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Andreas Hepp · Friedrich Krotz · Tanja Thomas (Hrsg.

Schlüsselwerke der Cultural Studies


Medien – Kultur – Kommunikation
Herausgegeben von
Andreas Hepp und
Waldemar Vogelgesang

Kulturen sind heute nicht mehr jenseits von Medien vorstellbar: Ob wir an unsere eigene
Kultur oder ,fremde’ Kulturen denken, diese sind umfassend mit Prozessen der Medienkom-
munikation durchdrungen. Doch welchem Wandel sind Kulturen damit ausgesetzt? In wel-
cher Beziehung stehen verschiedene Medien wie Film, Fernsehen, das Internet oder die
Mobilkommunikation zu unterschiedlichen kulturellen Formen? Wie verändert sich Alltag
unter dem Einfluss einer zunehmend globalisierten Medienkommunikation? Welche Medien-
kompetenzen sind notwendig, um sich in Gesellschaften zurecht zu finden, die von Medien
durchdrungen sind? Es sind solche auf medialen und kulturellen Wandel und damit ver-
bundene Herausforderungen und Konflikte bezogene Fragen, mit denen sich die Bände der
Reihe „Medien – Kultur – Kommunikation“ auseinander setzen wollen. Dieses Themenfeld
überschreitet dabei die Grenzen verschiedener sozial- und kulturwissenschaftlicher Diszi-
plinen wie der Kommunikations- und Medienwissenschaft, der Soziologie, der Politikwissen-
schaft, der Anthropologie und der Sprach- und Literaturwissenschaften. Die verschiedenen
Bände der Reihe zielen darauf, ausgehend von unterschiedlichen theoretischen und empi-
rischen Zugängen das komplexe Interdependenzverhältnis von Medien, Kultur und
Kommunikation in einer breiten sozialwissenschaftlichen Perspektive zu fassen. Dabei soll
die Reihe sowohl aktuelle Forschungen als auch Überblicksdarstellungen in diesem Bereich
zugänglich machen.
Andreas Hepp
Friedrich Krotz
Tanja Thomas (Hrsg.)

Schlüsselwerke
der Cultural Studies
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
<http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

1. Auflage 2009

Alle Rechte vorbehalten


© VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2009

Lektorat: Barbara Emig-Roller

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von jedermann benutzt werden dürften.

Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg


Satz: Dirk Reinhardt, Münster
Druck und buchbinderische Verarbeitung: Krips b.v., Meppel
Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier
Printed in the Netherlands

ISBN 978-3-531-15221-9
Inhalt

Andreas Hepp, Friedrich Krotz & Tanja Thomas


Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

I. Theoretische Bezugsfelder
Lars Grabbe & Patrick Kruse
Roland Barthes: Zeichen, Kommunikation und Mythos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
Ralph Weiß
Pierre Bourdieu: Habitus und Alltagshandeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
Veronika Krönert
Michel de Certeau: Alltagsleben, Aneignung und Widerstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
Tanja Thomas
Michel Foucault: Diskurs, Macht und Subjekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
Ines Langemeyer
Antonio Gramsci: Hegemonie, Politik des Kulturellen, geschichtlicher Block . . . . . 72
Brigitte Hipfl
Jacques Lacan: Subjekt, Sprache, Bilder, Begehren und Fantasien . . . . . . . . . . . . . . 83
Udo Göttlich
Raymond Williams: Materialität und Kultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94

II. Werke der Cultural Studies


Johanna Dorer
Ien Ang: Publika und Postmoderne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
Ben Bachmair & Andrew Burn
David Buckingham: Kindheit, Handlungsfähigkeit und Literalität . . . . . . . . . . . . . 120
Christoph Jacke
John Clarke, Toni Jefferson, Paul Willis und Dick Hebdige:
Subkulturen und Jugendstile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
Lothar Mikos
John Fiske: Populäre Texte und Diskurs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
Andreas Hepp
Néstor García Canclini: Hybridisierung, Deterritorialisierung
und „cultural citizenship“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
Caroline Düvel
Paul Gilroy: Schwarzer Atlantik und Diaspora . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176
6 Inhalt

Jeffrey Wimmer
Henry A. Giroux: Kritische Medienpädagogik und Medienaktivismus . . . . . . . . . . 189
Rainer Winter
Lawrence Grossberg: Populärkultur und Handlungsfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . 200
Friedrich Krotz
Stuart Hall: Encoding/Decoding und Identität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210
Rudi Renger
John Hartley: Populärer Journalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224
Sebastian Deterding
Henry Jenkins: Textuelles Wildern und Konvergenzkultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235
Andreas Hepp
Richard Johnson: Kreislauf der Kultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247
Carsten Winter
James Lull: Weltfamilien und Superkulturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
Anette Baldauf
Angela McRobbie: Mädchenkultur und Kreativwirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267
Jutta Röser
David Morley: Aneignung, Ethnografie und die Politik des Wohnzimmers . . . . . . 277
Elisabeth Klaus
Janice Radway: „Frauengenres“ und alltägliche Produktion von Gender . . . . . . . . 290
Maren Hartmann
Roger Silverstone: Medienobjekte und Domestizierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304
Brigitte Hipfl & Matthias Marschik
Valerie Walkerdine: Subjektivierung und Subjektivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 316

Über die Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327


Stichwortverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332
Einleitung
Andreas Hepp, Friedrich Krotz & Tanja Thomas

1. Vom transdisziplinären Ansatz zu Schlüsselwerken


Dass „Cultural Studies“ nicht einfach mit „Kulturwissenschaft“ übersetzt wird, sondern als
englischsprachiger Eigenname auch im Deutschen verwendet wird, kann als charakteristisch
für deren Entwicklung gewertet werden: Seit den 1960er Jahren haben sich die Cultural Stu-
dies in Großbritannien, Australien, den USA, Europa und gegenwärtig auch zunehmend in
Asien, Lateinamerika und der Karibik zu einem viel beachteten, differenzierten Zugang ent-
wickelt, für dessen Verbreitung neben vielfältigen Publikationen mit „Cultural Studies“ im
Titel insbesondere die „Crossroads-in-Cultural-Studies“-Konferenzen stehen, die seit 1996
alle zwei Jahre stattfinden. Hieraus ist auch 2002 die „Association for Cultural Studies“
(ACS) hervorgegangen. Sind die Cultural Studies also eine ganz normale wissenschaftliche
Disziplin, deren Schlüsselwerke in diesem Band präsentiert werden?
Mit einer solchen Auffassung würde man es sich sicherlich zu leicht machen und auch
die Relevanz des vorliegenden Buchs gerade für den deutschsprachigen Raum nicht ange-
messen fassen können. Inwiefern die Sachlage bei den Cultural Studies komplexer ist und
man sie gerade deshalb – wie es Friedrich Krotz früh formuliert hat – als „Ansatz“ (Krotz
1992) begreifen und eher mit bestimmten „Denkschulen“ wie beispielsweise der Frankfur-
ter Schule vergleichen sollte als mit wissenschaftlichen Disziplinen, macht ein genauerer
Blick auf die Genese der Cultural Studies deutlich. Auch wenn die Ausdifferenzierung der
Cultural Studies eine lineare Geschichtsschreibung nicht zulässt, so hat bis heute doch das
1964 von Richard Hoggart gegründete „Centre for Contemporary Cultural Studies“ (CCCS)
an der Universität Birmingham, Großbritannien, eine zentrale Rolle bei der Konstitution der
Cultural Studies inne. Lawrence Grossberg, der selbst eine Zeit als Fellow an dem CCCS
war, begründet dies damit, dass „das Centre […] nicht nur intellektuell wichtig ist, sondern
auch als Modell interdisziplinärer, kollektiver und politisch engagierter Forschung“ (Gross-
berg 1997: 197).
Worauf er damit abhebt, ist die Forschungskultur des CCCS: Zwar finanziell sehr schlecht
ausgestattet, doch mit großem Engagement vor allem von Stuart Hall aufgebaut – der ab 1966
erster finanzierter Research Fellow und später Direktor war (bis 1979) –, versammelte das
CCCS Graduierte unterschiedlicher Disziplinen, die sich für eine kritische Analyse „gegen-
wärtiger Kultur“ interessierten (vgl. Hall 2003). Bedingt durch die strikte interdisziplinäre
Orientierung ging es innerhalb des CCCS nie darum, einen bestehenden Theoriediskurs
stringent zu tradieren und weiterzuführen. Vielmehr diente die Beschäftigung mit Theorien
der Auseinandersetzung mit spezifischen aktuellen kulturellen Phänomenen. Der dort ge-
führte theoretische Diskurs entwickelte sich in Auseinandersetzung mit den Zusammenhän-
gen zwischen Kultur(en), Identitäten, Machtverhältnissen und Handlungsfähigkeit und
konnte so u.a. Überlegungen der Semiotik, des Strukturalismus und Poststrukturalismus, der
Gender-Theorien, aber auch des Post- und Neo-Marxismus einbeziehen.
Die Entwicklung des Ansatzes der Cultural Studies auf das CCCS einzuengen, würde je-
doch zu kurz greifen. Früh gab es in Großbritannien beispielsweise mit der Open University
8 Andreas Hepp, Friedrich Krotz & Tanja Thomas

andere akademische Institutionen, die die Cultural Studies auch in der regulären Universitäts-
ausbildung etablierten. Und lässt man den Blick international schweifen, so wird deutlich,
dass verschiedene, unabhängige Traditionen kritischer Kulturanalyse in den unterschiedlichen
Ländern Cultural Studies als ihren „Ansatz“ begreifen (Ang/Stratton 1996, Stratton/Ang 1996;
Hepp 2004: 91–99). Gleichwohl bleibt das CCCS auch nach seiner umstrittenen Schließung
im Jahr 2002 (vgl. Webster 2007) durch den Umstand, dass an ihm viele der heute bekann-
testen Vertreterinnen und Vertreter der Cultural Studies arbeiteten – u.a. Hall, Angela
McRobbie oder David Morley – im Selbstverständnisdiskurs der Cultural Studies zentral
und gilt in den bereits zitierten Worten von Grossberg „als Modell interdisziplinärer, kol-
lektiver und politisch engagierter Forschung“.
Geht man von einem solchen Wissenschaftsverständnis aus, so wird an der praktischen
Arbeit am CCCS der Charakter greifbar, durch den sich bis heute die Cultural Studies an-
gemessen fassen lassen. So hat es sich eingebürgert, die Cultural Studies statt als eine Dis-
ziplin als ein inter- oder transdisziplinäres Projekt bzw. eine Formation zu begreifen. Das
macht auch Graeme Turner deutlich, wenn er schreibt, dass es ein Fehler wäre, Cultural Stu-
dies als eine neue Disziplin oder eine Konstellation von Disziplinen anzusehen (vgl. Turner
2002: 10). Cultural Studies sind seiner Argumentation nach ein interdisziplinäres Feld, in
dem bestimmte wissenschaftliche Unternehmen und Methoden miteinander konvergieren.
In ganz ähnlichem Sinne hat Hall die Cultural Studies als eine diskursive Formation be-
zeichnet:
„Cultural Studies sind eine diskursive Formation im foucaultschen Sinne. Sie haben keinen simplen Ursprung,
obwohl einige von uns dabei waren, als sie sich zum ersten Mal diesen Namen gaben. […] Cultural Studies
haben vielfältige Diskurse; sie haben eine Reihe unterschiedlicher Geschichten. Sie sind eine ganze Reihe von
Bewegungen; sie haben ihre verschiedenen Konjunkturen und wichtigen Momente in der Vergangenheit. Sie
beinhalten viele verschiedene Arbeiten […]!“ (Hall 2000: 35)

Trotz dieses „multiplen Charakters“ der Cultural Studies als Set diskursiver Formation(en),
lassen sich Grundpositionen ausmachen, die für dieses Projekt kennzeichnend sind. Eine
differenzierte und – da aus US-amerikanischer Perspektive geschrieben – jenseits des briti-
schen Kontextes adaptierbare Charakterisierung der Cultural Studies hat Grossberg in einer
Reihe von Publikationen gegeben (vgl. Grossberg 1997: 245–271; Grossberg 1999). Auch
er fasst Cultural Studies als ein Set diskursiver Formationen, wenn er schreibt: „Cultural
Studies bestehen immer und ausschließlich in kontextuell spezifischen theoretischen und in-
stitutionellen Formationen. Solche Formationen sind immer eine Reaktion auf ein bestimm-
tes politisches Projekt, das auf den verfügbaren theoretischen und historischen Ressourcen
beruht“ (Grossberg 1999: 55; Herv. i.O.).
In diesem Zitat klingt deutlich an, gegen welche Konzeptionalisierungen von Cultural
Studies sich Grossberg verwehrt, nämlich gegen all jene Versuche, Cultural Studies auf der
Basis spezifischer Methoden, Theorien oder Untersuchungsgegenstände kontextfrei festzu-
schreiben. Insbesondere soll die Metapher des Projektes deutlich machen, dass sich die Cul-
tural Studies als (Forschungs-)Ansatz in einem kontinuierlichen Prozess neu definieren
müssen, wollen sie ihre Fokussierung auf aktuelle kulturelle Entwicklungen in Gesellschaf-
ten nicht aus dem Blick verlieren. Dies kann in sehr unterschiedlichen universitären Diszi-
plinen und institutionellen Kontexten geschehen, allerdings auf der Basis eines spezifischen
Grundverständnisses von Cultural Studies, das – in Anlehnung an Überlegungen von Gross-
berg – mittels von fünf „Schlagwörtern“ gefasst werden kann: erstens dem der radikalen
Kontextualität, zweitens dem Theorieverständnis der Cultural Studies, drittens ihrem inter-
Einleitung 9

ventionistischen Charakter, viertens ihrer Interdisziplinarität und schließlich fünftens ihrer


Selbstreflexion. Hinzu kommt, dass, auch wenn sich die Cultural Studies nicht auf einen ein-
zelnen Forschungsgegenstand einengen lassen, in deren Tradition doch bestimmte Bereiche
(vor allem der der Populärkultur) einen herausragenden Stellenwert haben.
1. Der Ausdruck der radikalen Kontextualität oder des radikalen Kontextualismus fasst
als eine grundlegende Orientierung einen spezifischen Anti-Essentialismus, der sich in dem
Verständnis manifestiert, dass kein kulturelles Produkt und keine kulturelle Praxis außerhalb
des kontextuellen Zusammenhangs fassbar ist, in dem diese stehen. Befassen sich die Cul-
tural Studies also mit der Rolle kultureller Praktiken bei der Artikulation soziokultureller
Wirklichkeit, so geschieht dies unter Einbezug der verschiedenen in diesem Zusammenhang
relevanten „Kräfte“ und „Interessen“, ohne dass eine von diesen monokausal als die „ei-
gentlich relevante“ apostrophiert wird. Bezogen auf medienvermittelte Texte weist eine sol-
che Position der radikalen Kontextualität die „Vorstellung zurück, dass man aufgrund der
Tatsache, dass ein kultureller Text als Ware unter kapitalistischen Bedingungen hergestellt
wird, bereits im Voraus weiß, wie er politisch zu beurteilen wäre“ (Grossberg 1999: 65). Un-
ter Bezug auf den kulturellen Kreislauf macht uns allerdings Richard Johnson darauf auf-
merksam, dass die Produktion(sbedingungen) kultureller Texte, ihre Interpretationen und
letztlich die Anschlussfähigkeit kultureller Bedeutungen in ihren Bezügen zueinander ana-
lysiert werden müssen: „Die einzelnen Momente lassen sich zwar analytisch trennen, sind
aber nicht diskret, folglich müssen wir das aufspüren, was Marx ihre ‚inneren Verbindun-
gen‘ und ‚wirklichen Gemeinsamkeiten‘ genannt hätte“ (Johnson 1999: 181).
2. Diese Position hat auch Auswirkungen auf das Theorieverständnis der Cultural Stu-
dies. Einerseits betonen die verschiedensten Vertreterinnen und Vertreter der Cultural Stu-
dies die Bedeutung von Theoriearbeit, d.h. Cultural Studies sind für sie grundlegend theo-
retisch orientiert. Grundposition ist dabei, dass einzelne zu erforschende Kontexte nicht
direkt empirisch zugänglich sind, sondern die unabdingbare Voraussetzung für jede Empirie
eine theoriegeleitete Fokussierung ist. Andererseits ist aber auch keine Theorie kontextfrei
zu sehen, d.h. sie muss immer auf den Kontext bezogen werden, zu dessen Erfassen sie ent-
wickelt wurde. Deutlich hat dies Hall betont, wenn er schreibt, dass der „Zweck des Theo-
retisierens […] darin [besteht], uns Möglichkeiten zu eröffnen, die historische Welt und ihre
Prozesse zu erfassen, zu verstehen und zu erklären, um Aufschlüsse für unsere eigene Pra-
xis zu gewinnen und sie gegebenenfalls zu ändern“ (Hall 1989: 173). Theorie ist immer die
Antwort auf spezifische Fragen in spezifischen Kontexten und ihr Wert misst sich daran, in-
wieweit sie geeignet ist, das Verständnis von bestimmten Kontexten zu verbessern. Theorie
sollte demnach nie zu einer „Hypothek“ für aktuelle Forschung werden in dem Sinne, dass
sie die zu stellenden Fragen von vornherein auf bestimmte mögliche Antworten einschränkt.
Sie ist eher eine Art „Leitfaden“ für empirische Forschungsarbeit.
3. Wie in dem Zitat von Hall mit seiner Betonung anklingt, dass Theorie helfen solle, die
„historische Welt […] gegebenenfalls zu ändern“, gehen die Vertreterinnen und Vertreter der
Cultural Studies von einem interventionistischen Charakter ihres Projektes aus. Diesem An-
satz geht es nicht um die zweckfreie Produktion von Wissen, sondern darum, solches Wis-
sen zu produzieren, das Hinweise darauf gibt, wie sich gegenwärtige soziokulturelle Pro-
bleme und Konflikte lösen lassen. Entsprechend formuliert Hall: „Was ist das Spezifische,
das Besondere an der Perspektive Cultural Studies? Ich glaube, die Frage der Politik des
Kulturellen oder der Kultur des Politischen kommt dem Begriff sehr nahe oder steht im Zen-
trum der Cultural Studies“ (Hall 2000: 141). Studien der Cultural Studies wie beispielsweise
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die der „Women’s Group“ des CCCS (vgl. CCCS 1978) mit ihrer feministischen Orientie-
rung oder solche von Vertreterinnen und Vertretern einer kritischen Pädagogik sind auch ex-
plizit politisch orientiert gewesen.
Demgegenüber nimmt Grossberg zwanzig Jahre später eine distanzierte Position ein und
macht darauf aufmerksam, dass Cultural Studies gegenwärtig „eine gewisse Distanz zu den
bestehenden Wirkungskreisen von Politik“ (Grossberg 1999: 31) verlangen. Diese Äuße-
rung ist vor dem Hintergrund eines kontextualisierenden Verständnisses zu sehen, wonach
Interventionen in gegenwärtigen, (post- oder spät-)modernen Gesellschaften etwas anderes
bedeuten, als dies Mitte der 1970er Jahre beispielsweise in Großbritannien der Fall war.
Gleichwohl: Das Ziel der Cultural Studies ist es nach ihrem Selbstverständnis, nicht Tages-
politik zu betreiben, wohl aber, ein Wissen zu produzieren, das Interventionen und Verän-
derungen ermöglicht. Wie Hall und Joel Pfister herausgestrichen haben, muss man genau an
diesem Punkt vorsichtig sein, die Cultural Studies als wissenschaftliche Praxis nicht zu ro-
mantisieren (vgl. Hall 2000: 49–51; Pfister 1996: 296). Und wie Cary Nelson schreibt:
„[P]olitisches Handeln und Cultural Studies sind nicht austauschbar. […] Es sollte nicht not-
wendig sein, dies zu sagen, aber anscheinend ist es: Die Cultural Studies sind ein Set von
Schreibpraktiken; sie sind eine diskursive, analytische, interpretative Tradition“ (Nelson
1996: 278). Dies nicht infragestellend sehen einzelne Vertreterinnen und Vertreter der Cul-
tural Studies – wie beispielsweise Chris Barker (Barker 2003: 187–189) – es bis heute als
eine der zentralen Aufgaben der Cultural Studies an, als akademischer Ansatz kritisches
Wissen beispielsweise neuen sozialen Bewegungen zur Verfügung zu stellen. Insbesondere
angesichts der Diskussion um die „Ökonomisierung des Sozialen“ und die „Verbetriebli-
chung“ der Universitäten und Wissenschaften wird aktuell die Debatte um die „Politik der
Cultural Studies“ bzw. „Cultural Studies als Politik“ (Harrasser/Riedmann/Scott 2007) wie-
der verstärkt geführt (vgl. dazu auch die Beiträge von Pepi Leistyna und Lutz Musner in der
Zeitschrift „Das Argument“, Bd. 4/2008); sie geht freilich nicht einher ohne eine Reaktua-
lisierung der Auseinandersetzung mit Politikbegriffen und der Rolle der Intellektuellen.
4. Bereits mit Bezug auf das CCCS klang die Inter- und Transdisziplinarität von Cultu-
ral Studies an. Interdisziplinarität ist sicherlich ein Schlagwort, das viele gegenwärtige wis-
senschaftliche Formationen für sich beanspruchen. Eine inter- bzw. transdisziplinäre Orien-
tierung der Cultural Studies ergibt sich dadurch, dass ihr primärer Gegenstand – Kultur
verstanden als ein konfliktäres Feld der Auseinandersetzung – kaum in den (methodischen
und theoretischen) Grenzen einer Disziplin zu fassen wäre. Inter- und Transdisziplinarität
darf dabei aber gerade nicht dazu führen, die eigene Arbeit mit Fußnoten anzureichern, die
Verweise auf Arbeiten aus anderen Disziplinen enthalten (vgl. Grossberg 1999: 75). Inter-
und Transdisziplinarität bedeutet vielmehr Arbeit, nämlich die Arbeit, sich adäquat in den
Diskussionsstand eines Diskurses einzuarbeiten, den man zunächst einmal nur als Außen-
stehender kennt. Hierbei darf man aber zweierlei nicht verkennen: Erstens können Diszi-
plingrenzen und sich hierdurch ergebenden Differenzen bei der Beschäftigung mit kulturel-
len Phänomenen durchaus relevante Aspekte innewohnen. Johnson hat darauf hingewiesen,
dass „vielleicht […] die akademische Arbeitsteilung auch unterschiedlichen gesellschaft-
lichen Positionen und Perspektiven [entspricht], von denen aus unterschiedliche Aspekte
kultureller Kreisläufe am deutlichsten sichtbar werden“ (Johnson 1999: 147). Zweitens –
und dies ist eine der gegenwärtig besonders diskutierten Entwicklungen – hat selbst eine In-
stitutionalisierung der Cultural Studies eingesetzt, die zwar nicht in herkömmlichen Diszi-
plinengrenzen beschreibbar ist, in der die Cultural Studies jedoch deutlich eine „Linie“ ent-
Einleitung 11

wickelt haben (vgl. dazu insbesondere den Überblick von Striphas 1998). Inter- und Trans-
disziplinarität kann also nicht mit Antidisziplinarität oder Nichtinstitutionalisierung gleich-
gesetzt werden.
5. Ein weiterer Punkt, der hier zu einer Charakterisierung der Cultural Studies angeführt
werden soll, ist derjenige der Selbstreflexion. Wie auch bei Interdisziplinarität ist Selbst-
reflexion eine Grundhaltung, die dem Selbstverständnis nach viele (um nicht zu sagen: alle)
wissenschaftliche Ansätze auszeichnet. Wo ist hier also das Spezifische der Cultural Studies
zu sehen? Dieses ergibt sich insbesondere durch den radikalen Kontextualismus der Cultural
Studies, auch in Bezug auf ihre Selbstreflexion. Begreift man Theorien als kontextuell vermit-
telte, vorläufige Antworten oder gar nur als Frageperspektiven, so ist die oder der Forschende
dazu gezwungen, sich selbst im Forschungsprozess mit dessen Theorieverständnis zu posi-
tionieren. John Frow und Meaghan Morris haben hier von einem „‚selbstpositionierenden‘
und begrenzenden Aspekt der Analyse der Cultural Studies“ gesprochen (Frow/Morris
1993: xvii), bei dem der bzw. die Forschende in seine bzw. ihre Auseinandersetzung mit dem
Forschungsgegenstand auch die theoretisierende Begründung für seine bzw. ihre Fragestel-
lungen offenlegt. Das Spezifische der Selbstreflexion der Cultural Studies kann also darin
gesehen werden, dass die Selbstreflexion explizit und kontinuierlich in der wissenschaft-
lichen Schreibpraxis vollzogen wird und nicht nur eine „Übung für ruhige Stunden“ ist.
6. Sicherlich bleibt eine solche Charakterisierung der Cultural Studies anhand der ihnen
spezifischen Forschungspraxis unvollständig, wenn man nicht näher auf den Forschungs-
gegenstand Bezug nimmt. Nichtsdestotrotz sollte jetzt schon deutlich geworden sein, dass
die Cultural Studies – obwohl sie sich bisher zu keiner Disziplin im traditionellen Sinne ent-
wickelt haben – einen festen Kern haben, der sie abgrenzbar gegenüber anderen Ansätzen
macht. Um dies weiter zu verdeutlichen, seien noch einige kurze Anmerkungen zum primä-
ren Gegenstand ihrer Beschäftigung gemacht. Hier kann die Antwort eindeutiger ausfallen,
als dies bei der Frage ihrer Forschungspraxis der Fall gewesen ist, nämlich allein durch den
Namen des inter- und transdisziplinären Projektes selbst: Kultur, verstanden als ein von
Macht geprägter, fragmentierter Zusammenhang (vgl. Hall 2000). Denn unabhängig davon,
zu welcher Konzeptionalisierung von Kultur die einzelnen Vertreterinnen und Vertreter der
Cultural Studies en detail tendieren – ob sie eher einen anthropologisch orientierten Kultur-
begriff favorisieren, nach dem unter Kultur die Gesamtheit einer Lebensweise zu verstehen
ist, oder ob sie eher zu einer semiotisch-strukturalistischen Position tendieren, die Kultur in
Analogie zur Sprache weitgehend als ein spezifisches semiotisches System fasst –, so be-
steht doch Einigkeit darin, dass Kultur nicht als etwas homogenes Ganzes zu begreifen ist,
sondern eher als ein konfliktärer Prozess.
Hier ist auch das Interesse der Cultural Studies für eine Auseinandersetzung mit Popu-
lärkultur zu sehen, über die sie insbesondere in der deutschsprachigen Forschungslandschaft
bekannt wurden, wofür beispielsweise die frühe Übersetzung der Veröffentlichungen zur
Subkulturforschung steht. Das Interesse der Cultural Studies für Fragen der Populärkultur
ist aber nicht einfach darin begründet, dass sich in dieser eine besondere Ästhetik auftut
bzw. Populärkultur ein zunehmend wirtschaftlich relevanter Bereich ist. Vielmehr liegt das
frühe Interesse der Cultural Studies an Populärkultur darin begründet, dass diese als ein her-
ausragender Bereich gesellschaftlicher Auseinandersetzung begriffen werden muss. In die-
ser werden dominante gesellschaftliche Diskurse greifbar, wie auch die Aneignungspraxis
und damit verbundene Handlungsfähigkeiten der Menschen im Alltag bestehen (Hartmann
et al. 2006; Winter 2001).
12 Andreas Hepp, Friedrich Krotz & Tanja Thomas

In diesem Sinne ist auch, wenn von Vertreterinnen und Vertretern der Cultural Studies
von Medienkultur gesprochen wird (vgl. Thomas/Krotz 2008), damit etwas anderes ge-
meint, als wenn dieser Begriff innerhalb der Kommunikations- und Medienwissenschaft
Verwendung findet. Genau dies streicht Ien Ang heraus, wenn sie formuliert:
„Im Mainstream der Kommunikationsforschung, der ‚objektives‘ Wissen durch die Überprüfung generalisier-
barer Hypothesen mit Hilfe von konventionellen sozialwissenschaftlichen Methoden anhäuft, wird ‚Kultur‘
vorwiegend im behavioristischen Sinne aufgefasst. […] Ihr positivistisches Interesse an der Medienkultur ist
jedoch in vielerlei Hinsicht nicht mit dem Anliegen der Cultural Studies vereinbar. Letztere behandeln ‚Kul-
tur‘ nicht einfach als einen isolierten Gegenstand der Kommunikationsforschung. Ihnen geht es um die wider-
sprüchlichen und sich kontinuierlich vollziehenden sozialen Prozesse von kultureller Produktion, Zirkulation
und Konsum und nicht um ‚Kultur‘ als ein mehr oder weniger statisches und objektiviertes Gebäude von Ideen,
Überzeugungen und Verhaltensweisen. Die Cultural Studies arbeiten deshalb auf der Grundlage völlig anderer
Prinzipien: Sie befassen sich mit den historisch entstandenen und spezifischen Bedeutungen und weniger mit
allgemeinen Verhaltenstypologien, sind eher prozess- als ergebnisorientiert und verfahren interpretativ statt er-
klärend.“ (Ang 1999: 318, Herv. i.O.)

Entsprechend kann man formulieren, dass der Forschungsgegenstand der Cultural Studies
verschiedene Aspekte der konfliktären Artikulation von Kultur sind. Sie liegen damit jen-
seits eines „cultural turn“ in den Sozial- und Geisteswissenschaften, indem hier Kultur nicht
als eine Erklärungsvariable von etwas anderem untersucht wird, sondern selbst Gegenstand
der Forschung wird (vgl. Hall 2002).
Begreift man in dem bis hierher skizzierten Sinne die Cultural Studies als eine durch ra-
dikale Kontextualität auch im Theorieverständnis, einen interventionistischen Charakter,
Interdisziplinarität und hohe Selbstreflexion geprägte wissenschaftliche Formation, so muss
man sich sicherlich die Frage stellen, inwieweit hier überhaupt sinnvoll „Schlüsselwerke“
ausgemacht werden können. Ist der Ansatz der Cultural Studies nicht zu vielfältig, um dies
zu tun? Und bedeutet eine Festlegung auf bestimmte Schlüsselwerke nicht eine Zementie-
rung des bewusst offenen Theorieverständnisses der Cultural Studies?
Während solche Argumente sich in unterschiedlichem Maße in den verschiedenen Dis-
kussionen um die Formation der Cultural Studies immer wieder finden, so kann man ihnen
doch in einem zweifachen Sinne entgegnen, nämlich erstens auf faktischer Ebene, zweitens
auf theoretischer Ebene.
Auf faktischer Ebene können wir feststellen, dass wir – auch im deutschsprachigen
Raum – spätestens seit Mitte der 1990er Jahre die feste Etablierung der Cultural Studies aus-
machen können. Teil des Diskurses über den Ansatz ist neben originären Einzelstudien die
Veröffentlichung verschiedener Einführungen in die Thematik (vgl. für den deutschsprachi-
gen Raum Hepp 1999/2004; Lutter/Reisenleitner 1999/2002; Marchart 2008) bzw. eine
Vielzahl von Readern und Sammelbänden (vgl. wiederum für den deutschsprachigen Raum
Bromley et al. 1999, Engelmann 1999, Hepp/Winter 2003, Hepp/Winter 2008, Hörning/
Winter 1999, Mayer/Terkessidis 1998). Überblickt man diese verschiedenen Bände, so
zeichnet sich doch ein Referenznetzwerk von verschiedenen Autorinnen und Autoren ab, de-
ren Arbeiten man als Schlüsselwerke der Cultural Studies begreifen kann. Dies dokumen-
tiert sich auch im Bereich der an den Cultural Studies orientierten empirischen Forschung
in der deutschsprachigen Kommunikations- und Medienwissenschaft. Neben der Rezep-
tions- und Aneignungsforschung haben sich hier die Cultural Studies in der Diskurs- und
Produktanalyse, der inter- und transkulturellen Kommunikation, der Genderforschung wie
auch der Forschung zu Medienwandel und Populärkultur als festes Referenznetzwerk eta-
bliert (vgl. Mikos 2008).
Einleitung 13

Auf theoretischer Ebene lässt sich argumentieren, dass gerade für die Entwicklung eines
solchermaßen inter- und transdisziplinären Ansatzes geteilte Referenzpunkte der Ausein-
andersetzung unabdingbar sind. Und es lässt sich konstatieren, dass die teilweise innerhalb
des Diskurses der Cultural Studies entwickelten inhaltlichen Positionen doch immer wieder
insbesondere im Hinblick auf bestimmte zentrale Texte der Cultural Studies entwickelt wur-
den und werden. Erst durch ein solches geteiltes Referenzsystem, das auch durch eigene
Zeitschriften wie beispielsweise „Cultural Studies“ oder dem „European Journal for Cultu-
ral Studies“ gestützt wird, hat sich über die verschiedenen Disziplinen hinweg ein Ansatz
wie derjenige der Cultural Studies entwickeln können. In diesem Sinne widerspricht der
Projektcharakter der Cultural Studies nicht dem Vorhandensein von Schlüsselwerken der
Cultural Studies, sondern setzt dieses vielmehr in gewissem Sinne geradezu voraus.
Allerdings kann man sich den Cultural Studies aus einem Blickwinkel der Schlüssel-
werke nur dann angemessen annähern, wenn man einen offenen Begriff von Schlüsselwerk
hat. Der in Bezug auf die Entwicklung des CCCS erfolgte Hinweis auf die in vielen Fällen
bestehende Teamforschung der Cultural Studies macht deutlich, dass ein traditionelles Ver-
ständnis von „Schlüsselwerk“ im ausschließlichen Sinne einer einzelnen wissenschaftlichen
Arbeit in Form einer Monografie der Eigenart der Cultural Studies widersprechen würde:
Zum Teil sind die Schlüsselwerke der Cultural Studies kooperative Forschungen, zum Teil
konkretisieren sie sich in einem einzelnen Aufsatz oder einer Folge von verschiedenen Auf-
sätzen, zum Teil aber auch im traditionellen Verständnis in einzelnen Monografien ver-
schiedener Autorinnen und Autoren. Ein Band, der Schlüsselwerke der Cultural Studies vor-
stellen will, muss dies also mit einem bei einzelnen Autorinnen und Autoren ansetzenden,
aber hinreichend breiten Verständnis von Schlüsselwerk tun. Dies konkretisiert sich in der
Anlage des vorliegenden Buches.

2. Zur Anlage dieses Buches


Während wir bisher den Gesamthorizont der Cultural Studies skizziert haben, in dem der
vorliegende Band steht, geht es uns nun darum, seinen Aufbau und die damit verbundenen
Grundüberlegungen konkret zu machen. Grundlegend ist der Band dabei entlang der ge-
zielten Auswahl bestimmter – im oben umrissenen Sinne zu verstehender – Schlüsselwerke
strukturiert, die die Werke solcher Autorinnen und Autoren in den Mittelpunkt rückt, die
zentral vor allem für die Medien- und Kommunikationsforschung in der Tradition der Cul-
tural Studies sind.
Eine solche Schwerpunktsetzung ist nicht einfach dem pragmatischen Motiv geschuldet,
dass der Ansatz der Cultural Studies zu ausdifferenziert ist, um dessen für die verschiedenen
Disziplinen relevanten Schlüsselwerke zu berücksichtigen. Vielmehr ist diese Auswahl da-
durch begründet, dass es die interdisziplinäre Medien- und Kommunikationsforschung ist,
in der sich die Cultural Studies in den letzten zwei Jahrzehnten insbesondere etabliert haben.
In diesem Sinne schreiben James Curran und Morley in der Einleitung des Bandes „Me-
dia and Cultural Theory“ bezogen auf die internationale Forschungsdiskussion seit Mitte der
1990er Jahre, dass sich Kommunikations- und Medienwissenschaft1 einerseits und Cultural
1 Im Weiteren verwenden wir den Ausdruck der Kommunikations- und Medienwissenschaft synonym zum eng-
lischen „media studies“, in denen sowohl die Tradition der Kommunikationswissenschaft (als Publizistik und
Massenkommunikationsforschung) als auch der Medienwissenschaft (als eher textwissenschaftlich orientierte
Tradition der Medienforschung) aufgingen (vgl. Krotz 2009).
14 Andreas Hepp, Friedrich Krotz & Tanja Thomas

Studies andererseits in einer Weise gewandelt hätten, aufgrund derer es kaum mehr möglich
wäre, beide noch getrennt voneinander zu betrachten. Dabei gehen Curran und Morley – das
Thema des von ihnen herausgegebenen Sammelbands im Blick habend – sogar so weit, fest-
zustellen, „dass der Forschungsbereich dieses [von ihnen herausgegebenen] Buchs viel-
leicht als der der ‚Kommunikations- und Medienwissenschaft nach dem Zusammenstoß mit
den Cultural Studies‘ definiert werden könnte“ (Curran/Morley 2006: 1). Exemplarisch ma-
chen sie dies fest an einer der großen Debatten der 1990er Jahre, nämlich der zwischen po-
litischer Ökonomie im Bereich der Kommunikations- und Medienwissenschaft und Rezep-
tions- und Aneignungsforschung im Bereich der Cultural Studies (siehe auch Morley 2003).
Hier haben die Diskussionen dazu geführt, dass wechselseitig Positionen aufgegriffen wur-
den und man so zu tieferen Einsichten von Prozessen der Medienkommunikation insgesamt
gekommen ist. Als Ergebnis der Debatte kann man festhalten, dass sowohl Fragen der Me-
dienaneignung als auch der Medienökonomie in ihrem Bezug zueinander fester Bestandteil
der Forschung geworden sind. Kommunikations- und Medienwissenschaft und Cultural Stu-
dies erscheinen so zunehmend als „intellektuelle Zwillinge“ (Curran/Morley 2006: 2). Auf
theoretischer Ebene konkretisiert sich dies darin, dass Medien- und Kulturtheorie verstärkt
gemeinsam gedacht werden.
Möglicherweise geht dieses Argument der „intellektuellen Zwillinge“ insoweit über das
Ziel hinaus, als es nicht hinreichend widerspiegelt, welchen Stellenwert die Cultural Studies
insgesamt in anderen Disziplinen und hier auch im deutschsprachigen Raum haben. Zu ver-
weisen wäre hier beispielsweise auf die Soziologie (Winter 2001), Pädagogik (Mecheril/
Witsch 2006), Ethnologie (Warneken 2006), Politikwissenschaft (Dörner 1999) oder Litera-
turwissenschaft (Kramer 1997), um nur einige der Disziplinen und in diesen entstandene re-
levante Forschungen in der Tradition der Cultural Studies in den letzten Jahren zu erwäh-
nen.2 Gleichwohl machen auch die hier angeführten Werke deutlich, dass die Cultural
Studies in den verschiedenen Disziplinen insbesondere im Hinblick auf eine Auseinander-
setzung mit Fragen von Medien und Kommunikation aufgegriffen wurden, was auf allge-
meiner Ebene das Argument von Morley und Curran stützt. Und genau hierüber ist die im
vorliegenden Sammelband vollzogene Akzentsetzung auf Fragen von Medien und Kommu-
nikation begründet.
Eine solche notwendige Selektivität geht allerdings gleichzeitig mit dem Anspruch ein-
her, eine Auswahl an Schlüsselwerken zu treffen, die das Feld der Forschung zu Medien und
Kommunikation in Perspektive der Cultural Studies nicht auf einen kommunikations- und
medienwissenschaftlichen Zugang einengt, sondern die interdisziplinäre Breite des Ansat-
zes wahrt. Gleichzeitig gilt es zu berücksichtigen, dass nur ein Teil der Autorinnen und Au-
toren, deren Arbeiten in einem solchen Feld der Cultural Studies als Schlüsselwerke gelten,
sich selbst als Vertreterinnen und Vertreter der Cultural Studies bezeichnen würde bzw. zum
Teil in ihren jeweiligen Disziplinen etabliert war und über eine mitunter sehr spezifische Re-
zeption in den Cultural Studies zu Schlüsselwerken derselben wurde. All dies wird in einer
Zweiteilung des vorliegenden Bandes reflektiert, nämlich einem Teil 1 überschrieben mit
„Theoretische Bezugsfelder“ und einem Teil 2 überschrieben mit „Werke der Cultural Stu-
dies“. In jedem dieser Teile werden die relevanten Autorinnen und Autoren in alphabetischer
Reihenfolge vorgestellt.

2 Für weitere Rezeptionstraditionen in unterschiedlichen Disziplinen im deutschsprachigen Raum vgl. die ver-
schiedenen Beiträge in Hepp/Winter 2008.
Einleitung 15

Kriterium für die Auswahl der vorgestellten Autorinnen und Autoren in Teil 1 Theoreti-
sche Bezugsfelder ist deren Relevanz für die Entwicklung eines Cultural-Studies-Zugangs
auf Medien und Kommunikation; Gegenstand des Teil 2 des vorliegenden Bandes sind Werke
der Cultural Studies im engeren Sinne des Wortes. Auch wenn die hier behandelten Schlüs-
selwerke in ihrer Form und Akzentsetzung sehr unterschiedlich sind und die Beiträge, in de-
nen sie vorgestellt werden, notgedrungen in der Art und Weise der Darstellung variieren
müssen, indem teils eher einzelne relevante Publikationen bzw. Studien, teils stärker das Ge-
samtwerk im Vordergrund steht, zeichnen sich doch alle Artikel des vorliegenden Bandes
durch eine ähnliche Grundstruktur aus: In der Einleitung wird kurz die behandelte Autorin
bzw. der behandelte Autor in ihrem/seinem akademischen Werdegang vorgestellt. Der sich
daran anschließende Abschnitt befasst sich mit dem jeweiligen Schlüsselwerk im Hinblick
auf die in den Cultural Studies relevanten Kernbegriffe. Darauf aufbauend wird dann das
Werk und dessen Kernbegriffe in der Gesamtentwicklung insbesondere der medienanalyti-
schen Ansätze der Cultural Studies eingeordnet. Wie wir hoffen, ermöglicht eine solche An-
lage des Buches „Schlüsselwerke der Cultural Studies“ einen Einstieg in eine Auseinander-
setzung insbesondere mit Medienanalysen in der Tradition der Cultural Studies als auch in
deren das eigene Realisieren solcher Studien. Der Index kann dabei eine Hilfe sein, Zugang
zu speziellen Themenfeldern über die „Schlüsselwerke“ hinweg zu finden.

Danksagung
Das vorliegende Buch wäre ohne vielfältige Unterstützungen nicht möglich gewesen, für die
wir danken möchten. Unser Dank geht zuerst einmal an Barbara Emig-Roller vom Verlag
für Sozialwissenschaften, die das vorliegende Buch wie auch die Reihe „Medien – Kultur –
Kommunikation“, in dem es erscheint, vorbildlich begleitet und in dem rund zweijährigen
Entstehungsprozess dieses Schlüsselwerke-Bandes mit Rat, Tat und Geduld zur Seite stand.
Zum Dank verpflichtet sind wir auch verschiedenen Personen, die uns bei der Redaktion
unterstützt haben, namentlich Monika Dörhage, Anna Teresa Havlicek und Heide Pawlik
(IMKI, Universität Bremen) bzw. Irina Hennig und Merle Kruse (IfKM, Universität Lüne-
burg). Zu guter Letzt wollen wir Dirk Reinhardt danken, der mit großer Sorgfalt den Satz
und das Stichwortverzeichnis des vorliegenden Buchs erstellt hat.

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16 Andreas Hepp, Friedrich Krotz & Tanja Thomas

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I.

Theoretische Bezugsfelder
Roland Barthes: Zeichen, Kommunikation und Mythos
Lars Grabbe & Patrick Kruse

1. Einleitung
Roland Barthes’ Arbeiten zu Zeichen, Kommunikation und Mythos bilden einen der Grund-
pfeiler für den strukturalistisch-semiologischen Ansatz der Cultural Studies, die die soziale
Welt als kulturellen, sozialen oder medialen Text verstehen und somit als ein System von
Zeichen begreifen. Das Ziel der Cultural Studies ist die Beschreibung der Sinn und Bedeu-
tung zuweisenden Aktivitäten der Rezipierenden, die im Kommunikationsprozess den me-
dialen Text generieren. Die Kommunikation – also die Codierung und Decodierung media-
ler Texte – orientiert sich dabei an den mythologischen und ideologischen Strukturen, die
innerhalb eines gesellschaftlichen Diskurses herrschen. So können Zeichen und Texten auf
konnotativer Ebene verschiedene Bedeutungspotenziale zukommen, die jenseits der eigent-
lichen, denotativen Bedeutung liegen – man spricht hier von Polysemie bzw. Lesevielfalt.
In den kommunikativen Prozess bezieht Barthes auch Zeichensysteme der modernen Mas-
senkultur mit ein, wie z.B. Fotografie, Film, Werbung usw. und weist sie so als Träger my-
thologischer Aussagen aus. Die Ausformung seiner Semiologie als Ideologiekritik weist auf
Barthes’ tragende Rolle innerhalb der Cultural Studies hin. Durch die von Rezipierenden ab-
hängige Zuweisung von Bedeutungen rückt Barthes den Begriff der Textunabhängigkeit in
den Fokus seiner Untersuchungen, und plädiert schließlich sogar für den Tod des Autors, um
den Leser als Bedeutungsgenerator gebären zu können.
Als Sohn von Henriette und Oberleutnant zur See Louis Barthes wurde Roland Gérard
Barthes am 22. November 1915 in Cherbourg geboren. Am 25. Februar 1980 erlitt er einen
Verkehrsunfall, durch den eine frühere und durch Tuberkulose verursachte Lungenerkrankung
akut wurde, und verstarb aufgrund von Komplikationen am 26. März 1980 (vgl. Calvet 1993:
21f. und 335–347). Barthes widmete sich zeitlebens einer enormen Bandbreite von Aufga-
ben und Interessen, und es ist nicht verwunderlich, dass innerhalb der Sekundärliteratur ein
reicher Fundus von Attributen existiert, um diese Vielseitigkeit zu unterstreichen – Barthes
als Semiologe, Soziologe, Philosoph, Universitätsprofessor, Essayist, Kritiker, Literat, Struk-
turalist, Linguist, Pianist, Zeichner und Komponist (vgl. Röttger-Denker 1989: 10). Von
1948 bis 1949 war Barthes Bibliothekarsgehilfe und Lehrer am Institut Français in Bukarest
und Lektor an der dortigen Universität. 1949 bis 1950 arbeitete er als Lektor in Ägypten an
der Universität von Alexandria und 1950 bis 1952 in der Abteilung Unterricht in der Direc-
tion générale für Kulturbeziehungen. Von 1952 bis 1954 war er Praktikant in der wissen-
schaftlichen Forschung am Centre National de la Recherche Scientifique (Lexikologie) und
beriet von 1954 bis 1955 die Éditions de l’Arche. 1955 bis 1959 war er Attaché de recher-
ches im Centre National de la recherche de scientifique (Soziologie) und arbeitete dann von
1960 bis 1962 als Chef de travaux an der VI. Sektion der École Pratique des Hautes Études
für Wirtschafts- und Geisteswissenschaften. Ab 1962 war er Directeur d’études an der École
Praqtique des Hautes Études (Sociologie des signes, symboles et représentations), und 1977
erhielt Barthes schließlich den Lehrstuhl (auf Vorschlag von Michel Foucault) für Semiologie
der Literatur am Collége de France (vgl. Lieber 2004: 139f.; Röttger-Denker 1989: 169f.).
22 Lars Grabbe & Patrick Kruse

2. Das Werk: Diskurs, Wissenschaftlichkeit, Text


Barthes’ Gesamtwerk erstreckt sich über zahlreiche Monografien, Artikel und Essays, die in
ihrer Prägung literaturkritische, strukturalistische oder semiologische Forschungsaspekte ent-
halten. Barthes selbst hebt den reaktiven Charakter seiner Forschung hervor und betont da-
bei die Tatsache, dass sich das vorhandene Forschungsinteresse in Phasen vollzieht, „jede
Phase ist reaktiv: der Autor reagiert entweder auf den ihn umgebenden oder auf seinen ei-
genen Diskurs, wenn der eine oder der andere zu konsistent wird“ (Barthes 1978: 158). Der
frühe Barthes orientiert sich an André Gide, Karl Marx und Bertholt Brecht und bewegt sich
in einer mittleren Entwicklungsphase neben Nikolaj S. Trubetzkoy, Roman Jakobsen, Louis
Hjemslev und Claude Lévi-Strauss im geistigen Gefolge Ferdinand de Saussures und dessen
Zeichentheorie (vgl. dazu die Ausführungen Barthes’ in den Elementen der Semiologie).
Semiotik und Strukturalismus werden Programmtitel im Kontext des linguistischen Pa-
radigmas (Analyse von langue/Sprachsystem und parole/Sprachstruktur) und der Begrün-
dung einer strukturalistischen Literaturkritik und Texttheorie. Die Sekundärliteratur unter-
streicht Barthes’ Entwicklungsgang und betont die in späteren Jahren eintretende Abkehr
vom strukturalistischen Projekt und die Hinwendung zu einer Integration der Erkenntnisse
von Soziologie, Philosophie und Psychoanalyse zur Analyse von Texten. Barthes richtet sich
damit gegen die Gefahr einer zur Lehre erstarrten Semiologie (vgl. Röttger-Denker 1989:
12). Ein kurzer Abriss der von Barthes selbst vorgenommenen Dreiteilung innerhalb seiner
Entwicklung soll einer deutlicheren Darstellung dienen:
„Seit meinem ersten Buch ‚Am Nullpunkt der Literatur‘ galt meine Arbeit ständig der Sprache oder genauer,
dem Diskurs […]. Der zweite Abschnitt war der der Wissenschaft, oder zumindest der Wissenschaftlichkeit
[…]. Das Ziel dieser Arbeit war sehr persönlich, asketisch […]. Es handelt sich darum, die Grammatik einer
bekannten, aber bisher noch nicht analysierten Sprache zu erarbeiten […]. Dominierend war für mich in dieser
Periode meiner Arbeit, glaube ich, weniger die geplante Begründung der Semiologie als Wissenschaft, als viel-
mehr die Lust, eine Systematik zu erproben […]. Der dritte Abschnitt ist dann der des Textes […] die Instanz
des Textes ist nicht die Bedeutung, sondern der Signifikant in der semiotischen und psychoanalytischen Ver-
wendung dieses Terminus; der Text geht über das frühe literarische Werk hinaus […].“ (Barthes 1988: 8–12)

Das Primat der Sprache ist als Basis der Überlegungen Barthes’ innerhalb der ersten Phase
zu verstehen – Sprache als „soziales Objekt“ umgibt die Epoche des Schriftstellers (Barthes
1959: 13). Die Schreibweise definiert die Freiheit des Schriftstellers innerhalb der Sprache,
und der Stil eines Autors wird durch dessen Biografie geprägt und stellt eine biologische
Verbindung mit der Sprachstruktur dar.
In der darauf folgenden Phase widmet sich Barthes der Semiologie als Wissenschaft und
der Analyse einer Grammatik der Sprache, die innerhalb einzelner Werksstrukturen und für
Gattungen insgesamt zur Geltung kommt. Hier bewegt ihn die Auseinandersetzung mit dem
Modesystem dazu, eine wichtige Schlussfolgerung zu ziehen, wie Gabriele Röttger-Denker
präzise formuliert:
„Das Postulat von de Saussure, nach dem die Linguistik in der Semiologie enthalten sei, muß umgekehrt wer-
den. In der westlichen Gesellschaft, so Barthes’ Erkenntnis, haben die Zeichen, Mythen und Riten Vernunft-
gestalt angenommen, d.h. sie besitzen letztlich die Gestalt einer Sprache. Mit dieser neuen Einsicht in die
sprachliche Verfaßtheit aller Zeichen verliert die Semiologie ihren besonderen Reiz für Barthes. Er kehrt be-
lehrt zurück zu Sprache, Literatur und Kunst. Nicht um das bisher Bedachte zu verwerfen, sondern um sich auf
seiner Folie künftig freier, und das heißt für ihn individuell kreativer, zu bewegen.“ (Röttger-Denker 1989: 26)

Die dritte Phase als Rückwendung zu Sprache, Literatur und Kunst ist durch eine Abkehr
von strukturaler Analyse gekennzeichnet. Barthes stellt sich „eine antistrukturale Kritik vor:
Roland Barthes: Zeichen, Kommunikation und Mythos 23

sie würde nicht der Ordnung, sondern der Unordnung des Werkes nachgehen“ (Barthes
1978: 161). Geprägt durch diese Wendung plädiert er für Textunabhängigkeit, der geschrie-
bene Text ist als Bedeutungssystem unabhängig von dessen Produzierenden – Literatur wird
nicht als Produkt, sondern als Zeichensystem untersucht.
Bedeutung wird also durch den Gesamtzusammenhang gewährleistet und die Beziehung
zwischen Autor und Werk ist „keine pointillistische Beziehung, die die vereinzelten […]
Ähnlichkeiten addiert, sondern eine Beziehung zwischen dem ganzen Autor und dem ge-
samten Werk, eine Beziehung der Beziehungen“ (Barthes 1969: 59). Barthes’ Konzeption
einer Literaturkritik richtet sich gegen die bestehende akademische Literaturkritik, die sich auf
Objektivität der Werke beruft und die Autorinnen und Autoren und deren Monografien in
den Mittelpunkt stellt und somit nichts weiter erreicht als fragmentarische Literaturchronik
statt einer Literaturgeschichte (vgl. Barthes 2001: 178–185).
In den Fokus rückt Barthes die Rezipierenden – sie sind durch unterschiedliche Codes1
mit dem Text verbunden – da keine endgültige Interpretierbarkeit des Textes existiert und
der Text Medium für eine Unendlichkeit von Texten wird: „einen Text interpretieren heißt
nicht, ihm einen […] Sinn geben, heißt vielmehr abschätzen, aus welchen Pluralen er gebil-
det ist“ (Barthes 1976: 9). Rezipierende sind „selber schon eine Pluralität anderer Texte, un-
endlicher Codes, […] so dass [s]eine Subjektivität letztlich etwas von der Allgemeinheit von
Stereotypen hat“ (Barthes 1976: 14). Wichtig wird die Konnotation (besonders die Vielfalt
ihrer Codierbarkeit) als Analysemodell des Pluralen, die ihrerseits auf das Konstrukt der
Textoffenheit verweist, da das Konnotationssignifikat im gleichen Text, in anderen Texten
oder außerhalb des Texts existieren kann: Relevant wird hierbei das Konzept der Intertextu-
alität des Textes.

3. Das Zeichen
Die Analyse der Bedeutung von Text bedeutet immer auch Analyse von Zeichen und Zei-
chensystemen. In diesem Verfahren orientieren sich die Cultural Studies an Barthes und be-
ziehen seine Überlegungen auf die Medialität von Text und auf die darin enthaltenen Be-
deutungs- und Zeichenstrukturen.
Die Funktionsweise des Zeichens gründet in der gegebenen Struktur der Sprache und
unterstreicht damit die Wichtigkeit des Zeichenbegriffs für die Cultural Studies als „inter-
oder transdisziplinäres Projekt“ (Hepp 1999: 15). Barthes übernimmt die von de Saussure
entwickelte Definition von Sprache mit ihrer Unterteilung von langue und parole. Langue
ist in dieser Unterscheidung als Sprachsystem zu verstehen, und de Saussure bezeichnet es
„als ein System von Zeichen“ (de Saussure 1967: 22). Der Systemcharakter der langue be-
dingt deren Komplexität und somit lässt sie sich niemals in einem einzelnen Sprechakt als
Ganzes realisieren, sondern existiert „virtuell im sprachlichen Handeln aller Mitglieder ei-
ner Sprachgemeinschaft“ (Hepp 1999: 26). Die parole hingegen bezeichnet den einzelnen
Äußerungsakt von Sprache, der durch das Sprechen vollzogen wird: Parole als „ein in ei-
nem spezifischen Kontext lokalisiertes kommunikatives Handeln“ (Hepp 1999: 26). Barthes
ergänzt diese Zweiteilung um eine dritte Komponente, diejenige der „Materie oder Sub-
stanz, das der (notwendige) Träger der Bedeutung wäre“ (Barthes 1983: 28). Gerade dieser

1 „Der Leser als Ort der Basiskodes […]“ (vgl. die Ausführungen über den Strukturalismus von Culler 1997:
179f.).
24 Lars Grabbe & Patrick Kruse

Bedeutungsträger ist relevant, da die Sprache nicht nur ein System von Verschiedenheiten
(de Saussure) darstellt, sondern sich durch unterschiedliche Volumen zwischen Sprachen
und ihren Worten auszeichnet (vgl. Barthes 1983: 28).
Bewegen wir uns von der Systemebene des Zeichens in dessen linguistische Struktur-
ebene, so lässt sich das Zeichen als Relation2 von Signifikant und Signifikat bezeichnen. Der
Signifikant ist das Lautbild, dem eine Bedeutung/Vorstellung zugeordnet ist (Ausdrucks-
ebene). Das Signifikat ist eben diese Bedeutung/Vorstellung (Inhaltsebene). Barthes ergänzt
diese Zeichendefinition um eine Präzisierung Hjelmslevs: Signifikant und Signifikat sind
beide unterscheidbar nach Substanz und Form:
„1. Ausdruckssubstanz: z.B. die lautliche, artikulatorische, nicht funktionale Substanz, mit der sich die Pho-
nologie befasst; 2. Ausdrucksform, die aus den paradigmatischen und syntaktischen Regeln besteht […]; 3. In-
haltssubstanz: dies sind z.B. die emotiven, ideologischen oder einfach begrifflichen Aspekte des Signifikats,
sein ‚positiver‘ Sinn; 4. Inhaltsform: die formale Organisation der Signifikate untereinander, aufgrund der An-
wesenheit oder Abwesenheit eines semantischen Merkmals; dieser letzte Begriff ist sehr schwer zu fassen, weil
es bei der menschlichen Rede unmöglich ist, die Signifikate von den Signifikanten zu trennen […].“ (Barthes
1983: 34–35)

Die Ausdrucksform bietet die Möglichkeit zur linguistischen Analyse und kann ohne Wider-
spruch beschrieben werden, die Inhaltssubstanz jedoch ist die Gesamtheit der Aspekte der
sprachlichen Phänomene und kann ohne außersprachliche Prämissen nicht beschrieben wer-
den (vgl. Barthes 1983: 34f.).
Barthes unterscheidet hier sprachliche von semiologischen Zeichen bezüglich des Unter-
schieds auf der Ebene der Substanz: Semiologische Zeichen sind als „Funktions-Zeichen“
in einem ersten Schritt Zeichen ihrer selbst, werden dann aber in einem zweiten Schritt zu
semiologischen Zeichen mit abstrahierter Bedeutung: Ein Regenmantel bedeutet einerseits
Schutz vor Regen, ist aber andererseits Zeichen für eine bestimmte atmosphärische Situa-
tion. Barthes hebt zudem den „anthropologischen Wert“ der Funktions-Zeichen hervor, da
sich dort die „Beziehungen zwischen dem Technischen und dem Signifikanten knüpfen“
(Barthes 1983: 35f.).
Die Struktur der Zeichen macht deutlich, dass sie verschiedenartige Bedeutungsaspekte
besitzen können – hier wird die Unterscheidung von Denotation (primärer Bedeutungs-
aspekt) und Konnotation (sekundärer Bedeutungsaspekt) relevant. Die Denotation ist die
durch Konvention festgelegte Bedeutung eines Zeichens innerhalb eines Zeichensystems.
Zeichen beinhalten aber eine gewisse Tendenz zur semiologischen Verschiebung. Somit
können „Zeichen selbst wieder zum Signifikanten, zur Ausdrucksebene eines zweiten Zei-
chensystems werden“ (Hepp 1999: 31). Die Konnotation findet sich genau in diesem zwei-
ten Zeichensystem und lässt sich als „Bedeutungskomponente begreifen, die die Grundbe-
deutung überlagert und sich einer vom Kontext abstrahierenden Bedeutung entzieht“ (Hepp
1999: 31). Barthes als Ideologiekritiker wendet sich diesem Phänomen in seinen Untersu-
chungen über den Mythos zu, die wir im folgenden Kapitel vertiefend betrachten.
Ein für die Cultural Studies wichtiger Aspekt ist die Beziehung zwischen den einzelnen
Zeichen und den Dingen, die sie bezeichnen – die Beziehungsrelation. Diese Relation ist
nicht natürlich, da aus den Lautfolgen eines Begriffs keine tatsächliche Beschaffenheit ei-
nes Gegenstands ableitbar ist. Die Beziehungsrelation ist arbiträr, d.h. nicht motiviert. Es ist
zu beachten, dass die Relation von Lautfolge und Sache und die damit verbundene Bedeu-
2 „Zur Definition eines Zeichens gehört seine Fähigkeit, aufgrund eines Kodes einen Zusammenhang zwischen
Signifikant und Signifikat herzustellen […]“ (Eco 1977: 170).
Roland Barthes: Zeichen, Kommunikation und Mythos 25

tungskonstitution nicht willkürlich funktioniert, sondern als ein institutionalisierter Prozess


innerhalb einer Sprachgemeinschaft zu betrachten ist: Bedeutung ist bereits auf der Zeichen-
ebene „kulturell lokalisiert“. Somit spiegelt Sprache als soziales Phänomen nicht die Rea-
lität wider, sondern trägt zur Wirklichkeitskonstruktion bzw. Artikulation von Kultur bei
(vgl. Hepp 1999: 27). Ein Beispiel für Zeichen, die aufgrund eines kulturellen Regelwissens
(konventionsbedingt) Bedeutung generieren, sind Symbole. Weitere Zeichentypen sind Iko-
ne, die eine von vornherein feststehende Assoziation bei Adressatinnen und Adressaten her-
vorrufen, und Indizes, die Bedeutung durch kausale Schlüsse bedingen (Verweisstruktur:
Erröten als Index für Scham etc.).
Barthes’ Zeichentheorie wird im Laufe seiner Forschung um die Ebene des Mythos erwei-
tert. Auf der Konzeption des Mythos rekurrierend entwickelt Barthes schließlich seine Lite-
raturtheorie, nach der Literatur als sekundäres Zeichensystem anzusehen ist. Struktural gese-
hen ist Literatur – wie der Mythos – ein parasitäres Objekt der Sprache (Barthes 1969: 108).

4. Der Mythos
Nach Barthes vermag alles, was Träger eines Zeichen werden kann, potenziell Mythos zu
werden (zur folgenden Abbildung siehe auch Barthes 1957: 93).

Die mythische Botschaft besteht wie ihr zeichenhafter Träger aus einem Bedeutenden (Sig-
nifikant) und einem Bedeuteten (Signifikat). Im Mythos sind somit zwei semiologische Sys-
teme enthalten: Das eine ist die Objektsprache, die Sprache, „derer sich der Mythos bedient,
um sein eigenes System zu errichten“ (Barthes 1957: 93). Das andere ist die Metasprache –
der Mythos selbst: Ein „sekundäres semiologisches System“ (Barthes 1957: 92).
Als Beispiel für die Bildung eines Mythos soll hier Barthes’ Beschreibung eines Titel-
bilds von Paris-Match dienen: Ein junger schwarzer Mann in französischer Uniform erweist
den militärischen Gruß und richtet dabei seinen Blick auf die Trikolore. Das ist das Zeichen
als Ganzes, der Sinn des Bildes. Dieses Zeichen dient dem Mythos als Bedeutendes resp. als
Form. Zusammen mit dem Bedeuteten – dem Begriff – verbindet sich die Form zum My-
thos, der aussagt, „daß Frankreich ein großes Imperium ist, daß alle seine Söhne, ohne
Unterschied der Hautfarbe, treu unter seiner Fahne dienen und daß es kein besseres Argu-
ment gegen die Widersacher eines angeblichen Kolonialismus gibt als den Eifer dieses jun-
gen Negers, seinen angeblichen Unterdrückern zu dienen“ (Barthes 1957: 95).3
Das ursprünglich Bedeutende ist zwar im Mythos immer noch präsent, jedoch weitge-
hend sinnentleert: Sinn wird zu Form. Das Bedeutende wird seiner Geschichte beraubt und

3 Dass bei Interpretationen von Bildern zudem unterbewusste Prozesse wirken, zeigt Barthes in seinen Ausfüh-
rungen zum Punktum auf (Barthes 1985: 119ff.).
26 Lars Grabbe & Patrick Kruse

bleibt als bloße Form für den Mythos zurück. Darin offenbart sich der Kern von Barthes’
Untersuchungen des Mythos: Er verkehrt Geschichte in Natur, die wiederum als Fakten-
system gelesen wird. Da der Mythos dem Objekt, von dem er spricht, jede Geschichte ent-
zieht, verewigt er es. Das macht ihn für den Kleinbürger zum perfekten tautologischen Er-
klärungsmodell seiner Aussage.
„Der Mythos tendiert zum Sprichwort. Die bürgerliche Ideologie bringt hier ihre wesentlichen Interessen un-
ter: den Universalismus, die Ablehnung einer Erklärung, eine unveränderliche Hierarchie der Welt.“ (Barthes
1957: 145)

Wo Mythisches ist, ist damit auch meistens Bürgerliches – das macht den Mythos zum ide-
alen Instrument der herrschenden Klasse. Dieser Tatsache widmet sich Barthes im ersten
Teil der Mythen des Alltags. Indem er Produkte und Ereignisse der modernen Massenkultur
betrachtet, entlarvt er die diversen Zeichensysteme (der Sport, die Fotografie, der Film, die
Werbung, Reklame usw.) als Träger mythologischer Aussagen (Barthes 1957: 86).
„Das Beispiel des Alltagsmythos verdeutlicht sehr gut, dass Zeichen und Texten auf konnotativer Ebene ver-
schiedenste Bedeutungspotenziale zukommen können, die zwar beliebig sind, aber jenseits der eigentlichen,
denotativen Bedeutung liegen. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Polysemie von Texten.“ (Jurga
1997: 132)

Diese Ausformung seiner Semiologie als Ideologiekritik, angewendet auf massenkulturelle


Phänomene, zeigt dabei einmal mehr Barthes’ tragende Rolle innerhalb der Cultural Studies.

5. Roland Barthes und die Cultural Studies


Die medienanalytische Forschung der Cultural Studies orientiert sich am strukturalistisch-
semiologischen Ansatz Barthes’. Das Objekt ihrer Analyse sind mediale bzw. soziale Texte:
„Gerade Medienereignisse bieten sich an, als soziale Texte interpretiert zu werden. Der wachsende mediale
Einfluss auf soziale Situationen und auf die damit bewusst oder unbewusst verbundenen Symbolisierungen
bietet ein zusätzliches Argument für eine Rezeption, welche die Codes, Mythen und Interpretationsangebote
des Sozialen hervorhebt.“ (Moser 2004: 18)

Früh schon hat Barthes die Rezipierenden bzw. die Leserinnen und Leser und deren Rolle
innerhalb des Prozesses der Bedeutungsgenerierung zum Mittelpunkt seiner Forschung ge-
macht. In seinem Aufsatz „Der Tod des Autors“ lässt er sogar den Autor sterben, um den Le-
ser als Generator von Bedeutungen gebären zu können:
„[Ein] Text besteht aus vielfachen, mehreren Kulturen entstammenden Schreibweisen, die untereinander in ei-
nen Dialog, eine Parodie, ein Gefecht eintreten; nun gibt es aber einen Ort, an dem sich diese Vielfalt sammelt,
und dieser Ort ist nicht, wie bisher gesagt wurde, der Autor, sondern der Leser […]“ (Barthes 1984: 62f).

Die Cultural Studies folgen Barthes, wenn sie sich der Bedeutung von Texten und Zeichen
widmen und aufzeigen, wie sie innerhalb eines Kommunikationsprozesses generiert und
evtl. verändert wird. Das Ziel ist die Beschreibung der Sinn und Bedeutung zuweisenden
Aktivitäten der Rezipierenden – den Konstruktiven der sozialen Wirklichkeit. Diese Be-
schreibung geschieht vor dem Hintergrund der diskursiven Strukturen, die die jeweiligen
kulturellen Gefüge durchziehen. Die Decodierung kultureller bzw. medialer Texte ist ab-
hängig von den herrschenden Diskursen einer Gesellschaft – sie geben die bevorzugte Les-
art der Rezipierenden vor. Diese Diskurse sind, wie Barthes in seinen Untersuchungen des
Mythos aufzeigt, der Motor im Kampf um Bedeutungen von Texten und Zeichen (Udo Gött-
lich 1997: 110).
Roland Barthes: Zeichen, Kommunikation und Mythos 27

Barthes’ Loslösung von einer Semiologie der Zeichen und seine Hinwendung zum My-
thos, zur Literaturtheorie, Literaturkritik und dem Phänomen der Intertextualität, schufen
die Basis für die Cultural Studies, die Analyse medialer Texte und deren Einbettung in ge-
sellschaftliche Kommunikationsprozesse und damit in Prozesse der Wirklichkeitsbildung.
Zwar findet sich bei Barthes keine explizit ausgearbeitete Kommunikationstheorie, den-
noch sind in seinem Werk Elemente einer solchen zu finden, die später von den verschiede-
nen Vertretern der Cultural Studies aufgegriffen, erweitert und in die Analyse des Kommu-
nikationsprozesses aufgenommen werden.
Für seine Literaturtheorie zieht Barthes das Kommunikationsmodell von Roman Jakob-
son (Jakobson 1971: 142ff.) heran, um zu klären, wodurch eine sprachliche Mitteilung zu
einem Kunstwerk wird. Barthes entwickelt eine rhetorische Analyse, deren Kernelement der
rhetorische Code ist, der den literarischen Text in der Gesellschaft verankert. Das bedeutet:
Der rhetorische Code, den sowohl Sender als auch Empfänger beherrschen müssen, ist ge-
sellschaftlich determiniert und erlaubt Leserinnen und Lesern ein Entschlüsseln des Textes
(Barthes 1984: 129). Hier offenbart sich das Problem der Polysemie, dem sich später auch
John Fiske und David Morley (siehe auch die Beiträge zu John Fiske und David Morley in
diesem Band) in der Analyse von Kommunikationsprozessen und diskursiven Strukturen
widmen. Barthes’ Literaturtheorie ist damit eine Vorstufe dessen, was die Cultural Studies
schließlich daran vollziehen: Die Ausweitung der Kommunikationsproblematik auf media-
le Texte, die Verschmelzung mit diskursiven und damit ideologischen Strukturen und die Er-
weiterung der Theorie um ihren symbolbildenden Charakter.

6. Kommunikation
Der Kommunikationsprozess spielt in den Cultural Studies eine zentrale Rolle, da er die
Produktion, Zirkulation und Rezeption kultureller bzw. medialer Texte beschreibt. Kommu-
nikation ist ein symbolischer Prozess, der Realität produziert, transformiert und signifikante
Symbole erschafft. Für Norman K. Denzin ist der Begriff allerdings noch weiter zu fassen:
„[…] I understand communication to refer to an ensemble of social practices, social forms, social relationships,
and technologies of representation which construct definitions of reality. The social practices, relationships of
communication symbolically interact. They […] produce particular ideological, emotional, and cultural mea-
nings which are connected to the lived experiences of interacting individuals.“ (Denzin 1992: 98)

Nach Stuart Hall (siehe auch der Beitrag zu Stuart Hall in diesem Band) ist der Kommuni-
kationsprozess als Struktur anzusehen, die sich durch die miteinander verbundenen, aber ei-
genständigen Momente Produktion, Zirkulation, Distribution/Konsum und Reproduktion ar-
tikuliert. Er orientiert sich innerhalb seiner Theorie an der Güterproduktion nach Marx.
Hall verfolgt den Weg der Nachricht vom Sender zum Empfänger: Die Struktur gesell-
schaftlicher Praktiken bedient sich eines Codes und bringt eine Nachricht hervor. Diese
Nachricht zirkuliert innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses, dann wird sie vom Emp-
fänger decodiert und hält wieder Einzug in die Struktur gesellschaftlicher Praktiken.
Die Elemente der Nachricht – z.B. Wirkung und Nutzen – werden von Verständnis-
strukturen vorgegeben, die der Realisation der Nachricht die entsprechende Form verleihen.
Das bedeutet, dass die Codes der Codierungs- und Decodierungsprozesse nicht vollkommen
symmetrisch sein müssen. Die Grade der Symmetrie bestimmen die Grade des Verstehens
(Hall 1980: 97), jedoch kann der Codierungsvorgang nicht festlegen, welche Decodierun-
gen zur Anwendung kommen.
28 Lars Grabbe & Patrick Kruse

Die Codierung und Decodierung medialer Texte orientiert sich an den herrschenden Ide-
ologien innerhalb eines gesellschaftlichen Diskurses. Tiefe semantische Codes einer Kultur
„stellen die Mittel dar, vermöge derer Macht und Ideologie in bestimmten Diskursen zum
Tragen gebracht werden. Sie führen die Zeichen auf die ‚Landkarten der Bedeutungen‘ zurück,
in die jede Kultur eingeordnet wird. Solchen ‚Landkarten der sozialen Wirklichkeit‘ ist die ge-
samte Bandbreite sozialer Bedeutungen, Praktiken und Bräuche, von Herrschaft und Interesse
‚einbeschrieben‘“ (Hall 1980: 102). Daher lässt sich auf der konnotativen Ebene der Zeichen
der aktive Anteil von Ideologien im und am Diskurs beobachten – das Zeichen tritt „in den
Kampf um Bedeutungen ein – den Klassenkampf in der Sprache“ (vgl. Hall 1980: 101).
Halls Ausarbeitung der drei idealtypischen Lesepositionen (dominant-hegemonic posi-
tion, negotiated position, oppositional position) zeigt auf, dass Bedeutungen von einer Sig-
nifikationspraxis abhängig sind (Winter 1997: 52). Damit verlagert sich die Aufmerksam-
keit auf die Rezipierendenebene und es wird die Frage nach dem Sinn eines medialen Textes
laut.4 In diesem Kontext bezeichnet der Begriff der Polysemie die Lesevielfalt eines Textes,
wobei Lesevielfalt nicht mit Pluralität verwechselt werden darf.
Nach Hall tendiert eine Gesellschaft dazu, eine Hierarchisierung ihrer Codierung vorzu-
nehmen – damit formiert sich eine dominante kulturelle Ordnung: eine bevorzugte Lesart.
Ein Ansatz, der auf Barthes’ Beschreibung des Mythos rekurriert.
Mit seinem „encoding/decoding“-Modell gelingt es Hall zu zeigen, welche ideologische
Macht Medien ausüben können, indem er auf die Durchsetzung und die Aushandlung von
Bedeutungen innerhalb der Codierung und Decodierung medialer Texte hinweist.
Ähnlich wie Hall widmet sich auch Fiske den Rezipierenden als Bedeutungsproduzie-
renden und ihrer gesellschaftlichen Situation. Als Vertreter der Cultural Studies beziehen sich
beide auf den strukturalistisch-semiotischen Ansatz des späten Barthes, der aufzeigt, dass
Bedeutungen nichts Stabiles, sondern gesellschaftlich konstruiert sind (Barthes 1987: 73f).
Fiske entwickelt eine Kommunikationstheorie, in der das soziale Subjekt eine entschei-
dende Instanz innerhalb der Generierung von Bedeutungen bildet. Texte weisen zwar Struk-
turen auf, die bestimmte Lesarten bevorzugen, sind jedoch nicht strikt determinierend
(Fiske 1987: 84). Die Polysemie ist für ihn Bestandteil textueller Offenheit. Er betont – wie
schon Barthes vor ihm – dass Bedeutungsgenerierung von den aktivierten gesellschaftlichen
Diskursen abhängig ist (Jurga 1997: 133).
Fiskes Theorie des Diskurses ermöglicht ihm, „die besonderen historischen, sozialen
und politischen Bedingungen der Sinnproduktion zu erfassen“ (Winter 1997: 57). Er sieht
die Rezeption und Aneignung medialer Texte als soziale Ereignisse an, in denen sich ge-
sellschaftliche Differenzen, aber auch Herrschaftsverhältnisse manifestieren. Da sie Teil der
Zirkulation von Bedeutungen sind, muss jeder Text auf die möglichen Kontexte seiner Re-
zeption bezogen werden – die Strukturen populärer Texte korrespondieren mit den gesell-
schaftlichen Strukturen. So lassen sich Kommunikationsprozesse beschreiben und die Co-
dierung und Decodierung kultureller Texte analysieren.

7. Der kulturelle Text


Es wohnt dem medienanalytischen Ansatz der Cultural Studies inne, soziale Ereignisse als
kulturelle, soziale oder mediale Texte anzusehen. So werden Sport, Mode, Film, Themen-

4 Barthes hat dieses Problem der Polysemie schon in „Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn“, aber auch
in „S/Z“ angeschnitten.
Roland Barthes: Zeichen, Kommunikation und Mythos 29

parks, Internetpräsenzen, Körper usw. zu Medientexten, die es mittels strukturalistisch-


semiologischer Ansätze zu analysieren gilt. Das erscheint sinnvoll, wenn man bedenkt, dass
allen sozialen Ereignissen das Problem der Bedeutungsgenerierung zugrunde liegt.
Der Textbegriff der Cultural Studies geht auf Barthes zurück, der den Text vom ge-
wöhnlichen Gegenstand eines Konsums – dem Werk – abgrenzt. Nach Barthes ist das Werk
ein lebloses Objekt aus festen Signifikanten, erst wenn es tatsächlich gelesen wird, wird das
Werk zum Text. Dieser Text ist „ein Geflecht von Zitaten, die aus den tausend Brennpunk-
ten der Kultur stammen“ (Barthes 1984: 61f) und damit auch immer Intertext:
„[Any] text is an intertext; other texts are present in it, at varying levels, in more or less recognisable forms:
the texts of the previous and surrounding culture.“ (Barthes 1981: 39)

Um die Intertextualität eines jeden Textes hervorzuheben, arbeitet Barthes fünf Codes her-
aus: sprachlicher Code, rhetorischer Code, hermeneutischer Code, Handlungscode, symbo-
lischer Code. Diese Codes – oder Stimmen – verbinden den Text mit allen Texten, die vor
ihm geschrieben oder gelesen wurden: „Der Code ist eine Perspektive aus Zitaten […], die
Pflugspur [eines] Schon“ (vgl. Barthes 1976: 25f.). Ohne sie gäbe es den Text nicht.
Barthes differenziert den Text in die Struktur von lesbaren und schreibbaren Texten. Der
lesbare Text stellt keinen großen Anspruch an Leserinnen und Leser, fordert von ihnen „re-
lativ wenig Mitarbeit bei der Konstituierung von Sinn“ (Jurga 1997: 134) und lässt zudem
nur eine begrenzte Anzahl von Lesarten zu. Der schreibbare Text hingegen fordert im Akt
des Aneignungsprozesses den Text „neu zu schreiben“ (Hepp 1999: 71) und repräsentiert
damit einen hohen Grad von Offenheit und unterschiedlichen Lesarten. Die für die Cultural
Studies wichtige Kategorie des produzierbaren Texts (von Fiske entwickelt und auf das
Fernsehen angewendet; Jurga 1997: 135) greift Barthes’ Dichotomie von lesbaren und
schreibbaren Texten auf und verbindet deren Merkmale miteinander:
„Mit dem lesbaren hat der produzierbare Text die Einfachheit seiner Lektüre gemeinsam, auch er steht in kei-
nem oder nicht nennenswertem Kontrast zu bestehenden Konventionen und verfügt so über eine leichte Zu-
gänglichkeit. Gleichzeitig legt der produzierbare Text aber – ähnlich dem schreibbaren – seine Widersprüche,
Grenzen und Schwächen offen. Dies ist durch das Vorhandensein von polysemen Bedeutungspotenzialen,
durch seine Offenheit bedingt.“ (Hepp 1999: 72f.)

Mediale Texte wie Mode, Film oder auch Körper lassen sich auf unterschiedliche Arten und
Weisen lesen. Lesen bedeutet hier nicht das bloße Identifizieren von Zeichen, sondern die
Fähigkeit, Zeichen zueinander in schöpferische Beziehung zu setzen (Hall 1980: 104).
Diese Fähigkeit des Lesens ist in unterschiedlichen kulturellen Gruppen unterschiedlich
ausgeprägt. Barthes spricht in diesem Zusammenhang von Gruppensprachen – den soge-
nannten Soziolekten (vgl. Barthes 1984: 125). Die Bedeutungsgenerierung basiert auf den
immanenten Verständnisstrukturen kultureller Gruppen.
Man kann also sagen, dass das Textverständnis dem Kulturverständnis dient. Daher ist
es notwendig, kulturelle Subsysteme und die in ihnen zur Anwendung kommenden Sozio-
lekte mit in die Analyse medialer Texte einzubeziehen.

Literatur
Barthes, Roland (1957): Mythen des Alltags. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Barthes, Roland (1959) [1953]: Am Nullpunkt der Literatur. Objektive Literatur. Zwei Essays. Hamburg: Claassen.
Barthes, Roland (1969) [1963/64]: Literatur oder Geschichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Barthes, Roland (1976) [1970]: S/Z. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
30 Lars Grabbe & Patrick Kruse

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Barthes, Roland (1981): Theory of the Text. In: Young, R. (Hrsg.): Untying the Text. A Post-Structuralist Reader.
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Barthes, Roland (1983) [1964/65]: Elemente der Semiologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Barthes, Roland (1984): Das Rauschen der Sprache. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Barthes, Roland (1985) [1980]: Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie. Frankfurt am Main: Suhr-
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Barthes, Roland (1988) [1985]: Das semiologische Abenteuer. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Barthes, Roland (2001) [1963/64]: Was ist Kritik? In: Konersmann, R. (Hrsg.): Kulturkritik. Reflexionen in der
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Calvet, Louis-Jean (1993): Roland Barthes. Eine Biographie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
de Saussure, Ferdinand (1967): Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Berlin/New York: de Gruyter.
Denzin, Norman K. (1992): Symbolic Interactionism and Cultural Studies: The Politics of Interpretation. Cam-
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Göttlich, Udo (1997): Kontexte der Mediennutzung. Probleme einer handlungstheoretischen Modellierung der Me-
dienrezeption. In: montage/av, 6/1/1997, S. 105–113.
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nisse und Perspektiven. Frankfurt am Main: Athenäum-Verlag, S. 142–178.
Jurga, Martin (1997): Texte als (mehrdeutige) Manifestationen von Kultur: Konzepte von Polysemie und Offenheit
in den Cultural Studies. In: Hepp, A./Winter, R. (Hrsg.) (1997): Kultur – Medien – Macht: Cultural Studies und
Medienanalyse. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 129–144.
Lieber, Maria (2004): Roland Barthes. In: Volpi, F. (Hrsg.) (2004): Großes Werklexikon der Philosophie. 2 Bände.
Bd. 1: A-K. Stuttgart: Kröner, S. 139–141.
Moser, Heinz (2004): Bedürfnisse, soziale Texte und die Cultural Studies. In: Online-Zeitschrift MedienPädagogik
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Röttger-Denker, Gabriele (1989): Roland Barthes zur Einführung. 2. überarb. Auflage. Hamburg: Junius.
Winter, Rainer (1997): Vom Widerstand zur kulturellen Reflexivität. Die Jugendstudien der British Cultural Stu-
dies. In: Charlton, M./Schneider, S. (Hrsg.): Rezeptionsforschung. Theorien und Untersuchungen zum Um-
gang mit Massenmedien. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 59–72.
Pierre Bourdieu: Habitus und Alltagshandeln
Ralph Weiß

1. Einleitung
Das Anliegen der Cultural Studies, Prozesse der Medienproduktion und der Medienaneig-
nung in ihrem gesellschaftlichen Kontext verstehen zu können, hat den Blick auf Pierre
Bourdieus Habituskonzept gelenkt. So sieht sich die kulturwissenschaftlich orientierte Re-
zeptionsforschung vor die Aufgabe gestellt, den Sinn alltagskultureller Praktiken mit Blick
auf die soziale „Situierung“, in deren Kontext er sich für die Rezipierenden entfaltet, ent-
ziffern zu können. Für die Bewältigung dieser Aufgabe braucht die medienzentrierte Be-
trachtung aber eine gesellschaftswissenschaftliche Theorie, die die Sinnorientierungen des
Alltags und die ihnen korrespondierenden Wahrnehmungsweisen zu klassifizieren weiß,
und die zeigen kann, wie diese subjektiven Dispositionen, Präferenzen und Aspirationen auf
einen jeweils besonderen sozialen Ort abgestimmt sind. Mary S. Mander diskutiert Bour-
dieus Habituskonzept, weil sie darin das theoretische Potenzial erkennt, die Analyse der Me-
dienaneignung in einen breiteren gesellschaftstheoretischen Rahmen einzuordnen als es ei-
ne Medienwissenschaft vermag (Mander 1987: 433).1 Stefan Müller-Doohm plädiert für
eine Rezeptionsforschung, die angemessen zu bezeichnen versteht, dass es sich bei den an-
geeigneten Medieninhalten um die alltagskulturelle Vergegenständlichung „symbolisch
konstituierter Lebensform[en]“ handelt (Müller-Doohm 1990: 78). Er teilt mit Autorinnen
und Autoren aus dem Feld der Cultural Studies (Morley 1992: 19f.; Moores 1993: 118–123)
die Hoffnung, mit Bourdieus Theorie der Inkorporation sozialer Strukturen in subjektive
Dispositionen ließe sich in Kenntnis der generativen Prinzipien von Alltagswahrnehmung
und -handeln besser erklären, welche Medieninhalte lebensweltliche Relevanz für die Rezi-
pierenden haben und welche Funktion die Medienrezeption im Rahmen alltäglicher Le-
bensführung bekommt.
Müller-Doohm erwartet von Bourdieus Habituskonzept darüber hinaus, dass es helfe,
die „dispositive und regulative Gewalt der symbolischen Ordnung aufzudecken“ (Müller-
Doohm 1990: 99). Mit einem gleichermaßen gesellschaftstheoretischen Anliegen macht
sich Nick Couldry (2005) den Habitusbegriff zu eigen, um die Medialisierung der Repro-
duktion von Strukturen und Regeln des sozialen Lebens beschreiben zu können.
Kann das Konzept die ihm gegenüber gehegten Erwartungen erfüllen? Der „Habitus“ ist
ein Schlüsselbegriff im Werk des französischen Soziologen. Bourdieu (1930–2002) begann
seine wissenschaftliche Laufbahn mit ethnologischen Studien zur kabylischen Gesellschaft
in Algerien. Schwerpunkte seiner weiteren Forschungen waren Untersuchungen u.a. zum
Bildungs- und Hochschulwesen, zur Alltagskultur sowie zum Wandel von Arbeit, Alltag und
Politik durch eine „neoliberale“ Globalisierung. Bourdieu hatte den Lehrstuhl für Kulturso-
ziologie an der Ecole Pratique des Hautes Etudes inne, war Mitglied des Collège de France,

1 Mander notiert allerdings auch eine fundamentale Differenz zwischen Bourdieus Soziologie und den Cultural
Studies im Begriff der Kultur. Ihr scheint diese theoretische Differenz unüberbrückbar, daher relativiere sie die
Nutzbarkeit der Theorie Bourdieus für das Anliegen der Cultural Studies (1987: 449, 452).
32 Ralph Weiß

Direktor des Centre de Sociologie Europénne (CSE) und Herausgeber der Zeitschrift
„Actes de la Recherche en science sociale“. Bourdieu agierte als politischer Intellektueller
in Themenwahl und Anlage seiner Forschung sowie in der Unterstützung globalisierungs-
kritischer Bewegungen.
Der folgende Abschnitt (2.) führt aus, wie Bourdieu den Habitus definiert, welchen Stel-
lenwert die Kategorie in Bourdieus Wissenschaft einnimmt und wie der Begriff in Bour-
dieus Studien entfaltet wird. Der Abschnitt schließt mit einer kritischen Diskussion, was zur
Einlösung der dem Begriff unterlegten theoretischen Ambition getan werden muss. Ab-
schnitt (3.) stellt Arbeiten vor, die sich bei der Analyse medienkultureller Phänomene auf
Bourdieus Habitusbegriff stützen. Anhand ausgewählter Studien lässt sich verdeutlichen,
welches analytische Potenzial mit diesem Begriff erschlossen wird. Der Beitrag schließt mit
einem Ausblick, wie sich die Cultural Studies sowie die Kommunikations- und Medienwis-
senschaft die Kategorie Habitus zunutze machen können (4.).

