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Wolfgang Dietrich

Variationen über die vielen Frieden


Schriften des UNESCO Chair for
Peace Studies der Universität Innsbruck
Herausgegeben von
Wolfgang Dietrich
Wolfgang Dietrich

Variationen
über die
vielen Frieden
Band 2:
Elicitive Konflikttransformation
und die transrationale Wende
der Friedenspolitik
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1. Auflage 2011

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Lektorat: Dorothee Koch

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Printed in Germany

ISBN 978-3-531-18123-3
Inhalt

Vorwort ................................................................................................................ 7

A. Einleitung ................................................................................................... 13
1 Perspektivenbildung..................................................................................... 13
2 Erkenntnisinteresse ...................................................................................... 18
3 Struktur und Methode ................................................................................. 32
4 State of Art................................................................................................... 38

B. Grundlagen................................................................................................. 55
1 Humanistische Psychologie .......................................................................... 55
2 Curriculare Aspekte...................................................................................... 91

C. Atem-orientierte Zugänge zu elicitiver Konflikttransformation ............. 121


1 Schamanische Ursprünge ........................................................................... 123
2 Holotropes Atmen ..................................................................................... 138
3 Vipassana und Quantum Light Breath ....................................................... 156

D. Stimm-orientierte Zugänge zu elicitiver Konflikttransformation........... 173


1 Gewaltfreie Kommunikation...................................................................... 175
2 Themenzentrierte Interaktion..................................................................... 188
3 Psychologie der zwischenmenschlichen Kommunikation............................ 196
4 Vorsprachliche Methoden: ......................................................................... 212

E. Bewegungs-orientierte Zugänge zu elicitiver


Konflikttransformation ............................................................................ 225
1 Butǀ........................................................................................................... 230
2 Budǀ – Aikidǀ ........................................................................................... 234
3 Politisches Aufstellen.................................................................................. 244
4 Transformative Theaterarbeit ..................................................................... 261

5
F. Zur transrationalen Wende in der internationalen Friedensarbeit ......... 279
1 Die transrationale Wende in der Diplomatie............................................... 288
2 Die transrationale Wende in militärischen Friedensoperationen.................. 299
3 Die transrationale Wende in der Entwicklungspolitik ................................. 312
4 Die transrationale Wende in der Nationalökonomie ................................... 329

G. Zur transrationalen Wende in der Friedensforschung: Themen,


Ebenen und Schichtungen elicitiver Konflikttransformation ................. 347
1 Die Episode: Der Tanz der personae ........................................................... 362
2 Elicitives Heilen: Sexualität und Familie ..................................................... 364
3 Elicitives Vertrauen: Zugehörigkeit und Gemeinschaft................................ 369
4 Elicitives Bewusstsein: Bindung und Gesellschaft ........................................ 372
5 Elicitives Beobachten: Spiritualität und Polizität ......................................... 377
6 Elicitives Bezeugen: Gewahrsein und Globalität .......................................... 381
7 Das Epizentrum ......................................................................................... 383

Konklusion des zweiten Bandes....................................................................... 385

Bibliographie .................................................................................................... 389


Monographien, Sammelbände und Aufsätze....................................................... 389
Internetquellen .................................................................................................. 401
Unveröffentlichte Texte ..................................................................................... 406
Offizielle Dokumente ........................................................................................ 407
Film- und Tondokumente ................................................................................. 408

6
Vorwort

Der erste Band dieser Trilogie beschäftigte sich mit den Deutungen des Begriffs Frie-
den in unterschiedlichen Kontexten. Mir ist es darum gegangen, die Friedensbegriffe
von Menschen verschiedener Weltanschauungen darzustellen und zu systematisieren.
Ich habe aufgeschrieben, was mir im Laufe vieler Jahre auf meinen Reisen, in der
praktischen Arbeit, in der Lehre und in der Literatur begegnet ist. Das habe ich so zu
strukturieren versucht, dass meine Leserschaft angesichts der Fülle des Materials nicht
die Orientierung verliert. Daher hat der erste Band deskriptiven Charakter, aber
nicht ausschließlich. Struktur bedeutet mir mehr als das Katalogisieren von Befun-
den. Ich habe es mir beim Ausleuchten der philosophischen Grundlagen und Cha-
rakteristika der verschiedenen Deutungen nicht einfach gemacht und eine Kategori-
sierung vorgeschlagen, die nach einer ausführlichen, tiefgehenden und überzeugenden
Begründung verlangte. Glaube ich der Reaktion von Publikum und Kritik, ist mir das
einigermaßen gelungen, wenn es auch gerade dieses Anliegen gewesen sein dürfte, das
aus dem deskriptiv vergnüglichen Text stellenweise schwere akademische Kost ge-
macht hat. Thorsten Borsdorf, ein in Feldarbeit erfahrener Kollege aus Deutschland
schrieb mir in einem persönlichen e-mail:

Als ich Ihnen avisierte, mich nach der Lektüre des Buches wieder zu melden, da war ich
ein Ahnungsloser. Ich hatte keine Ahnung, dass man mit den Deutungen zu vielen
Frieden keinesfalls nur ein Buch liest. Ich wusste nicht, dass man damit eine Expedition
unternimmt. Nun meldet sich von Zeit zu Zeit ein innerer Mitreisender, der strecken-
weise Einhalt gebietet und mir zu den Interpretationen der vielen Frieden verschüttet
geglaubte eigene Bilder aus unterschiedlichen Kulturen zuspielt. Je weiter die Expedi-
tion fortschreitet, umso stärker wird der Dialog zwischen meinem inneren Mitreisen-
den, mir selbst und den Einwirkungen Ihres Buches; umso mehr Perspektiven erhalte
ich auf meine eigenen Erlebnisse und bisherigen friedenskulturellen Deutungsmuster.
Seit den Büchern von Miguel Chase-Sardi und Claude Lévi-Strauss ist mir das nicht
mehr so ergangen. Die Expedition geht weiter; es ist hinreißend.

Auch für mich selbst war der Prozess des Schreibens dieses Buches und des Syste-
matisierens der vielen Frieden eine Expedition, nicht nur lehrreich, sondern die
wichtigste persönliche Transformation dieser Forschungsjahre. Ausgehend von der

7
Perspektivenbildung des ersten Bandes empfinde ich heute, dass mich das Schreiben
vor allem des Kapitels über die transrationalen Frieden verändert, mir einen nicht
geringen Teil des konzeptionellen Ballastes aus idealistischen Tagen abgenommen
hat. Befreiung ist vielleicht ein zu großes Wort, aber Erleichterung, Entspannung,
Klärung sind treffende Begriffe. Ich spüre diese Entspannung in vielen Bereichen
meines Lebens.
In meinen Vorlesungen wurde mir diese Transformation von meinen bevor-
zugten Gurus, den Studierenden, deutlich vor Augen geführt. Hatte ich im Vorfeld
des ersten Bandes stets an den Lippen vor allem jener Studierenden gehangen, die
von Friedensvorstellungen aus mir unbekannten Zusammenhängen berichteten, so
hat mich dessen Fertigstellung zu einem begeisterten Herold transrationaler Frieden
gemacht. Eines Tages fragte mich aber eine Studentin an der Friedensuniversität der
Vereinten Nationen in Costa Rica nach einer Unterrichtswoche, wozu all meine
philosophischen Überlegungen gut sein sollten, wenn sie doch Friedensstudien
belegt habe, um Konflikte lösen zu lernen, um mehr Frieden in die Welt zu brin-
gen. Was sollten Jahrtausende alte Weisheiten, Kategorisierungen und Erkenntnisse
aus fernen Ländern helfen, wenn in Palästina oder Afghanistan immer noch ge-
schossen und gestorben werde?
Hätte meine Absicht, diesen zweiten Band über die Wissenschaft, Kunst, Praxis
und Lehre der elicitiven Konflikttransformation zu schreiben, nicht längst bestanden,
so wäre das wohl der Augenblick zu dem entsprechenden Entschluss gewesen. Ich
denke, dass Friedensstudien eine einzigartige Chance sind, sich intensiv auf die
Grundlagen jenes Denkens und Fühlens einzulassen, auf die Sehnsüchte, Leiden-
schaften, Hoffungen und Frustrationen, die uns als menschliche Wesen in unseren
Frieden hindern und in unseren Konflikten leiten, zumeist ohne dass wir uns dessen
bewusst wären. Ein profundes Verständnis davon, wie wir funktionieren und wie wir
kommunizieren, erscheint mir als unerlässlich für jede Art von gewollter, bewusster
und professioneller Konflikttransformation, sei es auf persönlicher, familiärer, grup-
penspezifischer oder internationaler Ebene.
Diese Meinung resultiert aus meiner Hinwendung zu den transrationalen Frie-
densbegriffen, denn würde ich in moderner Art menschliche und soziale Beziehungen
mechanistisch betrachten, könnte ich unter FriedensarbeiterInnen HandwerkerInnen
verstehen, die so ausgebildet werden, dass sie einige defekte Teile an der Maschine
Welt reparieren, ohne das größere System notwendigerweise verstehen zu müssen,
Weltingenieure oder Friedensinstallateure. Ein solcher Zugang ist möglich, aber doch
beschränkt, wenn nicht kontraproduktiv. Daher mute ich ihn meinen Studierenden
nicht zu. Der transrationale Ansatz führt sie tiefer, zu sich selbst und in die Tiefe des
Systems Mensch, des Systems Welt.

8
Meine heutigen Gurus werden bald praktische Aufgaben und Funktionen der
Friedens- und Konfliktarbeit ausfüllen. Wenn ihnen einmal der kalte Wind des
Erwerbslebens in einer friedensorientierten, staatlichen oder nicht-staatlichen Orga-
nisation ins Gesicht bläst, wird ihnen ihr Arbeitgeber keine Zeit für derartige Über-
legungen zugestehen. Sie werden kurzfristig ergebnisorientierte Arbeit leisten müssen.
Das heißt, sie werden oft mit politisch-bürokratisch verkaufbaren und oberfläch-
lichen Aufgaben betraut sein und deren Erfüllung hinterher hasten. Vielleicht be-
wahrt sie die im Studium erfahrene Tiefe dann vor Zynismus, Frustration, Burnout
und einem heuchlerischen, den eigenen Unterhalt sichernden Arrangement mit der
Institution. Ich behaupte nicht, dass die Idee transrationaler Frieden sie gegen diese
oft zu beobachtende Dynamik immunisiert. Aber ich denke, dass derartiges Wissen
dazu anregen kann, manche Lebens- oder Sachentscheidung seinsorientiert zu
treffen, mancher technischen Alltagsentscheidung Tiefe zu geben, manche unschein-
bare Abzweigung – vielleicht zum inneren Bergsee, den ich als Metapher in den
ersten Band dieser Trilogie eingeführt habe – am eigenen Lebensweg wahrzunehmen.
Solche Abzweigungen aus dem Trugbild der Moderne scheinen mir eher und
öfter im Angesicht von Krisen in der Lebensmitte genommen zu werden als in jenen
stürmischen Jahren, in denen das Ich zur vollen Blüte strebt, der Idealismus als
Paradigma starke Konzepte prägt. Dennoch, die Gelegenheit bis an die Wurzeln zu
denken, ist nie günstiger, die Zeit nie verfügbarer als in jenen Sturm- und Drang-
jahren, das Herz nie offener und die Erkenntnis nie wertvoller.
Nicht alle wollen diese Gelegenheit ergreifen. Ich verstehe meine Ausführun-
gen als einen Vorschlag, nicht als Dogma, und fühle mich nicht angegriffen, wenn
jemand meinen Enthusiasmus über die Vielfalt der Friedensvorstellungen, wie ich
sie im ersten Band beschrieben habe, nicht teilt, sondern lieber präskriptive Hand-
lungsanleitungen für idealistisches Konfliktklempnern hätte. Besonders jungen
Menschen steht diese Ungeduld zu. Es ist aber notwendig, dass ich mich der Auf-
gabe stelle, die friedensphilosophischen Analysen des ersten Bandes praxisrelevant zu
machen. Denn für die Friedensforschung als akademische Disziplin gilt zumindest
ein Aspekt ebenso sehr wie für die Medizin, die Rechtswissenschaften oder die
Technik: Die Studierenden müssen sich ein Grundgerüst an Faktenwissen aneignen.
Sie dürfen sich mit den Epistemen ihres Faches auseinandersetzen, diese laufend
diskutieren und neu interpretieren. Früher oder später kommt aber der Augenblick,
in dem es über das hinaus geht, in dem bloßes Wissen nicht mehr genügt, sondern
heilsam in die Praxis umgesetzt werden will. Für den angehenden Chirurgen etwa
ist es essentiell, den menschlichen Körper bis ins kleinste Detail zu kennen, wenn er
erstmals das Skalpell ansetzt. Darüber hinaus muss er auch die praktische Handha-
bung seines Werkzeugs so intensiv geübt haben, dass er es mit Sicherheit bedienen

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kann. Er muss seine eigene Person soweit auf den Vorgang vorbereitet und einge-
stimmt haben, dass er im Zuge der Operation nicht durch Nervosität, mangelnde
Konzentration, Übelkeit oder sonstige Überforderung Schaden anrichtet und zur Last
für Patienten oder Team wird. Ähnliches gilt für die angehende Rechtsanwältin, die
zu allererst natürlich die Gesetze kennen muss, darüber hinaus aber auch deren
Interpretationspraxis und Anwendung. Der Erfolg ihres Unterfangens wird in einem
ebenso hohen Maß von ihrer Überzeugungskraft und damit von ihrer inneren
Ausgeglichenheit, Argumentationsstärke, Kommunikationstechnik, kurzum von ihrer
persönlichen Intuition, Disposition, Eignung, Übung und Vorbereitung abhängen.
In derselben Weise ist es gut für Friedens- oder KonfliktarbeiterInnen, um die
Vielfalt der Deutungen und Bedeutungen von Frieden zu wissen, möglichst viele
davon zu kennen und zu verstehen. Darüber hinaus wird dieses Wissen aber erst
praxisrelevant, wenn sich das Erlernte methodisch und kommunikativ in einem
realen sozialen Rahmen anwenden lässt. Da die betroffenen Akteure bei einem sol-
chen Unterfangen ihre ganze Persönlichkeit, ihr Selbstverständnis und manchmal
auch ihr Leben zum Einsatz bringen, ist der vorbereitende Erwerb der methodisch-
didaktischen Fähigkeiten und die Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlich-
keit, der Motivationen, der Widerstände und Grenzen hier im Verhältnis noch
wichtiger als in Berufen, die eher dem Ideal eines in seiner Expertise handelnden
Akteurs und eines behandelten Patienten, Klienten oder Objekts folgen.
Ich hatte, wie gesagt, schon lange eine Auseinandersetzung mit diesem prak-
tisch-didaktischen Aspekt akademischer Friedensarbeit vor. Ich mache es jetzt als
einer, der durch die jahrelange Erfahrung gegangen ist, die zu jenem ersten Band
führte. Ich wünsche mir, dass Menschen, die sich von meinen Vorschlägen angezo-
gen fühlen, diese Erfahrung in ihrer eigenen Anwendung respektieren. Deshalb habe
ich den zweiten Band nicht, wie ursprünglich beabsichtigt, einfach Methoden ge-
nannt, denn wiewohl es überwiegend um Methoden gehen wird, möchte ich nicht
in der Weise missverstanden werden, dass ich hier ein Handbuch des präskriptiven
Konfliktklempnerns verkaufe.
Der erste Band hat mich, den UNESCO Chair, den ich bekleide, und den
Universitätslehrgang für Friedensstudien in Innsbruck auf das Konzept der transra-
tionalen Frieden festgelegt. Daraus folgt, dass dieser zweite Band auf elicitive Kon-
flikttransformation hin argumentiert, welche die Methode ist, die sich folgerichtig
aus diesem Ansatz ableitet. Die vorliegende Trilogie titelt Variationen über die vielen
Frieden. In der Musik beschreibt Variation die spiralenförmige Wiederholung eines
Themas in stets neuen Klangformen. Das ist ein meditativer Vorgang. Genau des-
halb nenne ich diese wissenschaftliche Trilogie Variation. Die Wiederholung des
Motivs, der Analogie, der Erzählung in einer neuen Form ist ein tief meditativer

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und zugleich akademischer Lernprozess. Elicitive Konflikttransformation ist eine
Variation transrationaler Frieden. Ähnlich wie beim ersten Band wurde ich im Zuge
der Recherchen von der Erkenntnis überrascht und erfreut, dass schon viele heraus-
ragende Geister diesen Weg vor mir gegangen sind. Ich darf ihnen folgen und mei-
nen eigenen Beitrag zu einer Diskussion leisten, die sie entfacht haben. Mein dies-
bezüglicher Dank gilt an erster Stelle John Paul Lederach, der das Konzept
entworfen hat, und all seinen Vorgängern in den akademischen Disziplinen der
Friedensforschung und der Humanistischen Psychologie, auf die ich in diesem Buch
umfassend und einzeln eingehen werde.
Ich danke auch allen Institutionen, die im Anschluß an die Veröffentlichung
des ersten Bands dieser Trilogie die Arbeit am zweiten Band möglich gemacht ha-
ben. Das sind vor allem die Österreichische UNESCO Kommission, die Universität
Innsbruck und das Tiroler Bildungsinstitut Grillhof, wo der Universitätslehrgang
für Friedensstudien seinen Sitz hat.
Ich danke der von uns so genannten Herzensfakultät des UNESCO Chairs
und seines Lehrgangs, aus der mich bei diesem Band Daniela Ingruber, Norbert
Koppensteiner, Andreas Oberprantacher und Wolfgang Sützl besonders unterstützt
haben. Ebenso danke ich der gestaltend mit dem Lehrgang verbundenen ExpertIn-
nenrunde, aus der diesmal Birgit Fritz, Henriette Heinrichs, Peter Kirschner, Nish-
kam Koch, Fabian Mayr, Gerhard Oppl, Hanna Raab, Armin Staffler, Sylvester
Walch und Winfried Wagner fachliche Assistenz geleistet haben. Der Kreis derer,
die durch ihr Mitwirken am Lehrgang, durch die Inhalte, Ideen und Methoden, die
sie einbringen, durch ihre Freundschaft und ihr Dasein inspirierend wirken, ist
noch viel größer. Ihnen allen danke ich aufrichtig.

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A. Einleitung

1 Perspektivenbildung

Die Agenda for Peace1 des UN-Generalsekretärs Boutros Boutros-Ghali aus dem Jahr
1992 war ein Versuch, auf die damals völlig neuen Möglichkeiten und Herausforde-
rungen im Weltsystem zu reagieren. Sie ging weit über das bis dahin von den Ver-
einten Nationen vertretene Verständnis von Konfliktarbeit hinaus. Vor- und Nachlauf
gewalttätiger Konflikte wurden ab da als integrative Teile der Auseinandersetzung
selbst erkannt. Obwohl es nach wie vor keine verbindliche Sprachregelung für die
Maßnahmen um und in einem Konflikt von überstaatlicher Dimension gibt, folge ich
in diesem Buch der heute mehrheitlichen Benennung der einzelnen Stufen internatio-
naler Friedensarbeit entsprechend der Chronologie und Intensität des Konfliktverlaufs
als Preventive Diplomacy, Peacekeeping, Peaceenforcement, Post-conflict Peacebuilding.
Das traditionelle Spektrum vorbeugender Maßnahmen in der Diplomatie, wie
etwa die klassischen Guten Dienste, wurden seit der Agenda for Peace personell, me-
thodisch und technisch zu einem umfassenden Frühwarnsystem erweitert, das sich
nötigenfalls über rasch abrufbares Monitoring oder Fact Finding Missions eine Expertise
verschaffen und ebenso rasch über ein präventiv vernetztes Informationssystem zu-
mindest humanitär, diplomatisch und ökonomisch, wenn nicht überhaupt militärisch,
intervenieren sollte, um die schlimmsten Folgen von Auseinandersetzungen abzufe-
dern, bevor sie sich zu großflächigen und extremen Formen der Gewalt auswachsen.
Die in den vorangegangenen Dekaden vor ihren eigenen Ansprüchen weitgehend
gescheiterte Entwicklungspolitik wurde als Maßnahme des Peacekeeping neu entdeckt
und definiert. Sozialer Fortschritt durch Entwicklungshilfe und entsprechend gestal-
tete ökonomische Rahmenbedingungen sollten die Gewaltneigung vor allem periphe-
rer Gesellschaften im Weltsystem reduzieren.
Die Beobachtung der Menschenrechte in Konfliktlagen, die Überwachung von
Wahlen und logistische Unterstützung des Institutionbuilding oder humanitärer
Hilfe über Staatsgrenzen hinweg wurden Alltag. Das Spektrum ziviler und militäri-
scher Maßnahmen in Problemfällen weitete sich aus, auch jener, die in der UN
Charter nicht explizit vorgesehen waren. Unter der originellen Bezeichnung Chapter
VI½ wurden als Peacekeeping alle Maßnahmen subsumiert, in denen die militäri-

1 Boutros-Ghali 1992

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W. Dietrich, Variationen über die vielen Frieden, DOI 10.1007/978-3-531-93089-3_1,


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schen und zivilen, bewaffneten und unbewaffneten Operationen der UN ineinander
liefen, um zu Friedensprozessen beizutragen, sie einzuleiten und aufrecht zu erhal-
ten. So etwa bei der mit Fact Finding oder Monitoring verbundenen Einrichtung
demilitarisierter Zonen zwischen Konfliktparteien oder der Errichtung und Kon-
trolle von Chapter VI Maßnahmen gegen bestimmte Regime, was nun in kreativer
Weise international akkordierbar wurde.2
Das Chapter VII erfuhr im Zuge des neuen Verständnisses dessen, was Peace-
making in der Praxis der Vereinten Nationen von nun an sein sollte, die am weitesten
reichende Neuinterpretation. Das bis dahin vorausgesetzte Einverständnis der Kon-
fliktparteien wurde für eine vom Sicherheitsrat autorisierte und bewaffnete Interven-
tion nicht mehr als erforderlich angesehen. Peaceenforcement als bewaffnete Maß-
nahme der Vereinten Nationen nach Chapter VII sollte auch ohne Parteienkonsens
durchgeführt werden können, wenn die entsprechenden Voraussetzungen vorlagen.
Schließlich sollte Post-conflict Peacebuilding den Opfern eines bewaffneten
Konflikts nach dem Abebben der physischen Gewalt beim Wiederaufbau des zivilen
Lebens beistehen. Peacebuilding kann von der rein humanitären Hilfe über ziviles
Institutionbuilding bis zur Wahrnehmung staatlicher Funktionen wie etwa der Poli-
zeiarbeit reichen. Letztendlich umfasst es sämtliche Bereiche der herkömmlichen
humanitären Katastrophen- und Entwicklungshilfe. Hier schließt sich der Kreis zu
Peacekeeping. Nach dem Konflikt ist vor dem Konflikt, wenn das Post-conflict
Peacebuilding nicht greift.
Die Vereinten Nationen näherten sich durch die Agenda for Peace um einen
bemerkenswerten Schritt der idealistischen Bestimmung an, die ihre Gründung ein
halbes Jahrhundert zuvor getragen hatte. Zugleich zeigte sich im Zuge der nun rasch
aufeinander folgenden Erfahrungen der Bedarf nach konzeptionellen Neuerungen,
weil das traditionelle Peacekeeping den Anforderungen in der Einsatzpraxis selten
gerecht wurde. Hier galt es an Erfahrung nachzuholen, was der Kalte Krieg nicht zu
lernen erlaubt hatte. Es bedurfte einer Praxis im Umgang mit neuen Typen organi-
sierter Gewalt, den so genannten New Wars,3 die mit dem klassischen Typus des
zwischenstaatlichen Kriegs der Moderne nur noch den Namen gemein hatten. Diese
neuen Kriege, die in vielerlei Hinsicht vormodernen Charakter trugen und insofern
gar nicht so neu waren, ließen sich mit den klassischen Kriterien des Völkerrechts
nicht beurteilen und mit seinen Methoden nicht befrieden, ja sie entzogen sich
ihnen, weil sie juristisch meist eher das Gesicht innerstaatlicher Auseinandersetzun-
gen hatten, nicht internationaler, und die Akteure samt ihren Interessen und Hin-
terleuten weitaus schwerer zu (er)fassen waren. Das brachte die Prinzipien der Sou-

2 Wallensteen 2007 S. 240


3 Drake 2007, Hirst 2002, Kaldor 1999, Münkler 2005, Shaw 2005.

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veränität und Nicht-Intervention als traditionelle Säulen des Völkerrechts in einen
paradigmatischen Gegensatz zu den jüngeren, aber ebenso grundlegenden Errun-
genschaften der Menschenrechte und des Humanitären Rechts.
Die Agenda for Peace, ihre Nachfolgedokumente und die entsprechenden Pro-
jekte wurden in der Wissenschaft und Politik ausgiebig gerühmt und gerügt. Ich
tendiere bei aller Anerkennung der Lerneffekte eher zu letzterem, weil ich das idealis-
tische Menschbild bezweifle, das ihre Konzepte begründet. Ihre Anthropologie
scheint mir einer empirischen Prüfung nicht standzuhalten. Menschen werden nicht
grundsätzlich gewalttätig, wenn sie der Hunger quält, und sie verzichten nicht not-
wendigerweise auf Gewalt, wenn ihre grundlegenden Bedürfnisse befriedigt sind.
Vielmehr sind zumindest die folgenschwersten und extremsten Formen der Gewalt
regelmäßig von Menschen zu verantworten, deren Grundbedürfnisse mit Sicherheit
mehr als nur befriedigt sind. Als Einrichtung, die aus einer Mischform idealistischer
und realistischer Ansätze entstanden ist, sehen das die Vereinten Nationen wohl auch
selbst so. Denn am Umstand, dass da, wo idealistisches Peacekeeping versagt, im Pea-
ceenforcement immer noch die realistische Alternative der Internationalen Beziehun-
gen als Ausweg gewählt werden kann, hat sich seit 1945 nichts geändert. Nur der
Einsatz dieses ultimativen Mittels ist wahrscheinlicher geworden.
Ich werde mich im letzten Kapitel dieses Buches ausführlicher auf die para-
digmatische Diskussion dieser Frage einlassen, im Übrigen aber die seit nunmehr 20
Jahren neuen Umstände als gegeben annehmen und fragen, was dies für die neue
Generation der so genannten FriedensarbeiterInnen bedeutet. Denn es ist klar, dass
sich Charakter, Funktion und Zusammensetzung der Friedensarbeit durch diese
Entwicklung grundlegend geändert haben. Friedensarbeit ist heute multilateral,
multidimensional, multinational und multikulturell.
Zivile Aufgaben werden sowohl von staatlichen als auch von nicht-staatlichen
Institutionen wahrgenommen, formell autorisiert oder auch nicht, wobei letztere
von international anerkannten Einrichtungen mit Beobachterstatus bei den Verein-
ten Nationen über quasi-staatliche Organisationen bis hin zu einer Myriade mehr
oder minder seriöser Privatinitiativen reichen, die alle ihren eigenen Regeln und
Protokollen folgen. Menschen, die an ziviler Friedensarbeit interessiert sind, und an
sie richtet sich dieses Buch primär, werden irgendwo in diesem weiten Feld ihren
Platz finden.
Zivile Friedensarbeit auf internationalem Niveau kann nicht mehr parallel, un-
abhängig oder gar im Gegensatz zu militärischen Maßnahmen gesehen werden.
Umgekehrt ist rein militärisches Peaceenforcement kein zeitgemäßes Konzept. Jede
militärische Aktion auf internationaler Ebene ist in ein dichtes Netz diplomatischer,
humanitärer und wirtschaftlicher Begleitmaßnahmen und -effekte eingebettet. Im
Zuge des Peacekeeping und Peacebuilding ist die Bedeutung der zivilen Komponente

15
um ein Vielfaches angestiegen. Allein im Rahmen der Vereinten Nationen stieg die
Zahl des zivilen Personals, ohne Einrechnung der Polizeikräfte, zwischen 1988 und
2010 von 1.500 auf beinahe 22.000. Obwohl der erste Polizist im Rahmen einer
UN Mission schon 1960 in den Kongo reiste,4 wurde Polizei bis 1988 kaum einge-
setzt. Es befanden sich damals ganze 35 PolizistInnen auf internationalen Operatio-
nen. 2010 sind es knapp 13.000 aus mehr als 100 Ländern.5 Insgesamt erhöhte sich
die Zahl des zivilen Personals von 1.550 im Jahr 1988 auf 35.000 im Jahr 2010,
und die Tendenz ist weiter steil steigend. Das erfordert immer mehr hochqualifi-
ziertes ziviles Personal, nicht statt des militärischen, sondern zusätzlich zu friedens-
politisch neu orientierten und sorgsam in diese Richtung ausgebildeten Kadern des
Militärs. Mit einem Wort: Zivile Friedensarbeit ist heute mehr gefragt denn je. Da
sich die Herausforderungen für sie aber auch vervielfacht haben, ist eine gründliche
Ausbildung der entsprechenden Einsatzkräfte unerlässlich. Das beginnt, wie ich im
Weiteren zeigen werde, bei der Arbeit am persönlichen Bewusstsein jeder einzelnen
potenziellen Einsatzkraft.
Darin folge ich dem, was seit der großen Wende in der internationalen Politik
als Multitrack Diplomacy bezeichnet wird.6 Das Erscheinungsbild der klassischen
Diplomatie hat sich grundlegend verändert, während neue Formen mehr oder min-
der staatsnaher Diplomatie entstanden sind, sodass Multitrack Diplomacy inzwi-
schen eine gesellschaftliche Tatsache und ein akzeptierter terminus technicus gewor-
den ist.7 Aus der gesellschaftlichen Grundlage dieses Begriffs ergibt sich der Bedarf
an einer Vielzahl ziviler ExpertInnen für die Arbeit der einschlägigen internationalen
Organisationen, deren Aufgaben mit den Methoden der klassischen Diplomatie und
Bürokratie nicht mehr zu bewältigen sind. Zudem wächst die Zahl der nicht-staatli-
chen Einrichtungen, denen in solchen Missionen eine immer größere Bedeutung
zukommt. Die Einsatzbereiche von ZivilistInnen im weiten Rahmen des Peacekee-
ping haben sich in diesem multidimensionalen Rahmen dramatisch erweitert. Sie
betreffen heute erstens alle der traditionellen Praxis politischer und diplomatischer
Arbeit zugehörigen Aktivitäten. Zweitens betreffen sie mit dem Sicherheitsbereich
auch die traditionelle Domaine der Militärs und der damit in Zusammenhang ste-
henden Themen, insbesondere Polizeiarbeit und zivile Beobachtung von Wahlen;
drittens das mittlerweile ausufernde Feld der humanitären Hilfe und viertens natür-
lich auch alle wirtschaftlich-administrativen Aspekte. Multidimensionale Opera-
tionen beziehen sich auf wissenschaftliche, technische, kulturelle, psychologische

4 Mayer-Rieckh 2010 S. 81
5 Hansen/Ramsbotham/Woodhouse 2004 S. 298 und United Nations (27.4.2010)
6 Siehe dazu ausführlich Kapitel G.1
7 Siehe dazu ausführlich Kapitel F.1 und Hansen/Ramsbotham/Woodhouse 2004 S. 300

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und rechtliche Aspekte, und zwar auf allen Ebenen, von der Staatsspitze bis zu dörf-
lichen, nachbarschaftlichen und familiären Kontexten.
Die militärische Komponente wird dadurch nicht überflüssig. Im Gegenteil,
sie erfährt eine schärfere Aufgabenbestimmung im so definierten Peaceenforcement
und im engeren Sinn des Peacekeeping oder Peacebuilding. Militärisches Personal
wird auf seine eigentliche Kernaufgabe beschränkt und in militärisch-zivile Netz-
werke eingebunden, in denen es vor allem für Sicherheit und Logistik zuständig ist,
während zivile Aufgaben auch von zivilem Personal wahrgenommen werden. Dies
klingt einleuchtend, ist in der Praxis aber eine enorme Herausforderung für alle
Beteiligten.8 Es erfordert Kooperation und Kommunikation zwischen Soziolekten,
die den Akteuren oft ebenso fremd sind wie die Ideologien, Religionen, Sprachen
und Lebenswelten ihrer Einsatzgebiete. Dass friedensbegeisterte und oft schlecht
ausgebildete IdealistInnen auf eigene Faust und ohne Kommunikation mit den
militärischen Einrichtungen ins Feld gehen, Soldaten pauschal als Kampfmaschinen
ablehnen, um sich notfalls auf deren Intervention unter Lebensgefahr zu verlassen,
ist angesichts solcher Herausforderungen nicht akzeptabel. Und es ist natürlich auch
konzeptionell unsinnig, denn gegen jemanden oder etwas zu sein, auch gegen Sol-
daten, Gewalt und Krieg, ist in sich selbst kriegerisches Denken. Friedensarbeite-
rInnen sind Menschen, welche die Gewaltursachen verstehen und selbst friedlich
handeln. Das können SoldatInnen ebenso wie ZivilistInnen.
Die allgemeine Entwicklung erfordert ein humanitäres Berufsverständnis und
eine zivilistInnentaugliche Kommunikationsform der Militärs in internationalen
Operationen und bei zivilen FriedensarbeiterInnen ein Grundverständnis für Auf-
gabe und Funktionsweise militärischer Strukturen. Daraus resultiert die Bereitschaft
zur gegenseitigen Kooperation. SoldatInnen und ZivilistInnen treffen beim Einsatz
in heißen Konfliktgebieten aufeinander, ob ihnen das gefällt oder nicht. Die Fähig-
keit, militärische Strukturen zu verstehen und zu lesen, mit ihnen zu kommunizie-
ren und zu kooperieren, ist aus der Sicht ziviler Friedensarbeit nicht eine Frage der
Ideale und Ideologie, sondern eine des Überlebens und der pragmatischen Aufga-
benerfüllung.
Als John Paul Lederach unter dem Eindruck dieser neuen Bedingungen den Beg-
riff elicitive Konflikttransformation in die Friedensforschung eingeführt hat,9 meinte er
damit nicht einfach eine neue Bezeichnung für alte Techniken oder Ziele, sondern
einen erweiterten Zugang zum Verständnis von Frieden und Konflikt, der auch nach
einer grundlegend neuen Haltung der KonfliktarbeiterInnen zu sich selbst und ihrer
Tätigkeit als Explorer, Forerunner, Reassurer, Convener, Initiator, Advocate, Decoupler,

8 Zum militärischen Aspekt dieser Herausforderung Kapitel F.2.


9 Lederach 1995 S. 55–63.

17
Disengager, Unifier, Aggregator, Consolidator, Enskiller, Empowerer, Envisioner, Fact
Finder, Guarantor, Facilitator, Moderator, Legitimizer, Endorser, Enhancer, Developer,
Monitor, Verifier, Enforcer, Implementer oder Reconciler10 verlangt. Zur Vorbereitung
darauf schlug Lederach11 vor mehr als einem Jahrzehnt eine Trainingsform vor, die er
Strategic Capacity and Relationship Building nannte. Das umschrieb eine Mischform
aus kognitiver Wissensvermittlung und humanistischer Persönlichkeitsbildung als
systematische Vorbereitung auf angewandte Friedensarbeit. Diesen Impuls griffen wir
am UNESCO Chair der Universität Innsbruck auf und entwickelten daraus eine
akademische Variante dieser Lehre, Praxis, Kunst und Wissenschaft. In Anlehnung an
Lederach nennen wir sie elicitive Konflikttransformation.
Nachdem ich im ersten Band dieser Trilogie unter dem Titel transrationaler
Frieden den Versuch eines neuen Epistems unternommen habe, widmet sich dieser
zweite Band nun der elicitiven Konflikttransformation als Methode in Lehre und
Praxis, als Kunst und Wissenschaft, um die von Lederach geforderte neue Haltung
der KonfliktarbeiterInnen auf der Basis der theoretischen Überlegungen des Inns-
brucker Ansatzes auch in der Lehre erarbeitbar und in der Praxis anwendbar zu
machen.

2 Erkenntnisinteresse

Wie lassen sich die Erkenntnisse des ersten Bandes dieser Trilogie praktisch in friedli-
ches und die Frieden förderndes Verhalten, Kommunizieren und Handeln umsetzen?
Eine mögliche Vorgangsweise zur Beantwortung dieser erkenntnisleitenden Frage
wäre, nach den beobachtbaren, angewandten und empfohlenen Methoden jeder der
fünf im ersten Band dargestellten Deutungsfamilien zu suchen. Davon nehme ich aber
aus mehreren Gründen Abstand. Zum einen würde eine solche Vorgangsweise der
Verführung erliegen, einen weiteren deskriptiven Parallelband zu schreiben, in dem
aufbauend auf den Deutungen deren eigene Schlüsse neuerlich beschrieben würden.
Das ist nicht mein Interesse. Nachdem ich mich im ersten Band für eine dieser fünf
Familien, die transrationalen Frieden, entschieden habe, liegt es näher, mich nun-
mehr auf deren Methoden zu konzentrieren. Es geht hier nicht um eine Ausweitung
der philosophischen Themen des ersten Bandes, sondern um die methodischen
Konsequenzen für Lehre und Praxis einer Disziplin, deren praktische Schlüsselbegriffe
Conflict Management, Conflict Settlement oder Conflict Resolution seit dem Ende

10 Ich übernehme die Liste wegen ihrer originellen Begriffswahl unübersetzt von Mitchell 1993
S. 147.
11 Lederach 1997 S. 108.

18
des Kalten Kriegs eine dramatische Veränderung erfahren haben, mit der auch ein
hohes Maß an Klärungsbedarf einherging.12
Was bedeutet elicitive Konflikttransformation als praktische und didaktische
Methode der transrationalen Friedensarbeit genau? Die Antwort verlangt vorweg nach
Begriffsklarheit. Deshalb gehe ich in der Folge auf alle drei Schlüsselbegriffe dieses
Bandes ein: Was ist ein Konflikt? Was ist Transformation? Und was bedeutet elicitiv?
Die schon im ersten Band vorgestellte Transrationalität der vielen Frieden wird im
letzten Kapitel dieses Bandes weiter konkretisiert.

a) Konflikt

Der Begriff Konflikt verlangt notwendigerweise als erster einer genaueren Bestim-
mung, denn bei all den hier zu diskutierenden Ansätzen geht es primär um die Bear-
beitung von Konflikten. Das könnte so gedeutet werden, dass Konflikte etwas Nega-
tives wären, Vorkommnisse, die Aufmerksamkeit erregen, Gewalt evozieren, den
Frieden stören und daher unterdrückt, beseitigt oder aufgelöst werden müssten. In
strukturalistischen Zeiten der Friedens- und Konfliktforschung bezog sich der fach-
interne Streit darauf, ob die Methode dafür revolutionary oder resolutionary sein
sollte. Diese wegen dauerhaften Misserfolgs weitgehend überholten Ansätze interes-
sieren für dieses Buch wenig. Ich glaube, dass Konflikt ein natürliches Produkt
menschlicher Interaktion und jeder Beziehung inhärent ist. Er ist der notwendige
Treibsatz zur Veränderung der Ereignisse, der Beziehungen und der Akteure selbst.
Konflikt ist ein notwendiges Element zur Konstruktion und Rekonstruktion sozialer
Organisation und Wirklichkeit. Lederach13 zählt sieben Punkte zur konstruktivisti-
schen Definition eines Konflikts auf. Ich übernehme diese überzeugende Liste nur
leicht verändert:

ƒ Sozialer Konflikt ist eine natürliche, allgemeine Erfahrung, die es in allen


Beziehungen und Kulturen gibt.
ƒ Konflikte geschehen nicht einfach, sondern Menschen handeln und stellen
dabei Situationen und Beziehungen her, die sie als Konflikte wahrnehmen.
ƒ Konflikte entstehen als interaktiver Prozess aus der Suche und Konstruktion
gemeinsamer Deutungen von Situationen.

12 Erstaunlicherweise gibt es nur wenig differenzierte Literatur zur Begriffsbestimmung. Empfehlenswert


als gelungene Einführung Ramsbotham/Woodhouse/Miall 2005. Ebenso Miall 2004 S. 2–20.
13 Lederach 1995 S. 9–11

19
ƒ Der interaktive Prozess begründet und vollendet sich in Wahrnehmung, Inter-
pretation, Ausdruck und Intention von Menschen, die alle auf das Alltagsver-
ständnis von Gesellschaften rückkoppeln.
ƒ Da Deutung die Verbindung und der Vergleich von Situationen, Geschehnissen
und Handlungen ist, sind das Verständnis und die akkumulierte Erfahrung von
Menschen die Grundlage dafür, wie sie Konflikte kreieren und verstehen und
wie sie auf sie reagieren.
ƒ Kultur ist das gemeinsame Wissen, der gemeinsame Ausdruck und die allge-
meine Reaktion von Menschen auf soziale Gegebenheiten.
ƒ Daher ist die Deutung von sozialem Konflikt nicht nur eine Frage der Auf-
merksamkeit und der Sensibilität, sondern stets auch das Entdecken der akku-
muliert geteilten Glaubenssätze in einem bestimmten kulturellen Zusammen-
hang.

Die Friedenswissenschaft hat sich lange, zu lange, von der Episodenhaftigkeit und den
Lösungsvorstellungen der Internationalen Beziehungen leiten lassen. Inzwischen ist
klar, dass diese Art der Konfliktwahrnehmung und Konfliktlösung selbst problema-
tisch ist. Konflikt ist keine Störung, sondern Regelfall des menschlichen Zusammenle-
bens. Nicht der Konflikt ist das Problem, sondern die Art, wie mit ihm umgegangen
wird. Konflikte sind nicht spektakuläre Eruptionen physischer Gewalt im zwischen-
staatlichen oder zwischenmenschlichen Zusammenleben, sondern komplexe Zusam-
menhänge im Epizentrum menschlicher Beziehungen, die im Falle fortdauernder
Dysfunktionalität auch gewalttätig werden können. Kenneth Cloke, der Gründer von
Mediators Without Borders, fasst das poetisch zusammen:

Conflict is simply the sound made by the cracks in a system, a boundary that can best
be transformed by communicating across the many internal and external borders we
have erected to keep ourselves safe, or exclude others.14

Konflikte sind ein lebensnotwendiges Geschenk für jeden menschlichen Zusammen-


hang. Friedensarbeit ist die Kunst, die schöpferische Energie dieses Geschenks für die
Neugestaltung der sich stets verändernden persönlichen und gesellschaftlichen Bezie-
hungen konstruktiv zu nutzen. Deshalb ist sie eher ein künstlerisches Unterfangen als
ein lineares, formelhaftes Projekt kumulativer Aktivitäten, die auf ein bestimmtes Ziel
hin steuern.

14 Gellman (21.9.2008)

20
b) Konflikttransformation – Konflikttransposition

Nachdem ich zuvor den systemisch-konstruktivistischen Konfliktbegriff Lederachs


übernommen habe, setze ich auch für die Transformation auf seine Definition:

Conflict transformation is to envision and respond to the ebb and flow of social conflict
as life-giving opportunities for creating constructive change processes that reduce vio-
lence, increase justice in direct interaction and social structures, and respond to real-life
problems in human relationships.15

Diese Definition erscheint selbsterklärend, wiewohl ich einen Vorbehalt gegenüber


Lederachs moralischem Umgang mit dem Begriff Gerechtigkeit16 anmelde. Darüber
hinaus bedarf sie meiner Ansicht nach keiner weiteren Erläuterung.
Die Begriffe Conflict Management, Conflict Settlement und vor allem Conflict
Resolution als moderne Konzepte der Internationalen Beziehungen wurden von der
postmodernen Philosophie systematisch dekonstruiert. Im Grunde müssten sie alle vor
dem Interesse einer per se postmodernen Friedenswissenschaft17 obsolet sein. Dass
dem nicht so ist und Konfliktklempnern ein wichtiges Segment der zeitgenössischen
Friedenswissenschaft geblieben ist, belegt, wie sehr diese Disziplin weiterhin mit den
idealistischen Glaubenssätzen der Moderne durchsetzt ist.18 Diesen Fundus um ein
weiteres Buch zu verstärken oder zu replizieren, ist nicht meine Absicht. Vielmehr
möchte ich einen Beitrag zur gemeinsamen Suche nach Methoden leisten, die über
die engen Konzepte des modernen Friedensbegriffs der Internationalen Beziehungen
und einem Gutteil der sich so verstehenden Friedenswissenschaft hinaus reichen. Es
geht hier um Transformation, nicht um Lösung.
Auf Deutsch wird das Wort Lösung sowohl für die Bewältigung einer mathema-
tischen Aufgabe verwendet als auch für die Lockerung einer Muskelverhärtung, ob-
wohl beides grundverschiedene Dinge sind. Ist ein mathematisches Problem gelöst, ist
die Aufgabe beendet, während die Lösung einer Muskelverspannung den befreiten
Fluss der Lebensenergie erlaubt und damit eine Transformation des körperlichen
Befindens einleitet, deren Wahrnehmung mit der so genannten Lösung erst beginnt.
Die Lebensgeschichte ist keineswegs beendet.

15 Lederach 2003 S. 14
16 Siehe Dietrich 2008 S. 116–221 und Kapitel G.4 dieses Bandes.
17 Ich habe im ersten Band festgestellt, dass das Entstehen der Friedensforschung als wissenschaftliche
Disziplin selbst aus der postmodernen Befindlichkeit der entsprechenden Gesellschaften im 20.
Jahrhundert resultierte.
18 Lederach 2005 S. 73 bezeichnet mit derselben Sorge diesen Typus als technicians.

21
Im Rahmen der Konfliktarbeit wird dieser Unterschied deutlich. Auf den mo-
dernen Menschen übt das Lösen tatsächlicher oder fiktiver Kriminalfälle eine be-
merkenswerte Faszination aus, was sich in einer weltumspannenden Myriade von
Kriminalromanen und -filmen niederschlägt. Die Dramaturgie ist dabei mathema-
tisch und fast immer dieselbe. Das Verbrechen wird als ein Problem, als Rätsel,
aufgebaut, das der Held, meist ein Polizist oder Detektiv, löst. Ist das geschehen, der
Bösewicht entlarvt und überführt, ist der Film aus, der Roman zu Ende. Etwaige
Retraumatisierung von Opfern, Angehörigen und irrtümlich Verdächtigten durch
die Ermittlungsarbeit und gerichtliche Abhandlung wird dem Interesse der gerech-
ten und richtigen Lösung untergeordnet. Das Leben nach der Lösung ist nicht von
Interesse.
Der transrationale Zugang betrachtet Verbrechen hingegen als Energieblo-
ckade. Ein Verbrechen löst Trauer, Angst, Empörung und Wut aus. Daher ist es
eine Funktionsstörung im Fluss der zwischenmenschlichen Beziehungen. Zu deren
Lösung bedarf es mehr als der Überführung und Bestrafung des Täters. In den
transrationalen Frieden beginnt mit der im Sinne der Sache nicht einmal vorrangi-
gen Aufklärung des Verbrechens die eigentliche Arbeit. Um den aus ihm resultie-
renden Konflikt, die zwischenmenschliche Energieblockade, zu transformieren,
muss es verwunden werden. Das heißt, es wird erinnert und neutralisiert, damit das
System Gesellschaft an ihm wächst und derart gereift neue Beziehungs- und Hand-
lungsoptionen entdeckt oder entwickelt. Dieses Reifen ist etwas grundlegend Ande-
res als mathematische Problemlösung und das Wegsperren oder gar Hinrichten von
Tätern als Episode. Es verändert die zwischenmenschlichen Beziehungen und das
persönliche Bewusstsein. Es nützt die konfliktive Energie kreativ aus ihrem Epizent-
rum, weshalb ich diesen Vorgang Transformation und nicht bloß Lösung nenne.
Aus der Sicht eines systemischen Zugangs umschreiben die modernen Begriffe
Conflict Settlement, Management, Prevention und Resolution durchwegs Aktivitäten,
die Ken Wilber19 Translation nennt, das Hin- und Herschieben einer Konfliktfor-
mation zwischen den Extremen der vollständigen Selbstanpassung und der vollstän-
digen Selbstabgrenzung. Lederach nennt diese Bewegung an der Konfliktoberfläche
Episode.20 Das heißt, bei all diesen Vorgängen wird versucht, eine Konfliktformation
durch etwas mehr Abgrenzung oder etwas mehr Anpassung so zu verändern, dass
der Ausbruch oder die Episode physischer Gewalt unterdrückt, das Extrem struktu-
reller Gewalt gemildert, eine neue Erzählform, ein Kompromiss, die berühmte Win-
Win-Lösung gefunden wird. Das mag kurzfristig erfolgreich scheinen, transformiert
die Energie des Konflikts aber nicht, sondern verschiebt sie. Just das blockiert sie,

19 Wilber 2001 S. 63
20 Lederach 2003 S. 35

22
auch wenn sie manchmal soweit verschoben wird, dass sie kaum noch als dieselbe
wiedererkannt wird, wenn sie an einer zeitlich, örtlich oder thematisch anderen
Stelle des Systems wieder zum Vorschein drängt.
Ich werde diese Ansätze zusammenfassend als Konflikttransposition bezeich-
nen, weil im Rahmen transrationaler Friedenswissenschaft dieser aus der Musiktheo-
rie entliehene Begriff besser als Wilbers Translation ausdrückt, worum es geht. Die
Musikwissenschaft spricht von Transposition, wenn eine geschlossene Tonfolge um
ein bestimmtes, während des Transponierens gleich bleibendes Intervall verschoben
wird. Dadurch bleibt die Melodie gleich. Mit der Tonhöhe verändert sich aber auch
die Stimmung. Dieselbe Melodie wird etwa in A-Dur anders wahrgenommen, an-
dere Gefühle auslösen als in F-Dur.21 Das, und nicht mehr, tut Konflikttransposi-
tion auch.
Konflikt ist energetisch gesprochen eine soziale Dissonanz. Transposition verla-
gert diese Dissonanz in eine andere soziale Tonhöhe, etwa von der militärischen auf
die wirtschaftliche, kulturelle oder psychische und erleichtert dadurch einen Aspekt
der Spannung durch die Illusion einer Veränderung. Doch die Konfliktmelodie
wird nur in einer anderen Stimmung weitergespielt und bald an anderer Stelle
Schmerz bereiten. Das ist bloß eine etwas andere Erzählweise dessen, was ich im
ersten Band im Zusammenhang mit dem Eisberg der Gewalt beschrieben habe.
Physische, strukturelle und kulturelle Gewalt sind unauflösbar mit einander ver-
bunden.22
Transformation dringt von der Episode zum Epizentrum des Konflikts vor.23
Sie verändert die dissonante Melodie selbst, nützt deren drängende Energie schöpfe-
risch, um aus dem Bestehenden eine neue Harmonie zu formen. Anders als Resolu-
tion oder Management unterstellt Transformation nicht, dass ein Konflikt eliminiert
oder kontrolliert werden könnte. Der Begriff beschreibt besser als die anderen die
Bedeutung des Konflikts für die zwischenmenschlichen Kommunikationsmuster. Er
vermittelt das dynamische Verständnis, dass sich Konflikte in konstruktive oder
destruktive Richtungen bewegen können, und schlägt zugleich ein Bemühen um im
gegenseitigen Interesse hilfreiche Prozesse und Resultate vor.
Virginia Satir definierte Transformation als einen Prozess, bei dem der Energie-
fluss eines oder mehrerer Menschen so verändert wird, dass aus einem dysfunktionalen
Muster oder einer entsprechenden Dynamik ein offeneres, freieres und damit adä-
quates Muster entsteht.24 Dysfunktionalität in Beziehungen schreibt William Pennell

21 Cousto 1987 S. 93ff


22 Dietrich 2008 S. 311–315. Siehe auch Galtung1990 S. 291–305.
23 Lederach 2003 S. 35
24 Satir 2007 S. 175

23
Rock erstarrten Ego-Aspekten der Akteure zu. Er bezeichnet diese Ego-Aspekte als
Monster, die es in seinen expressiv ritualisierten, kathartischen Transformationsme-
thoden zu überwinden gilt, damit sich das Selbst im Ursprünglichen entfalten kann.25
Transformation von Konflikten besteht nicht einfach in irgendeiner Verände-
rung, sondern in einer Veränderung, die den Akteuren in einem System zusätzliche
Wahlmöglichkeiten wahrnehmbar macht, wobei eine Option nur dann als frei ange-
sehen wird, wenn sie unter identischen Rahmenbedingungen auch unterlassen wer-
den könnte. Eine einzige Möglichkeit bietet keine Freiheit, zwei Möglichkeiten sind
ein Dilemma und mindestens drei frei wählbare Optionen öffnen den Weg zur
Transformation. Konflikttransformation ist die Erarbeitung neuer Sichtweisen und
Handlungsmöglichkeiten in Bezug auf das Problem. Das Problem ist nicht das
Problem, das Problematische am Problem ist die Art, wie versucht wird, es zu be-
wältigen.26 Paulo Freire drückt dasselbe so aus:

Wirkliches Bewusstsein schließt die Unmöglichkeit ein, die unerprobte Situation zu be-
greifen, die jenseits der Grenzsituation liegt. Aber während die unerprobte Möglichkeit
auf der Ebene des „wirklichen“ (oder gegenwärtigen) Bewusstseins nicht erreicht wer-
den kann, lässt sie sich wahrnehmen mit Hilfe der „prüfenden Aktion“, die ihre bisher
unbegriffene Möglichkeit offenbart.27

Im 21. Jahrhundert erfordert Konflikttransformation neben manchmal unvermeid-


bar scheinenden militärischen Maßnahmen vor allem Psychologie und kommuni-
kative Methoden, die geeignet sind, dysfunktionale Beziehung zu transformieren.
Friedensarbeit hat auf allen Ebenen diese Dimension. Im Mikrokosmos des persönli-
chen, familiären und nachbarschaftlichen Lebens ist das leicht einzusehen. Aber auch
die hohe Politik wird von Menschen gemacht und von zwischenmenschlichen Bezie-
hungen und deren Kommunikationsformen geleitet. PolitikerInnen, ManagerInnen
und Generäle funktionieren nicht weniger menschlich als Kinder, Eheleute, Umwelt-
, Sozial- oder Friedensbewegte. Wenn und solange sich die Gefühle, die in menschli-
chen Bindungssystemen entstehen, fundamental widersprechen und es für die Be-
troffenen keinen Ausweg aus diesen Widersprüchlichkeiten zu geben scheint, be-
gründet und verschärft diese emotionale Verwirrung Konflikte.28 Auf der Basis eines
transrationalen Friedensverständnisses erfordert Konfliktarbeit daher im besonderen

25 Rock 1990 S. 88 und 109. Seine aus der Gestalttherapie abgeleitete Methode nennt er Origins
Prozess.
26 Satir 2007 S. 167
27 Freire 1973 S. 95
28 Ruppert 2002 S. 111

24
Maß psychologische und kommunikative Fähigkeiten,29 weil Konflikt und Frieden
als relationale Phänomene im zwischenmenschlichen System und nicht als Defekte
einer gesellschaftlichen Struktur gesehen werden.

c) Das Elicitive

Das Adjektiv elicitive ist ein Unwort, das in herkömmlichen Wörterbüchern der
englischen Sprache nicht vorkommt. John Paul Lederach30 leitete es von to elicit ab,
was auf Deutsch entlocken oder hervorrufen bedeutet. Damit wird gesagt, dass
Methode und Richtung der Transformation aus der Energie des Konfliktes selbst
geladen werden.
Das Erkenntnisinteresse in diesem Buch wird auf Methoden der Konflikt-
transformation eingeschränkt und genauer, auf jene der elicitiven Konflikttrans-
formation, die im Rahmen der transrationalen Frieden relevant sind. Diese Präzisie-
rung sollte eigentlich nicht nötig sein, denn Konflikttransformation ist zwangsläufig
elicitiv. Das hervorzuheben ist dennoch notwendig, weil diesbezüglich erhebliche
Sprachverwirrung herrscht. Präskriptive Methoden werden von ihren ProponentIn-
nen31 oft und gerne auch als Konflikttransformation bezeichnet. Ich nenne sie Kon-
fliktlösung und meine damit ihre Zughörigkeit zum modernen Welt- und Friedens-
bild. Diese Begriffsverwirrung ist keine Einbahn. Gelegentlich sprechen auch
VertreterInnen des elicitiven Ansatzes von Konfliktlösung, wenn sie eigentlich
Transformation meinen.
Elicitive Konflikttransformation greift methodisch auf den gemeinschaftlichen
Bestand an Wissen, Werten und Kommunikationsformen der betroffenen Indivi-
duen, Gruppen oder Gemeinschaften. Die psychologische Arbeit an den so ge-
nannten Grassroots hat in den letzten Jahrzehnten immer mehr Beachtung und An-
erkennung erfahren. Schon Adam Curle hielt fest:

Since Conflict Resolution by outside bodies and individuals has so far proved ineffec-
tive. It is essential to consider the peacemaking potential within the conflicting com-
munities themselves.32

29 Zustimmend Hansen/Ramsbotham/Woodhouse 2004 S. 306–308


30 Lederach 1995 S. 37–73
31 Beispielsweise Galtung 1998, Miall/Ramsbotham/Woodhouse 2005, Wallensteen 2007, Zartman
1989
32 Zitiert nach Miall/Ramsbotham/Woodhouse 2005 S. 118

25
Dieser einstmals ketzerische Gedanke hat sich inzwischen in der Diskussion über
Konflikttransformation durchgesetzt.33 Es bezweifelt eigentlich niemand mehr, dass
es vor allem im Peacebuilding nach gewalttätigen Konflikten neben der Kontrolle
der Gewaltneigung in erster Linie um die Wiederherstellung kommunikativer Be-
ziehungen auf tiefenkultureller Ebene geht. Der erste Schritt der Vermittlung unter
solchen Voraussetzungen ist Resonanz, Anteilnahme, die achtsame und bewusste
Integration der MediatorInnen in das konfligierende System, sofern es sich nicht
selbst heilen kann.
Bis hierher unterscheidet sich der elicitive Ansatz nicht von dem, was die mo-
derne Theorie auf Basis der konkreten Erfahrungen mit Friedensmissionen der Ver-
einten Nationen vertritt.34 Die erste substanzielle Abweichung erfolgt hinsichtlich
des Gebots der Neutralität solcher Einsätze. Die Vereinten Nationen kommen trotz
grundsätzlicher methodischer Zweifel im Angesicht ihrer völkerrechtlichen Grund-
lagen nicht umhin, Neutralität als ein undiskutierbares Prinzip ihrer Missionen zu
betrachten. Daraus folgt zwangsläufig ein präskriptives Verständnis von Konfliktlö-
sung, in dem neutrale ExpertInnen den Konfliktparteien Lösungsrezepte verordnen.
In der Praxis hat sich das oft als verhängnisvoll, weil inhuman gegenüber den Be-
troffenen und den eigenen Einsatzkräften erwiesen. Doch das normative Grundge-
rüst dieses Friedensverständnisses erlaubt keine Alternative.
Die systemtheoretische Basis transrationaler Friedensbegriffe und elicitiver
Konflikttransformation baut hingegen auf die Einsicht, dass es von außen kom-
menden und wie auch immer motivierten MediatorInnen nicht möglich ist, neutral
am Rande stehen zu bleiben und mit einem mitgebrachten, präskriptiven Metho-
denkoffer helfend in den Konflikt zu intervenieren. Entgegen dem positivistischen
Glauben an Objektivität und dem normativen Gebot der Neutralität, gibt es in der
Konfliktarbeit keine meinungs- oder interessensfreien Positionen. Daher ist die
vermeintliche Objektivität und Neutralität nichts mehr als die Beurteilung einer
bestimmten Situation durch eine dritte Partei,35 die just durch diese Beurteilung
selbst von Interessen geleiteter Teil des Konfliktes wird und keine neutrale Kraft
sein kann.36 Aus diesem Grund verlangt der elicitive Ansatz in der Praxis nicht nach
einem Masterplan der Konflikttransformation oder gar nach einer zentralen und
kontrollierenden Friedensautorität. Deren Normen beschneiden die Kreativität,
Spontaneität, Breite und Flexibilität des Elicitiven, wiewohl dieser Zugang die fakti-

33 Zustimmend Miall/Ramsbotham/ Woodhouse 2005 S. 229


34 Hansen/Ramsbotham/Woodhouse 2004 S. 308
35 Vergleiche dazu den interessanten Ansatz von The Third Side unter der Leitung von William Ury
am Program on Negotiation an der Harvard Law School: The Third Side (5.5.2010)
36 Mitchell 1991 S. 223; ebenso Ury 2000 S. 7

26
sche, aber weitgehend formelle, formalisierte und abstrakte Existenz einer zentralen
Autorität im modernen Rahmen der Vereinten Nationen respektvoll zur Kenntnis
nehmen kann.37
Den Widerspruch gegen die moderne Idee eines neutralen und externen Medi-
ators erhob Lederach38 auf der Basis seiner praktischen Erfahrungen in Zentralame-
rika. Ich schließe mich diesem Widerspruch vollinhaltlich an,39 weil mir der An-
spruch der Neutralität im Rahmen eines systemischen, transrationalen Zugangs
theoretisch unhaltbar erscheint. Es geht dabei nicht um die Frage des Wollens oder
Normierens, sondern eine der Wirkungsweise von Systemen. Wer einen Konflikt
bearbeitet oder auch nur beobachtet, wird selbst Teil davon und ist daher nicht
mehr neutral. Die Beobachtung bestimmt das Beobachtete, die Bearbeitung das
Bearbeitete. Unparteilichkeit ist unter dieser Annahme nicht dasselbe wie Neutrali-
tät. Sie ist der subjektive Versuch, sich nicht einseitig, unreflektiert und explizit auf
eine Seite zu stellen, also ein weit pragmatischeres und komplexeres Unterfangen als
normative Neutralität in einer Struktur.40
Systemische Konfliktarbeit ist parteiisch hinsichtlich sich selbst und den Ei-
geninteressen der in fremde Konflikte Eingreifenden. Wer unter solchen Bedingun-
gen Konfliktarbeit machen will, benötigt neben einem hohen Maß an Sensibilität
und einem wachen Geist auch sehr gute Vorbereitung, die darin besteht, die eigene
Person physisch, psychisch, mental und spirituell auf derartige Arbeit einzustellen,
die eigenen Grenzen genau zu kennen und zu spüren. An dieser Stelle geht es um
die bewusste Balance zwischen Hingabe und Abgrenzung, die gelernt und geübt sein
will. Die minimale Grundhaltung elicitiver Konfliktarbeit auf der Seite der Frie-
densarbeiterInnen setzt sich meiner Erfahrung nach aus folgenden Komponenten
zusammen:

ƒ Selbst-Bewusstheit und Offenheit, selektive Authentizität;


ƒ Aufmerksamkeit und Empathie im Beziehungsstil;
ƒ Kongruenz in der Kommunikation;

37 Lederach 1997 S. 99
38 Lederach 1995 S. 112
39 Wie Lederach habe ich in den 1980er und 1990er Jahren in Zentralamerika, vor allem in
Nicaragua, gearbeitet, und auch spätere Stationen seines Wirkens in Südostasien und Afrika sind
mir geläufig.
40 Die Frage der Neutralität habe ich schon in Dietrich 2008 ausführlich diskutiert. Sie illustriert
meiner Ansicht nach den Unterschied zwischen präskriptiven Methoden, wie sie Galtung in seiner
Rezeption Freuds formuliert, und dem elicitiven Zugang besonders nachdrücklich. Zur zahlreichen
Literatur über diese Frage in der psychotherapeutischen Diskussion siehe unter vielen anderen List
2009 S. 237/238.

27
ƒ Respekt vor der Selbstheilungskraft des Zusammenhangs in der Sache;
ƒ wissenschaftliche Suchhaltung auf der Sachebene;
ƒ systemisches Verständnis für die selbstheilende Kreativität des Zusammenhangs;
ƒ Anerkennung dessen, was im Zusammenhang entsteht und geschieht;
ƒ Mut zur eigenen Position;
ƒ Demut vor der Begrenztheit der eigenen Position.

Mit der elicitiven Grundannahme, dass Transformation aus dem Epizentrum des
konfligierenden Systems kommt, ist auch schon gesagt, dass es im Rahmen des
transrationalen Ansatzes keine stereotypen Klassifikationen von Konflikten geben
kann, die mit irgendwelchen Rezepten heilbar wären. Vielmehr geht es um das
permanente Verhandeln möglicher gemeinsamer Handlungsoptionen: The elicitive-
oriented approach is built on drawing out and using what people bring you, even if it is
not understood by them as a resource.41
Daher verlagert sich das praktische Interesse auf die Wahrnehmung der Medi-
atorInnen, die sich bei diesem Zugang in einem hohen Maß öffnen und aussetzen.
Lederach42 formuliert einige wesentliche Fähigkeiten, die FriedensarbeiterInnen
nach seinen Vorstellungen in elicitive Konfliktarbeit mitbringen sollten:

ƒ die Fähigkeit, die konkrete Situation ohne Verlangen nach unmittelbarer Prob-
lemformulierung und schneller Lösung anzusehen;
ƒ die Fähigkeit, unterschiedliche Zeitebenen in die Betrachtung zu integrieren;
ƒ die Fähigkeit, aus Widersprüchen, Gegensätzen, situativen Dilemmata und
Paradoxa Optionen zu machen;
ƒ die Fähigkeit, sich mit der grundsätzlichen Komplexität von Konflikten anzu-
freunden;
ƒ die Fähigkeit, identitätsformende Bedürfnisse hinter vermeintlichen Sachfragen
wahrzunehmen;

Als höchste Tugend betrachtet er Paradoxical Curiosity. Paradox ist nicht nur, was
jenseits des vorherrschenden Glaubens liegt, sondern auch das, was im Gegensatz zu
dem von den großen Metatexten als Wahrheit Betrachtetem steht. Curiosity, Neugier,
meint dauerhafte Aufmerksamkeit und das unablässige Hinterfragen der Dinge und

41 Lederach 1995 S. 83
42 Lederach 2003 S. 48–60

28
ihrer Bedeutungen, wie es sich aus dem lateinischen Wortstamm ableitet, der den
englischen Wörtern care und cure, sich kümmern, sorgen und heilen zugrunde liegt.43
Paradoxical Curiosity ist eine friedenspolitische Haltung, die sich im Umfeld
von Gewalt und Polarisation mit Komplexität als unumgängliche Gegebenheit an-
freundet und nicht in die moderne Falle des dualistischen Wertens geht und dadurch
weiter zur Spirale der Gewalt beiträgt. Pradoxical Curiosity erforscht die Möglich-
keiten hinter schnellen Schlüssen und oberflächlichen Deutungen der Wirklichkeit
und versucht dabei, so viele Handlungsoptionen wie möglich vorstellbar zu machen.
Ich betrachte das als den Anfang eines Anforderungskatalogs für Friedens-
arbeiterInnen des 21. Jahrhunderts. Im Zuge dieses Buches werde ich diese Liste er-
heblich verlängern. Die Frage, wie sich Menschen diese umfangreichen Fähigkeiten
aneignen können, wie sie auf die praktische Arbeit vorbereitet werden können, steht
im Mittelpunkt dieses Bands und ich werde ohne Anspruch auf Vollständigkeit
einige Antworten darauf vorschlagen.
So geartete Friedensarbeit ist eine Angelegenheit für HeldInnen. Held oder
Heldin zu sein, bedeutet in diesem Zusammenhang vor allem, sich von einigen
Irrtümern und Verwechslungen befreit zu haben. HeldInnen können sich selbst von
der Arbeit, die sie tun, unterscheiden; sie verwechseln ihren Selbstwert nicht mit der
Anerkennung für den Erfolg in ihren Projekten; sie verwechseln Kritik nicht mit
Feindschaft oder Konkurrenz; sie verwechseln ihre Einsicht nicht mit politischer
oder sozialer Macht; sie verwechseln ihren Beitrag zur Transformation nicht mit der
Rettung der Welt; sie verwechseln die eigenen Schuldgefühle nicht mit Motivation;
sie verwechseln Empathie nicht mit Entmündigung anderer; sie können über sich
selbst lachen, mit anderen weinen und selbst dann Nein sagen, wenn es notwendig
aber nicht populär ist.44
Elicitive Transformationsarbeit beginnt mit dem Eintritt vermittelnder Dritter in
den umstrittenen Zusammenhang. Die Transformation liegt schon in ihrer bloßen
Präsenz. Die Frage nach der Sachebene, dem Warum eines Konfliktes, tritt in den
Hintergrund und die Beziehungsebene, die Frage nach dem Wie der Transformation,
wird zentral. Folglich ist Friedensarbeit strukturiert und flexibel zugleich sein.
Die taoistische Legende vom Regenmacher illustriert eindrucksvoll, worum es
bei elicitiver Konflikttransformation geht. Sie handelt von einem Dorf im alten
China, das von einer schrecklichen Dürre heimgesucht wurde. Die Ernte vertrock-
nete und den Menschen drohte der Hungertod. Nach langen Beratungen riefen sie
einen Weisen und brachten ihn in das Dorf. Er hatte den Ruf ein Regenmacher zu
sein. Er kam mit leichtem Gepäck, atmete die Luft im Dorf ein und sah sich um.

43 Lederach 2005 S. 36/37


44 Lederach 2005 S. 168 in voller Übereinstimmung mit der Lehre von Kabbal 2006.

29
Die Bewohner fragten ihn, was er für das Regenmachen verlange. Er bat, in eine
kleine Hütte außerhalb des Dorfes gebracht und dort nicht gestört zu werden. Eine
Schale Reis sollte jeden Tag vor die Tür seiner Hütte gestellt werden. Das geschah.
Nach einigen Tagen begann es zu regnen. Die Leute feierten den Weisen, der nun
aus seiner Hütte kam. Sie fragten, wie er das gemacht habe. Er sagte:

Ich habe gar nichts getan. Als ich in euer Dorf kam, roch ich die Unordnung und den
Zwist. Ich nahm diese Schwingungen in mich auf. Dann beeilte ich mich, aus dem
Dorf zu kommen. Als ich allein war, ging ich daran, die Schwingungen der Unordnung
und des Zwistes in mir selbst zu heilen. Umso besser mir das gelang, umso mehr konn-
ten sich auch die äußeren Zustände verbessern.45

In der elicitiven Konflikttransformation gelangt die vermittelnde Person nicht als


externer Experte, sondern als teilnehmender Akteur in den konfligierenden Zu-
sammenhang. Die Heilung, die Transformation ist auch seine eigene Heilung, seine
eigene Transformation und wirkt von da aus auf das System. Diese Vorstellung ist
der auf das Friedenmachen fixierten Tradition des Realismus, Idealismus und
Strukturalismus verdächtig. Dennoch bricht das Verständnis darüber auf manchmal
bemerkenswerte Weise auch in deren Überlegungen ein. Hugh Miall etwa, ein sehr
bekannter und höchst kompetenter Professor für Internationale Beziehungen an der
traditionsreichen Universität von Kent in England, schob in einen seiner jüngeren
Aufsätze für die deutsche Berghof-Stiftung einen Exkurs unter dem Titel Transfor-
ming the Transformers – Smiling as a Method.46
Darin wundert er sich freundlich aber doch über die nach seinem Wissens-
stand in keinem Textbuch erwähnte Arbeitsmethode des Buddhistischen Mönchs
Thich Nhat Hanh aus Vietnam, den er als einen der weltweit erfolgreichsten Medi-
atoren schätzt: Breathing in, I calm my mind and body. Breathing out I smile. This is the
present moment. This is the only moment.47 Kollege Miall, der dem Dalai Lama, Adam
Curle und Nelson Mandela ähnliche Qualitäten zuschreibt, wird über den vorliegen-
den Band glücklich sein. Denn hier wird es ausführlich um das gehen, was Thich
Nhat Hanh, in diesem Satz beschreibt – das Bewusstsein der Person, die einen Kon-
flikt bearbeiten will, dass sie über ihren nächsten Atemzug mit dem gesamten Univer-
sum, und so auch mit allen Aspekten des Konflikts, verbunden ist. Somit hängt von
ihrer inneren Ruhe, Einstellung und Wahrnehmung ab, in welche Richtung sie den
Konflikt schon beim nächsten Ausatmen leitet. Vermag sie ihn über diese Methode so

45 Zitiert nach Singer 1984 S. 205. [Übersetzung W.D.]


46 Miall 2004 S. 16–17
47 Nhat Hanh 1987 zitiert nach Miall 2004 S. 16

30
zu verändern, dass sich für alle Beteiligten Entspannung und neue Handlungsmög-
lichkeiten erkennen lassen, dann verdient das die Bezeichnung elicitive Konflikttrans-
formation.
Lederach hat, wie gesagt, den Begriff elicitive in die Friedenswissenschaft ein-
geführt. Vorher wurde er in der Gestalttherapie, der Humanistischen Psychologie
und im Neurolinguistischen Programmieren synonym mit evokativ zur Beschrei-
bung des Prozesses verwendet, in dem TherapeutInnen die KlientInnen durch eine
Transformation begleiten.48 Damit ist viel darüber ausgesagt, worum es in diesem
Buch geht. Im Mittelpunkt des Interesses steht die persönliche Qualität der Frie-
densarbeiterInnen, die Lehre und Praxis, die Kunst und Wissenschaft effizienter
Kommunikation im Transformationsprozess.
Die Verbindung von Kunst und Wissenschaft ist dabei keine genuine Erfin-
dung Lederachs. Sie ist vielmehr ein konstituierendes Element aller transrationalen
Friedensphilosophien und wird von vielen AutorInnen hergestellt,49 die sich auf
Themen beziehen, die nur auf den ersten Blick wenig bis nichts mit Konflikttrans-
formation zu tun haben. Wenn ich etwa auf David Diamonds Theatre for Living; the
Art and Science of Community-based Dialogue50 oder Morihei Ueshibas The Art of
Peace51 hinweise, wird bei näherer Betrachtung klar, dass sowohl der eine, der sich
mit Theater befasst, wie auch der andere, der sich auf die körperorientierte Bewe-
gungskunst des Aikidǀ bezieht, auf eine profunde Friedensphilosophie baut und
seine Kunst als Methode der Konfliktarbeit versteht. Es geht um Kunst, weil alle
Menschen, alle Beziehungen und alle Konflikte eine einmalige Persönlichkeit haben,
die vor allem nach Intuition und Kreativität verlangen und präskriptive Handlungs-
anleitungen unterlaufen. Es ist Wissenschaft, weil es trotzdem um geeignete Verfah-
rensweisen geht, um Muster, die systematisch entdeckt oder entworfen, intersub-
jektiv kommuniziert, im Versuch erprobt und in der Praxis genutzt werden wollen
und können.52
Worauf basiert die Einmischung in der elicitiven Konflikttransformation? Auf
welcher Qualität beruht sie und welches legitime Ziel hat sie, wenn normierte Neut-
ralität nicht vorgeschrieben werden kann? Das ist eine grundlegende Frage, der ich
in diesem Buch nachgehen will.

48 O’Connor/Seymour 1992 S. 92
49 Siehe besonders Koppensteiner 2009.
50 Diamond 2007
51 Ueshiba 2007
52 Das hat Carl Rogers schon 1948 als Inspiration für Lederach so festgehalten. Siehe Groddeck 2002
S. 97

31
3 Struktur und Methode

Ich werde in diesem Band Werkzeuge elicitiver Konflikttransformation vorstellen.


Die aus dem nordatlantischen Bereich stammenden davon basieren zum Großteil
auf den Vorleistungen Humanistischer und Transpersonaler Psychologie. Da ich
diesen Strang im ersten Band dieser Trilogie nur angedeutet, nicht wirklich vorge-
stellt habe, mache ich das im ersten Kapitel dieses Buches. Dabei kann es nicht
darum gehen, eine umfassende Darstellung der Humanistischen Psychologie und
ihrer Geschichte zu schreiben, sondern lediglich darum, deren Grundprinzipien
soweit zu skizzieren, dass ihre Bedeutung für die Friedenswissenschaft und das weite
methodische Spektrum elicitiver Konflikttransformation nachvollziehbar wird. Es
soll auf diese Weise die wissenschaftsgeschichtliche Grundlage für die Anwendung
der nachfolgenden Beispiele in Lehre und Praxis gelegt werden.
Als ich in der Literatur bei Hans Cousto53 auf die Preisung des indischen Got-
tes Shiva als Meister des Atems, des Lautes und der Bewegung stieß, fand ich in
dieser Auflistung die überzeugende Struktur einer Praxis, der ich selbst längst folgte
ohne es so auszudrücken. Daher entschloss ich mich, dies auch als Vorlage für die
Kapiteleinteilung dieses Buches zu verwenden. Anschließend an die Einleitung und
die Darlegung der aus dem Innsbrucker Universitätslehrgang stammenden Curri-
cularerfahrungen werde ich der Reihe nach auf atemorientierte, stimmorientierte
und bewegungsorientierte Methoden der elicitiven Konflikttransformation eingehen.
Bei der Auswahl dieser Methoden stand ich vor dem ernsthaften Problem einer
nahezu unerschöpflichen Fülle. Aus Gründen der Überschaubarkeit, aber ebenso der
wissenschaftlichen Redlichkeit als Autor wähle ich aus der Vielfalt der in diesem
Sinn potenziell elicitiven Methoden für diesen Band jene aus, mit denen ich selbst
Erfahrung habe, deren Wirkung ich am eigenen Leib erlebt, in Praxis und Lehre
erprobt oder unter meiner Verantwortung erproben lassen habe, sodass meine Dar-
stellung keine Anmaßung oder bloße Kopie der Arbeiten Dritter darstellt. Ich werde
in diesem Buch ohne Anspruch auf Vollständigkeit jene relativ weit verbreiteten,
gut erprobten und dokumentierten Methoden vorstellen, die im Innsbrucker Curri-
culum tatsächlich zur Anwendung kommen.54
Die atemorientierten Methoden werde ich mit einem gesonderten Kapitel über
deren schamanische Grundlagen einleiten. Ich denke, dass mein Publikum ähnlich
überrascht sein wird wie ich selbst, welch große Rolle schamanische Ursprünge für
alle hier vorgestellten Schulen spielen. Das gilt für den gesamten Bereich der Hu-
manistischen Psychologie und wirkt von da auf die transrationale Friedenswissen-

53 Cousto 1987 S. 53.


54 Einige weitere Beispiele für Lehre und Praxis bei Lederach 1995 S. 85–109

32
schaft. Besonders bei den komplexeren Methoden sind diese Wurzeln oft verdeckt
und nur indirekt über die Integration älterer, davon geprägter Ansätze nachzuwei-
sen. Es ist mir ein Anliegen, dieses Buch so aufzubauen, dass die Fundamente sicht-
bar und die Ableitungen des Einen aus dem Anderen nachvollziehbar bleiben.
Das Kapitel über die atemorientierten Methoden stellt nach den schamani-
schen Grundlagen die in Europa meist verbreiteten Variationen dieses Faches vor:
das Holotrope Atmen und den Quantum Light Breath.
Das Kapitel über die stimmorientierten Methoden greift ebenfalls auf vor al-
lem in Europa weit verbreitete Klassiker: Die Gewaltfreie Kommunikation nach
Marshall Rosenberg stammt zwar aus den USA, erfreut sich aber vor allem im deut-
schen Sprachraum sehr großer Beliebtheit. Ähnliches gilt für die Themenzentrierte
Interaktion, die von Ruth Cohn, einer Jüdin deutscher Herkunft, im amerikani-
schen Exil entwickelt und später von ihr selbst nach Europa re-importiert wurde.
Einer ihrer Schüler, Friedemann Schulz von Thun, schuf schließlich unter dem
Titel Miteinander Reden ein kommunikationspsychologisches Modell, das nur im
deutschen Sprachraum angeboten wird, da aber umso populärer ist. Alle drei Schu-
len werden im Innsbrucker Universitätslehrgang für Friedensstudien unterrichtet.
Kommunikation ist die Grundvoraussetzung für jede Beziehung, ob innerpersonell,
partnerschaftlich, gesellschaftlich, freundschaftlich, politisch oder kommerziell.
Authentische Kommunikation ist Bedingung und Resultat friedlicher Beziehungen,
während Lüge, Verschleierung, Verschweigen und vor allem Verweigerung der Aus-
einandersetzung kommunikative Methoden der Gewaltanwendung sind. Deshalb
finden die drei oben genannten Schulen stellvertretend für ihre gesamte Disziplin
Eingang in dieses Buch.
Stimmorientiert ist nicht deckungsgleich mit sprachorientiert. Deshalb habe
ich ein Subkapitel zu paralinguistischen Methoden aufgenommen, in dem es vor
allem um die Bedeutung von Ton und Oberton, Rhythmus und Intervall, Klang
und Harmonie in der Kommunikation geht. Da dies vorsprachliche Komponenten
sind, mag es nahe liegend scheinen, dieses grundlegende Unterkapitel den Übergang
von den atemorientierten zu den stimmorientierten Methoden bilden zu lassen. Ich
habe mich anders entschieden, weil die fundamentale Bedeutung der Stimme gerade
in der gesellschaftswissenschaftlichen Debatte nach der Darlegung der sprachorien-
tierten Ansätze leichter verständlich ist. Aus demselben Grund wird dieses Thema
im Innsbrucker Lehrgang am Semesterende unterrichtet, nachdem die Grenzen der
Sprache und der sprachorientierten Methoden erlebt und erkannt sind. Offensicht-
lich fällt es dem Verstand leichter, seine biosphärischen Grundlagen zu respektieren,
wenn er sich in seiner eigenen Geistessphäre erschöpft hat. An diesem Grenzbereich
der Sphären finden die oben aufgezählten Übergänge statt.

33
Für die Gestalttherapie und die Humanistische Psychologie besteht der mensch-
liche Organismus aus zwei Systemen, über die er mit der Welt in Verbindung treten
kann – den Sinnesapparat und den Bewegungsapparat. Das Kapitel, das auf den Be-
wegungsapparat fokussiert, leite ich mit den Fünf Rhythmen nach Gabrielle Roth ein,
weil deren Arbeit sich aus den Begegnungen mit Gregory Bateson, Fritz Perls und
Oscar Ichazo speist und daher den engen Zusammenhang zwischen den sinnesorien-
tierten und den bewegungsorientierten Methoden veranschaulicht.
Daran schließe ich die japanische Schule des Butō nach Tatsumi Hijikata und
Kazuo Ohno an, die aufs erste einer ganz anderen Welt zu entstammen scheint. Bei
genauerem Hinsehen zeigt sich aber, dass Butō aus einer sehr ähnlichen Gemüts-
und Geisteshaltung zeitgleich mit der europäischen und der amerikanischen Frie-
denswissenschaft entstanden ist und in entsprechenden Methoden des expressiven
Tanzes in Deutschland und den USA seine Vorläufer und Inspiration fand. Damit
entwickelt es sich auch parallel zur Humanistischen Psychologie und schließlich
verband der Gestalt-Avantgardist Paul Rebillot all diese Tendenzen in Kalifornien
zu einer transformativen Kunstform von weitreichender Bedeutung. Butō ist somit
ein ursprünglicher Beitrag zur Entwicklung elicitiver Methoden. Gabrielle Roth ist
davon beeinflusst und William Pennell Rock ein schöpferischer Grenzgänger, auf
dessen Methoden und Ansichten ich in diesem Zusammenhang immer wieder zu-
rückgreifen werde.
Auf Butō folgt Budō, oder genauer Aikidō nach Morihei Ueshiba. In der Debatte
um den friedensphilosophischen Gehalt fernöstlicher Kampfkunst, des Budō, nehme
ich eine eher defensive Haltung ein. Mich überzeugen die großteils im Zen Buddhis-
mus basierenden Formen des Budō als Werkzeuge der Konflikttransformation wenig.
Die einzige Ausnahme bildet das im tantrischen Shingon wurzelnde Aikidō, das Ues-
hiba aus einer ähnlich postmodernen Erfahrung und Stimmung entwickelte, wie seine
Zeitgenossen Hijikata und Ohno das Butō als expressive Tanzform. Ueshibas Frie-
densphilosophie begründet eher Bewegungskunst als Kampfkunst. Dies aufzuzeigen
und zu erklären ist Absicht des entsprechenden Kapitels.
Daran anschließend werde ich zum Kernbereich der Humanistischen Psycho-
logie als Friedenswissenschaft zurückkehren und auf die im Psychodrama, der Sys-
temtheorie und der Gestalttherapie wurzelnden Formen des systemischen Aufstel-
lens eingehen. Dabei werde ich die populären Formen der Familienaufstellung nur
im nötigen Ausmaß streifen, um dann auf die weniger bekannten politischen Auf-
stellungen und ihren Einsatz in der elicitiven Konflikttransformation einzugehen,
wie sie vom Internationalen Forum für Politisches Aufstellen und seinem Gründungs-
präsidenten Albrecht Mahr interpretiert werden.

34
Scheinen diese in sehr unterschiedlicher Weise atem-, stimm- und bewegungs-
orientierten Methoden auf das Erste wenig miteinander zu tun zu haben, so verknüp-
fen sie sich in der komplexesten Form dieser Transformationsarbeit, im so genannten
Theater der Unterdrückten, wie es zuerst auf neo-marxistischer Basis vom brasiliani-
schen Regisseur und Aktivisten Augusto Boal entworfen und dann auf systemtheoreti-
schen Grundlagen von David Diamond in Kanada weiter entwickelt worden ist. Es ist
daher naheliegend, meine exemplarische Rundreise durch mögliche Methoden eliciti-
ver Konflikttransformation in einem Kapitel über dieses Arbeitswerkzeug gipfeln zu
lassen.
Als die Recherchen zu diesem Buch voranschritten, wurde ich immer wieder
davon überrascht, dass viele der Methoden, die ich selbst zuerst als unabhängig
voneinander erlebt und deren Zusammensetzung ich in der praktischen Arbeit als
gewagt empfunden hatte, sich schon oft in verschiedenen Kontexten getroffen und
überschnitten haben. Ein in seiner Schöpfungskraft kaum überbietbarer Ort scheint
dabei Esalen in Big Sur/Kalifornien zu sein, dessen Leiter sich selbst friedensaktivis-
tisch betätigten und in unzähligen Workshops mit all den hier angeführten Metho-
den experimentierten. Praktisch alle großen Namen der Humanistischen Psycholo-
gie waren zu ihrer Zeit in Esalen tätig, weshalb dieser Ort im Zuge dieses Buches
immer wieder erwähnt werden wird. Die dort geleistete Arbeit gab dem Occident
gewissermaßen seine Orient-ierung wieder. Obwohl ich selbst keine institutionelle
Verbindung zu Esalen habe, schöpfen viele meiner Überlegungen aus den Ergebnis-
sen der dortigen Experimente.
In umgekehrter Weise gab Poona in Indien der langen und vielfältigen Tradi-
tion östlicher Philosophie wohl mehr als jeder andere Ort im 20. Jahrhundert ihren
Westen. Damit beziehe ich mich auf das höchst umstrittene Experiment von Bhag-
wan Shree Rajneesh, der heute unter dem Namen Osho publiziert wird. Genauer
geht es mir um die erste Phase seines Ashrams Poona I, der zwischen 1974 und 1981
auf viele junge Menschen aus Europa und den USA eine ähnliche Anziehungskraft
wie Esalen ausübte, weil es der belesene und scharfsinnige Bhagwan verstand, mysti-
sche Lehren vom Sufismus bis zum Zen so aufzubereiten, dass sie nach 1968 für
westliches Publikum auf der Sinnsuche attraktiv wurden. In diesem Buch wird es
aber nicht um Bhagwans provokante Auslegungen dieser Lehren gehen und auch
nicht um seine charismatische Verführungskraft. Ich war nie ein Sannyasin, Anhän-
ger Bhagwans. Daher habe ich keinen Grund, ihn zu verehren oder zu verdammen.
Ich darf mich mit wissenschaftlicher Distanz und neugierigem Interesse mit dieser
schillernden Persönlichkeit auseinandersetzen. In diesem Sinne finde ich viele seiner
Reden weitsichtig und in ihrer aggressiven Schärfe brillant. Sein breites Wissen und

35
sein Einblick in die tiefsten Schichten des Menschlichen sind streckenweise faszinie-
rend. Die soziale und politische Sprengkraft mancher Reden mag rückblickend eine
wohltuende Zersetzung bürgerlicher Heuchelei befördert haben, was Bhagwan unter
den Mächtigen seiner Zeit so gefürchtet und verhasst machte.
Da es in diesem Buch um transformative Methoden geht, interessieren an
Poona jene Beiträge, die unter den geradezu idealen Bedingungen des Ashrams
entwickelt und erprobt wurden, bis sie sich aus ihrem ursprünglichen Kontext lös-
ten und als mittlerweile fast selbstverständliche Werkzeuge im Spektrum elicitiver
Konfliktarbeit aufgingen. Ich werde den Schwerpunkt des entsprechenden Kapitels
dieses Bandes auf Richard Dorin Shoulders legen, der mir ein herausragender Ver-
treter dieser Gruppe zu sein scheint.
Die Auswahl meiner Beispiele ist eine willkürliche Entscheidung, die etliche
wichtige Ansätze übergehen oder übersehen wird. Vollständigkeit wäre aber auch in
einem sehr umfangreichen Buch nicht zu erreichen, und ich denke, dass diese Aus-
wahl illustrieren kann, welch unterschiedliche Methoden je nach Situation im
Rahmen des elicitiven Ansatzes angewendet werden können. Gelegenheit zu Hin-
weisen auf verwandte und benachbarte Methoden, die ich im Detail nicht behandle,
wird es ausreichend geben. Letztlich will jede meiner Beschreibungen anregen, die
entsprechenden Methoden nicht einfach zu kopieren oder anzuwenden, sondern sie
auf die jeweiligen Konflikte und deren Herausforderungen zuzuschneiden, sie zu
verändern, mit ihnen zu spielen und sie weiter zu variieren und zu verknüpfen.
Urheberrechte, Eitelkeiten, Eifersucht und Werktreue haben in diesem Zusammen-
hang nichts verloren.
Der Vorteil meiner Auswahl liegt darin, dass sie mir ermöglicht, über die reine
Beschreibung hinaus den Einsatz dieser Methoden in den Friedensstudien zu disku-
tieren und über die Erfahrungen im Innsbrucker Lehrgang zu berichten, wofür ich
ein eigenes Kapitel vorgesehen habe. In diesem Kapitel erkläre ich zusätzlich, wie die
oben genannten Ansätze in die praxisorientierten Erfahrungsseminare des Curricu-
lums eingebaut wurden, die in Innsbruck in Zusammenarbeit mit Einrichtungen
wie dem Österreichischen Bundesheer, der Landesfeuerwehrschule, der Berufsfeu-
erwehr, dem Roten Kreuz, der Wildnisschule Native Spirit und etlichen anderen
durchgeführt werden.
Im abschließenden Kapitel werde ich all diese methodischen Aspekte wieder in
den aktuellen Diskussionsstand der Friedensforschung einbetten und fragen, welche
Relevanz die für viele sicher erstaunlichen Vorschläge des elicitiven Arbeitens in der
praktischen Konfliktarbeit haben können. Ich betrachte elicitive Konflikttransfor-
mation als angewandte Konsequenz des transrationalen Friedensverständnisses. Im
Hinblick auf die keineswegs nur für mich zutreffende Überzeugungskraft des Werks

36
von John Paul Lederach und die allgemeine Anerkennung, die er in der Szene ge-
nießt, stelle ich die These auf, dass so etwas wie eine transrationale Wende in der
Friedensforschung bereits stattgefunden hat. Diese Wende wurde bislang von nie-
manden explizit ausgerufen oder so genannt. Mir scheint aber, dass sie in vielen
Bereichen der Konfliktarbeit schleichend stattgefunden hat. Niemand wird bestrei-
ten, dass es seit 1992, dem Jahr der Agenda for Peace und der Rio Konferenz,
enorme Veränderungen und Neuorientierungen in diesem Feld gegeben hat. Die
verliefen nicht synchron und auch nicht linear in eine Richtung. Dennoch vermute
ich Gemeinsamkeiten, die aus der Wahrnehmung der aktuellen Herausforderungen
in der Praxis und der intensiven Theoriedebatte an den Universitäten folgen. Sofern
diese die Logik und Grenzen des in der Moderne als rational Gültigen überschreiten
und bislang unbeachtete Aspekte integrieren, trifft der Begriff transrational zu.
Ich greife vier große Themenbereiche, nämlich die Diplomatie, das Militär, die
Entwicklungshilfe und die Nationalökonomie, heraus und frage, ob die Verände-
rungen in diesen Bereichen einer identifizierbaren Orientierung folgen und ob diese
eventuell als transrationale Wende bezeichnet werden kann. Diese Auswahl ist nicht
willkürlich. Sie entspricht jenen Themenbereichen, die für das Verständnis von
Lederachs berühmter Pyramide der Konflikttransformation notwendig sind und
bezeichnet die prominentesten Positionen zeitgenössischer Konfliktarbeit in all ihrer
Komplexität.
Die Pyramide steht schließlich auch im Mittelpunkt des letzten Kapitels, in
dem ich versuche, dem Konzept der elicitiven Konflikttransformation jenen theo-
retischen Rahmen zu geben, nach dem seit dem Auftauchen des Begriffs in der Pra-
xis immer wieder gefragt wird. Natürlich benutze ich dabei auch Lederachs Pyra-
mide als Grundgerüst und Ausgangspunkt, vertiefe und erweitere das Konzept aber
entlang den Richtlinien der Humanistischen Psychologie und deren eigene Wur-
zeln. Das Modell, das daraus entstand, ist einigermaßen komplex. Meine Versuche,
seine Beschreibung über eine Sequenz von Diagrammen erklärend zu begleiten,
möge meinem Publikum als Hilfestellung dienen. Ich glaube, dass es mir in diesem
Kapitel gelungen ist, dem Konzept des Elicitiven jene Systematik und Fundierung
zu geben, die seine praktische Anwendung verlangt. Deshalb bin ich auf jeder Stufe
ausdrücklich auf die Bedeutung des Elicitiven für die konkreten KonfliktarbeiterIn-
nen selbst, für deren Zusammenarbeit und deren Verhältnis zu ihren KlientInnen
eingegangen. Die entsprechenden Einsichten, Schlüsse und Vorschläge runden
dieses Buch ab und leiten zugleich in die vertiefende Thematik des dritten und
letzten Bandes dieser Trilogie über.
Als abschließende Bemerkung zu Methode und Struktur einige Sätze über mei-
nen Umgang mit Quellen. Ich habe mich hinsichtlich der Referenzen für die Verwen-

37
dung von Fußnoten entschieden, auch wenn das etwas altmodisch scheinen mag.
Fußnoten gestatten besser als alle integrierten Zitierweisen einen flexiblen Umgang
mit Kommentaren und Verweisen, was mir für den Zweck dieses Buchs angenehm
erscheint. Dabei zitiere ich in den Fußnoten gedruckte Literatur nach herkömmlicher
Weise mit Name, Erscheinungsjahr und Seitenzahl. Ich zitiere das Erscheinungsjahr
der tatsächlich verwendeten Auflage. Die Erstauflage samt der Originalsprache werden
im Literaturverzeichnis an der jeweiligen Stelle genannt. Internetquellen weise ich im
Literaturverzeichnis in einem eigenen Subkapitel aus. In den Fußnoten sind Internet-
quellen daran zu erkennen, dass nach der Quelle nicht das Erscheinungsjahr, sondern
das Zugriffsdatum in Klammer angeführt wird. Nicht publizierte Quellen werden
ebenfalls in einem eigenen Subkapitel zusammengefasst und in den Fußnoten mit
dem Vermerk (unveröffentlicht) gekennzeichnet. Resolutionen der Vereinten Natio-
nen und amtliche Veröffentlichungen anderer Art fasse ich schließlich auch in einem
eigenen Subkapitel zusammen. Sie sind in den Fußnoten einfach am Namen der pub-
lizierenden Organisation, zumeist der Vereinten Nationen oder einer ihrer Unterorga-
nisationen, zu erkennen.

4 State of Art

Wenn ich zu den Arbeiten John Paul Lederachs Stellung nehmen soll, fehlen mir
die richtigen Worte. Ich teile viele der Ansichten und Einsichten dieses Autors. Das
mag sich aus der hohen Synchronizität unserer Biographien erklären. Obwohl er aus
dem ländlichen, mennonitischen Milieu des amerikanischen Midwest stammt und
ich aus der katholischen Provinz Tirols in Mitteleuropa, haben wir uns, ungefähr
gleich alt, sehr oft zur gleichen Zeit an denselben Orten des Globus aufgehalten und
aus unserer Arbeit in verschiedenen Krisenfällen sehr ähnliche Schlüsse gezogen,
ohne uns bislang persönlich darüber ausgetauscht zu haben. Darüber hinaus berührt
mich Lederachs Schreibstil, der eine solide wissenschaftliche Fundierung zeigt, ohne
methodische Zwänge vor seine persönliche Erkenntnis aus der praktischen Arbeit
oder seine humanistische Überzeugung zu stellen.
Die Art, wie er das macht und sich damit Gehör verschafft, erfordert Mut, be-
sonders in Anbetracht der häufig zu hörenden Zweifel der etablierten Disziplinen, ob
Friedens- und Konfliktforschung denn überhaupt eine solide Wissenschaft wäre. Ich
denke, dass mit Lederachs Erfolg als Praktiker, Akademiker und Autor diese Zweifel
ausgeräumt sind. Das stilistische und methodische Risiko, das er insbesondere mit The

38
Moral Imagination55 eingegangen ist, stellt aus meiner Sicht die endgültige Befreiung
der Friedensstudien aus der methodischen Umklammerung der Internationalen Be-
ziehungen dar. Dieses zutiefst menschliche und doch so sachliche Buch ist in einem
hohen Maß Inspiration für meinen eigenen Text. Nicht dass ich Lederachs Stil zu
imitieren versuchte. Diesbezüglich vertraue ich meiner eigenen Inspiration. Er ermu-
tigt mich aber zu einem Verständnis von Konflikttransformation, das weit über den
konventionellen Rahmen des Fachs hinausgeht und den Schlüsselbegriff dieses Bands,
elicitiv, prägt. Lederachs jüngstes Buch,56 When Blood and Bones Cry Out, das er
gemeinsam mit seiner Tochter Angela verfasst hat, erschien knapp vor Redaktions-
schluss dieses Buchs in Australien. Ich konnte es zwar noch rechtzeitig lesen und
punktuell berücksichtigen. Für eine ausführliche Reflexion in dem Umfang, der ihm
zustünde, blieb aber keine Zeit mehr. Ich empfehle es als wichtige weiterführende
Literatur.
Vor Lederach hat unter den bekanntesten KollegInnen besonders Adam
Curle57 früh dafür plädiert, die Errungenschaften der Humanistischen Psychologie
in die Friedensforschung und Konflikttransformation zu integrieren. Curle58 war
wahrscheinlich der erste ausgewiesene Friedensforscher, der die Relationalität von
Konflikt und Frieden als kommunikativen Prozess in aller Deutlichkeit erkannt und
beschrieben hat. Sowohl Lederach als auch Curle – und sie sind bei weitem nicht
die einzigen in diesem Band zu Nennenden, die das tun – berufen sich auf den
brasilianischen Befreiungspädagogen Paolo Freire, der 1969 Gastprofessor an der
Harvard Universität war, als Curle dort das Center for Studies in Education and De-
velopment leitete. Curles 1971 und 1973 publizierte und für die Friedensforschung
richtungweisende Werke59 zeigen deutlich den Einfluss Freires und den Versuch,
dessen von der frühen Befreiungstheologie inspiriertes Denken über Bildung und
Frieden in das damals aufblühende Human Potential Movement zu integrieren.60
Freire schrieb sein bahnbrechendes Hauptwerk über die Pädagogik der Unter-
drückten während dieses Harvard-Aufenthalts. Sein Denken ist radikal demokra-
tisch, aber in seiner philosophischen Auseinandersetzung mit Hegel und Marx von
den damals populären Befreiungsvorstellungen Frantz Fanons61 und Che Guevaras62
beeinflusst und daher nicht frei von dualistisch-moralischen, idealistischen und

55 Lederach 2005
56 Lederach/Lederach 2010
57 Bürgerlich Charles Thomas William Curle, aber öffentlich bekannt als Adam Curle; 1916–2006.
58 Lederach 1997 S. 64 betont die Bedeutung dieser Quelle für seine Arbeit explizit.
59 Curle 1971 und 1973.
60 Ramsbotham/Woodhouse/Miall 2005 S. 219
61 Fanon 2001
62 Guevara 1968; Gerassi 1969

39
modernisierenden Affekten,63 die nicht zur transrationalen Sicht des 21. Jahrhun-
derts passen. Das gilt ganz besonders für deren Sicht auf den Zusammenhang von
Befreiung und Gewalt. Fanon betrachtete Gewalt als eine reinigende Kraft. Sie be-
freie den Unterdrückten von seinem Minderwertigkeitskomplex, von seiner Ver-
zweiflung und Passivität. Sie mache ihn angstfrei und stelle seine Selbstachtung
wieder her. Guevara sah im Guerilla-Kämpfer einen Sozialreformer, der zu den
Waffen greife, um den wütenden Protest des unbewaffneten Volkes gegen den Un-
terdrücker zu exekutieren.64
Dessen ungeachtet lässt sich der praxisorientierte Methodenteil im Hauptwerk
Freires als Vorläufer der elicitiven Konflikttransformation verstehen.65 Die Kritik
Freires an der so genannten Bankiersmethode,66 in der die Unterdrücker Bildung als
das Auffüllen der vorerst leeren Schülerhirne mit statischen Wissensinhalten verste-
hen, hat die Generationen überdauert und leider bis heute wenig an Relevanz verlo-
ren. Im Gegensatz dazu plädierte dieser richtungweisende Autor für eine die Prob-
leme formulierende Bildungsmethode, die weder eine wohlgeordnete Gesellschaft
noch eine vorbestimmte Zukunft akzeptiert. Der Mensch existiert für Freire nicht
abseits der Welt, abseits der Wirklichkeit. Dementsprechend ist der Ausgangspunkt
jeder Betrachtung immer der Menschen im Hier und Jetzt, das die Situation schafft,
in der er sich befindet und bewegt. Freires revolutionäres Eintreten für eine dynami-
sche Gegenwart wird in diesem Band in verschiedener Form immer wieder Thema
werden.
Lederach, Curle und in geringerem Maß Freire bauten ihrerseits auf die Er-
kenntnisse vieler anderer, vor allem Humanistischer PsychologInnen und Thera-
peutInnen, die meist nicht als FriedensforscherInnen geführt werden und ihrerseits
die Weisheiten des Sufismus, Zen, Tao und Tantra aus Jahrtausenden neu aufbe-
reiteten. Sie alle stimmen darin überein, dass Unfrieden mehr als aus jedem mate-
riellen Interessenskonflikt daraus resultiert, dass Menschen ihr Leben lang von Pro-
jekten, Plänen und Erwartungen gejagt werden oder sich in Bedauern, Schuld und
Scham für Vergangenes verstricken. Konflikt endet durch das Bewusstsein des Le-
bens und der Beziehungen in der Gegenwart. Das fasste wohl niemand prägnanter
zusammen als der große Mystiker Jeru Kabbal: Wir wollen nicht in den Himmel

63 Das ergibt sich schon aus der paradigmatischen Gegenüberstellung des bösen Unterdrückers und
der guten Unterdrückten. Besonders aufdringlich wird das idealistische Moralisieren im vierten
Kapitel des Buchs, das ganz vom emanzipatorischen Geist der 1960er Jahre gezeichnet ist und aus
der Sicht systemischen oder transrationalen Denkens naiv und eindimensional wirkt. Freire 1973
S. 105–158
64 Barash/Webel 2009 S. 201
65 Freire 1973 S. 71–104, Lederach 2005 S. 124 beruft sich explizit auf ihn.
66 Freire 1973 S. 57–70.

