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41 J"I

Geschichte - Politik - Philosophie

Festschrift für Willem van Reijen


zum 65. Geburtstag

Herausgegeben von
Bert van den Brink, Marcus Düwell,
Herman van Doorn und Wolfgang Eßbach

Wilhe1m Fink Verlag


Wilhelm
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ISB 3-7705-3880-3
o 2(0) Wilhclm Fink Verlag, München
Einbandgeslaltung: E\'el)'n Zieglcr, München
Her5leUung: Fcrdinand Schöningh GmbH, Padcrborn
Inhaltsverzeichnis

VorwOrt 7

J Geschichte

Keimpe Algrn
Vi/tU philoJophio dlix. Zum Verhältnis von Philosophie
und Politik bei Cicero 11
Herta Nagl-Docekal und Ludwig Nagl
Augustilluslektüren im Kontext der Gegenwansphilosophie 24
Ria van der Lecq
Thonuls von Aquin: Geschichte, Philosophie und Politik 39
Henning Ottmann
Was ist neu im Denken Machiavellis? 48
Theo Verbeek
..Göttliche Verwaltung", Spinoza über Demokratie und Theokratie 60

11 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

Ton van den Beld


Der Philosoph Masaryk: Zwischen Lilxralismus und Kommunitarismus 7t
Bernd Stiegler
Profane Erleuchtung als photographische Belichtung.
ßildordnungen in der Berliner Kindheit um Neunzehnhundert 83
Rob van Gerwen
Hauch auf dem Spiegel 96
Uwe Sleiner
Philosophische Um- und Abwege. Aus dem Schwarzwald
über Heidelberg nach Paris: Hcidcgger, i\hx Weber, Benjamin 106
Rolf Wiggershaus
Was ist deutsch? Was iSI normal?
Anrwonversuche der Frankfurter Schule 117
6 InhaJlsverzeichnis

Wolfll"ng Eßbach
Subversion. Kritik und Korrektur als Theorie-Praxis-Modelle 129
Hermann Schwengel
Von Luhmann zu Hege!. Zum Wandel politischer Konstellationen 138
Gerard Raulet
Demokratie, Republikanismus, Multikulturalismus. Zur Problematik
der französischen Cüo}"cnnetC: 146
Ben van den Brink
Politische Philosophie und Geschichte. Plädoyer
für eine aspektivische Flexibilität des politischen Denkens 155

111 Aktuelle Debatten

Wilhelm Berger
Gibt es eine politische Ethik in der technologischen Zivilisation? 167

Marcus Düwell
Naturbeherrschung und Versöhnung. Probleme einer philosophischen
Reflexion auf das Verhältnis von atur, Technik und Politik 179
Gunzelin Schmid Noerr
Was hilft die Ethik bei der Einschätzung der Technik?
Zur Legitimität der moralischen Fragen nach dem Allgemeinwohl 191
Jan Bergsrra und Albert Visser
Heilserwartung in der Informatik 204
Jan Hein Hoogsrad
The revolution shou1d be te1evised 217
Norben Bolz
Warum es intelligent ist, nett zu sein 225
Raimar Zons
Ruby Tuesday 235
Herman van Doorn
Philosophie und PholOgraphie oder Triumph des Bildes? 246

Kurzbiographie und Bibliographie Willem van Reijens 255

Die Autoren 265

Personenregister 267
Vorwort

"Die Frage nach Versöhnung, Glück und Heil ist die Folie, vor der sich in der
Philosophie, von Anfang an, die Frage nach der Wahrheit artikuliert.'<·
Mit diesem Satz eröffnet \'('iIlern van Reijen. dem dieser Band zurn 65. Ge~
burtstag gewidmet ist, einen seiner Aufsätze über das Heilsversprechen und
umreißt damit zugleich die Konturen seiner philosophischen Wdtsicht. In der
PhiJosophie dreht es sich für van Reijen um Wahrheit, aber Wahrheit ist kein
letztes Ziel. Ziel ist vielmehr Versöhnung. Glück und Heil. Van Reijen ist es,
wie so viele anderen Philosophen vor ihm, bisher nicht gelungen, über Versöh-
nung. Glück und Heil letzte Wone zu sprechen. Man wäre sogar versucht zu
sagen, daß die Frage nach der Wahrheit sich in van Reijens Philosophie vor der
Folie einer existentiell notwendigen, aber von Anfang an zum Scheitern verur-
teilten GraJssuche artikuliert. Begrifflich-analytisch orientierte Philosophen
flüstern schljeßlich nicht nur im Utrechter Fachbereich, daß düstere kontinen·
tale Kollegen wie van Reijen die Vorstellung vom menschlichen Glück viel-
leicht nicht ganz unabsichtlkh so formulieren, daß sie dem Menschen per dtfi-
nilionem unerreichbar bleiben muß. Die Tl1Igik und die Melancholik, dje mit der
Vorstellung des unerreichbaren Glückes einhergehen, bleiben nur durch Ironje
erträglich. In dem Balanceakt zwischen Tragik, 1elanchoLie und Ironie haben
die düsteren Philosophen der l\loderne eine eigene Form des Glücks finden
können. Dieser Balanceakt ermöglicht es ihnen, ein Wohlbefinden zu erfahren,
das zwar keineswegs ein volJends versöhntes oder glückliches ist, aber doch
Ergebnis der mutigen Gralssuche nach dem Unmöglichen - und eben deshalb
eine bessere als jede andere im Leben hienieden mögliche Form des Wohlbe-
findens.
Mit diesen kurz umrissenen zentralen Themen von Versöhnung, Glück und
Heil wird ein Spektrum wissenschaftlicher Bemühungen umrissen, das in ganz
unterschiedlichen Kontexten im Hinblick auf Fragen der praktischen und der
politischen Philosophie und ihrem Verhältnis zu der Idee der Geschichte ver·
folgt wird. Gcschicllle ist für van Reijen immer ein wichtiges Thema gewesen,
weil er als poljtischer Philosoph und Sozial philosoph die Fragen nach Versöh-
nung und Wahrheit immer auch im Lichte politischer und sozialer Utopien
und Zukunftsvorstellungen wahrgenommen haI. Ob nun in Auseinanderset-

\'(fillern V2n Reijen, .. Der ~lessi2s und der letzte GOtL Heilsversprechen bei Benj2-
min und Heidegger", in: Narben Bolz, WilJem V2n Reijen (Hrsg.), Htihl.,rsprrrht",
München 1998, S. 116.
8 VorwOrt

zung mit Problemen von Identität und Subjektivität,2 mit dem Begriff der Auf-
klirung in der frühen Kritischen Theorie,) mit den Debauen zwischen ,,;\'10-
demen" und ..Postmoderneo"4 und •• überalismus" und "Kommunitarismus«s
oder mit den philosophischen Ideen Benjamins und Heideggers 6 - immer ging
es um die Frage, ob und inwiefern die Philosophie versuchen saUte, der Men-
schengemeinschaft dabei behilflich zu sein, ihre Zukunft im Lichte ihrer Ver-
gangenheit :autonom und human zu gestalten.
Dabei macht schon dieser schJagljchtartige Überblick über Themen und De-
batten auch deutlich, daß Versöhnung und Wahrheit für \'V'illem van Reijen
nicht nur theoretische Begriffe in eschatologisch-apok3.l)'ptischer Ferne, son-
dern stets auch einen konkreten Aspekt seiner Arbeit darstellen. Es fallt un-
mittelbar auf, daß Willem van Reijen stets kontroverse Debatten aufsucht und
versucht, diese füreinander fruchtbar zu machen. Dabei geht es ihm weder um
vordergründige Vergleiche noch um obernächljche Vermittlungsversuche. In
jeder dieser Auseinandersetzungen geht es ihm darum, die Kontroverse offen
auszutragen: "Ich war immer davon überzeugt [...}, daß es genauso wenig Sinn
hat, Philosophien miteinander zu vergleichen wie Kunstwerke. Man sollte sie,
so meinte ich, jeweils mir ihrem Anspruch auf Unverwechselbarkeit ernst neh-
men. Und eine Phjlosophie nimmt man nur ernSt, wenn man sie mit ihrem
Anspruch, nicht nur einige richtige, sondern die einzig richtigen Kriterien für
die Unterscheidung wahr/falsch zu bieten, akzeptiert."7 l\·lit dieser Haltung un-
erbittlicher Prüfung der philosophjschen Ansprüche stürzte sich van Reijen in
alle Debatten, die sich in den letzten dreißig Jahren im Spannungsfeld von Ge-
schichte, Politik und Philosophie aufgetan haben. Es ging dabei um den Ver-
such, am Anspruch auf Wahrheit festzuhalten und doch im Spannungsfeld der
unterschiedlichen Positionen den philosophischen Gehalt von Kontroversen
stets besser zu verstehen.

2 Willem van Reijen. Bt.'Njlstin, JJ",tilil Nnd Sinn, Srultgarl 1975 (Habililll.tionsschrift).
Siehe fur eine vollständige übersicht über van Reijens Publikationen die Bibliogra-
phie hinten in diesem Buch.
} WiJ1ern van Reijen. Ado,."o zlir Ehljiihflln,g. Hannover 1980; ders.• J-Iorlr.hrimtr, I-Ianno-
ver 1982: ders. Philosophit (lls Kri/ile, Königstein i. Ts. 1984; ders. "Die lJ;(1ltlelik drr
ANfleliirlinl. gdesen als Allegorie", in: Willern van Reijen, Gunzellin Schrnid Nocrr
(I-Irsg.), Di(lltlelile dtrAlifleliirll"1. 1947-1987, Frankfurt a. l\L 1987.
• Dietmar Kamper. Willem van Reijen (I-Irsg.), Dit IInt'OlItndtlt Vt,."lInjt, Frankfurt a. M.
1986: Willem van Reijen. "Moderne versus Postmoderne. Die Allegorisierung unse-
rer Zeit". in: S. BUrischer und W. Donner u. a. (Hrsg.), Pos/modt,."t: Phi/osophrm und
Ara/miet, Bern 1989; ders... Labyrinth und Ruine. Die Wiederkehr des Barock in der
Postmoderne;" in: ders. (Hrsg.). Alltgorit lutd MtI(I,,(holit. Fnnkfurt a. M. 1992.
• Willem van Reijen, .. Die Beweislast der politischen Philosophie", in; Bert van den
Brink, Willem "an Reijen (Hrsg.), ßi'ltrgmlluhaft. Rtthl Mild Dtltlolera/it, Frankfufl
a. M. 1995.
• Norbert Bolz, Willem van Reijen, If/(llur Btllja/1tin, Fnnkfurt a. M. 1991; \'(Iillem "an
Reijen... Der Messias und der lerzte Galt"; ders.• Dtr Sth.·(I't!'·(I/J Mild Paris. Rr'YJIII/io-
, "irr Mt/aphorile bti Htid'l,glf' Nlld ßtIlj(l/1till. Munchen 1998.
\Villern \'an Reijen, Dtr Sth.·a"Z"·a/J Nlld PQris, S. 8.
Vorwort 9

Diese Haltung der Überbrückung von Grenzen findet sich nicht allein im
philosophischen Werk van Reijens, sondern auch in seinem gesamten Wirken.
Als Pendler zwischen Deutschland und den Niederlanden hat van Reijen einer-
sein philosophische Bemiihungen aus Deutschland in Phänomenologie, Her-
meneutik und Kritischer Theorie in die Niederlande vermittelt und zugleich
aus niederländischer Perspektive in Deutschland publiziert wie kein anderer.
Das schlägt sich auch in seinen vielfachen institutionellen Verankerungen nie-
der: Er hat in Deutschland studiert, promovien und habilitien, ist Ordinarius
in den iederlanden und zugleich Honorarprofessor in Freiburg. Aber Über-
brückungen finden sich auch in Willems Tätigkeit in Utrecht: in der jahrelan-
gen Zusammenarbeit zwischen Philosophie und Sozialwissenschaften und dem
in zahlreichen Zeitungsartikeln belegten Versuch, Philosophie in öffentliche
Auseinandersetzungen zu tragen. Und schließlich in seiner Tätigkeit als lang-
jähriger Dekan der Philosophischen Fakuhät, in der Willem durch seine koUe-
giale und vermittelnde Art nicht vor Konflikten zurückscheute, aber doch an
einer Atmosphäre der Offenheit, des gegenseitigen Respekts und der wissen-
schaftlichen Auseinandersetzung gearbeitet hat, die schlichtweg angenehm und
fruchtbar ist.
Die skizzierten wissenschaftlkhen Interessen van Reijens haben die Heraus-
geber dazu inspiriert, eine Reihe von Schülern, Freunden und Kollegen um
Beiträge zu bitten, die sich mit den Möglichkeiten philosophischer Reflexion
im Hinblick auf Politik und Geschichte beschäftigen. Im Hinblick auf die
Möglichkeit, rationale Maßstäbe für die politische Praxis zu entwickeln, hat das
Geschichtsbild in den vielC'n Konzepten der Moderne eine große Rolle ge-
spielt. Um dem philosophischen Wissen gegenüber der alltäglichen Welt ein
gewisses Maß an Unabhängigkeit und doch eine gewisse Wirksamkeit im Hin-
blick auf die politische Praxis zu verschaffen, war die Geschichtsauffassung
vieler Philosophen der Moderne häufig linear und fonschrittsorientien. Sie
wolhen zumindest pragmatisch die MögHchkeit von Fortschrit[ und gezieher
Entwicklung offenhalten. Im Hintergrund standen dabei häufig Annahmen im
Hinbl.ick auf eine mögliche Versöhnung von menschlicher Natur und mora-
lisch-politischen Zielen im Verlauf der Geschichte. Von der anderen Seite wur-
de entweder die Unabhängigkeit philosophischen Wissens von geschichtlicher
Bedingtheit angezweifelt oder doch über philosophisches Wissen ein Anwen-
dungsverbo! verhängt. Die gezielte praktische Anwendung philosophischen
Wissens wird bisweilen für kontraproduktiv, gef.-ihrlich oder fur unmöglich
angesehen. Die Geschichtsauffassung kann die der "ewigen \'(liderkehr des
Gleichen" sein, möglicherweise in Verbindung mit der These, man könne sich
aus der "empirischen Zeit" der ewigen Wiederkehr nur mit einem revolutionä-
ren, praktisch-philosophisch nicht begründbaren Sprung befreien.
Diese kurzen thematischen Bemerkungen machen deutlich, daß Willem "an
Reijens Themen um Versöhnung und Heil mit zentralen geschichtsphilosophi-
schen Hintergrundannahmen der ugitimationsdiskurse der politischen Philo-
sophie zusammenhängen, die es lohnt in historischer und systematischer Per.
10 VorwOrt

spektivc näher zu beleuchten. Daher versucht der vorljegende Band auch hi-
Storische und systematische Perspektiven miteinander zu verbinden. Während
in einem ersten Teil dem Verhältnis von Geschichte, Politik und Philosophie
im Hinblick auf verschiedene kJassische AutOren von Cicero bis Spinoza nach-
gcg;togen wird, lokalisiert der zweite Teil dieses Thema in verschiedenen philo-
sophischen Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts. Der dritte Teil um-
reißt aktuelle Debatten, in denen das Thema in unterschiedlicher Weise \Ton
Bedeutung ist, in denen uns Phänomene wie hip-hop, Technikcthik und lo(or-
mauonslcchnologie in teils recht ungewöhnlicher Perspektive entgegentreten.
Wir haben den Eindruck, daß die hier geschaffenen Konstellationen den Raum
zwischen Philosophie, Geschichte und Politik in Fragmenten aus Geschichte
und Gegenwart erfassen, die sie zwar weder ohne weiteres als Trümmer er-
scheinen lassen, die erSt im Geiste der Allegorie als Bruchstücke eines uner-
kannten Bauplans gelesen werden können, noch als Versuch, alle Dinge so zu
betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Doch als
zentrale Elemente einer philosophischen Reflexion, die sich auf der Suche
nach einer humanen Welt der Offenheit, Vorläufigkeil, Vieldimensionalität
und Widersprüchlichkeit dieses Bemühens bewußt ist. Darin - so scheint uns
- ist diese Sammlung in der Tat eine geeignete Feslg<tbe für Willem van Reijen.

Utrechl und Freiburg im Frühjahr 2003

Die Herausgeber

Die Herausgeber danken der Philosophischen FakuJtät der niversitäl Utrecht


fur einen großzügigen Druckkoslenzuschuß. Wir danken Tatjana Visak rur ihre
Übersetzungen aus dem 1 iederländischen der Aufsätze von Ton van den Beld,
Rob van Gerwen und Ria van der Lecq und Franziska Riegelmann für ihre
Übcrsctzung des Aufsatzcs von Jan Hein Hoogstad aus dem Englischen. Pim
Soomer gebührt Dank für seine Assistenz bei der Fertigstellung des Manu-
skripts.
I Geschichte

Keimpe Algra

Vitae philosophia dux


Zum Verhältnis von Philosophie und Politik bei
Cicero

I
Über mehr als zwanzig Jahre war Marcus Tullius Cicero einer der mächtigsten
Männer Roms. In den sechziger und fünfziger Jahren des erSten vorchristli-
chen Jahrhunderts spielte er eine herausragende RoHe als Politiker und Redner.
Geboren 106 v. ehr., war er 80 v. ehr., also mit sechsundzwanzig Jahren, zum
erstenmaJ in einem politischen Prozeß aufgetreten (die diesbezügliche Rede
kennen wir noch heute als Pro S~xl(J Rosrio Amtrino), mit Einunddreißig hatte er
das erste Staatsamt (Quaeslor in Sizilien) bekleidet und mit Dreiundvierzig die
höchste Stellung im Staat (das Konsulat) erreicht. Dank seiner publizierten
Reden und Briefe können wir uns ein recht ausfuhrliches Bild von seiner Per-
sönlichkeit bilden. Man könnte beinahe sagen, es gebe im ganzen Altertum nie-
mand, von dessen Leben und \Virken wir eine so unmiuelbare Vorstellung ge-
winnen können.
Dieser J\'!ann der Praxis war aber auch Autor rhetorischer und philosophi-
scher Schriften - zwei Kategorien, die er übrigens selbst in engem Zusammen-
hang zueinander zu betrachten pOegte. 1 Die philosophischen Schriften, auf die
wir uns hier konzentrieren werden, wurden von der Nachwelt nicht immer in
gleicher Weise gewürdigt. Einflußreich waren sie in der römischen Kaiserzeit
(Augustinus wurde bekanntlich in seiner Jugend durch die Lektüre des Hortm+

Siehe umen Anm. 8 und 19. Die beste allgemeine EinfUhrung in Ciceros philtmphit(l
(auch in ihrem Zusammenhang mit den rhetorischen \'I;'erken und mit einer hen'or-
ragenden DokumeOlation der Forschung des letzten Jahrhundens) ist Gawlick &
Görler 1994. Weitere ",'ichtige Studien sind Bringmann 1971 und Leonhardl 1999.
Zur Biographie: Raw$on 1975.
12 Geschichte

,iu! zur Philosophie geführt, Conftnionu 1Il, 4), im i\littelaher (die TI/Jeu/anot
Dhpolalionu und De offtdh gehörten damals zum Kanon) und in der Neuzeit (so
fanden die skeptischen Gegenargumente zu den Gottesbeweisen im dritten
Buch des De nalura dtortim ein spätes Echo in David Hurnes 1779 postum ver-
öffentlichten Dia/ogllU Conrtrning Na/ural Religion). Man betrachtete Ciceros phi-
losophieo als Fundgrube philosophischer Meinungen und Argumente, von denen
man sich anregen lassen oder die man kritisieren konnte, und man war bemüht
philosophisch Brauchbares aus diesen Werken herauszuarbeiten. Die Frage
nach der Stellung Geetos im weiteren Umfeld der antiken Philosophie und die
Frage nach der Originalität seiner Arbeiten waren aJso durchaus unwichtig.
Das änderte sich aber, als vom 18. Jahrhunden an die Philosophiegeschichte
sich zu einer Disziplin SII; genens zu entwickeln begann. Jetzt war es angebracht,
klar zu unterscheiden zwischen denjenigen, die die Entwicklung der Philoso-
phie mitbestimmt harten, und denjenigen, die man eher als Epigonen oder Ek-
lektiker betrachten soLlte. Die Folgen dieser "Historisierung" der Philosophie-
geschichte für das Cicerobild waren zumindest anfänglich überwiegend nega-
tiv. So bezeichnet Hegel in seinen Vor!ullngtn iibtr d;t GmhidJlt der Philosophit
(1817) Cicero als "eine trübere Quelle, weil er zwar viele ach richten enthält;
aber da es ihm überhaupt an philosophischem Geiste fehlte, so hat er die Phi-
losophie mehr nur geschichtlich zu nehmen verstanden". 2 Cicero habe ent-
sprechend ..das Medium des Räsonierens, nicht des Spekulierens" gewählt J -
selbstverständlich, denn "das schöne Latein des Cicero kann sich nicht in tiefe
Spekulation einlassen".· Zu einem mehr ausgewogenen Verständnis der histo-
rischen Stellung und Bedeutung des Philosophen Cicero kam es erst in der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Jetzt erkannte man, daß für die hellenisti-
sche Philosophie des Ciceronischen Zeitalters - also fUr die Philosophie des
erSten vorchristlichen Jahrhunderts - die Originalitätsfrage weniger angebracht
iSI oder zumindest priiziser formuliert werden solhe. Auch andere Philosophen
waren damals vor allem bemüht, die vorgefundenen S}'steme der Akademie,
der Stoa oder des Epikureismus zu verfeinern und zu verteidigen. Mit andern
Worten: "räsonieren", nicht spekulieren, war gerade die Aufgabe, welche die
meisten Philosophen dieser Periode sich stellten. Ihre etwaige Originalität be-
stand demgemäß nicht in s)'stematischen Neuerungen, sondern in der An der
Verwendung des herkömmlichen l...laterials. Wichtig dabei ist die Vorausset-
zung, die Philosophie sei primär Lebensphilosophie: die verschiedenen Schu-
len bieten nicht nur je eine kohärente Weltanschauung, sondern auch prakti-
sche Anweisungen zur Lebensführung.
Dieser praktische Aspekt tritt auch in Ciceros Arbeiten klar hervor. Er zeigt
sich auf mehreren Ebenen. Erstens hat seine philosophische SchriflSlellerei

2 Moldenhauer & Mkhel 1971. ßd. 18, S. 190.


J Moldenhauer & Michel 1971, Bd. 18. S. 191.
-4 Moldenhauer & Michel 1971, Bd. 19, S. 541.
Aigra, Vi/ilt philoJophio dMX 13

angeblich, in sehr konkreter Weise, wie eine Art Therapie funktioniert. Am


Anfang der Schrift Oe nolllra tleorllm lesen wir, daß er nach dem Tode seiner
Tochter Tullia Trost fand in der Lektüre philosophischer Werke, aber vor al-
lem in seiner eigenen schriftlichen Behandlung der ganzen Philosophie (atl 10-
10m pbiloJophial1l p~rtra(/andaIJt, NDs I, 9). Gerotde im Schreiben konnte sich
nämlich der Zusammenhang der verschiedenen Teilgebiete und Teilfragen der
Philosophie zeigen,6 so daß ethische und politische Fragen nunmehr im breite-
ren Kontext der Metaphysik, Theologie und Epistemologie betrachtet werden
konnten. Aber auch abgesehen von dieser traurigen Episode hat die Philoso-
phie in Ciceros Leben eine wichtige RoUe gespielt. Als junger Mann hane er in
Rom Philosophie studiert, unter anderem bei dem Akademiker PhiIon von La·
rissa, und zwischen 79 und 77 hane er sich während eines Studienaufenthalts
in Athen, wo er den eklektischen Plaronisten Antiochus von Ascalon höfte, er-
neut mit Philosophie beschäftigt. Neben Phiion und Antiochus nennt er (ND
I, 6) Posidonius und seinen späteren Hausphilosophen Diodotus als wichtige
und für seine Lebensführung bestimmende Persönlichkeiten. In der Tat hat die
philosophische Bildung Ciceros Leben geprägt, sowohl als Privatmensch als
auch als Politiker: wenn man ..alle Gebote der Philosophie auf das Leben be-
ziehen muß", so glaubt er in der Tat ..in öffentlichen wie in privaten Angele-
genheiten das geleistet zu haben, was mir die Vernunft und die Lehre vor·
schrieben".1
In diesem Willem van Reijen gewidmeten Aufsatz werde ich die Frage nach
der Bedeutung der Philosophie für Cicero als Privatmensch übergehen und
mich auf die Ciceronische Konzeption des Verhältnisses zwischen Philosophie
und Politik konzentrieren. Es handelt sich dabei nicht um die politische Philo-
sophie oder politische Theorie im engeren Sinne, die es bei Cicero offenbar
auch gibt - neben mehr konkreter, praxisorientierter Renexion -, sondern um
die Frage nach dem pnktisch-poJitischen Aspekt der Philosophie überhaupt. 8
Wie glaubte Cicero die Philosophie in seine eigene politische Tätigkeit einbe-
ziehen zu können, und welche Stellung konnte - oder sollte - seines Erachtens
die griechische Phllosophie im Rahmen der politischen Praxis der römischen
Republik haben? Kurzum: Inwiefern sollte und konnte, nach Cicero, die Philo-
sophie politisch sein?

SEine üste mil Abkürzungen von Titeln von Ciceros Ar1x:ilen findet sich in der Bi-
bliognphie am Ende dieses Aufs2tus.
6 ND I, 9 ..omnes autem eius partes atque omnia membra lum facillume noscuntur
cum tOiae quaestiones scrilxndo explicantur".
1 ND I. 7 "eI si omnia philosophiae pnecepta referuntur ad vilam, arbitnmur nos el
pubLicis el prh':uis in rebus ell praestitisse qu.ae ratio el doctrina praescripserit". Vgl.
auch Q. Fr. I, 1, 28. DlIZu auch Fuchs 1956 und Kumanieck)' 1960.
8 Zum merschied zwischen praxisoriemierter politischer Reflexion, politischer
Theorie und politischer Philosophie siehe 'eschke-Hemschke 2003.
14 Geschichte

II
Philosophisches Material findet man nicht nur in den theoretischen Schriften,
sondern auch in Ciceros öffentlichen Reden und in seinen persönlichen Brie-
fen. 9 Wie er 20m Anfang der Schrift Vt na/lira dtorum betont, waren schon seine
fruhen Reden von philosophischen Maximen erfüllt und war er ..gcrnde dann
20m meisten mit der Philosophie beschäftigt. wenn sich das 20m wenigsten zeig-
tC".1O In einem Brief an den Stoischen Politiker M. Porcius Calo stellt er fest,
sie heide hätten die Philosophje "ins Forum", abo in das Zentrum der poLiti-
schen Aktivität gerückt. 11 Nicht zufallig aber erschienen die philosophischen
Schriften Ciceros gerade in zwei relativ kurzen Perioden, in denen er durch die
politischen Umstände selbst von aktiver politischer Betätigung mehr oder we·
niger ferngehalten wurde. Während des ersten Triumvirats (Caesar, Crassus,
Pompeius), in den fünfziger Jahren, schrieb er Oe re pub/im und De /rgibll1. Als
in dem 49 entbrannten Bürgerkrieg zwischen Caesar und Pompeius Caesar
schließlich als Sieger gegen die römische Verfassung die Alleinherrschaft zu er-
werben versuchte, konnte Cicero als Verfechter der republikanischen Wene,
der sich außerdem in dem Bürgerkrieg an die Seite von Pompeius gestellt hatte,
politisch überhaupt keine Funktion mehr erlangen. Die in diesen Jahren ent-
standenen philosophischen Schriften (wie De jinibus, Oe nalura dtorum, Ot dh'j-
nahont, Atadtmica, Oe offidjs) sollte man demgemäß nkht mehr als komplemen.
täre. theoretische Bemühungen zu einer aktiven politischen Praxis betrachten,
sondern eher als Versuche, seine politischen Ziele nunmehr mll anderen Mit·
tein zu verfolgen. Wie er am Anfang des zweiten Buches von Dt dit'jnaljone
deutlich macht. war er bemüht mit seiner philosophischen Schriftstellerei sei-
nen Dienst an der ffentHchkeit fortzusetzen. Dabei hatte er nicht nur ein
kulturelles Programm vor Augen - indem er den Römern die griechische Phi-
losophie in Hauptlinien auf lateinisch zur Verftigung stellen wollte -, sondern
auch ein erzieherisches - man könnte auch sagen: im weiteren Sinn politisches
- Ziel, denn er wollte die zeitgenössische Elite, vor allem die Jugend, unter·
richten und moralisch auf die rechte Bahn bringen. 12 Zumindest die politi-
schen Werke der fünfziger Jahre scheinen diese Zielgruppe auch tatsächlich cr·
reicht zu haben, denn in einem Brief an Cicero (Mai 5 I) schreibt sein Freund

9 Die theoretischen Schriften zur Rhelorik könnle man muürlich als philosophisch im
breiteren Sinne betrachten; siehe dazu Gawlick & Görler 1994, S. 1016. Zu den phi.
losophischen Aspekten der Reden siehe z. B. Grilli 1987. Zu den Briefen Grifftn
1994.
10 ND 1, 7: "ei cum minime videbamur, turn maxime philosophabamur, quod et or:nio·
nes dedaraOl refertae philosophorum seOlenLiis eie:'.
11 Fa"'. XV, 4, 16: "nos phiJosophiam veram illam et anLiquam, quae quibusdam otii es-
se ac desidiae viderur, in forum atque in rem publicam atque in ipsam aciem paene
deduximus".
12 Dip. J, 4 ..quod cnim munus rei publicae afferre maius meJiusve possumus, quam si
docemus alque erudimus iu\·en{ut~m".
Algra, Vitat philofophia dllx 15

M. Caelius Rufus (Fom. VIII, I): "Deine politischen Schriften werden von allen
gelesen" (Illi polilid libn omnibuJ ,!igtnl), wobei "allen" sich in diesem Kontext
selbstverständLich auf die führenden Schkhten Roms bezieht. Welchen Effekt
er mit den pbiloJopbirn zu erzielen hoffte, können wir vielleicht einem Brief an
Atticus (vom 9. Juli 44) entnehmen, in dem er beschreibt, wie er nicht nur mit
seinen Ratschlägen, sondern auch mit seinen Schriften seinen effen Quintus
Cicero, den Sohn seines Bruders, zur richtigen politischen Stellungnahme
überzeugt hat (Nlloli animo in nm publirom quoli nOJ ,,'OINmUJ JUINnlJ fil).13
Die Frage liegt dann aber nahe, wie, nach Cicero, die pbiloJophüclJe Bildung
der Elite einen polih"ffbtn Effekt erzielen könnte oder erzielen solhe. Diese Fra-
ge läßt sich, wie wir sehen werden, auf verschiedenen Ebenen beantworten.
Ein Indiz für eine erste, noch recht allgemeine Antwort entnehmen wir der
Tatsache, daß Cicero Platen bewunderte und von dessen Forderung, die Philo-
sophen müßten zu Herrschern, die Herrscher zu Philosophen werden, be4
trächtlieh beeinflußt war. 14 In diesem Rahmen sollen natürlkh zuerst die of-
fenbar an Platen angelehnten politisch-philosophischen Schriften der fünfzi-
ger Jahren betrachtet werden. Im Proömium der Schrift Dt n pub/iea bekämpft
Cicero zuerst (Rep. I, 1-9) den epikureischen Quietismus - anhand dessen viele
angeblich glaubten, man solle sich der politischen Praxis fernhahen -, um dann
zu behaupten, daß führende Politiker von einer politischen Philosophie unter4
Stützt werden sollten (Rtp. I, 10-1 I). Im zweiten Buch läßt er Scipio die Bedeu-
tung der Persönlichkeit betonen: immer sind es die Einzelnen gewesen, die mit
ihrer Chanktertugend und Einsicht den Staat stufenweise zu der besten Ver-
fassung geruhrt haben. Und der ideale Staatsmann steHt mit seinen Tugenden
ein Exemplum fur die Bürger dar fRLp. 11,69: u/ od imilolion,,,, JU; ,,'Ocal o/ioJ, ul
Jtlt fp/mt/ort animi tl tÜnt fliOt firul Jpuu/um protbtal eh·ibuJ}. In einem gewissen
Sinne ist also der tugend ethische Aspekt wichtiger als der legalistisch-politi-
sche. Im Proömium des drinen Buches (Rtp. 111, 5) lobt er die Vereinigung
praktischer Erfahrung und theoretischer Vertiefung, die er den Lesern als eine
Verbindung römischer Pragmatik und griechischer Philosophie vorstellt. Im
fünften Buch schHeßlich entwickelt er eine Theorie über die Bildung des prin-
ctPf oder gubtnlalor rti pub/ient. Dies alles bildet insgesamt eine Art Erziehungs-
programm für die römische politische Elite.
Es handelt sich hier also im wesentlichen um eine tugendethische Konzepti-
on, nach der die Sicherung des Staates nicht primär von seinen Institutionen,
sondern vom Ethos seiner Bürger und vor allem vom Ethos seiner Führer be-
stimm( wird. Eine solche Konzeption finden wir bekanntlich auch anderswo in
der Geschichte der antiken politischen Philosophie. Sie tritt klar hervor aus
Pl3tOns Po/iltia, und auch Platons mißlungene Bemühungen, am Hofe von

l) All. XVI, 5. 2: ..sie enim commutalus est IONS et scriptis meis quibusdam quae in
rnanibus habebam et adsiduitale oralionis et praeceptis Ul (ali animo in rem publicam
quali nos volumus rUluru5 si I".
l~ Zum PlalOnbild Cieeros. siehe Long 1995a.
16 Geschichte

Dionysius in Syrakuse seine politische Philosophie praktisch anzuwenden, hat-


ten angeblich vor allem die Absicht, den Tyrannen zu erziehen. Auch die
"Ethisierung" des Politischen in der frühen Stoa sollte in diesem Rahmen be-
trachtet werden. Natürlich gibt es auch antike Texte, in denen sich die Per-
spektive aUmählich in eine rein politische wandelt - so z. B. schon zum Teil in
Platons späteren Nomoi und über weite Strecken der aristotelischen Politica. wo
etwa die Verfassungslehre und die Lehre des Ausgleichs von sozialen Konflik-
ten, dje die Stabilität der Polis garantieren soll, zu Hauptthemen werden. Auch
bei Cicero findet man beides: neben und in Verbindung mit der tugendethi-
sehen Perspektive gibt es, wie gesagt, auch eine politische Philosophie im en-
geren oder technischen Sinne, vor allem natürlich in den Schriften über die
ideale Verfassung (De n publiea) und über die idealen Gesetze (De legiblls). Es
sollte aber angemerkt werden, daß seine Betrachtungen in diesem Rahmen
eher geschichtlich als rein philosophisch sind. Die ideale Verfassung ist, nach
Cicero, die Mischverfassung der römischen Republik, und die idealen Gesetze
lehm er an die alte römische Rechtsordnung an. Hier kann man sich also auf
die Tradition verlassen. Die Philosophie als ganze btaucht man dagegen vor al-
lem, wo es sich um das Ethos der Regierenden handelt.
Offensichtlich handelt es sich dabei, nach Cicero, weder um metaphysische
Schwärmerei noch um die Skizze eines bloß utOpischen Idealbildes. In einem
Brief an seinen Bruder Quimus, geschrieben in 60/59, als Quimus Proconsul
in Asia war, verbindet er seine ethischen und politischen Ratschläge mit einem
Verweis auf das platonische Ideal des Philosophen-Herrschers, indem er sug-
geriert, Quimus verkörpere in seiner gUten Verwaltung der Provinz schon die-
ses Ideal- es sei also in einem gewissen Sinne erreichbar (Q. Fr. I, 1,29). Daß
er diesbezüglich die platonische Position ernst nahm, läßt sich aber auch ande-
ren Briefen entnehmen. In einem Brief an seinen Freund Atticus vergleicht er
sein eigenes Verhältnis zu Caesar mit Platons Bemühen, Dionysius, den Tyran-
nen von Syrakuse, phiJosophisch zu erziehen (All. IX, 13,4). Als Caesar im Ja-
nuar 49 den Rubikon überquert und somit der Bürgerkrieg zwischen ihm und
Pompeius erSt recht seinen Anfang nimmt, schreibt Cicero demselben Anicus:
"Welch ein wahnsinniger, welch ein unglücklicher Mann! Denn nicht einmal
einen Schauen des Guten hat er je gesehen" (All. VII, 11, I). Der Anklang an
Platons Po/iteia - wo die Idee des Guten bekanntlich die transzendente Norm
für den guten Herrscher und für den guten Menschen überhaupt darstellt - ist
unverkennbar. Ein weiteres Beispiel finden wir in einem Brief an Aniclls vom
27. Februar 49, in dem er das Verhalten der beiden Gegner im Bürgerkrieg.
Caesar und Pompeius, scharf kritisiert: Beide sind nur bemüht, ihre I\'Iacht zu
sichern, während sie das Interesse des Staates vernachlässigen und somit Cice-
ros eigene Weisungen über den gubemalor ni pub/ieae, im fünften Buch der De Fr
pub/ica, nicht mehr im Auge behahen. 1S Noch in der Spätschrift De offidis kriti-

15 Alt. VIII, 11, I: "consumo igitur omne tempus considerans quanta vis sir illius vin
Algra, ViI,u philolophio d/lx 17

siert er. anhand der stoischen Theorie der /en/hikon/a (o.fIida, Pflichten) die Po-
Litiker Sulla, Caesar und, ptr i11lplicotiont11l, Amonius und stellt ihnen ein Ideal-
bild gegenüber, nach dem sich der PoLitiker bewußt ist, daß er die "Maske des
Staates trägt" - also den Staat verkörpen - und daß er demgemäß dessen digni-
/0$ vergegenwärtigen soll 16

un soll man aber aus den platonischen AnkJängen in De rt pllblira oder aus
dem platonischen Wortlaut in dem oben zitierten Brief an Atticus iiber Caesar
nicht schließen, Ciceros politische Ethik komme der orthodox platonischen
nahe. Das Konzept des idealen Staatsmannes wird bei ihm nicht mit der Er-
kenntnis transzendentet Werte in Verbindung gebracht. Exemplarisch ist nicht
der Jenseits-Philosoph der platonischen Poliltia, sondern der Staatsmann+Phi-
losoph, so wie Cicero es selber war. 17 Demgemäß erkennen wir in seiner Skizze
des Idealbilds die Elemente seiner eigenen philosophischen Bildung in der
zeitgenössischen Akademie bei Phi Ion von Larissa und Antiochus von Aska-
lon. 18 Einerseits folgt er nämlich im großen und ganzen dem gemäßigten Skep-
tizismus der "neuen" Akademie Phiions, indem er uns den idealen PhiJoso-
phen als einen vorfünn, der die vorhandenen philosophischen Meinungen ein-
ander gegenübersteHt und versucht, in einer rhetorisch-philosophischer Praxis
des pro tI contra düplI/ari herauszufinden, welche Theorie man flir die wahr-
scheinlichste halten kann. So schilden er uns am Anfang der Schrift De na/Nra
dtof'H11I den idealen Akademiker. Dieser kenne alle philosophischen Systeme
und sei um der Wahrheit willen imstande, sowohl ftir als auch gegen alle diese
Systeme zu argumentieren: "Wenn es schon eine große Aufgabe ist, die Lehren
einer einzc:lnen Schule zu verstehen, wie\'iel größer ist die dann ftir alle Schu-
I.::n? D;e müssen aber diejenigen auf sich nehmen, die 5ich vorgencmmen ha·
ben, sowohl gegen als auch für alle Philosophen zu disputieren, um die Wahr-
heit zu finden. Ich selbst behaupte gewiß nicht, daß ich die Fähigkeit zu einem

'1uem nostris <Iibris> saris diligenler 1... 1 expressimus. tenesne igitur moderatorem
illum rci publicae '1uo referre "dimus omnia? (... 1huic moderatori rei pubblic2e be2-
fa civium vit2 proposita est 1... [ hoc Gnaeus noster cum 2ntea numquam turn in hac
causa minime cogitavit. dominatio quaesita a utroque est, non id aCtum, be:l.t.a et ho-
nesta civitas ut esset". Zum philosophischen Himergrund der Ciceronischen Kon-
zeption der rrs publica siehe Ferrary 1995 und Schofield 1995. Zum Verhältnis zwi-
schen Philosophie und Politik in der späten Republik im allgemeinen siehe Griffin
1989.
16 Off I, 124: .,est igitur proprium munus m2gistnHuS imellegere se gere re personam d-
vit2tis debere'lue eius dignit2tem el decus susrinere, sef'.'2re leges, iura describere, e2
fidci suac commiSS2 meminisse'·. Dazu 2uch Lang 1995b.
17 Fur ein Beispiel dieser SclbSlzufriedenheit siehe Off I, 77-78. M2n soll 2ber 2uch
solche P2SS2gen "on einem lu~nde{hischen Gesichtspunkt aus betrachten: es han-
delt sich nicht um die Verherrlichung rein persönlicher Merkm:ale, sondern es wird
ein Charakter!TpMJ 21s exemplarisch d2rgeslellt. ~f1l,de mil der Absicht, auch .andere
zur achfol~ herauszufordern.
18 Zu Phiion und Anriochus (und ihr Verhältnis zueinander) siehe Barnes 1989 und
Görler 1994.
18 Geschichte

so großem und schwierigen Unternehmen erlangt habe. Dass ich danach ge-
strebt habe, erkläre ich dagegen gcrne."19 Andererseits aber stellt sich gerade
bei diesem probabilistischen Verfahren des öftcren heraus, daß die Position
der antiocheischen "alten" Akademie - ein synkretisierendes Amalgam von
Platonismus ohne Transzendenz und Stoizismus - zu präferiercn sei. Ein Bei-
spiel findet man am Ende des ersten Buches von De legiblls (Leg. I, 58-63), wo
Cicero die philosophische Weisheit als Erzeuger der guten politischen Praxis
(I, 62: tarollJ paretu esl ed,uoln'xqlft sapientia) bezeichnet - die Weisheit, von der
sein eigenes Leben, wie er sagt, ganz und gar geprägt worden ist (I, 63: millI
studio leneor qlloequt mt ellm, qllicumqut SlIm, ifftcil).
Es stellt sich also heraus, daß Cicero - wie sehr auch das Ideal des Staats-
mann-Philosophen als solches platonischer Herkunft war und wie sehr auch
Platon in dieser Hinsicht fur ihn exemplarisch war - auf jede Form von Tran~
szendenz verzichtet: Die Werte, die das Leben und das Verhalten des Politikers
prägen sollen, enmimmt er einer probabiJistischen Dialektik, in deren Rahmen
er - und nicht nur er, sondern auch der ideale Politiker - sich dann letztlich,
ohne Sicherheit und nur aus Plausibilitätsgründen, zu der stark stoisch anmu-
tenden antiocheischen Position bekennt.

III
Mit dem Hinweis auf diese tugendethischen Aspekte ist aber dje Frage nach
dem Verhältnis zwischen Philosophie und Politik bei Cicero noch nicht er-
schöpfend behandelt. Denn die Frage läßt sich auch auf mehreren konkreteren
Ebenen beantworten. Wie lassen sich, nach Ansicht Ciceros, die Werte und
Tugenden, die der ideale Politiker aus der Philosophie herausbekommen wird,
praktisch im römischen Kontext der späten Republik verwenden?
Erstens ist zu bemerken, daß die Philosophie nicht allein für die Persönlich-
keit des Politikers eine bildende Rolle spielen kann, sondern daß sie ihm auch
bei seiner alltäglichen rhetorischen Arbeit nützljch sein wird. Dieser Aspekt
tritt klar und bemessen hervor im Orator, wo Cicero mehrfach betOnt, daß
nicht nur die Ethik, sondern auch die Logik und die Physik für die oratorische
Praxis hilfreich sind. 2o Es handelt sich dabei natürlich nicht um Stil oder rhctO-

19 ND I, 11-12: "si singulas diseiplinas pereipere magnum est, quanto maius omnis?
quod faeere iis necesse est quibus propositum est veri reperiendi causa et contra om-
nis philosophos et pro omnibus dicere. euius rci tantae tanamque diffieilis faeuha-
tem conseeutum esse me non profiteor, secutum ersse prae me fero".
20 Or. 16: "nee vero sine philosophorum diseiplina genus et speeies euiusque rei eeme-
re, neque eam definiendo expüeare ncc tribuere in partes possumus nce iudicare
'1uae vera, quae falsa sint, neque eemere eonsequentia, repugnantia videre, ambigua
distinguere. quid dicam de nawra re rum, cuius eognitio magnam orationis suppeditat
copiam? de vita, cle officiis, de virtute, de moribus sine multa earum ipsarum rerurn
disciplina aUf diei aut imellcgi posse?". Ausfuhrlieher Or. 113-119, und vor allem De
Algra. Vitat philoJophia dux 19

rische Technik, sondern um den Stoff, um die rhetorische Erfindungskraft (de


malerio loqllor oral;onü, Or. 119). Es wird hier ein Thema wieder aufgenommen,
das Cicero schon in der Frühschrift De htt'tflh·one und ausfUhrlieher in De ora/ore
behandelt hat. So wie Weisheit ohne Eloquenz Staaten wenig nützen wird, so
werden sie auch von einer tloqlltnlia sint sopitfl/ia nicht profitieten (Inv. I, 1).
Miriam Griffin hat daf2uf hingewiesen, daß in Ciceros eigenen Reden politi-
sche Ff2gen öfters in philosophischen Termen diskutiert werden: ..the docrri·
nes of the dogmatic sects were tOO complex tO provide directives on particular
occasions. But they provided the moral vocabulary for weighing alternatives
and justifying decisions."ZI
Zweitens scheint es, obwohl hier explizite Indizien fehlen, daß Cicero
glaubte, die griechische Philosophie - vor allem natürlich das von ihm in man-
cher Hinsicht bevorzugte antiocheische Amalg<tm pl:uonjscher und swischer
Elemente - wäre imstande, den überkommenen römischen mos maiorum zu ra·
tionalisieren und eben dadurch zu verstärken. So sieht er die swisch-antiochei-
sehe Theologie offenbar als ein Mittel, das dazu beitragen kann, eine aufkJäre-
rische Form der römischen Religion, eine rtligio ohne JllperSlü;o, aufrechtzuer·
halte.n. n Nicht zuf:iUig betont er gerade am Anfang der Schrift De nalllra deo-
rum, in der die epikureische und Stoische Theologie auf ihre Probabilität ge-
prüft werden, daß nur die Position, die der gÖtdichen Vorsehung Raum läßt -
aJso die stoische - wirkliche statt nur scheinbare Religion und Frömmigkeit
ermöglicht, ohne welche auch das menschliche Sozi:il1leben und die Rechtmä-
ßigkeü im Staat hinfaJlig werden. 2J In ähnlicher Weise äußert er sich im urlil-
Ills (Arad. J I, 140), wo er dem Stoiker Chrysipp beipflichtet, der erklärt habe,
d:e w:r~Ji~he E:1tscheidur.g ir.. der Edlik se! diejenige zwischen der lust und
dem hOfltJlllm als höchstem Gut, also zwischen Epikur und der stoisch-antio·
cheischen Position. Wähle man die Lust, so wird man traditionelle Tugenden
wie Freundschaft, Recht, Gemeinschaftsgeist usw. nicht mehr aufrechterhalten
können. 24 Übrigens zeigt sich gerade in diesen Passagen, daß das Verhältnis

orat. 1J I. 56-90. Die Physik wird natürlich vor allem dienSlbar sein. wenn es sich um
Fragern mil Bezug auf das Weltbild und die Religion handelt (cf. Div. 11, 149: "religio
propaganda 1...1 quae eSI iunCfa eum eognitione naturae").
2\ Griffin 1989, S. 36.
Z2 D;'I. 11. 148-149: "Nam el rnaiorurn instituta tueri saeris eaerimoniisque retinendis
sapientis est (... ) quan1 ob rem UI rcJigio propaganda etiarn eS[, quae est iuneta eum
cogniuone muurae, sic superstitionis stirpes ornnes eiidendae;'.
lJ ND J, 3-4: .. In specie aUlem ficlae simulationis sicut reliquae virtules ilem pietas in-
esse non polesi, cum qua simul sancutalem et religionem tolli necesse est; quibus
sublatis penurbatio vitae sequitur et magna confusio, atque haud sdo an pietate ad-
versus dcos sublata sublara fides euam et societas generis humani et una e"cellenus-
sima virtus iustitia loUatur".
24 A(ad. 11, 140; "alteram si sequare, muha ruunl el maxime communitas cum hominum
genere. cuitas, amicitia. iustitia, reliquae virtutes". Siehe dazu ""'eiter AJgra 1995, S.
115-118.
20 Geschichte

zwischen Philosophie und Politik ein wechselseitiges ist. Die Philosophie soll
nicht nur die Politik begründen, sondern umgekehrt soUen die politischen
Konsequenzen der respektiven philosophischen Systeme auch die probabilistj.
sehe WahJ fUf das eine oder das andere System mitbestimmen. Diese enge Ver-
knüpfung dieser zwei Bereiche wird letztendlich dadurch ermöglicht, daß es
sich im wesentlichen um zwei Aspekte der Bildung oder der Persönlichkeit des
idealen Politikers handelt.

IV
Schließlich soll darauf hingewiesen werden, daß Ciccros Bemühen, das Ideal-
bild eines Politikers darzustellen und dieses Idealbild mit einer Wiederherstel-
lung der herkömmlichen römischen mons zu verknüpfen, keine vereinzelten
Phänomene in der Staats theoretischen Debaue der Caesarischen Zeit waren.
Oberhaupt spielte in der Antike die Ch:trakterstirke der Politiker eine wichtige
Rolle sowohl bei ihrer Selbstdarstellung als auch bei der An und Wcise, in der
sie in der Dcbattc andcrcn begegnercn. 25 Wahrschcinlich hatte schon um 58
der epikureische Philosoph Philodem von Gadara scinen Gulen Kiinig gemaß Ho-
",er geschrieben und das Buch seinem adligen Patron L. Calpurnius Piso Cae-
soninus, dem Schwiegervater Caesars, gewidmet. Diese Schrift reiht sich zwar
in die Tradition hcllcnistischcr Fürstcnspiegel, kann aber als einc stillc Mah-
nung, nicht an einen Monarchen, sondern an die gesamte Führungsschichr der
römischen Rcpublik, verstanden werden. 26 Caesar hat auch offenbar selbst ver-
sucht, sich als einen weisen, milden Führer darzustellen, kurz, als einen Herr-
scher im Sinne des Ideal bilds Philodems. 21 Hermann Strasburger hat eine Rei·
he von Indizien gesammelt, die darauf hinweisen, daß es im philosophischen
Spätwerk Ciceros eben auch in einem solchen konkreten Sinne ein politisches
Programm gibt. Cicero habe durch die \,\/ahl seincr Personagen und durch ein

2S Das Phänomen spieh übrigens auch noch in der r-,'!oderne eine häufig unlerschätzte
Rolle. So hat \'(fills 1990. S. 35-36. darauf hingewiesen. daß die Drogenpolitik des
amerikanischen Präsidenten Reagan, die faktisch ohne Erfolg war, doch als erfolg-
reich erfahren wurde. nur weil der Präsident die erwünschte Attitude ,'erkörperte:
.,Neither the sexual nor the drug revolution was reversed. or eyen held Statie by the
Reaga.ns' exhortation TO ,say no'. but these developmenu were made somehow en-
dur20ble b)' being treated as 2onom20lous. Re20ga..n m20de it possible tO live with change
while not accepting it..'· Siehe ferner 20uch Kochin 2002. dem ich dC'n HinwC'is 20uf
Wills verdanke.
26 Zur Tradion hellenistischer Flirstenspiegel siehe jetzt Schofield 1999 mit weiteren
Venl.'eisen.
n Siehe dazu den Brief Caes20ts an Oppius und Cornelius vom 5. Mirz 49. Alt. IX, 7:
.. haec nova sit ratio vincendi, ut misericordia et liberalitate nos muniamus"; vgl. auch
Zecchini 1998. S. 151.
Algra, Vi/nt philosophin d#lx 21

Netz politischer Anspielungen die Schriften der vierziger Jahre zu einem Auf-
ruf gegen Caesars Gewaltherrschaft verdichtet. 28
\'(las das Element der römischen Tradition anbetrifft, soll hier noch auf die
in den fünfziger Jahren veröffentlichte De n pNb/iro von L. AuruncuJeius Coua
hingewiesen werden, in der betont wurde, daß nicht die Optimaten, sondern
Caesar mit seiner ..neuen Politik" gerade als einziger f:ih.ig ware, die ns pNb/iro
und die pdsri mom auf dje Höhe ihrer besten Zeiten zurückzuführen. Dagegen
wurde in der anonymen KOlIsh·INlion du &mNbiJ von seiten der radikalen Opti-
maten zu zeigen versucht, daß die popl/lons im Begriff waren, die beiden
Grundpfeiler des Staates, die Autorität des Senats und die öffentliche Religion,
insbesondere die oNspirio, umzustürzen. 29 Ohne Zweifel soll die Hervorhebung
traditioneller Begriffe wie (on(ordio und die Verteidigung der Religion bei Cice-
ro auch vor dieser Hintergrund betrachtet werden.
In einem gewissen Sinne reihen sich also die philosophischen Werke Cice-
ros, soweit sie ein politisches Programm beinhalten, in eine zeitgenössische
Debatte ein. Was aber die Position Ciccros innerhalb dieser Debatte auszeich-
net, ist sein Bemühen, sowohl das Ideal bild des Politikers als auch die Ideale
der römischen Tradition philosophisch zu unterstützen und zu vertiefen. Sei-
nes Erachtens kann man das machen und soll man das auch machen, weil die
Philosophie in allen Bereichen des Lebens eine flihrende Rolle spielen soll. In
den \'(Iorten des berühmten Prosahymnus im fUnften Buch der TIISNi/onat Dis-
Pl/folionu 01, 5): ,.i/ot philosophio dNX.

28 Slfasburger 1995.
19 Siehe Zecchini 1998, 153--154.
22 Geschichte

Abkürzungen
AClld. - Academin
Au. - EpislUlae ad Atticum
Oe orou. - Oe or:uore
Div. - Oe divin:uione
Fa",. - EpiJllllor adjaJltiliarrs
ug. - Oe legibus
ND - De nalMra d,Orln"
Off - Dt ojfidis
Or. - Orator
Q. Fr. - EpiJ,,,!<u ad Quint'u" fraI"'"
Rep. - Oe re publicll

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Hena Nagl-Docekal, Ludwig Nagl

Augustinuslektüren im Kontext
der Gegenwartsphilosophie

Nicht ohne ein gewisses Pathos wird heute vielfach die Überzeugung zum Aus-
druck gebracht, daß durch die Denkbewegungen der Gegenwartsphilosophie
vormoderne Fragestellungen und Konzeptionen schlicht obsolet geworden sei-
en. Insbesondere mit Bezug auf jene Kapitel der Philosophiegeschichte, in de~
neo der Ausgangspunkt des Denkeos in theologischen Problemstellungen lag,
scheint der Gestus einer vollständigen Abkehr weithin Konsens zu finden.
Doch iSt der Preis flir diese Distanznahme nicht sehr hoch? Möglicherweise
enthalten die als ataviStisch empfundenen Entwürfe, bei aller Kontextbezogen-
heit, dennoch Fragen, die im Zuge der pauschaJen Verabschiedung nicht ge-
löst, sondern lediglich aus dem Blickfeld gerückt wurden? So wäre es denkbar,
daß eine Relektüre, die nicht bloß histOrisch-philologischen Intentionen folgt,
sondern die ein fremd gewordenes Denken aus dem Kontext der Gegenwarts-
philosophie heraus aufzuschließen sucht, Differenzierungspotentiale für die
heutige Debatte erbringt. Vorliegende Studien in dieser Richtung geben Grund
zur Annahme, daß ein weiteres Verfolgen dieses Weges sich als lohnend erwei-
sen könnte. Um dies exemplarisch zu erläutern. gehen die folgenden AusfUh~
rungen der Augustinusrezeption im Rahmen unterschiedlicher Theoriekonstel-
lationen der Philosophie des 20. Jahrhunderts nach: Es soll gezeigt werden, wie
Hannah Arendt und Jean-Fran~ois Lrotard das Werk Augustins auf ihre jeweils
spezifischen Problemstellungen beziehen. Dabei fallt gerade angesichts der
Differenz dieser beiden Zugänge ins Auge, daß - in unabhängiger Überein-
stimmung - zwei Elemente des Denkens Augustins aus dem Blickwinkel der
Gegenwart besondere Beachtung erfahren: erstens die Thematisierung des
Selbst im Sinne der Formulierung "Questio mihi factus sum"; und zweitens die
Verschärfung des Endlichkeitsaspekts von Praxis und die damit verknüpfte Vi-
rulenz des Themas "Hoffnung"l.

, Die Fr2~. ob Augustinus bei Arendt und Lyotllfd eine "adiqu:ue" oder "zulissige"
Deutung erfahren h:u, ist nicht Thema der folgendC'n Ausführungen; diese konzen-
trieren sich vielmehr auf den Versuch, im Rückgriff auf August.inus Theorieelemente
zu gewinnen, die die zeitgenössische Debatte voranbringen können.
N agl. Doc~k:a 11 Nagl, Augusli nu sl~k t Ür~n 25

Liebe als Grundlage einer alternativen Politik:


Hannah Arendts Augustinuslektüre
Welche Bedeutung die Auseinandersetzung mü Augustinus für das Werk
Arendts hatte, ist sehr unterschiedljch beurteilt worden. Wie bekannt ist, doku-
mentiert die - 1928 bei Jaspecs eingereichte und im Jahr darauf gedruckte -
Dissertation zum Thema "Der Liebesbegriff bei Augustin"2 Arendts frühe und
eingehende Beschäftigung mit diesem Denker, während in den späteren Publi-
kationen Arendts zwar immer wieder kurze Verweise. aber keine extensiveren
Bezugnahmen auf Augustinus mehr zu finden sind. Das wurde vielfach dahin-
gehend gedeutet, daß Arendt diesem Interesse ihrer philosophischen Anfange
bald - vor allem unter dem Eindruck der politischen Erfahrungen ihrer Zeit -
den Rücken gekehrt habe. Dementsprechend wurde zwischen einer .,frühen
Arendt" und einer .. reifen Arendt" umerschieden, wobei die Zeit vor 1930 als
eine Phase der Orientierung Arendts an einem unpolitischen, romantischen
Idealismus gedeutet wurde.) Mitunter erschien Arendts Dissertation im Btick
auf ihr späteres CEuvre geradezu als ein ..embarrassment": "If we trace her
thought trains tO their source, it must be admitled that the first thing we find
when we go back (... J may be something of an embarrassment."4 - Für eine
ganz andere Deutung sprechen jedoch die Forschungen zu Arendts letztem
Lebensabschnitt. In den 1960er Jahren wandte Arendt sich ihrer Dissertation
erneut zu, um eine DruckJegung in englischer Sprache und in revidierter Form
vorzubereiten. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie einen Großteil ihrer bahnbre-
chend~n Studie!l. zum Phänomer. des Touliurismus bereits veröffentlicht.
etwa ihre Bücher ..Elemente und Ursprünge tOta..ler Herrschaft" (1951), "Vita
activa" (1958), .. Über die Revolution" (1963) und "Eichmann in Jerusa..lem"
(1963). Vor diesem Hintergrund befaßte sie sich nun abermals mit der Deu·
tung von "Liebe" bei Augustinus. Es ist interessant zu verfolgen, welche Ak-
zente sie dabei im Vergleich zu ihrem ursprünglichen Text deutlicher herausar·
bcitclC oder erginzte und wie damit ihre eigene Zugangsweise zu diesem Autor
an Konturen gewann - wobei auch zu bedenken ist, daß Arendt parallel zu die-
ser erneuten Beschäftigung mit ihrer Dissertation an ihren Schriften "Zwi-
schen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im Politischen Denken" (1968)

2 Gedruckt erschien diese Dissert2tion unter dem gleichen Titel in Berlin, 1929.
1 Vgl. Elisabeth Young-Bruehl. HOf/lfob Artlfaf: For UI.V pf fht U7orIJ, Ne"" Haven,
Conn., 1982, S. 366--370, 494, 499; Hauke Brunkhorn, Halff/ob Am,af, München
1999, S. 27. In diesem Zusammenhang erscheint auch signifikant, daß die Hannah
Arendt gewidmete und in entscheidenden ASIXkten an ihrem Werk oriemiene Stu-
die Ernst Vollraths - Vii Rdeolfstrltkti,If dtr fHJlitisrlNIf UrtdlJlerofl, SlUugan 1977 -
Arendt$ Auseinandersetzung mit Auguscinus an keinem Punkt nachgeht.
.. Margaret Cano\'an, HOlflfob Artlfaf. A RLilfftrprtfati'If pf Hrr Po/i/irs/ ThfJM~bt, Cam-
bridge 1992, S. 279.
26 Geschichte

und "Menschen in finsteren Zeiten" (1968) arbeitete. (Die revidierte Fassung


des Augustinusbuches konnte freilich zu Arendts Lebzeiten nicht mehr, wie
geplant, im Druck erscheinen 5. Sie liegt erst seit 1996 als Publikation vor - in
einer Form, die genau erkennbar macht, welche Textahschnine der ursprüngli-
chen Fassung entstammen und welche auf die spätere Überarbeitung zurückge-
hen 6 .) Daß Arendt sich ihrem ersu.~:n Buch in so eingehender Weise erneut zu-
gewandt hat, bildet ein nicht unwichtiges Indjz fUf jene Deutungen, die im
Denkweg Arendts keine schroffen Zäsuren wahrnehmen, sondern - im Gegen-
teil - zu zeigen suchen, daß wesentliche Elemente der für Arendts Gesamtwerk
so zenwllen Konzeption des Politischen auf die Auseinandersetzung mit Au-
gustinus zurückgehen. So urteilt erwa Ronald Beiner: "The categories of mor·
taht}' and natality that Arendt develops in the Human Condition are already
implicit in the strucrure of the Augustine book."7 Ganz ähnlich argumentieren
Joanna SCOlt und Judith Stark, die diese Kontinuitätsthese noch bis zu den
letzten Arbeiten Arendts erstrecken, indem sie hervorheben, daß Arendt in ih·
ren Gifford lecrures - die sie 1973 hielt und die erst posthum unter dem Titel
"Life of the Mind"S zur Veröffentlichung gelangten - den Begriff des "Wol·
lens" in enger Anlehnung an das Denken Augustins formuliert hat 9.
Hier sollen nun einige jener Überlegungen aus Arendts Augustinus-Buch
skizziert werden, die als Hintergrund der in den bekannteren Schriften enrwik·
kelten Konzeption des "Politischen" beuachtet werden können (wobei es frei·
lich nicht möglich sein wird, auf die erwähnten uancierungsdifferenzen zwi-
schen den einzelnen Fassungen dieses Buches einzugehen). Das Augenmerk
wird vor allem darauf gerichtet sein, in welcher Weise Arendt Augustins Inter-
pretation der Forderung "Liebe deinen Nächsten" aufgegriffen hat.
Zunächst arbeitet Arendt heraus, daß der menschlichen Gemeinschaft eine
zweifache Bedeutung beigemessen werden kann, und sie eignet sich in diesem
Zusammenhang Augustins Unterscheidung von "civitas terrena" und "civitas
Dei" an. Arendt thematisiert hier zum einen das Geborenwerden, sofern es
sich als ein sowohl leiblicher als auch geschichtlicher Vorgang darstellt, durch
den wir an einen bestimmten Platz in der Generationenkette gestellt sind 10.

S Die Publikation war mit dem Verlag Crowell-Collier vcrlraglich vereinbar! gewesen.
Nach ArendIS Tod war die (nicht von der Autorin selbst besorgte) Übersetzung ins
Englische umt den von Arendt vorgenommenen Veränderungen und Ergänzungen
nur in der Nachlaßableilung der Library of Congress. WashingtOn D.C., zugänglich.
6 Hannah Arendt, Utv alld Sai", /!lIgllsti"t. edited and with an imerpretive essay by Jo-
anna V«chiarelli Scott, Judith Chelius Stark, Chicago und I..ondon 1996.
7 Ronald Ikiner, "Love and Worldliness: Hannah Arcndt's Rcading of Saim AUguSli-
nc". in: Larr}' Mar, Jerome Kohn (Hrsg.), Ha""ah /!rr"d,. T..,,,~ Ytar1 uttr, Cam-
brid~. Mass., und London 1996, S. 269-284, hier 276.
8 Dt.: Hannah Arendt, V"", l..Lbt" du Gnstts. 2 Bde., München 1979.
9 Joanna Vecchiarclli Seon. Judith Chclius Stark, nRcdiscoycring Hannah Arendt". in:
H2o.nnah Arcndt,!Art 4"J S4i"t /!JlgNsH"t, a. a. 0., S. 115-212. hier 135 f.
10 Arendt, Ul~ a"J 54i", /!lIl,lIsti"t, a. 20.. 0 .. S. 100 f.
Nagl- DocekaI / Nagl. Augu sun uslek IÜ re n 27

Dabei lenkt sie den Blick darauf, daß unser Leben bzw. Überleben nur dadurch
möglich ist, daß wir in eine menschliche Gemeinschaft eingebunden sind, dje
durch die Verflechtung der Partikularinteressen gekennzeichnet ist - durch ein
"wechselseitiges Geben und Nehmen"lI, wie Augustin es ausdrückt. Zu den
Elementen dieser gegebenen Gemeinschaft gehört auch ein Aspekt von
Gleichheit, insofern alle Menschen das Schicksal der Endlichkeit teilen. Doch
ist diese Art des Zusammenlebens, so Arendt, nicht das letzte WOrt. Wir wis-
sen zugleich, daß wir auf die biologischen und geschichtlichen Gegebenheiten
nicht eingeschränkt sind, sondern daß wir sie zu transzendieren vermögen.
Arendt interpretiert in diesem Zusammenhang den Gedanken des "Nicht·von-
dieser-Welt-Seins"l2. Es sind vor allem Erfahrungen der Entfremdung, die uns
die Möglichkeit eines Heraustretens deutlich machen. In djesen Erfahrungen
werden die einzelnen zunächst auf sich selbst zurückgeworfen, doch werden
sie sich gerade in der Vereinzelung ihres Selbstseins bewußt. Arendt unter·
streicht hier die Bedeutung der von Augustinus gewählten Formulierung: .. I
have become a question tO myselr'13. Die fiir sie entscheidende Frage geht nun
dahin, wie ausgehend von dieser Vereinzelung eine andere Gemeinschaft auf·
gebaut werden kann, die nicht mehr von vorgegebenen Konditionen bzw. vom
System der Bedürfnisse abhängig ist, sondern sich dem gemeinsamen Handeln
der Menschen verdankt l4 . An diesem Punkt kommt der Begriff "Liebe" ins
Spiel.
Indem Arendt jenen Gedanken Augustins nachgeht, die das Verhältnjs der
einzelnen zu Gott - das "coram Deo esse"IS - betreffen, entwickelt sie einen
alternativen Begriff von Gleichheit: Wenn die Menschen ihre Endljchkeit tran-
szendieren, sind sie nicht mehr bloß vom gle:chen Sch:c1:saJ betroffen, son-
dern Gleichheit wird fur sie zum expliziten Thema. In djesem Sinne liest
Arendt die Forderung der Nächstenliebe: ..[EJqual.iry is made explicit in a defi-
nite sense. The explicitness of equalüy is contained in lhe commandment of
neighborly love. The reason one should love one's neighbor is that the neigh-
bor is fundamentally one's equal."16 Anders gesagt: Aus der Entdeckung von
Gleichheit in diesem Sinn erwächst eine Verpflichtung gegenüber den Mitmen-
schen, die die einzelnen aus ihrer Vereinzelung herausführt. "Esrrangement it-
sclf gives rise 10 a new tOgethcrness, that is, a new being wit.h and for each
other."17 Diese neue Art des Milcinandcrhandelns äußert sich in Form der kri-
tischen Auseinandersetzung mit der bestehenden, vorgegebenen Gesellschaft.

lt Ebd.. S. 101.
12 Ebd., S. 104.
1J Ebd .. S. 5. Vgl. Auguslinus, C",jtUÜUIt/ X, 33, 50.
1. Siehe d:u gesamle Kapilel "Pan 111. Sodal Life". in: Arendl. u,~ I",d Sai"t A/III,/IIJh"',
a. a. 0., S. 9S-112.
l) Arendt, Lo,~ a"d Sai", Alig/lllti"t, a. ~. 0 .. S. 105.
16 Ebd.. S. 106.
17 Ebd.. S. 108.
28 Gc:schichl(:

Die ursprüng(jche wechselseitige Abhängigkeit wird nun ersetzt durch die Be-
ziehung wechselseitiger Liebe: "This oe\\' social Life which is grounded in
Christ, is defined by muruallove (... ], which replaces mutual dependence."18
Wenn aber die Verpflichtung dem Nächsten gegenüber darauf hinausläuft, ge~
meinsam gegen die alte Gesellschaft - "ag:linsl the old socicry"19 - vorzuge-
hen, so bedeutet das, daß Arendl Liebe auch als Widerstand definiert.
In der näheren Erläuterung dieser Zusammenhänge arbeitet Arendt eine
Differenzierung heraus, in der ein Grundgedanke ihrer politischen Philosophie
angelegt ist; Sie erörtert den zugleich universalistischen und individualistischen
Charakter der Liehe. Die universalistische Perspektive liegt darin, daß aus dem
Begriff "Nächster" grundsätzlich niemand auszuschließen ist. Aufgrund der
Gleichheit aller Menschen haben wir kein Recht auszuwählen: "Mutual love
lacks the element of choice; we cannot choose our ,beloved'."zo Doch wäre es
ein l\.1.ißverständnis, dies im Sinne einer allgemeinen, dem Menschengeschlecht
als ganzem geschuldeten Zuwendung zu verstehen 21 • Da dje Liebe in der Ver-
einzelung ihren Ursprung hat, ist mit dem Ausdruck ,. ächsrer" jeder/jede
einzelne als Individuum gemeint. ..Love does nOt turn tO humankind but ('0 the
individual, aJbeit every individual. In the community of the new society the hu-
man race dissolves imo its many individuals."22 Auf der letzten Seite ihrer Dis-
sertation hält Arendt fest, daß mit Augustins Deurung des einzelnen "coram
Deo" nicht weniger geleistet ist als die Entdeckung der Individualität. "God is
the source of each and every individual. Ir is at this point that the individual is
discovered."23 An genau diesem Punkt knüpft der Begriff der "Natalität" an,
der in Arendts Konzeption des "PoLitischen" von so zentntler Bedeutung iS1 24 •
Auch dieser Begriff bezieht sich bekanntlich nicht auf die bloße Faktizität der
leibLichen Geburt und der damit erfolgenden Positionierung in der Gene-
rationenkette, sondern darauf, daß die einzelnen durch ihr Handeln einen Un-
t.erschied machen können. Demnach kommt mit jedem/jeder einzelnen etwas
Neues in die Welt; "it was for the sake of novit20S (... 1 that man was created
1... 1 he is able tO act as a beginner"25. Unter dieser Perspektive formuliert

18 Ebd., S. 108.
19 Ebd., S. 108.
20 Ebd., S. 110.
21 Arendt räumt freilich ein, daß manche von Augustins überlegungen zur Nichsten·
liebe - bei Ausblendung ihres Kontextes - im Sinne einer "sublime indiffen::nce" ge-
lesen werden könnten, das heißt dahingehend, daß mit dem Begriff des Nächsten
nur die abstrakte Qualität des Menschseins, ...nOt everyone in his concrete unique-
ness", angesprochen ist. Vgl. ebd., S. 43.
22 Arendt, LA,.v {llld S{lillt AII/luti." a. 21. 0., S. 111.
13 Ebd.• S.llt f.
24 Die Bedeutung der Dissertation für diesen Grundgedanken Arendrs erläutert 2Iuch:
Julia Kristeva, Hall1fah Arrntit, New York 2001, S. 44 ff.
n Arendt, Ut"e a"d Sai", AI/gI/stint, a. a. 0., S. 55. Arendt "erwe.ist an die.ser teile auf
die Differe.nz der Begriffe "initium" und "Principium".
Nagl-Docekal/Nagl, Augustinuslektüren 29

Arendt den Maßstab rur die kritische Auseinandersetzung mit den jeweils gege-
benen Verhältnissen: Eine Politik, die sich nicht dem Vorwurf aussetzen will,
Menschen zu mißachten, hat Arendt zufolge auf die Besonderheit der einzel-
nen Bedacht zu nehmen und .. Pluralität" zu ihrer Zielsetzung zu machen. Es
scheint somit nicht überzogen, wenn festgestellt wurde, Arendts Kritik der
Moderne habe Augustinische Wurzeln 26• Noch in einem ihrer letzten Essays -
..What is Freedom?" (erschienen posthum, 1977) - schreibt Arendt Augustinus
die Leistung zu, die im Christentum angelegte neue Idee poLitischer Freiheit
formuliert zu haben; es findet sich, schreibt sie, eine "valid political idea of
freedom in Augustine,m.
Wenn nun davon auszugehen ist, daß Arendts Konzeption des .. Politi-
schen" auch als ein Versuch gesehen werden kann, die hier entdeckte "politi-
sche Idee von Freiheit" auf die Bedingungen der Gegenwart zur Anwendung
zu bringen, so erhebt sich die Frage nach der Tragfahigkeit dieses Versuches.
Die in den letzten Jahren intensivierte Auseinandersetzung mit Arendt brachte
die Formulierung einiger schwerwiegender Einwände mit sich. Aus dem Blick·
winkel der Kritischen Theorie und der Kantischen Tradition der Rechtsphilo-
sophie wird insbesondere moniert, daß Arendts Denken Defizite hinsichtlich
der sozialen Asymmetrien sowie der Bedeutung von Gesetzgebung und recht-
lich-institutioneUen Strukturen aufweise 28. Indem Arendt - so lautet einer die-
ser Einwände - aufgrund ihrer Fokussierung der Einzelnen eine republikani-
sche Konzeption von Öffentlichkeit in den Vordergrund rückt, läßt sie die
Begrenztheit der Güter und die dadurch bedingte "Situation von Konnikt und
Konkurrenz" weitgehend unberücksichtigt. Unter dieser Perspektive stelle sich
ihre Konz.eption a1;; cir.e "schlechte Utopie" dar?9. Auf d:ese Diskuss:o:l kann
hier nicht niher eingegangen werden; doch bei aUer Berechtigung, die manche
der vorgebrachten Einwände haben mögen, scheint die Lcistungsfahigkeit des
Arendtschen Ansatzes unbeStreitbar. Sie liegt zum einen in der z.eitdiagnosti-
sehen Rele\'anz. So hat Arendts Kritik an dem durch die Konsumgesellschaft
verursachten "Selbsrverlust" nichts an Brisanz verioren JO . Auch das Plädoyer

26 Auf "the Augustinian root of Arench's critique of modcrnity" weisen Scott, Stark,
"Rediscovering Hannah Arcndt", S. 115, hin.
27 Arcndl, J-1annah, "Wha! is Freedom?", in: dies., Behnln PalI and FNINrr: Eighl EXUr1llS
in PolilitalThoNghl, New York 1977, S. 167. Arend! nennt es auch "das Verdienst Au-
guslins", daß er "höchst u.'ahrscheinlich der geistige Urheber und sicher der größle
Theoretiker christlicher Politik ist". In: dies., Z.'Ürhl" V"l.a"gtwhtil Nntl ZN/eJmfl.
Ob""gm im polililf/N" Dt"kt" J, München 1994, S. 91.
28 Vgl. Albrechi Wellmer. "Hannah Arend! über die Revolution", in; den.• Rt~VJINlio"
Nltd J"ltrprrlaIiOlt, Amsterdam 1998, S. 4>-75; Hauke Brunkhorst, Ha''',ah Amldl.
a. a. 0., S. 124 ff.
29 Otfrie<! Höffe, "Politische- Ethik im Ge-sprich mit Hannah Arendl", in; Peter Ke-m-
per (Hrsg.), Dit 2l1h"fl du PDlitilf/N". AlIlhlidu iJllj Ha""iJh A""tll, Frankfurt am
Main 1993, S. 27 f.
30 "gi. das Kapitel "P2lhologien des Selbsl und der Welt;; in; Rahel Juggi, Welt N"d Pt'-
30 Geschichte

für "Pluralität" erwies sich als eine wichtige theoretische Weichenstellong. vor
allem in bezug auf die Probleme, mit denen sich rnulticlhnische bzw. multikul·
turelle Gesellschaften konfrontiert sehen. So formuliert 5c)'la Benhabib ihre
Version eines ..procedural concept of the public spacc" im Rückgriff auf
Arendrl l . In diesem Kontext wurde auch deutljch, daß die zeitgenössi.sche fe-
ministische Theoriebildung entscheidende Differenzierungen von Arendt bt:-
ziehen kann)2. Indes steht fUf manche der Überlegungen Arendts eine solche
ReakruaLisierung noch aus, obwohl sie wünschenswert wäre; dies gilt insbeson-
dere für Arendts Kritik an einer Gerechtigkeitstheorie, die so vom National-
Staat her denkt, daß sie hinsichtlkh der prekären Lage der Flüchttioge und
Staatenlosen keine angemessene Lösung bereitzustellen vermag, sowie für
Arendts damit verbundene Forderung, daß dje Individuen als solche Rechte
haben müssen)).

Jenseits der "binären Klarheit des animus" (CA 47):


Lyotards Augustinusiektüre
Ein weiteres wichtiges Dokument dafUr, daß in der Philosophie des zwanzig-
sten Jahrhunderts das Interesse an Augustinus anhältJ<', ist Jean-Franc;ois Lyo-

RU'. ZM", o"fhrop6logiJ(hu, Hi"ftrl,rNnd dtr GmllsrhojlJluitile Honnoh ArtndfJ, Berlin 1997,
S. 86-98.
JI Vgl. Seyb. Benhabib, "Feminist Theory and Hannah Arendt's Concept of Public
Sphere", in: Walter Brogan, James Risser (Hrsg.), A",triron Contin",fol Phi/(J/opb.J. A
~oJt,., Bloomington, Indiana, 2000, S. 372-390. Benhabib steht Arendt keineswegs
unkritisch gegenüber; sie teih vielmehr den Vorbehalt, daß Arendts politische Theo-
rie die nötigen normativen Grundlagen vermissen lasse. Vgl. Seyla Benhabib, Han"oh
An"df. Dit 111tlol1rhtJlüt!Je Denletri" Jt,. Mod".,/t, Hamburg 1998, bes. S. 301-309.
J2 Vgl. Bonnie Honig, Ftmi"irf l"ftrprtfofio"J of Ha""ah An"df, University Park, Pennsyl-
vania, 1995. Arendt äußerte sich freilich zur Frauenbewegung ihrer Zeit höchst vor-
behaldich, doch gibt Honig mit gutem Grund zu bedenken, daß sich die heutige fe-
ministische Theorie wesen dich unterscheidet von jener, die Arendr zurückgewiesen
hat. Wenn heute frühere Annahmen einer geteilten weiblichen Identität und gyno-
zentrisch orientierte politische Programme ihre Aktualität verloren haben, so liegt
diese Enrwicklung auf einer Linie mit Arendrs Insistieren auf der Besonderheit aller
Einzelnen. Vgl. Bonnie Honig, .. Inuoduction", in: ebd., S. 2.
JJ Vgl. Axel Honneth, "Die Chance, neu beginnen zu können. Ober Hannah Arendt
und die Bedeutung ihres Werkes rur das 20. und 21. Jahrhundert", in: U/tra/llre", 09/
02, S. 44-45. Siehe auch Sidonia BlättIer, "Zwischen Universalismus- und National-
sruukritik. Zum ambivalenten Status des Nationalstaats bei Hannah Arendt", in:
D,MlHbt ZtiUrhrijf fir Phi/oJophit 48 (2000), 5, S. 691-707.
J4 Ntben Hannah Arendt habtn sich so unttrschiedliche Denker wit Ludwig Wittgen-
stein und Jacques Dtrrida ausführlich mit Augustinus b!=schiftigt; sithe dazu, einlei-
tend, Ludwig Nagl, "Drei Augustinus-Lekriirtn: Wittgenstein, Derrida, Lyotard", in:
Milan Znoj (Hrsg.), HtgtlotYJ" JfOpM (FeStschrift für Milan Sobotka, Prag (in Druck).
Nagl-Docckal/Nagl, Augustinuslektüren 31

tards unvoUendet gebliebene Schrift Tht Confusion 0/ Aliglistint. J5 Wie die Her·
ausgeberin Dolor~s Lyotard a.nmerkt, ist der uns vorliegende Text "scarcely
half of the projeced work" (CA V11). Er um faßt zwei Hauptteile, einen Essay
("which brings together [Wo texts written in 1997") und ein" otebook, a col-
lection of scanered elements that h:1ve nevenheless been arranged, each being
of a distinct lcind" (CA VB). Im folgenden konzentrieren wir uns auf Erwä·
gungen im ersten Teil, näherhin auf dessen Schlußpassagen, die die Titel "Ani-
mus", "Fissure", "Trance" und "Laudes" tragen (CA 46--57).
In den genannten Abschnitten des Texts geht es Lyotard darum, die Augu.
stinische invocolio Vti als einen Ort disruptiver (Denk-)Erfahrungen kenntlich
zu machen, die (obzwar in den Conftuionu beschrieben) das Beschreiben - so-
weit es eine verständige, an der "binären Klarheit" (CA 47) orientierte Tätig.
keit ist - an den Rand seiner Leistungskraft führen. Lyotard nimmt dabei, text-
hermeneutisch, die (lnnen-)Perspektive des Augustinus ein. Dieser, der Beken-
nende - so Lyotard - schreibt seine Bekenntnisse nieder, ist also deren "Au·
tor"; in dieser Tätigkeit selbst findet er sich jedoch zugleich vor als "geschrie-
ben": "I have been wrirten in my life, so sa)'s the confessant to himself, and I
h:1ve understood nothing, forever relating anything that happens to myself,
forever reading events at their face value" (CA 46). Die paradoxe Einsicht "I
have been wrinen" ist, obzwar sich um sie die com/usio dreht, jederzeit zugleich
überdeckt durch das Bild der autarken Autorenschaft: ein Bild, das den Bild·
sprung des Aufschwungs zum Unendlichen unverständlich macht. Alles, was ge-
schieht, beziehe ich auf mich, den Handelnden/Schreibenden; alles wird so
gesehen, wie es Pn"ntd v;slo zu sein scheint, das heißt aber: nichts wird verstan·
den. ,,Animus, thc intdleet" (CA 46), spielt ir. dieser Situ::.tior. eine Doppelrol-
le: Er ist, einerseits, 21s sem2ntische Ordnungs form aller Schrift. auch der be-
kennenden, fUr den Denkenden/Schreibenden unverzichtbar, zum anderen je·
doch zugleich die Grenze (oder die Eingrenzung?) jener Einsicht, die die im:o-
folio trägt. (Auch in philosophiegeschichdich späteren Thematisierungsversu.
ehen des Absoluten, bei HegeI, z. B., bleibt dieses - 2.ls Gegenstand djalekti-
scher Begriffsbewegung - dem Verstand unzugänglkh, obgleich der Verstand,
im 1'1I10dus der Artikulation, unverzichtbar ist: er "kann nicht geschenkt wer-
den", insofern er erSt möglich macht, d2ß das Absolute, indirekt, in seinen ab-

L)'OIards AugustinusJektüre ist - wie das Denken Lyorards überhaupt - "nach \'\Iin-
genstein" angesiedeh (siehe J. F. L)'Olard, "Nach Wingenstein", in: den.: Grabmal
des Intellektuellen, Wien 1985); das heißt, es beerbt jenes Interesse Wingensteins an
Augustinus, das (",'ie dasjenige Kanu) einsetzt am Rande theoretisch-kognitiver Dis-
kursi,·it2t: ..\'(lu also Augustinus im Irnum, wenn er Gou auf jeder Seite der Confes-
sionen anruft?" Nein, so Wingenstein: Weder er noch der Buddhistische Heiljge
"waren im Irrtum, aulkr ""0 sie eine Theorie aufstellten". (Ludwig \'('iugenslein,
"Bemerkungen über Fruers Golden 8ough", in: ders.: Vortrag ibtr Ethik, Frankfun
a. M. 1989, S. 29.)
JS D:l zur Zeit noch keine deutsche übersetzung vorliegt, wird im folgenden nach der
amerik:.tnischen Ausgabe zitiert: Jean Ff:ln~ois Lyotard, Tht CO/lftslio" oJ Auglllti"e,
Sranford, California 2000 (= CA).
32 Geschichte

strakten ..l\'lomcntco" approximiert wird.) Lyotard beschreibt - im Blick auf


Augustinus - diese DoppelrolJe des Verstandes so. Einerseits liegt auf der
Hand: ..The C()njtJJions CQuid not h2VC been written without the competence of
animus. the contribution of its memory together wirh irs ability (0 plan an aim"
(CA 47). Zum anderen jedoch ist animllJ auch der Ort der Selbstbornierung
darauf, daß jeder Text (nur) endlich-"weltlichc" Statur hat: "Even the argu-
ments, the reasons and the causes that are articulated in philosophieal or rhe-
torieal mode by the animus, the intellect, even the disciplines of the mind re·
main immanent to the text of the warld, presuming to find light in its obscu-
rity" (CA 46). Dcr Aufschwung zum Absoluten ist verspern durch die Sicht-
form und die BegrifAichkeit seiner "binary c1arity" (CA 47): "To c1imb back
beyond the uncenain meanings and peirce the firmament - animus rebeIs
against this wayward movement, since it would loose rnerein its eyes and its
concepts" (CA 46). Die Resultate" der Versrandesbegrifflichkeit sind zugleich -
bei a11 ihrer logischen \'(fohldefiniertheit - "uncenain" - nirgendwo zeigt sich
in ihnen ein "Wesen" des Weltlichen "sub specie aeternitatis". Btide dieser
Denkerfahrungen bestimmen das Tableau des Augustinischen Schreibens. Der
Weg, den er aus dieser Aporie sucht, ist jederzeit auch einer. der in ihren Mo-
menten verweilt: weder rhetOrische Persuasion genügt (obzwar auch sie ins
Augustinische Schreiben eingeht ), noch theoretizistischer (intellektueller: "vi·
ril intellectual", so Lyotard) Diskurs: die intJofatio ist ein "zigzag" - ein Hinund-
hergehen, in dem die Fixierungssucht des Intellekts "gedemütigt" wird (CA
47); genauer noch: in dem der Intellekt - unter dauernder Verwendung intel·
lektuellcr Denkfiguren - seine "humiliation" vorbereitet. Der On der confessio
ist ein Unort, ist der Prozeß einer sprechenden/schreibenden "fissure" (CA
48): dieser Riß, diese mehrfache Negation, bündelt sich freilich bei Augustinus
nicht wie spiter bei Hegel zu neuer, dialektischer "Synthesis". Die Conftssiones
sind kein philosophischer Traktat, der versucht, die Denkenergien systema-
tisch zu organisieren, sie haben vielmehr, so Lyotard, den Status eines "confes-
sive wr:iting", das sich an tim Riindern des Verständigen organisien (unter Mar-
kierung dieser Ränder als P"inder in den Artikulationsleistungen des animus). Im
Abschnitt "Fissure" heißt es daher: Die Conftssionu sind "neither a plea whose
end would be mastered and fixed by a virile intel1ect I...1; nor a lreatise of phi.
losophy in which the path would be traced through conceptual discrimination
between thjs and that, the sensible and the intelligible, soul and body, reason
and imagination. Confession does not decide, on the contraf)': a fissure zigzags
across all that lends itself tO writing. tO the great vexation of animus, whose bi+
naf)' c1ariry is humiliated" (CA 48 f.). Diese (Selbst.)Demütigung des Verstan-
des - als ErmögLichungsform eines nicht selbst Gewirkten - hat spezifische
Konditionen. Sie findet nüht statt als ein einmaliger Akt von .,Konversion" (das
heißt nicht im Modus jener Legende, in der Augustinus seine Bekehrung -
"tolle, lege" - in einem Jetzt bündelt.) "The strike of confession", so L)'otard.
"is not a single blow delivered once and for all; it is nOt a shower of repeated
blows either" (CA 49). Dieser Prozeß ist offener, tentativer: im "confessive
Nagl-DocckaI/Nagl, Augustinuslcktürcn 33

writing" wird nicht von einer Bekehrung, die bereits stattgefunden hat, ..be-
richtet", das Schreiben selbst ist vielmehr Akt der conversio (eines Prozesses im
Zeichen der .. fis sure", des Hinundhergehens, eine von Unsicherheit und Skep-
tizismus interprenetrierte Suche, die nicht ..beendet" ist): ..No, confessive weit-
ing beus the fissure along with it", so Lyotard...Augustin confesses his God
and confesses himself not because he is converted: he becomes converted or
tries tO become converted while malcing confession" (CA 49). Erst in dieser
zerrissenen Denkbewegung wird der Augustinische Text möglich: als .. recipro-
cal balance of enigma and demonS[ration". Diese (unmöglich scheinende) Ba-
lance zwischen rationaler Demonstration und (Verstandes-)Rätsel verunsichert
das Selbstvertrauen, das onimNS (in egologischer Reflexion) aufzubauen be-
ginnt: ein Selbstvertrauen, das durch den Blick auf die memon"o als den giganti-
schen Um- und Vorraum jede!' rationalen Arguments gestärkt wurde. Denn, so
schien es, .. lanimus] knows [... ) how to find itself in time. Memory is its strong
point, its stOmach, writes Augustine, but more than that: memory is the mind
itself" (CA 46 f.). Das ist - bei Lyotard - zwar knapp formuliert: die uns in un-
serem eigenen Inneren offenstehende, erinnerte Welt macht jeden djskursiven
Verstandesschluß aUererst möglich, ist somit Kondition des Ich (obzwar nicht
sogleich das Ich selbst). Freilich: alles, was überhaupt Gedankeninhalt werden
kann, ist erinnert (oder erinnerbar) im Ich, auch das Absolute. Hat das diskur-
sive, erinnerungsf:ihige Ich - der diskursive onimNJ - das Absolute somit ..in
seiner Macht"? ..Tbe mind stocks data in its vast stores of memory; it finds
them in their place, recognizes them, and effortlessly recalls them. If it has met
God, il will remember so, a.nd wiIJ recognize rum" (CA 47). Das hieße freilich,
daß die Erkennbarkeit Gott('s an die Kapa~ität des Ir.h geknüpft ist, dieser Er-
kenntnis f:ihig zu sein. Der in/ellecllls bekommt somit die RoUe der Präkondi-
tion, des unbedjngt Vorauszusetzenden auch für die mögliche Kognition/Re-
kognition des Absoluten - jenes Absoluten, das zugleich erSt das eigen/Iich Un-
bedingte sein soll. Wie läßt sich diese Aporie auflösen? Einerseits scheint oni-
mNS alles zu strukturieren: ..Animus harps on that it has God in its store, it re-
assures itself, reassures its competence." Zum anderen jedoch ist dieser Inhalt,
Gou, (schon seiner bloßen Semantik nach) nicht einfach ein Produkt unseres
"Vermögens", ihn zu erfahren, nicht ein selbstgewirktes Phantasma. Wie aber
kann animus seine Grenze (die es auch dem Absoluten zieht) überschreiten?
..Anima, the soul-body" - die Augustinjsche Denkfigur einer vernehmenden
Vernunft - subvertiert, so Lyotard, alle (protocartesianische) Verstandesgtwtß·
heil und Verstandessicberheit. Zwar weiß schon animJu, formaliter, um dje Se-
mantik des Absoluten (das heißt um die Elemente seines MögLichkeitsraums),
dieses ist schon - irgendwie - ..in the mind". Als ein wirkliches Absolutes ist es
jedoch nirgendwo ..in seiner Macht". ,,Animo, the soul I...) asks: where then
did I find mee so that I might learn thee? For in my memory thou wen not be-
fore I learnt mee. Where wert mou (... ] if not in thine own self, far above my-
self, in /e fNpro me?" (CA 50 f.). Das Verhältnis von Ich und Absolutem, so
scheint es, kehrt sich - don wo es wirklich wird - um: ist djese Umkehrung
34 Geschichte

aber begreifbar? Lyotard umreißt - im Abschnitt "Trance" seines Texts -


Schwierigkeiten, die hier entstehen, :tur eine Weise, die durch spätere Denk-
figuren (z. B. durch Kams Einspruch gegen II11Sert Möglichkeit. über einen in·
tel/ulI/1 in/ui/NI zu verfUgen) informiert sind: der Aufschwung zum Absoluten
folgt nicht aus der (fiefen.)Analyse des Ich selbst, nicht aus dem Gang in die
ungeheuren Hallen der mt11lon"o: zwar ist er dadurch ermöglicht, nirgendwo
wird er jedoch "konstituiert" bloß durch das (endliche) Ich. "The word is out,
in flat dcnial of animlis's plea for the defense. The im'tn/io itself. the encounter
with, (he discovcry of God does nOt take place in (he StOres of memory. Such
apprenticeship excecds (he mind" (CA 5 I). Die Seihstversicherungen eines (au-
tark und "theoretizistisch" gedeuteten) Bewußtseins - die kognitive AutOaffir 4

mation und die egologische Erkenntnis, daß das Ich im ~'ledium von Zeit und
Gedächtnis konstituiert ist - führt nirgendwo durch Ableitung - mit "dedukti-
ver" Konsequenz - notwendig zum Absoluten. Der reale Aufschwung, die in-
lJO(oho Dti, hat andere Struktur. Lyotard erkundet deren Andersheit - mit Au-
gustinus und über Augustinus hinaus - auf (zumindest) dreifache Weise: er-
stens als Versuch ..intuitiver Schau", das heißt auf einem \Xfeg, den ani",a vor 4

schlägt. den anifNlIJ (kantianisch avant le leure) aber als ungangbar beein-
spruche Zweitens (und an der Grenze dieses erSten Versuchs): im Pra.:\7Jhori-
ZOnt des Hoffens (auch hier: kamianisch); und drittens im Modus einer - die-
sen Praxisbezug dimensionierenden - "tgaliv./it"ilal;'ltn Diskursivität: das heißt
durch ein Umkreisen des Absoluten in seiner Absenz - einer Abwesenheit, die
freilich Gegenwart aufblitzen läßt (ohne sie je theoretisch zu "fixieren").
Zunächst zum erSten Versuch: zur Hoffnung, die i",,'O{alio als eine Aktuali-
sierung des "Engelsgleichen" im Menschen zu deuten, als Intuition und ..Tran-
ce". "Would a,,;ma, the soul, then be an angel that can see God in the light of
God, in ehe heavenly pan of the heavens, as if it could break ehrough the he:l\1'
\'ault of the firmament and burst through the skin of (he skies? [... ) Ani",IIJ de 4

c1ines to write, tQ describe such an absurdiry, and the mi nd lays down ehe
stillls" (CA 51). Der diskursive Verstand sieht hier jeden Weg versperrt. A"i",a
freilich setzt auf diesen Aufschwung, auf eine Trance, die sich, poetisch invo-
zierbar, konstant im Hintergrund der conversio/confessio hält. Lyotard deutet
diesen Aufschwung - den er, in postmoderner Brechung, mit sexuellen Kon-
notationen durchsetzt - als Überwältigung, als eine "Urszene" im Freudschen
Sinn, als "the violent assault of an encounter" (CA 52). In dem, was in dieser
Szene geschieht, kehrt sich das Verhältnis zwischen Ich und Absolutem um:
nicht Augustinus nähert sich dem Absoluten, umgekehrt: er wird "gelesen'"
penetriert - in einem "encounter without witness", das sich der binären Logik,
der an;",lIs und Inunoria folgen, entzieht. Diese rszene - die dem Trancebild
des Aufschwungs zum Absoluten zugrunde liegt - beschreibt Lyotard so: "The
scene is primitive, not locarable in memory. The absolute ere watched us, AU 4

gustine says, he looked through the Jattice of our nesh, he caressed us with his
voice, and we hasten on his scent like drunk hounds. We believe we take hold
of the divinc, bUI then, a1l of a sudden, his calm cnraptures us, and uncovered,
Nagl-DocekaI/Nagl, Augustinuslektüren 35

lashed, outside ourselves, for one moment we find ourselves gaping in his bea~
"rude" (CA 53).
Dieses .,Hingerissenwerden" ("enrapment'') terminierr nirgendwo in der
Ruhe eines "geregelten" Verhälrnisses zwischen Ich und Absolutem. Nicht nur
ist es dem djskursiven Verstand, animus. unnachvollziehbarj es bewirkt auch
praktisch - im Handlungssystem - keine Ruhe und Sicherheit, sondern ein Be-
wußtsein von Unangemessenheit. Zu-spät-Kommen, Ermattung. kurzum, ei-
nen Erfahrungsraum von Insuffizienz.
Im Trancebild der Penetration kommt zum Ausdruck, daß das Absolute und
das Endliche sich berühren. Dies läßt eine Spur des Absoluten in uns zurück.
freilich - so liest Lyotard Augustinus - keine erinnerbar-explizierbare: die
Spur, in der sich die "Engelartigkeit" des Menschen bündelt, läßt sich, z. B.•
nicht durch das ontologisierte Theologumenon der Ebenbildlichkeits/ehre ex-
trapolieren. Lyotard beschreibt. was in diesem tranceartigen Berührungsmodus
geschieht - in einer Weise. die Augustinjschen Metaphern postmodern
resituiert - so: "The majestic one takes the schoolboy like a woman. opens
hirn, turns hirn inside out, turns his dosest intimacy into hjs shrine. pmetrale
nlem", his shrine in me. The absolute, absolutely irrelative, outside space and
time. so absoluteIe)' far - there he is fOt a moment lodged in the most intimate
part of this man. Limits are rcvetsed, the inside and the outside. the before and
the after. these miscries of the mind" (CA 53).
Die diskursive Distribution. in der animus sich jederzeit ausdrückt. wird
nicht nur "aufgehoben" durch Entgrenzung. sondern - so Lyotard - unter-
worfen, ..gedemütigt" (CA 47). (Zu dieser Transkription des Augustinischen
Textes werder. wir s?äter, kritisch. zur;:ickkehren.) Frei!ich: Damit das, W3S d3s
Trancebild kündet, njederschreibbar wird, muß Augustinus sich der Semantik
einer publiken Sprache bedienen: wie weit führt das - unvermeidlich - zurück
in die theoretischen Limits und die praktiJehen EndJichkeitsräume des Ich?36

Theoretisch stellt sich die Situation - wie LYOlard sie bestimmt - so dar: "The
soul has not penetrated ioto the angclic spheres. but a lillle oj the abJolJlle - is it
thinkable? - has encrypted itself within it, and the soul knows nothing of it"
(CA 53). Der Aufschwung ist nicht einfach das Werk des endlichen Ich, son-
dern ein - Ilnerinnerbaru, der "Macht" der memoria nicht verfügbares - Eindrin-
gen des Absoluten in die Seele (wie freilich ist das denkbar, so fragt animus und
Lyotard mit ihm?) Erinnert muß ja etwas werden, auch wenn aus dieser Trance

)6 Mit der inneren Suukrur von Trance und Mystik (und den Grenzen ihrer rationalen
Exploration) hat sich \X/illiam James in seinen Gifford Lcctures (Vorlesung XVI und
XVII, "Mysticism''), The I/an'eliu OfRtligious Exptn'tnce. New York 1902, beschäftigt.
\'(/ingenstein war von dieser Schrift fasziniert (und, wie d2s Ende des Traetatus deut-
lich macht. auch theoretisch von ihr beeinflußt); über diese Rezeptionslinie gehen
meines Erachtens indirekt - wie die vorliegende Augustinuslektüre indiziert - Ele-
mente der Jamesschen Studie in das ("nachwingensteinsche") Denken Lyot2rds ein.
36 Geschieht(:

nirgendwo die tOtale prale./;ube Ver:inderung des leh folgt, sondern CCW3.S :tode·
res: wie Lyotard behauptet, vor allem die schärfere Akzenruierung des Wissens
um Endlichkeit und Defizit: ..Marked with such a trance, the soul can think of
nothing but of retuming TO its comes (... ) He [Augusüne) is even more the 50n
of Ad3.m 2nd of sin, more bcholden (han ever to responsibilicies previously
taken on, :tnd ill the more f2.lIible, since thete is oow added [0 thc passions
ag.tinsr which he struggles an im~tuous ardor whose strident tones, for lack of
memory, resonate ",imin hirn without sourcc" (CA 55). Daß das Absolute sich
im Ich - als Spur, .,ein wenig" - priisentie~ heißt zugleich, so Lyot3.rd, daß es
von dieser Präsenz kein (theoretisch oder philosophisch stimmiges, publik ex-
plizierbares) Bewußtsein gibt. Die Gegenwart des Absolut'en bleibt, so mag es
scheinen, IIngegenwärtig: ein Horitpnl endlicher Erfahrungen, der sich selbst
der DarsteIlbarkeit entzieht. Dieser prekäre Status hat gravierende Folgen, die
sich nicht zuletzt in der Lebenspraxis manifestieren: keines der Probleme ist
gelöst, das Gefühl der Unangemessenheit, des "Zu-spät-Kommens", der Unsi-
cherheit wächst. Der Aufschwung der Trance organisiert nirgendwo die Auflö-
sung der Spannungen des Ich, ja macht die Grenzen von animlls schärfer sicht·
bar. "How could conversion give hirn light? It exempts him from nothing, it
makes everything ring false, the iUusionary and the lrue. He prays: Bm thou, 0
Lord my God, look upon me, hearken, and behold, and pity and heal me. Thou
in whose eyes I am now become a problem tO myself, aod that is my languor,
'-pSt tJllonglior I1ItIlS" (CA 55).
Dort, wo sich die Schwierigkeiten von Gedankenbewegung eins zeigen: im
Scheitern einer glückenden, endgiiJcigen Aufhebung des Endlichen im Unend-
Lichen durch "Intuition", treten - in Lyourds Augustinuslektüre - zwei weitere
Denkfiguren, die die Erkundungen von Denkfigur eins redimensionieren, in
den Raum: erstens - unter Einklammerung der Möglichkeit, das Absolute
theoretisch zu pddizieren - die Hoffnll1lg als der (praktische) Ort der Auflösung
einer - sieh zuspitzenden - Krise der Endlichkeit (ein kantianiseh inspirierter
Wegl 7): "Here lies the whole advantage of faith: to beeome an enigma tO one·
sel(, to grow old, hoping (ar the solution, the resolution (rom the Other. Have
mere)' upon me, Yahwh, for I am languishing. Heal me, for my banes are
worn" (CA 55). Und, kurz darauf, expliziter, in "Laudes": "Listen: for by hope
we are already saved, la/vi farH IlImlll, hope has made us safe, it has aJready
made o( us, children of the night and of darkness (hat we were, children of the
day and light. Hope does not wait, presence recurs with it, the unbearable light
o( raputure is there" (CA 57). In der Hoffnllng - dem Handelnshorizonl des Ge-
derzeit endlich bleibenden) Handelns - wird das (wieder) gegenwärtig, was sich
der theoretischen Präsentierbarkeit entzieht: die Gegenwärtigkeit des Hoffens

J1 Freilich: bei Kam sind die innere Struktur und die Grenzen des Handelns - anden
a.1s bei l)"otard - extensiv erkundigt. Vgl. dazu: Onon. 0' eill, ..Vemunfcigc: Hoff-
nung. Tanner L.ccture 1 uber Kanu Religionsphilosophie", in: ludwig Nagl (Hrsg.):
Rolli!,;'" ,,6th Jtr RLIi!,i'.lltririk. Wi~n und Berlin 2003. S. 86-110.
Nagl-Doc~kal/Nagl, Augustinuslütür~n 37

partIZIpIen am Absoluten (das sich zugleich im Hinlergnlnd des Handelns hält


und so nirgendwo, direkt, als "Problemlösung" auftritt). Die tonftui(J/t(Jnt'ersio
terminien somit in einer Restrukturierung, ja Verschärfung des Endlichkeits-
aspekts \'on Praxis: sie mündet nirgendwo in imeHektualistische "Einsicht"
oder "spekulative" Schau. irgendwo wird das Absolute - das zugleich den
Hoffnungshorizonl bestimmt - theoretisch/philosophjsch zwingend ..deduzier-
bar". Denn Hoffnung ist - das ist Lyotards dn'''e Gedankenbewegung. die den
von uns analysienen Text beschljeßt - ihrer Struktur nach unabdingbar gebun~
den an die Fragilität und Gebrochenheit des Wissens ums Absolute (an ein
"zigzag" von Prädikationen und Dementis - ein offenes, suchendes Schreiben,
in dem das Ende des Dunkels nicht ein für allemal, sondern je wieder beginnt):
"Hope threads a ray of fire in the black web of immanence. What is missing,
the absolute, cuts its presence into the shaUow furrow of its absence. Tbe
fissure that zigzags across the confession spreads with all speed over life, over
Jives. The end of the night forever begins" (CA 57).