2. „Habitus“ – strukturierte subjektive Struktur und Erzeugungsprinzip für Muster


des Wahrnehmens, der Vorstellungsbildung und des Handelns
2.1 Der Begriff des Habitus
Bourdieu bestimmt den Begriff des Habitus auf mehrfache, teils variierende Weise. Dabei
werden aber durchgängig zwei Gedanken miteinander verknüpft: Mit dem Habitus will
Bourdieu einerseits das „Erzeugungsprinzip“ bezeichnen, nach dem Subjekte Wahrneh-
mungsweisen ausbilden und Handlungsformen realisieren, und das dem Wahrnehmen und
Handeln daher auch seinen inneren subjektiven Zusammenhang verschafft. In dieser Hin-
sicht betont er die „ ,schöpferischen‘, aktiven, inventiven Eigenschaften des Habitus“ (Bour-
dieu 1997c: 62). Zugleich besteht Bourdieu darauf, dass der Habitus Produkt objektiv auf-
gegebener Bedingungen sowie unterschiedlich zugemessener Ressourcen des Handelns ist,
Transformation von objektiven Strukturen in subjektive Dispositionen und damit zugleich
von „Haben“ (d.h. der Verfügung über Ressourcen) in „Sein“ (von Präferenzen, Orientie-
rungen).
Mit dieser Doppelbestimmung wird der Habitus zum Schlüsselbegriff in Bourdieus So-
ziologie. Die praktische „Einpassung“ in die Regeln und Erfordernisse eines individuellen
sozialen Ortes innerhalb einer komplexen, hierarchisch gegliederten Gesellschaft wird
durch die auf diesen Ort abgestimmte Regelhaftigkeit besorgt, mit der der erworbene Habi-
tus handlungsleitende Anschauungsweisen und Praxisformen generiert.
„Der Habitus ist Erzeugungsprinzip objektiv klassifizierbarer Formen von Praxis und Klassifikationssystem
(principium divisionis) dieser Formen. In der Beziehung dieser beiden den Habitus definierenden Leistungen:
der Hervorbringung klassifizierbarer Praxisformen und Werke zum einen, der Unterscheidung und Bewertung
der Formen und Produkte (Geschmack) zum anderen, konstituiert sich die repräsentierte soziale Welt, mit an-
deren Worten der Raum der Lebensstile.“ (Bourdieu 1989a: 277f.)
„Auf dieses System (der Klassifikationen, R.W.) geht die fortlaufende Umwandlung der Notwendigkeit in
Strategien, der Zwänge in Präferenzen zurück, wie auch die von mechanischer Determinierung freie Erzeu-
gung aller für die klassifizierenden und klassifizierten Lebensstile konstitutiven ,Entscheidungen‘, deren Sinn
bzw. Wert sich aus ihrer spezifischen Position im Rahmen eines Systems von Gegensätzen und Wechselbezie-
hungen herleitet. Da selbst nur zur Tugend erhobene Not, will es fortwährend aus der Not eine Tugend machen
und drängt zu Entscheidungen, die der gegebenen sozialen Lage, aus der es hervorgegangen ist, im Vorhinein
angepasst sind.“ (Bourdieu 1989a: 285)
Pierre Bourdieu: Habitus und Alltagshandeln 33

Bourdieu betont stets beides zugleich: die generativen Potenzen des Habitus und seine Ab-
hängigkeit, Konditioniertheit im Hinblick auf die Strukturen, auf die er abgestimmt ist.
Bourdieus Praxistheorie gibt auf diese Weise einen Begriff für den Umstand, dass die Akteu-
re Strukturen sozialer Ungleichheit und Machtbeziehungen hervorbringen, ohne dass ihnen
dieses Werk als solches bewusst und Inhalt ihrer Absichten wäre. So fügt sich der Habitus-
begriff in Bourdieus übergreifendes Erkenntnisinteresse ein, die Reproduktion einer Gesell-
schaft sozialer Ungleichheit erklären zu können.
Bourdieus Praxistheorie ist zugleich eine Theorie der Entfremdung. Sie sucht eine Pra-
xis zu erklären, deren Logik die Subjekte ausführen, ohne über sie zu verfügen (Krais
1989: 47f.). Das Habituskonzept ist Bourdieus Angebot einer Lösung für das von ihm dia-
gnostizierte „Paradoxon[s] vom objektiven Sinn ohne subjektive Absicht“ (Bourdieu 1981:
170). Damit verbindet sich die theoretische Kritik an der Urteilskraft des „praktischen
Sinns“ für die Realitäten, der seiner Prägung durch die gesellschaftlichen Strukturen mehr
schuldet und auf eine gleichsam naturalisierte, distanzlose Weise mehr ausführt als den
Protagonistinnen und Protagonisten gegenwärtig ist. Darin ist Habitus der analytischen Ab-
sicht nach ein kritischer Begriff, der die den Akteuren verborgene Logik der Praxis de-
chiffrieren soll.
In der empirischen Beschreibung des Habitus verschiedener sozialer Charaktere liefert
Bourdieu reiches Material für die Analyse der Widersprüche einer Praxis, der er nachweist,
wie im Selbstbewusstsein der individuellen Freiheit doch nur Strukturen der Heteronomie
reproduziert werden, indem „Notwendigkeiten in Präferenzen“ verwandelt werden. Von den
handlungsleitenden Orientierungen im Erwerbsleben über politische Auffassungen bis in
den Geschmack hinein wird der jeweils passende „sense of one’s place“ ausgebildet (Bour-
dieu 1989a: 728). Um einen theoretischen Begriff dieser widersprüchlichen Logik der Pra-
xis zu geben, versucht Bourdieu erklärtermaßen, „Dichotomien“ zu überwinden. Er will das
Anliegen der Sozialphänomenologie, Handeln und Alltagsbewusstsein aus der Perspektive
der Akteure zu rekonstruieren, erfüllen, ohne dem der Phänomenologie angelasteten „Sub-
jektivismus“ verpflichtet zu bleiben. Andererseits wendet er gegen den Strukturalismus ein,
dass dieser verkenne, dass die allgemeinen Gesetze der Praxis und die Struktur gesellschaft-
licher Verhältnisse allein durch das Handeln der Akteure verwirklicht würden. Zugleich will
Bourdieu jedoch die Existenz und die das Handeln bestimmende Geltung objektiver Struk-
turen theoretisch in Rechnung stellen.
Diese doppelte theoretische Opposition mündet in eine zweifache Affirmation, da Bour-
dieu beide Grundgedanken gelten lassen will, aber eben stets zugleich und sich damit wech-
selseitig relativierend. Dazu formt Bourdieu einen eigenen Sprachstil aus, der den Wider-
spruch zwischen den beiden elementaren Bestimmungen des Habitus nicht aufhebt, sondern
zur Darstellungsform verfestigt. Das lässt sich etwa in der Schrift „Sozialer Sinn“ studie-
ren.2 Bourdieu bestimmt dort den Habitus sowohl hinsichtlich seines Ursprungs als auch mit
Blick auf sein Produkt und damit auf seine Funktion ganz als Derivat der objektiven Struk-

2 Bourdieus Monografie „Sozialer Sinn“ legt eine überarbeitete Fassung seiner Überlegungen vor, die bereits in
dem „Entwurf einer Theorie der Praxis“ sowie in „Die feinen Unterschiede“ angestellt worden sind. Der „sens
pratique“ greift dabei auf die ethnografischen Studien der kabylischen Gesellschaft ebenso zurück wie auf die
soziografische Untersuchung der alltagskulturellen Praktiken in Frankreich. Dabei wird der Geltungsbereich
der im Zuge der Diskussion von Beobachtungen gewonnenen theoretischen Formeln (wie Habitus, Homolo-
gie usf.) in der Regel nicht eingeschränkt. In ihrer oft methodologischen Manier beanspruchen die analytischen
Feststellungen allgemeine Geltung.
34 Ralph Weiß

turen. „Über den Habitus regiert die Struktur, die ihn erzeugt hat …“ (Bourdieu 1997a: 102).
Er funktioniere „wie eine Art ,geistiger Automat‘“. Zugleich lasse sich aber an der Trägheit
wie an der Kreativität der Erzeugnisse des Habitus erkennen, dass er eine „relativ unabhängig
von äußeren Determiniertheiten“ fungierende Daseinsweise hat (Bourdieu 1997a: 105f.).
Diese „Freiheit“ stelle andererseits doch nur die Determiniertheit durch die Vergangenheit
vor. In diesem Hin und Her bestimmt Bourdieu den Habitus. Das Ausweichen von der Be-
stimmtheit zur Bestimmtheit der Möglichkeit und das Spiel mit den Tempi exemplifiziert,
wie Bourdieu stets beides zugleich behaupten will: Determination und selbstständiges Da-
sein. In seitenlangen Variationen umkreist Bourdieu das Problem der Widersprüchlichkeit in
seiner theoretischen Bestimmung des Habitus.3 Statt eines Begriffs der Widersprüche des
„praktischen Sinns“ gibt Bourdieu einen widersprüchlichen Begriff.4 Auf eine Formel ge-
bracht: Der Habitus ist „konditionierte und bedingte Freiheit“ (Bourdieu 1997a: 103).
Bourdieu benutzt darüber hinaus eine zweite Argumentationsstrategie, um seine Fassung
des Habitusbegriffes zu begründen. Er geht über von einer theoretischen zu einer wissen-
schaftstheoretischen Diskussion, wechselt von der Analyse des Begriffs zur Positionierung
innerhalb des Wissenschaftsdiskurses und führt letzteres als Argument der Gegenstands-
bestimmung ein.
„Der Begriff gestattete es mir damals, mit dem strukturalistischen Paradigma zu brechen, ohne in die alte
Philosophie des Subjekts oder des Bewusstseins, die der klassischen Ökonomie und ihres homo oeconomicus,
zurückzufallen, die heute unter dem Namen des methodologischen Individualismus wiederkehrt. Mit der
Wiederaufnahme des alten aristotelischen Begriffs der Hexis, von der Scholastik in Habitus übersetzt, wollte
ich dem Strukturalismus und seiner befremdlichen Philosophie des Handelns entgegnen, die implizit in Lévi-
Strauss’ Begriff des Unbewussten und in aller Klarheit bei den Althusserianern und ihrem auf die Rolle eines
Trägers der Struktur reduzierten Akteur zum Ausdruck kommt. Dabei löste ich Panofsky aus der neukantiani-
schen Philosophie der ,symbolischen Formen‘, der er verhaftet geblieben war, heraus (auch wenn das hieß, sich
den in seinem Werk einmaligen Gebrauch des Habitus-Begriffs etwas forciert zunutze zu machen). In diesem
Punkt Chomsky nah, der zu selben Zeit und gegen nahezu den gleichen Gegner den Begriff der generative
grammar entwickelte, wollte ich die ,schöpferischen‘, aktiven, inventiven Eigenschaften des Habitus (was das
Wort habitude: Gewohnheit nicht zum Ausdruck bringt) und des Akteurs herausstellen. Dabei wollte ich wahr-
lich darauf hinweisen, dass dieses generative Vermögen nicht das eines universellen Geistes, der menschlichen
Natur oder Vernunft überhaupt ist, wie bei Chomsky – der Habitus ist, das Wort sagt es, etwas Erworbenes,
auch ein Haben, ein Kapital – oder das eines transzendentalen Subjekts, wie in der idealistischen Tradition
– der Habitus, die Hexis meint die inkorporierte, gleichsam handlungsmäßige Disposition –, sondern die eines
aktiv handelnden Akteurs.“ (Bourdieu 1997c: 61f.)5

Bourdieu identifiziert seine eigene wissenschaftstheoretische Position als die eines „gene-
tischen Strukturalisten“, als den er sich durch die Absicht ausweist, dem „Gegenstand das
Wissen der Akteure von diesem und den Beitrag zu integrieren, den dieses Wissen zur
Wirklichkeitskonstruktion des Gegenstandes leistet“ (Bourdieu 1989a: 728). Den Habitus-
begriff nimmt Bourdieu bei Erwin Panofsky auf, der sich seinerseits auf Aristoteles und
Thomas von Aquin stützt.6 Mit der expliziten Analogie zu Noam Chomsky hebt Bourdieu
als seine Lesart des Habitusbegriffs hervor, dass das im Habitus gebündelte System von
Schemata der Wahrnehmung, der Deutung und des Handelns es den Akteuren erlaube,
3 Für Beispiele siehe etwa Bourdieu 1997a: 100, 104f., 106 und Bourdieu 1997b: 40f.
4 Bourdieu ist diese Kritik durchaus bekannt. Er begegnet ihr mit einer einfachen Wiederholung seiner Auffas-
sung (Bourdieu 1989b: 396f.).
5 Substanziell ähnliche Passagen finden sich auch schon in Bourdieus Hauptwerken wie den „Feinen Unter-
schieden“ und „Sozialer Sinn“, wenn auch nicht in der narrativen Weise vorgetragen wie in dem Rückblick auf
das eigene Werk.
6 Für eine umfassende Begriffsgeschichte siehe Peter Nickl (2001).
Pierre Bourdieu: Habitus und Alltagshandeln 35

durch die Kombinatorik seiner Elemente nach Art einer Grammatik der Praxis eine unbe-
grenzte Vielzahl von Handlungen hervorzubringen, die „am Platz“ und der Situation ange-
passt sind. Zur analytischen Entfaltung der Kategorie gehört für Bourdieu daher der syste-
matische Bezug zu Referenzkategorien. Der Habitus bildet und bewährt sich in Situationen,
die selbst typisiert, regelhaft und strukturiert sind. Bourdieu führt dafür den Begriff des „so-
zialen Feldes“ ein.

2.2 Das „soziale Feld“ als Bezugsraum des Habitus


Das „soziale Feld“ legt fest, welche Schemata „am Platz“ und daher wirksam sind und wel-
che nicht. Zur Praxis wird ein habituelles Muster durch den Einsatz von Ressourcen (Geld,
Bildung, Beziehungen), deren Verfügbarkeit konstitutiv in die Ausbildung des Habitus ein-
geht. Auch für diese „Kapitalien“ gilt, dass die Regeln des „sozialen Feldes“ entscheiden,
welcher „Einsatz“ im „Spiel“ um den individuellen Erfolg in der Konkurrenz mit anderen
gültig ist.7 Den Zusammenhang der zentralen Kategorien seiner Gesellschaftsanalyse kenn-
zeichnet Bourdieu in einer formelhaft verdichteten Weise folgendermaßen: „{(Habitus) (Ka-
pital)} + Feld = Praxis“ (Bourdieu 1989a: 175).
Diese Formel besagt: Auf Seiten des Subjekts bildet der Habitus das generative Prinzip,
das dem Handeln seine sinnvolle Einheit und biografische Konsistenz gibt. Das Handeln
setzt dabei jeweils individuell verfügbare Ressourcen („Kapital“) ein. Auf Seiten der Hand-
lungssphäre ist es die „spezifische Logik des Feldes“, die dem Handeln seine regelhafte
Struktur aufgibt.
„In der Praxis, d.h. innerhalb eines jeweils besonderen Feldes sind inkorporierte (Einstellungen) wie objekti-
vierte Merkmale der Akteure (ökonomische und kulturelle Güter) nicht alle gemeinsam und gleichzeitig effi-
zient. Vielmehr legt die spezifische Logik eines jeden Feldes jeweils fest, was auf diesem Markt Kurs hat. Was
in dem Spiel relevant und effizient ist, was in Beziehung auf dieses Feld als spezifisches Kapital und daher als
Erklärungsfaktor der Formen von Praxis fungiert.“ (Bourdieu 1989a: 194)

Mit dem Begriff „Kapital“ zieht Bourdieu eine Kategorie der politischen Ökonomie heran.
Dort bezeichnet der Begriff die Privatmacht über gesellschaftlich erzeugten Reichtum und
damit auch über den arbeitsteiligen Prozess der Reichtumsproduktion. Bourdieu dehnt die-
sen Begriff jedoch auf andere Sphären aus. So meint Bourdieus Begriff des „Kapitals“ Ei-
gentum, zugleich aber auch einen Status in der Hierarchie der Erwerbseinkommen, ferner
die Verfügung über Bildungszertifikate von abgestuftem Rang, schließlich Kenntnisse,
Kompetenzen und soziale Beziehungen von divergierender sozialer Wertigkeit. Ungleich-
artiges (Geldbesitz, Kenntnisse) wird durch Attribute geschieden (ökonomisch, sozial und
kulturell), durch die Zusammenfassung unter dieselbe Kategorie aber auch eine Identität des
Verschiedenartigen behauptet. Worin besteht nun diese Identität als „Kapital“?
Bourdieu vereint das Verschiedenartige im Hinblick auf Position und Aktion des gesell-
schaftlichen Subjekts in einer sozialen Hierarchie. Das Anliegen zu beschreiben, was den
Subjekten für ihre unausweichliche Anstrengung, sich in der sozialen Hierarchie einer Kon-
kurrenzgesellschaft zu behaupten, an Voraussetzungen und Mitteln eigen ist, vereint Eigen-
tum und Einkommen mit Bildungstiteln, Kenntnissen und sozialen Beziehungen in der Eigen-
schaft, die „Ressourcen“ dieses notwendigen Selbstbehauptungsbestrebens zu bemessen.

7 Bourdieu betont, dass die Geltung der „Spielregeln“ und damit auch die Wirksamkeit von Ressourcen selbst
Gegenstand der sozialen Auseinandersetzung sind, die in einen Wandel führen kann, den er analysieren, kei-
neswegs dementieren will (Bourdieu 1989a: 219f.; Bourdieu 1989b: 409f.).
36 Ralph Weiß

Bourdieu löst den Begriff des Kapitals aus dem theoretischen Umfeld der politischen
Ökonomie und überstellt ihn in die Theorie sozialer Ungleichheit. Indem er das Ungleich-
artige unter einem kategorialen Namen versammelt, hebt Bourdieu hervor, dass der Prozess
der sozialen Stratifikation für das Zusammenfließen ökonomischer, sozialer und kultureller
Ressourcen zu jeweils typischen Konfigurationen mithin also für die praktisch hergestellte
Einheit dieser Dimensionen sorgt. Umgekehrt lassen sich alle Eigenschaften der Akteure bis
in die vermeintlich freiesten Stilisierungen des Geschmacks hinein als Momente im Kampf
um die soziale Position dechiffrieren. Bourdieu untermauert diese Feststellung empirisch –
durch die Analyse und Darstellung des „Raumes sozialer Positionen“ und seiner Koinzidenz
mit dem „Raum der Lebensstile“. Er analysiert dieses Zusammenstimmen, diese Homolo-
gie insbesondere mit Blick auf die Rolle von Bildung und Herkunft für die erwerbbaren so-
zialen Positionen. Bourdieu bestimmt Positionen als Ensemble von Eigenschaften empirisch
und stets relational – durch ein System der „Abstände, Differenzen, Ränge, Prioritäten, Exklu-
sivitäten, Distinktionen“ (Bourdieu 1989a: 270). Diese konfigurative Einheit wird – Bour-
dieu zufolge – durch das Handeln der Subjekte hindurch realisiert, die dabei aber den Re-
geln des jeweiligen „sozialen Feldes“ folgen, die die Konfiguration bestimmen.
Bourdieu stellt in Rechnung, dass nicht stets und überall dieselbe Konfiguration von Ka-
pitalien den Ausschlag für die gesellschaftliche Durchsetzung gibt. Soziale Felder unter-
scheiden sich gerade darin, welche spezifischen Kapitalien auf ihnen in Wert gesetzt sind.
Das zeigt sich darin, dass sie die Relation zu anderen Akteuren des Feldes bestimmen (Bour-
dieu 1997c: 76f.). Soziale Felder definieren Kraft ihrer jeweils eigenen Logik, welche Inter-
essen verfolgt werden können und wie die „Einsätze“ für das erfolgreiche „Mitspielen“ auf
dem Feld beschaffen sein müssen.
„Die Akteure streben nach den bestmöglichen Positionen auf dem Feld. Zu diesem Zweck setzen sie alles ein,
worüber sie verfügen und was auf dem Feld zählt. Gleichzeitig versuchen sie die ,Regeln‘ so zu verändern,
dass das, worüber sie verfügen, am besten zur Geltung kommt.“ (Rehbein 2006: 107)

Beate Krais exemplifiziert diesen Gedanken auf Basis ihrer Durchsicht von empirischen
Studien Bourdieus:
„So werden unter spezifischen historischen Bedingungen im Feld der ökonomischen Macht, in dem über Kre-
dite und finanzielle Verflechtungen bestimmte Bedingungen der Kapitalverwertung stark an personenbezogene
Urteile gebunden sind, die ,Beziehungen‘ zu sozialem Kapital und der Lebensstil zu einem Instrument, dieses
Kapital zu mobilisieren und zu dokumentieren – ein Kapital, das in diesem Feld neben die beiden Kapitalar-
ten ökonomisches und kulturelles Kapital tritt und diesen, wie eine geschickt angelegte Aktien-,Schachtel‘, zur
vollen Realisierung ihres Werts verhilft. Diese Bedeutung aber haben die ,Beziehungen‘ und der an sie ge-
bundene Distinktionsaufwand im Lebensstil weder bei den Bischöfen noch bei den Hochschullehrern.“ (Krais
1989: 65)

Welche „Felder“ lassen sich in der gegenwärtigen Gesellschaft voneinander abgrenzen?


Und welche Regeln konstituieren die jeweiligen sozialen Felder? Darauf gibt Bourdieu kei-
ne bündige Antwort. Das „Feld“ nimmt weniger den Rang einer ausgearbeiteten Theorie als
vielmehr die Stelle eines Platzhalters für eine empirisch einzulösende Bestimmung ein, die
im Rahmen einer „relationalen Denkweise“ (Bourdieu 1997c: 67) den jeweils besonderen
Zusammenhang von Regeln der Durchsetzung, Kapitalausstattung und Habitus rekonstru-
iert. Gleichartiges gilt im Übrigen für den Begriff der „Klasse“, den Bourdieu einerseits
nutzt, um „Existenzbedingungen“ zu typisieren, die durch ein jeweils besonderes Ensemble
von „Kapitalien“ und in Verbindung mit deren feldtypischen „Wert“ bestimmt sind; darüber
hinaus werde eine „soziale Klasse“ aber erst durch die relationale Praxis signifikanten
Pierre Bourdieu: Habitus und Alltagshandeln 37

Unterscheidens konstituiert. Bourdieu nutzt „Klasse“ als Kategorie einer Soziologie der so-
zialen Ungleichheit.

2.3 Ursprung, Klassifikationsprinzipien und Operationsweisen des Habitus


In seinen empirischen Studien entwickelt Bourdieu weitere Bestimmungen des Habitus. Die
Frage nach dem Ursprung des Habitus beantwortet Bourdieu, indem er das Verhältnis zu
den sozialen Strukturen bezeichnet, auf die er abgestimmt ist.
„Die Konditionierungen, die mit einer bestimmten Klasse von Existenzbedingungen verknüpft sind, erzeugen
die Habitusformen als Systeme dauerhafter und übertragbarer Dispositionen, als strukturierte Strukturen, die
wie geschaffen sind, als strukturierende Strukturen zu fungieren, d.h. als Erzeugungs- und Ordnungsgrundla-
gen für Praktiken und Vorstellungen, die objektiv an ihr Ziel angepasst sein können, ohne jedoch bewusstes
Anstreben von Zwecken und ausdrückliche Beherrschung der zu deren Erreichung erforderlichen Operationen
vorauszusetzen, die objektiv ,geregelt‘ und ,regelmäßig‘ sind, ohne irgendwie das Ergebnis der Einhaltung von
Regeln zu sein, und genau deswegen kollektiv aufeinander abgestimmt sind, ohne aus dem ordnenden Han-
deln eines Dirigenten hervorgegangen zu sein.“ (Bourdieu 1997a: 98f.)

Bourdieu entwickelt dabei keine Sozialisationstheorie (Rehbein 2006: 90). Er beschränkt


sich auf verstreute Bemerkungen zum Erwerb bzw. zur Vermittlung der Habitusformen. Im
Zentrum steht für ihn die Funktion des Habitus, objektiv geregelte und auch ohne Verein-
barung aufeinander abgestimmte Formen der Praxis hervorzubringen. Die „sozialen Struk-
turen“ haben durch den Prozess der Versubjektivierung zu „kognitiven Strukturen“ bzw.
„Dispositionen“ allerdings auch eine Transformation durchlaufen. Aus objektiven Regeln ist
der subjektive Sinn für Regeln, aus der Beschränkung durch aufgegebene Existenzbedin-
gungen der „Sinn für Grenzen“ geworden (Bourdieu 1989a: 734). Dieser subjektive Sinn
bleibt nicht bloßes Prägeprodukt der sozialen Struktur, sondern entwickelt einen Eigensinn.
Bourdieu erkennt diesen Eigensinn etwa an der Trägheit des Habitus, der an „Wahrneh-
mungs- und Bewertungskategorien“ festhält, auch wenn sich die Umstände der Lebensfüh-
rung geändert haben. Diese „Hysteresis“ kann in Desillusionierung, Ressentiments der Alten
gegenüber den Jungen oder andere Formen des „sozialen Alterns“ münden. Das Phänomen
verweist darauf, dass die subjektiven Strukturen, die der Prozess der Inkorporation ausbil-
det, in ihrer eigenen subjektiven Logik zu bestimmen sind.
Bourdieu kommt dieser Aufgabe nach, indem er diejenigen Prinzipien inhaltlich zu be-
zeichnen sucht, anhand derer der praktische Sinn seine Klassifikationen vornimmt. Er charak-
terisiert diese Klassifikationsprinzipien resümierend anhand eines „weitläufigen Netz[es] der
Gegensatzpaare“, die eine „Art Matrix aller Gemeinplätze“ bildeten (Bourdieu 1989a: 730f.).
„Alle Akteure einer Gesellschaft verfügen in der Tat über einen gemeinsamen Stamm von grundlegenden
Wahrnehmungsmustern, deren primäre Objektivierungsebene in allgemein verwendeten Gegensatzpaaren von
Adjektiven vorliegt, mit denen Menschen wie Dinge der verschiedenen Bereiche der Praxis klassifiziert und
qualifiziert werden. Dem weitläufigen Netz der Gegensatzpaare wie hoch (oder erhaben, rein, sublim) und
niedrig (oder schlicht, platt, vulgär), spirituell und materiell, fein (oder verfeinert, raffiniert, elegant, zierlich)
und grob (oder dick, derb, roh, brutal, ungeschliffen), leicht (oder beweglich, lebendig, gewandt, subtil) und
schwer (oder schwerfällig, plump, langsam, mühsam, linkisch), frei und gezwungen, weit und eng, wie auf ei-
ner anderen Ebene einzig(artig) (oder selten, außergewöhnlich, exklusiv, beispiellos) und gewöhnlich (oder ge-
mein, banal, geläufig, trivial, beliebig), glänzend (oder intelligent) und matt (oder trübe, verschwommen, dürf-
tig) – diesem Netz als einer Art Matrix aller Gemeinplätze, die sich nicht zuletzt so leicht aufdrängen, weil die
gesamte soziale Ordnung auf ihrer Seite steht, liegt der primäre Gegensatz zwischen der ,Elite‘ der Herr-
schenden und der ,Masse‘ der Beherrschten zugrunde, jener kontingenten, amorphen Vielheit Einzelner, die
austauschbar, schwach und wehrlos, von lediglich statistischem Interesse und Bestand sind.“ (Bourdieu 1989a:
730f.)
38 Ralph Weiß

Es handelt sich bei der „Matrix aller Gemeinplätze“ mithin um eine Serie bipolarer Adjektive,
die überwiegend relationale Bestimmungen von Eigenschaften der Materie (wie Höhe, Weite,
Dichte etc.) angeben. Darin sind sie Bestimmungen der Qualität der Dinge. Bourdieu behan-
delt aber den metaphorischen Gebrauch solcher Bestimmungen in der Kennzeichnung der Ei-
genschaften sozialer Entitäten (Positionen, Personen, Gruppen etc.). Welche Eigenschaft, d.h.
welche soziale Qualität der metaphorische Rückgriff auf die Relationen der Dingwelt unter-
streicht, fällt ganz in das Substantiv, dem sie beigestellt werden. Bourdieu räumt ein, die „adjek-
tivistischen Gegensatzpaare“ seien „in hohem Maße bedeutungsarm, ja nahezu unbestimmt“
und erhielten ihre Bedeutung erst „im Kontext eines … Gegenstandsbereichs (univers de dis-
cours)“ mit seinem jeweils „fraglos Vorausgesetzten und Geltenden“ (Bourdieu 1989a: 733).8
Damit fehlt aber ein zentrales Element in der Analyse der Habitusformen. Die verstreuten Be-
merkungen in den empirischen Studien zur subjektiven Eigenlogik der Habitusformen werden
von Bourdieu zu keinem konsistenten theoretischen System zusammengeführt. Die „genera-
tive Formel des Habitus“ inhaltlich auszufüllen, bleibt ein Desiderat (Bourdieu 1989a: 332).
Stärker ausgearbeitet sind Bourdieus Urteile zu den subjektiven Daseinsweisen und den
Operationsmodi des Habitus. Bourdieu betont durchgängig, dass die weit überwiegende
Mehrzahl der Handlungen nicht aus einer sorgfältigen Abwägung mit Blick auf begriffene
Umstände und bewusste Motive hervorgeht, wegen des Drucks der Situation auch gar nicht
aus einem solchen Reflexionsprozess hervorgehen kann, sondern gleichsam automatisiert
erfolgt. Gewohnheiten und Routinen als Modi des Bewusstseins, in denen die Akteure sich
das Prinzip ihres Tuns (und dessen Voraussetzungen) nicht gegenwärtig machen, sondern al-
lein ausüben, setzt Bourdieu dabei gleich mit der Unbewusstheit des Prinzips, nach dem das
Handeln erzeugt wird. Für Bourdieu wird der sozialisierte Körper zum Träger des Habitus.
Wie das Subjekt sich hält, seinen Körper in Form und in Stellung bringt, sei gleichermaßen
Ausdruck wie Praxis der Aneignung eines sozialen Ortes.
„Es scheint durchaus, als würden die mit bestimmten sozialen Verhältnissen gegebenen Konditionierungspro-
zesse das Verhältnis zur sozialen Welt in ein dauerhaftes und allgemeines Verhältnis zum eigenen Leib fest-
schreiben – in eine ganz bestimmte Weise, seinen Körper zu halten und zu bewegen, ihn vorzuzeigen, ihm
Platz zu schaffen, kurz: ihm soziales Profil zu verleihen.“ (Bourdieu 1989a: 739)

Bourdieu denkt die „Hexis“ im Wortsinn als Inkorporation von sozialem Sinn. Dieser Sinn
werde auf gleichsam mimetische Weise subjektiv realisiert.
„Man könnte in Abwandlung eines Wortes von Proust sagen, Arme und Beine seien voller verborgener Impe-
rative. Und man fände kein Ende beim Aufzählen der Werte, die durch jene Substanzverwandlung verleiblicht
worden sind, wie sie die heimliche Überredung durch eine stille Pädagogik bewirkt, die es vermag, eine kom-
plette Kosmologie, Ethik, Metaphysik und Politik über so unscheinbare Ermahnungen wie ,Halt dich gerade!‘
oder ,Nimm das Messer nicht in die linke Hand!‘ beizubringen und über die scheinbar unbedeutendsten Ein-
zelheiten von Haltung, Betragen oder körperliche und verbale Manieren den Grundprinzipien des kulturell Will-
kürlichen Geltung zu verschaffen, die damit Bewusstsein und Erklärung entzogen sind.“ (Bourdieu 1997a: 128)

8 Bourdieu greift hier wohl auf Beobachtungen aus seinen ethnologischen Studien in Gesellschaften zurück, de-
ren naturabhängige Reproduktionsweise sich noch in Klassifikationssystemen geltend macht, die soziale Be-
ziehungen, die sich aus der Abhängigkeit von den Naturprozessen noch nicht befreit haben, in Analogie zu den
Relationen der Natur begreifen. Für eine solche Gesellschaft mag das System der Gegensatzpaare eine ange-
messene Fassung des Klassifikationsschemas sein. Bourdieu überträgt diese Beobachtung aber in eine Gesell-
schaft, die allein soziogene Ordnungsrelationen kennt; die einschlägigen Klassifikationen des praktischen Wis-
sens artikulieren selbst dort, wo Ordnungen wie mit der Person zur zweiten Natur verschmolzen angeschaut
werden, noch ihre nicht-natürliche in Gesellschaft und Kultur gründende Qualität (wie z.B. in Kategorien wie
Kompetenz, Anstand, Macht etc.).
Pierre Bourdieu: Habitus und Alltagshandeln 39

Der „praktische Sinn“, das subjektive System von Klassifikationen und Handlungsentwür-
fen, vermittels dessen sich Einzelne in die objektive Struktur von Handlungsbedingungen
einzufügen vermögen, wird so zum „Zustand des Leibes“ (Bourdieu 1997a: 126), mehr Ge-
spür für das Richtige als subjektive Sinngebung. Der Sinn wird zur zweiten Natur und darin
unverfügbar. Denn „was der Leib gelernt hat, das besitzt man nicht wie ein wieder be-
trachtbares Wissen, sondern das ist man“ (Bourdieu 1997a: 135).
Aber wie lernt der Leib? „So, how did Bourdieu learn to play tennis?“ (Greg Noble, Me-
gan Watkins 2003) Und in welchem Verhältnis steht der Körper mit der erworbenen Art,
sich zu halten, und der eingewöhnten Weise zu fühlen, zu dem Alltagswissen, in dem die
Akteure ihre Erfahrungen wie auch ihre Aspirationen zur Sprache bringen? Bourdieu be-
streitet keineswegs die Existenz des handlungsleitenden Alltagsverstandes. Er versucht, die
Prinzipien von dessen Taxonomie theoretisch zu klassifizieren. Bourdieu erwähnt auch die
Rolle der Bildung für die Aneignung des praktischen Sinns sowie den gesellschaftlichen
Kampf um die Durchsetzung von Klassifikationen, in dem es darum gehe, „sich der Worte
zu bemächtigen, um in den Besitz der Dinge zu kommen“ (Bourdieu 1989a: 751). In diesem
Kampf werden mithin Begriffe unter das Interesse gebeugt und insofern reflektiert. In einer
Verteidigungsrede lässt Bourdieu diskursive Formen der Reflexion der Gewissheiten des
praktischen Sinns für den Fall zu, dass dieser praktische Sinn krisenhaft scheitert – wegen
gewandelter Lebensumstände oder sozialer Kämpfe (Bourdieu 1989b: 407). Bourdieu be-
steht allerdings darauf, dass es sich dabei um eine Ausnahme von der Regel handelt, die darin
besteht, dass die Praxis der Handelnden „mehr Sinn [hat], als sie selber wissen“ (Bourdieu
1997a: 127).
Bourdieus Erklärung für diese Regel ist eine Art „Psychoanalyse des Sozialen“ (Bour-
dieu 1989a: 31). Er negiert die konstitutive Bedeutung des Alltagsbewusstseins für den Ha-
bitus. Das führt ihn hinein in eine Antithese zwischen Bewusstsein, das den Sinn seiner
Klassifikationen nicht wisse, und sinnprägendem Leib, deren Widersprüchlichkeit Bour-
dieus „Psychoanalyse des Sozialen“ mit derjenigen des Unbewussten teilt. Bourdieus Anti-
these widerspricht seiner eigenen Betrachtung von klassifizierenden Leistungen des Alltags-
verstandes, für die er den Zusammenhang zur „Hexis“ nicht anzugeben weiß. Dafür fehlt
ihm ein Begriff für die Identität des Habitus in der Verschiedenheit seiner psychischen Da-
seinsformen. Noble und Watkins resümieren treffend:
„In his critique of rational action theory, Bourdieu empties practical sense of any consciousness, confuses cal-
culation with consciousness and fails to distinguish between the consciousness in action and the consciousness
of action …“ (Noble/Watkins 2003: 529f.)

Noble und Watkins machen darauf aufmerksam, dass Bourdieu damit den Geist-Körper-
Dualismus lediglich invertiert, den er an Kant kritisiert (Nobel/Watkins 2003: 526). Aber
erst eine Auflösung dieser Dualität macht erklärbar, wie der Habitus durch die praktische
Tätigkeit des Alltagsverstandes hindurch subjektiv angeeignet und ausgebildet wird.9
Was Bourdieu begrifflich nicht vollends überzeugend entwickelt, kommt doch in seinen
empirischen Analysen auf inspirierende Weise zum Vorschein: der innere Zusammenhang
9 Noble und Watkins unterbreiten einen Vorschlag, wie sich verschiedene Stufen der Bewusstheit sowie ver-
schiedene Formen des reflexiven Rückbezuges auf den sozialisierten Körper unterscheiden lassen (Noble/Wat-
kins 2003: 530–534). Ihre Begriffsbildung ist allerdings eng auf das Thema des Sporttrainings, d.h. auf den re-
flexiven Bezug auf die physische Performanz des Leibes abgestimmt. Sie kann daher nicht ohne weiteres auch auf
solche Habitusformen ausgedehnt werden, die auf sozial signifikante Praxisformen in anderen Feldern – Er-
werb, Liebe, Geltung – ausgerichtet sind.
40 Ralph Weiß

von je nach sozialem Ort konfigurierten Bedingungen, objektiven Regeln und Ressourcen
des Handelns, Formen der Sinngebung, die eine biografisch bewährte Regel zur Weltdeu-
tung transformieren, und einer alltagskulturellen Praxis, die diesen praktischen Sinn zum In-
halt einer reflexiven Identitätsbildung macht. Darin bewährt sich die theoretische Ambition
von Bourdieus Habitusbegriff noch gegen manche Ungereimtheit in seinen theoretischen
und wissenschaftstheoretischen Reflexionen. Bourdieus Durchgang durch den Raum der
Lebensstile (1989a) ist eine Fundgrube für die Unterscheidung von Praxisformen und ihrer
subjektiven Gestalt, den Charakterzügen. Diesen sozial bestimmten Charaktereigenschaften
entsprechen Modi im Umgang mit alltagskulturellen Objekten, die auf einen Sozialcharak-
ter verweisen, da sie seine Praxis sind.

2.4 Leistung und offene Fragen


Bourdieu läutet mit der Kategorie des Habitus das Vorhaben ein, die „generativen Prinzi-
pien“ für die Erzeugung von Klassifikationen und Praxen zu identifizieren und sie ihrem
Ursprung und ihrer Funktion nach auf einen „sozialen Ort“ in der Hierarchie gesellschaft-
licher Lebenslagen zurückzuführen. Bourdieus „Formel“ erklärt Praxisformen aus der Pro-
jektion der im Habitus verkörperten Prinzipien zur Erzeugung von Handlungsmustern in
Verbindung mit individuell verfügbaren Ressourcen („Kapitalien“) auf die Bedingungen
eines „sozialen Feldes“ (Bourdieu 1989a: 175). In seiner Kultursoziologie widmet sich
Bourdieu allerdings in erster Linie den Prinzipien der Distinktion von Positionen im Sys-
tem sozialer Ungleichheit und deren symbolisch-kultureller Objektivation. Das Vorhaben,
eine Art „Grammatik“ für die feldtypische Erzeugung von Praxen und den ihnen korres-
pondierenden handlungsleitenden Anschauungsweisen zu entwickeln, bleibt ein unerfülltes
Desiderat.
Auf welchem Wege ließe sich das theoretische Vorhaben weiterführen? Dazu kann ab-
schließend eine Richtung skizziert werden. Soziologische Handlungstheorien entwickeln
ein Inventar von Grundmustern des Handelns. Jürgen Habermas systematisiert in seiner
Theorie des kommunikativen Handelns den Theoriebestand, indem er die Handlungstypen
als Grundformen des „Aktor-Welt-Bezuges“ ausformuliert, für die jeweils besondere Hand-
lungsorientierungen, Wissens- und Kommunikationsformen kennzeichnend sind (Habermas
1988, I: 369–452). Wie diese theoretisch geschiedenen Aktor-Welt-Bezüge als eine genera-
tive Grammatik der Praxis produktiv werden, lässt sich unter Rückgriff auf eine phänome-
nologisch instruierte Theorie des Alltagslebens entwickeln. Unter Zuhilfenahme dieser the-
oretischen Fundamente kann die von Bourdieu ins Auge gefasste „Praxeologie“ weiter
ausgearbeitet werden, die die „dialektischen Beziehungen zwischen diesen objektiven
Strukturen und den strukturierten Dispositionen“ (Bourdieu 1979: 147) namhaft zu machen
versteht.10

3. Die Rezeption des Habitusbegriffs in den Cultural Studies sowie in der


Kommunikations- und Medienwissenschaft
Die Anregung, das analytische Potenzial von Bourdieus Habitusbegriff zu erschließen, ha-
ben Studien zur Medialisierung, zur Rezeptions- und zur Kommunikatorforschung aufge-

10 Für einen entsprechenden Versuch siehe Weiß 2000 und 2001.


Pierre Bourdieu: Habitus und Alltagshandeln 41

griffen.11 An ausgewählten Arbeiten lässt sich der theoretische Nutzen des Habituskonzepts
studieren.
Couldry macht sich den Habitusbegriff zu eigen, um beschreiben zu können, inwieweit Me-
dien den Prozess der Reproduktion gesellschaftlicher Strukturen transformieren (Couldry
2005: 3). Er greift dafür Bourdieus Gedanken auf, der Habitus fungiere als generatives sub-
jektives System, das Anschauungsweisen und Praxisformen hervorbringt, die auf Strukturen
sozialer Ungleichheit eingestellt sind. An dieser funktionalen Bestimmung des Habitus hält
Couldry fest (Couldry 2005: 12f.). Um die Bedeutung von Medien in Bourdieus Konzept
einführen zu können, relativiert Couldry aber den genetischen Rückbezug des Habitus auf
Regeln und Ressourcen eines spezifischen sozialen Ortes. Damit schafft er Raum für den
Vorschlag, eine Vielheit von „habituses“ zu denken, die sich in den Individuen überschnei-
den, während sie verschiedene Handlungsfelder durchschreiten (Couldry 2005: 11f.). In die-
se Vielheit trete dann auch ein „Medien-Habitus“ ein, der eine spannungsvolle Beziehung
zu Habitusausprägungen unterhalten könne, die auf spezifische Sozialräume (wie Familie
oder Schule) abgestimmt sind. Couldry kennzeichnet diesen Medienhabitus anhand der
Macht des Mediensystems zur Zuweisung von Bedeutung für Personen oder Weltdeutun-
gen, wie sie etwa in der nach Medienregeln erzeugten Nachrichtengeografie deutlich werde
(Couldry 2005: 19, 21). Die Möglichkeit einer Kollision zwischen Medienhabitus und an-
deren Habituskonfigurationen exemplifiziert er anhand des Umstandes, dass die Deutungs-
autorität des Schulwesens in Hinsicht auf legitime oder sozial attraktive Handlungsformen
durch konkurrierende Medienerzählungen relativiert werde (Couldry 2005: 24).
Couldrys Neudefinition hält an Bourdieus Habitusbegriff vor allem das Moment der
„Naturalisierung“ von Anschauungsweisen fest. Damit stellt er eine gedankliche Brücke zu der
traditionsreichen Debatte in den Cultural Studies um die mediale Konstruktion und Vermitt-
lung von Wirklichkeitsbildern her. Couldry schlägt für diese Debatte eine neue und erwei-
terte Fragehaltung vor: Der Habitusbegriff dient Couldry dazu, das Problem der Wissensso-
ziologie, wie „naturalisierte“ Anschauungsweisen eine Praxis erzeugen, die gesellschaftliche
Strukturen reproduziert, so zu stellen, dass es analytisch zugleich in Hinsicht auf die Rolle
der Medien und auf die des sozial strukturierten Alltags sowie beider Verhältnis betrachtet
wird (Couldry 2005: 27).
Um im Sinne von Couldrys Vorschlag das Verhältnis von Medienhabitus und sozial-
räumlich verankertem Habitus bestimmen zu können, bleibt es allerdings entgegen Couldrys
allein funktionaler und modaler Neudefinition des Konzepts erforderlich, aufzuzeigen, worin
habituelle Anschauungsweisen und Praxisformen auf Regeln und Strukturen der gesellschaft-
lichen Praxis eingestellt sind. Erst dann lässt sich ermessen, wie sich mediale Repräsentatio-
nen dazu verhalten – als Erweiterung des Repertoires an Optionen oder als idealisierende
Affirmation etablierter Praxismuster.
Weiß (2001) will dafür Grundlagen schaffen. Er diskutiert Ergebnisse aus der Rezep-
tionsforschung vor dem Hintergrund einer „Praxeologie“ des Alltagslebens. Durch diese
theoretische Kontextualisierung lässt sich beispielsweise angeben, inwieweit die „Alltags-
heuristiken“, von denen die kognitionspsychologische Analyse der Verarbeitung medialer
Informationen berichtet, auf die Prinzipien zurückgehen, in denen einzelne Akteure ihr Ver-
11 Es gibt darüber hinaus eine Reihe von Arbeiten, die den Habitusbegriff sowie ihm assoziierte Kategorien wie
das „soziale Feld“ unter Verweis auf Bourdieu aufgreifen, ohne aber seine Begriffsbestimmungen und damit
die durch sie umrissene analytische Aufgabe weiter zu beachten. Ein solcher oberflächlicher Bezug auf Bour-
dieu, der Kategorien nur als Stichworte nutzt, wird im Folgenden nicht weiter behandelt.
42 Ralph Weiß

hältnis zur politischen Macht taxieren und praktisch einnehmen (Weiß 2001: 285–334). Fer-
ner lässt sich beschreiben, inwieweit mediale „Utopien“ – wie beispielsweise die Utopie des
Liebesglücks, des Triumphes persönlicher Geschicklichkeit oder des Heroismus – auf Er-
fahrungen des Alltagslebens zurückverweisen, die sie transzendieren, und wieso gerade die-
ses transzendierende Medienerleben als eine Form kulturellen Handelns für die Aufrecht-
erhaltung des alltagsbezogenen „praktischen Sinns“ für das Richtige bei aller erfahrenen
Ambiguität handlungsleitender Orientierungen wesentlich ist (Weiß 2001: 260–388). Mit
dieser zweifachen analytischen Bewegung ähnelt das Vorgehen dem von Douglas Kellner
(1995) entwickelten Verfahren „diagnostischer Kritik“ der Populärkultur. Anders als bei
Kellner wird die Bedeutung von Medienofferten und ihrer Rezeption aber systematisch auf
ein von Bourdieu geschultes Verständnis für den im Habitus subjektiv gewordenen hand-
lungsleitenden „praktischen Sinn“ zurückgeführt.
Giselinde Kuipers (2006) nimmt sich Bourdieu als Analytiker sozialer Ungleichheit zum
Modell. Sie untersucht „taste cultures“, empirisch bestimmt anhand divergierender Fern-
sehprogrammpräferenzen, in Hinsicht auf ihren sozialen Ursprung und ihren sozialen Gel-
tungsanspruch. Kuipers stellt mittels einer Umfrage fest, dass medienkulturelle Präferenzen
anhaltend mit Faktoren der sozialen Lage, indiziert durch Bildung, Alter und Geschlecht, as-
soziiert sind und daher selbst als Moment und Indikator einer Struktur sozialer Ungleichheit
gelten können. Dabei versteht Kuipers Programmpräferenzen als Zeichen unterschiedlich
zugemessener und inkorporierter kultureller Kompetenz zur Aneignung anspruchsvoller
(„highbrow“) Angebote. Über diese diagnostische Perspektive hinaus rekonstruiert Kuipers,
wie das in unterschiedlichem Maß erworbene „kulturelle Kapital“ in Aktion tritt und als ge-
neratives Prinzip medienkultureller Praxis wirksam wird. Sie zeigt auf der Basis von ergän-
zend durchgeführten Interviews, dass sich ein höheres Maß an inkorporiertem kulturellem
Kapital in der Art des kulturellen Wissens ausformt. Dieses macht sich dabei weniger im
Ausmaß des Wissens als in der Sicherheit und Beredtheit des Urteilens geltend. Die erfolg-
reiche Bildungskarriere stattet das Urteil mit der Gewissheit aus, einen „legitimen Ge-
schmack“ zu artikulieren, der sich von anderen Präferenzen nicht einfach unterscheiden
will, sondern seine Inhaberin oder seinen Inhaber in den eigenen Augen über andere erhebt.
Das inkorporierte Bildungskapital gibt dem ästhetischen Urteilen seine Form und Festigkeit.
Zugleich artikuliert dieses Urteilen in der Distinktion gegenüber dem populären Geschmack
auch das Selbstbewusstsein, sich gegenüber den „Ungebildeten“, die diesen Geschmack an
den Tag legen, abzuheben. So kann Kuipers – der Vorgehensweise Bourdieus folgend – zei-
gen, wie die alltagskulturelle Praxis des ästhetischen Urteilens in den Prozess einer sozialen
Hierarchisierung eingewoben ist. Gegen die Auffassung, die Differenz der Geschmackskul-
turen verwandle sich in ein plurales, nicht-hierarchisches Nebeneinander fragmentarisierter
und obendrein fluider Präferenzen, weist sie nach, wie der Geschmack in Strukturen sozia-
ler Ungleichheit wurzelt und zu deren Reproduktion beiträgt. Denn sie zeigt, wie inkorpo-
riertes kulturelles Kapital als generatives Prinzip bei der subjektiven Ausbildung von Prä-
ferenzen, Wahrnehmungs- und Urteilsweisen wirksam wird.
Yvonne Jewkes (2002) geht der Frage nach, was den Zusammenhang zwischen sozialem
Ort und Mustern des Mediengebrauchs substanziell ausmacht. Ihr Thema ist die Bedeutung
des Mediengebrauchs für die Behauptung von Selbst- und Identitätsbewusstsein unter der
extremen Bedingung des Gefangenseins. Jewkes stützt sich auf den Habitusbegriff in dem
Interesse, das Verhältnis zwischen der aufgegebenen objektiven Struktur des Handelns und
der zur Identität gewordenen subjektiven Struktur beschreibbar zu machen. Sie sucht nach
Pierre Bourdieu: Habitus und Alltagshandeln 43

einer solchen theoretischen Grundlegung, weil sie den subjektiven Sinn des Mediengebrauchs
verstehen können will, wozu der oberflächliche Zugriff auf explizierte Motive, wie er etwa
von dem Uses-and-Gratifications-Approach praktiziert werde, nicht hinreiche. Jewkes’ ana-
lytische Rekonstruktion arbeitet heraus, wie der Mediengebrauch der Gefängnisinsassen
einerseits auf die restringierten Bedingungen dieses „sozialen Feldes“ bezogen ist – na-
mentlich auf die Codes maskuliner Selbstdarstellung im Rahmen der informellen Hierarchie
der Gefängniswelt. Von dieser theatralischen Selbstdarstellung unterscheidet Jewkes die
Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. Für diese Identitätsarbeit, insbesondere für
die Aufrechterhaltung des individuellen Identitätsbewusstseins unter der Bedingung des
Ausschlusses von allen gebräuchlichen Foren und Formen der Selbstverwirklichung, ergibt
der Mediengebrauch gleichfalls Sinn. So dient den Eingeschlossenen die Rezeption von In-
formationssendungen dazu, ein Bewusstsein der Teilhabe am gesellschaftlichen Geschehen
lebendig zu halten. Die Vorliebe für Naturfilme erklärt sich durch die von ihnen geschaffene
Gelegenheit, sich dem vorgestellten Erleben von Freiheit und Schuldlosigkeit, aber auch von
legitimer Jagd und physischen Triumphes hinzugeben (Jewkes 2002: 216f.). In diesem Sinn
werden die von Medien offerierten Angebote als kulturelle Ressource der Selbstermächti-
gung und Selbstbehauptung genutzt.
Jewkes folgt der Idee und dem analytischen Programm des bourdieuschen Habitusbe-
griffes und rekonstruiert dabei den subjektiven Sinn des Mediengebrauchs in der Termino-
logie des symbolischen Interaktionismus. Der Habitusbegriff inspiriert und organisiert bei
Jewkes eine Analyse, die den praktischen Sinn der Rezeption vor dem Hintergrund ihrer le-
bensweltlichen Einbettung in die Regeln und Strukturen eines spezifischen Handlungsfeldes
entziffern kann.
Herbert Willems und York Kautt (1999) setzen sich mit der medialen Inszenierung von
Geschlechteridentität in der Werbung auseinander. Sie protokollieren, wie Körper herge-
richtet und szenisch in Bewegung gesetzt werden, um aus ihrer sinnlichen Präsenz eine
werbliche Botschaft zu fertigen. So häuften sich in der Werbung Frauenfiguren, die „Im-
pressionen der Empfindlichkeit, der Zartheit und Zärtlichkeit“ Ausdruck geben oder durch
„Herumtollen und Tanzen“ die Idee der „kindliche[n] Verfassung und der Leichtigkeit des
weiblichen Seins“ verkörperten (Willems/Kautt 1999: 323). Um erklären zu können, wie
und worin der Körper zum „Performanzkörper“ wird, d.h. zum Ausdrucksmittel für einen
Sinn, der im Alltag seine Wurzeln hat, greifen die Autoren auf den Habitusbegriff zurück.
„Ritualisierte Darstellungen, wie zum Beispiel die der Geschlechter, sind in diesem Sinne (im Sinne der stil-
bildenden generativen Potenzen habitueller ,Dispositionen‘, R.W.) als Erzeugnisse von Habitus zu verstehen,
die mit und neben ,stilistischen‘ Zeichengestalten intuitives Wissen und Urteilskraft hervorbringen … Bei die-
sem Können handelt es sich wesentlich um einen praktischen Sinn der (korporalen) Sinne, wofür Begriffe wie
Fingerspitzengefühl, Augenmaß oder Hellhörigkeit stehen.“ (Willems/Kautt 1999: 313)

Bourdieus Überlegungen zur Hexis als Daseinsweise des „praktischen Sinns“ helfen dabei,
die Theatralik werblicher Körperinszenierungen als Reflexion und Modulation von „kultu-
rellem Basiswissen“ zu dechiffrieren (Willems/Kautt 1999: 314).
Johannes Raabe (2005) macht sich den Habitusbegriff für einen anderen Gegenstands-
bereich zunutze, die Kommunikatorforschung. Raabe erarbeitet eine theoretische Grundle-
gung für eine „empirisch-kritische Journalismusforschung“, die Verkürzungen meiden will,
die er an der „subjektivistischen“, das professionelle Selbstverständnis ins Zentrum rücken-
den Journalistik, ebenso kritisiert wie an der systemisch-konstruktivistischen Journalistik.
Beiden theoretischen Orientierungen hält Raabe vor, die „kulturelle Dimension“ journalis-
44 Ralph Weiß

tischer Praxis zu vernachlässigen (Raabe 2005: 199). Raabe zieht den bourdieuschen Habi-
tusbegriff sowie den korrespondierenden Begriff des „sozialen Feldes“ heran, um erklärbar
zu machen, wie durch praktische Handlungsziele einzelner Journalistinnen und Journalisten
hindurch ein „Funktionssinn“ des Journalismus entsteht, der über den individuellen Hand-
lungszweck hinausreicht – analog zu Bourdieus Feststellung, das Handeln der Akteure rea-
lisiere mehr Sinn als sie es selbst wüssten (Raabe 2005: 198).12 Ähnlich begründet Sabine
Schäfer (2004) den Nutzen des Habitusbegriffes für die Journalismustheorie mit der Mög-
lichkeit, das Aufeinander-Abgestimmt-Sein von subjektiven Dispositionen (der Journalis-
tinnen und Journalisten) und objektiven Strukturen (des jeweiligen beruflichen Feldes) be-
schreibbar zu machen (Schäfer 2004: 328).
Magda Pieczka (2002) geht mit Blick auf das Berufsfeld der „Public Relations“ von der
Problemstellung der soziologischen Berufsforschung aus, welche Rolle das professionelle
Wissen für die Konstitution von Berufen spielt. An den „Modellen“ der PR-Praxis mit ihrer
eigentümlichen Mixtur aus historisch vergleichenden und idealisierenden Betrachtungen,
erweitert um einen technokratischen Optimismus zur Vereinbarkeit materieller und ethi-
scher Ziele weist Pieczka nach, wie die Profession sich ihren sozialen Ort zwischen „Klient“
und „Umwelt“ diskursiv konstruiert. Die Weltdeutungen der Öffentlichkeitsarbeit sind wie
geschaffen, um die Notwendigkeit der Public Relations und die Angemessenheit ihrer In-
strumente einsichtig zu machen. Die Logik ihrer Klassifikationssysteme erweist sich so als
weltanschaulicher Ausdruck der praktischen Logik ihrer Funktion. Pieczka führt ihre Ana-
lyse zu dem Schluss, das „praktische Wissen“ der PR-Praktikerinnen und -Praktiker funk-
tioniere so, wie Bourdieu den Habitus beschreibt – als Versubjektivierung der „Logik der
Praxis“ (Pieczka 2002: 302). Die Orientierung an Bourdieus Begriff des „praktischen Sinns“
erschließt aus Sicht der Autorin den analytischen Gewinn, die Öffentlichkeitsarbeit nicht aus
den externen Perspektiven der Betriebswirtschaftslehre oder der Journalistik zu bestimmen,
sondern in ihrer Eigenlogik als feldtypischen autonomen Fachverstand begreifen zu können
(Pieczka 2002: 321f.).

4. Fazit und Ausblick: Das theoretische Potenzial des Habitusbegriffes für die
Cultural Studies sowie für die Kommunikations- und Medienwissenschaft
Bourdieus Habituskonzept ist für die Cultural Studies in mehrfacher Hinsicht von Interesse.
Die Kategorie stellt eine theoretische Vermittlung zwischen der Makroebene gesellschaft-
licher Strukturen von Macht und sozialer Ungleichheit auf der einen Seite und der Mikro-
ebene subjektiver Dispositionen und Praxen auf der anderen her. Denn mit dem „Habitus“
bietet Bourdieu einen Begriff an, der beschreibbar macht, wie subjektive Dispositionen,
Wahrnehmungsweisen, handlungsleitende Klassifikationen und selbst geschmackliche Prä-
ferenzen auf die regelhaften objektiven Strukturen sozialer Handlungsfelder abgestimmt
sind. Das macht den Begriff – wie im vorhergehenden Abschnitt dokumentiert – sowohl für
eine Kommunikatorforschung, die im Sinne des Structuration-Ansatzes professionelles
Handeln als strukturgeprägte und strukturbildende Praxis untersucht, als auch für eine Re-
zeptionsforschung, die die lebensweltliche Kontextgebundenheit von Präferenzen und Re-
zeptionsformen und damit ihren subjektiven Sinn begreifen will, interessant und fruchtbar.

12 So auch in Raabes Entgegnung auf die Kritik Bastins an Bourdieus Begriff des „journalistischen Feldes“ (Raabe
2003: 472f.).
Pierre Bourdieu: Habitus und Alltagshandeln 45

Darüber hinaus könnte der Habitus als vermittelnde Kategorie bei der Debatte um die „Me-
dialisierung“ von Nutzen sein, die Gesellschafts- und Medientheorie miteinander verbindet.
Bisher liegen aber erst vereinzelte Versuche vor, das Habituskonzept für die Cultural
Studies nutzbar zu machen. Sie gelten ganz disparaten Themenstellungen und greifen auf
unterschiedliche Elemente des Konzepts zurück. Das theoretische Potenzial scheint bisher
kaum systematisch ausgeschöpft. Es bedarf allerdings auch noch der Entfaltung. Denn der
Stand der theoretischen Ausarbeitung des Begriffs entspricht in vielem eher einem Pro-
gramm und einer Inspiration als einer entfalteten Theorie. Es wäre wohl durchaus in Bour-
dieus Sinn, wenn die weitere Entwicklung des Habituskonzeptes als kooperative Unterneh-
mung derjenigen verstanden würde, die sich von seiner analytischen Ambition ansprechen
lassen. Abschließend sollen einige Richtungen angedeutet werden, in denen eine fortschrei-
bende theoretische und empirische Ausarbeitung des Habituskonzeptes lohnte.
Der Habitusbegriff könnte zum Fokus für die Entwicklung eines Systems jener „hand-
lungsleitenden Themen“ werden, auf deren die Rezeption organisierende und prägende Kraft
die Medienforschung stößt, ohne sie selbst anders als jeweils induktiv und fallweise be-
stimmen zu können. Die Aufgabe weist über das Gegenstandsfeld einer Medienwissenschaft
hinaus und in das Terrain einer Soziologie des Alltagslebens hinein, an deren Entwicklung
die Medienanalyse mit Gewinn partizipieren könnte.
Immer noch fehlt es an Arbeiten, die auf valide Weise ermitteln, wie sich der Gebrauch
verschiedener Medien zu typischen „Medienrepertoires“ fügt, und die darüber hinaus aus-
findig machen, inwieweit diese Medienrepertoires an spezifischen sozialen Orten in der
Hierarchie gesellschaftlicher Lebenslagen angesiedelt sind. Es ginge dabei darum, ähnlich
wie in Bourdieus lange zurückliegenden Studien zum Kulturkonsum in Frankreich, den Zu-
sammenhang zwischen Mustern des Mediengebrauchs und sozial konfigurierter Lebens-
form überhaupt aufzudecken. An dieser Aufgabe machen sich avancierte Konzepte der Nut-
zungsforschung zu schaffen (Hasebrink/Popp 2006).
Um den Zusammenhang zwischen Lebensformen und Medienerleben inhaltlich rekon-
struieren zu können, müsste die Analyse der Formen der Sinnfindung und Sinngebung, mit
der eine verstehende Rezeptionsforschung befasst ist, es sich zur Regel machen, den „prak-
tischen Sinn“ des Medienhandelns in den generativen Prinzipien ausfindig zu machen, durch
die Wahrnehmen, Klassifizieren und Handeln auf Regeln sozialer Handlungsfelder einge-
stellt sind (Weiß 2001). Schließlich wäre es eine Aufklärung wert, in welchem Verhältnis
verschiedene Modi der Rezeption zu divergenten Daseinsweisen des Habitus stehen – im
Denken und Fühlen, im Weltverständnis und im Selbstbild. Hier könnte eine intensivierte
Beschäftigung mit „Rezeptionsmodalitäten“ weiterführen (Gehrau/Bilandzic/Woelke 2005).
Es gibt mithin eine Reihe von Arbeitsfeldern und Anschlussmöglichkeiten für eine Be-
schäftigung mit dem Habituskonzept. Als Ertrag winkt eine wissenschaftliche Aufklärung,
die den Mediengebrauch analytisch dezentriert und ihm so seinen angemessenen Platz gibt:
als kulturelles Handeln mit „praktischem Sinn“ im Rahmen alltäglicher Lebensführung.

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Michel de Certeau: Alltagsleben, Aneignung und Widerstand
Veronika Krönert

1. Einleitung
Ein scharfsinniger und nicht weniger feinfühliger Beobachter sei er gewesen, ein politischer
Intellektueller und kritischer „Denker des Anderen“ (Füssel 2007a: 7), eine „intelligence
without bounds“ (Roger Cartier, zitiert nach Ahearne 1995: 1), ganz im Sinne des klassi-
schen „Universalgelehrten“ (Burke 2007: 35) – die Reihe der Würdigungen, mit denen des
französischen Kulturtheoretikers Michel de Certeau (1925–1986) gedacht wird, ist lang.
Denn bis heute wird sein Werk, das von kirchenhistorischen Studien über sprachphiloso-
phische und konsumsoziologische Analysen bis hin zu raumtheoretischen Überlegungen
reicht, als eine „der vielseitigsten Werkzeugkisten der Kulturwissenschaften“ (Füssel 2007a:
10) geschätzt. Innerhalb der Cultural Studies kommt insbesondere de Certeaus Theorie des
Alltagslebens und den damit verbundenen Konzepten der Aneignung und des Widerstands
grundlegende Bedeutung zu. Bis heute prägen sie das Verständnis von Populärkultur und
Medienkommunikation bzw. -nutzung dieser Denk- und Forschungstradition in entschei-
dender Weise.
Zunächst stand de Certeaus wissenschaftliche Laufbahn jedoch unter gänzlich anderen
Vorzeichen. Geboren 1925 in Savoyen in den französischen Alpen, trat de Certeau nach dem
Studium der klassischen Literatur, Altphilologie und Philosophie zu Beginn der 1950er Jah-
re in den Orden der Jesuiten ein. Auf dem Weg zum Priesteramt widmet er sich in den fol-
genden Jahren primär religionshistorischen Studien (siehe dazu Ahearne 1995, Giard 2007).
Mit der Aufbruchstimmung innerhalb der katholischen Kirche durch das Zweite Vatikani-
sche Konzil und die in Lateinamerika aufkommende Befreiungstheologie in der ersten Hälfte
der 1960er Jahre wendet sich de Certeau zunehmend auch aktuellen gesellschaftlichen Fragen
zu. Im Zuge der Ereignisse um die Pariser Studentenproteste von 1968 entfernt er sich schließ-
lich endgültig von theologischen Standpunkten und widmet sich fortan gänzlich der Analyse
der kulturellen Praktiken des Alltagslebens (vgl. Giard 2007: 26f., 30f., Burke 2007: 38ff.,
sowie Füssel 2007a: 9). In dieser Zeit des schrittweisen Wandels „vom Historiker der Mys-
tik zum Soziologen des Konsums“ (Burke 2007: 38) erreicht sein Schaffen den produktiven
Höhepunkt (vgl. Giard 2007: 31); dabei ist er stetig, beinahe rastlos unterwegs: Er frequen-
tiert Seminare und Arbeitsgruppen in unterschiedlichen Teilen Frankreichs, unternimmt meh-
rere Reisen nach Südamerika und lehrt einige Jahre in den USA und in Mexiko, bevor er
1984 einem Ruf an die Ecole des Hautes Études des Sciences Sociales in Paris folgt, wo er
bis zu seinem Tod im Januar 1986 am eigenen Seminar arbeitet (siehe dazu im Detail Giard
2007, sowie Burke 2007: 39ff.).
In rund 30 Jahren ist somit ein Werk entstanden, das sich jeder eindeutigen disziplinären
Zuordnung entzieht: Von Geschichtsschreibung und Theologie, über Anthropologie und Se-
miotik, bis hin zu Psychoanalyse – de Certeau „wilderte“ (Schaub 2002: 1) in unterschied-
lichsten kultur- und sozialwissenschaftlichen Denktraditionen (mit der Breite des Gesamt-
werks von de Certeau befassen sich ausführlich u.a. Ahearne 1995, Füssel 2007b). Jeremy
Ahearne, der mit „Interpretation and its Other“ (1995) eine erste umfassende Monografie zu
48 Veronika Krönert

de Certeaus späten Schriften vorlegte, will dessen intellektuelle Hinterlassenschaft daher


auch weniger als geschlossenes Theoriegebäude verstanden wissen, denn als „set of intel-
lectual itineries“ (ebd. 2f.), zusammengehalten durch die beharrliche Fokussierung auf ‚das
Andere‘, das Benachteiligte, Marginale und Unsichtbare (vgl. ebd.). Nicht wenigen gilt seine
kritische Perspektive auf gesellschaftliche Machtverhältnisse als Ausdruck seiner religiös-
spirituellen Prägung. Einerseits war er durch seinen „Standpunkt […] irgendwo zwischen
Kirche und säkularer Welt“ (Burke 2007: 41) in gewisser Weise „überall ‚fehl am Platz‘“
(ebd.). Andererseits verstand er es, durch kreative „Wiederverwendung“ (Giard 2007: 25)
ursprünglich theologischer Konzepte und Begrifflichkeiten in breiteren gesellschaftlichen
und kulturellen Zusammenhängen seinen religiösen Hintergrund als Quelle analytischer
Kreativität zu nutzen und seine „intellektuelle Randlage“ (Burke 2007: 41) somit produktiv
zu wenden.
Auch wenn ihm der große internationale Durchbruch Zeit seines Lebens verwehrt blieb,
zählt de Certeau wie seine Zeitgenossen und Landsleute, die Sozial- und Kulturphilosophen
Michel Foucault (1926–1984) und Pierre Bourdieu (1930–2002), bis heute zu den einfluss-
reichsten Denkern des Poststrukturalismus (vgl. Füssel 2007a: 8). Für die Weiterentwicklung
der Cultural Studies Ende der 1980er Jahre war in erster Linie seine bereits 1980 unter dem
französischen Originaltitel „L’invention du quotidien. 1. Arts de faire“ erschienene Monografie
„Kunst des Handelns“ (dt. Übersetzung 1988) von Bedeutung. Zusammen mit „Habiter, Cui-
siner“ (de Certeau et al. 1998) führt dieser Band die in langjähriger Forschungsarbeit ent-
wickelten Überlegungen de Certeaus zu einer „Theorie der Praktiken“ (de Certeau 1988: 132)
zusammen. Während der zweite Band, der großenteils auf Texten seiner Forschungskollegen
und Mitarbeiter Luce Giard und Pierre Mayol beruht und erst posthum um weitere Texte de
Certeaus ergänzt wurde, international kaum rezipiert wurde, machte „Kunst des Handelns“,
insbesondere in der englischen Übersetzung „The practice of everyday life“ von 1984, de
Certeau weit über Frankreich hinaus bekannt (vgl. u.a. Ahearne 1995: 1, Füssel 2007a: 10ff.;
zum Entstehungszusammenhang beider Bände siehe ferner Ahearne 2007, Tomasik 2001).1
Auf der Grundlage dieses „Schlüsselwerks“ soll im Folgenden zunächst de Certeaus
Theorie der Alltagspraktiken in ihren Grundzügen skizziert werden. Besonderes Augenmerk
gilt dabei den für de Certeaus Rezeption in den Cultural Studies zentralen Konzepten der
Aneignung und des populärkulturellen Widerstands. Um deren Relevanz für die kulturtheo-
retisch orientierten Medienanalysen in der Tradition der Cultural Studies geht es in einem drit-
ten Abschnitt, bevor der vierte und letzte Teil abschließend auf das Potenzial des Begriffs-
apparats de Certeaus für Medien- und Populärkulturforschung unter den Bedingungen von
Globalisierung, Mediatisierung und Individualisierung fokussiert.

2. Die Kunst des Handelns: Alltagspraktiken, Aneignung und Widerstand


De Certeau selbst widmete seine Analyse der „Kunst des Handelns“ „dem gemeinen Mann“,
dem „Helden des Alltags“ (de Certeau 1988: 9). Denn auf ihn bzw. die „abertausend Prak-
tiken“ (ebd. 16), die den Alltag organisieren, richtet sich der Fokus seiner Untersuchung.
Deren Anliegen ist es, das anonyme „Gemurmel der Gesellschaften“ (ebd. 9) aufzubrechen
und die „Aktivitäten von Verbrauchern, die angeblich zu Passivität und Anpassung verurteilt
1 Eine ausführliche Darstellung und Würdigung der internationalen Rezeptionsgeschichte seines Werks ein-
schließlich einer Übersicht über de Certeau gewidmete Tagungsbände, Sonderausgaben internationaler Zeit-
schriften und Sammelbände findet sich bei Füssel 2007a:10ff.
Michel de Certeau: Alltagsleben, Aneignung und Widerstand 49

sind“, als „Grundlage der gesellschaftlichen Tätigkeit“ innerhalb der gesellschaftlichen und
kulturellen Ordnung neu zu verorten (de Certeau 1988: 11, Herv. i.O). In der ihm eigen-
tümlichen, an Metaphern reichen, oft literarisch anmutenden Sprache (siehe dazu auch Füs-
sel 2007a: 13, Winter 2007: 208) spannt er dabei einen weiten Bogen von einführenden An-
näherungen an „Eine ganz gewöhnliche Kultur“ im ersten Teil, über die kritische Reflexion
unterschiedlicher „Theorien über die Kunst des Handelns“ (Teil II), bis hin zur exemplari-
schen Analyse von „Praktiken im Raum“ (Teil III), dem „Umgang mit der Sprache“ (Teil
IV), und schließlich den „Arten und Weisen des Glaubens“ auf dem Gebiet von Politik und
Religion (Teil V). Die für seine Rezeption in den Cultural Studies entscheidenden Konzep-
te des Alltagslebens, der Aneignung und des populären Widerstands entwickelt er im We-
sentlichen bereits im ersten Drittel des rund 350 Seiten starken Buchs. Sie stellen zugleich
sein theoretisches Rüstzeug dar, um die „kulturelle Aktivität von Nicht-Kulturpoduzenten“
(ebd. 20) in ihrer alltagspraktischen Logik zu erfassen und „überhaupt erst einmal darstell-
bar zu machen“ (ebd. 11, Herv. i.O.).

2.1 Alltagspraktiken als Aneignungspraktiken: die Widerspenstigkeit des Konsums


Ausgangs- und Referenzpunkt für de Certeaus Annäherung an das Alltagsleben ist die Frage
nach den Machtverhältnissen zwischen der herrschenden Ordnung und den sie stützenden
Strukturen auf der einen Seite und der nach außen „schweigenden Mehrheit“ (de Certeau
1988: 20) der Konsumierenden auf der anderen Seite. Dabei sieht de Certeau, anders etwa
als die Vertreterinnen und Vertreter der sogenannten ‚Kritischen Theorie‘2, die Verbrauche-
rinnen und Verbraucher der Kulturindustrie, deren Waren sie konsumieren, keineswegs pas-
siv ausgeliefert.Wie der Titel des Buches bereits andeutet, schreibt er ihnen vielmehr eine
„‚Kunstfertigkeit‘ im Umgang mit diesem oder jenem“ (de Certeau 1988: 17, Herv. i.O.) zu,
die zwar auf fremde Ressourcen angewiesen ist, diese jedoch einer eigenen „‚populären‘ ra-
tio“ (ebd.) folgend zu eigenen Zwecken benutzt. Konsum stellt mit de Certeau also keinen
eindimensionalen Assimilationsprozess an von außen aufgezwungene Bedeutungsstruktu-
ren dar, sondern eine aktive und spielerische „Fabrikation“ (ebd. 13), die auf dem eigensin-
nigen „Gebrauch“ des Gegebenen (ebd., Herv. i.O.) basiert:
„Das Gegenstück zur rationalisierten, expansiven, aber auch zentralisierten, lautstarken und spektakulären
Produktion ist eine andere Produktion, die als ‚Konsum‘ bezeichnet wird: diese ist listenreich und verstreut,
aber sie breitet sich überall aus, lautlos und fast unsichtbar, denn sie äußert sich nicht durch eigene Produkte,
sondern in der Umgangsweise mit den Produkten, die von einer herrschenden ökonomischen Ordnung aufge-
zwungen werden.“ (de Certeau 1988: 13, Herv. i.O.)

Indem er den Konsum als aktiven Prozess der Bedeutungsproduktion anerkennt, unter-
streicht de Certeau, dass sich die verwertende Umgangsweise mit kommerziellen Produkten
nicht einfach auf das System reduzieren lässt, innerhalb dessen sie sich vollzieht: Gerade
weil populärkulturelle (Bedeutungs-)Produktion im Verborgenen und nach Maßgabe ‚ande-
rer‘ dem System fremder Interessen und Regeln stattfindet, lässt sie sich weder gänzlich
strukturieren noch lückenlos kontrollieren. Im Gegenteil, obschon die zugrunde liegenden
Praktiken „‚klein‘, ‚minoritär‘, geblieben sind“ (ebd. 110), zeichnen sie sich durch eine ge-
wisse Widerspenstigkeit gegenüber der gegebenen Ordnung aus. Denn sie folgen eben nicht
2 Zur Diskussion des Konzepts der ‚Massenkultur‘, wie es zu dieser Zeit im Umfeld der Frankfurter Schule um
Max Horkheimer und Theodor W. Adorno diskutiert wurde, aus heutiger kommunikations- und medienwis-
senschaftlicher Sicht siehe exemplarisch Hepp 2004, Kap. 3: 45–66.
50 Veronika Krönert

zwangsläufig den herrschenden Gesetzen, sondern orientieren sich an den Erzähl- und Deu-
tungsmustern der Rhetorik, des Klatsches, der Märchen und populären Legenden und der
Fantasie (vgl. ebd. 66ff., 93ff.). Aus deren „Erfindungskraft“ (ebd. 79) schöpfen sie eine
‚Kraft zur Differenz‘, die es ihnen ermöglicht, innerhalb der gegebenen Ordnung Freiräume
für eigensinniges Vergnügen zu schaffen (vgl. ebd. 14, 60ff., 66ff., sowie ergänzend Silver-
stone 1989: 80ff.). So zeigt de Certeau am Beispiel des Lesens, wie im Rückgriff auf popu-
läre Erzählungen die in einen vorhandenen Text eingeschriebenen Regeln und Bedeutungen
durchkreuzt und damit Spielräume für kreative (Um-)Deutungen eröffnet werden:
„Er (der Leser, V.K.) führt die Finten des Vergnügens und der Inbesitznahme in den Text eines Anderen ein: er
wildert in ihm, er wird von ihm getragen und mitgerissen. Als List, Metapher und Kombinatorik ist diese Pro-
duktion auch eine ‚Erfindung‘ von Gedächtnis. Sie macht aus den Wörtern Resultate von stummen Geschich-
ten […]. Das winzig kleine Schriftelement versetzt Berge und wird zu einem Spiel mit dem Raum. An die Stelle
des Autors tritt eine völlig andere Welt (die des Lesers).“ (de Certeau 1988: 27, vgl. zudem ebd. 293ff.)

Alltagspraktiken sind nach de Certeau somit immer „Aneignungspraktiken“ (de Certeau


1988: 19); durch sie nehmen Individuen in einer „Kombination von praktischem Handeln
und Genuss von außen ‚aufgezwungene‘ (ebd. 13) Produkte in Besitz, indem sie sie in einem
aktiven Prozess des Umdeutens, Weglassens und neu Kombinierens „in die Ökonomie ihrer
eigenen Interessen und Regeln ‚umfrisieren‘“ (ebd. 15) und damit sinnhaft in ihre Alltags-
welt integrieren (zur Nähe dieses Aneignungsbegriffs zum Konzept der Bricolage von Claude
Lévi-Strauss siehe außerdem Silverstone 1989: 80, sowie Burke 2007: 37). Damit unterstreicht
der Aneignungsbegriff zugleich, dass die Produktivität des Alltagshandelns gerade nicht auf
eigenen Produkten beruht, sondern auf der Fähigkeit, durch „Umfunktionieren“ (de Certeau
1988: 78) des Vorhandenen entlang ‚anderer‘ Bezugssysteme innerhalb der herrschenden
Ordnung „bewohnbare Räume“ (Andermatt Conley 2001: 486) zu schaffen (vgl. zudem de
Certeau 1988: 27, 60, 78f., sowie Poster 1992: 102). Auch wenn diese bastelnde Kreativität
und das damit verbundene Vergnügen eng an Emotionen und Erinnerungen und somit an
flüchtige Momente sinnlichen Erlebens gebunden bleiben (vgl. Winter 2007: 208ff., 213ff.),
bilden die Alltagspraktiken damit ein „Gegengewicht zu den stummen Prozeduren, die die
Bildung der soziopolitischen Ordnung organisieren“ (de Certeau 1988: 16). Denn im Spiel
mit den Regeln ‚des Anderen‘ ebenso wie in Momenten des Bewahrens und der Trägheit,
„des Sich-Einrichtens, des Verharrens, des Sich-nicht-Ändern-Wollens, des Festhaltens an
eingeübten Verhaltensmustern“ (Winter 2007: 210) gelingt ihnen – zumindest vorüberge-
hend – die Wiederaneignung des „durch die Techniken der soziokulturellen Produktion or-
ganisierten“ Raums (de Certeau 1988: 16; vgl. zudem ebd. 60, sowie Poster 1992: 102). De
Certeau (1988: 12) bringt dies auf den Punkt mit der Metapher des „Wilderns“: „einer Kunst
im Ausnützen“ (ebd. 17), die trotz ihrer Findigkeit über den „Status von Beherrschten“ (ebd.
12) nicht hinaus kommt. Die Widerspenstigkeit populärkultureller Praktiken verweist somit
weniger auf gezielt auf Umsturz oder Revolution gerichtetes Agieren als vielmehr auf das
Umgehen der Kontrollversuche der disziplinierenden Kräfte in den vielen kleinen Momen-
ten sinnlichen Vergnügens, die tagtäglich durch „listenreiches“ (de Certeau 1988: 14) „Sich-
zu-Eigen-Machen“ (Hepp 2004: 358) fremd bestimmter Räume entstehen.

2.2 Praktiken als Taktiken: de Certeaus Theorie des Alltagslebens


Um dieses Spannungsfeld zwischen den Alltagspraktiken und dem „Kräftefeld“ (de Certeau
1988: 20), in das sie eingreifen, theoretisch zu bestimmen, entwickelt de Certeau einen An-
Michel de Certeau: Alltagsleben, Aneignung und Widerstand 51

satz zur „kriegswissenschaftlichen Analyse von Kultur“ (ebd. 20, vgl. zudem ebd. 84), der
der Widerspenstigkeit populärer Praktiken Rechnung trägt, ohne die disziplinierende Macht
der herrschenden Verhältnisse auszublenden. Ein entsprechendes analytisches Modell liefert
ihm die „Unterscheidung zwischen Taktiken und Strategien“ (ebd. 23, Herv. i.O.). Denn die
opportunistische Logik taktischen Kalküls eröffnet ihm einen theoretischen Zugang zur ‚in-
neren Logik‘ des Konsums im Verhältnis zum „strategischen Modell“ (ebd. 23) der rationa-
lisierten, durch die Regeln der Schriftsprache abgesicherten diskursiven Produktion der pri-
vilegierten Akteurinnen und Akteure (etwa der Medieninstitutionen):
„Im Gegensatz zu den Strategien […] bezeichne ich als Taktik ein Handeln aus Berechnung, das durch das
Fehlen von etwas Eigenem bestimmt ist. Keine Abgrenzung einer Exteriorität liefert ihr also die Bedingung ei-
ner Autonomie. Die Taktik hat nur den Ort des Anderen. Sie muss mit dem Terrain fertigwerden, das ihr so
vorgegeben wird, wie es das Gesetz einer fremden Gewalt organisiert. […] sie ist eine Bewegung ‚innerhalb
des Sichtfeldes des Feindes‘, […] die sich in einem von ihm kontrollierten Raum abspielt. […] Sie macht ei-
nen Schritt nach dem anderen. Sie profitiert von ‚Gelegenheiten‘ und ist von ihnen abhängig.“ (de Certeau
1988: 89)

So mag es im Konsum zwar gelingen, dem Lauf der Zeit vorübergehend etwas Eigenes ent-
gegenzusetzen und damit die gegebenen Verhältnisse für einen Moment zu unterwandern.
Diese „Coups“ (ebd. 31) sind jedoch nie mehr als flüchtige „Erfolge des Schwachen gegen-
über dem Starken […], gelungene Streiche, schöne Kunstgriffe, Jagdlisten, vielfältige Si-
mulationen, Funde, glückliche Einfälle“ (ebd. 24). Sie dringen in den Ort des anderen ein
und durchkreuzen die strategischen Absichten, dabei bleiben sie jedoch unsichtbar und oh-
ne Bestand (vgl. 13). Denn im Gegensatz zum ‚Starken‘, der vom eigenen Ort aus Defini-
tionsmacht ausüben und damit Realitäten schaffen kann, kann der ‚Schwache‘ nur „produ-
zieren, ohne anzuhäufen, das heißt ohne die Zeit zu beherrschen“ (de Certeau 1988: 26; vgl.
zudem Silverstone 1989: 83). Die Taktik nämlich „hat keine Basis, wie sie ihre Gewinne la-
gern, etwas Eigenes vermehren und Ergebnisse vorhersehen könnte“ (ebd. 89). Sie bleibt
daher auf fremde Ressourcen und daran geknüpfte günstige Gelegenheiten angewiesen und
agiert somit stets situativ, d.h. „in Abhängigkeit von den Zeitumständen, um im Fluge die
Möglichkeiten zu ergreifen, die der Augenblick bietet“ (ebd.):
„Sie muss wachsam die Lücken nutzen, die sich in besonderen Situationen der Überwachung durch die Macht
der Eigentümer auftun. Sie wildert darin und sorgt für Überraschungen. Sie kann dort auftreten, wo man sie
nicht erwartet. Sie ist die List selber.“ (ebd. 89)

Auch wenn ihm dies oft vorgeworfen wurde (vgl. Ahearne 2007: 161ff.), geht dieses Ana-
lyseschema nicht einher mit einem Rückgriff auf das Individuum als Entität und „elemen-
tarer Einheit“ (de Certeau 1988: 11) von Gesellschaft. So verwehrt sich de Certeau selbst
gegen eine allzu dichotome Gegenüberstellung von herrschender Ordnung auf der einen,
strategischen Seite und der „massenhaften Marginalität“ (ebd. 20) der Konsumierenden auf
der anderen (vgl. 21). Ausdrücklich geht es ihm nicht um die Subjekte als solche oder be-
stimmte gesellschaftliche Gruppierungen (vgl. ebd. 11f.); seine Analyseperspektive zielt
vielmehr auf die theoretisierende Beschreibung der alltäglichen „Vorgehensweisen und
Handlungsmuster“ (ebd.), die „die ameisenhafte Tätigkeit des Konsums organisieren“ (ebd.
79). Sie bilden seinem Verständnis nach die Basis des Alltagslebens, das sich im Span-
nungsfeld zwischen der diskursiv vermittelten Ordnung und den verborgenen ‚Handlungs-
weisen‘ der ‚schweigenden Mehrheit‘ entfaltet (vgl. ebd. 19ff., sowie Silverstone 1989: 82,
Poster 1992: 95, Winter 2007: 213ff.). Mit diesem Fokus auf die Machtspiele, in denen sich
Kultur und Gesellschaft konstituieren (vgl. ebd. 19ff.), geht de Certeau nicht nur über den
52 Veronika Krönert

rein deskriptiven abstrakt-formalistischen und statischen Alltagsbegriff der phänomenologi-


schen Soziologie hinaus, wie ihn Alfred Schütz (1979) mit dem Konzept der Lebenswelt be-
gründet hat. Entlang der Parameter Raum und Zeit entwickelt de Certeau zugleich ein Ras-
ter zur Analyse kultureller Bedeutungen, das nicht nur für die kulturelle Eigenständigkeit
des Alltagslebens sensibilisiert, sondern ebenso auch für deren strukturelle Benachteiligung.
Damit grenzt er sich zugleich deutlich von seinen Zeitgenossen Foucault und Bourdieu ab.
So kritisiert er an Foucaults Machtanalytik3 eine Überbetonung der Herrschaftsverhältnisse
zu Lasten der unsichtbaren Praktiken, mittels derer sich die Subjekte den organisierten
Raum wieder aneignen (vgl. de Certeau 1988: 109ff., sowie Schaub 2002: Teil 2). Dabei wür-
digt er durchaus, dass Foucault die diskurslosen Machtmechanismen der soziopolitischen
Ordnung aufdeckt; zugleich, so de Certeau, „muss man sich aber fragen, was mit den ande-
ren – auch infinitesimalen – Prozeduren ist, die […] eine zahllose Aktivität zwischen den in-
stitutionellen Technologien entfalten“ (ebd. 112). Und so tritt er mit seinem „move to the
margins“ (Poster 1992: 101) von den herrschenden Strukturen hin zu den partikularen, kon-
textgebundenen Praktiken und Formen der Vergemeinschaftung, über die sich Subjekte in
ihrer Lebenswelt verorten, für eine „Politisierung der Alltagspraktiken“ ein (de Certeau
1988: 21). Damit ist weniger gemeint, dass er Alltagshandeln als im engeren Sinne politi-
sches Handeln verstünde – im Gegenteil: Konsum vollzieht sich gerade nach de Certeaus
Verständnis oft unbewusst apolitisch. Politisch ist seine Perspektive vielmehr dadurch, dass
sie die populären Praktiken als diejenigen Prozeduren, die Differenz oder – anders ausge-
drückt – Diskontinuitäten, Widersprüche und Brüche in die gegebene Ordnung einführen, in
den Fokus kritischer Kulturanalyse und letztlich auch ins politische und öffentliche Be-
wusstsein rückt (vgl. Ahearne 2007). Indem er das „Netz einer Antidisziplin“ (ebd. 16), das
in Form der unberechenbaren Taktiken der Konsumierenden die gesellschaftlichen Prozesse
der Bedeutungsproduktion durchzieht, zum Gegenstand seiner Kulturanalyse macht, sensi-
bilisiert de Certeau somit für die Konfliktivität von (Alltags-)Kultur:
„Wie das Recht (das ein Modell dafür ist) bringt die Kultur Konflikte hervor und legitimiert, verschiebt oder
kontrolliert das Recht des Stärkeren. Sie entwickelt sich in einem oft gewaltsamen Spannungsfeld, in das sie
symbolische Gleichgewichte, ausgleichende Verträge und mehr oder weniger dauerhafte Kompromisse ein-
bringt.“ (de Certeau 1988: 20f.)

