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Journal für

Neurologie, Neurochirurgie
und Psychiatrie
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JNeurolNeurochirPsychiatr Zeitschrift für Erkrankungen des Nervensystems

Die Behandlung Adolf Hitlers im


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Lazarett Pasewalk 1918: Historische
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Mythenbildung durch einseitige bzw. JNeurolNeurochirPsychiatr

spekulative Pathographie Online-Datenbank


mit Autoren-
Armbruster J
und Stichwortsuche
Journal für Neurologie
Neurochirurgie und Psychiatrie
2009; 10 (4), 18-23

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Behandlung Hitlers 1918 – Mythenbildung

Die Behandlung Adolf Hitlers im Lazarett Pasewalk


1918: Historische Mythenbildung durch einseitige
bzw. spekulative Pathographie
J. Armbruster

Kurzfassung: Das Interesse an der Person Theorie auf Grundlage der Romanvorlage „Der Hitler’s battlefield injury at the Reserve Military
Adolf Hitlers (1889–1945) scheint auch über 60 Augenzeuge“ von Ernst Weiß (1882–1940) bis Hospital in Pasewalk in 1918 and call for the sta-
Jahre nach seinem Tod ungebrochen. Im Zuge zu einer vermeintlich gesicherten Hypnosethera- tus of historical authenticity with speculative
dessen finden sich unter pathographischen Be- pie Hitlers durch Forster aus. Die Stilisierung theses. Although part of the imparted somatic
trachtungen auch Tendenzen, Fragmente aus Forsters zum „Schöpfer“ Hitlers kann angesichts findings on Hitler’s medical condition allows for
dem Kontext der Gesamtbiographie herauszulö- des Aufgreifens durch die Medien als Beispiel certain conclusions, there are no such docu-
sen, in ihrer Bedeutung zu überhöhen und unter für die Entwicklung eines Mythos herangezogen ments with regard to his mental health. During
Vernachlässigung der Komplexität historischer werden. Der Tragik des Schicksals Forsters wird the past years, the psychiatrist Edmund Robert
Strukturen und Prozesse zu deuten. Dies lässt auf diese Weise wenig Rechnung getragen. Forster (1878–1933) has been gradually moved
sich beispielhaft an einer Reihe von Arbeiten Gleichzeitig birgt dies die Gefahr, dass Hitler zu into the focus of interest. A United States Naval
zeigen, die sich u. a. der Behandlung einer einem Teil von seiner Verantwortung entbunden Intelligence report dating from 1943 encouraged
Kriegsverletzung Hitlers 1918 im Reservelaza- wird. Insofern sollte eine Diagnostik ex post über- authors to conclude that Forster’s suicide in
rett Pasewalk widmen und mit spekulativen The- haupt nur mit größter Zurückhaltung erfolgen. 1933 was mainly due to the circumstance that
sen einen Status historischer Authentizität be- he treated Hitler. Based on the novel “Der
anspruchen. Abstract: The Treatment of Adolf Hitler at Augenzeuge” (“The Eyewitness”) by Ernst Weiß
Während in Bezug auf Hitlers Gesundheitszu- the Pasewalk Military Hospital in 1918. (1882–1940) and regardless of alternative op-
stand ein Teil überlieferter somatischer Befunde Historical Myth-Building Through Biased tions, a few publications have deepened this
gewisse Rückschlüsse zulässt, fehlen solche and Speculative Pathography. The interest theory to an ostensibly proved hypnosis therapy
Dokumente im Hinblick auf seinen psychischen demonstrated in the character of Adolf Hitler of Hitler by Forster. Forster’s stylisation as the
Zustand. In den vergangenen Jahren rückte der (1889–1945) seems to be unchanged even after “creator” of Hitler may serve as an example for
Psychiater Edmund Robert Forster (1878–1933) more than 60 years of his death. With it, the development of a media-supported myth.
zunehmend in den Fokus des Interesses. Auf pathographic considerations reveal tendencies Thus, the tragedy of Forster’s fate gains only lit-
Grundlage eines Berichtes des US-Marine-Ge- to separate fragments from the context of the tle attention. At the same time, however, it im-
heimdienstes aus dem Jahre 1943 wurde die entire biography, magnify their relevance and in- plies the risk that Hitler is partly absolved of his
These entwickelt, dass Forster Hitler behandelt terpret historic structures and processes while responsibility. In this respect, ex post diagnostic
habe und sich vornehmlich aufgrund dessen disregarding their complexity. This can exempla- investigation should generally be made with ut-
1933 suizidierte. Einige Arbeiten bauen unter rily be substantiated by various publications most reservation. J Neurol Neurochir
Ausblendung alternativer Möglichkeiten diese which, inter alia, deal with the treatment of Psychiatr 2009; 10 (4): 18–22.