Lyotard läßt sich weit ein in die (prä- und posthegeIsche) Dialektik von End-
Ijchkeit und Absolutheit, die die Conftuionu des Augustinus strukturiert - viel
weiter, als die meisten zeitgenössischen Philosophen, die Augustinus lesen.
Seine Lektüre restrukturiert freilich in ihrem Zentrum - im Trancebild der
"rapturc", in dem das Absolute das endliche Ich überwältigt - den Augustini-
schen Text, postmodcrn, in eine Richtung, die eine Reihe von Fragen hervor-
ruft.
Lyotard drückt den zentralen Gehalt seiner Relektüre der intY)Colio gelegent-
Ijch auch so aus: "I, the apparem slObjecr of the cor:fessive phrase, fir.ds hirn-
self, rather loses hirnself, undone at all ends. And while he confesses his sub-
mission tO lures (... ), while he disavows abject worldliness, he passes under an
even more despotic authority, he must accept and savor a quite different ra-
dical heteronomy under the law of an unknown master of whom he obstinate1y
de1ights in makjng hirnself the subject" (CA 77). In dieser Transposition wird
deutlich, daß Lyotard Augustinus' Inkorporieren des Göttlichen im Endlichen -
entsprechend der neuen Imagologie einer sexuell konnotienen "enrapture" -
als radikale Helerollo,,,ie liest.
Diese Extrapolation - daß der invokalorische Aufschwung, genau betrach-
tet, in der lustvollcn Unterwerfung unter einen "unknown master" endet - ent-
sprichl, so scheint es, dem Augustinischen Selbstverständnis insofern nühl, als
das, was Lyotard den "Meister" nennt - das göttliche Du - im Augustinischen
Diskurs weder &iinzlirh "unbekannt" bleibt (wenngleich das absolute Du auch
nirgendu'o sich 'YJIISlijndi~er Bekanmheit öffnet), noch - als ein .,liebendes Du"
- die radikal heteronome "Unterwerfung", und sei sie auch IJlshYJII, fordert. Wir
blicken deshalb zum $chJuß mit einiger Distanz auf Lyotards Augustinuslektü-
re und skizzieren, fragend, einen Einspnlth, der bei seiner Rede von .. Unterwer-
fung" einsetzt. Augustinus selbst verwendet die Terminologie, die Lyotard zur
Beschreibung des Verhältnisses endlich/absolut heranzieht, nicht. Wie läßt
38 Geschichte

sich der Unümhüd zwischen dem semantischen Gehalt, den das Absolute in
der Optik des Augustinus hat - das heißt dem Konzept eines litbt1ldtn Gottes,
zu dem der Anrufer sich als in einem Verhältnis der Ebenbildlichkeit Stehend
sieht - und der Autorität jenes ,.unbekannten Meisters" deuten. dem sich, Lro-
t3rd zufolge, die ;l1l-'O(olio !luh!o/l htltTOlIom unterwirft? Ist solch ein triebdyna-
misch überformtes re-reacling des Verhiltnisses Ich/Absolutes schlüssig? Oder
ist es nur der Auftakt zu einer (aus der Optik des Augustinus reduktiven) psy-
choanalytischen Dekonstruktion der Aufschwungbewegung? Endet - in den
Kategorien des Augustinischen Liebesbegriffs gesprochen - die imlocotio, genau
betrachtet, in einer cHpMiloJ, die auf ein radikales Dominierrwerdcn abzielt (das
heißt: in einer - triebdynamisch radikalisierten und gebrochenen - "Selbster-
mächtigung des Ich')? Zweifellos hat L)'otard recht, daß - im Umfeld der Prä-
determinationsspekulation - bei Augustinus die Gefahr der Heteronomie gege+
ben ist. Zugleich aber ist "amor Dei" bei Augustinus 'ieJb~t nirgefldwo substi-
tuierbar durch Instrumentalisierung oder gar: dNrrh die unI 11m InJlrJlmmla/isitrl-
1Jftrdm. Die identische Nichtidentität von Ego und Absolutem kann, semantisch
schlüssig, nicht ersetzt werden durch die Strukturlogik eines bloßen merwer-
fungswunsches. Dies, so scheint es, macht Lyotard in seiner postmodernen Re-
semamisierung der intl()(otio als "Trance" unsichtbar, obzwar er zugleich - in
der Triplette seiner Lektüren der fonjt/lio - weit in deren innere Struktur ein-
dringt.
Ria ,'an der Lecq

Thomas von Aquin:


Geschichte, Philosophie und Politik

Das Mittelalter und die Geschichte


Wenn es etwas gibt, das die Menschen im Mittelalter nicht wußten, dann ist es
die Tatsache, daß sie im Mittelalter lebten. Es ist, nach Gilson, ein merkwürdi·
ges Paradox, daß ausgerechnet in der Zeit, die - wie der Name schon sagt -
eine Übergangs periode ist, kein Gefühl für Geschichte bestand. 1 Während am
Ende der Antike die Vorstellung des ständigen Verfalles dominierte und in der
Neuzeit der Glaube an den Fonschritt entstand, gab es im i\'liuelalter weder
das eine noch das andere. Was manche charakteristisch flir das Mittelalter an-
sehen, ist die Vorstellung von der Unveränderlichkeit der Dinge. Der bereits
erwähnte Gilson weist aber darauf hin, daß es so erwas wie ein spezielles mit·
telaherliches Geschichtsverständnis gegeben hat, das sowohl von dem der
Griechen als auch von dem unsrigen abweicht 2. Das Christentum lehne, daß
das Ziel des Menschen außerhalb des irdischen Lebens liege. Gleichzeitig war
fr.all davon überzeugt, daß nichts in unserer Geschichte geschehel'! könne,
ohne daß GOtt in seiner Allwissenheit schon vorher davon gewußt hätte. Alles,
was geschieht, ist im vorhinein bestimmt, und die Geschichte verläuft gemäß
einem vorher bedachten Plan. Der .Mensch unterscheidet sich insofern von
den anderen Geschöpfen, daß er sich der Vergänglichkeit und der Verinder·
lichkeit seines Daseins, im Gegens:uz zur Ewigkeit und Unveränderlichkeit
Gaues, bewußt ist. Ebenso ist er sich seines Bandes mit demjenigen bewußt,
der den J\'lenschcn und die Dinge um uns herum gemacht hat. Huizinga spricht
hier von "Symbolismus". Die Gefühlsbasis, worauf der Symbolismus gegrün.
det ist, besteht darin, daß es bei GOtt nichts Leeres oder Bedeutungsloses gibt.
"Und so entsteht jene edle und erhabene Darstellung der Welt als eines großen
symbolischen Zusammenhanges - eine Kathedrale von Ideen, der allerreichste
rh)'thmische und polyphone Ausdruck alles Denkbaren.") Die s)'mholische
Denkart beSieht - nach Huizinga - selbständig neben der genetischen. Die

1 E. Gilson. L 'Erpri/ dt 1(1 Philosophie Mldiit'alt, Paris 1969, S. 365.


2 Ebd., S. 366.
l J. Huizinga. /-Ierbll du M;/te/(,lters. SlIidim iib" LLbtns- lind Gtisrufornltn du /4. lind 15.
Jahrhllndtf1s in Frank"irh lind in dtn Nüderlanden (deulSch von T. Wolff-Mönckeberg),
München 1931. S. 294.
40 Geschichte:

letztere, das Begreifen der \'(feh als EntwickJung. war seiner Meinung nach im
~tittelaJ[eT nicht so unbekannt, wie man manchmal umerstdk "Doch wurde
das Hervorgehen eines Dinges aus dem anderen nur in der naiven Gestalt di-
rekter Forrpflanzung oder Verzweigung gesehen, und ausschließlich durch 10·
gische Deduktion auf die Dinge des Geistes angewandt."4 Der Symbolismus
dagegen sucht die Verbindung zwischen zwei Dingen nicht in ihrem ursächLi·
ehen Zusammenhang, sondern in ihrer Bedeutung und in ihrem Ziel. Der Sym-
bolismus ist stärkstens mit dem (Neu-)Plaronismus verbunden, wie er sich im
Mittelalter entwickelt hal. s Alles hier auf der Erde wird als eine Abspiegelung
von den Vorstellungen in ",mit dhina gesehen, entweder als Ergebnis einer
Emanation oder als Folge eines freien Schöpfungsaktes Gottes. Jedes Ge-
schöpf ist also ein Zeichen, das auf seinen Schöpfer "erweist.
Der Christ wußte außerdem, daß er dazu berufen war, an einer größeren
Gemeinschaft als der irdischen teilzunehmen: nämlich an der nt'i!tU Dti. Diese
Gemeinschaft Gottes rekrutiert ihre Einwohner aus aUen Völkern der Erde,
und sie wächst, je länger es die Welt gibt. Während sich die antike Moral auf
das Leben hier auf der Erde bezog, war es für den Christen viel wichtiger, daß
er an der höheren Gemeinschaft teilnehmen würde, dje alle vemunftbegabten
Wesen mü ihrem Schöpfer bilden können. 6
Gilson zufolge war die Konsequenz dieses Bewußtseins, daß die Vorstellung
der Geschichte als eines Zyklus, einer ewigen Wiederkehr, die so gut zum grie.
chisehen Norwendigkeitsdenken paßte, durch eine lineare Geschichtsauffas-
sung ersetzt wurde: Jeder Mensch hat eine individuelle Geschichte, die sich in
einer geraden Linie bis zum Tod entfaltet. Je älter ein Mensch wird, desto
mehr Wissen erwirbt er und desto mehr Einsicht bekommt et; so lange, wie
seine Kräfte das zulassen. Wenn er schließlich stirbt, war seine Mühe nicht um·
sonst, denn W2.S für den individuellen Menschen gilt, gilt auch für die Gemein-
schaft, in der er lebt. Darum gibt es in der politischen und sozialen Ordnung
genauso wie in der Wissenschaft und der Philosophie einen Fortschritt. Jede
Generation profitiert \Ton den Leistungen der vorhergehenden. Jeder Philo-
soph, ob er nun AristoteIes heißt oder Thomas, leistet einen eigenen Beitrag an
der Entdeckung der einen Wahrheit. Die Geschichte kennzeichnet sich also
durch einen Fortschritt im Streben nach Perfektion. Gilson zu folge beschauten
die Menschen im Mittelalter die Weltgeschichte als ein schönes Gedicht, des-
sen Bedeutung für uns erkennbar und vollständig ist, weil wir den Anfang und
das Ende davon kennen.' Die Geschichte entfaltet sich wie ein Plan, der in
endlicher Zeit und bestimmten Entwicklungsstufen folgend abläuft. Dies alles
führt zu einem geordneten Verlauf der Geschehnisse in der Zeit. Die Vorarbeit
wurde von den Griechen, den Juden und den Arabern erledigt, aber die Men-

• Ebd.
5 Huizinga spricht hier über "platonischen Idealismus".
6 Gilson, L 'Esprit, S. 368.
7 Ebd., S. 372.
van der Lecq, Thomas von Aquin 41

sehen im Mittelalter sahen die Zeit, in der sie lebten, als die bedeutendste. Gil-
sons Auffassung von dem linearen Geschichtsverständnis der Menschen im
Mittelalter ist nicht unumstritten. Vor allem im Hinblick auf das Werk von
Thomas von Aquin kann man sich fragen, ob Gilsons Bild wohl stimmt. Im
folgenden will ich mich zuerst mit der Frage beschäftigen, ob Thomas eine zy-
klische oder eine lineare Geschichtsauffassung hatte; danach werde ich die da-
mit zusammenhängende Frage beantworten, ob die thomistische Philosophie
einen Beitrag zum Festlegen von ethisch-politischen Zielen im Geschichtslauf
liefern kann. Meine Schlußfolgerung wird sein, daß sie dies in bezug auf die
Ethik nicht kann, wohl aber in bezug auf die Politik.

Thomas und die Geschichte


Die Frage, ob Thomas eine zyklische oder eine lineare Geschichtsauffassung
hatte, ist nicht ejndeutig zu beantworten. Wie so oft bei Thomas hängt die
Antwort vom Bild ab, das man von Thomas hat: das von einem Aristoteliker
oder das von einem Neuplatonisten. Bei den älteren Thomasforschern, von de-
nen Gilson einer ist, war der Gedanke vorherrschend, daß Thomas ein antipla-
tonischer Aristoteliker sei, der die wesentlichen Denkbilder des Neuplatonis.
mus verwerfe. Er soU vom Neuplatonismus nur ab und zu einige Gedanken -
gleichsam als Dekoration - übernommen haben, wenngleich auch zugegeben
wird, daß es in der thomanischen Philosophie platonische Elemente gibt. Das
Bild von Thomas als Aristoteliker scheint vor allem auf zwei Fakten zu beru-
hen, nämlich (1) er hat die Rezeption von AristOteies im Westen möglich ge-
macht und (2) er hat die neuplatonische Interpretation von Aristoteles durch
die der jüdischen und islamischen Philosophen ersetzt. Das bedeutet aber
nicht, daß er selbst ein reiner Aristoteliker war. In der späteren Thomasfor-
schung wird dieses Bild darum auch korrigiert. 8 Diese Untersuchungen geben
uns das Bild eines Theologen/Philosophen, der die neu platOnische Metaphysik
und Theologie mit einer aristoteljschen Physik kombiniert, obgleich er auf bei·
den Gebieten einige Korrekturen anbringen muß, die ihm von seinem christli-
chen Glauben nahegclcgt werden. In dcr Synthese versucht er eine Harmonie
zu finden, und die Probleme in der Thomasinterpretation entstehen zumeist
dort, wo dies scheinbar nicht gut gelingt. Die Frage, ob Thomas die Geschich·
te als einen Kreislauf oder eine Linie sah, muß darum in zweierlei Weise beant-
wonel werden: der Neuplaronist Thomas faßt die Geschichle als einen Kreis-
lauf auf, während der Aristoteliker Thomas die Geschichte als geradlinig be-
schreibt. Man kann es auch so formulieren: in der thomanischen Geschichts-
auffassung gibt es horizontale und vertikale Elemente: leloJ als der ewige Sinn

• Siehe K. Kremer, Dit ntNplaloniuht Stin.rphiloJophit lind ihn IYlir.hng ON! Thol1JO.r /IOn
Aquin, Leiden 1971.
42 Geschichte

vom Hier und Jetzt und Je/os als Endziel des historischen Prozesses. Beide Ele-
mente bestehen gleichzeitig und hängen davon ab, wie der Mensch die Wirk-
lichkeit erfährt: alle religiöse Zeit ist zyklisch (vertikal) und alle geschichtliche
Zeit ist linear (horizontal), denn der religiöse Mensch kehrt dorthin zurück, wo
er herkam. Der Mensch im Hier und Jetzt hingegen hat eine Vergangenheit
und eine Zukunft. 9 Vor allem der erste Teil dieser Schlußfolgerung bedarf eini-
ger Erläuterung.

Thomas und der Neuplatonismus


Im Denken von Thomas über die Wirklichkeit spielt die Figur des Kreises eine
wichtige Rolle. Thomas sicht im Kreis nicht nur die vol.lenclete Figur, sondern
auch in der Kreisbewegung die vollendete (jcwegung. Alles was geschieht, ver-
läuft für Thomas auf eine bestimmte Weise zirkulär (per nlOdltnJ tirculationis). Die
letztliche Perfektion eines jeden Dinges besteht darin, daß es zu seinem An-
fangspunkt zurückkehrt. 1O Ursprung und Ziel sind identisch. Es ist für Thomas
evident, daß jede Folge zu ihrer Ursache zurückkehrt (onmis iffUlu! HaluraHler ad
slIom toImUlI COTlt'trlitltr 11 ), und im allgemeinen daß alles, was geschieht, einem
zyklischen Gesetz unterliegt. Dies gilt für alles, was es gibt: Also sowohl für
das natürliche Streben von seelenlosen Dingen als auch für den "freien" Willen
des Menschen.
Es ist unumstritten, daß dieses zyklische Denken neuplatOnisch ist. Die exi-
IlIs-redilllS-Formel, die bei Thomas regelmäßig zurückkommt, finden wir auch
bei Proklus und bei den späteren Neuplatonikern Eckhart und Nikolaus von
Kues. Auch das Axiom von der unbedingten Zurückkehr einer Folge zu ihrer
Ursache finden wir fast wörtlich bei Proklus wieder. Die Kreisförmigkeit der
Geschichte beruht auf der Identität von Wirkursache und Zielursache. Die
Wirk ursache sorgt für das Sein der Dinge; die Zielursache sorgt für den Sinn
dieses Seins. Wenn der metaphysische Anfangspunkt gegeben ist, ist gleichfalls
der ethische Zielpunkt bekannt. 12
Jetzt könnte man entgegnen, daß der Gedanke, daß die Geschichte zyklisch
verlaufe, njcht ausschließlich neu platOnisch sei. Auch in der antiken Philoso-
phie gebrauchte man nämlich das "Kreislaufmodell". Es gibt da jedoch einen
wichtigen Unterschied: im antiken Kreislaufdenken führt die Figur des Kreises
zu einer "ewigen Wiederkehr des Gleichen". zur zyklischen Wiederholung des

9 M. Seckler, Das Hti!;l1 dtr Ctuhichlt. Cuchichlslhto!ogüc!Ju Dtnkm bt; TbOl1/as j,'(Jn Aquin,
l\Iünchen 1964, S. 156.
10 Summa Theologiae (51) lallat 3, 7. Seckler weist auf viel mehr Texte hin, die diese
Ansicht leilen.
11 ST I/al/at 106, 3.
12 Seckler, Htil in dtr Cmhichlt, S. 66.
van der Leeg, Thomas von Aquin 43

SeIhen. Bei Thomas ist dies jedoch nkht der Fall. Die Metapher des Kreises ist
nicht beabsichtigt, um zu suggerieren, daß es nichts Neues unter der Sonne
gibt, sondern um anzudeuten, daß für alles gilt, daß Ursprung und Ziel iden-
tisch sind. 13 Diesen Gedanken kann Thomas übrigens ausgezeichnet mit der
aristOtelischen Ursachenlehre kombinieren. Die verschiedenen Ursachen (ejji-
(iens, finalis, formaliJ, moterioliJ) sind für ihn nicht wirklich verschieden, sondern
sie sind verschiedene Aspekte desselben Prozesses. Wirkursache und Form-
ursache sind miteinander verbunden, da Wirkung dasselbe ist wie Formung.
Jedes natürliche Ding entsteht dadurch, daß GOtt ihm Sein gibt; das tut er
durch die Form (for'Hn dot we). Die Form ist auch das Ziel des Dinges; ohne
Ziel kann nichts sein. Vor allem das Verhältnis zwischen r01lso ejjin"enJ und (01lJO
JinoliJ ist jetzt wichtig. Dieses wird ausgedrückt in der FormeL eJficienJ COIfJtJ Ji-
nis, Jillis causa ejjicienJ. 14 Anders ausgedrückt: Die Wirkursache ist vom Ziel
formgesteuert, aber das Ziel verdankt sein Scin der Wirkursache.

Thomas über Philosophie und Politik


Die Identität von Ursache und Ziel hat auch Folgen für die Ethik. Es steht
außer Zweifel, daß für Thomas der metaphysische Anfangspunkt auch der
ethische Zielpunkt ist. Das heißt, daß das letztendliche Ziel unseres menschli-
chen Lebens die Schau Gones ist und nicht irgendein irdisches Glück. l '; Das
Glück in diesem Leben ist nur eine "Teilnahme am Glück" (parlicipatio btOtitli-
dilliJ). Dies führt uns zu der bemerkenswerten Schlußfolgerung, daß der thomi-
stische "rbeologe schon weiß, was das Ziel des Lebens ist, aber daß der thomisti-
sche Philosoph dieses Ziel nicht kennen kann. 16 Die menschliche Vernunft
reicht nicht aus, um dieses Wissen auf natürliche Weise zu erwerben. Was der
Mensch auf natürliche Weise weiß, ist, daß das letztendliche Ziel unseres Han-
delns - die perfekte beotitudo - nicht in diesem Leben liegen kOlln, da die letzt-
endliche Perfektion eines jeden Dinges darin besteht, wieder zu seinem An-
fangspunkt zurückzukehren. Die menschliche Natur hat in diesen Leben kein
letztendliches Ziel; das Leben ist also in gewissem Sinne ziel1os. 11 Der thomi-

13 Ebd.,S. 51.
14 Ebd., S. 53, weist hin auf: In V ~letaph. Lee!. 2, nr 775.
15 Siehe ST laIbe gg 2, 3 und 4.
16 Siehe für eine ausführliche Unterstützung dieser Schlußfolgerung: D. J. M. Bradley,
Aquif/oS on thf TU'ojold HJIIlI(lfI Cood. RrasoH and HJI"faN Hoppi/ltJS il/ AqNina's Mora!
SritJ/u, Washington D.C., 1997.
17 I3radley, Aquinas (5. 527), spricht hier von .. the deep paradox confronting the Tho-
mistic philosopher. Philosophical reason. beginning with the natural desire for hap-
piness, demonslrateS that human nature cannot be satisfied by an}' end naturally at-
tainable, and concludes that only a supernamnr.l end, the vision of the divine es-
sence, could satisfy man's natural desire."
44 Geschichte

stische Philosoph basien seine Ethik auf das Wissen um das übernatürliche
Ziel, aber dieses Wissen ist von theologischer An. Eine systematische teleolo-
gische Ethik, die auf dem natürlichen Ziel des Menschen beruht, ist für ihn als
Philosopbtn also unmöglich. 18 Die thomistische Philosophie kann also nichts
zum Festlegen von ethischen Zielen im Geschichtslauf beitragen, da diese Zie-
le für den Philosophen nicht zu erkennen sind.
Gilt diese Schlußfolgerung nun auch für die thomistische politische Philo-
sophie? In seiner politischen Philosophie scheim Thomas, stärker als in seiner
Ethik, von AristoteIes inspiriert zu sein. Im Kontext mit dem oben Beschriebe4
neo ist das auch verständlich, da Politik eine typische Angelegenheit des Hier
und Jetzt, der Aktualität darstellt. FÜ,r AristoteIes schloß die politische Philoso-
phie bei der Ethik an. Der Mensch ist per definition ein rationales, mit Sinnen
ausgerüstetes lebendes Wesen (animal rationale). Er unterscheidet sich von den
(anderen) Tieren dutch seine Rationalität. Diesen Aspekt seiner selbst muß der
Mensch darum auch perfektionieren, um so gut wie rnöglichMensch zu sein.
Hierin erkennen wir die (horizonraJe) teleologische Auffassung von der Natur,
die für AristoteIes so wichtig ist. Diese Auffassung besagt, daß jedes Wesen da-
nach strebt, so gut wie möglich die eigene Natur zu perfektionieren. Dies ist
ein physischer - man kann sOWlr sagen metaphysischer - Standpunkt. Dies hat
aber auch Folgen für die Ethik, denn mit einem gut funktionierenden Verstand
kann der Mensch bestimmen, was gut und schlecht isr. 19 Der Verstand sorgt
auch dafür, daß ein Mensch sprechen und kommunizieren kann. Und da die
Natur nichts ohne Grund tut, eignet sich der Mensch von Natur aus dazu, in
einer Gemeinschaft zu leben. Anders gesagt: der Mensch ist ein politisches
Tier. Dies alles führt dazu, daß der Staat als ein Naturprodukt angesehen wird.
In einer Gemeinschaft kann der Mensch seine eigene Natur am besten aus·
drücken. Dem Leben in der Gemeinschaft ist es zu verdanken, daß der Mensch
ein glückliches und tugendhaftes Leben haben kann. Die Natur ist also die trei-
bende Kraft. Was in Gesetzen festgelegt wird, ist das, was von Natur aus gut
ist. Die Natur wirkt sozusagen durch den Verstand und den Willen von denje-
nigen, die die Gesetze machen: den Bürgern. Auf der Basis dieser Gesetze wird
die Gemeinschaft auf ihr letztendliches Ziel hin geleitet und gesteuert: das bo-
11111" COIIJflJlme. Wenn der Staat von einem Fürsten geleitet wird, dann muß diese

Figur selbstverständlich über einen großen Anreil praktischer Vernunft verfü-


gen (phronuiJ). Es ist seine Aufgabe, die Gemeinschaft so zu leiten, daß jedes
Individuum ein gutes und tugendhaftes, das heißt glückliches Leben führen
kann. Obwohl AristoteJes den Menschen als einen Teil der Gemeinschaft an·

18 Dies ist natürlich anders bei dem Aristotelischen Ethiker, fur den das letztendliche
Ziel des Menschen in diesem Leben liegt.
19 In der Elbira Niroma(hta spielt die praktische Vernunft eine wichtige RoUe beim Fin~
den des besten Miuelweges zwischen zwei Extremen, das heißt des tugendhaften Le-
bens.
van d~r Lecq, Thomas von Aquin 45

sieht, bedeutet dies nkht, daß ein guter Mensch automatisch ein guter Bürger
wäre oder um~kehrt. Es ist aber schon so, daß das uben in einer Gemein-
schaft als guter Bürger dazu beitragen kann, daß jemand ein glücklicher
Mensch ist. Das voUkommene Glück besteht AristoteIes zu folge aUerdings in
der philosophischen Kontemplation, einer Aktivität, für die man die Gemein-
schaft eigentIich nicht benötigt.
Wenn wir uns in die politische Philosophie Thomas von Aquins vertiefen,
faUt ab erstes auf, daß dje Kommentare auf AristoteIes' Elhito und Polilito
nicht sehr informativ in bezug auf Thomas' eigenen Standpunkt sind. Er er-
weist sich als ein sorgfältiger user des Werkes von AristoteIes, erklärt es, und
fügt nur an einer einzigen Stelle eine kritische Bemerkung hinzu. Seine eigenen
Auffassungen können wir in seinen theologischen Werken und in einem klei-
nen Werk mit dem Titel De regimine pn'ncipNm lesen. 20 Was Thomas darin dar-
legt, läuft auf das folgende hinaus: er übernimmt zum größten Teil die Theorie
von Aristoteles, aber nicht ohne weiteres; genau wie in seiner Metaphysik be-
nutzt er in seiner politischen Philosophie das Gedankengut von Aristoteies als
Fundament für ein christliches Gebäude, welches mit dem neuplatonischen
Partizipationsdenken verwandt ist.
In der politischen Theorie von Thomas spielt seine Theorie des Naturgeset-
zes eine zentrale Rolle. 21 Das Naturgesetz kann man als eine Brücke zwischen
Gott und den Menschen begreifen. Die Philosophje von Thomas ist genauso
wie die des AristoteIes von teleologischer Art: jedes Ding strebt von atur aus
nach seiner eigenen Perfektion. Aber für Thomas ist es wichtig, daß die atur
von Gon geschaffen ist und an den Gedanken seiner Vernunft teilnimmt. Das
Naturgesetz ist darum njcht selbständig, sondern Teil einer hieruchischen
Ordnung. Ganz oben steht das ewige Gesetz, das ist die göttliche Vernunft, die
das niversum leitet. Darunter finden wir das Naturgesetz, als dje Teilnahme
der rationalen Schöpfungen am ewigen Gesetz. Alle geschaffenen Dinge neh-
men am göttlichen Plan teil, aber Menschen tun dies auf eine besondere \Veise,
nämlich indem sie Verstand (rolio) erhalten haben, anders gesagt: sie sind nach
Gottes Bild geschaffen. Dadurch nehmen sie teil an der göttlichen Vernunft,
wodurch sie von Natur aus die Neigung haben, nach dem Guten zu streben.
Unten in der Hierarchie stehen die menschljchen Gesetze. Diese sieht Thomas
als das Anwenden des (allgemeinen) Naturgesetzes auf konkrete Fälle. So ist
zum Beispiel das Gebot "Du sollst nicht töten" Teil des Naturgesetzes, das
praktische Handhaben dieses Gesetzes ist jedoch Aufg2be des menschlichen
Richters und Teil der menschlichen Gesetze. Die menschlichen Gesetze kön-
nen nie mit dem aturgesetz in Konflikt geraten, da die Vorschriften des Na-
turgesetzes die Ausg2ngspunkte bilden, auf deren Basis die menschlichen Ge-
setze formuliert werden. Der Begriff ..Naturgesetz" war nicht neu - er bescand

20 Die: rc:le:vant~n Tc:xt~ und Fragrn~ntc: wurd~n von A. P. O'Enue:ves v~rÖffentl..icht:


Aqlli1l'u StkrttJ P,h·tiri11 Writi1lgs. Oxford 1959 (ÜberselZungen von JG. 02wson).
21 ST 12112~. qu. 91.
46 Geschichte

bereits im zwölften Jahrhundert und basierte auf dem Werk von Augustinus -,
aber die teleologische Bedeutung. die Thomas dem Begriff umer Einfluß von
Arisroteles gab, war wohl neu.
Etwas Vergleichbares macht Thomas mit AristoteIes' Theorie vom Staat als
Naturprodukt. Auch diese übernimmt er, aber wiederum als Fundament fUr
sein christliches Gebäude. Auch für Thomas ist der Mensch von Natur aus ein
politisches und soziales Tier (anima/ po/iticum t/ $orialeJ. Die Zu fUgung t/ sodale
kann rollO als eine Erläuterung des Begriffes "poliliomJ" ansehen, womit gleich-
zeitig angegeben wird, daß der griechische Stadtstaat nicht die einzig denkbare
Gemeinschaft ist, in der ein Mensch Tugendhaft leben kann. Es geht darum,
daß das Umgehen mit anderen dem Menschen von atur aus eigen ist. Tho-
mas' Auffassung zufolge muß die Integration des Individuums in ein größeres
Ganzes als eine Bereicherung seiner Persönlichkeit verstanden werden und
nkht als etwas, das auf Kosten des Wertes des menschlichen Individuums
geht.
Wo AristOteies den Menschen als Bürger vom Menschen als Mensch unter-
scheidet - ein guter Mensch war nämlich nicht autOmatisch ein guter Bürger
und umgekehrt - unterscheidet Thomas den ~'lenschen aJs Bürger vom Men-
schen als Christen. Während bei AristOteIes die Gcmeinschaft dafür sorgen
muß, daß der Mensch ein tugendhaftes und glückliches Leben fUhren kann. ist
das tugendhafte Leben bei Thomas auf das Leben nach dem Tod gerichtet,
denn erst dann kann das echte Glück erreicht werden. Das bonNm (omnIHne,
nach dem der Staat strebt, ist also rur den Menschen als Christ kein eigentli-
ches Ziel. sondern nur ein Zwischenschritt auf ein weiter weggelegenes, höhe-
res Ziel hin. Die Funktion des Staates, als Teil der natürlichen Ordnung, muß
also im Rahmen der gärdichen Leitung der Welt verstanden werden und ist
dieser untergeordnet. Der Staat ist bei Thomas auch nicht ob tintiger verant-
wortlich für das tugendvoLlc Leben der Bürger. Er darf sich nur mit dessen
äußerer Erscheinungsform beschäftigen; rur das Seelenheil des Individuums ist
schließlich nur die Kirche verantwortlich. Und so wie die Seele über dem Kör-
per stcht, steht die Kirche über dem Staat. Demzufolge ist die Autorität der
kirchlichen Macht größer als die der weltlichen Macht.
Die ideale Staatsform ist für Thomas die Monarchie. In der i\'lonarchie, die
Thomas vor Augen hat, verdankt der weltliche Fürst seine Autorität vor allem
dem Volk, das ihn unterstützen und ihm gehorchen muß. Der Fürst erwirbt
seine Macht, indem er zum Besten seiner Untertanen regien. Wir erkennen
hier ein aristotelisches (populjstisches) Element in der politischen Theorie von
Thomas. Aber wichtiger ist doch das christliche (theokratische) Element in sei·
ner Theorie: aUe Macht kommt direkt oder indirekt von Gott. Der Papst emp-
fangt seine Macht direkt von Gort, und der weldiche Fürst ist, wenn es darauf
ankommt. der kirchlichen Autorität untergeordnet. Theoretisch liegt die I,acht
der Kirche ausschließlich auf dem spirituellen Gebiet, llber der Staat muß in
allen weltljchen Dingen der Kirche gehorchen. Theorctisch ist das für Thonns
kein Problem, da ein weiser Fürst das bonHI1I (On/n/Hne anstrebt. Und was das bo-
van der Lecq, Thomas von Aquin 47

nJUII commUllt ist, kann mit dem natürlichen Verstand herausgefunden werden.
Kirche und Staat können also nie im Streit miteinander sein, genausowenig wie
Theologie und Philosophie das können.
]\'Iit dem Gedanken, daß der Mensch außer ein Christ auch noch ein Bürger
ist, fühn Thomas etwas Neues im Hinblick auf seine Vorgänger ein. Es ist na-
türlich nicht so, daß es im Mittelalter zwei verschiedene Sonen Menschen
gäbe: die Gruppe Bürger und die Gruppe Christen. Es geht hier um einen for-
melJen Unterschied zwischen zwei Aspekten eines jeden Individuums: als t\1..it-
glied der christlichen Gemeinschaft betrachtet, ist er Christ, als Mitgljed der
weltlichen Gemeinschaft ist er Bürger. Obwohl nach Thomas' Ansicht das Ziel
des Menschen als Bürger (das bOllfUII comnJJllU in diesem Leben) dem Ziel des
Menschen als Christ (beatitudo nach diesem Leben) untergeordnet ist (und in
dessen Dienste steht), war es sicherlich revolutionär zu behaupten, daß politi-
sche Autorität, unabhängig von Glaube und Kirche, einen gewissen Wert habe,
wenngleich dieser tatsächlich nicht viel ausmachte. Es konnte zu der Schluß-
folgerung führen, daß es auch ein Naturgesetz und einen Staat geben könne
ohne Gmt. Daß diese Schlußfolgerung tatsächlich gezogen wurde. kann man
aus der Tatsache schließen, daß die theokratische Theorie im Mittelalter
schließlich verloren hat. In der Theorie des Philosophen Marsilius von Padua
aus dem vierzehnten Jahrhunden war die Rolle der Kirche so gering, daß man
diese ruhig "trivial" nennen darf. Das war natürlich nicht Thomas' Absicht,
aber das Paradoxon ist, daß es nur geschehen konnte, nachdem er dafür ge-
sorgt hatte, daß das Gedankengut von AristOtcles akzeptiert werden konnte,
ohne daß der Kirche dadurch geschadet wurde. Er hat die Scheidung zwischen
Glaube und Vernunft, zwischen Kirche und Staat schlicßlkh selbst mit mög-
lich gemacht.
Auf dem Gebiet der politischen Philosophie hat Thomas - entgegen seinen
Absichten - gezeigt, daß es sehr gut möglich ist, ein ungläubiger thomistischer
Philosoph zu sein. Das gleiche gilt für die Metaphysik und die Erkenntnistheo-
rie. Auf dem Gebiet der Ethik scheint dies nicht möglich zu sein, aber der tho-
mistische Philosoph kann dennoch einen Beitrag bei der Bestimmung politi-
scher Ziele im GeschiclHslauf leisten, auch wenn die Ziele den letztendlichen
Zielen des Menschen als Christ immer untergeordnet bleiben.
Henning Ottmann

Was ist neu im Denken Machiavellis?

Qne can saftly lay thaI thert is no moral or poHlica/ pbe-


nomenon Ihal Machiat't/li kneIP or ftr whoie diJ(ot~ry he
is /amolls that II'lIJ nol pufutIJ known 10 Xtnophon, to
stry nothing 0/ Plalo or An·stot/t.!

I
Machiavel1i gilt als Begründer des neuzeitlichen politischen Denkens. Unter
seinen Händen verwandelt sich das Genre der Fürstenspiegel. Aus einem Buch
zur Erziehung christlicher Fürsten wird ein Handbuch der Techniken des
Machterwerbs und der Machtsicherung. Der Principt löst die alte Einheit von
Politik und Ethik auf, wie sie für die klassische Philosophie kennzeichnend ge-
wesen war. 2 Mit Machiavelli beginnt die Autonomisierung der Politik, ihre Lö~
sung von der Moral. Auch wenn Machiavelli das WOrt "Staatsraison" noch
nicht verwendet, rechnet man ihn doch zu den Begründern der neuzeitlichen
Staatsraisondoktrin. Die Einheit von hones/unI und utjJt, wie sie etwa Cicero in
De o.fficiis verteidigt, wird von Machiavelli aufgelöst. Für ihn kann politisch
nützlich sein, was moraHsch fragwürdig oder verboten ist. Der Fürst kann und
soU sein Won njcht halten, wenn es ihm zum Nachteil gereichen würde. 3 Er
muß nicht mehr gerecht, milde, fromm etc. stin, sondern es nur noch zu sein
schtintn. Politik wird zur Kunst der Vorspiegelung, zur Schauspielerei, zur gro~
ßen Simulation.
Bei MachiavelU vollzieht sich ein Bruch mit dem kJassischen politischen
Denken sowie mit den Fürstenspiegeln der christlichen Tradition. Der Fürst
wird von seiner Bindung an die Religion gelöst. Religion wird nur noch aus der
Perspektive der poljtischen Nützlichkeit wahrgenommen. Sie wird zum bloßen
Instrument der Poljtik. Die christliche Zeitvorstellung wird abgelöst durch ein
zyklisches Denken. An die Stelle der EschatOlogie und der Ausrichtung aller
Zeit auf das Ende tritt das Auf und Ab einer sich einmal hier, einmaJ dort kon-
zentrierenden Energie des Politischen, der vir/u. Diese ist eine Handlungsforrn
ohne letzten Sinn und Ziel, verschrieben allein dem faktischen Erfolg. Ihr Ge-

I Smuss 1972, S. 291.


2 Schmölz 1963.
3 Machill.Vclli 1986: Kap. 18.
Oumann, Wu ist neu im Denken Machiavellis? 49

genspieler ist eine launische forluno, die mit der christlichen Vorsehung nichts
mehr gemein hat, sondern eine irrationale M,acht des Geschehens ist.
Ein Bruch mit der Tradjtion des klassischen politischen Denkens und mit
dem Christentum ist in Machiavellis Lehre unverkennbar. Ob es sich aber um
ein ntlieJ Denken handelt, steht auf einem ganz anderen Blatt. MachiaveUj ist
ein großer Verehrer der Autoren der Antike. Das führt dazu, daß er manche
ihrer Lehrstücke geradezu sklavisch reproduziert, um nicht zu sagen plagüert.
Was prima fade revolutionär zu sein scheint, ist bei näherer Betrachtung meist
njchts als eine bereits in der Antike wohlbekannte und vielerörterre Lehre. Der
nterschied zwischen MachiaveUi und den klassischen Denkern besteht nur
darin, daß l\hchiavelli begrüßt, was die Klassik verwirft. Aber nichts, von Ma-
chiavellis Politikbegriff im allgemeinen bis zu seinen einzelnen Empfehlungen,
ist wirkJjch neu. Machia\'elli hat nur, was längst bekannt war, wieder ausgegra·
ben und sich im Unterschied zur kJassischen Tradition zu eigen gemacht.
Der Begriff des AutOrs hat sich erSt im 18. Jahrhundert dutchgesetzt. Zur
Zeit MachiaveUis war es üblich, sich bei den klassischen Autoren zu bedienen.
Oft "zitiert" Machiavelli aus dem Kopf. Manchesmal nennt er seine QueUe,
manchesmal verschweigt er sie. Die Frage, was ist ntu im Denken Machiavems,
zielt nicht auf eine moraljsche Diskreditierung der Person. Ziel der Frage ist es
vielmehr, zu untersuchen, was an den angebHch so umstürzlerischen Lehren
Machiavellis altbekannte Lehrstücke sind. Hat man dies erSt einmal erkannt,
läßt sich um so genauer bestimmen, was "neu" im Denken MachjaveUjs ist.

II
Was ist neu im Denken MachiaveLLis? icht die Grundthese des Pn'nripe, nicht
die einzelnen Ratschläge an den Fürsten, nicht die PoiÜlk des "Scheins", nicht
die Symbole von Fuchs und Löwe, nicht der Republjkbegriff der Diuorsi, nicht
die Theorie der Mischverfassung, nicht der Kreislauf der Verfassungen, nicht
die Sicht der politischen Theologie. Dies und vieles andere mehr verdankt sich
vielmehr Machiavel1is antiken Quellen. Im Pn'ndpt sind dies vor allem Aristote-
les, Cicero und die Sophistik. In den Discorsi "paraphrasiert" Machiavelli Livi-
us'" Polybios 5, Tacitus und Xenophon 6 . In anderen Werken sind es andere Au-
lOren der Antike, aus denen er seine Stoffe und seine Thesen nimmt. In der orlt
dello gutfTa ist es vor allem Vestigius' tpilomo ni mi/ilon's, die Bibel der Kriegs-
führung im Mittelalter. In der ";10 des Cosl1'Ucao Coslrol'oni borgt sich Machia-
velli die Sentenzen von Diogencs Laertius 7 .

• Whitfidd 1971.
5 SliSSO t 988: Bd. I, S. 3--118.
6 StllmmC'n 2002.

Stt1lluS$ 1972: S. 291.
50 Geschichte

Humanistische Wiederbelebung der Antike und schlichte Kopierung dersel-


ben gehen in Machiavellis Werken sehsame Verbindungen ein. Schon der Blick
auf den Pn"nript zeigt, daß sich dort so gut wie nichts Neues findet. Schon die
Grundthese des Werkes ist nicht neu. Vielmehr handeh es sich um die in der
Antike immer wieder erörterte Streüfrage, ob ein Gegensatz zwischen honuINm
und N/ile (zwischen dem Sittlich-Gebotenen und dem 'ützlichen) oder zwi-
schen dem Jikdion und dem opkljmon (dem Gerechten und dem ützLichen)
besteht. Cicero, der, was diese: Frage angeht, vermutlich die Hauptquelle für
Machiavelli war, hatte in Dt officiis dargelegt, daß Konflikte zwischen dem Sitt-
lich-Gebotenen und dem Nützlichen bloße Scheinkonflikte sind. Es war im-
mer richtig, anständig zu sein. Das war auch die uhre des Stoiker Panaitios
gewesen, auf dessen Buch Pen ION lealhrleonloJ Cicero seine Ausführungen in Oe
offidh stützte. Cicero fühlte sich, als er sein politisches Hauptwerk De rt publico
schrieb. besonders herausgefordert durch den Philosophen Karneades. Dieser
hatte bei seinem Besuch in Rom im Jahre 156 v. Chr. zwei Reden gehalten
(eine für, eine gegen die Gerechtigkeit). Er hatte den Römern damals zugeru-
fen, sie müßten, "wenn sie gerecht sein woilten, das heißt, wenn sie fremden
Besitz zurückerstatten wollten, in die Hütten zurückkehren und in Armut und
Elend am Boden liegen"8. Für Karneades war gerade die Politik der Paradefall
der Konflikte von Gerechtigkeit und Nutzen. Und Cicero hat sich im dritten
Buch von De rt publico nach Kräften bemüht, die römische Weltherrschaft ge-
gen den Vorwurf zu verteidigen, daß sie nur dem 1 utzen der Römer diene,
eine ungerechte Herrschaft sei.
Ob Cicero die Verteidigung Roms gegen Karneades gelungen ist, mag da-
hingestellt bleiben. So oder so ist die Frage nach dem Verhältnis von Gerech-
tigkeit und utzen eine nicht nur von Cicero, sondern bereits von Thukydides
oder Platon erörterte Standardfrage. Sie stammt ursprünglich aus dem Arsenal
der Sophistik, und sie begegnet allenthalben, wo diese von Einfluß ist (wie bei
Thukydides) oder ein Philosoph mit Sophisten streitet (wie dies bei Platon der
Fall ist). Platon läßt in seinen Dialogen sowohl Thrasymachos als auch seine
Brüder Glaukon und Adeimantos genau jene Lehren vortragen, die Machiavelli
erneuert: daß Gerechtigkeit und politischer Nutzen nicht miteinander harmo-
njeren, daß der Gerechte weltfremd ist, daß die Logik der Macht und die Ge-
bote der Sittlichkeit nicht miteinander zu vereinen sind 9 .
Machiavellis Grundlehre vom möglichen Konflikt der Werte ist somit alles
andere als neu. Sie "erneuen" nur eine alte sophistische Doktrin, und sie äh-
neh in vielem auch dem, was Thukydides in seiner Cmhithlt du Ptltponnuiuhtn
Kriegu als Konflikt von dikaion und ophtlimon vorgefUhrt hat. Der Melier-Dialog
ist bei Thukydides das bekannteste, aber nicht einzige Beispiel eines sophisti-
schen Schlagabtausches der Argumente. Die l\·relier beklagen sich bei den

8 Lakl:mz 1844 rf.; V, 16, 5.


9 Plalon 1971: I, 343d rr.; 111, 358e rf.
Ottmann, Was iSI n(:u im Dcnk(:n Machiavellis? 51

Athenern, diese würden das \Vort ..gerecht" durch das \VOrt ..nützlich" erset-
zen 10. Der MeLier-Dialog ist ein einziges Streitgespräch über den Konflikt zwi-
schen Machtpoljtik und Sittlichkeit oder Gerechtigkeit und utzen. Das Werk
des Thuk)'djdes ist, auch wenn der Historiker eigentlich vor der überreizung
der Machtpolitik wunen will, übers:i.t mit J\-laximen der poljtischen Opportuni-
tät. Strasburger ll hat sie einmal zusammengestellt, um die Ähnlichkeit mit Ma-
chiavellis politischen Ratschlägen zu dokumentieren l2 . Reinhardt hat die Ähn-
lichkeit der Krisenlage hervorgehoben, in der sich Thukydides und Machiavelli
befanden. "Beide sind sie große Patrioten, heide als Politiker verschmäht von
ihren Vaterstädten ... Beiden sind Moral und Macht zwei Größen, die nicht
mehr in einer und derselben Richtung aufgehen ..... 13.
Was zunächst so umstürzlerisch klingt, MachiaveUis Politik des "Scheins"
und der Schauspielerei des Fürsten, auch sie ist nichts :tls eine Reproduktion
wohlbekannter antiker Lehren. Einmal abgesehen davon, daß die Demagogen
bereits bei Platon als Schauspieler, als eine An Volksschauspieler, gelten - der
größere Erfolg des nur "scheinbar Gerechten", auch das ist ein Argument, das
aus der Sophistik stammt. Platon legt es seinem Bruder, der in der Polittia den
advocatus diaboli spielt, in den Mund!". Eine weitere heiße Spur führt zu Ari-
stotcles, einer der wichtigsten Quellen rur MachiaveUis Pn'ntipt und die dort
empfohlene Politik des Scheins. In den T)'rannis-Kapiceln seiner Politile 15 hat
Aristoteles den Tyrannen geraten, sie sollten wenigstens Monarchen zu sein
..scheinen". AristoteIes' Überlegung war dabei folgende. Mit den traditionellen
Mitteln eines Tyrannen, der Erzeugung von Kleinmut (mikropsychia), dem
Säen von Mißtrauen, der Schaffung ohnmächtiger Bürger etc. war nach aUen
Erf~h;uagen eine Tyr:o:.nai:; nicht auf Da~er zu s:abilisier::n. Wollte ein Tyrac.n
eine stabiJe Herrschaft errichten, mußte er wenigstens so tun, ..als ob" er ein
Monarch wäre. AristoteIes scheint hier ein .. Machi:l\'ellist" avant la lerrre zu
sein 16 , auch wenn er wohl im Sinne seiner Philosophie des Ethos gehofft ha-
ben mag, daß ein Tyrann, der den Monarchen spielt, sich der Gewohnheit rich-
tigen Handelns irgendwann einmal nicht mehr entziehen kann, er wenigstens
teilweise auch ein Monarch wird.

Es ist hier nicht der Ort, mit Aristotcles zu streiten, ob seine Empfehlungen an
den Tyrannen mit dem Charakter seiner Politik vereinbar sind. Jedenfalls ist es
so, daß fast alJe Ratschläge, die Machiavelli den Fürsten zur Sicherung ihrer
Herrschaft erteilt, den Empfehlungen des A.ristoteles für Tyrannen - sagen wir

10 Thuk)"dides 1993: V, 90.


11 Slrasburger 1954.
12 Etwa Thuk)"did~s 1993: 1, 34, 3; 74, 4; 111, 11,2; VI, 85, 2.
u Rdnhardt 1960: S. 185.
H Plalon 1971: 111,361 b.
lS AristOieles 1991 fr.: V, Kap. 10-11.
16 Barker 1931.
S2 Geschichte

- "nachempfunden" sind. Dies gilt sowohl für den Inhalt der Ratschläge als
auch für deren Reihenfolge. Schon Botero muß behauptet haben, der Prinapt
sei nichts als eine Wiederholung des zweiten Tyrannis-Kapitels aus der Aristo-
telischen Polilile 17 , der neue Fürst somit nichts als der alte Tyrann. Friedrich
Mehmel l8 und Dolf Sternberger l9 haben bereits auf die zahlreichen Wiederho-
lungen aristotelischer Ratschläge aufmerksam gemacht, die sich im Prifldpt
vom 15. K2pite1 an finden. Sie lassen sich nicht dadurch aus der Welt schaffen,
daß man M:achiavelli die Kenntnis des Griechischen abstreitct 20. Vermutlich
hat MachiaveUi Brunis übersetzung der Aristotelischen Politik benutzt, so wie
er für andere griechische Texte Übersetzungen zur Hand hatte.
Machiavelli übernimmt den bei Aristoteles wichtigsten Rat. daß der Tyrann
Haß und Verachtung meiden so1l21. Aristotelisch ist die Empfehlung, daß der
Fürst Ehrungen selber vornehmen, Haß Erregendes aber auf Umergebene ab-
wälzen soll 22. A.ristOtelisch ist der Rat, daß der Fürst sich den Anschein geben
soll, ein sparsamer Haushalter der öffentlichen Mittel zu seinli. Ebenso aristo-
telisch ist die Empfehlung, sich der Übergriffe auf Frauen zu enthalten 24 . Das
Kapitel 17 des Principt, das von Grausamkeit und Milde handelt, erinnert an
den Rat des Aristoteles, daß der Tyrann nicht auf die Furcht, sondern auf die
Ehrfurcht der Bürger setzen so1l25. Allerdings spielt in dieses Kapitel noch eine
andere, ebenfalls antike Lehre mit hinein.
Es geht im Kapitel 17, das die Frage nach "Gnusamkeit und Milde" des
Fürsten stellt. um die berühmte Sentenz "oderint dum metuam", "mögen sie
mich hassen, wenn sie mich nur fürchten"26. Dieses WOrt soU ein Lieblings-
spruch des Caligula gewesen sein 27 • Geprägt hatte das Wort der Dichter Accius
(1. Jh. v. Chr.). und diskutiert wird es bei verschjedenen Klassikern wie Cice-
ro 28 oder Seneca 29 . Machiavelli hilt sich auch hier an die antike Fragestellung.
Er stellt die klassische Antwort jedoch auf den Kopf. Alle Klassiker, von Xe-
nophon bis Cicero, argumentieren rur eine Politik, die auf die Zuneigung der

17 Mehmd 1948, S. 153.


18 Mehmel 1948.
19 Sternberger 1978: S. 172 ff.; Sternbcrger 1980: S. 83 f.
20 Villari 1882: ßd. 2, S. 472 H.
21 Machiavelli 1986: K2p. 19; Aristotdes 1991 H.: V, Kap. 10, 1312a-b.
22 Machiavelli 1986: Kap. 18; AristoteIes 1991 ff.: V, Kap. 11, 1315a. Dieser Rat begeg-
net übrigens schon bei Xenophon (Hieron IX). Machiavelli hat die ahbekannte leh-
re nur am ßeispid des grausamen Statthalters des Cesare ßorgia, des Ramiro de Or-
co, dramatisch prisentiert (princ. 7).
23 Machiavelli 1986: Kap. 16; AristOteles 1991 ff.: V, Kap. 11, 1314b.
z. AristOieles 1991 ff.: V, Kap. 11, 1314b; l\lachiavelli 1986: Kap. 17.
ß AristOleles 1991 ff.: V, Kap. t 1, 1314b.
26 Machia\'dli t 977: 1II, Kap. 19.
17 Sueton 1970: S. 29.
28 Cicero 1980: I, 28, 97.
29 Seneca 1980: 1,20,4.
Onmann, Was ist neu im Denken Machiavellis? 53

Untertanen setzt. Machiavelli dagegen meint. es sei ..sicherer. gefUrchtet als ge-
Liebt zu werden"JO. AlJerdings wird diese Abweichung von der klassischen Leh-
re in den DücorJi wieder relativiert. Dort wird dem Fürsten dann doch zu
..Leutseligkeit. Menschlichkeit•.Milde" geraten. und zwar mit Berufung auf Xe-
nophons KYfJIpiidii3 1• Härte und Strenge werden an dieser SteUe der Republik
empfohlen.
Die SchJüsselbegriffe Machiavellis L7rtN und fOrll/no - handelt es sich hier um
euschöpfungen? In gewissem Sinne erhalten diese Begriffe ein eigenes Ge-
präge. In der L7rlit schwingt das Pathos der Renaissance mit, das Vertrauen in
die Schöpferkraft des Menschen, die Tatkraft, die EntschJossenheit., das Zu-
packende. Die ftrluna ist in Abgrenzung von der christlichen Vorsehung ein
launisches Geschick, die Gunst der Sterne, eine Sache der Glücksritter, der wa-
gemutigen Söldner und entschlossenen Machthaber. Und doch ist auch in den
Schlüsselbegriffen Machiavellis mehr antikes Erbe. als es prima facie der Fall
zu sein scheint. VirlN ist in gewisser Hinsicht immer noch virluJ. In ihr treten
immer noch die Mannhaftigkeit und die Tapferkeit besonders hervor, der vir
und die vii. Die fortuna ist von Polybios' Tyche kaum zu unterscheiden. Auch
bei Polybios ist das Geschick nicht mehr die stoische Vorsehung oder die gÖtt-
liche Lenkung der Geschichte, sondern eher schon der Zufall oder das. was
man rational nicht mehr erklären kann. Glück oder Tüchtigkeit - die Alternati-
ve als solche ist ein Erbe antiker FragesteUungen. Immer wieder wird die Alter-
native erörtert bei AristoteIes, bei den Stoikern oder bei Plutarch. Ob etwa
Alexander seine Weltherrschaft eher dem Glück oder eher der Tüchtigkeit zu
verdanken habe, war ein beliebtes Thema der Peripatetiker und Stoiker. Ma-
chia'lelJj greift es in den DiJ~orJi mit Bezug :ö.uf Plut:.rch auf32. Machiavelli teih
mit den Klassikern die ~'Ieinung, daß man alles daran setzen soU~ auf Tüchtig-
keit zu setzen und sich von der Gunst des Glücks unabhängig zu machen. Eine
gewisse makzenruierung der klassischen Lehre liegt nur darin. daß Machia-
veUi t'irtN und fortuna als gleich starke Mächte begreift}3. Bei Aristoteles war
eindeutig. daß das Glück zwar immer auch vom Zufall und von den äußeren
Gütern abhängt, sich aber mehr der Tüchtigkeit als dem Zufall verdankt. Eine
Halbierung der Anteile entspricht der klassischen Lehre nicht.
Die berühmten Wappentiere des .. neuen Fürsten", der Fuchs und der Löwe,
die Symbole von üst und Gewalt, auch sie sind nichts als ein Zitat J4 . Sie be-
gegnen an zwei prominenten, MachiaveLli bekannten Stellen. Die eine ist De of-
jiciil 1. 13, die andere Plutarchs Biographie du LYJander35 . In der Lysanderbiogra-
phie he.ißt es: ,,\'(/0 die Löwenhaut nicht hinreichte. da müßte man noch den

JO Machiavelli 1986: Kap. 17.


JI Xenophon 1992: 111, S. 22.
.u Machiavelli 1977: 11. Kap. 1.
JJ M:achiavelli 1986: Kap. 25.
J4 M:achi:avelli 1986: Kap. 18.
JS Plut:arch o. J.: Kap. 7.
54 Geschichte

Fuchsbalg darannäheo". Nach Stolleis hat Machiavelli die Lysanderbiograpbie


1502/03 gelesen J6 . Aber auch Cicero kann selbstverständlich die QueUe für die
Symboltiere des Fürsten gewesen sein.

\'(I'enn wir uns dem zweiten Hauptwerk ~hchiavellis. den DisrorJi. zuu'enden,
dann wird noch deuilicher, wie abhängig Machiavelli von den Vorbildern der
Antike ist. Sein Ideal der Republik modeUiert er anhand von Livius' Ab Krbt
(o"diJa. deren zehn erste Bücher er seinem Werk zugrunde legt. Livius war ein
biederer, theoretisch nicht sonderlich versierter Historiker. Von ihm nimmt
Machiavelli meist nur die historischen Beispiele, die exemplo repulikanischer
,,·irlu!. Für seine Deutung der republikanischen Verfassung und rut manches
andere mehr stützt er sich dagegen weitgehend auf Polybios, dessen amen er
in den Discors; nicht nennt. Es sind drei fur Machiavellis Denken bedeutende
Grundlehren, die er dem Polybios emlehnt.
Da ist trs/tns die Kreislauftheorie der Verfassungen, die aus dem 6. Buch der
His/on"tn des Polybios übernommen wird. Sie wird von Machiavelli ausführlich
und ohne jede signifikame Veränderung in Discorsi I, 2 wiedergegeben; in ei-
nem weiteren Sinne könnte sie sogar die Anregung für das zyklische Ge-
schichtsdenken Machiavellis gewesen sein. Da ist tfPtiltns die Polybianjsche po·
litische Theologie, Polybios' Lob der politischen Nützlichkeit der Religion der
Römer 37 . Dieses kehrt in der instrumentellen Auffassung von Religion wieder,
die die Religionskapite1 der Discors; auszeichnet 38 . Da ist schließlich Jn)/ms Ma-
chiavellis Übernahme der Polybianischen ?fischverfassungslehre, nach der
Rom eine Mischverfassung gewesen sein soll und jede Republik eine Misch\'er.
fassung zu sein hat.
Machiavellis Abhängigkeit von Pol)'bios ist in zwei der genannten Fälle eine
gendezu sklavische. Sowohl die Kreislauftheorie als auch die Mischverfas·
sungslehre werden ohne jeden Abstrich einfach reproduziert. Das ist um so er-
staunlicher, als es sich um primitive, schematisierte und im Grunde falsche
Lehren handelt. Die Kreislauftheorie des Polybios ist eine völlig unhistorische,
schematische Konstruktion. Das Sechser-Schema der Verfassungen wird ein·
fach in Bewegung gesetzt, so als ob es sich um eine immer wiederkehrende hi·
storische Abfolge handeln würde. Die These von der J\-1.ischverfassung Roms
war schon falsch, als Polybios sie vortrug. Rom besaß keine Mischverfassung,
sondern eine vom Adel und vom Senat dominierte Verfassungsform. Zu einer
wohltemperierten Balance zwischen Adel und Volk haue es Rom nie gebracht.
Der Grieche Polybios hatte Rom einfach ein griechjsches Verfassungsschema
übergesrülpl. Daß MachiaveUi die Kreislauftheorie und die Mischverfassungs-
lehre einfach wiedergibt, läßt an seinem guten Urteil zweifeln. Es zeugt davon,
daß er manche der antiken Quellen einfach abgeschrieben hat.

)6 Stolleis 1990: S. 26.


37 Polybios 1978: VI, Kap. 56.
18 Machiavclli 1977: I, Kap. 11-15.
Oumann, Was ist nt:u im Denken Machiavdlis? 55

Die Diuorsi zeigen Machiavellis gute Kenntnis griechischer und römischer


HistOriker. Er zitiert aus Diodor 39 , Sallust 4O, Curtius Rufus 41 und Cornelius
Nepos~2. In ihrer Bedeutung für MachiaveUis Denken werden aUe diese HistO-
riker aber übertroffen durch die besondere Rolle, die Tacitus in den Disrorri
spieho. Machiavelli bedient sich des großen römischen Historikers, um die
Vorzüge der Republik vor dem Prinzipat ins rechte Licht zu rucken. Ohne den
Namen des Tacüus zu nennen, gibt er Disrorsi I, 2 einen ganzen Abschniu vom
Beginn der Hisloritfl wieder. Es ist jener Abschniu, in dem Tacitus die Greuel
und Schrecken der ersten Jahrzehnte des Prinzipats beklagt. Tacitus war ein
Anhinger der Republik, der gleichwohl nicht wußte, wie man dem Prinzipat
noch entgehen sollte. In dieser Ambivalenz hatte er die grausame Herrschaft
des Domitian und die Tumuhe des Vierkaiserjahres scharf verurteilt. Der stoi-
schen Opposition und den Selbstmorden des Seneca. des Thrasea Paetus und
des Lucan haue er ein würdiges Andenken geschaffen. Machiavelli bedient sich
des römischen Historikers noch einmal, als er im umfangreichsten Kapitel der
Disrorsi, im Kapitel über Verschwörungen 44 , Tacitus' Darstellung der Pisoni-
schen Verschwörung aufgreift. Auch spricht er dort, was bedeutsamer ist, vom
"goldenen \Vort" des Tacitus. Damit meint er den Satz: ,,,er bete von Herzen
um gute Regenten, finde sich aber mit jedem ab, wie er auch sei"'45.
Im politischen Denken des 17. Jahrhunderts haben sich Machiavellismus
und Tacitismus eng miteinander verbunden. Es gab einen Toritismo muo und ei-
nen To('ilismo ntro46 . Entsprechend der Ambivalenz des römischen Historikers,
seiner Republiknostalgie und seiner Anerkennung des Prinzipats, wurde Taei·
tuS sowohl rur die Gegnerschaft gegen den Absolutismus (facitismo rosso) als
acch für dess~n Anerkennung (f2.citisIT!.o nero) in Al!spruch genoffiwen. Die
jesuitischen Kritiker Machiavellis wie Botero, Ribadeneyra oder Mascardi kriti-
sierten Machiavelli und Taeitus in einem Atemzug. Befurworrer der Staatsrai·
sonlehrc wie C1apmarius empfahlen dagegen beide als Rechtfertiger einer Poli.
tik des Scheins und der orrona imptrii. l\'lachiavelli und Tacitus gehen vereint in
die Lehrbücher für Höflinge ein, etwa in Lorenzo Duccis Artt oulifo (1601)
oder Etienne du Refuges Tmiti dt 10 (DUr (1616). Es waren Bücher, die den Höf·
ling lehrten, wie er sich verstellen, heucheln und schmeicheln sollte, um am
Hof Karriere ;.:u machen 47 •

39 Machi:wdli 1977: 11, Kap. 5.


.ao Machia"dli 1977: 111, Kap. 6.
41 Machia"elli 1977: 11. Kap. 10.
42 Machia"elli 1977: I, Kap. 21; 11. Kap. 12; 11, Kap. 31.
"3 Schellhase 1976: S. 65 ff.
.... Machia\fdli 1977: 111, Kap. 6.
..s Tacitus 1984: IV, 8, 3.
46 Toffanin 1972.
47 Burke 1996: S. 141 ff.
56 Geschichte

Machiavelli hatte den Fürsten vor den Schmeichlern zu warnen versucht, Er


hatte die Humanisten und (natürlich auch sich selbst) als wahre Diener und
Minister empfehlen wollen 411 • Was dem Fürsten gestattet wurde, im Notfall zu
lügen, konnte bei der Beratung des Fürsten nicht sinnvoll sein. Hinter der Ab-
fassung des Pn"napt stand der Wunsch Machiavellis, wieder in die Politik zu-
rückzukehren. Dieser \Vunsch war so stark, daß er das ..Buch vom Fürsten" so
verfaßte. als ob es die Republiken gar nicht gibe und sie einfach ausgeklam-
mert werden könnten. Tacitus wiederum hane unter Dominan Karriere ge-
macht. Er harte in düsterer Zeit geschwiegen. Erst nach dem Tode Domitians
hane er seine Republiknostalgie offen bekannt. In KapitellI, 10 der Diuor$i zi-
tiert Machiavelli (wieder ohne ennung des Namens) das Wort des Tacirus
von den "seltenen Zeiten", ..in denen es möglich ist, zu denken, was man wiU,
und zu sagen, was man denkt"4'. Es drückt eine Erfahrung aus, die beide. den
politischen Denker und den Historiker, wahrhaft miteinander verbunden hat.

III
Was aJso ist neu im Denken Machiavellis? Nicht die berüchtigte Grundthese
des Prinript, nicht die einzelnen Ratschläge an den Fürsten, nicht die Lehre von
der Republik und von der Mischverfassung und vieles andere mehr. " eu" an
seiner Lehre ist allenfalls der Dtnhtil. die Zuspitzung aller Fragen auf klare Al-
ternativen (entweder dies oder das); es ist ein Denkstil, der zur Entscheidung
und zur Handlung drängt. Immer wird eine klare Alternative benannt: Staaten
sind entweder Republiken oder Fürstentümer, entweder ererbt oder neuerwor-
ben, entweder an Fürsten gewöhnt oder frei, erworben entweder durch l:irlN
oder jorlNIIQ, durch Verbrechen oder die Gunst des Volkes usf. Immer wird
durch das politische Denken eine Option herausgeschält und eine Entschei-
dung vorbereitet.
Ein eigentümliches Gepräge erhalten die Begriffe Machiavellis des weiteren
dadurch, daß der Florentiner 1500 Jahre Christentum im Rücken hat. Zwar
möchte er diese Zeit wohl einfach überspringen. Aber es ist die historische
Lage, welche die Begriffe Machiavellis farbt. Ein Satz wie das berühmte WOrt,
"er liebe das Vaterland mehr als die Seele"so, könnte in der Antike so nicht ge-
äußert werden. In der Antike war das Leben selbstverständlich in der Politik
zentriert. Das WOrt Machiavellis setzt, auch wenn der Florentiner das Chri·
stentum als eine politisch verderbliche Religion kritisiert, die mit dem Chri-
stentum gekommene Spannung von irdischem Glück und jenseitigem Heil,
von irdischer und himmlischer Stadt voraus. Die Verschiebung der Interessen

4 MachiavelLi 1986: Kap. 22-23.


4' Tacitus 1984: I, 1,4.
so An Venori, 16. April 1527, in: Machiavelli 1925, S. 549.
Oltmann, Was ist neu im Denken MachiavelJis? 57

vom Jenseits zum Diesseits, von der Kirche zum Staat, von der Religion zur
Politik ist bei MachiaveJli immer auch durch das bedingt, was er als Christen-
tum und Mittelalter hinter sich bringen will.

Der Umfang der Neuerungen im Denken Machiavellis ist freilich bescheiden,


und gelegenilich sind ihm sogar die klassischen Wertungen wieder in die Quere
geraten. Das beginnt schon bei der Feier der Republik und der Mischverfas-
sung in den Di.uorsi, und es findet sich sogar im Pn"ncipt, wenn dort der Ruhm
des Fürsten doch wieder von ehrenwerten Taten abhängig gemacht wird. Man
könne, schreibt er über den Tyrannen Agathokles (317-289 v. Chr.):
es nicht Tüchtigkeit nennen, seine Mitbürger umzubringen, seine Freunde zu verra-
ten und ohne Treue und Religion zu sein; auf solche Weise kann man zwar Macht er-
w~rben, aber kdnen Ruhm sl .

Hier ist Machiavelli einmal nicht der Faszination der prächtigen Bestien wie
Cesare Borgia erlegen. Vielmehr kehrt er, sei es gewollt, sei es ungewolJt, in
den Hafen der Tradition zurück.
Der Pn'nript hinterläßt beim Leser einen faden Nachgeschmack. Allzusehr
ist der Autor bemüht, skandalös zu wirken und den Leser zu provozieren. Der
angebliche "Realjsmus" ist nur ein Deckmantel für die Feier einer AUeinherr+
schaft, deren Unterschied zur alten Tyrannis allein darin besteht, daß der Be-
griff der Tyrannis entfallen ist und der neue Fürst über kein kritisches Gegen-
bild mehr verfügt. Am Maßstab des Erfolges gemessen, der nun an die Stelle
des traditionellen Kriteriums der guten Herrschaft tritt, war Machiavellis Vor-
bild des neuen Fürsten, Cesare Borgia, ein Versager. Daß politisches Verb re-
chertum Erfolg hat, daran darf man heure genauso zweifeln wie in der Antike.
Nichts ist instabiler als eine Tyrannis. Der bloße Anschein guter Herrschaft
wirkt nur so lange, als er als Schein nicht durchschaut wird. Machiavelli bedarf,
um seine Politik schlüssig zu begründen, der Theorie einer immer korrupten
und nicht lernfähigen r.'lenge. Aber auch diese Annahme hält der Florentiner
nicht konsequent durch. Sie verträgt sich mit seiner Lehre von der Republik
nicht. Eine solche bedarf nicht nur der virlu eines Gründers, sondern der virlu
der Bürger selbst. So kann es denn auch einmal heißen, das Volk sei "weiser
und beständiger als ein Alleinherrscher"s2. Jedenfalls genügt es, daß ein Volk
soviel Einsicht besitzt, Schein und Sein unterscheiden zu können. Dann dürfte
es langfristig durch eine Politik der Täuschung nicht zu beherrschen sein.

SI Machiavelli 1986: Kap. 8.


52 Machiavelli 1977: I, Kap. 58; I, Kap. 41.
58 Geschichte

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Theo Verbeek

"Göttliche Verwaltung"
Spinoza über Demokratie und Theokratie

Wie bekannt, hört Spinozas Politischer Traktat gleich nach Beginn des Hallpt-
stücks über die Demokratie auf, ohne daß einem klar wird, was Spinoza von
djeser Verfassungsart denkt. Ob das anders wäre, wenn Spinoza seine Schrift
vollendet hätte, mag dahingestellt bleiben; handelt es sich doch beim Politüchtn
Traktat um eine wissenschaftliche und weniger um eine wertende, evaluative
Diskussion. Aber auch im Theologisch-politischm Traktat bleibt es im ganzen un-
klar, in welchem Sinne man Spinozas Beurteilung der Demokratie verstehen
soll. Dennoch findet man häufig dje Idee vorgetragen, Spinoza sehe die Demo-
kratie als wünschenswert und möglich an und glaube, daß - wenngleich sie
jetzt nicht realistisch sei - die Menschheit eines Tages einen solchen Fort-
schritt gemacht haben werde, daß auch eine demokratische Verfassung mög-
lich sei. 1
Es gibt freilich nichts, das diese Auffassung belegt. Nicht nur findet man
bei Spinoza überhaupt keine allgemeine Verteidigung der Demokratie, auch
hat er keine Philosophie der Geschichte, die sie als Zukunftserwartung legiti-
miert - ganz im Gegenteil scheint seine Geschichtsauffassung durch und durch
pessimistisch zu sein. Das hjstOrisch-komextuelle Argument dagegen, die Pro-
vinz Holland sei für Spinoza ein konkretes, "demokratisches" Ideal gewesen -
belegt durch sein Lob für die Amsterdamer Stadtverwaltung2 - ist wohl kaum
geeignet, eine solche Vermutung zu legitimieren. Zwar wurde in den meisten
niederländischen Städten ..das Volk" irgendwie politisch vertreten, aber Am-
sterdam wurde ausnahmsweise seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts vönig ari-
stokratisch verwaltet, ohne daß "das Volk" irgendwelchen Zugang zur Regie-
rung hatte.} Wichtiger jedoch ist dje Tatsache, daß die Verfassung Hollands -

I Alexandre ~h.theron, Jndividll tl (O",,,,lInallll (hez Spinoza, Paris 1969; den., Lt ehn"JI tt
/e Ja/1I1 du ignorantJ (hez SpinoZa, Paris: Aubier-Monlaigne, 1971; Jonathan Isud, Ro-
di(al En/ighttn",tnt, Oxford 2OOl.
2 TIP, xx, Gebhardt 111, S. 245-246. Spinon wird zitiert in der kJassischen Herausga-
be von earl G. Gebhardt (5 Bde., Heidelberg 1925-1987).
3 Cf. Roben Fruin, "Bijdrage tot de geschiedenis van het burgemeesterschap van Am-
sterdam tijdens de Republiek", in: De tiji va" Dt lf/i" m Willem IJJ: Hi!lorlJ(ht opJltllm
I, Den Haag 1929, S. 70-107.
Verbeek, ..Göttliche Verwaltung" 61

hier als eine der sieben Provinzen zu verstehen - von Spinoza selber als arisw·
kratisch interpretiert wird. 4
Dennoch machen es die wenigen Außerungen über Demokratie, die es bei
Spinoza tatsächlich gibt, unmöglich, die Frage als völlig unbestimmbar zu
übergehen. Zu diesen rechne ich den Anfang der zweiten Hälfte des TheologiIch-
politischen Traktats, wo Spinoza ausführt, daß er besonders die Demokratie als
Gegenstand nehme, weil sie unserer "natürlichen Freiheit" am nächsten stehe.)
"Natürliche Freiheit" ist allerdings ein doppelsinniger Ausdruck. Denn tat-
sächlich wäre eine Freiheit, die nur "natürlich" ist und nicht von der Vernunft
vermittelt, etwas Erschreckendes. Befremdender noch ist die Behauptung, daß
das wichtigste Thema des Theologisch-politischen Traktats eben die DemoKratie
sei, denn tatsächlich ist die einzige Verfassung, die eingehend besprochen
wird, die Theokratie, von der allgemein angenommen wird, daß Spinoza sie zu·
rückweist. Aber soll das nicht vielmehr heißen, daß TheoKratie für Spinoza
eine An Demokratie ist und damit daß Demokratie zu einer überwundenen
Vergangenheit gehört? Das ist die Frage, die ich mir in diesem Beitrag stellen
werde. Letzten Endes verteidige ich dabei eine dreifache These: 1) Für Spinoza
ist die Theokratie das einzig realistische Modell einer "demokratischen" bzw.
"republikanischen" Verfassung; 2) eine Religion kann nur dann politisch-theo-
kratisch umgesetzt werden, wenn sie gewissen Bedjngungen genügt; 3) weil das
Christentum diesen Bedingungen nicht genügt, sei die Theokratie - und damit
die Demokratie - nicht länger möglich.

I
Eines der wichtigsten Konzepte, die im Theologisch-politischen Traktat verwendet
werden, ist dasjenige des "Willen Gottes" - "Konzept" freilich im alltäglichen
Sinne verstanden, weil ein "Wille Gones" überhaupt nicht vom Verstand ge-
dacht, sondern lediglich von der Einbildungskraft vorgestellt werden und des-
halb auch nicht bestehen kann. Der Wille Gottes ist am besten als metaphori-
scher Ausdruck der von Kausalität, Uniformität und InteUigibilität geprägten
Regel zu verstehen, wonach die Dinge sich ändern. Die Kausalüät eines Ge-
setzgebers aber, die ja von den Affekten und Vorstellungen seiner Untertanen
vermittelt ist, wäre einem Wesen, in dem Wollen und Denken identisch sind,
völlig fremd. 6 Das ist die These, nicht nur der Ethik, sondern auch des 4. Kapi-
tels des TheologiIrh-politiIehen Traktats. Dennoch spielt die Vorstellung eines ge-
setzgebenden Gottes im Theologisch-politischen Traktat eine wichtige Rolle, einer-

• TP, IX. § 14. Der Unterschied zwischen .. Hollandus" (Holländer) und .. Belga" (Nie-
derländer) wird öflers übersehen, ist aber für den Zeitgenossen überaus wichtig.
5 TTP, x\'i, Gebhardt 111, S. 195.
6 Für eine ausführlichere Diskussion verweise ich auf meine Arbeit Spinozo's Theologiro·
politiral Treatist: Explorin!, "thf 117ill of God". Landon 2003.
62 Geschichte

seits weil Spinoza sie für die allein wesentliche Vorstellung jeder Offenba-
rungsreligion ansieht, andererseits weil er den Souverän als den einzigen Ver-
treter des "WiIJen Gottes" betrachtet. Jede Offenbarungsreligion wäre also nur
relevant, insoweit sie ein göttliches Gebot enthält; die von Gott auferlegten
Pflichten hingegen seien nur in einem politischen Kontext gültig und nur inso-
weit sie vom Souverän sanktioniert werden.
Es ist gegen diesen Hintergrund, daß die Konzepte von "Theokratie" und
"Demokratie" ihren paradoxen Sinn erhalten. Denn wenn der Wille Gottes nur
von einem jrdjschen Souverän vermiueh werden kann und wenn es ohne eine
solche Vermittlung keine Pflichten geben kann, dann sind Theokratie und De-
mokratie Anomalien. Wenn "theokratisch" jede Verwaltung ist, in der Gon der
Souverän ist, dann wird er nkht spezifisch vertreten - das Volk wäre also für
seine Gesetzgebung auf sich selbst angewiesen. Wenn dagegen "demokratisch"
jede VerfassllOg !st, in der das Volk der Souverän ist, dann gibt es außer dem
Volk überhaupt keinen irdjschen Vertreter des Willens Gones - das Volk wäre
also abermals auf sich selbst angewiesen. Allerdings ist dies eine tendenziöse
Auffassung von Theokratie - gibt es doch Theokratien, in denen "der Wille
Gones" hauptsächlich von Propheten und Priestern (oder Mullahs und Ayarol-
las) vertreten wird. Eine nähere Betrachtung lehrt aber, daß Spinoza solche
Verfassungen überhaupt nicht "theokratisch" genannt hat.
1m Tbeologi1Cb-politi1Chen Traklal findet man zwei Analysen der jüdischen
Theokratie, die erste im 5. Kapitel, die zweite im 17. und 18. Kapitel. Was sie
gemeinsam haben, ist die Idee, daß der Auszug aus Ägypten die Juden in den
Naturzustand zurückversetzte, daß jedermann also aufs neue überlegen mußte,
ob er sein Recht über alles behalte oder aber es andern übergebeJ Die Juden
aber entschlossen sich, "ihr Recht, nkht einem sterblichen Menschen, sondern
Gon allein zu übertragen". 8 Gon wat ihr Souvetän - die RaUe des Mose war
bestenfalls die eines geistigen Beraters. Man stiftete also eine Theokratie. Spi-
noza stipuliert aber, daß djes "demokratisch" geschah, das heißt auf Grund ei-
nes Vertrags, der freiwillig von aUen unterschrieben wurde. 9 In Wirklichkeit
aber war, im Worte Spinozas, die Souveränität Gones "nur Sache der Mei-
nung, denn faktisch behielten dje Juden völlig ihr souvcränes Recht" - selbst·
verständlich, möchten wir einwenden, denn tatsächlich gibt es nach Spinoza
keincn Gon-Gesetzgeber: "Wie in ciner Demokratic, übergaben sie alle ihr
Recht im gleichen Maße, und schrien wie mit einer Stimme: ,Alles was der Herr
redet, wcrden wir tun', ohne sich um einen Vermittler zu kümmern." Alle hät-

7 TIP, xvii, Gebhardt 111, S. 205; cf. v, Gehhardt 111, S. 74-75. In Ägypten waren die
Juden an das Gesetz Pharaos gebunden, soweit dieses nicht dem natürlichen göttli-
chen Gesetz entgegengesetzt war (TTP v, Gebhardt 111, 72), das heißt soweit sie
ohnmächtig waren, dem Gesetze Pharaos zu widerstehen.
8 TIP, xvii, Gebhardt 111, S. 205-206.
9 TIP, xvii, Gebhardt 111, S. 206, verweisend nach 2. Mose 19: S. 4-5. Die Bibelzitate
sind der revidierten Lutherübersetzung entnommen.
Verbeek, "Görtliche Verwaltung" 63

ten "im gleichen Maße Teil an die Verwaltung des Staares".IO Das "theokrati-
sche" Prinzip wäre also eine kollektive Fiktion, die eine "demokratische" Ver-
fassung verhüllt.
Es ist um so wichtiger, dies zu betonen, als Spinozas Vorstellung im 2. Buch
Mose (Exodus) kaum belegt werden kann. Nicht nur ist dort, selbstverständ-
lich, von der Subjektivität der theokratischen Vorstellung überhaupt keine
Rede; auch die Rolle des Mose wird anders eingeschätzt. Er "setzte sich um
dem Volk Recht zu sprechen" (2. Mose 18:13) und lehne dem Volk "die Sat-
zungen Gottes und seine Weisungen" (2. Mose 18:16); er schlug einen Bund
vor (2. Mose 19:3-6) und teilte Gott die Antwort des Volkes mit (2. Mose 19:8)
- seine Rolle war also die eines Vermittlers, das heißt eines Souveräns. Auch
der Unterschied zu Spinozas Version im 5. Kapitel soll in Betracht gezogen
werden. Dort heißt es einfach, daß es "Mose leicht war die Souveränität zu
behalten"ll - also wäre er von Anfang an Souverän und bliebe es auch. Die
Vermutung Hegt daher nahe, daß es im t 7. Kapitel genau um den "demokrati-
schen" Aspekt djeses Verfahrens geht - und dann ist es nicht ohne Bedeutung,
daß das "demokratische" Experiment nur kurz gedauert hat. Denn wenn Gott
die Juden zu sich rief, "flohen sie und blieben in der Ferne stehen" (2. Mose
20: 18); und sie baten Mose, in ihrem Namen mit Gott zu sprechen: "Laßt Gott
nicht mit uns reden, wir könnten sonst sterben" (2. Mose 20: 19). 12 Nach Spi-
noza heißt das, daß Mose Souverän wurde, denn "nur er hatte fouan das
Recht, Gott zu befragen, die Antwort Gottes dem Volke mitzuteilen und das
Volk zu Gehorsam zu zwingen".I) Anders also als bei Hobbes genügt die Tat-
sache, daß Mose Prophet war, nicht, um diese neue Verfassung "Theokratie"
zu nennen. Ganz im Gegenteil handle e:; :;ich um eine absolute Monarchie,
denn "was sie jetzt versprachen, war nicht, wie erst, alJes zu tun, was Gott ihnen
sagen würde, aber was Gau Most sage". 14
Nach dem Tode Mose änderte sich alJes abermals: "Das Recht, die Gesetze
zu interpretieren und die Antwort Gottes dem Volke mitzuteilen, gehörte Ei-
nem; und das Recht den Staat nach dem Gesetz zu verwalten einem Ande-
ren" .1> Das Resultat ist theokratisch: "dies war weder Demokratie, noch Ari-
stokratie, noch Monarchie, sondern Theokr3tie".16 Dafür gibt es nach Spinoza
folgende Gründe: 1) ein Tempel soll gebaut werden, wie ein Palast für den
Souverän; 2) der Hohe Priester ist Interpret des Gesetzes; 3) das Land wird
aufgeteilt zwischen den Stämmen Israels; 4) Josua erhält das Recht, Gott zu

10 TIP, xvii, Gebhardt 111, $.206; siehe 2. Mase 19.8.


11 TIP, v, Gebhardt 111,75; siehe Letiathon, xxxvi (Hobbes, English Works, ed. Moles+
worth, 111, $. 421-422).
12 TIP, xvii, Gcbhardt 111, S. 206-207.
lJ TrP, xvii, Gebhardt 111, $. 207.
14 TIP, xvii, Gebhardl 111, $. 207 (vcrweisend nach 5. Mose 5:22 and 18:15-16).
IS TIP, xvii, Gebhardl 111, $. 208.
16 TrP, xvii, Gcbhardt 11I. S. 208; cf. 111,211.
64 Geschichte

befragen; 5) endlich sollen alle Männer zwischen zwanzig und sechzig Waffen
tragen und Treue schwören, nicht ihrem Hauptmann oder dem Priester, son-
dern GouY Was macht diese Verfassung theokratischer als die Regierung von
Mose? Nicht der Tempel und der Eid der Soldaten, denn gleiches könnte man
sich leicht unter Mose vorstellen. Außer der Teilung des Landes ist das einzig
Neue die Tatsache, daß d.ie weltliche und die geistige Macht auf zwei Instanzen
verteilt sind, die aber, weil heide unter dem göttlichen Gesetz stehen, aufeinan-
der angewiesen sind. 18 Der Staat ist also nie Gesetzgeber, sondern allein Dic+
oer des einmal gegebenen Gesetzes. Andrerseits kann auch keiner das Gesetz
usurpieren, weil der Staat von einem delikaten Spiel von cbuk! ond bolonct! ge-
kennzeichnet ist.
Spinozas Vorstellung hat allerdings mythische Züge. Sein Haupuext ist ja 4.
Mose 27:21: "Und er 00sua1 soll treten vor Eleazar, den Priester, der soll für
ihn mit deo heiligen Losen den Herrn befragen. Nach dessen Befehl sollen
aus- und einziehen er und alle Israeliten mit ihm und die gotnze Gemeinde."19
Hobbcs interpretiert diesen Text ..theokratisch" in dem Sinne, daß Josua dem
Priester im strikten Sinne untergeordnet sei - Eleazar wäre also der eigentliche
Verwalter (zwar im Namen Gottes, aber dasselbe gilt auch für Mose).20 Spino-
za dagegen betont Josuas relative Unabhängigkeit. Josua sei "Fürst" (pn"ncepJ).2l
Er habe das Recht, Gou zu befragen, Gehorsam zu erzwingen und Kriege zu
führen - alles gemeinsam mit den Priestern und den anderen Fürsten, also
nicht wie ein Souvcrän. Aber seinerseits könne der Hohe Priester GOtt nur
dann befragen, wenn er dazu von der weltlichen Führung beauftragt wird - wie
Josua war er also Dicner des Gesetzes. 22 Endlich habe die wirkliche Macht das
Volk,
Das ganze Volk sollte jedes siebte Jahr zusammenkommen an einem gewissen Platz.
um sich vom Priester über das Gesetz unterrichten zu lassen. Auch war jedermann
verpflichtet, das Buch des Gesetzes andächtig zu lesen und wieder zu lesen (5. Mose
31:9, usw., und 6:7). Wenn die Fürsten also vom Volke respektiert werden wollten,
dann mußlen sie, in ihrem eigenen Inu:resse, regieren nach dem Gesetz, das ja jeder-
mann kannte. 23
Das Volk wäre sich selbst sein Gesetz - und sei es nur, weil es in Freiheit den
göttlichen Willen als Gesetz umarmt hatte. Auch diese Verfassung mutet daher

17 TIP, xvii, Gebhardl 11I, S. 208-209.


18 Die Teilung des Landes erzeugte eine föderale Struktur, die "theokratisch" sei, da
ein Bund keiner höheren irdischen Macht unterworfen ist (es ist nur in dieser Hin-
sicht, daß die Niederlande als Ganzes ftir Spinoza eine "Theokratie" waren).
19 TIP, xvii, Gebhardt 111, S. 208.
21) LtI:iathnn, 111, xl (English Warks 111, S. 468-469).
21 Adn. in TIP, xxxvii, Gebhardt 11I, S. 265.
22 TIP, xvii, Gebhardt 11I, S. 209. Für diese Behauptung, die für die Imerpretation der
Verfassung ungeheuer wichtig ist, linde ich keinen biblischen Beleg.
2J TIP, xvii, Gebhardt 111, S. 212.
Verbeek, "Göttliche Verwaltung" 65

"demokratisch" an, besonders weil aUe gleich waren unter dem Gesetz. Und
tatsächlich, wenn Spinoza später auf die Episode der "Richter" verweist,
spricht er davon als von einer, "in det das Volk regiere"?' Spinoza sieht diese
Episode also als ein zweites demokratisches Experiment, das aber, anders als
das erste, für einige Zeit wenigstens gelingt, nicht nur weil es jetzt ein geschrie-
benes und unveränderliches Gesetz gibt (denn das macht es für das Volk un-
nötig, sich selbst ein Gesetz zu geben), sondern auch weil es eine Teilung der
Mächte gibt (denn sie macht es unmöglich, das Gesetz zu IISNrpienn). Theokra-
tie wäre also eine An republikanisch+konstitutioneller Verfassung, die grund-
sätzlich "demokratisch" wäre, weil sie sich auf Freiheit und Gleichheit stützt.

II
Die posltlve Beziehung zwischen Theokratie und Demokratie soll dennoch
nicht übertrieben werden. Denn nach Spinoza ist in jeder Verfassung das Volk
faktisch die mächtigste Instanz. Schließlich sei ja das Recht des Souveräns (iNS
SI/"'I/Iot POfUfofis) nichts anderes als "natürliches Recht, wie es von der Macht,
nicht eines jeden Individuums, aber der Menge des Volkes, einguchriinkf
wird".2s Das Paradoxon jeder Staatsbildung ist ja, daß der Staat nur zustande
kommen kann, wenn das Volk sich dem Willen eines Mächtigeren unterwirft,
aber daß diese Unterwerfung an sich eine Einheit erzeugt, die dem Volk mehr
Macht gibt als dem Souverän. Keine Regierung kann also völlig absolut sein -
wenn das Volk die ~hcht eines Souveräns nicht länger fürchtet (weil es seine
Freiheit, se;ne Religicn oder seine 2.lten Sitten für wichtiger häl~), dann hat er
keine. 26 Die Begrenzung der souveränen Macht wird nur in der "Demokratie"
aufgehoben, da in ihr das Volk selber Souverän ist. Sie wäre also die einzige
"völlig absolutc" (omnino oIHOINIn) Verfassung. 27 Angenommen, daß Spinoza
diese MaximaJisicrung von Macht für wünschenswert (oder "natürlich'') hält
(weil gegründet im \'(fesen "Goltes"), dann wäre die einzige wichtige Frage, ob
eine "demokratische" Verfassung auch möglich sei. Das scheint tatsächlich der
Fall zu sein:
Ohne das natürliche Recht zu vereinbaren, ist es möglich eine Gemeinschaft zu for-
men und einen Venrag in guter Treue zu behahen, wenn nur jedermann alle seine
Macht der Gemeinschaft übertrage, die also als einzige das souveräne natürliche
Recht über alles behalte 1.../ Ein solches Recht der Gemeinschaft wird ,Demokratie'
genanOl, die man also definiere als eine einheitliche Versammlung von Menschen,
die gemeinsam das souveräne Rechl besitzen über alles, das in ihrer Macht sei. 28

24 TfP, xviii, Gebhardt JII. S. 224.


2$ TP, iii, p.
U TIP, xvii, Ge-bhardt 111, S. 202. Es fallt schwer, hier nicht an ~bchiaveJli zu denken
(Principt, Kap. 19; DiJ(Orsi, 111, $. 6).
27 TP,viii.§3.
28 TIP, xvi, Gebhardt 111, S. 193.
66 Geschichte

Demokratie ware also möglich in der Gestalt eines freiwillig eingegangenen


Vertrags - und weil dieser eine Möglichkeit der Narur ist (sie wird ja auch pd-
vatrechdich realisiert), wäre also auch die Demokratie prinzipiell rnöglich. 29
Aber das scheint zu implizieren, daß jedes im Namen eines solchen Kollektivs
ausgeübte Recht prinzipiell "demokratisch" wäre, ungeachtet der Frage, ob das
Kollektiv .,demokrat.isch", "aristokratisch" oder sogar "tyrannisch" verwaltet
wird.
Daß es hier ein Problem gibt, wird deutlich, wenn man die relevanten Passa-
gen des Politüchm Traktais hinzuzieht. Nicht nur hejßt es don, daß "Demokra-
tie" diejenige Verfassung ist, worin aUe tatsächlich regimn. Zudem wird die
Übenragung individuelJer Rechte, die nach der Definition des ThtologiJclJ.polili-
JdJtn TraklalJ schon konstitutiv für die "Demokratie" wäre, als vorangehend an
die eigentliche Verfassungswahl vorgestellt - zuerst kommt das Gemeinwesen
zustande, dann überlegt man sich, in welcher \'(leise man verwaltet wird. JO
Wäre also, wie im Theologisch-politischen Traktat, "Demokratie" jede Ausübung
kollektiver Rechte, dann wäre jede Regierung "demokratisch". Das scheint
auch wirklich die Idee Spinozas zu sein:
Hätten sie [das Volk, die Bürger] irgendwelches Recht fur sich selbst behalten wol-
len, dann hätten sie dazu auch das Nötige tun sollen. Aber weil solches nicht mög-
lich ist ohne die Teilung, und deswegen die Vernichtung, des Staates, unterwarfen
sie sich völlig dem Willen des Souveräns. 31
Spinozas Auffassung ist also, daß, weil iedc nicht-demokratische (monarchi-
sche oder aristokratische) Regierung sich nur dann in Frieden und Einheit be-
währe, wenn dem Volke möglkhst viel Freiheit gelassen wird, jede Verfassung
faktisch "demokratisch" ist. Wahrscheinlich gibt es hier eine polemische Spitze
entweder gegen Hobbes oder gegen Verteidiger der Demokratie, wie Franc;ois
van den Enden (1602_1674).32 Das hieße aber, daß die Frage für Spinoza nicht
lautet, ob Demokratie wünschenswert oder möglich ist, sondern ob Friede und
Einheit in einer Demokratie leichter gefahrdet werden als in einer Monarchie
und Aristokratie.

29 t'tbnche lesen hier eine Verteidigung der Vcnragstheorie (und sehen darin einen "(li-
derspruch mit dem PotitiJ(hen Traktat). Das scheim mir unzutreffend, nicht nur weil
in diesem Passus nichts mehr als die prinzipielle Möglichkeit eines Vertrags ange-
sprochen wird, sondern auch weil die Verbindlichkeit des Vertrags. wenn es eine sol-
che gibt, nicht auf dem Vertrag als solchem, wohl aber auf dem Imeresse beruht, das
die Kontraktanten daran haben, am Vertrag festzuhahen.
JO TP, ii. § 13-17; cf. Eth. IV, prop. 35, cor. 1-2. Für die Definition von "Demokratie"
siehe TP. xi, § 1.
31 TIP, xvi. Gebhard[ 111, S. 193.
32 Über Van den Enden siehe ie[zt Israel, Rodifol Enlightennltnt. S. 175-184.
Verbeek, "Göttliche Verwaltung" 67

III
Nach Spinoza ist dcr Zweck des Staates, den ,,\Vahnsinn der Lust zu vermeiden
und die Menschen innerhalb der Grenzen der Vernunft zu behalten".33 Dies
soll natürlich nur im kollektiven Sinne verstanden werden - Zweck des Staates
sei es nicht, aus jedermann einen Philosophen zu machen, sondern eine Um-
welt zu schaffen, in der die meisten "vernünftig" handeln (das heißt in Frieden
zusammen leben). Zunächst soll diese praktische "Vernünftigkeit" wesemlkh
unvernünftige Motive haben und allein von dcr Macht des Souveräns (bzw. der
Furcht der Untertanen) abhängen. Jot Macht und Furcht allein genügen aber nje-
mals. Im Gegenteil, die Leute gehorchen am besten, wenn sie die Idee haben,
"frei" zu sein. JS Diese Idee vermag nur subjektiv zu sein - einzig wichtig sei,
daß die Regel, die sich jeder "freiwiHig" als Norm auferlegt, auf dasselbe ab-
zielt: nämljch auf Friede und Einheit. Das Beispiel der Juden zeigt, wie wichtig
in dieser Hinsicht die Reljgion sein kann. Denn Mose gab seinem Volke eine
Religion, damit es seine Pflicht nicht nur aus Furcht, sondern aus Zuneigung
(dttlOlio) erfüllt. 36 Zwar gründet devotio auf Einbildungskraft, kann also nie wah-
re Freiheit erzeugen, macht aber den Menschen weniger abhängigY Jemand,
der seine Pflicht aus Liebe zu Gon tut, wäre aJso "freier" als jemand, der das-
selbe aus Furcht tut. Endlich, da man nicht annehmen kann, daß eines Tages
alle r\'lenschen vernünftig sein werden - jedenfalls gibt es bei Spinoza nicht
den geringsten Hinweis darauf -, müssen wir zu dem Schluß kommen, daß De-
mokratie als sich auf Freiheit und Gleichheit stützende Verfassung nur in ihrer
"theokratischen" Gestalt prinzipiell bestehen kann. Das macht die Frage, war-
um ;heokra~je nicht länger möglich sei (wie Spirioza versichert), übera;.as wich-
tlg.

IV
Am Anfang des 18. Kapitels des TbeologiJ(lJ.politisrlJen Traktats behauptet Spino-
za, daß tJI/ sielJ die theokratische Verfassung der Juden dauerhaft hätte fortbe-
stehen können J8 - Ursache ihres Untergangs wäre also nicht das theokratische
Prinzip als solches, sondcrn entweder die konkrcte \X!cise, wie es von Mose
ausgearbeitet wurde, oder die historische Lage des Volkes Israels. ßeides

JJ TTP, xvi, Gebhardllll, S. 194.


J4 TI'P, iii, Gebhardt 111,48; cf. TP, v, §2; Eth. IV, prop. 59, Gebhardt 11, S. 254-255.
JS TP, x, §8; über die Asymmetrie von Furcht und Hoffnung siehe TTP, v, Gebhardt
111, S. 74.
}6 TTP. v, Gcbhardt 111,75; siehe auch 111, 77, 78; vi, Gebhardt IIl, 90; xii, Gebhardt
111, S. 146.
.H Eth. 111, aff. def. 10, Gebhardt 11, S. 193.
J.8 'n'p, xviii, Gebhardt 111, S. 221.
68 Geschichte

scheint der Fall zu sein. Denn einerseits betont Spinoza ausdrücklich die Tat-
sache, daß dje konstitutionelle Lage der Priester verfehlt sei (weil ihre Privi1cgi.
co sie verhaßt machten); andrerseits führt er aus, daß Theokratie jetzt unmög-
lich sei. 39 Nicht allein sei sie nur für eine geschlossene Gesellschaft geeignet,
sondern Gon hätte auch "durch seine Jünger" offenbart, daß "sein Vertrag
nidit ist festgelegt auf steinernen Tafeln, aber vom Geist Goues in des Men-
schen Herzen geschrieben".40
Das Argument über die Priester ist komplex und kann dahingestellt bleiben
- offensichtlich handelt es sich um einen Vcrfassungsfchler, der korrigiert wer-
den könnte. Wichtiger sind die beiden anderen Argumente. Das erste ist leicht
zu verstehen. Das Fundament einer Theokratie ist eine Offenbarungsre1igion,
das heißt eine Erzeugung der Einbildungskraft. Und da diese veränderlich ist,
könne die Religion nur in ihrer Reinheit erhalten werden, wenn die Gläubigen
nicht fortwährend fremden Vo'Csrellur'lgen au~geset7.t sind. Der zweite Grund
aber bezieht sich auf die Natur des Christentums, dabei handelt es sich um eine
Anspielung auf den Zwtiten Korintberbritj:
Ihr seid unser Brief in unser Herz geschrieben, erkannt und gelesen von aUen Men-
schen. Ist doch offenbar geworden, daß ihr ein Brief Christi seid, durch unsern
Dienst zubereitet, geschrieben nicht mit Time, sondern mit dem Geist des lebendi-
gen Goues, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln, nämlich eure
Herun. (2 Kor. 3:2-3).

Was man mit diesem Text hier machen kann - Spinoza zitiert ihn auch um die
Idee eines Kanons zurückzuweisen 4l -, läßt sich wahrscheinlich auf zwei oder
drei Punkte reduzieren: 1) das Won des christlichen Gottes ("Liebet euch')
hat nicht die Form eines Gmtzu (es ist nicht auf steinerne Tafeln geschrieben),
sondern es ist ein sentimentalülhu Prinzip (aber im Herzen); 2) es beansprucht
universale Gültigkeit (es wird von allen Men1Chen gelesen) oder aber 3) es ist an
sich irrelevant (es wird von aUen schon gekonnt). A.lso, zum erSten, wäre der
Wille des christlichen Gottes kein Gesetz (im Sinne eines Handlungsgebors),
sondern ein Gesinnungsgebot. 42 Um Gesetz zu werden, muß man es "interpre-
tieren", und dafür braucht man einen irdischen Souverän, den es in einer
Theokratie grundsätzlich nkht gibt. Eine christliche Theokratie wäre demnach
eine Verfassung ohne Gesetz. Dann gälte Gones Wille für alle Menschen, oder
aber er wäre an sich trivial - jedenfalls könnte GOtt demnach nicht Souverän
einer spezifischen Nation sein. Eine christliche Theokratie wäre somit undenk~
bar.

