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ICS 13.020.40, 13.040.

20 VDI-RICHTLINIEN Oktober 2011

VEREIN Biologische Verfahren zur Erfassung von VDI 4230


DEUTSCHER Umweltbelastungen (Bioindikation) Blatt 4
INGENIEURE Passives Biomonitoring mit Fischen als
Entwurf
Akkumulationsindikatoren
Probenahme

Biological procedures to determine environmen- Einsprüche bis 2012-01-31


tal impact (bioindication) – Passive biomonitoring x vorzugsweise in Tabellenform als Datei per E-Mail an
with fishes as accumulative indicators – Sam- krdl@vdi.de
pling Die Vorlage dieser Tabelle kann abgerufen werden unter
http://www.vdi-richtlinien.de/einsprueche
x in Papierform an
Kommission Reinhaltung der Luft im VDI und DIN
Fachbereich Umweltqualität
Postfach 10 11 39
40002 Düsseldorf

Inhalt Seite
Vorbemerkung ................................................................................................ 2
Einleitung ........................................................................................................ 2
1 Anwendungsbereich................................................................................ 3
2 Begriffe ..................................................................................................... 3
3 Grundlagen............................................................................................... 4
3.1 Zeittrends bestimmter Stoffe ............................................................. 4
3.2 Räumlicher Vergleich der Stoffbelastung ......................................... 4
3.3 Biomagnifikation .............................................................................. 4
3.4 Bioverfügbarkeit und Priorisierung von Stoffen ............................... 4
3.5 Wirkungsuntersuchungen (Ursachenklärung) ................................... 4
4 Verfahrensgrundlage ............................................................................... 4
4.1 Geeignete Arten ................................................................................ 4
4.2 Indikatorfunktion der Probenart Abramis brama .............................. 4
4.3 Zielkompartimente ............................................................................ 5
5 Durchführung des Verfahrens ................................................................ 5
5.1 Festlegungen für die Probenahme ..................................................... 5
5.2 Durchführung der Probenahme ......................................................... 7
5.3 Biometrische Probencharakterisierung ............................................. 9
6 Dokumentation ......................................................................................... 9
7 Qualitätssicherung .................................................................................. 9
Anhang A Altersbestimmung .................................................................10
A1 Allgemeines .....................................................................................10
A2 Aufarbeitung der Kiemendeckel ......................................................10
A3 Altersbestimmung ............................................................................10
Anhang B Beispiele für Formblätter zur Datenerhebung.......................15
Schrifttum ......................................................................................................19

Kommission Reinhaltung der Luft im VDI und DIN – Normenausschuss KRdL


Fachbereich Umweltqualität

VDI/DIN-Handbuch Reinhaltung der Luft, Band 1a: Maximale Immissions-Werte


–2– VDI 4230 Blatt 4 Entwurf

Vorbemerkung anstalt für Wasserbau (BAW) in Karlsruhe zu nen-


Der Inhalt dieser Richtlinie ist entstanden unter nen, das zur Dokumentation, Interpretation und
Beachtung der Vorgaben und Empfehlungen der Bewertung der morphologischen, chemischen,
Richtlinie VDI 1000. ökotoxikologischen und biologischen Eigenschaf-
ten der Sedimente in den großen deutschen Flüs-
sen, Kanälen und Küstengewässern dient.
Auch die Umweltprobenbank des Bundes (UPB)
ist ein Instrument, das neben der Überwachung des
stofflichen Umweltzustands in terrestrischen Sys-
temen dies auch in aquatischen Systemen vor al-
lem mithilfe von Bioindikatoren durchführt.
Des Weiteren gewinnt das Umweltmonitoring im
Rahmen des Zulassungsverfahrens unter Verord-
An der Erarbeitung dieser VDI-Richtlinie waren
nung (EG) Nr. 1907/2006 (REACH) neue Bedeu-
beteiligt:
tung. Ein Beispiel dafür ist das europaweite Moni-
Prof. Dr. Thomas Braunbeck, Heidelberg toring von Hexabromcyclododecan (HBCD) in
Prof. Dr. Roland Klein (Vorsitzender), Trier Gewässern der Industry Working Group for He-
Dr. Herbert Löffler, Langenargen xabromocyclododecane des European Chemical
Industry Council (CEFIC), in dem unter anderem
Dr. Karl Theo von der Trenck, Karlsruhe
Brachsen (Abramis brama) als Akkumulations-
Allen, die ehrenamtlich an der Erarbeitung dieser indikatoren für Flammschutzmittel eingesetzt wer-
VDI-Richtlinie mitgewirkt haben, sei gedankt. den.
Eine Liste der aktuell verfügbaren Blätter dieser Die Gewässerüberwachung mit Bioindikatoren hat
Richtlinienreihe ist im Internet abrufbar unter damit eine sehr große Bedeutung erlangt. Insbe-
www.vdi.de/4230. sondere für die Überwachung von Schadstoffen
werden hierbei Fische als Indikatororganismen
Einleitung verwendet, die gegenüber vielen anderen Bioindi-
Die Überwachung des Umweltzustands und die katoren den Vorteil haben, dass sie als Bestandteil
Ableitung von Umweltqualitätszielen spielt eine der menschlichen Nahrungskette einen direkten
zunehmend große Rolle in der Umweltpolitik. Transfer des Risikos auf den Menschen ermögli-
Bezüglich der Gewässer ist in erster Linie die chen. Darüber hinaus kommt Fischen als Wirbel-
Wasserrahmenrichtlinie der EU 2000/60/EG tieren eine besondere Bedeutung bei der Übertra-
(WRRL) zu nennen. Sie zielt auf die Erhaltung und gung der mit ihnen gewonnen Erkenntnisse auf den
die Verbesserung der aquatischen Umwelt ab, wo- Menschen zu. So sind sie beispielsweise ideale
bei der Schwerpunkt auf der Güte der betreffenden Modelle für ein Monitoring immunmodulatorischer
Gewässer und auf der Eliminierung prioritärer Effekte, was unter anderem durch viele Ähnlich-
gefährlicher Stoffe liegt. Darüber hinaus verlangt keiten ihres Immunsystems mit dem Säugetiersys-
die Richtlinie auch eine systematische und ver- tem unterstrichen wird. Hierbei ist zu bedenken,
gleichbare Überwachung des Gewässerzustands, dass das Immunsystem einen wichtigen Indikator
der in Artikel 8 präzisiert wird und neben dem für Wirkungen von Stressoren und damit für den
ökologischen und chemischen Zustand auch das Gesundheitszustand sowie die Fitness von Popula-
ökologische Potenzial mit einschließt. Mit dem tionen darstellt, der zwar zur Zeit noch unzurei-
Inkrafttreten der WRRL wurden die bestehenden chend untersucht ist, aber dem diesbezüglich ein
Programme zur Gewässerüberwachung in den hohes Potenzial zugeschrieben werden kann.
Bundesländern an die neuen Anforderungen ange- Eine zuverlässige Indikation des Gewässerzustands
passt. Mit diesen Überwachungsnetzen ist das Er- durch Organismen kann nur dann erreicht werden,
reichen verbindlicher Umwelt- bzw. Bewirtschaf- wenn qualitativ hochwertige Proben vorliegen.
tungsziele für Oberflächengewässer und Grund- Damit kommt der Probenahme eine zentrale Be-
wasser nachzuweisen. deutung zu. Dies gilt umso mehr, da Fehler bei der
Als weitere wichtige Instrumente der Gewässer- Probenahme zu einem späteren Zeitpunkt nicht
überwachung sind das Sediment- und Bodenkatas- mehr korrigiert oder in ihrem Ausmaß verringert
ter der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des werden können. Wichtigstes Instrument bei der
Bundes (SedKat WSV) als ein gemeinsames Fach- Probenahme ist dabei die Standardisierung, um die
vorhaben der beiden Oberbehörden Bundesanstalt naturgemäß hohe Variabilität biologischer Proben
für Gewässerkunde (BfG) in Koblenz und Bundes- zu reduzieren und so ein hohes Maß an Reprodu-
Entwurf VDI 4230 Blatt 4 –3–