Mit diesem dynamischen und für Wandel offenen Kulturbegriff weist de Certeau nicht nur
über Bourdieu hinaus, der sich in seiner Theorie sozialer Praxis in erster Linie mit dem Stel-
lenwert von (Alltags-)Kultur bei der Sicherung von Kontinuität und damit mit den Mecha-
nismen der Legitimation von Macht auseinandersetzt (vgl. Moebius 2006; siehe dazu auch
den Beitrag zu Pierre Bourdieu in diesem Band, sowie speziell zur Auseinandersetzung de
Certeaus mit dessen Werk de Certeau 1988: 124ff., und Schaub 2002). Durch die Anerken-
nung des Alltagslebens als eigenständigem Wirklichkeitsbereich, der nicht nach ökonomi-
schen Gesichtspunkten organisiert ist, sondern einer eigenen ästhetisch-emotionalen Logik
folgt, stellt er zugleich auch das für die westliche Moderne prägende Paradigma der Ratio-
nalität des Subjekts und der Geschlossenheit von Wissen infrage zugunsten eines offeneren,
dynamischen Verständnisses von gesellschaftlicher und kultureller Wirklichkeit. Dieses be-
rücksichtigt ‚das Andere‘ der Gesellschaft, das Unsichtbare, Emotionale und Körperliche

3 De Certeau bezieht sich hier ausschließlich auf das frühe Werk Foucaults, namentlich dessen Monografie
„Überwachen und Strafen“ (1976). Für einen detaillierten Blick auf das Gesamtwerk Foucaults und dessen Re-
zeption innerhalb der Cultural Studies siehe den Beitrag von Tanja Thomas in diesem Band.
Michel de Certeau: Alltagsleben, Aneignung und Widerstand 53

ebenso wie die Flüchtigkeit und Kontextualität von Wissen (vgl. Poster 1992: 95ff., Godzich
1986, sowie Andermatt Conley 2001: 387).
Damit hat de Certeau, wie es Rainer Winter formuliert, letztlich „das zentrale Thema der
Cultural Studies artikuliert: die Neuerfindung der kritischen Theorie“ (Winter 2007: 219;
siehe dazu auch ebd. 202f., Hepp 1999: 16ff.). Seine Sensibilität für die Deutungskämpfe
und die damit verbundenen Ambivalenzen und Widersprüche, in denen sich Gesellschaft
und Kultur konstituieren, schließt direkt an das Anliegen der Cultural Studies an, in Ab-
grenzung zur klassischen Soziologie ebenso wie zur traditionellen Anthropologie eine kriti-
sche Perspektive auf gesellschaftliche und kulturelle Machtverhältnisse zu etablieren (siehe
dazu auch Morley 2003, sowie den Beitrag zu Néstor García Canclini in diesem Band):
„Cultural studies may be defined as an interdisciplinary, critical, and historical investigation of aspects of
everyday life with a particular emphasis on the problem of resistance – the way individuals and groups prac-
tice a strategy of appropriation on response to structures of domination. The work of other theorists does not
capture as closely as de Certeau this specific blend of interests that is characteristic of cultural studies.“ (Poster
1992: 94)

3. Alltagskultur und Medienanalyse: die Rezeption de Certeaus in den Cultural Studies


Das analytische Potenzial von de Certeaus Konzept des Alltagslebens für die Kulturanaly-
sen der Cultural Studies griff als einer der ersten John Fiske auf. In seiner mittlerweile zum
Klassiker der an den Cultural Studies orientierten Medien- und Populärkulturforschung
avancierten Monografie „Understanding Popular Culture“ (1989) führt er de Certeaus Kon-
zept des Alltagslebens in die Diskussion um Populärkultur in den Cultural Studies ein (vgl.
Hepp 1999: 66). De Certeaus Argument aufgreifend, dass Konsumierende über eine ‚Kunst-
fertigkeit‘ im Umgang mit den ihnen zur Verfügung stehenden Waren verfügen, postuliert
er, Populärkultur nicht auf den Akt des Konsums zu reduzieren, sondern vielmehr als weit-
gehend der Deutungsmacht der ‚Leute‘ unterstehenden eigenständigen Prozess der Zirkula-
tion von Bedeutung und Vergnügen an der Schnittstelle zwischen Alltagsleben und Kultur-
industrie zu betrachten (vgl. Fiske 1989: 23f.):
„Popular culture is made by the people, not imposed upon them; it stems from within, from below, not from
above. Popular culture is the art of making do with what the system provides.“ (ebd. 25)

Als einerseits industrialisiertes und kommerzialisiertes Phänomen, das andererseits aber auf
den kreativen Leistungen ‚der Leute‘ („the people“) beruht, muss Populärkultur mit Fiske
als in sich höchst widersprüchlich und konfliktär gedacht werden. Als ‚Kultur der Leute‘
verweist sie auf alltägliche Deutungskämpfe, in denen die ‚Leute‘ ihre eigenen Interessen
zu wahren versuchen:
„Das Alltagsleben wird konstituiert durch populärkulturelle Praktiken und ist gekennzeichnet durch die Krea-
tivität der Schwachen bei der Verwendung der Ressourcen, die ihnen von einem entmächtigenden System zur
Verfügung gestellt werden, das ihnen letztendlich eine Teilhabe an seiner Macht verweigert. Die Kultur des
Alltagslebens erschließt sich am besten über die Metaphern des Kampfes oder Antagonismus: Strategien im
Gegensatz zu Taktiken, die Bourgeoisie im Gegensatz zum Proletariat, Hegemonie, die auf Widerstand trifft,
Ideologie, entgegen der gehandelt oder die umgangen wird, die Macht von oben im Gegensatz zur Macht von
unten, Sozialdisziplinierung, die mit Unordnung konfrontiert wird.“ (Fiske 1989: 47, Übersetzung nach Hepp
1999: 76)

Während es de Certeau vor allem um die strukturellen Bedingungen von Widerstand geht
(vgl. Andermatt Conley 2001: 486), betont Fiske vor allem den emanzipatorischen Charakter
54 Veronika Krönert

der populärkulturellen Machtspiele gegenüber der dominanten Ideologie (vgl. Fiske 1989:
23ff., Winter 2007: 241):
„Guerrilla tactics are the art of the weak: they never challenge the powerful in open warfare, for that would be
to invite defeat, but maintain their own opposition within and against the social order dominated by the power-
ful.“ (Fiske 1989: 19)

Auch wenn Fiske selbst wiederholt gegen den Eindruck einer auf de einzelne Akteurinnen
und Akteure fixierten Perspektive argumentiert hat (siehe dazu etwa Fiske 1989: 24ff.), ten-
diert seine Lesart populärer Praktiken als „Guerillataktiken“ (ebd. 19) dazu, ‚die Leute‘ als
Widerstandskämpferinnen und -kämpfer zu idealisieren, denen der Konsum Möglichkeiten
eröffnet, ihre eigenen Interessen zu wahren und damit sukzessive auf sozialen Wandel hin-
zuarbeiten (vgl. ebd. 19ff., 28):
„This approach sees popular culture as potentially and often actually, progressive (though not radical), and it
is essentially optimistic, for it finds in the vigor and vitality of the people evidence both for the possibility of
social change and of the motivation to drive it.“ (ebd. 21)

Diese optimistische Bewertung des Alltagslebens als Hort des Widerstands hat Fiske viel
Kritik eingebracht. Nicht wenige bescheinigen dem so genannten „Widerstandsparadigma“
(Winter 2005: 53) innerhalb der Cultural Studies, als dessen wichtigster Vertreter Fiske gilt,
eine bereits bei de Certeau angelegte Romantisierung des Alltagslebens durch Überbeto-
nung des subversiven Moments populärkulturellen Erlebens (vgl. Morley 2003: 131, Winter
2005: 51ff.). Die durchaus berechtigte Kritik an der Verklärung populärkultureller Wider-
ständigkeit geht in der so genannten ‚Revisionismus-Debatte‘ schließlich in den pauschalen
Vorwurf über, mit der Gleichsetzung von Populärkultur mit Widerständigkeit gäben die Cul-
tural Studies ihren kritischen Anspruch preis zugunsten eines postmodernistischen und zu-
dem kulturpopulistischen „selbstgefälligen Relativismus“ (Morley 2003). So kritisiert etwa
Meaghan Morris in einem erstmals 1990 unter der Überschrift „Banality in Cultural Studies“
erschienenen Essay, dass das Argument der Kreativität und Eigensinnigkeit bzw. Wider-
sprüchlichkeit und Komplexität des Alltagslebens vielfach zu einer Art poptheoretischem
Mantra der Populärkulturforschung verkommen sei, das das eigentliche erkenntnistheoretische
Potenzial dieses Analysekonzepts verdecke (vgl. Morris 2003: 66f., 72). Als Ausweg aus der
damit verbundenen Banalisierung und erkenntnistheoretischen Engführung der Populärkul-
tur auf schiere Pluralität und Widersprüchlichkeit gilt ihr gleichwohl eine Rückbesinnung
auf de Certeaus ‚kriegswissenschaftliches‘ Analysemodell. Begrifflich wie konzeptionell
könne dieses Ansatzpunkte dafür liefern, im Sinne einer kritischen Auseinandersetzung mit
Populärkultur auch Unzufriedenheit, Diskriminierung und Dilemmata zu artikulieren, aus-
zuhalten und weiterzuspinnen (vgl. ebd. 78ff.). In einem Versuch, einen Schlussstrich unter
diese zum Teil erbittert geführte Diskussion zu ziehen, plädiert dagegen David Morley, über
die – wie auch er betont (Morley 2003: 131f.) – berechtigte Kritik nicht die Verdienste die-
ser frühen, an de Certeau anschließenden Arbeiten für die Populärkultur- und Medienfor-
schung aus den Augen zu verlieren. Diese bestehen für ihn vor allem darin, gerade durch die
Betonung der Widerständigkeit populärkultureller Praktiken den Bereich der Populärkultur
überhaupt erst als Forschungsfeld erschlossen und etabliert zu haben (ebd. 127). Was heute
nicht nur innerhalb der Cultural Studies als „common sense“ (ebd.) gilt – dass Konsum
ebenso wie Medienkommunikation aktive Prozesse der Bedeutungsproduktion darstellen,
dass Konsum damit immer auch eine kulturelle Dimension besitzt, dass populärkulturelle
Ausdrucksformen in gewisser Weise politisch sind, und schließlich, dass Kultur nicht als et-
Michel de Certeau: Alltagsleben, Aneignung und Widerstand 55

was Statisches, sondern als „konfliktäres Feld“ (Hepp 1999: 42) verstanden werden muss –
musste gegenüber dem Mainstream der Sozialforschung erst „Stück für Stück erkämpft“
werden (Morley 2003: 126ff.; siehe dazu auch den Beitrag zu David Morley in diesem
Band). Ähnlich betont auch Andreas Hepp in Bezug auf „Cultural Studies und Medienanaly-
se“, dass die Aufwertung der Populärkultur als eigenständigem Bereich der Bedeutungspro-
duktion zwar keinesfalls dazu führen dürfe, „jedem Handeln sozial Schwacher von vorne
herein Züge des Widerstands zuzuschreiben“ (Hepp 1999: 76), dass umgekehrt aber die An-
erkennung der Eigensinnigkeit populärkulturellen Handelns für eine kritische Medienfor-
schung bis heute von zentraler Bedeutung sei (vgl. ebd.). Begreift man Medienkommunika-
tion nämlich als populärkulturellen Prozess der Bedeutungsproduktion, stellt dies die für die
Massenkommunikationsforschung grundlegende Annahme einer Wirkungsbeziehung zwi-
schen Medium und Publikum infrage zugunsten eines Verständnisses von Medienkommu-
nikation als aktivem Aneignungsprozess medial vermittelter kultureller Ressourcen.4

4. Zurück zu de Certeau: aktuelle Fragen, neue Perspektiven


In Bezug auf die Potenziale einer an de Certeaus Theorie des Alltagslebens orientierten Me-
dien- und Populärkulturforschung hat Roger Silverstone einmal formuliert:
„There is a kind of almost perverse romanticism in de Certeau’s celebrations of the interstititcal practices, uto-
pian, plausibly even impotent, which mark his discussion of the quality of everyday life […]. But in the present
context his arguments are of considerable relevance. Not only do they allow us to think more critically about
the precise role of television in the mediation between everyday life and the places occupied by the Other (that
is in science, politics or the generically inaccessible) but they also offer a possible route for the exploration of
the relationship between television, as medium, as institution and as technology, with its audience. Above all
they offer a possible framework for rethinking the problem of television audience as one of consumption, me-
diation, action […] and they hint at a possible methodology for dealing with it.“ (Silverstone 1989: 84)

Auch wenn neben dem Fernsehen mittlerweile eine Vielzahl anderer Formen medial vermit-
telter Kommunikation das Alltagsleben durchziehen, scheint de Certeaus Ansatz der Kultur-
analyse rund zwei Jahrzehnte später nach wie vor aktuell; nicht nur, weil – wie auch Morley
(s.o.) betont – einige seiner theoretischen und methodologischen Annahmen und Konzeptua-
lisierungen innerhalb der Cultural Studies und darüber hinaus mittlerweile selbstverständlich
geworden sind, wie etwa die Vorstellung des Alltagslebens als Basis kulturellen und sozialen
Lebens, das Aneignungskonzept und in Verbindung damit die Theorie des aktiven Publikums,
sondern auch weil er Anknüpfungspunkte für aktuelle Fragen der Medienforschung bietet. So
macht seine Theorie der Alltagspraktiken deutlich, dass medien- und populärkulturelle Phä-
nomene in ihrer Bedeutung für das Alltagsleben nicht verstanden werden können, ohne die
emotionale und körperliche bzw. materiale Dimension medial vermittelten Erlebens zu be-
rücksichtigen. Zusammen mit seinen Überlegungen zu Status und Wandel von Glauben im All-
tag könnte dies etwa Impulse zur Theoretisierung des noch jungen, in den Cultural Studies
bislang wenig berücksichtigten Forschungsfelds von Medien- und Religionswandel liefern
(zur Entwicklung der kommunikations- und medienwissenschaftlichen Auseinandersetzung
mit Religion siehe exemplarisch Hoover/Lundby 1997, sowie Hoover 2006).5 So befasst sich
4 Siehe dazu auch den Beitrag zu John Fiske in diesem Band. Zum Begriff der Medienaneignung sowie zur Ent-
wicklung der Aneignungsforschung in den Cultural Studies siehe weiterhin Hepp 1999, sowie 2004.
5 In diesem Zusammenhang werden auch die geplanten Übersetzungen von La faiblesse de Croire (Glaubens-
Schwachheit) (Kohlhammer, geplant für das dritte Quartal 2008) und La fable mystique (bei Suhrkamp, für
2008/9) von Bedeutung sein.
56 Veronika Krönert

de Certeau, ausgehend von der These, dass mit dem ständig wachsenden Angebot an medial
verfügbaren Sinnangeboten nur noch geglaubt werden kann, was sichtbar ist, vor allem mit
der (alltags-)praktischen Dimension von Glauben in westlichen Gegenwartsgesellschaften.
Dabei nimmt er nicht nur die Rolle der Medien bei der zunehmend ins Private zurück-
gezogenen individuellen Suche nach Antworten in den Blick, sondern auch den damit ver-
bundenen Autoritätsverlust etablierter religiöser (ebenso wie politischer) Institutionen (sie-
he dazu de Certeau 1988: 315ff.). Auch wenn sich de Certeaus Medienbegriff stark an den
Diskursen seiner Zeit orientiert und damit aus heutiger Sicht sicherlich einer Präzisierung
bedarf, könnten sich daraus, insbesondere auch in Verbindung mit seinem Konzept der sym-
bolisch vermittelten kommunikativen Räume, Ansatzpunkte ergeben für eine Auseinander-
setzung mit Prozessen der Spiritualisierung (Knoblauch 2006) und Mediatisierung (Krotz
2007, Hepp/Krönert 2009) im Bereich des Religiösen, die der Gebrochenheit individuali-
sierter Religiosität Rechnung trägt und damit zugleich die Dichotomie zwischen der These
der Säkularisierung auf der einen und der ‚Wiederkehr des Religiösen‘ auf der anderen Sei-
te überwindet. Auch de Certeaus raumtheoretische Konzeptionen könnten mit Blick auf die
durch digitale Medien- und Kommunikationstechnologien vorangetriebenen Entgrenzungen
innerhalb kommunikativer Netzwerke und so genannter ‚virtueller Räume‘ Erklärungspo-
tenzial bergen (siehe dazu de Certeau 1988, insbesondere 217ff.).6

Literatur
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6 Hinsichtlich de Certeaus Raumkonzeption siehe ergänzend auch Andermatt Conley 2001, Buchanan 2007,
Fiske 1989: 32f., Silverstone 1989: 81ff., sowie mit Bezug auf spirituelle Räume Ward 2001. Zum Begriff der
deterritorialen Vergemeinschaftung siehe Hepp 2004.
Michel de Certeau: Alltagsleben, Aneignung und Widerstand 57

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Michel Foucault: Diskurs, Macht und Subjekt
Tanja Thomas

1. Einleitung: Affinitäten zwischen Cultural Studies und Michel Foucault


Während Stuart Hall die außerordentlich positive Wirkung des Werkes von Michel Foucault
für die Cultural Studies betont, da seine Arbeiten eine Rückkehr zur konkreten Analyse be-
sonderer ideologischer und diskursiver Formationen möglich gemacht hätten (vgl. Hall
1999a: 40), konstatiert Tony Bennett, „in effect, Foucault was admitted into the cultural stu-
dies roll-call only on the condition that he brought no troublesome Foucaultian arguments
with him. The role accorded his work was not that of reformulating received problems so
much as being tagged on to arguments framed by the very formulations he questioned […].
Quoted extensively, he was used very little“ (Bennett 1998: 63). Angesichts dieser Ein-
schätzung von Bennett mag es vielleicht zunächst überraschen, Foucaults Arbeiten als
Schlüsselwerk der Cultural Studies bezeichnet zu sehen.
„Wer war Michel Foucault?“ Diese Frage hat zu Lebzeiten seinen Unwillen erregt. In der
Tageszeitung „Le Monde“ beispielsweise erschien ein Gespräch mit ihm anonym unter der
Überschrift „Der maskierte Philosoph“ (Schmid 1996: 6) – obschon er auch die Bezeich-
nung „Philosoph“ ablehnte (vgl. u.a. Schneider 2004: 11). Seine Bücher hat Foucault als Er-
fahrungen betrachtet, aus denen er verändert hervorging; erst in seinen letzten Lebensjahren
hat er, eingedenk der Bedeutung seiner Erfahrungen für die Entwicklung seines Denkens,
Fragen nach seiner eigenen Existenz in einem Gespräch mit Ducio Trombadori beantwortet
(vgl. Foucault 1996b). Paul Michel Foucault wurde am 15. Oktober 1926 in Poitiers gebo-
ren. Er absolvierte das Abitur im Angesicht des Faschismus, was ihn und seine spätere Ar-
beit prägen sollte. Er studierte u.a. bei Louis Althusser gemeinsam mit Roland Barthes an
der École Normale Supérieure in Paris, absolvierte das Examen in Philosophie, machte ei-
nen Abschluss auch in Psychologie und wurde Assistent für Psychologie an der Universität
in Lille. Von 1960 bis 1966 unterrichtete er als Psychologe in Clermont-Ferrand, danach
verließ er Frankreich und lehrte zwei Jahre in Tunis, wo er politische Unruhen miterlebte
und sich an der Seite von Studierenden engagierte, bevor er 1968 nach Paris zurückkehrte.
Dort leitete er eine philosophische Sektion an einer neuen Reformuniversität in Vinçennes
Paris-VIII. 1970 trat er den Lehrstuhl für die „Geschichte der Systeme des Denkens“ am
Collège de France an. An seiner Karriere als „normaler Philosophieprofessor“, so Ulrich Jo-
hannes Schneider (2004: 15), stechen nur die fünf Jahre seiner Tätigkeit als Leiter der
Frankreich-Institute in Uppsala (1955–58), Warschau (1958–59) und Hamburg (1959–1960)
hervor, die ihm auch eine nicht-akademische Karriere ermöglicht hätten; er selbst betonte
die Bedeutung der Distanz zur Frankreich, das er als „Ausländer“ betrachten konnte, wäh-
rend es Krieg führte gegen Algerien und dessen Unabhängigkeitsbewegung. In den letzten
Jahren seiner Lehrtätigkeit hielt Foucault regelmäßig Seminare und Vorlesungen an der Uni-
versität von Berkeley in Kalifornien. Im Juni 1984 starb Foucault in Paris.
Hinsichtlich seiner/ihrer Affinitäten zu Foucault wird das heterogene „Projekt“ bzw. die
„Formation“ Cultural Studies im vorliegenden Text hauptsächlich unter Berücksichtigung
von Arbeiten betrachtet, die zentrale, häufig geteilte Charakteristika einer vorrangig durch
Michel Foucault: Diskurs, Macht und Subjekt 59

die britischen Cultural Studies getragenen Forschungsrichtung teilen; zudem wird vor allem
auf Arbeiten fokussiert, die Medien als zentrale Elemente im Kulturellen thematisieren.
Auch dann noch scheint der (Post-)Strukturalist Foucault, dessen Arbeiten häufig mit dem
„Tod des Subjekts“ und dem Verschwinden des Menschen „wie am Meeresufer ein Gesicht
im Sand“ (Foucault 2006b: 462) assoziiert werden, auf den ersten Blick wenig kompatibel
mit dem Projekt Cultural Studies – eint doch dessen Vertreterinnen und Vertreter das Anlie-
gen, zu untersuchen, wie „die Leute“ als aktiv Handelnde den historisch je besonderen
Strukturen des Alltagslebens und den darin eingewobenen verschiedenen ökonomischen
oder politischen Widerständen und Mächten begegnen, wie sie diese (re-)produzieren und
verändern und auf diese Weise entmündigt oder ermächtigt werden.
Bei genauerem Hinsehen jedoch kann grundsätzlich in dem Interesse an den kulturellen
Praktiken der Bedeutungsproduktion ebenso eine Gemeinsamkeit entdeckt werden wie in
dem Ausgangspunkt, dass sich die Bedeutung eines Gegenstands erst unter Bezugnahme auf
den sozialen Kontext ergibt und also in einem historisch gegebenen System von Strukturen,
Oppositionen und Differenzen hergestellt wird. Zudem sind Parallelen in dem Interesse an
der Struktur-/Handlungsproblematik zu erkennen: Der Fokus auf (diskursive) Praktiken ge-
nerell und der „Antimentalismus“ von Foucault, der nicht mehr in einem strukturalistischen
kulturtheoretischen Zusammenhang von langue und parole – also der Annahme, dass Hand-
lungspraxis (parole) als Produkt einer symbolischen Ordnung (langue) verstanden werden
muss –, sondern in umgekehrter Richtung denkt (vgl. Reckwitz 2006: 272)1, sind in Aus-
einandersetzungen der Cultural Studies mit dem Strukturalismus eingeflossen: Ähnlichkei-
ten zeigen sich somit anhand Foucaults Interesse an Mikropolitiken einerseits und dem der
Cultural Studies an Alltagspraktiken andererseits. Anknüpfungspunkte bietet auch die In-
fragestellung von Machtverhältnissen und zugleich eine Absage an einen staatszentrierten
Machtbegriff, der allerdings bei Foucault zunächst zu den Vorstellungen von „autonomen
Diskursen“ (ohne Subjekte), bei den Cultural Studies zu einer Konzentration auf die Er-
mächtigungspotenziale der Rezipientinnen und Rezipienten führt. So bekräftigten die Ar-
beiten Foucaults Vertreterinnen und Vertreter der Cultural Studies einerseits im Bestreben
nach Deessenzialisierung und Dezentrierung des Identitätskonzepts (vgl. u.a. Hall 1999b),
andererseits provozierten sie hinsichtlich des Interesses an Identität und Identitätspolitiken
nachdrücklich die Betonung der Bedeutung von Identität für Handlungsfähig- und Hand-
lungsmächtigkeit. In diesem Zusammenhang waren und sind Foucaults Arbeiten auch für
die feministischen Cultural Studies ein wichtiger Bezugspunkt – obschon beispielsweise
Meaghan Morris (1988: 26) Foucaults Schreibweise bei aller Wertschätzung seines Werkes
als „androzentristisch“ bezeichnet und neben Parallelen und Potenzialen auch „Spannun-
gen“ zwischen Foucaults Werk und feministischen Ansätzen anspricht.
Im Folgenden wird systematisierend rekonstruiert, aus welchen ähnlichen Frage- und
Problemstellungen Foucaults Denkbewegungen und Begriffe Vertreterinnen und Vertretern
der Cultural Studies attraktiv erschienen, wo sie Anschlussfähigkeiten aufwiesen, aber auch,

1 Philipp Sarasin (2007: 316) hinterfragt diese Deutung von Andreas Reckwitz. Einigkeit herrscht jedoch da-
hingehend, dass sich Foucault nicht für Regeln linguistischer Art interessierte und Diskurs nicht als semioti-
sche Struktur oder Zeichenprozess betrachtete. Diskurs ist für ihn eine „zeitlich begrenzte und zudem nur in
ihrer Realisierung in der Praxis existierende Struktur von Aussagen, […] die nicht über die Logik der Zeichen
oder der Signifikanten organisiert ist, sondern über eine ‚inhaltliche‘ Logik des im Raum eines je bestimmten
Diskurses jeweils Sagbaren und nicht Sagbaren“ (Sarasin 2007: 319). Diskurse sind damit eine Praxis, die Ord-
nung herstellt, Beziehungen von Sprechern zu Gegenständen herstellt, Subjekte hervorbringt.
60 Tanja Thomas

wo sie zu Abgrenzungen und Konturierungen beigetragen haben. Zunächst wird beleuchtet,


dass und wie die Auffassungen von Kultur auf Seiten Foucaults wie auf Seiten von Vertre-
terinnen und Vertretern der Cultural Studies Affinitäten aufweisen. Diesen Grundgedanken
wird insofern etwas mehr Raum zugestanden, als anhand einer Skizze der Entwicklung vom
Kulturmarxismus hin zu einer interdisziplinären Kulturanalyse innerhalb der Cultural Stu-
dies zentrale, noch heute relevante Problemstellungen sichtbar werden.
Anschließend werden Aspekte der Foucault-Rezeption innerhalb der Cultural Studies
entlang der Konzepte von Foucault zu Diskurs, Macht und Subjekt zum Ausgangspunkt der
Betrachtung. Die Reihenfolge ergibt sich aus den methodisch und inhaltlich differierenden
Schwerpunktsetzungen in dem Werk Foucaults, die er selbst wie folgt beschreibt2:
„Eine theoretische Verschiebung hatte sich mir aufgedrängt, um das zu analysieren, was man oft als den Fort-
schritt der Erkenntnis bezeichnet: sie hatte mich geführt, nach den Formen der Diskurspraktiken zu fragen, die
das Wissen artikulieren. Es hatte einer weiteren theoretischen Verschiebung bedurft, um das zu analysieren,
was man häufig als die Manifestation der Macht beschreibt: diese Verschiebung hatte mich dazu veranlasst,
mehr nach den vielfältigen Beziehungen, den offenen Strategien und den rationalen Techniken zu fragen, die
die Ausübung der Mächte artikulieren. Jetzt scheint es mir nötig, eine dritte Verschiebung vorzunehmen, um
das zu analysieren, was als Subjekt bezeichnet wird; es sollte untersucht werden, welches die Formen und die
Modalitäten des Verhältnisses zu sich sind, durch die sich das Individuum als Subjekt konstituiert und er-
kennt“. (Foucault 1989: 12)
Was Foucault hinsichtlich des übergreifenden Interesses von Vertreterinnen und Vertretern
der Cultural Studies an einer Verknüpfung von Kultur- und Gesellschaftsanalyse anbietet,
wird abschließend reflektiert. In den vergangenen Jahren ist es vor allem ein Ansatz zur Re-
konzeptualisierung des „Subjekts“, der vor dem Hintergrund einer akteurstheoretischen Re-
vision der Wissensanalyse in den späten Arbeiten Foucaults produktiv aufgenommen und
weiterentwickelt wird. Am Ende dieses Beitrags wird auf einige solcher Arbeiten hingewie-
sen, um exemplarisch das Potenzial von Foucault für (Medien-)Kulturanalysen in der Tra-
dition der Cultural Studies aufzuzeigen.3

2. Kultur und gesellschaftliche Reproduktion


Die Ablehnung der Vorstellung, dass Kultur ein bloßer Reflex der ökonomischen Beziehun-
gen und der Politik untergeordnet sei, legte die Grundlagen der Cultural Studies als einer
theoretischen Bewegung und wissenschaftlichen „Disziplin“ (vgl. Winter 2001: 25). Es wa-
ren die Arbeiten der Kulturtheoretiker und Literaturwissenschaftler Raymond Williams und
Richard Hoggart sowie des Historikers Edward P. Thompson, die vor dem Hintergrund ih-
rer Verankerung in der New Left, des ausbleibenden Niedergangs des Kapitalismus, eines
politisch dominierenden Konservatismus und einer elitär orientierten Literatur- und Kultur-
kritik nach einem veränderten Bezug auf Karl Marx und einer Perspektive suchten, mensch-
liche Handlungsfähigkeit gegen deterministische Vorstellungen zu verteidigen. Hoggarts
Studie einiger Aspekte der Kultur der Arbeiterklasse und Thompsons Rekonstruktion einer
2 Dass eine Einteilung des Werkes von Foucault in meistens drei (vgl. Kögler 1994) oder vier Phasen (vgl. Fink-
Eitel 1989) durchaus umstritten ist, wird inzwischen vielfach thematisiert (vgl. Kleiner 2001: 8; Sarasin 2005:
12, Reckwitz 2008: 23). Da dennoch auch im vorliegenden Text zu Strukturierungszwecken parallel zu den
häufig so definierten Werkphasen „Archäologie der Diskurse“, „Genealogie der Macht“ und „Hermeneutik des
Subjekts“ vorgegangen wird, sei darauf hingewiesen, dass die Konstruktion einer solchen Gliederung des Wer-
kes von Foucault nur beschränkt hilfreich ist.
3 Herzlich danke ich Dr. Steffi Hobuß und Dr. Jan Pinseler für ihre Bereitschaft zur Diskussion sowie ihre kri-
tischen Anmerkungen und Anregungen zu einer früheren Fassung des vorliegenden Beitrags.
Michel Foucault: Diskurs, Macht und Subjekt 61

Klassenkultur und Volkstradition stehen für die Entwicklung einer kulturalistischen Per-
spektive, die Handlungsfähigkeit, Erfahrung und die aktive Produktion von Kultur hervor-
hob und sich gegen eine Hierarchisierung kultureller Praktiken wandte, die in der Unter-
scheidung zwischen Hoch- und niederer Kultur tief verankert war.
Freilich lässt sich bereits hier kaum von einer einheitlichen Definition von Kultur spre-
chen, man denke an Thompsons durchaus heftige Kritik an Williams’ berühmt gewordener
Auffassung von Kultur als „ganzer Lebensweise“ (siehe auch den Beitrag zu Raymond Wil-
liams in diesem Band), mit der er darauf hinwies, dass zu jeder Lebensweise Dimensionen
von Konfrontation und Kampf zwischen entgegengesetzten Lebensweisen gehören. Den-
noch verbindet diese Arbeiten die Idee der Demokratisierung von Kultur. Kultur wird ge-
sellschaftlich reflektiert und betont werden die Aspekte, die sich durch alle gesellschaft-
lichen Praktiken ziehen. Kulturanalyse soll die charakteristischen Muster dieser Praktiken
aufdecken und die Regelmäßigkeiten aufspüren: „Zweck der Analyse ist es, zu begreifen,
wie die Interaktionen zwischen diesen Praktiken und Mustern im Ganzen gelebt und erfah-
ren werden, in jeder besonderen Periode“ (Hall 1999a: 19).
In Thompsons Kritik steckte die Herausforderung zur Auseinandersetzung mit den Pro-
blemen von Determination und Herrschaft, mit denen sich Williams durchaus – obschon be-
tont gegen eine strukturalistische Perspektive – auseinandersetzte. Damit zeichnen sich die
beiden Forschungsparadigmen ab, in deren Rahmen sich die Arbeiten der Cultural Studies
entfalteten: Es war vor allem Hall (siehe den Beitrag zu Stuart Hall in diesem Band), der die
Auseinandersetzung und Vermittlung von Kulturalismus und Strukturalismus maßgeblich
forderte und förderte. Während im Kulturalismus Erfahrung als Fundament verstanden wird
und gelebte Geschichte in den Mittelpunkt rückt, betont der Strukturalismus, dass Erfahrung
nicht das Fundament von irgendetwas sein könne, da man Existenzbedingungen nur in und
durch Kategorien, Klassifikationen und Rahmen der Kultur leben und „erfahren“ könne
(vgl. Hall 1999a: 30). Vor diesem Hintergrund wurden zunächst vor allem Arbeiten aufge-
griffen, die in den 1960er und 1970er Jahren in Frankreich an eine strukturalistische Kul-
turtheorie, wie sie von Claude Lévi-Strauss entwickelt wurde, anknüpfen – vornehmlich Ar-
beiten von Althusser, Barthes, Jacques Lacan (siehe auch die Beiträge zu Roland Barthes
und Jacques Lacan in diesem Band) und schließlich Foucault. Die Welt erscheint nun als ein
Produkt von Zeichen und „das Interesse gilt jenen Zeichensystemen höherer Ordnung, die
über die sprachliche Semantik im engeren Sinn hinausreichen und die ‚Gesellschaft‘ und die
‚Geschichte‘, die Welt der Konsumobjekte, das moderne Ich, dessen Unbewußtes, literari-
sche Texte, visuelle Darstellungen und andere Objekte als bedeutungsvolle Sachverhalte
klassifizieren und herstellen“ (Reckwitz 2006: 263f.).
Es ist diese Auffassung, die Foucault in seiner „Archäologie des Wissens“ entfaltet und
mit der er an eine strukturalistisch geprägte Kulturtheorie anknüpft: Handlungs- und Kom-
munikationsformen werden als Produkt übersubjektiver, bedeutungsgenerierender Regeln
verstanden. Ausgangspunkt ist, dass in der Kultur und Sprache das Subjekt eher durch die
Kategorien der Kultur, in denen es denkt, gedacht wird als dass es sie denkt. Dreh- und An-
gelpunkt von Foucaults Projekt einer Kulturanalyse sind damit aber nicht symbolische Ord-
nungen, sondern historisch-spezifische diskursive Praktiken. Insofern entfernt er sich von
klassisch strukturalistischen Ansätzen und liefert mit seinem Begriff des Diskurses An-
knüpfungspunkte für Vertreterinnen und Vertreter der Cultural Studies auf der Suche nach
der Vermittlung zwischen Kulturalismus und Strukturalismus, Struktur und Handlungsfä-
higkeit, Macht und Subversion.
62 Tanja Thomas

3. Diskurs(-analyse) und Gesellschaftstheorie


In den 1960er Jahren entwickelt Foucault sein Projekt der Archäologie, eine Theorie über
Diskurs- und Wissensformen.4 Grundsätzlich ist zu erwähnen, dass Foucault seinen Dis-
kursbegriff sowohl als Gegenstand der und Mittel zur Analyse verwendet. Zudem wandeln
sich seine Definitionen und Theorieansätze im Laufe der Zeit: Spricht Foucault zunächst
von der Autonomie der Diskurse gegenüber den diskursiven Praktiken, wird daraus später
ein gegenseitiges Wechselverhältnis. Stets hat er dabei allerdings betont, dass die Aufein-
anderfolge diskursiver Praktiken als potenziell diskontinuierlich angesehen werden muss
und dass es keinen Grund gibt, sie von vornherein als Manifestationen eines übergreifenden
Strukturprinzips zu reduzieren (vgl. Reckwitz 2006: 271 unter Hinweis auf Foucault 1969).
Die übergeordnete Aufgabe einer Diskursanalyse sieht Foucault in der Freilegung und
Analyse spezifischer Denk- und Diskursvoraussetzungen. Diese analysiert er beispielsweise
anhand der immanenten Regeln von Wissenschaftsdiskursen, die „Wahrheiten“ produzieren
(vgl. Foucault 2001; 2006b). Die Anschlussfähigkeit dieser diskurstheoretischen Denkweise
an Anliegen von Vertreterinnen und Vertretern der Cultural Studies zeigt sich mit Blick auf
eine mehr oder weniger ausgesprochene Nähe zu der Prämisse, die Hans-Georg Soeffner
(1991: 73) wie folgt formuliert: „Zeichen und Zeichensysteme bilden nicht nur Brücken
zwischen den Individuen, Gruppen und Kollektiven: sie sind Organisations- und Bauelemen-
te der Intersubjektivität; sie konstituieren die Formen, in denen sich das Gesellschaftliche
äußert“. Das bedeutet, dass davon ausgegangen wird, dass alles, was wir wahrnehmen, er-
fahren und spüren, über sozial konstruiertes, typisiertes, in unterschiedlichen Graden als le-
gitim anerkanntes und objektiviertes Wissen, das heißt über Bedeutungen und Bedeutungs-
schemata vermittelt wird. Wissen ist nicht auf ein angeborenes kognitives Kategoriensystem
rückführbar, sondern auf ein gesellschaftlich hergestelltes symbolisches System, eine sym-
bolische Ordnung. Diese gesellschaftliche Ordnung wird wiederum durch Diskurse gesell-
schaftlich produziert, also über Sprache, die damit nicht als Zeichensystem, das wir benut-
zen, um der Welt Ausdruck zu verleihen, untersucht wird, sondern als Zeichensystem, mit
dem wir Bedeutungen produzieren (vgl. Keller 1997: 315).
Mit seiner Diskursanalyse zielt Foucault darauf, Regelwerke in Diskursen und Praktiken
zu rekonstruieren, die Mitgliedern einer Gesellschaft oft gar nicht bewusst sind (vgl. La-
vagno 2007: 43). Dass Foucault Diskursanalyse damit zugleich als Kulturanalyse betrach-
tet, daran erinnert Christian Lavagno unter Hinweis auf eine Äußerung Foucaults zu einem
Grundsatz seiner Arbeit: „Ich versuche tatsächlich, mich außerhalb der Kultur, der wir an-
gehören, zu stellen, um ihre formalen Bedingungen zu analysieren“ (Foucault 1996a: 12).
Es ist dabei diese Idee, sich einerseits von der Vorstellung übergreifender Strukturprin-
zipien zu befreien und andererseits aber nicht nach Intentionen eines Subjekts, sondern nach
der Funktionsweise eines Diskurses zu fragen, die Foucaults Sichtweise charakterisiert. Für
Vertreterinnen und Vertreter der Cultural Studies konnte sie deshalb interessant erscheinen,
weil sie selbst nach Auswegen suchten zwischen einem ökonomistisch determinierten und
einem kulturalistisch verkürzten Verständnis kultureller und gesellschaftlicher Prozesse.
Dabei wurde Foucaults Konzept von Diskurs jedoch als Teilelement einer Konstellation
aufgenommen und nicht systematisch, sondern eher punktuell im Kontext theoretischer De-

4 Die „diskursive Phase“ wird durch folgende Arbeiten geprägt: „Wahnsinn und Gesellschaft“, „Die Geburt der
Klinik“, „Die Ordnung der Dinge“, „Die Archäologie des Wissens“ und „Die Ordnung des Diskurses“ (vgl.
dazu im Überblick Ruoff 2007: 22ff.).
Michel Foucault: Diskurs, Macht und Subjekt 63

batten genutzt, in denen zunächst Modelle von Ferdinand de Saussure, Lévi-Strauss und
Barthes für die Analyse medialer Produkte, später Althussers Modell der Anrufung zum Be-
zugspunkt für die Frage nach Subjekteffekten wurden. So finden sich in Arbeiten von Ver-
treterinnen und Vertretern der Cultural Studies unterschiedliche Verwendungen des Diskurs-
begriffs, die häufig von Foucault inspiriert sind, sich teilweise aber erheblich von seinem
Begriffsverständnis entfernten.5 Durchaus bilden Diskurse aber aus der Sicht der Cultural
Studies konstitutive Elemente in der Herausbildung verschiedener Formen menschlicher
Subjektivität und des sozialen Handelns und werden nicht als bloße Erscheinungsformen
der „Oberfläche“ angesehen. Einige Vertreterinnen und Vertreter haben diskursanalytische
Ansätze entwickelt, die viel stärker an Formationen und Strukturierungen ansetzen, in de-
nen Diskurse (ent-)stehen.
Als deren wichtiger Ausgangspunkt können auch die Arbeiten von Williams gelten. Er
arbeitet in seiner Konzeptualisierung von Sprache und Medien im Anschluss an Vološinov
vor allem die materialistische Begründung von Sprache und die Möglichkeit der Themati-
sierung von Sprache als sozialer Praxis heraus. Medien definiert er als „Durchgangspunkte
sozialer Praxis“ und macht damit deutlich, dass mediale Angebote nicht als Objekte oder Arte-
fakte anzusehen sind, an oder mit denen sich soziale Praxis vollzieht oder über die sie vermit-
telt ist, sondern dass diese Angebote „neue Beziehungen zwischen unterschiedlichen Sozial-
und Kulturbereichen stiften und (neue) Handlungsformen und Interaktionsweisen von Indi-
viduen begründen wie stützen helfen“6. Texte werden dementsprechend im Verhältnis zum
historisch-sozialen Umfeld ihrer Entstehung gesehen. Dabei wird explizit danach gefragt,
wie ökonomische und ideologische Systeme in ihnen reproduziert werden. Die Leitfrage des
kulturellen Materialismus zielt auf den Zusammenhang von spezifischen Informations- und
Bedeutungsprozessen in institutionalisierten Informations- oder Kommunikationssystemen,
deren Entwicklungen aus Veränderungen in der Gesellschaft und der Ökonomie erklärt wer-
den sollen, wobei es gilt, die Veränderung der inhaltlichen Seite auf unterschiedliche orga-
nisatorische Anforderungen sowie wechselnde Interessenlagen zurückzuführen.
Eine weitere Form der Diskursanalyse, der die Cultural Studies das zentrale Konzept der
„Artikulation“ verdankt, ist Ernesto Laclaus und Chantal Mouffes diskursanalytisch refor-
mulierte Hegemonietheorie (vgl. Machart 2008: 180). Dieses diskursanalytische Vorgehen
zielt dabei weniger auf diskursive Ereignisse, sondern auf das Verständnis der Funktions-
mechanismen von Diskursen auf der gesellschaftlichen Makroebene; damit werden Prozesse
kollektiver Identitätsbildung und die von Foucault aufgeworfene Frage von Mechanismen
der diskursiven Konstitution von Subjektpositionen adressiert (vgl. Keller 2005: 149).
Vor dem Hintergrund dieser Bezugnahmen der Cultural Studies werden Differenzen zum
Diskursbegriff von Foucault deutlich: Erstens betreffen sie den Begriff der Ideologie, den
Foucault gemäß seiner Denkweise nicht verwendet hat. Zweitens betonen die Cultural Stu-
dies die Bedeutung sozialer Akteurinnen und Akteure als Produzierende von Diskursen.
5 Markus Stauff zeigt exemplarisch unterschiedliche Begriffsverwendungen und weist beispielsweise anhand
des Eintrags „Ideology“ in den „Key Concepts in Communication and Cultural Studies“ von Tim O’Sullivan
darauf hin, dass die Konzepte Ideologie und Diskurs teilweise „in eine – zumindest aus foucaultscher Per-
spektive – erstaunliche Nähe geraten“ (2007: 119).
6 Zitiert nach Göttlich 1996: 253. Zur Rolle der Sprache in der Theorie des kulturellen Materialismus, zu ent-
sprechenden Erweiterungen und Einschränkungen des Sprachkonzepts von Williams im Vergleich zu Vološinov
vgl. Göttlich (1996: 247–255). Die Formulierung „Durchgangspunkte sozialer Praxen“ stammt nicht explizit
von Williams, sondern von Göttlich; er leitet sie aus den Grundelementen der Medienauffassung von Williams
her (vgl. Göttlich 1996: 255).
64 Tanja Thomas

Drittens verweist ein materialistisches Diskursverständnis auf eine Kritik von Seiten der
Cultural Studies an Foucaults Vernachlässigung der Rolle von Staat und Ökonomie. Dies be-
trifft auch seine Machtkonzeption, die im nächsten Abschnitt erläutert und in ihrer Bedeu-
tung für die Cultural Studies skizziert wird.

4. Macht und Widerstand


Unter dem Einfluss der Studentenunruhen und der sozialen Proteste, theoretisch jedoch auch
bereits vorbereitet in „Die Geburt der Klinik“ und „Wahnsinn und Gesellschaft“, verlagert
sich Ende der 1960er Jahre Foucaults Interesse: Zwar hatte er in den genannten Bänden auch
sozialen Dimensionen Aufmerksamkeit geschenkt, jedoch vorrangig die Regeln des Dis-
kurses untersucht. Nun trennt sich Foucault von der Vorstellung des autonomen Diskurses;
gegenüber seiner bislang verfolgten archäologischen Methode, die nach Entstehung und Be-
dingungen des Auftretens eines bestimmten, als gültig anerkannten diskursiven Wissens
fragt, betont die genealogische Methode die kulturellen Praktiken – der Diskurs wird nun
nicht mehr als losgelöst von dessen gesamtgesellschaftlicher Einbettung gesehen. Foucaults
Genealogie ist vor allem an den gesellschaftlichen Funktionen von Diskursen im Zusammen-
hang mit den Machtpraktiken und Herrschaftsstrukturen interessiert, in deren Mittelpunkt
die Beziehung zwischen Wissen, Macht, Körper und Sexualität steht.7 Genealogie als kriti-
sche Wissenschaftsdisziplin, so Foucault, „muß gerade gegen die Machtwirkungen eines als
wissenschaftlich angesehenen Diskurses den Kampf führen“ (1978: 63), denn sie will den
„unterworfenen Wissensarten“ (1978: 59) eine Stimme verleihen.
Anfang der 1970er Jahre betont Foucault den dezentralen und depersonalisierten Cha-
rakter der Disziplinarmacht; sie hat kein Zentrum, ist in ökonomischen Verhältnissen und
Sozialsystemen sowie im Erziehungswesen immanent und in den Subjekten allgegenwärtig,
die die Machtverhältnisse verinnerlicht haben. Dies beinhaltet zugleich eine Kritik am tra-
ditionellen Machtverständnis der marxistischen wie nicht-marxistischen Linken wie der
bürgerlichen Kräfte (vgl. Raab 1998: 36), da diese davon ausgehen, dass Macht besessen
werde, in einem Individuum oder einer Institution ruhe und an zentralen Punkten wie dem
Gesetz, in der Ökonomie, dem Staat – kurz den Makrostrukturen – zu verorten sei, die zu-
dem vornehmlich repressiv aufgefasst werden. Foucault geht dagegen von einer Immanenz
der Macht aus, negiert die Vorstellung von einem von der Gesellschaft entfremdeten, von
der Macht unterdrückten Menschen.
Die in der Disziplinarmacht angelegte Machtkonzeption trägt bereits die Ablehnung der
Repressionshypothese in sich (vgl. Schneider 2004: 169) und wird später von Foucault zu
einem entschieden produktiven Machtbegriff weiterentwickelt8: „In Wirklichkeit ist die
Macht produktiv; und sie produziert Wirkliches. Sie produziert Gegenstandsbereiche und

7 Die Genealogie, so Hans-Herbert Kögler (1994: 81), lässt sich somit auch als Radikalisierung der archäologi-
schen Kritik an den Humanwissenschaften verstehen: Die Ablehnung des teleologischen Geschichtsbegriffs
und des damit verbundenen Subjektdenkens bleiben; Geschichte interessiert Foucault aber nun als Folge von
Machtkämpfen. Es geht ihm nicht um eine allgemeine Theorie der Geschichte, sondern um die Zufälle und Er-
eignisse einer Geschichte von endlosen Konflikten.
8 Die Vorlesung „Macht und Psychiatrie“ führt 1973/74 grundlegende Elemente der Theorie der Macht ein, die
in der Vorlesung „Die Anormalen“ 1974/75 (auf deutsch erschienen 2003) weiter entwickelt werden. 1975 er-
scheint „Überwachen und Strafen“ (auf frz.; dt. 1976), in dem Foucault Machttypen unterscheidet, Regelun-
gen, Maßnahmen und Räume untersucht. Er entwickelt ein Verständnis von Macht ohne Bezug auf ein feder-
führendes Subjekt, eine Institution oder Zentrale. Der Begriff der „Mikrophysik der Macht“ entsteht.
Michel Foucault: Diskurs, Macht und Subjekt 65

Wahrheitsrituale: das Individuum und seine Erkenntnisse sind Ergebnisse dieser Produk-
tion“ (Foucault 1994: 250). Die Untersuchung der Macht beginnt für Foucault dort, wo sie
ihre realen, materiellen Wirkungen entfaltet. Das sind die Mikroprozesse der Macht, die den
Körper unterwerfen, die Gesten lenken und das Verhalten beherrschen: Das Individuum ist
nicht das Gegenüber der Macht, sondern eine seiner ersten Wirkungen, sie geht durch das
Individuum hindurch. Damit stellt Foucault der Makroperspektive, die Macht als Zentral-
gewalt (Staat, herrschende Klasse oder individueller Patriarch) auffasst, eine Mikrophysik
der Macht gegenüber, die als Gesamtheit der Kräfteverhältnisse bestimmt werden kann, die
in einem sozialen Feld wirksam sind: „Der Staat und seine Apparate (Gesetzgebung, Ver-
waltung, Justiz) sind Zusammenballungen vieler winziger Machteffekte und damit sekun-
där. Die Macht gibt es nicht. Vielmehr ist der relationale Charakter der Machtverhältnisse
hervorzuheben: jede Macht erzeugt eine Gegenmacht in Gestalt von Widerstand“ (Lavagno
2007: 48 unter Bezug auf Foucaults „Der Wille zum Wissen“).
Es sind insbesondere Arbeiten von John Fiske als einem zentralen Protagonisten der Cul-
tural Studies (siehe auch den Beitrag zu John Fiske in diesem Band), in denen der Bezug auf
diesen Machtbegriff Foucaults nachvollzogen werden kann. Explizit auf Foucault bezieht
sich Fiske, wenn er feststellt, dass die Macht eine Kraft ist, die immer in zwei Richtungen
wirkt, „von oben“ und „von unten“. Fiske knüpft in seinen Überlegungen zum sozialen Ge-
brauch des Fernsehens an Foucaults Machtverständnis an, indem er dieses auf die Beob-
achtungen des „populären Vergnügens“ überträgt: „Einerseits fasst Fiske in diesem Begriff
die affektive Energie, eigene Bedeutungen der sozialen Erfahrung zu produzieren, anderer-
seits das Vergnügen, der sozialen Disziplin und den Normalitätszuweisungen des ‚power
bloc‘ zu entgehen“ (Winter 2001: 211). Fiske deutet etwa das Zurückweisen gesellschaft-
licher Muster oder vorgegebener Identitäten als Sichtbarmachung sozialer Differenzen und
Stärkung gegen Inkorporation. Er sucht die Verbindungen zwischen Umdeutungsprozessen
und gesellschaftlichen Veränderungen und entwickelt, so Rainer Winter, eine Analyse der
„Mikropolitik des Vergnügens, die Aufschluss geben soll über alltägliche Taktiken, die oft
unbemerkt bleiben, jedoch zu kleinen Veränderungen im Alltag führen“ (Winter 2001: 214).
Zugleich wird hier bei allem positiven Bezug auf Foucault deutlich, dass für Fiske wie für
andere Vertreterinnen und Vertreter der Cultural Studies übergreifend einerseits Handlungs-
fähigkeit und Handlungsräume, andererseits die Idee der Intervention in gesellschaftliche
Machtverhältnisse zentrale Referenzpunkte waren bzw. sind. Insofern hat auch Fiske die
Perspektive Foucaults durch Antonio Gramscis Hegemonietheorie und Michel de Certeaus
„Kunst des Handelns“ ergänzt.
Für Foucault, so stellt Lavagno (2007: 48) fest, gehe es immer nur „um eine (relative)
Befreiung innerhalb der Machtverhältnisse“. Das Festhalten an der Idee des „Empower-
ments“ dagegen, so resümiert Stauff (2007: 123), habe im Kontext der Cultural Studies zu
einer Aufrechterhaltung an der Dichotomie von Strukturen vs. Praktiken geführt, die eine re-
pressive Konzeption von Macht impliziere: Was bliebe, sei die Vorstellung mehr oder we-
niger polysemer medialer Texte als zentraler Machtinstanz, die den Freiraum für die Be-
deutungsproduktion vorgibt und begrenzt.

5. Subjekt und Identität(-spolitik)


Foucault wird immer wieder vorrangig mit einer Philosophie der „Subjektlosigkeit“ in Ver-
bindung gebracht, obschon sich anhand seiner Arbeiten einerseits zeigen lässt, dass nicht der
66 Tanja Thomas

Mensch verschwindet, sondern eine bestimmte Denkfigur eines rationalen, reflektierenden


und bewussten Subjekts, wie René Descartes es konzipiert hat. Foucault richtet sich gegen
eine cartesianische Subjektzentrierung, den humanistischen Entwurf einer bestimmten Ver-
fassung des Menschen und interpretierende, objektivierende Sozialwissenschaften. Zudem
lässt sich der Subjektbegriff in seinem Werk nachzeichnen, indem das Subjekt der ersten
Phase erscheint als „Objekt so genannter Wahrheitsspiele, in denen es selbst Aussagen un-
ter Benutzung der aktuellen Wissenssysteme in der Geschichte macht. Das Subjekt der
zweiten Phase war zu einem Brennpunkt der normierenden Macht geworden. Die Subjekt-
konzeptionen des Diskurses und der Macht stellen ein erzeugtes und den Machtdispositiven
ausgeliefertes Subjekt vor. Dagegen sucht die Ethik des Selbst nach einem Gegengewicht,
indem nun die Autonomie des Subjekts in den Vordergrund tritt“ (Ruoff 2007: 52f.).
Foucault hat zudem in einem selbstreflexiven Resümee festgestellt, dass ihn von Anfang
an die Frage nach dem Subjekt umgetrieben habe. Jenseits der Diskussion um einen Flucht-
punkt „Subjekt“ in Foucaults komplementären Denkansätzen kann konstatiert werden, dass
seine Überlegungen zur Formierung und Transformierung und grundsätzlichen Kontingenz
moderner Subjektivierungsweisen zu einem wichtigen Referenzpunkt der Auseinanderset-
zung mit den Begriffen (postmodernes) „Subjekt“ und „Identität“ innerhalb der Cultural
Studies wurden. Hall weist darauf hin, dass sich mit dem Werk von Foucault eine weitere
„große Dezentrierung“ des Subjekts nach Descartes ereignet habe; er bezieht sich dabei auf
Foucaults Begriff der Disziplinarmacht und verdeutlicht, wie dessen Sicht auf neue Institu-
tionen (Betriebe, Kasernen, Schulen, Heime, Kliniken …) die Einsicht vermittelt, dass die-
se Leben und Sterben, Aktivitäten, Arbeit, Leiden und Lust des Individuums, Moral, Ge-
sundheit und Sexualpraktiken überwachen und disziplinieren, zugleich aber ihre Techniken
eine Anwendung von Macht und Wissen hervorbringen, die das Subjekt weiter „individua-
lisieren“ (vgl. Hall 1999b: 412). Insofern werden Identitäten von Hall als stets historisch,
vorläufig und abhängig von einer steten, nicht abgeschlossenen diskursiven Positionierung
in spezifischen kulturellen Kontexten angesehen und er konstatiert analog zur Auffassung
Foucaults: „kulturelle Identitäten sind die instabilen Identifikationspunkte oder Nahtstellen,
die innerhalb der Diskurse über Geschichte und Kultur gebildet werden. Kein Wesen, son-
dern eine Positionierung“ (Hall 1994: 30; Herv. i.O.). Hall schlägt schließlich vor, von Iden-
tifikationen statt von Identitäten zu sprechen, um auf die fortlaufende Prozesshaftigkeit von
Identifikationen zu verweisen, die Subjekte zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen dis-
kursiven Kontexten annehmen können.
Auch in empirischen Studien haben Vertreterinnen und Vertreter der Cultural Studies
dieses Verständnis von Identität aufgegriffen und produktiv weiterentwickelt. So treffen sich
beispielsweise die Ergebnisse der breit rezipierten Studie zur Serie „Neighbours“ von Marie
Gillespie (1995) mit Halls Überlegungen zur Transformation kultureller Identitäten angesichts
der Globalisierung westlicher Konsumgüter und Medientexte (vgl. dazu ausführlicher Winter
2001: 287ff.). Ausgehend von dieser Denkbewegung liegt darüber hinaus auch eine Auffas-
sung von Klasse, „Rasse“, Ethnie und Geschlecht als diskursive Kategorien nahe, wie sie bei-
spielsweise von Paul Gilroy (siehe auch den Beitrag zu Paul Gilroy in diesem Band) und fe-
ministischen Vertreterinnen der Cultural Studies aufgenommen wurde. Zugleich wird anhand
dieser Arbeiten deutlich, dass das Interesse an der Auseinandersetzung mit Identität/Identi-
fikation stets eng verknüpft war mit einem emanzipatorischen Anliegen: Mit der Frage nach
sozialer Inklusion und Exklusion werden Formen der Identitätspolitik und das Ziel des Em-
powerments im Sinne einer Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse verbunden.
Michel Foucault: Diskurs, Macht und Subjekt 67

Lawrence Grossbergs (1996) Kritik an dieser Fokussierung der Cultural Studies auf die
Kategorie Identität und Identitätspolitik sei an dieser Stelle aufgegriffen, da sie zweierlei
verdeutlicht: Grossberg (siehe auch den Beitrag zu Lawrence Grossberg in diesem Band)
problematisiert, dass Vertreterinnen und Vertreter der Cultural Studies aufgrund des inter-
ventionistischen Anliegens hinsichtlich ihrer Identitäts- und Differenzkonzepte häufig bi-
näre Modelle der Opposition zwischen Unterdrückern und Unterdrückten konstruieren, die
sich als ungeeignet erweisen, um gegenwärtige Machtrelationen zu verstehen; vor allem
starre Widerstandskonzepte müssten aufgegeben werden, die die Unterdrückten völlig
außerhalb von Machtstrukturen annehmen und den einander überschneidenden Wirkungs-
weisen der Macht nicht gerecht werden (vgl. zusammenfassend zu dieser Argumentation
Lutter/Reisenleitner 2001: 100f.). Dagegen betonte Foucault zunächst, dass das Subjekt
durch Disziplinarmächte, Diskurse, schließlich Dispositive erst definiert, klassifiziert und
hervorgebracht wird und Macht in diesen Prozessen weniger in einem repressiven als in ei-
nem produktiven Sinn eingebunden ist – womit ja keineswegs infrage gestellt wird, dass
Unterdrückungsverhältnisse bestehen. Das interventionistische Anliegen der Cultural Stu-
dies mit seinem vorrangigen Interesse an der Entwicklung von Widerstandsperspektiven
ließ sich aber mit diesem Verständnis von Macht nur schwer in Einklang bringen. Dagegen
wird seit einigen Jahren die Subjektkonzeption des „späten“ Foucault aufgenommen. In sei-
nen Studien zur Gouvernementalität, die lange schwerer zugänglich waren, untersucht Fou-
cault die Modellierung der Selbstregierung moderner Subjekte u.a. anhand der Produktion
eines „reflexiven“ Selbstverhältnisses als Weise des Selbstverständnisses. Dabei geht er von
der Annahme aus, dass „subjektives Selbstverstehen nicht bloß im Inneren eines privaten
Selbst verankert ist und auch kein bloßes Produkt kollektiver Diskurse darstellt, sondern in
hochspezifischen Praktiken, die auf dieses sich damit produzierende Selbst gerichtet sind,
hervorgebracht werden (etwa solche des Tagebuchschreibens, des Briefwechsels etc.)“
(Reckwitz 2008: 38). Mit dieser Auffassung machen die späten Arbeiten Foucaults den Ver-
treterinnen und Vertretern der Cultural Studies als einer intellektuellen Praxis, die das „Sub-
jekt […] als Schnittpunkt von gesellschaftlichen Strukturen und medialen Diskursen“ ver-
steht und als „die einzige Modellannahme, die die Medialisierung konsequent in ihrer
Abhängigkeit von Macht und Hegemonie“ (Marschik 2003: 13) denkt, auch weiterhin pro-
duktive Angebote.

6. Foucault und Cultural Studies: Perspektiven und Potenziale


Angesichts der zunehmenden Mediatisierung von Alltag, Identität, sozialen Beziehungen,
Kultur und Gesellschaft (vgl. Krotz 2007) sowie der gegenwärtigen Regulierungen des Kapi-
talismus in westlichen Gesellschaften ist derzeit eine Wiederbelebung gesellschaftskritisch
ambitionierter Medienanalyse zu verzeichnen. In zeitgenössischen Studien in der Tradition
der Cultural Studies bilden damit auch Arbeiten von Foucault einen wichtigen Referenz-
punkt. Medien(-texte) werden dabei als diskurskonstituierende wie diskursregulierende
Kulturtechnologien verstanden, der Dispositivbegriff kommunikationstheoretisch, aber
auch technisch gewendet und/oder Medienhandeln als eine in Machtverhältnisse eingebun-
dene kulturelle Praxis diskutiert. Verbindend wirkt dabei das Insistieren darauf, dass Ver-
breitung, Akzeptanz und Gebrauch von Medien und medialen Angeboten ohne Berücksich-
tigung der jeweiligen dominanten politischen Rationalitäten und der zeitgenössischen,
gesellschaftlich dominanten Diskurse und Praktiken nicht zu verstehen sind. Aktuelle Ar-
68 Tanja Thomas

beiten greifen insbesondere Foucaults späte Vorlesungen zur Gouvernementalität auf (vgl.
Bratich/Packer/Mc Carthy 2003): Die Spannbreite des Gouvernement, der Regierung, er-
streckte sich in Foucaults letzten Vorlesungen weit hinaus über die Formen der politischen
Regierung oder der Lenkung der Verwaltung auf Formen der Selbstregierung, der Selbst-
technologien. Mit „Regierung“ konzipiert Foucault einen Begriff, der die wechselseitige
Konstitution und Kopplung von Machttechniken, Wissensformen und Subjektivierungs-
prozessen in den Mittelpunkt rückt. Er stellt nun die Verbindungen zwischen abstrakten po-
litischen Rationalitäten und den Mikrotechniken des Alltags in den Mittelpunkt, die auf die
Steuerung und Kontrolle von Individuen und Kollektiven zielen und gleichermaßen Formen
der Selbstführung wie Techniken der Fremdführung umfassen. Häufig teilen diese jüngeren
Arbeiten die Annahme, dass Medien an der (Re-)Produktion eines Subjektivierungsregimes
beteiligt sind, das mit neoliberalen Paradigmen wie „Selbstverantwortung“, „Selbstsorge“
und „Selbstzurechnung“ korrespondiert.
Unter diesen Vorzeichen betrachtet Monika Bernhold Fernsehen schon 2002 als „dispo-
sitive Anordnung“, und Stauff (2005) widmet dem „‚neue[n]‘ Fernsehen“ als einer „Kultur-
technologie des Neoliberalismus“ unter Bezug auf Foucaults Begriff der Gouvernementa-
lität eine Monografie.
Häufiger werden in den vergangenen Jahren Fernsehgenres wie Talkshows unter Rekurs
auf Foucault als Teil einer umfassenden (neoliberalen) Machttechnologie analysiert (vgl.
früh Seifried 1999) und Daily Talk als Form des Geständniszwangs und Einübung in den
Abweichungen erfassenden Blick diskutiert. Foucaults Arbeiten werden insbesondere zur
Analyse von Formaten des Reality-TV zunehmend herangezogen; vor dem Hintergrund der
Vorlesungen zur Gouvernementalität wird argumentiert, dass Reality-TV Richtlinien für eine
Lebensführung jenseits wohlfahrtsstaatlicher Absicherung entwerfe, zur Einübung in Prak-
tiken eines individualisierten Selbstunternehmertums einlade und damit eine Transformation
intelligibler Subjektvorstellungen vorantreibe (vgl. Bratich 2006; Ouellette/Hay 2008; vgl.
kritisch Thomas/Langemeyer 2007). Ähnlich wie Laurie Ouellette und James Hay mit Blick
auf anglo-amerikanische Casting-, Makeover- oder Coaching-Shows argumentiert auch
Birgit Sauer in ihrer Analyse des österreichischen Formats „Taxi-Orange“; sie bezeichnet
die in solchen Sendungen vorübergehend herstellbare „Prominenz“ als neuen Modus der
Subjektivierung und als „neoliberale Form der Selbsttechnik“ (vgl. Sauer 2001: 165).
In seiner Analyse von „Big Brother“ aktualisiert Winter im Jahr 2000 die Überlegungen
Foucaults zur Praxis der Blickordnung des Panopticon Jeremy Benthams, warnt aber zu-
gleich vor allzu naiven Übertragungen und verweist auf die Vielfältigkeit des dezentralen,
zerstreuten, vervielfachten modern-medialen Panopticons. Seine Hinweise auf die Vielzahl
der Monitore in Shows, die die eigene Überwachung erlauben – oder auch allgemein auf Vi-
deoüberwachung im öffentlichen Raum – können dies veranschaulichen. Fiske bezog sich
schon 1994 auf das Regime des panoptischen Blicks, forderte aber zugleich eine Verbindung
mit dem Begriff der Kontrollgesellschaft von Gilles Deleuze, indem er Videoüberwachung
und computergestützte Erstellung von Konsumenten- und Wählerprofilen verband und mit
rassistischen Diskursen verknüpfte. Fiske betonte dabei, dass sich der Panoptismus zwar in
den Technologien materiell manifestiere, aber erst im Zusammenspiel mit normalistischem
Orientierungswissen spezifische Subjektbegriffe hervorbringe.
Auch zur Analyse der „neuen Medien“ werden Foucaults Arbeiten aufgegriffen: So the-
matisiert Johanna Dorer die Kommerzialisierung des Internets in seiner Bedeutung für die
Ausbildung eines Kommunikationsdispositivs im Sinne einer Kontroll- und Wissensmacht
Michel Foucault: Diskurs, Macht und Subjekt 69

(vgl. Dorer 2006). Sie zeigt darüber hinaus, dass der Begriff des Dispositivs nicht nur Kom-
munikation im Netz analytisch zu erfassen vermag, sondern „den Schaltplan eines strategi-
schen Netzes, das sich aus dem Wissen und den Praktiken zu einer technisch-strategischen
Gesamtheit von Kontroll- und Regulierungsinstanzen zusammenfügt und auf den Körper
und sein Begehren wirkt“ (Dorer 2006: 357).
Zusammenfassend und freilich vereinfachend kann man festhalten, dass diese Arbeiten
zeigen, wie Modelle akzeptabler „normaler“ Subjektivität inszeniert werden und ein er-
wünschter Umgang mit sich „selbst“ in einer Medienkultur vorgeführt wird und dies ange-
sichts der Unmöglichkeit, der Mediatisierung zu entkommen, die – in der Terminologie Fou-
caults – als „Anreizungs-Macht und Wissensmacht“ (Dorer 2006: 358) verstanden werden
kann.
Um insbesondere den späten Foucault auch unter der Perspektive von Widerstand und
Empowerment fruchtbar zu machen, wird derzeit konstruktiv gerungen (vgl. Hechler/Phi-
lipps 2008). Daran sind auch Vertreterinnen und Vertreter der Cultural Studies beteiligt,
denn – wie Sarasin (2007: 328) bemerkt – man sollte nicht übersehen, dass „nur rund fünf
Jahre nach dem Tod des Menschen an jenem berühmten Meeresstrand auf der letzten Seite
von „Les mots et les choses“ zwar nicht mehr ‚der‘ Mensch, wohl aber Individuen mit ihren
kleinen Listen und großen Strategien wieder auftreten, um gegeneinander um die Macht zu
kämpfen“.
Die in der Einleitung zitierte Feststellung von Bennett kann aus heutiger Perspektive al-
so nachdrücklich mit Fragezeichen versehen werden; produktive Auseinandersetzungen von
Vertreterinnen und Vertretern der Cultural Studies mit Foucault halten an.

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Antonio Gramsci: Hegemonie, Politik des Kulturellen,
geschichtlicher Block
Ines Langemeyer

1. Einleitung
Antonio Gramsci (1891 in Sardinien geboren) passt nicht ins Schema eines traditionellen
akademischen Intellektuellen. Sein Schaffen als Journalist, Schriftsteller und Philosoph war
vielmehr ein Kampf gegen Armut und Unterdrückung, die er zeitlebens erfuhr und be-
kämpfte. Nach einem Studium der Literaturwissenschaft bei Matteo Bartoli in Turin ab
1911, das er jedoch aufgrund finanzieller Not 1915 abbrechen musste, war ihm weder eine
akademische noch eine politische Karriere vergönnt. Bei den Wahlen 1924 erhielt er für die
Kommunistische Partei Italiens ein Abgeordnetenmandat, wurde 1926 jedoch unter Miss-
achtung seiner Immunität von den Faschisten verhaftet und erst ein Jahr später angeklagt.
Der Staatsanwalt Isgrò machte in seiner Anklagerede deutlich, für wie gefährlich man
Gramsci als Intellektuellen hielt: „Wir müssen für zwanzig Jahre verhindern, dass dieses
Hirn funktioniert“. Als ob man seine „Verbrechen“ ganz genau aufgerechnet hätte, lautete
das Urteil: zwanzig Jahre, vier Monate und fünf Tage Haft. Während dieser Zeit verfasste er
unter schweren Krankheiten leidend die Gefängnishefte. Erst 1935 gewährte man ihm einen
Klinikaufenthalt, da man immer noch befürchtete, dass er ins Ausland fliehen könne. 1937
erhielt er, sechs Tage bevor er im Alter von 46 Jahren starb, seine Freiheit zurück.
Gramscis Ansatz war in den Anfängen der britischen Cultural Studies, wie Stuart Hall es
ausdrückt, ein „Umweg“, um einem orthodoxen, doktrinären, ökonomistischen und eurozentris-
tischen Marxismus zu entkommen, der für die Analyse von Kultur, Ideologie, Sprache und Sym-
bolischem untauglich schien (Hall 2000c: 40). Die „Neue Linke“ am Centre for Contemporary
Cultural Studies (CCCS) entdeckte mit Gramsci Möglichkeiten, den Gegenstand der Kultur-
wissenschaften und ihren Standort neu zu denken. Im Zentrum standen die „Basis-Überbau“-
Metapher, die „gewöhnlich für den Schlüssel zur marxistischen Kulturtheorie gehalten“ wurde
(Williams 1977a: 183), und die These vom „Sein“, das das „Bewusstsein“ bestimme. Positivis-
tisch war beides in der Denkweise vereint, nur die ökonomischen Prozesse (Produktion, Pro-
duktivkraftentwicklung etc.) als materiell zu interpretieren und nur ihnen gesamtgesellschaft-
lich eine determinierende Kraft zuzusprechen, während die Kultur als Welt der Vorstellungen,
Bedeutungen und symbolischen Formen davon abhängig (determiniert), als bloßer Ausdruck
der „realen Basis“ gesehen und so dem „Überbau“ zugerechnet wurde (vgl. Hall 1996: 420).1
1 Die Grundthese bei Karl Marx ist zunächst eine strukturanalytische, die besagt, dass die „Gesamtheit“ der Pro-
duktionsverhältnisse „die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis“ bildet und sich darauf „ein
juristischer und politischer Überbau erhebt“, dem „bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entspre-
chen“ (MEW 13, 8). Damit verknüpft Marx zweitens einen prozessanalytischen Gedanken, dass sich „mit der
Veränderung der ökonomische Grundlage“ „der ganze Überbau langsamer oder rascher um[wälzt]“ (9). Re-
duktionistisch wurde diese Basis-Überbau-These durch folgende Kurzschlüsse, indem man lediglich die Basis
als real und materiell ansah und damit den Überbau als weniger wirklich, immateriell oder „rein ideologisch“
fehlinterpretierte, und indem man unterstellte, dass alle Bewusstseinsformen in jedem Moment der ökonomi-
schen Basis entsprechen würden (ausführlich dazu Weber 1995; vgl. Gramsci, Gef. 6, H. 10.I, § 8, 1240 und
H. 10.II, § 41.XII, 1324).
Antonio Gramsci: Hegemonie, Politik des Kulturellen, geschichtlicher Block 73

„Basis“ und „Überbau“ tauchten so als dichotome, undialektische Begriffe auf, die den
Blick dafür verstellten, das Kulturelle in seiner jeweiligen Eigenlogik zu entdecken.
Gramscis Ansatz lieferte dagegen sowohl eine fundamentale Kritik am ökonomistischen
Basis-Überbau-Verständnis (ein „primitiver Infantilismus“, H. 7, § 24, 878) als auch einen
neuen Zugang dazu, Strukturen und Determinationszusammenhänge moderner gesellschaftli-
cher Verhältnisse dialektisch zu fassen und diese selbst als Fragen des Kulturellen zu denken.
Hieran schließen auch kommunikationswissenschaftliche Arbeiten der Cultural Studies an.
Aber Gramsci war wohl mehr als nur ein theoretischer Aus- oder „Umweg“ gegen solch
ein einseitiges Kulturverständnis. Er machte zugleich, wie Hall sich erinnert, auf die gesell-
schaftliche Funktion der Wissenschaft zur Reproduktion von Herrschaftsverhältnissen auf-
merksam. Gramscis Einsicht, dass Intellektuelle nicht nur eine traditionelle Rolle als Ge-
bildete einnehmen, sondern auf unterschiedliche Weise politisch in die gesellschaftlichen
Verhältnisse organisierend hineinwirken und somit ihr „organischer“ Teil sein können, stell-
ten die Auseinandersetzungen mit dem Marxismus in ein „Spannungsverhältnis“, auch die
eigene theoretische Arbeit als ein politisches Projekt zu begreifen (Hall 2000c: 42).
Im deutschsprachigen Raum spielte Gramsci bei der Rezeption und Adaption der Cultural
Studies in den Kultur- und Medienwissenschaften eine untergeordnete Rolle. Seine Schrif-
ten (insbesondere die Gefängnishefte), die eher einen unfertigen, experimentellen denn
Werkcharakter besitzen (vgl. Davidson/Jehle/Santucci 2001: 945), wurden hierzulande in
den 1970er und 1980er Jahren vor allem im Kontext der „Eurokommunismus“-Debatten so-
wie in den 1990er Jahren in der Diskussion um „Zivilgesellschaft“ (vgl. Haug 1988) ent-
deckt. Eine kultur- und kommunikationswissenschaftliche Rezeption Gramscis fand nur
vereinzelt statt (z.B. Barfuss 2002; vgl. Wagner 2001: 226), was sicherlich auch damit zu-
sammenhing, dass erst Ende der 1990er Jahre eine vollständige Übersetzung der Gefäng-
nishefte auf Deutsch vorlag (vgl. Buttigieg 1999). Schwierigkeiten bereitet gewiss nach wie
vor die ungeordnete und fragmentarische Form seiner Denkversuche, die die Spuren seiner
zehnjährigen Haft im italienischen faschistischen Gefängnis, seiner schweren Krankheiten
und der Einsamkeit tragen (vgl. Fiori 1979).
Ein vielleicht entscheidenderer Grund für die fehlende Rezeption Gramscis dürfte sein,
dass die Konstitution der Kommunikations- und Kulturwissenschaften in den 1990er Jahren
in Deutschland weitgehend auf den Trümmern sozialkritischer Wissenschaft erfolgte, die
auch Gramsci, noch bevor man ihn entdecken konnte, unter sich begraben hatten.

2. Gramscis Philosophie der Praxis


2.1 Kritik des Ökonomismus und die praxisphilosophische Wendung der Basis-Überbau-
Metapher
Gegen die ökonomistische Wendung der Basis-Überbau-Metapher fasst Gramsci die Bezie-
hung zwischen „Struktur“ und „Superstrukturen“ – so die italienische Übersetzung2 –
mittels einer „doppelten Phänomenologie“, die er am Beispiel der Druckindustrie erklärt.
Die Druckindustrie sei sowohl „Sektor des ‚technischen Instruments‘“ als auch „Element ei-
nes ideologischen Faktums oder mehrerer ideologischer Fakten: der Wissenschaft, der Lite-

2 Ein Vorteil dieser Ausdrucksweise im Plural besteht darin, den „Überbau“ nicht als homogene Struktur abzu-
bilden (vgl. Williams 1973/1977: 184). Der Begriff „Superstrukturen“ wurde darum in der deutschen Gesamt-
ausgabe der Gefängnishefte übernommen.
74 Ines Langemeyer

ratur, der Religion, der Politik usw.“ (H. 4, § 12, 472). Die Frage, ob sie entweder Struktur
oder Superstruktur ist, wäre damit falsch gestellt. Entscheidend kann auch nicht sein, was
von ihr „materiell“ ist oder nicht, da beide Seiten, die technische wie die ideologische, ihre
materiellen Formen haben und real wirken – allerdings auf unterschiedliche Weise. Daraus
ergibt sich Gramscis Unterscheidungskriterium.
Gramsci definiert die Struktur als „das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse, in
denen die wirklichen Menschen sich bewegen und wirken, als ein Ensemble objektiver Be-
dingungen“ (H. 10.I, § 8, 1241), während die Superstrukturen das „Terrain“ beschreiben, auf
dem die Menschen ihre „praktische Organisation der Gesellschaft“ gewinnen (H. 4, § 15,
474) und ihren „menschlichen Willen“ formen (H. 7, § 18, 875). Struktur, Superstrukturen
und „deren Entwicklung“ müssen dabei „als innerlich zusammenhängend und notwendig
aufeinander bezogen und in Wechselwirkung“ begriffen werden (H. 10.II, § 41.I, 1308).
Auf diese Weise verteidigt Gramsci Marx gegen ökonomistische Auffassungen, denn ge-
rade seine Aussage vom „Erzieher, der erzogen werden muss“ (vgl. 3. These ad Feuerbach,
MEW 3, 6), erkenne „eine notwendige Beziehung aktiver Rückwirkung des Menschen auf
die Struktur“ und bekräftige „die Einheit des Prozesses des Wirklichen“ (H. 10.II, § 41.I,
1309). Wichtiger als die Analyse der Struktur und Superstrukturen im Einzelnen sei die Er-
kenntnis ihrer „notwendigen Wechselwirkung“ und ihres jeweils „komplexen“ und „wider-
sprüchlichen“ Verhältnisses im „wirklichen dialektischen Prozess“ (vgl. H. 8, § 182, 1045).

2.2 Die Hegemoniefrage und die Zivilgesellschaft


Gramsci versteht als „das erste Moment oder den ersten Grad von Superstrukturen“ die „po-
litische Tätigkeit“ (H. 8, § 61, 979). Damit verknüpft sich ein weiteres grundlegendes Pro-
blem, das sein Fragen und Denken motiviert und perspektiviert – die Frage der Hegemonie
(vgl. Haug 1996: 9). Sie entspringt einer historischen Analyse, warum die liberale bürgerli-
che Klasse im 19. Jahrhundert (insbesondere bei der italienischen Nationalstaatsbildung) ei-
ne führende Rolle einnehmen und somit zur herrschenden Klasse aufsteigen konnte. Indem
Gramsci das Verhältnis von Führen und Herrschen genauer zu fassen sucht, entwickelt sich
zunächst wie zufällig die These, die ihm den „Hauptweg“ (Haug 2004: 13), auf dem er seine
weitere Arbeit organisieren wird, öffnet:
„Das historisch-politische Kriterium, das den eigentlichen Untersuchungen zugrunde gelegt werden muss, ist
folgendes: dass eine Klasse auf zweierlei Weise herrschend ist, nämlich ‚führend‘ und ‚herrschend‘. Sie ist füh-
rend gegenüber den verbündeten Klassen und herrschend gegenüber den gegnerischen Klassen. Deswegen
kann eine Klasse bereits bevor sie an die Macht kommt ‚führend‘ sein (und muss es sein): wenn sie an der
Macht ist, wird sie herrschend, bleibt aber weiterhin ‚führend‘. […] Es kann und es muss eine ‚politische He-
gemonie‘ auch vor dem Regierungsantritt geben, und man darf nicht nur auf die durch ihn verliehene Macht
und die materielle Stärke zählen, um die politische Führung oder Hegemonie auszuüben.“ (H. 1, § 44, 101f)

Bedeutsam werden unter diesem hegemonietheoretischen Blickwinkel all die Elemente der
Praxis, die zur Führungs- und Handlungsfähigkeit einer Klasse beitragen und mit der ihre
Herrschaft organisiert und legitimiert wird; und zweitens all die Momente, die die anderen
Klassen passivieren und in „subalterne“ (= unterstellte, abhängige, geführte) verwandeln.
Dabei kommt den Intellektuellen, wie im nächsten Abschnitt gezeigt wird, eine besondere
Rolle zu.
Der Kampf um Hegemonie ist jedenfalls aufs engste mit der Frage der politischen und
kulturellen Führung verknüpft. Man kann ihn darum nicht auf das „klassische“ Terrain der
Antonio Gramsci: Hegemonie, Politik des Kulturellen, geschichtlicher Block 75

Politik und des Staates beschränkt sehen. Da jede Herrschafts- oder Regierungsmacht auf
einer Führungsmacht aufbaut, nimmt Gramsci eine zentrale theoretische Weichenstellung
vor: Er erweitert die Regierungsmacht, den „Staat“ im engeren Sinne oder die „politische
Gesellschaft“ (società politica), um ein „elastisches Element“ (Buttigieg 1994: 531): die
„Zivilgesellschaft“ (società civile) (vgl. Jehle 2004). Letztere bestimmt er also nicht als ei-
nen Bereich außerhalb des Staates, wie es der Liberalismus mit seiner Vorstellung vom
„Nachtwächterstaat“ tut, oder als Privatsphäre, sondern als einen notwendig integralen Teil
jener Regierungsmacht (vgl. H. 6, § 88, 783). Die Zivilgesellschaft strukturiert sich dabei in
verschiedene Bereiche oder Felder, in denen nicht direkt um politische, sondern um kultu-
relle Hegemonie gekämpft wird: Religion/Kirche, Wissenschaften, Bildungseinrichtungen,
Familie, Vereine, Gewerkschaften, Medien, Institute etc. Gramsci nennt solche gesell-
schaftlichen Institutionen entsprechend „Hegemonieapparate“. Sie schaffen jeweils ein ei-
genes politisch-ethisches bzw. „ideologisches Terrain“, auf dem „sie eine Reform der Be-
wusstseine und der Erkenntnismethoden“ bewirken und eine „entsprechende neue Moral“
einführen (H. 10.II, § 12, 1264). Solche Kämpfe schließen Gewaltausübung nicht aus.
Gramsci bezweifelt nur, dass sich mit purer Gewalt Herrschaftsverhältnisse stabil halten las-
sen und dass eine herrschende Klasse ihre Herrschaft abstrakt – ohne Verankerung in den
Lebens-, Denk- und Fühlweisen der Menschen – legitimieren und sichern kann. Er bringt
dies auf die Formel: „Staat = politische Gesellschaft + Zivilgesellschaft, das heißt Hegemo-
nie, gepanzert mit Zwang“ (H. 6, § 88, 783).

2.3 Die Ideologie- und Intellektuellenfrage


Hegemonietheoretisch wäre eine Gleichsetzung von Ideologie mit „falschem Bewusstsein“
(vgl. den Begriff bei Georg Lukács und der Kritischen Theorie) oder einer „‚bloßen‘ Er-
scheinung“ (H. 7, § 19, 876; vgl. Hall 2004a) inkonsistent, weil man wieder von der „Ein-
heit des Prozesses des Wirklichen“ und dem praktischen Problem der Führung und der Re-
gulierung gesellschaftlicher Verhältnisse abstrahieren würde. Gramsci misst darum weder
an einem absoluten Wahrheitskriterium (H. 11, § 17, 1411f) noch an der bloßen (ideellen)
Form, was Ideologie ist, sondern betrachtet sie im Allgemeinen als „die Massenseite jeder
philosophischen Auffassung“, die in den Alltagsverstand der Menschen eingegangen und so
in ihrem alltäglichen Handeln wirkmächtig ist (vgl. Jehle 1996). Zwar räumt er ein, dass sie
auch wie in ausgearbeiteten Philosophien „Züge abstrakter Universalität […] außerhalb von
Zeit und Raum“ annehmen kann (H. 10.II, § 2, 1255). Wirksam seien Ideologien jedoch nur
als „historisch organische“ und nicht als willkürliche oder rationalistische.
„Als historisch notwendige haben sie [die Ideologien, I.L.] eine Wirksamkeit, die ‚psychologische‘ Wirksam-
keit ist, sie ‚organisieren‘ die Menschenmassen, bilden das Terrain, auf dem die Menschen sich bewegen, Be-
wusstsein von ihrer Stellung erwerben kämpfen usw. Als ‚willkürliche‘ bringen sie nichts hervor als indivi-
duelle polemische ‚Bewegungen‘ usw.“ (H. 7, § 19, 876)

Insofern könne „die Tätigkeit des ‚einzelnen‘ Philosophen […] als Politik, als Funktion po-
litischer Führung begriffen werden“, die versucht, „‚verallgemeinerte‘ Verhaltensnormen“
und einen „moralischen Willen“ zu schaffen (H. 10.II, § 31, 1283 u. 1281). Ihre Vermittler
seien vor allem die „organischen Intellektuellen“. Sie stellen nach Gramsci „keine unab-
hängige Klasse“ dar, denn „jede Klasse hat ihre Intellektuellen“ (H. 1, § 44, 102). Sie könn-
ten aber als Angehörige einer „historisch progressiven Klasse“ – wie im Falle des liberalen
Bürgertums – „eine solche Anziehungskraft aus[üben], dass sich die Intellektuellen der an-
76 Ines Langemeyer

deren Klassen unterordnen und eine Atmosphäre der Solidarität aller Intellektuellen mit
Bindungen psychologischer (Eitelkeit, usw.) und häufig kastenmäßiger (technisch-rechtlicher,
korporativer) Art schaffen“ (ebd.). Sie sind so „die ‚Gehilfen‘ der herrschenden Gruppe bei
der Ausübung der subalternen Funktionen der gesellschaftlichen Hegemonie und der politi-
schen Regierung“. Aufgrund ihres „Prestiges“ und des ihnen entgegengebrachten Vertrau-
ens können sie sowohl einen „‚spontanen‘ Konsens“ erzeugen als auch den „staatlichen
Zwangsapparat“ bei der Disziplinierung derjenigen Gruppen unterstützen, „die weder aktiv
noch passiv ‚zustimmen‘“ (H. 12, § 1, 1502f).

2.4 Die Politik des Kulturellen und der geschichtliche Block


Jede Kultur vereint nach Gramsci „eine größere oder geringere Menge von Individuen in
zahlreichen Schichten mit mehr oder weniger expressivem Kontakt, die sich untereinander
in unterschiedlichem Grad verstehen“ (H. 10.II, § 44, 1334f). Dieses Verstehen ist nicht rein
intellektuell gemeint, sondern bezieht sich eher auf die „Denk- und Fühlweise“ (ebd.) der
Menschen, auf die Einheit von Wissen, Fühlen und Leidenschaft aufgrund einer gemeinsa-
men Lebensweise, was auch der Begriff des „Popular-Nationalen“ meint (z.B.: H. 5, § 105,
659).3 Insofern die Menschen „ein und dieselbe Denk- und Handlungsweise teilen“, seien
sie „immer zu einer bestimmten Gruppierung“ zugehörig, und deshalb sei jeder „immer
Masse-Mensch oder Kollektiv-Mensch“ (H. 11, § 12, 1376). So habe für jede „praktische
(kollektive) Tätigkeit“ das „kulturelle Moment“ eine zentrale Bedeutung (1335). Es ist in
jeder Verbindung zwischen Führenden und Geführten enthalten und bewirkt schließlich
durch die Bewegungen vom Wissen zum Fühlen zum Verstehen den Zusammenhalt eines
„geschichtlichen Blocks“:
„[…] man macht keine Politik-Geschichte ohne diese Leidenschaft, das heißt ohne diese Gefühlsverbindung
zwischen Intellektuellen und Volk-Nation. Bei Abwesenheit einer solchen Verbindung sind bzw. reduzieren
sich die Beziehungen des Intellektuellen zum Volk-Nation auf Beziehungen rein bürokratischer, formaler Art;
die Intellektuellen werden zu einer Kaste oder einer Priesterschaft (sogenannter organischer Zentralismus).
Wenn das Verhältnis zwischen Intellektuellen und Volk-Nation, zwischen Führenden und Geführten, zwischen
Regierenden und Regierten durch einen organischen Zusammenhalt gegeben ist, in dem das Gefühl-Leiden-
schaft zum Verstehen und folglich zum Wissen wird (nicht mechanisch, sondern auf lebendige Weise), nur
dann ist die Beziehung eine der Repräsentanz und kommt es zum Austausch individueller Elemente zwischen
Regierten und Regierenden, zwischen Geführten und Führenden, das heißt, es verwirklicht sich das gemein-
same Leben, das allein die soziale Kraft ist, es bildet sich der ‚geschichtliche Block‘.“ (H. 11, § 67, 1490)

Kultur enthält somit die ganze komplexe Führungsproblematik, die Gramsci hegemonie-
theoretisch aufwirft. Eine weitere Besonderheit dieses Kulturbegriffs liegt darin, dass er –
mit Blick auf die Frage nach der Geschichtsmächtigkeit bestimmter Ideen, Ideale oder Welt-
anschauungen – keineswegs allein auf das „Höhere“ menschlichen Schaffens abgestellt ist,
was den Führungsanspruch der oberen Klassen mithin als „natürlich“ und legitim erschei-
nen ließe; stattdessen folgt er der Auffassung, dass „alle Menschen Philosophen sind“, be-
ziehungsweise „dass alle auf ihre Art Philosophen sind“ und „dass es keinen normalen und
intellektuell gesunden Menschen gibt, der nicht an einer bestimmten Weltauffassung teilhat“
(H. 8, § 204, 1056). Auch wenn Gramsci von kultureller Hegemonie als einem Konsens oder
einer breiten Zustimmung für bestimmte Herrschaftsverhältnisse spricht, meint er doch
3 Zunächst wurde der Ausdruck mit „national-popular“ übersetzt, später dann in der Umstellung der Begriffe,
um deutlich zu machen, dass es Gramsci nicht um das Nationale an sich ging, sondern um seine Modifikation
„von unten“, vom Volk her.
Antonio Gramsci: Hegemonie, Politik des Kulturellen, geschichtlicher Block 77

nicht allein eine vorherrschende Meinung oder Einstellung, sondern immer eine lebens-
praktische Haltung der Massen gegenüber ihren Lebensbedingungen: eine Kultur/Lebens-
weise.
Kultur ist für Gramsci daher nicht per se gut oder schlecht. Sie umfasst sowohl das Po-
tenzial der Vereinheitlichung und Verallgemeinerung von Lebens-, Denk- und Fühlweisen
als auch die Formen, in denen um Hegemonie gekämpft und Subalternität hergestellt wird.
Unter dem Blickwinkel der „Politik des Kulturellen“ konkretisieren sich so die Fragen nach
der Emanzipation von Klassenherrschaft und der Befreiung der Subalternen.
Gegen die vielfältigen Passivierungen der Massen, die ja letztlich von den herrschenden
Klassen organisiert würden, fordert Gramsci eine „kulturelle Bewegung“, die die Kraft be-
sitzt, „dem amorphen Massenelement Persönlichkeit zu geben“ (1390). Dieses Sich-Her-
ausarbeiten aus der Subalternität umschreibt er als „Katharsis“ (H. 10.II, § 6, 1259). Dazu
gehört, „die Gesamtheit der Verhältnisse“ zu verändern, „deren Verknüpfungszentrum [man]
ist“, was seines Erachtens zugleich die Bedingung der Möglichkeit schafft, die eigene Per-
sönlichkeit zu verändern, „sich selbst zu potenzieren, sich selbst zu entwickeln“ (§ 48, 1342
und § 54, 1348).

3. Anschlüsse der Cultural Studies an Gramsci


3.1 „Demokratisierung“ des Kulturverständnisses durch die Vielfalt kultureller Praxen
Vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund „massenhafter Abscheureaktionen gegen die stali-
nistischen Praktiken und Apologetiken“ (Thompson 1980: 235) und einem wachsenden Un-
behagen gegen die kapitalistische Medien- und Massenkonsumgesellschaft entdeckten eine
Reihe von kritischen Intellektuellen in den 1960er Jahren Gramsci. Eine umfassende Über-
setzung seiner Schriften ins Englische lag noch nicht vor, sodass neben der von Louis Marks
herausgegebenen Textauswahl unter dem Titel „The Modern Prince and Other Writings“
(1957) ein Artikel von Gwyn A. Williams (1960) als Quelle diente (Forgacs 1989). In letz-
terem verteidigt der Autor Gramsci gegen eine „dogmatische“ Auslegung seines Hegemo-
niebegriffs als „Diktatur einer Klasse“ einerseits, oder als „demokratische Eroberung und
Erhaltung proletarischer Macht“ andererseits (587f) und betont dagegen den von Benedetto
Croce übernommenen Gedanken des „politisch-ethischen“4 Zusammenhangs einer Gesell-
schaft als Hauptachse seiner Hegemonietheorie (588f).5
Gramscis Kulturbegriff korrespondierte so mit dem Anliegen der „Neuen Linken“, sich
den alltäglichen Erfahrungen von Menschen und dem Entstehen bzw. aktiven Hervorbrin-
gen (making) von Klassenbewusstsein (Thompson) oder den Eigenheiten, Ungleichzeitig-
keiten und oppositionellen Momenten von Alltagspraktiken (Williams) herrschaftskritisch
zu nähern. Bei Gramsci lernten die Cultural-Studies-Pioniere eine Art „egalitäres“ bzw. „de-
mokratisiertes“ Kulturverständnis kennen (Hall 1980: 59), das half, mit den herrschenden
Vorstellungen von Kultur und ihrer Einteilung in hohe und niedrige Formen zu brechen. Da-

4 Ähnlich wie beim Popular-Nationalen wäre auch Croces Ausdruck mit „ethisch-politisch“ nicht richtig über-
setzt, denn hier geht es ja darum, das Ethische aufs Feld des Politischen zu ziehen und nicht umgekehrt.
5 Dies ist insofern wichtig zu betonen, weil häufig nur Lenin als Quelle für den Hegemoniebegriff angegeben
wird. Williams weist jedoch darauf hin: „Lenin’s preoccupations were strategic and tactical; Gramsci was dea-
ling with much wider and more fundamental issues. Indeed, he goes on so to develop the ‚ethico-political‘ fac-
tor in historical materialism that it becomes difficult to see it, in his interpretation, as anything other than the
decisive force“ (1977b: 588).
78 Ines Langemeyer

mit hatte Gramsci auf diese neue kulturwissenschaftliche Strömung insgesamt einen grund-
legenden Einfluss, sodass dieser sich – auch für die Kommunikations- und Medienwissen-
schaft – eher anhand von Themen deutlich machen lässt als anhand einzelner Begriffe.

3.2 Die Einheit des wirklichen Prozesses und der Kampf um kulturelle Hegemonie
Gramscis Grundgedanke, die Wechselwirkung von Struktur und Superstrukturen als Einheit
des wirklichen Prozesses zu fassen, wird in den Cultural Studies auf unterschiedliche Weise
fortgeführt. Raymond Williams (siehe den Beitrag zu Raymond Williams in diesem Band)
fordert etwa (mit Bezug auf Marx’ erste Feuerbachthese), das Medium Sprache nicht ob-
jektivistisch als einen immer schon vorfindbaren Gegenstand zu sehen, sondern als sinnliche
Tätigkeit und kreative Praxis innerhalb der ganzen Produktion und Reproduktion des realen
Lebens (Williams 1977b: 31). Denn Menschen stünden einander nicht wie zwei getrennte
Identitäten gegenüber, die einander ab und an Informationen oder Botschaften zukommen
lassen, sondern seien von vornherein gesellschaftliche Wesen mit einem praktischen Be-
wusstsein, das den Gebrauch der Sprache mit einschließe (32). Derselbe Gedanke liegt noch
immer dem methodischen und theoretischem Ansatz der Cultural Studies zugrunde, auch
technische Medien bzw. Massenmedien nicht bloß als Werkzeuge oder isolierte Forschungs-
objekte zu behandeln, sondern sie im Kontext des sozialen Handelns zu untersuchen, wie sie
angeeignet, gebraucht und verändert werden.
Um die gesellschaftliche Bestimmtheit kulturellen Handelns bzw. die „Wirklichkeit des
kulturellen Prozesses zu erfassen“, lehnt Williams es ab, sie einer „äußeren Ursache“ allein
zuzuschreiben (dem Sprachgebrauch der quantitativen Methoden gemäß könnte man auch
von einem „Faktor“ oder „Faktoren“ sprechen), „die jegliches Handeln ganz und gar vorgibt
bzw. vorherbestimmt“. Stattdessen sei das „Grenzen-setzen“ oder „Druck-ausüben“ entschei-
dend (1977a: 183, 185). Die Annahme von direkten Ursache-Wirkungsketten wird so von der
These gesellschaftlicher Vermittlungsprozesse abgelöst. Damit will Williams den Basis-
Begriff nach Marx nicht aufgeben, sondern ihn „präzisieren“ und vor einer Gleichsetzung mit
etwas Uniformem und Statischem (185) und seiner „ökonomischen und technologischen Ab-
straktion“ bewahren (186). Auch der Überbaugedanke dürfe nicht preisgegeben werden (ebd.).
Das „konkrete Ganze“ der Gesellschaft, das „sich aus einer Anzahl verschiedener Praxen zu-
sammen[setze]“, die wiederum „auf komplizierte Weise zusammenspielen und zusammen-
gehören“, sei als Herrschaftszusammenhang zu analysieren (188, Übers. korr.). Hier kommt
für Williams Gramscis Hegemoniebegriff ins Spiel, der „die Existenz von etwas wahrhaft To-
talem, das nicht nur sekundär oder eine Sache des Überbaus [sei …], sondern etwas, das durch
und durch gelebt wird“, „als ein Vorgang, der das Bewusstsein einer Gesellschaft tiefgehend
durchdringt“ (189, Übers. korr.). Hegemonie könne dabei „nicht als etwas interpretiert wer-
den, das auf der Ebene von Meinungen und Manipulationen liegt“ (190). Es sei vielmehr ein
„ganzer Korpus von Praktiken und Erwartungen, um all das, worauf wir unsere Energie ver-
wenden, um unser Verständnis von Welt und Mensch“, „ein Bündel von Bedeutungen und
Werten, die, da sie als Praxen erfahren werden, sich gegenseitig zu bestätigen scheinen“
(ebd., Übers. korr.). Williams setzt dies wiederum mit „herrschender Kultur“ gleich, die
durch den „Prozess der Inkorporation“ von andersartigen Kulturformen entstehe (191).
Die kulturellen Veränderungsprozesse, die Williams auf diese Weise beschreiben kann,
entsprechen einem Typ von Hegemoniekämpfen, die Gramsci auf der politischen Ebene mit
dem Begriff der „passiven Revolution“ fasst: Die herrschenden Klassen entschärfen die
Antonio Gramsci: Hegemonie, Politik des Kulturellen, geschichtlicher Block 79

Macht ihrer Gegner, indem sie eine Reihe von oppositionellen Forderungen aufgreifen und
einen Teil von Machtansprüchen abgeben, aber derartige Zugeständnisse zugleich in ihre ei-
genen Strategien einbauen und für sich umfunktionieren, sodass ihre herrschende Stellung
nicht gefährdet ist. Übertragen auf das kulturelle Feld gewinnt Williams’ Begriff der „In-
korporation“ vor allem in Bezug auf die kapitalistische Funktionsweise des Marktes seine
Stärke. Denn für ihn ist es ein Leichtes, sich beständig kulturelle Ausdrucksformen alterna-
tiver oder oppositioneller Szenen einzuverleiben, zu kommerzialisieren und damit politisch
zu entschärfen. Das hegemonietheoretische Problem der (politischen) Führung scheint bei
Williams allerdings in den Hintergrund zu treten, weil bei ihm die „herrschende Kultur“ im-
mer schon einer führenden Macht entspricht.
Von Gramscis Ansatz ausgehend diskutiert Hall ähnliche Fragen wie Williams, entwickelt
sie darüber hinaus aber auch auf den kommunikationswissenschaftlich zu erklärenden Zu-
sammenhang von Medienwirkungen weiter. So setzt sein Encoding/Decoding-Modell (Hall
1999; siehe den Beitrag zu Stuart Hall in diesem Band) den Ansatz von Marx bzw. Gramsci
fort, die „Einheit des wirklichen Prozesses“ zu denken, indem es nicht nur in der (industriell-
kapitalistischen) Herstellung von massenmedialen Produkten und Angeboten, sondern in
jedem Rezeptions- und Interpretationsprozess eine materielle Wirklichkeit des alltäglichen
Lebens erkennt. Allerdings werden, wie Hall betont, die Konsumtionspraktiken unter ande-
ren Bedingungen als die Produktionsprozesse realisiert, sodass ihre jeweiligen Besonder-
heiten zu berücksichtigen sind. Die „diskursive ‚Produktion‘“ erfolgt beispielsweise in Co-
dierungen und Decodierungen von Medien, die den „Austausch zwischen Formen“ (etwa
der „Nachrichtenform“, 94) und den „kontinuierlichen Kreislauf“ von „Produktion-Distri-
bution-Produktion“ von medialen Produkten ermöglichen (93). Wie Gramsci legt Hall sein
Augenmerk auf die „Apparate“, in denen diese produktiven und distributiven Praxen reali-
siert werden und durch die sie gesellschaftlich „bestimmt“ sind (ebd., 108): Sendeanstalten,
Medienformate usw., wobei der gesellschaftliche Zusammenhang in den Kämpfen um kul-
turelle Hegemonie nicht unmittelbar und als ganzer wirkt, sondern zunächst einmal als et-
was, das sich in relativ autonomen Kontexten herstellt, weshalb ihre kulturelle Eigenlogik
und ihre von Konjunkturen abhängige Veränderbarkeit betont werden.