39 TTP. xvii, Gebhudt 111, S. 218.


~ TTP, xviii, Gebhardt 111, S. 221.
41 TTP, xii, Gebhardt III, S. 162.
42 Spinozas Argument scheint dasselbe zu sein wie Kant.s; cf. Grundltgul/g zur Mttaphyile
der Sillen, Akademie-Ausgabe, IV, S. 399; Kdfile der praletiSlhen Vernunft, V, S. 83-84;
Religiol/ il/nerhalb der Grel/zen der rtinen Vernunft, VI, S. 182.
Verbeek, ..Göttliche Verwaltung" 69

Macht das Christentum auch die Demokratie unmöglich? Vom Standpunkt


Spinozas scheint dies allerdings der Fall zu sein, da das Christentum eine theo~
logische und sektarische Religion ist - "theologisch", weil sie nicht aus Hand-
lungsvorschriften, sondern aus theoretischen Sätzen besteht, für die Wahrheit
beansprucht wird; "sektarisch", weil ihre "Dokumente" (die Heilige Schrift)
unzählige Interpretationen zulassen. Eine demokratische Verfassung würde
also gewiß zur Diktatur einer der christlichen Sekten führen. 43

v
Spinoza zeigt also das Folgende: Falls es für das Fortbestehen des Staates not-
wendig ist, daß die Bürger das Gemeinwesen als höchstes Ziel ihres Handeins
wählen, dann müßten sie sich entweder einem starken Souverän unterwerfen,
oder aber sehr spezifische Handlungsmaximen miteinander teilen. Das letztere
konnte Spinoza sich nur in Form einer nationalen Religion vorstellen - der
Gedanke Rousseaus, das Gemeinwesen könne als solches Gegenstand leiden-
schaftl.icher - quasi reljgiöscr - Gefühle sein, ist ihm noch fremd. Eine Demo-
kratie wäre also unmöglich und ein starker Souverän notwendig. Die Tatsache,
daß wir heute einerseits demokratisch regiert werden, ohne eine gemeinschaft-
liche Religion zu haben, während andererseits der Rousseausche Nationalismus
seine Glaubwürdigkeit völ.lig eingebüßt hat, könnte der wichtigste Grund sein,
dieses Problem bei Spinoza zu studieren.

4} J\hn möchte an England (Cromwell) oder auch an Florenz (Savonarola) denken.


II Diskussionen
des zwanzigsten Jahrhunderts

Ton \'an den Beld

Der Philosoph Masaryk: Zwischen


Liberalismus und Kommunitarismus

1. Einleitung
Kürzlich stellte der tschechische Präsiden! Väclav Havel einen treffenden Ver·
gleich an. Er verglich das Schicksal der intellektuellen Erbschaft des Philoso-
phen und ersten, großen Präsidenten der Tschechoslowakei, Thomas G. Masa-
Tyk (1850-1937), mit dem wechselhaften Schicksal seiner Statuen. I Zu Zeiten
von f\lasar}'ks Tod konnte man sie im ganzen Land antreffen. Während der Be-
setzung dt.!rch die Nazis ab September 1938 versch'vanden dil'" Statuen au!': dem
Blickfeld, um einige Jahre später, nach der deutschen Niederlage, wieder zu
erscheinen. Die kommunjstische Machtergreifung im Jahre 1948 brachte eine
weitere Veränderung. Ich kann mich nicht erinnern, während meines Studiums
in Prag (1963--1964) irgendeine Masaryk-Statue gesehen zu haben, weder in-
ncrhalb noch außerhalb der Goldenen Stadt. Das einzige was ich gesehen
habe, war ein Sockel in der Stadt meiner Freundin, von dem man sagte, daß er
zu besseren Zeiten eine Statuc Masaryks getragen habc. Der Prager Frühling
(1968) war zu kurz, um daran viel zu ändern. Erst nach der friedlichen Revolu-
tion von 1989 erschien f\'lllsar}'k wieder auf tschechischen Straßen und Plätzen.
Die öffentliche Achtung und auch die Zugänglichkeit von Masar)'ks Ideen-
reichtum unterlag vergleichbaren Schwankungen. Obgleich die Flut seiner eige-
nen Veröffentlichungen nach seiner Wahl zum Präsidenten (1918) langsam ver-
ebbte, entstand eine Vielzahl von Studien über sein imellekrueUes Werk. 2 Je-

In sdn~m VON'Ort \"on AI:ain Soubigous großartig~r Biogr:aphie \'00 Masar)'k, Tho·
IWas MasaryJ!.. Paris, 2002.
2 Sieh~:t. ß. Masaryks ßibliographi~ in Teil IV von O. A. Funda. TINmfal Garril,lIr Ma-
lilryk. Still philolDphiJrhtl, rrligi;m IIl1d PDlitilfhrJ Dtdlll. ßero 1978. Bei der Gdegeo-
heil von Masar)'ks 80. G~buftstag wurde zum ßeispid ein~ F~slSchfift in z""'ei Bin-
72 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

doch änderte sich auch dieser Tendenz durch die deutsche Besetzung. Und wie-
derum wurde die Wiederbelebung von Masaryks Studien nach dem Krieg durch
die politischen Ereignisse des Jahres 1948 unterbrochen. Als die Nachfolger
von unin an der Macht waren, war es kaum zu erwarten, daß sie die Ideen des
Mannes propagieren würden, den Lenin selbst als seinen wichtigsten ideologi-
schen Gegner beschrieben hatte. 3 Zur Zeit der Kommunisten konnte man u'c-
der an tschechischen Univccsitiit'en noch In anderen öffentlichen BiblJotheken
\'(lerke von oder über Masaryk finden," Als ich an meiner Dissertation über die
politische und soziale Phjlosophie Masar)'ks arbeitereS, gelang es mir, mit der
Direktorin der Pager Universitii.t'sbibljothek in Kontakt zu kommen. Im Ver-
trauen berichtete sie mir, daß die Masaryk-Kollektion nicht zerstört, sondern
"nur" vor der Öffentlichkeit weggesperrt worden sei. All dies wurde anders
nach der friedLichen Revolution. Außer dem ständigen Strom neu herausgegebe.
ner und übersetzter Werke Masaryks 6 erschienen auch zahlreiche Studien über
ihn, entweder Monographien, Sammelbände oder Aufsätze - oft in Folge von
Konferenzen oder Kolloquien - oder auch Zeitschriftenartikel.
Jetzt werde ich dieser Flut von Veröffentlichungen einen neuen Aufsatz
hinzufügen. Ich weiß, daß Willem an meinem "Helden" inreressiert ist. "Ich
sollte mehr über diesen Mann wissen", gestand er mir während einer Umerhal·
tung nach meiner Rückkehr von einer Masaryk-Konferenz, die kürzlich in Pa-
ris stattfand. Es war daher nicht schwer fur mich, ein passendes Thema fur die-
se Festschrift zu finden. Alle Themen, die die Herausgeber der Festschrift mir
antrugen, konnten mit Masaryk in Beziehung gebracht werden. So hat er - was
PoHtik und Geschichte angeht - eine wichtige Rolle bei den Versuchen ge-
spielt, Österreich-Ungarn zu reformieren und seit 1914 sogar zu revolutionie·
ren. Dabei wirkte er sowohl als Philosoph wie auch als Politiker. Während des
Ersten Weltkriegs reiste er von den Vereinigten Staaten nach Rußland - dessen
Philosophie und Kultur er besser kannte als jeder andere ausländische Sachyer-
ständige -, um für die Unabhängigkeit des tschechoslowakischen Staates zu
kämpfen. Er war in Moskau, als die bolschewistische Revolution ausbrach, und

den veröffentlicht. Herausgeber war B. Jakowenko (Bonn, 1930). Darin erschienen


Beiträge unter anderem von L. Brunnschvicg, $. Bulgakov, B. eroce. H. Driesch, J.
L. Hromadka und N. Lossky.
J O. Odlo"filik (Hrsg.), 1: G. MOJoryA:. HiJ Liftmfd WorA:, New York 1960, $. 4. Lenins
Ansicht dürfte den Kenner von Muaryks großen Werken nicht überraschen: Dir phi-
IOJDphiJ(ht1l Il1Id sD'{jolo,giJ(htfl Cnl1ldlo,g," dll MOfXiu1IIIS, Wien, 1899. und RJisslo"d lI11d
ENropO. ZNr nl/liuhtll Cmhithts- Nlltl FJli,giollSphilosophit, 2 Bände, Jena 1913.
• Von ideologisch belasteten regimefreundlichen Autoren einmal abgesehen. wie efWa
F. Ne~äseks DoA:N",rllrJ 11 pr"Otilidoti 0 protli1lör"Otl1Ii politiu T. C. A-IoJorylw (Doh",tntr
iibtr T. G. MOJoryv PolitiA:l/U" Jos VolA: N1Id di, Notio1l), Prag 1953. M. Macho\'ecs T.-
",al C. MOJoryA: (Prag, 1968) Vo'at eine Ausnahme und bejubelte den kurzlebigen Pra-
ger Frühling im Jahre 1968.
) Antonie \'an den Beld, H.",o"i!J. Tht Politirol o"J StHiol Philosopb:! Ij TbtI",os C.
MOJoryA:. Den Haag und Paris. 1975.
6 Auf tschechisch: SpiV T. C. Mosoryu, Prag, Masaryk Institut.
van den Beld, Der Philosoph Masaryk 73

arbeitete am Aufbau einer tschechoslowakischen Legion aus tschechischen und


slowakischen Soldaten, die an der Ostfront aus der öSlerreichischen Armee de-
sertiert und zu den Russen übergelaufen waren. Als Präsident der neu gegrün-
deten tschechoslowakischen Republik benutzte er sein Wissen über Rußland
lind den Marxismus, das er ja aus erster Hand besaß, um - hinter den Kulissen
- den reformgesinnten sozialdemokratischen Flügel der starken sozialistischen
Bewegung in seinem Land im Kampf gegen die revolutionären Bolschewisten
zu unterstützen. Zum Schluß sei darauf venviesen, daß Masaryk - als ein aus-
gesprochener Gegner des tschechischen und slowakischen nationalen Chauvi-
nismus - sehr zufrieden war, als im Jahre 1926 Vertreter der deutschsprachigen
Minderheitspaneien an der tschechoslowakischen Regierung teilnahmen. 7
In meinem Beitrag werde ich jedoch nur am Rande auf Geschichte und Po-
lir.ik eingehen. Ich habe vielmehr vor, relativ Außenstehenden - so wie WiIlem
van Reijen - ein Bild von Masaryks politischer und sozialer Philosophie zu
vermitteln, deren Aktualität, wie wir - vielleicht zu unserer Überraschung -
sehen werden, nicht bestritten werden kann. Dies werde ich tun, indem ich
versuche, die Frage zu beannvorten, wo Masaryk in der Kontroverse zwischen
Liberalen und Kommunitaristen eingeordnet werden kann. Der Leser, der mit
der Kontroverse vertraut ist, wird hier die Stirn runzeln, denn das Thema
scheint anachronistisch und überholt zu sein. Obwohl die Diskussion jedoch
erSt Jahre nach Masaryks Tod aktuell wurde, ist sie sehr hilfreich, um seine po-
litischen und sozialen Gedanken zu veranschaulichen. Außerdem gibt es kei-
nen Grund, diese Diskussion als beendet anzusehen. 8 Das Vorgehen, das ich
wählen werde, ist einfach und besteht nur aus zwei Schritten. Erst werde ich
einige wichtige Themen der Kontoverse zwischen Kommunitaristen und Libe-
ralisten kurz beschreiben. Danach werde ich versuchen, unsere Hauptfrage zu
-
beantworten, wo J\hsar)'k zwischen den konfligierenden Gruppen positioniert
werden kann.

2. Der Streit zwischen Liberalen und


Kommunitaristen
Um das komplexe Thema kurz, aber doch klar darstellen zu können, werde ich
die kommunitaristische Kritik am modernen (anglo-amerikanischen) Liberatis-

1
Für DClails über Masaryks Leben siehe die in Anmerkung 1 genanOle Biographie
, von A. Soubigou.
i\bn könnte darauf etwa kommen durch P. Rijpkemas Sltllt J>ujtrfionism and Ptrsona/
FrudolN (Diss. Universität Amsterdam, 1995), wo er das Konzept eines kommunira-
ristischen Liberalismus einführt, S. 77 ff. Aber SOg,lr Rijpkema häh die Diskussion
nicht für abgeschlossen. In bezug auf die Bedeutung dieser Debatte siehe (trotz eini+
ger Vorbehalte) auch D. f\'!ilIer, "Communitarianism: Left, Right and Center", in:
ders., CiliZtnJhip {wd Nalion{l/fdenlity, Cambridge, 2001, S. 97-109.
74 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

mus in meinen Beitrag auf dessen hervorragenden Vertreter zuspitzen: John


Jtawls. Außerdem werde ich mich auf dje Kritiken der Kommunitaristen I-Iac-
Int}'re, Sande! und Taylor beschränken. 1 ur zwei Elemente aus Rawls' opus
magnum, Eine Theode der Gerrrhligletit, werde ich auf diese Weise kritisch be-
leuchten. Das erste bezieht sich auf die anthropologischen Bedjngungen des
Begriffs der Gerechtigkeit. Das zweite auf die Frage, ob die zwei Prinzipien
der Gerechtigkeü akzeptabel sind. Die Wahl gende dieser heiden Themen Ist
nicht zufalljg. Die Kritiken an beiden Punkten hängen miteinander zusammen,
und außerdem ist es gerade das Bild, das sich überale (und Rawls) \'on der
menschlichen Person machen, das die kommunüarischen Denker in ihrer .n-
tik an diesem Bild eint. 9

2.1 Kommunimristische Kritik an der liberalen Konzeption •


des menschlichen Subjekts
Die Prinzipien der Gerechtigkeit in John Rawls' Theorie sind - wie wir wissen
- Ergebnis eines Vertrags, den Menschen im sogenannten Urzustand hinter ei·
nem Schleier des Nichtwissens geschlossen haben. 1o Obwohl diese Personen
nicht in einer bestimmten Zeit situiert sind, sollen sie jeden von uns repräsen-
tieren. Sie sind echte menschliche Subjekte, abzüglich einiger Merkmale. Sie
sind zum Beispiel unwissend in bezug auf die Gesellschaft, der sie angehören,
ihre gesellschaftliche und ökonomische Stellung, ihre Religion, ihr Geschlecht
und ihre Hautfarbe. Sie kennen weder ihre besonderen Fähigkeiten und Behin-
derungen noch ihre Ziele, Werte und Lebenspläne. Einige basale \'('ene werden
jedoch geteilt, zum Beispiel basale Freiheiten, Chancen, Einkommen, \,(/ohl-
stand und Selbstachtung. Außerdem sind sie rational, in dem Sinne, daß sie auf
effektive Weise darüber diskutieren können, was sie wollen und wie sie das er-
reichen können. Sie haben kein besonderes Interesse aneinander, was jedoch
nicht bedeutet, daß sie keinen Gerechtigkeitssinn besitzen, Die Informationen,
über welche die Menschen im Urzustand \ferfügen, sind von allgemeiner Art.
Sie kennen alle allgemeinen Tatsachen, die für die Wahl eines Prinzips der Ge-
rechtigkeit von Bedeutung sind. Sie sind also vertraut mit allgemeinen Geset-
zen und mit den Anwendungsverhältnissen, das bedeutet - kurz gesagt - die
menschlichen Nöte unter Bedingungen von Knappheit und mangelndem AI-
truismus. 11 John Rawls macht sehr deutlich, daß seine Beschreibung des Urzu·

9 Siehe Miller, "Communilarianism", S. 101, .. Insofar as we clin describe (... ) commu-


nitarians liIS a group, whlilt uniles them are their 1••. 1 philosophical lIOIhropologies:'
10 Diese Prinzipien sind, um nur die wichtigslen zu nennen: Erstens sollte es gleiche
Blisisfreiheiten für lilie geben, und zweitens sind nur die sozialen und ökonomischen
ngleichheilen lIkzeplabel, die denjenigen GesellschaflSmilgliedern zugute kommen.
die am schlechtesten geslellt sind. (D:u zweite iSI du sogenllnnte Differenzprinzip.)
Siehe J. Kawis, Ei"t ThttJrit Jtr Ctrubtij,ktit. Frankfufl 2. M. 1975. S. 336-337.
11 Ibid., S. 14S-152, 159-174.
van den Beld, Der Philosoph Masaryk 75

stanCls als eine Interpretation des Menschen als freies und rationales Wesen zu
verstehen ist. "Diese unsere Natur kommt zur Geltung, wenn wir gemäß den
Grundsätzen handeln, die wir wählen würden, wenn djese unsere Nawr sich in
den Bedingungen der Entscheidung ausdrückt."12
Eine wichtige Kritik der Kommunitaristen richtet sich auf genau diese Be-
schreibung der Charakteristika der menschlichen Person hinter dem Schleier
des Nichtwissens. Sie halten diese Beschreibung für eine Konstruktion, die es-
sentielle Eigenschaften des echten menschlichen Subjekts ignoriert. Wenn die4
se essentiellen Eigenschaften nicht berücksichtigt werden, dann verlieren die
Gerechtigkeitsprinzipien, die im Urzustand gewählt würden, viel von ihrer
Glaubwürdigkeit. Es geht nicht so sehr darum, welche essentiellen Eigenschaf-
ten das repräsentative menschliche Subjekt hat, sondern welche ihm fehlen.
Demnach ist es - gemäß Maclntyre - essentiell für ein menschliches Wesen,
daß es am sozialen Leben teilnimmt und somit eine soziale Identität aufbaut;
daß es Teil einer Gemeinschaft ist und somit in sich entwickelnden Traditio-
nen eingebunden ist. Die Identität des Menschen wird im Grunde konstituien
durch seine Lebensgeschichte, das heißt durch eine historische Erzählung,
worin auch andere als die Person selbst - der Autor der Erzählung - auftreten.
Diese Erzählung soll zur Einheit gebracht werden, welche den höchsten Wen
im menschlichen Leben darstelh. 13
Sande I erachtet Rawls' sogenanntes "ungebundenes Selbst" für unreali-
stisch. Die menschl,iche Person ist gebunden, das heißt, sie hat Bindungen, die
für sie bestimmend sind. Niemand kann sich selbst begreifen, ohne die eigenen
Beziehungen und Bindungen an andere Personen und Institutionen zu berück-
sichtigen. 14 CharIes Taylor ist nicht weniger kritisch gegenüber der liberalen,
"atqmistischen" Konzeption der menschlichen Person als Macintyre und San4
del. ls Aber für seine Kritik ist es typisch zu betonen, daß Güter und Werte für
=in richtiges Versteh<;:n der menschlichen Person wichtig sind. Es ist irrefüh-
rend, die Mcnschen im Urzustand als neutralc Indjvidllcn zu beschreiben, de-
rcn ökonomische Rationalität sic in die Lage versctzt, aus cinem nicht beson-
ders reichhaltigen Angebot von Werten zu wählen. Das Leben von echten
Menschen ist von ihren grundsätzlichen Ansichten über die Werte des mensch-
lichen Lebens stark beeinnußt. Die sogenannten Wette des Lebens können
nicht einfach auf schlichte Vorlieben beschränkt werden. Es ist eher so, daß
die Lebenswene sich erst vor dem Hintergrund einer Horizont konstitutiver
Werte zeigen. Ein konstitutiver Wert - wie die Idee des Guten im PlatOnismus,
GOtt im christlichen Denken oder (als eine mehr immanente Version) die Ver 4

11 Ibid., S. 288.
IJ Siehe A. Maclntyre, Du Vtrlust du Tugtnd, Frankfurt a. t-.t 1987. insb. Kap. 15.
14 Siehe M. J.SandeI, Lib,ralis!ll and tbt Limits oJ Justiet, Cambridge 1982, S. 177-183.
IS C. Taylor. "Atomismus", in: B. van den Brink, W. van Reijen (Hrsg.), ßÜ'1,t'1,m/l-
schqft, Ruht lind Dt!llokmlit. Frankfurt a. M., 1995. S. 73-106.
76 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

pflichtung durch fundamentale Menschenrechte - stellt eine QueUe der Mora-


lität dar, deren Liebe es Menschen ermöglicht, gut zu sein und gm zu han-
dein. 16
So erweist es sich, daß das gemeinsame Thema der kommunit3ristischen
Kritik auf die liberale, Rawlssche Anthropologie und deren mangelhafte Be-
schreibung der menschlichen Person konzentriert ist. Diese Person - so die
Kritik - werde ihrer essentiellen Eigenschaften beraubt. Wir werden gleich se-
hen, daß der Inhalt der Gerechtigkeitsprinzipien gefahrdet ist, sofern diese
Kritik zutrifft.

2.2 Rawls' Gerechtigkeitsprinzipien: Kommunitaristische Kritik


Wie schon im vorigen Abschnitt gesagt, verlieren die Gerechtigkeitsprinzipien
viel von ihrer Glaubwürdigkeit, wenn die Personen hinter dem SchleIer des
Nichtwissens so mangelhaft konzipiert werden, wie es bei Rawls geschieht.
Diese Kritik wird im folgenden noch verstärkt werden. SandeI zufolge ist das
Differenzprinzip (Rawls' zweites Prinzip) ein Prinzip des Teilens. Als ein sol-
ches muß es von einem moralischen Band zwischen denjenigen ausgehen, de-
ren Besitz es verteilen und deren Anstrengungen es auf ein gemeinsames Vor-
haben richten will. Ein solches, von vornherein bestehendes moralisches Band
hat in der Theorie jedoch keinen Platz. Diejenigen, deren Schicksal ich teilen
soU, sind - Rawls zufolge - scheinbar lediglich andere Menschen an Stelle von
Mitmenschen, mit denen ich eine Lebensart teile und mit denen meine Identi-
tät verbunden ist. (Man erinnere sich daran, daß die Personen hinter dem
Schleier des Nichtwissens kein besonderes Interesse aneinander haben.) San-
dels Schlußfolgerung ist, daß das Differenzprinzip die gleiche Kritik hervorruft
wie der Utilüarismus: "Sein mir gegenüber erhobener Anspruch ist [... J der.
Anspruch eines zusammengeketteten KolJektivs, dessen Verwicklungen ich
mich gegeniibersehe."17
Eine ,-weitere Kritik besteht darin, daß Gerechtigkeit eTWas mit Verdienst zu
tun hat; wenn nicht der allgemeinen Auffassung nach dann jedenfalls einiger
starker Denkrichtungen zu folge, wie zum Beispiel der des (Neo-)Aristotelis-
mus. Rawls jedoch ersetzt diese grundlegende moralische Einsicht durch die
moralisch schwächeren "legitimen Erwartungen". Dieses Ersetzen ist eine wei-
tere Folge von Rawls' Verständnis der menschlichen Person als einem im
Grunde ungebundenen Individuum. Eine Person kann allein aufgrund ihrer
(moralischen) Eigenschaften keinen Anspruch auf besonderen Verdienst erhe-
ben. Diese Eigenschaften sind nämlich lediglich eine Folge von Glück oder

16 Siehe C. Taylor,QNel/tn duSelbn., Frankfurt a. t-.L, 1999, insb. Kap. 4.


17 M. J. SandeI, "Die \'crfahrensrechtliche Republik und das ungebundene Selbst", in:
A. Honneth (Hrsg.), Ko",mNnilariJHlIu. Eine Veballt Nber dit moroliuhtn Grundlagen modtr-
ntr Cmlluhajlen, Frankfurt a. M. 1993. S. 29.
van den ßeld, Der Philosoph Mas2ryk 77

Unglück. 18 Schließljch haben die Kommunitaristen auch Kritik an den Ansprü-


chen auf universelle Gültigkeit der liberalen Gerechtigkeitstheorien, von denen
Rawls das hervorragende Beispiel abgibt. An diesem Punkt ist die Kritik nicht
nur auf die Konzeption der Personen gerichtet, die nämlich in Wirklichkeit in
bestimmte Gemeinschaften mit ihrer jeweils besonderen Geschichte eingebet-
tet sind, sondern auch datauf, daß der liberalismus nicht mehr als eine intel-
lektuelle Tradition neben vielen anderen darstellt. Es war Maclntyre, der dar-
auf hingewiesen hat, daß Verständnisse von Gerechtigkeit an besondere Tradi-
tionen praktischer Rationalüät gebunden sind. 19
Soweit diese kurze Übersicht über die wichtigsten kommunitaristischen Kri-
tikpunkte am Liberalismus (von Rawls). Bevor wir uns der Frage zuwenden,
welche Position Masaryk zwischen den streitenden Parteien eingcnommen hät-
te, möchte ich kurz darauf hinweisen, daß Rawls in späteren Veröffentlichun-
gen einige komm unitaristische Kritikpunkte berücksichtigt hat. Er hat zum
Beispiel behaupter, daß die Gerechtigkeitsthcorie nicht von einer bestimmten
Beschreibung der wesentlichen Natur der menschlichen Person abhängig ist.
Er hat auch bestritten, von einer universalen Gültigkeit seiner Theorie ausge-
gangen zu sein. Sie ist von poHtischer und nicht von mctaphysischer Art. Und
sie solle nur in westlichen, konstirutionelJen Demokratien zur Anwendung
kommen. 20

3. Masaryk - eIn kommunitarischer Denker?


Als ich in den frühen siebziger Jahren meine Dissertation über die soziale und
politische Philosophie Masaryks geschrieben habe, waren Begriffe wie "natio-
nale Identität", "Tradition", " Gemeinscha ft", "Patriotismus", "Brüderschaft",
"Religion" und "Gou" in normativen, politischen Diskursen nicht geläufig.
\'(fenn sie gebraucht wurden, hanen sie meistens einen negativen UntertOn.
Seitdem hat sich viel verändert. Kommunitarische Denker haben viel zu diesen
Veränderungen beigetragen. 21 Bedeutet dies, daß Masaryk, in dessen morali-
schen und politischen Überlegungen diese Begriffe eine wichtige Rolle spiel-
ten, als ein Kommunitarist avant la leure beschrieben werden kann?

18 Siehe Maclmyre, Vtr/usJ der Tugtrld; Sandcl, Libtrillism, S. 82-95.


19 Siehe A. Maclnt)'re, IPhoJt jus/iet, l17hich RiJ/iona!i(y, Landon 1988, S. 334-348.
20 Siehe J. Rawls, "Justice as Fairness: Political NO! J\lethaph)'sical", in: Philosophy and
Puhlic rlffairs 14 (1985) S. 223-251. Cf. Rawls, Politischer Liberalismus, Frankfun a. M.
1998. .
21 Außer der bereits angefühnen allgemeinen Literatur gibt es auch noch spezifischere
Studien, zum Beispiel Mac1ntyres positive Diskussion über den Patriotismus (siehe
,.Ist Patriotismus eine Tugend?" in: Honneth, Kommuni/llr7smus) als Beleg für den
komm unitaristischen Einnuß auf die Veränderungen.
78 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhundens

Wenn wir djese Frage beantwonen, müssen wir darauf achten, nicht einem
ebenso schlichten wie falschen und völlig irreführenden Argument auf den
Leim zu gehen. Es lautet; Masar)'k war kritisch gegenüber dem Liberalismus
seiner Zeit. Darum kann cr nicht als Liberaler angesehen werden. Aus djesem
Grund wird er eher ein Kommunitarist sein. Diese Argumentation ist allein
schon deshalb unzutreffend, weil der tschechische politische Liberalismus des
späten neunzehnten Jahrhunderts nicht dasselbe ist wie der anglo-amerikani-
sehe soziale Liberaljsmus des späten zwanzigsten JahrhundertS. Aber selbst
wenn es Ähnlichkeiten zwischen beiden Formen des Liberalismus gäbe, kann
n:iän daraus noch nichts über J\hsaryks Neigung zum Kommunitarismus
schließen. Um dieser Schlußfolgerung auch nur den Schein von Gültigkeit zu
geben, muß erst gekJärt werden, welche Kritik Masaryk an dem Liberalismus
seiner Zeit übte.
Masaryks wichtigster Kritikpunkt am Liberalismus seiner Zeit war dessen
Gleichgültigkeit gegenüber den religiösen Dimensionen des Lebens im allge-
meinen und der Politik im besonderen. Dies war ein wiederkehrendes Thema
in einer Reihe von Veröffentlichungen im letzten Jahrzehnt des neunzehnten
Jahrhunderts, in welchen Masaryk ein politisches Programm aufgrund seiner
besonderen Ansichten bezüglich der tschechischen Geschichte seit der Hussi-
tenbewegung entfaltete. 22 Masaryk hatte ein tiefgehendes Interesse an be-
stimmten Sinn fragen, wie zum Beispiel der Bedeutung der (tschechischen) Ge-
schichte und des menschlichen Lebens und - allgemeiner - an umfassenden
Theorien über das Leben und die Welt. Für ihn spielten Begriffe wie "Gott",
"Vorbestimmung" und "Ewigkeit" in diesem Forschungsgebiet eine wichtige
RoUe, welches das Interesse von allen Menschen verdient, die doch "sub specie
aeternitatis" leben. 23
Nun wäre es ein großer Fehler zu behaupten, daß heutige liberale Philoso-
phen an religiös beladenen Fragen, wie etwa der nach der Bedeutung und dem
Sinn des menschlichen Lebens und der Geschichte, kein Interesse hätten. Die·,
ser Vorwurf würde eher für den Neopositivismus zutreffen, der behauptet, daß
religiöse - und auch moralische - Äußerungen bedeutungslos seien. Anhänger
dieser Denkrichtung gehören jedoch zu einer früheren Generation. Diese
Mode ist in der Philosophie mittlerweile beinahe ausgestOrben, wenn sie nicht
sogar schon begraben ist. Jedenfalls ist ein Liberaler wie Rawls weder ein Neo-
positivist noch in rdjgiöser Hinsicht desinteressiert. Insofern scheint Masar ks
Kritik am tschechjschen Liberalismus nicht auf das moderne anglo':"artl~--nk:ani­
sehe liberale Denken zuzutreffen, jedenfalls nicht in dieser Allgemeinheit..
Liberale haben jedoch - im Gegensatz zu Kommunitaristen - eine starke
Neigung, politische Philosophie von religiösen und metaph)'sischen Themen

22 Siehe z. B. T. G. Masar}'k, jan Hlis. Nase ObroZtni a Nase ~formoce, Oan I-Ius. Unsere
Renaissance und unsere Reformation) Prag 1923, S. 42 f., ders., CtJ!eo OMZleo/No5t
Nynejs; Krise, (Die tschechische Frage - Unsere hcudge Krise) Prag 1948, S. 118, 148.
23 Siehe für mehr Delails und Verweise: Van den ßeld, HHmonitJ, S. 29-37.
van den Beld, Der Philosoph Masaryk 79

frei zu halten. Rawls ist hierfür ein hervorragendes Beispiel. 24 Eine zentrale
normative politische Frage - wie etwa: wie sollten die Grundzüge der Gesell-
schaft aussehen - geht jeden an. Es handelt sich dabei um eine öffentliche An-
gelegenheit und keine private. Aus diesem Grunde sollten diverse Themen, die
mit religiösen oder anderen umfassenden Anschauungen des Lebens zu tun
haben, bei der Behandlung von Fragen der politischen Philosophie keine Rolle
spielen. Sie gehören zum privaten, nicht zum öffentlichen Lebensbereich. Um
dies in der richtigen Perspektive zu sehen, sollte man natürlich beachten, daß
die liberale politische Philosophie aus den Zeiten der europäischen Religions-
kriege stammt. Das größte Problem war damals, wie Menschen mit verschiede-
nen religiösen Ansichten friedlich in einer Gesellschaft zusammenleben kön-
nen; oder - mit anderen \'(lonen - wie das Übel des Bürgerkrieges überwunden
werden könne.
Masaryks wichtigster Einwand gegen den Liberalismus seiner Zeit richtet
sich gegen den grundsätzlichen Ausschluß des religiösen Glaubens aus der
normativen, politischen Diskussion. Dieser Einwand würde durchaus auch auf
den heutigen politischen Liberalismus zutreffen. Normative politische Überle-
gungen sollten nicht unter Ausschluß von Antworten auf fundamentale Fragen
bezüglich der Bedeutung des menschlichen Lebens und der Welt angestellt
werden. Religiöse unclandere umfassende Weltanschauungen sind von direkter
politisch-philosophjscher Bedeurung.
Bringr diese Sicht der Dinge Masaryk den Kommunitaristen näher? Wir ha-
ben im vorigen Abschnitt gesehen, daß einer der Gründe, weshalb die Kom-
munitaristen die Grundzüge von Rawls' Gerechtigkeitskonzeption als unzu-
länglich ansehen, seine wenig gehaltvolJe Beschreibung der menschlichen Per-
son ist. Essentielle Eigcnschaften werden nicht berücksichtigt. Jetzt ist die ent-
scheidende Frage, ob für die Kommunitaristen Religiosität cine der wichtigen
Eigenschaften der menschlichen Person ist, die in normativcn politischen Dis4
kussionen nicht übersehen werden darf. Die Antwort auf unsere Frage hängt
davon ab, was Religiosität bedeuten soll. Wenn sie als eine mehr oder wen.iger
umfassende Lcbens- und Weltanschauung angesehen wird, die dem menschli-
chen Leben Richtung gibt, anstan als eine spezielle Religion, dann iSLeine be-
jahende Amwon nicht zu weit hergeholt. Man muß hier beachten, daß Taylors
konsfimtiven Werte so viel faltig sind wie PJatOns Idee des Guten, der Gott des
Christentums und - mehr immanent - die Verpflichtung durch die j\'lenschen-
rechte. Und auch MacJmyre gesteht ein, daß das TeloJ, das Gute eines mensch-
lichen Lebens, das in seiner narrativen Einheit besteht, für verschiedene Men-
schen recht unterschiedlich ausfallen kann. Wenn wir Religion und Religiosität
also in diesem weiten Sinne verstehen, kann wohl kaum geleugnet werden, daß
- zumindest für manche Kommunitaristen - Religiosität ein essentielles Merk-
mal der menschlichen Person ist. Religion in diesem Sinne sollte in normativen

24 Siehe Rawls, PolitiJfher LiberaliJmNJ.


80 Diskussion(:o des zwanzigsten Jahrhunderls

politischen Diskussionen eine Rolle spielen. Vor einigen Jahren verteidigte f\'li·
chael Sande! diese Position ausdrücklich, während eines l-Iarvard-S)'TIlposiums
(an dem auch Rawls teilnahm) in einem Plädoyer für die Einbeziebung morali-
scher und religiöser Gesichtspunkte in politischen Diskussionen. 25 Es scheint
in diesem Punkt also einen Konsens zu geben zwischen den Kommunitarislcn
und r.·fasal)'k. Es ist jedoch noch eine offene Frage. ob sie über die geeignete
Rolle und Funktion sowie den geeigneten Inhalt der Religiosität in einer politi-
schen Diskussion ebenfaUs einer Meinung wären. Trotz der Umerschiedlich-
keit der Ansichten, die es in dieser Hinsicht unter Kommunitaristen gibt, kann
man wohl sagen, daß sie an Masar)'ks Seite stehen würden bei dessen starker
Ablehnung des Gebrauches von Religion in politischen Diskussionen als M.inel
zu unabhängig davon bestimmten Zwecken. 26 Auf der anderen Seite ist es, vor-
sichtig ausgedrückt, zweifelhaft, ob sie ihm in seinem - natürlich nicht seinem

einzigen - Argument für soziale Gerechtigkeit zustimmen würden. Dieses be-
sagt, daß menschlkhe, unsterbliche Seelen einander nicht gleichgültig gegen-
überstehen können: Sie sind Gleiche. 27
Es gibt noch ein anderes Gebiet, auf dem Masaryk und die Kommunitari-
sten übercinstimmen. Es iSt einer der Grundsätze des Kommunitarismus, daß
das menschliche Leben cssentiell in Gemeinschaften eingebettet ist und an ih-
nen teilnimmt; nicht zuletzt an der politischen Gcmeinschaft (dem Staat) mit
seiner besonderen Geschichte und Sprache. 28 Masaryk hätte keine Probleme,
diese grundlegende Ansicht zu tcilen. Tatsächlich hat er sie bereits sehr viel
früher vertreten. Seine Trilogie der neunziger Jahre - Culeß O/aZIuI (die Tschc-
chische Frage), fale nynljli KriJe (Unsere heutige Krise) und Jan HMJ - können
gut als eine Ausarbeitung dieser Ansicht in bezug auf die Situation der Donau-
monarchie angesehen werden. Masaryk zufolge ist die tschechische nationale
Identität ein Produkt der Hussitcn-Bewegung des funfzehmen und sechzehn-
ten Jahrhunderts, also das Werk von religiösen Leitcrn wie Jan Hus, Petr Chel-
cicky und Jan Amos Komensk)' (Comenius). Sie ist eher mit der populären
tschechischcn protestantischen Reformation als mit der von Habsburg er-
zwungenen römisch-katholischen Gegenreformation verbunden. Masaryks
Kampf für eine Dcmokratisierung des Staates und der Gesellschaft und - dem-
zufolge - für die Reform der Donaumonarchie kann am besten vor diesem
Hintergrund verstanden werden. 29

25 Siehe: RLliti.on & Vablts iw PI/blir Uft, 3/4 (1995), S. 3, 9.


26 ~bsaryk, Uska ot.itka/NaIr ".l,,'.Jfi krise, S. 194.
27 Siehe T. G. Masaryk, Utalt dir H"",awittil, Prag 1935, S. 126. Und: Masaryl:. t"{iblt sm
Lebt". CnpratlN ",it Ks,rrl Cllptl:., Berlin S. 243.
2i Siehe zu diesem Aspekt des Kommunitarismus außer den bereits genannten Werken;
C. Taylor, ..Language and Human ature", Pbi/osopbüal Paptrs, Vol. 1, Cambridge,
1985, S. 215-247.
29 Zu den Dela.ils siehe: Van den Beld, H"",a"ig. Kapitel 3 und 5.
van den Bdd, Der Philosoph Masaryk 81

Es gibt jedoch ejnen wichtigen Punkt, in dem Masaryk sich von den Kom-
munitaristen unterscheidet. In den Reihen der letzteren kann ein unmißver-
ständlicher Hang zum Relativismus festgestellt werden. Dieser Anti-Un.iversa-
lismus ist oft mit ihrer Kritik am Gedankengut der Aufklärung verbunden wor-
den, wonach dje Vernunft dje Menschheit in ihrem Streben nach dem Wahren
und Guten vereinigen würde. Dieses Vorhaben erwies sich als eine U1usion.
Den Kommunitaristen zu folge härte es kaum anders sein können. da menschli-
che Personen unvermeidlich in verschiedene Gemeinschaften und Traditionen
eingebertet sind. Masaryk hingegen ist ein Universalisc. Obwohl er die Verbun-
denheit der Menschen mit ihren Institutionen und Traditionen erkanme, zog
er daraus keine relativistischen Schlüsse. Als er zum Beispiel in den achtziger
Jahren des 19. Jahrhunderts mit der sozialen Frage beschäftigt war. sprach sich
;"'lasaryk für eine Lösung "im Sinne unserer histOrischen, nationalen Ideale.
also im Sinne der Ideale der Menschheit" aus. Und in einer Veröffentlichung
für tschechische Arbeiter betOme er erneut, daß "ldJie Menschheit das Ziel
von uns allen ist: das Ideal von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit geht
nicht nur uns, sondern aUe Menschen an [... ] Wir sind nur insofern besonders
als unsere Geschichte uns dies gelehet hat und wenn wir diesem Ideal am näch-
sten kamen."30 Also sollten Normen und Werte - ~hsaryk zufolge - universel-
le Gültigkeit haben.
In dieser Hinsicht ist er zweifellos, zu einem gewissen Grad, ein Vertreter
des Gedankenguts der Aufklärung; und er steht Kam und Ra:.vls Gedenfalls
dem Rawls der Theorie der Gerechtigkeit) näher als den Kommunitaristen. Es
gibt jedoch mehr über t\hsaf)'ks Universalismus zu sagen. Seine religiöse Fun- /,
dierung sollte hervorgehoben werden. Was letztendlich vom Postmodernisten
und Atheisten Nietzsche als eine platonische und christliche Illusion abgewie.
sen wutde,}1 akzeptierte dagegen sein Zeitgenosse Masaryk: daß Wahrheit so-
wohl in der Wissenschaft als auch in der Moral und der Religion gefunden wer-
den kann und daß diese Wahrheit in Gott fundiert ist. Moralnormen soUten,
Masaryk zu folge, nicht nur als menschlkhe Konventionen verstanden werden,
gebunden an eine Zeit und einen Ort und erfunden, um die menschliche Zu-
sammenarbeit zu erleichtern. Moralische Werte übersteigen die vergängliche,
empirische Welt. Moralische Normen und Werte sind in einer transzendenten
Realität verwurzele, die Masaryk ..GOtt" oder .. Ewigkeit" nenm.:n Mit dieser
Überzeugung übersteigt Masaryk die Antithese zwischen Liberalismus und
Kommunitarismus und schwimmt gegen den Strom des Modernismus und des
..!'ostmodernismus. Darum ist er mir jedoch nicht weniger lieb.

JO Masarrk, CeIl:.a olazko/ Nafe '!Jnljfi kn·Je. S. 219, 626.


31 Siehe z. B. F. Nietzsehe. Die friihlühe IY/imnuhaft. Abschnin 344.
32 Zu weileren Informationen über Masaryks Auffassung \'on Gon und der Ewigkeit
siehe: Van den Bcld, Hlimanity, S. 29-35.
82 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

4. Schlußfolgerung
So kommen wir zu einer Schlußfolgerung. Unsere leitende Frage war: Wo zwi-
schen den Liberalen und den Kommunitaristen sollte Masaryk eingeordnet
werden? Die Antwort ist: auf keiner Seite. Unsere spezifischere Frage war: In-
wiefern können wir Masaryk als einen kommunitarischen Denker ansehen?
Hier lautet die Antwort: Es hängt davon ab. Wenn es um grundlegende norma-
tive politische Fragen geht, sollte man nicht von emscheidenclen Eigensch!1f-
ren der Menschen abstrahieren, wie zum Beispiel ihrer nationale Identität
(Sprache und Geschjchte) und Religiosität. Auf der anderen Seite unterscheidet
sich Masaryk von den Kommunitaristen durch seinen Universaljsmus. Hierin
kommt er dem Liberalismus näher, jedenfalls dem des jüngeren Rawls, wenn
wir über die religiöse Basis von Masaryks Universalismus hinwegsehen.
Bernd Stiegler

Profane Erleuchtung als photographische


Belichtung
Bildordnungen in der
Berliner Kindheit um Neunzehnhundert

"Geschichte zerf.illt in Bilder, nicht in Geschichten.'" Diese Formulierung


Walter Benjamins im POSJogenwerk bestimmt zugleich das Programm der Berliner
Killdbeit. Die erzählte Geschichte zerfallt in erzählre Bilder, die ihrerseits wie-
derum erzählte Geschichten zitieren. Die in Bilder zerfallene Geschichte er-
scheint in ihnen in vet\vandelter Form wieder. Geschichte wird erkennbar und
lesbar im Zusammenhang von Bildordnungen. BiJder übersetzen die Ordnung
der Zeit in die des Raumes. Die Topologik der Berliner Kindheit entwirft eine
Theorie der Geschichte in den Kategorien des Raumes. "An solchen Orten
scheint es, als sei alles, was eigentlich uns bevorsteht, ein Vergangenes."2 Und,
so könnte man umgekehrt formulieren, an solchen Orten scheim cs, als sci al-
les, was bereits der Vergangenheit angehört, ein Zukünftiges. Diese Assoziati-
on und Überblendung von Vergangenheir und Zukunft folgt einer Logik der
Bilder als Formen der Übersetzung. So schrcibr Bcnjamin im VorwOrt zur Fas-
sung lctzter Hand:
Ich halte es für möglich, daß solchen Bildern ein eignes Schicksal vorbehalten isl.
Ihrer harren noch keine geprägten Formen, wie sie im Naturgefühl seit Jahrhun-
derten den Erinnerungen an eine auf dem Lande verbrachten Kindheit zu Gebote
stehen. 3

Die Berliner Kindbeil kann - auch in ihrer beharrlichen Umschreibung und Neu-
bestimmung - als ein Vcrsuch gelesen werden, solche Formen herauszubilden.
Meine Überlegungen zielen auf eine Bestimmung der Beziehungen zwischen
Texr und Bild im Zusammenhang der Thcorie des Gedächtnisses und der Ge-
schichte. In einem ersten Teil konzentriere ich mich auf erkenntnistheorcti-

\X'aher Benjamin, CtJ(lHll1ltlte Srhrijitn, hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann
Schweppenhäuser, Frankfurt a. M. 1972 H. Im folgenden werden jeweils nur der Ti-
tel des z.itierten Textes, der Band der Guanln/tlltn Srhrijitn und die Seite angegeben,
z. B. hier: DlIs PassagtnlJ1erk, GS V, S. 596.
2 Btrlintr Kindhtit um NtunZthnhundtrt, GS IV, S. 256.
3 Berlintr Kindhtilul1l NtunZthnhundtrt. Fawmg Itlzltr Hllnd, GS VII, S. 385.
84 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

sehe und poetologische Überlegungen in den verschiedenen Fassungen des


Textes. Ocr Schwerpunkt wird dabei auf der Berliner Chronik liegen. Im zweiten
Teil beschränke ich mich auf einen kJcincn Abschnitt der zweiten Fassung, der
Die MUHJffJerehle überschrieben ist.

1. Bilder des Gedächtnisses in Walter Benjamins


Berliner Kindheit um Neunzehnhundert
"Das Gedächtnis". schreibt Waltet Benjamin in der Berliner Chronik, "ist nicht
ein Instrument zur Erkundung der Verg<t.ngenheit, sondern ihr Schauplatz. Es
ist das Medium des Erlebten wie das Erdreich das Medium ist, in dem die toten
Städte verschüttet liegen. Wer sich der eigenen verschütteten Vergangenheit zu
nähern trachtet, muß sich verhalten wie ein Mann, der gräbt."4
Die Aufzeichnungen der verschiedenen Fassungen der Berliner Kindheit stei-
len eine Archäologie des Verschütteten dar, die in spezifischer Weise als eine
Ausgrabung von Bildern bestimmt werden kann. Das Gedächtnis als Medium
des Erlebten funktioniert wie ein Medium, das Bilder nicht nur aufzeichnet
und übermittelt, sondern überhaupt erst an den Tag bringt. Wenn wir uns mit
den Bildern in der Berliner Kindheil IUII Neunzehnhundert beschäftigen, so haben
wir es sowohl mit einer Archäologie der Medien als auch mit den Medien die-
ser Archäologie zu tun. Eine Bestimmung der Theorie des Gedächtnisses muß
sowohl den Ausgrabungsplan des Gedächtnisses samt seiner Aufzeichnung
und Übermittlung als auch die Logik der Bilder, die sie entwickelt, aufzeigen.
Die Analyse der Funktion der Bilder zielt auf die Beziehung zwischen dem Me-
dium Gedächtnis und den von ihm aufgezeichneten Bildern. Zu untersuchen
sind - als genitivus subjectivus und objeccivus - die Bilder des Gedächtnisses,
die vom Gedächtnis aufgezeichneten Bilder und die das Gedächtnis aufzeich-
nenden Bilder. Die Berliner Kindheit leistet die Übertragung der einen in die an-
deren. Das Zurücktreten der autobiographischen Erinnerungen, der Verzicht
auf alle Elemente, "die auf [Benjamins] unmittelbare reale Biographie Bezug
haben",5 in den späteren Fassungen des Textes sind eine Konsequenz dieser
Übersetzung. Die individuellen ausgegrabenen Erinnerungsbilder erscheinen
auf der Folie von allgemeinen Bildern, die das Ich und die Dinge in ihrer Zu-
sammengehörigkeit aufblitzen lassen.
Was nach Benjamin freigelegt werden soU, "was die wahren \'(ferte, die im
Erdinneren stecken, ausmacht",6 sind in der Formulierung der Berliner Cbroflik
die "Bilder, die aus aUen früheren Zusammenhängen losgebrochen als Kost-

• 8erlinu Chronik, GS Vl, S. 486.


S Gershom Scholem, zitien nach: GS VI, S. 797.
6 Buliner Chronik, GS VI, S. 486.
Stiegler, Profane Erleuchtung als phorographische Belichtung 85

barkeiten in den nüchternen Gemächern unserer späteren Einsicht wie


Ttümmer oder Torsi in der Galerie des Sammlers - stehen.,,7
Das Gedächtnis ist ein Sammler von Bildern. Die Fundstücke der Re-
cherche der Berliner Kindheit sind aus dem Zusammenhang der Vergangenheit
herausgelöste Bilder, die als Fragmente überdauern. Sie sind die Torsi in der
Sammlung des Archäologen des Gedächtnisses, Bruchstücke der Vergangen-
heit, die einen neuen Zusammenhang herstellen soUen. Mit diesen Bildern
wollte Benjamin sich in der Situation des sich abzeichnenden Exils, so das
VorvlOrt zur Ausgabe letzt,er Hand, gegen das Gefühl der Sehnsucht impfen.
\'(las in djesen Bildern erscheint, ist die biographische und notwendige gesell-
schaftliche Unwiederbringlichkeit des Vergangenen. Die Bilder der Berliner
Kindheit sind Bilder des Exils, des Exils der eigenen Vergangenheit in der Situa-
tion des histOrischen Exils. Sie sind gepdgt durch diese doppelte Grenzzie-
hung: einerseits erscheint die Vergangenheit als notwendig geschichtlich von
der Gegenwart abgetrennte, andererseits kündigt sich auch eine zukünftige
Trennung von den Räumen und ürten der Kindheit an. Die Bilder der Berliner
Kindheit zeichnen eine Topologik und Chronologik des Exils auf.
Zugleich aber soll ihnen eine andere Möglichkeit zu eigen sein: Sie sollen
befahigt sein, "in ihrem Innern spätere geschichtliche Erfahrung zu präformie-
ren".8 Die Fundstücke der Grabungsarbeiten im Inneren der eigenen verschüt-
teten Vergangenheit saUen Erfahrungsmöglichkeiten eröffnen und sind daher
auf eine Überserzung von Vergangenheit und Zukunft angewiesen. Der nüch-
ternen Feststellung der histOrischen Unwiederbringlichkeit steht die Konzepti-
on einer Herausbildung von Formen späterer Erfahrung entgegen. Die Unwie-
derbringlichkeit geht in eine Wiederkehr der Bilder über. Was aufgezeigt wer-
den soll, könnte man formulieren, sind Bilder, die als Formen der Erfahrung
historischer Unwiederbringlichkeit diese übersetzbar machen und eine Form
bereitstellen, die dann wieder neu gefüllt werden kann. Bilder sind Übertr:\-
gungsmedien, die als Formen die Transformation ihrer Elemente gestatten.
Die Dekontexrualisierung der Bilder und ihre Übertragung in den Zusammen-
hang eines Textes erfordert und ermöglicht eine andere Lesbarkeit geschichtli-
cher Erfahrung. Textbilder gestatlen die Dechiffrierung gelesener Zukunft.
Welche Funktion können solche Bilder aber haben, wenn sie sich nicht mit
der Bereitstellung von Formen geschichtlicher Erfahrung als die ihrer histori-
schen Unwiederbringlichkeit begnügen? Warum spricht Benjamin an entschei-
denden und besonders hervorgehobenen Stellen der Berliner Kindheit von Bil-
dern? Was ist die Logik dieser Bilder? Welche Medjentheorie entwickelt die Ber-
liner Kindheit?
Dem Gedächtnis als .Medium des Erlebten wird an anderen Stelle der Berli-
ner CbroniJe die "Gegenwart des Schreibenden"?, ,,10 dem diese Bilder allein

,
, Ebd.
, Berlin,r Nlfdhtit 11m Numz,h"hlmdtft. FawUll, le/Zler Hand, GS V1I, S. 385.
Ebd.
86 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

sich darstellen und eine Transparenz annehmen, in welcher, wenn auch noch
so schleierhaft, die Linien des Kommenden wie Gipfelzüge sich abzeichnen"lO,
als Entsprechung zur Seite gestelJt. Das Gedächtnis zeichnet die Bilder der
Vergangenheit auf, die der Schreibende in die Ordnung der Schrift überträgt.
Auch er wird bestimmt als Medium der Aufzeichnung und Übertragung der
Bilder. Dem Gedächtnis und der Gegenwart des Schreibenden kommt es zu,
als Medien zugleich das Verlorene und das sich abzeichnende Kommende er-
scheinen zu lassen. Beide sind als Medien durch ihre Transparenz gekenn-
zeichnet. Die Dichte und das Erscheinen der Bilder der Vergangenheit und des
Kommenden sind bedingt durch die Transparenz dieser Medien, die, um den
Bildern Gestalt verleihen zu können, ihre eigene Gestalt verlieren müssen. Die
Übersetzung der unwiederbringlichen Vergangenheit und des erscheinenden
Kommenden erforden ein Zurückrreten der Formen des Gedächtnisses und
des Schreibenden, der somit seine Individualität zugunsten einer Übertra-
gungsform verliert.
Zugleich ergibt sich eine weitere Übersetzungsaufgabe: Das Gedächtnis und
die Gegenwan des Schreibenden müssen eine individuelle Erfahrung in eine
allgemeine übersetzen. Nur so kann sich spätere geschichtliche Erfahrung prä~
formieren, nur so können ihre Formen prä figuriert werden. Gedächtnis und
Gegenwan des Schreibenden sind Übertragungsmedien im doppehen WOrt-
sinn: Sie vollziehen komplexe Übersetzungsoperationen (so z. B. von der Ver-
gangenheit in die Zukunft, der individuellen Erfahrung zur allgemeinen) in der
Übertragung von Bildern.
Das Gedächtnis und die Gegenwart des Schreibenden werden beide als Me~
dien bestimmt und stellen die beiden entscheidenden Elemente der Theorie
der Erinnerung im Zeitalter ihrer technischen Produzierbarkeit dar. Als techni-
sches Medium entspricht dem Gedächtnis die Phowgraphie, während der
Schreibende die Ordnung der Bilder in die der Schrift überträgt. Die Theorie
der Erinnerung wird in der Berliner Kindbeil nicht nur in Analogie zur Phowgra-
phie entwickelt, sondern kann auch als Interpretation der Photographie gele-
sen werden. Somit ergibt sich ein unmittelbarer Zusammenhang mit anderen
Texten, wie z. B. dem Kunstwerk-Aufsatz, dem Passngenu1erk oder der Kleinen
Guchicble der Pholograpbie. Wenn Benjamin im Kunstwerk-Aufsat:t. feststelh, daß
die technische Reproduktion "um neunzehnhundert einen Standard erreicht,
auf dem sie nicht nur die Gesamtheit der überkommenen Kunstwerke zu ih-
rem Objekt zu machen und deren Wirkung den tiefsten Veränderungen zu un-
terwerfen begann, sondern sich einen eigenen Platz unter den künstlerischen
Verfahrungsweisen eroberte"l1, so gilt djes auch für die Berliner Kindheil Ud!
Ntunzebnbunderl. Die von Benjamin konstatierte Rückwirkung der Reprodukti-
onstechnik auf die Kunstwerke und der zunehmende "Sinn für das Gleicharti~

10 Berliner Chro"ile, GS VI, S. 471.


11 Berliner Ki"dhtit N/11 NeNnzehnhN"dert. FauNn!, litzler Hand, GS VII, S. 351 f.
Stiegler, Profane Erleuchtung als photographische Belichtung 87

ge"12 prägt die Konstruktion des Textes und seine zentralen erkenntnistheore-
tischen und poetologischen Kategorien.
Es gilt, die Erinnerung als photographische Belichtung mitsamt ihten In-
Strumenten und Gesetzen noch genauer zu bestimmen. Benjamin bezeichnet in
der Berliner Chronik das Gedächtnis als "Platte des Erinnerns"13 und vergleicht
die Zeit des Lebens mit der Belichtungsdauer. Die Bilder des Gedächtnisses
gleichen Photographien, welche die "Platte des Erinnerns" festgehalten hat.
Das Gedächtnis als "Schauplatz der Erkundung der Vergangenheit" ist nicht
nur eine Art Phoroalbum, das die Bilder der Vergangenheit sammelt, sondern
auch der Apparat, der sie aufzeichnet. Das Ich bzw. die Gegenwart des
Schreibenden als zweites Element der Mediemheorie der Erinnerung weist
ebenfalls diese Doppelstruktur auf. Das Ich des Schreibenden ist nicht nur für
die Belichtung der Bilder erforderlich, sondern leistet zudem ihre Übertragung
und wechselseitige Übersetzung in die Ordnung der Schrift. Das Gedächtnis
und die Gegenwart des Schreibenden sind die beiden korrespondierenden Mo-
mente in der Erinnerungsmaschine als Photographie. Das Gedächtnis ist die
Platte, die durch das Ich des Schreibenden in der Verschriftlichung der Bilder
in spezifischer Weise belichtet wird. Für die Belichtung der Platten des Erin-
nerns ist allerdings nicht die Dauer, sondern die Intensität des Lichts entschei~
dend. Die Bilder sind wie Photographien notwendig aus ihrem Zusammenhang
gerissen, sind Momentaufnahmen, festgehaltene Augenblicke, die ihre Bedeu-
tung gerade durch die Fragmentarisierung und Zerstörung des Kontextes der
Gewohnheit gewinnen. Benjamin beschreibt die
Fälle, wo die Dämmerung der Gewohnheit der Plane jahrelang das nötige Licht ver-
sagt, bis dieses eines Tages aus fremden Quellen wie aus entzündetem Magnesium-
pulver aufschießt und nun im Bilde einer Momentaufnahme den Raum auf die Plane
bannt. 14

Die Photographien der Erinnerung stehen der Gewohnheit entgegen, durch-


brechen das Dämmerlicht des Erlebten in der Belichtung einzelner Bilder und
überführen die Ordnung der Zeit in die des Raumes. Diese Bilder sind aber
nicht nur selber j\'1edien, sondern bedürfen Übertragungs. und Speichermedi~
en, die ihre EnrwickJung und Aufzeichnung ermöglichen. Das Gedächtnis und
die Gegenwan des Schreibenden sind diese Medien. Sie sind zugleich die Ap+
parate, die diese Bilder belichten und somit dauerhaft machen, und ihre Samm-
ler. Die Punktualität und Momemhaftigkeit der einzelnen Aufnahmen wird be~
gleitet von ihrer Übertragung in den Zusammenhang einer SammJung dieser
Trümmer und Torsi. Das Gedächtnis zeichnet die Lichtbilder der Erinnerung
auf, die Gegenwart des Schreibenden übersetzt die Lichtschrift der Photogra-
phie in die Ordnung der Schrift der Erzählung. In der Berlintr Chronik präzi-
siert Benjamin diese Theorie der dauerhaften Gedächtnisbilder:

11 Ebd., GS VII, S. 355.


13 ßtr/intr Chronik, GS V-I, S. 516.
14 Ebe!.
88 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunclerrs

Im Mittelpunkte dieser seltnen Bilder aber slehen stets wir selbst. Und das ist nicht
so rätselhaft, weil solche Augenblicke plötzlicher Belichtung gleichzeitig Augenblik-
ke des Außer-Uns-Seins sind und während unser waches, gewohntes, taggerechtcs
Ich sich handelnd oder leidend ins Geschehen mischt, ruht unser tieferes an anderer
Stelle und wird vom Chock betroffen wie das Häufchen ~hgnesiumpulver von der
Slreichholzflamme. IS

Die Bilder werden 50 In doppelter Hinsicht entwickelt: Durch das Opfer des
Ich in seiner aufglühenden Erscheinung werden die Bilder aufgezeichnet, in
der Schriftordnung der Erzählung werden sie entfaltet. Die Belichtung der
photographischen Gedächtnisplaue bedarf der Suspendierung des gewohnten
Ichs und der Belichtung durch das tiefere verborgene. Dieses tiefere Ich wird
abe,r zugleich durch bestimmte Eindrücke überhaupt erSt wahrnehmbar und
aktiv, allerdings nur, um sich in der Belichtung des Erinnerungsbildes zugleich
aufzulösen und in ihnen zu verschwinden. Es ist nur in diesem flüchtigen Mo-
ment. Das blitzhafte Erscheinen des tieferen Ichs oder, um eine Formulierung
des Surrealismus-Aufsatzes aufzunehmen, diese "Lockerung des Ich"16 belich-
tet wie ein Magnesiumblitz dje Bilder des Gedächtnisses, die dann, gleich Pho-
tographien, in der Betrachtung der Sammlung wieder erscheinen. Die Theorie
des Gedächtnisses bestimmt die ..profane Erleuchtung"l7 als photographische
Belichtung. Gedächtnisbilder haben dank dieses Eingehens des Ich ins Bild im
Akt der Belichtung die Fähigkeit, die Wahrnehmung zu verändern. Die Ekstase
des Ich im Chock belichtet in ihrer radikalen Punktualität, der blitzhaften Er-
kenntnis des erscheinend verschwindenden tieferen Ich dauerhafte Bilder des
Gedächtnjsses, in denen das Ich, das im Moment der Belichtung sich von ei-
nem Subjekt in ein aufgezeichnetes Objekt verwandelt, wie ein Gespenst den
Dingen anverwandelt erscheint. Auch das tiefere Ich ist nur im blitzhaften f..'to-
ment dieser verwandelnden Beljchtung festwhahen. "So, als ein im Jetzt der
Erkennbarkeit aufblitzendes Bild, ist das Gewesene festzuhalten",lB heißt es im
Possogenwerk.
Die Bilder der Btrlintr Kindhtit zeichnen das Verschwinden des Ich in den
Bildern auf, sie sind Bilder des Verschwindens im Bild. Die Geschichte des
chinesischen Malers, der in seinem Bild verschwindet, ist ihr Sinnbild.
Ein Park war darauf dargesldh, ein schmaler Weg am \'(fasser und durch einen
Baumschlag hin, der lief vor einer kleinen Türe aus, die hinten in ein Häuschen Ein-
laß bol. Wie sich die Freunde aber nach dem Maler umsahen, war der fort und in
dem Bild. Da wandelte er auf dem schmalen Weg zur Tür, stand vor ihr srill, kehrte
sich um, lächelte und verschwand in ihrem Spah. 19

15 Ebd.
16 DtrSiima/isHulJ, GS 11, S. 297.
17 Ebd.
t8 Das POJJogmwtrk, es v, 592.
19 Berlintr Kindhtit Nm NtNnzehnhNlldtrt, es IV, S. 262 f.
Sliegler, Profane Erleuchtung als photographische Belichtung 89

Im Kunstwcrk~Aufsatz
wird diese Geschichte mit der Theorie der Sammlung
in Verbindung gebracht. Der chinesische Maler ist Sinnbild der Betrachtung
als Sammlung:
Der vor dem Kunsl\.verk sich Sammelnde versenkt sich darein; er geht in dieses
Werk ein, wie die Legende es von einem chinesischen Maler beim Anblick seines
vollendeten Bildes erzählt.2(I
Die Brr/inrr Kindheit Nm NrNnzrbnhNndtrt ist eine Sammlung von Gedächrnisbil-
dern, die eine Sammlung in der Situation der Zerstreuung ermöglichen sollen.
Der Augenblick der Belichtung, der Zerstörung der Gewohnheit und der Ent~
deckung des tieferen Ich stiftet einen Zusammenhang, der nicht in der Form
einer Dauer oder Linearität, sondern in der Eröffnung eines Raumes der Kor-
respondenzen und Ähnlichkeiten gedacht wird. Das Gedächtnis ist ein Samm-
ler der Bilder, die ihrerseits die Erinnerungen versammeJn. Der im Lesen oder
Betrachten sich Sammelnde geht in die Bilder ein und vollzieht eben jene Be-
wegung, die der BeUchtung zugrunde gelegen hatte. Erinnerungsbilder kon-
zentrieren Beziehungen zwischen den einzelnen Elementen und ermöglichen
rückblickend die Übersetzung von Zeit und Raum. "Im Sosein jener längstver-
gangnen Minute", schreibt Benjamin in der Kltinrn Curhichte der Pbotographir
über die Daguerrotypien, "nistet das Künftige noch heut und so beredt, daß
wir, rückblickend, es entdecken können.,,21
Die Erinnerung und das Gedächtnis werden in Kategorien der Wahrneh-
mung bestimmt. Erinnerung und Gedächtnis sind Wahrnehmungsphänomene,
Erscheinungen einer besonderen Wahrnehmung, die das Ich in das "Univer-
sum der Verschränkung"22 übersetzt. Die blitzhafte Erkenntnis des tieferen
Ich und sein magnesiumgleiches Verglühen in der chockhaften Wahrnehmung,
die allein dauerhafte Gedächtnisbilder zu produzieren vermag, führt zu seinem
bildgewordenen Verschwinden.
Dies Opfer unseres tiefsten Ichs im Chock ist es, dem unsere Erinnerung ihre unzer-
störbarsten Bilder zu verdanken hat. 23
Die Erinnerung wandelt durch das Schattenreich des Vergangcnen, um ein~
zeine Bilder festzuhalten, in denen sich eine Erfahrung konzentr:iert, die, ob-
wohl sie sich von der Zeit als Ablauf und Fluß des Lebens radikal absetzt, ge~
schiehrlich ist. Phowgraphien suspendieren die lineare Ordnung der Geschich-
te, eröffnen aber dennoch eine geschichrliche Beziehung, die sich der Ordnung
der Bilder verdankt und durch sie gestiftet wird. An die Stelle des Ablaufes der
Zeit oder desjenigen, "was den stetigen Fluß des Lebens ausmacht",24 tritt die
Ordnung des Raumes, der Augenblicke und des Unstetigen. An die Stelle der

20 Berliner Kindhtit 11", NtNnzehnhNndtrl. Fallltng letzter Hand, es VII, S. 380.


21 Kleine Gmhi(hle dir Pbolographit. es
11, S. 371.
22 ZN", Bilde ProNIII, es 11, S. 320.
23 Ebd.
24 Berlintr Chronik, es VI, S. 488.
90 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

Aurobiographie, der Schrift des eigenen Lebens, treten die Übertragungen der
Lichtschrift der Bilder.
Roland Barthes versucht in seinem Buch Die helle Kaf!"l/tr die Geschichdich~
keit der PhotOgraphie durch einen Epikurä..ismus des Erinnerungsbildes und
der Wahrnehmung zu bestimmen. Dort heißt es:
Die Pholographie ist wörtlich verstanden, eine Emanation des Referenten. Von ei·
nem realen Objekt, das einmal war, sind Strahlen ausgegangen, die mich erreichen,
der ich hier bin; die Dauer der Übertragung zählt wenig; die PholOgraphie des ver-
schwundenen Wesens berührt mich wie das Licht eines Sterns. Eine An Nabel-
schnur verbindet den Körper des photographierten Gegenstandes mil meinem Blick:
das Licht ist hier, obschon ungreifbar, doch ein körperliches Medium, eine Haut, die
ic.h mit diesen, oder jenen teile, die einmal photOgraphiert worden sind. 2!>

Die Photographie stellt für den Blick durch das Licht eine körperliche Bezie-
hung ohne Körper und einen Zusammenhang ohne geschichtliche Kontinuität
her. Sie bildet eine An technische Lichthaut des Dargestellten, die auch der
Betrachter wahrnehmen kann und die so zu seiner eigenen wird. Die Abwesen-
heit des Referenten und seine historische Unwiederbringlichkeit werden cr~
setzt durch sein körperloses körperliches Bild. Die Phorographie ist das Me-
dium eines Übersetzungsvorganges: Die phorographische Plane wird belichtet
durch das vom Dargestellten ausgehende Licht, das der Betrachter nun seiner-
seits empfangt. Benjamin notiert im PaS.fagmu1erk eine Bemerkung aus dem COJI-
sin Pons von Balzac, die diese Übertragung der Phorographie mit der Überset-
zung der Ideen assoziert:
Ainsi, de meme que les corps se projeucnt reellemcnt dans l'atmosphere cn y laissant
subsister ce speclrc saisi par le dagucrri:otype qui I'arrete au passage; de meme, !es
idees [... 1 s'impriment dans ce qu'il faUl nommer I'atmosphere du monde spirituel
[... ], y vivent spectralemenl [... ), CI des lors cenaines creatures douees de facuhes
rares peuvent parfaitement apercevoir ces formes ou ces traces d'idees. 26

Benjamin macht in der Berliner Chronik entwickelten Theorie der Erinnerung


Anleihen bei Epikur und Balzac. wobei er allerdings den Akzent nicht auf den
einzelnen konkreten Referenten, sondern auf die Zugehörigkeit zu einer be-
stimmten Epoche legt. Für ihn eröffnet das festgehalrene .,kurze, schattenhafle
Dasein,,27 des Erinnerten Bildräume, die notwendig nicht nur über eine indivi-
duelle Existenz hinausgehen, sondern ihr Aufgehen im Schattenreich der
Lichtbilder fordern. Die ErinnerungsbiJder der Berliner Kindbeit sind geprägt
durch eine Grenze;
aber wo immer diese Grenze auch verlaufen mag: die zweite Hälfte des neunzehnten
Jahrhunderts liegt gewiß diesseits von ihr und sie iSI es, der die folgenden Bilder an-

25 Roland Banhes, Die belle Kammer, Frankfurl a. M. 1981, S. 90 f.


26 Das Passagen1l!trk, GS V, S. 840 f. Vgl. auch den Kommentar zu dieser Bemerkung in:
Malmi Imd Pholographie, GS VII, S. 816.
21 Berliner Cbronik, GS VI, ebd., S. 488.
Stiegler, Profane Erleuchtung als photographische Belichtung 91

gchören, nicht in der An genereller sondern jener, die nach der Lehre des Epikur
aus den Dingen ständig sich absondern und unsere Wahrnehmung von ihnen bedin-
gen. 28
Die Bilder der Berliner Kindheit gehören dem 19. Jahrhundert in einer beson-
deren Weise an: Sie gehen aus ihm hervor und bedingen gleichzeitig seine
Wahrnehmung oder, anders formuliert, sie stehen auf der SchwelJe zu einem
Raum, aus dem sie stammen und den sie zugleich eröffnen. In der Berliner ClJro-
niA? vergleicht Benjamin PholOgraphien mit Bahnhöfen. Beide sind bereits
technisch überholt: An die StelJe des Bahnhofs sind die Straßen und dje Autos,
an die der Photographien der Film getreten. Die Photographien sind ein über-
kommenes technisches Medium, deren Wahrnehmungsmöglichkeiten nur noch
einige wenige Dinge entsprechen. Der Film, so Benjamin, trägt dem "heutigen,
fließenden, funktionalen Dasein,,29 eher Rechnung, verfehh jedoch die histori-
sche und räumliche Schwellensituation zu Beginn des Jahrhunderts, die die der
Berliner KindlJeit ist. Phowgraphien und Bahnhöfe sind Eingänge in die Stadt
und die Topologik des Textes; sie stehen auf der SchweBe, wo das Weichbild
der Außenviertel 30 in den Stadtraum übergeht, wo sich Außenbild in Innenbild
verwandelt.
Das Motiv der Schwelle konzentriert in der Berliner Chronik die verschiede-
nen Dimensionen der gefordenen Übersetzungsleistung: die Schwelle des Jahr-
hunderts, zwischen Innen- und Außenraum, zwischen Weichbild und Stadt-
raum, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen histOrischer Unwieder-
bringlichkeit und Prä figuration späterer geschichtlicher Erfahrung. Die bei den
der Ponrätphowgraphie gewidmeten Passagen in der zweiten Fassung der Ber-
liner Kindheit und im Kafka4Aufsatz bzw. in leicht abgewandelter Form in der
Kleinen Geschichte der Photographie verbinden diese historische und wahrneh-
mungstheoretische Schwellensituation mit einer Bestimmung des Bildes als
Medium der Übersetzung.

2. Ein Bild Walter Benjamins


in der Berliner Kindheit Iml Nellnzehnhllndert
Es gibt ein Kinderbild Walter Benjamins. Benjamin beschreibt es im Abschnitt
Die MIIHlHlereblen der Berliner Kindheit: Es stammt aus einem jener Ateliers, wel 4
che mit ihren Schemeln und Stativen, Gobelins und Staffeleien etwas vom
Boudoir und von der Folterkammer haben.
Ich stehe barhaupt da; in meiner Linken einen gewaltigen Sombrero, den ich mit ein-
studierter Grazie hängen lasse. Die Rechte ist mit einem Stock befaßt, dessen ge-

28 Ebd .• S. 489.
19 Ebd., S. 470.
30 Vgl. auch Braunschweig-Myslowitz-r\'larseille.
92 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

senktet Knauf im Vordergrund zu sehen ist, indessen sich sein Ende in einem Bü-
schel von Pleureusen birgt, die sich in einem Gartentisch ergießen. Ganz abseits,
neben der Portiere, srand die ~Iutler Starr, in einer engen Taille. Wie eine Schneider-
figurine blickt sie auf meinen Samtanwg, der seinerseits mit Posamenten überladen
und von einem Modeblatt zu stammen scheint. Ich aber bin emstellt vor Ähnlichkeit
mit allem, was hier um mich isl. Ich hauste wie ein Weichtier in der Muschel haust
im neunzehnten Jahrhundert, das nun hohl wie eine leere Muschel vor mir liegt. leh
halte sie ans Ohr. 31

Die Ähnlichkeit mit den Dingen steht der Ähnlichkeit mit dem eigenen Bild
entgegen. Die Ral..1osigkeit, "wenn man Ähnlichkeit mit mir selbst verlangte"32,
ist das Gegenstück zu der in der Sprache aufblitzenden Ähnlichkeit, die "die
Wege, die in (das) Innere [der Welt] fühnen"33, aufweist. Durch das Mißverste-
hen des Kinderliedes und die Gespensrwerdung der Muhme Rählen in die
überall erscheinende Mummerehlen werden für das Kind und den Erinnernden
unter der Bedeuwngsoberfläche- der Sprache liegende Ähnlichkeiten zwiscben
den Dingen wahrnehmbar und - in der verschrifdichenden Erinnerung - auch
die Assoziation von Texten möglich. Der Text nimmt die Unterscheidung zwi-
schen Oberfläche und Tiefe, der wir in der Bestimmung des Gedächtnisses als
photOgraphisches Verfahren bereits begegnet sind, wieder auf. Um in die Tiefe
zu gelangen, muß nicht nur die Gewohnheit durchbrachen, sondern auch die
Bedeutung zerbrochen werden.
Die Muhme wird zur Mumme, zur Maske oder Verkleidung, in die sich der
Betrachtende mummeln kann. Die Mumme wird ihrerseits zum Mummeln, das
heißt zum undeutlichen Reden, das seinerseits das Mummeln als das Sich-in-et-
was-Einhüllen gestattet. Die Mummerehlen kann als Gespenst immer neue Er-
scheinungen annehmen, im "Affen, welcher auf dem Tellergrund im Dunst
von Graupen oder Sago schwamm,,]4 oder im Mummelsee erscheinen oder zu-
mindest vermutet werden. Die Mummerehlen als Sinnbild der Erscheinung der
Ähnlichkeiten vermummt den Wahrnehmenden und übersetzt ihn in die Über-
tragungen dieser Medien. Das Verschwinden im Bild im opfernden Aufblitzen
des tieferen Ich und das Sich-in-die-Dinge-Hüllen dank der in der Sprache auf4
blitzenden Ähnlichkeiten sind miteinander verbunden. Auch das Kinderbild
verhüllt den Dargestellten, der zugleich Betrachter ist, und eröffnet ein Feld
von Ähnlichkeiten und Übersetzungen.
Die Zusammenhänge, die hier als Erscheinungen der gespenstischen Gestalt
der Mummerehlen beschrieben werden, erscheinen, wie der in Fortführung des
Abschnütes Die MU"'"ltreMtn entstandene Aufsatz Ober daJ ",j",etiJrbe Ver"'iigen
formuliert, blitzartig. Text und Schrift der Berliner Kindbtit als Beschriftung der
photOgraphischen Erinnerungsbilder werden zum

31 Berliner Kindheit um NeunzehnhHndert, GS IV, S. 261. Vgl. auch die frühere Fassung der
Beschreibung der Photographie, die den Titel "Die Lampe" trägt.
32 Ebd.
33 Ebd.
J4 Ebd., S. 262.
Stiegler, Profane Erleuchtung als photographische Belichtung 93

Fundus, in dem [... , sich das Vexierbild formen kann. So ist der Sinnzusammen-
hang, der in den Lauten des Satzes steckt, der Fundus, aus dem erst blitzartig Ähn-
liches mit einem Nu aus einem Klang zum Vorschein kommen kann. 3S

Die Bilder des Gedächtnisses sind nicht nur wesentlich doppeldeutig, sondern
gest:luen zudem die Verbindung und den Austausch einzelner Elemente. Die
vom Gedächtnis aufgezeichneten Bilder erweisen sich als abkünftig von einer
fundamentalen Verschränkung von Bild und Sprache, von wahrnehmendem
Ich und wahrgenommenen Dingen. Die Bilder des Eingehens des Ich in die
wahrgenommene Weh sind die Bedingung der ?'Iöglichkeit des Erscheinens
und Belichtens der Gedächmisbilder.
Der Abschniu über das Kinderbild Benjamins hat das mit dem Gedächtnis
verbundene technische Medium selber zum Gegenstand. Die photographische
Erinnerungsmaschine zeichnet ihrerseits eine Photographie auf.
Die Beschreibung der Photographie, ihre Beschriftung vollzieht eine dop-
pelte Bewegung; einerseits rückt sie das eigene Bild des tieferen Ich, das nicht
in die Erscheinung eingehen kann, da es nicht mit sich selbst ähnlich werden
kann, von der vermeintlich norwendigen Ähnljchkeit mir der PhotOgraphie ab,
andererseits macht sie das "Hineinwachsen ins Bild", die Entstellung durch
Ähnlichkeit wahrnehmbar.
Die Beschreibung vollzieht die Rekonstruktion von Blickräumen: des Blik-
kes auf das bereits fertige Bild, das aus dem Boudoir oder der Folterkammer
hervorgegangen ist; den Blick zur Muuer am Rande der Tür, auf der Schwelle
zum Raum, die ihrerseits auf den Posierenden schaut; den Blick auf die histori-
sche SchweUensiruation und die nun leere, unbewohnte, verlassene Muschel
des neunzehnten Jahrhunderts. All diese Blickräume sind njcht nur durch das
Exil der histOrischen Unwiederbringlichkeit gezeichnet, sondern auch geprägt
durch das bereits vollzogene Verschwinden des Ich, das nun, in den Erinne-
rungsbildern, verwandelt in die Erscheinung triu.
Das Bild des neunzehnten Jahrhunderts und die PhotOgraphie bleiben als
Lccrbilder zurück, als Weichbilder, die ihrerseits einen anderen Zugang erfor-
dern. Die Porträtphorographie zeichnet das Bild des gewohnren, taggerechtcn
Ich auf; die Beschriftung der Phorographie durch die Erzählung, das heißt die
Übersetzung der durch das Opfer des tieferen Ich beljchteten Bilder in den
Zusammenhang eines Textes, zeichnet das Verschwinden im Bildraum nach.
Auch in der Erinnerung an das Kinderbild erscheint das Motiv des Opfers.
Das Schattenreich des Photographen, der nach dem Bild giert, wird zu den my-
thologischen "Scharren des Hades, (die] nach dem Blut des Opfertieres"36 dür-
sten. Die Unterlcgung der Erinnerungsbilder durch zahlreiche Mythologeme,
die vor allem in den späteren Fassungen des Textes deutlicher ans Licht treten,
ist auch für die Phorographic zentral. Die Photographie steht in der Tradition

JS Lthn '10m Ahnlirhm, GS 11, S. 209.


3(, ßtrlintr Kindhrit MtH NtMnzthnhMndrrt, GS IV, S. 261.
94 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

mythischer Bilder, und ihre Beschriftung, das heißt Vcrschrifdichung in der


Ordnung der Erzählung. soU ihre Übersetzung, ihre Übertragung aus dem
Schattenreich in das der Lichtschrift leisten, so wie Benjamin dies auch für die
Texte Kafkas konstatiert:
Bei Kalka lösen die Lebensbilder, die vielleicht weniger auf Grund der ralio als alter
Mythoiogemc sich gebildet haLeIl, sich auf und C5 cn:stehen, :r.l.nsitorisch, neue.
Aber gerade dieses Flüchtige im Sich-Bilden der Mythologeme, die in ihnen schon
angelegte Auflösung ist hier entscheidend. Es ist gUl und gern das Gegenteil vom
,neuen Mythos', von dem hier die Rede istY

Diese Beschreibung entspricht in nuce dem Verfahren der Berliner Kindbeit. Die
Auflösung der Lebensbilder und das Entstehen neuer gehorchr einer Logik der
Übersetzung der verschiedenen Bildebenen, die auf eine Sprachtheorie zurück-
geht. Bilder, und zu ihnen gehön auch das der PholOgraphie, gehen nicht der
Sprache voran, sondern gehen aus ihr hervor. Das Gedächtnis der Platte des
Erinnerns zeichner Bilder auf, die den Austausch des Dargestellten ermögli-
chen. Die Medien der Übenragung sind f>.'ledien der Übersetzung ihrer Inhalte.
Das Kinderbild von Kafka, das Benjamin im Kafka-Aufsatz beschreibt, wird
auch lesbar als Transformation des Kinderbildes Benjamins. Benjamin als Kaf-
ka und Kafka als Benjamin erscheinen als Vexierbild der Photographie des Ge-
dächtnisses in der Berliner Kindbeil I,", NeHnzehnbHndert.
Theodor W. Adorno bemerkte, ohne um die Doppelbelichtung des Bildes
zu wissen, in einem Brief vom Dezember 1934, den Benjamin in seinen Noti-
zen zur Überarbeitung des Kafka-Aufsatzes kopiene, daß es ..kein Zufall lsei],
daß von den Anekdoten eine: nämlich Kafkas Kinderbild ohne Auslegung
bleibt. Dessen Auslegung wäre aber einer Neutralisierung des Weltalters im
Blitzlicht äquivalenr."38 Der Text der Berliner Kindheit versucht diese Neutrali-
sierung im Blitzlicht des Gedächtnisses. Auch in ihm fehlt dem Kinderbild der
entscheidende Kommcntar, der erst in der Übersctzung in Gestalt des Bildes
Kafkas crscheint.
Es gibt ein Kinderbild von Kafka, selten ist die "arme kurze Kindheit" ergreifender
Bild geworden. Es Stammt wohl aus einem jener Ateliers des neunzehnten Jahrhun-
derts, die mit ihren Draperien und Palmen, Gobelins und Staffeleien so zweideutig
zwischen Folterkammer und Thronsaal standen. rDie Fassung der .,Kleinen Ge-
schichte der Photographie" fügt hinzu: "zwischen Exekution und Repräsentation",}9
ß. S.I Da Stellt sich in einem engen, gleichsam demütigenden, mit Posamenten über-
ladenen Kinderanzug der ungefahr sechsjährige Knabe in einer Art von Winterland-
schaft dar. Palmenwedel starren im Hintergrund. Und als gelte es, diese gepolsterten
Tropen noch stickiger und schwüler zu machen, trägt das Modell in der Linken ei-
nen übermäßig großen Hut mit breiter Krempe, wie ihn Spanier haben. Unermeßlich

}7 Hermann Schweppenhäuser (Hrsg.), Benjamin iiher Kaflea, Frankfurt a. M. 1992, S.


117 f.
38 Ebd., S. 103.
39 Kleine GmhichJt der Pholographie, GS 11, S. 375.
Stiegler. Profane Erleuchtung als photOgraphische Belichtung 95

traurige Augen beherrschen die ihnen vorbeslimmle Landschaft, in die die Muschel
eines großen Ohrs hineinhorcht. 40

Die leere Muschel des neunzehmen Jahrhunderts wird zur Ohrmuschel


KafKas, in die Benjamin hineinhorch(. um seine eigene Stimme zu vernehmen.

4() Fronz K4jlea, GS 11, S. 416.


Rob van Gerwen

Hauch auf dem Spiegel

Repräsentationen, so stipuliere ich, sind Dinge, die durch ihre eigene Anwe-
senheit das Abwesende anwesend machen. Für die politische Philosophie ha-
ben sie die Funktion eines Scharniers. Und dabei brauchen wir nicht nur an
demokratische Repräsentation zu denken. Frank Ankersmit zu folge ist das
Thema der Repräsentation primär. l Es geht ihm jedoch nicht um die
epistemologische Frage nach der Richtigkeit der Repräsentationen, sondern
um das "ästhetische" Argument, dem zu folge die Repräsentation den Willen
des Volkes nicht nur spiegelt, sondern vor allem auch formt. Anne Phillips
unterscheidet die politische Repräsentation mittels Ideen von der mittels An-
wesenheit. 2 Können die Imeressen der Gruppen mit Propositionen ausge-
drückt, paraphrasiert werden, oder sind sie so einmalig, daß sie von tvlenschen,
die diese Interessen teilen, vertreten werden müssen? Can white men play (he
blues? Die Frage, ob die Philosophie Maßstäbe für die praktische Politik geben
kann, wird möglicherweise ein wenig zu früh gestellt. Dieser Frage müßte eine
ästhetische Erläuterung der Repräsentation vorangehen, die die Phänomenolo-
gie unserer Erfahrung der Repräsemation berücksichtigt. Eine Repräsemation
steht in Beziehung zum repräsentierten Abwesenden, aber in erSter Linie auch
immer - durch ihre eigene Präsenz, ihren Stil - zum Beobachter, für den sie
anwesend ist.
Diese Phänomenologie wurde im vorigen Jahrhundert mit zwei brauchbaren
Metaphern beschrieben; mit Metaphern, die in der analytischen Tradition kei-
ne promineme Rolle gespielt haben. Ich ziele hier auf den Aura-Begriff von
Walter Benjamin und auf Jacques Lacans Konzept vom Spiegelstadium. Beide
Metaphern beziehen sich auf die An- und Abwesenheit des Wahrgenommenen,
und von beiden werde ich zeigen, daß sie versuchen, etwas über die Grenzen
unseres Begriffs der Repräsentation zu sagen. Dies werde ich mit I-lilfe der
analytischen Ästhetik tun. Ich werde Gregory Curries Reaktion auf Roger
Scrutons These verwenden, die besagt, daß Phows sich wie Spiegel verhalten
und daß sie sogar mit Pornographie vergljchen werden können, da sie unser
Verlangen nach direktem Kontakt mit dem Repräsentierten befriedigen. Ich
beginne bei Scruton.

F. Ankersmil, Antht/;( Poli/ia: Poli/i((/I Philosophy ßqond F(/t/ ,md V (/hu, Stanford 1996.
2 A. Phillips... Dealing with Differencc: A Politics of Ideas or a Politics of Prcsencc?",
in: Goodin und Peni, (ed.), Confrmpomry Po/i/im/ Phi/osophy. An An/h%gy, Oxford
1997, S. 174-184.
Diskussionen des zwanzigsten Jahrhundens 97

Scrutons Spiegel
Roger Scruton meint, daß ideale Photos - Photos als Photos - keine Kunst
sind, da sie in der Behandlung ihres Materials keine Ansicht bezüglich des Re·
präsentierten zeigen können.) Das können sie nicht, da sie - im Gegensatz zu
Gemälden - nicht Schritt für Schritt aufgebaut werden. Bei einem Gemälde, so
Scruton, muß der Künstler immer wieder Abwägungen machen beim Aufbau
seines Gemäldes, und darin wird sich seine Sicht des Dargestellten offenbaren
GedenfaUs wenn er "gut" ist).4 Dieses Argument ist in der heutigen Situation
entscheidend und daher auch für Benjamins Aufsatz über das Kunstwerk. 5 Im
Gegensatz zu Gemälden werden Photos mit einem einzigen Druck auf den
Knopf gemacht und dann mittels eines streng kausalen chemischen Prozesses
entwickelt und abgezogen bis zum Endresultal. Das gibt den PhotOS ihre Be-
weiskraft: was wir auf einem Photo sehen, hat es gegeben (ob etwas genau so
war, wie es auf dem Photo aussieht, ist eine andere Frage). Außerdem erkJärt
dieses Verfahren die genaue Übereinstimmung des Photos mit dem Abgebilde-
ten, was Scruton dazu bringt, Photos eher mit Fenstern oder Spiegeln als mit
Gemälden zu vergleichen. Ob man nun an einem Fenster steht oder ein PhotO
von der Aussicht aus dem Fenster anschaut, das genauso groß wie das Fenster
ist, man sieht - sofern sich vor dem Fenster nichts bewegt - keine Unterschie-
de. Dies wäre anders, wenn man nicht ein Photo, sondern ein Gemälde an-
schauen würde. Tatsächlich repräsentiert ein PhotO ein Geschehen tl1 dtloif. die
Dinge, die nebeneinander stehen, nebeneinander, die Farben identisch usw.
Die Verführung, Scruton zuzustimmen, ist groß.
Dieser Verführung muß man jedoch widerstehen, meint Gregory Currie in
seinem Buch InJogt ond Mind. 6 PhotOS sind nicht mit Fenstern und Spiegeln zu
vergleichen, und dies kann einfach an hand von Scrutons Beispiel gezeigt wer-
den. Man stelle sich das Fenster und das identische PhotO vor und trete einen
Schritt nach links. Das Photo wird sich nicht ändern, aber die Aussicht aus
dem Fenster um so mehr: Im Blickfeld links verschwindet z. B. ein Baum aus
der Sicht, und rechts erscheint ein Fahrrad. Ein Photo ist eine Repräsentation,
ein Ding. Ein Ausblick aus dem Fenster ist keine Repräsentation, sondern eine
Wahrnehmung. Der Unterschied ist, Currie zufolge, daß Wahrnehmung ego-

R. Scruton, "Photography and Representation;', in: R. Scruton, Tht Authttir U"tltr-


IltJ"di"!,, Methuen 1983, S. 102-126.
• Siehe auch R. Wollheim, "PiclOrial Slyle: Two Views", in: Tht Ah"d tJntl ill DtplhI,
, Cambridge, Mass. 1993, S. 171-184.
\Vl. Benjamin, "Das Kunstwerk im Zeilalter seiner technischen Reproduzierbarkeit",
in: W/. Benjamin, Dal KU1UIUJuk im ZtitallU stintr luhnischtn RJprodu:rjtrbarktit, Frank-
furt a. l1.L, 1963, S. 7-64. Beniamin sprach über den Anfang unserer "Fotografie
Kultur" - aber diese Kulrur iSI durch die Digitaiisierung des Bildes effektiv beendet.
Scrulons ideales Photo gibl es nicht mehr; seine Argumente bleiben jedoch relevant.
• G. Currie. ImtJgt and Mind. Film, Philosophy, tJnd Cognilit't Sritflct, New York 1995, S.
73-78.
98 van Ccrwen, Hauch auf dem Spiegel

zentrisch ist: in einer Wahrnehmung ist der wahrnehmende Körper das - meist
nicht reflektierte - Zentrum der Wahrnehmung. Bei einer Abbildung ist der
wahrnehmende Körper nicht das Zentrum, was deutlich wird, wenn wir diesen
Schritt zur Seite treten und merken, daß sich im Abgebildeten nichts ändere
Was wir in einer Abbildung sehen, sehen wir nicht egozcntrisch. 7 Das Photo
ist hier und jetzt anwesend, aber was es abbildet, ist an einem anderen Platz zu
einer anderen Zeit: abwesend. Was wir durch ein Fenster sehen, ist verbunden
mit dem Hier und Jetzt des Wahrnehmenden, und so ist es auch mit Spiegeln.
Auch Spiegel haben eine andere (phänomeno-)Logik als Repräsentationen.
Aber bei Spiegeln passiert erwas Merkwürdiges: man sieht darin etwas, das man
auch schon auf eine andere Art kennt.

Lacans Spiegel
Jacques Lacan hielt am 17.Juli 1949 in Zürich seinen klassischen Vortrag über
das sogenannte Spiegclsradium. 8 Ein Kind von einem halben Jahr kann im
Spiegel sein eigenes Bild erkennen. Bei einem Affen würde es bei diesem Er-
kennen bleiben, aber das Kind begreift, daß das Bild manipuliert werden kann,
weil es leer ist, und fangt an, Gebärden zu machen. Dadurch bekommt es Ein-
sicht in die Beziehung zwischen sich selbst und dem Bild und zwischen seinem
Körper und den Objekten und Körpern, mit denen es sich durch den Spiegel
umgeben weiß. Das Kind kann noch nicht laufen, aber bewegt den Kopf nach
vorne und bemerkt den vergänglichen Aspekt des Bildes. Abgesehen von der
Frage, ob diese spiegelbildliche Identifizierung die Schablone für spätere sozia-
le Identifizierungen bildet, will Lacan vor allem festhahen, daß das Ego hier
eine fiktive Richtung einschlägt, wie sehr wir später auch vor allem mittels so-
zialer Prozesse mit unserer eigenen Wirklichkeit ins reine kommen. Lacan er-
klärt:
"Die tOtale Form des Körpers l... J ist ihm nur als ,Gestalt' gegeben, in ei-
nem Außerhalb [... 1 wo sie ihm aber als Relief in Lebensgröße erscheint, das
sie erStarren läßt, und einer Symmetrie unterworfen wird, die ihre Seiten ver-
kehrt - und dies im Gegensatz zu der Bewegungsfülle, mit der es sie auszustat-
ren meint." OL, 64).
Aber was will uns Lacan damit eigentlich genau sagen? Was ist eine Gestalt

, Benjamin nennt das, was in einer nicht-egozentrischen Wahrnehmung wegfallt, das


"Optisch Unbewusste". Siehe "Kleine Geschichte der Photographie", in: Gtsammtltt
S(hn'jit1l, 1978, li/I, S. 371.
• Ich zitiere (mi! J L, Seitennummer) die Deutsche Übersetzung: Jacques Lacan: "Das
Spiegelstadium als Bildner der IchfunkLion, wie sie uns in der psychoanalytischen
Erfahrung erscheint". In: 5(hrifttn, übers. von Peter StehIin, Frankfurt 3. M. 1975, $.
61-70.
Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts 99

(in diesem oder einem anderen Zusammenhang)? Was bedeutet "als Relief in
lebensgröße" ("relief de stawre'')? Und vor alJem: Warum bringt der Spiegel
das Ego auf eine fiktive Spur? Ein Spiegelbild suggeriert tatsächlich eine eigen-
tümljcbe Imitation des Ichs. Eine Abbildung, die anderen Menschen zwar äh·
nelt - die "ein Mensch da draußen" ist -, die aber nicht wie wirkJjche Men-
schen einen eigenen Willen besitzt und diesen entsprechend auch nicht durch
die WiUkürlichkeit ihrer Reaktionen unter Beweis Stelle. Das Kind muß die
Geistigkeit seines eigenen Spiegelbildes darum analogisch "konstruieren". Es
erlebt sich selbst nämlich nicht "dort", sondern "hier". Ich glaube, daß das
Kind bei dieser Konsr.ruktionsleistung keinen Erfolg haben wird, wenn es
nichr bereits imstande ist, eine Empathie mit wirklichen Personen zu erfahren.
Daß das Kind diese Konstruktion über Analogien entwickeln muß, macht das
Spiegelstadium so merkwürdig.
Lacans Gedanke, daß der Spiegel das Bild fixiert, überzeugt iedoch nicht.
Daß das Spiegelbild das Bild des Subjekts symmetrisch umdreht, ist evident
und nur in einem schwachen Sinn eine Verfremdung. Wer einem Kind deutlich
machen will, daß es Essensreste auf seiner linken Wange hat, kann am beseen
auf seine eigene rech tC Wange weisen - so geräuschlos verdiskontiert das Kind
die horizontale symmetrische Umkehrung. Bei einem Spiegel tut es dies, indem
es gestikuliert und sein Spiegelbild synchron genau die gleichen Bewegungen
machen sicht: diese Bewegungen sind es, die das Erleben des Spiegelstadiums
erst ermöglichen. Bewegung und Fixierung widersprechen einander jedoch -
siehe Sermons Photo neben dem Fenster. Der Theoretiker könnte nach Wahl
das Fixieren des Spiegels mit der Art und Weise vergleichen, in der ein Film
Bilder auf dem Bildschirm fixiert. Dann würde er aber falschlicherweise einen
Anachronismus verwenden, denn das Kind versteht das Konzept des Film-
bildes sicherlich noch nicht - genausowenig wie die ersten Kinobesucher, die
in L'Arrivte d'lIn train J La Ciotat (Auguste und Louis Lumiere, 1895) aus Angst,
von dem Zug überfahren zu werden, aus dem Saal ranmen. Auch sie konmen
sich noch keine Vorstellung von dem Begriff "Film" machen. Kann man viel·
leicht vom Spiegelbild sagen, daß es das Original fixjert, wie es auch drej Di-
mensionen auf zwei zu reduzieren scheim? Wer dies jedoch tut und dje Reduk-
tion der Dimensionen als eine Fixierung des Bildes ansieht, sieht sich mit dem
Argument von Currie konfrontiert.
Der tiefste Unterschied zwischen dem Subjekt und seinem Spiegelbild ist
die Anwesenheit des Geistes. Das Subjekt weiß, daß es selbst einen hat (wenn
dieses Wissen auch unreOektien ist), es sicht jedoch keinen Anlaß, davon aus-
zugehen, daß sein Spiegelbild auch einen hat. Sein Geist ist nämlich "hier",
und die anderen Wesen, die das Kind um sich herum sicht, beweisen das Beste-
hen ihres Geistes (in den Augen des Kindes) vermutlich ständig, indem sie
nicht dasselbe wie das Kind tun - lind schon gar nicht simultan - sondern auf
das Kind reagieren. Das Kind weint, und die liebe, sanfte Mutter präsentiert
ihre Brust, oder tut dies gerade nicht, usw. Ich spekuljere nicht über die Frage,
ob ein so junges Kind sich schon eine Vorstellung von anderen geistigen We-
100 van Gerwen. Hauch auf dem Spiegel

sen machen kann, sondern nur über das Kriterium mittels welchem sich das
Kind vermutlich davon überzeugen wird, daß es sie gibt.
Das Kind könnte verwirrt sein, wenn es den Begriff "Geist" mitreis des
Spiegels lernen würde, in dem es ein Wesen sieht, von dem es sicher weiß, daß
es einen Geist hat, obwohl es nicht über den sozialen Weg des willkürliche Re-
aktionen, sondern mit Hilfe. der AutOrität der ersten Person zu diesem Wissen
gekommen ist. Und nun muß das Kind auf einmal mittels des Spiegels lernen,
daß man auch aufgrund des Äußeren eines Menschen herausfinden kann, ob
jemand einen Geist hat. Dies ist tatsächlich ein problematischer \'(leg, da das
Spiegelbild, wie gesagt, dem Subjekt seinen Geist nicht durch Reaktionen, son-
dern durch eine äußerliche Ähnlichkeit zeigt: indem es genauso aussieht und
genau dasselbe tut.
In diesem Sinne, so könnte man Scruton recht geben, ist das SpiegelblId gut
mit einem Photo zu vergleichen, sogar besser als mit dem Ausblick ails einem
Fenster. Die Geister, die mit Körpern assoziiert werden, sind weder in einem
Spiegel, noch auf einem Photo ..da", Genau dies gilt für Abbildungen, jedoch
nicht für Menschen, die man draußen laufen sieht. So können wir bei diesen
Bildern also drei Stufen des Egozentrismus unterscheiden: das Wahrneh-
mungsbild ist völlig egozentrisch; das Fensterbild ist - obwohl es eingerahmt
ist - genauso vollkommen egozentrisch; das Spiegelbild, auch eingerahmt, ist
egozentrisch, aber nicht völlig: nichr, wenn es um das Bild des Wahrnehmen-
den selbst geht. Wenn wir andere egozentrisch sehen, dann sehen wir ihr Äu-
ßeres und Inneres auf demselben Platz: da. So lehrt uns der Spiegel ein funda-
mentales Gesetz über Abbildungen (und Phoros): daß sie nur das visuelle Äu-
ßere zeigen und bezüglich ihrer "Durchsichtigkeit" zum geistigen Inneren der
abgebildeten Personen mit mehr oder weniger mangelhaften Suggestionen aus-
kommen müssen,
Aber warum reagiert Lacan hierauf mit der Behauptung, daß die Entwick-
lung des Kindes durch das Spiegelstadium eine fiktive Rkhtung einschlägt?
Das Bild im Spiegel ist nämlich selbst keine Einbildung, es existiert wirklich.
Genausowenig ist es Einbildung, daß es um das Spiegelbild des Kindes selbst
geht - durch seine Gebärden Stellt das Kind dies fest. Daß das im Spiegel re-
flektierte Wesen einen Geist hat, ist keine Einbildung - das Kind weiß dies aus
eigener Erfahrung, wenn auch unreflektiert. Der einzige - wenn man es so
nennen möchte - fiktive Aspekt ist die Annahme, daß das Bild "dorr" im Spie-
gel einen Geist hat, aber warum solhe man dies fiktiv nennen? Sollte man nicht
besser sagen: Was das Subjekt hier tut, besteht darin, etwas, das die Eigen-
schaften einer Repräsentation hat (plattheit, "Dortheit'J, als eine Abbildung
zu verstehen, das heißt als etwas mit einer visuellen Oberfläche, in dem wir et-
was anderes (als diese Oberfläche) sehen können, wo wir mittels gebräuchli-
cher emphatischer Erfahrungen, geleitet durch Eigenschaften von dem in der
Abbildung gezeigten, einen Geist hinein projektieren, obwohl er dort in Wirk-
lichkeit nicht ist. Dieser in einen abgebildeten Körper hineinprojektierte Geist
basiert zwar auf Eigenschaften der ..Abbildung", aber das allein macht den
Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts 101

Geist noch nicht fiktiv. Dieses ist essentiell für unser Verständnis davon, wie
Abbildungen etwas Abwesendes anwesend machen. 9
Lacans Ausarbeitung der fiktiven Richtung ist übrigens interessant, da sie
uns Einsicht in das präsentierende ElemeOl von Abbildungen gewährt, in ihre
eigene Anwesenheit. So vergleicht er das SpiegelbiJd mit dem späteren Image
von jemandem. Lacan sieht verschiedene Analogien mit der Biologie: Kann
man sagen, daß das Imago einer Raupe vergleichbar vorgeht, als ein Bild eines
zukünftigen Selbst, das weder begriffen noch wirklich vorhergesehen ist und
schon gar nicht reflektiert und selbslbewußt gewählt wird? Die weibliche Tau-
be wird erst reifen, nachdem sie eine andere Taube gesehen hat; eine Heu-
schrecke wird sich erst zu einer Zugheuschrecke entwickeln, nachdem sie das
Bild von Zugbewegungen gesehen hat: bei Artgenossen in einem passenden
Stil (eine Analogie mit der Rolle von Schönheit im Erogenen). Aber nun genug
über die Psychologie des Spiegels. ~'lir geht es hier um die Abwesenheit des
Anwesenden, so nahe es auch ist, um das, was \"'alter Benjamin ..Aura" nennt.