„ Einleitung krieges in einer Abwehrschlacht in Flandern zuzog. Dabei soll


aufgezeigt werden, wie sich durch einseitige Darstellung und
Was ist der Anlass für eine mit Adolf Hitler (1889–1945) ver- spekulative Ausgestaltung historischer Zusammenhänge My-
knüpfte Untersuchung, wo doch der Psychiater und Psycho- then entwickeln können, die selbst vor medizinischen Fach-
therapeut Helm Stierlin bereits Mitte der 1970er-Jahre mehr publikationen nicht Halt machen und bis in den Status gesi-
als 50.000 seriöse Publikationen über Hitler zählte und sich cherter Erkenntnisse gehoben werden. Es soll der sich schritt-
gleichzeitig die Frage nach der Ursache einer solchen Beach- weise vollziehende Prozess einer speziellen Mythenbildung
tung für eine Person stellte? Stierlins Antwort lautete: „An einschließlich seiner problematischen Methodik nachge-
Hitler entzünden sich Fragen zur Geschichte, Politik, Ethik zeichnet werden. Dieser Beitrag soll entsprechend als Plä-
und menschlichen Psychologie, Fragen, mit denen wir alle doyer für mehr Zurückhaltung bei der Interpretation histori-
ringen und die uns um so mehr beschäftigen, je mehr wir über scher Ereignisse, deren Hintergründe sich mangels fundierter
Hitler lernen“ [1]. Und so ist das Interesse an der Person Quellen nur unzureichend erschließen, und als Plädoyer ge-
Hitlers auch über 60 Jahre nach seinem Tod ungebrochen. gen eine methodisch fragwürdige Pathologisierung histori-
Ziel dieser Arbeit ist es, exemplarisch eine kurze, aber sehr scher Persönlichkeiten verstanden werden.
kontrovers diskutierte Episode in Hitlers Leben zu beleuch-
ten, nämlich seinen Lazarettaufenthalt in Pasewalk als Folge „ Krankheitshypothesen zu Adolf Hitler
einer Senfgasvergiftung, die er sich zum Ende des 1. Welt-
Nähert man sich der Person Hitlers über seinen Gesundheits-
zustand, so finden sich auch über den genannten Lazarettauf-
Aus der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Ernst-Moritz-Arndt- enthalt hinaus verschiedenste Hypothesen. Bei einem Blick in
Universität Greifswald
die letzte Auflage des von Wilhelm Lange-Eichbaum begrün-
Korrespondenzadresse: Dr. med. Jan Armbruster, Psychiatrische Institutsambulanz,
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Ernst-Moritz-Arndt-Universität deten pathographischen Sammelwerkes „Genie, Irrsinn und
Greifswald im HANSE-Klinikum Stralsund, D-18437 Stralsund, Rostocker Chaussee 70; Ruhm“ findet sich neben einer Reihe körperlicher Erkrankun-
E-Mail: jan.armbruster@uni-greifswald.de gen, wie Paralysis agitans (Parkinson), Enzephalitis bzw.

