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Kapitel 1

Malgorzatta Vendulova I

Manchmal kann ich aus Kleinigkeiten eine Geschichte machen, zum Beispiel, wer sind diese "
Girls, G loved before"?

"Bitte, bei Ihnen ist eben ein Mann nach einer Schießerei eingeliefert worden! Er hat mehrere
Schusswunden! Wo kann ich erfahren, wie es ihm geht?"
Die Schwester hinter der Anmeldung in der Notfallambulanz sah sie gelangweit an.
Malgorzatta war schon klar, dass ihr das hier, in Los Angeles, ständig passierte.
Doch sie hatte eben aus nur ein paar Meter Entfernung mit ansehen müssen, wie G
niedergeschossen worden war.
Und bis jetzt war sie sich nicht mal sicher, ob er das Krankenhaus überhaupt noch lebend erreicht
hatte!
"Sind Sie eine Angehörige?"
"Ja." log Margolzatta.
Sie wusste, sie würde sonst nichts erfahren.
Die Schwester machte eine gelangweilte Kopfbewegung zu einer schmalen Tür auf der rechten
Seite.
"Dann nehmen Sie dort Platz! Ein Arzt wird sich bei Ihnen melden! Es ist schon jemand da wegen
ihm!"
Malgorzatta zuckte im ersten Moment zurück.
Sie hatte nicht an Sam gedacht!
Natürlich hatte er G nicht alleine gelassen!
"Danke!"
Malgorzatta nickte der Schwester kurz zu und öffnete dann die Tür zu dem kleinen Warteraum.
Er war sehr ansprechend eingerichtet, mit blauem Teppich und hellen Holzmöbeln.
Sam stand in der kleinen Sitzgruppe oben rechts in der Ecke des Raumes und telefonierte.
Sein Blick streifte sie kurz.
Er wirkte nervös und angespannt.
Er kannte sie nicht.
Malgorzatta grüßte kurz, tat unbeteiligt, und nahm auf einem der Stühle Platz.
Vor ihren Augen lief noch immer der gleich Film ab, wie G die Straße entlang kam, auf dem Weg zu
seiner Wohnung.
Sie hatte sogar gesehen, wie er aus Sams Wagen gestiegen war.
Dann war der Lieferwagen gekommen, langsam die Straße entlang gerollt, mit geöffneter Tür, zwei
Männer darin, einer mit einem Maschinengewehr.
Sam musste sie noch gesehen haben, er hatte G noch gerufen.
Der Mann mit dem Gewehr hatte das Feuer eröffnet.
Vor dem Obsteckladen war G mehrfach getroffen auf dem Bürgersteig zusammengebrochen.
Sam war sofort zu ihm geeilt.
Das hätte sie am Liebsten auch gemacht, doch das durfte sie nicht.
Statt dessen hatte sie zu ihrem Mobiltelefon gegriffen und den Notarzt verständigt.
Dann war sie zu ihrem Auto geeilt und hatte von dort voller Entsetzen verfolgt, wie die
eingetroffenen Sanitäter, der Notarzt sich lange Minuten um Gs Leben mühten.
Schließlich hatten sie ihn in den Rettungswagen gebracht.
Sie folgte der Ambulanz hier zum Krankenhaus.
An Sam hatte sie dabei gar nicht mehr gedacht.
Er ging nervös vor der Sitzgruppe auf und ab.
Seine schweren Schritte waren lautlos auf dem dicken Teppich.
Der Blick seiner dunklen Augen war unruhig.
Sicherlich war es von Vorteil, dass der Weg zum Krankenhaus nicht allzu weit war.
Zudem war es bestimmt auch gut, dass G sich in guter körperlicher Verfassung befand, trainiert,
kräftig.
Nur zu gerne hätte sie sich Sam zu erkennen gegeben.
G hatte ihr viel von ihm erzählt, nur Gutes, nie etwas von ihren Jobs, aber immer sehr wohlwollend,
sie wusste, dass er ihm mit seinem Leben traute.
Es hätte sie beruhigt, wenn sie sich gegenseitig nun etwas Mut hätten machen können!
Früher oder später würde er - falls sie hierblieb - ohnehin von ihr erfahren.
Und sie hatte unbedingt vor, hier zu bleiben, bis Gs Leben außer Gefahr war!
Sam ging noch immer hin und her.
Draußen, vor dem Fenster, wurde es dunkel.
Heute war Dienstag.
Sie hatte mit G das vorletzte Wochenende verbracht.
Er hatte dienstfrei gehabt:

Sie traf ihn in der Wartehalle des LAX.


Es gab einen toten Winkel in der Halle, direkt an der Tür zum Treppenhaus, der von den
Sicherheitskameras nicht erfasst wurde.
Hier stand G, mit seiner Tasche neben sich am Boden, beide Händen in den Taschen, mit dem
Rücken an die Wand gelehnt, so hinreißend lässig, wie nur G Callen dies als erwachsener Mann
vermochte.
Zu seinen Jeans trug er ein graues Shirt und seine graue kurze Jacke darüber.
Im ersten Moment, als sie ihn sah, musste sie ein par Schritte entfernt stehen bleiben und ihn
ansehen.
Es war bestimmt zwei Wochen her, dass sie ihn das letzte Mal getroffen hatte, nur für ein
Abendessen außerhalb der Stadt und ein paar Stunden danach bis Sonntagmorgen.
Nun ein ganzes Wochenende mit ihm verbringen zu dürfen, allein, weit weg von Los Angeles,
erschien ihr fast wie ein Traum.
G sah zu ihr.
Er wandte den Kopf ein kleines bisschen mehr als ihre Blick sich trafen, ein ganz kleines Lächeln
verzog seine Lippen.
G war kein großer Lächler.
Sein Gesicht war meist ernst.
Aber er konnte unglaublich charmant sein.
"Hallo."
Er rührte sich nicht, blieb weiter an die Wand gelehnt stehen, Malgorzatta machte die wenigen
Schritte zu ihm.
"Hallo Mister ... Tedrow!"
Sie streckte ihre Linke aus und ließ sie kurz über seinen Arm streichen.
Sie mochte diesen Hauch Macho an ihm.
Es hatte etwas Kraftvolles, wie er einen Raum betrat, auch wenn er nicht übermäßig groß war, seine
Authenzität vermittelte die Präsenz.
G lächelte.
"Schön, dass Du da bist, Mali!"
Er beugte sich zu ihr vor und küsste sie.
Sein Atem war warm an ihrer Wange.
"Du weißt, dass ich eine Einladung von Dir nicht ausschlagen kann, G!"
Malgorzatta schmiegte sich ein wenig an ihn.
Sie hatte seine Wärme vermisst, den Geruch seines Körpers, seines Duschgels, das Kratzen seines
Bartes an ihrer Haut und einfach die Art, wie er seinen Arm um ihre Schultern legte und sie an sich
drückte.
"Ich habe Dich vermisst, Mali!"
Seine Stimme war ein halblautes Raunen an ihrem Ohr.
"Und Du hast mir unglaublich gefehlt, G!"
Malgorzatta schmiegte sich noch etwas enger an ihn.
Durch den dünnen Stoff seines Shirts, den Stoff ihres schwarzen Kleides konnte sie die Wärme
seines Körpers an ihrem spüren.
Sie legte den Kopf ein wenig in den Nacken, gegen seinen Unterarm, um zu ihm aufsehen zu
können.
"Ist alles in Ordnung? Geht es Dir gut, G?"
G lächelte ein bisschen.
Er wirkte ruhig, fast entspannt.
"Jetzt geht es mir auf jeden Fall gut!"
Malgorzatta erwiderte sein Lächeln.
Sie ließ ihre Hand langsam, betont zärtlich über seinen Oberkörper streicheln.
"Ging es Dir die letzten Tage nicht gut?"
Sie sah ihn besorgt an.
"War viel los ... Du weißt ... "
Malgorzatta nickte.
"Dann hast Du Dir ein erholsames Wochenende auch verdient!"
"Ich habe es mir mit Dir verdient!"
G beugte sich zu ihr vor und drückte ihr einen langen Kuss auf die Lippen bevor er sie auffordernd
ansah, mit einer kleinen Kopfbewegung Richtung der Halle.
"Wollen wir los?"
"Ja ... sehr gerne."
Malgorzatta konnte es manchmal gar nicht glauben, wie unfassbar blau seine Augen waren,
umkränzt von langen braunen Wimpern.
Sie kannte keinen anderen Mann der so schöne Augen hatte!
G nahm seine Tasche.
Er sah sie an.
Als Malgorzatta das spürte und seinen Blick erwiderte sah sie wieder dieses kleine Lächeln seine
Lippen umspielen.
Es erstaunte sie ein wenig, dass offensichtlich sie es war, die dieses Lächeln hervorrief.
Sie folgte G zum Schalter der American Airlines.
Dort legte er die Buchungspapiere auf den Schalter.
Die Dame, die dahinter saß, warf bloß einen kurzen Blick darauf bevor ihr Lächeln noch breiter
wurde.
"Mister Callen, meine Kollegin Shira ... " sie machte eine rasche kleine Handbewegung zu der
jungen Frau, die links hinter ihr stand " ... wird sich weiter um Sie und Ihre Frau kümmern! Bitte
lassen Sie Ihr Gepäck doch einfach schon `mal hier!"
Sie wies auf das kurze Gepäckband im Boden neben dem Schalter während Shira ihnen mit einem
Kopfnicken zulächelte und dabei hinter dem Schalter hervorkam.
Außer ihrem Airline-Ausweis trug sie eine Schlüsselkarte an einem langen Band um den Hals.
"Mrs. Callen, Mister Callen, guten Tag! Mein Name ist Shira und ich werde sie bis zum Einchecken
begleiten! Möchten Sie mir folgen, bitte!"
Danke!"
G stellte seine Tasche auf das Gepäckband neben dem Counter, wandte sich dann zu ihr um und
nahm ihr sacht den Griff ihres Trolleys aus der Hand, stellte ihn dazu.
"Ich danke Dir!"
Die Angestellte hinter dem Schalter wandte sich sofort ihrem Gepäck zu während Shira mit einem
strahlenden Lächeln zu einer undurchsichtigen Milchglastür neben dem Schalter wies und sich dann
ihnen voran zu dieser Tür in Bewegung setzte, ihre Schlüsselkarte rasch durch das Schloss an der
Wand zog.
Malgorzatta spürte Gs Hand leicht an ihrer Schulter während er sie vorangehen ließ.
Sie wusste, was hinter dieser Tür lag.
Sie war bereits zwei Mal mit G dort gewesen.
Es war ein kleines Paradies.
Hier gab es keine Überwachungskameras.
Es war eine der Airport Lounges des LAX.
Hier gab es dicken Teppich auf dem Boden, heimelige Holzverkleidung an den Wänden, indirektes
Licht, eine riesige Panorama-Fensterwand links mit dem besten Blick auf das Rollfeld, es gab
gemütliche kleine Sitzecken, eine Bar und ein ansprechendes Buffett an der Wand gegenüber.
Malgorzatta registrierte zufrieden mit einem raschen Rundblick, dass hier bloß ein einzelner Mann
saß, der Zeitung las.
"Ich werde Sie ... " Shira warf einen raschen Blick auf ihre schmale Armbanduhr " ... in gut einer
halben Stunde hier wieder abholen zum Einchecken! Bitte haben Sie bis dahin einen angenehmen
Aufenthalt hier, Mrs. Callen, Mister Callen!"
Sie nickte ihnen kurz bevor sie sich abwandte und hinaus ging.
"Danke schön!" meinte Malgorzatta rasch hinter ihr her.
"Setz' Dich schon `mal, ja? Möchtest Du auch einen Kaffee?"
G wusste genau, wie sehr sie den Ausblick durch dieses große Fenster hier liebte und schob sie sanft
in die Richtung während er ihr einen leichten Kuss auf die Wange hauchte, "Ja, gerne, danke!" gab
Malgorzatta zurück, ließ ihre Hand rasch über seinen Oberkörper streichen als er sich abwandte, zur
Bar ging um zu bestellen.
Sie ging zu der Sitzecke an der Kopfseite, ganz in der Ecke, und rutschte auf der dick gepolsterten
Bank fast bis an die Wand.
Die Rückenpolster an der Wand waren hoch, es war richtig kuschelig hier.
Diesen Ort verließ man nur gerne wenn man etwas noch Schöneres vor sich hatte.
G kam zu ihr.
Er rutschte neben sie, lächelte ihr zu, "Kommt gleich!" meinte er dabei.
"Danke." meinte Malgorzatta zu ihm und versuchte seinen Blick fest zu halten.
G sah sie an.
Malgorzatta lächelte ihm zu.
Sie legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel.
"Ich freue mich total auf das Wochenende mit Dir! Es ist so lange her, dass wir ein bisschen Zeit
hatten!"
"Viel zu lange!"
G legte seinen Arm um ihre Schultern, Malgorzatta schmiegte sich sofort hinein.
Sie spürte seinen kleinen Kuss an ihrem Haar.
Es war wie in einem fremden Leben.
Freitagmorgen, 10.40 Uhr, frei von jeglichen Verpflichtungen, mit der Aussicht auf ein traumhaftes
Wochenende, mit dem Mann der ihr wichtiger war als ihr eigener Ehemann.
Natürlich war das Ganze begrenzt, der Alltag würde sie wieder einholen, doch daran mochte sie
jetzt noch nicht denken.
Das Mädchen von der Bar balancierte ein kleines Tablett zu ihnen, mit zwei Tassen, aber auch zwei
Champagnergläsern, in denen eine hellrosa Flüssigkeit perlte.
"Bitte schön, ich hoffe, Sie haben einen angenehmen Aufenthalt hier!" meinte sie zu ihnen während
sie Tassen und Gläser vor ihnen auf dem Tisch abstellte.
"Falls Sie hungrig sind, bitte bedienen Sie sich an unseren Buffett!"
Sie machte eine rasche Kopfbewegung zu den vielen Tabletts auf den Tischen an der Wandseite.
"Danke schön." meinte Malgorzatta noch mal.
G nickte ihr zu.
Das Mädchen wandte sich mit dem leeren Tablett wieder ab und ging an die Bar zurück.
Malgorzatta sah zu G.
Sein Lächeln zu ihr war zärtlich.
Er beugte sich vor, nahm eines der langstieligen Gläser und reichte es ihr.
Die Flüssigkeit darin war so kalt, dass das Glas beschlagen war.
"Danke, G."
Er nahm das andere Glas und hielt es ihr auffordernd entgegen.
"Auf ein schönes Wochenende!"
"Es wird ein wundervolles Wochenende mit Dir!"
Malgorzatta ließ das Glas leicht gegen das seine klingen, G lächelte ein bisschen offensichtlicher,
beugte sich rasch zu ihr vor und berührte mit den Lippen sanft ihre Wange.
"Auf ein schönes Wochenende mit Dir!"
Der Champagner war eiskalt.
Malgorzatta spürte, wie ihr der erste kleine Schluck schon gleich zu Kopf stieg.
Sie vertrug keinen Alkohol.
"Ich ... ich hab' noch 'was für Dich!" meinte G jetzt ganz unvermittelt.
Malgorzatta sah ihn an während sie ihr Glas auf den Tisch zurück schob.
G griff in die Tasche seiner Jacke und förderte ein kleines Schmuckkästchen zutage, dass er ihr
reichte.
"Für ein weiteres, wundervolles Wochenende mit Dir!"
Malgorzatta musste lächeln.
Sie ahnte, was sich in dem kleinen Kästchen befand, mit dem goldgeprägten "P" auf dem Deckel.
"Danke G. Das ist lieb von Dir! Aber das sollst Du nicht! Außerdem weißt Du nicht, ob dieses
Wochenende wirklich so wundervoll wird und wir nicht streiten!"
G lachte.
Es war ein ungewohntes Bild.
Sie sah ihn nicht oft lachen.
Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee, sah sie dann wieder an.
Sein Blick war zärtlich, zugetan.
Sie hatten noch nie gestritten!
Aber sie hatten ja auch keinen Alltag zusammen!
"Wir werden uns nicht streiten, Mali! Mit Dir zusammen fällt mir kein Grund ein, zu streiten!
Komm, mach' es auf!"
Malgorzatta musste lächeln.
Typisch Mann, ungeduldig zu sehen, ob er das Richtige für seine Liebste 'erjagt' hatte! Da war er
nicht anders als die Meisten!
Dennoch beugte sie sich erst zu ihm vor, legte ihre Hand an seine Wange und küsste ihn.
Das Kratzen seiner kurzen Bartstoppeln an der Innenfläche ihrer Hand war vertraut.
Sie mochte es.
Seine Lippen schmeckten nach dem Kaffee.
Der Blick seiner blauen Augen hielt den ihren fest während er ihren Kuss erwiderte, sanft,
hingebungsvoll.
"Ich liebe Dich!"
Er hatte das schon oft gesagt.
Das erste Mal nach ein paar Tagen, so bestimmt, so authentisch, so ernst,  dass sie ihm auf der Stelle
glaubte.
Leider war sie auch damals schon verheiratet gewesen!
Doch auch sie kam nicht gegen ihr Gefühl für ihn an!
"Ich liebe Dich auch, G! Sehr sogar! Deswegen hör` bitte auf, mir solche Geschenke zu machen!"
"Nie im Leben!" raunte G leise.
Sein Blick lag noch immer auf ihrem Gesicht, gespannt.
Malgorzatta öffnete den Deckel des kleinen Kästchens.
Es war ein weiteres Schmucksegment für ihr Armband.
Er hatte ihr bereits eine Schneeflocke geschenkt zu Erinnerung an ihr langes Schneewochenende in
Aspen und - nach ihrem ersten Wochenende zusammen in einem Luxus Resort in Puerto Vallarta -
eine kleinen Würfel mit einem Herzchen auf jeder Seite und je einem Diamanten darin.
Sie hatte sich angewöhnt, zwei Armbänder zu tragen, eines mit einem 'G', das andere mit einem 'M',
beide Schmuckstücke sorgfältig ineinander verschlungen.
Nun war ein silbernes Schmuckelement mit einer kurzen Kette in dem Kästchen, mit dem man
beide Armbänder miteinander verbinden konnte.
Malgorzatta verstand die Symbolik sofort.
Für einen Moment spürte sie Tränen aufsteigen und ihr Hals wurde eng.
"Was? Gefällt es Dir nicht?"
Sie kannte G nur ganz selten so ungeduldig.
Langsam ließ sie ihren linken Arm um seinen Nacken rutschen, zog ihn ein wenig zu sich und
küsste ihn.
Sofort konnte sie spüren wie G sich beruhigte.
"Es ist wunderschön! Du sollst mir nicht ständig etwas schenken!"
In dem Versuch, ihren Worten etwas Nachdruck zu verleihen, ließ sie ihre Lippen über seine
kratzige Wange streichen.
"Deine wunderschönen Augen strahlen immer noch ein bisschen mehr wenn Du ein Geschenk
auspackst!" raunte G.
Malgorzatta spürte sein Atmen gegen ihren Oberkörper.
"Geht gar nicht! Sie strahlen immer, wenn Sie Dich sehen! Danke, Du Charmeur!"
G lachte leise.
Sein Atem an ihrer Wange war warm.
Malgorzatta spürte seine Lippen zu ihrem Ohr weiterstreicheln, seine Zunge kurz an ihrem
Ohrläppchen, seine Zähne.
"Ich kann es gar nicht abwarten bis wir in unserem Hotelzimmer sind!"
G lachte wieder.
"Vielleicht sollten wir uns im Flugzeug in der Toilette einschließen?"
Sein Gesicht war dem ihre noch immer ganz nah, sein warmer Atem kitzelte die feinen Härchen vor
ihrem Ohr.
Malgorzatta konnte es einfach nicht lassen, ihre Rechte unter Gs Jacke zu schieben, auch wenn sie
Zärtlichkeiten in aller Öffentlichkeit hasste.
Sie streichelte bis zum Bund seiner Jeans, unter sein Shirt, mogelte ihre Fingerkuppen an seine
warme weiche Haut.
"Und morgen steht dann in der Zeitung ' NCIS-Special-Agent knallt Gattin des tschechischen
Botschafters in zehntausend Meter Flughöhe'?"
Sie spürte Gs tiefes Einatmen an ihrer Hand als er auflachte.
Zärtlich legte er seine Hand an ihre Wange, streichelte mit dem Daumen sanft über ihre Haut
während er halblaut flüsterte: " So lange ich dieser Special-Agent bin soll es mich nicht stören!"
Er küsste sie.
Der Blick seiner blauen Augen ruhte auf ihrem Gesicht.
"Das ist aufregend wenn Du so redest!"
"Und ich find' das total aufregend was Du da mit Deiner Zunge an meinem Ohr gemacht hast! Ich
brauch' gleich kein Hotelzimmer mehr!"
"Du meinst ... das?"
G ließ seine Lippen sehr langsam, sehr betont über ihre Wange streicheln, Malgorzatta fiel es mit
einem Mal etwas schwer, zu atmen.
Von einer Sekunde zur anderen war ihr sehr warm, viel zu warm, und die Lounge herum war sehr
weit weg.
Es schien nur noch G und sie zu geben in dieser kleinen Sitzecke hier, ihre kleine Welt, ungestört,
doch sie waren nicht allein.
Sie konnte ein kleines wohliges Seufzen nicht unterdrücken während sie Gs Zungenspitze warm,
feucht an ihrem Ohrläppchen streicheln spürte.
Ihr Herz klopfte bis hoch in ihren Hals.
"Wir können einen späteren Flug nehmen und ins Flughafenhotel gehen!" flüsterte G.
Seine Zähne nagten kurz an ihrem Ohrläppchen, ganz behutsam, ganz vorsichtig, und doch - oder
gerade deswegen - machte sie das ganz kribbelig.
"Sehr verführerisch, G!"
Sie musste sich ein wenig räuspern.
Langsam ließ sie ihre Linke, die noch immer an seinem Nacken lag, über seine Haut, seine kurzen
Haare dort streicheln.
Sie spürte den leichten Schweißfilm an ihren Fingerspitzen.
"Aber ich würde es vorziehen zu warten bis wir in unserem Hotel sind ... dann brauchen wir nicht
so auf die Uhr zu achten ... auch wenn's mir schwerfällt ... unheimlich schwerfällt ... das fühlt sich
so wunderbar an, was Du da machst!"
Sie wandte absichtlich den Kopf, suchte mit den Lippen die seinen, langsam über die Bartstoppeln
an seiner Wange.
G hielt sehr still.
Malgorzatta konnte sehen, dass er seine Augen in Erwartung ihres Kusses ein wenig schloss.
An ihrer Hand an seiner Seite spürte sie sein tiefes, schnelles Atmen.
So zärtlich, so behutsam wie es ihr nur eben möglich war berührte sie mit den Lippen die seinen,
versuchte sie, so viel wie möglich von dem hinein zu legen, was sie für ihn empfand.
G schien für einen Moment den Atem anzuhalten.
Er ließ sich einfach küssen von ihr, für Malgorzatta ein unglaublicher Vertrauensbeweis seinerseits.
Sie wusste, dass er da so seine Schwierigkeiten hatte.
Sie wusste nicht viel von ihm.
Dass er in mehreren Pflegefamilien aufgewachsen war.
Dass er keine Angehörigen mehr hatte.
Und dass er eine gescheiterte Ehe hinter sich hatte!
"Hilfst Du mir bitte, sie umzutun, G?"
"Natürlich, comoara meu!"
Gs Lippen bewegten sich leicht gegen die ihren, er sah sie an.
Wärme lag in seinem Blick und Zärtlichkeit.
Malgorzatta hielt ihm ihr linkes Handgelenk entgegen.
Mit sehr leichten, behutsamen Bewegungen öffnete G ihre Armbänder, Malgorzatta ließ die Ketten
auf seinen Oberschenkel fallen.
Sie griff zu dem kleinen Schmuckkästchen, trank einen Schluck von ihrem Kaffee bevor sie das
Schmuckelement vorsichtig aus dem dunklen Polster zog.
Sie schraubte es achtsam auf die beiden Armbänder, legte sie dann wieder um ihr Handgelenk und
verschlang sie sorgfältig miteinander.
"Machst Du mir bitte zu?"
"Gerne!"
G griff zu den beiden Verschlüssen und schloss sie nacheinander, Malgorzatta mochte die Geste, mit
der er dann seine Hand leicht über die ihre schob, ihre Finger sanft drückte.
Sie suchte seinen Blick.
"Danke schön! Die sehen sehr hübsch aus! Ich freue mich wirklich darüber, G!"
"Und Deine wunderschönen Augen leuchten wieder!" raunte G, legte seine Hand sacht an ihre
Wange, beugte sich noch etwas zu ihr vor und küsste sie.
Malgorzatta sah aus dem Augenwinkel, wie Shira nun hereinkam und den Weg zu ihnen einschlug.
"Ich glaube, es geht weiter für uns!" flüsterte sie G rasch zu.
Er setzte sich etwas zurück, ließ ihre Hand aber nicht los.
Malgorzatta verdeckte mit der anderen dezent das Schmuckkästen auf ihrem Bein.
Shira blieb am Tisch stehen und räusperte sich dezent.
"Mrs. Callen! Mister Callen! Ich würde Sie jetzt gerne zum Einchecken begleiten!"
"Danke. Das ist sehr nett!" meinte Malgorzatta schnell und ließ das Schmuckkästchen in ihre
Tasche fallen.
G trank seinen Kaffee aus, Malgorzatta ebenfalls, leerte ihr Champagnerglas.
Dann folgten sie Shira hinaus.
Es gab einen seperaten Durchgang zum Einchecken.
Malgorzatta legte ihre Handtasche auf das Rollband zum Durchleuchten, ihre Jacke, G legte seine
Jacke dazu.
Nach dem problemlosen Passieren des Metalldetektors brachte Shira sie an Bord der Maschine,
verabschiedete sich von ihnen und wünschte ihnen einen guten Flug.
Eine der Flugbegleiterinnen übernahm sie sogleich.
Sie zeigte ihnen in der First-Class ihre Plätze, abgeteilt von der Economy und Business durch einen
sehr dichten Lamellenvorhang.
Malgorzatta empfand es als geradezu perfekt als sie feststellte, dass sie die beiden einzigen Passiere
hier sein würden.
Die Sterne meinten es wirklich gut mit ihr für ein schönes Wochenende mit G.
Die Motoren der Maschine liefen schon.
Gleich nachdem sie sich angeschnallt hatten, während das Sicherheitsvideo noch lief, setzte sie sich
schon in Bewegung.
Malgorzatta sah zu G.
Als ihre Blicke sich trafen legte er seine Hand warm auf ihre auf der Armlehne, drückte ihre Finger
sacht.
Er wusste, dass sie nicht gerne flog.
Aber um nichts in der Welt hätte sie sich das hier entgehen lassen.
Lieber stürzte sie mit ihm zusammen ab.
Kaum waren sie in der Luft als ihre Stewardess, Linds, kam und ihnen die Speisekarten reichte,
Sie konnten zwischen drei Gerichten wählen, appetitliche Kleinigkeiten mit so phantasievollen
Namen wie Risotto an Trüffelschaum mit Kalbsmedaillon, Seebarbe an Kartoffelstreifen mit
Zuckermöhrchen und karamellisierte auf Sahnefrischkäseschaum im Tagliatellenest.
Auch die Desserts klangen verführerisch, fruchtig, sahnig, gefroren, schokoladig, kalorienreich!
Linda bot ihnen zuerst Wein dazu an, dann Champagner.
Sie entschieden sich für Mineralwasser, G trank selten Alkohol außer einem Bier, und Malgorzatta
vertrug ihn  nicht.
Sie spürte den Champagner aus der Lounge nach wie vor in ihrem Kopf.
Beduselt, nach dem Essen müde durch das monotone Motorengeräusch und mittlerweile auch etwas
beruhigt nach einer guten Stunde Flug ohne Zwischenfall.
Auch G wirkte ein wenig mitgenommen.
Kleine Fältchen kringelten sich um seine Augen, die etwas kleiner wirkten als vorhin noch.
Auch er interessierte sich nicht für den Film, der im Bordkino lief, sondern lehnte irgendwann den
Kopf an ihre Schulter und schloss seine Arme um ihre Taille.
An seinen ruhigen regelmäßigen Atemzügen merkte sie sehr bald, dass er eingeschlafen war.
Sein Kopf an ihrer Schulter, ihrer Brust war schwer, warm.
Der Vorhang nach vorne, im Durchgang, der ihren Bereich hier von den Stewardessen abtrennte,
wurde zurückgeschoben und Linda kam zu ihnen.
Ihr Blick fiel auf G und ihr Lächeln wurde noch eine Spur freundlicher.
"Benötigen Sie noch etwas, Mrs. Callen?" erkundigte sie sich, öffnete eines der Gepäckfächer und
nahm eine dicke flauschig aussehende Wolldecken in den Airline-Farben heraus, legte sie ihr auf die
Oberschenkel.
"Möchte Ihr Mann vielleicht einen Kaffee wenn er aufwacht?"
Malgorzatta musste lächeln.
G trank gerne Kaffee.
"Ja, bestimmt! Das ist sehr nett von Ihnen, danke!"
"Ich werde ein Auge darauf haben!" gab Linda zurück.
"Darf ich Ihnen noch etwas bringen, Mrs. Callen?"
"Ich würde mich auch über einen Kaffee freuen wenn mein Mann einen bekommt!"
"Gerne, Mrs. Callen!" gab Linda mit einem kleinen Nicken zurück.
Sie ging weiter nach hinten durch, zu den Passagieren in der angrenzenden Business-Class.
Malgorzatta zupfte mit der Linken die Decke vorsichtig auseinander und breitete sie, so gut es ging,
mit so wenigen Bewegungen wie nur eben möglich über G.
Sie zog die Decke über seinen Rücken, bis zu seinem Nacken hoch.
Sein Kopf sank noch ein bisschen vornüber.
Malgorzatta saß sofort ganz still.
G stöhnte leise.
"Nem tudom." murmelte er.
Es bedeutete ' Ich weiß es nicht' auf Ungarisch.
Dann schien sein Schlaf wieder tiefer zu werden, er lag ruhig.
Malgorzatta berührte mit den Lippen ganz behutsam seinen Kopf mit den kurzen Haaren.
Dann ließ sie ihren Blick zu den kleinen Fenstern schweifen.
Es war hell, strahlend blauer Himmel und ab und zu flogen ein paar Wolkenfetzen vorbei.
Die Sonnenstrahlen waren gleißend und tanzten auf der rechten Tragfläche, die sie von hier sehen
konnte.
Sie hatten noch knapp vier Stunden Flug vor sich.
Malgorzatta lehnten den Kopf ein wenig zurück und schloss die Augen, zupfte noch ein wenig an
der Decke für sich.
Die Anwesenheit der anderen Passagiere hinter ihnen war nicht mehr als ein entferntes Gemurmel.
Die Luft war trocken und warm.
Sie war bestenfalls etwas weggedöst, denn ganz unvermittelt wurde sie wach weil G
zusammenzuckte und hoch schreckte.
Jetzt saß er neben ihr und wirkte ziemlich desorientiert, der Blick seiner blauen Augen war
verschlafen während seine Brust sich rasch hob und senkte.
Die Decke war von seinen Schultern gerutscht.
"Wo sind wir?"
Malgorzatta ließ ihre Hand über seinen Rücken streichen.
"Auf dem Weg nach Hawaii. Du hast ziemlich tief geschlafen, hm?"
G wandte den Kopf und sah sie an.
Er fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht.
"Oh ... natürlich."
Malrgorzatta konnte an seinen Augen erkennen, dass er erst langsam in die Realität zurück fand.
Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr bevor er sie wieder ansah.
"Ich ... ich hab' nicht gut geschlafen die letzten Tage!"
Malgorzatta rappelte sich noch etwas auf, rutschte zu ihm herüber und küsste ihn zärtlich auf die
Wange.
Sie ließ ihren Arm um seinen Oberkörper rutschen während sie sich gegen ihn lehnte.
"Hattest Du so viel zu tun?" erkundigte sie sich möglich ungenau.
Sie wusste bestens, dass G nicht mit ihr über seine Arbeit sprach und sie wollte auch gar nicht erst
den Eindruck erwecken als frage sie danach.
"Ja ... es waren ein paar sehr lange Nächte dabei!"
Er war ganz warm vom Schlafen, Malgorzatta mochte es, wie die Wärme seines Körpers sich an
ihrem ausbreitete.
Der Geruch nach Schlaf mischte sich mit dem seines Duschgels, 'Un'cover' von Yves Saint Laurent.
Lindas Timing war perfekt.
Sie brachte ein kleines Tablett herein, sofort roch es verführerisch nach frischem Kaffee, es gab ein
kleines Gebäck dazu und - was Malgorzatta besonders gefiel - warme feuchte Gästehandtücher, in
Rollen, die einen wunderbar dezenten Duft nach Lavendel verströmten.
"Wir werden in etwa einer halben Stunde in Honolulu landen!" ließ sie sie beim Servieren wissen.
"Es tut mir leid, denn es bedeutet, dass ich in einer Viertelstunde schon wieder abräumen muss!"
"Der Kaffee riecht so gut, er würde eh nur eine Viertelstunde überstehen!" meinte Malgorzatta.
Linda lächelte.
Sie nickte ihnen kurz zu bevor sie wieder nach vorne verschwand und den Vorhang sorgsam vorzog.
G griff zu einem der Tücher, rollte es auseinander und legte es für einen langen Moment auf sein
Gesicht.
Malgorzatta probierte den Kaffee.
Er war hervorragend.
G nahm das Tuch herunter, faltete es knapp zusammen und warf es auf das Tablett.
"Der Kaffee ist gut!" meinte Malgorzatta zu ihm.
Er wirkte ein bisschen wacher jetzt.
G legte seine Hand an ihre Schulter, beugte sich rasch zu ihr vor und küsste sie.
"Ja, Du hast Recht!"
Malgorzatta musste lachen.
Sie ließ ihre Hand über seinen Oberkörper streicheln während G zu seiner Tasse griff und von
seinem Kaffee trank.
An seinem Gesicht konnte sie sehen, dass er ihm schmeckte.
"Wir sind bald da! Was machen wir dann, Schatz?"
"Wir fahren erstmal zum Hotel!" meinte G.
Er ließ seine Hand über ihre streicheln.
"Ich hab' uns einen Mietwagen genommen, dann sind wir unabhängig und können und ein bisschen
umsehen! Vielleicht suchen wir uns auch ein Restaurant und essen erst einmal etwas! Oder es ist
etwas Entsprechendes im Hotel! Ich habe mich da noch nicht so genau informiert!"
"Dann schauen wir uns das erst einmal alles an!" gab Malgorzatta zurück.
"Das hört sich doch gut an! Warst Du schon mal auf Hawaii?"
G schüttelte kurz den Kopf.
"Nein, noch nie! Du?"
"Nein! Ich war bisher immer mehr östlich! Sehr östlich!"
G lachte leise.
Er trank einen langen genießerischen Schluck von seinem Kaffee, griff dann noch mal zu dem Tuch,
wischte sich damit die Hände ab.
"Ich verstehe!"