3.3 Die Politik der Repräsentation und die Theorie der Artikulation
Um dennoch den gesellschaftlichen Zusammenhang in den Blick bekommen, entwickelt
Hall auf der Grundlage Gramscis den „Artikulationsansatz“. Dieser steht für eine nicht-
reduktionistische Analyse des gesellschaftlichen „Konsenses“ und vielfältiger sozialer Spal-
tungen, die auf Klassen-, „Rassen-“ und Geschlechterverhältnissen beruhen und ineinander
übergreifen können. „Konsens“ definiert sich dabei nicht als „eine einzelne, einheitliche Posi-
tion, der sich die ganze Gesellschaft verschrieben hat“, sondern bildet (im Sinne Gramscis
Hegemoniebegriff) „den grundsätzlich gemeinsamen Boden – die zugrunde liegenden Wer-
te und Prämissen“ (Hall 1989: 145). Somit geht es bei der Analyse von Medien nicht nur um
die darin kodierten Bedeutungen, sondern im Wesentlichen auch um den „Interpretations-
rahmen“, in dem „die Bedeutung begriffen wird“ (135).
Entsprechend ihrer gesellschaftlich-individuellen Situiertheit werden sich die Menschen
ihrer Lebenssituationen bewusst und erwerben eine bestimmte, mehr oder weniger be-
grenzte kulturelle Handlungsfähigkeit. Um die Besonderheiten dieser Situationen zu erfas-
sen, greift Hall Marx’ Begriff der „Artikulation“ auf (ursprünglich: „Gliederung“, vgl. We-
80 Ines Langemeyer

ber 1994; Hall 1989: 86; 2003) und macht damit deutlich, dass z.B. Rassismen nicht bloß
dadurch existieren, dass Menschen „zwischen Gruppen mit verschiedenen ‚rassistischen‘
oder ethnischen Charakteristika“ Unterschiede wahrnehmen, sondern dass „spezifische Be-
dingungen […] dieser Form der Unterscheidung soziale Bedeutung und historische Wirk-
samkeit verleihen“ und damit bestimmte rassistische Vorstellungen und Interpretationen zur
„materiellen Gewalt“ werden lassen (1994: 129). Das heißt mit anderen Worten, „dass ras-
sistische Strukturen außerhalb des Rahmens eines spezifischen Ensembles ökonomischer
Beziehungen nicht adäquat verstanden werden können“ (1994: 92). Denn für die Heraus-
bildung von „race relations“ spielten „ökonomische Prozesse“ eine wesentliche Rolle: die
„Eroberung, Kolonialisierung und merkantilistische Beherrschung“ (v.a. von Ländern des
afrikanischen und südamerikanischen Kontinents) sowie heute die „Beziehungen eines ‚un-
gleichen Tauschs‘ zwischen den entwickelten Metropolen und den Satelliten-Regionen der
Weltwirtschaft“ (ebd.). Artikulationen sind dabei (ähnlich wie beim „geschichtlichen Block“)
diejenigen historischen „Verkopplungen“ von unterschiedlichen historischen „Elementen“
oder Praxen, die eine „Einheit“ bilden und so die Bildung einer neuen sozialen Kraft oder
eines neuen „Diskurses“ erklären (2000a: 65). Der Begriff bezeichnet somit:
„[…] eine Verbindung oder eine Verknüpfung, die nicht in allen Fällen notwendig als ein Gesetz oder Faktum
des Lebens gegeben ist, aber die bestimmte Existenzbedingungen verlangt, um überhaupt aufzutreten; eine
Verknüpfung, die durch bestimmte Prozesse aktiv aufrecht erhalten werden muss, die nicht ‚ewig‘ ist, sondern
ständig erneuert werden muss, die unter bestimmten Umständen verschwinden oder verändert werden kann,
was dazu führt, dass die alten Verknüpfungen aufgelöst und neue Verbindungen – Re-Artikulation – ge-
schmiedet werden.“ (2004b: 65)

Der Kampf um das Symbolische (bzw. um Bedeutungen) finde so in einem „semantischen


Feld“ (62) bzw. in einem „Feld des Ideologischen“ statt, das „seine eigenen Mechanismen“,
sein „‚relativ autonomes‘ Feld der Setzung, Regulierung und sozialen Auseinandersetzung“
habe (64f). Aber es existiere zugleich nur auf dem Hintergrund einer bestimmten „histori-
schen Formation“, worin es wirksam wird und womit es selber einer bestimmten einfachen,
reibungslosen und funktional wirksamen Reproduktion der Gesellschaft Grenzen setzt (64).
In diesem Sinne folgt auch der kommunikationswissenschaftliche Ansatz der Cultural Stu-
dies der Maßgabe, Medien nicht nur als ein symbolisch-diskursives Feld zu analysieren,
sondern sie in ihrem jeweiligen sozialen bzw. gesellschaftspolitischen Horizont von Pro-
duktions- und Lebensweisen und den darin stattfindenden Hegemoniekämpfen zu sehen.
Halls Artikulationstheorie bezieht sich dementsprechend nicht nur auf die Frage, wie
mehrdimensionale Macht- und Herrschaftsverhältnisse als „Politik der Repräsentationen“
differenziert untersucht werden können, sondern zugleich auf die Umbrüche der „fordisti-
schen“ Gesellschaftsformation seit den 1970er Jahren: So wie Gramsci den Fordismus als
die „Ära der Massenproduktion mit ihren standardisierten Produkten, der Konzentration von
Kapital und den ‚tayloristischen‘ Formen der Arbeitsorganisation und Disziplin“ beschrieb
und vor diesem Hintergrund eine Analyse der alltäglichen Lebensweise unternahm, so for-
dert Hall eine Analyse der „Neuen Zeiten“, die mit den „Informationstechnologien“ und den
„computerbasierten Hightech-Industrien“ sowie durch „eine flexiblere und dezentralisierte-
re Form des Arbeitsprozesses, der Arbeitsorganisation“ die fordistischen Verhältnisse ver-
drängt und abgelöst hätten (2000b: 79f). Bedeutsam sei heute eine „Feminisierung“ und
„Ethnisierung“ der Arbeitskraft, ein Anstieg von flexiblen Arbeitszeiten und Teilzeitarbeit,
was „neue Muster sozialer Ungleichheit“ hervorbringen würde (80). Gleichzeitig könne das
Kapital „über den gesamten Globus und durch die Maginotlinie unserer Subjektivitäten
Antonio Gramsci: Hegemonie, Politik des Kulturellen, geschichtlicher Block 81

marschier[en]“ (85), und im selben Zuge habe die Hegemonie des Thatcherismus es ge-
schafft, eine „organisierte politische Linke“ in die Krise zu stürzen (88f).
Von diesen Überlegungen geleitet, macht Hall neue Lebens- und Arbeitsweisen daran
fest, dass „die neuen Technologien […] nicht nur neue Praktiken und Qualifikationen“, son-
dern „auch neue Denkformen“ erforderten, die „nicht mehr auf einer einzelnen Entwick-
lungslinie“ operierten, sodass „ständig neues Aushandeln“ und ein Umgang mit „Kontingenz“
gefordert sei (91f). „Diese Denkweise signalisier[e] das Ende einer bestimmten determinis-
tischen Rationalität“, die sich in ähnlicher Weise auch in Konsumtionspraktiken durch „um-
fassendere Prozesse kultureller Diversifizierung und Differenzierung“ sowie einer „Verviel-
fältigung der sozialen Welten und der sozialen ‚Logiken‘“ wiederfinde. Die Konsumierenden
hätten damit „mehr Raum“, „eine gewisse Auswahl zu treffen und ihren Alltag zu kontrol-
lieren sowie mit den Ausdrucksdimensionen zu ‚spielen‘“ (ebd.).
Doch was zunächst als Autonomiezuwachs oder Widerständigkeit kleiner listiger Kon-
sumtions- und Alltagspraxen erscheinen mag, kann sich als neue Form von Subalternität
entpuppen, als ein Unterwerfen unter die Anforderungen und Erwartungen an eine eigen-
verantwortliche Selbstführung, als eine Passivierung der Subjekte im Modus ihrer Aktivie-
rung zum (selbst-)unternehmerischen Denken und Handeln (vgl. Barfuss 2008; Langemeyer
2006; Thomas/Langemeyer 2007).
Die Cultural Studies zeigen so Wege, Gramscis Ansatz auch auf die gegenwärtigen Um-
brüche hegemonialer Verhältnisse und der alltäglichen Lebensweise weiterzudenken. Dabei
sollte weder die komplexe Organisation der Macht als Interpretationsrahmen, aber auch als
integraler Staat und internationales Staatengefüge unterschätzt, noch – in Anlehnung an Wil-
liams – die Inkorporationskraft globaler Märkte vergessen werden.

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Jacques Lacan: Subjekt, Sprache, Bilder, Begehren und Fantasien
Brigitte Hipfl

1. Einleitung
In seinem jüngsten Buch über Jacques Lacan meint Slavoj Zizek (2008: 11), dass erst jetzt,
hundert Jahre nach Sigmund Freuds Entwicklung der Psychoanalyse, die Zeit der Psycho-
analyse gekommen sei. Erst durch die Arbeiten Lacans, die unter dem Motto der „Rückkehr
zu Freud“ standen, werden die revolutionären Einsichten Freuds, die diesem selbst gar nicht
vollständig bewusst waren, in ihrer gesamten Tragweite erfassbar. Lacan zufolge lässt sich
die Psychoanalyse in drei Phasen unterteilen: Die erste ist die der Konzeption durch Freud;
die zweite charakterisiert er als eine Phase der Verdrängung Freuds durch die Ich-Psycho-
logie, die in der Nachkriegszeit vor allem im angelsächsischen Raum gepflegt wurde; die
dritte Phase umfasst seine eigenen Arbeiten, die eine umfassende theoretische Revision der
Entwicklungen Freuds darstellen (vgl. Samuels 1993: 1).
Lacan (1901 bis 1981), der aus einer katholischen Familie des Pariser Bürgertums
stammt und nach dem Medizinstudium die Ausbildung zum Psychiater machte, entwickel-
te bereits in seiner Dissertation über Paranoia (1932) einen neuen Erklärungsansatz, der
viel Aufmerksamkeit erweckte. In den 1930er Jahren pflegte Lacan intensive Kontakte zur
Pariser Kunstszene. Sein Leben ist geprägt von der Originalität seiner Entwicklungen, die
ihm den Status eines Stars und Meisters, sowie großes Interesse seitens der Fachkollegen-
schaft und den Intellektuellen seiner Zeit einbrachte, aber ebenso viel Kritik und Konflik-
te nach sich zog. Schon früh wurde Lacan Mitglied der Société Psychanalytique de Paris
und wirkte dort als Lehranalytiker, bis er wegen Differenzen aufgrund seiner „eigenwilli-
gen“ klinischen Praktiken austrat und eine eigene Schule gründete, die Ecole Freudienne
de Paris. Kurz vor seinem Tod löste er auch diese auf und gründete La Cause Freudienne.
Lacans Schaffen war immer zweigleisig, er hat mit Patienten und Patientinnen gearbeitet
und seine theoretischen Entwicklungen 26 Jahre lang in seinen berühmt gewordenen Se-
minaren vorgestellt. Die öffentlich zugänglichen Seminare, die Lacan viele Jahre an der
Psychiatrischen Klinik Saint Anne in Paris abhielt, wurden von zeitgenössischen Denkern
wie Michel Foucault, Roland Barthes, Claude Levi-Strauss oder Louis Althusser besucht.
Die letzten Jahre vor seinem Tod war er wissenschaftlicher Direktor an der Pariser Uni-
versität Vincennes und Vorstand des dortigen Instituts für Psychoanalyse (vgl. Roudinesco
1996, Pagel 1989, Sarup 1992).
Sein Werk ist nicht einfach einzuordnen, da es sich „nicht als abgerundetes Ganzes son-
dern als Weg, den er durchschritten hat“ (Widmer 1997: 18) präsentiert. So hat Lacan seine
Konzepte über die Jahre hinweg verändert und neue Schwerpunkte gesetzt. Eine besondere
Herausforderung stellt das Lesen seiner Texte dar, da seine rhetorisch ausgefeilte Darstel-
lungsweise dem Phänomen, um das es geht – dem Unbewussten – angepasst ist. Wie sich
das Unbewusste nicht so leicht und schon gar nicht eindeutig fassen lässt und sich oft in un-
erwarteten Formen und Verbindungen äußert, so präsentieren sich auch die Texte Lacans.
Gerda Pagel (1989:12) meint dazu: „Lacan schreibt nicht, um zu informieren, sondern – wie
er selbst betont – um zu ‚evozieren‘“. Inzwischen haben viele Autoren und Autorinnen ver-
84 Brigitte Hipfl

sucht, seine zentralen Konzeptionen herauszufiltern und für die eigenen Fragen fruchtbar zu
machen. In diesem Beitrag soll Lacans Verständnis des Subjekts im Mittelpunkt stehen. Das
Subjektkonzept ist wohl Lacans wichtigster Beitrag für die Cultural Studies. Es liefert eine
überzeugende Erklärung, wie sich ‚Identität‘, das heißt, das je spezifische Verständnis von
sich selbst, entwickelt – als Effekt unbewusster Kräfte, die dazu führen, historisch verfüg-
bare Subjektpositionen einzunehmen.
Wie legt es Lacan an, dass er zurück zu Freud und „mit Freud über Freud hinausgehen“
(Widmer 1997: 7) kann? Dies gelingt ihm vor allem dadurch, dass er zur Erklärung psychi-
scher Prozesse nicht wie Freud Physiologie und Biologie heranzieht, sondern sich von an-
deren Disziplinen wie Philosophie, Anthropologie, Mathematik, vor allem aber von der Lin-
guistik, inspirieren lässt. Auf diese Weise wird es ihm möglich, Einsichten, die bei Freud nur
implizit enthalten sind, auszuarbeiten und neue Modelle und Konzepte zu entwickeln. Er
nimmt die Beschreibung der Psychoanalyse als einer „Redekur“ ernst und wendet sich der
Wissenschaft zu, die sich mit Sprache auseinandersetzt (vgl. Zizek 2008: 13). Zu Beginn des
20. Jahrhunderts eröffnen die Arbeiten des Sprachwissenschaftlers Ferdinand de Saussure
(1857–1913) neue Einsichten in die Wirkweise von Sprache. De Saussure setzt bei der
Struktur der Sprache an und zeigt, dass Bedeutung innerhalb der Sprache entsteht und nicht
etwas ist, das bereits gegeben ist und nur von der Sprache widergespiegelt wird (de Saussure
1967). Sprache ist ein System von Zeichen. Die beiden Elemente, aus denen ein Zeichen be-
steht, Signifikant (das Bezeichnende, das Lautbild) und Signifikat (das Bezeichnete, die
Vorstellung dessen, was bezeichnet wird), sind nicht in natürlicher Weise miteinander ver-
bunden, sondern aufgrund von Konventionen. Die Bedeutung eines Zeichens wohnt diesem
nicht inne, sondern ergibt sich aus der Verschiedenheit zu anderen Zeichen. Am Beispiel des
Schachspiels veranschaulicht de Saussure (1967: 105), dass Zeichen nichts Vorgegebenes
abbilden, sondern ihren Wert und ihre Bedeutung aus ihrer Stellung im Gesamtsystem, d.h.
aus der Differenz zu den anderen Figuren erhalten. Dieser Struktur der Sprache unterliegt
jedes Subjekt (vgl. Pagel 1989: 41).
Lacan greift die Unterscheidung zwischen Signifikant und Signifikat auf und betont,
dass Bedeutung nicht einer isolierten Einheit innewohnen kann, sondern sich erst aus der
zeitlichen Abfolge einer Verkettung von Signifikanten ergibt. Der Sinn, das Signifikat, ergibt
sich immer erst nachträglich, am Ende der signifikanten Kette. Im Unterschied zu de Saus-
sure dreht Lacan das Verhältnis von Signifikat und Signifikant um. Das Signifikat ist etwas,
das unter den Signifikanten ständig gleitet und nur durch sogenannte Abheftungsstellen (point
de capiton, Stepppunkte, die der Funktion von Polsterknöpfen gleichkommen) angehalten
werden kann. Stepppunkte sind die Punkte, an denen Signifikat und Signifikant zusammen-
geknüpft sind (Lacan 1975). Damit entsteht die Illusion festgelegter Bedeutungen. Lacan
schreibt den Signifikanten die zentrale Rolle zu und macht damit deutlich, dass sich die Ef-
fekte der Sprache aus ihren formalen, für sich genommen bedeutungslosen Elementen erge-
ben. Signifikanten verweisen immer auf andere Signifikanten. Sein Schwerpunkt richtet
sich auf „das, was das Subjekt sprechend macht, und nicht das, was es sprachlich intendiert“
(Pagel 1989: 43). Die psychoanalytische Theorie, die Lacan entwickelt, kann auch als eine
ausgefeilte Theorie des „Effekts des Signifikanten“ bezeichnet werden (Ror Malone/Fried-
lander 2000: 5). Dies zeigt sich in der Konzeption des Subjekts, das er anhand des Zusam-
menwirkens von drei psychischen Registern beschreibt, die jeweils durch eine spezifische
Beziehung zur Sprache charakterisiert sind.
Jacques Lacan: Subjekt, Sprache, Bilder, Begehren und Fantasien 85

2. Lacans Theorie der Subjektivität


Lacans Schaffen lässt sich in drei Phasen einteilen, wobei zu Beginn (1932 bis 1948) die
zentrale Rolle des Bildes für das Menschsein im Zentrum steht, gefolgt von seinem Versuch
(1948–1960), die Psychoanalyse aus linguistischer Perspektive umzuschreiben. Die letzte
Periode (1960 bis 1980) war definiert von der Arbeit an den drei psychischen Ordnungen
oder Registern Reales, Imaginäres, Symbolisches (vgl. Sarup 1992: xif.). Mit diesen drei
Registern bleibt Lacan einerseits in der Tradition Freuds, der mit Es, Ich und Über-Ich eine
Trinität eingeführt hat, die zusammen das ausmacht, was als Psyche bezeichnet werden
kann. Andererseits geht er über Freud hinaus, der, so Fredric Jameson (1977: 349), noch
stark den Kategorien des Individuums und individuellen Erfahrungen verhaftet ist, und stellt
ein Modell bereit, in dem das Zusammenspiel des Individuellen und des Gesellschaftlichen
in neuer Weise vorgestellt wird.
In der Tradition Freuds weist Lacan die in der westlichen Kultur dominante Vorstellung
des autonomen, rationalen und sich selbst bewussten Individuums zurück, die nicht nur in
den Alltagsdiskursen, sondern auch in vielen wissenschaftlichten Ansätzen gang und gäbe
ist. Für ihn sind dies Idealisierungen, wie sie für eine der drei von ihm entwickelten Ebenen
des Subjekts – für das Imaginäre – charakteristisch sind. Die ausschließliche Beschäftigung
der Wissenschaft mit den Produkten und Prozessen dieser einen Dimension des Subjekts be-
zeichnet er (abwertend) als „Psychologisieren“ und argumentiert, dass es sich dabei um ei-
nen Zirkelschluss handelt. Demgegenüber zeigt er in seinen Arbeiten, wie erst gemeinsam
mit den beiden anderen psychischen Registern – dem Realen und der Symbolischen Ord-
nung – und vor allem durch die Untersuchung der Prozesse, die deren Beziehungen unter-
einander ausmachen, ein komplexes und umfassendes Verständnis von Subjektivität, die immer
gesellschaftlich verankert/bestimmt ist, gewonnen werden kann (vgl. Ror Malone/Friedlan-
der 2000: 4).
Lacan stellt uns eine differenzierte Erklärung der wohlbekannten Tatsache bereit, dass
Menschsein gerade durch Sprache und Sprechen charakterisiert ist. Indem er betont, dass
menschliche Erfahrung mehr ist als Sprache und die Herausforderung gerade im Begreifen
des Interface von Erfahrung und Struktur liegt (Sarup 1992: 13), geht er über Ansätze hin-
aus, die ebenfalls der Sprache eine zentrale Rolle in der Subjektformation zuweisen, wie et-
wa Konstruktivismus, sozialer Konstruktionismus, Diskurs- und Narrationstheorien. Lacan
führt uns vor, dass nicht nur die Sprache von Bedeutung ist, sondern auch Begehren und
Unbewusstes, die von Lacan als Effekte der Sprache verstanden werden. „Wir können in der
Sprache nie vollständig das, was wir wollen, ausdrücken. Es gibt immer eine Kluft zwischen
dem, was wir sagen und was wir wollen“ (Sarup 1992: 13, Übersetzung der Autorin). Was
wir sagen, kann nicht vollständig von uns kontrolliert werden, es machen sich immer Ele-
mente des Unbewussten bemerkbar.
Das Modell Lacans zur Subjektivität liefert eine Erklärung, wie es möglich ist, dass das
Ich gleichzeitig als etwas über die Zeit hinweg Kohärentes, aber auch als fragmentiert und
durch eine Vielzahl an Motiven und Identitäten Bestimmtes erlebt wird. Im Unterschied zu
poststrukturalistischen und postmodernen Konzeptionen, bei denen die in kontingenten Dis-
kursen zur Verfügung gestellten Identitätspositionen die Basis von Subjektivität bilden, und
damit jegliche Vorstellung eines außerhalb der Diskurse bestehenden Subjekts aufgegeben
wird, rettet Lacan gewissermaßen das Subjekt (vgl. Bracher 2000). Er beschreibt, wie das
Gefühl eines einheitlichen Subjekts vor allem durch das Zusammenwirken der Prozesse im
86 Brigitte Hipfl

Register des Imaginären und unbewusster Elemente hergestellt wird. Damit kann auch die
in poststrukturalistischen Ansätzen offene Frage beantwortet werden, warum sich Indivi-
duen bestimmten Diskursen unterwerfen. Lacans Konzept, das die Momente beschreibt, in
denen Körper, Begehren und das Andere in der Sprache konstituiert werden (vgl. Ror Ma-
lone/Friedlander 2000: 10), wird sowohl den strukturierenden Kräften, wie sie von der
Sprache repräsentiert werden, gerecht, als auch den individuellen Besonderheiten. Es illus-
triert, dass beim Sprechen immer mehr gesagt wird als von den Sprechenden intendiert ist.
Die freudschen Versprecher, die Wortspiele in der Alltagskommunikation, die Körperspra-
che von Symptomen, unsere Fantasien und Träume geben davon Zeugnis (vgl. Muller 2000:
42). Da sich Lacan neben der Sprachwissenschaft auch stark an Philosophie und Anthropo-
logie orientiert, kann seine Theorie des Subjekts auch als eine Beschreibung des Übergangs
von Natur zu Kultur gelesen werden.
Im Folgenden werden die drei psychischen Register als drei Bereiche menschlichen
Seins vorgestellt. Es wird deutlich werden, dass Sprache für alle drei von zentraler Bedeu-
tung ist, wenn auch in unterschiedlicher Weise.

2.1 Das Register der Symbolischen Ordnung


Die Symbolische Ordnung bezieht sich auf die strukturierende Dimension der Sprache und
der sozialen Beziehungen und umfasst die Aspekte der Erfahrung, die durch die je historisch
spezifischen Bedingungen in den Werten, Regeln und Normen zum Tragen kommen. In den
Topologien von Freud sind es die Aspekte des Über-Ich bzw. des Vorbewussten, die mit der
Symbolischen Ordnung angesprochen werden (vgl. Samuels 1993). Mit dem Konzept der
Symbolischen Ordnung versucht Lacan, die Struktur der Sprache mit der Struktur des Sub-
jekts zusammenzudenken (vgl. Sarup 1992: 57). Beeinflusst von Hegels Vorstellung, dass
das Wort dem Tod des Dings gleichkommt, beschreibt Lacan den „Preis“ dafür, wenn die
Welt symbolisiert wird. Zwar ist dies ein Weg, sie für uns zugänglich und fassbar zu ma-
chen, jedoch nur auf symbolischer Ebene und nicht in ihrer unmittelbaren physischen Exis-
tenz. Dasselbe Muster trifft auch auf das Subjekt zu. Denn mit der Sprache geht eine un-
überwindbare Kluft zwischen unserem Sein und der Repräsentation dieses Seins in Worten
und durch Worte einher. Lacan spricht in dem Zusammenhang vom „gespaltenen Subjekt“.
Es ist nicht möglich, dass sich das Subjekt vollständig kennt oder seiner selbst vollständig
bewusst ist. Durch die Identifikation mit bestimmten Signifikanten werden von den einzel-
nen Individuen die damit verknüpften Plätze in der Symbolischen Ordnung eingenommen.
Auf diese Weise entstehen die sozialen Identitäten des Subjekts, die sich im Lauf des Le-
bens mehr oder weniger verändern. Die sprachlich-symbolische Identität, die sich mit der
Positionierung in der Symbolischen Ordnung entwickelt, ist immer mit einem Verlust ver-
bunden.
Gleichzeitig haben jedoch die Signifikanten, mit denen wir uns identifizieren, eine wich-
tige identitätstiftende Funktion (vgl. Bracher 1993, 2000). Sie funktionieren als die Stepp-
punkte, mit denen Bedeutung vorübergehend fixiert wird. Dieser Prozess beginnt mit dem
Erlernen der Sprache, wobei uns die Sprache Begriffe wie männlich/weiblich, klein/groß,
brav/schlimm, stark/schwach usw. zur Verfügung stellt, mit denen wir uns in der symboli-
schen Struktur verorten und so eine Vorstellung davon entwickeln, wer oder was wir sind.
Wir lernen, dass die einzelnen Signifikanten in bestimmten Kontexten in spezifischer Weise
bewertet werden, d.h., dass bestimmte Positionen in der spezifischen symbolischen Ord-
Jacques Lacan: Subjekt, Sprache, Bilder, Begehren und Fantasien 87

nung einer Gruppe (Familie, peer group, Kultur, etc.) einen höheren Status haben und mehr
Anerkennung bekommen als andere. Auf diese Art werden gesellschaftliche Unterschiede
und Machtrelationen wirksam. Wir streben nun danach, einzelne dieser hoch bewerteten
Signifikanten und damit auch die dazugehörige gesellschaftliche Position zu verkörpern.
Diese Signifikanten fungieren als unsere Idealvorstellung, auch Ich-Ideal genannt, wobei
das Ausmaß, in dem wir davon überzeugt sind, dass wir tatsächlich diese Signifikanten ver-
körpern, unser Selbstwertgefühl definiert. D.h., dass die Identität in diesem Register auf der
Identifikation mit wichtigen Signifikanten – wie z.B. „Frau“, „Mann“, „Studentin/Student“,
„innovativ“, „beliebt“, „gescheit“, „erfolgreich“ – beruht. Diese Signifikanten sind demnach
von besonderer Bedeutung für uns, bilden sie doch die Grundlage unseres sozialen Seins.
Wenn wir glauben, diese Signifikanten zu verkörpern und wenn diese Signifikanten auch
von Anderen positiv bewertet werden, dann fühlen wir uns sehr gut. Wenn wir jedoch das
Gefühl haben, dass uns das nicht glückt oder dass diese identitätsstiftenden Signifikanten
von Anderen abgewertet werden (z.B. durch Aussagen wie „du bist kein richtiger Mann“),
dann ist auch unser Selbstwertgefühl bedroht, was sich in Angst, Depression oder Aggres-
sion niederschlagen kann. Wie Mark Bracher betont, sollte uns bewusst sein, dass es bei je-
der Äußerung um Identität geht – um die eigene oder die von Anderen.
Bracher weist auf einen zweiten Aspekt hin, wie Signifikanten für unsere Identität be-
deutsam sind. Dieser ergibt sich aus den Beziehungen der Signifikanten untereinander, die
zusammen ein System (oder in den Begriffen Foucaults: eine diskursive Formation) bilden
(siehe den Beitrag zu Michel Foucault in diesem Band). Eine andere Bezeichnung dafür ist
Wissen. Jede und jeder von uns hat Wissen unterschiedlichster Art, manches davon hat
überhaupt keinen praktischen Nutzen. Aber jede Form von Wissen, unabhängig davon, ob
es trivial oder relevant ist, hat einen stabilisierenden Effekt für unser Selbstverständnis.
Wenn Wissen anderen gegenüber zum Ausdruck gebracht wird, fungiert es als eine Art De-
finition unserer Identität und verleiht ihr eine gewisse Substanz (vgl. Bracher 2000).
Lacan betont immer wieder, dass die Sprache als zentrale Instanz der Symbolischen Ord-
nung bereits vorhanden und wirksam ist, bevor wir Menschen auf die Welt kommen. Alles
Biologische, wie etwa die Geburt eines Kindes, ist immer durch Sprache und Sprechen ver-
mittelt (vgl. Sarup 1992: 44f.). So schaffen Eltern mit ihren Vorstellungen, Hoffnungen, Plä-
nen und der Art und Weise, wie sie über ihr zukünftiges Kind sprechen, ein spezifisches Be-
deutungsgeflecht, in das es dann hineingeboren wird. Das ist der Beginn des Prozesses der
Subjektformation, in dessen Verlauf das Subjekt durch Sprache konstituiert wird und sich
gleichzeitig die Welt auch selbst mittels Sprache aneignet. Mit der Sprache werden die An-
deren für das Individuum relevant – und hier sind Lacans Konzeptionen besonders erhel-
lend, weil sie die Komplexität der Art und Weise, wie die Anderen für das Subjekt bedeut-
sam werden, nachvollziehbar machen.
Einmal stellt die Sprache selbst, das Symbolsystem mit seinen Begriffen und Katego-
rien, wie es etwa von den Eltern verwendet wird, das Andere dar. Es sind die Eltern (oder
die für die Pflege zuständigen Personen), die das Schreien der Babies mit Bedeutung verse-
hen, indem sie es z.B. als Ausdruck von Hunger interpretieren. Kinder erlernen die Sprache
ihrer Eltern (man betrachte in dem Zusammenhang den Begriff „Muttersprache“) und
drücken dann ihre Bedürfnisse mit den in dieser Sprache zur Verfügung stehenden Worten
aus, damit sie von den Eltern verstanden werden. Auf diese Weise wird eigenes Begehren
artikuliert, das nach Lacan vor dem Hintergrund, dass es eben immer nur über Sprache ver-
mittelt werden kann, als Begehren der Anderen bezeichnet wird (vgl. Fink 1995: 6). Der
88 Brigitte Hipfl

Erwerb der Sprache und unser Sprechen ist nach Lacan notwendigerweise mit einem Ent-
fremdungsprozess verbunden. Lacan spitzt dies in der für ihn üblichen Weise zu: Das
Selbst/Ich ist ein Anderer (Lacan 1980).
Das Andere als Sprache findet sich auch im Unbewussten. Bei Lacan ist das Unbewusste
nichts Innerliches, Ursprüngliches oder Instinktives, sondern „der Diskurs der Anderen“, der
sich als „Summe der Wirkungen des Sprechens auf das Subjekt“ bemerkbar macht (Lacan
1978b). Hiermit sind die Wünsche, Hoffnungen und Fantasien gemeint, die in den Gesprä-
chen der Anderen geäußert und vom Subjekt gehört und verdrängt wurden. Diese kehren in
den diversen Ausprägungen des Unbewussten wieder zurück. Wenn wir etwa an ganz nor-
male Sprechsituationen denken, so machen wir in ihnen immer wieder die Erfahrung, dass
uns manches einfach in den Sinn kommt, sich uns geradezu aufdrängt, und dass uns oft Wor-
te über die Lippen kommen, die wir so nicht geplant hatten. Lacan bietet uns als Erklärung
das Bild von zwei parallel laufenden Diskursketten an, wobei eine die der gesprochenen
Worte ist, die zweite die der unbewussten Gedanken. Es ist gerade die zweite Diskurskette,
die in die erste immer wieder einbrechen kann – z.B. in Form eines Versprechers (Fink
1995: 14f.). Das Unbewusste ist, so eine berühmte Aussage von Lacan, wie eine Sprache
strukturiert. Damit ist die formale Struktur einer Sprache gemeint, nicht die Bedeutungen
(vgl. Fink 1995: 21). Die psychoanalytische Arbeit ist darauf ausgerichtet, die dieser Struk-
tur zugrunde liegende Logik, konkret die Verkettung von Signifikanten, zu entschlüsseln.

2.2 Das Register des Imaginären


Das Register des Imaginären umfasst die Aspekte, die am stärksten dem nahe kommen, was
im Alltagsdiskurs als Selbst oder Identität verstanden wird: das bewusste, selbst-reflexive
Ich, das mit einem ganzheitlichen Bild vom eigenen Körper verknüpft ist. Allerdings macht
Lacan klar, dass es sich dabei um Täuschungen, um idealisierte Bilder seiner selbst handelt,
die im Dienst des Lustprinzips stehen. Er spricht sogar davon, dass das Ich „der Ort der Illu-
sionen“ (Lacan 1978a) ist. In seiner berühmt gewordenen Abhandlung zum „Spiegelstadium“
(Lacan 1973) beschreibt Lacan, wie das Kleinkind erstmals die Erfahrung einer eigenen,
einheitlichen körperlichen Identität macht, und begründet damit die zentrale Funktion des
Ichs, die im Verkennen besteht.
Lacan setzt bei der Beobachtung an, dass Kinder im Alter zwischen sechs und achtzehn
Monaten beim Blick in den Spiegel jubilierende Reaktionen zeigen. In diesem Alter können
sie ihre Körperbewegungen noch nicht vollständig koordinieren, der eigene Körper wird als
fragmentiert und zerstückelt wahrgenommen. Nun sehen sie im eigenen Spiegelbild ein ein-
heitliches Ganzes, eine Gestalt, die im Gegensatz zu der noch nicht vorhandenen Koordina-
tion des eigenen Körpers steht. Dies wird zuerst als Rivalität erlebt und erzeugt eine ag-
gressive Spannung. Indem sich das Kind mit diesem Bild identifiziert, es also als sein
eigenes Bild annimmt, löst sich diese Spannung und bewirkt eine freudige Reaktion des
Kindes. „Die Freude ergibt sich aus dem imaginären Triumph in der Vorwegnahme eines
Grades von muskulärer Ko-ordination, die es noch nicht erreicht hat“ (Lacan 1951, zit. in
Evans 2002: 278). Damit ist das Kind in die imaginäre Ordnung eingeführt, in der „das Sub-
jekt permanent von seinem eigenen Bild erfasst und gebannt wird“ (Evans 2002: 277).
Das eigene Bild in der Spiegelphase ist aber ein Bild, das sich außerhalb des Kindes be-
findet. Wenn sich das Kind in dem Bild erkennt, handelt es sich genau genommen um eine
Verkennung. Denn es vermittelt dem Kind die Illusion, dass es seinen Körper bereits unter
Jacques Lacan: Subjekt, Sprache, Bilder, Begehren und Fantasien 89

Kontrolle hat, was aber nicht der Fall ist. Wir haben es hier mit einer Fiktion zu tun, die je-
doch sehr wirkmächtig ist, da sie Mängel verdeckt und das Gefühl einer kohärenten Iden-
tität erweckt. Das imaginäre Bild/Ich erfüllt die Funktion eines Halts, einer Stütze (vgl. Wid-
mer 1997: 29). All dies funktioniert jedoch nur, wenn das Kind eine Vergewisserung durch
eine Betreuungsperson bekommt, die dem Kinde gegenüber bestätigt: „Ja, das bist du“. Die
pflegende Person hat bereits zuvor durch die Art und Weise der Interaktionen und über die
Benennung und Behandlung spezifischer Körperteile dem Kleinkind die Gewissheit ver-
mittelt, dass es existiert und sich selbst spürt (vgl. Widmer 1997:30). Aber erst im Spiegel-
stadium nimmt sich das Kind erstmals als eine eigene, auch von der pflegenden Person/Mutter
losgelöste Einheit wahr.
Dieser Prozess wird von Lacan mit der Metapher des Spiegels beschrieben, ist aber na-
türlich nicht an einen Spiegel gebunden. Die imitierenden Verhaltensweisen von Erwachse-
nen, anderen Kindern, aber auch Medien wirken im Alltag als Spiegelbilder für das Klein-
kind (vgl. Evans 2002: 276). In dem bestätigenden Blick der pflegenden Person/Mutter
kommt das Begehren zum Ausdruck, ein ideales, schönes Baby zu haben. Wenn sich das
Kind mit seinem Spiegelbild bzw. mit den Spiegelungen von Anderen identifiziert, identifi-
ziert es sich mit dem Begehren der Anderen. Im späteren Leben zeigt sich diese Struktur be-
sonders deutlich in der Liebe, die gekennzeichnet ist von gegenseitigen Idealisierungen (vgl.
Widmer 1997: 32).
Dieses imaginäre Bild eines einheitlichen, körperlichen Ichs entsteht also in einem Pro-
zess der Entfremdung, da das Bild, das die Grundlage für die Entwicklung der Vorstellung
von sich selbst ist, sich außerhalb und losgelöst von sich befindet. Vor diesem Hintergrund
wird verständlich, warum Lacan so vehement gegen die Ich-Psychologie, die eine Stärkung
des Ichs zum Ziel hat, eingetreten ist. Denn seiner Meinung nach werden damit nur narziss-
tische Idealbilder und der Panzer einer wahnhaften Identität (Lacan 1973: 67) verstärkt.
Durch die Identifizierung mit dem Spiegelbild kommt es nach Lacan zu einer Transforma-
tion im Subjekt, da es sich als sein Bild erkennt und es als sein eigenes aneignet. Gleich-
zeitig wird dieses Bild aber als etwas wahrgenommen, das außerhalb ist und das Subjekt „als
Rivalen seiner selbst“ konstituiert (Evans 2002: 144). Mit diesem Prozess sind also auch Ge-
fühle der Rivalität und Aggressivität gegenüber Anderen verbunden, was sich in Konkurrenz
gegenüber anderen Körpern niederschlägt, die als Bedrohung der eigenen einheitlichen
Identität erlebt werden. Das imaginäre Ich ist von seiner Struktur her darauf ausgerichtet,
seine Position und Erscheinung zu verteidigen. Es ist resistent gegenüber Veränderung und
kann z.B. auch Fakten verleugnen, um Illusionen aufrecht zu halten. Lacan spitzt dies so
weit zu, dass er von einer paranoiden Wissensstruktur spricht, die hier wirksam wird: Das
Ich und seine Objekte werden mit Attributen wie Permanenz, Substanz und Kohärenz ver-
sehen (Lacan 1966, zit. in Muller 2000: 46).
Die Identifikation des Kindes mit dem Spiegelbild ist das Modell für spätere Identifikatio-
nen. Die Struktur der Imaginären Ordnung bezieht sich auf die phänomenologische Vorstel-
lung einer abgegrenzten Einheit, die das Ich bildet und die unser gesamtes Leben lang einen
Teil menschlicher Subjektivität ausmacht. Entsprechend versuchen wir immer, diese imagi-
näre Ganzheit unseres Idealbildes, auch „Ideal-Ich“ genannt, aufrecht zu halten. Das Ideal-
Ich repräsentiert das, was wir gerne sein möchten; es entspricht einem Bild von uns, das uns
so zeigt, wie wir uns selbst als liebenswert empfinden und das uns so darstellt, wie wir uns
selbst gerne sehen. Diese Seite des Ichs entwickelt sich auf der Basis dessen, was ihm durch
Andere zurückgespiegelt wird. D.h., das imaginär-körperliche Ich kann nur das sein, was es
90 Brigitte Hipfl

in den Anderen findet; die Einheit des Selbst ist abhängig von der Einheit der Objekte, die
das Individuum wahrnimmt (Samuels 1993: 13, 63). Für Bracher (2000: 156) kommt unser
Interesse an Kunst, Schauspiel, Medienbildern, Sportveranstaltungen etc. aus der Suche nach
Bildern, die Einheit, Stärke und Kohärenz repräsentieren und die über die Identifikationspro-
zesse dazu beitragen, dass auch wir uns in stärkerem Maße einheitlich und kohärent fühlen.

2.3 Das Register des Realen


Wenn Lacan vom Realen spricht, dann ist damit nicht das gemeint, was alltagssprachlich als
Realität bezeichnet wird. Vielmehr bezieht sich das Reale auf den Bereich der Natur, auf al-
les, was mit Leben und Tod zu tun hat. Dazu gehört auch der Körper in seiner rohen physi-
schen Existenz, nicht jedoch das imaginäre Körperbild (vgl. Evans 2002: 251). Das Reale
entspricht der existenziellen Erfahrung unseres Seins und Werdens, die bestimmt ist von
sinnlichen Erlebnissen und Stimmungen. Lacan unterscheidet zwei Seiten des Realen (vgl.
Fink 1995: 27f.): Die eine ist das präsymbolische Reale, die organische Grundlage unserer
Existenz, die als autoerotische Libido, als ein Zustand der Vollständigkeit und Ganzheit cha-
rakterisiert wird. Dies entspricht Sartres „An-Sich-Sein“, einem Zustand ohne Mangel und
ohne Negation. Die andere ist das Reale als Effekt des Eintritts in die Symbolische Ordnung.
Wie bereits bei der Beschreibung des Registers der Symbolischen Ordnung ausgeführt, geht
mit der Symbolisierung eine Entfremdung zu dem der Sprache vorausgehenden Realen ein-
her. Das Reale kann nie vollständig symbolisiert werden, es bleibt immer ein Rest übrig.
Der Prozess der Symbolisierung des Realen setzt schon beim Körper des Kleinkindes an.
Im Zuge der verschiedenen Sozialisierungsmaßnahmen (wie etwa Sauberkeitstraining) wird
dem Körper die Kultur eingeschrieben. So werden durch die Art und Weise der Pflege und
Behandlung des Körpers bestimmte Körperzonen erogenisiert und andere neutralisiert. Zu-
vor gibt es diese Differenzierung nicht, der gesamte Körper ist eine durch nichts unterbro-
chene erogene Zone. Es gibt weder privilegierte Zonen noch Bereiche, die von diesem auto-
erotischem Genießen abgegrenzt oder ausgeschlossen sind. Genauso ist auch das Reale bei
Lacan zu verstehen – als ein Bereich ohne Unterscheidungen, eine Art undifferenzierten Ge-
webes, eine nahtlose Oberfläche. Es ist die Symbolische Ordnung, die Unterscheidungen
und Differenzierungen vornimmt und versucht, das Reale mit Symbolen zu fassen und zu
beschreiben. Auf diese Weise wird „Realität“ hergestellt, indem aufgrund der Benennung
über etwas gesprochen werden kann und die Menschen sich darüber austauschen. Hier zeigt
sich die Funktion der Sprache, etwas zur Existenz zu bringen, ein Phänomen, das uns unter
der Bezeichnung „soziale Konstruktion von Wirklichkeit“ inzwischen vertraut ist (vgl. Fink
1995: 25). Was nicht sprachlich gefasst werden kann, ist nicht Teil der menschlichen Rea-
lität, existiert also nicht. Dinge werden durch Benennung zur Existenz gebracht. Das trifft
auch auf das Subjekt zu, das eben auch durch Sprache in einer bestimmten Weise konstitu-
iert wird. Aber gerade das Register des Realen, das der Sprache vorausgeht, macht deutlich,
dass die durch Sprache erzeugte Subjektivität nicht alles ist, was Menschsein ausmacht. Das
Reale als Dimension menschlicher Subjektivität „existiert“ zwar in dem zuvor angespro-
chenen Sinn der existenzerzeugenden Funktion von Sprache nicht. Es ist jedoch bereits vor
der Sprache da und verschwindet weder mit dem Eintritt des Subjekts in die Sprache, noch
wird es aufgehoben oder überwunden. Es bleibt vielmehr als die für uns je spezifische Form
des Genießens unser Leben lang die dritte Dimension unserer Identität. Diese spezifische
Form des Genießens macht nach Lacan unsere individuelle Besonderheit aus. Der Ursprung
Jacques Lacan: Subjekt, Sprache, Bilder, Begehren und Fantasien 91

des Genießens liegt in den ersten Erfahrungen, die wir als Säugling machen aufgrund der
das Menschsein charakterisierenden Mangelsituation, auf die Hilfe anderer angewiesen zu
sein. In der ersten Lebensphase werden die psychischen Muster des Genießens und des Um-
gangs mit Mangel grundgelegt (vgl. Alcorn 1994).
Die Symbolische Ordnung reguliert über das sogenannte Lustprinzip dieses Genießen.
Dabei geht es darum, Unangenehmes, wie zuviel Erregung, zu vermeiden und einen Zustand
der Beständigkeit innerhalb der Konventionen der sozialen Ordnung zu erhalten. Mit dieser
Kontrolle des Genießens wird gleichzeitig der Wunsch nach Überschreitung des Lustprin-
zips grundgelegt. Dies erfolgt über die Triebe, die nichts mit Biologie zu tun haben und von
Lacan strikt von Instinkten unterschieden werden. Triebe sind Momente der Verknotung der
drei psychischen Ordnungen des Symbolischen, Imaginären und Realen (vgl. Widmer 1997:
16). Sozialisation wird bei Lacan als Effekt der Identifikation mit bestimmten Signifikanten
(wie z.B. Mann oder Frau) verstanden, der mit einer symbolischen Kastration einhergeht.
Konkret bedeutet dass, dass der Körper kolonisiert wird und sich das Genießen nicht mehr
auf den gesamten Körper bezieht, sondern auf klar definierte Körperteile und -bereiche (vgl.
Bracher 2000: 162). Diese Körperzonen betreffen die oralen, analen und genitalen Funktio-
nen sowie Sehen und Hören und bilden die Grundlage für die Triebe. Triebe können nie be-
friedigt werden; ihr Ziel ist die Wiederholung des Triebkreislaufes, der von einer erogenen
Zone ausgeht, ein Objekt umkreist und zur erogenen Zone zurückkehrt. Dieser „Kreislauf
des Triebes ist der einzige Weg, auf dem das Subjekt über das Lustprinzip hinausgelangen
kann“ (Evans 2002: 312). Jeder Trieb ist gekennzeichnet durch seine Exzessivität und die
ständige Wiederholung dieses Kreislaufes. Damit kann er zerstörerische Wirkung haben und
gilt, da Genießen als „Weg zum Tod“ verstanden wird, als Todestrieb (Evans 2002: 314,
115). „(D)er beständige ‚Druck‘, der dem Trieb zugrunde liegt“ (Evans 2002: 53) ist das Be-
gehren. Dieses unbewusste Begehren ist für Lacans Subjektkonzeption von zentraler Be-
deutung, spricht er doch davon, dass das Begehren das Wesen des Menschen ist (vgl. Lacan
1978b). Damit ist einerseits das Begehren als Motor und Motivationsprinzip gemeint, ande-
rerseits sind die Formen unbewussten Begehrens angesprochen, die in unserer ersten Le-
bensphase grundgelegt werden und das je Besondere, Individuelle ausmachen. Das Objekt,
das umkreist wird und „das Begehren in Bewegung setzt“ (Evans 2002: 205), wird von La-
can als „Objekt-Grund“ des Begehrens bezeichnet. Die unterschiedlichsten Dinge nehmen
im Laufe unseres Lebens die Funktion dieses Objekts ein. Gemeinsam ist ihnen, dass sie mit
der Fantasie verbunden werden, dass es gerade dieses Ding ist (das wir haben oder sein
möchten), das uns die mit dem präsymbolischen Realen verbundene ursprüngliche Ganzheit,
das umfassende Genießen verspricht. Dieses Objekt steht für den Teil des eigenen Leben-
dig-Seins, der nicht von den Signifikanten repräsentiert werden kann (vgl. Bracher 1993).
Fantasien sind als Inszenierungen des Begehrens zu verstehen, sie geben unserem Be-
gehren Richtung und Form. Die Symbolische Ordnung versorgt uns mit einer Fülle an Ideen
und Anregungen, was wir begehren können. Das können Dinge sein, die mit Anerkennung
und Status verknüpft sind und natürlich alles, was die Konsumgesellschaft zu bieten hat.
Manche der Fantasien entsprechen unserem Ich-Ideal und Ideal-Ich und stützen die
Aspekte unserer Identität, die sich durch die Prozesse in den Registern der Symbolischen
Ordnung und des Imaginären entwickeln. Das unbewusste Begehren, das in paradoxer
Weise den inhaltslosen Kern unserer Identität darstellt, wird in unbewussten Fantasien in-
szeniert, die jedoch unsere Identität im Imaginären und in der Symbolischen Ordnung be-
drohen können (vgl. Bracher 2000: 162).
92 Brigitte Hipfl

3. Zur Relevanz des Subjektkonzepts nach Lacan für eine Cultural-Studies-orientierte


Medienforschung
Das Subjektkonzept Lacans stellt eine gewisse Herausforderung für die Cultural Studies dar.
Denn dieses Subjekt kann nur durch die Erforschung des Zusammenwirkens der drei psy-
chischen Ordnungen verstanden werden. Lacan hat mithilfe des Borromäischen Knotens die
gegenseitige Abhängigkeit von Symbolischer Ordnung, Imaginärem und Realem veran-
schaulicht (vgl. Lacan 1986). Beim Borromäischen Knoten sind drei Ringe so miteinander
verbunden, dass beim Auflösen eines Ringes der gesamte Knoten auseinanderfällt. Um als
Subjekt handlungsfähig zu sein und eine gewisse Kohärenz und Stabilität der eigenen Iden-
tität zu erfahren, bedarf es der Verknüpfung der drei psychischen Register.
Übertragen auf die Medienforschung heißt dies, dass auch dort alle drei Dimensionen
der Identität miteinbezogen werden müssen. Gegenwärtig werden vor allem Fragen unter-
sucht, die sich auf das Register der Symbolischen Ordnung beziehen – es geht um mediale
Repräsentationen, um Diskurse, die angeboten, gestützt oder infrage gestellt werden, um
Subjektpositionen, die bereitgestellt und in unterschiedlicher Weise aufgegriffen werden
bzw. um verschiedene Wissensformen. Das zentrale Anliegen der Cultural Studies, dem
„Kampf um Bedeutungen“ auf die Spur zu kommen bzw. in diesen Kampf aktiv einzugrei-
fen, ist in erster Linie auf der Ebene der Signifikanten angesiedelt. Nur in Ausnahmefällen
– wie etwa in den Arbeiten von Valerie Walkerdine (siehe den Beitrag zu Valerie Walkerdine
in diesem Band) – werden die identitätsstabilisierenden Kräfte einbezogen, die im Register
des Imaginären wirksam sind, sowie das unbewusste Begehren und die unbewussten Fan-
tasien, die dem Register des Realen zuzuordnen sind. Das psychoanalytische Subjektmodell
von Lacan, bei dem Sprache, aber auch die über die Sprache hinausgehenden Faktoren wie
etwa das Begehren, eine zentrale Rolle spielen, liefert eine umfassendere Erklärung für die
Interpellation durch Diskurse, aber auch für den Widerstand dagegen, als dies bei den post-
strukturalistischen Theorien der Fall ist, die gegenwärtig die Cultural Studies dominieren.
Es liegt an uns, die Herausforderung aufzugreifen und das Potenzial auszuschöpfen, das die
Konzepte Lacans für das Verständnis der Bedeutung von Medien darstellen. Dabei können
wir uns von der wachsenden Zahl an Publikationen anregen lassen, in denen Medienfragen aus
psychoanalytischer Perspektive untersucht werden (vgl. z.B. jagodzinski 2004, jagodzinski
2008, McGowan/Kunkle 2004, Neroni 2005, Zizek 1991, 1992, 2000).

Literatur
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Cornell University Press.
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S. 145–172.
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Fink, Bruce (1995): The Lacanian Subject. Between Language and Jouissance. Princeton: Princeton University
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Jacques Lacan: Subjekt, Sprache, Bilder, Begehren und Fantasien 93

jagodzinski, jan (2004): Youth Fantasies. The Perverse Landscape of the Media. New York: Palgrave Macmillan.
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S. 61–70.
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II. Ausgewählt und herausgegeben von Norbert Haas. Freiburg: Walter-Verlag, S. 15–59.
Lacan, Jacques (1978a): Freuds technische Schriften. Seminar Nr. 1. Weinheim/Berlin: Walter und Quadriga.
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Lacan, Jacques (1980): Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psychoanalyse. Seminar Nr. 2. Wein-
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McGowan, Todd/Kunkle, Sheila (Hrsg.) (2004): Lacan and Contemporary Film. New York: Other.
Muller, John (2000): The Origins and Self-Serving Functions of the Ego. In: Ror Malone, K./Friedlander, S.R.
(Hrsg.): The Subject of Lacan. A Lacanian Reader for Psychologists. New York: State University of New York
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Samuels, Robert (1993): Between Philosophy & Psychoanalysis. Lacan’s Reconstruction of Freud. New York/Lon-
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Sarup, Madan (1992): Jacques Lacan. New York u.a.: Harvester Wheatsheaf.
Widmer, Peter (1997): Subversion des Begehrens. Eine Einführung in Jacques Lacans Werk, Wien: Turia + Kant.
Zizek, Slavoj (1991): Liebe Dein Symptom wie Dich selbst! Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien. Ber-
lin: Merve.
Zizek, Slavoj (1992): Mehr-Genießen. Lacan in der Populärkultur. Wien: Turia + Kant.
Zizek, Slavoj (2000): Lacan in Hollywood. Wien: Turia + Kant.
Zizek, Slavoj (2008): Lacan. Eine Einführung. Aus dem Englischen von Karen Genschow und Alexander Roesler.
Frankfurt am Main: Fischer.
Raymond Williams: Materialität und Kultur
Udo Göttlich

1. Einleitung
Über Raymond Williams liegen mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum eine Reihe
an Betrachtungen vor, die bei seiner Rolle für die Entwicklung der Cultural Studies anset-
zen (vgl. Klaus 1983; Göttlich 1996; Winter, R. 2001; Horak 2006, Winter, C. 2007)1. Der
vorliegende Beitrag erweitert diese Betrachtungen um eine Diskussion von Williams’ kul-
tur- und mediensoziologischer Stellung und Bedeutung. Zum einen soll damit seine Rolle
innerhalb der Cultural Studies sowie der Kulturwissenschaft im Unterschied zu den am Kul-
turbegriff ansetzenden Betrachtungen seines Werks verdeutlicht werden, und zum anderen
soll die mit seinem Ansatz verbundene praxistheoretische Ausrichtung für die Medienkul-
turanalyse konturiert werden. Betrachtungen zu Williams’ kulturtheoretischen Arbeiten he-
ben vielfach mit einem Verweis auf seine Schlüsseltexte „Culture and Society“ (1958) und
„The Long Revolution“ (1961) an, denen sich neben der Etablierung des für die Cultural
Studies typischen Kulturkonzepts die für die Kulturanalyse relevanten Schlüsselbegriffe wie
z.B. „structure of feeling“, „common culture“ oder „culture as a whole way of life“ verdan-
ken (vgl. Horak 2006: 208ff.). Diese Arbeiten spielen innerhalb der Rezeption von Williams’
Arbeiten in den Cultural Studies eine herausragende Rolle, da sie mit am Ausgangspunkt der
kulturtheoretischen Entwicklung im Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS)
standen. Seine Arbeiten aus den 1970er und 1980er Jahren, in denen er die Formulierung sei-
ner eigenständigen kulturtheoretischen Position des „kulturellen Materialismus“ verfolgte,
sind hingegen auch in den Cultural Studies nicht mehr in der Breite wie seine frühen, für die
Genese dieses kulturwissenschaftlichen Projekts zentralen Arbeiten rezipiert worden (vgl.
Göttlich 1997). Dabei sind es gerade seine Arbeiten zu medien- und kulturwissenschaft-
lichen Grundfragen aus der Perspektive des kulturellen Materialismus, denen für die Cul-
tural Studies weitere Anregungen zu entnehmen sind. Zur Verdeutlichung des Stellenwerts
seiner theoretischen Position für die Medienkulturanalyse werde ich zunächst die Problem-
stellung skizzieren, vor die sich Williams in der Entwicklung seines Werks gestellt sah (vgl.
Göttlich 1996: 240ff.). Im Anschluss daran werde ich die Kernelemente seiner Position im
Vergleich mit der Kultursoziologie und den Cultural Studies herausstreichen und in die brei-
tere Strömung kulturtheoretischer Entwicklungen einordnen. Abschließend werde ich einen
Überblick zur Bedeutung seiner praxistheoretischen Position für die Medienkulturanalyse
geben.
Einleitend soll zunächst ein kurzer Abriss seines wissenschaftlichen Werdegangs ge-
schildert werden. Als der 1921 geborene Williams 1961 zum Lecturer an der Universität
Cambridge ernannt wurde (vgl. Higgins 1999: 64), lagen fünfzehn Jahre der Lehrtätigkeit in
der Erwachsenenbildung hinter ihm (1946–1961). Williams gehörte wie z.B. auch Richard
Hoggart zu dem Kreis von scholarship boys aus der englischen Arbeiterklasse, denen mit

1 Vgl. für die anglo-amerikanische Debatte u.a. Thompson (1961), O’Connor (1989), Eagleton (1989), Eldridge/
Eldridge (1994), Inglis (1995), Higgins (1999), Milner (2002).
Raymond Williams: Materialität und Kultur 95

Stipendien ein Universitätsstudium in Oxford oder Cambridge ermöglicht wurde. Auf sei-
nem akademischen Weg hatte er sich bereits frühzeitig einen Namen mit „Culture and So-
ciety“ gemacht. Über diesen Zusammenhang hinaus wirkte er mit seinen Aktivitäten in der
British New Left sowie der Labour-Partei und schließlich als Mitautor des „May Day Ma-
nifestos“ (Hall et al. 1968), das eine nach-sozialdemokratisch Linke propagierte (vgl. Ho-
rak: 207). In seiner Arbeit als Fellow am Jesus College lehrte er im wesentlichen Drama und
Literatur und wurde von der Cambridge University im Jahr 1967 als Reader sowie 1974 als
Professor für „Drama“ ernannt.2 In den Jahren 1972–73 war er zudem Gastprofessor für Po-
litische Wissenschaft an der Stanford University.3 Der Universität von Cambridge und dem
Jesus College blieb er bis zu seinem Tod im Januar 1988 verbunden, auch wenn er bereits
1983 emeritierte. Die 1950er und die 1960er Jahre markieren den Zeitraum, vor dessen
Hintergrund Williams zusammen mit Hoggart und Edward P. Thompson zu den zentralen
Gründungsvätern der Cultural Studies gezählt wird.

2. Problemstellung der Kulturanalyse und Theorie


Den Ausgangspunkt von Williams’ Arbeiten bildet das Bestreben, den gesellschaftlichen
Reproduktionsprozess von Seiten der materiellen und symbolischen Alltagspraxis und ihrer
kulturellen Organisation her zu erschließen. Im Rahmen seiner theoretischen Position des
kulturellen Materialismus geht es ihm seit den 1970er Jahren um die Herausarbeitung der
„[…] full possibilities of the concept of culture as a constitutive social process, creating dif-
ferent ‚ways of life‘, which could have been remarkably deepened by the emphasis on a ma-
terial social process […]“ (Williams 1980: 19). In marxistischer Perspektive werden Kultur
und soziale Praktiken als materieller Hintergrund bzw. Rahmen der gesellschaftlichen Pro-
duktion und Reproduktion verstanden. Dieses Verständnis bietet – wie sich weiter unten im
Zusammenhang mit der medienkulturanalytischen Problemstellung zeigt – auch Anschluss-
punkte für eine aktuelle praxistheoretische Reformulierung, wie sie von unterschiedlicher
Seite gegenwärtig in der Soziologie verfolgt wird (vgl. Reckwitz 2000, vgl. Hörning/Reuter
2004). Grundsätzlich findet in dieser Position ein an demokratischen Entwicklungen inter-
essiertes Kulturkonzept seinen Niederschlag, das wie in „Culture and Society“ sowie „The
Long Revolution“ dargelegt, von der Klassenbedingtheit des Kulturbegriffs ausging und ne-
ben Unterschieden und Gemeinsamkeiten nach Möglichkeiten für eine Ausweitung des
„common culture concepts“ suchte. Dieses Konzept beinhaltet nach Klaus (1983: 207) ei-
nen doppelten Sachverhalt: Zum einen nimmt es das beständige Schaffen und Erweitern von
Werten und Bedeutungen in den Blick. Zum anderen sucht es nach Möglichkeiten demo-
kratischer Partizipation, mit der Strukturen der Unterprivilegierung beseitigt werden sollen.
Für die Entwicklung von Williams’ kulturtheoretischer Position ist an dieser Stelle ent-
scheidend, dass er mit dem kulturellen Materialismus seine kulturalistischen Arbeiten aus
den 1950er und 1960er Jahren zu einem eigenständigen kulturtheoretischen Konzept weiter-
entwickelt. Die ursprünglich kulturalistische Frage, die sich auf die Beziehung von Elemen-
ten einer ganzen Lebensweise erstreckt, wird fortentwickelt durch die kultursoziologische
Frage nach der Rolle und Funktion von „signifying practices“ (Bedeutungspraktiken) im
Gesellschaftsprozess.

2 Vgl. dazu den Inauguralvortrag „Drama in a Dramatised Society“, Williams (1984).


3 In diesem Zeitraum entstand das Buch „Television, Technology and Cultural Form“, vgl. Williams (1974).
96 Udo Göttlich

Dabei zielte die am Ausgangspunkt der Cultural-Studies-Entwicklung stehende kultura-


listische Perspektive im Unterschied zum kulturellen Materialismus noch allgemeiner auf
eine „[…] gesellschaftliche Bestimmung der Kultur, in der diese als Beschreibung einer be-
stimmten Lebensweise erscheint, deren Werte sich nicht nur in Kunst und Erziehung aus-
drücken, sondern auch in Institutionen und im ganz gewöhnlichen Verhalten“ (Williams
1983: 45). Der Formulierung dieser kulturalistischen Position lagen vier Bedeutungsvarian-
ten des Kulturbegriffs zugrunde, die Williams in seinem Schlüsselwerk „Culture and Society“
in einer historischen Aufarbeitung verfolgte. Neben der Bezeichnung für „einen allgemeinen
Geisteszustand oder eine geistige Gewohnheit“ bezeichnete das Wort „den allgemeinen Stand
der geistigen Entwicklung einer Gesamtgesellschaft“ und darauf aufbauend, „die Künste ins-
gesamt“. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts ergab sich im wesentlichen vermittelt über Werke
T.S. Eliots oder Matthew Arnolds die Auffassung von Kultur in der Bedeutung „einer ganzen
Lebensweise, materiell, intellektuell und geistig“ (Williams 1972: 17).
Dieses Konzept führt Williams in seinem zweiten Schlüsselwerk „The Long Revolution“
weiter aus und entwickelte ein auf Kreativität als Kennzeichen der Kultur gerichtetes Be-
griffsverständnis, das dann in den späteren Arbeiten – vor allem in „Marxism and Literatu-
re“ (1977) und „Culture“ (1981) – auf die materialistische Rolle der Sprache als „Produk-
tionsmittel“ bezogen wird und Kultur in ihrer Eigenschaft als soziale Praxis verfolgt. Mit
diesem Schritt werden Fragen zur kulturellen (Re-)Produktion und Praxis erstmals aus Sicht
des kulturellen Materialismus in ihrer Verbindung mit Formen gesellschaftlicher Kommu-
nikation diskutiert. Das führt schließlich auch zur Analyse der mit den Massenkommunika-
tionsmedien verbundenen Institutionen, Organisationen und Formationen und ihrer Stellung
im Kultur- und Gesellschaftsprozess. Die Analyse solcher Formationen und Institutionen
begreift Williams als grundlegende Aufgabe der kultursoziologischen Arbeit, die er in dem
Buch „Television and Cultural Form“ (1974) erstmals am Beispiel ausformuliert und in
„Culture“ theoretisch vertieft (vgl. Williams 1981: 30ff.).

3. Zur Genese des kulturellen Materialismus


Als entscheidendes Ergebnis der kulturalistischen Phase der Cultural Studies – die, wie ein-
leitend bereits gesagt, zentral mit Williams’ Büchern „Culture and Society“ und „The Long
Revolution“ verbunden ist – gilt, dass „Kultur“ nicht mehr länger als „abstraktes Ideal“ oder
als „Korpus geistiger und imaginativer Werke“ begriffen wird, sondern als „whole way of life“
– der durchaus klassenbedingt ist – verstanden wurde. Mit dieser Position sieht Williams die
Hauptaufgabe der Kulturanalyse darin, „eine Klärung der Bedeutungen und Werte zu be-
sorgen, die von einer bestimmten Lebensweise, einer bestimmten Kultur implizit oder ex-
plizit verkörpert werden“ (Williams 1983: 45).
Sucht man von dieser theoretischen Fassung ausgehend nach Gemeinsamkeiten und
Unterschieden von Cultural Studies und Kultursoziologie, dann ergeben sich Gemeinsam-
keiten dadurch, dass beide „Traditionen“ in den exemplarischen Personen von Samuel Tay-
lor Coleridge und Johann Gottfried von Herder zunächst eine literaturkritisch begründete
Annäherung an das Verhältnis von Kultur und Gesellschaft auszeichnet, bei der die Kultur
sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland antithetisch den Kräften der Industriali-
sierung und der materiellen Zivilisation gegenübergestellt gesehen wurde. Während diese
Denktradition in Deutschland in die Soziologie einmündet und in Konzepten wie Gemein-
schaft und Gesellschaft fortentwickelt und differenziert wurde, blieb sie in Großbritannien
Raymond Williams: Materialität und Kultur 97

bis in die 1950er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein der akademischen Tradition der Eng-
lish Studies, also der Literaturwissenschaft und Literaturkritik verbunden. Erst mit den Cul-
tural Studies wurde dieses Kulturverständnis aus dem engeren Kreis der literaturkritischen
Tradition herausgelöst und im soziologischen Sinn zur Analyse der Gegenwartskultur nutz-
bar gemacht.
Der erweiterte Kulturbegriff, mit dem Kultur als „whole way of life“ verstanden wurde,
verändert sich in diesem Prozess schließlich zu einer Kulturauffassung, in der Kultur als
„signifying system“, als Bedeutungssystem aufgefasst wird. Zu diesem Schritt heißt es bei
Williams: „Thus the distinction of culture, in the broadest or in the narrowest sense, as a rea-
lized signifying system, is meant not only to make room for study of manifestly signifying
institutions, practices and works, but by this emphasis to activate study of the relations bet-
ween these and other institutions, practices and work“ (Williams 1981, 208f.).
Williams’ Bücher „Marxism and Literature“ (1977) sowie „Culture“ (1981), in denen
dieser Schritt auf theoretischem Gebiet weiter ausgearbeitet wird, lassen sich daher zu Recht
als Schlüsselwerke des kulturellen Materialismus bezeichnen. Die Spezifik von Williams’
materialistischer Position lässt sich im Vergleich mit der im selben Zeitraum im deutsch-
sprachigen Raum unternommenen Neubegründung der Kultursoziologie darin zusammenfas-
sen, eine theoretische Perspektive auf den Zusammenhang zu begründen, „daß alle Sozia-
lität, also alle Konstitutionsbedingungen von Vergesellschaftung (und Gesellschaftsbildung)
gebunden sind an die spezifisch kulturellen Sprach- und Symbolisationsfähigkeiten, die die
Lebensweise des Menschen auf allen Ebenen bestimmen“ (Rehberg, 1986: 107, Herv. i.O.).
Williams spricht bei seiner Auseinandersetzung mit der Kultursoziologie nicht von ungefähr
von Kultur als Bedeutungssystem und verweist auf die Rolle unterschiedlicher Bedeutungs-
praktiken („signifying practices“), wie sie sich in unterschiedlichen kulturellen Institutionen
und Formationen ausdrücken, entwickeln oder als Produktionsmittel wirksam sind (Williams
1981: 14). Im Kontext dieser Theorieentwicklung ergibt sich für Williams schließlich, dass
die Cultural Studies „a kind of sociology“ darstellen, „which places its emphasis on all signi-
fying systems, it is necessarily and centrally concerned with manifest cultural practices and
production“ (ebd.: 14).
Der kulturelle Materialismus zielt mit diesem Kulturverständnis – vergleichbar auch mit
der Theorie Pierre Bourdieus – auf die „Konstruktion einer angemessenen Theorie des sozi-
alen Raums“ (Bourdieu 1985: 9). Für Bourdieu erzwang eine solche Theorie geradezu eine
Überwindung des schon lange in der Kritik stehenden marxistischen Basis-Überbaumodells,
das kulturelle Phänomene zu einer abgeleiteten bzw. determinierten Größe machte. Die für
die Reformulierung der materialistischen Theoriebildung entscheidenden Schritte lassen
sich anhand der von Bourdieu zu Beginn der 1980er Jahre erhobenen Forderung zur Refor-
mulierung dieser theoretischen Perspektive im Überblick zusammenfassen. Nach Bourdieu
geht es um vier Brüche, die die unterschiedlichen mit der Reformulierung der Theorie Marx’
befassten Ansätze bei der „Konstruktion einer angemessenen Theorie des sozialen Raums“
(ebd.) auf ihre Art mehr oder weniger umfassend verfolgen müssten: Es handelte sich zu-
nächst um einen Bruch „[…] mit der tendenziellen Privilegierung der Substanzen – im vor-
liegenden Fall die realen Gruppen, deren Stärke, Mitglieder, Grenzen man zu bestimmen
sucht – auf Kosten der Relationen; Bruch aber auch mit der intellektualistischen Illusion, als
bilde die vom Wissenschaftler entworfene theoretische Klasse eine reale Klasse oder tat-
sächlich mobilisierte Gruppe; Bruch sodann mit dem Ökonomismus, der das Feld des Sozi-
alen, einen mehrdimensionalen Raum, auf das Feld des Ökonomischen verkürzt, auf öko-
98 Udo Göttlich

nomische Produktionsverhältnisse, die damit zu den Koordinaten der sozialen Position wer-
den; Bruch schließlich mit dem Objektivismus, der, parallel zum Intellektualismus, die sym-
bolischen Auseinandersetzungen und Kämpfe unterschlägt, die innerhalb der verschiedenen
Felder ausgetragen werden und in denen es neben der Repräsentation der sozialen Welt um
die Rangfolge innerhalb jedes einzelnen Feldes wie deren Gesamtheit geht“ (ebd.). Für Wil-
liams wird an dieser Stelle die Auseinandersetzung mit Antonio Gramscis Hegemoniekon-
zept entscheidend, mit dem in der Machtanalyse dominante, emergente und residuale Kräfte
unterschieden werden können (siehe den Beitrag zu Antonio Gramsci in diesem Band).
Die Entwicklung des kulturellen Materialismus ist für Williams über die Perspektive
Bourdieus hinausgehend aber auch Ausdruck einer Konvergenz des anthropologischen mit
dem spezifischen, auf kulturelle bzw. künstlerische Produktion ausgerichteten Kulturver-
ständnis. Es handelt sich um eine Konvergenz, die ebenfalls im Hintergrund der Neube-
gründung der Kultursoziologie zu beobachten ist, zu der Williams ausführt: „The modern
convergence, which the contemporary sociology of culture embodies, is in fact an attempt to
rework, from a particular set of interests, those general social and sociological ideas within
which it has been possible to see communication, language and art as marginal and peri-
pheral, or as at best secondary and derived social processes“ (Williams 1981: 10).
In der Phase der bereits angesprochenen Neubegründung der Kultursoziologie in
Deutschland waren es nicht zuletzt Williams Arbeiten, auf die sowohl wegen der Weiter-
entwicklung des Kulturbegriffs als auch der materialistischen Kulturtheorien Bezug ge-
nommen wurde (vgl. Tenbruck 1979: 420) Darüber hinaus ist es Williams’ Kulturkonzept zu
verdanken, dass auch der Massenkulturbegriff grundsätzlich kritisiert wurde und sich inner-
halb der Kultursoziologie eine empirisch orientierte Umgangsweise mit der populären Kultur
abzuzeichnen begann (vgl. u.a. Habermas 1990: 30f.). An dieser Stelle ist aber auch weiter
zu fragen, ob dieser Zusammenhang ausreichend ist, Cultural Studies und Kultursoziologie
als miteinander verbunden zu betrachten und davon ausgehend auch Punkte für die Formu-
lierung eines spezifisch soziologisch begründeten medienkulturanalytischen Ansatzes zu ge-
winnen.
In der Feststellung Richard Johnsons, der die Aufgabe der Cultural Studies darin festmacht
„das gesellschaftliche Leben subjektiver Formen in jedem Augenblick ihrer Zirkulation, zu
der auch die Verkörperung als Text gehört“ (Johnson 1999: 169) zu untersuchen (siehe den
Beitrag zu Johnson in diesem Band), klingt nicht nur eine spezifische Vertiefung, sondern
auch eine problemorientierte Anwendung dieser materialistischen Perspektive an, die anfäng-
lich auch innerhalb der Kultursoziologie eine entscheidende Rolle spielt. Johnson macht mit
seiner Formulierung darauf aufmerksam, dass es analytisch um Fragen und Probleme der
Einbettung von Formen kulturellen Handelns in die Textur des Alltags als Praxis geht. Wil-
liams’Annahme einer Materialität von Zeichen bedeutet im Vergleich dazu, dass Zeichen als
Teil dieser gesellschaftlich vermittelten psychischen und materiellen Welt verstanden werden
können. Ein gesellschaftlich und kulturell ablaufender und über Institutionen wie Organisa-
tionen vermittelter Bedeutungsprozess macht sie schließlich zu einem entscheidenden Fak-
tor gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion. Reflektiert man die hier in aller Kürze
skizzierten Punkte im Hinblick auf ihre handlungstheoretischen Implikationen, so bietet sich
ein im Werk von Williams bereits angelegtes, wenn auch nicht von ihm selbst ausformu-
liertes oder so benanntes Verständnis von Medien als Durchgangspunkte sozialer Praxis an
(vgl. Göttlich 1996: 253), mit dem eine inhaltliche Konkretisierung und Zuspitzung der Me-
dienkulturtheorie in Richtung einer praxistheoretischen Orientierung möglich wird.
Raymond Williams: Materialität und Kultur 99

4. Medienkulturanalyse
Die gegenwärtig mit dem Medienkulturbegriff gesuchte Verbindung zwischen Kultur, Kom-
munikation und Medien wird im kulturellen Materialismus vor allem mit Blick auf die Rolle
kultureller Praxen in der Bedeutungsproduktion („signification“) behandelt. Dieser Frage-
stellung hat sich Williams bereits in „Marxism and Literature“ (1977) mit folgender For-
mulierung angenähert: „Signification, the social creation of meanings through the use of for-
mal signs, is then a practical material activity; it is indeed, literally, a means of production.
It is a specific form of that practical consciousness which is inseparable from all social ma-
terial activity. […] It is, […], at once a distinctive material process – the making of signs –
and, in the central quality of its distinctiveness as practical consciousness, is involved from
the beginning in all other human social and material activity“ (ebd.: 38).
Mit dem an der Rolle der Sprache orientierten Zuschnitt geht es Williams zunächst um
die Erforschung gesellschaftlicher Bedeutungs- und Kommunikationsprozesse, die mit
Blick auf ihre formprägenden sozialen und kulturellen Relationen erklärt werden sollen
(vgl. auch Göttlich 1996: 254). Für eine Konturierung der praxistheoretischen Öffnung der
Medienkulturanalyse ist die im Theoriemodell des kulturellen Materialismus formulierte
Frage nach dem Zusammenhang der kulturellen und gesellschaftlichen Produktion und Re-
produktion aufzusuchen, die Williams vorwiegend über institutionelle, organisatorische und
technologische (strukturale) wie individuelle (praxis- bzw. handlungsbezogene) Prozesse
vermittelt sieht. Aus diesen in Relation stehenden Prozessen ergibt sich schließlich ein spe-
zifischer, für die gesellschaftliche Kommunikationsweise maßgeblicher Praxiszusammen-
hang, aus dem sich für Williams auch ergibt, dass Medien zugleich mehr sind „[…] than
new technologies, in the limited sense. They are means of production, developed in direct if
complex relations with profoundly changing and extending social and cultural relationships:
changes elsewhere recognizable as deep political and economic transformations“ (Williams
1977: 54). In erster Linie sind Medien damit „[…] material organizations of specific systems
of signs“ (Williams, 1976: 505).
Die bis heute vielfach anzutreffende Idee von Medien als Kanäle für die Übertragung
von Botschaften wird durch diese Position grundsätzlich zurückgewiesen. Aus Sicht des
kulturellen Materialismus ist der „Kanal“ vielmehr schon kulturell geprägt und diese kultu-
relle Prägung wirkt in die Kommunikation zurück. Zu diesem für die Analyse der Medien-
kultur notwendigen kulturellen Kommunikationsverständnis merkt Williams resümierend
an: „For if we have learned to see the relation of any cultural work to what we have learned
to call a ‚sign-system‘ […] we can also come to see that a sign-system is itself a specific
structure of social relationships“ (Williams, 1977: 140). Kommunikationshistorisch diffe-
renziert sich das in dieser Feststellung beschriebene Wechselverhältnis dadurch, dass „[…]
each transition is a historical development of social language itself: finding new means, new
forms and then new definitions of changing practical consciousness“ (ebd.: 54).
In medientheoretischer Hinsicht kann das Hauptaugenmerk damit auf die Rolle von
„specific cultural technologies“ im Kommunikationsprozess gelegt werden, die den Kontext
für die Ausbildung neuer Handlungs- und Praxisformen, d.h. „specific form[s] of practical
consciousness“ bieten und bilden. Mit diesem Praxisverständnis stiften Medien eben nicht
länger nur als neutrale Kanäle neue Beziehungen zwischen unterschiedlichen Sozial- und
Kulturbereichen, sondern gründen bereits auf spezifischen mediatisierten Interaktionswei-
sen von Individuen, d.h., ihre jeweilige Form ist bereits kulturell und gesellschaftlich ver-
100 Udo Göttlich

mittelt. Diesen Punkt müssten die bisherigen Anstrengungen, den Medienkulturbegriff zu


(re-)formulieren, präziser treffen, wenn sie nicht nur eine sachhaltige Beschreibung der aktu-
ellen Gesellschafts- und Kulturentwicklung leisten, sondern zugleich auch die Möglichkei-
ten gesellschaftsverändernder Praxis von Medien einschätzen oder im Blickpunkt behalten
wollen. Mit dem – hier als Weiterentwicklung von Williams’ Theoriekonzeption formulier-
ten – Verständnis von Medien als Durchgangspunkte sozialer Praxis ist zusammen mit der
Analyse der materiellen Formiertheit eines Mediums auch die Analyse der alltäglichen Hand-
lungs- und Praxiszusammenhänge mit eingeschlossen. Diese kulturtheoretische Ausrichtung
der Medienkulturanalyse bedeutet jedoch nicht, dass der Medienbegriff aufgelöst und nur
noch die kulturellen Praxen oder Zeichensysteme in ihrer Relation mit sozialen Praxen im
Vordergrund stehen. Vielmehr geht es darum, herausarbeiten zu können, wie die spezifischen
„Eigenschaften“ der unterschiedlichen Medien und ihre Technologien im Zusammenhang
zu sehen sind mit den besonderen historischen und kulturellen Umständen und Absichten
und Interessen, die in Institutionen und Formationen durch Handlungen verschiedenster Ak-
teurinnen und Akteure gestützt und ausgebildet werden. In medientheoretischer Hinsicht
kann das Hauptaugenmerk damit auf die Rolle von „specific cultural technologies“ bei der
Ausbildung kultureller Formen gelegt werden, da sie den Kontext für die Ausbildung von
Handlungs- und Praxisformen, d.h. „specific form[s] of practical consciousness“ bilden.
Am Beispiel des von Williams im Zusammenhang mit seiner Fernsehanalyse entwickel-
ten Begriffs der „mobilen Privatisierung“ wird die analytische Reichweite dieser theoreti-
schen Perspektive in ihrem soziologischen Zuschnitt besonders deutlich. Der Begriff der
„mobilen Privatisierung“ dient Williams zur Beschreibung einer zunehmend zu beobach-
tenden Mobilisierung der Individuen, die im Zusammenhang mit einer ebenfalls zuneh-
menden Privatisierung der Einzelnen als Ergebnis der gesellschaftlichen Entwicklung im in-
dustriellen Zeitalter steht (vgl. Williams 1974). Die Herleitung des Konzepts der mobilen
Privatisierung steht im engen Zusammenhang mit der in mediensoziologischer Hinsicht kei-
neswegs weltbewegenden, sondern eher trivialen Beobachtung, dass die Anfang des 20.
Jahrhunderts (noch neuen) Medientechnologien – vor allem die des Rundfunks – zum einen
eine die Gesellschaft wie die Kultur auf spezifische Weise mobilisierende Bedeutung haben
(sie erlauben und ermöglichen eine historisch erstmalig gegebene Verbindung entfernt lie-
gender Orte), während der Ort, in dem sie wirken, funktionieren, oder in dem sie genutzt
werden, der private Raum ist, dessen „Innenseite“ sich mit der Mobilität im Industriekapi-
talismus selbst erst herauszukristallisieren begann und der seitdem in einem beständigen
Wandlungsprozess begriffen ist. Die Erfahrungsweise, die diese kulturelle Form erlaubt
oder mit sich trägt, besteht aus zwei gegensätzlichen Elementen, was die Alltagspraxis er-
staunlicherweise keineswegs nachhaltig zu beeinträchtigen scheint. Mobilität als Inbegriff
des ständigen Ortswechsels wird mit Privatheit und der mit Privatheit verbundenen Vorstel-
lung eines fixen Ortes verbunden, auch wenn diese längst nicht nur an einem Ort gegeben
ist, sondern in dem von Radiowellen geschaffenen Raum entsteht, ja diesen virtuellen Raum
überhaupt zur Voraussetzung von Privatheit hat, die überall hin mit transportierbar scheint.
Die im Hintergrund des Begriffs der mobilen Privatisierung stehende kulturtheoretische
Grundannahme von Williams lautet: „In the very broadest perspective, there is an operative
relationship between a new kind of expanded, mobile and complex society and the develop-
ment of a modern communication technology“ (Williams 1974: 20). Diese Grundannahme
lässt sich an die Leitfrage des kulturellen Materialismus zurückbinden, die auf den Zusam-
menhang von spezifischen Informations- und Bedeutungsprozessen in institutionalisierten
Raymond Williams: Materialität und Kultur 101

Informations- oder Kommunikationssystemen abzielt und deren Entwicklung aus Verände-


rungen in der Gesellschaft, der Ökonomie und der Technik zu erklären sucht, womit sich die
im theoretischen Modell angelegte Kreislaufvorstellung gesellschaftlicher (Re-)Produktion
schließt.
Aus mediensoziologischer Perspektive stellt sich zur Lösung aktueller medienkultur-
wissenschaftlicher Probleme zunächst die Frage nach der tragfähigen Begründung des be-
grifflichen Konzeptes, in dem Mobilisierung und Privatheit zur Kennzeichnung einer spezi-
fischen, mit dem Fernsehen entstehenden kulturellen Form genutzt werden. Die mit dem
Begriff der mobilen Privatisierung bezeichneten bzw. beschriebenen Entwicklungen stehen
dabei zunächst im Widerspruch zu Vorstellungen der Massenkultur und massenkulturellen
Vergesellschaftung. Geöffnet wird eine Perspektive auf die Widersprüchlichkeit, wenn nicht
sogar Gegenläufigkeit von Entwicklungen, was gerade auch für die Rolle neuer Medien gilt,
deren Folgen längst nicht mehr eindimensional erschlossen und bewertet werden können.
Für das Beispiel der mobilen Privatisierung heißt das: Die mit neuen Medien ermöglichte
Mobilität fordert und fördert auch Kontakte, nur dass diese aus der Sphäre der privaten Iso-
lierung heraus entwickelt und geknüpft werden müssen, wobei der Ausgang, also die Aus-
bildung von Selbst-, Sozial- und Weltverhältnissen nicht bereits in dem Sinne als vorent-
schieden angesehen werden kann, wie sie in der Vorstellung zur massenkulturellen
Vergesellschaftung zum Ausdruck kommt. In diese Richtung weitergedacht, weist das Kon-
zept mit seinen kulturkritischen und politischen Implikationen über den engeren medien-
und kommunikationswissenschaftlichen Rahmen hinaus und erlaubt gerade von dieser Seite
eine praxistheoretische Beantwortung aktueller Fragen zur Entwicklung der Medienkultur.
Konkret geht es um die Erforschung von spezifischen Informations- und Bedeutungspro-
zessen und deren Entwicklung zu institutionalisierten Informations- oder Kommunikations-
systemen, die aus Veränderungen in der Gesellschaft, der Ökonomie und der Technik erklärt
werden sollen, wozu auch die Betrachtung der inhaltlichen Seite gehört, deren Veränderung
und Entwicklung aus unterschiedlichen organisatorischen Anforderungen sowie wechseln-
den Interessenlagen (die Ausdruck gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse
sind), verstanden werden soll. Erst diese jeweiligen sozialen und kulturellen Praxen formie-
ren die kulturelle Bedeutung und Leistung von Medien und bieten Anschlusspunkte für eine
„Kritik der Medien“.
Medien sind damit auch für das Medienkulturkonzept nicht mehr anhand ihrer in den äl-
teren Medienbegriffen erfassten Leistungsmerkmale bestimmbar, sondern bilden Praxiszu-
sammenhänge, in und über die die soziale Reproduktion durch Kommunikation und kultu-
relle Bedeutungsprozesse entsteht. Der Medienkulturbegriff wäre um diese Einsicht zu
erweitern, damit er mit der notwendigen Behandlung der Veränderung von Wirklichkeits-
modellen auch den Hintergrund gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse, die
praxisrelevant sind (und zukünftig werden), mit in den Blick nehmen kann bzw. in seinem
Blickfeld behält. Dies wäre eine Voraussetzung zur Erfassung der aufgrund des Medien-
wandels gewandelten Verbindung zwischen Kultur und Kommunikation, die der Medien-
kulturbegriff als Hauptziel verfolgt. Im Rückgriff auf die im kulturellen Materialismus
ebenfalls eingeschlossen liegende Hegemoniefrage kann damit der Blick auf dominante,
emergente und residuale Formen und Entwicklungen gerichtet werden und die für die Cul-
tural Studies typische Verbindung der Kultur- mit der Machtanalyse auch in der Medien-
kulturanalyse weiter analytisch fruchtbar gemacht werden. Diese Schritte bilden eine Vor-
aussetzung zur Erfassung der aufgrund des Medienwandels gewandelten Verbindung
102 Udo Göttlich

zwischen Kultur und Kommunikation, die der Medienkulturbegriff auch in den Cultural
Studies als Hauptziel verfolgt.

5. Schlussbemerkung
Der Vielseitigkeit von Williams’ Werk zu entsprechen, kann unmöglich in einem solchen
Aufsatz geleistet werden. Das gilt insbesondere für sein schriftstellerisches Schaffen und
sein literaturwissenschaftliches Werk, das in dieser Betrachtung vollkommen außer Acht ge-
lassen wurde. Und auch sein politisches Denken konnte einleitend nur anhand einiger Posi-
tionen angemerkt, keinesfalls aber erschöpfend behandelt werden (vgl. Williams 1979). Die
intellektuelle Kraft von Williams zeigt sich bis heute vor allem in der Rezeptionsgeschich-
te, die ihrerseits unterschiedliche Phasen aufweist. Dominant ist bis heute der Rekurs auf
seine Arbeiten zum Kulturbegriff, die auch den entscheidenden Impuls für die Entstehung
der Cultural Studies darstellten. Die Rezeption des Kulturbegriffs zieht sich wie ein roter Fa-
den durch alle „Begründungsgeschichten“ der Cultural Studies, wobei es in der Frühzeit vor
allem die Auseinandersetzung mit Thompson (1961) war, die in ihrer Nachwirkung für die
Nutzbarmachung des „breiten“ Kulturbegriffs für die Kulturanalyse gesorgt hat. Thompson
kritisierte an Williams’ kulturalistischer Position vor allem deren an der Konflikthaltigkeit
sozialer und kultureller Prozesse vorbeigehende Auffassung von Kultur. Anstelle einer Kul-
turauffassung, die diese als „whole way of life“ auffasst, habe es darum zu gehen, die Kul-
tur als „whole way of conflict“ zu begreifen und zu beschreiben (ebd.: 33). Dabei war es
Williams, der die Konflikthaftigkeit durchaus im Blick hatte. Angelehnt an sein kulturalisti-
sches Verständnis gesellschaftlicher Reproduktion – später bezog er sich in dieser Frage auf
Althusser und Gramsci – ging es ihm aber darum, die „structure in dominance“ theoretisch
breiter zu erfassen, womit die Auffassung der Kultur als „whole way of life“ in die Frage
danach mündete, wie die Elemente einer ganzen Lebensweise miteinander in Beziehung ste-
hen. In der vom Kulturverständnis des „whole way of life“ geprägten kulturalistischen Po-
sition ging es darum, die mit einer jeweiligen Lebensweise spezifischer gesellschaftlicher
Gruppen verbundenen Handlungsorientierungen aufzuzeigen und in ihrer wechselseitigen
Bezogenheit aufeinander darzustellen. In der Behandlung dieser Frage findet sich die Wur-
zel für die Analyse des Kampfes sozialer Beziehungsformen und den in ihnen sich zeigen-
den Vorstellungen von Kultur und Gesellschaft, wie Williams sie etwa in der Opposition von
bürgerlicher Kultur und Individualismus gegenüber der Arbeiterkultur und Gemeinschaft-
lichkeit in „Culture and Society“ verfolgt hatte. Diese Gegenüberstellung war es auch, die
in den Anfangsjahren der Cultural Studies aus kulturalistischer Perspektive verfolgt wurde
und die die grundlegenden kulturtheoretischen Fragestellungen mit angestoßen hat. Stuart
Hall zog zu dieser Entwicklung in seinem Aufsatz „Cultural Studies. Two Paradigms“
(1980) eine entscheidende theoriegeschichtliche Zwischenbilanz, in der er mit der Diskussion
des Verhältnisses von Kulturalismus und Strukturalismus die weitere Entwicklung der Cul-
tural Studies vorgezeichnet hat (siehe den Beitrag zu Stuart Hall in diesem Band).

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II.

Werke der Cultural Studies


Ien Ang: Publika und Postmoderne
Johanna Dorer

1. Einleitung
Ien Ang, 1954 geboren in Indonesien, studierte an der Universität Amsterdam Psychologie,
Medienkommunikation, Politik- und Kulturwissenschaft. 1982 schloss sie ihr Studium mit
der Studie „Watching Dallas“ ab und promovierte 1990 mit „Desperately Seeking the Au-
dience“. Sie lehrte und forschte zunächst an den Universitäten Amsterdam und Utrecht, ab
1991 an der Murdoch University in Perth/Australien und erhielt 1996 einen Ruf an die Uni-
versity of Western Sydney, wo sie das Centre of Cultural Research (CCR) gründete. In ihren
neueren Arbeiten beschäftigt sich Ang vor allem mit Themen wie Globalisierung, Migration,
Ethnizität, kulturelle Differenz, Diaspora, Identitätspolitik und das Asien-Australien-Ver-
hältnis.
Die Arbeiten von Ang zur Rezeptions- und Aneignungsforschung1 gehören heute zu den
bedeutenden Grundlagentexten der Cultural Studies. Die wichtigsten theoretischen Überle-
gungen zum Thema Publika und Postmoderne hat Ang in „Living Room Wars. Re-thinking
Media Audiences for a Postmodern World“ (1996) zusammengestellt. Das Buch umfasst
überarbeitete Aufsätze aus einem Jahrzehnt (1985 bis 1994), die zuvor bereits in verschie-
denen Fachzeitschriften bzw. Sammelbänden erschienen waren. Mit diesem Buch – so Ang
in der Einleitung – möchte sie ihre wissenschaftliche Beschäftigung mit Medienpublika zu-
sammenfassen und gleichzeitig abschließen. Die Aufsatzsammlung steckt den theoretischen
Rahmen und die Bandbreite ihrer Überlegungen ab und bildet gemeinsam mit der bereits ein
Jahr nach Erscheinen ins Deutsche übersetzten Studie „Watching Dallas“ (1985, dt. 1986)
und ihrer fundierten Kritik an der traditionellen Publikumsforschung in „Desperately See-
king the Audience“ (1991) Angs Beitrag zur Medienkonsumforschung, der bis heute als
richtungsweisend innerhalb der Cultural Studies gilt.

2. Postmoderne Weltsicht als soziokultureller Medienbezugsrahmen


Die Gesamtheit ihrer Arbeiten zur Rezeptions- und Aneignungsforschung will Ang im Rah-
men einer postmodernen Weltsicht verortet sehen. In der Einleitung zu „Living Room Wars“
(1996) erläutert Ang die Vorstellung einer postmodernen Gesellschaft als bestimmendes Pa-
radigma und theoretischen Bezugsrahmen, wie dies bereits in ihren früheren Arbeiten im-
mer wieder angeklungen, jedoch noch nicht näher ausgeführt worden ist. Sie bezieht sich
explizit auf die Begriffsverwendung von Jean-François Lyotard (1986), der mit dem Eintritt
in die Postmoderne das Ende der Geschichte, das Ende der Metaphysik und das Ende des

1 Nach Andreas Hepp (1999: 164) geht der Begriff der Aneignung über den der Rezeption insofern hinaus, als
damit der Prozess des Sich-zu-Eigen-Machens gemeint ist, d.h. die Domestizierung von Medienprodukten so-
wie die Integration in den jeweiligen Lebenskontext. Bei Ang gibt es diese Unterscheidung nicht, ebenso we-
nig unterscheidet sie zwischen Rezeptions- und Publikumsforschung. Als Überbegriff für Mediennutzung, -re-
zeption und -aneignung schlägt Friedrich Krotz (2006: 126) deshalb den Begriff Medienkonsum vor, wie er
auch in den Cultural Studies häufig verwendet wird.
108 Johanna Dorer

Subjekts postuliert.2 In ihren Ausführungen stützt Ang sich vor allem auf eine philoso-
phisch-soziologische Sichtweise der Postmoderne, die in ihrer Ausformulierung jener von
Zygmunt Baumann (1995) entspricht. Für Ang (1996: 1) bezeichnet die Postmoderne in ers-
ter Linie eine historische und intellektuelle Entwicklung, wie sie auf ökonomischer, sozialer
und kultureller Ebene in den westlichen Industriestaaten zu beobachten ist. Die Postmoderne
ist damit als ein gesellschaftlich widersprüchlicher Prozess zu sehen, der zu weitreichenden
Veränderungen geführt hat und gleichsam Ausdruck eines Zeitgeistes und einer Lebenshal-
tung ist. Für Ang (1996: 2) sind denn auch die höchst allgegenwärtige und durchdringende
Widersprüchlichkeit der postmodernen Welt, sowie die Unsicherheiten, die nun – in der Mo-
derne bereits angelegt – deutlich sichtbar werden, die wichtigsten Momente ihrer Begriffs-
bestimmung. Universalismus, Rationalität und Wahrheit als Prinzipien des „Aufklärungs-
Projekts der Moderne“ werden nun in ihrer politischen und epistemologischen Begrenztheit
und Unerfüllbarkeit auf verschiedensten Ebenen sichtbar und erfahrbar. Das „Ende der gro-
ßen Metaerzählung“ (Lyotard) führe zur Auflösung traditioneller Bindungen, Gewissheiten
und Sicherheiten, sodass fixe Grenzen, Hierarchien und Identitäten infrage gestellt werden.
Gleichzeitig müssten Wahrheit und Wissen im Sinne Michel Foucaults (siehe auch den Bei-
trag zu Michel Foucault in diesem Band), ebenso wie Identität als Prozess und Produkt ge-
sellschaftlicher Machtverhältnisse gesehen werden.
Ang kritisiert daher die traditionelle Publikumsforschung, die die Herausbildung einer
postmodernen Kultur ignoriert: Pluralisierung, Diversifikation, Kommerzialisierung, Inter-
nationalisierung und Dezentralisierung insbesondere des Mediums Fernsehen haben die
(Medien-)Kulturen verändert. Als treibendes Moment identifiziert Ang den globalen, trans-
nationalen post-fordistischen Kapitalismus, dessen Ziel die Veränderung der Kultur in eine
„endlose, vielfältige Möglichkeit zur Kapitalakkumulation“ ist (Ang 1996: 3). Die dadurch
veränderte Medienkultur sowie die unterschiedlichen Aneignungsweisen können somit kei-
neswegs mit den dominanten Paradigmen der Medienanalyse erforscht werden. Hier müss-
ten Interdisziplinarität und Offenheit der Theoriebildung, sowie eine Neukonzeption in der
Rezeptionsforschung Platz greifen. Deshalb wird von Ang (1996: 2) die postmoderne Vor-
stellung von Welt auch als eine „heuristische Kategorie“ bezeichnet3. Damit meint sie, dass
eine postmoderne Weltsicht implizit mit der Entwicklung neuer Methoden verbunden sein
müsste, die dann auch zu neuen Erkenntnissen führen würden.