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Behandlung Hitlers 1918 – Mythenbildung

Lues mit Erblindung im Rahmen einer Iridocyclitis syphili- Psychiatrie in Heidelberg in seiner Vorlesung Hitlers Erblin-
tica, ein breites Spektrum psychiatrischer Diagnosen, das von dung 1918 als hysterische Reaktion bewertet haben, was zum
einer paranoiden Persönlichkeitsakzentuierung mit Verfol- Verlust seiner Stellung führte [6–8]. Als weiteres Beispiel fin-
gungs- und Größenideen, narzisstischer und hysterischer Psy- det sich in der Literatur der Psychiater Hans Gruhle (1880–
chopathie einschließlich hysterischer Blindheit bzw. hysteri- 1958), der wegen Äußerungen über die psychische Genese
scher Parese, Schizoidie bis hin zu paranoider Schizophrenie von Hitlers Erblindung in der Dissertation eines seiner Dokto-
mit Leichengifthalluzinationen, Zönästhesien, Bazillophobie, randen in die Provinz versetzt worden sein soll [7].
Verfolgungs- und Begnadungswahn reicht [2]. Und während
ein Teil überlieferter somatischer Befunde wie Laborparame- „ Hitlers Behandlung in Pasewalk –
ter, Elektrokardiogramme, Röntgenaufnahmen, fachärztliche
Stellungnahmen und Aufzeichnungen über verabreichte Me- Entwicklung einer Legende
dikamente [3, 4] zumindest eine gewisse objektive Basis für In den vergangenen Jahren rückte im Zusammenhang mit
Rückschlüsse auf seine körperliche Verfassung zulassen, feh- Hitlers Behandlung im Reserve-Lazarett Pasewalk der Psychia-
len solche Dokumente im Hinblick auf seinen psychischen ter Edmund Robert Forster – Marinestabsarzt, im zivilen
Zustand gänzlich. Leben erster Oberarzt an der Nervenklinik der Berliner
Charité unter Karl Bonhoeffer, später Ordinarius in Greifs-
Nichtsdestoweniger wurde Hitler laut Angaben des Psychia- wald – zunehmend in den Fokus des Interesses. Auf Grund-
ters Oswald Bumke (1877–1950), Ordinarius in Rostock, lage eines Berichtes des US-Marine-Geheimdienstes aus dem
Breslau, Leipzig und München, bereits zu Lebzeiten mehrfach Jahre 1943 mit dem Titel „A Psychiatric Study of Hitler“
mit der sich zuletzt einer zunehmenden Renaissance erfreuen- wurde trotz Fehlens der Krankenunterlagen von Pasewalk die
den Hysteriediagnose in Zusammenhang gebracht bzw. wurde These entwickelt, dass Forster Hitler behandelt habe und sich
ihm von Psychiatern, die ihn nie persönlich kennen gelernt vornehmlich aufgrund dessen aus Angst vor Repressalien 1933
hatten, eine hysterische Persönlichkeit zugeschrieben [5]. suizidierte. Spätere Arbeiten bauten unter Ausblendung alter-
nativer Möglichkeiten diese Theorie auf Grundlage der Ro-
Bumke nahm dabei selbst für sich in Anspruch, 1932 in seiner manvorlage „Der Augenzeuge“ von Ernst Weiß (1882–1940)
Vorlesung bei der Schilderung geltungsbedürftiger hysteri- [9] zunehmend spekulativer bis zu einer vermeintlich gesi-
scher Persönlichkeiten und schizoider autistischer Fanatiker cherten Hypnosetherapie Hitlers durch Forster aus [10–14].
einen deutlichen Hinweis auf Hitler gegeben zu haben [5].
Am bekanntesten in diesem Kontext ist wohl der Fall von Karl Über die Geschehnisse in Pasewalk existieren jedoch keine
Wilmanns (1873–1945). Dieser soll 1933 als Ordinarius für abschließenden Antworten, da das wichtigste Beweismittel,

Abbildung 1: Auszug aus dem Geheim-


dienstbericht von 1943. OSS Research
Analysis Branch, “Regular” Reports, 7i6
31963 [entry 16] Record Group 226,
National Archives Washington.

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Behandlung Hitlers 1918 – Mythenbildung

Hitlers Krankenblatt, nicht oder nicht mehr vorliegt. Gängige


biographische Standardwerke aus der Feder von Historikern
äußern sich entsprechend zurückhaltend bzw. messen dieser
Episode wenig Bedeutung bei [15–20].