40
kommen, wir wollen nicht der Hölle entgehen. Wir wollen ganz einfach hier sein.67 Das
ist wahrscheinlich die griffigste Formulierung dessen, was ich transrationalen Frie-
den nenne. Er ist, wenn wir einfach hier sein dürfen. Jede Störung davon, ob sie von
außen oder von innen kommt, ist Unfrieden, wobei die häufigste Ursache von Un-
frieden demnach ist, dass Menschen unersättlich danach verlangen zu werden und
nicht damit einverstanden sind, einfach zu sein. Ob das von der Natur so gegeben
oder reine Ideologie ist, wird eine weitere Kernfrage dieses Bandes sein.
Die Hinwendung zum Transrationalen und zur elicitiven Konflikttransformation
bedeutet nicht, dass ich die Arbeiten der anerkannten Größen des Fachs geringschät-
zen würde. Im Gegenteil, ich benötige solide Fachbücher, die den aktuellen Stand der
Diskussion gut zusammenfassen, um die Besonderheiten des neuen Ansatzes in den
State of Art einbetten zu können. Contemporary Conflict Resolution68 von Oliver Rams-
botham, Tom Woodhouse und Hugh Miall liefert in diesem Sinne einen ausgezeich-
neten Überblick über die jüngsten Entwicklungen der Disziplin. Dieser perfekt
strukturierte Text eignet sich zugleich als Lehrbuch und Nachschlagewerk. Ähnliches
gilt für das vielzitierte Handbuch der Berghof-Stiftung,69 das mir in Lehre und Praxis
bereits ausgezeichnete Dienste erwiesen hat.
Indem ich elicitive Konflikttransformation in den Mittelpunkt des Interesses die-
ses Buches stelle, greife ich auf ein in der Friedenswissenschaft relativ neues und vor
allem in Europa wenig behandeltes Thema, das aus der Systemtheorie, dem Psycho-
drama, der Gestalttherapie, der Humanistischen und der Transpersonalen Psychologie
und mancher ihrer zahlreichen Anwendungen, Ableitungen und Entsprechungen
übernommen wurde. Zudem ist zu beachten, dass in der Humanistischen Psychologie
und damit auch in der elicitiven Konflikttransformation zahlreiche Einflüsse aus nicht
europäischen Ursprüngen verarbeitet sind. Schamanismus, Sufismus, Tao, Tantra und
Zen spielen durchgängig eine wichtige Rolle. Ich werde in diesem Band auf zwei kon-
krete Beispiele aus Japan näher eingehen.
Als Auslöser zur Bewegung in die Richtung Humanistischer Psychologie wird
oft die Dissidenz Jakob Levy Morenos70 zu Sigmund Freud und noch öfter die
südafrikanische Phase von Lore71 und Fritz Perls72 beschrieben, die sich in dem
Buch Das Ich, der Hunger und die Aggression73 textlich niederschlug.

67 Kabbal 1999. Sinngemäß auch in Kabbal 2010 S. 35


68 Ramsbotham/Woodhouse/Miall 2005
69 Austin/Fisher/Ropers 2004
70 1889–1974
71 1905–1990
72 1893–1970
73 Perls 1989

41
Psychodrama und Gestalttherapie entstanden als abweichende Strömung aus
der Psychoanalyse. Als Theorie und Praxis sind sie älter als die akademische Frie-
densforschung. Die Humanistische Psychologie ist in den USA von Beginn an mit
deren Ansätzen und Absichten verwandt und verbunden. Das drückt sich etwa in
der Biographie des Gestalt-Theoretikers und anarchistischen Friedensaktivisten Paul
Goodman, einer der Ikonen der politischen Umbrüche in den USA um 1968,74
ebenso sinnbildlich aus wie in der Nominierung Carl Rogers‘, des Begründers der
Klientzentrierten Therapie und Vordenkers der Humanistischen Psychologie, für
den Friedensnobelpreis 1987. Rogers hat ebenso wie Virginia Satir, die Begründerin
der familien-zentrierten Therapie, in den 1980er Jahren wesentlich zur Track Two
Diplomacy mit der Sowjetunion beigetragen, welche die zivilgesellschaftliche Annä-
herung zwischen den USA und der UdSSR in politisch gespannten Situationen
erleichterte.75 Beides sind anschauliche Beispiele der Anwendung elicitiver Konflikt-
transformation, auch wenn das damals noch nicht so genannt wurde.
Friedensforschung und Humanistische Psychologie haben einen gemeinsamen
Ursprung, sind konzeptuell eng miteinander verwandt und eingebettet in jene grö-
ßere Strömung, die ich Postmoderne nannte.76 Insofern überrascht die Ableitung der
elicitiven Konflikttransformation aus der Humanistischen Psychologie nicht. Der
Idee nach entstand elicitive Konflikttransformation schon 1951, als Carl Rogers
festhielt, dass in der Psychotherapie eine Nachahmung des diagnostisch-präskripti-
ven Verfahrens der modernen Organmedizin nicht angebracht sei:

Unsere Erfahrung hat uns zu der vorläufigen Schlussfolgerung geführt, dass eine Diag-
nose der psychischen Eigentümlichkeiten nicht nur unnötig, sondern in mancher Hin-
sicht auch nachteilig und unklug sein kann […] Wenn ein Arzt bei seinem Patienten
eine Niereninfektion diagnostiziert und ihm ein Medikament verschreibt, dann hat we-
der die Diagnose noch das Medikament irgendwelche Folgen im Bereich der sozialen
Philosophie. Wenn aber ein Kliniker bei einem Klienten berufliche Ziele oder eheliche
Beziehungen oder religiöse Anschauungen als, sagen wir, unreif diagnostiziert und auf
eine Änderung dieser Umstände in Richtung dessen, was er für reif hält, hinarbeitet,
dann hat diese Situation viele Implikationen. […] Man kann nicht die Verantwortung
für die Wertung der Fähigkeiten, Motive, Konflikte und Bedürfnisse einer Person
übernehmen […] ohne dass damit ein bestimmtes Maß an Kontrolle über das Indivi-
duum einhergeht.77

74 Kingsely1980
75 Satir 2007 S. 349–357
76 Dietrich 2008 S. 251–318
77 Rogers 2005 S. 209/210

42
Auch Virginia Satir hat immer wieder vor der mangelnden Flexibilität präskriptiver
Techniken gewarnt. Sie meinte, eine Intervention zur Herbeiführung von Trans-
formation bestünde ausschließlich darin, dem bereits Bestehenden etwas hinzuzufü-
gen.78 Was Rogers oder Satir über die Psychotherapie sagten, die ihrer Natur nach
Konfliktarbeit ist, hat Lederach in der friedenswissenschaftlichen Konflikttransfor-
mation als Erkenntnis verankert. Elicitive Konflikttransformation tritt folgerichtig
an jener Stelle ins Bild, wo das postmoderne Friedensverständnis in das transrationale
übergeht und in diesem Sinn auch dessen Methodenkanon verwindet.
Im Jahr 1951 bündelten sich die Widersprüche gegen Freuds Psychoanalyse so
deutlich, dass ich dieses Jahr als Geburtsstunde der elicitiven Konflikttransformation
bezeichnen möchte. Diese Verdichtung ist kein Zufall, denn erst fünf Jahre zuvor,
1946, wurde in den USA das Bundesgesetz über die Behandlung psychischer Er-
krankungen, der National Mental Health Act, erlassen, der das Anwendungsfeld der
Psychologie aus dem Bereich des Militärs, der Unternehmen und der Geisteskrank-
heiten im engeren Sinn auf Anliegen gewöhnlicher Menschen ausweitete. Erst auf
der Basis dieses Gesetzes konnte im Laufe der nachfolgenden Jahre die Infrastruktur
und Praxis wachsen, aus der die Humanistische Psychologie schließlich entstanden
ist, während in Europa noch nicht einmal die Psychoanalyse allgemein anerkannt
war. Es ist weder der Zeitpunkt noch der Ort des Entstehens reiner Zufall, sondern
beides Ergebnis eines relativ lange wirkenden Vorlaufs, der bis zur frühen Akzeptanz
Sigmund Freuds in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts zurück reicht.79
1951 erschien auch das Buch Gestalttherapie,80 das Fritz Perls gemeinsam mit
Paul Goodman und Ralph Hefferline publizierte. Dieses Buch vollzieht die Lösung
der Gestalttherapie von der konventionellen Psychoanalyse. Im selben Jahr publi-
zierte Carl Rogers sein bahnbrechendes Buch über die Klientzentrierte Gesprächs-
therapie,81 Gregory Bateson formulierte seine allgemeine Theorie der menschlichen
Kommunikation82 und Virginia Satir begann mit ihrer familienzentrierten Arbeit.
Der damals noch ganz am Anfang seiner Karriere stehende Stanislav Grof um-
schreibt die Stimmung dieser Zeit biographisch markant:

The better acquainted I became with psychoanalysis, the more disillusioned I became.
Everything I had read of Freud and his followers has offered what seemed to be convin-
cing explanations of mental life. But these insights did not seem to carry over into the
clinical work. I could not understand why this brilliant conceptual system did not offer

78 Satir 2007 S. 182


79 Ausführlich und überzeugend dazu Illouz 2009 S. 181–256
80 Perls/Goodman/Hefferline 1997
81 Rogers 2005
82 Ruesch/Bateson 1951

43
equally impressive clinical results. Medical school had taught me that if I only un-
derstood a problem, I would be able to do something effective about it […] but now I
was asked to believe that, even though we had a complete intellectual grasp of the psy-
chopathology we were working with, we could do relatively little about it – even over
an extremely long period of time.83

Die Arbeiten dieser Generation mögen inzwischen schon deutlich mehr als ein hal-
bes Jahrhundert alt sein. Dennoch bilden sie gewissermaßen den State of Art, denn
viele der schon genannten Methoden, um die es in diesem Buch gehen wird, sind
nicht nur Ableitungen, die SchülerInnen und NachfolgerInnen dieser Ikonen ent-
wickelt haben. Fast alles, was heute, teilweise unter originellem neuen Namen, an-
geboten wird, fußt auf den Arbeiten dieser Generation, und wer die Originale liest,
wird erstaunt sein, wie aktuell sie auch noch im 21. Jahrhundert klingen, gerade im
Kontext einer lange Zeit im Idealismus verfangenen Friedensforschung. Sie alle
scheinen ihrer Zeit weit voraus. Ich habe den Eindruck, dass mit dem Ableben die-
ser innovativen Generation im Laufe der 1980er Jahre in den Sozialwissenschaften
eine allzu bereitwillige Hingabe an eine angstgetriebene politische Reaktion erfolgte,
für welche die Regierungen von Ronald Reagan bis George W. Bush in den USA
repräsentativ stehen mögen, ohne dass ich jene Bill Clintons von dieser Einschät-
zung aussparen würde. Obwohl die Aufbruchstimmung um Barack Obama nach
seinen ersten Regierungsjahren schon wieder verflogen ist, wäre das intellektuell
dennoch liberalere Klima der Gegenwart eine gute Gelegenheit, die gefestigten Er-
kenntnisse der Humanistischen Psychologie auch wieder in ein breiteres politisches
Bewusstsein zu rufen. In diesem Sinne sind die Schriften von Fritz Perls, Gregory
Bateson, Abraham Maslow, Carl Rogers, Virginia Satir oder Ruth Cohn aus meiner
Sicht auch heute noch State of Art.
Wem die Lektüre der Originale zu beschwerlich ist, der sei auf Jeffrey Kripals
fantastisches und umfangreiches Buch über Esalen hingewiesen. Obwohl nicht alle für
mein Thema relevanten Personen in Esalen vorbeikamen, bildet dieses legendäre In-
stitut doch einen intellektuellen, emotionalen und spirituellen Gravitationspunkt für
die amerikanische Friedensbewegung seit den 1960er Jahren. Der Tantriker Kripal
rekonstruiert vieles davon sorgfältig, mit kritischer Sachkenntnis und respektvoller
Empathie, wie sie der jüngeren Generation gut ansteht.
Der diesbezügliche Ansatz des Zen Buddhismus wurde im Westen durch die
Skandale am San Francisco Zen Center in den 1980ger Jahren arg beeinträchtigt.84
Die Vorkommnisse belegen nachdrücklich, dass nicht alles, was sich im Grand Psy-

83 Grof/Bennet 1993 S. 14/15


84 Eindrucksvoll dazu Dowing 2001

44
chedelic Carnival of Possibilities and Stimuli85 der 1970er Jahre in San Francisco
aufgetan hat, als relevant oder gar förderlich für die Friedensforschung angesehen
werden kann. Aber nicht nur diese Skandale werfen die Frage auf, ob Zen eine im
Westen anwendbare Friedenslehre ist. Wie im ersten Band dieser Trilogie angedeu-
tet,86 habe ich diesbezüglich vorläufig unausgeräumte Zweifel, die sich auch auf die
chinesisch-japanische Geschichte dieser Richtung beziehen. Ohne das abschließend
beurteilen zu können und andere Meinungen oder Ansätze diskreditieren zu wollen,
beschränke ich mich auf die subjektive Aussage, dass mir persönlich der tantrische
oder der taoistische Weg überzeugender erscheinen.
Ähnliches gilt für das weltweite Beben, das vom Experimentierfeld Bhagwans
in Indien ausging. Seine Kompetenz als scharfsinniger Friedensdenker auch im
wissenschaftlichen Sinn kann nicht bestritten werden.87 Der extrem eklektizistische
Stil mag sich aus dem Habitus des indischen Gurus ergeben, der nicht im eigentli-
chen Sinn des Wortes publiziert, sondern vorträgt. Die unter seinem Namen publi-
zierten Bücher sind zum allergrößten Teil Transkripte seiner Reden. Bei systemati-
schen Untersuchungen seiner Thesen tritt daher eine Unzahl von substanziellen
Widersprüchen auf. Das wusste er. Es kümmerte ihn nicht, da er sich der begrenz-
ten Reichweite jeder Aussage, auch jeder wissenschaftlichen, sicher war. Das könnte
ich nachsehen, wäre es nicht auf paradoxe Weise mit einem strikten Dogmatismus
verbunden, der keine Gegenmeinungen duldet. Der spirituelle Personenkult um
den ungewöhnlich charismatischen Bhagwan hat Widerspruch seiner Gefolgschaft
schlicht nicht vorgesehen, obwohl er selbst ständig Skeptizimus predigte. Bhagwan
begegnete jeder Abweichung von seiner Meinung mit spitzfindigen, wortgewaltigen
Manövern und beleidigenden Werturteilen, womit er sich viele mächtige Feinde
machte, bis sich das Anfang der 1980er Jahre ins Absurde und letztlich Selbstver-
nichtende drehte. Das alles wurde oft festgestellt und kritisiert. Beispielsweise äu-
ßerte sich Esalen-Gründer Richard Price nach einem Aufenthalt in Poona entsetzt
über den Personenkult um Bhagwan. Er ist das zentrale Unterscheidungsmerkmal
zwischen den entsprechenden Bewegungen.88
Im hysterischen Streit um die Person Bhagwans, der spätestens mit der Über-
siedlung seines Ashrams nach Oregon im Jahr 1981 begann, wurde die substanzielle
Arbeit von anderen Personen aus diesem Kreis weitgehend übersehen. Das lag an
der Haltung der bedingungslosen Gefolgschaft unter den Sannyasins, die alles aus-
schließlich ihrem Meister zuschreiben wollten und den Anspruch auf Anerkennung

85 Rock 1990 S. 12
86 Dietrich 2008 S. 137–139
87 Als Beispiel diene Osho 2007
88 Kripal 2007 S. 357–380

45
von Eigenleistungen als egoische Eitelkeit verurteilten. Ebenso eng und leiden-
schaftlich war der Blick der Gegner, die in Bhagwan persönlich die Wurzel allen
Übels erblickten und die Errungenschaften der Kommunen seines Umfelds konse-
quent übersahen.89
Aber all das ist nicht Thema dieses Bands. Dieses Buch handelt von Methoden,
und Bhagwan, der den Großteil seines Lebens sehr zurückgezogen mit seinen Stu-
dien verbrachte, war kein Praktiker. Die revolutionären methodischen und thera-
peutischen Innovationen, die von Poona ausgingen, mögen von Bhagwans Haltung
und Präsenz inspiriert gewesen sein, praktisch entwickelt wurden sie aber von ande-
ren, nämlich von westlichen Therapeuten der damaligen Meisterklasse der Huma-
nistischen Psychologie wie Richard Dorin Shoulders, Paul Lowe oder Mike Barnett,
um nur einige Beispiele zu nennen. Sie integrierten Sufismus, Advaita, Tantra, Zen,
Tao und anderes in den Fundus ihres Fachs und experimentierten damit praktisch
in Poona. Sie haben aus dieser Erfahrung wertvolle Schlüsse gezogen, das Erfahrene
methodisch bewahrt und in ein neues Gewand gekleidet, das sich heute an vielen
Orten beobachten lässt. Die aus dem Umkreis Bhagwans hervorgegangen Denker
überließen aber fast ausnahmslos ihrem Meister das Wort. Sie beschränkten sich
darauf, dieses zu transkribieren oder zu zitieren. Sie waren, mit Peter Sloterdijk,
Paul Lowe und William Pennel Rock als wichtigste Ausnahmen, keine großen Au-
torInnen, weshalb es von ihnen wenig selbst Publiziertes gibt.90
Das gilt auch für Swami Anand Santosh, der sich in seiner letzten Lebensphase
Jeru Kabbal nannte und unter diesem Namen einen kohärenten Methodenkanon
hinterließ, den er allerdings noch nicht publiziert hatte, als er im Jahr 2000 starb.
Einige seiner SchülerInnen bewahrten den Schatz und wenden ihn weiter erfolg-
reich als Original ClarityProcess® nach Jeru Kabbal an. Aus Kabbals Manuskripten
publizierten sie posthum einige Grundlagen seines Werks in Finding Clarity. A
Guide to the Deeper Levels of Your Being.91 Ferner publiziert das ClarityProject mit
Weckrufe92 und weiteren Schriften und Audiomaterialien ansprechende Transkripte
seiner Reden. Dessen ungeachtet ist wenig davon publiziert und all das bildet bei
weitem nicht das Spektrum seiner Lehre und Praxis ab. Ich werde näher darauf
eingehen und seinen Ansatz von der atemorientierten Seite her ansprechen.

89 Als Beispiel für die Beschreibung beider Haltungen empfehle ich Forman 1988. Die Autorin war
unter dem Namen Maneesha eine der engsten Vertrauten Bhagwans und steht selbst für das eine
Extrem. Dessen ungeachtet geben ihre gut dokumentierten Beschreibungen zugleich Zeugnis von
der Haltung des anderen.
90 Siehe dazu Kapitel D.3 in diesem Band.
91 Deutsche Übersetzung Kabbal 2008
92 Kabbal 2010

46
Ganz anders war diesbezüglich die Stimmung in Esalen. In Bezug auf die atem-
orientierten Methoden hat Stanislav Grof, der Erfinder des Holotropen Atmens, seine
Theorien und Erfahrungen selbst umfangreich beschrieben. Es gibt auch eine Reihe
von Sammelbänden, die den Diskussionsstand in der Gruppe aktuell wiedergeben. Im
deutschen Sprachraum hat sich der Grof-Schüler Sylvester Walch mit dem profunden
Buch Dimensionen der menschlichen Seele93 zu dem Thema sehr verdient gemacht.
Diese Literatur aus erster Hand, ausschließlich von Praktikern geschrieben, war mir
im Kapitel über die atemorientierten Methoden sehr hilfreich.
Aus der eigenen Praxis schreiben auch die meisten AutorInnen zum Schama-
nismus. Diese Literatur verweigert sich aus ihrem Selbstverständnis heraus meistens
dem wissenschaftlichen Stil und bevorzugt es, ihre Botschaft in Form des Ge-
schichtenerzählens zu transportieren. Sehr populär sind in dieser Beziehung die
vielen Bücher Tom Browns Jr., dessen Ansatz, vermittelt über seinen Schüler Peter
Kirschner, den Leiter der Wildnisschule Native Spirit, im Innsbrucker Lehrgang für
Friedensstudien eine prominente Rolle spielt. Etwas systematischer und tiefschür-
fender als die Erzählungen Browns erscheint mir Hyemeyohsts Storms Lightning-
bolt. Die Weisheit der Medizinräder.94 Dieses Buch wurde von Dragon Norbert
Schachner95 ins Deutsche übersetzt. Der hatte großen Einfluss auf den Werdegang
Native Spirits und die Orientierung Kirschners, weshalb ich mich im entsprechen-
den Kapitel an diesem umfangreichen Buch orientierte, das auch im Einklang mit
der parallel verwendeten Literatur steht, die großteils aus dem Umfeld der so ge-
nannten Twisted Hairs stammt.
Im Kapitel über die stimmorientierten Methoden ergibt sich die Basisliteratur
aus den gewählten Subkapiteln. Marshall Rosenberg96 hat seine Methode der Gewalt-
freien Kommunikation in umfangreicher und gut verständlicher Literatur publiziert
und auch den weltweiten Vertrieb seiner Arbeits- und Lehrmaterialien selbst
organisiert. Sein Modell erklärt sich selbst erschöpfend. Zusätzlich ist es eine
Anwendung, Aktualisierung und Systematisierung der Ideen von Rosenbergs Lehrer
Carl Rogers auf der Basis der gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte.
Ähnliches gilt für Ruth Cohn, deren Themenzentrierte Interaktion zwar von
ihr selbst nicht so publikumsfreundlich aufbereitet wurde, wie das bei Rosenberg
der Fall ist. Ihre Schüler, organisiert in zahlreichen Arbeitskreisen, haben dies mitt-
lerweile nachgeholt, sodass auch zu dieser Methode ein weitgehend selbsterklärender
Kanon in der Literatur vorhanden ist.

93 Walch 2003
94 Storm 1997 S. 260
95 Dragon Norbert Schachner starb am 22. November 2010 kurz vor Redaktionsschluss dieses Buchs.
96 Rosenberg 2003

47
Einer dieser Schüler ist Friedemann Schulz von Thun, der die Ansätze Cohns
mit denen Virginia Satirs, Paul Watzlawicks und einiger mehr verbunden und zu dem
Projekt ausgebaut hat, das heute als Miteinander Reden bekannt ist.97 Auch das ist eine
beliebte Methode geworden, deren wesentliche Werkzeuge in den populären Büchern
dieser Schule oder auf der Homepage des Autors abgerufen werden können. All diese
Schulen nehmen auf einander Bezug, kritisieren sich gegenseitig und arbeiten selbst
ihre Unterschiede heraus, sodass mir für die Zwecke dieses Bandes eine Darstellung
der Methoden und die Wiedergabe dieser Debatte samt den entsprechenden Referen-
zen ausreichend erschienen.
Etwas schwieriger ist das im vierten Subkapitel zu den stimmorientierten Me-
thoden, das sich auf Paralinguistisches bezieht. Dieser Aspekt ist in der Psychologie
und Soziologie weniger bearbeitet und eher eine Domäne der Musikwissenschaften,
der Biologie und Physik. Ein die Disziplinen übergreifender Klassiker zu diesem
Thema ist Die Magie der Töne. Musik als Spiegel des Bewusstseins des Komponisten,
Philosophen und Psychologen Dane Rudhyar und in der Tendenz ähnlich Durch
Musik zum Selbst des Komponisten Peter Michael Hamel.98 Die populärwissenschaftli-
chen Bestseller von Joachim-Ernst Berendt Nada Brahma und Das Dritte Ohr haben
viel dazu beigetragen, das Thema der vorsprachlichen Kommunikation und des
Hörens in ein breiteres Bewusstsein zu bringen. Mir erscheint dieser Aspekt besonders
wichtig, weshalb wir ihn im Curriculum des Innsbrucker Lehrgangs auch ausführlich
behandeln, wenngleich es dazu wenig methodische Vorlagen gibt. Berendts Schüler
Markus Riccabona hat für diesen Zweck ein Format entwickelt, dessen innovative
Methoden in der Praxis faszinieren, aber noch einer systematischen Publikation
harren. In diesem Sinn mag das entsprechende Kapitel einen weitgehend blinden
Fleck der musikorientierten Konflikttransformation ansprechen.
Bezüglich der bewegungsorientierten Methoden konnte ich auf etliche Klassi-
ker greifen. Einen sehr guten und einfach lesbaren Zugang bietet Gabrielle Roth in
ihren Maps to Ecstasy, einem älteren Buch, das vielleicht nicht so bekannt ist wie ihr
Bestseller Sweat Your Prayers,99 aber mehr auf die Wurzeln ihrer Methode eingeht,
wodurch es für die Zwecke dieses Bandes nützlicher ist. Zum praktischen Verständ-
nis ihrer Arbeit empfehle ich ihre Tonträger. Die populärsten davon sind Initiation,
Waves und Bones.100 Ein gemeinsames Stück ihres beruflichen Lebensweges ist Gab-
rielle Roth mit William Pennell Rock gegangen. Beide waren Schüler Oscar Ichazos
und beide stehen wesentlich unter dem Einfluss ihrer Begegnungen mit Bateson,

97 Schulz von Thun 2003a,b,c.


98 Hamel 1992
99 Roth 1998; auf Deutsch etwas irreführend Leben ist Bewegung.
100 Roth (9.11.2009)

48
Perls und Rebillot in Esalen, worauf ich in diesem Band ausführlich eingehen
werde. Während Roth später vor allem durch ihre tanztherapeutischen Methoden
berühmt wurde, konzentrierte sich Rock auf Ausdruckstheater. Sein Buch Perfor-
ming Inside Out101 ist weniger bekannt, aber umso lesenswerter. Es eröffnet viele
Einsichten in die Denk- und Arbeitsweise dieser Generation.
Butǀ geriet als angewandte Übung durch Henriette Heinrichs102 in den Innsbru-
cker Lehrgang. Ich wurde erst bei dieser Gelegenheit mit dieser hochkomplexen und
kathartischen Friedenskunst konfrontiert und lernte dann viel darüber von meinen
japanischen Studierenden an der UN Friedensuniversität in Costa Rica. Ich fand rela-
tiv wenig Literatur in europäischen Sprachen dazu. Erwähnenswert sind vielleicht die
allerdings schon etwas veralteten Bände Butoh. Shades of Darkness von Jean Viala und
Nourit Masson-Sekine103 sowie Die Rebellion des Körpers. Ein Tanz aus Japan von
Michael Haerdter und Sumie Kawai.104 Etwas neuer A Compilation of Butoh Exercises
von Abel Coelho.105 Bücher können nur sehr vage vermitteln, was Butǀ ist, kann und
tut. Bilder und mehr noch Kurzfilme im Internet sind oft abschreckend und irrelei-
tend. Der kathartische Effekt dieser Kunst erschließt sich erst durch das persönliche
Erleben. Dabeisein ist alles.
Ähnliches gilt für Aikidō. Allerdings konnte ich mich hier weitgehend an die
Originaltexte der Meister dieser Bewegungskunst des Friedens halten. Wenngleich
deren Begründer Morihei Ueshiba selbst wenig geschrieben hat, sind doch etliche
seiner Aussagen und Gedichte auch in europäischen Sprachen veröffentlicht. The
Art of Peace106 ist nicht nur vom Titel her der Art and Soul der elicitiven Konflikt-
transformation im Sinne Lederachs ähnlich, sondern auch im Inhalt. Es handelt sich
dabei um eine Sammlung meist kurzer Sprüche, von denen sich jeder zu eingehen-
der Kontemplation eignet, weshalb dieses Büchlein für das Thema meiner Arbeit
eine reiche Inspiration ist. Ähnliches könnte ich über die anderen Ueshiba zuge-
schriebenen und meist vom buddhistischen Aikidō-Meister John Stevens107 aus dem
Japanischen übersetzten Bücher sagen. John Stevens ist nicht nur ein verlässlicher
Übersetzer und Herausgeber dieser Texte, sondern auch selbst Autor profunder
Arbeiten zum Thema Aikidō und Budō. Darüber hinaus hat sich Ueshibas Sohn
Kisshǀmaru die Aufgabe gestellt, Leben und Werk seines Vaters einem größeren

101 Rock 1990


102 Heinrichs (31.5.2010)
103 Viala/Masson-Sekine 1988
104 Haerdter/Kawai 1986
105 Coelho 2008
106 Ueshiba 2007
107 *1947; Professor an der Tohoku Fukushi University in Japan und selbst Autor zahlreicher
einschlägiger Bücher.

49
Publikum außerhalb Japans zugänglich zu machen. Mit seinem Spirit of Aikidō ist
ihm das eindrucksvoll gelungen. Unter den zahlreichen einschlägigen Büchern zu
dem Thema, die europäische Meister geschrieben haben, hat mich vor allem Win-
fried Wagners Aiki-Do und wir108 begeistert. Wagner ist ein Schüler des Meisters
Katsuaki Asai, der Aikidō in den 1960er Jahren von Japan nach Deutschland ge-
bracht hat. Sein Buch lege ich allen ans Herz, deren Interesse an Aikidō als bewegte
und bewegende Friedenskunst durch mein vergleichsweise kurzes Kapitel angeregt
werden sollte.
Systemisches Aufstellen in der Form der Familienaufstellung ist in Europa in den
letzten Jahren nahezu eine Massenbewegung geworden, zudem eine höchst umstrit-
tene. Organisationsaufstellungen und politisches Aufstellen fußen zwar auf denselben
Prinzipien, sind aber weniger umstritten, weil sie nur von gut ausgebildeten Fachleu-
ten unter Einhaltung der therapeutischen Grundregeln und Rahmenbedingungen
durchgeführt werden. Die meisten von ihnen haben sich im Internationalen Forum
Politische Aufstellung zusammengeschlossen. Aus diesem Kreis gibt es ausgezeichnete
Basisliteratur.109 Ganz besonders empfehle ich den von Albrecht Mahr, dem Präsiden-
ten dieses Forums, herausgegebenen Sammelband Konfliktfelder – Wissende Felder.
Systemaufstellungen in der Friedens- und Versöhnungsarbeit. Praktisch alle Publikationen
dieser führenden Stimme der Szene sind relevant für das Thema. Sehr hilfreich war für
mich weiters Trauma, Bindung und Familienstellen von Franz Ruppert.110 Verwirrte
Seelen, Grundzüge einer systemischen Psychotraumatologie111 vom selben Autor diente
mir weit über das Kapitel zur Aufstellungsarbeit hinaus als Orientierung für systemi-
sches Denken in der Konfliktarbeit. Schließlich folgte ich bezüglich der politischen
Aufstellungsarbeit vor allem Dienen Politische Aufstellungen der Friedensarbeit? Neue
Möglichkeiten zur Transformation politischer Konflikte von Martina Kaller-Dietrich.112
Zur transformativen Theaterarbeit gibt es eine kaum überblickbare Fülle von
Literatur. Vieles davon ist ausgezeichnet recherchiert, auf Erfahrung gebaut und gut
geschrieben. Ich habe mich dennoch weitgehend an die Klassiker jener AutorInnen
gehalten, die für die weltweite Bewegung richtungweisend waren und sind. Da ist
zunächst natürlich Augusto Boal, der Begründer des Theaters der Unterdrückten,
dessen Buch Theater der Unterdrückten. Übungen und Spiel für Schauspieler und Nicht-
Schauspieler113 in der Szene Kultstatus genießt und auch heute noch eine unverzicht-

108 Wagner 1999


109 Mahr 2003
110 Ruppert 2005
111 Ruppert 2002
112 Kaller-Dietrich 2007
113 Boal 1989

50
bare Inspiration ist. Etwas weniger bekannt aber ebenso wertvoll sind vom selben Au-
tor Der Regenbogen der Wünsche114 und The Aestetics of the Oppressed.115 Als aktuelle
Ergänzung dazu half mir Armin Stafflers Einführung in Leben und Werk Boals.116
Boal hat sich in seinem strukturalistischen Umgang mit transformativen Theater-
techniken historische Verdienste erworben, deren Bedeutung mir heute in mancherlei
Hinsicht noch nicht ausreichend gewürdigt erscheint. David Diamond ist mehr als
nur ein würdiger Nachfolger des verstorbenen Meisters. Er hat Boals Werk auf
systemischer Basis fortgeführt und mit seinem Theatre for Living117 nicht nur eine
zeitgemäßere Form transformativen Theaters entwickelt, sondern unter dem selben
Titel auch eines der spannendsten Fachbücher geschrieben, die ich bei der Recherche
für dieses Buch lesen durfte.
Im letzten Kapitel, in dem es um die Verbindung zwischen den Methoden eli-
citiver Konflikttransformation und dem transrationalen Ansatz geht, setze ich mich
nochmals mit dem Gesamtwerk John Paul Lederachs auseinander. Ergänzt wird das
in den Unterkapiteln mit der jeweils einschlägigen Fachliteratur, aus der mir für die
Multitrack Diplomacy die Arbeit von John MacDonald mit Diane Bendahmane118
als grundlegend, die desselben Autors mit Luise Diamond119 als Durchbruch zur
transrationalen Auffassung von Diplomatie erscheint.
Für internationale militärische Friedensoperationen wird derselbe Vorgang im
Grunde in den beiden eingangs genannten Handbüchern120 thematisiert, ohne dass
von den entsprechenden AutorInnen der Begriff transrational verwendet würde.
Aufgrund der ausdrücklichen Zustimmung beider zu Lederach fehlt hier eigentlich
nur die Vokabel. Ich nehme an, dass diese Übereinstimmung in der Zukunft eine
fruchtbare Diskussion über die Kategorisierung der Ansätze aller Beteiligten bringen
wird.
Das Unterkapitel zur transrationalen Wende in der Entwicklungspolitik fußt
auf einer großen Menge einschlägiger Literatur, weil die mechanistischen Ansätze
der Sozialwissenschaften wohl in keinem anderen Teilbereich des Fachs früher und
intensiver herausgefordert wurden als in diesem. Von den Rändern des Weltsystems
sind zuerst die teils provokanten Thesen des Post-strukturalismus in die akademi-
schen Zentren geflossen und haben dort das Feld für die transrationale Wende auf-
bereitet. Ich habe in diesem Zusammenhang schon öfter den von Wolfgang Sachs

114 Boal 1999


115 Boal 2006
116 Staffler 2009
117 Diamond 2007
118 MacDonald/Bendahmane 1987
119 Diamond/MacDonald 1996
120 Austin/Fischer/Ropers 2004, Ramsbotham/Woodhouse/Miall 2005

51
herausgegebenen Sammelband, der auf Deutsch Wie im Westen so auf Erden
heißt,121 als das wichtigste Buch der 1990er Jahre bezeichnet. Zu dieser Einschät-
zung stehe ich auch heute noch. Von ähnlicher Bedeutung, aber geringerer Reich-
weite war die Aufsatzsammlung von Gustavo Esteva.122 Seit der Jahrtausendwende
versucht der Arbeitskreis am UNESCO Chair for Peace Studies der Universität
Innsbruck die umfangreiche Literatur zu diesem Thema zu sortieren und teilweise
neu zu editieren. Ein hoffentlich hilfreicher Versuch dieser Art sind die so genann-
ten Schlüsseltexte der Friedensforschung,123 die in einem Band Klassiker der
entsprechenden Debatte jeweils in den drei Sprachen Deutsch, Englisch und Spa-
nisch für den universitären Unterricht aufbereiten.
Es wird niemanden wirklich überraschen, dass die Literatur zu transrationalen
Ansätzen in der Nationalökonomie hingegen rar ist. Der Mainstream dieses Haupt-
fachs der Moderne ist weitgehend den mechanistischen Glaubenssätzen seines Kanons
verschrieben und Dissidenz da und dort prominent, aber nur selten wirklich mei-
nungsbildend, obwohl sich just in diesem Feld die ältesten und auch in der Friedens-
forschung bekanntesten Klassiker transrationalen Denkens finden lassen. Das beginnt
früh mit Kenneth Bouldings Economics of Peace124 und setzt sich beispielsweise über
Leopold Kohrs Breakdown of Nations125 oder Ernst-Friedrich Schumachers Small is
Beautiful. A Study of Economics as if People Mattered126 bis zu den aktuellen Schriften
der Weltsystemanalyse, der systemischen Ökologiebewegung bis hin zum Resilience
Ansatz und der Globalisierungskritik fort. Wie sich das in offiziellen Dokumenten
und nationalökonomischen Tendenzen niederschlägt, wird Gegenstand des entspre-
chenden Kapitels sein.
Das Schlusskapitel dieses zweiten Bands habe ich im Vergleich zu den übrigen
sehr essayistisch angelegt und nur wenig mit Literaturangaben ausgestattet. Das liegt
daran, dass dieses Kapitel weitgehend aus meinen eigenen Überlegungen und Erfah-
rungen schöpft. Es ist als innovativster Vorschlag des Buches gedacht. Dessen unge-
achtet ist es seinerseits eine Weiterentwicklung von Material, das ich selbst vorge-
funden habe. Es bezieht sich vor allem auf die eingangs zitierten Werke John Paul
Lederachs und verbindet diese mit der Literatur, die ich im ersten Band der Trilogie
im Kapitel über die transrationalen Frieden zitiert habe. Ein besonderes Gewicht hat
dabei die politisch-spirituelle Yoga-Philosophie Sri Aurobindos und dessen Rezep-

121 Sachs 1992


122 Esteva 1995
123 Dietrich/Echavarría/Koppensteiner 2006
124 Boulding 1945
125 Kohr 1957
126 Schumacher 1974

52
tion durch Ken Wilber. Beide sind für mich erhellend. Zugleich stimme ich nicht
zur Gänze mit ihnen überein und schlage daher in diesem Buch mein eigenes Ver-
ständnis des elicitiven Arbeitens vor. Und ich lade mein Publikum ein, dasselbe mit
meinem Text zu tun. Das Elicitive lebt von der kreativen Spannung unterschiedli-
cher Sichtweisen.

53
B. Grundlagen

1 Humanistische Psychologie

Ich beginne dieses Buch mit der Darstellung jener Aspekte der Humanistischen
Psychologie, die ich als grundlegend für das Verständnis der Methoden elicitiver
Konflikttransformation erachte. Das geschieht in voller Anerkennung der umfang-
reichen Vorarbeiten der modernen Ansätze des Behaviorismus und der Psychoana-
lyse, die ich hier nicht diskutiere. Es geschieht auch im Wissen, dass Psychoanalyse
nicht nur das ist, was der harte Kern der TraditionalistInnen dieser Schule vertritt,
sondern dass es auch methodisch aufgeschlossene und politologisch relevante Psy-
choanalyse gibt, etwa die Ansätze von Vamik D. Volkan127 oder Otto Kernberg,128
die sich methodisch einigermaßen an die Ansätze der Humanistischen Psychologie
annähern und deshalb in diesem Band auch zu diskutieren sind. Schließlich ge-
schieht es in Anerkennung der reichhaltigen Verzweigungen und Neuerungen in
Theorie und Praxis der Humanistischen Psychologie, die sich seit den Arbeiten der
großen Gründerpersönlichkeiten ergeben haben. Das alles darzustellen, würde weit
mehr als einen einzigen Band umfassen. Hier geht es darum, das philosophische
und psychologische Grundprinzip darzustellen, auf dem die jüngeren Methoden
großteils beruhen. Manche von ihnen leiten sich aus dem Schamanismus, dem Zen,
dem Tao oder Tantra ab, wurden aber seit den 1950er Jahren in etlichen experi-
mentellen Feldern mit den westlichen Ansätzen verwoben, seit eine breite Bewegung
nach einer Synthese von spiritueller Weisheit mit westlichem Gedankengut in Wis-
senschaft, Philosophie, Religion und Psychotherapie zu streben begann.
Die elicitive Konflikttransformation hat mehrere Wurzeln und es ist schwer zu
entscheiden, welche davon die wichtigste ist. Ein Hauptstrang weist jedenfalls über
die Gestalttherapie zur Existenzphilosophie und Phänomenologie zurück, und von
dort zu jenen bahnbrechenden Ansätzen, die ich im vierten Kapitel des ersten Ban-
des129 als Anfang der Postmoderne in der Tradition Friedrich Nietzsches beschrieben
habe. Dieser Zugang weist auf die Begrenztheit der individuellen menschlichen
Wahrnehmungsfenster hin und will deren Erweiterung unterstützen. Er besagt, dass

127 Volkan 2003


128 Kernberg 1980
129 Dietrich 2008 S. 256–270

55

W. Dietrich, Variationen über die vielen Frieden, DOI 10.1007/978-3-531-93089-3_2,


© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011
Menschen mit ihren bescheidenen Mitteln nur einen verschwindend kleinen Aus-
schnitt der universalen Wirklichkeit wahrnehmen können. Daher scheinen sie sich
auf dramatische Art in dem zu unterscheiden, was sie als wirklich wahrnehmen, was
sie zu wissen meinen. Sie gleichen sich aber in viel größerem Maß in dem, was sie
alle nicht wissen. Diese Einsicht ist wesentlich für die Entwicklung elicitiver Kon-
flikttransformation.
Auch das Psychodrama wurzelt auf diesem Grund. Es lässt sich als Idee einer
kathartischen Methode der Konflikttransformation über Marx bis zu Feuerbach
zurückverfolgen. Der eine Strang dieser wohl in Nietzsche am stärksten verdichteten
Philosophie führt später unter anderem zum Entstehen der strukturalistischen Frie-
densforschung in Europa, der andere zur Humanistischen Psychologie und zur
systemtheoretischen Friedensforschung in den Amerikas.130
Eine wesentliche Etappe dieser Entwicklung ist die Philosophie Martin Bubers,
der das Konzept der Dualität des Menschen als existentielle Tatsache in die Diskus-
sion einführte.131 Er unterschied zwischen der orientierenden, auf Sicherheit ausge-
richteten, und der realisierenden, auf Grenzüberschreitung ausgerichteten Grund-
haltung. Das dialogische Prinzip nach Buber zielt auf Gleichwertigkeit und Balance
dessen, was er Orientierung und Realisierung nennt. In einer direkt an Nietzsche
angelehnten Sprache könnte das auch Apollo und Dionysus heißen.132 In einem sich
selbst verwirklichenden Menschen sind beide vereinigt. Mensch will nach Nietzsche
wie nach Buber immer beides und steht daher permanent und zwangsläufig vor der
Wahl. Die Ruhe einer einmal gewonnenen Sicherheit ist stets trügerisch. Es gibt
keine abgeschlossene, unwidersprüchliche Identität, weder für das Individuum noch
für das Kollektiv. Das Ich an sich gibt es bei Buber nicht. Er unterscheidet zwischen
dem Ich, das in Beziehung zum Du steht, und dem Ich, das seine Erfahrung als Es
in die Welt einbringt. Aus dem Ich-Du einerseits und dem Ich-Es andererseits
entsteht die Spannung zwischen der unmittelbaren Beziehung und der erworbenen
Erfahrung. Die (Apollinische) Erfahrung baut auf Ruhe, Gewissheit und Sicherheit,
(Dionysische) Begegnung bedeutet aber Bewegung, Öffnung und Risiko, wobei jede
Begegnung, sobald sie gelebt ist, ihrerseits zur Erfahrung wird.
Diese Spannung ist Gegenstand zahlreicher Überlegungen, die für dieses Buch
wichtig sind. Ihre Bedeutung geht weit über den Rahmen der Psychologie im enge-
ren Sinn hinaus und gewinnt bei einigen AutorInnen auch friedenspolitischen Cha-

130 Dietrich 2008 S. 270–297


131 Bubers Philosophie zu diesem Thema und die daran anschließenden Diskussion findet sich
hervorragend zusammengefasst bei Quitmann 1996 S. 64–91.
132 Koppensteiner 2009 S. 37–54

56
rakter. Als Beispiel sei an dieser Stelle Erich Fromm133 genannt, dessen Hauptthema
die Irrationalität des menschlichen Massenverhaltens und dessen Hauptmotivation
der Wunsch nach universalem Frieden und Harmonie zwischen allen Völkern war.
Wie viele andere AutorInnen, die für diesen Band wichtig sind, wehrte sich Fromm
gegen die bürgerliche Einstellung der Psychoanalyse und Freuds Verständnis von
Familie als Zelle der Gesellschaft. Für Fromm ist der Mensch unabhängig von In-
stinkten und Trieben, hat aber gleichzeitig einen individuellen und gesellschaftli-
chen Charakter. In Anlehnung an Buber und Nietzsche spricht Fromm von exis-
tentiellen und historischen Dichotomien. Existentielle Dichotomien wie Geburt
und Tod sind in der Existenz als solcher angelegt und nicht auflösbar. Sie Kirche,
Staat oder politischen Führern anzuvertrauen, führt nach Fromm zu jenem unnöti-
gen Verlust der Selbstverantwortung, den Nietzsche Sklavenmentalität genannt hat.
Existentielle Dichotomien können nur anerkannt werden. Historische Dichotomien
sind hingegen Widersprüche, die vom Menschen selbst geschaffen sind und deshalb
auch aufgehoben werden können. Jeder Mensch muss nach Fromm die Verant-
wortung für sich selbst akzeptieren und sich damit abfinden, dass er seinem Leben
nur durch die Entfaltung seiner eigenen Kräfte Sinn geben kann. Er tut das, ohne
die Gewissheit zu haben, dass sich die Dinge in seinem Sinne positiv entwickeln. Er
muss sich auf Ungewissheiten einlassen und begreifen, dass sein Leben jenen Sinn
hat, den er selbst ihm gibt. Das führt notwendigerweise zum permanenten Wechsel-
spiel von Gleichgewicht und Ungleichgewicht, Gewissheit und Ungewissheit, Sta-
bilität und Instabilität.134
Diese Dualität im Menschen als Erfahrungs- und Begegnungswesen entspricht
den Beobachtungen der Quantenphysik und dem Gödel’schen Unvollständigkeits-
satz, die ich im ersten Band dieser Trilogie behandelt habe.135 Naturwissenschaftli-
che Lehrsätze treten hier als humanwissenschaftliche Leitsätze auf und gewinnen auf
dieser Basis praktische Bedeutung für die Friedenswissenschaft. Durch die Gewor-
fenheit in die Welt, wie Heidegger sagen würde, stehen jeder Mensch und jede
Gesellschaft dauerhaft vor der Entscheidung über Risiko oder Sicherheit, Öffnung
oder Bewahrung, Struktur oder Flexibilität, Ordnung oder Chaos, Ruhe oder Erre-
gung, konservativer oder progressiver Tendenz, Selbstbewahrung oder Selbstverän-
derung, Selbstbehauptung oder Selbstaufgabe. Diese Dualitäten und ihr Span-
nungsverhältnis werden in diesem Buch in verschiedensten Formen auftreten. Für
die transrationale Friedenswissenschaft entscheidend ist die Einsicht, dass diese
Spannung in der Existenz notwendig angelegt, unumgänglich und auszuhalten ist.

133 1900–1980
134 Fromm 1977 S. 249–254
135 Dietrich 2008 S. 393–400

57
Wir haben in jeder Situation die Wahl, müssen entscheiden und diese Entscheidung
verantworten, wobei auch keine Entscheidung eine Entscheidung ist, nämlich die
zur fortgesetzten Blockade der Lebensenergie, zum Unfrieden. Der Mensch als
Gattungswesen ist zur Freiheit verurteilt, wie Jean Paul Sartre sagte,136 und deshalb
stets verantwortlich für die Frieden, die er wählt.
Im Mittelpunkt der Humanistischen Psychologie steht, wie der Name schon
sagt, der Mensch als der, der er ist. So banal das auf das Erste klingt, folgten und
folgen daraus doch einige Episteme, deren Tragweite der Mainstream der Geistes-
und Sozialwissenschaften mir auch 100 Jahre nach deren Erstveröffentlichung noch
nicht in seiner ganzen Tragweite begriffen zu haben scheint. Schon 1956 warnte
kein geringerer als Robert Oppenheimer die American Psychological Association da-
vor, sich nach einer Newton’schen Physik zu orientieren, die es so nicht mehr gibt,
die damals schon veraltet, in ihrem universellen Anspruch widerlegt war.137 Im Hin-
blick auf die enge Verwandtschaft von Psychologie und Friedensforschung wäre zu
erwarten, dass eine derartige Warnung von höchst berufener Stimme auch die Frie-
densforschung trifft und beeinflusst. Zumindest in Kontinentaleuropa hat Oppen-
heimer meiner Beobachtung nach weder die Friedensforschung noch die Sozial- und
Humanwissenschaften erreicht, weshalb es mir angebracht erscheint, die epistemi-
schen Neuerungen, auf denen die Humanistische Psychologie beruht, einmal mehr
anzuführen:

ƒ Objektivität in der Wissenschaft ist eine wechselseitige Übereinkunft, da der


forschende Mensch notwendigerweise immer selbst Teil der Forschung, Beob-
achter und Beobachteter zugleich ist. Der moderne wissenschaftliche Anspruch
auf Objektivität ist obsolet.
ƒ Sinn und Bedeutung von wissenschaftlichen Fragestellungen bestimmen das
methodische Vorgehen.
ƒ Methodisch hat menschliche Erfahrung Vorrang vor statistischen Größen.
ƒ Jegliches Wissen ist von relativer Bedeutung. Die Möglichkeit zur Ausweitung
dieses Wissens ist aufgrund der menschlichen Kreativität und Vorstellungskraft
unendlich. 138

Die phänomenologische Neuorientierung schmälert nicht die Verdienste anderer


Richtungen. All deren Erkenntnisse sollen der menschlichen Erfahrung zugeordnet,

136 Zit. nach Quitmann 1996. S. 86


137 Oppenheimer 1956 S. 134, zitiert nach Quitmann 1996 S. 181.
138 Quitmann 1996 S. 15/16

58
keine ausgegrenzt werden. Es geht um die Verwindung, nicht die Überwindung
moderner Wissenschaft.139 Auf dieser immer noch revolutionären Basis will die
Humanistische Psychologie den Menschen die Möglichkeit eröffnen, das eigene
Selbst und die persönliche Authentizität bestmöglich wahrzunehmen. Anders als im
Behaviorismus und in der Psychoanalyse ging und geht es ihr nicht um die Harmo-
nisierung psychischer Störungen im Sinne der herrschenden Normen, sondern um
die Auseinandersetzung mit dem vollen Erlebnisspektrum der menschlichen Exis-
tenz, von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung bis zur Liebe und Ekstase.
Eine weitere Wurzel der Humanistischen Psycholgie ist die allgemeine Theorie
der menschlichen Kommunikation, wie sie der radikal transdisziplinär ausgerichtete
Zoologe Gregory Bateson140 in Palo Alto/Kalifornien entwickelte. Er vertrat nach
anthropologischen Studien in Neuguinea und auf Bali die Meinung, dass psycho-
pathologische Phänomene als intrapersonale und interpersonale Störungen der
Kommunikation betrachtet werden müssen. Seine Double bind-Hypothese zur Schi-
zophrenie wurde zum Kristallisationspunkt systemtheoretisch begründeter Thera-
pieansätze. Der grundlegende Neuansatz seines Konzepts bestand darin, dass er
Schizophrenie auf pathologische Kommunikationsstrukturen innerhalb der Familie
der Betroffenen zurückführte. Damit verwand Bateson in einem Zug Darwins evo-
lutionistische, Marx‘ gesellschaftshistorische und Freuds lebensgeschichtliche Auffas-
sungen von Interaktion zu einer kohärenten humanwissenschaftlichen Konflikttheo-
rie, deren Dreh- und Angelpunkt die Kommunikation ist. Leben kann demnach
ohne Kommunikation nicht einmal gedacht werden. In der Kommunikation mit
anderen und sich selbst formt sich die Art zu denken, zu fühlen und den Fluss der
Wahrnehmung zu interpretieren. Nur in der Kommunikation ist es möglich, die
eigene Realität und das Selbst aufrecht zu erhalten. Daher existieren Konflikte über-
haupt nur in der Kommunikation und ihre Wahrnehmung ist Leben.141 Die morali-
sche und moderne Vorstellung von einem konfliktfreien Frieden ist ein lebensver-
kennendes Scheinziel, metaphysischer Unsinn.
Batesons aufs Erste einfach scheinende, aber dennoch revolutionäre Annahme
war, dass in einem sozialen System wie einer Familie, einer Nachbarschaft, einem
Betrieb, einem Staat, Staatenbund oder ähnlichen alle Elemente über dauernde
Kommunikationsprozesse miteinander verbunden wären. Über Rückkoppelungs-
schleifen würde das Verhalten und Befinden jedes einzelnen bestimmt. Als System
definierte er folgerichtig eine Gesamtheit interagierender Elemente, in der jede Ver-

139 Heideggers Begriff der Verwindung via Vattimo für die Friedenswissenschaft fruchtbar gemacht zu
haben ist das Verdienst von Sützl 2008. Ich folge in dessen Gebrauch seiner Vorlage.
140 1904–1980
141 Ruesch/Bateson 1951

59
änderung eines Elementes Veränderungen bei allen anderen nach sich zieht. Bateson
war überzeugt davon, dass menschliches Verhalten und Befinden bis hin zu geisti-
gen und körperlichen Erkrankungen nur verstanden werden kann, wenn es in sei-
nem gesellschaftlichen Bezugsrahmen betrachtet wird. Die weitreichenden Folgen
dieser systemtheoretischen Annahme für die Definition von geistigen oder körperli-
chen Krankheiten unterliegen bis heute einer heftigen Fachdebatte, die bis zur pro-
vokanten Frage reichen kann, ob ich eine Krankheit habe oder systemisch gespro-
chen eine Krankheit bin.142 Der Friedenswissenschaft bietet das eine wichtige
Grundlage für das Verständnis von Mensch, Frieden und Konflikt, das in etwa so
illustriert werden könnte:143

Individuelles und kollektives Wohlbefinden, Frieden, wäre demnach gegeben, wenn


das System in jenem Feld kommuniziere, in dem Balance zwischen Körper, Geist
und Gesellschaft bestehe. Im oben stehenden Diagramm wäre das jenes Feld, in
dem sich alle drei Kreise überschneiden. Gehe die Balance in die eine oder andere
Richtung dauerhaft verloren, entstehen körperliche oder geistige Krankheiten oder
zwischenmenschliche Konflikte.
Bateson beobachtete, dass Menschen sich nicht immer entsprechend ihrer
Wahrnehmung der Wirklichkeit verhielten, sondern oftmals einer ihrer eigenen

142 Ruppert 2002 S. 44


143 Diese Bateson nachempfundene Skizze übernehme ich von Rivero, Nelson: Autoconocimiento
corporal – Epicentro de Identidad para una cultura de paz, vorgetragen im Rahmen der Tagung Arte
Paz Sustenibilidad an der Universidad de los Andes in Mérida/Venezuela am 23.4.2009.

60
Wahrnehmung widersprechenden Vorstellung von der Wirklichkeit mehr glauben.
Aus dieser für die spätere Debatte in der Humanistischen Psychologie und damit auch
für die elicitive Konflikttransformation144 zentralen Feststellung folgt, dass therapeu-
tisch induzierte Veränderung oder Konflikttransformation auf die Wirklichkeitswahr-
nehmung der KlientInnen oder Konfliktparteien abzielt. Ziel der Therapie oder Me-
diation ist die Transformation der Informationsverarbeitungsprozesse.145
Weiters führte Bateson systemtheoretische Begriffe wie Harmonie, Balance
und Stabilität, die in der Zeit um den Zweiten Weltkrieg nicht eben Konjunktur
hatten, in die Debatte ein. Mit seiner These stellte er sich schroff gegen den indi-
vidualistisch orientierten Mainstream in den Humanwissenschaften und fand damit
erst Beachtung, als sich die Gegenkultur der späten 1960er Jahre zu formieren be-
gann. Die damals aufkommende Diskussion rückte die Gefahren zunehmender
Umweltverschmutzung und die Risken der weltweiten Hochrüstung in das Be-
wusstsein der Menschen. Bateson befand sich somit nicht nur geographisch und
zeitlich, sondern auch thematisch, methodisch und ethisch in unmittelbarer Nähe
zu Stanfords Society for General Systems Research und jenem Quartett, das die ameri-
kanische Friedensforschung begründete, wobei aus dieser Perspektive Ludwig von
Bertalanffy und Anatol Rapoport vielleicht noch bedeutender erscheinen als Ken-
neth Boulding.146
Industrielle Produktion und Rüstungswettlauf beruhten und beruhen auch
heute noch auf der gemeinsamen epistemologischen Basis linearer Kausalität. Bate-
son erkannte, dass die Rückkoppelung von Prozessen in der linearen Logik der mo-
dernen Sozial- und Humanwissenschaften nicht einkalkuliert war, was ihre Blindheit
für systemische Zusammenhänge bewirkte und die fatalen Folgen der Modernisie-
rung zeitigte. Die kompetitive und fortschrittsorientierte Rationalität der Industrie-
gesellschaften beruhte auf irrationaler Leugnung der zerstörerischen Auswirkungen
ihres Treibens auf die Natur und damit auf die Menschheit als Ganzes.147
Eine weitere Wurzel der elicitiven Konflikttransformation liegt im sephardi-
schen Denken, wie es im Werk des sozial engagierten und theaterbegeisterten Arztes
Jakob Levy Moreno148 zum Ausdruck kam. Aus seiner modernen Version des jüdi-
schen Mystizismus entwickelte Moreno eine Religion der Begegnung, die ihrerseits
das Fundament seiner Theater- und Therapiearbeit werden sollte. Das untrennbar
mit dem Namen Moreno verbundene Psychodrama erlangte als theatralische und

144 Lederach 2005 S. 34


145 Ruesch/Bateson 1951 S. 177
146 Dietrich 2008 S. 270–284
147 Walker 1996 S. 65
148 1889–1974

61
therapeutische Methode der Konflikttransformation bleibenden Stellenwert. Cha-
rakteristisch dafür ist die Orientierung am Guten im Menschen. Was Freude bringt,
ist gut.149 Der Unterschied zum anthropologischen Optimismus des zukunftsorien-
tierten (deutschen) Idealismus und Expressionismus liegt in der strikten Gegen-
warts- und Handlungsorientierung dieses Denkens. An ihren Früchten werdet ihr sie
erkennen, zitierte Moreno gerne die Bibel,150 um sich von der Wort- und Zukunfts-
orientierung der Hauptströmungen in Religion, Kunst und Humanwissenschaft
abzugrenzen. Der Mensch gewinnt nach Moreno im Hier und Jetzt und in der
eigenen Beteiligung am theatralischen Geschehen Einsicht in den Lauf der Dinge
und in sein eigenes Leben.
Das berühmte Zitat aus Morenos Autobiographie, mit dem er sich bereits als
Student von Sigmund Freud losgesagt haben will, wird von den meisten AutorIn-
nen in seiner Authentizität angezweifelt. Dessen ungeachtet beschreibt es den ent-
scheidenden Schritt, den Moreno am Weg zur elicitiven Konflikttransformation
geleistet hat:

Nun, Dr. Freud, ich beginne dort, wo Sie aufhören. Sie treffen Menschen in der künst-
lichen Umgebung Ihres Büros. Ich begegne ihnen auf der Straße und in ihren Heimen, in
ihrer natürlichen Umgebung. Sie analysieren sie und reißen sie in Stücke. Ich lasse sie ihre
konflikthaften Rollen ausagieren und helfe ihnen, die Teile wieder zusammenzufügen.151

In diesem Sinn förderte Moreno schon in der Frühform seines Stegreiftheaters ein
„wahres Theater“, ein Theater des Augenblicks, in dem der „göttlich-kreative Funke“
die Kerntheoreme seiner mystisch inspirierten Philosophie aktualisierte: Verantwor-
tung, Handlung, Kreativität und Spontaneität, Begegnung und Gruppe oder Gemein-
schaft. Daher entwickelte er zuerst die Methode eines Theaters ohne Zuschauer, also
kein Theater als Aufführungskunst, sondern eine Therapieform für soziale Zusam-
menhänge, in denen es keine Zuschauer, sondern nur Mitwirkende geben kann.152 Er
meinte schon 1923, dass wer im Spiel den König stellen könne, dies auch in der Rea-
lität schaffe. Wer es nicht könne, habe im Stegreifspiel die Möglichkeit, Facetten des
Königseins für die wirkliche Anwendung auszuprobieren. Wer aber nur die Masken
des Königseins trage, dem würden sie bereits im Schein des Spiels herunter gerissen.153

149 Tomaschek-Habrina 2004 S. 115


150 Matthäus 7/16 nach Universität Innsbruck (1.12.2008)
151 Zitiert nach Tomaschek-Habrina 2004 S. 45, wo auch die Zweifel über die Authentizität diskutiert
werden.
152 Tomaschek-Habrina 2004 S. 127 und 165
153 Tomaschek-Habrina 2004 S. 198

62
Damit nahm er wesentliche Elemente der Gestalttherapie, der systemischen Famili-
entherapie und vor allem des Theaters der Unterdrückten vorweg, das einzelne Me-
thoden, wie etwa das Zeitungstheater, direkt von dort bezieht.154 All diese Überlegun-
gen werden, ihrer mystischen Einbettung entkleidet, in diesem Buch noch eine
zentrale Rolle spielen.
Das Psychodrama im eigentlichen Sinn des Begriffs entwickelte Moreno erst in
seiner amerikanischen Phase ab 1926, wo er sich in Gefängnissen, Schulen, Erzie-
hungsanstalten und Kliniken auf der Basis seiner Stegreiftheater-Erfahrung aus Wien
komplexer gruppendynamischer Prozesse annahm. Ab 1931 wandte er sie systema-
tisch als Gruppenpsychotherapie an. 1935 wurde daraus die psychodramatische
Gruppentherapie als szenisch-handlungsorientierte Untersuchung von psychischen,
sozialen und kulturellen Phänomenen. Im Mittelpunkt des psychodramatischen Den-
kens steht der Mensch als schöpferisch handelndes Individuum und Teil eines umfas-
senden Netzwerks sozialer Beziehungen, also die Wechselwirkung der subjektiven
Wirklichkeit des Einzelnen mit anderen subjektiven Wirklichkeiten. Dabei ging Mo-
reno von einem prozesshaften Verständnis aus und fokussierte die Aspekte des Wer-
dens in spontaner Kreativität.155 Die gedankliche Nähe zur parallel entstehenden Sys-
temtheorie Batesons ist unübersehbar.
Für Moreno ist die gegenseitige Verantwortung der Mitglieder einer Gruppe
füreinander und ihren Raum das Wichtigste. In wörtlicher Auslegung des lateini-
schen Worts versteht er con-scientia nicht als individuelles Bewusstsein, sondern als
gemeinschaftliches Wissen, in dem körperliche, kognitive und spirituelle Aspekte
nicht von einander getrennt werden können. Individuelles oder subjektives Bewusst-
sein findet nicht in einem von Vakuum umgebenen privaten Raum individueller
Köpfe statt, sondern in permanenter Interaktion. Kein Subjekt ist eine Insel, Be-
wusstsein ein offenes Feld. Conscientia bedeutet, dass wir Menschen die Welt ge-
meinsam durch unsere Beziehungen erfahren, nicht durch subjektive Wahrneh-
mung.156
TherapeutInnen sieht Moreno ebenso im wörtlichen Sinne als Diener in jenem
selbstbestimmten Schöpfungsprozess des Bewusstseins in der Gruppe, als Begleite-
rInnen, als HeilerInnen, nicht aber ÄrztInnen, LehrerInnen oder ExpertInnen.
TherapeutInnen kooperieren mit der inneren Weisheit der KlientInnen.157 Weiters
erhebt Moreno das Gebot des Hier und Jetzt zu einem zentralen Theorem im Psy-
chodrama, wobei er meint, dass sich zahlreiche Vergangenheiten und Zukünfte

154 Siehe dazu Kapitel F.4.


155 Tomaschek-Habrina 2004 S. 216
156 Wilber 2000 S. 49
157 Ganz ähnlich Grof/Benne 1993 S. 211

63
manifestieren, sofern das Spiel nur im Hier und Jetzt gehalten wird. Wer sich psy-
chodramatisch hier und jetzt in eine Szene begibt, wird auf Vergangenes und Zu-
künftiges stoßen, sofern dies für die ProtagonistInnen relevant ist.
Im Hinblick auf Konfliktbearbeitung schreibt Moreno in der Tradition Feuer-
bachs und letztlich Platos und Aristoteles‘ dem Theater kathartische Wirkung zu.158
Die Autoren der Antike meinten damit die läuternde Wirkung des Trauerspiels auf
das Publikum. Sie verarbeiteten die Mythen in ihren Tragödien so, dass Perspekti-
ven, Auswege, Zwänge und Notwendigkeiten sichtbar wurden. Sie zielten auf eine
kollektive Katharsis der Zuschauer. Aristoteles sah die politische Bedeutung der
kollektiven Katharsis darin, dass die Menschen ohne regelmäßige Läuterung gegen
die göttlichen und gesellschaftlichen Gesetze aufzubegehren begännen und damit
das friedliche Zusammenleben verunmöglichten. In diesem Verständnis soll das
Theater durch Beispiele, welche die Folgen des Widerstands gegen Gesetze anhand
des Leidens der Helden aufzeigen, das Publikum vom Geist des Widerstands reini-
gen.159 Theater wurde als Medium der Massenkommunikation und der kollektiven
Therapie verstanden.
Moreno legte dieses auf das Publikum zielende, erzieherische und therapeutische
Verständnis der Katharsis auf die ProtagonistInnen um. Er stellte fest, dass jedes
wahrhaft gespielte zweite Mal die Befreiung vom realen ersten Mal bedeuten kann. Es
eröffnet eine weitere Wahrnehmungs- und Erinnerungsoption und entwickelt von da
aus seine transformative Kraft. Die Wiederholung des Erlebten im Spiel ist die Quelle,
aus der die Kraft der ProtagonistInnen wächst, ihre Lebensgeschichte neu zu ent-
decken, zu interpretieren und zu erzählen.160 Mit dem psychodramatischen Erleben
der von Moreno Surplus-Realität genannten Bühnenrealität geht für den Protagoni-
sten wie für die MitspielerInnen stets eine Erweiterung des Bewusstseins der Realität
einher. Darüber hinaus bezwecken sie Gruppenkatharsis und für alle Akteure zugleich
Handlungs- und Beobachtungskatharsis. Die Elemente dieser Bühnenrealität, etwa die
bei Moreno Tele genannte Resonanz zwischen ProtagonistInnen und AkteurInnen,
der Encounter in all seinen Variationen, das Hilfs-Ich, der Rollentausch, das Doppeln
und Spiegeln finden alle Eingang in das Theater der Unterdrückten und das syste-
mische Stellen, wie ich es noch beschreiben werde.161 Morenos Theorie und Praxis
sollte eine kaum überschätzbare Grundlage der elicitiven Konflikttransformation
werden.

158 Grof 1988 S. 223


159 Staffler 2009 S. 40
160 Lederach/Lederach 2010 S. 124; Beispiele zu dem Thema im selben Buch S. 145–194.
161 Tomaschek-Habrina 2004 S. 228–243

64
Die Gestalttherapie, eine weitere Wurzel der elicitiven Konflikttransformation,
hebt sich von der traditionellen Psychoanalyse dadurch ab, dass sie zur nicht-verba-
len Erfahrung vorstieß. Sie leugnet den Sonderstatus des Geistes und entwickelte
eine Methode, die den Körper mit seinen Bewegungen und Gefühlen auf dieselbe
Ebene mit dem Geist, seinen abstrakten Gedanken und verbalen Symbolen stellte.
Wenn psychische und physische Aktivitäten einer Existenz gleicher Gattung sind,
müssen auch beide als Manifestationen desselben menschlichen Wesens angesehen
werden.162 Dementsprechend besteht der menschliche Organismus aus zwei Syste-
men, über die er mit der Welt in Verbindung treten kann – den Sinnesapparat und
den Bewegungsapparat. Im cartesianischen Weltbild der Moderne sind diese Systeme
säuberlich getrennt, während der Gestaltansatz annimmt, dass Gedanken, Gefühle
und Handlungen aus demselben Stoff bestehen und daher von einem dieser Systeme
in das andere übertragen werden können.
Fritz Perls, der als Gründer der Gestalttherapie gilt, war in jungen Jahren wie
Moreno für das Theater begeistert und lernte bei Max Reinhardt Bedeutung und
Zusammenhang von Atem, Stimme, Bewegung, Haltung, Mimik und Gestik. Das
führte ihm die Bedeutung der Körper- und Gesichtssprache vor Augen. Daraus
gelangte er später als Therapeut, ähnlich wie Wilhelm Reich, zu dem Schluss, dass
mit den Charakterstrukturen der Menschen ein typisches Muster chronisch
muskulärer Verspannungen, der so genannte Charakterpanzer, einherging.163 Perls
ging aber weiter als Reich, indem er in der Therapie die bewusste Wahrnehmung
des Hier und Jetzt in den Mittelpunkt und die Prozesshaftigkeit von Symptomen in
den Vordergrund rückte.
Ein zentraler Begriff, der die Gestalttherapie von konventioneller Psychothera-
pie abhebt, ist die Homöostase. Damit wird der Prozess bezeichnet, in dessen Verlauf
der Organismus in einem ständigen Wechsel von Gleichgewicht und Ungleichge-
wicht seine Bedürfnisse befriedigt. Der Mensch ist demnach nicht von artspezifisch
und genetisch angelegten Trieben gesteuert, sondern von homöostatischen Anpas-
sungsprozessen zwischen befriedigten und unbefriedigten Bedürfnissen, die sich in
einem dauerhaften individuellen Austausch aufeinander beziehen. Jeder Organismus
befindet sich in einem permanenten Kampf zwischen Selbsterhaltung, also Sättigung,
Ruhe, Sicherheit, Geborgenheit, einerseits und Wachstum, also Stoffwechsel, Bewe-
gung, Risiko, Entwicklung andererseits. Der Konflikt ist hier bloß ein tragischer
Ausdruck eines gerade unerfüllten Bedürfnisses.164 Perls übernahm von älteren, von

162 Koval 1977 S. 130


163 Aus der umfangreichen Literatur ragt zu dem Thema unterhaltsam, leicht verständlich und am
neuesten Diskussionsstand Heinrichs 2004 heraus.
164 Rosenberg 2004 S. 27

65
Tao und Buddhismus beeinflussten Lehren die Ansicht, dass in der Mitte zwischen
all diesen Bewegungen der Ort läge, wo die Menschen ein Gleichgewicht, Frieden,
finden können.165
Auf dieser Basis definiert der Gestaltansatz das Selbst als Kontaktgrenze in Tätig-
keit. Dieser auf das Erste etwas sperrig wirkende Begriff ist der Schlüssel zum Ver-
ständnis elicitiver Konflikttransformation und spielt in diesem Buch durchgehend
eine wichtige Rolle. Mit Tätigkeit ist dabei die ständige Schaffung von neuen Figu-
ren und Hintergründen gemeint. Die Kontaktgrenze ist der Ort, an dem die Span-
nung zwischen Selbsterhaltung und Selbstveränderung ins Bewusstsein gelangt und
mit der Tendenz zur Wiederherstellung des Gleichgewichts verarbeitet wird. Cha-
rakteristisch für diesen Kontaktprozess ist, dass er nie endet. Wird ein Bedürfnis
befriedigt, so verschwindet es als Figur vor dem Hintergrund, und die Gestalt ist
geschlossen. Sobald eine Gestalt geschlossen ist, tritt eine neue, unvollendete Gestalt
als Figur in den Vordergrund. Die Kontaktgrenze ist in diesem Referenzrahmen der
zentrale Ort der Friedenswahrnehmung und Konflikttransformation. Frieden be-
deutet dieser Schule das Sich-Einlassen auf den fortwährenden Lernprozess, das
Gleiten von einer Situation zur nächsten, wobei jede durch neue Bedürfnisse, Ge-
fühle, Erfahrungen und äußere Wahrnehmungen, Kontakte, Dialoge oder Begeg-
nungen gekennzeichnet ist.166
Wird dieses Kontinuum von außen unterbrochen oder von innen blockiert,
kann die neue Gestalt nicht klar und stark in den Vordergrund treten. Die neuer-
liche Erregung der Kontaktgrenze verwandelt sich dadurch zu Angst, Aggression,
Langeweile oder Indifferenz. Störungen an dieser Kontaktgrenze werden subjektiv
als Unfrieden empfunden. Die Kontaktfähigkeit wird in bestimmten Bereichen
geschwächt und die Person verliert die Fähigkeit, sich auf Neues einzulassen. Wäh-
rend die Psychoanalyse die entsprechenden Abwehrmechanismen als innerpsychisch
beschreibt, siedelt sie die Gestalttherapie an der Kontaktgrenze an und macht sie
dadurch für die Friedensforschung interessant.
Wegen der Betonung der Kontaktgrenze zwischen Mensch und Umwelt und der
dort erfolgenden Tätigkeiten ist der Atem so wichtig für die Gestalttherapie und alle
Methoden der Humanistischen Psychologie. Kein anderer Aspekt des Daseins drückt
deutlicher aus, wie sehr jedes Lebewesen ein Feld ist, wie sehr es in die Mitwelt einge-
bettet und die Mitwelt in ihm ist. Jeder Atemzug belegt die untrennbare Verbunden-
heit jedes Menschen mit der Mitwelt und die Widersinnigkeit der Vorstellung von
einem Individuum, einer unteilbar kleinsten Wesenseinheit.

165 Ausführlich dazu Quitmann 1996 S. 109–111


166 Hutterer-Krisch/Klampl 2009 S. 197

66
In ihrem Klassiker unterscheiden Perls, Hefferline und Goodman167 zwischen
Vorkontakt, Kontaktnahme, Kontaktvollzug und Nachkontakt. Demnach erregt das
homöostatische Prinzip durch innere und äußere Mangel- oder Überschusszustände
die Kontaktgrenze. Das Ich hat nun zu entscheiden, ob es sich mit der zur Erregung
gewordenen Figur identifiziert oder sich von ihr distanziert. Entscheidend ist dabei
nicht, wofür es sich entscheidet, sondern dass es sich entscheidet. Denn ohne die Erle-
digung der einen Gestalt wird das unvermeidliche Hervortreten der nächsten Figur
gestört.
Unerledigte Geschäfte fließen als meist unbewusste und hinderliche zweite
Natur in die folgenden Kontaktprozesse ein. Obwohl und weil sie eigentlich nicht
mehr in diesen Zusammenhang gehören, blockieren sie dort den Fluss der Energie,
um in der Form von Vermeidung das Gleichgewicht der heimlich und unbewusst
mitlaufenden zweiten Natur aufrecht zu erhalten. An die Stelle des Kontakts mit der
Möglichkeit des Wachstums tritt folglich die Kontaktvermeidung als Überlebens-
strategie. Die Umgangssprache umschreibt das anschaulich, wenn gesagt wird, dass
jemand mit einer bestimmten Erfahrung nicht fertig werden kann. In der Gestalt-
therapie heißen die entsprechenden Formen der Kontaktvermeidung Introjektion,
Projektion, Konfluenz, Retroflexion und Deflexion.
Introjektion meint die in autoritären und totalitären Gesellschaftsordnungen
weit verbreitete undifferenzierte Übernahme von fremden Glaubenssätzen in den
eigenen Organismus. Es handelt sich dabei um einen Mangel in der Unterscheidung
zwischen dem, was wirklich aus der Umwelt, der Gesellschaft integriert werden soll,
und dem, was schadet. Undifferenziert angenommene Werte, Leitsätze oder Nor-
men werden nicht Teil des Eigenen. Sie bilden als Introjekte oft dem weiteren per-
sönlichen Kontakt hinderliche Fremdkörper. Ist der Organismus voll genug mit
solchen Introjekten, bleibt kein Platz für das Wachstum des Eigenen und entspre-
chende Krisen sind unausweichlich angelegt.
Die Projektion ist die Umkehrung der Introjektion. Während letztere die
Tendenz beschreibt, sich selbst für das verantwortlich zu machen, was Sache der
Umwelt ist, meint Projektion die Tendenz, die Umwelt für das verantwortlich zu
machen, was im Selbst begründet liegt. So können beim Kontaktprozess Emoti-
onen, Impulse, Gedanken und Vorstellungen, die im eigenen Organismus entste-
hen, in das Umweltfeld projiziert und dort für wirklich gehalten werden. Aggression
oder Angst sind klassische Resultate dieses Vorgangs.
Konfluenz beschreibt den Verlust der Grenze zwischen Individuum und Um-
welt. Die Spannung zwischen Zugehörigkeit und Eigenständigkeit gehört zu den
klassischen Dualismen an der Kontaktgrenze. Wird das Gefühl äußerer Identifikation

167 Perls/Hefferline/Goodman 1991. Übersichtlich zusammengefasst bei Quitmann 1996 S. 111–124

67
chronisch, wie das unter autoritären Regimen etwa als Liebe zum Vaterland oder zur
Partei gefördert wird, verlangt der Mensch bedingungslose Angleichung und kann
Differenz nicht mehr tolerieren. Das produziert notwendigerweise konflikthafte Be-
ziehungen.
Retroflexion ist die Wendung gegen das Selbst, wenn Handlungen, die nor-
malerweise nach außen gegen ein bestimmtes Objekt gerichtet sind, auf das Selbst
zurück gerichtet werden. Diese Haltung wird selbstzerstörerisch, wenn Aggression
gegen Dritte in Schuldgefühle oder Selbstvorwürfe verwandelt wird. In der Retro-
flexion fügt der Akteur sich selbst zu, was er gerne anderen antun würde. Depressi-
onen bis hin zum Selbstmord sind die Folgen eines chronischen Verhaltens dieser Art.
Deflexion schließlich ist die Kontaktvermeidung. Durch Zynismus, Weg-
schauen, Höflichkeit, Ablenkung, Infragestellung der eigenen Werte, Weitschwei-
figkeit, Indirektheit und Ähnliches wird das Maß der Erregung an der Kontaktgrenze
so klein wie möglich gehalten. Das Gewahrsein und Empfinden im Hier und Jetzt
werden auf ein Minimum reduziert.168
Will das Selbst als Kontaktgrenze in Tätigkeit den Folgen dieser Kontaktver-
meidung entgehen, hat es zu entscheiden. Es muss den unvermeidlichen Konflikt
zwischen Integration und Distanzierung durchleben und das Gegebene verändern.
Das Erleben und Durchleben von Konflikten ist nach dieser Lehre ein notwendiger
Bestandteil im Prozess der schöpferischen Anpassung. Es geht nicht darum, Kon-
flikte der gewünschten Lösung zuzuführen, sondern um die Bejahung des Konfliktes
als Grundlage des Daseins. Das ist unumgänglich, aber schwer, weil Konflikte Angst
hervorrufen. Das dauernde Schwanken zwischen dem Wunsch nach Sicherheit und
dem Streben nach diese Sicherheit bedrohender Veränderung ist daher ein existen-
zielles Dilemma des Menschen. Das Selbst steht vor der Möglichkeit, sich innerhalb
der vertrauten Sicherheit zu bewegen und dadurch angesichts stets neuer Herausforde-
rungen eine Menge unerledigter Situationen anzuhäufen, oder sich der Selbstregulie-
rung des Organismus anzuvertrauen, was mit dem dauernden Risiko eines schmerz-
haften Scheiterns verbunden ist.
Perls, Hefferline und Goodman empfehlen in der Einsicht der Unvermeidbar-
keit dieses Dilemmas einen mittleren Modus des Kontaktvollzugs, bei dem es zur
größtmöglichen Übereinstimmung zwischen Organismus und Mitwelt kommt. Das
Selbst hört dann auf, Selbst zu sein und verwandelt sich in eine Veränderung des
Zusammenhangs. Dieser Vorgang ist für modern sozialisierte, auf Individualität hin
ausgerichtete Menschen schwer zu verstehen, aber zentral für alle Lehren, die später
auf die Wurzeln der Systemtheorie und der Gestalttherapie griffen.

168 Zu den Kontaktvermeidungsstrategien ausführlich Hutterer-Krisch/Klampl 2009 S. 197–203.

68
Friedemann Schulz von Thun,169 ein deutscher Kommunikationspsychologe
der dritten Generation, kann das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, den sys-
temischen Zusammenhang in ein verständliches Bild gefasst zu haben. Er stellt in
der Metapher vom Inneren Team die persönlichen Erfahrungen und Eigenschaften
eines Menschen als eine Gegensätze abwägende Gruppe von selbständigen Persön-
lichkeiten dar, für deren Kommunikation prinzipiell dieselben Regeln gelten wie
zwischen Personen. Dadurch wird verständlich, dass innerhalb des Systems Mensch
ähnliche Prozesse ablaufen wie zwischen Menschen. Kommunikation ist jene Tätig-
keit, die den Kontakt zwischen diesen inneren Aspekten und den äußeren Hand-
lungen gestaltet.170

Quelle: Schulz von Thun (22.9.2009) Illustration des Inneren Teams: Wie viele Seelen wohnen in einer
Brust?171

Auch wenn Perls, Hefferline und Goodman das nicht so ausdrücken, möchte ich
angesichts der unübersehbar buddhistischen Wurzel172 für das sich in eine Verände-
rung des Zusammenhangs verwandelnde Selbst das Wort Frieden vorschlagen. Das
bestätigt auch die Beschreibung des Nachkontakts als einen Zustrom von Energie, der
den bisherigen Zusammenhang um die im Kontaktvollzug assimilierten Elemente
erweitert. Diese werden im Moment des Kontaktvollzuges Teil der organismischen
Selbstregulierung. Wenn ich Frieden mit diesem homöostatischen Austausch von
Energie gleichsetze, wird verständlich, dass nicht der Konflikt als solcher die Wahr-
nehmung von Frieden hindert, sondern die unerledigten Entscheidungen vorgelager-
ter Konflikte, die den weiteren Fluss der Energie blockieren.
Frieden sind demnach jedem bewusst wahrgenommenen Moment des Seins
inhärent, beim Essen, beim Spielen, Singen und Tanzen, beim Berühren, beim
Lieben oder im Gespräch. Sie können, auch wenn es paradox erscheint, selbst im

169 Schulz von Thun 2003c. Der gesamt Band befasst sich ausführlich mit diesem Thema.
170 Ich komme darauf im Kapitel E.3 zurück.
171 Auch Stone/Stone argumentieren sehr ähnlich.
172 Perls’ Beeinflussung durch den Zen-Buddhismus ist biographisch belegt.

69
Wettstreit, im Sport und im Kampf erfahren werden. Jedes menschliche Wesen
entdeckt und erschafft sich selbst in seinem eigenen Bewusstsein laufend neu. Es ist
ein Leben lang auf der Suche nach neuen Horizonten und sieht sich dabei immer
wieder vor neuen Herausforderungen und Möglichkeiten. Der Gestaltansatz interes-
siert sich weniger für biographische oder historische Einzelheiten, die zu den gegen-
wärtigen Verhaltensmustern geführt haben. Die Frage nach dem Warum tritt hinter
jene nach dem gegenwärtigen Wie zurück. Diese phänomenologische Orientierung
verband Perls mit seiner Leidenschaft für das Theater, als er und Lore Perls in den
USA auf Paul Goodman stießen:

Die Therapie besteht also in der Analyse der inneren Struktur aktueller Erfahrung […]
das heißt nicht so sehr, was erfahren, erinnert, getan, gesagt und so weiter wird, als
vielmehr, wie das Erinnerte erinnert oder wie das Gesagte gesagt wird, mit welchem Ge-
sichtsausdruck, welchem Tonfall, welcher Syntax, welcher Haltung, welchem Affekt,
welcher Vermeidung, welcher Beachtung oder Nichtbeachtung des anderen. […]
Durch die Arbeit an der Einheit beziehungsweise Uneinheitlichkeit der Erfahrungs-
struktur hier und jetzt wird es möglich, die dynamischen Beziehungen zwischen Figur
und Hintergrund zu beleben, sodass der Kontakt erhöht, das Gewahrsein erhellt und
dem Verhalten Triebkraft verliehen wird.173

Sie deuteten Neurosen nicht als Krankheit im medizinischen Sinn, sondern als Stö-
rung der ganzheitlichen Entwicklung eines Organismus. In seinem Spätwerk174 ent-
wickelte Perls auf der ursprünglich homöostatischen Annahme von Vorkontakt, Kon-
taktnahme, Kontaktvollzug und Nachkontakt ein Modell, in dem er das menschliche
Kontaktverhalten einer Zwiebel gleich in fünf Schichten einteilte. Diese nannte er

ƒ Klischee,
ƒ Rolle,
ƒ Engpass (Blockierung)
ƒ Implosion (Egotod)
ƒ Explosion.

Dabei nimmt nach Perls die Relevanz der Schicht von außen nach innen zu, vom
Als-Ob des Klischees über die Maske der Rolle zur mit Widerständen besetzten
Anti-Existenz des rollenlosen Engpasses, hinter dem die Todesangst der Ego-Implo-
sion liegt. Hinter dieser wartet die Explosion des vom Ego befreiten Selbst. Die

173 Perls/Hefferline/Goodman 1991 S. 14


174 Perls 1974 S. 63

70
Explosion ist nach Perls das Bindeglied zum Menschen, der fähig ist, seine Gefühle
bewusst wahrzunehmen und auszudrücken.
Die Methoden der Gestalttherapie sind darauf gerichtet, die aktuelle Aufmerk-
samkeit der Menschen zu integrieren und dadurch ihr Bewusstsein für Handlungsop-
tionen zu erweitern. Menschen als angstgetriebene Wesen neigen nach dieser Auffas-
sung dazu, den Konflikt des bewussten Kontakts mit dem unmittelbaren Erleben zu
vermeiden und lieber in Geschichten über Vergangenes oder in Zukunftsprojektionen,
im Warum, zu leben. Deshalb schreiben sie gegenwärtigen Eindrücken und Erlebnis-
sen Bedeutungen zu, die aus diesen unerledigten Geschichten und Projektionen ge-
speist und damit verzerrt wahrgenommen werden.
Vermeidung und unerledigtes Geschäft sind Kernbegriffe in der Gestaltthera-
pie. Zum unerledigten Geschäft gehören Gefühle, Ereignisse und Erinnerungen, die
unausgedrückt im Menschen fortleben. Vermeidung ist die Methode, durch die
Menschen sich vom unerledigten Geschäft fernhalten. Durch Vermeidung versucht
die Person, den Gefühlen zu entfliehen, die durchlebt werden müssen, bevor diese
ihre Herrschaft über sie aufgeben.175
Perls unterschied in seinem Spätwerk drei Schichten der Bewusstheit:

ƒ bewusstes Wahrnehmen des Selbst,


ƒ bewusstes Wahrnehmen der Welt und
ƒ bewusstes Wahrnehmen des Zwischenbereichs der Phantasie, der daran hin-
dert, in Fühlung mit sich selbst und der Welt zu sein.176

Dabei bestätigte er Freud hinsichtlich dessen Beobachtung von Vorurteilen, Kom-


plexen oder Phantasien und deren störenden Einfluss auf die Beziehung zur Welt
und zum Selbst. Im Gegensatz zu Freud wollte er diesen Zwischenbereich aber nicht
so genau wie möglich analysieren. Es ging ihm darum, die Menschen aus der chro-
nischen Selbsthypnose in diesem Bereich zu erwecken, damit ihre Aufmerksamkeit
ganz auf das Hier und Jetzt gerichtet werden kann. Die in ihrem Kern phänome-
nologische Botschaft des Perl’schen Gestaltansatzes an die moderne Wissenschaft
und Gesellschaft lautet pointiert: Enthalte dich dessen, was du weißt, um wahrzu-
nehmen, was ist!
Wird das Bewusstsein im Hier und Jetzt erreicht, ergibt sich nach Perls der
persönliche Wachstums- oder Heilungseffekt ganz von selbst. Folgerichtig zielt die
Gestalttherapie methodisch darauf ab, Situationen herzustellen, in denen die Men-

175 Cohn 2004 S. 71


176 Perls 1976 S. 31

71
schen sich der verzerrenden, blockierenden und konfliktiven Wirkung ihrer eigenen
Geschichten und Projektionen bewusst werden. Dabei wird das entsprechende
Vermeidungsverhalten soweit frustriert, dass die Bereitschaft entsteht, die eigenen
Ressourcen zur aktuellen Wirklichkeitsbewältigung zu mobilisieren. Dieses Argu-
ment und die daraus abgeleitete Methode wurden in der Folge so wichtig, dass eine
heftige, auf mehreren wissenschaftlichen Ebenen gleichzeitig geführte Debatte zur
Frage entstand, was ein Jetzt sei und wie lange es dauere. Eine relativ überzeugende,
auf Ergebnissen der Hirnforschung beruhende Argumentation dazu liefert Daniel
Stern. Er meint, ein Jetzt, ein Moment, dauere zwischen vier und 30 Sekunden. Das
ist der Zeitraum, den das menschliche Gehirn benötige, um eine Gestalt im Be-
deutungszusammenhang zu bilden.177 Zugleich ist es der ungefähre Zeitrahmen
eines menschlichen Atemzuges. Dass einmal Ein- und Ausatmen ein Jetzt um-
schreibt, wird in diesem Buch noch von einiger Bedeutung sein. Die Zeitangabe ist
dementsprechend nur eine Annäherung und eigentlich entzieht sich der Moment
begrifflich dem linearen Zeitverständnis.
Perls ging im Laufe der Zeit immer mehr von der Einzeltherapie ab und wandte
sich der Gruppenarbeit zu, in der das relationale und aktuelle Moment betont wurde.
Am bekanntesten ist in diesem Kontext die Methode des Leeren Stuhls, eine Technik,
die dazu dient, Konflikte mit anderen, Ambivalenzen zwischen unterschiedlichen
Wünschen und Bedürfnissen sowie projizierte Anteile der eigenen Person zu re-integ-
rieren. Die miteinander in Konflikt stehenden Anteile der Person werden bei dieser
Technik personalisiert und in Form eines Rollenspiels vom Klienten jeweils vollstän-
dig und kongruent ausgedrückt. Ziel dieser Technik ist die emotionale Integration der
im Konflikt gebundenen seelischen Energien.178 Gestalttherapie ermutigt dazu, sowohl
die bedeutungsgeladenen Emotionen als auch die unmittelbaren Gefühle intensiv
wahrzunehmen, um sie unterscheiden, durchleben und sich ihrer bewusst werden zu
können. Es geht um den bewussten Zugriff auf die Gefühle der Angst und Ohnmacht
und deren Transformation in einer bewusst erlebten Wirklichkeit im Jetzt. Zugleich
geht es um Empathie, um die Fähigkeit, sich in die Gefühle und Positionen anderer
zu versetzen, um zu erfahren, wie diese eine Situation, einen Konflikt erleben. Die
Zusammenführung von beiden erzeugt Resonanz und ist der Zugang zur Transfor-
mation.
Die Gestalttherapie hatte ursprünglich das Krankheitsbild von Patienten im
Auge, wandte sich aber bald dem persönlichen Wachstum des gesunden Klienten
zu. Im Laufe seines Lebens wich Perls immer weiter vom Stil des analytischen The-

177 Stern 2004 S. 52–54. Ebenso mit einer ausführlichen wissenschaftsgeschichtlichen Herleitung
Ruhnau 1998 S. 71–96.
178 Walker 1996 S. 141

72
rapeuten ab. Er wirkte eher wie ein Zen-Meister, der seinen SchülerInnen den para-
doxen Weg der Selbstverantwortung, der Disziplin in Freiheit vorführte. Er lehrte
sie, aus jedem Moment des Lebens das zu machen, was sie wollten, und sich nicht
hinter einem rückwärtsgewandten Ich kann nicht zu verstecken. Derartiges musste
durch ein aktualitätsbezogenes Ich will nicht ersetzt werden. Dadurch wird aus dem
landläufigen Ich will, aber ich kann nicht ein paradoxes Ich will, aber ich will nicht.
Durch diese einfache Technik entlarvte Perls das erste Wollen als ein verstecktes
Sollen – als Topdog genanntes soziales Gebot – und die vom Nichtkönnen zum
Nichtwollen mutierte Gefühlslage als das eigentliche – Underdog genannte – Wol-
len. Solange dieser Pseudokonflikt gespielt wird, gewinnt der als Nichtkönnen ge-
tarnte Underdog über den gewaltträchtigen Topdog des Sollens, weil er dafür sorgt,
dass nichts geschieht, womit die Geschichte unerledigt bleibt. Die Aufdeckung und
Auflösung dieses Paradoxons ist die Blaupause für eine Vielzahl transformativer
Gesprächsführungen und wurde von Perls selbst in gleicher Weise mit wenn und
aber gespielt, die er durch und ersetzen ließ, so wie er auch Schuld als Ressentiment
entlarvte.179 Auf dieser Basis entwickelte er ein breites Spektrum ähnlich
transformativer Praktiken für das Wachstum des menschlichen Potentials.
In seiner Spätphase propagierte Perls für diesen Zweck auch gemeinschaftliche
Lebensformen und entwarf Intensivprogramme, die über etwa drei Monate gehen
sollten. Dank Perls und Goodman waren aus dem individualisierenden Krankheits-
bild der Psychoanalyse das relationale und holistische Menschenbild der Gestaltthe-
rapie geworden, welches das transrationale Friedensverständnis mitbegründet. Es
meint einen Frieden von manchmal kaum erträglicher Intensität, der durch die
unaufhörliche Veränderung des in sich selbst ruhenden und sich seiner selbst be-
wussten menschlichen Geistes errungen wird, der alles beinhaltet, was war, ist und
sein wird. Das dynamische Gleichgewicht der daraus notwendigerweise resultieren-
den Gegensätze nennt der transrationale Holismus Frieden. Die Gestalttherapie hat
zum für die entsprechende Friedensgestaltung notwendigen Werkzeugkasten, die
elicitive Konfliktarbeit, entscheidende Grundlagen geliefert.
Es bleibt festzuhalten, dass Fritz Perls den Schritt vom Gestaltansatz, der je-
denfalls ein konstituierendes und innovatives Element der Humanistischen Psy-
chologie ist, zur transpersonalen und transhumanen Psychologie nicht mitgegangen
ist.180 In einem heftigen Streit mit Abraham Maslow und Stanislav Grof lehnte er bis
zu seinem Tod die Vorstellung von Transpersonalität vehement ab. Maslow und Grof
siedelten die Transpersonale Psychologie im Spannungsfeld von Humanistischer

179 Perls war kein begnadeter Schreiber. Seine Praxis wird weit anschaulicher als von ihm selbst von
Ruth Cohn beschrieben, die vielen seiner Sitzungen beiwohnte. Cohn 2004 S. 72/73
180 Kripal 2007 S. 157–165

73
Psychotherapie und kurativer Spiritualität an und handelten sich damit viel Kritik
moderner Schulen, aber eben auch von Perls ein.181 Umgekehrt meinte Grof, der
zwischen biographischen, perinatalen und transpersonalen Erfahrungen unterscheidet,
dass sich die von ihm sehr geschätzte Gestalttherapie nur auf biographische Erfah-
rungen beschränke und damit nicht das volle Spektrum psychologischer Wirk-
lichkeiten ausschöpfe.182 Dieser Ansicht muss aus heutiger Sicht wohl gefolgt werden.
Wie dem auch sei, die Bedeutung der gestalttherapeutischen Grundlagen für die
transrationale Friedensforschung kann kaum überbewertet werden. Frieden und Kon-
flikte existieren nur, wenn sie als solche wahrgenommen werden. Die Voraussetzung
dafür ist ein wahrnehmendes, in einen gesellschaftlichen und mitweltlichen Zusam-
menhang eingebettetes Subjekt. Gegenstand der Gestalttherapie wie der elicitiven
Konflikttransformation ist die Bewusstwerdung und das Bewusstsein dieses Subjekts
über sich selbst und die Welt im Jetzt. In diesem Punkt decken sich beide Ansätze zur
Gänze auch mit der Pädagogik der Unterdrückten.183 Die Befreiung des Subjekts von
seinen Erinnerungen, Ängsten, Hoffnungen, Wünschen, Komplexen, Vorstellungen
und Vorurteilen ist gleichbedeutend mit Frieden für das System. What is happening to
us is less important than how and what we think about it, fasst Swami Prajnananda diese
Haltung prägnant zusammen.184
Konflikt ist ein unvermeidbares Kontinuum im menschlichen Dasein, weil die
Wahrnehmung immer von solchen Projektionen getrübt ist. Friedensarbeit bedeu-
tet, das zu erkennen und das Ausmaß der Trübung möglichst weit zu reduzieren. Es
kann nie überwunden, sondern nur in einem momentanen und dynamischen
Gleichgewicht gehalten werden. Deshalb geht es bei Konfliktarbeit im Sinne der
Gestalttherapie darum, sich nach Erfahrungen und Empfindungen zu richten, die
im Augenblick tatsächlich erlebt werden. Wenngleich ich Grof zuzustimme, wenn
er sagt, dass das nicht alles sei, wären doch die meisten Methoden, um die es in
diesem Buch geht – von Marshall Rosenbergs Gewaltfreier Kommunikation über
Jeru Kabbals Clarity Process zu Augusto Boals Theater der Unterdrückten oder Alb-
recht Mahrs systemischem politischen Stellen ohne diese Vorarbeiten undenkbar.
Als Gründer der nun schon so oft erwähnten Humanistischen Psychologie gilt
Abraham Maslow.185 Carl Rogers,186 dessen Markenzeichen die Klientzentrierte
Therapie war, ist einer ihrer wichtigsten Vordenker. Ihre gemeinsame Hauptthese

181 Ausführlich inklusive einer umfassenden Wilber-Kritik dazu Ferrer 2002.


182 Grof 1985 S. 184f.
183 Freire beruft sich für dieses Argument auf Bergsons Gegensatz zwischen Dauer und Wandel und
plädiert für einen revolutionären Wandel im Jetzt. Freire 1973 S. 68/69
184 Swami Prajnananda 984. S. 75
185 1908–1970
186 1902–1987

74
lautet, dass jeder Mensch über ein großes Potential verfüge, sich selbst zu begreifen
und seine Selbstkonzepte, seine Grundeinstellung und sein selbstgesteuertes Verhalten
zu verändern. Dieses Potential kann in einem entsprechenden Rahmen erschlossen
werden. Der Psychologie ist dieser Rahmen die Therapie. Das Augenmerk
transrationaler Friedenswissenschaft liegt darauf, was gesunde Durchschnittsmenschen
in der Friedenserziehung, im Studium, in einem bewusst wahrgenommenen Alltag
oder in realen Auseinandersetzungen in Bezug auf ihre Konflikte zu leisten vermögen.
Weitere gemeinsame und methodisch wichtige Grundannahmen sind, dass der
Mensch mehr als die Summe seiner Teile ist, stets in Beziehungen lebt, Beziehung ist,
und daher relational wahrnimmt. Es wird angenommen, dass er dies bewusst tut und
daher seine Wahrnehmung schärfen und selbständig entscheiden kann.
Maslow’s Name hat durch die von ihm erstmals 1943 vorgeschlagene Bedürfnis-
pyramide oder Bedürfnishierarchie Generationen überlebt. In dem je nach Ausfor-
mung fünf-, sechs oder gar siebenstufigen Modell von körperlichen Bedürfnissen,
Sicherheit, sozialen Beziehungen, sozialer Anerkennung, Selbstverwirklichung und (im
späten Modell globaler und kosmischer) Transzendenz lässt sich unschwer die Vorlage
der Chakren-Psychologie des Yoga erkennen, wie es etwa von Sri Aurobindo vertreten
wurde.187 Dieselbe Vorlage verwendete auch Wilhelm Reich. Ebenso lässt sie sich in
Virginia Satirs Selbst-Mandala, das nicht ganz so bekannt wurde wie Maslow’s Pyra-
mide, wieder entdecken.188
Soll dieses Modell im Sinne elicitiver Konflikttransformation auf die Frage nach
menschlichen Grundbedürfnissen und daraus resultierenden Interessensgegensätzen,
Konflikten und Transformationen angewandt werden, so ist entscheidend, dass es
nicht auf moderne, mechanistische Weise als Hierarchie gelesen wird, sondern im
Sinne Aurobindos und des späten transpersonalen Ansatzes von Maslow als synchron
korrespondierende Elemente eines einzigen Systems, das von den materiellen Grund-
bedürfnissen des menschlichen Überlebens bis zu den kosmischen Aspekten des Da-
seins reicht. Chakren werden im Yoga als miteinander korrespondierende Energie-
zentren vorgestellt, deren harmonischer Fluss als Frieden bezeichnet wird. Die
Beeinträchtigung dieses Flusses auf irgendeiner Ebene bewirkt einen Konflikt für das
gesamte System. Konflikte können auf allen Ebenen des hautumhüllten Ich, des
Stoffwechsels, der Sexualität, der sozialen Stellung und der personenbezogenen, ro-
mantischen Liebe, darüber hinaus aber auch in der Verwirklichung des ichlosen
Selbst und im globalen und kosmischen Bewusstsein ausgelöst, wahrgenommen und
transformiert werden. Die transrationale Friedensforschung sieht im Gegensatz zur
modernen darin keine Hierarchie sondern Synchronizität, Entsprechung und Einheit.

187 Dietrich 2008 S. 362–377


188 Satir 2007 S. 296–304

75
Daher zielen ihre Methoden auch nicht auf eine stufenweise Therapie sondern auf
einen umfassend synchronen Umgang mit Konflikten als Systemstörungen.
Maslow, Professor an der Bostoner Brandeis University, galt in den schwärme-
rischen 1960er Jahren als eher bodenständiger, möglicherweise umstrittener, aber
äußerst angesehener Psychologe. Als er die Humanistische Psychologie als dritte
Kraft ausrief und dem traditionellen Behaviorismus und der Psychoanalyse gegen-
überstellte, wurde dies wohl heftig diskutiert, aber grundsätzlich als neuer State of
art akzeptiert. Umstrittener waren Maslow’s spätere Beiträge, als er die Transperso-
nale Psychologie als vierte und schließlich die Transhumane Psychologie als fünfte
Kraft vorschlug. Damit fand er zwar begeisterte Aufnahme bei den Links-Freudia-
nern im damaligen Kalifornien, die Freuds Es ähnlich den linkshändigen Tantrikern
in Asien als grundsätzlich gut und konstruktiv feierten. Bis diese prophetischen
Ansätze aber in Fachkreisen ernsthaft erwogen wurden, vergingen Jahrzehnte. Lede-
rachs Elicitive Conflict Transformation verarbeitet einiges davon, was noch zu disku-
tieren sein wird.189
Der ursprünglich von John Wyclifs Pazifismus,190 Otto Rank,191 der Progressive
Education John Deweys192 und der Gestaltpsychologie193 beeinflusste Carl R. Rogers
war in erster Linie ein herausragender Psychologe und Therapeut, der Zeit seines
Lebens für ein praxisnahes und demokratisches Verständnis des Lernens eintrat. Er
warf dem Behaviorismus und der Psychoanalyse vor, eine undurchsichtige Sphäre zu
schaffen, in der allein die Experten das Sagen hätten, und wandte sich von dieser
Praxis radikal ab. Kaum jemand hat soviel wie Rogers dazu beigetragen, die Psy-
chologie aus dem trostlosen Determinismus der Psychoanalyse zu befreien, als er die
offenen und optimistischen Vorstellungen der Selbstentwicklung in das Fach ein-
führte.194 In seinen Überlegungen sprengte er schon bald nach dem Zweiten Welt-
krieg den traditionellen Rahmen der Gesprächstherapie, experimentierte im Bereich
der Paartherapie und entwickelte Modelle der Streitschlichtung im sozialen und
politischen Raum. Bereits damals war er überzeugt, dass psychologische Beratung
der führenden Akteure den Kalten Krieg in ein konstruktives Conflict Management
überleiten könnte. Daher verwundert nicht, dass er sich später, beeinflusst von der
Hippie- und Friedensbewegung, immer konkreter mit sozialen Fragen und politi-
schen Implikationen seines Ansatzes befasste. Er leitete Workshops mit verfeindeten
politischen Parteien in Irland und Zentralamerika. Er engagierte sich in der damals

189 Ausführlich dazu Kripal 2007 S. 135–156


190 Groddeck 2002 S. 55
191 Groddeck 2002 S. 81
192 Dietrich 2008 S. 220
193 So seine Selbstbeschreibung in Rogers 2005 S. 21–33
194 Illouz 2009 S. 264

76
gerade im Entstehen begriffenen Track Two Diplomacy zu Fragen der nuklearen
Abrüstung und der Vermeidung des Atomkriegs und in der Rassenfrage. 1985 ent-
stand das – allerdings nur kurzlebige – Carl Rogers Peace Project. Kurz vor seinem
Tod 1987 wurde er für den Friedensnobelpreis nominiert.195
Rogers’ Bedeutung für die Methoden der elicitiven Konflikttransformation
liegt in der Entwicklung der nichtdirektiven Gesprächsmaxime.196 Nichtdirektivität
verfolgt nicht das Ziel, Konflikte zu lösen, sondern sie will den Menschen eine Hil-
festellung für ihren persönlichen Wachstumsprozess geben. Der Ansatz betont die
Bedeutung von Gefühlen und Emotionen in der Beratungssituation, in der die
persönliche Beziehung zwischen Berater und Klient eine große Rolle spielt. Er legt
den Fokus, wie die Gestalttherapie, auf die Gegenwart, weniger auf die Diagnose
der Konfliktursachen.
Die Klientzentrierte Therapie nach Rogers ist eine Hypothese über menschli-
che Beziehungen, die er so beschreibt:

Im Laufe unserer Erfahrung ist es zunehmend deutlicher geworden, dass die Wahr-
scheinlichkeit therapeutischen Fortschritts in einem bestimmten Fall weder von der
Persönlichkeit des Beraters noch von seinen Techniken und nicht einmal von seinen
Einstellungen abhängt, sondern vorwiegend von der Art, wie sich der Klient in der Be-
ziehung all dieser Dinge erfährt.197

Er geht von der Suche der KlientInnen nach Hilfe aus, womit diese zunächst die
Verantwortung für die erwartete Lösung ihrer Konflikte dem Therapeuten zuschie-
ben. Nach Rogers ist es aber nicht dessen Aufgabe, den Weg zu weisen oder eine
Richtung vorzugeben, in der die Lösung des Problems zu finden wäre. Vielmehr
habe er die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass sich die Kräfte der Klien-
tInnen selbst aktualisieren können. Diesen sei dann zu folgen.198 Der Berater muss
daher klarstellen, dass er über kein vorgefertigtes Rezept, keine Medizin verfügt, mit
deren Hilfe sich der Konflikt nach einem mechanistischen Prinzip lösen lassen
würde. Die Methoden, die der klient-bezogene Therapeut anwendet, erscheinen den
Klienten daher zuerst oft enttäuschend. Erst nach der Übernahme der Eigenverant-
wortung erleben sie das als wertvoll.
Bei Rogers ist das Gespräch auf der Basis vertrauten Kontakts zwischen Klien-
tInnen und BeraterInnen das zentrale Mittel, mit dessen Hilfe der Therapeut die
KlientInnen dabei unterstützt, die Verantwortung für die eigenen Konflikte selbst zu

195 Groddeck 2002 S. 96 und 182–202


196 Rogers 1972 S. 47f.
197 Rogers 2005 S. 73
198 Rogers 1961 S. 11

77
übernehmen. Die KlientInnen werden ermutigt, Gedanken und Gefühle möglichst
frei zum Ausdruck zu bringen, wobei Empathie und Resonanz im Gespräch dazu
führen sollen, dass die KlientInnen ihr spontanes Selbst klar erkennen und akzeptie-
ren können. Den erweckten und entdeckten Gefühlen folgen innerhalb des ge-
schützten Rahmens der Therapie Handlungen in die Richtung, welche die KlientIn-
nen einschlagen wollen. Die KlientInnen – und nicht der Therapeut – sollen
schließlich die zusammenfassenden Einsichten gewinnen und formulieren. Da die
KlientInnen selbst diese Perspektiven entwickelt, mit dem Berater das Für und Wider
durchgespielt haben, ist die Aussicht auf erfolgreiches Handeln groß. Mit diesem
Erfolg beginnen die KlientInnen Vertrauen zu fassen. Die Einsicht in die Begrenzt-
heit des gewohnten Handelns nimmt zu, und Veränderung wird attraktiv. Das er-
weitert das sichtbare Spektrum der realen Handlungsmöglichkeiten und führt letzt-
lich zur Transformation. Die KlientInnen nehmen sich als adäquatere Personen mit
mehr Wert und mehr Möglichkeiten wahr. Sie lassen mehr Erfahrungstatbestände in
ihr Bewusstsein dringen und gelangen so zu einer realistischeren Beurteilung ihrer
selbst, ihrer Beziehungen und ihrer Umgebung. Sie gehen dazu über, die Grundlagen
für ihre Maßstäbe in sich selbst zu legen und zu erkennen, dass Gutsein oder
Schlechtsein einer Erfahrung oder eines wahrgenommenen Objekts nichts ist, was
dem Objekt selbst innewohnt, sondern ein Wert ist, den sie selbst ihm beimessen.199
Für Rogers ist zentral, dass der Mensch nicht nur die Möglichkeit hat, seine ei-
gene Wahrnehmung der Außenwelt zu verändern, sondern stets auch sein Selbstbild
und die Wahrnehmung seiner inneren Erlebniswelt. Dadurch erweitert sein Zugang
die Handlungs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten der Betroffenen.200
Carl Rogers Name ist mit der Methode des Basic Encounter verbunden.201 Be-
reits in den frühen 1950er Jahren hatte er begonnen, den damals üblichen, engen
Rahmen der Einzeltherapie zu überschreiten. Er experimentierte mit Gruppen,202
entwickelte aber erst in seiner späteren Schaffensperiode systematisch Prinzipien der
Gruppentherapie. Dabei griff er unter anderem auf die Vorarbeiten Jakob Levy Mo-
renos und Martin Bubers. Rogers versuchte, seine in der Einzeltherapie gewonnenen
Erkenntnisse auf die Gruppenarbeit zu übertragen. Er setzte Bubers Einsichten über
den Dialog und das Phänomen der Ich-Du- Begegnung praktisch um und demokra-
tisierte es nach seinen Vorstellungen zu einer neuen Methode, bei der es um zwi-
schenmenschliche Begegnung unter Einschluss der emotionalen, nonverbalen Ebene

199 Rogers 2005 S. 137/138


200 Groddeck 2002 S. 79–95
201 Encounter wurde in den 1970er Jahren ein Modewort, das für unterschiedliche Methoden
verwendet wurde. Bei Rogers ist es permissiv zu verstehen, während es bei Perls oder Bhagwan
konfrontativen, teils höchst provokativen Charakter annahm.
202 Einen Bericht darüber liefern Hobbs 2005 S. 255–286 und S. 287–334.

