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jeder Bürger, vom Säugling bis zum Greis,


lebenslänglich einen im Einzelnen fest-
zulegenden Grundbetrag zur Sicherung
des Lebensunterhalts bezieht, und zwar
ohne Wenn und Aber, ohne Auflagen,
ohne Kontrolle und ohne Bürokratie.

Geld ohne Arbeit?

Die meisten, denen man diese Kurzfor-


mel als geniale und einfache Rettung
unseres Sozialstaats unterbreitet, lächeln
milde, weil sie sich an Sponti-Sprüche
und Sozialutopien aus revolutionären
Zeiten erinnert fühlen: „Geld ohne Arbeit
 ANDERS ARBEITEN – schön wär‘s, aber wo gibt‘s denn so
was?“ Die verblüffende Antwort lautet:

Bedingungsloses Bei uns, und zwar schon lange. „Ohne


Arbeit“ sind bekanntlich recht viele, und
dass sie trotzdem Geld bekommen, dürf-

Grundeinkommen
te ebenfalls geläufig sein. Nur wird dieser
Zustand einer anhaltenden und tolerier-
ten Arbeitslosigkeit von drei bis fünf Milli-
onen Mitbürgern als Makel empfunden
und entsprechend kommuniziert. Vollbe-
Ein Bürgergeld ohne Gegenleistung sei sinnvoll, finanzierbar
schäftigung oder zumindest eine weitge-
und die Lösung aller sozialstaatlichen Probleme, so die Be- hende Verringerung der Arbeitslosigkeit
ist nämlich nach wie vor oberstes Ziel der
fürworter. Kritiker sprechen von Sozialutopie und Heilslehre.
Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.
Von der Kontroverse profitiert die Diskussion über die Zu- Dabei wird die eigentliche Utopie,
kunft der Arbeit. | Andreas Pallenberg nämlich die Vollbeschäftigung bei stetig
wachsender Wirtschaft, längst als solche
erkannt, selbst wenn Regierungschefs

H
artz IV steht mal wieder auf dem Und wie reagieren die Parteien und In- und -chefinnen unbekümmert weiter
Prüfstand. Kurz nachdem Sozial- teressensverbände? So wie immer: Alle Wachstum als Allheilmittel predigen.
ministerin Ursula von der Leyen fühlen sich bestätigt. Die einen freuen Alle Wirtschaftswissenschaftler sind
den Begriff zumindest buchstäblich ger- sich über möglicherweise steigende sich einig, dass es – ob mit oder ohne
ne abgeschafft hätte, ist er wieder in aller Zuwendungen, die anderen wollen diese Wachstum – in differenzierten und
Munde und dürfte sich auch weiterhin sogar eher noch senken. Das Gewursch- hochtechnisierten Volkswirtschaften
als Markenzeichen für die umfassendste tel um „fördern und fordern“ wird also immer weniger Arbeit gibt (vgl. Michael
und gleichzeitig umstrittenste Sozialre- weiter gehen, und es wird mal wieder Opielka: „Grundeinkommen als Sozialre-
form in der Geschichte der Bundesrepu- nur kleine Veränderungen geben. Für form“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte
blik Deutschland festigen. Denn gerade eine wirklich große Sozialreform fehlt (APuZ) 52/2007). Die Produktivität
erst haben unsere Verfassungsrichter nach wie vor der Mut, obwohl quer durch ist nicht zuletzt durch Arbeitsver-
den Urhebern dieses mit der heißen alle politischen Strömungen ein gar nicht dichtung, Automatisierung, Digita-
Nadel gestrickten Sozialgesetzes eine so neues Sozialstaatsmodell immer hef- lisierung und Rationalisierung derart
Ohrfeige erteilt. Nicht nachvollziehbar tiger diskutiert wird: Das bedingungslose gestiegen, dass es insgesamt immer
seien die Grundsicherungsbeträge für Grundeinkommen. weniger Tätigkeiten gibt, die von Men-
Kinder und Jugendliche, sie seien will- Unter diesem Stichwort gibt es viele schen geleistet werden müssen. Das
kürlich festgesetzt und entbehrten jeder Modelle, die sich in Details zwar unter- erleben Arbeitsuchende seit Jahren und
realen Grundlage. Also nachbessern! scheiden, allen gemeinsam ist aber, dass inzwischen auch die zunehmend ver-