Trotz allem ranken sich um die Behandlung Hitlers ein-


schließlich Inhalt und Verbleib seiner Krankenunterlagen
verschiedenste Theorien [21]. Hitlers eigene Angaben über
Pasewalk geben wenige Aufschlüsse [22, 23] bzw. haben
durch Widersprüche eher für Verwirrung gesorgt [17, 24, 25].
Als einzige „objektive“ Quelle liegt – Anfang der 1970er-Jah-
re durch den amerikanischen Hitler-Biographen John Toland
in den „National Archives“ in Washington ausgehoben – das
bereits genannte Dossier des US-Marine-Geheimdienstes aus Abbildung 2: Übersicht über die Entwicklung des Mythos von Pasewalk (blaue Pfeile),
medizinische Publikationen (grün unterlegt), ausgeblendete Arbeiten (rot unterlegt).
dem Jahre 1943 vor (Abb. 1). Diesem Dokument zufolge hat-
te der Psychiater Karl Kroner (1878–1954) Auskunft über die
Behandlung Hitlers in Pasewalk gegeben, wobei er Edmund Posts Vortrag zum Thema auf dem „15. Internationalen Hyp-
Forster mit der Therapie Hitlers einschließlich der Diagnose nosekongress“ in München 2000 bildete Anstoß und Grund-
Hysterie in Verbindung brachte [26]. lage für die Veröffentlichung Bernhard Horstmanns [12] und
damit den Transfer der Legendenbildung von den USA nach
Die 1976 folgenden „Psychohistorien“ der Amerikaner Deutschland.
Binion [25] und Waite [27] deuteten die vermeintlich hysteri-
sche Erblindung Hitlers weiter aus. Insbesondere der Histori- 2003 knüpften Arbeiten von David Lewis in England unter
ker Rudolph Binion, der selbst die vermeintliche Hysterie- dem bezeichnenden Titel „The Man Who Invented Hitler. The
diagnose für einen Fehlschluss hielt, spannte den Bogen auf Making of the Führer“ [11] und in Deutschland Manfred
Grundlage des Geheimdienst-Dossiers von der Behandlung in Koch-Hillebrecht mit „Hitler. Sohn des Krieges. Front-
Pasewalk bis hin zu Forsters Freitod 1933. Dabei illustrierte erlebnis und Weltbild“ [29] teilweise an Binion an, bis 2004
er zunächst die Geschehnisse um die Heilung Hitlers in der Jurist und Schriftsteller Bernhard Horstmann mit dem
Pasewalk mittels Ernst Weiß’ Roman „Der Augenzeuge“ [9], Thema ein ganzes Buch füllte und dabei mit einer „psycho-
der u. a. eine Suggestionsbehandlung des von einer engli- logischen Expertise“ zu der vermeintlichen Hypnosebehand-
schen Gasgranate erblindeten, fanatischen Gefreiten A. H. lung Hitlers durch Forster quasi zum Beweis ihrer selbst auf-
in P. durch den Protagonisten des Romans schildert. Binion wartete, wobei Weiß’ Roman – an anderer Stelle in den Status
entwickelte im Weiteren die These, dass Forster u. a. Weiß eines „psychiatrischen Behandlungsberichtes“ gehoben – im
im Sommer 1933 in einem Pariser Café getroffen hatte und Wesentlichen als einzige Grundlage diente [12].
Weiß aus einem Bericht Forsters bzw. einer von jenem über-
