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Grundeinkommen und Vertrauen

Von Dieter Dier und Stefan Nadenau

Wir möchten der Diskussion über das Grundeinkommen noch einen wichtigen Aspekt hinzufügen.
Die Diskussion wird nach meinem Dafürhalten zu stark auf der Makroebene geführt. Der erklärende
Ansatz, die Wirkung eines Grundeinkommens im Rahmen der gesellschaftlichen Zusammenhänge
darzustellen, ist wichtig und die Forderung nach politischen Veränderungen, ist richtig. Die Frage ist
jedoch, ob dieser Weg tatsächlich zielführend ist. Es gibt positive Beispiele für gesellschaftlichen
Wandel. Kann man aus den zugrundeliegenden Mechanismen des Wandels lernen und weitere Wege
beschreiten, um das Ziel der Einführung eines bedingungslosen zu erreichen? (Der Plural ist bewusst
gewählt, da es sicherlich nicht nur einen Weg gibt.) Unsere Überlegungen führen uns zum
eigentlichen Kern der Ablehnung des Grundeinkommens: Misstrauen!

Wenn wir an die Anfänge der ökologischen Bewegung zurückdenken, waren es am Anfang nur einige
wenige, die den bewussten Umgang mit der Natur erlebbar machten. Menschen haben sich bewusst
für eine andere Lebensweise entschieden. Sie haben ihre Idee in die Realität umgesetzt. Am Anfang
nannte man sie Ökos oder Müslis. Betrachtet man sie aus heutiger Sicht, waren sie die Begründer
eines heute breiten gesellschaftlichen Einverständnisses zur Bewahrung der Umwelt, zu
Nachhaltigkeit in der Erzeugung von Waren und vor allem zu gesünderer Ernährung. Die Idee war am
Anfang klein und ökonomisch gesehen, kam sie aus einer Nische. Jedermann sprach über
Umweltbewusstsein, die Überzeugung wuchs, aber nur wenige änderten tatsächlich ihre
Lebensweise. Über den Schutz der Umwelt und gesunde Ernährung zu sprechen, war modern
geworden. Ökoläden entstanden, ökologisch einwandfreie Lebensmittel wurden auf den Markt
gebracht. Es entstanden Keimzellen ökologischen Handelns. Man sprach nicht nur mehr über
alternative Lebensformen, man handelte. Sichten, Sprache und Handeln waren kongruent. Dies
waren die besten Voraussetzungen, um Vertrauen in die handelnden Personen zu entwickeln. Durch
das Vertrauen in Menschen wuchs auch das Vertrauen in Methoden und Handlungsweisen der
ökologischen Bewegung. Positive Beispiele sprachen sich herum. Und dann passierte das
Entscheidende: Es entstand das Bedürfnis, sich ökologisch zu ernähren, zu kleiden oder
fortzubewegen, aus dem Bedürfnis entstand eine Nachfrage und mit der Nachfrage ein Markt! Die
Keimzellen konkreten Handelns waren der Ursprung. Der entstehende Markt war der
Beschleunigungsfaktor für gesellschaftlichen Wandel. Eine gesellschaftliche Diskussion alleine hätte
nichts bewirkt. Paradigmenwechsel müssen also nicht nur die Sprache verändern, sondern auch zum
Handeln führen. Erst dann entsteht Vertrauen in Menschen und deren Sache.

Was können wir für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens daraus lernen? Ich
denke, sehr viel. Die Keimzelle für ein Grundkommen und gesellschaftlichen Wandel ist längst da. Die
Auseinandersetzung über die Einführung des Grundeinkommens führen wir in politischen Debatten.
Durch Sprache versuchen wir Menschen von der Einzigartigkeit der Idee zu überzeugen. Wenn wir
aber erfolgreich sein wollen, müssen wir auch Handeln. Nun können wir, obschon wir schon viele
sind, keinen privaten Fond gründen, der das Grundeinkommen für die Bürger unseres Landes zur
Ausschüttung bringt. Also, wo ist der Hebel des Handelns?