78
unter der Voraussetzung des prinzipiellen gegenseitigen Wohlwollens geht. Dabei
spielt neben den oben angesprochenen Aspekten auch das Prinzip der Empathie eine
entscheidende Rolle, einer Haltung des unmittelbaren, aktiven und verstehenden
Zuhörens.203 Rogers greift die Erfahrung auf, dass die Begegnung der KlientInnen
untereinander, von Person zu Person, sehr hilfreich und effektiv sein kann, weil die
Autorität des Therapeuten nicht zwischen ihnen steht. Das heißt, jeder kann sich
zugleich als gebend und nehmend erleben. In einem personzentrierten Encounter ist
jeder gleichberechtigt und kann nach freier Entscheidung am sozialen Austausch in
wechselnden Funktionen teilnehmen. Encounter nach Rogers ist ein gruppenthera-
peutisches Mittel der Selbstermächtigung. Es ist ein Feld, ein Ort und eine Zeit, in
denen Menschen freiwillig zusammenkommen, um sich selbst, die Situation ihrer
Gruppe und auch die Begegnung mit anderen Menschen zu erforschen, zu verstehen
und dadurch eine Stärkung ihres Selbstwertgefühls zu erfahren.204
Im Zuge dieser Bemühungen verwarf Rogers den Begriff des Therapeuten und
sprach lieber vom Facilitator oder Convener, um den nicht-hierarchischen Charakter
des Verfahrens zu unterstreichen.205 Der so genannte Therapeut sollte nicht Schöp-
fer oder Gestalter sein, sondern Diener, Ermöglicher des Prozesses, der sich auf der
Seite der KlientInnen zeigt. Mit dem Einführen dieser Begegnungselemente vervoll-
ständigte Rogers seine Methode zu einem auf allen sozialen Ebenen tauglichen
Mittel der Konfliktbearbeitung, das alle Elemente dessen enthält, was später für den
elicitiven Ansatz wichtig werden sollte.206
Encounter wurde in den 1970er Jahren eine vielfältige Bewegung. Rogers war
nicht über alles glücklich, was unter diesem Titel getan wurde. Sowohl im Esalen
Institute207 in Kalifornien als auch in Bhagwans Ashram in Poona208 wurden die
extremsten Möglichkeiten dieser Methode bis hin zur Gewaltanwendung ausgereizt.
Das mag spektakulär gewesen sein, brachte Encounter aber in Verruf und überlagerte
die eigentliche Absicht und Funktionsweise. Spätere Ansätze übernahmen das Prin-
zip ohne diese Extreme und integrierten es unter anderem Namen. Das gilt etwa für
den Hot Chair der Gestalttherapie und ähnliche Methoden. Rogers selbst vervoll-
ständigte unter diesem Eindruck seine Arbeitsprinzipien zu dem berühmten Viereck
aus Akzeptanz, Empathie, Kongruenz und Präsenz. Schließlich drückte er sein Ver-

203 Schmid 2009 S. 166.


204 Groddeck 2002 S. 147
205 Freire formulierte zeitgleich dasselbe für die Funktion des Lehrers. Freire 1973 S. 70
206 Zusammenfassend Rogers 1974
207 Roth 1998 S. 17
208 Legendär und berüchtigt waren dort die von Teertha Paul Lowe geleiteten Gruppen. Elten 1980
S. 50ff.

79
ständnis der Rolle des Encounter Facilitators in einer geradezu schamanischen Weise
aus, die auch den Moderator der elicitiven Konflikttransformation meinen könnte:

Wenn ich als Gruppenleiter in meiner besten Form bin, entdecke ich ein weiteres Cha-
rakteristikum. Ich stelle fest, dass von allem, was ich tue, eine heilende Wirkung auszu-
gehen scheint, wenn ich meinem inneren, intuitiven Selbst am nächsten bin, wenn ich
gewissermaßen mit dem Unbekannten in mir in Kontakt bin, wenn ich mich vielleicht
in einem veränderten Bewusstseinszustand befinde. Dann ist allein schon meine Anwe-
senheit für die Anderen befreiend und hilfreich.209

Diesen Schluss hat Rogers aus seinem klientzentrierten Ansatz gezogen, als er fest-
stellte, dass eine Person, die sich selbst akzeptiert, aufgrund dieser Selbstakzeptanz
auch bessere interpersonelle Beziehungen zu anderen hat.210 Das klingt banal, ist aber
entscheidend für elicitives Arbeiten. Konflikte werden in der interpersonellen Sphäre
sichtbar. Die Intervention von KonfliktbearbeiterInnen erfolgt regelmäßig in diesem
Bereich. Daher richtet sich Rogers’ Appell nicht primär an die Konfliktparteien,
wenngleich die Beobachtung auch für sie gilt, sondern an die MediatorInnen, die
nicht agieren sollten, bevor sie sich selbst in Form oder Stimmung gebracht haben.
Maslows und Rogers’ Denken wurde ein wichtiges Element jenes Human Po-
tential Movement, das sich in den 1960er und 1970er Jahren daran machte, die
Möglichkeiten menschlichen Wahrnehmens, Empfindens, Denkens und Handelns
jenseits der rationalistischen Grenzen der Moderne auszuloten. Das schon erwähnte
und berühmte Esalen Institute in Big Sur/Kalifornien tat dies auf der Basis eines
radikalen, experimentierfreudigen Ansatzes vor allem unter dem Einfluss von Philo-
sophien und Techniken, die aus dem Tantra und dem Schamanismus importiert
und als Praxis amerikanischer Gegenkultur entworfen wurden. Die Liste großer
Namen, die dort gewirkt und unter anderem mit Vorformen dessen experimentiert
haben, was später Elicitive Conflict Transformation heißen sollte, geht weit über jene
Persönlichkeiten hinaus, die ich hier ausführlicher behandeln kann. Angefangen mit
Henry Miller, Aldous Huxley, Frederic Spiegelberg und Wilhelm Reich als wichtige
Vordenker inkludiert sie die Gründerpersönlichkeiten Michael Murphy und Ri-
chard Price, die zeitweiligen Direktoren Julian Silverman und Don Hanlon John-
son, Intellektuelle wie Gregory Bateson, George Leonard oder Joseph Campbell, das
Who is Who der frühen Humanistischen Medizin von Alexander Lowen über Char-
lotte Selver, Moshe Feldenkrais und Jack Lee Rosenberg zu Ida Rolf, die Fritz Perls
behandelte und ihr Haus später Stanislav und Christina Grof überlies. Gastlehrende

209 Rogers 1981 S. 80


210 Rogers 2005 S. 447/448

80
waren Ikonen der Hippie-Bewegung wie Timothy Leary oder Alan Ginsberg. Joan
Baez, George Harrison, Ravi Shankar, Carlos Santana und viele andere Größen der
zeitgenössischen Musikszene stiegen dort ab. Theater war unter vielen anderen
durch den Gestalt-Avantgardisten Paul Rebillot211 und dessen Schüler William Pen-
nell Rock212 vertreten. Den lateinamerikanischen Schamanismus verkörperten Claudio
Naranjo,213 Oscar Ichazo, der Guru der Arica-Bewegung, und natürlich der ebenso
bekannte wie umstrittene Carlos Castaneda.214
Was sie alle verband, wie Jeffrey Kripal meint, war die Inspiration durch die
neue, amerikanisierte Version des linkshändigen Tantra,215 dessen friedensphiloso-
phische Relevanz ich schon im ersten Band dieser Trilogie behandelt habe. Insofern
überschneidet sich vieles, was über Esalen zu sagen ist, inhaltlich mit dem, was ich in
eben jenem Band auch über das unmoderne Skandalon Bhagwan216 in Indien gesagt
habe. Auch er adaptierte im Wesentlichen die alten Lehren des linkshändigen Tantra
für das westliche Publikum. Wenn die zeitgenössische Presse seinen Ashram in Poona
manchmal als östliches Esalen oder umgekehrt Esalen als westliches Poona bezeich-
nete, so war das nicht ganz falsch. Dennoch gab und gibt es den für die Friedensfor-
schung entscheidenden Unterschied: Esalen war immer als streng demokratisches
Projekt angelegt, das ideologisch und methodisch nach dem Prinzip Nobody Captures
the Flag funktionierte. Das unterschied es bei allen sonstigen Ähnlichkeiten von vielen
verwandten Bewegungen und Zentren, etwa von Arica,217 der lateinamerikanischen
Version dieser Strömung unter Oscar Ichazo, die über den Umweg Esalen vor allem
an der nordamerikanischen Ostküste populär wurde. Noch deutlicher ist, bei aller
Ähnlichkeit hinsichtlich der therapeutischen Innovationen, der Unterschied zur streng
Guru-orientierten Bewegung Bhagwans.
Mit einem kurzen Exkurs in die Geschichte der Bhagwan-Bewegung möchte
ich diesen Unterschied etwas deutlicher herausarbeiten, weil er für das Verständnis
der späteren Kapitel dieses Buches wichtig ist: In Poona I hatte Bhagwan einigen der
führenden Therapeuten seiner Zeit ein Umfeld geschaffen, in dem sie unbehelligt
von behördlicher Kontrolle mit Methoden der Humanistischen Psychologie in einer
Weise experimentieren konnten, die in Westeuropa oder den USA, selbst noch in

211 *1931 Detroit


212 *1940
213 *1932 in Santiago de Chile
214 *1925 Cajamarca/Peru – 1998 Los Angeles
215 Kripal 2007. Der Autor liefert eine sorgfältig recherchierte und großartig geschriebene Geschichte
dieses Instituts und Orts.
216 Elten 1980 S. 25
217 Arica ist ein kleiner Ort in Chile, an dem Ichazo seine erste Schule einrichtete. Der Name wurde
später beibehalten, auch als Ichazo in die USA übersiedelte.

81
Esalen, undenkbar gewesen wäre.218 Das mag zu etlichen Irrwegen und vermeidba-
ren Unfällen geführt haben, bewirkte in der Summe aber einen enormen Erfah-
rungsschub für die gesamte Disziplin.
Der Ashram in Poona erreichte gegen Ende der 1970er Jahre seine Blüte, die
auch mit einer Vielzahl von Problemen mit den lokalen und nationalen Behörden
und dem konservativen Hinduismus der Umgebung einherging. Dies und die ange-
griffene Gesundheit des Meisters motivierten die Verlegung des gesamten Projekts
von Indien in die USA, wo 1981 in einer abgelegenen Gegend Oregons der neue
Ashram Rajneeshpuram gegründet wurde. Dieser entwickelte sich unter enormem
Einsatz der Sannyasins zu einer prosperierenden Oase, stieß aber neuerlich an die
Grenzen eines feindseligen Umfelds, diesmal des reaktionären Protestantismus.
Darüber hinaus zeigten sich bald alle problematischen Symptome einer extrem
führerorientierten, dogmatischen und hierarchischen Gemeinschaft, als Bhagwan seine
krankheitsbedingte Schweigephase einleitete und zwischen 1981 und 1985 die unum-
gängliche Befassung mit den US Gesetzen und Behörden an Ma Anand Sheela
Silverman, seine amerikanische Sekretärin, übertrug. Zumindest in der Erzählweise
der Sannyasins werden die Manipulationen des schwächelnden Bhagwan und seiner
Anhängerschaft während der amerikanischen Phase dieser offensichtlich mit erheb-
licher krimineller Energie ausgestatteten Frau zugeschrieben.219 Sie wird in der Lite-
ratur meist für den Verfall der Kommune in Oregon verantwortlich gemacht.220
1984 dürfte Sheela Silverman die faktische Alleinherrschaft in der Bewegung
erreicht und den stummen Bhagwan weitgehend zum Aushängeschild degradiert
haben. Dieser versuchte das zu entschärfen, indem er wieder öffentlich zu sprechen
begann und – ganz gegen seine eigenen Prinzipien – eine sanfte Dezentralisierung
der bislang hierarchischen Verwaltung anstrebte. Dafür rief er seine auf der ganzen
Welt verstreuten, kompetentesten Gefährten aus der Zeit in Poona nach Oregon. Er
schlug ihnen eine Neustrukturierung der Leitung Rajneeshpurams in einer Art Drei-
kammersystem vor, was den Bestand der Bewegung auch über seinen eventuellen
Tod hinaus garantieren sollte.221

218 Obwohl die Meinungen über Poona I sonst extrem unterschiedlich sind, besteht hinsichtlich dieses
Aspektes in der zeitgenössischen Literatur weitgehend Einigkeit. Sue Appleton hat in ihrer begeister-
ten Kampfschrift für Bhagwan zahlreiche Belege dafür zusammengetragen. Appleton 1987 S. 31/32
219 Für die meisten Sannyasins war es unvorstellbar, dass Bhagwan schwächelte, weshalb viele seine
Befreiungsversuche als geheimnisvolle Wege eines Weisen interpretierten. Aktuell dazu Gisinger/
Häner 2010.
220 Latkin 1999 S. 337–362, ebenso Appleton 1988 S. 65–80, Forman 1988 und Forman 1990. Ihr
eigene Darstellung der Dinge veröffentlichte sie in Sheela 1996, jüngst nochmals ausführlich in
Gisinger/Häner 2010.
221 Forman 1988. S. 414

82
Der Versuch der Institutionalisierung jener Bewegung, die den radikalsten Kri-
tiker jeder Institution verehrte, scheiterte kläglich an einem Doppelfehler des Meis-
ters selbst. Zum Ersten bediente er sich bei diesem Versuch einer spirituellen statt
einer administrativ-juristischen Sprache. Die Zusammensetzung der Gremien nach
„Erleuchtungsgraden“ weckte Eitelkeiten und Aspirationen, die gerade Bhagwan
sonst immer so verurteilte. Zum Zweiten berief er Sheela Silverman nicht ins höchste
Gremium der Sambuddhas, der „Erleuchteten“, weil er sie offensichtlich entmachten
wollte. Er wagte es aber nicht, sie völlig aus dem Zentrum der Macht zu verbannen,
weshalb die faktische Despotin ihre Konkurrenz, wie die späteren strafrechtlichen
Urteile zeigten,222 ab nun buchstäblich mit allen Mitteln bekriegte. Nach einem
halben Jahr hatte Bhagwan den Kampf gegen Sheela verloren. Er gab bekannt, dass
die Gremialregelung auf Erleuchtungsbasis ein Scherz, eine paradoxe Zen-Übung
gewesen wäre.223 Meiner Einschätzung nach war sie wohl eher der gescheiterte Befrei-
ungsversuch eines schwer kranken Mannes, dem das Verständnis für demokratische
Verwaltungsstrukturen von Grund auf fehlte. Er hatte die gesamte Bewegung hierar-
chisch um seine Herrlichkeit aufgebaut. Als ihm diese Stellung von seiner eigenen
Sekretärin erfolgreich streitig gemacht wurde, startete er den taktischen Versuch einer
demokratischen Reform, musste aber am Mangel seines eigenen Verständnisses dafür
strategisch scheitern. Er verlor nicht nur die Schlacht, er verlor den ganzen Krieg.
Machtkämpfe und Eifersüchteleien der Sannyasins sind auch schon aus Poona I
überliefert. Aber nach der Kehrtwende des Meister und der Bloßstellung ihrer Per-
son verließen die qualifiziertesten Anhänger, darunter viele der namhaften Thera-
peuten, die Bewegung.224 Bhagwan blieb mit einem Zirkel blind gehorchender
AnhängerInnen und vor allem mit Sheela Silverman zurück. Die amerikanische
Phase endete wenige Wochen später mit Silvermans Flucht nach Deutschland,
durch welche das kriminelle Desaster, das sie zu verantworten hatte, in vollem Um-
fang sichtbar wurde.225 Bhagwan wurde im Oktober 1985 vorübergehend verhaftet
und verließ das Land, obwohl ihm persönlich keine Verbrechen angelastet werden
konnten. Er kehrte nach Indien zurück, wo er vorerst auch nicht erwünscht war.
Damit begann im Dezember 1985 seine Odyssee, die ihn bis Juni 1986 durch 21
Länder führte, ehe er schließlich nach Poona zurückkehren durfte. Er reaktivierte
seinen alten Ashram, der zu einem florierenden Wirtschaftsunternehmen wurde. In
Poona II reduzierte Bhagwan seine zunächst revanchistische und skandalheischende
Rhetorik allmählich und verlegte den Schwerpunkt seiner Diskurse auf die Be-

222 Appleton 1988 S. 65–80


223 Forman 1988 S. 345–358
224 Forman 1990 S. 355–357
225 Forman 1988 S. 139–147

83
trachtung des Zen und dessen zahlreiche Meisterlinien. Schließlich ließ er 1988 den
Beinamen Bhagwan fallen und sich ab 1989 von seinen AnhängerInnen Osho
nennen.226 Als er 1990 starb, hinterließ er ein Werk von über 650 Büchern, unzäh-
lige Videos seiner Diskurse und zahlreiche Meditationstechniken, die weltweit Ein-
gang in die tägliche Praxis von TherapeutInnen, Kliniken und Zentren des Human
Growth Movement gefunden haben.
Auch Esalens spektakulärste Zeit waren die 1960er und 1970er Jahre. Im Ge-
gensatz zu Bhagwan, der rechtlich und ideologisch an der Gegnerschaft der Regie-
rung Ronald Reagans in den USA scheiterte, spielte das streng demokratische Esalen
Institut aber auch noch im auslaufenden Kalten Krieg eine für die Friedensforschung
wichtige Rolle. In dieser Zeit wurde Esalen ein Drehpunkt der Track Two Diplo-
macy,227 womit vor allem die sowjetisch-amerikanischen Austauschprogramme im
weitesten Bereich der Parapsychologie gemeint sind. Diese Programme, die auf
amerikanischer Seite über Esalen-Gründer Michael Murphy angeregt und realisiert
wurden, bildeten eine fachbezogene Basis für persönliche Freundschaften von Wis-
senschafterInnen, die auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs auch entsprechendes
politisches Gewicht hatten, da die Parapsychologie auf großes Interesse der Ge-
heimdienste stieß. So schaffte diese Track Two Diplomacy just in den frostigen Jah-
ren der Star Wars unter der feindseligen Oberfläche eine gegenläufige Tendenz der
Annäherung, die im Zuge des Zusammenbruchs der Sowjetunion einen wesentli-
chen Beitrag zur konstruktiven Transformation des tradierten Ost-West-Konflikts
leistete. Track Two Diplomacy in diesem Sinn war mehr als bloßer zivilgesellschaftli-
cher Aktionismus. Sie war ein wichtiges Gegengewicht zur konfrontativen Track
One Diplomacy unter Reagan und Bush. Dafür diente alles, was im Laufe der zahllo-
sen Workshops in Esalen bis dahin erarbeitet worden war. Das war ein perfekter
Vorlauf für elicitive Konflikttransformation.228
In Palo Alto, ebenfalls in Kalifornien, formierte sich der kommunikationsthe-
oretisch orientierte, eher gemäßigte, strenger akademische und idealistische Flügel
des Human Potential Movement. Dessen prominenteste Vertreterin nach Gregory
Bateson war Virginia Satir,229 die auch in Esalen Seminare gab. Sie wandte sich
zuerst von dem zu ihrer Zeit vorherrschenden Ansatz der Einzeltherapie in der
Psychoanalyse ab und setzte wie Perls oder Rogers auf Gruppentherapie, wobei sie
seit 1951, jenem Jahr, in dem sowohl die Gestalttherapie als auch Rogers’ klient-
bezogene Therapie der Öffentlichkeit vorgestellt wurden, die Familie als System in

226 Osho ist ein Begriff aus dem Japanischen und wurde zuerst von Eka benutzt, um dessen Meister
Bodhidharma zu benennen.
227 Siehe dazu ausführlich Kapitel G.1.
228 Kripal 2007 S. 315–338
229 1916–1988

84
den Mittelpunkt ihres Interesses rückte.230 Satir entfernte sich früh vom eingleisigen
Ursache-Wirkungsansatz der Moderne. Den politologischen Realismus verachtete sie
als primitives Modell von Strafe und Belohnung. Sie lehnte sich an das systemische
Denken an, wie es vor allem vom für die amerikanische Friedensforschung so
wichtigen Ludwig von Bertalanffy und später von Gregory Bateson entwickelt
wurde.231 Bei ihr hieß das Wachstumsmodell.232
Jeder Mensch ist nach Satir existentiell auf seine Beziehungen zu anderen an-
gewiesen. Niemand kann für sich allein innerhalb eines luftleeren Raumes existie-
ren, lautete ihre Absage an das Glaubensbekenntnis der Moderne. Sie betonte die
wechselseitigen Abhängigkeiten und die Tatsache, dass alles, was Menschen tun und
wie sie in die Welt hineinwirken, auf sie selbst zurückwirkt. Sie war überzeugt, dass
die Mechanismen, die Menschen an einer friedfertigen Koexistenz hindern, auf
jeder Ebene dieselben sind – auf der individuellen, der familiären, der gesellschaftli-
chen oder internationalen.233 Das verband sie mit der Überzeugung, dass Menschen
Manifestationen positiver Lebensenergie sind und diese Energie dysfunktionale
Bewältigungsstrategien transformieren könne.
Satirs kommunikativer Schlüsselbegriff ist Kongruenz. Dafür definierte sie drei
Ebenen, die das menschliche Verhalten bestimmen: Erstens jene Gefühle, die mit
dem Überleben zusammenhängen, zweitens jene, die sich auf die Ganzheit des
Selbst beziehen, und drittens Spiritualität oder Universalität. Kongruente Kommu-
nikation nach Satir findet statt, wenn aus der Vergangenheit geladene Emotionen
ihre Macht über die Person verlieren, wenn dysfunktionale Haltungen und Regeln,
die aus früheren Phasen des Lebens stammen, anerkannt und auf allen Ebenen so
verwunden werden, dass sie die aktuelle Wahrnehmung und Kommunikation nicht
stören. Während die ersten beiden Ebenen aus Satirs Modell auf wenig Widerstand
stießen, betrat sie mit der Definition der dritten Ebene ein umstrittenes Feld. Sie
meinte in ihrer späten Schaffensperiode, dass die Menschen in der Lage wären, auf
der Ebene der universellen Existenz miteinander in Verbindung zu treten und so ein
neues universelles Bewusstsein und den Weltfrieden zu erreichen.234
Für Virginia Satir treten die Menschen auf der Grundlage ihrer Gemeinsam-
keiten in Beziehung zueinander und sie wachsen aufgrund ihrer Verschiedenartigkeit.

230 In Europa, wo sich die Humanistische Psychologie nur langsam etablierte, erfolgte diesbezüglich
eine parallele Entwicklung in der psychoanalytischen Familientherapie nach Horst-Eberhard
Richter. Vgl.: Richter 1963 und Richter 1982.
231 Siehe dazu Dietrich 2008 S. 277–285 und 371–377
232 Satir 1988 S. 204–207
233 Walker 1996 S. 173
234 Satir 1988

85
Mit Verschiedenartigkeit kann nur erfolgreich umgehen, wer Gleichheit zu
schätzen weiß. Es gibt zwar nicht viel Gleiches zwischen Menschen, doch dasjenige,
was es gibt, ist grundlegend verlässlich und immer vorhanden, keineswegs aber im-
mer offensichtlich. Jedes menschliche Wesen hat während seines ganzen Lebens,
von der Geburt bis zum Tode, Gefühle. Jeder Mensch ist in der Lage, Wut, Trauer,
Freude, Demütigungen, Scham, Angst, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Liebe
zu empfinden. Das ist die Grundlage, auf der wir eine stets funktionstüchtige Ver-
bindung zu allen anderen menschlichen Wesen haben, zu jedem Zeitpunkt unseres
und ihres Lebens.235
Dem persönlichen, zwischenmenschlichen und internationalen Frieden sei
nichts hinderlicher als die Unfähigkeit vieler Menschen, ihre Gleichwertigkeit mit
anderen zu erkennen und zu akzeptieren. Wenn Unterschiede der stillschweigenden
oder offenen Legitimation des Machtgefälles zwischen dominierenden und unter-
würfigen Positionen dienten, führe das ins Unglück.
Deshalb trat Satir in der Praxis, wie Rogers, für die Gleichwertigkeit zwischen
KlientInnen und TherapeutInnen ein und wollte dies zu einem festen Bestandteil
ihrer Methode machen. Der Therapeut oder die Mediatorin ist als außen stehendes
Element das Veränderungsagens für das bestehende und eventuell konfligierende
System (Familie). Jenseits aller Techniken und Grundprinzipien liegt bei Satir wie
bei Rogers der Schlüssel zu einer erfolgreichen Konfliktarbeit in der Persönlichkeit
der TherapeutInnen. Alle, die Satirs Ansatz praktizieren oder sich auf sie berufen,
sollten in der Lage sein, die eigene Persönlichkeit als therapeutisches Werkzeug
einzusetzen. Sie dienen den KlientInnen als Modell. Deshalb wird dem Umgang der
TherapeutInnen mit sich selbst höchste Priorität eingeräumt.236 Die Ausbildungen,
die auf Virginia Satir basieren, verwenden viel Zeit darauf, TherapeutInnen dabei zu
helfen, selbst kongruent zu werden und kongruent zu kommunizieren:

Im Laufe der Jahre habe ich ein Bild davon entwickelt, was es meiner Meinung nach
bedeutet, wenn menschliche Wesen menschlich leben. Es sind Menschen, die ihren
Körper verstehen, schätzen und trainieren, die ihn als schön und nützlich ansehen. Sie
sind wahrhaftig und ehrlich, liebevoll und wohlwollend sich selbst und anderen gegen-
über. Menschen, die menschlich leben, sind bereit Risiken einzugehen, kreativ zu sein,
sich kompetent zu verhalten und Veränderungen zuzulassen, wenn die Situation es er-
fordert. Sie finden Möglichkeiten, Dinge, die neu und anders sind, anzunehmen, den
Teil des Alten, der weiterhin von Nutzen ist, zu erhalten, und Überholtes abzulegen.237

235 Satir 2004 S. 320


236 Walker 1996 S. 193
237 Satir 2004 S. 17

86
Die so Ausgebildeten sollen in die Lage versetzt werden, ihre KlientInnen in be-
sonderem Maße dabei zu unterstützen, ihr persönliches Potential auszuschöpfen.
Wenn sie selbst ein starkes Selbstwertgefühl manifestieren, sind sie dadurch für
KlientInnen, die nach einer Möglichkeit suchen, ihre Konflikte zu transformieren,
ein Vorbild.238 Hier ist deutlich sichtbar eine Wurzel für Lederachs elicitive
Konflikttransformation angelegt.

Wenn wir unseren eigenen Wert erkennen, sind wir auch bereit, den Wert anderer zu
erkennen und zu respektieren. […] Wenn man selbst den Frieden lebt, setzt die Verän-
derung ein. So kann ein einzelner Mensch beginnen – bei sich selbst. Wenn ich Fried-
fertigkeit und Harmonie vorlebe, wird dies alle Menschen in meiner Umgebung berüh-
ren.239

Die systemische Familientherapie geht davon aus, dass bei den Mitgliedern einer
Familie und in der Familie als System, so wie bei Rogers‘ KlientInnen, Selbsthei-
lungskräfte vorhanden sind, die in der Therapie mobilisiert oder aktualisiert werden
können. Somit wird es der Familie und anderen sozialen Systemen möglich, einen
Großteil ihrer Fragen ohne ständige therapeutische Unterstützung zu bearbeiten.
Satirs Anliegen deckte sich insofern mit Rogers als es beiden darum ging, den Men-
schen die Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie ihr eigenes Grundpotential entfalten
können, um inneres Wachstum und Frieden zu fördern. Satir beschreibt den so
induzierten Transformationsprozess in sechs Phasen:
Sie beginnt erstens mit dem Status Quo, in dem das Bedürfnis oder die Not-
wendigkeit einer Veränderung spürbar wird. Dem folgt zweitens der Eintritt eines
fremden Elements in der Person des Therapeuten oder der Mediatorin in das Sys-
tem. Dadurch wird drittens ein Ungleichgewicht zwischen den bisher wirkenden
Kräften ausgelöst, das oft als Chaos empfunden wird. Die Chaos-Phase markiert
den Beginn der Heilung. Wahrnehmungspositionen, die nicht mehr angemessen
sind, werden aufgegeben und eine neue Wahrnehmung der Akteure selbst und an-
derer setzt ein. Das führt viertens zur Integration neuer Erfahrungen. Durch Wie-
derholung und Übung stabilisiert sich das System fünftens auf der Basis dieser neu
integrierten Erfahrungen, bis sechstens der neue Status Quo einen funktionelleren
und balancierten Seinszustand repräsentiert und der Mediator oder die Therapeutin
überflüssig wird.240

238 Satir 2007 S. 24 und 101


239 Satir 2004 S. 42 und 471
240 Satir 2007 S. 117

87
Als Basis des heilsamen Umgangs miteinander betrachtete Satir starkes Selbst-
wertgefühl, welches das Individuum ihrer Ansicht nach vor allem in der Ursprung-
sfamilie gewinnen könne. Die Betonung der Familie resultierte bei ihr aus der
Erkenntnis, dass die meisten Menschen vor allem in Stresssituationen die Vertrautheit
dem Sich-Wohlfühlen vorziehen. Da ein großer Teil des inneren wie des äußeren
Lebens der Menschen gleichsam auf Automatik laufe, müssten sie sich jenes
automatischen Musters bewusst werden, bevor es verändert werden könne. Die Art,
wie die Menschen die Welt wahrnehmen, nehme in der primären Triade der Familie
zwischen Mutter, Vater und Kind ihre erste Form an. Die Menschen wiederholten in
Konflikten die Verhaltensmuster dieser Ursprungstriade, und zwar auch dann, wenn
diese offensichtlich nachteilig sind. Die Art, wie ein Kind lernt, in seiner Ursprungs-
familie zu überleben, ist ihm als Erwachsenen später nicht immer dienlich. Für Satir
ist deshalb die Entfaltung funktionaler Beziehungsstrukturen und Kommunikations-
strategien selbstbewusster Individuen in den Familien die nachhaltigste Form kon-
struktiver Konflikttransformation. Ihr therapeutischer Ansatz zielt darauf, über Gene-
rationen weitergegebene Verhaltensmuster zu untersuchen, sie aus der gegenwärtigen
Lage zu betrachten und gegebenenfalls zu transformieren.241
Dafür entwarf sie die so genannte Familienrekonstruktion, um die Menschen
in die historische und psychologische Matrix ihrer Ursprungsfamilie zu re-integrie-
ren. Als eines der wichtigsten Vehikel der Veränderung stellt diese Methode eine
Möglichkeit dar, sich selbst und die eigenen Eltern mit neuen Augen zu sehen und
dadurch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus einer veränderten Perspektive
betrachten zu können. Dazu gehört, dass die Menschen ihre Möglichkeiten erwei-
tern und sich selbst mehr Freiheit geben sowie auch, dass sie sich verantwortlicher
verhalten. Ziel der Rekonstruktion ist es, eine dysfunktionale Beeinflussung der
Gegenwart durch die Vergangenheit zu transformieren, indem mit Hilfe der Ver-
gangenheit eine ganzheitlichere Sicht der Gegenwart und eine entsprechende Le-
bensweise entwickelt werden, die sich in der Zukunft manifestiert.242
Virginia Satir war eine große Methodikerin. Unter den zahlreichen Werkzeu-
gen, die heute in vielen verschiedenen Therapierichtungen selbstverständlich einge-
setzt werden, geht auch die Familienskulptur, aus der sich später die so genannte
Aufstellungsarbeit entwickelte, auf sie zurück. Satir hat sie, in Kenntnis von Jakob
Levy Morenos Psychodrama, erstmals 1951 eingesetzt. Bei Satir ist die Skulptur eine
unter mehreren Techniken in der Familientherapie, welche die unsichtbaren Bin-
dungen und Kommunikationsabläufe innerhalb des Systems, also zwischen seinen
einzelnen Mitgliedern sichtbar macht. Die KlientInnen entwickeln dabei ein intui-

241 Satir 2007 S. 19–47


242 Satir 2007 S. 227–273

88
tives Verständnis über sich selbst, ihre Beziehungen zu anderen Menschen, ihre
Kommunikationsweise und über ihre Familienkonstellation. Diese Methode wurde
später in verschiedene Richtungen weiterentwickelt, von denen Satir einige vehe-
ment ablehnte. Dessen ungeachtet hat sie sich als sehr effektiv für die Bearbeitung
vieler Arten von Konflikten in menschlichen Systemen erwiesen. Sie ist heute ein
vielfältig angewandtes Mittel für die Transformation von Konflikten im Bereich der
Erziehung, der Religion, im Berufs- und Geschäftsleben. Machtstrukturen, Interes-
senskonflikte, Grenzen und Verbindungen sind als universelle Faktoren allen Sys-
temen gemein. Das Aufstellen ist eine Methode, sie sichtbar zu machen. Aufstellen
ist eine operationale Form der Interaktion und Meta-Kommunikation, die mit Hilfe
der räumlichen Anordnung menschlicher Körper die Beziehungsmuster zwischen
den Akteuren eines menschlichen Systems offenlegt. Darüber hinaus ermöglicht
diese Methode, die inneren, oft unter- und unbewussten Prozesse von Menschen
äußerlich zu veranschaulichen und elicitiv zu transformieren.243
Als Kommunikationspraktikerin von Palo Alto hatte Virginia Satir einen großen
Namen. Neben dem schon angesprochenen Aspekt der kommunikativen Kongruenz
seien in diesem Zusammenhang auch die von ihr herausgearbeitete kommunikative
Gewalt von Begriffen wie sollen, müssen, nie oder immer erwähnt. Diese Begriffe ver-
binden sich stets mit der versteckten Drohung einer strafenden Alternative, die darin
liegen könnte, nicht geliebt, verstoßen zu werden, was letztlich die Überlebensangst
des inneren Kinds aktiviert. So werden Regeln zum Gesetz und dieses zum Zwang.
Daher formulierte sie die so genannten fünf Freiheiten, die sie zugleich als kommu-
nikative Methode und Ziel ihrer Arbeit betrachtete:

Erstens die Freiheit zu sehen und zu hören, was im Moment wirklich da ist, nicht das,
was sein sollte, gewesen ist oder erst sein wird.
Zweitens die Freiheit, das auszusprechen, was wirklich gefühlt und gedacht wird, nicht
das, was als Erwartung anderer vermutet wird.
Drittens die Freiheit zu den eigenen Gefühlen zu stehen, statt anderen etwas vorzutäu-
schen.
Viertens die Freiheit, um das zu bitten, was gebraucht wird, statt auf Erlaubnis zu warten.
Fünftens die Freiheit, eigenverantwortlich Risiken einzugehen, statt Neues zu verwei-
gern.244

Umgekehrt betrachtete sie Beschwichtigungen, Anklagen, Rationalisieren und Ablen-


ken als negative Arten der Kommunikation. Diese Muster treten nach ihrer Beo-

243 Satir 2007 S. 305–311


244 Satir 2007 S. 328 und 361/362

89
bachtung auf, wenn ein Mensch unter Stress steht und/oder sein Selbstwertgefühl
angegriffen wird. Dann kommuniziert er nicht mehr kongruent und bewegt sich je
nach Typ auf der Basis eines dieser Muster oder Mischformen von ihnen.

Volkstümlich ausgedrückt sind wir ein Haufen emotionaler Gauner, die ihr wahres Wesen
verbergen, gefährliche Spiele miteinander spielen und das Ganze Gesellschaft nennen.245

Ziel der Mediation nach Satir ist daher die (Wieder-)Herstellung kongruenter Kom-
munikation. Dafür eignen sich ihrer Ansicht nach Wie-Fragen, die zu Information
und Verständnis führen, besser als Warum-Fragen, die oft Beschuldigungen implizie-
ren und daher eine Abwehrhaltung erzeugen. Alles, was die Abwehrhaltung stärkt,
trägt zur Verringerung des Selbstwerts bei und führt zur Blockierung statt zur Trans-
formation konfliktiver Energie.246 In diesem Zugang Satirs lässt sich unschwer die
Vorlage zur Methode der gewaltfreien Kommunikation des Rogers-Schülers Marshall
Rosenberg247 erkennen.
Das Studium des umfangreichen Methodenkatalogs Virginia Satirs empfiehlt
sich auch heute noch allen an elicitiver Konflikttransformation Interessierten, auch
wenn die von ihr selbst am Ende ihres Lebens angebotenen Übersetzungen der famili-
entherapeutischen Methoden in den Rahmen des Politischen aus der Sicht der Frie-
densforschung des 21. Jahrhunderts etwas überholt wirken:

Alle existierenden Familien bilden zusammen die Gesellschaft. So einfach ist das. Jede
Art von Lernen, die in individuellen Familien stattfindet, spiegelt sich in der Art von
Gesellschaft, die diese Familien bilden. Institutionen wie Schulen, Kirchen, Wirt-
schaftsunternehmen und Regierungen sind im Großen und Ganzen Erweiterungen von
Familienformen zu nichtfamiliären Formen. […] Ich möchte auf der Idee aufbauen,
dass die Welt eine Familie der Nationen ist, die aus Menschen wie Ihnen und mir be-
stehen. Diese Nationen werden ebenso von Menschen geleitet wie jede Familie.248

Wenngleich das politologisch etwas naiv kommt, trifft es psychologisch zu. Auch
Präsidenten, Diktatoren, Manager, Diplomaten oder Parlamentarier funktionieren
und kommunizieren nach jenen menschlichen Prinzipien, die Satir beobachtet hat.
Deshalb sollte gerade auch in komplexen politischen Konfliktlagen, dieses menschli-

245 Satir 2004 S. 139


246 Satir 2004 S. 115 und 187
247 Rosenberg 2003
248 Satir 2004 S. 457 und 467

90
che Moment der Akteure nicht unterschätzt werden. Es ist die einzige Möglichkeit
sie anzusprechen.
Zusammenfassend scheint mir für die Konfliktarbeit besonders Satirs Einsicht
bedeutsam, dass die meisten Konflikte zwischen Menschen darauf beruhen, dass
diese sich auf verinnerlichte Bilder und Vorstellungen beziehen, die sie vom anderen
haben, statt wirklich mit ihm in Verbindung zu treten. Das erste, worauf Menschen
stoßen, wenn sie anderen begegnen, ist die eigene Vorstellung von ihnen. Konflikte
sind folgerichtig da besonders häufig und schwerwiegend, wo Menschen entweder
noch nicht entdeckt haben, wer sie selbst sind oder wer die anderen sind, denen sie
begegnen. Satir empfiehlt, die Konflikttransformation so anzugehen, dass die Kon-
fliktparteien nach bester Möglichkeit eingeladen werden, ein Forschungsteam zu
bilden und sich nicht in der Logik einer Anklagegesellschaft zu verfangen.249
Das ist in Systemen, die als Wettbewerbsgesellschaften definiert sind, beson-
ders schwer. Denn Wettbewerb verlangt Fairness in dem Sinn, dass alle anderen sich
verändern, bevor ich mich selbst verändere. Daraus resultieren die dauernden Kla-
gen über Ungerechtigkeit, die eine Endlosschleife von Konflikten erzeugen. Elicitive
Konflikttransformation kann helfen, diese scheinbar endlose Schleife zu verwinden.

2 Curriculare Aspekte

Nachdem ich die Ansätze der aus meiner Sicht wichtigsten Vorläufer der elicitiven
Konflikttransformation vorgestellt habe, erläutere ich in diesem Kapitel die Geschichte
und das Curriculum des Innsbrucker Universitätslehrgangs für Friedensstudien, um
den Stellenwert dieser Methode in Lehre und Praxis zu illustrieren.
Die rechtlichen Rahmenbedingungen des Innsbrucker Projekts lieferte der so
genannte Bologna-Prozess der Europäischen Union und ihrer Nachbarländer, also
die 1999 begonnene Errichtung eines Gemeinsamen Europäischen Hochschul-
raums. Durch diese bildungspolitische Maßnahme sollte das Universitätswesen des
ganzen Kontinents bis 2010 in einem dreistufigen Modell von Bakkalaureat, Master
und Doktorat vereinheitlicht werden. Studienleistungen aller Länder und Universi-
täten wurden vergleichbar, übertragbar und gegenseitig anerkennbar. Das beabsich-
tigte, aber heute umstrittene Resultat war nach offizieller Darstellung250 die Euro-
päisierung und Internationalisierung des tertiären Bildungssektors. Die Wettbewerbs-
fähigkeit europäischer AkademikerInnen und Bildungsstandorte sollte gestärkt wer-
den. Die bildungspolitische Förderung der Mobilität von Studierenden zum Zweck

249 Satir 2004 S. 286


250 Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung (23.3.2009)

91
der Integration der akademischen und intellektuellen Eliten wurzelt ideologisch im
Mythos des politischen Friedensprojekts Europa.
Der Geist und die politische Dynamik dieses Prozesses begünstigten innovative
Unterfangen wie jenes der Innsbrucker Friedensstudien. Deren Vorläuferprojekte
waren informell seit 1998 als Initiativen einer Gruppe von experimentellen Künstle-
rInnen251 und Intellektuellen252 in Tirol angelaufen und passten ausgezeichnet in die
politische Konjunktur. Im Zuge der juristischen Umwandlung und Etablierung des
Projekts als Universitätslehrgang ab 2001 ließen sich die Zielvorgaben des Bologna-
Prozesses absehen. Daher wurde der Lehrgang schon bei seiner Gründung auf eine
Arbeitsleistung von 120 European Credit Transfer System (ECTS) Punkte in vier
Semestern angelegt. Er konnte mit Inkrafttreten des Österreichischen Universitäts-
gesetzes 2002, welches das tertiäre Bildungswesen des Landes auf Bologna zurich-
tete, als erster Universitätslehrgang ohne substanzielle Veränderung in die neue
Rechtsordnung übernommen werden. Ab diesem Zeitpunkt entwickelte sich der
Lehrgang dynamisch als ein Musterbeispiel der Möglichkeiten dieses Systems.
Strukturelle Schlüsselbegriffe dafür sind internationale Vernetzung und modulare
Lehreinheiten. Beide haben eine gemeinsame Geschichte. Das Modularsystem wurzelt
in Johan Galtungs oft zitiertem, aber in der Praxis kaum verwendetem Hawaii-
Curriculum aus den 1980er Jahren.253 Galtungs damals richtungweisende Idee lag
darin, ein so umfassendes, seiner Natur nach transdisziplinäres Feld wie Friedens-
studien nicht aufbauend zu unterrichten. Der Begriff transdisziplinär ist hier im tech-
nischen Sinn des Worts nicht einfach als disziplinenübergreifend, interdisziplinär, zu
verstehen, sondern als die Disziplinen überschreitend und laufend mit der Praxis
rückkoppelnd. Weil sie ihrer Natur nach transdisziplinär ist, muss Friedensforschung
nicht nur praxisorientiert sondern notwendigerweise auch praxisrelevant sein. Aus
diesem Grund wäre ein rein aufbauendes Curriculum ein präskriptives Unterfangen
begrenzter Reichweite. Galtung schlug vor, Friedensstudien nicht aufbauend, sondern
in vier thematischen Modulen zu unterrichten. Im Erstentwurf hießen diese Module

ƒ Peace Theory

251 Die Initiative ging unter dem Titel Feuern für den Frieden vom Feuerkünstler Gebi Schatz aus und
wurde zuerst wesentlich von diesem Genre getragen. Neben Schatz sind vor allem die Schwestern
Ursula und Claudia Beiler zu nennen. Dieser Kreis holte um die Jahrtausendwende eine Reihe von
weltbekannten FeuerkünstlerInnen zum Feuern für den Frieden nach Innsbruck.
252 Ich koordinierte die ersten Initiativen auf akademischer Ebene, hatte in Innsbruck im Politologen
Anton Pelinka, im Historiker Helmut Reinalter und dem Völkerrechtler Waldemar Hummer die
wichtigsten Partner, international unterstützt von Gianni Vattimo, Vicent Martínez Guzmán,
Peter Waldmann und György Szèll.
253 Galtung 1988 [Unveröffentlicht].

92
ƒ Conflict Theory
ƒ Development Theory
ƒ Civilization Theory.

In diesem Aufbau lassen sich die Eckpunkte der Friedens- und Konflikttheorie
Galtungs leicht erkennen: positiver Friede, negativer Friede beziehungsweise direkte,
strukturelle und kulturelle Gewalt. Letztere hat Galtung 1990,254 erst nach dem
Erstentwurf von Hawaii als post-strukturalistischen Schwerpunkt neu in die Diskus-
sion eingeführt. Die Entwicklung seiner Friedenstheorie scheint mir überhaupt erst
1996 mit der Veröffentlichung seines opus magnum255 vollständig abgeschlossen zu
sein. Wohl aus diesem Grund ist die Benennung der einzelnen Module im ältesten
Curricularentwurf etwas schwerfällig und mit den Begriffen Entwicklung und Zivi-
lisierung belastet, die im Laufe der post-strukturalistischen und dann transrationalen
Debatte der 1990er Jahre ihren Stellenwert in der Friedenswissenschaft verloren
haben.
Ich lernte dieses Konzept Anfang 1995 kennen, als ich meine Tätigkeit als wis-
senschaftlicher Direktor des Europäischen Universitätszentrums für Friedensstudien
EPU256 in Stadtschlaining/Österreich aufnahm. Meine erste Aufgabe lag darin,
Galtungs Curricularvorlage für die EPU in einen Studienplan zu gießen, der auf der
Basis der österreichischen Gesetzeslage dieser Jahre als so genannter Lehrgang uni-
versitären Charakters zugelassen werden konnte. Der damalige Wissenschaftsminis-
ter, Erhard Busek, forderte dafür ein praxisorientiertes Curriculum, das auf univer-
sitärer Ebene international anerkannt und vernetzt werden sollte. Da der Bologna-
Plan damals noch nicht entworfen war, sollte sich dieses Curriculum inhaltlich an
den Vorgaben der UNESCO orientieren, um deren Anerkennung sich die EPU
damals ebenfalls bemühte.257
Ich konnte für meine Aufgabe auf eine österreichische Erstbearbeitung des
Hawaii-Curriculums von Josef Binter, Karl Birnbaum und Wolfgang Sützl aus dem
Jahr 1991 greifen,258 die auf der Basis der Erfahrungen aus dem Pilotsemester der

254 Galtung 1990 S. 291–305


255 Galtung 1996
256 Die EPU war rechtlich gesehen keine Universität, sondern ein Teil des Vereins Österreichisches
Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung. Nach der damaligen Rechtslage war es nicht-univer-
sitären Einrichtungen in Österreich gestattet, unter Aufsicht des Wissenschaftsministeriums so
genannte Lehrgänge universitären Charakters durchzuführen. Das juristisch ungelöste Hauptproblem
lag in der fraglichen internationalen Anerkennung der Abschlüsse dieses österreichischen Spezifikums,
das 2010 auslief.
257 Protokoll des EPU-Workshops vom 11. Februar 1995
258 Binter 1991 [Unveröffentlicht]

93
EPU 1992 von James Skelly und Wolfgang Stützl weiterentwickelt worden war.259
Skelly und Sützl hatten Galtungs Konzept einen fünften Modul hinzugefügt. Die
einzelnen Teile hießen nun:

ƒ Peace and Conflict Resolution


ƒ Peace and Development
ƒ Peace and Culture
ƒ Peacekeeping
ƒ International Organizations, European and Global Integration.

Diese Nomenklatur verrät eine pragmatische Hinwendung zu den Wünschen der


Geld gebenden Ministerien für Wissenschaft und Äußeres und der internationalen
Organisationen, deren Anerkennung im Vorfeld des österreichischen EU-Beitritts
angestrebt wurde. Allerdings stellte es meiner Ansicht nach eine idealistische Ver-
wässerung der Vorlage Galtungs dar. In der Lehrpraxis erwies sich dieser Entwurf als
thematisch überfrachtet und, verglichen mit bereits bestehenden und stark an den
International Relations orientierten Masterprogrammen im angel-sächsischen Raum,
zu komplex für einen international vernetzbaren Lehrplan.260 Meine Hauptaufgabe lag
daher im Entschlacken und Neustrukturieren dieses Entwurfs. Ich baute ihn auf das
ursprünglich viermodulare System zurück und glich ihn an jene Vorlage an, die zeit-
gleich an der UN-Friedensuniversität in Costa Rica von Francisco Barahona entwi-
ckelt wurde.261 Die Module hießen in meinem Entwurf, wie ich heute meine, etwas
sperrig:

ƒ Peace Theories and Conflict Transformation


ƒ Development, Peace and Security in the International System
ƒ Democracy, Human Rights and Peace in Different Societies
ƒ Peace Education and Cultures of Peace.

Mit einem 90 ECTS umfassenden Master-Lehrplan waren die Kompatibilität mit


dem damaligen österreichischen Rechtssystem und internationale Vergleichbarkeit
erreicht. Mein Entwurf wurde 1996 vom Ministerium akzeptiert und der Lehrgang
universitären Charakters offiziell eingerichtet.

259 European University Center for Peace Studies 1994 [Unveröffentlicht]


260 Das war die einmütige und heftige Kritik einer internationalen Curricularkonferenz, die dieses
Thema bei meinem Amtsantritt in Stadtschlaining behandelte.
261 Universidad para la Paz 1994 [Unveröffentlicht]

94
Von da wanderte die Vorlage des Curriculums – zuerst auf Initiative von James
Skelly, später getragen von Wolfgang Sützl und mir – nach Spanien zur eben ent-
stehenden Maestria para la Paz y el Desarrollo an der Universitad Jaume I in Castellón
de la Plana.262 Dort durchlief der Entwurf neuerlich einen Anpassungsprozess, diesmal
an das spanische Rechtssystem. Im Zuge dessen führte der Friedensphilosoph Vicent
Martínez Guzmán, Gründungsdirektor des Programms von Castellón, den Entwurf
zu seiner dynamischen Verwirklichung und Blüte. 1996 gegründet, erwarb das
Masterprogramm für Friedensstudien an der Universitad Jaume I binnen kürzester
Zeit internationale Reputation als das innovativste auf dem europäischen Kontinent.
Ich blieb nach meinem Abschied von der EPU 1997 und dem Zerbrechen der
Kooperation Schlaining – Castellón auf der spanischen Seite in diesen Prozess
eingebunden.
Als ich aufgrund dieser Expertise eingeladen wurde, ein entsprechendes Pro-
gramm für die Universität Innsbruck zu entwerfen,263 konnte ich auf die Unter-
stützung der spanischen Freunde zählen. Die Rektoren der Universitäten von
Castellón, Francisco Toledo Lobo, und Innsbruck, Hans Moser, unterschrieben im
Zuge der Eröffnungsfeier zum Innsbrucker Pilotsemester im Juli 2002 ein formelles
Kooperationsabkommen,264 das für den neuen Standort lebenswichtig war. Denn
mit Hilfe der spanischen Partner waren ab dem ersten Tag der Zulauf von Studie-
renden aus aller Welt, erstklassige Gastlehrende, entsprechende Reputation und die
notwendige Qualitätskontrolle gesichert.
Aus diesem Keim europäischer Kooperation in den Friedensstudien entwickelte
sich trotz einiger Rückschläge schließlich ein internationales und effektives Netz ein-
schlägiger Institutionen, die im Geiste des Bologna-Prozesses und jedweder Friedens-
pädagogik die Mobilität der Studierenden ermöglichten und förderten. Die wichtigste
Erweiterung dieses Netzwerkes war die formelle Kooperation mit der seit 2001 rund-
erneuerten Friedensuniversität der Vereinten Nationen UPEACE in Ciudad Colón/
Costa Rica ab 2007. Diese verfügt ihrerseits über ein breites Netzwerk an Ko-
operationen und das Dreieck UPEACE – Castellón – Innsbruck mit all seinen Ver-

262 Cátedra UNESCO de Filosofía para la Paz/Universidad Jaume I. (22.3.2009). Von Spanien nahm er
seinen Weg weiter an die Universidad Autónoma del Estado de México in Toluca/Mexiko. Convenio
General de Colaboración Universidad Autónoma del Estado de México y Universitad Jaume I Castellón
de la Plana. 10.7.1996.
263 Mitteilungsblatt der Universität Innsbruck vom 5. September 2001. Hauptinitiator war der da-
malige Hofrat der Landesregierung, Bernd Stampfer, an der Universität entschieden unterstützt
von Anton Pelinka, damals Dekan der Sozialwissenschaftlichen Fakultät.
264 Convenio General de Colaboración Universidad Jaume I Castellón de la Plana y Leopold Franzens
Universität Innsbruck; 7. Juli 2002.

95
zweigungen265 kombiniert seither das denkbar breiteste, vielfältigste, flexibelste und
innovativste Angebot universitärer Friedensstudien auf internationalem Niveau. Dabei
könnte ich etwas plakativ sagen, dass die UPEACE primär für die thematische Breite,
Castellón für die friedensphilosophische Tiefe und Innsbruck für die friedenspsycho-
logische Praxis stehen.
Seit 2009 gibt es schließlich über die norwegische Study Abroad-Bildungs-
agentur Kultur Studier266 eine Zusammenarbeit mit dem University College Oslo auf
Bakkalaureatsebene. Ein entsprechendes Programm wird von Oslo aus in Pondi-
cherry im indischen Bundesstaat Tamil Nadu betrieben, was aus Innsbrucker Sicht
in erster Linie bedeutet, dass skandinavische Studierende bereits auf Bakkalaureatse-
bene auf das Denken in den Kategorien transrationaler Frieden und elicitiver Kon-
flikttransformation vorbereitet werden und daher besonders gut qualifiziert in das
Masterprogramm einsteigen.
Ebenso wichtig wie die internationale und interuniversitäre Kooperation als
solche war die nicht nur mögliche, sondern für diese Kooperation notwendige
Übernahme der spanischen Curricularstruktur nach Innsbruck. Vicent Martínez
Guzmán hatte in Castellón eine Praxis gefunden, die er post-galtungianisch nannte.
Damit meinte er neben der philosophischen Verwindung der strukturalistischen
Ansätze Galtungs auch die Verwandlung des ursprünglichen Hawaii-Ansatzes in ein
post-strukturalistisches Modularsystem, das von Semester zu Semester mit adäqua-
ten Lehrinhalten gefüllt werden konnte. Die viersemestrige Lehr- und Lernabfolge
in Castellón und in der Folge auch in Innsbruck vereinte schließlich die inzwischen
formulierten Bologna-Kriterien im vollen Umfang von 120 ECTS mit den innova-
tivsten friedensphilosophischen Inhalten, für deren Diskussion Spanien damals ein
Fokus war. Neben Martínez Guzmán als Integrationsfigur wären hier Namen wie
Francisco Muñoz, Beatriz Molina und Mario López aus Granada, Vicent Fisas aus
Barcelona, Mariano Aguirre aus Madrid, José Maria Tortosa aus Alicante und an-
dere zu nennen, die der Diskussion dieses Jahrzehnts viele neue Impulse gaben.
In Innsbruck re-galtungisierten wir die spanische Vorlage vorerst, indem wir
Galtungs berühmte Schlüsselbegriffe hinter einer systematischen Einführung als
Übertitel des anfangs viergliedrigen Modularsystems verwendeten:

ƒ Introduction into Peace and Conflict Studies, Development and Security Studies
ƒ Aspects of Negative Peace and Direct Violence
ƒ Aspects of Positive Peace and Structural Violence
ƒ Cultures of Peaces.

265 Innsbruck kooperiert informell auch mit den Universitäten von Göteborg, Uppsala, Bradford und
im Rahmen von Bologna problemlos auch mit anderen.
266 Kulturstudier (10.06.2010)

96
Johan Galtung hielt konsequenterweise auch die Festansprache anlässlich der Eröff-
nung des Lehrgangs im Jahr 2002. Hinter unserer anfänglichen Re-Galtungisierung
stand keine Rückwärtswendung, sondern der Wunsch nach publikumsfreundlichen
Bezeichnungen. Das war keine inhaltliche Abweichung von der spanischen Philoso-
phie. Nach Galtung kamen viele große Namen der Szene aus aller Welt als Gastleh-
rende nach Innsbruck. Die Ausprägung der methodischen und inhaltlichen Unter-
schiede zwischen Castellón und Innsbruck ergab sich erst im Laufe der folgenden
Jahre, als sich zeigte, dass aus der Sicht des Publikums das Attraktive an der internati-
onalen Kooperation nicht im inhaltlichen Gleichklang lag. Vielmehr erwies sich die
Akzentuierung der Stärken jedes Standortes entsprechend seiner spezifischen Mög-
lichkeiten als Vorteil für das wachsende Netzwerk und die unterschiedlichen Interes-
sen der Studierenden. In Anerkennung dessen musste der Curricularstruktur nur
allseits soweit gefolgt werden, dass die Credits weiterhin problemlos übertragbar und
die Mobilität der Studierenden im Sinne Bolognas gesichert blieb.
In Innsbruck versammelte sich eine Gruppe von AkademikerInnen, die sich
der Frage der Frieden von der postmodernen Philosophie her annäherte. Darin lag
die anfängliche Übereinstimmung mit Castellón.267 Das entwickelte sich zügig wei-
ter in die Richtung der Humanistischen Psychologie, von wo aus nach neuen di-
daktischen Konzepten und Methoden gesucht wurde. Im Zug der Systematisierung
von Friedensbegriffen, wie ich sie im ersten Band dieser Trilogie dargestellt habe,
entstand die neue Kategorie der transrationalen Frieden und als deren geradezu na-
türliche Methode die elicitive Konflikttransformation, die John Paul Lederach be-
reits in die Literatur eingeführt hatte. Dieser systemische und pragmatische Ansatz
gewann im Lauf der Zeit immer mehr Gewicht im Innsbrucker Programm. Er
wurde vom Lehrinhalt zur Methode und Didaktik.
Die Förderung des Selbst- und Systembewusstseins in Konflikten sowie die
Vermittlung entsprechender Transformationswerkzeuge und die Kommunikations-
fähigkeit der Studierenden als Voraussetzung für elicitive Konfliktarbeit wurden zum
expliziten Lehrziel. Im Gegensatz zum herkömmlichen Ansatz von Konfliktlösungs-
programmen wurde der psychisch-innere Aspekt mit dem kognitiv-äußeren verbun-
den. Academic Capacity and Relationship Training als Konsequenz der transrationalen
Friedenslehre umfasst Ausbildung auf der kognitiv-sachlichen Ebene im Sinne der
klassischen Academia, psychologisch-philosophische Persönlichkeitsentwicklung und

267 Gianni Vattimo, Philosoph aus Turin und Mitglied des Europäischen Parlaments, war in dieser
Phase wichtigste Referenzperson und philosophisches Bindeglied zwischen den Zentren.
Ausführlich dazu Sützl 2008.

97
systematische Schulung von Intuition und Inspiration als Voraussetzung für elicitive
Konflikttransformation.268
Das rückte die Frage in den Mittelpunkt, ob Authentizität, eine deutliche, be-
jahende Wahrnehmung der eigenen Innenwelt und eine geringere Besorgtheit um die
Selbstdarstellung als im herkömmlichen universitären Leben, auch und gerade in den
Friedensstudien, überhaupt lehr- und lernbar wäre. Ist in einem akademischen
Rahmen das Risiko vertretbar, Authentizität über Moral, weil Ganzheit über das
erkenntnismäßige Ideal zu stellen? In Innsbruck nahmen wir das an, allerdings mit der
Einschränkung, dass derartiges Lernen nicht nur dem Gesetz des sachlichen Lesens,
Zuhörens und Übens auf der Basis von herkömmlichen Seminaren und Vorlesungen
erfolgen kann. Es mag ausgezeichnete Bücher über Schwimmtechniken geben. Aber
deren Lektüre und selbst die besten Vorlesungsreihen werden den Studierenden
weniger das Schwimmen lehren als einige Stunden im Wasser.269 Dasselbe gilt für die
Konfliktarbeit. Dieser Einsicht folgt der Innsbrucker Lehrgang und versucht daher,
das Curriculum als Lernrahmen mit vielen Erfahrungseinheiten „im Wasser“ realer
Konfliktarbeit innerhalb der jeweiligen Gruppe von Studierenden anzulegen.
Der Zusammenhang von Selbstwertgefühl und Kommunikationsfähigkeit ist
seit den Pionierarbeiten der Humanistischen Psychologie bekannt. Die Heraus-
forderung lag und liegt daher darin, das Curriculum so auszugestalten, dass es den
traditionellen gesetzlichen Vorgaben des akademischen Lebens entspricht und den-
noch die seelische Balance der Gesamtpersönlichkeit als Voraussetzung für deren
Kommunikationsfähigkeit in den Mittelpunkt stellt, wie das Virginia Satir schon in
den 1970er Jahren gefordert hat.270
Wir stellten in Innsbruck ganz im Sinn Lederachs271 die fundamentalen Fragen
Wer bin ich? Und Kann ich mich so zeigen, wie ich wirklich bin? im alltäglichen Kontext
unserer akademischen Arbeit vor die Frage Was soll ich tun? Für sich allein würde
letztere in die Ebenen präskriptiver Konflikttransformation oder gar der Konfliktlö-
sung verweisen. Der Unterschied stellt für viele TeilnehmerInnen eine große Heraus-
forderung dar.272 Da diese Fragen in einem Masterlehrgang gestellt werden, in einer
Veranstaltung des zweiten akademischen Zyklus, der nur AbsolventInnen eines uni-
versitären Bakkalaureats offen steht, sind die TeilnehmerInnen, unabhängig von ih-

268 Siehe dazu auch den Vorschlag zu einer umfassenden Friedenserziehung von Swami Veda Bharati
2010 S. 233–278.
269 Kabbal 2010 S. 100
270 Siehe dazu Schulz von Thun 2003a S. 123–125. Derselbe Autor entwickelte auch eine Vielzahl
von Vorschlägen, die sich in diesem Rahmen sehr gut umsetzen lassen.
271 Lederach 2005 S. 24
272 Zur systematischen Unterscheidung der beiden Methoden im Training siehe Lederach 1995
S. 63–70

98
rem kulturellen oder fachlichen Hintergrund, fast ausnahmslos auf Heimspiele auf der
Sachebene konditioniert, in denen sie mit ihrem trainierten Verstand, mit Fachwissen
und guter Sprachfähigkeit reüssieren.
Wenn es um Selbstoffenbarung und Beziehung geht, fühlen sich aber viele von
ihnen zumindest anfangs auf Glatteis. Es ist nicht die Absicht des Lehrgangs, ihnen
von einem Moment auf den anderen einen neuen Stil abzuverlangen. In behutsa-
men, kleinen und verkraftbaren Schritten werden ihre Perspektiven erweitert, indem
ihnen der Rahmen geboten wird, die meist weniger beleuchteten und untrainierten
Anteile ihrer Persönlichkeit zu entdecken und auszuprobieren. Das inkludiert eine
Art seelischer Aufräumarbeit oder Katharsis, die der Konfliktarbeit hinderliche Ver-
haltensmuster auflösen oder Einsichten in Zusammenhänge der eigenen Geschichte
gewähren kann. Derart gefundene Wahrheiten sind manchmal erbarmungslos. Den
Studierenden ermöglichen diese Auswärtsspiele auf Feldern, für die sie nicht trai-
niert sind, auf denen ihnen der Beifall nicht sicher und schmerzhafte Niederlagen
im geschützten Rahmen einer geschlossenen, geleiteten und überschaubaren Gruppe
möglich sind, ermutigende Antworten auf ihre persönlichen Grundsatzfragen.
Katharsis ist nicht nur in der therapeutischen Arbeit der Humanistischen Psy-
chologie ein wichtiger Aspekt, sondern auch im Training elicitiver Konfliktarbeit.
Dabei ist im Hinblick auf den nicht selten problematischen Erfahrungshintergrund
der Studierenden sicher zu stellen, dass diese Art von Arbeit zu keiner Retraumati-
sierung führt. Katharsis setzt die Wiederbegegnung mit dem Trauma im Sinne einer
unabgeschlossenen Gestalt zu deren vollständigen Integration voraus. Daher müssen
die Facilitators peinlichst darauf achten, dass die Studierenden einerseits sie über-
wältigende Gefühle und fixierte Reaktionsweisen ausdrücken können, und anderer-
seits zur Bewältigung des wieder inszenierten Traumas hin gelenkt werden. Die
Wiederbelebung einer unbewältigten Erinnerung ist nur zu rechtfertigen, wenn sie
aufzeigt, dass jetzt ein anderer Ausweg aus dem Trauma gewählt werden kann. Ge-
lingt das nicht, kann statt des heilenden Effekts eine unkontrollierte Retraumatisie-
rung bewirkt werden. Das ist zu vermeiden. Daher erfordert die Leitung derartiger
Übungen neben dem didaktischen auch erhebliches therapeutisches Geschick.273
Ohne Fundierung in diesen Einsichten bleibt elicitive Konfliktarbeit ein spe-
kulatives, dilettantisches und delikates Unterfangen, von dem aus meiner Sicht eher
Abstand genommen werden sollte. Deshalb wird dieses Moment im Innsbrucker
Curriculum so nachdrücklich betont. Das macht das Studium zu einer existenziellen
Auseinandersetzung, bedeutsam weit über den üblichen akademischen Wissenser-
werb hinaus, und gibt ihm letztendlich jene einzigartige Dynamik, für die dieses
Programm berühmt wurde.

273 Siehe dazu auch nachdrücklich Ruppert 2002 S. 423/424

99
Dafür musste nicht einmal die rechtliche Grundlage geändert werden, denn es
erwies sich als möglich, diese existenziellen Fragen und die entsprechenden Metho-
den in das Raster des bestehenden Lehrplans zu integrieren. Benötigt wurde aber eine
von den herkömmlichen Friedensstudien abweichende Expertise. Das betrifft vor
allem Lehrkräfte, die in der Lage sind, akademische Ernsthaftigkeit mit experi-
mentellen Methoden der Human- und Sozialwissenschaften und praktischer Erfah-
rung in der Konfliktarbeit zu verbinden. Auf diesem Bedarf begründete sich eine
Vielzahl von Kooperationen mit lokalen Institutionen und Einrichtungen, die über
jene Expertise verfügen. Innsbruck war nicht der erste Standort, an dem die akade-
mische Friedensforschung mit militärischen Einrichtungen, der Feuerwehr, dem
Roten Kreuz, der Caritas, SOS-Kinderdorf, humanitär orientierten NGOs oder
einschlägigen Unternehmen wie der Wildnisschule Native Spirit zusammenarbeitete,
aber die transrationale Philosophie und Psychologie als Grundlage, elicitive Kon-
flikttransformation als zentrale Ausbildungsidee und die Kombination von beidem
mit einer praxisorientierten Lehrmethode ergaben letztlich ein innovatives Kom-
positum, das in der internationalen Szene Aufsehen erregte und Ansehen erwarb.
Als sich in Spanien aufgrund einer dortigen Gesetzesnovelle 2007 das Anforde-
rungsprofil für Masterlehrgänge nochmals änderte, glich Innsbruck das zum Zweck
der Aufrechterhaltung der Kooperationsfähigkeit durch eine kleine strukturelle Ver-
änderung aus, die dem Lehrgang einen ungeahnten Qualitätssprung bescherte. Das
Einführungsmodul wurde in eine dreimonatige Online-Vorbereitungsphase mit
immanentem Prüfungscharakter und eine zweiwöchige Präsenzphase aufgeteilt. Da
das Programm sich an Studierende aus aller Welt richtet, versprach die Lehrgangs-
leitung sich davon einerseits eine frühzeitige virtuelle Hinführung zur Lehrgangs-
philosophie, die den Studierenden und ihr selbst die Möglichkeit gibt, die gegensei-
tigen akademischen, sozialen und kulturellen Hintergründe vorweg kennen zu lernen,
sodass alle Seiten zeitgerecht wissen, ob sich die Anreise zur Präsenzphase lohnt.
Dank einer ausgeklügelten Lehreinheit, die Josefina Echavarria auf der virtuel-
len Blackboard Plattform der Universität Innsbruck entwickelte, hat sich diese einfa-
che Idee bewährt und wesentlich zur Steigerung und Sicherung des akademischen
Niveaus im Lehrgang beigetragen. Das Moment der Qualitätssicherung kann bei
der Entwicklung innovativer Lehrmethoden nicht hoch genug eingeschätzt werden,
da gerade transdisziplinäre Nischenfächer wie die Friedensstudien von den etablier-
ten Disziplinen mit oft angebrachtem Argwohn beobachtet werden. Innovation ist
nicht zwangsläufig gut. Sie muss an ihren Resultaten gemessen werden.
Diese haben im konkreten Fall allgemein überzeugt. Das führte schließlich zur
Errichtung des UNESCO Lehrstuhls für Friedensstudien an der Universität Inns-

100
bruck im Juni 2008. Der damalige Generalsekretär der UNESCO, Koichiro Mat-
suura, begründete diese Auszeichnung mit der Anerkennung der innovativen und
friedensorientierten Lehrmethoden des Programms und beauftragte den UNESCO
Chairholder, diesen Ansatz weltweit zu erklären. Der Rektor der Universität Inns-
bruck, Karlheinz Töchterle, ernannte mich zum Inhaber dieses Lehrstuhls. Im Sinne
dieser Funktion und Aufgabe möchte ich in den nächsten Absätzen einige der me-
thodischen Besonderheiten dieses Lehrgangs erläutern.
Die Online-Phase folgt einem siebenstufigen Modell, den sieben magischen
Fragen. Mit deren Hilfe wird den Studierenden vor ihren unterschiedlichen kul-
turellen und akademischen Hintergründen die unabdingbare Notwendigkeit der
Perspektivenbildung in der transrationalen Friedensforschung verständlich gemacht.
Aus diesem Grund werden ihnen sequenziell Fragen zu den Schlüsselthemen des
Lehrgangs wie Frieden, Konflikt, Sicherheit, Entwicklung oder zu eng verwandten
Begriffen wie Hilfe, Fortschritt, Arbeit, Familie, Ordnung nach einem Raster ge-
stellt, das von der individuellen zur globalen Ebene schreitet. Das Muster hat bei-
spielsweise jene Form:

ƒ Was bedeutet Frieden in deinem persönlichen Verständnis?


ƒ Was ist die etymologische Bedeutung des Wortes Frieden in deiner Mutter-
sprache?
ƒ Wie wird der Begriff Frieden in deiner Herkunftskultur verwendet?
ƒ Wie wird der Begriff Frieden im Lehrsystem deiner Religion verwendet?
ƒ Wie wird Frieden in der Verfassung deines Herkunftslandes verwendet?
ƒ Was bedeutet Frieden im Völkerrecht?
ƒ Welche Widersprüche gibt es zwischen diesen Konzepten?

Es zeigt sich bereits in der Abfolge dieser Fragen der hohe Stellenwert, der dem
Selbst zugeschrieben wird. In Übereinstimmung mit der Humanistischen Psycholo-
gie wird davon ausgegangen, dass Frieden auch im akademischen Kontext nicht
ohne ein wahrnehmendes Subjekt diskutiert werden können. Als menschliches We-
sen sehe ich die Welt diesem Ansatz nach nicht so, wie sie ist, sondern so, wie ich
bin. Transrationale Frieden verwinden das positivistische Wissenschaftsverständnis
und verlangen nach den existentialistischen Zugängen, die ich im vorherigen Kapi-
tel beschrieben habe. Transrationalität schreibt einem Objekt in der Begegnung
direkte Bedeutung zu, ohne Vermittlung durch intellektuelle Konstruktionen. In-

101
tellektuelle Rationalität und Rationalisierung führen Distanz, Vermittlung und
Übersetzung in die Beziehung ein.274
Wenn das Subjekt die Welt nicht so wahrnimmt, wie sie ist, sondern wie es
selbst ist, konstruiert sich auch im Sinn der Präambel zur UNESCO Verfassung von
1946 jede Form des Friedens in den Köpfen aller wahrnehmenden Subjekte. Sind
diese voll mit den verschiedensten Formen von Emotion, Introjekten und Projekti-
onen, behindern diese notwendigerweise die Wahrnehmung und Konstruktion von
Frieden. Es ist daher unumgänglich für ein transrationales Friedensverständnis, vor-
erst den Verstand von diesen Überlagerungen frei zu machen. Dafür gibt es viele
Methoden und das akademische Arbeiten, wenn perspektivisch und persönlich
betrieben, kann eine solche Methode sein:

Personal writing is healing. We need to liberate the writer within from the prison of
hollow noise we live in. We need to write to find out what’s true for us. We need to
find out what we know and what we don’t know. We need to open our minds.275

Diese Einsicht gilt für das akademische Leben vielleicht noch mehr als für den Alltag.
Sie zieht sich folgerichtig und notwendigerweise als Methode durch das gesamte Cur-
riculum des Lehrgangs für Friedensstudien. Das akademische Schreiben wird als Pro-
zess der persönlichen Befreiung und Bewusstwerdung unterrichtet, nicht als stereotype
Widergabe vermeintlich objektiver Befunde anderer.
Die Studierenden werden noch in der Online-Phase aufgefordert, die sieben Ein-
zelaufgaben zu einem kohärenten Essay nach allen Regeln des wissenschaftlichen Ar-
beitens zu formen. Sie reisen daher mit dem ausgereiften Entwurf eines größeren aka-
demischen Texts zur Präsenzphase an. Die Texte der EinsteigerInnen sind nach
obigem Schema strukturiert. Die der Fortgeschrittenen folgen individuellen themati-
schen Schwerpunkten und bereiten die Masterarbeit vor. Alle Texte werden während
des Einleitungsmoduls unter nicht-direktiver Anleitung der ProfessorInnen einem
intensiven Diskussionsprozess durch die Mitstudierenden unterzogen. Dieses Verfah-
ren wird Gegenlesen oder Crossreading genannt und darf als eine Art akademisches
Encounter-Seminar vorgestellt werden.
Eine Sitzung dieses Seminars dauert eine Unterrichtseinheit, eine knappe
Stunde, in der keine Referate gehalten werden. Autor oder Autorin sprechen vorerst
gar nicht. Die Studierenden moderieren die Sitzungen im Rotationssystem selbst,
sodass im Regelfall im Lauf des Seminars jeder einmal den Vorsitz führt. Zweimal
trifft es alle, vertiefte Kritik am Text eines Mitstudierenden vorzutragen. Das Ge-

274 Illouz 2009 S. 252


275 Roth 1998 S. 87

102
genlesen bezieht sich auf die Form und den Inhalt eines jeden Texts. Die Positionen
werden von der Seminarleitung im Vorhinein so eingeteilt, dass ein möglichst un-
parteiischer Umgang der Studierenden miteinander gewährleistet ist. Es ist zu ver-
meiden, dass sich Leute aus falsch verstandener Solidarität zu nachsichtig behan-
deln. Ebenso sollten Revanchefouls vermieden werden, die in emotionalen
Situationen manchmal entstehen, wenn sich AutorInnen gegenseitig lesen. Es sollte
niemand den Text eines Autors gegenlesen, der ihn selbst kritisiert hat.
Trotz der leitenden Rolle der Vorsitzenden sowie der beiden GegenleserInnen
haben bei dieser Methode alle TeilnehmerInnen den jeweils auf der Tagesordnung
stehenden Text im Vorhinein zu lesen. Es bleibt niemand passiv. Die mündliche
Performance in dieser Übung bildet neben der schriftlichen Arbeit ein wesentliches
Beurteilungskriterium.
Das formelle Gegenlesen bezieht sich auf alle herkömmlichen Fragen des akade-
mischen Arbeitens von den Zitierregeln über die Gestaltung von Deckblatt, Inhalts-
verzeichnis, Überschriften, Bibliographie bis hin zu Fragen von Sprache, Stil und
Grammatik. Insbesondere wird unter Form besprochen, ob die Perspektivenbildung
gelungen ist, das Erkenntnisinteresse kommuniziert wurde, die Arbeitsmethoden dar-
gelegt sind und der aktuelle Diskussionsstand in der Disziplin berücksichtigt ist.
Ebenso wird geprüft, ob die Forschungsfragen stringent beantwortet werden.
Diese Dinge scheinen banal. Der Umstieg vom Empirismus und konventio-
nellen Positivismus der meisten Disziplinen, Lehr- und Lernkulturen in die elicitive
Arbeitsweise bereitet aber vielen Studierenden große intellektuelle und persönliche
Schwierigkeiten, weshalb sich dieser Aspekt als zentral erwiesen hat. Die meisten
Studierenden sind öffentliche, breit diskutierte Rückmeldungen auf ihre Texte nicht
gewohnt, und tun sich schwer, konstruktive Kritik auf der Sachebene von der Be-
oder gar Verurteilung ihrer Person auf der Beziehungsebene zu unterscheiden. Trä-
nen oder heftigere Gefühlsausbrüche sind in diesem Verfahren nicht selten, weshalb
die studentische Moderation solcher Sitzungen eine delikate Angelegenheit sein
kann. Das Crossreading hat sich dennoch und gerade deshalb als sehr taugliche Me-
thode erwiesen, den aktiven und passiven Umgang mit Kritik, den Unterschied
zwischen Sach-, Offenbarungs-, Beziehungs- und Appellebene276 zu lernen. Damit
das gelingt, dürfen die Grenzen des gegenseitigen Respekts nicht verletzt werden.

276 Ich verwende die Begriffe nach Schulz von Thun 2003a S. 25–44. Siehe ausführlich Kapitel E.3

103
Dort, wo man sich begegnet, gibt es weder totale Ignoranten noch vollkommene Weise –
es gibt nur Menschen, die miteinander den Versuch unternehmen, zu dem, was sie schon
wissen, hinzuzulernen.277

Diese Einsicht Paulo Freires leitet auch die Lehrmethode in Innsbruck. Das schließt
selbstverständlich die ProfessorInnen mit ein. Damit das gelingt, ist ein hohes Maß
an menschlicher, fachlicher und methodischer Reife aller Beteiligten erforderlich.
Deshalb wird diese Übung mit den Grundsätzen der Non-Violent Communication
nach Marshall Rosenberg278 kombiniert, die in der zum Seminar parallel geführten
und verpflichtenden Einführungsvorlesung ab dem ersten Tag unterrichtet werden.
Zudem wird an jedem Morgen in Zweierübungen Active Listening trainiert. Das
ist eine speziell auf die Lehrgangszwecke zugeschnittene Form einer auf Carl Rogers
zurückgehenden Grundübung, die weltweit in vielen Kontexten unter unterschiedli-
chen Namen eingesetzt wird.279 Im Wesentlichen geht es dabei darum, dass Spreche-
rIn wie ZuhörerIn sich ganz auf das Hier und Jetzt einschwingen und lernen, sich von
den Bewertungen, Bedeutungen, Ängsten und Hoffnungen, welche die gesprochenen
Codes auslösen, nicht irritieren zu lassen. Es soll nur empfunden werden, was jetzt
gerade gehört werden kann und gilt, nicht was es bedeuten mag. Auch Lederach be-
tont, dass aktiv zuhören zu können das wichtigste Werkzeug für die Kunst der Frie-
densarbeit darstellt. In heißen Konfliktlagen oder in den für ziviles Peacebuilding typi-
schen Post-Conflict Settings bereitet Zuhören den transrationalen Weg zur zwischen-
menschlichen Verbindung und zur Einsicht in das essentiell Notwendige. In der Prä-
senz liegt die Essenz der Arbeit. Deshalb sollten keine Ausbildung und kein Studium
der Friedens- oder Konfliktarbeit auf dieses zentrale Thema und die praktischen
Übungen dazu verzichten.
An dieser Stelle ist ein kurzer etymologischer Exkurs über das in der Ge-
schichte der deutschen Sprache so verhängnisvolle Wort Ge-hor-sam erlaubt, dessen
Kern auf das aktive Hören hinweist. Doch welches Hören? Sowohl die Vorsilbe ge-
als auch -sam am Ende weisen auf Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit hin.
Das doppelte Eins-Werden umrahmt in diesem Wort das Hören. Gemeint ist die
Wahrnehmung des Zusammenklangs, nicht seine Deutung. Es geht nicht um Hö-
rigkeit einem Subjekt oder Konzept gegenüber, nicht um die Erzählung und Vor-

277 Freire 1973 S. 74


278 Rosenberg 2003 S. 19–33. Sowohl der Rogers-Schüler Rosenberg als auch Friedemann Schulz von
Thun sind von der Palo Alto Schule beeinflusst. Die Bedeutung der Lehren von Virginia Satir und
Paul Watzlawick lässt sich in ihrer Arbeit durchgängig beobachten. Trotz unterschiedlicher
Terminologie schöpfen beide aus derselben Quelle und folgen demselben Geist. Siehe ausführlich
Kapitel E.1
279 Ausführlich unter anderem Naranjo 1984 S. 261–265. Ebenso Ury 2000 S. 115.

104
ausschau, sondern um das Zusammenschwingen der Kommunizierenden. Die
Schwingung selbst ist das Hörenswerte, das Gehorchenswerte, der Klang des Seins,
der in jedem Lebewesen verborgen ist und sich an der Kontaktgrenze in Tätigkeit
für alle anderen manifestiert. Dieser Zusammenklang gibt keine Order und er er-
zählt keine Geschichten. Er ist sich selbst genug. Alle anderen Bedeutungen und
Bezüge von Gehorchen sind lediglich abgeleitet. Es geht um den bewusst wahrge-
nommenen Unterschied zwischen dem Horchen an sich und dem Horchen auf
Instanzen.280
Das Active Listening, konzentriert ausgeführt, ist sehr hilfreich, um die Hören-
den auf Situationen vorzubereiten, in denen sie durch Kritik an ihnen oder ihrer
Arbeit, durch Widerspruch oder schlechtes Verstehen in Bewertungen, in die Ver-
urteilung von anderen oder sich selbst, in Rechtfertigungsstrategien oder Aggression
abgleiten könnten. Die Übung hilft den Hörenden, in solchen Situationen bei sich
selbst zu bleiben.
Active Listening unterstützt auch das Gegenlesen und dieses das elicitive Agieren
in realen Konflikten. Zudem werden den Studierenden gleich in der ersten Woche
verschiedene Kommunikationsstile nach den Kategorisierungen von etwa Virginia
Satir,281 Jack Lee Rosenberg282 oder Friedemann Schulz von Thun283 vorgestellt. Sie
werden aufgefordert, sich selbst und die Mitstudierenden auf diese Typologien hin
zu beobachten, was sich gerade beim Gegenlesen wunderbar üben lässt.
Dem formellen Gegenlesen folgt das inhaltliche. Dafür bereiten ebenfalls vor-
her festgelegte Mitstudierende ein etwa 15-minütiges Statement vor, in dem der
Text auf seine materiellen Stärken und Schwächen hin untersucht wird. Neben dem
Orten eventueller Irrtümer oder Auslassungen auf der Faktenebene geht es um die
Frage, ob es dem Autor oder der Autorin gelungen ist, die Schlüsse aus der For-
schungsarbeit auf die gewünschte Weise zu transportieren.
Haben die vorher festgelegten GegenleserInnen gesprochen, folgt eine offene
Plenardebatte aller SeminarteilnehmerInnen über den gegenständlichen Text. Dem
Autor oder der Autorin kommt weiterhin die Aufgabe des aktiven, schweigenden
Zuhörens zu. Die zumeist aus zwei Personen, im Idealfall einer Frau und einem
Mann, bestehende Seminarleitung spielt bis hierher die klassische Rolle des Facili-
tators oder Providers im Sinne Carl Rogers’. Sie gibt die Inhalte, Diskussionsstruktur
und den Rahmen vor, beteiligt sich aber weder an der Moderation noch an der
Debatte aktiv. Die Lernerfahrung soll so weit wie möglich von den Studierenden

280 Berendt 2004 S. 131


281 Satir 2007 S. 49–82
282 Rosenberg/Rand/Asay 1996 S. 219–251
283 Schulz von Thun 2003b. Der Band ist vollständig der Beschreibung dieser Typologien gewidmet.

105
selbst gesteuert sein. Etwas blumig könnte ich sagen, die Seminarleitung serviert das
Mahl, die Studierenden essen aber selbst. In diesem Lehrgang sind die Lehrenden
keine Gurus oder Meister, die den Studierenden oder Suchenden den Weg vor-
schreiben. Der Weg ist das gegenseitige Teilhabenlassen an den Entdeckungen und
Erfahrungen.
Im Idealfall bleibt das auch weiterhin so. Falls sich die Diskussion erschöpft
oder verirrt, ehe aus der Sicht der Seminarleitung wesentliche formelle oder inhaltli-
che Punkte angesprochen wurden, greift sie an dieser Stelle aktiv in das Gespräch
ein und stellt durch entsprechende Ergänzungen die atmosphärische Balance sowie
die akademische Qualität und Vollständigkeit des Ablaufs sicher. Die Lehrpersonen
befinden sich auf einem Grenzgang zwischen humanistischem Facilitating und aka-
demischer Lehre und müssen dauernd zwischen diesen Rollen wechseln. Dies erfor-
dert Einfühlungsvermögen in den Gruppenprozess, ein hohes Maß an didaktischen
Fähigkeiten und zugleich die höchste akademische Expertise. Diese Methode bein-
haltet erhebliches emotionales Potential. Sie ist nichts für AnfängerInnen und sollte
nicht ohne Anleitung einschlägig erfahrener Lehrender angewendet werden.
Die Aufgabe des Autors oder der Autorin des zu behandelnden Textes liegt
während der gesamten Diskussion im aktiven Zuhören. Das beinhaltet ein Ver-
ständnis, dass alles Gesagte dazu dient, ihn oder sie im weiteren Arbeitsablauf zu
unterstützen. Denn der Text wird nach dieser Diskussion noch einmal überarbeitet,
bevor er als Endversion eingereicht und beurteilt wird. Dieser horizontale Ansatz
erwies sich insbesondere im multikulturellen und multidisziplinären Kontext des
Lehrgangs als hilfreich, erfordert aber auch auf der studentischen Seite hohe Diszip-
lin und ein großes Herz beim Aussprechen und Annehmen der Kritik.284 In der
Sprache von Marshall Rosenberg ist das ein Giraffenherz, weil Giraffen angeblich
die Landtiere mit dem größten Herzen sind. Jedenfalls unterstreicht das die tatsäch-
liche Verwendung von Rosenbergs Giraffen-Puppen und Ohren in diesen Semina-
ren, welche die Studierenden nachdrücklich an diese konstruktiven Arbeitsprinzi-
pien erinnern.
Autor oder Autorin erhalten am Ende der jeweiligen Sitzung das Wort und
können zum Gesagten frei Stellung nehmen. Die Facilitators achten darauf, dass es
das letzte Wort bleibt und sich keine neue Diskussion mit Gegenargumenten ent-
spinnt. In der oftmals emotionalen Stimmung dieser Arbeitsweise hat sich die Ein-
haltung dieser Struktur als sinnvoll erwiesen.

284 Lederachs Zugang zur Multikulturalität in Trainingssituationen erachte ich nach wie vor für
zutreffend. Die Erfahrungen des Innsbrucker Lehrgangs gehen aber schon aufgrund des Settings
nach zehn Jahren Praxis weit darüber hinaus. Lederach 1995 S. 109–122

106
Die parallel zu diesem Seminar geführte Vorlesung folgt dem konventionell
frontalen Vortragsstil und führt in die wichtigsten Grundlagen für die Thematik des
jeweiligen Semesters ein. Sie vermittelt die wesentlichen Eckpunkte des (transratio-
nalen) Friedensdenkens und der (elicitiven) Konflikttransformation, wobei entspre-
chend der Lehrgangsausrichtung die Aspekte Sicherheit285 und Entwicklung zusätz-
lich einen prominenten Stellenwert haben. Besonders distanziertere Teilnehmer-
Innen brauchen es, am Semesterbeginn dort abgeholt zu werden, wo sie sich
innerlich gerade befinden. Vorträge mit theoretischen Modellen sind dafür eine gute
Starthilfe, damit sie sich später auf intensivere partnerschaftliche Übungen einlassen
können. So kann der Verstand zuerst jenes Terrain abschreiten, auf das sich später
die ganze Persönlichkeit einlassen soll. Selbsterfahrung ist ein schwankendes Gerüst,
sagt Schulz von Thun, und Theorie ein guter Haltegriff.286
Trotz des frontalen Vortragsstils in der Vorlesung lässt sich das didaktische
Grundprinzip bereits am bisher Beschriebenen ablesen. Zu den täglich acht verpflich-
tenden Unterrichtseinheiten in diesem Modul kommt die vorbereitende Lektüre der
Texte für Vorlesung und Seminar des nachfolgenden Tags und die Arbeit an der Fer-
tigstellung des eigenen Haupttextes. Die Abgabetermine für diese Texte werden eng
gehalten, sodass der tägliche Arbeitsaufwand für die Studierenden in der Präsenzphase
selten unter zehn bis zwölf Stunden liegt. Dazu kommt in dieser Phase, dass die Stu-
dierenden aus aller Welt, die in gemeinsamen Unterkünften wohnen, sich eben erst
kennen lernen und auf die unterschiedlichen individuellen und kulturellen Eigenhei-
ten aller anderen einstellen müssen. Insgesamt ergibt das erheblichen und im Sinne
der Sache erwünschten Stress.
Das Crossreading ist der Auftakt zu einem akademischen Lern- und Erfah-
rungsprozess, der sich den ausgereiften Formen des Group Encounter im Sinn Fritz
Perls‘287 oder Jeru Kabbals288 schuldet. Beide haben mit den Wirkungen intensiver
Langzeitseminare in der Dauer von zwei oder drei Monaten experimentiert. In der
Humanistischen Psychologie hat sich das nicht durchgesetzt, weil es sich als schwer
bis unmöglich erwiesen hat, geschlossene Gruppen zu organisieren, die einen solchen
Prozess als stabiles Gebilde gemeinsam über die volle Zeit durchschreiten. Dagegen
sprechen schlicht die finanziellen Möglichkeiten und die alltäglichen Verpflichtungen
des Publikums. Kabbal hat deshalb sein eigentlich dreimonatiges Curriculum in zehn
Einheiten von drei bis 21 Tagen im Verlauf von vier Jahren zerteilt.289

285 Dafür richtungsweisend Echavarría 2010.


286 Schulz von Thun 2003b S. 225
287 Walker 1996 S. 147/148
288 Kabbal 2006. S. 143–160
289 Aktuell dazu The Clarity Project (9.8.2009)

107
Das Curriculum des Innsbrucker Friedenslehrgangs ist grundsätzlich auf die
Semesterstruktur einer dreimonatigen Online-Phase und einer zweimonatige Prä-
senzphase mit intensiven Lehr- und Lerneinheiten gebaut. Deshalb gibt es in diesem
akademischen Programm die Möglichkeit, zweimonatige Intensivphasen in ge-
schlossenen Gruppen zu führen und diese Erfahrung für alle TeilnehmerInnen
gleich dreimal mit unterschiedlichen Inhalten zu wiederholen, ehe es ans Verfassen
der Masterarbeit geht. Damit ist der entsprechende Erfahrungsprozess trotz und
wegen des akademischen Anspruchs intensiver, gründlicher und länger als alles Ver-
gleichbare, das in anderen Kontexten angeboten wird.
Dieser Lehrgangsphilosophie entsprechend werden die einzelnen inhaltlichen
Module entlang der Group Encounter-Struktur organisiert, um den Studierenden ne-
ben dem Erwerb rein kognitiven Wissens auch den Rahmen zur Persönlichkeitsent-
wicklung zu bieten, wie das in kaum einem anderen akademischen Programm ge-
macht werden kann. Das Curriculum beschreibt im eigentlichen Sinn des Wortes den
Weg. Es schreibt aber nicht die Erfahrung vor, die jene machen, welche ihn selbst
beschreiten. Transrationale Erfahrung mag wohl dann und wann zu einer friedensstif-
tenden Meisterschaft führen. Meistens aber bleibt sie ein heilsamer und unvollendeter
Versuch und genügt sich selbst als solcher.
Die Lehrgangsleitung begleitet die studierend Suchenden auf dem Weg des
Erkennens und organisiert die Vermittlung jenes kognitiven Wissens, das dafür
unerlässlich ist. Zusätzlich hat die Lehrgangsleitung Sorge zu tragen, dass die vom
Umfeld ausgehenden Störungen dieses Group Encounter Prozesses möglichst gering
gehalten werden, weil sie entsprechend der Lehre von Ruth Cohn290 Vorrang haben.
Sind solche Störungen im Umfeld schon von Beginn an im größeren Maß gegeben,
werden der Gruppenprozess und die Flexibilität des Ablaufes ernsthaft beeinträch-
tigt. Das mag banal klingen. Erfahrungsgemäß ist das herkömmliche Umfeld der
akademischen Lehre an Universitäten für solche Prozesse aber gerade deshalb nicht
geeignet. Das beginnt mit der Frage der Unterkünfte, der Verpflegung und des
Zusammenlebens und reicht über die Ausstattung, Zeitpläne und Lage der Hörsäle
und Seminarräume bis zu akustischen oder atmosphärischen Störungen von außen.
Wer sich solcher Fragen bewusst annimmt, wird erkennen, wie schwierig es ist,
geeignete Lehr- und Lernplätze für ein solches Ansinnen zu finden. In Innsbruck
existieren dafür mit dem Hauptsitz Grillhof und der Hermann Gmeiner Akademie
zwei ideale Standorte, die beide nicht allzu weit von der Hauptuniversität und deren
Infrastrukturen entfernt sind.
In der laufenden Lehrpraxis lässt sich entlang der Module die von Perls be-
schriebene Abfolge von Vorkontakt, Kontaktnahme, Kontaktvollzug und Nach-

290 Siehe dazu Kapitel E.2

108
kontakt oder Klischee, Rolle, Engpass, Implosion und Explosion mit nur geringen
Abweichungen beobachten. Im Innsbrucker Sprachgebrauch haben sich dafür auch
die Begriffe Flow, Staccato, Chaos, Lyrical (oder Celebration) und Stillness durchge-
setzt, die auf Gabrielle Roths populäre tanzmeditative Verarbeitung desselben Stof-
fes zurückgehen.291
Die TeilnehmerInnen werden vom ersten Tag an über das Bild des Internal
Observer in die Richtung des transrationalen Zeugenbewusstseins geführt. Gemeint
ist damit die zentrale Figur aus der Philosophie Jiddu Krishnamurtis,292 die auch
von Ken Wilber, Marshall Rosenberg, Jeru Kabbal, William Pennell Rock,293 Sylves-
ter Walch294 und anderen aufgegriffen wurde. Wilber fragt illustrierend, von wel-
chem Standpunkt aus jemand in der Lage sei, die eigene Rationalität zu beurteilen.
Müsse der Beobachter nicht zwangsläufig über der Ratio stehen, um sie überblicken
und beurteilen zu können?

Wenn Ihnen bewusst wird, dass Sie rational sind, von welcher Art ist dann dieses Bewusst-
sein, das ja größer sein muss als die Rationalität? Sich der eigenen Rationalität bewusst zu
sein muss doch wohl heißen, dass man nicht länger nur rational ist.295

Es gibt keine rationale Methode, die Grenzen der Rationalität zu erkennen, heißt es
im Zen.296 Mehr als rational zu sein, die Grenzen der Rationalität zu überschreiten,
ist transrational. Wer allein vom Verstand rationale Antworten auf Fragen des Da-
seins, der Frieden oder der Wirklichkeit erwartet, überfordert ihn. Dafür ist er nicht
gemacht. Er wird benötigt, um sich in der Welt zu orientieren. Diese Funktion ist
aber oberflächlich und reicht nicht weit in jene Tiefen des menschlichen Daseins, in
denen sich das Bewusstsein von und für Frieden bildet. Das Verständnis der indivi-
duellen und kollektiven Rationalität ist in einem akademischen Lehrgang zwangs-
läufig mehr als rational, transrational. Krishnamurtis Figur wird didaktisch verkürzt,
aber sinnkonform eingesetzt. Beobachtung ist dafür keine rein analytische Größe,
sondern auch eine methodische.
Das Erarbeiten der Position des Beobachters, der sich der eigenen Rationalität
und damit der Motive und Ziele des eigenen Handelns der künftigen Friedensarbei-

291 Gabrielle Roth verweist in ihren Büchern ausdrücklich auf den wichtigen Einfluss von Fritz Perls
auf ihre Arbeit. Roth 1998 S. 18, Roth 1998 S. 15–19
292 Ausführlich und eindrucksvoll dazu Krishnamurti 2002. Lesenswert dazu auch Kabbal 2010
S. 85–100.
293 Rock 1990 S. 44/45
294 Walch 2003 S. 320
295 Wilber 2001 S. 319–323
296 Berendt 2001 S. 56/57

109
terInnen bewusst ist, stellt das didaktische Herzstück des Lehrgangs dar. Der Internal
Observer beobachtet den Handelnden liebevoll und ohne Bewertung oder Kommen-
tar. Er ist mit der Person verbunden. Die Studierenden werden angeleitet, das Be-
wusstsein aus der ausschließlichen Identifikation mit dem individuellen Ego und der
Anhaftung an seine Objekte zu lösen. Der Internal Observer wird als schweigend über
dem Akteur schwebende Wahrnehmungsebene des individuellen Tuns und Fühlens
im Hier und Jetzt vorgestellt. Er begleitet die Studierenden durch das Abenteuer der
vom Lehrgang angebotenen Grenzerfahrungen. Er bezeugt die Erweiterung ihres
Horizonts und die Manifestation vorher oft unbekannten Potentials. Erfahrung ist
eine Reise an die Grenze des für den Menschen Möglichen. Das bedeutet, die existie-
renden Autoritäten und Werte zu negieren, wenn sie das Mögliche eingrenzen.297
Was bei Wilber oder Walch eine Frage der meditativen Grenzerfahrung ist, wird hier
zuerst als didaktisches Hilfsmittel eingeführt und in der Folge zum methodischen
Prinzip erhoben.
Der Internal Observer hat eine Perspektive. Dadurch unterscheidet er sich von
Krishnamurtis Zeugenbewusstsein. Witnessing in seinem Sinne ist die perspektiven-
lose und teilnehmende Einsicht in die Alleinheit der Existenz, in deren Unendlich-
keit die formelle Person bloß eine raumzeitliche Erscheinung ist. Das ist als transra-
tionales philosophisches Prinzip bedeutend, weil die Alleinheit der Existenz jede
Dualität ausschließt und damit ein umfassendes Friedensprinzip begründet. Auf
didaktischer und praktischer Ebene würde es aber jeden viersemestrigen Masterlehr-
gang überfordern. Daher begnügt sich der Lehrgang didaktisch mit der Figur des
Internal Observers als Referenz und erwähnt das Zeugenbewusstsein nur als weiter-
führendes Potential.
Vor allem anfangs führt die Figur des Internal Observers nicht selten zu Konfu-
sion zwischen dem transrationalen Zeugenbewusstsein und dem patriarchalen Übe-
rich, das sich in einem interkulturellen Kontext oft sehr nachdrücklich in den Stu-
dierenden meldet. In diesem Fall ist es eine didaktische Herausforderung für die
Lehrgangsleitung, den Unterschied zwischen dem Zeugenbewusstsein der Transratio-
nalität einerseits und der internalisierten Stimme des normierenden Überich in einer
präskriptiven Struktur andererseits herauszuarbeiten. Die entsprechenden Erfahrungen
und Erkenntnisse der TeilnehmerInnen zeitigen nicht selten spektakuläre Wandlun-
gen. Der Weg von der ausschließlichen Ich-Identifikation zur Transrationalität kann
manchmal sehr eruptiv verlaufen.
Die Online-Phase, die Einführungsvorlesung und das Crossreading bilden zu-
sammen die wenig spektakuläre Phase des Flow oder Klischee, des Hineingleitens ins
transformative Abenteuer. Die Studierenden verwenden dafür auch gerne den Begriff

297 Zitiert nach Walch 2003 S. 332

110
Honeymoon, weil diese relativ sanfte Phase des gegenseitigen Kennenlernens, des Ent-
deckens und Herantastens an die Methode, der allgemeinen Begeisterung über das
Neue, ohne allzu tiefgreifende Eruptionen und Krisen abgeht. Kleinere Verletzungen
oder Enttäuschungen werden noch weggesteckt. Der gegenseitige Toleranzrahmen ist
hoch. Mit Schulz von Thun könnte ich diese Phase etwas überspitzt als jene der an-
fänglichen Fried-Höflichkeit298 bezeichnen.
Heftigeres folgt mit dem Beginn des Moduls „Aspekte negativer Frieden und
physischer Gewalt“. In diesem Modul gilt Tom Browns Motto: The tragedy of life is
not what men suffer, but what they miss.299 Auf akademischer Ebene sorgt diese Weis-
heit dafür, dass der Innsbrucker Lehrgang für Friedensstudien als der härteste der
Welt gilt. Der Verlust gewohnten Komforts im Zuge der ausgedehnten Feldexkursi-
onen, der schärfer werdende Tonfall durch neue, oft uniformierte InstruktorInnen,
das Erfordernis, sich an strikte Strukturen und Order zu halten, physische und psy-
chische Herausforderungen stellen die Persönlichkeit auf die Probe. Dieser Modul
wird so gestaltet, dass auf der kognitiven Ebene Kenntnisse vermittelt werden, die
für die Friedensarbeit in einem gewalttätigen Umfeld vielleicht lebenswichtig, je-
denfalls aber nützlich sind. Das Spektrum reicht dabei vom intensiven Training in
Erster Hilfe über die Simulation von Bränden oder Unfällen bis hin zu den praxis-
relevanten Aspekten der zivil-militärischen Zusammenarbeit, wie sie im Zuge zeit-
genössischer Peacebuilding-Missionen der Vereinten Nationen und anderer Organi-
sationen inzwischen selbstverständlich geworden sind.
Die Vermittlung all dieser Fertigkeiten, das Capacity Training durch erfahrenes
Personal der Partnerorganisationen, erschöpft sich nicht in sich selbst. Sie ist vielmehr
in das größere Ziel der Selbsterfahrung, des Relationship Trainings, eingebettet, wo-
nach alle TeilnehmerInnen aufgefordert werden, im Angesicht der teilweise spektaku-
lären und realitätsnahen Rollenspiele die tatsächlichen und vorgestellten Grenzen der
persönlichen Belastbarkeit, Teamtauglichkeit, Kommunikationsfähigkeit und Füh-
rungsqualität auszutesten. Dies entspricht der praktischen Erfahrung, dass Friedens-
und KonfliktarbeiterInnen in realen Einsätzen oft ZeugInnen traumatisierender Er-
eignisse werden. Auch bei ihnen selbst hinterlässt das Miterleben der traumatisieren-
den Situation oft tiefe seelische Spuren. Seit einiger Zeit schenkt die Friedensfor-
schung der Tatsache vermehrt Aufmerksamkeit, dass HelferInnen, die in einer solchen
Situation zum Einsatz kommen, durch die Konfrontation mit den Opfern, den Toten
und Verwundeten auch selbst Traumatisierungen erleiden.300 Daher ist das prinzipielle

298 Schulz von Thun 2003b S. 144


299 Brown 1980 S. 206
300 Ruppert 2002 S. 131

111
Austesten der Belastbarkeit eine wesentliche Komponente jeden Trainings. Dazu
Paulo Freire:

So sind es nicht Grenzsituationen an und für sich, die ein Klima der Hoffnungslosigkeit
schaffen, sondern vielmehr die Weise, wie sie von Menschen in einem bestimmten histori-
schen Moment begriffen werden: ob sie nur als Schranken erscheinen oder als unüber-
windbare Barrieren.301

Da im Rahmen dieser Übungen Rollenspiele die Wirklichkeit bilden, haben im Ge-


gensatz zur wirklichen Wirklichkeit alle Studierenden jederzeit die Möglichkeit, ohne
Begründung aus einer Übung auszusteigen. Zu Beginn des Weges kann jeder der
Studierenden entscheiden, ob er ihn antreten will oder nicht, aber er oder sie muss
wissen, dass er ihn letztlich allein geht und daraus seine Freiheit und Selbstverant-
wortung schöpft. Staccato ist die Phase der Selbst-Definition. Nur eigenverantwort-
lich finden die Studierenden zum vollen Potential ihrer Kraft.
Das stets mögliche Opt Out aus einer Übung begründet daher ein Kapitel in
dem über diese Erfahrungen abzufassenden Entwicklungsbericht. Das heißt, eine
Übung nicht zu machen, stellt kein Versagen dar. Es begründet vielmehr den Er-
kenntnisprozess in der Grenzerfahrung und hilft, den Unterschied zwischen einer
aktuellen physischen oder psychischen Grenze und einer vorgestellten, blockieren-
den Angst zu erkennen. Wenn das gelingt, ist auch die verweigerte Übung ein Er-
folg am Weg der Persönlichkeitsbildung im Sinne elicitiver Konfliktarbeit.302 Das
Erkennen einer aktuellen persönlichen Grenze ist so wertvoll wie deren mögliche
Erweiterung in einem solchen Training. Nochmals Freire:

Reflexion auf „Situationalität“ ist Reflexion über die eigentliche Bedingung der Existenz:
kritisches Denken, mit dessen Hilfe Menschen einander als „in einer Situation“ entde-
cken. Nur wo sich diese Situation nicht mehr als festgefügte, sich abschließende Wirk-
lichkeit oder als quälende Sackgasse präsentiert, wo Menschen anfangen können, sie als
objektiv-problematische Situation zu begreifen – nur dort kann es Verpflichtung geben.
Menschen tauchen aus ihrer Überflutung herauf und gewinnen die Fähigkeit, dort, wo
sie enthüllt wird, in die Wirklichkeit einzugreifen. Das Eingreifen in die Wirklichkeit –
das historische Gewahrwerden im eigentlichen Sinn – stellt sich so dar als ein Schritt
über das Auftauchen hinaus und ergibt sich aus der conscientizacao der Situation. Cons-
cientizacao ist gleichbedeutend damit, die Haltung des Wahrnehmens zu vertiefen, die
allem Auftauchen eigentümlich ist.303

301 Freire 1973 S. 82


302 Ähnlich Rock 1990 S. 43 in seiner psychodramatischen Methode.
303 Freire 1973 S. 91. Das wurde ein Leitsatz für Lederach 1995 S. 112.