gebenen Abschrift des Krankenblattes den Stoff für seinen Durch unkritische Rezeption dieser Publikationen fand diese
Roman gewann. Kurze Zeit darauf hätte sich Forster nach sei- Entwicklung mit der von Gerhard Köpf 2005 in der Zeitschrift
ner Suspendierung vom Staatsdienst aus Angst vor einer Ver- Nervenheilkunde veröffentlichten Arbeit „Hitlers psycho-
folgung durch die Gestapo suizidiert [25]. Dabei findet sich gene Erblindung. Geschichte einer Krankenakte“ [13] auch
in Binions Argumentationen eine Reihe von Ungereimtheiten den Eingang in die medizinische Fachpresse in Deutschland.
[21], klare Beweise musste er letztendlich schuldig bleiben, Ein Jahr darauf trug Köpf in seinem „Lesebuch für die Psychia-
da sich alle weiteren vermeintlichen Quellen sehr wahrschein- trie“ mit ausschließlichem Verweis auf seine eigene Publika-
lich auf die Überlieferungen Edmund Forsters selbst zurück- tion als weiterführende Literatur [30] zu einer weiteren Ver-
führen lassen und nicht sicher ist, ob dies letztendlich auch breitung bei. Ebenfalls 2006 erfolgte – wenn auch nur am
für den Geheimdienstbericht zutrifft, da nicht einmal die Art Rande – die Fortschreibung der aufgezeigten Entwicklung
von Forsters Kontakt mit Hitler zweifelsfrei nachgewiesen durch Franziska Lamott nochmals mit einer Steigerung verse-
ist. hen (Abb. 2): „[…] die in der Krankenakte verbriefte Behand-
lung des Gefreiten Adolf Hitler durch den Psychiater Prof.
Der Ursprung der Binions Veröffentlichung nachfolgenden Edmund Forster belegt, dass dieser ihn mittels Hypnose von
Tendenz, Weiß’ Werk unreflektiert historische Authentizität seiner hysterischen Blindheit befreit hatte“ [14]. Man erinnere
beizumessen, fand sich 1998 mit der Veröffentlichung „The sich, dass der Verbleib jener Krankenakte, in der Hitlers Be-
Hypnosis of Adolf Hitler“ vom amerikanischen Psychiater handlung angeblich „verbrieft“ sein und die sowohl Diagnose
David Edward Post im medizinischen Fachjournal Journal of als auch Behandlungsmethode „belegen“ soll, seit Ende der
Forensic Science [10]. Ohne nachvollziehbare eigene Recher- 1920er-Jahre ungeklärt ist [21].
chen und unter Vernachlässigung von historischen Hinter-
gründen der Militärpsychiatrie im 1. Weltkrieg begann Post in Ein korrigierendes Gegengewicht im Sinne sachlicher Be-
Anlehnung an Binion und Weiß’ Roman die vermeintliche trachtung fand sich in einer medizinischen Zeitschrift erst-
Hypnose Hitlers durch Forster als erwiesen anzusehen, ob- mals Ende 2008 mit der unabhängig von diesem Beitrag ent-
wohl letztendlich nicht nur Forsters Hysteriekonzept andere standenen Veröffentlichung des Psychiaters und Psychothera-
Behandlungsmethoden durchaus wahrscheinlicher erscheinen peuten Peter Theiss-Abendroth: „Was wissen wir wirklich
lässt [28]. über die militärpsychiatrische Behandlung des Gefreiten