zierbarkeit zu erreichen. Um die Aussagekraft zu stimmten Zeitraum die Anreicherung chemischer


bewahren, muss allerdings strikt darauf geachtet Stoffe verfolgt wird.
werden, dass die Repräsentativität der Proben nicht
Bioakkumulation
zu sehr eingeschränkt wird.
Anreicherung von Stoffen in lebenden Organismen
Das Ziel dieser Richtlinie besteht daher darin, unabhängig von der der Art der Aufnahme, das
Standards für den Erhalt reproduzierbarer und re- heißt direkt aus dem umgebenden Medium oder
präsentativer Umweltproben zu definieren, um über die Nahrung.
über Zeit und Raum vergleichbare Ergebnisse über
den stofflichen Umweltzustand erhalten zu können. Biomagnifikation
Anreicherung von Stoffen in Lebewesen entlang
1 Anwendungsbereich einer Nahrungskette bzw. über das Nahrungsnetz.
Diese Richtlinie beschränkt sich auf Fische aus Bioverfügbarkeit
limnischen Lebensräumen. Marine Fischarten wer- Anteil eines Stoffs, der von einem Organismus
den nicht betrachtet, da bei den meisten Arten das entweder direkt aus dem umgebenden Medium
Wanderverhalten keinen klaren Bezug zu einem oder entlang der Nahrungskette aufgenommen
bestimmten Lebensraum ermöglicht und damit ein werden kann; Maß für die Geschwindigkeit und
sehr wichtiges Kriterium für Akkumulationsindika- den Umfang der Resorption (Aufnahme) eines
toren nicht erfüllt wird. Hinzu kommt, dass man- Stoffs in Organismen.
che Arten auch in Folge von Überfischung nicht
Gonadosomatischer Index
ausreichend verfügbar sind und/oder im Vergleich
Prozentualer Anteil der Gonaden am Gesamtge-
zu den limnischen Fischarten ein erhöhter Auf-
wicht eines Tiers.
wand für den Fang betrieben werden muss. In die-
sem Zusammenhang ist auch die Tatsache, dass die Hepatosomatischer Index
Einflussnahme des Probenehmers auf die Bedin- Prozentualer Anteil der Leber am Gesamtgewicht
gungen beim Fang – der oft als Beifang von Be- eines Tiers.
rufsfischern durchgeführt wird – als zu gering ein-
Korpulenzfaktor
gestuft werden muss. Dies betrifft sowohl die For- Parameter für die Beschreibung des Verhältnisses
derung den Stress für die Fische so niedrig wie von Körpergewicht zu Körpergröße
möglich zu halten als auch die Überwachung der
Einhaltung von Standards bei der Probenahme, wie Sekundärkonsument
sie im Rahmen dieser Richtlinie gefordert werden. Dritte ĺ7URSKLHHEHQH LQ HLQHU 1DKUXQJVNHWWH
Des Weiteren beschränkt sich die vorliegende fleischfressende Tiere (Räuber).
Richtlinie auf den Einsatz von Fischen als Akku- Trophieebene
mulationsindikatoren, weil damit bereits ein weites Kennzeichnung einer bestimmten Stufe in der Nah-
Einsatzfeld betrachtet werden muss (siehe Ab- rungskette; man unterscheidet Primärproduzenten
schnitt 2) und die Vorgaben für ihren Einsatz als (Pflanzen), Primärkonsumenten (Pflanzenfresser;
Wirkungsindikatoren davon abweichen. Hinzu Tiere), ĺ6HNXQGlU konsumenten (Fleischfresser,
kommt, dass aufgrund der Vielseitigkeit der Räuber; Tiere) und Destruenten (abbauende Orga-
Einsatzbereiche von Fischen im Wirkungsmonito- nismen; vor allem Bakterien und Pilze); Konsu-
ring eine eigene Richtlinie gerechtfertigt ist. menten sind Organismen, die selbst nicht zur Her-
Die von dieser Richtlinie behandelten Anwen- stellung organischer Verbindungen befähigt sind,
dungsbereiche sind in der Umweltbeobachtung und sondern diese über die Nahrung aufnehmen müs-
im Monitoring von (Schad-)Stoffen angesiedelt, sen.
wobei die nachfolgend beschriebenen Funktionen Trophiegrad
unterschieden werden können. Grad der Nährstoffversorgung eines ökologischen
Systems; unterschieden werden:
2 Begriffe
x oligotroph
Für die Anwendung dieser Richtlinie gelten die
nährstoffarmer, schwach produktiver Zustand,
folgenden Begriffe:
x mesotroph
Akkumulationsindikator intermediäre Nährstoffversorgung, und
Organismus, der als Anzeiger für die
ĺ%LRDNNXPXODWLRQ HLQJHVHW]W ZLUG GDV KHL‰W HLQ x eutroph
Tier oder eine Pflanze, in denen über einen be- nährstoffreicher, stark produktiver Zustand.
Anmerkung: Sehr stark mit Nährstoffen belastete ökologische
Systeme werden als hyper- oder polytroph bezeichnet.
–4– VDI 4230 Blatt 4 Entwurf