Die wirkliche Auseinandersetzung führen wir über das allgemeine Misstrauen gegen “Andere“ und
deren Selbstbestimmung. Wir selber haben nur die besten Absichten und handeln entschieden und
gewissenhaft bei Einführung eines Grundeinkommens. Wir verstehen unsere gesellschaftliche
Mitverantwortung als Selbstverpflichtung. Aber, wie ist das bei den „Anderen“?

Wenn man uns Fragen der Umsetzbarkeit und Finanzierbarkeit eines Grundeinkommens
entgegenhält, führt man nur die berühmten äußeren Umstände, als Erklärung für eine Ablehnung der
Idee, an. Man ist halt Opfer derselben, die Hände sind gebunden und selbst, wenn wir wollten, gibt
es aus diesem Grunde Dinge, die wir nicht ändern können“ . Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wer
sich auf die äußeren Umstände beruft und sagt, ich kann nicht, der will nicht!

Was aber ist der eigentliche Grund, der immer noch zu einer Ablehnung des bedingungslosen
Grundeinkommens führt? Misstrauen! Man sagt uns eigentlich, wir vertrauen euch nicht! Wir trauen
euch den Umgang mit einem Grundeinkommen gar nicht zu! Wir misstrauen euren guten Absichten
hinsichtlich der Wahrnehmung eurer gesellschaftlichen Verantwortung (Interessant ist dabei, dass
dieses Misstrauen von denjenigen geäußert wird, die gesellschaftliche Verantwortung von
berufswegen wahrnehmen sollten und denen, laut Umfragen, weniger als 30% unserer Bevölkerung
vertrauen).

Das Kernproblem in der Diskussion, über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens,
ist also mangelndes Vertrauen in den Umgang der Menschen mit Freiheitsgraden. Verliehene
Freiheit, und nichts anderes ist das Grundeinkommen, verleitet zur Verantwortungslosigkeit. Der
Gedanke scheint auf den ersten Blick nachvollziehbar. Wenn Misstrauen in einer Gesellschaft zur
Regel wird, wird Vertrauen zur Sünde, sagt Reinhard K. Sprenger. Und es ist gerade unser
mütterlicher Staat, der durch unzählige kleinteilige und überflüssige Regelungen bemüht ist, unter
dem Deckmantel der Fürsorge, den Menschen ihre Selbstverantwortung und damit die Möglichkeit
eines verantwortungsvollen Umgangs mit Freiheit nimmt. Ein Teufelskreis! Was ist aber der Grund
für diese Misstrauenskultur? Menschen vertrauen sich selbst nicht mehr, wie sollen sie dann
„Anderen“ vertrauen. Menschen empfinden Vertrauen als gefährlich und haben womöglich noch
nicht erkannt, welche positiven Wirkungen Vertrauen in sich und andere wirklich auslöst. Wenn
Politiker selbst die Grundlagen für Misstrauen in unserer Gesellschaft legen, ist es an der Zeit, Ihnen
die wichtigen Wirkungszusammenhänge vertrauensvollen Umgangs zu erläutern.

Der große Hebel zur Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens ist also wachsendes
Vertrauen auf allen Ebenen!