Benjamins Aura
Benjamin meint, daß technische Reproduktion die Aura des Repräsentierten
zerStört. Intuitiv sehe im mir jedoch, daß jede Abbildung dies tut: jede Abbil-
dung entfernt das Repräsentierte vom egozentrischen Hier und Jetzt. Es ist
aber genauso sehr kennzeichnend für Repräsentationen (und Kunstwerke), daß
sie selbst für ihre Zuschauer, Zuhörer, Leser usw. anwesend sind. Obwohl Ge-
mälde manchmal etwas abbilden und Gedichte etwas beschreiben, beschränkt
sich ihre Bedeutung nur selten darauf, dies in Wone zu kleiden. In der Kunst
ist das Paraphrasieren "verboten". "Man muß es selbst sehen, um darüber ur-
teilen zu können."10 Wenn eine Abbildung in eigener Anwesenheit das Abwe-

':I Siehe meinen Beitrag "De oOlologische drogreden in de analytische esthelica", in: AI-
ge/llun Nearr/anas Tijasrbn]t voor If'1ijsbrgmtr, 94 (2002), S. 109-123. Siehe auch: D. 1\12-
lravers, ..The Paradox of Ficlion: Thc Rep()rt versus the Perceptual Model", in: Hjort
und Laver (Hrsg.), Emotion ana ,hr Arls, Oxford 1997, S. 78-94. Darin wird das Argu-
ment enfaltet, daß unsere normalen emotionalen und moralischen Reaktionen auf
Abbildungen nicht angepaßt sind weil das Abgebildete fiktiv ist (in den Fällen, in de-
nen dies tatsichlich so ist), aber weil es nicht "hier und jetzt", sondern abgebildet ist.
10 Rich:ud \'(loJlheim nennt dies das "principle of acquaintance" (Venraulheitsprinzip).
\,\lollhcim, .,Art and Evalualion", in: Ar/ lI"a in Ob/erls, zweite Ausgabe, Cambridgc
1980, S. 227-240. Hans-Georg Gadamer sieht hierin den Grund für die Gleichzeitig-
keit aller Belr.l.chtungen eines Werkes. Siehe H.·G. Gadamer, "Ästhetik und Herme·
neutik", in: K!einrSchriftrn H. Inttrpnlationtn, Tübingen 1967, S. 1-8. Siehe R. van Ger-
wen, .,Gadamer o\'cr gelijktijdigheid", in: Ftir & rlr/ir, V/2,2001, S. 120-128. Barthes
spricht über das "puncfum" \'on Photos, eine realistische Beweiskraft, die man erfah-
ren muß. Siehe R. ßarthes, /.A Cbaml"., Clai,." Paris 1980. Feied bezeichnet minimalis-
tische Kunst (und Instalhl.lionen) als den Versuch, alle Kunst auf Anwesenheit zu be-
schränken. Siehe M. Fried ...Art and Objecthood", in: ArtJof'Nm, Califomia 1967.
102 "an Gerwen, Hauch auf dem Spiegel

sende anwesend macht und die Frage entsteht, wie abwesend das Abwesende
eigentlich ist oder wie die Anwesenheit des Zuschauers in der Abbildung be-
rücksichtigt ist, dann fragen wir auch, welchen moralischen Anspruch das Ab-
gebildete möglicherweise auf das Eingreifen des Zuschauers erhebt. Die Abbil-
dung ist hier und jetzt, genau wie der Spiegel. Das Abgebildete ist nach dem
gleichen Maßstab (es geht hier nicht um "Meter') jedoch noch weiter weg als
das Spiegelbild: nicht aUein das mentale Leben der abgebildeten Personen,
sondern der ganze Zusammenhang muß bei einer Abbildung in der Wahrneh-
mung des Beschauers aktiv durch dessen Phantasie konstituiert werden. (Der
Gespiegelte kennt die Umgebung um den Spiegel hcrum - das ist nämlich die
Welt. in der er sich befindet.) Wir machen uns das Abgebildete zu eigcn, aber
wie "eigen" genau? \X'ie dicht müssen wir es an uns hetankommen lassen?
Viele Unternchmungen der gegenwärtigen Kunst gehen auf diese Fragen
ein. Performances und InstaUationen wollen den Zuschauer so dicht in das
Kunstwerk hineinziehen, daß das Kunstwcrk zu einem Wahrnehmungsobiekt
wird, in dcm es überhaupt keine Abwcsenheit mehr gibt: das ist cher ein Ritual
als eine Repräsentation. Bei einer Repräsentation wird im Wahrgcnommenen
nicht-egozentrisch etwas andcrcs gcsehen, während man sich in einem Ritual
die wahrgenommene Entität oder das wahrgenommenc Gcschehen selbst fils
etwas andcres vorstcllt. In unserem Kunsterleben gibt es einige unverkennbar
rituelle Aspekte, aber es ist die Frage, ob Kunst im Rahmen unseres Kunst-
verständnisses völl.ig riwalisiert werdcn kann. Setzt Kunst nicht voraus, daß
ein Abwesendcr im Spiel bleibt? Marina Abramowicz hat einmal eine Perfor-
mance aufgeführt, in der sic sich mitten in einem Stern aus Feuer befand. Das
Publikum fühlte, daß der Geist der Künstlcrin den vcrletzlichcn Körper zer4
störerischem Feuer aussetzte, und erfuhr die Spannung, wie die eines wir-
kungsvollen Kunstwerkes. Niemand merkte allerdings, daß das Feuer den Sau-
erstoff aus dcm Stern wegsaugte und daß Abramowicz das Bewußtsein verlor.
Ein Arzt im Publikum sah dies jcdoch; er sah, daß sie ihren Fuß, der ins Feuer
geraten war, nicht zurückzog, und schleppte sie aus dem Feuer. Sein Eingriff
war direkt moralisch gefordert, durchbrach jedoch die Performance. Es ist ent-
weder das Eine oder das Andere. Einc Ptrsol/a und nicht-egozentrische Imer-
pretation sind zwei Seiten der gleichen Medaille der Kunstbetrachrung. 11 So-
bald sich jemand als vollständige Pcrson - cgozentrisch - von eincm Kunst-
werk ansprechen läßt odcr - umgekehrt - sobald jemand als vollständigc Per-
son das Kunstwcrk ist, kann es nicht um Kunst gehen. Die Definition von

11 M. Abramowicz, .,Rhythm 5" (performance), Yugoslavien 1974. Für eine Diskussion


über die Persona Theorie. siehe B. Vermazen, .. Expression as Expression". in: Parift(
PlJi/osoplJko/ QNarttr!J. 67 (1986). S. 196-224. J. Levinson. "r..·lusical Exprcssiveness'\
in: Tht P/taSliffI oj AtsJbtfiu, hhaca und London 1996, S. 90-128. M. ßudd. VO/NU oj
Art. Piffllns, Porfry ,md /Hflsif, London 1995. S. 87-89. R. van Gerwen, .. Expression as
Represemation", in: R. van Gerwen (H rsg.) Rkhord Il70llhti", on fbe Art oJ Poinfing. A rf
OJ RtprtJtnfafion and E:'Cpnssion, New York S. 135-150.
Diskussionen des zwan~igsten Jahrhundens 103

Kunst iSI hier nicht meine Sorge. Es geht darum, daß die Person des Perfor-
mers ferne sein kann, so nahe sie auch ist.
ISI das Ich, das ich im Spiegel sehe, so eine Persona rur mich? Schwierige
Frage. Es wird schon \'on mir erwartet, direkl moralisch auf das zu reagieren,
was ich im Spiegel (und somit in meiner Nähe) sehe: ich nehme keine kunstge-
rechte Einstellung ein. Aber andererseits sehe ich mich selbst schon so, wie
andere mich sehen, als ein Äußeres, auf dessen Basis man auf ein Inneres
schließen kann. Ich sehe mein Äußeres und werde das daran anpassen, wie ich
von anderen gesehen werden will, usw. (Hierzu passen Lacans biologische Bei-
spiele). Es ist kein Zufall, daß wir, in einer ntersuchung der Weise, in der Re-
präsenlationen wahrgenommen werden, immer wieder auf psychologische Fra-
gen stoßen. Auch \'('illem van Reijen geht es - in einem neueren Beitrag über
messianische Tendenzen in Benjamins Aura-Begriff - um die Eifahrung der
Aura, und das gilt auch für Benjamin selbst. I2
Benjamin bezeichnet die photOgraphische Reproduktion als das Ende der
Aura der Kunst. Tatsiichlich siehl, wer die Reproduktion eines Gemäldes an-
schaut, nicht das Gemälde selbst - und dies ist keine akademische, sondern
eine ästhetische oder phänomenologische Frage: die Anwesenheit des Gemäl-
des, die Farbe auf der Leinwand ist hier reduziert auf seine Abbildung. Empi-
risch gesehen ist das nicht bei allen Gemälden gleich schlimm - ein Magritte,
Willink oder Escher leiden darunter weniger als ein Rembrandt oder Freud. Es
ist jedoch ein logischer Angriff auf das Konzept von Kunst - in diesem Fall
auf die Kunstform der Malerei. Man kann die These auch so lesen: dass Photo-
graphie im all~meinen die Aura des PhotOgnphienen (was das auch sein
möge) zerstört und daß sie versäumt, diese durch eine neue Aura (die des Pho-
tos) zu ersetzen. Solche Ersatzauras gibt es auch schon bei Gemälden. Das
Photo ist flach und scheinbar durchsichtig, sogar wesentlich pornographisch
(ScrutOn). In der Theorie der Photographie wurden genügend Versuche unter-
nommen, auch bei Photos eine Aura zu identifizieren: Roland Barthes nennt
dies "Punctum", und Benjamin selbsl versuch I es auch in seiner "Kleine Ge-
schichte der PhotOgraphic".u Er ruft in Erinnerung, wie die "exakteste Tech-
nik [die der Photographie; RvGI einen magischen Wert geben rkannJ, wie ihn
für uns ein gemaltes Bild nie mehr besitzen kann" (KGP, 371). (Ich ignoriere
das !\'lystische "nie mehr".)
Am Anfang beschuldigte man Daguerre einer "teunisehen" Verleugnung
der "Unmöglichkeit, die flüchtigen Spiegelbilder fest zu halten" (KGP, 369).
Tatsächlich kann man ein flüchtiges Spiegelbild nicht festhahen, denn das ist
"mein" Bild, das in einer dialeklischen Beziehung zu meinem Selbstbewußtsein
steht. Das Festhahen eines Spiegelbildes würde diese Aura sicher zerstören. In
jedem anderen Zusammenhang wissen wir es mittlerweile aber besser: Photo-

II \'(I. van Reilen ..• Bre:athing the Aura - The Hol)'. ,he Sobt:r Bre:ath'·. in: TlNtllJ, CI,lllirr
o"d SMitlJ. 18/6 (2001). S. 31-50.
13 \'('. Benjamin, Guommtllt S,hrijt,,,. li/I. 1978. $. 368-385. Von jetzt an: KGP.
104 van C(:rwen, Hauch auf dem Spiegel

graphie kann ungefahr alles feslhahen. Die erSten reproduzierten Menschen


verhjelten sich jedoch. als ob ihr Spiegelbild wirklich festgelegt worden sei.
Benjamin zitiert Dauthende)': "man geuaul sich zuerst nicht [... } die ersten
Bilder 1... llaoge anzuschauen" (KGP, 372). Als ob man die Menschen selbst
zu lange anschaute. Menschen kann man nämlich nUf eine beschränkte Zeit
anschauen (oder aber es wird zu einem ..Anstarren"), es sei denn, man ist ver-
liebt oder der Vater oder die Mutter eines Kindes. Die Faszination und das
Vertrauen, die zu den letzten heiden Fällen gehören, sind in sozialer Hinsicht
von besonderer Art. (Auch das macht das eigene Spiegelbild besonders: man
kann sich selbst ungeniert lange anstarren). Der Gedanke. daß ein Photo ein
Spiegelbild festlegt, trifft nicht den Kern der Sache. Es kann nicht wirklich
schaden, ein Spiegelbild zu phorographieren, genau wie es sozial auch weniger
schwerfallt, jemanden über einen Spiegel anzuschauen. Der kürzlich von Da-
vid Hockney verteidigte Gedanke, daß Maler bereits im 15. Jahrhundert ein
Bild kopierten, das sie mittels (und in) einer Call1era ObSCNnl erhielten, macht
dies deutlich. Das ModelJ ist in diesem Fall nicht auf dem laufenden über das,
was der Künstler in seiner Dunkelkammer mit ihm oder ihr tut. Das gemalte
Modell wird die Verfremdung weniger schändlich finden als das pholOgra-
phierte Modell. das - Benjamin zu folge - in einen Apparat schaut, ein nicht er-
widerter Blick. 14 Hockney zufolge könnte man sagen, daß man mit der Linse
(oder dem Hohlspiegel) das Bild stiehlt und dann auf dem Tuch festlegt. Das
"Teuflische" kommt durch den optischen Diebstahl, mit dem die Perspektive
der ersten oder zweiten Person auf das Modell rückgängig gemacht wird. Hier-
mit wird der sozial beschränkte Blick auf den Anderen durch einen unbegrenz-
ten Blick ersetzt. 15 Diesen Gedanken finden wir auch in Benjamins Beschrei-
bung der Aura:
\"1;las ist eigentlich AUr2? Ein sonderbares Gespinst von Raum und Zeit: einmalige
Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag. An einem Sommermiuag ruhend ei-
nem Gebirgszug 20m Horizont oder einem Zweig folgen. der einen Schatten auf den
Betrachter wirft, bis drr ANgrnblidc odrr dir SfNndr Tril an ihnr ErsrhtinNng hal - das
heisst die Aura dieser Berge. dieses Zweiges atmen.(KGP, 378. ;"'Ic:ine Kursivierung)

Sobald in der Erfahrung der "Augenblick oder die Stunde Teil an ihrer Er-
scheinung hat", ist der Wahrnehmende "dabei": das Wahrgenommene ist dann
in das Bewußtsein seiner egozentrischen Wahrnehmung integriert. Während
Currie eine beinahe objektive Beschreibung der Wahrnehmung gibt. finden wir
bei Benjamin eine eher subjektive. Wenn wir Aura wahrnehmen (atmen), dann
begreifen wir unsere Beziehung zum Wahrgenommenen. Genau wie beim

•• Übrigens hat Hockm~)'s These ein erschreckendes Corrolarium: Die ~rfektionisli­


sehen Gemilde, oft POrtr2fS. sind aUe ..auf dem Kopf" gemalt. Malten diese M:t1er
2US pS}'chologischen Prinzipien heraus oder eher mechanisch. wie SC2nne.r?
15 Siehe meinen Beitr2g ..Oe representatie V2n bev,'lIstzijn. Oe drie sU'2tegiec=n van
kunsl", in: F,it & Firtir, V/2 (2001), S. 65-81. Es geht hier um Konsequenzen aus
diesem Ged2nken für unsere Auffassung von der Aufgabe der Kunsl.
Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts 105

Spiegel begreifen wir, daß der Kontext des Wahrgenommenen unsere eigene
Welt ist, hier und jetzt.
Die Sache hat also einen doppehe Slruktur: Es ist nicht nur so, daß das
Modell sich der Kamera hingibt, der Beschauer des Photos muß sich auch sei·
nem eigenen Voyeurismus fügen. Die soziale Gegenseitigkeit, die den egozen-
trischen Blick auf den Andern kennzeichnet und die - Benjamin zufolge - eine
Erfahrung der Aura im besten Sinne des Wones ist. 16 ist auch der Ausgangs-
punkt von Lacans Analyse des Spiegelstadiums und von Curries Kritik an Sc ru-
IOn. Daß Benjamin unsere Erfahrung der Aura als einen Atem beschreibt, sagt
viel. icht - wie van Reijen behauptet - weil Atmen eine Wahrnehmung des
Tastsinnes ist (Atmen ist keine Wahrnehmung), sondern weil Atmen und das
Egozentrische der Wahrnehmung immer zusammen auftrelen: nichts ist nor-
maler als zu atmen, wenn man, egozentrisch, die Aura eines Blickwechsels er-
fahn. Das Prinzip des Wohlwollens gebietet uns die Schlußfolgerung, daß Ben·
jamin dies auch gemeint haben muß. Denn sobald wir uns des Atmens als
Wahrnehmung bewußt werden, ist es aus mit der Ruhe und Offenheit, die not-
wendig sind, um eine Aura zu genießen. \X'enn der Atem sich aufdrängt, gerät
das Subjekt in Panik über das eigene Fortbestehen. Das Atmen ist ein integra-
ler Aspekt der egozentrischen Wahrnehmung. Es ist beinahe genauso selbst-
verständlich wie unsere körperliche Anwesenheit selbst; die Anwesenheit, die
wir da vor uns widergespiegelt sehen. Es sei denn, daß unser Hauch den Spie-
gel beschlägt und aU es Anwesende. wie nahe es auch sein möge, in Nebel auf-
lösL"

16 Gesammelte Schriften, 11/2. 1978. S. 646. Zitien in: V:an Reijen, ..Aur:l", S. 42.
17 Ich d:anke vor :allem meinem Kollegen Willem \':ln Reijen für seinen inspirierende
An- und Ab.....esenheit während des Komponierens dieses Artikels.
Uwe Steiner

Philosophische Um- und Abwege


Aus dem Schwarzwald über Heidelberg nach Paris:
Heidegger, Max Weber, Benjamin

Nicht erst Heidegger hat rur das von ihm emphatisch so genannte Denken die
tvletapher des Weges gefunden. Bereits in Benjamins Trauerspielbuch wird
Methode als Umweg definiert. Als ein solcher Umweg erwies sich ihm die Dar-
steUung. Die überzeugung, daß die Darstellung der Wahrheit sich in Gestalt
von Konfigurationen vollziehe und zu voUziehen habe, gehört zu den weitrei-
chenden philosophischen Einsichten Benjamins, die in der Rezeption seines
Werkes nicht ohne Wirkung geblieben sind. In seinen eigenen methodologi-
sehen berlegungen ist sie mit einer von ihm gelegentlich so genannten alten
?.'ia.xime der Dialektik verbunden, derzufolge eine "Überwindung von Schwie·
rigem durch Häufung desselben" zu erwarten sei. Demnach wäre also davon
auszugehen, daß in einer Konfiguration eine Steigerung von Komplexität das
Bild nicht trüben, sondern klaren würde. Der Gedanke ist zu verflihrerisch, um
ihn nicht auf Benjamin selbst anzuwenden. Die folgenden Überlegungen un-
ternehmen einen solchen Versuch. Indem sie in die Diskussion um Benjamin
und Heidegger den Namen Max Webers einbringen, schlagen sie einen Umweg
vor, von dem sie hoffen, daß er hinreicht, um eine historische Konstellation
wenigstens in mrissen deutlich werden zu lassen.

I
"Links hatte noch alles sich zu enträtseln 1... 1" lautete der programmatisch zu
verstehende Titel eines Sammelbandes, der Ende der siebziger Jahre eine Zwi-
schenbilanz der Benjamin-Forschung zog. Zwar gehörte die von aktuellen po·
litischen Interessen geleitete \Xliederentdeckung Benjamins durch die Studen-
tenbewegung im Erscheinungsjahr 1978 bereits der Vergangenheit an. Den·
noch schien auch das differenziertere Bild, das die mit dem Erscheinen der Gr-
lammtllrn Srhrifttn einsetzende akademisch-philologische Rezeption zu zeich-
nen begann, dem Herausgeber eine unparteiliche Beschäftigung mit dem Autor
nicht zu erlauben. Das titelgebende Zitat war einem Denkbild entnommen, in
dem Benjamin sich die Optionen vergegenwärtigte, die dem bürgerlichen Intel·
lektuelIen im Wehbürgerkrieg zu Beginn der dreißiger Jahre noch verblieben
Steiner, Philosophische Um- und Abwege 107

waren. l\'!.it dem Unternehmen, Benjamin in den Kontext seiner Zeit zurückzu-
stellen, war für die von Burkhardt Lindner eingeladenen Beiträger die Ein4
schä[Zung verbunden, "daß sich aus der Rekonstruktion der Auseinanderset-
zungen der Vorkriegsintelligenz nachhaltige Anstöße für gegenwärtige Proble-
me ergeben".]
Inzwischen haben sich die Anzeichen verdichtet, daß in Sachen Benjamin,
um in seinem eigenen Bild zu bleiben, auch "rechts" so manches der Enträtse-
lung harre. Nach einer Reihe von Aufsätzen liegen mittlerweile zwei l\olonogra4
phien über Benjamin und Heidegger vor, deren Nähe zu behaupten noch un-
längst als skandalös empfunden wurde. Noch Willem van Reijens Studie rech-
net mit Lesern, denen die "trotz grundsätzlicher Differenzen" konstatierten
"Parallelen und Konvergenzen zwischen den Philosophien Heideggers und
Benjamins" anstößig erscheinen könnten. 2 Vor diesem Hintergrund geht er der
grundsätzlichen Frage nach, ob es eine "innere Beziehung zwischen der Me-
thodologie einer Phjlosophie und der mit ihr verknüpften politischen Option
gibt".) Um den womöglich als noch skandalöser aJs seine Ausgangsfragestel-
lung empfundenen Preis einer Rettung der be,iden Philosophen als Metaphysi-
ker, die neben der Metaphysik noch das Selbstmißverständnis ihrer Umsetzung
in politische Praxis ejnt, meint er Heidegger und Benjamin einander und zu-
gleich den politisch Korrekten unter seinen Lesern näherbringen zu können.
Demgegenüber wirft Stefan Knoche in seiner Studie die Frage nach Sinn
und Grenzen der Vergleichbarkeit zweier Autoren auf, die "sich nicht gesucht
haben".4 Gegenüber van Reijen insistiert er darauf, daß die metaphysische Di-
stanz zur \X/elt der diskursiven Aussagen, in der für van Reijen der Unterschied
zwischen rechts und links zur tjllQfJtiti nigligtablt schwindet, für Heidegger und
Benjamin nicht im glcichen M,aße gehe. Ohne die Verdienste der älteren Studie
zu leugnen, die die viel faltigen Überschneidungen des Benjaminsehen und des
Hcidcggerschen Denkens vorzüglich zugänglkh mache, erscheint Knoche die
Vergleichbarkeit doch erSt unter der Voraussetzung eines "fundamentalen Un-
terschiedfsj der Geschichtlichkeits-ßegriffe" sinnvol1. 5 Einem bei Benjamin
um den Begriff der Gegenwart zentrierten, diskontinuierlichen Begriff der Ge-
schichte stehe die "PriviJegierung der Zukunft" bej Heidegger entgegen, die
auch durch dic nach Sein lind Zeit vollzogene Kehre zum seinsgeschichtlichen
Denken nicht grundsätzlich revidiert werde. 6

ßurkhardl Undner (Hrsg.), "Links baJte 1l0fh fIt/ti sifh ZII mlriitstln f...}" Il7atttr Bmja-
mifl im Konllxt, Frankfurt a. M. 1978, S. 10.
2 Wiltem van Reijen, Dtr Sfhu'fl'ZU'r:'/d 111111 Pan·s. Htidtgger lind Benjamin, München 1998,
S. 8.
3 Ebd., S. 18.
4 51efan Knoche. Bnl)dmifl - Htidtggtr. Ober Grll'all. Dit PotiliJimmg dtr Kllnst, Wien
2000, S. 11.
5
Ebd., S. 179.
6 Ebd., S. 28 f. und S. 47.
108 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

II
Unter vergleichsweise entspannten Zeitumsländen absolviert demnach \'(/alter
Benjamin heute ein Pensum, das Georg Lukacs und Theodor W. Adorno be-
reits zu bestehen hatten. Womöglich ist es kein Zufall, daß die entsprechenden
Studien in einem Zeitraum erschienen, in dem der Benjamin gewidmete Sam-
melband die Zeit für reif befand, ihn in den historischen, keineswegs aus-
schließlich philosophischen Kontext zu stellen. Denn zeitbedingt provokativ
gerieten mit Lukacs und Adorno zwei bedeutende Repräsentanten der Vor-
kriegsintelligenz in den Blick, von denen man sich im Rückgriff auf die Debat-
ten der zwanziger Jahre nachhaltige Anstöße für gegenwärtige, nicht zuletzt
politische Probleme versprach. Damit aber provozierte man zugleich die Wie-
derkehr des im linken Diskurs der Gegenwart Verdrängten.
Zu Luden Goldmanns fragmentarischer Studie über Lukdcs und Heidegger
haue vermeintlich Heidegger selbst an prominenter Stelle das entscheidende
Stichwort gegeben. An zwei Stellen von Sein und Zeil nämlich ist, zudem in An-
führungszeichen, von der "Verdinglichung des Bewußtseins" die Rede, dem
Schlüsselbegriff von Georg Lubcs' vier Jahre vor Heideggers Abhandlung er-
schienener Aufsatzsammlung Geschichte und KlauenbewußlIein. Lukacs selbst hat
Goldmanns Lektüre von Sein Imd Zeit als Replik auf sein eigenes, nicht zuletzt
für Benjamins Zuwendung zum Marxismus bahnbrechendes Werk mit der Be-
merkung abgetan, das Thema habe eben in der Luft gelegen. 7 Wie Goldmann
zeigte, werden die unbestreitbaren Antagonismen gerade im Nachweis ihrer
gemeinsamen philosophischen Grundlage zwar nicht unversöhnlicher, aber in
ihrer Genese verständlicher. Wie Heideggers Fundamentalanalyse des Daseins
läßt sich auch Lukacs' neomarxisusche Konzeption eines Subjekts der Ge-
schichte vor dem Hintergrund einer philosophischen Auseinandersetzung mit
dem neukanuanischen Transzendentalismus verstehen. Der Weg, der von die-
sem gemeinsamen Ausgangspunkt zur Konzeption eines revolutionären Sub-
jekt-Objekts der Geschichte einerseits und zum ,eigentlichen Dasein' anderer-
seits führt, zeichnete für Goldmann zugleich auch den Weg einer "analogen
Verwandtschaft und Gegensätzlichkeit der politischen Stellungnahmen der
beiden Denker [vorl, das heißt der Beziehungen Heideggers zum Nationalso-
zialjsmus und der Lukacs' zum Stalinismus".8
Wie gegenüber Lukäcs, der ihm gelegentlich den maljziösen Vorwurf mach-
te, seinen eigenen Bekundungen zu folge den "Hitlerismus nur in einem Kier-

7 Georg Lukacs, ..VorwOrt" (1967) in: G. L., CmhidJlt und KlaJJtnbeu'lißtuin. Sludim iibtr
",aoollü(bt Dialtlelile (1923), Neuwied 1976, S. 23. Die von Goldmann auf Lukacs be-
zogenen Stellen sind in Stin lind Ztil, §§ 10 bzw. 83, nachzulesen (Martin Heidegger:
Stin und ltil, 12. AuO. Tübingen 1972, S. 46 bzw. S. 437).
8 Lueien Goldnlann, l..JIko(J und Htidtggtr. Na(hgtlmunt Frag"'tnlt. Texleinrichtung und
Einleitung von Youssef Ishaghpour. Neuwied 1975, S. 102.
Steiner, Philosophische Um- und Abwege 109

kegaardschen Inkognito mitgcmacht zu habcn",9 hat Heidegger auch Theodor


W. Adorno gegenüber zeitlebens Stillschwcigen bewahrt. Dabei ist für den
Heidegger-Schüler Hermann Mörchcn die von ihm in zwei Studien untersuch-
te Kommunikationsverweigerung zwischen den beiden Phi.losophen, deren
Denken die deutsche Nachkriegszeit dominierte, die Kehrseite ciner akribisch
nachgewiesenen Präsenz Heideggers im Werk des vierzehn Jahre jüngeren
Adorno. Auch für j\'1örchen verbirgt sich unter der Oberfläche von Adornos
häufig unsachlicher, jedenfalls aber unversöhnlicher Polemik eine "verschwie-
gene Nähe" des philosophischen Gedankens. 1O Der in bei den philosophischen
Lagern zu erwartenden Skepsis, mit der sein Hinweis auf sachliche Konvergen-
zen rechnete, hielt Mörchen die doppelte Norwendigkeü entgegen, in einer
nachgeholten Auseinandersetzung mit Adorno zum einen Heideggers poliu.
sches Engagement nach 1933, zum anderen aber die Ambivalenzen seines
Denkansatzes näher zu untersuchen, der nicht zuletzt in seinen eigenen philo-
sophischen Wandlungen zum Ausdruck gekommen sei. 1l Jedoch sind der Visi·
on herrschaftsfreier Kommunikation auch posthum und erst recht in pbilofophi-
cis Grenzen gesetze. Hans Ebcling zu folge "läßt sich weder der gesellschaftli-
chen Konmkt in Heideggers Seinsdenken integrieren, ohne beide zu verraten,
noch die Seinsgeschichte mit einer Portion wcltlkherer Weltgeschichte anrei-
chern, noch gar das Prinzip der Aufklärung mit dem Prinzip der Seinsverges-
senheit vermittcln".12

III
Mit Blick auf die historischen Debatten könnte es sich als sinnvol,1 erweisen,
den in ihrer Erörrerung konstatierten Konflikt von metaphysischem Anspruch
und politischem Selbstmißverständnis nicht als abschljeßende Auskunft, son-
dern vielmehr als Ausdruck einer - ihrerseits - historischen Konstellation zu
betrachten. Denn der beobachtete Konflikt zwischen Phjlosophie und Politik
setzt implizit die Unvereinbarkeit beider voraus. In diesem Sinne, nämlich als
einen mit zunehmender Rationalisierung irreversiblen Prozeß der Ausdifferen-
zierung der Wertsphären, der in deren intransigenter Eigensinnigkeit mündet,
hatte Max Weber die Moderne verstanden. Mit großer Überzeugungskraft

9 Georg Lukacs: Von Nirl!{Ifhr biJ Hillrr odrr Drr frro!ionolÜI1I1U lind dir drllmht Polilik,
Frankfurt a. M. 1966, S. 25.
10 Hermann Mörchen, Adorno ulld Hridt!J!,tr. Unlrnufhung tintr philoJophiJrhm K011ll1ll1l1ika·
lionJ/ltnJftigtrlllll,. SlUugart 1981, S. 588. Dieser Studie hatte Mörchen eine kürzere Be-
trachtung der l>.'\acht- und Herrscha(tskonzcptionen vorausgeschickt: H. M., MOfhl
Jif/d HtrruhaJt im DtJlkm I/()n Htidrggtr lilld Adorno, Srungart 1980.
II Ebd., S. 24.
12 I-{ans Ebe1ing, "Adornos Heidegger und die Zeit der Schuldlosen", in: PhiltJJOphiuht
RlindJfholl 29 (1982), S. 194.
110 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhundens

konnte deshalb Narben Bolz Webers Rede von der Entzauberung der Welt als
Kontrastfolie evozieren, um den philosophischen Diskurs der zwanziger Jahre
als einen "Auszug aus der entzauberten Welt" zu begreifen, in dessen Sog die
politisch-philosophischen Extreme sich berühren. 13 Hier lohnt es sich jedoch,
die Ausgangslage ein wenig näher ins Auge zu fassen.
Als Marun Heidegger in einem Fernsehinterview aus Anlaß seines 80. Ge-
burtstages um Stellungnahme zum zum al an den Universitäten laul werdenden
Wunsch nach Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnjsse gebeten wurde,
antwortete er mit einem Selbstzitat. Offenbar schien es ihm im studentenbe-
wegren Jahr 1969 den Zeitgeist ebenso treffend auszudrücken, wie schon vor
vierzig Jahren: "Die Gebiete der Wissenschaften liegen weit auseinander. Die
BehandJungsart ihrer Gegenstände ist grundverschieden. Diese zerfallene Viel-
faltigkeit von Disziplinen wird heute nur noch durch die technische Organisa-
tion von Universitäten und Fakultäten zusammen- und durch die praktische
Zwecksetzung der Fächer in einer Bedeutung gehahcn. Dagegen ist die Ver-
wurze!ung der Wissenschaften in ihrem Wesensgrund abgeslOrben.,,14 Auf die-
se Passage hatte er bereits in dem drei Jahre zuvor gewährten, jedoch erst post-
hum zur Veröffentlichung bestimmten Spitgtl-Interview verwiesen. Das Zitat
entstammt der Antrittsvorlesung, die er 1929 unter dem Titel: "Was ist Meta-
physik?" bei der Übernahme des Husserl-Lehrstuhls in Freiburg gehalten hatte.
Im Kontext des Spiegel-Gesprächs sollte das Zitat das Grundmotiv erhellcn, das
ihn im Jahre 1933 bestimmt hatte, in ebenfalls politisch bcwegten Zeiten das
Rektorat der Universität Freiburg zu übernehmen. 15
Die Wurzeln des in dem Zitat ausgedrückten Gedankens lassen sich bis auf
die Vorbetrachtung zur "Wisscnschaft und Universitätsreform" zurückvcrfol-
gen, mit denen der Privatdozent 1919 seine Vorlesung über die "Idee der Phi·
losophie und das Weltanschauungsproblem" eröffnete. Mit Max Weber, dessen
Münchner Rede im selben Jahr im Druck erschien, teilt Heidegger, wie Stcven
Crowcll gezeigt hat,16 die Einsicht, daß die zunehmende Spezialisierung in den
\'I?issenschaften den Charakter der Universitäten grundsätzlich geändert habe
und dementsprechend das Selbstverständnis derjenigen, die die Wissenschaft
als Beruf betreiben, einer Neubestimmung bedürfe. Man kann jedoch durchaus
Webers Diagnose zustimmen, ohne sich dessen Folgerungen zu eigen zu ma-
chen.

13 Norben Bolz, AUJzug aUJ der mtzaubertm IFe/t. PhiloJophmher ExtremiJ1IluJ ~iJ(:ht1l dtn
IVtltlt.ritgen, t-,'Iünchen 1989.
14 "Martin Heidegger im Gespräch mit Richard Wisser", in: Martin Htidtggtr im Gt-
Jprärh. Hrsg. von Günther Neske und Ernil Kenering. Tübingen 1988, S. 21.
15 "Spiegel-Gespräch mit Marcin Heidegger", in: Marfin Htidtgger illl Gupriich, S. 83. Vgl.
Martin Heidegger, "Was ist Metaphysik?" in: M. H., IVtgmnrktn, Frankfurt :10. M.
1967.5.2.
16 Vgl. Steven Gah Crowell: ..Philosophy as a Vocation: Heidegger and Universit}· Re-
form in the E:Iorly Interwar Years", in: S. G. c., HUJJerl, Htidtggtr, and fhtSpoct ojMto-
ning. PafhJ tou'ard TranJctndtnfa/ Phtnomtn%gy, Evanston, IL 2001, S. 152-166.
Steiner, P~ülosophische Um- und Abwc=ge 111

\'leber zufolge kann die Fachdisziplin Philosophie in der ~'Ioderne einzig


dazu dienen. dem Einzelnen dabei zu helfen, "sich selbst Ruhtn1thafl Zu gtbtn
iibtr dtn Itfi/tn Sinn dtr tigtntn Tuns". Dabei aber hat sie den Grundsachverhah
in Rechnung zu stellen, .,daß das Leben, solange es in sich selbst beruht und
aus sich selbst verstanden wird, nur den ewigen Kampf jener Götter miteinan-
der kennt, - unbildlich gesprochen: die Unvereinbarkeit und also die Unaus-
tragbarkeir des Kampfes der letzten überhaupt 1/Jöglichtn Standpunkte zum Le-
ben, die Notwendigkeit also zwischen ihnen sich zu tnlJ(htidm".17 Demgegen-
über eröffnet für Heidegger die von der Philosophie gefordene Besinnung auf
.,innere Wahrhaftigkeit" den Weg zur Idee der Philosophie als "Urwissen-
schaft", letztlich also zu einer transzendentalen Phänomenologie des fakti-
schen Lebens, die in der Fundamentalomologie des Daseins dann ihre \'orläu-
fig abschließende Formulierung finden wird. Mag das Pathos der .,inneren Be-
rufung", wie Heidegger es beschwön. 18 auch noch so sehr an \X/ebers nicht we-
niger pathetischen Appell erinnern, das Schicksal der Zeit männlich zu ertra-
gen - die "Forderung des Tages", der es gerecht zu werden gilt, wird von bei-
den doch höchst unterschiedlich ausgelegt. Während Weber die Frage nach ei-
nem abschließenden Sinn des Lebens dem ewigen Streit der Werte überantwor-
tet, gewinnt Heidegger sie affirmativ der Philosophie zurück. Als erneut zu
stellende und konkret auszuarbeitende "Fragt nach dUlI Sinn Ilon Stift" hat er sie
seinem philosophischen Hauptwerk ostentativ vorangestclh. 19 Die Webers Be-
fund grosso lIIodo bestätigende Analyse der Welt des "Man" beschreibt denn
auch weniger das Schicksal der Moderne, sondern vielmehr eine Welt, die ihr
Schicksal noch nicht ergriffen hat. Niclu zuletzt die vorsätzliche Vermischung
des individuellen mit dem kollektiven Geschick, auf die Heidegger in der Ana-
lyse der "Grundverfassung der Geschichtlichkeü" in Stin und Ztit zusteuen. lie-
fen ihm sodann das Formular fur die retrospektive Selbstdeutung seines Früh-
werkes, deren Spannweite von der Rektoratsrede bis zur Spätphilosophie
reicht. 20 In jedem Fall gilt es gegen den Polytheismus der \X'ene, der im dispa-
raten Apparat der modernen Universität unmittelbar greifbar wird, dem "abge-
stOrbenen Wesensgrund" der Wissenschaften philosophisch die Treue zu hal-
ten.

\'7Max \X'eber, ..Wissc=nschaft als Bcruf", in: f\'I. W., Guommtlle AllfltilZt ZIiT Il7illt1l-
f(h4I1!thn, hrsg. \'on Johannes Winckelmann, Tübingc=n. 7. Aufl. 1988, S. 608 (I-Ier-
vorhebung im Original).
18 Marun Heideggc=r, Vit lJu dtr Phil()lophit lI11d das lWtllallsthoNN1IgsprtJbltm. In: M. H., Gt·
samlaNsgobt. Bd. 56/57, hrsg. "on Brend Hc=imbüchel, Frankfurt a. M. 1987, S. 5.
19 Heidc=ggc=r, Still Nlld 2til, unpag. eS. 1) (Hervorhebung im Original).
20 Heideggcr, Stin lind 2til, § 74, S. 382-387. Hierzu Jürgen Habermas: Der philosophisdN
ViskoliTS dtr Modtnu. 211'iilJ Vorlmmgm, Frankfurt a. J\L 1985, S. 184-190. sowie Ders.,
.,Hc=idegger - Werk und Wdtanschauung, in: Viclor Farias, Htidrggtr u"d fitr Noli01l01-
IOZitllislfllll. Mit einem Vorwon von Jürgen J-1abermas, Frankfurt a. M. 1987, bc=s. S.
21-22.
112 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

Das Bild der Universität, wie es sich Weber und Hcidcggcr unmittelbar nach
dem Krieg darstellt, entspricht weitgehend dem, das der junge Benjamin kurz
VOf dem Krieg in seiner Rede als neu gewählter Präsident der Berliner Freien

Studentenschaft zeichnet. 1m Spannungs feld von Universität und Staat. Studi-


um und Beruf, ist fUf das LLbtn du S/I/dtnltn, will sagen rur ein von der Idee der
Wissenschaft und nicht von Amt und Beruf bescimmtes Leben, kein PI:HZ.
Ähnlich wie Heidegger scheint 2uch fUf Benjamin alJein mctaph)'sische Besin-
nung der rilligen Erneuerung den Weg weisen zu können. In seinen berJe-
gungen bestimmt die Metaphysik jedoch nicht die Substanz, sondern die Struk-
tur des Gedankens. Er versteht seine Aufgabe als eine kritische. Nur als Ab·
bild, als Gleichnis eines höchsten metaphysischen Standes der Geschichte sei
die jetzt gegebene Form studentischen Lebens wert, beschrieben zu werden.
Aufgabe der Kritik sei es, "das Künftige aus seiner verbildeten Form im Ge-
genwärtigen erkennend zu befreien". 2\
Auf den ersten Blick überraschend und sicher nicht ohne provokativen Hin-
tersinn rückt Benjamin dem Leben der Studenten dasjenige der Cafehauslitera-
ten an die Seite. Die Literaten als Repräsentanten des modernen Großstadtle·
bens, des von Heidegger verachteten .. 1an", werden ihm zu Trägern einer
neuen geistigen, religiöse Züge tragenden Kultur. Nicht anders als in Georg
Lukacs' 1910 erschienener Essaysammlung Die Sede und die Formtn hat auch in
Benjamins frühen Schriften die Kulturphilosophie Georg Simmels deutliche
Spuren hinterlassen. In seinem Dialog iibtr die Rtligiositiil der Gtgenll1arl Stellt er
die Literaten als r,.'{ärT)'rer der neuen KultuneLigion dar, weil sie die ..Werte ins
Leben, in die Konvention umsetzen woUen".12 Indem sie in der Unbedingtheit
ihrer Kunstliebe zu gesellschaftlichen Außenseitern werden, führen sie gerade
im Widerspruch gegen die Gesellschaft deren religiöse Bedürftigkeit vor Au-
gen, demonstrieren sie, wie fern die Gegenwart von einer Kultur ist, in der der
Dualismus von Sein und Sollen letztlich überwunden wäre. In TolstOi, Nietz-
sehe und Strindberg, so Benjamin, habe diese Religion und der in ihr verhieße·
ne neue Mensch, mit dem die Zeit schwanger gehe, bereits ihre Propheten ge-
habt.
Mit den Großstadtiiteralen als philosophischem Gegenstand und der Über-
zeugung, daß der Philosophie einzig die Kritik als gangbarer Weg offenstehe,
bewegt sich Benjamin in einem Rahmen, den Webers Theorie der Moderne
nachgezeichnet hat. Unter Berufung auf die praktische Philosophie Kants be·
kennt er sich in seinen frühen Schriften und zahlreichen Briefen zu einer
"streng dualistischen Lebcnsauffassung".23 Im Dialog trifft diese Überzeugung

21 W:aher Benj:amin, ,.D:as Ldxn der Srudenu:n", in; W. B., Gua","'tlft S(hrijttll. 7 Bde.
und Supp!., unter M-itwirkung '·on Theodor W. Adorna und Gershom Schalem,
hrsg. von RolfTiedemann, Frankfurt a. M. 1972-1999, Bd. li/I, S. 75.
22 W:aher Benj:amin, "Di:aJog tiber die Rdigiosit2r der Gegenw:art;;, Gua",,,,tlte S(hrijttll.
Bd. 11/1. 5.29.
lJ An Ludwig Strauss vom 10. Oktober 1912, in: Walter Benjamin: Guamlltllte 6ritJt,
Steiner, Philosophische Um- und Abwege 113

auf einen Anhänger des Monismus. Die auf die Lehren Gustav Theodor Fech-
ners sich gründende pantheistische \X1eltanschauung des Monismus übte um
die Jahrhundertwende einen nicht zu umerschätzenden Einfluß auf das geistige
Leben im wilhelminischen Deutschland aus. Als eine Ersatzreligion, deren
Credo die unbegrenzte Perfektibilität der Welt preist, ersetzt der Monismus die
traditionelle Religion und Metaphysik durch den Glauben an Wissenschaft und
technischen Fortschritt. Dieser Religion des Kapitalismus setzt Benjamin in
seinem Dialog die "Ehrlichkeit des Dualismus" entgegen. 24

IV
Von dem Dialog über die Religiosiliit der Gegenwart von 1912/13 führt ein direkter
Weg zu dem vermutlich 1921 niedergeschriebenen Fragment über Kapitalismus
als Religion, in dem Benjamin Mal' Webers Rede von der "schicksalsvoUsten
Macht unsres modernen Lebens: dem KapitalüllI1u"25 in den religiösen Klartext
zurückübersetzt. Weber beim Wort nehmend, will Benjamin den Kapitalismus
seiner Struktur nach als eine essentiell religiöse Erscheinung beschreiben. In
dem Fragment wird der Kapitaljsmus als eine Religion beschrieben, in der der
doppelsinnige Begriff der Schuld die Stelle vertritt, die in Webers Theorie der
Moderne der Begriff der Rationalüät eingenommen hatte. Wenn Benjamin aus-
drücklich erklärt, den "Abweg einer maßlosen Universalpolemik" vermeiden
zu wollen,26 macht er sich eine wichtige Prämisse der Religionssoziologie We-
bers zu eigen: Das Fragment wender das Verfahren der beschreibenden, sich
jeder Wertung enthaltenden Soziologie auf Webers eigene Gegenwarrsdiagnose
an.
Die Rechtmäßigkeit, den Kapitalismus als "eine" Religion zu betrachten,
hatte das Fragment aus der Beobachtung abgeleitet, daß er sich derselben Be·
dürfnisstruktur verdanke wie die "sogenannten Religionen". Demnach würde
eine Religion, die sich als Religion vom Kapitalismus provoziert sicht, nur die-
se fundamentale Gemeinsamkeit bekräftigen und damit letztljch im Bann des-
sen verbleiben, wogegen sie sich polemisch abzugrenzen trachtet. Die unauf-
haltsame Dynamik, die der Kapitalismus entfaltet, finder in den Unrergangs-
visionen der Apokalypse reiches Anschauungsmaterial, aber keinen religiösen
Sinn. Deshalb macht es auch keinen Sinn, ihm theologisch entgegenzutreten.
Nicht mit religiöser Polemik, sondern einzig mit revolutionärer Politik iSt dem
Kapitalismus auf seinem eigenen Terrain zu begegnen.

hrsg. vom Theodor W. Adorno Archiv, 6 Bde., hrsg. von Christoph Gödde und
I-Ienri Lonitz, Frankfurt a. M. 1995-2000, Bd. I, S. 71.
2. Walter Benjamin... Dialog über die Religiosität der Gegenwart", CutllHINtlle Schriften.
ßd. 11 /1, S. 32.
2S ~hx \X/eber: ..Vorbemerkung". in: M. W., GuaflllHtlft AJljiiit!{t !{Jlr RtiigioIlSlo!(jologit,
hrsg. von Johannes \Vinckelmann, 3 Bdc., Tübingen, 9. Aufl. 1988, Bd. I, S. 4.
26 Walter Benjamin, .,Kapitalismus als Religion". GuaINmtllt Schriften, Bd. VI, 100.
114 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

Es ist ein hier sich abzeichnender, spezifischer Begriff des PoLitischen, der
Benjamin eine Alternative zum Abweg der Universalpolemik eröffnet. In sei-
nen Bemühungen um ein Verständnis dessen, was das Politische philosophisch
sei, bezeugt sich in seinen frühen Schriften ein grundsätzliches Bemühen,
durch eine Abgrenzung unterschiedlicher ,Ordnungen' die Geltung tradierter
Begriffe und die in ihnen nicht zuletzt sprachlich kodifizierten Bereiche des
Denkens und der Wirklichkeü zu überprüfen. Dies, und nicht etwa etymologi-
sches Interesse, Liegt dem Versuch zugrunde, "die alten Worte Schicksal und
Charakter aus der terminologischen Fron zu befreien und ihres ursprünglichen
Lebens im deutschen Sprachgeiste aktual habhaft zu werden", 27 den Benjamin
in einem diesen heiden ,Worten' gewidmeten Aufsatz unternahm. Wenn denn
nach Webers resignierter Einsicht der Kapitalismus das ,Schicksal' unsrer Epo-
che ist, dann erkundet Benjamins Aufsatz, welches sprachliche Leben unter der
verkrusteten Oberfläche des Schicksalsbegriffs sich philosophischer Einsicht
eröffnet. Eine Ordnung, so lautet sein Befund in dem ungefahr gleichzeüig mit
dem Fragment entstandenen Essay, "deren einzige konstitutive Begriffe Un-
glück und Schuld sind und innerhalb deren es keine denkbare Straße der Be~
freiung gibt (denn soweit etwas Schicksal ist, ist es Unglück und Schuld), eine
solche Ordnung kann nkht religiös sein". Sie bezeuge vielmehr cine "dämoni-
sche Existenzstufe der Menschen", die im Recht Gestalt angenommen habe. 28
Die Ordnung des Rechts, in der die Menschen ihre Beziehungen unterein-
ander und zu den Göttcrn regeln, ist in einem Akt sich fortzeugender Gewalt
gegründet. Diesen Gedanken verfolgt Benjamin in der um die Jahreswende
1920/21, also ebenfalls in zeitlicher Nähe zu dem Fragment über den Kapitalis-
nIli! 011 Religion niedergeschriebenen Kn'tik der Gewalt, die in dem zu Lebzeitcn

von Max Weber mitherausgegebenen Archiv für S0i!aluJiJJemchajJ und Sozialpoli-


tik crschjen. Einmal mehr geht es Benjamin auch in diesem Aufsatz darum,
den Geltungsbereich bestimmter ,Ordnungen': des Rechts und der Politik, der
Moral und der Religion, voneinander abzugrenzen. Ganz ähnlich wie die Wert-
sphären bei Weber einander ausschljeßen, sind auch die Konturen dieser Ord-
nungen allein durch den Akt der Grenzziehung, durch wechselseitigen Aus-
schJuß, bestimmt.
Vor dem Hintergrund dieser nur schemenhaft sich abzeichnenden Lehre
von den Ordnungen ist das Theologisch-PolitiJCbe Fragfnent als einer ihrer Grund-
texte zu lesen. In Scbicklal und Charakter hatte es geheißen, daß "Glück und Se-
ligkeit" ebenso aus der dämonischen Sphäre des Rechts und des Schicksals
herausführen "wie die Unschuld".29 Im TheologilCb-Polititchen Fragment wird die
"ldee des Glücks" zur zentralen Koordinate der "Ordnung des Profanen" und
damit einer Ordnung, deren Geltungsbereich sich aus ihrer Abgrenzung gegen

21 An Hugo VOll Hofmannsthai vom 13. Januar 1924, GtJommelle Brieft, Bd. 11, S. 409.
28 Walter Benjamin, "Schicksal und Charakter", GtJomme!le Schriften, Bd. 11/1, S. 174.
29 Ebd.
Steiner, Philosophische Um- und Abwege 115

"das Messianische" erschließt. Das Profane an der Idee des Glücks auszurich-
ten aber heißt für Benjamin zugleich den Gedanken des Gottesreiches aus die-
ser Ordnung auszugrenzen. Deshalb hat die Theokratie für ihn "keinen politi-
schen sondern allein einen reHgiösen Sinn". Als von der Theologie abgegrenz-
ter Bereich aber bleibt die Politik gleichwohl auf die Theologie bezogen. Eben
deshalb nennr Benjamin ihren Geltungsbereich ,profan'. Im Gedankengefüge
der "mystischen Geschichtsauffassung", die das Theologisch-Politiuhe Fragment
darlegt, ist alles Irdische letztlich allein um den Preis seines Untergangs mit
dem Gonesreich verbunden. Das Ziel der Politik ist Glück; ihre Methode aber,
wie es abschließend heißt: "Nihilismus·'.30 Sofern sich Politik Ziele setzt, hat
sie diese auf die Ordnung des Profanen zu beschränken. Indem sich Politik auf
das Profane beschränkt, sind ihre Zielsetzungen, jenseits des ihren Geltungs-
bereich begrenzenden Horizonts, letztlich nichtig.

v
Unter der Voraussetzung einer Limitierung religiöser Ansprüche wird das
Glück Benjamin zur zentralen Kategorie der irdischen, profanen Bestimmung
des Menschen. Damit ist keineswegs gesagt, daß sich seine Bestimmung darin
erschöpft. Vielmehr ist das Profane per definitioneni auf das Heilige bezogen. Die
wie immer spannungsgeladene Abgrenzung einer von unbedingten morali-
schen und reljgiösen Ansprüchen freien, im spezifischen Sinne politischen
Ordnung ist keineswegs gering zu schätzen. Immerhin gehörte es zu den Kern-
stücken von Webers Theorie der Moderne, die Politik als Beruf von den POStu-
laten religiös überanstrengter ethischer Postulate zu befreien. Das zentrale Ar-
gument seiner überlegungen, daß nämlich "das spezifische Minel der legitifllen
Geulall!afllkeil rein als solches" es sei, was die Besonderheit aUer ethischen Pro-
bleme der Politik bedinge,31 dürfte in Benjamin einen aufmerksamen Leser ge-
funden haben. Es ist nicht auszuschließen, daß der veriorengegangene, großan-
gelegte Aufsatz über den "wahren Politiker", als dessen Bruchstück sich die
Kn'lik der Geulalt erhalten hat, seine entscheidende Inspiration ebenso einer in-
versen Lektüre von Webers Politik aIJ Beruf verdankte, wie das Fragmenr über
Kapilamom! aIJ Religion eine enrsprechende Lektüre der ReligionJJo~jologiuhen
Au/Iiitze zur Voraussetzung hatte. In beiden Fällen macht sich Benjamin die
Prämissen Webers zu eigen, um sie radikal weiterzudenken.
Das Gradnetz der Ordnungen, das Benjamins seinem philosophischen
Nachdenken zugrunde legt, beschreibt eine irreduzible Komplexität, wie sie
Max Weber als entscheidendes Kennzeichen der Moderne erkannt hatte. Erst

30 Walter Benjamin: "Theologisch-Politisches Fragment", Gesal1Jl1Jelte Schriften, Bd. li/I,


S. 203-204.
31 Max \X'eber; "Politik als ßerur', in: M. \'(I., Gesal1Jl1Itlte Politiuhe Schn'ften, hrsg. von )0-
hannes Winckelmann, Tübingen, 5. Aufl. 1988, S. 556.
116 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

vor diesem Hintergrund ist Heideggers Verteidigung der Provinz ebenso viel-
sagend wie Benjamins Exil in Paris, der von ihm sogenannten Hauptstadt des
neunzehnten Jahrhunderts. Gleichsam auf dem Umweg über Heidc1berg ge-
langt Benjamin in das Herz der Moderne, in die Stadt Baudelaires, der die ~'Io­
derne in seiner Dichtung zur Anschauung brachte und in seiner Poecik zum
Begriff erhob.
Rolf Wiggershaus

Was ist deutsch? Was ist normal?


Antwortversuche der Frankfurter Schule l

"Wer wird denn die Deutschen für die Nazis verantwortlich machen: wir wis-
sen doch ganz genau, daß sie mit der gleichen Begeisterung zu Stalin oder den
General Motors übergehen!" So im November 1944 Max Horkheimer in einem
Brief an Theodor \VI. Adorno. Das war eine sarkastische Anspielung njcht etwa
auf eine deutsche Strategie der Exkulpierung, wie sie ja erSt nach Kriegsende
auftreten konnte und dann tatsächlich auftrat. Es war vielmehr eine sarkasti-
sche Anspielung auf eine Sicht der Vorgänge in Europa, wie Horkheimer sie
im Exilland USA als Konsequenz der don herrschenden Mentalität erlebte.
Mjt selbstbestimmten und verantwortlichen Individuen wurde gar nicht mehr
gerechnet - weder in der Realität noch in der Wissenschaft. So jedenfalls sah
es Horkheimer, der sich um diese Zeir als Wissenschaftlicher Leiter eines groß-
angelegten Projekts zur Erforschung des Antisemitismus in New York aufhielt.
Dabei kooperierte das emigrierte Institut für SoziaJforschung mit dem Ameri-
can Jewish Committee. Das Ziel war, in Amerika zur Verhinderung dessen bei-
zutragen, was sich in Europa ereignete.
In einem nach Kriegsende in den USA entstandenen Aufsatz über "Freu-
dian Theory aod the pattern of Fascist propaganda" meinte Adorno: "lt may
weil be the secret of fascist propaganda that it siropl)' takes men for wh at they
are: the true children of today's srandardized mass culture, largely robbed of
autonomy and spontaneity, instead of setting goals the reaJization of which
would transcend the psychological slaJlu quo no less than the sodal one 1... 1
Fascist propaganda has only to reproduct the existent mentality for its own
purpose 1... 1"2 Nicht zufallig standen in der Dialtklik der Aufkliimng die Verar-
beitung der amerikanischen und die der deutschen Erfahrung, das Fragment
über "Kulrurindustrie" und das über "Elemente des Antisemitismus", und
zwar in dieser Reihenfolge, in direkter Nachbarschaft. Die empirischen Unter-
suchungen, für die die "Elemente des Antisemitismus" den philosophisch-
theoretischen Interprerationsrahmen abgaben, fanden ihren Niederschlag vor
allem in der AUlhon'lnn'an Persof/alily, an der Adorno leitend mitwirkte. Die Per-

Gekürzte und überarbeiteie Fassung eines 1997 im AmSlerdamer "Duitsland lnsti-


lUut" gehaltenen Vortrags.
2 Theodor W. Adorno, GrMmllldu 5(brijltfl (GS), Frankfurt a. M. 1970-1986, Bd. 8, S.
429.
118 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhundens

sonen, die dabei auf ihr faschistisches Potential hin untersucht wurden, waren
also US-Amerikaner. Die Resultate erinnerten an die Ergebnisse einer ersten
empirischen Untersuchung des Instituts im Europa der frühen dreißiger Jahre.
So wie man seinerzeit wenig entschiedene Sozialjsten entdeckt hatte, so in den
USA wenig entschiedene Demokraten.
Dieser Kontext macht noch einmal deutlich, wie Horkheimers Sarkasmus zu
verstehen ist. Es war schwierig, hart über Deutsche zu urteilen, wo doch ohne
eine weitverbreilete gesellschaftliche und ökonomische Konstellation und
ohne Duldung, ja Zustimmung und sogar Unterstützung von außen nicht hätte
geschehen können, was das nationalsozialistische Deutschland in Europa an
Ungeheurlkhem anrichtete.
Horkheimer und Adorno erlebten als emigrierte jüdische LinksinteUektueUe
..Auschwirz" von den USA aus und sahen darin einen Tiefpunkt westlicher
Kultur. Weil sie die Dialektik und die Desrruktivität des westlichen Moderni-
sierungsprozesses fur gravierend und umfassend hielten, war die Bedeutung
von "Auschwitz" als deutschem Verbrechen in ihren Augen relativiert. Für den
eine Generation später geborenen Jürgen Habermas, der 1956 ans nach
Deutschland zurückgekehrte Institut für Sozial forschung kam und Adornos
Assistent wurde, fielen nach Kriegsende Befreiung vom Nationalsozialismus
und Information über "Auschwitz" ungefahr zusammen. Er entwickelte eine
Theorie des westljchen Modernisierungsprozesses, in der dessen Pathologien
relativ leicht genommen wurden, "Auschwitz" aber als von Deutschen ver-
schuldetes und von Deutschen zu bewältigendes Verbrechen um so schwerer
wog.
Damit sind zugleich Gemeinsamkeiten und Unterschiede von älterer Frank-
funer Schule und Habermas angedeutet. In beiden Fällen spielt Auschwitz als
Signatur des 20. Jahrhunderts die entscheidende Rolle. Aber für die älteren
Emigranten Horkheimer und Adorno bedeutet es die Katastrophe der europäi-
schen Zivilisation. Für Habermas, der sich einmal selbst aJs Produkt der reedu-
cation bezeichnete, ist es im wesentlichen ein deutsches Problem, das das euro-
päische Projekt der ["loderne nicht in Frage stellt. Ein nach Auschwitz proble.
matisiertes deutsches Geschichtsbewußtsein könnte in seinen Augen sogar die
Tendenz des westlichen Modernisierungsprozesses hin zu postnationalen
Identitäten fördern.

Horkheimer: "Nationale Aufbrüche sind der erlaubte


Ersatz für die Revolution"
Als Horkheimer, seit Anfang der dreißiger Jahre Philosophieprofessor und Di-
rektOr des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main, sich 1933 aus
Deutschland zurückzog, tat er es unter offiziellem Protest. "Ob die gegen mich
gerichteten Maßnahmen mehr im Hinblick auf meine Gesinnung oder auf mein
Wiggershaus, Was ist deutsch? Was ist normal? 119

Judentum getroffen werden, weiß ich nicht. Beide Beweggründe widersprächen


jedenfalls den besten Traditionen der deutschen Philosophie", schrieb er im
April 1933 von Genf aus an den Minister für Wissenschaft, Kunst und Volks-
bildung in Berlin. Bis zum Zweiten Weltkrieg erschien das Organ des Instituts,
die Z~iluhrijtfür SoiJa!fOruhllng, auf deutsch...\Y/ir sind heute die einzige SteHe,
in der die Tradition der klassischen deutschen Philosophie und Soziologie in
deutscher Sprache gepflegt wird", beschied Horkheimer 1934 einen Mitarbei-
ter in der Genfer ZweigsteUe des Instituts, der davor gewarnt hatte, die Zeit-
schrift könnte den Stempel der Emigration bekommen. Dies Risiko sei in Kauf
zu nehmen, so Horkheimer, angesichts der Verpflichtung, ..beste deutsche
Kulturwerte zu bewahren."3
Daß er Deutschland nicht unter traumatischen Bedingungen verlassen muß-
te und als Leiter eines finanziell unabhängigen Instituts in den USA freundli-
che Aufnahme fand, erlaubte es Horkheimer, Deut'schland und die USA gleich-
sam von einem archimedischen Punkt aus zu sehen - nicht unter dem Blick-
winkel ihrer Rolle fürs eigene Überleben, sondern unter dem Blickwinkel ihrer
Bedeutung für eine "freiere l'vlenschheit". Bei aller Dankbarkeit für das Exil-
land USA, dessen Bürger Horkheimer und Adorno während des Zweiten Welt-
kriegs wurden, bewahrten sie sich gegenüber Deutschland eine erstaunliche
Ambiguititstoleranz. Beispielsweise meinte Horkheimer 1946 in einem Brief
im Anschluß an einige Zitate des Romantikers ovalis, in denen dieser von ei-
ner Art totalitärer Bürokratie schwärmte: .. Die Deutschen w:uen doch ein
merkwürdiges Volk. Beethoven und Hitler sind untrennbar."4 Das klang nicht
nach Abscheu, nach Verwerfung, sondern nachdenklich. Zum Bild nationalso-
zialistischer Deutscher gehört der Topos vom folternden Bildungsbürger, der
tags seine Pflicht tut und Menschen quält und mordet und nach Feierabend
Hausmusik pflegt oder sich an Kant und Beethoven erbaut. Horkheimer such-
te das zu begreifen mittels der These von der split personality, der gespaltenen
Persönlichkeit, die zum Dauer-, zum 'ormalzustand, zur in Regie genomme-
nen Form der Anpassung an paradoxe, unbegreiflich scheinende Verhältnisse
werden konnte. In der Auseinandersetzung mit Franz Neumann und dessen in
dem einflußreichen Buch Bthelllolh entwickelter marxistisch-strukturalistischer
Theorie des nationalsozialistischen Staafes bzw. Unstaates vertrat Horkheimer
die Auffassung:
I suppose the optimistic idea of the break dOIJm of the "split personality" :lIS promo-
ted b)' the mechanisms of ational SociaJism does nOi quite reflect what you realJ)'
think. As a mauer of faci the split of Ihe ego wh ich, as )"ou know, is one of the main
theses of the anicle on the End of Reason, has a long pre-histOry. What happe.ns tO-
da)' is on!)" the consumation of a trend which permeates the whole modern eT2. It
has made itself feit nOI onl)' within the old juxtaposition of theological und scientific

, Brief\1;echsel Horkheimer-Slernheim. 8. Oktober 1934, in; Max Horkheimer, CUQ",-


mtllt Sthn'flttr (GS), FT2nkfun a. M. 1985-1996, Bd. 15, 5.239.
• Brief Horkheimer-Hirsch, 31. Augusl 1946, in: Horkhcimer, GS, Bd. 17, S. 752.
120 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

lruth, but much more draSlically within the division of labor and leisuTe, of private
morals and business principles, of private and public life, and in innumerable other
aspects of the existing order. Whar Facism docs with respecl tO the personaliry is
only tO manipulatc consciously and skillfully a break which irself is based on the
most fundamental mechanisms of this socicry . [... 1 I cannot see any reason why this
anempl of the Nazis should collapse from within, fOt intrinsic reasans. 5

Die Pointe dieses InterpretationsmodeUs bestand darin, daß das, was auf den
erSten Blick als ..Sprengstoff', als Zersetzungs- und Verfallssymptom erschien,
bei genauerem Hinsehen als erfolgreiche Herrschaftsform, als dynamische dau-
erhafte Struktur begriffen werden konnte. Auch dabei lief die Sicht der deut-
schen Verhältnisse wieder darauf hinaus, daß es sich dabei teils um eine extre·
me Ausformung, teils um einen radikalen Schub kapitalistisch-bürokratischer
Modernisierung handle.
Man kann in der Tat sagen: Was der Erste Weltkrieg gewissermaßen neben-
bei bewirkt hatte, nämlich die Enteignung der Erfahrung und der Fähigkeit zur
Wahrnehmung von Zusammenhängen, wurde im Dritten Reich und im Zwei-
ten Weltkrieg zu einer ständig gezielter verfolgten Strategie, nämlich zur Her-
an züchtung bzw. Forcierung eines gespaltenen Bewußtseins mittels Konsum·
kultur und l\hssenmedien, Volksgemeinschaftsideologie und rassistischer Pro-
paganda.
Untersuchungen wie die unter dem Titel Das gespaltene Bewußtseill vereinigten
Aufsätze Hans Dieter Schäfers über deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit
von 1933 bis 1945 haben deutlich gemacht, wie gut die Strategie der national-
sozialistischen Diktatur funktionierte, die Verbindung zu den Werten der Vor-
kriegszeit und des künftigen Friedens nicht abreißen zu lassen und Hand in
Hand mit der Aufrüstung eine Konsumkultur nach US-amerikanischem Muster
und mit US-amerikanischen Waren zu fördern. Wollte man Horkheimers Bild
von Deutschland knapp formulieren, dann könnte man sagen: an Deutschland
mit seiner KJassik- und Idealismus·Tradition, seinen linkshegelianischen Radi-
kalismen und seiner Arbeiterbewegung knüpfte ein Outsider des Bürgertums
wie Horkheimer besonders hohe Erwartungen, die in besonderem Maße ent-
täuscht wurden, Statt die bürgerliche Welt mit ihrer Unterwerfung unter die
AutOrität des Marktes, ihrer gesellschaftlichen Ungerechtigkeit und ihrer Unfa-
higkeil zu einem wirklich kultivierten Lebensstil, mit dem "Nebeneinander zar·
tester Rücksichtnahme, harmloser Gutmütigkeit und zynischer Härte"6 hinter
sich zu lassen, bOl Deutschland das e,rschreckende Schauspiel einer beschleu-
nigten und äußersten Zuspitzung des glücks verneinenden und Erkenntnis ver-
achtenden Ethos der bürgerlichen Wirtschaftsgesellschaft, eines antidemokra-
tischen nationalen Aufbruchs.

5 Brief Horkheimer-Neumann, 2, Juni 1942. in; Horkheimer es, Bd, 17, S, 292.
6 Max Horkheimer, .. Egoismus und FreiheilSbewegung". in; Zeitsrhrijt ftir Sotf'olfor-
srhNng (Zl'S) 1936. S. 227.
Wiggershaus, Was ist deutsch? Was ist normal? 121

Adorno: Künstlerische Mündigkeit


als wesentliches Element von Demokratie
Ein intimer Kenner und Kritiker der Frankfurter Schule wie Herben SchnädeJ-
bach hat bis hin zu Habermas' Unterscheidung zwischen Lebenswelt und Sy-
stem bei Vertretern der Frankfurter Schule ein Weiterwirken des als spezifisch
deutsch gehenden Gegensatzes von Kultur und Zivilisation festgestellt - von
Kultur als Zentrum einer dem Geistigen, Innerlichen, Tiefen, Eigentlichen ver-
pOichteten Lebensform und Zivilisation als einer auf daS Materielle und Äu-
ßerliche, auf Wirtschaft und Technik, Nützlichkcit und Amusement fixierten
Lebensform. Manches spricht für Schnädelbachs Sicht. Könnte es denn sonst
beispielsweise in einem Memorandum des Instituts für ein Projekt über
"DeUt'schlands Erneuerung nach dem Krieg und die Funktion der Kultur" hei~
ßen, daß Nietzsehe recht gehabt habe, als er den Sieg Deutschlands über
Frankreich beklagte als "die Niederlage, ja Exstirpation des deutschen Geistes
wgunsten des ,deutschen Reiches.. '?7 Und zeugte es nicht von ungebrochenem
Festhalten an jener spezifisch deutschen Entgegensetzung von Kultur und Zi-
vilisation, wenn es in dem er\vähnten Memorandum in elitär-kulturpessimisti-
sehern Sinne hieß: "Die bekannten, mit dem Deutschtum einhergehenden
Züge, wie etwa der Hurra-Patriotismus, der Untertanengeist, dje seibstgefaUige
Sentimentalüät und der Eigensinn, sind nur die deursche Spielart eines Mu-
sters, das universell geworden ist: aggressive Mittelmäßigkeü, der selbstgerech-
te Glaube an die durchschnittliche, billige Unterhaltung als Ersatz für Freude,
pseudoaufgekläne Fonschrin.lichkeit, die konformistische VorsteIJung, aUes im
eigenen Lande und Volk sei grundsätzlich gesund. I... J Sollte dieser Typus die
unverblümtere und offenkundigere Barbarei Hitler-Deutschlands ersetzen,
dann wird dessen Geist durch die Umwandlung der ganzen Welt in eine große,
breite Autobahn überleben. Gerade bei der Abwehr dieser Gefahr, und nicht
so sehr der Gefahr einer deutschen Weltherrschaft, deren Gespenst schon
sichtbar zu schwinden beginnt, müßten die oppositionellen deutschen Kräfte,
die kulturellen nämlkh, erneut aufgerufen werden, auch wenn sie heute als teils
altmodisch, teils utopisch erscheinen mögen. ,,8
Berücksichtigt man aber das Ganze und die letztliehe Intention der Texte,
in denen solche Passagen vorkommen, dann wird deutlich, daß es nicht um
konservative Kulturkritik, um die elitäre Spiritualisierung von Kultur und die
Ignoranz gegenüber den materiellen Lebensbedingungen und gesellschaftli-
chen Verhältnissen ging, sondern um die Rettung kritischer Potentiale.
"Aber", so heißt es in dem erwähnten Memorandum, "indem die Idealisten die
engen und oft zwanghaften Grenzen des ,Praktischen' innerhalb des gegebe-

, Horkheimer, GS, Bd. 12, S. 190.


• Deutsche Überselzung des englisenen Originals, ebd., S. 190 f.
122 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

neo sozialen Gefüges durchbrachen, hjehcn sie auch gewisse Grundmocivc des
Kampfs um politische Emanzipation am Leben, die in der geschäftigen Atmo-
sphäre der in den westlichen Ländern herrschenden politischen Realitäten ver-
gessen worden waren. [...] Die Tatsache, daß die große deutsche Philosophie
weniger und mehr war als nur politische Philosophie, bringt eine Ambiguität
der Deutschen selbst zum Ausdruck. Wenn sie niemals wirkliche Citoyen wur~
den und so teilweise unzivilhiert blieben, wurden sie doch auch niemals völlige
Bourgeois, söhnten sich also nicht selbstgefallig mit dem intellektuellen und
poLitischen starus qua aU5,,,9
Bei eben dieser Ambiguität der Deutschen setzten Horkheimer und Adorno
an. Vor allem gilt das für Adorno, der darin eine erstaunliche Kontinuität be-
wies und darin seit den Zeiten der Weimarer Republjk einig war mit der Frank-
furter Schule mehr oder weniger nahestehenden Linksintellektuellen wie Wal·
ter Benjamin und Ernst Bloch. Es ging um ein Ansetzen bei der Ambiguität
der Deutschen auf dreifache Weise: es galt, diese Ambiguität klar darzulegen;
es galt, ohne Berührungsängste nach dialektisch brauchbaren Erbschaften Aus-
schau zu halten; es galt schließlich, die Deutschen zum renektierten Umgnng
mit ihrer eigenen Ambiguität zu bringen, so daß an die Stelle einer split per-
sonaliry Ambiguitätstoleranz trat.
1n seiner Antwort "Auf die Frage: Was ist deutsch" führt Adorno vorsichtig
als spezifisch deutsch an "dies Ineinander des Großartigen, in keiner konven-
tionell gesetzten Grenze sich Bescheidenden, mit dem Monströsen".10 Aber
was heißt das? Adorno gibt eine dreifache Antwort darauf. Die eine heißt:
"Drang zu unendlicher Herrschaft [im politischen Bereich, R. W.] begleitete
die Unendlichkeit der Idee, das eine war nicht ohne das andere."l1 Damit ist
offenbar gemeint, daß ein alle Grenzen mißachtender großartiger Radikalismus
des Geistes untrennbar verknüpft ist mit einem alle Grenzen mißachtenden
monStrösen Radikalismus imperialistischer Politik. Andererseits heißt es bei
Adorno auch, daß "die idealistischen Philosophien und Kunstwerke nichts to-
lerierten, was nicht in dem gebietenden Bannkreis ihrer Identität aufging".12
Damit wäre bereits jegliches Grenzüberschreiten, gleich in welchem Bereich,
dem geistigen oder dem politischen, monstrÖS, weil es kein Grenzüberschrej-
ten mit offenem Sinn für das jenseits der Grenze liegende Andere war, sondern
ein Ausweiten des Herrschaftsbereichs und eine ignorante Integration des An-
deren. Eine dritte Antwort besagt, daß das Großartige grenzüberschreitenden
Geistes unter geeigneten Bedingungen zum Wegbereiter der Monströsität einer
grenzüberschreitenden Politik werden kann.

, Ebd., S. 192 f.
10 Theodor W. Adorno, "Auf die Frage; Was ist deutsch", in: ders., SlidJ}JIOrlt, Frankfurt
a. M. 1969, S. 105.
11 Ebd.
12 Ebd., S. 105 f.
Wiggershaus, Was ist deutsch? Was ist normal? 123

Die drei Antworten bezeichnen kaum voneinander trennbare Aspekte und


wollen letztlich das Bewußt.sein dafür schärfen, daß es darauf ankommt, sich
durch das Monströse nicht den Blkk für das Großartige verstellen zu lassen,
ohne aber das Monströse durch das Großartige zu rechtfertigen. Eine wichtige
Rolle spielte dabei der Gedanke, daß nur durch großartige Kunst die Relevanz
der Kultur gewahrt oder regeneriert werden kann. Wegen des Ineinanders von
Großartigem und lv[onströsem etwas gänzlich zu verwerfen oder aus Furcht
vor dem Monströsen das Großartige an der Entstehung zu hindern könnte
monströse Folgen haben. Die vor allem von Adorno vertretene These war:
Neutralisierung der Kultur lahmte die Widerstandskraft gegen autoritäre Re-
gime und lag in deren Interesse. "Der Kulrurbegrifr', so heißt es am Ende des
erwähnten ]\'lemorandums über "Deutschlands Erneuerung nach dem Krieg",
"widersetzt sich seinem Wesen nach der administrativen Manjpulation und Re-
glementiemng. Das kommt nicht nur in der Entstellung der Kultur im Wege
ihrer Aneignung durch die westliche Geschäftswelt zum Vorsche,in, sondern
viel mehr noch im Nazi-Deutschland. Dort führt die Eingliederung aller kultu-
rellen Aktivitäten in den imperialistischen Machtapparat zut völligen Sterilität
aller Bereiche der Künste und der Geisteswissenschaften."13
Daß im nationalsozialistischen Deutschland die Kultur regredierte und die
Kulturindustrie funktionierte und ein gespaltenes Bewußtsein stabilisierte, be-
stärkte Adorno in der Überzeugung, daß es darum ging, gegen die Neutralisie-
rung der Kultur anzukämpfen, indem man zum Kulturgut Geschrumpft.es oder
Aufgeblähtes auf seine in der Gegenwart verbindlichen Gehalte hin untersuch-
te. Ein besonders brisantes Beispiel für Adornos "Rettung" eines deutschen
Extremismus für die westliche j"loderne stellte sein Umgang mit Wagner und
dessen Musik dar. "Die eigentümliche Transzendenz Wagners zur Kultur - er
ist immer über der Kultur und unter der Kultur zugleich - ist an ihm eminent
deutsch", meinte Adorno 1963 in einem Vortrag über "Wagners Aktualiliü".14
Wo Wagner ins Extrem gehe, habe das aber immer seine genaue ästhetische
Funktion. Dabei werde das Chaotische objektiviert, das Barbarische distan-
ziert. Dem Zwiespältigen von Wagners Werk suchte Adorno Rechnung zu tra·
gen durch die Enrschlüsselung des Doppelcharakters seiner Musik. Kennzeich-
nend für Adornos Verfahren war dabei der Zugang gerade von den am wenig-
sten oder nur einseitig rezipierten Teilen, Schichten, Momenten des Werkes
aus. Gemessen an der herrschenden Rezeption Wagners suchle Adorno ihn
also gegen den Suich zu bürsten, und er kam dabei zu dem Resümee: "Gewiß
ist sein Gestus, das, wofür seine Musik plädiert - und Wagners Musik, nichr
nur die Texre, plädiert unenrwegt -, ein Gesrus zugunsten der Mythologie. Er
wird, könnte man sagen, zum Advokaten der Gewalt, so wie das Hauprwerk
den Gewaltmenschen Siegfried verherrljchr. Aber indem die Gewalt in seinem

13 Horkheimer, es, ßd. 12, S. 194.


l~ Adorno, GS, ßd. 16, S. 556.
124 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

Werk rein, ohne aUes Verdeckende in ihrem Furchtbaren und Verstrickten laut
wird, ist es trotz seiner mythologisierenclen Neigung doch, es mag wollen oder
nicht, AnkJage gegen den Mythos."15 Die stets argumemative, vor dem Hinter-
grund der Überzeugung von der Vielschichtigkeit und dem Bedeutungswandel
der Werke auf konkrete ästhetische Sachverhalte eingehende Adornosche Art
des emphatischen Umgangs mit Kunst praktizierte beispielhaft Offenheit für
AmbivaJemes und Eindringen in die Komplexität von Gegenständen. Was
Adorno anzustoßen suchte, war nicht weniger als die Bildung der deutschen
Hörer. Betrachter, Leser zu künstlerischer Mündigkeit.
Verdächtiger war da das Harmlose als das mit Monsuösität Behaftete. "To-
day". so Adorno in dem oben erwähnten Entwurf für eine Umersuchung dar·
über...Wh at National Socialjsm Has Done to the Ans". "we find the heritage
of this denunciatory notion [of Kulturbolschewismus, R. W.) among some of
the sincerest foes of the Hiderian system. The world has become so ugly and
terrifying. so runs the argumem. that an should no longer dweil upon distorted
forms. discords and everything branded as being destructive, but should return
to the realm of beauty and harmony. The world of destruction. terror and sa-
dism is the world of Hit.ler. And art should show its opposition to it by going
back to its tradition al ideals."16
Wenn Habermas unter anderem in einem umer dem Titel "Die Hypotheken
der Adenauerschen Restauration" 1994 veröffentlichten Interview daran erin-
nerte. daß die kulturelle Öffnung der Bundesrepublik nach Westen gegen die
restaurative Dumpfheit der Adenauer-Periode mühsam genug durchgesetzt
werden mußte, dann hatte er dabei vor allem Adorno als herausragende
Schlüsselfigur im Sinn. Adorno war nach dem Zweiten Weltkrieg und seiner
endgültigen Rückkehr nach Westdeutschland Anfang der fünfziger Jahte viel-
leicht der einzige, der eine Verbindung herstelhe, ja verkörperte zwischen
deutscher, bis ins 18. Jahrhundert zurückreichender ambivalenter kultureller
Tradition und westlicher Moderne.

Habermas: "Man kann mit spezifisch deutschen


Erfahrungen reflektiert umgehen, ohne sich eine
Sonderrolle zuzuschreiben"
Horkheimer und Adorno benachteten die im nationalsozialistischen Deutsch-
land praktizierte Kombination von gewaltsamem partikularem Fortschritt auf
technischem, wirtschaftlichem und sozialpoljtischem Gebiet und komplemen-
tärer rassistischer Volksgemeinschafts- und Ursprünglichkeits-Ideologie als

15 Ebd., S. 549 f.
16 Adorno, es, Bd. 20.2, S. 422.
Wiggershaus, Was iSI deutsch? Was ist normal? 125

Extremform des westlichen l'vlodernisierungsprozesses. Die Rückkehr nach


Deutschland nach dem Krieg hatte für sie vor allem den Sinn, don, wo sich die
historische Tendenz zur verwalteten Gesellschaft am explosivsten manifestiert
hatte, zur Entschleunigung und Verzögerung mit den vor Ort gegebenen und
ihnen am ehesten vertrauten und zugänglichen Mineln beizutragen.
Für Habermas, wesentlich geprägt durch dje reeducation, war Auschwitz
eher eine Mahnung, den deutschen Sonderweg aufzugeben und sich in den
westlichen Entwicklungspfad als Garanten einer wie immer auch ambivalenten
Normalität zu integrieren. Die These eines deutschen Sonderwegs, seit der
Französischen Revolution aktuell, haue wechselnde Bedeutungen. Im Zeüalter
der preußischen Reformen und in den Regionen eines rheinischen Kapitalis-
mus vor 1848 stand sie für die Überzeugung, daß Deutschland durch politische
Reformen bzw. einen sozial verantwortlichen Kapitalismus auf friedliche, ge-
mäßigte, konfliktlose Weise erreichen könne, was westliche Länder wie Frank-
reich und England in krisenhafter und gewaltsamer Form erreichten. Später
war die Sonderwegsthese autoritär-konservativ geprägt und diente zur Recht-
fertigung eines deutschen Wegs, der gekennzeichnet war durch einen starken
Staat und ein schwaches Parlament, eine starke Wirtschaft und eine nationalj·
stische Kultur. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und der Adenauer-Ära wurde
die Sonderwegsthese in einer kritischen Variante aktuell. Nun wurden die
Schwäche des Bürgertums und des Parlaments, der Überhang konservativer
Elüen und die Staatsideologie als Ursachen für den Ausbruch des Ersten Welt-
kriegs und das Scheitern der Weimarer Republik mit all seinen Folgen zum
Beleg für einen deutschen Sonderweg mit negativem Vorzeichen. Dabei wurde
allerdings eine kritisch gesehene deutsche Realüät an einem unkritisch gesehe-
nen Amalgam von französischem und englischem Ideal gemessen. Nach dem
Ende der sozialliberalen Phase der Bundesrepublik wurde immer ausgeprägter
erneut eine konservative positive Variante der Sonderwegsthese vertreten, die
durch die deutsche Wiedervereinigung Stärkung erfuhr. Sie besagt, daß
Deutschland dann endlich wieder eine normale Rolle spiele, wenn es im Be-
wußtsein seiner besonderen Funktion als mitteleuropäische Macht zwischen
West und OSt die Balance halte und auf der weltpolitischen Bühne so selbstbe-
wußt und im stolzen Bewußtsein einer zustimmungsfahigen Vergangenheit
auftrete wie andere starke Nationen.
Wohl keiner hat so beharrlich und entschieden jedem ungeduldigen Norma-
lisierungsverlangen durch den Hinweis auf den deutschen Zivilisationsbl"Uch
und eine spezifisch deutsche Dialektik der Normalisierung widersprochen wie
Habermas. Für ihn sind mit dem spezifisch Deutschen nicht wie für Horkhei-
mer und Adorno auch besondere Chancen für einen erträglichen westlichen
Fonschritt verbunden, sondern einzig besondere Bedingungen für eine Anglei.
chung Deutschlands an den Westen. "Nach Auschwitz", so Habermas 1986 im
Rahmen des sogenannten HistOrikerstreits in einem Zeitungsartikel "Vom öf-
fentlichen Gebrauch der Historie", "können wir nationales Sclbstbewußtsein
allein aus den besseren Traditionen unserer nicht unbesehen, sondern kritisch
126 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhundens

angeeigneten Geschichte schöpfen. Wir können einen nationalen Lebens·


zusammenhang, der einmal eine unvergleichliche Versehrung der Substanz
menschlicher Zusammengehörigkeit zugelassen hat, einzig im Lichte von sol-
chen Traditionen fortbilden, die einem durch die moralische Katastrophe be·
lehrten, ja argwöhnischen Blick standhalten. Sonst können wir uns selbst nicht
achten und von anderen Achtung nicht erwarten,"I' Es gehr dabe,i um histori-
sche Interpunktionen, um Akzentsetzungen beim Blick auf historische Tradi·
oonen, letztlich darum, ob Deutsche ohne Verharmlosung von Auschwitz und
unter Betonung von deutschen Traditionen, in deren Licht Auschwitz er-
schrecken läßt, eine schwierige Normalität wählen, oder ob sie um den Preis
einer Verharmlosung von Auschwitz und unter Betonung von deutschen Tra-
ditionen, in deren Licht Auschwitz nichts nachhaltig Erschreckendes hat, eine
unkomplizierte Normalität wählen, in der eine homogene Gemeinschaft
Selbstbestätigung findet und durch ihren kollektiven Narzißmus eine ständige
Bedrohung für die übrige Welt darstellt. Schwierige Normalität würde bedeu-
ten, die Opfer, tote wie überlebende, ins deutsche Gedächtnis, in die deutsche
historische Identität aufzunehmen und die starke wirtschaftliche und zuneh+
mend auch politische Position auszubalancieren durch das Bewußtsein der er-
fahrenen eigenen Schwäche im moralisch-ethischen Bereich - kurz: durch den
wachen Sinn für die in Deutschland in extremer Form zutage getretene und
weiterhin deutliche Dialektik des Fortschritts.
Nahe daran, eine solche Vorstellung von schwieriger deutscher Normalität
öffentlich zur Diskussion zu stellen, war in den sechziger Jahren einmal Hork+
heimer. In der Frankfurter Allgemeinen Zeit/mg hatte er gelesen, der damalige
langjährige Präsident des deutschen Bundestages, Eugen Gerstenmaier, habe
erklärt, es gebe in der Bundesrepublik keinen Antisemitismus mehr. Daraufhin
verfaßte Horkheimer einen Brief, in dem er prägnant umriß, was Habermas
später Dialektik der NormaUsierung nannte.
"Die gemeinschaftliche Sclbstbezichtigung war unrecht und unwahr, denn
sie bezog nicht nur die Anständigen, sondern die zahllosen Helden und Märty-
rer ins falsche Wir der Hitlerzeit mit ein. Schuld betrifft die Einzelnen und sei·
en es noch so viele; aUes andere ist verhängnisvoller Mythos. Wäre jenes fal-
sche Bekenntnis wahr und aufrichtig gewesen, dann würde das deutsche Volk
jedem ins Won fallen, der heute davon spräche, Antisemitismus, Haß, Gewalt-
tat könne in ihm nicht mehr sich ausbreiten, [... 1 und nur die draußen oder die
möglichen Opfer dürften, von sich aus, darauf beharren, die Gefahr des Has-
ses sei in Deutschland vorbei."18
Horkheimer wollte keinen Aufruf zur Buße. Die Jugend sollte die eigene
Geschichte kennenlernen ohne das Gefühl der t'vlindecwcrtigkeit, des Neids

11 Jürgen Habermas, "Vom öffentlichen Gebrauch der Historie", in: ders., Eint Arl
S(hadtnJab.ridehutg, Frankfurt a. M. 1987, S. 142.
18 Brief Horkheimer-Gerslenm2ier, 10. Juni 1963, in: Horkheimer, GS, Bd. 18, S. 549.
Wiggershaus, Was ist deutsch? Was ist normal? 127

und des geheimen Grolls. "Mit dem Hitlerreich, als es noch groß und mächtig
war, dje Arbeitslosigkeit durch Diktatur kurierte und fast den Krieg gewann,
ebenso wie mü der Niederlage, haben die Deutschen eine Erfahrung gemacht,
die andere Völker, etwa Frankreich, durch ältere, umjubelte Diktaturen und
deren Niederlagen, einmal gewon.nen und fast schon wieder vergessen haben.
Die Gewaltherrschaft war in Deutschland krasser, weil sie in der Entwicklung
später kam, wirksamerer Techniken sich bedienen konnte und ein schlechteres
Gewissen übertönen mußte als frühere Tyranneien anderswo. Einmal haben
die Alliierten Frankreich von Bonaparte befreit, der sonst Europa erobert hät-
te. Wenn die Jugend in Zukunft für ihre demokratische Verfassung einstehen
und dje Verächter der Menschenrechte im Osten oder Westen selbst verachten
soll, so muß sie in einem schwierigen inneren Prozeß die Unverletzlichkeit der
Person erst als Idee sich zu eigen machen und an der deutschen Geschichte die
unendliche Bedeutung individueller wie kolJektiver Freiheit einsehen lernen.
I... J Die Nazi-Episode darf nicht bloß ein dunkler Fleck in der eigenen Ge-
schichte blejben, sie kann als eines der schmerzlichen historischen Erlebnisse
des eigenen Volks erinnert werden, durch die es mündig wird. [... 1Um ihre ge-
fährdete Kultur zu bewahren, müssen die Völker dieses Kontinents [... J daran
denken, daß sie jeden Augenblick in Frage steht. Sie bedürfen der Fähigkeit,
auf die Illusion zu verzichten, die in ihrem Innern lauernde Barbarei sei tot."19
Horkheimer schickte den Brief dann nicht dem Präsidenten des deutschen
Bundestags, sondern einen Durchschlag dem hessischen Minister für Erzie-
hung und Volksbildung als Anregung für den Unterricht. Worauf HOtkheimer
resigniert verzichtete und was ja in der Tat ohne entsprechende Partner auf
seiten der Vertreter einer postfaschistischen deutschen Identität nicht von ei-
nem Überlebenden getan werden konnte, hat Jürgen Habermas sich zur Aufga-
be gemacht: das Gespür dafür wachzuhalten, daß "nur die schmerzhafte Ver-
meidung eines doch nur zudeckenden Bewußtseins von ,Normalität'" auch in
Deutschland nach der Adenauerzeit einigermaßen normale Verhältnisse er-
möglichte, daß Normalität in Deutschland nur eine schwierige sein kann. Spe-
zifisch deutsch wäre dann nicht mehr das Ineinander von Großartigem und
Monströsem, sondern eine besonders verständigungs bereite und weitgehende
Akzeptierung des Anderen, Abweichenden dank einem besonders ausgepräg-
ten Bewußtsein fur die Zerbrechlichkeit und Gefährdetheit der eigenen Identi-
tat.
In der von Habermas entwickelten Variante kritischer Gesellschaftstheorie
liegt der Akzent auf einer Kritik der Verständigungsverhältnisse. Im Licht sei-
ner Teilnahme als Intellektueller an der öffentlichen Erörterung deutschen
Selbstverständnisses zeigt sich, daß das eng zusammenhängt mit einer genera-
tionsspezifischen Erfahrung. Eine traumatische Vergangenheit verlangt nach
der Auflösung scheinhafter Akzeptanzen und der Herausbildung einer poljti-

19 Ebd., S. 551 f.
128 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhundens

sehen Kultur, in der die öffentliche und argumentative Auseinandersetzung als


selbsrverständlkh gilt. Wird eine traumatische Vergangenheit verdrängt gehal-
tcn - sei es durch Beschweigcn, sei es durch bloß entlastende Rituale und
Denkmäler - hat das fatale Folgen, die in der zeitlichen Distanz eher noch an·
wachsen. Zu solchen Folgen gehören eine dauernde Dumpfheit des gesdJ-
schaftliehen Klimas und die Fortsetzung einer einseitigen Modemisierung, die
die moralische und zivilgeseUschaftliche Dimension vernachlässigt.
Wolfgang Eßbach

Subversion, Kritik und Korrektur


als Theorie-Praxis-Modelle

I
Wissen soll anwendbar sein. Prax..isferne Bildung, Grundlagenforschung, wis-
senschaftliches Liebhabertum, v3!folbunclierencle Renexion - sie sind vielleicht
dann noch eine gewisse Zeit an Universitäten geduldet, wenn sie glauben ma-
chen können, daß in ihrem Bereich auf wundersame Weise demnächst etwas
entsteht, das irgendwo zum Wohle eines kJcineren oder größeren Teils der
Menschheit angewandt werden kann. In dieser rarendrangvoUen Atmosphäre
von WissensgeseLlschaft haben Disziplinen, die zur Erfindung, Herstellung
verkaufbarer Güter oder der AusbiJdung von Fachpersonal mit unersetzbaren
Fähigkeiten beitragen können, massenkommunikative Vorteile vor den Fä-
chern, deren Identität an große Theorie gebunden islo Es ist das Glück der So-
ziologie, daß sie zumindest in Europa die spannungsvolle Nähe zu der Art von
Philosophie gewahrt hat, die nicht als historische oder kognitivistische Spezial-
disziplin abgedankt halo Wer heute in Sozial- und Kulrurwissenschaften nach
anspruchsvollen Modellen für Theorie-Praxis-Verhiltnisse Ausschau hält, in
denen nicht praxisorientiert theoretisiert, sondern theorieorientiert Praxisfor-
men thematisiert werden, wird bald auf drei Theorietraditionen und Denk-
Schulen stoßen, deren umerschjedliche Auffassungen über Jahrzehnte Gegen-
stand von zum Teil sehr unfruchtbaren Abgrenzungsdebanen gewesen sind:
"Poststrukturalismus", "Kritische Theorie" und "Philosophische Anthropolo·
gie". Die intellektuellen Grabenkämpfe von "Struktur" versus "Geschichte",
"Geschichtlichkeit" versus "Anthropologie", "Subjektverendung" versus "Au-
thentizität", "Vernunft" versus "biologistischer Irrationalismus" und andere
mehr haben dabei aHzuoft verdeckt, daß mit diesen Richtungen drei Themen
im 20. Jahrhundert aufgebrochen sind, die für das sehr alte Iheona Cilltl praxi ei-
nen neuen Zugang versprechen.
Nimmt man zum Beispiel Michel Foucauh, Theodor W. Adorno und Hel-
rnuth Plessner als Repräsentanten, so ließe sich sagen: Bei Foucault geht es
neben vielem anderen um das Verhältnis von Surrealismus und Strukturaljs-
mus, um dje Beziehungen zwischen Kunstpraxis und Wissenschaftspraxis, zwi-
schen Poesie und Präzision, zwischen Suggestion und Rationalität. - Bei Ador-
no geht es um das Risiko der Fortsetzung des Marxismus aJs einer Fortsetzung
der revolutionären Tradition Europas, ob man sie nun in der alten Welt, im
130 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

Mittelalter oder in der Neuzeit beginnen läßt. - Bei Plcssncr geht es um das
Verhältnis von Biologie und Kultur des Menschen, das sich mit den dramati-
schen Fortschritten der Humanwissenschaften und ihrer technischen Anwen-
dungen neu stellt. - Foucault, Adorno und Plcssner sind insofern beliebige
Namen, sie dienen als Abkürzung von Problem beschreibungen, die sich im 20.
Jahrhundert bei zahlreichen InteilekrueUcn wiederfinden lassen. Man könnte
auch sagen, es geht um die drei Antinomien von Lebenskunst und Wissen 4

schaft, von Glücksversprechen und Herrschaft, von Würde und Vercinseiti-


gung.
Subversion, Kritik und Korrektur sind drei Thcorie-Praxis·Modclle, die ich
an die genannten Theorietraditionen anschließen möchte und die ich auch die-
sen Theorietraditionen entnommen habe. Ich werde in einem erSten Schritt
eine grobe s)'stematische Skizze von Theorie-Praxis-Rahl1lUngen versuchen
und dann in einem zweiten Schritt ein Stück weit in die theoriegeschichtlichen
Verwicklungen einsteigen. Schließlich werde ich einige Elemente für eine Be-
schreibung der heutigen Situation herausstellen.

II
Das Verhältnis von Theorie und Praxis stellt sich je nach Wahl des Rahmens
etwas anders dar. Die wichtigsten bekannten Rahmungen seien hier proviso-
risch gegliedert. Dabei werden die Differenzen überbetont. In der Denkge~
schichte des Theorie-Praxis-Problems sind vermutlich Mehrfachnutzungen der
Rahmenbestimmungen das eigentlich Interessante.
Den historisch frühesten Rahmen bildet vielleicht der Rahmen des Heiligen
und des Profanen. Die TheoriesteIle nimmt hier eine Prophetie oder ejne Visi-
on ein, oftmals handelt es sich um Erscheinungen des Traumes. Es ist eine be-
sondere Qualität spiritueller Erfahrung, die sich dann einstellen kann, wenn
der Druck des Alltags ruht und die Tätigkeit der praktischen Lebensgestaltung
ausgesetzt ist. Daß das Bereitmachen für die göttliche Inspiration seinerseits
zum Teil sehr umständliche rituelle Praktiken erforderlich macht, ist bekannt.
Aber diese Praktiken sind Pseudo-Praktiken, sie sind abgehoben von dem, was
in unheiligen Handlungsbereichen getan wird. Theorie ist in diesem Rahmen
transzendierend, Praxis verbleibt in der Immanenz. Theorie richtet sich auf
den Bereich des AußeraUtäglichen, sie soll gerade in Spannung zum gewöhnli-
chen Tun und Lassen treten und weitabgewandt ein Reich eröffnen, das nicht
von dieser Welt ist.
Neben die religiöse Rahmung kann diejenige gestellt werden, die in der For-
mel "Philosophie und Leben" vorljegt. So sei Thales, während er sich mit den
Sternen beschäftigte, in einen Brunnen gefallen und habe sich von der lachen-
den Dienstmagd aus Thrakien sagen lassen müssen, er wolle Dinge am Himmel
zu wissen bekommen, während ihm doch schon das, was ihm vor den Füßen
liege, verborgen bleibe. Hans Blumenberg hat die zahlreichen Versionen dieser
Eßbach, Subversion, Kritik und Korrektur 131

Geschichte von Platon bis Heidegger als eine "Urgeschichte der Theorie"
nacherzählt. Das Denken wird hier als eine Abstraktion vorgestellt, die von der
RaumzeitstelJe des Körpers wegführt, so daß schon ein kJeiner Schritt zum
nfall führt. Diese Theorie kann auch graue Theorie werden, die vom bunten
Traum des Lebens Abschied genommen hat. Es ist die unempirische Theorie,
die gegen das Pathos des "Wirklichen", sei es als "wirkJichen Menschen" Feu·
erbachs, sei es als "Studium der Wirklichkcit" bei Kar! ,fanc in Anschlag ge·
bracht wird. Oft ist es eine Art Idealismus, der diese TheoriesteIle einnimmt.
eine handlungslose Selbstbesinnung oder Reflexion, in der man Arnold Gehlen
zufolge gar keine \'(/irklichkeit erfahrt. Umgekehrt entsteht solche Reflexion als
ein Kreisen in sich, wenn Handlungschancen verwehrt sind oder wenn Praxis-
räume verschlossen erscheinen, weil die Fallhöhe zwischen dem orientierenden
Leuchten der Sterne und den banalen Hindernissen einer Wegstrecke zu groß
ist. Eine insistente DauerreOexion ist nach Helmut Schelsky bekanntlich nicht
institutionalisierbar, und wo sich Reflexionseliten gebildet haben, gilt für ihn
buchtitclgebend "Die Arbeit tun die anderen".
Sonntägliche Vision und Alltag, die Theorie des Himmelsgewölbes und die
praktischen Schritte - in beiden Rahmungen ist die Praxisseite nur umrißhaft
als eine Seite, die einen Abstand zur Theorie hat, eingeführt. Wollte man wei-
tere Differenzierungen entwickeln, so ließen sich in idealtypischer und heuri·
stischer Hinsicht drei differenziertere Theorie-Praxis-ModeUe bilden:
I. Kopfarbeit und Handarbeit,
2. \Xlissen und l'o-lacht sowie
3. Projekt und Experiment.
1. Die Theorie·Praxis· Vermittlung kann in der marxistischen ünie als Unter·
schied von Intellektuellen und Proletariern, von Kopfarbeit und Handarbeit
profiliert werden. Der junge Mars: hat in Anschluß an Moses Heß' europapo-
litisches Konzept eines Bündnisses deutscher Theorie und französischer Praxis
sein generalisiertes k1assentheoretisches Bündnis von Philosophie und Proleta-
riat entwickelt. Dabei ist die Theorieseite als gründliche Philosophie oder spä.
ter häufiger als Kritik bestimmt, während auf der Praxisseite schwankend mal
"Herz" und mal "Hand" als Metaphern dienen werden. Beide könnten heute
als Solidaritätsfahigkeit des Einzelnen und als Organisation der Arbeit über-
setzt werden. Darüber hinaus erscheim die Praxisseite als in verschiedener
Weise so .. materialistisch" konnotiert, daß der a.Ite Gegensatz von Geist und
Natur weitertransportiert werden kann. Die marxistische Arbeitsteilungslehre
ist in den Narrativen \'on der Entstehung der Arbeitsteilung schwankend. Zu-
nächst ist die Arbeitsteilung von Mann und Frau im Geschlechtsakt begründet.
dann gilt als größte Teilung der geistigen und körperlichen Arbeit die Tren-
nung \'on Stadt und Land.
In der Kritischen Theorie jedenfalls ist das Motiv hochpräsent. Bei Adorno
mit einem besonderen Interesse am Einzelsubjekt. Meine These ist. daß das
Theorie·Praxis-ModeU vom Typ Kritik wesent.lkh dieser Tradjtion, Theorie-
132 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

Praxis-Vermittlungen anzulegen, entspringt: Theorie ist Kritik der Praxis; Kri-


tik richtet sich gegen ein Denken, das vom Boden der Praxis als Herz oder
Hand oder vom Boden des Landes, später der Industriearbeit, heute vielleicht
der Computcrarbeit, als primärer Produktion einer Lebcnswelt abhebt; in je-
dem Fall gegen ein Denken, das die materiellen Bedingungen seiner Einzelexi·
stenz ignoriert. Kritik ist hier eine Doppelwaffe. sie ist einmal Kritik bestehen-
der Praxis und das andere Mal mit Bezug auf die best,ehende Praxis, Kritik des
Denkens. das sich dieses Bezuges enthebt.

