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3/2010 – 40.

Jahrgang
sozialpsychiatrische
informationen
Sonderdruck

Souveränität gewinnen
Auswirkungen eines bedingungslosen
Autor: Sascha Liebermann
Seiten 21 – 26 Grundeinkommens

Zusammenfassung Seit ungefähr sechs Jahren wird über den Vorschlag eines bedingungslosen
Grundeinkommens intensiv debattiert. Dabei handelt es sich nicht um ein weiteres sozial- oder
arbeitsmarktpolitisches Instrument zur »Bekämpfung« von Arbeitslosigkeit oder Armut. Der
Vorschlag setzt anders an, leitet die Bereitstellung einer dauerhaften Geldleistung von der
Wiege bis zur Bahre aus der Stellung der Bürger im Gemeinwesen her und lässt dadurch andere
Möglickeiten aufscheinen. Sie wird ohne Gegenleistungsverpflichtung gewährt und bricht mit
dem Geist der heute bestehenden Transferleistungen. Statt ein bestimmtes Lebensziel vorzu-
schreiben: Erwerbstätigkeit, überlässt sie es dem Einzelnen, seinen Fähigkeiten und Möglichkei-
ten gemäß zu leben. Durch diese Anerkennung des Individuums um seiner selbst willen eröff-
net ein bedingungsloses Grundeinkommen vielfältige Möglichkeiten. Wie könnte es sich auf
Soziale Arbeit und Sozialpsychiatrie auswirken? Eine Antwort darauf skizziert der Beitrag.

ISSN 0171 - 4538

Verlag: Psychiatrie-Verlag GmbH, Thomas-Mann-Str. 49a,


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Souveränität gewinnen
Auswirkungen eines bedingungslosen
Autor: Sascha Liebermann1 Grundeinkommens

Zusammenfassung Seit ungefähr sechs Jahren wird über den Vorschlag eines bedin-
gungslosen Grundeinkommens intensiv debattiert. Dabei handelt es sich nicht um ein
weiteres sozial- oder arbeitsmarktpolitisches Instrument zur »Bekämpfung« von
Arbeitslosigkeit oder Armut. Der Vorschlag setzt anders an, leitet die Bereitstellung
einer dauerhaften Geldleistung von der Wiege bis zur Bahre aus der Stellung der
Bürger im Gemeinwesen her und lässt dadurch andere Möglickeiten aufscheinen. Sie
wird ohne Gegenleistungsverpflichtung gewährt und bricht mit dem Geist der heute
bestehenden Transferleistungen. Statt ein bestimmtes Lebensziel vorzuschreiben:
Erwerbstätigkeit, überlässt sie es dem Einzelnen, seinen Fähigkeiten und Möglichkei-
ten gemäß zu leben. Durch diese Anerkennung des Individuums um seiner selbst willen
eröffnet ein bedingungsloses Grundeinkommen vielfältige Möglichkeiten. Wie könnte
es sich auf Soziale Arbeit und Sozialpsychiatrie auswirken? Eine Antwort darauf
skizziert der Beitrag.

Seit ungefähr sechs Jahren wird über den Staatsbürger und Personen mit dauerhafter gestalteten bGEs wären weitreichend, auch
Vorschlag eines bedingungslosen Grundein- Aufenthaltsberechtigung (Status- statt Leis- für Sozialpsychiatrie und Soziale Arbeit,
kommens (kurz: bGE) intensiv debattiert.2 tungsbedingung), Kindern wie Erwachsenen weshalb?
Dabei sticht noch immer ins Auge, wie häu- gleichermaßen. Eine alleinstehende Person
fig die Idee vor allem als ein besseres sozi- sollte davon auskömmlich leben können. Vergegenwärtigen wir uns, wie sich die
al- oder arbeitsmarktpolitisches Instrument Bestehende bedürftigkeitsgeprüfte Leistun- Wirkungszusammenhänge heutiger Trans-
behandelt wird. Ihre weitreichenden Aus- gen könnten durch ein bGE bis zu seiner ferleistungen (Arbeitslosengeld, Sozialhilfe,
wirkungen alleine durch die Möglichkei- Höhe ersetzt werden (z. B. ALG I und II, So- Rente usw.) darstellen, dann fällt der Blick
ten, die sie schüfe, werden kaum ins Auge zialhilfe, Rente, Kindergeld usw., aber auch sogleich auf ihre Gewährungsprinzipien.