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zweifelten Arbeitsvermittler in den Agen- kümmern sollen, bleibt nichts anderes wortung des Wohnumfeldes usw., die
turen. Sie haben für die große Masse der als zu fordern, weil es meistens nichts geleistet werden will und geleistet wer-
Arbeitslosen (Opielka spricht von einem mehr zu fördern gibt. Auf jeden Fall, so den könnte, wenn man dies zuließe.
Arbeitsplatzdefizit von sieben Millionen) die weit verbreitete Haltung und die be- Und genau diese Möglichkeit ergäbe
keine Arbeit mehr. Sehr spezialisierte stehende Gesetzeslage, hat sich ein sich, wenn Menschen sanktionslos und
Fachkräfte werden dagegen weiterhin Leistungsbezieher anzustrengen, wieder bedingungslos über ein Grundeinkom-
gesucht; aber es lässt sich eben nicht in Arbeit zu kommen. Das kann zu absur- men verfügen könnten, sich also nicht
aus jedem Gabelstaplerfahrer ein Inge- den Aktionismen gegenüber dem kon- um den materiellen Grundbedarf küm-
nieur und nicht aus jedem Doktor der trollierenden Amt führen, das selbst in mern müssten. Sie könnten ohne An-
Philosophie ein Informatiker basteln. ausweglosen Vermittlungssituationen rechnung hinzuverdienen, könnten sich
Was bleibt, ist eine unzufriedene Mas- verlangt, dass sich der Arbeitslose be- sinnvollen Aufgaben widmen und ihren
se an Arbeitslosen, die sich mit ihrem wirbt, allein um seine Mitwirkung unter Teil beitragen zur Gemeinschaft nach
Schicksal abfindet oder sich von einer Beweis zu stellen. Unternimmt derselbe ihren Fähigkeiten, Kräften und Vorlieben.
Fortbildungsmaßnahme bis zur nächsten Arbeitslose sinnvolle Dinge wie die Be- Es gibt ja genug Arbeit, nur eben nicht
neue Hoffnungen machen lässt. treuung von Angehörigen, Mitwirkung in hinreichend Erwerbsarbeit. Wer dagegen
ehrenamtlichen Organisationen oder ar- für den Arbeitsmarkt passend qualifiziert
Erwerbsarbeit beitet er unentgeltlich oder gar schwarz, ist, der nimmt auch dann noch gerne
als Lebenszweck dann ist das ein Fehlverhalten, das mit einen Job an, bei dem er zum Grundein-
Reduktion der Sozialleistungen oder so- kommen deutlich hinzuverdienen kann,
Hinzu kommt die große Unzufriedenheit, gar mit Strafen geahndet wird. denn ein Grundeinkommen lässt keine
die Stigmatisierung als Arbeitsloser in ei- Will ein Hartz-IV Bezieher etwas hin- großen Sprünge zu. Somit würde es sich
ner Gesellschaft zu leben, die Arbeit zum zuverdienen, sagt ihm eine kurze Über- auch in diesem Modell lohnen zu arbei-
Lebenszweck erkoren hat. Wer keine Ar- schlagsrechnung sehr schnell, dass sich ten. Und wer kreativ ist und mit einer
beit hat, gilt als Problem, als Sozialfall dies nicht lohnt. Bis auf kleine Freibeträ- guten Idee sein Geschäft machen will,
und ist „draußen“. Obwohl er es objektiv ge wird alles verrechnet. Es lohnt sich für der wird es ebenfalls „unternehmen“,