2. \'Vissen und Macht profiliert die Theorie.Praxis-Beziehung anders. Das


Thema gewinnt mit Bacons "Wissen ist Macht" an Fahrt und ist lange um das
Verhältnis neuzeitlicher Wissenschaft zur staatlkhen Macht zentriert. 1n der
stilbildenden Vergesellschaftungsform neuzeitlicher Naturwissenschaft geht es
um die Kreation harmloser wissenschaftljcher Gegenstände, die so gemacht
sind, daß die Risiken kjrchlicher und staatlicher Verfolgung und Verfemung
minimiert werden. Zuerst gelingt dies im Bereich des praktischen Umgangs mit
Sachobjekten. Der Streit zwischen Boyle und Hobbes über die politischen
Konsequenzen oder die Harmlosigkeit etwa der Theorie des Äthers ist hier
paradigmatisch. Wissen erscheine als so fachlich sortiert, daß die aneinander
angrenzenden Thematiken in ihrem Bestand nicht gefährdet werden, es gibt
Zuständigkeiten und Mandate für Aussagengebiete. und diese Institutionen,
die Stätten sachhingegebenen Forschens sind, kodieren sich selber als unpoliti-
sche Einrichtungen. die gleichwohl eine l\:lehrung des Wohls eines kleinen
oder großen Teils der Menschheit versprechen: ungemein praktisch und unge-
mein unpolitisch.
\'Vissen und Macht ist das zentrale Thema der Diskursanalysen Foucaults.
l'vleine These iSt, daß das Theorie-Praxis-ModeU vom Typ Subversion wesent-
lich dieser Thematik entspringt. Das sich selbst neutralisierende und sich selbst
verharmlosende Wissen, das seinen letzten Boden in der reinen Wahrheits-
suche finden möchte. wird von Foucault einer strukturalistischen Analyse un·
terzogen, die die Reinheit und Klarheit des epistcmischen Modells oder Para-
digmas redupliziere, um diese dann als eine surreale Welt erscheinen zu lassen,
die mit dem Politischen von Gewalt. Eroberung, Ausschluß, Einsperrung, das
heißt der Organisation gesellschaftlicher Macht, zutiefst verflochten ist. Die
Erschünerung der unpolitischen wisscnschaftlkhen Wahrheit geschieht auf
dem Wege der Subversion, und sie bedient sich der poetisch-politischen Prak·
tiken des Surrealismus.

3. Schließlich Projekt und Experiment. Diese Profilierung des Theorie-Prax.is·


Verhälmjsses nimmt dje krisenhaften Verwerfungen zwischen Philosophie und
Naturforschung zum Ausgangspunkt. Auf der Theorieseite wird der Entwurfs-
charakter des Geistigen, sein utopisches, planerisches und gestalterisches Po-
tential akzentuiert. Es geht nicht um die Subversion einer hinter den Episte-
men liegenden ruhigen Wahrheit, auch nicht um die nachträglich kritisch fest-
Eßbach, Subversion, Kritik und Korrektur 133

zustellenden Bedingtheiten von Theorie, vielmehr ist mit der Leib-Körperlich-


keit des Menschen schon im Ansatz eine Verschränkung von Theorie und Pra-
xis gegeben. Der werdende Mensch als ein Projekt steht im Zentrum der Philo-
sophischen Anthropologie I\lax Schelers. Bei Plessner ist menschliche Existenz
von vornherein essa)'istisch, im Sinne eines: Es immer wieder von neuem ver-
suchen. Dies gehört zu seiner Würde. Praxis berührt sich hier mit den Tradi-
tionen des amerikanischen Pragmatismus, dem freilich nicht unbedingt eine
prädestinierte Garantie des JIInit'ol mügegeben ist, sondern bei dem insgesamt
der \'(/agnischarakter mit aU er Tragik und Komik betont wird. Akzentuiert wer-
den dabei gerade die spielerischen und empfindlkhen Seiten, die sowohl Praxis
wie Theorie haben können. I n der lebensphilosophischen Grundierung spielt
das Motiv der Kreativität eine besondere Rolle. Das Spiel liegt zwischen Revo-
lution und Zerstreuung. Künstlerisches und technisches Handeln haben glei-
chen Wen.
Meine These ist, daß das Theorie-Praxis-Modell vom Typ Korrektur we-
sentlich dieser Theorie.Praxis-Auffassung entspringt. Die Ausarbeitung der
naturalen Seiten menschlicher Existenz korrigiert die Überbetonung des Gei-
stigen, und ebenso wird eine Naturalisierung und Biologisierung menschlkhcr
Kultur zurückgewiesen, die den Bruch im Evolutionsgeschehen der atur
nicht wahrhaben wilJ. den menschliche Geistigkeit durch ihr Neinsagenkönnen
verursacht hat.
Es ist ein heterogenes Erbe, das Plessner, Adorno und Foucault hinterlassen
haben. Es verführt zum Spiel mit Hegemonien und gegenseitigen Verwerfun-
gen, sei es, das man der Subversion die Kraft zubilligt, Kritik und Korrektur
mau zu machen, oder sei es, daß Korrektur und Subversion von Grund auf
kritisiert werden oder daß im Gegenzug Kritik und Subversion ihre Korrektu-
ren erfahren. \'he immer auch die Rosse vor der \'\Iagen gespannt werden, an-
spruchsvolle Theorie-Praxis-Beziehungen heute halten das Disparate zusam-
men, es sei denn, man nähme in Kauf, alles zu verfehlen.

III
Nach dieser systematischen Skizze möchte ich Verflechtungen der drei Model-
le ein Stück weit theoriegeschichtlich entwickeln. Subversion, Kritik und Kor-
rektur haben jeweils eine enorme inteJIektuelle Vorgeschichte, bis sie die Ge-
stalt gewonnen haben, die Foucault, Adorno und Plessner ihr gegeben haben.
Hilfreich ist es, genauer auf die Urszene um 1900 zurückzugehen, in der in der
Grundlagenkrise moderner Wissenschaft die Einheit von Natur- und Geistes-
wissenschaften so zerbricht, daß diese Kernspaltung sich innerhalb der einzel-
nen Domänen fortlaufend fortsetzt. Natur- und Geisteswissenschaften treten
in dem Moment auseinander, da sowohl für den Naturbegriff wie fur den
Geistbegriff neue wissenschaftliche Rahmungen erforderlich werden. Sowohl
Philosophische Anthropologie und das Modell der Korrektur als auch Kriti-
134 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhundens

sehe Theorie und das Modell der Kritik wie auch die Spannung zwischen Sur4
realismus und Strukturalismus, die für den späteren Poslstrukturalismus maß-
geblich werden wird, haben in derselben Krise ihren Ursprung. Ich erinnere
nur stichwortartig an einige Zusammenhänge.
Oie alte VorsteUung einer Gesetzesratio, die der atur immanent ist und die
menschlicher Intellekt nach und nach durchsichtig machen kann, weil er selbst
de,r narurimmanenten Gesetzlichkeit angehört, muß angesichts biologischer
und psychologischer Forschung fallengelassen werden. Die stabile Beziehung
physikalischer Naturgesetzlichkeit, die sich im zeitlichen empirischen Gesche-
hen zeigt, zum erkennenden Vernunftsubjekt, das sich seiner zeitlosen Ver-
nunftfunktion sicher ist, wird fraglich, wenn z. B. nach Hirnschädigungen bei
Aphasikern oder bei Versuchspersonen nach Einnahme von Rauschmitteln
nicht nur Ausfallerscheinungen zu vermelden sind, sondern aus dieser Natur
heraus sich relativ geschlossene Sonderwelten einer anderen Wahrnehmung
lind eines anderen Denkens bilden. Mit diesen und anderen Forschungen, z. B.
mit Uexkülls protokybernetischer Umweltlehre, werden biologische Phänome-
ne vom physikalischen Naturbegriff ein Stück weit distanziert und in eine neue
Beziehung zu psychischen Erfahrungs- und Erlebniswelten gebracht, für deren
Emschlüsselung nicht zuletZf die Psychoanalyse genutzt werden konnte. Die
Aphasiker von Gelb und Goldstein, Freuds Traumdeurung und die Rauschmit-
telexperimeme, sie kehren als Bezugspunkte bei Plessner und Adorno ebenso
wieder wie im Surrealismus und Strukturalismus als den beiden Hauprquellen
für das Denken Foucaults.
Während biologische und psychologische Forschung sich aus dem allgemei-
nen Physikalismus des Naturbegriffs herausarbeiten, in dem Zug um Zug Dif-
ferenzierungen zwischen Anorganischem und Organischem und solchen zwi-
schen Organischem und Psychischem hervortreten, pluralisiert sich mit den
Fortschritten von ethnologischer, soziologischer und histOrischer Forschung
das, was als menschlicher Geist bislang kohärent und eindeutig vorgestellt
wurde. Kunst, Religion und das Wissen selbst stehen nicht mehr niederen Le-
bensphänomenen absolut entgegen, sondern werden daseinsrclativ. Ausgear-
beitet werden Korrelationen von Natürlichkeit lind Künstlichkeit, einmal -
Marx weiterschreibend - der natürlichen Lebensgrundlagen und der Wirt-
schaftsweise, dann - Freud weiterschreibend - der biologischen Sexualfunktio-
nen und der Familienformen mit allen Sex-Gendcr-Verhältnissen, sowie
schließlich - Nietzsehe weiterschreibend - des vitalen Dominanzstrebens und
der Formen von Recht und Politik. Über Wahrheit und Wissen kann man seit-
dem nicht mehr sprechen, ohne sich mü Fragen von Historizität und Kultur-
relativität auseinanderzusetzen. Die GeschichtJichkeit der \'(lehsicht und die
topologische Streuung nebeneinanderliegender und ineinander verschachtelter
Wehen ist in den Referenzen z. B. Plessners auf Dilthey, Adornos auf Man:
und Foucauhs auf den Surrealismus stets präsent.
lvlit diesen Entwicklungen erwies sich die philosophische Bastion des Neu-
kantianismus, das heißt der strikten Scheidung ideographischer Wertewissen-
Eßbach, Subversion, Krilik und Korrektur 135

schaften und nomothetischcr Gesetzeswissenschaften als viel zu sperrig. Dies


ist freilich nur die Sicht auf die innerakademische Problemlage. Die Grundla-
genkrise der Wissenschaften war zugleich eine allgemeine Kulturkrise, in der -
um es hier einmal mit luhmannschen Vokabeln zu sagen - die stabilisierenden
Interpenetrationen und strukturellen Systemkopplungen so gelockert und au-
ßer Betrieb gesetzt waren, daß die Funktion des Wissenschaftssystems und der
Universität für andere Systeme und damit eben auch das Denken von Theorie-
Praxis-Vermittlungen neu bestimmt werden mußten.
Exemplarisch Ließe sich dies an der neukamianischen Debatte um die Wert~
freiheit der Wissenschaft zeigen. Die Wertfreiheitsforderung, aus der innerwis-
senschaftlichen Scheidung von Wer[ und Wissen abgeleitet, ermächtigt die
Welt der politischen, technischen und ästhetischen Praxis in ganz neuartiger
Weise zu eigenen Werrsetzungen und Sinnstiftungen, die als legitime Interes-
sen-Ideologie, als Selbstbindung in religiöser Überzeugung, als arbiträre
Selbstbeschreibung oder als unhintergehbare Weltanschauung dem alten Auf-
klärungsanspruch der Wissenschaft im Kern entzogen werden. Umgekehrt su-
chen Wirtschaft, Technik und Politik ihre mehr und mehr entbürgerl.ichten
wilden Wensetzungen durch exklusive Beziehungen zu Teilen der Wissen-
schaft argumentativ aufzubessern. Die Bündnisse Wissenschaft und Wirt-
schaft, Wissenschaft und Politik, Wissenschaft und Technik, Wissenschaft und
Verwaltung usw. beginnen zu wuchern. Die Scheidung von Wen und Wissen
führt so im 20. Jahrhundert zu kontingenten Theorie-Praxis-Kopplungen. Es
handelt sich um jeweils an isolierten, speziellen Praxisbereichen orientierte
Theoretisierungen von bisweilen sehr kurzer Reichweite, die über irgend einen
zusammenhängenden Theorie- oder Wissenschaftsbegriff nicht mehr zu fassen
sind. Gegen solch okkasionelle und opponunistische Praxisorientierung von
Theorie waren Poststrukruraiismus, Kritische Theorie und Philosophische An-
thropologie bei aUen Unterschieden in dem, was sie als wirksames philosophi~
sches Ferment herausstellten, an theorieorientienen Praxis formen interessiert.
Es ließe sich gerade an den Schriften von FOllcault, Adorno und Plessner
auch zeigen, welche Anstrengungen nötig sind, das Prinzip der Wertfreiheit
der Wissenschaft nicht zum Vorwand werden zu lassen, sich der Theorie-Pra-
xis-Vermittlung überhaupt zu verweigern oder sich nur an die Vorgaben zu
halten. Subversion, Kritik und Korrektur können somit auch als drei Versuche
gelesen werden, der Zerreißprobe zwischen wenfreier Wissenschaft einerseits
und den kontingenten Praxisanschlüssen an politische Ersatzreligionen bzw.
technokratische Markrverwertung andererseits zu entkommen.
Im Theorie·Praxis-Modell Kritik geschieht dies zum Beispiel in der Formel,
daß philosophische Kritik sich am Leben hält, weil der Augenblick ihrer Ver-
wirklichung versäumt wurde. Das theoretisch Wichtigste ist praktisch
unabgegohen. Also gilt es mit langem philosophischem Atem zu warten u.nd in
gewisser Weise die alt jüdische Figur der Umerschiedslosigkeit von Leben und
Lehre, das heißt das Dasein als eine Darstellung des Gesetzes durchzuhalten.
Im Theorie~Praxis~Modell Korrektur ist die Formel vom hOlJlo abscolldi/UI das
136 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

Medium, die praktischen Einseitigkeiten von erstelltem und angewandtem Spe-


zialwissen sowie systemischen Verhaltenserwartungen zurechtzubiegen. Der
praktische Experimentalismus der Neuzeit wird dabei philosophisch-anthropo-
logisch auf den Menschen als Frage rückbezogen. So sind Korrekturen von
VergegenständLichungen und Verfügbarmachungen möglich und sichern
menschliche Möglichkeiten in eine menschliche Zukunft hinein.
Im Theorie-Praxis·ModeU Subversion fühn die Verfremdung von wissen-
schaftlichen und denksystematischen Plausibilitäten und Evidenzen zu einer
Neutralisierung zweiten Grades und zu einem praktischen ethisch-ästhetisch
gebundenem Spiel mit Kontingenz.
Der Hauptgegenspieler Kritischer Theorie ist vielleicht die politische Er-
satzreLigion gewesen, sei sie nun eine bolschewistische, sozialdemokratische,
christlich-soziale oder -liberale Weltanschauung. Im Zentrum steht die Dialek-
tik jeder Aufklärung und Emanzipation. Der Kern bei Adorno ist die Ideolo-
giekritik als eine negative Theorie-Praxis-Identität. - Die Philosophische An-
thropologie hat ihren Widerpart in den sich ausdifferenzierenden Wissenschaf-
ten vom .Menschen, und zwar insbesondere in den Wissenschaften, die die Er-
forschung des menschlichen Organismus und dje Erforschung des menschli-
chen Geistes nicht zum Ausgleich bringen können. Der Kern Philosophischer
Anthropologie ist die Korrektur von Biologismus und Kulturalismus, und de-
ren entsprechenden technisch·wirtschaftlichen und technisch-administrativen
Anwendungen. - Der Poststrukturalismus Foucaults hat seinen Widerpart in
den neutralen Wissenssystemen. Sie werden aber nicht mit Blick auf ihre inne-
re ZerkJüftung wie bei Plessner korrigiert, auch nicht mit Blick auf ihre Ideo-
10gieHihigkeit für politische Ersarzreligionen der Emanzipation kritisiert wie
bei Adorno, vielmehr geht es um die Subversion des Wissens durch Surreali-
sierung. Die Absurdität, der Wahnsinn und die Verkehnheit der Evidenzen,
die wir für wahr halten, enthüllt sich durch die Praxis poetisch-präziser Ge-
sten. Zielpunkt ist dabei eine Ästhetik der Existenz, das heißt - um zu diffe-
renzieren - nicht Würde wie bei Plessner, nicht Utopie der Versöhnung wie
bei Adorno.

IV
Abschließend noch emige Überlegungen zu der Frage: Tragen die drei Theo-
rie·Praxis·Modelle noch heute und für die Zukunft? Die Antwort ist einfach:
Solange keine neuen Konzepte erkennbar sind, bleiben uns nur die, die skiz-
ziert wurden. Wenn nun keine neuen Konzepte vorliegen, sondern wir auf eine
postmoderne Reflexion der Konzepte der Moderne des 20. Jahrhunderts ver-
wiesen sind, so bleibt freilich immer noch die Umwegfrage: wie steht es mit
den gesellschaftlkhen Bedingungen, an die Subversion, Kritik und Korrektur,
an die ein Denken im Geiste Foucaults, Adoroos und Plessners gebunden wa-
ren. Wie haben sie sich verändert und wie werden sie sich vielleicht verändern?
Eßbach, Subversion, Kritik und KorreklUr 137

Ich gehe davon aus, daß die drei Theorie-Praxis~Modelle historisch auf ver-
schiedene Weise mit Institutionen und Bewegungen verflochten waren: das
Korrekturmodell Philosophischer Anthropologie mit der Idee und Institution
der niversität, das Subversionsmodell des PostslrukturaLismus mit dem
Avamgardismus in der Kunst und seinen Ansprüchen auf die Gestalt des le-
bens, das Kritikmodell der Kritischen Theorie mit dem Schicksal des InteUek~
tuelIen in revolutionären Bewegungen.
Wenn wir also die Chancen des Modells Korrekrur heute abschätzen wollen,
ist der Blick auf den Zustand der Institution Unh'ersität zu werfen. Dabei geht
es nicht nur um die innerwissenschaftliche Frage, wie nach der Verwandlung
der Philosophie in ein Spezialfach zwischenfachliche Korrekturen kommuni-
ziert werden können, wie Wissenschaft als Lebensform möglich ist. Es geht
genauso darum, welche Chance zu an Würde orientierter Korrektur von Staats~
praxis heute noch bestehen. Es ist nämlich fraglich, wie lange sich die Univer-
sität als staatliche Anstalt gegen die Korruption des Staates und der staatstra-
genden Parteien zu verteidigen in der Lage sein wird. Korruption entsteht be-
kanntlich da, wo es nicht gelingt, Macht und Würde zu verbinden.
Wenn wir die Chance des Modells Subversion heute abschätzen wollen, ist
das Verhältnis von Künsten und J\'ledien in den Blick zu nehmen. Viele
surreale OarsteUungstechniken sind heute integraler Bestandteil der Massen~
kultur geworden, und man ist unsicher, ob es überhaupt noch ästhetische
Avantgarde geben kann. Auf l\'fedienwirkung berechneter Terrorismus hat die
Schockwirkung der Kunst bei weitem überboten.
Wenn wir schließlich die Chance des Modells Kritik heute abschätzen wol-
len, gilt es als Intellektueller wie eh und je nach revolutionären Bewegungen
Ausschau zu halten, die aus ihrer Lage heraus Gerechtigkeit fordern, weil sie
ein Glücksversprechen empfangen haben. Gegenwärtig sieht es so aus, als ob
das Molekül aus Revolution und Bewegung zerfallen ist. Denn die derzeit
größte und dramatischste Bewegung, die weltweite Migration, hat noch keinen
revolutionären Charakter angenommen.
Subversion, Kritik und Korrektur als drei Theorie-Praxis-Modelle sind in
ihrer historischen Gestalt bei Foucault, Adorno und Plessner an Voraussetzun-
gen gebunden, von denen nicht sicher ist, ob sie noch gegeben sein werden. Es
ist ungewiß, ob für die Antinomie von Heilsversprechen und Herrschaft in
weltweiten Prozessen der Migrationen ein identifizierbarer Ort sich findet, von
dem aus Kritik möglich ist. Es ist nicht minder ungewiß, ob die Antinomie von
Lebenskunst und Wissenschaft im Horizont der Ausbreirung massenmedialer
Apokal)'psen und Erregungskünsle noch durch subversive Praktik bearbeitet
werden kann. Es ist schließlich auch ungewiß, ob in der Antinomie von Würde
und Vereinseitigung angesichts der Erosion der Idee einer "unbedingten Uni·
versität" und ihrer technischen Umstellung von Institution auf funktionale
Organisation noch wesentliche Korrekturmöglichkeiten bestehen. Es sind viel-
leicht gerade diese drei geschichtlich-praktischen Ungewißheilen, die das Fort-
leben subversiver, kritischer und korrektiver Philosophie: sichern.
Hermann Schwengel

Von Luhmann zu Hege!.


Zum Wandel politischer Konstellationen

Wenn in unserem Zusammenhang vom Wandel polilischer KonsteUacionen die


Rede ist, kann es in erster Linie nicht darum gehen, die theoretischen Linien,
die von Hege! zu Luhmann und zurück führen - mit Max Weber in der Mitte -,
geisresgeschichtlich nachzuziehen. Es gilt vielmehr, die polemische Umkeh-
rung der geistesgeschichtlichen Folge - warum wieder Hege! lesen? - zu ver-
stehen. Für politische Soziologen ist die enrwickelte Luhmannsche Gesell-
schafrstheorie der interessanteste Ausgangspunkt, um hier Boden unter den
Füßen zu bekommen. Wenn ich von politischen Konstellationen spreche,
dann wie Jacob Taubes über die Konslellalion NitlZSfhe gesprochen hat: Es gibt
einen AUlOr, es gibt Texte, es gibt Diskurse, es gibt Handlungsketten, es gibt
Referenzen, die auf sozialnrukturellen Wandel, Modernisierungs- und Globali-
sierungsschübe, Verschiebung politischer Mentalitäten und Spannungen zwi·
sehen Religion und Kultur ven.veisen, ohne daß die Verknüpfung schon zu Er-
klären und Verstehen reichte. Das Vorbewußte strukturellen \'('andels manife-
stiert sich in solchen Konstellationen wie der Konslellalion Nitlzscbe, die auf eine
Reihe weiterer der krisen haften Dekaden vor dem Ersten Weltkrieg verweist.
Im folgenden will ich eine kleine atmosphärische Skizze der Konstellation
Luhmann zeichnen (1), zu der Diedrich Diederichsen vor einjger Zeit angeregt
hat.' Danach will ich drei Felder beschreiben, auf denen die Luhmannsche
Theorie an kritische Grenzen Stößt, kritisch in dem Sinne, daß sie theoretische
t.'laße zur Weiterführung über sich selbst hinaus bereitstellen (2). Danach will
ich drei komplementäre Motive bei Hegcl nennen, die eine erneute Lektüre
und Rezeption der Debatte unter dem Vorzeichnen politischen Konstellations-
wandels nahelegen (3). In der Zusammenfassung will ich schließlich die Ober-
legung nahelegen, daß die stagnierende politisch-soziologische Globalisie-
rungsdeb:ltte durch die Inversion: von Luhmann zu Hege! in Bewegung gesetzt
werden kann.

, Vgl. Diedrich Oiederichsen. FranJeßlrltr RMndscball, 17. Januar 2001.


Schwengel, Von Luhmann zu Hegel 139

Systemischer Optimismus und Pessimismus


In der Debatte um die Person des Bundesaußenministers Fischer, einem Exzeß
an 68er bl1Ibing, hat Diedrich Diederichsen die These illustriert, "die empiri-
schen 68et in Deutschland [seienJ im Verlauf der 80er Jahre Luhmannianer ge~
worden. Das hält zwar nicht jung, aber cool l...} Nicht vergessen sollte man,
dass die 68er nicht nur ein moralisches, sondern durchaus auch ein lebenssti-
listisches Anliegen hatten. Ihre Eltern waren ja nicht nur alte Nazis oder Nazi~
Verdränger, sie waren auch geschwätzige Spießer, bis zum heimatvertriebenen
Rand voller Provinzialität, ängstlich und traumatisiert." Die Trennung davon
fühlt sich heute bei einem systemtheoretischen Weltbild gut aufgehoben: "Das
iSt angenehm unfanatisch, steht weit über den konkreten Dingen und hat trOtz~
dem kein Verständnis für Leute, die aus einer Position, die nur ein bisschen
über oder neben den Dingen lokalisiert, Einschätzungen formuliert, von denen
aus ein Eingriffsrecht oder gar eine Eingriffspflicht abgeleitet wird, mithin po~
litisierte oder politisierende Nachwachsende. Denen kann man dann vorhalten,
die eigene Beobachterposition nicht reflektiert zu haben. So hält man sich den
Nachwuchs vom Leibe. Und diejenigen, die 68 zurecht weitertreiben wollten,
ob mit Deleuze oder Jameson, Butler oder Derrida." Der Abkühlungsprozeß
hat auffallend viele Ex-Maoisten in Wirtschaft und Verwaltung landen lassen,
so Diedetichsen - wo Mobbing, CliGuen und als Sachdiskussion camouflierte
lVIachtpolitik nützliche Sozialisation war, er hat in nächtelangen Fraktions-
kämpfen gestählte Jungsozialisten zu realpolitischem Führungspersonal und
die Sprache der Differenz zur Rhetorik von Kulrurmanagern und Kulrurdezer-
nenten gemache. Dieser Normalisierungs- und Abkühlungsprozeß läßt sich in
der Tat vielleicht am besten im elastischen Netz der System theorie durchfüh-
ren und aushalten. Das führt aber auch zu einem system ischen Pessimismus,
der bei Luhmann selbst im Laufe des Lebens immer stärker geworden ist. Sy~
stemischer Optimismus dagegen macht sich dann, wie Diederichsen zeigt, nur
an einzelnen Figuren aus - Joschka Fischer hat noch etwas VOll Herbert Weh-
ner, der eine sitzt immer noch irgendwie im Hotel Lux und der andere besetzt
immet noch irgendwelche Häuser - oder er wanden in die positive politische
Ökonomie aus, läßt deren Kritik und ihre alte Arbeitswerttheorie hinter sich,
um als voluntaristische Handlungstheorie wieder aufzuerstehen. Wenn Luh·
mann und das elastische Netz der Systemtheorie den systemischen Pessimis-
mus repräsentiert, der den Individuen aber eine souveräne Distanzleistung er·
möglicht, hat der systemische Optimismus - in der Regel von der gesellschafts~
wissenschaftlichen Linken unbemerkt - ebenfalls ein Gesicht gewonnen, näm-
lich das Josef Schumpeters. Bei den Beratern Lafontaines standen bereits
Keynes und Schumpeter gleichberechtigt nebeneinander im Regal Der zerstö-
rerisch-schöpferische unternehmerische Typus, der die Komplexität der Ver-
hähnisse nicht mehr in souveränem Stil reduziert, sondern durch Risiko- und
Aggressionsbereitschaft, aristokratische Attitüde und Management der AI/ellge,
funktionale AGuivalente für "Integration" schafft - wogegen sich die Menge
140 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

wiederum aJs Akteur zu behaupten sucht 2 - dringt vor. Integration ist in man-
cher Hinsicht die Schwundforrn der alten politischen Figur der Aufhebung, der
die Widersprüche, die einmal zur Notwendigkeit der Aufhebung führten, gar
nicht mehr bewußt sind, der ein trivialisierter Begriff der politischen Gemein-
schaft ausreicht. Integration ist in so vieler Hinsicht ein Nicht-Begriff gewor-
den, der der Schärfe des liberalen Denkens der Differenzierung nur ein Gefühl
entgegenzusetzen vermag. Atmosphärisch bilden Luhmann und Schumpeter
zwei Seiten derselben Medaille, der die politisch-symbolische Welt des Integra-
tionsdenkens - und IdentitälSdenkens - keine eigene Währung entgegenzuset-
zen vermag. Diesen Zusammenhang gilt es zu durchbrechen.

An den politischen Grenzen der Sysremtheorie


Zunächst gilt es, die politische Herausforderung der System theorie, die in der
Skizze Diederichsens ankJang, zu beschreiben. Sie besteht in einer klareren
Fassung der Problemlagen von Globalisierung, Arbeit und Elite. Luhmanns
Ansatz der Weltgesellschaft hat Vorteile, die nicht von der Hand zu weisen
sind. J
Die \'<'eltsystemtheoric Emanuel Wallersteins arbeitet noch im wesentlichen
mit der Zentrum~Peripherie-Unterscheidung,die aber die funktionale Diffe-
renzierung der Weltgesellschaft nicht auszuleuchten vermag. Sie ist zu stark
auf Lokalität als Zentrum und Spitze angewiesen, zu sehr auch auf Aufstieg
und Fall historischer Nationalstaaten, und vor aUem fehlt ihr der Sinn für die
strategische Dynamik semiperipherer Gesellschaften - analog zur Schwäche
des klassischen Marxismus bei Verstehen und ErkJären von ",Udlr dosJrs. Die
Fortführung des liberalen amerikanischen Parsonsianismus sieht zunächst fle-
xibler aus, weil sie wie bei George Modelski dje Unterscheidung von globaler,
regionaler, nationaler und lokaler Systemebene mir der Funktionenunrerschei-
dung von Ökonomie, Politik, Gemeinschaft und Kultur kreuztabelliert. Stich+
weh weist auf ein interessantes Ergebnis dieses Ansatzes hin, indem Modelski
in der Periode zwischen 1480 und 1580 Portugal eine dominante Stellung im
Weltsystem zuschreibt, zugleich aber für die europäische Region eher in der
Rivalität zwischen Spanien und Frankreich ZentraJjtät entsteht. Auch heute lie-
ße sich, darauf weist Stichweh hin, in Braudels Perspektive die Weltgesellschaft
als Vernetzung kleiner Sektoren einiger großer Weltstädte verstehen, die mit
der politisch-militärischen Hegemonie der Vereinigten Staaten nicht überein-
stimmte. Zugleich ist damit aber auch schon die relative Schwäche dieses An-

2 Michael Hardt und Antonio Negri, Empire. Dir ,ulle IlVeilord"lIrJg, Frankfurt a. M./
N~w York, 2000, S. 402.
:} Vgl. zum folgenden Rudolf Stichweh, Die l/YtltgmllJ(haft. SoZi%giJ(be A"o!Jun, Frank-
furt a. M. 2000, S. 15 ff.
Schwengel, Von Luhmann zu Hegel J 41

satzes offenbar, nämlich daß es keinen Begriff gibt, der Stadt und Staat auf ei-
nen Nenner zu bringen vermag, die poljtisch-geographischen und soziolo~
gisch-funktionalen Argumemationslinien laufen nebeneinander her, ohne sich
wirklich zu schneiden.
Demgegenüber läßt sich mit Luhmann jede Interaktion und jedes Ereignis
in den Modi von Interaktion, Organisation und Gesellschaft beschreiben, so
daß die Perspektiven vor Ort zusammengefühn werden können. Die imerme-
diäre Systemebene Organisation - die mediale Kommunikation eingeschlossen
- ist zemrale Zugangs- und Vermittlungsagemur zwischen lokaler und globaler
Weh. Verbunden mü diesem Primat der Organisation sind zwei weitere leiten-
de Hypothesen, die eine nennt Stichweh die "Undsoweiter"-Hypothese, die
andere die Dekomextualisierungsthese. Die eine bedeutet, daß in jeder lokalen
Interaktion bereits der Keim der nächsten angelegt ist, daß jede Verflechtung
die Möglichkeit weiterer globaler Verflechtung einschließt und Macht gegen-
über der Verweigerung von Globaljsierung bedeutet. Dekomextualisierung be~
deutet wie bei Anthony Giddens. daß Professionen, kommunikative Medien
wie Vertrauen und generalisierte Symbole aus ihren historischen Zusammen-
hängen entbettet sind, neu zusammengesetzt und verbreitet werden. Diese Tri-
as von Organisation, permanemer Anschlußwahrscheinhchkeit und Embet~
tung drückt die strukturelle Dominanz der Funktionssysteme, monetäre Öko-
nomie und mediatisierte Kultur aus, während die Engführung von Politik und
Gesellschaft - liberal oder marxistisch akzentuiert - demgegenüber zurücktritt.
Daran wird die Kritik der Konstellation Luhmann anzusetzen haben.
Das Faszinosum der Systemtheorie rührt auch aus der Tatsache, daß hier die
Überdetermination von Begriffen wie Arbeit endgültig anerkannt zu sein
scheint und damit Raum für - beobachtersensible - Kommunikation geschaf-
fen wird. Systemtheoretiker wissen allerdings, daß damit Begriff und Sache der
Arbeit nicht erledigt sind. Jungluhmannianer wie Dirk Baecker sprechen des-
halb erneut von der Form der Arbeit, unter Verwendung des Formbegriffs von
George Spencer-Brown, ..in dem festgehaJten ist, dass eine Bestimmung 1... 1
von was auch immer (hier: zum einen der Arbeit, zum anderen jedoch auch des
Begriffs der Arbeit) eine Unterscheidung l... J voraussetzt. die die bestimmte
Seite [... 1 von einer unbestimmten Seite [... 1 unterscheidet. Eine Form enthäh
beide Seiten der Umerscheidung lind dje Operation ihrer Unterscheidung. l... J
Der imeressante Punkt bei diesem Formbegriff ist, dass diese Bestimmung
zum einen auf das hin gelesen werden kann, was sie bezeichnet, zum anderen
auch auf den sie begleitenden unbestimmten Raum hin, von dem sie sich ab·
setzt, und zum dritten auf die Operation der Unterscheidung selbst hin, die
konkret vollzogen werden muss, soll die Umerscheidung zustande kommen
und Bestand haben" (Baecker, 2002, S. 207). Wem die Arbeitswelt heute zu
kompliziert wird, der mag sich auf den klassischen Arbeitsbegriff zurückzie-
hen, den Baecker zurückweist, nämlich daß Arbeit immer dann stattfindet,
wenn körperliche Kraf[ aufgewendet wird. Es gibt immer wieder einmal Remi-
niszenzen an diesen Arbeitsbegriff, etwa wenn der Hisroriker Paul Nolte die
142 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

regierenden SoziaJdemokraten damit ärgert, daß er an die harre symbolische


Grenze, die der "Blaumann", die Arbeirskleidung für körperliche Arbeit, erin-
nert. Aber dieser Arbeitsbegriff ist ebenso klar wie unfruchtbar, weil von ihm
kein Weg mehr zu einem Begriff gesellschaftlicher Arbeit führt. Den Blick auf
das Oszillieren von Last und Lust der Arbeit zu richten, auf die mehrdimensio-
nale Verknüpfung von Hierarchie und Tätigkeit, die für jede Stellungnahme die
Reflexion der eigenen Beobachrerposition verlangt, reicht nicht. Die Poljtik,
"die hinter der Durchserzung der sozialen Ordnung steckt, gibt sich als das
Produkt des GeJjngens dieser Ordnung immer wieder zu erkennen, weiJ die Pa-
radoxie von Last und Lust nur aufgelöst werdcn kann, indem den einen die
Lust und den anderen die Last zugewiesen wird. Der Zustand ist so wenjg sta-
biJ wie die Parodoxie es ist" (Baecker, 2002, S. 214). Wenn sich Herren und
Knechte unmittelbar gegenüberstehen, ist die Paradoxie am Ende. Um das zu
vermeiden, können Herren und Knechte gleichermaßen in die Arena der Aner-
kennung verwiesen werden, mit dem Resultat, daß Anerkennung paradox wird.
Diese Geschichte läßt sich mit Baecker noch sehr lange weitererzählen: Arbeit
macht reich und Arbeit macht arm, sie begründet Eigentum, und sie bedroht
dasselbe Eigemum mit dem Verlust seines Vermögenswertes. Ist das wieder
eine Paradoxie, fragt Baecker. Offenbar stößt die Steuerung durch Paradoxien
an Grenzen, die sie selbst immer wieder erzeugt. Dann bricht das Reich der
Normen wieder in das Spiel der Paradoxie ein, ohne jemals allerdings endgültig
die Oberhand zu gewinncn. Die Dialektik von Normierung der Arbeit und
Normicrung durch Arbeit verdichtet sich wieder in einen identifizicrbaren ge-
sellschaftlichen Bereich. Das scheint heute der FaU zu sein, wenn davon die
Rede ist, daß die Arbeit der Information - mit dem doppelten Genitiv - den
Stoff der Arbeit umwälzt, bis zur Arbeit am menschlichen Genom. Scon Lash
gibt seinem neuen Buch den Titel: Kritik der InforllJation und suggeriert, an die
Stelle der Kritik der poljtischen Ökonomie träte eben diese Kritik der Infor-
mation. Das ist gewiß zu früh gesprungen, weil das Politische dieser Arbeit der
Information damit keineswegs schon geklärt ist. Nichtsdestoweniger ist die
Grenze der system theoretischen Verfassung der Arbeit offenbar, wenn ausge-
rechnet im Feld von Kommunjkation, Wissen und Information die Dinge um-
schlagen und die Sequenz, die Luhmann noch mit Habermas geteilt hat, Ar-
beit-Interaktion-Sprache umgekehrt werden muß.
Schon die systemtheoretische Reflexion der Weltgescllschaft legt die Frage
nahe, wer die zentralen Prinzipien der Organisation, der Anschlußfahigkeit
und der Entbettung eigentlich regiert. Nach der Auseinandersetzung mit der
systenuheoretischen Verfassung der Arbeit verschärft sich die Frage, wer der
Formgeber gesellschaftlicher Arbeit ist, einer Form, die das Arbeitgeben wie das
Arbeirnehmen einschließt, Arbeit wie Nicht-Arbeit, körpedjche wie geistige
Arbeit und Produktion wie Dienstleistung. Der schon lange bestehende Ver-
dacht, daß die Luhmannsche Systemtheorie eine heimliche Elitenrheorie cnt·
halte, in der die Beobachter aufeinandergehetzt werden, um sich in Schach zu
halten, während der elitistische Beobachter aus der Distanz das Spiel verfolgt,
Schwengel, Von Luhmann zu Heget 143

das er eröffnet hat. Frei nach Mao Tse Tung: Vom Berge aus beobachten, wie
sich die Tiger im Tal zerfleischen. Wenn heute von knowledge brokers die Rede
ist, von spin doc/ors und Denkfabriken, globalen intellektuellen Zirkeln und stra-
tegischen Netzwerken, die an die Stelle der kontroversen Inreraktion von Poli-
tik, Wirtschaft und Geist treten, f.'inde die kühle Distanz, die systematische Su-
che nach funktionalen Äquivalenten für histOrische Problem lösungen und det
Übergang von der Soziologie zur Biologie als posthistorischer Leitwissenschaft
in der System theorie vieUeicht eine Sprache. Die Elitentheorie funktioniert al-
lerdings nur, wenn in den beiden anderen Bereichen, den der gesellschaftlichen
Arbeit und globalen funktionalen Beziehungen Erfolg zu beobachten ist. Dar-
an sind unter dem Zeichen von Terror und Krise Zweifel angebracht.

Von Luhmann zu HegeJ


Diesen drei Herausforderungen der System theorie entsprechen drei öffentliche
politische Debatten, die mit der theoriegeschichtlkhen kaum vermittelt sind.
Da ist zunächst natürlich die Debatte um den Status der GlobaÜsierung. Von
dem im Vordergrund stehenden iikollo",üchen Globalisierungsschub, der an eine
Reihe vorheriger historischer Schübe ansetzen kann und in mancher Hinsicht
als Reifungsprozeß zu verstehen ist, läßt sich kullurelle GlobalJsierung unter-
scheiden, in der mediatisierte Oberfläche und antagonistisches Wesen aufein-
anderstoßen und - obwohl auch dieser Prozeß Vorläufe aufweist - von Ver-
mittlung noch keine Rede sein kann. Die politisch-guellschaftliche Globaljsierung
schließlich ist noch mehr am Anfang. Das läßt sich daran ablesen, daß theore-
tische Konfigurationen wie globale funktionale Differenzierung, Raum-Zeit-
Kompression oder Inklusion bzw. Exklusion unvermittelt im Kontext histo-
risch-empirischer Beschreibungen von National- und Wohlfahrtsstaat auftau-
chen. Genau hier treffen intellektuelle Konstellationen aufeinander.
Über der zweiten Arena, der der gesellschaftlichen Arbeit, könnte Dahren-
dorfs doppelte Paradoxie stehen. Die eine lautet: Arbeit ohne Kapital und Ka-
pital ohne Arbeit, die andere: Klassen ohne Kampf und Kampf ohne Klassen.
ßeide Paradoxien verweisen aufeinander, stiften aber keine Vermittlung. In der
Debaue um die Neue Ökonomie hat zwar das Recht auf Arbeit eine gewisse
Renaissance erfahren - in dem Maße, in dem die Leitidee industrieller Vollbe-
schäftigung verblaßt isl. Diese ist in der konventionellen gewerkschaftlichen
Ritualisierung von Arbeil und sozialem Konflikt steckengeblieben.
Den öffentlich.politischen Untergrund der EÜlenfrage bildet der schwelen·
de Tiefenkonfljkt zwischen europäischer und amerikanischer Reflexion des
Politischen. Man muß nicht alles für bare Münze nehmen, was amerikanische
/hink tanks hervorbringen, aber die Unterscheidung zwischen einem kantiani-
schen europäischen Beobachter lind einem hobbesianischen amerikanjschen,
der Beobachrung in Handlung umzusetzen weiß und sich nicht von Anerken-
nung abhängig macht, silzt liefer als es die Rhetorik unbedingt nahelegt. So
144 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

schnell wie amerikanische ELüen mit Fukuyama die Geschichte für beendet er-
klärt hahen, nehmen sie die Weltgeschjchte wieder auf und strafen die europäi-
schen Inszenierungen der Differenz mit Verachtung. Auf allen diesen drei Fel-
dern lassen sich HegeIsche Motive mobiljsieren, die für die Vermittlung von
Theorie- und öffentlicher Debatte von hohem Interesse wären.
Die zentrale Stellung von Organisation, permanenter globaler Anschluß-
fähigkeit und Entbettung hat in der KonstelJation Luhmann einen Primat der
Wirtschaftskulrur begünstigt. Demgegenüber ist das HegeIsche Motiv eines
Primats der Beziehung von Staat und bürgerlicher Gesellschaft interessant, de-
ren Vermjttlung die winschaftskulturellen Wahl prozesse formatiert. Diese
Vermittlung verlangt intermediäre Gewalten, die sich gegen ständisch-sozial-
strukturelle VerkJumpung wie liberale Verflüssigung der politischen Beziehun-
gen zu definieren haben. Verbunden ist diese Vermittlung mü der Drift der
Zentren historischer Entwicklung vom Orient zum Okzident, von Oberitalien
nach Großbritannjen, von Europa nach Amerika, vom Atlantik zum Pazifik.
Eine gelungene Vermittlung von bürgerlicher Gesellschaft und Staatlichkeit ist
mit einer exemplarischen Stellung in der Entwicklung globaler Zivilisation ver-
bunden und umgekehrt. Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte und
Rechtsphilosophie sind wieder im Zusammenhang zu lesen. \'(lährend sich in
der liberalen Debatte das Motiv der Anerkennung weitgehend aus dem Kon-
text der Arbeit gelÖSt hat und als wechselseitige Anerkennung politischer und
kultureller Bürgerschaft ihr Ziel bestimmt, ist die Grundierung der Anerken-
nung in der Arbeit das Motiv, das Hegcl für Mau' Kritik des industriellen Ka-
pitalismus wie unsere des Informationskapitalismus so interessant werden
läßt. 4 Das unselbständjge Bewußtsein, der Knecht, ist der eigentliche Produ-
zent, weil er sich direkt in produktive Arbeü auf die Natur bezieht. In die
Form der Arbeit ist die Machtbeziehung zum Herrn von der erSten Vermitt-
lung an eingelassen. Während Fukuyama in seinem "Ende der Geschichte"S
Hegels Aktualität noch außerhalb und gegen die Ökonomie in der Risikobe-
reitschaft des herrschaftswiJligen Akteurs gesehen hat, ist unter den Bedingun-
gen des informationsindustriellen Kapitalismus gerade der Gestaltungs- und
VermittiungswiUe in und mit der Ökonomie erneut Ursprung der Aktualität
HegeIs. Spielen wir mit HegeIs Motiven. Wenn sich alte und neue Ökonomie
durchdringen, steht den nichts als abhängigen Datenknechten die vermittelte
Selbständigkeit der Symbolherren zunächst abstrakt gegenüber: im Symbol-
produzenten ist dem DatenknedH das Fiir-!ich-Stin ein anderes. Das ist aber
nur der Anfang, denn im BiJdungsprozeß des informationsindustrieUen Geistes
wird das Für-sieh-Sein als ein eigenes Für-sich reflektiert, das heißt, durch die
Informationsarbeit bildet es sich zur reflektierten Subjektivität o11-und-flir-tich
heran und wird dem Herrn dadurch gleich. Nach diesem Muster gilt es, die In-
formationsökonomie und ihre globale Struktur - im Kontexr des Hegclschen

• Dirk Baecker (Hrsg.), Arcbiiologie der Arbeit, Berlin 2002.


5 Frands Fukuyama, Da! Ende der Curbübte. lf/o steben wirr, r-,'fünchen 1992.
Schwengel, Von Luhmann zu Hegel 145

Motivs - zu betrachten. Schließlich und endljch ist das Motiv einer allgemei-
nen Klasse interessant, die dem Ethos der föderativen und subsidiären WeItre-
publik verpflichtet, repräsentative Elitendifferenz - und Elitenkonflikt - öf-
fentljch darstellt, um den Widersprüchen der Globalisierung angemessene
Wahl- und Identifikationsprozesse zu ermöglichen. Von der preußischen allge-
meinen Klasse führte schon ein geheimer Pfad zur progressivistischen ameri-
kanischen universal clou, die durch Intellektuelle wie Walter Lipman und Lionel
Trilling repräsentiert wurde und ein besseres amerikanisches Erbe darstellt als
der heutige partikularistische Bellizismus Washingtons. Die widersprüchliche
Existenz der allgemeinen Klasse erlaubt es, ansonSten unerträgliche Kontro-
versen wie zwischen Reljgion und Kultur auszuhaJten, ganz wie die allgemeine
preußische Klasse den Protestantismus mediatisierte. Dabei mag die Vernunft
intensiver, \'erbindlicher und expressiver werden als in ihrer okzidentalen Ver-
fassung.
Alles in allem hat die Anrufung der vergangenen KonsteUation Hege! den
polemisch-kritischen Sinn, an den Grenzen der Konstellation Luhmann ein
neues Spiel zu eröffnen. Es ist der Zusammenhang der drei skizzierten Motive,
der uns nötigt, in dieser vermittelten Weise wieder von Hegcl zu sprechen,
obwohl die historische Zeit zweier Jahrhunderte dazwischen liegt. Hegels Mo-
tive sind am Vorabend der Durchdringung der europäischen Gesellschaft
durch die industrielle Revolution formuljert, am Vorvorabend der Verschje-
bung der okzidemalen Machtdynamik über den Atlantik und noch ohne Ah-
nung, welche Arbeit den Geist in der Vermittlung globaler Zivilisationen noch
erwartet. Vielleicht bringt es die Globaljsierung aber mit sich, daß diese früh-
modernen Motive dazu beitragen, die spätmoderne Abkühlung des Politischen
in Europa aufzuheben .


Gerard Raulet

Demokratie, Republikanismus,
Multikulturalismus
Zur Problematik der französischen Citoyenneti

In meinem Buch Kan/: His/oire e/ cilrqenneli' habe ich versucht, der herrschen-
den moralistischen Interpretation von Kants politischer Philosophie entgegen-
zuarbeiten, indem ich den Akzent auf eine "Teleologie« des Republikanismus
gesetzt habe. Implizit war meine Zielscheibe eine bestimmte Form des Ultra-
Republikanismus, die stark in der Tradition der französischen laizistischen
Ideologie verwurzelt ist, sei sie nun von rechts oder von links, und deren Ver-
hängnis darin besteht, die Frage der Rechte du.rch die Frage nach den Pfljchten
zu ersetzen. 2
Ebenso verhängnisvoll erweist sich aber auch die umgekehrte Tendenz, die
im Zuge der wachsenden Fragmentierung, ja Tribalisierung der Gesellschaft
die Grundlage eines gemeinsamen Rechts immer mehr durch partikularistische
Rechtsansprüche ersetzt und Staatsbürgerrechte über Gerichtsentscheidungen
anerkennen läßt. Diese EntwickJung hat zur Folge, daß die Cilrqenntti zwar
nicht mehr nur eine Ordnung der Pflichten ist, dafür aber immer mehr als eine
Unordnung der Rechtsansprüche erscheint. Die Gleichung, auf der die repu-
blikanische Ideologie beruhte - die Gleichung von den Pflichten und den
Rechten, oder besser gesagt von der Pflicht und den Rechten -, scheint sich
überlebt zu haben. Immer häufiger werden der Comeil d'Etat oder der Europäi-
sche Gerichtshof der Menschenrechte aufgefordert, über Menschenrechte zu
entscheiden. Diese Tatsache macht eine wachsende Spannung zwischen Men-
schen- und Staatsbürgerrechten manifest, während gerade die Verbindung zwi-
schen Menschen- und Staatsbürgerrechten das Hauptziel der Grundrechte aller
rechtsstaatlichen Verfassungen war und folglich in jedem Rechtsstaat prinzipi-
ell gesichert ist. In keinem Rechtsstaat dürfen, zumindest im Prinzip, die
Grundrechte eingeschränkt oder beseitigt werden. Ganz offensichtlich sind wir
aber in eine Phase der Turbulenz eingetreten, wo auf der einen Seite diese

Gerard Raulet: KlJnl. Hüloire tl aloytnntli, Paris 1996.


2 Zur republikanischen Ideologie vgl. mein Buch Apologie Je /a tiloyenneli (Paris 1999),
dem das Argument dieses Beitrags entnommen ist. Das Scheitern von Jcan-Pierre
Chev(:nement bei den Präsidenzialwahlen 2002 ist gleichsam die Probe aufs Exempel
gewesen.
Raulet, Demokratie, Republikanismus, Multikulturalismus 147

Grundrechte selbst einer höchst zweideutigen Revision - einer zugleich parti~


kularistischen und universalistischen (z. B. die Annahme einer "Internationa-
len Konvention der Rechte der Frau" im Jahre 1984) - unterworfen werden,
und wo auf der anderen Seite - dieses kann vielleicht jenes erklären - die Ver-
knüpfung zwischen Menschen- und Staatsbürgerrechten jedes mal, wenn sich
Probleme stellen, wie etwa beim Asylrecht, durch eine besondere gerichtliche
Entscheidung sanktioniert werden muß. Wir sind mü einem ständigen Konflikt
zwischen einer moralischen und einer juristischen Konzeption der Menschen-
rechte konfrontiert, während dieser Konflikt im Prinzip durch den ausdrückli-
chen Bezug der rechtsstaatlichen Verfassungen auf die Grundrechte als ihre
Grundlage geregeh worden war.
Zugleich erleben wir das Auftauchen von Monstren wie das sogenannte
"Recht auf Differenz". Ist doch die Differenz kein "Recht", sondern bloß eine
Tatsache - ein Zustand, der geschützt ist durch das allgemeine Recht, dem man
freilich beitreten muß, um sein "Recht auf Differenz" einfordern zu können.
Die Jurisprudenz wird immer mehr als Instanz normativer Orientierung und
nicht mehr lediglich als juristische Entscheidung angesehen. Dies wurde etwa
gelegentlich der widersprüchlichen Stellungnahmen und Rechtsprechungen be-
züglich des "islamischen Kopftuches" deutlich. Die Entscheidungen des fran-
zösischen Conseil d'Etat seü November t 996 haben zwar einigermaßen Klarheit
geschaffen, insofern als aus ihnen zumindest hervorgeht, daß die Gymnasia.
stinnen nicht deshalb ausgeschlossen wurden, weil das Tragen eines Kopftu-
eh es ihre Parteinahme für den Islamismus manifestierte, sondern weiJ sie durch
ihr Verhalten, zu dem eben das Tragen des Kopftuchs gehörre, gegen das aU~
gemeine republikanische Gesetz verstoßen hanen und weil dieser Verstoß sie
aus dem allgemeinen Unterrichtswesen ausschloß, vor aJJem aus dem Unter-
richt der Naturwissenschaften und aus dem Sportunterricht. Hier berühren wir
zwei entscheidende Punkte: auf der einen Seüe die Überzeugung der laizisti-
schen Ideologie des 19. Jahrhunderts, daß das Wissen der Schlüssel zum Fort·
schrin ist; auf der anderen Seite das Menschenrecht des Individuums, über seinen
Körper zu verfügen. Beide Punkte sind Ecksteine der Citfijenneti, die auf dem
individuellen moralischen Bewußtsein und nicht auf der Macht traditioneller
oder gemeinschaftlicher Traditionen beruht.
Die Lösung solcher Konflikte besteht sicherlich weder in einer - wie auch
immer republikanischen - Moralital, die sowieso von dem "Gang der Dinge"
übertroffen ist, noch in dem Rückzug auf die Sittlichkeit traditioneller oder ge·
meinschaftlicher Zugehörigkeiten. Es wäre aber auch zu hoffen, daß sie nicht
nur in einer Anhäufung von Verfahren und Rechtsprechungen gesucht wird.
Aber es wäre sicherlich falsch, einer "vormodernen" Sittlichkeit eine republi-
kanische Sittlichkeit gegenüberzustellen, die sich im Besitz eines Monopols der
Modernität wähnen würde. In Wirklichkeit ist heute das ganze Erbe der ratio~
nalen Begründung des Rechts zu überdenken, wenn man den Übergang von
der "vormodernen" zur .,republikanischen Sittlichkeit" überhaupt verstehen
und fördern will.
148 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

Eines muß festgehahen werden: Die Cilqyenneli hat sich als die moderne ra-
tionelle Version der gemeinschaftlichen Werte Iierstanden Jwd durcbgeulzl. Sie hat
diese in einem Rechtsstaat institutionalisiert, der zugleich Ausdruck der Zivil-
gesellschaft ist und etwas darstellt, was man in Analogie zur Idee der "zweiten
Natur" eine "zweite Gemeinschaft" nennen könnte. Der Historiker Claude Ni-
colet hat darauf hingewiesen, daß die Ciltryenneti neben den Zi'lilrechten für jedes
Individuum auch, wenigstens nach der französischen Auffassung, Biirgerrtthtt
impliziert, die die "Zustimmung zu einem Konsens, eine Art ,Glaubensbe·
kenntnis' erfordern, das mit bestimmten Einstellungen oder Dogmen unver-
einbar ist".3 Dieses Moment der Rationalisierung ist freilich in eben demselben
Maße problematisch, wie es im Gegensatz zu den unüberlegten, gleichsam na-
tun.vüchsigen Zugehörigkeiten rational ist. Die Auflösung föderaler Staaten,
wie etwa die UdSSR oder Jugoslawien, belegt dies, aber wir würden uns irren,
wenn wir meinten, daß diese Problematik nur solche an sich schon prekären
Gebilde betrifft. Die Ciloytnne/i impliziert vielmehr immer die Problematik der
..lntegration", und dies um so mehr, als der moderne Staat die Nation erst
recht schafft und damit die Nationalität notwendigerweise an zweite Stelle ge-
genüber der Ci/oymne/i trin: die revolutionären Verfassungen Frankreichs defi-
nieren sie ja als Treue zur Verfassung.
Die so verstandene Nation ist aus vielen Gründen ein sehr labiler Komplex.
Es ist auch kaum zu bestreiten, daß es in der Ci/oyenne/i selber ein Ausschlie-
ßungsmoment gibt, das vom Begründungsakt von Identität, den sie darstellt,
untrennbar ist. So hat während der Französischen Revolution die politische
Durchsetzung der Ciloyenne/i die Form eines Feldzugs gegen die Dialekte, vor
allem in den Grenzgebieten, angenommen. Dieser Nationalismus entsprang
zwar aus den edelsten Absichten, er war kein partikularistischer NationaEsmus,
sondern war universalistisch und fortschrittlich gesinnt. Nichtsdestoweniger
wurde er mit einigem Recht als imperialistisch abgestempelt, als eine Verein-
nahmung des Allgemeinen, als ein Besonderes, das sich für das Allgemeine
ausgab. Wie sehr wir sie in der französischen Verfassungstradition auch gleich-
zusetzen neigen: die Ci/oymne/i ist zugleich national und universalistisch, die
No/ionolilii/ ist ihrerseits immer partikularistisch und setzt immer eine Vielzahl
von anderen Nationalitäten voraus. Seit der Französischen Revolution haben
sich unsere Verfassungen bemüht, diesen Gegensatz zu schlichten: Französi-
scher Staatsbürger sein bedeutet von französischer Nationalität zu sein; Aus-
länder, die an den mit der französischen Staatsbürgerschaft verbundenen Bür-
gerrechten teilhaben wollen, müssen sich einbürgern lassen. im Guten wie im
Schlechten haben andere Verfassungen den Unterschied aufrechterhalten: so
konnte man in der UdSSR sowjetischer Bürger jüdischer Nationalität sein. In
der französischen Tradition wie freilich auch in ihrer kolonialen Ver~ngenheit

.} Claude Nicolet: L 'idee ripNblicaint tn Franu (1789-1924), Paris 1982, 1994, S. 371. Vg1.
hierzu RauJet, Chroniqut dt l'uPO{t puhlte, Paris 1994, S. 227 f.
Raulet, Demokraue, Republikanismus, Multikulruralismus 149

gab es hingegen für Mohammedaner, die auf ihren religiösen und bürgerlichen
Sonderstarus nicht verzichten wolhen, keinen Zugang zur französischen
Staatsbürgerschaft bzw. Nationalüät. Bestenfalls konnten sie innerhalb des
französischen Reiches ein arabisches Königreich bilden. Für sie gab es nur
eine Alternative: Unterwerfung oder Integration.
Unter Integration versteht die französische republikanische Tradjtion die
uneingeschränkte Bejahung der bürgerlichen Gesetze und des patriotischen
"Glaubensbekenntnjsses". Wiewohl wir heute unsere kolonialistische "Blüte-
zeit" hinter uns haben, bleibt dies ein Stein des Anstoßes in der Debatte um
Integration. Inwiefern kann man die französische Staatsbürgerschaft gewähren
und dabei eine andere "nationale" Zugehörigkeit dulden? Prinzipiell sollte man
bei der Beantwortung dieser Frage wahrscheinJjch zwischen individuellen Wi·
derständen einerseits und der ausdrücklichen Ablehnung des republikanischen
Vertrags durch konstituierte ethnische oder nationale Gruppen andererseits
unterscheiden. In Wirklichkeit ist mittlerweile eine solche Unterscheidung in-
sofern schwierig geworden, als in vielen Fällen die ethnisch-religiösen Identitä·
ren künstliche, reaktive Folgeersche,inungen sind, die aus individuellen Integra-
tionsschwierigkeiren resultieren und bloß zum Sinnangebot der ethnischen und
religiösen Ideologien greifen.
Das aUes wirft das Problem des Umgangs mit den Differenzen auf. Da man
sie nicht ignorieren kann, soll man sich bemühen, ihrer Anerkennung ein d}'na-
misches Modell der Cilqyetmtli abzugewinnen, anstatt einen Ultrarepublikanis-
mus zu vertreten, der der Republik nicht nur ihre Dynamik nimmt, sondern sie
in die Sackgasse eines unauflöslichen Konfljkts mit ihren Widersachern
zwängt. Ich habe in meinen beiden Büchern über Kant und über die CiIf!YtntUli
versucht, eine solche dynamische Konzeption herauszuarbeiten.
Dabe,i ist mir aufgefallen, daß gerade das Traktat 2unI ewigen Fn'edert, dessen
"Kosmopolitismus" man gemeiniglich übcrstrapaziert4, es vielmehr mit der
Schwierigkeit aufnimmt, die "das Andere" fLir die republikanische Verfassung
darstellt. Was Kant nämlich schon beim Übergang zur zweiten Ebene, der des
Völkerrechts, einführt, ist ein "Recht" auf Andersheir oder zumindest eine Be-
rücksichtigung der Andersheit, die beim Übergang zur dritten Stufe, der Welt-
bürgerljchkeit, die voreilige Verallgemeinerung der Republik verbietet.
Die Verv.'andtschaft dieser Kantschen Position mit den ersten revolutionä-
ren französischen Verfassungen, die ganz ausdrücklich die doppelte Sraatsan·
gehörigkeit ausschlossen und vor allem die Zugehörigkeit zu einem despoti-
schen Staat und den Status eines französischen Staatsbürgers für unvereinbar
hielten, ist unübersehbar. 5 Die Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten
des Kant.schen Modells impliziert deshalb auch eine Auseinandersetzung mjt

4 50 Habermas: Konlsltfrt du Eu'igm Fnrdtns _ (JUS dtl11 hiflonsrhen Ahslond Ilon 200 Jahnn,
Frankfun a. M. 1996.
5 VgJ. Raulei, "Citoyennete, nationalite, internationalite", in: I'Et'lnemenl eNropitn 11
(1990) sowie Chroniqut de I'uport puh/ir, 3. a. 0., 5. 216-234.
150 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

der französischen Debatte über "Integration", das heißt mit einem politischen
ModeU, das sich einerseits als allgemeingültig versteht und sich deshalb an-
maßt, im vorläufig beschränkten Rahmen einer Staats nation bzw. eines natio-
nalen Staates das Ziel der Weltrepubtik zu verkörpern, andererseits aber mit in-
neren und importierten religiösen und nationalen Identitätcn rechnen muß und
dabei diese Differenzen respektieren soll, um eben dieses Ziel nicht zu verder-
ben. Aus diesem Grund muß in jedem republikanischen Staat wenn auch kein
Recht auf Andcrsheit, so doch die TalJtJfhe des Andersseins anerkannt werden,
eine Tatsache, die norwendigerweise mit der vorbehaltlosen Identifikation des
republikanischen Bürgers mit dem republikanischen Rechtsstaat in Konflikt
gerät. Dieser Konflikt ist ein Widerstreit der Republik mit sich selbst, gleich-
sam eine "Antinomje der Republik". Dieser Widerstreit stellt für sie insofern
eine unumgängliche Herausforderung dar, als die republikanische Denkungsart
sich gerade an ihm zu bewähren hat.
Zwar beruht das republikanische System auf den drei komplementären und
unlöslichen Prinzipien der Freiheit des Menschen als Mensch - als transzen-
dentales !eh denke und moralisches Subjekt -, seiner Abhängigkeit als Untertan
einer StaatsgewaJt - das heißt als empirisches Ich - und der Gleichheit aller
Bürger vor dem Gesetz, die durch das Recht die Freiheit und die Abhängigkeit
miteinander vermittele Aber gerade wegen der vermittelnden Funktion, die die
Gleichheit der Bürger - die zugleich Untenanen und Menschen sind - in ihr
erfüUt, setzt diese Konstruktion der Republik das Modell eines Übergangs vor-
aus. 6 In teleologischer Hinsicht ist aber nicht die Gleichheit, sondern die Ungleich-
heit die Triebfeder der historischen Dynamik. Gerade mit diesem scheinbaren
Widerspruch hat es die republikanische Verfassung aufzunehmen. Sie soU, ja
sie muß einerseits das schon erreichte Entwicklungsstadium rechtlich kodifi-
zieren und sichern, andererseits soll sie aber diese Kodifizierung so handha-
ben, daß sie die historische Dynamik nicht zum Stillstand bringr. Es geht hier
um die Auffassung der Gleichheit, die Kant im zweiten Abschnitt von Theon'e
Imd Praxis darsteUt, wo er zwischen der formalen Gleichheit vor dem Gesetz
und der weiterbestehenden natürlichen Ungleichheit unterscheidet. Letzrere
kann weiterbestehen, ohne ersterer Abbruch zu wn. Bei aller formalen Gleich-
heit wird somit im republikanischen System selber eine dynamische Spannung
aufrechterhalten, ohne welche diejenigen, die entweder noch nicht zur republi-
kanischen Gesinnung reif sind oder - was gegebenenfalls dasselbe bedeuten
kann - von einem nicht republikanischen Land kommen und aufgefordert wer-
den, sich zur Republik zu bekennen, von dem Fonschritt ausgeschlossen und
im Stich gelassen würden.
Hier soU an den Streit der Fakilltiiten und an die zwei Jahre vorher erschiene-
ne Schrift Verkündigung des naben Absthlmus eines Traktates zum ell1igm Frieden in

6 Vgl. Raulet: "Citizenship, otherness and cosmopolitism in Kant", in: Rada Ivekovic,
Neda Pagon: OJbtrbood and NaJion, Ljub1iana, Paris 1998.
Raulet, Demokratie, Republikanismus, Multikulturalismus 151

dtr Phi/oJophit erinnert werden, die beide die Publizität der Maximen als If/idtr-
Jlnil verstehen - aJs das Recht und die Aufgabe. über Meinungsunterschiede
öffent.lich zu debattieren, weil erst eine solche Debatte die Überwindung des
Dogmatismus und Obskurantismus ermöglicht. Aus denselben Gründen ver-
bietet die republikanische Denkungsan das Verschweigen oder gar Unterdrük-
ken der Differenzen. Wo ein Widerstreit besteht, soll er öffentlich zum Aus-
druck gebracht werden, selbSt und vor allem dann, wenn seine Auflösung, aus
den erwähnten teleologischen Gründen. nicht von heute auf morgen gesche-
hen kann. Darüber hinaus soU aber dieser Konflikt als ein dynamischer und
nicht e[Wa bloß als Hindernis und Störung behandelt werden. Konkret gespro-
chen: Die ungleiche Reife zur republikanischen Gesinnung und die importierte
kuhurelle Verschiedenheit der Sprachen und Religionen dürfen nicht bloß nor-
mativ vom republikanischen Standpunkt aus be- bzw. verurteilt werden. son-
dern sie sollen als dynamische Differenzen aufgefaßt werden. Es verhält sich
bei Kant so, daß die Republik trotz ihrer lückenlosen formalrechtlichen Kon-
struktion in teleologischer Hinsicht erst dann am Leben erhalten werden und
um sich greifen kann - worum es ja letztlich geht -, wenn sie die inneren und
importierten Ungleichheiten und Differenzen nkht gleichzuschalten versucht,
sondern innerlich anerkennt und sogar inszeniert. Dazu soU die republikani-
sche Publizität - als eine politische Öffentlichkeit verstanden, die den \'(fider-
streit zur Debatte stellt - dienen.
Die Republik ist, wie wir vorhin sagten, die moderne rationeUe Version der
gemeinschaftlichen Werte. Als solche steht sie zur bürgerlichen Gesellschaft in
keinerlei Widerspruch: ist es doch gerade die bürgerliche Gesellschaft, die sich
durch die republikanische Verfassung zugleich als ation und als Rechtsstaat
konstituiert. Also kann nach der eigenen Logik des französischen Republika-
nismus das Moment des Staates, der Verfassung, des Republikanismus von der
Rto/iliit der Zivilgesellschaft nicht entkoppelt werden. Zwar scheint es zur Zeit
Schwierigkeiten haben, um der Realität einer tark differenzierten, ja zersplit-
terten bürgerlichen GeseIJschaft angemessen zu begegnen. Doch ist dies noch
kein genügender Grund, sich unbedacht der Position der amerikanischen Neo-
kommunitaristen anzuschließen, die bewußt oder unbewußt das Argument
Rousseaus wiedenufnehmen, nach dem die demokratische Republik sich nur
für die kJeinen Staaten eigne. 7 Gerade in Frankreich - einschließlich seiner Ko-
lonien - hat das republikanische Modell seine Brauchbarkeit für eine "große
Nation" bewiesen - wenn auch mit den Grenzen. die ich mich hier bemühe.
genauer zu umreißen und ernst zu nehmen.

7
"gI. Michael \"('alzer: .. Republic:lInism is :lIn integrated and unit:lll)' doctrine in which
energy and commitment are focused primarii}' on the poLitic:lI1 realm. It is a doctrine
adapted (in both its classiC:lI1 and neocl2ssical forms) 10 the needs of smalI, homoge-
neaus communities, where ei"il soeiety is radicall)' undifferend:llled" ("The Comrnu-
nirarian Critique of Liberalism", in Po/itiro/ Thto'J. 18/1 (1990), S. 20).
152 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

Zugleich erweist sich die amerikanische Erfahrung, wie sie die amerikani-
schen eokommunitaristen verzeichnen, angesichts der Atomisierung der Zi-
vilgesellschaft als lehrreich. Die Bilanz, die t...Uchael J. Sande! zieht, stimmt in
vielerlei Hinsicht mit der heutigen Problematik des französischen Modells
überein. Die amerikanische Auffassung der "nationalen Republik" mit ihrem
Patriotismus und ihrem Kult der bürgerlichen Tugenden hat der zunehmenden
Heterogenität der bürgerlichen Gesellschaft nicht standhalten können und
wurde abgelöst von der liberalistischen Auffassung einer ..prozeduraJen Repu-
blik". in der die gerechte Prozedur an die Stelle des Bekenntnisses zu gemein-
sa.men \'(Ierten und Zielen getreten ist. 8 Es ist in diesem Kontext nicht das ge-
ringste Verdienst des amerikanischen eokommunitarismus, verstanden zu ha-
ben, daß die Zersplitterung der Gesellschaft nicht als ein Verhängnis gesehen
werden muß, dem man unbedingt das Festhalten an einer idealen gemein-
schaftlichen Kohäsion entgegensetzen solle, sondern auch als die Realität und
als die unumgängliche Bedingung der Demokratie.
Während Habermas die Rettung der Demokratie von einer argumentativen
Verständigung abhängig macht, die gleichsam die Öffentlichkeit der Aufklä-
rung rekonstiruieren soll, muß man viel eher bei den wirklichen Erscheinungs-
formen der .,Demokratie" ansetzen - also von unten, und das heißt, daß man
von dem ausgehen muß, was sich etwa tagtäglich in unseren Vororten ereignet:
auch von jenem verzerrten "Dialog", den die Konflikte zwischen den "Ban-
den" bzw. zwischen ihnen und .,der Gesellschaft" (repräsentiert etwa in Über-
griffen auf Stadtbusse) trotz al/tm darstellen. 9 Was sich da regt, ist das Streben
nach einer toralen Umwälzung des etablierten "kommunikativen HandeIns".
Daß man die solcherart gewaltsam geltend gemachten, unter der Ebene
sprachlicher Kommunikation liegenden, aber durchaus "expressiven" und auf
ihre Weise "performativen" "Sprachspiele" nicht akzeptieren muß, versteht
sich von selbst. Es ist sogar die Aufgabe des Citoytn, sie n;tht zu akzeptieren.
Damit ist aber das Problem nicht erledigt. Es steht vielmehr an, unsere norma-
tiven Antworten auf die Probe zu stellen. IO
Mit Recht bemerkt Albrecht Wellmer:
Es gibt ja keine Instanz außerhalb des demokratischen Diskurses - weder Philoso-
phen noch Verfassungsgerichte -, die hier unanfechtbare und der Kritik entzogene
Entscheidungen treffen könnten. Also können nur im Mtdium des demokratischen
Diskurses dessen eigene Grundlagen gesichert und auf Dauer gestellt werden. Den·

, Michael J. SandeI, "The Procedural Republic and the Unencumbered Sdf", in:
Po/i/üa/ Thto'J 12/1 (1984), S. 81-96; d!. Olxrsetzung: "Die vetfahrensrechdiche Re-
pubHk und das ungebundene Selbst", in: Axel Honneth (Hrsg.): KDllfllfMnitansmlls.
Ei"t Dtbattt ibtr dit IIfDralistbt" Cnmdlall" .oJmur GmllsthDjft", Frankfurt, ew York
1993, S. 18-35.
9 Vgl. hierzu Raulet: "Zur gesellschaftlichen Re:l1.itit der Postmoderne", in: Heinz-
Hermann Krüger, Absthitd ,.'()" dtr AMfJeI,;",,,!,. Opladen 1990.
10 Vgl. zu den hier folgenden überlegungen Raulet: Apolol,it dt /0 NfD.Jt1lntfi, a. a. O.
Raulet, Demokratie, Republikanismus, Multikulturalismus 153

km läßt sich dies nur dann, wenn man den demokratischen Diskurs nkht nur als ein
Netzwerk von Institutionen und Assoziationen sieht, sondern zugleich als ein Netz-
werk von ÖjJentlithktiten. I1

Wellmers Bemerkung zielt auf eine Vorstellung, die Habermas und Michael
Walzer gemeinsam istY Für beide ist die bürgerliche Gesellschaft ein Netz
von Assoziationen, die das politische System "belagern"l3, aber auf keinen Fall
bereit sind, auf seine Vermittlung zu verzichten. 14 Walzer nennt dieses Ver-
hältnis "demokratischen Sozialismus" und sieht in ihm die größtmögliche Be-
hauptung echter Volkssouveränität. Was die Bürger vereinigt, ist weniger eine
Ethik, sei sie das Produkt der gemeinsamen Geschichte oder eine republikani-
sche Moral, sondern lediglich die Politik. 15 Und das heißt, daß das eigentliche
"Vehikel der Demokratie" die Differcnz ist l6 , also daß der Widerstreit zum
"normalen" Modus der Integration geworden ist: "Je stärker die partikuJaristi-
sehen Identitäten der einzelnen Männer und Frauen sind, desto stärker müssen
sie als Staatsbürger auftreten."17 Deshalb muß dje Öffentlichkeit "bedeutend
erbitterter und streitsüchtiger, intoleranter und fanatischer"18 sein, als es für
unser aus dem 18. Jahrhundert stammenden Modell denkbar ist.
Daß auch das französische IntegrationsmodeU, das sich insofern für ver-
bindlich hält, als es sich zugleich als Recht und als Moral versteht, als Verfas-
sungspatriotismus und als republ.ikanische Moral, keittt Ausnahme bildet und sich
von diesen Debatten wedcr ausnehmcn kann noch darf, steht völlig außer
Zweifel. Das bedeutet freilich ci ne tiefgreifende Infragestellung unserer Vor-
stellung sozialer und politischer Integration - eine Infragestellung, die auf je-
den Fall ehcr teleologisch denn moralisch ansetzen sollte 19 und dem Wider-
streit sein Recht einräumen müßte - das heißt: längerfristige, ja noch ungese-
hene, innovative Integrationsprozesse dulden muß, ohne deshalb auf das

11 Albrecht Wellmer: "Bedingungen einer demokratischen Kultur", in Micha Brumlik,


Hauke Brunkhorsl (Hrsg.), GtnltinJthflj't ,md GU"tthtigkeit, Frankfurt am Main 1993,
5.1801.
12 Siehe Habermas: "Volkssouveränität als Verfahren. Ein normativer Begriff von Öf-
fentlichkeit", in Merkur 484 (1989), S. 465-477. über Walzer vgl. Hauke Brunkhorst,
Demokratie und Diffinni.J Frankfurt a. rvl. 1994, S. 130.
13 Die J\'!etapher der "Schleuse", durch welche Habermas in Fakti'{jtiit und Geltung diese
Vorstellung variiert, ändert grundsätzlich nichts. Hierzu Habermas: "Faktizität und
Geltung. Ein Gespräch über Fragen der politischen Theorie", in: Die Normalitiit einer
Berliner Republik, Frankfurt a. M. 1995, S. 138 f.
l~ Vgl. Michael \X/alzer, Zil'ile GmllJthoflllnd alpen'konisthe Demokratie, ßerlin 1992, S. 89:
"Zivile Gesellschaft" ist ein Netzwerk von Assoziationen, das "die staatlichen
Machunstanzen [... ) einschließt", aber in dem kollektiven Bewußtsein, das es ..nicht
auf sie verzichten" kann.
IS Ebd., S. 192.
16 Vgl. ebd., S. 233.
17 Ebd., S. 236.
18 Ebd.
19 Vgl. Raulet, Kant. HiItoin et titoyrnnrti, Paris 1996, insb. den Schluß, S. 248 f.
154 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

Grundkonzepr der Republik verzichten zu müssen, nach dem es nur ein l\'len-
schenrecht gibt und deshalb auch nur ein Bürgerrecht geben kann, soweit die
republikanische Verfassung dem Menschenrecht genügt und einen Ruh/JJ/aal
begründet.
Ben van den Brink

Politische Philosophie und Geschichte


Plädoyer für eine aspektivische Flexibilität des
politischen Denkens

I
Politische Philosophie wird oft - als ginge es dabei um eine Selbstve,rständlich-
keit - als normativ-theoretische Disziplin aufgefaßt. Diese Disziplin ziele auf
eine aUgemein verbindliche Theorie, aus der sich normativ verbindliche Ant-
wonen auf praktisch-politische Fragen ableiten ließen. Beispiele dafür sind
normative Theorien der Gerechtigkeit, der Gleichheit und des demokratischen
Rechtsstaates. Zu den großen zeitgenössischen Vertretern dieser Zugangsweise
gehören ohne Zweifel John Rawls und Jürgen Habermas; ihre KJassiker sind
Thomas Hobbes, John Locke, Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kam und
G. W. F. Hege!. Trotz der vielen Unterschiede zwischen den polhisehen Theo-
rien dieser Denker ist es bei doch jeder dieser Theorien möglich, bestimmte,
recht allgemein gehaltene normative Aussagen über Begriffe wie "Staat", "Ge-
seilschaft", "Recht" oder "Demokratie" zu machen. Das läßt sich wohl am be-
sten dadurch erklären, daß diese Begriffe eigentlich immer aufgrund von vor-
hergehenden, mit wissenschaftlicher Strenge und Systematik aufgestellten, ge-
setzmäßig verfaßten Theorien über Rationalität, Vernunft, Moral usw. entwik-
kelt wurden. Die normativen Vorstellungen von Staat, Gesellschaft, Recht,
Demokratie usw. ergeben sich somit recht eindeutig aus dem größeren, gesetz-
mäßig verfaßten philosophischen System. Mit vor-theoretischen, in der politi-
schen Praxis vorfindlichen Auffassungen haben sie nur insofern zu tun, als
diese sich implizit an genau den Regeln und Gcsetzmäßigkeiten der prakti-
schen Rationalität orientieren, die sich nach einer möglichst umfassenden phi-
losophischen Analyse als für die politische Praxis grundlegend erweisen.
Die größte Schwäche dieser normativ-theoretischen Zugangsweise ist von
alters her nicht ihre Konzentration auf Regeln, Gesetze und Prozeduren des
richtigen Denkens und Handeins gewesen, sondern vielmehr ihr Hang diese -
sobald sie einmal aufgedeckt worden sind - in einen Stand von Zeit- und Ort-
losigkeit zu erheben. Kritiker dieser Neigung zum Denken I1Ib spuie oelemilnliJ
heben seit eh und je hervor, daß das philosophische Denken durch das Streben
nach einem solchen Gesichtspunkt seinen kritischen Bezug zur Praxis verliert,
anstatl ihn - wie besonders von philosophischen Letztbegründern angenom-
156 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

mco - zu gewinnen, I Die hier zur Debatte stehende Frage stellt für jedes poli-
tisch-philosophische Denken mir systematischem Anspruch ein fundamemales
Problem dar. Einerseits sucht die poljrjsche Philosophie nach einem möglichst
wahren und allgemeinen Begriff von z. B. politischer Subjektivität, Souveräni-
tät, sozialer und politischer Kooperation, Voraussetzungen wirksamer und ge-
rechter institutioneller Ordnungen usw. Andererseits kann die politische Philo-
sophie immer nur konkrete Gestalten von politischer Subjektivität, Souveräni-
tät, Kooperation und institutioneller Ordung wahrnehmen. Wer annimmt -
und ohne unbegründbare Annahmen kommt man in dieser Diskussion nicht
weit -. daß sich hinter der Kulisse der im Laufe der Zeit wandelnden, konkre-
ten Gestalten des Politischen keine eigentlichen, zeit- und ortlosen Regeln,
Gesetze und Prozeduren des richtigen Denken und Handelns verbergen, wird
den Versuch, aus einer Vielheit von konkreten Erscheinungen einen zeit- und
ortlosen normativen Kern des Richtigen abzuleiten, nicht verstehen.
Nun muß gleich betont werden, daß normativ-theoretische, systematische
politische Philosophie nicht per dljiniliontn, nach einer zeit· und ortlosen, unj-
verseUen Geltung strebt. Sie kann sich der Gefahren des Denkens sub specie
oelernilali! durchaus bewußt sein. Davon zeugen z. B. die späteren, explizit po-
litisch-philosophischen Werke von sowohl John Rawls wie Jürgen Habermas. 2
Es ist durchaus verteidigbar, wenn eine normative politische Theorie nur für
einen bestimmten - z. B. modernen und westlichen - Kontext eine zwingende
Geltung beansprucht und sich in anderen Kontexten eher als ein bescheidenes
Gesprächsangebot versteht. Wo Autoren wie Rawls und Habermas selbst beto·
nen, daß der normative Gehalt ihrer politischen Theorien an erster Stelle an
die modernen, westlichen, posttraditionellen Gesellschaften adressiert ist, de-
ren historische Existenz und konfliktreiche Entwicklung selbst eine Vorausset-
zung der Entwicklung ihrer Theorien ist, halten sie entschlossen die dialekti-
sche Spannung zwischen stets wandelnden konkreten politischen Formen ei-
nerseits und aufs AIIgemeine - aber nicht auf naive Zeit- und Ortlosigkeit -
zielende Theoriebildung andererseits aufrecht.
Wenn eine politische Theorie Regeln, Gesetzmäßigkeiten und Prozeduren
artikuliert und systematisiert, die implizit in einer gewissen Praxis gegeben

Siehe dazu Willem van Reiien, "Die Beweislast der politischen Philosophie", in: Ben
van den Brink, Willem van Reijen (Hrsg.), Biirgtrgmll!rhoft, Ruh/ und Dtmokrotit,
Frankfurt a. M. 1995, S. 466-489.
2 John Rawls, PoliliJ(htrUbtraliJmuJ, Frankfurt a. M. 1998; Jürgen Hllbermas, Faktizität
und Gtllung: Bti/riigt zur DiJkJlrJthtorit du Ruh/J und du dtmo!erotiJrhen R1rhtJJtlUltJ,
Frankfurt a. M. 1992. Beide Autoren heben hervor, daß die Regeln, Gesetze und
Prozeduren poliliJrhtr Kooperation komextllbhängiger gedacht werden müssen als
aus ihren früheren Arbeiten zu Grundvoraussetzungen moralischer und sozialer Ko-
operation herausgelesen werden kann. Vgl. John Rawls, Eint Thtorit dtr Ctmhtigluil,
Frankfurt a. M. 1975; Jürgen Habermas, Theon't dtJ !eomflluni!eotil/tn HondtlnJ, 2 Bde.,
Frankfurt a. M. 1981; ders., Morolbtll1ußtJtin und !eommuni!eatives Handtln, Frankfurt
a. M. 1983.
van den Brink, Politische Philosophie und Geschichte 157

sind, dann stellt sich die Frage, inwiefern eine an Regeln, Gesetzmäßigkeiten
und Prozeduren sich orientierende politische Philosophie nicht immer einen
spezifischen freiheitverbürgenden Aspekt des politischen Handelns aus dem
Auge verlieren muß, nämlich die Kreoliviliil des Handeln!. Selbst wenn es mög-
lich wäre, transzendentale Kriterien des richtigen Gebrauchs der praktischen
Vernunft aufzustellen und aus ihnen Regeln und Prozeduren für das praktische
Handeln abzuleiten, würde die praktische Philosophie mü dieser Annäherungs-
weise nicht imstande sein, das Moment des Neuen, die das "Normale" spren-
gende Kreativität des Handeins zu erfassen.) Und Gleiches gilt für jede eher
pragmatisch eingestellte politische Theorie, die politisches Handeln letztlich
doch in Regeln und Prozeduren fassen will. Einer spezifischen politischen Pra-
xis wird immer unrecht getan, wenn ihre theoretische Erfassung das Moment
der Kreativität des menschlichen Handelns und Utteilens verfehlt. Die Regeln,
Gesetzmäßigkeiten und Prozeduren, die wir heute aus der Praxis ableiten, kön-
nen im Prinzip morgen schon überholt erscheinen, weil das Handeln eines ein-
zigen Individuums oder einer Gruppe von Menschen sie in einem ganz neuen
Licht erscheinen lassen könnte.
Auf diese Problematik haben auch die besten normativ-theoretischen Theo-
rien keine gute Antwort. Auch wenn solche Theorien auf eine noch so gewis~
senhaften Studie konkreter politischer Formen und Praktiken zurückgehen,
werden sie nicht vermeiden können, im Lichte neuer politischer Handlungen,
Strategien und Entwicklungen in vielen Aspekten schnell überholt zu wirken.
Es ist kein ZufalJ, daß Theoretiker wie Rawls und Habcrmas ihr CEuvrc immer
wicder neuen Tatbcständen in dcr Gcsellschaft, wie z. B. dem Feminismus,
dem Multikulruralismus oder der Globalisierung, angepaßt haben. Eine norma·
tive politische Philosophie, die sich der Gcfahrcn ihrer Zeit- und OrtS-
gebundenhcit und ihrer Ohnmacht gegenüber der Kreativität des Handelns
nicht bewußt bleibt, wird rasch anachronistisch wirken.

II
Dies ist meines Erachtens der wichtigste Grund, warum es immer eine sich
nicht auf normativ-theoretische Ratschläge konzentrierende politische Philo-
sophie geben wird. Eine bestimmte, genealogische Version einer solchen anti-
systematischen politischen Philosophie interessiert mich hier besonders. Sie

3 Vgl. Hannah Arendt, Vita ArJiJ'fl, München, 61989, S. 183: "Die Zerbrechlichkeit der
Einrichtungen und Gesetze, mit denen wir immer wieder versuchen, den Bereich der
menschlichen Angelegenheiten halbwegs zu stabilisieren, hat mir der Gebrechlich-
keit oder Sündhaftigkeit der menschlichen Narur nichts zu tun; sie ist einzig dem ge-
schuldet, daß immer neue Menschen in diesen Bereich fluten und in ihm ihren Neu-
anfang durch Tat und Wort zur Geltung bringen." Allgemein zu dieser Problematik,
siehe Hans Joas, Die Krtallz,jliir du HOlldtlnI, Frankfurt a. M. 1992.
158 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

versucht primär nachzuvollziehen, wie spezifische, kontingente politische For-


men entstehen und welche Folgen sie für das Selbsrvcrhältnis, die Identität und
die Freiheit von poLitischen Subjekten haben. Die Konzentration auf das Spe-
zifische anstatt des AUgemeinen, auf das vorher Nicht-Wahrgenommene ao-
statt des systematisch ErkJärbaren, auf die Genese politischer Probleme anstarr
ihrer Lösung, verhindert nicht, daß auch diese Annäherungswcise normativ
reichhaltig sein kann. Es geht ihr aber weniger um direkte politische Empfeh-
lungen oder gar Prinzipien des richtigen Handeins, sondern um eine befreien·
de Beschreibung politischer Machtkonstellationen. In den Worten James Tul-
Iys: "it seeks tO characterise the conditions of possibility of [al problematic
form of governance in a redescription (often in a new vocabulary) that trans-
forms the self-understandings of those subject to and struggljng with [a power
constellationJ, enabLing them to see its contingent conditions and the possibi-
lities of governing themselves differently."4
Das vielleicht bekannteste Beispiel dieser Annäherungsweise ist Nietzsches
Studie Zur Genea/ogie der Moral. Aber auch Foucaults Überwachen {(nd Straftn,
James Tullys Strange MJdJip/icity und - obwohl nicht im strikten Sinne genealo-
gisch - Quentin Skinners Liberty be/ore Libera/ism müssen hier erwähnt werden. 5
Was diese Studien verbindet ist, daß sie jeweils eine Neubeschrcibung bekann-
ter EnNlicklungsprozesse - der Moral, des Strafrechts und der Strafanstalten,
des liberalen Konstitutionalismus, des modernen Freiheitsbegriffs - vorneh-
men, die diese Prozesse in einem anderen, unerwarteten Licht erscheinen Jas-
sen. Wer sich diesen Neubeschreibungen öffnet, wird Aspekte von EnNlick-
lungsprozesscn wahrzunehmen lernen, die unreflektiert für wahr gehaltene
Überzeugungen ins Wanken bringen. Wie die systematische, kommt auch diese
genealogische Annäherungsweise nicht ohne die Dialektik zwischen aufs Allge-
meine zielenden politischen Begriffen wie Subjektivität, Souveränität und poli-
tischer Kooperation einerseits und konkreten Instanzen poHtischer Subjektivi-
tät, Souveränität und Kooperation andererseits aus. Von der normativ-theore-
tischen politischen Theorie wird djese Dialektik häufig als eine zwischen kon-
kreten historischen Instanzen einerseits und historische Kontingenz sprengen-
den allgemeinen Begriffen andererseits verstanden. Dagegen nimmt die genealo-
gische Zugangsweise die Dialektik als eine zwischen konkreten histOrischen In-
stanzen einerseits und spezifischen, in einer bestimmten Periode dominanten
Begriffen legitimierten Praktiken andererseits wahr. Begriffe - wie Subjekt, das
moralisch Richtige, die liberale Freiheitsauffassung -, die in einer gewissen hi·

4 James Tully, "Political Philosophy as a Critical Activity", in: Po/iH(al Theory 30/4
(2002), S. 534.
~ Friedrich Nietzsche, Zur Gmtalogie der Moral, in: ders., Sämtliche Werke. Kn'tiStbe 5111-
dienauJrbe, Band 6, hrsg. von G. CoHi und t>.L Montinari, München, Beflin, New
York 1988; Michel Foucault, ObtTIJ1achen lind Strafen, Frankfurt a. M. 1977; James
Tully, Slrange Mulliplicity: ConJJilulionaliJf11 in an Age of Dit'trJity, Cambridge 1995;
Quentin Skinner, Libtrty bifore UbtraliJm, Cambridge 1998.
van den Brink, Politische Philosophie und Geschichte 159

storischen Periode scheinbar auf allgemeine Verbindlichkeit zielen, werden als


normativ gehaltvolle, ja identitiitskonstiwierende Renexionen historisch situ-
ierter Praktiken gesehen. 6 Damit verliert die genealogische l\'lethode - die auch
den eigenen Standpunkt als einen situierten versteht - einerseits per definifionem
die Möglichkeit, einen archimedischen Punkt zu finden, von dem aus eine
möglichst zeit- und ordose Kritik an politischen Praktiken der Gegenwart oder
Vergangenheit geübt werden kann. Sie gewinnt aber andererseits die Möglich-
keit, im Laufe der Geschichte entwickelte Praktiken und Begriffe zu beschrei-
ben, ohne sie entweder auf einen allgemeinen Begriff solcher Praktiken, der
jede hjstorische Situiertheit übersteigt, zurückführen oder aber sie nur aus den
eigenen normativen Deuwngsmuslern wahrnehmen zu müssen. Die Relevanz
dieser Zugangsweise für dje politische Philosophie besteht meines Erachtens
darin, daß sie eine große Pluralität politischer Formen zunächst einmal be+
schreibt und bestehen läßt, um gerade dadurch politischen Subjekten einen
Freiheitssinn vermitteln zu können, der aus der Perspektive einer nur aufs AU-
gemeine zielenden Theorie verborgen bleiben muß. Dazu werden in jüngster
Zeit häufig folgende Worte des Historikers Quentin Skinners zitiert: ..The his-
tory of philosophy, and perhaps especially of moral, sodal and political philo-
sophy, is there co prevcnt us from bccoming tOO readily bewitched. Thc intel-
lectual hisrorian can help us co appreciate how far the values embodied in our
present way of Me, and our present wa)'s of thinking about those values, re-
nect aseeies of choices made at different times between different possible
worlds. This awareness can help to liberate us from the grip of any one hege+
monal account of those values and how they should be interpreted and und er-
stOod. Equipped with a broadcr sense of possibility, we can stand back from
the inteLlecwal commitmenrs we have inherited and ask ourselves in a new spi.
rit of enquiry what we should think of thern."7

III
leh habe bereits festgestellt, daß die genealogische Zu~ngsweise eine große
Pluralität politischer Formen zunächst beschreibt und bestehen läßt, um gera-
de dadurch politischen Subjekten einen ganz spezifischen Freiheitssinn vermit-
teln zu können, der aus der Perspektive einer aufs Allgemeine zielende Theorie
verborgen bleiben muß. Das Problem dieses letzteren Theorietypus ist es, daß
er fast zwangsläufig der Suche nach einem normativen Kern, nach Quellen der
Legitimität verhaftet bleiben muß. Die Geschichte ist für die normativ-theore-
tische, systematische Philosophie eben sehr oft ejn Sich-Entfalten eines ganz
bestimmten - ehen des nebligen - Denk- und Handlungsrypus. Vielleicht muß

(, Siehe Tully, .,CriticaJ Activity," S. 544.


7 Quentin Sk.inm:r, Ube'!), 116-117.
160 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

die normative politische Philosophie in diesem Sinne rechthaberisch sein.


Wenn etwas richtig ist, ist es schließlich gut zu wissen, woher dieses Richtige
stammt. Problem ist dabei allerdings, daß eine Konzentration auf jene Denker,
soziale EntwickJungen, soziale Bewegungen und soziale Formen, die dieses
Richtige bereits im voraus geahnt haben, in ein eindimensionales Bild des Poli-
tischen münden kann. Dies können wir uns an Jürgen Haberrnas' Umgang mü
der politischen Geschichte klarmachen, der Geschjchte bekanntlich in einem
normativen Sinne im Lichte einer Entfaltung der kommunikativen Vernunft
interpretiert. Habermas' Konzentration auf die kommunikative Vernunft als
wichtigste Garantie politischer LegitimitätS führt in den historisch-rekonstruie~
renden Teilen seiner Arbeiten zu einem durchaus fragwürdigen Poljtikver-
ständnjs. Ein gutes Beispiel ist der Essay "Volkssouveränität als Verfahrcn".9
in dem Habermas fragt, ob ..die Ideen-Revolution von 1789" - die Französi-
sche Revolution - ..eine Lesart [erlaubtl, die für den eigenen Orientierungs-
bedarf noch informativ ist".10
Einer der zentralen Ausgangspunkte des Essays besteht in folgender Fest-
stellung: "Das Revolutionsbewußtsein ist die Geburtsstätte einer neuen Menta~
lität, dje geprägt wird durch ein neues Zeitbewußtsein, einen neuen Begriff der
politischen Praxis und eine neue Legitimationsvorstellung. Spezifisch modern
ist das historische Bewußtsein, das mit dem Traditionaljsmus naturwüchsiger
Kominuitäten bricht; das Verständnis von politischer Praxis, welches im Zei-
chen von Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung steht; und das Vertrau-
en auf den vernünftigen Diskurs, an dem sich jede politische Herrschaft legiti~
mieren soll. Unter diesen drei Aspekten dringt ein radikal innerweldicher,
nach metaphysischer Begriff des Politischen ins Bewußtsein der mobil gewor-
denen Bevölkerung ein. ,,11 Nach einer Diskussion dieser sehr substantiellen
Definition (man muß sich vor allem fragen, wie "innerwc1dich" und "nach-
metaphysisch" das Revolutionsbewußtsein am Ende des 18. Jahrhunderts wirk-
lich warl~ wird dann festgestellt, daß Spuren des "Revolutionsbcwußtseins" in
der demokratischen Öffentlichkeit und in der Massenkultur als Zeugen einer
im besten Fall ambivalencen Mentalität verstanden werden können, mit deren
Hilfe die Ausgangsfrage nicht beantwortet werden kann. 1J Wohl um dieses
Problem der vieldeutigen, alles andere als vollends aufgeklärten kulturellen

8 Siehe für eine ausführliche Diskussion und Kritik, van den Brink, Tbe Trager!Y oj Ube+
ralism, Albany, NY, 2000, S. 85-125. Siehe auch Michael Walzer, VmJHnjt, Politik Hltd
Ltidmsrhafl. De.fitite liheraler Theon·e, Frankfurt a. M. 1999.
9 Jürgen Habermas, "Volkssouveränität als Verfahren", in: Habermas, Faktizitöt Hltd
CeltHltg: ZNr Dis!r.Jlrstheone du Ruhts Nnd du demo!r.ratiJrhtJt Ruhtsstaats, Frankfurt :l. M.
1992, S. 600-631.
10 Ebd., S. 601.
11 Ebd., S. 604-605.
12 Siehe dazu Dale K. Van Kley, The ReligiONS Ongim oj the Frtnrb RevolNtion: Fro'" Colt-in
10 the eh·il ConstiJHtion, New Haven 1999.
13 Habermas, "Volkssouveränität", S. 608-609.
van den Brink, Politische Philosophie und Geschichte \6\

Praxis zu entfliehen, stellt Habermas sodann fest, daß aus "der Sicht politi-
scher Theorie [...] Geschichte zum Laboratorium rur Argumente [wird]."I"
Was folgt, ist nicht so sehr eine politisch theoretische Reflexion auf historische
EntwickJungen, sondern eine konzeptuelle Analyse ideologischer Interpreta-
tionskämpfe des 19. und 20. Jahrhunderts zwischen Demokraten und Libera-
len, zwischen Sozialisten und Anarchisten sowie zwischen Konservativen und
Progressiven. Die Analyse endet in Habermas' bekannter prozeduraler Auffas-
sung des demokratischen Rechtsstaats.
Habermas muß am Ende der konzeptuellen bung feststellen, daß eine
.,prozeduralisierte ,Volkssouveränität' nicht ohne die Ruckendeckung einer
entgegenkommenden politischen Kultur, nicht ohne jene durch Tradition und
Sozialisation vermittelten Gesinnungen einer an politische Freiheit gitllOön/in
Bevölkerung [wird] operieren können: keine vernünftige poljtische Willensbil-
dung ohne das Entgegenkommen einer rationalisierten Lebenswelt."IS Wahr-
scheinlich um diese auf individuell-dispositioneller Ebene stark unterbelichtete
Lebenswclt als "radikal" innerwe!tlich und nach metaphysisch denken zu kön-
nen, weist Habermas tugendethische und neo-aristotelische Verständnisse zivi-
ler Verantwortung (die auch schon am Ende der achtziger Jahre des letzten
Jahrhunderts aufgrund des Einflusses des Kommunitarismus gewiß nicht un-
einflußreich waren) kurzerhand zurück. ,."(fenn das normativ angesonnene po-
litische Verhalten zumutbar sein soll, muß die moralische Substanz der Selbst-
gesetzgebung, die bei Rousseau kompakt zu einem einzigen Akt zusammenge-
zogen war, über viele Stufen des prozeduralisierten Meinungs- und WiUensbil-
dungsprozesses auseinandergezogen werden und in \'iele kleine Partikel zerfal-
len. Es muß gezeigt werden, daß die politische Moral nur noch in kleiner Mün-
ze erhoben wird. ,,16 Habermas meint hier wohl, daß es in einer indi\,jdualisti-
sehen, pluralistischen, privatistischen und systemisch immer komplexer gewor-
denen Kultur weder weise noch wünschenswert wäre, das Funktionieren der
verfahrensrechtlichen Republik in ethisch anspruchsvollen, perfektionistischen
zivilen Attituden zu gründen. Und es ist gewiß auch besser, die dezentrierte
Bürgerschaft mit Hilfe sorgfaltig gestalteter Prozeduren der Meinungs- und
Willensbildung und des Rechtsstaates in stabile Institutionen einzubinden. Das
heißt nun aber nicht, wie vor allem die jüngere libuo!t Literarur zeigt, daß eine
verfahrensrecht.liche Republik ohne einen gewissen an Tugenden sich orientie-
renden zivilen Perfektionismus auskommen kann. 17 Habermas' schlecht ver-
hüllte Wut auf den politischen Aristorclismus und auf den durch Edmund Bur-
ke inspirierten politischen Konservatismus - Traditionen, die sich bekanntlich

H Ebd.. S. 610.
15 Ebd., S. 626-627.
Ebd.. S. 62 .
,-
16
Sithc= z. B. Peler Btrkowitz, VirlNt o"J rM Moki"l ~ MtNiu." Libtro/islft, Princc=ton:
PrincC=t'On Universiry Press 1999; John Tom2lsi. Ubtro/islll h!JrnuJ flurin, PrinCC=lOn:
PrinCC=lOn niversit)' PrtSS 2001.
162 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

mit Fragen der zivilen Tugend ernsthaft auseinandergesetzt haben - kann nicht
verhindern, daß sein eigenes Plädoyer für eine radikal inncrweltliche, nachme-
taph)fSiSche, egalitäre "emgegenkommende" Lebenswelt unverständlich bleibt,
solange wir uns darunter keine substantiellen, zivil-ethischen Dispositionen
vorstellen,t8 Zudem wäre es nicht nur unmöglich. sondern auch intolerant,
Bürger dazu zu verurteilen, allein "nach metaphysische" Motivationen für zivi-
les Handeln zu haben. Das dem demokratischen Rechtsstaat ,,[E]ntgegenkom-
men" von Lebenswelten ist in westlichen Demokratien gewiß nkht immer nl-
dikal innerweltlich und nachmetaphysisch motiviert gewesen und ist es auch
heute nicht immer. Davon zeugen nicht nur die ernstzunehmende Demokratie-
auffassungen vieler Kirchen, religiös inspirierter sozialcr Bewcgungen und
christdemokratischer Parteien, sondern auch die lebhaften philosophischen
Debatten der Gegenwart über dje moralische Begründung der Menschenwür-
de. 19
Habermas' Essay illustriert eine gewisse Inflexibilüät des normativ+theoreti-
sehen politischen Denkens, die darin besteht, im Umgang mit der politischen
Geschichte Aspekte politischen Handels nicht ernst nehmen zu können, die
nicht in den Rahmen der eigenen normativ-theoretischen Perspektive passen.
Die Zugangsweise leidet sozusagen unter einer großen aspektivischen Inflexi-
bilität. 2O Noch vor kurzem hat Michael Walzer mit wünschenswerter KJarheit
gezeigt, wie nicht primär deliberative Kernphänomene der Demokratie wie die
soziale Organisation von Solidarität, Loyalüät, Mitgliedschaft und das Aushal-
ten von kommunikativ vorcrst unlösbaren Spannungen des Pluralismus aus der
Sicht des deliberativen Paradigmas nicht ausreichend beschriebcn, geschweige
denn verstanden werden können. 21 Die Ausblendung solcher nicht diskursiver
Aspekte der PoUtik führt allzu häufig in ein recht eindimensionales und idealj-
sierendes Verständnis der Politik als eine Arena der reinen Argumcntation zwi-
schen völlig aufgeklärten Bürgern, in der die Komplexüäten der nur zum TeiJ
wirkJich diskursiv strukturierten alhägljchen politischen Praxis fast vollständig
ausgeblendet werden. Aspektivische Inflexibilität im normativ-theoretischen
Denken führt zu einem verarmten theoretischen Politikbegriff, mit dessen Hil-
fe die Kluft zwischen Idealtheorie und politischer Praxis gerade deshalb so

18 Siehe van den Brink, Tragedy oJ UberaliJfn, S. 95-106.


19 Siehe dazu z. B. Michael J. Perry, Tbe ldea rif Human RightJ: Four Inquin'u, Oxford
1998; Leroy S. Rouner (I-Irsg.), HJlnlan Righu and Ihe lf/orld'J ReligiOllJ, Notre Dame
1994; Charles Taylor, Die FOmJm du Religiiiun in der Cegenu.'art, Frankfurt a. M. 2002.
Zugegebenermaßen wird Habermas' Position diesbezüglich in den neunziger Jahren
milder. Siehe z. B. "Versöhnung durch öffentlichen Vernunftgebrauch" und "Kampf
um Anerkennung im demokratischen Rechtsstaat", heide in: Habermas, Die Einbezie-
hung du Anderen, Frankfurt a. M. 1996.
20 Siehe zu der Idee aspektivischen politischen Denkens: James TuUy, Jtrange MlIltipli-
ci(y: ConstitutionaliJm in an Age oJ Dillmity, Cambridge 1995, pauim, und David Owen,
"Wiugenstein and Genealogy", in; SAT5: Nordi{ jOllrnal oJ Philosophy 2 (2001) 1-28.
21 Walzer, J/enlllnJt, Politik Nlld l.....eidenJ(hajt.
van den Brink, Politische Philosophie und Geschichte 163

schwer zu überbrücken ist. weil die eindimensionale Theoriekonstruktion sie


unnötig breit hat werden lassen.