gefasst. Mit der Bedingungslosigkeit des der Steuerfreibetrag). Je höher es wäre, desto Leistungen erhält nur, wer Ansprüche er-
Grundeinkommens ist etwas Bestimmtes mehr könnte es weitergehende Leistungen worben hat oder Bedürftigkeit nachweisen
gemeint, sie richtet sich gegen ›aktivierende ebenfalls ersetzen. Darüber hinaus müssten kann. Beide Status leiten sich von demsel-
Sozialpolitik‹, den Geist der Bevormundung bedürftigkeitsgemäße Leistungen weiter- ben im gemeinschaftlichen Konsens ver-
im Deckmantel emanzipatorisch gemeinter hin bestehen, die der Einzelne mit dem bGE ankerten Ideal her, das Erwerbstätigkeit als
Fürsorge. Bedingungslos soll es in dem Sin- nicht schultern kann (aufwendige Therapie, höchsten Beitrag zum Gemeinwohl bewer-
ne sein, dass es nicht mehr an eine Gegen- unterstützende Hilfsgeräte wie elektrische tet. Bedürftigkeit ist diesem Ideal folgend ein
leistung, an eine Bringschuld des Beziehers, Gehhilfen usw.). Mit keinem anderen Ein- zu behebender Zustand, sie stellt eine Aus-
gebunden wird. Der Einzelne weiß am bes- kommen würde es verrechnet, es wird also nahme dar und soll nicht von Dauer sein.3
ten, wie er sein Leben in die eigenen Hände nicht angetastet (anders als heute und bei Selbst wer dauerhaft bedürftig ist, wird von
nehmen kann, darauf setzt das bGE. Wo er der Steuergutschrift nach dem Prinzip einer dieser Legitimierungsstruktur nicht befreit;
Rat und Hilfe benötigt, sucht er sie – ganz Negativen Einkommensteuer). Götz W. Wer- er muss seine Erwerbsunfähigkeit nachwei-
wie heute schon, denn wir wissen allzu gut: ner spricht in diesem Zusammenhang tref- sen, muss also zeigen, weshalb er dem allge-
Keine Therapie kann gelingen, keine The- fend von einem Kulturminimum, um deut- mein anerkannten Ideal nicht folgen kann.
rapieempfehlung angenommen werden, lich zu machen, dass es sich nicht um eine Der gemeinschaftliche Konsens, der diese
wo der Patient die Bereitschaft, sie freiwil- Sozialleistung oder Sozialversicherung ge- normative Bewertung trägt, ist allerdings
lig anzunehmen, nicht hat. Bedingt ist ein genwärtigen Zuschnitts handelt. Ein solches nicht so hermetisch, wie es scheinen könn-
bGE dennoch, bloß in einem anderen Sinn. Grundeinkommen soll Freiräume schaffen te. Auch wenn polemisch davon gesprochen
Es bedarf eines Gemeinwesens als Solidar- und damit die Chance erhöhen, dass jeder werden kann, dass die Sozialpolitik der letz-
gemeinschaft von Bürgern, das es bereit- seinen Fähigkeiten und Neigungen gemäß ten Jahre den Geist des Arbeitshauses wie-
stellt. Wenn ich im Weiteren von bGE spre- initiativ werden kann. Es geht nicht davon der hat auferstehen lassen, so haben wir es
che, dann meine ich damit eine bestimmte aus, dass Menschen aktiviert werden müs- hierbei doch mit einem eminenten Wider-
Ausgestaltung. Es geht um eine Alimentie- sen, vielmehr beseitigt es Hemmnisse für spruch zwischen ihr und den Grundlagen
rung von der Wiege bis zur Bahre für jeden Initiative. Die Auswirkungen eines derart unseres Zusammenlebens zu tun. Zwar ist

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die Bewertung von Erwerbsarbeit als höchs- Initiative bei. Stets muss unter vorgepräg- mokratisches Gemeinwesen überhaupt be-
tem Zweck noch immer kaum umstritten, te Kategorien subsumiert, ständig klassifi- stehen kann. Die nüchterne Realität der tat-
wie an dem Ziel, Arbeitslosigkeit müsse ziert und eingeordnet werden. Die Chance sächlich bestehenden politischen Ordnung
bekämpft werden, abzulesen ist. Doch die- der Entstehung von Neuem wird durch die kann hier den Weg weisen. Was also man-
se Überbewertung von Erwerbsarbeit kon- Verwaltung des Alten erdrückt – auch für che für eine Utopie halten, erscheint nur
fligiert mit einem Prinzip demokratischer Unternehmen wäre das der Untergang.4 so vor dem Hintergrund der Selbstdeutung
Gemeinwesen: der Stellung der Bürger als Wo immerzu geplant und der Verlauf des des Gemeinwesens als Arbeitsgesellschaft.