Sind wir in der Lage, ähnlich wie seinerzeit die Ökologiebewegung, einen Markt für Vertrauen
schaffen? Ist Vertrauen überhaupt ein wirtschaftlich relevanter Faktor und ist Vertrauen messbar?
Wie können wir Vertrauen konkret erlebbar und nachvollziehbar machen? Um diese Fragen zu
beantworten, müssen wir uns die augenblickliche Entwicklung der Wirtschaft in unserem Lande
näher anschauen. Die Wirtschaft und ihre Unternehmen befinden sich inmitten in eines
fundamentalen Umbruchs. Globalisierung heißt das gern zitierte Stichwort. Der produzierende
Sektor, insbesondere die Massenproduktion, verliert in unserem Land zunehmend an Bedeutung. Der
Dienstleistungssektor sowie kreative und wissenschaftliche Arbeit sind absehbar die wesentlichen
Triebkräfte unserer Volkswirtschaft. Die Exportnation Deutschland lebt von den Ideen, die in
Produkten stecken und nicht mehr hauptsächlich von deren Produktion. Das bedeutet, kognitive
Arbeit gewinnt in Zukunft immer stärker an Bedeutung. Studien des MIT und der Harvard Business
School haben bewiesen: Die besten Ergebnisse kognitiver Arbeit werden nicht durch
erfolgsabhängige Belohnungssysteme erzielt, sondern durch die Gewährung hoher Freiheitsgrade
und eine klare Zielorientierung. Höhere Freiheitsgrade verlangen aber gleichzeitig auch nach weniger
Kontrolle und weniger Kontrolle setzt Vertrauen voraus. Vertrauen wird also zwangsläufig zu einem
bedeutenden wirtschaftlichen Wettbewerbsfaktor, denn nur, wer seinen Mitarbeitern vertraut und
ihnen hohe Freiheitsgrade einräumt, wird überdurchschnittlich gute Ergebnisse erzielen. Ganz
praktisch heißt das: Wenn ich als Chef meinen Mitarbeitern Freiheitsgrade gewähren möchte, muss
ich ihnen vertrauen. Schaut man sich die überwiegende Realität aktuellen Führungshandelns an,
bedeutete dies einen radikalen Paradigmenwechsel. Führungskräfte müssten ihren Führungsstil
daraufhin verändern und eine Kultur schaffen, die Freiheitsgrade unterstützt und Einigkeit darüber
erzielt, welche Ziele, wie erreicht werden sollen. An dieser Stelle wird Vertrauen zu einem messbaren
Produktionsfaktor, weil sein Einsatz nachgewiesenermaßen bessere und im Vergleich
überdurchschnittliche Ergebnisse erbringt. Das klassische Belohnungs- und Bestrafungssystem wird
durchbrochen. Unternehmen werden erfolgreicher und für viele Menschen wird nachvollziehbar, wie
Vertrauen wirken kann. Vertrauen wird zum Bedürfnis, zum Bedarf. Vertrauen erhält einen Markt.

Wenn Politik also etwas lernen sollte, ist es zu vertrauen. Gehen wir davon aus, dass auch politische
Arbeit im weitesten Sinne eine kognitive Leistung ist, dann erfordert auch erfolgreiche Politik den
Einsatz von Vertrauen und die Abschaffung fürsorglich gedachter, aber belohnend und bestrafend
wirkender Regulierungen. Diese bewirken nur das Gegenteil. Wir können mit Freiheitsgraden gut
umgehen, mehr noch, wir brauchen Sie, um uns selbstverantwortlich erfolgreich betätigen zu
können. Freiheit ist die Grundlage für Interesse an einer und Verantwortung für eine Sache. Freiheit
verlangt nach Vertrauen. Wenn Menschen spüren, wie mehr erfolgreich sie mit Vertrauen, denn mit
Misstrauen, sind, entsteht Nachfrage nach Vertrauen. Also: Bieten wir den Menschen unser
Vertrauen an und der Markt ist geschaffen.

Unsere These: Wenn kognitive Fähigkeiten der Motor der Wirtschaft sind, dann ist es logisch, alles zu
tun, um diesen Motor zu beschleunigen. Wenn Freiheitsgrade dazu notwendig sind, braucht es
Vertrauen, um neue Formen der Zusammenarbeit zu gestalten. Wenn Beispiele vertrauensbasierter
Zusammenarbeit in Unternehmen Schule machen, wenn Menschen regelmäßig gute Erfahrungen mit
Vertrauen machen, wird die Nachfrage nach Vertrauen größer und Kontrolle weniger.

Aber wie kann man Vertrauen zielgerichtet aufbauen? Vertrauen fängt aber immer bei uns selbst an
und zieht immer größere Kreise. Es wirkt von uns aus in Beziehungen, in Organisationen und
Gesellschaften. Von daher ist es der einzige zielführende, wenn auch lange Weg! Es gibt keine
Alternative! Wollen wir das bedingungslose Grundeinkommen, dann müssen wir lernen zu vertrauen.
Erst uns selbst und dann den „Anderen“.

Wie man Vertrauen aufbaut und welchen Gesetzen und Regeln es folgt, kann man unter
www.arbeiten-im-vertrauen.blogspot.com nachlesen.