eigentlich gut hat. Er hat nämlich Zeit, Arbeitslose kaum, auf legalem Weg klei- da der Anreiz, mehr zu verdienen mit
sich um gute und wichtige, sinnvolle und ne und kurzfristige Arbeitsgelegenheiten dem Grundeinkommen ja keineswegs
notwendige Dinge zu kümmern. Aber anzunehmen. Solcherlei Bürokratisierung versiegt. Im Gegenteil: Viel eher wäre ein
nein, so will die Sache nicht gesehen und Schikanierung kann jede Eigeninitia- motivierter Mensch bereit, die Selbst-
werden, denn ohne Erwerbsarbeit darf tive ersticken und dazu führen, dass sich ständigkeit zu wagen, wenn er im Fall des
man bei uns nicht glücklich sein. Arbeitslose mehr oder weniger geschickt Scheiterns immer weich fiele, weil eine
Gerne werden zur Zeit in Talkshows in ihrer Arbeitslosigkeit einrichten und soziale Notlage über das Grundeinkom-
Kandidaten vorgeführt, die sich als über- – das Beste daraus machen. men zuverlässig verhindert würde.
zeugte Faulpelze outen („Warum soll ich
arbeiten, mir geht es doch gut“) und mit Die Zukunft der Arbeit Motivation
ihrer naiven Ehrlichkeit die Seele des
Fernsehvolkes zum Kochen bringen. Und Dabei könnten sie viel mehr aus dieser Natürlich könnte es auch ein Motivati-
die Reflexe gegenüber diesen „Lebens- Situation machen, sofern man sie unbe- onsproblem geben. Die Gegner des be-
künstlern“, die allen Transfergeldbezie- helligt machen ließe. Befürworter eines dingungslosen Grundeinkommens se-
hern einen Bärendienst erweisen, lauten bedingungslosen Grundeinkommens hen in der „Zahlung für Nichts“ auch eine
stets: runter mit den Fördersätzen, rauf sehen die vielen Aufgaben, die in unserer „Faulpelzprämie“, die von Leistungsver-
mit den Sanktionen. Und der aus solchen Gesellschaft geleistet werden müssen, weigerern zwar gerne genommen wird,
– zugegeben kurzweiligen – Anekdoten aber nicht über Lohnarbeit auf dem Ar- denen aber nicht der Sinn nach eigenver-
abgeleitete generelle Faulheitsvorwurf beitsmarkt geregelt werden. Es könnte antwortlichen Beiträgen zur Gemein-
gegenüber Arbeitslosen bzw. Hartz IV- einen Boom von Ehrenamtlichkeit und schaft stehe. Aber warum sollte, so Mar-
Beziehern festigt sich ein weiteres Mal. Arbeit jenseits der Erwerbsarbeit geben, tin Reichert schon 2006 in der taz, „dies
der das ganze Land verändern könnte. in höherem Maße der Fall sein als unter
Bewilligungsbürokratie Wie jeder tagtäglich erlebt, gibt es genü- den Bedingungen des bisherigen Sys-
gend Arbeit in der sozialen Betreuung, im tems? Und warum sollte ein faires Ange-
Und den Behörden, die sich um die ge- Umweltschutz, in der Erziehung, in der bot nicht im Gegenzug faire Reaktionen
rechte Verteilung der Transferleistungen Kultur, in der Gestaltung und Mitverant- hervorbringen?“ (taz 27.09.2006)