Träger bedingungslos verliehener Rechte, Geplanten sichergestellt und garantiert Genau diese Diskrepanz zwischen den tat-
dem Souverän, von dem alle Macht ausgeht. werden muss, dort können, ja, dort sollen sächlichen Lebensvollzügen und dem Den-
Unser Selbstverständnis als ›Arbeitsgesell- umwegige Möglichkeiten nicht erkundet ken über sie ist die Barriere, die es für die
schaft‹, das für die Arbeitshauspolitik ver- werden. Das Planungsdenken erweist sich Einführung eines bedingungslosen Grund-
antwortlich ist, und unsere tatsächliche de- so auch als Furcht vor Fehlentscheidungen einkommens zu überwinden gilt. Genau sie
mokratische Ordnung als bürgerschaftliches und unerwarteten Entwicklungen. Keine ist aber auch der Grund, weshalb manche
Gemeinwesen mit all ihren Voraussetzun- Fehler zu machen, keine Wege, die auch zu Möglichkeiten, die heute schon bestehen,
gen widersprechen sich. Während Letztere Irrwegen werden könnten, beschreiten zu nicht ergriffen werden.
auf den verantwortungsbewussten, loyalen, sollen, unterbindet jegliche Erfahrung. Ohne
mündigen und kritischen Bürger vertraut, Erfahrung aber kein verantwortungsvolles Wir haben zu Beginn gefragt, weshalb die
traut Erstere ihm nicht über den Weg. Dieser Leben. Das Planungsdenken entspringt we- Auswirkungen so weitreichend wären, die
Widerspruch liegt offen zutage, denn auch niger ökonomistischen Verkürzungen, es ist Antwort liegt nun nahe. Ein bGE, wie es ein-
eine ›aktivierende Sozialpolitik‹ setzt ein vielmehr Ausdruck von Misstrauen in die gangs skizziert wurde, kehrte die Rechtferti-
Individuum voraus, das sich überhaupt ›ak- Bereitschaft und Fähigkeiten des Einzelnen, gungsverpflichtungen um. Erwerbstätigkeit
tivieren‹ lässt, auch sie muss also insgeheim so wie von Argwohn gegen vielfältige Le- gälte nicht mehr als höchster Beitrag zum
darauf vertrauen, dass der mit Sanktionen bensentwürfe. Gemeinwohl, den jeder vor allem anderen zu
bedrohte sein Leben in die Hand zu nehmen erbringen hätte. Erreicht würde das durch die
bereit ist. Wo das nicht der Fall ist, verpuffen Trotz vorherrschender Planungsfantasien dauerhafte Bereitstellung von der Wiege bis
auch die Sanktionen. hat der Vorschlag eines bedingungslosen zur Bahre, lediglich die Staatsbürgerschaft
Grundeinkommens in den vergangenen oder eine Aufenthaltsbewilligung müssten
Entscheidend für die Beantwortung unserer Jahren erhebliche Resonanz erhalten. So dazu vorliegen, damit der Einzelne in den
Frage ist also der normativ hoch aufgelade- hermetisch, wie es die jüngst wieder einmal Genuss kommt. Damit wendet sich das bGE
ne Status von Erwerbstätigkeit, er sorgt für vorgeführte »Bekämpfung der Faulen« er- gegen das Bedürftigkeitsprinzip. Es verlangt
eine objektive Stigmatisierung, der der Ein- scheinen lässt, ist die Lage also nicht. Man keine Gegenleistung, um Ansprüche zu er-
zelne sich nicht entziehen kann. Die Beschä- vergegenwärtige sich nur, dass der Beginn werben bzw. sie nicht zu verwirken. Im Un-
mung und Entwertung als Person, die Bezie- der Grundeinkommensdebatte mit der terschied zu heutigen Ersatzleistungen, die
her von Leistungen empfinden, bezeugen Verabschiedung der »Gesetze für moderne dem Bezieher stets vor Augen führen, dass
das ebenso wie das Gefühl, nicht gebraucht Dienstleistungen am Arbeitsmarkt« (vulgo er aus seiner Notlage wieder hinausstreben
zu werden. Hartz-Gesetze) beinahe zusammenfiel, es soll, gewährt ihm das Gemeinwesen mit
war im Jahr 2004. Ungewöhnlich ist auch dem bGE eine dauerhafte Absicherung ohne
Häufig wurde in den letzten Jahren die- nicht, dass die Diskussion zwar beharrlich Gegenleistungsvorgabe. Wir könnten sagen,