3. „Verzweifelte Suche nach dem Publikum“: Kritik an der traditionellen


Publikumsforschung
In „Desperately Seeking the Audience“ (1991) unterzieht Ang die traditionelle Nutzungs-
und Publikumsforschung einer umfassenden Kritik und stellt ihr alternative Entwürfe
gegenüber, mit denen die Rezeptions- und Aneignungsformen von Publika in deren All-
tagskontexten adäquat erforscht werden könnten.
Hauptanliegen des Buches ist die Dekonstruktion der Einheitlichkeit und Geschlossen-
heit des Medienpublikums, wie dies insbesondere von der kommerziellen Fernsehforschung

2 Mit dem Ende der Geschichte ist gemeint, dass es keine einheitliche, abgeschlossene Entwicklung gibt, mit
dem Ende der Metaphysik, dass sämtliche Gewissheiten und Letztbegründungen zu hinterfragen sind, und das
Ende des Subjekts schließlich bedeutet, dass wir uns von einer essenzialistischen Vorstellung des Subjekts zu
verabschieden haben.
3 Heuristik ist die Lehre von den Methoden, die zu neuen Erkenntnissen führen.
Ien Ang: Publika und Postmoderne 109

konstruiert wird. Besonderen Wert legt Ang (1991: 13f.) daher auf die theoretische Unter-
scheidung von „TV-Publikum als diskursives Konstrukt“ einerseits und den „tatsächlichen
Publika der sozialen Welt“ andererseits.4 Die Unterscheidung betont die Verwendung des
Singulars einerseits und die des Plurals andererseits. Mit dieser Zweiteilung wird jene Vor-
stellung eines einheitlichen TV-Publikums, über das gemeinhin nicht nur Medienpraktike-
rinnen und -praktiker wie Journalistinnen und Journalisten, Werbetreibende u.a., sondern
auch Medienwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler und selbst Medienrezipierende spre-
chen, von einer sozialen Realität unterschieden, die von einzelnen verstreuten Menschen ge-
bildet wird, die sich im Rahmen komplexer und dynamischer Medienaneignungsprozesse,
eingebettet in unterschiedliche Lebenserfahrungen, der Medien ganz unterschiedlich bedie-
nen und diese aktiv in ihren Alltagskontext integrieren.
Die Vorstellung eines Publikums, das faktisch nur mehr als Einheit gedacht werden
kann, ist zum vorherrschenden gesellschaftlichen Diskurs geworden, d.h. zu einer weitge-
hend akzeptierten Form dessen, wie über jene, die Medien nutzen, gesprochen wird. Nach
Ang (1991: 21) folgt er einer institutionellen Sichtweise, wie sie vor allem durch die kom-
merzielle Fernsehforschung (insbesondere als Marktforschung) entwickelt und vom Main-
stream der Kommunikations- und Medienwissenschaft übernommen wurde. Das auf diese
Art und Weise entstandene Wissen bezeichnet Ang als institutionelles Wissen, das durch
elektronische Zuschauendenmessung nicht nur ein Publikum konstruiert, das es so in der
Realität nicht gibt, sondern auch ein strategisch nützliches Wissen.
In Anlehnung an Foucault identifiziert Ang (1991: 8, 33ff., 61ff.) dieses institutionelle
Wissen als Macht- und Kontrolltechnik, das im Interesse der Medien zum Einsatz gelangt.
Dies erlaubt es, ein „verstreutes“ Publikum, dessen einzige gemeinsame Eigenschaft in dem
Umstand liegt, dass es „fernsieht“, zu einem „taxonomischen Kollektiv“ zusammenzufas-
sen, das sich anhand bestimmter Merkmale, wie Alter, Geschlecht, Programmvorlieben etc.
berechnen und beschreiben lässt. Das derart konstruierte bzw. „zugerichtete“ Fernsehpubli-
kum wird damit zu einer messbaren Größe, mit der Programmplanende dem Publikum ge-
nau das geben können, was es angeblich besonders gerne im Fernsehen sehen möchte. Aus
der Sicht der Programmplanung erfüllt die kommerzielle Fernsehforschung somit eine demo-
kratische Funktion, da auf diese Weise optimal auf die Bedürfnisse des Publikums einge-
gangen werden könne. Ang hält dem entgegen, dass mit den elektronischen Messverfahren
lediglich Einschaltquoten eruiert werden können und nicht die individuelle Medienaneig-
nung in ganz spezifischen Alltagssituationen. Die Ergebnisse der Quotenmessung führen
zudem nicht zu neuen, innovativen Programmplanungen, sondern lediglich dazu, reichwei-
tenstarke Sendungen und Genres zu wiederholen bzw. zu optimieren (d.h. noch publikums-
trächtiger zu gestalten), während quotenschwache Sendungen aus dem Programm genommen
werden. Damit werden „Quoten“ und nicht verschiedene Qualitätskriterien zum bestimmen-
den Maßstab der Programmplanung.
Ang kritisiert in diesem Kontext sehr ausführlich die Anwendung der elektronischen
Messverfahren nicht nur bei kommerziellen, sondern auch bei öffentlich-rechtlichen Fern-
sehanbietern. Während bei privaten Anbietern – hier untersucht Ang vor allem die Entwick-
lung der elektronischen Messverfahren in den USA – die Optimierung der „Quote“ zur Fi-

4 Wie Ang in einer Fußnote richtig anmerkt, ist die Begriffsbestimmung ungenau, da ja auch die „tatsächlichen“
Publika diskursiv produziert sind. Nichtsdestotrotz hält sie an der problematischen Begrifflichkeit fest (Ang
1996: 172, Fußnote 12).
110 Johanna Dorer

nanzierung des Fernsehprogramms ein strategisch nützliches Instrument im Interesse der


Fernsehanbieter ist, da ja das Publikum an die Werbewirtschaft verkauft werden muss, ist
dieses strategische Vorgehen für öffentlich-rechtliche Anbieter nicht offensichtlich. Im
Gegenteil: Für letztere besteht diese Notwendigkeit nicht, da sie einem öffentlichen Auftrag
verpflichtet sind und deshalb ihr Programm auch über Rundfunkgebühren finanzieren. Den-
noch haben sie sich – hier nennt Ang (1991: 108ff.) Beispiele aus den Niederlanden und
Großbritannien – in der gleichen Weise dem Quotendiskurs verschrieben und die elektroni-
schen Messmethoden der Fernsehforschung sogar früher entwickelt und eingesetzt als in
den USA. Die gemeinwohlorientierte Fernsehtradition in europäischen Ländern, in der Pub-
lika nicht als Werbemarkt, sondern als (politische) Öffentlichkeit betrachtet werden, kennt
in sämtlichen Ländern Rundfunkgesetze und Programmrichtlinien, die Information, Bildung
und Unterhaltung auf „hohem Niveau“ zu gewährleisten suchen. Den Grund für die Abkehr
von der Vorstellung von „Publikum als Öffentlichkeit“ hin zu einem „Publikum als Markt“
sieht Ang im Scheitern der Programmverantwortlichen, alternative Programmkonzepte zu
kommerziellen Anbietern zu entwickeln. Weitere Gründe sieht sie in der leichten Handhab-
barkeit einer Beziehung zwischen Programmverantwortlichen und Publikum, in der Legiti-
mierung der eigenen Programmauswahl sowie im Wunsch, stets die Kontrolle über ein wi-
derspenstiges, unberechenbares Publikum behalten zu wollen. Dass aber die elektronische
Zuschauendenmessung keineswegs eine Notwendigkeit für einen öffentlich-rechtlichen An-
bieter ist, belegt Ang (1991: 148) mit dem Verweis auf das schwedische öffentlich-rechtliche
Fernsehen, das Publikumsinteressen nach wie vor per Telefoninterviews eruiert.
Die elektronischen Messmethoden müssen ständig verfeinert werden. Denn die rasante
Zunahme der Kanäle sowie neue Speichertechnologien wie Video führen zu neuen Nut-
zungsgewohnheiten wie Zapping, gleichzeitiger Nutzung mehrerer Medien u.a., sodass eine
Kontrolle des Publikums immer schwieriger wird. Nach Ang (1991: 86ff., 94ff.) ist deshalb
– auch mit den ausgefeiltesten Messmethoden – eine vollständige Kontrolle unmöglich.
Vielmehr müssten neue und innovative Programmangebote entwickelt werden, die sich an
Normen eines öffentlich-rechtlichen Auftrags orientieren. Zudem müsste die Kommunika-
tion über Bedürfnisse der Publika mittels neuer, ethnografischer Forschungskonzepte erfol-
gen. Auch wenn eine ethnografische Forschungsperspektive, die die einzelnen Rezipieren-
den in ihrer Alltagsumgebung mit ihren sinnstiftenden Zuschreibungspraxen ernst nimmt,
nicht automatisch Anwendungswissen für Rundfunkanstalten produziert, wäre diese Form
der Wissensproduktion ein wichtiger Anstoß, institutionelle Sichtweisen und routinierte
Programmplanung zunächst infrage zu stellen.

4. „Watching Dallas“: Vergnügen an populären Genres


Bereits in ihrer Studie „Watching Dallas“ hat Ang gezeigt, wie sie sich eine Alternative zur
traditionellen Nutzungs- und Publikumsforschung vorstellt. Die Studie, die erstmals 1982
auf Niederländisch erschien, setzt sich mit einer Fernsehserie auseinander, die in den 1980er
Jahren weltweit in über 90 Ländern ausgestrahlt wurde. Die enorme Popularität sowie die
zuvor bei Unterhaltungssendungen kaum erreichten Einschaltquoten waren ein neues Phä-
nomen in der Fernsehgeschichte. Für Kritikerinnen und Kritiker bedeutete „Dallas“ eine Be-
drohung nationaler und lokaler kultureller Identitäten. Die Sendereihe wurde als Ausdruck
eines stets zunehmenden Einflusses amerikanischen Konsumierendenkapitalismus und als
Synonym für „US-amerikanischen Kulturimperialismus“ abqualifiziert.
Ien Ang: Publika und Postmoderne 111

Für Ang – wie auch für andere Cultural Studies-Forschende – war aber gerade die welt-
weite Popularität bestimmter Unterhaltungssendungen eine besondere Herausforderung an
die Kommunikations- und Medienwissenschaft. Ang ging es dabei primär um die Frage,
welche Gründe es für die enorme Popularität von „Dallas“ gibt, und, damit zusammenhän-
gend, welche Bedeutung „Dallas“ im Alltagsleben von Zuschauenden einnimmt und welche
Bedeutung dem Vergnügen bei der Aneignung der Sendungen zukommt. Die genaue Be-
trachtung der Serienaneignung stand somit im Mittelpunkt der Untersuchung. Gleichzeitig
nimmt Ang aber auch die kulturpessimistischen Einwände ernst und problematisiert die so-
ziale, kulturelle und politische Rolle von „Dallas“, indem sie versucht, ein neues Verständ-
nis für die enorme Anziehungskraft dieser Serie zu entwickeln.
In einer geschalteten Anzeige in einer niederländischen Frauenzeitschrift rief Ang (1986:
19) Dallas-Sehende dazu auf, ihr zu schreiben, warum sie „Dallas“ mögen bzw. nicht mö-
gen, indem sie sich gleichzeitig selbst als Dallas-Fan outet und erwähnt, dass sie sich selbst
häufig negativen Reaktionen ihrer Umgebung ausgesetzt sieht. Ang erhält 42 Antwort-
schreiben (davon drei von Männern), die die empirische Basis der Untersuchung bilden. Bei
der Auswertung betont Ang den Stellenwert der Briefe: Sie sind als diskursive Produkte zu
werten, also als Äußerungen über Vergnügen oder Ablehnung von „Dallas“, die sich zwar
implizit auf gesellschaftliche Zuschreibungen an die Sendung sowie auf sozial verfügbare
Ideologien und Vorstellungen beziehen, aber gleichzeitig die spezifische Bedeutung von
Vergnügen für die Rezipierenden thematisieren. Damit setzt sich Ang (1986: 18, 27) nicht
nur vom Uses-and-Gratification-Approach ab, sondern auch von einer Vorstellung von Ver-
gnügen, das – im Sinne von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer – nur durch ein mas-
senkulturell manipuliertes „falsches Bewusstsein“ entstehen würde. Für Ang ist damit das
Vergnügen, das sich bei Zusehenden einstellt, weder mit der Eskapismus-These (Flucht aus
der Wirklichkeit) erklärbar, noch mit Adornos und Horkheimers Theorie der Kulturindus-
trie. Vergnügen ist für Ang weitaus komplexer, es ist ein Konstrukt, das nur aus spezifischen
lokalen und sozialen Kontexten verstehbar wird.
Als Dreh- und Angelpunkt des Vergnügens, das sich bei der Aneignung von „Dallas“
einstellt, kristallisiert Ang (1986: 53ff.) den emotionalen Realismus der Serie heraus. Das
bedeutet, dass es für die Zusehenden weniger darauf ankommt, ob die Serienhandlung im
Einzelnen nun realistisch ist oder nicht, sondern dass die durch die Serie vermittelte Ge-
fühlsstruktur mit eigenen Lebenserfahrungen verknüpft werden kann. Die Bedeutungszu-
schreibungen funktionieren also nicht primär über einen vermeintlichen Realismus der Se-
rienhandlung, sondern über die melodramatische Struktur der Sendung, die es ermöglicht,
medial dargestellte Krisen und Konflikte (wie Intrigen, Streit, Glück, Unglück etc.) und die
damit verbundenen Gefühlsstrukturen mit eigenen Emotionen und Lebenskrisen in Bezie-
hung zu setzen. Im Aneignungsprozess der Serie erfolgt also eine ständige emotionale Iden-
tifikation und Distanzierung, kurz gesagt: ein Aushandlungsprozess, der sich auf der emo-
tionalen Ebene bewegt.
Die in der Bedeutungsstruktur von Serien wie Dallas angelegte tragische Gefühlsstruk-
tur thematisiert dabei nicht den großen Weltschmerz, wie er aus den griechischen Tragödien
bekannt ist, sondern ganz alltägliches Leid. Ang (1986: 95) zufolge ist daher für den An-
eignungsprozess sowohl kulturelle Kompetenz notwendig als auch die Bereitschaft, sich auf
melodramatische Fantasien einzulassen. Die Fantasietätigkeit ist für Ang (1986: 158f.) da-
bei nicht eine Flucht aus der Wirklichkeit. Sie ist als eigenständige Dimension des Lebens
zu betrachten, die zwischen (vergnüglicher) Utopie und (unerfreulicher) Gegenwart ange-
112 Johanna Dorer

siedelt ist und durch den spielerischen Umgang mit der eigenen Lebenswirklichkeit die
Möglichkeit für neue Handlungsoptionen eröffnet. Damit liefert Ang (1986: 139ff.) einen
wichtigen Grund für die Popularität der Serie bei weiblichen Publika: Die alltägliche Dis-
kriminierung von Frauen ebenso wie der mühsame Kampf von Feministinnen um Gleich-
berechtigung würden eben auch ein vergnüglicheres Gegengewicht zu den zahlreichen, ne-
gativen Alltagserfahrungen benötigen. Nach Ang (1986: 157ff.) machen die durch tragische
Gefühlsstruktur und melodramatische Fantasie herbeigeführten imaginären Positionen das
aktuelle Leben vergnüglich, zumindest erträglich, was weder feministisches Bewusstsein,
noch feministische Aktivitäten ausschließen würde.
Mit dem von Ang entwickelten Deutungsrahmen von Vergnügen, das sich beim Sehen
populärer Sendungen einstellt, wird Rezipierenden eine eigenständige, aktive, zum Teil
auch widerständige Position im Aneignungsprozess zugeschrieben. Dieser Ansatz wurde in
den Cultural Studies in vielen Nachfolgestudien aufgegriffen. Gleichzeitig war dieser An-
satz immer wieder heftiger Kritik ausgesetzt. Selbst Ang relativiert später die Überinterpre-
tation widerständigen Handelns als Aneignungsleistung im Prozess des Medienkonsums.

5. „Living Room Wars“: Reflexionen zu Medienpublika


In der Aufsatzsammlung „Living Room Wars“ (1996) behandelt Ang drei für sie zentrale
Themenbereiche: erstens theoretische Reflexionen zu den Methoden der Publikums- und
Aneignungsforschung, zweitens Ansätze geschlechtsspezifischer Aneignungsforschung und
drittens Überlegungen zur globalen Medienkultur und deren Implikationen für unterschied-
liche Publika.

5.1 Publika und ihre Erforschung


Im ersten Teil des Buches geht es um eine Kritik an den Messmethoden der kommerziellen
Publikumsforschung, sowie um eine kritische Betrachtung der Forderung nach radikalem
Kontextualismus in der ethnografischen Forschung. Dabei werden Gedanken, wie sie in
„Desperately Seeking the Audience“ entwickelt wurden, näher ausgeführt. So verweist Ang
(1996: 53ff.) etwa auf die zunehmend schwieriger werdende Kontrolle über das von der Me-
dienforschung konstruierte Publikum, das durch neue Technologien (Kabel, Satelliten- und
Videotechnologien) und Aneignungspraxen eigenwillige Taktiken wie Zipping, Zapping
und Time Shifting entwickelte, die mit den elektronischen Messmethoden nur unzureichend
erfasst werden können.
Die Alternative dazu wäre ein ethnografischer Forschungsansatz, wie er in den Cultural
Media Studies bereits umfangreich eingesetzt wird. Ang (1996: 66–815) hinterfragt kritisch
das dabei eingeforderte Konzept des radikalen Kontextualismus und erteilt der Vorstellung
eine Absage, dass durch eine allumfassende Einbeziehung aller im Aneignungsprozess auf-
findbaren Kontexte so etwas wie eine holistische Rezeptionstheorie entwickelt werden kön-
ne. Forschende müssten eine Position des Überall-Gegenwärtig-Seins einnehmen, um alle
durch Medienkonsum geschaffenen Bedeutungen erfassen zu können. Außerdem würden
viele Kontexte miteinander interagieren und wären zudem erst im Nachhinein feststellbar,

5 Der Aufsatz „Ethnography and Radical Contextualism in Audience Studies“ erschien erstmals 1990, wurde
1996 wieder veröffentlicht und erschien in Ang (1997) in deutscher Übersetzung.
Ien Ang: Publika und Postmoderne 113

sodass eine a-priori-Liste der Kontexte gar nicht erstellt werden könne. Mit Verweis auf die
Studie von David Morley und Roger Silverstone, die zwei kontextuelle Bezugsrahmen der
Rezeptionssituation untersuchten (technischer und häuslicher Kontext), erinnert Ang an
weitere relevante Kontexte wie „Rasse“, soziale Klasse, ethnische Zugehörigkeit, Region,
Generation, Religion, wirtschaftliche Situation, politisches Klima, Familiengeschichte, etc.
Angesichts der (endlosen) Fülle an möglichen Kontexten und der Unmöglichkeit, dem An-
spruch der radikalen Kontextualität gerecht werden zu können, plädiert Ang (1996: 77) da-
für, den Anspruch zwar beizubehalten, in Anerkennung der Unmöglichkeit der empirischen
Umsetzbarkeit aber sinnvolle Einschränkungen potenzieller Kontexte zu treffen. In Anleh-
nung an Stuart Hall nennt sie dieses methodische Vorgehen „arbiträre Schließung“ (siehe
auch den Beitrag zu Stuart Hall in diesem Band), wobei Forschende durch die bewusste
Auswahl Wahrheiten konstruieren, die im Sinne der Erkenntnistheorie als Ermessenssache
gelten. Die Konstruktion standpunktbezogener Wahrheiten, die aus der Einnahme eines par-
tikularen Standorts hervorgehen, verpflichtet Forschende nicht nur zur Offenlegung des ei-
genen Standorts, von dem aus gesprochen wird, sondern auch dazu, die damit verbundenen
Konsequenzen ihres Eingebundenseins ebenso wie ihre Verantwortung für Forschungser-
gebnisse zu reflektieren. Für die Erforschung von Publika bedeutet dies nach Ang (1996:
79f.) die Notwendigkeit einer neuen Forschungsagenda: So sollten öffentlich-rechtliche
Rundfunkanbieter ihre Distanz zum Publikum aufheben und mittels ethnografischer Metho-
den die tatsächlich relevanten Programmbedürfnisse von Minderheiten oder Menschen mit
Migrationshintergrund eruieren. Ebenso sind die Auswirkungen der Globalisierung in den
Blick zu nehmen, denn globale Medienangebote bedeuten keineswegs global gleiche An-
eignungspraxen. Forschungsbedarf ortet Ang auch bezüglich einer unangebrachten Roman-
tisierung von Konsumfreiheit ebenso wie bezüglich einer unberechtigten Angst vor globa-
ler Kontrolle.

5.2 Vergeschlechtlichte Publika


Im zweiten Teil des Buches beschäftigt sich Ang mit der Geschlechterkonstruktion von Pub-
lika. Zwei Aufsätze widmet sie der Kritik an ihrer Studie „Watching Dallas“, die innerhalb
der feministischen Medienforschung zu kontroversen Diskussionen geführt hat. Ang greift
damit in die Debatte ein, indem sie zwei Aspekte näher beleuchtet. Zum einen geht es um
die Frage, wie sich feministisches Engagement mit dem Vergnügen an einer patriarchalen
Serie vereinbaren lässt, zum anderen darum, welche Rolle der Fantasie im Prozess der Iden-
tifikation mit einer Hauptdarstellerin zukommt, die meist Opfer einer ausweglosen Situation
ist.
Ang (1996: 92) argumentiert – bezugnehmend auf die von der feministischen Forschung
erhobenen Forderungen nach positiven Frauendarstellungen –, dass neben der medialen Re-
präsentation von Frauen als Rollenvorbilder auch jene mediale Repräsentation Berechtigung
hätte, wo eine typisch weibliche Subjektposition (von mehreren möglichen) eingenommen
wird. Indem Ang, bezugnehmend auf Sigmund Freud, Fantasie als bewusste wie unbewusste
Wunscherfüllung definiert, liegt das Vergnügen in der Möglichkeit, eine (in der Realität
nicht erwünschte) Subjektposition einzunehmen. Denn die Frauenbewegung eröffnete neue
Möglichkeiten der Selbstpositionierung, lehnt aber verschiedene Positionierungen ab (z.B.
Opferrolle, patriarchale Weiblichkeitsrituale). Frauen müssten nach Ang (1996: 94) konti-
nuierlich an der Selbst(re)konstruktion arbeiten und neue Positionierungen einnehmen, um
114 Johanna Dorer

als fortschrittlich zu gelten (vorgeführt etwa durch Frauenmagazine, die an Frauen appellie-
ren, dass sie attraktiv auszusehen, Karriere zu machen hätten, und als Powerfrau die Dop-
pelbelastung mit Leichtigkeit schaffen müssten etc.). Fantasie und Fiktion spielen dabei eine
ausgleichende Rolle; sie offerieren nicht-akzeptierte Subjektpositionen, deren Übernahme
in der Realität mit negativen Konsequenzen verbunden wäre. Nach Ang gibt es demnach
zwei Interpretationen für die melodramatische Identifikation: Das Gefühl der Machtlosig-
keit – also der Kern der melodramatischen Imagination – korrespondiert mit der Erkenntnis,
dass soziale Realität, eigene Wünsche und Begehren im Widerstreit stehen. Zum anderen
wird durch die Identifikation mit dem melodramatischen Charakter ein Raum eröffnet, in
dem das Gefühl (des Leidens, der Frustration) ohne reale Konsequenzen ausgelebt werden
kann.
Ang (1996: 104) sieht in dieser emotionalen Strategie eine Möglichkeit der Selbster-
mächtigung und fordert feministische Forscherinnen auf, das Vergnügen an abgewerteten,
patriarchalen Serien Ernst zu nehmen und nicht, wie etwa Janice Radway (siehe auch den
Beitrag zu Janice Radway in diesem Band) argumentiert, einfach als Flucht aus der Realität
zu sehen.
In einem weiteren Aufsatz „Gender and/in Media Consumption“, den Ang gemeinsam
mit Joke Hermes6 verfasst hat, entwickelt sie ein Modell der Geschlechterkonstruktion im
Aneignungsprozess. Das auf Basis der Überlegungen von Teresa de Lauretis entwickelte ge-
schlechtsspezifische Aneignungsmodell liefert erstmals einen theoretischen Rahmen, inner-
halb dessen Geschlechteridentität nicht als etwas Fixes verstanden, sondern als prozessuale
Vielheit von möglichen Positionierungen theoretisch und empirisch gefasst werden kann.
Ang/Hermes (1994: 122f.) unterscheiden dabei zwischen den gesellschaftlich produzierten
Diskursen zum Geschlecht, den Geschlechterdefinitionen, den von Medien vorgegebenen
Geschlechterpositionierungen und den von Rezipierenden tatsächlich eingenommenen Ge-
schlechteridentifikationen.
Geschlechterdefinitionen werden nach Ang/Hermes in gesellschaftlichen Diskursen und
Praxen produziert, wobei unterschiedliche Diskurse auch unterschiedliche Geschlechterde-
finitionen hervorbringen (etwa der katholische Diskurs die Jungfrau, der feministische Dis-
kurs die diskriminierte Frau etc.). Geschlechterdefinitionen sind oft widersprüchlich und
vielfältig, und sie sind vor allem in ihrer Wirkung nicht gleich mächtig. Dominante Diskur-
se haben jedenfalls das Potenzial, in ihrer Auswirkung normierend zu sein.
Als Geschlechterpositionierungen werden die in Medientexten angebotenen geschlecht-
lichen Subjektpositionen bezeichnet. Die ideale Mutter, die Powerfrau, die in Burka geklei-
dete Muslimin etc. sind mediale Repräsentationen von Geschlecht, deren Bedeutung im An-
eignungsprozess nicht automatisch übernommen wird. Vielmehr „verhandeln“ Zusehende
die angebotenen Bedeutungen des Medientextes, können diese zur Gänze oder zum Teil
übernehmen, kritisch hinterfragen, ablehnen, subversiv umdeuten etc.
Unter Geschlechteridentifikation sind dann jene unterschiedlichen und vielfältigen Posi-
tionierungen zu verstehen, die im Aneignungsprozess tatsächlich eingenommen werden. Die
Frage, wann, wie und warum Medienkonsumierende die dominanten, medialen Männlich-
keits- und Weiblichkeitsrepräsentationen übernehmen, erklären Ang/Hermes mit dem Be-
griff „Investment“, den sie im Sinne des freudschen Terminus der „Besetzung“ verstanden

6 Der Aufsatz erschien erstmals 1991 und wurde 1994 (Ang/Hermes 1994) sowie in Ang (1996: 109–129)
wiederabgedruckt.
Ien Ang: Publika und Postmoderne 115

wissen wollen. Die Geschlechteridentifikation erfolgt dann nicht bewusst oder rational, son-
dern als Positionierung, die in gewisser Weise Sinn ergibt und relative Macht verspricht,
denn – so Ang/Hermes (1994: 123) – Menschen neigten dazu, sich mit „sicheren“ Subjekt-
positionen zu identifizieren.
Das Modell wurde im Rahmen der feministischen Medienforschung mit großem Inter-
esse aufgenommen. Wenngleich Begriffe wie gender-neutraler Raum, Investment, Identifika-
tion, Identität u.a. noch einer klareren theoretischen Fundierung bedürfen7, bietet das Modell
von Ang/Hermes doch erstmals eine empirische Möglichkeit, eine nicht-präjudizierende
Verknüpfung der Prozesse auf den Ebenen der geschlechtlich codierten Medienaneignung,
des geschlechtlich codierten Medientextes und der gesellschaftlichen Geschlechterdiskurse
herzustellen.

5.3 Publika und globale Kultur


Im dritten Teil des Buches, der drei Aufsätze umfasst, setzt sich Ang mit der Globalisierung
von Medienkultur und ihrer Bedeutung für Publika auseinander8. Globalisierung ist dabei
nicht statisch, sondern als fortschreitender Prozess zu denken, der aber nicht automatisch zu
einer Homogenisierung lokaler Kulturen führt (Ang 1996: 153). Vielmehr bewirkt deren Di-
versität, dass global distribuierte Medieninhalte ganz unterschiedliche Bedeutungszuschrei-
bungen erfahren. Dieser Sachverhalt dürfe aber nicht dazu führen, dass es – wie in zahlrei-
chen ethnografischen Studien geschehen – zu einer Überbewertung widerständiger
Aneignungspraxen kommt. In ihrer Kritik an den Cultural Media Studies (auch neue Re-
zeptionsforschung genannt) fordert Ang (1996: 138ff.) neue Leitlinien für die empirische
Forschung ein. Die Analyse der Aneignungspraxen müsse im Zusammenhang mit der glo-
balen Medienindustrie betrachtet werden, und Makro- und Mikroprozesse sollten als inein-
ander verwoben gesehen und analysiert werden. Eine Beschränkung auf die lokalen Aneig-
nungsstrategien und -taktiken verstelle den Blick auf die hegemonialen Auswirkungen
transnationaler Mediensysteme. Damit benennt Ang einen weiteren Punkt, der von den Cul-
tural Studies vernachlässigt wurde: Die Beschäftigung mit der Transnationalisierung und
Globalisierung von Medienimperien, die sie als bedeutende Stützpfeiler hegemonialer Kräf-
te bezeichnet. Dies würde ferner eine Beschäftigung mit Hegemonie- und Machttheorien er-
fordern. Erst dann könne die wechselseitige Durchdringung von Globalem und Lokalem,
von Hegemonialem und Populärem, adäquat analysiert werden.
Nach Ang (1996: 170f.) greift eine Differenzierung von ökonomischer Macht der Me-
dienkonzerne und semiotischer Macht der Publika – wie John Fiske vorschlägt (siehe auch
den Beitrag zu John Fiske in diesem Band) – zu kurz. Macht müsse im Sinne von Foucault
als dezentrales Kräfteverhältnis gedacht werden, wo Mikromächte der Publikumsaktivitäten
mit Makromächten der kapitalistischen Postmoderne interagieren, sodass Vergnügen bzw.
Lust als Wirkung komplexer Machtformationen verstanden werden kann. Denn nach Ang
(1996: 177ff.) ist die kapitalistische Postmoderne nicht als Totalität zu denken, sondern als
fragmentiertes „Ganzes“, wo Kräfte der Einordnung (Vereinheitlichung und „Verwestli-
chung“) ständig durch lokale Praktiken, Diversifizierung und Indigenisierung unterlaufen
werden. Die Exzessivität des Begehrens bekräftigt zwar die kapitalistische Postmoderne,

7 Kritische Anmerkungen zum Modell von Ang/Hermes siehe Johanna Dorer (2002: 69–72).
8 Zwei Aufsätze davon liegen in deutscher Übersetzung vor (Ang 1999 und Ang 2003).
116 Johanna Dorer

stellt sie aber auch gleichzeitig infrage, da Ungewissheit und Ambivalenz zu den wesent-
lichen Charakteristika der postmodernen Welt zählen.

6. Verortung und weitere Entwicklung


Mit ihren Arbeiten zu Medienpublika leistet Ang auf mehreren Ebenen der wissenschaft-
lichen Erforschung einen wesentlichen Beitrag zur Rezeptions- und Medienaneignungsfor-
schung der Cultural Studies: erstens auf der Ebene der Kritik und des dekonstruktivistischen
Denkens, zweitens auf der Ebene der empirischen Umsetzung der Paradigmen der Cultural
Studies, drittens auf der Ebene der Modellentwicklung und viertens auf der Ebene der
(Selbst-)Reflexion des eigenen Standorts und der Paradigmen der Cultural Studies.
– Kritik und dekonstruktivistisches Denken: Angs Buch „Desperately Seeking the Au-
dience“ ist eine fundierte Kritik an der traditionellen Rezeptionsforschung. Es avan-
cierte nicht nur zum Grundlagenwerk in den Cultural Studies, sondern trug auch we-
sentlich dazu bei, dass die Cultural Studies (vor allem im anglo-amerikanischen
Sprachraum) von der traditionellen Medienwissenschaft wahrgenommen und sukzessi-
ve integriert und institutionalisiert wurden. Das Buch ist seit der Ersterscheinung im
Jahr 1991 bereits in mehreren Auflagen und Übersetzungen erschienen. Ang zeigt darin
einerseits die Grenzen kommerzieller und traditioneller Rezeptionsforschung auf, an-
dererseits liefert sie eine überzeugende Argumentationsgrundlage für die „neue Rezep-
tions- und Aneignungsforschung“, wie sie im Rahmen der Cultural Studies entwickelt
wurde.
Mit der Dekonstruktion, die sie zur kritischen Analyse des zum Allgemeinbegriff ge-
wordenen Konstrukts „Publikum“ anwendet, führt sie eine neue wissenschaftliche Me-
thode des kritischen Nachdenkens sehr erfolgreich sowohl im Rahmen der Cultural Stu-
dies als auch in der Kommunikations- und Medienwissenschaft vor.
– Empirische Umsetzung: Auf der Ebene der Empirie hat Ang anhand ihrer Studie „Wat-
ching Dallas“ gezeigt, dass mit den Modellen und Methoden der „neuen Rezeptions- und
Aneignungsforschung“ neue Erkenntnisse über den Medienaneignungsprozess zu ge-
winnen sind. Die Anfang der 1980er Jahre erschienene Studie gehört zu den frühen und
bis heute immer wieder zitierten Aneignungsstudien der Cultural Studies. Trotz mehrfa-
cher Kritik gilt „Watching Dallas“ bis heute als richtungsweisend für die Entwicklung
der Cultural Media Studies.
So etwa markiert das Buch eine Trendwende von einer textzentrierten hin zu einer pub-
likumszentrierten Sichtweise, die in der Folge vor allem die sozio-kulturellen Kontexte
des Aneignungsprozesses genauer in den Blick nimmt. Ferner hat Ang mit dieser Studie
eine Kritik an der „Ideologie der Massenkultur“ vorgelegt, die nach Adorno und Hork-
heimer populäre Serien als minderwertige Kultur abqualifiziert, und Medienrezipierende
lediglich als passiv manipulierte Personen betrachten konnte. Damit steht Angs Studie
am Beginn einer Forschungstradition, die die Aktivität bzw. Produktivität der Zusehen-
den zum zentralen Untersuchungsgegenstand macht, sich aber gleichzeitig vom gängi-
gen Uses-and-Gratifikation-Approach absetzt. Innerhalb der Cultural Studies (insbeson-
dere von John Fiske) wurde sowohl die Ausformulierung der Aktivität der Zusehenden,
als auch Angs Interpretation des widerständigen Handelns als Medienaneignung media-
ler Produkte zum zentralen Forschungsthema. Die mit dieser ethnografischen Wende
Ien Ang: Publika und Postmoderne 117

eingeleitete zweite Phase der „neuen Rezeptions- und Aneignungsforschung“ beschäf-


tigte sich dann ausschließlich mit dem Prozess der Medienaneignung, wo es vor allem
um Fragen der Interpretationsgemeinschaften, der Rezeptionskontexte im Alltag, um
unterschiedliche Aneignungsstile und um Medienaneignung und (kulturelle) Identität
geht (vgl. Hepp 1999: 185, 204ff.).
Angs Studie trug ferner dazu bei, dass im Rahmen der Cultural Studies dem Begriff des
Vergnügens ein zentraler Stellenwert eingeräumt wurde, was in der Folge zu einer regen
Forschungstätigkeit führte. Den daraufhin fast inflationär verwendeten Begriff und sei-
ne unklare Verwendung hat Elisabeth Klaus (1998: 338ff.) in einer Synopse der dazu
entstandenen Forschungsarbeiten präzisiert. Ausgehend von einer Systematisierung der
verschiedenen Arten der Begriffsverwendung unterscheidet Klaus zwischen formalem,
inhaltlichem, kommunikativem, fantasievollem und realistischem Vergnügen.
Auch der von Ang in die Diskussion eingeführte Begriff der Fantasie erfuhr eine weite-
re Auseinandersetzung. So etwa verweist Virginia Nightingale (1996: 105, 120) darauf,
dass Angs Begriffsverwendung von Fantasie auf einer kognitiven und sozialpsychologi-
schen Ebene angesiedelt wäre (also gänzlich unter der Kontrolle des Selbst) und nicht
die Komplexität des Unbewussten nach Freud oder Jacques Lacan berücksichtigen wür-
de. Damit würde der Aneignungsprozess zu einem bewussten Akt des Selbst, das damit
sowohl psychodynamisch als auch diskursanalytisch betrachtet zu eng gefasst sei (siehe
auch den Beitrag zu Jacques Lacan in diesem Band).
Angs „Watching Dallas“ steht aber auch am Beginn einer feministischen Forschungstra-
dition, die den Zuseherinnen eine eigenständige, aktive und potenziell widerständige Po-
sition im Aneignungsprozess zuschreibt. Mit Interesse wurde dieser Aspekt vor allem
von feministischen Forscherinnen aufgenommen, betont Ang doch, dass Frauen nicht
länger einer patriarchalen Massenkultur „wehrlos“ ausgeliefert wären, sondern sich diese
selbst emanzipatorisch aneignen könnten. So etwa hebt Nightingale (1996: 121) hervor,
dass Ang mit der Verbindung von Vergnügen bzw. Fantasie und Politik die (patriarchale)
Ideologie der Massenkultur, wonach Gefühl und Verstand voneinander zu trennen sind,
ganz im Sinne einer feministischen Kritik infrage stellt. Ang hat damit auch eine For-
schungstradition mitbegründet, die dazu geführt hat, dass mit „weiblichen“ Codierungen
versehene, gesellschaftlich abgewertete Genres (wie Serien, Soaps und andere Unter-
haltungssendungen) insgesamt eine Aufwertung erfuhren.
– Modellentwicklung: Auf der Ebene der Modellentwicklung ist vor allem das von Ang
und Hermes Anfang der 1990er Jahre vorgestellte Modell der Geschlechterkonstruktion
im Aneignungsprozess hervorzuheben. Damit wurde ein bis heute vor allem in der fe-
ministischen Medienforschung vielfach angewandtes, theoriegeleitetes Modell zur Ana-
lyse der Geschlechterkonstruktion im Medienaneignungsprozess entwickelt. Erstmals
kann nun theoretisch wie empirisch erfasst werden, wie Geschlechterpositionierungen in
gesellschaftlichen Diskursen, Medientexten und Aneignungsprozessen ineinandergrei-
fen, sich gegenseitig beeinflussen, aber auch divergieren können. Entsprechend dem Pa-
radigma der Aktivität der Zusehenden liefert das Modell eine plausible Erklärung für die
Annahme einer geschlechtlichen Selbstpositionierung bzw. für das Changieren zwischen
unterschiedlichen geschlechtlichen Selbstpositionierungen im Aneignungsprozess. In
seiner Tragfähigkeit reicht das Modell sogar so weit, dass es von Klaus (2002) überzeu-
gend auch auf den Produktionsprozess der Medien übertragen werden konnte.
118 Johanna Dorer

– (Selbst-)Reflexion der theoretischen Voraussetzungen: Auf der Ebene der selbstkriti-


schen Reflexion des eigenen Standpunkts greift Ang immer wieder Paradigmen der Cul-
tural Studies auf und hinterfragt diese. So etwa hat sie mit ihrem Aufsatz zu Ethnografie
und radikalem Kontextualismus nicht nur einen Beitrag zur aktuellen Debatte über die
Anwendung der ethnografischen Methode zur Erforschung von Publika eingebracht,
sondern eine klare epistemologische (d.h. erkenntnistheoretische) Standortbestimmung
vorgenommen. Obgleich sie die Verbindung zur im Rahmen der feministischen Wissen-
schaftstheorie von Sandra Harding entwickelten Standpunkttheorie nicht explizit her-
stellt, lassen sich Angs Ausführungen epistemologisch hier verorten. In ihren Ausfüh-
rungen geht Ang dabei mit der standpunkttheoretischen These von der „Situiertheit des
Wissens“9 konform.
Auch in ihren Beiträgen zu Globalisierung und Publika hinterfragt sie kritisch die in den
Cultural Studies verwendeten Konzepte von Macht und die damit verbundene Überbewer-
tung widerständiger Aneignungspraxen. Sie kritisiert vor allem die reduktionistische Sicht-
weise in vielen Aneignungsstudien, die sich auf lokale Aneignungsstrategien und -taktiken
beschränken. Gleichzeitig entwickelt sie Eckpunkte für eine adäquatere Forschungsagenda
der Cultural Studies. Damit liefert Ang immer wieder wesentliche theoretische Impulse zur
Weiterentwicklung der Konzepte und Paradigmen in der wissenschaftlichen Auseinander-
setzung mit Medienpublika.
Resümierend kann Angs Beitrag zur Erforschung von Medienpublika nicht hoch genug
eingeschätzt werden, wenngleich ihre theoretischen Überlegungen und empirischen Befun-
de immer nur als vorläufige Erkenntnisse und keineswegs als abgeschlossenes Projekt auf-
zufassen sind. Indem Ang auf verschiedenen Ebenen Fragestellungen der Publikums- und
Aneignungsforschung in Angriff nimmt, zeigt sie, wie eine differenzierte Sichtweise zu ei-
ner Weiterentwicklung des Forschungsgegenstands beitragen kann. Gleichzeitig dokumen-
tieren ihre Befunde aber auch, dass der Anspruch, eine „holistische Rezeptionstheorie“ zu
entwickeln, nicht einzulösen ist, und dass Konzepte, die dies für sich beanspruchen, immer
nur wissenschaftliche Artefakte mit begrenzter Aussagekraft sein können.

Literatur
Ang, Ien (2003) [engl. 1994, 1996]: Im Reich der Ungewissheit. Das globale Dorf und die kapitalistische Postmo-
derne. In: Hepp, A./Winter, C. (Hrsg.): Die Cultural Studies Kontroverse. Lüneburg: zu Klampen, S. 84–110.
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des Medienkonsums im transnationalen Kontext. In: Bromley, R./Göttlich, U./Winter, C. (Hrsg.): Cultural Stu-
dies. Grundlagentexte zur Einführung. Lüneburg: zu Klampen, S. 317–340.
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Hepp, A./Winter, R. (Hrsg.): Kultur – Medien – Macht. Cultural Studies und Medienanalyse. Opladen: West-
deutscher Verlag, S. 85–102.
Ang, Ien (1996): Living Room Wars. Rethinking Media Audiences for a Postmodern World. London/New York:
Routledge (deutsche und türkische Übersetzung in Vorbereitung).
Ang, Ien (1991): Desperately Seeking the Audience. London/New York: Routledge (italienische Übersetzung 1998,
koreanische Übersetzung 2000).
Ang, Ien (1986): Das Gefühl Dallas. Zur Produktion des Trivialen. Bielefeld: Daedalus Verlag.

9 Der Begriff des „situierten Wissens“ geht auf Harding (1994) und Donna Haraway (1995) zurück und bedeu-
tet, dass jegliches wissenschaftliche Wissen sowohl situiert als auch kontextabhängig ist, weil Forschende
selbst immer historisch, sozial, ökonomisch und kulturell unterschiedlich verortet sind. Wissenschaftliches
Wissen ist demnach immer auch Ausdruck von Machtverhältnissen.
Ien Ang: Publika und Postmoderne 119

Ang, Ien (1985): Watching Dallas. Soap Operas and the Melodramatic Imagination. London/New York: Methuen.
Ang, Ien/Hermes, Joke (1994) [1991, 1996]: Gender and/in Media Consumption. In: Angerer, M.-L./Dorer, J.
(Hrsg.): Gender und Medien. Ein Textbuch zur Einführung. Wien: Braumüller, S. 114–133.
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Dorer, Johanna (2002): Diskurs, Medien, Identität: In: Dorer, J./Geiger, B. (Hrsg.): Feministische Kommunika-
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Haraway, Donna (1995)[engl.1991]: Die Neuerfindung der Natur. Frankfurt am Main/New York: Campus.
Harding, Sandra (1994) [engl. 1991]: Das Geschlecht des Wissens. Frankfurt am Main./New York: Campus.
Hepp, Andreas (1999): Cultural Studies und Medienanalyse. Opladen: Westdeutscher Verlag.
Klaus, Elisabeth (1998): Kommunikationswissenschaftliche Geschlechterforschung. Wiesbaden: Westdeutscher
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Klaus, Elisabeth (2002): Aufstieg zwischen Nähkränzchen und Männerkloster. Geschlechterkonstruktion im Jour-
nalismus. In: Dorer, J./Geiger, B. (Hrsg.): Feministische Kommunikations- und Medienwissenschaft. Wiesba-
den: Westdeutscher Verlag, S. 170–190.
Krotz, Friedrich (2006): Gesellschaftliches Subjekt und kommunikative Identität. In: Hepp, A./Winter, R. (Hrsg.):
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Lyotard, Jean-François (1986) [engl. 1979]: Das postmoderne Wissen. Wien: Passagen Verlag.
Nightingale, Virginia (1996): Studying Audiences. The Shock of the Real. London u.a.: Routledge.
David Buckingham: Kindheit, Handlungsfähigkeit und Literalität
Ben Bachmair & Andrew Burn

1. Einleitung
Will man Medienpädagogik auch als Teil der Kulturwissenschaft im Sinne der Cultural Stu-
dies etablieren, dann gibt es im Sinne von David Buckingham zwei Ansatzpunkte. Zum ei-
nen sind es die kulturellen Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen, die Teil der heuti-
gen Kindheit sind und die sie auch definieren. Zu diesen kulturellen Erfahrungen gehören
zunehmend mehr multimediale Texte. Buckinghams zweiter Ansatzpunkt ist die Hand-
lungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen, die ihnen hilft, den medialen Textangeboten
Bedeutung zu verleihen. Die Handlungsfähigkeit, im Englischen „Agency“, ist die Basis für
die Entwicklung von Literalität als Teilhabe an Kultur und Gesellschaft. Handlungsfähigkeit
von Kindern ist Teil der Bedeutungskonstitution und Basis für die Entwicklung von Litera-
lität in der Schule. Literalität heißt hier mehr als nur Lesekompetenz. Sie greift über den Ge-
danken einer kompetenten Mediennutzung hinaus und schließt die gelebte Praxis von Kin-
dern bzw. Jugendlichen in Sachen Medien ein, was vom Medienkonsum und den dabei
ablaufenden Deutungsprozessen bis zur eigenen Mediengestaltung reicht. Dieses Konzept
von Literalität als kulturelle Praxis von Kindern und Jugendlichen gibt Medienpädagogik
die Chance, sich kulturwissenschaftlich zu definieren und über die Medienrezeption der
Subjekte hinaus das Verhältnis von Medienproduktion, Medientexten und Publikum zur theo-
retischen Grundlage auch eines Curriculums zu machen. Hier, das heißt in der Beziehung
zwischen Kindheit, Literalität, Handlungsfähigkeit und Medien, liegt der kulturwissen-
schaftliche Schwerpunkt der Arbeit von Buckingham, von dem aus er seinen Zugang zu Er-
ziehung sowie zu psychologischen und technologischen Fragen schafft. Die Rolle, die da-
bei die Cultural Studies haben, wird im Anschluss diskutiert. Dazu gehören auch Defizite
der Cultural Studies bzgl. Kindheit.
Buckingham ist Professor für Erziehungswissenschaft und Direktor des Centre for the
Study of Children, Youth and Media am Institute of Education, London University. Vor seiner
Tätigkeit an der Universität arbeitete er in London als Lehrer und Medienberater für Schulen.
Mit seiner aktuellen Forschung konzentriert er sich auf die Beziehung Jugendlicher zu elek-
tronischen Medien und auf Medienerziehung, wobei Camcorder und die Rolle des Internets
für die Teilhabe Jugendlicher an der Gesellschaft im Vordergrund stehen. Seine neuesten
Bücher sind: „Beyond Technology: Children’s Learning in the Age of Digital Culture“ (Poli-
ty, 2007); „Global Children, Global Media: Migration, Media and Childhood“ (mit Liesbeth
de Block, Palgrave, 2007) und „Youth, Identity and Digital Media“ (Hrsg., MIT Press, 2008).

2. Die Schlüsselkonzepte: Kindheit, Handlungsfähigkeit und Literalität


Im folgenden Abschnitt stehen die Konzepte von Kindheit, Literalität und Handlungsfähig-
keit zur Diskussion, die Buckinghams Argumentation leiten. Kurze Verweise auf die deut-
sche Debatte sollen helfen, diese Konzepte auch in die Diskussion außerhalb von Großbri-
tannien einzuordnen.
David Buckingham: Kindheit, Handlungsfähigkeit und Literalität 121

Buckingham, Erziehungswissenschaftler und ehemaliger Sekundarschullehrer, begann


seine empirische Forschung zur Medienpädagogik mit Fernsehrezeptionsforschung. Er kon-
zentrierte sich darauf, wie Kinder in ihrem Alltagsleben mit dem Fernsehen umgehen. Dies
entspricht einem deutschen Ansatz, Medienpädagogik auf der Medienrezeption im Alltags-
leben aufzubauen und zu begründen, was in Deutschland z.B. Heinz Hengst (1980), Ben
Bachmair (1984), Jan Uwe Rogge (1985), sowie Michael Charlton und Klaus Neumann
(1986) ebenfalls taten. In einem weiteren theoretischen Schritt ging es Buckingham darum,
das Verhältnis von Kindern und Medien nicht nur als Rezeption, sondern als Teil von Kind-
heit zu bestimmen und Medienpädagogik auf Medienrezeption und die aktuelle Form von
Kindheit auszurichten. Buckinghams Arbeit von 2000: „After the Death of Childhood“ ent-
wickelt diesen theoretischen Schritt, was in der deutschen medienpädagogischen Debatte
dem Ansatz von Hengst (1981, 1985) entspricht.
Was bringt der theoretische Schritt von der Rezeptionsorientierung zur Kindheitsorien-
tierung? Er bringt eine kulturanalytische Fragestellung, die medienpsychologisch bestimmte
Verhältnisse von Kindern und Medien in das kulturelle Handeln von Kindern bzw. Jugend-
lichen einbindet. Deshalb interpretiert Buckingham Kindheit als kulturelles Phänomen, das
Kindheit und Mediennutzung in die aktuellen Prozesse der Globalisierung und deren Reprä-
sentations- und Kommunikationsformen wie Internet oder die global vorzufindenden Spiele
einordnet. Daneben und in einer analytisch konzeptionellen Perspektive steht als Aufgabe an,
die Beziehung von Kindheit und Medien als Bedeutungskonstitution zu sehen, eine Beziehung,
in der Kinder als Teil des Publikum den ihnen von der Medienproduktion angebotenen Me-
dientexten Bedeutung gegeben. Der pädagogische Zugang zur Bedeutungskonstitution
zeichnet sich dadurch aus, dass er von der subjektiven Handlungsfähigkeit in der kulturell
vorgegebenen Verbindung von Medienproduktion, Medientext und Publikum ausgeht. Die-
se Kompetenz entsteht in einem gesellschaftlich definierten Raum, der über das Verhältnis
von Produktion, Publikum und Text nahelegt, wie mit Medien und ihren Repräsentations-
formen in unserer Kultur umzugehen ist. Stichwort hierzu ist wiederum Literalität. In unse-
rer aktuellen Form von Kindheit ist die persönliche Kompetenz der Literalität wichtig, mit
Medien als Text oder Repräsentationen so umzugehen, dass eine eigene Bedeutung entsteht.
Mit diesem Zugang zu Kindheit kritisiert Buckingham Konzepte, die Kindheit als pas-
siv und eingeschränkt gegenüber den Medien ansehen, und die den aktiven Kompetenzraum
von Kindheit in Bezug auf die Medienangebote nicht sehen. Hier verwendet Buckingham
den in der britischen Diskussion üblichen Begriff der Agency, um die aktiv handelnde Funk-
tion der Kinder als Mediennutzer herauszustellen, und betont Kindheit bzw. Kinder als
handlungskompetent im Sinne einer „cultural and political agency“, also als aktive Teilneh-
mende an kulturellen und politischen Entwicklungen. Damit wendet er sich zum einen ge-
gen die populäre Vorstellung, Kindheit sei schwach, emotional und bedürftig – bzw. als Ver-
sion in einer protestantischen Tradition, dass Kindheit ein Zustand sei, der der Entwicklung
bedarf, weil Kinder in sich die Erbsünde tragen. Andererseits wendet sich das Konzept von
Kindheit als „cultural and political agency“ gegen vergleichbare akademische Konstrukte
wie das von Neil Postman (1982), die Kindheit als durch audiovisuelle Medien verwundbar
ansehen, weil sie „Geheimnisse“ der Erwachsenen veröffentlichen, was die Printmedien als
kulturelle Vorgänger der audiovisuellen Medien nicht taten. Buckingham (2000) kritisierte
beide Extrempositionen, zudem auch die Position, die Kindheit und Jugend in ihrer kultu-
rellen und politischen Handlungsfähigkeit, also als „cultural and political agency“, in ihrer
Eigenständigkeit im Umgang mit digitalen Medien romantisierend übertreibt.
122 Ben Bachmair & Andrew Burn

Er sucht einen Mittelweg bzgl. Kindheit, indem er gegenüber einem reduzierten Kind-
heitsbild die Handlungsfähigkeit der Kindheit und zugleich die Verletzbarkeit kindlicher
Entwicklung betont. Dabei übernimmt er die Zugangsweise der Cultural Studies zur Jugend-
kultur und wendet sie auf Kindheit an. Kennzeichnend dafür ist, die materiell vorhandene
Kultur ebenso wahrzunehmen und zu untersuchen wie die Entwicklung von Geschmack und
Stilen, die gesellschaftliche Rolle von Identität sowie die komplexen Zusammenhänge von
Vergnügen, Unterhaltung und Spiel. Wie Buckingham dies tut, skizziert der Abschnitt 2:
Kindheit und Medien als Kultursphäre. Gleichzeitig konzentrierte Buckingham sich auf
Literalität als kulturell definierte Beziehung von Kinder und Jugendlichen zu den Medien,
wobei Literalität mehr meint als das vergleichsweise enge deutsche Konzept der Medien-
kompetenz; dazu mehr unter 3: Literalität: Medienerziehung in der Kulturperspektive. Das
kulturelle Konzept der Literalität richtet sich auf die Gesamtheit der kulturellen Erfahrun-
gen von Kindern in unserer Gesellschaft mit den für sie relevanten Medien.
Aufgabe des folgenden zweiten Abschnittes ist es, zu zeigen, wie Buckingham Perspek-
tive und Argumente der britischen Cultural Studies nutzt und zugleich versucht, ihnen die
kulturelle Dimension von Kindheit und Jugend zu erschließen. Im dritten Abschnitt geht es
dann um die Frage, was Medienpädagogik gewinnt, wenn sie ihre Erziehungsfragestellung
in das kulturell bestimmte Verhältnis von Kindheit bzw. Jugend und Medien einordnet.

3. Kindheit und Medien als Kultursphäre – eine pädagogische Perspektive für die
Cultural Studies
Der Argumentationsprozess, mit dem sich Buckingham auf Medien und Erziehung als Kul-
turphänomen einließ, um das pädagogisch-kulturelle Feld, in dem Kinder und Jugendliche
aufwachsen, neu abzustecken und zu analysieren, lief über mehrere Jahre und mit unter-
schiedlichen Schwerpunkten. Dabei waren die Cultural Studies auch in ihren pädagogischen
Defiziten für ihn anregend. Da es nicht zu den Textsorten wissenschaftlicher Arbeit gehört,
sich selber als Autor und seinen Argumentationsprozess journalistisch einzuordnen, wurde
für den vorliegenden Text ein Gespräch mit Buckingham über seine leitenden Themen ge-
führt, die ihn veranlassten, sich als Medienpädagoge auf die Cultural Studies einzulassen.
Im Folgenden die wesentlichen Punkte dieses Gesprächs.
Den Cultural Studies fehlt neben den von ihnen deutlich herausgearbeiteten Konzepten wie
Gender, gesellschaftliche Klassen und Ethnizität die Diskussion darüber, was Alter für unsere
Kultur bzw. für Medienkultur bedeutet. Als Aufgabe stellt sich deshalb, Kindheit und Jugend
als wesentliches Kulturphänomen zu erschließen. Buckingham betont, wie wichtig für die
Cultural Studies die Fragen nach sozialer Macht und gelebter Alltagskultur waren und sind.
Trotzdem vernachlässigte sie es, nach der kulturellen Funktion von Kindheit zu fragen. Dabei
bieten die Cultural Studies einen spezifisch kulturanalytischen Zugang, der dem wissenschaft-
lichen Mainstream der psychologischen Medien- und Massenkommunikationsforschung (z.B.
Wirkungsforschung) neue Erkenntnismöglichkeiten entgegensetzen kann. Das gelingt, so
Buckingham, weil diese Forschung sich gleichzeitig mit Kindern als „aktiven“ Zuschauenden
und Mediennutzenden, den Medientexten und der Medienindustrie auseinandersetzt, wobei das
Modell des Kulturkreislaufes (Circuit-Culture-Modell, siehe u.a. Stuart Hall 1980, Paul du Gay
et al. 1997) die funktionale Verbindung von Produktion, Medientext und Publikum beschreibt.
Innerhalb dieses Basismodells der Cultural Studies vom Kulturkreislauf ging Bucking-
ham daran, Medien und Alltagskultur (popular culture) auch auf die Tagesordnung der
David Buckingham: Kindheit, Handlungsfähigkeit und Literalität 123

Kindheitsforschung zu setzen und damit auch so etwas wie eine neue Soziologie der Kind-
heit mit dem Ziel zu formulieren, Medien und Alltagskultur als Teil des Kinderlebens zu be-
rücksichtigen. Zudem bemühte sich Buckingham, so seine kritische Einschätzung, ein wich-
tiges Defizit der Cultural Studies, und zwar Erziehung und Lernen, in einem weiten Sinne
zum kulturwissenschaftlichen Thema zu machen. Zwar verstehen die Vertreterinnen und
Vertreter der Cultural Studies diese als Erziehungsprojekt, doch wenn es in der Diskussion
konkret um Erziehung geht, bleiben sie bei einer allgemein gehaltenen „kritischen Pädago-
gik“ stehen. Buckingham setzt sich in der Perspektive der kritischen Pädagogik die Aufgabe,
eine konkrete medienpädagogische Praxis für die Schule zu entwerfen.
Mit dieser Einschätzung der Cultural Studies weist er auf zwei ihrer defizitären Felder
hin, zum einen auf Kindheit und zum anderen auf die kulturellen Erfahrungen von Kindern
und die auf diesen Erfahrungen aufbauende Medienerziehung.
Der folgende Abschnitt stellt Buckinghams Auseinandersetzung mit dem kulturellen Le-
ben von Kindern als Kulturanalyse von Kindheit heute vor, die über eine Publikums- und
Nutzungsforschung hinausgeht und die die dynamische Beziehung von Medienproduktion,
Text und Publikum untersucht. Daran anschließend geht es um kulturell situierte Medien-
erziehung, die den Brückenschlag von den Cultural Studies zur Schule als kulturelle Praxis
aufgreift, in der sich die kulturellen Erfahrungen von Kindern bzw. Jugendlichen kreativ und
kritisch entwickeln lassen.

3.1 Der theoretische Bezugsrahmen: die Cultural Studies und das reziproke Dreieck der
Bedeutungskonstitution
Im „Handbook of Children, Media and Culture“ behandelt Buckingham (2008b) das Ver-
hältnis von Kindern und Medien gezielt als kulturell definiert. Um die Struktur dieser kul-
turellen Beziehung zu erklären, nutzt er explizit die Cultural Studies als Bezugsrahmen, wo-
bei klar ist, dass es sich bei den Cultural Studies nicht um ein in sich geschlossenes Modell,
sondern um eine theoretische Richtung dafür handelt, Phänomene wie Medien, Bedeutung
oder Erziehung als kulturell konstituiert zu erklären. Deshalb greift Buckingham auch auf
die theoretischen Anfänge vor allem Raymond Williams’ (1958) zurück, der den Begriff von
Kultur auf die Bereiche außerhalb von Hochkultur erweiterte, was dann in den 1970er Jah-
ren dazu führte, sich mit der Populärkultur auseinanderzusetzen.
Führend bei dieser neuen Orientierung und Fokussierung war das Centre for Contempo-
rary Cultural Studies (CCCS) an der Universität Birmingham, deren vornehmliches Ziel es
war, das Verhältnis zwischen speziellen kultureller Praktiken und den breit angelegten Pro-
zessen sozialer Machtausübung zu untersuchen (Buckingham 2008b: 2). Dabei ging es da-
rum, wie kulturelle Bedeutungen z.B. von Unterhaltung produziert werden und wie diese
Bedeutungen in der Gesellschaft zirkulieren. Zudem ging es um die Frage, wie Einzelne und
soziale Gruppen kulturelle Texte nutzen, interpretieren und wie Menschen mit diesen kultu-
rellen Praktiken ihre Identität entwickeln:
„how cultural meanings and pleasures are produced and circulated within society; how individuals and social
groups use and interpret cultural texts; and the role of cultural practices in the construction of people’s social
identities“. (ebd.)

Buckingham (2008b: 2) stellt deutlich heraus, dass sich die Cultural Studies auf die politi-
sche Dimension kultureller Praktiken und auf die damit verbundene Machtausübung kon-
124 Ben Bachmair & Andrew Burn

zentrierten, was beispielsweise zu Untersuchungen über die Funktion gesellschaftlicher


Klassen, Gender als dem kulturellen Geschlecht und „Rasse“ (race) geführt hat. Gesellschaft-
liche Klassen, Gender, und „Rasse“ sind kulturell hergestellt und angeeignet. Dabei ist es
möglich, dass sich die Menschen gegen solche Herstellungsprozesse sperren oder sich aktiv
mit eigenen Zielen in Vermittlungsprozesse einbeziehen:
„Cultural Studies are „primarily concerned with the political dimensions of cultural practice; and it has paid
particular attention to the ways in which power relationships – for example, based around social class, gen-
der and ‘race’ – are reproduced, resisted and negotiated through acts of cultural production and reception“.
(Buckingham 2008b: 2)

Auf dieser theoretischen Basis, die Buckingham auch für Medienpädagogik als adäquat be-
urteilt, sieht er ein Forschungsdefizit, denn die empirischen Untersuchungen lassen Kinder
nahezu vollständig außen vor (Buckingham 2008b: 2). Zudem beklagt er als weiteren Man-
gel, dass Alter nicht als bestimmende Dimension gesellschaftlicher Macht erscheint, dage-
gen Macht in Bezug auf Klassen, Gender und „Race“ im Forschungsmittelpunkt des CCCS
standen. Jugend hingegen ist eine zentrale theoretische Kategorie des CCCS, weshalb
Buckingham analog dazu Kindheit als kulturell definiertes und konstruiertes Phänomen
einführt.
Mit dieser Definition von Kindheit als kulturellem Phänomen begibt sich Buckingham
gezielt in Widerspruch zum Modell der Medienwirkung, das z.B. die Forschung zur Me-
diengewalt dominiert. Dem Wirkungsmodell der Medien fehlt die theoretische Möglichkeit,
Bedeutungszusammenhänge von Gewaltdarstellungen zu erfassen, was jedoch zur Aufga-
benstellung eines kulturtheoretischen Zugangs gehört. Mit dem Begriff der Bedeutung (mea-
ning) eröffnet sich Buckingham den Weg einer kulturtheoretischen Bestimmung und Analyse
des Verhältnisses von Kindern bzw. Jugendlichen und Medien. Dieser Zugang kompensiert
zum einen, was die Cultural Studies zuvor in Bezug auf Kindheit vernachlässigt hatten, und
setzt zum anderen dem Modell der Medienwirkung eine Modell kulturell situierter Bedeu-
tung entgegen. Damit eröffnen sich theoretische Pfade in die Felder der Bedeutungsfor-
schung. Um im Bild der Pfade zu bleiben, ist die entscheidende Gehhilfe dazu das Dreieck
reziproker und interdependenter Beziehungen von Text, Textproduktion und Publikum (au-
dience), die konstitutiv für die Entwicklung und Zirkulation von Bedeutung sind.

Text

Produktion Publikum

In dieser Dreiecksbeziehung kann man analytisch sowohl vom Text als auch von der Pro-
duktion wie von den Nutzern als Publikum ausgehen, um die kulturelle Dynamik der Me-
dien für Kindheit zu bestimmen. Dieses Dreiecksmodell basiert auf verschiedenen Model-
len der Cultural Studies, vor allem auf dem Modell des „Kulturkreislaufes“ („Circuit of
Culture“), das die Zirkulation der kulturellen Produkte in kulturellen Sphären und die Be-
ziehung von Produktion, Text, Identität, Konsum, Engagement des Publikums und Reaktio-
nen der Industrie als Punkte eines Kreislaufes erfasst (du Gay et al. 1997). Obwohl dieses
Modell des „Kulturkreislaufes“ sich als ideale Verbindung der methodologischen Traditio-
David Buckingham: Kindheit, Handlungsfähigkeit und Literalität 125

nen der Textanalyse und der Publikums- bzw. Nutzungsforschung anbietet, ist es schwierig,
empirische Studien zu finden, die diese beiden Ansätze erfolgreich verbinden. Der For-
schungsschwerpunkt der britischen Cultural Studies lag vor allem auf Seiten der Publikums-
und Nutzungsforschung. Deshalb hat Buckingham erhebliche Anstrengungen unternommen,
um Textanalyse und Analyse der Diskurse von Kindern im Rahmen der jeweiligen medialen
Textstrukturen miteinander zu verbinden. So hat Buckingham Textanalysen zu wichtigen Me-
dientexten wie die der „Teletubbies“ (Buckingham 2002b), „Pokémon“ (Buckingham, Julian
Sefton-Green 2003) oder zu multimedialen Texten aus dem Bereich des Edutainment
(Buckingham, Margaret Scanlon 2004) vorgelegt.
Worauf richtet sich bei Themen wie „Teletubbies“, „Pokémon“ oder Edutainment-Ange-
boten die Forschungsfrage? Es geht vor allem um die Kinder als die kompetent Handelnden.
Die Frage nach den Mediennutzenden als handelndem Publikum kommt insbesondere in
Halls Konzept der Lesarten zum Tragen (Hall 1980), das sich auf das Machtverhältnis von
Medienproduktion und Publikum konzentriert. Gelingt es Teilen des Publikums, den in den
Medientexten angelegten Bedeutungen etwas entgegenzusetzen oder sie sogar an ihre Inter-
pretation anzupassen und die Angebote der Medienkultur als Ressourcen für die eigenen
Zwecke und Themen einzusetzen (John Fiske 1989)? Bei der kontroversen Diskussion in
den Cultural Studies um die Rolle des Publikums als handelnde und bestimmenden Nut-
zende, also um die Verschiebung der Macht im Kulturkreislauf von der Medienproduktion
zu den Mediennutzenden und deren Kompetenz der Bedeutungskonstitution (Jim McGuigan
1997), betonte Buckingham die Balance zwischen den Medienstrukturen (Art und Inhalt des
Medientexts, Medienpolitik, Zielsetzungen der Medienindustrie) und den individuell und
sozial handelnden Kindern. Dazu äußerte er sich im Rahmen seiner Arbeit zusammen mit
Sefton-Green (Buckingham, Sefton-Green 2003) zu „Pokémon“. Er zeigt, wie Kinder ihre
Bedeutung von „Pokémon“ im Laufe der Beschäftigung mit deren Merchandising-Produkten
verändern. Die Betonung liegt hier auf einer Vermittlung von Textangeboten und Kindern
als Handelnden, die im Laufe der Beschäftigung mit den „Pokémon“-Angeboten passiert. Die-
se Studien leitet das Argument, dass Kinder sich mit dem jeweiligen ideologischen und for-
malen Rahmen eines Textes und seinen Beschränkungen beschäftigen. Daraus entwickelte
Buckingham die vor allem methodologisch relevante Sichtweise, dass es sich bei Gesprä-
chen von Kindern zu Medien um sozial situierte Diskurse handelt. Wenn man Gespräche
von Kindern zum Fernsehen untersucht, dann geht das nur bezogen auf den Gesprächskon-
text, zu dem das Fernsehen gehört, der dann auch soziale Beziehungen organisiert und be-
stimmt. Schwerpunkt der Analyse dieser sozial situierten Diskurse ist dann, herauszuarbei-
ten, auf welche Weise Kinder mittels Gesprächen über Fernsehen oder andere Medien ihre
soziale Identität definieren und konstruieren.
Für Medienproduktion gilt die gleiche Sichtweise, was jedoch eher Zielvorstellung denn
Produktionswirklichkeit ist. So gibt es sehr wenige Untersuchungen über die Annahmen und
Erwartungen der Medienproduzierenden über ihr Kinderpublikum, obwohl historisch und
international vergleichende Forschung zu Jugendschutzregularien vorliegt (Buckingham
2008b: 10). Deshalb beschäftigte sich Buckingham empirisch mit den die Medienproduk-
tion leitenden Konzepten (Buckingham et al. 1999, Wendy Keys und Buckingham 1999).
Da zum sozial situierten Diskursrahmen der Medien auch deren ökonomische Bedingungen
gehören, analysierte Buckingham zusammen mit Scanlon (2005) die Effekte, die ein redu-
zierter ökonomischer Aufwand bei der Produktion von Edutainment-Software auf das Ler-
nen von Kindern zu Hause hat.
126 Ben Bachmair & Andrew Burn

Hier ein knapper Verweis auf die deutschen Verhältnisse, den Buckingham nicht formu-
liert hat, der jedoch die Chancen einer kulturorientierten Medienpädagogik verdeutlicht. Ver-
wendet Medienpädagogik das reziproke Relationsmodell von Text, Produktion und Publikum,
dann zeigen sich deren Vorteile im Vergleich zur eher anthropologisch begründeten Alters-
klassifikation des deutschen Jugendmedienschutzes. Einem kulturorientierten Modell der Be-
deutungskonstitution gelingt es dagegen, die sich aktuell ändernde Altersstruktur von Kindheit
auch praktisch aufzufangen. Für Jugendkultur in Deutschland und ihre juristisch definierten
Altersgrenzen ist die Verschiebung der vertrauten Alterszuordnungen kaum zu bewältigen,
wenn sich heute schon die ab 11-Jährigen an der globalen Jugendkultur orientieren, obwohl
Kindheit formal erst mit 14 Jahren endet. Zudem gibt es Altersgrenzen für Fernsehen und
Internet, die regeln, dass Programme, die Kinder in ihrer Entwicklung zu einer eigenständigen
und sozialen Persönlichkeit im Alter von 12, 14 oder 16 Jahren behindern, nicht vor 20, 22
oder 23 Uhr auf dem Bildschirm zu finden sind. Mit diesen objektiv erscheinenden Alters-
grenzen erfüllen Fernseh- oder Internetanbieter ihre Jugendschutzverpflichtungen, obwohl die
sozial situierten Diskurse, in denen Medienvorlieben entstehen, Altersgrenzen von Kindheit
verschieben. Was als Widerspruch zwischen juristisch-politischen Bemühungen des Jugend-
medienschutzes und dem Alltagsleben von Kindern erscheint, ist Resultat unterschiedlicher
kultureller Sphären wie Medienproduktion und Marketing, Medienpolitik, Familienerzie-
hung, Alltagsleben von Kindern oder Jugendlichen und deren typischen sozial situierten Dis-
kurse. Buckingham analysiert und erklärt ähnliche Beispiele, wozu er die Relation von Text,
Produktion und Publikum als analytische Basis der Bedeutungskonstitution nutzt.

3.2 Veränderte Kindheit in der Perspektive des Modells der reziproken Dreiecksrelation
von Produktion, Text und Publikum
Buckinghams Theorie der Kindheit als kultureller Sphäre in seinem Buch „After the Death
of Childhood“ (Buckingham 2000) macht mit seinem Untertitel „Aufwachsen im Zeitalter
der elektronischen Medien“ eine höfliche Verbeugung gegenüber traditionellen und nicht
kulturorientierten Konzepten von Kindheit. Der Untertitel legt nahe, Kindheit als Zeitphase
des Aufwachsens zu verstehen, wobei Kultur mit den elektronischen Medien nur die Funk-
tion einer kulturhistorischen Spezifizierung hat; also nicht mehr Buch oder Kinofilm, son-
dern elektronische Medien sind jetzt leitend. Der Haupttitel des Buches über Medien und
Kindheit bezieht sich jedoch auf Postmans Bestseller von 1983: „Das Verschwinden der
Kindheit“ und eröffnet mit der ironische Aussage „nach dem Tode von Kindheit“ eine Aus-
einandersetzung mit Postmans These vom Ende der Kindheit, die auf den Wandel von Kind-
heit als Kulturphänomen mit dem Ziel verweist, eine anthropologische Diskussion durch eine
kulturtheoretische zu ersetzen.
Der Kulturtheoretiker Postman betonte unter anderem das Ende der traditionellen Kind-
heit als Folge des Verschwindens der privaten Sphäre, was er als Verfallserscheinung und
Folge der Unfähigkeit des Fernsehens deutet, Geheimnisse des Erwachsenenlebens auch ge-
heim zu halten. Schon in der Einleitung stellt Buckingham einige Aspekte einer kulturell de-
finierten Kindheit vor, die mit Medien verwoben sind, z.B. der Beitrag der Medien zu einem
sich ausweitenden Empfinden von Furcht und Panik (Buckingham 2000: 4). Ein weiteres
Beispiel für medial verursachte Veränderung von Kindheit ist die ambivalente Faszination
von Kindheit z.B. in Hollywoodfilmen, die über kindhaften Erwachsenenfiguren wie „Forest
Gump“ oder den Figuren aus „Toys“ oder „Dumb and Dumber“ läuft.
David Buckingham: Kindheit, Handlungsfähigkeit und Literalität 127

Um eine eindimensionale Theorie von Kindheit zu vermeiden, die eine direkte Abhängig-
keit vom Verhältnis von privat/öffentlich im Fernsehen unterstellt, beschäftigt sich Bucking-
ham erstens mit der Repräsentation von Kindheit in den „Diskursen über Kindheit, die Er-
wachsene vor allem für Erwachsene“ führen. So gehört Postmans Bestseller über das
Verschwinden von Kindheit zu diesen Diskursen. Zweitens gibt es „Diskurse, die Erwach-
sene für Kinder in der Form der Kinderliteratur, mit Fernsehsendungen und anderen Medien
produzieren“. Zudem zeigt und skizziert Buckingham Felder mit spezifischer Relevanz für
die Konstruktion von Kindheit wie diejenigen, die mit dem aktuellen sozialen Wandel ein-
hergehen (Buckingham 2000: 61ff.), oder die das „Zuhause und Familie“ betreffen, die Än-
derungen der Muster von Arbeit und Freizeit und neue Formen von Ungleichheit. Als Me-
dienpädagoge konzentriert er sich auf den Wandel bei den Medien (80ff.), insbesondere bei
deren Technologien (81ff.), Institutionen (85ff.), Texten und Publika (92ff.). Um die Rele-
vanz dieser Entwicklung zu unterstreichen, fokussiert Buckingham seine Arbeit auf spe-
zielle Aspekte von Subjektivität, z.B. wie Kinder sich als Konsumierende und Bürgerinnen
und Bürger (citizens: 145) entwickeln. Er klinkt sich mit der Frage nach den Rechten von
Kindern in Bezug auf Medien („children’s media rights“: 191) auch gezielt in die aktuelle
politische Auseinandersetzung ein.

3.3 Die Dynamik der Kultursphäre Kindheit – Paradigmen und ihre Neubestimmung
Buckingham sucht in „After the Death of Childhood“ (Buckingham 2000: 101ff.) nach ei-
nem neuen Paradigma, das erklärt, wie sich Kindheit unter den neuen medialen Bedingun-
gen entwickelt. Dazu bezieht er sich auf die Cultural Studies, um den Gedanken der aktiven
Mediennutzenden („active audience“, 110f., 115ff. 119f.) auszuarbeiten. Er grenzt die theo-
retischen Möglichkeiten der Cultural Studies von denen des sogenannten Radikalen Kon-
struktivismus ab und betont die Chancen der Cultural Studies, die Beziehung von Kindern
und Medien mit Hilfe des reziproken Dreiecks von Text, Produktion und Publikum als zen-
trale Dynamik heutiger Kindheit zu bestimmen. Im programmatischen Text „Children and
Media: A Cultural Studies Approach“ (Buckingham 2008b) nutzt er diese Dreiecksbeziehung,
um seine eigenen Forschungsansätze und Forschungsergebnisse zu überdenken. In Bezug
auf die Dimension der Produktion diskutiert er protektionistische Diskurse, pädagogische
Diskurse, eine Konzeption von Kindheit unter dem Aspekt des Konsums sowie die Ausein-
andersetzung mit Kinderrechten, deren Ziel es ist, Kindheit zu definieren (Buckingham
2008: 17). Zudem geht er der Frage nach, warum die öffentlich-rechtliche BBC in den 1960er
Jahren die Kinder als Publikum an die Privatsender und später an das Bezahl-Fernsehen ver-
lor. „Nickelodeons“ z.B. war erfolgreich, weil es Kinder mit einer Anti-Haltung gegenüber
Erwachsenen ansprach und Erwachsene als notwendigerweise langweilig und konservativ
zeichnet. Dies ist, wie Buckingham (2008b: 18) formuliert, eine „mächtige Rhetorik“, ob-
wohl sich damit die grundlegende Kommerzialisierung hinter einem oberflächlichen Enga-
gement für die Rechte von Kindern verbirgt (vgl. Buckingham 2002a, Buckingham und
Hannah Davies et al. 1999a). Die BBC spielt dagegen mit der Nostalgie der Eltern, die sich
für ein Fernsehen nach dem Muster aus der eigenen Kindheit starkmacht.
Dabei analysiert Buckingham auch den Beitrag der Textmodi und deren Folgen für
Kindheit. Eines der Ziele dabei ist, den „Mythos des Kulturverfalls“ zu erklären, was er am
Beispiel der „Teletubbies“ tut (Buckingham 2002b). Die BBC hatte die „Teletubbies“ aus der
eigenen Programmverantwortung ausgelagert und an eine unabhängige Produktionseinrich-
128 Ben Bachmair & Andrew Burn

tung übertragen, die mit eigenen Zulieferunternehmen zu einem enormen weltweiten Ver-
kaufserfolg wurden. Das führte zu einer massiven Kritik an der BBC, ihre große Tradition
pädagogisch wertvoller Programme aufgegeben und sich statt dessen auf die Kommerziali-
sierung des Kinderfernsehens eingelassen zu haben, und damit ihr Publikum verraten, die
Kinder kommerziell ausgebeutet und einem kulturellen Imperialismus Vorschub geleistet zu
haben. Neben der Diskussion dieser generellen Vorwürfe zur Veränderung von Kindheit als
Folge einer Programmstrategie wie die der „Teletubbies“ fragt Buckingham, was sich aus der
Überlagerung zweier Programmtraditionen ergibt. Einerseits führen die „Teletubbies“ die Tra-
dition der Vorschulprogramme weiter, andererseits greifen sie surreale Unterhaltungsforma-
te auf. Bei beiden Ansätzen steht eine Kinderzentrierung im Mittelpunkt, die das Kinderpub-
likum sowohl mit Unterhaltung als mit Lernangeboten adressiert und damit Kinder in ihrem
Lern- wie Unterhaltungsinteresse integriert anspricht, sie zugleich in ihren Alltagsritualen
bestärkt (Buckingham 2008b: 19f.).
„Thus, the ‚child-centred‘ pedagogic approach is manifested in documentary inserts shot and narrated from the
child’s point of view; in the manipulation of knowledge via narrative; and in the slow pace and ‘parental’ mode
of address. This contrasts with the more didactic elements, relating to pre-reading and counting skills and the
modelling of daily routines.“ (ebd.)

Um die Rolle des Publikums im Zusammenspiel von Text und Produktion für die Konstitu-
tion von Kindheit zu erklären, fragte Buckingham (2008b: 20ff.), warum die 10- bis 11-Jäh-
rigen, obwohl sie überhaupt nicht als Zielgruppe intendiert waren, den „Teletubbies“ Kult-
status verliehen. Damit bekamen die älteren Kinder die Funktion, sich selber als Publikum
zu definieren, was sich mit Hilfe der Einschaltquoten nachvollziehen ließ. Die Definition als
Publikum läuft auch über Geschmack und Stil, den Kinder z.B. mit Programmpräferenzen
entwickeln und indem sie sich auch von anderen Nutzergruppen wie den eigenen Eltern ab-
grenzen. Buckinghams Untersuchungen zeigten, wie sich Kinder über die Kategorisierung
des Fernsehprogramms nach Nutzergruppen selber als Mitglieder eines Kinderpublikums
verstehen: für Eltern oder Kinder, für Großeltern oder Jugendliche, oder als langweilig/span-
nend, oder nach Genres: Talkshow/Action.
„… they frequently distinguished here between the tastes attributed to parents in general and those they ob-
served in the case of their own parents – again suggesting a recognition that broad discursive categories may
not always be directly applicable in everyday life. The older children were inclined to aspire to the identity of
the ‘teenager’, via the display of particular tastes, notably in comedy. By contrast, the tastes of some adults
were dismissed as belonging to the category of ‘grannies’, who were parodied as hopelessly ‘old fashioned’
and ‘uncool’. The children were highly dismissive of programmes featuring ‘talk’ and enthusiastic about those
featuring action – not least action of a violent or otherwise spectacular nature. As this implies, they frequently
inverted cultural hierarchies and resisted adult notions of ‘good taste’.“ (Buckingham 2008b: 22)

Solche Untersuchungen zur konkreten Beziehung von Kindern, Medientexten und Medien-
produktion bzw. Medienanbieterinnen und -anbietern zeigen, dass kontinuierliche soziale
Vermittlungsprozesse das Kinder-Medienpublikum konstruieren (Buckingham 2008b: 23).
Auf der Basis dieser Vermittlungsprozesse lassen sich dann auch die Medientexte analysie-
ren, gerade auch diejenigen, die voll in das Alltagsleben integriert sind. Beispiel dafür sind
die in „Education, Entertainment and Learning in the Home“ (Buckingham und Scanlon
2003) zusammengefassten Untersuchungen zur Edutainment-Software und deren pädagogi-
schen Anspruch, Lernen mit den Medienerfahrungen von Kindern zu verknüpfen. In diesem
Projekt wurden Medienproduzierende, Mediennutzende, und zwar Eltern und Kinder, und
die Medientexte von Mathematiklernspielen und Lern-Websites untersucht. Es zeigte sich,
David Buckingham: Kindheit, Handlungsfähigkeit und Literalität 129

dass diese Medien nur schwache Imitationen der wirklichen Medienerfahrungen von Kin-
dern anbieten und deshalb sowohl als Lernaufgabe als auch als Unterhaltungsangebot unin-
teressant sind.

3.4 Wandel der Kindheit im Kontext der Globalisierung – von Disney zu Pokémon
Da Buckingham sich schon vor der Entwicklung eines globalen Medienangebotes und des-
sen globaler Nutzung mit dem spezifischen Medium Fernsehen auf dem gesamten anglo-
fonen Markt z.B. mit den Angeboten von Disney beschäftigt hatte, lag es für ihn nahe, sich
mit Kindermedien als Teil der Globalisierung auseinanderzusetzen. So untersuchte er in den
1990er Jahren am Beispiel der Disney-Angebote die Kommerzialisierung der Kinderme-
dien, insbesondere die Intentionen, eine Medienmarke in der Kinderkultur zu verankern und
damit Kinderkultur als eigene Marke zu setzen. Die 2001 veröffentlichte Untersuchung
„Disney dialectics“ zeigt wie Erwachsene und Kinder als eigenständiges Medienpublikum
(media interpreting agents) diese Disney-Angebote als Teil der Globalisierung interpre-
tieren. Dazu hat Buckingham Erwachsene und Kinder interviewt und folgende Trends ge-
funden:
„Obwohl für viele Erwachsene außerhalb der USA, insbesondere die der Mittelschicht, Disney als Synonym
mit einem nicht zu akzeptierenden US-Kapitalismus gleichsetzen, … waren die interviewten älteren Erwach-
senen der Meinung, dass Disney-Medien eindeutig, klar einschätz- und bewertbar und authentisch, dennoch so
etwas wie schmalzig und abgedroschen sind. Die Meinung war, sie seien voll von Stereotypen und billigem
Moralismus, sie würden die Kinder von den echten, das heißt den nationalen Kulturtraditionen weg in eine ho-
mogene Massenkonsumkultur führen. Disney sei Gehirnwäsche und Verführung unschuldiger Kinder. We-
sentlich an dieser Debatte ist, dass sie sich in die Debatte nach den sich ändernden symbolischen Werten von
Kindheit einfügt … Leitend für die Bewertung war die Einschätzung, Disney stünde für Amerika und damit
für etwas grundlegend Fremdes. Die Ressentiments gegen Disney wie die gegen MacDonald gingen schwer
durchschaubar mit der Ablehnung der politischen Rolle der Vereinigten Staaten als Supermacht einher.“
(Buckingham 2008a: 6f.)

Im Gegensatz dazu interpretierten die interviewten britischen Kinder den Disney-Text in ih-
rem für sie typischen kulturellen Bezugsrahmen. Als Buckingham eine Gruppe Sechsjähri-
ger fragte, woher die Disney-Filme kämen, waren sie sich trotz des US-amerikanischen Ak-
zents unsicher. Schließlich meinten sie, aus Frankreich, weil sie schon im Disney-Land in
Paris gewesen waren. Das entspricht den Ergebnis von Kirsten Drotner (2001) im dänischen
Teilprojekt. Für die dänischen Kinder lag es nahe, dass Donald aus Dänemark stammt. Das
Amerikanische und Fremde an Disney schienen die jungen Dänen nicht zu bemerken. Das
könnte eine Folge der Übersetzung der Comics und der Synchronisierung der Filme sein,
was natürlich für die britischen Kinder so nicht zutrifft. Zudem scheinen die Kinder die Co-
mics und Filme selektiv wahrzunehmen, die guten Seiten (die Figuren sind unkonventionell
und politisch nicht korrekt) lesen die Kinder als dänisch, also als Teil eines Nationalcharak-
ters, wohingegen sie die negativen Seiten für amerikanisch oder für etwas anderes halten
(Buckingham 2008a: 7).
Mit Hilfe des Modells der reziproken Vermittlung von Produktion, Text und Publikum
wird eine komplexe Dynamik sichtbar, unter anderem eine auf Modernität ausgerichtete Kin-
derkultur (Buckingham 2008a: 4). In dieser Richtung unterstützt „Nickelodeon“ eine „liberale
Politik der Kinderrechte“ und proklamiert seine Rolle als Unterstützer von Kindern („agent
of empowerment“), z.B. indem sich „Nickelodeon“ als Kinderzone und Freund von Kindern
präsentiert, Kindern eine Stimme geben will und Kinderstandpunkte vertritt (Buckingham
130 Ben Bachmair & Andrew Burn

2008a: 4). Dabei werden die Interessen der Kinder häufig als Gegensatz zu denen der Er-
wachsenen definiert. Für den Erfolg von „Pokémon“ war darüber hinaus wesentlich, dass es
sein globales Kinderpublikum als aktiv und kommunikativ anspricht.
„Die Texte von Pokémon sind nicht nur zum bloßen und passiven Konsum gedacht, sondern im Gegenteil, um
Aktivität und Interaktion zu generieren, ja sie sind von Aktivität und Interaktivität abhängig. Das gilt nicht nur
für den unmittelbaren Kontakt der Kinder zum Pokémon-Medientext, sondern auch für all das, was sich in der
Folge und außerhalb abspielt. Die Computerspiele sind offensichtlich für Interaktivität produziert, indem die
Nutzer wählen, Voraussagen machen, Schlüsselinformation erinnern und planen müssen, um erfolgreich zu
spielen. Der gesamte Pokémon-Komplex setzt ein aktives Engagement der Kinder voraus: Die Spieler werden
zum Teil der Pokémon-Kultur. Sie lernen, was zu wissen notwendig ist. Sie suchen aktiv neue Informationen
und neue Produkte. Dabei kooperieren sie aktiv mit anderen Spielern. Die Spieler müssen sich auf dem rich-
tigen Niveau kognitiver und interpersonaler Aktivitäten engagieren. Ohne diese Zugangsweise funktioniert Po-
kémon nicht.“ (Buckingham, Sefton-Green, 2003: 9)

Auf dem Weg zu einer globalen Kinderkultur folgen die „Pokémon“-Texte mit ihrem Publi-
kumsengagement einer ökonomischen Logik, die auf dem Alter und Geschlecht der Nut-
zenden aufbaut (Buckingham 2008a: 4). Die verschiedenen „Pokémon“-Produkte sollen
nach Alter und Geschlecht fragmentierte Nutzergruppen erreichen. Dabei gibt es erstens ei-
ne Fragmentierung nach dem Alter: Soft-Toys für die jüngeren Kinder, TV-Cartoons für die
etwas älteren, den „Game Boy“ für die großen und die jüngeren Jugendlichen. Zweitens wer-
den Mädchen mit typischen Mädchenthemen anders angesprochen als Jungen. Die Mädchen
dürfen und sollen die fiktionalen „Pokémon“-Tiere ernähren und erziehen, die Jungen da-
gegen in sportliche Wettkämpfe einsteigen. So bietet „Pokémon“ Gefühl plus Kampf. Zu-
mindest zeitweise funktionierte diese Art von im Text auf stereotype Gender-Unterschiede
angelegte Fragmentierung auf dem Kindermarkt ökonomisch erfolgreich.
Bei der Globalisierung der Kinderkultur lässt sich neben der nach Alter und Geschlecht ad-
ressierten Nutzergruppen eine zweite Entwicklung bzgl. der Ökonomie feststellen (Bucking-
ham 2008a: 5), und zwar eine „vertikale“ und eine „horizontale“ Integration des globalen
Marktes der Medien und anderer Kulturprodukte wie Merchandising-Objekte. Bei der „ver-
tikalen Integration“ hat eine kleine Zahl von Unternehmen Hardware, Software und die Ver-
teilungswege in der Hand. Bei der „horizontalen Integration“ arbeiten Unternehmen mit
Medienplattformen. Bei nahezu allen Hits der Kinder der letzten 20 Jahre wie „Ninja Turtles“,
„Power Rangers“, „Pokémon“, „Beyblades“, „Harry Potter“, „Yu-Gi-Oh“ findet sich die „ho-
rizontale Integration“ mit einer Synergie der Multimedia-Angebote. Bei „Pokémon“ gab es zum
Beispiel zuerst das Computerspiel, dann die TV-Serie, die Tauschkarte, die Filme und eine
Fülle anderer Merchandising-Produkte, die von Kleidung über Spiele zum Essen und allen
möglichen Spielzubehör reicht. Diese horizontale Integration des Produktangebotes braucht
einen Markt und ein Marketing, den bzw. das keine nationalen Grenzen einschränken.
Als dritte Entwicklungslinie im Prozess der Globalisierung sieht Buckingham (2008a: 9)
eine Lokalisierung u.a. auch bei „Pokémon“. Im Rahmen von „Pokémon“ gibt es Angebote
nur für den US-amerikanischen Markt. Ein weiteres Lokalisierungsphänomen: „Pokémon“
verlor sein spezifisch japanisches Image. Es verschwand sozusagen der japanische Geruch.
Diese „Desodorierung“ lief beispielsweise über Namen, die sich für eine westliche Aus-
sprache eignen, der typische Animé-Stil bei der Darstellung der Gesichter war nicht mehr so
deutlich, geschriebene Sprache verschwand. Ebenso verloren religiöse Bezüge oder die
Handlungsorte ihr typisch japanisches Erscheinungsbild. Diese Entwicklung folgt dem, was
die Cultural Studies als Glokalisierung bezeichnen, also die regionale Adaptation globaler
Kulturprodukte.
David Buckingham: Kindheit, Handlungsfähigkeit und Literalität 131

4. Literalität: Medienerziehung in der Kulturperspektive


Wie einleitend definiert, meint Literalität die Gesamtheit der kulturellen Erfahrungen von Kin-
dern in unserer Gesellschaft mit den für sie relevanten Medien. Buckingham versucht in dieser
Denkrichtung die Leitlinien und die Praxis der Medienpädagogik1 zu verändern und wertet
dazu die Cultural Studies aus. Er erörtert dazu (Buckingham 2003) die unterschiedlichen Ab-
wehrhaltungen, was im Deutschen unter Bewahrpädagogik firmiert. Dazu gehört u.a., Kinder
vor Ideologie und moralischen Zumutungen, so eine Richtung in den USA, zu schützen.