3 Grundlagen 4 Verfahrensgrundlage
3.1 Zeittrends bestimmter Stoffe Die Probenahme ist der erste und wichtigste Schritt
Die Erstellung von Zeittrends der Stoffbelastung zur Sicherung der Proben- und Datenqualität. Sie
von Fischen ausgewählter Standorte erlaubt im erfolgt nach fachlich begründeten und standardi-
Endeffekt Rückschlüsse über die Veränderung der sierten Methoden, um Kontaminationen zu mini-
Exposition von limnischen Organismen gegenüber mieren und den Verlust von chemischen Informa-
bestimmten Stoffen und liefert wertvolle Hinweise tionen zu vermeiden. Der besonders hohe An-
auf potenziell gefährliche Stoffe. Außerdem kön- spruch an die Qualitätssicherung ergibt sich aus
nen Zeittrends im Rahmen der behördlichen Er- der außergewöhnlichen Bedeutung der Proben als
folgskontrolle von Verbotsmaßnahmen oder frei- Archivmaterial. Repräsentativität und Reprodu-
willigen Produktionsbeschränkungen von Seiten zierbarkeit der Proben sind Voraussetzung für die
der Industrie eingesetzt werden. Vergleichbarkeit der Untersuchungsergebnisse in
Zeit und Raum.
3.2 Räumlicher Vergleich der Stoffbelastung
4.1 Geeignete Arten
Räumliche Vergleiche der Stoffbelastung liefern
wertvolle Hinweise auf besonders belastete Regio- Als Akkumulationsindikatoren kommen vor allem
nen und über die mögliche Identifizierung von standorttreue Fischarten in Betracht, die eine aus-
Belastungsquellen auch auf entsprechende Hand- reichende Körpergröße erreichen. Da Sedimente in
lungsmaßnahmen zur Belastungsreduktion. aquatischen Systemen beträchtliche Mengen an
Schadstoffen akkumulieren können, sind besonders
3.3 Biomagnifikation Arten mit Bezug zum Sediment vorzuziehen. Auf-
Biomagnifikation als Anreicherung von Stoffen grund seiner weiten Verbreitung in sowohl lang-
über mehrere Trophieebenen hinweg bis zum Men- sam fließenden als auch stehenden Gewässern wird
schen ist ebenfalls zur Aufklärung der Gefährlich- der Brachsen (Abramis brama) für das Monitoring
keit von Stoffen essentiell. Fischen kommt dabei auf Schadstoffakkumulation empfohlen. In Einzel-
eine herausragende Bedeutung zu, da zumindest fällen kann auch auf andere Fischarten ausgewi-
manche Arten wie der hier näher betrachtete chen werden, z. B. für Untersuchungen kleinerer
Brachsen einen Großteil der stofflichen Belastung Gewässer, in denen der Brachsen nicht vorkommt.
des freien Wasserkörpers als auch des Sediments In jedem Fall ist der Schutzstatus der in Betracht
integrieren und somit in Nahrungsketten ein zen- gezogenen Art zu klären; bei entsprechender Fra-
trales Element darstellen. gestellung (z. B. Beitrag zum Erhalt der Art) ist
3.4 Bioverfügbarkeit und Priorisierung von
auch die Verwendung geschützter Arten zu prüfen.
Stoffen Als mögliche Alternativen kommen als bodenori-
Angaben und Informationen über die Bioverfüg- entierte Fischarten Nase (Nasus nasus) und Barbe
barkeit von Stoffen sind grundlegende Erkennt- (Barbus barbus), als vor allem im Freiwasser vor-
nisse, die sich aus der Untersuchung von akkumu- kommende Arten Plötze (Rotauge; Rutilus rutilus)
lierten Stoffen in Fischen ableiten lassen. Gleich- und Döbel (Leuciscus cephalus) in Frage. Beim
zeitig spielen diese Kriterien eine zentrale Rolle, Einsatz von Bachforellen (Salmo trutta f. fario) ist
wenn es, wie bei der REACH oder der WWRL, um sicherzustellen, dass Tiere nicht aus Besatzmaß-
die Priorisierung von Stoffen geht, denen wegen nahmen stammen.
ihrer Gefährlichkeit eine besondere Bedeutung 4.2 Indikatorfunktion der Probenart Abramis
auch im Rahmen des Monitorings zukommt. brama
3.5 Wirkungsuntersuchungen Brachsen (weitere, zum Teil nur lokal gebräuchli-
(Ursachenklärung) che Namen: Blei, Brachse, Brachsme, Brasse, Bre-
Die Untersuchung der akkumulierten Stoffe in sen) nehmen in limnischen Ökosystemen die
verschiedenen Geweben und Organen von Fischen trophische Stufe der Sekundärkonsumenten ein,
liefert wichtige Grundlagen, wenn Wirkungen von wobei sie als sogenannte Friedfische nicht am En-
Stoffen untersucht werden sollen. Hierdurch kann de der Nahrungskette stehen [1; 2]. Sie leben bo-
eine differenzierte Betrachtung von Bioverfügbar- denorientiert in Gewässern mit hohem Nährstoff-
keit am jeweiligen Wirkort erfolgen und es können angebot und schlammigen Grund. Brachsen ernäh-
letztendlich auch Stoffbilanzen in einem Organis- ren sich überwiegend von Benthosorganismen, vor
mus erstellt werden. Damit lassen sich auch Rück- allem von zu den Destruenten zählenden Chirono-
schlüsse auf die stofflichen Ursachen bestimmter midenlarven, carnivoren Libellenlarven und Mol-
Wirkungen ziehen. lusken [3 bis 7]. Durch den damit verbundenen
Kontakt zur Gewässersohle wird der Bezug zum
Entwurf VDI 4230 Blatt 4 –5–