se Entwicklung auf eine Ökonomisierung geführt wird, aber nur langsam voran- die einzige Verpflichtung, die mittelbar mit
der Lebensverhältnisse zurückgeführt, das kommt. Für Ideen, die in elementarer Hin- dem bGE verbunden ist, ist diejenige, seinen
scheint mir eher die Zusammenhänge zu sicht mit vertrauten Vorstellungen brechen, Möglichkeiten gemäß zu leben. Diese Ver-
verschleiern als sie aufzuklären. Nehmen galt dies schon immer. Der Vorschlag bricht pflichtung ergibt sich allerdings nicht aus
wir als weiteres Beispiel das Bildungswesen. jedoch nur mit manchen Vorstellungen, an- einem Gesetzesauftrag, einer Direktive der
Wie in der Aktivierungspolitik im Allgemei- dere nimmt er auf und führt sie weiter. Er Arbeitsagentur oder ARGE, sie entspringt
nen, so auch dort, müssten wir eher von ei- kann an Elemente dessen anknüpfen, was den Voraussetzungen eines demokratischen
ner Entmündigung durch Standardisierung unser Verständnis von sozialstaatlicher Ge- Gemeinwesens, das auf mündige Bürger
sprechen, einer Standardisierung dort, wo währleistung heute schon auszeichnet, sie setzt. Mündigkeit ist hierbei gleichzusetzen
sie kontraproduktiv ist. Es reicht nicht aus, müssen lediglich von der Stellung der Bür- damit, Entscheidungen im Einklang mit
dass der Einzelne sich den Erfahrungsmög- ger im Gemeinwesen hergeleitet werden. den je eigenen Fähigkeiten und Möglichkei-
lichkeiten sei es in der Schule, sei es in der Fremd scheint ein bedingungsloses Grund- ten treffen und verantworten zu müssen.
Universität aus Neugierde öffnet und ihm einkommen, weil die Bürgergemeinschaft Darüber zu befinden hat aber der Einzelne.
zugemutet wird, sich mit dem Gebotenen als Arbeits- oder Erwerbsgesellschaft gedeu- Hier spätestens wittern manche Kritiker
auseinanderzusetzen. Stattdessen soll die- tet wird, als seien die Bürgerrechte eigent- den Untergang des Abendlandes, die Ver-
ser Bildungsprozess garantiert oder gar si- lich Erwerbstätigenrechte. Statt »alle Gewalt dummung des Volkes, die Erosion jeglicher
chergestellt werden, indem der Schul- wie geht vom Volke aus« müsste es dann streng Leistungsbereitschaft. Auf solche Gedanken
Studienverlauf rigide vorbestimmt wird. genommen »alle Gewalt geht von den Er- kommt jedoch nur, wer der Überzeugung ist,
Das läuft letztlich auf eine planwirtschaft- werbstätigen aus« heißen. Das ist aber nicht Engagement und Leistung entsprängen mo-
liche Vorstellung von Bildungsprozessen der Fall. Fremd ist ein bGE folglich gar nicht, netärem Anreiz – oder salopp ausgedrückt:
hinaus. Standardisierte Qualitätssicherung wenn wir uns vor Augen führen, was die der als Belohnung winkenden Karotte, die
und Evaluation entspringen demselben Voraussetzungen dafür sind, dass ein auf einem vor die Nase gehängt wurde. Sicher,
Geist und tragen zur Strangulierung von die Souveränität der Bürger gründendes de- auf die Frage, weshalb jemand erwerbstätig

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sei, erhält man durchaus häufig die Antwort hin bestehender bedürftigkeitsgemäßer kein Platz im Leben der Gemeinschaft – wür-
»Weil ich das Geld brauche«. Keine überra- Leistungen verändern. Ein bGE belohnt nicht den so gemindert, wenn nicht gar aufgeho-
schende Auskunft, denn zum Auskommen eine Tätigkeit, wäre also nicht unmittelbar ben. Andere würden in ihrer Brisanz erst
benötigt man Einkommen. Mit dieser Ant- Anerkennung tatkräftigen Engagements, sichtbar, denn mit einem bGE, frei von der
wort ist jedoch nicht gesagt, wie es mit der es ist kein Freiwilligenhonorar, kein Erzie- Erwerbsverpflichtung, würde sich die Frage,
Bedeutung von Sinn und Sinnerfüllung im hungsgeld und auch keine Familienprämie. was ich mit meinem Leben anfangen will,