112
Den Rahmen für diesen Prozess bilden bis hierher realitätsnahe Rollenspiele. Auf den
Truppenübungsplätzen des Österreichischen Bundesheeres, durchgeführt von dessen
in internationalen Friedensoperationen erfahrenen Offizieren,304 in der Landesfeuer-
wehrschule Tirol305 mit ihren einzigartigen Trainingsmöglichkeiten und bei der
Berufsfeuerwehr Innsbruck, bei der Caritas oder beim Roten Kreuz und dessen Ex-
pertInnen306 sind die für diese Rollenspiele angenommenen Konflikte und die zu
bewältigenden Aufgaben insofern Fiktion, als sie im Syllabus konstruiert und von
Dritten in den Aufgabenrahmen eingespielt werden. Dennoch bewegen sich die
Studierenden im Grenzbereich zwischen Realität und Fiktion. Sie werden zu Künst-
lerInnen, die sich in einer anderen Wirklichkeit üben, sofern sie sich nicht im Ge-
danken verfangen, dass alles nur eine wirkliche Fiktion fiktiver Wirklichkeit wäre.
Dieser Gedanke würde zu einer Geringschätzung des Erlebten innerhalb des Rollen-
spiels führen, das viel Energie aus dem Geschehen nähme. Lernen durch Handeln
und Erfahren hat sich in diesem Rahmen als weitaus einprägsamer und wirkungsvol-
ler erwiesen, als dies Zuhören oder Zuschauen in akademischen Hörsälen sein
könnte. Dinge selbst richtig oder falsch zu machen, ist wirkungsvoller als die Nach-
richt über die Erfahrung anderer.
Die Rollenspiele sind fiktiv und zugleich real, weil Begleitumstände wie Kälte,
Hitze, Höhe, Regen, Schnee, Nässe, Feuer, Enge, Schlafmangel, physische Erschöp-
fung und Durst wirklich gespürt werden. Das Unbehagen im Umgang mit autoritären
Strukturen und Verhaltensweisen, Versagensängste, Kommunikationsprobleme oder
Überambitioniertheit, die Gruppendynamik, individuelle Gefühle und Gedanken wie
Angst, Euphorie, Stolz, Zweifel oder Triumph gehören auch im Rahmen des Rollen-
spiels der wirklichen, nicht der fiktiven Wirklichkeit an. Wenn die Studierenden sich

304 Auf militärischer Seite wurde von den Majoren Bernd Rott und Christian Elmer unter dem
Kommando von Generalmajor Herbert Bauer ein Syllabus entwickelt, der sich aus den
Erfahrungen realer zivil-militärischer Einsätze und den didaktischen Erfordernissen für das
spezifische Lehrgangspublikum speist. Er bietet eine akademische und praktische Ausbildung auf
höchstem Niveau. Er wird jedes Semester nach den neuesten Erfahrungen ergänzt, modifiziert und
mit hoch qualifizierten Offizieren des Bundesheeres durchgeführt. Seit 1960 hat Österreich 90.000
SoldatInnen auf 80 internationale Friedensmissionen geschickt. Gemessen an der Bevölkerungs-
zahl gehört es damit zu den weltweit führenden Ländern in dieser Disziplin. Daraus ergeben sich
die außergewöhnliche Erfahrung und Qualität des Lehrpersonals.
305 In der Landesfeuerwehrschule Tirol entwickelte Bernhard Geyer einen Syllabus für den Lehrgang.
Dieser wurde 2010 in Zusammenarbeit mit der Berufsfeuerwehr Innsbruck unter Martin
Gegenhuber weiter ausgebaut.
306 Beim Roten Kreuz Landesverband Tirol entwickelten Gernot Grömer und Wolfgang Egger einen
Syllabus, der auf die spezifischen Problemstellungen bei Einsätzen in Katastrophengebieten oder in
gewalttätigen Konflikten rekurriert.

113
darauf einlassen, gibt das dem persönlichen Erleben einen so realen Anstrich, dass der
fiktive Charakter der Aufgabenstellung schnell vergessen ist.307 Die Übung wird zur
erlebten Wirklichkeit, wobei das zivile Publikum in der Verfasstheit des Staccato oder
der Rolle erstaunliche Leistungen bringt.
Als besonders wichtig hat sich in diesem Zusammenhang das Training von Füh-
rungsqualitäten erwiesen. Menschen, die sich für Friedensstudien interessieren, zeigen
sich oft scheu zu lenken und zu leiten, weil sie nicht autoritär erscheinen wollen. Sie
können meist gut zuhören und auf ihre Gesprächspartner eingehen. Oft können sie
auch das, was an Gefühlen zwischen den Zeilen mitschwingt, gut identifizieren. Auch
was in ihnen selbst vorgeht, können viele von ihnen gut ausdrücken, so dass sie als
konkrete Menschen gut greifbar und angreifbar werden. Manche haben aber Prob-
leme dabei, für sich selbst ein klares Rollenbewusstsein in der Gruppe zu entwickeln
und zu kommunizieren. Sie möchten die anderen nicht einengen oder gar unterdrü-
cken. Das mag grundsätzlich sympathisch sein. Es führt aber zu Konfusion und nicht
selten erst recht zu Konflikten, wenn jemand nicht in der Lage oder Willens ist, seine
Leitungsrolle auszufüllen. Friedensarbeit gerade unter potenziell gewalttätigen Rah-
menbedingungen verlangt nach einem Mindestmaß an Struktur und Ordnung. Daher
werden in diesem Modul auch die Kommunikationsstile geübt, die geeignet sind, die
verschiedenen Interessen und Potentiale innerhalb einer Gruppe zu koordinieren und
den Prozess entsprechend der Aufgabenstruktur zu steuern. Die Bedeutung eines gut
ausgebildeten Moderators wird den Studierenden in dieser Phase einsichtig.308
Diese Übungen finden fast immer in einer Stimmung der allgemeinen Ent-
schlossenheit und Zustimmung statt. Das Ziel und der Teamgeist sind zu dieser Zeit
noch wichtiger als persönliche Eitelkeiten, Ängste, Präferenzen oder Gekränktheit. Die
Begeisterung über die kollektive und individuelle Leistung, die Bewährung in einem
ungewohnten Umfeld überdecken in dieser Phase die Irritationen und Widerstände,
die durchaus vorhanden sind, aber nur selten offen und in vollem Umfang themati-
siert werden. Wird jemand von seinem Ego-Monster überwältigt, sind die anderen
rasch zur Stelle, um ihn recht empathisch in die Gruppenenergie zurückzubringen.
Die Facilitators müssen diesbezüglich nur selten eingreifen. In dieser Phase hält sich
die Gruppe meist selbst gut in Balance.
Auf das zivil-militärische Rollenspiel folgt die Übersiedlung in die schamanisch
geleitete Natur- und Wildnisschule Native Spirit.309 Die Arbeitsatmosphäre macht

307 Diesbezüglich gerät die Didaktik dieser Rollenspiele nahe an die Prinzipien des Theaters der
Unterdrückten, das später im Semester seine weitere Ausprägung erfährt. Siehe Staffler 2009 S. 38
308 Siehe dazu auch Schulz von Thun 2003b S. 182
309 Schulleiter Peter Kirschner entwickelte für die Peace Studies einen Syllabus, der auf die spezifischen
Fragestellungen der Studierenden und die didaktischen Absichten des Gesamtprogramms eingeht.

114
dabei einen dramatischen Sprung. Physische Herausforderungen und psychisch
belastende Arbeitsumstände sind zwar weiterhin an der Tagesordnung, aber die
Atmosphäre wechselt abrupt von spektakulären zivil-militärischen Worst Case-Sze-
narien zu meditativer Beschaulichkeit, friedvoller Sprache und spiritueller Reflexion
in wunderbarer landschaftlicher Umgebung. Dabei wird sanft die Grenze vom Rol-
lenspiel zur Wirklichkeit überschritten. Der Schamane ist kein Darsteller, sondern
eine reale Person, die wirklich meint und lebt, was sie sagt. Das Leben im Camp hat
seine festen Regeln für alle. Die Übungen in der freien Natur erlauben zwar auch
das Opt Out, aber keinen zweiten Versuch. Die Felshänge sind steil, die Brücken
hoch, die Schwitzhütte feierlich und heiß. Alles ist sanft, aber ernst gemeint, kein
Spiel. Die Herausforderung liegt nicht mehr in angenommenen oder der Wirklich-
keit anderer nachempfundenen Szenarien, sondern im Verhältnis der Studierenden
zu dieser für sie großteils fremden Welt und ihren RepräsentantInnen.
Viele, die aus bestimmten moralischen oder modernen Fundamentalismen
kommen, kämpfen dabei mit der Grenze zwischen der Bewahrung der eigenen
Identität und Glaubenssätze einerseits und respektvoller Gastlichkeit in der fremden
Welt andererseits. Die Herausforderung liegt weniger in der Bewältigung der kon-
kreten Aufgaben, die auch hier schlecht und recht gelingen darf, sondern im per-
sönlichen Arrangement mit dem wirklich Fremden. An dieser Stelle verliert das
Scheitern seinen spielerischen Charakter und die Tauglichkeit zur elicitiven Frie-
densarbeit steht vor einer realen Prüfung. Der friedliche und kontemplative Cha-
rakter des Rahmens verwandelt sich in eine ernsthafte Nagelprobe für das friedens-
aktivistische Selbstverständnis.
Dieser dritte Modul erfordert ein hohes Maß an wissenschaftlicher Verantwort-
lichkeit und didaktischem Feingefühl, denn der Pfad zwischen Belastung, Stress,
Krise, Trauma und Retraumatisierung ist eng und die Studierenden dieses Programms
bringen als Erfahrende unterschiedliche Vorgeschichten mit, von denen etliche auch
intensive Gewalterfahrungen von kriegerischer Umgebung manchen Heimatlands bis
hin zum Missbrauch in der eigenen Kindheit beinhalten.
Belastung ist heilsam, weil die Studierenden an ihr körperlich, psychisch und
seelisch wachsen und reifen können. Die Optimalbelastung dafür liegt unterhalb der
möglichen Maximalbelastung. Stress entsteht, wenn die Erfahrenden vorübergehend
im Grenzbereich der Belastungsfähigkeit leben. Stress zapft die Notreserven des
Körpers an, was immer noch heilsam und lehrreich ist, wenn es nicht zum Dauerzu-
stand wird. Treffen verschiedene Stressfaktoren zusammen, die einzeln noch zu
bewältigen wären, so entsteht daraus eine Krise. Diese ist zwar auch die Chance zu

Seit 2010 wird jeweils im Sommer eine schamanische Einheit im Modul V angeboten und die
Komponente der Feuerwehr im Modul III verstärkt bespielt.

115
einem persönlichen Neubeginn, als didaktisches Mittel aber ein Risiko, weshalb die
akademisch-didaktische Begleitung in solchen Fällen einige Stressfaktoren ausschal-
tet, um die Handlungsfähigkeit der Studierenden aufrechtzuerhalten.
Keinesfalls sollte in einer Krise auf der Seite der Studierenden der Eindruck
entstehen, dass sie der Situation nicht entkommen können, denn das kann zu einer
Retraumatisierung mit bleibenden Folgen führen. Das ist unbedingt zu unterbin-
den. Ebenso ist das Risiko der Retraumatisierung der kathartischen Arbeit zu be-
achten. Die Erinnerung an eine traumatische Erfahrung bleibt für immer im Körper
eines Menschen gespeichert. Die durch das Trauma erzwungene Übererregung kann
wieder hervorgerufen werden, wenn die betroffene Person aktiv an diese Erfahrung
denkt oder unerwartet und unvorbereitet in Kontakt mit der Erinnerung an das
Trauma kommt. In Sekundenschnelle können auch Jahrzehnte nach dem ursächli-
chen Ereignis Erregungsgefühle auftreten und die Person überschwemmen. Da viele
ursprüngliche Traumata der Studierenden aus Kriegs- und Gewalterfahrungen
stammen, welche die Lehrgangsleitung nicht kennen kann, und es möglich ist, dass
Aspekte der Belastungsübungen in gewissen Punkten der Traumaerfahrung ähneln,
ist eine solche Retraumatisierung nie auszuschließen und die Übung entsprechend
zu begleiten.310
Natürlich stellt sich diese Frage nicht immer so dramatisch. In diese Richtung
offene Charaktere nehmen besonders die Woche auf Native Spirit oft auch nur als
bereichernde Erfahrung und sanfte Erweiterung ihrer kognitiven, spirituellen und
kommunikativen Grenzen wahr. Es gab aber noch nie eine Gruppe, die ohne ernst-
hafte Überwerfungen durch diese Erfahrung gegangen wäre. Native Spirit bildet den
Übergang vom Staccato zum Chaos oder von der Rolle zum Engpass, weil sich unter
den engen und ernsthaften Bedingungen dieser Übungssituation das mitgebrachte
Rollenbild nicht mehr aufrechterhalten lässt. Der Verlust der Maske vor der kleinen
Öffentlichkeit der Mitstudierenden führt zum Gefühl der Beklemmtheit in der Krise.
In dieser Phase hat sich die zwischenmenschliche Energie üblicherweise so weit
aufgeladen, dass persönliche Konflikte offen zu Tage treten und häufig die ganze
Gruppe beschäftigen. Daher werden in der Chaos-Phase die aus den Rahmenbedin-
gungen resultierenden Reize auf ein alltägliches Maß reduziert. Die Gruppe kehrt im
Modul „Aspekte struktureller Gewalt und positiven Friedens“ in die gewohnte
Umgebung des Heimathafens Grillhof zurück und absolviert dort ein thematisches
Seminar. Doch der konventionelle äußere Rahmen und die Verlagerung des Fokus auf
ein eher neutrales, mit globalen Fragen befasstes Thema bedeutet keine Normalität im
Sinne universitären Alltags. Die Gruppe bleibt weiterhin geschlossen und unter sich.
Die vorher aufgeladene Konfliktenergie kommt jetzt gruppenintern voll zum Tragen.

310 Siehe zu all dem auch Ruppert 2002 S. 136–139

116
Die Studierenden brauchen viel Zeit für das Abfassen ihrer Seminararbeiten, für die
Reflexion des Erlebten, für sich selbst und ihre Beziehungen zueinander.
In der Sprache Ruth Cohns wird der Globe möglichst reizfrei, das Thema neut-
ral gehalten, um den Ich- und Wir-Aspekten entsprechend Raum zu bieten. Aus
diesem Grund sind auch hier Lehrpersonen von Nöten, die jenseits ihres akademi-
schen Themas in der Lage sind, derartige Gruppenprozesse zu begleiten. Sie dürfen
es nicht persönlich nehmen, sollten sie selbst im Zuge der entsprechenden Konvul-
sionen ins Kreuzfeuer geraten oder ihre Begeisterung für ihr Fach und Thema nicht
voll geteilt werden, weil die Aufmerksamkeit der Gruppe auf anderen Aspekten
liegt. Das kommt immer wieder vor, erfordert hohes didaktisches Geschick seitens
der Lehrenden und eine aufmerksame Begleitung durch die Lehrgangsleitung, deren
Hauptaufgabe in dieser schwierigen Chaos-Phase das Freihalten des Globe, das Ba-
lancieren der Gruppendynamik und das Ausgleichen persönlicher Krisen ist. Diese
Phase wirkt nach außen konventionell, ist für die Studierenden aber ein Augenblick
intensiver persönlicher Arbeit im Engpass des Chaos.
Das Vertrauen der Studierenden ist in dieser Phase soweit gewachsen, dass sie
negativen Gefühlen Raum geben und Gegensätze austragen. Das ist zwar nicht
angenehm, aber im Sinne der Lernsequenz Forming, Storming, Norming, Performing ist
der Ausdruck der negativen Gefühle und Frustrationen erwünscht. Dem anfänglichen
Zueinanderfinden folgt nun das Aneinandergeraten der sichtbar werdenden Unter-
schiede und Gegensätze nach dem transformativen Motto Expression is an antidote to
repression, supression and depression.311 Als Folge dieser Auseinandersetzungen einigt
sich die Gruppe auf gemeinsame Regeln, welche die Basis für das bilden, was
gemeinsam geleistet wird und sich am Ende in den Semesterarbeiten niederschlägt.312
Auf den fünften Modul unter dem offiziellen Namen Cultures of Peaces fällt
nach Diktion von Perls die Implosion. Roths Bezeichnung dafür ist Lyrical. Ich
nenne dasselbe lieber Celebration. Alles, so widersprüchlich es auf den ersten Blick
scheint, umschreibt perfekt, was nun passiert. Das absehbare Ende des Semesters
weckt die studentische Lust, das Erlebte, Erlernte und Erreichte zu feiern und den
Abschied voneinander und vom Seminarort als Fest zu gestalten. Feste sind im Sinn
der Sache, sollten aber nicht als Zeitvertreib missverstanden werden. Denn das Lyri-
cal ist auch der Augenblick der Wahrheit im Semesterablauf. Weil das Feiern dem
Chaos folgt, ist es das Nachspiel zum Grenzerlebnis. Wer die vorangegangenen
Übungen nicht zum Erschließen neuer Horizonte genutzt, so gesprochen „nichts“
erlebt hat, dem wird das Feiern bitter aufstoßen. Das Nachspiel einer intensiven
Erfahrung lässt sich weder empfinden noch vortäuschen, wenn das Erlebnis selbst

311 Rock 1990 S. 110


312 Schulz von Thun 2003b S. 144

117
fehlt. Wer nicht bewusst durch das Chaos gegangen ist, bleibt unbewusst dort ste-
cken und hat jetzt eine schwere Zeit.
Das Curriculum sieht deshalb unter den Cultures of Peaces Methoden und In-
halte vor, die dabei helfen, das Selbst jenseits von Klischee, Rolle und Engpass zu
feiern. In diesem Rahmen setzen Workshops aus dem breiten Angebot der Huma-
nistischen Psychologie ein, um diese Selbsterfahrung im Moment des weitgehend
aufgeweichten Egos zu vertiefen. Die Vermittlung von kognitivem Wissen über die
vielschichtigen, in unterschiedlichsten Kontexten einsetzbaren Methoden der eliciti-
ven Konflikttransformation wird mit der praktischen Anwendung des jeweils am
Lehrplan Stehenden auf die Selbstaktualisierung der Studierenden kombiniert. Nur
wenige dieser Methoden, wie etwa das Theater der Unterdrückten, Aikidǀ, Butǀ
oder Holotropes Atmen sind spektakulär. Die meisten sind eher meditativ und
ruhig. Doch alle gehen tief und sind der am berührendste und am meisten trans-
formierende Teil des Semesters. Im Einzelnen gehe ich auf diese Methoden in den
nachfolgenden Kapiteln dieses Buches ein.
Für viele Studierende, und gerade die Underperformer des Chaos, ist Lyrical
oder Celebration eine beinharte Auseinandersetzung mit sich selbst. Das Opt Out
wird öfter bemüht als in den vor allem physisch anstrengenden Einheiten. Verwei-
gerung und beschämtes Davonstehlen aus den Aufgaben dieses Moduls sind nicht
selten, wobei niemand gerne zugibt, dass gerade diese Übungen eine Heraus- wenn
nicht Überforderung darstellen. Daher stehen hier alle Formen der Ablenkung, des
Widerstands und der Störung auf der Tagesordnung. Die Kunst des Unterrichts
liegt jetzt darin, die Ausweichstrategien der Studierenden so zu frustrieren und auf
sie zurück zu spiegeln, dass gleichzeitig ein kognitiver und ein persönlicher Wachs-
tumsprozess stattfinden.
Die Studierenden sollen zumindest eine Ahnung davon bekommen, wie die
jeweils vorgestellte Methode funktioniert und in welchem Kontext sie sinnvoll an-
gewendet werden kann. Zugleich sind sie aber nicht bloß akademisch Lernende,
sondern als Gruppe und Individuen jene Akteure, die den entsprechenden Prozess
durchschreiten. Die Grenzen zwischen Theorie und Praxis sind aufgelöst. Das
macht dieses Modul zum schwierigsten für alle Beteiligten. Das Feiern der Trans-
formation in der elicitiven Methode ist alles andere als das simple Abfeiern des Se-
mesterendes. Es fordert den Studierenden nochmals alles ab, akzentuiert und festigt
alles vorher Geschehene auf mitunter dramatische Art, ehe in den letzten Tagen zur
gemeinsamen „Landung“ angesetzt wird.
Dem Semesterschluss gilt in diesem Curriculum nochmals die volle Aufmerk-
samkeit, da den Studierenden nach dem gemeinsamen und ununterbrochenen Erle-
ben der intensiven Prozesse durch zwei volle Monate der Wiedereinstieg in ihren
jeweiligen Alltag ermöglicht werden muss. Die Konfrontation mit dem Alltag nach

118
Semesterende ist die letzte Phase dieser Dynamik, die mit Perls’ Explosion parado-
xerweise ebenso gut ausgedrückt ist wie mit Roths Stillness. Beides beschreibt Mög-
lichkeiten des Erlebens jenes Moments, in dem die Studierenden nach dem trans-
formativen Prozess in die Wirklichkeit ihrer Alltagswelt zurückkehren. Für die einen
bedeutet es die plötzliche Stille, das auf sich selbst zurückgeworfen Sein nach dem
intensiven Erleben persönlicher Transformation während des Semesters. Andere
nehmen stärker den explosiven Effekt, die elicitive Transformationswirkung ihrer
Rückkehr in die scheinbar unveränderte Alltagswelt wahr. Sie stellen fest, dass sie
diesen Alltag nicht so wahrnehmen können wie vor der Erfahrung. Sie selbst haben
ihn verändert. Die Frage Wer bin ich? fordert den alten Kontext und damit die fra-
gende Person selbst mit neuen Antworten heraus.
Explosion oder Stillness wirken weit über das offizielle Ende des Semesters hinaus,
was nach einem weiteren Verarbeitungsprozess verlangt. Dieser ist in die Form der
supervidierten Abfassung eines Term Papers in den Wochen nach Semesterende gegos-
sen. Das erlaubt eine langsam abklingende Begleitung des Prozesses auch nach dem
Ende der Präsenzphase. Im Erleben der Studierenden bewirkt es eine Art Grauzone, in
der sie aus dem Alltag heraus noch mit dem Programm verbunden bleiben, ehe sie
entweder den Zyklus des nächsten Semesters aufbauen, oder sich über die Diplomar-
beit ganz vom Programm emanzipieren. In der Sprache der Studierenden hat sich
dafür der Begriff Module VI etabliert.
Mit dieser Darlegung des Semesterablaufs und der ihm zugrundeliegenden
Philosophie schließe ich meine curricularen Betrachtungen ab und gehe im Fol-
genden auf einzelne der angewandten Methoden ausführlicher ein, um ihre Taug-
lichkeit nicht nur in der Lehre sondern auch in der Praxis der elicitiven Konflikt-
transformation zu erklären.

119
C. Atem-orientierte Zugänge zu elicitiver
Konflikttransformation

Der Atem ist ein promiskuitiver Liebhaber. Der Atemzug, den du gerade eingezogen hast,
war eben noch in jemand anderem, und wenn du ihn loslässt, geht er zum nächsten. Der
Atem hält alles in Bewegung.313Atem ist Ausdruck des Lebens, genauer des Bewegt-
seins von universeller Lebensenergie. Und Atem ist Bewegung, nämlich die relative
Weitung der körperlichen Kontaktgrenze beim Einatmen und das Zusammenziehen
beim Ausatmen. Zu dieser räumlichen Dimension kommen die zeitliche, die sich
über den Atemrhythmus ausdrückt, und schließlich die Atemkraft als qualitative
Dimension. Atem ist ein existenzielles Raum-, Zeit- und Kraftgeschehen an der
Kontaktgrenze in Tätigkeit. Er ist nicht nur überlebensnotwendig, sondern auch
erlebensnotwendig, was bedeutet, dass das subjektive Erleben einer Situation sich
nicht nur über den Atem ausdrückt, sondern zirkulär auch vom Atem als Funktion
bestimmt wird.314 Wenn Konflikt relational verstanden wird, stellt der Atem aller Be-
teiligten zwangsläufig sein vitales Dynamisierungs-, Wahrnehmungs- und Transfor-
mationsmoment dar. Aus diesem Grund erscheint es mir im engsten Sinn des Wortes
natürlich, Methoden der Konflikttransformation von der grundlegenden Funktion
des Atems aus zu diskutieren.
Ich beginne dieses Kapitel über atemorientierte Techniken der Konflikttransfor-
mation mit einer kurzen Betrachtung über den Schamanismus, weil die prominentes-
ten von ihnen im Schamanismus fußen. Das mag den Verdacht erwecken, dass ich
nun in anthropologische Esoterik eintauche und eventuell unwissenschaftlich werde.
Dem halte ich entgegen, dass für außereuropäische Gesellschaften veränderte Wach-
bewusstseinszustände, wie sie vom Schamanismus angeboten und praktiziert werden,
eine institutionalisierte Form von Heilungsritualen, von Selbsterforschung und Be-
wusstseinsentwicklung darstellen. Lederach315 sieht im Schamanen den Prototyp des
Friedens- und Konfliktarbeiters. Ich schließe mich dieser Ansicht an. Es ist lediglich
der erweiterte Mittelmeerraum, der aus historischen Gründen von der Institutionali-

313 Roth 1998 S. 62


314 Wagner 1999 S. 52/53
315 Lederach 2005 S. 147

121

W. Dietrich, Variationen über die vielen Frieden, DOI 10.1007/978-3-531-93089-3_3,


© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011
sierung derartiger Rituale einigen Abstand nimmt. Der größte Teil der restlichen Welt
praktiziert sie in unterschiedlicher Intensität.316 Wer sich auf internationaler und inter-
kultureller Ebene mit Frieden und Konflikttransformation befasst, wird daran folglich
nur schwer vorbeikommen. Es geht hier um eine psychobiologische Fähigkeit, die
allen Gesellschaften zur Verfügung steht und von vielen auf unterschiedliche Art ge-
nutzt wird. Nicht zufällig war Virginia Satir bei den Sioux initiierte Schamanin.317
Stanislav Grof, der Begründer der von ihm so genannten Holotropen Atemar-
beit, bezieht sich explizit auf den Schamanismus, der ihn leitete, als er sich von der
klinischen Arbeit mit LSD abwandte.318 Grof durchschritt den Weg von der klini-
schen Psychiatrie über die Humanistische Psychologie und Psychotherapie zu dem,
was er als richtungweisender Mitbegründer Transpersonale Psychologie nannte. In
diese flossen über Maslow, Grof, Kabbal und andere Positionen ein, die aus Jahrtau-
senden schamanischer Praxis verschiedenster Kulturen gewonnen wurden. Aus dem
enormen Spektrum dieses energetischen Wissens interessieren hier nur jene Aspekte,
die für die Praxis der elicitiven Konflikttransformation relevant sind. Ich gestalte das
erste Unterkapitel dieses Abschnitts so, dass es alle nachfolgenden Kapitel vorberei-
tet. Deshalb erkläre ich einerseits, warum schamanische Methoden und Erfahrungen
verpflichtend in das Curriculum des Innsbrucker Lehrgangs eingebaut wurden,
anderseits weise ich auf den historischen und methodischen Zusammenhang mit
anderen Schulen hin, die oftmals für sich allein stehend nicht als schamanisch inspi-
riert wahrgenommen werden. Das gilt insbesondere für jene, die im modernen Um-
feld des Marxismus oder nationaler Befreiungsbewegungen des 20. Jahrhunderts
entstanden sind und sich selbst als aufgeklärt, demokratisch und rational empfinden
– eine Eigenschaft, die sie dem aus ihrer Sicht prä-modernen Schamanismus wegen
seiner esoterischen und metaphysischen Züge absprechen.
Ich behaupte nicht, dass der Schamanismus eine rein oder auch nur typisch
atem-orientierte Transformationsmethode anbietet. Im Gegenteil, er umfasst weit
mehr und ist zumindest die archaische Matrix für viele moderne Methoden. Er ar-
beitet nur neben vielem anderen auch mit Atemtechniken. Diese stehen im Mittel-
punkt des Interesses der nachfolgenden Kapitel.

316 Walch 2003 S. 177; viele Beispiele dazu bei Dietrich/Echavarría/Esteva/Ingruber/Koppensteiner


2011.
317 Walker 1996 S. 31
318 Grof /Grof 1990 S. 88–90, Grof/Bennet 1993 S. 17–21

122
1 Schamanische Ursprünge

Die Frage, wer oder was ein Schamane oder eine Schamanin ist, gilt in Wissenschaft
und Praxis als höchst umstritten.319 Für die Zwecke dieses methodenorientierten Bu-
ches ist es nicht notwendig, sich in diesen Streit einzubringen. Ich beschränke mich
auf die Rudimentärdefinition. Ich verstehe unter ihnen Männer oder Frauen, die sich
als Heiler, Lehrer, Erzähler, Sänger oder Dichter mit den großen Themen der Frucht-
barkeit, des Todes sowie der Heilung von Krankheiten und sozialen Beziehungen
befassen. Oft stehen am Beginn einer solchen Tätigkeit so genannte schamanische
oder spirituelle Krisen, die in modernen Kontexten üblicherweise pathologisiert wer-
den. Für den Zweck dieses Buchs interessieren solche Krisen, Krankheiten oder peak
experiences,320 wie Maslow sie respektvoll nannte, weniger.
Da einsichtig ist, dass den Ego-Monstern in dysfunktionalen Systemen nicht
sinnhaft mit der Energie begegnet werden kann, mit der sie selbst wirken, stellt sich
die Frage nach dem schrittweisen Erwerb solchen Wissens und seine systematische
Umsetzung in sozialen Konfliktfällen. Angst, Zorn, Wut, Neid, Eifersucht oder
Lust als destruktiv egoische Antriebsquellen können nicht moralisch diszipliniert
werden. Wird das versucht, kehren sie in immer neuen Gestalten zurück. Die fol-
genden Kapitel werden sich mit der Frage auseinandersetzen, wie das Wissen um die
Transformation solcher Energien auch ohne die Gnade von peak experiences syste-
matisch erworben und eingesetzt werden kann.
SchamanInnen geht es um das Heilen in diesem Sinn, um den Überblick, um
das Wissen, die Zusammenschau, um die Relation vom Einzelnen zum Ganzen. Die
Absicht der schamanischen Handlung ist es, ein Thema oder einen Konflikt bis zu
den Wurzeln zu verfolgen und die Heilung oder Transformation desselben in der
Wiederverbindung mit dem Ganzen, im kosmischen Gesetz zu finden.321 Der aus
dem Sanskrit abgeleitete Begriff šaman wurde für Wissende in viele Sprachen über-
nommen. Als Wissende gestalten Schamanen die Rituale der großen Lebensthemen
in ihren Gesellschaften.322 Der Schamanismus ist keine Religion. Er lebt in vielen
Erscheinungsformen in der Spiritualität des jeweiligen Kulturkreises.323 Unter dem
weiten Spektrum der großen Lebensthemen interessieren hier die Heilungsrituale
im Sinne sozialer Konflikttransformation.

319 Ein umstrittener Klassiker ist zum Beispiel Eliade 2001.


320 Ausführlich zu diesem Thema Walch 2003 S. 292–311
321 Lörler 2009 S. 33
322 Grof/Grof 1990 S. 117
323 Walch 2003 S. 187

123
Die Ansicht, dass der Mensch nicht Beherrscher der Natur, sondern Teil des
Ganzen ist, begründet die schamanische Weltsicht und leitet die zeremonielle Dy-
namik. SchamanInnen nehmen nach ihrem Selbstverständnis eine Mittlerrolle zwi-
schen diesseitiger und jenseitiger Welt ein. Sie verwenden ihre Fähigkeiten zum
Wohl der Gesellschaft und der Welt,324 und sie rekurrieren dafür auf die kurative
Kraft des Transpersonalen. Wie sich diese Arbeit konkret gestaltet, welche Traditio-
nen und Rituale zulässig oder wirksam sind, welche davon wie mit rationalen Me-
thoden interpretiert oder erklärt werden können, was Missbrauch und Missver-
ständnis in esoterischen Kreisen der Moderne und Postmoderne ist, darüber bestehen
erhebliche Meinungsunterschiede.
In meiner Sprache gehören SchamanInnen aufgrund ihrer Aufgabenstellung
im Rahmen der natürlichen Lebenszyklen und ihrer an der Natur, der Gesellschaft
und der Übernatur, der Großen Triade,325 orientierten Arbeitsweise dem energeti-
schen Weltbild zu. Von da aus ergibt sich ihre Relevanz für die transrationale Frie-
densforschung, denn Transrationalität entfaltet sich im Spannungsverhältnis zwi-
schen dem Energetischen und dem Rationalen.
Unter den Klassikern der Diskussion folge ich insofern Mircea Eliade,326 dass ich
Schamanismus als universelles Phänomen verstehe, das nicht auf die meist mit dem
Begriff in Verbindung gebrachten Gesellschaften Sibiriens, Tibets oder Nordamerikas
beschränkt ist. Weiters definiere ich mit Carl Gustav Jung und Claude Levi-Strauss327
Schamanismus als eine Institution, die den Menschen und Gesellschaften die
Möglichkeit gibt, Ängste und Konflikte symbolisch auszudrücken und zu verarbeiten.
Ich sehe mit Ronny Velásquez328 oder Roberte Haymon329 die Figur des Schamanen
im Zentrum der symbolischen Reproduktion der Gemeinschaft, womit Schamanis-
mus als soziale Funktion auch in moralischen oder modernen Kontexten auftretende
Akteure umschreibt. Er meint mehr als dies der Alltagsgebrauch des Wortes tut.
Meine besondere Aufmerksamkeit gilt in diesem Zusammenhang dem Moment des
Heilens im weitesten Sinn, das auch der modernisierte westliche Core-Schamanismus
in der Tradition Michael Harners330 in den Mittelpunkt stellt. Harner beobachtete,
dass sich schamanische Techniken verschiedener Kulturen zwar äußerlich in vielem
unterscheiden, in ihrer Substanz aber zahlreiche Gemeinsamkeiten aufweisen. Diese
gemeinsamen Elemente fasste er unter dem Titel Core-Schamanismus zusammen.

324 Ondruschka 2008 S. 24


325 Dietrich 2008. S. 68–93
326 Eliade 2001 S. 14
327 Lévi-Strauss 1969
328 Velásquez 2008 S. 41–55
329 Hamayon 1996 S. 78–85
330 Harner 2004

124
Sein neo-schamanisches Verständnis des Heilens wurzelt in der strukturalistischen
Idee, dass Schamanen denen, die sie aufsuchen, eine neue Sprache zur Verfügung
stellen, die es ermöglicht, die der Krankheit oder der Schwierigkeit zugrunde lie-
genden Konflikte anders und besser zu verstehen, auszudrücken und zu transformie-
ren. Gedanken und Sprache beeinflussen demnach den Körper und die Veränderung
des Denkens und Sprechens heilt Körper und Beziehungen.
Der schamanische Weg im systemischen Sinn beginnt mit den Fragen: Wer bin
ich? Wo stehe ich in Bezug auf das Thema? Erst von da aus erschließen sich die Me-
thoden der Krankheits- oder Problembehandlung, der Konflikttransformation, das
entsprechende Ritual und schließlich die Erkenntnis oder Heilung. Solche Rituale
werden von der modernen Wissenschaft als Methode der Konflikt-, Problem- oder
Krankheitsbehandlung üblicherweise nicht akzeptiert. Dabei wird ignoriert, dass
schamanische Rituale nicht als Ersatz für der Situation angemessenes Handeln die-
nen, sondern als Weg, das Bewusstsein für dieses Handeln in einen größeren Zu-
sammenhang zu bringen.331 So gesehen ist es eine therapeutische Maßnahme im
klassischen Sinn und entspricht weitgehend den Methoden der Humanistischen
Psychologie. Das führt in die Praxis elicitiver Konflikttransformation.
Ich stelle die systemische Funktion des Schamanismus ins Zentrum meiner
Überlegungen und verstehe ihn in seinem kulturellen und gesellschaftlichen Kon-
text. Es geht beim Schamanismus nicht um die Romantisierung der Rituale ver-
klungener oder verdrängter Völker. Vielmehr lautet seine Botschaft, dass wir Men-
schen aller Kulturen uns dem Gegenwärtigen zuwenden und den Ort unseres
persönlichen Zentrums, unserer Wesensmitte entdecken können. In diesem Sinn
sind SchamanInnen politische Akteure, deren Praktiken sich historisch und poli-
tisch im Verhältnis von Staat und Gesellschaft einordnen.332 SchamanInnen sind
FriedensarbeiterInnen ihrer sozialen und natürlichen Kontexte,333 die sich in ihrer
Methode und Kosmovision, aber nicht funktionell von modernen MedizinerInnen,
MediatorInnen und TherapeutInnen unterscheiden.
In diesem Kapitel stehen daher keine anthropologischen Untersuchungen zum
Schamanismus zur Diskussion, sondern Fragen nach der Tauglichkeit schamani-
scher Methoden für die zeitgenössische Friedensarbeit. Die Relevanz dieser Fragen
ergibt sich aus dem Umstand, dass sich der Schamanismus um zwischenmenschliche
und zwischengesellschaftliche Beziehungen kümmert. Dafür bedient er sich meta-
physischer, esoterischer oder magischer Erzählungen, Bilder, Symbolik und Metho-

331 Ondruschka 2008 S. 104


332 Thomas 1996 S. 5
333 Lörler 2009 S. 16

125
den, gründet aber in Beobachtungen und Typologien materieller Beziehungen und
Verhältnisse.
Der Innsbrucker Universitätslehrgang für Friedensstudien arbeitet mit der
Natur- und Wildnisschule Native Spirit in Pfunds zusammen. Deren Gründer und
Leiter, Peter Kirschner, ist ein Schüler des nordamerikanischen Scouts Tom Brown
Jr., der Frieden, Liebe, Glück und Bewusstheit als Ziele seiner Lehre aufzählt.334
Browns Motto gilt bis zu einem gewissen Grad auch für den Lehrgang: Seek the
wilderness, for there is peace.335
Das sagt schon einiges über die Didaktik im entsprechenden Modul aus. Brown
bezeichnet in seinen berühmt gewordenen Büchern den schamanischen „Großvater“
Stalking Wolf, von dem er selbst lernte, als Coyote Teacher.336 Damit ist ein Lehrer
gemeint, der seinen Schülern nicht alles aufbereitet, ihnen nicht alle Antworten gibt
oder alle Techniken zeigt. Vielmehr planen Coyote Teacher ihre Lektionen so, dass die
SchülerInnen selbst nachdenken, Fehler machen und die Antworten finden müssen.
Das Erlernte soll in den Lernenden ein Leben lang wachsen und immer neue Ant-
worten hervorbringen; Antworten, die jenseits der ersten Antwort liegen und mit
zunehmender Erfahrung aus größeren Tiefen des Daseins geschöpft werden als die
physischen Herausforderungen, aus denen sie in den Lektionen geboren wurden.337
Dieses Prinzip leitet jenen Modul im Besonderen, gilt grundsätzlich aber für den ge-
samten Universitätslehrgang.
Tom Brown gründete 1978 seine eigene Wildnisschule in Asbury/New Jersey.
Als deren wesentliche Inhalte beschreibt er das physische Überlebenstraining, das
Beobachten, das Spurenlesen und das Bewegen in der Wildnis.338 Während Brown in
seinen Büchern die Hauptfunktion des Scouts, das Spurenlesen, immer wieder als
psychologische Arbeit beschreibt, erklärt die Wissenschaftsgeschichte das aus alten
Jägerkulturen ererbte Spurenlesen als eine hochkomplexe, sinnliche und mentale Fä-
higkeit, die im späten 19. Jahrhundert Eingang in die Humanwissenschaft gefunden
und in der Psychoanalyse ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht habe.339 Der Zusam-
menhang zwischen Spurenlesen und Psychologie ist in beide Richtungen evident und
ein methodisches Training dieser Form akademischer Erkenntnis drängt sich für die
Friedensstudien geradezu auf.

334 Brown 1988 S. 235


335 Brown 1980 S.xvi. Ganz ähnlich im indischen Kontext Swami Veda Bharati 2010 S. 268. Er
bezeichnet die indischen Gurukulas als forest academies der Friedenswissenschaft.
336 Brown 1993 S. 191/192.
337 Brown 1988 S. 5–8
338 Brown 1980 S. 201–219
339 Ginzburg 1988 S. 78–125

126
Aus der Sicht der Friedensstudien ist Browns Philosophie daher von hoher Rele-
vanz, curricular stehen aber besonders das Beobachten und das physische Überleben
im Mittelpunkt. Das Beobachten von inneren und äußeren Vorgängen ist die zentrale
Methode, welche die Aufmerksamkeit ins Hier und Jetzt lenkt. Diesbezüglich stimmt
Browns Ansatz mit den östlichen Philosophien und den Prinzipien der Humanisti-
schen Psychologie überein. Die Wildnis ist eine hervorragende Universität, weil sie
akademisch orientierten Menschen ungewohnte Perspektiven bietet und immer wie-
der aufzeigt, wie sehr das Erhoffen oder Erwarten bestimmter Resultate die Aufmerk-
samkeit von dem nimmt, was gerade ist.
Nach Brown sind die physischen Aspekte des Überlebenstrainings das Tor zur
psychischen Reife und zu den spirituellen Dimensionen des Daseins. Auch wenn
nach seiner Lehre 95 Prozent der Arbeit eines Scouts spirituell und nur fünf Prozent
physisch sind, öffnen diese fünf Prozent das Tor zu dieser Arbeit. In einem seiner
Bücher beschreibt er das entsprechende Training recht dramatisch und ausführ-
lich.340 Ich würde ergänzen, dass physische Fitness auch ein wichtiges Tor zur eliciti-
ven Konflikttransformation öffnet. Damit ist nicht gemeint, dass die Studierenden
LangstreckenläuferInnen oder BodybuilderInnen werden sollen, sondern dass alle in
der Lage sein sollten, ihren eigenen Körper und dessen Bedürfnisse durch eine
durchschnittliche Sequenz entsprechender Übungen zu tragen. Es geht um die
Kenntnis und Steuerung des Eigenen, des Selbst und des Gemeinsamen, nicht um
Spitzenleistungen. Die sportlichen Fragen des physischen Überlebens sind nur der
vordergründige Einstieg in die Behandlung psychischer, mentaler und spiritueller
Aspekte. Das Erkannte und Gelernte liegt oft weit abseits eines eventuell vorge-
schriebenen Lehrziels, ist für die betreffende Person aber langfristig umso hilfrei-
cher. Dieser Weg des Lernens ist für aus moralischen oder modernen Kontexten
Kommende in ungewohnter Umgebung nicht leicht, aber sehr effektiv.341
Peter Kirschner hat bei Mapuche-Schamanen in Chile, Maya-Schamanen in
Guatemala, Sufi-Meistern in der Türkei und bei den Crees in Nordamerika gearbeitet
und gelernt. Er ist auch von der Veden, Buddhistischen Traditionen und Erfahrungen
mit Peruanischen Schamanen beeinflusst, folgt in seiner Philosophie aber vor allem
der Erzählung Lightningbolts.342 Er betont stets den undogmatischen Charakter seiner
Schule und seine Offenheit für schamanische Lehren aller Kulturen und Zeiten. Er
will sich keiner schamanischen Gesellschaft zuordnen. Deren Schulenstreit entzieht er
sich strikt. Im von ihm so genannten Er-Innerer hat er eine dem lokalen Tiroler
Kontext angepasste Version des schamanischen Weges entworfen. Trotz vieler Über-

340 Brown 1995 S. 6–22


341 Brown 1988 S. 33
342 Storm 1997

127
einstimmungen mit seinen Erfahrungen in Übersee, verwendet er eigene Namen,
Symbole, Deutungen und Erzählungen. Die zentrale Rolle, die das so genannte Medi-
zinrad in seinem Zugang zur Konfliktarbeit spielt, erinnert am meisten an die Denk-
weise der Twisted Hairs. Peter Kirschner hat sich aber nie der umstrittenen Deer Tribe
Metis Medicine Society Harley Swiftdeer Reagans343 verschrieben. Auch der populären,
aber ebenso umstrittenen Alternative Sun Bear344 hat er sich nie angeschlossen. Er
beharrt nachdrücklich auf seiner eigenen, ortsbezogenen Praxis.
Twisted Hairs345 integrieren neben überliefertem Wissen ihrer eigenen Tradi-
tion auch Kenntnisse anderer Gesellschaften, die sie sich auf Reisen aneignen. Somit
vermittelt dieser Weg nicht das Dogma einer bestimmten Tradition, sondern dy-
namische Veränderung in Raum und Zeit. Twisted Hairs haben ihren Ursprung im
Wissen der alten Maya Mexikos und Guatemalas. Nach Lightningbolts Erzählung
hat die legendäre Schamanin Temple Doors dieses Wissen vor Jahrtausenden nach
Nordamerika gebracht, woraus sich ein gemeinsamer Ursprung und die Ähnlichkeit
der Traditionen am Kontinent ergeben. Ebenso erklären sich daraus die lokalen
Abweichungen, die sich im Laufe der Geschichte herausgebildet haben.346
Seit den 1980er Jahren machen die Twisted Hairs und auch andere Schulen ih-
ren Weg einem breiteren Publikum von Suchenden zugänglich.347 Dadurch wurde
er auch in Europa populär. Hier wird er üblicherweise ziemlich synkretistisch als
spiritueller und psychologischer Ritualweg zur Entwicklung des Selbst verstanden,
zudem aber als Weg der Wiedereingliederung des modernen Menschen, als seine
Erinnerung an Natur und Übernatur.
Es ist möglich, diese Beziehungen wiederherzustellen, wenn die Menschen ih-
ren Stolz beiseite legen und lernen, mit dem Rest der Schöpfung in Harmonie zu
leben. Sie müssen danach streben, mit der Natur zu verschmelzen, statt diese zu
besiegen. Wenn sich ein Mensch auf die Suche begibt, wird sich ihm oder ihr das
Universum öffnen.348
Twisted Hairs rücken wie die Humanistische Psychologie und die transrationale
Friedenswissenschaft die Frage der Perspektivenbildung in den Mittelpunkt. Die
vermeintliche Lösung von Konflikten, Revolution, ist nach ihrer Ansicht nichts
anderes als die innere Transformation von Menschen in ihren Kontexten.349 Wenn
Menschen das Bewusstsein haben, die Dinge der manifesten Welt von möglichst

343 Deer Tribe Metis Medicine Society (4.9.2010)


344 Sun Bear/Wabun 2005. Siehe auch Ondruschka 2002
345 Twisted Hairs (15.4.2009)
346 Storm S. 260
347 Deere/Rohr 1986
348 Sun Bear/Wabun 2005 S. 290
349 Grof/Bennet 1993 S. 35

128
vielen Seiten zu betrachten, erhalten sie ein umfassendes Bild. Wenn sie alle Anteile
ihrer Persönlichkeit leben, erreichen sie ihr höchstes Potential. Dieses drückt sich in
der Balance all dessen aus, was ist.350 Konflikttransformation wird durch die
Veränderung des eigenen Bewusstseins erreicht. Darin ist sich der Schamanismus
mit der UNESCO einig, die in der Präambel ihrer Satzung sagt:

Since wars begin in the minds of men, it is in the minds of men that the defences of
peace must be constructed.351

Bei Twisted Hairs und in vielen lokalen Traditionen wird das methodische und
rituelle Wissen in Form von Kreisen bewahrt und vermittelt. Einem breiteren Pub-
likum bekannt ist das so genannte Medizinrad als Grundlage von Philosophie,
Denken, Spiritualität und Lebensweise der indigenen Völker Nordamerikas.352
Diese populäre Übersetzung verwende ich, weil sie sich durchgesetzt hat. Das aber
unter Vorbehalt, denn mir erscheint sie etwas irreführend. Die präkolumbischen
Gesellschaften der Amerikas verwendeten das Rad im europäischen Sinn des Wortes
nicht. Gemeint sind eigentlich Kreise, symbolische Deutungen des zyklischen Cha-
rakters allen Seins und daraus resultierende Handlungs- und Erkenntnisanleitungen.
Mit dem Medizinrad ist ein speziell strukturierter Kreis gemeint, der ein wichtiges
Symbol und Werkzeug schamanischer Kunst war und ist. Verwirrung im Umgang
damit ist leicht möglich, weil das Medizinrad wohl in altem Wissen wurzelt, heute
aber mehrere, teils widersprüchliche Versionen davon in Verwendung sind. Sie alle
beziehen sich auf Kreisbahnen der Himmelskörper. Das menschliche Leben wird als
eine zyklische Reise durch verschiedene Stationen verstanden. Die Mathematik des
Medizinrads unterscheidet die entlang der Kardinalrichtungen in zwölf verschiedene
Qualitäten geteilten Aspekte des Menschlichen. Unterschiedliche Plätze im Kreis
stehen für unterschiedliche Charaktere, Temperamente, Potentiale, Rollenbilder
und Lebensalter. In den Wechselfällen der Ich-Bildung einer Person gerät diese
abwechselnd in Übereinstimmungen und Spannung mit jeder dieser zwölf
„Mächte“. Es gibt weder Anfang noch Ende. Nur die Form der Energie und die
Wahrnehmung verschieben sich. Geburt und Tod sind Stationen auf dieser Reise
des Lebens, das sich ewig dreht und verändert. Das Medizinrad beschreibt den
Grundriss für Chaos und Harmonie im Werdegang einer Person. Da jeder Mensch
auf alle anderen in seiner Umgebung wirkt, ist die Ausgeglichenheit aller Aspekte im
Selbst der Person auch die Grundlage für ausgeglichene Beziehungen innerhalb der

350 Ondruschka 2008 S. 59


351 United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization UNESCO (29.4.2009)
352 Trebilcock 2003 S. 25–28. Ebenso Vachon 2011 S. 303–351

129
Gemeinschaft.353 Dieses Modell fand unter verschiedensten Namen Eingang in die
Psychotherapie und kann auch als Grundgedanke der elicitiven Konflikttransforma-
tion verstanden werden.354

Idealtypischer Grundriss eines Medizinrads

Diese Philosophie führt einerseits zur beständigen Erfahrung von Neuem am eige-
nen Weg durch das Leben. Sie wirft die Frage auf, welche „Medizin“, welche Ver-
änderung, welches neue Element die heilsamste Wirkung im nächsten Schritt des
Individuums oder der Gemeinschaft hat. Medizin bedeutet in diesem Zusammen-
hang, dass der Mensch in der Ausführung seiner Aufgaben, in all seinen Tätigkeiten
und in der Erfüllung seiner gesellschaftlichen Rolle heilsam wirkt, für sich, für die
anderen, für die Erde, für das ganze Universum. Auf diese Weise wird jeder Mann

353 Storm 1997 S. 338


354 Zum Beispiel Gordon 1972 und explizit Lederach/Lederach 2010 S. 5.

130
zum Medizinmann und jede Frau zur Medizinfrau. Daher sprengt der Begriff Medi-
zin seine in Europa landläufige Bedeutung bei weitem. Nicht nur ÄrztInnen oder
TherapeutInnen können heilen, sondern jeder Mensch, der seine Aufgabe im größe-
ren Ganzen gefunden hat und aus seiner Mitte lebt. Jede Wirkung, deren Verursa-
cher eine Person ist, muss auf deren eigene Mitte bezogen sein, denn über diese
Mitte steht sie in lebendigem Zusammenhang mit dem Ganzen.
In diesem Sinn bedeutet sozialer und politischer Friede, dass jeder Mensch in
sich selbst Frieden findet. Dies wird über die so genannten Schilde ausgedrückt. Sie
sind den Himmelsrichtungen und Lebensaltern zugeordnet und folgen einer Typo-
logie, in der zuerst der kleine Junge oder das kleine Mädchen im „Süden“, im Vor-
dergrund, steht und der entsprechende erwachsene Aspekt im nördlichen Hinter-
grund. Im Laufe eines gelingenden Lebens drehen sich diese Aspekte um. Der
Erwachsene tritt in den Vordergrund des Südens, das innere Kind in den Hintergrund
des Nordens. Im Osten und Westen stehen – ähnlich C.G. Jungs animo und anima –
der kindliche und der erwachsene Aspekt des jeweils anderen Geschlechts.355 Die
Schilde sind eine systematische Hilfe, das Andere im Selbst zu erkennen. Der Zugang
zu Frieden und Konflikttransformation liegt in der Balance dieser vier Aspekte im
Individuum und von da aus in dessen Beziehungen mit anderen.
Die Menschen können lernen, ihre Wahrnehmungen dem Fluss der Lebens-
energie anzupassen.356 Energie ist für den Schamanismus unzerstörbar. Die Formen,
die sie annehmen kann, unterliegen jedoch bestimmten Gesetzmäßigkeiten. Jeder
Mensch trägt die Verantwortung für den Platz, an dem er lebt und wirkt, indem er
dafür sorgt, dass der Platz in Harmonie und Balance mit dem größeren Ganzen
steht.357 So verstanden kann das Medizinrad, der Heilige Kreis, ein sinnvolles Hilfs-
mittel zur systemischen Interpretation der Welt und folglich ein Werkzeug der
Konflikttransformation in konkreten Kontexten sein. Entscheidend in der Anwen-
dung ist die Dekodierung der entsprechenden Narrative und deren Anpassung an
den jeweiligen Soziolekt. Wird das nicht beachtet, besteht die Gefahr esoterischer
Romantisierung, aus der die Irrelevanz der Erzählung für die Konfliktarbeit folgt.
In der Erzählung Lightningbolts ist der alles entscheidende Ausgangspunkt des
Medizinrads die Null, weshalb SchamanInnen bei ihm auch Zero Chiefs, Häuptlinge
der Null, genannt werden.358 Die Null symbolisiert die Vereinigung der weiblichen
und der männlichen Energie, die in dieser Erzählung WahKahn und SSKwan hei-

355 Lörler 2009 S. 111 und 145–168


356 Sun Bear/Wabun 2005 S. 16
357 Lörler 2009 S. 111 und 114.
358 Storm 1997 S. 161–167. Dieselbe Überlegung gibt es auch im Mahayana-Buddhismus. Dazu Swami
Veda Bharati 2011 S. 191–228.

131
ßen. Diese beiden Ur-Energien brachten die gesamte Existenz hervor. Daher ist
alles, was existiert, weiblich und männlich zugleich. Von da aus ergibt sich eine
komplexe Deutung der Welt in all ihren Elementen. Den Kardinalrichtungen wer-
den Zahlen, Eigenschaften, Jahreszeiten, Typologien und Symboliken zugeordnet,
die gleichsam in Folien übereinander liegen, so dass jede von ihnen wieder ihr eige-
nes Rad bildet und zugleich mit allen anderen in Verbindung steht. Dies gilt natür-
lich auch für die Zwischenpositionen (wie Süd-Ost oder Nord-Nord-West), von
denen je nach Schule, Zweck und Methode unterschiedliche Zahlen genannt wer-
den. Wichtiger als die Zahl an sich sind aber die Charakterisierung und die Allver-
bundenheit, die das Medizinrad zu einem komplexen, aber effizienten Werkzeug
systemischer Konfliktarbeit machen.
Den dementsprechend energetischen Friedensbegriff habe ich im ersten Band
dieser Trilogie schon in zahlreichen Varianten aus aller Welt und allen Zeiten dis-
kutiert.359 Nach Lightningbolt folgt aus der Erkenntnis des Friedens als Vereinigung
aller Dualitäten in der Null ein streng demokratisches Verständnis von Gesellschaft
und Konflikt. Denn so wie das Medizinrad die Grundlage in einer Person darstellt,
tut es das auch für jede Gemeinschaft und deren Verhältnis zu anderen und zur
Natur. Die Null schließt die Herrschaft der Männer über die Frauen (und umge-
kehrt) aus, und genauso verbietet sie die Dominanz aller anderen Mehrheiten über
Andersheiten.360 Das Medizinrad ist eine Lehre des Gleichgewichts und der Harmo-
nie von Systemen. Es gibt keine guten oder schlechten Positionen, Charaktere oder
Beziehungen, sondern nur unbalancierte, die mit Hilfe der Typologie des Medizin-
rads geheilt werden können.361
Die Konflikttransformation im engeren Sinn erfolgt in der Systematik des Me-
dizinrads im so genannten Gesetzeskreis. Er ist das inwendige Rad des Gleichge-
wichts und besteht bei Lightningbolt aus acht Positionen. Der Gesetzeskreis stellt in
dieser Weltsicht ein effektives und mächtiges Organisationsprinzip dar, dessen
Zweck darin liegt, dass eine Gemeinschaft sich selbst regiert, ihre Konflikte gemein-
sam transformiert und dadurch Stabilität findet.362
Auch in diesem Fall ist die Übersetzung schwierig. Denn im Gesetzeskreis
werden weder Normen im rechtsstaatlichen Sinn festgelegt noch wird Recht gespro-
chen. Es geht vielmehr um eine gemeinschaftliche Entscheidungsfindung, bei der alle
politischen, sozialen und spirituellen Aspekte so berücksichtigt werden, dass auf ihrer
Basis ein balanciertes und heiles Leben geführt werden kann. Diesen Entscheidungen

359 Dietrich 2008. S. 29–106


360 Storm 1997 S. 260
361 Sun Bear/ Wabun 2005 S. 18–20
362 Storm 1997 S. 338–349

132
kommt keine dauerhaft normative Kraft zu. Vielmehr werden sie nach vier Jahren
einer gemeinschaftlichen Revision unterzogen, um zu prüfen, ob sie den mittlerweile
durch Tod, Geburt, Ortswechsel und sonstige Ereignisse veränderten Umständen
noch entsprechen. Entscheidend ist, dass die im Gesetzeskreis formulierte Norm stets
im Dienste der gelebten Gemeinschaft steht und dass sie sich nicht institutionalisiert,
vom Lebenskontext trennt oder zum Mittel der Macht verkommt.363
Steht eine Gemeinschaft vor grundlegenden Fragen und sucht sie Entschei-
dungshilfen, kann das Medizinrad nach einer verbreiteten Version364 so eingesetzt
werden, dass 16 Personen jede der vier Kardinalrichtungen und jede der vier Zwi-
schenpositionen jeweils doppelt besetzen. Dabei sitzen im Idealfall an jeder Position
ein Mann und eine Frau, nur im Osten sitzen zwei Männer und im Westen zwei
Frauen, wobei die Kreismitte so gestaltet wird, dass sich die gegenübersitzenden Posi-
tionen nicht sehen können. Allianzen zwischen gegenüberliegenden Positionen sind
explizit verboten. Es sollen alle widersprüchlichen Meinungen, auch die Extreme,
selbständig gehört und vorgetragen werden.
Jedes Paar repräsentiert einen Aspekt, eine Ebene des Konflikts. So tragen die
beiden Männer im Osten in möglichst pointierter, provokanter und eventuell wi-
dersprüchlicher Art das Thema, das Problem, den Konflikt vor. Der benachbarte
Südosten ist für die Deutung, Erläuterung und Herleitung des Problems, gewisser-
maßen für den philosophischen und historischen Hintergrund zuständig. Im Süden
sitzen die „Krieger“, die für die utilitaristische Komponente des Konflikts aus der
Sicht der materiellen und wirtschaftlichen Bedürfnisse der Gemeinschaft zuständig
sind. Der Südwesten reflektiert die Folgen des Konflikts auf das seelisch-geistige
Befinden der Gemeinschaft. Die für das reproduktive Moment zuständigen Frauen
im Westen achten darauf, dass nichts getan wird, was der nächsten Generation
schadet, dass die vom Osten eingeforderten Veränderungen integriert werden, ohne
der Erde und ihren Lebewesen Schaden zuzufügen. Die Weisheit des Nordwestens
achtet darauf, dass diese Neuerungen so weit im Einklang mit tradierten Werten
stehen, dass die Gemeinschaft sie auch tatsächlich vertragen und verstehen kann.
Der Norden vertritt pragmatisch die Interessen und Fragen der Jäger und Arbeiter,
die mehrheitlich mit der Neuerung im Alltag leben sollen. Im Nordosten schließlich
sitzen jene, die gelernt haben, eine Norm zu formulieren und zu deuten. Nachdem
das Problem reihum vom Osten bis zu ihnen in allen Positionen erläutert wurde,
müssen sie die Argumente und Stellungnahmen zusammenfassen und daraus einen
möglichst konsensfähigen Handlungsvorschlag entwickeln.

363 Storm 1997 S. 350–353


364 Ich folge der Beschreibung des Gesetzeskreises von Lörler 2009 S. 260–265. Die Version von
Storm 1997 S. 338–353 ist ähnlich und ausführlicher.

133
Über diesen Vorschlag stimmt der gesamte Gesetzeskreis mit Ausnahme der
beiden Männer im Osten, die das Thema eingebracht haben, ab, wobei üblicher-
weise elf Stimmen notwendig sind, um einen bindenden Beschluss zu fassen. Der
Gesetzeskreis beruht weder auf vollständigem Konsens noch auf dem Mehrheits-
prinzip. Das Vetorecht haben nur die vorsitzenden Hauptleute, wenn es nicht ge-
lingt, das Problem schlüssig zu formulieren. Der Gesetzeskreis erfordert eine qualifi-
zierte Mehrheit von 80 Prozent, die sich rechnerisch aus dem Kreis und inhaltlich
aus der Besetzung der einzelnen Perspektiven ergeben, in denen alle Meinungen
und Interessen vertreten sein sollen. Auffallend ist dabei, dass zwar beide Ge-
schlechter dieselbe Zahl von Wortmeldungen haben, die Frauen aber in der Ab-
stimmung durch das Wegfallen der beiden Männer im Osten in der Mehrzahl sind.
Da der Gesetzeskreis auf dem Medizinrad beruht und auf die Größe einer über-
schaubaren Gemeinschaft zugeschnitten ist, lässt er sich nicht einfach in jedem sozia-
len Konflikt anwenden. Er setzt ein entsprechendes Gemeinschafts- und Konfliktver-
ständnis der Akteure voraus. Aber selbst wo er in der Praxis nicht nach dieser Vorlage
eingesetzt werden kann, stellt seine Logik ein wertvolles Hilfsmittel für die Analyse,
Behandlung und Evaluation von Konflikten dar, das MediatorInnen in ihrer Arbeit
gegebenenfalls für und mit sich selbst anwenden können. Meist folgt daraus eine er-
weiterte Perspektive auf und eine erhöhte Sensibilität in einem bestimmten Konflikt.
Ebenso eignet sich der Gesetzeskreis gut für Rollenspiele in der Lehre oder in der
Vorbereitung auf einschlägige Missionen.
Eine andere inzwischen weit verbreitete schamanische Praxis, die auf dem
Grundriss des Medizinrads beruht, ist die Schwitzhütte. Ihre Popularität beruht nicht
zuletzt auf dem Umstand, dass viele Anbieter sie als eine spektakuläre Art esoterischer
Sauna kommerzialisiert haben, was einen gewissen Spaß- oder Genussfaktor haben
mag, aber nicht den tieferen Sinn dieser Praxis trifft. Eigentlich umschreibt die
Schwitzhütte ein Gemeinschafts- und Heilungsritual für konkrete Kontexte und als
solches ist es relevant für die Konflikttransformation. Voraussetzung dafür ist die
Existenz einer sich als solche verstehenden Gruppe oder Gemeinschaft, ein
gemeinsames Thema und die Einigkeit darüber, dieses Mittel einzusetzen.
Die Schwitzhütte ist, wie der Grundriss des Medizinrads, kreisrund und ges-
taltet sich nach denselben Prinzipien bezüglich der Himmelsrichtungen und Kreis-
segmente. Die Konstruktion ist einem Uterus nachempfunden, in dessen Mitte sich
eine Mulde befindet, in welche Stück für Stück die zuvor in einem offenen Feuer
erhitzten Bachsteine gelegt werden, nachdem die TeilnehmerInnen im Kreis Platz
genommen haben. Dem geht ein der entsprechenden Weltsicht angepasstes Reini-
gungsritual voraus und der Platz ist so angeordnet, dass die Mitwirkenden in der
Embryonalhaltung um die Mitte sitzen. Das Ritual sollte nur von kundigen Perso-
nen geleitet werden, die in der Lage sind, das entsprechende Arrangement vorzube-

134
reiten, die Zeremonie zu leiten und den einzelnen TeilnehmerInnen im Krisenfall
kompetent beizustehen.
Für die Zwecke dieses Kapitels ist vor allem die rituelle Abfolge dieses Trans-
formationsprozesses von Interesse. Entsprechend den vier Himmelrichtungen und
Kräften des Medizinrads folgt die Schwitzhütte vier Aspekten und Durchgängen.
Nachdem das erste Viertel der glühenden Steine in der Mitte platziert wurde, äu-
ßern die TeilnehmerInnen als Aspekt des Südens der Reihe nach laut ihre eigenen
Bedürfnisse und erbitten je nach Sprachwahl vom All-Einen, dem Universum, der
Existenz, den Spirits oder Vorfahren die Erfüllung ihrer themenbezogen vordringli-
chen Wünsche. Obwohl es in der Hütte stockdunkel ist, erfolgt diese Äußerung vor
einer aktiv hörenden Zeugenschaft, welche die Kenntnisnahme des Gesagten durch
ebenso deutlich hörbare Zustimmung bestärkt. Der oder die LeiterIn begleitet jede
Äußerung durch einen Kräuteraufguss, wodurch die Intensität der Sitzung laufend
steigt. Das Erleben kann am Ende des Durchgangs durch gemeinsamen Gesang,
rhythmisches Atmen oder schamanisches Trommeln weiter intensiviert werden.
Nachdem das zweite Viertel der heißen Steine in die Hütte gereicht wurde,
wiederholt sich das Ritual. Diesmal beziehen sich die Wünsche aber nicht auf die
eigenen Bedürfnisse, sondern „westlich“ auf die der anderen anwesenden oder abwe-
senden, bekannten oder unbekannten Elemente des Systems. Wesentlich ist wie-
derum die deutliche Äußerung und Kenntnisnahme des jeweiligen Wunsches.
Zur Halbzeit entlassen manche Veranstalter die Mitwirkenden in eine Erho-
lungspause an der frischen Luft. Sofern die Schwitzhütte ausdrücklich als Mittel der
Konflikttransformation verwendet wird, empfehle ich die unmittelbare Fortsetzung,
um die Dynamik nicht zu unterbrechen und die Energie vor dem hierfür entschei-
denden dritten Durchgang bis an die Grenze des Erträglichen zu steigern. In diesem
Durchgang „des Nordens“ geht es um jene Aspekte, die abgegeben werden sollen.
Jeder ist eingeladen, alles wegzugeben, was das individuelle, kollektive und universale
Gleichgewicht stört. Dabei ist – schon in der gemeinsamen Vorbereitung und Vorbe-
sprechung – darauf zu achten, dass die loszulassenden Dinge möglichst klar und kon-
kret angesprochen werden. Spannung und Aufmerksamkeit sollten jetzt ihren Höhe-
punkt erreichen und die rituelle Bestätigung des Gesagten durch die aktiv
Zuhörenden schafft einen unverhandelten und unverhandelbaren Konsens, der nicht
zwangsläufig widerspruchsfrei sein muss. Aber Altes wird explizit weggegeben. Daraus
kann Neues wachsen, und sei es nur eine neue Sprachregelung, Symbolik oder ein
neues Verständnis. Das Weggeben ist der wichtigste Teil der Zeremonie, denn hier ge-
schieht die Transformation. Hitze, Enge, Dunkelheit, Schweiß und die unkom-
fortable Sitzhaltung, die gemeinsame Atmung der mit Kräuterduft angereicherten Luft
im Rhythmus von Trommel, Rassel und Gesang rufen alle Sinne wach und maximie-

135
ren die Wahrnehmung, sodass sich Wünsche, Versprechungen und Einsichten stärker
einprägen als sie das unter alltäglichen Bedingungen tun würden. Die Ratio ist nicht
ausgeschaltet, wird aber auf ein für moderne Menschen ungewöhnliches Maß redu-
ziert. Die Schwitzhütte ist ein energetisches Ritual.
Um die Intensität des dritten Durchgangs wirken zu lassen, wird der letzte
„östliche“ Durchgang in Stille begangen. Während der Leiter oder die Leiterin noch
20 Aufgüsse durchführt, lauschen die TeilnehmerInnen der Resonanz des Gesagten
in ihrem Inneren und konzentrieren sich auf die kurative Kraft des transpersonalen
Aktes. Manche LeiterInnen begleiten das mit der Anleitung bestimmter Vorstel-
lungswege, andere lassen einfach die Stille wirken. Die TeilnehmerInnen sterben
den „kleinen Tod“ des vollständigen sich Hingebens an die Hitze, die körperliche
Erschöpfung und an die in der Hütte herrschende Energie.
Wenn die TeilnehmerInnen die Schwitzhütte kriechend verlassen, gleicht das
symbolisch einer Wiedergeburt aus dem Schoß der Mutter Erde. In diesem Augen-
blick manifestiert sich die heilsame und reinigende Bedeutung dieser Sterbe-Werde-
Übung als soziale, seelische und spirituelle Transformation. Im Erfolgsfall verbreitet
sich das Empfinden individueller und kollektiver Reinheit und gespürter Transfor-
mation. Dies sollte in einem räumlich und zeitlich gut gewählten Umfeld schweigend
genossen werden. Erst wenn alle TeilnehmerInnen das ausgiebig ausgekostet haben,
werden sie nochmals zu einer abschließenden Besprechung in den Kreis gerufen,
deren Ablauf üblicherweise kein Problem ist, aber dennoch dem Thema entspre-
chend vorbereitet und auf der Basis einer flexiblen Strukturiertheit geleitet werden
sollte, sodass die energetische Transformation eine für alle wahrnehmbare und rational
nachvollziehbare Gestalt bekommt.
Ähnlich wie der Gesetzeskreis, ist die Schwitzhütte kein transformatives Allheil-
mittel für jeden Kontext. Ihr Einsatz empfiehlt sich für Gruppen von nicht allzu gro-
ßer Zahl und relativ klarer Mitgliedschaft. Schwitzhütten werden auch für andere
rituelle Zwecke organisiert. Sollen sie der Konflikttransformation dienen, ist darauf zu
achten, dass das Rahmenthema konkret formuliert wird und das Einverständnis aller
Beteiligten findet. Geschieht das nicht, ist die Wahrscheinlichkeit eines vom Problem
ablenkenden Abstrahierens in den rituellen Beiträgen Einzelner groß. Stellungnah-
men, die etwa ganz allgemein Gutes für die Menschheit erbitten, sind im Prozess nicht
mehr korrigier- oder kommentierbar. Sie stören nicht formell den rituellen Ablauf,
höhlen den Transformationsprozess aber substanziell aus. Nicht selten endet das in
einer freundlichen Bedeutungslosigkeit. Im schlimmsten Fall resultiert daraus sogar
weitere Verstrickung. Die Schwitzhütte ist als Methode der Konflikttransformation
ein hoch wirksames Mittel. Als solche sollte sie nur kompetenten und erfahrenen

136
Facilitators anvertraut werden, die in der Lage sind, ein das Vertrauen förderndes Vor-
und Umfeld zu schaffen, das einen offenen und sachgerechten Umgang mit dem
Thema ermöglicht.
Eine weit verbreitete, aber leidenschaftlich umstrittene Variante des Medizin-
rads ist die Schöpfung des Ojibwa-Indianer Sun Bear. Nach eigenen Angaben hat er
es um 1970 aus einer Traumvision entwickelt. Jedenfalls stimmt es mit keiner Me-
thodik der Selbsterkenntnis überein, die von einem spezifischen indianischen Volk in
den Amerikas praktiziert worden wäre.365 Diejenigen, die sein Medizinrad als
methodisches und rituelles Lehrprinzip annehmen, bezeichnen sich selbst in Anleh-
nung an seinen Schöpfer als Bear Tribe, und grenzen sich vom traditionalistischen
Deere Tribe ab, dessen Positionen von Philipp Deere, einem Sprecher des Elder Circle
der Muskogee-Creek,366 vermittelt wurden.
Sun Bear kombiniert die tradierten Sichtweisen der Amerikas mit universaler
oder, wie die Kritik sagt, globalisierter Astrologie zu einer dynamischen Typenlehre,
die er an den vier mythischen Himmelsrichtungen, Elementen, Farben, Kristallen,
Jahreszeiten, Tageszeiten und den zwölf Monden orientiert. Er symbolisiert das
durch vier Gottheiten, die als „Hüter des Geistes“ all diese Aspekte und entsprechen-
den Werte wie Weisheit, Tapferkeit, Seelenstärke und Großzügigkeit umschreiben.
Jeder von ihnen lenkt jeweils drei Monde, von denen jeder durch ein Totemtier,
vergleichbar den Sternzeichen, dargestellt wird.367
All diese Symbole sind Figuren aus Sun Bears eigenem kulturellen Narrativ.
Anders als andere Astrologien will Sun Bear in seinem System nicht festlegen, wie
die Menschen kraft Bestimmung sind, sondern er beschreibt einen Weg zu mögli-
chen Veränderungen, Transformationen. Seine Typologie legt die Menschen nicht
auf ihren Standort, eine Richtung oder Charakteristika fest. Sie versteht sich viel-
mehr als Orientierung auf der Reise durch das Leben. Jede Position hat Stärken und
Schwächen, mit denen sie die Stärken und Schwächen anderer zu balancieren ver-
mag. Daraus resultieren die Grundregeln, niemals Erwartungen zu haben und keine
Urteile oder Vergleiche zu bilden.368 Beide sind auch für die elicitive Konflikt-
transformation richtungweisende Ingredienzien. Sun Bears Typologie ist relational.
Sie fragt nach der balancierenden, Frieden schaffenden Wirkung von Beziehungen
auf das Gesamtsystem. Wenn sich jemand weigert, seine Position zu verlassen,
sobald er seine Lektion abgeschlossen hat, verhindert er nicht nur das eigene

365 Sun Bear/Wabun 2005 S. 8–10


366 Deere/Rohr 1986
367 Sun Bear/Wabun 2005 S. 204/205
368 Lörler 2009 S. 73

137
Wachstum und wird krank. Er blockiert auch die Lebensreise anderer.369 Sun Bears
Typologie steht, wie gesagt, nicht im Einklang mit den tradierten Lehren in den
Amerikas. Zudem hat der populäre Begriff Medizinrad mittlerweile Eingang in
weitere Kosmovisionen gefunden, die ihrerseits nicht mit Sun Bear übereinstimmen.

2 Holotropes Atmen

Wie in diesem Band schon mehrfach erwähnt, schuf der 1931 in Prag geborene und
1967 in die USA ausgewanderte Psychiater, Psychologe, Therapeut und Philosoph
Stanislav Grof eine vielbeachtete und leidenschaftlich umstrittene Therapieform
unter dem Namen Holotropes Atmen. Der Begriff holotrop leitet sich aus dem Grie-
chischen holos für ganz und trepein für Marschrichtung ab. Er meint eine Atmung,
die in die Richtung einer ganzheitlichen Wahrnehmung leitet.370 Da ich das dem
Holotropen Atmen zugrunde liegende Menschenbild und seine Interventionsme-
thoden als relevant für die elicitive Arbeitsweise erachte, fasse ich sie in diesem Ka-
pitel zusammen und diskutiere ihre Bedeutung für die Konflikttransformation.
Grof unterteilt den Horizont menschlichen Bewusstseins in drei Niveaus – das
biographische, das perinatale und das transpersonale. Bezüglich der biographischen
Ebene darf Grof der Humanistischen Psychologie zugeordnet werden. Insofern folgt
sein Ansatz dem, was ich im Grundlagenkapitel zu Abraham Maslow, Carl Rogers
und Fritz Perls gesagt habe. Er beruft sich explizit auf die Bedeutung der Gestaltthe-
rapie für seine Arbeit und wendet deren Denken und Sprache laufend an.371 Ich
gehe darauf nicht nochmals ein, da das bei Grof kein spezielles Thema ist. Es sei
allerdings an die in der Humanistischen Psychologie höchst bedeutende Unter-
scheidung zwischen aktuellen Gefühlen durch gegenwärtige Eindrücke oder Impulse
und aus der biographischen Erfahrung aktivierte Emotionen erinnert.372 Demnach
werden sämtliche biographisch gesammelten Erlebnisse und Eindrücke eines Men-
schen in dessen Körper und Geist gespeichert. Dabei sollte das Wort Biographie
wörtlich genommen werden, als der Biosphäre, dem Körperlichen eingeschriebene
Lebenserfahrung, die das aktuelle Individuum und seine Zusammenhänge prägt.
Jede dieser Erfahrungen, jeder gespeicherte Eindruck ist nach Grofs Interpreta-

369 Sun Bear/Wabun 2005 S. 288


370 Grof 1988 S. 165
371 Grof 1988 S. 179
372 Grof/Bennet1993 S. 86

138
tion373 der Lehre von Wilhelm Reich durch einen entsprechenden Impuls abrufbar,
bewusst oder unbewusst erinner- und aktualisierbar.
Diese biographischen Erfahrungen werden auf einer Basic Perinatal Matrix ab-
gelegt. Damit meint Grof in Anlehnung an Otto Rank374 ein psychisches Raster, das
im Umfeld des Geburtsvorgangs jedes Individuums gebildet wird und sich entspre-
chend der jeweiligen Erfahrungen auflädt,375 wobei Grof den frühkindlichen
Prägungsrahmen in die vorgeburtliche Phase hinein definiert. Stanislav Grof hat
sich in den frühen Phasen seiner Arbeit nicht nur intensiv mit psychedelischen Dro-
gen und deren Wirkungen befasst, sondern auch mit zahlreichen mystischen Tradi-
tionen, Pranayana, Tantra, Kundalini Yoga, Sufismus und Schamanismus unter-
schiedlicher Regionen.376 Deshalb überrascht nicht, dass seine viergeteilte Basic
Perinatal Matrix auch Ähnlichkeit zur Grundstruktur des Medizinrads aufweist. Die
Phasen der perinatalen Prägung umschreiben nach Grofs Bezeichnung erstens die
ozeanische oder Apollinische Ekstase,377 zweitens die Ausweglosigkeit,378 drittens die
vulkanische oder Dionysische Ekstase im Wieder-Geburtskampf379 und viertens die
Erfahrung der Wieder-Geburt.380 Grofs etwas kryptische Benennung der perinatalen
Matrix lässt sich auch mit den Phasen von Perls ausdrücken und noch besser mit
Gabrielle Roths schon erwähnten Nomenklatur einfach als perinatales Flowing,
Staccato, Chaos, Lyrical mit der so bestimmten Stillness des biographischen Lebens
als Folge entschlüsseln. Gabrielle Roth381 hat sich auch mit dem Schamanismus und
mit Grof auseinandergesetzt, sodass sich die Ähnlichkeiten all dieser Muster über
die gemeinsame Vorlage und Erfahrung erklären.
Auf die idealtypisch zu durchlaufenden Phasen und die prägende Ersterfahrung
der Welt baut die biographische Ebene nach Grof auf. Die im Leben erworbenen
Eindrücke werden gleichsam als neue Erfahrungsfolien in den durch die perinatale
Matrix vorgegebenen Feldern und ihren Mustern, und nur dort, abgespeichert. Das
biographische Erleben der Welt ist demnach durch die perinatale Erfahrung ent-
scheidend vorgeprägt. Grof führt in seinen Texten Beispiele künstlerischen Schaf-

373 Grof 1988 S. 200


374 1884–1939
375 Rank 1929
376 Grof 1988 S. 169/170 und 275–288
377 Wholeness and Amniotic Universe
378 Expulsion from Paradise
379 The Death-Rebirth Struggle; mit Wieder-Geburt ist hier kein spirituelles Prinzip gemeint, sondern
die Schwellenerfahrung, die zwischen dem Leben des Fötus, dessen Erfahrung des Vergehens in
der Geburt und des neuen, eigenständigen Lebens danach liegt.
380 The Death and Rebirth Experience.
381 Roth1998

139
fens und politischen Wirkens an, die aus Themen der entsprechenden Matrix ge-
speist und aktiviert sein mögen.
Bedeutsam für die Zwecke der elicitiven Konflikttransformation ist Grofs Fest-
stellung, dass die Positionen auch politischer und sozialer Akteure über eine perina-
tale Ausrichtung gesteuert werden und die Akzeptanz von Konfliktinterventionen
auf der Sachebene nicht nur von biographischen und sozio-kulturellen Problemla-
gen bestimmt werden, sondern perinatale Vorbedingungen bei jedem Akteur in
einem System mitbedacht werden müssen.

Acting out unconscious impulses – whether these occur individually, in self destructive
behaviour or interpersonal conflict, or collectively through wars and revolutions – does
not result in transformation, as would occur by bringing the same material to full cons-
ciousness, since insight and therapeutic intention are missing. Even when violent beha-
viour results in victory, the goal of the unconscious birth memory – which was the dri-
ving force behind the events – is not achieved. The most triumphant external victory
does not deliver what the unconscious expected or hoped for: an inner sense of emotio-
nal liberation and spiritual rebirth.382

Das als archetypisch böse Erzählte mancher politischer Figur wie Hitler oder Stalin,
Milosevic oder Saddam, um nur einige viel diskutierte Beispiele zu nennen, rückt
dadurch aus dem Schatten des Unmenschlichen in das Licht der menschlichen Tra-
gödie. Diese liegt nicht im Geschick an sich, sondern in der so wahrgenommenen
Dualität zwischen den geächteten und den geachteten Aspekten einer Person, einer
Gesellschaft oder eines sozialen Zusammenhangs. Die Anerkennung der Bedingtheit
des absolut böse Scheinenden, die Versöhnung des Geächteten mit dem Geachteten
ist eine zentrale Aufgabe der Konflikttransformation, da der Verzicht auf sie die
Verfangenheit in der moralisch-modernen Dimension des gewalttätigen Rechthabens
bedeutet, das zur Konflikttransposition einlädt und Transformation unterbindet.

Exkurs: Das Perinatale und das Politische als Zusammenhang

Ich hatte mich mit dieser Frage auseinandergesetzt, schon ehe ich Grof für mich ent-
deckte. Es ist erstaunlich, zu welch ähnlichen Ergebnissen wir von höchst unterschied-
lichen Ausgangpunkten gelangt sind, weshalb ich hier eine These zusammenfasse, die
ich im Jahr 2000 in einer Kritik383 des Universalitätsanspruchs der Menschenrechte

382 Grof/Bennet 1993 S. 216


383 Dietrich 2000 (28.5.2009)

140
publiziert habe. Ich nahm damals eine gewisse Redundanz in der Debatte über Men-
schenrechte wahr und fragte, woher die unveränderte Wiederholung von Argumenta-
tionsmustern über die Jahrhunderte hinweg komme. Ich griff zur Analyse auf die
Terminologie von Friedrich Nietzsches Abhandlung über die fröhliche Wissenschaft384
aus dem Jahr 1886. Nietzsche unterschied dort zwischen Künstlern, die unter dem
kulturellen Überfluss, und solchen, die unter der kulturellen Verarmung ihrer jeweili-
gen Generation leiden. Die ersten nannte er Optimisten, die zweiten Pessimisten. Er
meinte, dass Optimismus den Künstler einlädt, das Schreckliche zu denken und selbst
zu wagen, während Pessimismus das brennende Verlangen nach Hoffnung beinhalte
und deshalb zu Mäßigung und Entschleunigung führe. Im selben Text wiederholt
Nietzsche seine ältere und idealtypische Beschreibung des Dionysus als energetischen
Gott des kreativen Willens und Apollos als Gott der formalen Harmonie.
Ich baute auf Nietzsches Terminologie eine Matrix, die aus den vier Feldern des
Dionysischen Optimismus, des Dionysischen Pessimismus, des Apollinischen Opti-
mismus und des Apollinischen Pessimismus bestand. Diese verband ich mit der Zyk-
lenlehre, wie sie von der wirtschaftshistorischen Weltsystemtheorie entwickelt worden
war.385 Vor allem sah ich eine Entsprechung meiner Matrix in Peter Taylors
Hegemonialzyklentheorie. Basierend auf den langen Wirtschaftszyklen sieht Taylor im
kapitalistischen Weltsystem vier jeweils etwa 25 Jahre oder eine Generation dauernde
Phasen des hegemonialen Aufstiegs, des hegemonialen Siegs, der hegemonialen Reife
und des hegemonialen Verfalls.386
Ich behauptete, dass die politischen und sozialen Narrative jeder Generation
oder Epoche von der Verfasstheit des jeweiligen hegemonialen Zentrums abhingen,
da die diagnostische Macht387 im kapitalistischen Weltsystem regelmäßig im hege-
monialen Zentrum liege. Dieses formuliert Werte entsprechend seinen politischen
und ökonomischen Interessen. Dementsprechend wären die Eliten der Zentren im
kapitalistischen Weltsystem die Hauptakteure, deren psychische Verfasstheit in den
Mittelpunkt des Interesses der Konflikttransformation zu rücken sei. Auf dieser
Basis fügte ich Taylors Schema der vier Hegemonialphasen eine Vermutung über
die psychische Grundstimmung der Eliten in den jeweiligen Phasen hinzu: Hoff-
nung zum hegemonialen Aufstieg, Erwartung zum hegemonialen Sieg, Ernüchte-
rung/Zweifel zur hegemonialen Reife und Enttäuschung/Angst zum hegemonialen
Verfall. Aus dieser Kombination ergab sich ein zyklisches Modell materieller/

384 Nietzsche 1983.


385 Van Duijn 1993. Dieses Buch schien mir den damaligen Stand der Diskussion optimal zusam-
menzufassen. Grundlegend dafür sind natürlich die Arbeiten von Immanuel Wallerstein.
386 Taylor 1994 S. 25–39.
387 Gronemeyer 1988 S. 38.

141
ethischer und immaterieller/ästhetischer Grundlagen, auf deren Basis ich die histo-
rische Debatte um die Menschenrechte im 20. Jahrhundert weiter verfolgte.

Ich definierte die Zeit zwischen dem Ende des langen 19. Jahrhunderts388 und dem
Zweiten Weltkrieg, die Jahre zwischen 1918 und 1945, als Phase des Dionysischen
Optimismus. Das mag auf den ersten Blick als Widerspruch erscheinen. Die Zeit der
wirtschaftlichen Depression, kommunistischer Revolutionen, des Faschismus, des Ho-
locaust, der Atombomben und des globalen Blutvergießens eine Periode der Hoff-
nung? Doch hat Nietzsche nicht gesagt, dass just der Kombination des kreativen
Willens und der Hoffnung die Kraft und Tendenz innewohne, auch das Schreck-
lichste vorzustellen und zu tun? Im 20. Jahrhundert war es der Sturm und Drang
dieser Zeit, als der Idealismus der neuen Ideen – vor allem der sozialen Rechte – die
alte und frustrierte Ordnung des 19. Jahrhunderts in ihren Grundfesten erschütterte.
Die Russische Revolution, der Faschismus und der Maoismus erklärten im Gleich-
klang Gewalt als legitimes Mittel zur Umsetzung dessen, was sie als Gerechtigkeit und
Ideal betrachteten. Hoffnung als politische Kategorie definiert sich nicht über
Erfahrung oder Rationalität, sondern über Ideale, Unsicherheit und Risiko. Bloße
Hoffnung garantiert mitnichten gute Resultate, was immer gut auch bedeuten mag.
Verbindet sich eine Heilsversprechung einmal mit Idealismus, Unsicherheit und
Risiko vermag sie in den Augen der Gläubigen auch Gewalt und Zerstörung im

388 So wird oft die Zeit zwischen der Französischen Revolution und dem Ersten Weltkrieg umschrieben.

142
größten Ausmaß zu legitimieren.389 Das ist wohl eine der wichtigsten Lehren, die sich
aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts für die Gegenwart ziehen lassen.
Apollinischer Optimismus ist die Periode vermeintlicher Selbstverständlichkeit
der Großen Erzählungen. Er ist durch offenkundige Prosperität und Erfolge in den
Zentren des Weltsystems gekennzeichnet, durch Balance und Harmonie aufgrund
klarer Spielregeln. Im 20. Jahrhundert waren das die Regeln des Kalten Kriegs, vor
allem die Jahre zwischen 1945 und 1968. In Zeiten des Apollinischen Optimismus
tendieren die Menschen dazu, ihre Interpretation der Welt, ihre Regeln und ihre
Wahrheiten für die folgenden Generationen niederzuschreiben. Sie glauben, dass
diese unteilbar, universal und ewig wären. Apollinischer Optimismus braucht die
glühende Hoffnung des Dionysischen Optimismus nicht mehr, denn alles scheint
klar und geregelt. Es gibt keinen Platz für Abweichungen. Die werden nicht mehr
ausgelöscht, wie in den stürmischen Zeiten des Dionysischen Optimismus, sondern
gesetzlich verboten. Im Geist dieser Generation ist Vielfalt eine kleine und praktisch
notwendige Variation innerhalb des vereinbarten Rahmens universeller Normen, im
Wesentlichen vom Geist eindimensionaler Uniformität getragen. Das ist die Zeit, in
der die wichtigsten Menschenrechtsdokumente beschlossen und unterzeichnet wur-
den. Der Bestand dieser Dokumente schien nach kürzester Zeit so selbstverständ-
lich, dass sich alle auf sie bezogen, obwohl nur einige Experten sie ernsthaft studier-
ten und diskutierten. Aus diesem Grund wurden diese Texte und ihre Vor-
aussetzungen nie an die Einsichten der nachfolgenden Dekaden angepasst, sodass
einige von ihnen, vor allem der Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und
kulturelle Rechte, eher als anachronistische Beweise der formal-optimistischen
Stimmung ihrer Zeit, des Dogmas radikaler Uniformität erscheinen denn als effek-
tives Mittel für den Schutz der menschlichen Würde.
Auf die Zeit des Sturm und Drang, als die Menschen dachten, sie könnten
Menschenrechte und Menschenwürde mit Gewalt vertreten, und nach der klassi-
schen Periode, als die uniforme und erweiterte Sammlung menschenrechtlicher
Normen den Platz der Menschwürde besetzte, führte die so genannte Revolution
von 1968 nicht zum Bruch mit den alten Regeln und Traditionen, wie es ihre Pro-
tagonisten von Berlin bis Berkeley, von Paris bis Prag beanspruchten. Ohne die
Meta-Narrative ernsthaft zu hinterfragen, läuteten sie die romantische Phase ein,
erfreuten sich des unübersehbaren Abstands zwischen Theorie und Praxis, flirteten
im gesicherten Ambiente der weltsystemischen Zentren eher mit häretischen Ideen,
als auf substanziellen Wandel hin zu wirken. In der Zeit der hegemonialen Reife
wurde der Kalte Krieg in eine Art globale Détente verwandelt, die ein gewisses Maß

389 Darin stimme ich überein mit Bauman 1993 S. 225

143
an bürgerlicher Häresie in den Zentren erlaubte, solange sie das klassisch fortdau-
ernde Narrativ des Kalten Kriegs nicht wirklich in Frage stellte oder bedrohte.
Die Umwelt-, Solidaritäts-, Menschenrechts-, Friedens- und auch die zweite
Frauenbewegung nehmen alle hier ihren Anfang. Zum Teil waren sie erfolgreich
darin, ihre Ideen in der Internationalen Politik zu verankern. Einige Texte bezeugen
diesen Erfolg eindrucksvoll, etwa die Deklaration über sozialen Fortschritt und
Entwicklung (1969),390 die Charter über wirtschaftliche Rechte und Pflichten von
Staaten (1974),391 die Deklaration über eine Neue Weltwirtschaftsordnung (1974),392
die Konvention zur Eliminierung der Diskriminierung von Frauen (1979),393 die
World Charter for Nature (1982),394 die Anti-Folter Konvention (1984),395 die
Deklaration über das Recht auf Frieden (1984)396 und die Deklaration über das
Recht auf Entwicklung (1986).397 Ihnen allen ist gemein, dass sie innerhalb des
klassischen Rahmens der Vereinten Nationen beschlossen wurden und sich auf Ziele
beziehen, die weit jenseits der Erreichbarkeit in diesem System liegen. Der Inhalt
dieser Dokumente ist für die unterzeichnenden Staaten noch weniger verpflichtend
als die klassischen Menschenrechtsdokumente innerhalb des schwachen Kontroll-
systems, das im Anschluss an ihre Proklamation errichtet wurde. Genauso wurden
sie alle von den Regierungen der ganzen Welt behandelt. Die romantischen Doku-
mente über Umwelt, Frieden und Entwicklung, inklusive der Menschen- und
Frauenrechte stellen eine Simulation politischer Ziele dar, die seitens der Machtha-
benden niemals zu erfüllen beabsichtigt wurde.
Das führte zu dem spezifisch postmythischen Befinden, in welchem in den po-
litischen Institutionen niemand mehr an deren Bedeutung glaubte. Die Apollini-
schen Pessimisten der romantischen Periode zwischen 1968 und 1991 waren mehr
oder minder ernüchtert, was die klassischen Wahrheiten betraf, aber sie wollten
nicht vom Glauben an das Paradies auf Erden am Ende der Geschichte ablassen. Sie
hassten nichts mehr als die Vorstellung einer Welt, die nicht zum Paradies auf Er-
den führen würde. Statt innezuhalten und die Auswirkungen permanenten Fort-
schritts und der Moderne zu überdenken, tendierte diese Generation dazu, die
Wohlfahrtskompetenzen von staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen bis ins
tägliche Leben, in die Toiletten und Schlafzimmer der Menschen auszuweiten, das

390 United Nations General Assembly RES/2542 (XXIV)


391 United Nations General Assembly RES/3281 (XXIX)
392 United Nations General Assembly RES/3201 (S-VI)
393 United Nations General Assembly RES/34/180
394 United Nations General Assembly RES/37/7
395 United Nations General Assembly RES/39/46
396 United Nations General Assembly RES/39/11
397 United Nations General Assembly RES/41/128

144
Tempo der sozialen Aktivitäten zu erhöhen und das administrative Niveau zu effek-
tivieren. Alles war erlaubt, außer dem Ruf nach dem Ende dieses beschleunigten
Aktionismus.
Die Ketzer dieser Epoche waren jene, die immer noch nach dem Sinn dieses
Tuns fragten. Da sie ihn nicht finden konnten, gingen sie, von der Mehrheit gehasst,
ausgegrenzt und verlacht, daran, die Phase des postmodernen Denkens einzuläuten, in
Nietzsches Sprache den Dionysischen Pessimismus. Es ging jetzt um jenen Geistes-
und Gemütszustand, in dem eine Generation sich schmerzhaft von den Wahrheiten
der vorangegangenen verabschiedet, ohne selbst einen gemeinsamen, neuen Bezugs-
punkt zu haben. Dieser Zustand kann mit dem Wort Enttäuschung umschrieben
werden. Nach den Konvulsionen der Jahre 1989 bis 1991 wurde er schrittweise zur
vorherrschenden Stimmung in den hegemonialen Zentren des Weltsystems um die
Jahrtausendwende. Die Menschen, und das nicht nur in Osteuropa, wurden sich der
Relativität all der Wahrheiten bewusst, an die sie während der früheren Perioden
geglaubt hatten. In der Folge verloren diese Wahrheiten ihren bindenden Charakter.
Ein solches Befinden kann als simpler Verlust der Werte und Orientierungen be-
zeichnet und erlebt werden, als Anomie.
Menschenrechtsdokumente dieser Zeit wiederholen die unerreichbaren Ziele
der vorangegangenen Perioden. Das trifft für praktisch alle Abschlussdokumente der
Großkonferenzen der Vereinten Nationen zu, die seit Rio 1992 stattgefunden haben.
Eine andere Gruppe von Dokumenten bezieht sich auf die neue Wahrnehmung von
Vielheit. Damit meine ich das UNESCO-Projekt Culture of Peace398 und die UN-
Resolution Dialogue between Civilisations.399 Diese belegen nochmals die Auswirkun-
gen der Modernisierung auf das Menschenrechtsdenken. Die globale Zumutung der
Moderne lenkt die Aufmerksamkeit der desillusionierten Menschen auf die Frage
nach sozialer und persönlicher Identität. Vielheit und das Recht auf Abweichung
werden dadurch zentrale Themen der Menschenrechte. Das schafft Spannung im
normativen Rahmen der Idee.
Postmodernes Denken als wissenschaftliche Methode ist eine Antwort auf diese
Spannung im alltäglichen Befinden der hegemonialen Zentren. Der Werteverlust
um die Jahrtausendwende und die Zumutungen dessen, was von einer wachsenden
Zahl an Menschen als Verlust der Lebensqualität wahrgenommen und Globalisie-
rung genannt wurde, bewirkte eine angstbesetzte Wahrnehmungskrise, wie sie für
das Ende des Dionysischen Pessimismus bezeichnend ist. Die kollektiven Ego-Ziele
der hegemonialen Gesellschaften werden frustriert, weil sie sich als unerreichbar

398 United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization UNESCO (28.5.2009)
399 United Nations General Assembly RES 53/22

145
erweisen oder, schlimmer noch, erreicht wurden.400 Die Frustration der kollektiven
Ego-Ziele führt zu Todesangst im Mittelmaß. Angst und Hoffnung sind aber nur
verschiedene Wahrnehmungen derselben Energie. Daher verwandelt sich die kol-
lektive Angst vor dem Untergang an ihrem Höhepunkt schließlich in jene Kühn-
heit, aus welcher der Dionysische Optimismus neu entsteht, zyklisch wiedergeboren
wie sein Namensgeber.
Meine damalige These fand in sozialwissenschaftlichen Kreisen, vor allem in der
englischsprachigen Welt, freundliche Aufnahme. Es wurde freilich auch bemerkt,
dass eine solche These vor ihrer Integration in praktische Politikberatung nach einer
empirischen Untermauerung verlangt, die ich nie geliefert habe. Dass die Humanisti-
sche Psychologie mit der perinatalen Matrix auf der ursprünglichen Basis desselben
Denkers, Nietzsche, schon früher ein ähnliches Modell mit nahezu derselben Na-
mensgebung erstellt und in die therapeutische Arbeit eingeführt hatte, wusste ich
damals nicht, und keiner meiner Gesprächspartner erwähnte es. Heute finde ich diese
Entdeckung faszinierend. Grofs Charakterisierung der einzelnen Phasen seiner peri-
natalen Matrix erlaubt den Schluss, dass das biographische Geschick jedes Menschen
zwischen der perinatalen Prägung und der hegemonialen Phase seiner Zeit einge-
schlossen liegt. Dies ist aus systemtheoretischer Sicht plausibel und öffnet den Weg
zur transpersonalen Ebene.
Ich füge Grofs perinatale Matrix in mein Diagramm der Hegemonialzyklen
ein, und stelle die These auf, dass nicht nur individuelle Biographien an das Raster
der perinatalen Matrix gebunden sind, sondern dass ganze Gesellschaften diesem
Muster folgen:

400 Vaughan 1984 S. 30

146
Dieses Diagramm versucht die Verbindung der in Nietzsches Denken gründenden
sozialwissenschaftlichen Matrix mit ihrer humanpsychologischen Dimension. Wenn
die perinatale Matrix jedes Menschen aus embryonalem und frühkindlichem Erle-
ben gebildet wird, so ist einsichtig, dass sie nicht nur eine biologische Angelegenheit
ist, sondern auch wesentlich vom Befinden der Prägepersonen beeinflusst wird.
Diese wiederum sind in einen sozialen Kontext eingebettet, der ihr Leben entschei-
dend prägt. Jede Gesellschaft baut die perinatale Matrix der nachfolgenden Genera-
tion. Die teils radikal wechselnden Dogmen und Wahrheiten über die vermeintlich
richtige Behandlung Schwangerer und Neugeborener belegen das eindrucksvoll.
Jede Generation produziert über ihre Werte und Ausrichtungen ihre Helden und
Monster, deren biographischer Werdegang nur innerhalb dieser Vorgaben selbstbe-
stimmt ist. Auch wenn Hitlers individuelle Taten und Entscheidungen von ihm
selbst zu verantworten sind, kann er nur als ein Produkt der Dionysischen Ekstase,
der aus der Untergangsangst (wieder)geborenen blinden Hoffnung seiner Gesell-
schaft in ihrer Zeit verstanden werden. Das gilt für jedes weniger prominente oder
menschenverachtende Individuum in derselben Weise.
Darin sieht Grof die politische Relevanz seiner Lehre. In Anlehnung an Jung
wird bei ihm der Feind eines jeden Menschen und jedes Kollektivs aus dem Schat-
ten des eigenen Ego konstruiert. Der Feind ist nie zuerst „da draußen“, sondern er
sitzt in der eigenen Wahrnehmung, die aus der perinatalen Matrix und biographisch
strukturierten Schattenaspekten gebildet wird. Streit, physische Gewalt und Krieg
werden auf diesem Terrain nach archaisch-energetischen Mustern der kollektiven

147
Erinnerung ausagiert. Bevor es auch nur einen Menschen in einem Konzentrations-
lager gab, hat ein Konzentrationslager im Kopf und Herzen eines Menschen exis-
tiert, meint Grof.401 Diese Feststellung scheint mir als Leitsatz für die elicitive Kon-
flikttransformation von größtem Nutzen, denn Konflikte im zwischenmenschlichen
Bereich – und das auch auf der höchsten politischen Ebene – lassen sich in den
seltensten Fällen402 durch die Berufung auf die objektive Wahrheit der modernen
Wissenschaft transformieren. Im Gegenteil, wer sich ausschließlich auf deren ver-
meintlich objektive Befunde beruft und die transrationalen Aspekte außer Acht lässt,
erweist sich in vielen Kontexten als ein hermetischer Akteur und damit als Hinder-
nis politischer oder sozialer Transformationsvorgänge im holistischen Sinn. Das
steht Menschen, die sich als FriedensarbeiterInnen verstehen, am allerwenigsten zu.
Während Grofs Vorschlag der perinatalen Matrix eine in dieser Form umstrit-
tene, aber nicht eben skandalöse Erweiterung des grundsätzlich auch vom wissen-
schaftlichen Mainstream akzeptierten Konzepts der frühkindlichen Prägung blieb,
wurde die dritte Ebene, die in seiner Psychologie zur perinatalen und biographi-
schen Dimension des Menschen tritt, von vielen als Skandal betrachtet: die trans-
personale. Transpersonal bedeutet wörtlich jenseits des Personalen, jenseits der Per-
sönlichkeit, jenseits des hautumhüllten Ego. Nach dem transpersonalen Ansatz sind
Menschen nicht auf das begrenzt, was oder wer sie durch ihren Körper, ihr Ego oder
ihre Persönlichkeit zu sein scheinen. Die transpersonale Psychologie versucht, die
klassischen persönlichen Eigenschaften des Menschen mit seinen äußeren Aspekten,
jenen jenseits der persönlichen Grenzen liegenden, in Verbindung zu bringen.403
Das tat grundsätzlich schon die Jung’sche Psychologie. Grof versuchte sie durch das
Studium schamanischer Weisheit auf Basis der Systemlehre Gregory Batesons zu
erweitern.
Für Grof bildet die Spezies Mensch ein global vernetztes System, dessen ein-
zelne Elemente miteinander in Kommunikation stehen. Transpersonalität bedeutet
für ihn Korrespondenz innerhalb unmittelbarer sozialer Zusammenhänge und weit
mehr als das. Jeder Mensch ist nach Grof innerhalb des Systems seiner Spezies in
der Lage, Informationen oder Impulse aller anderen zu empfangen, ohne sich der
verbalen Kommunikation oder der Hilfsmittel der manifesten Welt bedienen zu
müssen. Umgekehrt schreibt sich auch jede Tätigkeit, jeder Gedanke eines jeden
Menschen unauslöschlich in die kollektive Matrix, das kollektive Unbewusste der
Spezies ein, sodass sie prinzipiell jederzeit von allen anderen abgerufen werden kann.