Sie landeten ein paar Minuten früher als angegeben auf dem HNL.
Linda übergab sie mit freundlichen Abschiedsworten und Wünschen für einen angenehmen
Aufenthalt an ihre Kollegin am Boden, Kirsten, die sie im First-Class-Bereich problemlos und
schnell durch die Paß-Kontrolle brachte, ihnen ihr Gepäck zeigte, das schon bereit stand, und sie
zum Schalter der Autovermietung begleitete, nachdem sie die obligatorischen Leis bekommen
hatten.
G musste bloß noch den vorbereiteten Mietvertrag unterschreiben, dann bekam er den
Autoschlüssel.
Der Wagen wurde ihnen zum Ausgang vorgefahren, insgesamt hatte das Auschecken und die
gesamten Formalitäten keine halbe Stunde gedauert.
Das hatte den Nachteil, dass gar keine Zeit blieb, sich umzusehen.
Malgorzatta mochte Flughäfen.
Sie mochte es, die Leute zu beobachten, den Hauch von Fernweh, die völlig andere Atmosphäre,
losgelöst vom Alltag.
"Vielleicht können wir Sonntag etwas eher zurück fahren?" schlug sie G vor, auf der Fahrt zum
Hotel.
"Ich würde mich gerne am Flughafen etwas umsehen!"
G warf ihr einen kurzen Blick zu bevor er wieder auf die Straße sah.
Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen.
"Du magst Flughäfen, nicht wahr?"
"Ja."
"Ich kenne gar nicht so viele zivile Flughäfen." meinte G.
"Wir fliegen meist von der Air Base!"
"Das ist gar kein Vergleich!"
Es war traumhaft hier.
Palmen säumten die breiten sauberen Straßen, es war üppig grün und überall blühte es bunt.
Schon vom Airport aus war der Pazifik zu sehen gewesen, nun führte die Straße oben über dem
Strand entlang.
Fast wie in Los Angeles.
Doch hier war es anders.
"Meinst Du, Du kannst mal rechts ranfahren, G, bitte?"
G warf ihr einen raschen Blick zu.
"Warum? Ist Dir nicht gut?"
Er lenkte den Wagen schon rechts an den Straßenrand.
"Doch, alles wunderbar!"
Malgorzatta legte schnell ihre Linke an seinen Oberschenkel.
"Aber ich würde mir das da draußen ganz gerne einfach mal ansehen!"
"Ja, okay!"
G parkte den Wagen rechts am Straßenrand und schaltete den Motor ab.
Malgorzatta stieg aus.
Es war warm.
Doch es war eine andere Wärme als in L.A., als die Hitze in der Stadt.
Hier wehte momentan eine kühle Brise vom Wasser herüber, das sich wie eine riesige blaue Fläche
in den verschiedensten Blautönen unter ihr, vor ihr ausbreitete.
Die Wellen waren klein.
Der Strand wirkte einladend, breit, cremefarben, der Sand sah fein aus.
Die Straße hier war so weit oben, dass die Leute unten nur als mittelgroße Punkte zu erkennen
waren.
Eine grün bewachsene Böschung führte von hier, hinter der Leitplanke, bis hinunter an den Strand.
Es waren nicht viele Autos hier unterwegs.
"Mali!"
Malgorzatta wandte den Kopf und sah zu G, der um den Wagen herum kam.
Er hatte sein Mobiltelefon in der Hand, die Kamera auf sie gerichtet und er schien den
Auslöseknopf gedrückt zu haben bevor sie protestieren konnte.
"G, bitte nicht! Du weißt, ich mag das nicht!"
G nahm ganz ungerührt Maß und machte ein zweites Photo von ihr bevor er das kleine Telefon in
die Tasche seiner Jeans schob uns zu ihr kam.
"Gönn' mir doch das eine Bild!" meinte er, während er beide Arme um sie legte, sie an sich zog.
"Ich hab' doch sonst nichts von Dir!"
Malgorzatta sah zu ihm auf während sie beide Arme um seinen Oberkörper legte, sich an ihn
schmiegte.
Für einen Moment spürte sie ihren Hals eng werden bei seinen Worten.
Es hatte nicht mal vorwurfsvoll geklungen, einfach nur wie eine Feststellung.
Sein Gesichtsausdruck war ruhig, zugetan.
Sie spürte die Wärme, Zärtlichkeit in seinem Blick.
Jetzt beugte er sich zu ihr vor und küsste sie.
Malgorzatta ließ ihre Linke langsam seinen Rücken hinauf streichen, bis zu seinem Nacken.
"Du hast mehr von mir als Du vielleicht denkst, mein Schatz!"
G senkte den Kopf für einen langen Moment.
Sie hörte ihn leise auflachen.
Eigentlich spürte sie es noch mehr als Bewegung gegen ihren Oberkörper.
Er verschränkte die Arme etwas mehr hinter ihrem Rücken, drückte sie so fest an sich, dass sie fast
sekundenlang keine Luft mehr bekam.
Sie konnte ein kleines Keuchen nicht unterdrücken.
"Natürlich, Mali. Nur manchmal ... "
Er sah sie an, ruhig, bestimmt, liebevoll, legte seine Rechte an ihre Wange und ließ seine
Fingerkuppen sanft über ihre Haut streicheln.
" ... wünsche ich mir, es wäre mehr! Es wäre mehr und es wäre öfter! Jeden Tag!"
Malgorzatta schluckte.
Sie hatte sofort das Gefühl, sich rechtfertigen, sich verteidigen zu müssen.
Dafür, dass sie verheiratet war!
Dass sie schon verheiratet gewesen war als sie sich kennen lernten.
Dafür, dass sie das nicht änderte!
Sie stemmte sich auf die Zehenspitzen, berührte mit den Lippen zärtlich die seinen.
G erwiderte ihren Kuss leicht.
"Ich liebe Dich, G! Ich liebe Dich sehr! Ich wäre nicht hier mit Dir wenn es nicht so wäre! Und ich
bin sehr glücklich über das Wochenende mit Dir! Ich hoffe sehr, dass es noch mehrere davon geben
wird!"
"Das liegt an Dir!" meinte G prompt.
Manchmal hatte er etwas leicht Herausforderndes an sich.
So auch jetzt!
Aber Malgorzatta wollte nicht darauf eingehen.
Es tat weh!
Sie wollte das jetzt nicht hier, in dieser schönen Umgebung.
Sie wollte dieses Wochenende in guter Erinnerung behalten!
Also bemühte sie sich, ihre Stimme ruhig, sanft zu halten, lehnte sich noch ein wenig mehr gegen
ihn.
"Dann lass' uns doch jetzt einfach ins Hotel fahren, hm?"
Sie sah ihn an.
Gs Gesichtsausdruck war noch immer weich, ihr zugetan, sein Blick ruhig.
Er war ihr nicht böse, dass sie es nicht änderte.
Er nahm es hin, wie es war und versuchte, seinen Vorteil daraus zu ziehen, so wie sie es von ihm
kannte, sie wie sie es von ihm kennen gelernt hatte!
G. Callen blieb immer im Hintergrund.
Und dort durfte man ihn keinesfalls unterschätzen!
"Okay!" meinte er jetzt.
Und rührte sich nicht.
Sah sie bloß an, zärtlich, liebevoll.
Malgorzatta machte das nichts.
Sie hätte ewig mit ihm hier stehen mögen.
Weit weg von Zuhause, von ihrem normalen Leben, das ihr gar nicht mehr so gut gefiel.
Es war angenehm in der Sonne hier, in der leichten Brise, frei von jeglichen Verpflichtungen, mit
nichts als der Aussicht auf ein Wochenende, das bereits angefangen hatte, mit dem Mann, den sie
wirklich liebte.
Sie musste lächeln.
Langsam ließ sie ihre Rechte über seine Seite nach vorne streicheln, über die Vorderseite seines
Shirts hinauf, über den Saum des Ausschnittes auf seinen Hals, behutsam gegen den Strich seiner
Barthärchen, über sein Kinn.
Vorsichtig streichelte sie mit der Kuppe ihres Zeigefingers über seine schön geschwungene
Unterlippe.
G ließ es einen sehr langen Moment geschehen.
Sie spürte sein tiefes Atmen gegen ihren Oberkörper.
Schließlich drückte er einen zärtlichen Kuss darauf.
"Komm, wir fahren!" meinte er dann und schob sie sacht Richtung des Wagens, öffnete ihr die
Beifahrertür.
"Danke!"
Malgorzatta stieg ein.
Die zuvorkommenden Leute von der Autovermietung hatten ihnen am Flughafen den Weg zum
Kahakai-Resort ins Navi programmiert.
Sie fanden den großen hellen Gebäudekomplex problemlos.
Ein Hotelangestellter versprach, den Wagen in der Tiefgarage zu parken während ein anderer ihr
Gepäck ins Foyer brachte.
Ein Dritter begleitete sie zum Empfang.
Die Halle war groß, edel, die Leute besser gekleidet, das Ambiente schick, die Atmosphäre
gediegen.
Das Einchecken strotzte vor Höflichkeitsfloskeln und nach ein paar Minuten begleitete eine
Angestellte sie hinauf zu ihrem Zimmer.
' Kikino-Suite ' stand in goldenen Lettern an der doppelflügeligen weißen Tür.
Malgorzatta fand, dass das teuer klang und auch so aussah.
Die Hotels, in denen sie bisher übernachtet hatten, waren immer sehr gehobene Mittelklasse
gewesen.
G bezahlte immer alles, ließ ihr gar keine Chance, auch mal eine Rechnung zu begleichen.
Das war ihr manchmal unangenehm.
Aber er ließ sich auch nicht überrumpeln.
Jetzt verschlug es ihr direkt ein wenig den Atem als er sie in die Räumlichkeiten vorangehen ließ
während die Angestellte ihm die Schlüsselkarte aushändigte, zusammen mit den " besten Wünschen
für einen angenehmen Aufenthalt".
"Danke schön!" meinte Malgorzatta noch schnell hinter ihr her und sah zu G, der die Tür schloss.
"Es ist traumhaft hier!" meinte sie nahezu überwältigt zu ihm.
Links gab es eine kleine Küche.
Sie stand im Wohnraum, mit einer riesigen Panoramascheibe und der Glastür hinaus zum Balkon.
Von hier, wo sie stand, vor dem Wohnzimmertisch mit einem großen flachen Blumenarrangement in
einer Wasserschale, konnte sie den Pazifik sehen.
Das Wasser war so blau wie Gs Augen.
Auch der Strand war zu sehen, ein breiter weißer Bogen rechts, an dem sanfte Wellen ausliefen,
Palmen säumten eine Straße weiter rechts.
Ein kleines Lächeln huschte über Gs Gesicht.
Er legte seine Jacke über die Sessellehne, die Schlüsselkarte auf den Glastisch, kam zu ihr und
drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
"Komm, wir sehen uns um!" meinte er sanft und schob sie sacht Richtung des Raumes rechts.
Es war das Schlafzimmer.
Groß, cremefarben, mit einer kleinen Sitzecke links neben der Tür, einem begehbaren
Kleiderschrank schräg rechts und einem recht großen Flatscreen an der Wand.
Das Bett, dem Eingang gegenüber, war üppig.
Es war hoch, es war sehr breit, mit einem Kopfende, das fast die halbe Wandhöhe erreichte.
Am Fußende stand eine längliche Sitzbank und zu beiden Seiten des Bettes warteten auf dem
dicken hellen Teppich kuschelig aussehende Puschen auf sie.
Mindestens acht Kissen waren am Kopfende verteilt, die Tagesdecke war aus einem sehr schweren,
beigenen Stoff und die Leute vom House-Keeping hatten aus roten Blütenblättern ein Herz darauf
gelegt und es mit gelben und rosafarbenen Blütenblättern aufgefüllt.
"G!" entfuhr es Malgorzatta beeindruckt.
Aus dem Augenwinkel sah sie ihn lächeln.
Sie schmiegte sich an ihn.
Auch von hier bestand Zugang zum Balkon, auf dem sich sogar ein Jacuzzi befand.
Hier war eine kleine Sitzecke mit Gartenmöbeln mit dicken Polstern, ein Sonnenschirm und ein
Schränkchen, in dem zusätzliche Hand- und Badetücher aufbewahrt wurden.
Hohe Sichtblenden verhinderten die Einsicht der Nachbarn.
"Komm!"  G zog sie durch das Schlafzimmer in das angrenzende große Badezimmer.
Die Duschkabine war mit kleinen Mosaikkacheln verkleidet, ebenerdig und hatte eine Glastür.
Die Badewanne war eine große Eckbadewanne und befand sich auf der linken Seite des Raumes,
ein paar kleine Stufen führten zum Rand hinauf.
Und an der rechten Seite des Raumes war eine große Waschzeile mit zwei Waschbecken und einer
Spiegelwand.
Eine Tür an der Kopfseite des Raumes führte zu der seperaten Toilette.
Dort an der Tür hingen zwei weiße flauschig aussehende Bademäntel.
Hand- und Badetücher waren in ein Regal rechts neben der Tür gerollt.
Auf den Ablagen des Waschbeckens standen unfassbar viele kleine dieser Fläschchen für Shampoo,
Spülung, Duschgel und mehr.
"Ich glaube, ich möchte hier nie wieder weg, G!" meinte Malgorzatta als G sie sanft wieder mit
zurück ins Schlafzimmer zog.
Erst jetzt sah sie auf den niedrigen Couchtisch hier den Obstteller und die Etagere mit Pralinen.
G lachte leise.
Er zog sie in seine Arme und küsste sie.
Malgorzatta genoss es, wie fest er sie dabei an sich gedrückt hielt, dass er sie dabei ganz leicht hin
und her wiegte.
Er sah sie an.
"Was hälst Du davon, wenn wir einen Happen Essen gehen? Ich könnte jetzt 'was vertragen!
Danach ... ich weiß nicht! Was möchtest Du machen heute Abend? Bummeln, tanzen, irgendwo
etwas trinken, eine Bootsfahrt?"
Malgorzatta erwiderte seinen Blick ruhig.
Sie musste lächeln.
Es war nett, was er ihr alles anbot, es wäre verlockend gewesen, hätten sie zwei Wochen Zeit hier
gehabt!
Doch ihr Aufenthalt zu Zweit war begrenzt und ihre Stunden zusammen kostbar.
Sie wollte sie nicht mit Touristen-Attraktionen verschwenden!
Behutsam stemmte sie sich auf die Zehenspitzen, berührte mit den Lippen Gs Unterlippe, drückte
einen zärtlichen Kuss darauf, ließ ihre Zungenspitze sacht darüber streicheln.
Sie spürte, wie G es genoss.
Er hielt ganz still.
Seine Augen waren ein wenig geschlossen.
Er drängte sich leicht gegen sie.
Seine Hand streichelte sacht über ihren Rücken, von ihrem Nacken zu ihrem Hals, bis zu ihrer
Wange.
Zärtlich begann er, ihren Kuss zu erwidern.
Das Spiel seiner Zungenspitze mit der ihren war leicht.
Malgorzatta schmiegte sich in seine Umarmung.
Sie spürte seine Wärme an ihrem Körper.
Sein Atmen gegen ihren Oberkörper.
Für lange Sekunden war sie versucht, ihre Hand unter sein Shirt streicheln zu lassen, seine warme
weiche Haut an ihrer zu spüren.
Sie wollte ihn gerne ganz nah bei sich haben, vertraut, zärtlich, sie liebte es, mit ihm zusammen zu
sein.
Dennoch beherrschte sie sich.
"Sollen wir jetzt zum Essen gehen, Schatz?"
G sah sie an.
Er lächelte.
"Hast Du Angst, dass ich Dir verhungere? Dass ich Dir ... " er küsste sie langsam, zärtlich " ... nicht
durchhalte?"
Malgorzatta schenkte ihm ein Lächeln, versuchte, es aber nicht amüsiert sondern liebevoll werden
zu lassen.
"Davor habe ich bei Dir ... " sie küsste ihn, langsam, zärtlich " ... am wenigsten Angst! Es ist
wundervoll mit Dir, ich liebe es! Aber es ist noch schöner mit Dir wenn wir beide vorher
romantisch essen waren ... so wie Letztes ... in dem kleinen Restaurant ... und dann sind wir zu Dir
nach Haus gefahren ... Du weißt? Im Valley?"
Sie sah ihn an.
Gs Lächeln war warm, zärtlich.
Es berührte ihr Herz.
"Natürlich. Wie könnte ich das vergessen? Es war ein wunderschöner Abend mit Dir! Und eine
wunderschöne Nacht! Wenn auch sehr kurz!"
"Ich bin froh, dass wir diesmal mehr Zeit haben, G!" meinte Malgorzatta.
Sie ließ ihre Hand über seine Seite streichen.
Malgorzatta spürte sein tiefes Einatmen.
"Du riechst wieder so gut! Ist das noch ... "
Er sah sie an.
Er überlegte, Malgorzatta sah es genau.
"NCIS: LA - pour femme!" meinte sie.
G lachte.
Er zog sie wieder eng an sich, drückte sie für einen Moment.
Dann sah er sie wieder an.
"Nein! Das ist Donna, nicht wahr?"
Malgorzatta nickte, ergeben.
"Ja."
G nickte.
"Ich muss immer an Dich denken wenn ich es rieche. Es passiert nicht so oft, ich denke öfter an
Dich wenn ich es nicht rieche! Es ist ein sehr anspruchsvoller Duft, den können nur sehr wenige
tragen!"
Malgorzatta musste lächeln.
"Ich weiß noch, wie wir ihn zusammen ausgesucht haben, in Soroca. Er hat Dir sofort gefallen!"
"Es war so ziemlich das Einzige, was mir dort gefallen hat!" gab G zurück.
"Wenn Du dort nicht aufgetaucht wärst, hätte ich mich bestimmt erschossen!"
"Du sollst so etwas nicht sagen!" mahnte Malgorzatta sanft und küsste ihn.
"Du bist die Einzige, an der ich es mag!" raunte G halblaut und erwiderte ihren Kuss.
Malgorzatta konnte, wollte einen kleinen Laut des Wohlbefindens nicht unterdrücken.
Im Moment gab es nichts, was sie sich mehr wünschte, allein mit G, in traumhafter Umgebung, mit
der Aussicht auf zwar nur wenige, aber dafür ungestörte Stunden mit ihm.
"Sollen wir jetzt essen gehen, Schatz?"
G küsste sie bloß ohne Antwort.

Es gab drei Restaurants im Resort.


Malrgorzatta folgte G neugierig als er sie ziemlich bestimmt - als mache er dies nicht zum ersten
Mal - zum dem Concierge am Empfang des ' Hale 'aina ' führte.
"Wir haben eine Reservierung auf den Namen 'Callen!" meinte er zu ihm.
Der Mann im weinroten Anzug hinter dem kleinen Stehpult, mit den großen, wichtig aussehenden
Buch darauf, blätterte betont langsam eine Seite zurück.
"Ja ... Mister Callen ... für zwei Personen ... "
Malgorzatta war sich ziemlich sicher, dass er nicht mal las.
"Poushour!"
Mit einer lässigen Kopfbewegung warf er das über seine linke Schulter, woraufhin sofort ein dunkel
gekleideter junger Mann zu ihnen um die Ecke schoss.
Er verbeugte sich sogleich.
"Poushour wird sich heute Abend um sie kümmern!" meinte der Mann mit dem Buch.
"Wenn Sie mir bitte folgen möchten!" bat Poushour und deutete den Weg an, bevor er voran ging.
Malgorzatta fing Gs Blick auf und lächelte ihm rasch zu.
Sie fand es unheimlich spannend, was er sich für sie hatte einfallen lassen, fand es total süß von
ihm, dass er sich solche Mühe gegeben hatte.
Stolz schmiegte sie sich an seinen Arm während Poushour sie durch das edle Restaurant führte.
Das Licht hier drinnen war gedämpft, es brannten viele Kerzen.
Die großen Glastüren zu beiden Seiten standen teilweise offen, dennoch war es sehr warm hier
herinnen.
Die Tische waren eher klein, ausgerichtet auf zwei Personen, edle Stoffe in Weinrot und Braun,
funkelnde Gläser, Besteck und Geschirr, schlicht aber zweifellos von höchster Qualität.
Malgorzatta sah kostbaren Schmuck an den Damen glitzern, die edle Stoffe trugen.
Alle Männer trugen Anzüge.
Auch G trug Anzug.
Schwarz, mit einem schwarzen Hemd, ohne Krawatte, er sah hinreißend aus.
Malgorzatta sah, wie ihnen die Blicke einiger Frauen folgten.
Das machte sie auch ein wenig eifersüchtig.
Poushour führte sie durch eine der offen stehenden Glasscheiben hinaus zum Strand.
Malgorzatta warf G einen verwunderten Blick zu.
Sein Lächeln zu ihr war zärtlich.
Poushour führte sie zu einer Gruppe von Palmen an der  - vom Restaurant nicht einsehbar - ein
Tisch stand, gedeckt für zwei Personen, mit langem, im sachten Abendwind sanft wehenden
Tischtuch und Kristallgläsern, in denen der Sonnenuntergang funkelte.
Auf einem kleinen Beistelltisch stand ein Sektkübel, aus dem ein Flaschenhals ragte.
Es war so kitschig, dass es schon wieder schön war, Malgorzatta hätte dem toughen Agenten G so
etwas nur schwerlich zugetraut, auch wenn sie seine weiche, zärtliche Seite bereits kannte.
Er konnte überaus liebevoll sein.
Doch dass er einen derartigen Aufwand für dieses Wochenende betrieben hatte, rührte sie zu
Tränen.
Poushour machte Anstalten ihr den Stuhl zurecht zu rücken.
"Danke!" meinte G bestimmt zu ihm und nahm mit einer unmissverständlichen Geste seinen Platz
ein, Poushour ging sofort zur Seite, zu dem kleinen Beistelltisch, und griff nach der noch
geschlossenen Flasche.
"Danke schön, G!" meinte Malgorzatta zu ihm und ließ ihre Hand sacht über seine streichen.
Er lächelte ihr zu.
Poushour öffnete die Flasche geschickt und goss die rosane perlende Flüssigkeit in ihre Gläser, G
nahm am Tisch ihr gegenüber Platz, "Danke schön!" meinte Malgorzatta zu Poushour nach dem
Eingießen.
Er nickte kurz, wandte sich dann an G.
"Möchten Sie, dass ich die Vorspeisen serviere, Mister Callen?"
"Ja, aber lassen Sie sich Zeit!" gab G zurück.
Poushour nickte.
"Gerne, Sir!"
Dann nickte er ihr leicht zu und ging davon.
Malgorzatta schlüpfte aus ihren Sandalen.
Dann stand sie auf, ging durch den weichen Sand um den Tisch herum, zu G, legte beide Arme um
seinen Hals und drückte ihm einen nachdrücklichen Kuss auf die Lippen.
"Danke, G! Das hast Du so wunderbar organisiert! Ich liebe Dich!"
G erwiderte ihren Kuss rasch.
Malgorzatta spürte seine Hand rasch über ihren Arm streichen.
Er hielt sie für einen Moment fest.
Malgorzatta legte ihre Hand an seine Wange.
Seine Haut war warm, fühlte sich ein klein wenig geschwitzt an.
"Warum ziehst Du Deine Jacke nicht aus, Schatz? Ich meine, Du siehst verdammt gut aus in dem
Anzug, aber es ist sicher fürchterlich warm, hm?"
G sah zu ihr auf.
Seine Hand lag noch immer an ihrem Arm.
"Wenn das in Ordnung ist für Dich ... "
"Ja, natürlich."
Für einen Moment beließ Malgorzatta ihr Gesicht dem seinen ganz nah.
Dann küsste sie ihn auf die Wange.
G stand langsam auf.
Er reichte ihr ihr Glas, griff zu seinem.
"Lass' uns vorher noch auf dieses wunderschöne Wochenende für uns anstoßen, comoara meu!"
Malgorzatta sah zu ihm auf.
"Ist es ein wunderschönes Wochenende für Dich, G?"
Selbst im Halbdunkeln der untergetauchte Sonne leuchteten seine Augen strahlend blau.
Kleine Schweißperlen standen auf seiner Oberlippe, zwischen den dunklen Barthärchen.
"Es ist traumhaft mit Dir, Mali, ich wünsche, es würde nie enden!"
Es tat weh wie ehrlich, authentisch seine Worte klangen, Malgorzatta spürte einmal mehr
sekundenlang das Bedürfnis, sich zu verteidigen.
"Danke, G." meinte sie statt dessen bloß und ließ ihr Glas sacht gegen das seine stoßen.
Es waren Kristallgläser, schwer, und sie hatten einen sanften Klang.
Die rosane, noch immer fein perlende Flüssigkeit darin schmeckte lieblich.
Malgorzatta nahm nur einen Schluck.
Dann schob sie das Glas auf den Tisch zurück.
Auch G stellte sein Glas beiseite.
Dann zog er seine Anzugjacke aus, hängte sie über die Stuhllehne, Malgorzatta mochte es, wie er
dann beide Ärmel nachlässig bis zu seinen Ellbogen hinaufkrempelte.
Rasch beugte sie sich vor und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen bevor sie sich wieder auf
ihren Platz setzte.
G nahm ihr gegenüber Platz.
Er sah sie über den Tisch hinweg an.
Malgorzatta sah aus dem Augenwinkel Poushour in ihre Richtung kommen.
Er trug ein Tablett mit zwei metallenen Servicehauben, Malgorzatta sah, wie umständlich es war,
um durch den Sand zu ihrem Tisch zu gelangen.
So romantisch es hier auch war, für die Angestellten erschwerte es sicher die Arbeit.
Deswegen konnte sie es auch gar nicht so ganz genießen.
Poushour stellet die Teller vor ihnen auf dem Tisch ab und nahm mit gekonntem Schwung die
Hauben ab.
"Unser Koch hat für Sie als Vorspeise Lachs auf einem weißen Trüffelschaum mit Charlottenreis
zubereitet!" meinte er dabei.
"Danke schön!" sagte Malgorzatta.
"Möchten Sie einen leichten französischen Weißwein dazu?" erkundigte sich Poushour.
G sah sie fragend über den Tisch hinweg an.
Malgorzatta schüttelte den Kopf.
"Nein, danke!"
"Nein!" meinte G zu Poushour.
Der nickte daraufhin und entfernte sich wieder von ihrem Tisch.
Malgorzatta ließ ihre Rechte sanft über Gs streichen, die auf dem Tisch lag.
"Danke! Das ist einfach wunderschön!"
"Freut mich, dass es Dir gefällt!"
G hielt mit dem Daumen sanft ihre Hand fest und lächelte ihr zärtlich zu.

