reich, durch die Schüler der sog. Slawischen Apostel, Kyrill
und Method, in starker Anlehnung an die griechische Majuskelschrift (bedingt durch den kul-
turellen und politischen Einfluss des nahen Bysanz – aus Byzanz wurde das 1. Bulgarische
Reich christianisiert).17
Geschichte
Mitte des 9. Jh.s wurden ins Großmährische Reich, damals einen mächtigen Staat, auf Bitte
des Großfürsten, aus Byzanz Missionare geschickt, die in slawischer Sprache missionieren
konnten – die gelehrten Brüder Kyrill und Method, selbst aufgewachsen in einer slawisch-
sprachigen Umgebung von Thessaloniki. Sie erschufen das erste slawische Alphabet, glagoli-
ca, deren Vorlage(n) bis heute ein Rätsel bleiben, und die erste slawische Schriftsprache, das
Altkirchenslawische. Die spätere entwickelte kyrillica hat allerdings glagolica recht bald fast
vollständig verdrängen können.
Die alte kyrillica umfasste mehrere dem griechischen Alphabet entnommene bzw. nachge-
ahmte Grapheme, einige aus dem Griechischen übernommene Originalgrapheme, sowie eini-
ge speziell für das Slawische entwickelte Grapheme – sie orientierte sich dabei an dem slawi-
schen Phonembestand der damaligen Zeit.
Da diese, sog. kirchliche kyrillica sich nicht gut für den Buchdruck eignete, wurde sie in
Russland vom Peter I zu Beginn des 18. Jh.s reformiert – es entstand die sog. bürgerliche ky-
rillica, die der heutigen schon sehr ähnlich ist. Nach der Oktoberrevolution von 1917 wurde
der russische Graphembestand noch einmal reformiert.

13
S. dazu BRUNS 13.2.5.
14
Welche anderen Akzente (fest, tonisch etc.) gibt es? In welchen Sprachen?
15
Diese Länder werden der sog. Slavia Orthodoxa zugerechnet.
16
Diese Länder werden der sog. Slavia Latina (Romana) zugerechnet.
17
Vgl. Skripten zum Kurs „Grundlagen der Slawistik“.
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(Russisch / Ukrainisch)

Kyrillische Alphabete heute


Das Ukrainische hat einige abweichende Grapheme, die die Spezifik des ukr. Phonembe-
stands wiedergeben.18

18
Für weiterführende Lektüre eignen sich entsprechende Kapitel aller gängigen Lehrbücher fürs Ukrainische
sowie Grammatiken.
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Wissenschaftliche Transliteration19
= konsequente (im Optimalfall 1 Laut : 1 Graphem) Umsetzung der Phoneme in Grapheme.

Orthographie (Rechtschreibung)
(→ präskriptive Hilfsdisziplin)
Sie regelt u. a. die Groß- und Kleinschreibung, Zusammen- und Getrenntschreibung, Silben-
trennung, Interpunktion – diese Regeln können in verschiedenen Sprachen sehr unterschied-
lich ausfallen. So hat z. B. das Serbische oder das Kroatische eine weitgehend phonologische
Rechtschreibung (= graphische Manifestation entspricht maximal der Aussprache) – ein Ge-
genstück dazu bildet das Englische. Eine Mittelposition nehmen das Russische, Deutsche und
Ukrainische ein. Im Belarussischen, z. B., wird die Reduktion des unbetonten /o/ (das. sog.
akan´e) orthographisch manifestiert.

19
Transliterationstabelle s. LEHMANN.
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