401 Grof/Bennet 1993 S. 218


402 Ein solcher Fall könnte nur eine in der Wirklichkeit schwer vorstellbare allgemeine Apollinische
Ekstase sein.
403 Vaughan 1984 S. 26/27

148
Ob dies tatsächlich passiert, hängt von einer letztlich unkalkulierbaren Kombination
verschiedener materieller, sozialer, biographischer und psychischer Faktoren ab. Grof
führt als Beleg für seine Annahme eine Vielzahl von Beobachtungen derartiger trans-
personaler Informations- und Emotionsübertragungen an. Da er die menschliche
Sphäre als energetisches Holon versteht, glaubt er an Übertragungsmöglichkeiten über
die Grenze des hautumhüllten Ego, über die wie auch immer definierte Person und
auch über Raum und Zeit hinweg.404
Über die Überzeugungskraft seiner Beispiele gehen die Meinungen der Kritik
auseinander. Mir scheint, dass er zu wenig auf die Unterscheidung zwischen prärati-
onalen und transrationalen Erzählungen achtet und sich dadurch berechtigter Kritik
aussetzt. Dessen ungeachtet beschreibt er transpersonale Phänomene, welche die
meisten Menschen in der einen oder anderen Weise aus eigener Erfahrung kennen.
Wie immer diese erzählt werden – allein die Tatsache, dass sie erzählt werden, macht
sie vorerst als soziale Narrative und Wahrnehmungen real. Wer immer sich ernsthaft
mit der gesellschaftlichen Welt und ihren prägenden Gedanken, Reflexen und Er-
zählungen auseinandersetzt, kann sie nicht ignorieren.405 Daher schlage ich im Kon-
text elicitiver Konflikttransformation vor, transpersonale Phänomene dann als real
zu akzeptieren, wenn Menschen sie wahrnehmen und sich keine andere Deutung
des Phänomens nachdrücklich in den Kontext drängt. Denn keine externe Inter-
vention hat eine Chance auf Erfolg, wenn sie nicht mit einer grundlegenden
Transformation des menschlichen Bewusstseins verbunden ist.
Der Grof’sche Ansatz ist unabhängig von der Schlagkraft mancher Beispiele und
Argumente für die Konflikttransformation als innovative und praktikable Synthesis
aus den Lehren Freuds, Jungs, Reichs, Maslows, Rogers‘ und Perls‘ wichtig. Obwohl
Grof das nie so gesagt hat, trägt seine Denkweise entscheidend zum Verständnis von
Gewalt und Konflikt bei. Wie Rogers löst er den Gedanken der Therapie aus seinem
klinischen Kontext und überträgt ihn in die Lebenswelt von Menschen, die unter
modernen Standards als gesund gelten, aber unbefriedigende oder selbstzerstörerische
Lebensstrategien anwenden und ihr Potential nicht zur Gänze ausleben. Das kann sich
als innerer oder zwischenmenschlicher Konflikt äußern. Neben der klinischen An-
wendung ist daher der zweite Einsatzbereich des Holotropen Atmens der transforma-
tive, die Suche nach einem befriedigenden Zugang zum Leben und zum Selbst.406 In
diesem Sinne gilt die Aufmerksamkeit dem Bewusstsein der Erfahrenden als soziale
Wesen.

404 Grof/Bennet 1993 S. 83–200. Mit derselben Frage befasst sich aus christlicher Sicht Griffith 1984
S. 56/57
405 Dieses Argument von Aldous Huxley zitiert bei Grof/Bennet 1993 S. 141
406 Grof 1988 S. 242–250

149
Grof ist die Akzeptanz seiner umstrittenen Lehre auch in der Schulmedizin ein
Anliegen. Ich verfolge diesen klinischen Aspekte hier nicht, diskutiere auch nicht die
Kontraindikationen, sondern konzentriere mich auf die transformative Wirkung im
Bewusstsein von medizinisch gesprochen gesunden Menschen. Obwohl die Grenzen
fließend sind, geht es vor allem um das Abschließen unbeendeter Gestalten, um
inneres Wachstum, um persönliches Reifen, Klären, um das Erschließen von Be-
wusstseinssphären, die modernen Durchschnittsmenschen meist verschlossen sind.
Es geht um Balance und sensibleres Bewusstsein von Menschen, die sich auf inten-
sive Arbeit mit anderen in schwierigen Konfliktlagen vorbereiten.
Beim Holotropen Atmen handelt es sich um eine ebenso spektakuläre wie
wirksame, aber auch aufwändige Übung, die nur von gut ausgebildeten Fachleuten
unter wohlbedachten Bedingungen eingesetzt werden kann. Neben dem Erfah-
rungswissen ist ein professioneller Umgang mit Übertragungs- und Gegenübertra-
gungsphänomenen, sowie mit Widerständen und Krisen erforderlich, da sonst die
Gefahr besteht, das auftauchende Material inadäquat zu verarbeiten, was mehr Be-
lastung als Transformation mit sich bringt.407 Holotropes Atmen ist daher kein
Werkzeug für herkömmliche Feldeinsätze. Als Methode der Bewusstseinsbildung
und Selbsterfahrung erweist es allerdings in der praktischen Ausbildung, in der Vor-
bereitung auf Einsätze und in der Supervisionen hervorragende Dienste. Aus diesem
Grund bietet der Innsbrucker Lehrgang einmal pro Jahr im akademischen Rahmen
einen entsprechenden Workshop an.
Holotropes Atmen besteht aus der kombinierten Anwendung beschleunigter
Atmung, evokativer Musik, konzentrierter Körperarbeit und bildnerischen Ausdrucks.
Wie im ersten Band dieser Trilogie diskutiert, ist der Atem der Schlüssel zum energeti-
schen Verständnis der Frieden. Dementsprechend ist Atemtechnik zur Herstellung
veränderter Bewusstseinszustände, die in ein transpersonales Erleben von Frieden
führen, ein weltweit verbreitetes Instrument. Schamanische Praktiken aller Kontinente
kennen ausgefeilte Methoden der Beschleunigung, Unterbrechung und Rhythmisie-
rung der Nasen- oder Mundatmung, um das entsprechende Fahrzeug in Bewegung zu
setzen. Sufi-Atmung, Pranayana und Kundalini-Yoga sind die populärsten, aber bei
weitem nicht die einzigen derartigen Techniken.
Als die klinische Arbeit mit bewusstseinserweiternden Drogen für Stanislav
Grof immer schwieriger wurde, hat er diese schamanischen Techniken studiert und
nach unterschiedlichen Experimenten im Esalen Institute eine einfache Methode
beschleunigter Atmung in anfänglicher Rückenlage als Basis für das Holotrope At-
men eingeführt.408 Er gelangte zu der Ansicht, dass der Unterschied zwischen den

407 Walch 2003 S. 24


408 Grof 1988 S. 169/170

150
komplexen Techniken der verschiedenen Schulen und Traditionen nicht so wesent-
lich ist. Für seine ursprüngliche Absicht, unbeendete Gestalten durch veränderte
Bewusstseinszustände abruf-, bearbeit- und heilbar zu machen, erachtet er als zent-
ral, dass die Praktizierenden schneller und voller atmen als normal und sich auf die
inneren Prozesse konzentrieren.
Langfristig erwies sich der Atem allen vorher verwendeten chemischen Sub-
stanzen als überlegen. Die Droge nimmt dem Ich die Kontrolle aus der Hand, be-
wirkt je nach Beschaffenheit und Dosis für eine gewisse Dauer veränderte Bewusst-
seinszustände, welche die Erfahrenden gleichsam passiv erleiden. Beim Atmen hin-
gegen bleibt die Kontrolle bei den Praktizierenden. Niemand braucht tiefer zu gehen
als er oder sie will. Das kann bei Menschen mit zwanghaften Charakterstrukturen
dazu führen, dass schon oberflächliche Widerstände, die von Drogen einfach auf-
gelöst werden, die Veränderung des Bewusstseinszustands vollkommen unterbinden.
Walch409 weist – der inneren Weisheit der Erfahrenden vertrauend – darauf hin, dass
selbst oberflächliche Widerstände einen Sinn haben, weil sie auf die ihnen zugrunde-
liegende Ängste und Hemmungen verweisen. Diese kennenzulernen, ist seiner Mei-
nung nach sinnvoll, denn sie verlangen dem Erfahrenden die bewusste Entschei-
dungen ab, ob er den nächsten Schritt gehen will oder nicht. Auch auf die Gefahr
hin, dass die Übung individuell abgebrochen wird, bevor sie überhaupt richtig
begonnen hat, trägt dies zu erhöhter Selbstverantwortung und letztlich erhöhtem
Selbstbewusstsein bei. Zudem bedeutet ein unüberwindbarer Widerstand auf
individueller Ebene nicht zwangsläufig ein Scheitern, solange der Gruppenprozess
nicht verlassen wird. Die Gruppenenergie bei holotropen Atemsitzungen ist enorm.
Die bloße Teilhabe an ihr hat oft erstaunlich transformative Wirkung.
Technisch gesprochen sollte der Körper der Erfahrenden in eine möglichst ent-
spannte und sichere Lage gebracht werden, am besten liegend auf einer Matte in
geschützter Umgebung und unter Aufsicht vertrauenswürdiger Begleitung. Ist diese
Rahmenbedingung gegeben, soll die volle Aufmerksamkeit der Praktizierenden der
Erfahrung gelten und nicht durch die Konzentration auf die Atemtechnik abgelenkt
werden.410
Das beschleunigte Atmen führt zum Abbau der angelernten Abwehrmecha-
nismen und aktualisiert Erinnerungen, Emotionen, Eindrücke aus dem Unter- oder
Überbewusstsein.411 Grof geht davon aus, dass dieses Material in der Muskulatur
abgespeichert wird und dort Blockaden des Energieflusses bewirkt. Die Hyperven-

409 Walch 2003 S. 34/35


410 Grof 1988 S. 171
411 Dieser bei Grof nicht nur meiner Ansicht nach unvollständig beschriebene Vorgang wird im
nächsten Kapitel über Jeru Kabbal noch ausführlich diskutiert.

151
tilation löst diese Blockaden auf oder sie führt zu erhöhtem Druck an der entspre-
chenden Stelle. Beides ruft die mit dieser Blockade in Verbindung stehende unbe-
endete Gestalt ins Bewusstsein und erlaubt mit deren nochmaligem Durchleben die
Vollendung, die abschließende Transformation.412 Grof baut diesbezüglich ohne
wesentliche Abweichung auf die Lehren von Wilhelm Reich und Fritz Perls und er
findet sich auf der Höhe seiner Zeit, in der therapeutische Überlegungen zur ekstati-
schen Entladung, wie etwa die integrative Körpertherapie Jack Lee Rosenbergs, eines
anderen Esalen-Lehrers, populär wurden.413 Grof widerspricht allen schulmedizi-
nischen Bedenken zur Hyperventilation und betrachtet die bekannten Symptome als
Entladungen an notorisch blockierten Stellen. Tatsächlich zeigt die Erfahrung, dass
wiederholtes Praktizieren des Holotropen Atmens zu einer Minderung dieser Symp-
tome ohne körperlichen Schaden führt, während die damit verbundenen Entladungs-
prozesse Entspannung, Erleichterung und eine Schärfung des Bewusstseins bewirken.
Die intensivierte Atmung wird in dieser Technik vom Einsatz evokativer Mu-
sik begleitet, die dazu dient, vorhandenes psychisches Material zu intensivieren und
zu integrieren. Dass Musik die Kraft hat, geistige Bilder zu evozieren, ist durch Stu-
dien über klinisch überwachte Drogensitzungen belegt.414 Grof griff nach seiner
Abkehr von den Experimenten mit Drogen auch diesbezüglich auf die Erfahrungen
schamanischer Kontexte und systematisierte sie für seine Sitzungen.415 Die Musik
wird beim Holotropen Atmen von der Seminarleitung laut über eine Anlage ge-
spielt, die stark genug sein muss, den gesamten Übungsraum voll auszuschallen.
Vordergründig ebnet der Klangvorhang die manchmal dramatisch anmutenden
Töne aus den Einzelerfahrungen der TeilnehmerInnen ein und verbindet sie
zugleich miteinander. Auf tieferer Ebene wirkt die Musik bewusstseinsverändernd
und unterstützt die Atmung beim Lösen der spezifischen Materialien in der Mus-
kulatur. Deshalb ist es wichtig, den Intellekt vom Hören zu trennen. Es sollte mög-
lichst auf Musikstücke gegriffen werden, die den Übenden unbekannt sind, zumin-
dest aber solche, mit denen sie keine inhaltliche Verbindung, keine spezifische
Geschichte haben. Aus diesem Grund wird meist Instrumentalmusik verwendet.
Falls gesungen wird, sollte das in einer den Übenden fremden Sprache geschehen.
Grof folgt in seinen Empfehlungen für die Auswahl geeigneter Stücke einem
Dreistufenmodell von Aufbruch, Durchbruch und Integration. Er beginnt mit flie-
ßendem und öffnendem Sound und steigert die Energie schrittweise zu kräftigeren,
antreibenden, rhythmischen Klängen. Einfache Harmonien und Melodien unter-

412 Grof 1988 S. 179


413 Rosenberg/Rand/Asay 1996
414 Gail 1998 S. 34
415 Grof 1988. S. 184–194

152
stützen dabei das Vertrauen in den Prozess. Danach kommt die Phase chaotischer
Turbulenz, die durch entsprechend dissonante und stark rhythmische, oft chaotische
Musik unterstützt wird. Am Ende dieser Phase folgt der Durchbruch, der musikalisch
durch die Rückkehr zur Struktur etwa in der Form lyrischer, erhebender, euphorischer
Sakralmusik evoziert wird, ehe in der letzten Phase feierliche, aber zunehmend sanfte
Klänge den Prozess zum Ausklingen bringen. Grofs Schüler Sylvester Walch hat dies
in seiner Praxis zu einem Fünfstufenmodell von 1. Eröffnung, 2. Intensivierung, 3.
Durchbruch, 4. Öffnung/Weitung und 5. Integration verfeinert. Dieses entspricht
dem in diesem Buch immer wieder erwähnten Fünfstufenmodell der Gestalttherapie
nach Fritz Perls oder auch den Fünf Rhythmen von Gabrielle Roth.416
Es gibt in dieser Methode keine festen Zeitvorgaben für den Übergang der ei-
nen Phase in die nächste. Die Gesamtdauer sollte offen bleiben. Erfahrungsgemäß
liegt sie im Schnitt bei drei Stunden, wobei zwei Stunden selten unter- und zehn
Stunden fast nie überschritten werden. Es obliegt der Aufmerksamkeit und Beo-
bachtungsgabe der Gruppenleitung, aus der Gesamtheit aller Einzelprozesse die
entsprechenden Überleitungen zu gestalten. Da es selten der Fall ist, dass alle Üben-
den im selben Rhythmus unterwegs sind, ist Sensibilität und Flexibilität für den
Einzelprozess in der Gruppe gefragt und keinen festen zeitlichen Normen zu folgen.
Grof bleibt in seinen Ausführungen zur evokativen Musik kurz und vage, weil er
ihren Einsatz als Verstärker, nicht als Auslöser des Prozesses betrachtet. Dem
stimme ich nicht vollkommen zu, halte den Prozess für komplexer, belasse es hier
aber bei der Wiedergabe von Grofs Standpunkt und verweise zur Frage von Musik
und veränderten Bewusstseinszuständen auf das entsprechende Schwerpunktkapitel
dieses Buches.417
Das dritte Element dieser Methode ist die Körperintervention. Den körperli-
chen Reaktionen auf das Atmen gilt beim Holotropen Atmen besondere Aufmerk-
samkeit, da davon ausgegangen wird, dass sich körperlich-seelische Blockaden über
muskuläre Spannungen zeigen und durch deren Entladung transformieren. Diese
Annahme geht vor allem auf den in Esalen entwickelten Ansatz der aus New York
stammenden Ida Rolf418 zurück. Sie glaubte, dass fehlerhafte Körperhaltung die
Ursache vieler Erkrankungen sei und seelische Blockaden in der Körperhaltung
ausgedrückt würden. Andauernder Stress beeinflusse die Struktur des Bindegewebes,
verkürze und verklebe die Fasern und führe in der Folge zu entsprechenden Haltun-

416 Siehe Kapitel C.1 und F


417 Zur evokativen Wirkung der Musik des Singer-Songwriters Van Morisson sehr gut Lederach/
Lederach 2010 S. 111–144.
418 1896–1979

153
gen.419 Ida Rolf entwarf eine darauf abzielende körperorientierte Behandlungsme-
thode, die in der Humanistischen Psychologie sehr populär und in unterschiedlicher
Weise in etliche Therapieformen, so auch ins Holotrope Atmen integriert wurde.
Grof unterscheidet zwischen konfliktzentrierten oder katalytischen und näh-
renden Körperinterventionen. Erstere zielen ausschließlich auf eine physische Unter-
stützung des Entladungsvorgangs ab. Dies klingt banal, kann in der Praxis aber
höchst spektakuläre Formen annehmen. Auf jeden Fall erfordert es eine sichere und
vertrauensvolle Atmosphäre und seitens der Begleitung ein hohes Maß an Achtsam-
keit, Berechenbarkeit, Korrigierbarkeit sowie die Bereitschaft zu unter Umständen
erschöpfendem Einsatz. Diese Art der Körperarbeit setzt eine gründliche Vorberei-
tung der Intervenierenden voraus. Dies gilt im selben Maß für die nährende Inter-
vention, bei der es nicht um die Entladung von muskulären und psychischen Span-
nungen geht, sondern um das Füllen eines Zuwendungsvakuums, sofern sich dieses
im Zuge einer Atemsitzung äußert.
Mit der körperlichen Intervention durch die Begleitung ist ein Thema angespro-
chen, das in der Geschichte der Psychotherapie zu den sehr umstrittenen gehört.
Schon Siegmund Freud hat nachdrücklich auf das Problem der Übertragung und
Gegenübertragung zwischen Patient und Therapeut hingewiesen. Er plädierte für die
strikte Neutralität des Therapeuten und schloss körperliche Berührung, welche die
Wahrscheinlichkeit von Übertragungen erhöht und deren Auswirkungen potenziert,
aus. Dem folgte eine umfassende und leidenschaftliche Debatte in der Geschichte der
Disziplin. Behaviorismus und Psychoanalyse blieben beim Gebot der Neutralität und
lehnten Körperkontakt ab, während die Humanistische Psychologie dieses Tabu
brach. Zwar sind sich auch deren Therapieformen der Übertragungsproblematik, der
Möglichkeit von Retraumatisierungen und natürlich auch der Gefahr des Missbrauchs
bewusst, doch das veränderte Bild des Klienten statt Patienten sowie des Facilitators
statt Therapeuten erfordert eine andere Sensibilität, Schulung und innere Disposition.
Zudem erfolgt die Körperarbeit beim Holotropen Atmen in der Gruppe, sodass vielfa-
che Zeugenschaft die Gefahr des Missbrauchs und die Übertragungstendenz reduziert.
Körperarbeit beim Holotropen Atmen folgt nicht dem Agens des Therapeuten son-
dern sie unterstützt das, was sich durch das Atmen zeigt. Das ist mehr als sinnbildlich.
Es ist auch richtungweisend für die elicitive Konflikttransformation. In jedem Fall
zeigt die Debatte die enorme Bedeutung der persönlichen Integrität der Facilitators
auf, der in deren Ausbildung und Begleitung größte Aufmerksamkeit zukommen
muss. Dasselbe gilt auch für KonfliktarbeiterInnen im weiteren Sinne, deren persönli-
che Stabilität und Integrität Grundvoraussetzung für jede elicitive Arbeitsweise ist, weil
auch für sie Situationen körperlicher Nähe und großer persönlicher Vertrautheit wahr-

419 Rolf 1989

154
scheinlich sind. Daher ist Holotropes Atmen gerade wegen des Aspekts der körperli-
chen Intervention über seine engere Bedeutung hinaus eine anschauliche und ein-
drucksvolle Übungsmethode in der Ausbildung und Supervision von Friedensarbeite-
rInnen.
Das vierte und sequenziell letzte Element der holotropen Atemsitzung, welches
Grof von Joan Kellogg420 übernahm, ist das Malen.421 Der oder die Erfahrende haben
sich schon vor der Sitzung einen Zeichenblock und Farben bereitgelegt. Sofort nach
dem Abklingen der Atemeffekte benutzen sie diesen, um ihre Erfahrung in beliebiger
Weise zu illustrieren. Dieser Vorgang ist einerseits ein auf sich selbst bezogener Ver-
such des simplen Festhaltens und insofern Teil des energetischen Prozesses. Anderer-
seits ist er auch das Kommunikationsmittel im anschließenden Aufarbeitungsprozess,
wenn diese Zeichnungen samt dem verbalen Erfahrungsbericht in der Resonanzzeu-
genschaft von Kleingruppen auf ihre Bedeutung und ihre Symbolhaftigkeit hin ana-
lysiert werden. Das Bild ist das Bindeglied zwischen dem primären, energetischen
Atemprozess und dem sekundären, kognitiven Aufarbeitungsprozess. Die Erfahrung
wird zur Erzählung. So gestaltet sich der Apollinische Abschluss einer Dionysischen
Übung.422
Atem, Musik, Körperintervention und Malen sind im Holotropen Atmen die
Werkzeuge. Sie sind aber nicht die Substanz der Übung. Diese ist vielmehr das
innere Einverständnis zur Erfahrung und der aus ihr resultierenden Transformation.
Das unterscheidet Holotropes Atmen als transformative Kunst von der handwerkli-
chen Abwicklung der Sitzungen.
Da das Ziel des Holotropen Atmens im Schließen bislang offen gebliebener
Gestalten liegt, ist seitens der Facilitators darauf zu achten, dass der Prozess wirklich
abgeschlossen wird. Geschieht das nicht im Atemprozess selbst oder in der Aufarbei-
tung durch die Kleingruppe, so bildet ein abschließendes Plenum nochmals die Gele-
genheit zur kognitiven Reflexion. Entscheidend ist dabei eine offene Gesprächsleitung,
die darauf achtet, dass die diagnostische Macht in der Hand des Erfahrenden bleibt.
Das Agens liegt auch im kognitiven Prozess weder beim Facilitator noch bei den ande-
ren Gruppenmitgliedern, die als aktiv hörende Resonanzzeugen oder unverbindliche
Impulsgeber dienen. In jedem Fall ist darauf zu achten, dass der Prozess als eigene
Gestalt für alle Mitwirkenden vollkommen abgeschlossen ist, bevor die Gruppe auf-
gelöst wird. Dessen ungeachtet wirkt der Prozess oft heftig nach.
Unabhängig vom medizinisch-therapeutischen Streit um das Holotrope Atmen
generell und die Körperintervention im Besonderen erscheint mir diese Praxis als

420 1922–2004
421 Kellogg/Mac Rae/Bonny/Di Leo 1977 S. 123–134
422 Grof S. 210–221

155
eindrucksvolle und nachhaltige akademische Übung der Konflikttransformation. Sie
lehrt im gleichen Maß Selbstverantwortung wie Offenheit für gelegentlich spekta-
kuläre Konfliktformationen auf individueller wie zwischenmenschlicher Ebene. Das
Durchschreiten solcher Erfahrung öffnet, neben dem individuell heilsamen Effekt,
das Bewusstsein für systemische Zusammenhänge und erhellt eindrucksvoll die
Bedeutung elicitiven Arbeitens. Zudem ist die Vertrautheit mit veränderten Be-
wusstseinszuständen wichtig für die Studierenden, da ungewollte Veränderung des
Bewusstseins ihrer späteren KlientInnen oft genug unmittelbarer Ausdruck von
Konflikten sein wird. Dies undifferenziert unter dem Begriff der Traumatisierung
zu pathologisieren, ist wenig zielführend. Vertrautheit mit veränderten Bewusst-
seinszuständen und die entsprechende Selbsterfahrung erscheinen daher als hilfrei-
che Ausstattung für Friedens- und Konfliktarbeit. Aus diesem Grund erleben die
Studierenden die entsprechende Erfahrung an sich selbst. Sie bekommen Gelegen-
heit, unvollendete Gestalten zu schließen, und lernen das aufmerksame Begleiten
derartiger Prozesse bei anderen. Das Lehrziel liegt darin, dass aufgrund der holotro-
pen Selbsterfahrung der Umgang mit veränderten Bewusstseinszuständen auch im
materiellen, kartesianischen Modus423 und somit im späteren beruflichen und priva-
ten Leben der Studierenden leichter wird.

3 Vipassana und Quantum Light Breath

Anfang der 1990er Jahre wurden vor allem in den USA sowie in Holland und
Deutschland Tonträger mit dem Titel Quantum Light Breath (QLB) populär. Es
handelte sich dabei um Live-Mitschnitte geführter Atemmeditationen, die vom
Institute for Accelerated Personal Transformation aus Kalifornien aufgenommen wur-
den. Wer diese Meditation mit Hilfe der CDs praktiziert, wird von der Stimme Jeru
Kabbals, des im Mai 2000 verstorbenen Gründers und Direktors jenes Instituts,
geleitet. In seiner Zeit war Jeru Kabbal unter diesem Namen kaum bekannt.424
Ebenso war nur einer begrenzten Öffentlichkeit geläufig, dass QLB eines von vielen
Elementen einer weitaus umfassenderen Methode, des Clarity Process, war. Mittler-
weile ist Clarity® als Marke urheberrechtlich geschützt. In Europa wurde der Prozess

423 Mit der Unterscheidung zwischen holotropem und materiellem Modus meint Grof das, was ich im
ersten Band dieser Trilogie als transpersonalen und kartesianischen Modus bezeichnet habe.
Dietrich 2008 S. 377–393
424 Kabbal (10.8.2009)

156
nach Kabbals Tod von seinen SchülerInnen unter dem organisatorisch lockeren
Verbund des Clarity Projects erfolgreich weiter angeboten und verbreitet.425
Jeru Kabbal, ein radikaler Vertreter der transrationalen Lehre des Hier und
Jetzt, de-konstruierte seine öffentliche Identität mehrfach. Deshalb ist sein Leben
nur anekdoten- und bruchstückhaft überliefert. Unter dem Namen Swami Anand
Santosh hatte er seit 1974 in Poona als Therapeut bei Bhagwan Shree Rajneesh
gearbeitet, wobei er als Leiter des Rajneesh Institute for Dehypnotherapy, des Rajneesh
Institute of Altered Consciousness und des Institute for Life and Death Processes eine
prominente Stellung in dieser Bewegung einnahm. Im Ashram von Poona I, in
Bhagwans Frühphase, war er leitender Gruppentherapeut, einer der so genannten
Big Three.
Swami Anand Santosh galt in Poona als empathischer Vertreter sanfter Thera-
pietechniken.426 Seine Lehre setzte bei der frühkindlichen Angst ums Überleben als
prägendem Aspekt des Menschen an. Sexualität und Sterben stellte er dem als zwei-
ten und dritten Aspekt nach.427 Er tabuisierte Sexualität nicht, bewertete ihre thera-
peutische Bedeutung aber geringer als Bhagwan, die Links-Freudianer und andere
TherapeutInnen in dieser Bewegung.428
Als Bhagwan 1981 nach Oregon übersiedelte, blieb Swami Anand Santosh vor-
erst in Indien und hielt Trainerseminare mit Sannyasins in Kaschmir. 1982 ging er
nach Soest in Holland, wo er mehrmonatige Dehypno-Seminare veranstaltete. Ende
1983 war er unter jenen Altgedienten, die Bhagwan am Schluss seiner Schweigephase
zu sich nach Rajneeshpuram zitierte. Entgegen der meist publizierten Erzählweise von
Gegnern und Anhängern scheint mir naheliegend, dass es Bhagwan damals vor allem
darum ging, sich aus der Umklammerung von Ma Anand Sheela Silverman zu be-
freien.429 Mit dem Scheitern der Gremiallösung für den Ashram und Bhagwans bizar-
rer Kehrtwende in der Sache, verprellte er seine qualifiziertesten Fachkräfte aus der
frühen Zeit in Poona. Santosh und mit ihm ein guter Teil der etablierten Therapeu-
tenszene verließen die Kommune.430 Santosh kündigte Bhagwan nie den Respekt,
wohl aber die Gefolgschaft.431

425 Kabbal 2008 S. 10


426 Elten 1980 S. 211ff
427 Kabbal 2008 S. 23–35
428 Siehe zu dessen Philosophie Dietrich 2008 S. 339–345
429 Erläuterungen der Hintergründe in der Einleitung und in Kapitel B.1.
430 Ein weiterer bekannter Therapeut dieser Gruppe war Teertha Paul Lowe (13.4.2010), ebenfalls
einer der Big Three in Poona I, später unabhängiger Therapeut in Köln.
431 In einem offenen Brief an Swami Ramurti vom 2.12.1994 schrieb er wörtlich: I am carrying on
Osho's work with total reverence, gratefulness and respect.

157
1985 begann Santosh in Laguna Beach/Kalifornien seine eigene Kommune
aufzubauen, die einigen Zulauf von enttäuschten Sannyasins erhielt, weil Rajneesh-
puram an den kriminellen Machenschaften Sheela Silvermans und der kompro-
misslos feindseligen Haltung der Regierung Ronald Reagans gegenüber Bhagwan
zerbrach. Als Bhagwan 1985 auf seiner unfreiwilligen Welttournee in Uruguay lan-
dete, rügte er namentlich jene Therapeuten, die nach ihrem Auszug aus Rajneeshpu-
ram unabhängige Projekte in eigener Verantwortung und eigenem Namen gestartet
hatten. Damit war die Trennung zwischen Bhagwan und Santosh auch formell
vollzogen.432
Das mag für Santosh persönlich eine schmerzhafte Episode gewesen sein. Sie
war aber bedeutsam, weil sie das methodische Können, die reiche Erfahrung und
heilsame Substanz seiner Arbeit aus der skandalumwitterten Spätphase Bhagwans
löste und erlaubte, dieses Wissen in einen neuen Rahmen und etwas später unter
neuem Namen in den Dienst von Menschen außerhalb der Sannyasbewegung zu
stellen. Laguna Beach scheiterte allerdings bald an seiner mangelnden finanziellen
Ausstattung. Santosh übersiedelte mit seinem Institut nach Soquel bei Santa Cruz in
Kalifornien. 1988 ging er nach Sedona in Arizona, das bis heute ein beliebtes Zent-
rum der spirituellen Bewegung in den USA ist. Dann zog sich Santosh allein auf ein
Wüstenretreat zurück und wurde zu jenem Jeru Kabbal, der das Institute for Accele-
rated Personal Transformation gründete. Als Basis dafür verwendete er seine klassisch
therapeutische Ausbildung und zwölf Jahre psychologischer und multikultureller
Erfahrung in der Sannyasbewegung. Zusätzliche Inspiration erhielt er durch Indiens
Advaita-Philosophie und die Vipassana Meditationstechnik. Die indischen Wurzeln
entrümpelte er von allen religiösen Schnörkeln, Riten und Mythen, die sich auf den
Ursprungsbotschaften dieser Werkzeuge angesammelt hatten. Bis zu seinem Tod im
Jahr 2000 wirkte er in den USA, in Deutschland, Spanien, Holland und auf Bali.433
Doch der 1930 in Hammond/Indiana geborene Richard Dorin Shoulders
hatte schon eine bemerkenswerte Laufbahn hinter sich, als er auf Bhagwan stieß und
zu Swami Anand Santosh wurde. Er studierte am christlich orientierten Pepperdine
College434 und an der Lincoln University435 in Kalifornien und erwarb seinen Mas-
ter in klinischer Psychologie. Nach eigener Aussage war er aber wenig begeistert von
dem, was er da lernte.436 Zwar erlebte er just in Kalifornien jene stürmischen Jahre,

432 Appleton 1987 S. 89. Die Autorin begleitete ihn dabei. Ebenso Forman 1990 S. 353– 369
433 Information des Kabbal Archivs des ClarityProjects im Ocean Center Sylt/Germany.
434 Gegründet 1937 in Los Angeles, seit 1970 auf der Basis einer Multi-Campus Struktur mit
Hauptsitz in Malibu; Universitätsstatus seit 1972. Pepperdine University (13.10.2009)
435 Lincoln University (17.11.2010)
436 Kabbal (15.10.2009)

158
die zur Gründung der Humanistischen Psychologie führten, gehörte aber nicht zu
deren Pionieren. Viel tiefere Eindrücke hinterließ in ihm vorerst die zweijährige
Erfahrung im Koreakrieg.
Korea 1950–1953 steht im Zusammenhang dieses Buches für mehr als bloß
einen der vielen Kriege des 20. Jahrhunderts. In seinem Zuge wurde das Schlagwort
Gehirnwäsche in die politisch-militärische Propaganda eingeführt. Zuerst lancierten
die US Behörden diesen Begriff, um zu erklären, wieso eine erstaunlich große Zahl
von US-Kriegsgefangenen nach ihrer Freilassung mit antiamerikanischen Aussagen
an die Öffentlichkeit trat und einige offen zum Feind überliefen. Es wurde unter-
stellt, dass in koreanischen Gefängnissen der psychische Widerstand der Gefangenen
mit gewaltsamer Einwirkung gebrochen würde. Wem demnach alle Sinne und Ori-
entierungsmöglichkeiten abgeschnitten werden, der würde in kurzer Zeit zum hallu-
zinierenden Psychotiker. Wille und Wahrnehmung würden dadurch so nachhaltig
gestört, dass der Gefangene keinen klaren Gedanken mehr fassen könne. Über die
komplette Verwirrung der Sinne sollen die koreanischen Folterer Zugang zum Ge-
hirn amerikanischer Gefangener, zu ihren geheimsten Gedanken und Kontrollme-
chanismen erhalten und diese Menschen umgepolt haben. Es steht außer Zweifel,
dass in diesem Krieg Gefangene schwer gefoltert und misshandelt wurden. Es ist
heute aber ebenso unbestritten, dass sich durch Folter zwar zweifelhafte Geständ-
nisse oder Informationen erzwingen lassen, dass eine innere Umorientierung der
Opfer dadurch aber nicht erreicht werden kann.437
Die Koreaner haben neben Folter Methoden des Abbaus der Ego-Identifikation
von Gefangenen angewandt, die unter deren Einfluss entweder überliefen oder sich
zumindest von ihrer professionellen Ego-Identifikation im soldatischen Sinn abge-
wandten. Die damals neue Methode überraschte den amerikanischen Geheimdienst.
Professionelle Ego-Identifikation wird Soldaten überall auf der Welt antrainiert, um
sie in der hierarchischen Struktur einer Armee möglichst widerstandsfrei funktionsfä-
hig zu machen. Deren Abbau durch therapeutische Maßnahmen des Gegners kann zu
einer Persönlichkeitsveränderung führen, die Bewusstsein und Kritikfähigkeit stärkt
und neue Optionen für Denken und Handeln öffnet. Das ist unerwünscht aus der
Sicht des Apparats, in den der Soldat ursprünglich eingebettet war. Es erklärt die
Frustration der Herkunftsarmee über den Verlust des eigenen Akteurs, der womöglich
auch noch ein Geheimnisträger war. Die entsprechenden Methoden wurden vor und
nach dem Koreakrieg in totalitären Umerziehungslagern auch auf die eigene Bevölke-
rung mancher Staaten und Regimes angewandt. Insofern waren sie nicht wirklich neu
und bereits einschlägig beleumundet.438

437 Streatfeild 2008


438 Ein wichtiges Buch in diesem Propagandakrieg war Lifton 1961.

159
Während in der Propaganda des Kalten Kriegs jene Vermischung der therapeu-
tischen Methode mit ideologischer Absicht vorsätzlich betrieben wurde, befasste sich
die CIA selbst auf der Grundlage des behavioristischen Wissensstandes der damaligen
Psychologie intensiv mit der Frage, wie entsprechende Bewusstseinsmanipulationen
geheimdienstlich umgesetzt werden könnten.439 Das wurde nicht als seltsam empfun-
den. Psychologie sowohl in ihrer behavioristischen als auch in ihrer psychoanalyti-
schen Variante stand in den USA seit dem Ersten Weltkrieg eng mit Aktivitäten des
Militärs und der Geheimdienste in Verbindung, ja sie war über weite Strecken ge-
setzlich diesem Einsatzbereich vorbehalten. Ging es zuerst um die Bearbeitung von
kriegsbedingten Traumata, wurde Psychologie später für die Rekrutierung und die
Motivation junger Soldaten und schließlich für alle Bereiche der Truppenführung
eingesetzt. Von da aus sickerte sie in den Bereich des unternehmerischen Manage-
ments. Es ist nur folgerichtig, dass auch im Koreakrieg Geheimdienste und Militär zu
den Brennpunkten psychologischer Forschung und Praxis in den USA gehörten. Der
National Mental Health Act, der die breite Anwendung der Psychologie auf alle zivi-
len Bereiche erlaubte, war erst kurz zuvor, nämlich 1946, verabschiedet worden. Die
entsprechenden zivilen Netzwerke waren zu diesem Zeitpunkt erst im Entstehen.440
Heute ist bekannt, dass der amerikanische Geheimdienst im Koreakrieg beson-
ders intensiv mit solchen Methoden experimentierte. Danach betrieb die CIA von
1953 bis in die 1970er Jahre ein als MKULTRA441 bezeichnetes geheimes For-
schungsprogramm über Möglichkeiten der Bewusstseinskontrolle, das auch tausende
Menschenversuche beinhaltete. Das geheimdienstliche Interesse lag darin, die Ansich-
ten einer Person über die Welt zu verändern und deren Glaubenssystem außer Kraft
zu setzen. Es wurde mit Hypnose, allen damals bekannten Methoden der Psychologie,
Technologie und bewusstseinsverändernden Drogen experimentiert. Ein Produkt die-
ser Bemühungen war LSD. Doch aus der Sicht der Brain warfare war die Abhän-
gigkeit von technischen Überwachungsapparaten und Pharmazeutika nicht optimal.
Daher galt der Hypnose besondere Aufmerksamkeit.
Hypnose wurde im Koreakrieg erfolgreich zur Behandlung posttraumatischer
Belastungssyndrome eingesetzt. 1958 wurde sie in den USA offiziell als Therapie-
form anerkannt. Den Weg dahin ebnete vor allem der Arzt und Psychiater Milton
Erickson.442 Aufbauend auf einer außergewöhnlichen Fähigkeit zur Beobachtung
von Menschen und ihren Reaktionen entwickelte er eine wirkungsvolle Art permis-

439 Die entsprechende Verbindung zwischen der CIA und Esalen habe ich bereits in der Einleitung
angesprochen.
440 Illouz 2009 S. 120
441 Schaffer Library of Drug Policy (13.10.2009)
442 1901–1980

160
siver und indirekter Suggestion durch Metaphern. Allein durch das Erzählen von
Geschichten brachte Erickson seine PatientInnen dazu, in Trance zu gehen. Die
gewünschten Veränderungen und Heilungen traten scheinbar wie durch ein Wun-
der ein.443 Derartiges fand auch das Interesse der CIA, als sich Hypnose, begleitet
von sozialem Druck und Gruppenzwang, als effektive Methode der Gedankenkon-
trolle ihrer Zielpersonen im Rahmen der Brain warfare erwies.444
Die positivistischen Lehrmeinungen der damaligen Psychologie liefen mit der
zeitgenössischen Begeisterung für moderne Technologie zusammen. Das führte zur
Vorstellung, dass menschliche Gehirne analog zu Computern programmiert werden
könnten. Im Umkehrschluss: Erfahrungen, die nicht in den Verstand eines Indivi-
duums programmiert werden können, wären schlicht inexistent.445 Programmierung
und Deprogrammierung sind beherrschende Begriffe der Psychologie dieser Jahre.
Deprogrammieren setzte sich als Bezeichnung für jenen Vorgang durch, in dem die
Ego-Aspekte einer Person reduziert, persönliche und soziale Glaubensmuster außer
Kraft gesetzt werden. Programmierung meint die darauf folgende Neuausrichtung.
Deprogrammieren und Programmieren sind Metaphern, die aus der Debatte um die
Gehirnwäsche der 1950er Jahre stammen und neurologisch das beschreiben, was im
21. Jahrhundert elektronisch als das Neuformatieren einer Festplatte bezeichnen wird.
Die Metapher illustriert die strukturalistischen Ansätze der 1950er Jahre perfekt.
Wohl deshalb fand sie bleibenden Eingang in den Wortschatz der Disziplin. Am of-
fensichtlichsten wurde das im späteren Sammelbegriff des Neurolinguistischen Pro-
grammierens. Sie widerspricht aber den Prinzipien der Humanistischen Psychologie.
Diese geht davon aus, dass das Bewusstsein systemisch und kommunikativ zwischen
den Individuen entsteht und nicht im Gehirn monadischer Individuen, deren Gedan-
ken immunisiert oder deprogrammiert werden könnten. Die globale Vernetzung von
Festplatten über das Internet als scheinbar unerschöpfliches Feld menschlichen Wis-
sens kommt als Metapher den Vorstellungen der Humanistischen und besonders der
Transpersonalen Psychologie weitaus näher als die individualistische Programmier-
sprache der 1950er Jahre. Das Internet stand damals freilich nicht einmal als Meta-
pher zur Verfügung. Die Humanistische Psychologie lehnte die Computer-Metapher
unabhängig von deren Erklärungsmächtigkeit immer ab.446
Aus all dem resultiert die schlechte Reputation des Begriffs Gehirnwäsche, dessen
Übersetzung in westliche Sprachen stets mit politischen oder geheimdienstlichen Ma-
nipulationen in Verbindung gebracht wurde. Dabei geht die eigentlich sehr schöne

443 Walker 1996 S. 219–242


444 Streatfeild 2008 S. 47
445 Rock 1990 S. 65
446 Schmid 2009 S. 153

161
Bedeutung des Wortes verloren, bezeichnet die metaphorische Wäsche des Gehirns
doch die Reinigung des Bewusstseins von emotionalen, intellektuellen und mentalen
Altlasten der eigenen Biographie, die hier und jetzt nicht mehr dienlich sind. Das
meint das als Gehirnwäsche aus dem Chinesischen übersetzte x΃ năo, ein Grundbegriff
und eine elementare Erfahrung, die im Tao wie im Konfuzianismus, im Zen wie im
Tantra zu finden sind. Swami Pajnananda beschreibt die akkumulierten Altlasten des
Ego und die entsprechenden Reinigungsriten in ihrem herkömmlichen Sinn sehr
anschaulich:

Our scriptures have described many techniques and methods for purifying the mind,
such as meditation, mantra repetition, worship, practice of witness-consciousness, and
so on. When gradually the mind is completely purified, knowledge of the true identity
of one’s own Self arises. This is called Self-knowledge. What I mean by Self is the I-
awareness which is beyond body, mind and ego. A person has many doubts, but he ne-
ver doubts the existence of the doubter. This is the I-awareness.447

Die so gemeinte Reinigung bezieht sich auf die selbst gewählte Reduktion der Ego-
Aspekte, über die Blockaden aufgelöst und die Energie des Selbst frei zum Fließen
gebracht werden soll. Der pejorative Missbrauch in der geheimdienstlichen Mani-
pulation und in der Propaganda wird diesem Vorgang in keiner Weise gerecht.
Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass der junge Richard Dorin Shoulders als
Soldat in Korea in geheimdienstliche Aktionen involviert war, oder gar therapeutische,
manipulative Behandlungen an Soldaten durchgeführt hätte. Er war im Oktober 1952
in die Armee eingezogen worden und landete nach seiner Grundausbildung im Juli
1953 für zwei Jahre in Korea. Dort wurde er als Militärfotograf eingesetzt,448 was wohl
die Vorliebe für Foto-Metaphern in seiner später entwickelten Methode erklärt. Als
am 27. Juli 1953 der Waffenstillstand von Panmunjeom geschlossen wurde, war er 23
Jahre alt und erst wenige Tage im Land. Danach wurde er wohl für die Beobachtung
der entmilitarisierten Zone eingesetzt.
Das Pepperdine College eröffnete kurz darauf Außenstellen in Okinawa und
auf den Philippinen, die durch flexible Lehrplangestaltung den in Südostasien stati-
onierten US Soldaten Studienabschlüsse ermöglichten.449 Shoulders‘ Ausbildung als
klinischer Psychologe am Pepperdine College war vom militärischen Interesse an
der Disziplin in dieser Zeit geprägt.450 Er übernahm die damals populäre Idee der

447 Swami Prajnananda 1984 S. 76


448 Kabbal (15.10.2009); Information des Kabbal Archivs des ClarityProjects im Ocean Center Sylt/
Germany.
449 Pepperdine University (15.10.2009)
450 Das soll er laut Elten 1980 S. 227 selbst so angedeutet haben.

162
Programme, die im Menschen wie in einem Computer ablaufen, noch vor dem
Entstehen der Humanistischen Psychologie in seinen Dehypno-Ansatz. Der ent-
sprechende Wortschatz findet im Lauf der 1960er Jahre Eingang in seine Arbeit, in
der er diese Techniken explizit ihrer manipulativen, ideologischen und militärischen
Absichten entkleidete und in ein heilsames therapeutisches Format zu gießen be-
gann.451 Dieses humanistische Anliegen leitete seinen weiteren Lebensweg.
Deprogrammierung bedeutete ihm die Befreiung der KlientInnen von früh-
kindlich erworbenen Glaubenssätzen über die eigene Minderwertigkeit, Hilflosigkeit
oder Begrenztheit und das Erkennen der entsprechenden Strategien. Re-Programmie-
rung ist der Erwerb neuer Orientierung, die den Ansprüchen und Herausforderun-
gen eines Erwachsenen besser gerecht werden. Am Weg dorthin setzt Shoulders Me-
thoden ein, die Milton Ericksons Vorarbeit geschuldet sind. Der Begriff Dehypno
meint die Deprogrammierung hinderlicher Strategien oder Muster, unter anderem
mit Mitteln der Tiefenentspannung und therapeutischer Hypnose. Die drei Haupt-
programme Existenzangst (Angst nicht zu überleben), Sexualität und Sterben werden
in den ausgereiften Versionen seiner Lehre hierarchisch und sequenziell interpre-
tiert.452 Dabei liegt der quantativ größte Anteil auf der Deprogrammierung perinata-
ler Traumata, prägender Überlebensängste aus der embryonalen bis frühkindlichen
Lebensphase und die Finalität im Abbau der Angst vor dem Sterben, das im Sinne
einer sekularen Advaita-Interpretation als natürliche und letztlich willkommene
Transformation im größeren Zusammenhang des All-Einen gesehen wird. Bei Angst-
freiheit kann das Leben im zweiten Programm ungehindert gefeiert werden, weshalb
es darüber nicht viel zu sagen gibt. Dieser Fokus ist wohl in der Erfahrung mit seiner
ererbten Nierenkrankheit begründet, die ihn seit seiner Kindheit quälte und sein
Leben immer wieder ernsthaft bedrohte, bis er tatsächlich daran starb. Die intensive
Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit hat sein Lebenswerk geprägt.
Vorerst jobbte Richard Dorin Shoulders nach seinem Dienst in Korea als Ran-
ger in einem Nationalpark, dann als Betriebs- oder Werbepsychologe. In den 1960er
Jahren, als Kalifornien das Mekka seines Fachs war, zog es ihn nach Deutschland,
wo er als Werbepsychologe in Frankfurt arbeitete.453 Die Frage von offenen,
verdeckten und paradoxen Appellen, wie sie damals als kommunikationspsychologi-
sche Methoden in die Werbebranche heftig diskutiert wurden, eröffnete ihm ein
weiteres Feld. In dieser Zeit kam er offensichtlich auch mit der Transaktionsanalyse
des kanadischen Psychoanalytikers Eric Berne454 in Berührung.

451 Kabbal 2008 S. 44


452 Kabbal 2008 S. 21–90
453 Da er sehr gut Deutsch sprach, erscheinen mir die entsprechenden Erzählungen seiner Bekannten
schlüssig, auch wenn ich sie nicht belegen kann.
454 Berne 1967

163
Dieses Verfahren modifiziert die Freud’sche Strukturhypothese verkürzt gesagt
auf drei verschiedene Ich-Zustände, aus denen heraus eine Person reagieren und
kommunizieren kann. Die Modi werden als Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich und Kind-
heits-Ich bezeichnet. Alle drei sind nach diesem Ansatz wertvoll und gehören zu einer
vollständigen Persönlichkeit. Allerdings begünstigt der Erwachsenenmodus einen
partnerschaftlichen Umgangsstil, während ein Übergewicht der anderen Wahrneh-
mungs- und Kommunikationsstörungen produziert. Diese Überlegungen hatten unter
anderem Einfluss auf die spätere Entwicklung des Neurolinguistischen Programmie-
rens und auf die Themenzentrierte Interaktion nach Ruth Cohn. Auch in der später
ausdifferenzierten Arbeit Jeru Kabbals lässt sich diese Wurzel erkennen. Scheinbar
stieß er erst über diesen Umweg zum Human Growth Movement. Jedenfalls legte
Shoulders in diesen Jahren, deutlich beeinflusst von all den großen Namen seiner Zeit,
in der so genannten Dehypnotherapie die Grundlage für sein späteres Werk.
Die Dehypnotherapie, die sich im Rahmen der Humanistischen Psychologie
etabliert hat und auch als wichtige Inspiration elicitiver Konfliktarbeit betrachtet
werden kann, zielt vor allem auf die Lösung aus Vorstellungen, die aus dem früh-
kindlichen Überlebenskampf resultieren und als Muster und Glaubenssätze das Leben
Erwachsener bestimmen, obwohl sie vor der aktuellen Wirklichkeit keine Gültigkeit
mehr haben. Es geht um die Befreiung aus der wie eine Hypnose wirkenden Ab-
hängigkeit von der eigenen Geschichte, den eigenen Geschichten und dem Konzept
einer entsprechenden Identität. Die Nähe zu Fritz Perls ist unübersehbar.455
Shoulders ging davon aus, dass die meisten menschlichen Handlungen und
Reaktionen nicht vom bewussten erwachsenen Ich gelenkt werden, sondern durch
dessen weitaus größeren, unbewussten Teil, der aufgrund früher Erfahrungen aus
der Prägezeit bestimmte Verhaltensmuster und Gefühlsschemata entwickelt, die
Shoulders Programme nannte. Dazu gehören alle Arten der Überanpassung, Glau-
benssätze wie Ich kann das nicht oder Ich muss gehorchen, unterdrückter Ärger, Wut,
Neid, Krankheit und internalisierte Kontrollmechanismen. Bei der Dehypno-The-
rapie geht es um die Erkenntnis und Entschlüsselung dieser frühkindlichen Pro-
grammierungen und deren Transformation in konstruktive Handlungen und Hal-
tungen bewusster Erwachsener.
Shoulders‘ wohl an Melanie Klein456 orientierte Grundannahme war, dass das
menschliche Unterbewusstsein wie ein Kind sei, das es mag, wenn jemand da ist, der
es liebevoll an die Hand nimmt. Jedes Kind ist bei der Geburt und in den folgenden
vier Jahren der Prägezeit leicht formbar, aber auch intelligent und sensitiv. Faktisch

455 Einen fast identischen Ansatz inklusive der Computer-Metapher verwendet auch Heinrichs 2004
S. 13
456 Klein 1959 S. 387–411

164
jedoch ist es hilflos und von Erwachsenen existenziell abhängig. Aus diesem ersten
Selbstbild entwickelt es Strategien, um sein Überleben zu sichern. Aber alle Strategien,
die anfangs wichtig, richtig, sinnvoll, ja lebensnotwendig sind, werden durch die
Weiterentwicklung des Körpers zu einem handlungskompetenten Erwachsenen obso-
let. Daher sind die Entscheidungen des nach wie vor mit der Mentalität eines „Vier-
jährigen“ denkenden Unterbewusstseins als solche zwar verständlich, sollten jedoch
vom Bewusstseinsaspekt des Erwachsenen entsprechend der aktuellen Realität korri-
giert werden.
Das Konzept vom „Vierjährigen“ und die Grundzüge der Dehypnotherapie
hatte Shoulders bereits geprägt, als er Anfang der 1970er Jahre nach Indien ging.
Berichte457 aus der Frühphase Poonas belegen, dass er dort von Beginn an auf der
Basis dieser Methoden arbeitete. Zusätzlich kam er durch die Lehren Krishnamur-
tis,458 Ramana Maharshis,459 Nisargadatta Maharajs460 und natürlich Bhagwans mit
dem Kern östlicher Psychologie in Berührung. In dieser Phase lud sich das Weltbild
des zu Swami Anand Santosh mutierenden Richard Dorin Shoulders mit Bhagwans
„Psychologie der Buddhas“ auf. Diese zielt darauf ab, ein inneres und äußeres Klima
zu erzeugen, in dem Buddhaschaft, Erleuchtung, Selbsverwirklichung aufblühen
kann. Bhagwan ging es nicht um Psychologie, sondern um Sein. Nicht um geistige
Gesundheit, sondern um spirituelles Wachstum bis zur Selbsterkennung. Die Wur-
zeln dieser Haltung findet man in den Aussagen praktisch aller bekannten Religi-
onsstifter, besonders augenfällig bei Buddha und auch in der Philosophie des Ad-
vaita-Vedanta. Das ist die auf Shânkara461 zurückgehende Lehre der Nondualität,
deren wesentliche Botschaft die Wesenseinheit der individuellen Seele, ātman, mit
der Weltseele, brahman, ist. Das höchste Wissen liegt im Erkennen des unveränder-
lichen brahman, für den es kein Werden und keine Vielheit gibt. Daher muss nie-
mand irgendwohin gelangen und es kann nichts erschaffen werden, weil alles bereits
da ist. Daraus folgt, dass es keine Trennung zwischen dem absoluten und dem rela-
tiven, individuellen Sein geben kann. Es muss folglich auch keine Anstrengung
unternommen werden, um diese zu überwinden. Es geht lediglich darum, das We-
sen brahmans im reinen Sein, sat, im reinen Bewusstsein, cit, und in reiner Glückse-
ligkeit, andanda, zu erkennen.

457 Elten 1980 S. 208–250ff.


458 1895–1986. Zu seiner Bedeutung für die Friedensforschung ausführlich Dietrich 2008 S. 332–339.
459 1879–1950. Er ist der herausragende philosophische Lehrer des Neo-Advaita im 20. Jahrhundert.
460 1897–1981. Er ist ein herausragender religiöse Lehrer des Advaita im 20. Jahrhundert.
461 788–820

165
Auf dieser Grundlage philosophierte Jiddu Krishnamurti462 und in Jeru Kab-
bals radikaler Ausrichtung auf das Hier und Jetzt im Clarity Process sind diese Wur-
zeln deutlich zu erkennen. Unter anderem gründet in diesen alten Ansätzen des
Advaita-Vedanta auch die didaktische Figur des Internal Observer, die der Innsbru-
cker Lehrgang als substanzielle Figur über Kabbal und Krishnamurti von dort über-
nommen hat, und die des Witness, des Zeugen.
Das „niedere“ Wissen im ursprünglichen Advaita-Vedanta nach Shânkara be-
trifft das Entstehen der Welt aus dem brahman und das irdische Geschick der indi-
viduellen Seele. Dualität wird demnach nur wahrgenommen, wo Unwissenheit,
Illusion, Maya herrscht. Befreiung des Menschen bedeutet das Lüften des Schleiers
und Erkenntnis der All-Einheit:

May all opposites in the universe be seen as complementary and this help to complete
us who are yet incomplete beings. 463

Die positivistische Metapher vom Hirn als programmierter Computer ist in diesem
Kontext nicht logisch und auch nicht hilfreich. Sie könnte höchstens so gedeutet
werden, dass sich ein Hirn, das sich als Festplatte eines Computers missversteht, in
eben jenem Zustand der Illusion befinde, der durch Dehypnose überwunden und in
Erkenntnis übergeleitet werden kann.
Advaita bildet eine jener unmodernen, von der Moderne unberührten, nicht aber
vormodernen Weltsichten, deren Grundannahmen auf verblüffende Art die Einsich-
ten der Quantenphysik vorwegnahmen. Transrational orientierte AutorInnen des 20.
Jahrhunderts wie David Bohm, Fritjof Capra, Ervin Laszlo oder Ken Wilber haben
sich ausführlich mit diesem Umstand befasst.464
Die Auseinandersetzung mit den unmodernen Lehren Indiens brachte Swami
Anand Santosh auch zu Vipassana, einer im Theravada Buddhismus wurzelnden,
aber prinzipiell nicht religionsgebundenen Meditationstechnik, deren Ziel ein von
allen Illusionen befreites Sehen darstellt. Gemeint ist damit ein höheres Sehen, das
mittels gesteigerter Achtsamkeit jede Illusion, Manipulation oder Verblendung
durchschaut und die Realität direkt erfasst. Vipassana ist ein Weg der Selbstverände-
rung durch Selbstbeobachtung. In der engen Wechselbeziehung zwischen Körper
und Geist steht die Atembetrachtung im Mittelpunkt. Durch sie entfalten sich suk-
zessive Ruhe und Einsicht. Jeder Atemzug wird von der Empfindung beim Eintritt
der Luft in den Körper über die Bewegungen der Bauchdecke und des Brustkorbs

462 Gut verständlich dazu Krishnamurti 1980


463 Swami Veda Bharati 2010 S. 16
464 Zum Begriff unmodern ausführlich Dietrich 2008 S. 321–349

166
bis zum vollständigen Ausatmen aufmerksam betrachtet. Dann wird auf die subtilen
Auswirkungen des zunehmend bewussten Atmens auf Körper wie Geist und
schließlich auf die Zwischenräume des Atmens fokussiert.465 Der Praktizierende
erkennt, dass er nicht das Beobachtete sein kann und löst so die Identifikation mit
Körper und Verstand auf.
Das solide philosophische Fundament von Advaita und der Vipassana-Medi-
tation als Technik ergänzen den Ansatz der Dehypnose ideal. Shoulders/San-
tosh/Kabbal passte, ähnlich wie Bhagwan oder Krishnamurti in anderen Bereichen,
die tradierten Meditationen des Vipassana der Wahrnehmungsfähigkeit und dem
Empfinden westlicher Menschen an und entwickelte unter dem Einsatz evokativer
Musik einen hoch effektiven Atemprozess mit meditativem Charakter.466 Der Name
Quantum Light Breath schuldet sich der von Kabbal beobachteten Übereinstim-
mung der Quantenphysik mit dem philosophischen Ansatz der Advaita und dem
individuell Erlebbaren im Zuge der beschleunigten Vipassana Meditation. Dass im
größeren Clarity Process Dehypnose, Advaita und Vipassana zusammenlaufen,
drückt sich in der wörtlichen Übersetzung des Pali Wortes aus. Vi-passana bedeutet
klares Sehen, klar Werden, Klarheit, im Englischen Clarity.
Der Aufbau der QLB folgt dem bereits vom Holotropen Atmen bekannten
Schema, das in den Vorlagen von Fritz Perls wurzelt und bei Gabrielle Roth Flow,
Staccato, Chaos, Lyrical, Stillness heißt. Da Kabbal seine Meditationen im Gegensatz
zu Grof zeitlich auf etwa eine Stunde begrenzte, erwiesen sie sich mit dem Auf-
kommen der CD als Tonträger als ideales Format, das nahezu selbsterklärend und
global einsetzbar schien. Deshalb haben die CDs ein von der größeren Lehre de-
kontextualisiertes Eigenleben entwickelt und werden sowohl in Praxen und thera-
peutischen Einrichtungen als auch privat benutzt.
Bis hierher könnte der Eindruck entstehen, Shoulders/Santosh/Kabbal habe im
Clarity Process parallel zu Grof eine Art Holotropic Breathwork Light entwickelt.
Tatsächlich sind die gemeinsamen Wurzeln beider Methoden in Rank, Freud, Jung,
Reich, Rogers, Berne, der Gestalttherapie und im Schamanismus nicht zu überse-
hen. Grofs perinatale Matrix macht auch in Kabbals Dehypnose Sinn. Es gibt aber
konzeptionelle Unterschiede, die in der Ausbildung und Vorbereitung von Kon-
fliktarbeiterInnen eine wesentliche Rolle spielen und deshalb diskutiert werden
müssen:

465 Ich beziehe mich hier auf die Naturansätze des Ānāpānasati-Sutta, die für Shoulders/Santosh/
Kabbal eine größere Rolle spielten als die stärker verregelten Technikmethoden, die auf dem
Satipatthāna-Sutta beruhen.
466 Einen gewissen Einfluss auf die Entwicklung des QLB dürft auch das Rebirthing nach Leonard Orr
gehabt haben. In Poona gab es Rebirthing-Ausbildungen und Santosh kannte sie sicher.

167
Das Holotrope Atmen zielt auf perinatale, biographische oder transpersonale
Eindrücke, die im Körper oder Geist eines Menschen gespeichert werden und das
Individuum und seine Zusammenhänge prägen. Sie sind durch einen entsprechen-
den Impuls abrufbar, bewusst oder unbewusst erinnerbar und aktualisierbar, was
sich im biographischen Leben schmerzhaft und hinderlich ausdrücken kann. Daher
will das Holotrope Atmen einen veränderten Bewusstseinszustand schaffen, über
den diese alten Inhalte aufgerufen, neu bearbeitet und in abgeschlossene Gestalten
überführt werden können. Die reinigende Energiearbeit wirkt wie ein Schrotschuss.
Es lässt sich kaum vorhersagen, welche somatischen oder psychischen Reaktionen
im veränderten Bewusstseinszustand ausgelöst werden und welchen Verlauf der
Prozess nimmt, bis die Gestalt wirklich abgeschlossen ist. Ein begleitender Thera-
peut ist bei dieser Arbeit unerlässlich.
Auch Kabbal will das Bewusstsein von irritierenden Inhalten, Vorstellungen
oder Illusionen lösen und bedient sich dafür intensiver Atemtechniken. Allerdings
geht es in seiner Interpretation des Vipassana nicht um reinigende Veränderung des
Bewusstseins, sondern um dessen klärende Erweiterung. Anders ausgedrückt, wäh-
rend das Holotrope Atmen das wache Alltagsbewusstsein verändert, um sich an un-
terbewusste Inhalte zu richten, die es abzuschließen gilt, geht Vipassana davon aus,
dass als Emotionen erinnerte Gefühle und Gedanken im Unterbewusstsein nicht
ausgelöscht, aber im Fokus einer erwachsenen, bewussten Präsenz, als vergangen, als
Illusion erkannt, beobachtet und so transformiert werden können,467 dass sie nichts
als ein kosmischer Witz sind, wie Jeru Kabbal das in QLB2 so poetisch sagt.468 Daher
schärft QLB als Einsichts- und Achtsamkeitsmeditation in präsenter Sitzhaltung das
wache Bewusstsein, während Holotropes Atmen als Reinigungsmeditation auf unter-
bewusste Inhalte zielt.
Transpersonalität hat dabei ebenfalls eine unterschiedliche Bedeutung. Für
Grof spielt sie insofern eine Rolle, als transpersonale Energien in den veränderten
Bewusstseinszuständen erhebliche Eruptionen und tief greifende Erfahrungen be-
wirken können. Manchmal sind sie selbst Urheber unerledigten Materials. Sie kön-
nen aber ebenso zu den Heilungserfahrungen beitragen. Die Achtsamkeitsmeditati-
onen nach Kabbal führen hingegen auf einen Weg des sich stetig erweiternden
Bewusstseins, was zwangsläufig in die wachsende Einsicht in die Transpersonalität
aller menschlichen Wahrnehmung und in die All-Einheit der Dinge mündet.
Der Unterschied zeigt sich anschaulich in der Körperhaltung der Erfahrenden.
Im Holotropen Atmen, das ein lange andauernder und chaotischer Prozess sein
kann, wird die Erfahrung liegend begonnen und oft bleiben die Erfahrenden in

467 Kabbal 2008 S. 44


468 The ClarityProject (10.8.2009)

168
dieser Haltung, die aus der Sicht Kabbals das Unterbewusste, Kindliche ausdrückt.
QLB findet grundsätzlich in präsenter, aufrechter Haltung statt und drückt dadurch
die Wachheit und Achtsamkeit im Bewusstsein des Erwachsenen aus.469 Im intuiti-
ven Dialog, einer anderen Technik, die Jeru Kabbal,470 ähnlich wie Fritz Perls seinen
Heißen Stuhl, in Anlehnung an Morenos Leeren Stuhl471 entwickelt hat, zeigt sich
das kindliche Unterbewusste stets über die liegende, das erwachsene Bewusstsein
über die aufrechte Haltung.472
So apodiktisch ist das eine Setzung, die nach Widerspruch schreit und diesen
auch erträgt. Die Überspitzung bringt das Thema auf den Punkt. Wer in der eliciti-
ven Konflikttransformation arbeiten will, sollte in der Lage sein, die bewussten und
unterbewussten Anteile seines Verhaltens zu erfassen und zu sortieren. Seit Freud ist
unbestritten, dass wir Menschen im Unterbewussten Gefühle und Gedanken beher-
bergen, die uns durch das Leben leiten. Für Freud enthält das Unterbewusste ver-
borgene Motive, nicht eingestandene Gefühls- und Triebregungen, aus denen
Wunschphantasien gebildet werden. Dazu kommen vergessene und verdrängte
Erinnerungen, deren Inhalte für das Bewusstsein nur schwer zu ertragen sind, etwa
Gewalt, Missbrauch, Kränkung, Trauma.
Verdrängung verbirgt Erlebnisse, die gefährlich oder unangenehm sind, vor
dem Bewusstsein und führt eine kurzfristige und oberflächliche Beruhigung herbei.
Diese verdrängten Inhalte und Energien drängen aber in veränderter, transponierter
oder transladierter Form aus dem Unterbewussten zurück ins Leben. Sie steuern
Entscheidungen, unterlaufen bewusste Vorhaben, erzählen Geschichten, kreieren
verfängliche Wahrheiten, führen situativ zu hinderlichen Gedanken, blockierenden
Emotionen und schließlich inkongruenten Reaktionen. Im Zweifelsfall behält das
unterbewusst Verweigerte die Oberhand über das bewusst Gewollte.473
Mit dem Aufkommen des systemischen Denkens wurden diese Überlegungen
radikal erweitert. Als unterbewusst wurde in der Folge all das verstanden, was im
Moment nicht direkt erfassbar, spürbar und verstehbar ist, wobei diese Inhalte als
subtil miteinander und mit dem Bewusstsein verknüpft vorgestellt werden. Diese
systemische Definition geht weit über Freuds biographische Ebene der Unterdrü-
ckung sexueller oder aggressiver Triebe hinaus und schließt die perinatale ebenso
wie die transpersonale Dimension mit ein. Bei C.G. Jung kam bekanntlich noch das
kollektive Unbewusste vererbter Kategorien und Archetypen in tieferen Schichten

469 Zustimmend dazu Rock1990 S. 71


470 Stone/Stone 1989
471 Hutterer-Krisch/Klampl 2009 S. 210
472 Kabbal 2008 S. 183–185
473 Hier folge ich Walch 2003 S. 166–172

169
hinzu. Die unterbewussten Inhalte gehen demnach über das Persönliche hinaus,
sind jedoch in der Person und durch die Person vermittelt. Das Unterbewusste ist
kein eigenständiges Wesen. Es ist auch keine Kloake übler und verdrängter Erfah-
rungen. Denn neben diesen enthält es eine reiche Sammlung nützlicher und näh-
render Information, die das Bewusstsein durchdringt und umschließt. Kabbal474
unterscheidet folgerichtig zwischen dem lebenswichtigen Arbeitsspeicher und dem
ängstlichen Geschichtenerzähler des Unterbewussten. Das Unterbewusste bei Kab-
bal ist nicht identisch mit dem, was in der Humanistischen Psychologie meist Ego
genannt wird.
Das Unterbewusste in der Form des Geschichtenerzählers kann in der Friedens-
arbeit sehr hinderlich werden, wenn idealistisch motivierte AkteurInnen mit präskrip-
tiven Methoden auf den Plan treten, ohne sich dieses Mechanismus bewusst zu sein.
Oft neigen diese dazu, in formal bestimmte Rollen zu schlüpfen, deren Aufgaben,
Funktionen und Kompetenzen sich scheinbar selbstverständlich definieren, wie das
bei TherapeutInnen, ModeratorInnen und ExpertInnen aller Art der Fall ist. Die
Rollendefinition, Vorgeschichte und entsprechende Teleologie übernehmen dann die
Herrschaft über den tatsächlichen zwischenmenschlichen Kontakt.
Deshalb spielen Deutung und Ladung der eigenen Vorstellung, das Bewusstsein
über die Natur der eigenen Ideale, des Wollens der FriedensarbeiterInnen im Inns-
brucker Curriculum eine zentrale Rolle. Wird das Wollen aus vergangenen Realitäten
gespeist, aus der Logik gesetzter gesellschaftlicher Rollen und aus erlernten Vorstel-
lungen über das, was richtig ist und gewollt werden soll, vernichtet es Gegenwart.
Umgekehrt erschließt die bewusste Wahrnehmung des gegenwärtigen Selbst in der
Welt die meisten Handlungsoptionen. Die Freiheit vom Rollen-Wollen-Zwang
bedingt die Verantwortung für das eigene Tun im rollenfreien Wollen. Der Grad der
rollen-wollen-freien Bewusstheit bestimmt das Ausmaß, in dem jedes menschliche
Wesen, so auch FriedensarbeiterInnen, Glück und Freiheit wahrnehmen. In dem
Maß sind sie in der Lage, für sich und andere Verantwortung zu tragen.
Das ist eine Maxime elicitiver Konflikttransformation. Jedes soziale System ver-
ändert sich in seiner Gesamtheit durch die Veränderung jedes einzelnen Elements.
KonfliktarbeiterInnen sind nach der elicitiven Methode Teile des Systems in seinen
Konflikten. Deren rollenfreies Wollen wird mit einiger Wahrscheinlichkeit Irritati-
onen und zusätzliche Spannungen im System auslösen, weil es der herkömmlichen
Rollenerwartung im System nicht entspricht. Dadurch werden weitere Veränderun-
gen bei einzelnen Akteuren im System bewirkt. Aufgrund der in Systemen unver-
meidlichen Rückkoppelungsschleifen wirkt das rollenfreie Wollen auf alle Akteure,
inklusive die FriedensarbeiterInnen selbst, zurück. Das aber in einer Weise, die

474 Kabbal 2008 S. 75–90

170
nicht geplant, erwartet, erhofft oder gewollt werden kann. Das rollenfreie Wollen
schließt die Möglichkeit unerwarteter Veränderungen ein. Deshalb ist elicitive Frie-
densarbeit eine Angelegenheit für HeldInnen, die entsprechend vorbereitet und
trainiert sein wollen.
Holotropes Atmen und QLB als Element einer verwestlichten Praxis des Vi-
passana widersprechen sich nicht in der Definition des Unterbewussten, sondern in
ihrer methodischen Absichten. Holotropes Atmen begnügt sich in seiner heilenden,
reinigenden Wirkung. Vipassana hingegen versteht sich als Weg zur Klarheit, Cla-
rity, und muss folgerichtig annehmen, dass jeder Schritt in die Richtung zuneh-
mender Klarheit unterbewusstes Material spezifischer Form enthält. Jeder Abschnitt
des Weges hält dem Bewusstsein der Erfahrenden nämlich jene Inhalte fern, die sie
nicht fassen oder verstehen können. Da das Ziel dieses Weges möglichst reine Be-
wusstheit ist, muss bei jedem Schritt neues Material aus dem Unterbewussten ge-
lüftet und verarbeitet werden. Ständig wird der Horizont erweitert und es tritt vor-
her Unvorstellbares ans Tageslicht. Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft, diesen
Weg zu gehen und die entsprechenden Grenzen zu überwinden.
Darin zeigt sich der Unterschied der beiden Ansätze für die Konfliktarbeit.
Holotropes Atmen ist seiner Entstehungsgeschichte nach eine der Hypnotherapie
verwandte und spektakuläre Methode, während QLB das zentrale Werkzeug des
Dehypnoansatzes ist. Holotropes Atmen habe ich schon vorher als nützliche Me-
thode in der Lehre, der Einsatzvorbereitung und Supervision bezeichnet, die helfen
kann, das Bewusstsein der Facilitators zu stärken und zu reinigen. Vipassana hinge-
gen beschreibt einen Übungsweg, den zu gehen eine prinzipiell individuelle Ent-
scheidung ist. Aus seiner uralten Erfahrung speisen sich wertvolle meditative Me-
thoden wie QLB und andere Werkzeuge des Clarity Process. Im Innsbrucker
Lehrgang fand Vipassana oder Clarity bislang noch nicht in Form eigener
Workshops Eingang in das Programm, obwohl auf Jeru Kabbal zurückgehende
Übungen und Methoden angewendet werden. Über Vipassana und Advaita öffnet
sich der Zugang zu einer Philosophie, die Frieden im transrationalen Rahmen nicht
als normierbare individuelle oder kollektive Erfahrung, sondern als Angstfreiheit im
Spannungsverhältnis von Emotion, Gefühl und Vorstellung definiert. Insofern ist
Vipassana eine friedensphilosophische Inspiration.

171
D. Stimm-orientierte Zugänge zu elicitiver
Konflikttransformation

Schon auf den ersten Blick ist einsichtig, dass die menschliche Stimme ein grundle-
gendes Werkzeug der Konflikttransformation ist. Nach modernem Alltagsverständnis
beruhen Konflikte auf Interessensgegensätzen von Parteien, deren Positionen zuerst
einmal formuliert und kommuniziert werden müssen, um verstanden und gegebe-
nenfalls verhandelt zu werden. Daher können VermittlerInnen ihre Dienste mittels
Sprache einbringen. Jede moderne, strukturierte und verbindliche Sprache beruht a
priori auf der Verfügbarkeit von Stimme, auch wenn sie in weiterer Folge niederge-
schrieben, kodiert, gestikuliert oder auf andere Weise ausgedrückt werden mag. Die
Friedenswissenschaft diskutiert seit ihrem Entstehen diese vermeintliche Selbstver-
ständlichkeit und hebt sich dadurch als akademische Disziplin von den modernen
Zugängen des Völkerrechts oder der Internationalen Beziehungen ab.
Für die strukturalistische Schule war und ist Sprache die kommunikative Ver-
regelung von Bedeutungen, die Besetzung von Bezeichnetem, Signifikat, durch
Bezeichnendes, Signifikant, die grundsätzlich vor dem subjektiven Bewusstsein
besteht. Frei nach Nietzsche steht dem Strukturalismus kein Sprecher hinter dem
Sprechen. Das Subjekt wäre nichts als eine grammatikalische Fiktion.475 Sprache
wirkt demnach wie ein Freud’sches Über-Ich476 auf das Bewusstsein des Indivi-
duums, indem sie diesem Bewusstsein die einzig sanktionslos mögliche Form vor-
gibt. In diesem Sinn ist das Denken eine Funktion der Sprache und nicht umge-
kehrt. Wenn zutrifft, dass Frieden im Geist, im Denken der Menschen entstehen
und wahrgenommen werden, ist nach strukturalistischer Vorstellung auch der Frie-
den eine Funktion der Sprache. Er muss in der Sprache geformt werden, um Ein-
gang ins Bewusstsein der Menschen zu finden. Er muss gesagt werden, um gedacht
werden zu können. Diese Behauptung wurde seit der Blütezeit des Strukturalismus

475 Die für den Strukturalismus im Gefolge Foucaults zentrale Überlegung, dass es kein Sein hinter
dem Tun, keinen Täter hinter der Tat gebe, beruft sich vor allem auf Nietzsche 1983 S. 281–370,
wo dieser meint, dass das Subjekt nichts als eine grammatikalische Fiktion wäre. Siehe
Koppensteiner 2009 S. 103-126.
476 Auch Freud 2001 entstand unter wesentlichem Einfluss von Nietzsche 1983 S. 281–370

173

W. Dietrich, Variationen über die vielen Frieden, DOI 10.1007/978-3-531-93089-3_4,


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in vielen Disziplinen heftig diskutiert, von manchen verworfen, von anderen erwei-
tert und modifiziert.477
Auf die Friedenswissenschaft wirkten dabei vor allem die post-strukturalistische
Wiederentdeckung des erkennenden Subjekts, die Gestalt- und die Systemtheorie als
Wegbereiter des transrationalen Ansatzes. Das erkennende Subjekt wird in diesen
Schulen nicht wie in der Moderne als vom erkannten Objekt getrennte Einheit ver-
standen, sondern als in den universellen Zusammenhang eingebettete Kontaktgrenze
in Tätigkeit. Dies umschreibt den holistischen, lebendigen und gleichzeitigen Cha-
rakter des Subjekts als eigenständig Ganzes und Teil eines Größeren. Dadurch gerät
der Prozess, in dessen Verlauf ein Subjekt in einem ständigen Wechsel von Gleichge-
wicht und Ungleichgewicht seine Bedürfnisse befriedigt, die Homöostase, in den
Mittelpunkt des friedenswissenschaftlichen Interesses.
Das Subjekt als in sein Feld eingebettete Kontaktgrenze in Tätigkeit verfügt –
anders als im Strukturalismus – über Agens, Entscheidungsfreiheit und Verantwor-
tung. Das homöostatische Oszillieren zwischen Selbsterhaltung und Selbstverände-
rung bestimmt daher auch die Sprache.478 Diese wirkt im transrationalen Verständnis
nicht wie im Strukturalismus als Überich, als das Bewusstsein strukturierende Struk-
tur, einseitig auf die Individuen, sondern jedes individuelle Bewusstsein verändert
seinerseits durch seinen sprachlichen Ausdruck die Sprache, wobei es aufgrund der
systemischen Rückkoppelung seinen eigenen Beitrag zur kollektiven Veränderung
oder Bewahrung auch selbst erleidet.
Damit wird Sprache zu einer Angelegenheit des Bewusstseins, nicht umge-
kehrt. Doch das Bewusstsein findet sich im transrationalen Ansatz nicht im Indivi-
duum, sondern in wörtlicher Auslegung des lateinischen Worts conscientia im ge-
meinschaftlichen Wissen, beziehungshaft, interaktiv zwischen den in einem Kontakt
tätigen Subjekten. Conscientia bedeutet, dass wir Menschen die Welt, und damit
auch die Frieden und unsere Konflikte als Kontaktgrenze in Tätigkeit in der Begeg-
nung mit anderen erfahren, nicht als individuelle, unteilbare und unabhängige Mo-
naden.479 Im Sinne von conscientia kann Frieden nur im tätigen Kontakt bewusst,
gewusst und ausgedrückt werden. Aus dem Gemeinsamen wirkt er auf das Subjekt
und dessen laufende Entscheidungen über Selbstbewahrung und Selbstveränderung.
Dieser Ansatz ist ent-individualisierend und ent-moralisierend.480
In der transrationalen Friedenswissenschaft und der elicitiven Konfliktarbeit ist
Sprache daher nicht einfach das Transportmittel subjektiver, eigenständiger Ideen

477 Ferrer 2002 S. 96–111


478 Ausführlich dazu Quitmann 1996 S. 109–111
479 Wilber 2000 S. 49
480 Schulz von Thun 2003a. S. 83

174
oder von Beiträgen der Parteien oder Mediatoren, sondern Ausdruck des sozialen
Zusammenhangs, zu dem alle Beteiligten eigenverantwortlich beitragen, der auf alle
rückwirkt, über den aber keiner, auch nicht der Friedensarbeiter, ausschließliche
Gestaltungs- oder Definitionsmacht hat. Daher mag es gewollte Unparteilichkeit
geben, niemals aber objektive Neutralität.
Sprache gehört der geistigen Sphäre des Menschseins zu. Das Sprechen beruht
auf der biologischen Voraussetzung der Stimme. Diese wiederum benötigt die phy-
sische Existenz eines Körpers, der sie erklingen lässt. Nach den Theoretikern der
Großen Kette481 bedeutet das, dass Sprache der Noosphäre, der geistigen und damit
vorläufig höchsten Sphäre des Menschseins zugehört, die Stimme aber der grundle-
genderen Biosphäre. Sprache als Kommunikationsmittel geistiger Tätigkeit ist nur
eine von mehreren möglichen Funktionen der biospärischen Stimme als Ausdruck
einer Kontaktgrenze in Tätigkeit. Die Stimme ist ihrerseits eine von mehreren mög-
lichen Funktionen des Atems, der energetischen und physischen Manifestation des
Lebens.
Um diesen Zusammenhang wird es in diesem Kapitel über sprachliche und
stimmliche Methoden der elicitiven Konflikttransformation gehen. Es ist mir wich-
tig, dass diese Methoden nicht in einem modernen, mechanistischen oder präskripti-
ven Sinn aufgefasst, sondern eingebettet in den systemischen Zusammenhang der
transrationalen Friedensbegriffe gesehen werden. Deshalb behandle ich sie nach den
atemorientierten Methoden und betone den Zusammenhang zwischen beiden.
Nach transrationalem Verständnis greifen präskriptiv-moderne Methoden der Sozi-
alwissenschaften, die Sprache als rationales Kommunikationsmittel interpretieren,
zu kurz. Die Gefahr von Missverständnissen zwischen den unterschiedlichen Schu-
len ist hier besonders groß, weil sich alle im Besitz und Verständnis von Sprache
wähnen. Wer sich hier auf vermeintlich natürliche oder selbstverständliche Grund-
annahmen verlässt, endet fast zwangsläufig in Verwirrung, weshalb ich dieses Mo-
ment in der Folge mit Nachdruck herausarbeiten werde.

1 Gewaltfreie Kommunikation

Im Innsbrucker Universitätslehrgang für Friedensstudien werden die Studierenden


aus aller Welt und daher aus zahlreichen unterschiedlichen kulturellen, sozialen und
akademischen Hintergründen bereits am ersten Tag jedes Semesters mit der Me-
thode der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg bekannt ge-
macht. Der Zweck dieser Übung liegt darin, der jeweiligen Gruppe von Studieren-

481 Ausführlich Wilber 2001 S. 19–54. Eine erhellende Kritik dazu Ferrer 2002 S. 83–86.

175
den, die als ein System verstanden wird, ein dem temporären Seinsgrund dieses
Systems angemessenes Kommunikationsmittel zur Verfügung zu stellen. Marshall
Rosenbergs Modell eignet sich dafür besonders gut, weil es auf handwerklicher
Ebene rasch und einfach vermittelt werden kann.
Es in seiner ganzen philosophischen Tiefe zu erfassen, ist weitaus schwieriger.
Sofern Gewaltfreie Kommunikation als kognitiver Lehrinhalt am Plan steht, gibt es
dafür eigens ausgewiesene Unterrichtseinheiten. Als angewandte Lehr- und Lernpra-
xis wird sie durch das gesamte Semester geübt. Die theoretischen Konzepte dieser
Methode entsprechen in vollem Umfang der Lehrgangsphilosophie. Das erklärt sich
aus dem Umstand, dass Marshall B. Rosenberg ein Schüler von Carl Rogers war482
und neben Gandhi und Krishnamurti besonders gerne Abraham Maslow, Martin
Buber, Ken Wilber und Joseph Campbell zitiert, durchwegs Vordenker, welche die
inhaltliche Ausrichtung des Lehrgangs beeinflussten. Rosenberg ist ein Praktiker des
transrationalen Friedensverständnisses, der eine spezifische Methode elicitiver Kon-
flikttransformation vertritt.
Marshall B. Rosenberg wurde 1934 in Canton/Ohio geboren. Als Kind einer
aus Russland stammenden, jüdischen Einwandererfamilie wuchs er in Detroit auf
und erlitt jene rassistische Diskriminierung, die Menschen seiner Herkunft in dieser
Zeit auch in den USA oft entgegen schlug. Dies hat seine Jugendjahre geprägt und
ihn in der Folge in die amerikanische Bürgerrechtsbewegung der frühen 1960er
Jahre geführt. Während er dort politische Erfahrung sammelte, studierte er an der
Universität von Wisconsin, wo er 1961 zum Doktor der Psychologie promoviert
wurde.483 Er arbeitete in zahlreichen kommunalen und pädagogischen Projekten als
Mediator, ehe er im Geist der Humanistischen Psychologie und auf der Basis seiner
praktischen Erfahrung die spezifische Methode, die Gewaltfreien Kommunikation,
entwickelte. 1984 gründete er zuerst in Sherman/Texas das Center for Nonviolent
Communication, das seither mehrfach übersiedelte und einige hundert TrainerInnen
dieser Methode auf der ganzen Welt ausgebildet und zertifiziert hat.484
Rosenbergs Ansatz war zuerst vom strukturalistischen Denken seiner Lehrjahre
geprägt. Er ging davon aus, dass die Art und Weise des Sprechens das Bewusstsein
der Menschen präge. Seine weit über Fachkreise hinaus berühmt gewordene und so
illustrative Unterscheidung zwischen Giraffensprache und Wolfsprache spiegelt
dieses Verständnis wider.485 Unter Giraffensprache versteht Rosenberg eine Sprache,
die vom Herzen kommt, in bewussten Kontakt mit den eigenen Gefühlen und

482 Rosenberg 2005b S. 17


483 Rosenberg 2005a S. 21 und 221
484 Rosenberg (11.9.2009)
485 Rosenberg 2004 S. 28

176
Bedürfnissen und mit jenen des Gesprächspartners tritt. Um ihren tieferen Sinn und
ihren handwerklichen Gebrauch wird es in diesem Kapitel primär gehen. Die Meta-
pher von der Giraffe rührt daher, dass Rosenberg sie für das Landtier mit dem
größten Herzen hält. Umgekehrt ist Wolfsprache486 eine solche, die sich aus unbe-
wussten Ängsten formt, die den Kontakt mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnis-
sen und jenen des Gesprächspartners nicht sucht oder findet. Bei der Gewaltfreien
Kommunikation geht es, wie zuvor bei den atem-orientierten Techniken, auch um
Fragen des Bewusstseins und Unterbewusstseins. Dabei verfolgt Rosenbergs Me-
thode folgenden Pfad, der von der weithin üblichen Wolfsprache in die Giraffen-
sprache führen soll:

ƒ Unbewusstes Unwissen: Ich weiß nicht, dass ich nicht gewaltfrei kommuniziere.
ƒ Bewusstes Unwissen: Ich weiß, das ich nicht gewaltfrei kommuniziere, kann
oder will aber nicht anders.
ƒ Bewusstes Wissen: Ich weiß, dass ich gewaltfrei kommuniziere.
ƒ Unbewusstes Wissen: Ich denke nicht mehr darüber nach, weiß aber, dass und
wie ich gewaltfrei kommuniziere.

Das sind die Fundamente, auf der Rosenbergs Lehre ruht. Neben der struktura-
listischen Annahme, dass die Sprache das Bewusstsein und damit die Beziehungen
der Menschen präge, baut er auch auf einen Dualismus zwischen lebensfreundlicher
Giraffensprache und lebensfeindlicher Wolfsprache und den im Kern modernen
Glauben an die Möglichkeit einer vektoralen Entwicklung von schlechter Wolfspra-
che zu guter Giraffensprache. Dieses strukturalistische Fundament zu erwähnen,
erscheint mir wichtig, weil das darauf ruhende methodische Gebäude zu ganz ande-
ren Schlüssen führt.
Methodisch baut Rosenberg nämlich auf die Kernthesen und Methoden der
Klientzentrierten Gesprächstherapie seines Lehrers Carl Rogers und das systemische
Verständnis der Humanistischen Psychologie auf. Damit stellt er die Qualität der
Beziehung der Sprechenden über das materielle Resultat des Gesprächs. Die Giraf-
fensprache ist entgegen dem ersten Eindruck nicht das objektive Ziel, das erreicht
werden soll, sondern eine aus Erfahrung unverbindlich empfohlene Methode zur
Verbesserung des subjektiven Empfindens in einem kommunikativen Zusammen-
hang. Rosenberg will die Methode nicht lösungsorientiert, sondern prozessorientiert
und an die Situation angepasst verwendet wissen. Er sieht sie weder an eine be-

486 Im Original des amerikanischen Englisch eigentlich Schakalsprache. Im Deutschen wird aber die
populärere und illustrativere Metapher vom Wolf verwendet.

177
stimmte Kultur noch an eine bestimmte Sprache gebunden. Entscheidend ist, dass
es den Kommunizierenden gelingt, eine natürliche und echte Herzensverbindung
herzustellen.487 Daher macht er Rogers‘ therapeutisches Prinzip des aktiven Zuhö-
rens zum zentralen Moment für seine allgemeine Kommunikationstheorie und
deren transformatorische Praxis.
All das relativiert die strukturalistische Basis und beschreibt den Übergang zur
zuerst post-strukturalistischen und, wie noch zu zeigen ist, schließlich transrationa-
len Methode, denn die Dichotomie zwischen Wolfsprache und Giraffensprache ist
so gelesen nicht mehr die zwischen schlecht und gut und die Methode versteht sich
nicht als Einbahn vom Schlechten zum Guten. Es geht bei der Gewaltfreien Kom-
munikation nicht um vektorale Dualität, wie Rosenberg das an vielen Stellen immer
wieder hervorhebt, sondern um systemische Zusammenhänge. In deren Rahmen
kann die menschliche Kommunikation so verändert werden, dass aus unbewussten,
gewohnheitsmäßigen und automatischen Reaktionen bewusste Antworten werden,
die im Bewusstsein der Kommunizierenden über das wurzeln, was sie wahrnehmen,
fühlen und brauchen. Diese Empfehlung deckt sich mit jenen von Buber, Moreno,
Perls, Grof oder Kabbal. Mit Gandhis oft zitiertem Satz lädt Rosenberg die Men-
schen ein, selbst der Wandel zu sein, den sie in der Welt sehen wollen.488 Wie viele
Klassiker aus der Pioniergeneration der Humanistischen Psychologie beruft sich
auch Rosenberg auf Krishnamurti, über den viele Elemente des Tao, Tantra, Zen
und anderer östlicher Lehren in sein Denken einfließen. Daher betont Rosenberg,
dass er eigentlich nichts Neues erfunden habe, sondern lediglich auf die Jahrhun-
derte alte, in der Moderne in Vergessenheit geratene Weisheit verschiedener Kultu-
ren greife.489
Dieser Punkt ist in Rosenbergs Philosophie besonders interessant, denn die
von ihm erarbeiteten Methoden wirken, abgesehen von seiner bedingungslosen
Bejahung des Lebens, als reine Praxis nicht an bestimmte politische, religiöse oder
kulturelle Vorgaben gebunden. Er selbst sieht Gewaltfreie Kommunikation als
Werkzeug zur Überwindung kultureller Konditionierung.490 Dennoch liegt seiner
Praxis eine Spiritualität zu Grunde, die der reinen Technik erst den tieferen Sinn
verleiht. Obwohl er das zumeist nicht hervorhebt, ist Gewaltfreie Kommunikation
für ihn ein spirituell motiviertes Unterfangen.491 Er will eine bejahende Haltung
zum Leben vermitteln, die er spirituell begründet. Das Leben ist bei Rosenberg das

487 Rosenberg 2005b S. 26


488 Rosenberg 2005a S. 147
489 Rosenberg 2005a S. 22
490 Rosenberg 2005b S. 15
491 Rosenberg 2005b S. 9

178
höchste Prinzip. Das Leben zu feiern, mit dem Leben zu tanzen,492 es ein wenig
schöner zu machen, ist der tiefere Sinn seines Tuns. Unter dem Einfluss Krishna-
murtis definiert er das, was er für sein Publikum das Leben nennt, auch als geliebte
göttliche Energie:

Ich erfahre die „geliebte göttliche Energie“ dann, wenn ich mich mit Menschen auf eine
bestimmte Weise verbinde. Ich sehe die göttliche Energie nicht nur, ich schmecke gött-
liche Energie, ich empfinde göttliche Energie und ich bin göttliche Energie. Ich stehe in
Verbindung zu „geliebter göttlicher Energie“, wenn ich auf bestimmte Weise mit Men-
schen verbunden bin.493

Diese Aussage bettet geradezu idealtypisch ein energetisches Weltverständnis in die


rationale Praxis seiner Wissenschaft, weist ihn als einen Vertreter eines transrationalen
Ansatzes aus. Unter Berufung auf den Theologen Walter Wink494 grenzt er sich expli-
zit von patriarchalen Monotheismen und von den Dualitäten der moralischen Frie-
denslehren ab. Er beklagt die Jahrtausende, in denen diese Lehren die Menschen von
ihrer mitfühlenden Natur getrennt und dazu konditioniert hätten, Gewalt als amüsant
zu erleben. Die Mythologie der Herrschaft verlange eine bestimmte Sprache, welche
die Leute entmenschlicht und in Objekte verwandle. Deshalb würde ihnen beige-
bracht, über sich selbst in moralischen Urteilen zu denken. So beherrschten binäre
Kategorien wie richtig und falsch, gut und schlecht, egoistisch und altruistisch das
Denken, verbunden mit einem Gerechtigkeitsbegriff, der unterstellt, dass bestimmte
Menschen ein bestimmtes Schicksal verdienen würden, dass sie bestraft werden
müssten, wenn sie Böses getan haben, und belohnt, wenn sie Gutes getan haben.
Ähnlich wie ich selbst im ersten Band dieser Trilogie495 unter Berufung auf
Karl Jaspers gelangt Marshall Rosenberg unter Berufung auf Walter Wink zu dem
Schluss, dass der Ursprung der exzessiven Gewalt in unseren Gesellschaften nicht so
sehr in materiellen Interessensgegensätzen liege, sondern in dieser binären Moralität.
Wo Gedanken von Sünde und Erbsünde in unterbewussten Seelenstrukturen, Ge-
dankenfeldern und Sprachmustern ihren Nährboden finden, kann eine persönlich
und politisch befreiende Lebenseinstellung schwer gedeihen. Andererseits wird eine
radikale Befreiung von gesellschaftlichen und religiösen Mustern und Gesetzen nur
zu neuer Gewalt führen, wenn sie nicht mit einer aufmerksamen Auseinanderset-

492 Mit dem Leben tanzen ist der Titel eines einfachen, von ihm selbst geschriebenen Lieds, das
Marshall Rosenberg bei seinen Vorträgen, gerne singt.
493 Rosenberg 2005b S. 9/10
494 Wink 1992
495 Dietrich 2008 S. 107–184.

179
zung mit den inneren Antrieben, Nöten und Absichten der Menschen in ihren
Beziehungen einhergeht.496
Mit dieser Fundamentalkritik am moralischen Friedensverständnis durch-
schreitet Rosenberg auch gleich die Moderne mit ihrer binären Rationalität und
bettet seine postmoderne Methode in den transrationalen Rahmen eines spirituellen
Verständnisses vom Leben, das er nicht mit Gott, sondern mit göttlicher Energie
gleichsetzt. Gewaltfreie Kommunikation versteht er daher als eine transrationale
Integration von Gedanken, Sprache und Kommunikation, welche die Menschen
näher an die Wahrnehmung ihrer energetischen und damit eigentlich göttlichen
Natur führen soll. Rosenberg ist überzeugt, dass es ein grundlegendes und mächtiges
menschliches Bedürfnis ist, zum Wohlergehen der anderen beizutragen. Er erhebt
die gemeinsame Freude am Leben zum höchsten Prinzip und sieht darin den Aus-
druck der „geliebten göttlichen Energie“.497
In dieses transrationale Weltbild bettet er seine Methode mit der Absicht, die das
Denken prägende Sprache von moralisierenden Dualismen und deren Vollstreckern in
der semantischen Form des Sollens und Müssens zu befreien. Sollen betrachtet er als
eines der gefährlichsten Wörter, das die Menschen erfunden haben.498 Zu dessen
Verwindung schlägt Rosenberg zuerst die Selbstbeobachtung vor. Er sagt: Beobachte
dich selbst – was ist lebendig in dir? Und dann: Wodurch würde sich deine persönliche
Lebensqualität verbessern, was würde dein eigenes Leben bereichern?499 Damit vertritt er
nicht einen rüden Subjektivismus oder Egoismus, denn er geht davon aus, dass die
Freude am Geben und Nehmen dem menschlichen Wesen eigen sei. Die Lebensqua-
lität steige nicht durch das Mehrhaben an Macht oder Gütern, sondern durch das
bewusste Erleben jenes homöostatischen, beziehungshaften Prozesses von Geben und
Nehmen.500
Die Kunst der Gewaltfreien Kommunikation beginnt damit, diese beiden Fra-
gen nach der Lebendigkeit im Selbst und der optionalen Verbesserung der Lebens-
qualität ehrlich, ohne Selbstanklage, ohne Selbstkritik oder Bewertung zu beant-
worten. Das Prinzip der nicht bewertenden (Selbst-)Beobachtung übernimmt
Rosenberg via Krishnamurti501 aus dem Vipassana und gesteht, dass bewertungsfreie
(Selbst-)Beobachtung die höchste Form der Intelligenz wäre. Im Hinblick auf das
über Jahrtausende oktroyierte Denken in Dualitäten wäre die Anwendung dieser

496 Ähnlich wie Rosenberg Heinrichs 2004 S. 29/30


497 Rosenberg 2005b S. 17 und 33
498 Rosenberg 2004 S. 19
499 Rosenberg 2004 S. 12
500 Rosenberg 2005a S. 21
501 Ausführlich und eindrucksvoll dazu Krishnamurti 2002

180
Intelligenz aber nicht gerade leicht.502 Er empfiehlt, Selbstkritik in den Ausdruck der
eigentlichen Gefühle und der unerfüllten Bedürfnisse zu übersetzen, die sich in
offensichtlichem Versagen, in Konflikten oder missglückten Handlungen ausdrü-
cken. Es geht dann um Trauer, um ein Bedauern, das sich aber nicht in Selbstver-
urteilung ergeht, sondern den kreativen Neuanfang in Richtung einer lebendigen
Bedürfnisbefriedigung ermöglicht. Denn der Trauer folgt die Selbstvergebung.
Trauer und Selbstvergebung schließen gleichsam die Gestalt und eröffnen die
nächste Handlungsoption, die aus dem reinen Wunsch kommt, zum Leben beizu-
tragen. Sind Trauer und Selbstvergebung erledigt, speisen nicht Angst, Scham,
Schuld, Anhaftung oder Verpflichtung den nächsten Schritt, sondern Offenheit und
Freiheit als Basis reiner Lebensfreude. Das öffnet die Möglichkeit, auch schwere
Aufgaben oder harte Arbeit spielerisch, als Tanz des Lebens wahrzunehmen.503
In der Notwendigkeit der Urteilsfreiheit zeigt sich die komplexe Basis der
handwerklich einfach scheinenden Methode. Im Vipassana ist das urteilsfreie Beo-
bachten eine meditative Haltung, die über intensives Praktizieren erworben wird. In
der alltäglichen Praxis moderner Konfliktarbeit kann eine solche Grundhaltung der
Streitparteien nicht vorausgesetzt werden. Umso wichtiger ist für die Praxis der
elicitiven Konflikttransformation, dass die KonfliktarbeiterInnen diese Haltung
durch entsprechendes Training erlernen, erfassen und internalisieren.
In Innsbruck nutzen wir deshalb Krishnamurtis Internal Observer, der am ers-
ten Tag des Semesters aufgerufen und von den Studierenden während der Übungen
laufend bemüht wird. Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass dieser innere Beob-
achter tatsächlich lebensbejahend, ohne Bewertung oder Analyse des Selbst, der
Person und ihres Handelns funktioniert. Tut er das nicht, verkommt er schnell zum
inneren Ankläger oder Richter, wie ihn die patriarchalen Systeme in den Köpfen der
Menschen installiert haben. Er wird dann zum Ankläger der eigenen Person und
zum Richter über andere. Gewaltfreie Kommunikation als Praxis der Lehre dient im
Rahmen der einzelnen, in vielfacher Hinsicht anspruchsvollen Übungen dazu, den
Unterschied zwischen dem inneren Richter und dem inneren Beobachter deutlich
wahrnehmbar zu machen und die Beobachtung von der Bewertung zu trennen.
Gewaltfreie Kommunikation betrifft die Einstellung zum eigenen Leben. Sie emp-
fiehlt die Lösung vom Konzept der Selbstverurteilung, Selbstbestrafung, von Scham,
Schande und Schuldgefühlen, aber ebenso von Selbstgefälligkeit, Stolz oder Selbst-
überhöhung. Selbstverurteilung ist für Rosenberg tragischer Ausdruck unerfüllter
Bedürfnisse. Tragisch deshalb, weil das Urteil selbst, welcher Qualität es auch im-

502 Rosenberg 2004 S. 13


503 Rosenberg 2005a S. 152

181
mer sei, den Blick auf die mögliche Befriedigung des unerfüllten Bedürfnisses ver-
stellt und damit den homöostatischen Prozess an der Kontaktgrenze blockiert.
Ist die bewertungsfreie Selbstbeobachtung zu einer geläufigen Haltung gewor-
den, lässt sich die Übung auf andere Personen ausdehnen. Dabei wird dem Prinzip
gefolgt, das aus der Gestalttherapie bekannt ist. Es geht um die Frage, was wird
wahrgenommen, nicht um den heimlichen Untertitel der Bewertung, welcher die
Wahrnehmung kommentiert. Rosenberg meint, dass auch die Analysen des Verhal-
tens anderer Menschen tragischer Ausdruck unbefriedigter Bedürfnisse und Werte
des Bewertenden sind, weshalb sie auf diesen selbst zurückfallen und ihn zur Selbst-
beobachtung verweisen. Als prozessorientierte Sprache versucht die Gewaltfreie
Kommunikation statische Verallgemeinerungen darüber, wie oder was jemand ist,
zu verhindern und statt dessen mitzuteilen und zu klären, was gerade jetzt wahrge-
nommen wird, welche Gefühle es auslöst, auf welchen Bedürfnissen diese beruhen
und was zum Ausgleich unbefriedigter Bedürfnisse erbeten wird.504
Gewaltfreie Kommunikation ist nicht völlig frei von Bewertungen. Sie trennt
aber zum Einen säuberlich zwischen Beobachtung und Bewertung und unterschei-
det zum Zweiten zwischen Werturteilen und moralischen Urteilen. Rosenberg defi-
niert als Werturteile Überzeugungen, die darüber reflektieren, wie das Leben am
besten zu seiner vollen Entfaltung kommen kann. Werturteile sind notwendig, um
Gefühle, Bedürfnisse und Bitten adäquat auszudrücken. Sie bieten den Maßstab, an
dem entschieden werden kann, ob das Leben durch die Befriedigung von Bedürfnis-
sen und die Erfüllung der Bitten tatsächlich etwas schöner wurde.
Moralische Urteile hingegen qualifizieren Menschen, welche die eigenen Wert-
urteile nicht teilen. Sie drücken einen Mangel im Einfühlungsvermögen in die Ge-
fühle und Bedürfnisse anderer aus.505 Wann immer gesagt wird, dass jemand falsch
oder schlecht sei, ist eigentlich gemeint, dass er sich nicht in Übereinstimmung mit
den Bedürfnissen des moralisch Urteilenden verhält. Wird dies statisch ausgedrückt,
sind moralische Urteile Blockaden des Kommunikationsflusses.506 Moralische Urteile
werden meist in negativen oder pejorativen Begriffen transportiert, entfalten aber
dieselbe Wirkung, wenn sie als Kompliment, Lob oder Belohnung daherkommen.
Denn es ist nicht so sehr das negative Urteil an sich, als viel mehr das moralische
Bewerten, von dem es frei zu werden gilt, um eine lebensbejahende Kommunika-
tion zu ermöglichen. Für Rosenberg sind Bestrafung und Belohnung, Schelte und
Lob im gleichen Maße hinderliche Konzepte der Kommunikation in sozialen Sys-
temen.