Nach der Vorspeise gab es zwei Gänge, ein wunderbares Dessert schloss sich an und ein Kaffee
rundete die Mahlzeit ab.
Es war dunkel geworden im Laufe des Genießens, und spät, doch Malgorzatta konnte sich nicht
dazu entschließen, den Abend zu beenden, vor allen Dingen nicht, weil dann schon der Samstag auf
sie wartete.
Es war noch immer sehr warm.
Die Brise vom Wasser war angenehm.
Poushour hatte Kerzen für sie angezündet und in den Sand gestellt.
Malgorzatta merkte, dass G müde war.
Seine Augen wurden dann klein.
Und man sah es ihm am Gesicht an.
Sie drückte leicht seine Hand, die die ihre auf der Tischplatte sacht umfasst hielt.
"Sollen wir gehen, Schatz?"
"Möchtest Du?" fragte G zurück und sah sie an.
Sein kleines Lächeln zu ihr war zärtlich.
"Du bist müde." erwiderte Malgorzatta bloß.
"Ja."
Es wunderte Malgorzatta einmal mehr, wie ehrlich G meistens zu ihr war, dieser abgebrühte Special
Agent, den sie in Kiew kennen gelernt hatte als er sich in die tschechische Botschaft schmuggelte.
Ihr gegenüber gab er Schwächen zu.
"Etwas."
"Macht es Dir etwas aus, wenn wir einen kleinen Umweg zum Hotel machen? Ich möchte so gerne
ein Stück am Strand entlang."
G lächelte.
"Nein. Natürlich nicht! Komm ... "
Er zog ihre Hand über den Tisch an seine Lippen, drückte einen zärtlichen Kuss darauf.
Dan stand er auf, kam um den Tisch herum und rückte ihr den Stuhl zurecht beim Aufstehen,
"Danke, G!" meinte Malgorzatta zu ihm, ließ ihre Hand rasch über seinen Arm streichen.
Er hatte so gute Manieren, manchmal fragte sie sich, wer in seiner unruhigen Kindheit dafür gesorgt
hatte, dass der kleine G lernte, dass man Frauen die Tür aufhielt, ihnen den Stuhl zurecht rückte,
aufstand, wenn sie den Raum betraten und ihnen Autotüren öffnete.
G zog seine Anzugjacke von der Stuhllehne, Malgorzatta spürte seine Hand sacht an ihrer Schulter
als er fragte: "Wo möchtest Du hin?"
"Kommen wir zum Hotel zurück wenn wir dort entlang gehen?" fragte Malgorzatta und wies nach
rechts.
Sie sah Gs Schulterzucken während er den Arm um sie legte.
"Probieren wir es aus! Wir haben schon in ganz anderen Gegenden zurück gefunden!"
Er zog sie sanft mit sich.
"Rio, nicht?"
Malgorzatta lachte leise.
Kurz nachdem sie sich das erste Mal in der Botschaft gesehen hatten, waren sie in Rio wieder
aufeinander getroffen.
G hatte einen Auftrag dort zu erledigen gehabt.
Sie war mit ihrem Mann dort gewesen, Efremil, im Rahmen eines Wirtschaftssymposiums mit einer
tschechischen Delegation.
G hatte sie nach ihrem ersten Zusammentreffen in der Botschaft auf der Straße wieder erkannt und
sie einfach zu einem Kaffee eingeladen.
Sie hatte nicht ablehnen können.
Schon damals hatte sie viel zu viel Gefühl für ihn gehabt!
Auf dem Rückweg, als er sie zu ihrem Hotel bringen wollte, hatten sie sich verfahren.
Je öfter, je länger sie darüber nachdachte desto mehr kam sie allerdings zu dem Schluss, dass er das
Versagens des Navis im Auto nur vorgetäuscht hatte.
"Du hast Dich damals nicht wirklich verfahren, oder?"
"Und Du warst nicht zufällig da, nicht wahr?"
Malgorzatta sah ihn an.
Sie ließ ihre Hand sanft über die Vorderseite seines Hemdes streichen.
Es war nicht so dunkel, dass sie seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen konnte.
G wirkte amüsiert.
Als ihre Blicke sich jetzt trafen lächelte er zärtlich.
Er warf seine Schuhe, seine Jacke hinter ihr in den Sand.
"Du weißt, dass ich Dich zum Sprechen bringen kann!"
Malgorzatta musste lachen.
Sie blieb stehen, warf ihre Schuhe in den Sand, ließ ihre Hand über seinen Rücken streicheln, bis
zum Bund seiner Anzughose, etwas mehr auf der rechten Seite.
"Bist Du etwa bewaffnet ... nein!"
Ihre prüfende Hand hatte unter seinem dunklen Hemd keine Waffe gespürt.
G sah sie an.
Sein Gesicht war dem ihren ganz nah.
"Und Du?"
"Warum soll ich mich bewaffnen wenn ich mit dem besten Agent des NCIS Los Angeles essen
gehen? Gegen Dich, G, komme ich eh nicht an!"
G lachte.
Er ließ seinen Arm um ihre Taille rutschen, zog sie eng an sich, küsste sie.
"Du bist wundervoll, Mali! Ich liebe Dich!"
"Ich liebe Dich auch, G! Sehr sogar!"
Malgorzatta streichelte mit der Hand über seine kratzige Wange, berührte mit den Lippen sanft
seine Unterlippe.
G ließ es geschehen.
Er hielt ganz still, sie konnte sein tiefes Einatmen gegen ihren Oberkörper spüren, so fest hielt er sie
an sich gedrückt.
Kleine Wellen umspielten ihre Füße.
Das Wasser war kalt.
Insgeheim fragte sie sich ob die Pärchen, die sich für Videos oder Werbung immer so
hingebungsvoll in der Brandung zu lieben schienen, wohl froren?
G gab einen kleinen Laut des Wohlbefindens von sich.
"Komm, lass uns ins Hotel gehen bevor Macy mich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses hier
aus dem Gefängnis holen muss!" raunte er leise, zärtlich während sie seine Hand sacht durch ihre
Haare streicheln spürte.
Sie musste lachen.
Leicht stemmte sie sich auf die Zehenspitzen, suchte mit den Lippen sein Ohr.
"Was genau stellst Du Dir denn da gerade vor?"
"Oh, Du legst es darauf an, inger meu?"
Dann ließ er seine Lippen über ihre Wange streicheln, bis zu ihrem Ohr, sein Atem strich für einen
Moment über die kleinen Härchen dort, seine Zungenspitze streichelte sekundenlang ihr
Ohrläppchen.
"Ich würde ... "
Malgorzatta spürte seine Hand über ihren Nacken streicheln, bis zum Knoten ihres Neck-Holder-
Kleides, seine Finger begannen, daran zu zupfen.
" ... erst einmal diesen Knoten lösen ... "
Der Stoff lockerte sich rasch und begann zu rutschen, Malgorzatta konnte im ersten Moment gar
nicht glauben, dass das hier wirklich geschah.
G zog sie noch ein wenig an sich.
Das Oberteil ihres Kleides rutschte.
Die Brise vom Wasser war kühl, angenehm an ihrer nackten Haut.
" ... und dann würde ich ... "
G beugte sich etwas vor und streichelte mit den Lippen von ihrer Wange über ihren Hals zu ihrer
Schulter hinab, seine Bartstoppeln an seinem Kinn kratzten angenehm über ihre Haut bevor sein
warmer Atem darüber streichelte.
" ... Dich hier küssen ... und  ... hier ... und hier ... während meine Hand ... hier ... "
Malgorzatta stöhnte leise, behaglich.
Sie spürte die Kühle des Wassers kaum noch an ihren Füßen, Gs Berührungen jagten ihr kleine
warme Schauer über den Rücken, brachten ihr Innerstes zum Kribbeln.
Mit einer leichten Bewegung ließ sie ihre Rechte zur Knopfleiste seine Hemdes wandern, begann,
Knopf um Knopf zurück zu öffnen bevor sie ihre Hände schließlich unter den Stoff, auf seine
warme, weiche Haut schob.
Sie wollte ihn ganz nah bei sich spüren.
G schmiegte sich an sie.
Seine Hand lag an ihrer Brust. federleicht, warm, sanft, er beugte sich zu ihr vor und küsste sie.
Das Spiel seiner Zungenspitze mit ihren Lippen, mit der ihren, war aufregend, verlangend.
"G!"
Sie musste ihre Hand an seine Wange legen, ihren Kopf ein bisschen beiseite drehen.
"Bitte, lass uns ins Hotel gehen!"
"Warum?"
Gs Stimme war nicht mehr als ein halblautes Raunen an ihrem Ohr, sein Atmen gegen ihren
Oberkörper rasch.
Ihr leichtes Zittern hatte nichts mit Kälte zu tun.
"Ich möchte jetzt unbedingt mit Dir alleine sein, und ich möchte das nicht hier am Strand, mein
Schatz, sondern in unserem schönen Hotelzimmer!"
"Warum?" fragte G erneut.
Seine Linke lag noch immer an ihrer Wange während seine Lippen über ihre Haut streichelten,
warm, zärtlich, verführerisch.
Malgorzatta drehte seinem Kopf behutsam zu sich, berührte mit den Lippen sanft die seinen.
Langsam, zärtlich streichelte sie mit der Zungenspitze über seine Unterlippe.
G hielt still.
Im Halbdunkel des Mondlichtes konnte sie erkennen, dass er die Augen leicht geschlossen hatte.
Langsam ließ sie ihre Fingernägel über seine Wange kratzen, gegen den Strich seiner Bartstoppeln
während sie ihre Zungenspitze weiterstreicheln ließ, gegen seine Zähne, auf der Suche nach seiner
Zungenspitze.
G stöhnte leise.
Er ließ ihr seine Zungenspitze entgegen kommen.
Der Griff seiner Finger an ihrer Schulter wurde fester, das Spiel seiner Zunge verlangender.
Malgorzatta streichelte mit der Linken langsam über seinen Rücken unter dem dunklen Stoff.
Seine Haut war warm, weich.
An den Fingerspitzen konnte sie den leichten Schweißfilm an der geraden Linie seiner Wirbelsäule
spüren, einen Schweißtropfen, der langsam sein Rückrat hinab lief.
Er presste sich eng in ihre Umarmung.
Sein Atem war rasch.
Sein Kuss war innig, tief.
Auf gar keinen Fall wollte Malgorzatta sich hier am Strand auf ihn einlassen, nicht im nassen Sand
und schon gar nicht in Sichtweite des Hotelkomplexes und des Restaurants.
G ließ sie erst los, wandte ein wenig den Kopf als sie beide atemlos waren.
"Sollen wir jetzt gehen?"
Seine Stimme war leise, klang belegt während er zu den beiden Hälfte ihres Oberteiles griff und sie
ihr sehr sacht, zärtlich wieder um ihren Oberkörper legte, sie ihr im Nacken vorsichtig verknotete.
"Ich weiß nicht, ob ich das im Moment kann!"
Malgorzatta ließ beiden Arme um seinen Oberkörper geschlungen, hielt sich ein bisschen an ihm
fest.
Ihre Knie zitterten leicht.
"Wieso?"
"Nach dem Kuss?" raunte sie ihm zu.
"Ich muss schon beinahe nicht mehr zurück zum Hotel!"
G lachte leise.
Er zog sie noch ein wenig fester an sich, wiegte sie leicht hin und her.
"Das wäre schade! Ich habe noch viel mit Dir vor!" ...
Kapitel 2
Malgorzatta Vendulova II
... Es wurde ein traumhafter Samstag.
Sie schliefen lange, frühstückten in aller Ruhe ausgiebig, dann fuhren sie in die Stadt und am
Nachmittag gingen sie an den Strand.
Malgorzatta war sich sicher, nie mehr in ihrem Leben das Bild zu vergessen, wie G nach dem
Surfen neben ihr in der Cabana schlief. Die luxuriösen Liegestätten waren in angemessenem
Abstand am hoteleigenen Strand aufgestellt. Die luftig-weißen Vorhänge auf seiner Seite waren
vorgezogen und befestigt, bauschten sich leicht in der warmen Sommerbrise. Das leichte Tuch über
dem Dachgestänge verhinderte eine direkte Sonneneinstrahlung, aber selbst hier im Schatten war es
noch sehr warm.
G lag fast etwas zusammengerollt rechts neben ihr, eine Schlafposition, die sie von ihm so nicht
kannte. Meistens lag er sehr raumeinnehmend auf dem Rücken.
Seine leicht gebräunte Haut hob sich von dem hellen festen Stoff der Matratze ab.
Malgorzatta rollte sich behutsam ein wenig näher zu ihm heran und betrachtete sein Gesicht.
Gs Schlaf schien nicht sehr tief zu sein. Seine Augenlider zitterten ganz leicht. Hier, in der überaus
hellen Umgebung, fiel die ungewöhnliche Länge seiner Wimpern, deren schöne braune Farbe
besonders auf. Er hatte eine kleine rundliche Narbe vor der rechten Augenbraue, an der
Nasenwurzel, sie hatte sie schon oft bemerkt, aber ihn noch nie danach gefragt. Kleine
Schweißperlen standen auf seiner Stirn und zwischen den Bartstoppeln auf seiner Oberlippe. Rechts
an seinem Hals verblaßte gerade der rote Streifen des Kragens seines Wet-Suits.
Malgorzatta musste lächeln, spürte ein warmes Gefühl in ihrer Herzgegend wenn sie ihn – so wie
jetzt – bloß ansah.
Auch die feinen braunen Härchen auf seinen Unterarmen, auf seiner Brust waren in dem hellen
Sonnenlicht besonders gut zu erkennen.
Sie konnte ihre Finger nur schwerlich bei sich behalten.
Gs Brust hob und senkte sich ruhig, regelmäßig.
Sie fand ihn hinreißend für Anfang Vierzig.
Selbst jetzt, im Schlaf, zeichnete sich unter der Haut seiner Oberarme sein scharf definierter Bizeps
ab. Er hatte keinen Waschbrettbauch, aber der Bauchansatz über dem Bund seiner Shorts war
durchaus tolerabel, ohne hätte sie ihn tatsächlich zu mager gefunden. Sie mochte den sanften
Braunton seiner Haut, die ganz feinporig war und sehr weich, wenn man darüber streichelte.
G schlug ganz unvermittelt die Augen auf.
Fast zuckte Malgorzatta erschrocken zurück.
„Tur mir leid … ich wollte Dich nicht wecken!“
„Du hast mich nicht geweckt, Mali!“ gab G zurück.
Der Blick seiner blauen Augen war verhangen, seine Stimme klang belegt. Er rührte sich nicht, sah
sie bloß an.
„Aufzuwachen, neben Dir, ist eine der schönsten Sachen, die ich mir vorstellen kann!“
„Danke. Das ist sehr nett von Dir, G!“
Malgorzatta stereckte ihre Hand aus und streichelte mit den Fingerspitzen sanft über seinen
Unterarm, spürte das feine Kitzeln der Härchen dort.
G ließ es geschehen, reglos. Malgorzatta spürte seinen Blick auf ihrem Gesicht, warm, zärtlich,
zugetan. Sie rutschte noch etwas näher, ließ ihr Gesicht dem von G ganz nahe kommen, berührte
mit den Lippen behutsam die seinen. Ein kleiner Laut des Wohlbefindes kam über Gs Lippen. Sie
spürte seinen warmen Atem an ihren Lippen als er flüsterte: „Aufzuwachen und von Dir geküsst zu
werden ist noch besser!“
Er legte seinen Arm um ihre Schultern und zog sie zu sich.
„Hab' ich Dir schon gesagt, wie wunderschön Du in dem Strandkleid aussiehst?“ raunte er ihr zu.
Der Blick seiner blauen Augen wanderte zärtlich über ihr Gesicht.
„Fünf Minuten bevor Du eingeschlafen bist, G, ich danke Dir!“ flüsterte sie zurück, streichelte mit
den Fingerspitzen langsam, spielerisch über seinen Arm.
„Habe ich lange geschlafen?“
Seine Stimme war ruhig, er rührte sich noch immer nicht, lag ganz still, ließ ihr Streicheln
geschehen. Das brachte sie zum Lächeln. Sie kannte G nur ganz selten so träge.
„Halbe Stunde vielleicht. Surfen war anstrengend, hm?“
„Auch.“ gab G matt zurück.
„Bin das Nichtstun nicht gewöhnt. Man wünscht sich immer Urlaub, aber wenn es dann so weit ist!
Bin sonst den ganzen Tag … unter Strom! Das Adrenalin hält wach!“
„Und am Leben!“ fügte Malgorzatta leise, zärtlich hinzu.
G sah sie an. Malgorzatta spürte seine Hand leicht bis zu ihrem Hinterkopf streicheln, er reckte den
Kopf zu ihr herüber und küsste sie. Sie rutschte ganz dicht an ihn heran.
Die Wärme seiner Haut, verstärkt durch die Sonnenwärme, fächerte über die ihre, breitete sich
daran aus. Er roch, schmeckte verschlafen, sie mochte diese kleinen selbstverständlichen Dinge an
ihm. Wahrscheinlich, weil sie ihr so selten gewährt wurden! G zog sie ganz nah an sich. Lehnte den
Kopf an ihren und hielt sie ganz fest an sich gepresst. Sie konnte seinen Herzschlag spüren, stark,
kräftig, gegen ihre Brust.
Es war so ein Moment von dem sie sich wünschte, er würde nie enden!
Gs Hand an ihrem Nacken, an ihrem Hinterkopf vermittelte ihr unbedingten Schutz.
So hielt man etwas, das wichtig war, das einem etwas bedeutete!
„Ich liebe Dich, G!“
Gs Gesichtsausdruck wurde noch ein bisschen zärtlicher.
„Es bedeutet mir viel, dass Du das sagst, Mali … comoara meu!“
„Ich bin sehr froh, dass Du es bist, zu dem ich es sagen darf, G!“ flüsterte Malgorzatta zurück.
G lächelte ihr zu. Der Blick seiner schönen blauen Augen ruhte auf ihrem Gesicht. So  
eben, unendlich sacht spürte Malgorzatta das Streicheln seiner Finger durch ihre kurzen Haare.
Langsam ließ sie ihre Hand um seine Seite rutschen, auf seinen Rücken, ließ ihre Fingerkuppen
über seine weiche sonnenwarme Haut wandern. Sie konnte sehen, wie G ein wenig die Augen
schloss, es genoss. Sein Gesichtsausdruck entspannte sich noch ein wenig mehr.
„G?“
„Mh?“
Er sah sie nur so eben an.
„Woher hast Du die Narbe an Deiner Stirn?“
„Welche Narbe?“
Malgorzatta berührte die kleine Vertiefung vor seiner rechten Augenbraue sanft mit dem
Zeigefinger.
„Die hier.“
„Windpocken.“ gab G lapidar zurück.
„Hab' gekratzt.“
Er öffnete die Augen nur ein klein wenig während er das sagte.
„Wie alt warst Du damals?“
G überlegte einen Moment.
„Zwölf oder dreizehn.“
Er öffnete die Augen noch immer nicht ganz.
„Hat sich damals jemand um Dich gekümmert?“
Jetzt schlug er die Augen auf und sah sie an. Groß, erstaunt.
„Warum fragst Du?“
„Weil … ich immer den Eindruck habe, dass es Zeiten gab, in denen sich keiner um Dich
gekümmert hat! Als Kind!“
Gs Lächeln war sehr klein und sehr kurz.
„Ich hätte Dich wahrscheinlich nie kennengelernt wenn es so nicht gewesen wäre!“ raunte er.
„Und das wäre sehr schade!“
„Danke, G!“ flüsterte Malgorzatta gerührt.
„Ja, das wäre sehr schade! Ich würde es außerordentlich bedauern!“
„Ich auch, inger meu!“ gab G zurück.
Er küsste sie, hingebungsvoll.
„Was hälst Du davon wenn wir die Vorhänge auf Deiner Seite auch zuziehen?“
Malgorzatta sah ihn an.
„Mir wäre es lieber, wir würden auf unser schönes Hotelzimmer gehen!“
„Warum?“ fragte G wieder einmal.
Sein Grinsen gefiel Malgorzatta. Es bedeutete, dass er bereit war, sich für sie über fast alles hinweg
zu setzen, über gesellschaftliche Konventionen, die sich gehörten, für die sein guter Ruf als Special
Agent eigentlich stand.
„Weil ich Dich dabei ganz für mich alleine haben möchte! Ich teile Dich nicht gerne mit
irgendwelchen Ohren- oder Augenzeugen!“
G lächelte.
„Any time you want to, you can turn me on to, anything you want to, any time at all!“ flüsterte er.
„When I kiss your lips oh I start to shiver, can't control the quivering inside!“ fügte Malgorzatta
hinzu.
G lächelte. Dann küsste er sie.
„Komm!“ flüsterte er während er mit der Linken blind nach seinem weißen Shirt am Kopfende
tastete.

Fast verspürte sie so etwas wie Panik als sie unvermittelt wach wurde. Es war nicht komplett hell
im Zimmer, doch der Tag hatte schon angefangen. Sonntag. Der Tag, an dem sie würden zurück
müssen.
Sie drehte sich etwas auf den Rücken um nach G zu sehen, der neben ihr lag, dessen Arm um ihren
Oberkörper lag.
Der Blick seiner schönen blauen Augen hatte den ihren sofort.
Sie musste lächeln.
„Oh, Du bist schon wach?“
Etwas umständlich streckte sie ihre Hand nach ihm aus um sie auf seine Wange zu legen, G griff
danach, hielt sie fest, zog sie an seine Lippen, drückte einen Kuss in die Handinnenfläche.
„Ich wollte Dich noch ein bisschen ansehen!“
Malgorzatta musste lächeln.
Sie rappelte sich etwas hoch, rutschte an ihn heran, legte ihren Arm um seinen Hals und schmiegte
sich an ihn. Seine Haut an ihrer war ganz warm.
„Danke, G!“
Sie drückte ihm einen Kuss auf die Lippen, sah ihn dann an.
„Es war wundervoll mit Dir heute Nacht!“
G legte seinen Arm um ihre Schultern und drückte sie fest an sich.
„Du warst wunderschön heute Nacht! Du bist wunderschön! Ich liebe Dich!“
Er küsste sie.
Magorzatta schmiegte sich an ihn.
Sie legte auch ihren anderen Arm um seinen Hals, sah ihn an. Er wirkte ausgeruht. Die Wärme
seines Körpers breitete sich an ihrem aus. Einmal mehr konnte sie es nicht lassen, mit dem
Zeigefinger sanft über die Sommersprosse an seiner rechten Halsseite zu streicheln. G hielt ganz
still. Malgorzatta spürte seinen Blick zärtlich auf ihrem Gesicht.
„Was möchtest Du machen heute, inger meu?“
Malgorzatta sah ihn an.
„Ich glaube, ich möchte heute den ganzen Tag mit Dir im Bett bleiben!“
G lächelte.
Er wich ihrem Blick nicht aus.
„Es ist so schönes Wetter, wir könnten auch noch eine kleine Inselrundfahrt machen, oder?“
„Du scheinst da schon wieder etwas Schönes geplant zu haben, so wie das ganze Wochenende!“
vermutete Malgorzatta.
Sie konnte es nicht lassen, ihre Lippen über seine kratzige Wange streicheln zu lassen, über seinen
Hals hinab, über seine Schulter.
G hielt ganz still.
Es war hell genug im Zimmer um die rosane Farbe seiner leicht geöffneten Lippen zu erkennen, die
ganz kleinen Fältchen nach dem Schlaf um seine Augen. Er hatte sie leicht geschlossen,
Malgorzatta konnte das ganz leichte Zittern seiner Augenlidern sehen.
„Ich könnte mir auch vorstellen, dass Du erstmal noch ein bisschen so weitermachst!“ flüsterte er.
Malgorzatte musste lächeln. Sie streichelte mit dem Zeigefinger behutsam über seine Unterlippe
während er sprach. G zog die Kuppe in seinen Mund und biss sanft darauf.
„Das kann ich mir im Moment auch ziemlich gut vorstellen!“ flüsterte sie ihm zu, ließ ihre Linke
über seine Seite hinabstreicheln, unter die Decke, ließ ihre Finger an seiner Hüfte ruhen. Über seine
Schulter hinweg konnte sie ihrer beider Sachen auf dem Fußboden liegen sehen. Sie lagen noch von
gestern Abend dort.
Behutsam befreite sie ihren Zeigefinger, legte ihre Hand auf Gs Wange und küsste ihn.
G erwiderte ihren Kuss sofort. Er zog sie ganz nah an sich, schloss beide Arme hinter ihrem
Rücken. Malgorzatta blieb für einen Moment die Luft weg. Seine Haut an ihrer war warm
verführerisch. Sie spürte seinen Herzschlag, schnell und kräftig gegen ihre Brust, seinen
beschleunigten Atem. Sofort war wieder das Verlangen da, ihn ganz nah bei sich zu spüren.
Nur zu gerne, zu bereitwillig ließ sie geschehen, dass G sie nach hinten in die Kissen drückte. Seine
Lippen rutschten über ihre Haut. Sein Bart kratzte hinterher. Ab und zu wurde die Linie auf ihrer
Haut unterbrochen von einem trockenen Kuss oder von einem warmen feuchten Streicheln seiner
Zungenspitze. G hatte seine Finger zwischen die ihren gegraben und seine Arme drückten die ihren
neben ihren Körper in die Kissen. Malgorzatta mochte es, die Schwere seines Körpers zu spüren,
ganz nah an ihrem, seine achtsamen Zärtlichkeiten. So nah bei ihm, gegen seinen Körper atmend,
seinen Atem ganz warm, schnell an ihrer Haut spürend, konnte sie alles rundherum vergessen, sich
ganz auf ihn konzentrieren. Nur zu bereitwillig rutschte sie ihm noch ein wenig entgegen, hielt sie
im ersten Moment den Atem an als sie seine ganz behutsame vorsichtige Bewegung spürte, als sie
sekundenlang den angespannten Ausdruck auf seinem Gesicht sah. Langsam reckte sie ihm ihren
Kopf entgegen, berührte mit den Lippen behutsam die seinen.
G hielt mit seinen blauen Augen ihren Blick fest.
Er senkte den Kopf ein wenig und sein Kuss war unendlich zärtlich und behutsam.
„Bitte heirate mich, Mali! Werde meine Frau!“
„Was?“
Malgorzatta wunderte weniger sein Antrag als die Situation, in der er ihn ihr machte. Vorgestern
Abend beim Essen am Strand hätte sie mit so etwas gerechnet, heute Nachmittag im Whirlpool oder
auch beim Abendessen heute im Dachgarten-Restaurant. Doch diese Situation hier war an Intimität
nicht zu überbieten!
Behutsam befreite sie ihre Hände aus den seinen, streichelte mit den Fingern zu seinen breiten
Schultern, sah ihn dabei an.
„Ich kann nicht, G! Ich bin schon verheiratet!“
„Du kannst nicht oder Du willst nicht?“ flüsterte G ihr halblaut zu. Sein Blick hielt den ihren noch
immer fest. Er bewegte sich nur so eben, kleine Schweißperlen standen auf seiner Stirn.
Malgorzatta streichelte sie mit ihrem Zeigefinger fort.
„Bist Du überhaupt schon geschieden, G?“
„Weiß ich nicht! Ich weiß nicht mal, ob ich rechtmäßig verheiratet war!“
Sie mochte es, das kleine Zittern in seiner Stimme zu hören, das nicht-vollkommen- auf-das-
Gespräch-konzentrierte!
„Und wie kam es dazu?“ flüsterte sie.
„Ich weiß es nicht!“
Gs Stimme war leise, sanft.
Sein Blick wanderte zärtlich über ihr Gesicht.
„Tracy hatte von Anfang an … bloß ihre Karriere im Kopf! Der Undercover-Job, auf dem wir
waren, war ihr wichtiger als alles andere! Es hätte … mich stutzig machen sollen … sie wollte
meinen Namen nicht annehmen … ein klassisches Zeichen von Widerstand!“
Seine letzten Worte klangen gepresst, angestrengt, die ungewohnte Heftigkeit seiner Bewegungen
schien seinen Ärger darüber im Nachhinein noch auszudrücken.
„G … „ sie entzog sich ihm leicht, nur so eben, um ihm anzudeuten, dass ihr das nicht behagte.
Für einen Moment fragte sie sich, ob er sich vielleicht gerade an die Zärtlichkeiten mit seiner Ex-
Frau erinnert hatte!
G hielt augenblicklich still.
„Entschuldige … comoara meu … „
Seine Hände wanderten zu ihrem Gesicht, legte sich auf ihre Wangen. Sie verbreiteten Wärme. Der
Blick seiner blauen Augen hielt den ihren fest.
Malgorzatta legte ihre Rechte auf seine, wandte den Kopf und berührte mit den Lippen
nachdrücklich seine Handinnenfläche. Für einen Moment genoss sie bewusst seine Nähe, spannte
ein paar Muskeln an, die sie sonst so absichtlich nicht gebrauchte.
G spürte es natürlich. Ein kleines verwundertes Lächeln entspannte sein Gesicht. Er ließ den Kopf
sinken und küsste sie.
„Es fühlt sich herrlich an, was Du da machst!“
Seine Stimme war leise, sein Atem strich über ihre Wange, so nah beließ er sein Gesicht dem ihren.
„Ich würde es lieben Callen zu heißen!“ flüsterte sie ihm zu.
Sie bewegte sich langsam, vorsichtig gegen ihn.
„Aber ist das realistisch? Würden wir das hinkriegen?“
G antwortete nicht gleich. Er schloss die Augen ein wenig und sie konnte für einen langen Moment
sehen, dass er genoss was sie tat.
„Ja … mein Engel!“ raunte er schließlich.
„Und wie … stellst Du Dir das vor?“
G stöhnte leise. Wieder schloss er sekundenlang die Augen, seinen Gesicht nahm einen
angespannten Ausdruck an.
„Wir besorgen uns falsche Papiere!“
Er öffnete die Augen, sah sie an, schob seine Arme noch ein wenig unter ihrem Rücken zusammen,
drückte sie so noch näher an sich.
„Wir gehen nach Europa. In die Türkei … Ukraine … nach Rumänien … wo uns keiner kennt …
keiner sucht!“
„Dann … heiße ich ja schon wieder nicht Callen!“ Malgorzatta schmiegte sich an ihn, hatte beide
Arme unter seine Schultern geschoben und hielt sich fest an ihm, so sehr sie eben vermochte. Am
Liebsten hätte sie ihn nie wieder los gelassen.
„Und … was … willst Du dann tun?“
Gs Kuss war flüchtig.
„Ich .. weiß nicht! … Käse herstellen … Ziegen hüten!“
Manchmal besaß Malgorzatta die Gabe für sich, unangenehme Sachen einfach wegzulachen. Wenn
man einer schlechten Nachricht gar nicht erst erlaubte, sich unter 'negativ' abzuspeichern, wurde es
meist gar nicht so schlimm! Jetzt hätte sie es auch gerne getan. Doch sie vermochte es nicht! Es war
zu ernst! G hatte diese Situation gewählt um zu unterstreichen, wie wichtig es ihm war. Und sicher
auch, um sie ein bisschen zu beeinflussen!
„Meinst Du wirklich … wir bekommen das hin?“
Sie konnte bloß flüstern. Es war ihr längst egal. Mit ihm würde sie auch irgendwo verhungern. Es
ging bloß darum, was geschah, wenn sie ausfindig gemacht wurden! Man konnte beim Staat nicht
so einfach kündigen!
G sah sie an. Seine Wangen waren leicht gerötet. Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Sein Kuss
schmeckte ein klein wenig salzig als einer dieser Schweißtropfen sich zwischen ihrer beider Lippen
mogelte.
Er ließ sie behutsam nach hinten in die Kissen sinken, wühlte seine Rechte unter das Kopfkissen.
„Mach' die Augen zu!“
„Bitte?“
Sie sah ihn verblüfft an.
„Bitte, Mali, mach' die Augen zu!“
Ein kleines, angespanntes Lächeln lag auf Gs verschwitztem Gesicht, stand in seinen blauen Augen.
Malgorzatta schloss gehorsam die Augen. Sie spürte, wie etwas Kleines direkt etwas oberhalb ihres
Dekolletes auf ihre Haut gelegt wurde. Und wie G einen zärtlichen Kuss darüber hauchte. Sein
Atem war warm. Seine Bartstoppeln kratzten.
„Du kannst die Augen jetzt aufmachen!“
Malgorzatta sah direkt dorthin.
Auf ihrer Brust, auf ihrer verschwitzten Haut, lag ein Ring!
„Oh mein Gott … G!“
Es war ein Wellendorf-Ring. Das Besondere an diesen Ringen waren drehbare Ringschienen und
das jeder einen anderen Namen hatte. Dieser hier hieß 'Seidenblüte'. Sie hatte ihn das erste Mal
gesehen, als sie sich auf einen hastigen Kaffee mit G in der Innenstadt verabredet hatte, und bei
einem Juwelier vorbei gekommen war. Er war rosa, mit winzig kleinen silbernen Elementen und
zwei Reihen Diamanten. Die Preise für diese Ringe lagen im hohen fünfstelligen Bereich.
„Bitte, Mali!“ flüsterte G noch mal.
„Werde meine Frau!“
Malgorzatta traute sich nicht, nach dem Ring zu greifen. Es wäre einer Zusage gleich gekommen,
von nun an alles Menschenmögliche zu tun für ihre Scheidung! Und dabei erschien ihr jetzt schon
nichts mehr erstrebenswerter auf dieser Welt als in Zukunft rechtmäßig mit 'Mrs. Callen' angeredet
zu werden!
G griff zu ihrer Rechten, zog sie an seine Lippen und drückte einen sanften Kuss auf ihren
Ringfinger. Dann griff er zu dem Ring und steifte ihn ihr in einer unendlich zärtlichen Geste über
den Finger. Malgorzatta spürte, wie ihr die Tränen kamen. Sie  erkannte G nur noch verschwommen
vor sich. Ihr Hals war wie zugeschnürt.
„G … Du bringst mich in eine ganz schön ausweglose Situation damit!“ konnte sie nur flüstern.
G küsste sie hingebungsvoll.
„Ich bin Spezialist für so was!“