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Hartz-IV Programm geißelt er als „offenen


Strafvollzug“. Er fordert angesichts der
Tatsache, dass ohnehin nur noch ein Drit-
tel der erwerbsfähigen Bevölkerung die
ganze Last der Sozialsysteme trage, eine
Entkoppelung von Arbeit und sozialer
Absicherung.

Althausmodell

Dieter Althaus, ehemaliger Thüringer Mi-


nisterpräsident, schlug ein „Solidarisches
Bürgergeld“ vor. Ausgehend von der Tat-
sache, dass das bestehende Sozialsys-
Klassische Mahnung vor dem Müßiggang – P. Breughels (d.Ä.) Schlaraffenland (1566)
tem von den meisten Bürgerinnen und
auch nach differenzierten Berechnungen Bürgern als zunehmend ungerecht emp-
Finanzierbarkeit verschiedener Szenarien in ihrer 2007 funden wird, würde ein bedingungsloses
veröffentlichten Studie zu der Auffas- Grundeinkommen viele Probleme des
Die heftigste Gegnerschaft kommt aus sung, dass das Grundeinkommen grund- Sozialstaates lösen. Danach würde jeder
den Reihen der Finanzexperten. Die sätzlich finanzierbar sei. Erwachsene ein Grundeinkommen von
Hauptfrage an alle, die Wohltaten für das Die vehementesten Vertreter des 800 Euro im Monat bekommen. Dieses
Volk verkünden, lautet ja stets: Und wie bedingungslosen Grundeinkommens sinkt mit wachsenden eigenen Einkünf-
finanziert man das? Im Gegensatz zu de- kommen aber keineswegs aus dem lin- ten. Die Finanzierung erfolgt über die
nen, die derzeit Steuersenkungen ver- ken Spektrum, aus Sponti-Kreisen oder Abschaffung aller anderen Sozialleistun-
sprechen und die damit verbundene aus kreativen Kulturszenen. Es sind eher gen. Ein Krankenversicherungsbeitrag in
Verschuldung mal wieder mit dem zu- biedere Geschäftsleute und konservati- Höhe von 200 Euro würde abgezogen,
künftigen Wachstum verrechnen wollen, ve Politiker, die sich für die Umwandlung und die Steuer auf Einkommen oberhalb
machen die Befürworter des bedin- unseres Sozialstaates stark machen. des Bürgergeldes würde 50 % betragen.
gungslosen Grundeinkommens eine kla- Für Kinder bis zum 18. Lebensjahr gäbe
re Rechnung auf: Die Bundesrepublik Götz-Werner-Modell es 500 Euro. Unter Berücksichtigung,
Deutschland gibt schon jetzt für jeden dass über dieses Modell die Arbeit brutto
seiner insgesamt 82,5 Mio Bürger im Allen voran Drogerie-Magnat Götz Wer- billiger würde wegen des Wegfalls der
Durchschnitt 8.400 Euro pro Jahr aus, ner, der mit seiner Botschaft „Einkommen Sozialversicherungsbeiträge, würden
und zwar in Form von sozialen Leistun- für alle“ (Buchtitel) jedem Bürger bis zu über eine Million Vollzeitarbeitplätze ent-
gen wie Arbeitslosengeld, Wohngeld, 1.500 Euro im Monat zahlen will, lebens- stehen. Allerdings wären diese in erster
Kindergeld, Rente etc., pro Monat also lang und ohne Einschränkungen. Der Linie im Niedriglohnsektor angesiedelt
exakt 700 Euro. Je nach Ausgestaltung überaus erfolgreiche und in der Beleg- und würden einen Mindestlohn überflüs-
bzw. Höhe eines bedingungslosen schaft sehr angesehene „Zahnpastamilli- sig machen, so Althaus 2008 in der FAZ
Grundeinkommens würden sich die ho- onär“ analysiert in seiner „Bibel“ sehr (26.04 2008).
hen Kosten dafür in ähnlicher Größenord- scharf unser derzeitiges Wirtschaftssys-
nung allein schon durch den Wegfall die- tem und fordert ein radikales Umdenken. HWWI-Modell
ser Einzelleistungen aufbringen lassen. Für ihn ist der Rückgang der Erwerbsar-
Von den Gegnern des Grundeinkom- beit kein Problem, sondern eher ein Se- Das Hamburgische Weltwirtschaftsinsti-
mens wird solche Arithmetik gern als gen, der durch fortschreitende Automati- tut entwickelte daraus sein eigenes Mo-
Milchmädchenrechnung bezeichnet, da sierung und Rationalisierung erst ermög- dell. Danach bezöge jeder Bundesbürger
die Veränderungen, insbesondere auf der licht wurde. Paradiesische Zustände ein bedingungsloses Grundeinkommen
fiskalischen Seite, deutlich differenzierter könnte man haben, wenn man von dem in Höhe eines „soziokulturellen Existenz-
betrachtet werden müssten. Und das tat Gedanken an die Vollbeschäftigung, dem minimums“ (in manchen Quellen, z.B.
z.B. das Hamburgische Weltwirtschaftsin- „heiligen Gral der Wirtschaftspolitik“, end- IWD 6/2007, ist von 625 Euro/Monat die
stitut (HWWI). Ingrid Hohenleitner und lich abließe. Die daraus resultierende Ar- Rede). Dafür würden alle anderen Sozial-
Thomas Straubhaar vom HWWI kommen beitsmarktpolitik mit dem absurden leistungen wie Arbeitslosengeld, Kinder-