504 Rosenberg 2005a S. 45


505 Rosenberg 2005a S. 36
506 Rosenberg 2005a S. 151

182
Die Trennung zwischen Beobachtung und Bewertung anderer Menschen, Zu-
sammenhänge und Situationen mag noch ein Stück schwerer sein, als dies bei der
Selbstbeobachtung der Fall ist. Diese Praxis ist aber für die elicitive Konfliktarbeit
unerlässlich. Rosenberg drückt das drastisch, aber treffend so aus:

Jedes Mal, wenn wir ein Arschloch sehen, zahlen wir dafür, denn dann leben wir in ei-
ner Welt voller Arschlöcher. Wenn ich mich dafür entscheide, in jedem Menschen seine
Schönheit zu sehen, dann behandle ich auch mich selbst mit Liebe.507

Weniger poetisch gesprochen umschreibt dieser Punkt, was andere als Film, Phanta-
sie, Illusion, Maya oder Geschichtenerzähler bezeichnen, derer die Menschen sich in
ihrer Betrachtung der Welt bewusst sein müssen, um nicht von ihren eigenen Vor-
stellungen, Bewertungen und Bedürfnissen in die Irre geführt zu werden. Die Liebe
zum Leben, um die es Rosenberg geht, die geliebte göttliche Energie, kann erst hinter
diesem Schleier der Vorstellungen und Bewertungen wahrgenommen werden. Be-
wertende Verschleierung hindert die empathische Kontaktnahme, die das zentrale
Kriterium der Gewaltlosen Kommunikation ist. Die Gewaltfreie Kommunikation
zwischen Kontaktgrenzen in Tätigkeit erfolgt bedingungslos im Hier und Jetzt, und
nichts behindert sie mehr als bewertende Vorstellungen, anklagende Geschichten und
fordernde Projektionen.
Nach Rosenbergs Verständnis geht es in einem Konflikt nicht darum, lösungs-
orientiert das durchzusetzen, was man durchsetzen will, sondern es geht um den
Kontakt zum Konfliktpartner und darum, prozesshaft eine Form zu schaffen, in der
die Bedürfnisse beider ihren Ausdruck finden. Diese Haltung und nicht eine mate-
rielle Lösung sei es letztendlich, die den Konflikt entschärfe, weil das Gegenüber
nicht mehr als Gegner wahrgenommen wird, sondern als Mensch mit anderer Mei-
nung, im besten Fall sogar als Inspirationsgeber, der neue Blickwinkel eröffnet. Dar-
auf baut das handwerklich einfache Gerüst der Gewaltfreien Kommunikation. Ro-
senberg definiert es als Abfolge und Ordnung von

ƒ urteilsfreier Beobachtung einer Situation,


ƒ Wahrnehmung und Beschreibung der durch sie ausgelösten eigenen Gefühle,
ƒ Feststellung der mit diesen Gefühlen verbundenen, eventuell unbefriedigten
Bedürfnisse,
ƒ Äußerung einer aus diesen Erkenntnissen resultierenden Bitte.

507 Rosenberg 2004 S. 88

183
Den Ausdruck des Zusammenhangs von Beobachtung, Gefühl und Bedürfnis als
Vorlauf zur Äußerung einer Bitte sieht Rosenberg als lebensbejahende Struktur des
Sprechens. Dabei wiederholt sich in der Bitte, was vorher als Unterscheidung zwi-
schen Beobachtung und Bewertung auftrat. Eine Bitte ist keine Forderung. Bitten in
einer klaren, positiven und konkreten Handlungssprache drücken aus, was der Bit-
tende wirklich will. Weder umschreiben sie, was andere unterlassen sollen, noch stel-
len sie die Nichterfüllung unter die Androhung von Anklage, Strafe oder Liebesent-
zug. Bitten sind sanktionsfrei und lassen den Angesprochenen die Option der
Erfüllung offen.
Forderungen hingegen transportieren explizit oder implizit einen moralischen
oder materiellen Zwang zur Zustimmung und Erfüllung. Auf moralische Urteile
gebaute Forderungen gehören der statischen Struktur zu. Bitten sind auf systemi-
sche Werturteile gebaut und bilden als solche die semantische Oberfläche der Ge-
waltfreien Kommunikation.508
Dieselbe Logik verwendet Rosenberg als Technik des Gewaltfreien Hörens.
Diese Kunst liegt darin, gewöhnliche Alltagsäußerungen nicht-trainierter Menschen
in die Sprachstruktur der Gewaltfreien Kommunikation zu übersetzen und entspre-
chend wahrzunehmen. Rosenberg empfiehlt für die Verarbeitung des Gehörten
dieselbe Struktur wie beim Sprechen. Der Hörende fragt sich: Was habe ich tatsäch-
lich wahrgenommen? Welche Gefühle löst es bei mir aus? Auf welchen Bedürfnissen
beruhen diese Gefühle? Worum wurde ich gebeten?
Vorbedingung dafür ist das aktive Zuhören, wie es schon von Carl Rogers de-
finiert wurde. Es geht dabei um ein Hören, das sich nicht einfach in den Ohren
abspielt. Das Hören der Essenz ist weder auf das Gehör noch auf den Verstand
beschränkt. Es geht dabei vielmehr darum, den Verstand leer zu machen und mit
dem ganzen Wesen zu hören. Das bedeutet, dass Vorurteile, wissenschaftliche The-
orien, intellektuelles Verstehen und selbst Mitleid Hindernisse für das aktive Hören
sind. Beim aktiven Zuhören geht es nicht darum, etwas zu tun, zu verstehen, zu
beschließen oder zu reparieren, sondern einfach nur um das Dasein mit der vollen
Aufmerksamkeit aller Sinne. Rosenberg nennt die Aufmerksamkeit, die aus der
Leere des Verstandes beim Zuhören entsteht, Empathie.509
Nach seiner Überzeugung ist das empathische, aktive Zuhören ein mächtiges In-
strument der Konflikttransformation. Aufgrund der Rückkoppelungsschleifen in sys-
temischen Zusammenhängen ermöglicht vertiefte Empathie des Hörenden, aktives
Zuhören, dem Sprechenden, mit sich selbst auf einer tieferen Ebene in Kontakt zu
kommen, was automatisch zum Nachlassen der Spannung in der Person und folglich

508 Rosenberg 2005a S. 87–109


509 Rosenberg 2005a S. 113

184
auch im Kontakt führt. Wenn die Gefühle und Bedürfnisse der Menschen in einem
Kontakt gegenseitig beachtet werden, ist es schwer, den anderen als Monster zu sehen.
Aus diesem Grund empfiehlt Rosenberg den Hörenden, auch und gerade in Situatio-
nen, in denen sie unfreundlich oder aggressiv angesprochen werden, mit den Gefühlen
und Bedürfnissen der Sprechenden Kontakt aufzunehmen. Dies schaffe zusätzliche
Handlungsmöglichkeiten, entschärfe über die Wahrnehmung der Bedürfnisse des an-
deren die Spannung in der eigenen Person und damit das kommunikative Feld.
Durch die Technik des Paraphrasierens, des Wiedergebens des Gehörten mit eigenen
Worten, soll besonders in emotional aufgeheizten Situationen sichergestellt werden,
dass das Gehörte mit dem Gemeinten übereinstimmt und es gibt dem Sprecher die
Möglichkeit, Missverständnisse zu korrigieren.
Gewaltfreie Kommunikation mag verhältnismäßig leicht sein, wenn alle
Kommunizierenden die Technik beherrschen. Dies ist aber nicht zwangsläufig not-
wendig. Gerade für professionelle KonfliktarbeiterInnen ist auch die einseitige und
rasche Übersetzung von Botschaften in die Struktur der Gewaltfreien Kommunika-
tion hilfreich, selbst und gerade wenn die Streitparteien in diesem Kontext nicht
gewaltfrei kommunizieren. Aus diesem Grund sieht Rosenberg sein Modell auch in
den unterschiedlichsten Kontexten einsetzbar. Er selbst zählt Partnerschaften, Fami-
lien, Schulen und Bildungseinrichtungen, Organisationen und Institutionen, The-
rapie und Beratungsarbeit, Politik, Diplomatie und Geschäftswelt, Arbeitskonflikte
und anderes als mögliche Einsatzfelder auf.510
Die Übersetzung des Gehörten in die Struktur der Gewaltfreien Kommunika-
tion schützt und stärkt die Position des Konfliktarbeiters, hilft bei der Analyse von
Zusammenhängen und mag beitragen, den Streitparteien Verstrickungen in die
eigenen Vorstellungen zu verdeutlichen. Gewaltfreie Kommunikation gehört daher
als eine Art Grundausstattung in den Notfallkoffer jedes Konfliktarbeiters. Das gilt
nach meiner Beobachtung immer, kann professionell oder therapeutisch aber nur
dann verwendet werden, wenn der Konfliktarbeiter selbst aus der Fülle agiert, wenn
er selbst ausreichend Empathie bekommen hat, um geben zu können.511 Deshalb
wurde dieses Element mit soviel Nachdruck in das Curriculum des Innsbrucker
Lehrgangs integriert. Im Rahmen des Lehrgangs wird versucht, im Sinne Rosen-
bergs das Bewusstsein der Studierenden vom unbewussten Unwissen über den eige-
nen Kommunikationsstil über das bewusste Unwissen und das bewusste Wissen an
das unbewusste Wissen heranzuführen. Dass es letztlich immer um die tiefere Ver-
bundenheit von Menschen geht, macht die Methode so wertvoll für die Friedensar-
beit, denn wie auch immer der institutionelle Rahmen für diese Arbeit gestaltet ist,

510 Rosenberg 2005a S. 27


511 Zustimmend Rosenberg 2005a S. 124

185
letztlich sind die Akteure immer Kontaktgrenzen in Tätigkeit, Menschen mit ihren
kommunikativen Möglichkeiten und Grenzen. Soweit diese Methode die Interak-
tion zwischen ihnen erleichtert, macht es Sinn, auf sie zurückzugreifen.
Die Methode der Gewaltfreien Kommunikation ist im Laufe der Jahre populär
geworden und wurde bei oberflächlicher Betrachtung manchmal als transformatori-
sches Allheilmittel missverstanden. Das führte zu Frustration und Kritik, wenn sich
zeigte, dass sie die Interaktion nicht unter allen Bedingungen und in jedem Kontext
erleichtern kann. Manche dieser Kritik stammt aus lösungorientierten Vorstellungen
präskriptiv ausgerichteter Schulen der Konfliktarbeit. Das kann diesen prozessori-
entierten Ansatz eigentlich nicht treffen, denn es drückt nur die unterschiedlichen
Herangehensweisen an Konflikte und das unterschiedliche Verständnis von ihnen aus.
Im Kontext elicitiver Konflikttransformation bedeutender erscheint mir eine
kritische Beobachtung aus der praktischen Arbeit im Umfeld physisch gewalttätiger
Konflikte, die ich auch aus der Erfahrung in der Zusammenarbeit mit hierarchisch
strukturierten Organisationen im Feld und im Innsbrucker Lehrgang bestätigen kann.
In Situationen, in denen es um das eigene Überleben oder zumindest die Verteidigung
vitaler Bedürfnisse gegen tendenziell gewalttätige Angriffe geht, funktioniert die
Gewaltfreie Kommunikation nicht schnell genug und hindert dadurch innere Mei-
nungsbildungsprozesse und Entscheidungsabläufe. Dies zeigt sich regelmäßig, wenn
die Studierenden des Universitätslehrgangs in Rollenspielen beim Österreichischen
Bundesheer in kritische Situationen gebracht werden. Die Versuche einer demo-
kratischen und konsensualen Meinungsbildung führen dabei stets zu verhängnisvollen
Verzögerungen und letztlich zum kollektiven Scheitern vor der simulierten Heraus-
forderung. In der Realität hätte dieses Scheitern meist tödliche Folgen.
Daraus folgt aber nicht, dass die Gewaltfreie Kommunikation für solche Kon-
texte völlig ungeeignet wäre. Entscheidend ist das Timing und das Verständnis einer
derartigen Gesprächskultur. Hierarchien, wie sie in Armeen oder quasi-militärischen
Einrichtungen die Regel sind, zielen definitionsgemäß auf höchste Effizienz und
nicht auf größten Konsens. Ein Offizier kann, darf und wird gegenüber seinem
Untergebenen in einer Einsatzsituation nicht die Methode der Gewaltfreien Kom-
munikation anwenden. Tut er das, untergräbt er das hierarchische Kommunikati-
onsmodell seiner Organisation substanziell.
Ebenso macht es in zivilen Zusammenhängen wenig Sinn, diese Methode an-
zuwenden, wenn es um Tempo und größtmögliche Effizienz in Notsituationen
geht. Dessen ungeachtet wird ein Team auch und gerade in Notsituation effektiver
arbeiten, wenn die gruppen- und einsatzspezifischen Klärungsprozesse im Vorhinein
abgeschlossen und gegenseitige Empathie der Einsatzmitglieder erarbeitet wurden.

186
Es ist dann sichergestellt, dass die Entscheidungen auch wirklich von allen aus
Überzeugung und nicht nur aus Not oder mangelndem Verständnis mitgetragen
werden. Für diese Klärungen und Planungsgespräche im Vorfeld ist Gewaltfreie
Kommunikation sehr wohl hilfreich, wenn genügend Zeit zur Verfügung steht.
Ich konnte sogar beobachten, dass ihre Anwendung in zivilen Kontexten auch
Einfluss auf die militärischen Kooperationspartner hat. Grundsätzlich gilt auch dort,
dass die Methode, im richtigen Moment eingesetzt, Teamwork und Arbeitsabläufe
stützt, wenn die Sprache dem Kontext und Arbeitsziel angepasst wird. Allerdings ist
auch zu beachten, dass die Einführung einer derartigen Gesprächskultur tiefgrei-
fende Folgen für das hierarchische Verständnis in solchen Institutionen hat. Es stellt
nicht zu unterschätzende Herausforderungen an die Prozesstransparenz, die innerin-
stitutionelle Kritiktoleranz und damit an das Selbstverständnis der Führungskräfte.
Dies mag bei quasi-militärischen Strukturen mit zivilen Aufgaben, wie etwa bei der
Feuerwehr oder dem Roten Kreuz, noch verträglicher sein als beim Militär im enge-
ren, soldatischen, letztlich an Kampfeinsätzen orientierten Sinn.
Dieses Thema ist im Hinblick auf das stetige Anwachsen zivil-militärischer
Kooperationen in der internationalen Konfliktarbeit wichtig und wohl noch nicht
ausreichend diskutiert. Aus der Erfahrung des Innsbrucker Lehrgangs, in dem es
einen kontinuierlichen Austausch zwischen den in der Gewaltfreien Kommuni-
kation geschulten Studierenden und international einsatzerfahrenen Soldaten gibt,
ergeben sich spannende Fragen. Meiner vorläufigen Einschätzung nach kann die
Gewaltfreie Kommunikation auch im zivil-militärischen Kontext erhellend wirken.
Ich fasse die hier nur ansatzweise wiedergegebene Debatte um die methodische
Reichweite der Gewaltfreien Kommunikation zusammen, indem ich festhalte, dass
sie im dialogischen und therapeutischen Bereich ohne Zweifel ein sehr taugliches
Werkzeug der Konflikttransformation ist. Umstritten bleibt hingegen, ob sie auch
in komplexeren und vor allem hierarchischen Gruppenzusammenhängen das effek-
tivste Mittel ist. Das gilt besonders dann, wenn, wie etwa in einer Armee, Hierar-
chie und Einsatzeffizienz undiskutierbare Daseinsgründe des Gruppenzusammen-
hangs bilden. Als systemisch-prozesshafter Methode wohnt der Gewaltfreien
Kommunikation notwendigerweise ein gewisses Maß an anarchischem Denken
inne, das sie für solche Kontexte als nicht eben ideal geeignet erscheinen lässt. Auf
den situativen Kontext, Machtverhältnisse, unausgesprochene Wertordnungen und
Ressourcen der Beteiligten im Spannungsverhältnis von Thema, Gruppe und Indi-
viduum fokussieren andere Methoden stärker. Darauf gehe ich in der Folge ein.

187
2 Themenzentrierte Interaktion

Die Gewaltfreie Kommunikation stößt irgendwo im Bereich der vorsätzlichen und


gezielten Machtausübung im Rahmen von etablierten autoritären Institutionen, in
denen es um reibungslose Abläufe und die Vorstellung von öffentlicher Sicherheit
geht, an die logischen und funktionellen Grenzen ihrer Anwendbarkeit. Demgegen-
über stellt die Themenzentrierte Interaktion (TZI) nach Ruth Cohn die Frage nach
der Macht in Gruppenzusammenhängen und den Einfluss des sie umgebenden
Rahmens in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Obwohl die Themenzentrierte
Interaktion wie die Gewaltfreie Kommunikation eine praktische Anwendung der
Humanistischen Psychologie ist, gibt es zwischen diesen Schulen erhebliche Unter-
schiede, die sich vor allem auf Macht und Organisation in Kommunikationsabläu-
fen beziehen.
Wie viele VertreterInnen der Humanistischen Psychologie, zu deren wichtigs-
ten Stimmen sie zählt, stammt die 1912 geborene Ruth Cohn aus einem deutsch-
jüdischen Ambiente und auch ihre Arbeit wurde wesentlich von der persönlichen
Erfahrung des Holocausts, der Vertreibung und des Exils in den USA geprägt. An-
ders als die meisten anderen wichtigen Namen dieser Gründergeneration hat sich
Cohn aber nicht exzessiv auf das kalifornische Experimentierfeld von Esalen oder
Palo Alto eingelassen. Sie ist keine Revolutionärin:

Ich glaube an Sozialismus, nicht aber an Gewalt und Diktatur des Proletariats. Ich
dachte damals und denke heute, dass Revolutionen, die nur die ökonomischen und po-
litischen Umstände und nicht die Menschen selbst in ihrer Haltung verändern, zwar die
Umkehr von oben/unten und unten/oben bewirken, nicht aber Armut und Ungerech-
tigkeit selbst. So verändern sich die Namen der Gewaltträger und der Unterdrückten,
nicht aber die Phänomene der Gewalt und Hilflosigkeit.512

Sie ist Vertreterin einer im Vergleich zu Perls, Rogers, Grof oder Maslow gemä-
ßigten und strukturierten Denkrichtung der Humanistischen Psychologie an der
Ostküste.513 Anfang der 1970er Jahre kehrte sie nach Europa zurück. Vom Lebens-
alter und Oeuvre her gehört sie zu den jüngeren AutorInnen der Pioniergeneration.
Sie konnte in ihrer wichtigsten Schaffensperiode ab 1966, ähnlich wie Marshall
Rosenberg, schon auf Ergebnisse und Methoden der Älteren greifen, die sie alle
persönlich kannte. Ihr Beitrag zur Humanistischen Psychologie liegt in der Ent-
wicklung eines pädagogischen Gruppenkonzepts, das die Arbeit an Beziehungen

512 Ruth Cohn zitiert nach Löhmer/Standhardt 2008 S. 26


513 Ihre Abgrenzung zu Perls legte sie im 1973 erstveröffentlichten Aufsatz „Die Erlebnistherapien –
Autismus oder Autonomie?“ auf humorvolle Weise dar. Neu veröffentlicht in Cohn 2004 S. 97–109

188
und Sachthemen gleichermaßen ernst nimmt. Viele dieser Aspekte leiten sich aus
der Psychoanalyse, dem Psychodrama, der Gestalttherapie und der nicht-direktiven
Gesprächstherapie nach Carl Rogers ab. Cohns pragmatischer Umgang damit hat
sich für sich selbst als hilfreich erwiesen. Daher ist sie auch für die elicitive Konflikt-
transformation eine herausragende methodische Vordenkerin.
Das zentrale Anliegen der TZI ist ganzheitliches Kommunizieren, um sich
selbst und andere so zu leiten, dass die fördernden und heilenden Potentiale im
Menschen angeregt werden. Das Konzept stammt aus Versuchen zur gemeinsamen
Lernerfahrung in organisierten Gruppen, lässt sich aber leicht in gemeinschaftsbezo-
gene Konfliktlagen verschiedenster Art im „wirklichen“ Leben übertragen. Denn der
Fokus ist nicht die therapeutische Aufarbeitung individueller Probleme, sondern das
Wecken des Bewusstseins für Handlungsoptionen in Problemlagen grundsätzlich
funktionierender Zusammenhänge. Wie immer in der Humanistischen Psychologie
geht es primär um die Frage Was ist jetzt?, nicht Warum ist jetzt?
Cohn folgt einem streng relationalen Ansatz menschlicher Kommunikation in
Gruppen und stellt die Balance zwischen Sach- und Beziehungsebene in Form eines
Dreiecks als zusammenfassenden Ausdruck ihrer Überlegungen dar. Dessen Eck-
punkte sind

ƒ das Ich als Person, die dem Thema und den anderen zugewandt ist,
ƒ das Wir der Gruppenmitglieder, die durch die Zuwendung zum Thema und
ihre Interaktion miteinander zur Gruppe werden,
ƒ das Es als von der Gruppe zu bearbeitendes Thema.
ƒ Dieses Dreieck wird von einem Globe genannten Umfeld kreisartig umschlos-
sen, das die Arbeit im engeren und weiteren Sinn beeinflusst:514

514 Ruth Cohn Institut (17.3.2009)

189
Ruth Cohn bietet für die elicitive Konflikttransformation drei Axiome, zwei Postu-
late und neun Hilfsregeln an.515
Das erste, existentiell-anthropologische Axiom beruht auf den Ansätzen von
Buber und Moreno und besagt, dass der Mensch eine psycho-biologische Einheit
und als solche Teil des Universums ist. Er ist daher gleichermaßen selbständig und
abhängig. Die Wechselwirkung von Selbständigkeit und Abhängigkeit – oder Ver-
bundenheit – gehört existentiell zum menschlichen Dasein. Die Autonomie des
Einzelnen ist umso größer, je mehr er sich seines Zusammenhangs mit allen und
allem bewusst ist. Je klarer die Abhängigkeit von den äußeren Gegebenheiten und
den inneren Mustern, Einstellungen und Haltungen erkannt und begriffen wird,
desto größer ist die Entscheidungsfreiheit. Dabei gibt es keine Zufälle oder isolierte
Begebenheiten. Die Geschehnisse und Entscheidungen bedingen einander in Ver-
gangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Im zweiten, ethisch-sozialen Axiom drückt Cohn ihre Ehrfurcht vor allem Le-
bendigen aus. Das liegt nahe bei Carl Rogers oder Abraham Maslow. Es entspricht
auch Marshall Rosenbergs transrationaler Spiritualität und deren Unterscheidung
zwischen lebensbejahender und lebensfeindlicher Sprache. Cohn zieht aber andere
Schlüsse. Denn ihr bedeutet Lebendigkeit Wachstum. Während ihre Ästhetik auf
den Grundsätzen der Systemtheorie beruht, ist ihre Ethik evolutionistisch, vektoral
in einem moralisch-modernen Sinn und damit implizit strukturalistisch. Der bedin-
gungslose Respekt vor dem Wachstum des Menschlichen erfordert nach ihrer Ethik
notwendigerweise moralische Entscheidungen. Das Humane ist wertvoll, das Inhu-
mane wertlos und bedrohlich.
Während Marshall Rosenberg in der Gewaltfreien Kommunikation implizite
moralische Bewertungen bewusst machen und das Sprechen davon freihalten will,
lässt Cohns strukturalistische Einschließung in ihrer transrationalen Epistemologie
solche Bewertungen notwendig erscheinen. Es handelt sich dabei um jenes Phäno-

515 Axiome und Postulate finden such übersichtlicher als bei Cohn selbst bei Löhmer/Standhardt
2008 S. 34–78.

190
men, das ich in der Einleitung zu diesem Kapitel als grundlegende Spannung zwi-
schen Strukturalismus und Transrationalität angedeutet habe. Cohn ist, ähnlich wie
Ken Wilber,516 eigentlich eine transrationale Denkerin, greift in einem Kernpunkt
ihrer Axiome aber auf ein strukturalistisches Argument.
Ihre Biographie erklärt Ruth Cohns etwas tautologische Formulierung, dass
das Humane wertvoll, das Inhumane wertlos wäre. Der Satz bringt ihre Erfahrung
mit dem Nationalsozialismus zum Ausdruck, den sie auf einen Mangel an ethisch-
humanistischen Werten zurückführt. Die Frage, ob der Nationalsozialismus ein
Rückfall in prämoderne Barbarei oder der brutalste Ausdruck der Moderne in ihrer
Vollendung war, beschäftigte diese Generation aus gutem Grund. Cohn führte diese
Sorge zur modernen Forderung nach einer ethisch-sozialen Orientierung, mit der sie
auch die atomare und ökologische Bedrohung ihrer Zeit betrachten wollte. Trotz
dieser modernen Ethik kritisierte sie auch die abendländische Dominanz von Intel-
lekt und Verstand über Gefühl und Körper. Umgekehrt distanzierte sie sich von der
einseitigen Betonung der Gefühlsebene gegenüber dem Verstand, die sie in roman-
tisch-esoterischen Tendenzen der 1960er Jahre wahrnahm.

Wissen ohne Achtung vor dem Menschen baut Gaskammern und Napalmfabriken.
Menschlichkeit ohne Wissen kann kein Brot backen, keine Häuser, Spitäler oder Schu-
len bauen und keine gebrochenen Knochen oder Seelen heilen. 517

Das Verächtlichmachen von Wissen und Denken empfand sie nicht weniger de-
struktiv als das Herabschauen auf Sensitivität und Spiritualität. Ihr ging es um die
Balance zwischen beiden. Insofern ist sie eine klassische Vertreterin des transratio-
nalen Ansatzes. Rationalität und Spiritualität sind bei ihr ziel- und heilsorientiert,
was bei Wilber’scher Lesart des Transrationalen Begeisterung auslösen mag, von rein
systemisch orientierten Ansätzen aus aber kritisch betrachtet wird.
Das dritte, pragmatisch-politische Axiom von Ruth Cohn besagt, dass die freie
Entscheidung nur innerhalb bedingender innerer und äußerer Grenzen möglich
wäre. Das klingt auf das Erste strukturalistisch, ist aber systemisch gemeint. Das
Bewusstsein der universellen Interdependenz ist die Grundlage humaner Verant-
wortung. Daher ist aus ihrer Sicht die Entscheidungsfreiheit von gesunden, intelli-
genten, materiell gesicherten und geistig reifen Menschen größer als die von kran-
ken, beschränkten, armen oder unreifen. Das fasst sie in der griffigen Formel
zusammen: Ich bin nicht allmächtig, ich bin nicht ohnmächtig, ich bin partiell mäch-

516 Siehe dazu die schon erwähnte Wilber-Kritik bei Ferrer 2002 S. 83–86
517 Cohn 2004 S. 109

191
tig.518 In Anlehnung an Sri Aurobindo glaubt sie, dass die Mittel, die einer Person
zur Verfügung stehen, mit dem Handeln wachsen. Daraus resultiert die Forderung,
nur die Realität und nicht irgendein Dogma als höchste Autorität anzuerkennen.
Diese beinhaltet einerseits das aus der Gestaltpsychologie bekannte Argument der
bewussten Unterscheidung zwischen der eigenen Wahrnehmung der Realität und
der eigenen Vorstellung über die Welt, sieht das allerdings nicht absolut, sondern
begrenzt durch die individuelle Sozialisation als eine Art Überich.
Aus ihren drei Axiomen leitet Ruth Cohn zwei Postulate zum menschlichen
Paradox der Freiheit in Bedingtheit ab:

Sei deine eigene Chairperson!


Störungen haben Vorrang!

Mit dem ersten Postulat meint sie, dass jeder Akteur, der sich in einer beziehungs-
haften (wir) oder interessensbedingten (es) Konfliktlage seiner eigenen inneren Ge-
gebenheiten (ich) und jener seiner Umwelt (globe) bewusst ist, jede Herausforderung
als Aufforderung zu einer freien Entscheidung wahrnehmen und für sich selbst und
andere verantwortlich handeln kann. Bei der Abwägung der Entscheidung steht er
vor den sprichwörtlichen Möglichkeiten: Love it, leave it, or change it, wozu mit
allen Konsequenzen der Handlung oder Unterlassung zu stehen ist.519
Das zweite Postulat hält fest, dass es in einem umfassenden Zusammenhang
alles Existierenden keine Zufälle und kein Außen gibt. Daher haben Störungen des
Systems, egal ob sie aus dem Ich, dem Wir, dem Thema oder der Umwelt kommen,
immer Vorrang. Ohne vorrangige Transformation der störenden Energie wird der
weitere Fluss des Systems im Gesamten gestört.520
Das zweite Postulat illustriert die Relativität der Grundlage des ersten. Die
Chairperson ist zwar selbstverantwortlich und frei, sich selbst, ihre Interessen, ihre
Beziehungen oder ihre Umwelt zu verändern. Sie kann das alles durch ihre bewuss-
ten und selbst verantworteten Entscheidungen teilmächtig beeinflussen, aber nicht
allmächtig gestalten. Als lebende Systeme sind Gruppen nicht linear steuerbar, aber
prinzipiell durch alle internen Impulse und externen Einflüsse veränderbar. Neben
den schon besprochenen externen Störfaktoren, die bei guter Vorbereitung mini-
mierbar sind, können schon Nebenbemerkungen jedes beliebigen Gruppenmit-
glieds, die diesem selbst unwichtig erscheinen, von anderen ernst genommen wer-
den. Wenn sie sich dadurch gestört fühlen, verstärken sie deren Bedeutung. Wird

518 Cohn 2004 S. 205


519 Löhmer/Standhardt 2008 S. 42
520 Cohn 2004 S. 120–123

192
das durch mehrere Rückkoppelungsschleifen verstärkt und erweitert, mag das Sys-
tem mit seinen bestehenden Einverständnissen und Regeln diese Wirkung nicht
mehr verkraften und instabil werden. Das wird in Gruppenprozessen zumeist als
Chaos, Konflikt, Unsicherheit, Widerstand und Zweifel empfunden. Daraus kann
sich manchmal eine neue, heilsame Ordnung entwickeln. In kurzfristig zielgerich-
teten Gruppenprozessen ist derartige Instabilität aber destruktiv, weshalb es ange-
zeigt ist, Störungen von eventuell weiter reichender Wirkung zeitgerecht zu beach-
ten und konstruktiv in den Kontext zu integrieren. Solche Veränderungen sind
prozesshaft, nicht linear oder kausal. Daher erfordern sie konstante Bewertung und
Reaktion durch den oder die Facilitators.
Diese beiden Postulate integrieren die systemische Denkweise der Humanisti-
schen Psychologie auf der Basis der zumindest teilweise auch strukturalistischen
Axiome. Insofern bildet die TZI ein ähnlich synkretistisches Gebäude wie die Ge-
waltfreie Kommunikation, allerdings mit anderen Konsequenzen in der praktischen
Anwendung.
Die aus Cohns Axiomen und Postulaten abgeleiteten Hilfsregeln haben sich
weit über die TZI hinaus zur Selbstverständlichkeit der Gruppenleitung und Kon-
fliktarbeit entwickelt. Sie werden, ähnlich wie die Methoden der Gewaltfreien
Kommunikation, oft jenseits ihrer transrationalen Grundlage als reine Handwerks-
zeuge missverstanden. Cohns vergleichsweise stärkere Orientierung am Struktura-
lismus mag gegenüber der Gewaltfreien Kommunikation den Vorteil haben, dass
die Momente von Macht und Ordnung in ihrem System stärker Beachtung finden
und methodisch explizit berücksichtigt werden. Dies macht die Methode einerseits
in hierarchischen Strukturen besser anwendbar, zugleich aber auch leichter für herr-
schaftliche Absichten von ihrer humanistischen Grundlage separierbar. Die neun
Hilfsregeln besagen in Kurzform Folgendes:
Authentische Selbstvertretung: Eigene Aussagen auf der Sachebene werden in der
Ich-Form, nicht in der des Wir oder man, ausgedrückt, um Projektionen zu ver-
meiden und weder die eigene Kreativität noch die eigenen Irrtümer zu vertuschen.
Begründende Fragestellung: Authentische Informationsfragen sind an der per-
sönlichen und klaren Begründung des Informationswunsches erkennbar.
Selektive Authentizität: Eigene Erfahrungen und Überzeugungen sind insoweit
zu kommunizieren als sie zur Kooperation beitragen. Zudem sind die eigenen Aus-
sagen darauf zu überprüfen, ob sie wirklich dem eigenen Wertesystem entspringen
oder ob sie aus einem internalisierten Sollen sozialer Konventionen resultieren. Umso
sorgfältiger zwischen Ich soll, Ich möchte, Ich darf und Ich will unterschieden wird,
umso klarer, konstruktiver und vertrauensvoller wird die Kommunikation sein.
Zeitgerechte Interpretation: Interpretationen haben eine inhaltliche und eine
zeitliche Dimension. Wenn sie inhaltlich richtig und gut getaktet sind, zementieren

193
sie das gemeinsame Verständnis des Gesagten und Gewussten. Wenn sie inhaltlich
richtig, aber nicht zeitgerecht eingebracht sind, drängen sie die Interpretierten in
eine defensive Haltung. Inhaltlich falsche Interpretationen sind zu jeder Zeit Stö-
rungen des Kommunikationsablaufs. Inhaltlich oder zeitlich unangebrachte Inter-
pretationen beinhalten ein hohes Störungspotential und sollten im Sinne des
Kommunikationsflusses nur zugelassen werden, wenn ihre Unterbindung eine noch
größere Störung provozieren würde.
Keine sachlichen Verallgemeinerungen: Sie unterbrechen den Kommunikati-
onsfluss und lenken vom konkreten Thema ab.
Keine persönlichen Bewertungen: Die Aussage, wie ich eine andere Person
sehe, ist notwendigerweise immer subjektiv. Ich kann nur meine Meinung über den
anderen ausdrücken. Diese hat keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit. Wenn
entsprechende Aussagen nicht in der Ichform gehalten sind, etwas über den Spre-
chenden selbst mitteilen, lenken sie vom Thema ab und vertuschen die Subjektivität
allgemein scheinender Bewertungen. Ruth Cohn empfiehlt daher die bestmögliche
Vermeidung wertender Aussagen auf der Beziehungsebene.
Vorrang von Seitengesprächen: Sie treten nicht zufällig auf und behindern den
Ablauf. Niemand kann mehr als einer Äußerung zur gleichen Zeit zuhören. Um
sich auf verbale Interaktionen konzentrieren zu können, müssen sie nacheinander
erfolgen. Der Gruppenzusammenhalt ergibt sich aus konzentriertem Interesse für
einander und für die Aussagen oder Aktionen jedes Teilnehmers. Seitengespräche
zeigen eine Störung im Gruppenzusammenhang. Störungen haben nach dem zwei-
ten Postulat Vorrang, um nach ihrer Behebung den weiteren Kommunikationsfluss
ungehindert zu lassen. In stark hierarchisierten Strukturen wird dies über Disziplin
erzwungen. In weniger hierarchisierten Zusammenhängen sollten nicht nur verbale
Äußerungen, sondern auch Gesten, Subgruppen, Paarbildungen und ähnliches in
den Gesamtstrom der Gruppenkommunikation eingebettet werden.
Immer nur ein Sprecher zur gleichen Zeit: Dieses Gebot leitet sich aus dem
vorherigen ab. Es ist notwendig, um die Wahrnehmbarkeit des Gesamtzusammen-
hangs für alle zu bewahren. Dabei stellt sich üblicherweise die Frage, wer der Spre-
cher sein soll. Darauf gibt es keine letzte Antwort. Als Auswahlkriterien schlägt
Cohn vor:

ƒ das offenkundig starke Bedürfnis eines Gruppenmitglieds,


ƒ das mehrheitliche Interesse der Gesamtgruppe,
ƒ die Identität zweier Aussagen,
ƒ die Notwendigkeit von Ergänzungen oder Widersprüchen.

194
Klare Regeln der Sprechordnung: Die Gruppenleitung sollte immer darauf achten, die
Gesprächsfäden einer Gruppe in ihrer Vielfalt zu überblicken. Vor allem im Konflikt-
fall ist es notwendig, diese zu ordnen und dafür Sorge zu tragen, dass zumindest die
wichtigsten aufgenommen und abgehandelt werden. Wird das nicht beachtet, verstär-
ken sich vorhandene Rollenmuster in der Weise, dass scheue oder stille Mitglieder
noch weniger sprechen und temperamentvolle dominieren.521
Die Aufgabe der GruppenleiterInnen, KonfliktarbeiterInnen oder MediatorIn-
nen, aber ebenso der selbstverantwortlichen Gruppenmitglieder oder Konfliktpar-
teien besteht nach Cohn – ähnlich wie beim schamanischen Medizinrad – darin,
jenen Faktor des Ich-Wir-Es-Globe- Verhältnisses, der gerade am wenigsten zur
Geltung kommt, anhand dieser Hilfsmittel in den Vordergrund zu rücken, um die
Balance zwischen ihnen immer wieder aufs Neue herzustellen. Das ist in der ge-
schützten Atmosphäre eines Seminarraums schwer genug. Im Angesicht potenziell
oder tatsächlich gewaltträchtiger Konflikte im Feld mag es eine enorme Herausfor-
derung sein. Doch genau auf diese Spannung zwischen humanistischen Idealen und
alltäglicher Wirklichkeit zielt die TZI. Sie ist eine Methode, diese Spannung auszu-
halten und auf kreative Weise zu nutzen.
Ihre Mittel haben sich in jedem Kontext als hilfreich erwiesen, in dem es
darum geht, Transformationsprozesse einzuleiten und Vertrauen zu schaffen. Solche
Prozesse sind nur bedingt planbar. Das macht eine flexible Handhabung der vor-
ausgeplanten Strukturen in der jeweiligen Situation notwendig. Denn Strukturen
sind unerlässlich, um Vertrauen in die Situation und den Prozess zu ermöglichen,
aber sie dürfen kein Selbstzweck werden. Wenn Konfliktparteien in einem fremd
induzierten Transformationsprozess wissen, was sie erwartet, wenn sie ermutigt
werden, sich möglichst selbst zu leiten, und wenn sie erfahren, dass sie sich auf die
Leitung verlassen können, entsteht Vertrauen.
Struktur schafft Vertrauen und fördert den Prozess. Dennoch sind in jeder
Gruppe und Konfliktlage auch die Schattenaspekte Chaos, Stagnation und Misstrauen
vorhanden. Kommen Konkurrenz, Neid, Unzuverlässigkeit, Ängste, Aggressionen und
Unsicherheiten offen ins Spiel, schrecken die Parteien oft zurück, beurteilen das
Aufkommen dieser Aspekte negativ und fühlen sich schlecht geleitet. Die TZI-
Gruppenarbeit nach Cohn akzeptiert diese Schattenaspekte und verzichtet auf jede
künstliche Harmonie. Cohn stellt dem Apollinischen Dreieck Struktur-Prozess-
Vertrauen den Dionysischen Schattenaspekt Chaos-Stagnation-Misstrauen gegenüber
und betont die Lebensenergie, die sich im Schatten verbirgt. Sie betrachtet ihn nur als
destruktiv und unkontrollierbar, wenn er unterdrückt oder verdrängt wird. Ihn an-

521 Cohn 2004 S. 124–128

195
und wahrzunehmen bedeutet nach Cohn Vitalität und Ganzheit, womit die
Anerkennung selbst wieder zur Balance und damit zur Transformation führt.522
Im Innsbrucker Lehrgang gibt es regelmäßig eine Einführung in die Grundla-
gen der TZI. Gelegentlich werden auch vertiefende Übungen angeboten. Der An-
wendungsbereich in der Lehre hat mehrere Dimensionen. Zum Ersten hat sich TZI
als ein ideales Instrument zur Leitung der jeweiligen Gruppe durch die Administra-
tion und die Lehrenden erwiesen. Da der Gruppenzusammenhang in diesem Lehr-
gang intensiv ist, lässt sich eine auf solche Gruppensituationen zugeschnittene Me-
thode besonders gut und leicht anwenden. Obwohl die Philosophie des TZI sich in
vielen Aspekten mit jener des Lehrgangs deckt, hat sich in der Anwendung gezeigt,
dass die Studierenden für ihre persönlichen oder gruppenspezifischen Interaktionen
lieber auf die Methoden der Gewaltfreien Kommunikation greifen, während im
formalisierten Zusammenhang des Klassenzimmers oder in praktischen Übungen
mit hohem Organisationszwang die TZI ins Spiel kommt.
Das mag sich in den grundlegenden und technischen Aspekten der beiden
Methoden begründen. Gewaltfreie Kommunikation zielt darauf ab, Gefühle und
Bedürfnisse offenzulegen. Das ist überall da besonders wichtig, wo es um langfristige
zwischenmenschliche Beziehungen und Gruppenzusammenhänge geht. TZI emp-
fiehlt hingegen, eigene Interpretationen, Gefühle und Bewertungen so lange wie
möglich zurückzuhalten. Obwohl sie eigentlich stärker werteorientiert ist als Rosen-
bergs Ansatz, erweist sich TZI als effektiver, wenn es um rasche Entscheidungen in
großen oder stark strukturierten Gruppen geht.
Jenseits der philosophischen Debatten haben sowohl die Gewaltfreie Kommu-
nikation als auch die Themenzentrierte Interaktion ihre methodischen Vorteile.
Daher werden in Innsbruck beide Ansätze unterrichtet und trainiert. Obwohl es
letztlich immer die AnwenderInnen sind, die über den Erfolg des Einsatzes einer
solchen Methode entscheiden, zeigt die Innsbrucker Erfahrung, dass ein Mix aus
beidem für die elicitive Konfliktarbeit sinnvoll und ratsam ist. Jedenfalls erwies sich
der gemischte Einsatz über die volle Übungszeit von zwei Monaten als zielführender
denn der Fokus auf nur eine der beiden Methoden.

3 Psychologie der zwischenmenschlichen Kommunikation

Seit den 1980er Jahren wird eine stets wachsende Zahl von Methoden und Tech-
niken der Gesprächsführung, Mediation und Kommunikation vor allem am Schu-
lungsmarkt für Spitzenkräfte angeboten. Da dies offensichtlich ein sehr einträgliches

522 Löhmer/Standhardt 2008 S. 73

196
Geschäft ist, hat sich ein mittlerweile schwer überblickbares Gewirr von wohlklin-
genden Trademarks entwickelt, die praktisch ohne Ausnahme auf die Methoden der
Pioniergeneration der Humanistischen Psychologie bauen.
Vor allem Richard Bandlers und John Grinders Synthese aus den Ansätzen je-
ner Pioniere, das Neurolinguistische Programmieren NLP,523 hat sich seit den
1970er Jahren in eine Vielzahl von Schulen aufgespaltet. Ich unterscheide bei ihnen
zwischen schwarzer und weißer Magie. Als schwarze Magie bezeichne ich in diesem
Zusammenhang jene manipulative Verwendung der NLP Formate, die sich vor
allem im wirkungsorientierten Manager Coaching mit kompetitiven Absichten sehr
gut verkauft,524 während ich unter weißer Magie den ausdrucksorientierten Versuch
verstehe, Menschen in persönlichen oder gemeinschaftlichen Problemlagen mit
denselben Methoden eine neue Sprache zur Verfügung zu stellen, die es ermöglicht,
der Krankheit oder der Schwierigkeit zugrunde liegende Konflikte anders und besser
zu verstehen und zu transformieren. So verwendet sind die Methoden der zweiten
und dritten Generation der Kommunikationspsychologie in all ihren Varianten
nützliche Werkzeuge der elicitiven Konflikttransformation.
Die Ansätze der Pioniergeneration sind nach wie vor aktuell, hilfreich und vor
allem für didaktische Zwecke unverzichtbar. Einige jüngere Schulen haben diese
Ansätze eindrucksvoll weiterentwickelt. Durch entsprechende Sprache und Struktur
wurden sie verständlicher, besser vermittelbar und leichter einsetzbar. Darüber hin-
aus wurde im Laufe der Jahrzehnte viel an den ursprünglichen Irritationen gearbei-
tet, die aus dem Übergang der strukturalistischen in die post-strukturalistische Phase
resultierten. Im deutschen Sprachraum hat sich vor allem der 1986 entstandene
Hamburger Arbeitskreis Kommunikation und Klärungshilfe im beruflichen Bereich525
um Friedemann Schulz von Thun viele Verdienste sowohl hinsichtlich der philoso-
phischen Klärung als auch der praktischen Anwendung und Vermittlung erworben.
Im Innsbrucker Lehrgang für Friedensstudien wird dieser Ansatz ergänzend zu den
bisher vorgestellten unterrichtet und geübt.
Der 1944 in Soltau geborene Psychologe Friedemann Schulz von Thun,526 Pro-
fessor an der Universität Hamburg, machte sich als Autor der Trilogie Miteinander
Reden527 einen Namen. Dieser Klassiker wird im deutschen Sprachraum vom Unter-
richt in Mittelschulen bis zum Training für Spitzenkräfte überall verwendet. Er wird

523 O’Connor/Seymour 1992


524 Anschauliche Beispiele beschreibt Schulz von Thun 2003a S. 204–208 und Schulz von Thun
2003b S. 25/26
525 Schulz von Thun (16.9.2009)
526 Schulz von Thun (16.9.2009)
527 Schulz von Thun 2003a. 2003b 2003c

197
in der Aus- und Fortbildung von LehrerInnen, ÄrztInnen, Bankangestellten und
PolizistInnen, TechnikerInnen und SoldatInnen, von Führungskräften aller Fach-
richtungen und VerkäuferInnen aller Produkte verwendet. Er eignet sich auch für den
Einsatz in der elicitiven Konflikttransformation, weil es in der Friedensarbeit meist in
abstrakten Einzeldisziplinen vorgebildete Fachkräfte dabei mit realen Menschen und
deren sozialen Zusammenhängen zu tun bekommen. Diese Kontexte sind stets in
komplexer und verwirrender Weise von gegensätzlichen Momenten wie Konkurrenz
und Kooperation, Hierarchie und Kollegialität, Humanität und Effektivität, Herr-
schaft und Mitsprache, Transparenz und Geheimhaltung durchzogen. Die Vorschläge
und Werkzeuge von Schulz von Thun, die viele der älteren Methoden berücksichtigen
und zusammenfassen, sind sehr hilfreich im Umgang mit derartigen Herausfor-
derungen in der Konfliktarbeit, weshalb ich darauf etwas ausführlicher eingehe.
Schulz von Thun beruft sich auf Karl Bühler528 als Vorfahr und Paul Watzla-
529
wick als Klassiker der Pioniergeneration. Zusätzlich nennt er Alfred Adler, Carl
Rogers, Fritz Perls und Ruth Cohn als richtungweisend für seinen Ansatz.530 Dem
würde ich hinzufügen, dass via Watzlawick auch Virginia Satir und Gregory Bate-
son Einfluss auf ihn haben. Die Kombination all dieser Namen illustriert, dass das
Hamburger Modell eine Synthese des bisher Vorgestellten ist.
Schulz von Thun legt auf den ersten Seiten seiner Trilogie klar, dass es in sei-
ner Wissenschaft darum geht, das selbst Erlebte zu verstehen und auszudrücken,
nicht das Nicht-Erlebte zu kommentieren. Damit bringt er paradigmatisch den
Wissenschafter als erkennendes Subjekt in den Erkenntniszusammenhang ein und
distanziert sich von einer Expertensprache, die Sachverhalte verhandelt, deren Er-
lebniszusammenhang ihr fehlt. Er kritisiert die Verfangenheit moderner Wissen-
schaft in rein verstandesmäßigen Einsichten und will, ohne das Wort zu verwenden,
in transrationaler Weise Intellektuelle durch einen kognitiven Wegweiser auf emoti-
onales Gelände führen.531
Schon am Klappentext des ersten Bandes seiner Trilogie wird proklamiert: Die
Psychologie der zwischenmenschlichen Kommunikation hat etwas anzubieten,
wenn wir persönlich und sachlich besser miteinander klarkommen wollen. Schulz
von Thun bietet der elicitiven Konflikttransformation ein Werkzeug von höchstem
Standard. So gesehen ist er ein Virtuose der weißen Magie.
Der konzeptuelle Schritt, mit dem er weiter geht als Rosenberg oder Cohn, ist
sein eindeutiger Umgang mit dem Strukturalismus. In seinem opus magnum distan-

528 Bühler 1934.


529 Watzlawick/Beaven/Jackson 1969
530 Schulz von Thun 2003a S. 13/14
531 Schulz von Thun 2003a S. 11/12

198
ziert er sich explizit von Ansätzen, die meinten, das Bewusstsein über die Struktur
der Sprache leiten zu können. Er kritisiert die Formelhaftigkeit solcher Versuche
und betrachtet den strukturalistischen Weg einer Kommunikationsstrategie der
ansprechenden Verpackungen als Irrtum.532 Das ist eine Kritik, die seine eigenen
frühen Versuche zitiert, meiner Ansicht nach aber zum Teil auch Marshall Rosen-
berg trifft. Statt der Orientierung an formelhaften Sprachstrukturen schlägt er Klar-
heit und Stimmigkeit als neue Maßstäbe sinnvoller Kommunikation vor:

Mit „Stimmigkeit“ ist nicht nur die Übereinstimmung meiner Kommunikation mit
meiner inneren Verfassung, meinen Zielen und Werten gemeint, sondern auch mit der
Verfassung meines Gegenübers und mit der Wahrheit der Situation.533

Eine Nachricht ist stimmig, wenn all ihre Teilbotschaften in die gleiche Richtung
weisen und wenn sie in sich stimmig ist. Dieses Verständnis deckt sich mit der De-
finition von Kongruenz bei Virginia Satir.534 Es verweist auch auf Fritz Perls und
den Klarheitsbegriff von Jeru Kabbal.
Schulz von Thun definiert daran anschließend drei Stellen, an denen Kommuni-
kationspsychologie ansetzen kann: beim Individuum, beim Miteinander und bei den
institutionellen und gesellschaftlichen Bedingungen.535 Damit wiederum liegt er nahe
an Ruth Cohn’s Modell von Ich, Wir, Thema und Globe.536 Er entschließt sich, in
seiner Arbeit auf die Momente des Ich und Wir in der Kommunikation zu fokussieren
und akzeptiert bereitwillig, dafür von Strukturalisten einer unpolitischen Haltung
bezichtigt zu werden. Diese Debatte geht zurück bis in die Pariser Studentenbewe-
gung von 1968 und ist in der Kommunikationstheorie nichts Neues.537
Das grundlegende und wohl bekannteste Element aus Schulz von Thuns Lehre
ist die von ihm so bezeichnete Anatomie einer Nachricht. Er nennt das, was ein
Sender in einem Kommunikationsvorgang verbal und nonverbal von sich gibt und
ein Empfänger zu entschlüsseln hat, Nachricht. Eine Verständigung findet statt,
wenn die gesendete und empfangene Nachricht zumindest einigermaßen überein-
stimmen. Jede Nachricht beinhaltet mehrere Botschaften. Das sind implizite Aussa-
gen, über die sich die volle Bedeutung der Nachricht erst erschließt. Schulz von

532 Schulz von Thun 2003b S. 12–16


533 Schulz von Thun 2003a S. 18
534 Satir 2007 S. 83–102
535 Schulz von Thun 2003a S. 19–21
536 Löhmer/Standhardt 2008 S. 34–78
537 Zu diesem Thema ausführlich Dietrich 2008 S. 285–315

199
Thun stellt dies in seinem berühmt gewordenen Quadrat von Sachinhalt, Selbstof-
fenbarung, Beziehung und Appell folgend dar:538

Nach diesem Schema beinhaltet jede Nachricht vier Gruppen oder Ebenen von
Botschaften.
Der Sachinhalt ist üblicherweise das explizit Benannte, das worüber informiert
wird.
Indem er kommuniziert, teilt der Sender immer eine Menge über sich selbst,
seine Kenntnisse, Erfahrungen, Einstellungen oder Gefühle mit. Dies kann vor-
sätzlich in der Form einer Selbstdarstellung oder ungewollt und unbewusst als
Selbstenthüllung geschehen.539
Weiters geht aus der Nachricht hervor, wie der Sender sein Verhältnis zum
Empfänger beurteilt. Jede Nachricht ist notwendigerweise Ausdruck des Verhältnis-
ses von Sender und Empfänger. Auf jeder Ebene einer Nachricht können auch non-
verbale Botschaften transportiert werden. Besonders häufig und vielsagend geschieht
dies auf der Beziehungsebene.
Schließlich hat jede Nachricht eine Funktion, mit der auf den Empfänger Ein-
fluss genommen wird. Der Sender will auf mehr oder minder eindeutige Weise
etwas erreichen und die anderen Aspekte der Nachricht mögen im Dienste des Ap-
pells stehen.540
Die so definierte Nachricht ist bei Schulz von Thun der Gegenstand der Diag-
nose. Er untersucht sie auf ihre verbalen und nonverbalen, auf ihre expliziten und
impliziten Botschaften und auf ihre Stimmigkeit hin. Darin, dass mangelnde Kon-
gruenz absichtlich oder unabsichtlich Verwirrung stiftet und im Extremfall verrückt

538 Schulz von Thun 2003a S. 31


539 Die Revision und Zusammenfassung dieser Begriffe zur Selbstkundgabe in Schulz von Thun
2003b S. 19 erscheint mir nicht als Verbesserung. Ich folge ihr nicht und bleibe bei den
ursprünglichen Begriffen.
540 Schulz von Thun 2003a S. 25–43 illustriert das an seinen Beispielen, die so berühmt geworden
sind, dass ich sie hier nicht wiederholen möchte und nur auf die entsprechende Stelle verweise.

200
machen kann, stimmt er mit den viel älteren Befunden von Bateson, Satir und
Watzlawick überein.
Das anfangs einfache Modell wird erheblich komplexer, wenn bedacht wird, dass
jede Nachricht nicht nur auf den vier Botschaftsebenen ausgesendet, sondern ebenso
dekodiert und empfangen wird. Die Analyse der Kommunikation muss sich nicht nur
mit der Frage auseinandersetzen, wie die Kodierung der einzelnen Botschaften inner-
halb einer Nachricht vom Sender gemeint ist. Denn dieselben vier Ebenen stehen für
die Dekodierung durch den Empfänger zur Verfügung, der stets die freie Wahl der
Deutung auf seiner Seite hat. Diese Freiheit beinhaltet eine ebenso große Verantwor-
tung des Empfängers für das Funktionieren der Kommunikation, denn durch die
doppelte Quadratur der Botschaften entsteht eine Vielzahl möglicher Interpretation
und Missinterpretationen. Diese können beispielsweise der Art sein, dass eine auf der
Offenbarungsseite des Senders gewichtete Nachricht mit dem Beziehungsohr des
Empfängers gehört wird. Denn die ankommende Nachricht ist ein Machwerk des
Empfängers.
Die Kunst kongruenter Kommunikation liegt darin, die Gewichtung der Bot-
schaften in einer Nachricht auf der Seite des Senders so kenntlich zu machen, dass
der Empfänger auf derselben Frequenz hören kann. Dazu muss der Sender bei sich
selbst und dem bewussten Ausdruck seiner Nachricht sein. Der Empfänger sollte
möglichst ausgewogen auf allen vier Ebenen empfangsbereit sein, um die individu-
elle Botschaft entsprechend deuten und gewichten zu können. Einseitige Empfangs-
gewohnheiten resultieren oft aus prägenden Vorgeschichten, die sich zwischen den
Empfänger und die Nachricht stellen und andere als die erwarteten Botschaften
unhörbar, unerhört machen.541
Für die Dekodierung von Botschaften empfiehlt Schulz von Thun deshalb ei-
nen Vorgang, den ich bereits im Rahmen des Clarity-Ansatzes und der Gewaltfreien
Kommunikation vorgestellt habe. Er nennt das intrapersonelle Kommunikation
und meint damit eine innere Überprüfung der übereinander geschichteten Fragen:

ƒ Was nehme ich wahr?


ƒ Wie interpretiere ich es?
ƒ Was fühle ich dabei?

Diese Fragen sollen die einzelnen Ebenen identifizieren und helfen, nicht zum
Kontext gehörige Erinnerungen, Geschichten, Phantasien, Vorstellungen und
Emotionen von der aktuellen Wahrnehmung und Bewertung zu trennen. Denn,
wie viele der vorher behandelten AutorInnen, sieht Schulz von Thun Vorstellungen

541 Schulz von Thun 2003a S. 44–68

201
als Hindernisse echter Kommunikation. Vorstellungen sind für ihn ein kommuni-
kativer Käfig, der den Hörenden von seinen Mitmenschen isoliert. Er meint, dass
die Verantwortung der Dekodierung beim Empfänger liege, den er deshalb auffor-
dert, im Zweifelsfall nach der intrapersonellen Realitätsüberprüfung eine ebensolche
mit dem Sender durchzuführen. Er soll ein Feedback in der Form von Ich-Bot-
schaften über seine Wahrnehmung, Interpretation und Gefühle geben. Dabei be-
tont er, dass auch negative Gefühle wie Hass, Ärger, Abneigung und ähnliches auf
diese Art rückgemeldet werden sollen, weil Unausgesprochenes die Kommunikation
nachhaltiger belastet als der Ausdruck negativer Gefühle. Unausgesprochenes ver-
wandelt sich in Gift, das Leib und Seele angreift. Nur ausgedrückte negative Ge-
fühle erlauben die Transformation der emotionalen Realität.542
Der für die elicitive Konflikttransformation relevanteste Aspekt des Quadrats
nach Schulz von Thun ist die Appellebene. Auf den ersten drei Seiten der Nachricht
drückt der Sender sich selbst, sein Verständnis der Beziehung zum Empfänger und zur
Welt aus. Dies zu tun, ist eine Funktion der Kommunikation. Die andere besteht
darin, Wirkung zu erzielen, einen Zustand hervorzubringen, der noch nicht ist, oder
einen Zustand zu verhindern, der einzutreten droht.543 Die Appellebene ist jene, auf
der die Kontaktgrenze in Tätigkeit ihre größte Reichweite in einem System entfaltet.
Auf der Appellebene entscheidet sich die Art der Veränderung, die das System durch
den kommunikativen Akt erfährt. Das Subjekt will bewusst oder unbewusst durch
Kommunikation etwas erreichen, verändern oder bewahren. Es ist naheliegend, dass
ihm dafür bestimmte Strategien oder Techniken nützlicher sind als andere. Schulz von
Thun bezeichnet in diesem Zusammenhang als offenen Appell, was Rosenberg mit
der Bitte oder Cohn mit der selektiven Authentizität umschreiben.
Er analysiert diesen Aspekt aber gründlicher als die vorher genannten AutorIn-
nen es tun. Für ihn enthält jeder kommunikative Vorgang, gewollt oder ungewollt,
einen Appell. Er stimmt mit Rosenberg und Cohn überein, dass der offene Appell
tragende Säule einer Kommunikationsform ist, bei der es um den Aufbau einer
klaren, offenen, ehrlichen und herrschaftsfreien Beziehung geht. Er meint aber, dass
dieses Ideal in der alltäglichen Praxis selten umgesetzt wird, weshalb er es als wichtig
erachtet, die Appellebene auch da zu untersuchen, wo sie nicht offen kenntlich ge-
macht ist. Es reicht ihm nicht aus, formelhaft die gewaltfreie Bitte von der anma-
ßenden Forderung zu unterscheiden, oder die selektive von der situativ mangelhaf-

542 Schulz von Thun 2003a S. 61–81


543 Schulz von Thun 2003a S. 209

202
ten Authentizität zu trennen. Daher definiert er neben den offenen Appellen auch
die verdeckten und die paradoxen.544
Zum besseren Verständnis unterscheidet er zwischen dem Ausdrucksaspekt
und dem Wirkungsaspekt einer Nachricht. Die beiden sind nicht voneinander zu
trennen, geben dem Appell aber je nach Gewichtung eine unterschiedliche, takti-
sche Bedeutung. So erscheint zum Beispiel Weinen primär als Ausdruck von Trau-
rigkeit oder Schmerz. Mit diesem Ausdruck wird in einem kommunikativen Vor-
gang aber auch eine bestimmte Wirkung verbunden, zum Beispiel, dass dem Wei-
nenden Aufmerksamkeit, Zuneigung oder Zärtlichkeit geschenkt wird, jedenfalls
aber dass sich das Verhalten des Empfängers in einer bestimmten Weise verändert.
In diesem Fall spricht der Sender seine Bitte, seinen Appell nicht offen aus. Implizit
liegt hinter dem Ausdruck aber mehr als eine Bitte. Wird der Ausdruck entspre-
chend dramatisiert, zum Beispiel durch die Androhung von Selbstmord, Angstaus-
brüche, Empfindlichkeiten, demonstrative Hilflosigkeit und Schwäche oder absur-
des Verhalten, gerät er für den Empfänger zu einer kompromittierenden Forderung.
Das heißt, der dramatisierte Ausdrucksaspekt transportiert verdeckt eine ultimative
Forderung und setzt den Empfänger in einer Weise unter Druck, wie das ein als
Bitte formulierter, offener Appell niemals könnte.
Der taktische Vorteil verdeckter Appelle liegt darin, dass sie den Empfänger in
eine emotionale Rahmenstimmung versetzen, die es ihm schwer macht, sich zu
entziehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die – oft unbewusst gewünschte – Wirkung
erzielt wird, liegt deshalb höher als bei einem offenen Appell. Darüber hinaus
braucht der Sender für verdeckte Appelle keine Verantwortung zu übernehmen. Er
kann im Zweifelsfall abstreiten, den Wunsch geäußert zu haben und umgeht damit
die Gefahr einer Verletzung durch allfällige Zurückweisung.
Dieser wirkungsorientierte Kommunikationsstil, wie er in der Werbewirtschaft
regelmäßig und professionell verwendet wird, ist manipulativ. Aus der Perspektive
elicitiver Konfliktforschung ist er deshalb abzulehnen, weil der Preis für die erzielte
Wirkung ein hoher Anteil blockierter Energie ist. Der Sender muss einen Anteil
seiner Selbstdarstellung unterdrücken, die Sachebene verdrehen und auf der Bezie-
hungsebene betrügen, um die gewünschte Wirkung zu erreichen. Damit produziert
er auch im Erfolgsfall eine unabgeschlossene Gestalt, die sich auf das weitere Ver-
hältnis zum Empfänger auswirkt und mit einiger Wahrscheinlichkeit in der einen
oder anderen Weise als transponierter Konflikt wieder auftaucht.

544 Schulz von Thun 2003a S. 221–244

203
Paradoxe Appelle sind solche, die in die Gegenrichtung des vom Sender Ge-
wünschten weisen. Aufgrund einer mitgebrachten Störung in der Beziehungsebene
wird versucht, durch einen gegen die eigentliche Intention gerichteten Appell die
gewünschte Wirkung zu erreichen. Sie kann eine andere Form der taktischen Ma-
nipulation im Kontext von Machtkämpfen sein, aber ebenso Ausdruck einer Schi-
zophrenie im kommunizierenden System. In jedem Fall schaffen sie für den Emp-
fänger eine ausweglose Situation. Denn eine Handlung ändert ihre psychologische
Qualität, wenn sie appellgemäß erfolgt. Wird dem Empfänger, der eine aus der Sicht
des Senders störende Handlung setzt, diese Handlung durch einen Appell abverlangt,
wird sie entweder unmöglich oder sie verliert ihren störenden Sinn. Paradoxe Appelle
mögen in der Erziehung, im Unterricht und selbst in der Unternehmensführung ef-
fektiv sein. Sie sind aber in jedem Fall manipulativ und verursachen unter Umständen
noch höhere psychische Kosten als die verdeckten.
Dessen ungeachtet sind verdeckte und paradoxe Appelle in der Alltagssprache an
der Tagesordnung. Die Gründe dafür sind Selbstoffenbarungsangst, anerzogene
Hemmungen, Angst vor Zurückweisung, Unklarheit über die Möglichkeit, sich selbst
und seine Wünsche anderen zumuten zu können, die Befürchtung, dass beim Emp-
fänger der Mut zum ehrlichen Nein fehlt, romantische Vorstellung von Liebe oder die
Vermeidung von Verantwortung. Bei all dem handelt es sich um individuell unter-
schiedlich gewichtete Irritationen, an denen in entsprechenden Trainings gearbeitet
werden kann.
Im spezifischen Kontext des Innsbrucker Lehrgangs habe ich beobachtet, dass
ein häufiger Grund für verdeckte oder paradoxe Appelle der intellektuelle und idea-
listische Wunsch ist, dem Empfänger ein größtmögliches Maß an Entscheidungs-
freiheit zu überlassen. Der Sender versucht, einen Appell so indirekt zu geben, dass
der Empfänger den Forderungscharakter ausblenden und dennoch appellgemäß
handeln kann. Der interkulturelle Kontext eines derartigen Lehrgangs scheint ein
geradezu unerschöpfliches Reservoir an entsprechenden Sprachschöpfungen und
grammatikalischen Verwindungen zu bieten. Solange das nicht manipulativ ge-
schieht, stimmt es mit dem Lehrziel überein, denn die größtmögliche Entschei-
dungsfreiheit des Empfängers in der Kommunikation ist im Sinne des Trainings
wünschenswert. Problematisch wird das dann, wenn diese Appelle zweiter Ordnung
zur Regel werden und nicht mehr auf den offenen, klaren und direkten Appell erster
Ordnung umgestellt werden können. Die Nagelprobe bilden diesbezüglich stets die
praktischen Übungen im Feld, die unter hohem Stress, rasch und effektiv zu erledi-
gen sind. Professionelle FriedensarbeiterInnen sollten in der Lage sein, den größten
Teil ihrer Kommunikation auf der Basis offener Appelle abzuwickeln und nur in
Notfällen auf die Taktik des verdeckten oder paradoxen Appells greifen.

204
Von besonderer Bedeutung am Oeuvre des Friedemann Schulz von Thun ist
aus meiner Sicht die Metapher vom Inneren Team, mit der er die systemtheoretische
Philosophie, die der Humanistischen Psychologie zugrunde liegt, in eine gut ver-
ständliche Erzählung fasst. Er verwendet dafür vorerst literarische Grundlagen, aus
denen Goethes Faust, in dessen Brust zwei Seelen wohnen, wohl die bekannteste
ist.545 Auf dieses Bild baut er seine Erklärung der widersprüchlichen Erfahrungen,
Erinnerungen, Gefühle und Bedürfnisse, die sich im Körper eines jeden Menschen
abspeichern. Jeder kennt das innere Gewirr von Stimmen, die unterschiedliche An-
weisungen geben, wenn eine heikle Entscheidung zu treffen ist. Dass Schulz diese
Impulse und Stimmen in seinen Cartoons als entzückende Figuren darstellt, die in
der Brust546 einer Person streiten, während diese nach außen kommunizieren soll, ist
mehr als ein didaktische Hilfsmittel. Denn wenngleich Schulz anerkennt, dass keine
kleinen Männchen in der Brust oder im Hirn von Menschen sitzen und denen Mei-
nungen einflüstern, zeigt diese Illustration anschaulich, dass sich die Kommunikati-
onsprozesse, die innerhalb des Systems Mensch ablaufen, nicht grundlegend von je-
nen unterscheiden, die zwischen Menschen geschehen. Deshalb ist die Kontakt-
gestaltung nach außen bei innerer Pluralität und Uneinigkeit ein zentrales Thema für
Schulz von Thun und für den Innsbrucker Lehrgang.
Der weise Rat, vor dem Sprechen erst einmal mit sich selbst Eins zu werden, ist
bei Schulz von Thun weit mehr als ein moralisches Gebot. Es ist eine grundlegende
Voraussetzung für kongruente Kommunikation. Der Mensch, die Kontaktgrenze in
Tätigkeit, kann nur stimmig kommunizieren, wenn er mit sich selbst Eins ist, wenn
er eine eindeutige und vollständige Nachricht aussendet, was nur geht, wenn das
Innere Team geordnet ist. Es geht hier weder um die richtige Formel noch um den
moralisch richtigen Inhalt, sondern darum, dass der Nachricht eine definitive innere
Klärung im Sender vorausgeht. Schulz von Thun widmet den dritten Band seiner
Trilogie diesem Thema, denn so einfach die Metapher das erscheinen lässt, so
grundlegend und komplex sind die damit gemeinten Prozesse.
Sei deine eigene Chairperson!547 An diesem ersten Axiom Ruth Cohns arbeitet
sich Schulz von Thun intensiv ab. Als Chairperson versteht er das nach außen
kommunizierende Oberhaupt des Inneren Teams, jenes Erscheinungsbild, das an

545 Schulz von Thun 2003c S. 46


546 In westlichen Kulturen haben wir uns angewöhnt, die unterschiedlichen Seelen in einer Brust und
die Stimmen im Kopf wahrzunehmen. In Indien oder China wäre die Vorstellung des Bauchs als
Zentrum geistiger, gestalterischer und schöpferischer Kraft nicht befremdlich. Siehe dazu Berendt
2001 S. 36–44 und Riccabona 2004 S. 170.
547 Cohn 2004 S. 121

205
der Kontaktgrenze in Tätigkeit den spontanen, chaotischen und bruchstückhaften
Entscheidungsprozess des Inneren Teams an korrespondierende Systeme, andere
Menschen, weitergibt. In seinen Trainings geht es darum, diesem Oberhaupt souve-
räne Metapositionen zu ermöglichen.
Du sollst nicht Deinen Gefühlen folgen. Deine Gefühle sollen Dir folgen, zitiert er zu
diesem Zweck Roberto Assagioli.548 Denn nur stimmige Entscheidungen ermöglichen
eine kongruente Kommunikation nach außen und Zufriedenheit nach innen. Den
inneren Entscheidungsfindungsprozess illustriert er wie eine Ratsversammlung unter-
schiedlicher Interessensvertreter, bei dem es um einen gemeinsamen Kompromiss
geht. Beispielsweise treffen sich da als Aspekte ein und derselben Person der Pflicht-
bewusste, der Faule, der Gierige, der Empathische und der Eitle um eine Entschei-
dung über den Besuch einer alten Tante zu finden.549
Die widersprüchlichen Stimmen im Inneren resultieren aus dem Umstand, dass
jede Person gleichzeitig Angehörige verschiedener Systeme ist, somit in verschiedenen
Zusammenhängen steht, die in verschiedene Richtungen wirken.550 Was als Selbst
bezeichnet wird, ist eine Gruppe von Stimmen, die dauernd miteinander im Gespräch
sind, ob nun offen oder verdeckt, bewusst oder unbewusst.
Wenn die Entscheidung über einen beruflichen Termin zu treffen ist, wird der
karrierebewusste Wissenschafter in mir mit dem seine Kinder liebenden Familien-
vater in Widerspruch treten und beide zusammen mit dem ehrgeizigen Hobby-
sportler und dem gewissenhaften Mitglied einer Musikgruppe, denn es scheint, dass
ich zu einem bestimmten Zeitpunkt nur einem der Systeme Beruf, Familie, Ego
oder Kapelle zur Verfügung stehen kann. Dieser Widerspruch kann nicht nur Le-
bensfreude kosten, sondern auch die Handlungsfähigkeit erheblich beeinträchti-
gen.551 Dabei mögen die anfangs widersprüchlichen Positionen einen Antagonismus
erscheinen lassen, wo sorgfältiges Abwägen eine Vielzahl von Optionen zum Vor-
schein bringt, auf deren Basis sich zufriedenstellende Ergebnisse finden lassen.
Schulz von Thun vermutet ähnlich wie Ruth Cohn hinter jedem als positiv
wahrgenommenen Spieler des Inneren Teams auch dessen Antipode, hinter dem
Eifrigen den Faulen, hinter dem Freundlichen den Mürrischen, hinter dem Groß-
zügigen den Sparsamen und so fort. Die Kunst der gelungenen Teamaufstellung
liegt darin, diesen Antipoden auch einen respektablen Platz auf der Bühne der Per-
sönlichkeit zu geben, sodass ein Zuviel des Guten ausgeglichen wird. Beispielsweise
verhindert der Sparsame in bestimmten Situationen das Abgleiten des Großzügigen

548 Schulz von Thun 2003c S. 104


549 Schulz von Thun 2003c S. 85
550 Schulz von Thun 2003c S. 126
551 Schulz von Thun 2003c S. 118

206
zum Verschwender. Die Antipode, der scheinbare Schattenaspekt des erfolgreichen
Stammspielers ist daher nicht das Negative, sondern das ausgleichende Korrektiv.
Identifiziert sich die Chairperson konsequent mit einer bestimmten Position,
zum Beispiel der pflichtbewussten, und ignoriert sie gegenläufige Impulse, Aspekte
oder Gefühle, kann das zu einem schwerwiegenden und andauernden Kontakthin-
dernis werden. Jeder Persönlichkeitsaspekt, der gegen eine Entscheidung Bedenken
anmeldet und übergangen wird, behindert die Ausführung der Entscheidung, so wie
ein im Entscheidungsfindungsprozess übergangenes Mitglied einer Gruppe kein
verlässlicher Partner für ein gemeinsames Unterfangen sein kann. Die ungehörten
inneren Stimmen klingen als Unzufriedenheit und Unruhe fort. Sie benehmen sich
un-erhört, was auf die Dauer und im schlimmsten Fall psychisch oder physisch
krank macht. Krankheit ist die sichtbarste Folge einer Untergrundbewegung über-
gangener innere Stimmen, welche die Gesamtperson in einen inneren Bürgerkrieg
verstricken.552
Innere Teamkonflikte, das Uneins-Sein mit sich selbst, ist nach Schulz von
Thun ein unausweichliches Schicksal, das sich aus der gleichzeitigen Zugehörigkeit
jedes Menschen zu mehreren Systemen ergibt, wobei das postmoderne Befinden der
meisten Gesellschaften diesen Umstand noch verstärkt. Daher geht es bei der inter-
nen Konflikttransformation darum, dass sich die Chairperson in ihren nach außen
wirksamen Entscheidungen nicht mit bestimmten Ängsten oder Gefühlen identifi-
ziert, sondern alle Aspekte der eigenen Persönlichkeit beachtet. Auf diese Art bleibt
sie handlungsmächtig und situativ flexibel. Tut sie das nicht, schwächt und begrenzt
sie nicht nur ihre gesellschaftlichen Möglichkeiten, sondern sie schafft auch unauf-
gelöste innere Widersprüche, die in weitere Entscheidungen hinein fortwirken.553
Wer mit sich selbst eins geworden ist, kann mit vereinten inneren Kräften mit
der Welt in Kontakt treten. Das verleiht ihm die Ausstrahlung von Eindeutigkeit,
Sicherheit, Ruhe, Souveränität, Autorität und die damit verbundene Durchset-
zungskraft. Das wiegt besonders in der elicitiven Konfliktarbeit, denn wenn der
Moderator, der in ein konfligierendes System interveniert, selbst die Veränderung
des Prozesses sein soll, wird in einem hohen Maß von dessen inneren Einigkeit ab-
hängen, welcher Art diese Veränderung ist. Meiner Erfahrung nach scheitert eine
Unzahl von Vermittlungsversuchen, Mediationen und gut gemeinten Initiativen in
der Praxis genau an diesem Punkt, wenn idealistisch orientierte ExpertInnen fremde
Kontexte, die ihnen unakzeptabel erscheinen, ändern wollen und dabei nicht mit
sich selbst im Klaren sind. Das Festhalten an überalteten Glaubenssätzen wird nicht
selten mit Charakterfestigkeit verwechselt. Die Sturheit, mit der besonders in inter-

552 Schulz von Thun 2003c S. 120 und 177


553 Schulz von Thun 2003c S. 108/109

207
kulturellen Kontexten solche Glaubenssätze und Einstellungen immer wieder
durchgedrückt werden, sind der ideale Nährboden für unfriedliche Beziehungen
und den Aufbau physischer Gewalt.554
Schulz von Thun weist deshalb darauf hin, dass stimmige Kommunikation
jenseits der inneren Übereinstimmung mit dem Selbst auch auf Übereinstimmung
mit dem äußeren Gehalt einer Situation beruht.555 Lässt sich der Konsens des Inne-
ren Teams einigermaßen spüren, so ist weitaus schwieriger zu bestimmen, worin der
tatsächliche Gehalt einer Situation liegt. Schulz von Thun empfiehlt für die entspre-
chende Analyse ein Werkzeug, das bei ihm praktisch in jedem Beispiel der äußeren
und inneren Kommunikation zur Anwendung kommt: das Werte- und Entwick-
lungsquadrat.556 Ich erachte es als hilfreich.
Im Kontext der transrationalen Friedensforschung darf dieses Wertequadrat
aber keinesfalls idealistisch gelesen werden. Gerade im deutschen Sprachraum kann
das nicht genug betont werden. Bei Anerkennung von Krishnamurtis Interpretation
des transrationalen Zeugenbewusstseins557 darf nicht unterstellt werden, dass es
absolute Werte gäbe, die anzustreben wären, indem Fehlpositionen verlassen oder
überwunden würden. Der Wert besteht in dieser Leseweise558 des Modells nicht an
sich, sondern als Anhaftung des Senders und des Empfängers an ihre Konzepte. Das
Wertequadrat ist kein Werkzeug, mit dem vom Schlechten zum Guten, vom Fal-
schen zum Richtigen gelangt werden könnte, sondern eines, mit dem eine energeti-
sche Abstimmung zwischen den Kommunizierenden möglich ist. Die Grundstruktur
dieses Quadrats sieht bei Schulz von Thun folgend aus:

554 Heinrichs 2004 S. 193


555 Schulz von Thun 2003c S. 273–328
556 Schulz von Thun 2003b S. 38–56
557 Krishnamurti 2002
558 Ich spreche von dieser Leseweise im Bewusstsein, dass sie nicht die einzig mögliche und zudem
wohl eine Minderheitenposition in Schulz von Thuns Leserschaft ist. Seine Arbeiten wurden we-
gen ihrer didaktischen Qualität gerade auch von idealistischen Schulen euphorisch aufgenommen.
Er selbst äußert sich dazu nicht. Ich könnte unterstellen, dass sich seine Berufung auf Rogers,
Watzlawick oder Cohn eher mit meiner Sichtweise deckt. Entscheidend ist, dass die Wirksamkeit
des Instruments nicht von der ideologischen Ausrichtung des Nutzers abhängt.

208
Da jeder authentisch kommunizierende Mensch in einem Zusammenhang seine ei-
gene Position für richtig und wertvoll hält, ergibt sich aus dem entsprechend gewähl-
ten Kommunikationsstil eine Zuordnung zu einem bestimmten Friedensbegriff. Um
das zu illustrieren, übernehme ich ein oft verwendetes Beispiel in Schulz von Thuns
Wertequadrat:

Die einzelnen Positionen stehen hier nicht als objektive Verhaltensweisen oder
wirkliche Eigenschaften von Personen, sondern als Werte und Zuschreibungen zur
eigenen Haltung und zu der anderer, als Interpretationen der Wirklichkeit.
Aus der als positiv eingeschätzten Position der eigenen Großzügigkeit wird die
Wahrnehmung von Geiz anderer einem moralischen Urteil unterliegen, das einer
einseitigen Verurteilung gleichkommt. Spiegelverkehrt gilt dasselbe für die Ver-
schwendung aus der Sicht der Sparsamkeit. In beiden Fällen nimmt die selbst-ge-
rechte Haltung an, dass es sich beim diametralen Gegensatz um einen Irrtum han-
delt, um schwer bekehrbares Ketzertum, dem nur mit Strafe oder Vernichtung
begegnet werden kann.
Weiters wird Großzügigkeit Verschwendung als irrationale Übersteigerung ih-
rer eigenen Qualität ansehen, was auch für das Verhältnis der Sparsamkeit zum Geiz
gilt. In diesem Fall steht die Frage des rechten Maßes als Ausdruck von Rationalität

209
zur Diskussion, was das Verhältnis als ein modernes ausweist. Damit verändert sich
das Thema, nicht aber der Charakter der einseitigen Bewertung und Verurteilung.
Die selbst-gerechte Haltung erkennt die grundsätzliche Verwandtschaft in der Aus-
richtung des anderen und glaubt über präskriptive Maßnahmen zur Korrektur, zur
Zivilisierung oder Entwicklung der irrationalen Übersteigerung – vom Geiz zur
Sparsamkeit, von der Verschwendung zur Großzügigkeit – beitragen zu können.
Verschwendung und Geiz scheinen auf den ersten Blick nichts miteinander zu
tun zu haben, gänzlich unvereinbar zu sein. Als Übersteigerung wahrgenommen
bieten sie auch keine attraktiven Positionen, über die Menschen sich selbst oder ihre
Haltung definieren. Dennoch toben beide als unerhörte Schattenaspekte durch jedes
soziale System. Der hedonistische Spätkapitalismus etwa produziert Parolen wie Geiz
ist geil559 und hält die aus der Gleichzeitigkeit des scheinbar Unvereinbaren resultie-
rende Spannung aus. Diese entsteht aus der schrillen Umkehr der übersteigerten
Werte, denn Geiz drückt sich hier im Kaufen wenig benötigter Güter eines be-
stimmten Anbieters, in Verschwendung aus, während die Verweigerung dieses Kon-
sums implizit als Verschwendung bewertet wird. Das ergibt sich aus der werbetechni-
schen Übersteigerung und Dekonstruktion beider Werte. Dieses postmoderne Paradox
unterläuft zwar die Möglichkeit moralischer oder moderner Verurteilung, entzieht sich
damit aber auch jeder sinnvollen Bewertung, weil es eigentlich nicht um Beziehung,
sondern um den Austausch von Emblemen geht. Geiz und Verschwendung bilden
weiterhin einen ausschließenden Antagonismus, auch wenn die Begriffe umgekehrt
besetzt werden.
Großzügigkeit und Sparsamkeit bilden ebenfalls einen Gegensatz. Hier verei-
nen sich aber zwei Grundhaltungen auf der vereinenden Werteskala von Rationali-
tät. Gerade dadurch ziehen sie sich energetisch an. Sie verhalten sich zueinander
nicht wie unerhörte Schattenaspekte. Sie sind zwei unterschiedliche Erscheinungs-
formen ein und derselben Qualität, die je nach Situation und Betrachtungsweise
einmal eher in dieser, einmal eher in jener Form auftritt. Das Verhältnis ist flexibel.
Schulz von Thun bemüht zur Illustration dieses Spiels das Yin-Yang-Symbol.560 Das
scheint mir insofern zu treffen, als er damit den energetischen Charakter dieses Spiels
anspricht.
Zugleich ist diese Ebene seines Wertequadrates immer auch die relativ ratio-
nale. Beziehungshaft anerkennende Rationalität erlaubt das energetische Spiel der
Gegensätze in der Kommunikation, was die als positiv vereinbarten Werte der Ak-
teure verschiebbar und transformierbar macht. Damit umschreibt das Wertequadrat

559 Mit diesem Slogan erlangte eine deutsche Warenhauskette Berühmtheit.


560 Schulz von Thun 2003b S. 40

210
jene Ebene, welche die Friedensforschung transrational nennt. Im konkreten Bei-
spiel sieht das folgend aus:

Ich betone nochmals, dass mit diesem Bild nicht Menschen aufgefordert werden,
den Weg zur grundsätzlich positiven Großzügigkeit oder Sparsamkeit zu suchen. Es
geht um die Herstellung einer kommunikativen Ebene, auf der aus einem offenen
Bewusstsein der Relativität des eigenen Wertekanons ein energetisches Wechselspiel
mit dem als positiv anerkannten Gegenwert möglich wird. Das Finden der Balance
auf dieser Ebene ist der entscheidende Vorgang, nicht das Bestimmen des richtigen
Werts oder seines Verhältnisses zum Gegenwert. Schulz von Thun versucht folge-
richtig in der Konflikttransformation einen Entwicklungsweg von der meist unbe-
wussten und hermetisch übersteigerten Position zur transrational offenen, bezie-
hungshaften, um gegenseitige Annäherung bemühten attraktiv und möglich zu
machen. Das ist elicitive Konflikttransformation. Sie öffnet mit rationalen Metho-
den die Optionen zu einem energetischen Kommunikationsprozess, von hermetisch
oder wankelmütig zu offen und wandelmutig.
Da er, zumindest meiner Lesart nach, nicht von absoluten Werten ausgeht,
meint Schulz von Thun folgerichtig, dass die Professionalität eines Menschen und
insbesondere eines Friedensarbeiters darin bestünde, dass er sein Verhalten rollen-,
situations- und zielgerecht ausrichte und ihm dabei seine eigene psychische Dyna-
mik nicht im Wege stünde. Darin liegt die Qualität der elicitiven Konfliktarbeit die
der Innsbrucker Lehrgang vermitteln will.
Techniken erfolgreicher Gesprächsführung, wie etwa die strukturelle Gestal-
tung und Gewichtung von Initialphase, Aktionsphase, Integrationsphase und Um-

211
setzungsphase lassen sich vermitteln und üben. Der elicitive Ansatz macht aus sol-
chen Techniken aber nicht mehr als tentative Empfehlungen, Werkzeuge, keine
Rezepte. Daher ist eine themenbezogene Aufstellung des Inneren Teams immer
vonnöten. Schulz von Thun greift zur Illustration der entsprechenden Widersprü-
che im von ihm so genannten Riemann-Thomann-Modell561 auf den in diesem
Band schon besprochenen Antagonismus zwischen Selbstöffnung und Selbstabgren-
zung562 einerseits und Selbstbewahrung und Selbstveränderung563 andererseits. Auch
hier geht es nicht darum, ein im objektiven Sinn rechtes Maß zu finden, sondern
durch die Klarheit über die eigene Disposition und Verfasstheit im Hier und Jetzt
ein Bewusstsein für die Situation zu entwickeln, um auf diese Weise zu flexibler
Anpassung und Reaktion befähigt zu sein. Struktur und Bewusstsein sind wichtig,
um flexibel und effektiv zu bleiben. Durch diese letztlich bis Buber zurück rei-
chende Figur findet der Mensch als Kontaktgrenze in Tätigkeit Eingang in das
Wertequadrat und verleiht diesem – sonst auch strukturalistisch oder idealistisch
lesbaren Modell – seinen transrationalen Charakter.
Im transrationalen Friedensverständnis ist eine Spaltung zwischen situationsge-
rechter Professionalität und menschlichem Hintergrund nicht nur unerwünscht. Sie
ist unmöglich. Daher bleiben Selbstreflexion und Selbstberatung die wichtigsten
Tugenden von elicitiven KonfliktarbeiterInnen, weil sonst alles in den MediatorIn-
nen als private Menschen Ungeklärte in den politischen, ökonomischen oder gesell-
schaftlichen Zusammenhang, für den sie angeblich arbeiten, hineingetragen wird.
Dieser Umstand kann im Training vermittelt werden. Die tatsächliche und prakti-
sche Anwendung obliegt aber den Studierenden nach entsprechender Ausbildung
selbst. Der Innsbrucker Lehrgang dient dem ambitionierten Ziel, dies zu vermitteln
und die Studierenden in diesem Sinn trainieren.

4 Vorsprachliche Methoden:

Bis jetzt habe ich mich unter dem Titel stimmorientierte Zugänge zu elicitiver Kon-
flikttransformation nur mit sprachorientierten Methoden befasst. Gewiss, alle Vertre-
terInnen dieser Methoden wissen, dass das gesprochene oder geschriebene Wort als
bezeichnendes Symbol eines bezeichneten Inhalts noch keine Kommunikation be-
wirkt. Es geht niemals nur darum, was gesagt wird, sondern immer auch darum, wie
es gesagt wird. Dabei sind ihnen allen nicht nur Formulierungen und semantische

561 Schulz von Thun 2003c S. 262–272


562 In seinem Modell Nähe und Distanz.
563 In seinem Modell Wechsel und Dauer.

212
Zusammenhänge wichtig, sondern ebenso paralinguistische Aspekte wie Tonfall, Be-
tonung, Obertöne, Modulation, Sprachmelodie, Artikulation, Tempo, Pausen und
Lautstärke.564 Ohne es zu merken oder zu wollen, sprechen Menschen meist in
Akkordfolgen. Jeder Mensch hat gewissermaßen seinen eigenen Grundton, auf dem
seine kommunikative Lebensmelodie aufbaut. Wer nicht in Übereinstimmung mit
diesem Grundton lebt, erzeugt leicht Dissonanzen in sich selbst und inkongruente
Kommunikation mit anderen.565
Dies ist auch ohne besondere Expertise einsichtig. Jeder kennt das aus dem
Alltag. Alle sprachorientierten Methoden weisen darauf hin, dass jede gesprochene
Nachricht erst durch den Klang der Stimme die Gewichtung ihrer Botschaften und
damit ihre Aufladung erfährt. In Schulz von Thuns Quadrat wäre klanglose Orien-
tierung unmöglich, Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg oder Themen-
zentrierte Interaktion nach Cohn verkämen zu präskriptiven Formalismen. Den-
noch, dem Hinweis auf die entsprechende Bedeutung der Stimme und ihrer
Möglichkeiten folgen in der Literatur selten Analysen oder Anleitungen, die in ih-
rem Umfang und ihrer Präzision mit den Überlegungen zur Semantik mithalten
können. Das ist eher ein Thema für Trainingsseminare, in denen praktisch gespro-
chen, geübt, aufgezeichnet und analysiert wird.
Über diese generelle und kaum umstrittene Feststellung hinaus ist Stimme als
Kommunikationsmittel weit mehr als bloßer Träger des gesprochenen Wortes vom
Mund des Senders zum Ohr des Empfängers. Die vorsprachliche Ladung und Be-
deutung der Stimme ist ein zentrales Kapitel transrationaler Friedensforschung.566
Sprechen und Hören sind wichtige Werkzeuge der elicitiven Konflikttransforma-
tion. Das Zuhören gilt allgemein als notwendige Tugend und wird in vielen Trai-
ningsseminaren unterrichtet. Das aufmerksame Hören der eigenen Stimme ist
ebenso wichtig und es will geübt sein. Denn die Stimme entsteht mit dem Atem am
Puls des eigenen Lebens. Menschen, die mit der eigenen Stimme gut verbunden
sind, spüren sich selbst insgesamt gut. Sie sind aufmerksam bei sich selbst und in
ihrer Mitwelt. Daher fällt ihnen das aktive Zuhören, die Grundübung aller Kon-
flikttransformation, erfahrungsgemäß leichter als Leuten, die in Atem und Stimme
gehemmt sind.567
Das gesprochene Wort ist ein schnelles, singuläres Ereignis. Es kann nie in
identischer Weise wiederholt werden. Das Ohr des Empfängers muss sich in seiner
Arbeitsweise, seinem Dekodierungsmechanismus, auf Anhieb sicher sein. Sprechen

564 Watzlawick/Beavin/Johnson 1969.


565 Gail 1998 S. 25
566 Lederach/Lederach 2010 S. 89–110.
567 Lederach 2005 S. 165

213
und Hören sind mehr als die bloße Aussendung und Aufnahme akustischer
Schwingung und die nachfolgende Verarbeitung mit diesen Schwingungen ver-
knüpfter Bedeutungen. Menschen hören durch das Ohr, aber nicht mit dem Ohr
allein. Das Hören ist ein gesamtkörperlicher Vorgang, bei dem die transportierten
Botschaften nicht nur rational gedeutet, sondern transrational verarbeitet werden.568
John Paul Lederach569 weist überzeugend auf die Kraft der Musik in der Trans-
formation gesellschaftlicher Zusammenhänge und Konflikte hin. Er meint damit
Musik als kreativen Akt, als vernakuläres Tun, nicht als herrschaftliches Manipula-
tionsmittel in der Form von Aufführungs- oder Übertragungsmusik. Dieser verna-
kuläre Vorgang ist im Rahmen eines akademischen Programms schwieriger zu ver-
mitteln als das, was auf der Bedeutung des gesprochenen oder geschriebenen Wortes
basiert oder mit ihm arbeitet. Für den Innsbrucker Lehrgang hat der Obertonsänger
und Musiker Markus Riccabona570 ein Format entwickelt, das unter anderem auf
dem Prinzip der syntonischen Musik Dane Rudhyars571 aufbaut.
Rudhyar bezeichnet Musik als syntonisch, wenn sie die psychische Energie
konkreter Töne bewusst und effektiv einsetzt. Während die Musik der Moderne sich
mit dem Verhältnis der Töne zueinander befasst und dieses über einen Grundton
ästhetisch verregelt, ist syntonische Musik radikal relational, klangorientiert und
räumlich. In der syntonischen Musik werden die Noten der modernen Musik aus
der Herrschaft des Grundtones, der Tonika, gelöst und zu holistischen Gruppen
zusammengezogen. Statt aus dem den Einen Gott symbolisierenden Grundton
hervorzugehen, sucht syntonische Musik den Zustand der wechselseitigen Durch-
dringung dissonanter Akkorde, das so genannte Pleroma der Klänge. Tonale Struk-
turen sind im Pleroma syntonischer Musik enthalten, doch die Regeln, Muster und
Kadenzen, die in der modernen Musik verbindlich sind, würden die Entfaltung des
syntonischen Bewusstseins verhindern. Moderne Musik strukturiert Töne, syntoni-
sche vernetzt sie räumlich. Insofern ist sie ein typisches Element transrationalen
Denkens, denn sie vereint das energetische, Dionysische Empfinden der vernakulä-
ren572 Musik mit den intellektuellen Erkenntnissen der klassischen Harmonielehre
und den technischen Errungenschaften der Moderne zu einem trans- und nicht
prämodernen Musik-, Kunst- und Kommunikationsverständnis, das als akustischer
Ausdruck transrationaler Frieden gehört werden kann.

568 Berendt 2004 S. 39


569 Lederach 2005 S. 151/152
570 *1965
571 1895–1985
572 Dietrich 2002 (10.10.2010)

214
Der grundlegende Faktor syntonischer Musik ist die Verbindung der Klänge,
die dynamisch auf das Bewusstsein der HörerInnen einwirkt. Diese Verbindung
beeinflusst potenziell den gesamten Raum, den sie erfüllt. Die Kraft eines Themas
kann nach Rudhyar nur durch die entsprechende psychische Resonanz des Publi-
kums verstanden werden. Es erfüllt ein persönliches, kulturelles oder gesellschaftli-
ches Bedürfnis auf transpersonale Weise. Die Voraussetzung für die Wirkung ist die
Transpersonalität, der humane Resonanzraum der hörenden Gemeinde. Ist diese
Resonanz gegeben, nimmt die Gemeinschaft das Wechselspiel und die wechselsei-
tige Durchdringung der miteinander verbundenen Klänge im musikalischen Raum
wahr und deutet sie entsprechend. Solche Musik beruht auf Tonerfahrungen, die
nicht durch die intellektuellen Vorstellungen der klassischen Harmonielehre geprägt
oder durch akademische Ausbildung erschwert sind.573
Aufgrund des allgemeinen sozialen Potentials syntonischer Musik ist sie ein meist
unbeachteter, aber dennoch wichtiger Aspekt jedweden kommunikativen Vorgangs.
Daraus folgt ihre große Bedeutung für die elicitive Konflikttransformation. Die
theoretischen Einsichten zur Effektivität dieser vorsprachlichen Methode lassen sich in
der Praxis recht einfach über Obertongesang und der Vokalatmung erfahren.
Diese Ansicht vertrat auch der zum Thema Stimme und Hören richtungswei-
sende Musikphilosoph, Produzent und Jazzjournalist Joachim-Ernst Berendt,574
dessen Schüler Riccabona einst war. Berendts aus dem Zen, Tao und Tantra ge-
schöpfte Weltsicht ist prinzipiell aus dem ersten Band dieser Trilogie bekannt. Hier
geht es um praktische und didaktische Konsequenzen dieses Denkens. Berendts
Botschaft war politisch, aufklärerisch und friedensorientiert:

Wir leben in einer Gesellschaft, die sich ohne Terror und ohne Umsturz, ohne Gewalt
und Betrug, ohne „nationale Revolution“ lautlos, freiwillig und unmerklich einem
neuen Faschismus entgegen bewegt. Was dazumal Himmler, seine SS-Schergen und
Gestapo-Spitzel besorgt haben, in einem Prozess, der die Welt erschütterte, besorgt
heute besser und wirkungsvoller die „immanente Faschistoidität“ unserer Psyche.575

Diese prophetischen Worte schrieb er 1983. Er schlug als Alternative eine kosmo-
logische, physikalische, morphologische, biologische, mythologische und harmonikale
Wahrnehmung der Welt als Klang vor, mit der er diesen neuen Alltagsfaschismus als

573 Rudhyar 1984 S. 190–195


574 1922–2000
575 Berendt 2001 S. 36–44 und Riccabona 2004 S. 2.

215
Irrweg der Moderne zu transformieren hoffte, ohne ihn physisch zu bekämpfen.576
Das ist ein für die Friedensforschung relevanter Zugang, weil er eine rationale
Auseinandersetzung mit den energetischen Grundbegriffen Schwingung und Harmonie
voraussetzt. Die moderne Friedensforschung ahnt wohl, dass Harmonie eine zentrale
menschliche Kategorie ist, ihr reduktionistisches Denken bietet aber kein gesell-
schaftswissenschaftliches Instrumentarium für den Umgang mit Harmonie.577 Ähnli-
ches gilt selbst für die meisten postmodernen Interpretationen von Frieden und deren
rationalistisches Instrumentarium. Deshalb wird Harmonie von den entsprechenden
Schulen oft als unwissenschaftliche Esoterik und Romantik verbannt.578 Das be-
schränkt ihre Fähigkeit zur Transformation von Konflikten radikal und lenkt ihre
Aufmerksamkeit auf präskriptive Methoden, die sich zwangsläufig aus dem
(mono)kausalen, reduktionistischen Denken der Moderne ergeben. Dieses Denken
errichtet soziale, ökonomische und ökologische Denk- und Gefühlsblockaden, die
kulturelle Gewalt produzieren. Intellekt ist für Autoren wie Berendt oder Rudhyar
nicht alles. Er ist bloß der Anfang unserer Wahrnehmung.579 Wie Alan Watts so schön
formulierte: Understanding is not simply verbal comprehension – it is feeling it in your
bones.580
Für Rudhyar führte die pluralistische Weltanschauung der Moderne zur Ver-
herrlichung des stark reduzierten Individuums. Deshalb ersann sie Abstraktionen
wie Atome als kleinste Teile der Materie, Noten als fix definierte Repräsentanten
von Tönen oder das Bild vom Staatsbürger als eines auf das funktionelle Minimum
reduzierten Menschen. In einer Gesellschaft, die sich auf Zahl und Form gründet,
braucht es als Grundeinheiten Personen, die durch nichts geprägt sind. Eine solche
Gesellschaft ist vor allem intellektuell orientiert. Ihr Anspruch auf Allgemeingültig-
keit ist ein geistiger Universalismus, der abstrakte Beziehungen betont, die eher von
Zahlen als von Menschen, eher von formalen Ordnungen als von substanzieller
Eigenart und Lebensweise der vernakulären Gemeinschaften bestimmt ist, die
zwangsweise in Ordnung gebracht werden. Eine solche Gesellschaft schätzt auch die
quantitative Beziehung zwischen abstrakten Dingen, den Noten als Tonzeichen,
mehr als die Qualität der Schwingungsenergie, die wirkliche Resonanz der Töne.581

576 Seine berühmten musikjournalistischen Bücher Nada Brahma (1983) und Das Dritte Ohr (1985)
reihen sich friktionslos in die etwa zeitgleich erschienenen Arbeiten von Fritjof Capra, David
Bohm, Ken Wilber, Ervin Laszlo und verwandter Autoren ein.
577 Das ist auch die zentrale These von Rudhyar 1984.
578 Senghaas 2001
579 Berendt 2004 S. 23
580 Zitiert nach Lederach/Lederach 2010 S. 98
581 Rudhyar 1984 S. 163

216
Die transrationale Interpretation von Frieden inkludiert das energetische Welt-
bild und beachtet die Rolle, die Harmonie und Schwingung in sozialen Zusam-
menhängen spielen.582 Die oft leidenschaftlich umstrittene Frage, ob Harmonie eine
sinnvolle friedenswissenschaftliche Kategorie sein kann, beantwortet sich im trans-
rationalen Kontext ganz einfach: Sofern mit Harmonie ein physischer, biologischer,
geistiger und psychischer Vorgang bei zwischenmenschlicher Begegnung gemeint
ist, bildet sie selbstverständlich einen Gegenstand rationaler friedenswissenschaftli-
cher Erörterung. Romantische oder idealistische Verklärung mag es auch geben. Sie
ist hier aber nicht gemeint. Darüber hinaus ist Harmonie zwangsläufig eine grund-
legende Größe, wenn akzeptiert wird, dass Frieden selbst nur dann eine soziale Ka-
tegorie sind, wenn sie von menschlichen Wesen wahrgenommen werden.
Denn Mensch schwingt per definitionem. Das Ohr liefert dabei qualitative,
geistig, psychisch und gefühlsmäßig relevante Inhalte an das Nervensystem. Wenn
die Schallschwingungen in das Ohr eindringen, vernimmt es. Es verwandelt das
Vernommene in Vernünftiges, Wahrgenommenes in Wahrhaftiges. Im Ohr löst
sich der Ton aus seinem physischen Wirken und verwandelt sich in geistige Ener-
gie.583 An kaum einem Ort bewahrheitet sich die Bezeichnung Kontaktgrenze in
Tätigkeit deutlicher als an dieser Schnittstelle zwischen physischer und psychischer
Energie. Die Transformation physischer Schwingung in geistige, emotionale oder
spirituelle Bedeutung ist ein perfektes Beispiel für den Sphärenwechsel von Energie,
die dadurch auf eine andere Ebene gehoben, eben transformiert, nicht bloß umge-
leitet oder zurückgehalten wird.
Alle Zellen des Körpers schwingen und lösen dadurch entsprechende neurologi-
sche Vorgänge, Gehirnwellen und Körperchemie aus. Hören ist ein integraler Vor-
gang. Wir hören durch das Ohr, aber mit jeder Körperzelle. Wahrnehmung ist ein
Resonanzphänomen. Das Befinden, die Gefühle sind nicht individuell. Sie ergeben
sich für jeden Menschen in einem permanenten Austausch mit seiner Umwelt, unter
anderem in der zwischenmenschlichen Kommunikation. Die medizinischen Aspekte
dieses Umstands muss ich vernachlässigen, obwohl sie mit diesem Thema zusam-
menhängen. Hier geht es darum, dass Schwingungen und Harmonien in Kommuni-
kationsvorgängen Einfluss auf soziale und politische Realitäten haben.584

582 Lederach/Lederach 2010 S. 111–144 behandeln die friedenwissenschaftlich relevanten Argumente


dieses Kapitels anhand ihrer Auseinandersetzung mit Van Morrison. Der zählt auch meiner
Ansicht nach zu den interessantesten Musikern unserer Zeit. Ich stimme mit ihrer Sicht überein.
In derselben Weise halte ich den bei Lederach/Lederach mehrfach zitierten Bob Dylan für den
wichtigsten zeitgenössischen Vertreter dieses Genres.
583 Berendt 2004 S. 74–82
584 Cousto 1987 S. 16

217
Die Fragen, warum manche Sender ungeachtet ihrer sprachlichen und intel-
lektuellen Fähigkeiten ihre Adressaten erreichen und bewegen, andere aber nicht,
warum Musik ein wirkungsvolles Werkzeug der Konflikttransformation ist, was bei
der Begegnung von Menschen jenseits der Sprachebene passiert, sind von friedens-
wissenschaftlichem Interesse.