… Malgorzatta berührte auch jetzt mit dem Daumen ihrer rechten Hand den rosanen Ring. Sie hatte
es seit Hawaii unzählige Male getan. Es hatte immer etwas Tröstliches.
Sie hatte mit G tatsächlich Pläne für ihre Scheidung gemacht. Es war ihr ernst. Und sie hatten auch
heute Abend weitere Einzelheiten besprechen wollen!
Die Tür öffnete sich.
Lara Macy kam herein und sah sie rasch um. Ihr Blick verharrte einen Moment auf ihr, irritiert.
Dann war Sam zu ihr gekommen und sprach mit ihr.
Malgorzatta wusste nicht, ob und wie genau Macy sie kannte. Ihr langer Blick beim Hereinkommen
zu ihr herüber sprach dafür, dass sie sie kannte.
Sie selbst kannte sie vom Sehen und wusste, dass sie Gs Vorgesetzte war. Und sie hatte immer
irgendwie den Eindruck gehabt, dass sie ein Auge auf ihn geworfen hatte!
So eben konnte sie mithören, dass Sam Macy schilderte, was geschehen war. Aufmerksam
versuchte sie, mit zuzuhören.
Macy nickte.
Dann entschuldigte sie sich bei Sam, ließ ihn stehen und kam zu ihr herüber. Malgorzatta tat erst
einmal unbeteiligt.
Macy blieb direkt vor ihr stehen.
„Mrs. Vendulova?“
Malgorzatta sah zu ihr auf und schenkte ihr ein unverbindliches Lächeln.
„Miss Macy! Guten Abend!“
Sie sagte absichtlich nicht mehr.
Macy sah sie an.
„Mrs. Vendulova … darf ich fragen was Sie hier machen?“
Malgorzatta wusste nicht so ganz genau, wie sie sich verhalten sollte.
Mauern und es darauf ankommen lassen?
Macy war von einer Bundesbehörde.
Sie würde ihren Willen wahrscheinlich hier eher durchsetzen als die Frau des tschechischen
Botschafters. Sie war wohl auf ihr Wohlwollen angewiesen!
„Ein Bekannter ist hier notfallmäßig eingeliefert worden!“
Sie sah Macy einen Moment tief einatmen.
„Reden Sie … von Mister Callen?“
Malgorzatta musste sich überwinden um zuzustimmen.
„Ja.“
Macy nickte kurz.
„Woher wissen Sie davon?“
„Ich habe es gesehen.“
„Wo?“
„Am Ocean Drive.“
Macy atmete sehr tief aus.
„Sam!“
Sie rief ihn über ihre Schulter.
Die Tür ging auf und Henrietta Lange kam herein.
„Guten Abend.“ grüßte sie verhalten.
Sam war in der Zwischenzeit zu ihnen gekommen. An seinem Shirt war Blut.
„Miss Lange!“ grüßte er freundlich, mit einem raschen Blick zu ihr.
Macy wandte sich bloß kurz um.
„Bringen Sie Mrs. Vendulova ins Bootshaus und lassen Sie sich von ihr erzählen, was sie gesehen
hat!“ meinte sie zu ihm, mit einer raschen Kopfbewegung in ihre Richtung.
Henrietta Lange war nahe der Tür stehen geblieben. Sie sah interessiert herüber. Sam wirkte
bedrückt.
„Kommen Sie, Ma'm!“
Er streckte seine Hand aus wie um ihr auf zu helfen.
Malgorzatta lehnte sich demonstrativ in ihrem Stuhl zurück.
„Ich werde dieses Krankenhaus erst verlassen wenn ich weiß, dass es G besser geht!“
Macy seufzte genervt.
Sams Blick streifte sie kurz.
In diesem Moment öffnete sich die Tür und ein Arzt betrat den Raum. Er sah in die Runde.
„Die Angehörigen von … Mister Callen?“
„Ja, wir alle!“ meinte Sam schnell.
Malgorzatta hatte den Eindruck, er wolle Streitigkeiten unbedingt vermeiden. Sie schenkte ihm ein
kleines dankbares Lächeln während sie aufstand. Er tat ihr leid. Ohne ihn persönlich zu kennen
hörte sie das kleine Zittern in seiner dunklen Stimme heraus.
Der Arzt nickte leicht in ihre Runde.
„Wir haben Mister Callen mit Erfolg fünf Kugeln entfernt.“ meinte er dann.
„Die Beiden im Brustbereich haben uns besondere Schwierigkeiten bereitet! Der Patient hatte in der
Notaufnahme einen dreiminütigen Herzstillstand, doch wir konnten ihn reanimieren! Die Operation
ist gut verlaufen! Wir haben uns dazu entschlossen, ihn für wenigstens zwei Tage in ein künstliches
Koma zu versetzen, damit sein Körper sich erholen kann. Er ist in einer sehr guten körperlichen
Verfassung, doch im Moment muss ich seinen Zustand vorsichtig als 'kritisch' bezeichnen!“
„Dürfen wir zu ihm?“ fragte Macy sofort.
Der Arzt sah sie an.
Er wirkte erschrocken.
„Aber nicht alle! Bitte nur zwei von ihnen!“
Sam trat sofort zurück und machte eine abwehrende Handbewegung.
„Ich gehe!“ meinte Macy schnell, arrogant.
„Schließlich ist er mein Agent!“
Malgozatta fing Henrietta Langes Blick auf.
„Bitte, gehen Sie! Es machte mir den Eindruck, als läge Ihnen viel an Mister Callen! Nur bitte …
„ sie sah kurz zu Sam „ … lassen Sie uns wissen, wie es ihm geht!“
Malgorzatta fand es merkwürdig, dass sie diese Bitte nicht an Macy richtete.
Kompetenzgerangel?
Macy rauschte prompt, wütend an dem Arzt vorbei aus dem Raum!
„Ja … ja, natürlich!“
„Danke!“ meinte Sam noch bevor Miss Lange es konnte.
Seine dunkle Stimme klang verwundert.
Seine ganze Haltung signalisierte Erschütterung.
Da der Arzt jetzt auch hinaus ging beeilte sich Malgorzatta, ihm zu folgen.
Macy stand auf dem Flur und wirkte ungeduldig.
Der Arzt führte sie in einen anderen Flügel des Gebäudes. Hier gab es mehrere Intensiv-Stationen.
Große Glasscheiben grenzten die einzelnen Zimmer gegenüber dem hellen Kontrollbereich in der
Mitte des Flures ab, es gab keine Türen und überall biepte und blinkte es auf Monitoren, Skalen,
eine Menge Pfleger und Krankenschwestern liefen hier herum.
„Hier, bitte!“
Der Arzt ließ sie vorangehen.
Macy eilte mit harten Schritten an das Bett, Malgorzatta spürte sekundenlang Tränen aufsteigen, ihr
Hals wurde eng. Ihre Füßen weigerten sich fast, den kleinen Raum mit dem Bett, den vielen
Monitoren rechts und links davon und den vielen Infusionen an Haken darüber, zu betreten, als ihr
Herz G erkannte.
Das dauerte einen Moment.
Er lag reglos in dem großen breiten Krankenhausbett und seine Gestalt wirkte klein und schmal. Gs
Haut war ganz bleich und sein Gesicht erschreckend hohlwangig.
Ein pastellgrün gemustertes Krankenhaushemd war so eben über seine Arme, seinen Oberkörper
hinauf gezogen, gab seine Schultern frei, auf der rechten Seite waren die Klebestreifen eines
Verbandes zu sehen.
Gs Kopf war ein bisschen auf die linke Seite gesunken.
Eine Sonde, die ihn mit Sauerstoff versorgte, lag unter seiner Nase.
Kabel führten von einem Monitor, der seinen Herzschlag zeigte, auf der linken Seite über seine
Schulter unter das Krankenhaushemd. Eine Blutdruckmanschette lag um seinen linken Oberarm, die
Klemme zur Kontrolle seines Pulses war um seinen linken Zeigefinger befestigt. Eine Nadel steckte
verpflastert in seinem rechten Handrücken, der angeschlossene Schlauch führte zu einer Leiste auf
der Matratze, in der die Schläuche aus den vier Infusionsbeuteln über dem Bett mündeten, ebenso
wie
die drei Schläuche aus den großen Spritzen in den Apparaten hinter dem Bett.
Gs Atmen erschien Malgorzatta mühsam.
Das Heben und Senken seiner Brust unter dem Hemd kam ihr unregelmäßig vor. Sein Blutdruck
wurde mit 70 zu 40 angezeigt, Gs Puls mit 52.
Malgorzatta kannte sich ein bisschen aus mit Medizin.
„Meine Güte!“ stieß Macy jetzt zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, warf ihr über das
Bett einen Blick zu und stürzte wieder aus dem Zimmer.
Malgorzatta sah ihr einen kurzen Moment nach.
Dann wechselte sie auf die andere Bettseite und legte sacht ihre Hand auf Gs Linke.
Seine Haut war kalt.
Malgorzatta wusste, dass das normal war.
Dennoch erschreckte es sie. Sie kannte G nur warm, zum Ankuscheln, zum Wärmen, wenn sie
selbst fror. Jetzt schien es ihre Aufgabe zu sein, für Wärme, für Leben für ihn zu sorgen!
Aber vorher wollte sie noch Henriettas Bitte nachkommen!
Sie streichelte kurz über Gs Arm, beugte sich dann über ihn und berührte mit den Lippen behutsam
seine Wange. Auch hier war seine Haut kalt.
„Ich bin gleich zurück, Schatz! Ich sage nur eben den Leuten Bescheid, die sich auch  noch Sorge
um Dich machen!“
G rührte sich nicht. Natürlich nicht. Sie hatte es auch nicht wirklich erwartet!
Malgorzatta verließ das Zimmer. Sie trat an das Desk in der Mitte des Flures. Obwohl ihr die Zeit
unter den Nägeln brannte wartete sie geduldig, bis die Krankenschwester fragend zu ihr aufsah.
„Ja, bitte?“
„Ich würde unseren Bekannten gerne eben sagen, wie es Mister Callen geht! Darf ich danach wieder
hierher kommen?“
Die Schwester warf einen Blick an ihr vorbei zu Gs Zimmer.
„Sind Sie … seine Frau? Mrs. Callen?“
Malgorzatta nickte einfach.
„Natürlich.“
Die Schwester nickte ebenfalls.
„Wir begrüßen es, wenn Angehörige bei dem Patienten sind! Kommen Sie einfach wieder 'rein!“
„Danke!“
Malgorzatta nickte ihr noch einmal kurz zu und schlug dann den Weg zurück zu dem Wartebereich
für Angehörige ein. Als sie dort wieder hereinkam waren Henrietta und Sam dort. Die Beiden
standen sofort auf und wandten sich ihr zu, ein wenig zögerlich.
Malgorzatta schenkte den Beiden ein Lächeln, versuchte, es beruhigend werden zu lassen.
„Ich war gerade bei G … Mister Callen, und auf den ersten Blick sah es ganz gut aus! Er schläft tief
und fest, er scheint die Operation wirklich gut überstanden zu haben, aber offenbar braucht er sehr
viel Ruhe! Ich denke … „
Sie nickte, ohne es recht zu merken.
„ … es sieht erst mal ganz gut aus!“
„Mrs. Vendulova, ich danke Ihnen!“ meinte Henrietta Lange sofort.
Sie wirkte ein wenig erleichtert.
Tatsachlich schien sie sich sehr große Sorgen um G zu machen, obwohl Malgorzatta wusste, dass
sie gar nicht mit ihm zusammen arbeitete.
Das Henrietta Lange ihren Namen kannte erschien ihr im Moment nur zweitrangig.
„Ich würde gerne zu ihm!“ meinte Sam.
Seine Ruhe machte Malgorzatta erst recht bewusst, wie wichtig es ihm war.
„Macy ist nicht mehr da! Der Arzt hat zwei Personen erlaubt! Miss Lange, wenn Sie auch zu ihm
möchten … !
„Oh nein, ich muss zurück!“ unterbrach Henrietta Lange ihn liebenswürdig.
„Aber halten Sie mich doch bitte auf dem Laufenden, Mrs. Vendulova! Mister Hanna, geben Sie Ihr
doch bitte meine Telefonnummern, auch die Privaten! Und lassen Sie mich bitte wissen, wenn ich
etwas tun kann!“
„Natürlich!“ gab Sam zurück.
„Auf Wiedersehen, Mrs. Vendulova!“ meinte Henrietta Lange zu ihr, nickte Sam kurz zu und ging
dann hinaus.
Malgorzatta fing Sams Blick auf.
Nach außen hin wirkte er noch immer sehr ruhig, doch sie konnte spüren, wie nervös, angespannt er
war.
"Gehen wir!" meinte sie einfach freundlich zu ihm.
Sam hielt ihr die Tür auf und ließ sie voran gehen. Malgorzatta brachte ihn zu Gs Zimmer. G lag
wie sie ihn verlassen hatte. Auch an seinen Werten hatte sich nicht viel geändert.
Malgorzatta sah, wie Sams Gesicht sich ganz kurz verzog als sie das Zimmer betraten und sein
Blick auf G fiel, fast so, als fühle er einen körperlichen Schmerz. Sie glaubte ihn fast ein wenig
zusammenzucken zu sehen. Bewusst machte sie ihm Platz, damit er an ihr vorbei zum Bett gehen
konnte. Sam blieb rechts an der Seite stehen. Er sah nur auf G herab.
Schließlich, nach einer langen Weile, hob er den Kopf und sah zu ihr herüber.
"Bleiben Sie hier?"
Malgorzatta nickte.
Ihr Mann wusste nicht, wo sie war. Sie musste ihn noch anrufen. Was sie sich bisher mit G für einen
Plan zurecht gelegt hatte, war nun nichtig! Vielleicht war das jetzt das Zeichen für sie, mit Efremil
den Schlussstrich zu ziehen?!
"Ja! Auf jeden Fall!"
Es kam leidenschaftlicher heraus als sie beabsichtigt hatte!
Sam schien das auch zu merken. Ein kaum merkliches Lächeln verzog ganz kurz seine Lippen.
"Ich müsste eigentlich nach Hause." meinte er, nach einem Blick auf seine Armbanduhr.
"Meine Tochter wartet auf mich, ich versuche immer, sie abends ins Bett zu bringen! Aber ist es
Ihnen Recht, wenn ich noch etwas hier bleiben?"
Malgorzatta konnte ein kleines gerührtes Lächeln nicht zurück halten. Dafür, dass sie Sam eben erst
kennen gelernt hatte, hatte er ihr gerade schon sehr viel von sich anvertraut.
"Danke. Natürlich ... sehr gerne!" versicherte sie ihm rasch.
Sam nickte ihr mit einem kleinen Lächeln zu.
"Ich seh` 'mal zu, ob ich einen Kaffee für uns auftreiben kann!" meinte er dann und verließ den
Platz neben dem Bett.
"Ich hab' Ihr Foto auf Gs Mobiltelefon gesehen!"
Er war schon aus dem Zimmer als der Satz ihr Gehirn erreichte, Malgorzatta sah ihm nach, musste
ein bisschen lächeln.
Vorsichtig stellte sie einen Stuhl rechts neben Gs Bett und nahm darauf Platz, schob ihre Linke
behutsam über Gs kalte Hand.
Aus einem anderen Zimmer drang ein leises, jedoch beständiges Piepsen gedämpft herüber.
Malgorzatta war froh, dass Gs EKG-Monitor auf lautlos eingestellt war. Sie würde es als noch
nervenaufreibender empfinden, als es ohnehin schon war, immer auf den nächsten Herzschlag von
G zu warten.Durch die Lamellen vor dem Fenster konnte sie die Dunkelheit draußen sehen. Ihr war
jegliches Zeitgefühl abhanden gekommen. Wenn Sam mit dem Kaffee zurück kam würde sie
Efremil anrufen. Besser, sie brachte es hinter sich!
Behutsam streichelte sie mit der Hand über Gs Finger.
Es war befremdlich ihn so leblos zu berühren, zu spüren!
Sie kannte ihn nur stark, kräftig, vital.
Ihr ging durch den Kopf wo sein Mobiltelefon sich wohl befand. Ihr Foto darauf war
kompromitierend wenn es in die falschen Hände geriet. G trug sein Telefon normal immer in einer
Tasche seiner Jeans mit sich herum. Wenn es den Anschlag unbeschadet überstanden hatte, würde
sie Sam bitten, ihr Foto zu löschen.
Gs Atem erschien ihr noch immer schwer. Sie konnte zwar sehen wie seine Brust sich unter dem
dünnen Krankenhaushemd hob und senkte, doch es kam ihr nicht regelmäßig vor!
Es konnte gut sein, dass sein Unterbewusstsein trotz des Medikamentes Schmerzen verspürte und
deswegen sein Atmen verhielt.
Sie versuchte sich zu erinnern, wo sie die Blutflecke auf Gs weißem Hemd gesehen hatte als er zu
Boden fiel.
Sie vermochte sich nicht zu erinnen. Es war zu schnell gegangen.
Sam kam zurück und balancierte zwei Becher herein. Einen stellte er neben ihrem Stuhl auf dem
Nachttisch neben Gs Bett ab.
"Trinken Sie ihn mit Zucker und Milch, Mrs. Vendulova?"
"Ja, genau, danke!" gab Malgorzatta zurück.
"Und ich würde mich freuen, wenn Sie Malgorzatta zu mir sagen!"
Sam nickte mit einem kleinen Lächeln.
"Sam!" meinte er mit einem kurzen Fingerzeig auf seine breite Brust während er zu dem Sessel am
Fenster ging und darin Platz nahm.
Malgorzatta sah zu ihm herüber.
"Danke. Es würde mich jetzt interessieren, wie es dazu kam ... dass Du mein Foto auf Gs
Mobiltelefon gesehen hast!"
Sie wusste, dass G äußerst achtsam mit so etwas umging!
"Ich bin letztes an ihm vorbei als er bei uns im Büro saß und es sich angeschaut hat!" erzählte Sam
einfach.
"Er konnte es nicht schnell genug wegdrücken! Ich hab' G noch nie mit einer Frau gesehen, ich
dachte, dass sie 'was ganz Besonderes sein muss um sein Interesse zu haben! Und ich stelle fest,
dass ich Recht hatte!"
"Danke!" Malgorzatta spürte mit einem Mal ihre Wangen brennen.
Verlegen streichelte sie über Gs Hand, sah dann wieder zu Sam.
"Wie lange seid ihr schon Partner?"
"Zwei Jahre." gab Sam zurück.
Malgorzatta nickte.
"Miss Lange kennt Dich!" fuhr Sam fort.
"Sie hat mir gerade erzählt, woher!"
Er machte eine kleine Pause, trank einen Schluck von seinem Kaffee bevor er sie wieder ansah.
"Wie hat G Dich kennengelernt?"
Malgorzatta sah zu ihm herüber.
Er erschien ihr nicht neugierig.
Es schien eher aufrichtige Anteilnahme am nicht so einfachen Leben seines Partners zu sein.
"Ich war in Kiew." antwortete Malgorzatta nach einem Moment des Nachdenkens, des
Kaffeetrinkens. Sie streichelte über Gs kalte Finger.
""G war auch dort. Er hatte ... einen Auftrag. Er war in der Botschaft, mein Mann war zu dem
Zeitpunkt der Botschafter dort!"
Sie wollte nicht mehr erzählen, weder von ihrer Arbeit noch von ihrer Beziehung zu G.
Sam nickte dennoch verstehend.
Er war sicherlich Heimlichkeiten gewöhnt!
"Ich kenne Deinen Status! Miss Lange hat mich gerade informiert!"
Malgorzatta nickte ihm mit einem kleinen Lächeln zu.
"Du warst in Venice weil Du mit G verabredet warst?" fragte Sam weiter und trank erneut von
seinem Kaffee.
"Ihr wolltet euch treffen?"
Malgorzatta nickte bloß.
"Ich habe mich manchmal gewundert, was mit G ist." fuhr Sam fort.
"Er wirkte manchmal entsapnnte als sonst, ruhiger, nicht mehr so gereizt! Als er vom vorletzten
Wochenende zurück kam sah er nach Urlaub aus! Er war braungebrannt! Und er wirkte erholt!"
"Da waren wir auf Hawaii." ließ Malgorzatta ihn bereitwillig wissen. Sie streichelte mit dem
Daumen sanft über Gs Handrücken.
"Freitag bis Sonntag."
Sam nickte langsam.
"Das merkte man ihm an. Du tust ihm gut!"
Malgorzatta spürte ihre Wangen bloß noch mehr brennen. Sie versuchte, sich ihre Verlegenheit nicht
anmerken zu lassen.
"Danke. Das ist nett, dass Du das sagst! Aber G ist auch so ein liebenswerter Mensch. Ich weiß
nicht viel von ihm, er erzählt kaum etwas von sich! Ich habe immer den Eindruck, er hat es nicht
leicht gehabt als Kind! Trotzdem ist er ... so fürchterlich leicht zu lieben!"
Sam lächelte. Irgendwie versonnen.
"Keiner von uns weiß viel über G! Er lässt keinen an sich heran! Aber er ist unglaublich loyal und
verläßlich!"
Malgorzatta nickte zustimmend.
Sie sah zu G.
Sein Kopf lag auf dem flachen Kissen noch immer ein wenig zur Seite gesunken. Er war so blass
dass sie unter seinen dunklen kurzen Haare seine weiße Kopfhaut sehen konnte. Sämtliche
Sonnebräune war verschwunden. Selbst seine Lippen waren farblos. Dunkle Schatten lagen schon
jetzt unter seinen Augen.
Malgorzatta streichelte über seine Hand bevor sie aufstand.
"Entschuldige mich bitte!" meinte sie zu Sam nachdem sie ihr Mobiltelefon aus ihrer Tasche
genommen hatte.
Sam nickte.
Er stand zwar nicht auf, deutete es aber an als sie hinausging, Malgorzatta wusste das zu schätzen.
Sie verließ die Intensiv-Station und suchte die ausgeschilderte Ecke, in der das Telefonieren erlaubt
war. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Ihre Hände waren eiskalt und ihre Finger zitterten. Sie war
dabei, ihren Ehemann anzurufen um ihm mitzuteilen, dass sie nicht nach Hause kam um die Nacht
am Krankenbett des Mannes zu verbringen, wegen dem sie ihn verlassen wollte.
Für einen Moment, während sie die Nummer eintippte, ging ihr durch den Kopf, ob Efremil wohl
hinter der Schießerei steckte? Hatte er Wind davon bekommen und G ausschalten wollen? Wäre es
nicht der blanke Hohn, wenn ein hochtrainierter Special-Agent einfach von einem eifersüchtigen
Ehemann aus dem Weg geräumt würde?
Doch sie traute es Efremil nicht zu. Er war nicht eifersüchtig. So lange sie immer zu ihm zurück
kehrte war die Welt in Ordnung für ihn. Er ahnte nicht, dass sie Pläne gemacht hatte mit G, für eine
gemeinsame Zukunft! Und er ahnte auch nicht, dass sie ihre Ehe heute beenden würde! Sie hatte es
selbst nicht gewusst!
Sie bekam nur eine Verbindung zu Efremils Mailbox. Enttäuscht sprach sie ihm auf das Band, dass
sie heute Abend nicht nach Hause kommen würde weil ein guter Freund schwer erkrankt war.
Sie hätte es lieber hinter sich gebracht! Es war vielleicht ihre letzte Chance! Sie hätte es viel eher
machen sollen!
Als sie ins Zimmer zurück kehrte war Sam aufgestanden. Er stand am Fußende des Bettes.
Malgorzatta sah rasch zu G. Er lag noch immer ruhig, reglos. Auch seine Werte waren im
schwachen Bereich.
Irritiert sah sie zu Sam.
"Ich muss kurz nach Hause." meinte er.
"Ich komme zurück sobald ... ich hab'  was zu erledigen. Können wir ins Gs Sachen eben nach
seinem Schlüssel sehen, ich würde ihm gerne ein paar Sachen mitbringen wenn ich nachher
wiederkomme!"
"Natürlich. Gute Idee!" fand Malgorzatta.
Sie sah sich suchend um.
Auf dem kleinen Schrank links neben der Tür stand eine Plastiktüte mit der Aufschrift
'Patienteneigentum'.
Gs Jeans lag darin.
Während Sam sie nach dem Schlüssel durchsuchte nahm Malgorzatta Gs blutverschmiertes Hemd.
Die Knopfleiste war aufgeschnitten. Ein Loch war an der rechten Schulter zu erkennen, jeweils eins
links und rechts neben der Knopfleiste, das Linke in beunruhigender Herzhöhe. Das vierte Loch war
auf der linken Seite in Höhe der Milz und das Fünfte oben im Ärmel. Es war erstaunlich wenig Blut
auf dem Hemd.
Malgorzatta hörte Sam tief einatmen als er zu ihr herüber sah. Sie registrierte, dass er dabei war, Gs
Brieftasche wieder zurück in eine Tasche der Jeans zu schieben.
"Bitte, nimm sie mit!" bat sie ihn spontan.
"Da ist auch sein Dienstausweis drin, hm?"
Sam sah auf, sie an.
Für einen Moment wirkte er irritiert.
"Ja, ist gut." stimmte er dann zu.
"Und sein Mobiltelefon bitte auch!"
Sam sah sie an.
Dann nickte er und nahm das Mobiltelefon aus der Tasche von Gs Jeans. Er warf einen Blick darauf
während er ihr die Hose reichte. Diese unbedeutende Geste entlockte Malgorzatta ein kleines
Lächeln. Sie faltete die Hose und legte sie sorgsam in die Tasche zurück, und dann auch sein Hemd.
"Wenn Du bei ihm zu Hause warst, bitte bring' auch ein Hemd mit, dann hat er etwas anzuziehen
wenn er entlassen wird!"
Sam sah sie an.
Ein ganz kleines Lächeln verzog seine Lippen, eigentlich mehr nur ein Zucken seiner Mundwinkel.
"Es ist schön, dass Du schon daran denkst!"
Malgorzatta versuchte, sein Lächeln zu erwidern.
Bevor ihr das jedoch gelang klopfte es leicht an das Glas der Scheibe.
Sam sah zur Tür.
"Nate!" meinte er verwundert.
Malgorzatta wandte sich um.
Ein großer dunkelhaariger Mann stand in der Tür, sein Blick kehrte soeben vom Bett zu ihnen
zurück.
"Was tust Du hier?"
"Macy schickt mich." gab der Mann zurück.
"Sie meinte, Du ... jemand von euch ... will vielleicht reden! Wie geht es ihm?"
Er machte eine rasche Kopfbewegung zum Bett.
"Nicht gut." gab Sam knapp zurück.
Er nickte in ihre Richtung.
"Das ist Malgorzatta, eine Bekannte von G. Das ist Nate Getz. Er ist unser forensischer
Psychologe!"
"Freut mich!"
Nate kam herein, reichte ihr die Hand.
"Ich wusste gar nicht dass Mister Callen ... G ... mittlerweile einen Bekanntenkreis aufgebaut hat?"
Er sah sie fragend an wie um weitere Information zu bekommen.
Malgorzatta durchschaute es und war nicht bereit, ihre Beziehung zu G zu verraten.
"Danke! Freut mich auch."
Sie erwiderte Nates Händedruck und schwieg.
"Ich muss los." meinte Sam. Es überraschte Malgorzatta, dass er sich ihr zuwandte und sie überaus
sacht umarmte.
"Bleibst Du hier?"
"Ja."
Sie nickte sofort, viel zu heftig.
"Rufst Du mich an wenn es etwas Neues gibt?" bat Sam und nahm sein Mobiltelefon aus einer
Tasche seiner Jeans.
"Ich geb' Dir meine Nummer, aber ich komm' morgen vor der Arbeit noch vorbei!"
"Gerne!" antwortete sie und tippte die Nummer in ihr Mobiltelefon, die Sam ihr nannte.
"Ruf' an, wenn 'was ist!" meinte er zu ihr.
"Zu jeder Tages- und Nachtzeit!"
"Danke!" meinte Malgorzatta zu ihm.
"Und danke für den Kaffee!"
"Gern geschehen!" meinte Sam und schenkte ihr ein Lächeln bevor er hinaus ging, sich dabei von
Nate verabschiedete.
"Woher kennen Sie Mister Callen?" fragte Nate dann und suchte ihren Blick. Malgorzatta lächelte
ihm zu, so unverbindlich wie möglich.
"Aus dem Ausland."
Nate nickte.
"Und wie lange schon?"
Malgorzatta sah ihn an.
Dann ging sie wieder zum Bett, beugte sich leicht darüber und streichelte über Gs Arm. Selbst
durch den Stoff des Krankenhaushemdes spürte sie die Kälte seiner Haut.
Behutsam streichelte sie über seine Wange, legte ihre Hand dann wieder über seine Linke und setzte
sich auf den Stuhl.
Es war sehr offensichtlich, dass sie Nate gerade böse abblitzen ließ, aber je eher und deutlicher sie
ihm klarmachte, dass sie nicht mit ihm über G reden wollte, um so eher würde er sie in Ruhe lassen.
Nate räusperte sich.
Er machte ein paar langsame Schritte auf die andere Seite des Bettes.
"Hören Sie ... ich weiß, dass das jetzt schwer ist für Sie mit mir darüber zu reden! Aber was Sie
wissen kann uns helfen, das, was passiert ist, aufzuklären! Und das ist doch sicher auch in Ihrem
Interesse!"
Malgorzatta konnte es nicht haben wenn man an Ihr Interesse appellierte! Niemand konnte ihr
Interesse kennen! Natürlich sollte aufgeklärt werden, wer für das Attentat auf G verantwortlich war.
Doch in erster Linie war ihrnichts wichtiger als dass G überlebte!
"Natürlich! Aber Sie müssen verstehen, dass ich jetzt erstmal andere Sachen im Kopf habe!"
Nate wich für einen Moment ihrem Blick aus.
"Sicher! Aber unsere Erinnerungen sind immer am Frischesten kurz nachdem wir etwas beobachtet
haben!"
Malgorzatta konnte es auch nicht haben wenn man sie drängte, egal, für wie subtil man sich hielt!
Nate enttäuschte sie insgeheim. Von einem Psychologen für eine Spezialeinheit hatte sie mehr
erwartet! Mehr Einfühlungsvermögen! Mehr Verständnis! Oder vielleicht war sie im Moment auch
einfach nur übersensibel!
"Mister Getz ... bitte!"
Sie drückte Gs kalte Hand leicht und sah genervt zu dem Psychologen herüber. Der wich ihrem
Blick wieder aus, sekundenlang.
"Also gut!" meinte er dann, griff in seine Hemdentasche während er um das Fußende des Bettes
herum kam. Er reichte ihr eine kleine Karte.
"Rufen Sie mich an wenn etwas sein sollte! Ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung!"
"Danke!" meinte Malgorzatta bloß und nahm die Karte.
"Melden Sie sich!" bat Nate und nickte ihr zu bevor er das Zimmer verließ.
Malgorzatta ließ die Karte unbeeindruckt in ihre Handtasche fallen. Sie war sich ziemlich sicher,
dass sie dies nicht tun würde. Sanft streichelte sie über Gs Hand. Mittlerweile war es 23.20 Uhr. Sie
spürte, dass sie Kopfschmerzen bekam. Langsam trank sie ihren Kaffee. Er war kalt. Vorsichtig,
ohne ihre Finger von Gs Hand zu nehmen, versuchte sie sich ein bisschen bequemer hinzusetzen.
Das ging nicht sehr gut. Sie konnte sich nicht zurücklehnen ohne Gs Hand los zu lassen, und das
wollte sie nicht, sie wollte diese Verbindung nicht unterbrechen.
Gs Atmen kam ihr noch immer schwer, angstrengt vor. Ab und zu summte eine der Spritzen hinter
dem Bett leise wenn die Flüssigkeit aus ihr langsam, nach Zeitplan, herausgedrückt wurde, über
einen der Schläuche in Gs Körper. Die Manschette um seinen Oberarm pumpte sich jede
Viertelstunde auf um seinen Blutdruck zu messen. Der Wert auf dem Monitor war zu niedrig. Auch
sein Puls war schwach. Doch bei so einer Verletzung, nach einer solchen Operation konnte man
nicht allzu viel erwarten. Im Moment mussten sie froh sein, dass er überhaupt noch lebte!
Ein Rollen kam vom Flur und riss sie aus ihren Gedanken. Dann ein leichtes Klopfen am
Türrahmen. Als Malgorzatta den Kopf dorthin wandte kam eine der Krankenschwestern herein.
"Mrs. Callen, wir möchten jetzt die notwenigen Pflegemaßnahmen an Ihrem Mann durchführen!
Würden Sie bitte draußen warten?"
"Natürlich!"
Malgorzatta stand langsam auf und beugte sich über das Bett.
"Ich komme gleich wieder, mein Schatz! Alles ist gut!"
Sie berührte mit den Lippen behutsam Gs kalte Wange, streichelte nachdrücklich über seinen Arm
bevor sie sich vom Bett abwandte und ihre Tasche nahm.
"Wir haben zwei Zimmer weiter rechts im Gang, Ruheräume für Angehörige!" meinte die
Schwetser zu ihr, mit einer raschen Kopfbewegung in die Richtung.
"Dort können Sie sich hinlegen wenn Sie möchten!"
"Danke schön!" meinte Malgorzatta, schenkte ihr ein kleines Lächeln und ging auf den Flur. Sie
machte ein paar Schritte beiseite, weg von der Glasscheibe, um nicht mit ansehen zu müssen, was
mit G geschah. Nie im Leben hätte sie den Ruheraum aufgesucht, den Abstand zwischen G und sich
unnötig vergrößert. Sie wollte so nah wie möglich bei ihm bleiben.
Zum wiederholten Mal berührte sie mit den Daumen ihren Ring. Vielleicht war das ein Zeichen.
Vielleicht war das der Weckruf für sie, endlich mit Efremil Schluss zu machen und sich G
zuzuwenden! Hoffentlich war es noch nicht zu spät!
Hastrig ging sie zur Besuchertoilette, war zurück im Flur während die Schwestern noch im Zimmer
bei G waren.
Es war sehr ruhig hier. Zu allen Seiten gingen Türen zu den verschiedenen Zimmern ab, manche
lagen in Dunkelheit, bei anderen waren die Vorhänge vor die Glasscheiben gezogen. Zwei
Krankenschwestern saßen hier hinter dem hohen Pult mit den vielen Schubladen, den Fächern, den
Monitoren. Die Uhr an der Wand zeigte 0.05 Uhr.
"Mrs. Callen? Sie können wieder zu Ihrem Mann!"
Die Schwester lächelte ihr kurz zu während sie mit ihrer Kollegin den Weg zum nächsten Zimmer
einschlug.
"Danke."
Malgorzatta nickte ihr rasch zu. Sie hatte sich schon oft gewünscht, so angeredet zu werden. Doch
nicht unter diesen Umständen!
Langsam ging sie ins Zimmer zurück.
G lag auf seiner linken Seite. Eine zusammengerollte Wolldecke lag in seinem Rücken und sollte
verhindern, dass er seine Lage änderte. Als sie sich wieder über ihn beugte um ihn mit einem Kuss
auf die Wange zu begrüßen registrierte sie den leichten Geruch nach Zitrone, der von ihm ausging.
Seine blassen Lippen glänzten frisch eingecremt.
Umbetten, Körperpflege, es machte ihr bloß noch erschreckender bewußt, wie schlecht sein Zustand
war. Sein Körper war noch immer kalt, reglos, das ganze Gegenteil zu ihrem wundervollen
Wochenende auf Hawaii. Sie kannte ihn bloß lebhaft, aufmerksam, seine Schwäche machte ihr
Angst, führte ihr seine Sterblickeit vor Augen.
Langsam ließ sie sich wieder auf den Stuhl neben dem Bett sinken, schob ihre Hand über Gs kalte
Rechte. Die Schwestern hatten schon zwei locker zusammengerollte Waschlappen in seine
Handinnenflächen gelegt, eine Kunststoffstütze am Fußende des Bettes, an der seine Füße glatt
auflagen, sollte eine Spitzfußstellung vermeiden. Sie schienen mit längerer Bettlägerigkeit zu
rechnen.
Gs Gestalt wirkte klein, kraftlos, hilflos in dem breiten Bett, unter der bis knapp zu seiner Brust
hinaufgezogenen Bettdecke.
Malgorzatta spürte, dass sie sich schon mental auf die Situation hier im Krankenhaus eingerichtet
hatte. Das Sitzen hier an Gs Bett, mit der Hand durch das Bettgitter gestreckt, ihre Finger über Gs
kalte Hand geschoben, kam ihr schon gar nicht mehr so ungewöhnlich vor. Es war ihr bereits
vertraut.
Ihr Nacken, ihr Kopf schmerzten. Dennoch hatte sie die Situation bereits für sich angenommen.
Hier war ihr Platz. Sie gehörte nirgends anders hin als an Gs Seite.
Es klopfte leise am Türrahmen.
Als sie den Kopf dorthin wandte sah sie eine Schwester da stehen.
"Mrs. Callen, möchten Sie einen Tee? Sie sehen aus, als könnten Sie einen gebrauchen!"
Malgorzatta schenkte ihr ein Lächeln.
"Das ist sehr nett von Ihnen! Danke! Ich hätte wirklich gerne einen!"
Die Schwester nickte. Sie wandte sich um und nahm eine Tasse vom Servierwagen hinter sich,
brachte sie ihr, bevor sie aufstehen konnte um sie sich zu holen.
"Danke schön!"
"Gerne!"
Die Schwester nickte ihr zu, warf einen prüfenden Blick auf G und verließ dann das Zimmer.
Malgorzatta langte mit der Rechten zu der Tasse, legte ihre kalten Finger um das dicke warme
Porzellan.
Es war sehr ruhig auf dem Flur. Ab und zu hörte sie das halblaute Flüstern der Schwestern draußen.
Sie streichelte über Gs Finger. Sein Atmen war noch immer schwer, angestrengt, unregelmäßig. Sie
konnte das Heben und Senken seiner Brust unter dem Krankenhaushemd sehen, die Bewegung des
dünnen Stoffes.
Vosichtig nahm sie die Tasse hoch und trank einen kleinen Schluck. Die Wärme breitete sich
angenehm in ihrem Magen aus. Der enthaltene Zucker belebte ihren Kreislauf etwas. Malgorzatta
versuchte, eine etwas bequemere Haltung auf dem Stuhl zu finden ohne ihre Hand von Gs nehmen
zu müssen...
Kapitel 3
Malgorzatta Vendulova III
Sie musste eingeschlafen sein. Die leichte Berührung an ihrer Schulter ließ sie hochschrecken.
"Ruhig! Alles in Ordnung!" hörte sie Sams dunkle Stimme. Sie blinzelte zu ihm hinauf. Er hatte
sich leicht zu ihr hinab gebeugt. An ihm vorbei, vor dem Fenster draußen, sah sie Helligkeit.
Rasch sah sie zu G. Eine weitere Pflegeeinheit schien vorbei. Er lag nun auf seiner rechten Seite,
mit dem Rücken zu ihr. Das Krankenhaushemd klaffte zwischen seinen Schultern etwas
auseinander und sie konnte den Verband oben über seiner Wirbelsäule sehen.
Hastig stand sie auf, eilte um das Fußende des Bettes herum, auf die andere Seite.
G schlief.
Jetzt, mit der Helligkeit des Tages wirkte sein Gesicht noch immer fürchterlich blass, eingefallen.
Die dunklen Schatten unter seinen Augen ließen es regelrecht verfallen aussehen. Er lag
zusammengekrümmt, klein, irgendwie ätherisch, fast durchsichtig. Hätte sie es nicht besser gewußt,
wäre es ihr vorgekommen als wäre er am Verschwinden. Dennoch jagte es ihr im ersten Moment
einen Riesenschrecken ein.
„Oh … mein Gott!“
Rasch beugte sie sich über ihn, legte ihre Hand an seine Wange. Seine Haut war noch immer kalt.
Sein Gesichtsausdruck war ruhig, ganz entspannt, ausdruckslos, sein Schlaf schien sehr tief.
Wenigstens schien er keine Schmerzen zu spüren. Sie beugte sich noch weiter über ihn, küsste ihn
nachdrücklich auf die Wange. Er rührte sich nicht.
„Hey!“ Sams Stimme war ganz sanft.
„Nimm Dir eine Auszeit! Fahr‘ nach Hause, nimm‘ eine Dusche, das habe ich auch gerade
gemacht! Einfach für eine Stunde `mal etwas anderes machen, versuchen, den Kopf frei zu kriegen!
Keiner weiß`, wie lange das hier noch dauert! Wir müssen fit sein für G! Ich bleibe so lange hier bei
ihm bis Du wiederkommst!“
Malgorzatta sah ihn an. Sams Blick zu ihr war gütig, wohlwollend, mitleidig. Sein Angebot klang
verlockend. Es würde ihr die Gelegenheit geben, die Sache mit Efremil ins Reine zu bringen.
Danach, wenn die Sache erledigt war, konnte sie sich voll und ganz auf G konzentrieren.
„Danke, Sam! Das ist eine gute Idee! Rufst Du mich an falls etwas ein sollte?“
„Natürlich!“ gab Sam sanft zurück. Malgorzatta nickte ihm zu. Sie beugte sich über G, berührte mit
den Lippen leicht, nachdrücklich die seinen.
„Ich bin bald wieder bei Dir, mein Schatz! Ich regel` das schon `mal … mit Efremil! Und dann
sehen wir zu, dass Du schnell wieder gesund wirst! Ich liebe Dich, G!“
Sie streichelte mit der Hand langsam über seinen Arm, wandte sich dann ab. Als ihr Blick Sam
streifte sah sie die Zustimmung in seinem Blick.
„Danke!“ meinte sie und nahm ihre Sachen, ihre Jacke, ihre Tasche. „Bis gleich!“
„Fahr` vorsichtig!“ meinte Sam. „Bis gleich!“
„Danke!“ meinte Malgorzatta und schenkte ihm ein Lächeln. Sie verließ das Zimmer, das
Krankenhaus und ging zum Parkplatz. Es herrschte strahlender Sonnenschein, es war ein
wunderschöner Morgen Anfang Mai in Los Angeles. Es kam ihr unwirklich vor. Ihr ganzes Leben
war dabei, sich zu verändern. Sie fühlte sich verunsichert. Sie wusste nicht, was werden würde, sie
hatte Angst um G, doch wenn mit Efremil erst einmal der erste Schritt gemacht war, würde sie sich
sicher etwas besser fühlen. Sie setzte sich auf eine der freien Bänke unter den Bäumen, die den
Parkplatz säumten. Zärtlich berührte sie mit dem Daumen ihren Ring:
„Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen, Mrs. Vendulova?“ hatte sie die Stimme gehört. Und sofort
erkannt. Sie brauchte sich gar nicht erst herum zu drehen. Sie spürte die Wärme der Gestalt schräg
rechts hinter sich. So nah, dass sie beim Sprechen ihren warmen Atem an ihrem Nacken, ihrem
Haar gespürt hatte. Ein kleiner Schauer lief ihren Rücken hinab. Für einen Moment genoss sie es
bevor sie sich umwandte.
„Freut mich, Sie wiederzusehen, Mister Callen!“
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite.“ erwiderte er galant.
G Callen trug Jeans und ein dunkelgrünes Hemd dazu. Als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte war
er im Smoking gewesen. Und hatte nicht weniger hinreißend ausgesehen!
Ob er sie wohl beim Treffen mit Parker beobachtet hatte? Die Übergabe war keine fünf Minuten
her. Sie hatte ihn nicht bemerkt, aber das war kein Wunder, er war gut!
„Was führt Sie nach Rio, Mister Callen?“
Sie sah ihn an. Spürte ihre Wangen brennen. Wusste, dass sie sich diesmal nicht verstellen und
verstecken konnte! Manche Dinge ließen sich einfach nicht verbergen!
„Ich bin beruflich hier!“ gab Callen lapidar zurück. Malgorzatta hätte beinahe gelacht. Hatte sie
wirklich geglaubt, er würde er ihr genau sagen, was er hier tat? Er würde sie genau so anlügen wie
sie ihn.
„Ja, natürlich!“
Sie sah ihn an. Er hatte so unglaublich blaue Augen. Das helle Licht hier auf der Straße hier zeigte
ihr Details in seinem Gesicht, die sie im Halbdunkeln der Botschaft nicht gesehen hatte. Die kleine
runde Narbe vor seiner rechten Augenbraue beispielsweise. Oder seine etwas hellere linke
Augenbraue. Kleine Fältchen unter seinen Augen wirkten ausgeprägt. Er machte einen müden
Eindruck, wirkte etwas erschöpft. Sie merkte es eigentlich mehr als dass sie es wirklich sah.
„Ich würde wirklich sehr gerne einen Kaffee mit Ihnen trinken, Mister Callen!“
G Callen lächelte. Malgorzatta spürte, dass dieses Lächeln genau so ehrlich war wie das, was sie
gesagt hatte! Ganz leicht berührte er mit der Hand, kurz, ihren Arm.
„Hier ist gleich das Rio Beach Hotel in der Nähe! Kennen Sie das Café?“
„Nein.“ Antwortete Malgorzatta wahrheitsgemäß. Sie kannte sich überhaupt nicht aus in Rio, sie
war das erste Mal hier. Und erst seit ein, zwei Minuten begann sie es richtig zu genießen!
„Dann gehen wir doch dorthin! Die Richtung!“ meinte Callen und wies zu der nächsten Querstraße
links, die in ein paar Metern Entfernung abzweigte,
„Sie kennen sich hier aus, Mister Callen? Waren Sie schon öfter hier?“
Malgorzatta schlug die angegebene Richtung ein. Sie beging gerade zwei Todsünden auf einmal: als
verheiratete Frau begann sie, sich auf einen anderen Mann einzulassen! Und was vielleicht noch
schlimmer war: sie ließ sich auf einen Agenten ein!
„Einige Male!“ Callen warf ihr einen kurzen Blick zu.
„Und Sie begleiten Ihren Mann zum Wirtschaftssymposium hier, Mrs. Vendulova? Wir müssen …
`rüber!“
Er wies zur anderen Straßenseite und trat achtsam voran, auf die Straße, Malgorzatta registrierte,
wie er seinen Arm in ihre Richtung ausstreckte, suchend, beschützend. Sie folgte ihm, über die
wenig befahrene Seitenstraße, bis auf die andere Straßenseite, und die wenigen Meter bis vor die
große hohe Glasfront des Beach Inn.
„Ja, richtig! Danke!“
Callen öffnete ihr die getönte Glastür und ließ sie in die große Halle vorangehen. Es war weit hier,
hell und es wimmelte von Leuten, Leute, die eincheckten, Leute, die auscheckten, Leute, die die
Restaurants, die Bars und die Cafés aufsuchten, zu den Fahrstühlen eilten, zu den Treppen oder zu
den Ausgängen. Grünpflanzen unterteilten die Halle optisch in verschiedene Bereiche, in Sitzecken,
es roch frisch, und leise easy Klaviermusik erklang über Deckenlautsprecher.
„Hier, Mrs. Vendulova!“
Callen wies ihr die Richtung zu den Fahrstühlen, berührte sie wieder leicht am Arm, Malgorzatta
legte es darauf an, die Berührung für ein paar Sekunden zu verlängern. Callen merkte es. Er sah sie
an. Sie wich seinem Blick nicht aus, konnte sich an dem unglaublichen Blau seiner Augen gar nicht
satt sehen. Er ließ sie vorangehen als die Kabine kam, Malgorzatta spürte seine Hand sacht an ihrer
Schulter. Auch hier war die leise Musik zu hören während die Kabine sich nach oben in Bewegung
setzte.
„Es ist nett hier!“
Sie schenkte ihm ein unverbindliches Lächeln. Außer ihnen waren noch ein älteres Ehepaar und ein
Mann mittleren Alters mit ihnen hier in der Kabine.
„Waren Sie noch nie hier?“ fragte Callen. Im begrenzten Raum des Liftes stand er so nah neben ihr,
dass ihre Schultern sich so eben berührten. Sie spürte die Wärme seines Körpers, seine Nähe. Er
roch nach einem frischen Duschgel und etwas verschwitzt, nicht unangenehm.
„Weder in Rio noch im Beach Inn.“ antwortete sie ihm.
Callen nickte leicht.
Die Kabine hielt mit einem kleinen Ruck, der ihre Schultern zusammen stießen ließ. Malgorzatta
ging diese Berührung durch und durch. Sie wollte mehr davon. Nicht das erste Mal. Nicht `mal
nach einer Berührung von Efremil hatte sie sich so gesehnt, selbst am Anfang nicht! Der ältere
Mann stieg aus. Die Fahrstuhltüren schlossen sich wieder, die Kabine setzte sich in Bewegung, nach
oben, wieder mit einem kleinen Ruck, wieder mit der kleinen Bewegung an Callens Schulter,
Malgorzatta registrierte, dass auch Callen es ruhig geschehen ließ, er nicht einen Zentimeter von ihr
abrückte.
Das Café lag im Dachgeschoss. Die Türen der Kabine öffneten sich direkt in den Gastraum, zu
unzähligen Tischen, Stühlen und Sitzecken, zu großblättrigen Grünpflanzen, die die Sitzecken
voneinander trennten. Zur rechten Seite hin stand eine große Glasfront offen zur Dachterrasse
hinaus, wo man ebenfalls sitzen konnte. Auch hier erklang leise, entspannende Klaviermusik über
Deckenlautsprecher. Es war sehr voll. Servicekräfte balancierten schnell und geschickt Tabletts
umher.
„Kommen Sie! Ich denke, auf der Dachterrasse ist noch etwas frei!“ meinte Callen und legte wieder
seine Hand sacht an ihre Schulter, schob sie so sanft in Richtung der offen stehenden Glaswand.
„Danke.“
Malgorzatta verhielt ihren Schritt absichtlich ein wenig, lehnte sich etwas gegen Callens Hand
zurück. Es war aufregend zu spüren, dass er sie dort beließ. Er sah sie an, fast ein wenig erstaunt.
Sie schenkte ihm ein Lächeln. Callen erwiderte es, führte sie hinaus auf die Dachterrasse. Sie war
recht breit. Hinter dem Geländer ging es neun Stockwerke in den Innenhof des Hotels hinab.
Malgorzatta vermied den Blick hinunter. Sie war nicht schwindelfrei!
„Sollen wir uns dort … ?“
Callen wies auf einen freien Tisch links. Es war ein kleiner runder dunkler Holztisch, mit zwei
Stühlen, nebeneinander, um Beiden dort Sitzenden einen Blick über das nebenliegende niedrigere
Gebäude Richtung Meer zu gewährleisten.
„Ja, das sieht nett aus! Danke!“
Sie schenkte ihm ein kleines Lächeln während er ihr den Stuhl zurecht rückte, dann neben ihr Platz
nahm. Es war warm. Drinnen bewegten Deckenventilatoren die Luft ein wenig. Der Himmel war
wolkenlos blau, die Sonne schien strahlend. Es war schön hier in Brasilien. Callen sah sie an. Der
Blick seiner blauen Augen wanderte für einen langen Moment über ihr Gesicht. Malgorzatta spürte
die Zugewandtheit darin. Sie wollte sie gerne zurück geben.
„Was haben Sie schon von Rio gesehen, Mrs. Vendulova? Wie lange bleiben Sie hier?“
Malgorzatta war sich ziemlich sicher, dass er wusste, dass das Symposium bis übermorgen ging.
„Ich habe bisher ein bisschen von der Innenstadt gesehen und genieße gerade das Café im Beach
Inn-Hotel! Und ich würde mich freuen, wenn Sie Malgorzatta zu mir sagen!“
G lachte.
„Ich heiße G.“
„Einfach so?“
Bisher hatte sie den einzelnen Buchstaben für eine nachlässige Abkürzung in seiner Akte gehalten.
„Was darf ich Ihnen bringen?“
Ein Kellner war fast lautlos, aber schwungvoll an ihren Tisch getreten.
„Der Kaffee hier ist hervorragend!“ meinte Callen zu ihr und bestellte einen. Malgorzatta bestellte
ebenfalls einen.
„Einfach so?“ wiederholte sie dann und sah Callen fragend an.
„Ja.“
Sein Gesicht war für einen Moment sehr ernst bevor seine Lippen sich wieder zu einem ganz
kleinen Lächeln verzogen, Wärme in seinen Blick zurück kehrte.
„Ich hab` bisher gedacht, das wär` nur eine Abkürzung in … Deiner Akte?“
Ganz kurz sah sie seine linke Augenbraue hochzucken. Es signalisierte sein Erstaunen, das sie ein
bisschen beabsichtigt hatte.
„Du … „ es klang fast zärtlich von seinen Lippen „ … siehst Akten über mich ein?“
„Du hast Dich unter falschem Namen bei uns in die Botschaft geschlichen!“
Callen öffnete den Mund wie um etwas zu sagen. Er schloss ihn wieder, wandte den Blick kurz ab,
lachte, sah sie wieder an.
„Es steht nur drinnen, dass Du für den NCIS in Los Angeles arbeitest und früher beim DEA warst!“
Strenggenommen betrieb sie gerade Geheimnisverrat. Selbst Efremil würde ihr das nicht mehr
durchgehen lassen!
„Und ich glaube, ich habe aus Versehen den falschen Knopf gedrückt und die Akte ist nicht mehr
gespeichert worden!“
Callen lächelte.
Der Kellner kam und servierte ihren Kaffee, stellte die zwei Tassen und zwei Gläser mit Wasser
sowie einen kleinen Beistellteller mit Gebäck vor ihnen auf dem Tisch ab.
„Danke schön.“
„Keine Ursache, Ma`m!“
Der Kellner nickte leicht und ging dann wieder. Malgorzatta sah zu Callen. Er hatte sich ihr
zugewandt, seinen rechten Arm auf die niedrige Rückenlehne ihres Stuhles gelegt. Sie lehnte sich
nach hinten zurück. Spürte die Wärme seines Armes an ihrem Rücken. Genoss es. Und dass er ihn
dort liegen ließ.
„Woher wusstet ihr das mit dem falschen Namen?“
„Efremil lässt Überwachungsvideos routinemäßig über eine Gesichtserkennungssoftware laufen. Du
warst gespeichert.“ gab sie wahrheitsgemäß zurück. Callen nickte langsam.
„Unglücklicherweise sind die Bänder falsch gelagert worden, so dass es im Moment da gar nichts
zu belegen gibt!“ fuhr sie fort.
Callens blaue Augen wanderten zu ihr. Er verstand was sie meinte. Ein kleines Lächeln verzog sein
Gesicht.
„Danke.“
Er wich ihrem Blick nicht aus. Sein Arm lag nach wie vor auf der Rückenlehne ihres Stuhles, warm
an ihrem Rücken.
„Sehr gerne geschehen!“
Malgorzatta rührte Zucker, Milch in ihren Kaffee, nahm einen vorsichtigen Schluck. Er war heiß.
Sie trank, wenn es warm war, ohnehin lieber heiße Sachen.
„Oh, der ist wirklich gut!“
Sie atmete ein wenig aus um Entspannung zu signalisieren, ließ bewusst ihre Schultern sinken, sah
Callen an. Für ihre Begriffe hatte er einen Knopf seines Hemdes zu weit an seinem Hals
geschlossen, er wirkte im wahrsten Sinne des Wortes `zugeknöpft`! Im hellen Licht der Sonne hier
konnte sie die feinen braunen Härchen auf seinem linken Unterarm sehen, seine Hand lag auf dem
Tisch, neben seiner Tasse.
„Darf ich fragen, wie lange Du noch bleibst?“
Callen sah sie an.
„Mein Flug zurück geht morgen. Morgen früh!“
Malgorzatta nickte.
„Und?“
Sie sah ihn aufmerksam an.
„Was kann ich mir hier noch ansehen? Außer dem Zuckerhut? Ich habe den Eindruck, Du kennst
Dich hier doch ein bisschen besser aus?“
Callen lächelte. Er trank einen Schluck von seinem Kaffee, stellte die Tasse auf den Unterteller
zurück. Er blinzelte ein wenig, die hellen Wände des Gebäudes reflektierten die Sonne hier, trotz
der halb heruntergelassenen Markisen. Das Blinzeln verstärkte die kleinen Fältchen unter seinen
Augen. Sie fand noch immer, dass er müde aussah.
„Das Seaquarium ist gut! Und eine halbe Stunde Fahrt von hier gibt es eine wunderschöne kleine
Kapelle mit sehr aufwendigen Kachelarbeiten und Mosaiken!“
Malgozatta nickte verstehend. Sie trank wieder von ihrem Kaffee, vorsichtig, ihren Platz an der
Rückenlehne des Stuhles nicht allzu weit aufgebend.
„Warum einfach nur G wenn ich fragen darf?“
Sie sah ihn an.
Callen wich ihrem Blick für einen Moment aus, senkte den Kopf.
„Ich war in meiner Kindheit in ziemlich vielen Pflegefamilien! Mein richtiger Vorname ist dabei
irgendwie … verloren gegangen!“
„Das tut mir leid!“
Seine eigene Vergangenheit schien dem Bundesagenten schwer zu schaffen zu machen.
„Das muss es nicht!“ Callen sah sie wieder an, zuckte leicht die Schulter. Dabei nahm er es längst
nicht so leicht um es mit einem Schulterzucken abzutun, das merkte man ihm an.
„Tut es aber! Manchmal trifft man Leute, die sind einem von Anfang an unheimlich sympathisch
und bei denen nimmt man vielleicht mehr Anteil an ihrem Leben als sie das eigentlich möchten! Da
kann man nichts machen!“
Sie griff wieder zu ihrer Tasse um ihre Worte beiläufig wirken zu lassen, auch wenn sie schwer
wiegten. Nur zu genau spürte sie, dass sie ihre Wirkung auf Callen nicht verfehlten. Sein Lächeln,
das im Ansatz spöttisch war, verschwand sehr schnell. Er wandte den Blick ab, drehte den Kopf,
richtete die Augen auf einen unbestimmten Punkt in der Ferne, weit über das Geländer. Malgorzatta
sah ihn von der Seite an. Callens Gesichtsausdruck war verschlossen. Die Härchen seines Tage-
alten Bartes hoben sich dunkel von seiner Wange, seinem Kinn, seinem Hals ab. Seine dunklen
Haare waren fast so lang wie sie, gaben seine Ohren frei, viel von seiner Stirn, und ließen seine
helle Kopfhaut durchscheinen. Er wirkte unheimlich tough, raubeinig! Und er schien ihren Blick zu
spüren, wandte den Kopf, sah sie an. Nur so eben spürte sie seine Fingerkuppen sehr sacht auf ihren
Rücken rutschen.
„Wie viele sind ziemlich viele Pflegefamilien?“
Sie sah Callens Schultern leicht zucken.
„Ich weiß es nicht! Hab‘ aufgehört zu zählen! Waren zu viele!“
„War es so schlimm dort?“
Sie sah ihn betroffen an.
„War schwer sich wohl zu fühlen.“ gab Callen einfach zurück. Das konnte Malgorzatta absolut
nachvollziehen.
„Gab es überhaupt Familien, in denen Du Dich wohl gefühlt hast?“
„Es gab eine, da war ich mehrere Monate.“ erwiderte Callen. Malgorzatta spürte seine Finger ganz
vorsichtig über ihren Rücken streicheln. Er sah sie an, lächelte ein wenig.
„Erzähl‘ mir lieber `was von Dir!“
„Ich rede nicht gerne über mich!“
Sie schaffte es, es unverbindlich und ganz und gar nicht abweisend klingen zu lassen. Callen
lächelte noch ein bisschen mehr. Er mochte genau so wenig über sich reden wie sie über sich, doch
sein Gesichtsausdruck war offen, zugewandt, sein Blick warm. Er hatte sich noch ein bisschen zu
ihr herübergebeugt und sie konnte die Wärme seines Körpers an ihrem spüren, seine Nähe. Sie
wandte sich ihm noch ein wenig mehr zu. Legte wie selbstverständlich ihre Hand auf sein Bein.
„Schlecht, wenn zwei Leute bei Kaffee zusammen sitzen die ungern von sich erzählen!“
Callen ließ die Berührung geschehen. Malgorzatta hatte den Eindruck, dass er sie sogar ein wenig
genoss. Sein Gesichtsausdruck war wach.
„Wie lange bist Du schon verheiratet?“
Seine Stimme war leise, einschmeichelnd. Er war so nah gerückt, dass sie seinen Atem warm an
ihrer Wange spüren konnte.
„Vier Jahre. Stimmt, Du hast Erfahrung darin, Leute zum Reden zu bringen!“
Callen lachte leise. Für einen kurzen Moment beugte er seinen Arm, wie unabsichtlich, zog sie
damit sekundenlang noch ein wenig näher zu sich.
„Verzeih‘ bitte … so war das nicht gemeint!“
Malgorzatta spürte ihr Herz bis zum Hals klopfen. Seine unmittelbare Nähe nahm ihr fast den Atem.
Zu spüren, dass er ihre Berührung geschehen ließ, war wie ein kleiner Rausch, ganz zu schweigen
davon, seinen Arm an ihrer Schulter zu spüren, zu fühlen, wie er sie achtsam hielt, wie wichtig es
ihm offensichtlich war.
"Ich hab's auch nicht so verstanden!"
"Gut." meinte Callen halblaut. Er sah sie an. Zugewandtheit lag in seinem Blick, ein Hauch
Verwunderung und ein Funken Neugierde. Sie selbst war auch neugierig. Wie es weitergehen würde
mit ihnen beiden. Sie war nicht bereit, die Sache jetzt noch zu beenden, es fühlte sich zu gut, zu
richtig an! Sie war bisher noch nie bereit gewesen, ihre Ehe auf`s Spiel zu setzen. Jetzt war das
keine Frage mehr!
"Hast Du nachher noch ein bisschen Zeit?" fragte Callen halblaut. Er wurde mutiger, beließ sein
Gesicht sekundenlang an ihrem kurzen Haar, sie spürte, wie er tief einatmete. Für einen Moment
fragte sie sich, wie ihr Haar wohl roch. Sie benutzte kein extra duftendes Shampoo, keine
parfümierte Spülung. Ob er es wohl mochte?
"Ich habe noch eine Menge Zeit. Efremil hat heute Abend ein Abendessen mit einigen Leuten, da
muss ich nicht unbedingt dabei sein!"
Callen nickte leicht, verstehend. Er griff zu seiner Tasse und trank seinen Kaffee aus.
"War er gut?" erkundigte Malgorzatta sich möglichst unverbindlich. Sie wollte nicht, dass die
Situation zu ernst, verkrampft wurde. Callen nickte.
"Ja. Deiner nicht?"
"Doch. Er ist sehr gut. Ich werde ihn im Leben nicht vergessen!"
Callen sah sie an. Sein kleines Lächeln zeigte ihr, dass er verstanden hatte.
"Okay! Was hälst Du davon, wenn wir ein Stück `rausfahren und ein bisschen spazieren gehen?"
Malgorzatta sah ihn an.
"Bitte, versteh' das jetzt nicht falsch ... hast Du schon alles erledigt hier? Wenn ich davon ausgehe,
dass Du hier nicht auf Urlaub bist!"
Callens blaue Augen wanderten für einen langen Moment ruhig über ihr Gesicht.
"Es gibt eine Sache, die ich noch erledigen möchte ... "
Sie wandte den Blick nicht ab. Einmal mehr fielen ihr im Sonnenlicht seine etwas hellere
Augenbraue, die Länge seiner Wimpern auf.
"Das hört sich nach einem sehr netten Spaziergang an. Sehr gerne!"
Sie griff zu ihrer Tasse und trank ihren Kaffee aus.
"Macht es Dir etwas aus, vorher noch bei mir im Hotel vorbei zu fahren damit ich mir andere
Schuhe anziehen kann?"
"Nein. Überhaupt nicht!"
Wieder kam Callen ihr beim Sprechen ein bisschen näher, wieder hatte sie den Eindruck, er röche
an ihrem Haar.
"Entschuldige mich einen Moment!"
"Natürlich!"
Sie sah ihm zu als er aufstand, ihm nach, als er im Innenraum des Cafés verschwand. Hastig kramte
sie in ihrer Handtasche nach dem Spiegel, warf einen kurzen prüfenden Blick hinein. Dann ließ sie
ihn wieder in ihrer Tasche verschwinden. Sie griff zu einem Keks auf dem Beistellteller, brach ihn
in der Mitte durch und steckte sich die Hälfte in den Mund. Sie hatte kein schlechtes Gewissen.
alles kam ihr vorbestimmt vor, so. als ob es nicht anders hätte sein sollen. Gerade als sie die anderen
Hälfte des Kekses verspeiste kam Callen zurück. Im ersten Moment blinzelte er im Sonnenlicht als
er auf die Terrasse hinaus trat. Er wirkte lässig, ganz unverkrampft als er an ihren Tisch zurück kam,
sich leicht zu ihr hinab beugte, seine Hand an ihre Schulter legte.
"Sollen wir?"
"Sehr gerne?"
Malgorzatta registrierte mit Wohlwollen, wie er ihr den Stuhl zurecht rückte als sie aufstand, ihre
Tasche nahm. Seine Hand verharrte sacht an ihrem Rücken während er sie durch den großen
Innenraum vorangehen ließ, Richtung des Fahrstuhles sanft führte. Mit ihnen betraten zwei junge
Frauen die Kabine. Malgorzatta bemerket, dass die beiden Callen ganz ungeniert anstarrten. Er
schien ihre Blicke nicht zu bemerken. Sie verspürte Eifersucht. Als sie zu Callen hinaufblickte sah
sie, wie seine blauen Augen links oben unter die Fahrstuhldecke rutschten. Als sie seinem Blick
folgte sah sie die dort angebrachte Überwachungskamera. Die beiden Mädchen giggelten.
"Mein Wagen steht ganz in der Nähe." meinte Callen während er sie durch die weite Hotelhalle
führte. Es war eindeutig ein unauffälliger Mietwagen, den er fuhr, und Malgorzatta bemerkte
verwundert, dass er ein Navigationsgerät anschloss.
"Welches ist Dein Hotel?" fragte er dann, sah sie an.
"Es ist das Palace." gab sie zurück.
Callen nickte.
Das Palace war das ultimative Luxushotel in Rio, ein schickes, weißes kastiges Gebäude, in dem sie
eine Suite bewohnten, die an Eleganz kaum zu überbieten war. Es lag in der Innenstadt. Als sie gut
zehn Minuten später in einer ruhigen Vorortsiedlung am Straßenrand parkten sah Malgorzatta
amüsiert zu Callen herüber.
"Es sah heute Mittag noch ein ganz klein wenig anders aus hier!"
Callen warf ihr einen Blick zu.
"Ja ... irgendetwas scheint hier nicht so richtig zu funktionieren."
Er beugte sich leicht herüber und drückte zwei, drei Knöpfe an dem kleinen Navigationsgerät auf
dem Armaturenbrett.
"Palace, sagst Du?"
"Hmhm."
Callen drückte die verschiedenen Knöpfe noch drei Mal. Dann lenkte er den Wagen wieder auf die
Straße.
"Ich denke, ich fahre eben ins Hotel zurück um das Navi an meinem PC zu synchronisieren!"
Malgorzatta biss sich auf die Unterlippe. Offensichtlicher konnte seine Ausrede kaum sein. Das
Palace lag an einem großen Platz mitten in der Innenstadt, es würde kein Problem sein, es dort zu
finden. Zur Not gab es Leute auf der Straße um zu fragen. Callen musste etwas ganz anderes im
Sinn haben. Sie wollte es gerne darauf ankommen lassen.
"Das ist eine wirklich gute Idee."
Wie selbstverständlich ließ sie ihre Hand eben kurz über sein Bein streichen. Er hatte es im Café
toleriert. Und er ließ es auch jetzt geschehen, sein Gesicht zeigte kein Zeichen von Missfallen als
sie ihn von der Seite ansah. Dass sie keine fünf Minuten später vor einem kleinen unauffälligen
Hotel ankamen amüsierte sie bloß noch mehr. Mit seinen drei Stockwerken schmiegte es sich
harmonisch in die Häuserreihe auf seiner Straßenseite, Callen parkte den Wagen in einer Lücke vor
dem Haus und stellte den Motor ab. Er warf ihr einen kurzen Blick zu, stöpselte das Navi aus, nahm
es vom Armaturenbrett und stieg aus. Er war um den Wagen herum und öffnete ihr die Tür bevor sie
es selbst tun konnte.
"Danke, G."
In dem Moment, in dem er die Wagentür zuschlug, bauschte ein Windstoß kurz sein grünes Hemd
und legte es dann wieder an seinen Rücken an. Nur zu deutlich konnte sie dort sekundenlang die
Ausbuchtung unter dem Stoff an der rechten Seite seines Hosenbundes erkennen. Sie blieb am
Wagen stehen. Callen, der schon einen Schritt auf den Bürgersteig gemacht hatte, machte ihn
wieder zurück und sah sie fragend an.
"Bevor wir da jetzt `rein gehen ... " sie streckte ihre Linke aus, zu ihm, und ließ sie sacht über seine
rechte Seite, hinten am Rücken streichen " ... Du bist bewaffnet?"
Callen hob augenblicklich die Hände bis auf Schulterhöhe. Er sah sie an. Sein Gesichtsausdruck
war in keinster Weise irritiert über ihre Worte, über das, was sie tat. Dann, ganz unvermittelt, ließ er
beide Arme sinken, legte sie um ihre Schultern, zog sie sacht zu sich und küsste sie. Malgorzatta
verschlug es für einen Moment wirklich den Atem. Die Berührung seiner Lippen war kurz, aber
unendlich sacht, ihr linker Arm rutschte um seine Seite ohne dass sie etwas dagegen tun konnte.
Seine unmittelbare Nähe, seine Wärme überwältigte sie sofort. Am meisten jedoch berührte sie,
dass Callen sie nach dem Kuss nicht los ließ sondern einfach nur weiter im Arm hielt, und sie ansah,
für einen ganz langen Moment. Dann küsste er sie noch mal. Sie schmiegte sich an ihn. Erwiderte
seinen Kuss. Behutsam, langsam ließ sie ihre Rechte über seinen Rücken streicheln.
An ihrem linken Arm spürte sie einen Sonnenstrahl. Gs Atmen gegen ihren Oberkörper war sacht.
Das Spiel seiner Lippen zärtlich.
Irgendwo stand ein Fenster offen. Musik war aus der dahinter liegenden Wohnung zu hören:
Any time you want to, you can turn me on to, anything you want to, any time at all. When I kiss
your lips oh I star to shiver, can't control the quivering inside!
Mit einem Mal fühlte sich alles richtig an! Selbst Efremil erschien ihr plötzlich bloß als eine Art
Zwischenstation. G schien ihre wahre Bestimmung zu sein!
Er löste seine Lippen von den ihren und sah sie an. Sein Lächeln, das auch in seinen blauen Augen
stand, was klein, warm, zärtlich.
"Komm, wir gehen `rein, ja?"
"Gerne, G!"
Sie ließ sich von ihm ins Haus führen, wo ihm in einer einfachen, fast wohnzimmerlich anmutenden
Rezeption der Schlüssel zu seinem Zimmer ausgehändigt wurde. Es gab hier nicht mal einen
Fahrstuhl.
Gs Zimmer lag im zweiten Stock. Verglichen mit ihrer Luxus-Suite war es sehr einfach. Aber es war
sauber und penibel aufgeräumt. Es lagen auch keine persönlichen Gegenstände von G herum. Nicht
mal sein Gepäck war zu sehen.
Als G die Tür hinter ihnen geschlossen, abgeschlossen hatte, legte er das Navi auf dem Tisch ab,
griff dann zu seiner Waffe, zeigte sie ihr demonstrativ und legte sie dann in den Kleiderschrank.
Malgorzatta stellte ihre Handtasche auf dem Sessel ab. hob- ohne es eigentlich recht zu wollen -
ihre Rechte, wie um sich zu ergeben.
"Ich bin unbewaffnet! Du hattest leichtes Spiel!"
G lachte leise auf.
"Hätte es etwas geändert wenn Du bewaffnet gewesen wärst?"
Er machte die wenigen Schritte zu ihr, nahm ihre Rechte, zog sie leicht zu sich. Malgorzatta ließ es
geschehen. Sie legte beide Arme um ihn, schmiegte sich an ihn als er sie sacht zu sich zog.
"Nein. Du hattest es ziemlich schnell ziemlich einfach!"
G lächelte.
Die Geste, mit der er seine Hand an ihre Wange legte und sie küsste, war sehr zärtlich.
"Du bist wundervoll. " raunte er.
"Du hast wunderschöne Augen! Das ist mir schon in der Botschaft aufgefallen!"
"Danke, G!" gab sie zurück und musste seinem Blick für einen Moment ausweichen, spürte, wie
ihre Wangen zu brennen begannen.
"Du machst mich verlegen!"
"Tut mir leid, das wollte ich nicht!" gab G zurück.
"Aber es war wunderschön, wie Du mich den ganzen Nachmittag damit angesehen hast! So wie Du
es jetzt auch tust!"
Malgorzatta musste lächeln. Ihre Wangen brannten noch mehr.
"Danke, G. Ich wusste gar nicht, dass die Agenten vom NCIS so schöne Komplimente machen
können!"
"Ist weniger eine Ausbildungssache." gab G leise zurück.
Malgorzatta spürte seine Fingerkuppen sehr sacht über ihre Wange streicheln. Für einen Moment
wandte sie den Kopf, berührte mit den Lippen seine Finger nachdrücklich bevor sie ihn wieder
ansah.
"Schön, dass Du mich angesprochen hast! Ich habe mich wirklich gefreut, Dich wiederzusehen!"
"Bestimmt?"
G sah sie an. Seine Hand lag noch immer an ihrer Wange, sein Daumen streichelte sanft über ihre
Haut. Malgorzatta mochte den ruhigen, entspannten Ausdruck seines Gesichtes.
"Ja."
Sie schob sich auf die Zehenspitzen, berührte mit den Lippen behutsam die seinen. G ließ ihren
Kuss geschehen. Er hielt ganz still, Malgorzatta konnte sehen, wie er ein wenig die Augen schloss.
Sein Atmen gegen ihren Oberkörper wurde tief. Langsam ließ sie ihre Hand von seinem Rücken
nach vorne streichen, über seine Brust. G wandte den Kopf ein bisschen beiseite. Seine Lippen
rutschten leicht über ihre Wange.
"Fühlt sich gut an, was Du da machst."
"Ich glaube ... ich kann auch noch ein bisschen ... hier ... "
Sie streichelte mit dem Zeigefinger langsam über seine Wange hinab, über seinen Hals, genoss das
leichte Kratzen seiner dichten Bartstoppeln. G senkte den Kopf ein wenig, ließ geschehen, dass sie
mit ihrem Zeigefinger weiter über seine Haut strich, hinab bis zum ersten geschlossenen Knopf
seines grünen Hemdes. Sein Gesicht war dem ihren noch immer so nah, dass seine Wange an ihrer
ruhte, warm, kratzig. An ihrer Hand auf seiner Brust konnte sie sein schnelles Atmen spüren.
"Du kannst auch noch ein bisschen mehr ... gerne ... "
Der Blick seiner blauen Augen rutschte in ihren während er den Kopf nur ein ganz klein wenig in
ihre Richtung wandte.
"Hmhm."
Langsam schob sie Knopf zurück, ließ ihre Finger auf, über seine nackte Haut rutschen, bis zum
nächsten Knopf. Sie spürte Gs Hand leicht, nur so eben über ihren Oberkörper streichen, hinab bis
zum Bund ihrer Leinenhose, wo sie sich behutsam unter den Stoff ihrer Bluse schob, auf das
Stückchen freie Haut, das ihr hochgerutschtes Hemd frei gab. Die Berührung seiner warmen Finger
ließ ihr im ersten Moment den Atem stocken.
"Stimmt. Es fühlt sich gut an, was Du da machst!" flüsterte sie ihm zu, musste sich erst einmal
räuspern um überhaupt etwas sagen zu können. Sie schob den zweiten Knopf von Gs Hemd durch
das Knopfloch zurück. G lächelte. Seine Lippen suchten die ihren. Seine Hand wurde mutiger,
strich um ihre Seite auf ihren Rücken, die warme Berührung war wie ein kleiner Rausch. Sie wollte
mehr davon. Konnte es kaum abwarten. Für einen Moment nahm sie ihre Rechte zur Hilfe um die
restlichen vier Knöpfe zu öffnen. G ließ es geschehen. Er verfolgte mit den Augen die Bewegungen
ihrer Hände, sein Gesichtsausdruck war ein bisschen angespannt. Malgorzatta genoss den Moment,
in dem sie den Stoff seines Hemdes ein wenig zurückschob und ihre Hände darunter, auf seine Haut
streicheln ließ. Sie war ganz warm, verführerisch weich, sie spürte einen leichten Schweißfilm an
ihren Fingerkuppen an seinem Rücken.
G gab einen kleinen Laut des Wohlbefindens von sich. Für einen Moment schloss er die Augen ein
wenig. Er küsste sie. Malgorzatta erwiderte seinen Kuss während sie sich an ihn schmiegte, das
Streicheln seiner Hand an ihrem Rücken genoss, unter ihrem Hemd, sehr behutsam, sehr vorsichtig,
"Das ist wunderschön mit Dir hier, G!"
Sie legte ihren Hand an seine Wange und streichelte mit dem Daumen langsam über seine kratzigen
Barthärchen, bevor sie ihn auf's Kinn küsste, das Kratzen seiner Bartstoppeln an ihren Lippen
spürte. Sie setzte einen weiteren Kuss an seinen Hals, unter seinen Adamsapfel, und ließ ihre
Lippen auch noch ein Stückchen über seine Brust hinab streichen. Seine feinen Härchen dort
kitzelten ihre Haut.
G nahm ihr Gesicht zärtlich in beide Hände, "Komm her!" flüsterte er und, mit etwas belegter
Stimme, küsste sie. Malgorzatta spürte seine Finger dabei sacht zur Knopfleiste ihrer Tunika
streicheln.
Sehr langsam, sehr behutsam öffnete er Knopf um Knopf, und während sie es reglos, fast atemlos
geschehene ließ, fragte sie sich insgeheim, ob es für ihn wohl ebenso aufregend gewesen war, als
sie die Knöpfe seines Hemdes öffnete. Sie getraute sich kaum zu atmen.
Gs Blick war sehr ruhig. Er verfolgte mit den Augen, was er tat, beobachtete, wie er den leichten
Stoff sanft von ihrer Schulter zurückstreichelte, verfolgte, wie er mit dem Finger ganz langsam,
zärtlich neben dem Schmuckträger ihres BHs an ihrer rechten Schulter hinab strich. Dann beugte er
sich vor und drückte einen behutsamen Kuss auf ihre Haut dort. Sein Atem war warm. Sein Bart
kratzte, angenehm. Langsam streichelte sie mit der Hand über seinen Hinterkopf, über seine kurzen
Haare. Gs Lippen streichelten über ihre Schulter zurück, über ihren Hals bis hinauf zu den ihren.
Seine Umarmung, mit der er sie noch ein wenig an sich drückte, war fast ein bisschen ungestüm.
"Ich bin froh, dass Du bei mir bist!"
Er sah sie an. Der Blick seiner blauen Augen war sehr ruhig, ehrlich, Malgorzatta musste schlucken
weil er ihr durch und durch ging. Tief drinnen etwas anrührte. Ihr Wissen, dass er ehrlich war!
Langsam streichelte sie mit der Hand hinab über seine Brust. Er war nicht mager, drahtig. Zum
Glück nicht. An ihrer Hand spürte sie, über dem Bund seiner Jeans, über dem Gürtel, einen sehr
kleinen Bauchansatz.
"Ich bin glücklich, dass ich bei Dir sein darf, G!"
"Ich habe mir das schon in Kiew vorgestellt." flüsterte G halblaut, seine Rechte sanft an ihrem
Nacken, seine Linke leicht, langsam über ihren Rücken streichelnd.
"Ich habe es aber nicht zu hoffen gewagt ... "
"Ich auch nicht. Aber ich finde es wunderbar so. Es fühlt sich ... so richtig an."
G küsste sie und zog sie an sich.