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Behandlung Hitlers 1918 – Mythenbildung

Adolf Hitler? Eine literarisch-historische Untersuchung“ [31], Deutung eines individuellen Lebens innerhalb der Geschich-
in der ein wesentlicher Teil der auch hier angeführten literari- te“ [32]. Gleichzeitig birgt insbesondere die Pathologisierung
schen Quellen einer Plausibilitätsprüfung unterzogen wurde. Hitlers die Gefahr, dass dieser zu einem Teil seiner Verant-
wortung entbunden wird.
„ Schwierigkeiten psychiatrischer Patho-
Andererseits finden sich auch bei den alternativen Interpreta-
graphie tionen [3, 4, 6, 33] problematische Darstellungen. Hier sei
Ähnliche Prozesse der Präsentation einseitiger Fakten unter Ottmar Katz’ „Prof. Dr. med. Theo Morell. Hitlers Leibarzt“
Ausblendung abweichender Auffassungen finden sich zudem angeführt. Katz vermutete in Bezug auf das amerikanische
bei den bereits angedeuteten, an die Ereignisse von Pasewalk Geheimdienst-Dossier von 1943, dass der Jude Karl Kroner
geknüpften Hypothesen über den Weg Forsters vermeintli- bei der Berichterstattung gegebenenfalls „ein bisschen ge-
cher Aufzeichnungen bis zur Aufnahme in den Roman von flunkert“ haben könnte, da er sich in Reykjavik als Emigrant
Ernst Weiß wie auch über den Zusammenhang der Hitler- – obwohl ausgewiesener Facharzt – seinen Lebensunterhalt
behandlung mit dem Suizid Forsters 1933 mit medienwirk- als Arbeiter verdienen musste und im Übrigen nur die bekann-
samen Stilisierungen Forsters als „Schöpfer“ Hitlers, wie ten Auffassungen Forsters „reproduziert“ hätte [6].
sie zum Beispiel Lewis vornimmt, oder als „genialem Hypno-
tiseur“, wie von Horstmann konstruiert. Besonders heikel bei Katz wiederum ist, dass sich hier eine
Pathologisierung Forsters findet, wobei er die gleiche Metho-
Der Tragik des Schicksals Forsters vor dem Hintergrund der dik – die Konstruktion von Thesen aus Indizien und Spekula-
belegbaren historischen Zusammenhänge, die Forsters streit- tionen – anwendet. Auf diesem Wege gelänge es bei einem
bare Persönlichkeit, familiäre Verflechtungen an der Provinz- gewissen psychiatrischen Hintergrundwissen durchaus auch
Universität Greifswald, reaktionär-antisemitische Tendenzen sachlicher, als es Katz möglich ist, bei Forster aus den vorhan-
in der Greifswalder Medizinischen Fakultät einschließlich der denen Dokumenten mindestens zwei psychiatrische Diagno-
Etablierung des Dritten Reiches als totalitäres Regime umfas- sen abzuleiten. Jedoch steht angesichts einer solchen schein-
sen, wird auf diese Weise jedoch wenig Rechnung getragen. baren Modulierbarkeit historischer Ereignisse der Sinn psy-
Damit entfernen sich die Autoren zum Teil weit von dem An- chiatrischer Diagnostik ex post völlig in Frage, insbesondere
spruch an eine Biographie im Sinne der „Präsentation und wenn man, wie das Beispiel nahe legt, dadurch eher mehr

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Behandlung Hitlers 1918 – Mythenbildung