4.1 Struktur und die Handlungsfähigkeit der Subjekte


Buckingham beschäftigt sich seit langem sowohl theoretisch-systematisch als auch praktisch
mit Medienerziehung, anfänglich im britischen, dann im internationalen Rahmen, wobei er
sich recht bald Anregungen von den an Bedeutung gewinnenden Cultural Studies holte. Wie
allgemein bekannt, begann das CCCS mit Untersuchungen zur Beziehung von Macht und
Ideologie im Sinne Antonio Gramscis Hegemonie-Konzept. Die jeweils dominante Ideologie
wird nicht nur gesetzt, sie braucht vielmehr die Zustimmung der beherrschten Bevölke-
rungsgruppen (Hall et al. 1980). Das CCCS legte in der Nachkriegszeit und im Gegensatz zur
traditionellen Mediennutzungsforschung sein besonderes Augenmerk auf die Jugendlichen
aus der Arbeiterklasse als handelnde Subjekte und deren Handlungsfähigkeit (Dick Hebdige
1979, Janice Radway 1991; Fiske 1989). Buckinghams Untersuchungen zur britischen TV-
Soap „Eastenders“ (Buckingham 1988) oder zum Interesse Jugendlicher an Filmen (Bucking-
ham 1996) gehört zu diesem Arbeitsschwerpunkt der britischen Cultural Studies.
Seine Zielsetzung korrespondierte mit der wichtigen Fragestellung der Cultural Studies
nach dem Verhältnis von vorgegebenen Strukturen und Handlungsfähigkeit (Structure and
Agency), die sich auch aus der Beziehung von ideologischer Hegemonie und der Zustim-
mung der beherrschten Bevölkerungsgruppen ergibt. Struktur im Medienkontext meint vor
allem die in den Texten und Produkten angelegten Vorgaben. Generell geht es um die Fra-
ge, ob die übermächtigen Strukturen der politischen und ökonomischen Institutionen, die
materiellen wirtschaftlichen Vorgaben, die Textbotschaften und Bedeutungen, die patriar-
chalische Kontrolle usw. das Leben der Menschen dominieren und bestimmen. Oder bleibt
den Menschen Handlungsfähigkeit und eine gewisse Macht, um über ihre eigenen Bedeu-
tungen, die eigene Identität und das eigene Leben zu bestimmen? Buckingham (Bucking-
ham und Sefton-Green 2003: 390) sucht mit Hilfe von Anthony Giddens’ (1984) Konzept
der Strukturierung (structuration) die Dichotomie von Struktur und Handlungsfähigkeit zu
überwinden, indem er auf deren Vermittlungszusammenhang und gegenseitige Abhängig-
keit abhebt. Dazu untersucht er die Verflechtung von bedingender Struktur und einflussneh-
mender Handlungsfähigkeit auch empirisch am Beispiel von „Pokémon“. Da diese Vermitt-
lungszusammenhänge, wie sie Giddens als Strukturierung (structuration) theoretisch fasst,
empirisch noch nicht erforscht sind, hat eine kulturorientierte Medienpädagogik die Chan-
ce, dieses Defizit mit Untersuchungen zur Kinderkultur auszugleichen und das subjektive
Handeln, das sich mittels und in vorgegebenen Strukturen realisiert, ebenso zu erforschen
wie auch z.B. mediale Strukturen, die Kinder und Jugendlichen in ihrem Handeln kanali-
sieren oder sie unbestimmt lassen.
1 Im Deutschen gibt es die Unterscheidung zwischen Medienerziehung und Medienpädagogik, die im Engli-
schen nicht existiert. Das englische Media Education schließt Theorie und Praxis ein, ebenso die Verwendung
von Medien im Unterricht, was im Deutschen unter der Bezeichnung Mediendidaktik läuft.
132 Ben Bachmair & Andrew Burn

Die von Giddens formulierte Vermittlungsaufgabe von Struktur und handlungskompe-


tenten Subjekten hat klare Implikationen für die Medienerziehung und ihre Zielsetzung.
Wenn die Handlungsfähigkeit von Kindern durch kritische Reflexion oder kritische Pro-
duktion entwickelt werden soll, dann braucht es dazu den angemessenen situativen Rahmen.
So kann die Kritik in der Kommunikation mit den Gleichaltrigen oder der Familie entstehen
oder ein Medientext selber stößt eine kritische Bewertung oder Auseinandersetzung an. Je
nachdem lassen sich unterschiedliche Aufgaben an eine Medienerziehung herantragen.
Die Aufgaben, die sich für die Medienpädagogik und Medienerziehung aus der Ausein-
andersetzung mit den Cultural Studies ergeben, erkundet Buckingham in einer Reihe von
Publikationen, so z.B. in dem mit Sefton-Green (1994) veröffentlichten Buch „Cultural Stu-
dies Goes to School.“ Hier erörtert er, wie eine positive Wahrnehmung der von Jugendlichen
gelebten Medienkultur die Schule und ihre Methoden der Medienerziehung verändert. Er
berichtet aus Unterrichtsprojekten, die zeigen, wie die praktische Medienarbeit der Schüle-
rinnen und Schüler ermöglicht, deren kulturelle Erfahrungen und Präferenzen erkennbar zu
machen. Zudem sind diese kulturellen Erfahrungen die Basis einer kritischen Wahrnehmung
dafür, wie Texte Bedeutung konstruieren. Das Buch beschäftigt sich zudem intensiv mit dem
Thema Identitätskonstruktion, wobei Identität in einem poststrukturalistischen Sinne als dy-
namisch, uneindeutig und multidimensional gedacht ist. Ausgangspunkt ist dafür sicherlich,
dass die Cultural Studies dem Thema Identität besondere Aufmerksamkeit widmen, wobei
für deren theoretische Protagonisten, u.a. Hall, es wichtig war, den Gedanken der Aufklä-
rung von einem integrierten Subjekt im Sinne der Post-Freudianer und Poststrukturalisten
weiterzuführen und von einer fragmentierten Identität auszugehen. Solche fragmentierten
Identitäten stießen zum einen Untersuchungen an, wie Kinder Medien für ihre Zwecke
transformieren und als Ressourcen für die Entwicklung ihre sozialen Identitäten nutzen.
Zum anderen wurden neue Theorien des Lernens und der Entwicklung notwendig.
Zu optimistische Erwartungen an die Handlungsfähigkeit der Mediennutzer in den vor-
gegebenen gesellschaftlichen, politischen, semiotischen oder kulturellen Strukturen gerieten
in eine deutliche Kritik. Autoren wie McGuigan (1992) oder Andrew Tudor (1999) beton-
ten, dass der theoretische Optimismus in Sachen Handlungsfähigkeit nach einer langen pes-
simistischen Phase zu einer neuen Balance gelangen muss. Buckingham (2003) sucht in „Me-
dia Education: Literacy, Learning and Contemporary Culture“ nach solch einer Balance der
medienpädagogischen Fragestellungen. Dazu versichert er sich in einem historischen Zugang
der sich ändernden medienpädagogischen Ansätze und Modelle, die er mit der Debatte in
den Cultural Studies zum Thema Struktur und Handlungsfähigkeit verband. Sein Ziel dabei
ist es, Lehrerinnen und Lehrern mit den typischen kulturellen Erfahrungen von Kindern und
Jugendlichen vertraut zu machen, weil diese Erfahrungen die kulturelle Handlungsfähigkeit
z.B. innerhalb der Strukturen des Medienmarktes zeigen. Dazu bietet Buckingham einen
Überblick über die einschlägige medienpädagogische Forschung und dokumentiert, wie
Praktiker mit den kulturellen Erfahrungen umgehen.

4.2 Von kulturellen Erfahrungen zur konzeptionell begründeten, kritischen und kreativen
Medienarbeit
In einem zweiten Schritt geht es Buckingham darum, Schülerinnen und Schüler über ihre
existierenden Medienerfahrungen hinauszuführen. Dazu braucht Schule einen sicheren kon-
zeptionellen Bezugsrahmen, der zudem nicht ohne internationale Einbettung auskommt. Für
David Buckingham: Kindheit, Handlungsfähigkeit und Literalität 133

einen die praktische Medienarbeit anleitenden Bezugsrahmen sind Begriffe wie Repräsenta-
tion, Publikum und Produktion wichtig, die eine kritische Befragung der Medien ermöglichen.
Buckingham hat sich für die Entwicklung eines international akzeptierten Bezugsrahmens
starkgemacht, unter anderem in seinem UNESCO-Report von 2001 (Buckingham 2001a).
Eine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Bezugsrahmen und deren leitenden
Konzepten führt Buckingham (2003) im Buch „Media Education“ und in früheren Veröffent-
lichungen (mit Sefton-Green 1994, mit Jenny Grahame und Sefton-Green 1995). Seine Ba-
sis für die theoretische Modellierung der kindlichen Entwicklung findet er in den Arbeiten
von Lew Wygotski (1962), ein russischer Psychologe des ersten Drittels des 20. Jahrhun-
derts mit einem dialektischen Zugang zu Denken, Sprache und Entwicklung, der im Gegen-
satz zur deutschen Pädagogik und Medienpädagogik in der britischen pädagogischen und
medienpädagogischen Diskussion wohlbekannt ist. Da Buckingham den Anspruch der Me-
dienpädagogik vertritt, Schülerinnen und Schüler zu unterstützen, eine kritische und auch
eher theoretische Vorstellung von Medien zu entwickeln, kritisiert er Wygotskis Unter-
scheidung zwischen „spontanen“ und „wissenschaftlichen“ Konzepten. Bei dieser Unter-
scheidung sind die wissenschaftlichen Konzepte von sozialen Kontexten abgespalten, wes-
halb es zu den Aufgaben von Medienpädagogik gehört, kritisch-theoretische Konzepte von
Medien wieder in den konkreten sozialen und kulturelle Kontexten von Kindern und Ju-
gendlichen zu verorten. Dazu eignet sich Wygotskis Theorie jedoch recht gut, weil sich da-
mit an die breite Rezeption von Wygotskis Konzept in den anglophonen Ländern anschließen
lässt, um neue Ansätze der Literalität in die pädagogische Praxis zu tragen. Zudem bietet
sich Wygotskis Theorie an, um zwischen einer psychologisch- und einer kulturorientierten
Medienpädagogik zu vermitteln, zwei Richtungen, die sich bisher kaum in Bezug auf Ler-
nen verbinden lassen. In einer ausgeprägten Kulturperspektive erscheinen Entwicklung und
Lernen nur als Folge und im Kontext sozialen Handelns und kultureller Praxis. Eine extre-
me kognitivistische Position hingegen definiert Lernen nur als mentale Operationen. Von
den Cultural Studies ging bislang kein wesentlicher Versuch aus, so Buckingham, über sol-
che stereotypen Positionen hinauszukommen, um sich mit psychologischen Lernansätzen
auseinander zu setzen. Von Psychologen wie Wygotski ausgehend, und in der Kontinuität
mit ihm, hat Jerome Bruner (1990), der sich selbst als Kulturpsychologe sieht, die Verbin-
dung zwischen mentalen Operationen und den dafür notwendigen sozialen Kontexten und
kulturellen Ressourcen konzeptionell definiert.
Um so mehr zählt für Buckingham die Praxis kreativer Medienproduktion, wie er sie
schon u.a. 1995 zusammen mit Grahame und Sefton-Green herausgestellt hat. Dabei setzt
er sich von der Generation der Medienpädagogen davor ab, z.B. von Len Masterman (1980)
oder Robert Ferguson (1981), die in der praktischen Medienarbeit von Kindern und Ju-
gendlichen eher eine Wiederholung und Imitation der ideologischen Vorgaben der Medien
sieht (Buckingham 2003). Statt dessen betont er Kreativität als Maßstab einer praktischen
Medienarbeit, mit deren Hilfe sich kritisch-theoretische Zugänge zu Medien erfahrbar ma-
chen lassen, statt in der Medienarbeit Medienkritik umzusetzen. Kreativität hat somit eine
Vermittlungsfunktion zwischen der unkritischen kulturellen Erfahrung und der Anwendung
kritischer Konzepte. Praktische Medienarbeit hat als zweites Ziel, den Kindern und Jugend-
lichen Medien als Ressourcen für Erkundung und Entwicklung ihres eigenen Selbstver-
ständnisses und ihrer Identität anzubieten. Mit beiden Zielen entgeht Medienpädagogik ei-
ner einseitigen Ausrichtung zum einen auf einen isolierten kognitivistischen Zugang, der die
Breite der kulturellen Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen ignoriert, und zum ande-
134 Ben Bachmair & Andrew Burn

ren auf einen reduzierten „kulturalistischen“ Ansatz, der die Weiterentwicklung der Erfah-
rungen von Kindern und Jugendlichen aus den Augen verliert. Weiterentwicklung heißt, die
Medienerfahrungen bewusst zu machen und konzeptionell einzuordnen.

4.3 Von der Medienerziehung zur Medienliteralität


In der bisherigen Übersicht über Buckinghams Ansatz zur Kulturorientierung der Medien-
pädagogik standen zwei Bewegungen im Vordergrund, zum einen der Versuch, in die Cul-
tural Studies den Gedanken von Kindheit einzubringen. Zum anderen, Medienerfahrungen
von Kindern und Jugendlichen als Teil ihrer kulturellen Erfahrungen und kulturellen
Ressourcen in den Horizont medienpädagogischer Forschung und einer pädagogischen Ent-
wicklung der Schule zu bringen, wozu Buckingham auch detaillierte Forschungsarbeiten an-
bietet. Ein weiterer Versuch, auf der Basis eines kulturellen Bezugsrahmens eine theoretische
konzeptionelle Entwicklung zu befördern, richtete sich auf Literalität als Kulturtechnik, die
vom Lesen und Schreiben zu Medien führt. Anregungen, die Theorie der Literalität und de-
ren Praxis über das gedruckte Buch hinaus auf andere Darstellungsformen wie z.B. Bilder
auszuweiten, kamen von der Sozialsemiotik (Robert Hodge und Gunther Kress 1988, Hodge
und David Tripp, 1986, Kress und Theo van Leeuwen 1996). Buckingham blieb jedoch dem
Textbegriff der Sozialsemiotik gegenüber sehr reserviert, insbesondere bei dessen Anwen-
dung auf die zentralen Punkte Produktion, Publikum und Text, die für die oben skizzierte
Bedeutungskonstitution maßgeblich sind.
Mit einem erweiterten Textverständnis entwickelten sich Fragen, wie Pädagogik auf die
Explosion neuer Medien und ihrer Darstellungsformen reagieren kann. Ziel war bzw. ist es,
Literalität auf die neuen Texte auszuweiten und einen Literalitätsbegriff zu nutzen, der Me-
dientexte ebenso einschließt wie in die in den 1990er Jahren in die Schule eingeführten
Computer und deren Textpraktiken, die von linguistischen Texten über bewegte Bilder, Tö-
ne, grafisches Design bis zu web-basierten Texte reichen. Buckingham griff dazu Anregun-
gen einer neuen Theorie der Literalität auf (New London Group 1996, Bill Cope und Mary
Kalantzis 2000) und betonte, dass dieser neue und erweiterte Literalitätsansatz mit der von
der Medienpädagogik in Bezug auf die Cultural Studies entwickelten Kulturorientierung zu
verknüpfen sei. Diese theoretische Innovation galt es in den etablierten theoretischen Rah-
men der Medienpädagogik nicht nur in Großbritannien, sondern auch international einzu-
führen, beispielsweise in die laufenden Erörterungen der UNESCO2.
Das Modell für die Bestimmung von Literalität liefert das reziproke Dreieck einer kultu-
rell basierten Bedeutungskonstitution mit seinen Eckpunkten Handlungsfähigkeit, Text und
Produktion. Die Aufgabe von Medienerziehung ist es, auf diesen Prozess so einzuwirken,
dass Kinder und Jugendliche innerhalb ihrer kulturellen Praxis mit ihrem kreativen Me-
dienumgang auch ein kritisches Verständnis von Medien als angeeigneten produzierten Tex-
ten entwickeln. Dazu braucht Medienpädagogik als Teil einer Kulturwissenschaft ein Konzept,
was denn heute Text als Bedeutungssystem heißt. Dabei darf sich Text nicht auf Medien re-
duzieren, sondern schließt die Nutzungskultur und die Ökonomie der Medienproduktion
einschließlich ihrer politisch-ideologischen Probleme ein. Im Moment sieht Buckingham als
zu klärende Frage an, wie Schule zu einer praktikablen textbezogenen Medienpädagogik
2 Buckingham beeinflusste dieser Entwicklung u.a. mit einem umfangreichen Literaturbericht für die britische
Regulierungsbehörde OFCOM (Buckingham et al., 2005), durch seine umfangreiche internationale Vortrags-
tätigkeit sowie auch mit seiner Mitarbeit am aktuellen Macarthur Project (Buckingham 2007).
David Buckingham: Kindheit, Handlungsfähigkeit und Literalität 135

kommen kann, was nicht einfach ist, weil das theoretische Feld zur Definition von Texten
als Bedeutungssystem noch recht unklar ist.

5. Zusammenfassung und Bewertung


Ein wichtiges Charakteristikum der Medienpädagogik von Buckingham ist es, Mediener-
ziehung kulturell zu situieren, weil Medienerziehung auf der kulturellen Praxis von Kindern
und Jugendlichen aufbaut. Dazu muss Schule klären, wie Kindheit und Jugend heute ausse-
hen und wie in kulturellen Situationen Kinder und Jugendliche Medien als Bedeutungs-
systeme nutzen. Dabei ist vor allem wichtig, wie sie ihre Handlungsfähigkeit als Teil des
Publikums und in der vorzufindenden und hergestellten Kultur entwickeln und nutzen. Me-
dienerziehung bringt in die kulturell situierte Medienpraxis von Kindern und Jugendlichen
die Möglichkeit ein, die kulturelle Situation kritisch zu durchschauen, was in einer kreati-
ven Nutzung und Produktion der Medien geschieht. Dabei muss sich Medienpädagogik der
ökonomischen Interessen der Medienindustrie an den Kindern als Medienpublikum ebenso
bewusst sein wie der Struktur der Medien als für Kinder konstruierte Texte und der Art, wie
Kinder als Medienpublikum reagieren. Reagieren heißt, wie Kinder im kulturellen Gefüge
von Produktion, Text und Publikum Bedeutungen herstellen und nutzen. Medienerziehung
heißt dann zudem, Kinder und Jugendliche in ihrer Medienpraxis abzuholen und sie in ihrer
Textkompetenz so zu fördern, dass sie in der Lage sind, kritisch mit den Textangeboten um-
zugehen.
Für die konkrete medienpädagogische Forschung und die Praxis ist wichtig, so Bucking-
hams medienpädagogischer Ansatz, den Vermittlungszusammenhang der Medienkultur von
Kindern bzw. Jugendlichen, also von Kindheit heute, mit Identität, kulturellen Werten, Ge-
schmack und Stilen sowie der Funktion von Medien für die soziale Einbindung im Einzel-
nen herauszuarbeiten. Da Buckingham nicht die Position einer von Erziehung unabhängi-
gen kulturellen Handlungsfähigkeit verfolgt, sieht er in diesem Vermittlungszusammenhang
die medienpädagogische Aufgabe, Literalität in der Kinder- und Jugendkultur zu fördern,
was bei der kulturellen Praxis von Kindern bzw. Jugendlichen ansetzt und deren kreative
Mediennutzung kritisch weiterentwickelt. „Kritisch“ meint Lernen als konzeptionelle Ent-
wicklung und die Aneignung kritischer Umgangsweisen, was selbstverständlich die kon-
kreten Medientexte und die konkrete Medienkultur der Kinder- und Jugendkultur sowie die
Auseinandersetzung mit den Texten umfasst. Lernen heißt nicht nur formelles Lernen in der
Schule, sondern schließt auch informelles Lernen ein, das in die Medientexte integriert ist,
ebenso das informelle Lernen u.a. mit Gleichaltrigen und in Familien. Informelles medien-
kulturelles Lernen, wie es in unterschiedlicher Form in den diversen gesellschaftlichen Kon-
texten abläuft, für Medienerziehung zu erschließen, ist eine der neuen Aufgaben der Me-
dienpädagogik.
Die für Kindheit und Jugend heute typische kulturelle Praxis ist also der Ausgangspunkt
für die Theorie und Praxis der Medienpädagogik. Für Buckingham geht es wie z.B. bei „Po-
kémon“ darum, konkret die reziproke Dreiecksbeziehung der Bedeutungskonstitution mit den
Eckpunkten Produktion, Publikum und Text empirisch zu bestimmen. Dabei steht medien-
pädagogisch gesehen die Frage im Vordergrund, mit welcher Handlungsfähigkeit Kinder
und Jugendliche sich auf die vorgegebene Medienkultur einlassen. Erziehungsaufgaben und
Erziehungschancen ergeben sich aus der konkreten medienkulturellen Handlungsfähigkeit.
So sollen Kinder in ihrem kulturellen Rahmen Medientexte kreativ nutzen und sich dabei
136 Ben Bachmair & Andrew Burn

eine konzeptionell kritische Bewertung aneignen. Was das konkret für die Schule und für
Lehrerinnen und Lehrer bedeutet, erkundet Buckingham im Rahmen von Unterrichtspro-
jekten. Im Moment steht bei dieser Arbeit im Vordergrund, wie die neuen multimedialen
Texte in die kulturelle Praxis von Kindern eingehen, welche Handlungsfähigkeit Kinder dabei
in informellen Lernprozessen entwickeln, die die Schule dann explizit zu einer digitalen Li-
teralität führen kann. Für Schulen in Großbritannien bedeutet das, sich von den vertrauten
Curricula zu lösen und die kulturellen Erfahrungen von Kindern bzw. Jugendlichen in den
aktuellen Formen von Kindheit heute in die Schule als Ausgangspunkt und Ziel einzubin-
den. Medienerziehung beginnt dann damit, die Medienkulturen von Kindern und die zuge-
hörige Handlungsfähigkeit von Kindern zu verstehen. Dazu ist ein medienpädagogisch the-
oretischer Zugang notwendig, der die Ergebnisse der Cultural Studies und der Soziologie
der Kindheit ebenso erschließt wie die der Text- und Medienwissenschaften. Dabei steht im
Augenblick die Entwicklung multimedialer Texte und deren Auswirkungen auf die Kinder-
kultur im Vordergrund. Für Medienpädagogik ist von besonderer Bedeutung, welche Hand-
lungsfähigkeit Kinder bzw. Jugendliche im Gefüge von Produktion, Publikum und Text auf-
bauen und wie formelles schulisches Lernen daran anknüpfen kann, damit Kinder die für
ihre Kultur relevante und kritische Literalität als Kulturkompetenz erwerben.

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John Clarke, Toni Jefferson, Paul Willis und Dick Hebdige:
Subkulturen und Jugendstile
Christoph Jacke

1. Einleitung
„Hey! Ho! Let’s Go!“, so rief die New Yorker Punkband Ramones bereits Mitte der 1970er
mit den Lyrics ihrer ersten Single „Blitzkrieg Bop“ (1976) während ihrer Live-Konzerte ins
Publikum, woraufhin sich die Fan-Menge kaum noch halten wollte und im Sinne des Pogo-
Tanzes oder Stage-Divings übereinander herfiel. Was im Umfeld der Ramones und vor al-
lem ihrer zahlreichen und treuen Anhänger im Detail ablief, ist im Nachhinein schwer zu
beobachten. Auffallend ist die treue Fan-‚Gemeinde‘ gewesen, die bis heute, etwa in Form
von Cover-Bands, gerne als Lookalikes (und Soundalikes) ebenfalls Röhrenjeans, Leder-
jacken, Pilzkopfschnitt und Sonnenbrillen tragen, eben wie es die Ramones selbst taten.
Während der Blütezeit der Ramones studierte ein junger Brite namens Dick Hebdige am
Birminghamer Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS). Der 1951 geborene Heb-
dige war bereits in seinem Studium und im Rahmen seines M.A.-Abschlusses am CCCS am
Phänomen Punk interessiert, das sich zu der Zeit in Großbritannien über Musik und Mode
und über das Flaggschiff Sex Pistols ausbreitete. Aber auch auf der anderen Seite des Oze-
ans schien sich in den USA mit den Ramones etwas Ähnliches zu entwickeln, nämlich eine
Jugendkultur mit einem Gesamtprogramm des Andersseins, in diesem Fall des Dagegen-
seins, gegen alles. Statt diese alltäglichen Phänomene nun aber zu verurteilen oder zu igno-
rieren, zeigte Hebdige große Neugierde, diese komplexen Subwelten zu verstehen und zu
deuten. Sein Buch über Subkulturen verkaufte sich weit über 100.000 Mal, insbesondere in
den USA. Hebdige forschte und lehrte seit Mitte der achtziger Jahre am Goldsmiths College
in London, am California Institute of The Arts in Valencia (USA) und an der University of
California als „Professor of Film & Media Studies and Art Studio“ und Direktor des „Inter-
disciplinary Humanities Center“ . Hebdige hatte zuvor in Birmingham (GB) studiert, wo er
mit den Arbeiten von John Clarke, Tony Jefferson und Paul Willis konfrontiert wurde. Clarke,
geboren 1950, studierte ebenfalls am CCCS in Birmingham, als Postgraduierter. Clarke ist
bis heute „Professor of Social Policy“ an der Open University in Großbritannien. Jefferson,
geboren 1946, fügt sich in die Reihe dieser ehemaligen Studierenden am CCCS nahtlos ein,
nachdem er zuvor als Schullehrer gearbeitet hatte. Er war „Professor of Criminology“ an der
University of Sheffield und ist dies bis heute an der Keele University am „Research Institute
for Law, Politics and Justice“. Willis, geboren 1945, arbeitete nach seinem Studium der Li-
teratur am CCCS, an der „London School of Economics“ der University of Wolverhampton
und ist „Professor of Social/Cultural Ethnography“ („School of Economic and Management
Studies“) an der Keele University.1 Hebdige steht hier exemplarisch und am zeitlichen En-
de dieser Reihe von britischen Forschern, die sich anti-elitistisch (also nicht überheblich)
seit den frühen 1970er Jahren für die gewöhnlichen und damit zunächst wissenschaftlich

1 Diese Angaben beruhen auf eigener Recherche und einer persönlichen Mail von Paul Willis an den Verfasser,
der jenem dafür herzlich dankt.
J. Clarke, T. Jefferson, P. Willis und D. Hebdige: Subkulturen und Jugendstile 139

kaum beobachteten Alltagskulturen interessierten und die allesamt mit dem und durch das
CCCS verbunden waren. Neben vielen anderen waren vor allem die Studien von Clarke, Jef-
ferson, Willis und eben Hebdige2 wegweisend im wahrsten Sinn des Wortes: Sie gingen den
Weg der „Gründerväter“ der britischen Cultural Studies – Richard Hoggart, Richard Thomp-
son und Raymond Williams3 – weiter, nahmen Aspekte aus deren Überlegungen auf, wie etwa
einen weit gefassten Kulturbegriff, und schritten mit eigenen Studien und theoretisierenden
Analysen fort. Und sie beobachteten ihre ganz persönlichen, autobiografischen Kontexte,
ihre eigenen Kulturen zwischen Arbeit, Freizeit und Medien mit dem Fokus auf Jugend.
Hebdige etwa sagt, dass er „die kulturellen Formen und Bilderrepertoires zu verstehen“
(Höller/Niemczyk 1995: 53) versuchte, innerhalb derer er selbst lebte.
Im vorliegenden Beitrag werden zunächst die wichtigsten Studien von Clarke/Jefferson,
Willis und Hebdige kurz vorgestellt und eingeordnet (Kapitel 2). Danach soll die Bedeutung
dieser Subcultural Style Studies für den Bereich der Medienanalysen innerhalb der Cultural
Studies und der Media Cultural Studies beurteilt und verortet werden (Kapitel 3). Im letzten
Hauptkapitel (4) des Beitrags wird ein Blick auf die Weiterentwicklungen und Kritiken der
Subcultural Style Studies geworfen. Dabei wird insbesondere deren Rezeption und Nutzung
seitens der Kommunikations- und Medienwissenschaft beleuchtet, um dann ein kurzes Fa-
zit zu ziehen.

2. Die Arbeiten von Clarke/Jefferson, Willis und Hebdige: Subcultural Style Studies
Angelehnt an die kurzen Übersichten von Ulf Wuggenig (2003) und Sarah Thornton (1997)
lässt sich die bisherige Subkulturforschung im englischsprachigen Raum in drei Phasen ein-
teilen: 1. von 1920 bis Ende der 1960er: Chicago School, 2. von 1970 bis 1980: Birming-
ham CCCS/Cultural Studies, 3. von 1980 bis heute: Reaktionen und Modifikationen der
Subcultural Studies. Dementsprechend beeinflusst sind die Birminghamer Studien von den
soziologischen und linguistischen Analysen aus Nordamerika um Robert Merton und Albert
Cohen gewesen, die sich im Rahmen ihrer Gesellschaftsanalysen mit kriminellen Subkultu-
ren, Konfliktsubkulturen und Rückzugssubkulturen beschäftigt hatten.4
Bei diesen Gruppen handelte es sich um identifizierbare Teile der Gesamtgesellschaft,
die sich partiell von dieser unterscheiden, dennoch bestimmten Gesetzen und Regeln der
Gesamtgesellschaft unterliegen. Die Unterschiede in vor allem den Verhaltensnormen der
Mitglieder dieser Subkulturen können herausgearbeitet werden und führen zu einem Selbst-
bewusstsein dieser Subkulturen, das sowohl die eigene Gruppe konturiert und eingrenzt, als
auch die Gruppe gegenüber anderen Gruppen und der Gesamtgesellschaft ausgrenzt (vgl.
2 In diese Reihe gehören zweifelsohne auch Angela McRobbie, der aber im vorliegenden Band ein eigener Ar-
tikel gewidmet ist (siehe Beitrag zu Angela McRobbie in diesem Band), und Mike Brake, der allerdings im
Wesentlichen nur durch seine, wenn auch viel rezipierte Studie „Soziologie der jugendlichen Subkulturen“
(1981) auffiel und der sich seinerseits bereits sehr stark auf Clarke/Jefferson, Willis und Hebdige bezog.
3 Diese Einteilung und Bezeichnung fand nachträglich statt und versucht, die Quellen der späteren Cultural Stu-
dies herauszukristallisieren. Hoggart gab die Leitung des CCCS 1968 an Hall ab (siehe Beitrag zu Stuart Hall
in diesem Band), der sicherlich eine Brückenfunktion zwischen den Generationen von Kulturforschern der
Cultural Studies hat und laut Hebdige im Interview mit Höller/Niemczyk (1995: 52) die „Cultural Studies zu
einer Konversation mit ‚kontinentaler‘ Theorie, d.h. mit Gramsci, der Frankfurter Schule und dem französi-
schen Strukturalismus/Poststrukturalismus“ zwang. Vgl. zur Entwicklung der Cultural Studies ausführlich
Hepp 1999, Jacke 2004, Marchart 2008 und Winter 2001.
4 Eine Vorgeschichte der Subkulturstudien mit starker Betonung auf die Chicago School und den amerikani-
schen Soziologen Talcott Parsons liefert Chris Jenks 2005.
140 Christoph Jacke

Wuggenig 2003: 67). Die Überlegungen der Chicago School wurden Ende der 1960er bzw.
Anfang der 1970er Jahre von Forschern aus dem Umfeld des CCCS auf britische Jugend-
kulturen übertragen und weiterentwickelt, wobei es bereits Clarke und Jefferson weniger um
die Kriminalität dieser Jugendkulturen ging als vielmehr um deren Lebensweisen und Kon-
flikte:
„Paul Willis’ ethnographische Studien stehen in der Tradition der Chicago School und der verstehenden So-
ziologie, deren eher integrationistisches Gesellschaftsmodell er durch Bezug auf die Bedeutung des Klassen-
widerspruchs allerdings überwindet. John Clarke, Stuart Hall etc. stellen im Anschluss an Gramsci und Alt-
husser in theoretischen Analysen die Frage, wie Subkulturen in den Prozess der gesellschaftlichen
Reproduktion eingebunden sind. Dick Hebdige schließlich untersucht, geschult an Barthes und Lévi-Strauss,
die jugendlichen Subkulturen auf der Ebene ihrer expressiven Äußerungen als symbolische Systeme.“ (Win-
ter 2001: 99)

Werfen wir einen Blick in der gegebenen Kürze auf die wichtigsten Studien der genannten
Birminghamer Subkulturforscher(-gruppen).

2.1 John Clarke, Tony Jefferson


Clarke und Jefferson haben sich in ihren wesentlichen Studien auf jugendliche Subkulturen
der britischen Arbeiterklasse konzentriert. Zum ersten, weil es eben nur sehr wenige Beob-
achtungen zu dieser Klasse und ihrer Alltagskultur gab, zum zweiten, weil Clarke und Jef-
ferson dieser selbst entsprungen sind, und zum dritten, weil sie an diesen dichten Beschrei-
bungen den sozialen Wandel der Nachkriegszeit, also vor allem der 1950er und 1960er Jahre
ablesen wollten. Clarke und Jefferson haben sich vor allem in ihrer gemeinsamen Studie mit
Hall und Brian Roberts zu Subkulturen, Kulturen und Klasse mit den Lebenswirklichkeiten
und Machtkämpfen von britischen Arbeiterjugendlichen auseinandergesetzt, im Original er-
schienen in dem von Hall und Jefferson herausgegebenen Sammelband „Resistance through
Rituals“ (1976), teilübersetzt dann in dem von Axel Honneth, Rolf Lindner und Rainer Pa-
ris herausgegebenen deutschen Sammelband „Jugendkultur als Widerstand“ (1979). Vorstu-
dien dazu und Auszüge daraus sind bereits als Teil der CCCS-Reihe „Stencilled Occasional
Papers“ (Clarke/Jefferson 1973) und als Artikel in der deutschen Zeitschrift „Ästhetik und
Kommunikation“ (Heft 24: Freizeit im Arbeiterviertel) publiziert worden (Clarke/Jefferson
1976).
Clarke/Hall/Jefferson/Roberts haben dabei versucht, sich den verschiedenen jugend-
lichen Subkulturen ethnografisch behutsam zu nähern, vor allem, weil diese bereits in ihren
Sensationen als Spektakel in den Medien aufgearbeitet worden waren:
„Zunächst müssen wir also das Terrain säubern, müssen versuchen, hinter die Mythen und Erklärungen zu
blicken, die das Problem zudecken, statt es zu klären. […] Ein solches Eindringen unter die Oberfläche popu-
lärer Vorstellungen muss mit einiger Vorsicht betrieben werden, damit wir nicht ihren ‚rationalen Kern‘ zu-
sammen mit einer von den Medien überbewerteten Hülle fortwerfen.“ (Clarke/Hall/Jefferson/Roberts 1979: 39)

Derart gewappnet beobachtet die Subkulturforschergruppe die Kerne und klar konturierten
Gruppen, es geht ihnen nicht um die große Menge der Jugendlichen, die sich niemals einer
solchen Gruppe anschließen (vgl. ebd.: 49–50). Aus diesem Grunde betonen Clarke et al.
und auch Clarke in seiner daran anbindenden Studie zu Stil (1979), dass sie weder einen his-
torischen Abriss der Arbeiterjugendkultur liefern wollen noch einen oberflächlichen Über-
blick über existierende britische Jugendkulturen der Nachkriegszeit. Deswegen ersetzen sie
bereits früh in ihren Studien „das Konzept ‚Jugendkultur‘ durch das stärker strukturbezoge-
J. Clarke, T. Jefferson, P. Willis und D. Hebdige: Subkulturen und Jugendstile 141

ne Konzept ‚Subkultur‘“ (Clarke/Hall/Jefferson/Roberts 1979: 49).5 Diese Subkulturen, wie


etwa die Mods oder Punks der 1970er Jahre, beherrschen eine doppelte Artikulation; sie sind
gewissermaßen zweifach subkulturell: Zum einen bemühen sie sich um Abgrenzung ihrer
Eltern/Klassen/Stammkultur gegenüber, zum anderen gilt ihre Abneigung aber ebenso der
dominanten Kultur, also dem kulturellen Machtblock einer Gesellschaft.
Diesem Verständnis von Subkultur unterliegt eine für die Cultural Studies so typische
Auffassung von Kultur: Kultur ist nicht nur eine gesamte Lebensweise, sondern vor allem
ist Kultur sichtbar als Praxis, die Ausdruck verleiht. Insofern geht es bei den Kämpfen, Ein-
und Abgrenzungen immer auch um die Verteilung kultureller Macht zwischen Dominanz
und Opposition/Subordination: „Die Subkulturstudien beschreiben die symbolisch-rituell
vermittelten Identitätsbildungsprozesse von Subkulturen in einem von Machtverhältnissen
geformten sozialen Raum“ (Marchart 2008: 99). Ein weiterer, damit zusammenhängender
Aspekt lässt sich schon an den Studien von Clarke et al. sehr gut erkennen: der kontextuali-
sierende und interventionistische Charakter der Cultural Studies. Den jugendlichen Subkul-
turen wird offensichtlich eine politische Aktivität, eine Politik der Subkultur zugesprochen.
„Zwar werden die Individuen in ein bereits bestehendes Netz aus Institutionen und kulturellen Bedeutungs-
mustern hineingeboren, sie sind diesen aber nicht für immer ausgeliefert. Ihren Aktionen werden durch die vor-
gefundenen Verhältnisse Grenzen gesetzt, doch innerhalb dieser Grenzen formen sie die Verhältnisse durch ihre
Praktiken selbst um und entwickeln sie weiter.“ (Marchart 2008: 101)

Kultur und eben auch Subkultur ist dabei für Clarke/Hall/Jefferson/Roberts (vgl. 1979: 41)
offensichtlich also sowohl die Struktur und Form von sozialen Beziehungen von Gruppen
als auch das Erfahren, Verstehen und Interpretieren dieser, sie sprechen hier auch von Aus-
drucksformen. Damit haben sich die Autoren in der Tradition von Hoggart, Thompson und
Williams von einem elitistischen und auf Artefakte bezogenen Kulturbegriff verabschiedet
und berücksichtigen den Prozess der Produktion, Distribution, Rezeption und Weiterver-
arbeitung von Kultur (vgl. ausführlich Jacke 2004), ein Verständnis , das ebenso die Grund-
lage für die Überlegungen von Willis und Hebdige ist: „So konstituierten sie durch ihr Han-
deln im Bereich der Mode, der Sprache, der Musik und im Territorialverhalten Sinn, der
gemeinschaftsbildend wirkte und widerständig zur herrschenden Ordnung war“ (Winter
2001: 119).

2.2 Paul E. Willis


Die Studien von Willis sind eng mit denen von Clarke/Jefferson verbunden. Auch ihm geht
es um eine ethnografische und analytische Beobachtung schichtspezifischer jugendlicher
Subkulturen, die sich gegeneinander und gegen die Hochkultur artikulieren. Bereits in sei-
nen frühen Arbeiten deutet sich der weite Kulturbegriff von Willis an, etwa in seiner Dis-
sertation von 1972 über Popmusik und Jugendkultur (vgl. Winter 2001: 99) oder in seinem

5 Dieses Konzept wird von Forschern um den deutschen Jugend- und Medienpädagogen Dieter Baacke (1993
[1987]) zehn Jahre später wiederum durch das Konzept Jugendkultur ersetzt, wohingegen der Poptheoretiker
und Journalist Diedrich Diederichsen (1992, 1993a, 1993b), der mit Dick Hebdige zusammen publiziert hatte
und ebenfalls an den Cultural Studies geschult war, in einer Reihe von Publikationen das Ende des Jugend-
kultur-Begriffs konstatiert und sich für das Konzept Subkultur ausspricht. Später überarbeitet Diedrichsen seine
Beobachtungen in diversen Zeitungsartikeln in Richtung des Begriffs Popkultur (1999a, 1999b, 2001, 2002a,
2002b). Vgl. zu einem Überblick dieser Diskussionen, die von den Birminghamer Analysen ausgehen, speziell
im deutschsprachigen Raum Jacke 2007.
142 Christoph Jacke

Beitrag zur CCCS-Reihe der „Stencilled Occasional Papers“ über Praxis und Symbolik po-
pulärer Musik und deren sozialer Bedeutung (vgl. Willis 1974).
Die wichtigsten beiden frühen Studien von Willis sind ohne Zweifel „Learning to La-
bour. How Working Class Kids Get Working Class Jobs“ (1977), auf Deutsch dann 1979 als
„Spaß am Widerstand. Gegenkultur in der Arbeiterschule“ veröffentlicht, sowie „Profane
Culture“ (1978), zu Deutsch als „‚Profane Culture‘. Rocker, Hippies: Subversive Stile der
Jugendkultur“ 1981 veröffentlicht. Diese Arbeiten docken klar an Erfahrungen des Teams
um Clarke und Jefferson an. Einige Zeit später erscheint dann 1990 mit „Common Culture.
Symbolic Work at Play in the Everyday Cultures of the Young“ eine weitere größer ange-
legte Studie, die in Deutsch 1991 als „Jugend-Stile. Zur Ästhetik der gemeinsamen Kultur“
publiziert wird.
Die Schriften von Willis bewegen sich, hier ist Oliver Marchart (2008: 111) wie Rainer
Winter (2001: 113) zuzustimmen, theoretisierend zwischen Kulturalismus und Struktura-
lismus, wie er dann deutlicher bei Hebdige zu erkennen ist. Damit kann Willis als früher
Grenzgänger zwischen den von Hall (1999) beschriebenen zwei wesentlichen Paradigmen
der Cultural Studies bezeichnet werden. Willis argumentiert ebenfalls aus einem weiten Ver-
ständnis von Kultur heraus und kann somit sowohl die Identitätsbildungen von Lohnarbei-
ter-Jugendlichen (1979) als auch die subversiven Stile der Subkulturen Rocker und Hippies
analysieren (1981). Insbesondere im Rahmen seiner vergleichenden Studie zu Rockern und
Hippies versucht Willis, Homologien zwischen Gegenständen sowie Praktiken und ihren
Strukturen herauszufinden, die der sozialen Gruppe ähneln oder sogar entsprechen (vgl.
Hepp 1999: 187). So beobachtet Willis ausführlich die Rolle des Motorrads in der Subkul-
tur der Rocker und eben deren Verhältnis zu dem Objekt Motorrad. Die Veralltäglichung, die
gewöhnliche Kulturalisierung dieser Gegenstände ist das Profane und Kreative für Willis,
das sich gleichzeitig aber auch wieder absetzt gegenüber dem Sakralen, dem Heiligen des
Kleinbürgertums, also der festgelegten Ordnung. „Die trivialen Dinge, die uns gefangen hal-
ten, können gegen das gewendet werden, was sich hinter ihnen versteckt hält“ (Willis 1981:
208). Auch hier – und das ist vergleichbar mit den Beobachtungen der Forscher um Clarke
und Jefferson – finden ständig Kämpfe statt zwischen Profanem und Heiligem sowie zwi-
schen den Subkulturen (vgl. Willis 1981: 14), wenn die ontologische Sicherheit der geord-
neten Gruppe der Rocker auf das individualistische Gesellschaftsideal der chaotischen Hip-
pies trifft. Diese Kämpfe sind für Willis (vgl. ebd.: 228) etwas Revolutionäres im Kleinen,
Nebensächlichen und Alltäglichen. Diese minimalen Aufstände sind zwar nicht in der Lage,
eine Gesellschaft zu verändern.
„Andererseits würden Subkulturen dadurch [die Machtlosigkeit einer Politik des Stils gegenüber der materiel-
len Basis, C.J.] noch nicht disqualifiziert, denn, darin stimmt Willis mit der wesentlichen Prämisse des Resis-
tance-through-Rituals-Paradigmas überein, die Kritik an den inneren Widersprüchen des Kapitalismus werde
von Subkulturen durch Stil und gelebte Praktiken formuliert und müsse nicht unbedingt explizit verbalisiert
werden.“ (Marchart 2008: 110)

Willis ist sich der begrenzten Tragweite dieser Widerstände offensichtlich bewusst, „[…]
denn er zeigt immer auch das notwendige Scheitern dieser Kulturen, da ihr rebellisches Ver-
halten, das sich über die eigene Position im gesellschaftlichen Kontext nicht klar ist und
nicht auf die Veränderung gesellschaftlicher Institutionen zielt, zu einer Reproduktion be-
stehender gesellschaftlicher Verhältnisse beiträgt“ (Winter 2001: 100). Interessant aus heu-
tiger Perspektive ist in diesem Zusammenhang, dass Winter (vgl. ebd.) aus Willis’ Analysen
liest, dass gerade das Bewusstsein um die Determiniertheit der jugendlichen Lebenswelten
J. Clarke, T. Jefferson, P. Willis und D. Hebdige: Subkulturen und Jugendstile 143

der 1960er und 1970er Jahre gleichsam die Voraussetzung für ein Gefühl von Freiheit in der
subkulturellen Gruppe war. Könnte man doch mit einem Blick auf 2009 konstatieren, dass
mittlerweile umgekehrt das Bewusstsein der Unbestimmtheit und des ziellosen Umher-
schweifens in den neoliberalen Welten der Möglichkeiten und des missverstandenen any-
thing goes die Voraussetzung für das heutige Gefühl bei vielen jungen Menschen ist, abso-
lut unfrei und überlastet zu sein.6 Die subkulturellen Jugendlichen in Willis’ Studien haben
aktiv und kreativ gehandelt, aber vor dem Hintergrund nicht selbst gewählter Kontexte, um
noch einmal ausführlicher Winter zu zitieren:
„Determinierende Strukturen wie Klasse, Ort oder Bildung bestimmen also nicht automatisch kulturelle For-
men, aber sie üben eine symbolische Kraft auf der Ebene des Kulturellen aus, die sie durchdringen müssen,
um sich reproduzieren zu können. Darüber hinaus hat Willis’ Ethnographie gezeigt, dass die sozialen Akteure
nicht passive Träger der Ideologie sind, sondern sich die existierenden Strukturen aktiv aneignen. Sie nehmen
also kein (rein) imaginäres Verhältnis zu ihren realen Existenzbedingungen ein, sondern sind sich deren be-
wusst und auch fähig, sie zu artikulieren. In ihrem täglichen Kampf und ihren partiellen Durchdringungen ihrer
Situation reproduzieren sie jedoch, wie wir gesehen haben, gleichzeitig diese Strukturen.“ (Winter 2001: 112)

Dennoch hat Willis immer wieder an das Potenzial von Widerstandsformen und Widerstän-
den innerhalb dieser Subkulturen und deren Auswirkung auf einen langfristigen Wandel der
Gesellschaft geglaubt, wenn er sich später, vor allem im Rahmen von „Common Culture“
bzw. „Jugend-Stile“ distanziert von fest gefügten, klar geordneten Subkulturen und sich
temporären, organischen Proto-Gemeinschaften zuwendet. Wesentlich für die Kommunika-
tion zwischen Subkulturen wie auch Proto-Gemeinschaften gleichermaßen sind die Ele-
mente Medien, Musik, Mode und Stil, die in symbolischer Arbeit, die Willis als kreativ be-
urteilt, gemeinsame Kultur her- und darstellen. Er reagiert damit auf die entstehenden
Diskussionen, dass es jenseits der noch klar zu beobachtenden britischen Klassengesell-
schaft und ihrer Subkulturen offensichtlich unverbindlichere Mischformen kultureller Grup-
pen und Identitäten gibt. Die symbolische Arbeit, die diese konstituiert, bleibt, doch sie
rahmt eher vorübergehende Erscheinungen wie den Feierabend-Punk, der tagsüber hinter
dem Bankschalter steht oder dem Hochschulprofessor, der sich abends als Raver und so gar
nicht zu Forschungszwecken in eine andere Wirklichkeit begibt. Beide benutzen dabei Kul-
tur- und zunehmend Medienwaren als Quellen der Sinn- und Identitäts(de)konstruktion.7
In seiner Methode der ethnografischen Beobachtung operiert Willis ganz ähnlich wie die
Gruppe um Clarke und Jefferson; auch Willis plädiert für eine behutsame Teilnahme und
Beobachtung, die durchaus in ihrer Feldforschung fruchtbar durch Überraschungen und
Nichterfüllung der Vorannahmen des Forschenden irritiert werden kann8:
„Insbesondere der ethnographische Bericht vermag, ohne dass man immer wüsste wie, ein hohes Maß der Ak-
tivität, Kreativität und des menschlichen Potentials beim Studienobjekt in die Analyse und damit die Erfah-
rung des Lesers eingehen zu lassen. Dies aber ist meiner Absicht sehr zuträglich, betrachte ich doch das Kul-
turelle nicht einfach als ein Gefüge vermittelter innerer Strukturen (wie bei den gängigen Vorstellungen von
Sozialisation) noch als das passive Resultat der Einwirkung einer dominanten Ideologie (wie bei gewissen
Spielarten des Marxismus), sondern zumindest partiell als das Produkt einer kollektiven menschlichen Praxis“
(Willis 1979: 15–16)

Willis fordert dabei vom Forschenden das Anerkennen der eigenen Subjekthaftigkeit im Be-
obachtungsprozess und das Bewusstsein um selbiges bei den ‚Objekten‘ der Studien, den
6 Vgl. dazu den Song „Bloß weil ich friere, ist noch lang nicht Winter“ von Schorsch Kamerun auf der Compi-
lation „Best of Pudel Produkte“ (2006) und Kameruns politisches Umfeld zwischen Theater und Punk.
7 Vgl. Hepp 1999: 200–201 und speziell zu Medienidentitäten Krotz 2003.
8 Vgl. Marchart 2008 und grundsätzlich Willis 2000.
144 Christoph Jacke

handelnden Subjekten; dieses nennt Willis ‚kritische Ethnographie‘ (vgl. Hepp 1999: 192).
Dieses methodische und methodologische Vorgehen im Sinne möglichst dichter und den-
noch behutsamer Beschreibungen bei gleichzeitigem Wissen um das Verwobensein und die
Reflexivität dieser Handlungen ist für die Cultural Studies typisch (vgl. dazu Terkessidis
2006).
Ebenso kennzeichnend ist ein kurzes Zitat Willis’ aus einem kleinen Aufsatz zur Bedeu-
tung von Popmusik, in dem er sich zu den parallel in Deutschland sehr viel diskutierten kri-
tischen Überlegungen der Frankfurter Schule äußert, und das die Attitüde der frühen Cultural
Studies belegt, unbefangen an alltagskulturelle Phänomene heranzutreten und anti-elitistisch
zu forschen: „Wir können diesen idealistischen Stoßseufzern ruhig unseren Segen geben,
nur glauben dürfen wir nicht an sie“ (Willis 1978: 44).
In Willis’ Arbeiten deutet sich, neben dem erwähnten Schwerpunkt ethnografischer Ju-
gendsubkulturforschung, bereits ein Zweig der Subcultural Studies an, der wesentlich in-
tensiver von Hebdige betrieben wurde und der sich in der Folge stärker ausbilden sollte: die
Stilanalyse angereichert mit strukturalistischem und poststrukturalistischem Theoretisieren.

2.3 Dick Hebdige


Hebdiges mit Abstand wichtigste Studie ist seine Untersuchung „Subculture. The Meaning
of Style“ von 1979 [hier 1987b], die mittlerweile u.a. auf Koreanisch, Serbo-Kroatisch und
Griechisch erschienen ist, im Deutschen allerdings nur in einer schon lange vergriffenen
größeren Teilübersetzung (1983) und in kurzen Auszügen in diversen Sammelbänden pub-
liziert wurde. Auch seine folgenden größeren Studien „Cut’n’Mix: Culture, Identity and
Carribean Music“ (1987a) und „Hiding in the Light. On Images and Things“ (1988), die sich
immer als Ideensammlungen verstanden, sind bemerkenswerterweise bis dato nicht voll-
ständig ins Deutsche übersetzt worden. Daneben zeichnet sich Hebdige durch zahlreiche Ar-
tikel, Interviews (so auch in Deutsch etwa in den Zeitschriften „Kunstforum International“
und „Spex“) und seit Mitte der 1990er Jahre vor allem durch Video- und Kurzfilmbeiträge
aus.9 In seinen Veröffentlichungen hat sich Hebdige immer wieder mit den stilistischen Zu-
sammenhängen von Musik, Mode, Design und Medien auseinandergesetzt und sich bemüht,
multiperspektivisch zu arbeiten. Begonnen haben seine Arbeiten in den 1970er Jahren mit
dem Bemühen um das Verstehen des Hebdige selbst umgebenden Alltags; hier kann man
seinen Ansatz ganz in der Tradition und teilweise parallel zu den Studien von Clarke/Jeffer-
son und Willis lesen. Im Gegensatz zu diesen hat sich Hebdige vor allem im Rahmen der
Überlegungen zu „Subculture“ sehr stark auf die Zeichenverwertung seitens der Akteurin-
nen und Akteure dieser Subkulturen konzentriert. Hebdige steht damit sicherlich auf einer
semiotischen Linie mit Umberto Eco, Roland Barthes und Claude Lévi-Strauss, die ihn
maßgeblich beeinflusst haben. Anhand der Stile der Punks und der Rastafari-Bewegung, ge-
rahmt um Exkurse zu Mods, Skinheads, Teddy Boys und anderen Jugendsubkulturen (1983,
1987a, 1987b, 1988), arbeitet Hebdige die Politik dieser Zeichenverwendung heraus. Hier
lässt sich eine Ähnlichkeit zu den anderen Subcultural Studies erkennen: Auch Hebdiges
Punks und Mods etc. gehen sehr bewusst und organisiert mit den sie umgebenden Zeichen
um, setzen sie gewissermaßen politisch ein, ohne damit die hegemoniale Ordnung umzu-

9 Eine leider nur bis 2003 datierte Publikationsliste inklusive der Filme findet sich unter http://www.filmand-
media.ucsb.edu/people/faculty/professors/hebdige/hebdige.html [25.05.2008].
J. Clarke, T. Jefferson, P. Willis und D. Hebdige: Subkulturen und Jugendstile 145

werfen, sondern als symbolische „Unabhängigkeitserklärung der Jugendlichen im jeweili-


gen Lebensstil“ (Hepp 1999: 196). Allerdings sieht Hebdige vor allem in seinen Studien zu
Punk dessen Potenzial von Widerstand gegenüber der herrschenden Kultur und vergleicht
Punk deshalb mit avancierter, selbstreferenzieller Kunst, wie dies auch der amerikanische
Musikjournalist Greil Marcus (1993) immer wieder getan hat, der Punk in die Tradition von
Dadaismus und Situationismus stellt.
Dabei legt Hebdige ein großes Augenmerk auf die „Verankerung [von Subkulturen, C.J.]
in der massenmedialen Spektakelgesellschaft“ (Marchart 2008: 113). Innerhalb dieser und in
Abgrenzung zu ihr führen die Subkultur-Akteurinnen und Akteure ihre Zeichenkämpfe aus,
subvertieren die Bedeutungsfixierungen der Mediengesellschaft mit Zeichenumdeutungen
durch Bricolage, Sampling, Remixing und andere Verfahren10: „Subcultures represent ‚noise‘
(as opposed to sound): interference in the orderly sequence which leads from real events and
phenomena to their representation in the media“ (Hebdige 1987b [1979]: 90). Der von Heb-
dige erwähnte Krach oder – wie in der deutschen Übersetzung (Hebdige 1983) vorsichtiger
umschrieben – „Missklang“ wird durchaus emanzipatorisch und im Sinne Willis’ alles andere
als stoßseufzend verstanden als Abweichung vom Erwartbaren; Krach als positive Störung, als
vorübergehende Blockade im System symbolischer Repräsentationen. In der deutschen Über-
setzung ist zu lesen, dass Subkulturen Missklang seien (vgl. ebd.: 82), bei genauer Überset-
zung des Originals müsste es aber heißen: Subkulturen bedeuten oder stellen Missklang dar.
Subkulturen können nicht sein, denn es gibt sie genauso wenig wie Kulturen, sie konstituieren
sich in Prozessen und werden über die Ergebnisse solcher Prozesse z.B. in Form von Hand-
lungen und Kommunikationen sichtbar.11 Hebdige selbst erläutert ausführlich die Problema-
tik der Begriffe Kultur und Subkultur und verweist darauf, dass Kultur als wissenschaftlicher
Begriff stets zwei Dimensionen mit sich führt: als Prozess und als Produkt. Hebdige bemüht
sich um eine Erfassung der verschiedenen Stufen des Kommunikationsprozesses, legt seine
Betonung allerdings dann klar auf den subkulturellen Stil. Damit wird der Fokus von Heb-
dige – aber auch vieler anderer Forschenden der Cultural Studies – ganz klar auf die Rezep-
tionsseite, auf die Seite der rezipierenden und nutzenden Teilnehmenden einer Subkultur und
der Aneignenden symbolischer Objekte gelegt. Auf deren Seite wiederum gilt es dann zwi-
schen Kultur als Gegebenem, Quasi-Natürlichem (vgl. Williams 1988: 87–93) und Kultur als
aktiver Entscheidung für einen Stil (vgl. Hebdige 1987b, Clarke 1979) zu differenzieren.
Hebdige unterscheidet hier im Rahmen seiner semiotischen Analysen von Stil auch zwischen
natürlicher und absichtsvoller Codierung, wobei er den subkulturellen Stil als intentionales
Kommunikationsangebot versteht (vgl. Hebdige 1987b: 100–112). Mit solchen Thesen be-
mühen sich diese Vertreter der Cultural Studies um eine Emanzipation der Rezipientinnen
und Rezipienten und gleichzeitige Relativierung monolithisch anmutender Ansätze (nicht
nur) der Kritischen Theorie. Ebenso wenig bedeutet für Hebdige später Globalisierung nicht
nur Produktion von Homogenität – des Immergleichen –, Standardisierung und Verdrängung
lokaler Kulturen, sondern schafft auch neue Räume für Differenz produzierende Effekte:
„Globalisierung bedeutet zum einen eine Effektivitätssteigerung, mit der der Kapitalismus das Lokale trans-
formiert, zum anderen aber auch die Entdeckung, dass wir nicht alle auf die gleiche Weise zu den gleichen
Rhythmen tanzen. Dass die Differenzen nicht bloß in einem synchronen Raum – einem globalen Dorf – be-
stehen, sondern tatsächlich auch räumlich sind.“ (Hebdige 1997: 161)

10 Vgl. wegweisend für symbolische Auseinandersetzungen Eco 1967 und aktuell Kleiner 2006: 363–391 und
Lasn 2005.
11 Vgl. ausführlich zu dieser Diskussion Jacke 2004: 195–211.
146 Christoph Jacke

Aus dieser gegenseitigen Bedingtheit von globalisiertem Main und lokalisierten Subs (vgl.
Jacke 2004) lässt sich auch erläutern, warum die beiden Ebenen nicht zwingend als konträr,
sondern eher als ineinander verschränkt und ko-orientiert bezeichnet werden können, wofür
sich wiederum Grundsteine der Argumentation speziell in Hebdiges Überlegungen finden
lassen: Kulturindustrie ist nicht per se eindimensional, durchstandardisiert, opportunistisch
und hedonistisch. Genauso ist Subkultur nicht per se authentisch, subversiv, widerständle-
risch. Hier zeigt sich bei Hebdige – wie bei Willis – eine gewisse Entwicklung weg von der
Beobachtung starrer, klassenspezifischer Arbeiterjugendsubkulturen hin zu popkulturellen
Vermischungen und Vermengungen, die für bestimmte Jugendliche temporären, wenn auch
identitätsstiftenden und oftmals oppositionellen Charakter haben. Wobei Hebdige (1987b)
dann innerhalb der Akteurinnen und Akteure unterscheidet zwischen „originals“ und „han-
gers on“, also zwischen Originalen und Mitlaufenden. Insbesondere die Meinungsführenden
der Subkulturen benutzen also den Werkzeugkasten der Kultur und werden so – Künstlern
in der Tat nicht unähnlich – zum „Bricoleur, der durch die Neuordnung und Rekontextuali-
sierung zentraler Diskurse wie der Mode an seinem eigenen Körper neue Bedeutungen
kommunizieren möchte“ (Winter 2001: 122).12
Hebdige (1983: 85) erkennt dabei sehr wohl die Grenzen dieser Arten von Widerstand,
wenn eben die stilistischen Kämpfe durch Kommerzialisierung und Medialisierung verein-
nahmt werden, sich also auch nur wieder in einem kulturellen Gesamtkreislauf13 befinden:
„Der Zyklus, der von Opposition zu Diffusion, von Widerstand zur Vereinnahmung führt,
schließt jede sukzessive Subkultur in sich ein“ (Hebdige zit. nach Marchart 2008: 115).
Machart streicht mit Hebdige dabei zwei Formen der Vereinnahmung heraus:
„1. die Vereinnahmung subkultureller Zeichen aus Mode und Musik für den Massenkonsum, d.h. ihre Wandlung
zu massenerzeugten Objekten, also ihre Wendung zur Warenform; 2. die Neudefinition abweichender Verhal-
tensformen durch die dominanten Gruppen wie Polizei, Medien und Justiz, also die semantisch-ideologische
Inkorporation im Unterschied zur kommerziellen.“ (Marchart 2008: 114–115)

Wie nun die Akteurinnen und Akteure der Subkulturen es en detail schaffen, sich immer
wieder von der Vereinnahmung zu distanzieren, ja sie für sich zu vereinnahmen und damit
ihrer eigenen Assimilation und Entschärfung zu entgehen, das untersucht Hebdige nicht
(vgl. Winter 2001: 125).
So sehr man die makropolitische Effektivität solcher mikropolitischen Widerstände an-
zweifeln kann (vgl. Marchart 2008: 104–129), so wenig sich deren oftmals imaginäre Ge-
meinschaften auch in den Veränderungen der realen Verhältnisse einer Gesellschaft nieder-
schlagen, zu bescheinigen sind den Jugendsubkulturstudien sicherlich intensive Sensibilitäten
und Beobachtungen unserer kulturellen Umwelten und die (durchaus postmoderne) Ver-
meidung oft vorurteilsbelasteter Trennungen:
„Ich möchte die strikte Trennung von ‚politischen‘ und kommerziellen Erscheinungsformen der Jugend-
kultur, die Unterscheidung zwischen Jugendmarkt und Jugendproblem, zwischen Lust und Frust des Ju-
gendalters hinterfragen. […] Ich möchte die Trennung von Politik und Spaßhaben, von Werbung und Do-
kumentarismus angreifen und für eine neue Auffassung plädieren: die Politik des Vergnügens.“ (Hebdige
1985: 189–190)

12 Vgl. zum Konzept der jugendsubkulturellen Bricolage Clarke/Hall/Jefferson/Roberts 1979: 136–138 und Heb-
dige 1983: 94–97. Allerdings stellt Punk weniger neue Bedeutungen her, als dass er vielmehr alte auflösen
wollte (vgl. Diederichsen 1983).
13 Vgl. zu einer exemplarischen empirischen Untersuchung dieser Themenkarrieren und -kreisläufe Jacke
1998.
J. Clarke, T. Jefferson, P. Willis und D. Hebdige: Subkulturen und Jugendstile 147

Andreas Hepp (1999: 195) bringt diese produktive Ambivalenz der sogenannten Politiken
des Vergnügens auf den Punkt, wenn er in Bezug auf Hebdiges Überlegungen (1988) resü-
miert: „Mit einer zunehmenden Orientierung der Jugendkulturen auf den Konsum von Kul-
turwaren ging es nicht mehr darum, entweder ‚Ärgernis zu sein‘ oder ‚Spaß zu haben‘, son-
dern darum, ‚Ärger-zu-bereiten-um-Spaß-zu-haben‘“. Damit ist natürlich das Dilemma der
Subkulturforschenden, die sowohl Trendscouts als auch Sozial- und Innenpolitikern unge-
wollt in die Hände arbeiten, nicht behoben, wie es laut Hepp auch schon von Hebdige selbst
erkannt wurde: „Hebdige sieht hier Voyeurismus ebenso wie soziale Kontrollversuche am
Werk“ (Hepp 1999: 195).
Bevor anschließend auf die Berücksichtigung von Medien und Kommunikation in den
beschriebenen Subcultural Style Studies noch einmal kurz explizit eingegangen wird, bleibt
also bis hierher festzuhalten, dass alle genannten Gruppen von Subcultural Style Studies der
Birminghamer Schule – ob nun in der eher ethnografisch-kulturalistischen oder textuell-
semiotischen Version – aus eigenen Verwicklungen heraus die sie umgebenden Kulturen
und Subkulturen, speziell der britischen Arbeiterklasse und ihrer Jugend, in den Fokus nah-
men, um zu begreifen, inwiefern die Jugendlichen von Kultur bedingt sind, aber eben auch
Kultur selbst bedingen, als Sub in Abgrenzung zu den Eltern, zu anderen Subkulturen und
zur herrschenden Ordnung im Ganzen.

3. Verortung der Subcultural Style Studies in den Medienanalysen der Cultural


Studies
Stichworte und dahinterstehende Konzepte wie politisches Vergnügen, Aneignung, Wider-
stand, symbolische Arbeit/Kreativität und Bricolage machen bereits klar, und das konnte in
dem ausführlichen vorhergehenden Kapitel vorbereitet werden, dass die Subcultural Style
Studies in allen ihren Varianten einerseits einen großen Einfluss auf spätere Medienanaly-
sen der Cultural Studies im angloamerikanischen sowie im deutschsprachigen Raum haben;
darauf wird in Kapitel 4 zurückzukommen sein. Andererseits sollte aber auch nicht verges-
sen werden, dass die Studien von Clarke/Jefferson, Willis und Hebdige Rücksicht auf die
Rolle der Medien für die von ihnen anvisierten jugendlichen Subkulturen nehmen mussten;
und unter Medien sind in diesem Zusammenhang Massenmedien zu verstehen.14
Wenn also Hebdige (1987b: 100) von „style as intentional communication“ spricht, dann
bedienen sich zum einen die Jugendlichen diverser Medientechnologien, um ihre bewusste
Artikulation zu verbreiten; bestes Beispiel aus den Zeiten des Punks bleibt hier sicherlich
das selbstfotokopierte Fanzine (Fan-Magazine). Zum anderen werden Medieninstitutionen,
wie etwa Verlage, Redaktionen oder Schallplattenfirmen auf Subkulturen aufmerksam und
tragen zu deren öffentlicher Wahrnehmung bei, dienen zunehmend als Orientierungen oder
sogar Wegweiser auf den „Landkarten der Bedeutung“ (Clarke/Hall/Jefferson/Roberts 1979:
41) der Jugendlichen.
„Ebenso begreift Hebdige Medien nicht als Stile ‚verwässernde‘ Institutionen, sondern als grundlegende Kris-
tallisationspunkte für die Konstitution heutiger Jugendkultur. Dies macht Hebdige am Beispiel des Punks deut-
lich, der nach seiner Argumentation […] erst durch die Medienberichterstattung entstand, indem er eine Ant-
wort auf schon vorhandene Andeutungen in den Medien von Panik und Krise ist.“ (Hepp 1999: 194)

14 Vgl. zur Rolle der Medien für Pop- und Subkultur in den Analysen der Cultural Studies Hepp 1999: 188–191,
Jacke 2004: 160–215 und Adolf 2006, 2007.
148 Christoph Jacke

In jedem Fall, so haben Hepp (1999: 188–191) und Winter (2001) ausgiebig belegt, waren
sich die Forschenden der britischen Subcultural Style Studies sehr wohl gewahr über das
Verflochtensein ihrer Akteurinnen und Akteure in eine von Medien und Kommerz gepräg-
te Welt, in der die Medien sowohl als bedrohliche Suchscheinwerfer (Sichtbarmachung und
ggf. Ausverkauf der Subkultur) als auch als Attraktoren für diese Subkulturen fungieren
können.15 Obwohl immer wieder beklagt wird, dass die Subkulturforschenden die Mög-
lichkeiten des Widerstands und der Autonomie der Subkulturen überhöht und romantisie-
rend eingeschätzt haben (vgl. etwa Thornton 1996: 116–142, Marchart 2008: 120–124 und
Weinzierl 2001), erscheint bei einer genaueren Lektüre der wichtigen Studien eher das
Gegenteil der Fall: „Willis berücksichtigt auch, dass sowohl die Hippies als auch die Rocker
in der von Marshall McLuhan beschriebenen Welt der modernen Telekommunikation le-
ben, die ihre eigenen Gesetze hat“ (Winter 2001: 100). Der Stellenwert der Medienaneig-
nung der Jugendlichen in einer von Medien- und Kulturindustrie gerahmten Wirklichkeit
war sicherlich ein immer gewichtiger werdender Schwerpunkt auch der Subcultural Style
Studies.
Insbesondere die kreative Nutzung von Kulturwaren und von Medienangeboten und ih-
re Analyse durch die Cultural Studies etwa sorgte für einen ersten Diffusionsschub der Cul-
tural Studies in die deutsche Jugend-, Musik- und vor allem Medienpädagogik und -sozio-
logie. Schon Clarke/Jefferson, aber vor allem Willis und Hebdige haben Medien als
Grundlagen von gemeinsamer, selbstreflexiver (Sub-)Kultur berücksichtigt. In der Beto-
nung der Kreativität und Aktivität der jugendlichen Rezipierenden und Nutzenden, die sich
spezielles Wissen aneignen, um sich damit ein- und abzugrenzen und die dennoch nicht im-
mer automatisch mit professionellen Expertinnen und Experten zu vergleichen sind, lässt
sich ein Faden von den Subcultural Style Studies zu vielen der späteren Medienanalysen der
Cultural Studies zum aktiven Publikum spinnen.16 Zur Rolle der Medien für beide Stränge
bemerkt Hepp:
„Erstens repräsentieren sie [Medien, C.J.] ‚Identitätsmärkte‘, auf denen die Jugendlichen weitgehend frei vom
Anforderungscharakter ihrer sonstigen Rollenverpflichtungen Selbstdarstellungsstrategien erproben und ein-
üben können. Zweitens sind sie ‚Kompetenzmärkte‘, auf denen die Jugendlichen – man denke hier beispiels-
weise an die verschiedenen sich um die Computernutzung konstituierenden Jugendkulturen – sich spezifische,
produktive Umgangsformen mit Technologie aneignen können.“ (Hepp 1999: 202–203)

Diese Umgangsformen sollten in einer zeitgemäßen (Sub-)Kulturanalyse nicht nur beob-


achtet und analysiert, sondern in die Forschung und Lehre integriert werden, wie auch Law-
rence Grossberg (1994) und Douglas Kellner (2005) ausdrücklich betonen.
Natürlich lässt sich darüber hinaus den Subcultural Style Studies selbiges vorwerfen,
was den Cultural Studies immer wieder angelastet wird: eine zu starke und teilweise opti-
mistische Konzentration auf die (aktive) Rezeptionsseite bei gleichzeitiger Vernachlässi-
gung der Produktions- und Distributionsebene von Kultur und Medien. Wobei sowohl Wil-
lis als auch vor allem Hebdige, so wurde bereits aufgezeigt, die begrenzte Effektivität und
Reichweite der jugendlichen Widerstände sehr wohl erkannt und eingeordnet hatten.

15 Ganz ähnlich verlaufen die heutigen Diskussionen um die Möglichkeiten des Internets für Jugendliche zwi-
schen Suchmaschine und Artikulationsplattform kleinster Nischenkulturen und gleichzeitig deren Präsentation
für die Trendscouts der Popkulturindustrien (vgl. exemplarisch Tillmann/Vollbrecht 2006).
16 Vgl. zu Kompetenzen von und in Popkultur Jacke 2006b. Siehe auch die Beiträge zu Ien Ang, John Fiske und
Henry Jenkins in diesem Band.
J. Clarke, T. Jefferson, P. Willis und D. Hebdige: Subkulturen und Jugendstile 149

4. Rezeption und Nutzung der Subcultural Style Studies in der Medien- und
Kommunikationswissenschaft
Die Grundlagen der Subcultural Style Studies mit Birminghamer Prägung sollen nun noch
einmal genauer in ihren Weiterentwicklungen skizziert werden, und zwar innerhalb der für
diesen Bereich vorrangigen angloamerikanischen Cultural Studies (4.1) sowie auch und ins-
besondere in ihrer Wirkung auf die deutschsprachige Kommunikations- und Medienwissen-
schaft (4.2).

4.1 Rezeption der frühen Subkulturstudien innerhalb der Cultural Studies


Aus der Diskussion und Anwendung der hier beschriebenen frühen Subkulturstudien haben
sich vor allem in den letzten gut zehn Jahren einige Diskursstränge entwickelt, die innerhalb
der Cultural Studies und dort wiederum innerhalb der Subcultural Studies, wenn man von
einer Formation dieser sprechen will, neue Fraktionen ausbildeten. Wesentlich und in ihren
Publikationen auffallend sind hier die Post-Subcultural Studies und die Popular Culture Stu-
dies, wobei sich beide Gruppen teilweise überschneiden, etwa in Form der Club Cultural
Studies. Ob nun Post-, After- oder Beyond Subcultural Studies,17 gleichermaßen werden aus
diesen Reihen immer wieder Modifikationen und Umwälzungen der frühen Ansätze geleis-
tet und gefordert, die im wesentlichen von folgenden Kritikpunkten aus operieren: die Ver-
nachlässigung der weiblichen Gruppen von Subkulturen, die Vernachlässigung des Prozess-
charakters und der Karrieren von Personen in den Subkulturen, die Trennung in authentische,
‚echte‘ Subkulturen und deren kommerzialisierte Mutationen, die Konzentration auf einige,
spektakuläre, sichtbare Einzeljugendsubkulturen und vor allem die Überschätzung oder so-
gar Glorifizierung der Kreativität und Effektivität der Subkulturen:
„Pop-Denker wie Dick Hebdige waren so vermessen, jugendkulturelle Konsumentscheidungen als proto-poli-
tische Akte zu interpretieren und damit subkulturelle Kauf-Rituale zum politischen Gegenentwurf und zu ei-
ner selbstbestimmten Form der Identitätsstiftung hochstilisieren zu wollen.“ (Weinzierl 2001: 17)

Dass diese Kritiken in einigen Punkten berechtigt sind, etwa auch in der teilweisen Feti-
schisierung der Subkulturen,18 in anderen aber sehr wohl von den frühen Studien zumindest
berücksichtigt wurden, konnte bereits aufgezeigt werden. Zudem dürfen bei den teilweise
vehementen Kritiken zwei Aspekte nicht vergessen werden: Die frühen Subkulturstudien
aus Birmingham fanden vor ganz konkreten gesellschaftlichen Kontexten statt und sind
nicht in jeder Hinsicht übertragbar auf andere Zeiten, Länder und Gesellschaften. Und fer-
ner verstanden sich diese Studien auch immer als politisches Programm, sodass der Vor-
wurf, diese würden im Grunde sich selbst als Subkulturen verstehen, und ihre Untersu-
chungsinhalte zu Bestandteilen politischer Programme machen (vg. etwa Thornton 1996,
Marchart 2008: 95–129, Weinzierl 2000, 2001), vollkommen zutrifft und aber genau des-
wegen unberechtigt erscheint, da der aufklärerische und interventionistische Charakter der
Studien stets von den Forschenden offengelegt und teilweise sogar betont wurde. Dass da-
mit große Identitätsprobleme der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst einher-
gehen und in der Folge eben diese Diskussionen provozierten, hat Winfried Fluck (2004),

17 Vgl. hierzu vor allem die von Muggleton/Weinzierl (2003) und Bennett/Kahn-Harris (2004) herausgegebenen
Sammelbände sowie die Studien von Muggleton (2002), Huq (2007) und Thornton (1996).
18 Gleichzeitig wurden die sogenannten Hochkulturen in den Studien stets ausgeklammert, wie auch Storey
(2003) bemängelte. Vgl. zu Subkultur und Guerilla in der Hochkultur Van der Horst/Jacke 2008.
150 Christoph Jacke

einer der frühen deutschsprachigen Beobachter der Birminghamer Ansätze, sehr anschaulich
herausgearbeitet:
„Die derzeitigen Identitätsprobleme der Cultural Studies finden somit darin eine Erklärung, dass sie ihre Uto-
pie verloren haben, genauer: selbst aufgebraucht haben, nämlich die Hoffnung bzw. Erwartung, durch eine Er-
weiterung des Kulturbegriffs den Widerstand gegen die Moderne auf eine breitere, demokratische Basis zu
stellen (und damit wirksamer und politisch effektiver zu machen).“ (Fluck 2004: 19)

Eben gerade wegen der Problematik der immer mikropolitischer werdenden Widerstände
und ihrer schwindenden Wirkmächte, wegen der sich ausdifferenzierenden Kulturen, ihrer
Teil- und Untergruppen, hat sich teilweise parallel, teilweise verschränkt dazu innerhalb der
Cultural Studies ein diffuses Feld von sogenannten Popular Cultural Studies herauskristalli-
siert, das der populären Kultur nicht mehr vorrangig einen oppositionellen, gegenkulturel-
len oder sogar makropolitischen Charakter zuschreibt.19 Innerhalb dieser Perspektiven wer-
den insbesondere Heterogenität, Hybridität, Partialität und Temporalität jugendlicher
Teilkulturen als „Wahlpflichtveranstaltung[en]“ (Keller 2003: 116) berücksichtigt – und
nicht mehr als umfassende Lebensweise in Form einer Subkultur. Auch die Rebellion durch
Musik, Mode und Stil insgesamt wird dabei als Element von Moden verstanden, nicht mehr
jedoch als übergelagerte Botschaft oder Intention, und es wird ein Mittelweg beschritten
zwischen Kommerz und Kunst, zwischen Straße und Hochschule, zwischen Authentizität
und Künstlichkeit und damit Rücksicht auf popkulturelle Entwicklungen und Phänomene
speziell der 1990er und 2000er Jahre genommen; man denke an die Kulturtechniken von
Retro-Trends, Bastarden, Remixen, Mash Ups und Sampling. Diese Gemeinschaften (im
Sinne von Willis’ Proto-Gemeinschaften) operieren nicht außerhalb von Medien, Kommerz
und Mainstream, sondern innerhalb; sie grenzen sich unterschiedlich ein oder aus und wer-
den sehr stark überhaupt erst durch Musik, Mode und Stil produziert (vgl. Frith 1996a,
1996b).20

4.2 Rezeption der frühen Subkulturstudien innerhalb der deutschsprachigen Kommunikations-


und Medienwissenschaft
Die frühen Ansätze der Cultural Studies im Allgemeinen und auch der Subcultural Style Stu-
dies im Besonderen sind in mehreren Schüben in den deutschsprachigen Wissenschaftsraum
diffundiert.21 Waren speziell die Jugendsubkulturstudien von einigem Interesse für die
deutschsprachige Jugendsoziologie, -pädagogik und Literaturwissenschaft der 1970er bis
1990er Jahre – man denke an deren Adaptionen und Diskussionen bei Dieter Baacke, Win-
fried Fluck, Roman Horak, Helmut Kreuzer, Rolf Lindner, Rolf Schwendter, Ralf Vollbrecht,
Waldemar Vogelgesang –, so zeigt sich ein spürbarer Einfluss speziell auf die Medien- und
Kommunikationswissenschaft erst seit den 1990er Jahren, nennenswert in der Rezeption,
Aufarbeitung und Anwendung auf die eigenen Studien bei Udo Göttlich, Maren Hartmann,
19 Vgl. zu einer fundierten Kritik und Perspektive auf die Subcultural Studies und ihre Fortsätze zwischen Mikro-
und Makropolitik Marchart 2008: 124–129 und 243–250 sowie Barker 2008: 406–439. Vgl. zu den Popular
Cultural Studies vor allem Strinati 1995, Redhead 1997, Storey 2003 sowie die von Guins/Cruz (2005) und
Redhead (1998) herausgegebenen Reader.
20 Durch die Praxen, Stile und Besitztümer solcher Szenen konstituiert sich deren subkulturelles Kapital; hier
dockt Thornton (1996) an Pierre Bourdieus Soziologie an, wobei fragwürdig erscheint, dessen sehr spezifisch
auf Frankreich zugeschnittene Überlegungen auf diverse Popkulturen (Club Cultures) zu übertragen.
21 Vgl. für ausführliche Überblicke über die Auswirkungen der Cultural Studies auf deutschsprachige Studien
Mikos 2006, Jacke 2004, 2006a und Hepp 1999.
J. Clarke, T. Jefferson, P. Willis und D. Hebdige: Subkulturen und Jugendstile 151

Andreas Hepp, Hans-Otto Hügel, Friedrich Krotz, Lothar Mikos, Klaus Neumann-Braun,
Birgit Richard, Jutta Röser, Tanja Thomas, Carsten Winter und Rainer Winter. So hat vor al-
lem der an der Universität Klagenfurt lehrende Mediensoziologe Rainer Winter mit Tagungen,
einer eigenen Publikationsreihe namens „Cultural Studies“ (Transcript-Verlag) und den von
ihm mit herausgegebenen Readern zu bzw. von John Fiske (2001), Douglas Kellner (2005),
Lawrence Grossberg (2007) und Norman K. Denzin (2008) für eine größere Publizität der
Cultural Studies im deutschsprachigen Raum gesorgt. Ebenfalls zu dieser Zeit haben aus ei-
nem avancierten Popmusikjournalismus heraus Autoren wie Diederichsen, Tom Holert oder
Mark Terkessidis zweifelsohne zudem für eine außeruniversitäre Popularität der Cultural
Studies und ihrer Subkulturstudien gesorgt; hier sei nur an den viel zitierten Sammelband
„Mainstream der Minderheiten“ von Holert/Terkessdis (1996) erinnert.
In den 2000er Jahren schließlich lässt sich zum einen eine weitere Diffusion dieser An-
sätze in zahlreichen Abschlussarbeiten, Beiträgen, Monografien und Anthologien erkennen;
vorübergehend war auch schon von der Modeerscheinung Cultural Studies die Rede (vgl.
Jacke 2006a). Bemerkenswert an den jüngsten Publikationen im deutschsprachigen Raum
ist aber nicht etwa eine überzogene Euphorie, sondern eine sachliche Integration diverser
Überlegungen der Cultural und Subcultural Studies, die kritisch reflektiert modifiziert für
die eigenen Studien eingesetzt werden, hier seien nur exemplarisch die Studien von Marian
Adolf (2006, 2007) und Christoph Jacke (2004) zum Zusammenhang von Medienkultur,
Kritik und Cultural Studies, von Jochen Bonz zu Techno(sub)kultur und Subjekt (2008), von
Marc Calmbach zur Jugendkultur Hardcore (2007), von Claudia C. Ebner zum Zusammen-
hang von Mode, Medien und Cultural Studies (2007), von Katrin Keller zur Nutzung von
Stars und Identitätskonstruktionen (2008), von Mohini Krischke-Ramaswamy zu Fankulturen
(2007, 2008) und von Rupert Weinzierl zu postsubkulturellen Formationen (2000) genannt.
Allen diesen Studien gemeinsam ist die Diskussion der hier vorgestellten frühen Ansätze der
Birminghamer Studien.
Trotz dieser langen und gleichzeitig unvollständigen Liste haben sich die Cultural Stu-
dies und insbesondere die Subcultural Studies in der deutschsprachigen Medien-, Kultur-
und Kommunikationswissenschaft bis heute keinesfalls fest etabliert (vgl. Jacke 2006a),
eher fristen sie eines ihren Untersuchungsfeldern nicht unbekannten Nischendaseins. Horak
fasst die Rezeption derart zusammen: „In summary, cultural studies arrived late in Germa-
ny, its reception was highly selective; and it ended in a pedagogical discourse“ (Horak 1999:
111). Allerdings konnte er Ende der 1990er Jahre noch nicht ahnen, dass sich auch in der
Kommunikations- und Medienwissenschaft sehr fruchtbar solche Nischen einrichten wür-
den.22
Festzuhalten bleibt: Die Birminghamer Subkulturstudien sind einer der wichtigsten
Stränge der Cultural Studies, weil sie zum einen überhaupt erst eine erweiterte und anti-
elitistische wissenschaftliche Beobachtung minoritärer Subkulturen einführten und weil sie
sich zum anderen sehr wohl angebunden haben an die ‚Gründerväter‘ der Cultural Studies.
Dazu entwickelten speziell Clarke/Jefferson, Willis und Hebdige schon in den 1970er Jah-
ren eine notwendige und für die späteren (Sub-)Cultural Studies so typische Multiperspek-
tivität, indem sie Pädagogik, Soziologie, Semiotik, Strukturalismus etc. kombinierten. Zu-

22 So wurde 2008 von Martin Zierold und Christoph Jacke innerhalb der Gesellschaft für Medienwissenschaft
(GfM) die AG „Populäre Kultur und Medien“ gegründet: http://www.gfmedienwissenschaft.de/gfm/ag_popu-
laerkultur_und_medien/index.html.
152 Christoph Jacke

dem haftete den frühen Subkulturstudien ein politischer Impetus an, der später zum Inter-
ventionismus generierte: Man mischt sich als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler in die
gesellschaftlichen Kontexte ein und versucht, diese zu verändern. Dass diese Versuche nicht
immer umsetzbar sind oder sogar manchmal kontraproduktiv werden können, wurde hier
bereits angedeutet. Dennoch haben speziell die hier behandelten Jugendsubkulturstudien ei-
nen Einfluss gezeigt auf spätere Subkultur-, Popkultur-, Aneignungs- und Rezeptionsfor-
schungen in den Cultural Studies bis hinein in die deutschsprachige Kommunikations- und
Medienwissenschaft und zu einer Ausdifferenzierung von Intra-, Inter-, Trans- und Hyper-
kulturalitätskonzepten in Mediengesellschaften beigetragen.
Wenn es um das Verstehen des studentischen (Medien-)Alltags geht, und so haben die
frühen Subkulturforschenden aus Birmingham, allen voran Hebdige, ihre wissenschaft-
lichen Reisen begonnen, dann bleiben die (Sub-)Cultural Studies ein Vorbild: „Consequent-
ly, it neither starts with nor works within a set of texts but, rather, deals with the formations
of the popular, the cartographies of taste, stability, and mobility within which students are
located“ (Grossberg 1994: 18). Dass es in dieser Hinsicht auch zu Fehlversuchen kommen
kann, hat Grossberg an derselben Stelle treffend beschrieben: „[W]hile cultural studies re-
fuses to assume that people are cultural dopes, it does not deny that they are often duped by
culture“ (Grossberg 1994: 6). Nutzen wir dieses Wissen also zu mehr als Tools & Skills, in-
dem wir es im Sinne Grossbergs soziokulturell kontextualisieren, um von den progressiven
Subkultur-Subjekten zu lernen und ihnen gleichzeitig etwas beizubringen.

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John Fiske: Populäre Texte und Diskurs
Lothar Mikos

1. Einleitung
Der Brite John Fiske ist einer der wichtigsten Vertreter in der Tradition der Cultural Studies,
der sich den Phänomenen der Populärkultur gewidmet hat. Er wurde 1939 geboren. Nach
seinem Studium in Cambridge arbeitete er zunächst weiter in Großbritannien, bevor er dann
Anfang der 1980er Jahre nach Australien ging, um dort an verschiedenen Universitäten zu
lehren. 1987 ging er dann in die USA, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 die
Professur für „Media and Cultural Studies“ an der Universität Wisconsin in Madison über-
nahm. Seitdem widmet er sich seinem Antiquitätenladen, den er 1994 zusammen mit seiner
Frau eröffnet hatte, und lebt in Belmont, Vermont. Seine frühen Arbeiten als Kommunika-
tionswissenschaftler, das 1978 gemeinsam mit John Hartley verfasste Buch „Reading Tele-
vision“, und die 1982 erstmals erschienene Einführung in die Kommunikationswissenschaft
(Introduction to Communication Studies), die beide bei Methuen in London erschienen,
orientierten sich zwar noch an der klassischen Kommunikationswissenschaft, waren aber
stark von der Semiotik beeinflusst. Mit seinem wohl einflussreichsten Werk, den „Televi-
sion Studies“, wurde einerseits die Aufnahme von Traditionen der Cultural Studies in der
Prägung des Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) in Birmingham und ande-
rerseits die Hinwendung zur Populärkultur deutlich. Letztere vertiefte er 1989 mit den bei-
den parallel erschienenen Bänden „Understanding Popular Culture“ und „Reading the Po-
pular“, das im Jahr 2000 in deutschsprachiger Übersetzung im Wiener Turia + Kant Verlag
erschienen ist. In den 1990er Jahren erschienen dann noch die beiden Bände „Power Plays,
Power Works“ und „Media Matters“, die sich von der Analyse populärkultureller Texte aus
mehr den Diskursen und der politischen Bedeutung der Medien zuwandten. Seit seiner Hin-
wendung zur Populärkultur knüpft Fiske explizit an die Arbeiten des CCCS an, vor allem an
die von Raymond Williams (siehe den Beitrag zu Raymond Williams in diesem Band) und
Stuart Hall (siehe den Beitrag zu Stuart Hall in diesem Band). Neben Lawrence Grossberg
(siehe den Beitrag zu Lawrence Grossberg in diesem Band) und Iain Chambers konzipierte
er „Cultural Studies als eine kritische Analyse des Populären“ (Winter 2001b: 9). Im Fol-
genden wird vor allem auf seine Arbeiten seit Ende der 1980er Jahre Bezug genommen, in
denen der Bezug zum CCCS und zu den zentralen Annahmen der Cultural Studies am deut-
lichsten ist. Fiske setzt sich hier mit den Konsumierenden der Populärkultur auseinander, die
in das Netz von Kultur, Medien und Macht eingebunden sind. Er weist ihnen eine aktive
Rolle zu – damit nahm er explizit von der klassischen Kommunikationswissenschaft Ab-
schied.
Die Arbeiten von Fiske sind in den Cultural Studies nicht ohne Einfluss geblieben. Im
Wesentlichen sind all seine Werke an der Schnittstelle von Medientexten und der Aneignung
durch Zuschauende angesiedelt, da ihn vor allem die Frage umtreibt, wie es mit Hilfe von
populären Medien zur Bedeutungsproduktion sowohl von Subjektivität als auch von gesell-
schaftlicher Macht kommt. Seine grundlegende Annahme ist, dass (Medien-)Texte nur po-
pulär werden können, wenn sie sich in die soziale Zirkulation von Bedeutung und Vergnü-
John Fiske: Populäre Texte und Diskurs 157

gen einklinken können (vgl. Fiske 1993b: 13), denn Kultur lässt sich nur über soziale Dis-
kurse definieren. Hier wird der Zusammenhang von populären Texten und von Diskursen
deutlich, der sich durch das gesamte Werk von Fiske zieht – auch wenn dies in der Rezep-
tion seiner Arbeiten oft kaum eine Rolle gespielt hat. Im Folgenden werden zunächst die
grundlegenden Annahmen des Ansatzes in Bezug auf populäre Texte und ihre Rolle in der
sozialen Zirkulation von Diskursen dargestellt und im Gesamtkontext der Cultural Studies
verortet, bevor dann die Bedeutung des Ansatzes in der Kommunikations- und Medienwis-
senschaft diskutiert wird.