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geld und Rente abgeschafft. Zur Finan- Katja Kipping von der Linksfraktion in der Bürgergeld-Konzept findet bei der Union
zierbarkeit hat das Institut umfangreiche taz. aber keine Zustimmung.
Studien und Berechnungen unternom-
men und kommt zu dem Fazit: „Das Linke Gewerkschaften
Grundeinkommen ist finanzierbar“ (Aus
Politik und Zeitgeschichte 52/07). Kipping will dagegen keinesfalls, dass ihr Die Gewerkschaften polemisieren gegen
Modell mit dem von Althaus in einen Topf die „Frohe Botschaft“, die gerne auf Kir-
Die Grünen geworfen wird. Nach ihren Vorstellungen chentagen und von „notorischen politi-
soll es ein bedingungsloses Grundein- schen Grenzgängern“ vorgetragen werde,
Das Modell des bedingungslosen Grund- kommen für alle geben, um die Umver- so Hans-Joachim Schabedoth (DGB). Er
einkommens wird bei Bündnis 90/Die teilung von Arbeit zu begünstigen. Wer entlarvt die Vorstellungen eines bedin-
Grünen schon seit Jahren diskutiert. Eine den Grundsockel erhalte, könne auf ei- gungslosen Grundeinkommens als popu-
bedingungslose Zustimmung ist daraus nen Teil der Erwerbsarbeit verzichten und läre „Zauberwaffe“ von hoher Suggestiv-
aber noch nicht erwachsen. Seit 2008 somit bezahlte Arbeit für andere freige- kraft, die angesichts der „jahrzehntelan-
entwickelte sich daraus eine „Grüne ben. Aber Kippings Meinung wird nicht gen Übersättigung mit Stückwerk-Refor-
Grundsicherung“, die von einer bedarfs- von allen Linken getragen. Mindestens men“, gerne aufgesogen würde. Die Ge-
gerechten Erhöhung der ALG II-Sätze auf genauso viele treten für ein „bedarfsori- werkschaften wollen „keine Stilllegungs-
420 Euro für Erwachsene ausgeht und entiertes“ Grundeinkommen ein, das je- prämien von Arbeitskräften, sondern die
recht vorsichtig eine Reform des bisheri- dem Bürger ein Leben ohne Armut er- Integration aller Arbeitswilligen in das Er-
gen Systems bedarfsgeprüfter Transfer- möglicht und nur solchen Bürgern zu- werbsleben“. Weiterhin kritisiert Schabe-
zahlungen vorsieht. Eine bedingungslose kommt, die es benötigen. doth, dass eine pauschale Unterstützung
Grundsicherung für Kinder wird gefor- auch von Nicht-Hilfsbedürftigen immer
dert, eine Existenzsicherung für Erwach- Das Bürgergeld der FDP auch zu Lasten der Hilfsbedürftigen
sene mit Brückenfunktion (begrenzt auf gehe. Die größten Bedenken gehen in
die Zeit bis zur möglichen Arbeitsaufnah- Seit über 15 Jahren will die FDP mit dem Richtung Finanzierung. Sofern sich ein
me) wird ebenso diskutiert wie ein Ver- Bürgergeld eine Vereinfachung des Sozi- Grundeinkommen nicht durch hinrei-