... Malgorzatta fuhr in die Botschaft zurück. Bevor sie nach oben zu den Wohnräumen ging, suchte
sie unten die Büroräume auf. Thoezuz war hier, Efremils Bruder und ihr Schwager. Malgorzatta
blieb ohne Umschweife vor seinem Schreibtisch stehen.
"Ocean Drive, gestern Abend! Haben wir einen amerikanischen Agenten im Visier gehabt?"
Theozuz sah von unten, von seinem Platz am Schreibtisch zu ihr auf.
"Nein! Seit wann interessiert Dich das?"
"Seit ich mir ansehen musste wie er niedergemäht wurde!" gab Malgorzatta zurück, nun etwas
versöhnlicher. Sie glaubte ihm.
"Wissen wir, wer es getan haben könnte?" fragte sie ihn weiter.
Theozuz war misstrauisch. Sie hatte ihn noch nie nach so etwas gefragt, sich für Interna interessiert.
Zumindest nicht so offensichtlich!
"Nein! Wir haben Meldungen darüber gehört! Aber wir waren nicht beteiligt und wissen auch nicht,
wer dahinter steckt!"
"Bestimmt?" fragte Malgorzatta nach.
Thoezuz nickte argwöhnisch.
"Jaa?"
"Danke Dir!"
Malgorzatta nickte ihm zu und verließ ohne weitere Erklärung das Büro, ging nach oben, in die
Wohnräume der Botschaft. Ohne Umschweife ging sie ins Schlafzimmer, öffnete den
Kleiderschrank, nahm ihre Reisetasche heraus und begann zu packen. Es vergingen keine zehn
Minuten bis Efremil herein kam. Theozuz schien ihn zweifellos über ihre Anwesenheit und
wahrscheinlich auch über ihre Fragen informiert zu haben.
"Was tust Du?"
Er blieb neben dem offenen Kleiderschrank stehen, warf einen kurzen Blick auf ihre prall gefüllte
Reisetasche. Er war so das ganze Gegenteil von G. Groß, schlank, markantes Gesicht, hohe
Wangenkochen, dunkle Augen, schwarze Haare, er trug einen tadellosen schwarzen Anzug, ein
weißes Hemd und eine bordeauxrote Krawatte. Als sie sich damals - auf Geheiß des CIA - auf ihn
eingelassen hatte, hatte sie sich wirklich in ihn verliebt. Er hatte überaus ansprechende Manieren, er
war weltgewandt und hatte einen tadellosen Ruf als Botschafter. Er vertrat sein Land wirklich
ausgezeichnet im Ausland, er setzte sich ausnahmslos und vehement für die Bürger ein, die sich in
der Not an ihn wandten. Nur liebte sie ihn jetzt nicht mehr!
"Ich packe." gab sie, so sanft, so unanklagend wie möglich zurück.
Sie musste Luft holen. Ihr Herz raste bis zum Hals. Ihr war eiskalt. Sie versuchte, an G zu denken.
In ein paar Minuten würde alles vorbei, sie frei sein.
"Ich ... ich muss Dich verlassen, Efremil! Ich muss unsere Ehe beenden! Ich hatte es mir anders
vorgestellt, aber ... es ist jetzt so gekommen!"
Sie brachte es nichts über das Herz zu sagen, es täte ihr leid! Es wäre gelogen gewesen!
"Du musst?" wiederholte Efremil. Er war sehr ruhig. Wie immer. Sie kannte ihn nicht aufgeregt.
"Ja. Das muss ich tun!"
"Wegen des amerikanischen Agenten? Theozuz hat mir erzählt, dass Du ihn gefragt hast!" Efremils
dunkle Augen brannten auf ihrem Gesicht.
Malgorzatta wollte nicht diskutieren. Sie wollte es einfach nur hinter sich bringen.
"Ich muss es einfach tun, Efremil ... bitte!"
"Du wirst es aber nicht!" gab Efremil zurück. Streng, beherrscht, ruhig!
"Das kann ich nicht zulassen!"
Malgorzatta sah ihn verblüfft an. Sie vermochte seine Erwiderung beim besten Willen nicht
einzuordnen. So kannte sie ihn nicht. Und so wollte sie ihn auch gar nicht mehr kennen lernen!
Sie griff zu ihrer Handtasche, zu den Henkeln der Reisetasche.
"Du bleibst!" schnitt Efremils dunkle Stimme durch den Raum.
"Dein Platz ist an meiner Seite!"
Malgorzatte machte zwei Schritte vom Bett weg. Diese unbekannte Seite ihres Noch-Ehemanns
machte ihr auf einmal Angst! Er hatte ihr immer alle Freiheiten gelassen! Sie wollte nichts als weg
hier!
G in seinem Krankenbett kam ihr in den Sinn. Sie konnte die Kälte seiner Haut an ihrer fühlen!
Dabei sah sie Efremil in die Innentasche seiner Anzugjacke greifen. Seine Hand kam mit einer
Pistole zum Vorschein. Die richtete er auf sie. Es klickte sehr leise im Raum, als er sie entsicherte.
Malgorzatta spürte augenblicklich mehr Verblüffung als Angst. Das konnte doch nicht sein!
Efremil, ihr vor Gott angetrauter Ehemann, der ihr unzählige Male versichert hatte, er würde sie
lieben, würde sie doch nicht erschießen!
Doch während ihr das durch den Kopf ging sah sie die Bewegung seines Zeigefingers am Abzug.
Der Knall war fürchterlich laut in dem Raum.
Der Schlag gegen ihre Brust riss sie von den Füßen. Was wirklich weh tat war, als sie beim Fallen
mit dem Rücken auf die Kante des Nachttisches aufschlug. Ihr dunkles Shirt klebte plötzlich in
warmer Feuchtigkeit an ihrem Oberkörper. Sie konnte einfach nicht mehr atmen.
Ihr wurde schwindelig. Rasch tastete sie mit dem Daumen nach dem Ring an ihrem Finger. Dann
wurde ihr schwarz vor Augen.
Kapitel 4
Kayleigh Doyle I
Kayleigh erkannte den amerikanischen Agenten sofort.
Nicht nur, weil er der einzige Passagier war, der hier durch den Seiteneingang von dem
Sicherheitsbeamten begleitet wurde.
Er sah fast genauso aus wie auf dem Foto, das ihnen vom NCIS in Los Angeles übermittelt worden
war. Er war nur etwas kleiner. Und etwas stämmiger.
Doch am Bemerkenswertesten war das Blau seiner Augen, das sie auf dem Foto schon beeindruckt
hatte.
Jetzt hier, in dem hellen Flur des Londoner Flughafens, im Tageslicht, das durch die Fenster
hereinfiel, machte es sie im ersten Moment fast sprachlos.
Er trug Jeans, eine kurze graue Jacke, und ein Shirt, dunkelblau, was das Blau seiner Augen nur
noch mehr betonte.
Kayleigh schätzte ihn auf Ende, Mitte Dreißig. Er wirkte jugendlich. Und durch seine raspelkurzen
Haare, seine tagealten Bartstoppeln, die sich über seinen Hals, seine Wangen, sein Kinn breiteten,
raubeinig und tough.
Kayleigh spürte, wie sein Blick sich auf sie richtete. Sie konnte nicht verhindern, dass sie errötete.
„Mister Callen? Guten Tag! Willkommen in England!“
Sie reichte ihm die Hand während sie mit der Linken ihren Dienstausweis hoch hielt.
„Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug! Mein Name ist Kayleigh Doyle. Ich arbeite beim
CI5!“
Callen ergriff ihre Hand und erwiderte ihren Händedruck, fest, selbstbewußt, aber nicht
unangenehm.
Sein Lächeln war klein.
„Guten Tag, Miss Doyle!“
Kayleigh sah seine Augen kurz, aber aufmerksam zu dem Dokument in ihrer Hand rutschen.
Dann sah er sie wieder an.
„Danke. Ich bin es gewohnt, wesentlich unbequemer zu fliegen!“
„Danke! Ich übernehme jetzt!“ meinte Kayleigh zu dem Sicherheitsbeamten, zeigte ihm ihren
Ausweis.
Der nickte.
„Natürlich Ma’m! Ich wünsche einen angenehmen Tag!“
„Danke! Wünsche ich Ihnen auch!“ gab Kayleigh zurück und sah dem Mann kurz nach, der in
Richtung der Sicherheitsschleuse zurück ging.
Dann sah sie wieder zu Callen, zu seiner großen Umhängetasche, und dann ihn an.
„Ist das alles … Ihr Gepäck?“
„Ja.“ nickte Callen knapp.
„Gut.“ Kayleigh wies zum nächsten Ausgang.
„Möchten Sie erst zur Botschaft fahren um sich etwas frisch zu machen nach dem langen Flug oder
sollen wir gleich zur Einsatzzentrale?“
„Lassen Sie uns zur Einsatzzentrale fahren!“ gab Callen zurück.
„Gibt es schon etwas Neues? Irgendwelche Forderungen?“
Kayleigh schüttelte den Kopf.
„Nein, leider nicht! Im Moment versuchen wir immer noch herauszufinden, wo das Video gemacht
wurde und vor allen Dingen wo es hochgeladen wurde!“
„Unsere Leute sind da auch schon dran!“ meinte Callen.
Kayleigh nickte verstehend.
„Miss Lange hat uns gegenüber angedeutet, wie wichtig die Sache ist … mehrmals sogar … da
hinten der Blaue!“
Nachdem sie das Gebäude verlassen hatten wies sie zu dem unauffälligen Kleinwagen auf dem
Parkplatz gegenüber.
Callen folgte ihr dorthin, über die Anfahrtstraße vor dem Gebäude, und stellte sich gleich auf die –
für ihn eigentlich fremde- Beifahrerseite, wie Kayleigh wohlwollend registrierte.
Sie aktivierte die Zentralverriegelung.
„Ich habe einmal mit ihr gesprochen! Sie klang sehr besorgt! Sie scheint sich sehr … um ihr Team
zu kümmern!“
Callen schob seine Tasche auf die Rückbank, klappte den Sitz dann nach vorne, nahm Platz und zog
die Tür zu.
„Ja, Hetty … Miss Lange … ist sehr besorgt! Sind wie alle!“ meinte er nachdem sie auch
eingestiegen war.
Kayleigh warf ihm einen kurzen prüfenden Blick zu.
Nicht ungewöhnlich, dass er seine Vorgesetzte beim Vornamen nannte, aber ungewöhnlich, dass er
sich darauf verbesserte. Auch der Unterton in seiner Stimme, den sie eigentlich mehr gespürt als
gehört hatte, machte sie ein wenig stutzig.
Er klang sehr vertraut.
Sie kannte Henrietta Lange nicht persönlich. Es war ein einfaches Telefonat gewesen, das sie mit ihr
geführt hatte. Doch vom Ton ihrer Stimme her, von ihrer Ausdrucksweise hatte sie sich schon etwas
älter angehört! Und es ging sie ja auch gar nichts an!
„Sie scheinen sich alle sehr gut zu verstehen in Ihrem Team?“
Kayleigh schnallte sich an, startete den Motor, lenkte den Wagen, nachdem sie sich vergewissert
hatte, dass Callen angeschnallt war, auf die Straße.
Callen nickte.
„Ja. Sollte in jedem Team so sein! Zumindest wenn man den anderen sein Leben anvertrauen
muss!“
Kayleigh fädelte den Wagen in den Verkehr Richtung der Innenstadt ein.
„Wie lange kennen Sie Mister Renko schon wenn ich fragen darf?“
„Schon über zehn Jahre.“ gab Callen zurück.
„Ich habe das erste Mal bei der DEA mit ihm zusammen gearbeitet!“
„DEA ist …?“ Kayleigh warf ihm einen kurzen fragenden Blick zu.
„Drug Enforcement Administration.“ erklärte Callen.
„Und der Unterschied zum NCIS ist?“ fragte Kayleigh weiter.
„Ich muss zugeben, ich habe etwas Schwierigkeiten mit den ganzen Abkürzungen.“
„Naval Criminal Investigation Service.“ ließ Callen sie weiter bereitwillig wissen.
„Wir sind eine Strafverfolgungsbehörde der U.S. Navy, eigentlich sind wir innerhalb dieser
Organisation das Office für special projects. Je weniger Leute wissen, dass es uns gibt, umso
besser!“
„Klingt nach einer Menge Undercover-Jobs?“ fand Kayleigh.
Aus dem Augenwinkel sah sie Callen zustimmen nicken.
„Darf ich fragen, aus wie vielen Leuten Ihr Team besteht?“
„Wir sind zu Viert.“ antwortete ihr Callen knapp.
„Mike … Mister Renko … ist mehr … so eine Art freier Mitarbeiter. Wir sorgen uns dennoch sehr
um ihn!“
„Das ist verständlich.“ fand Kayleigh.
„Wir hatten dem NCIS hier in London … es muss, glaube ich: Naval criminal investigative service
resident unit heißen …die Zusammenarbeit angeboten, aber die haben es lieber nach Los Angeles
weitergegeben! Wenn Mister Renko dort Mitarbeiter war, ist das verständlich!“
Sie sah ein ganz kleines Lächeln über Callens Gesicht huschen, nur ganz kurz. Wahrscheinlich hatte
sie die Worte der Abkürzung nicht richtig wiedergegeben. Es war ihr egal. Irgendwie freute sie sich,
ihn zu diesem Lächeln gebracht zu haben. Er wirkte sehr ernst. Nicht nur aus Sorge um seinen
Kollegen. Er schien grundsätzlich nicht viel zu lachen.
„Wir wissen, dass Mister Renko auf den Weg in den Sudan war.“ fasste sie zusammen.
„Er hatte ein paar Stunden Aufenthalt hier und war auf dem Weg in die amerikanische Botschaft als
er verschleppt wurde. Irgendjemand muss also gewusst haben, dass er hier ist! Ist ausgeschlossen,
dass in Ihrem Büro etwas weitergegeben wurde?“
„Als ich geflogen bin, liefen noch Sicherheitschecks.“ gab Callen zurück.
„Von solchen Einsätzen wissen immer nur wenige Leute, wir vertrauen ihnen, dennoch wird immer
versucht, die Informationen gering zu halten, sie nicht zu bündeln. Wir überprüfen noch alles!“
Kayleigh nickte.
„Haben Sie sonst mehr auf Schiffen zu tun, von wegen Navy, oder stellt man sich das nur falsch
vor?“
Sie warf ihm einen kurzen Blick zu.
„Eigentlich haben wir recht wenig auf Schiffen zu tun … die meisten Verbrechen passieren immer
noch an Land … „
Seine Stimme klang bei den letzten Worten merkwürdig gepresst.
Kayleigh sah kurz zu ihm herüber.
Mit einem Mal kam er ihr ein wenig blass vor.
Er saß sehr aufrecht, zurückgelehnt gegen den Sitz, den Kopf hoch erhoben gegen die Kopfstütze
gedrückt.
„Alles in Ordnung, Mister Callen?“
„Nicht wirklich … würden Sie `mal ranfahren?“
Er machte eine ungenaue Handbewegung zum Straßenrand.
„Natürlich.“
Kayleigh warf ihm einen irritierten Blick zu während sie den Wagen an den Straßenrand lenkte.
Callen öffnete den Sicherheitsgurt.
Er öffnete die Tür, stieg aus. Blieb einfach am Wagen stehen, mit einem Arm auf dem Dach, den
anderen oben auf dem Türholm. Für einen langen Moment. Und einen noch längeren.
Kayleigh schaltete verwundert den Motor aus, öffnete ihren Sicherheitsgurt und stieg ebenfalls aus,
sah zu Callen über das Wagendach.
Er hielt seinen Kopf hoch erhoben, hatte den Blick auf einen unbestimmten Punkt in der Ferner
gerichtet. Sie konnte sehen wie seine Brust sich rasch hob und senkte.
„Was ist? Fühlen Sie sich nicht gut?“ fragte sie ihn irritiert über das Dach hinweg.
Callen sah sie an.
Seine blauen Augen leuchteten in seinem blassen Gesicht geradezu.
„Nein, schon gut! Ich werde nur leicht reisekrank … je nachdem, wer fährt!“
Kayleigh sah ihn weiter an.
Sie wusste nicht, ob ihre Fahrkünste gerade in Frage gestellt wurden oder Callens Mitteilung als
neutral zu werten war.
Bisher hatte sich noch niemand bei ihr beschwert.
Sie hatte unzählige Stunden Fahrsicherheitstraining hinter sich!
Sogar ihr Vater, selbst ein anspruchsvoller Fahrer, hatte nicht ein einziges Mal Kritik geäußert!
Vielleicht lag es am Linksverkehr!
Eigentlich fühlte sie sich nicht kritisiert.
Mehr als alles andere tat er ihr leid!
„Möchten Sie vielleicht fahren?“
„Ja, würde ich gerne!“ gab Callen zurück.
Kayleigh nickte.
Sie ging sogleich um den Wagen herum, Callen machte sich ebenfalls daran, auf die andere
Wagenseite zu wechseln.
Es war ein bisschen merkwürdig für sie, in ihrem eigenen Dienstwagen auf dem Beifahrersitz Platz
zu nehmen. Und es war noch befremdlicher zu beobachten, wie jemand anderes sich hinter das
Steuer setzte und den Wagen selbstsicher und souverän auf die Straße lenkte.
„Was für einen Dienstwagen stellt Ihnen der NCIS zur Verfügung?“
Callen warf ihr einen kurzen Blick zu.
Sein Gesicht hatte schon wieder etwas Farbe bekommen.
„Einen Jaguar.“
„Wow! Benötigen Sie noch Mitarbeiter?“
Callen lachte.
Kayleigh gefiel das.
Erstens signalisiertes es ihr, dass es ihm besser ging.
Und zweitens freute es sie, ihn dazu gebracht zu haben.
Sie hatte den Eindruck, dass Special Agent Callen viel zu wenig lachte.