IV
Bekanntlich hat Michel Foucauh in Auseinandersetzung mit Kants Aufsatz
.. Beann.\'orrung der Frage: Was ist Aufklärung?"12 die kritische. aufkJärerische
Halrung definiert als ..die Kunst, nicht regien zu werden bzw. die Kunst, nicht
auf diese Weise und um djesen Preis regiert zu werden".23 Foucault zufolge
hängt diese kritische Haltung nicht so sehr mit dem re\'olutionären Bewußtsein
des späten 18. Jahrhunderts zusammen, sondern vielmehr mit der christlichen
Operation der "Lenkung zum Heil", der ..Menschenregierungskunst", die sich
von der frühen Neuzeit an über immer mehr soziale Bereiche, also nicht nur
innerhalb des religiösen Bereichs, verbreitct. 24 Diese Entwicklung der religiö-
sen, sozialen, moralischen, iuridischen und wissenschaftlichen Regierungstech.
nik rief nun aber Foucault zufolge des öfteren eine Haltung hervor, die sich
dem Regierrwerden nicht fügen will, die er - wie oben zitiert - als eine kriti-
sche Halrung beschreibt. In der für Foucauit so wichtigen Konstellation von
Macht, Wahrheit und Subjekt bedeutet dies folgendes: "Wenn es sich bei der
Regierungsintensivierung darum handelt, in einer sozialen Praxis die Individu-
en zu unterwerfen - und zwar durch i\lachtmechanismen, die sich auf \'(Iahr·
heit berufen, dann würde ich sagen, ist die Kritik die Bewegung, in welcher
sich das Subjekt das Recht herausnimmt. die Wahrheit auf ihre Machteffekte
hin zu befragen und die lacht auf ihre Wahrheüsdjskurse hin. Dann ist die
Kritik die Kunst der freiwilligen nknechtschaft, der reflektierten Unfügsam-
keit. In dem SpieJ, das man die Politik der Wahrheit nennen könnte, hätte die
Kritik die Funktion der Enrunterwerfung."25
Aus normativ-theoretischer Sicht ist diese Sichrweise in komplett, wenn
überhaupt verständlich. In einer legitimen politischen Ordnung wäre das Ziel
der Regierungsimensivierung nicht die Unterwerfung, sondern die Befreiung
der Subjekte. In einer solchen Ordnung wäre Kritik nicht bloß zur "Entunter-
werfung" der Subjekte da, sondern zur (\Xlieder-)Herstcllung der Legitimität
der politischen Ordnung. Die Konstellation "Macht, Wahrheit, Subjekt" wäre
in einer solchen legitimen Ordnung des "Spielens" mit Macht, Wahrheit und
den Subjekten enthoben. Macht wäre legitime Macht, Wahrheit gründete in ei-

!2 Imm.anuel K:lnt, "ße.ant\1.·ortung der Fr.ag~; \'(/28 ist Auf'kJirung?'\ in; Imm.anuel
K.ant. ll?t'rka.lfSgaM ßd. XI (Schrifl~n zur Anthropologi~, G~schichlSphilosophi~, Po·
lilik und Pid.agogik). hrsg. \"On Wilhdm Weisch~del, Ff1lnkfurt a. M. 1977, S. 53-61
(A 481-494).
II Michel FOUC1Uh, U71lJ ;J/ Krifild B~rhn 1992. S. 12.
24 Ebd.. S. 10.
II Ebd. S. 15.
164 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

nern genuinen Verständnis der Grenzen unserer Erkenntnisvermögen, das


Subjekt wäre der autOnome Amor des eigenen Schicksals. Diese Sichrweise ist
an erster Stelle mit .,kritischen". epistemologischen Kriterien verbunden, nicht
mit einer "aufklärerischen" regierungskr-itischen Disposition, die von Foucauh
als Tugend verstanden wird. Foucaulr formuliert dies so: .. Die Kritik also wird
sagen: um unsere Freiheit geht es weniger in dem, was wir mit mehr oder wcni·
ger Mut unternehmen als vielmehr in der Idee, die wir uns von unserer Er·
kenntnis und ihrer Grenzen machen, und folglich braucht man sich nicht von
einem anderen ,Gthor(htl' sagen lassen, um das Prinzip der Autonomie zu ent·
decken, vielmehr hat man sich von seiner eigenen Erkenntnis eine richtige Idee
zu machen. Dann wird das ,Gehorrh/I' auf der Autonomie selbst gegründet
sein... 26 Damit ist natürlich gemeint, daß, wenn man nur die Grenzen der eige-
nen Erkenntnis anerkennt (hier: die der praktischen Vernunft), man auch im·
stande sein wird, die unvernünftigen Seiten der ..Spiele" von Macht, Wahrheit
und Subjektivität zu transzendieren, um ideal theoretisch zu der Formulierung
einer kritischen normativen Theorie des praktischen, politischen Handclns zu
gelangen.
Hier prallen zwei phiJosophische \Veltsichtcn aufeinander. Wir haben oben
bereits gesehen, welche Kosten die Habermassche Sichtweise, die mit ihrer Su-
che nach Legitimität dem Foucaultschen Kritikverständnis diametral gegen·
übersteht, fUr den idealtheoretischen Purismus zahlen muß: nämlich ein bezüg-
lich dispositioneller und nicht-diskursiver Phänomene verarmtes Politikver-
ständnis. Man könnte nun natürlich leicht zeigen, daß mit Foucaults ent-ideali·
siertem Politikverständnis die wichtige Frage nach der Legitimität institutionel-
ler Ordnungen nicht ausreichend beantwortet werden kann. Mich interessiert
hier aber eine andere Frage: Wie könnte die von Foucault verteidigte, genealo·
gische Sichtweise einem philosophischen Geschichtsverständnis aspekti\fische
Flexibilität verleihen?
Foucault kennzeichnet seine historisch.philosophische Vorgehensweise als
archäologisch, genealogisch und strategisch. Archäologisch ist sie, weil sie sich
nicht um Gesetze der Legitimation kümmert, sondern ..den Zyklus der Positi·
vität ldurchläuft]. indem es vom Faktum der Akzeptiertheit zum System der
Akzeptabilität übergeht".27 Dabei versteht sie historische Fakten und Systeme
nicht als notwendig, nicht als durch ein "Aprioi vorgeschrieben".28 Sie verweilt
"im Immanzenzfcld der reinen ingularitäten"29 und nimmt Erscheinungsfor.
men von Macht, Wissen und Subjektivität wahr. Dies tut sie auf genealogische
Weise, indem sie ..die Erscheinungsbedingungen einer Singularität in viclfalti-
gen bestimmenden Elememen ausfindig Imachtl und sie nicht als deren Pro·

26 Ebd., S. 17-18.
27 Ebd., S. 34.
28 Ebd., S. 35.
" Ebd., S. 36.
van den Brink, Politische Philosophie und Geschichte 165

dukt sondern als deren Effekt erscheinen päßtJ".30 Ein Produkt wäre ein zwin·
gendes Resultat einer Konstellation von sozialen Einnüssen und Intentionen.
Foucault spricht von einem Effekt, weil das Resultat anders hätte sein können:
"Subjekte. Verhahenstypen, Entscheidungen, Optionen" spielen beim In·Er·
scheinung.Treten einer Singularität eine so große RoUe. daß der Eindruck hi-
storischer Determinierung vermieden werden muß. 31 Auch wird dem Eindruck
entgegengewirkt, daß das Entstehen von Instanzen und Systemen der Akzep.
tabilität Resuhat eines - im wesentlichen stets gleichförmigen - 1 etzes von
Beziehungen verstanden werden kann. Er spricht von strategischen, gegensei-
tigen Einwirkungen verschiedener Macht-. Wissens- und Subjektivitätsfakto-
ren. Gerade in dieser antideterministischen, antagonistischen Sichrweise ver·
birgt sich die aspektivische Flexibilität eines Denkens, das vor allem in Fou-
caults späteren Schriften zu erkennen ist. Nicht nur in der Offenheit ange-
sichts verschiedener Hintergründe spezifischer Verständnisse von Wahrheit,
Subjektivität, Wahnsinn, Sexualität und politischer Freiheit, sondern auch und
gerade in dem Aufklärungsgedanken, "nicht regiert zu werden, jenes entschie-
denen Willens - einer individuellen und zugleich kollektiven Haltung, aus sei-
ner Unmündigkeit herauszutreten".32
Die genealogische Umgangsweise mit der Geschichte wird hier zu einem
philosophischen tlbOl, das dem Ziel des Verstehens der Bedingungen politi-
scher Freiheit in einer nicht ideal(theoretisch)en Welt gewidmet ist. 33 Wo das
idul· und normativ-theoretische Denken bezüglich der kontingenten. nicht-
idealen Welt immer wieder - an sich richtig - deren Nichtlegitimität feststellt,
versucht die genealogisch inspirierte Sicht zu erkunden, wie ein Leben unter
noch so nicht-idealen Bedingungen doch mit einem Sinn für politische Freiheit
verbunden werden kann. Politische Freiheit ist nicht nur gegeben, wenn die
Gesellschaft gerecht und wohlgeordnet ist. Sie ist auch und gerade dort gege·
ben, wo Subjekte sich mit mehr oder weniger Erfolg organisieren, um Teil-
aspekte ihrer Unterworfenheü, ihrer nmündigkeit zu bekämpfen. Die Orga-
nisation kann Kommunik:uionsverhälrnisse oder gerechte sozial·ökonomische
Veneilungsmechanismen betreffen, sie kann Formen der Anerkennung und
der M.ißachtung betreffen, der Organisation von Solidarität und Loyalität,
Prinzipien oder auch Anwendungsprobleme der demokratischen Repräsentati-
on, symbolische Formen des Widerstands, des Verständnisses und der histori·
sehen Bedeurung beStimmter ziviler Tugenden usw. Eine politische Philoso-
phie, die versucht, in ihren historischen und s)'stematischen Aspekten die Vid·
falt politischer Probleme und poLitischer Praktiken nirhl auf einen wesentlichen
normativen Kern der einen praktischen Vernunft zurückzuführen, schildert

:w.l Ebd., . 37.


)1 Ebd., S. 38.
Jl Ebd .. S. 41.
H Eine gUie allgemeine Beschreibung \"on diesem tfhol gibt J2mes Tull}' in .,Critic21 Ac-
li\,iIY···
166 Diskussionen des zwanzigsten Jahrhunderts

keine ideale Weh, sondern vermittelt einen Freiheitssinn, der in der um'cr·
söhnten Welt vielleicht fundamentaler ist als die Suche nach politischer Legiti-
mität: den Sinn, anders denken und handeln zu können aJs vorgegeben. M.it
diesem Sinn fangt Freiheit an, und zu ihm muß die politische Philosophie,
wenn sie ihren Hang nach grolkr. aber allzu idealistischer Theorie zügeln will,
immer wieder zurückkehren. Damit überlasse ich die vorgestellten Aspekte
dem Freiheitssinn des Lesers.
III Aktuelle Debatten

Wilhelm BergeT

Gibt es eine politische Ethik in der


technologischen Zivilisation?

I
Wer nur mit einer gewissen Verkrampfung an Diskussionen teilnimmt, in de-
nen die Probleme der Welt zur Debatte stehen, wird auch in eine Stimmung
des Unbehagens geraten, wenn die Frage nach der Relevanz der eigenen philo-
sophischen Arbeit für die polhisehe Praxis aufgeworfen wird.
Es wäre ein Kurzschluß, diese Stimmung auf den alten Widerspruch zwi-
schen Theorie und Praxis zu projizieren: Eine Philosophie formu!jert Konzep-
te. von denen sie meint, sie könnten von der politischen Praxis vernünftiger-
weise nicht zurückgewiesen werden. Die Praxis aber verweigert nicht erst die
Annahme der Ansprüche, die an sie adressiert sind, sie nimmt schon den Zu-
stellversuch gar nicht oder allenfalls nur als Emertainment wahr. Der Wider-
spruch wurde vom deutschen Karikaturisten Seifried zumindest zeichnerisch
schon vor Jahren aufgehoben: Da steht ein Philosoph vor einer großen Menge
von Leuten und ruft: Proletarier aller Länder, vereinigt Euch! Und die Proleta~
rier antworten im Chor: Gute Idee, gebongt, machen wir!
Die Stimmung des Unbehagens wird also eher mit einem anderen Problem
zu tun haben. Die Vermutung liegt nahe: Es handelt sich um das Problem der
Selbstda rstell ung.
Jeder kennt die Szene: Ein Philosoph referiert, zum Beispiel vor einem Pu-
blikum von Politikern zum Beispiel über das Thema Ethik und Medizin. Kaum
iSI der Vortrag zu Ende, kommt die Frage: Schön und gut, aber was sagen Sie
denn jetzt konkret: Ist Sterbehilfe ethisch vertretbar, ja oder nein? Der Refe-
rem ist weder Utilitarist noch Theologe. Die daraus folgende Verweigerung ei~
ner definitiven Antwort provoziert sogleich die Feststellung: Mit Ihrem Gere-
de können wir politisch nichts anfangen, das hat keinerlei praktische Relevanz!
Das ist für den Philosophen unangenehm, denn immerhin wurden seine Reise
und sein Aufenthah, sogar ein kleines Honorar gezahlt, und da möchte er am
168 Aktuelle Debatten

liebsten rufen: Sie irren sich, meine Damen und Herren, meine Rede ist ebenso
vorausserzungsvoll wie reich an Konsequenzen, es folgen daraus Imperative
für das politische Handeln und sogar eine politische Ethik in der technologi-
schen Zi\·ilisation! Und wenn Sie es bis jetzt nicht verstanden haben, werde ich
es eben noch einmal in einfachen Worten wiederholen.
Auf der anderen Seite gibt es nicht wenige, die haben Schwierigkeiten mit
einem bestimmten Gestus der Selbstdarstellung, der weit verbreitet ist, mit ei-
nem Gestus, der immer schon weiß, was Sache ist, und mit einer Form der
Selbstdarstellung, die oft das Wort "wir" gebraucht: "Wir" stehen VOf der Her-
ausforderung, und daher sollen "wir" und daher müssen "wir" l... J Und wer
diese Schwierigkeiten hat, will am liebsten gleich zugeben: Ja, Sie haben recht,
was ich gesagt habe, hat keinerlei praktische Konsequenzen und soll auch kei-
ne haben, es folgt daraus insbesondere keine politische Ethik in der technolo+
gisehen Zivilisation.
Was also tun in dieser Ambivalenz? Ein alter Trick liegt nahe, den schon
Aristoteles empfohlen hat: Man wende seine persönliche Ambivalenz ins Ob-
jektive, indem man sage: Diese Ambivalenz hat nichts mit meinen persönlichen
Defekten, sondern mit den Problemen des Themas selbst zu tun.
Zunächst ist damit folgendes erreicht: Das persönliche Problem der Selbst-
darstellung wird zum philosophischen Problem der Darstellung, und dieses
Problem ist tatsächlich eines der wichtigsten Probleme insbesondere der ge-
genwärtigen Philosophie. Denn schon prinzipiell gilt: Vielleicht im Gegensatz
zu anderen Formen des Wissens kann kein Denken, das den Namen Philoso+
phie für sich in Anspruch nehmen will, sein Gedachtes einfach als gegeben
voraussetzen und ihm dann Begriffe zuordnen oder Ansprüche zustellen. Cle-
mens-Carl Härle hat das auf die Formel gebracht: "Zwischen dem Denken und
dem Gedachten waltet ein Intervall, dergestalt, dass die Darstellung des Ge-
dachten für die Philosophie zu einer Aufgabe sui generis wird.'" Dieses Imer+
vall ist letztlich eine unaufhebbare Differenz, und die Philosophie ist nicht ihre
Leidtragende, sondern ihre Sachwalterin. Darstellung heißt dann nicht das di-
daktische, sondern das theoretische Problem einer Über-setzung, eines Setzens
über dieses Intervall, das Problem einer Über-setzung, die zugleich die Diffe-
renz nicht kurzschließt.
Also steckt in diesem Inrervall zweierlei: einerseits "die Möglichkeit der Phi-
losophie" und andererseits die Gefahr, daß die Philosophie zu einem "Jargon"
oder zur "Etikette" wird, das sind wieder zwei Wone von Clemens-Carl Härle.
Jargon wiederum heißt wörtlich: Sprache der jeweils Eingeweihten, allgemeiner
also: Darstellung, die um die jeweilige Sache immer schon weiß. Und Etikette
ist eine erstarrte, offizielle Umgangsform, die in einem bestimmten gesell-
schaftlichen Bereich gilt, Etikett ist zugleich ein Klebeschild, somit kann über+

Clemens-Carl Härle, "Karte des Unendlichen", in: ders. (Hrsg.). Karten Zu "Tauund
Plo/ea/u", Berlin 1993, S. 104.
Berger, Gibt (:5 (:in(: politisch(: Ethik? 169

setzt werden: Darstellung, die ein jeweils schon existierendes "Wir" repräsen-
tieren, also gleichsam mit sich selber bekleben, somit etikettieren will.
ach diesen Vorkehrungen kann dem Thema nahegetreten werden: Gibt es
eine politische Ethik in der technologischen Zivilisation? Die Frage scheim
unsinnig: Gibt es nicht eine Inflation ethischer Diskurse? Die Frage lautet jetzt
aber präziser: Gibt es eine politische Ethik jenseits von Jargon und Etikette?
Wenn so gefragt wird, dann wird nach den Bedingungen der Möglichkeit ge-
fragt, jenseits von Jargon und Etikeue zu gelangen.

II
Zwei Diskurse. mit denen Philosophen in jüngerer Zeit entweder öffentliche
Aufmerksamkeit erregt haben oder sich von dieser Aufmerksamkeit erregen
ließen. fuhren die Denkfiguren des Jargons und der Etikette genauer vor Au-
gen: die Debatte über Humangenetik und die Diskussionen zu den Ereignissen
am 11. Septem ber 200 I.
Wenn der Vortrag Rrgtln flir dtn Mtnsrbtnparlr.. Ein Anlll-'Orlscbrtibtn Zl/nI Bntl
iibtr drn HIIHJOflÜ",,,S2, den Peter Sloterdijk 1999 gehalten hat, als Beispiel fü.r
den Jargon herangezogen wird, ist die Bemerkung wichtig: Damit steht nicht
ein "gegenaufklärerisches Raunen" zur Kritik, und das Motiv kann auch nicht
jene Eifersucht sein, die ein Autol'" der Wochenzeitung DIE ZEIT empfunden
hat, als er auf deI'" Fahrt zum 18. Deutschen Kongreß für Philosophie in Kon-
stanz vom Taxifahrer gefragt wurde: Ah, Sie fahren zum Sioterdijk? Es geht
viel mehl'" um eine ernst zu nehmende Konsequenz.
Es ist bekannt, daß rur Sioterdijk die Enn.vicklungen der Gentechnologie zu
einer " mstelJung vom Geburtenfatalismus zur optionalen Geburt und zur
pdinatalen Selektion" führen. Das ist richtig: Selektion geschieht, indem sich
beStimmte. zum Beispiel von KnnkeO\'ersicherungen definierte Normen
durchsetzen. was dazu fühn, daß für eine pränatal diagnostiziene Krankheits-
wahrscheinlichkeit kein Risiko übernommen und der Fötus abgetrieben wird.
Also fordert Siotcrdijk eine bewußte genetische "Merkmalsplanung". Diese
braucht Kriterien. Die Herausforderung wäre nun nicht die Korrektur schon
vorhandener Eigenschaften, sondern die Denkmäglichkeit ihrer aktiven Züch-
tung. Deshalb fordert Sioterdijk eine "gattungspolitische Entscheidung", eine
Entscheidung gegen ein Progl'"amm von "KJeinzüchtern" und fül'" ein Pro-
gramm von ..G1'"Oßzüchtern des Menschen (... ) Superhumanisten 1... 1 und
Übermenschenfreunden". Die Frage: wer sind diese G1'"Oßzüchter? ist nicht
einfach abzuweisen. Die Mehrheit will ihre Kinder ja vielleicht wirklich nul'" als

, Peter Sloierdijk, "Rrgrln fLir den Menschenpark. Ein Am\vorlSchr(:iben zum Brief
über den Humanismus", Vortrag im Schloß Elmau 1999. (Die folgenden Zitate
stammen aus der vom Verlag Suhrkamp über Inlernet verbreiteten Texlversion.)
170 Akruelle Debatten

Kopien ihrer selbst, oder, wenn es hoch kommt. als Klone von Arnold
Schwarzenegger oder Pamela Anderson. Sioterdijk lobt Platon, und bei Platon
ist es der philosophische Staarshine, der über ein "züchterisches Königs-
wissen" verfugt. der diejenigen .. auskämmt", deren "Eigenschaften" verhin+
dem, daß "der Menschenpark zur optimalen Homöostase gelangt".
Das philosophische Königswissen steht in Differenz zum Ganzen, weil es
dieses Ganze noch einmal darstellt: Wo die Gattung sich längst kleingezüchtet
hat, wissen dje Philosophen um die Bedingungen der Möglichkeit des "Höher-
züchrens", sie wissen um eine gauungsgeschichtliche Differenz, die zugleich
aus sich heraus inhaltlich über den augenblicklichen Zustand hinausweist: Das
ist die allgemeine Denkfigur des Jargons. Eine Distanzierung von Sloterdijk ist
möglich, aber die Denkfigur trin in vielen Kontexten auf: Wer zum Beispiel im
Namen des ökologischen Fortschritts spricht, nimmt ein Königswissen in An-
spruch, über das die Masse nicht verfugt: Ich weiß, was war, was jetzt ist, und
was sein wird oder zu sein hätte, und während dje Leute ihre überschwemmten
Keller auspumpen, rede ich davon, daß ich mich schon vor zehn Jahren bei
den Grünen engagiert habe. Damit geschieht gleichzeitig eine Entpolitisierung
im klassischen Sinne, nämlich die Distanzierung des Problems aus seinem
Kontext heraus und in eine schon fertige Lösung hinein.
In den Diskussionen zu den Ereignissen am 11. September 2001 sind viele
Beispiele für die Denkfigur des Jargons zu finden, aber mehr noch für die
Denkfigur der Etikette.
Eine Illustration ist nur scheinbar leichter, weil die plakative Formel vom
Kampf der Kulturen zum Ausgangspunkt genommen werden kann, die Samuel
P. Huntington ausgearbeilet hat. J Auch hjer ist eine billige Distanzierung nicht
möglich. Der eigentlich problematische Gehalt dieser Formel ist kein progno-
stischer, sondern ein erkenntnistheoretischer: Die kulturelle Differenz wird als
absolute dargestellt, aber dabei muß die Existenz der Kulturen ihrer Praxis,
zum Beispiel der Praxis der Konfrontation oder der Begegnung, vorausgesetzt
werden. Selbst im Zustand der globalen Durchmischung existieren Kulturen
primär, um sekundär in Konflikt zu treten. Sie sind Entitäten, denen das Merk-
mal der Präexistenz zukommt: Sie laufen ihrem gegenwärtigen Sein immer vor4
aus.
Huntingwn liefen damit ein Modell des kJassischen Kulturbegriffs. Denn
wie auch immer man Kultur definiert., ob mü Johann Gonfried Herder als Le-
bensgestalt und Lebensform von 1 ationen, Völkern und Gemeinschaften,
oder mit Ernst Cassirer aJs "symbolisches ni versum", stets ist mit diesem Be-
griff das Faktum einer je schon existierenden und damit jeder konkreten Be-
gegnung und Konfrontation histOrisch vorauslaufenden Einheit angesprochen.
Das ist offensichtljch, wenn von westlichen Werten gesprochen wird. Aber
auch ein positiver Begriff der Multikulturalität, die Aufforderung, Differenzen

)
VgJ. Samuel P. Huntington, Kamp! Jt, KNll1mn, München 1997.
Berger. Gibt es eine politische Ethik? 171

zu respektieren, setzt je schon existierende Kulturen voraus, deren Unterschie-



denheit eben zu respektieren wäre. Slavoj Ziiek zögert daher nicht, den Multi~
kulturaLismus als "verleugnete, verkehrte, selbstreferentielle Form des Rassis4
mus" zu bezeichnen. als .. Rassismus, der Abstand hält", indem er ..das andere
aJs eine in sich geschlossene ,authentische' GeseLischaft,,4 wahrnimmt. Hier
heißt Entpolitisierung, daß PoLitik in einem Kampf um die Anerkennung eines
Anderen verwandelt wird, der "nicht der reale Andere ist, sondern der asepti-
sche Andere"s ist, ein Anderer, dem ich von mir aus bereits den Wert des Un-
terschieds und damit eine bestimmte Gestalt zugeschrieben habe, ehe ich ihm
begegne.

III
Gibt es eine politische Ethik jenseits von Jargon und Etikene? Es wurde be-
hauptet, daß Jargon und Etikene zugleich andeuten, worin "die Möglichkeit
der Philosophie" bestehen könnte.
Zunächst repräsentieren Jargon und Etikene zwei Bedingungen der Mög-
lichkeit \'on Ethik: die Bedingung der Denkbarkeit einer gattungsgeschichtli-
chen Perspektive und die Bedingung der Denkbarkeit einer ihrer Praxis je
schon vorauslaufenden Kultur. Zwei der wichtigsten Ethikenrwürfe in der ge-
genwärtigen Philosophie zeigen das auf. Sie zeigen gleichzeitig auf, daß diese
heiden Bedingungen nur gesetzle Bedingungen sein können, rur die man sich
zu entscheiden hat.
Das Modell rur den erSten Enrwurf ist jene Ethik, die Hans Jonas schon
1989 vorgestellt hat. 6 Jonas kjppt den kategorischen Imperativ Immanuel
Kanrs aus der Kritik du Prakliuhtfl I/trnllnft von 1788: .. Handle nur nach derje-
nigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein aUgemeines
Gesetz werde", in eine geschichtliche Dimension: Handle so, daß du auch die
zukünftige j\'lenschheit in deine Überlegung einbeziehst. Diesem Kunstgriff ist
die Kontinuitäl der Gattungsgeschichte als Bedingung der Möglichkeit von
Ethik vorausgesetzt: Geschiclne ist ein Werden, das durch eine kohärente Dy-
namik vorangetrieben wird, eine Kette von Gründen, die sich über die Zeit
und daher auch in die Zukunft hinein fortpflanzen. Nur so ist ein wirkliches
Erbe der Gegenwärtigen denkbar, das die Künftigen betreffen wird.
Aber zugleich weiß Jonas zweierlei: Erstens, daß, anders als bei Kam, im
Imperativ nicht das eigene Interesse und das Allgemeine zusammenfallen:
\,\'ährend es vernünftig ist, die Zeitgenossen so zu behandeln, wie man es von
ihnen auch in bezug auf sich selber erwartet, kann den Heutigen die zukünftige

~ Slavoj Zilek, Ein Pllit/(!Jtr fir dit Inloltra"v "'lien 1998, S. 73.
S Ebd., S. 77.
6 Vgl. Hans Jonas, DaJ Pn'"tfp I 'ml1lBVJl111"1.. Vtmub tin" ElbiJeftir dir Irrh"ologüdn Zi,;·
Iilalion, Frankfurt :11. M. 1989.
172 Aktuelle Debatten

Menschheit auch völlig egal sein. ncl zweitens, daß man heute, vor allem we·
gen der Komplexität technologischer Konstruktionen von Wirklichkeit, eben
nicht wissen kann, welche Auswirkung ein bestimmtes Tun oder Umerlassen
fut die Künftigen haben wird: Eine bestimmte Erfindung kann eine andere
Erfindung ermöglichen, die heute noch undenkbar ist. und diese Erfindung
kann segensreiche oder katastrophale Folgen haben. Daher muß man sich im
vollen Sinne des Wortes dafür entscheiden. die Kontinuität der Gattungsge.
schichte zu wollen. Und wenn man sie will, muß man immer wieder neu Fra·
gen beantworten, die nicht beantwonbar sind.
Für die Figur der Diskursethik kann die Thtorit du leoltmllmiJealiL'tn HondtlnI
von Jürgen Habermas zum Beispiel genommen werden. 7 Hier gilt der Dissens
als Bedingung der Möglkhkeit von ethischer Kommunikation. Konsens muß
unterstellt werden im Hinblick auf Regeln, die den kommunikativen Streit
möglich machen: Im Prinzip ist das die doppelte Übereinkunft, daß man nicht
ein letztes, gewalttätiges WOrt sprechen wird und daß man immer auf eine Me-
taebene ausweichen wird, um den Dissens zu managen. Damit ist aber ein Wil-
le vorausgesetzt: In das "Haus der Verständigung" erhält nur Eintritt, wer fa·
hig oder willens ist, diese Regeln zu befolgen, nur jemand, für den der Wille
zur Verständigung der Praxis der Verständigung schon vorausläuft, also je-
mand, der im Sinne der bisherigen Argumentation "Kultur" hat.
Habermas ist davon überzeugt, daß dieser \'(lille vernünftig ist. Sein ganzes
Projekt einer Rekonstruktion des historischen Materialismus im Geiste der
Kritischen Theorie ist auf diesen achweis ausgerichtet. Aber er weiß gleich.
zeitig, daß man sich fur diesen Willen entscheiden muß, oder präziser: daß sei-
ne Möglichkeit politische, soziale und auch individuelle Voraussetzungen hat.

IV
Mkhcl Foucault diskutiert die Frage, warum die Vererbungsgesetze des Gregor
Mendcl im 19. Jahrhundert von den Wissenschaften nicht wahrgenommen
werden konnten: "Ein Satz muß komplexen und schwierigen Erfordernissen
entsprechen, um der Gesamtheit einer Disziplin angehören zu können. Bevor
er als ,wahr' oder ,falsch' bezeichnet werden kann, muß er [... ) ,im Wahren
sein'."s Das kann paraphrasiert werden: Eine Handlung oder ein Denken muß
komplexen und schwierigen Erfordernissen entsprechen, um überhaupt Ge-
dachtes einer bestimmten Ethik sein zu können: Es muß bereits "im Guten
sein", ehe der ethische Diskurs anheben kann, oder es selber bleibt dem ethi-
schen Diskurs unzugänglich. In diesem Sinne markiert das Wissen um die Vor-
aussetzungen von Habermas und Jonas gewisse Grenzen: Weil sie die Denk-


Vgl. Jürgen Habermas. Thtorit JtJ 1eD",,,,NnileD,iI'tn HOllJtlns, 2 Bände. Ftankfun a. M.
1981.
, Michel Foucault, Di, OrJ"M"1. JtJ DisleMrm, München 1974, S. 24.
Berger, Gibt es eine politische Ethik? 173

möglichkeit einer vorauslaufenden Kultur und die Denkmöglichkeit einer gat+


cungsgeschichtlichen Perspektive reaJ dementieren, müssen die Ereignisse des
11. September 2001 und die Entwicklungen in der Humangenetik jeweils der
Diskursethik und der Veranrwortungsethik inkommensurabel sein.
Denn was zeigt sich am 11. September? Sichtbar wird eine Praxis der Rcla-
tionierung und Differenzierung. In vielleicht gleichgültige, vielleicht interes-
sierte, vielleicht freundschaftliche, vielleicht feindschaftliehe, vielleicht pro-
duktive, vielleicht destruktive Relationen und Differenzen, die im Inneren der
Türme des World Trade Center genauso existieren wie zum Beispiel im Ge-
wühl von Kairo, bricht ein Gewaltakt ein, als dessen Resultat wieder Relatio+
nen und Differenzen entstehen. Schon empirisch ist klar, daß nicht zwei je
schon existierende Kulturen aufeinandertreffen: lto'lenschen aus allen Teilen der
Erde, Arme und Reiche, BörsenmakJer und PU[zkräfte haJten sich in den Tür-
men auf. Die Attentäter vereint jedenfalls nicht eine gemeinsame soziale Her-
kunf!. Dem Rückgriff in den inkohärenten religiösen Fundus des Islam, der sie
ideologisch motiviert, entspricht ein von sehr unterschiedlichen Akteuren be-
wohnter politischer Echoraum, aber keine Klasse oder Schicht, die das Han+
dein der Artentäter in einem konkreten sozialen Sein fundiert. Weil dieses Poli-
versum keinen sicheren Kern, keine tragende Ebene hat, besteht es nur aus der
prozessualen Praxis der Relationicrungen und Differenzierungen. Eine Dis+
kursethik kann diese Praxis nur von außen, also aus der Position von verstän+
digungswilligen Dritten reflektieren, die selbst vom Anlaß der gewollten Ver-
ständigung nicht direkt tangiert sind. Und es existieren in djeser Praxis keine
Adressaten, denen erwaige iaßstäbe zugestellt werden könnten.
Auch die technologischen Emwicklungen, von denen die Züchtungsphama-
sien eines Sioterdijk erregt worden sind, markieren eine Grenze. Durch die
Möglichkeit zum verändernden genetischen Eingriff wird die atur in radika-
ler Weise zu einem Moment der Geschichte. Jenseits des klassischen Dualis-
mus von arur und Geschichte kann der verändernde genetische Eingriff
nicht mehr als Intervention in einen eindimensionalen deterministischen Zu-
sammenhang zwischen Ursache und Wirkung gedacht werden. Wer über
"Gene" spricht, ist vielmehr mit einer \'(lirklichkeit konfrontiert, für die Hans-
Jörg Rhejnberger den Begriff "epislemische Dinge" verwendet 9: Das sind
Mischgebilde zwischen Objekten und Zeichen, die das, was sie sind, immer nur
sein können im Rahmen der Kontextc, in denen sie existieren, und djcsc Kon-
texte wiederum sind selbst hybride Konstruktionen, immer zugleich lokale, so-
ziale, technische, institutionelle, instrumcntelle, ökonomische Schauplätze. Das
"Gen" ist. was es konkret ist, nur in den Komex[en, die: es objekti,tieren. Eben
weil diese: Kontexte und ihr Verhälmis vieldeutig sind, kann ihrer Praxis keine
g.littungsgeschichtliche: Kontinuitä[ vorausgesetzt werden, in der aus dem, was
war und was jetzt ist, in irgend einer konkreten Weise folgt, was sein wird oder
zu sein häue.

, I-Ians-Jörg Rheinb~rger. r:... .ptriI1Unlll/{}/Itl1lt Jlnd tpislt",ürht Dintt, Göt[ing~n 2001.


174 Aktuelle Debanen

Gcnau dieses Königswissen um sein strukturelles lichtwissen, um die Un-


möglichkeit der Voraussetzung einer ganungsgeschichtlichen Kontinuität, hat
schon Plaron, allerdings nicht SIOtcrdijk. Und genau wegen der Unmöglichkeit
einer Voraussetzung von Kulturen muß George W. Bush den ältesten Feuer-
wehrmann New Yorks auf den Trümmern des World-Trade-Centers umarmt
haben: Die Unmöglichkeit wird zugleich dargestellt und noch einmal etiket-
tiert. gleichsam mit einem "wir" verklebt, und dieses "wir" auf Zeit und in ver-
schiedenster Weise in verschiedensten gesellschaftlichen Wirklichkeiten eta-
bliert: Ein New Yorker Taxifahrer läßt seine arabische Kleidung lieber im Ka-
sten. Auf einem amerikanischen Kriegsschiff formieren sich Matrosen zu ei·
nem lebenden Tableau, das vom Flugzeug aus als Darstellung patriotischer Ge-
fühle lesbar wird.

v
Gibt es eine poLitische Ethjk jenseits auch der Bedingungen, die eine Ethik der
Verantwortung und eine Diskursethik annehmen?
Es ist bekannt, daß der Begriff Ethik sich wortgeschichtlich herleitet vom
griechischen WaTt ttbor. eigentlich der Ort des Wohnens, erst abgeleitet: Sitte,
Gewohnheit, was auch vom Wohnen kommt, also: der Ort des gemeinsamen
Wohnens. AristoteIes sagt: .. Das Edle und Gerechte ([ ... J) zeigt solche Unter-
schiede und solche Unbeständigkeit, daß man vermuten könnte, es beruhe nur
auf dem Herkommen und nicht auf der Natur."lo Damir ist das Problem einer
politischen Ethik präzise umschrieben: Was das Konkreteste regelt, beruht in
radikalster Weise auf einer politischen Übereinkunft. Weil diese Spannung nje
aufzuheben ist, bedeutet Ethik bei Aristoteles kein System \'on fertigen lösun-
gen, sondern die ständige Aufgabe, den ethos zu gestalten: Ethik ist im Gegen-
satz zur l\'loral, wie sie schon Cicero als System von morts, als System von Re-
geln definiert hat, im radikalen Sinne prozessual.
Unter den Bedingungen der technologischen Zivilisation ist der präexistie-
rende Boden dieses Prozesses, sind die vorausgesetzte gattungsgeschichtliche
Kontinuität und die vorausgesetzte Kultur nicht denkbar. Gibt es eine politi-
sche Ethik in der technologischcn Zivilisation? Zwci zentrale Bedingungen ih·
rer Möglichkeit wurden suspendiert. Es bleibt als Ausgangspunkt nur die The-
se: Der prozessierende ethos kann aus dem Ereignis gestaltet werden.
Die Verwendung dieses Begriffs ist mißverständlich, weil der Begriff in ein
Lab)'rimh philosophischer Traditionen hineinweist. und schwierig, weil die
geistige Grundmöblierung so beschaffen ist. daß in der Konfrontation mit dem
Ereignis sofort ejn metaphysischer Kurzschluß eintritt. Friedrich Nietzsche
spricht in diesem Zusammenhang von einer tiefen ps)'chologischen nmög-

10 ArislOteles, Nikolf/(1{hiuh, Ethik, I094b 14 f.


Berger, Gib[ es eine politische Ethik? 175

lichkeit. die nterbrechung einer Kausalit2t zu akzepcieren. Man springt also


vom Geschehen auf die Ebene der sicheren Koncinuit2ten und Einheiten, um
von dort aus deduktive Kausalüäten zu konstruieren. Das gilt im Alltag genau-
so wie in extremen Situacionen. Jemand tut etwas Unverständliches: Ein Sohn
tötet seine Mutter, schneidet ihr den Kopf ab und stellt ihn im Schaufenster ei-
nes Geschäftes aus. Das ist in Wien vor einigen Jahren geschehen. Das erSte,
was getan wird, ist: i\hn springt auf eine Metaebene, zum Beispiel auf eine ps)'·
chologische i\letaebene, man sucht ein Modell oder einen Begriff, und von
dort aus strahlt die Kausalität hinab bis zum konkreten Ereignis, das durch
ihre Konstruktion erklärt werden soll: Er wurde so und so erzogen, er hatte
Probleme mit Frauen, er hat seine Mutter dafür gehaßt.
Eine Konstruktion des prozessierenden etbos aus dem Ereignis muß zu aller-
erst gegen diese Deduktion plädieren und für die Vermeidung des metaphysi-
schen Kurzschlusses eintreten. Dagegen wäre die Induktion methodisch zu
stärken. Der Einwand ist zu beachten, daß die Induktion immer schon in kon-
struierten Allgemeinheiten stattfindet: Ich sehe etwas, aber während ich meine,
vom Ereignis ausgehen zu können, hat eine Kamera längst den Gesichtspunkt
besetzt und eine Metaebene gebaut. Umgekehrt aber kennt die Philosophie-
geschichte, vom Begriff der Gegenwart bei Walter Benjamin bis zu den von
Manin Heidegger beschriebenen Stimmungen, eine Vielzahl konkurrierender
Methoden, diesseits dieser Metaebenen zu gelangen.
Gibt es eine politische Ethik jenseits von Jargon und Etikette? Flugzeuge
schlagen in das World Trade Ceorer und in das Pentagon. Das KJonschaf Dol-
ly tritt in einer TaJkshow auf. \'(/as ist? Kein höherer oder tieferer Sinn ist sicht-
bar, keine Möglichkeit, zu sagen, jemand wäre für dies oder jenes, den Islam
oder für Amerika gestorben, oder im Schaf komme der wissenschaftliche Fort-
schritt zu seiner Vollendung. All das wird erst später gesagt werden, wenn der
vielstimmige Diskurs der Prediger und Politiker schon begonnen hat.
Aber das Ereignis selbst drängt zu einem lodelI. \'(las ist, wenn diesem
Drängen zumindest rur kurze Zeit nicht nachgegeben wird? In einem ähnli-
chen Sinne geht es Slavoj Zizek darum, "den abstrakten moralischen Rahmen
zu suspendieren oder [... 1 um eine Art politiJtbe Aussetzung du EtbiJtlmt". Aus-
gangspunkt ist dann nicht die allgemeine Symmetrie eines wie auch immer ge-
teilten Geschicks, sondern die konkrete Situation. In dieser Situation will sich
Slavoj Zizek "auf ein Universales [beziehenJ, das nur in einem partikularen
Element zu existieren beginnt i... 1, das strukturell deplazien ist, ,aus den Fu-
gen' ... \I
Ein wenig einfacher als bei Zizek iSI ein solches Universales gemeint, das
nur in einem partikularen Element zu existieren beginnt, wenn gesagt wird:
Das Faktum der Entblößthcit von allen Metaebenen wirft das Geschehen von
seinem Platz, und es fallt heraus aus allen Gemeinschaften, die durch diese

11 Slavoj Zifek. InIOkrtJ1r~ S. 85, S. 88.


176 Aktuelle Debanen

Metaebenen erzeugt werden: Amerika. und die islamische Welt. die Gemein·
schaft der Gesunden und die Gemeinschaft der Kranken [... 1Was ist, ist singu-
läres Ereignis. Aber es ist gerade nicht außerhalb jeder Wirklichkeir. Es ist
doch, es exiscien, und zwar aJs Deplazienes, als völlige Abwesenheit eines zu·
reichenden Grundes und eines tragenden Bodens, und gerade daher kann es,
was es ist, nur sein einzig als Exponienheit in Relationen und Differenzen.

VI
Damü sind zwei Bezugspunkte fUf ein ethisches ·foddl gewonnen: ein Aus-
gangspunkt: Ereignis, und ein Horizont: Relationen und Differenzen. Aber
heide Pole blieben starr, wären sie nicht für ein Denken und für ein Sein pro-
blematisch. Das sich selbst problematische Ereignis trägt den Namen Existenz
oder Dasein: ein Sein, dem sein Da zum Problem wird, eben weil es nicht in
sich ruht, sondern nichts anderes ist als Exponiertheit in die Relationen und
Differenzen.
Es gibt eine politische Ethik in der technologischen Zivilisation: Sie ist eine
Praxis in dem durch diese beiden Pole bestimmten Spannungsfeld.
\'\las ist dieses Spannungsfeld konkret? achdem alles mögliche suspendiert
wurde, kann nur mehr gesagt werden: Die Existenzen sind, was sie sind, als
Exponiertheit in die Relationen und Differenzen, und die Relationen und Dif-
ferenzen sind die Relationen und Differenzen der Existenzen. Aber das heißt
positiv und konkret: Der tlhoJ ist die Ko-existenz: nicht Amerika oder Europa,
nicht die Kultur oder die Natur, sondern die Relationen und Differenzen, als
die sich die singulären Existenzen exponieren. Jean-Luc Nancy hat einen Be-
griff für diese extreme Spannung erfunden: "undarsl'ellbare Gemeinschaft".
.,Die singulären Seienden erscheinen zusammen: Dieses Zusammen-Erschei-
nen macht ihr Sein aus." Und weiter: ..[...] das Sein der Gemeinschaft iJll ... 1
die Exposition der Singularitäten. "12
Was für eine Praxis kann in einem solchen Spannungsfeld geschehen? Aus
den zwei Polen ergeben sich zwei Werte: Soll das weitgehend reduzierte Mo-
dell funktionieren, impliziert es die Entscheidung, Existenz und Ko-cxistenz
aJs unhintergchbare Werte anzusetzen.
Es handelt sich tatsächlich um eine Entscheidung, die inhaltlich nicht weiter
begründet werden k2nn. Ist das zugegeben, wird das Eingeständnis leichter,
daß ein Denken und ein Handeln, das die beiden genannten Werte nicht an-
nehmen kann, dem r-.·Iodell ebenso inkommensurabel bleibt. Diese Grenze re-
sultiert nicht aus den schon komplexeren Voraussetzungen einer Diskurs- oder
Veranrwortungsethik, sondern aus dem Gedanken, daß die Akzeptanz des blo-
ßen Daseins eines anderen und die Annahme, daß dieses Dasein zugleich ein
Mitsein mit Anderen ist, Minimalbedingungen von Ethik überhaupt darstellen.

12 Jean-Luc Nancy, Dit N1IJorsltllbarr Gtltlti,mbaft, Sluttgart 1988, S. 129, S. 68.


Berger, Gibt es eine politische Ethik? 177

Es ist daher wichtig, auf beiden Minimalbedingungen zu beharren. Die Ent-


scheidung für die Wene der Existenz und der Ko-existenz wäre eine doppelte:
zuerst eine Entscheidung für die Unterscheidung, für die extreme Spannung
der bei den Pole, dann eine Entscheidung für zwei ethische Kriterien, die un-
verzichtbar sind.
Das Problem der ersten Entscheidung wird don evident, wo Existenz und
Ko-existenz ineinanderfaUen und der Bindestrich verschwindet. Die Konse-
quenzen daraus hat am schmerzlichsten Martin Heidegger deutlich gemacht.
Eine Frage, aus der sich die Rtkloralsrede von 1933 motiviert, lautet: Ist kollek-
tive Existenz, also Koexistenz mögljch? Anders als Nancy, bei dem sich die
Existenzen in ihrer Singularität als Gemeinschaft exponieren, denkt Heidegger
das Volk selbst als Existenz, als Dasein: "So ausgesetzt in die äußerste Frag-
würdigkeit des eigenen Daseins, wiII dies Volk ein geistiges Volk sein." Das in
seine Fragwürdigkeit exponierte Volk hat seine geschichtliche Kontinuüät wi-
derrufen, weil das Vergangene als gewesene Fraglichkeil eben keine Antworten
gibt. Also versammelt es sich im Augenblick. "Wir fragen, hier und jetzl, für
uns." Aber im Hier und Jetzt kann nicht ausgeharrt werden: "Der Anfang ist
als das Größte im voraus über alles Kommende und so auch schon über uns
hinweggegangen," Das Volk begibt sich auf den Marsch, folgt einem Führer,
der die "Kraft zum AUeingehenkönnen" hat, und gewinnt im Vorrücken .. in
den äußersten Posten der Gefahr der ständigen WeItungewißheit" seine kon-
krete kollektive Existenz als "wissender Kampf der Fragenden".13
Die Entscheidung, eine Verschmelzung der Werte Existenz und Ko-exi-
stenz zu vermeiden, hält das Feld jener Spannung offen, in dem sich der ethos
als Prozeß entfaltet. Die Entscheidung wird durch eine Transformation der
Werte in Imperative konkret.
Eine weitere Formulierung des kategorischen Imperativs von Kant lautet:
"Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person
eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Minel
brauchst." Das kann übersetzt werden: Erstens: Respektiere einen Anderen
und ein Anderes wie dich selbst in radikaler \X'eise als Selbstzweck, und eben
nicht als J\1.inel für ein Allgemeines, für eine Geschichte oder Kultur. Damit
wird dazu aufgerufen, die singuläre Existenz im Sinne der bisherigen Ableitung
zu respektieren, denn was ist eine singuläre Existenz anderes als Zweck in sich
selbst? Und zweitens: Respektiere die Welt in radikaler Weise als Selbstzweck,
also nicht als ein MÜtel für etwas anderes, für den Fonschritt, den Umwelt-
schutz oder die Gelüste eines Gottes. Damit wird dazu aufgerufen, die reine
Relation zu respektieren, denn was wäre die Welt als Selbstzweck anderes als
ihre Relationen und Differenzen.

lJ ~hrtin l-lcidegger, Die StlbsthrbauplJutg dry dtufsrhtn Un;/Itrlitiil. Dos Rektorat 19))/34,
Frankfurt 3. M. 1990, S. 15, S. 21, S. 12, S. 14, S. 18.
178 Aktuelle Debatten

Und wieder AristoteIes: In der von ihm intendierten ethischen Praxis geht
es um die rechte Mitte. Das ist nicht der faule Kompromiß oder das Mittelmaß,
sondern der ständig neue Ausgleich zwischen im Grunde nicht auszugleichen-
den Positionen. Im hier skizzierten Modell heißen die Positionen Existenz und
Relationen und Differenzen. Ebenfalls von AristoteIes stammt der Satz: "Die
Extreme scheinen einander gegenüberzustehen, weil die Mitte keinen Namen
har."14 Der ständig neue Ausgleich zwischen nicht auszugleichenden Positio-
nen ist die konkrete Praxis der Politik. Die Aufrechrerhaltung der Spannung
zwischen den Positionen und die Verteidigung einer Namenlosigkeit im aristo-
telischen Sinne ist ihre Voraussetzung. Die Praxis und dje Voraussetzung dar-
zustellen ist die Aufgabe einer politischen Ethik: An diesem Punkt kommuni-
ziert sie mit einer Institutionstheorie: Institutionen wären dann dynamische
Wirklichkeiten, in denen Widersprüche prozessiert werden. 15
Was folgt für das Problem der Selbstdarstellung? Die Ambivalenz bleibt be-
stehen. Aber ihren beiden Seiten können jetzt zwei würdigere Selbstdarstellun-
gcn zugeordnet werdcn: der einen Seite, der Verweigerung von Praxis, die
Selbstdarstellung des Heraklit. Über ihn schrieb Friedrich Nietzsehe: "Er
brauchte die Menschen nicht."16 Das heißt positiv: Sein Denken verweigert
sich dem Apriori der Praxis und der Verständigung, dem Apriori der Ge-
schichte und der Kultur. Seine Schriften, die er auf den Stufen des Tempels der
Artemis niederlegt, gewinnen den Sinn aus der hermetischen Abgeschlossen-
heit ihrer Sätze. Damit aber halten sie die Möglichkeit eines Außen fcst, dic
Möglichkeit eines Werdens, das sich keiner geschichtljchen Gewordenheit, kei·
ner vorausgedachten Geschichte oder Kultur unterwirft. Diese Abwendung
macht es leichter, die zweite Seite der AmbivaJenz zu entfalten: die Hinwen-
dung zur Praxis, zu den Relationen und Differcnzen. Das ist dic Haltung des
Sokrates. Aber nicht des platonischen, didaktischen Sokrates, der unter der
Maske der Bescheidenheit um seine Wirkung besorgt ist, sondern die eincr Fi-
gur, die ununterbrochen schwätzt, und die nicht aufhören kann zu schwätzen,
einer Figur, von der Sören Kierkegaard anerkennend schreibt: "Er hat nichts
hinterlassen, darnach eine spätere Zeit ihn beurteilen könnte."17

1.(AristoteIes, Nikoma(hiuhe Ethik, 1126 b.


IS Vgl. Perer Heime! und Wilhelm Berger, Die Organisation der Philosophen, Frankfurt
a. M. 1998.
16 Fricdrich Nietzsche, .. Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen", Kn'h'-
Jehe Stlldienallsgabe, Band I, München, Berlin, New York 1980, S. 834.
17 Sören Kierkegaard, Ober den Begriff dtr Ironie, Frankfurt a. M. 1976, S. 16.
i\hrcus Düwell

aturbeherrschung und Versöhnung


Probleme einer philosophischen Reflexion auf das
Verhältnis von Natur, Technik und Politik

1. Einlei tung
Das Verhältnis des 1enschen zur Narur isr heute in unterschiedlichen Kontex-
ten Gegenstand von Diskussionen. eue technologische Möglichkeiten er-
leichtern das Leben der Menschen, haben jedoch auch einen gravierenden Ver~
brauch an Rohstoffen mit sich gebracht. Das quantirative Wachsrum der Welr~
bevölkerung sowie veränderte Ansprüche an die Lebensqualität in den reiche-
ren Ländern geben der Erfahrung von Knappheit eine neue Qualität. Natur-
veränderungen von teils bedrohlichem Ausmaß sind aJs Ergebnis von Umwelt-
verschmutzung zu beobachten. Immer gezieltere Eingriffe in die Natur werden
technisch möglich und scheinen auch ökonomisch erforderlich, wobei viele
Langzeitauswirkungen kaum absehbar sind. Schließlich verändert sich das Na-
rurverhälmis dadurch, daß auch die biologische atur des Menschen in neuer
\X'eise zum Gegenstand gezieher Gestaltung gemacht werden kann. Nuur bzw.
unser Umgang mü atur ist für dje Philosophie insofern nicht mehr allein zen-
traler Gegenstand von Erkenntnistheorie und aturphilosophie, sondern wird
vielmehr zu einem Thema der praktischen Philosophie.
NalurbthtrrHhung iSI zugleich mit den philosophischen Selbstinterpretatio-
nen der Moderne tief verbunden. Das gilt für die Spekulationen des Deutschen
Idealismus ebenso wie für Marx und Nierzsche. Lange Zeit bewegte sich die
aufkommende technik philosophische Diskussion in den Bahnen jener Deu-
tung von Naturbeherrschung sowie vom Verhältnjs von Technik und Narur,
die durch die frühe kritische Theorie, durch Martin Heidegger oder die kulrur-
philosophischen und anthropologischen berlegungen Arnold Gehlens und
anderer vorgegeben waren. 1 Im Hinblick auf das Phänomen der arur-
beherrschung verlieren die philosophischen Differenzen dabei zum Teil ihr
Gewicht. aturbeherrschung wird nicht allein im Komext der Moderne siru-

Vgl. etwa Hans Achterhuis (Hrsg.), Vi milo! van Je !uhnitk., Bllarn 1992.
180 Aktuelle Debatten

ien, sondern vielmehr in einem breiteren Horizont von Anthropologie, Ge-


schichtsphilosophie und politischer Philosophie "erortet. Naturbeherrschung
ist in diesem Kontext aus dem Gmndverhii..ltnis des r.,'lenschen zur Welt zu ver-
stehen und mit den Möglichkeiten seiner Geschichte zutiefst verbunden. Die
Geschichte von Naturheherrschung und der Stand der Technik geben in die·
sem Sinne zugleich Auskunft über den Stand der Entfremdung des Menschen
und über die Möglichkeiten von Versöhnung.
Mit den angedeuteten mweltproblemen und philosophischen Interprcta-
tionsbemühungen sind Diskussionszusammenhinge angedeutet. die heute viel-
fach unverbunden nebeneinanderstehen. Die politische Philosophie der Ge·
genwart versucht sich von anthropologischen und geschichtsphi1osophischen
Voraussetzungen möglichst frei zu halten. Die Umweltprobleme erscheinen
häufig als Herausforderungen, die weitere technische Lösungen erfordern und
somit geradezu eine Spirale weiterer Naturbeherrschung hervorbringen. Oder
aber sie sind Gegenstand umweltethischer Erörterungen, die nicht von
geschichtsphilosophischen Voran nahmen abhängig sein möchten. Eine an Na-
turbeherrschung und Versöhnung orientierte Deutung von Geschichte und
Politik wurde entweder verabschiedet oder hat mit den genannten konkreten
Entwicklungen allein dahingehend eine Berührung, daß der Stand von Technik
und aturbeherrschung zur IlJustration der unheilvollen historischen Situation
herhalten muß. Wenn zwischen beiden Diskursen eine Berührung zustande
kommt, so ist sie teilweise geradezu gespenstisch, wie die Debatte um Peter
Sioterdijk zeigt.2 Impressionen von Entwicklungen in aturwissenschaft und
Technik werden dort zu einem Szenario extrapoliert, in dem die Technik zur
weitgehenden KonrroUe der biologischen Grundlage des 'Ienschen genutzt
wird. Das Szenario einer Menschenzüchtung wird dabei in einen an Heidegger
angelehnten Diskussionskonrext gerückt. der jedoch auch recht ungezwungen
mit theoretischen Versatzstücken aus bisweilen totalitären Zusammenhängen
assoziativ verflochten wird. Das Problem der Menschenzüchtung scheint in
Zukunft vornehmlich darin zu bestehen, daß die für den Menschenpark Ver-
antwortlichen mit den Möglichkeiten auch sorgsam umgehen müssen. Trotz
spätcrcr Erläuterungen des Autors bleibt im Text undeutlich, ob hier Enrwick·
lungen extrapoliert oder Handlungsempfehlungen abgegeben werden. Allein
schon der Gestus des unentschiedenen Flirrens mit totalitären Theoremen
weckt nicht ebcn Vertrauen. Zudem macht sich die Distanz des Autors gegcn~
über den konkreten gen- und biotechnologischen Diskussionen durchaus ne·
gativ bemerkbar. Man wird nämlich bezweifeln können, ob das Steuerungs-
potential der Technologien eine so gezielte Manipulation ermöglichen wird,
daß nur noch ein verantwortungsbewußter Zoodirektor gesucht werden muß.
Wahrscheinlicher erscheint es vielmehr, daß die technologischen Möglichkei-

, Peter Sioterdijk. ~,gtl" pr JM MtlmM"parl!. Ei" A""YlrtSfh,.,iM,, ZN HtiJrggm Bn,! iMr


Je" HII",O"isJltIlS, Frankfurt a. M. 1999.
DüwelJ, Naturbeherrschung und Versöhnung 181

ten gerade nicht so zielgerichtet zur Anwendung kommen. Die moralische und
soziale Problematik ist vielmehr darin zu suchen, daß diese Techniken mit al-
len Möglichkeiten und Begrenzungen in komplexen Gesellschaften zur An·
wendung kommen und die Rückwirkungen und unkontrollierbaren Effekte, die
daraus entstehen, kaum absehbar sind. Gendiagnostik und Selektion fUhren
nicht zwangsläufig zur Menschenzüchrung, sondern erzeugen soziale Dynami.
ken, deren soziales PotentiaJ wir gar nicht überschauen. Dabei ist nicht nur an
die weitere EmwickJung der l\·Jedizin zu denken, sondern auch an die Erwar-
tungen gegenüber der 1I.·ledizin, an den mgang mit Behinderungen oder die
Wahrnehmung und Erfahrung von Schwangerschaft. Die Extrapolation von
Sioterdijk vereindeutigt ein komplexes Szenario in einer Weise, daß die morali-
schen, politischen und philosophischen Herausforderungen überhaupt njcht in
den Blick geraten. Aufklärung und Handlungsorientierung werden auf diese
Weise wohl kaum erreicht. Die Diskussion wird eher zu einem Beispiel dafür,
wie eine Diskussion über konkrete Probleme des Umgangs mit Natur umer
den Begriffen von Naturbeherrschung und Versöhnung besser nicht geführt
werden sollte.
Aus Anlaß der Festschrift für Willem van Reijen sollen die genannten Dis-
kurse aufeinander bezogen werden. Dabei geht es mir zunächst einmal um eine
Verortung der gegenwärtigen Situation des 1 aturverhältnisses, in einem weite·
ren Schritt um eine Beschreibung des klassischen Diskurses von t aturbeherr-
schung, um anschließend einige Perspektiven für die weitere Diskussion zu
skizzieren. Die gegenwärtigen Umweltdiskurse tauchen dabei in philosophi.
sehen Konstellationen auf, die viel faltige Berührungen mit dem Denken Wil-
lern van Reijens aufweisen.

2. Natur - Technik - Politik


Die gegenwärtige Dramatik im Verhältnis des Menschen zur Natur spielt sich
in sehr verschiedenen Dimensionen ab. Zum einen erwächst aus dem Natur·
verbrauch einer technologischen Zivilisation eine zunehmende Dramatik im
Hinblick auf internationale KonOikte. Die Knappheit natürlicher Ressourcen
und der durch technologische ]\'Iöglichkeiten gesteigerte Bedarf an Ressour.
cenverbrauch entfaltet eine Dynamik, die für internationale Machtpositionen
von entscheidender Bedeutung ist. Internationale Konflikte konzemrieren sich
daher auf den Zugang zu zentralen Energiequellen, werden aber langfristig
auch mit dem ungehinderten Zugang zu natürlichen Ressourcen wie Luft und
Wasser zu tun haben. Zudem ist zu erwarten, daß Emigrantenströme in Zu·
kunft auch mit ökologischen Engpässen zusammenhängen werden. Darüber
hinaus werden bedrohliche Phänomene, wie et\\'a der Klimawandel durch die
Folgen unseres Narurverbrauchs, zumindest verscharft, wenn nicht gar verur-
sacht. \X'enn man sich vor Augen fUhrt, was fur Auswirkungen mit dem Unfall
eines Itankers oder mit Katastrophen wie einem Hochwasser, das durch Fla-
182 Aktuelle Debatten

chenversiegelungen in seiner Wirkung zumindest massiv verstärkt wird, ver-


bunden sind, dann wird deutlich, in welchem Ausmaß politische Gestaltungs-
möglichkeiten vom Umgang mit der uns umgebenden Natur verbunden sind.
Auch die vorauslaufenden Planungen im Blick auf internationale Machtpositio-
neo und die damit verbundenen politischen Handlungsmöglichkeitcn sind im
wesentlichen darauf bezogen, sich auf den Feldern der technischen Nawrbe-
herrschung zukunftsträchtige Optionen zu sichern. Politische Konflikte schei-
nen weitgehend mit dem Verhältnjs der Politik zu Technik und Narurbeherr-
schung zusammenzuhängen; Tendenz steigend.
Darüber hinaus erlebt der Mensch die eigene Natur in zunehmendem Maße
als Gegenstand technologischer Eingriffe. Dabei handelt es sich teils lediglich
um Vertiefungen humanbiologischen Wissens und Verfeinerungen medizini·
scher Eingriffe. Teils entwickelt sich ein verändertes Verständnis der eigenen
biologischen Konstitution, wie es etwa im Kontext des Humangenomprojekts
zu beobachten ist. Die Selbstdeutung verändert sich durch den Einblick in eine
der phänotypisch wahrnehmbaren Natur zugrunde liegenden gcnotypischcn
Ebcne. Auch wenn die faktischen Erklärungsmöglichkeiten der molekularen
Humangenetik noch sehr begrenzt sind und ihre Aussagekraft häufig unklar,
beginnt der Mensch sich von genetischen Dispositionen her zu interpretieren.
Diese neuen Forschungen an den biologischen Grundlagen der menschlichen
Existenz haben zudem nicht allein Auswirkungen auf sein Selbstverständnis,
sondern auch auf die medizinischen Möglichkeiten. Diese liegen etwa in der
Eröffnung pränataler Diagnose. und Selektionsmöglichkeiten, aber auch teil-
weise in der Veränderung therapeutischer Optionen. Dabei entsteht nicht sei·
ten die Frage, was denn eigentlich das Ziel medizinischen Handelns ist und wO
die Grenzen zwischen medizinischen Therapien im klassischen Sinne und ge-
zielten Eingriffen zur Verbesserung des Menschen genau verlaufen. Von min·
destens ebenso einschneidendcr Bedeutung sind die Entwicklungen der Neu-
robiologie, mit denen Erklärungsmodelle für die Wirk weise des menschlichen
Gehirns und teilweise auch therapeutische Eingriffsmöglichkeiten verbunden
sind.
Der zunehmenden Dichte technischer Ausgriffe auf die Natur steht nun ein
vielfach artikuliertes Bedürfnis nach einem anders gearteten Naturverhältnis
gegenüber, das die Dynamik zivilisatorischer Naturbeherrschung hinter sich
läßt oder aber zumindest andere Formen der Naturerfahrung ergänzend, korri-
gierend oder kompensierend ermöglicht.) Angesichts immer stärkerer Steue-
rungs· und Gestaltungsmöglichkeiten der Natur erwächst der Wunsch nach
der Begegnung mit Elementen in der atur, die nicht vollständig vom Men-
schen bestimmt und beabsichtigt sind. Sosehr der Kampf gegen die Übermacht

, Besonders die Debatte um die dup u%g] ist hier zu nennen. Vgl. etwa die Beiträge
von Arne Naess und Holmes Roiston in dem Band von Angelika Krebs (Hrsg.),
Nallirtihile, Frankfurt a. M. 1997.
Düwell, Naturbeherrschung und Versöhnung 183

der Natur als Triebfeder hinter technologischen Unternehmungen stand, so


bedrohlich erscheint eine Zivilisation, die keine Kontingenz mehr aufweist
oder bei der das Zurückschlagen der Natur als Bedrohung der gesamten Zivili-
sation erscheint.
Aber es geht auch um das Selbsrverhähnis des Menschen als eines naturhaf-
ten Wesens. Wenn wir davon ausgehen, daß auch das Selbstbewußtsein des
Menschen mit den Strukturen seiner Leiblichkeit zusammenhängt 4 ; wenn das
menschl.iche Selbstbewußtsein sich nur von der prä-reflexiven Einheit her in-
terpretieren kann, die im menschlichen Leib gegeben ist, dann benötigen wir
auch einen anderen Zugang zu unserem Leib als einen allein technischen, um
dieses Selbstbewußtsein noch verstehen zu können. Damit der .Mensch sich
selbst nicht allein in technischen Begriffen interpretiert, bedarf er scheinbar
der Möglichkeit, eine zumindest nicht vollständig inrendjerte, hergestellte Na-
tur zu erfahren. In einer Welt, in der der Mensch "draußen" überall mit eige-
nen Sinn konstruktion und Weltentwürfen konfrontiert ist, fehlen ihm die Be-
griffe, Metaphern und Deutungsressourcen, die es ihm ermöglichen, sich selbst
als nicht-artifiziell zu deuten. Im Naturverhältnis artikuljert sich ein zentraJes
Moment des eigenen Selbstverständnisses, wie auch immer das philosophjsch
zu interpretieren ist. Der technische Umgang mit der Natur hat Konsequenzen
für die Möglichkeiten, unser Lebensumfeld und teilweise auch unser SeJbst-
verhältnis zu gestalten, für die Art unserer politischen Konfliktsituationen und
für das Verständnis von uns selbst und der sub-humanen Natur.
Nun steht diese skizzierte politische und philosophische Bedeutung des Na-
turverhältnisses in krassen Gegensalz zur Bedeutung, die dieses Thema in der
politischen Philosophie und der politischen Praxis erfahrt. Trotz der Bedeu-
tung des Naturverhältnisses für unser Selbstverständnis und für alle politischen
und sozialen Dimensionen gibt es keinen herausgehobenen Ort djeser Dimen-
sion im Sclbstbild einer liberalen Demokratie, die es von anderen materialen
Themen, die es poliLisch zu regeln gilt, unterscheiden würde. Zu den essentiel-
len Momenten einer rechtsstaatlichen Demokratie zählen bestimmte Verfahren
zur Partizipation an Institutionen und Beschlußfassungen, zur Ermöglichung
eines Interessenausgleichs und zur Sicherung zentraler Grundrechte. Nun
taucht in diesem Zusammenhang Natur weitgehend als Randbedingung gesell-
schaftlichen Handelns auf, der bei politischen Regelungen Rechnung zu tragen
ist. Die benannten Probleme und Konflikte sind in diesem Kontext also vor-
nehmlich Knappheirsgesichtspunkte, die einer gerechten Verteilung zugeführt
werden müssen oder aber Herausforderungen im Hinblick auf die Spätfolgen
technischen Handeins, die es durch erneute technische Anstrengungen zu ver-
arbeiten gilt.

, Etwa: i\hnfred Frank, "Ist Selbstbewußtsein ein propositionales Wissen?" In: ders.,
SdbJlbeullWlsein lind SelbJltrlemnlniJ. EJJf!JJ ZNr analyHJrhtn Phi/ofoph;e der Subjele/;v;liil,
Stullgan 1991, S. 206-251.
184 Aktuelle Debatten

Ein weitergehender Schutz der Natur scheint im Widerspruch mit den Fun-
damenten einer liberalen Fre,iheitsordnung. Eine Beschränkung von Freiheits-
rechten im Hinblick auf den Schutz der Natur bedarf einer eigenen Rechtferti-
gung, die in einer liberalen Rechtsordnung schon deshalb problematisch ist,
weil die Natur oder Teile derselben nicht selbst als Rechtsträger auftreten kön-
nen und die Erhebung von Natur zu einem KolJektivgut, das Freiheitsrechte be~
schränkt. den Bereich vertretbarer Freiheitsbeschränkungen problematisch er-
weitern würde. Alle Versuche, den Kreis der Rechtsträger seinerseits auf natürli-
che Einheiten auszudehnen, scheinen aber die Struktur von Rechtsverhältnissen
in problematischer Weise zu gefährden. In weitgehend anthropozentrisch kon 4

struierten Rechtsverhältnissen sind Belange des Naturschutzes allein dann zu be-


rücksichtigen, wenn (nachweisbar) zentrale Belange des Menschen berührt wer-
den, also seine Lebensgrundlage bedroht ist. Das klingt alles recht einfach, ruft
jedoch eine ganze Reihe von wichtigen Debatten in der Umweltethik hervor.

3. Naturbeherrschung
in geschichtsphilosophischer Perspektive
Nun bietet sich in der Geschichte der Philosophie des 20. Jahrhunderts eine
Reihe von Deutungszusammenhängen an, die Naturbeherrschung weit zentra-
ler mit Grundelementen der praktischen Philosophie, Geschichte, Politik und
dem Selbstverhältnis des Menschen vermitteln. Naturbeherrschung scheint für
die Dialeklik der Alljkliirung mit fundamentalen Momenten der menschlichen
Existenz zusammenzuhängen. Die Emanzipationsgeschichte des Menschen ist
als Widerstand gegen die Übermacht der Natur zu begreifen. Naturbeherr 4

schung mithin in der Sprachenrwicklung gegeben, im Versuch des Menschen,


der Übermacht der Natur ein Fratzenbild entgegenzuhalten, den Schrecken der
Natur durch Benennung zu bannen und schließlich sprachlich eine eigene
Ordnung der Dinge zu erschaffen.
Naturbeherrschung gibt das Vorbild für jenes Ausgreifen von Herrschaft
ab, das dann als Totalität von Herrschaft auch in allen Sozialverhältnissen und
dem Selbstverhältnis des Menschen zur Anwendung kommt. Auch wenn die
Herrschaft über Natur nicht als von anderen Herrschaftsformen isoliertes The-
ma in Erscheinung tritt, wird das Drama der Naturbeherrschung anschaulich
benannt: Der Mensch muß sich von der Übermacht der Natur emanzipieren
und wird gleichzeitig durch die Konsequenzen der Totalisierung von Herr-
schaft gefa'.hrdet. Naturbeherrschung wird in Sprachentwicklung, Subjekt-Ob-
jekt-Spaltung und Rationalitätskonstruktion verankert gleichsam in der
conditio humana. 5 Der Mensch schwingt sich zum Herrscher über die Natur

s Mall: Horkheimer und Theodor W. Adorno, "Begriff der AufkJärung", in: dies., Diu-
lektik der AMfkliirung. Philosophüche Fragl1lente, Frankfurt 2. M. 1969, S. 7-41.
Düwdl, Nalurbeherrschung und Versöhnung 185

auf, und aus dieser Grundbewegung und den daraus erwachsenden, wenngleich
nicht beabsichtigten dialektischen Gegenbewegungen sind Geschichte und Po·
litik zu verstehen. In der Lokalisierung von Narurbeherrschung in der mensch·
lichen Sprachlichkeit gibt es zudem einen breiten Konsens. Wenn Adorno und
Horkheimer Sprache als Abwehrbewegung gegen Narurübermacht ausmachen,
Benjamin in der Sprache eine "totalitäre Nützlichkeitsideologie"6 am Werke
sieht und Heidegger den Verlust an Gelassenheit - "als Möglichkeit, das Sein·
zu·lassen'" -, so wird deutlich, daß die TOtalität von Herrschaft fundamental
in die Sprachlichkeit eingelassen ist.
un isr diese Interpretationsfolie einer TOtalität von Herrschaft, die atur-
beherrschung und gesellschaftlkhe Zusammenhänge in einen gemeinsamen In·
terpretationshorizont rückt, durchaus aus einer Reflexion auf Sozialverhältnis·
se erwachsen. In Frankfurt wurden Studien zu sozialen, politischen und kultu·
rellen Phänomenen durchgeführt, in Utrechr Modernisierung als Projekt mit
allen Paradoxien untersucht. 8 Kritische Sozialwissenschaft war in erster In·
stanz Betrachtung des Sozialen und legte die Totalität von Herrschaft und so-
mit auch von Naturbeherrschung als tieferliegende Interpretationsebene hinter
der Betrachtung deformierter Sozialverhältnisse frei. Dieser Schritt wird je·
doch im Hinblick auf die Veränderungen im Umgang mit der atur bedeut·
sam. Der Stand \'on Technik und Naturbeherrschung hat dann etwas zu tun
mit den Grundlagen von Humanität und Gesellschaftsformung. In Zeiten, in
denen Natürlichkeit bedroht ist und zugleich die Reaktionen von Natur auf
technische Enrwicklungen als Bedrohung erlebt werclen, bekommt diese Tie-
fenhermeneutik der Abgründe der Moderne eine besondere Dramatik.
Zukünftigen Frankfurter Generationen wollte es nicht mehr so recht ein·
leuchten, das Drama des historischen und sozialen Geschehens im Horizont
eines Natur und Geschichte übergreifenden Herrschaftsgeschehens zu inter·
pretieren. Stau Geschichte und Politik als Ausfluß einer Dramatik des Subjekts
hinsichtlich des aturverhältnisses zu sehen, sollte die Sphäre des Historisch·
Politischen in ihr eigenes Recht gesetzt werden. Das Drama instrumenteller
Rationalität wurde im Rahmen vorgängig kommunikativer Verhältnisse inter·
pretien und Anerkennungsrelat.ionen als Interpretationsfolie von histOrischen
Zusammenhängen gewählt. Das Drama der Naturbeherrschung verschwand so
weitgehend aus dem Blick, erschien als Relikt einer sprach philosophisch noch
unerleuchreten Subjekt-Objekt.Metaph)'sik. licht allein in Frankfurt. sondern
auch an vielen anderen Orten erfuhren seit den siebziger Jahren praktische
Philosophie, politische Philosophie und Ethik eine Renaissance. In diesem Zu·

6 Willem van Reijen, Dtr S{hu:(J'Z"'ald "nd Pan·i. Htidtggtr untl Benjamin, München 1998,
s.
157.
7 Ebd., S. 145.
8 Hans van dn 1..00 und Willem van Reijen. Modmrüitnllll.' Projtlu ,,"t1 PariJtlox, Mun-
ehen 1992.
186 Aktuelle Deb2uen

sammenhang wurden Kategorien des Politischen, des Sozialen, des Handeins


und der lormauvitih in vielfacher Hinsicht weiterentwickelt, so daß auch dif-
ferenzierte Lageeinschätzungen und -bewertungen möglich werden. Einzelne
politische Phänomene. konkrete Entwicklungen von Kultur und Technik wer·
den nicht mehr nur als Symptom oder als Vorboten einer (un-)heilsgeschicht-
lichen Großwetterlage interpretiert, sondern sind Phänomene mit individueller
Signatur. Es werden Kriterien für gute oder veranrwortbare Politik diskutiert.
Es werden Unterscheidungen möglich. Geschichte ist nicht mehr Unheilsge-
schichte, das Ganze nicht eo ipso das Unwahre. Für geschichtliche Verände-
rungen kann weder von Fonschrittsgarantie noch von apokalyptischen Erwar-
tungen selbstverständlich ausgegangen werden. Nun scheim es so zu sein, daß
.. aturbeherrschung" als 'Iotiv ihren zentralen Platz bei der Konstituierung
von Politik, Kultur und Geschichte eingebüßt hat. Allenfalls am Rande disku-
tiert Habermas neuerlich Probleme des Eingriffs in die menschliche Nacur. 9 Im
Zuge neuer gen- und bio technologischer Möglichkeiten ergibt sich für Haber-
mas die Frage, ob nicht Fundameme sozialer Anerkennungsverhältnisse pro-
blematisch werden, sobald das biologische So-Sein von Menschen zum Gegen-
stand von Emscheidungen gemacht wird. Auch J\'lichel Foucault, der in der
hier angedeuteten Theorienfamilie vielleicht als französischer Kousin in Er-
scheinung treten mag, emdeckt Naturbeherrschung als Randphänomen sozia-
ler Machtrelationen. Nach Analysen von Machtkonstellationen in Klinik, Ge-
Hingnis, Wissenschaft und Sexualität erscheint ihm die sich formierende "Bio-
Macht" als radikale Strategie der ße-mächtigung der menschlichen Natur. Ra-
dikale Naturbeherrschung ist insofern nicht mehr Konstituens von Kultur,
Politik und Geschichte, sondern vielmehr ein Grenzphänomen und zugleich
eine Bedrohung derselben. Aber es wird als Phänomen von anderen Projekten
des Menschen umerscheidbar und ist nicht mehr notwendig in die conditio hu-
mana eingelassen.
Jndem die aturbeherrschung ihren geschichl'sphilosophischen Ort ein-
büßt, verändert sich allerdings auch der Ort der damit verbundenen Versöh-
nungsperspektiven. 1O Vor allem wird das Ästhetische nicht mehr in gleicher
Weise der Ort von Versöhnungserw:\rtungen. In verschiedenen theoretischen
Kontexten wurde erwartet, daß im Kontext ästhetischer Bemühungen Spuren
anderer Welt- und SeJbstverhältnisse aufscheinen. Laut Heidegger entreißt das
Kunstwerk die Elemente der Lebenswelt ihren alltäglichen Zusammenhängen
und rückt sie in einen anderen Horizont, der als Auf-riß der Wahrheit des
Seins gesehen werden kann und wodurch auch außerhalb des Ästhetischen

9 Jürgen I-Iabermas, Die ZlilelinJi dtr mtnJthlirhtn Na/llr. Allf dtl1/ W'tg ZII ti,ur libtralm Eil·
gmile? Ff2nkfurt 2. 1\-1. 2001.
10 Albrecht \l'e11mer, ..Wahrheit. Schein. Versöhnung. Adornos 2sthetische Renung der
Modernität", in: ders., ZNr Dif1lt1eJi!e JYJ" Modmlt lI"d POJ/",odmlt. Vtnullljikritile nf1rb
Adomo, Fra.nkfurt 3.. M. 1985, S. 9-47.
Düwell, Naturbeherrschung und Versöhnung 187

Wahrheit ge-stiftet wird. 11 Benjamin erwartet eine neue Perspektive auf die
Geschichte von einer ästhetischen Radikalisierung der Moderne. In Adornos
Ästhetik, die so stark auf abstrakte Kunsrwerke konzentriert ist, erhäh das
Narurschöne geradezu eine Schlüsselposition. Das Naturschöne ist für Adorno
nicht ein Residuum von ästhetischer nmittelbarkeit vor aUer kultureUen Ord4
nung. Es ist auch nicht - wie rur Hegel - allein ein Element, das in die Vorge-
schichte der Ästhetik eingeordnet werden muß. Noch weniger ist es als ästheti-
sche Kompensation für technische Naturbeherrschung zu begreifen l2 . Adorno
erhofft vielmehr Rettung des Nicht-Identischen in künstlerischen Konfigura-
tionen. Technik, also Narurbeherrschung, wird im Medium des ästhetischen
Scheins radikalisiert, und in diesem Vorgang läßt das Kunstwerk Versöhnung
aufblitzen. Dabei denkt sich Adorno das Naturschöne als die Zielvorstellung
des Kunstwe,rks. Das Kunstwerk strebt dem 1 aturschönen nach, um in der
Weh technischer Artefakte den Schein von Versöhnung auf-scheinen zu las-
sen, den das Naturschöne bewußtlos antizipiert. 1J Nicht Natur als solche, aber
das Naturschöne scheint ein Versprechen abzugeben auf Versöhnung jenseits
des Banns von Herrschaft!4. Die Einlösung dieses Versprechens ist geschichts-
philosophisch weder garantiert, noch hat das Versprechen selbst irgendeine
andere Basis als das Erleben des Menschen, darüber kann Adornos objektivi 4
stische Schreibweise nicht wirklich hinwegtäuschen. Und gleichwohl wird hier
ein Moment von Versöhnung faßbar, ohne das wir vielleicht nicht einmal eine
Vorstellung hätten, wie ein versöhntes Verhältnis zur Natur überhaupt vor-
stellbar wäre. Zugleich ist diese Idee des Narurschönen auf eine Realisierung
im Kunstwerk angewiesen, um zur Anschaulichkeit zu gelangen.
In der neueren Diskussion ist diese Entdeckung des Naturschönen vielfach
wieder aufgegriffen worden.!5 Charakteristisch für diese Diskussion ist jedoch
die Ablösung von geschichtsphilosophischen Perspektiven. Das alurschöne

11 Die KunSI iSI Geschichle in dem wesentlichen Sinne, daß sie Geschichle gründel."
••
Martin Heidegger, Dtr UrSpTH"1, dn KunsllNTkJ, Slullgart 1982, S. 80.
12 joachim Riller, "Landschaft. Zur Funktion des Ästhetischen in der modernen Ge-
sellschaft;', in: ders., SNbjeklit:iliil, Frankfurt a. M. 1974, S. 141-163.
13 "Kunst fislj, anstalt achahmung der Nalur, Nachahmung des Naturschönen."
Theodor w. Adorno, AJlhrliJ{he Theorir, Frankfun a. ~1. 1970, S. 111." atur hat ihre
Schön heil daran, daß sie mehr zu s:agen scheint, als sie iSI. Dies Mehr seiner Kontin-
genz zu entreißen. seines Scheins mächlig zu werden, als Schein ihn selbsl zu be-
stimmen, :als unwirklich :auch zu negieren, ist die Idee von Kunst:' Ebd., S. 122.
Jot "D:as alUrschöne ist der in die Im:aginalion tr:lnsponiene, d:adurch vielleicht :abge-
goltene Mythos. Schön gilt allen der Gesang de.r Vögel; kein Fühlender. in dem e[-
w:as von europäischer Tradition überlebl, der nicht vom Laut e.iner Amsel nach dem
Regen geruhrt würde. Dennoch lauen im Ges:ang der Vögel d:as Schreckliche, weil er
kein Gesang ist, sondern dem Bann gehorchl, der sie befangt." Ebd., S. 104 f.
15 Martin Seel, E;,tt AJIIHtik drr NalNr, Frankfurt a. M. 1991. Marcus Dü",,'e1I. ASlhrlü{hr
Erjahf'1inl, Nnd Moral ZNr BedeMlunl, dn ASlbtlisrhm Jiir dir HanJlNngupielräMme du Mm-
uhrn, Freiburg, 2. AuO. 2000. Anne Kemper, Unt!erftigbare NatNr. /iJlbelik. A"lhropolo-
git M"d Elhik du UmlJ'el/JlhNlzu, Frankfurt a. M.. New York 2000.
188 Aktut:llt: Debatten

wird nicht aufgrund seines utopischen Poremials geschätzt. Die ästhetische


Erfahrungsmöglichkeit von Natur ist vielmehr eine wesentliche Dimension des
menschlichen Lebens, die Wertschätzung verdient, da uns hier ästhetische For-
mationen begegnen, ohne von r...lenschenhand mit der Absicht geschaffen zu
sein, eine ästhetische Wirkung zu enrfaJten. Das aturäSlheusche ist auch des-
halb wertvoll, weil es uns eine bestimmte Distanz zur Kultur eröffnet, ohne
damit eine Sphäre vor-kultureller Unschuld zu eröffnen. Angesichts der Be-
drohung von Landschaften und natürlichen Räumen hat das Offenhahen die-
ser Erfahrungsmöglichkeir auch eine moralische Dimension. Aber ist damit
auch eine Perspektive auf Versöhnung verbunden?

4. Natur als Thema der praktischen Philosophie


Die Interpretation des Verhältnisses von Geschichte und Natur in der Per-
spektive von Entfremdung, Herrschaft und Versöhnung scheint dem Drama
des Menschen mit der ihn umgebenden arur und seiner eigenen biologischen
atur Rechnung zu tragen. Die EntwickJung von Technik und Politik sind
nicht zu verstehen, ohne die Dynamik, die aus dem Kampf um Narurressour-
cen und die Beherrschung der Natur erwächst. aturbeherrschung und soziale
und politische Herrschaft hängen intern zusammen. ~:Gt der wachsenden Be-
herrschbarkeit der Natur des J\·fenschen wird dieses Herrschaftsverhältnis qua-
litativ noch einmal gesteigert.
Nun ist diese Dimension jedoch in den Ansätzen liberaler politischer Philo-
sophie sowie den an Anerkennung von AutOnomie orientierten modernen Mo-
ralphilosophien kaum zu erfassen. Natur erscheint hier als Ressource, die al-
lenfalls unter Aspekten der Veneilungsgerechtigkeit wichtig erscheint; atur
wird unter Begriffen von Nutzungsrechten und Besitzansprüchen reflektiert.
Liberale politische Philosophie konzentriert sich darauf, wie die Freiheit des
Einzelnen zu der aller anderen in einem Verhältnis steht (oder stehen sollte)
und ob bzw. wie Ungleichheiten an Besitz und EntwickJungschancen ausgegli-
chen werden können oder sollen. Dabei können diese Verhältnisse als Verfah-
ren des Interessenausgleichs im gleichförmigen Interesse aUer, als Selbsterhal-
tung bestimmter Gruppen, als Anerkennungsverhältnisse oder als Respekt:ie-
rung moralischer Rechte konzipiert werden. Wir müssen uns an dieser Stelle
nicht auf ein spezielles Konzept \'on ·foralphilosophie oder politischer Philo-
sophie festlegen. In der Moderne scheint das aturverhältnis den sozialen,
moralischen oder rechtlichen Verhältnissen äußerlich, als Besitzverhältnis nur
in Verlängerung der individuellen Freiheit interpretierbar.
Die Diskussion ist in der Umweltethik natürlich weit differenzierter, als es
meine schematischen Überlegungen erscheinen lassen. So wird versucht, die
auf Menschen bezogenen Rechtsverhältnisse durch Einbeziehung künftiger
Generationen und durch einen Schutz von Landschaften, als Lebensraum des
Menschen, weiter und differenzierter zu fassen. Von anderen Umweltethikern
Düwell, Naturbeherrschung und Versöhnung 189

wird dafür plädiert, die bisherigen ganz auf den Menschen orientierten Kon-
zeptionen von Moral und Politik hinter sich zu lassen und auch nicht-mensch-
liche Naturentitäten jcne moraljsche Rücksicht zukommen zu lassen, die wir
uns gegenseitig schulden. Dieser leuere Schrin stellt jedoch einen weitgehend
inflationären Gebrauch sozialer, moralischer und poLitischer Begriffe und Ka-
tegorien dar, der im Hinblick auf die Konsequenzen für den Schutz von Indi-
vidualrechten extrem fragwürdig iSt. 16 Ohne das hier im einzelnen begründen
zu können, scheim es zumindest plausibel, die kJassischen Schutz konzepte in
Moral, Recht und Politik um Aspekte des Umwelt- und Naturschutzes zu er-
weilern und zugleich die Begriffs- und Kategorienbildung, die aus menschli-
chen Sozialverhältnissen emstammen, zu belassen. Für diese Operation ist eine
philosophische Reflexion, die auf Versöhnung jenseits von Herrschaftsverhält-
nissen orientiert ist, wohl kaum erforderlich.
un ist auch in anderer Hinsicht der Erklärungs- und Orientierungswert ei-
nes Geschichts- und Politikkonzepts fraglich, das aus der Beherrschung von
Natur seine Dynamik gewinm. In einem Versöhnungskonzept sind im Grunde
alle Fragen auf das Verhältnis von Geschichte zu einem ihm transzendemen
Zustand gerichtet. Angesichts des stetcn Rückbezugs zur Transzendenz bleibt
die D).namik innerhalb der Geschichte gleichsam stabil. Die konkreten histori-
schen Phänomene sind allesamt nur ein Verweis auf ein Jenseitiges. Wenn Na-
turbchcrrschung und ihre fatale Dynamik in das Wesen von Technik und Polj-
tik eingelassen ist, steht alle geschichtsinterne Entwicklung untcr dem steten
Vorzeichen der fatalen Entwicklung, ohne das weitere Differenzierungen mög-
lich und sinnvoU sind. Die Erläuterung histOrischer Enrwicklungszusammen-
hänge steht unter diesem abstrakten Vorzeichen, und die Möglichkeit, konkre-
te Entwicklungen von aturbeherrschung und Technjkenrwicklungen norma-
tiv zu beurteiJen, emfallt.
Die geschichtsphilosophische Rückbindung des Mensch-Natur- Verhältnis-
ses scheint also aus vielerlei Gründen problematisch, wenn es um das Ver-
ständnis und die moralische und politische Beurteilung unseres praktischen
Umgangs mit Natur gehl. Zugleich ist das Naturverhältnis jedoch von zemra·
ler Bedeutung für unsere politischen Gestaltungsräume und das eigene Selbst-
verhältnis. Insofern ist die Auseinandersetzung mit Narurbeherrschung oder
aIlgemciner dem Umgang mit atur nicht ein materiales Thema neben ande-
rcn, sondern eine unvermeidliche Herausforderung für unser moralisches und
politisches Selbstverständnis. Wenn wir aber Natur jenseits totaler aturbe-
herrschung denken, setzen wir den Standpunkt der Versöhnung zwar nicht als

16 Dazu: ta Eser. "Einschluss St2tt Ausgrenzung _ Menschen und ':uur in der Um-
wehethik". in: Marcus Düwell und Kbus Sleigleder (Hrsg.), BitNthik. Ehre Ei".flihnmg,
Fnnkurt 3. M. 2003. S. 344-353. l\hrcus Dü",'ell. "Zum Verhältnis von Elhik und
Recht - umweltelhische Perspektiven", in: Monik3 Bobben, l\hrcus Düwell und
Kurt Jax (Hrsg.), UmM,tlt- Ethik - Ruht. Tübingen 2002, S. 8-28.
190 Aktuelle Debatten

utopisches Telos voraus, aber doch als Bezugspunkt der Reflexion; zumindest
transzendieren wir die Bahnen unserer jetzigen kulrucellen und zivilisaroci·
sehen Möglichkeiten.
Das Verhältnis zur arur, die Begrenzung technischer Verftigba.rkeir und
die Möglichkeit, das eigene Selbsrverhälrnis anders als in technischer Selbstver-
fügung zu denken, sind von zentraler Bedeutung für die Konstüuierung mora-
lischer und poLitischer Subjektivität. Naturressourcen sind nicht allein Gegen-
stände des Besitzes, die allein unter Vertcilungsgesichtspunkten bedeutsam
sind. Die Existenz freiheitlicher Gesellschaften, die Möglichkeiten von eigen-
verantwortlichem Handeln und die Selbstwahrnehmung als moralische Subjek-
te sind mit der philosophjschcn Antwort auf das Verhältnis des Menschen zur
Natur in der fortgeschrittenen Moderne intern verbunden. Dabei ist es keine
verantwortbare Möglkhkeit. den Differenzierungsgewinn von Demokratie,
Menschenrechten und geregelten Machtverhältnissen mit eschatologischen
Versöhnungsperspektiven einzuebnen. Für Ethik und politische Phjlosophie
ist es jedoch eine zentrale Aufgabe, ihre Kategorien, Begriffe und materialen
Gegenstände unter der Perspektive zu reflektieren, ob ein Verhältnis zur Tarur
gedacht werden kann, das nicht auf Naturbeherrschung reduzien bleibt, und
seinen Stellenwert zu bestimmen.
Gunzelin Schmid 1 oerr

Was hilft die Ethik


bei der Einschätzung der Technik?
Zur Legitimität der moralischen Fragen
nach dem Allgemeinwohl

1. Technikethische Argumentation: ein Beispiel


Ethik der Technik ist der Versuch, philosophische Grundsätze für den Um-
gang mit der Technik zu formulieren. Dieser Ansatz geht über die ..Ingenieur-
ethik" und die entsprechenden "codes of ethics", wie sie lange Zeit bestim-
mend waren, weit hinaus. Abgesehen davon, daß diese Form der Technikethik
überwiegend als Erbauungsrhethorik gefragt war, können die Möglichkeiten
und Folgen des technjschen Handelns nicht einzelnen Entwicklern allein zuge-
schrieben werden. Start dessen geht es bei der Ethik der Technik heute um
nicht weniger als um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen und
welches Verständnis vom Menschsein wir haben.
Wie zweifelhaft die Einschätzung der Technik fortwährend ist, wird bei-
spielsweise in bezug auf die Gentechnologie deutlich, eine der neuen Biotech-
nologien, bei der auf der Basis der Molekularbiologie an der Veränderung von
Erbinformationen gearbeitet wird. Zur alltäglichen Realität gehört, trotz ent-
sprechender Ankündigungen, bislang zwar noch nicht der geklonte Mensch,
wohl aber die gentechnologische Veränderung von Pflanzen im Interesse ihrer
effizienteren ökonomischen Verwertung bei der Erzeugung von Lebensmit-
teln. Die Rjsiken und Nebenwirkungen werden in diesem Fall in der Packungs-
beilage nicht aufgelistet, sie sind teilweise immer noch ungeklärt.
Für die Politik ergab sich daraus die über mehrere Jahre hinweg erörterte
Frage, ob gemechnisch veränderte Lebensmitt.e1 im Verkauf entsprechend ge-
kennzeichnet sein müßten. In der Diskussion darüber vertrat ein Genforscher
die Ansicht. ein solches Gesetz sei abzulehnen, da es in sich unlogisch sei. Em-
weder nehme man ein gesundheitliches Risiko genmanipulierter Lebensmittel
an, dann müsse man deren Herstellung umersagcn, oder man sei von ihrer
Unschädlichkeit überzeugt, dann bedürfe es keiner Kennzeichnungen und ent-
sprechender Oberwachungsregelungen. Welcher gesetzgeberische mgang be-
zügljch dieser Frage war also erforderlich, Verbot oder Kennzeichnungs-
verzicht?
Diese Frage ist inzwischen durch einen formeIJen Beschluß zugunsten der
192 Aktuelle Debatten

Kennzeichnungspflicht politisch entschieden. 1 Gerade weil der Fall (wenig-


stens vorläufig) abgeschlossen ist. erlaubt er start ungewisser Vermutungen in
Richtung Zukunft eine Fallstudie am überschaubaren Objekt. Gegenstand der
Ethik ist dabei weder die Beurteilung des tatsächlich vorhandenen gesundheit-
lichen Risikopotentials noch die Analyse politischer Enrscheidungsverfahren,
sondern die kritische Sichtung von Argumenten und die Bewertung der Ent-
scheidung unter Kriterien des Allgemeinwohls, d2S heißt der moralischen Aus-
gewogenheit konfligierender Interessen.
Was ist von der Argumentation jenes Genfofschers zu halten? Er selbst gab
keine direkte Empfehlung, sondern wollte die politische Entscheidung nur ein-
deutig an die Einschätzung des Gefahrdungspotentials dieser Lebensmittel ge-
koppeh wissen. Das Mißliche daran war und ist allerdings - und das scheint ty-
pisch für alle komplexen technologischen Projekte in der .,RisikogesellschaÜ"
zu sein -, daß keine Einigkeit hinsichtlich der Abschätzung der Folgen besteht.
Die Experten sind oft nicht weniger uneins als die Laien. Und was als wissen-
schaftlich objekti\'e FeststelJung präsentiert wird, ist dem Verdacht ausgesetzt,
durch politische. ökonomische oder persönliche Interessen mit bestimmt zu
sein. Das läßt ein eindeutiges und alJseits überzeugendes rteil über die n-
schädlichkeit gentechnisch veränderter Lebensmjttel bis auf weiteres kaum zu.
Würde wenigstens umgekehrt, aus einer erwiesenen Schädlkhkeit solcher
Lebensmittel, zwingend folgen, daß sie zu verbieten seien? Ein logisch gültiger
Schluß wäre dies nicht unbedingt. Denn eine normative Schlußfolgerung
("Gentechnisch veränderte Lebensmittel sind zu verbieten") kann nur dann
gezogen werden, wenn auch unter den Prämissen schon ein normativer Satz
ist. wenn also die Prämissen nicht nur aus TatsachenfeststelJungen (..Gentech-
nisch veränderte Lebensmittel sind schädlich'') bestehen. Allerdings scheint
der Genforscher impli~t genau eine solche normative Voraussetzung gemacht
zu haben, nämlich die Annahme: "Schädliche Lebensmittel dürfen nicht pro-
duziert werden". Dies leuchtet aber als Regel nur dann ein, wenn keinerlei
Vorteile mit diesen ahrungsmitteln verbunden wären. Daß ansonsten auf ne-
gative Folgen eines Produkts nicht unbedingt mit dessem Verbot reagiert wird,
zeigen Beispiele wie strahlenbelastete Pilze, Zigaretten, Automobile oder
AtOmkraftwerke. Deren Schadensporentiale gelten als Risiken, die entweder
von den einzelnen nach ihrem eigenen Ermessen in Kauf genommen werden
oder von einer f\'lehrheit der politischen Repräsentanten allen Gesellschafts-
mitgljedern zugemutet werden. Die Unbutimmthtil der tatsächlichen negativen
Folgen erlaubt es, daß die Risiken trotz allem akzeptiert werden.