2. Populäre Texte und Diskurse


Grundlegend für die Arbeiten von Fiske ist, dass er alle Ausprägungen der Populärkultur als
populäre Texte begreift. Damit setzt er einen Kontrapunkt zur allgemeinen Auffassung von
Massenkommunikation, die in den 1970er und 1980er Jahren des 20. Jahrhunderts sowohl
in den Cultural Studies als auch in der Kommunikationswissenschaft vorherrschend war.1
Populäre Texte sind jedoch keine geschlossenen Formen, sondern Fiske spricht von ihrer
Textualität. Das macht er zunächst vor allem am Fernsehen deutlich (vgl. Fiske 1987a).
Zwar sind die populären Texte als diskrete, abgrenzbare Werke identifizierbar, doch entfal-
ten sie sich erst in der sozialen Zirkulation von Bedeutung. Populäre Texte sind im Wesent-
lichen durch sechs Aspekte gekennzeichnet, die er bereits in „Television Culture“ ausführt
und dann anhand einzelner Analysen in den beiden Bänden zur Populärkultur konkretisiert:
Die Textualität von Produkten der Populärkultur wie dem Fernsehen zeigt sich u.a. darin,
dass sie nicht nur produzierte, sondern (1) produzierbare Texte (producerly texts) sind, die
eine besondere Eigenschaft aufweisen, (2) die Polysemie. Diese polysemen Texte der Po-
pulärkultur werden von „den Leuten“ (the people) als (3) aktive Rezipierende bzw. aktives
Publikum angeeignet vor dem Hintergrund der sozialen Auseinandersetzungen des Alltags.
In diesem Aneignungsprozess spielen (4) „Vergnügen“ (pleasure) und (5) Intertextualität ei-
ne große Rolle. Die Aneignung populärer Texte ist daher auf der mikropolitischen Ebene
eingebunden in den (6) gesellschaftlichen Kampf um Bedeutungen. All diese Aspekte wa-
ren in seinen früheren Arbeiten angelegt, wurden aber in „Television Culture“ (1987a) an-
hand des Fernsehens exemplarisch zusammengedacht und in späteren Arbeiten teilweise
weiter ausdifferenziert (vgl. Fiske 1993a, Fiske 1994).
Produzierbare Texte, z.B. Fernsehsendungen, stellen keine geschlossenen Einheiten dar,
deren Sinn und Bedeutung Rezipierende nur noch zu entschlüsseln bräuchten. Sie können
stattdessen als eine Art „semiotische Ressource“ (Fiske 1993a: 12) gesehen werden. Ein sol-
cher populärer Text behandelt seine Leserinnen und Leser, Hörerinnen und Hörer und Zu-
schauende als Mitglieder einer semiotischen Demokratie, die mit diskursiven Fähigkeiten
zur Bedeutungsbildung ausgestattet sind und die durch das Vergnügen bzw. die Lust moti-
viert sind, an diesem Prozess der Bedeutungsbildung zu partizipieren (Fiske 1987a: 95). Fis-
ke sieht hier die Konsumierenden nicht wie die klassische Wirkungsforschung in der Kom-
munikationswissenschaft als Opfer der Medien, sondern nimmt sie als aktive Produzierende
von Bedeutung ernst. Nur über diese Beteiligung der Rezipierenden kann sich ein populärer
Text in der sozialen Zirkulation von Bedeutung verankern. In der Aneignung kreuzen sich

1 Die Medienwissenschaft hat sich erst in den 1990er Jahren des 20. Jahrhunderts etabliert, aber sie geht von ei-
nem weiten Medienbegriff aus, der über Massenkommunikation hinausgeht.
158 Lothar Mikos

zwei miteinander verbundene Sets der Determination: die soziale Determination, die sich auf
die Subjektivität der Zuschauenden auswirkt, und die textuelle Determination, die sich auf
die Textualität des Fernsehens auswirkt (Fiske 1991: 57). Die Subjektivität der Zuschauen-
den bestimmt damit die Bedeutung und den Sinn einer populären Fernsehserie ebenso wie
der Medientext selbst. Damit vollzieht Fiske nicht, wie oft fälschlich angenommen, eine
Überbetonung des aktiven Publikums (vgl. exempl. Müller/Wulff 2006), sondern er lokali-
siert die Aneignung des Fernsehens am Schnittpunkt von sozialer und textueller Determina-
tion und verlässt damit die werkorientierte Sichtweise von rezeptionsästhetischen Ansätzen
der Literatur- und Kunstwissenschaft (vgl. dazu Mikos 2001: 15ff.). Die Produzierbarkeit
unterscheidet populäre Texte von solchen, die gemeinhin der Hochkultur oder der bürger-
lichen Kultur zuzurechnen sind. Sie sind nicht wie diese geschlossen, um einen manifesten
Sinn zu transportieren, sondern sie sind offen und von einer Vielstimmigkeit gekennzeich-
net, die Fiske im Anschluss an Michail Bachtin als „Heteroglossia“ bezeichnet (Fiske
1987a: 96), und die vor allem für Fernsehtexte kennzeichnend ist. Fernsehtexte folgen so
nicht einer hierarchischen Ordnung, die auf der Autorität der Autorinnen und Autoren be-
ruht (seien diese individuelle Personen oder seien es institutionelle Konventionen und Prak-
tiken), sondern auf einer Vielstimmigkeit, die widersprüchlich sein kann. Ein Fernsehtext
spricht so nicht mit einer Stimme, sondern mit vielen verschiedenen (Fiske 1991: 69). In
dieser Vielstimmigkeit gründet die Mehr- und Vieldeutigkeit oder Polysemie des Fernsehens
(vgl. Fiske 1986; Fiske 2001) und anderer populärer Texte.
Die Polysemie populärer Texte darf allerdings nicht als Beliebigkeit der Bedeutungspo-
tenziale missverstanden werden. Stattdessen ist davon auszugehen, dass polyseme Texte
„mehrere, strukturell-systematisch verschiedene Bedeutungen“ enthalten (Wulff 1992: 101).
Die semantische Organisation der Texte erlaubt so verschiedene Lesarten, die sich allerdings
auf die gleiche Textoberfläche beziehen. Aber auch diese strukturell-systematischen Bedeu-
tungen, die ein Text enthält, stehen nicht einfach additiv nebeneinander und sind beliebig
lesbar. Fiske merkt dazu an: „Vielleicht favorisiert ein Text manche Bedeutungen, er kann
auch Grenzen ziehen, und er kann sein Potenzial einschränken. Andererseits kann es auch
sein, dass er diese Präferenzen und Grenzen nicht allzu effektiv festschreibt“ (Fiske 1993b:
12f.). Dies ist Ausdruck der Tatsache, dass sich populäre Texte im Feld sozialer Ausein-
andersetzung befinden. Die Textstrukturen korrespondieren mit gesellschaftlichen Struktu-
ren, „wodurch in Texten auch Herrschaftsverhältnisse manifest werden“ (Jurga 1997: 131).
Generell sind populäre Texte durch einen semantischen Überschuss gekennzeichnet, sodass
sie als polyseme Texte immer auch Bedeutungen tragen, die nicht durch die gesellschaftlich
dominante Ideologie kontrolliert werden können (vgl. dazu auch Jurga 1999: 135f.).
Polyseme Texte sind nach Fiske strukturell offen (vgl. Fiske 1987a: 84ff.). Sie verlangen
die Mitarbeit der Rezipierenden, um sie in die soziale Zirkulation von Bedeutungen einzu-
fügen. Fiske greift dabei auf Überlegungen von Umberto Eco zurück, der bei „offenen
Kunstwerken“ (Eco 1977) von der „Mitarbeit der Interpretation“ (Eco 1987) der Leserinnen
und Leser ausgeht. Dadurch ist eine generelle Interpretationsvariabilität gegeben, die aber
durch die Verortung der populären Texte im Feld sozialer Auseinandersetzungen begrenzt
ist. „Die Rezeption und die Aneignung von Texten wird zu einer kontextuell verankerten ge-
sellschaftlichen Praxis, in der die Texte als Objekte nicht vorgegeben sind, sondern erst auf
der Basis sozialer Erfahrung produziert werden“ (Winter 1997: 54). In diesem Sinn kommt
den aktiven Rezipierenden eine besondere Rolle zu, denn sie sind es, die auf der Basis ihrer
sozialen Erfahrungen im Alltag und der Struktur der populären Texte deren Bedeutungen ge-
John Fiske: Populäre Texte und Diskurs 159

nerieren. In der Analyse von populären Texten kann es daher nach Fiske immer nur darum
gehen, mögliche Lesarten herauszuarbeiten.
Das aktive Publikum wird so zu einem zentralen Bezugspunkt in den Arbeiten Fiskes.
Denn es sind die Rezipierenden, die den populären Texten vor dem Hintergrund alltäglicher
Relevanzen Bedeutung zuweisen (vgl. Müller 1993: 57). Fiske selbst hat sein Interesse fol-
gendermaßen deutlich gemacht:
„Das Wichtigste für mich ist nicht zu verstehen, was der Text ist, sondern wie Leute ihn benutzen. Wichtig ist,
wie der Text funktioniert, wie er verwendet wird und wie unterschiedliche soziale Formationen versuchen,
Texte recht unterschiedlich zu gebrauchen. Natürlich versucht die Industrie, Texte ökonomisch zu nutzen, um
ein Publikum zu produzieren, dem sie etwas verkaufen können. Die Menschen in ihren verschiedenen sozia-
len Bindungen hingegen versuchen, Texte ganz anders zu nutzen. Somit ist ein Text für mich nicht so sehr et-
was Bestimmtes, als vielmehr etwas, womit soziale Formationen etwas zu machen versuchen“. (Fiske 1993b:
13)

Zu diesen sozialen Formationen, die die populären Texte benutzen, gehören u.a. „die Leute“
(the people). Sie entwickeln ihre eigenen Lesarten, die auch im Widerspruch zu den domi-
nanten Lesarten des Machtblocks stehen können.
Dieser Aspekt ist in der Rezeption der Arbeiten Fiskes immer wieder herausgegriffen
und starker Kritik unterzogen worden (vgl. exempl. Seaman 1992). Dabei gab es zwei we-
sentliche Argumente, die kritisch gegen das Konzept des aktiven Publikums eingewendet
wurden. Einerseits wurde kritisiert, dass es keineswegs so sei, dass das Publikum den Tex-
ten beliebige Bedeutungen zuweisen könnte. Andererseits wurden die subversive Kraft und
das subversive Vergnügen der Leute bei der Produktion ihrer Bedeutungen in Zweifel gezo-
gen. Allerdings hat Fiske weder das eine noch das andere so behauptet. Denn einerseits sind
die Bedeutungen, die die Rezipierenden produzieren, keineswegs beliebig, sondern sie hän-
gen von den Alltagsrelevanzen und den Feldern der sozialen Auseinandersetzung im Alltag
ab (vgl. auch Winter 1995: 108). Andererseits ist nicht jede Lesart der Leute subversiv. Ent-
scheidend ist nicht, dass Leute subversiv mit Texten umgehen, sondern entscheidend ist,
welche Leute mit welchen Texten subversiv umgehen. Nur dann können die subversiven
Lesarten im triangulären Feld von Kultur, Medien und Macht verortet werden.
Zudem ist die Betonung der Aktivität der Rezipierenden nicht theoretisch „wertlos, weil
sie nicht die geringste Unterscheidungsmöglichkeit produziert“ (Müller/Wulff 2006: 194),
sondern sie ist gerade theoretisch wertvoll, weil sie den Blick auf den Alltag der Leute ge-
stattet, also auf den Ort der sozialen Auseinandersetzungen in der Gesellschaft, und damit
die Bedeutungsproduktion und die Lesarten kontextualisiert. Fiske selbst hat dazu festge-
stellt, dass die soziale Subjektivität der Rezipierenden größeren Einfluss auf die Bedeu-
tungsproduktion hat als die textuell produzierte Subjektivität, die nur im Moment der Re-
zeption existiert (Fiske 1987a: 62ff.). Rainer Winter merkt dazu an:
„Auch an dieser Stelle hebt Fiske hervor, wie wichtig die alltäglichen Erfahrungen der Zuschauer sind und daß
sie stark genug sein können, um die des Fernsehens zurückzudrängen. Es sind die Bedeutungen, die im Ge-
spräch oder in Subkulturen artikuliert werden, die für die jeweilige Alltagserfahrung zentral sind. TV-Texte,
die keinen Raum lassen, um die persönlichen Auffassungen und Interessen zu artikulieren, werden als uninte-
ressant abgelehnt“. (Winter 2001a: 191)

Daher muss gerade in der Analyse des Fernsehens mehr Wert auf die textuellen Strategien
gelegt werden, die es den Zuschauenden ermöglichen, Bedeutungen zu produzieren, die aus
ihren sozialen Erfahrungen resultieren. Allerdings wurde der Aspekt der Rezipierendenakti-
vität sowohl von den Kritikerinnen und Kritikern Fiskes als auch von einigen Adepten über-
160 Lothar Mikos

betont. Denn tatsächlich geht es Fiske ja darum, sowohl den Text als auch den Alltag der
Leute als Ort sozialer Auseinandersetzungen zu sehen, wie Eggo Müller auch an anderer
Stelle angemerkt hat: „Die diskursiv strukturierte Subjektivität von Rezipienten schneidet
sich in der Rezeption mit den Diskursen der Texte. An diesem Schnittpunkt entsteht Bedeu-
tung, geprägt von sozialer Auseinandersetzung“ (Müller 1993: 58). Das heißt auch, dass die
populären Texte die Lesarten vorstrukturieren; schließlich arbeiten sich die Leute bei ihrer
Bedeutungsproduktion an den Texten, den Strukturen und den favorisierten Lesarten ab.
Nicht zuletzt schafft gerade die Polysemie und Offenheit der populären Texte erst die Mög-
lichkeit von verschiedenen Lesarten.
Die Bedeutungsproduktion der Leute ist eng mit Vergnügen verknüpft. Vergnügen ist
Bestandteil einer elementaren Ästhetik, die den populärkulturellen Praktiken zugrunde liegt.
Fiske greift dabei u.a. auf die Arbeiten von Michel de Certeau (1988) zum Handeln im All-
tag zurück (siehe auch den Beitrag zu Michel de Certeau in diesem Band). Die alltäglichen
Handlungen der Menschen sind von Taktiken geprägt, die dem intendierten Konsum zu-
widerlaufen können. Ein Moment des Vergnügens in der Rezeption populärer Texte liegt
nach Fiske darin, das Verhältnis von Regeln und Freiheit zu erforschen. Das trifft nicht nur
auf das sogenannte evasive Vergnügen zu, bei dem es um subversive Momente geht, die
„den disziplinierenden Diskursen moderner Gesellschaft zuwider“ laufen können (Hepp
1999: 74), sondern vor allem auf das Vergnügen, das aus der Produktion eigener Bedeutun-
gen und Lesarten resultiert. Dies wird besonders bei der Rezeption und Aneignung populä-
rer Texte in subkulturellen oder spezifischen sozialen Kontexten deutlich. Das Vergnügen in
der Macht der Bedeutungsproduktion, die als ein semiotisches Spiel in der semiotischen De-
mokratie des Fernsehens gesehen werden kann, ist nach Fiske (1987a: 239) das signifikan-
teste und ermächtigendste Vergnügen, das Fernsehen bietet.
Ein Moment des Vergnügens in der Rezeption populärer Texte resultiert aus ihrer Inter-
textualität, da sie notwendigerweise in Bezug zu anderen Texten gelesen werden müssen.
Dabei wenden die Zuschauenden ein breites intertextuelles Wissen an. Dieses Wissen er-
möglicht es, die polysemen Texte auf bestimmte Weise zu aktivieren (vgl. ebd.: 108). Inter-
textualität ist aber keine Eigenschaft von populären Texten, sondern sie existiert in der Be-
ziehung zwischen Texten. „Dadurch schafft er einen Intertext, einen Raum zwischen Texten,
der damit neben dem eigentlichen Text einen zweiten semantischen Raum schafft, der für
die Bedeutungsproduktion der Rezipienten wichtig ist“ (Mikos 2008: 272). Intertextualität
besteht auch in dem Textwissen, dass die Leserinnen und Leser oder Zuschauenden an die
Texte herantragen. Über die Einbindung der Leserinnen und Leser in Adressaten- und Nut-
zergruppen ist sie zugleich sozial determiniert. Damit ist Intertextualität ebenso wie die
Texte und die Rezipierenden im Feld der sozialen Auseinandersetzungen zu verorten, denn:
„Intertextualität gründet […] nicht nur in der Realisation intertextueller Referenzen im Text
durch die Rezipienten, sondern auch in ihrem intertextuellen Wissen, ihren Kenntnismengen
und Rezeptionserwartungen, die an den Text herangetragen werden“ (Mikos 1999: 69). Da-
mit ist Intertextualität ein Moment sozialer und kultureller Praxis.
Fiske (1987a: 109ff.) hat zwischen horizontaler und vertikaler Intertextualität unter-
schieden. Auf der horizontalen Ebene sieht er Bezüge zu Genres, auf der vertikalen Ebene
Bezüge zu anderen Texten, die speziell auf den jeweiligen populären Text Bezug nehmen.
Dazu gehören z.B. Kritiken oder Programmankündigungen als sekundäre Texte sowie
Texte, die Zuschauende aus den populären Texten produzieren, als tertiäre Texte. Erst in der
Rezeption und Aneignung populärer Texte „offenbaren sich die Beziehungen zwischen den
John Fiske: Populäre Texte und Diskurs 161

zahlreichen horizontalen Verweisungszusammenhängen und den vertikalen Aktivierungen


von Wissens- und Erfahrungsbeständen“ (Mikos 1999: 82). Dadurch entsteht im Raum zwi-
schen den Texten gewissermaßen eine Explosion von Bedeutung, die auf der Aktivierung
der Wissensbestände der Rezipierenden beruht. Es ist diese Aktivierung, die einen wesent-
lichen Teil des Vergnügens an populären Texten ausmacht.
Die Differenzen in der Aktivierung intertextuellen Wissens zeigen ebenso wie die ge-
nerellen Differenzen in der Rezeption und Aneignung von populären Texten, dass sich so-
ziale Auseinandersetzungen auch als Kampf um Bedeutungen zeigen (vgl. Fiske 1987a:
316ff.). Semiotische Macht liegt bei jenen sozialen Gruppen, die in der Lage sind, ihre Be-
deutungen im gesellschaftlichen Diskurs durchzusetzen. Der Kampf um Bedeutungen ist
auch ein Kampf um die Durchsetzung von Interessen im Rahmen symbolischer Gewalt
(vgl. Mikos 2001: 284). In diesem Kampf kommt den populären Texten, insbesondere dem
Fernsehen, eine besondere Rolle zu. Um populär zu sein und um genügend Kundinnen und
Kunden im kommerziellen Interesse zu sichern, kann das Fernsehen nicht nur die hege-
moniale Durchsetzung dominanter Interessen betreiben, sondern es muss auf verschiedene
Publika Rücksicht nehmen. Sie alle müssen die Gelegenheit haben, anhand der Fernseh-
texte Bedeutung und Vergnügen zu produzieren, denn „Leser produzieren nur Bedeutung
und finden nur Vergnügen in einem Fernsehprogramm, wenn es die Möglichkeit zur Arti-
kulation ihrer Interessen eröffnet“ (Fiske 1987a: 83). Fernsehtexte und andere populäre
Texte stehen damit im Zentrum der sozialen Auseinandersetzungen und Kämpfe um Be-
deutungen. Der Zwang zum kommerziellen Erfolg des Fernsehens und anderer Medien der
Populärkultur ist damit eine der Voraussetzungen zur Produktion von differenten Bedeu-
tungen.
Unter Rückgriff auf Michel Foucault (1988) leisten Diskurse für Fiske eine Perspekti-
vierung von Bedeutungen (siehe auch den Beitrag zu Michel Foucault in diesem Band). Dis-
kurse bestehen im kontinuierlichen Prozess der Sinnstiftung und der sozialen Zirkulation
dieses Sinns (Fiske 1994: 6). Sie sind soziale Tatsachen, die in der Sozialstruktur der Ge-
sellschaft verankert sind. Diskurse sind daher nicht neutral, denn einerseits unterliegt ihre
Produktion spezifischen sozialen Bedingungen, andererseits sind sie machtvoll (Fiske
1993a: 15; Fiske 1994: 7). Es gehen Wertungen in sie ein, wodurch konkurrierende Diskur-
se produziert werden. Populäre Texte repräsentieren als Diskurse diskursive Praktiken, zu-
gleich sind sie selbst Diskursereignisse, über die Realität erst verfügbar wird (Fiske 1994:
4). „Die Texte sind grundsätzlich doppelt in Diskursen verankert: Einerseits sind sie als Dis-
kursereignisse Teil der populären Diskurse über Populärkultur, andererseits sind sie Teil der
institutionalisierten und populären Diskurse, die in der Gesellschaft zirkulieren“ (Mikos
2008: 285). Diskurse sind daher immer Bestandteil eines gesellschaftlichen Diskursfeldes,
denn sie enthalten „immer Spuren von anderen, konkurrierenden Diskursen“ (Winter 1997:
56). In der gesellschaftlichen Diskurspraxis werden populäre Texte zum Ort sozialer Aus-
einandersetzungen, da sich in ihnen Machtverhältnisse artikulieren und da mit ihnen Wissen
und Gegen-Wissen produziert wird. Da Realität nur über Diskurse zugänglich ist, werden
die sozialen Auseinandersetzungen als diskursive ausgetragen. Dabei spielen die populären
Medien und Texte eine zentrale Rolle. Hier schließt sich der Kreis; populäre Texte und Dis-
kurse sind untrennbar miteinander verbunden, als Artikulationsformen der Machtverhält-
nisse in der Gesellschaft – und im Rahmen der Globalisierung (vgl. die Beiträge in
Hepp/Krotz/Winter 2005) und der transkulturellen Kommunikation (vgl. Hepp 2006) auch
zwischen Gesellschaften.
162 Lothar Mikos

3. Fiske und die Folgen


Die Arbeiten von Fiske sind in den Cultural Studies nicht unumstritten. Als ein Beleg mag
dafür gelten, dass kein Text von ihm in dem Sammelband „Media and Cultural Studies. Key-
Works“ (Durham/Kellner 2001) vertreten ist, obwohl er – ebenfalls unumstritten – zu einem
der führenden Vertreter der Cultural Studies gehört. Die Kritik richtete sich vor allem im Rah-
men der sogenannten „Revisionismus-Debatte“ (vgl. Hepp 1999: 139ff.) gegen eine vermeint-
liche Abkehr von den ursprünglichen, ideologiekritischen Positionen der Cultural Studies. In
Fiskes Arbeiten, in denen er von Fernsehsendungen über den Strand bis hin zu Fußballspie-
len alles als Text bezeichne, komme es zu einer „celebration of popular culture“ (Lewis 2002:
273). Diese Anmutung gründet darauf, dass Fiske dem Vergnügen an der Populärkultur in der
aktiven Aneignung mehrdeutiger Texte eine besondere Rolle bei der Produktion von Bedeu-
tung und Sinn im Alltag der „Leute“ zuweist. Das brachte ihm auch den Vorwurf ein, die Ei-
genständigkeit der Bedeutungszuweisung zu sehr zu betonen und dabei die ideologischen
und ökonomischen Implikationen der Medien und der Kulturindustrie zu vernachlässigen.
Außerdem wurde ihm ein fehlendes theoretisches Gesamtkonzept vorgeworfen (ebd.: 276f.).
Den Kritikerinnen und Kritikern von Fiskes Werk ist eines gemeinsam: Sie argumentieren
von einer Position aus, in der sie die Arbeiten nicht im Detail zur Kenntnis nehmen mussten,
sondern einige wenige Aspekte herausgriffen, die sie dann von der Warte eines sich politisch
verstehenden Cultural-Studies-Ansatzes aus kritisieren, in dem eine Kritik der bestehenden
Herrschafts- und Machtverhältnisse bedeutsam ist, oder von einer kommunikationswissen-
schaftlichen Warte, die für sich die Erkenntnishoheit in der Medienforschung beansprucht.2
Einige der Kritiker machten keinen Hehl daraus, dass die Beschäftigung mit der Populärkultur
und populären Texten einem bürgerlich akademischen Selbstverständnis nicht zuträglich sei.
Dabei ging es Fiske vor allem darum, die Widersprüche in der Produktion und Aneignung
populärer Texte herauszuarbeiten, und zwar vor dem Hintergrund des Spannungsverhältnisses
von Kultur, Medien und Macht. Denn es sind diese Widersprüche, die eine vergnügliche, ak-
tive Aneignung der Texte notwendig machen. Nur so können die Medienkonsumierenden
„Relevanzen für ihren Alltag herstellen und eigene Bedeutungen produzieren“ (Winter
2001a: 225). Diese Bedeutungen, die im Akt der Aneignung produziert werden, können sich
sowohl in die herrschenden Machtverhältnisse einfügen als auch diese kritisieren. Denn po-
puläre Texte werden von Menschen produziert, indem sie in ihnen ihre Lebensverhältnisse
artikuliert sehen, und das heißt, dass Machtverhältnisse bereits in die populären Texte ein-
geschrieben sind.
Die besondere Bedeutung der Arbeit Fiskes liegt vor allem darin, den Blick für die Kom-
plexität der multiperspektivischen Struktur von populären Texten und für die Komplexität
von Rezeptionsprozessen geschärft zu haben. Seine Arbeiten machten es möglich, die me-
dialen Kommunikationsprozesse in ihrer Widersprüchlichkeit zu erfassen und von mono-
kausalen Wirkungsannahmen, totalitären Verblendungszusammenhängen und sich selbst ge-
nügenden Analysen der Filmsprache, die bis in die 1990er Jahre des 20. Jahrhunderts in der
Kommunikationswissenschaft und in der Filmwissenschaft dominierend waren, Abschied
zu nehmen. Zugleich boten sie die Chance, über die Betonung des aktiven Publikums gera-
de die alltägliche Umgangsweise und Bedeutungsproduktion der Subjekte in den Blick zu
nehmen. Menschen wurden nicht mehr als Opfer medialer Verhältnisse betrachtet, sondern
als Produzierende auch differenter Bedeutungen.
2 Für eine ausführliche Diskussion der Kritik an den Arbeiten von Fiske siehe Hepp 1999: 139ff.
John Fiske: Populäre Texte und Diskurs 163

Nicht zuletzt liegt die Bedeutung von Fiskes Arbeiten auch darin, der Erkenntnis den
Weg geebnet zu haben, dass sich die sozialen Auseinandersetzungen in der Gesellschaft
nicht nur auf polit-ökonomischer Ebene abspielen, sondern ganz wesentlich auch in der kul-
turellen Praxis. Denn populäre Texte stellen konflikthafte Diskurse dar, in die gesellschaft-
liche Machtverhältnisse eingeschrieben sind. Die Produktion und Aneignung populärer
Texte wird so zu einem Feld sozialer Auseinandersetzung, in dem es um die Produktion so-
wie Aufrechterhaltung bzw. Erlangung symbolischer Macht geht. Die Analyse von populä-
ren Texten kann dazu beitragen, deren Widersprüchlichkeit ebenso herauszuarbeiten wie die
in ihnen repräsentierten konkurrierenden Diskurse und den diesen zugrunde liegenden ge-
sellschaftlichen Machtverhältnisse.
In diesem Sinne haben die Arbeiten von Fiske in der Medien- und Kommunikations-
wissenschaft eine große Bedeutung für die Analyse populärer Texte, insbesondere von au-
dio-visuellen Texten, aber auch von Printmedien. Vor allem die Analyse populärer Compu-
terspiele, Filme und Fernsehformate ist davon beeinflusst worden. In der Analyse können
die in den Texten angelegten, auch widersprüchlichen Lesarten herausgearbeitet werden, die
zum Vergnügen am populären Text beitragen können. Insbesondere die kommunikations-
wissenschaftliche Forschung zu Unterhaltungsphänomenen kann davon profitieren (vgl.
Giegler/Wenger 2003; Mikos 2003). Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss von Fiske auch
auf die Rezeptions- und Aneignungsforschung im weitesten Sinn, die sich weder dem klas-
sischen Wirkungsparadigma noch dem Uses-and-Gratifications-Approach bzw. Nutzenan-
satz verpflichtet fühlt, sondern sich mit dem Medienhandeln als alltäglichem, relevanten
Prozess der Sinnstiftung auseinandersetzt. Hier rückt in den Blick, wie sich die gesell-
schaftlichen Subjekte populäre Texte in ihrem Alltag aneignen und welche Bedeutungen sie
damit produzieren bzw. welche Lebensverhältnisse sie damit artikulieren (vgl. exempl. Mi-
kos 1994a; Wierth-Heining 2004; Winter 1995). Für die Kommunikations- und Medienwis-
senschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts liegt der besondere Wert der Arbeiten von Fiske
darin, Ansätze dafür zu bieten, sich mit den komplexen gesellschaftlichen Verhältnissen der
reflexiven Moderne und ihrer Repräsentation in den Medien, insbesondere den populären
Texten, als bedeutungsvollen Diskursen auseinanderzusetzen, ohne dabei die gesellschaft-
lichen Machtverhältnisse oder die subjektiv sinnstiftenden Prozesse im Alltag der gesell-
schaftlichen Akteurinnen und Akteure aus dem Blick zu verlieren.

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Néstor García Canclini: Hybridisierung, Deterritorialisierung und
„cultural citizenship“
Andreas Hepp

1. Einleitung
Mit ihrer fortschreitenden Internationalisierung sind zunehmend die Arbeiten des argenti-
nisch-mexikanischen Kulturwissenschaftlers Néstor García Canclini in den Fokus der Cul-
tural Studies gerückt. Exemplarisch hierfür steht die Aufnahme eines Beitrags von García
Canclini (2000) in den zu Ehren von Stuart Hall herausgegebenen Band „Without Guaran-
tees“ (Gilroy et al. 2000). Allein dies macht deutlich, dass der lateinamerikanische Wissen-
schaftler für die Cultural Studies zu einem zentralen Referenzautor geworden ist, insbeson-
dere im Bereich der Forschung zu Globalisierung und Hybridisierung.
Diese Themen stehen in enger Beziehung zum akademischen Lebensweg von García
Canclini selbst: Der 1939 geborene Argentinier studierte Philosophie in Argentinien (La Pla-
ta) und promovierte in Frankreich (Paris). Tätig war er in Argentinien als Dozent an der Uni-
versität von La Plata (1966–1975) und Buenos Aires (1974–1975). Im Jahr 1976 zog Gar-
cía Canclini nach Mexiko, wo er seit 1990 Professor für urbane Kultur an der Universidad
Nacional Autónoma von Mexiko Stadt ist. In den letzten Jahren war er daneben Gastprofes-
sor und -forscher u.a. an den Universitäten Barcelona, Buenos Aires, New York, San Fran-
cisco, São Paulo, Sorbonne/Paris, Stanford und Texas. Daneben war er für die UNESCO
beim „World Culture Report“ 1998 als Experte aktiv. Zwei seiner Publikationen sind um-
fassend ausgezeichnet. So erhielt 1981 sein Buch „Las culturas populares en el capitalismo“
(„Transforming Modernity. Popular Culture in Mexico“) den Literaturpreis Casa de las
Americas. Im Jahr 1992 wurde das Buch „Culturas híbridas“ („Hybrid Cultures“) mit dem
iberoamerikanischen Buchpreis der Latin American Studies Association als bestes Buch
über Lateinamerika der Jahre 1990–1992 prämiert.
Ziel dieses Beitrags ist es, über die auch auf Englisch vorliegenden Schlüsselwerke von
Garcia Canclini hinweg – neben verschiedenen Aufsätzen insbesondere „Hybrid Cultures“
(engl. 1995, orig. 1989) und „Consumers and Citizens“ (engl. 2001, orig. 1995) – die Kern-
konzepte vorzustellen, die er in die Medienanalysen der Cultural Studies eingebracht hat.

2. Hybride Kulturen: Dekollektivisierung, Deterritorialisierung und „unreine“ Genres


Das Buch „Hybrid Cultures“ kann als das Werk von García Canclini gelten, das in den Cul-
tural Studies am nachhaltigsten aufgegriffen wurde. Dabei weist dessen Untertitel – „Stra-
tegies for Entering and Leaving Modernity“ – bereits auf die Grundanlage dieser Publika-
tion hin: García Canclini geht es darum, den Wandel lateinamerikanischer Kulturen im 20.
Jahrhundert in einer Kritik eines eindimensional gedachten Modernisierungsprozesses zu
beschreiben. Dabei umreißt er die kulturelle Situation in Lateinamerika Ende der 1980er
Jahre – als „Hybrid Cultures“ im Original erschient – als eine „complex articulation of tra-
ditions and modernities (diverse and unequal), a heterogenous continent consisting of coun-
tries in each of which coexist multiple logics of development“ (García Canclini 1995: 9).
166 Andreas Hepp

Um diese Vielfalt multipler Entwicklungen zu fassen, bedarf es nach der Argumentation von
García Canclini eines Blicks für deren historische Entwicklung. Entsprechend sind die in
der Rezeption insbesondere aufgegriffenen Konzepte der hybriden Kulturen und Deterrito-
rialisierung nur ein Teilaspekt seiner Überlegungen und bedürfen einer weiteren Kontextu-
alisierung.
Ausgangspunkt García Canclinis ist, dass die „lateinamerikanischen Widersprüche“ (Gar-
cía Canclini 1995: 41) ihren Ursprung in der Etablierung eines (europäischen) Modernismus
ohne Modernisierung haben: In Europa ging die kulturelle Bewegung des Modernismus –
in Kunst, Literatur, Architektur – gerade als Kritik einer fortschreitenden Modernisierung in
Form der Industrialisierung einher mit einem zunehmenden Anteil einer lesenden Bevölke-
rung. Dies machte die zeitgleiche Etablierung von modernem Kulturkonsum möglich. So
konnten Ende des 19. Jahrhunderts beispielsweise in Frankreich oder England über 90 Pro-
zent der Bevölkerung lesen und schreiben, wodurch eine Massenpresse mit entsprechenden
vom Staat unabhängigen Verdienstmöglichkeiten für Literatinnen und Literaten und Jour-
nalistinnen und Journalisten entstand. Modernismus hieß damit auch die Modernisierung
von Kulturproduktion und -konsum. Grundlegend anders sieht die Situation in Lateiname-
rika aus. Während der europäische Modernismus als ästhetische Orientierung aufgegriffen
wurde, war die sozioökonomische Modernisierung abgekoppelt hiervon. So bestand bei-
spielsweise bis spät in die 1950er Jahre über die Hälfte der Bevölkerung Lateinamerikas aus
Analphabeten, d.h. Druckerzeugnisse hatten nur eine geringe Auflage und ein vom Staat un-
abhängiger Markt für Kunst und Kulturprodukte konnte nicht entstehen. Eine dominierende
paternalistische Vorstellung von Kultur war die Folge. Was García Canclini hier bereits aus-
macht, ist eine „hybrid history“ (García Canclini 1995: 44f.) Lateinamerikas: Die „kulturel-
le Modernisierung“ des Modernismus entspricht nicht einfach einer „ökonomischen Mo-
dernisierung“ der Gesellschaft. Diese „hybride Geschichte“ Lateinamerikas wird greifbar,
wenn man beide Aspekte von Modernisierung in ihrer Widersprüchlichkeit im Blick hat:
„If modernism is not the expression of socioeconomic modernization but the means by which the elites take
charge of the intersection of different historical temporalities and try to elaborate a global project with them,
what are those temporalities in Latin America and what contradictions does their crossing generate?“ (García
Canclini 1995: 46; Hervorhebung im Original)

Eine Antwort auf diese Frage ist nach García Canclini dann möglich, wenn es gelingt, der
„multitemporalen Heterogenität“ (García Canclini 1995: 47) moderner Kulturen in ihrer
Analyse gerecht zu werden. In seiner Perspektive gibt es diesen eindimensionalen Prozess
der Modernisierung nicht. Vielmehr stehen die verschiedenen hybriden Kulturen Latein-
amerikas für unterschiedliche Formen von Moderne. Oder, wie er es schreibt: „we did not
arrive at one modernity but rather at various unequal and combined processes of moderni-
zation“ (García Canclini 1995: 103; Hervorhebung im Original).
Man kann das Buch „Hybrid Cultures“ insgesamt als Versuch ansehen, einen ersten
Ausgangspunkt für die Analyse einer solchen „multitemporalen Heterogenität“ zu formu-
lieren. Hierbei setzt García Canclini in den ersten vier Kapiteln bei dem Bereich von Kultur
an, der klassischerweise als Hochkultur bezeichnet wird. In der zweiten Hälfte des Buchs
rücken dann der Bereich des Populären bzw. die gegenwärtigen Alltagskulturen Lateiname-
rikas in den Fokus.
Diese Alltagskulturen Lateinamerikas sind – und hierauf verweist der Titel des Buchs –
zunehmend als hybride Kulturen zu begreifen, die verschiedenste traditionelle wie auch mo-
N.G. Canclini: Hybridisierung, Deterritorialisierung und „cultural citizenship“ 167

derne Momente integrieren. Der Begriff der Hybridisierung hebt bei García Canclini ent-
sprechend darauf ab, die kulturelle Integration historisch unterschiedlichster Muster und
Momente zu fassen, wobei „die schroffe Opposition zwischen dem Traditionellen und dem
Modernen nicht funktioniert“ (García Canclini 1995: 2). Hybridisierung bezeichnet also den
Prozess einer transkulturellen Mischung, die weit mehr umfasst als unterschiedliche „Ras-
sen“ (wie beim Konzept des mestizaje, das allerdings nicht auf „Rasse“ als (problematische)
biologische Kategorie abhebt, sondern auf deren soziokulturellen Konstruktionsprozess)
oder Religionen (wie beim Konzept des Synkretismus) (vgl. García Canclini 1995: 11; Gar-
cía Canclini 1997a: 22; García Canclini 2000: 41).
Greifbar werden hybride Kulturen vor allem in urbanen Kontexten. Diese sind für Gar-
cía Canclini durch eine „Telepartizipation“ (García Canclini 1995: 207) gekennzeichnet,
d.h. durch heterogene symbolische Angebote von lokalen, nationalen und transnationalen
Kommunikationsnetzwerken. Er spricht diesbezüglich von einer „sozialen Mediatisierung“
(García Canclini 1995: 211) urbaner Kontexte, womit er einerseits fasst, dass personale wie
auch Gruppenkommunikation immer mehr medial vermittelt ist. Andererseits bilden die
Massenmedien in urbanen Kontexten den zentralen geteilten Sinnhorizont, d.h. in ihren
fragmentierten Angeboten werden wir über die vielfältigen „gemeinsamen Erfahrungen des
städtischen Lebens informiert“ (ebd.). Auf diese Weise machen Medien es möglich, das So-
ziale wahrzunehmen, kollektive Bedeutungen dessen, was in der Stadt passiert. In den me-
diatisierten städtischen Kontexten konkretisiert sich so ein „Spiel von Echos“ (García Can-
clini 1995: 212) der wechselseitigen Spiegelung städtischen Lebens und dessen medialer
Repräsentation:
„The commercial advertising and political slogans that we see on television are those that we reencounter in
the streets, and vice versa: the ones are echoed in the others. To this circularity of the communicational and the
urban are subordinated the testimonies of history and public meaning constructed in longtime experiences.“
(García Canclini 1995: 212)

Um die zunehmende Hybridisierung von Kulturen zu erklären, setzt García Canclini bei drei
Hauptprozessen an (García Canclini 1995: 207): Dies ist erstens die Dekollektivierung kul-
tureller Systeme, zweitens die Deterritorialisierung symbolischer Prozesse und drittens die
Verbreitung „unreiner“ Genres.
1. Dekollektivierung kultureller Systeme: Mit dem Ausdruck der Dekollektivierung kul-
tureller Systeme fasst García Canclini das Aufbrechen bzw. Vermischen der Sammlungen
symbolischer Güter einer Kultur. Konkret geht es darum, dass in urbanen Kulturangeboten
in Kaufhäusern, Antiquariaten, Museen, Märkten etc. verschiedenste Kulturprodukte neben-
einander verfügbar sind. Aber auch die Architekturen von Städten kombinieren mitunter in
ein und derselben Straße die verschiedensten Stile. Hiermit verbunden ist das Fehlen eines
einheitlichen kulturellen Regulationssystems, das die symbolischen Güter in eine spezifi-
sche Hierarchie zueinander bringt. Kulturen sind nicht mehr als fixes und stabiles Ganzes
gruppiert, und die Möglichkeiten sinken, sich entweder als „kultiviert“ (beispielsweise
durch die Kenntnis eines bestimmten Kanons „großer Werke“) darzustellen oder als „popu-
lär“ (beispielsweise durch die Kenntnis der Kulturprodukte einer bestimmten ethnischen
Gruppe oder Nachbarschaft) (García Canclini 1995: 224f.). Für ein Fortschreiben des Pro-
zesses der Dekollektivierung stehen für García Canclini die in den 1980er Jahren neuen Me-
dientechnologien, insbesondere der Fotokopierer und Videorecorder (und man kann aus
heutiger Perspektive sicherlich auch verschiedenste digitale Medien bzw. das Internet nen-
168 Andreas Hepp

nen). Diese Medien gestatten die einfache Herstellung von nach eigenen Kriterien gemisch-
ten Bibliotheken symbolischer Güter unterschiedlicher Herkünfte.
2. Deterritorialisierung symbolischer Prozesse: Mit Deterritorialisierung bezeichnet
García Canclini den „Verlust der ‚natürlichen‘ Beziehung von Kultur zu geografischen und
sozialen Territorien“ (García Canclini 1995: 229). Es geht ihm hier also um den Umstand,
dass mit fortschreitender weltweiter kommunikativer Konnektivität durch elektronische
Medien spezifische Kulturprodukte immer weniger mit definierten Territorien in Beziehung
gebracht werden können. Dieser „kommunikativen Deterritorialisierung“ (Hepp 2006: 74)
entspricht eine „physische Deterritorialisierung“ (ebd.) der fortschreitenden Migration, durch
die es ebenfalls zunehmend schwer ist, die Kulturen bestimmter Menschen auf einzelne Ter-
ritorien zu beziehen. Gleichzeitig ist es aber so, dass Deterritorialisierung nicht losgelöst
von neuen Formen der Reterritorialisierung gesehen werden kann. Als Reterritorialisierung
bezeichnet García Canclini „bestimmte relative, teilweise territoriale Relokalisierungen von
alten und neuen symbolischen Produktionen“ (García Canclini 1995: 229). Diese ist für
García Canclini allerdings weitaus relativer als historische Formen territorialisierter Kultur.
Reterritorialisierung ist demnach ein Prozess der territorialen Rückbindung von kultureller
Bedeutungsproduktion, der für Menschen wichtig ist in Zeiten fortschreitender Globalisie-
rung, gleichwohl aber „relativ“ bleibt und teilweise zum Fundamentalismus tendiert (Gar-
cía Canclini 1992: 167).
3. Verbreitung „unreiner“ Genres: Schließlich haben sich für García Canclini die Kom-
munikationsformen verändert, entlang derer symbolische Bedeutungsproduktion geschieht.
Diese sind „unrein“ (García Canclini 1995: 249) in dem Sinne, dass sie Elemente verschie-
dener Genres vermischen und damit auch Grenzen kultureller Distinktion überschreiten.
Beispiele für solche „unreinen Genres“ sind das Graffiti und Comics. Graffiti ist als insbe-
sondere urbanes Genre ein „territoriales (Be)Schreiben der Stadt, geschaffen um Präsenz in
und Besitz von einer Nachbarschaft geltend zu machen“ (García Canclini 1995: 249). Mit
dem Graffiti ist ein neues Genre entstanden, das gleichzeitig im Beschreiben der Wände ei-
ner Nachbarschaft (re)territorialisiert und als auch im Aufgreifen verschiedener Elemente
der visuellen, durch Globalisierung geprägten (Populär-)Kulturen eine territoriale Geschlos-
senheit der Sammlung materieller und symbolischer Güter zerstört. Graffiti wird so zu ei-
nem „synkreten und transkulturellen Medium“ (García Canclini 1995: 251). Ähnliches gilt
für Comics, die frühere künstlerische Genres frei mischen und dabei Bezüge entfalten zur
Literatur wie auch zu den Massenmedien.
Das anschaulichste Beispiel von den vielen, die García Canclini diskutiert, um solche
Zusammenhänge deutlich zu machen, ist das des kulturellen Wandels der mexikanischen
Stadt Tijuana, die an der Grenze zu den USA liegt. Diese hatte in den 1950er Jahren nicht
mehr als 60.000 Bewohner, heute sind es mehr als eine Million, darunter Migrierte aus al-
len Regionen von Mexiko. Einige von diesen gehen täglich in die USA zur Arbeit, andere
arbeiten dort in der Saison. Die Stadt selbst hat sich von einer durch Kasino, Kabarett und
Vergnügungsviertel geprägten und damit auf amerikanische Kurztouristen fixierten Stadt zu
einer modernen, widersprüchlichen und kosmopolitischen Stadt gewandelt, die über Hotels,
Kulturzentren und Zugang zu internationalen Kommunikationstechnologien verfügt und da-
mit durch eine Dekollektivierung kultureller Systeme gekennzeichnet ist (García Canclini
1995: 234). Die Deterritorialisierungstendenzen in dieser Stadt sind darin greifbar, dass ih-
re lokale Kultur stark dadurch geprägt ist, dass das Authentische relativiert wird durch ein
zunehmendes Spiel mit Zeichen: Touristinnen und Touristen werden beispielsweise auf als
N.G. Canclini: Hybridisierung, Deterritorialisierung und „cultural citizenship“ 169

Zebras bemalten Burros vor „typisch mexikanischen“ Landschaftsbildern fotografiert.


Gleichzeitig stehen in Werbetafeln und Radiospots Englisch und Spanisch als Sprachen
nebeneinander, was so weit gehen kann, dass für einen mexikanischen Likör auf Englisch
geworben wird. Überhaupt spielt in der lokalen Kommunikation – beispielsweise in Zei-
tungen oder dem lokalen Radio mit ihren „unreinen“ Genres – in Tijuana die Beschäftigung
damit, wie die „eigene“ kulturelle Identität im Kontext des „Fremden“ zu definieren sei, ei-
ne erhebliche Rolle.
Für die kritische wissenschaftliche Betrachtung solcher sich wandelnder Kulturen for-
dert García Canclini zweierlei ein. Dies ist erstens ein Überdenken der Machtanalytik, ent-
lang derer eine kritische Analyse erfolgt. Zweitens fordert García Canclini ein Überdenken
des methodischen Herangehens an Phänomene des kulturellen Wandels. Im Rückblick kön-
nen diese beiden Punkte vielleicht als die zentralen verallgemeinernden Folgerungen aus der
Argumentation in „Hybrid Cultures“ erscheinen, begreift García Canclini das Buch selbst
doch im Nachhinein als „Suche nach einer Methode“ (García Canclini 1997a: 22) der kriti-
schen Beschreibung von hybriden Kulturen jenseits vereinfachender Dichotomien wie der
von modern und traditionell oder urban und ländlich.
1. Im Hinblick auf Fragen der Machtanalytik verweist García Canclini auf die stärker in-
direkten Machtverhältnisse („oblique powers“, García Canclini 1995: 258) hybrider Kultu-
ren. Es geht ihm also um eine Blickverschiebung weg von einer vertikalen (Zentrum vs. Peri-
pherie) hin zu einer bipolaren Konzeption von Macht (Machtnetzwerke), die von dezentrierten
wie auch mehrfachdeterminierten Machtverhältnissen ausgeht. Es gibt nicht eine einfache
Manipulation seitens der politisch Machthabenden in hybriden Kulturen. Vielmehr werden
in ihnen unterschiedliche Machtverhältnisse konkret, die es in ihrer Komplexität zu unter-
suchen gilt. Dies trifft insbesondere zu, wenn man seinen Blick über einen einzelnen natio-
nalstaatlichen Kontext hinaus erweitert und die vielfachen globalisierten Kommunikations-
beziehungen einbezieht:
„What we know today about the intercultural operations of the mass media and the new technologies, and about
the reappropriation that makes of them diverse receivers, distances us from the theses about the omnipotent
manipulation of the big metropolitan consortia. […] The increase in processes of hybridisation makes it evi-
dent that we understand very little about power if we only examine confrontations and vertical actions. Power
would not function if it were exercised only by bourgeoisie over proletarians, whites over indigenous people,
parents over children, the media over receivers. Since all these relations are interwoven with each other, each
one achieves an effectiveness that would never be able to by itself.“ (García Canclini 1995: 259)

2. Mit der Forderung nach einer solchen multiperspektivischen Machtanalytik klingt bereits
eine spezifische methodische Position an. Dabei schätzt García Canclini für eine kritische
Analyse gegenwärtiger hybrider Kulturen die in den Sozialwissenschaften bestehende Fä-
cherdifferenzierung insofern als problematisch an, weil es durch sie erschwert wird, das ver-
netzte Wissen zu produzieren, das für eine kritische Einschätzung des heutigen kulturellen
Wandels notwendig ist. García Canclini weist darauf hin, dass die beiden Disziplinen, die
sich bisher insbesondere mit kulturellem Wandel befassen – Soziologie und Anthropologie –
beide zu problematischen Einschätzungen im Hinblick auf ihren fachlich-methodischen An-
satz kommen (García Canclini: 176ff.). Während die Soziologie durch ihren Fokus auf Ge-
samtgesellschaften letztlich deren Modernisierung in das Zentrum ihrer Beschreibungen
rückte, fokussierte die Anthropologie die Tradition bestehender Kulturen. Beiden Blickwin-
keln entsprachen auch die Methoden des wissenschaftlichen Vorgehens, Statistik und Be-
fragung auf der einen Seite und ethnografische Feldforschung auf der anderen Seite. Eine
170 Andreas Hepp

angemessene kritische Beschreibung des Wandels gegenwärtiger hybrider Kulturen benötigt


jedoch beiderlei Vorgehensweisen – sowie die begrifflich-theoretische wie auch methodisch-
empirische Expertise weiterer Disziplinen, insbesondere der Kommunikations- und Me-
dienwissenschaft, da der Wandel gegenwärtiger Kulturen nicht jenseits von Fragen von Me-
dienkommunikation und -technologien analysiert werden kann. Entsprechend fordert García
Canclini einen transdisziplinären, sozialwissenschaftlichen Ansatz der Beschreibung hybri-
der Kulturen, den er in folgender Metapher fasst:
„The social sciences contribute to this difficulty with their different levels of observation. The anthropologist
arrives in the city by foot, the sociologist by car and via the main highway, the communication specialist by
plane. Each registers what he or she can and constructs a distinct and, therefore, partial vision. There is a fourth
perspective, that of the historian, which is acquired not by entering but rather by leaving the city, moving from
its old centre toward the contemporary margins.“ (García Canclini 1995: 4)

Wie sind solche Überlegungen García Canclinis nun insgesamt einzuordnen? Geht es hier-
bei allein um die Beschreibung des Wandels der Kulturen in Lateinamerika? Zumindest an-
satzweise streift García Canclini diese Frage in „Hybrid Cultures“, wenn er gegen Ende des
Buchs feststellt: „Die Hybridisierung, die dieses Buch durchweg beschrieben wurde, bringt
uns zu der Schlussfolgerung, dass alle heutigen Kulturen Grenzkulturen sind“ (García Can-
clini 1995: 261). Dieser Gedanke der Ausweitung des Konzepts der Hybridisierung zur ge-
nerellen Beschreibung kennzeichnet entsprechend auch spätere Veröffentlichungen von
García Canclini (überblickend García Canclini 2000). Im Kern bleibt dabei sein Fokus aber
der gleiche wie in „Hybrid Cultures“: Ihm geht es darum, den mit der Globalisierung beste-
henden Wandel gegenwärtiger Kulturen kritisch mit einem angemessenen analytischen An-
satz zu fassen. Deshalb begreift er auch – wie gesagt – im Rückblick sein Buch „Hybrid Cul-
tures“ nicht einfach als Beschreibung des Kulturwandels in Lateinamerika, sondern als
Unterfangen, Ansätze für die Machtanalytik und Methodologie einer solchen Beschreibung
zu entwickeln.

3. Kulturpolitik der Globalisierung: „cultural citizenship“ und supranationale


Öffentlichkeiten
García Canclinis Ansatz der Auseinandersetzung mit der Hybridisierung gegenwärtiger Kul-
turen wurde von ihm in den letzten Jahren in Richtung einer Kulturpolitik der Globalisie-
rung weiterentwickelt. Im Gegensatz zu anderen Theoretikern in diesem Feld wie beispiels-
weise Homi Bhabha (1996, 2000) ist für ihn dabei aber weniger die Frage relevant, in
welchem Maße Hybridität westliche Rationalität diskursiv untergraben kann (Yúdice 2001:
xiii). Vielmehr ist ihm ganz konkret wichtig, wie der mit der Globalisierung bestehende
Transformationsprozess von Kulturen demokratisch gestaltet werden kann. Hierbei geht
García Canclini in bewusster Abgrenzung zu Bhabha (García Canclini 1997a: 25) davon
aus, dass „Kultur“ nicht einfach der „Politik“ untergeordnet werden kann, diese allerdings
in ihrer relativen Autonomie auch politisch zu gestalten ist.
Hybridität ist für García Canclini in einem solchen Prozess keine Frage der Wahl, son-
dern eine Herausforderung, die zu vielfältigen multikulturellen Konflikten führt. Diese Kon-
flikte lassen sich letztendlich an Deterritorialisierungsprozessen festmachen, die vor allem
mit einer beschleunigten Globalisierung von Medienkommunikation einen nachhaltigen
Schub erfahren haben. So konstatiert er für das Ende des 20. Jahrhunderts, dass zum ersten
Mal in der menschlichen Geschichte die Mehrzahl der Waren und Nachrichten, die in jeder
N.G. Canclini: Hybridisierung, Deterritorialisierung und „cultural citizenship“ 171

Nation empfangen werden, nicht in deren eigenem Territorium produziert werden und auch
nicht Bedeutungen übermitteln, die exklusiv für eine bestimmte Region produziert sind
(García Canclini 2001: 127). Bedeutungsproduktion ist durch ein transnationales, deterrito-
rialisiertes System der Produktion und Diffusion geprägt. Damit lässt sich eine Veränderung
von multikulturellen Konflikten ausmachen (García Canclini 1997a: 28): Multikulturelle
Konflikte entstehen nicht mehr nur durch unterschiedliche historische Traditionen innerhalb
eines Nationalstaats, sondern auch durch Prozesse der Stratifikation über Staaten hinweg,
die darin ihre Ursache haben, dass ein ungleicher Zugang zu verschiedenen Kommunika-
tionsmedien und -räumen besteht. Um solche Konflikte zu fassen, bedarf es nach García
Canclini einer Reformulierung zweier zentraler theoretischer Konzepte, nämlich erstens
dem der Bürgerschaft bzw. Zugehörigkeit („citizenship“) und zweitens dem der Öffentlich-
keit („public sphere“).
1. Während „citizenship“ bis in die 1980er Jahre mit (nationaler) Staatsbürgerschaft
gleichgesetzt wurde, ist mit fortschreitenden Deterritorialisierungsprozessen ein anderes Ver-
ständnis von „citizenship“ relevant, das einbezieht, dass heutige Zugehörigkeiten vor allem,
aber nicht nur, in urbanen Kontexten in hohem Maße auch durch Konsum vermittelt sind:
„Men and women increasingly feel that many of the questions proper to citizenship – where do I belong, what
rights accrue to me, how can I get information, who represents my interests? – are being answered in the pri-
vate realm of commodity consumption and the mass media more than in the abstract rules of democracy or
collective participation in public spaces.“ (García Canclini 2001: 15)

Entsprechend wird ein breiter, nicht nur politisch-juristischer Begriff von „citizenship“ not-
wendig, nämlich der von „cultural citizenship“. Dieser Begriff fasst alle Formen von „citi-
zenship“ im Sinne von kultureller Zugehörigkeit, wozu neben politisch-nationalen Bezug-
nahmen auch die auf Rasse, Gender, Ökologie oder weitere zählen (García Canclini 2001:
22). Viele dieser weiteren Aspekte von „cultural citizenship“ sind gegenwärtig eher vom
Markt als vom Staat vermittelt. Gerade im urbanen Umfeld sind für Jugendliche und junge
Erwachsene „transnationale Konsumgemeinschaften“ (García Canclini 2001: 43) als „vor-
gestellte Gemeinschaften“ (Anderson 1983) der Konsumierenden zentraler als die sie um-
gebende Nation (siehe auch Hepp 2008). Dies geht Hand in Hand mit einem Wandel der
Groß- und Megastädte zur „disintegrating city“ (García Canclini 2001: 49; García Canclini
1997b: 349–352) durch fortschreitende Globalisierung und der damit verbundenen Deterri-
torialisierung. Die Vielfalt von Lebens- und Konsumformen wie auch von Sprachen lassen
das Bild der Stadt als eines geschlossenen, integrierten Raums problematisch erscheinen.
Multikulturelle Konflikte sind an der Tagesordnung. Für eine Auseinandersetzung mit die-
ser Komplexität von „cultural citizenship“ schlägt García Canclini vor, die Menschen
gleichzeitig als Bürgerinnen und Bürger („citizen“) und Konsumierende („consumer“) zu
begreifen. Heutige Formen der „cultural citizenship“ bestehen im Schnittfeld von beiden,
d.h. Zugehörigkeit ist sowohl durch politische Bürgerschaft (Staat) als auch durch Konsum
(Markt) vermittelt.
2. Das zweite Konzept, das nach García Canclini einer Reformulierung bedarf, wenn
man aktuelle multikulturelle Konflikte angemessen fassen möchte, ist das der Öffentlichkeit
(„public sphere“). Auch diese sollte nicht mehr einfach als national-staatlicher politischer
Kommunikationsraum verstanden werden, sondern im Spannungsverhältnis zwischen Staat
und der wiederum auch durch Konsum geprägten Zivilgesellschaft (García Canclini 2001:
20; García Canclini 1997a: 28). Dabei ist Öffentlichkeit als Verdichtung von Kommunika-
172 Andreas Hepp

tionsprozessen zumindest auf zwei Ebenen zu verorten, nämlich auf der nationalen und der
supranationalen. Die Notwendigkeit, zunehmend auch supranationale Öffentlichkeiten in
den Blick zu rücken, ergibt sich dadurch, dass mit der Globalisierung soziokulturelle Her-
ausforderungen (beispielsweise Migration, Umweltverschmutzung, Drogenhandel) selbst
transnational sind und entsprechend kommunikativ verhandelt werden. Auf beiden Ebenen
von kommunikativer Verdichtung – der nationalen und der supranationalen – erscheint es
allerdings notwendig, die Widersprüche und den Auseinandersetzungscharakter von Öffent-
lichkeiten zu fokussieren:
„the public sphere is a ‚field of competing traditions‘, ‚a space of heteroglossia‘, in which ‚certain meanings
and traditions are reinforced‘ (the role of the state), ‚but, in the process, new forces can attribute different mea-
nings or emphases on the same concepts‘ (the role of civil society), thus avoiding the danger of exclusivity and
authoritarianism“ (García Canclini 2001: 154f.)

Hierbei sieht García Canclini deutlich das Problem einer „Amerikanisierung“ von Öffent-
lichkeiten, womit er – sich durchaus der problematischen Seiten dieses Ausdrucks bewusst
– deren zunehmende Prägung durch Produkte von in den USA lokalisierten, transnational
agierenden Medienkonzernen bezeichnet (García Canclini 2001: 32). Diese „Amerikanisie-
rung“ wird für Lateinamerika seit der wirtschaftlichen Krise zu Beginn der 1990er Jahre zu
einem Problem, weil es immer weniger gelingt, im Bereich elektronischer Medien den An-
schluss an die technologische Entwicklung zu wahren.
Welche politischen Schlussfolgerungen zieht García Canclini nun aus dieser Diagnose?
Konkret vertritt er eine mittlere Position, die weder in einem staatlichen Protektionismus
(die Grenzen des Nationalstaats als Barriere der Globalisierung) noch in einem neoliberalen
Freihandel (keinerlei Grenzziehungen mehr) eine Lösung sieht. Vielmehr plädiert García
Canclini das Beispiel Europas aufgreifend für die „Formation eines lateinamerikanischen
audiovisuellen Kommunikationsraums“ (García Canclini 2001: 132), der politisch gestaltet
ist. Dieser sollte der fortschreitenden Deterritorialisierung von Kultur gerecht werden,
gleichzeitig aber auch die Möglichkeit einer „demokratischen multikulturellen Entwick-
lung“ (García Canclini 2001: 133) gestatten. Das inhaltliche Argument für die Notwendig-
keit der Entwicklung einer solchen supranationalen Öffentlichkeit ist für García Canclini,
dass es mit fortschreitender Globalisierung in jedem Land positive Bedingungen für die Ex-
pansion von regionalen, ethnischen, aber auch weiteren Minderheitenmedienangeboten ge-
ben muss. Diese kann aber ein einzelner Staat nicht zur Verfügung stellen – im Gegensatz
zu einem umfassenderen, aber dennoch demokratisch und nicht ausschließlich durch den
Markt kontrollierten großregionalen Kommunikationsraum. Deswegen muss der Staat seine
kulturpolitische Rolle überdenken und zusammen mit transnationalen Organisationen wie
beispielsweise der UNESCO auf die „Rekonstruktion einer Öffentlichkeit [zielen], verstan-
den als multikultureller kollektiver Raum, in dem diverse Akteure (Staaten, Unternehmen
und unabhängige Gruppen) die Möglichkeit haben, Einverständnisse über die Entwicklung
öffentlicher Interessen auszuhandeln“ (García Canclini 2001: 133f.). Dass für García Canc-
lini diese kulturpolitische Argumentation nicht nur ein Lippenbekenntnis ist, wird u.a. an
seinem Engagement bei der UNESCO deutlich, wo er sich beispielsweise an dem „World
Culture Report 1998“ (UNESCO 1998: 157-18; Garcia Canclini 1998; siehe auch García
Canclini 1996) beteiligte.
Was eine solche Argumentation darüber hinaus weiter untermauert, ist die Forderung
nach einem überdachten Selbstverständnis der internationalen Cultural Studies. García Canc-
N.G. Canclini: Hybridisierung, Deterritorialisierung und „cultural citizenship“ 173

lini greift hier seine methodologischen Überlegungen aus „Hybrid Cultures“ auf, bezieht
diese aber konkreter auf die methodologische Diskussion innerhalb der Cultural Studies.
Was García Canclini an deren US-amerikanischen Tradition mit Nachdruck kritisiert, ist ein
nur geringer Einbezug von „Daten, Tabellen oder anderen empirischen Daten“ (García Canc-
lini 2001: 8), vor allem dort, wo es um Fragen von Kommunikation, Konsum und Kom-
merzialisierung geht. Hier erscheint ihm ein Rückbezug auf das empirische Unterfangen der
britischen Cultural Studies wie auch deren Interesse an der (sich wandelnden) Rolle des
Staates in der Gesamtheit des Wandels von Kultur zielführender. Dies erfordert aber eine
empirisch offenere Form der Cultural Studies, als sie in der US-amerikanischen Tradition
üblich sind:
„we should go beyond cultural studies limited to hermeneutic analyses and open up to a research agenda that
combines signification and facts, discourses and their empirical groundings. In sum, we should construct a ra-
tionality that can encompass everyone’s reasonings as well as the structure of conflicts and negotiations.“ (Gar-
cía Canclini 2001: 13)

Im Kern können die Arbeiten von García Canclini als ein Beitrag zur Entwicklung eines sol-
chen multiperspektivischen Ansatzes der internationalen Cultural Studies begriffen werden,
dem es um eine kritische Auseinandersetzung mit Globalisierungsprozessen insbesondere
im Bereich von Medien und Kultur geht.

4. Rezeption in den Kommunikations-, Medien- und Kulturwissenschaften


Die Arbeiten von García Canclini wurden – wie einleitend festgestellt – innerhalb der Cul-
tural Studies zuerst einmal über eine generelle Diskussion um deren Internationalisierung
aufgegriffen (Stratton/Ang 1996). In dieser spielte zunehmend die Tradition der lateiname-
rikanischen Kulturforschung als ein alternativer Ansatz der kritischen Cultural Studies im
Bereich der Medienanalyse eine Rolle. Dabei wurden García Canclinis Arbeiten vor allem
dort aufgegriffen, wo es um eine Auseinandersetzung mit dem Stellenwert von Medien für
eine kulturelle Globalisierung geht.
Neben allgemeinen Überblicken (beispielsweise Lull 1998; O’Connor 2000) ist vor al-
lem auf die Analysen kultureller Globalisierung von John Tomlinson (1999, 2002, 2006)
und James Lull (2000, 2002, 2007, sowie den Beitrag von Carsten Winter in diesem Band)
zu verweisen. Tomlinson (1999: 138–149) entwickelt seinen Ansatz der Beschreibung der
kulturellen Dimension von Globalisierung in direktem Rückgriff auf die Überlegungen von
García Canclini. Dabei ermöglicht das Konzept der Deterritorialisierung Tomlinson, den lo-
kalen Aspekt der kulturellen Globalisierung zu fassen und damit die Dichotomie von lokal-
global analytisch aufzubrechen. Globalisierung bedeutet in diesem Sinne die zunehmende
Konnektivität des Lokalen hin zu verschiedenen deterritorialen (Kommunikations-)Räu-
men: „deterritorialization cannot ultimately mean the end of locality, but its transformation
into a more complex cultural space“ (Tomlinson 1999: 149). Die deterritoriale Konnektivität
des Lokalen sieht Tomlinson (2006: 70) dabei weitergetragen durch neueste Medien- und
Kommunikationstechnologien wie die des Mobiltelefons. Auf ähnliche Weise stellen die Ar-
beiten von García Canclini auch einen wichtigen Bezug für Lulls (2000: 238–243; 2002)
Auseinandersetzung mit der Globalisierung der Medienkommunikation dar. Auch Lull
greift von García Canclini das Konzept der Deterritorialisierung auf, bezieht es allerdings
stärker als Tomlinson auf Prozesse der „Transkulturation“: Deterritorialisierung führt zu ei-
ner (insbesondere medial vermittelten) Bewegung von spezifischen kulturellen Formen
174 Andreas Hepp

durch unterschiedlichste Kontexte, wodurch eine zunehmende Dynamisierung der Hybridi-


sierung von Kultur besteht.
Solche Bezugnahmen können auch in der deutschsprachigen Medien- und Kommunika-
tionsforschung ausgemacht werden (vgl. beispielsweise Hepp 2004; Hepp 2006; Sznaider/
Winter 2003; Winter 2003). Was es dabei aber sicherlich noch stärker zu berücksichtigen
gilt, sind einerseits die methodologischen Reflexionen García Canclinis. Dies ist vor allem
dessen Forderung nach einem multidimensionalen Aufgreifen unterschiedlicher methodi-
scher, sowohl standardisierter als auch nicht-standardisierter Zugangsweisen für eine kriti-
sche Auseinandersetzung mit Prozessen der medialen und kulturellen Globalisierung. An-
dererseits wurde bisher die auf Fragen der policy – also der inhaltlichen Dimension von
Politik – ausgerichteten, jüngeren Überlegungen García Canclinis kaum rezipiert. Diese
sind aber insofern bemerkenswert, weil hiermit die Möglichkeit der Re-Definition des inter-
ventionistischen Potenzials der Cultural Studies verbunden ist. Insgesamt zeigen die Arbei-
ten von García Canclini jedenfalls, welches Potenzial die lateinamerikanische Kultur-, Me-
dien- und Kommunikationsforschung für eine kulturtheoretisch ausgerichtete Medien- und
Kommunikationsforschung hat.

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Paul Gilroy: Schwarzer Atlantik und Diaspora
Caroline Düvel

1. Einleitung
Gemeinsam mit Stuart Hall steht Paul Gilroy für den Beginn einer neuen, postkolonialen
Tradition innerhalb der Cultural Studies. Als britischer Soziologe und Kulturwissenschaft-
ler englisch-guyanesischer Abstammung gilt Gilroy als einer der wichtigsten Vertreter post-
kolonialer kulturwissenschaftlicher Theorieansätze. Seine Arbeiten zu Rassismus und Eth-
nizität sind richtungsweisend für eine kontroverse Auseinandersetzung mit der Bedeutung
Schwarzer Kulturen in einem globalisierten Kontext. Gilroy steht v.a. für eine Reflexion der
Rolle und Geschichte der schwarzen Diaspora in der westlichen Welt und trägt mit seinen
Arbeiten wesentlich dazu bei – nicht zuletzt durch Kritik an bisherigen Ansätzen –, die Cul-
tural Studies in einer neuen Richtung zu prägen: Gilroy akzentuiert Raymond Williams’ Ge-
danken von Kultur als „whole way of life“ neu, indem er dem Kulturbegriff eine offenere
Dimension verleiht und ihn loslöst von Ethnizität, Nation und Territorium hinsichtlich eines
hybriden Verständnisses jenseits dominant-hegemonialer Ansätze. Insbesondere mit seinen
drei Monografien „There ain’t no Black in the Union Jack“ (1987), „The Black Atlantic“
(1993) und „Between Camps“ (2000) leistet Gilroy einen bedeutenden Beitrag für die Cul-
tural Studies, nicht nur innerhalb des britischen Kontextes, indem es ihm gelingt, die Pro-
blematiken und Gefahren eines, wie er es bezeichnet, „ethnischen Absolutismus“ (Ethnic
Absolutism) (1992:187) herauszuarbeiten und neue kulturtheoretische Konzepte wie das des
„Schwarzen Atlantik“ (1993) zu entwickeln.
Dieser Beitrag soll einen kurzen Einblick in die zentralen Leistungen Gilroys für die
Neuakzentuierung und Weiterentwicklung der Cultural Studies liefern. Es wird v.a. um Gil-
roys Kritik am kolonialen Blickwinkel einiger Arbeiten der Cultural Studies gehen, dessen
Überwindung Gilroy in seinen Arbeiten fordert bzw. zu der er selbst mit der Entwicklung
einer Schwarzen Kulturtheorie beiträgt. Im ersten Teil dieses Beitrags werden die zentra-
len Kritikpunkte Gilroys an traditionellen Arbeiten der Cultural Studies dargestellt, die er
mit den Konzepten des ethnischen Absolutismus und „kulturellem Insidertum“ (cultural in-
siderism) (1993: 3) fasst. Sein genereller Vorwurf ist, dass vielen Frühtexten der Cultural
Studies ein problematisches Verständnis von Kultur aus Zeiten der Moderne zugrunde
liegt. Im zweiten Teil werden Gilroys Theorien einer „Gegenkultur zur Moderne“ (2005: 49)
erläutert und diese am Beispiel seines Ansatzes des Schwarzen Atlantik und seiner Prägung
des Diasporakonzepts verdeutlicht. Abschließend sollen die Ansätze Gilroys für die Cultu-
ral Studies resümiert und ihre Bedeutung für die Kommunikations- und Medienwissenschaft
aufgezeigt werden.

2. Cultural Studies, „Rasse“ und „Ethnischer Absolutismus“


In der Entwicklung der Cultural Studies kam es in den 1970er Jahren zu zwei entscheiden-
den inhaltlichen Einschnitten: Zwei politisch relevante Themenbereiche hielten Einzug in
Paul Gilroy: Schwarzer Atlantik und Diaspora 177

die Cultural Studies, deren Auseinandersetzung bis dato eher marginal stattfand, nämlich er-
stens Feminismus und zweitens die Beschäftigung mit Rassismus.
Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit „Rasse“1 war die gesellschaftliche und
kulturelle Umbruchphase, in der sich Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg befand.
Nach dem Niedergang als imperiale Großmacht war das Vereinigte Königreich auf der Su-
che nach einer neuen kulturellen und nationalen Identität. Durch Einwanderungsmöglich-
keiten von Bewohnerinnen und Bewohnern ehemaliger Kolonien kam es in den 1950er und
1960er Jahren zu Migrationswellen, in denen große Migrationsströme aus der Karibik,
Asien und Afrika nach Großbritannien einwanderten und sich „Gemeinschaften Schwarzer“
(black communities) (Hall 1996: 339) in britischen Städten formierten. Diese Entwicklun-
gen führten eine Auflösung der relativ homogenen Klassenkultur und der sozial und kultu-
rell (vermeintlich) homogenen Bevölkerungsstruktur herbei, in dem die Eingewanderten
von nun an die britische Kultur, Politik sowie das soziale Leben mitbestimmten. Diese
grundlegenden soziokulturellen und -historischen Wandlungsprozesse veränderten die briti-
sche Kultur bis in ihre Wurzeln.
Hall identifiziert im Kontext dieser Entwicklungen eine neue Form des Rassismus, den
er als „kulturellen Rassismus“ (1996: 339) beschreibt. Im Gegensatz zum Gebrauch des Be-
griffs „Rasse“ aus Kolonialzeiten, wie er insbesondere in Bezug auf Schwarze abwertend
und als einer niederen, weniger zivilisierten Kultur zugehörige Menschen niederen Ranges
gekennzeichnet durch ihre Hautfarbe gebraucht wurde, nimmt der kulturelle Rassismus
neue Formen an: Fokussiert werden primär Unterschiede in Kultur, Lebensweisen, Glauben,
ethnischer Identität und Tradition, die viel tiefer greifen in der Konstruktion von Differenz
und Abgrenzung als frühere Formen von Rassismus bezogen auf biologische und genetische
Unterschiede. Die Aufgabe der Cultural Studies besteht laut Hall in der Auseinandersetzung
mit Rasse darin, die kulturellen, ethnischen und Rassen-Differenzen, das „Anderssein“ (other-
ness) (Hall 1992: 308) zu untersuchen und vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Macht-
verhältnisse die Motive zu ergründen, warum es als gesellschaftlich problematisch betrach-
tet wird mit (und inmitten) dieser „Anderen“ zu leben (1996: 343).
Hall und Gilroy waren die ersten Vertreter, die den Diskurs um Rasse und Rassenpolitik
in den Cultural Studies behandelten und damit zweifelsohne den offenen, interventionisti-
schen Charakter der Cultural Studies neu akzentuierten. Ihre Studien zu Rasse fokussierten
die Repräsentationen rassistischer Stereotype, das negative Image von Rasse und Ethnizität
in den Massenmedien und insbesondere die Nichtpräsenz der Darstellungen Schwarzer Er-
lebnisse als ein relevanter Bestandteil der britischen Geschichte. Als grundlegendes Werk,
das sich mit dieser Problematik beschäftigt, gilt Hall et al.s „Policing the Crisis“ (1978), in
dem die Autoren herausarbeiten, wie durch mediale Repräsentationen schwarze Jugendliche
kriminalisiert und symbolisch als Schuldige für Überfälle dargestellt werden. Hall et al. zeigen
auf, wie rassistische mediale Berichterstattung eine „moral panic“ (1978: 3) inszeniert, die
v.a. im Interesse konservativer politischer Interessen steht. Die im Folgenden skizzierten
Überlegungen und Ansätze Gilroys können als Weiterentwicklungen solcher erster Analy-
sen zum Rassismus in den Cultural Studies gelten.

1 Der Begriff der „Rasse“ wurde hier aus dem Englischen „race“ übersetzt und bezieht sich daher konträr zu
deutschen Konnotationen auf den im englischsprachigen Raum innerhalb der Cultural Studies geführten Dis-
kurs.
178 Caroline Düvel

2.1 Kulturkonzepte des „Ethnischen Absolutismus“


Mit der Identifizierung kolonialgeprägter Kulturansätze und Argumentationsmuster in me-
dialen Repräsentationen, öffentlichen und politischen Diskursen, die z.T. unreflektiert auch
in vielen Frühtexten der Cultural Studies aufgegriffen werden, entwickelt Gilroy mit dem
Ansatz des ethnischen Absolutismus ein kulturtheoretisches Paradigma, mit dem er seine
Kritik an den Cultural Studies begründet. Kern dieses ethnischen Absolutismus ist ein „re-
ductive, essentialist understanding of ethnic and national difference which operates through
an absolute sense of culture so powerful that it is capable of separating people off from each
other and diverting them into social and historical locations that are understood to be mutu-
ally impermeable and incommensurable“ (Gilroy 1993b: 65). Anhand dieses Zitats wird die
Vielschichtigkeit von Gilroys Denkansätzen deutlich, indem er mit seiner kritischen Refle-
xion die Cultural Studies zu einem Ansatz jenseits kolonialer Reproduktionsmuster in Rich-
tung einer Schwarzen Kulturtheorie weiterentwickelt.
Die inhaltliche Kritik an den Cultural Studies, auf die sich Gilroy mit dem ethnischen
Absolutismus bezieht, wird auf unterschiedlichen Ebenen deutlich: Auf einer ersten Ebene
problematisiert Gilroy einen Kulturbegriff, wie ihn insbesondere traditionelle Texte der
britischen Cultural Studies lange Zeit unhinterfragt zugrunde gelegt haben, der stets auf ei-
ne bestehende Zusammengehörigkeit von Kultur, Nationalität und Territorium verweist.
Zurückzuführen ist dieses Kulturverständnis auf die Debatten der Moderne über Nationa-
lität, Ethnizität, Authentizität und kultureller Integrität, die bis heute in tief greifender Art
und Weise die Kulturkritik und -geschichte beeinflussen (vgl. Gilroy 1993a: 2, ebenso
2005: 50).
Die Tatsache, dass es bis in die 1980er Jahre innerhalb der Cultural Studies kaum ei-
ne reflektierte Auseinandersetzung mit dem Einfluss des „Empires“, und damit der natio-
nalen Politik auf das Verständnis bzw. die Definition von britischer Kultur gegeben hat,
nimmt Gilroy in seinem Aufsatz „Cultural Studies and Ethnic Absolutism“ von 1992 als
Ausgangspunkt für seine Hauptkritikpunkte an den traditionellen Arbeiten der Cultural
Studies. Gilroy arbeitet einen „dominanten Blickwinkel“ (dominant view) (2005: 55) her-
aus, der als vorherrschende Perspektive in der Auseinandersetzung mit Kultur in Groß-
britannien bis in die 1990er Jahre und darüber hinaus grundlegend war. Charakteristisch
für diesen dominanten Leitgedanken war die engstirnige Verknüpfung von Nationalität
und Kultur (vgl. Gilroy 2005), die auch bis dato in der anglozentrischen Perspektive der
Cultural Studies als eine „morbid celebration of England and Englishness“ (Gilroy 1987:
12) artikuliert wurde.
Diese sehr eng gefasste Konzeption von Kultur als Nationalkultur bilde, so Gilroy, auch
auf politischer Ebene für viele Vertreterinnen und Vertreter der „New Left“ in Großbritan-
nien die Basis, und damit einer politischen Richtung, der auch die Cultural Studies nahe-
stehen. Laut Gilroy existiert innerhalb linker Politik bis heute eine Tendenz, den „British
way of life“ (1992: 192) als lebenswerte und homogene Tradition zu befürworten. Dessen
Grundlage sei stets eine Vorstellung von britischer Kultur, in der „Störungen“ oder Ein-
flüsse von anderen Menschen mit unterschiedlichen soziokulturellen Hintergründen aus-
geklammert werden. Gilroy prangert an, dass eine rassisch definierte Einheit von Nation
und Territorium konstruiert wird, in der z.B. Angehörige von britischen Kolonien oder in
Großbritannien lebende asiatische Migranten keine Berücksichtigung fänden in ihrer Di-
versität, bzw. dass nationale Politik eher versuche, diese kulturelle Vielfalt durch ihre sim-
Paul Gilroy: Schwarzer Atlantik und Diaspora 179

plifizierende Darstellung und Behandlung als „andere“ (vgl. Gilroy 1992: 192/ 2005: 63)
zu homogenisieren. In dieser dominanten Perspektive, die Gilroy als essenziell inhärentes
Charakteristikum des ethnischen Absolutismus fasst, wird die Nation (in Gilroys Diskus-
sionen insbesondere Großbritannien) als kulturell geschlossene Gemeinschaft betrachtet,
in der Konzepte wie Nationalität, nationale Zugehörigkeit und Nationalismus vorrangig
sind.
Dieser problematische Ausgangspunkt eines reduzierenden Verständnisses von Kultur
in Verbindung mit Rasse und nationalem Territorium bildet die Basis für Rassenpolitik in
Großbritannien, die verankert ist in Diskursen um Rassen- und ethnische Differenz in der
Geschichte von Kultur in der westlichen Moderne. Gilroy zeigt auf, wie Aushandlungen
um Konzepte wie „‚Rasse‘, Ethnizität and Nationalität“ (2005: 56) einen wichtigen Rah-
men der Kontinuität in den britischen Cultural Studies und deren Verlinkung mit nationa-
ler Politik bilden. Er verweist darauf, dass auch innerhalb linker Politik die Tendenz be-
steht, kulturelle Traditionen auf Nationalismus und damit Rassismus zu reduzieren, indem
externe kulturelle Einflüsse von Schwarzen Künstlerinnen und Künstlern und Intellektuel-
len lange Zeit verleugnet und ignoriert wurden (vgl. Gilroy 1992: 192 und 2005: 63 sowie
McRobbie 2005) und die Existenz einer rassistischen Problematik lange Zeit keinerlei Ge-
hör in den Cultural Studies fand. Mit der Thematik wird sich der nächste Abschnitt genauer
befassen.

2.2 „Kulturelles Insidertum“


Neben diesem ethnisch absoluten Kulturverständnis und der kulturellen Konstruktion von
Rasse und Rassismus fußt Gilroys Kritik an traditionellen Ansätzen der Cultural Studies auf
einem weiteren Aspekt. Er erörtert auf einer zweiten Ebene Darstellungen und Prozesse kul-
tureller Abgrenzungspolitik in Form von Inklusion und Exklusion, die er mit dem Begriff
des „kulturellen Insidertums“(cultural insiderism) (2005:52) prägt.
Gilroy fasst mit diesem Terminus kulturpolitische Prozesse, in denen die Zugehörigkeit
zur Kultur, Nation sowie Rasse basierend auf ethnischer Differenz als Referenzpunkt für
Zugehörigkeit oder Ausgrenzung verhandelt werden. Formen des kulturellen Insidertums
sind erkennbar in der Konstruktion von Nation als ein homogenes Gebilde und der Ver-
wendung von Ethnizität, um kulturelle Diversität zu entwickeln (vgl. Gilroy 2005:52). Als
Charakteristikum für die Existenz des kulturellen Insidertums nicht nur auf kulturpolitischer
Ebene (in Großbritannien), sondern auch in frühen Texten der Cultural Studies verweist Gil-
roy auf die schlichtweg fehlende Auseinandersetzung mit den Arbeiten Schwarzer Intellek-
tueller oder Schwarzer Kultur in den Cultural Studies bis in die 1980er Jahre hinein, obwohl
der Eintritt von Schwarzen in das nationale Leben in Großbritannien bereits in den 1950er
Jahren erfolgte. Diese dem kulturellen Insidertum inhärente Ignoranz gegenüber differenten
kulturellen Einflüssen zeigt sich insbesondere darin, dass weder Schwarze als Akteurinnen
und Akteure im Kontext historischer Ereignisse, noch deren wissenschaftliche bzw. kultur-
kritische Schriften über lange Zeit einen Eingang in die Cultural Studies gefunden haben.
Gemeinsam mit Hall war Gilroy der erste Vertreter, der die „Rassenthematik“ in Großbri-
tannien lebender Schwarzer und deren Bezug zur (britischen) Kultur als Themenfeld in die
Cultural Studies einführte.
Dieses lange, unbewusste Schweigen, wie Hall die Nichtpräsenz Schwarzer Arbeiten
nennt (vgl. Hall 2000: 44) ist auch der Grund für die Kulturkritik Gilroys an den traditio-
180 Caroline Düvel

nellen Werken der Cultural Studies. Die entscheidende Frage, die sich auch frühe Vertrete-
rinnen und Vertreter der Cultural Studies stellen müssen, sei schlichtweg die, wessen Kul-
turen untersucht werden; genauso wie hinterfragt werden müsse, woher die Instrumente, die
diese Studie ermöglichen, stammten. Um eine Überwindung dieses Schweigens zu errei-
chen, betont Gilroy in fast all seinen Arbeiten den interventionistischen Charakter der Cul-
tural Studies, wie er in den Frühtexten von Richard Hoggart, Williams und Edward P.
Thompson festgehalten wird, die bereits Grundsteine zur Selbstwahrnehmung der Cultural
Studies als kritische Wissenschaft legten, indem sie sich mit Fragen und Phänomen zu Kul-
tur und Gesellschaft insbesondere mit im akademischen Kontext eher marginalisierten Be-
völkerungsgruppen wie der Arbeiterklasse beschäftigten.
Gilroys Leistung ist es nun, ausgehend von den Arbeiten Halls die Geschichte der Cul-
tural Studies mit der Integration der Werke Schwarzer Theoretikerinnen und Theoretiker neu
zu schreiben, indem er auf deren Existenz und Fähigkeiten aufmerksam gemacht und so die
Cultural Studies um neue kulturelle Perspektiven bereichert hat (vgl. Gilroy 2005). Sein Ziel
ist die Überwindung des ethnischen Absolutismus, wozu er die Cultural Studies mit Verweis
auf ihre interventionistische Tradition zu einem Positionierungskampf auffordert, dessen
Ziel in „getting black cultural history and theory recognized as serious fields of inquiry“
(Gilroy 1992: 188) besteht.

3. Gilroys Ansatz „to look beyond“: Der „Schwarze Atlantik“


Mit dem „Schwarzen Atlantik“-Ansatz (Black Atlantic) formuliert Gilroy ein neues kultur-
theoretisches Paradigma in Bezug auf die Auseinandersetzung mit den Cultural Studies und
ihrer territorialen Integrität: Als Gegenentwurf zum kolonialen Kulturansatz, der Kulturen
an Nationalität und Territorium bindet, stellt er eine „konzeptuelle Neuorientierung“ dar.
Gleichzeitig dient Gilroy der Schwarze Atlantik als Analyseeinheit, um eine explizit trans-
lokale Perspektive zu artikulieren, die auf eine Ebene des „zwischen“ Lokalem und Globa-
lem verweist und somit die bisher so prägende nationale Ausrichtung kulturtheoretischer
Ansätze hinter sich lässt. Diese nationale oder nationalistische Perspektive zu überwinden
ist aus zwei Gründen zentral: Erstens stellt im Zuge von Globalisierungsprozessen der Na-
tionalstaat selbst keine politische, kulturelle und ökonomische Einheit (mehr) dar, sondern
Ströme jeglicher Art (Finanzen, Migrationen etc.) fließen über die Grenzen hinaus (vgl. Cas-
tells 2001: 431; Hepp 2004b). Zweitens verweist sie auf eine so nicht (mehr) existente „In-
tegrität“ von Kultur insbesondere in der Beziehung zwischen Nationalität und Ethnizität
(vgl. Gilroy 1992 und 2005).
Die Metapher des Schwarzen Atlantiks entsteht in Anlehnung an den historischen Aus-
gangspunkt Schwarzer Kolonialgeschichte durch die „middle passage“ (2004: 15). Mit
„middle passage“ beschreibt Gilroy die gewaltsame Migration durch Sklavenhandel, die
die Geschichte Schwarzer transnationaler Wanderungen, zahlreicher Atlantiküberquerun-
gen, territorialer Entwurzelungen und Erfahrungen der Translokalität verknüpft mit umfas-
senden gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Wandlungsprozessen prägt. Durch
Sklaverei kamen unterschiedlichste Menschengruppen in heterogensten Kombinationen
zusammen in „die neue Welt“, womit komplexe kulturelle Entwicklungen und Neuformie-
rungen der bisherigen Ordnung in vielen Bereichen entstanden. Vor diesem Hintergrund
entwickelt Gilroy den Ansatz des Schwarzen Atlantiks mit einem Begriffsapparat, mit dem
sich vielmehr flexiblere statt statische sowie mehrdimensionale Entwicklungen fassen las-
Paul Gilroy: Schwarzer Atlantik und Diaspora 181

sen. Der Schwarze Atlantik entstand vor dem Hintergrund dieser Migrationserfahrungen
der Schwarzen als Kontrast zu sesshaften Nationen, die mit ihrem Gebiet verwurzelt sind.
Er stellt einen Raum transkultureller Beziehungen und Überlagerungen verknüpft mit Ko-
lonialgeschichte dar.
In den folgenden beiden Abschnitten werden die zentralen Leistungen Gilroys anhand
seines Kulturparadigmas des Schwarzen Atlantiks und insbesondere seines Diaspora-
konzeptes erörtert, womit er zur Überwindung ethnisch-absolutistisch geprägter traditio-
neller kolonialer Kulturansätze beiträgt und eine Neuakzentuierung der Cultural Studies
leistet.

3.1 Charakteristika des „Schwarzen Atlantiks“


Der Schwarze Atlantik ist eine Metapher für Prozesse, die den Wandel von Konzepten wie
Kultur, Ort und Raum sowie Identität in einen Zusammenhang stellt. Gilroy entwickelt den
Ansatz des Schwarzen Atlantiks als einen transkulturellen Raum, in dem sich Schwarze Ge-
schichte und Gegenwart verorten lassen: „The history of the Black Atlantic since then, con-
tinually crisscrossed by the movements of black people – not only as commodities but en-
gaged in various struggles towards emancipation, autonomy, and citizenship – provides a
means to re-examine the problems of nationality, location, identity, and historical memory“
(Gilroy 1993a: 16).
Im Konzept des Schwarzen Atlantiks fasst Gilroy Wandlungsprozesse auf zwei verschie-
denen Ebenen. Erstens geht es um die Überwindung traditioneller Kulturkonzepte, indem
Gilroy auf Deterritorialisierungsprozesse von Kultur mit der Betonung fluider, dynamischer
Kulturansätze abhebt. In seiner Entwicklung dieser Ansätze fokussiert Gilroy zweitens auf
eine Re-Kontextualisierung von Kultur durch den Einbezug der Kulturgeschichte Schwar-
zer (Migrantinnen und Migranten) in die Kulturtheorie der Cultural Studies.

Deterritorialität und Fluidität von Kultur: Auf einer ersten Ebene entwickelt Gilroy in sei-
nem Schwarzen-Atlantik-Ansatz eine Überwindung von Kultur aus dem Zusammenhang
mit Nationalstaat. Im Fokus steht nicht mehr das aus der Moderne resultierende Verständnis
einer Bodenständigkeit von Kultur, sondern vielmehr deren Wandel und Loslösung von Na-
tion. In den Blick rücken aus dieser Perspektive eher transnationale, translokale und globa-
le Verbindungen, Spuren und Vernetzungen. Gilroy entwirft so mit seinem Ansatz des
Schwarzen Atlantiks Gegenkonzepte zum kulturellen Nationalismus; der Schwarze Atlantik
bildet ein Argument für einen pluralistischen, dezentrierten Weg jenseits aller nationalisti-
schen Ansätze „sesshafter Kulturgeschichte“ (Gilroy 2004: 18), er ist vielmehr ein Konzept
transkultureller und transnationaler Räume.
Wie bereits zu Beginn dargestellt, ist die grundlegende, allen Arbeiten Gilroys inhärente
Forderung die nach einem Denken jenseits von Rasse. Implizit ist demzufolge im Schwarzen
Atlantik-Ansatz verbunden mit der Loslösung der Kultur von Nation und Territorium auch
die Überwindung der Perspektive eines Denkens, in denen Rasse und Ethnizität als Krite-
rien für die Zugehörigkeit zu einer Nation und einem bestimmten Territorium markiert wer-
den: „The Specificity of the Black Atlantic can be defined on one level through the desire
to transcend both the structures of the nation-state and the constraints of ethnicity and na-
tional particularity“ (Gilroy 1992: 194f.). Basierend auf dieser Kritik entwickelt Gilroy mit
dem breiten und offenen Ansatz des Schwarzen Atlantiks ein Konzept, dem ein fluideres
182 Caroline Düvel

Verständnis von Kultur zugrunde liegt. Bereits indem er den Terminus „Atlantik“ wählt, for-
ciert Gilroy mit dieser Bezeichnung die Konnotation einer Loslösung von Kultur von Land
und Boden. Vielmehr betont er den deterritorialisierten Charakter der Kultur in bewusster
Assoziation mit Begrifflichkeiten wie Fluidität und Mobilität, was er insbesondere am Bei-
spiel der Migrationserfahrungen Schwarzer Sklavinnen und Sklaven herausarbeitet, deren
Schwarze Kultur und Tradition durch ihre ständig (erzwungene) Bewegung, Ruhe- und
Rastlosigkeit gekennzeichnet ist, weshalb Gilroy die charakteristische Bezeichnung
„Schwarzer Atlantik“ wählt. Durch das Bild des Meeres und Wassers wird die Assoziation
von Kulturen als fließende, „hybride“ Artikulationen nahegelegt, die in Prozessen von Ver-
flechtung und Bewegung eingebunden sind.2

Rekontextualisierung von Kultur: Auf einer zweiten Ebene leistet Gilroy eine theoretische
Re-Kontextualisierung der Kulturgeschichte, indem er in Anlehnung an einen seiner Haupt-
kritikpunkte an ethnisch-absolutistischen Kulturansätzen über seinen Schwarzen-Atlantik-
Ansatz explizit Schwarze Intellektuelle und ihre Werke in die Tradition der Cultural Studies
einbezieht.
Verweisend auf vielerlei Beispiele Schwarzer Akademiker wie bspw. Richard Wright,
W.E.B. Du Bois oder Martin Delany, konzipiert Gilroy anhand ihrer transatlantischen Le-
bensläufe eine Geschichte des atlantischen Raums. Als Charakteristikum im Lebenslauf der
genannten schwarzen Intellektuellen (und vieler anderer) zählt das Bedürfnis, Ethnizität, na-
tionaler Identifizierung und Rasse selbst entfliehen zu wollen. Sie erzählen in ihren Werken
von ihrem „Bruch“ (Smith 1953, zitiert nach Gilroy 1992:194) mit den USA, der Transfor-
mation zu ihrem Geburtsland sowie ihrer z.T. mehrfachen Überquerung des Atlantiks und
dem Neuanfang, den ihnen Europa bot. Gilroy bezeichnet diesen Personenkreis Schwarzer
Autorinnen und Autoren als einen „Afro-Amerikanischen Kanon“ (1992: 194), einen Kanon
von Schwarzen und ihrer Arbeiten, deren Einbezug Gilroy als Bedingung und Forderung der
Entwicklungsgeschichte von Cultural Studies betrachtet. Anhand ihrer Arbeiten streicht Gil-
roy heraus, dass es Schwarze Intellektuelle waren, die aufgrund ihrer ganz unterschiedlichen
Kulturen und der damit verbundenen Erfahrungen, die sie in die „neue Welt“ Europas trans-
formierten, die ersten Personen des Schwarzen Atlantiks waren, basierend auf deren Er-
fahrungen sich Ansätze der hybriden Identität und fluider Kultur entwickelten, weshalb
Schwarze und ihre Werke einen bedeutsamen Teil der Kulturgeschichte ausmachen (vgl.
Gilroy 1992).
Im Folgenden sollen nun anhand des Diaspora-Ansatzes und am konkreten Beispiel der
Schwarzen Diaspora-Angehörigen die zentralen Aspekte Gilroys kulturtheoretischer Neu-
konzeptionierungen des Schwarzen Atlantiks aufgezeigt werden.