Unschärfe erzeugen kann, da im obigen letztlich nicht eindeu- von einem Psychiater untersucht worden“ [5] ist. Die von der
tig nachweisbar wäre, wer nun wirklich „Träger“ der psychi- überwiegenden Zahl der Historiker geübte Zurückhaltung
schen Störung war – Hitler, Forster oder beide. Da mag man erscheint in Bezug auf den Lazarettaufenthalt Hitlers in
es mit Peter Ostwald halten, der meinte, dass es „gefährlich“ Pasewalk mehr als geboten. Für ein Fazit soll Peter Theiss-
sei, eine psychiatrische Diagnose lediglich anhand schriftli- Abendroth bemüht werden, dessen Schlusssatz lautete: „Doch
cher Dokumente zu stellen [34]. Und man möchte ergänzen, die spröde Unsicherheit des Nichtwissens sollte den Vorzug
dass die Gefahr noch erheblich steigt, wenn man dies trotz vor der Faszination durch vermeintlich einfache Erklärungen
Fehlens relevanter Dokumente, wie in diesem Fall dem genießen“ [31].
Krankenblatt Hitlers, tut.
„ Relevanz für die Praxis
Es soll noch auf eine Besonderheit pathographischer Betrach-
tungen verwiesen werden. So machte Susanne Hilken in ihrer Historische Betrachtungen haben in der Psychiatrie – wie in
Arbeit zur psychiatrischen Pathographie geltend, dass das jedem anderen Fachgebiet auch – einen wichtigen Stellen-
Sujet „in besonders hohem Maße geeignet [ist], als eine mehr wert für das Verständnis und die Beurteilung aktueller Ent-
oder weniger leere Projektionsfläche zu dienen, die vom wicklungen. Die psychiatrische Pathographie ist in diesem
Pathographen – mehr oder weniger quellengetreu – gefüllt Kontext durchaus geeignet, die Erkenntnisse zum Leben
wird. Unter Umständen kann eine Pathographie damit weit von Personen in ihrer Zeit zu erweitern, allerdings ist sie –
mehr über den Pathographen und seine Eingebundenheit in um mit Jaspers zu sprechen – „eine heikle Sache“ [37]. Be-
seine Zeit als über das Sujet der Pathographie selbst aus- sonders bei einer Diagnostik ex post scheint größte Zurück-
sagen“ [35]. Auch wenn man nicht so weit wie Hans Bürger- haltung geboten, da eine psychiatrische Exploration als
Prinz (1897–1976) gehen muss, der jegliche Ferndiagnostik wichtigstes Mittel der Befunderhebung nicht möglich ist.
außergewöhnlicher Persönlichkeiten als „verhängnisvollen
Gleichzeitig zeigt das Beispiel der Krankengeschichte
Missbrauch der Psychiatrie“ [36] bewertete, unterstreicht
Hitlers für die psychiatrische Praxis, wie leicht es zu rele-
Hilkens Hinweis nochmals, auf welch wackeligem Funda-
vanten Akzentverschiebungen bei der Entwicklung von
ment die Diagnostik ex post im Hinblick auf das Ziel einer
Hypothesen kommen kann, wenn Informationen nicht hin-
höchstmöglichen Annäherung an Objektivität steht.
reichend vorurteilsfrei und kritisch hinterfragt oder auch
ausgeblendet werden, z. B. weil sich eine Arbeitshypo-
„ Resümee these bereits durch einen Informationsausschnitt zu bestä-
tigen scheint. Es gilt also, im psychiatrischen Alltag jeder-
Das Fehlen von Hitlers Krankenblatt zwingt deshalb bis auf
zeit wach und offen zu sein und die Beurteilung neben dem
Weiteres dazu, sich an die Seite Oswald Bumkes zu stellen,
aktuellen Zustand über eine angemessene Recherche der
der als Psychiater und Zeitgenosse Hitlers konstatierte: „Ob
Krankheitsgeschichte auf eine möglichst breite und solide
[Hitlers] Erblindung hysterisch gewesen ist, kann ich nicht
Basis zu stellen.
sagen“ [5], wobei er anmerkte, dass „Hitler offenbar niemals

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furt/Main, 1996.
20. Reuth RG. Hitler. Eine politische Biogra-
8. Lidz R, Wiedemann HR. Karl Wilmanns phie. 2. Aufl. Piper, München-Zürich, 2003.
(1873–1945). … einige Ergänzungen und
Richtigstellungen. Fortschr Neurol 1989; 57: 21. Armbruster J. Edmund Robert Forster Dr. med. Jan Armbruster
160–1. (1878–1933). Lebensweg und Werk eines Geboren 1970. Studium in Greifswald, Pro-
deutschen Neuropsychiaters. Matthiesen,
9. Weiß E. Ich der Augenzeuge. 2. (im Titel
Husum, 2006. motion 2000. Facharztausbildung Psychia-
veränderte) Aufl. Kreißelmeier, München, trie und Psychotherapie in Stralsund. Seit
1964. 22. Zentner C. Adolf Hitlers Mein Kampf.
10. Post DE. The hypnosis of Adolf Hitler. Eine kommentierte Auswahl. 17. Aufl. List, 2008 Oberarzt der Klinik und Poliklinik
J Forensic Sc 1998; 43: 1127–32. München, 2004. für Psychiatrie und Psychotherapie der
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The Making of the Führer. Headline, London, Sein Weltbild in handschriftlichen Dokumen- am Hanse-Klinikum Stralsund.
2003. ten. Leopold Stocker, Graz-Stuttgart, 2002.
Interessenschwerpunkt: Psychiatriegeschich-
12. Horstmann B. Hitler in Pasewalk. Die 24. Joachimsthaler A. Hitler in München:
Hypnose und ihre Folgen. Droste, Düsseldorf, 1908–1920. Ullstein, Frankfurt/Main-Berlin, te.
2004. 1992.

22 J NEUROL NEUROCHIR PSYCHIATR 2009; 10 (4)


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