Ende November 2Q02 einigten sich die EU-Agrumi ni ster auf Regeln zur Kenn-
zeichnung technisch \'erindener Ld)(:nsnUuel. Demnach müssen ubensmiuel dann
zwingend ~kennzeichnet werden. u'enn sie mindestens zu 0,9-/. gentechnisch ver-
iindene Organismen beinh:ahen. Diese Prozentzahl ist weile:r umstriuen. Immerhin
bezeichnete ein Sprecher der Umweltorganis:ation Greenpeace die Regelung 1lIis welt-
weit beispielhaft.
Schmid Noerr, W20S hilft die Ethik bei der Einschätzung der Technik? t 93

Wir kommen so zu einem erSten Ergebnis, daß die bei den alternativen An-
nahmen einerseits zu unsicher. andererseits in sich unstimmig sind. Das bedeu·
tet a~r auch. daß die AI/erna/it't selbst JalSfh kons/f7/ierl ist. Tatsächlich beging
unser Genforscher den - wiederum typischen - Fehler, einen Teilbereich sei·
nes eigenen, engeren Tätigkeitsfeldes als maßgeblich für das Problem im gan·
zen auszugeben. Dieser Teilbereich ist die Verträglichkeit der Lebensmittel in
bezug auf die körperliche Gesundheit, wobei er offenbar auch annahm, daß
dies hier und jetzt feststellbar sei, also von der Unbestimmtheit langfristiger
Folgen absah.
Nun gibt es jedoch offensichtlich auch andere wichtige Bereiche, die von
technologischen Eingriffen betroffen sein können, z. B. die natürliche Umwelt
oder die persönliche Autonomie. Diese dürfen bei einer solchen Entschei-
dungsfindung nicht unberücksichtigt bleiben. Hinsichtlich der na/iirlichen Um-
nIl blendete der Experte die Folgen aus, die dadurch eintreten können, daß
die genmanipulierte Pflanze unter Freilandbedingungen teils weiter mutieren,
teils auf andere Bios)'steme einwirken kann. Damit können. so wird gelegent-
lich behauptet, gefahrliehe Kettenreaktionen ausgelöst werden. die schlechthin
unüberschaubar sind. Allerdings betrifft diese Frage tatsächlich nicht erst die
Kennzeichnung der Waren für den Verkauf, sondern schon die Zu lässigkeit
der Produktion der Ausgangsorganismen.
Ein anderer zu beachtender Bezugspunkt ist die Autonomie der Konsumen-
ten. Er ist hier von maßgeblicher Bedeutung. Selbst wenn die Mehrzahl der
Experten von der Unschädlichkeit der neuen Technologieprodukte überzeugt
wäre, dürfte diese Ansicht den KOnJNmenten nicht oktroyiert werden, solange es
bei einem quantitativ relevanten Anteil der Bevölkerung Vorbehalte gegenüber
genmanipuliert'en Lc:bensmitteln gibt. Ein gesetzlicher Verzicht auf Kenn-
zeichnung genmanipulierter Lebensmittel, der vorrangig den Verkaufs-
interessen folgte. würde die Autonomie der Konsumenten unangemessen be-
einträchtigen, zu der, im Rahmen der eigenen Belange, auch die Freiheit des
Nichtwissens und der persönlichen EOlscheidung aufgrund von Irrtum gehört.
Unter Einbeziehung vor allem der Respektierung der persönlicher Entschei-
dungsfreiheit kommen wir also zu dem Ergebnis, daß eine Kennzeichnung der
Lebensmittel moralisch geboten ist, und zwar selbst dann, wenn die Mehrzahl
der Experten von ihrer Unschädlichkeit überzeugt wäre. Das unter diesem As-
pekt erfreuliche Resultat der tatsächlich so erfolgten politischen Entscheidung
demonsuien die ethische Folgerichtigkeit wenigstens einer EinzeIentschei-
dung. Das besagt allerdings noch wenig über ethisch geforderte Steuerungs.
möglichkeiten in anderen Bereichen technischer Entwicklungen und ihrer Aus-
wirkungen. Charakteristisch für die politische Entscheidungsfmdung ist, daß
ethisc.he Argumente niemals in der hier angeführten Reinform vorkommen,
sondern immer in einer komplexen Gemengelage von Meinungen, Interessen,
Kompetenzen und Betroffenheiten. Deshalb ist im nächst.en Schrift zu überle·
gen: Wie bewerten wir Technik?
194 Akruelle Debatten

2. Bewenungsweisen der Technik


In der gegenwärtigen Technjk-Philosophie wird die Technik zu Recht nicht
mehr als Inbegriff von Maschinen aufgefaßt, sondern als HandJungss)'stem,
das angemessen nur als komplexe, sich geschichtlich wandelnde Konstellation
von Nawf, Apparatur, technologischem Wissen, Gesellschaft und Kultur ver-
standen werden kann. "Technik" ist nicht nur die Gesamtheit der Verfahren
und Geräte zur Bearbeitung der Nawr. sondern um faßt auch deren Erzeugung,
Gebrauch, Beseitigung und Wirkungen. Damit ist sie als sozin/tI JjslenJ zu ver-
stehen. "Sozial" bestimmt sind Techniken, insofern ihre Einführung und ihr
Gebrauch von gesellschaftLichen (ökonomischen, politischen, kulturellen) Fak4
[Oren maßgeblich mitbestimmt werden und wiederum auf die Gesellschaft zu-
rückwirken. "System" ist die Technik in ihren am weitesten entwickelten Ge-
Halten, insofern wir sie nicht mehr, wie Werkzeuge btnNfZtn oder wie Maschi-
nen btditntn. sondern in ihr Itbtn. 2 Das heißt, wir können uns ihren Auswirkun-
gen oft auch dann nicht entziehen, wenn wir von ihr selbst keinen Gebrauch
machen wollen. Die Technik Stellt ein Mtdium dar, in dem wir leben, in dem
der geselJschaftliche Austausch vor sich geht und das selbst eine Art sozialer
Ordnungsmacht wird.
Aber die rechnische Enrwicklung ist, so übermächtig und eigendynamisch
sie sich auch vollzieht, doch niemals ahernativlos. Technik iSt keineswegs wert 4

neutral, sondern in sich normativ determiniert und determinierend. Unabding-


bar wird sie von den Beteiligten und Betroffenen btJJltrltf. Die Bewertung ge-
schieht implizit oder explizit, auf Grund von scheinbar selbstverständlichen
Voran nahmen, Wunschbildern oder in Form von Argumentation. Für deren
Rationalität gibt es verschiedene Kriterien.
Die nächstliegende Form der Bewertung iSt die insl17ilfltnltllt, die die Frage
beantwortet: Ist das technische Mittel tauglich zur Erreichung des damit ver-
bundenen Zwecks? Sodann wird iikonollliscb bewertet: Lohnt sich der Aufwand
angesichts des Ertrags? Des weiteren stellen sich polifiscb-slroltgüc!Jt Fragen:
Schadet oder nützt das Produkt dem Image des HerstelJers? Lassen sich Pro-
duktion und Verkauf politisch durchsetzen? Alle solche instrumentellen. öko 4

nomischen und politisch stratcgischen Bewertungen stellen Nlltzm-Kolkiile


4

dar, wobei sich der Nutzen auf einen einzelnen, eine Gruppe, eine Institution
oder die Gesellschaft als ganze beziehen kann. Bewertet wird Technik hjer un-
ter Regeln der Klughtit: .. Es ist klug, A zu tun. um B zu erreichen." Betrachtet
man die Technjk nach KJugheitsregeln unter einem übergeordneten, möglichst
objektiven Gesichtspunkt, dann betreibt man dtsknplillt Technikfolgenab-
uhiitzung. Diese zeigt die faktischen oder zu erwartenden Resultate und damit
das Spektrum der Handlungsmöglichkeiten unter gegebenen Bedingungen und
Zielvorstellungen auf.

2
Vgl. Christoph Hubig, Eva Jelden, "Werkzeug, Maschine, System", in: Christoph
Hubig,Jürgen Albers (Hrsg.), TuhniJebunrlung, \Xleinheim 1995, S. 13 fr.
Schmid Noerr, \,\'as hilft die Ethik bei der Einschät2ung der Technik? 195

Dieses Spektrum wird nun eingegrenzt durch die normotivt Technikfolgen-


btll,trlung. ..Tue A, wenn du B erreichen willst" bleibt eine bloße ModeUreeh·
nung, solange nicht entschieden ist, ob tatsächlich B oder vieUeicht besser C
erreicht werden soll. Die Kriterien der Technikbewertung, der Abwägung posi-
tiver und negativer Wirkungen, sind in der Gesellschaft heute vielfach kodifi·
ziert. Solche Regelungen reichen von berufsspezifischen Verhaltensnormen
über die politischen Grundrechte bis hin zu speziellen Gesetzen (zum Beispiel
der Gefahrdungshaftung) und technischen Normen (zum Beispiel Sicherheits·
vorsch ri ften).
Darüber hinaus gibt es aber auch ein breites Spektrum von ungeschriebe-
nen, im geschichtlichen Fluß befindlichen moralischen Überzeugungen und
Wertvorstellungen. Sie betreffen beispielsweise das, was wir uns unter Begrif.
fen wie Menschenwürde oder Freiheit inhaldich vorstellen. \'(lelche morali-
schen Normen Geltung beanspruchen können und welche nicht, dies ist nun
die Fragestellung der Ethik. Implizit kommt sie mit jeder moralischen Ausein·
andersetzung ins Spiel. In expliziter Form ist sie eine Theorie der moralischen
ormen und \'(/erte und der Prüfung ihrer Geltungsansprüche. So geht es bei
der Ethik der Technik unter den Bedingungen einer technologisch bestimmten
Gesellschaft darum, die unerläßlichen Entscheidungen darüber, wie wir leben
wollen, auf die ihnen zugrundeliegenden moralischen Prinzipien hin zu klären
und der Überprüfung zugänglich zu machen.
Die verschiedenen Bewertungsweisen der Technik lassen sich folgenderma-
ßen zusammenfassend darstellen:

Kriterien der Bewertung

-----------
KJugheitsregeln ethische Prinzipien

lOstru· ökono- politisch


mcnleU misch
Wene Normen

individuelle soziale soziale moralische


\'(/ette Werte Normen Normen

Grund- Gesetze Standes- Poscul:He der


rechte regeln Technikfolgen-
abschätzung
196 Akluell~ Debatten

Nun ist mit dieser formalen Aufgliederung noch nicht gesagt, welche Be-
deurung den einzelnen Bewerrungsinstanzen tatsächlich zufallt. So könnte die
Annahme. daß wir heute üben.viegend nicht mit, sondern in der Technik leben,
auch bedeuten, daß ethische Erörterungen kaum mehr liefern als nachträgliche
Rechtfertigungen im Kampf widerstreitender Interessen. Die neuere Diskussi·
on um die Möglichkeiten der Technikethik schließt dabei fast nahtlos an die
Auseinandersetzungen um das Verhälmis von Politik und Philosophie an, die
ihrerseits so alt wie diese selbst sind.

3. Distanz der Philosophie von der Politik


Seit jeher hat die Philosophie Maßstäbe für Vernunft und Gerechtigkeit for-
mul.iert, die für das soziale Leben und so auch für die politische Praxis gehen
sollten. Doch die Erwartung, mit ihren Theoremen auf dje politische Praxis
einzuwirken, wäre heute mehr denn je naiv. Auch muß der plamnische Gedan-
ke, poljtische Macht und Philosophie sollten in einer Hand zusammenfallen,
der Philosophie heute zutiefst suspekt sein. Als Strukturmerkmal demokrati-
scher Herrschaft gih die Gewaltenteilung. Nicht nur die poljtischen und recht·
lichen Institutionen sollen unabhängig voneinander agieren und sich wechsel-
seitig kontrollieren, auch die öffentliche Meinung und die sie beeinflussenden
Kräfte der Publizistik, der Wissenschaften - und gegebenenfalls auch der Phi·
losophie - übernehmen im Idealfall autonome Funktionen. Durch die Pluralj-
tät aller gesellschaftlichen Beobachtungsinstanzen sollen die negativen Folgen
von hchtballungen möglichst eingegrenzt werden. Dabei lebt die Fruchtbar·
keit der philosophiuhtn Beobachtung nicht zuletzt von der gedanklichen Risiko-
bereitschaft und Radikalität, während die f"tthllidu und dtmoleroliJtht Zähmung
der politischen Macht eher auf die Minimierung von Lebensrisiken zieh.
Die gesellschaftlichen Teilsysteme, auch und gerade das der Technik, haben
gegenüber moralischen Einwänden eine uneinholbare Eigendynamik ange·
nommen. In dieser Perspektive erscheint die Ethik dann weniger als Mittel zur
Krisenbewältigung denn selbst als ein Krisensympmm. Diese Ethikskepsis be-
zieht sich nicht auf die mangelnde Stichhaltigkeit dieses oder jenes ethischen
Arguments oder auch eines bestimmten ethischen Ansatzes, sondern grund-
sätzlich auf die Möglichkeit einer moralisch motivierten Beeinflussung gesell.
schaftlieher Systeme. Einer entsprechenden Illusion gilt Ulrich Becks Spott,
der im technik philosophischen Diskurs fast schon zu einem geflügelten Wort
geworden ist: "Die Ethik spielt im Modell der verselbständigten Wissenschaf-
ten die RoUe einer Fahrradhremse am Interkontinental flugzeug."]
Der Grund damr liegt in der Erfahrung der Omnipräsenz der Technik und
den damit zusammenhängenden Steuerungsproblemen. Die heute erreichte

)
UIrich Beck. Gege"giftt. Die orgnnisitrle UfII'trn"lWorllühluil, Fnnkfurt a. l'.1. 1988, S. 194.
Schmiel Noerr, Was hilfl die Ethik bei der Einschätzung der Technik? 197

Stufe der TechnikenrwickJung ist durch die Dominanz der wissenschaftlichen


Technologie bestimmt. Mit ihrer Hilfe durchdringt die Technik die Welt als
ganze, beherrscht und vereinheitlicht sie zunehmend. Selbst aUtägJjche Ge-
brauchsgüter werden zunehmend zu technologischen Produkten, deren Kon-
zeption, Design, Herstellung, Verteilung und Restebeseitigung mit wissen-
schaftlichen Methoden berechnet werden.
Da der mögliche Gebrauch der Technik nicht durch ejnen einmal vorge-
steUten Zweck determiniert ist, ist sie in ihrer Funktion und in ihren Folgen
unbestimmbar. Das wird an Risiken von Folgewirkungen deutlich, dje die na-
türlichen oder gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie auftauchen, nach-
haltig verändern. Diese sogenannten "evolutionären Risiken"4 (neben denen
des gemechnischen Eingriffs in die biologischen Erbsubstanzen zum Beispiel
die der Klimaveränderung durch Abgase) sind erst in dem Maße in ihren öko-
logischen, ökonomischen, gesundheitlichen oder sozialen Folgen bestimmbar,
in dem sie eimreten.
Die Reichweite der Wirkungen technischer Handlungen hat extrem zuge-
nommen, und je abstrakter die Ursache-\XIirkungs-Zusammenhänge werden,
desto weniger individuell verantwortbar wird Technik. Durch die Vorherr-
schaft der technologischen Rationalität wird die Moral in die ische privat-exj-
stentieller Wertemscheidungen zurückgedrängt, und dadurch moralische Ver-
nunft rur unmöglich und das Bedürfnis danach für uneinlösbar erklärt. Daß
auf die ethische Diagnose hin die politische Intervention erfolgt, ist höchst un-
wahrscheinlich. So hat sich das Mißverhältnis zwischen instrumenteller Ratio-
nalität und moralischer Kultur zur Identitätskrise unserer Zivilisation ausge-
wachsen.
Die Feststellung, die Möglichkeiten moralischer Einsprüche stünden in ei-
nem krassen J\'lißverhältnis zur Dynamik der technologischen Ent\.\'ickJung, ist
selbst eine ethische Diagnose. Angesichts der unmittelbaren Ohnmacht ethi-
scher Reflexion gibt es immerhin tintn Grund, an dieser festzuhalten, einen
Grund, der sich aus dem Zweifel an ihrer Wirksamkeit selbst ableiten läßt: So-
lange wir ihre Wirkungslosigkeit beklagen, setzen wir voraus, daß das Richtige
oder Bessere doch erkennbar bleibt. Aber noch dieser mögliche Haltepunkt
ethischer Reflexion wird jedoch von s}'stemtheoretisch-soziologischen Ein-
wänden gegenüber der Ethik für unmöglich erklärt.

4. Zu Luhmanns Kritik der Ethik


Niklas Luhmann hat seine Kritik der Ethik auf die Formel gebracht, die Ethik
könne sich selbst nicht unter das subsumieren, was sie zum Gegenstand habe,
nämlich das moralisch Gute. nler "Ethik" versteht Luhmann zunächst allge-

• Vgl. Wolfg.lIng Krohn, Gerh2rd Krücken (Hrsg.), RisluJ"fe Tubnoltlgü,,: &jk:o..·ion lind
Rq,ltlo/;on. Fnnkfurt a. M. 1983.
198 Aktuelle Deballcn

mein die theoretische Reflexion dessen, was moralisch für richtig oder gUI ge-
halten wird, wobei er dann allerdings die deskripLive Ethik (als soziologische
Beschreibung und Deutung des Moralischen) gegenüber der normativen Ethik
(als philosophische Begründung und Rechtfertigung des moralischen Sollens)
privilegien. Als empirisch faßbare Entsprechungen rur moralische Werte sieht
Luhmann Achtung und Mißachtung an. Entsprechend bestimmt er Moral als
"eine besondere An von Kommunikation, die Hinweise auf Achtung und ~'Iiß­
achtung mitführr",5 Luhmann hält die - sei es deontischen, sei es konsequen-
tialistischen - Begründungen der normativen Ethik zwar nicht von vornherein
für falsch, aber angesichts des heutigen Stands der Moral und des ethischen
Problem bewußtseins für unangemessen. "ivtoraJ" erscheint so in einer soziolo-
gisch-externen Perspektive und nicht, wie in der philosophischen Ethik vor-
rangig, in der internen Perspektive der moralisch Urteilenden selbst.
Luhmann konzeptualisien die moderne Gesellschaft (etwa seit dem Ende
des 18. Jahrhunderts) als System, das nicht mehr hierarchisch, sondern funk-
tional gegliedert ist. Auf diese \'(leise differenziert sich die Gesellschaft in je-
weils autonome Teilsysteme, zum Beispiel \'(lissenschaft, Politik, Recht, Kultur,
Schule, Liebesbeziehungen (und eben auch Technik). Diese funktionieren ent-
sprechend einer je besonderen binären Codierung. In der Wissenschaft gilt
vorwiegend das Kriterium "wahr/unwahr", in der demokratischen Politik die
Entgegensetzung "Regierungs macht/Opposition" usw. Das Neuartige dieser
Codierungen gegenüber vormodernen Gesellschaften besteht nun nicht zuletzt
darin, daß sie sich von der Codierung "moralisch gut/schlecht" abgekoppelt
haben. Während die vormodernen Gesellschaften durch weitgehend statische
Rollenzuweisungen und moralische Normierungen integriert waren, existiert in
der ~Ioderne kein normatives Zentrum mehr, das den Anspruch erheben
könnte, die Entfaltung der djsparaten Handlungssysteme zu steuern. Auch d:as
moderne Leitbild individueller Autonomie taugt nicht zu einem solchen Zen 4

trum, weil es bloß formaler Art ist und die einzelnen in ihren Handlungsprä-
ferenzen inhaltlich gerade nicht festlegt. Jedes gesellschaftliche Handlungssy-
stem hat also seine eigenen Funktionskriterien, die mit dem moralisch Guten
und Schlechten nichts zu tun haben, ja mit diesen Bewertungen im Interesse
ihres Funktionierens nicht vermischt werden dürftn.
Die moralische Kommunikation ist nun aber auch kein Funktionssystem
unter anderen, denn sie bezieht sich nicht auf jeweils systemspezifische Lei-
stungen, sondern eben :auf die Achrung oder Mjßachrung einer Person als gan-
zer. Das bedeutet, daß sie soziologisch gesehen orllos und adress:atenlos ge-
worden ist, über:all und nirgends zugleich, fast immer störend. Keineswegs, so
Luhmann, fördert die moralische Kommunikation die ihr zumeist zugespro-
chene Bereitschaft zu Gewaltlosigkeit, vielmehr ist ihr die Tendenz zum pole-

, Niklas Luhm:mn. l'aradigm 10$1: Ober dit elhiJrh, PJPt:x·io" dtr ,oHoral, Frankfurt t. 1\'1.
1989, S. 17 f.
Schmid Nocrr, Was hilft die Ethik bei der Einschätzung der Technik? 199

mischen Überengagement inhärent. Keineswegs haben dje besten Absichten


immer die besten Folgen, wie ja auch umgekehrt verwerfliches Handeln auch
gute Folgen haben kann. Das macht es grundsätzlich zweifelhaft, nach morali-
schen Gesichtspunkten zu entscheiden. Keineswegs lassen sich Risiken, die
von Großtechnologien wie der atomaren oder biochemischen Industrie ausge-
hen, mit Aussicht auf Konsens moralisch bewerten, da die damit zusammen-
hängenden Präferenzen bei den verschiedenen Handelnden und Betroffenen
ganz unterschiedlich verteilt sind. Kurz, die I"loral ist grundsätzlich zu
schwach, um den einzelnen Funktionssystemen Imperative aufzuzwingen und
so deren Pluralität noch in eine Einheit zu integrieren, aber stark genug, um
andere Personen mit Eifer und Aufdringlichkeit aus dem Bereich des vorgeb-
lich Guten auszuschließen. Moral ist, so eine von Luhmanns feinsinnigen, eher
entlarvungspsychologischen Beobachtungen, eine Kompensation des latent ge-
haltenen Willens zum Totschlag. 6
Vor diesem Hintergrund gesehen, bestand die den verschiedenen philoso-
phischen Ethikentwürfen der Moderne gemeinsame Hauptaufgabe darin, die
Moral durch vernünftige Begründungen gleichsam zu zivilisieren. Luhmann
bestreitet nun aber, daß ihnen dies gelungen sei. Während sie immer weiter
nach der vernünftigen Begründung moralischer Urteile fahndeten, geriet ihnen
die wirkliche moralische Kommunikation in der Gesellschaft aus dem Blick.
Der Einwand richtet sich gegen das Herzstück dieser Ethiken, den Praxisbezug
ihrer Theorie. Die ethische Reflexion der Moral sollte rationale Begriindtmg des
richtigen HandeIns und zugleich anleitende Motivation zu diesem Handeln sein.
Dieser Spagat zwischen Theorie und Praxis mußte, so Luhmann, mit dem Aus-
schluß des moralisches Codes aus den autOnomen Funktionssystemen mißlin-
gen. Wodurch die moralische Praxis tatsächlich geleitet wurde, dies waren
nicht vernünftige Begründungen, sondern Restbestände hierarchischer Sozial-
strukturen und Sozialisationsleistungen. Indem die herkömmliche Ethik dies
und die schwerwiegenden Ambivalenzen des r-,'loralischen ausblendet, schreibt
sie sich selbst eben das fraglos zu, wovon sie handelt, nämlich moralischen
Wert. Kurzschlüssig unterstellt sie, daß die moralische Unterscheidung "gut/
schlecht" und die ethische Empfehlung der ;"Ioral selbst immer schon mora-
lisch gut seien.
Luhmann zufolge steckt die normative Ethik also in einer doppelten
Schwierigkeit. Sie ist blind gegenüber den Ambivalenzen und Grenzen der
Moral, und sie begeht den logischen Fehler der Anwendung eines Codes auf
sich selbst, die, analog zu einer Aussage wie der: "Dieser Satz isr falsch", un-
weigerlich zu Selbstwidersprüchlichkeitcn führe. 7 Die Frage, ob die Ethik 010-

, Luhmann, "Ethik als Rcnexionstbeorie eier Moral", in: ders., GtJt/luhaflJJtntlUNr Hnd
StouUJlik. Studien !{Hr lf/iJJtnssOiio1ogit dtr modtrntn Gtstlluhajt, Bd. 3, Frankfurt a. 1\'1.
1989, S. 367.
7
Aber iSI die Analogie wirklich zwingend? Die AUloren des Glossars zu Niklas Luh-
manns Theorie sozialer SYSleme (Claudio Baraldi, Giancarlo Corsi und Elena Espo-
200 Aktuelle Debauen

raUsch gut ist, erweist sich, im Sinne Luhmanns, damit als unentscheidbar. Sie
ist Ausdruck seiner Infrageste1lung des moralischen Selbstverständnisses der
Ethik. Luhmann zieht daraus den Schluß, daß es "die vielleicht vordringlichste
Aufgabe der Ethik [heute istJ, vor Moral zu warnen"a, oder, weniger appellativ
formuliert, den Anwendungsbereich der moralischen Kommunikation gesell-
schaftsrheorctisch zu limitieren und "sinnvolle Anwendungsbereiche von I\'[o~
Tal zu spezifizieren"9.
Das klingt immerhin vernünftig. 1O Gerade im Fall des besonderen Gegen-
stands unserer Überlegungen, der Ethik der Technik, gibt es genug ernst zu
nehmende Gründe, sich vor IUusionen zu hüten. Appelle an das Gute im Men-
schen haben zumeist keine Chance auf Gehör, vor allem wenn machtvolle in-
teressen ihnen entgegenstehen. Und bloßes Moralisieren hilft nicht nur nichts,
sondern lenkt auch die Aufmerksamkeit von den entscheidenden Problemen
ab. Aber muß nicht gerade auch eine ambivalenzbewußte und moral-
limitierende Ethik ihren Differenzierungen und Warnungen einen moralischen
Wert zuschreiben? Ist der Zirkel der Selbstreferentialität überhaupt vermeid-
bar? Luhmann betont selbst, daß dies unmöglich ist, daß also "jede Begrün-
dung von Aussagen über Ethik und Moral selbstreferentiell angelegl sein
muß"ll. Jedoch bleibt bei ihm unklar, was dies für die Ethik bedeuten soll. Ei-
nerseits will er den engen Zirkel der tIIoralischtIJ Selbstreferentialität durch den
weiteren und unverfanglicheren Zirkel der so':(jologisdJen Selbstreferentialität
(nach der auch Ethiker als Beschreiber moralischer Kommunikation gesell-
schaftlich kommunizieren) ersetzen. Andererseits gesteht er zu, daß die Ethik
als Selbstreflexion der Moral in ei.nem strikten Sinn gar nicht anders kann, als
sich selbst als etwas Gutes (und nicht erwas Schlechtes) zu wollen. Wenn es

SilO, Frankfurl a. r-,,1. 1997), das von einem souveränen überblick über die weitläufige
Luhmannsche Theorielandschaft zeugt, paraphrasieren ausführlich das klassische
Lügnerparadoxon, während sie dessen logische übertragung auf die funktionalen
Systeme (5. 133) oder die Moral (5. 120) nur behaupten, nicht aber begründen. Die
gesamte Lehre von den unvermeidlichen Paradoxien und ihrer "kreativen Asymme-
uisierung" scheint vor allem dazu notwendig zu sein, um den theoretischen Ge-
bUrisfehler zu kompensieren, der in der sachlich unangemessenen Starrheit der ,.bi-
nären Codes" liegt. Wie ließe sich im Ernst Demokratie auf die Alternative Regie-
rung-Opposition, wie die der Wissenschaft auf wahr-falsch, und wie die Moral auf
die alternative Zuschreibung gut-böse reduzieren?
8 Luhmann, Paradigm 10$1, S. 41. - Warum aber sollte das Warnen und Mahnen des de-
skriptiven Ethikers grundsätzlich weniger steril sein als das von Moralisten, wie Luh-
mann es an Theologen des 17. Jahrhunderts <"gI. ebd., S. 11 f.) oder an sozialen Pro-
testbewegungen der Gegenwart ("Ethik als ReOexionstheorie der Moral", S. 436) be-
mängelt?
9 Luhmann. "Ethik als ReOexionstheorie der Moral", S. 436.
10 Tatsächlich ist Luhmann ja nicht der erste Ethiker, der in moralischer Absicht die
dunklen Seilen des Moralischen thematisiert.
II Luhmann. Paradigf11 10$1, S. 35.
Schmid Noerr, Was hilft die Ethik bei der Einschätzung der Technik? 201

aber grundsätzlich unmöglich ist, die Selbstreferentialjtät zu vermeiden, dann


verliert Luhmanns Hinweis auf die Paradoxie einer sich selbst für gut hahen-
den Ethik ihr Gewicht und reduziert sich auf die Kritik an moralisch-ethischen
Vorurteilen und die Abgrenzung einer empirischen Soziologie der Moral von
der philosophischen Ethik.
Zugleich zeigt sich, daß seine Ausblendung der nonnativen zugunsten der
deskriptiven Dimension der Ethik etwas von einem dogmatischen Denkverbot
an sich hat. Sie ist eine Konsequenz seiner empiristischen Perspektive. in der
die menschliche Praxis als Resultat beobachtbarer Sysremsuukruren erfaBt
wird. Normen und Werte, die doch im allgemeinen Verständnis zu moralischen
Äußerungen motivieren, lassen sich nicht direkt beobachten. und deshalb er-
setzt Luhmann die eigentlich moralischen Kriterien des Urteilens und Han-
delns durch äußere moralische Sanktionen, nämlich Achtung und l\'1ißachtung.
Das Grundproblem aller empiristischen Ethikentwürfe (schon seit der engli-
schen Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts. etwa bei David Hume) besteht
nun aber in ihrem Reduktionismus. Indem sie die Moral auf empirische Wir-
kungszusammenhänge reduzieren, verfehlen sie Grundelernente der alltägli-
chen moralischen Kommunikation wie Freiwilligkeit, Verantwortlichkeit und
Zurechenbarkeit der Handlung sowie Unbedingtheit und Universalität der
Verpflichtung. Das wird deutlich, wenn Luhmann Freiheit, die traditionell als
unabdingbare VortJlIIJtIZIIIJg jeder moralischen Beurteilung angesehen wurde,
als .. Nebenprodukt der Imoralischen] Kommunikation" erkJärt, nämlich als
Möglichkeit, zu Geboten ja oder nein zu sagen. Freiheit ist aber im Selbsrver-
ständnis der moralisch Handelnden kein empirischer Wirkungs zusammenhang.
sondern die Voraussetzung, überhaupt Ja/Nein-Stellungnahmen abgeben zu
können. Sie um faßt deshalb grundsätzlich mehr ab die Entscheidung innerhalb
einer vorgegebenen Alternative, nämlich auch die J\·löglichkeit. sich der Alter-
native selbst zu verweigern und die Situation zu verändern, anStalt diese durch
eine vorgegebene Wahl zu bestätigen.
Luhmanns empiriStische Moraltheorie verfehh also letztlich genau das, was
ihr Gegenstand sein soll, nämlich die gewöhnliche moralische Kommunikation
in der Gcsellschafl. Ist Reflexion, in seiner Konzeptualisierung, die Selbstbe-
obachtung eines Systems als Gesamtheit, dann dürfte sein eigener Begriff von
Ethik gar nicht den Titel einer "Reflexion der Moral" beanspruchen. Als exter-
ne Begründung geht es ihr um die Bewertung von Mond im Hinblick auf Alltr-
nalit'tn tllr Moral. Demgegenüber werden sowohl in der moralischen Kommu-
nikation selbst als auch in der ethischen Kommunikation der Philosophie in in-
ternen Begründungen Allrntalit'tn ZU'iIfhrn ",oraliIrhtn Ein51tlhmgtn bewertet.
Moralische GefUhle und rteile sind in der Tat soziologisch ..orllos", inso-
fern sie kein eigenes gesellschaftliches Teils)'stem bilden, aber dies ist bloß ein
Aspekt ihres Anspruchs auf universelle Geltung. Sie betreffen die Person als
ganze, aber auch nichl nur deren individuelle Besonderheit, sondern diese in
ihrem Verhältnis zum Begriff und zur ""löglichkeit des Personseins. Mit ande-
ren Wonen, nämlich mit denen des Aufklärers Hurne, sie stellen eine ..Sympa-
202 Aktuelle Debatten

thie mit dem Glück der lenschheit und eine Empörung über ihr Elend"12 dar.
Sie haben ihren On und ihren Adressaten in den (bei Luhmann nicht mehr
vorkommenden) Subjekten, insofern deren ReflexionspOtcnciale über ihre so-
ziale Fungibilität überschießen.

5. Notwendigkeit und Chance der Technikethik


Die Notwendigkeit der Technikcthik besteht darin, daß die gesellschaftlichen
Probleme, die sich aus den neuen Technologien ergeben, im Kern moralische
Probleme sind. Die Anwendungen dieser Technologien untergraben das mora+
lisch vordem Selbstverständliche, schaffen neue Unsicherheiten. Dadurch ge-
winnen elhische Argumente ein viel stärkeres Gewicht, als es innerhalb eines
traditionell verläßlichen Horizonts moralischer Gewißheiten je hatte und zu
haben brauchte.
Diese Argumente können aber nur dann wirksam werden, wenn sie nicht in
akademisch-sparten mäßiger Isolation ausgetragen werden, sondern wenn sie
das kulturelle Selbstverständnis der Menschen, die die Technik produzieren
und gebrauchen, aufgreifen. Darüber h.inaus müssen sie fortlaufend mit den
Erfordernissen und Möglichkeiten in Verbindung gesetzt werden, die Regeln
der instrumentellen, ökonomischen und politischen Klugheit abgesteckt wer-
den. So fragt die Ethik der Technik nach den allgemeinen Voraussetzungen,
unter denen die Technikbewertung nach Klugheitsregeln und ethischen Prinzi-
pien implizit oder explizit vollzogen wird oder werden kann. Dabei kritisiert
sie zwei entgegengesetzte Ansichten über die Technikentwicklung jeweils als
Vereinseitigungen:
Terhnik pis "Sa{'hzwpng'~ Diese Auffassung besagt, Technik verlaufe derart ei-
gend)'namisch, daß sie sich nicht steuern lasse. Daß bloßes Moralisieren nichts
hilft, ist sicher richtig. Der Auffassung von der Technik als "Sachzwang" liegt
jedoch oft auch die unbefragte Hinnahme bestimmter normativer Determinan-
ten (z. ß. hinsichtJich des Begriffs der Natur, des Fortschritts, der Gerechtig-
keit, des ökonomischen Wachstums) zugrunde. Mit der Kritik an solchen tech-
nokratischen Auffassungen erweitert die Ethik der Technik den Frcihcitsspie1-
raum. Wenn sie überhaupt wirkt, dann nicht auf derselben Ebene wie die
Technik. Becks Metapher von der Fahrradbremse am Interkontinemalflugzeug
ist schief, weil sie suggeriert, den Wertewandel selbst als technischen Prozeß
aufzufassen bzw. weil sie die Differenzen beider nivelliert.
Situtnmg dtr Terhniletnf»!idehmg: Andererseits lassen sich auch falsche Erwar-
tungen kritisieren, die sich an die Vorstellung einer ..Steuerung" der Technik-
entwicklung heften...Steuerung" ist nämlich selbst ein technischer Begriff und

12 David Hurne, Eine UnltrsJlCb'lng iibtr die Pri"t?pim der Mornl (1777), SlUttgart 1984, S.
216 f.
Schmid Noerr, \X'as hilft die Ethik bei der Einschätzung der Technik? 203

nur anwendbar auf objektivierbare Sachzusammenhänge. MoraJische Ver-


pflichtungen und Werte sind aber keine solchen verfügbaren Objekte, sondern
Bestandteile unserer Identität. Sie wirken gleichsam hinter unserem Rücken
und lassen sich nicht durch beliebige Verfügung verändern. Würden humane
Leitbilder autoritär verordnet, dann gerieten sie schon dadurch mit sich selbst
in Widerstreit.

Eines der traditionellen ethischen Kriterien ist das des "größtmöglichen Nut-
zens für die größtmögliche Zahl", wie es der englische AufkJärer Francis Hut·
chenson schon 1725 formulierte. Gerade im Zusammenhang der Technikbe-
wertung spielt es eine wichtige RoUe. Jedoch wird durch die Folgeprobleme
der zeitgenössischen Technologien auch die Grenze der Anwendung dieses
Prinzips aufgewiesen. Im erwähnten Beispiel der politischen Regulation der
Gentechnologie wären die Bürgerrechte auch nur Faktoren in der Nutzen-
bilanz, die gegen eine Verbesserung der Erträge verrechnet werden können.
Darüber hinaus macht die Unbestimmbarkeit vieler Technologiefolgen eine
zuverlässige Nutzenbilanz zumeist illusorisch.
Die Ethik der Technik mu? die Achtung von Personenrechten in besonde-
rer \X!eise auszeichnen. Personenrechte sind immer individuelle Rechte, mit
denen die eigenen Enrwicklungsmöglichkeiten in der Abwehr gegenüber Ein·
schränkungen seitens anderer Personenrechte geschützt werden sollen. Aus
der Wechselseitigkeit dieser Perspektiven ergibt sich der Vorrang der negativen
(Abwehr-)Rechte vor den positiven (Entfaltungs-)Rechten.
Ein wichtiges Verfahrensprinzip hinsichtlich des Umgangs mit Technik ist
öffentliche Transparenz, eine demokratische Kultur der Aufmerksamkeit und
Information. Transparenz ist eine zentrale Forderung der Ethik der Entschei-
dungen. Schon bei Kam findet sich eine entsprechende Formulierung, dje ge-
radezu auf den Umgang mit riskanten Technologien (wie die eingangs analy.
sierte Gentechnologie) gemünzt sein könnte: "Alle auf das Recht anderer Men-
schen bezogenen Handlungen, deren Maxime sich nicht mit der Publizität ver-
trägt, sind unrecht".l) Publizität vertragen nur solche Verfahren, die seitens
der Betroffenen auch zustimmungsf.ihig sind. Demnach ist eine Technik dann
illegitim, wenn ihre handlungsleitende Moral nicht allgemein akzeptabel ist. Al·
lerdings: Auch Transparenz ist nicht alles. Die Legitimation von Entscheidun-
gen durch demokratischen Konsens beruht darauf, daß Entscheidungen prinzi.
piell auch durch neue lll1ehrheiten rcvidierbar sind. Technik hat aber zuneh-
mend unrevidierhare Folgen. Das iSI eine entscheidende Grenze des ethischen
Dis ku rspri nzi ps.

13 Immanuel Kam, ZUIN rll!igm Frirdrn (1795), In: ders., SiiHllli,hr IlYrrkr, hrsg. von G.
Hartenstein. Bd. 6, Leipzig 1868, S. 449.
Jan Bergstra und Alben Visser

Heilserwartung in der Informatik

1. Einleitende Bemerkungen
Wir kennen \Villem van Reijen als einen pragmatischen Dekan. Gegensätze
überbrückt er offenkundig mühelos, und Konflikte werden abgebaut, da er
sehr unterschiedliche Sichtweisen nebeneinander stehen lassen kann. Auch in
seinem philosophischen Werk spielt es eine wichtige Rolle, scheinbar kaum
miteinander verträgliche Autoren und Standpunkte zusammenzuführen.
Willem wirft in seiner Antrittsvorlesung, die er kürzlich in Freiburg gehalten
hat, die Frage auf: "Kann Philosophie politisch sein?" Er beantwortet diese
Frage mit einem zweifachen Ja: Die eindeutig politisch ausgerichtete Philoso-
phie von z. B. Habermas ist politisch, aber auch die Distanz zum politischen
Alltag von Heidegger und Benjamin stuft er als politisch ein. Wir reformulie-
ren van Reijens Frage im "orliegenden Beitrag folgendermaßen: .,Kann Infor-
matik politisch sein?" nsere Frage ist mindestens ebenso sinnvoll wie die von
van Reijen, da zwischen der Philosophit, von der in van Reijens Frage die Rede
ist, und der Informatik in unserer Frage eine Reihe von Verbindungslinien be-
stehen - wie gezeigt werden soll. Auch wir kommen zu einer zustimmenden
Antwort. Als Teil der Antwort benennen wir eine Reihe moralisch I gehaltvol-
ler Ziele der Informatik, die wir als eine politische Agenda für die Informalik
auffassen. Genau wie van Reijen sehen wir den politischen Aspekt sowohl auf
einer expliziten als auch auf einer impliziten Ebene: Es gibt explizite politische
Elemente auf der Agenda - aufgefachen in Bekämpfung von J\'lonopolbildun.
gen über die Forderung nach offenen Regeln und offenen Quellen (open
sources) bis hin zur Ermöglichung von IP-Adressen für jeden - und es gibt
weniger explizite politische Elemente, wie etwa bestimmte Ansprüche an Com-
puterprogramme und ihre Überprüfung mit Hilfe der Instrumente der Logik.
Das letztere hat auch eine moralische und - auf der Ebene systemischer Zu-
sammenhänge - eine poljtische Dimension. Unsere politische Informatik steht
weit stärker .,auf den Barrikaden" als van Reijens Politische Philosophie, die

In diesem Beitrag hai das Ethürw Bezug zur Frage nach dem gulen Leben (Optio-
nen) und du Morali$r/H Bezug zu dem, was ".jr uns als Menschen gegenseitig an Re-
spekt schuldig sind (pnichten). Die philosophische Beschiftigung mit sowohl dem
Ethischen als auch dem Moralischen nennen wir Ethik. NormatilJ werden wir in ei·
nem weiten Vernindnis gebrauchen, so daß auch Vorschläge fUr die Gestaltung \'on
Compulerprogrammen normativ sein können.
Bergstr-a/Visser, Heilserwarrung in der Informatik 205

einen etwas beschaulicheren Charakter zu haben scheine Das hat seinen


Grund vielleicht in einem i\'langc:l an Lebenserfahrung unsererseits.

2. In formatik und Philosophie


Informatik ist die Beschäftigung mit dem Gebrauch und der Verarbeitung von
Information, besonders im Zusammenhang mit dem Einsatz von Computern.
Informatik ist zu einem großen Teil darauf gerichtet, wie Information verar-
beitet werden "'''ß, und darauf, wie wir Computer einsetzen sol/m. Informatik
hat daher sowohl einen - im weiten Sinne - normativen als auch einen techni-
schen Aspekt. Wir werden in diesem Beitrag Inf0rmalik in einem weiten Sinne
auffassen, so daß auch das Nachdenken über mehr praktische - im aLltäglichen
Sprachgebrauch würden wir sagen: nicht-wissenschaftljche - Fragen bezüglich
des Gebrauchs von Computern darunter fallt. In diesem Abschnitt werden wir
- gewissermaßen als Prolegomenon - zuerSt dje Position der Informatik ge-
genüber der Philosophie etwas näher beleuchten.
Informatik hat mit Philosophje und Mathematik gemeinsam, daß es sich da-
bei um eine apriorische Wissenschaft handelt. Das bedeutet nicht, daß Fakten
in der Informatik keine Rolle spielen. Im Gegenteil kann die moderne Infor-
matik nicht unabhängig von der Jakliuhtn Entwicklung der Computertechnolo-
gie gedacht werden. Es bedeutet \'ieimehr, daß Einsichten in der Informatik
nicht den Charakter von Propositionen haben, die beanspruchen, eine unab-
hängig beStehende Wirklichkeit genau zu repräsentieren. Die Einsichten der
Informatik beziehen sich vielmehr darauf, wie etwas besser sein kann. Buser ist
hier ein sehr facenenreicher Begriff. Zum Beispiel kann ein Programm besser
sein, wenn es schneller ist, wenn seine korrekte Funktionsweise gut zu erken-
nen ist, wenn es aufgrund seiner modulhaften Struktur leichter an neue Aufga-
ben angepaßt werden kann, usw. Informatik hat insofern durchaus einen prak-
tischen Charakter. Informatik fUgt sich bruchlos in die philosophische Traditi-
on von Leibniz, Lullus, Frege, Russcll, Lcsniewski, Tarsk.i und Quine. Diese
Tradition beschäftigte sich mit der Entwicklung künstlicher Sprachen, die in
bestimmter Hinsicht besser sein mußlen als natürliche Sprachen. 2
Wir können das Verhältnis der Informatik zur Apriorizität noch etwas bes-
ser formulieren. Schauen wir zuerst nach der klassischen Methode der Künstli-
chen Intelligenz (in ihrer naivsten Lcesart). Die zentrale Idee lautet: Vers/ehen
d"rrh Htrs/tl/en. Diese Idee basiert auf folgendem Vergleich:
Mensch object lrouve das Rätsel
~Iaschine objecl COnStrue das im vorhinein Verstandene

, Auch Heidegger kann als jemand gesehen ",,'erden, der eine neue Spnche entwickel-
te, um die Einsichl in d-as Sein besser ausdrücken zu können.
206 Aktuelle Debanen

Die Informatik beginnt mit der Einsicht, daß die zweite Gleichung unwahr ist
oder - besser ausgedrückt - nicht ro ipso wahr ist. Aus der Tatsache, daß etwas
- in der einen oder anderen Weise - menschliches Produkt ist, folgt noch
nicht, daß wir dieses Erwas auch verstanden haben (in irgendeinem Sinne \"on
Verstehen). Es gibt verschiedene Faktoren, die zu dem Nicht-Verstehen oder
der 1 icht·Verstehbarkeit beitragen. Da ist z. B. die Rolle des Ausprobierens,
oder da ist das Faktum, daß ein kleines Stück Technologie das Produkt der Zu-
sammenarbeit einer großen Anzahl Menschen mit sehr spezialisierten Tätigkei-
ten darstellt. Die Informatik stellt sich nun die konstruktive Aufgabe, mensch.
liehe Produkte in den Bereich dessen zu bringen, was im vorhinein verstanden
ist. Das Verstehen kann dabei gesehen \\'erden als Zweck in sich selbst, aber es
hat noch eine Reihe weiterer Vorteile. So wissen wir von empirisch getesteten
Programmen z. B, nicht sicher, wie diese sich in völlig neuen Kontexten ver-
halten werden. So ist es z,B, sehr schwierig ein unvollständig verstandenes
Programm an neue Aufgaben anzupassen.
Wir werden das übliche Verständnis von Infor1lJatik in diesem Artikel noch
dadurch erweitern, daß wir auch mehr oder weniger moralische Überlegungen
in ihren Aufgabenbereich einbeziehen. Wir denken, daß der Übergang \'om
normativen Charakter der Informatik, wie sie in Abteilungen für Computer4
wissenschaften betrieben wird, zu den stärker moralischen Überlegungen die-
ses Artikc:ls ein weni~r großer Schritt ist, als man naiver Weise anzunehmen
geneigt ISt.
Worin unterscheidet sich nun die Infonnatik von der Philosophie? Es gibt
keine Gründe anzunehmen, daß eine solche Grenze sauber gezogen werden
kann. Die Informatik ist formaler, als es die Philosophie im allgemeinen ist,
wenngleich z. B. die Logik als philosophische Disziplin auch nicht weniger
formal ist als die Informatik. Die Informatik greift im allgemeinen nicht expli-
zit auf die philosophische Tradition zurück, doch das gilt auch für manche
analytische Philosophen. Darüber hinaus spielt die Logik, wie sie in der Philo-
sophie verankert ist, in der Informatik eine wichtige Rolle. In der kognitiven
Robotik - die von manchen übrigens mehr zur Künstlichen Intelligenz als zur
Informatik gezählt wird - spielen philosophische Theorien zur Intentionalität
eine wichtige RoUe. Die Informatik ist vor allem auf den Computer konzen-
triert. Aber warum sollte es nicht auch eine Aufgabe der Philosophie sein kön 4
nen, sich mit dem Compucer zu beschäftigen? Die starke Beschäftigung der In-
formatik mit Korrektheit scheint direkt an philosophische Anal)'sen anzu 4
schließen, wie etwa die Anal)'se des Wahrheitsproblems durch Tarski.
Wenn wir nun die Blickrichtung verändern und von der Philosophie aus
nach der Informatik schauen, dann \\'ird deutlich, daß es viele philosophische
Fragen im Zusammenhang mit der Entwicklung \'on Computern gibt. Es gibt
natürlich die Mensch 4Compurer4Analogie. Sie wird in der Künstlichen Imelli4
genz untersucht. Darüber hinaus macht die Entwicklung des Computers deut-
lich, daß unsere Umgebung abstrakter ist, als frühere Philosophen dachten. Ty-
pische Fragen in diesem Komext lauten etwa: IWas sthtn u,ir, .'tnn u,;r in tintn
Bergstra/Visser, Heilserwartung in der Informatik 207

BildJfhirm schaNtn? 1l7as sind Gtgtnsföndt in tintnt COHlpNftr? Menschen können mit
solchen Objekten in einem intentionalen Verhältnis stehen. Peter kann glück-
lich sein, wenn er den ersten Tyrannosaurus im Spiel Nanosaur erlegt halo Pe-
ter kann bereits auf der Suche nach dem zweiten sein. Ein besseres Verstindnjs
der menschlichen Umgebung wird ipso factO ein besseres Verständnis vom
Menschen darstellen. Der Computer ist eine Ausbreirung der menschlichen
mgebung, eine AJlsbrrifNng du MtlIschtn. Die Mensch-Maschine-Imeraktion
wird auch in der kognitiven Ergonomie untersucht.
Ferner ist da der rätselhafte Erfolg der Apriori-Analyse vom Begriff des Al-
gorithmus durch Turing. Diese Analyse beansprucht, den Begriff Algorithmus
erschöpfend zu beschreiben. Wenn wir diesen Anspruch als überzeugend anse-
hen, dann fUhrt das unmittelbar zu Fragen nach den Strukturen von Einsicht
und den Möglichkeiten der Wesensschau. Wenn wir den Anspruch hingegen
nicht als überzeugend ansehen, dann benötigen wir eine ausgearbeitete Wider-
legung von Turings Überlegungen. Die moderne Entwicklung der Quamen-
computertechnologie scheim für diese Problematik unmittelbar relevam zu
sem.
Schließlich ruft die Entwicklung der Informatik moralische Fragen hervor,
wie sie in Abschnin 4 unseres Beitrags veranschaulicht werden sollen; Fragen,
die mehr in das Gebiet der Ethik fallen.
Zusammenfassend können wir sagen, daß die Informatik - inklusive der
akademischen Informatik - eine deutlich normative Seite hat. Sie ist sowohl
auf Apriorizität gerichtet als auch auf einen kontingenten historischen Prozeß
bezogen. In dieser Spannung gleicht sie der Philosophie. Und noch ein weite-
rer Bezugspunkt zur Philosophie ist hier zu ergänzen: Viele philosophische
Probleme haben mil Gegenständen der Informatik zu tun.

3. Zweckoffene Technologie und Utopie


Eine Technologie ist - grob gesagt - der Prozeß einer Enrwicklung und einer
Anwendung von einem zusammenhängenden Ganzen von Ideen, Techniken
und Apparaten. Wir zählen zu einer Technologie auch die Gesamtheit von
Vereinbarungen, Prozeduren und Protokollen, die gemacht werden und ge-
macht werden sollen, um die Anwendung und die Entwicklung dieser Techno-
logie zu regeln. Kurzum: Eine Technologie ist ein gesellschaftlicher Prozeß.
Diese Umschreibung läßt erkennen, daß auch moraljsche Überlegungen Teil
einer als Prozeß verstandenen Technologie ausmachen. Die Ethik einer sol-
chen Technologie kann nicht unabhängig gesehen werden von dieser Techno-
logie selbst.
Man könnte denken, daß eine Technologie vollständig in das Gebiet der In-
strunlcmalität fallt. Die Rationalität, die den Gebrauch von Technologien be-
stimmt, wäre dann ausschließlich Zweck rationalität. Dies möglicherweise, weil
eine Technologie selbst als ein ("litte! gesehen wird, das für ein bestimmtes Ziel
208 Aktuelle Debatten

eingesetzt wird.) Wir geben im folgenden zwei Gründe an, warum diese Idee
irreführend iSl.
Zum Ersten ist eine Technologie selbst kein Instrument, sondern vielmehr
Gener:uor einer Vielzahl von Instrumemen. Technologien sind oft zweckoffen
(open ended). Das bedeutet. daß eine Technologie nicht einen vorgegebenen,
in ihr Wesen eingebauten Zweck oder eine übergreifende Anwendung hat,
sondern daß dje Entfaltung dessen, was wir mit der Technologie tun woHen
und können, selbst Teil des EnrwickJungsprozesses dieser Technologie ist; In-
formations- und Kommunikationstechnologie (lnformacion- and Communica-
tion Technology = 1Cl) - der GegenWind dieses Essays - ist ein ausgezeich-
netes Beispiel für eine solche zweckoffene Technologie. 4 Die Entfaltung von
Zwecken einet Technologie ist selbst nicht notwendig zweckrational.
Unser erster Grund, warum es irreführend ist. eine Technologie als ganze
unter dem Label Jnstrumentalität zu sehen, besteht also in der Tatsache, daß
die mit einer Technologie verbundenen Zwecke nicht einzigartig sind und
auch nicht feststehen. Ein zweiter Grund besteht darin, daß die Entwicklung
von Technologien zu einem Teil über uns kommt. Die Initiative und Entwick-
lung einer Technologie ist längst nicht immer als Wahl oder gar als wohlüber-
legte Wahl zu verstehen. So behandelt z. B. Jared Diamond in seinem sehr un-
terhaltsam geschriebenen Buch den Aufstieg des Landbaus. achdem er dar-
auf verwiesen hat, daß das Leben der frühen Bauern in vider Hinsicht unol/raJr.-
h"t'tr war als das Leben der Jäger und Sammler, schreibt er:

(... 1 Wh:n actuall)' hapJXned was not 20 discovery of food production, nor 2n inven-
tion, as we might first assume. There was often not even 20 conseious choice between
food produnion :and hunting.g:athering. I...) food production evolved as :a b)'-pro-
duct of decisions m:ade \/o.ithout awareness of their consequences. 5

Neue Technologien werden oft überhaupt nicht als Fortschritt angesehen.


Wohlbekannt ist der anfangliche Widerstand gegen das Auto. Jahrhunderte zu-
vor wurde die positive Wirkung der Schrift von verschiedenen Seiten durchaus
skeptisch eingeschätzt. Wir erinnern an die wohlbekannte Passage im Phädrus,

) Instrumentalitiü hat manchmal einen negativen Beiklang. Das Instrumentelle sei das
Uneigentliche. Diese Bewertung scheint uns nicht berechtigt zu sein. Der wohlerwo·
gene Einsatz eines Mittels, unl ein Ziel zu erreichen, ist :ausgesprochen menschlkh.
Natürlich ist es f2lsch. wenn :alles um uns herum lediglich als Mittel angesehen wird,
um Ziele zu erreichen. Jedoch aus der Tatsache, daß es falsch iSt, allein Pudding zu
essen, folgt doch auch nicht, d:llß mit dem Pudding etw:llS nicht stimmt.
.. Man könnte vielleicht denken. daß das Ziel von leT in der ErmägLichung eines welt-
weiten etzwerks von Informations- und Kommunikationsversorgung besteht.
Selbst wenn dies zutrife, muß angemerkt werden. d:aß dieses so gesch:affene Netz-
werk selbst ein ~[jttel fUr vielfältige weitere Zwecke d:arstellen würde. Ferner scheint
es zweifelh:aft, ob z. B. Gruppenspiele via \"('eh sinnvoll als Information oder als
Kommunikation bezeichnet werden können.
5 Jared Di:amond, GMffJ, Uf1llJ UffJ Jtul A JlMrl hi/tory oJ tL'trybod.J /or tht IMt I J,OOO JturJ.
Vintage 1998, S. lOS f.
Bergstra/Visser, Hcilserwarrung in der InformlUik 209

in der Pharao Thamus gegen den GOtt TQ(h - nach dieser Erzählung der Er·
finder der Schrift - argumentiert, daß die Schrift zum achlassen des Ge·
dächtnisses führen werde.
Bisweilen treten Zukunftserwartungen in Verbindung mit Technologien
dergestalt auf, daß eine Technologie verspricht, ein unmittelbar einleuchtendes
Ziel volJständig zu realisieren. Der Erfolg der medizinischen Wissenschaft
ehva soll dazu fuhren, daß ansteckende Krankheiten vollständig ausgerottet
werden. Der Erfolg des L:lndbaus verspricht, dem Hunger in der Weh ein
Ende zu bereiten. Je "offener" eine Technologie jedoch ist, desto djffuser sind
solche Erwartungen. Im Fall von ICT wird die Zukunftserwartung durch dje
Hypothese widergegeben, eine qualitativ gute und frei zugängliche ICT sei
auch fur uns alle gut. Diese Zukunftserwartung geht davon aus, daß die Ent·
wicklung und Ausbreitung von ICT erfolgen wird. Allein in welcher Richtung
dies geschehen wird, ist nicht deutlich. Die Heilserwartungen in bezug auf ICT
beziehen sich eher auf eine Situation idealer Entwicklung, in der eine angemes·
sene Balance zwischen Freiheit und Kontrolle besteht und in der hinreichende
demokratische Einnußmöglichkeiten auf diesen Prozeß gegeben sind. Die
Utopie von leT kann wie folgt umschrieben werden:

Man hofft :wf eine Welt, in der jeder mitdenken k2nn über und mit:lrbeiten bnn :In
den ICT·Strukturen; eine Weh, in der im Grundutz rur jeden ein vergleichb:lrer
Zugang zu diesen Strukturen besteht. so wie das jetzt bereits Hir Luft und Wasser
angestrebt wird; eine \'(relt, in der wichtige lCT·Beschlüsse demokratisch und auf-
grund von wissenschaftlichen Einsichten zustande kommen. In so einer Weh hai ein
jeder das Recht. detaiUierte Einsicht in Struktur und Gegenstand von Computen)'.
sternen zu erhalten, von denen seine/ihre Existenz abhängig ist sowie das Recht,
daran - faUs gewünschl und auf Basis demokratischer Prozesse - Verinderungen
vorzunehmen. Das ist eine \'I':'eh. in der jeder Zugriff hat auf die ihn selbst betreffen-
de Information, die per Computer gesammelt, verarbeitet und \'erbreitet wird.

Man beachte, daß diese topie sich nicht auf die Frage bezieht, welcher Ge-
brauch von dieser Technologie gemacht wird. Es ist kompatibel mit der Uto·
pie, daß einige Anwendungen weniger wünschenswert sind.
Es gibt verschiedene Hindernisse für eine gelingende Entwicklung einer
Technologie. Wir nennen hier allein das Erbschaf[s·Problem (Iegacy problem).
Frühere Investitionen in Gegenstand A verhindern, wegen Kompatibili[ätspro-
blemcn, weüere Investitionen in Gegenstand B. obwohl B - wenn es in ent·
sprechendem Maßs[ab eingefUhrt wird - unter den heutigen ms[ändcn deut·
lieh besser ist als A. Ein weiteres Problem ist die Bildung von Monopolen. Es
kann z. B. ein ;"'Ionopol auf den Gebrauch einer Technologie geben. Ein gutes
Beispiel dafür ist die Entwicklung der Schrift. Sowohl der Gebrauch von Kon·
sonanten als auch der Gebrauch von Spatien (Zwischenräume zwischen den
einzelnen Wörtern) sind Techniken, die das Lesen effizienter machen. Sel[sam
ist nun, daß vor der EinfUhrung von Buchstaben in das phönizische Alphabet
aUe mediterranen Sprachen mit Spatien geschrieben wurden. Mit der Einfuh·
rung von Buchstaben verschwand das Spatium, und man ging über zur scriptu-
210 Aktuelle Debatten

ra continua. Es gibt ausführliche Belege dafür, daß die Verbindung von Buch4
staben mit Spatien ein viel effizienteres Lesen möglich macht als die Ve""cn-
dung von Buchstaben ohne Spatien. Das Fehlen eines Zwischenraums zwi-
schen den Wörtern macht lautes Lesen beinah unvermeidlich. Warum ging je.
doch eine werrvoUe Technik einfach so verloren? Paul Saenger nennt in seinem
Buch eine Reihe möglicher Gründe. 6 Einer davon hat mit der Tatsache zu tun,
daß der Gebrauch der Schrift einer Elite vorbehalten war.
FinalJ)'. the notion thai the greater portion of the population should k autonomous
and sdf-motivated readers ,,'as entirdy foreign [0 thc ditist literate mentaliry cf the
andent ",orld. For thc litcrau:, the rc:action 10 thc difficulties of lexic:l1 :lccess uising
from scriptur:l cominu:l did not sp:lrk tbe desire tO m:lke SCripl e:lsier [0 decipber,
but resulted instead in tbe deleg:ltion of mucb of tbe labour of reading and writing
to ski lied slaves, who acted as professional readers and scribes. It is in tbe context of
a society with an abundant supply of cheap, intellec[u:llly skilIed bOOr tbat andent
attitudes toward reading must be comprehended and the ready and pervasive accep-
tance of the suppression of ward separation throughout the Roman Empire undcr-
stood.

Angenommen, daß Saengers Hypothese zutrifft, ist es interessant zu sehen,


daß die Tatsache, daß das Lesen einer Elite vorbehalten war, bremsende Wir-
kung auf die Entwicklung der "Lesetechnologie" hatte und daß die Auswirkun·
gen dieser bremsenden Wirkungen mithalfen, das "Leseprivileg" bestehen zu
lassen. In diesem Beispiel h:u ein 'Ionopol auf einen Gebrauch automatisch
ein Monopol auf die Entwicklung zur Folge. Im Fall von ICT haben wir häufi-
ger mit f\'lonopolen zu tun, die aIJein auf die Entwicklung der Technologie be-
zogen sind. In Abschnin 4 werden wir auf die Rolle von Monopolen in ICT
näher eingehen.
Gegenüber der oben beschriebenen Heilserwartung - die teilweise techno-
logieintern ist - steht. so wie wir es bei einer zweckoffenen Technologie erwar-
ten können, auch eine Unheilserwartung, Fluch und Schrecken. Diese ist durch
George Orwell und Aldous Huxley bereits treffend zum Ausdruck gebracht
worden. Der schnelle Aufstieg von ICT hat in wenigen Jahren (allerdings doch
etwas langsamer als Orwell unterstellt hat) die technischen Voraussetzungen
für solche - durch diese Autoren beschriebenen - unheilvollen Zustände ge-
schaffen. Die heute denkbaren Unheilsszenarien erhalten jedoch durch Zufü-
gung einer Portion Biotechnologie an die ICT einen noch viel unangenehme-
ren Charakter.

4. Ethik und Computer


Fünf aktuelle Anknüpfungspunkte von Moral bzw. Ethik an die Entwicklung
der Informatik \\'erden im folgenden behandelt. Dabei wird unter ..Informatik"

• P:lul S:lcnger, Space bt/nm .·vmls. Tbt orig;,r 0/ sik", rtoJi"/,, $t:lnford 1997, S. 9-14.
B~rgstra/Viss~r. H~ils~r.l.'arlung in d~r Informatik 211

hier eher der aktuelle Stand der Umsetzung des Fachgebiets verstanden als die
Wissenschaft selbst. Es ist allerdings im Falle der Informatik schwierig - wenn
nicht unmöglich -, die Entwicklung der Wissenschaft unabhängig vo~ der
technischen Entwicklung zu sehen.
Die fUnf Punkte werden in Gestah von Zielsetzungen formulien, die uns
moralisch vorzugswürdig erscheinen.

4.1 Das Vermeiden technischer Monopolpositionen


Monopole sind seit Marx ein Thema der Philosophie. Allerdings dachte Marx
dabei in erster Linie an Monopolkapital. Wir sind bereits auf Monopoltechno-
logien eingegangen. Eine technische Monopolposition von einem oder mehre-
ren Lieferanten und/oder Produzenten setzt die Öffentlichkeit dem Druck
aus, entweder mit unzureichenden Systemen zu arbeiten oder aber sich der Ge-
fahr auszusetzen, von der ICT-Technologie gänzlich ausgeschlossen zu wer-
den. Ein technisches Monopol kann verhindern, daß Neuerungen, die man aus
ethischen Gründen durchführen sollte, auch wirkljch durchgesetzt werden.
(Beispiel: Wenn alle Verbrennungsmotoren der Welt aus einer Fabrik kommen,
wird es schwierig, eine Verschärfung der Emmissionsnorm durchzusetzen.)
Monopole können auf dem Niveau von Systemen oder auf dem Niveau ein-
zelner Komponenten bestehen. Bei der Bekämpfung von Monopolen wird die
Priorität bei der Bekämpfung auf Systemniveau gesetzt. Dabei wird das Ge-
samt der Software auf einem Computer (oder einem Audio.Video·System oder
einem mobiJen Telefon) als ein Systemni\'eau angesehen, während verschiede-
ne Software-Komponenten (wie etwa ein Web-Browser oder ein Textverarbei-
tungss)'stem) auf Komponentenniveau anzusiedeln sind.
Die Bekämpfung von technischen Monopolpositionen geschieht gewöhn-
lich dadurch, daß Betriebe, die zu groß geworden sind, aufgeteilt werden, um
eine Konkurrenzsituauon zu erzwingen. Innerhalb der Informatik ist das auch
möglich. Allerdings ist dabei wichtig, darauf zu achten, daß innerhalb der In-
formatik System- und Komponentenniveau strikt unterschieden werden müs·
sen. Die historisch problematischen Monopole befanden sich auf Produktru-
veau, während die Informatik auch von Monopolen auf Systemniveau ausge·
hen muß. Um gegen diese anzugehen, ist das Erzwingen von Angleichungen
an offene technische Standards eine vielversprechende Handlungsopcion; so
\'ielversprechend, daß der Gebrauch von offenen technischen lormen selbst
als etwas aufgefaßt werden kann, das unmittelbar <lUS dem Anti-I\.·(onopolprin-
zip folgt.

4.2 Das Arbeiten mit technischen ormen: offene 5[andards


Technische Normen umschreiben Anforderungen an Produkte. Innerhalb der
Informatik beziehen sich Normen oft auf die Art und Weise, in der Produkte
212 Aktuelle Debanen

:lnein2nder anschließen. Technische 1 ormen sind offen, wenn jeder von ihnen
Kenntnis erlangen kann. Offene technische armen geben jedem Produzen~
ren die Möglichkeit, TeiJelememe herzustellen, die in ein Ganzes eingepaßt
werden können, das möglicherweise auch aus Teile1cmenren besteht, die von
anderen Produzenten hergestellt worden sind. Das Durchsetzen von techni+
sehen Normen wird als der aussichtsreichste Weg angesehen, MonopolbiJdun-
gen auf System niveau zu verhindern. Auf Komponentenniveau können n::l.{ÜC-
lieh stets Monopole bestehen oder entstehen, aber mit diesen kann man einfa-
cher umgehen.
Die moralische Vorzugswürdigkeit des Arhcirens mit offenen technischen
Normen gegenüber geschlossenen technischen Normen folgt aus dem Anti-
Monopol-Prinzip.7
Diese Überlegungen hinsichtlich offener technischer Tormen und die fol-
genden berlegungen über offene bzw. freie Quellen sind weitgehend von der
nterscheidung zwischen Software und Hardware abhängig. Diese Unterschei-
dung erscheint zur Zeit als eine Errungenschaft, die sich dauerhaft durchge-
setzt hat. Es ist allerdings möglich, daß Entwicklungen in der Hardware diese
Unterscheidung unterlaufen. Man beachte, daß eine Software-Komponente in
einem System eine auswechselbare Komponente ist. Vollständig integrierte
Hardware hat keine auswechselbaren Komponenten, genausowenig wie das
Gehirn eine präzise zu lokalisierende oder gar abtrennbare Komponeme "Nie-
derländische Sprachkompetenz" aufweist.
Neben dem öffentlichen Charakter von offenen Standards (demokratisches
Eigentum) ist auch eine offene Art der Entwicklung dieser Standards wichtig.
Innerhalb der Internetgemeinschaft ist bereits seit zwanzig Jahren ein systema-
tischer und überall 2..Is ehrlich und demokratisch angesehener EntwickJungs-
prozeß im Gange. Dieser Entwicklungsprozeß selbst ist seinerseits wieder ein
offener faktischer Standard.
l\·h.n möchte denken, daß offene technische Normen lediglich ein Instru-
ment darstellen, um Monopole zu durchbrechen. Aber der Besitz von solchen
Normen ist auch in Zeiten von Bedeutung, in denen Monopole erwünscht
sind, weil diese Normen die Bedingungen schaffen, unter denen ein Monopol
zu allen Zeiten wieder aufgebrochen werden kann, sofern dafür eine Notwen-
digkeit besteht. Aus diesen Gründen ist das Streben nach offenen technischen
ormen ein geeignetes, eigenständiges Element auf der Tagesordnung einer
politischen Informatik, unabhängig von den konkreten Effekten bei der Zer-
schlagung von Monopolen.

, Ein ~merkenswertes Beispiel findet man in einem Intef\'jew mit Klus undsman
in: Monique Kooijmans, .. 11 vragen over de computer \':I.n prof. dr. Klus Lands-
man". UvA·Unk, 35, S. 14-15, ovember 2002. Er macht don in :lußergwöhnlich
scharfen Formulierungen einen Lieferanten rur den Mangel an einheitlichen, offenen
Standards an der Universitäl von Amsterdam veranrwort.lich.
Bergstr2/Visser, HeiJscrwanung in der Informatik 213

4.3 Offene Quellen


Wenn man nun auf das Komponenten·Niveau hinabsteigt, so gibt es neben of-
fenen Standards auch offene Quellen. Offene Quellen haben Bezug zum Quel-
lentext einer Softwarekomponente. Bei einer offenen Quellen-Komponente
hat jeder kostenlos oder gegen minimale Vergütung Einsicht in den Pro-
grammtexl. Die Politik von offenen Quellen gibt der Öffendichkeit die Mög.
lichkeit, Einsicht in die Arbeitsweise der Komponenten zu erhalten. Das ist
besonders wichtig, wenn diese Komponenten sicherheits relevant sind. Diese
Überlegungen sind auch dann von eminenter Bedeutung, wenn es keine pro-
blematischen Monopole gibt.
Diese Präferenz von offenen Quellen ist sicher unmittelbar überzeugend,
aber es ist umstritten, ob eine strikte Realisierung dieser Politik der offenen
Quellen notwendig ist. Immerhin will der Konsument dem Softwareproduzen.
ten in manchen Fällen gerne die Gelegenheit geben, einen Gewinn zu erzielen
und diesen Gewinn via .,geschlossene Quellen" abzusichern. Geschlossene
Quellen können zumindest einen Anreiz rur bessere Produktqualität schaffen.
(I n der Arzneimiuelbranche spielen Patente eine vergleichbare Rolle.) Offene
Quellen stellen also lediglich eine bevorzugte Handlungsoption dar. Geschlos-
sene QueUen setzen eine eigene Rechtfertigung voraus, die jedoch durchaus
denkbar ist.
Abgeleitet von der offenen Quelle ist die freie Quelle. Eine Extremposition
besagt. daß alle vitale Software frei zugänglich sein muß. Dahinter steht die
Idee, daß es rur freie Software keine Privilegien zur Weiterentwicklung von
Komponenten oder deren Anpassung an neue bzw. veränderte Zie.lsetzungen
geben kann, die auf Patenten oder kommerziell zu erwerbende Rechten basie-
ren. Bei offenen Quellen ist es jederzeit denkbar, daß ein Fehler der Software
für jeden sichtbar ist, aber daß ein Lieferant sich weigert, sie zu verbessern.
Freie Software gibt anderen das Recht (unter bestimmten Bedingungen), diese
offene Sofrware auf die gewünschte Weise anzupassen. Eine sehr interessante
Bedingung ist. daß der Status als freie Software dabei beibehalten wird. Der
Status der freien Software, wie er in der GPL·Lizenz geregelt ist, hat einen vi·
ralen Charakter, was bedeutet, daß dieser Status sich auch auf Nachfolgepro-
dukte erstreckt. Besonders aus diesem Grund sind große Softwarebetriebe
nicht sehr begeistert von diesem Konzept.
Zusammengefasst: Offene Software und freie Software sind beide wün-
schenswert. Auch für geschlossene Soft\.vare gibt es eine begrenzte Legitimati.
on. Essentiell ist jedoch das Recht, Produktionsprozesse, die auf offener und
freier Software beruhen, in Stand zu hahen.
Der Dualismus von geschlossen versus offen kann man als eine Spezifikati-
on der Opposition von "Verbergen" und "Entbergen" ansehen, so wie wir sie
im Werk Martin Heideggers finden. Geschlossene Quellen sind Verbergen in
einem Kontext instrumenteller Funktionalität. Offene Quellen sind Entbergen
um eines politischen Ideals willen.
214 Aktuc=lle Debatten

Die Gegenüberstellung offene QueUen/ freie Quellen hat mit der techni-
schen Reproduzierbarkeit - einem Kernthema von Benjamin - von Software
zu tun und mit der Aufhebung von Begrenzungen solcher Reproduzierbarkeit.
Weil Software eigentlich auf einem höheren Abst.raktionsniveau lebt, entwor-
fen und durchdacht wird als die Hardware, auf der sie arbeitet, ist es unange-
messen, die Software mit spezifisch für die Hardware hergestellten Kompila-
tionen davon zu identifizieren. Eine Kompilation ist einfach zu reproduzieren,
aber der wirkliche Reproduktionsprozeß ist die erneute Kompilation in eine
andere Hardwarcarchitektur. Dafür ist Zugang zu (eine Kopie von) der Quelle
notwendig.

4.4 Logisch verifizierte Software-Komponenten


Eine Hochzeit zwischen der wissenschaftlichen Mathematik und Logik einer·
seits und der Informatik-Industrie andererseits entsteht dann, wenn man dar-
auf insistiert, daß mü harten logischen Methoden bewiesen wird, daß So[[-
ware-Komponenten den geforderten Besonderheiten genügen. Auch hier ist
eine moralische orm denkbar, weil man zumindest die Möglichkeit schaffen
muß, eventueUen lebensbedrohlichen Fehlern vorzubeugen. In der alltäglichen
Ökonomie ist diese Norm zwar schwer umzusetzen, weil damit eine unkJare
Abwägung von Einnahmen und Ausgaben verbunden ist. Ferner wird das ge-
nannte moralische Prinzip dadurch eingeschränkt, daß man im allgemeinen alle
iiblirhtn Maßnahmen ergreifen sollte, um Fehler zu vermeiden. Im allgemeinen
muß man aber keine Beweise anbringen, daß man dies auch wirklich getan hat.
Einen solchen Verweis auf eine fehlende Beweislast kann man noch recht häu-
fig hören. Es scheint, daß weder die Androhung von Katastrophen bei mögli-
chen Fehlern noch die moralische Forderung, solche Fehler mit äußerster
Kraftanstrengung zu vermeiden, hinreichend sind, um eine aIJgemeine Einfüh-
rung der logischen Verifikation wirklich durchzusetzen. Der zentrale Faktor ist
die Standardisierung von Produktionsprozessen für die Software. In techni-
schen Normen für (gewöhnlich offene) Produktionsprozesse kann die Verifi-
kation im allgemeinen realisiert werden. Dieser Trend ist deudich erkennbar.

4.5 IP-Adressen für jeden


Das Internet hat sich zur der ICT.Basisausstanung rur jeden entwickelt. Eine
Schlüssel rolle spielt darin die IP-Adresse. In einer idealen AusgestaJtung haben
alle Benuner gleiche Rechte auf IP-Adressenraum. Durch das erstaunliche
Wachstum des Internets in den letzten zehn Jahren steht dieses Recht in Frage.
Das heutige Internet-Protokoll (lPv4) hat Raum für 4 Milliarden (23~ Adres·
sen. Die Verteilung dieser Adressen auf die Weh gleicht im Augenblick der
Verteilung von Reichtum oder Energieverbrauchj abgesehen von wenigen rei-
chen nicht-wesdichen Ländern. Man kann sagen, daß das alte Konzept des
Bergstra/Visser, Heilserwartung in der Informatik 215

Interncts nicht damit gerechnet hat, daß Computer so billig werden könnten,
daß jeder davon einige besitzt. Die Lösung dafür lautet IPv6 (Internet Proto·
koll Version 6) mit 2 132 möglichen Adressen. Wenn wir einen Computer pro
Kubikmeter einräumen, dann stehen für einen Kubus mit einer Kante von ei-
ner Milliarde Kilometer Adressen zur Verftigung, das entspricht sechmal dem
Abstand zur Sonne. Ein Szenario, in dem IPv6-Adressen erschöpft sein könn-
ten, ist daher auch im Augenblick nicht vorhanden. Aus moralischer Perspekti-
ve gesehen ist IPv6 eine offene technische Norm von der I ETF (lnternet En·
gineering Task Force), die zum ersten auf eine adäquate demokratisch-merito·
kratische Weise durch eine Reihe sogenannter RFCs (das heißt Requests for
Comment) eingerichtet wurde, die zum zweiten technisch durchführbar ist und
die zum dritten den Mangel an IP-Adressen gemäß jeder Einschätzung auf vie·
le Jahre hinaus beheben kann.
IPv6 hat natürlich in technischem Sinne einen willkürlichen Charakter.
Wenn man z. B. eine repräsentative Demokratie einrichten will, dann steht
man auch vor Entscheidungen, etwa über den zahlenmäßigen Umfang der
Volksvertretung und die minimale Frequenz von Wahlen. Die Präferenz von
IPv6 rühn von der Norwendigkeit her, über die technische Seite der ReguJie·
rung von IP-Adressenraum einen breiten Konsens zu erzielen. Alternativen für
IPv6 sind allein dann vernünftig, wenn so ein Konsens im Hinblick auf diese
Alternativen genausogut erreichbar iS[o \Venn man daher in die Richrung eines
adäquaten Prozesses von Konzepten und Konsensbildung denkt, mit dem Ziel,
jedem genügend Adressenraum zu gar-antieren, dann entsteht in der Tat ein
starkes und nicht primär ökonomisches Argument rur I Pv6. Das gibt I Pv6 eine
kulturelle und politische Bedeutung.
Das Internet auf der Basis VOn IPv6 besitzt die Möglichkeit, sich zu der
größten und meist verbreiteten, durch Menschen geschaffenen Infrastruktur
zu entwickeln. Dies Infrastruktur wird zunehmend der Träger von allen Wahr·
nehmungen und Informationsprozessen und Informationsgehalten außerhalb
der biologischen Substanz. Mit IPv6 bietet sich vielleicht eine dritte Technik
an. Benjamin und Heidegger bilden beide einen Gegensatz zwischen erster und
zweiter Tcchnik. 8 Erste Technik ist Herrschaft über die Na/ur, zweite Technik ist
ZusllllllllellspitlllJi/ der No/ur. Nun müßle dann eine dritte Technik ZIiSaUlHltflJpiel
{mischefl MenJ(h lind l\rItflJch sein, ulobei fjelle Modolilii/en sich durchse/zen (lPv6).

5. achwort
\'('ir haben in unserem Beitrag das Bild einer Informatik mit moralischem Am-
litz entworfen. Diese Informatik richtet sich auf die Veränderung der \'(felt.

8 \l;'i1I~m van Reij~n. Dff Sfh.·a"Z"·alJ lind Paris. RnVlh,Ho"tirt AltlaphoriA: hti Htid'u.er "nd
8'''1a",i". München 1998.
216 Aktuelle: Debatten

Auf diese Weise stellt sie ein treffendes Gleichnis für dje Philosophie dar, ",i(
Kar! Marx sie sich vorstellte. Das Verstehen der Welt verschwindet in unserer
Perspektive allerdings nicht auS dem Blickfeld. Veränderung sollte sich - so-
weit möglich - in verständlichen Schritten vollziehen. Darüber hinaus ist der
utopische Endzustand, auf den sich unsere HeilsCN'3rtung bezieht, ein Zu-
stand. in dem wie in keinem anderen Verstehen möglich ist.
Jan Hein Hoogstad

The revolution should be televised

In einem Zeüalter, in dem das Fernsehen eine immer größere Rolle zu spielen
begann, die Politik hingegen an den Rand des öffentlichen Interesses gedrängt
wurde, war Gil Scott-Heron unzeitgemäß. l\'Üt seinem Song .,The revolution
will not be televised" wollte er eine mkehr beider Tendenzen bewirken. Der
Song war zum einen eine Kritik am Medium selbst und rief zum anderen zur
Revolution auf. .. YON »Iill nol hat:e 10 JIIorry abONI a dove inYONr bedroom, a tigtr inYONr
lank, or Iht gianl inYONr loiltl bOllll. Tht rtI'OINlion will nol go btlltr ",.ilh Cokt. .. Scon-
Heran zitierte Klischees aus dem Fernsehen und deckte so die h}'pnotisierende
Wirkung auf, die dieses 1edium auf Menschen hat. Zugleich erlöste er damit
die H}'pnotisienen von ihrem Bann. Obwohl der Song unleugbar Wirkung er-
zielte, genügte er doch nie seinen ursprünglichen Ansprüchen. "The revolution
will not be televised" versagte darin, sein beabsichtigtes Publikum zu errei-
chen; die Menschen hörten sich nicht Scou-Herons Platten an, sie sahen fern.
Politische Philosophen heute sollten sich in acht nehmen, nicht in die glei-
che Sackgasse zu geraten wie Gil Scott·Heron. Sie müssen anerkennen, daß
Politik nicht nur ihren Inhalt, sondern auch ihr Medium geändert hat. Die zeit-
genössische politische Landschaft setzt sich aus Logos und Slogans zusammen
und nicht aus Manifesten und tiefschürfenden Interviews. Vilem Flussers Es-
sa}' .,The political in the age of technical images" zeigt, daß die rumänische Re·
volurion \'on 1989 ein politisches Ereignis war, das nicht nur einfach im Fern-
sehen gezeigt wurde, sondern ausschließlich im Fernsehen stattfand. In dieser
Revolution waren Journalisten und Reporter keine externen Beobachter, son-
dern sie waren die eigentlichen Revolutionäre. Indem sie auf die strategischen
Möglichkeiten des telegenen l\'lediums setzten, bestimmten sie aktiv den Lauf
der Ereignisse. Im Gegensatz zu den meisten politischen Philosophen haben
sie verstanden, daß Politik sich nicht mehr in erster Linie in Texten, sondern in
Tönen und Bildern manifestiert.
In Vi/a ArJivo behauptet Hannah Arendt, daß die Distanz zwischen Philoso-
phie und Politik nicht erst für dieses Zeitalter kennzeichnend ist, sondern das
Ergebnis eines historischen Prozesses ist. Laut Hannah Arendt war Sokrates
der erste Philosoph, der den sogenannten "bias theoretikos" und den "bias
polirikos" nicht mehr erfolgreich \'ereinen konnte. Seinen Blick von den be-
ständig wechselnden politischen Phänomenen ins Reich der ewigen Ideen wen·
dend, geriet er zwar in Konflikt mit der Polis. Doch weder sein Gerichtsver-
fahren noch seine anschließende Verurteilung konnten die Bewegung, die er
initiiert hatte, aufhalten. Nach Sakrales' Tod wurde die Philosophie von den
218 Aktuelle Debatten

Straßen und Marktplätzen in die Schulen und Akademien geholt. Der ..bios
theOrelikos" und der .,bios politikos" drifteten immer weiter auseinander. Dies
lag vor allem claran. daß Sokrales' achfolger es gar nicht versuchten, die Dif-
ferenz zwischen heiden Berekhen zu verringern, sondern diese vielmehr insti-
tutionalisierten. Durch dje Abgrenzung von der politischen Sphäre wurde der
Philosophie eine Aura von Objektivität verliehen, die sie versrändlicherweise
nicht verlieren wollte. Philosophen können leicht bestimmte Praktiken kritisie-
ren oder über sie urteilen, ohne selbst Schaden davonzutragen, weil sie sich
vornehm aus ihnen heraushalten. Jedoch hat die Philosophie, weil sie sich im-
mer stärker vom .,bios politikos" zurückzog, jede Macht, überhaupt einzugrei-
fen, verloren. Sie verwandelte sich von einem aktiven Teilnehmer in einen ex-
ternen Beobachter, ein Resultat, das durch die historisch verwurzelte Treue zur
Gutenberg-GaJaxie noch verstärkt wurde. Philosophische, externe Kritik hat
ihren Einnuß verloren und das nicht allein aufgrund ihres lnha.ltes, sondern
auch weil sie ihr gesuchtes Publikum verfehlt. Selten reflektieren Philosophen
den eigenen Gebrauch ihrer Medien, und so verpassen sie den Anschluß an die
modernen Kommunikationsformen. Politische Philosophie sollte keinen siche-
ren Abstand wahren, sondern muß seine aktive Rolle im "bios politikos" wie-
derfinden. Die immanenten i\'löglichkeiten der neuen Medien zu erforschen,
statt sie einfach abzulehnen, wäre ein erster Schritt, dies zustande zu bringen .

..The revolution will not be televiscd", sondern sie hat in den Ghettos von
New York stattgefunden. Gil Scon-Heron sprach nicht von irgendeiner Revo-
lution in seinem Song; er bezog sich explizit auf den Kampf des schwarzen
Mannes um Anerkennung. Scon-Heron unterstützte die Politik der Black Pan-
thers aktiv und verschrieb sich ihrer Idee, Kunst direkt auf die Straße zu tra-
gen. Sein Song kritisierte die Haltung einiger Hauptakteure der Black-Power-
Bewegung, die diese Strategie aufgeben und sich statt dessen lieber darauf kon-
zemrieren wollten, die Aufmerksamkeit der Medien zu erlangen. Er warnte da-
vor, daß die weiße, verantwortliche Führung die schwarzen Bürger nicht für
wichtig genug erachten würde, um über sie zu berichten. "Tbe revolution lI,ill not
be right back after 0 IIIeuoge about ° ut/)ite tomado, ut/lite lightning, or ut/)ite people. "
Nicht nur war das Fernsehen das dominante Medium seiner Zeit, es war auch
jenes Medium, das die schwarzen Bürger 'Im radikalsten ausschloß und deshalb
das erklärte Ziel von Scou-Herons Kritik war. Solange die schwarzen Bürger
fernsähen, würde ihnen die Revolution entgehen.
In ihrem Buch On Rtt:ollition zeigt Hannah Arendt, daß Medienaufmerksam-
keit auch immer schon einen entscheidenden Einfluß auf das Revolutionsver-
ständnis selbst gehabt hat. Das erste Kapitel, "The Meaning of Revolution",
beinhaltet eine Rekonstruktion der Geschichte des modernen Revolutionsbe-
griffes. Nach Ansicht Hannah Arendts wurde die heutige Bedeurung dieses Be-
griffes bedauerlicherweise von der erfolglosen Französischen Revolution ge-
formt und nicht von ihrem erfolgreichen amerikanischen Gegenüber. Im Ge-
gensatz zur einigermaßen unspekrakulären amerikanischen Revolution zog die
Hoogslad. The revolution should be televised 219

dramatische Berichterstattung über die tragischen Ereignisse der Französi-


schen Revolution die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich. Dadurch konnte
die medialisierte Revolution zum Modell späterer Revolutionen werden. Seit
der Französischen Re\'olution meinte der Revolutionsbegriff einen radikalen,
meist gewalnätigen Umsturz; als das Ende der alten und der Beginn einer neu-
en Geschichte. Aber es war nicht der Geist der Revolution, der die Bedeutung
des Begriffes umdefinierte. Denn dieser wurde noch im Sinne der ursprüngli-
chen, astrologischen Bedeutung des Begriffes Revolution als Zyklus verstan-
den. Für die Revolutionäre selbst war dieser Geist als Wiederherstellung der
Freiheit bestimmt und nkht als absolute Neuerung. Diese Restauration war das
Ziel ihrer Revolte. Erst die Beobachter versahen das Won mit seiner neuen
Bedeutung. Sie aIJein nahmen die Revolution als einen radikalen und gewaltsa-
men Bruch mit der Tradition wahr.
Revolution als radikaler Bruch wird immer nur aus der Perspektive eines ex-
ternen Beobachters verfochten. Ohne selbst Teil der alten Geschichte gewesen
zu sein, rufl er den Beginn einer neuen Geschichte aus. Es ist die Kluft zwi-
schen dem "bios theoretikos" und dem "bios politikos", die ihn irreführt. Nur
solange er nicht an der politischen Sphäre teilnimmt, kann er darauf bestehen,
daß die Revolution einen radikal neuen Anfang schaffen werde. Hannah
Arendt fühn dieses Prinzip mit Bezug auf den Sturz ihres früheren Mentors
und Liebhabers Martin Heidegger ein. Indem er die Stelle als Rektor der Uni-
versität Freiburg annahm, stieg Heidegger buchstäblich von seinem Berg her-
unter und beirat den Marktplatz. Er versuchte, seine Revolution zu materiali-
sieren, und verlor dabei a1l seine Illusionen. Die nationalsozialistische Bewe-
gung, die er unterstützte, erwies sich als reaktionäre Welle und nicht als der re-
volutionäre Sturm, als den er sie eingeschätzt haue. Er mußte einsehen, daß
ein gesellschaftlicher Umsturz nicht norv.'endigerweise .Meinungen und Macht-
srrukruren änderl. Die Revolution - der Beginn einer neuen Geschichte -, die
er von dieser Bewegung erwartet hatte, hat nichl stattgefunden und konnte es
auch nie. Infolgedessen verlor Heidegger jeglichen Glauben in die Möglichkeit
menschlichen Eingreifens. Er schlußfolgerte: "Nur noch tin COlt kann uns rel-
len"1 und beschloß, den "bias theorctikos" nie wieder zu verlassen. Obwohl
nachvollziehbar, war Heideggers Reaktion auf sein Versagen ein Fehler. Das
wirkliche Problem war nicht sein Eingreifen in die politische Sphäre als sol-
ches, sondern die Tatsache, daß es zu spät geschah. Da er bereits jeden Kon·
takt zum "bios politikos" verloren haue, war er voller falscher Erwartungen,
als er ihn betrat. Hcidegger konnte nur enttäuscht werden, weil sein Revolu 4

tionsbegriff verzerrt war.

, Manin Heidegger, Interview in Der Spitgel (1976), Nr. 23, S. 214. Obwohl d2S Inter-
view 2m 23. September t 966 sultf2nd, bestand Heidegger darauf, daß es erst POSt-
hum verÖffent..licht würde.
220 Aktuelle Debatten

"Thc: revolution will not be televised". sondern sie ist auf eine Schallplatte ge-
preßt worden. Gil Scott·Heron legte sein Gedicht über einen Jazzrhythmus
und schuf damit die Formel, auf die sich Hip-hop gründen würde. Diese Ent-
deckung brachte ihm den Spitznamen Godfather of Hip-hop ein. Seon-Heran
teilte sich diesen Titel mit DJ Afrika Bambaataa, der einer der ersten war, die
die musikalischen fo,,'löglichkeiten von Plattenspielern Mine der siebziger Jahre
ausloteten. Diese heiden Pioniere stehen zusammen rur die zwei fundamem2-
len Elemente des Rap: 171-'0 lurn/ab/tl and a milTOphont. 2 Der Anfang des Hip-hop
verbindet sich mit der EinfUhrung der Mischpulte in den Clubs. Zunächst wur-
de dieses Gerät benutzt, um fließende Übergänge beim Plattenwechseln zu er-
reichen. Hip-hop DJs jedoch taten sich darin hervor, daß sie ihre Plattenspieler
in vollwertige Instrumente umwandelten. Anstatt die tatsächlichen Songs zu
spielen, konzentrierten sie sich auf die Beats verschiedener Schallplatten. Sie
bevof7.ugten besonders die Stücke zwischen Refrain und Strophe, in denen
Melodie und Gesang aufhören und allein Baß und Perkussion weiterspielen.
Mit zwei Plattenspielern und einem Mischpult konnte der DJ diese sogenann-
ten break beats verlängern und kombinieren; eine Tätigkeit, die später mit der
Erfindung des Sampiers vereinfacht wurde. Der Hip-hop DJ initialisiene eine
Revolution in der Musik, indem er die Tradition wiederverwenete, anstatl sie
zu entsorgen.
Weder einen radikalen Bruch mit der Tradition heraufbeschwörend noch sie
einfach wiederherstellend, verbindet Hip-hop heide genannten Revolutions-
begriffe. Schon seine Abhängigkeit von schon bestehenden Tonaufnahmen
schafft eine unverbrüchliche Verbindung zur Verg.mgenheit. Die BetOnung
der Idee des Respekts im Hip-hop übernimmt, ist also keinesfalls akkzidental,
sondern wird durch das Medium selbst garantien. J Hip-hop könnte also nie
einen radikalen Bruch mit der Geschichte erzwingen, denn ohne sie könnte er
gar nicht existieren. Und dennoch handelt es sich hier auch nicht um eine
schlichte Wiederholung der Vergangenheit. Die bestehenden Beats werden zu
ganz neuen amalgamiert. Darüber hinaus werden rhythmisierte Strophen über
die Beats geschichtet, und somit wird eine völlig andere Musik geschaffen.
Beats und Raps kombinierend, verwandeln DJs und MCs alte Arrangements in
vielschichtige neue. Sie enrwickehen einen alternativen Revolutionsbegriff,
nicht indem sie theoretische Texte ver faßten, sondern indem sie die immanen-
ten Möglichkeiten eines alten und eines neuen Mediums verwendeten, um dem
Begriff Form zu geben.
Hip-hop schuf eine Revolution, die sich nicht gewahsam zur Tradition ver-
hielt, sondern sie mit Respekt behandelte. Neuerung und Tradition werden in

, m genau zu sein, setzt sich Hip-hop 21s ~n2nOle Trinit21 ZU$2mmen; R2p Musik
(auf den sich informell auch als Hip-hop be:zo~n wird), Graffiti und Breakdance.
)
Auch wenn der Respekl \'or der Tradition zuerst vom Hip-hop institutionalisiert
worden W2r, so char2kterisiert er alle Formen schwaner Musik vom Jazz bis zum
R&B.
Hoogslad, The revolution should be lelevised 221

Ergänzung zueinander begriffen und nicht in Opposition. Das Neue bereichert


das Alte und hängt eher von ihm ab, als es auszuschließen oder zu ersetzen.
Geschichte ist kein linearer Fortschritt und wiederholt sich auch nicht, son-
dern füllt sich beständig mit neuen Elementen. Fortschritt und Wiederholung
werden ersetzt durch die Idee der Füllung. Geschichte wird zunehmend dich-
ter, ohne dabei so sehr fortzuschreiten. Innerhalb dieses Geschichtsbegriffes
steht Respekt für einen aktiven Dialog mit der Tradition und nicht deren Kon·
servierung. Eine Revolution ereignet sich, wenn djeser Dialog eine Reimerpre-
tation der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit sich bringt. Revolutio-
nen brechen nicht mit der Geschichte, sondern verwandeln ihre gesamte Kon-
stellation. Um aber ihr ganzes Potential entfalten zu können, muß diese Rein-
terpretation anerkannt. das heißt aufbewahrt und übertragen werden. Begrenzt
sich eine Revolution auf ihren individuellen oder lokalen Einflußbereich, so
widerspricht sie damit ihrem allumfassenden Anspruch. Eine Revolution muß
nach universaler Anerkennung sueben. weil sie beansprucht. eine neue Ausle-
gung der gesamten Geschichte anzubieten. Medienaufmerksamkeit zu erhalten
ist deshalb nicht nebensächlich, sondern essentiell für jede Revolution .

..The revolution will not be televised", sondern sie wurde in den Kinos alJer
Welt gezeigt. Die Revolution des schwarzen Amerikas ist das zentrale Thema
von Spike Lees Do the fight thillg, ein Spielfilm über einen RassenkrawaU in
Brooklyn am Ende eines heißen Sommertages. Genau wie Gil Scou-Heron
hebt Lee den Konflikt zwischen der Straßenverbundenheit und dem Kampf
um Medienaufmerksamkeit hervor. Er übersetzt die komplexe Problematik
und ihre Geschichte in eine konkrete Situation. Im Film werden die J\'ledien
von der sogenannten u'illl tif filme in Sal's Pizzeria. einem kleinen italienischen
Familienbetrieb, der in einer von Schwarzen dominierten achbarschaft Liegt,
repräsentiert. Aufruhr entsteht, als Sal sich weigert, Photos von schwarzen Be-
rühmtheiten - oder, wie er es selber darstdh, von nicht-amerikanisch-italieni-
sehen Leuten - an seiner Wand aufzuhängen. Im Laufe des Tages heizt sich die
Spannung zwischen den schwarzen und den italienischen ach ba rn so weit
auf, daß die Schwarzen die Pizzeria schließlich niederbrennen. Gegen Ende
des Filmes hängt ein geistig zurückgebliebener Mann, der den Spitznamen
Smiley trägt, ein Photo von Martin Luther King und Ma1com X an die bren-
nende Wand der Stars. Das Ziel ist erreicht worden, jedoch nur gegen einen
unglaublich hohen Preis: die vollständige Zerstörung des Systems, dessen An-
erkennung man sich in erSter Unie hatte erkämpfen wollen.
Hip.hop spielt eine zentrale Rolle in Do IM right thing. .. Fight the power"
\'on Public Enem)' ist der Leitsong des Films. Dieser Aufruf zur Revolution ist
unablässig aus Radio Raheems Gheno Blastcr zu hören und verärgert auf diese
\X'eise die älteren und nicht-schwarzcn Einwohner der achbarschaft. Radio
Raheem trägt zwei riesige Ringe: der eine an seincr linken Hand besagt Haß,
der an seiner rechten Hand Liebc. Licbe steht für die friedliche Strategie, mit
der ;\'lartin Luther King die Rassenungerechtigkeit bekämpfte; Haß symboli-
222 Aktuelle Debatten

siert den gewaltsamen Weg von Ma1com X und den Black Panthers. Ohne über
die heiden Möglichkeiren zu uncilen. zeigt Spike Lee, daß es zwei Arten der
Revolution gibt: die gewaltsame und die nicht gewaltsame. Seiner Meinung
nach sind heide Srr3tcgien unlösbar miteinander verknüpft, die linke Hand
kann nicht ohne die rechte existieren. Der Tag ist lang, und die Bereitschaft,
eine friedliche Lösung zu finden, groß, aber nicht unendlich. Wenn d.ie Ziele
am Ende des Tages nicht erreicht worden sind, wird Gewalt zur legitimen,
wenn auch unbefriedigenden Option. Do Iht righllhing beschreibt das Aufein-
anderpralJen zweier grundlegender Werte des Hip-hop: Respekt vor der Tradi-
tion und das Recht, diesen Respekt zu zeigen. Der erste \'('ert stellt den revolu-
tionären Aspekt des Hip-hop dar und ist keineswegs notwendig mit Gewalt
verbunden. Ohne die Möglichkeit jedoch, die Botschaft unter die r.,·lenschen zu
bringen, ist jede Revolution sinnlos, und an diesem Punkt schließlich kommt
Gewalt ins Spiel. Gewalt ist kein notwendiger Teil von Revolutionen; sie ist ein
Versuch, Medienaufmerksamkeit zu erhalten. Spike Lee schlägt genau die Um-
kehrung von Gil Scott-Herons Erklärung vor. Thc revolution should bc telc-
vised, denn ohne Medien kann sie ihr Zielpublikum nicht erreichen. Wie die
rumänische Revolution bewies, sind nicht länger die Straßen und M,arkrplätze
die einflußreichsten Plätze, an denen geschichtsrelevame Information aufbe-
wahrt und übertragen wird - das Fernsehen ist es. Jeder, der seine Revolution
auch anerkannt wissen will, muß nach Medienaufmerksamkeit streben.

"The revolution will not be tclevised", und sie war es auch nicht, bis sie ge-
walttätig wurde. Wie sich herausstellte, hatte Seott-Heron mit seinem Song das
Schicksal des musikalischen Genres und dessen kulturelle Bewegung be-
schwört. The revolution was not televised; Tatsache ist, daß der Hip-hop kaum
erwähnenswerte Medienaufmerksamkeit bis Ende der 1980er erhielt, obwohl
er den Lebensstil in den Großstädten Amerikas während dieser Dekade be-
stimmte. Erst mit dem Gangster Rap geriet Hip-hop in den vollen Blick des
Fernsehers. Um ihrer Ausgrenzung ein Ende zu setzen, hatten sich die Hip-
hop Künstler die kJassische Strategie des Trojanischen Pferdes zu eigen ge-
macht; unter dem Deckmantel einer neuen Revolution schoben sie den Medien
eine Neuauflage der alten unter. Sie nutzten die Entstehung des Musikvideos
und verwandelten die bisher mangelnde Anwesenheit der Schwarzen im Fern-
sehen in deren Omnipräsenz." Die selbsterklärten Gangster umgaben sich mit
einem grotesken Maß an Gewalt. Die Medien aber waren nicht in der Lage,
diese Übertreibungen, wie man sie sonst aus dem Zeichemrick kennt, zu er-
kennen, und behandelten die Gangster Rapper wie eine ernst zu nehmende

• Zu Beginn war das Sendenetz MTV e.ine Festung 'Il'eißer Rockmusik, die es :ablehnte,
Hip-hop zu spie.len. ~it kleinere, un:lbhiingige Kanile wie BET und BOX Zusch:au·
er von MT\' :lbwuben, indem sie Hip-hop Videos sendeten, h:lt r.·(TV seine Politik
geändert_
Hoogst:ad, The revolution should be televised 223

Gefahr für die Gesellschaft, die daher ihre Aufmerksamkeit verdiente. D:as
Tragische war. daß die Gangster Rapper auch bald selbst ihre Rolle ernst zu
nehmen begannen. Der zunehmenden Gewalt fielen schließlich sogar mehrere
prominente Hip-hop Stars zum Opfer. s So viel Erregung um den Gangster
Rap steigerte jedoch dessen kommerzielle Attrakti"ität. Seit Anfang der Neun-
ziger erschienen Hip.hop Künstler oft in der Werbung. Sogar Scou-Herons
kritische Feststellung wurde in einen Werbeslogan umgewandelt. "Tbe rtf,.'Oluh"on
is basketball BasJwball iJ Ihe trulh skandierte der Rapper KRS-One 1995. um
it

Nike-Schuhe zu promoten. 6 Als er beschuldigt wurde. sich verkauft zu haben,


antwortete "the teacher": "Nike don 'I OU/tI lJiggO!, niggas OU/tI Nike. .. Seiner Mei-
nung nach hatte der Hip-hop die Revolution erfolgreich vollendet. Schwarze
1änner beuteten nun das System finanziell aus, statt andersherum. In jedem
Fall war mit KRS·Ones Neuinterpretation Gil Scott·Herons ursprüngliche
Aussage obsolet geworden. Seide Revolutionen, die der schwarzen Bürger und
die des Hip-hop. waren nun medialisiert worden.
Der kommerzielJe Erfolg des Hip-hop fand nicht bei jedem Beifall. Die Be-
wegung lenkte zwar die Aufmerksamkeit auf junge Afro-Amerikaner. jedoch
war rur viele von ihnen diese Identifizierung mit Gangstern und Zuhältern
nicht die An von Anerkennung, nach dcr sie suchten. Für die ältere Generati-
on und Frauen war die Situation sogar noch schlimmer. Die herabwürdigenden
Worte, mit denen sie in den Songs heschrieben wurden, hauen zur Folgc, daß
sie nun selbst bei den eigenen jungen !\Hnnern keine Beachtung mehr fanden.
Auf seinem Album Spinls von 1995 gab Gil Scott·Heron seiner Generation
noch einmal eine Stimme. Sein Song ..Message to the Messengers" wandte sich
direkt an die Gangster Rapper. Er wies darauf hin, daß der Gangster Rap die
Black Power Bewegung nicht stärktc. sondern schwächte. Laut Scou-Heron
wurden die Gangster Rapper von dem System. gegen das sie sich auflehnen
wollten, in perfider Weise ausgebeutet. Sie ermordeten sich gegenseitig. um
ihre sogenannte Srraßenglaubwürdigkeit zu bewahren. Damit aber zerstörten
sie das Potential ihrer eigenen Bewegung und nicht das System. Obwohl der
Inhah dieses Songs zutraf, versagte er erneut in seiner Wirksamkeit. Das Al-
bum wurde unabhängig herausgebracht, kaum heworben und so ein kommer-
zieller Mißerfolg.
In ..!\·fessage [0 the Messengers" diskutiert Scou-Heron auch die zweideuti-
ge Haltung der Gangster Rapper gegenüber Frauen. "On one song she'!Jour Afri-

5 Tupac Shakur, Biggie SmalJs and Big L, neben weiteren, aber Gerüchte, daß einige
dieser Morde inszeniert worden waren und daß diese Künstler noch am Leben seien,
halten sich.
6 Um ihn zu verteidigen, sei gesagt daß KRS-One eigentlich bekannt ist rur seinen po-
litisch und sozial engagienen Rap" Duiiber hinaus waren Gil Sc.ott-Heron selbst,
Rapper Chuck D und der Produzent Hank Schocklee - heide Mitglieder von Public
Enemy, die wahrscheinlich politisch revolutionärste Band des Hip-hop - an der Pro-
duktion dieses Werbespots beteiligt.
224 Aktuelle Debauen

(an Quun and on Iht nrxl ont, she's a jolet. .. Diese Heuchelei wurde weiterhin von
Sarah Jones und DJ Vadim in ihrem Song ..Vour revolution" herausgestellt,
einer leuinterpretation von Scott-Herons Klassiker von 1970. ,,)'our revolution
will nol happen be/wttfl thrIt thighs" singt 5amh Jones in ihrem Versuch, der weib-
lichen Perspektive auf den Gangster Rap eine Stimme zu geben. Es liegt Ironie
darin, daß gerade dieser Song in den Vereinigten Staaten wegen des explizit
sexuellen Songtextes verboten wurde. während die meisten der gewaltsamen
Gangster Songs nicht zensiert wurden. Als Reaktion auf dieses Verbot nutzte
Sarah Jones die Möglichkeiten eines aufkommenden ~'fediums, um mehr Auf·
merksamkeit auf ihre Botschaft zu lenken. Sie leitete eine Medienoffensive im
Internet in die Wege, um sich gegen die Zensur zu wehren. "Your Revolution"
konnte gratis von einer Webseite7 heruntergeladen werden, und die große Auf.
regung um die Zensur sorgte für die nötige Werbung für den Song. Ober
..Your Revolution" wurde nun wahrscheinlich mehr berichtet. als wenn er
nicht auf den Index gesetzt worden wäre. Im Gegensatz zum ,Jritnd,litin,g Itgtnd
ond proto-ropptr" Gil Scon-Heron mied Sarah Jones die 'Iedien nicht. sondern
machte sie sich fur ihre Sache zunutze. Ihr Erfolg beweist, daß es für jede Re-
volution essentiell ist, Medienaufmerksamkeit zu erhalten.