Jeder Mensch ist Musik – ewige Musik – Tag und Nacht erklingend. Intuitive Wesen
können diese Musik hören. Aus diesem Grund gibt es Menschen, die dich abstoßen,
und andere, die dich anziehen. Was dich in Wirklichkeit abstößt oder anzieht, ist die
Musik, die in einem Menschen schwingt.585

In Übereinstimmung mit dieser Meinung Joachim-Ernst Berendts formuliert Lede-


rach einige generelle Kriterien für die Anwendung von Musik in der Konflikttrans-
formation. Musik sollte eher einem internen als einem externen Standard folgen,
womit er wohl das meint, was ich als vernakulär bezeichne – sie muss aus dem sozi-
alen Zusammenhang entstehen und nicht unbedingt der klassischen Harmonielehre
folgen. In diesem Sinn muss sie ehrlich sein, vom Herzen kommen. Der Erfahrung
nach sind einfache Motive wirksamer als virtuose Verrenkungen. Die Grenze zwi-
schen MusikerInnen und Publikum sollte offen sein und zum Mitmachen einladen.
Spaß ist nicht nur erlaubt, sondern ein hochwirksames Treibmittel für Musik in der
Konflikttransformation.586
Hier geht es vorerst um das Verständnis jener „inneren Musik“ als Teil kom-
munikativer Prozesse und ihren praktischen Einfluss auf elicitive Konflikttransfor-
mation. Das führt zum Begriff Mantra, der für Urlaute, archetypische Wortsymbole
steht, die Gefühle ausdrücken, aber keine Begriffe, Gemütsbewegungen, aber keine
Ideen. Sie sind Silbenklänge, die große Wirkung haben, weil sie Klang ohne Be-
wertung oder Absicht sind. Der Begriff Mantra kommt aus dem Sanskrit. Die Silbe
man steht für Verstand, Denken und Fühlen, all das, was den Menschen ausmacht.
Tram ist eine Werkzeugsilbe. Mantram oder Mantra bedeutet zusammen Geistiges
Werkzeug oder Mittel zum Denken. Dieses vorsprachliche Werkzeug des Verstands
tritt an jener Stelle ins Bewusstsein, an der aus dem Atem das Wort wird, einer
weiteren Schnittstelle zwischen psychischen und physischen Schwingungen. Für die
Sufis ist der Übergang vom Klang zum Mantra, zum Wort und weiter zur Musik,
Dichtung und Wissenschaft bruchlos.587 Das türkische Wort Nefes drückt das aus.
Es bedeutet wörtlich Atem, aber in der alevitischen Literatur meint es eine Poesie

585 Berendt 2001 S. 36–44 und Riccabona 2004 S. 208


586 Lederach 2005 S. 159
587 Berendt 2001 S. 36–44 und Riccabona 2004 S. 2

218
der Liebe oder Ekstase, die sich ebenso auf das Göttliche beziehen kann wie auf die
Natur oder eine Person.588 Um diese Übergänge geht es nun.
Mantras und ihre Keimsilben, die Bijas, stehen am Anfang von Sprache und
Musik. Diese Keimsilben sind Schwingungen. Da alle Zellen des menschlichen
Körpers und des Nervensystems schwingen, folgt aus dem Gesetz der Resonanz,
dass Menschen auf akustische Schwingungen reagieren. Das gilt für den Lärm des
Alltags, der unsere Nerven strapaziert ebenso wie für die erhebende Wirkung von
Musik und die feinen Schwingungen sorgfältig gesprochener, intonierter oder ge-
sungener Mantren. Jeder Mensch als Kontaktgrenze in Tätigkeit ist ein Klangkörper
mit harmonikalen Proportionen. Deshalb reagieren wir physisch und psychisch auf
die Frequenz des Grundtons, auf die Anordnung von Vokalen und Konsonanten,
Rhythmus, Atemform, Bedeutung, Tradition und innere Struktur eines Mantras.
Mantren wirken, weil sie den grundlegenden Prinzipien der Schwingung und der
Entsprechung folgen.589
Das Prinzip der Schwingung besagt, dass Schwingungen einander beeinflussen.
Jede Schwingung ist dadurch mit der anderen verbunden. Ändert sich eine Schwin-
gung, hat dies auch Auswirkungen auf alle anderen Schwingungen. Diese Überle-
gung zieht sich von der einführenden Diskussion Batesons und der Systemtheorie
bis hierher. Sie ist praktisch für alle in diesem Buch erwähnten Methoden Grund-
lage. Es ist einsichtig, dass eine bewusst erzeugte Schwingung, im einfachen Fall ein
Mantra, mit ihrem Frequenzmuster andere Schwingungen, zum Beispiel ein
menschliches Hirn, und die gesamte Umwelt beeinflusst. Umgekehrt verändert jede
aus der Umwelt kommende Schwingung das individuelle menschliche System.
In diesem Zusammenhang ist auf die Wirkung des Grundtons und der Obertöne
hinzuweisen, denn wir Menschen schwingen beim Hören von Musik immer mit. Da
jeder intonierte Grundton auch die über ihn gelagerten Oktaven zum Schwingen
bringt, regt ein bestimmtes Frequenzmuster ganzheitlich alle entsprechenden Oktaven
zum Mitschwingen an. Das menschliche Ohr nimmt aus einem viel größeren Spekt-
rum nur bestimmte Frequenzen wahr, weil es die Fähigkeit hat, genau in diesem Fre-
quenzbereich zu resonieren. Diese sind Oktavierungen der vitalen Schwingungen, die
stets auf uns wirken. Verschiedene Tonhöhen und Intervalle lösen aufgrund des akus-
tischen Resonanzprinzips unterschiedliche Schwingungsmuster in den Zellen und die
damit verbundenen Gefühlswahrnehmungen aus. Es gibt keine neutralen Töne. Nach
Cousto stimmt der Jahreston Cis entspannend, der Tageston G dynamisierend, der
Mondton Gis willensbildend, der (künstliche) Kammerton A euphorisierend, der
platonische Jahreston F vergeistigend und so fort.

588 Cakir 2009 S. 17


589 Riccabona 2004 S. 2

219
Das Prinzip der Entsprechung erklärt, warum Mantren in verschiedenen Berei-
chen, von der Materie bis ins Geistige wirken. Wie oben, so unten, ist im Hinblick
auf akustische Wellen problemlos verständlich.590 Da jeder intonierte Grundton
stets auch die über ihn gelagerten Oktaven zum Schwingen bringt, regt ein be-
stimmtes Frequenzmuster alle entsprechenden Oktaven zum Mitschwingen an.
Jeder Ton wirkt nicht nur auf jener Ebene, auf der er erzeugt wird, sondern in allen
Lagen, auch den für das menschliche Ohr unhörbaren Oktaven. Ein Mantra ist der
willentliche, experimentelle und tradierte Versuch, bestimmte Strukturen auf kör-
perlicher, energetischer, emotionaler und mentaler Ebene in Schwingung zu verset-
zen, wobei der Schwingungscharakter bedeutet, dass die Wirkung niemals in indivi-
duellen Grenzen eingeschlossen bleibt.
Mantramistik, die Lehre von der Anwendung der Schwingungen, arbeitet mit
Grundtönen, Obertönen, Gedankenmustern, Visualisationen und Körperhaltun-
gen.591 Werden die stimmlichen, mentalen, emotionalen und physischen Kräfte
zusammengefasst und einem gemeinsamen Schwingungsmuster unterstellt, erreicht
die Praxis ihre höchste Wirkung. In den Mantraübungen ist das wiederholende Spre-
chen, Intonieren oder Singen von Lauten, Kernsilben und Formeln der schöpferische
Akt. Die entsprechenden Vibrationen regen das Nervensystem an, wodurch unbe-
wusste Gefühlszustände aktiviert werden.592 Aufgrund des Resonanzprinzips beein-
flusst und verstärkt die kreisende Wiederholung in der mantrischen Praxis Schwin-
gungen. Das wirkt heilend, weil das Mantra die Schwingungen in die tieferen
Schichten der menschlichen Wahrnehmung, zur Verbindung mit dem Selbst, dem
Epizentrum des Seins vordringen lässt: Simply, repetition opens us the experience of fee-
ling surrounded by unconditional love.593
In der Gruppenpraxis erzeugt das ein Gemeinschaftsgefühl, das die mantrische
Praxis zu einem hoch relevanten Werkzeug der Konflikttransformation macht. Sie
muss dafür nicht stur und schulmäßig betrieben werden. Der spielerische Umgang
öffnet zahlreiche Möglichkeiten, die sich auch in der Praxis vieler vernakulärer Mu-
siken entdecken lassen. Das Spektrum reicht von transkulturellen bis zu autochtonen
Kontexten. Diesen Prozess zu lenken ist eine ebenso alte wie hohe Kunst. Wenn es der
praktizierenden Gruppe gelingt, sich durch einen gemeinsamen Ton auszudrücken,
wird jeder der Übenden in einen ergreifenden Gleichklang gehüllt, in dem er zugleich
Sender und Empfänger ist. Deshalb ist der gemeinsame Grundton so wichtig für die
Absicht und den Charakter der Gruppe. Der Grundton ist gewissermaßen die

590 Riccabona 2004 S. 3


591 Cousto 1987 S. 83ff.
592 Mookerjee 1984 S. 120
593 Lederach/Lederach 2010 S. 127

220
Grundformel, die allen zu geben und zu empfangen erlaubt, sodass die Intensität des
Gruppenklangs letztlich alle Stimmen in Einklang bringen kann. Die akustische Hülle
und Fülle der Gleichzeitigkeit von Geben und Nehmen macht das harmonische
Urprinzip aller nicht-dualen Philosophien, des Advaita, sinnlich erlebbar.594
Durch den Laut, die Silbe oder das Wort drücken die Übenden als Individuen
und Gruppe ihr Wesen und ihre Gemeinschaft aus. Sie manifestieren sich als Zu-
sammenhang, der auf jeden Teil rückwirkt. Die bewusst gerichteten Gedankenwel-
len erschaffen auf mentaler Ebene ein Feld mit gleichem Schwingungsmuster. Des-
halb geht es hier nicht um eine objektiv richtige Stimmung, sondern darum, dass sie
die Gruppe samt allen Mitwirkenden einstimmt, um zum gemeinsamen Werkzeug
der Transformation zu werden. Die Wirksamkeit dieser Übungen ist immer wieder
aufs Neue verblüffend und eindrucksvoll genug, um die Bedeutung des Klanges als
Werkzeug der Kommunikation zu verdeutlichen.595
Die Prinzipien der Schwingung und Entsprechung erklären die Wirksamkeit
evokativer Musik beim Holotropen Atmen oder im Quantum Light Beath. Der
Unterschied in der Anwendung gegenüber dem Mantra liegt darin, dass in diesen
Fällen die Schwingungen mittels Verstärkeranlagen in erprobten Sequenzen auf die
Übenden treffen, während die Praktizierenden in der mantrischen Technik diese
Frequenzen selbst erzeugen. Im ersten Fall wird die Stimmung der Praktizierenden
mit von außen kommender Musik gelenkt, in der mantrischen Technik stimmen sie
sich selbst. Sie erzeugen den Ton und sind zugleich sein erster Rezipient. Diese
Unterscheidung ist für die Anwendung evokativer Musik in allen Arten von Atem-
technik wichtig.596 Wenn die über die Lautsprecher kommende Musik den Körper
und die Psyche der Beschallten stimmt, ist das eine externe Beeinflussung, die der
Seminarleitung bewusst sein muss und entsprechende Verantwortung verlangt, um
nicht zur Manipulation zu verkommen.597
In der mantrischen Technik spielen die Obertöne eine wichtige Rolle. Um sie
zu hören, muss die Akkordfolge des Sprechens, Intonierens oder Singens extrem
verlangsamt werden. Der Tönende weiß nie genau, was sich akustisch wirklich er-
eignet. Doch darauf kommt es auch nicht an. Hören, wahrnehmen, sich Zeit lassen,
aufmerksam sein, die Innenseite des Geschehens beobachten, sie sich entfalten las-
sen, ohne in sie einzugreifen, bewusst sein, sind die entscheidenden Momente der
mantrischen Technik.

594 Rock 1990 S. 106


595 Riccabona 2004 S. 4
596 Cousto 1987 S. 18ff.
597 Ein eindrucksvolles Beispiel dazu bei Cousto 1987 S. 93–108

221
Das erfordert Übung, Geduld und Konzentration seitens der Praktizierenden.
Das Mantra bespielt die Grenze zwischen dem Hörbaren und einer ahnbaren Be-
deutung, die selbst die Unterscheidung zwischen Tönendem und Hörendem auf-
hebt. Je mehr Obertöne erklingen, desto stärker wirkt der Klang auf das Bewusstsein
und das schafft ein verändertes Körpergefühl. Diese energetische Technik schärft
Verstand und Bewusstsein und sie öffnet die Psyche. Dadurch erhöht sie die kom-
munikative Sensibilität und Kompetenz.598
Der Zweck des entsprechenden Seminars im Innsbrucker Lehrgang liegt in der
Sensibilisierung der Studierenden für diese vorsprachlichen Inhalte kommunikativer
Akte, die in Techniken der elicitiven Konflikttransformation eine große Rolle spie-
len. Es geht um eine technisch-handwerkliche Erfahrung, die zur Persönlichkeitsbil-
dung der Studierenden beiträgt und ihnen Übungen vermittelt, die auch in kon-
kreten Einsatzsituationen ohne großen Aufwand effektiv angewendet werden
können. Ziele dieser Übungen sind:

ƒ Gesteigertes Einfühlungsvermögen in den Sender von Informationen in jeder


Art kommunikativer Vorgänge,
ƒ Verwindung von Voreingenommenheit,
ƒ Gewinnen innerlicher und äußerlicher Ruhe,
ƒ Erwerb der Fähigkeit zur Herstellung einer meditativen oder kontemplativen
Stimmung,
ƒ Erwerb der Fähigkeit, Gedanken zeitweilig von der üblichen Art des Denkens
zu lösen,
ƒ Erwerb der Fähigkeit einer holistischen Betrachtung der Welt und Lösung von
der Verfangenheit in reduktionistischen Teilaspekten.599

Das akustische Prinzip evokativer Musik und mantrischer Übung ist grundsätzlich
dasselbe. Die Wirkungsweise und der Einsatzbereich unterscheiden sich nicht, wobei
das Mantra möglicherweise näher an der Bewusstseinserweiterung im Sinne Kabbals
liegt als an der Bewusstseinsveränderung im Sinne Grofs. All diese Techniken trans-
formieren das körperliche System der Praktizierenden. Die inneren Antennen werden
auf Empfang gestellt. Das ist eine Voraussetzung für das aktive Hören, das ich zuvor
im Zusammenhang mit Carl Rogers, Jiddu Krishnamurti, Jeru Kabbal, Ruth Cohn
und anderen erwähnt habe, und das die Rückbindung paralinguistischer Techniken
an sprachliche darstellt.

598 Berendt 2004 S. 303–307


599 Berendt 2001. S. 36–44 und Riccabona 2004 S. 217

222
Das aktive und bewusste Hören bindet die Aufmerksamkeit im Jetzt. Daraus
folgt, dass aktives Hören durch seine Gegenwartsbezogenheit die potenziellen Irri-
tationen, die aus Erinnerungen, Emotionen, Gedanken, Ambitionen und Idealen
resultieren, zum Schweigen bringt. Hören, selbst das aufmerksame Hören auf die
von der eigenen Stimme geformten Bijas, stärkt das Bewusstsein. Der Hörende
besteht nicht auf sich, sagt Berendt. Er besteht auch nicht auf dem anderen. Er
besteht nicht auf der Trennung zwischen Subjekt und Objekt. Das Ohr verbindet
die Kontaktgrenze in Tätigkeit mit ihrer Umgebung. Es impliziert nicht Trennung,
sondern Einheit.600
Die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt zu halten, ist für die eli-
citive Konflikttransformation zentral. Aktives Hören von Klängen und das Tönen von
Mantren hätte schon als reiner Selbstzweck großen Wert. Darüber hinaus bereitet dies
auch das Feld für das aktive Zuhören semantischer Inhalte. Erst wenn das Hören von
den genannten Irritationen befreit ist, bedeutet es wirklich Kontakt in Tätigkeit. Die
meisten Menschen leben heute in modern oder postmodern ichbezogenen, schnattern-
den und primär auf das Sehen konditionierten Befindlichkeiten. Daher bilden Übun-
gen des bewussten Hörens und des Umgangs mit dem Klang der eigenen Stimme
einen wichtigen Bestandteil des Trainings für elicitive Konfliktarbeit.

600 Damit arbeitet auch der Origins Ansatz von Rock 1990 S. 106–108

223
E. Bewegungs-orientierte Zugänge zu elicitiver
Konflikttransformation

Die Gestalttherapie grenzte sich von der traditionellen Psychoanalyse dadurch ab, dass
sie zur nicht-verbalen Erfahrung vorstieß. Sie bestritt den Sonderstatus des Geistes
und entwickelte eine Methode, die den Körper mit seinen Bewegungen und Gefühlen
auf dieselbe Ebene mit dem Geist, seinen abstrakten Gedanken und verbalen
Symbolen stellte. Wenn psychische und physische Aktivitäten einer Existenz gleicher
Gattung sind, müssen auch beide als Manifestationen desselben menschlichen Wesens
angesehen werden.601 Dementsprechend besteht der menschliche Organismus aus zwei
Systemen, über die er mit der Welt in Verbindung tritt, nämlich den Sinnesapparat
und den Bewegungsapparat. Im kartesianischen Weltbild der Moderne sind diese
Systeme getrennt, während der holistische Ansatz der Humanistischen Psychologie
annimmt, dass Gedanken, Gefühle und Handlungen aus demselben Stoff bestehen
und daher von einem dieser Systeme in das andere übertragen werden können.
In der Tanz- und Bewegungskunst war Martha Graham602 eine amerikanische
Pionierin, die diese Annahmen früh in die Praxis umsetzte. Graham revolutionierte
das klassische Ballett, als sie gegen den Geist ihrer Zeit die Formen des Tanzes aus
seinen standardisierten Bewegungsabläufen befreite, indem sie dem Gefühl und der
Emotion den Vorrang vor der Bewegung gab. In immer neuen Versuchen der
Selbsterforschung baute sie ihr technisches Spektrum auf den elementaren Bestand-
teilen von Anspannung, Entspannung und der Atmung auf. Schon 1926 gründete
sie in Manhattan die Martha Graham School of Contemporary Dance, aus der später
die Martha Graham Dance Company hervorging. Ihre Vorarbeit ist für dieses Kapitel
ebenso wichtig wie die Anfänge des expressionistischen New German Dance, auf den
ich noch zurückkomme.
In diesem Kapitel richte ich den Fokus vorerst auf die Bedeutung des Bewe-
gungsapparats und der Bewegung als Tatsachen des menschlichen Daseins, aus
denen sich wesentliche Methoden elicitiver Konflikttransformation ergeben. Ich
habe bereits auf die eingängige und hilfreiche Interpretation dieser Prinzipien durch

601 Koval 1977 S. 130


602 1894–1991

225

W. Dietrich, Variationen über die vielen Frieden, DOI 10.1007/978-3-531-93089-3_5,


© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011
das New Yorker Multitalent Gabrielle Roth603 hingewiesen. Diese Theaterregisseu-
rin, Tanzlehrerin, Musikproduzentin, Percussionistin und Autorin, die sich selbst
als urbane Schamanin bezeichnet,604 gehört zur jüngeren Generation der Ikonen des
Esalen Instituts. In ihren frühen Jahren traf sie dort auf Gregory Bateson und Fritz
Perls. Von beiden wurde sie deutlich beeinflusst. Ihre wichtigste Inspiration605 war
aber Oscar Ichazo,606 der Begründer des Arica-Yoga.607
Ichazos Name wird meist mit der Philosophie des Personen-Enneagramms ver-
bunden, die zu einem esoterischen Lehrsystem gehört, das er selbst Protoanalyse
nennt. Psychologisch folgt er in einem selbstgeschöpften Vokabular der Idee der Rei-
nigung des Selbst, das er Essenz nennt, vom Ego. Diese mittlerweile recht populäre
Vorstellung habe ich in diesem Buch schon in verschiedenen Varianten angesprochen.
Nicht so bekannt ist über den engeren Zirkel um Ichazo hinaus, dass er methodisch
weniger intellektuell oder mental arbeitet als physisch. Die meisten seiner praktischen
Übungen zielen darauf, Herz und Verstand über körperliche Übungen zu trainie-
ren.608 Diesen Aspekt leitet Roth für ihre Arbeit aus Arica ab.
Das Enneagramm hat schon in seinen älteren Interpretationen, besonders in
der von Georg Iwanowitsch Gurdjieff,609 der für Ichazo wie für Bhagwan eine wich-
tige Inspiration war, den rituell-therapeutischen Tanz und kathartisches Theater
beeinflusst.610 In der Arica-Schule Ichazos bildete sich Anfang der 1970er Jahre eine
Gruppe um den Kultregisseur und Schauspieler Alejandro Jodorowsky,611 die daran
ging, die Arica Übungen in theatralische Aufführungskunst umzusetzen. 1973
wurde ein entsprechendes Stück über die Verführung der Essenz, des Selbst, durch
das Ego-Monster im Stile eines von Congas und Rockmusik begleiteten Stammes-
rituals mit William Pennell Rock in New York aufgeführt. Rock schreibt, dass er
während des gesamten Stückes in tiefster Trance gewesen sei.612 Jedenfalls war mit
dieser Übung der Boden für das, was später als die Fünf Rhythmen von Gabrielle
Roth bekannt werden sollte, vollständig aufbereitet.

603 Roth (7.11.2009)


604 In Roth 2004 beschreibt sie ihre Orientierung an Hyemeyohsts Storm Lightningbolt und Sun
Bear, schmanischen Ansätzen, die auch auf Native Spirit vorkommen. Ebenso stellt sich Rock 1990
S. 40 und 127 dar, der wie Roth ein Schüler Oscar Ichazos ist.
605 Roth 1998a S. 20–23
606 *1931 in Bolivien
607 Ichazo (15.11.2009)
608 Rock 1990 S. 16.
609 1866–1949
610 Bartels 2005 S. 16–45
611 *1929 Iquique/Chile. Jodorowskys bekanntester Film The Holy Mountain aus demselben Jahr ist
von diesem Geist getragen.
612 Rock 1990 S. 17

226
Neben Tanz und Musik inszeniert Roth auch kathartisches Theater, das von
diesen Begegnungen beeinflusst ist. Sie verbindet das mit den Jung’schen Archety-
pen und bezeichnete es als rituelles Theater.613 Pennell Rock, ein Psychologe
Jung’scher Orientierung, ging noch einen Schritt weiter in dieselbe Richtung. Er
gründete im Anschluss an die Erfahrung mit Ichazo und unter dem Einfluss einer
intensiven Begegnung mit Paul Rebillot614 das Center for Transpersonal and Expres-
sive Arts Therapies in Los Angeles, das sich zur Aufgabe machte, Ausdruckskunst als
therapeutische Methode zu etablieren.615 Von da aus ist der Weg in die elicitive
Konflikttransformation nicht mehr weit. Ich werde in diesem Kapitel den Schritten
vom Einfacheren zum Komplexeren, von der reinen Ausdrucksbewegung zum dra-
maturgischen Ablauf folgen.
Roths berühmt gewordene Fünf Rhythmen in der Abfolge Flowing, Staccato,
Chaos, Lyrical, Stillness sind die dynamische, körper- und bewegungsorientierte Um-
setzung der gestalttherapeutischen Interpretation der Homöostase auf der Basis der
Arica-Ansatzes: Vorkontakt, Kontaktnahme, Kontaktvollzug und Nachkontakt.616
Egal, wie dieses Modell benannt wird, es geht stets um das Tätigsein an der Kontakt-
grenze in einem menschlichen – individuellen oder sozialen – System. Daher ist dieser
Zugang bedeutend für die elicitive Konflikttransformation.
Aus Gabrielle Roths617 umfangreichem Werk sind für die Zwecke dieses Buches,
wie gesagt, vor allem jene Fünf Rhythmen bedeutsam. Sie illustrieren einerseits die
curricularen und didaktischen Abläufe des Innsbrucker Lehrgangs, andererseits sind
sie für sich selbst eine effektive und beliebte Methode bewegungsorientierter Kon-
flikttransformation. Roth versteht die Welle ihrer Fünf Rhythmen als den Schlüssel zu
jedem transformativen Prozess.618 Diese Behauptung lässt sich zumindest im didakti-
schen Rahmen des Innsbrucker Lehrgangs belegen.
Nach Roth repräsentiert in den Fünf Rhythmen Flowing den weiblichen As-
pekt des dynamischen Entdeckens, Staccato den männlichen der ordnenden Struk-
tur. Chaos drückt die de-konstruktive und sohin kreative Verbindung der beiden
aus. Lyrical umschreibt das erweiterte Bewusstsein im Nachkontakt. Stillness steht
für die davon getragene, existenzielle Kontemplation, die zur nächsten Welle über-
leitet:

613 Roth, Gabrielle 1998b S. 25/26


614 Rebillot 2008
615 Rock1990 S. 20
616 Perls 1974 S. 63
617 Neben dem hier wichtigsten Hauptwerk Roth 1998a siehe auch Roth 2004 und Roth 1998b.
618 Roth1998a S. 256

227
Im Flowing entdeckst du dich. Im Staccato definierst du dich. Chaos hilft dir dabei,
dich aufzulösen, sodass du nicht in dem Selbst erstarrst, das du entdeckt und definiert
hast. Lyrical inspiriert dich dazu, dich der gründlichen Suche nach dem einzigartigen
Ausdruck deiner Energie zu verschreiben. Und Stillness lässt dich in der großen Energie
aufgehen […] so dass du den ganzen Prozess wieder von vorne beginnen kannst.619

Obwohl die Begriffe anderes nahe legen und er unmittelbar über eine energetisie-
rende Katharsis in den Prozess einsteigt, folgt auch Rock in seiner Origins-Methode
derselben Logik. Bei ihm heißen die Schritte Chaos, Dream, Myth, Ritual. Das Chaos
des Vorkontakts beschreibt er als Dionysisch oder yin, weiblich und energetisch. Die
Kontaktnahme des Dream als Apollinisch oder yang, männlich und formorientiert.
Der Myth umschreibt den Kontaktvollzug der beiden. Mit dem Ritual meint er das
lyrische Feedback des Nachkontakts, den eigentlichen Vollzug in der Wechselwir-
kung der Akteure mit dem Publikum im Hier und Jetzt.620 Für jenen wesentlichen
Abschnitt, der bei Roth Stillness heißt und den Übergang zur nächsten Welle vorbe-
reitet, hat Rock keinen eigenen Namen. Er beschreibt ihn aber sinngleich: When the
Process is completed, the icons are in a sense destroyed, but the powers, the gods behind,
remain. […] Old, profane performer Monsters rear their heads with renewed vigor and
new tension is added to the group process.621 Mir ist daran gelegen, die unterschiedli-
chen Interpretationen und Benennungen dieses im Kern gleich bleibenden Bildes
aufzuzeigen. Um nicht weitere Verwirrung zu stiften, bleibe ich in der Folge aber
bei Gabrielle Roths Begriffswahl für diese Abfolge.
Was für Grof oder Kabbal der Atem macht, für Riccabona oder Berendt die
Stimme, für Rosenberg oder Cohn die Sprache, bewirkt bei Roth rhythmisch, tän-
zerisch expressive Bewegung. Sie löst jene im Körper eingeschriebenen Panzerungen
und Blockaden, deren Taubheit aus einem Verhalten resultiert, mit dem Menschen
sich vor gröberen Verletzungen zu schützen gelernt haben, das sie aber ebenso der
riskanten Freude am offenen Erleben des Hier und Jetzt beraubt. Gefühle sind real.
Sie sind keine Abstraktionen, die einfach abgeschaltet werden könnten. Ihre physi-
schen Manifestationen zeigen die Einheit von Körper und Geist im Jetzt. Bleiben sie
unausgedrückt, verdrängt oder unterdrückt, wird ihre Energie toxisch. Unterdrückte
Gefühle machen den individuellen wie den gesellschaftlichen Körper krank. Roth
definiert Angst, Zorn, Trauer, Freude und Mitgefühl in dieser Folge als grundle-
gende Gefühle für ihre transformatorische Arbeit, wobei sie betont, das die ver-
meintlich negativen Gefühle durchschritten werden müssen, um die vermeintlich

619 Roth 1998a S. 258


620 Rock1990 S. 48–204. Im Gegensatz zu Moreno oder Boal ist bei Rocks expressiver Performance
Publikum vorgesehen.
621 Rock 1990 S. 175

228
positiven erreichen zu können. Wer die ersteren vermeidet, wird nur eine oberfläch-
liche, maskenhafte Version der letzteren bekommen.622 Wie viele der schon zitierten
AutorInnen vertritt auch Roth die Meinung, dass Gefühle im Hier und Jetzt per se
weder negativ noch positiv, sondern einfach Funktionen des Körpers sind, Ströme
von Energie, die frei fließen müssen, um uns in der Gegenwart zu halten:

Essentially, fear protects, anger defends, sadness releases, joy uplifts, compassion unites.623

Werden Gefühle unterdrückt, verdrängt oder überspielt, kehren sie als toxische
Emotionen in das individuelle oder kommunale System zurück. Diese drücken sich
in Form von physischer und psychischer Trägheit aus, die bis zur völligen Blockade
führen kann. Aus Roths urban- schamanischer Sicht ergibt sich daher die Formel:
Disease is inertia. Healing is movement.624 Oder in den Worten eines !Kung Schama-
nen, der Heilen als Funktion von Tanz und Tanz als Methode des Heilens bis hin
zur Kundalini-Erweckung und Trance im kleinsten Detail beschreibt, um den
komplexen Prozess schließlich auf folgende Formel zu bringen: You dance, dance,
dance, dance.625
Gabrielle Roths Poesie, die sich in Titeln wie Sweat Your Prayers oder Maps to
Ecstacy ausdrückt, versteht sich nicht rezeptiv oder dogmatisch, sondern als Resultat
intensiver (Selbst-)Beobachtung. Ihre von Gurdjieff übernommene Affengleichung
illustriert das. Dieser meinte, niemand könne ein Mensch werden, bevor er nicht
aufhöre ein Affe zu sein. Er wurde gefragt, welche Eigenschaft einen Affen ausma-
che. Die Antwort: das Nachäffen.
Es geht nicht darum, Gabrielle Roth in ihrer Praxis nachzuäffen, sondern die
eigenen Schlüsse aus ihrer Beobachtung zu ziehen. Ausdruckstanz ist in diesem Sinn
ein Weg zur Transformation, aber weder eine Einbahn noch der einzige Weg.626 Die
Relevanz dieser Gedanken für die elicitive Konflikttransformation anerkennt auch
John Paul Lederach. Er beschreibt sie im Zusammenhang mit seiner Arbeit in
Nordirland sehr eindrucksvoll.627 Im Innsbrucker Lehrgang spielt dieser Zugang als
didaktisches Prinzip, als methodische Vorlage und als praktische Übung628 eine
wichtige Rolle.

622 Roth 1998b S. 56/57


623 Roth 1998b S. 60
624 Roth 1998b S. 206. Zustimmend Heinrichs 2004 S. 19–22
625 Zitiert Nach Swami Kripananda 1984 S. 83
626 Roth1998b S. 187
627 Lederach 2005 S. 152–158
628 Formell werden komplette Workshops der Fünf Rhythmen im Rahmen des Lehrgangs ab 2011
unter der Leitung von John Kelly angeboten.

229
1 Butō

Butǀ ist eine wenig verwendete Variante von Bujǀ, des japanischen Worts für Tanz.
Als Ankoku Butǀ, Tanz der Finsternis, wurde weit über die Grenzen Japans hinaus
die spezielle Technik des Meisters Tatsumi Hijikata bekannt. Fast alles, was ich in
diesem Kapitel einleitend über Gabrielle Roth gesagt habe, gilt auch für Butǀ, ob-
wohl die entsprechende Bewegung in Japan als Ausdruck des Protests gegen die
Amerikanisierung der japanischen Kultur entstand. Gleichzeitig wandte sich Butǀ
auch gegen die starre technische Kodifizierung im traditionellen japanischen Tanz
des Nǀ und Kyǀgen und des bürgerlichen Kabuki, von denen etliche stilistische Ele-
mente übernommen wurden. Auf der Suche nach neuen Formen stießen die Pro-
ponenten des Butǀ auf den eingangs erwähnten, neuen deutschen Ausdruckstanz
nach Emile Jaques-Dalcroze,629 der sich den rationalen Prinzipien der Moderne zu
entziehen versucht hatte. Rudolf von Laban630 hatte 1917, mitten im Ersten Welt-
krieg, den Ausdruckstanz als friedenspolitisches Werkzeug berühmt gemacht, als er
mit dem dreiteiligen Tanzdrama Sang an die Sonne einen großen vegetarischen und
pazifistischen Kongress ausklingen ließ. Die Tänzerinnen Clotilde von Derp631 und
vor allem Mary Wigman632 trugen den Ausdruckstanz Mitte des 20. Jahrhunderts
als New German Dance nach Japan. Dort beeinflusste er Butǀ anfangs nachhaltig,
wurde später aber von vielen Meistern wieder verworfen. Die frühen Ansätze korres-
pondieren inhaltlich und zeitlich mit den Pionierarbeiten Jakob Levy Morenos und
Fritz Perls‘. Der New German Dance wurde zum Teil von den Nazis verfolgt. Man-
che seiner VertreterInnen ließen sich auch von ihnen vereinnahmen. Beides gemein-
sam führte zum Verklingen dieser Richtung in Deutschland.
In Japan wurden die Versuche, den Tänzer mit seiner Seele, seinen Träumen,
seinen Erinnerungen und seinem Körper über die modernen Regeln der Performance
zu stellen, mit alten Techniken angereichert, woraus eine experimentelle, zeitgenös-
sische und ketzerische Form des Ausdruckstanzes entstand. Butǀ ist expressives
Tanztheater im radikalsten Sinn. Es stellt den Körper ins Zentrum der Gefühle und
will nicht vom Verstand begriffen werden. Butǀ bricht mit allen Vorstellungen von
Ästhetik. Es geht nicht um Tanzschritte, sondern um die intuitive Erfahrung des
Nicht-Lehrbaren.633 Es gilt das Prinzip des Dichters William Butler Yeats You can-

629 1865–1950
630 1879–1958
631 1892–1974
632 1886–1973
633 Heinrichs (14.11.2009)

230
not tell the dancer of the dance,634 was offenbart, dass sich hinter der anti-amerikani-
schen Attitüde der Gründergeneration des Butǀ vor allem deren eigene postmoderne
Befindlichkeit verbirgt.
Tatsumi Hijikata635 und Kazuo Ohno636 riefen Butǀ als Auflehnung gegen die
entmenschlichten Zivilisationsformen des Atomzeitalters nach Hiroshima und Na-
gasaki ins Leben. Sie bezogen sich bei aller Ablehnung Amerikas auch und beson-
ders auf die Nebeneffekte des so genannten Wirtschaftswunders in Japan, dessen
explosionsartige Industrialisierung ihrer Wahrnehmung nach die Natur und die
Kultur des Landes ruinierte. Hijikata meinte in Bezug auf die damals in Japan auf-
kommende Debatte über Umweltverschmutzung: Der Körper wird dauernd von
jenen Dingen vergewaltigt, die als Entwicklung und Technologie gefeiert werden.637
Daraus entwickelte er seine Methode des Butǀ als Bewusstheit des Körpers, welche
die manipulative und normative Kraft des Wortes in der Moderne verwindet.
Die ersten skandalumwitterten Aufführungen dieser Art fanden 1959, in the-
matischer, emotionaler und zeitlicher Übereinstimmung mit dem Entstehen der
postmodernen Friedensbewegung und Friedensforschung in den USA und in Europa
statt. Auch ihnen ging es um die Rückbesinnung auf das wahre Sein des Menschen,
die Revolution des Körpers, die Revolte des Fleisches. Tatsumi Hijikata schuf zu-
nächst seinen Tanz der Finsternis, in dem er Tabuthemen wie Tod und sexuelle
Perversion radikal beleuchtete. Es gibt keinen Weg, die Natur des Lichtes zu verstehen,
wenn man die Dunkelheit nie durchdrungen hat,638 meinte er in voller Übereinstim-
mung mit den sich zeitgleich herausbildenden Erkenntnissen der Humanistischen
Psychologie und deren Wurzeln im Theater der Zwischenkriegszeit.
In diesem Sinn kann Butō ein Dionysisches Theater der Nacktheit, Erotik und
Sexualität sein, aber auch meditative Zartheit oder exzessive Groteske. In jedem Fall
ist es kein traditionelles Theater, aber es stellt die altjapanische Verbindung von Tanz
und Musik wieder her. Als Kunstform hat Butō mittlerweile seinen Siegeszug um die
Welt angetreten und sich dabei in zahllose Synkretismen und Schulen aufgespaltet.
Wollten sich schon die Gründer einer scharfen Definition ihrer Kunst entziehen, ist
es Jahrzehnte später umso schwieriger, exakte Stile und Richtungen auszumachen.
Doch darum geht es auch nicht, denn Butō interessiert hier weniger als Aufführungs-
kunst denn als angewandte Methode der Selbsterfahrung und von da aus als Mittel
elicitiver Konflikttransformation.

634 Zitiert nach Grof/Bennet 1993 S. 12


635 1928–1986
636 *1906 Hokodate
637 Stojanovic 2007 S. 25
638 Haerdter/Kawai 1986 S. 42

231
Die Themen von Butō sind die Ambivalenz von Licht und Dunkel, Geburt
und Tod, Ursprung und Untergang. Es sind Riten des Mysteriums, der Qual, der
Alpträume und dann das Erwachen, die Erlösung, der Frühling, das Staunen über
die Schönheit des Daseins. Im so genannten toten Körper, in dem der Tänzer seine
Gefühle platziert, findet sich die Philosophie des vom Ego getrennten Selbst wieder.

Freeing the sole involves living out the authentic roles of the self, our human condition,
our mandate: the roles of the dancer, the singer, the poet, the actor, the healer. The di-
minishing, less than human roles we‘ve learned to adopt over the years out of repressed
fear, anger, and sadness are the guises of the ego. We are taught to cast ourselves in
small, bit parts, to settle for crummy roles that express only the smallest part of our po-
tential and our soul. Naturally, these ego roles leave us dissatisfied, but we are led to be-
lieve by our upbringing and the daily conditioning of society that they are our real sel-
ves. We are actors on life’s stage. Our challenge is to find the real play, and our true
roles.639

Butǀ bedeutet, dem Ego keine Aufmerksamkeit zu schenken, um sich der ursprüng-
lichen Erinnerung des Körpers zuzuwenden und das sich in ihm manifestierende
Selbst zu entdecken.640 Denn der Körper hat immer Recht.641
Das choreographisch skizzierte Thema dient den Butō Tanzenden als Anhalts-
punkt, um sich in radikaler Ehrlichkeit mit sich selbst auf die Suche nach ihrem
innersten Wesen zu machen. Dieses Unterfangen ist gefährlich, weil die Tanzenden
dabei sowohl ihrem Ego-Monster als auch ihrem inneren Selbst begegnen können.
Das ist der Sinn der Übung. Deshalb ist vordergründig professionelle Tanz- oder
Theaterperformance nicht am Platz, weil diese die Akteure nicht demaskiert, son-
dern im Gegenteil, der Alltagsmaske der Tänzer eine zusätzlich antrainierte Büh-
nenmaske überstülpt.642
Butō will genau das Gegenteil. Es führt in die Begegnung mit den eigenen
Schatten und kann gelegentlich ein kathartischer Marsch durch die Hölle werden.
Butō ist eine Aufforderung, das wilde Tier im Selbst freizulassen, nicht um es zu
domestizieren, zu formen oder zu ästhetisieren, sondern um es kennenzulernen. Je
besser der eigene Schatten gekannt wird, desto leichter und lockerer wird der Um-
gang mit ihm. Butō besteht im Wesentlichen darin, das Ego passiv zu stellen, um
diesem inneren Tier den Raum für den Ausdruck zu geben. Je ungehemmter, wilder

639 Roth1998b S. 141/142


640 Viala/Masson-Sekine 1988 S. 22
641 Heinrichs 2004 S. 110
642 Rock 1990 S. 59

232
und kraftvoller das Öffnen dieser Schlangengrube ausfällt, desto reinigender und
heilsamer seine Wirkung.
Butǀ stellt die Persönlichkeit und die persönliche Erfahrung der Tanzenden in
den Mittelpunkt. Dennoch ist es nicht nur eine künstlerische Methode individueller
Therapie. Denn wird dieser Ausdruckstanz in den Kontext systemtheoretischer
Ansätze gestellt, zeigt sich, dass der Tanz in Resonanz mit dem Publikum stattfindet
und eine mehrfache Rückkoppelungsschleife bewirkt. Zwar gibt es bei dieser Form
ein Publikum, das habituell nur zusieht, energetisch interagiert es aber. Umso au-
thentischer und offener die Performance, umso intensiver das Feedback.
Die Nähe dieser Philosophie zu den katalytischen Methoden der Humanisti-
schen Psychologie ist schon an dieser Stelle unübersehbar. Die Abläufe der Themen
sind den Fünf Rhythmen nicht unähnlich und wie bei Gabrielle Roth gibt es im
Butǀ als Selbsterfahrungstechnik weder bindende Regeln noch ästhetisierendes
Nachäffen irgendwelcher Meister. Nach Tatsumi Hijikata sollen die Menschen in
der Gegenwart und nicht in Ängsten leben, die aus der Vergangenheit gespeist und
in die Zukunft projiziert sind. Sie sollen sich im Butǀ ihrer Angst als einer selbst
konstruierten Sorge stellen, mit der die meisten nicht umgehen können. Die gilt es
zu verarbeiten. Der Tänzer konfrontiert sich mit den Ursprüngen seiner Ängste: ein
Tanz, welcher in die Eingeweide der Erde kriecht.643 Auch dieser Gedanke ist aus der
Gestalttherapie bestens bekannt.
Im Zuge eines längeren Aufenthaltes in Japan lernte der 1931 in Detroit gebo-
rene Philosoph, Schauspieler, Regisseur und Theaterwissenschafter Paul Rebillot
Kabuki und Nō kennen. Er brachte diese Impulse an das Esalen Institut in Kalifor-
nien, wo sie sich rasch mit Fritz Perls‘ Gestaltansatz, dem Psychodrama und der
Jung’schen Archetypenlehre verbanden und neue Formen des kathartischen Theaters
produzierten. Zu den bekanntesten zählen neben Rebillots eigener Heldenreise644 der
schon mehrfach erwähnte Origins Ansatz von William Pennell Rock, der in Esalen
mit Rebillot arbeitete und deutlich von ihm beeinflusst ist.645
Der Reimport Butōs nach Deutschland erfolgte seit den 1980er Jahren vor allem
durch Minako Seki und Yuniko Yoshika.646 Aber auch Kazuo Ohno trug zur
Verbreitung der Technik in Europa, besonders in Deutschland bei. Seither hat sich
eine relativ breite Bewegung entwickelt, die sowohl den künstlerischen als auch den
therapeutischen Aspekt bedient. In Innsbruck wurde dieser Ansatz in den Modul
Cultures of Peaces eingebaut, der im Semesterablauf an der Stelle des Lyrical steht. Er

643 Haerdter/Kawai1986 S. 42
644 Rebillot 2008
645 Rock 1990 S. 15
646 Seki (14.11.2009)

233
wird alternierend mit Wokshops zu den Fünf Rhythmen, dem Theater der Unter-
drückten, dem systemischen Stellen oder ähnlichem angeboten, weil es an dieser Stelle
darum geht, das Selbst der Studierenden nach der durchstandenen Chaosphase
jenseits von Klischee, Rolle und Engpass zu feiern und diese Selbsterfahrung im
Moment des weitgehend aufgeweichten Egos zu vertiefen. Die Vermittlung des
kognitiven Wissens über die Methode wird mit der praktischen Anwendung des Butō
für die unmittelbare Selbstaktualisierung der Studierenden kombiniert. Dafür zeichnet
im Rahmen des Innsbrucker Programms Henriette Heinrichs647 verantwortlich.
Das wirft unausweichlich die Frage auf, ob Butō jenseits der Lehrgangssituation,
wo es sich bewährt hat, ein wirksames Mittel angewandter Konflikttransformation
sein kann. Bei enger und streng künstlerischer Auslegung Butōs wird der potenzielle
Anwendungsrahmen in der Praxis tatsächlich gering bleiben. Ein eher offenes und
therapeutisches Verständnis wird Butō als Prinzip aber mit etlichen der anderen hier
anzusprechenden Methoden zu verbinden wissen. Wo das gelingt, kann Butō vor
allem den expressiven Anteil aller Arten von Rollenspielen und kathartischen Trans-
formationen verstärken und dadurch sehr hilfreich werden. Wie alle anderen Metho-
den auch hängen bewegungsorientierte Arbeitsweisen vom Einsatz im richtigen
Rahmen ab. Während sie etwa in der Track One-Diplomatie oder im Wirtschaftsle-
ben nur unter seltenen und idealen Rahmenbedingungen hilfreich sein werden, die
sorgfältig vorbereitet sein wollen, lassen sie sich in der thematischen Jugend-, Sozial-
und Familienarbeit fast immer einsetzen. Dort zeitigen sie oft erstaunliche Resultate.
In der Ausbildung zur elicitiven Konfliktarbeit geht es darum, diese Erfahrung selbst
zu durchleben, um sie später im geeigneten Rahmen zu kennen und gegebenenfalls
verfügbar zu haben.

2 Budō – Aikidō

Während Butǀ, wie im vorangegangenen Kapitel ausgeführt, generell Tanz und


dann eine ganz bestimmte Form des Ausdruckstanzes meint, dessen transforma-
torische Absicht und Wirkung heute kaum noch umstritten ist, steht Budǀ als
Oberbegriff für japanische Kampfkunst verschiedenster Art. Bu meint in der traditi-
onellen Kampfkunst Japans das Niederlegen der Waffen. Die Silbe dǀ bezeichnet als
Ableitung aus dem chinesischen Tao den Weg. Budǀ ist der Weg der niedergelegten
Waffen.648 Dass damit jedem zerstörerischen Tun Einhalt geboten wird, meint

647 Heinrichs (14.11.2009)


648 Namekawa 2007 (16.12.2009)

234
Morihei Ueshiba,649 der Gründer des Aikidǀ, jener spezifischen Ausformung des
Budǀ, um die es in diesem Kapitel geht: If its true meaning is understood by people all
over the world, nothing would make me happier. […] The heart of Japanese budǀ is
simply harmony and love.650 Doch diese Ansicht stößt nicht einmal in Japan auf
ungeteilte Zustimmung.
Budǀ bezeichnet eine mit der Philosophie der Selbstverwirklichung und Selbst-
kontrolle verbundene Kampfkunst, die im Gegensatz zu Bujutsu nicht auf Effizienz
und Zerstörung ausgerichtet ist. Ich stehe dieser Definition mit einer gewissen Skep-
sis gegenüber, weil mir die Grenze zwischen Budǀ und Bujutsu in der Praxis nicht
ganz so klar zu sein scheint, wie das nach dieser Definition klingt. Außerdem ist mir
nicht einsichtig, wie die mit konfuzianischen Denkweisen durchsetzte, strikte und
moralische Friedenslehre des Zen-Buddhismus, als deren dynamischen Ausdruck
Daisetz Teitaro Suzuki Budǀ bezeichnete,651 eine Kampfkunst hervorbringen sollte,
die sich im Zweifelsfall nicht gegen das Widerständige richtet. Meine Bedenken
gelten nicht der Tauglichkeit der Methoden und Techniken für die Zwecke der
Selbstverwirklichung, sondern der zugrunde liegenden Friedensphilosophie selbst,
wofür mir die Geschichte Chinas und Japans etliche Belege liefert.652
Aus dem breiten Spektrum der japanischen Kampfkünste hat mich bislang nur
Aikidǀ überzeugt. Das ist eine aus dem 20. Jahrhundert stammende Variante des
Budǀ, die auf Techniken und Philosophien des alten Japan baut. Als explizit pazifis-
tische Reaktion auf die japanischen Expansionskriege wurzelt just diese Technik
nicht im Zen, sondern im Shingon, der japanischen Variante des Tantrismus. Das
ist kein Zufall. Morihei Ueshiba, der Erfinder des Aikidǀ stammte aus Taname,
einer Gegend, die stark von einer mystischen Variante des Shingon geprägt ist.
Diese Wurzel, verbunden mit dem späteren Einfluß der neo-shintoistischen ƿmoto-
Sekte, prägte sein Denken und seine Kunst weitaus mehr als Zen oder der offizielle
Staatsshinto seiner Zeit. Mit dem strengen und direkten Zen hat das flexible, offene
und pazifistische Aikidǀ weder als Philosophie noch als Praxis viel zu tun.653
Den Namen Aikidō verwendete der hoch dekorierte Kriegsveteran Morihei Ues-
hiba erstmals 1941, dem Jahr, in dem seine Landsleute Pearl Harbour angriffen. Ues-
hiba war intensiv in den traditionellen Kampfkünsten geschult und galt bis zum Krieg
als praktisch unbesiegbarer Repräsentant vieler Richtungen des Budō. Sein Aiki-Budō
der Zeit zwischen 1932 und 1942 war eine harte, aggressive, auf Muskelkraft und

649 1883–1969
650 Morihei Ueshiba zitiert in Ueshiba 1984. S. 121
651 Stevens 1992 S. 188
652 Das habe ich im ersten Band dieser Trilogie Dietrich 2008 S. 137/138 näher ausgeführt.
653 Stevens 1992 S. 187/188

235
perfekter Technik beruhende Kampfart. Im Angesicht seiner Lebenserfahrung in krie-
gerischen Auseinandersetzungen ging er mit fortschreitendem Alter dazu über, diese
Techniken ihres kriegerisches Sinns zu entkleiden und sie in spirituell begründete
Selbstdisziplin von friedlicher Absicht umzudeuten. Sein nun Aikidō genannter Stil
wurde weich, elegant und sphärisch.654
Das Wort Aikidō wird aus den drei sinojapanischen Schriftzeichen ว᳇㆏
geformt. Ai steht für Harmonie, Ki für Lebensenergie und Dō für Lebensweg, was
zusammen als Weg der harmonischen Kräfte übersetzt werden kann. Dieser Name
drückt aus, dass Aikidō nicht darauf zielt, den Gegner zu besiegen oder ihn gar zu
vernichten.655 Der Übung liegt jene Gesinnung der zwischenmenschlichen Begeg-
nung zu Grunde, die ich eingangs unter Verweis auf Buber beschrieben habe. Jede
menschliche Begegnung ist eine Konfrontation, ein Zusammentreffen von Kon-
taktgrenzen in Bewegung, was eine mehr oder minder große Abgrenzung oder Ein-
beziehung des anderen erforderlich macht. Letztere kann Komm-unikation, Komm-
union oder Kon-fluenz bedeuten, das heißt Einigkeit, Einheit, Zusammenfließen.
Überwiegen in einer Begegnung die trennenden, ab- und ausgrenzenden Kräfte,
droht ein Kon-flikt, ein Zusammen-bruch der Begegnung. Kampf und Konflikt
sind nur spezifische Arten von Begegnung und Beziehung. Die Philosophie des
Aikidō orientiert sich daher an den grundsätzlichen Aspekten der zwischenmenschli-
chen Beziehungen, an den geistigen und spirituellen Werten der menschlichen
Existenz. Raffinierte und effektvolle Kampftechniken und der Anspruch der Selbst-
verteidigung ordnen sich diesem Weg der Gewaltlosigkeit unter. All diese Aspekte
umschreibt die japanische Silbe Ai.656
Aus diesem Grund wird die Angriffsenergie im Aikidō nicht geblockt, sondern
umgelenkt. Aikidō unterscheidet sich von allen anderen Formen des Budō durch das
Prinzip der Widerstandslosigkeit. Für Ueshiba liegt in der Widerstandslosigkeit selbst
der primordiale Sieg, denn böse Absichten oder streitsüchtige Gedanken werden
durch sie selbst beseitigt. Aikidō als Kunst des Friedens ist unbesiegbar, weil sie sich
mit nichts und niemandem anlegt.657 Der physische Ablauf drückt dies in der Kreisbe-
wegung aus, mit der die Aikidōka der Angriffskraft ausweichen, bevor sie um- und auf
die Angreifer zurückgelenkt wird, sodass diese kontrolliert werden können, bis sie
ablassen. Insofern ist Aikidō eine physische Übung der Konflikttransformation. Das
vielleicht berühmteste Zitat Ueshibas belegt das auf poetische Art: Wenn du angegriffen

654 Stevens S. 150–156


655 Ueshiba 1984 S. 15
656 Wagner 1999 S. 82
657 Ueshiba 2007 S. 93.

236
wirst, schließe deinen Gegner ins Herz.658 Das kämpferische Moment der Selbstvertei-
digung spielt in der Praxis des Aikidō eine untergeordneter Rolle. Viele der typischen
Bewegungsabläufe sind im Falle einer alltäglichen Verteidigungsnotwendigkeit gar
nicht anwendbar.659 Die meisten kampforientierten Stilrichtungen des Budō schätzen
Aikidō daher wenig. Sie halten es nicht für effizient genug, obwohl der 155 Zentimeter
kleine Ueshiba auch im fortgeschrittenen Alter als unbezwingbar galt.660
Nen,661 die Geisteskraft, sich ohne jede Ablenkung nur auf ein Objekt zu kon-
zentrieren, spielt im Aikidǀ eine zentrale Rolle. Sie ermöglicht die präzise taktile
Wahrnehmung der Angriffsbewegung und den harmonischen Eintritt in diese Dy-
namik, der den Angriff transformiert. Dafür werden sphärische Drehbewegungen
von tänzerischer Eleganz angewandt. Der oder die Aikidǀka bewegt sich als Antwort
auf die Bewegung des Angreifers im eigenen Schwerpunkt sphärisch um diesen und
stabilisiert über den Atem die eigene Bewegungsachse. Über Atem und Bewegung
breitet sich der harmonische Energiefluss im Körper und über diesen in die Außen-
welt hinaus aus. Voraussetzung dafür ist die Durchlässigkeit des Leibes für diesen
Kraft- und Energiestrom, dessen Fließen innerlich durch die Empfindungen eines
tiefen und freien Atems erfahrbar ist und sich äußerlich in kraftvollen und präzisen
Bewegungsabläufen ausdrückt. Der Angreifer wird durch diese in den Sog der spi-
ral- oder kreisförmigen Bewegung hineingezogen. Sein Gleichgewicht wird gestört
und er selbst dadurch seiner Kraft beraubt. Er wird blitzschnell und entscheidend
unter Kontrolle gebracht, bis bei ihm das Bedürfnis entsteht, die Sache bewenden zu
lassen und sich zurückzuziehen.662 Ueshiba lehrte, dass wenn Körper und Geist
durch nen mit der natürlichen Ordnung des Universums harmonisiert wären, der
Aikidǀka gleichsam mit einer übernatürlichen Kraft verbunden wäre.
Voraussetzung dafür ist zu allererst die bewegte Überwindung der Ichhaftig-
keit. Die körperliche Bewegung wird Ausdruck des innersten Wesens. Der Geist
muss frei von Ego-Aspekten sein, vom Streben nach Macht, Manipulation, Geltung
und Anerkennung. Erst durch solche Absichtslosigkeit wird situationsgerechtes
Reagieren, das Kämpfen ohne Siegen nicht nur in der Übung, sondern auch im
Alltag möglich. Die Kunst des Friedens im Aikidǀ liegt in der Reinigung des Selbst
von allen egoischen Einflüssen, um sich völlig auf die Mitwelt einzustimmen und
dadurch den Weg von allen Hindernissen zu befreien.663

658 Zitiert nach Wagner 1999 S. 95


659 Wagner 1999 S. 13
660 Stevens 1992 S. 75
661 Ueshiba 1984 S. 34–39
662 Ueshiba 1984 S. 41
663 Ueshiba 2007 S. 20 und 58

237
Obwohl Morihei Ueshiba geradezu übermenschliche Muskelkraft nachgesagt
wurde, geht es im Aikidō nicht um Stärke. Im Gegenteil, es soll mit minimalem
Kraftaufwand maximale Wirkung erzielt werden. Den körperlich stärkeren Gegner
überwindet nicht Kraft, sondern jenes Mysterium, das im Tao und den von ihm
beeinflussten Varianten des Buddhismus eine zentrale Rolle spielt: das Ki. In den
ostasiatischen Kulturen ist das der in andere Kontexte übersetzbare Grundbegriff für
die Einheit von Energie und Bewusstsein.664 Er meint die subtile Energie, die das
Universum antreibt, die Lebenskraft, welche die Dinge zusammenhält. In der östli-
chen Medizin ist ein Mensch gesund, wenn das Ki stark und ungehindert fließt. Er
ist krank, wenn es schwerfällig und schwach ist.665 Ich erinnere an den energetischen
Friedensbegriff he ping oder japanisch he wa, wie ich ihn im ersten Band dieser Trilo-
gie beschrieben habe. Er definiert sich als „ruhiger Atem im Einklang mit dem göttli-
chen Atem der ganzen Welt“.666 Darauf zielt Aikidō, dessen Ziel die Einheit des Ki
mit Geist und Körper ist. Es wird verständlich, warum Ueshiba seinen Bewegungsstil
als Kunst des Friedens bezeichnete – nicht nur die Ethik des Kämpfers, auch sein
Erleben ist vollkommen diesem energetischen Frieden gewidmet. Im tantrischen Sinne
geht es um die Harmonie des Inneren mit dem Äußeren, des Menschen mit dem
Universum.
Alle Übungen und Bewegungen zielen im Aikidǀ auf den harmonischen Fluss
des Ki ab. Das wichtigste Werkzeug dafür ist der Atem als Quelle aller natürlichen
Bewegung. Letztendlich ist Aikidǀ seinem Wesen nach Atem, denn Atem selbst ist
Bewegung. Atmen ist Bewegtsein und Beseeltsein von Lebensenergie, von Ki. Der
freie Fluss des Atems begründet daher natürliche Bewegungen, während blockierter,
unterbrochener oder unregelmäßiger Atem auch ungeschickte, ruckartige Bewegun-
gen induziert.667 Die Atembewegung in Verbindung mit dem Ki des Universums
durchdringt nach Ueshiba alles Leben. Die Atemenergie durchfließt sinnlich den
gesamten Körper und füllt ihn mit Lebenskraft, was auf natürliche Weise vielfältige,
dynamische und spontane Bewegungen ermöglicht. Sind Körper und Geist in voller
Übereinstimmung mit dem Ki des Universums, erstrahlt der ganze Körper, ein-
schließlich der inneren Organe, in Energie, Licht und Kraft. Er bewegt sich dann
willkürlich, ohne Widerstand gegenüber den Eingebungen des Geistes.668 Aus atem-

664 Der biblische Odem, der göttlicher Atem, das indische Atman oder Prana, das polynesische Mana,
das griechische Pneuma, der lateinische Spiritus und natürlich das chinesische Ch’i mögen je nach
Kontext Entsprechungen sein oder als Hilfskonstruktionen für das bessere Verständnis dienen.
Wagner 1999 S. 47–52
665 Stevens S. 206
666 Dietrich 2008 S. 70/71
667 Wagner 1999 S. 47
668 Morihei Ueshiba zitiert in Ueshiba 1984 S. 24

238
zentrierter Konzentration resultiert nach Ueshiba eine Reaktionsfähigkeit, die
„schneller als das Licht“ wäre,669 daher gegnerische Bewegungen vorausahnen und
die eigene sphärische Bewegung zeitgerecht in Gang setzen könne: Seeing me before
him, the enemy attacks, but by that time I am already standing safely behind him.670
Morihei Ueshibas Lehre beruht auf seiner soliden Ausbildung im Shingon und
Unterweisungen im klassischen Bujutsu, die er seit seiner Jugend genossen hatte. Dazu
kamen persönliche Kriegserfahrung im russisch-japanischen Krieg, in der Mongolei
und Mandschurei. Erst ab etwa 1920 wandte sich Ueshiba den spirituellen Aspekten
der Kampfkunst zu. Entscheidend dafür war seine Begegnung mit Onisaburǀ
Deguchi, dem eigenwilligen Mitbegründer der neo-shintoistischen ƿmoto-Sekte.671
Ōmoto entstand 1892 aus dem, was ich mit Sylvester Walch672 eine spirituelle
Krise der Gründerin Nao Deguchi nennen würde, sie selbst aber als Gotteserfah-
rung beschrieb.673 Die Lehre der offiziell stets unter der spirituellen Leitung von
Frauen stehenden Ōmoto Sekte basiert auf dem energetischen Prinzip der Großen
Triade von Mensch, Natur und Übernatur. Sie wurzelt im Kotodama, der Wissen-
schaft von Klang und Verstand, die in den Tibetischen Buddhismus zurück ver-
weist, der vor mehr als 1000 Jahren als Shingon, wahrer Klang, nach Japan gekom-
men ist.674 Diese Lehre nimmt an, dass die Bijas, die Keimsilben des Sanskrit, aus
einem Urklang heraus entstanden wären. Die Vibration ihrer Energie stehe am
Beginn alles Seienden, das als Klang, Farbe oder Form wahrnehmbar wäre.675
ƿmoto will die Welt durch Kunst schöner machen, weil das die Menschen nä-
her an das Göttliche bringe. Künstlerisches Wirken trägt ihrer Lehre nach zum
harmonischen Fließen der göttlichen Energie bei. Aus diesem geistigen und spiritu-
ellen Einfluss erklären sich Ueshibas zunehmend ästhetisierender Stil und seine
letztlich streng pazifistische Orientierung. Auch wenn ƿmoto sich stark auf Archi-
tektur, Malerei, Kunsthandwerk, Poesie und allgemeiner Apollinische Künste kon-
zentriert,676 verstand Ueshiba das zweifelsfrei Dionysische Aikidǀ als seinen künstleri-
schen Beitrag zur Friedenslehre dieser Sekte. Er verband das traditionelle Budǀ
Japans über den Einfluss der ƿmoto-Sekte mit der Klangwissenschaft des Kotodama
und der Technik des Chinkon Kishin. Deguchi lehrte Ueshiba diese aus dem älteren

669 Ueshiba 1984 S. 63


670 Ueshiba 2007 S. 148
671 Ueshiba 1984 S. 97
672 Walch 2003 S. 294ff.
673 Ausführlich dazu Stevens 1992 S. 39–106
674 Dieses Prinzip auf verständliche Weise in westlicher Ausdrucksform bei Rudhyar 1984 S. 62–71.
675 Vergleiche dazu im Johannes Evangelium 1,1 der christlichen Bibel: Im Anfang war das Wort, und
das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Universität Innsbruck (11.12. 2008)
676 Omoto (5.11.2009)

239
Tantra übernommene Meditationstechnik des Shintǀ, die darauf abzielt, den
Verstand durch Visualisierungen, die rhythmische Abfolge spezifischer Atemmuster
und bestimmte Körperhaltungen zu fokussieren. Diese führen zu einem tranceähn-
lichen Zustand, der als mystische Vereinigung mit dem Göttlichen interpretiert
wird.677 Ueshiba praktizierte das täglich, um seinen Körper und Verstand in Balance
zu halten.
Der Körper ist Ueshiba ganz im Sinne der tantrischen Grundannahme eine
Manifestation des Geistes, der dem Universum entspringt, ein Mini-Universum.
Alles, was im Universum existiert, ist auch im menschlichen Körper vorhanden.
Was hier ist, ist auch dort. Was nicht hier ist, ist nirgends.678 Der verbindende Fak-
tor zwischen Geist und Körper ist der Atem als feinste und edelste physische Essenz.
Um den Geist im Sinne einer Kunst des Friedens zu beherrschen, muss der Mensch
den Atem einsetzen. Ueshiba erlebte angeblich eine in diese Richtung weisende
Erleuchtung, nach der er Budǀ zur Praxis der liebenden Sorge um alles Seiende er-
klärte.679 Dieser tantrische Zugang zu dem, was einmal eine Kampfkunst des Zen
war, ist revolutionär.
Die rasch wachsende Sekte wurde ab 1921, etwa seit der Zeit, in der Ueshiba
zu ihr stieß, vom japanischen Staatsshintoismus verfolgt, was sich zwischen 1935
und 1945 zu einem Vernichtungsfeldzug auswuchs.680 In dieser Zeit wurde das
Land der Sekte vom Staat konfisziert, die spirituellen Zentren zerstört. Tausende
Mitglieder wurden wegen Hochverrats und Majestätsbeleidigung inhaftiert, viele
gefoltert und etliche ermordet. Ueshiba entging diesem Schicksal, weil er zu dieser
Zeit an der Militärakademie unterrichtete und als unbeugsamer Patriot galt. Er
stand dem Militär aber äußerst kritisch gegenüber und lehnte den Krieg strikt ab.
Daher legte er letztlich seine offiziellen Ämter nieder und zog sich aufs Land zurück,
während sein Sohn Kisshǀmaru681 ab 1942 das Trainingszentrum in Tokio leitete.
Dieser Schritt machte Ueshiba später der Besatzungsmacht unverdächtig. Das er-
leichterte nach dem Krieg den raschen Ausbau seiner Schule in Japan und sein Wir-
ken über die Landesgrenzen hinaus. Ueshibas berühmteste Friedensmission führte
ihn als Vorwegnahme dessen, was später Track Two-Diplomatie genannt werden
sollte, 1961 nach Hawaii:

677 Stevens 1992 S. 202


678 Stevens 1992 S. 199
679 Beardi (5.11.2009)
680 Ueshiba, Kisshōmaru: Introduction; in: Ueshiba 1991 S. 19
681 1921–1999

240
The reason I’m going to Hawaii is to build a Silver Bridge of understanding. I have
been building a Golden Bridge in Japan, but I also wanted to build bridges overseas and
through aikidǀ to cultivate mutual understanding between East and West. I want to
build bridges everywhere and connect all people through harmony and love.682

Ueshibas Schüler gingen in diesem Sinn bald daran, Aikidǀ überall auf der Welt
vorzustellen. In Deutschland begann die Verbreitung Mitte der 1960er Jahre durch
Katsuaki Asai.683
Auch die Ōmoto Sekte erholte sich nach dem Krieg von der Verfolgung. Die
Gewalterfahrung vertiefte ihren pazifistischen Ansatz und unterstrich die transreligi-
öse Offenheit der Sekte, die sich in der Folge des Krieges zu einem wichtigen Spre-
cher der Anti-Atombewegung entwickelte.684 Revolutionäres Vergeben wurde für
Ōmoto, und damit auch für Morihei Ueshiba, eine zentrale Haltung. Die Ōmoto-
Sekte gilt trotz ihres missionarischen und polymorphen Monotheismus685 als weltof-
fen, tolerant und kunstorientiert. So konnte Ueshiba auch sagen, dass seine Kunst
des Friedens Platz für jede der acht Millionen Gottheiten der Welt hätte und er mit
allen von ihnen zusammenarbeite. Der Gott des Friedens wäre groß und würde sich
über alles freuen, das in irgendeinem Land göttlich und aufgeklärt wäre.686
Das ist der Hintergrund, aus dem Ueshiba aus traditionellem Bujutsu die pazi-
fistische und beziehungshafte Bewegungskunst des Aikidō formte. Die politische,
philosophische und ästhetische Nähe zum wenig später entstehenden Ankoku Butō
ist unübersehbar. Und es ist eine spirituelle Ausdrucksweise dessen, was praktisch
zeitgleich das Psychodrama, der Gestaltansatz und die Humanistische Psychologie
im Westen postulierten. Über die Einsicht in die Korrespondenz zwischen Sinnes-
und Bewegungsapparat und die Möglichkeit der Abarbeitung konfliktiven Materials
durch Zugänge über jede dieser Ebenen vereinigten sich bald östliche Weisheit und
westliche Psychologie. Das gab Aikidō neben seinem sportlichen, philosophischen
und spirituellen Moment auch ein therapeutisches. Ueshiba eröffnete ein neues

682 Morihei Ueshiba zitiert in Ueshiba 1984 S. 121


683 *1942, Tokio
684 Ōmoto (5.11.2009)
685 Der Neologismus des polymorphen Monotheismus, One in Many and Many in One, wird als
Alternative zur Toleranzidee ausführlich diskutiert bei Swami Veda Bharati 2010 S. 183–199. Er
leitet ihn als philosophisches Prinzip jenseits aller Religionen aus der Übersetzung des vishu rupa,
ein Gott in vielen Gestalten, im hinduistischen Tantrismus ab, verortet aber ähnliche Ansätze im
traditionellen Shinto Japans. Beide Strömungen beinflussen Ōmoto, welches das Prinzip religiös
umdeutet.
686 Ueshiba 2007 S. 173

241
Kapitel in der Geschichte und Interpretation dieser Kunst und bereitete sie als Mit-
tel der elicitiven Konflikttransformation auf.
Diesen Ansatz entwickelte das Kinomichi Masamichi Noros687 vielleicht am radi-
kalsten weiter. Noro verbindet die pazifistische Philosophie des Aikidō explizit mit den
Prinzipien der Humanistischen Psychologie und lehnt jeden Kampfaspekt in der ge-
meinsamen Bewegung ab. Kinomichi schärft durch die Übung der komplexen Abläufe
die Konzentration, reinigt durch die körperliche Bewegungen das Unterbewusstsein
und festigt als Schulung der Grob- und Feinmotorik die körperliche Koordination.
Das trägt dauerhaft zur Verbesserung des körperlichen und geistigen Wohlbefindens
und zur bewussten Wahrnehmung der Umwelt bei, zielt also auf den üblichen Hei-
lungseffekt Humanistischer Psychologie.
Aikidō betont viele Aspekte, die auch in der elicitiven Konfliktarbeit eine große
Rolle spielen: Bewusstsein im Hier und Jetzt; gezielte Lenkung des Atems und
Kontrolle des Körpers; Kontrolle der eigenen Sprache und Gestik; Beweglichkeit
und eine von Blockaden möglichst freie Muskulatur; empathische Resonanz mit
dem Gegner, der eigentlich ein Partner ist, weil der Aikidōka und er in der Bewe-
gungsenergie eins werden. Darin liegt die Schönheit der Kunst des Friedens nach
Ueshiba.688 Aikidō ist in seiner vollendeten Ausformung keine Kampfkunst, sondern
relationale Körperkunst, was heißt, eine Bewegungskunst, die auf der harmonischen
Verbindung mit den Energien des oder der anderen beruht. In diesem Sinn bezeich-
nete Ueshiba Aikidō auch immer wieder als Kunst des Friedens:

The Art of Peace begins with you. Work on yourself and your appointed task in the Art
of Peace. Everyone has a spirit that can be refined, a body that can be trained in some
manner, a suitable path to follow. You are here for no other purpose than to realize
your inner divinity and manifest your inner enlightenment. Foster peace in your own
life and then apply the Art to all that you encounter. 689

Die Absicht des Aikidǀ ist die Heranbildung ernsthafter menschlicher Wesen. Das
sind Menschen, die Geist und Körper verbinden, im Ernstfall frei von Zaudern und
Zweifel verantwortungsvoll zu handeln vermögen und die Macht des Wortes über
die physische Gewalt verstehen. Es sind mit anderen Worten HeldInnen der eliciti-
ven Konflikttransformation.
Im Innsbrucker Lehrgang für Friedensstudien wurde Aikidō zuerst durch Ingo
Beardi, der auch als Swami Tat Sat bekannt ist, vermittelt.690 Er ist direkt dem tantri-

687 *1935, Tokio


688 Ueshiba 2007 S. 141
689 Ueshiba 2007 S. 3 und 8
690 Beardi (5.11.2009)

242
schen Buddhismus verbunden. Seine geistigen und spirituellen Lehrer waren der
legendäre Philosoph, Arzt, Architekt, Musiker, Yoga-, Vedanta-, Tantra- und Kampf-
kunstlehrer Shri Swami Rama of the Himalayas691 und dessen herausragender
Schüler Swami Veda Bharati.692 Beide sind auf der ganzen Welt als Autoren einschlä-
giger Fachbücher bekannt. Auch Swami Veda unterrichtet sporadisch in Innsbruck
im Rahmen der Cultures of Peaces. Diese Anbindung unterstreicht die friedensphilo-
sophische Basis des Aikidō zusätzlich zum allgemeinen Verständnis dieser Disziplin,
auch wenn die einschlägigen Übungen zu den spektakulärsten und physisch anstren-
gendsten des gesamten Lehrgangs zählen. Dies auch deshalb, weil Swami Tat Sat wie
Morihei Ueshiba Aikidō als Praxis versteht, die vom ersten Tag an intensiv geübt und
nicht mit großen Worten erklärt sein will.693 Später stieß auch der bekannte Autor
und Aikidō-Meister Winfried Wagner zur Innsbrucker Faculty. Er unterrichtet
grundsätzlich nach denselben Richtlinien wie Swami Tat Sat, verfolgt aber einen
Unterrichtsstil, der etwas akademischer auf das internationale Publikum eingeht.
Dadurch wird der Unterricht expliziter, aber nicht weniger hart.
Die besondere Anstrengung begründet sich darin, dass die Studierenden nicht
von vornherein in den Tugenden dieser Bewegungskunst geschult sind und erst
durch die Übungen die Notwendigkeit erfahren. Aikidō ist schwer zu erlernen und
erfordert jahrelanges Training. Die Absicht des Lehrgangs ist daher nicht, aus den
Studierenden Aikidōka zu machen, sondern sie anschaulich und nachdrücklich auf
die Notwendigkeit des Erwerbs jener Fähigkeiten aufmerksam zu machen, die dem
Aikidō wie auch der elicitiven Konfliktarbeit zugrunde liegen: volle Konzentration im
Hier und Jetzt, Steuerung von Körper und Geist über den Atem, Bewusstheit in
Klang und Stimme, widerstandsfreie Beweglichkeit des eigenen Körpers, volle Reso-
nanz mit dem Gegenüber oder dem Umfeld und die Fähigkeit der transformativen
Ableitung der konfliktiven Energie eines Zusammenhangs. Sollte dem auch noch der
eine oder andere praktische Selbstverteidigungseffekt hinzugefügt werden, ist das für
die angewandte Feldarbeit zumindest nicht schädlich. Selbstverteidigung im engeren
Sinn wird aber während des Erfahrungsseminars beim Österreichischen Bundesheer
unterrichtet.
So verstanden ist Aikidō reine Friedensphilosophie und ein zentraler Gegens-
tand des Lehrgangs, auch wenn selten mehr als ein paar Tage unter diesem Titel
unterrichtet werden. So wie sich die transrationale Friedensphilosophie physisch
unter anderem in Aikidō als Bewegungskunst ausdrückt, kann praktisch jede Me-

691 1926–1996
692 Swami Veda Bharati (5.11.2009)
693 Ueshiba 1984 S. 76

243
thode der elicitiven Konflikttransformation als symbolische Anwendung des Aikidō
gelesen werden.
Es gibt mittlerweile eine Vielzahl neuer Varianten des Aikidō, von denen einige
jenen sportlichen oder kämpferischen Aspekten zuneigen, die Ueshiba radikal aus-
schloss.694 Im Aikidō nach Ueshiba fehlt in jedem Fall die eigentliche Finalität jeder
Kriegskunst, jeder Kampfsportart und jedes sportlichen Wettbewerbs, nämlich die
Absicht des Siegens. Daher könnte argumentiert werden, dass die Kombination von
geistiger Konzentration, Atem, Stimme und Bewegung in dieser Übung eigentlich
eher Butō als Budō, eher Tanz als Kampfkunst wäre. Mir ist dieses Argument sympa-
thisch, auch wenn die Entstehungsgeschichte und der spektakuläre Ablauf der Übun-
gen das nicht belegen.

3 Politisches Aufstellen

Ich habe einleitend auf Jakob Levy Morenos Psychodrama und Virginia Satirs Fa-
milienskulpturen als Methoden der system- und kommunikationstheoretischen
Therapie hingewiesen. Während in diesem Hauptkapitel über bewegungsorientierte
Methoden bislang die kathartische Körperarbeit der japanischen Schulen im Mittel-
punkt stand, die ihre Entsprechung in Morenos Lehre und im Gestaltansatz finden,
gilt die Aufmerksamkeit nun den Anwendungen dessen, was unter dem Titel Auf-
stellen aus den Vorarbeiten Virginia Satirs und Gregory Batesons entwickelt wurde.
Das gestalttherapeutische Theorem der Entsprechung von Sinnesapparat und Bewe-
gungsapparat gilt auch hier, wenngleich es beim Aufstellen nicht wie in den voran-
gegangenen Beispielen um die kathartische, expressive oder dynamische Abarbei-
tung gespeicherten Materials geht, sondern um das Sichtbarmachen der damit
zusammenhängenden Inkongruenz der Kontaktgrenzen und der Dysfunktionalität
ihres Tätigseins. Ich schicke voraus, dass dies ein kontroversielles Thema ist, in das
ich nur so weit eindringe, als es für die Verortung der Methode in der elicitiven
Konflikttransformation hilfreich ist.
An Satirs Familienrekonstruktion war einst revolutionär, dass Konflikte,
Krankheiten, Störungen oder Probleme nicht als Angelegenheit von Individuen,
sondern als Gruppenzusammenhänge in einer Mehrgenerationenperspektive inter-
pretiert wurden. Insofern deckt sich ihr Zugang auch mit der psychoanalytischen
Familientherapie, die Horst Eberhard Richter695 in Europa populär machte. Beide
Ansätze gehen davon aus, dass Gefühlserbschaften die aktuell lebende Generation

694 Ueshiba 1984 S. 16. Ebenso Stevens 1992 S. 184


695 Richter 1963 und Richter 1982

244
mit Traumata oder neurotischen Konflikten und Abwehrmustern der voran gegan-
genen transgenerational verstricken. Je schwerwiegender ein nicht gelöster Konflikt
für einen Menschen und seine Familie ist, desto weiter strahlt er auf die nächsten
Generationen.696 Die Beobachtung der transgenerationalen Verstrickung betrachtet
Lederach als Aspekt elicitiver Konflikttransformation.697 Daraus leitet sich die Frage
nach einem geeigneten Werkzeug zur Analyse und zur angewandten Friedensarbeit
ab. Die Aufstellungsarbeit bietet sich dafür an, denn:

Man kann über das, was bewusst von Generation zu Generation weitergegeben wird,
hinausgehen und das ans Licht bringen, was transgenerational übermittelt wird, das ist
das, was ohne „assimiliert“ zu sein, weitergegeben wird, weil es niemals verbalisiert
wurde und unter den unausgesprochenen Familiengeheimnissen verborgen bleibt.698

In der systemischen Therapie und Beratung wird das Individuum seit Satir als fami-
liengeprägtes Wesen verstanden, dessen Entwicklungs- und Handlungsmöglichkei-
ten durch die Geschichte der vorhergehenden Generationen, durch überkommene
Regeln, Muster und Loyalitäten stark mitbestimmt werden. Es geht nicht mehr
darum, das Wesen eines Konflikts oder gar das Verhalten einer individuellen Kon-
fliktpartei zu verändern, sondern die problematischen Beziehungen, die den Kon-
flikt unterhalten, zu erkennen, zu erforschen und zu transformieren. Dieses Mo-
ment spielt nicht nur im familiären Rahmen sondern auch im politischen Kontext
von Großgruppen eine wichtige Rolle, weshalb es für die Friedens- und Konfliktfor-
schung von Bedeutung ist.
Satirs Familienskulptur ist eine unter vielen Methoden, familiäre Beziehungs-
geflechte darzustellen, um sie räumlich am Modell zu bearbeiten. Wie immer in der
Humanistischen Psychologie wissen die Facilitators dabei, dass sie die Wahrheit nicht
kennen, erkennen oder erklären können. Sie begegnen den KlientInnen und deren
Sichtweise mit empathischer Sensibilität und Respekt. Sie achten deren Autonomie
und unterstützen sie beim Entdecken und Erweitern von Handlungsoptionen.
In der Familienskulptur wurden ursprünglich reale Familienmitglieder in ei-
nem räumlichen Verhältnis aufgestellt. Später wurde in Anlehnung an Moreno dazu
übergegangen, in der Gruppenarbeit die realen Familienmitglieder durch Reprä-
sentantInnen darzustellen, was den praktischen Vorteil hat, auch tote oder abwe-
sende Mitglieder sowie wirkungsmächtige Themen, wie zum Beispiel Flucht oder

696 Ruppert 2002 S. 100 und 172/173, wo er den Menschen als Drei-Generationenwesen beschreibt.
697 Lederach 2005 S. 142–149
698 Ancelin Schützenberger 2005 S. 19

245
Sucht, in das Wirkungsfeld einbeziehen zu können.699 Darüber hinaus sind Reprä-
sentantInnen eher frei von der Absicht, die möglichen Ergebnisse individuell zu
manipulieren, zu beschönigen oder vorweg zu interpretieren als dies bei befangenen
SelbstdarstellerInnen der Fall sein mag.
Die RepräsentantInnen sind aber keine SchauspielerInnen. Diese Methode darf
nicht mit Rollenspielen oder dem kathartischen Stegreiftheater Morenos verwechselt
werden. Die RepräsentantInnen sind empathische und reaktive Resonanzkörper der
transpersonalen Gruppenzusammenhänge, keine eigenmächtigen DarstellerInnen ih-
rer Absichten oder Überlegungen. Sie folgen keinem vorgegebenen Skript.
Die Anwendung von Kybernetik und Systemtheorie verbreitete sich rasch in der
Psychotherapie. Ihre Methoden fanden mit und nach Satir Eingang in das Standard-
repertoire der Familientherapie und weit darüber hinaus. Die Aufstellungsarbeit
wurde dabei nicht als isolierte Einzeltechnik, sondern als Darstellungsmedium im
Rahmen einer umfangreicheren therapeutischen Arbeit verstanden. Die Übertragung
der Methode aus der Familientherapie, die ihrer Natur nach Konfliktarbeit ist, in das
breitere Feld der elicitiven Konflikttransformation für alle möglichen Gruppen- und
Systemzusammenhänge liegt nahe. Denn Konflikte aller Art sind das Motiv für Sys-
temaufstellungen. Das beginnt im persönlichen und familiären Bereich und reicht
über Organisationen und Institutionen zu ethno-politischen Gruppen, Staaten und
Nationen. Durch Aufstellungen kann auf all diesen Ebenen Unbewusstes, Verleug-
netes oder Vergessenes, aber auch positive Veränderung sichtbar gemacht werden. Es
kann körperlich-sinnfällig erlebt und als wirklich und wirksam erkannt werden. Dar-
aus ergibt sich die Möglichkeit, Konfliktformationen, Zusammenhänge und Kons-
tellationen mit buchstäblich anderen Augen zu sehen, von einer erweiterten Perspek-
tive oder gar mit den Augen des bis dahin Unverstandenen, Schlechten oder Bösen.
Wenn wir einmal versuchen, uns selbst, unsere Sorgen und die Welt mit den
Augen des Gegners zu sehen, mit den Augen dessen, den oder das wir ablehnen,
fürchten oder bekämpfen, seien das andere Menschen oder Überzeugungen oder
auch unser eigenes belastendes Schicksal, so führt uns diese Öffnung für das Gegne-
rische vielleicht in eine Krise. Sie kann zu einer Heilungskrise werden, wenn wir
erleben, dass in einem wachen Vertrautwerden mit dem „Bösen“, mit dem Erschre-
ckenden und Bedrohlichen ein überraschend machtvolles Potential für inneren und
äußeren Frieden liegt.700

699 Diese Technik wurde unter dem etwas sperrigen, wenn nicht paradoxen Begriff systemische
Strukturaufstellung populär.
700 Mahr 2003

246
Bemühungen um Konflikttransformation, Frieden und Versöhnung können
nicht idealistisch auf eine bessere Welt abzielen. Allein der Versuch wäre schreck-
lich, wie die Geschichte des 20. Jahrhunderts gezeigt hat. Der auch noch so subtile
Ausschluss des vermeintlich Bösen führt bloß zu Konflikttransposition und damit
zu dessen Wiederkehr in verzerrter Form. Elicitive Konflikttransformation aner-
kennt die menschliche Neigung zu Gewalt und Krieg, das ständige Ringen mit dem
Gegnerischen und Fremden, mit dem Unverständlichen und Angsterregenden zur
Bestätigung des Eigenen. Im Unbewussten wirkend kann diese Kraft verheerend
sein. Bewusst genützt und gelenkt kann sie aber auch Wirkkraft der individuellen
oder kollektiven Transformation zur Wahrnehmung größerer Lebensfülle werden.
Aufstellungsarbeit als buchstäblich anschauliche Analyse menschlicher und gesell-
schaftlicher Zusammenhänge ist daher ein wertvolles Werkzeug im umfassenden
Rahmen elicitiver Konflikttransformation. So, und nur so, möchte ich sie verstan-
den wissen.
Dies zu betonen, ist vor allem im deutschen Sprachraum wichtig, weil der lei-
denschaftliche Streit um die Kultfigur Bert Hellinger701 dem Aufstellen einen ebenso
attraktiven wie zweifelhaften Ruf verliehen hat. Es ist unmöglich, über Aufstellungs-
arbeit zu sprechen, ohne auf Hellinger Bezug zu nehmen. Der machte unter dem
Eindruck seiner früheren Erfahrung in Südafrika, wo er einst Bantu-Heilungsritualen
beigewohnt hat, aus dem therapeutischen Hilfsmittel spektakuläre Veranstaltungen
unter dem Titel Familienaufstellung. Als solche erfreut sich die Methode seit den
1980er Jahren großer Bekanntheit beim Massenpublikum. Dies kann ich nur unter
Vorbehalt als Verdienst bezeichnen. Zwar öffnete sich dadurch für viele der Zugang
zu einer hilfreichen Methode, aber Familienaufstellungen sollten stets in einen länge-
ren Prozess von systemischer Beratung eingebettet und lediglich Bestandteil eines
transformativen Prozesses, kein Selbstzweck sein. Daher erfordern sie eine Arbeits-
gruppe von entsprechender Größe. Zeugenschaft tut dem Prozess gut. Das bezieht
sich aber auf eine Gruppengröße, in der Vertrauen und empathische Beziehungen
aufgebaut werden, nicht auf gaffendes Massenpublikum. Eine anonym konsumie-
rende Zuschauermasse verändert über die Trias Publikum-Klient-Therapeut den
Charakter der Veranstaltung. Es hebt den Facilitator aus seiner Begleitfunktion in das
Rampenlicht eines Präsentators und gibt dem Vorgang den Charakter eines Spekta-
kels, in dem der Starmoderator den Prozess leitet, Ordnung und Ablauf kennt und
die Lösung weiß. Verletzliche KlientInnen werden in solchen Großgruppen vorge-
führt und dem Handeln des Moderators schutzlos ausgeliefert.
Über dieses methodische Problem hinaus postuliert Bert Hellinger in dogmati-
scher Art Grundordnungen, Werte und Hierarchien, die seinen Familienaufstellun-

701 *1925, Leimen

247
gen einen quasi-religiösen Charakter verleihen. Auf dieser Basis vertritt er seine
Konzepte, Interpretationen und Interventionen mit einer strengen Absolutheit,
welche die Autonomie der KlientInnen einschränkt.702 Die jeweiligen Konsequen-
zen kann ich im Einzelnen nicht beurteilen. Sie sind aber von kompetenter Seite
heftig kritisiert worden.703
In jedem Fall stehen das Massenformat und Hellingers hierarchische Dogmatik
gegen die ethischen Prinzipien der Humanistischen Psychologie. Das betrifft vor
allem das therapeutische Selbstverständnis, dass die Klientin oder der Klient jeweils
Fachfrau oder Fachmann für die eigenen Ziele ist. Der Facilitator beschränkt sich in
der Humanistischen Psychologie darauf, gute Bedingungen für neue Einsichten zu
schaffen. Die Unparteilichkeit gegenüber Personen und Ideen ist immer zu beach-
ten. Das Ziel ist die Erweiterung der Wahlmöglichkeiten der KlientInnen, nicht
deren Ausrichtung oder Unterwerfung unter irgendeinen moralischen Wertekanon.
Die Durchführung von Aufstellungen setzt therapeutische Qualifikation und
Kenntnis der psychotherapeutischen Verfahren voraus. Nachdem ich meine Mei-
nung dazu klargestellt habe, gehe ich auf die Methode selbst ein.
Aufstellungen sind ein im Wortsinn transpersonales Verfahren, Einsichten und
Handlungsoptionen zu gewinnen, die vorher unzugänglich waren. Es schließt den
vertrauten Bereich personaler Wahrnehmung ein und geht weit darüber hinaus. In
Aufstellungen werden Zusammenhänge und Wirkungen abgebildet, die oft über Ge-
nerationen zurückliegen und mit dem Schicksal einer Familie, einer Nachbarschaft,
einer ethno-politischen Gruppe oder eines Staats verknüpft sind. Das verbindet die
individuelle Wahrnehmung mit transpersonalen Sinnzusammenhängen und ermög-
licht manchmal erstaunliche Transformationsschritte.704
Vor Beginn einer Aufstellung wird die Person, die um eine Aufstellung gebeten
hat, befragt, um das zum Anliegen gehörende System – die Familie, Organisation,
Personengruppe, Ziele, Problematiken – zu identifizieren. Auf dieser Basis legt der
Facilitator das Format, die Anzahl und Stellvertretungen der RepräsentantInnen fest,
die dann vom Klienten ausgesucht und aufgestellt werden, wobei bevorzugt, aber
nicht zwangsläufig Männer für Männer und Frauen für Frauen aufgestellt werden. In
jeder Aufstellung ordnet der Klient die RepräsentantInnen aus dem Kreis der Anwe-

702 Ich habe selbst nie an einer Veranstaltung Hellingers teilgenommen und ihn nie persönlich
getroffen. Der beschriebene Veranstaltungcharakter lässt sich aber anhand der von Hellinger selbst
vertriebenen Videos belegen. Zum Beispiel Hellinger o.D.
703 Exemplarisch dazu Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie 2003
(12.12.2009)
704 Mahr (14.12.2009)

248
senden stellvertretend für die Mitglieder seines Systems räumlich so an, dass sie seiner
Wahrnehmung der Situation entsprechen.705
Die gewählten RepräsentantInnen, die im Idealfall keine genauen Vorkennt-
nisse über das reale System haben, in dem sie die Vertreterrolle wahrnehmen, wer-
den nach einer kurzen Einfühlphase nach ihrem Befinden in diesem räumlichen
Beziehungssystem befragt. Häufig äußern und zeigen sie markante Veränderungen
der Körperspannung und Körperchemie, Gefühle von Wärme, Kälte, Schwere in
den Gliedmaßen, Schweißausbruch, erhöhten Kreislauf, Bauchkribbeln, bis hin zu
Hungergefühl, Atemnot und ähnlichem.
Es ist in der Praxis oft zu beobachten, dass die StellvertreterInnen auf verblüf-
fende Art Auskunft über die Befindlichkeit und das Beziehungsgeflecht der vertrete-
nen Personen geben. Sie berichten von Empfindungen wie Zugehörigkeit oder Dis-
tanz zu anderen Akteuren im System, von Unbehagen in bestimmten Positionen und
dem Wunsch, diese zu verändern. Sie äußern Gedanken, Kenntnisse oder Sätze, die
nicht aus ihrem eigenen Kontext stammen können, und zeigen Zeichen von Ärger,
Erleichterung, Unruhe, Erwartungen oder Belastung, die ebenfalls dem repräsentier-
ten und nicht dem repräsentierenden Kontext zugehören.
Darüber gibt es inzwischen einige wissenschaftliche Untersuchungen, die das
Phänomen bestätigen, aber bislang keine unumstrittene Erklärung für sein Zustan-
dekommen liefern.706 Ich würde eine solche zumindest im Rahmen des modernen
Wissenschaftens auch nicht erwarten, denn dieses beruht auf einem Individualitäts-
begriff, der derartige Phänomene ausschließt. Die Systemtheorie und aus ihr abgeleitet
die Transpersonale Psychologie nehmen an, dass Zustände, Dispositionen, Einstellun-
gen, Werte und Charaktereigenschaften niemals ausschließlich einzelnen Individuen
zugeschrieben werden können, nicht in diesen zu finden sind, sondern stets zwischen
diesen konstruiert, zugeordnet und dann integriert werden, also genau in jenem trans-
personalen Spannungsfeld entstehen, in dem auch zwischenmenschliche Konflikte
aller Art angesiedelt sind. Dies verweist auf die eingangs diskutierte dialogische Philo-
sophie und Psychologie Martin Bubers, in welcher der Mensch am Du zum Ich wird.
Für dieses Kapitel ist wichtig, dass in derselben Weise Gruppen von Menschen, Kul-
turen, die wesentlichen Schichten ihrer Identitäten aus der Begegnungserfahrung mit
anderen konstruieren.707 Albrecht Mahr708 geht von einer grundlegend menschlichen
Fähigkeit aus, die Erfahrungen anderer im eigenen Inneren nachzuvollziehen und
körperlich, gefühlhaft zu erfahren, ohne kognitiv über die fremden Erfahrungen in-

705 Kaller –Dietrich (14.12.2009)


706 Höppner 2001, Mayr 2008, Ruppert 2005
707 Varga von Kibéd 2003 S. 54–63
708 Mahr 1999 S. 15

249
formiert zu sein. Diese Fähigkeit, Medium für die Erfahrung anderer zu sein, ist nach
Mahr altes Menschheitswissen. Er ortet es auch in der psychoanalytischen Konzeption
der Gegenübertragung oder im Spiegelphänomen, das im Zuge der Aufstellungsarbeit
eine besonders differenzierte Ausarbeitung erfahren hat. Er bezeichnet Aufstellungen
als wissende Felder, welche die naturwissenschaftlichen Feldbegriffe durch die Erfah-
rungen eines geistigen Informationsfeldes ergänzen.
Das ist, wie gesagt, umstritten. Ich vermute, dass sich die Erklärung für das
Phänomen im Spannungsverhältnis behavioristischer Funktionalität und transper-
sonaler Feldtheorie finden lässt. Ich kann das aber nicht besser erklären oder belegen
als jene Expertinnen, die laufend damit befasst sind. Ein Zeugnis dazu aus dem
Erfahrungsbericht einer Studentin des Innsbrucker Lehrgangs bestätigt jedenfalls
das Phänomen:

I firmly believed that Professor Mahr had hypnotized the representatives. So I lost my
interest for Political Constellation Work [PCW]. On the third day of this seminar a
friend of mine has chosen me as a representative in her PCW. I did not want to let her
down, so I accepted. […] Than I became part of the process. Soon, I realized many
emotions that were not mine. I was surprised of the intensity and the quality of those
emotions. And the best was the fact that I became aware of every single thing around
me. I was aware of my body, of the people around me, my feelings, and also those fee-
lings that do not belong to me; these feelings belonged to my friend’s father, whom I
represented. This discovery had invalidated my opinion about hypnosis. I had to admit
to myself that I was not hypnotized. Finally I accepted it and continued to participate
in PCW with all my sense of reasoning.709

Aufgrund der nicht seltenen Intensität solcher Erfahrungen ist es unerlässlich, dass
die RepräsentantInnen nach der Aufstellung aus- und nachdrücklich aus ihren Rol-
len entlassen und in ihr ursprüngliches System zurück begleitet werden. Aufstellun-
gen sind ein wirkungsmächtiger Auslöser für Übertragungs- und Gegenübertra-
gungsphänomene aller Art, weshalb mit diesem Moment professionell und sorgfältig
umgegangen werden muss.
Die Aufstellungen ergeben vorerst ein Bild, das die Dysfunktionalität systemi-
scher Beziehungen jenseits vorsätzlicher Manipulation und bewussten Hinter-
grundwissens zeigt. Daraus ergeben sich Möglichkeiten, das Beziehungsgeflecht zu
bearbeiten. Weder die Klientin selbst, noch die realen Konfliktparteien wirken zu-
nächst im aufgestellten Konfliktsystem mit. Sie erhalten die Gelegenheit, ihr inneres
Bild von außen zu betrachten. Das Konfliktsystem entfaltet sich mit Hilfe der Stell-
vertreterInnen in aufeinander folgenden Konstellationen. Die aufgestellten Reprä-

709 Zitiert nach Kaller-Dietrich 2007 S. 14 (14.12.2009)

250
sentantInnen verändern entsprechend ihrer Befindlichkeit in der Grundaufstellung
ihre Positionen, bis ihre Beziehungen in ein stimmiges Verhältnis geraten. Von
außen betrachtet ist das ein Prozess mehrfachen Umstellens der StellvertreterInnen
und eventuell des Dazunehmens weiterer Personen. Dabei sind vor allem die Kör-
persignale wegweisend. Aufstellungen sind eine Form sorgsamer Körpertherapie.
Hier fließen Erkenntnisse des Psychodramas und der Gestalttherapie ein.
Die Freiheitsgrade für diese Bewegungen sind je nach Moderation und Schule
unterschiedlich und oft auch mit dem vom Facilitator angeregten Aussprechen be-
stimmter Lösungssätze verbunden. Das intensive Gefühlserleben und das Ausspre-
chen von Worten und Sätzen, die den Tatsachen und den Handlungsoptionen
Ausdruck geben, begleiten und unterstützen Einsichten, die zunächst überraschend,
herausfordernd und unvorstellbar sein können, die aber nicht selten die Herzen
aufblühen und Mut fassen lassen.
Die jeweilige Wirkung der einzelnen Abschnitte einer Aufstellung wird in je-
dem Fall ständig vom Facilitator mit dem Klienten abgestimmt. Der aufmerksamen
und vertrauensvollen Kommunikation zwischen Facilitator und KlientIn kommt in
diesem Prozess größte Bedeutung zu. Ein so genanntes Lösungsbild entsteht da-
durch, dass jeder Repräsentant frei von belastenden Symptomen ist, einen kraftvol-
len Platz im System gefunden hat und mit allen anderen in kongruenter Weise
kommuniziert.
Zu diesem Zeitpunkt, oder je nach Situation im vorletzten Schritt, nimmt der
Klient die Position seines eigenen Repräsentanten im System ein, damit er wichtige
Veränderungen des Konfliktsystems selbst erfahren kann. Der vorhandenen Kon-
fliktdynamiken und Transformationspotentiale kann sich der Klient selbst bewusst
werden, ohne sie zu beurteilen und ohne in die gewohnten Zuschreibungen an Per-
sonen oder Umstände zu verfallen. Entscheidend ist die Integration dieser Erfah-
rung in eine Achtsamkeitspraxis im Alltag, das heißt, sich selbst und die wichtigen
Akteure des Systems im Licht der Aufstellungserfahrung zu sehen und danach zu
handeln, vor allem in Situationen, in denen die konfliktiven Muster idealtypisch
wachgerufen wurden.710
Wenn dies in der Hellinger-Schule als Lösung711 bezeichnet wird, so scheint
mir selbst diese Wortwahl irreführend. Das reale System und sein Beziehungsge-
flecht werden durch diesen Vorgang selbst nicht substanziell verändert. Vielmehr
prägt sich das so genannte Lösungsbild der Aufstellung im Erfolgsfall zunächst als
mentale und emotionale Erkenntnis in das Wahrnehmungs- und Empfindungsfeld
des oder der Aufstellenden ein. Dies kann in einem weiteren Schritt die Wahrneh-

710 Mahr (14.12.2009)


711 Hellinger 2003

251
mungs-, Empfindungs- und Handlungsoptionen der Person in ihrem realen System
erweitern und dieses über deren faktisches Verhalten verändern, was im Sinne der
Systemtheorie auf sie selbst rückkoppelt.
Diese ursprünglich aus der Familientherapie stammende Methode wird heute
auch für viele andere Kontexte eingesetzt. Sie ist als Organisationsaufstellung aller
möglichen Einheiten und als Strukturaufstellung in Verwendung. Letztere beziehen
sich nicht auf persönliche Beziehungen, sondern thematische Problemstellungen.
Die Methode kann je nach Thema und Kontext angepasst werden. In der Aufstel-
lung konkreter Arbeitsteams werden beispielsweise oft keine RepräsentantInnen
eingesetzt. Die Akteure repräsentieren sich in diesem Fall selbst. Diese situativen
Varianten sind keine grundsätzlichen Abweichungen von der Methode.
Warum diese Methode auch im politischen Kontext von Großgruppen eingesetzt
werden kann, möchte ich anhand der Metapher der Sieben Fäden von Vamik D.
Volkan diskutieren.712 Volkan713 ist ein methodisch aufgeschlossener Psychoanalytiker,
der viel im politischen Kontext gearbeitet hat. Obwohl er eher strukturalistisch als
systemisch denkt, sind seine Sieben Fäden eine anschauliche Annäherung an jene
tieferen Zusammenhänge nationaler, ethno-politischer und religiöser Konflikte,
welche die politische Aufstellungsarbeit beschäftigen. Die Metapher der Sieben Fäden
bezieht sich auf die unterschiedlichen Komponenten, die in ihrer Gesamtheit eine
Großgruppenidentität bilden, gleichsam auf die Textur dieser Identitäten unter
entsprechender Verwebung der einzelnen Ebenen oder Fäden.
Wenn ich die ausführliche psychoanalytische Herleitung Volkans auf ihre Er-
gebnisse reduziere, beziehen sich die ersten beiden Fäden auf die Übertragung der
„guten“ Selbst- und Objektbilder auf passende Reservoirs im Zuge der Identitätsbil-
dung eines Individuums. Alle als gut interpretierten, aber nicht individuell integrierten
Gedanken, Wahrnehmungen und Empfindungen werden demnach in das Reservoir
der Gruppe, der das Individuum unmittelbar zugehört, projiziert. Durch das gegen-
seitige Einverständnis in diese Interpretation entsteht die Vorstellung einer Wir-heit,
welche die Kinder der Großgruppe schicksalhaft aneinander bindet. Aus der Externali-
sierung der guten Selbstbilder entsteht derart ein Gruppenbewusstsein, das als Zu-
sammengehörigkeitsgefühl auf das Individuum rückwirkt.
Diesen ersten so genannten Faden verknüpft Volkan mit der traditionsgemä-
ßen Träger- und Führeridentifikation der nachwachsenden Generation einer Groß-
gruppe als den zweiten. Über diese beiden Wirkungslinien sieht er die Verbindung
zwischen der Kernidentität des Individuums mit der Großgruppenidentität gebildet.