Sediment und nicht nur allein zum Freiwasserkör- Eine ausschließliche Beschränkung auf die Ver-
per, wie beim Rotauge (Rutilus rutilus), unterstri- wendung der Muskulatur ist allerdings nicht aus-
chen. Der Brachsen wird neben dem Rotauge seit reichend, da hier nur ein Teil der ökotoxikologisch
langem als Akkumulationsindikator im passiven relevanten Komponenten repräsentiert werden
Biomonitoring erfolgreich eingesetzt [8 bis 14]. Er kann. Deshalb ist es notwendig, die Leber als zent-
wird aus folgenden Gründen als geeigneter Bioin- rales Stoffwechselorgan („Hauptumschlagplatz“
dikator angesehen: chemischer Stoffe) im Körper zusätzlich zu sam-
x weite Verbreitung in Europa mit Ausnahme des meln. Die Leber hat sich in zahlreichen Studien
extremen Nordens und Südens [15; 16] auch als das Organ erwiesen, das Schadstoffe am
stärksten akkumuliert.
x eine der häufigsten Fischarten in Mitteleuropa
[17]; steht daher für eine nachhaltige und lang- Bei entsprechender Indikation, z. B. bei der Suche
fristig wiederholbare Probenahme zur Verfügung nach Stoffen, für die die Akkumulation in anderen
Organen bereits in der Literatur belegt ist oder für
x größte Art unter den häufigen Fischen Mitteleu- die spezifische biologische Effekte bekannt sind,
ropas, was insbesondere beim Sezieren von Or- sind weitere Organe wie Nieren, Milz, Fettgewe-
ganen und im Hinblick auf eine für chemische be und Gonaden in die Probenahme einzubeziehen.
Analysen ausreichende Probenmenge günstig Bei der Niere ist zu berücksichtigen, dass dieses
ist Organ aufgrund seiner Lage außerhalb der Körper-
x lange Lebensdauer höhle unmittelbar unter der Wirbelsäule schwer
x weite ökologische Valenz: kommt in (langsam) quantitativ zu präparieren ist und eine inhomogene
fließenden und stehenden Gewässern mit unter- Akkumulation von Stoffen über die Längserstre-
schiedlicher Belastung und mit unterschiedli- ckung der Niere nicht auszuschließen ist.
chem Ausbaugrad vor; bewohnt auch den Brack- Eine Beprobung des Fettgewebes erscheint vor
wasserbereich der Ostsee [16; 17] allem für stark lipophile Schadstoffe von Bedeu-
x „konservativ“ reagierender Fisch [18; 19], das tung. Generell gilt für alle entnommenen Proben,
heißt es bestehen selbst bei Änderung des Eu- dass die Akkumulation bestimmter Schadstoffe
trophierungsgrads der Gewässer stabile Popula- stark vom Fettgehalt abhängen kann. Daher sollte
tionen; die Individuen verändern darüber hinaus bereits bei der Probenahme die Färbung der Leber
ihr Längenwachstum und ihre Gewichtszunah- (blass, rosa, rot) dokumentiert und gegebenenfalls
me nur geringfügig [3; 20; 21] der Fettgehalt präzise bestimmt werden.
x Resistenz gegenüber hohen Schadstofffrachten Aufgrund des saisonal sehr unterschiedlichen Aus-
[22] bildungszustands ist dieser bei der Präparation der
Gonade genau zu dokumentieren (Geschlecht;
x relativ standorttreu, wobei unklar ist, ob die makroskopische Beurteilung des Reifegrads sowie
Standorttreue in allen Gewässern gegeben ist Erfassung des gonadosomatischen Index).
und welche Teile der jeweiligen Population sich
wieweit vom Geburtsort entfernen [23 bis 26] 5 Durchführung des Verfahrens
x spiegelt die „Belastungssituation“ der Gewäs- 5.1 Festlegungen für die Probenahme
sersohle (inklusive Sediment) und des Freiwas-
serkörpers wider 5.1.1 Artbestimmung
x regional wird er als Speisefisch genutzt [15; 17] Der Brachsen (Bild 1, links) kann leicht mit Blic-
wodurch ein direkter Bezug zur menschlichen ca bjoerkna (Güster, weißer Brachsen/Blei, Silber-
Nahrungskette besteht. brassen und andere – Bild 1, rechts) verwechselt
werden. Darüber hinaus tendiert er dazu, sich mit
4.3 Zielkompartimente dieser Art sowie mit anderen Vertretern der Cypri-
Für Untersuchungen zur Akkumulation chemischer niden zu kreuzen [27]. Zur zweifelsfreien Artbe-
Substanzen kommen Muskulatur und Leber in stimmung sind biologische Fachkenntnisse erfor-
Betracht. Für die Muskulatur spricht, dass sie den derlich bzw. Spezialisten hinzuzuziehen. Wichtige
essbaren Anteil von Fischen darstellt. Hinzu Unterscheidungsmerkmale sind in Bild 1 und Ta-
kommt eine leichte Sezierbarkeit und die hohe belle 1 dargestellt. Weitere Informationen sind
Biomasse, die eine Vielzahl von chemischen Ana- unter www.fishbase.org und in einschlägigen Be-
lysen auch an Einzelproben erlaubt. stimmungswerken [15; 28 bis 30]) zu finden.
–6– VDI 4230 Blatt 4 Entwurf