Beruf steht. Darüber nachzudenken, ohne Anerkennung der Person ist der Zweck – An- ungleich radikaler stellen. Auch das könnte
sich die Einkommensfrage zu stellen, kön- erkennung von Engagement resultiert da- desillusionierend und damit befreiend wir-
nen sich heute die wenigsten erlauben. raus. Ganz gleich, ob und wie sich jemand ken, würde allerdings auch keine Ausreden
Fragt man nach, ob es nicht noch mehr als engagierte, er würde als Angehöriger des mehr gelten lassen, wenn Freiräume nicht
das Einkommen sei, dann zeigen sich als- Gemeinwesens um seiner selbst willen an- genutzt werden. Freiräume würden ledig-
bald andere Gewichtungen. Einkommenssi- erkannt. Im bGE brächte sich ein gemein- lich durch Einkommenssicherheit geschaf-
cherung durch Erwerbstätigkeit ist zwar ge- schaftliches Vertrauen ins Individuum zum fen, sie zu nutzen aber wäre dem Einzelnen
genwärtig unerlässlich, sie bildet jedoch kei- Ausdruck. Jeder würde so genommen, wie aufgegeben. So wie durch die umfassende
neswegs den Grund dafür, einer bestimmten er ist. Ihm würde nicht vorgehalten, wohin Anerkennung um seiner selbst willen der
Tätigkeit nachzugehen. Sinn und Erfüllung er zu streben hätte – genau das jedoch tut Einzelne gestärkt würde, so würde ihm auch
im Beruf, zum Gemeinwohl beizutragen die Erwerbsverpflichtung. Wer dorthin nicht signalisiert, dass er seinen Möglichkeiten
(darin alleine schon kann das Sinnhafte streben will und auch nicht kann, muss sich und seiner Leidensgeschichte gemäß leben
gesehen werden) hingegen sind tragendes heute dafür rechtfertigen, mit einem bGE sollte und könnte. Es wäre erwünscht, sich
Fundament für Engagement, wie die fall- wäre das Schnee von gestern. Auch wenn der eigenen Traumatisierungsgeschichte
rekonstruktive Forschung in den Sozialwis- selbstverständlich die Höhe einer solchen zu stellen, statt abwegigen Idealen nachzu-
senschaften durch die detaillierte Auswer- Einkommenssicherung nicht unbedeutend eifern. Einer weitverbreiteten Auffassung
tung von offenen Interviews zeigt. Da genau ist, weil sie darüber entscheidet, ob eine davon, Krankheit sei ein zu behebendes
dieser Gemeinwohlbeitrag heute vor allem alleinstehende Person von ihr leben kann Defizit, würde so ein Begriff von Krankheit
in Form von Erwerbsarbeit erbracht werden oder, wenn es zu niedrig angesetzt wird, entgegengehalten, den der Soziologe Ulrich
soll, rücken andere Tätigkeiten in die Stel- nicht, liegt die entscheidende Wendung Oevermann treffend so formuliert: »Krank-
lung von Privatbeschäftigungen. Sie wer- doch im Prinzip der Anerkennung, das sie heit erscheint so in ihrer einzig angemesse-
den dadurch abgewertet und nicht als das zum Ausdruck bringt. Mit der illusionären nen Konzeptualisierung: nicht einfach platt
anerkannt, was sie für eine Gemeinschaft Vorstellung, in einem Gemeinwesen könn- als das klassifikatorische Gegenteil von Ge-
bedeuten: unerlässliche Voraussetzung für te es der Fall sein, dass die einen auf Kosten sundheit, sondern als das Maximum an Ge-
ihr Bestehen. Von allen gleichermaßen zehrt der anderen leben, würde aufgeräumt und sundheit, das ein konkretes Leben in seiner
das Gemeinwesen, denn ohne Familien, die dagegengesetzt, was politische Gemein- Traumatisierungsgeschichte und in seinem
sich bedingungslos ihren Kindern widmen, schaften auszeichnet: In ihnen leben stets Überlebenskampf unter seinen je konkreten
würde es keine mündigen Staatsbürger ge- und notwendig alle auf Kosten aller, weil Lebensbedingungen zu erreichen in der Lage
ben; ohne das enorme ehrenamtliche Enga- ohne die Loyalität zu gemeinschaftlichen war.«5 Damit soll nun nicht gesagt sein, dass
gement gäbe es weder politische Parteien, Entscheidungen der Einzelne nicht existie- therapeutisches Setting und Arbeitsbündnis