Die Zentrale des CI5 war in einem alten Internatsgebäude untergebracht. Nachdem Callen als
Besucher akkreditiert worden war brachte sie ihn in den Einsatzraum.
Hier liefen die Ermittlungen zum Aufenthaltsort von Mike Renko noch auf Hochtouren.
An der großen Videowand links lief das Video, das die Entführer geschickt hatte, ohne Ton.
An der Videoleinwand rechts wurden sämtliche Dokumente und Informationen, die sie über Mike
Renko besaßen, angezeigt.
Auf dem großen Computertisch in der Mitte des Raumes waren die neusten Informationen zu lesen
und es lagen auch einige Dokumente in Papierform dort.
Das Licht im Raum war gedämpft um die Bildschirmschriften besser lesen zu können.
Im Moment arbeiteten hier Steve Garrett und Lance Bandeaux, zwei Datenanalysten, an ihren
Bildschirmen.
Kayleigh machte Callen mit ihnen bekannt.
„Haben wir schon etwas Neues?“ erkundigte sie sich dann bei ihnen.
„Das Video ist in einem Internet-Café in der Marina-Road hochgeladen worden!“ meinte Garrett
daraufhin.
„Gestern Morgen gegen elf Uhr! Es wurde über verschlüsselte IP-Adressen umgeleitet, eine aus
Belgien, eine in den Niederlanden. Letztendlich konnten wir es aber dorthin zurück verfolgen! Im
Moment … „ er wies auf den Bildschirm vor sich, der eine Straße zeigte „ … schaue ich mir das
Sicherheitsvideo des Elektroladens nebenan an. Wir haben in der Zeit von halb elf bis elf drei Leute,
die das Café betreten haben. Im Moment lassen wir sie durch unsere Gesichtserkennung laufen! Wir
haben ihre Bilder auch nach Los Angeles übermittelt, damit Ihre Leute sie dort überprüfen können,
Mister Callen!“
Callen nickte.
„Hört sich vielversprechend an!“ fand Kayleigh erst einmal. Sie hielt viel davon, ihre Mitarbeiter
durch Lob zu motivieren.
„Haben wir sonst noch etwas?“
„Nein, das ist im Moment alles!“ gab Garrett zurück.
„Danke!“ Kayleigh nickte.
Sie sah zu dem amerikanischen Agenten.
„Ich hole mir einen Kaffee, Mister Callen! Darf ich Ihnen einen mitbringen?“
„Gerne.“
„Mit Milch, Zucker?“
„Ich trinke ihn schwarz!“
„Gerne.“
Kayleigh verließ den Raum und ging über den kleinen Flur zur Teeküche, einem schmalen Zimmer
mit einer kompletten luxuriösen Küchenzeile, an der sie ihre Getränke bereiteten und ihre Speisen
für die Pausen erwärmen konnten.
Sie goss Kaffee aus der Warmhaltekanne in zwei Becher und balancierte sie hinüber in den
Einsatzraum.
„Hier, bitte!“
Sie reichte Callen den Becher.
„Danke.“
Sein Blick streifte sie mit einem Hauch Verwunderung.
„In unserer Einsatzzentrale sind Getränke und Speisen unter allen Umständen zu vermeiden!“
Es klang fast ein Hauch Ehrfurcht in seiner Stimme mit als er das sagte.
Kayleigh sah ihn prüfend an.
War das wohl die Order seiner Vorgesetzten, von der er fast ebenso vertraut gesprochen hatte? Bei
ihnen hatte es so etwas noch nie gegeben!
Callen sah sie an.
Selbst hier im Halbdunkeln des Raumes war das Blau seiner Augen noch immer strahlend,
durchdringend.
Die Stoppeln seines Tage-alten Bartes hoben sich dunkel von der Haut seines Kinns, seiner Wangen,
seines Halses ab.
„Wir verbringen hier teilweise Stunden, ein Kaffee zwischendurch oder ein Happen zu Essen
müssen einfach sein! Für die richtigen Pausen gibt es einen Pausenraum, ein paar Türen weiter!“
„Ehm, Ma’m, wir haben einen Mister Beale in der Leitung vom NCIS in Los Angeles!“ wandte
Lance jetzt ein.
„Legen Sie ihn mir bitte auf den großen Bildschirm!“ gab Kayleigh zurück und machte einen
kurzen Fingerzeig nach links.
Sie sah kurz zu Callen.
Sein ausdrucksloses Gesicht hatte sich ein kleines bisschen erhellt als der Name des Mitarbeiters
aus Amerika fiel.
Jetzt wurde das Video ausgeblendet und ein junger Mann mit Brille, lockigem Haar,
unkonventionell kariertem, offenem Hemd mit einem Shirt darunter und einem Kapuzenpullover
darüber erschien auf dem Bildschirm.
Er wirkte etwas überrascht.
„Ehm … guten Tag … mein Name ist Eric Beale … „ seine Augen rutschten deutlich herüber zu
Callen „ … hallo Callen! Guten Flug gehabt?“
Callens Kopfbewegung war klein, aber deutlich.
„Eric, was hast Du für uns?“
Seine Stimme klang streng, berufsmäßig.
„Ja … „ Eric Beale warf einen raschen Blick auf den Tablett-PC in seiner Hand „ … wir haben
einen Treffer in der Datenbank für einen der Männer aus dem Internet-Cafè! Er hat es um 10.48 Uhr
britischer Zeit betreten und sein Name ist Hamet Oshnur! Er ist letztes Jahr im Februar in die USA
eingereist und wollte für drei Monate seinen Bruder besuchen! Hier ist er aufgefallen weil er nachts
mit zwei anderen Männern auf dem Merion Golfplatz festgenommen wurde!“
„Was hat er da gemacht?“ Callens Stimme klang verwundert.
Eric Beale zuckte die Schultern.
„Der Polizeibericht geht über Vandalismus nicht hinaus! Ich schicke euch alles, was wir gefunden
haben! Callen, gibt es bei euch schon etwas Neues?“
Kayleigh wunderte sich ein wenig über den lässigen Ton, den Eric Beale Callen gegenüber
anschlug.
Callen erschien ihr als absolute Respektsperson, sie kannte es von hier nicht, dass man so mit
seinem Vorgesetzten sprach. Aber vielleicht lag das an einer anderen Mentalität!
„Nein, nichts!“ gab Callen zurück.
Eric nickte.
„Okay, dann viel Erfolg noch!“ meinte er dann und beendete die Übertragung.
Eine Menge Dokumente erschienen auf dem Bildschirm.
„Wow!“ meinte Garrett überrascht.
„Was haben Sie über Hamet Oshnur für uns, Mister Garrett?“ erinnerte Kayleigh ihn sanft, aber
bestimmt.
Aus dem Augenwinkel sah sie Callen an seinem Kaffee nippen. Garrett tippte an seinem Computer.
„Hamet Oshnur, syrischer Staatsbürger, hat das Land nach seiner Rückkehr aus den USA im Mai
letzten Jahres nicht wieder verlassen! Er ist hier als minderbeschäftigt gemeldet, bei einem
Elektronikunternehmen! Wir haben eine Adresse in Ealing von ihm!“
„Wo genau?“
Kayleigh trank einen großen Schluck von ihrem Kaffee.
„Thirty-five Mattmore Drive!“
„Danke.“
Kayleigh sah zu Callen herüber.
„Sollen wir uns die Adresse `mal ansehen, Mister Callen?“
„Natürlich!“ gab der amerikanische Agent sofort zurück. Es klang sehr entschlossen und
kämpferisch.
„Vielleicht ist das eine Spur!“
Mit ihm war sicher nicht zu spaßen!
„Senden Sie die Adresse bitte auf mein Navi, ja? Danke! Wir sind dann dort!“
Sie wandte sich zum Gehen.
„Ist das weit von hier?“ erkundigte sich Callen als er ihr folgte.
„Vielleicht eine halbe Stunde wenn man gut durchkommt!“ antwortete Kayleigh.
Aus dem Augenwinkel sah sie Callen nicken.
Als er seinen Kaffee ausgetrunken hatte warf er den leeren Becher im Vorübergehen in einen der
Papierkörbe auf dem Flur.
Sie brauchte dafür bis zum Erdgeschoss und schaffte es auch nicht im Vorübergehen.
„Mister Callen?“
Er wandte sich auf dem Parkplatz zu ihr um.
Hier im hellen Tageslicht konnte sie erkennen, dass seine Haut einen ganz sanften Braunton hatte.
Seine Bartstoppeln hoben sich dunkel davon ab. Die feinen Härchen seiner Augenbrauen waren
hell, wobei die Linke etwas heller schien. Kleine Fältchen kringelten sich unter seinen Augen. Für
einen Mann hatte er sehr lange, schöne Wimpern.
„Möchten Sie fahren?“
Ein ganz kleines Lächeln umspielte seine Lippen.
Er machte die wenigen Schritte zu ihr und nahm die Schlüssel, die sie ihm reichte.
„Danke.“
Kayleigh nickte.
Es beeindruckte sie, dass er die wenigen Schritte zur Beifahrerseite voran machte und ihr die
Wagentür öffnete, sie einsteigen ließ. Er schlug die Tür hinter ihr zu, ging um den Wagen herum
und stieg auf der Fahrerseite ein.

Oshnurs Adresse war ein Appartement im 3. Stock eines Wohnblocks.