Tabelle 1. Wesentliche Unterscheidungsmerkmale von Abramis brama und Blicca bjoerkna


Art Abramis brama Blicca bjoerkna
Eigenschaft
Augengröße < Schnauzenlänge ja nein
Anzahl der Afterflossenstrahlen (24) 26–31 22–26
Anzahl der Rückenflossenstrahlen 10–11 8–9
Anzahl der Schuppen auf der Seitenlinie 51–60 40–45
Abdomen gekielt gerundet
Schlundzähne: Anzahl der Reihen einreihig zweireihig

Bild 1. Abramis brama (links) und Blicca bjoerkna (rechts) (Quelle: verändert nach [31])
5.1.2 Charakterisierung der 5.1.4 Auswahl und Anzahl der Individuen
Probenahmefläche In Abhängigkeit von der Fragestellung ist vor Be-
Die Probenahmeflächen müssen repräsentativ für ginn der jeweiligen Untersuchung festzulegen, ob
die spezifische Fragestellung und das jeweilige juvenile oder adulte Fische beprobt werden sollen.
Ökosystem bzw. den jeweiligen Gebietsausschnitt Eine Mischung beider Altersgruppen sollte grund-
sein. Das bedeutet, dass sie nicht in unmittelbare sätzlich vermieden werden. Bilden subadulte Fi-
Nähe lokaler Emittenten gelegt werden dürfen. Der sche die Zielgruppe, dann erstreckt sich diese Fest-
Abstand wird aus der Art der Emissionen und zahl- legung beim Brachsen auf die zwei- bis vierjähri-
reicher hydrologischer sowie hydrographischer gen Fische, da der Brachsen mit drei oder vier
Faktoren, pH-Wert, Sauerstoffgehalt, Wasserhärte, Jahren geschlechtsreif wird. Bei anderen Fischar-
Leitfähigkeit, Trophiegrad, Fließgeschwindigkeit, ten ist die Grenze entsprechend anzupassen. Ein-
Abfluss/Wasserstand, Uferbeschaffenheit, Exposi- jährige oder jüngere Fische sollten ausgeschlossen
tion, Länge, GPS-Daten usw. bestimmt. Das be- werden, da sie unter Umständen noch nicht lange
deutet, dass der Abstand zu den nächstgelegenen genug die Stoffbelastung des jeweiligen Lebens-
Emittenten für jede Probenahmefläche separat raums integriert haben und daher nicht anzeigen
ermittelt werden muss. können.
5.1.3 Genehmigungen Bei adulten Fischen muss in Abhängigkeit von der
Für den Fang von Brachsen müssen im Allgemei- Lebensspanne der Fischart eine weitere Alters-
nen Genehmigungen eingeholt werden, die mit der gruppe als Zielklasse definiert werden, um die
Probenahmefläche in Beziehung stehen. Es bedarf individuelle Variabilität zu begrenzen. Empfohlen
zumindest einer Genehmigung des Fischereibe- wird, maximal fünf Jahre zu einer Altersklassen-
rechtigten bzw. -ausübungsberechtigten. In Gewäs- gruppe zusammenzufassen.
sern, die als Bundeswasserstraßen genutzt werden, Bei der Probenahme kann allerdings die altersmä-
ist des Weiteren eine Genehmigung des zuständi- ßige Zuordnung der Individuen nur anhand der
gen Wasser- und Schifffahrtsamts zum Befahren Länge und des Gewichts abgeschätzt werden. Da
des Gewässers und der Betriebswege notwendig. das Wachstum der Brachsen wie auch anderer
Für den Fang geschützter Arten sind Ausnahmege- Fischarten gewässerspezifisch stark variiert, kön-
nehmigungen erforderlich. Für das Hältern der nen keine allgemeingültigen Anhaltswerte zu Län-
Fische im Netzgehege bis zur Sektion ist eine Aus- ge und Gewicht getroffen werden. Es wird daher
nahmegenehmigung bei der zuständigen Behörde empfohlen, vor der ersten Probenahme eine Vorun-
(z. B. Fischereibehörde, Veterinäramt, Natur- tersuchung durchzuführen, die über Verfügbarkeit
schutzbehörde) zu beantragen. und Wachstumsbedingungen der Fische Auf-
schluss gibt. Es muss aber betont werden, dass
Entwurf VDI 4230 Blatt 4 –7–

Gewicht und Länge lediglich Anhaltswerte liefern. x Knochenschere


Da die genaue Altersbestimmung (siehe An- x Bechergläser
hang A) erst nach der Probenahme im Labor
durchgeführt werden kann, werden im Allgemei- x Pinzetten
nen auch Individuen anderer als der festgelegten x PTFE- oder Edelstahlschale
Altersklasse in der Stichprobe vorhanden sein, was x Lupe oder Binokular
aber toleriert werden muss.
x Einmalhandschuhe
Es sollten mindestens 20 Individuen pro zu unter-
suchender Fläche beprobt werden. Hierbei wird x Laborkleidung
empfohlen, von beiden Geschlechtern die gleiche x Papiertücher
Anzahl zu fangen. x deionisiertes Wasser
5.1.5 Probenahmezeitraum x Flüssigstickstoff
Die Probenahme erfolgt im August und September. x Kühlvorrichtungen zum raschen Tiefkühlen und
Je nach Witterungsverlauf kann sie bereits Mitte Lagern der Proben (Trockeneis oder Flüssig-
Juli oder spätestens Mitte Oktober durchgeführt stickstoff)
werden. Spätere Termine erschweren den Fang der Bei speziellen Untersuchungen (z. B. leichtflüchti-
in der kalten Jahreszeit tiefer im Gewässer stehen-
ge Substanzen, Spurenanalytik) ist zusätzlich not-
den Brachsen. Die Laichzeit (etwa ab April bis
wendig:
Anfang Juli) als Zeitraum ständiger physiologi-
scher Veränderungen bei geschlechtsreifen Indivi- x Reinluftarbeitsplatz mit Partikel- und Aktivkoh-
duen scheidet aufgrund dieser nicht zu standardi- lefilter
sierenden Dynamik ebenfalls aus. x je nach Untersuchungsziel: Plastik-, Glas- oder
5.2 Durchführung der Probenahme Edelstahlgeräte