Kirchengemeinden, Wohlfahrtsorganisatio- ren kann. Das kommt sogar im Steuerwe- überflüssig würden. Der Kranke wird aber
nen, Sportvereine, Stadtteilinitiativen und sen zum Ausdruck, das immer jeden in die mehr in seiner Individuiertheit anerkannt,
vieles mehr. Noch weitreichender ist hier Pflicht nimmt. Das bGE an den Status als der Blick auf die Selbstheilungskräfte, auf
sogar die Loyalität der Bürger, denn nur Staatsbürger oder Aufenthaltsberechtigten die Autonomie, die ihm noch verblieben ist,
durch sie kann sich die politische Ordnung zu binden, machte ernst damit, den Einzel- würden gestärkt. Wir können nur erahnen,
erhalten. Zweitrangig sind die Tätigkeiten nen so anzuerkennen wie er ist und darauf wie viele Erkrankungen heute auch Reakti-
also nicht ihrer tatsächlichen Bedeutung für zu vertrauen, dass er sich schon einbringen onen auf die Erwerbsfixierung und die ihr
das Gemeinwesen wegen, sondern weil sie wird – nach seinen Fähigkeiten und Mög- kehrseitig entsprechenden Demütigungs-
als zweitrangig bewertet werden. Bezeugt lichkeiten, ohne ihm ein normatives Ziel für erfahrungen sind. All das würde in einem
wird diese Herabstufung durch den einfa- sein Leben aufzugeben. Zugleich würde da- anderen Licht erscheinen.
chen Umstand, dass sie zu keinen Transfer- durch herausgestellt, dass es die Freiheit der
ansprüchen führen. Daran ändert selbst die Bürger nicht ohne das Gemeinwesen, das Verschwinden würden all die Sorgen um
geringfügige Anerkennung von Erziehungs- immer ein konkretes und bestimmtes ist, Einkommenssicherung. Eine angemessene
zeiten in der Rentenversicherung (auf An- geben kann. Wie die Beispiele oben gezeigt Familienpolitik wäre erst möglich, die es
trag) nichts. haben, sind die Voraussetzungen, derer ein ihnen überlässt, wie sie die sich ihnen stel-
bGE bedarf, alles andere als illusionär, sie lenden Aufgaben bewältigen wollen. Mütter
Aufgehoben würde diese Nachrangigkeit entsprechen denjenigen, auf deren Basis wie Väter könnten zu Hause bleiben, solan-
nur durch ein bGE von der Wiege bis zur wir heute schon leben. Viele der Sorgen und ge sie es für wichtig erachten. Wo Familien
Bahre, denn nur dann wären alle Bezieher Bekümmernisse, wie Sybille Prins sie für Hilfe leisten wollen und können, sei es in
als Bürger gleich, es gäbe keinen Unter- psychisch kranke Menschen (Sozialpsychia- der Verwandtschaft, der Nachbarschaft oder
schied mehr zwischen bGE-Beziehern und trische Informationen Heft 1/2010, S. 16 ff.) wo auch immer, wären sie – solange keine
anderen, da es alle erhielten. Ist erst einmal schildert – Druck durch »Fördern und For- aufwendigen zusätzlichen Bedarfe gedeckt
die Erwerbsarbeit in eine Reihe gestellt mit dern«, Sanktionen durch Sozialadministra- werden müssen – auf keine Behörde mehr
jeglichem anderen Engagement, würde sich tion, Mangel an Verwirklichungschancen, angewiesen (siehe dazu auch Heiner Lege-
auch der Charakter darüber hinaus weiter- Überforderung durch bürokratische Hürden, wie, Sozialpsychiatrische Informationen

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Heft 1/2010, S. 31 ff.). Die Möglichkeiten zu Infrastruktur vorgehalten werden müsste, rungen der vergangenen Jahre stellen, wie hieran
häuslicher Pflege und Betreuung würden darüber würde, wie heute schon, stets von zu erkennen ist, Verschärfungen dar, nicht aber
dadurch enorm verbessert. Aus Regionen Neuem diskutiert werden. wurde ein neues Prinzip eingeführt, auch wenn
mit geringen Einkommenschancen müsste das in den Sozialwissenschaften mit der geläufi-
nicht mehr abgewandert werden, Initiative gen Formel von »Welfare zu Workfare« suggeriert
könnte sich dort entfalten, wo sich jemand Anmerkungen wird.