Sie verließen den Wagen und stiegen die außen am Gebäude liegenden Treppen hinauf, Callen
klopfte ohne Umschweife, ohne Absprache an die Tür mit der Appartementnummer, die Garrett
ihnen genannt hatte.
„Mister Oshnur?“
Er horchte.
Kayleigh lauschte ebenfalls.
Es war ruhig in der Wohnung. Absolut.
„Mister Oshnur?“ rief Callen nochmal, lauter, auffordernder.
Dann sah er sie an.
„Dürfen wir `rein?“
Kayleigh schüttelte den Kopf.
„Gefahr im Verzug?“ Callen sah sie fragend an.
Kayleigh musste lächeln.
Er wirkte sehr entschlossen.
Doch sie musste erneut den Kopf schütteln.
„Tut mir leid … nicht wirklich, hm? Wahrscheinlich ist die Gesetzeslage bei Ihnen in Amerika …
Verzeihung!“
Ihr Mobiltelefon klingelte.
Sie zog es aus der Tasche und meldete sich.
Es war Garrett aus der Zentrale.
„Wir haben Oshnur auf einem Überwachsungsvideo in der Mortimer Street gefunden! Über die
Kamera eines Geldautomaten haben wir gesehen, dass er dort in das Haus mit der Nummer
Siebenundvierzig gegangen ist! Conrey ist mit seinen Leuten auf dem Weg dorthin!“
„Danke! Wir fahren auch dorthin!“ gab Kayleigh zurück und deutete Callen mit einer kleinen
Kopfbewegung an, zu gehen.
Auf dem Weg zum Auto erzählte sie ihm was die Leute in der Zentrale herausgefunden hatten.
Es beeindruckte sie, dass er alles sofort verstand.
„Wie wird der Einsatz ablaufen?“ erkundigte er sich während er den Wagen zu der Adresse lenkte,
die sie in das Navi eingegeben hatte.
„Es werden uns andere Teams dort erwarten!“ ließ sie ihn wissen.
„Sie verfügen bereits über die Grundrisse des Hauses und werden uns anhand von Wärmebildern
sagen können, mit wie vielen Personen wir es dort zu tun haben werden! Wir nehmen Oshnur mit
und verhören ihn, wir nehmen die anderen mit und verhören sie wenn noch andere Personen vor Ort
sind, und wenn wir ganz viel Glück haben, dann ist Mister Renko auch dort und unser Fall ist
gelöst! Fahren Sie am Besten da in die Seitenstraße! Der Lieferwagen dort gehört zu uns!“
Sie machte einen kleinen Fingerzeig zu dem Van.
Callen lenkte den Wagen dahinter und parkte ihn ein, schaltete den Motor ab.
Sie stiegen aus und gingen zu dem Van, Kayleigh klopfte zweimal an die hinteren Türen.
Sie wurden geöffnet.
Tobias Conrey, der Einsatzleiter, sah sie kurz an bevor er die Tür frei gab.
„Miss Doyle! Wir sind soweit! Kommen Sie herein!“
„Das ist Special Agent Callen vom NCIS in Los Angeles, ein Kollege des verschwundenen
amerikanischen Agenten!“ machte Kayleigh die Männer schnell bekannt.
Drei Männer saßen hier im Van, in voller Ausrüstung, mit schußhemmenden Westen und
automatischen Waffen.
Einer von ihnen stand auf und reichte ihr aus einem Regal hinter sich ebenfalls eine solche Weste.
„Haben Sie auch noch eine für Agent Callen? Er wird uns bei dem Einsatz unterstützen!“ fragte
Kayleigh während sie die Weste anlegte. Nur so eben, für einen ganz kurzen Moment, spürte sie
Callens Hand an ihrer Schulter als er ihr den breiten Träger hielt, damit sie hindurch schlüpfen
konnte.
Für einen Moment fühlte sie sich irritiert, während sie zu ihm sah, ihm ein kurzes Lächeln schenkte.
„Danke.“
Das hatte noch keiner der Männer gemacht, mit denen sie je zusammengearbeitet hatte, selbst ihre
Ausbilder nicht!
Callen erwiderte ihr Lächeln nicht, doch der Blick seiner Augen ruhte einen langen Moment auf ihr.
Kayleigh spürte Wohlwollen darin.
Der Mann reichte auch Callen eine Weste bevor er wieder auf der schmalen Holzbank vor dem
Regal Platz nahm.
„Wir haben vier Teams.“ meinte Conrey in der Zwischenzeit.
„Zwei sichern bereits den Garten und gehen von dort `rein, sobald wir starten, wir gehen von vorne
`ran! Soweit wir das anhand der Geräuschanalyse und der Wärmebildkameras erkennen können, ist
nur eine Person im Haus! Es dürfte sich hierbei um unsere Zielperson handeln!“
Er zeigte auf einen Computerbildschirm, der zwei Grundrisse zeigte. Ungenaue Umrisse einer
Person, in Rot angezeigt durch die Körperwärme, waren innerhalb der Linien auf der linken Seite
zu sehen, in einer Ecke.
„Die Überwachung der Telefonleitung zeigt uns an, dass die Person momentan an einem Computer
arbeitet! Wir leiten die Daten zwar um, dennoch sollten wir nicht mehr zu lange warten!“
Kayleigh nickte zustimmend während sie zu Callen sah.
Er streifte sich gerade seine Weste über und wirkte sehr konzentriert.
„McDermott und Longmuir gehen durch die Garage!“ fuhr Conrey fort.
„Miss Doyle, Sie gehen mit Agent Callen von vorne ins Gebäude, Adler und ich kümmern uns um
das offen stehende Erkerfenster! Noch Fragen?“
Für die Männer schien alles klar.
Auch Kayleigh hatte dem nichts hinzuzufügen. Das war Routine. Unzählige Male geübt, unzählige
Male durchgeführt. Es hatte Abende gegeben, da hatten ihr Vater und Onkel Bodie gefachsimpelt,
wie man bei so etwas am Besten vorging. Allerdings war es das erste Mal, dass sie so einen Einsatz
mit einem Fremden an ihrer Seite durchführte. Doch sie vertraute Callen, er machte den Eindruck,
als verstünde er sein Handwerk.
Sie folgte den Männern aus dem Wagen.
In Deckung der parkenden Autos, der Vorgartenmauern, eilten McDermott und Longmuir zu dem
braunen Garagentor mit der schmalen Seitentür, Adler und Conrey huschten nach links durch die
Büsche des Gartens davon.
Callen sah sie an und machte eine kleine Kopfbewegung in Richtung links neben die Tür während
er sich rechts an die Hausmauer preßte.
Kayleigh drückte ihre Schulter an die kalten Steine während sie verwundert überlegte, ob sie ihm
hier so einfach das Kommando überlassen durfte / wollte, ob sie bereit war, sich auf die Sache so
einzulassen und dass eigentlich überhaupt nicht der Moment für eine solche Überlegung war.
Callen streckte die Hand zum Türknauf aus um zu überprüfen, ob die Tür abgeschlossen war als in
diesem Moment die Meldung über ihren kleinen Kopfhörer aus dem Van kam: „Zielperson ist nicht
mehr zu sehen! Ich wiederhole: Zielobjekt ist nicht mehr zu orten!“
„Wie kann das sein?“ raunte Callen und sah sie an.
„Wir haben schon `mal Überlagerungen durch die Möbel!“ gab Kayleigh zurück, fand diese
Erklärung aber selbst etwas lahm. Bei so hoch technisierten Geräten, wie der CI5 sie besaß, sollte
das eigentlich nicht mehr vorkommen.
„Okay, `reingehen!“ gab Conrey in diesem Moment das Kommando. Callen langte zum Türknauf.
Dabei richtete er seinen Blick auf sie.
Fragend.
Kayleigh wußte, dass sie nicken sollte.
Konnte sie aber nicht, weil ihr genau in diesem Moment in den Sinn kam, dass sie noch nie einen
Mann mit so schönen Augen gesehen hatte.
Ihr Vater hatte grüne Augen und mit seinen kurzen grauen, fast weißen Haaren hatte sie ihn bisher
immer – trotz seines fortgeschrittenen Alters – für unglaublich attraktiv gehalten. Tatsächlich hatte
er trotz seiner achtundsechzig Jahre noch immer einen unheimlichen Schlag bei Frauen. Sie konnte
sich sehr gut vorstellen, dass sich Callens Attraktivität mit Fortschreiten seines Alters auch noch
steigern würde.
„Sind Sie bereit?“ raunte Callen ihr zu.
Es klang mahnend und auffordernd zugleich.
„Ja.“ nickte Kayleigh rasch.
Callen drehte den Türknauf.
Das leise Klicken zeigte an, dass die Tür nicht verschlossen war, sie schwang sanft einen ganz
kleinen Spalt auf.
„Auf Drei.“ raunte Callen leise.
Von drinnen kam ein Rumpeln. Schwere Schritte.
Callen zählte nicht.
Er zeigte die Zahlen mit den Fingern herunter.
Kayleigh fühlte sich ein bisschen irritiert, sie hatte das nicht erwartet. Sie hatten das nicht
abgesprochen!
Doch nach dem angedeuteten „Drei“ stieß Callen die Tür auf und stürmte in die Wohnung, Kayleigh
blieb nichts anderes übrig als hinterher zu hasten.
„Wohnraum sicher!“ hörte sie schon aus dem Hintergrund des Hauses.
„Verdammt, Silbert, ich muss wissen, wo der Verdächtige ist!“ rief Conrey.
Es klang angespannt.
„Gesichert!“ rief Callen nach einem kurzen Rundblick durch den kleinen Nebenraum auf der linken
Seite und wandte sich dem hellen offenen Raum auf der rechten Seite, mit der Durchreiche zu.
„Gesichert!“
„Conolly, bleiben Sie mit Tucker im Garten, Adler, mit mir nach oben!“
„Hier ist ein Keller, Sire!“ rief Longmuir, von dem kleinen Flur neben der Treppe.
„Sehen Sie mit McDermott da unten nach!“ ordnete Conrey, schon auf den ersten Treppenstufen an.
Adler folgte ihm.
Ein großer Wohnbereich breitete sich im hinteren Bereich des Gebäudes aus, rechts war eine kleine
Küche neben der Holztreppe, die nach oben führte.
Die Glastür vom Wohnzimmer in den Garten stand offen, Kayleigh konnte von hier aus Mike
Tucker sehen, der im Garten die Büsche durchkämmte.
Oshnur konnte eigentlich nicht draußen sein, sie hatten ihm keine Chance gegeben!
Doch wo war er?
Die Dielen der dünnen Holzdecke knarrten unter den schweren Schritten der Männer oben.
Kayleigh fing Callens Blick auf.
Er wirkte wachsam, angespannt.
In diesem Moment fiel ein Schuss. Ein dumpfes Poltern folgte.
Kayleigh sah instinktiv nach oben.
Der ihr Gefühl sagte ihr nur zu genau, dass der Schuss nicht von oben gekommen war.
Er war hier irgendwo im Erdgeschoss gefallen!
„Was ist da unten los?“ rief Conrey sofort.
„Keine Ahnung! Es war ein Schuss, wir wissen noch nicht, wo er hergekommen ist!“
„Alles in Ordnung?“
„Bei uns ja!“
Callen hatte seine Waffe hoch gerissen.
Er eilte an ihr vorbei zu dem kleinen Nebenraum links, sah hinein. Dann betrat er die
Abstellkammer, Kayleigh konnte ihm nicht mal folgen weil so wenig Platz war.
Sie blieb im Türrahmen stehen und verfolgte mit den Augen, wie Callen nach einem kurzen
Moment der Orientierung im Raum zu dem Regal auf der rechten Seite ging.
Er sicherte seine Waffe, steckte sie in das Holster am Bund seiner Jeans, legte beide Hände an den
Rahmen eines Holzregals und suchte fragend ihren Blick.
„Kommen Sie, geben Sie mir Deckung!“
Kayleigh zwängte sich neben ihn, richtete ihre Waffe in Brusthöhe aus.
„Okay! Auf Drei! Eins, Zwei, Drei!“
Callen zählte kurz.
Dann riss er den Regalrahmen zurück.
Es ging überraschend leicht.
Und gab den Blick frei auf ein Versteck, nicht mehr als ein Hohlraum in der Wand und nicht `mal
groß genug für einen Mann, der sich soeben selbst erschossen hatte, zu Boden zu sinken.
Das tat sein Körper erst jetzt, als seine Füsse des Halts durch das weggerückte Regal beraubt
wurden.
Er hatte sich in den Mund geschossen.
Sein halber Hinterkopf war dadurch zersplittert, Blut und Organflüssigkeit klebten an der
Hinterwand des kleinen Raumes und sein Gesicht war blutverschmiert.
Es roch nach abgefeuerter Waffe und dem Kupfer des frischen Blutes.
Kayleigh ließ ihre Waffe sinken und fing Callens Blick auf.
„Oshnur? Was meinen Sie?“ wollte er von ihr wissen.
Kayleigh schüttelte den Kopf.
Sie steckte ihre Waffe weg.
„Wäre fahrlässig irgendetwas zu behaupten ohne seine DNA! Er hat sich ganz schön entstellt!“
„Was habt ihr?“
Conrey zwängte sich zu ihnen in die Kammer, Kayleigh drückte sich an die Wand und Conrey
starrte Callen über die Schulter, in das Versteck.
„Hm … verdammt!“
Er wandte sie ab und ging wieder hinaus, griff dabei zu seinem Mobiltelefon.
„Was passiert jetzt?“ wollte Callen von ihr wissen.
Er beugte sich über den Toten, tastete ihn rasch ab, förderte aus der Hemdentasche ein Mobiltelefon
zutage. Während er auf das Display sah, drückte er rasch ein paar Tasten.
„Scheint ein Prepaid-Handy zu sein.“ meinte er nach einem Moment.
„Keine gespeicherten Nummern, entweder er wollte es noch nutzen oder er hat alles gelöscht!“
„Ich denke, das Beste wird sein, wir lassen seine DNA bestimmen um herauszufinden, ob es
wirklich Oshnur ist!“ gab Kayleigh zurück, mit einer raschen Kopfbewegung zu dem Toten.
„Während sich die Rechtsmediziner darum kümmern lassen wir untersuchen und auswerten, was
wir hier an Mobiltelefonen und Computer noch finden, und wir lassen seine Telefondaten
analysieren!“
Callen nickte.
Er wandte sich um, ließ ihr den Vortritt aus dem kleinen Raum hinaus, „Danke.“ meinte Kayleigh
rasch, schwer beeindruckt.
Sie zog einen Plastikbeutel aus ihrer Tasche und hielt ihn ihm geöffnet hin, Callen ließ das
Mobiltelefon hineinfallen.
„Wir bringen das Telefon gleich in die Zentrale zur Untersuchung!“ rief Kayleigh in Coreys
Richtung.
„Nehmen Sie den Laptop hier auch gleich mit!“
Conrey machte die wenigen Schritte durch den Raum zu ihr und reichte ihr den PC in einer der
großen braunen Papiertüten für Beweismittel, „Bringen Sie das erst Mal zur Untersuchung, wir
bringen den Rest später nach falls wir noch `was finden!“ meinte er dabei.
Kayleigh nickte.
Sie verließ mit Callen das Haus und nachdem sie ihre Ausrüstung zu Claus Silbert im Van
zurückgegeben hatten fuhren sie zur Zentrale.
Dort gaben sie die beiden Geräte zur Analyse in die Technik.
„Wir haben eine erste positive Gesichtserkennung bei dem Toten!“ wurden sie oben im Einsatzraum
begrüßt, in einer Telefonschaltung aus dem Wohnhaus, in dem die Spurensicherung mittlerweile
eingetroffen war.
„Doch wir können sie nur zu siebzig Prozent vertreten weil sich durch den Kopfschuss die
Gesichtssymmetrie um einige Grade verschoben hat! Für endgültige Gewissheit sollten wir den
DNA-Test abwarten! Eine Blutprobe ist schon im Labor!“
Kayleigh nickte.
„Danke, Joe! Bitte melden Sie sich wieder wenn Sie … „
Die Tür zum Einsatzraum öffnete sich und ein Mann kam herein.
Er trug einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und eine rote Krawatte, seine kurzen Haare
waren grau und außerordentlich jugendlich gestylt.
„Dad!“ meinte Kayleigh überrascht.
Sofort machte sie die wenigen Schritte zu ihm, legte beide Arme um seinen Nacken und schmiegte
sich kurz an ihn.
„Was machst Du denn hier?“
Sie sah ihn verwundert an.
„Hallo Liebes!“
Kayleigh spürte, wie ihr Vater sie noch einmal kurz an sich zog, sie beide hatten ein sehr herzliches
Verhältnis zueinander.
„Wir haben gleich eine Sitzung wegen des verschwundenen amerikanischen Agenten!“ ließ ihr
Vater sie dann wissen.
„Es ist eine Telefonschaltung angekündigt mit dem NCIS in Los Angeles und Bodie wird auch da
sein falls die SAS benötigt wird!“
„Ach, da Du es gerade erwähnst … „
Sie machte ein paar Schritte beiseite und machte eine rasche Handbewegung in Callens Richtung.
„ … Dad, das ist Agent Callen, ein Kollege des entführten Mister Renko! Mister Callen … das ist
mein Vater, Ray Doyle. Er hat früher auch beim CI Five gearbeitet!“
„Ich habe Ihr Bild unten in der Halle gesehen, Sir, freut mich!“ gab Callen zurück, machte die
wenigen Schritte zu ihnen und erwiderte Ray Doyles Handschlag.
„Ihre Verdienste müssen gravierend sein bei einer solchen Auszeichnung!“
Für einen Moment klang er fast untergeordnet, respektvoll.
Ray Doyle lachte leise.
„Das ist sehr schmeichelhaft, Agent Callen! Und völlig übertrieben!“
Kayleigh fing Callens Blick für einen sehr langen Moment auf.
Er strotzte vor Selbstbewusstsein, doch sein Verhalten war momentan fast devot, wohlerzogen.
Sie mochte seine tadellosen Manieren.
Sein Blick war sehr ernst.
„Wir tun alles in unserer Macht stehende um Ihren verschwundenen Agenten zu finden!“ hörte
Kayleigh ihren Vater sagen.
Callen nickte.
„Danke, Sir!“
„Also Liebes, ich muss los!“ hörte Kayleigh ihren Vater nun sagen und er wandte sich ihr zu, legte
seinen Arm um ihre Schultern und zog sie kurz an sich, sie spürte seinen Kuss leicht an ihrem Haar.
„Grüss` Onkel Bodie von mir!“
„Mache ich!“
Ihr Vater ließ sie sanft los und wandte sich Callen zu, reichte ihm die Hand.
„Agent Callen, wenn Sie es möglich machen können, wenn sich bis morgen der Fall erledigt hat,
würde ich mich freuen wenn Sie zu meiner Geburtstagsfeier hinaus auf Belsize Park kommen!
Fragen Sie Kayleigh!“
Er machte eine rasche Kopfbewegung in ihre Richtung, Kayleigh spürte, wie sie rot anlief.
Der locker-flockige Ton ihres Vaters war ihr unangenehm. Seine Einladung an Callen war es nicht.
Sie konnte sich durchaus vorstellen, einen netten entspannten Abend mit ihm zu verbringen, im
Haus ihres Vaters, bei einer kleinen zwanglosen Feier mit schönem Essen und angenehmen
Unterhaltungen.
„Sie haben Geburtstag, Sir? Herzlichen Glückwunsch!“ gab Callen zurück, erwiderte seinen
Handschlag.
„Aber solange Mister Renko nicht in Sicherheit ist bin ich zum Arbeiten hier!“
„Verstehe ich voll und ganz!“ sah Kayleigh ihren Vater nicken.
„Mein Geburtstag war letzte Woche, es ist nur eine Nachfeier! Und ich würde mich trotzdem
freuen, wenn Sie kommen würden!“
„Danke, Sir!“ meinte Callen.
Kayleigh erwiderte das Lächeln ihres Vaters rasch bevor er hinausging.
Sie sah zu Callen.
Er stand an den Tisch gelehnt, beide Arme vor dem Oberkörper verschränkt, und sein Gesicht war
noch immer sehr ernst.
Vorsichtig trat sie an seine Seite.
„Soll ich Sie zur Botschaft bringen, Mister Callen? Sie müssen müde sein? Ich rufe Sie an wenn es
etwas Neues gibt!“
Es war heraus ehe sie es verhindern konnte.
Callen sah sie an.
Ein ganz kleines Lächeln verzog sein Gesicht.
„Ich würde lieber hier bleiben! Ich brauche nicht viel Schlaf!“
Seine Erwiderung klang sehr sanft.
Kayleigh nickte.
„Und was halten Sie von einem Kaffee? Darf ich Ihnen einen mitbringen?“
„Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich Sie begleite?“
„Nein, bitte, kommen Sie mit!“ gab Kayleigh zurück.
„Dann können wir auch gleich `mal nach etwas zu Essen sehen! Ihre letzte Mahlzeit war im
Flugzeug, hm?“
„Ja.“ Callen nickte während er ihr über den Flur, zu der kleinen Teeküche folgte.
„Wahrscheinlich sind noch Sandwichs im Kühlschrank.“ mutmaßte Kayleigh während sie den
kleinen Raum betraten.
„Aber wahrscheinlich sind wir besser dran, wenn wir uns Pizza oder `was bestellen! Bitte,
entschuldigen Sie mich für einen Moment, Agent Callen!“
Während sie sich zur Tür wandte berührte sie mit der Hand leicht seinen Arm, mehr automatisch,
eine Geste, die sie sich irgendwann Personen gegenüber angewöhnt hatte, um die sie sich sorgte.
Es waren nicht sehr viele!
Jetzt war sie eigentlich sogar ein wenig erschrocken darüber.
Doch Callen ließ keine Spur von Missfallen erkennen.
„Natürlich!“ meinte er bloß.
Kayleigh holte ihre Handtasche und suchte die Toiletten auf.
Als sie den Raum verließ kam ihr Conrey entgegen.
„Die ersten Daten sind ausgewertet!“ meinte er gleich auf dem Flur zu ihr.
„Das Mobiltelefon war am Meisten eingeloggt in eine Funkzelle, die einen Bereich in Maida Vale
abdeckt! Wir haben Oshnurs Bild jetzt gezielt durch Aufzeichnungen der
Videoüberwachungskameras dort vor Ort laufen lassen und haben ihn gestern in ein Haus in der
Shirland Road gehen sehen. Ein erstes Untersuchungsteam ist auf dem Weg dorthin! Wir erwarten
in ein paar Minuten einen ersten Bericht!“
Kayleigh nickte.
„Wo ist Agent Callen?“ wollte Conrey wissen.
Kayleigh machte eine rasche Kopfbewegung zur Teeküche.
„Wir wollten uns gerade einen Kaffee holen! Ich bring` ihn gleich mit in den Einsatzraum!“
„Okay!“
Conrey wandte sich um und ging Richtung des Einsatzraumes davon, Kayleigh schlug den Weg zur
Teeküche ein.
Kaum hatte sie einen Fuß durch die offen stehende Tür gesetzt musste sie lächeln.
Callen saß auf der Couch.
Ein wenig nach hinten gegen die Lehne, nach rechts gegen die Armlehne gesunken, die Augen
geschlossen, sein Kopf lag ein wenig zurück im Nacken.
Er war eingeschlafen.
Seine Arme waren vor seiner Brust verschränkt.
Selbst jetzt, im Schlaf, war sein Gesicht nicht entspannt.
Kayleigh konnte sehen, wie seine Lippen sich leicht bewegten.
„Het.“ hörte sie ihn murmeln.
„Frica … plaja … „
Sie verstand „Plaja“, es erschien ihr Spanisch, auch wenn sie es nicht genau wußte und schon gleich
gar nicht, was es bedeutete.
Callen zuckte leicht zusammen. Er drehte die rechte Schulter leicht, schien sich im Schlaf
abzuwenden. Ein leises Stöhnen kam über seine Lippen.
Kayleigh war froh, dass sie ihn ohnehin wecken wollte. Er schien schlecht zu träumen!
„Agent Callen?“
Behutsam legte sie ihre Hand an seine Schulter.
Callen zuckte nicht `mal.
Seine Linke umklammerte statt dessen sofort ihr Handgelenk, so schnell, dass sie nicht `mal
reagieren konnte. Mit festem Griff zog er sie ein Stückchen zu sich hinab, erst dann trafen sich ihre
Blicke.
Callen ließ sie augenblicklich los.
„Tut mir leid!“
Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und sah sie an.
Verschlafen. Verknittert. Für einen langen Moment unwiderstehlich hilflos.
„Nein, tut mir leid, bitte verzeihen Sie!“ Kayleigh musste sich zusammenreißen um nicht nach
ihrem schmerzenden Handgelenk zu greifen.
„Sie scheinen schlecht geträumt zu haben, aber ich wollte Sie ohnehin wecken weil wir ein
verdächtiges Haus in Maida Vale haben!“
Vor ihrem geistigen Auge hatte sie ihn sofort von der Couch aufspringen und hinüber zum
Einsatzraum eilen sehen.
Stattdessen jedoch blieb er sitzen, fuhr sich noch mal mit der Hand über das Gesicht und machte
einen ziemlich mitgenommenen Eindruck.
„Alles in Ordnung?“
Sie konnte es sich nicht verbeißen und schon gleich gar nicht gelang es ihr, ihre Stimme neutral zu
halten. Es kam heraus zu sanft, zu besorgt.
Callen schien es nicht zu entgehen.
Er sah sie an.
Der Blick seiner blauen Augen wanderte für einen langen Moment über ihr Gesicht.
„Ich schlafe nicht sehr gut.“ gab er einfach zurück.
Kayleigh nickte. Sie verspürte Beklommenheit.
„Dann können Sie jetzt vielleicht einen Kaffee gut vertragen?“ Kayleigh wandte sich ab und ging
zu der Küchenzeile, nahm einen Becher aus dem Schrank und füllte ihn mit Kaffee aus der
Warmhaltekanne.
Sie hörte Callen hinter sich von der Couch aufstehen. Und spürte, wie er die wenigen Schritte zu ihr
machte. Und viel zu dicht hinter ihr stehen blieb. Die Wärme seines Körpers breitete sich an ihrem
Rücken aus.
„Hier, bitte, Ihr Kaffee!“
Als sie sich umwandte und ihm den Becher reichte war seine Nähe geradezu überwältigend.
„Danke.“
Seine Fingerkuppen berührten leicht die ihren als er den Becher ergriff.
„Haben Sie im Flugzeug denn etwas schlafen können?“
Sie sah zu ihm auf.
Callen stand so nah vor ihr, dass sie die einzelnen braunen Stoppeln seines Bartes über seine
Wangen, sein Kinn, seinen Hals erkennen konnte.
Und das unglaubliche Blau seiner Augen.
Ihr Blick lag sehr ruhig auf ihrem Gesicht.
„Nein.“
Callens Erwiderung war halblaut, einfach.
„Miss Doyle, wir haben die erste Video-Übertragung vom Haus in der Shirland Road!“ kam es jetzt
mit einem leichten Klopfen von der Tür her.
Kayleigh sah an Callen vorbei.
Es war Monica, die dort stand, eine der Schreibkräfte der Einsatzzentrale, und sie sah unbehaglich
aus, als fühle sie sich störend.
„Danke, Monica, wir kommen `rüber!“ meinte Kayleigh so freundlich, so ruhig wie möglich zu ihr.
Sie wollte ihr erst gar keinen Grund für Vermutung geben!
„Schauen wir uns das `mal an!“ meinte sie genau so freundlich, genau so ruhig zu Callen, konnte es
aber nicht lassen, im Vorbeigehen mit der Hand ganz leicht, ganz kurz, auffordernd seinen Arm zu
berühren.
Der Stoff seines Shirts war weich.
Sie spürte, dass er ihr folgte.
So ganz war sie nicht bei der Sache als sie die Einsatzzentrale betrat.
Auf der großen Videowand links war ein Haus zu sehen, einstöckig, mit einem kleinen, nicht allzu
sehr gepflegten Vorgarten und einem niedrigen Mäuerchen ohne Tor.
Die Fenster im Erdgeschoss hatten keine Gitter, die Haustür sah normal aus, etwas Grün umgab das
Gebäude, wenige Büsche.
„Übertragung der Wärmebildkamera kommt jetzt!“ meldete Lance Bandeaux.
Auf einem Teilbereich des Bildschirmes erschienen nun die Umrisse des Hauses, mit den roten
Wärmeumrissen zweier Personen im Erdgeschoss und zwei Personen im ersten Stock. Eine von
ihnen hatte eine liegende Position inne.
„Die Überwachung der Leitungen ergibt einen normalen Stromverbrauch.“ meldete Garrett.
„Allerdings gibt es ein großes Datenaufkommen in der Telefonleitung!“
„Wir gehen `rein!“ meinte Conrey, der soeben den Raum betrat und nur einen kurzen Blick auf die
Videowand geworfen hatte.
„Mit vier Personen ist die Situation im Haus günstig! Ein erstes Team ist fast schon dort, ein
zweites Team ist auf dem Weg! Wir nehmen volle Ausrüstung, treffen uns am Haus!“
Sein Blick blieb kurz an ihr hängen.
„Alles klar!“ meinte Kayleigh bloß.
Callen nickte stumm.
Conrey verließ den Raum.
Kayleigh sah zu Callen.
Er trank von seinem Kaffee.
„Fahren wir!“ meinte sie sanft zu ihm.
„Wir setzen frischen Kaffee auf wenn Mister Renko in Sicherheit ist!“
Es gelang ihr damit, ein kleines Lächeln auf Callens Gesicht zu zaubern. Kayleigh bedauerte, dass
es nur so kurz zu sehen war.
Sie verließen die Zentrale.
Kayleigh händigte Callen auf dem Weg zum Auto den Wagenschlüssel aus.
Lance hatte die Zieladresse bereits ins Navigationsgerät ihres Wagens eingegeben und das Gerät
lotste sie zu der Adresse in Maida Vale, zu der kleinen Seitenstraße, in der der Van mit der
Ausrüstung parkte.
Conrey, der ein paar Minuten vor ihnen hier angekommen war, brachte sie auf den neusten Stand.
„Es ist noch eine Person hinzugekommen!“ ließ er sie wissen, mit einem kurzen Fingerzeig auf den
Computerbildschirm im Van, während sie die schutzhemmenden Westen anlegten.
„Damit befinden sich insgesamt nun fünf Personen im Haus, eine Person im ersten Stock nach wie
vor in liegender Position! Wir gehen mittlerweile davon aus, dass es sich hierbei um Mister Renko
handelt, der sich in einem handlungsunfähigen Zustand befindet! Eine weitere Person befindet sich
im ersten Stock, die restlichen Drei im Erdgeschoss! Longmuir und Wood gehen durch den Garten
rein, McDermott und Adler durch die Seitentür! Ich sichere den Garten weil sich im ersten Stock
ein Balkon befindet! Doyle, Callen, Sie nehmen die Vordertür! Ich möchte die Kerle lebend!“
Kayleigh sah zu Callen.
Sein Gesicht war sehr ernst.
Er wirkte hochkonzentriert.
Während Conrey jetzt fragend in die Runde sah, erwiderte er dessen Blick nicht. Seine Augen
hingen an einem unbestimmten Punkt hier im Inneren des Wagens.
„Okay, dann los!“ meinte Conrey.
Sie verließen den Van und verteilten sich im Schutze der Dunkelheit, im Schatten der parkenden
Wagen, der Mauern und der Büsche.
„Bitte sind Sie so nett und zählen Sie dieses Mal wenn wir vor der Haustür stehen!“ raunte
Kayleigh Callen zu.
„Ich kann im Dunkeln Ihre Finger nicht sehen!“
Sie hörte Callen ganz leise lachen.
„Scheiße, Bewegungsmelder!“ rief Conrey in diesem Moment.
Augenblicklich flammte auch vor der Haustür ein weitreichender Lichtkegel auf.
Kayleigh sah in der grellen Helligkeit Callens alarmiertes Gesicht…

tbc
Kapitel 5
Kayleigh Doyle II
… Mit einem gezielten Tritt an das Schloss trat Callen die Tür ein. Er warf ihr einen raschen Blick
zu, stürzte dann mit gezückter Waffe ins Haus.
Kayleigh blieb nichts anderes übrig als ihm zu folgen.
In einen kleinen Flur, in dem links eine Treppe nach oben führte.
Auf der linken Seite stand eine Schiebtür offen, zu einem Wohnzimmer, „Hände hoch!
Bundesagent!“ hatte Callen gerufen.
Er stand ein paar Schritte im Raum, hatte seine Waffe auf zwei Männer gerichtet, die nun mit
erhobenen Händen dastanden.
Hinter dem Linken von ihnen, auf einem alten wackelig aussehenden Schreibtisch, stand ein
Computer. Der Bildschirm flackerte.
„Hinlegen, auf den Boden! Sofort!“
Aus dem Bereich hinten im Flur kam ein Rumpeln.
Die beiden Männer tauschten einen Blick.
Kayleigh erkannte an ihrer Körperhaltung, ihrem aufmerksamen Gesichtsausdruck, dass sie noch
nicht zum Aufgeben bereit waren.
Sie mussten so schnell wie möglich handlungsunfähig gemacht werden.
„Hinlegen, Sie haben es gehört! Jetzt sofort!“
Sie blieb neben Callen stehen.
Der rechte Mann beugte sich langsam vor. Wie um sich gehorsam auf den Boden zu legen.
Der Linke von ihnen langte jedoch mit seiner Hand blitzschnell an seinen Rücken, riss seinen Arm
dann nach vorne, Kayleigh sah die Waffe in seiner Hand.
Callen schoss.
Der rechte Mann warf sich sofort auf den Teppich, presste beide Hände neben seinem Kopf flach
auf den Boden.
Der Angeschossene sank mit einem Aufstöhnen zusammen.
Kayleigh lief sofort in seine Richtung und kickte mit dem Fuß seine Waffe beiseite.
Wie gelernt vergewisserte sie sich mit einem raschen Blick zu Callen, dass er den anderen Mann
sicherte während sie sich über den Angeschossenen beugte und rasch an seinem Hals nach seinem
Herzschlag tastete.
„Ich habe Schüsse gehört!“ meldete Conrey sich alarmiert über Kopfhörer.
„Was ist passiert?“
„Einen der Verdächtigen niedergeschossen!“ gab Kayleigh zurück. Sie fühlte keinen Herzschlag
mehr.
„Vermutlich tot! Er hat eine Waffe gezogen!“
„Verdächtiger im ersten Stock ausgeschaltet!“ meldete Adler von oben.
„Zweite Person hier als Agent Renko identifiziert! Er ist wahrscheinlich unter Drogen gesetzt,
scheint aber unverletzt! Krankenwagen ist auf dem Weg!“
Kayleigh sah zu Callen, der mittlerweile zu dem Mann am Boden gegangen war. Er hielt ihn nieder
mit einem Fuß auf der Wirbelsäule, hatte seine Hände nach hinten auf den Rücken gerissen und
befestigte sie nun mit Kabelbinder aneinander.
Es wirkte grob. Sie konnte es ihm nicht einmal verdenken.
Callen hatte ebenfalls einen Kopfhörer bekommen und war somit dem Funkverkehr der
Einsatzgruppe angeschlossen.
Ganz kurz vermochte sie jetzt die Erleichterung auf seinem Gesicht über die gute Nachricht zu
sehen.
Conrey kam herein.
Er sah sich kurz im Raum um.
Kayleigh hob die Waffe des Erschossenen auf und legte sie beiseite.
Sie sah wieder zu Callen.
Er überprüfte die Fesseln des am Boden Liegenden, verließ dann den Raum ohne sie anzusehen,
Kayleigh machte die wenigen Schritte zur Tür.
„McDermott?“
Der Angesprochene sah zu ihr herüber.
Kayleigh winkte ihn heran.
„Bitte, bleiben Sie bei ihm, ja?“
McDermott, ein breitschultriger, respekteinflößender Riese, nickte.
„Danke.“
Kayleigh wandte sich sogleich der Treppe zu und folgte Callen nach oben.
Hier im ersten Stock gab es drei weitere Zimmer.
Alle Türen standen offen, sei konnte aus dem Raum ganz links Stimmen hören. Sie schlug die
Richtung ein.
Conrey und Callen waren hier.
Callen telefonierte mit seinem Mobiltelefon.
Auf der Matratze rechts am Boden lag ein Mann, bärtig, mit halblangen Haaren, in einem
verschwitzten Hemd und Jeans. Er hatte die Augen geschlossen und wirkte mitgenommen.
Kayleigh erkannte Mike Renko nach den Bildern, die sie von ihm gesehen hatte, sofort.
„Was ist mit ihm?“
Sie machte eine rasche Kopfbewegung zu der Matratze während sie fragend zu Conrey sah.
„Sie haben ihn wahrscheinlich unter Drogen gesetzt um ihn unter Kontrolle zu halten!“ gab Conrey
zurück.
Kayleigh registrierte, dass Callen besorgt aussah, auch wenn er gerade am Telefon weitergab, dass
Renko gefunden und unverletzt war, offensichtlich seiner Zentrale in L. A.
Sie machte die paar Schritte zur Matratze, beugte sich hinab und legte ihre Fingerspitzen an Renkos
rechtes Handgelenk.
Seine Haut war heiß und schmutzig. Sein Herzschlag kam ihr beschleunigt vor. Ebenso schien seine
Atemfrequenz erhöht.
In der Ferne waren jetzt die Sirenen von Einsatzfahrzeugen zu hören.
Keine fünf Minuten später traf der Notarzt ein.
Er untersuchte den amerikanischen Agenten kurz, legte ihm eine Infusion an und ließ ihn dann von
den Sanitätern auf die Trage verfrachten.
„Wir nehmen ihn stationär auf.“ meinte er dann zu ihnen während er seine Sachen zusammen
packte, die Trage hinaus gebracht wurde.

„Seine Vitalfunktionen sind stabil, er scheint unter dem Einfluss von irgendwelchen Substanzen zu
stehen und wir werden versuchen herauszufinden, welche das sind, und sie zu neutralisieren!“
„Danke, Doktor!“ meinte Conrey.

Der Arzt nickte ihm kurz zu und ging hinaus.