3.2 „Diaspora“
Ein zentraler Aspekt seines Schwarzen-Atlantik-Ansatzes bildet für Gilroy die Ausein-
andersetzung um kulturelle Identität. In seiner Kritik an den ethnisch-absolutistischen Per-
spektiven entwickelt Gilroy innerhalb seines Schwarzen Atlantiks ein Konzept zur Über-

2 Hierzu gebraucht Gilroy nicht nur die Metapher des Atlantiks, sondern verweist in seinen Texten immer wie-
der auf das Bild des Schiffes, das er als Sinnbild für die Mobilität und Fluidität Schwarzer und ihrer Zerstreu-
ung verwendet, vgl. auch Dorsch 2000.
Paul Gilroy: Schwarzer Atlantik und Diaspora 183

windung des kolonialen Blickwinkels und des darin enthaltenen Zusammenhangs von Iden-
tität und Territorium. Gilroys Ansatz hebt vielmehr auf die Mobilität sowie Verstreutheit der
Schwarzen und die Heterogenität ihrer Kulturen ab, ein Hintergrund, vor dem er auch ihre
kulturellen Identitäten zu fassen vermag. Hierzu verwendet er Ethnizität als Anhaltspunkt:
In Abgrenzung zu Weißen ethnischen Identitäten, die häufig nationalstaatlich bezogen sind,
bilden Schwarze aufgrund ihrer Erfahrung der „middle passage“ transnationale Formatio-
nen, die am ehesten mit dem Konzept der Diaspora beschrieben werden können.
Diaspora stellt für Gilroy ein Konzept zur Beschäftigung mit transnationalen sowie eth-
nisch-transkulturellen Prozessen dar (vgl. Gilroy 1994). Innerhalb der Cultural Studies ge-
hört Gilroy damit nachhaltig zu denjenigen, die das Konzept der Diaspora prägten. Anhand
von drei konkreten Aspekten des Diaspora-Ansatzes innerhalb des Rahmenparadigmas des
Schwarzen Atlantiks soll nun Gilroys Neuentwurf einer Kulturtheorie der Cultural Studies
verdeutlicht werden.

Deterritorialität: Gilroy betrachtet Diaspora als ein Konzept, das die Stärke von Raum,
Räumlichkeit, Distanz und das Umherreisen und -ziehen betont. Um diesen Inhalten ent-
sprechend Rechnung zu tragen, behandelt er Diaspora in Zusammenhang mit einem Voka-
bular, in dem es um Konzepte wie „hybrid, border, creolization, mestizaje, locality“ (Gilroy
1994: 207) geht. Diese Konzepte lassen die Bedeutung von Raum und Distanz sowie Mo-
bilität und Bewegung in den Mittelpunkt in der Auseinandersetzung mit Diaspora rücken
und darüber hinaus Ansätze von Diaspora als Begriff im Kontext von Sesshaftigkeit, Be-
ständigkeit, Verwurzelung oder zeitlicher Begrenzung eher hinter sich, womit sich Gilroy
von Theoretikern wie bspw. William Safran (vgl. 1991) abgrenzt.
In den Blick rücken somit eher translokale, transnationale und globale Verbindungen,
Spuren und Vernetzungen, die Gilroy am Beispiel der Schwarzen in der Diaspora und deren
Aushandlungen um ihre kulturelle Zugehörigkeit erörtert. Ausgangspunkt seiner Argumen-
tation ist der Verweis auf die von Schwarzen Sklavinnen und Sklaven gemachten Erfahrun-
gen von erzwungener Migration und ihre zwanghafte Diaspora fernab ihrer unterschied-
lichen Heimatländer als Grundlage für spezifische Identitätskonstruktionen: Die Basis ihrer
gemeinsamen Identität in der Diaspora ist nicht so sehr der Fokus auf ein (gemeinsames)
Territorium, sondern vielmehr die „soziale Dynamik des Erinnerns“ (Gilroy 1994: 207) an
Sklaverei etc. als gemeinsame Identitätskonstruktion von Diaspora.
Vor diesem Hintergrund unterstreicht Gilroy eine andauernde Ambivalenz im Dasein als
Angehöriger einer Diaspora und der Beziehung zum Nationalstaat: Es existiert eine Kluft
zwischen dem Wohnort im Migrationsland und dem (Herkunfts-)Ort des „belonging“, die
permanente Spannungen verursacht. Diese Spannungen resultieren einerseits von dem Be-
wusstsein diasporischer Zerstreuung und Zusammengehörigkeit, und sind andererseits vor
dem Hintergrund komplexer einschränkender Machtstrukturen innerhalb von Nationalstaa-
ten zu sehen. Diese Spannungen der Zugehörigkeit und Abgrenzung führen im Identitäts-
konstruktionsprozess oftmals zu einer konträren Haltung gegenüber dem Nationalstaat.
Denn der Nationalstaat innerhalb moderner Denkansätze war ursprünglich dazu gedacht –
entweder durch geforderte Assimilation oder durch Rückkehr ins Heimatland –, den dis-
tinktiven temporären Charakter einer zeitlichen Begrenzung von Diaspora zu beenden (vgl.
Gilroy 1994).
Das von Gilroy entwickelte Diasporakonzept lässt somit die Schwarzweißmalerei der
Diskurse um global, lokal oder national hinter sich und bewegt sich zwischen diesen verab-
184 Caroline Düvel

solutierenden Positionen, indem es sich bewusst gegen den Nationalstaat wendet, der als
Ausgangspunkt aller institutionalisierten Ordnungen, Netzwerke und Muster der Macht um
Kommunikation, Konflikte zu disziplinieren und zu regeln betrachtet wird. Mit dieser Auf-
fassung verbunden ist auch eine Transformation des Konzeptes von Raum, wonach laut Gil-
roy Raumkonzepte weniger betrachtet werden durch Auffassungen von Beständigkeit und
Festigkeit (wie Ort), sondern vielmehr als „excentric communicative circuitry that has en-
abled dispersed populations to converse, interact and even synchronize significant elements
of their social and cultural lives“ (Gilroy 1994: 211). Gilroy spricht somit von einem „kom-
munikativen diasporischen Raum“ unabhängig vom Territorium, in dem unterschiedlichste
kulturelle Elemente als Bestandteile von Diaspora zirkulieren und die (kulturelle) Identität
ihrer Angehörigen konstituieren. Als ein solches kulturelles Element nennt Gilroy die Mu-
sik der Schwarzen Diaspora, die er auch gleichzeitig als Beispiel für transnationalen sowie
kulturell-mehrdimensionalen Raum nimmt: Mithilfe von Musik und musikalischen Überlie-
ferungen haben die Schwarzen Migranten ihre Kulturen aus ganz unterschiedlichen Quellen
geformt, wodurch eine Art Transformation von Kultur stattgefunden hat und immer noch
stattfindet (Gilroy 1992: 193). Dieser Aspekt der Synthese kultureller Ressourcen unter-
schiedlichster Kontexte innerhalb von Diaspora führt uns zu einem nächsten zentralen Punkt
in Gilroys Ansatz.

Hybridität: In Anlehnung an Hall zeigt Gilroy die Konstruiertheit von Kategorien wie
„Schwarz“ oder „Afrikanität“ auf; er führt dabei die Diskussion von Hybridität anhand des
Diasporakonzeptes am Beispiel unterschiedlicher Merkmale:
Gilroy betont den Begriff der Schwarzen Diaspora als politisches Konstrukt, wie Ruth
Mayer herausgearbeitet hat „als Ergebnis einer Geschichte aus Zuschreibungen, Projektio-
nen, Vorurteilen und Selbstinszenierungen“ (2005: 83), die sie aufgrund ihrer gemeinsamen
Erfahrungen des Leidens und der Ausgrenzung und Unterdrückung erst zu „Afrikanerinnen
und Afrikanern“ in der westlichen Welt gemacht hat. Schwarzsein ist also eine konstruierte
Identität, deren Basis nicht kulturelle, ethnische oder sprachliche Gemeinsamkeit ist, son-
dern die Erfahrung, als eine Gruppe „anderer“, Nicht-Weißer wahrgenommen zu werden
(Hall 1992: 308). Somit gehören die Schwarzen der Diaspora gerade nicht einer afrikani-
schen Kultur oder gar Rasse basierend auf gemeinschaftsstiftenden Traditionen an, ebenso-
wenig wie sie von einem gemeinsamen Territorium abstammen. Vielmehr, so streicht Gilroy
heraus, ist die kulturelle Identität der Schwarzen Diaspora-Angehörigen eine transnationale
und transkulturelle und damit alles andere als eine homogene Formation, gespeist mit afri-
kanischen, amerikanischen, karibischen und europäischen Einflüssen.
Charakteristisch an Gilroys Entwicklungen ist nun erstens sein dynamischer Ansatz von
Diaspora. Er interessiert sich nicht für die Suche nach Wurzeln und Ursprüngen von einer
Diaspora, sondern hebt in seiner Rahmentheorie des Schwarzen Atlantiks eher auf fluidere
Ansätze von Kultur und Identität ab. In „seeing identity as a process of movement and me-
diation that is more appropriately approached via the homonym routes“ (Gilroy 1993a: 19)
fokussiert er eine Perspektive, aus der sich kulturelle Identität (nicht nur von Diaspora-
Angehörigen) in einem permanenten Prozess neu konstituiert und formiert und in kontextu-
eller Abhängigkeit ausgehandelt wird. In Anlehnung an Hall diskutiert Gilroy Diaspora-
Erfahrungen nicht als von kultureller Reinheit geprägt, sondern vielmehr von einer notwen-
digen Heterogenität und Diversität, in der Identität mit und durch Differenz konstituiert und
artikuliert wird und somit von Hybridität charakterisiert wird (Hall 1990: 235). Mit diesem
Paul Gilroy: Schwarzer Atlantik und Diaspora 185

Konzept schafft Gilroy einen Gegenentwurf zur „fest verwurzelten“ (stable rooted) (2005:
67) Identität, wie sie der Perspektive der Euro-Amerikanischen Moderne zugrunde liegt, in
der Nationalität in Bezug auf eine Identität beschrieben wird, die als authentisch, natürlich
und fest verwurzelt gilt; ein Denkansatz, der Ausgangspunkt für ein rassistisches Denken ist.
Mit seinem hybriden Identitätskonzept legt Gilroy die Grundlage zur Überwindung des eth-
nisch-absolutistischen Denkens und entwickelt den Diasporabegriff und die Cultural Studies
entscheidend weiter.
Zweitens schafft Gilroy mit dem Diasporakonzept einen Raum für eine ambivalentere
Beziehung zu Nation und Nationalismen. Er entwickelt Alternativen zu absolutistischen
Vorstellungen einer Einheit von Nationen und ethnischen Gruppen und deren Bild einer ein-
heitlichen Kultur. „Das Konzept der Diaspora unterbricht die kulturellen und geschicht-
lichen Mechanismen der Zugehörigkeit und bietet eine Alternative zur Metaphysik der Na-
tion, Rasse und eingegrenzter territorialer Kultur, die in menschlichen Körpern verschlüsselt
ist“ (Gilroy 2004: 25).
Drittens ist Diaspora damit mehr ein komplexes Modell, in dem nicht nur die unidirek-
tionale Adaption kultureller Elemente steckt. Vielmehr befürwortet Gilroys Auslegung des
Ansatzes die kulturelle Logik der Zusammenführung, Berührung und Ergänzung in Bezug
auf (afrikanisch-)diasporische Elemente unterschiedlichster Quellen und deren Neuord-
nung, Integration und Gestaltung unter anderen (politischen und kulturellen) Bedingungen.
Wie bereits angedeutet, ist Diaspora nicht mehr nur als eine Form der Zerstreuung zu be-
trachten, die eine identifizierbare und reversible Bedeutung der Herkunft hat, sondern eher
die Betonung einer unbestimmten Gefühlslage verbunden mit einem gewissen Maß an Iso-
lation und kultureller Entfremdung sowohl vom Aufenthaltsort als auch vom Ausgangsort
ausgehend. Vor diesem Hintergrund ist auch der Prozess der Artikulation kultureller Iden-
tität ein von Offenheit geprägter, der neben Elementen von Zugehörigkeit und Ausgrenzung
ebenso von Unbestimmtheit und Konflikt bestimmt werden kann; eben ein hybrider Mix.

Doppeltes Bewusstsein: Basierend auf diesem Hybriditätsgedanken beschreibt Gilroy an-


hand der Biografien einiger Schwarzer Intellektueller und Künstler wie Du Bois, Wright oder
William Smith weitere Kategorien von Diaspora. Am Beispiel ihrer transatlantischen Le-
bensläufe arbeitet Gilroy eine Vermischung, Umgestaltung und Neuformierung kultureller
Muster heraus, indem diese Schwarzen Theoretiker nicht zuletzt durch ihre Reisen und zahl-
reichen Atlantiküberquerungen transnationale und transkulturelle Elemente in ihre Biogra-
fien einschrieben. Diese Muster kultureller Transformationsprozesse bezeichnet Gilroy in
Anlehnung an Du Bois als „doppeltes Bewusstsein“ (double consciousness) (1992: 195).
Als Merkmal dieses doppelten Bewusstseins fasst Gilroy seine Unumkehrbarkeit. Durch
die Annahme und Neuformierung unterschiedlichster kultureller Elemente in das Leben der
Schwarzen in der Diaspora haben sie ein synkretisches Muster produziert, in dem Einflüsse
und Formen aus der Karibik, den USA und Afrika prägend sind, die neu formiert, umge-
staltet und kombiniert wurden. Aus diesem Grund spricht Gilroy vom Band der kulturellen
Geschichte, das man nicht mehr zurückspulen kann an den Anfang, weil es nicht mehr so
ist, wie im Ursprung, sondern vielmehr durch Verschiedenartigkeit und Wandel charakteri-
siert, wie auch die einzelnen Identitäten ihrer Diaspora-Angehörigen (vgl. Gilroy 2005).
Gilroy spricht davon, dass Schwarze Diaspora-Angehörige eine Pan-Afrikanische-Identität
entwickeln, in deren Artikulation die Beziehung zu ihrem Geburtsland und ihre ethnisch-poli-
tische Haltung im Migrationsland oftmals transformiert sind. Zugespitzt auf die Artikulation
186 Caroline Düvel

von kultureller Identität resultiert dieses doppelte Bewusstsein aus der Ambivalenz der Di-
aspora-Angehörigen in „being both inside and outside the West“ (Gilroy 2005: 66). Dieses
doppelte Bewusstsein als Teil von Diaspora innerhalb des Schwarzen-Atlantik-Ansatzes eb-
net den Weg zu einer Perspektive über die binären Gegensätze von nationalen und diaspo-
rischen Perspektiven hinaus. „… it locates the black Atlantic world between the local and
the global, challenges the coherence of all national perspectives and points to the spurious
invocation of ethnic particularity to enforce them and to ensure the tidy flow of cultural out-
put into neat, symmetrical units“ (Gilroy 1992:196f.).
Vor diesem Hintergrund müssen die Arbeiten der Schwarzen Intellektuellen gesehen
werden; ihre Werke wie Zeichnungen, Romane und Musik stellen einen Teil der (britischen)
Kultur jenseits nationalistisch-imperialistischer und ethnisch absoluter Ansätze dar. Dass sie
ein fester Bestandteil der Cultural Studies geworden sind, ist insbesondere Gilroys und Halls
Verdienst, die die Cultural Studies um diese Perspektiven erweitert haben.

4. Die Bedeutung von Gilroys Kulturtheorien für die Kommunikations- und


Medienwissenschaft
Gilroys entwickelte kulturtheoretische Konzepte leisten nicht nur einen bedeutenden Bei-
trag zu einer nachhaltigen Weiterentwicklung der Cultural Studies, sondern werden in die-
sem Zusammenhang auch in den Arbeiten der Kommunikations- und Medienwissenschaft
aufgegriffen.
Erstens hat Gilroy in der Entwicklung seines analytischen Konzeptes des Schwarzen At-
lantiks und seines Diaspora-Ansatzes zu einer Sensibilisierung in der Analyse medialer Re-
präsentationen von Rasse, Rassismus und Ethnizität beigetragen. In der Kultur-, Kommuni-
kations- und Medienwissenschaft werden v.a. in jüngeren Studien die von Gilroy (und Hall)
entwickelte Kritik an ethnisch absolutistischen Perspektiven und deren Klassifizierungen
von Kultur anhand von Rasse und Ethnizität aufgegriffen und ihr fluides Kulturverständnis
als Ausgangspunkt für eine reflektierende Analyse medialer Repräsentationen ethnischer
Minderheiten und deren Präsenz in den Medien genommen. Exemplarisch für viele Kom-
munikations- und Medienwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die sich reflektierend
mit der Darstellung von Rasse in den Medien beschäftigen, zeigt beispielsweise Simon Cottle
(2000: 7f.) in seinen Arbeiten den in medialen Darstellungen inhärenten kulturell-dominanten
Blickwinkel in der Repräsentation ethnischer Minderheiten auf, insbesondere Schwarzer. Er
hat herausgearbeitet, wie in zahlreichen Studien innerhalb der letzten Jahre und Jahrzehnte
in Großbritannien (und auch in den USA) eine stereotype Charakterisierung ethnischer Min-
derheiten und rassistische Darstellung in Form einer negativen und problemorientierten me-
dialen Darstellung überwiegt, verknüpft mit einer Tendenz, die Unter-Repräsentation dieser
Gruppen zu ignorieren.
Auf die Arbeiten Halls in den 1970er Jahren aufbauend, gelingt es John Fiske in jünge-
ren Arbeiten, am Beispiel der Berichterstattung über den Fall O.J. Simpson in den 1990er
Jahren, die sich im medialen Diskurs widerspiegelnden tiefen unterschwelligen kulturellen
Rassenkonflikte in der (amerikanischen) Gesellschaft aufzuzeigen, indem Schwarze in me-
dialer Berichterstattung nicht als Individuen, sondern als Produkte einer Vorstellung Weißer
und damit als symbolische Verkörperung einer Bedrohung Weißer Ordnung und Kultur
durch das Männliche Schwarze behandelt werden (vgl. Fiske 1993 und 1994). Diese „Sen-
sibilisierung“ gegenüber ideologischer Reproduktion von Rasse und Rassismus in medialen
Paul Gilroy: Schwarzer Atlantik und Diaspora 187

Repräsentationen erfolgt im Wesentlichen mit Referenz auf Halls „moral panic“ und Gilroys
kulturkritisches Konzept des ethnischen Absolutismus.
Mit dieser „Aufdeckung“ ideologischer Reproduktion von Rasse und Rassismus in me-
dialen Repräsentationen leisten Cottle und Fiske einen Beitrag zur Überwindung medialer
Darstellung aus Perspektive der dominanten Sichtweise imperialer Kultur. Sie greifen ih-
rerseits den interventionistischen Charakter der Cultural Studies auf und entwickeln die
Kommunikations- und Medienwissenschaft in erheblichem Maße weiter in Richtung einer
Kulturorientierung, deren theoretische Grundlage die von Gilroy und Hall artikulierte ver-
änderte Perspektive im Wandel von Konzepten wie Kultur, Ethnizität und Rasse darstellt.
Zweitens hat Halls und Gilroys Kulturkritik v.a. ethnografische Aneignungsstudien ge-
prägt. Hervorgegangen sind hieraus insbesondere jüngere Studien, die sich mit dem Prozess
von Medienaneignung und der Artikulation kultureller Identität beschäftigen; exemplarisch
kann hier bspw. die viel zitierte ethnografische Studie „Television, Ethnicity and Cultural
Change“ von Marie Gillespie (1995) genannt werden. In ihrer Analyse zeigt sie auf, welche
Bedeutung Fernsehaneignungsprozesse von jungen indisch-asiatischen Britinnen und Briten
in Southall für ihre Identitätskonstruktion haben.3 Gillespie greift auf Gilroys Konzept von
Diaspora als passenden Rahmen für Identitätsartikulationen der in Großbritannien lebenden
indisch-asiatischen Britinnen und Briten zurück. Dabei nimmt sie den Punkt der transnatio-
nalen und transkulturellen Einflüsse als Ausgangspunkt und fasst für sich das Diasporakon-
zept folgendermaßen:
„The term ‚diaspora‘ is useful as an intermediate concept between the local and the global that nevertheless
transcends the national perspectives which often limit cultural studies; it is also useful for its ability to en-
compass what Gilroy calls ‚the changing same of culture‘, or the paradox of ethnic sameness and heteroge-
neity.“ (1995: 6).

Anhand des Diasporakonzeptes stellt Gillespie das Spannungsverhältnis dar, in dem sich
Diaspora-Angehörige befinden, die ihre Identitäten zwischen unterschiedlichen globalen so-
wie lokalen kulturellen Kontexten artikulieren (vgl. auch Hepp 2004: 220), und so hybride
kulturelle Identitätsformen konstruieren, wie sie charakteristisch sind für Menschen, die
außerhalb und verstreut ihres Heimatlandes leben. Die Diasporaperspektive lokalisiert An-
gehörige der indisch-asiatischen Diaspora in Beziehung zu ihren Vernetzungen zwischen ih-
rem Ursprungsland Indien, unterschiedlichsten Orten in Großbritannien und Lokalitäten in
anderen Teilen der Welt. Diese Verbindungen und Beziehungen der „‚Abwesenheit‘ zwi-
schen Orten“ (Gillespie 1995: 7) sind durch moderne Medien- und Kommunikationstech-
nologien intensiviert, was gleichzeitig zu einem verstärkten Bewusstsein davon führt, was
es bedeutet, in der Diaspora zu leben. Laut Gillespie können diese Verbindungen unter-
schiedliche Formen annehmen, z.B. auf eine symbolische Art als Zuschauende desselben
Bollywood-Films oder konkreter als Verbindungen zwischen Freunden in Form von eher
persönlichen Videobriefen von Familienfesten. Im Prozess der Identitätsartikulation nehmen
Medien als kulturelle Ressourcen somit eine zentrale Rolle ein.
Wie die vorangegangenen Beispiele verdeutlichen, liefern Gilroys Arbeiten zahlreiche
Anknüpfungspunkte, die in der Kommunikations- und Medienwissenschaft insbesondere in
der Beschäftigung mit Medien und Medienaneignungsprozessen aufgegriffen werden. Indem

3 Grundlegend ist für Gillespie dabei der Identitätsbegriff, wie ihn Hall entwickelt hat, nach dem, wie bereits
weiter oben erläutert, Identität stets als Prozess durch Differenz und Aushandlung konstituiert wird und in die-
sem Prozess Ressourcen unterschiedlicher kultureller Kontexte integriert und artikuliert werden.
188 Caroline Düvel

Gilroy die Problematiken des kolonialgeprägten Blickwinkels traditioneller kultureller Kon-


zepte kritisch aufzeigt und mit der Entwicklung seines Rahmenparadigmas des Schwarzen
Atlantiks alternative Denkweisen von Kultur ermöglicht, liefert er einen bedeutenden Bei-
trag zur Entwicklung der post-kolonialen Cultural Studies und leistet damit auch einen Bei-
trag zum Perspektivenwechsel nicht nur in der Kulturtheorie, sondern auch in der Weiter-
entwicklung der Kommunikations- und Medienwissenschaft.

Literatur
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Safran, William (1991): Diasporas in Modern Societies: Myths of Homeland and Return. In: Diaspora 1 (1),
S. 83–99.
Henry A. Giroux: Kritische Medienpädagogik und Medienaktivismus
Jeffrey Wimmer

1. Einleitung
Der amerikanische Pädagoge und Kulturwissenschaftler Henry A. Giroux (geb. 1943 in Pro-
vidence, Rhode Island, USA) arbeitet zunächst von 1968 bis 1975 als High-School-Lehrer.
Unter dem Eindruck von Rassismus und fehlender Chancengleichheit seiner Schülerinnen
und Schüler im Schulalltag sowie durch starke Widerstände seitens der Schulleitung und
rechtspolitischer Fundamentalistinnen und Fundamentalisten in seinen emanzipatorischen
Schulprojekten behindert, wendet er sich rasch akademischen Kreisen zu. Edward Fenton,
den Giroux zufällig auf einer Tagung kennenlernt, ermöglicht ihm die Teilnahme an einem
Doktorandenkolleg an der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh. Nach seiner Promo-
tion 1977 vertritt er verschiedene Professuren in den USA für Pädagogik und Cultural Stu-
dies. Seit seinem erstem Buch „Ideology, Culture and the Process of Schooling“ (1981) gilt
Giroux als einer der weltweit führenden Vertreter der ideologiekritischen Auseinandersetzung
mit Bildungswesen und Pädagogik. Der Einfluss von Paulo Freire und dessen Postulat der
Einheit von Theorie und Praxis als einer Form von politischer Aktion und eines Kampfes für
soziale Gerechtigkeit stellt wohl den entscheidenden Auslöser für das akademische Werk
von Giroux dar. Der inhaltliche Fokus liegt daher zu Beginn stark auf der Reform des Bil-
dungssystems und seiner Utopie einer „radikalen Demokratie“. In starker Bezugnahme auf
Freire und Antonio Gramsci prägt eine Gruppe um Giroux (u.a. Michael Apple, Stanley Aro-
nowitz und Peter McLaren) dafür den Begriff der „kritischen Pädagogik“ (vgl. Abschnitt 1).
Giroux fordert allerdings nicht nur eine stetige Transformation und Gesellschaftsorientie-
rung der Pädagogik ein, auch sein eigenes Schaffen ist von andauerndem Wandel und Of-
fenheit für neue Positionen geprägt. War er zu Beginn stark der Tradition der Kritischen
Theorie verhaftet, auch in Reaktion auf die USA zu Zeiten Ronald Reagans, bezieht er sich
seit Ende der 1980er Jahren in seinen Analysen verstärkt auf kulturorientierte und postmo-
derne Ansätze – vor allem von Raymond Williams, Richard Johnson und Stuart Hall (siehe
auch die Beiträge zu diesen in diesem Band) –, mit deren Hilfe er die Erziehungs- und Bil-
dungswissenschaft als ein interdisziplinäres Projekt verorten möchte.1 Insbesondere ver-
knüpft er die Fragestellungen der Pädagogik einerseits mit der Analyse von Alltags- und Po-
pulärkultur und deren ideologischen Kontexten und andererseits unter starker Bezugnahme
auf Mediendiskurse mit den Konstitutionsbedingungen der Demokratie. Das Werk von Gi-
roux nimmt vor diesem Hintergrund eine Schlüsselposition in den Cultural Studies ein. Ge-
rade in seinen interdisziplinären und transformativen Analysen liegt das Potenzial der Ana-
lysen Giroux’ für die allgemeine Kommunikations- und Medienwissenschaft. Bisher hat
Giroux weit über 300 Beiträge und Monografien zur Theorie und Praxis der Pädagogik und
zur Sozial- und Kulturtheorie veröffentlicht. Im Gegensatz zur Pädagogik wird sein umfas-
sendes Werk in der deutschsprachigen Kommunikations- und Medienwissenschaft relativ

1 Giroux begründet diesen analytischen Schritt auch mit seiner Biografie, u.a. seiner sozialen Herkunft aus dem
Arbeitermilieu (vgl. ausführlich http://henrygiroux.com/bio.html).
190 Jeffrey Wimmer

spät und in einem äußerst geringen Maße rezipiert (Steinwidder 2006; Winter 2004). Das
Schaffen von Giroux reduziert sich allerdings nicht nur auf sein akademisches Werk; Giroux
versteht sich ausdrücklich als „cultural worker“ (1992). So nimmt er immer wieder auch als
Privatmensch unmissverständlich und zuweilen radikal öffentlich Stellung zu politischen
Debatten – wie zuletzt zur Privatisierung des Bildungswesens in den USA (Giroux 2007)
oder zu der US-amerikanischen Intervention im Irak und deren gesellschaftliche Folgen (Gi-
roux 2005). Unzufrieden mit der politischen Situation verlässt er schließlich 2004 die USA
und hat seitdem den „Global Television Network Chair in English and Cultural Studies“ an
der McMaster Universität in Ontario, Kanada, inne.

2. Elemente der kritischen Pädagogik nach Giroux


Kritische Pädagogik ist für Giroux (1991: 51) der unermüdliche und nicht enden wollende
Versuch, zwei sozialtheoretische Blickwinkel – Moderne und Postmoderne – miteinander zu
verbinden: „It is a pedagogy that attempts to link an emancipatory notion of modernism with
a postmodernism of resistance.“ Dabei verfolgt die kritische Pädagogik mehrere konkrete,
stets Theorie und Praxis verbindende Zielsetzungen (Giroux 1981, 1983): Eine grundlegend
interdisziplinäre Herangehensweise an Fragestellungen der Pädagogik soll authentischere
und umfassendere Erkenntnisse über die Alltags- als auch Bildungserfahrungen der Lehren-
den und Lernenden liefern. Voraussetzungen dafür sind einerseits eine stärkere wissenschaft-
liche Berücksichtigung von Macht- und Identitätsprozessen in Bildungsinstitutionen und deren
bestimmenden Kategorien (wie z.B. Geschlecht, Klasse, Rasse etc.) als auch eine analyti-
sche Gleichsetzung von Hoch- und Populärkultur. Neben dieser theoretischen Konsequenz
muss für Giroux Pädagogik stets das Ethische im Sinne der Verwirklichung von demokrati-
schen Idealen im Rahmen von Bildungsprozessen betonen und nicht nur die verschiedenen
Differenzprozesse im Bildungsalltag, sondern auch deren Überwindungspotenziale kennt-
lich machen.
Giroux verfolgt damit in seinem Ansatz eine Bricolage zweier etablierter Ansätze der
(Medien-)Pädagogik, sowohl die der Gesellschaftskritik als auch die der Handlungsorien-
tierung: Einerseits knüpft er an eine gesellschaftskritische Pädagogik in der Tradition der
Frankfurter Schule an. Erziehung und Bildung versteht er im Anschluss an Michel Foucault
gleichsam als politische wie auch wirtschaftliche Herrschafts- und Machtinstrumente:
„Education may well be, as of right, the instrument whereby every individual, in a society like our own, can
gain access to any kind of discourse. But we all know that in its distribution, in what it permits and prevents,
it follows the well-trodden battle lines of social conflict. Every educational system is a political means of main-
taining or modifying the appropriation of discourse with the knowledge and powers it carries with it.“ (Fou-
cault 1972, zit. n. Giroux 1991: 51)

Kritische Pädagogik muss somit stets jegliche Form von Herrschaft in Bildungsprozessen
und damit einhergehenden ideologischen Konstruktionen fokussieren.2 Giroux konkretisiert
diese Perspektive am Beispiel von schulischen Bildungsprozessen und verdeutlicht hier –
zusammen mit McLaren – hegemoniale und ideologische Kontexte, denen der Schulalltag
unterliegt:

2 Andrea Merkens (2002) kritisiert, dass Giroux im Laufe seiner Theorieentwicklung immer mehr die Ideo-
logiekritik zu Gunsten eines postmodern orientierten „Cultural Study“ (sic!) Ansatzes vernachlässigt und so-
mit eine zentrale analytische Kategorie verliert, die die kritische Pädagogik für die Gesellschaftspolitik be-
reithält.
Henry A. Giroux: Kritische Medienpädagogik und Medienaktivismus 191

„At issue here is the recognition that schools are historical and cultural institutions that always embody ideo-
logical and political interests. They signify reality in ways that are often actively contested by various indivi-
duals and groups. Schools in this sense are ideological and political terrains out of which the dominant cultu-
re ‚manufactures‘ its hegemonic ,certainties‘; but they are also places where dominant and subordinate groups
define and constrain each other through an ongoing battle and exchange in response to the socio-historical con-
ditions ,carried‘ in the institutional, textual, and lived practices that define school culture and teacher/student
experience within a particular specificity of time, space and place. In other words, schools are anything but
ideologically innocent; nor are they simply reproductive of dominant social relations and interests.“ (Gi-
roux/McLaren 1987: 62; vgl. grundlegend Giroux 1981, 1983; McLaren 1986)

Im Gegensatz zur Frankfurter Schule ist der hier verwendete Ideologiebegriff nicht an den
Bewusstseinszusammenhang gebunden, sondern manifestiert sich vielmehr im Bildungsall-
tag. Giroux (1983) knüpft dabei explizit in seinem Ideologiebegriff an den Vorarbeiten von
Paul Willis (1977) zu Jugendkulturen an und verbindet sie mit der Kritik Gramscis an der
Hegemoniereproduktion durch Erziehung und Bildung (vgl. ausführlich Bernhard 2005).
Kritische Pädagogik endet allerdings nicht bei der Analyse und Kenntlichmachung der
politischen und ökonomischen Kontexte von Bildungsprozessen, der Infragestellung bishe-
riger schulischer Bildungskonzepte und der Schlussfolgerung, dass Bildung einen großen
Anteil zur sozialen Reproduktion und Aufrechterhaltung bestehender Verhältnisse beiträgt
(Winter 2004). Denn Giroux rückt daneben eine pragmatische Dimension, d.h. Elemente ei-
ner handlungsorientierten Medienpädagogik in den Vordergrund seiner Analyse (z.B. Ba-
bel/Hackl 2004: 28ff.). Pädagogik soll nicht nur darüber reflektieren, welche hegemonialen
Interessen in Bildungsprozessen zum Ausdruck kommen, sondern auch die Lehrenden und
Lernenden – u.a. durch praktische Bildungs- und Medienarbeit (bspw. in Form von inter-
netbasierten Medienprojekten) dazu befähigen, kritisch mit Differenzprozessen umzugehen
und deren Gestaltungsspielräume zu erweitern. Giroux strebt hier unter expliziter Bezug-
nahme auf Herbert Marcuse an, Theorie (Sozialtheorie) und politische Praxis (Bildungspro-
gramme) in einem analytischen Konzept zu vereinen, die er eingedenk der stark normativen
Konnotation vielfach auch als eine Form von Kulturpolitik („cultural politics“) bezeichnet:
„Since the established universe of discourse is that of an unfree world, dialectical thought is necessarily des-
tructive, and whatever liberation it may bring is a liberation in thought, in theory. However, the divorce of
thought from action, of theory from practice, is itself part of the unfree world. No thought and no theory can
undo it; but theory may help to prepare the ground for their possible reunion, and the ability of thought to
develop a logic and language of contradiction is a prerequisite for this task.“ (Marcuse 1960, zit. n. Giroux
1983: 2)

Mit Hilfe sozialtheoretisch inspirierter Praxiskonzepte soll daher im Schullalltag ein kriti-
scher Diskurs etabliert werden, der soziale Aktion und emanzipatorische Transformation so-
wohl der Lehrenden als auch Lernenden ermöglicht. Für Giroux ist die theoretische Bedeu-
tung der Infragestellung von bisherigen schulischen Bildungsprogrammen direkt mit der
Erfordernis verbunden, eine Alltagskultur, Artikulationsoptionen und Erfahrungsaspekte
umfassende Diskurskultur zu entwickeln. Denn er betont zwar einerseits die ideologischen
Differenzen im Bildungsalltag, um andererseits stets auf die Notwendigkeit zu verweisen,
dass neue Wege für die Artikulation gemeinsamer bzw. gesellschaftlicher Interessen und
Werte gefunden werden müssen.
In diesem Zusammenhang nimmt die Metapher der „Grenze“ einen zentralen Stellen-
wert ein, da sich für Giroux gerade kommunikativ vermittelte Grenzziehungen auf die Kon-
stitution personaler und kultureller Identitäten auswirken (Giroux 1994c). Er benennt kon-
kret drei für die pädagogische Praxis relevante Aspekte von Grenzziehungen:
192 Jeffrey Wimmer

„Borders call into question the language of history, power, and difference. The category of border also prefi-
gures cultural criticism and pedagogical processes as a form of border crossing. That is, it signals forms of
transgression in which existing borders forged in domination can be challenged and redefined. Second, it also
speaks to the need to create pedagogical conditions in which students become border crossers in order to under-
stand otherness in its own terms, and to further create borderlands in which diverse cultural resources allow
for the fashioning of new identities within existing configurations of power. Third, border pedagogy serves to
make visible the historically and socially constructed strengths and limitations of those places and borders we
inherit and which frame our discourses and social relations.“ (Giroux 1991: 51f.)

Durch die Verortung von Lehrenden und Lernenden in größtenteils verschiedenen (alltags-)
kulturellen Kontexten und den in Alltagspraktiken zum Vorschein kommenden konkreten
ökonomischen Herrschaftsinteressen wird für Giroux im Bildungsalltag eher Isolation und
Entfremdung als Dialog gefördert. Eine Unterrichtspraxis im Sinne der „border politics“
kann dagegen Differenzen in Ideologien, kulturellen Codes und sozialen Praktiken über-
winden. Als „kritisch“ bezeichnet Giroux sein Konzept von Pädagogik in der Praxisumset-
zung, da hier stets die scheinbare „Natürlichkeit“ von Bildungsprozessen hinterfragt und die
jeweils spezifische historische, politische und ökonomische Kontextualisierung fokussiert
wird. Mit Hilfe eines dialogischen Lernens im Sinne von Freire sollen nun die im Alltag der
Lehrenden und Lernenden gemachten Erfahrungen gemeinsam dekonstruiert und infrage
gestellt werden.3 Für Giroux ist die Erkenntnis darüber, wie bestimmte ökonomische und ge-
sellschaftspolitische Kontexte eine emanzipierte Selbstbestimmung und die eigenen Erfah-
rungen „unterdrücken“, die Vorbedingung zur Überwindung sozialer wie kultureller Diffe-
renzen („border crossing“).
Kritisch kann man hier einwenden, dass Giroux für die konkrete Umsetzung seines Pä-
dagogikkonzeptes in der Bildungspraxis keine handfesten Handlungsanweisungen liefert
(z.B. Giroux 1983: 113ff.). Das ist aber damit zu erklären, dass für ihn – trotz seiner oftmals
stark normativen Ausrichtung – keine „richtigen“ Lesarten von pädagogischen wie kultu-
rellen Kontexten existieren. Es sollen daher nur die Rahmenbedingungen geschaffen wer-
den, „in denen die Lernenden selbst Wissen produzieren, statt es zu reproduzieren, und
selbstkritisch ihre eigenen Positionen hinterfragen und für andere hinterfragbar machen“
(Giroux 1998: 620). So sind auch die zahlreichen Beschreibungen von idealtypischen schu-
lischen Bildungssituationen und -prozessen mehr als offene Leitlinien denn als ein festge-
fügter Pädagogikentwurf zu verstehen (Giroux 1978, 1982: 107; Giroux/McLaren 1987:
60ff.).
Um diesen „transformativen Freiraum“ in Bildungsprozessen etablieren zu können, legt
Giroux v.a. Wert darauf, dass in Folge raschen sozialen und kulturellen Wandels neben den
Lernenden gerade die Lehrenden im pädagogischen Reformkonzept stärker berücksichtigt
werden als zuvor. Giroux plädiert hier für eine größere Integration der Erkenntnisse der So-
zial- und Kulturforschung in der Lehrerausbildung, damit diese im Schulalltag ein Gespür
für die Erfahrungswelt der Schülerinnen und Schüler und die verschiedenen Manifestatio-
nen und Konstruktionen von Differenz entwickeln können:
„While a renewed interest in social theory has played a significant role in reconstituting radical educational
theory, it has at the same time failed to make serious inroads into teacher education programs. or many student
teachers who find themselves teaching working class or minority students, the lack of a well articulated frame-
work for understanding the class, cultural, ideological and gender dimensions of pedagogical practice becomes

3 Dieses pädagogische Prinzip hat am nachhaltigsten Freire (1973: 65) formuliert: „Der Lehrer ist nicht bloß der,
der lehrt, sondern einer, der selbst im Dialog mit den Schülern belehrt wird, die ihrerseits, während sie belehrt
werden, auch lehren.“
Henry A. Giroux: Kritische Medienpädagogik und Medienaktivismus 193

an occasion for the production of an alienated defensiveness and personal and pedagogical armour that often
translates into a cultural distance between ‚us‘ and ‚them‘.“ (Giroux/McLaren 1987: 56f.)

Die Lehrenden sollen nicht nur die Alltagskultur ihrer Schülerinnen und Schüler respektieren,
sondern auch die Lehrpläne auf deren unterschiedliche (Alltags-)Erfahrungen und (Herkunfts-)
Geschichten hin ausrichten, damit diese das Potenzial zur Ausbildung verschiedenartiger
kultureller wie bildungsspezifischer Kompetenzen („multiple literacies“) zur Überwindung
kultureller, sozialer und politischer Grenzen bieten. Dazu gehört auch die – gerade in der
Lehrausbildung noch mehr zu fördernde – Fähigkeit zur kritischen Selbstdiagnose, d.h. die
Analyse der Ideologien, Werte und Interessen, die sie in der Rolle als Lehrende im Schul-
alltag bewusst wie unbewusst propagieren. Schlussfolgernd plädiert Giroux für eine Neu-
ausrichtung des Lehrberufs. Dieser sollte gesellschaftlich nicht simplifizierend als reine
„Ausübung“ aufgefasst werden. Lehrende hätten vielmehr die Verpflichtung – wie im Übri-
gen auch Medienschaffende und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler –, gerade für die
Lernenden die Rolle eines politisch partizipierenden und (selbst-)kritischen Bürgers vorzu-
leben, der zum „Akteur im Geschichtsprozess“ (Winter 2006: 32) wird (Konzept der „trans-
formative intellectuals“).
Daneben fokussiert Giroux in seiner Analyse stärker als bisher in der Pädagogik üblich die
Lernenden. Neben einer Betrachtung der Bedingungen, aufgrund derer die Lebensbewälti-
gung der Lernenden nicht gelingt, gilt es gleichzeitig zu erforschen, welche kontaktauslö-
senden Momente bei den eher gesellschaftlichen marginalisierten Gruppen zu Bildungs-
prozessen führen können. Das Konzept der „border pedagogy“ hat für Giroux das Potenzial,
die Erfahrungen von gesellschaftlich benachteiligten Gruppen kenntlich zu machen und da-
mit einen Teil zu deren „coming to voice“ (öffentliche Artikulation und Wahrnehmung) und
„empowerment“ (Selbstwertstärkung) beizutragen. Letztendlich soll bei Lehrenden wie Ler-
nenden ein Verständnis für andere (alternative) Weltanschauungen geweckt und nachhaltig
gefördert werden („language of possibility“) (Giroux 1991).
Als Erfolgsmaßstäbe der kritischen Pädagogik werden dann auch folgerichtig weniger
die Noten als vielmehr die aktuelle Ausgestaltung der Bildungspraxis und die direkte An-
sprache der Bildungsteilnehmenden angesehen. Als Pragmatiker ist für Giroux die Frage
danach entscheidend, was in der pädagogischen Praxis funktioniert. Hier greift Giroux im-
plizit auf Ansätze der Gegenöffentlichkeit zurück, die darauf verweisen, dass Informationen
nur dann aufgenommen werden und in einem emanzipativen Sinne bewusstseinsbildend wir-
ken, wenn auch entsprechende Handlungs- und Partizipationsmöglichkeiten entstehen (vgl.
ausführlich Wimmer 2007: 153ff.).
Aus der Sicht der Kommunikations- und Medienwissenschaft bestehen nun mehrere
konkrete Bezugspunkte zum Werk von Giroux. Explizite Anknüpfungspunkte sind v.a. in dem
seit Anfang der 1990er Jahren erfolgten „cultural turn“ (Kellner 2001) und die damit er-
folgte starke Bezugnahme auf die Cultural Studies und deren Medienanalyse (Abschnitt 2)
und in der Verknüpfung von Pädagogik und Demokratietheorie (Abschnitt 3) deutlich.

3. Pädagogik, Kultur und Medien


Giroux ist nicht der erste Autor, der die Fragestellungen der Pädagogik mit denen der Cul-
tural Studies in Verbindung setzt. Schon zu Beginn der Entwicklung der Cultural Studies am
britischen Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) setzen sich Studien mit Bil-
dungsfragen auseinander (vgl. ausführlich Grossberg 1994; Winter 2004, 2006). Allerdings
194 Jeffrey Wimmer

gehört das Werk von Giroux zu den Schlüsseltexten der Cultural Studies, da es am nach-
drücklichsten den basalen Zusammenhang von Erziehung, Bildung und Kultur herausarbei-
tet. Neben dem Wissenschaftsverständnis und der Vorgehensweise sieht er dabei zuallererst
den Kulturbegriff der Cultural Studies adäquater als den traditionellen Kulturbegriff der Pä-
dagogik an, da letzterer (bewusst) die Machtstrukturen und -prozesse im Bildungsprozess
außer Acht lässt:
„Traditionally, the concept of culture, as it has been used in the United States, has contributed little to an un-
derstanding of how power functions in a society so as to structure its various socio-economic classes, institu-
tions, and social practices. Stripped of its political dimensions, culture has been reduced to an anthropological
or sociological object of study that not only has obscured more than it revealed, but has usually turned into an
apology for the status quo.“ (Giroux (1982: 102)

Im Gegensatz zur klassischen Pädagogik beschreiben Cultural Studies Kultur viel umfas-
sender als alltäglich vollzogene Praxis – was auch die Bildungspraxis einschließt –, in der
kulturelle Kontexte andauernd realisiert werden. Allerdings sind die verschiedenen kultu-
rellen Praktiken wie auch pädagogischen Handlungszusammenhänge keine freien, singulä-
ren Vorkommnisse, sondern immer in kontingente Kontexte eingebunden. Giroux verknüpft
hier seinen Bildungsbegriff mit dem Verständnis von Kultur als einer Sphäre, die von öko-
nomischen, politischen, sozialstrukturellen und historischen Verhältnissen vermittelt und
beeinflusst wird. Pädagogik ist daher immer auch als Ort von hegemonialen Auseinander-
setzungen zu verstehen, die über die reine Vermittlung von Wissen und Werten hinausrei-
chen. Im Spezifischen bedeutet das auch für ihn, dass pädagogische Praktiken in der Ten-
denz immer eher Unterschiede erzeugen als aufheben.
Die Analyse kreativer Aneignungsprozesse im Rahmen von Alltags- und Populärkultur
durch die Cultural Studies – Giroux bezieht sich hier explizit auf die Studien von Willis und
Hall – zeigen allerdings für ihn einen Lösungsweg auf, wie Bildungsprozesse trotz ihrer
Ausrichtung auf hegemoniale Herrschaftsinteressen mehr emanzipatorisches Potenzial ent-
falten können als ihnen institutionell zugedacht wird. Voraussetzung dafür ist die Verknüp-
fung von Bildungspraxis mit alltags- und populärkulturellen Kontexten der Lernenden (Gi-
roux 1992, 1994a). Dazu müssen die Lehrenden lernen, die Alltagswelt der Lernenden nicht
nur zu verstehen, sondern auch in ihrem Unterricht zu adressieren, u.a. durch den Einbezug
von Medienprodukten und anderen kulturellen Artefakten in den Schulalltag. So wie sich
die Alltagskultur immer mehr zu einer Medienkultur entwickelt, transformiert sich in Folge
auch das ehemals nur auf die Schule fokussierte Konzept der kritischen Pädagogik immer
mehr zu einer Medienpädagogik (vgl. Neubauer 1998). Die Analyse medialvermittelter Po-
pulärkultur nimmt für Giroux deswegen einen immer wichtigeren Stellenwert ein, da die
medialen Repräsentationen für ihn mittlerweile einen größeren gesellschaftlichen Einfluss
besitzen als die klassischen Orte pädagogischer Vermittlung (z.B. Giroux 2000b, 2003). Ge-
rade die Medien fungieren als Institutionen einer „unsichtbaren Pädagogik“, da ihre media-
len Repräsentationen in zweifacher Hinsicht pädagogisch wirkmächtig sind: (1) Medien zei-
gen in ihren Diskursen, wer wir sind und sein könnten und vermitteln dadurch Wissen,
Normen und Identitätsangebote. (2) Darüber hinaus mobilisieren und beeinflussen mediale
Repräsentationen z.B. von Rasse, Klasse, Geschlecht oder Ethnizität sowohl soziale Bedeu-
tungen als auch Wirklichkeitskonstruktionen.
Ein Schwerpunkt seiner Analysen sind die medialen Repräsentationen von Jugendlichen
und Jugendkultur in Film und Werbung wie z.B. in Benetton- oder Calvin-Klein-Werbe-
kampagnen, Disneyfilmen oder in Hip-Hop-Filmen wie „Menace II Society“ (Giroux 1997,
Henry A. Giroux: Kritische Medienpädagogik und Medienaktivismus 195

1999).4 Giroux argumentiert, dass Jugendliche nicht nur oft zu Unrecht als eine Art „Sün-
denbock“ für soziale Probleme in den medialen wie politischen Diskursen fungieren, son-
dern dass auch darüber hinaus deren Lebenswelt zudem durch wirtschaftliche und mediale
Einflüsse stark kommodifiziert wird (Kellner 2001).
Diese zunehmende Mediatisierung der Alltagskultur von Jugendlichen transformiert
auch nachhaltig sein konkretes pädagogisches Konzept. In einem ersten Schritt des pädago-
gischen Handlungszusammenhanges fordert Giroux daher, dass Lehrende und Lernende ge-
meinsam die Medieninhalte und -darstellungen gerade vor dem Hintergrund ihrer eigenen
alltagsweltlichen Erfahrungen und Praktiken kontextualisieren und dekonstruieren („peda-
gogy of representation“). Diese Form der Ausbildung von Medienkompetenz ist als Basis
für kritische Reflexion und Handlungsfähigkeit von zentraler Bedeutung, denn die Bil-
dungsteilnehmenden sollen hier die Fähigkeit zur Wahrnehmung von Diskurs- und Bedeu-
tungskonstruktionen erlernen („Sprache der Kritik“). Das ist die Basis für den zweiten
Schritt des pädagogischen Handlungszusammenhanges, in dem Veränderungspotenziale so-
wohl erkannt, entwickelt als auch umgesetzt werden. Im Rahmen der sogenannten darstel-
lenden Pädagogik („representational pedagogy“) sollen die Bildungsteilnehmenden v.a.
durch die Produktion eigener Medienbeiträge (z.B. Radiobeiträge, Fanzines, Videofilme
etc.) dazu befähigt werden, alternative und selbstbestimmte Diskurse und Bedeutungskon-
struktionen zu erproben („Sprache der Hoffnung“).5
Hier zeigt sich nachdrücklich der interventionistische Anspruch von Giroux. Für ihn ist
die kritische Medienpädagogik – wie die Cultural Studies an sich – nicht nur akademisches,
sondern zugleich immer ein politisches Projekt; d.h. es geht nicht nur um die Generierung
von theoretischen Einsichten, sondern immer zugleich um handlungspraktische Erkenntnis-
sen bzw. darum, die „Nöte der Menschen“ zu lindern:
„Locked within traditional disciplinary boundaries and recycling old orthodoxies, many critical educators risk
becoming like shadows dancing on the wall of an obscure academic conference, oblivious to an outside world
that is filled with real threats to democracy, society, and the schools.“ (Giroux 1992: 1)

Eine kritische Medienpädagogik hat zum Ziel, aufzuzeigen, wie und warum diese Reprä-
sentationen konstruiert werden, welchen Interessen sie gehorchen, und Freiräume („Orte des
Widerstands“) zu etablieren, die Platz für alternative Repräsentationen bieten (siehe auch
der Beitrag zu John Fiske in diesem Band). Giroux (1999) begründet seinen interventionis-
tischen Appell damit, dass zwar eine individuelle Freiheit bei der Mediennutzung zu beob-
achten ist, diese aber eigentlich nichts an den gesellschaftlichen Machtverhältnissen und der
hegemonialen Stellung der Medienkonzerne ändert. Die Teilnahme an der politischen De-
batte erfolgt für Giroux durch die kritische Auseinandersetzung mit der soziokulturellen All-
tagspraxis im Rahmen der Pädagogik. Die Analyse von Alltags- und Populärkultur in der
Tradition der Cultural Studies können die im Alltag zum Ausdruck kommenden symboli-
schen Unterscheidungsweisen und die zumeist gesellschaftlich „unsichtbaren“ politischen
wie wirtschaftlichen Interessen gerade im Bereich von Erziehung und Bildung für alle Bil-
dungsakteurinnen und -akteure „sichtbar“ machen (siehe auch der Beitrag zu Lawrence
Grossberg in diesem Band). Infolge dessen würden Bildungsprozesse Differenz- und Un-
4 Die umfassenden Analysen von Giroux zur medialen Repräsentation von Gewalt, Rassismus und anderen
Themen werden in diesem Beitrag aus Platzgründen ausgeklammert.
5 Patrick Steinwidder (2006) überträgt diesen Ansatz in die pädagogische Praxis und zeigt am Beispiel der Car-
toon-Fernsehserie „Die Simpsons“, wie im Sinne von Giroux das Verhältnis von Macht und Pädagogik im
Schulalltag problematisiert werden kann.
196 Jeffrey Wimmer

gleichheitsverhältnisse nicht mehr schlicht reproduzieren, sondern im Gegensteil das Po-


tenzial erlangen, diese aufzuheben. Giroux versteht das Programm der Cultural Studies da-
her als eine pädagogisch wirkmächtige „counternarrative“, d.h. als grundlegende Basis von
pädagogischer Handlungsfähigkeit und als Möglichkeit des Eingreifens in die (Macht-)Pro-
zesse im Rahmen von Erziehung und Bildung (Giroux et al. 1996).
Giroux überträgt aber nicht nur Fragestellungen und Herangehensweisen der Cultural
Studies in die Pädagogik, sondern geht auch darüber hinaus bzw. ist auch ausdrücklich um
eine kritische Auseinandersetzung bemüht. Dieses geschieht in expliziter Bezugnahme auf
seinen Mentor Freire, der immer wieder forderte, Theoriearbeit und nicht nur Theorie-
anwendung zu leisten. So weist Giroux frühzeitig darauf hin, dass die Cultural Studies ih-
rerseits z.T. sowohl die Rolle der Pädagogik im Zusammenhang von Kultur und Politik
systematisch vernachlässigen (Giroux 1994b)6, als auch den Aspekt der kreativen und ei-
genständigen Lesarten des Publikums als Vorstufe sozialen Wandels überschätzen (Giroux
1982: 101f.).7
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich im Werk von Giroux besonders deutlich
und auf äußerst produktive Art und Weise zeigt, wie sehr es sich bei den Cultural Studies
nicht allein um ein rein akademisches Projekt, sondern auch um Gesellschaftskritik handelt.
Der Verdienst von Giroux ist es dabei, nicht nur das Projekt der Cultural Studies in pädago-
gische Handlungszusammenhänge hineinzutragen und damit die Pädagogik kulturell und
auf politische Veränderung hin ausgerichtet zu rekontextualisieren, sondern auch eine päda-
gogische Dimension zu den Cultural Studies hinzuzufügen (vgl. ausführlich Kellner 2001,
Winter 2006).

4. Kommodifizierung der Bildung und Gegenöffentlichkeiten


Das Werk von Giroux verbindet nicht nur, wie eben skizziert, bahnbrechend das Gedanken-
gut der Cultural Studies mit der Theorie und Praxis der Pädagogik, sondern es findet sich in
seinem Konzept der Medienpädagogik ein zentraler und hochaktueller Anknüpfungspunkt
auch für die Kommunikations- und Medienwissenschaft (vgl. Winter 2008). Die Verbindung
stellt seine Analyse der Alltagspraktiken von Bildungsteilnehmenden und deren Verknüp-
fung mit der (politischen) Forderung nach einer Transformierung der gesellschaftlichen Pra-
xis dar – hier am Beispiel der Reform des Erziehungssystems. Im direkten Anschluss an die
Demokratietheorie von John Dewey und von Freire, die in demokratischer Bildung Grund-
lage jeglicher Partizipation und damit der Demokratie sehen, definiert Giroux Bildungsin-
stitutionen als eine zentrale Institution von (politischer) Öffentlichkeit:
„I believe that central to a realizable radical pedagogy is the need to view schools as oppositional democratic
public spheres. This means regarding schools as democratic sites dedicated to forms of self and social empo-
werment. Understood in these terms, schools can be public places where students learn the knowledge and
skills necessary to create in a authentic democracy. Instead of defining schools as extensions of the workplace
or as front line institutions in the battle for international markets and foreign competition, schools as demo-
cratic public spheres are constructed around forms of critical inquiry that dignify meaningful dialogue and hu-
man agency.“ (Giroux 1998: 194)

6 Gerade im deutschsprachigen Raum sind allerdings mittlerweile eine Vielzahl von Arbeiten entstanden, die ge-
rade die Verbindung von Kulturanalyse und Medienpädagogik fokussieren (z.B. Hipfl 2002; Mecheril/Witsch
2006; Winter 2006).
7 Diese Diskussion wird in 1990er Jahren von Lawrence Grossberg (1992: 95f.) und Douglas Kellner (1995:
39f) weitergeführt.
Henry A. Giroux: Kritische Medienpädagogik und Medienaktivismus 197

Giroux kann so Fragen der Medienpädagogik mit den Konstitutionsbedingungen von De-
mokratie in einer Mediengesellschaft verknüpfen. Sein interventionistischer Appell – die
Schaffung alternativer (Artikulations-)Räume („counterpublic spheres“, Giroux/McLaren
1987) – erfolgt stets unter der Berücksichtigung des komplexen Spannungsverhältnisses von
Politik, Ökonomie, Kultur und Bildung (vgl. Amos 2008). Giroux weist hier explizit wieder-
holt auf die Schattenseiten einer zunehmenden Kommerzialisierung und Privatisierung von
Bildungsinstitutionen hin, so auch aktuell am Beispiel US-amerikanischer Universitäten
(Giroux 2007; vgl. auch Giroux/Myrsiades 2001). Bildung nimmt für Giroux im Zuge des
globalen Neoliberalismus nicht mehr den Stellenwert eines öffentlichen Gutes ein, da öf-
fentliche Räume im Bildungsbereich sukzessive verlorengehen, da sie privatisiert werden.
Diese Kommodifizierung hat soziokulturelle und gesellschaftspolitische Folgen, die er mit
dem Begriff der „public pedagogy“ konkretisiert:
„Within neoliberalism’s market-driven discourse, corporate power marks the space of a new kind of public peda-
gogy, one in which the production, dissemination, and circulation of ideas emerges from the educational force
of the larger culture. Public pedagogy in this sense refers to a powerful ensemble of ideological and institu-
tional forces whose aim is to produce competitive, self-interested individuals vying for their own material and
ideological gain.“ (Giroux 2004: 106)

Um so vehementer fordert er pädagogische Freiräume für die selbstbestimmte und diskursive


Aneignung von Bildung ein, die frei von privaten – damit meint er wirtschaftliche, politische
oder auch militärische – Machtinteressen sind (Giroux 1983: 239f., 2000a; Giroux/McLa-
ren 1987). Diese öffentlichen Räume könnten neben einer diskursiven Meinungsbildung
auch einen wichtigen Beitrag zur Konstitution und Inszenierung verschiedener kultureller
und sozialer Identitäten leisten. Bildungseinrichtungen sind stets auch demokratische Orte,
die mit dem Konzept der kritischen Pädagogik quasi „revitalisiert“ werden müssen:
„Kritische Pädagogik [muss] in programmatischer Weise eine Sprache der Möglichkeiten erforschen, die ris-
kante Gedanken denken kann, sich auf ein Projekt der Hoffnung einlässt und auf einen Punkt des Horizonts
des ‚noch nicht‘ weist. Eine solche Sprache muss sich nicht auflösen in neuen Utopismus; sie ist vielmehr Be-
dingung für Positionen, sich eine andere Welt vorzustellen und dafür zu kämpfen. […] Sie ist unverzichtbar,
um Menschen in Leid und Elend zu erreichen, ihnen nicht nur mit Mitgefühl zu begegnen, sondern politisch
– und mit pädagogischen Praktiken, die in der Lage sind, die bestehenden herrschaftlichen Erzählungen in Bil-
der und Beispiele einer Zukunft, für die es sich zu kämpfen lohnt, umzugestalten.“ (Giroux 2002: 330)

Das emanzipatorische Potenzial dieser „pädagogischen Gegenöffentlichkeiten“ liegt für Gi-


roux aber nicht nur auf individueller, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene. Denn eine
Pluralität der Sichtweisen veranschaulicht nicht nur die Konstruiertheit der jeweils indivi-
duellen Erfahrungen und Positionen, sondern fordert auch die Gesellschaft zur Auseinander-
setzung mit anderen Perspektiven auf („border crossings“). Gerade dieses Verständnis für die
Erfahrungen und Positionen Anderer ist für ihn nicht nur Motor gesellschaftlichen Wandels,
sondern auch – im Sinne Karl Poppers bzgl. einer offenen Gesellschaft – Bedingung für ei-
ne Ausweitung diskursiver Öffentlichkeit und der politisch-gesellschaftlichen Teilhabe.
Implizit überwindet Giroux hier mit Hilfe seiner spezifischen Aneignung der Cultural
Studies die eindimensionale Kritik im Sinne der Frankfurter Schule. Er behält zwar deren
Primat der Ökonomisierung bei, veranschaulicht aber am Beispiel der Pädagogik, dass in
der zunehmend komplexeren und widersprüchlicheren Welt Kritik nicht mehr eindimensio-
nal auf Besitzverhältnisse reduziert werden kann, da die Ursachen für Differenzen und Kon-
flikte v.a. diskursiv vermittelt sind. Der Ansatz von Giroux besitzt zwar durchgehend einen
schon fast als ideologisch zu bezeichnenden normativen Impetus, der sich in der Analyse der
198 Jeffrey Wimmer

Potenziale und Kontexte der Selbstermächtigung („agency“) der Menschen in ihren kultu-
rellen wie pädagogischen Handlungszusammenhängen ausdrückt. Nichtsdestotrotz liefert
sein wissenschaftliches Projekt auch viele deskriptiv-analytische und gleichsam methodi-
sche Anknüpfungspunkte für die Kommunikations- und Medienwissenschaft, da hier die
Komplexität und Verschränktheit des Spannungsfeldes von Pädagogik, Kultur und Demo-
kratie genuin in der Analyse berücksichtigt werden:
„The way in which individuals and groups both mediate and inhabit the cultural forms presented by such struc-
tural forces is in itself a form of production, and needs to be interrogated through related but different modes
of analyses.“ (Giroux/McLaren 1987: 63)

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Lawrence Grossberg: Populärkultur und Handlungsfähigkeit
Rainer Winter

1. Einleitung
Lawrence Grossberg (geb. 3. Dezember 1947) wuchs in Brooklyn auf, studierte Geschichte
und Philosophie an der Universität Rochester und absolvierte anschließend ein Studium am
Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) der Universität Birmingham. Dort arbei-
tete er mit Richard Hoggart und Stuart Hall zusammen. Er promovierte 1976 an der Uni-
versität von Illinois in Urbana-Champaign, wurde im selben Jahr „Assistant Professor“,
1982 „Associate Professor“ und 1990 „Professor of Speech Communication“. 1994 erhielt
er einen Ruf an die Universität von North Carolina in Chapel Hill, den er annahm. Er ist
gegenwärtig „Morris Davis Professor of Communication Studies and Chair of the Executive
Committee of the University Program in Cultural Studies“.
Cultural Studies in ihrer heutigen Gestalt verdanken den Arbeiten und dem Wirken von
Grossberg sehr viel. Neben Hall ist er der Autor, der sich besonders intensiv mit der Ge-
schichte, den Theorien und der Methodologie der Cultural Studies auseinandergesetzt hat.
In wichtigen Analysen hat er die Komplexität und die Perspektiven dieser intellektuellen
Disziplin und Bewegung im Kontext der Philosophie seit Spinoza, der Theorieentwicklung in
der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der sich verändernden politischen Verhältnisse
seit Ende der 1950er Jahre herausgearbeitet (vgl. Winter 2007). Während für Außenstehen-
de die verschiedenen Formationen der Cultural Studies oft nur schwer als ein einheitliches
Projekt, als Einheit in der Differenz verständlich sind, zeigt Grossberg überzeugend, wie sie
als Reaktion auf unterschiedliche geohistorische Konstellationen entstanden sind, welches
ihre Stärken und Schwächen sind, wie sie zusammenhängen und wie auf diese Weise Cul-
tural Studies immer wieder neu als ein intellektuelles Projekt geschaffen werden, das diffe-
renziert und nuanciert auf die Herausforderungen der Gegenwart antwortet. So schreibt er
in der Einleitung zu einem aktuellen Beitrag:
„Dieser Essay verdankt sich meiner fortdauernden Überzeugung, dass intellektuelle Arbeit wichtig ist, dass sie
ein lebenswichtiger Bestandteil zur Veränderung der Welt ist – des Kampfes für eine humanere Welt – und dass
Cultural Studies als spezifisches Projekt, als eine spezifische Art intellektueller Praxis, dazu Wertvolles beizu-
tragen haben.“ (Grossberg 2007a: 135)

Cultural Studies sind für Grossberg ein transdisziplinäres, kritisches und politisches Projekt,
das Machtverhältnisse analysiert, kritisiert und Möglichkeiten der Transformation sowie der
Ermächtigung aufzeigen möchte. Sie sind einem „radikalen Kontextualismus“ (Grossberg
1999) verpflichtet und versuchen zunächst die relevanten Fragen der zu analysierenden kul-
turellen und sozialen Kontexte zu finden, die Problemlagen zu beschreiben sowie zu for-
mulieren und dann durch die Aneignung von Theorien, durch empirische Forschungen und
intellektuelle Synthesen zu (vorläufigen) Antworten, zu einem Verständnis der jeweiligen
Konstellation (conjuncture) zu kommen.
„Die Beschreibung einer Problemlage, einer Konstellation, stellt eine gesellschaftliche Formation als zerrissen
und konfliktträchtig, als auf multiplen Achsen, Ebenen und Maßstäben angesiedelt dar, als eine Einheit, die mit
einer Vielfalt von Praktiken und Prozessen des Kampfes und der Verhandlung beständig auf der Suche nach
vorübergehendem Gleichgewicht oder struktureller Stabilität ist“ (Grossberg 2007a: 140)
Lawrence Grossberg: Populärkultur und Handlungsfähigkeit 201

Dies ist ein sehr anspruchsvolles und aufwendiges Unternehmen, das Sorgfalt, Verantwortung
und Engagement erfordert. Grossberg hebt immer wieder hervor, dass Cultural Studies inter-
ventionistisch orientiert und der Auseinandersetzung verpflichtet sind. Sie möchten zu einem
besseren Verständnis von Konstellationen beitragen und die Betroffenen dabei unterstützen,
diese zu verändern und ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Cultural Studies sind, wie er
überzeugend zeigen kann, einem „emanzipatorischen Erkenntnisinteresse“ (Habermas 1968)
verpflichtet. Sie erforschen, wie unser Selbst- und Weltverständnis durch Machtstrukturen
bestimmt wird und wie Formen der Ermächtigung aussehen und bewirkt werden können; sie
schärfen das Bewusstsein dafür, wie wir mit anderen verbunden sind bzw. welche Differen-
zen uns von anderen trennen. Hierbei spielt die „popular culture“ eine wichtige Rolle.
„[Sie ist, RW] als eine Sphäre zu verstehen, in der Menschen sich mit der Wirklichkeit und ihrem Platz in ihr
auseinandersetzen, als eine Sphäre, in der Menschen innerhalb schon bestehender Machtverhältnisse kontinu-
ierlich sich an diesen abarbeiten, um ihren Leben Sinn zu geben und es zu verbessern“ (Grossberg 2000a: 51)

Cultural Studies arbeiten heraus, wie die dominanten Medien oft demokratische Transfor-
mationen zu verhindern versuchen und wie eine kritische Kompetenz der Decodierung die
medial erzeugte, für alle als verbindlich dargestellte Wirklichkeit subvertiert. Darüber hin-
aus legen sie dar, dass soziale Marginalität, Armut und soziale Ausschließung nicht Folgen
individuellen Handelns, sondern kontextuell verankert sind. So ist es erforderlich, das kom-
plexe Zusammenspiel von sozialen, ökonomischen, kulturellen und politischen Kräften zu
erforschen, um die Positionierung der Individuen, ihre Entmächtigung und ihre (vielleicht
vorhandenen) Handlungsmöglichkeiten in der Konstellation der Gegenwart zu verstehen.
Das Wissen, das Cultural Studies produzieren, möchte zum einen die Kontingenz der
gegenwärtigen Kräfteverhältnisse, zum anderen Möglichkeiten der Veränderung aufzeigen.
Im Folgenden werden wir zunächst Grossbergs Perspektive auf das Verhältnis von popu-
lärer Kultur, Vergnügen und Widerstand diskutieren (Abschnitt 2). Anschließend betrachten
wir den Zusammenhang von Macht, Artikulation und Alltagsleben (Abschnitt 3). Darauf auf-
bauend analysieren wir Grossbergs Konzept populärer Handlungsfähigkeit (Abschnitt 4). Ab-
schließend resümieren wir Grossbergs Konzeption der Populärkultur und gehen in einem
Ausblick auf seine neuesten Arbeiten zu alternativen und entstehenden Modernen ein (Ab-
schnitt 5). Im Zentrum unserer Betrachtungen steht „We Gotta get Out of This Place. Popu-
lar Conservatism and Postmodern Culture“ (1992), mit dem Grossberg bekannt wurde.

2. Populäre Kultur, Vergnügen und Widerstand


Ähnlich wie bei Michel de Certeau (1988; siehe den Beitrag zu Michel de Certeau in die-
sem Band) oder John Fiske (vgl. Winter/Mikos 2001; Winter 2001; siehe den Beitrag zu
John Fiske in diesem Band) spielt auch im Werk von Grossberg die Analyse der populären
Kultur und die Bestimmung der Bedingungen von Handlungsfähigkeit eine zentrale Rolle.
„Das Populare artikuliert das Alltagsleben als eine strukturierte Mobilität durch die Kon-
struktion der Räume und Orte des Alltagslebens, an denen Menschen ihren Alltag leben“
(Grossberg 2000: 65). Von Anfang an wehrt er sich entschieden gegen die Vorwürfe, inner-
halb der Cultural Studies werde jedes Vergnügen als positiv und politisch progressiv begrif-
fen und so ein unkritischer Populismus verfolgt. „On the contrary, it [Cultural Studies, RW]
often recognizes that pleasures may themselves be repressive and regressive – for example
those derived from relations of domination over other groups in formations of racism“
202 Rainer Winter

(Grossberg 1995: 75). Grossberg setzt sich aber auch kritisch mit postmodernen Tendenzen
innerhalb der Cultural Studies auseinander, die bisweilen allzu optimistisch polarisieren
zwischen einer sozialen Macht, verstanden als die Fähigkeit, Strukturen aufzuerlegen, und
dem pluralen, heterogenen, differenten täglichen Leben (daily life), in dem diese Strukturen
abgelehnt oder dekonstruiert werden können. In diesen Theorien wird nach polysemen Be-
deutungen und Mehrdeutigkeiten gesucht (vgl. Fiske 1987), und es wird die Vielfalt von
Praktiken, Vergnügen und Subjektivitäten gefeiert. Grossbergs Ansicht nach wird dabei oft
ausgeblendet, dass Herrschaft nicht in kultureller Macht aufgeht und wie das tägliche Leben
mit der Politik der Gesellschaftsformation im Ganzen artikuliert ist.
„By valorizing daily life as intrinsically disruptive and playful, it constantly discovers moments of resistance,
whether or not they have tangible effects. By equating structure and power, it creates the illusion that one can
escape them. […] By equating resistance with the deconstruction of any structure, it often unconsciously re-
produces those positions of power which, at any moment, for whatever reasons, have escaped the deconstruc-
tive onslaught.“ (Grossberg 1992: 94)

Solche vereinfachenden Gleichsetzungen haben Anlass zu polemischen Kritiken von Geg-


nerinnen und Gegnern der Cultural Studies gegeben. Sie haben zur Folge, dass die Analyse
des Verhältnisses zwischen den Formen des Vergnügens sowie der Bedeutungsproduktion,
mit denen bis zu einem bestimmten Grad eine Kontrolle über die eigenen Lebensbedingun-
gen ausgeübt, die Differenzen zu anderen behauptet, sowie die eigenen Möglichkeiten ver-
folgt werden können, und den Strukturen der Gesellschaftsformation oft nicht erfolgt.
Außerdem reduziert sich die Analyseperspektive bisweilen darauf, Praktiken primär unter
den Aspekten von Selbstermächtigung und Widerstand zu begreifen. Dagegen stellt Gross-
berg fest, dass die lustvolle Aneignung von Texten dominante Vorzugsbedeutungen nicht
zum Verschwinden bringen muss. Daraus ergibt sich, dass Aneignungspraktiken in ihrer
Komplexität und Widersprüchlichkeit untersucht werden müssen. „Critics need to address
the complex and contradictory ways in which practices produce pleasure and even empower-
ment, but also displeasure, anxiety, boredom, drudgery, fragility, insecurity and even dis-
empowerment“ (Grossberg 1992: 95). Es sollte untersucht werden, wie Praktiken, die zur
Ermächtigung, also zu einer gewissen Verfügung über den eigenen Platz im täglichen Leben
führen, mit größeren politischen Projekten und Strukturen der Macht verbunden sind. Wie
lassen sie sich im gesellschaftlichen Kontext interpretieren? Sicherlich dürfen sie nicht auto-
matisch mit dem Versuch, die eigenen Lebensbedingungen zu ändern, gleichgesetzt werden.
So muss der oft nachgewiesene bzw. behauptete semiotische Widerstand (vgl. Fiske 1987)
nicht in politische Projekte münden. „And struggle is not always resistance, which requires
a specific antagonism. And resistance is not always opposition, which involves an active and
explicit challenge to some structure of power“ (Grossberg 1992: 95f.).

3. Macht, Artikulation und Alltagsleben


Mit engem Bezug zu Michel Foucault (1977, siehe den Beitrag zu Michel Foucault in die-
sem Band) möchte Grossberg eine Konzeption der Macht entfalten, die deren produktiven
und jeden Aspekt des menschlichen Lebens durchdringenden Charakter hervorhebt. Macht
stellt einen sich ständig verändernden Spielstand in einem beweglichen Feld von Kräften
dar. So stehen die Bedeutungen von Identitäten und Differenzen, die die Machtverhältnisse
in einer bestimmten Konstellation definieren, nicht im Voraus fest, vielmehr entscheidet sich
erst in Auseinandersetzungen über Artikulationen, was es z.B. bedeutet, eine Frau oder ein
Lawrence Grossberg: Populärkultur und Handlungsfähigkeit 203

Schwarzer zu sein. Das Verhältnis eines Subjektes zu einer diskursiven Formation wird als
Artikulation, als eine kontingente Beziehung ohne notwendige Korrespondenz verstanden.
Die Artikulation ist ein anti-essenzialistisches Verfahren, das notwendige Korrespondenzen,
intrinsische Identitäten von Praktiken und Ereignissen bestreitet. Im Sinne von Gilles Deleu-
ze und Félix Guattari (1992) und Foucault definiert Grossberg Praktiken durch ihre Effekte,
durch ihre Verbindungen mit dem „Außen“. Das Konzept der Artikulation soll es erlauben,
einerseits genau jene Verbindungen zwischen Praktiken und Effekten aufzudecken, anderer-
seits die verschiedenen, oft nicht vorhersehbaren Wirkungen von Praktiken aufzuzeigen.
„Articulation is the production of identity on top of difference, of unities out of fragment, of structures across
practices. Articulation links this practice to that effect, this text to that meaning, this meaning to that reality,
this experience to those politics. And these links are themselves articulated into larger structures, etc.“ (Gross-
berg 1992: 54)

Dabei sind die Effekte von Praktiken für Grossberg immer abhängig von ihrer Position im
jeweiligen Kontext. Im Sinne von Foucault muss bei der Analyse von Ereignissen das Netz-
werk von Beziehungen, in die und mit denen es artikuliert ist, ebenso wie die Möglichkei-
ten verschiedener Artikulationen (re)konstruiert werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass
die Artikulation selbst den Kontext, in den die Praktiken eingefügt werden, verändert. Im
Zentrum der Theorie der Artikulation stehen also spezifische Kontexte, deren (Re)kon-
struktion für das Verständnis einer Praktik unerlässlich ist. Der Kontext ist nicht am Anfang
der Analyse gegeben, sondern er ist ihr Ziel und Produkt (vgl. Grossberg 1999). Dies macht
die Spezifik des Vorgehens von Grossberg aus. Erst die Bestimmung der kulturellen und ge-
sellschaftlichen Rahmung von Praktiken wie z.B. der Medienaneignung erschließt ihre Be-
deutung und Relevanz.
An das Konzept der Fluchtlinien von Deleuze/Guattari (1992) anknüpfend, mit dem sie
die Ausbruchsversuche aus repressiven und geordneten Systemen bezeichnen, geht Gross-
berg davon aus, dass Praktiken unterschiedlich angeordnet und rhizomartig organisiert sind.
Dabei sind Rhizome gekennzeichnet durch einen Kampf zwischen zwei Effektivitätslinien,
denen der Artikulation und denen der Flucht.
„Lines of flight, on the other hand, disarticulate, open the assemblage to its exterior, cutting across and dis-
mantling unity, identity, centers and hierarchies. They deterritorialize the territories that have been articulated,
not by fragmenting the assemblage […] but by subtracting the lines of articulation, the structures of unity and
hierarchy.“ (Grossberg 1992: 58)

Grossberg betont, dass die Artikulations- und Fluchtlinien nicht vorschnell mit Macht und
Widerstand gleichgesetzt werden sollten. Denn Praktiken sind auf komplexe und wider-
sprüchliche Weise mit Machtverhältnissen artikuliert. Daher fordert er, dass Cultural Studies
Konzeptionen von Unterdrückung hinter sich lassen sollen:
„Cultural Studies müssen sich eher zu einem Modell der Artikulation als ‚transformativer Praxis‘, als singulä-
re Gemeinschaftsbildung hinentwickeln. (…) Sie [die Unterdrückungsmodelle, RW] können uns nicht vermit-
teln, wie man verschiedene Bevölkerungsteile, die in unterschiedlichen Machtverhältnissen leben, in den
Kampf um Veränderungen einbinden kann.“ (Grossberg 2007b: 36)

Zur genaueren Bestimmung der Produktion von Macht zieht Grossberg Foucaults (1977) Be-
griff des Dispositivs (apparatus) heran. Ein Dispositiv vereinigt diskursive und nondiskursi-
ve Ereignisse und lässt sich als aktive Anordnung von Machttechnologien begreifen. Gross-
berg erweitert Foucaults frühe Definition, indem er Dispositive nicht nur in ihrer Funktion in
den Wahrheitsspielen der Moderne betrachtet. „An apparatus is an active formation which
204 Rainer Winter

operates as a machine of power, organizing behavior by structuring economies of value, sys-


tems of social identification and belonging, and their relations“ (Grossberg 1992: 102).
Um die Struktur von Machtoperationen deutlicher zu machen, knüpft er auch an Deleuzes
und Guattaris (1992) Diskussion der Maschinerien sozialer Identifikation an. Diese haben
eine konstruktivistische Philosophie der Immanenz geschaffen, in der die Wirklichkeit aus
Prozessen und „Werden“ besteht, die sich selbst organisieren und produzieren (vgl. Gross-
berg 2003). Grossberg unterscheidet zwischen differenzierenden und territorialisierenden
Maschinen (Grossberg 1992: 103f.). Die differenzierenden Maschinen sind in erster Linie
„Regime der Wahrheitsfindung“ (regimes of veridification), die die Systeme sozialer Diffe-
renz (wie z.B. Selbst/Anderer) und sozialer Identitäten produzieren. Sie errichten Grenzen
zwischen dem Normalen und dem Nicht-Normalen. Die territorialisierenden Maschinen
sind „Regimes der Rechtsprechung“ (regimes of jurisdiction), die die Orte und Räume, die
Stabilitäten und Mobilitäten des täglichen Lebens festlegen. In gewisser Weise verräum-
lichen sie die Zeit und verzeitlichen den Raum (ebd.: 104). In beiden Dispositiven spielt die
Ebene des Affektes eine entscheidende Rolle.
Vor diesem Hintergrund sieht Grossberg eine wichtige Aufgabe der Cultural Studies da-
rin, eine Art Landkarte des alltäglichen Lebens zu entwerfen, die seine dynamische Qualität,
seine strukturierte Mobilität erfasst, um so die Möglichkeiten zur Intervention zu schaffen.
Das Entwerfen selbst stellt bereits eine Intervention in die Gegebenheiten des täglichen Le-
bens dar. „Such a structured mobility is produced through a strategic interplay between lines
of articulation (territorializing) and lines of flight (deterritorializing)“ (Grossberg 1992: 107f.).
Dabei bleibt die entscheidende Frage, wie populärkulturelle Praktiken mit größeren Struk-
turen artikuliert sind und ob sie die sozialen Bedingungen, die das Leben der einzelnen be-
stimmen, überhaupt herausfordern können. Denn oft sind die Strategien der Ermächtigung
eingebunden in die „disziplinierte Mobilisierung des Alltagslebens“.
Damit meint Grossberg (1996: 40) zweierlei. Zum einen hat die Mobilität als dominante
amerikanische Ideologie ihre alltägliche Bedeutung verändert. Es geht weniger darum, sozial
aufzusteigen, als darum, ständig in Bewegung zu sein, wofür die Rave- oder die Skateboard-
Kultur gute Beispiele sind. Damit verbunden finden sich im Alltagsleben fest verankerte
Formen von Kontrolle, die eine Fremdkontrolle nicht mehr notwendig machen. Zum ande-
ren meint disziplinierte Mobilisierung die Etikettierung und Normalisierung abweichenden
Verhaltens. Grossberg führt als Beispiel an, dass Langeweile oder gesteigerte Aktivität von
Kindern in der Schule diskursiv zu Problemen werden können, die es mit Drogen (z.B. Am-
phetaminen) zu beheben gilt. In „Caught in the Crossfire“ (2005) zeigt er, wie in den USA
seit den 1990er Jahren ein regelrechter Krieg gegen die Kids geführt wird, die als gefährlich
und gefährdet betrachtet und als die „Anderen“ problematisiert werden. Deshalb werden sie
Disziplinierungs- und Normalisierungsprozeduren unterworfen, um sie in die Schranken zu
weisen. Grossberg arbeitet heraus, wie dieser Kampf in die übergreifende Konstellation
(conjuncture) eingebunden ist, das politische, soziale und ökonomische Leben radikal zu
transformieren und neu zu strukturieren. Seine detaillierte Diskursanalyse zeigt, dass kon-
servative, neokonservative und neoliberale Allianzen versuchen, eine „neue Moderne“ zu
schaffen, die unsere Vorstellungskraft, unsere Konzeptionen von Handlungsmacht und einer
aktiven Gestaltung der Zukunft negieren.
„Doch wenn wir die Kontrolle über unsere Gegenwart zurückgewinnen wollen, wenn wir die Möglichkeit, uns
die Zukunft vorzustellen, zurückgewinnen wollen, dann müssen wir den Kids – übrigens in der ganzen Welt –
die Möglichkeiten zurückgeben, für sich selbst Hoffnung zu verkörpern.“ (Grossberg 2007c: 218)
Lawrence Grossberg: Populärkultur und Handlungsfähigkeit 205

4. Populäre Handlungsfähigkeit
Grossberg betrachtet die Formationen der Populärkultur in der Nachkriegszeit als ein terri-
torialisierendes Dispositiv. Die zentrale Frage, wie Artikulationen vollzogen werden, kann
nur beantwortet werden, wenn das Verhältnis von Subjekten zu ihrer Handlungsfähigkeit
(agency) untersucht wird. Denn Artikulationen werden immer durch reale Individuen voll-
zogen (Grossberg 2000b: 133ff.). Wie alle Vertreter und Vertreterinnen der Cultural Studies
insistiert auch Grossberg darauf, dass Individuen oder Gruppen nie vollständig passiv sind
oder manipuliert werden. So wird die Subordination aktiv gelebt, wobei an den Praktiken
der Macht partizipiert wird. Entscheidend ist, wie Praktiken neu artikuliert werden können,
um partikularen Machtstrukturen zu widerstehen, zu opponieren oder zu entkommen. Wie
kann ein Raum besetzt werden, allerdings unter Bedingungen, die nicht selbst kontrolliert
werden können? Im Sinne Gramscis (siehe den Beitrag zu Antonio Gramsci in diesem Band)
werden Artikulationen eingeschränkt durch tendenzielle Kräfte (Kapitalismus, Nationa-
lismus, Religion etc.), in die sie eingebunden sind.
Grossberg präzisiert die durch Gramsci geprägte Konzeption der Artikulation, indem er
sie zunächst von deterministischen Modellen abgrenzt, die von strukturellen Korresponden-
zen zwischen Kultur und Ökonomie ausgehen. „Contrary to this view, seeing history as ar-
ticulated implies the existence of continuous and active causal relationships among deter-
mining conditions of possibility across diverse levels and planes“ (Grossberg 1992: 116).
Des Weiteren gehen die Cultural Studies davon aus, dass die menschliche Natur historisch
und sozial geprägt ist. Sie ist das Produkt gesellschaftlicher Praktiken und somit historisch
artikuliert.
„Es gibt immer eine Vielzahl von Positionen, nicht nur verfügbar, sondern besetzt, eine Vielzahl von Weisen,
mittels denen verschiedene Bedeutungen, Erfahrungen, Mächte, Interessen und Identitäten miteinander artiku-
liert werden können. Das historische Individuum ist selbst Schauplatz fortdauernder Kämpfe und Artikulatio-
nen.“ (Grossberg 2000b: 135)

Deutlich grenzt Grossberg (1992: 119f.; 1999) die Position der Cultural Studies von Theorien
der Interpellation ab, die Subjektanrufung und Subjektsein kurzschließen. Er kritisiert, dass
diese der Sprache und dem Diskurs zu viel Macht einräumen. So gehen sie davon aus, dass
das Subjekt durch Ideologien immer in bestimmte Subjektpositionen verwiesen wird und
nicht selbst aktiv seinen Platz innerhalb der vorgegebenen Sinnrahmen mitbestimmen kann.
Gemäß diesen Theorien reproduzieren sich die Strukturen der Geschichte: eine Handlungs-
fähigkeit der Subjekte wird nicht angemessen berücksichtigt. Folgende Gegenargumente
lassen sich anführen: Die Interpellation ist nie gänzlich erfolgreich (vgl. Hall 1996: 13f.).
Die zugewiesenen Subjektpositionen sind als komplex und widersprüchlich zu begreifen.
Ein Subjekt wird nicht durch ein spezifisches ideologisches Ereignis konstituiert, sondern
steht unter dem Einfluss verschiedener (ideologischer) Systeme sozialer Differenzen (Mann/
Frau, Schwarz/Weiß, Hetero-/Homosexualität etc.), die ihm einen Ort zuteilen. „Das Sub-
jekt kommt bereits (außerhalb von Diskurs) positioniert zur Ideologie, als ein potentieller
Kampfplatz und als die aktive Quelle von Bedeutungsproduktion“ (Grossberg 2000b: 130).
Es gibt also unterschiedliche Kämpfe von Bedeutungen. Dies führt zu einer fragmentierten,
nomadischen und zerstreuten Subjektivität. Handlungsfähigkeit hängt dann davon ab, wie
die verschiedenen Momente miteinander artikuliert werden. „Agency can only be described
in its contextual enactments. Agency is never transcendent; it always exists in the differen-
tial and competing relations among the historical forces at play“ (Grossberg 1992: 123).
206 Rainer Winter

Grossberg lehnt Subjektivitätskonzeptionen ab, die einen grundlegenden ontologischen


Bereich oder alternative Konzeptionen des Körpers für sich in Anspruch nehmen. Stattdes-
sen schlägt er die Konzeption einer affektiven Individualität vor.
„It is the subject, not of identities (nor of unconscious libidinal desires), but of affective states. It is the indi-
vidual moving through the intensities of mattering maps. The affective individual exists in its commitments,
its mobilities, its movements through the ever-changing places and spaces, vectors and apparatuses of daily life.“
(Grossberg 1992: 125f.)

Diese affektive Individualität wird durch soziale und historische Faktoren bestimmt; trotz-
dem sind ihre Wege im täglichen Leben nicht determiniert. Sie entwirft neue Landkarten,
sucht andere Wege und einen eigenen Raum. Grossberg illustriert diesen Typus von Indivi-
dualität am Beispiel der Rapmusik.
„The affective individual often speaks in boasts, like a rap song announcing the rapper’s existence. His or her
rap, the investment itself, becomes the accomplishment, more important than the accomplishment announced.
Rap is in fact one of the most powerful and visible statements in contemporary culture (along with heavy me-
tal) of the facticity of the affective individual.“ (Grossberg 1992: 126)

Bereits im letzten Teil von „We gotta get out of this place“ (1992) arbeitet Grossberg her-
aus, dass der Versuch, eine konservative Hegemonie innerhalb der USA zu errichten, Teil
des Bemühens ist, eine neue Weltordnung zu etablieren. Im Anschluss an David Harveys
„The Condition of Postmodernity“ (1989) untersucht er die postfordistischen Veränderun-
gen der Wirtschaft, die im Bereich der Kultur zu einer Diversifizierung, Differenzierung,
Spezialisierung und Fragmentierung geführt haben, warnt aber vor einem damit verknüpf-
ten Optimismus. Vielmehr sei der Kapitalismus in ein Stadium eingetreten, in dem er keine
äußere Grenze mehr kenne, was sich auch in der Diagnose eines „Empire“ (Hardt/Negri
2002) ausdrückt.
„The individual is no longer a singular social subject who always maintains an abstract existence, but a frag-
mented and mobile structure of capital […] the individual is an assemblage of concrete fragments which are
reified by their direct relation to capital.“ (Grossberg 1992: 352)

In diesem Zusammenhang sprechen Michael Hardt und Toni Negri (2002) von einer realen
Subsumtion unter die Kapitalprozesse. Auf diese Weise produziert das postfordistische
Wirtschaftssystem unentwegt einen Fluss von Differenzen, der eine stabile Identität oder
Gemeinsamkeit beständig unterhöhlt.
Dagegen ist eine Politik gerichtet, die subordinierten Fraktionen helfen möchte, ihrer Po-
sition Ausdruck zu verleihen. Bereits in der New-Times-Debatte der Cultural Studies Ende
der 1980er Jahre, in der die Folgen der Entstrukturierung und Enttraditionalisierung infolge
des Übergangs zum Postfordismus und einer intensivierten (Post-)Modernisierung diskutiert
wurden (vgl. Hall/Jacques 1989), findet diese postmoderne Identitätspolitik ihren Ausdruck,
die eng mit den Machtformen verbunden ist, die das Alltagsleben durchdringen.
„New Times, as a postmodern identity politics, attempts, correctly, I think, to address real people on the ter-
rain where they live: the real fears, needs, desires, aspirations, hopes, struggles and problems which constitute
the limits within which people can imagine their own political positions.“ (Grossberg 1992: 371)

Grossberg (1992) warnt aber davor – wie nach ihm Hardt und Negri (2002) –, politische
Auseinandersetzungen im Verhältnis von Konsum, Identität und Kultur aufgehen zu lassen.
Auch er hält eine darüber hinausgehende Politik der Allianzen für erforderlich, die Diffe-
renzen nicht leugnet, Singularitäten betont, aber Gemeinsamkeiten herstellt und auf ein af-
fektiv verankertes Engagement setzt, wie sie sich auch im Konzept der Multitude ausdrückt.
Lawrence Grossberg: Populärkultur und Handlungsfähigkeit 207

Nur so lasse sich die gefahrvolle Tendenz einer disziplinierten Mobilisierung und Normali-
sierung des Alltagslebens bekämpfen, wie sie für die Gegenwart charakteristisch sind (vgl.
Grossberg 2005). Die hierbei wichtigen Fragen sind: Wie kann die immer fragmentiertere
und differenziertere Gesellschaft neue Formen der Allianz und Gemeinsamkeit hervorbrin-
gen? Wie kann ein Gemeinwesen entstehen, das mit oppositionellem Engagement gegen
Machtverhältnisse verbunden ist? Wie kann aus dem Zynismus der postmodernen Populär-
kultur Hoffnung auf Veränderung hervorgehen (vgl. Grossberg 2000a)? Am Beispiel der
Rockformation und der Angriffe von Konservativen auf diese weist Grossberg darauf hin,
dass Populärkultur mit einer Politik der Ermächtigung verbunden sein kann, immer Flucht-
linien enthält und dass in jedem Fan ein potenzieller Fanatiker steckt, dessen zeitliche und
affektive Investitionen nicht leicht diszipliniert werden können. „It is precisely the ability of
the rock formation to make roads over which millions have passed and will pass, its power
to locate people in an affective structure of hope, that makes it dangerous for the Right and
an important resource for the Left“ (Grossberg 1992: 395f.).

5. Von der Populärkultur zu alternativen Modernen


Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es Grossberg in seinen Analysen nicht um die
ästhetische Qualität oder die kulturelle Authentizität der Populärkultur geht, sondern um ih-
re Effekte im Alltagsleben und um ihre politischen Möglichkeiten. So betrachtet er z.B. die
Rockmusik als Konfiguration kultureller Praktiken und Effekte, die um die Musik herum or-
ganisiert sind. Die Rock-Formation besteht aus einer besonderen Dispersion von Praktiken
in Raum und Zeit (vgl. Grossberg 2000a), an die Stelle der Kategorie des Widerstandes rückt
bei Grossberg die affektive Ermächtigung (empowerment), die für ihn eine Voraussetzung
für Handlungsfähigkeit und Handeln ist. Damit meint er diejenigen gefühlsmäßigen und
körperlichen Zustände, die zusätzliche Energie freisetzen und den Einzelnen das Gefühl ver-
mitteln, eine gewisse Kontrolle über ihr eigenes Leben zu haben. Sie sind sowohl die Vor-
aussetzung für die Entwicklung neuer Bedeutungen, Formen des Vergnügens und neuer
Identifikationen, als auch ein Schutzschild gegen den Pessimismus, die Frustrationen, die
Inauthentizität und den ironischen Zynismus, die die Postmoderne auszeichnen (vgl. Giroux
2001).
Nach Grossberg können das Populäre und die mit ihm verbundenen Vergnügen je nach
Kontext äußerst unterschiedliche Funktionen einnehmen. Er wehrt sich, wie in Abschnitt 2
bereits erläutert, entschieden gegen Positionen, die das Populäre und die Handlungsfähig-
keit der Konsumierend