5.2.1 Empfohlene Ausrüstung und Reinigungsvorschriften


Reinigungsvorschriften Die Reinigung der Probengefäße und -geräte er-
Da die Ausrüstung in Abhängigkeit von der Frage- folgt in einer Laborspülmaschine mit chlorfreiem
stellung erheblich variieren kann, gibt die folgende Intensivreiniger im ersten Reinigungsgang. Nach
Liste nur Anhaltspunkte. Kalt- und Heißspülung (ca. 90 °C bis 95 °C) er-
folgt eine Neutralisation mit ca. 30%iger Phos-
Freiland phorsäure in warmem Wasser; anschließend erfol-
x Fangausrüstung je nach der einzusetzenden gen Heiß- und Kaltspülgänge mit deionisiertem
Methode (siehe Abschnitt 5.2.2) Wasser. Nach dem Spülen werden die Gefäße bei
x Netzgehege ca. 130 °C im Trockenschrank mindestens eine
Stunde nachbehandelt (zur Sterilisation). An-
x Transportbehälter mit Belüftungseinrichtung
schließend lässt man die Gefäße geschlossen ab-
x Käscher kühlen. Bei Kunststoffen entfällt die Sterilisation.
Laborwagen/Labor Grundsätzlich sind die allgemeinen Vorgaben der
x Probendatenblätter zur Dokumentation während guten Laborpraxis zu berücksichtigen.
der Probennahme (Entnahmestelle, Probenahme- 5.2.2 Probenahmetechnik
methode, Probenbeschreibung, Lagerung, Alters- Die Probenahme ist entsprechend den folgenden
bestimmung) Normen durchzuführen:
x wasserfester Markierungsstift DIN EN 14757 Wasserbeschaffenheit; Probenahme
x Fischbetäubungsanlage von Fisch mittels Multi-Maschen-Kiemennetzen
x Fotoausrüstung DIN EN 14011 Wasserbeschaffenheit; Probenahme
x Messbrett von Fisch mittels Elektrizität
Die Fangmethoden für Brachsen richten sich in
x Laborwaage (1 g genau)
erster Linie nach dem Gewässertyp, weshalb es
x Laborwaage (0,01 g genau) nicht möglich ist, dieselbe Fangmethode in allen
x Papiertüten Gewässern mit Erfolg einzusetzen.
x Skalpellhalter mit Klingen Stellnetze werden in tiefen, stehenden und lang-
x Scheren sam fließenden Gewässern bzw. deren Seitenarmen
eingesetzt. Geeignet sind Kiemennetze, die als
x Zangen
–8– VDI 4230 Blatt 4 Entwurf

Grundnetze gearbeitet sind, mit einer Maschenwei- entlang der Seitenlinie (nicht direkt von der
te je nach Gewässertyp und Größe der Brachsen. Seitenlinie!) und aus dem Körperbereich zwi-
Die maximale Stellzeit sollte wenige Stunden nicht schen Bauch- und Afterflosse mit einer Pinzette
überschreiten, da die gefangenen Fische ansonsten und Verpacken in beschriftete Papiertüten
zu sehr gestresst und geschädigt werden. Relativ Anmerkung: Das Aufschneiden der Haut und die Öff-
große Maschenweiten haben den Vorteil, dass in nung der Leibeshöhle erfolgt mit anderen Werkzeugen als
Verbindung mit der kurzen Standzeit der Beifang die Sektion der inneren Organe.
minimal gehalten wird. x Einschneiden der Haut entlang der Rücken-,
Zugnetze eignen sich vor allem für den Fang von Bauchlinie und der Kiemendeckel auf einer
Brachsen in flachen, stehenden Gewässern. Das Körperseite mit einer Schere; um keine Organe
Fangen selbst wird in der Regel von Berufsfischern zu verletzen ist dabei darauf zu achten, dass die
durchgeführt. Schnitte nicht tief ins Muskelfleisch bzw. nicht
In sehr großen Fließgewässern können auch in die Bauchhöhle erfolgen.
Schlepp- oder Hamennetze als geeignete Fangme- x Abziehen der Haut vom Kopf zum Schwanz mit
thoden eingesetzt werden [32]. Abhängig vom starken Zangen
Gewässer können auch (Groß-)Reusen oder die x Einschneiden der Muskulatur mit einem Skal-
Elektrofischerei als Fangtechnik in Frage kom- pell entlang der Rückenlinie und der Oberkante
men. Alle diese Fanggeräte werden in der Regel der Wirbelsäule und Abheben der Filets vom
von Berufsfischern bzw. speziell geschulten Perso- Kopf zum Schwanz mit einer Pinzette und
nen eingesetzt, daher sind nähere technische Aus- durch Nachschneiden mit einem Skalpell
führungen hierzu nicht notwendig.
x Wiegen der Muskulatur (0,1 g genau) und so-
Brachsen sollten nur dann geangelt werden, wenn fortiges Einfrieren (über Trockeneis oder in
mit den übrigen Methoden keine ausreichenden Flüssigstickstoff )
Fangergebnisse zu erzielen sind. In der Regel muss
vor dem Angeln angefüttert werden, um Aussicht x Öffnen des Bauchraums mit einer Schere; beim
auf Erfolg zu haben. Die Fütterungsart ist wie die Hoch- und Abheben der Bauchdecke ist darauf
Fangmethode im Protokoll zu vermerken. zu achten, dass keine Organe verletzt werden
Für alle Fangmethoden gilt, dass die Brachsen x Entnahme der Leber mit Pinzette und Schere
nach dem Fang unmittelbar in ein Netzgehege ohne andere Organe zu verletzen (insbesondere
umzusetzen sind, das im Habitatwasser schwimmt. die Galle)
Das Gehege sollte ausreichend groß und knotenfrei x Wiegen der Leber (0,1 g genau) und sofortiges
gearbeitet sein sowie frei im Wasser schwimmen. Einfrieren (über Trockeneis oder in Flüssig-
Alternativ können die Fische auch in Transport- stickstoff)
behältern eingesetzt werden, die belüftet werden. x Entnahme weiterer Organe und wiegen (0,1 g
Vorteil gegenüber dem Netzgehege ist, dass die genau)
Brachsen darin transportiert werden können. Die x Geschlechtsbestimmung anhand der Gonaden
Hälterungszeit sollte so kurz wie möglich sein und
(sofern erforderlich mit einer Lupe oder einem
nur wenige Stunden betragen.
Binokular)
Zur weiteren Bearbeitung werden die Fische ein-
x Sektion der Niere samt Kopfniere und wiegen
zeln aus dem Netzkäfig oder Transportbehälter mit
(0,1 g genau)
einem Käscher entnommen. Vor dem Abtöten ist
die Artbestimmung durchzuführen. x Abtrennen der Kiemendeckel zur Altersbestim-
Nach dem Abtöten sind folgende Arbeitsschritte mung (siehe Anhang A) und Verpacken in be-
chronologisch auszuführen: schriftete, wassergefüllte Glasflaschen zum Ma-
zerieren
x Wiegen (1 g genau)
x Protokollieren aller auffallenden Merkmale an
x Messen der Länge (0,5 cm genau) nach DIN inneren Organen
EN 14011 von der Schnauzenspitze bis zur Mit-
5.2.3 Probentransport
te zwischen den Enden der Schwanzgabel (Ga-
bellänge) Ein schneller Transport zum Labor ist der sicherste
Weg, chemische Veränderungen in den Proben zu
x Protokollieren aller auffallenden Merkmale auf verhindern. Sollten sich längere Transportzeiten
Haut und Kiemen jedoch nicht vermeiden lassen, ist eine Kühlung
x Entnahme von jeweils mindestens sechs Schup- des Materials unbedingt erforderlich. Für Trans-
pen zur Altersbestimmung (siehe Anhang A) portzeiten von wenigen Stunden reicht häufig eine
Entwurf VDI 4230 Blatt 4 –9–