zuhause fühlt, nicht dort, wo er Geld verdie- 4 Dabei gibt es ein ganz andere Form von Quali-
nen muss. Hilfedienste verschiedenster Art 1 Der Verfasser hat 2003 die Initiative »Freiheit tätssicherung z. B. in den Professionen, die gut
könnten sich entwickeln, zugleich müsste statt Vollbeschäftigung« (www.FreiheitStattVoll- funktioniert hat: Binnenkritik, Kritik als Quell von
sich das Bewusstsein schärfen, dass Hilfe beschäftigung.de) mitbegründet und ist gegen- Erkenntnis – auf Tagungen, in Bewerbungsgesprä-
und Kontrolle stets nahe beieinander liegen, wärtig Leiter eines gemeinsamen Projekts von chen, in der Diskussion von Forschungsergebnis-
die bestgemeinte Hilfe also entmündigend ETH Zürich und Ruhr-Universität Bochum, das sich sen und Therapieverläufen. Sie aber kann weder
sein kann. Ehrenamtliche Begleitung durch mit Solidaritätsvorstellungen in Deutschland und geplant noch garantiert werden. Dass auch hier
den Alltag würde als Solidarleistung unter der Schweiz befasst. manches im Argen liegt, zeigt die Übererfüllung
Bürgern durch das bGE ermöglicht. 2 Eine umfangreiche Materialsammlung zur Dis- dessen, was in der Bologna-Erklärung nur emp-
kussion ist im Archiv Grundeinkommen (http://ar- fohlen wurde.
Nur wenige Auswirkungen habe ich hier chiv-grundeinkommen.de) zugänglich. Einführende 5 Oevermann U (1996) Theoretische Skizze einer
skizzieren können, es ist ein Leichtes wei- Filme zum Thema sind »Kulturimpuls Grundein- revidierten Theorie professionalisierten Han-
tere zu durchdenken, wenn die Möglich- kommen« (http://www.kultkino.ch/kultkino/be- delns. In: Combe A, Helsper W (Hg.) Pädagogische
keiten eines bGE in Kontrast zu den Wegen sonderes/grundeinkommen) von Daniel Häni und Professionalität. Untersuchungen zum Typus pä-
gesetzt werden, die wir heute beschreiten, Enno Schmidt, und »Designing Society« (http:// dagogischen Handelns (S. 70 – 182). Frankfurt/M.:
um gemeinschaftliche Aufgaben zu lösen. www.designing-society.de/index.swf) von Jördis Suhrkamp, S. 127.
Statt auf Aktivierungs-Programme zu set- Heizmann und Andreas Zgraja.
zen, die schon unterstellen, es mangele an 3 Schon im Bundessozialhilfegesetz von 1961, § 1,
Aktivitätsbereitschaft, müssten lediglich Satz 2, ist diese Eigenheit niedergelegt: »Aufgabe Anschrift des Verfassers
Freiräume eröffnet werden, damit sich vor- der Sozialhilfe ist es, dem Empfänger der Hilfe die
handene Initiative ihren Weg bahnen kann. Führung eines Lebens zu ermöglichen, das der Dr. Sascha Liebermann
›Empowerment‹ ohne Anleitung, das wäre Würde des Menschen entspricht. Die Hilfe soll ihn Wannen 65
einer Bürgergemeinschaft gemäß. Hilfs- soweit wie möglich befähigen, unabhängig von 58455 Witten
oder Unterstützungsangebote, die ausge- ihr zu leben; hierbei muss er nach seinen Kräften Sascha.Liebermann@udo.edu
schlagen werden könnten, anders als heute, mitwirken.« Ganz ähnlich klingt es im Zwölften
wären eine Konsequenz. Was als öffentliche Buch des Sozialgesetzbuches, Artikel 1. Verände-

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