Philosophie, genauso wie Hip-hop, nahm ihren Anfang auf der Straße. Beide
Bewegungen wurzeln ursprünglich in einem Dialog mit dem alltäglichen Leben
und der damit verbundenen Tradition. Die Philosophie jedoch tauschte bald
ihre aktive RaUe im ..bias politikos·' gegen eine isolierte Existenz im "bios
theoretikos" ein. Hip-hop aber kann sich unmöglich von seinen Wurzeln tren·
nen, denn der Respekt ihnen gegenüber ist notwendig in ihrem Medium defi·
niert. .,Block people utill be in tbe streets lookingfor 0 brighttr d'!J." Gil Scou-Heron
haue recht damit, die Bedeutung des ..bios politikos" zu betonen, aber er irrte
sich darin, anzunehmen, daß dieser sich ausschließlich in den Straßen zutrüge.
Heute hat das Fernsehen als dominierendes Informationsmedium den Markt-
platz ersetzt. Scon·Herons Rat, auf die Aufmerksamkeit der Medien zu ver·
zichten, würde bedeuten, daß Revolutionen sich selbst zu einer Existenz im
Untergrund verurteilten. Indem sich die Philosophie aus dem "bias politikos"
zurückzog und sich auf das Medium Text beschränkte, nahm sie Scott-Herons
Rat vorweg und schloß sich selbst dadurch von jedem praktischen Einfluß aus.
Philosophen sollten wieder ein aktives politisches Leben führen - und dabei
nicht nur die Themen der Politik diskutieren, sondern auch ihre Medien nut-
zen. The re\'olution should be televised, denn sonst wird sie unbemerkt blei·
ben.

7 www.yourre\.olutionisbanned.com
orbert Bolz

Warum es intelligent ist, nett zu sein

Je größer eine Gruppe ist, desto rationaler ist es für den einzelnen, das Verhal-
ten der anderen als "natürliche Umwelt" zu behandeln - etwa statistisch. Man
geht vernünftigerweise davon aus, daß das eigene Verhalten keinen Einfluß auf
das Verhalten anderer hat. l\'lan nimmt eine Zeitung aus dem Kasten oder eine
Kerze in der Kirche ohne zu zahlen; man schleicht sich in eine Veranstaltung
ein; man springt über die Absperrung der Haupnribüne - und es entsteht kein
sichtbarer Schaden. Soziologen diskutieren dieses Problem unter dem Titel
Free·Rider. Unser Steuersystem etwa ist so komplex, daß es chaotisch wirkt.
Deshalb gibt es keinen Anreiz fur Kooperation. Und deshalb ist die natürliche
Reaktion unsoLidarisches Verhalten, aJso Steuerhinterziehung - oder doch zu-
mindest die Anwendung der 1000 legalen Tricks.
Man kann es auch so sagen: Je größer eine Gruppe ist, desto geringer sind
die Realisationschancen für gemeinsame Interessen, weil der Beitrag des ein-
zelnen kaum wahrnehmbar ist. Und öffentliche Ressourcen werden rasch von
allen ausgebeutet, weil jeder der Mäßigung des anderen mißuaut. Das ist die
Tragödie der öffendichen Güter, die gel1lde die moderne Gesellschaft kenn-
zeichnet. Dem entspricht präzise das soziologische Grundphänomen der "im-
munüy in numbers.. l : Ich parke in der zweiten Reihe oder gehe bei Rot über
die Ampel, wenn genügend andere es tun. Der Schaden, den das egoistische
Verhalten des einzelnen anrichtet, ist in den meisten Fallen tatsächlich kaum
meßbar; das gih ja selbst fur das Reinigen eines Schiffstanks auf hoher See.
"Aber wenn jeder so handeln würde 1... 1" Deshalb ruft alle Welt nach Ethik.
Von Groucho Marx stammt die Formel: Tbe kt.} 1o sliuess in blisiness is honesry
ond fair dealing. lfYOIi (an fake I/JoI, YOIi 'tJt goI il made. Isr Moral in der Wirtschaft
tatsächlich bloßer Schein? Ich werde im folgenden versuchen, eine Business-
Ethik zu konturieren, die sich vom Egoismus des bürgerlichen Besitzindivi-
dualismus genausoweit entfernt häh \vie von den überspannten Forderungen
einer universalistischen foral. Mir geht es dabei um eine quasi mathematische
Begründung des moralischen Minimums und damit die Beantwortung der Fra~
ge ,,\\?ie überlebt die Freundlichkeit in der \'('eh?"
Die brauchbarsten Überlegungen zur ModelIierung unseres Problems bietet
nach wie \'or die Spiehheorie. Ihre Simplifikationsgewinne sind zunachst be-
trächtlich, denn wenn man eine Situation als Spiel betrachtet, weiß man, was zu

Thomas Schelling, Mirromolim a"d Marrob,ha/iior, New York 1978, S. 96.


226 Aktuelle Debatten

tun ist. Angemessene Komplexität wird dann dadurch aufgebaut, daß jeder
sich zugleich auch als eine Figur im Spiel des anderen konstruiert. "Players are
embedded in the game." 2
un gibt es zwei Möglichkciten, zu spielen (was man im Englischen besser
verdeutlichen kann als im Deutschen). Entweder man spieh, um zu spielen,
oder man spielt, um Probleme zu lösen: playing games versus so/ring games/pro-
blems. Spielen um des Spie1ens willen ist ein lokales Handeln; dagegen verfolgt
das problemlösende Spielen globale Ziele. Wer Lust am Spiel hat, muß also
anderes im Auge behalten als die Frage nach dem Gewinnen. Man kann es
auch so sagen: Wer weitcrspielen will, muß an der Gleichheit des Gegners in-
teressiert sein. Bayern 1ünchen kann selbst nicht wünschen, jedes Jahr Deut-
scher Meister zu werden. Das Playing Games hat also ein primäres Interesse an
organisierter Gleichheit. Das Solving Games wird dagegen beherrscht von der
Frage, wer gewinnt. In der Kooperation der gegeneinander Spielenden bewä.hrt
sich eine lokale Geschicklichkeit; dagegen zielt die spiel theoretische Rationali·
tät immer schon aufs Endspiel.
Skills, Geschicklichkeiten als lokale Rationalitäten werden eigentlich unab-
hängig von Ergebnissen und Lösungen bewertet. Und nur mittelmäßige Spieler
folgen einer Strategie im spieltheorctischen Sinn. Gute Spieler lasscn sich nicht
von ihren eigenen Strategien versklaven. Deshalb sehen sie auch nicht weit
voraus, sondern begrenzen ihre Visionen. Diesen Unterschied gilt es im Auge
zu behalten, wenn wir uns im folgenden auf die Spiele des Problemlösens kon-
zentrlcren.
Es gibt ein von Merril Flood vor gut fünfzig Jahren erfundenes Spiel, das
uns fragt, ob sich zwischen der Herrenmoral der Z)'niker und der Sklaven-
moral der Gutmenschen eine Kooperationsmoral der Egoisten entwickeln
kann, ohne daß dabei auf irgendwdche "universaLiscischen" Prinzipien zurück-
gegriffen werden müßte. Zwei Gangster werden wegen einer gemeinsam ver-
übten Straftat in getrennten ZelJen festgehalten und vom Gefangnisdirekmr
mit dem Vorschlag konfrontiert, den jeweils anderen gegen Strafminderung zu
verraten. \'(fenn beide dichthalten, können sie nur wegen eines geringeren Ver-
gehens bestraft werden und bekommen jeweils drei Jahre Haft. Wenn einer
den anderen verrät, bekommt der Geständige ein Jahr und der andere zehn
Jahre. Wenn sich beide gegenseitig verraten, bekommen sie sechs Jahre Haft.
Nach einigem Überlegen wird sich jeder der heiden entscheiden, den anderen
zu verraten, denn das bringt ihm in jedem Fall das bestmögliche Ergebnis: Hält
Alter dicht, so bekommt Ego sdbst nur ein Jahr Gefangnis. Gesteht Alter
auch, so bleibt Ego immerhin die Höchststrafe erspart. J

2 Eric l1ifer, Ar/orl al Obltn'trl, New Vork 1991.


3 Das Gc=fangenc:ndilemma läßt sich wie folgt formalisieren.
Die Handlungsalternative: C :;: coopenne oder 0 :;: defect (aggressiv). Die \'ier mög-
lichen Ergebnisse: Versuchung (Temptation) T :;: 5; Belohnung (Reward) R :;: J;
Strafe (punishment) P :;: 1; Schicksal des Trottels (Suckcr's Payoff) S ;; o.
Bolz, \'(Iarum es intelligent ist, nett zu sein 227

Aus der Perspekti\'e des einzelnen ist es also rational, das Gefangenendilem-
ma aggrcssi\' zu spielen. Denn wie auch immer sich der andere verhält: Verrat
bringt das beste Ergebnis für den einzelnen. Doch das theoretisch Zwingende
ist nicht unbedingt auch klug. Die indi\,idueUe Rationalität führt ja für beide
Spieler zu einem schlechten Ergebnis. Zugespitzt lautet das Dilemma: Jeder ist
besser dran, wenn er egoistisch ist, aber beide sind besser dran, wenn sie ko-
operativ sind.
Wer meint, dieses Szenario sci einem Mathematikerhirn entsprungen und
hätte mit dem wirklichen Leben nichts zu tun, muß nur einmal wieder in die
Oper gehen - und zwar in Puccinis Tosca. Die Story ist rasch erzählt. Der kor-
rupte Polizeichef Scarpia verurteilt Toscas Liebhaber Cavaradossi zum Tode.
Nun bietet Scarpia Tosca einen Deal an: Sex gegen Leben - wenn sich Tosca
ihm hingibt, dann weist er das Erschießungskommando an, nur Platzpatronen
zu laden. Logisch eröffnen sich vier Möglichkeiten: 1. Scarpia bekommt Tosca
und Cavaradossi bleibt am Leben. 2. Scarpia bekommt Tosca, aber Ca\'aradossi
wird doch erschossen. 3. Cavaradossi wird verschont, aber Tosca gewährt kei-
nen Sex. 4. Beide betrügen sich gegenseitig. Es kommt nicht zum Sex, und Ca-
\'aradossi wird erschossen. Diese letzte Möglichkeit ist bekanntlich die der Sto-
ry von Puccini.
Gegen die Invisible Hond Adam Smiths, die bewirkt, daß der Egoismus eines
jeden zum allgemeinen Guren führr, demonstriert das Prisoner's Dilemlllo, wie
die Rationalität des Egoismus zum allgemeinen Schlechten führt. Im Gefange-
nendilemma geht es also immer darum, daß die rationale Wahl des einzelnen
nicht zur optimalen Entscheidung führt. Es brennt im Kino, und alle rennen
zum Ausgang. Die dadurch entstehende Panik ist unmittelbare Folge: individu-
ell rationalen HandeIns. Natürlich würden olle Kinobesucher besser fahren,
wenn sie alle dem Kooperationsgebot "Verhalten Sie sich ruhig!" folgen wür-
den. Aber jeder einzelne handelt völlig rational, wenn er um sein Leben rennt.
Das Gefangenendilemma zeigt diesen Widerspruch zwischen individueller
und kollektiver Rationalität bzw. zwischen spiellheoretischer Rationalität und
erfolgreichem Verhalten in Reinform. 4 Wir haben es hier mit Problemen zu
(un, für die es keine technische Lösung gibt. Sie entstehen immer dann, wenn
der andere auf meine Wahl anrwortet; und was auch immer nun geschieht - es

Es w:aren n:uiirlich :luch :lndere Z:lhlenwerte möglich - Bedingung dazu ist nur, daß
T> R > P > S ; oder :Inders :lusgedriickt. d:lß D/C > C/C > 0/0 > eiD: \\'o~i
gehen muß, daß (T + S): 2 < R.
D:lr:lus ergibt sich folgende Payoff.M:urix des Gcf:lngenendilemm:ls:
C (kooper:ltiv) D (aggressiv)
C (kooperativ) 3,3 0,5
D (:lggrcssiv) 5,0 1,1
• Und das wird Philosophen zur Verzweiflung treiben: In komplexen SilUationen
bringt "bounded rationality" (Herbert Simon) offenbar bessere Ergebnisse als un-
boundcd rationalir}'.
228 Aktuelle Debatten

wäre auch anders möglich. Auf diese einzige Notwendigkeit der modernen
Welt. nämlich Kontingenz, kann man sich nur schlecht einstellen.
m mit einer Rationalität jenseits des menschlichen Verstehens operieren
zu können, braucht man "Denkprothesen«.5 Im Falle unseres Gefangenendi-
lemmas könnte man etwa an eine An Mehr.\'crcigkeitstra..ining in Computcrsi-
muJationen denken. Was verändert sich. wenn die Spieler häufiger aufeinan-
dertreffen? Werden sie sich aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen mit indivi-
dueller Rationalität anders entscheiden und kooperativ verhalten? Genau das
hat Robert Axelrod in seinen berühmt gewordenen Computerturnieren unter-
sucht. Was geschieht, wenn man das Dilemma iteriert und verschiedene Strate·
gien gegeneinander antreten läßt? Mit derartigen Fragestellungen ersetzt eine
neue, generative Sozialwissenschaft die Erklärung sozialer Phänomene durch
ihre Computersimulation (bouom up). Stau "Can you explain it?" fragt man
jetzt "Can you grow it?"
Das wichtigste Ergebnis dieser Computerturniere lautet: Der Erfolg eines
Programms hängt von seiner Umwelt ab. Es gibt also keine umweltunabhängi-
gen Spielregeln für Sieger. \X'as jeweils die beste Strategie ist, hängt vom Ver-
halten des Gegenspielers ab. Mit anderen \"(forlen: Wenn man die Zukunft in
Betracht ziehen muß, gibt es keine "beste" Strategie. Es kann deshalb nicht
darum gehen, ein Programm zu optimieren, sondern nur darum, es robust zu
gestalten.
Was Robustheit heißt, läßt sich nun sehr genau durch fUnf Eigenschaften
definieren, die denn auch den Kernbestand der gesuchten Kooperationsmoral
ausmachen. Das robuste Programm ist
- IItll, das heißt kooperationsbereit; die einfachste Definition von "neu" lau-
tet, nie mit einer Aggression zu beginnen;
- pro,,'o::jtrbar, es läßt sich also nicht ausbeuten; es ist bereit, wenn nötig zu-
rückzuschlagen;
- 'JtrsMm/üh, und das heißt im Kern: vergeBlich - es genügt die Erinnerung an
den letzten Spielzugi das robuste Programm ist also auch nach einer Aggres-
sion noch kooperationsbereit6;
- lIidJl tijtrsüchtig - das Geheimnis des Erfolgs liegt d:1rin, den anderen nicht
um seinen Erfolg zu beneiden;
transparent, während man in Nullsummenspielen die Strategie verheimlichen
muß, muß man sie in ichtnuUsummenspielen veröffentlkhen.'

) G. Giimher, Btiträl' ,lIr Cnll,ti/tglllll titur Optrtl/i01lsfähigt" Dia/tlt./ik, Hamburg 1980,


Bd. 11, S. VIII.
6 Hienn ließe sich vielleicht eine sechste Eigenschaft robuster Stnuegien ablesen: Ei-
ne Stl":ltegie ist um so robuster, je weniger ihr Erfolg von Infonnationen ii~r die
Strategie des anderen 2bhangt.
, Form21isiert h21 diese Slr2tegie d2s berühmte Kurzprognmm von An2tol Rapoport:
Tit for T2t. Es beginnt kooperllliv und spiegelt dann mit jedem \\'eiteren Zug den je-
weils vorhergehenden Zug des Gegners. Das verblüffende Resulrat: TFT unterliegt
allen aggressiven Progr2mmen, kann kein einziges Programm besiegen - und schlägt
Bolz, Warum es intelligent ist, nett zu sein 229

Das Gefangenendilemma ist die konsequente Binarisierung des Sozialen.


Kooperativ oder aggressiv sein - das ist hier die Frage. 8 Der Gutmensch spielt
die Jesus-Smnegie der bedingungslosen Koopencion: Schlägt man dir auf die
eine \'('ange. dann halte auch noch die andere hin. Das ist zwar nett, aber die-
sem Programm fehlt die Provozierbarkeit. Der Zyniker spielt bedingungslos
aggressiv. Das ist weder nett noch versöhnlich und entspricht der Minimax-
Strau~gie, die ein Gleichgewicht des Mißtrauens schafft. Das Bestmögliche be-
steht hier lediglich in der Vermeidung des Schlechtesten. Und daraus folgt
überraschenderweise, daß die beste Reputation. nämlich ein harter Hund zu
sein, schwer zu erreichen ist, weil sie in die Logik des Zurückschlagens ver-
strickt - also wenig einbringt.
Dem zu Kooperativen droht also Ausbeutung, dem zu Aggressiven droht
EskaJauon. 9 In der goldenen Mitte liegt das robuste Programm, das kooperativ
beginm, aber dann den jeweiligen Zug des anderen wiederholt - alneslamema-

doch alle. Doch wie ges:J.gt: Es gibt keine umweltun:J.bhängig bem: Str:J.tegie. Auch
TFT hat seine Schwächen. So ist das Programm der robusten Nettigkeit schwach im
Umgang mit nicht-responsiven Strategien wie ALL 0 (immer :J.ggressiv) - aber auch
ALL C (immer nell). Denn TFT muß im Umga.ng mit dem Z}'nikerprogr:J.mm einmal
den Sucker's Pa}'off einstreichen und kann sich auf der anderen Seite nicht von an-
deren neHen Strategien unterscheiden. VgJ. hierzu vor allem Robert Axelrod, Tht
Et'Dbtlion Df CD-Dptrnlion, London 1990.
• Die ßinarisierung des Sozialen im Gefllongenendilemma ist natürlich nur eine mögli-
che i\'lodellierung unseres alltäglichen Erlebens. Dieses Angebot ist :J.ber immerhin
lIonspruchsvoller :J.ls das der Politik, die uns Ein""rlit,luiJ einbläuen möchte. TINA
lautet das Liebljngsakron}'m der grolkn Politiker: there is no alternative - nämlich
zu ihrer Politik. Auch "Commitment", dieser ReLigionsersatz der neueren Manage-
mentliteratur. zerstört die Plausibilität von Alternati\'en. Dem ist allerdings nicht mit
Phantomen ""'ie •.Objektivität" oder "Um'oreingenommenheit" beizukommen; das
macht eine schöne. paradoxe Formel \'on Maf)' Douglas und Aaron Wild:J.\·sk)", RisA:
lind Clllllm, tondon 1983, S. 212. deutlich: Wer Varierät und Alternativität kulti"ie~
ren, :J.lso Optionen offen halten möchte. braucht .•a systematic commitment [0 non-
commitmem". Mit dem Entweder/Oder von cooperate und defect erreichl die Mo-
dellierung des Sozialen die Z,nill·trligluil. Erst die Iterierung des Gefangenendilem.
mas bringt dann einen drilltn IIY,rl ins Spiel. Dieser "Rejeklionswert" (C. Günther)
zur binären Wahl cooperate/defect ist der Ausstieg aus der Beziehung: exil. Für die
nellen Menschen genügt der Kooperationsgewinn im Umgang mil anderen nenen
Menschen - und die Möglichkeit des Abbruchs der Beziehung mit unkooperativen.
Funktional äqui\'alent zu t>.~il ist die Option DJlrnriJ... die öffentliche Ächtung der
Free-rider. Allerdings ist es sehr kostspielig. Trittbrettfahrer auszuschließen. Eine
Norm zur Geltung zu bringen. hat ..enforcement COStS", so Roben Axelrod. Tht
C••pkxi!] of CtKJptrllliDIf, Princeton NJ 1997, S. 52: die Polizei rufen, eine Aussage
machen - d:J.s kostet Zeit und Nerven; das "''Ürde m:J.n sich gerne ersparen. Deshalb
braucht man eine Meta.norm: Nicht nur die Rechtsbrecher mussen bestraft ",'erden,
sondern auch diejenigen, die RC'chtsbrecher nicht bestrafen. lur so gewinnt der Fre-
vel an dC'n öffentlichen Gutem eine ..artificial noticeability" Oerome Rothenberg).
9 Die Anwendung dieses Schemas auf Politik liegt auf der HlIond: Die Linke ist gut-
gläubig (q und riskiert, ausgebeutet zu werden. Die Rechte ist mißtrauisch (0) und
hat Angst vorm sllcker's pa)"off (5).
230 Aktuelle Debatten

risch formuliert: Auge um Auge. Diese Reziprozität erspart Freundschaft und


Voraussicht. Die Koordination einer Kooperation setzt also keinen Gemein-
schaftssinn voraus; die Kooperierenden müssen sich weder kennen noch mit-
einander reden. So kommen wir zu dem verblüffenden Z\\,jscheoergebnis, daß
Kooperation ohne .,Vernunft", ohne Kommunikation, ohne Vertrauen und
ohne Altruismus möglich ist. ncl man kann umgekehrt sagen: Kooperation
erzeugt Moral.
Kein 'lißverständnis, hirte: Wir schljeßen hier die ?o.löglichkcit, daß jemand
altruistisch handelt, nicht aus. Vielmehr geben wir dem Altruismus einen neu-
en, nämlich evolutionstheoretisch bestimmten Stellenwert. Formelhaft ..darwi-
nistisch" gesagt: Altruismus kann es nur geben, wenn er die Fitness steigert.
Und genau das verbirgr sich himer der modernen Tugend der Lernbereitschaft;
mit Herbert Si mons Worten: "docility, hence altruism".lo Es handelt sich dabei
um den schwachen Altruismus des aufgeklärten Selbstinteresses, der für die
temperierte Welt des modernen Kapitalismus so charakteristisch ist. "The
grear enforcer of morality in commerce is the continuing rclationship, the be-
lief that one will have to do business again with this customer".11 Die Fairness
der Business-Ethik verdankt sich also der Antizipation zukünftiger Transaktio-
nen. Dafür gibt es einen brutalen Beweis ex negativo: Hohes AJter, Krankheit
oder Karriere·Ende sind ein starker Anreiz für Verrat - die Wahrscheinlichkeit
künftiger Interakt:ion ist nämlich gering.
Daß unser moderner Alltag so unspekrakulär verläuft und daß es in der Po-
Litik heute weder Visionen noch große Reformen gibt, bekommt vor dem Hin·
rergrund des gerade Gesagten einen guten Sinn. Denn Kooperation wird durch
Dekomposition der Interaktionen geförden: Der Fortschritt zerfallt in viele
kleine Schritte! Diese K1einteiligkeit unserer Projekte ist deshalb sinnvoll, weil
damit die Kosten des Verrats geringer werden. Ich komme dem anderen einen
kleinen Schritt emgegen und gebe ihm die Chance zu kooperieren. \'<'enn er
aggressiv reagiert, habe ich nur wenig verloren. Die Kleinteiligkeit des "mudd-
ling through" (eh. Lindbiom) steigen also die Reziprozität und Kooperations-
bereitschaft.
Daß f\'lenschen miteinander kooperieren, weil sie Vertrauen ineinander ha-
ben, ist für unser Thema mithin völlig unimcressam. Uns iOlercssiert umge-
kehrt, wie Kooperationsangebore Vertrauen schaffen und Vertrauen dann die
Transaktionskosten reduziert. In dieser Perspektive einer Evolution der Ko-
operation können wir das Minimum der Moral, die wir für das moderne Leben
brauchen, zwar nicht ethisch, aber ökonomisch, ja geradezu mathematisch be-
gründen. Das hat den Vorteil, daß wir uns nicht zu den Glaubensartikeln eines
Werteuniversalismus und der ihm zugeordneten Politik des globalen Konsen-
ses bekennen müssen. ns genügt die Erfahrung lokaler, multilateraler Koope.

10 Her\xrt Siman. TIN Sn',,,m of tht Artiftrial. 3. AuO., Cambridge Mass. 1996. S. 45.
11 Martin Mayer. TIN Ba"kt,.s. lew York 1974, S. 280.
Bolz, \'('arum es intelligent ist, nett zu sein 231

rationen, daß es intelligent ist, nett zu sein. Allerdings lassen Axelrods Compu-
terturrucre auch keinen Zweifel daran, daß der nette Einzelne in einer Welt
von FiesLingen keine Chance hat. Die Netten müssen schon als Gruppe auftre-
ten, und es ist eine strikt mathematische Frage, wie groß die Sekte der Netten
sein muß, um der Invasion der Freundlichkeit zum Erfolg zu verhelfen.
\'(Jer dagegen Erfolg hat. indem er die Dummheit der anderen ausnutzt, zer-
stört dlmit die Umwelt, in der er Erfolg haben kann. Mit anderen Worten: Wer
nicht nett ist, hat kurzfristig Erfolg, zerStÖrt aber langfristig die Bedingungen
seines Erfolgs. Räuberische Strategien zerstören also ihre eigenen Erfolgsbe-
dingungen. Und genau umgekehrt ist das Programm der robusten ettigkeit
eines, das gewinnt, ohne andere zu besiegen. Es begreift den Erfolg des ande-
ren als Bedingung des eigenen. Erfolg habe ich demnach nicht durch Schwä-
chung des anderen, sondern durch Stärkung der gegenseitigen Interessen. Er-
folg hat, wer mit Erfolgreichen interagiert.
Damit sind wir in einer Nicht-Nullsummen-Welt. Und hier muß man nicht
besser sein als der andere, um erfolgreich zu sein. Für Fußball- und Poker-
Spieler ist das schwer zu begreifen. 12 Prinzipiell gilt, daß gute Null-Summen-
Spieler schlechte Win-Win-Spieler sind. Denn gerade das Gewinnenwollen
blockiert die Muimierung des eigenen Gewinns. Wir lernen schon als Kinder
das Spielen in luUsummenspielen, die nur eine Belohnung kennen: das Ge-
winnen als solches, das impliziert, daß der andere verliert. Es gehört ausdrück-
lich zur Fairness der 1 uUsummenspiele, daß jeder Spieler gewinnen will Es ist
also wichtiger, den Gegner zu schlagen, als die eigene Punktezahl zu steigern-
die drei geschossenen Tore sind wenJos, wenn der Gegner vier schießt. Es
gehl hier nicht darum, die absoll/le eigene Punktezahl zu steigern, sondern die
rtlalil-'t. Thorstein \febien hat in diesem Zusammenhang von "invidious campa-
rison" gesprochen. eiderfülh vergleichen wir uns mit anderen - und genau
das blockiert die \'(/in-Win-Perspektive. Für den NulJsummenspieier ist "mehr"
wichtiger als "viel". Der Wettbewerbsimpuls fördert diese aggressive Strategie,
die jederzeil eine Eskalation riskien.
EIß unbeliebiges Beispiel. Im "Rosenkrieg" der Scheidungen spielen Ehe-
garten ein Endspiel im Nullsummenstil. Die Leiden und Verlustc, die das mit
sich bringt, ließen sich vermeiden, wenn man die Ehe von vornherein als locol
g01/lt betrachten würde, in dem es nicht ums Gewinnen, sondern um die Auf-

rechierhalrung der wechselseitigen Anteilnahme geht. Das schließt Streit nicht


aus, im Gegenteil! Das ständig streitende Ehepaar inszeniert exemplarisch das
Fa01llienleben als kooperativen Konflikt und dokumcntiert die einigende Kraft
des ..conflict imerest".1J

12 Flßb:l1l ist ein klassisches 'ullsummenspiel - heute verschirft durch die Dreipunk-
((regel, die den, der unentschieden spieh, bestraft. Es gilt also: R == P; Siegm == 3;
ederlage (S) == 0; Unentschieden (R/P):: 1; und d:lnn folgt: er
+ S): 2 > R/P.
13 F~nk Knighl, Es/UJ/, Bd. 11, Chic:lgo 1999, S. 41.
232 Aktuelle Debatten

Jeder Streit beweist Kooperation - z. B. der politische Streit um das beste


Bildungssystem. Deshalb ist Streit kein Krisenzeichen, sondern ein Symptom
dafür. daß eine Gruppe heterogene Präferenzen hat, die für unterschiedliche
Situationen Anpassungsvonc:ilc: haben können. Insofern funktioniert der Streit
für soziale KoUekcive ähnlich wie die Ambivalenz der Gefühle ruf den einzel·
nen. Derart den Antagonismus als Kooperuion zu denken ist der erste Schritt
zum Verständnis der gesuchten emergemen Moral, die keine Gebote braucht,
sondern aus sich selbst verstärkenden wechselseitigen Verhaltensmustern er·
wächst. l •
Diese Denkfigur besetzt die neue re Managementlitcratur mit dem Neologis-
mus Coopetition. Er bestätigt durch Inversion, was Richard Alexander auf die
einfache Formel brachte: human being! {ooperalt 10 {M/pele. Das verträgt sich sehr
gut mit der Logik des I\'!arktes, der ja soziale Koordination durch wechselseiti-
ge Anpassung erreicht. Der moderne Markt ist nämlich ein Netz von Transak-
tionen - und damit dem Internet ähnlicher als dem miuelalterl.ichen Markt-
platz: "cvcry participam in the market system links cooperatively with millions
of others while competing with relatively few."ls Deshalb reden heute alle von
strategischer Allianz, s)'mbiotischer Konkurrenz, gegenseitiger Koadaption,
aber auch Koevolution von Unternehmen und Kunden.
Seit Ferdinand Tönnies die Soziologie mit der Grundunterscheidung Ge-
meinschaft/Gesellschaft neu orientierte, siruieren wir alle unsere sozialen Er-
fahrungen zwischen zwei Polen: hier die Freundsch2ft, don die formale Orga-
nisation; hier die Stallwärme des Intimen, dort die bürgerliche Kälte der funk-
tion21 ausdifferenzierten Gesellschaft. Dieses Schema ist zwar sehr grob - und
sich von Tönnies' Unterscheidung zu distanzieren ist ein Grundgestus jedes
aufgeklärten Soziologen -, aber für unsere Fragestellung doch gut brauchbar,
wenn wir (mit Begriffen von Mark Granovetter) noch eine Binnendifferenzie-
rung anbringen: Intimität - streng ties (Freunde) - weak ries (Bekannte) - An-
onymität. Die Intelligenz der elligkeit bewährt sich weder in der Intimität der
Gemeinschaft noch in der Anonymität der Gesellschaft, sondern in der Selbst-

U Hier muß man sich hüten. Kooperation als unbedingten Positivwen zu verkliiren.
Auch Korruption ist Kooperation. Selbst echte Feindschaft setzt Kooperation vor-
aus. Feinde arbeiten gemeinsam d:uan. die öffentliche Meinung zu polarisieren. Er-
folg besteht deshalb gerade nicht in der Vernichtung des Feindes. Der besiegte
Ftind wird niimlich zur Hypothek. Den Carl-Schmitt-Freunden muß man also im
Blick auf unser Thema sagen: Wichtigtr als dit Unterscheidung Freund/Feind ist die
Dauerhaftigkeit der Interaktion.
15 Charles ündblom, TIN Markt! SpIrIlI. lew Havtn & London 2001. S. 40. - Wie viele
.,few" sind. ist dabei \'on alltrgrößttr Wichtigktit. Das numtrische Problem dtr Co-
opetition hat Reinhard Sthen auf die magische Formel gebracht: 4 on ft., o"J 6 on
",01f.J. 5 ist dtmnach die Grenze z\lo~schen großen und kleinen Gruppen. Bei Grup-
pen > 5 ist der Anteil am Kanellgtwinn k1eintr als der Profit des Outsiders. Daraus
folgt: Jr größer die Zahl der Wettbewerber. desto allrakti\ter die Position des Außen-
stntrs.
Bolz, Warum es intelligent ist, nett zu sein 233

organisation von Nerzwerken. Oie ideale Betriebstemperatur sozialer Systeme


liegt verblüffend nahe am Kältepol.
Während die lationalsraaten zunehmend an Einfluß verlieren, formiert sich
heute ein ..neues Minelaher" der erzwerke und multiplen Autoritaten. Ein
neues ,Mittelalter der Netzwerke wohlgemerkt, nicht der Märkte. Von der "An-
archie" des Marktes unterscheidet sich das etzwerk durch gemeinsame Wer·
te, und von der formalen Hierarchie unterscheidet sich das Netzwerk durch
seinen informellen Charakter. Netzwerke lösen Probleme, die der einzelne
noch nicht einmal formulieren kann. Man nennt das auch Social Computation.
~'Iit anderen Worten: In Netzwerken zeigen r.,'lenschen Eigenschaften, die sie
nicht mit Wölfen, sondern mit Insekten vergleichbar machen; hier zeigen sich
die Überlebensvorteile extremer Interdependenz. Wenn uns also die biologi-
sche E\'olution den Vergleich des Menschen mit einem Wolf nahelegt, model-
liert uns die soziale E\'olution den Menschen als Insekr.
Damit Netzwerke funktionieren, muß ausreichend großes soziales Kapital
vorhanden sein. Und hier ist es nun wichtig, mit Pumam zwischen bonding und
bridging sodo/,opiI0/ 16 bzw. mit Mark Granovener zwischen slrong und ,nok lies
zu unterscheiden. Oie starken Bindungen sind exklusiv. Sie knüpfen dichte
etzwerke ethnischer Enklaven; Verwandte und intime Freunde finden sich in
derselben soziologischen Nische. Das stärkt die Ich-Identität und die In-
Group-Loyalität, also den Zusammenhalt der eigenen Gruppe. Starke Bindun-
gen fördern die Cliquen bildung und verkapseln ins Vertraute. Hier herrscht
"thick trust" (Bernard Williams): blindes Vertrauen. Dagegen sind die schwa·
ehen Bindungen inklusiv. Sie verknüpfen entfernte Bekannte und bilden Infor-
mationsnetzwerke. Die Diffusion von Informationen wird nämlich nicht durch
"strong ries", sondern gerade durch "weak ties" gesteigert. Schwache Bindun·
gen machen neue Informationen zugänglich und verbinden verschiedene
Gruppen. Das ethische Zauberwort unserer Zeit, Commitment, meint genau
diese überbrückende Kraft sozialen Kapitals.
Handfeste Aktualität und eine neue, überr:l.schende Dynamik gewinnt diese
soziologische Begriffsakrobatik durch die neue Kommunikationswirklichkeit
des Internet. In seinen virtuellen Gemeinschaften wirken bridging und bOllding
nämlich gleichzeitig: "Internet chat groups may bridge ac ross geograph)', gen-
der, age, and religion, while being tight.ly homogeneous in education and ideo-
logy."17 Das Spektrum dieser virtuellen Gemeinschaften umfaßt die Wehen des
Konsums (communities of choice), der Produktion (communities of practice)
und der Sorge (communities of interest). Für alle ist ein positives Feedback
zwischen Ähnlichkeit und Interaktion charakteristisch. Damit wächst aber das
Ausmaß der Exklusion eben so wie das der InkJusion. Das ist die Schattenseite
der schönen neuen Kommunikationsweh des Inrernet: "Local convergence can

16 Rob~rt Putnam. Bour/ing Alont, N~w York 2000, S. 22 f.


I~ A. a. 0., S. 23.
234 AklUelle Debanen

lead 10 global polarization."18 Gerade die neuen Medien ermöglichen Selbst-


selektion der Interaktionen Oikemindedness) - und damit verstärkte Interakti-
on mit "Ähnlichen"; das fuhn zu lokaler Konvergenz bei gleichzeitiger globa-
ler Polarisierung (culrural gap). Ta be linked or not (0 be linked.
" nplugged" hieß die Ars Electronica 2002 in Linz. Hinter diesem lapida-
ren Titel verbirgt sich das Schicksal der Ausgeschlossenen. Für sie gibt es -
von uns! - weder eine Politik noch eine Ethik; allenfalls den Respekt, der sich
darin ausdrückt, auf sentimentale One-World-Appelle zu verzichten. Die Aus-
geschlossenen können uns nur überraschen. Die Eingeschlossenen, in Kom-
munikationsnetzwerken Verstrickten dagegen genießen die "sociopleasure of
morality"19 - ohne die Droge f..'loralin. Wie gesagt: Diese neue Weh der Netz-
werke ist recht kühl temperiert, von der Stallwärme der Gemeinschaft noch
weiter entfernt als von der bürgerlichen Kälte der anonymen Gesellschaft. Be-
kannte können hier wichtiger sein als Freunde. Und es ist offenbar intelligen-
ter, nett zu sein, als dem anderen zu mißtrauen - oder ihn zu lieben.

18 Roben Axe!rod, TIN COl1lpl/xity oJ CooprrafiOfT, S. 172; genauso formuliert auch Mark
Granovetter, "The Strength of \YIeak Ties", in: Am/rifa" JONn/al of S Molo!) 78 (1973),
S. 1378: "strong lies, brceding loca1 cohesion, lead 10 overall fragmenr:nion." Wenn
man die strategische Alternative des Gefangenendilemmas (Aggression/Kooperati-
on) mit dieser Grundunterscheidung der \YIehgesellschaft (Inklusion/Exklusion)
korreliert, ergibt sich eine interessante Möglichkeit der Kreulotabe!lierung:
Aggression

Terror

Inklusion Exklusion

Organisation Internat. Politik

Kooperation

19 Lione! Tiger, Thr PNr/Nil oJ PI/tlll/n, New Brunswick NJ 2000, $. 55.


Raimar Zons

Ruby Tuesday

Sht M10UIJ ne~'tr stIJ ulhert sht (amt jmm


YtsJertlay tlon ~ malltr if it's gone
lJ?hilt the sun is bright
Or in Ihe dorktsl nighl
NfI ont kno»'s.
She (omts ond lfHs

GoodltJt, RN" Tlltsdf9


II7IH (Oll!d hOIl/, 0 name Oll JOII?
When JON (holl/,t /I'ilh el't'J nt/l' day
Still 1'", /,onna missJOII

Gaggtr/ Richords)

Nur daß ein singendes Ich namens Mick Jagger sie vermissen wird, gibt einer
Dauer, die es heute noch Rubinrot und Dienstag und morgen schon vielleicht
Smaragdgrün und l\litrwoch nennen wird - und die da kommt wie der Dieb in
der acht oder wenn die Sonne 3m höchsten steht. Um die Gegenstände, Tie-
re und Menschen idemifizierbar zu machen, schlug Wütgenstein im Trar/alus
logito philosopbj~us eine Schulmeistervariante des adamitischen Verfahrens vor.
l\hn solle ihnen, so der wegen besonderer Grobheit gegen begriffsstutzige
Schülerinnen entlassene Pädagoge, kleine Namensschildchen anheften, um das
bunte, geschwätzige und wandelbare Leben in den schriftlichen S)'mbolen der
Welt dauerhaft zu fixieren. Daß die kleinen Nomolheten dabei nach Herzens-
lust poetische Namen erfinden sollten, darf man freilich im Schulraum des Phi·
losophen nicht erwarten. Vielmehr waren ihrem Domesday die Archive, Tabel-
len und Wörterbücher immer schon vorgegeben, und rur den rirhligm Ge·
brauch der so vorgefundenen Wörter sorgte zur Not die Schlagkraft des sie an-
leitenden Lehrers. Die Bedeutung eines Wortes ergibt sich aus dem richtigen
Gebrauch in der Sprache. also aus Schlägen auf den Hinterkopf.
Was aber kann der singende Schüler Wittgensteins tun, wenn sich ihm das
Objekt seiner Benennung, wenn nicht das seines Begehrens, immer wieder so
entzieht, daß es sich an jedem neuen Tag von Kopf bis Fuß verwandelt? Auf
Ruby, so scheint es, ist kein Verlaß, sie ist - allemal zu jener Zeit, als die Stones
den Song aufnehmen, ein "böses Mädchen", wie es nur Jagger oder Richards
liehen konnten: Marianne Faithful, Anüa Pallenberg. Wie steht es also mit den
Namen, die wir nichl anderen "anhängen", sondern die uns selbst gegeben
sind und die unsere Individualität ausmachen?
236 Aklul::lle Deb:uten

"Wie sah ein Mensch aus, der kein Individuum war?" hat üonell Trilling ge-
fragt' und danach das, was der Mensch immer schon als ihm eigen empfand,
wie sein "Körperbild"• seine "Se1bSfvertrautheit". seine Sinneswahrnehmun-
gen, GefOhle und Leidenschaften von dem unterschieden, was er nicht besaß
oder rat, bevor er ein Individuum war: "Er harte kein Bewußtsein von dem 1...1
inneren Raum. (... ) Er dachte sich selbst nicht (... ) in mehr als einer Rolle, so
als stünde er außerhalb oder über seiner eigenen Person."
TriUing verknüpft also Individualität mil einer bestimmten Form von
Selbslrenexion, wie wir sie seit der Achsenzeit im 18. Jahrhunden kennen, der
wir das "individuum ineffabilc" verdanken; er verknüpft es nicht mil der
machtvolJen Zu schreibung eines Anderen, von der das angeheftete Namens-
schildchen nur einen schwachen Begriff gibt. Diese zweite Geschichte begän-
ne, wenn nicht mit ietzsches Brandeisen zum Heranzüchten eines Tiers, das
versprechen kann, im letzten Drirrel des 13. Jahrhunderts, als die Inquisitoren
der Bettelorden die amen bekannter und gesuchter Ketzer zusammenstellten
und zu Fahndungszwecken verbreiteten. ETWa zur selben Zeit entstehen auch
in den Städten Listen der Verbrecher und Geächteten, so etwa das Florentiner
libro dtl chiodo, jenes von 1269 bis 1313 geführte "Nagelbuch", das auch den
amen Dame Alighieris "zum ewigen Angedenken" enthielt. 2 Sehr bald sam-
melten diese Listen auch Identifikationsmerkmale, KJeider zunächsl, dann be-
stimmte Zeichen oder ..Signaturen" wie Narben oder fehlende Zähne, Ge-
schwüre oder besonders lange Fingernägel, schließlich Porträts, Sieckbrief-
Zeichnungen, Pholographien, natürliche und genetische Fingerprints. Ihr zur
Seite stehen jene (von Foucault) so genanmen ..Technologien des Selbst", die
nach dem Verfall ständischer Zuschreibungen Individuen zur Selbstähnlichkeit
zwingen, bessern oder "erziehen" sollen oder ihre Individualität gerade durch
ihre ichrunterscheidbarkeit von allgemeinen Normen erweisen. Auch das in·
dividuelle Allgemeine ist ja ein Allgemeines. Alles, auch der gegenwärtige
Streit, den wir gleich führen wollen, läuft also darauf hinaus, ob wir individuel-
le Identitätskonzepte vorwiegend autonom oder heteronom verStehen, als
Selbst-Reflexion, Selbst-Entwurf und Selbst-Gesetzgebung oder als soziale Zu-
schreibung, Verknappung, Identifikation, Zähmung lind Züchtung.

Zu der Zeit, als Jagger und Richards ihren Song von Rub)' Tuesda)' schrieben,
jenem Mädchen, das nicht zu fassen oder zu benennen ist, gah in deutschen
Schulen als oberstes Lernziel ganz zweifellos der Aufbau einer verläßlichen,

DaJ E"d, drr AIIJrithliglt,til, Frankfurt :lo. M. 1983, S. 31; ich folge kune Z(it Hans Ro·
~rt Jauß, .. Vom Plurale lamum der Charaktere zum Singulare lamum des Individu-
ums", in: Indi,.idllalilal, hrsg. von Manfred Frank und Ansdm Haverkamp (Poetik
und Hermeneutik XIII), München 1988, S. 237.
2 Siehe dazu und zum Folgenden: Valentin Groebner, .. Der Schein der Person. Be-
scheinigung und Evid(nz", in: QMtl CorpJ? Eint Frage der Rtpriim,'a,ion. hrsg. von
Hans Behing, Dielmar Kamper und i\hrtin Schulz, München 2002. S. 309-323.
Zons, Ruby Tuesday 237

dauerhaften und belastbaren Ich-Identität. Für Jürgen Habermas, den ihre Di-
daktike!" abkupferten, bedeutete ..gelungene Ich-Identität" etwa .. jene eigen-
tümliche Fähigkeit sprach- und handlungsfahiger Subjekte, auch noch in tief-
greifende!" Veränderung der Pe!"sönlichkeitsstruktur, mit denen sie auf wide!"-
sprüchlkhe Situationen anr\\,orten. mit sich identisch zu bleiben".) Dazu ver-
hilft weder seine sogenannte ..narürliche" Identität, kraft deren das Kind zwi-
schen sich und seiner Umwelt unte!"scheidet und ein integrales, homogenes
Kö!"perbild imaginiert, noch seine "Rollenidentität", die sich ausschljeßlich so-
zialer Zuschreibung und Anerkennung verdankt, sondern nur eine "personale
Identirät", in der Individuen ihre Selbstgleichheir unabhängig von besonde!"en
No!"mcnsystemen und gesellschaftlichen Konstellationen behaupten. Sie wie-
derum zeigt sich in der Fähjgkeit, die eigene Biographie jederzeit lückenlos aJs
wahrhaft "eigene" referieren und dadurch als individuellen homogenen Bil·
dungsroman ausweisen zu können.

icht nur die Traditionen pietistischer Seelenbefragungen sind hinter einer


solchen Konzeption leicht identifizierbar, sondern (als ihr Erbe) auch eine auf
die Rekonstruktion verschüneter biographischer Anteile reduzierte Psychoana-
lyse. Gerade in Zeiten raschen kulturellen und gesellschaftlichen Wandels
scheint aber der kompensatorische Gedanke, das Individuum sei mehr als die
Summe seiner Rollen, unabweisbar. ticht nur verspricht er den Subjekten jen-
seits wechselnder Zu schreibungen einen Bezugspunkt, von dem aus es den An-
forderungen der Rollen Widerstand entgegensetzen kann, er bewahrt auch den
Gedanken an eine Gesellschaft bürgerlicher Verbindlichkeiten inmitten ..pOSt-
moderner" Gleichgültigkejr und Vielstimmjgkeir. Daß freilich Einstimmigkeit,
älteste Voraussetzung jeder ..personalen Identität" und Auronomje, einfach
••gegeben" ist und daß wirklich Irh es bin, der die Stimme und die Rede haI, das
scheint so selbstverständlich, wie es Habermas und die didaktischen Lernziel-
erfinder meinen, wohl doch nicht zu sein. Wir brauchen ja nur die Adressaten
von Kants berühmter Polemik in seiner AufkJärungsschrift zu Rate zu ziehen,
um festzustellen, daß die "Iche", die er in seinem nicht aufgeklärten, sondern
Zeitalter der Aufklärung vorfindet, nicht eben Herren ihrer Rede sind. Hier
nämlich spricht durch ihren Mund ein Buch, dort ein Seelsorger, hier ein Arzt,
dort ein Offizier, hier ein despotischer Fürst, dort ein anonymes ..man", hier
wieder ein aller Brauch oder eine längst überfalJige arm. Während die Ohren
nicht zu verschließen sind, haben die Hörigen also offenbar keinen eigenen
l\lund (ich verkneife mir alle Kalauer von Mund zur Mündigkeit), sie sprechen
mit vielen anderen Mündern, ihren Vor-Mündern. Start auf ihren eigenen Ver-
stand hören sie auf die Einflüsterungen ihrer verfUhrerischen Begierden, von

) Jürgen Habermas... Können komplexe Gesellschaften eine vernünftige Identität aus-


bilden?" In: ZNr RtkonsJrulr.Jion du bistorisrhen MaterialiunNJ, Frankfurt :10, M. 1976, S.
92-126, hier S. 93.
238 Aktuelle Debatten

angemaßten Autoritäten oder betrügerischen Pfaffen; aber nicht auch auf die
ihrer Ahnen, ihrer Genien und Dämonen, der Musen und ..Socii", kurz all je+
oer guten Geister, die im neuzeitliche Selbst offenbar versrummt sind? Ist es
also der Preis des Selbstdenkcns. der Autonomie und personalen Idencitiit
nicht nur von den bösen, sondern auch von ..allen guten Geistern verlassen zu
sein? Und wäre nicht mit Picrre Klossowski jene Seele wahrhaft "tot" zu nen-
nen, die nicht mehr bewohnt ist? Wäre, nachdem Lucher die Geisfcrstimmen
schon auf den einsamen Gewissensruf verknappt haue, der schalltote Raum
der Preis für Kants .. Ich denke, das aUe meine Vorstellungen muß begleiten
können"? Und könnte es sein, daß die Verdrängten nun wiederkehren, daß also
die Zeit des seIhstidentischen Ich nur Episode blieb?
So sieht es etwa Kenneth Gergen 4 , wenn er dem Einfluß der neuen Kom-
munikationstechnologien auf das kulrurelle Leben nachgeht. Schon die ersten
Radiohörer hanen Geisterstimmen gehört, die schiere Masse an synchron spre-
chenden Stimmen, denen wir durch das TV, das Telephon, den Discman,
durch das Kino, den PC, das Internet usw. permanent ausgesetzt sind, kon-
frontiert uns mü derart vielen Ereignissen, Stimmen, heterogenen Standpunk.
ten, Perspektiven und Ansichten, daß aUe Wissens- und Glaubenssysteme, die
bislang objektive und subjektive Gewißheiten und praktische Orientierungen
gewährt und Identitätsbildungen ermöglicht hanen, einer schleichenden Auflö-
sung und Zersetzung ausgesetzt sind. Umgekehrt werden Sie nicht gerade als
Subjekt mit einer individuellen Lebensgeschichte angesprochen sein, wenn die
anonyme Stimme eines Computers Sie am Telephon nach Ihrer Wahl einer po-
litischen Partei oder eines Waschmittels befragt. Solchen auf Ziihlbarkeit und
Statistiken angelegten Individualitiitskonzepten entspriiche schon eher der in
den sechziger und siebziger Jahren heftig kritisierte Rollenbegriff eines Helmut
Plessner, der freilich aus dem heutigen sozialwissenschaftlichen Diskurs fast
völlig verschwunden ist. Dessen Theorie geht niimlich von einer elementaren
und unhintergehbaren Rollenhaftigkeit, von Masken ohne Gesicht, aus und
wurde folglich in der kommunikativen Wiirme linker Beanuenmilieus kapitali-
stischer Kälte und Unmenschlichkeit geziehen. Wer kann aber leugnen, daß
jenseits sozialer Zuschreibungen und Zwänge etwa in den Internel Chatrooms
von heute gerade auch der Rollengtmp> und die Freude am Maskenspicl wieder-
kehrt, die das vorbürgerliche Rokoko bis hin zu letzten. erotischen Verfeine·
rungen kultiviert hatte? Keiner weiß in diesen Liaisons Oangereues, ob sich
hinter "Ruh)' Tuesday" nicht vielleicht ein 65jährigcr Philosophieprofessor
versteck[~ keiner, ob die Maske "Willem" nicht ein junges Miidchen triigt. Jeder
und jede entwirft oder fingiert eigene "Lebensgeschichten", bis sie wieder
durch andere ersetzt werden. Und diese Form des Se1f-Designing ist ja längst
aus den etzen in die sogenannte Wirklichkeit emergiert, dahin freiljch zuerSt,

• Kcnneth Gergen, 00; Obtrsöfliglt Sr/bJI. IdtnliliilJproblnllt illl htuligen Ltbm, I-Ieidelberg
1996.
Zoos, Ruby Tuesday 239

wo sie am unwirklichsten ist: in die GLitzerwelt und in die "dark rooms". Frag-
te man sich eben noch, welches geheimnisvolle "Selbst" akademische Diätmar·
garine.Konsumenten verwirklichen sollten oder wollten, ist das Bildarchiv zur
Se1f-Fashioning heute fast unerschöpflich. Könnte darüber hinaus die neue,
mediale Vic1stimmigkeit, weit davon entfernt Subjekte in Motivationskrisen zu
verstricken, nicht zu der schönen und demütigen Einsicht verführen, daß wir
in diesem Geisterreiche, in dem nicht nur Tiere oder Engel, sondern auch Pro-
gramme mit uns sprechen, nicht die Einzigen, aber auch nicht einsam, daß un·
sere Seelen also bewohnt sind?
Während hierzulande die Theorie des Kommunikativen Handelns bürgerli.
eher Subjektivität gegen die ärgerliche Tatsache der Gesellschaft einen großar.
tigen letzten Ausdruck gegeben hat, wurde jenseits des Rheins freilich längst
schon die Gegenrechnung aufgemacht. Zur sei ben Zeit als gegen das schlei-
chende Ohrengift von Rub}' Tuesda}'. das da über den Äther kam, das "Lern-
ziel Identität" ausgegeben wurde, untersuchte und benannte '[iche! Foucault
die Institutionen und Technologien des Selbst, die es überhaupt erst" hervor-
bringen konnten: die panoptischen Appararuren der Menschenvermessung
und der Befragung der Leiber und der Seelen, der Heilung und der Verbesse·
rung, der Erziehung und der Disziplinierung, der ormierung und der Mobili·
sierung; die Schule, die Klinik, das Asyl, das Gefangnis, die Kaserne. All diese
Disziplinarmächte sind aufeinander bezogen und bilden ein homogenes Medi-
um der Norm.
Vielleicht blieben sie in Deutschland so lange unbemerkt, weil es dieser gar
nicht so .. verspäteten Nation" gelungen war, aUe diese von außen kommenden
Praktiken und Techniken so ins Innere der Individuen zu verlegen, daß sie sie
als "Freiheit", wenn nicht als "Natur" fingieren konnten. Dazu. man weiß es,
bedurfte es einer langen und gefahrlichen Bildungsgeschichte, die sie von der
~inm Pflicht der Philosophie über die ~ine Liebe der Dichtung zur einen nationa·
Jen Gemeinschaft und zum tinm immerwährenden Befreiungskrieg geführt hat.
Aber die oft erzählte Geschichte des "Individuellen AlJgemeinen" wird in der
globalisierten Weh enrweder zur Lachnummer oder zur gentechnologischen
Horrorvision, wie sie uns das Schlußkapitel von Houcllebecqs Elmlt1llt1rttikhm
in den "neuen Göuern" vorstelIr. \'{fir kommen gleich wieder darauf zurück.
Wäre Ruby Tuesda}', 1967 in FIOJJ.'trs besungen, erwa zwanzig Jahre alt gewe-
sen und häue sie Sex, Drugs und Rock'n Roll überlebt. müßte sie heute Fünf·
undfUnfzig sein, in meinem Aher also, und nicht viel jünger als der, dem dieser
Text gewidmet" ist. Vielleicht wäre sie, start ihre Träume einzufangen und ihren
Verstand zu verlieren, Philosophieprofessorin geworden. Vielleicht fanden wir
sie, in New York oder in Utrecht, in London oder Freiburg im Gespräch mit
ein paar Gleichgesinnten, und vielleicht würde diese Radioshow moderiert von
keinem anderen als von WiJlem. dessen liebenswürdiger Einladung wieder ein-
maJ niemand widerstehen konnre.
240 Aktuelle Debatten

WiJJem "an Reijen: Meine Damen und Herren, bitte begrußen Sie mit mir
Laune Anderson, Sadie Plant, Ruhy Tuesday. Jean BaudrilJard. Michel Houe!-
lebec,! und Richard Senneu5 ; Jean Baudrilla.rd, Sie haben das \'(lo("[:

1, Boudn'llard: In dtm SysltlJl ~'Ofl VerntliJlngen, Dalenflulen, Verbindungm, KOff/nm-


nilealionen und InltifoftJ, mil denen lI,ir el ZN 11m haben, brginnl dal Jrb, die Individuoli-
/iil, beginnl das gutt, olle Subjekt ZN vtrsfhll';ndtn. Es lösl sirh auf. tJ zen/rtlll sich.
RNIry T.: Das Subjekt, von dem du sprichst, guter Hans, ist ja gar nicht so alt
und gut, wie du sagS(. Zweihundertfünfzig Jahre vielleicht. ErSt die Zeit Kams
hat überhaupt unterschieden zwischen Substanz und Subjekt als zwei Formen
eines Zugrunde1jegens (Hypokeimenon). Ein Ich als Mjne einer Weltkonstruk-
rion, das alle meine Vorstellungen muß begleiten können, ein Ich aber auch als
imaginärer Ursprung von Handlungen, für die ich veranrwortlich gemacht wer-
den kann, ein Ich schließlich als Integration eines Körperbildes und als Sehe-
punkt verdankt sich einer neuen Schreib- und Lesepraxis: der pietistischen See-
lenbefragung, der Autobiographie und einem leisen Lesen sozusagen von Geist
zu GeiSt, das heißt von M,ann zu Mann.
Foucault hat von den Technologien des Selbst gesprochen, von denen die
deutsche Erfindung eines nicht mehr äußerlich, sondern innerlich zwingenden
Souveräns die erfolgreichste war. Sie domestiziert ja nicht nur das Ich, sondern
auch den Souverän, der in Hobbes' Leviathan der letzte der menschlichen
Wölfe geblieben war. So werden Menschen von hard copies selber zu Pro-
grammen, aber mit dem großen weißen Mann ist es nicht mehr weit her.
Subjekt bedeutet also immer eine Verknappung und Zuspitzung dieses
männlichen Selbstkonstrukts: Was wir im Prozeß der westlichen Zivilisation
erfahren, ist ja eine unendliche Verarmung des Ich von Luthers Gewissen über
Descanes' Cogito bis hin zum schalltoten Raum des .. Ich denke" bei Kant. Es
ist buchstäblich von allen guten und bösen Geistern verlassen, mit denen sich
erwa l\hni auf seinen einsamen Wüstenritten noch unterhalten hatte. Erst in
jüngster Zeit und namentlich seit Freud und Heidegger ist ein Gedanke wieder
offen, der der Dichtung immer vertraut war, daß unser Sprechen von zahlrei-
chen Stimmen durchschossen, ja daß im eigentlichen Sinne nicht wir es sind,
die das Wort haben (zoon logon echon). Willem hat ja schon einiges dazu ge-
sagt.
Diesseits seiner Pachologisierung und jenseits der Rollensoziologie kehren
Vielstimmigkeit und icht-Determinierbarkeit in der etzkommunikation
wieder, deren Anonymität nicht nur RolJen- und Maskenspic:le wie im vorsub-

, Die Beiträge gehen tatsächlich zurück auf eine Radioshow von HR 2. Ba}'ern 2,
WDR 3. 0 1, DRS 2 im Zusammenhang von Intermedium 2 in der zkm: Straltgir" titr
AJlj1iIJl"Z. Ei"e Guprärbsi"llaI1a6o" jiir AltfUfht" N"J Alo"ilOrt, Moderation Peter Kern-
per mit Narben Bolz und Raimar Zons, Karlsruhe 22. März 2002. 21.45 Uhr. R. T.
ist nariirlich. wie sollte es anders sein. eine reine Fiktion.
Zoos, Rub)' Tuesdll)' 241

jektiven Rokoko ermöglicht, sondern neben sogenannten Menschen auch


Frauen, Programme oder Avatare gleichberechtigt zuläßt. Das eröffnet ganz
neue Spielzüge, also auch, wenn du so willst, "Freiheiten". Freiheit heißt ja bei
Luhmann nichts anderes als Alternativen zu fingieren.

2. Lo1ln·e Anderson: /eh fiir meinen Teillübe tJ, als Person weniger eindeutig und zllsam-
menhiingend, als vielmehr "ieldeu/ig und Iltiflüssigt Zu R!irken. So daß ich mich Imgezwlln-
gener beRlegell ,md a1lch leirhter Dinge prüfen kann. Aber ist der Men5(h den Möglichkei-
tell, die htute die lnformotions/ubnologitfl, die Gm/echllik, die NOllo/ech"ik entwerftn,
überhaupt noch gewachsell, oder ist er zutlehl"e" überfordert?
fVlby T.: Die eigentliche überforderung, Liebe Laurie, ist, wie ich meine, Der
Mensch selber, der Mensch als Singuluetantum, der Mensch als handelnder,
als Geschjchtssubjekt, diese prometheische Metapher des Mannes, die das
wirkliche Problem nicht erhellt, sondem verdeckt. An der Kartierung des Ge-
hims etwa, der Eneschlüssdung des Genoms, den Erfolgen der Nanoelektro-
nik oder Robotik waren ja nicht nur die Forscher und Ingenieure, sondem
auch Maschinen, Roboter, Programme, Computer - ich möchte fast sagen -
gleichberechtigt betejligt. Ray Kurzweil und BilJ Joy vom MJT haben darauf
hingewiesen, wie sehr sich diese Arbeitsteilung mehr und mehr zugunsten der
Maschinen verschiebt, Der Mensch ist also immer schon ein Phantasma in ei-
ner Geschichte von Strukturen - aber ein sehr wirkungsmächtiges, ja terroristi-
sches. Er setzt genau jenes allgemeine Wesen voraus, das sich im Augenblick
möglicherweise mehr in der Technik als in den Menschen selbst verwirklicht.
Ja, es scheine so, daß mehr und mehr von ihnen jenem eingeschlossen/ausge-
schlossenen Typus angehören werden, den der italienische Philosoph Giorgo
Agamben als "homo sacer" anspricht. Dieser Verruchre der Erde, der Migrane,
der Habenichts, der Palästinenser - und oft genug eben "die Frau" - f:ilh
durch alle Raster und Strukturen der symboljschen Ordnungen hindurch, wird
zum Objekt einer Biopolitik, zum potentiellen Lagerinsassen, wenn nicht
gleich zum Menschenmaterial. Es stellt sich dann nicht mehr die klassische
Philosophenfrage, ]J'as der f\'lensch ist, eine Frage, die zur Verwirklichung sei-
nes Wesens in der Technik geführt hat, sondern die, Rler überhaupt noch Men-
schen sind. Diese Frage umerscheidet nicht poljtisch zwischen Mensch und
Unmensch, zwischen Freund und Feind, sondern zwischen geformtem und
ungeformtem Leben.
Lustigerweise \\'ird übrigens diese Frage heute weniger in philosophischen
Seminaren oder Kolloquien gestellt als in Hollywood·Filmen wie Bladerunner
oder Matrix. du solltest das wissen.

3. Sadie Plant: Irh bin optimistischer; lI'as "üle dieser Entllfiddungen angehl. Nirht 1I..~il
ith lI!irklith glaub~, daß der Mensch in Zukllnft Z. B, dllrth künstlithe uhensjornJen er·
setzt Jl'erden kiinn/e. Aher ich denke, daß die Entstehu"g IIOtI sich selbst organisierenden
künstlichen Lebensjormell "nd "nser Verstehen ihrer Moglithkeiten - lilas diese Dinger 01-
242 Aktuelle Debatten

tu kiinnen - J daß diese BtJlJIiß/ll!tTdung einen sebr guten E./ftkl o,,! unsert wut/iche Kultur
hoben Ieonn. Dtnn 1llahrsrhtinlith leiden 111;" stil Jahrhunderlen doran, daß uns de,. Sinn
jiir DtfllJ/1 l/trlortngtgongtn isl.
uun", Anderson: /rh gIOl,be, l/iele MtnJtben J:erguStn, ude Ilngloublith dumm Maschinen
sind. Das bule Beispiel, dos mir dozu tinfiilll, ist dOl Srhll1tigtn. Du machst zum Btifpitl
folgendt/:
20 Stkundtll S(hweigen
Schweigen kann unglflliblicb "bertdt" !ein. IJVtnl1 das 111m tl11tr Maschine possiert -
Srhll1ügtn im Computtr - srholltl sie sich ab. Es gibl kein "digitales SchJJltigen ", lJltii dar-
in wirklich nichts passiert. Moubintn sind eben dumm.
IJVtnn Masrhintn einmalftinflihlig und genall werden, dann in/trtuitrtn sie mirh.
RNI!J T.: Wenn wir die Geschichte der f,,'lensch-Maschinen-Vergleiche rekapitu-
Lieren, schöne La.urie. Sexy Sadie, machen wir die Erfahrung, daß die Entwick-
lung der Kybernetik und Robotik schon manchen Computerphilosophen wie
Weizenbaum tatSächlich gründlich gedemütigt hat. Was denkbar und möglich
erscheint, spielen uns heute verläßlicher SF-Filme wie AI von Spielberg vor,
auf die die nämlichen Theoretiker oft merkwürdig verärgen und besserwisse-
risch reagieren. Natürlich kann man auch Synästhesien, ja auch bestimmee Ge-
fühle, sogar, wie Luhmann gezeigt hat, Ironie kybernetisch beschreiben. Wo
die Grenze ist, wird keiner sagen können.
Tatsächlich scheint mir aber, Laurie, deine Antwon genau die richtige zu
sein: Wann fangen Maschinen an, uns menschlich zu interessieren? Wann be-
ginnen wir, mit ihnen menschlich umzugehen? Das kann projektiv schon sehr
früh geschehen, etwa wenn wir unseren PC animistisch mit "Er" ansprechen.
Aber irgendwann spricht "er" so zurück, wie ihm selbst der Schnabel gewach-
sen ist. Dann spricht er nicht nur als Programm, sondern als "Person". Heute
können wir das mit den Androiden in Star-Trek-Filmen erleben, aber es be-
wegt sich aus dem Imaginären der Kinoräume auf uns zu. Etwa in Gestalt der
Cyborgs, deren Manifest She,rry Turkle geschrieben hai und die längst unter
uns sind.
Ich finde das problematisch eigentlich nur in bezug auf die, die von diesen
Prozessen kategorisch ausgeschlossen sind oder ihm allenfalls als Material die-
nen. Und wir selbst, gerade wir Frauen, müssen unsere User-Position verlas-
sen, denn, um orbert Bolz zu zitieren, die User sind nun mal die Loser.

4. Sadie Plont: [th dtnJu nicht, daJ Tuhnologie irgtndein Ceuh/echt huitzt. Aber ich bin
iihtrzeNgt - lind das mllj gerade billte huonders hetont 1I1erdtn - daß sie ganz hestimmt
nichl miinnlich ist. Das gilt natiirlirh auch flir die Medien.
RNI:1 T.: Ein alter Bekannter, der Berliner Kulturwissenschaftler Friedrich Kitt-
ler hat einmal den Begriff "Medienanthropologie" deshalb verworfen, weil
zwischen Medien und Menschen nichts laufe. Was zähle, sei einzig die Ge-
Zons, Ruby Tuesday 243

schichte des Seyns. Ihr hört nicht nur Heidegger, sondern auch Lacans Rede
über das Geschlechten'erhältnis hindurchtönen.
Die ,·ielen Geschichten vom Ende Des Menschen - Du Mmsr!}(n groß ge-
schrieben - markieren hier, glaube ich, eine denkwürdige Zäsur. Die Techni·
ken des Selbst, die Paideia der Griechen, der Humanitas der Römer, die Sub-
jektdisziplinierung der westlichen Moderne, sie alle sind eingebunden in eine
technische WeltkonstTuktion, in eine prometheische, männliche Selbstermäch·
tigung, die jetzt reflexiv wird. "Der Mensch" also ist nicht "AutOr", sondern
ein Effekt von Techniken und Medien.
Während das Denken emigriert, ist die weStliche Welt - in Hege1s Worten -
selber zur Schädelstätte geworden. Das zeigt sich schon in unseren intelligen-
ten Autos, Wohnungen, Häusern, Städten und Kriegsschauplätzen. Oie Ge-
schichte des objektiven Geistes ist also eine Technik- und Mediengeschichte.
lü Menschlichem hat sie nichts zu tun.
lun stehen dieser westlich-urbanen, .,unmenschlichen" Technik, unserer
griechischen Erbschaft, plötzlich die langst vergessenen "männlichen" Tugen-
den aus dem Osten gegenüber. Wüsten- und omadentugenden: Mut bis zur
Todesbereitschaft, Ehre, List. Sie hebeln das GefUge der Technik mit den
kleinsten Mitteln aus: dem schwachen menschlichen Leib, den religiösen Träu-
men, den Nagelscheren. Aber sie hacken sich partisanenhaft auch in die welt-
weiten elektronischen Netze ein, leiten Kapitalströme um, kapern Informatio·
nen und kappen Befehlsstränge. Sie verwirren also das nach außen gestülpte
westliche superbrain. Was "menschlich" heißen kann, muß sich vielJeicht von
dieser Schwelle aus neu definieren. So auch das Geschlechterverhältnis.

5. Michtl Houtlltbtcq: Am Endt IIItinu Rolllons "Eltllltn/orttikhm" bobt icb t'ersuch/,


mir tin 117tstn nach dtm Mmschtn t'O'tusltlltn. Mtin Portriit bltibl ~tmlith ungtnau. leb
»itiß nichlwirleJich, 1I,,'t u aussith/.
Rulry T.: vielleicht wie das eines neuen Christen, lieber Michel?
Der ganze Technologiediskurs steht ja im Horizont einer Kultur, die der
McLuhan Schüler Oerrick der Kcrckhove LJ Ci"ilisn/iofl VidioChri/itn, also die
videochristliche nennt. Und am Anfang dieser Kultur steht eine gnostische
Leibfeindlichkeit - oder doch zumindest die Aufspaltung in verschiedene Hy.
postasen des Leibes: etwa den natürlichen und den vergeistigten oder verklär-
ten. Jesus Christus selbst, nach seiner Auferstehung, war vielJeicht der erste
Antar. Aber im Ernst: Für den Jesuitenschüler Descanes wird der Leib zum
Fremdkörper, zur von der res cogitans gesteuerten Maschine, und Günrer An-
de:rs hat daran anknüpfend den puritanischen Leibhaß für jenes human engi.
ne:ering verantwortlich gemacht, mit dem \\fir es heute zu tun haben.
Enrsprechend sind die Technologien des Selbst an die Körper adressiert
und benutzen die Seele aJs Kommandozentrale. Disziplin und Schönheitskult
vergeistigen und formen die Körper so, daß sie ihre Leiblichkeit, ihre Gebür-
tigkeit und Sterblichkeit, ihre Sexualität und Schmerzempfindlichkeit rnög·
244 Aktuelle Deballen

liehst weitgehend abstreifen. \'(fas den Körper vom Leib trennt, erscheint uns
als Ekel. ncl der ekelhafte Typos schlechthin ist die vates. die alre Vettel, die
aus jeder Runzel ihres Leibes Unzucht und Verwesung ausdünstet. Dagegen
hat das Winckelmannsche Zeitalter den M.armorkörper des jungfräulichen
Mädchens gesetzt: Nm a girl, not )'cr a woman, wie Srirney Spears singt, also
ein reines Medium. In diesem Schönheitsideal sind nicht nur die FiJm~
göttinnen, sondern auch die Cyborgs und Avatare schon antizipiert. Es bleibt
aber Lyotards WOrt, daß nichts so schmutzige Folgen hat wie der reine Geist,
das Denken ohne Leib: Menschenmaterial, \'Verware sind einjge davon. Das ist
die neue Form von Frauenfeindschaft.

6. Rithard Smnell: Der Kopilalismlls Iltrhinderl, daß die ullle, FralIen und Miinner,
ihre eigtne Geschühte enlwükeln hinnen. Der moderne Kapitali.smlls isl allsuhlirßlich an
der flexiblen, flüchtigtn, fOrllallfindtn leit inlerusiert. Für müb kann deshalb die Lösllng
allch nüht darin beItthen, zllm allen Kohiirtnzmodell tVJn "IdtnliMI" ZllrNckZllkehrtn,
sondern tielmtbr die Möglühkeil I/On Verlenüpfllng I/On Etfahnmg Zll fordern.

RJiIry T.: Oie Rückkehr zum biographischen r.,·(odell, das wir dem Pietismus
(oder Augustinus, Rousseau, Goethe) verdanken, jenen Seelenmitschriften zur
Ehre des höheren Gottes oder des Staats, ist uns - Frauen wie Männern - we-
nigstens verschlossen. Beim späten Foucault deutet sich aber, wie ich meine,
eine Altemative an, die von einigen als Rückkehr zur Subjekrphilosophie miß-
verstanden worden ist.
In der Fortschreibung vom Gebrauch der Lüste in die griechische Antike ist
er auf eine Sorge um sich selbst und auf einen Selbstgcnuß gestoßen, die weder
wahrheits- und veraJlgemeinerungsfahig noch zu disziplinieren sind. In ihnen
findet sich vielleicht eine Alterna.tive zur Idenutäts- und Subjekrphilosophie
da.rin, daß sie auf den einzelnen Leib und nicht auf den gesellschaftlichen Kör-
per bezogen sind, also auch auf seine Gebürtigkeit, seine sexuelle Lust und sei-
ne Sterblichkeit - all das, was Houellebecqs neuer Mensch überwunden hat.
Der Zeitgon solchen Selbstgenusses wäre nicht Kronos, sondern Kairas, der
richtige und geglückte Augenblick.
Heute greifen einige, Wilhe1m Schmid etwa oder WiJlcms alter Lehrer Rai~
ner Marten, diesen Gedanken auf, um den alten philosophischen Topos von
der Lebens-Kunst zu revitalisieren.
Ich hätte überhaupt kein Problem damit, deren Schauplatz auch in die ge-
genwärtige Konsum- und Medienweh zu verlegen. Gende wenn man kein ei-
genes \'(Iehbild hat und selbst nicht im Bilde ist, kann man Bilder machen und
genießen, gerade auch Bilder von sich selbst, also SeJf-Fashioning betreiben.
Kunstfiguren wie ich selbst oder iadonna können dafUr gewisse Muster ge~
ben. Menschen sind nun einmal bildermachende und bilderkonsumierende
Tiere - und nicht jedes Bild ist gleich ein Kultbild oder vera icon. Hier in den
Sclbstentwürfen ohne Selbstverwirklichung, in den Verkleidungen und M.as-
kenspielcn ohne Original öffnet sich, glaube ich, ein neues Feld der Lust.
Zoos, Ruby Tuesday 245

Kairos hieße: Das richtige Bild zur richtigen Zeit. Die Gewalt der Bilder,
das Verschlingen des Imaginären, der perfekte .Mord am ReaJen, was immer
das sein mag, all dje großen und düsteren Metaphern Baudrillards wären dann
arbeitslos.

Willem van Reijen: Meine Damen und Herren, soviel zum Thema ich-Identi-
tät. Sie sehen, es kann efWas Lebensbedingung und trotzdem falsch sein; so
sagt es ietzsche; liebe Ruby T., ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Herman van Doorn

Philosophie und Photographie


oder Triumph des Bildes?

Als ehemaliger Philosophiestudent von Willem van Reijen entwickelte ich ein
besonderes Interesse an der deutschen, kontinentalen Philosophie. Später wäh-
rend meiner phmographischen und künstlerischen Wanderungen orientierte
sich dieses Interesse an den literarischen und philosophischen Arbeiten \'(/alter
Benjamins. Indem ich meine photOgraphischen Tätigkeiten mit der philosophi-
schen Neigung kombinierte, wurde ich zunehmend fasziniert durch die Reisen
Benjamins und seine verschiedenen kurzen Aufenthalte an sehr unterschiedli-
chen Orten. PhotOgraphierend und lesend versuchte ich meine Neugier also
auf doppelte \X/eise zu befriedigen. Schließlich mündete diese Suche in Zusam-
menarbeit mit Wille m in einem Buch, einer Art Chronik von Leben und Den-
ken Walter Benjamins. Einige der Widerfahrnisse dieser Suche kommen im rol~
genden in Text und Bild zum Ausdruck.
Am Anfang war das Wort, und dann war da auch noch das Bild. Die Frage
drängt sich auf, ob das Bild sein Bestehen allein der Möglichkeit verdankt, daß
es zur Erläuterung des Wortes in der Lage ist. Es ist nicht einfach, diese Frage
mit einem einfachen Ja oder Nein zu beantworten. Auch bei mir stand biswei-
len am Anfang das Wort, z. 6., weil ich "Marseille"l schon gelesen hatte, bevor
ich abreiste, um Benjamins Aufenthalte und Passagen don zu lokalisieren und
zu photographieren. Meine Arbeit stand in unmittelbarem Kontakt mit Benja-
mins "naturalistischer" - oder vielleicht besser "barocker" - und hinreißender
Prosa. "Denn die Kindheit ist der Quellenfinder der Trübsal, und um die Trau-
er so ruhmreich strahlender Städte zu kennen, muß man in ihnen Kind gewe-
sen sein 1... 1. Den Reisenden werden [... } die Fenslerg~mer des Court Pugel
1...1 nicht verraten, wenn ihn nicht ein Zufall in die Totenkammer der Stadt,
den Passagen de Larette führt 1... ]"2. Und dann war da der Zufall, als ein Kind
in den Passagen de I..orette in der dunklen Unterwelt verschwand und der Pho-
t'Ograph. der im entscheidenden ~foment blitzartig die KamerataSIC berührte,
alles. was der Fall ist. einer Fraktion der Zeit abschwindelte und ein Bild gestal-
tete.

\Vah~r B~njamin, .,MarsciIl~".


in: GtJa",,,ulte S(hriJtm (GS), hrsg. von Rolf Tiede-
mann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt::t. M. 1972 H. IV/I, S. 359-364.
2 Ebd .• S. 362.
van Doorn, Philosophie und Photographie 247

1. P:usag~ d~ lor~II~. Marse.iIl~

Wenn man sich auf den Lebenswandel und die Philosophie Walter Benja-
mins einläßt, wird man mit vielen Überraschungen konfrontiert. nd weil Ben-
jamins Bilder durch Wörter beschrieben werden, ereignet sich in der Photogra-
phie gerade die Isolierung eines Moments.
Da Benjamin einen Unterschied zwischen den Städtebildern Fremder und
Einheimischer machte), tritt noch ein Überraschungsmoment hinzu, nament-
lich für denjenigen, der die Schilderungen Benjamins gelesen und sich ein Bild
gemacht hat, noch ehe er tatsächlich dem Geschilderten begegnet. Dann han-
delt es sich um eine vermittelte Erfahrung. Bei meinen Reisen auf den Spuren
der Aufenthalte und Passagen Benjamins bin ich manchmal auf diese Schwie-
rigkeit gestoßen. Die Überraschung stellt dann beinahe ein Wiedererkennen
dar. Aber ist das ein weniger bildhafter Eindruck als ohne dieses vorhergehen-
de Wissen? Ich weiß es nicht, weil die Erfahrung des Gelesenen nicht zurück-
genommen werden kann. Doch war der Reiz nicht geringer als ohne irgendein
Vorwissen. Jedoch lag der Reiz auf einer anderen Ebene, namentlich im Hin-
blick auf die Texte Benjamins. Und jetzt beim Schreiben für diese Festschrift
kommt die Vermischung des Fernen und des Einheimischen hinzu. \'(fenn die
Erinnerungen auf solche Weise fünffach (Lesen, Ferne, Erinnerung an den
Text, Fremderlebnis und erneute Erinnerung) vermittelt sind, wie zuverlässig

) ..Die Wiederkehr des Flaneurs", in: GS. 111, S. 194; mit einem Nachwort von Peter
Szondi in: SlöJltbilJtr, Frankfurt a. M. 1963, S. 79 (r.
248 AklUclle Debatten

kann das Resultat dann sein? Zum Glück gibt es die technische Reproduzier.
barkeit der Bilder, die uns - wiewohl in einer subjektiven Handlung begründet
- einen objektiven Eintritt in die Vergangenheit ermöglicht. Dadurch wird die
Photographic: Schlusse! zur Vergangenheit.
Die technische Reproduzierbarkeit weist als Charakteristikum die dauerhaf-
te Erfahrung einer Realität auf (oder ist es eine Illusion?), auch wenn diese
Realität als solche nicht mehr exiscien. Auf meiner Suche harte ich des öfteren
ähnliche Erfahrungen, weil beim Antreffen eines Ortes das Konkrete, das
Fühlbare verschwunden war. So gab es an der Stelle des Ehernhauses in der
Delbrückstraße in BerJin nur noch die Hundehütte hinter einem Gitter, und in
Lourdes war der letzte Aufenthah von Benjamins Leben in einen Parkplatz
verwandelt worden.
Was mich anbelangt. gibt es jedoch beim Verfolgen der Geschichte Benja.
mins nur Gewinnsiruationen. Die tatsächliche, taktil anwesende Erinnerung
ruft eine Rührung hervor, nicht zuletzt aufgrund des modellhaften Charakters
seiner Irrfahrten als verbannter deutscher Jude während der Zeit des National-
sozialismus; und beim Zerstörten kommt es auf das Melancholische an. Jeden.
faUs sind es therapeutische Erfahrungen, da endlich sich selbst begegnend.

22. DtJbrikkstnJk 23, Ikrlin


van Doorn, Phjlosophic= und Photographic= 249

2b. rue Noue Dime 8, Lourdes. EinSI Benj:lmins letzter Aufenthalt, jelzt Eing:lng zu einem
Parkplnz

Die Suche nach den Aufenthalten und Passagen war manchmal einer Detek-
tivarbeit vergleichbar, diesmal jedoch nicht geleitet von der kriminalistischen
Frage ..\Vler hat es getan?", sondern vielmehr vom ..Wo war es?" Also führte
das Suchen auch nach dem zuvor unbekannten Aufenthahsort Benjamins zur
Zeit der Gründung der ..\'irruellen Universität Muri", gemeinsam mit Gershom
Scholem. ur der ame Bonanomi war bekanm und natürlich jetzt in Mun
nicht mehr vorzufinden. Glücklkherweise gab das Telefonbuch von Bem Aus-
kunft, und von einem Großneffen der Enkelin Bonanomis in Luzern bekam
ich ein fast unleserliches Facsimile ins Hotel gebracht mit einer Abbildung der
Wohnung in Muri. Mit diesem Facsimile, aber ohne Adresse, reiste ich nach
dem Gemeindehaus in "'Iuri, wo man bei der fur Wasserleitungen zuständigen
Behörde scheinbar seit Jahren auf solch einen Antrag gewartet haue, so jeden-
faUs konnte man aus der Hilfsbereitschaft der Beamten vermuten. Es wurde
unmiuelba.r in den Archiven gesucht und ein pensionierter, Postkarten sam-
melnder Kollege angerufen. Mit Hilfe alter Pläne und alter Ansichtskarten
wurde die Adresse gefunden und das Haus tatsächlich photographiert.
Szondi bringt treffend zum Ausdruck, daß .,es keine Schilderung ohne Di-
stanz gibt, es sei denn die Reportage"4. Zugleich aber ist diese childerung
Zeugnis der Vergangenheit und Aufhebung der Distanz, weil sie eine erneute

• Nachwort von Pc=tc=r Szondi in; Sfiitlltbildtr, Frankfurt a. M. 1963, S. 80.


250 AklUelle Deb:men

3. Thorackersluße 19, Mud bei ßern.

symbolische, metaphorische Reise ins Vergangene ermöglicht. Photographien


zeigen eine Realität ohne irgendcine Ableitung, das Objekt ist vollkommen iso-
liert von seiner Umgebung und Geschichte. Das Photographierte zeigt sich di-
rekt, zwar vermittelt, doch diese Vermittlung entspringt dem Kopf des Be-
trachters.
Szondis Zitat im Gedächtnis behaltend ist auch die photographische Suche
ein Versuch gewesen, diese Distanz aufzuheben. Die Photographie soll uns wie
Alicc instand setzen, diese Distanz zu übcrn'inden und in das Bild zu kriechen.
Ich glaube, das wird nicht möglich sein, ohne die Schilderung. die objektivie-
renei wirkt, weil zugleich die phorographische Report~ge das Fremde, Unhei-
mische in Nähe verw~ndeh.
Die l\'letapher für diese Suche n~ch einem existierenden lachl~ß stellt das
Lab}'rinth dar. Wie Roland Barthes es sagte, "formen alle PhotOgt"aphien der
Welt ein Lab}'rinth"s. Das Labyrinth ist nicht beschränkt auf PholOgraphien,
die einen Teil des ganzen Labyrinths ausmachen, das wir als das Leben in der
W"e!t bezeichnen. So war es auch mit der Nachforschung und Erfindung man-
cher Benjaminscher Aufenthalte und Passagen, die selber auch wieder meta-
phorisch als Labyrinth gehen können.

, Roland ßarthes, LI' rhfll11brt dairt, Gallimard 1980.


van Doorn, Philosophie und Pholographie 251

411. SIr2ße in .der Ahsllldl. M:useille. "Die Slrllßc. die ich so ofl uh, ist wic cin Schnitt, den cin ~Ies·
ser gelOgen n:11II." (Waller Benjamin, .,Huchisch in Marseille", in: ßenjllmin, es. IV/!. S. 410)
252 Aktuelle Debatten

4b. Pauage du Caire, Paris. Die Verlockung iSI von der Außenseite abzulesen, die Fassade i51 mll
ägyptischen Motiven ddtoricn.
\'an Doorn, Philosophie und PhOlographie 253

5. Gnnds Magasin Ic Samantaine. Paris. Treppenhaus und Atrium ...Mögen die Pauagen ihre pnk-
usehen Bedeutung eingebüßt haben, so hat doch der Waren fetischismus, den sie inu.cnierten, unge-
brochen überlcbt". (\'trillem van Reijen, Herman van Doorn, Alifr1llhallf lI11d PilulIgr1l, Frankfun a. M.
2001, S. 192)
254 Aktuelle Debatten

Vielleicht liegt in ,Metaphern im allgemeinen und dem Labyrinth als Meta-


pher im besonderen der Schlüssel für meine Anstrengungen, die Welt phom-
graphisch zu fixieren. Benjamins Texte mach(t)en es mir einfach. die Welt auf
diese Weise zu interpretieren: in ,der Flaneur,6 deutet er die Stadt als Laby-
rinth. Dann folgen wie von selbst die Teile der Stadt., die Passagen und die gro-
ßen Warenhäuser; kurz das Pariser t 9. Jahrhundert. Und schließlich erscheinen
die Gedanken Benjamins im Passagenwerk als Labyrinth.
Es war nicht ohne Grund, daß schon Bocthius in der Gefangenschaft die
metaphorische Kraft des Labyrinths entdeckte und wir in seinem ,Trost der
Philosophie'7 einen fast Benjaminsehen Text lesen können: "Spielst du mit
mir, sagte ich, und webst ein unentwi.rrbares Labyrinth von Begründungen,
indem du bald eingehst, wo du ausgehen soHtest, bald ausgehst, wo du härtest
eingehen sollen, oder fliehst du einen wunderbaren Kreis götdicher Einfach-
heit... 8
Zum Schluß bleibr noch die F~ge, ob die Phorogrnphje eN'as der Phi.loso-
phie, den Wörtern hinzufUgr. Die Antwort ist, wie wir gesehen haben, nicht so
einfach zu geben, wenn wir uns den doppelten Chankter der PhotOgraphie vor
Augen führen: einerseits als autonome, kreative Disziplin und andererseits zu-
meist zur lUustration eines Textes verwender. Wie ich darlegte, kann das eine
zwar ohne das andere, aber sie ergänzen einander.

6 "Die Su.dt ist die Realisierung des ahen Menschemraumes vom l...2b)'rinth" in: es.
V/I,S.54!.
7 Boethius (480-524), Oe cOllsoliltiolle philoJophiile 111, 12,96. Hier zitiert n:!.ch der Ober-
setzung von Gegensch:!.tz-Gogen; in: Herrn:!.nn Kern: lßftyn'nthe, München 1982.
, Ebd.
Kurzbiographie und Bibliographie
Willem van Reijens, 1967-2003

WilJem van Reijcn (1938) studierte Philosophie, Psychologie, Pädagogik und


Gcrmanjstik in Löwen (Belgien) und Freiburg im Breisgau. Er promovierte
1967 in Freiburg im Breisgau mit einer Arbeit über K2.nt und Heidegger. Von
1968 bis 1975 arbcüctc er als Wissenschaftlicher Assistent an den Universitä·
ren Sruttgarr und Heidelberg. 1975 habilitierte er sich in Stuttgart mit einer Un-
tersuchung der Idenrüärskonzcprc in den Sozialwissenschaften. Ab 1975 Ober-
nahme einer Dozentur, ab 1985 des Lehrsruhls für SozialphiJosophie und polj.
tische Philosophie an der Philosophjschen Fakultät und an der Sozialwissen·
schaftlichen Fakultät der "Universiteit Utrechr« iederlande). Er ist Honorar-
professor an der Alberr-Ludwigs-Universität zu Freiburg im Breisgau.

Bibliographie
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"Aura atmen - der heilignüchterne Hauch", in: IVitntr Jobrbucb flir Pbi/oJopbie 33 (2001),
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"Die fremde Utopie. In Kafkas Strafkolonie", in: Po/iliJehn Denktn, Jabrbuch 200) (hrsg.
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vom I. Kapitel von Modemisitnmg. ProJekl oder Paradox? 1997).
Die Autoren

Keirnpe Aigra. Professor ruf Geschichte der antiken Philosophie an der nl·
\'c:rsitilt uechL

Ton van den Bdd. Hauptdozem für philosophische: Ethik an der Universität
uecht.
Wilhe1m Berget. Professor für Philosophie an der niversität KJagenfurt.

Ja" Bc:rgsrra. Professor für angewandte Logik an der Universität Uuecht und
an der Universität von Amsterdam.
Narbert Bolz. Professor flir Medienwissenschaft und Medienberatung an der
Technischen Universität Berlin.
Bett van den Brink. Dozent für praktische Philosophie an der Universität
Utrecht.
Hetman van Ooarn. Photograph zu Unecht.
Marcus Düwell. Professor für philosophische Ethik an der Universität Utrecht.
Wolfgang Eßbach. Professor fUf KulrursozioJogie an der Albert-Ludwigs-Uni-
versität Freiburg.
Rob van Gerwen. Dozent rur praktische Philosophie an der Universität Utrecht.
Jan Hein Hoogstad. Doktorand in der praktischen Philosophie an der Univer-
sität Unecht.
Ria van der Lecq. Dozentin für Geschichte der Philosophie des j\{jttelalters an
der Universität Urrecht.
Ludwig Nagl. Professor für Philosophie an der Universität Wien.
Hena Nagl.Docekal. Professorin für Philosophie an der Universität Wien.
Henning Onmann. Professor für politische Theorie und Philosophie am Ge-
schwister·Scholl·lnstitut der Universität München.
Gerard Raulet. Professor an der Ecole ormale Superieure de Lettres et
Sciences humaines und Direktor des Forschungszentrums ..Ze,itgenössische
politische Philosophie" am Cemre ational de Ja Recherche Scientifique in
Lyon.
Uwe Steiner. Associ:ne Professor of German a.n der Rice Universiry in Hou-
ston (fexas).
266 Die Autoren

Bernd Stiegler. Lektor beim Suhrkamp Verlag und Privatdozent rur Neuere
Deutsche Literatur und Medienwissenschaft an der niversität Mannheim.
Gunzelin Schmid acrf. Professor für Sozialphilosophie und Sozialethik an
der Hochschule Niederrhein ·Iönchengladbach.
. .
HeTman Schwengel. Professor für Soziologie an der Albert-Ludwigs- n1vcrSI-
tät Freihurg.
.
Theo Verbeck. Professor für Geschichte der ncueren Philosophie an der m·
versität Utrecht.
Albert Visser. Professor fUf philosophische Logik an der Universität Utrecht.
Rolf Wiggershaus. Philosoph und Publizist.
Raimar Zons. Professor für Literaturwissenschaften an der Universität Pader-
born und Leiter des Lektorats des Wilhelm-Fink.Veriags.
Personenregister

Abramowicz, 1\'1. 102 Bot~ro, G. 52, 55


Accius 52 Boyle, R. 132
Achtcrhuis, H. 179 Bradl~y, D. J. M. 43
Adeimantos 50 Bringmann, K. 11
Adenauer, K. 124,125 Brink, B. van d~n, 8,75.155-166
Adorno, Th. W. 94, 108, 112. 117, 118, Brunkhorst, H. 25,29, 153
121-125.129-137,184,185,187 Brunnschvig, L. 72
Albers,j. 194 Budd, M. 102
Alexander, R. 232 Bulgagov, $. 72
Algra, K. 11-23 Burk~, P. 55
Anders, G. 243 BurtSch~r, s. 8
Anderson, L. 240-245 Butl~r,J. 139
Ankersmit, F. 96
Caelius Rufus 15
Antiochus von Ascalon 13, 17
Canovan, M. 25
Arendt, H. 24-30,157,217
Chelcicky, P~tr 80
Arisloteles 44,45,48.51,52,168,174,178
Chrysipp 19
Augustinus 11, 24-38
Chuck D. 223
Auruncululeius Cotta, L. 21
Cic~ro, M. T. 11-23, 50, 52, 54, 174
Axelrod, R. 228,229, 231, 234
Cornelius Nepos 55
Baecker, D. 141-143 Corsi, G. 199
Balzac. H. de 90 Croce, B. 72
Baraldi, C. 199 Cromwell, O. 69
Barket, E. 51 Crowell, $. G. 110
Barnes, J. 17 Curri~, G. 96, 97, 105
Barthes, R. 90.101,103.250 Curtius Rufus 55
ßaudrillard, J. 240-245
Dauthendey, M. 104
ßeck, U. 196
Deleuze, G. 139
Becthovcn, L. van 119
Derrida, J. 30, 139
Beiner, R. 26
Diamond,J. 208
Beld, T. van den 71-82
Diedrichsen, D. 138, 139
l3ehing, H. 236
Dillhcy. W. 134
Bcnhahib. S. 30
Diodor 55
Benjamin, W. 7,8,83-95,97,98.101,
Diodotus 13
103-105,106-116,122,215,246-254
DJ Afriklt Sambaataa 220
BergeT, \VI. 167-178
DJ Vadim 224
B~rgstta, J. 204--216
Driesch, H. 72
B~rkowitz, P. 161
Diogcnes Laerdus 49
Big L 223
Donner, W. 8
Biggj~ Smalls 223
Doorn. H. van 246-254
Bliittl~r, S. 30
Douglas, M. 229
Bloch, E. 122
Ducci, L. 55
Blum~nb~rg, H. 130
Düwell, J\t 179-190
Bobben, M. 189
Bo~thius 254 Ebcling, H. 109
Bolz. N. 7.8, 110.225-234,240,242 Enden, F. van den 66
268 Personrnregislcr

D'Entrcvcs, A. P. 45 H~intc.l.P. 178


Eschcr. M. C. 103 Hitl~r. A. 119.121.124,126
Escr,U.189 Hob~s, T. 63, 64. 132. 155. 240
Esposito, E. 199 Hocknty. D. 104
Eßbuh. W. 129-137 Höff~, O. 29
Epikuf 90 HofmansthaI. H. von 114
Honig. B. 30
Faithful, ;\1. 235
Honn~lh, A. 30,76,152
Farfu, V. 11\
Hoogstad.J. H. 217-224
Fechner, G. T. 113
Horkheim~r, M. 117-121.123,124.125,
Ferrary, J.-L. 17
184,185
Flood, M. 226
Houll~b~cq. M. 239, 240--245
Foucault, M. 129-137,158. 16:l--166, 171,
Hromida, J. L. 72
186,239,240
Hubig, C. 194
Frank, M. 183,236
Huizinga.,J. 39,40
Frcgc, G. 205
Humington. S. P. 170
Frcud, L 103
Hum~. D. 12,201,202
Frcud. S. 134
Hus, J. 80
Fried, M. 101
Hutehenson. F. 203
Fruin. R. 60
Fuchs, H. 13 Ishaghpour, Y. 108
Fukuyam2, F. 144
Israc.l. J. 60
Funda, O. A. 71
Gawlic:k, G. 11, 14 Jagger. ~t 235
Gcbhard!, C. G. 60 Jakowenko. B. 71
Gehlen, A. 131,179 James, W. 35
Gelb, A. 134 Jam~son. F. 139

Gergen, K. 238 Jauß. H. R. 236


GcrSlcnmaicr, E. 126 Jax. K. 189
Gerwcn. R. van 96-105 Jc.lden, E. 194
Giddcns, A. 141 Joas, H. 157
Gi1son, E. 39,40,41 Jonas.H.171
Glaukon 50 Jones. S. 224
Göddc, C. 113 Jor, B. 241
Goldmann, L. 108
Goldsu~in, K. 134
Kafka. F. 94. 95
Goodin. R. 96 Kant, I. 36.68.81,119,146,149. ISO, 151.
GÖrlcr,\'iI. 11,14,17 155.163,171.203.237.240
Granovwcr, M. 232,233,234 Kamper. D. 8. 236
Griffin, M. 14,17,19 Kemper, A. 187
Gr~bnu. v. 236 Kemptr, P. 29.240
Gumhcr. G. 228. 229 Kern. H. 254
Ktnering, E. 110
H:abt:rmas,J. 111,118.121,124-128,142. Kc:)'nc:s.J.M. 139
149,152-156, 16G-163. 172, 186.237 Kierkc:ga..ard. S. 108. 178
Hudt. M. 140 KJossowsk.i, P. 237
Hirl~, c..c. 168 Knight. F. 231
Han~n5Idn. G. 203 Knoche, S. 107
Havc.l, V. 71 Kochin, M. 20
Hav~rkamp, A. 236 Kohn. J. 26
H~gc.l, G. W. F. 31.138.144,145.155 Komc:nsk)', J. A. 80
H~idegg~r, M. 7.8.106-116,131,177, Kooijmans. M. 212
179.185,186,187.205.215.219.243 Krebs. A. 182
Personenregister 269

Kremer, K. 4 I aess, A. 182


Kriste,'a, J. 27 agl, L. 24-38
Krohn, \'Cl. 197 lagl-Docekal, H. 24-38
KR$·One 223 Nancy, J.-L. 176, 177
Krücken, G. 197 letisek. F. 72
Krüger, H.·H. 152 legri, A. 140
Kumaniecky, K. 13 eschke-Henlschke, A. 13
Kurzwdl, R. 241 Neske.G.ll0
Neumann, F. 119.120
Lacan,J. 96,98,99,100.101,103,243 Nicolel, C. 148
Laktanz 50 Nietzsche, F. 81,112,121,158,174,178,
Landsman, K. 212 236. 245
Lee,!, R. van der 39-47 Nohe. P. 141
Lee. $. 221 Novalis 119
Leibniz. G. \'f. 205
Leifer, E. 226 0' eilJ. O. 36
Lenin. V. J. 72 Oumann, H. 48-59
L.conard, J. 11 O"..eo, D. 162
Lesniewski, S. 205
Pallenberg, A. 235
Undbiom. C. 230, 232
Panaiuos 50
Lindner. B. t07
Perry. M.J. 162
Lipman. \Xl. 145
Pelut, P. 96
Livius 49.54
Phiion \Ion Larissa 13, 17
Locke,J. 155
Phillips, A. 96
Long, A. 15.17
PlalDn 15.16.48,50, SI, 131
Lonitz. H. 113
Plant, S. 240-245
Loo. H. van der 185
Plessner. H. 129-137
Lossky, N. 72
Plutarch 53
Luhmann. N. 138--145. 197-202,242
Porcius Cato, M. 14
LuHes, G. t08
Polybios 49. 53, 54
Lullus, R. 205
Posidonius 13
Lumiere. A. und L 99
Pumam, R. 233
Luther, M. 240
Lromd. D. 31 Quine, W. V. O. 205
L)'omd. J.-F. 24. 30-38, 244
Raulet, G. 146-154
Machia\ldli, N. 48-59,65 Rawls, J. 74-82, 155. 156
Macho\'ec, M. 72 Rawson, E. 11
i\hclruyrc, A. 75,77 Rcfuge, E. du 55
Magriue. R. 103 Reijen, \'Cl. L. van 7-10,73,75, 103, 105,
Marsiljus von Padua 47 107.156.181,185,204,215,238,240-
Marten, R. 244 245, 246-254, 255-263
Man, K. 131,134.144,211,216 Reinhardl, K. 51
i\hlsaryk. T. G. 71-82 Rembrandt van Rijn 103
Matheron, A. 60 Rheinberger, H.-J. 173
Matraver'S, D. 101 Ribadene)'ra, P. de 55
Ma)'. L. 26 Rijpkema. P. 73
Marer, M. 230 Rilter, J. 187
Mehmd, F. 52 Ro!ston, H. 182
Michel, K. 12 Rothenberg, J. 229
MiIler, D. 73,74 Rouner, L. S. 162
Moldenhauer. E. 12 Rousseau, J .•J. 155
MÖrchen. H. 109 Russdl, B. 205
270 Personenregister

Saengcr. P. 210 Str2USS, L 48, 49


Sallust 55 Sltindbcrg, A. 112
52ndel, M.J. 75-77,80,152 Sucron 52
Sasso, G. 49 Szondi, P. 247,249
Savonarob, G. 69
Schifcr, H. D. 120 T2Citus 49,55,56
Schdksy, H. 131 T2rski, A. 205
Schdlhase, K. C. 55 T2Ubcs, J. 138
Schelling. T. 225 T2ylor, C. 75,76,79,80, 162
Schmid, \Vi. 244 Th2tcS 130
Schmid ()(:rr. G. 8,191-203 Thom2S von Aquin 39-47
Schmitl, C. 232 Thnls)"m2chos 50
Schmolz, F.-M. 48 Thuk)"didcs 50, 51
Schnädelbuh. H. 121 Ticdcm2nn, R. 83, 112,246
Schocklee, H. 223 Toff2nin, G. 55
Schofidd, M. 17. 20 Toistoi, L 112
Schalem, G. 84, 112 Tom2si,j. 161
Schulz, M. 236 Tönnies, F. 232
Schumperet, J. 139 Trilling, L 145,236
Schwengel, H. 138--145 Tully,j. 158,159,162,165
Schwcppcnhäuser. H. 83,246 Tupac Shakur 223
SCOtl,j.V.26,29 Turklc, S. 242
Sean-Heran. G. 217-224
Seruton, R. 96,97, 100. 105 V2n K1cy, D. K_ 160
Seckler, M. 42 Veblen, T. 231
Stel, M. 187 Verbeek, T. 60-69
Selten, R. 232 Vermazen, B. 102
Senec3 52, 55 Villari, P. 52
Sennw. R. 240--245 Visscr, A. 204-216
Simmel, G. 112 Vollr:uh, E. 25
Siman, H. 230
Skinner, Q. IS8,159 W2gncr, R. 123
Siotcrdijk. P. 169. IBO Walzer, r-.1. 151,153,160.162
Smith, A. 227 Weber, M. 106,109-115
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