Temperatur von 0 °C bis 4 °C aus. Längere Trans- 100 u Gonadengewicht in g


porte (mehr als vier Stunden) sollten jedoch immer GSI (3)
Gesamtkörpergewicht in g
unter Tieftemperaturbedingungen erfolgen, wobei
ein schnelles Durchfrieren der Proben gewährleis-
6 Dokumentation
tet sein muss. Transporte sollten dann in Tiefkühl-
truhen (–18 °C bis –20 °C), mit Trockeneis Alle Standortdaten und die bei der Probenahme
(–80 °C) oder in der Gasphase über Flüssigstick- und der biometrischen Probenbeschreibung erho-
stoff (< –140 °C) erfolgen. So ist beispielsweise benen Daten sind zu dokumentieren. Zu jeder Pro-
bekannt, dass Vitamin C sich innerhalb kürzester benahme ist ein Protokoll mit mindestens folgen-
Zeit (ungefähr 1 h bis 2 h) zersetzen kann. Ähnlich dem Inhalt anzufertigen:
verhalten sich Blut-, Milch oder Urinproben. Hier x Charakterisierung der Probenahmefläche
ist es unbedingt notwendig, entweder durch Zusät- x Datum und chronologischer Ablauf der Probe-
ze bzw. durch Tieftemperaturlagerung eine chemi- nahme
sche Veränderung zu verhindern.
x Fang- und Hälterungsmethode
5.3 Biometrische Probencharakterisierung
x an der Probenahme beteiligte Personen, Leiter
5.3.1 Altersbestimmung (siehe auch der Probenahme, externe Helfer
Anhang A)
x besondere Witterungsereignisse kurz vor oder
Die genaue Altersbestimmung erfolgt nach der während der Probenahme
Probenahme im Labor anhand der Schuppen
und/oder der Kiemendeckel. Die Kiemendeckel x Artname(n)
müssen zunächst in Wasser bei Zimmertemperatur x makroskopische Beobachtungen bei Probenah-
mazeriert, anschließend gesäubert und getrocknet me und Präparation (eventuell Fotodokumenta-
werden. Sowohl bei den Schuppen als auch bei den tion)
Kiemendeckeln werden die Jahresringe gezählt. x Probenbehandlung, Probenlagerung bis zur Ana-
Kiemendeckel liefern vor allem bei älteren Brach- lyse
sen sicherere Ergebnisse als Schuppen. Zur Alters-
x weitere Informationen, auch bezüglich aufgetre-
bestimmung ist ein entsprechend geschulter Bear-
tener Probleme, die zur Interpretation der Daten
beiter (Fischereibiologe oder ähnliche Qualifikati-
notwendig sind
on) erforderlich.
x Angabe dieser Richtlinie sowie Abweichungen
5.3.2 Korpulenzfaktor
davon
Als Maß für den Ernährungszustand der Fische Die Erhebung der Daten erfolgt am einfachsten mit
wird der Korpulenzfaktor K nach Gleichung (1) Formblättern (Beispiele siehe Anhang B).
bestimmt.
100 u Körpergewicht in g 7 Qualitätssicherung
K (1)
(Gesamtlänge in cm)3 Es wird empfohlen, die Probenahme nach den
Grundsätzen der guten Laborpraxis durchzuführen.
5.3.3 Hepatosomatischer Index
Insbesondere ist sicher zu stellen:
Als Maß für den allgemeinen physiologischen
Zustand der Fische wird der hepatosomatische x angemessene Qualifikation der Probenehmer
Index HSI nach Gleichung (2) bestimmt. (z. B. Artenkenntnisse, Beurteilung der Exposi-
tion),
100 u Lebergewicht in g
HSI (2) x adäquater Probentransport (siehe Ab-
Gesamtkörpergewicht in g
schnitt 5.3.2) und
5.3.4 Gonadosomatischer Index x vollständige Dokumentation der Probenahme-
Als Maß für den Zustand der Geschlechtsreife der bedingungen und -ergebnisse.
Fische wird der gonadosomatische Index GSI nach
Gleichung (3) bestimmt:
– 10 – VDI 4230 Blatt 4 Entwurf