Conrey griff zu seinem Mobiltelefon.
Kayleigh fing Callens Blick auf.
„Können wir ins Krankenhaus fahren?“
„Natürlich.“
Sie strengte sich an, um einen Blick auf ihre Armbanduhr zu vermeiden. Es musste tief in der Nacht
sein! Aber sie konnte seine Besorgnis nur zu gut verstehen!
„Lassen Sie uns die Ausrüstung zurückgeben und dann machen wir und gleich auf den Weg, ja?“
Callen nickte und wandte sich sofort der Tür zu.
Kayleigh folgte ihm.
Sie gaben im Van ihre Waffen, ihre Westen zurück und gingen dann zum Auto.
Erst jetzt bemerkte Kayleigh, dass Callen den Wagenschlüssel nach dem Aussteigen vorhin
eingesteckt haben musste als wäre es das Selbstverständlichste auf der ganzen Welt. Es entlockte ihr
ein kleines Lächeln wie er jetzt in seine Hosentasche griff, den Schlüssel herausnahm und die
Zentralverriegelung deaktivierte.
Sie lotste ihn zum Krankenhaus.
In der Notaufnahme fragten sie nach Mister Renko.
„Er befindet sich gerade im Untersuchungsraum!“ teilte ihnen eine Schwester nach einem Blick auf
ihre Ausweise mit.
„Sie können dort in dem kleinen Flur warten! Ein Arzt wird mit Ihnen sprechen sobald die
Ergebnisse vorliegen!“
„Danke schön.“ meinte Kayleigh.
Callen nickte der Schwester zu.
Dann nahmen sie auf den unbequem aussehenden grauen Plastikstühlen im Gang Platz.
Der Flur war kahl, hell, mit Neonlampen unter der Decke, mit leeren, beige gestrichenen Wänden,
mit einer großen Fensterreihe gegenüber den Stühlen, vor denen sich tiefe Dunkelheit befand. Es
wirkte trostlos.
Jetzt, nach ein paar Minuten der Ruhe, spürte Kayleigh, wie müde sie eigentlich war. Seit der
Alarmierung, dass ein amerikanischer Agent verschwunden war, hatte sie wenig geschlafen. Jetzt,
wo alles ein gutes Ende genommen zu haben schien, und die Anspannung langsam wich, fühlte sie
den Schlafmangel.
Auch Callen wirkte müde.
Dennoch schien er angespannt.
Jetzt stand er auf, zog sein Mobiltelefon aus seiner Hosentasche, warf einen Blick darauf und tippte
auf das Display. Dann sah er sie an.
„Entschuldigen Sie mich bitte!“ meinte er, schon auf dem Weg den Flur hinab, „Natürlich!“ meinte
Kayleigh hinter ihm her sah ihm nach, wie er durch die Tür hinaus ging.
Sie ließ sich auf dem Stuhl etwas zusammensinken.
Allmählich begann sie sich auf die Geburtstagsfeier heute Abend zu freuen. Sie freute sich darüber,
dass sie es schaffen würde, dort zu sein, auf ein schönes Essen in gemütlicher Runde, auf die Leute,
die sie lange nicht gesehen hatte und auf die ruhige entspannte Atmosphäre auf Belsize Park.
Die Tür ging auf und Callen kam zurück.
Sein Gang war ruhig, kraftvoll, Kayleigh bewunderte die leichte Bräune seiner Haut in dem hellen
klinischen Licht, das dunkle Blau seines Shirts und vor allen Dingen – einmal mehr – das Blau
seiner Augen.
Er nahm wieder neben ihr Platz.
Sein Lächeln zu ihr war klein, flüchtig.
„Ihre Leute in Los Angeles sind sicher erfreut, dass Mister Renko in Sicherheit ist?“ fragte sie ihn.
„Sicher.“
Auch der Ton von Callens Stimme war noch angespannt.
„Jetzt möchte ich ihnen nur noch mitteilen können, dass ich mit ihm gesprochen habe und er bald
nach Los Angeles zurückkommt!“
„Das kann bestimmt nicht mehr lange dauern!“ gab Kayleigh sanft zurück, bemüht, es beruhigend
klingen zu lassen.
„Es hörte sich doch ganz gut an, was der Notarzt gesagt hat!“
„Ja.“ gab Callen knapp zurück.
Es klang nicht wirklich überzeugt.
Kayleigh sah ihn von der Seite an.
„Sie schießen sehr gut, Agent Callen!“
Callen wandte den Kopf und sah sie an.
Wieder verzog ein ganz kleines Lächeln seine Lippen.
„Das war eine sehr gut geplante, sehr durchdachte Operation hier, Miss Doyle! Ich hatte gehofft,
dass wir die Sache in Mikes Sinn schnell zu einem guten Ende bringen können! Ich weiß wie das
ist, wenn man gegen seinen Willen irgendwo festgehalten wird! Ich möchte Ihnen und Ihrem Team
auch im Namen von Miss Lange für Ihre Zusammenarbeit und Hilfe danken!“
„Haben wir sehr gerne gemacht, freut mich, dass wir helfen konnten!“ gab Kayleigh zurück.
„Und bitte … ich würde mich freuen wenn Sie Kayleigh zum mir sagen!“
Callen sah sie an.
Sekundenlang war sein Gesichtsausdruck sehr weich.
„Ich heiße G.“
Kayleigh sah ihn an, schenkte ihm ein kleines Lächeln.
Sie nickte ihm leicht zu.
„Einfach nur G?“
Sie musste sich anstrengen, um sich ihr Erstaunen nicht anmerken zu lassen.
„Ja.“
Sie hörte die ganz leichte Unsicherheit in seiner Stimme heraus. Als sie den Kopf wandte und ihn
ansah spürte sie eigentlich mehr als dass sie wirklich sah, wie unangenehm ihm diese Unterhaltung
war.
Das verstand sie nicht.
Er hatte nicht gesagt, dass sie ihn `G` nennen sollte weil es eine Abkürzung für einen ungeliebten
Vornamen war wie vielleicht Guiseppe, Gandalf, Gregorewich oder was auch immer.
Er hatte behauptet, so zu heißen!
„Was ist … Dir passiert, dass Du Dich damit auskennst, gegen Deinen Willen festgehalten worden
zu sein?“
Es waren ziemlich viele persönliche Anredewörter in diesem einen Satz, Kayleigh kamen sie zuerst
nur schwer über die Lippen.
Es fühlte sich fremd an.
„Ich bin im Serbien-Krieg für ein paar Tage in feindlicher Gefangenschaft gewesen!“ gab Callen
bloss knapp zurück.
Kayleigh sah ihn verwundert an.
„Im Serbien-Krieg? Das war … das ist ewig her! Durftest Du damals schon dabei sein?“
Callen lachte.
Als ihre Blicke sich trafen war sein Gesichtsausdruck sehr zugetan.
Ihre Schultern berührten sich leicht als er lachte. Kayleigh stellte fest, dass er keine Anstalten
machte, diese Berührung zu unterbrechen.
„Es war mein erster Auslandseinsatz.“ gab er zurück.
„War es schlimm?“ fragte Kayleigh sanft weiter.
Callen schwieg für einen sehr langen Moment.
Sie sah seine Augen beiseite rutschen. Ihr Blick richtete sich auf einen unbestimmten Punkt im
Raum und blieb dort sehr lange hängen.
Kayleigh spürte, wie seine Schulter neben ihrem Oberarm sich verspannte.
„Es gab andere, die wesentlich schlimmer dort weggekommen sind!“ gab er schließlich zurück.
Er wich ihr aus. Bestimmt war es furchtbar für ihn gewesen.
So konnte sie nur zu gut verstehen, dass er nicht darüber reden wollte. Vielleicht sah er deswegen
auch so angespannt aus selbst wenn er schlief?
„Warum nur `G`?“ erkundigte sie sich sanft.
Callen zuckte die Schultern.
„Das ist mein Name.“
„Sehr kurz für einen Namen.“ gab Kayleigh zurück.
„Es klingt mehr wie eine Abkürzung?“
„Das ist es auch.“ gab Callen zurück.
„Für meinen Namen. Ich kenne ihn nicht! Ich weiß nur, dass er mit einem `G` beginnt!“
„Wie kommt so etwas?“ fragte Kayleigh möglichst ruhig, sanft weiter. Sie musste sich Mühe geben,
sich nicht anmerken zu lassen, wie schockiert sie war.
Mit seinem Namen identifizierte man sich! Wie kam man durch`s Leben ohne seinen ganzen
Namen zu kennen? Konnte man sich auch mit einem Buchstaben begnügen?
Callen räusperte sich leicht.
„Er ist … verloren gegangen. Niemand hat ihn mir mitgeteilt!“
Kayleigh verstand das rein gar nicht.
„Deine Eltern?“
„Ich kenne sie nicht! Habe sie nie kennen gelernt!“
Kayleigh schwieg betroffen.
„Und Dein Name?“ fragte Callen jetzt.
„Kayleigh? Wie bei `Dancing on the lawn with shooting stars`?”
Kayleigh musste im ersten Moment schlucken.
Sie fand, dass es immer etwas Magisches hatte wenn Leute, die man erst kennen gelernt hatte, das
erste Mal ihren Vornamen aussprachen.
Und bei Callen klang es hinreißend mit seinem amerikanischen Akzent.
Sie konnte nicht verhindern dass sie errötete.
„Ja …Derek war früher in meiner Klasse. Er hat Jahre später dieses Lied geschrieben!“
Callen nickte langsam.
Sein Gesicht hatte sich zu einem kleinen Grinsen verzogen.
„Wenn ich das Lied das nächste Mal höre kann ich davon ausgehen, dass das alles so stimmt wie es
dort höre? Zum Beispiel `Chalk hearts melting on the playground wall` oder „thought it was
confetti in our hair”?”
Kayleigh mochte sein Grinsen.
Auch wenn es ihr gerade ziemlich unangenehm war!
Sie fühlte ihre Wangen regelrecht glühen.
„Nein … es war mehr … Derek hätte es gerne so gehabt! Ehm … entschuldige, ich hole mir einen
Kaffee vorne am Automaten. Möchtest Du auch einen?“
„Nein, danke.“ Callen schüttelte den Kopf.
Kayleigh nickte und ging über den Flur davon, bemüht, es nicht nach der Flucht aussehen zu lassen,
die es war.
Sie war schon des Öfteren auf ihren Namen, auf das Lied angesprochen worden.
Doch noch nie hatte es ihr so viel ausgemacht, hatte sie sich so unbehaglich damit gefühlt, darauf
angesprochen zu werden!
Langsam, um noch etwas Zeit zu gewinnen, um wieder etwas abzukühlen, warf sie die Münzen in
den Automaten, drückte die Tasten, nahm den Becher schließlich heraus und schlenderte
gemächlich über den Flur zurück.
Callen stand auf als sie ihn fast erreicht hatte. Er machte ein paar Schritte auf sie zu.
Als er bei ihr angelangt war, berührte er ganz leicht ihren Arm.
„Tut mir leid! Ich wollte Dich nicht in Verlegenheit bringen!“
Kayleigh sah ihn an.
Er stand so nah bei ihr dass sie die Wärme seines Körpers spüren konnte. Und jedes Härchen seines
dunklen Bartes auf seiner leicht gebräunten Haut erkennen.
„Das hast Du nicht … nicht wirklich, G! Es ist nur … ich erzähle nur ganz wenigen Leuten die
Geschichte von dem Lied und … und meinem Namen. Das ist irgendwie … meins! Und ich teile
das nur mit ganz wenigen Leuten und deswegen kann ich auch so schlecht davon erzählen!“
Callen lächelte.
Er kam noch ein bisschen näher. Kayleigh fühlte seine Hand wieder leicht an ihrem Arm. Ganz
behutsam beugte er sich zu ihr hinab. Fast spürte sie sein Gesicht an ihrem Haar.
„Sie sind wegen Mister Renko hier?“ fragte in diesem Moment der Arzt, der auf den Flur trat. Er
sah aufmerksam in ihre Richtung.
„Ja.“ meinte G sofort und wandte sich dem Doktor zu.
„Er ist mein … Kollege.“
Kayleigh sah, wie er mit routiniertem Griff seine Brieftasche hervor holte und dem Arzt seine
Dienstmarke zeigte.
Der verzog nicht mal das Gesicht.
`NCIS` schien ihm nichts zu sagen.
Sie griff zu ihrem Ausweis, zeigte ihn dem Arzt kurz.
„Wir sind vom Außenministerium. Mister Renko und Mister Callen sind Gäste einer Delegation!“
Der Arzt nickte.
„Also gut! Mister Renko befindet sich nicht in einem lebensbedrohlichen Zustand! Er ist etwas
dehydriert, aber das ist mit ein, zwei Infusionen behoben! Eine vermehrte Flüssigkeitszufuhr wird
auch dafür sorgen, dass das Sedativum aus seinem Körper geschwemmt wird. Wir rechnen damit,
dass er in ein paar Stunden wieder ansprechbar sein wird!“
„Kann ich zu ihm?“ fragte Callen.
Der Arzt sah ihn an.
„Mister Renko ist im Moment nicht ansprechbar!“
„Kann ich zu ihm?“ fragte Callen noch mal. Seine Stimme klang unerbittlich, streng, hartnäckig.
Der Arzt knickte sofort ein.
„Ja, ist gut! Kommen Sie mit!“
Kayleigh konnte sich sehr gut vorstellen wie unangenehm es sein würde, von Callen verhört zu
werden.
Insgeheim hatte sie damit gerechnet, dass er sie auffordern würde, mitzukommen, doch zu ihrem
Erstaunen folgte Callen dem Arzt ohne sie auch noch einmal anzusehen!
Und eigentlich hatte er auch Recht!
Sie kannte Mike Renko schließlich nicht!
Und es gab für sie auch gar keinen Grund, ihm beiseite stehen zu wollen.
Kayleigh setzte sich wieder auf den Stuhl und trank langsam von ihrem Kaffee.
Sie musste aufpassen! Ihr Gefühl für Callen war ihr weit voraus!
Es dauerte nicht lange bis Callen zurückkam.
Kayleigh stand langsam auf.
Er blieb bei ihr stehen, beide Hände an die Hüften gestützt.
Seine Züge waren müde. Er wirkte mitgenommen, auch wenn es ihm mehr anzumerken als
anzusehen war.
Besorgt.
Kayleigh spürte ihre Hand erst im letzten Moment zu Gs Arm wandern. Als sie sie zurückzog hatten
ihre Fingerspitzen schon den Stoff seines Shirts berührt.
Sie sah Callens Augen kurz zu ihrer Hand rutschen.
„Ich bring` Dich jetzt zur Botschaft, oder, G? Du bist sicher froh, wenn Du Dich jetzt etwas
ausruhen kannst?“
Callen nickte.
Er griff zu dem Autoschlüssel in seiner Tasche.
Kayleigh musste unwillkürlich lächeln.
„Ich begleite Dich zur Botschaft zurück, besser gesagt!“
Ein kurzes Lächeln huschte über Callens Gesicht.
„Komm!“
Kayleigh spürte seinen Arm sekundenlang an ihrem Rücken, ihren Schultern, die Berührung war
vorbei bevor sie sie richtig genießen konnte.
Neben Callen verließ sie das Krankenhaus.
„Mike hat geschlafen.“ erzählte er ihr.
„Ich glaube, er hat das ziemlich gut weggesteckt, er sah ganz gut aus! Vielleicht schaffe ich es
morgen noch einmal hin, bevor ich zurück fliege!“
„Hört sich gut an!“ stimmte Kayleigh ihm zu.
„Wäre ja schön, wenn er das alles gut übersteht!“
Sie sah ihn an.
„Weißt Du schon, wann Du zurück fliegst?“
Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme sehr sanft klang. Wollte es auch gar nicht.
Callen schien es zu bemerken.
Sein Blick zu ihr war lang, warm.
„Ich weiß es noch nicht. Jetzt, wo hier alles erledigt ist, möchte ich natürlich so bald wie möglich zu
meinem Team zurück!“
„Natürlich.“ stimmte Kayleigh ihm zu.
War sie wirklich so töricht gewesen und hatte sie geglaubt, dass es etwas gab, das ihn hier hielt?
Wenn schon nicht für ein paar Tage, dann wenigstens für ein paar Stunden länger?
Es war schwer in ihrem Job.
Und G Callen schien sogar noch ein paar Stufen höher zu stehen!
Oder gab es vielleicht eine Mrs. Callen?
Callen parkte den Wagen vor der amerikanischen Botschaft.
Er schaltete den Motor aus und sah sie an.
„Danke.“
„Es war mir ein Vergnügen.“ gab Kayleigh zurück. Sie wusste nicht genau, wofür er sich bedankte.
Sie hatte nichts Besonderes getan!
„Ich rufe Dich an wegen dem Geburtstag!“
Kayleigh wollte sagen, dass sie sich darauf freute. Doch sie brachte es nicht über die Lippen.
„Ja, gut.“
Callens Nicken war kurz. Er sah sie an, schenkte ihr ein kleines Lächeln.
„Bis dann.“ meinte er und stieg aus.
Kayleigh nickte langsam.
„Bis dann!“
Er war schon aus dem Wagen als sie es erwiderte. Und sie wartete, bis er in der Botschaft
verschwunden war bevor sie umständlich auf den Fahrersitz kletterte.
Sie glaubte nicht, dass sie ihn wiedersah.

Ihr Mobiltelefon klingelte als sie eben aus London heraus war.
Kayleigh fuhr an den Straßenrand und nahm es aus ihrer Handtasche auf dem Beifahrersitz, meldete
sich.
Es war die Zentrale.
„Miss Doyle, wir haben Agent Callen für Sie am Telefon!“
„Danke schön!“ meinte Kayleigh bloß. Sie schaltete den Motor aus. Es war gerade mal knapp
zwanzig Minuten her, dass sie Callen an der amerikanischen Botschaft abgesetzt hatte.
„Kayleigh Doyle.“
„Ich bin`s, G! Gilt die Einladung wohl noch?“
Kayleigh musste lächeln.
„Ich bin mir fast sicher, G! Soll ich Dich abholen?“
„Nur, wenn es Dir nichts ausmacht!“
Seine Stimme klang sehr ruhig, fast sanft.
„Nein, das macht es gar nicht! Ich bin gleich bei Dir!“
„Danke. Bis gleich!“
Callen unterbrach das Gespräch und Kayleigh legte das Mobiltelefon auf den Beifahrersitz, startete
den Wagen und wendete ihn.
Sie fuhr nach London zurück.
Die Geburtstagsnachfeier ihres Vaters erschien ihr in Callens Begleitung sogar noch ein wenig
verführerischer.
Und sie konnte sich durchaus vorstellen, dass ein wenig Ablenkung, Zerstreuung, gutes Essen und
ein wenig Ruhe Callen auch ganz gut tun würden.
Als sie die Botschaft erreichte sah sie Callen auf dem kleinen Mauervorsprung des hohen Zaunes
sitzen. Seine Taschen standen neben ihm auf dem Bürgersteig.
Sie stellte den Motor ab, zog den Schlüssel aus dem Schloss und steig aus.
Callen stand langsam auf.
Kayleigh machte die wenigen Schritte zu ihm.
„Es wird meinen Vater sehr freuen, dass Du die Einladung annehmen möchtest!“
„In erster Linie war mir mehr daran gelegen, Dich wieder zu sehen als Deinem Vater eine Freude zu
machen!“ gab Callen ganz ungewohnt sanft zurück.
Es wunderte Kayleigh, wie er ruhig auf sie zukam, den Blick nicht von ihrem Gesicht wandte.
Sie konnte Wärme darin erkennen, Zugewandtheit, Zärtlichkeit.
„Das … „
Sie verstummte augenblicklich als sie spürte, wie Callen beide Hände an ihre Wangen legte. Die
Berührung seiner Lippen an ihren war sanft, kurz, behutsam.
Sie ließ ihre Hand gegen seine Brust sinken. Durch den dünnen Stoff seines Hemdes spürte sie die
Wärme seiner Haut.
„ … freut mich natürlich weitaus mehr als meinen Vater!“
Callen lächelte.
Sein Blick zu ihr war noch immer ruhig, zugewandt.
Kayleigh fühlte sich ein bisschen irritiert.
Sie hatte nicht geahnt, dass Callen ihre Gefühle erwidern würde, es nicht zu hoffen gewagt!
Sie traute ihm auch nicht zu, dass er nicht ernst meinte, was er da tat!
Doch das warf nur Probleme auf!
Behutsam ließ sie ihre Hand über die Vorderseite seines Hemdes streichen.
Sie fühlte sein Atmen gegen ihre Finger.
Es fühlte sich gut an.
Callen ließ seine Rechte sehr sanft bis zu ihrem Nacken streicheln, zog sie sacht zu sich und küsste
sie erneut.
Kayleigh schmiegte sich an ihn.
Seine Wärme, seine verhaltene Stärke, seine unmittelbare Präsenz überwältigte sie im ersten
Moment total.
Sie legte beide Arme um ihn.
Callen zog sie noch näher an sich.
Sein Kuss war intensiv.
Kayleigh mochte die Zärtlichkeit, die von ihm ausging, gerade weil sie im Kontrast zu seinem
raubeinigen Äußeren stand.
Langsam ließ sie ihre Hand über seine Brust bis hinauf zu seiner Wange streicheln, legte ihre Finger
sacht an seine warme kratzige Haut.
Behutsam löste sie ihre Lippen von den seinen.
„So sehr ich es auch genieße mit Dir hier zu stehen und herumzuknutschen, G … ich fühle mich
doch ein wenig unwohl vor den Kameras der Botschaft hier!“
„Der Blickwinkel reicht nicht bis zum Bürgersteig.“ gab Callen trocken zurück und sah sie an.
Kayleigh glaubte ihm auf`s Wort.
„Dann sollten wir uns trotzdem jetzt auf den Weg machen?“
Sie sah ihn fragend an.
Callens Blick war noch immer sehr ruhig.
Kayleigh fühlte noch immer Wärme darin, Zärtlichkeit.
Es wunderte sie, wie schnell, wie einfach das alle gekommen war. Und sie hatte jetzt schon Angst
davor, wie es enden würde!
„Okay!“
Callen zog sie sanft mit zur Beifahrerseite des Wagens, öffnete ihr die Tür, Kayleigh spürte, dass er
ihr bereits fehlte, für den kurzen Moment des Einsteigens bloß.
Callen schloss die Tür hinter ihr und ging um den Wagen herum, stieg auf der Fahrerseite ein und
zog die Tür hinter sich zu.
Er sah sie an, startete den Motor, lenkte den Wagen auf die Straße.
Als ihre Augen sich trafen lächelte er.
Kayleigh erwiderte es.
„Erzählst Du mir ein bisschen `was über Deine Eltern!“ bat er.
„Was muss ich wissen?“
„Mein Vater lebt allein.“ erzählte Kayleigh bereitwillig, freute sich insgeheim, dass er sich
interessierte.
„Meine Mum hat uns verlassen als ich … vierzehn war! Sie hatte Dads Leben für den CI Five satt,
Du kannst Dir denken, ständig undercover, nie daheim und so! Ich bin bei ihm geblieben, unser
Hausmädchen und die anderen Angestellten hatten ein Auge auf mich und Dad hat sich dann in den
Innendienst versetzen lassen damit er sich um mich kümmern konnte! Das rechne ich ihm hoch an,
noch immer!“
Gs Lächeln war sehr klein. Sehr kurz. Irgendwie traurig.
„Wie ist das mit Deinen Eltern passiert? Dass Du sie nicht kennst?“
„Lange Geschichte.“ wich Callen ihr aus.
Kayleigh spürte einen Kloß im Hals.
Eine Beziehung hatte für sie sehr viel mit Vertrauen zu tun!
Wie weit würden sie beide kommen wenn Callen ihr schon jetzt seine Vergangenheit verschwieg?
Sie fürchtete, nicht sehr weit!
Sie musste schwer schlucken.
„Ich dachte, Du ruhst Dich in der Botschaft etwas aus, ich hatte nicht gedacht, so schnell wieder
von Dir zu hören! Du siehst sehr müde aus!“
„In erster Linie bin ich froh, dass Mike alles gut überstanden hat!“
Callens Erwiderung irritierte Kayleigh.
Seine Stimme hatte sogar einen ganz leichten aggressiven Unterton.
Dann jedoch wurde sie sanft.
„Ja … vielleicht kann ich mich vor dem Essen noch etwas ausruhen!“
Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr.
„Das Essen ist erst heute Abend!“ gab Kayleigh halblaut, so ruhig wie möglich zurück.
Behutsam legte sie ihre Rechte an Callens Bein.
Er ließ es geschehen.
Allerdings machte er auch keine Anstalten, die Berührung zu intensivieren.

Kayleigh hatte das Navi ausgeschaltet weil sie den Weg hinaus nach Belsize Park im Schlaf kannte!
Also lotste sie Callen hinaus auf das weitläufige Grundstück mit der kurzen Auffahrt zwischen den
gepflegten großen Rasenflächen und dem kastenförmigen Wohngebäude.
Es war noch früh. Der Nebel hatte sich noch nicht aufgelöst. Die Luft war feucht.
Kayleigh hatte nach dem Aussteigen die Autotür noch nicht hinter sich geschlossen als die breite
Haustür bereits geöffnet wurde und ihr Vater im Türrahmen erschien.
Er trug Jeans und ein weißes Hemd und Kayleigh fand einmal mehr, dass er mit seinen grauen
kurzen Haaren für sein Alter richtig gut aussah.
„Hallo Dad!“
Sie ging zu ihm, mit ausgestreckten Armen, ließ sich von ihm in seine Umarmung ziehen.
„Hallo Kayleigh! Schön, dass ihr es schafft! Ich habe schön gehört, dass ihr den amerikanischen
Agenten befreien konntet! Wie geht es ihm?“
„Wohl ganz gut!“ gab Kayleigh zurück.
„Sie werden ihn noch etwas im Krankenhaus behalten, aber es ist alles gut gelaufen! Dürfen wir uns
hier ausruhen bis heute Abend? Ich wollte nicht extra in die Stadt zurück!“
„Sir!“ grüßte Callen, der in der Zwischenzeit zu ihnen gekommen war.
Es klang wieder sehr respektvoll.
„Freut mich, dass Sie da sind, Mister Callen!“ hörte Kayleigh ihren Vater sagen.
„Natürlich, Liebes!“ meinte er dann zu ihr.
„Ich hab` ja Platz genug! Kommt erst einmal `rein! Habt ihr schon gefrühstückt?“
„Ehrlich gesagt Sir, wäre mir eine Dusche erst einmal lieber!“ gab Callen zurück.
Kayleighs Vater lachte.
„Kein Problem! Kayleigh, zeigst Du ihm das Gästezimmer?“
„Gerne, Dad, danke!“
Kayleigh drückte ihm einen raschen Kuss auf die Wange bevor sie sich Callen zuwandte.
Sie ließ ihn vorangehen, ins Haus, und machte eine rasche Kopfbewegung zu der dunklen, mit
dickem Teppich ausgelegten Treppe rechts.
„Da hoch, bitte!“
„Ihr findet mich im Arbeitszimmer!“ meinte Ray Doyle.
„Ich sag‘ Mary, dass sie euch gleich noch etwas zum Frühstück macht, ja?“
„Ganz lieb, Dad, danke!“ rief Kayleigh und folgte Callen die Stufen hinauf.
Es roch nach Holz, wie immer auf der Treppe.
Kayleigh liebte den Tudor-Stil des Hauses, die niedrigen Decken in den Zimmern, die
Holzverkleidungen. Die dicken Teppiche, die kühlen Mauern und die alten wuchtigen Möbel.
„Nach links bitte!“
Sie machte eine rasche Kopfbewegung in die angegebene Richtung als Callen ihr einen fragenden
Blick über die Schulter zuwarf.
Erst im Erwachsenenalter hatte sie über das Klischee der mittelalterlichen Rüstung lächeln können,
die in alten Filmen in Herrenhäusern immer auf dem Flur stand.
Hier gab es sie tatsächlich.
Links neben ihr war die Tür zum Gästezimmer.
Sie öffnete Callen die massive Holztür.
Das dahinter liegende Zimmer war groß, hell, mit einem Kingsize-Bett mit geblümter Bettwäsche,
einem hochflorigen Teppich und alten Möbeln.
Das angrenzende kleine Bad war hochmodern renoviert.
Als sie hier noch gewohnt hatte, hatten manchmal ihre Freundinnen hier übernachtet.
„Das Gästezimmer.“
Callen ließ seine Taschen auf den Teppich fallen.
Sein Blick wanderte langsam, begutachtend durch den Raum.
Dann wandte er sich ihr zu.
Kayleigh spürte seine Hand sacht an ihrer Wange.
Er küsste sie.
Sie genoss es.
Lehnte sich etwas gegen ihn.
Callen ließ seinen Arm um ihre Schultern rutschen. Behutsam zog er sie von der Tür weg, schloss
sie vorsichtig hinter ihr ohne seine Umarmung zu lösen, leise, bestimmt.
„Komm!“
Seine Stimme war ein sanftes Raunen an ihrem Ohr.
Behutsam streifte er ihr die Jacke von den Schultern.
„Meinst Du wir sind hier … ein bißchen ungestört?“
Seine Lippen streichelten leicht über ihre Wange während er sprach.
Dann sah er sie an.
Kayleigh fühlte sich einmal mehr fast überwältigt von dem Blau seiner Augen. Durch die großen
Fenster war es hell genug im Zimmer, dass sie jedes einzelne seiner Barthärchen über seinen
Wangen, seinem Kinn erkennen konnte.
Gegen ihren Oberkörper spürte sie sein Atmen.
Behutsam legte sie ihre Hand an seine Wange.
Seine Haut war warm. Etwas kratzig.
„Ja. Wenn wir das möchten!“
Callen lächelte wieder.
Küsste sie.
Kayleigh ließ ihre Hände leicht über seiner Brust streichen, bis zum Aufschlag seiner Jacke, streifte
sie ihm sacht von den Schultern. Ließ sie zu Boden fallen, so wie er es mit ihrer getan hatte.
Als sie ihre Linke über seinen Rücken streicheln ließ spürte sie, wie ihr Handgelenk an das Metall
seiner Waffe unter seinem Hemd stieß.
Es wunderte sie ein wenig, dass er nach wie vor bewaffnet war.
Und dass er ihre sekundenlange Verwunderung zu spüren schien!
„Warte!“
Mit der Rechten langte er in seinen Rücken, nahm die Waffe und legte sie vorsichtig im Regal
neben der Tür ab.
„Die brauche ich im Moment wohl nicht!“
„Von mir aus nicht!“ gab Kayleigh leise zurück.
Callens Lachen war halblaut.
Es war nur ganz kurz und wirkte befremdlich auf Kayleigh weil es nur schlecht zu seiner noch
immer angespannten – innerlichen – Haltung passte!
Mike Renko war erfolgreich gerettet, doch Callen schien nicht zufrieden.
Er wirkte auf sie, als würde ihn noch immer etwas umtreiben. Als wäre er nicht ganz bei sich! Als
hätte er tiefer gehende Probleme!
„Alles in Ordnung? Du wirkst müde!“ meinte sie halblaut zu ihm.
„Ich bin grad` alles andere als müde!“ gab Callen zurück, berührte mit den Lippen sanft ihre
Wange. Behutsam ließ er sie zu ihren Lippen weiterwandern, küsste sie, während er sie noch etwas
näher an sich zog.
Kayleigh spürte seine Hand langsam, sacht unter ihren Pullover streicheln.
Seine warmen Finger an ihrer Haut ließen sie im ersten Moment scharf einatmen.
Callen sah sie an.
Sein Blick war überaus aufmerksam, zärtlich.
„Fühlt sich gut an!“ versicherte sie ihm rasch, schmiegte sich an ihn.
Langsam streichelte sie mit den Händen seinen Rücken hinab, bis zum Bund seiner Jeans, mogelte
ihre Fingerspitzen langsam unter den Stoff von Callens Hemd.
Seine Haut war weich, warm, Kayleigh konnte sehen, wie er für einen Moment die Augen schloss,
ihre Berührung offensichtlich genoss.
Langsam ließ sie ihre Hände weiterstreicheln.
Sie spürte Callens Kuss intensiver werden, inniger, fordernder.
„Komm!“ flüsterte er halblaut, zog sie langsam auf den Boden hinab.
Kayleigh ließ es geschehen.
Sie musste lächeln, erwiderte seinen Kuss während Callen sie in seine Arme zog, sie halb auf ihm
zu liegen kam als er sich auf den Teppich legte.
Vorsichtig ließ sie ihre Hand zur Knopfleiste seines Hemdes wandern, ihre Fingerkuppen
spielerisch zwischen den einzelnen Knöpfen kurz auf seine Haut rutschen, bevor sie den ersten der
Knöpfe öffnete.
Callen hielt ganz still.
Er hatte die Augen ein wenig geschlossen. Kayleigh öffnete langsam, nicht ohne es zu genießen,
zwei weitere Knöpfe seines Hemdes.
Sie beugte sich über ihn, berührte mit den Lippen sanft die Haut über seinem Brustbein.
In ihrem Haar fühlte sie Callens Finger.
Er stöhnte leise, behaglich, als sie mit den Lippen sacht abwärts über seine Haut streichelte, mit den
Fingern vorsichtig Knopf um Knopf öffnete, den Stoff beiseite strich.
Seine Haut war makellos, weich, warm.
Kayleigh spürte Callens Hand von ihrem Kopf über ihren Rücken hinabrutschen, zum Bund ihres
Pullovers. Er streifte ihn ihr mit einer sehr vorsichtigen, zärtlichen Bewegung über den Kopf, seine
Hände streichen warm über ihre Haut. Es war wie ein Rausch. Nur zu gerne ließ sie sich darauf ein
und strich Callen das Hemd von den Schultern als er sich aufsetzte, schmiegte sich an ihn als er sie
an sich zog und küsste.

Es war eine leichte Berührung an ihrer Wange die sie weckte, ein sachtes Streicheln.
Kayleigh schlug die Augen auf und registrierte verschlafen Callen am Bettrand sitzen, angezogen,
leicht über sie gebeugt.
Bevor sie einschlief – erinnerte sie sich jetzt noch zu gut – hatte sie eng an ihn geschmiegt hier im
Bett gelegen, seine warme Haut schwitzig an ihrer, sein Atem warm an ihrem Haar.
Jetzt trug er sogar seine Jacke.
Das Streicheln seiner Finger an ihrer Wange war leicht, sanft.
„Ich muss los! Hab` gerade einen Anruf gekriegt! Bitte entschuldige mich bei Deinem Vater!“
Kayleigh sah ihn an, blinzelte.
Sie verstand noch gar nicht so richtig, was er da sagte.
Doch seine Jacke vermittelte ihr genug.
Es war ihr schon bewusst gewesen, dass das nicht ewig dauern würde mit ihm! Doch so kurz?
„Hmhm.“
Callen beugte sich zu ihr hinab und küsste sie auf die Wange.
„Musst Du weit weg?“
Sie wühlte ihre Hand unter der Decke hervor und legte sie auf sein Bein.
Callen räusperte sich leicht.
„Ukraine.“ antwortete er ihr halblaut.
„Ich muss nach Kiew!“