zicht auf Sanktionen bei Leistungsbezie- alsystems bewirken und sowohl viele chende Einsparungen bei den Sozialab-
hern, die ein Absicken unter das Existenz- Sozialleistungen samt Hartz IV, als auch gaben finanzieren ließe, ginge dies einher
minimum bewirken würden. (vgl. Bündis Behörden wie die Bundesagentur für Ar- mit einem „dreist getarnten Sozialabbau“,
90/Die Grünen, Bundestagsfraktion: beit weitgehend abschaffen. Der Unter- da ein Grundeinkommen dann nur unter-
„Grüne Grundsicherung statt FDP-Bür- schied zu den anderen Grundeinkom- halb des Existenzminimums anzusetzen
gergeld“ 10.10.2009) mensentwürfen liegt aber darin, dass da- wäre. Und die Mitfinanzierung über eine
bei keine bedingungslose Entkoppelung Erhöhung der Verbrauchssteuern, wie
SPD von Arbeit und Einkommen vorgesehen z.B. von Götz Werner empfohlen, würde
ist. Versorgt mit einem Grundeinkom- nur eine Umverteilung der Steuerlast be-
Die SPD tut sich schwer mit allen Überle- men, das sich an den derzeitigen Hartz- deuten und die Unternehmen und die
gungen zu einem bedingungslosen IV-Sätzen (662 Euro mit allen Nebenkos- Vermögenden schützen. Weiterhin erklärt
Grundeinkommen. Als wesentliche Urhe- ten) orientiert, soll Leistungsbeziehern, er, dass eine individuelle Entscheidung,
ber von Hartz IV verteidigen die Sozialde- die sich nicht um Arbeit bemühen, das nicht am Erwerbsleben teilnehmen zu
mokraten ihr Modell trotz aller bekannten Geld weiterhin gekürzt werden können. wollen, aus Gewerkschaftssicht nicht un-
Schieflagen immer noch und werten es „Konsequente und bewehrte Verpflich- terstützt werden dürfe.
grundsätzlich als Erfolg. Andrea Nahles, tung mit Sanktionen“, nannte das Otto
Vorstandsmitglied in der SPD und Kritike- Graf Lambsdorff, der inzwischen verstor- Weitere Kritiker
rin der Grundeinkommensmodelle, arg- bene Ehrenvorsitzende der FDP. Aller-
wöhnt, dass über die Modelle von Götz dings sollen nach dem FDP-Modell die Substanzielle Verhaltensänderungen er-
Werner und Dieter Althaus nichts ande- Hinzuverdienstmöglichkeiten verbessert wartet Ulrich Walwei vom Institut für Ar-
res passiere, als einen staatlich subventi- werden, so dass es sich auch bei kleinen beitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in
onierten Billiglohnsektor zu etablieren, Jobs wieder „lohnt zu arbeiten“. In der seinem Beitrag „Leben auf Kosten ande-
der den Unternehmen die Diskussion Regierungskoalition werden derzeit De- rer“ in der Frankfurter Rundschau (01.09.
um den Mindestlohn vom Hals schaffe, tails zur Verbesserung der Zuverdienst- 2007), sobald ein bedingungsloses
so Nahles in einem Streitgespräch mit möglichkeiten verhandelt, das schlanke Grundeinkommen realisiert werden wür-