Anhang A Altersbestimmung A3 Altersbestimmung


A1 Allgemeines A3.1 Merkmale unterschiedlich alter
Kiemendeckel (Bild A4)
Es gibt verschiedene Ansätze der Altersbestim-
mung bei Fischen: Die Kiemendeckel unterscheiden sich je nach Alter
wie folgt:
x empirisch (Beobachtung; Markierungs-
experimente) x rundere Formen bei jüngeren Fischen
x statistisch (z. B. anhand von Längenhäufigkeits- x Ecken und Kanten bei älteren Fischen stärker
verteilungen) ausgeprägt
x anatomisch (anhand von Hartstrukturen) x Kiemendeckel bei älteren Fischen ausdifferen-
Das Alter von Brachsen wird nach dieser Richtli- zierter und im oberen Bereich breiter
nie anatomisch, anhand von Hartstrukturen, A3.2 Durchführung der Altersbestimmung
durchgeführt. Das Alter der Fische wird anhand der Winterringe
Das Fischalter kann an allen Hartstrukturen am besten auf den Kiemendeckeln bestimmt, das
(Bild A1 bis Bild A3) bestimmt werden, da sie heißt mithilfe einer Lupe oder eines Binokulars
mit der gleichen „Geschwindigkeit“ wie der Fisch werden die Winterringe gezählt. Bei Unsicherhei-
wachsen: ten können zur Überprüfung der Altersbestimmung
zusätzlich die Schuppen herangezogen werden.
In den Sommermonaten führt ein gutes Nahrungs-
Jeder Kiemendeckel sollte von drei unabhängigen
angebot zu einer gesteigerten Zuwachsrate mit
Bearbeitern bestimmt werden. Es wird empfohlen
einer gleichzeitig erhöhten Aragonit-Einlagerung
eine Mustersammlung anzulegen und mit dieser
(rhombisch kristalline Modifikation von Calcium-
die Altersbestimmung zu kalibrieren.
karbonat) – breiter Sommerring.
Die Unterschiede zwischen Sommer- und Winter-
Bei geringem Nahrungsangebot (wie in unseren
ringen auf den Kiemendeckeln sind in Tabel-
Breiten im Winter) reduziert sich die Kalkeinlage-
le A1 dargestellt.
rung und ein höherer Anteil Otolin (hochmolekula-
res Eiweiß) wird deponiert, daraus resultiert ein Tabelle A1. Unterschiede der Sommer- und Win-
schmaler Winterring (einige dieser Winterringe terringe auf den Kiemendeckeln
sind in Bild A1 und Bild A2 mit Pfeilspitzen
markiert) Ring Ringweite Auflicht Farbe

Für die Altersbestimmung bei Brachsen sind Kie- Sommerzuwachs breit hell weiß,
milchig
mendeckel am besten geeignet (siehe Anhang A3).
Winterzuwachs schmal dunkel grau
A2 Aufarbeitung der Kiemendeckel
Die Kiemendeckel werden nach der Sektion ent-
nommen und müssen vor einer weiteren Bearbei- A3.3 Schwierigkeiten bei der
Altersbestimmung
tung mazeriert und z. B. mit einer geeigneten Bürs-
te gereinigt werden. Die gereinigten Kiemendeckel Bild A5 bis Bild A8 zeigen, welche Schwierig-
werden archiviert. keiten sich bei der Altersbestimmung ergeben kön-
nen.
Entwurf VDI 4230 Blatt 4 – 11 –

Bild A1. Kiemendeckel mit Jahresringen (Pfeilspitzen deuten auf Winterringe) (Bildquelle: Universität Trier)

Bild A2. Otolithen mit Jahresringen (Pfeilspitzen deuten auf Winterringe) (Bildquelle: [33])
– 12 – VDI 4230 Blatt 4 Entwurf

Bild A3. Wirbelkörper mit Jahresringen, Aufsicht (Bildquelle: Hofinger Tier-Präparationen, A-Steyrermühl)

Bild A4. Merkmale unterschiedlich alter Kiemendeckel (Bildquelle: Universität Trier)


Entwurf VDI 4230 Blatt 4 – 13 –

Bild A5. Schwere Erkennbarkeit des ersten Jahresrings (siehe Pfeil) aufgrund von Verknöcherungen (Bild-
quelle: Universität Trier)

Bild A6. Abnahme der Abstände zwischen den Jahresringen mit zunehmendem Alter (Bildquelle: Universität
Trier)
– 14 – VDI 4230 Blatt 4 Entwurf

Bild A7. Schlechte Erkennbarkeit des äußeren Rings (Bildquelle: Universität Trier)

Bild A8. Unterschiedlich gute Erkennbarkeit der Jahresringe auf den beiden Seiten des Kiemendeckels
(Bildquelle: Universität Trier)
Entwurf VDI 4230 Blatt 4 – 15 –

Anhang B Beispiele für Formblätter zur Datenerhebung

Bild B1. Beispiel für einen Datenaufnahmebogen zur Probenahme


– 16 – VDI 4230 Blatt 4 Entwurf

Bild B2. Beispiel für einen Datenaufnahmebogen zur Entnahmestelle


Entwurf VDI 4230 Blatt 4 – 17 –

Bild B3. Beispiel für einen Datenaufnahmebogen zur Probenahmemethode


– 18 – VDI 4230 Blatt 4 Entwurf

Bild B4. Beispiel für einen Datenaufnahmebogen zur Probenbeschreibung


Entwurf VDI 4230 Blatt 4 – 19 –

Bild B5. Beispiel für einen Datenaufnahmebogen zur Lagerung

Schrifttum DIN EN 14757:2005-11 Wasserbeschaffenheit; Probenahme


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