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de. Aller Pflichten enthoben, gäbe es von einem Konzept zum bedingungslo- die Einzelheiten auch noch auspendeln.“
kaum noch Anreize für die Aufnahme von sen Grundeinkommen in Otjivero, einem (taz 9.10.09).
Erwerbsarbeit. Es gäbe immer mehr kleinen Dorf in Namibia. Dort wurde über
Transfergeldbezieher und immer weniger ein Jahr lang an alle Bürgerinnen und Petition mit Rekordergebnis
Selbstständigkeit, Eigenverantwortlichkeit Bürger ein Grundeinkommen gezahlt.
und Leistungsmotivation. Während sich die reiche Oberschicht ve- Spannend wird es, wenn es gelingt, den
Weniger auf die Verhaltensverände- hement gegen diesen Versuch wehrte Bundestag über den Weg einer Petition
rung des Einzelnen bezieht sich die Kritik („eine idiotische Idee, so erzieht man die zu zwingen, sich mit dem Thema Grund-
von Eberhard Eichenhofer, Professor für nicht zur Arbeit“), führte die regelmäßige einkommen zu beschäftigen. Und da
Sozialrecht an der Universität Osnabrück. Grundsicherung zu geschäftigem Treiben stehen die Chancen nicht schlecht. Su-
In seinem Aufsatz „Sozialversicherung im Dorf. Auf einmal gab es Bäckereien, sanne Wiest, Heilpädagogin aus Greifs-
und Grundeinkommen“ (APuZ 52/ Schulmaterial, Renovierungsarbeiten, wald, brachte den Stein ins Rollen, als sie
2007) warnt er vor falschen Hoffnungen: Viehzucht und eine bescheidene Infra- per Internet eine Petition (sinngemäß:
„Realismus und common sense haben es struktur. Bezieht man die politische Bri- „Der Bundestag möge beschließen, ein
stets schwer, sich gegen Erlösungshoff- sanz aufgrund der extremen Unterschie- bedingungsloses Grundeinkommen ein-
nungen zu behaupten.“ Er warnt vor der de zwischen Arm und Reich ein, so wurde zuführen.“) an den Bundestag formulier-
vermeintlichen Einfachheit des Gedan- das Experiment auch als Befreiungs- te. Die notwendige Anzahl von Zustim-
kens und spricht von „Sozialutopie“. Statt schlag gewertet, der den sozialen Frieden mungen in Höhe von 50.000 kam über-
aus der komplizierten Welt auszusteigen ansatzweise wieder herstellte. Wäre raschend schnell zustande. Katja Kipping
und sozialromantische Idyllen zu suchen, nichts passiert, so die Beobachter, „dann von der Linksfraktion, die gleichzeitig
empfiehlt er, sich an der weiteren Ent- müssen die Reichen bald ihre Elektrozäu- stellvertretende Vorsitzende des Petiti-
wicklung des „überkommenen Sozial- ne erhöhen“. onsausschusses im Bundestag ist, will
staats“ im Rahmen der bestehenden Aber auch bei uns in Deutschland Susanne Wiest helfen, ihre Idee persön-
Sozialversicherungssysteme zu beteili- will man Feldversuche starten. Die lich vortragen zu können und meint laut
gen, selbst wenn dies „unspektakulär, Breuninger-Stiftung (www.breuninger- WELT-online vom 18.02 2010: „Eine Peti-
kompliziert und mühsam“ sei. stiftung.org) will ab Mitte 2010 jeweils tion, die eine so große Zahl von Unter-
100 Teilnehmern aus dem reichen stützenden findet, verdient eine Anhö-
Ausblick Stuttgart und aus einer weniger reichen rung — und das unabhängig davon, wie
Gemeinde in Brandenburg für zwei Jahre man im Detail zu den Inhalten der Peti-
Götz Werner ist sicher zufrieden, wenn er monatlich ein Grundeinkommen von tion steht.“
die mit Erscheinen seines Buches ent- 800 Euro zukommen lassen. Die Ge-
fachte Diskussion um das bedingungslo- samtkosten in Höhe von sieben Millionen
se Grundeinkommen betrachtet. Beson- Euro werden eingesetzt, um herauszufin- LINKS
ders in den Jahren 2005 bis 2007 wur- den, was Menschen machen, wenn sie
den die verschiedenen Modelle durchde- ein bedingungsloses Grundeinkommen www.wen-waehlen.de/btw09/ Platt-
kliniert, verändert und modifiziert. Götz erhalten. form zu aktuellen Themen mit State-
Werner füllt seitdem mit seinen Vorträgen Es geht um den Mut zu einer sozi- ments der Parteien etc.
inzwischen jeden Hörsaal, und in den alpolitischen Revolution. Alle Parteien www.bpb.de/publikationen/apuz Heft
Talkshows wird mehr oder weniger pro- diskutieren solche Modelle, und zwei 51/52 2007 als Download
fessionell, dabei so publikumsnah wie Drittel der Bevölkerung sympathisiert www.grundeinkommen.de Plattform
möglich, über die Grundfesten unseres damit, und deshalb bleibt das Thema von Grundeinkommensbefürwortern
Sozialstaates gestritten. Was fehlt, ist ei- virulent. Auch Götz Werner hofft auf eine www.basicincome.org weltweites Netz-
gentlich nur noch der große Bewährungs- neue Debatte und kann sogar dem in der werk Grundeinkommen
test, der Feldversuch, bei dem sich jen- Regierungskoalition diskutierten Bürger- www.epetitionen.bundestag.de mit
seits aller Modellrechnungen zeigen soll- geld der FDP etwas abgewinnen: „Das Stand der Petition und Diskussion
te, ob die Sache mit dem Grundeinkom- Bürgergeld kann helfen, neu zu denken ... www.forum-grundeinkommen.de
men eine wirklich geniale Idee oder doch Ein bedingungsloses Grundeinkommen www.archiv-grundeinkommen.de mit
nur eine Sozialutopie ist. Der SPIEGEL wäre das Bürgergeld noch nicht, aber es weiteren Links und Downloadmöglich-
berichtete in seiner Ausgabe 33/2009 wäre ein erster Schritt in diese Richtung. keit des Films „Grundeinkommen“ von
unter dem Titel „Das Dorf der Zukunft“ Wenn wir den Perspektivwechsel erst ein- Daniel Häni und Enno Schmidt
von einem solchen Versuch, und zwar mal vollzogen haben, dann werden sich

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