712 Volkan 2003 S. 47–137


713 *1932, Nikosia

252
Da diese positiven Identifikationen nicht in einem Vakuum entstehen, stoßen sie
früher oder später zwangsläufig an eine Kontaktgrenze zu anderen Gruppenidenti-
täten, mit denen es in der Folge zu interagieren gilt.
Die anderen, meist benachbarten Gruppen bilden das Reservoir für die Exter-
nalisierung der „bösen“ Selbst- und Objektbilder, wobei Volkan in Anlehnung an
Freud festhält, dass gerade die kleinen Unterschiede bei sonstiger Ähnlichkeit die
Gefühle von Fremdheit und Feindseligkeit besonders fördern, weil sich die eigenen
Schattenaspekte auf das erkennbar und verstehbar Andere leichter übertragen lassen
als auf das völlig Unbekannte.714
Dieser dritte Faden webt vorerst das idealtypische Muster einer guten Wir-heit
gegenüber einer bösen Anders-heit. Wird ein Gruppenkontakt langfristig und inten-
siv als unausgeglichen empfunden, kann es geschehen, dass die eine Gruppe die
negativen Projektionen der anderen auf sie selbst internalisiert, dass etwa eine un-
terdrückte Gruppe die negativen Stereotype, über welche die dominierende sie mar-
ginalisiert, zum Gegenstand ihres Selbstverständnisses macht. Menschen halten sich
selbst dann für minderwertig, schlecht, faul oder dumm, weil sie einer bestimmten
Gruppe zugehören.
Hier flicht Volkan mit den gewählten Ruhmesblättern und den gewählten
Traumata den vierten und den fünften Faden in seine Textur. Bei diesen beiden
Strängen geht es um die bewusste oder unbewusste kollektive Erinnerung und den
Stellenwert, der einzelnen Ereignissen gegeben wird. Die Politik mythologisiert
historische Ereignisse regelmäßig, um auf diese Art Großgruppenidentitäten zu
schaffen. Das ist der Zweck von Flaggen und Wappen, von Denkmälern und Fei-
ertagen, Gründungsmythen und Zeremonien. Über die Teilnahme an den entspre-
chenden Ritualen identifiziert sich die neue Generation mit dem tradierten Grup-
penbewusstsein.
Der Inhalt und die historische Gründung der entsprechenden Erzählungen
und Rituale sind dabei nebensächlich. Funktionell bedeutend für die Gruppen-
identität ist die generationenübergreifende Weitergabe der Erzählung, durch welche
die geistige Repräsentanz eines traumatischen oder heroischen Ereignisses für die
nächste Generation aufbereitet und in den Selbstvorstellungen der Heranwachsen-
den deponiert wird. Wenn die geistige Repräsentanz eines traumatischen Ereignisses
für eine Gruppe zu einem gewählten Trauma wird, spielt die tatsächliche Ge-
schichte des Ereignisses keine Rolle. Beim gewählten Trauma wird die Erzählung
selbst zum entscheidenden Großgruppenmerkmal, das die Mitglieder miteinander

714 Volkan 2003 S. 151

253
verbindet und ihnen ein Gefühl des Gleichseins im Leiden gibt. Aufgrund der lau-
fenden Veränderung der realen Lebensbedingungen von Gruppen kann sich die
Funktion eines gewählten Traumas von Generation zu Generation verändern, aber
es geht dabei um Demütigung, Verlust und die Unfähigkeit der früheren Genera-
tion zu trauern. Durch generationenübergreifende Weitergabe überträgt eine Gene-
ration der nachfolgenden die Aufgabe, die Trauer zu vollenden. Diese verbindet das
oft mit dem Wunsch, das von den Vorfahren erlittene Unrecht wieder gutzuma-
chen. Daraus resultiert der Anspruch auf Rache oder, wenn diese nicht realisierbar
ist, eine dauerhafte Idealisierung des Opferstatus.
Wenn eine spätere Generation schließlich mit der Trauer beginnt, ist sie unter
Umständen schon sehr weit von denen entfernt, die den ursprünglichen Verlust
erlitten haben. In diesem Fall muss sie sich weder des Anlasses noch des Vorgangs
der Trauer bewusst sein. Sie muss nicht einmal die damit verbundenen Emotionen
bewusst wahrnehmen, um von ihnen gesteuert zu werden. Gleichwohl bleibt das
Trauma durch die Weitergabe wirksam und ähnlich einem über lange Zeit verges-
senen Blindgänger gefährlich, weil die Ladung unter entsprechenden Erschütterun-
gen nach wie vor explodieren kann. Volkan illustriert das anhand des berüchtigt
gewordenen Beispiels der Erzählung über die Schlacht am Amselfeld und ihre fol-
genschwere Explosion Jahrhunderte nach dem angeblichen Ereignis.715
Der sechste Faden beschreibt den Einfluss der inneren Persönlichkeitsstruktur
eines Führers auf die Großgruppe. Volkan formuliert zwei Voraussetzungen, die
gegeben sein müssen, damit ein Führer nachhaltige Wirkung erlangen kann. Erstens
muss sich die Gruppe in einer Identitätskrise befinden, die sie für Heilsbotschaften
und heroische Erlösungsphantasien empfänglich macht. Zweitens muss die Führer-
persönlichkeit das sein, was Volkan als transformativ oder charismatisch bezeichnet.
Damit meint er eine Person, die aufgrund ihrer eigenen narzisstischen Veranlagung
und überzeugten Hingabe von einer großen Bühne herab auf die Gruppe väterlich
und mütterlich in einem, ermutigend und einschüchternd zugleich wirkt und sie
dadurch emotional an sich bindet. Entsteht die Wechselwirkung zwischen einer so
gearteten Führerpersönlichkeit und einer auf Rettung bedachten Großgruppe, wird
dieser sechste Faden wirkungsmächtig, oft auch über den Tod der Führungspersön-
lichkeit hinaus. Volkan zeigt dies am Beispiel der Türkei und Mustafa Kemal Ata-
türks.
Der siebte Faden ist schließlich die Schaffung eines Symbols, das die Groß-
gruppenidentität repräsentiert und materialisiert. Das kann ein Ort sein, ein Ge-
bäude oder ein Schriftzug, die mit der Geschichte der anderen sechs Fäden verbun-

715 Volkan 2003 S. 84–97

254
den werden und sich aufgrund ihrer materiellen Existenz im Jetzt als Aktualisierung
von Gruppenkonflikten eignen.
Es kann sehr lange dauern, bis sich ein einmal geteiltes Unglück zu einem ge-
wählten Trauma entwickelt und in einem derartigen Symbol materialisiert. Ge-
schieht dies, wird das Thema zu einer Angelegenheit der Friedensarbeit, denn wenn
die Opferhaltung versteinerter Teil einer Gruppenidentität ist, sind Gewaltneigung,
Revanchismus und neues Trauma nicht weit. Die Aufgabe der Friedensarbeit liegt
dann zuerst in der Ortung des traumatisierenden Ursprungsereignisses und in der
Schaffung von Rahmenbedingungen, die der Opferseite den Abschluss der Trauer-
arbeit gestatten. Daraus resultiert die Aussicht der Opfer und Täter auf Vergebung.
Für diesen Vorgang gibt es unterschiedliche Methoden. Wenngleich Volkan seine
Sieben Fäden psychoanalytisch begründet, erklärt er damit auch die Bedeutung
politischer Aufstellungen als systemische Methode der Konfliktarbeit.
Mit der Frage, ob und wie Systemaufstellungen in politischen Konflikten An-
wendung finden können, beschäftigt sich seit einigen Jahren das Internationale Fo-
rum Politische Aufstellungen (IFPA) mit Sitz in Würzburg.716 Der methodische
Unterschied zwischen Familienaufstellungen und politischen Aufstellungen liegt in
der Größe und Komplexität der Felder, der Vielheit der Akteure und der Unschärfe
der Ziele. Politische Aufstellungen für sich allein bieten genauso wenig Lösungen
wie Familienaufstellungen. Sie können aber dazu beitragen, Konfliktformationen zu
erkennen, zu erklären und zu verändern. Sie ersetzen die anderen Formen der eliciti-
ven Friedens- und Konfliktarbeit nicht, sie ergänzen sie.717
Politische Aufstellungen setzen wie alle Systemaufstellungen beim Unbewuss-
ten an und versuchen dieses im Sinne einer postiven Transformation bewusster zu
machen. Sie ermöglichen es, einen Blick unter die spektakuläre Oberfläche konflik-
tiver Episoden zu werfen. Es wird dorthin geschaut, wo die tieferen und unbewuss-
ten Bewegungen stattfinden und wirken. Politische Aufstellungsarbeit will den Blick
für die am Konflikt beteiligten Dynamiken erweitern. Werden viele Personen und
Elemente, die an einem Konflikt beteiligt sind, in der Analyse methodisch berück-
sichtigt, kann sich durch das Erkennen verdrängter, unterdrückter oder vergessener
Komponenten die Komplexität in der Wahrnehmung verringern. Erhalten alle Per-
sonen, Elemente, Symptome ihren Platz in der Wahrnehmung der Akteure, er-
leichtert dies die Transformation. Um das zu veranschaulichen, stelle ich die Me-
thode des Politischen Aufstellens in ihren Grundzügen vor.718

716 Internationales Forum Politische Aufstellungen (12.12.2009)


717 Ich folge in meinen Ausführungen dazu, soweit nicht anders angegeben, Kaller-Dietrich 2007
S. 17–25 (14.12.2009)
718 Kaller-Dietrich 2007 S. 4 (14.12.2009)

255
Mit Hilfe Politischer Aufstellungen sollen Tiefendynamiken von Konflikten ver-
anschaulicht werden. Oft offenbaren sich bei diesem Vorgang neue Erkenntnisse über
die Konfliktparteien. Der Ausdruck Konfliktpartei führt systemisch gesprochen schon
in die Irre, denn er unterstellt eine Polarität, die bei politischen Konflikten nur an der
Oberfläche der Episode wahrgenommen wird. Politische Aufstellungen wirken dieser
Polarisierung entgegen. Sie schließen möglichst radikal Personen, Elemente, Sym-
ptome und Dynamiken eines Konflikts in die Betrachtung ein. In Politischen Auf-
stellungen ist es angesagt, alle und alles Wahrnehmbare zu beachten. Damit wird die
Kraft des Systems frei, um neue Beziehungsdynamiken zu probieren, die das Achten
und Verstehen des anderen erleichtern. Das nach Ausgleich strebende System selbst
weist die Richtung.
Die weniger erfolgreichen Logiken, Taktiken und Ausrichtungen, der Vorwurf
an die Anderen oder der Anspruch, die alleinige Wahrheit zu kennen, müssen hier
nicht bemüht werden. Dichotom moralische Vorstellungen von gut und böse, rich-
tig und falsch können in und mit Politischen Aufstellungen verwunden werden,
weil eine integrierende Sicht auf den Konflikt im Hinblick auf seine Bearbeitung
hilfreicher ist als jede polarisierende Haltung. Die Aufstellungsvorgänge verschieben
das raum-zeitliche Koordinatensystem des Konflikts, weil und wenn sich neue Per-
spektiven und Handlungsoptionen zeigen, oder übersehene, verdrängte oder verges-
sene Symptome aus der Vergangenheit des konfligierenden Systems in der Aufstel-
lung auftauchen und damit ein neues Verständnis ermöglichen.
Aufstellungsarbeit beginnt mit der Frage, wer oder was zum System gehört. Bei
Familienaufstellungen erklärt sich die Zugehörigkeit durch die gemeinsame Ab-
stammung und Geschichte. Bei Organisationsaufstellungen zählt die Mitgliedschaft
in der Organisation, der Firma oder der Partei. Politische Aufstellungen befassen
sich mit sozialen Großgruppen. Das heißt nicht, dass besonders viele Stellvertrete-
rInnen von Personen oder Elementen eines Systems aufgestellt werden müssen, weil
einzelne RepräsentantInnen auch ganze Gruppen vertreten können. Indem Perso-
nen, Systemelemente, eventuell Symptome oder Prozesse dazugenommen werden,
unterscheiden sich Politische Aufstellungen nicht wesentlich von jeder anderen
Aufstellungsart.
Das hängt damit zusammen, dass die Aufstellungsarbeit aufgrund empirischer
Beobachtungen von drei korrespondierenden Formen des „Gewissens“ ausgeht, die
für das menschliche Konfliktverhalten und den Umgang mit ihm große Bedeutung
haben. Als Gewissen wird dabei als der menschliche Trieb definiert, die Verbun-
denheit des Individuums mit dem größeren Ganzen aufrecht zu erhalten.719 Die drei
Gewissensebenen sind demnach:

719 Jäger 2003 S. 278

256
Erstens das individuelle Gewissen mit seiner Zugehörigkeit zur als real wahrge-
nommenen Familie und zu anderen existenzerhaltenden Gruppen. Es hat keine mora-
lische sondern eine soziale Instanz, die sich vor allem nach dem kontextualen Klein-
gruppeninteresse richtet. Mit seiner Hilfe lässt sich wahrnehmen, inwiefern das
Individuum mit der sozialen Authorität des kollektiven Gewissens konform geht und
sich folglich unschuldig fühlt, oder abweicht und sich schuldig fühlt.
Zweitens das auf Vollständigkeit zielende Gewissen verwandtschaftlicher Sys-
teme, das dys-funktional wird, wenn Mitglieder, Elemente oder Themen ausge-
schlossen werden, was zur Verhaftung, Verwicklung und Belastung Nachkommen-
der mit ihrem Schicksal der Ausgeschlossenen führen kann.
Drittens das Ganzheitsgewissen als Folge der bewussten Erfahrung von der All-
Einheit des Lebens. Dieses Gewissen wird als die gleich näher anzusprechende Aufhe-
bung alles Trennenden, Abgrenzenden, Urteilenden erlebt und führt zu einer ethi-
schen Haltung des Mitfühlens und des Respekts vor allem Leben.720
Die Schichtung der Gewissensebenen erlaubt die Anwendung der Aufstel-
lungsarbeit für alle Ebenen der menschlichen Wirklichkeit, von der individuellen bis
zur politischen Großgruppe. Die Konflikte solcher Großgruppen sind in ihren zent-
ralen Aspekten den individuellen Problemen von Kleingruppen nicht unähnlich. In
beiden Fällen fühlen sich alle Konfliktparteien jeweils im Recht; sie sind durch vo-
rangegangene Verletzungen wenig oder gar nicht zur Versöhnung bereit; und sie
neigen dazu, die in der Tiefenkultur gespeicherten Konflikte durch kleine Anlässe
auf Nebenschauplätzen wieder voll aufleben zu lassen. Wenn dies im politischen
Kontext von Großgruppen geschieht, was im Kontext dieses Bandes von besonde-
rem Interesse ist, kann Transformationsarbeit mit den Methoden des politischen
Aufstellens versucht werden.
Die VertreterInnen des Internationalen Forums für Politische Aufstellungen spra-
chen in diesem Zusammenhang bis vor Kurzem von Alles-Aufstellungen, neuerdings
von drei Linsen, die ganzheitlich auf Aspekte des Politischen, Organisationalen und
Psychosozialen in Konfliktsystemen der Klienten fokussieren.721 Alles drückt aus,
dass politische Konflikte ihrer Überzeugung nach zum Menschsein gehören. Sie
haben Auswirkungen auf die gesamte Welt. Konflikte setzen sich, wenn sie nicht
bearbeitet werden, transgenerational fort. Um zu dieser Einsicht zu gelangen und sie
im Einzelfall anwenden zu können, gilt das gestalttherapeutische Theorem, dass das
trennende Andere nur in der Vorstellung existiert.
In der Politischen Aufstellung geht es um die Transformation gegensätzlicher
Denkfiguren. Dazu gehört die Gegensätzlichkeit von Freund und Feind genauso

720 Mahr 2003 S. 17/18. Mahr übernahm diese Kategorisierung von Hellinger 2003 S. 67/68.
721 Dank an Fabian Mayr für das Update aus den jüngsten Entwicklungen.

257
wie jene von Täter und Opfer. Wo es in einem System Täter oder Personen gab, die
Taten anderer passiv gebilligt haben, sind sie am Leiden der Opfer beteiligt. Umge-
kehrt, wo es in einem System Opfer gab, tragen die Täter deren Andenken selbst
dann weiter, wenn sie das zu verdrängen, zu rechtfertigen oder zu trivialisieren ver-
suchen. Täter, Opfer und deren Zusammenhänge finden sich auf der ganzen Welt.
Ereignisse geschehen, Taten werden vollbracht, aber in einem System gibt es keine
individuellen Täter oder Opfer, nur Zusammenhänge. Politische Aufstellungen
können helfen, diesen Umstand anzuerkennen, indem alle Opfer und alle Täter auf
allen Seiten gewürdigt werden. Willigis Jäger drückt dies sehr pathetisch aus:

Bevor die Dimensionen des Seins entstehen, erfährt sich der Mensch als eins. Dann ist
der Angreifer identisch mit dem Angegriffenen, der Diktator mit dem Unterdrückten,
der Vergewaltiger mit dem Vergewaltigten, der Geber mit dem Bettler, der Mörder mit
seinem Opfer. Das Böse und alles Leiden beruhen letztlich auf einer abgrenzenden
Wahrnehmung, als ob es ein eigenständiges individuelles Selbst gäbe.722

So radikal ausgedrückt muss dieser Ansatz auf Empörung und Ablehnung bei Mo-
ralisten, Strukturalisten, Idealisten und allen Schulen der Moderne stoßen. Er for-
muliert aber eine grundlegende Wahrheit jeglicher Systemtheorie. Die Einsicht, dass
der Andere, besonders der als Widersacher empfundene Andere, immer zum eige-
nen System gehört, bringt Klarheit, Balance und Entspannung.
Unabhängig von der moralischen Beurteilung des Zugangs weisen jene System-
elemente, die aus dem Schatten konfliktbeladener Zusammenhänge treten, oft den
Weg zur Transformation. Transrationale Friedensarbeit anerkennt das. Sie sieht
darin das energetische, auf Veränderung gerichtete Potential elicitiver Konflikttrans-
formation. Albrecht Mahr723 bezeichnet die Notwendigkeit des ständigen Ringens
mit dem Gegnerischen und dem Fremden, mit dem noch Unverstehbaren und
Angsterregenden als zentrale Wirkkraft einer nie enden wollenden Bewegung hin
zur Lebensfülle. Konflikte gehören zu menschlichen Beziehungen. Wo keine Kon-
flikte, da keine Beziehungen. Konflikte und deren Transformation ereignen sich
notwendigerweise in Beziehungen. Mit der Anerkennung der entsprechenden
Schattenaspekte beginnt für jene, die zum System gehören, der heilsame Prozess der
Erholung, der Resilience.724 Menschliche Systeme bemühen sich wie jedes andere

722 Jäger 2003 S. 285


723 Mahr 2003 S. 14
724 Um die Definition des lebhaft diskutierten Begriffs resilience machte sich das International
Resilience Program (14.12.2009) verdient. Lederach/Lederach 2010 S. 68–72 halten ihn für einen
Meilenstein der transrationalen Wende, die sie metaphor shift nennen.

258
System, nach erlittenen Erschütterungen in einen Zustand der Balance zurück zu-
kehren.

Living systems,, social or ecological, must be able to resume their original shape or posi-
tion after being bent, stretched, or compressed. Resilience is a multi-dimensional
construct defined as the capacity of individuals, families, communities, systems and in-
stitutions to anticipate, withstand and/or judiciously engage with catastrophic events
and/or experiences, actively making meaning out of adversity, with the goal of maintai-
ning “normal” function without fundamentally losing their identity.725

Wie sich ein System nach einer traumatisierenden Erfahrung verhält, entscheidet
über Heilung oder Verfall. Deshalb sollte dem Zustand des sozialen Systems und
seinen Handlungsoptionen größte Aufmerksamkeit in der Konfliktarbeit gelten. In
keinem Fall enthebt die Selbstheilungstendenz von Systemen an ihrem Bifurkati-
onspunkt726 die Akteure in der Politischen Aufstellung von der Verantwortung für
ihr Handeln oder ihre Unterlassungen. Wer dem zustimmt, steht vor der schwierigen
Frage nach den Kriterien, vor denen eine derartige Verantwortung geprüft werden
kann. Das IFPA verwendet dafür die drei so genannten faktischen Systemgesetze.
Deren erstes ist Bindung. Demnach haben alle Mitglieder eines Systems unab-
hängig von ihren moralischen Leistungen und deren Beurteilung durch andere das
Recht auf Zugehörigkeit. Der versuchte Ausschluss von Systemmitgliedern führt
dazu, dass andere an die Ausgeschlossenen erinnern, indem sie sich ähnlich verhal-
ten, denn faktisch ist der Ausschluss nicht möglich. Diese stellvertretende Über-
nahme von Schuld, Eigenschaften und Funktionen der Ausgeschlossenen erinnert
das System an seine noch nicht geheilten Anteile oder Gestalten. Ein unbewusstes
Tragen des Leids Ausgeschlossener kann zur Wiederholung der ungeklärten Kon-
fliktformation im System führen. Die Annäherung von Tätern und Opfern, beson-
ders aber deren Nachfahren, wird als zu Entspannung führendes, heilsames und
kräftigendes Ziel der Politischen Aufstellungen verstanden.
Das zweite faktische Systemgesetz betrifft die Unübertragbarkeit des eigenen
Schicksals. Krieg, Vertreibung, erlittene oder selbst zu verantwortende Gewalt füh-
ren zu Generationen übergreifendem Leid, wenn die Kindergeneration versucht, die
Lasten ihrer Eltern oder Großeltern zu tragen. Es ist manchmal verlockend, sich mit
den Taten, Untaten oder gewählten Traumata der Vorfahren zu identifizieren. Al-
lerdings kann ihnen dadurch keine als solche empfundene Schuld abgenommen
werden. Im Gegenteil, die nachfolgende Generation wird durch diese Identifikation

725 Almedon 2008 S. 5–13


726 Laszlo 2006

259
in ihrer eigenen Entfaltung gehemmt. Die Tendenz zur unbewussten Nachfolge im
geächteten Verhalten, in der oftmals so empfundenen Schuld, bleibt dadurch vital.
Wird diese Dynamik nicht unterbrochen, geht die Bürde unbewusst und immer
schwerer identifizierbar an die nächste Generationen weiter. Systemaufstellungen
wollen, dass die aktuellen Generationen den Vorfahren ihre Bürde und ihre Würde
lassen oder zurückgeben, ihnen ihr Schicksal zumuten. Dadurch können sie nach
diesem Ansatz die Kraft der Vorfahren nehmen, ohne deren Schuldgefühle mitzu-
schleppen. Im deutschen Sprachraum, aber keineswegs nur da, war und ist das seit
Jahrzehnten ein wichtiges Thema. Selbst deutscher Muttersprache und seit Jahr-
zehnten in der internationalen Konfliktarbeit tätig, staune ich immer wieder, wie
sehr dieser Aspekt in Ostasien, in Japan etwa, unter einem Siegel der Verschwiegen-
heit und Unreflektiertheit schamhaft verschlossen bleibt und die nachwachsenden
Generationen existenziell belastet.727
Das dritte faktische Systemgesetz laut IFPA ist die strukturelle Ordnung. Die je
einzigartige Stellung einer Person oder bestimmter Elemente im System zu beachten,
ist demnach genausowichtig wie Zugehörigkeit und Unübertragbarkeit des Schicksals.
Das erscheint mir soweit logisch. Meint das allerdings den Vorrang des Früheren vor
dem Späteren, birgt der als Gesetz postulierte chronosophisch vektorale Gedanke die
Gefahr einer Hierarchisierung im Denken, die der allgemeinen Systemtheorie wider-
spricht.728 Von der vektoralen Chronosophie ist der Weg zu einem ideologisch gefärb-
ten und dogmatischen Ordnungsdenken, wie es Bert Hellinger von vielen Seiten vor-
geworfen wird, nicht mehr weit. Ich lese dieses vermeintliche Gesetz daher eher als ein
praxistaugliches Axiom, das hilft, die begrenzt überschaubare Wirkungsschleife von
Ereignissen und Taten in sozialen Systemen zu deuten, vergleichbar den Lehrsätzen
der Newton’schen Physik, die durch die Quantenphysik nicht ihre Alltagstauglichkeit,
wohl aber ihren naturgesetzhaften, absoluten Charakter verloren hat.
Jedenfalls arbeiten Politische Aufstellungen mit dieser tieferen Ordnung. Sie
wollen das integrale Gruppengewissen dabei unterstützen, sich zu offenbaren. Das
verdeutlicht, wie sehr auch hier, wie immer in der Humanistischen Psychologie, die
Wahrnehmung eines Konflikts von der jeweiligen Beobachterin abhängt. Letztlich
geht es um das Bild, das sich jemand von der Wirklichkeit macht. Wenn es um die
Transformation der inneren Bilder von Konflikten geht, erhellen Politische Auf-

727 Der Zusammenhang dieser Haltung mit den extrem hohen Selbstmordraten in Japan und
Südkorea, die sonst nur von rasant modernisierenden Gesellschaften erreicht werden, ist
spekulativ, aber naheliegend. World Health Organization (14.12.2009)
728 Auch Lederach/Lederach 2010 S. 195–234 betonen nachdrücklich den zirkulären Charakter
elicitiver Konflikttransformation. Ich stimme darin mit ihnen überein.

260
stellungen den Weg. Sie tragen zur Friedensarbeit bei, denn es werden Konflikte
transformiert, die alle angehen.

4 Transformative Theaterarbeit

In diesem Kapitel fließen alle bisherigen Beispiele zu Methoden der elicitiven Kon-
flikttransformation zusammen. Im Theater, der umfassendsten aller Dionysischen
Künste, vereinen sich die atem-, stimm- und bewegungsorientierten Methoden zu
ihrer vollendeten Form. Ich berufe mich in diesem Kapitel zuerst auf das Theater der
Unterdrückten, wie es vom brasilianischen Regisseur, Autor und Theatermacher
Augusto Boal729 entwickelt wurde. Boal war gegen Ende seines wirkungsreichen
Lebens auch Gastprofessor des Innsbrucker Lehrgangs. Seine Methode wird inzwi-
schen von seinen SchülerInnen Armin Staffler730 und Birgit Fritz731 unterrichtet. Sie
ist regelmäßiger Inhalt des Moduls über die Cultures of Peaces.
Der inhaltliche Zusammenhang mit den vorher angesprochenen Ansätzen und
Methoden732 lässt sich über die Biographie Augusto Boals erklären. Als in Brasilien
sozialisiertem Theatermacher waren ihm das klassische europäische Theater ebenso
geläufig wie die Wurzeln des brasilianischen Volkstheaters. Aufgrund seines radikal
emanzipatorischen und demokratischen Denkens wandte er sich von den klassi-
schen Formen schon früh ab, weil sie eine Grenze, die im Theater als „vierte Wand“
bezeichnet wird, zwischen den wissenden SchauspielerInnen und dem unwissenden
Publikum zogen. Selbst und gerade das aufklärerische, didaktische und epische The-
ater Brechts, das ihn anfangs so sehr inspiriert hatte, sah er mit diesem Mangel be-
haftet. Brecht durchbrach durch den Verfremdungseffekt die vierte Wand von der
Bühne Richtung Publikum, aber der umgekehrte Weg blieb verschlossen.
Boal studierte Chemie an der Columbia University in New York, als sich die
Humanistische Psychologie entwickelte. Er unternahm dort seine ersten Versuche
als Theatermacher, wenn auch an einem sehr kleinen Theater, so doch am Broad-
way. Er war Zeitgenosse der ersten lateinamerikanischen Ikonen der Therapeuten-
szene wie Oscar Ichazo, Claudio Naranjo oder Umberto Maturana. Die Verbindung
zu ihnen und ihren nordamerikanischen, europäischen, indischen und japanischen
KollegInnen ergab sich über seinen Mentor Paulo Freire. Die entsprechenden Bio-
graphien kreuzten sich nicht nur in Esalen oder Poona, in Boston und New York,

729 1931–2009
730 Spectact (5.2.2010)
731 Theater der Unterdrückten Wien (29.12.2009)
732 Siehe dazu auch Koppensteiner 2009 S. 151-162

261
sondern auch am Centro Intercultural de Documentación CIDOC Ivan Illichs733 in
Cuarnava/Mexico, in Tokio und an vielen weiteren Orten. Die zeitliche und inhalt-
liche Überschneidung in der Entwicklungsgeschichte der Humanistischen Psycho-
logie, der Pädagogik der Unterdrückten, der Theologie der Befreiung, des Theaters
der Unterdrückten und der elicitiven Konflikttransformation ist kein Zufall.
Boal betrachtete Paulo Freire als seine wichtigste Inspiration. Freire beein-
flusste, wie in der Einleitung festgehalten, mit seiner Pädagogik der Unterdrückten
zugleich Adam Curle und gab damit den Impuls zur Weiterentwicklung der eliciti-
ven Konflikttransformation im Sinn John Paul Lederachs. Während für die elicitive
Konfliktarbeit später eher der systemische, spirituelle und kathartische Aspekt Frei-
res im Vordergrund stand, teilte der junge Augusto Boal aufgrund seiner marxisti-
schen Weltsicht viel mehr Freires Begeisterung für Che Guevara und Fidel Castro.
Er griff daher auf Freires strukturalistisches Verständnis von Unterdrückung. In
seiner Definition sind Unterdrückte Einzelpersonen oder Gruppen, die sozial, kul-
turell, politisch, wirtschaftlich, rassistisch oder sexistisch in der Verwirklichung ihres
Rechts auf Dialog behindert werden. Der Kampf für deren Rechte ist Boal eine
gewaltlose und ästhetische Bewegung für Peace without passivity.734 Wichtig ist ihm
dabei, dass das Theater nicht als Angelegenheit wissender KünstlerInnen für die
Unterdrückten verstanden wird, sondern als Akt von Unterdrückten über und für
sich selbst und ihre eigenen Anliegen. Das dialogische Prinzip Freires schlägt sich
hier nachdrücklich nieder.
Boal lehnte den aristotelischen Sinn der theatralen Katharsis radikal ab. Er ver-
kehrte sie vor allem in seinen frühen Jahren in ihr Gegenteil. Er verglich das Theater
gern mit einer Herdplatte, welche die Akteure aufheizt. Dadurch sollen die verschie-
denen Aspekte und Potentiale einer Person, die Figuren, Charaktere und Rollen, die
sie im wirklichen Leben spielt oder spielen könnte, zum Vorschein gebracht werden.
Nicht nur das handelnde Individuum, sondern das gesamte Theater soll zum Kochen
kommen, in Schwingung versetzt werden. Das Theater ist für Boal kein Ort aristoteli-
scher Läuterung und Beruhigung, sondern im Gegenteil, ein Unruheherd, der die
Menschen dazu bringt, ihre Komfortzone zu verlassen, der aufwühlt und verunsichert,
in dem er neue Handlungsoptionen vorstellbar und anwendbar macht. Theater soll
die Menschen dazu ermuntern, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen,
damit sie kreativ und konstruktiv zur Gestaltung der Gellschaft beitragen. Aus seinem
marxistischen Verständnis von Unterdrückung wollte er die Menschen zum Wider-

733 Kaller-Dietrich 2007


734 International Theatre of the Oppressed Organisation (3.2.2010)

262
stand ermuntern und jede Form des Theaters, die das zu bewerkstelligen vermochte,
war ihm die beste.735
Die AkteurInnen müssen sich bei Boal auf die Infragestellung ihrer Identität
einlassen. Um ihre Rolle zu spielen, müssen sie in unbekannte und ungeahnte Di-
mensionen ihrer Persönlichkeit vordringen. Das Theater der Unterdrückten will die
Dämonen und Heiligen, die neurotischen, melancholischen, paranoiden, psycho-
pathischen und schizophrenen Aspekte der Menschen aus ihrer Unterdrückung
befreien und zum Vorschein bringen. Alle Bühnenfiguren sind laut Boal im gesell-
schaftlichen Sinne nicht normal, extrem, überzogen, vielleicht sogar krank. Wenn ein
Schauspieler einen kranken Charakter darstellen kann, vermag der Mensch auch am
Theater zu gesunden. Dabei sieht Boal seine Aufgabe als Theatermacher nicht darin,
die politisch oder herrschaftlich gewünschte Norm oder Normalität zu vermitteln.736
Auf der Suche nach alternativen Ausdrucksformen stieß Boal in Brasilien früh
auf Capoeira.737 Das war ursprünglich die Kampfkunst entlaufener SklavInnen, bei
der die Akteure sich in einem ausgeklügelten Schrittsystem bewegen und durch
Konzentration, Atem und Resonanz mit dem Gegner darauf achten, die Balance zu
wahren. Historisch kann Capoeira als brasilianische Parallele zum Budǀ gelesen wer-
den. Im Laufe der Zeit wurde aus der Kampfkunst eine Aufführungskunst, gewis-
sermaßen ein brasilianisches Butǀ, eher aber eine Entsprechung des Nǀ oder Ka-
buki.738 Es wurde zur Folklore und deren traditionelle Elemente fanden Eingang in
eine neue, tänzerische Bewegungskunst, die in den letzten Jahren weltweit populär
wurde. Als sich Boal in den 1970er Jahren damit befasste, war Capoeira noch nicht
so bekannt. Ihm ging es damals um den emanzipatorischen Aspekt der physischen
Übung. Das floss in seine Arbeit ein und gewann immer mehr an Bedeutung, bis er
schließlich das Theater selbst als Kampfkunst bezeichnete.739
Wollte Jakob Levy Moreno die theatrale Katharsis therapeutisch nutzen, kehrte
Boal diese aristotelische Logik in ihr Gegenteil um. Katharsis folgt bei ihm erst aus
den Handlungen und der Dynamisierung, die zur Befreiung von inneren und äuße-
ren Blockaden der AkteurInnen führt. Dennoch würde es in die Irre führen, Boals
dynamisierenden und Curles transformierenden Ansatz als zwei unterschiedliche
Wirkungslinien Freires zu sehen.
Erst in den 1990er Jahren unterlegte Boal die Praxis des Theaters der Unter-
drückten mit einem konsistenten theoretischen Konzept, dem er als Kernhypothese

735 Staffler 2009 S. 40


736 Staffler 2009 S. 52/53
737 Boal 1989 S. 23
738 Siehe dazu die vorangegangenen Kapitel über Butō und Aikidō.
739 Boal 2006 S. 62

263
zugrundelegte: Wenn der Unterdrückte selbst und nicht der Künstler an seiner Stelle
eine Handlung ausführt, dann wird das Handeln im Kontext einer theatralischen Fik-
tion ihn dazu befähigen, auch in seinem wirklichen Leben so zu handeln.740
Weiters sind ab nun Osmose, Metaxis und analoge Induktion die tragenden
Momente das dynamischen Konzepts. Osmose steht für die Allgegenwart der Macht-
verhältnisse auch in der individuellen Wahrnehmung, Metaxis für das Vermögen,
zirkulär dem theatralischen Bild der Realität und der Realität des Bildes anzugehören,
analoge Induktion für den Weg, aus der Geschichte einer Einzelperson eine Verviel-
fältigung von sozialer Relevanz zu machen, die von allen bearbeitet werden kann.741
In seinen später entwickelten, introspektiven Methoden wie dem Regenbogen
der Wünsche oder Polizisten im Kopf schwenkt der einst wilde und revolutionäre
Boal auf den therapeutischen Ansatz ein. Das Legislative Theater, das er als Stadtrat
von Rio in den 1990er Jahren entwickelte, hat einen transformatorischen Akzent,
keinen revolutionären.742 Wenn es das nicht von Anbeginn an war, ist das Theater
der Unterdrückten spätestens ab da eine Methode der Konfliktarbeit. Und seit dem
Tag, an dem John Paul Lederach das Wort geprägt hat, ist das Theater der Unter-
drückten auch eine komplexe und wirksame Kunstform der elicitiven Konflikttrans-
formation.
In seiner vollen Blüte mit ihren zahlreichen Varianten und Methoden bezeichne
ich das Theater der Unterdrückten als hohe Kunst der elicitiven Konfliktarbeit, weil es
alle bisher vorgestellten Ansätze in sich vereint. Zumindest lässt sich jede von ihnen
auch im Rahmen des Theaters der Unterdrückten anwenden. Die Humanistische
Psychologie und mit ihr die elicitive Konfliktarbeit haben ihre Wurzeln in der
Theatererfahrung Jakob Levy Morenos und Fritz Perls’. In Augusto Boal schließt sich
der Kreis in einer Theaterform, die auf alle Errungenschaften der Humanistischen
Psychologie greift, als Königsdisziplin der elicitiven Konflikttransformation.
Boal positioniert sich im Vorwort zur deutschen Ausgabe seines weltweiten
Bestsellers zum Theater der Unterdrückten denn auch wie ein Jakob Levy Moreno,
Fritz Perls oder Carl Rogers des Theaters:

Ich weiß, dass ich nicht klüger bin als meine Zuschauer. Ich weiß, ich war, wie alle an-
deren, ein Künstler in der Klausur seiner Theaterrituale, Vorurteile und üblichen Lü-
gen. Und ich begann die alte Beziehung Schauspieler-Zuschauer zu verachten, genauso
wie jedes andere Subjekt-Objekt-Verhältnis, das einen Menschen dazu verurteilt, Zu-
schauer des anderen zu sein, des anderen, der immer mehr zum Übermenschen und

740 Boal 1999 S. 51


741 Boal 1999 S. 47–51
742 Staffler 2009 S. 116

264
zum Menschenfeind wird. Ich hasse den Künstler als „Höheres Wesen“ und suche in
jedem Menschen den Künstler zu finden. Ich verachte autoritäres Theater und mache
Theater der Unterdrückten. Auch didaktisches Theater ist autoritär, denn es geht davon
aus, dass der Künstler mehr weiß und kann, als der Zuschauer wissen kann und darf.743

Das Theater der Unterdrückten ist für Boal ein Mittel demokratischer Pädagogik,
das sich radikal aus der Dualität Lehrer-Schüler, Bühne-Publikum, Sender-Emp-
fänger, aktiv-passiv, lebendig-tot löst. Die Unterdrückten müssen bei ihm zu Wort
kommen. Nur sie selbst können ihre Unterdrückung zeigen. Sie müssen ihre eige-
nen Wege zur Freiheit entdecken. Sie selbst müssen die Handlungen proben, die sie
zur Freiheit führen. Alle sollen gemeinsam lernen, ZuschauerInnen und Schauspie-
lerInnen, keiner ist mehr als der andere. Keiner weiß es besser: gemeinsam lernen,
entdecken, erfinden, entscheiden. Boal reduziert den Theaterregisseur zu einem
Facilitator oder Joker, der keine Wahrheit kennt, aber im Sinn Carl Rogers’ über ein
paar Techniken verfügt, die ihm selbst und seinen KlientInnen helfen können, ihrer
Wahrheit auf die Spur zu kommen. Die ZuschauerInnen, Spectators, und Schau-
spielerInnen, Actors, verschmilzt er zu dem berühmt gewordenen Begriff der Spac-
tactors, der Akteure, die stets beides in einem sind.
Boal spielte ursprünglich didaktisches Theater in der Tradition Brechts und
subversives Propagandatheater. Die Übereignung des Theaters an die Zuschaue-
rInnen begann er Ende der 1960er Jahre mit der Technik des Zeitungstheaters.
Diese einfache Übung bestand darin, zensierte Zeitungen unter diktatorischen Be-
dingungen durch entsprechende Betonungen und Rhythmen widersinnig zu lesen
und dann szenisch darzustellen. Das Zeitungstheater machte die ZuschauerInnen zu
ProduzentInnen ihres eigenen Theaters, was einerseits die Aufsicht der Zensurbe-
hörde umging, viel mehr aber ein wirkungsvoller emanzipatorischer Ansatz war, weil
es eine Methode ist, den Betroffenen selbst unter schwierigen politischen Bedingun-
gen das Wort zu erteilen.744
Nachdem Boal in Brasilien verhaftet und gefoltert worden war, ging er 1971
nach Argentinien, wo er das Unsichtbare Theater entwickelte, eine bis heute um-
strittene und nur für Fortgeschrittene geeignete Variante seiner Arbeit.745 1973
entwickelte er in Peru das Statuentheater, das stark an Virginia Satirs Familien-
skulptur erinnert und im politischen Kontext viel mit der Aufstellungsarbeit gemein

743 Boal 1989 S. 7/8


744 Boal 1989 S. 28–34. Die einzelnen Formen des Zeitungstheaters werden da kurz beschrieben. Sie sind
im Grund unendlich variierbar und an die jeweilige Absicht und Möglichkeit anzupassen.
745 Boal 1989 S. 34–41. Dazu beschreibt Boal einige Beispiele, vor deren unreflektierter Nachahmung
ich warne. Diese Form ist zwar effektiv, sollte aber nur unter Beachtung aller Sicherheitsmaßnahmen
und Eventualitäten von geübten Akteuren ausgeführt werden, wenn es angebracht erscheint.

265
hat, wie ich sie im vorangegangenen Kapitel angesprochen habe. Später entwickelte
er das zum so genannten Image Theatre weiter. Schließlich stellte er mit dem Fo-
rumtheater die bekannteste und höchste Form des Theaters der Unterdrückten vor.
Manchmal wird das Theater der Unterdrückten überhaupt mit dem Forumtheater
gleichgesetzt, das seinerseits alle anderen Formen integrieren kann.746
Boals Weg der Befreiung vom unterdrückten Betrachter des eigenen Leids zum
selbständig Handelnden läuft wie bei den vorherigen Methoden und im Capoeira
über den Körper. Deshalb muss in den körperfeindlichen Gesellschaften der Ge-
genwart zuerst einmal der Körper selbst mit all den durch den jeweiligen Alltag
entstandenen Deformationen kennengelernt werden. Dieser Punkt kann kaum
nachdrücklich genug betont werden. Das vermeintliche Aufwärmen zur eigentlichen
Theaterarbeit ist mehr als die Hälfte der Übung, zumeist ein mehrtägiger Vorgang,
bei dem auf alle Facetten der Atem-, Stimm- und Bewegungsarbeit gegriffen werden
kann. Es geht dabei um mehr als bloßes Aufwärmen, nämlich um konkrete Übun-
gen, die alle wesentlichen Aspekte des Theaters und die inhaltlichen Auseinander-
setzungen mit dem gewählten Thema bereits enthalten. Diese Übungen sind somit
ein vollwertiger und eigenständiger Teil der künstlerisch-transformativen Arbeit.
Werden sie, was in konservativen Kontexten manchmal geschieht, wirklich nur zu
reinen Aufwärmübungen degradiert, wird eine wesentliche Chance auf Erkenntnis-
gewinn vertan. Selbst für Gruppen mit einheitlicher Zusammensetzung ist diese
Vorbereitung unerlässlich, um sich gegenseitig physisch und psychisch kennen und
die Möglichkeiten der Zusammenarbeit einschätzen zu lernen, vor allem aber, um
gemeinsam an der körperlichen Ausdruckskraft zu arbeiten.747 Boal schlägt dafür
folgende Kategorien vor:

ƒ Feeling what we touch;


ƒ Listening to what we hear;
ƒ Dynamising several senses;
ƒ Seeing what we look at;
ƒ Memory of the senses.748

Boal will, dass zuerst alle TeilnehmerInnen ihre eigene Muskelentfremdung, wie er
das nennt, erkennen. Ziel der spielerischen Übungen in der ersten Phase ist es, die
Muskelstruktur wahrzunehmen, sie in ihren Einzelheiten zu spüren und zu untersu-
chen, sich ihrer bewusst zu werden. Nur wer in der Lage ist, sich selbst in seinen

746 Thorau 1989 S. 9–16


747 Boal 1989 S. 70
748 Anschaulich zusammengefasst bei Staffler 2009 S. 68/69

266
Muskelstrukturen zu spüren und erfahren, kann sich körperlich auch in Menschen
mit anderen Berufen, Schicksalen oder sozialem Status versetzen. Es geht nicht um
athletische oder akrobatische Hochleistungen, sondern um das Bewusstwerden des
Körpers.
Sehr bekannt geworden sind aus dem großen Schatz dieser Übungen der
Wettlauf in Zeitlupe, bei dem der Letzte gewinnt, sofern er nicht stehen bleibt oder
unterbricht. Das ist in Wirklichkeit eine recht anstrengende Balanceübung. Andere
bekannte Übungen sind der Wettlauf von Paaren mit verschränkten Beinen und die
„kolumbianische Hypnose“, bei der ein Partner den anderen mit der Handfläche
vor dem Gesicht durch den Raum führt.749 Sie sind in ihren Grundzügen von Ca-
poeira inspiriert.
In der zweiten Stufe will Boal den gespürten Körper spielerisch ausdrucksfähig
machen. Das geht beispielsweise über die stimmlose Nachahmung von Tieren. Et-
was politischer wird es, werden statt Tieren Berufe oder soziale Stellungen gewählt.
In der dritten Stufe geht Boal zu den gesprochenen Formen über. In den Anfän-
gen des Theaters der Unterdrückten mündete ein problematisches Thema, eine Kon-
flikterzählung, in eine entsprechende Szene, die dann von SchauspielerInnen improvi-
siert wurde. Dabei spielten sie die Szene bis zum konfliktiven Höhepunkt durch, an
dem innegehalten wurde. Dann wurden die TeilnehmerInnen nach ihrer Meinung
dazu befragt und um Vorschläge alternativen Handelns gebeten, die der Reihe nach
eingespielt wurden. Dabei wurde die Trennung zwischen SchauspielerInnen und
ZuschauerInnen noch nicht aufgehoben. Die ZuschauerInnen beeinflussten den wie-
derholten Verlauf durch ihre Vorschläge, ohne diese selbst einzuspielen.750 Das ist in
dieser Form nur möglich, wenn dem Facilitator ein professionelles Team von Schau-
spielerInnen zu Seite steht, wie das bei größeren Projekten, zum Beispiel in der Ent-
wicklungszusammenarbeit oder bei der Gemeindeentwicklung, der Fall sein mag. Das
Theater der Unterdrückten wurde im Laufe der Zeit aber auch immer mehr in die
kleineren Kontexte der Sozialarbeit und der therapeutischen Gruppenarbeit eingesetzt,
wo solche Teams meist nicht zur Verfügung stehen. So musste auf dieser Stufe je nach
Gegebenheit mit den Ressourcen improvisiert werden. Schließlich wurde das Spiel der
Betroffenen selbst zur Regel. Ich empfehle dafür eine intensive Übungssequenz auf der
körperlichen Stufe und von da einen verbalen Übergang zum Bildertheater.
Dabei wird ein Thema zuerst von einem Protagonisten erzählt, dann durch
von ihm ausgewählte TeilnehmerInnen als Skulpturengruppe ausgedrückt. Jede
Figur nimmt dabei eine ihrer Rolle entsprechende Haltung und den dazugehörigen
Ausdruck ein. Sie steht in Beziehung zu den anderen und hat entsprechende Ge-

749 Ausführlicher dazu Boal 1989 S. 47–49


750 Boal 1989 S. 51–53

267
fühle, die in ihrer Summe den Konflikt ausdrücken. Der Facilitator fragt der Reihe
nach das Befinden der Rollen in diesem Realbild ab. Die verbleibenden Zuschaue-
rInnen können in mehreren Versuchen Änderungsvorschläge äußern, die das Real-
bild zu einem Idealbild hin transformieren, in dem sich alle Mitwirkenden wohler
fühlen. Wesentlich ist, dass dieses Idealbild so angelegt wird, dass es der kollektiven
Vorstellung von Realität entspricht. Es sollen keine unrealisierbaren Wunschträume
dargestellt, sondern realisierbare Handlungsoptionen herausgearbeitet werden.751
In einer anderen Variante dieser Methode können die Mitglieder der Skulptu-
renggruppe selbst Schritt für Schritt Veränderungen durchführen, bis sie zu einem
Idealbild gelangen. In beiden Fällen ist es wichtig, den Weg vom Konfliktbild zum
Transformationsbild wiederholt in Zeitlupe durchzuspielen, damit alle Beteiligten
ihn sich einprägen können. Er ist der Labortest für eine reale Option, die das
Handlungsspektrum der Beteiligten in der Wirklichkeit erweitern soll. Das funktio-
niert über das wiederholte Üben und spielerische Verwirklichen der Option, das
sich ins Bewusstsein der Spectactors einprägt. Die Ähnlichkeit zur Aufstellungsarbeit
des vorangegangenen Kapitels ist im zweiten Fall noch deutlicher als in der ersten
Variante.752 In jedem Fall dient Bildertheater auf sehr wirkungsvolle Art, wenn es
darum geht, Konflikte in Systemen sichtbar zu machen und Handlungsoptionen
jenseits verbaler Glaubenssätze zu versuchen.
Im Prinzip des Bildertheaters sind auch schon alle Elemente des Forumtheaters
angelegt, wo die Trennung zwischen ZuschauerInnen und SchauspielerInnen endgül-
tig überwunden wird. Der große Unterschied liegt darin, dass die Spectactors beim
Forumtheater im Stile eines herkömmlichen Theaters spielen. Sie entwickeln sich aus
der in der Wirklichkeit wahrgenommenen Konfliktlage auf jenes Desaster zu, das
geschehen mag, wenn sich nichts im Verhalten der Beteiligten verändert. Das Stück
wird im ersten Durchgang an der Stelle gestoppt, an der sich jenes Desaster zu vollzie-
hen beginnt. Bei den Wiederholungen haben alle Spectactors die Möglichkeit, das
Stück an jeder beliebigen Stelle zu stoppen. Sie schlagen wirklichkeitsnahe Hand-
lungsalternativen vor und spielen diese so in das Stück ein, dass sich die anderen Dar-
stellerInnen anders verhalten müssen. Das zielt besonders auf die RepräsentantInnen
der Unterdrückung.
In Boals ursprünglicher Praxis durfte keine selbst induzierte Veränderung am
Unterdrücker vorgenommen werden, weil realistische Handlungsoptionen für die

751 Boal 1989 S. 53–56


752 Die Art des Repräsentierens ist allerdings eine andere, und die methodische Kombination von
Systemischen Aufstellungen und Forumtheater nicht ratsam. Ich danke Fabian Mayr, der diese
Erfahrung noch aus seiner Zeit als Student in Innsbruck erinnerte und die Erinnerung in diesen
Band einbrachte.

268
Unterdrückten entwickelt werden sollten, die transformativ auf die Unterdrücker
wirken. Dass in extremis der Folterknecht die Nächstenliebe entdeckt und die Ge-
fangenen freilässt, wurde anfangs im Anbetracht dieses Ziels nicht als hilfreich ange-
sehen. In der Praxis erwies es sich aber immer wieder als sinnvoll, die Spectactors
auch in die Rolle der Unterdrücker schlüpfen zu lassen, um ihnen auch diese Per-
spektive zu vermitteln. Das darf nicht dazu führen, dass die Unterdrückten inszenie-
ren, wie sich die Unterdrücker nach ihrem Wunsch ändern sollten. Sinnvoll einge-
setzt vermittelt es den Spectactors allerdings Zwangslagen, Befindlichkeiten und
Einsichten in die Perspektive der Unterdrücker, weshalb Boal damit schließlich
situativ flexibel umzugehen empfahl.
Im Wesentlichen zielt das Theater der Unterdrückten in all seinen Formen auf
den nachstehend skizzierten, auf den Prinzipien der Humanistischen Psychologie,
vor allem des Gestaltansatzes, fußenden Regelkreis:753

Diese Skizze zeigt den Unterschied zwischen Boals Zugang und dem seiner Vorgän-
ger, vor allem zu jenem Morenos. Für Moreno und die meisten revolutionären Ak-
teure seiner Zeit war die Katharsis eine wesentliche Funktion des Theaters. Im Spiel
selbst liegt für sie der Akt der Befreiung, weshalb diese Methoden dann auch in eine
entsprechende Therapieform übergeleitet werden konnten. Bei Boal dienen alle
Methoden des Theaters als Übung für den realen Befreiungsakt. Die Katharis befreit
von den Blockaden, die Handlungen zur realen Veränderung der Gesellschaft, ver-

753 Diese Skizze veranschaulicht meine Version der Überlegungen Augusto Boals und ist von David
Diamond und Armin Staffler inspiriert. Staffler 2009 S. 39

269
hindern. Die Aktivierung des Bewusstseins soll den aufrührerischen, revolutionären
Impetus, den nach Boal jeder Unterdrückte in sich spürt, stärken, nicht ihn verwin-
den.754
Deshalb richtet sich sein im Kern ziemlich idealistisches Theater auch in die
Zukunft. Schluss mit dem Theater, das die Realität nur interpretiert, sagt er, es wäre
an der Zeit sie zu verändern. Das Theater der Unterdrückten präsentiert keine Bil-
der aus der Vergangenheit, sondern erstellt Handlungsmodelle für die Zukunft. Alle
Mitwirkenden müssen sich bei Boal bewusst sein, dass sich das gespielte Thema auf
ein Ereignis bezieht, das in der Zukunft tatsächlich stattfinden wird.755
Ich lese dieses Ansinnen im aufklärerischen, idealistischen und revolutionären
Kontext seiner Zeit. Würde ich es wörtlich nehmen, wäre diese Theaterform kein
Werkzeug der Konflikttransformation, eher eine Waffe. Mir scheint allerdings die
politische Beobachtung zentral und richtig, dass real existierende Konfliktenergie im
Theater nicht spielerisch abgebaut werden, sondern als geübte Erweiterung der
Handlungsoptionen in das reale Konfliktgeschehen einfließen soll. Setze ich an die
Stelle der revolutionären Absicht der 1960er Jahre die transformative Absicht der
Konfliktforschung des 21. Jahrhunderts, kann praktisch der gesamte Kanon aus
Boals Lebenswerk angewendet werden. Das ist in der Praxis längst der Fall. Boal
wies in seinem Spätwerk mit den introspektiven Methoden des Polizisten im Kopf,
dem Regenbogen der Wünsche und schließlich mit dem Legislativen Theater die
Richtung dahin.
Bei den Polizisten im Kopf oder Cops in the Head geht es im Wesentlichen um
die theatralische Auseinandersetzung mit dem Überich oder, wie Perls sagen würde,
mit dem Topdog des Protagonisten. Diese Methode befasst sich mit den lebenslang
nachklingenden Stimmen von Eltern, LehrerInnen, FreundInnen, Geschwistern,
PartnerInnen oder Vorgesetzten, die uns einst darüber aufklärten, wie dumm,
schwach, unfähig oder wertlos wir wären, wen oder was wir nicht verdient hätten,
wofür wir nicht gut genug seien und was wir nie erreichen würden. Diese Stimmen
sind nicht unsere eigenen, hallen aber in unseren Köpfen oder sogar in unserer eige-
nen Stimme wider, wenn wir vor Anforderungen oder Entscheidungen stehen, die
irgendwie an die ursprüngliche Situation erinnern.
Die Methode der Polizisten im Kopf hilft, diese Stimmen zu identifizieren, sie
auseinander zu halten, zu ordnen und schließlich zu neutralisieren. Das Modell zeigt
eine Situation, in welcher der Protagonist etwas tut, das er nicht möchte, oder etwas
nicht tut, das er tun möchte. Die „Polizisten“ sind dabei jene Stimmen seines Übe-
rich, die sich aus einprägsamen Erfahrungen in der Vergangenheit nähren. Die alten

754 Boal 1989 S. 98


755 Boal 1989 S. 68/69

270
Normstifter und Autoritätspersonen treten in Form der „Polizisten“ in das Bild und
drücken durch ihre Haltung das entsprechende Thema aus. Der Protagonist formt
mit Hilfe der Spectactors ein Gruppenbild aus jenen personell vorgestellten Einflüs-
sen, Verboten oder Befehlen, die ihn am Handeln hindern. Im Grunde geht es um
die Veranschaulichung und Personifizierung dessen, was Schulz von Thun das In-
nere Team nennt.756
Wie beim Forum wird zuerst die blockierende Wirkung der widersprüchlichen
Stimmen bewusst gemacht und aufgezeigt, was passiert, wenn nichts passiert. An-
schließend können diese Komponenten durch handlungsmäßig eingespielte „Anti-
Körper“ so neutralisiert und geordnet werden, dass der Protagonist als blockierte
Kontaktgrenze wieder tätig werden kann. Seine Aufgabe ist dabei, die „Polizisten“
ähnlich wie bei einer Aufstellung zu bewegen, zu verschieben und ihre bedrohlichen
Haltungen zu verändern. Er setzt sich gegen sie zur Wehr. Diese aber kehren immer
wieder in Zeitlupe in ihre Ausgangshaltung zurück und zwingen ihn zur wiederholten,
bewussten und aktiven Neugestaltung des Zusammenhangs. Ist eine Position ausrei-
chend geübt, können andere Spectactors die Anti-Körper-Haltung des Protagonisten
übernehmen und dadurch einzelne „Polizisten“ dauerhaft zum Schweigen oder Ko-
operieren bringen, sie neutralisieren oder in neue Zusammenhänge stellen. Dadurch
wird das bewusste Spektrum der Handlungsoptionen aller Beteiligten erweitert. Die
neuen Möglichkeiten manifestieren sich im Bild. Abschließend werden die entspre-
chenden Erkenntnisse, Einsichten und Erfahrungen gemeinsam diskutiert.757
Der Regenbogen der Wünsche diente Boal als Metapher für die Vielschichtigkeit
und oftmals innere Widersprüchlichkeit menschlicher Gefühle und Wünsche. Seine
Meinung war, dass kein Gefühl und kein Wunsch in reiner Form auftritt, sondern
immer als Legierung, in einem diffusen Gemisch aus Emotion, Vorstellung und Pro-
jektion. Dies kann oft zu Verwirrung führen. Der Regenbogen der Wünsche soll in
diesem Fall helfen, die verschiedenen Elemente zu erkennen, zu ordnen und in neuen
Zusammenhängen zu denken. Die Methode zielt nicht notwendigerweise auf Unter-
drückung im strukturalistischen Sinn. Es geht eher um die Befreiung aus Ungewissheit
und Unklarheit, worin sich der therapeutische Schwenk Boals am deutlichsten aus-
drückt. Die Vorgangsweise ist ähnlich wie beim Polizisten im Kopf, nur dass hier statt
der Stimmen des unterdrückenden Überich die selbst kreierten Vorstellungen samt
ihren Verwicklungen, Impulsen, Ängsten und Widersprüchen auf die Bühne kom-
men. Jede von ihnen stellt eine Farbe im Regenbogen der Wünsche dar und hilft
durch das Ausagieren ihres Charakters, durch das offene Aufeinanderprallen ihrer

756 Diamond 2007 S. 193


757 Staffler 2009 S. 111–113

271
Gegensätze, dem Protagonisten beim Erkennen und Ordnen seiner verwickelten Vor-
stellungen.758
Das Legislative Theater ist schließlich die Manifestation von Boals Wandlung.
1993 zog er nach einer etwas kuriosen Vorgeschichte759 als Abgeordneter der
Arbeiterpartei ins Stadtparlament von Rio de Janeiro ein. Dort wollte er seine radi-
kaldemokratischen Vorstellungen umsetzen und griff dafür auf alle Methoden, die
er bis dahin entwickelt hatte. Es ging ihm darum, den Willen der Menschen, die
ihn gewählt hatten und die er vertrat, in konkreten Sachfragen in Erfahrung zu
bringen und dann in die Form entsprechender Gesetzesanträge zu gießen. Das Le-
gislative Theater ist keine eigene Methode, sondern die Anwendung der schon vor-
gestellten Methoden, bevorzugt des Forumtheaters, in einem gesetzgebenden Ver-
fahren. Zumeist wurde am Ende eines Forumtheaters zu einem bestimmten Thema
ein Raum geschaffen, in dem die Spectactors Vorschläge für Gesetze erarbeiteten, die
Juristen vor Ort in die entsprechende Sprache und Form brachten.
Das ist eine bemerkenswerte Wende für einen, der einst ausgezogen war, um
über das Theater das Feuer der Revolution zu entfachen, und für einen, der Gesetze
als formelle Verankerung faktischer Unterdrückung gegeißelt hatte.760 Das mochte
manchen missfallen. Mir erscheint es eher als folgerichtiger Entschluss eines poli-
tisch wachen Menschen, der den Übergang vom Strukturalismus zum Post-struktu-
ralismus bewusst erlebt und, wenn auch widerstrebend, die notwendigen Konse-
quenzen gezogen hat. In seiner Biographie drückt sich das sinnbildlich im Übergang
von der lateinamerikanisch-strukturalistischen zur französisch-post-strukturalisti-
schen Schaffensperiode aus.761 Sie symbolisiert auch die Brückenfunktion, die diese
Methode zwischen dem globalen Süden und dem globalen Norden einnimmt. Im
strukturalistischen Kontext der Peripherie des kapitalistischen Weltsystems entstan-
den, drang sie auf klassisch post-strukturalistische Art von dort in die industriellen
Zentren ein und entwickelte sich seither zu einem emanzipatorischen Kommunika-
tionsmittel zwischen den unterschiedlichen Lebenswelten.
Ich denke, dass dies aus der Sicht der Friedensstudien wichtig ist, da sich das
Theater der Unterdrückten dadurch in das Blickfeld der elicitiven Konflikttransfor-
mation rückte. Aufgrund meiner persönlichen Begegnungen mit ihm glaube ich
aber auch, dass Augusto Boal trotz aller intellektuellen und methodischen Zuge-
ständnisse an die Postmoderne bis zu seinem Tod strukturalistisch dachte und
empfand. Er war ein persönlich liebenswerter, von humanistischen Idealen durch-

758 Ausführlich dazu Boal 1999


759 Siehe dazu ausführlich Staffler 2009 S. 118–122
760 Boal 1989 S. 117
761 Diamond 2007 S. 201

272
drungener Marxist und Revolutionär, geprägt vom Ringen um Gerechtigkeit und
Freiheit im Angesicht der lateinamerikanischen Militärdiktaturen der 1960er und
1970er Jahre, und gereift am Einfluss des europäischen Exils, ehe er in seiner letzten
Schaffensperiode beides zusammenführte. Obwohl er nicht gern darüber sprach,
nahm ich ihn auch als spirituellen Menschen wahr. So könnte auch sein letztes
Buch gelesen werden.762
Die konsequente Einbettung des von ihm gesammelten und entwickelten
Methodenschatzes in die Schule der elicitiven Konflikttransformation, besorgte der
Kanadier David Diamond,763 1981 Gründer des Headlines Theatre in Vancouver,764
der mit Boals Einverständnis und aus den nun darzulegenden Gründen aus dem
Theater der Unterdrückten das Theatre for Living machte. So wie Boal auf die Er-
kenntnisse seiner Vorgänger baute, gerann seine Arbeit transrational im Ansatz Di-
amonds.765 Er beruft sich, wie ich im ersten Band dieser Trilogie, auf Fritjof Capra,
und ordnet die strukturalistische Grundlage des Theaters der Unterdrückten folge-
richtig dem modernen Friedensverständnis zu, während sein systemtheoretischer
Zugang das Theatre for Living als Methode der elicitiven Konflikttransformation in
das Feld der transrationalen Frieden rückt. Diamond hält die Trennung des Unter-
drückten vom Unterdrücker für ein mechanistisches Konstrukt.766 Darin hat ihm
Boal auf der Basis seiner langjährigen Erfahrung zugestimmt. Diamonds Verdienst
liegt darin, diese aus der Praxis des Theaters der Unterdrückten erarbeitete Einsicht
in ein kohärentes friedenstheoretisches Gesamtkonzept gegossen zu haben.
Die systemtheoretische Weltsicht des Theatre for Living nimmt den Gegensatz
zwischen Unterdrückten und Unterdrückern als dysfunktionalen Teil ein und des-
selben lebenden Organismus’, nämlich der Gesellschaft, wahr. Um sich den Wur-
zeln des Problems anzunähern, untersucht diese Theaterform zwar die Lage der
Unterdrückten, öffnet den Raum aber auch für die Ängste, Wünsche und Vorstel-
lungen der Unterdrücker. Denn in einem lebenden System kommen Unterdrücker
nicht von außen. Sie werden vielmehr im System selbst gezüchtet, von ihm selbst
hervorgebracht. Die klare Trennung zwischen Unterdrücker und Unterdrücktem,
wie es Marxismus und Strukturalismus annahmen, gibt es in dieser Vorstellung
nicht mehr. Diamond bettete diesen Zugang explizit in den systemtheoretischen
Ansatz und rückte dadurch den gesamten Kanon unmittelbar in das Zentrum der

762 Boal 2006


763 *1953 Winnipeg
764 Vancouver’s Headlines Theatre (18.2.2010)
765 Diamond 2007 S. 24
766 Diamond 2007 S. 22

273
elicitiven Konflikttransformation. Das macht sein Denken für dieses Buch besonders
wichtig, ohne andere bedeutende Nachfolger Boals deshalb geringzuschätzen.767
Diamond verwindet Boals Ansatz, ohne für die kathartische Praxis Morenos zu
optieren. Er betont immer wieder, dass er kein Therapeut sein will. Wie Boal will
Diamond das Theater als energetischen Treibsatz in der Gemeinschaftsarbeit einsetzen.
Es geht ihm nicht um Beschwichtigung, aber auch nicht um Revolution, sondern um
das, was er in Anlehnung an Capra Autopoiesis nennt. Damit meint er, dass sich
Gesellschaften oder Gemeinschaften als lebendige Systeme in einem bestimmten
Raum selbst organisieren.768 Wird dieser Selbstorganisationsprozess als dysfunktional
empfunden, sucht das System nach geeigneten Mitteln der Korrektur.
In der Systemtheorie lässt sich die marxistische Annahme, dass die Menschen
Gefangene der Strukturen wären, in denen sie leben, nicht halten. Es wird umge-
kehrt angenommen, dass ungerechte und gewaltträchtige Strukturen durch gemein-
same Verhaltensmuster aller Beteiligten hervorgebracht werden. Daher ist politi-
scher Aktivismus, der darauf zielt, nur die Strukturen zu verändern, ohne die
Verhaltensmuster zu berücksichtigen, zum Scheitern verurteilt. Das Theatre for
Living sieht menschliche Gemeinschaften als wohl von Individuen geformte, aber
selbständig lebende Organismen. Diamond verwendet dafür Boals Techniken des
Forumtheaters oder der Bilderarbeit unverändert. Er zielt aber explizit auf die Ver-
änderung der Verhaltensmuster, welche die strukturelle Gewalt hervorbringen, nicht
bloß auf die unterdrückende Struktur an sich.769
Die unübersichtlich verwobenen Zusammenhänge des wirklichen Lebens lassen
es nach Diamond nicht zu, hierarchische und eindeutige Aussagen über das Phäno-
men der Unterdrückung zu treffen. Denn in einem System koppelt jedes Verhalten
auf komplexe Weise auf die Akteure zurück. Diamond stellt zahlreiche überzeugende
Beispiele von unterdrückenden Unterdrückten und unterdrückten Unterdrückern vor,
Menschen, die in einem Ausschnitt der Wirklichkeit als Peiniger und Tyrannen auf-
treten, im anderen aber selbst Objekt gewalttätiger Strukturen sind. Als Extrembei-
spiel sei hier der Kindersoldat genannt. Solche Kinder sind zweifelsfrei Opfer gewalt-
tätiger Strukturen, auf schlimmste Weise Unterdrückte. Wer ihnen im Feld begegnet,
wird sie in der Situation aber vor allem als völlig enthemmte und unberechenbare

767 Birgit Fritz wies mich nachdrücklich auf die Bedeutung von Sanjoy Ganguly vom indischen Jana
Sanskriti und den britischen Professor, Theatermacher und Schauspieler Ralph Yarrow hin. Sie
hob hervor, dass auch etliche Frauen in dieser Bewegung eine wichtige Stellung haben, etwa Jan
Cohen-Cruz und Mady Schutzman. Ich danke ihr für diese Hinweise und gebe sie hiermit gerne
weiter. Siehe America Imagining (11.11.2010), California Institute of the Arts (11.11.2010) und
Cohen-Cruz/Schutzman 2006.
768 Diamond 2007 S. 45
769 Diamond 2007 S. 38/39. Das hat Boal in seiner späteren Phase ebenso gesehen.

274
Bedrohung für das eigene Leben, als Schrecken erregende Faktoren der eigenen Un-
terdrückung wahrnehmen.770
Unterdrücker und Unterdrückte sind in einem lebenden System, etwa in einer
Familie, Nachbarschaft oder Gesellschaft nicht nur schicksalhaft miteinander ver-
bunden, sondern sich beziehungshaft konstituierende Elemente ein und desselben
Netzwerks. Ein lebendes System kreiert seine eigene Ethik, seine Regeln und
Strukturen, aber es ist nicht in absoluter Weise moralisch. In der Systemtheorie gib
es keinen objektiv guten Unterdrückten oder objektiv bösen Unterdrücker, sondern
nur einen unterdrückenden, eventuell dysfunktionalen, gerade deshalb aber gestalt-
baren und heilbaren Zusammenhang.771 Diamond meint, und ich stimme ihm
darin zu, dass es beim Theater als Methode der Konflikttransformation darum ge-
hen muss, dass das System am Lernen über seine selbstzerstörerischen Strukturen
heilt, nicht darum, individuelle Unterdrücker zu verurteilen, zu isolieren oder zu
überwinden.
Das Theatre for Living als Methode zielt auf die kommunikativen Verhaltens-
muster und auf die Wirkungsweise der Rückkoppelungsschleifen. Diamond will aus
dem Theater Energie gewinnen, diese aber nicht gegen die Unterdrücker richten,
sondern gegen die Unterdrückung schaffenden Verhaltensmuster aller Beteiligten.
Im Forum Diamonds kann der Unterdrücker ersetzt werden, sofern die Alternative
realistisch bleibt. Zumeist tritt eine Figur aber erst gar nicht als Unterdrücker auf,
sondern vielmehr als vielschichtig angelegter Charakter, der mehr oder weniger
seinen Teil zum Konflikt beiträgt, als Antagonist. Das war unter den Theatermache-
rInnen lange ein heiß umstrittener Punkt, an dem sich die Schulen schieden. Völli-
gen Konsens gibt es dazu nach wie vor nicht.
Das Theatre for Living kann sich den Unterdrückten nicht selbst anbieten,
denn es will die Gesellschaft nicht nach seinen Idealen verändern. Es kann nur da
auftreten, wo es entweder von Gemeinschaften eingeladen wird, weil sich diese einer
bestimmten Dysfunktionalität ihres Systems bewusst sind und ein entsprechendes
Thema mit Hilfe des Theaters behandeln wollen. Oder es lädt selbst ein.
Boal hat für Theaterformen plädiert, die den Unterdrückten eine Stimme geben.
Er hatte konkrete Vorstellungen von Gerechtigkeit, Demokratie und gesellschaftlicher
Entwicklung und setzte sich dafür ein, dass sich die Gesellschaften diesen Idealen auf
revolutionäre Weise annähern. Die Methode seines für diesen Zweck entworfenen
Theaters war und ist aber die Frage, nicht die vorgefertigte Antwort. Sein Verdienst
lag darin, dass er anders als andere Revolutionäre den Unterdrückten keine Hand-

770 Dasselbe Beispiel verwenden Lederach/Lederach 2010 S. 17–22 mit ausdrücklichem Verweis auf
die transformative Kraft von Theater und Musik, aber ohne mein Modell zu kennen.
771 Diamond 2007 S. 63

275
lungsanleitung geben wollte, sondern ihnen über das Theater Methoden anbot, diesen
Weg selbst zu erkennen. Er rechnete in seiner Arbeit mit dem eigenen Irrtum und war
offen für Alternativen, die aus dem Kontext entwickelt wurden. Dennoch blieb sein
Verständnis von Konfliktarbeit insofern modern und präskriptiv als er auf ein politi-
sches Ideal hin arbeitete.
Diamond wendet sich auch davon ab. Er nimmt Boal beim Wort und meint,
wenn eine lebendige Gemeinschaft eingeladen wird, über das Theater als Methode
sich und ihre Konflikte offen auszudrücken, alles akzeptiert, respektiert und bearbeitet
werden muss, was auf die Bühne kommt, auch wenn es nicht der Absicht des Facili-
tators entspricht. Diese Methode stellt den Spectactors individuell und als Gruppe
sensible Fragen über ihr Leben, ihren Ort, ihre Gemeinschaftlichkeit, ihre Konflikte
und Kämpfe. Sie werden aufgefordert, auf neue Weise zu denken und Verbindungen
zwischen den Vorstellungen anderer Leute und den eigenen Erfahrungen herzustellen.
Sie werden eingeladen, Momente ihres eigenen emotionalen und physischen Lebens
für den Gruppenprozess aufzumachen. In gewisser Hinsicht wird durch diesen Vor-
gang das Gruppenbewusstsein zum Erwachen gebracht. Die Antworten, die dabei
gefunden werden, mögen weit von dem entfernt sein, was sich der Joker, der Spiellei-
ter, der Facilitator, Veranstalter oder der Sponsor wünschen. Doch die Antworten, die
durch das Theatre for Living in diesem Raum und von dieser Gemeinschaft gefunden
werden, sind wahrhaftig. Sie leiten Spiel und Wirklichkeit in die nächste Phase.772
Das Theatre for Living ist eine elicitive Methode, die notwendigerweise alles
annimmt, was die Gemeinschaft als Option der Konflikttransformation kreiert.
Diamond beschreibt das so: We are not there to teach them lessons. Theatre for Living
is not prescriptive […]. We are there to explore this moment, this idea that has come
from the community.773 Der Facilitator oder Joker darf keinesfalls anleiten oder auch
nur andeuten, wo die Reise für die Gruppe hingeht. Er kann sie dabei unterstützen,
wenn sie feststellen und ausdrücken will, wo sie hier und jetzt steht, um zu erkun-
den, wo sie hin will. Das ist ausreichend und oft schwer genug, weil es nicht selten
erhebliche, im System selbst angelegte Widerstände gegen solche Prozesse der Be-
wusstwerdung gibt. Daher ist die gemeinschaftliche Arbeit an einem derartigen
Theater und die Selbstanalyse einer Gruppe für sich selbst ein Lernprozess, den der
Facilitator unterstützen kann, wenn er darum gebeten wird. Er mag ein Berater und
Helfer bezüglich der Methode und Technik sein. Die ExpertInnen für das eigene
Leben sind ausschließlich die Gruppenmitglieder selbst.774

772 Diamond 2007 S. 83 und 181


773 Diamond 2007 S. 79
774 Diamond 2007 S. 202

276
Wer die Unterdrückung als fixe, aber abstrakte Größe annimmt und nur mit
den Unterdrückten arbeitet, kann sich auf deren Kompetenz betreffend das eigene
Leben verlassen und darauf bauen, dass sie im Theater das volle Spektrum ihrer
Optionen erkunden. Wer aber Unterdrückung als einen systemischen Zusammen-
hang versteht und die Rückkoppelungsschleifen durch die Lebenswirklichkeit der
Unterdrücker hindurch verfolgen will, benötigt eine Expertise, die in einfachen
Settings oft nicht gegeben ist. Diamond spricht in diesem Zusammenhang von der
notwendigen Authentizität und wahrhaftigen Stimme der Unterdrücker. Als Bei-
spiel führt er ein Stück an, in dem es um Gesundheitsfragen geht und ein Arzt als
Unterdrücker auftritt. Soll der unterdrückende Arzt nicht ein fixes Abstraktum
bleiben, sondern ein interagierender Charakter sein, benötigt das Theater einen
Spectactor, der in der Lage ist, auf die angespielten Varianten mit dem notwendigen
Minimum an medizinischem Fachwissen zu reagieren. Ist das nicht vorhanden,
droht das gesamte Unternehmen rasch in Phantasie und Fiktion abzugleiten.775
Das gilt auch für die therapeutischen Spätformen der Boal’schen Theaterarbeit.
Mit den Cops in the Head hat sich Boal selbst am weitesten in den systemischen
Bereich vorgewagt. Die „Polizisten“ als RepräsentantInnen verschiedener Aspekte
des Überichs einer Person mögen bei Boal einen etwas statischen und autoritären
Charakter haben, während Diamond sie zuerst einmal offener und spontaner als
unterschiedliche Stimmen der gesellschaftlichen Rückkoppelung auf das individuelle
Denken und Tun im Hier und Jetzt versteht.
Diamond geht aber noch einen wichtigen systemtheoretischen Schritt weiter
als Boal. Er fragt, ob die „Polizisten“ nur in den Köpfen von Individuen existierten
oder ob es nicht auch Cops in the Head des kollektiven Bewusstseins eines Systems
gebe. Von da aus erweitert er die Cops zu Corporations in our heads, indem er argu-
mentiert, dass die veröffentlichten Stimmen sozialer Einrichtungen, Institutionen,
Interessensverbände und Unternehmen im täglichen Leben von Kommunikations-
gesellschaften mindestens ebenso präsent wären wie die natürlicher Autoritäten. Im
Lichte der Systemtheorie sind all diese Einrichtungen lebende Systeme mit dem
entsprechenden Einfluss auf ihre Umgebung.776 Indem er das unterstellt, verlangt
Diamond von der Methode auch die Anwendbarkeit auf Gemeinschaftsebene. Ob-
wohl das eine epistemologische Abweichung zu Boal darstellt, sind die methodi-
schen Konsequenzen gering. Bei den Cops in the Head übernimmt Diamond die
Boal’sche Arbeitsweise nahezu unverändert und erweitert lediglich Interpretation
und Einsatzbereich.777

775 Diamond 2007 S. 77


776 Diamond 2007 S. 198–202
777 Diamond 2007 S. 193–198

277
Anders ist das beim Rainbow of Desires. Diamond entkleidet diese Methode ihres
modernen, individuell-therapeutischen Charakters und bettet sie neu in sein systemi-
sches Verständnis ein. Das heißt konkret, dass es bei ihm nicht mehr allein um die
Ängste, Vorstellungen und Wünsche eines Protagonisten geht, sondern dass diese
durch die Ängste, Vorstellungen und Wünsche mindestens eines Antagonist genann-
ten Kommunikationspartners geleitet werden müssen. Diamond entwickelt in den
Bühnenfiguren nicht nur das Gefühlsspektrum des Geschichtenerzählers, sondern
auch jenes mindestens eines erzählten Gegenspielers. Dadurch löst er die Geschichte
von der einseitigen Perspektive des Erzählers und öffnet sie für den ambivalenten
Erfahrungsschatz der Spectactors. Auf der Bühne werden die verschiedenen „Farben“
der Regenbögen zueinander in Beziehung gesetzt, aufeinander rückgekoppelt. Es wird
dabei erkundet, welcher eigene Frontplayer,778 welcher Kommunikationsstil bei wel-
chem Frontplayer des Kommunikationspartners welche Reaktion bewirkt. Dadurch
wird aus der individuellen Geschichte eine Erkundung der Kommunikationsformen
im gemeinschaftlichen System der Spectactors, die für alle Teilnehmenden ebenso
erkenntnisreich und transformativ sein kann wie für den Protagonisten selbst. Wäh-
rend bei Boal der Antagonist der Unterdrücker ist und somit funktionalisiert bleibt,
arbeitet Diamond mit dem entscheidenden Unterschied, dass er den Antagonisten
humanisiert, ihn ebenso wie den Protagonisten mit Ängsten, Wünschen und Hoff-
nungen ausstattet. Er wird dadurch flexibler, ansprechbar und das Spektrum der er-
kennbaren und vorstellbaren Handlungsoptionen weitet sich, was im Sinne elicitiver
Konflikttransformation ein erstrebenswerter Effekt ist.779
Der tatsächliche und potenzielle Einsatzbereich des Theaters als Königsdiszip-
lin elicitiver Konflikttransformation ist nahezu unerschöpflich. Ebenso ist das Spekt-
rum enorm vielfältig geworden. David Diamond ist keineswegs der einzige und aus
der Perspektive der Theaterszene vielleicht nicht einmal der wichtigste Nachfolger
Boals. Er ist aber jener, der die Bedeutung der Methode für die elicitive Konflikt-
transformation am deutlichsten gemacht hat. Damit sei nicht gesagt, dass elicitive
Arbeit zwangsläufig auf diese Methode greift. Das würde sie schon wieder präskrip-
tiv machen und der Vielfalt realer Einsatzsituationen nicht gerecht werden. Der
Regelfall ist eher die bloß persönliche Wirkungsweise der elicitiven Konfliktarbeite-
rInnen als Facilitators. Die Häufigkeit und Beliebtheit der Theatermethoden hat
aber gute Gründe, die sich aus praktischen Erfahrungen speisen.

778 Schulz von Thun (22.9.2009)


779 Diamond 2007 S. 184–193

278
F. Zur transrationalen Wende in der internationalen
Friedensarbeit

Die unterschiedlichen Methoden elicitiver Konflikttransformation, deren Darstel-


lung in diesem Band weit von vollständig bleibt, weil sie sich nur an jenen Techni-
ken orientiert, die bislang im Innsbrucker Friedenslehrgang als Inhalt und Methode
eingesetzt wurden, zielen alle auf die Steigerung der Kommunikationsfähigkeit, des
Selbst- und Systembewusstseins der Akteure. Das erfahren die Lernenden im Rah-
men des Studiums in erster Linie an sich selbst als Gruppe und Individuen, die sich
später als professionelle Facilitators in Konflikte unterschiedlicher Art einbringen
wollen. Sie mögen das kognitiv Erlernte mit den und für die Parteien anwenden
oder lediglich für die eigene Orientierung und Supervision einsetzen und entspre-
chend dem Kontext die am Besten geeignete Methode wählen. Obwohl sich jede
dieser Methoden in der Praxis vielfach bewährt hat und ihre RepräsentantInnen zu
den erfolgreichsten und prominentesten KonfliktarbeiterInnen unserer Zeit gehö-
ren, taucht immer wieder die Frage auf, welche praktische Relevanz Methoden ha-
ben, die in der Lehre unorthodox, wenn nicht gar unakademisch und vielleicht
sogar etwas verrückt erscheinen.
Tatsächlich wäre es eine verrückte Idee, zum Beispiel den Nahostkonflikt direkt
mit einer holotropen Atemsitzung transformieren zu wollen.780 Doch so sind diese
Methoden nie gemeint gewesen. Jede von ihnen hat in ihrem Rahmen größte Praxis-
relevanz. Dieser Rahmen ist nicht universal, aber weitaus größer als auf den ersten
Blick angenommen werden könnte. Unorthodox erscheinen sie nur, wenn sie auf die
maskenhafte Oberfläche des behavioristischen Konfliktklempnerns bezogen werden.
Weltingenieure mögen es nicht, wenn das Publikum ihr professionelles Gehabe
durchschaut und des Kaiser neue Kleider belacht.

780 Kaum hatte ich diesen Satz geschrieben, erschien mit der Vorschlag nicht mehr so verrückt. Im
Hinblick auf die bei solchen Übungen erfahrungsgemäß auftretenden transpersonalen Effekte,
könnte so etwas heilsam und einen Versuch wert sein. Nichtdestotrotz wird es sich in absehbarer
Zeit nicht organisieren lassen, weshalb mir die Idee verrückt im Sinne von idealistisch, nicht aber
von absurd erscheint.

279

W. Dietrich, Variationen über die vielen Frieden, DOI 10.1007/978-3-531-93089-3_6,


© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011
Deshalb wird in der Politikberatung größter Wert auf kausale Wissenschaft-
lichkeit gelegt. Die drückt sich aus systemischer Sicht bevorzugt im positivistischen
Hantieren mit Meinungsumfragen aus. Diese füttern von der lokalen bis zur inter-
nationalen Politik meinungshungrige Egos, bis diese inhaltslose Meinungen abson-
dern, die das Publikum als veröffentlichte Meinung konsumiert und wieder in Mei-
nungsumfragen rückkoppelt. Diese Art von Politikwissenschaftlichkeit macht aus
vermeintlichen politischen Führungskräften Gefolgsleute ihres Gefolges. Die ermü-
denden Resultate dieses Kreislaufs lassen sich täglich in den Medien verfolgen.
Erfreulicher- und notwendigerweise ist das nur ein Gesicht des politischen Ge-
schäfts. Denn in seiner Substanz geht es wie bei jeder gesellschaftsgestaltenden Tä-
tigkeit auch in der Politik um menschliche Beziehungen, die sich mit der Hilfe
positivistischer Wissenschaftlichkeit nur wenig gestalten lassen. Über wie viel not-
wendiges Faktenwissen und wie viele Daten oder sensible Information ein Politiker,
ein hoher Beamter oder Diplomat auch verfügen mag, seine Bereitschaft zu selektiver
Authentizität in der Selbstoffenbarung, seine Empathiefähigkeit auf der Bezie-
hungsebene, seine Wahrnehmungsfähigkeit bezüglich der Gefühle, Bedürfnisse und
Wünsche des Gegenübers und seine Aufrichtigkeit in der Formulierung der eigenen
Wünsche und Ziele sind in jeder Verhandlung nicht quantifizierbare und doch alles
entscheidende Faktoren für die Resultate von Politik, Diplomatie oder Konfliktarbeit.
Deshalb gibt es kaum noch erfolgreiche PolitikerInnen, die ohne Kommuni-
kationstraining auskommen. ManagerInnen tanken ihre leeren Batterien durch
Übungen auf, die meist nichts als Meditation und Yoga unter neuem Namen sind,
DiplomatInnen legen sich auf die Couch der AnalytikerInnen oder begeben sich in
Humanistische Psychotherapie, KünstlerInnen erweitern und erheitern ihr Bewusst-
sein hyperventilierend, SozialarbeiterInnen versuchen sich im Theatre for Living,
Generäle erkennen Zusammenhänge über systemische Organisationsaufstellungen,
Intellektuelle tanzen ihr geschundenes Hirn fünfrhythmisch ins Lot und Friedens-
forscherInnen üben sich in Martial Arts. Sie alle sind nicht verrückt. Sie haben nur
still, heimlich und doch zielsicher den Zugang zu Sphären des Menschlichen er-
schlossen, die von moderner Kausalität gering geschätzt oder übersehen werden.
John Paul Lederach781 hat mit dem Schlagwort des Elicitiven die entscheidende
Bedeutung dieser Dimension für die Konfliktarbeit wiederentdeckt. Seine berühmt
gewordene Pyramide782 sagte in ihrer Urform nur aus, dass in der gesellschaftlichen
Stratifikation alle Akteure von den Grassroots über den für ihn sehr wichtigen Mit-
telbau regionaler Fach- und Führungskräfte bis zum Staatsoberhaupt interagieren,

781 Erstmals in Lederach 1995.


782 Meine Zeichnung nachempfunden Lederach 1997 S. 39

280
für den Transformationsprozess nach Gewalterfahrungen relevant sind und daher
situativ über geeignete Interventionstypen angesprochen werden müssen.

Lederachs Pyramide wird meist in dieser einfachen Seitenansicht dargestellt. Sie wurde
mittlerweile vielfach rezipiert, modifiziert und erweitert. Bahnbrechend an diesem
Modell aus den 1990er Jahren war, dass Lederach damit explizit den Übergang vom
mechanistischen zum systemischen Denken in der Friedenswissenschaft einläutete.
Gerade weil das eine Pionierleistung ist, verlangt sie danach, weiter durchdacht und
verfeinert zu werden. Lederach selbst hat ein Jahrzehnt nach der Erstveröffentlichung
seines Pyramidenmodells eine erweiterte und vertiefte Version desselben vorgestellt.
Da die Pyramide gelegentlich hierarchisch-mechanistisch interpretiert wurde, verwen-
dete er nun die Metapher des Spinnennetzes, die dem Modell in etwa folgende An-
sicht gibt:783

783 Lederach 2005 S. 82

281
Das ist meiner Ansicht nach nicht wirklich erhellend. Wird die Pyramide systemisch
gedacht, erscheint es mir unlogisch, sie zweidimensional als durchnetztes Dreieck
darzustellen, wie Lederach das macht, um die gegenseitige Abhängigkeit aller Ebe-
nen voneinander zu unterstreichen. Systemisch bedeutet nach meinem Verständnis
mehrdimensional, eine Pyramide eben und nicht einfach ein hierarchisch-zweidi-
mensionales Dreieck. Lederach selbst hat diese Einsicht schon in seinem Erstent-
wurf angedeutet, dann aber nicht weiter verfolgt. Bezugnehmend auf seine Erfah-
rung praktischer Konfliktarbeit im Sandinistischen Nikaragua der 1980er Jahre
zitierte er aus der Bibel den für ihn bedeutenden Psalm 85:10: Güte und Wahrheit
sind sich begegnet, Gerechtigkeit und Friede haben sich geküsst. Daraus desiderierte er
vorerst die vier Grundwerte Wahrheit, Güte, Gerechtigkeit und Frieden. Der Ort,
an dem diese sich träfen, wäre die Versöhnung, das notwendige Ziel jeder Konflikt-
arbeit.784
Lederach785 erweiterte Galtungs strukturalistisches Dreieck aus physischer,
struktureller und kultureller Gewalt um eine vierte Dimension, indem er den physi-
schen Aspekt in eine personale und eine relationale Dimension aufteilte. Das macht
einen entscheidenden Unterschied, da er damit auf der Basis aller Errungenschaften
der Humanistischen Psychologie die menschliche Existenz als Kontaktgrenze in
Tätigkeit berücksichtigt und die Spirale aus der Episode in das Epicentre öffnet.
Mit der begeisterten Berufung auf die alte, aber richtungweisende Arbeit von
Charles Wright Mills,786 in der dieser die Sozialwissenschaft aufforderte, den Zusam-
menhang zwischen individueller Biographie und sozialer Struktur zu beachten,787
anerkennt Lederach den unauflösbaren Zusammenhang zwischen den inneren
Vorgängen einer Person und ihren gesellschaftlichen Beziehungen, die ihrerseits aus
der unmittelbaren Situation, dem weiteren Kontext und dem tiefen Konzept des

784 Lederach 1997 S. 28


785 Lederach 1997 S. 82 und Lederach 2003 S. 23–35
786 1916–1962
787 Mills 1959. Dieser Text dient als Leitfaden für Lederach 2005.

282
Wahrnehmens, Interpretierens und Handelns bestehen. Mills hatte eigentlich nur die
Sozialwissenschaften auf die damals revolutionären Überlegungen über den Menschen
als Kontaktgrenze in Tätigkeit und die frühen Arbeiten der Systemtheorien
aufmerksam gemacht. Lederach griff das nach einem halben Jahrhundert für die
Konfliktforschung auf. Es scheint, dass das immer noch revolutionär und vielerorts
unverstanden ist. Der unausweichliche und sich ständig erneuernde Zwang zur
verantwortungsbewussten Entscheidung des Menschen als frei geborenem Wesen wird
so jedenfalls zur systemischen Grundlage der elicitiven Konfliktarbeit.
All das inspiriert mich zu einer Erweiterung der Pyramide, die sie nicht in ei-
nem zweidimensionalen Gewebe, sondern auf der Basis eines vierseitigen Grundris-
ses aus Person, Beziehung, Struktur und Kultur vorstellt, die von oben betrachtet so
aussieht:

Struktur

Beziehung
Person

Kultur

Dadurch wird die enge Verwandtschaft zwischen Lederachs Zugang zur elicitiven
Konflikttransformation und dem Modell der transrationalen Frieden, das ich in
Anlehnung an Ken Wilber im ersten Band dieser Trilogie interpretiert habe, offen-
sichtlich. Dies habe ich dort so dargestellt:788

Innen Außen
Energetisch und Moralisch und modern
postmodern
Intentional Verhalten Singular
Frieden aus Harmonie Frieden aus Sicherheit (Individuell)
Kulturell Sozial Plural
Frieden aus Wahrheit Frieden aus Gerechtigkeit (Kommunal)

788 Dietrich 2008 S. 385

283
Lederachs aus der Bibel abgeleitetes Versöhnungsdiagramm unter dem Titel A Place
Called Reconciliation sieht vereinfacht übersetzt folgendermaßen aus:789

Ich verstehe den Erkenntnisgegenstand des ersten Bandes meiner Trilogie, Frieden,
als ident mit Lederachs Zielvorstellung von Versöhnung. Immerhin titelt sein ent-
sprechendes Buch Building Peace. Daher unterstelle ich, dass da, wo Lederachs
funktioneller Begriff Versöhnung steht, teleologisch Frieden gemeint ist. Im Origi-
nal platziert Lederach im Feld von Frieden Harmonie, Einheit, Wohlstand, Sicher-
heit und Respekt in dieser Reihenfolge als Unterbegriffe. Zumindest die ersten bei-
den beziehen sich auf subjektive und innere Wahrnehmungen, weshalb ich glaube,
dass wir hier weitgehend dasselbe meinen. Die Begriffe Wahrheit und Gerechtigkeit
sind in beiden Modellen vollkommen identisch. Sicherheit, das bei mir als extern-
individueller Schlüsselbegriff steht, findet sich bei Lederach als Unterbegriff von
Frieden, was für sich selbst noch kein Widerspruch wäre, würde bei ihm nicht Güte
einen eigenen Quadranten begründen und die Unterbegriffe Anerkennung, Verge-
bung, Unterstützung, Mitgefühl und Heilen versammeln, die ich alle dem singulär-
internen Quadranten zuschreibe, nicht dem singulär-externen.
In Lederachs Modell betreffen Güte und ihre Unterbegriffe jenen Quadranten,
der Beziehung und Verhalten umschreibt. Ich halte es für möglich, in diesem Kon-
text Sicherheit als ein relationales Bedürfnis und Güte als das entsprechend versöh-
nungs- und friedensbezogene Verhalten zu interpretieren. In diesem Sinn wäre diese
Abweichung kein gravierender Widerspruch, sondern der Ausdruck von zwei Seiten
derselben Medaille. Wo Güte das Verhalten bestimmt, stellt sich Sicherheit in der
Beziehung ein. Wo nach Sicherheit verlangt wird, begründet Güte ein angemessenes
Verhalten in der Begegnung.

789 Lederach 1997 S. 30

284
Lederach führte ursprünglich die vier der Bibel entnommenen Grundwerte nur
implizit in die Graphik seiner Pyramide der Konfliktarbeit ein, weshalb diese vorerst
eine zweidimensionale und rein vertikal ausgerichtete Seitenansicht blieb. Ich führe
nun meine Matrix der transrationalen Frieden graphisch mit Lederachs Konzept der
elicitiven Konflikttransformation zusammen. Daraus ergibt sich folgendes Bild, in
dem der unauflösliche Zusammenhang zwischen den inneren und äußeren, den
individuellen und den gemeinschaftlichen Vorgängen entlang der menschlichen
Kontaktgrenze in Tätigkeit offensichtlich wird. Die nachstehende Bearbeitung der
Pyramide vereint das Bild der transrationalen Frieden mit Lederachs praktischem
Zugang zu elicitiver Konflikttransformation:

Struktur/Soziales

Gerechtigkeit

Beziehung/Verhalten
Person/Intention

Sicherheit
Harmonie

Wahrheit

Kultur/Gemeinschaft

Die dreidimensionale Ansicht von oben illustriert besser als meine ursprüngliche
Matrix den Zusammenhang zwischen all diesen Aspekten, wobei die jeweils innere
und äußere Dimension mitgedacht werden müssen. Diese Pyramide kann in ihrer
vollen Bedeutung nicht über die Episode ihrer Oberfläche verstanden werden. Die
von Lederach eingeführte Ebene der Person korrespondiert mit dem Individuell-
Inneren, also mit dem energetischen Quadranten des Friedens aus Harmonie im
Transrationalen. Er öffnet gleichsam die Tür in das Innere der persona,790 die nach
holistischem Prinzip selbst ein System ist. Daher muss die Pyramide als russische
Matrjoschka oder chinesische Schachtel gedacht werden, in der die kleineren Pyra-

790 Zu diesem terminus tecnicus ausführlich Dietrich 2008 S. 350–376

285
miden des Ego, die einzelnen Stimmen des inneren Teams und das Selbst als mehr-
schichtiges Epizentrum zu denken sind. Ruppert791 schlägt für den Weg von der
gesellschaftlichen Episode zum energetischen Epizentrum folgende therapeutischen
Folien vor: Gesellschaft, Verwandtschaft, Kernfamilie, Subjekt, Körper, Organe,
Zellen, Atome. Umgekehrt stülpt sich im Falle einer internationalen Operation im
Rahmen der Vereinten Nationen über die gesellschaftliche Oberfläche der konflikti-
ven Episode eine globale Pyramide als Interventionsgröße, die ihrerseits an allen
Ebenen und Seiten der Episode ohne Unterschied ansetzen muss, will sie sich als
Friedensinitiative verstehen. Von jeder Systemebene aus betrachtet, gibt es Auf- und
Abwärtseffekte. Das wirft für die Konfliktarbeit die Frage auf, welche dieser Ebenen
analysiert und gegebenenfalls bearbeitet werden kann und soll.792 Handelt es sich bei
einem Konflikt um eine gesellschaftliche Episode, um soziale Interaktion, familiäre
Verstrickung, einen Wahrnehmungsablauf, ein Stoffwechselproblem, einen phy-
sikalisch-chemischen Prozess? Die Begriffe multilateral, multinational, multikultu-
rell, multidimensional aus der Agenda for Peace793 erhalten auf diese Art eine Bedeu-
tung, die weit über den üblichen bürokratischen Gebrauch hinausgeht.
Eine hilfreiche Anwendung davon sehe ich in Laina Reynolds Levys794 Ver-
such. Sie erschließt die gesellschaftstragenden Sphären über eine noch stärker
strukturierte Obenansicht der Pyramide. Reynolds Levy benennt die vier Seiten der
Pyramidenoberfläche in leichter Abwandlung von Lederachs Benennung die poli-
tisch-konstitutionelle, die militärische, die psycho-soziale und die ökonomisch-sozi-
ale. Lederachs Pyramide und Reynolds Levys Ableitung daraus sind im gleichen
Maße vom Interesse getragen, innergesellschaftliche oder innerstaatliche Abläufe
und Wirkungsweisen zu erkennen und darzustellen. Dem folge ich zunächst durch
die Anpassung von Reynolds Levys Diagramm an die bisher diskutierten Modelle
unter Einbeziehung der von mir zuvor gewählten Benennung der Sphären:

791 Ruppert 2002 S. 49


792 Lederach/Lederach 2010 S. 41–68 argumentieren unter Verwendung eines etwas anderen
Vokabulars inhaltlich ähnlich. Es scheint, wir alle haben Lederachs ursprünglichen Ansatz parallel
in die Richtung weiter gedacht, die ich heute transrationale Wende nenne.
793 Boutros-Ghali 1992. A/47/277–S/24111 vom 17.Juni 1992
794 Reynolds Levy 2004

286
Ich frage auf der Basis dieser Interpretation von Lederachs Übung und deren Wei-
terentwicklung durch Reynolds Levy, wie diese relativ einfach nachweis- und an-
wendbaren Erfahrungen seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion oder Boutros
Boutros-Ghalis Agenda for Peace795 1992 auf jene Berufsfelder rückkoppeln, die in
der Praxis die Friedens- und Konfliktarbeit tragen. Im Sinne der Agenda for Peace
geht es um die multilaterale, multinationale, multikulturelle, multidimensionale
Friedensarbeit, die von außen an allen Themenbereichen und Feldern der obigen
Skizze ansetzt und sie auf diese Art mit dem größeren System korrespondieren lässt.
Welche substanziellen Veränderungen lassen sich identifizieren?
Die These dazu ist, dass der Übergang vom postmodernen Gefühls- und Geistes-
zustand der Gesellschaftssegmente in den Zentren des Weltsystems, aus denen viele
der für diese Betrachtung relevanten Akteure stammen, in multipolare Transrationali-
tät in kleinen Schritten und fast unbemerkt, aber dennoch erfolgt. Lederachs Ansatz
der elicitiven Konflikttransformation ist vor der Erfahrung der Friedensarbeit seit den
Balkankriegen in den 1990er Jahren längst kein Skandal mehr. Er hat dieses Modell

795 Boutros-Ghali 1992. A/47/277–S/24111 vom 17. Juni 1992

287
erstmals 1997, fünf Jahre nach der Agenda for Peace vorgestellt. Ich nehme seither eine
deutlich zunehmende Zahl transrationaler Akteure in den traditionellen Feldern der
Friedens- und Konfliktarbeit wahr.
Die friedenspolitische Bilanz der Weltpolitik seither von Afrika über Palästina
bis in den Irak, Afghanistan, Pakistan, Sri Lanka und so fort erscheint nicht eben
ermutigend. Es lässt sich sicher nicht behaupten, dass transrationale Akteure die
Welt gerettet hätten oder dies jemals tun werden. Das würde dem transrationalen
Ansatz auch zutiefst widersprechen. Ich glaube aber, dass sie über eine Vielzahl
neuer Methoden, Möglichkeiten und Perspektiven verfügen, von denen jede für sich
eine transformative Kraft in konkreten Kontexten hat und das, was Lederach elici-
tive Konflikttransformation nennt, längst eine sich selbst genügende Wirklichkeit
von begrenzter Reichweite und Dauer geworden ist. Sie produziert viele kleine Frie-
den, die täglich aufs Neue gewonnen, erkannt und verteidigt werden wollen.
Ich konzentriere mich in der Folge auf den Kernbereich jener international tä-
tigen Akteure aus und in diesen Feldern, die jene transrationale Wende zu vollziehen
begonnen haben: Auf der politisch-administrativen Ebene ist das die Diplomatie als
Ausdruck internationaler Konfliktkultur; im Beziehungsbereich sind es Militär und
Polizei als Werkzeuge internationaler Sicherheitsoperationen; im psychosozialen
Feld ist es die Entwicklungspolitik im letztendlichen Dienste der persönlich-intenti-
onalen Harmonie; und auf der strukturellen Ebene der Gerechtigkeit betrifft das die
Frage eines sozial verträglichen Wirtschaftens.796

1 Die transrationale Wende in der Diplomatie

Diplomatie als soziale Funktion reicht in vorgeschichtliche Zeiten zurück. Sie ist
älter als die Idee des Staates, denn der Bedarf an Menschen, die in der Lage sind, die
Bedürfnisse und Interessen der einen Gruppe gegenüber der anderen zu vertreten,
muss wohl existieren, seit es einigermaßen bewusstes Wahrnehmen des Menschseins
und des Lebens in Verbänden gibt. Auch die aktuellere Praxis hoheitlich autorisier-
ter, protokollarisch formalisierter und standesmäßig ritualisierter Außenvertretung
ist älter als der Nationalstaat. Sie reicht über das Mittelalter in die Antike aller Erd-
teile zurück.797 1815 beschloss der Wiener Kongress die Charter der diplomatischen
Beziehungen.798 Seither wird von Diplomatie im zeitgenössischen Sinn gesprochen.
In diesem Dokument wurden die gemeinhin bekannten Aufgaben und Rechte der

796 Sehr ähnlich begründete Lederach 2005 S. 28 seinen Ansatz.


797 Burton (29.3.2010)
798 Traxl (31.3.2010)

288
Diplomatie systematisiert, ausformuliert und völkerrechtlich normiert. Zu den klas-
sischen Sonderrechten von DiplomatInnen zählen seit 1815 Immunität, Exterritori-
alität und das Recht auf ungehinderte Ausübung der eigenen Religion. Zu den tra-
ditionellen Aufgaben gehören die Vertretung der Interessen des Herkunftslandes im
Gastland; Beschaffung von für das Herkunftsland relevanter Information im Land
der Mission; Schaffung der atmosphärischen und gesellschaftlichen Grundlagen für
die Weiterentwicklung der zwischenstaatlichen Beziehungen; Unterbindung oder
Reduktion möglicher zwischenstaatlicher Spannungen; Ausführung der ministe-
riellen Anweisungen entsprechend der vorher geschaffenen Grundlagen; Weiterent-
wicklung der völkerrechtlichen Standards und Praxis entsprechend der konkreten
Gepflogenheiten und Erfahrungen.
Auch wenn die Postmoderne799 nationalstaatliche Außenpolitik als Fortsetzung
des Krieges mit anderen Mitteln kritisiert, ist das landläufige Selbstverständnis der
Diplomatie, dass ihre Aufgabe vor allem darin liegt, die Interessen und Konflikte
der Staaten ohne Anwendung physischer Gewalt oder militärischer Zwangsmittel zu
lösen, womit ihre Kunst der eigentliche Idealtypus der Friedensarbeit wäre. Denn
weil das Militär im demokratischen Rechtsstaat der Politik stets untergeordnet ist,
muss der Krieg nach dieser Sichtweise die bloße Fortsetzung der Politik mit anderen
Mitteln sein,800 wie Carl von Clausewitz801 in seinem berühmtesten Satz gemeint
hat, und nicht umgekehrt. Damit wäre die postmoderne Sichtweise sachlich falsch
und ethisch verantwortungslos. Da das ein ausreichend kommentierter Disput zwi-
schen modernen und postmodernen Standpunkten ist, brauche ich mich in diesem
Band nicht in diesen Streit einzubringen. Denn hier geht es primär um das Mittel,
nicht um den Zweck. Welcher dieser auch immer sei, die Bedingungen diplomati-
schen Agierens haben sich seit der formellen und globalen Etablierung des Berufs-
standes dramatisch verändert.
Beim klassischen Diplomaten handelte es sich um einen Mann, der sich auf
dem Parkett der Macht zu bewegen verstand. Der Habitus seiner kleinen Welt war
streng formalisiert, nicht nur hierarchisch strukturiert sondern auch ethisch und
juristisch normiert, was die darin agierenden Menschen unabhängig von ihrer
ethno-politischen Herkunft stark aneinander anglich. Genau das hob sie von den
Durchschnittsmenschen ihrer eigenen Gesellschaft ab und reduzierte ihren Zirkel
auf sich selbst. Der schwedische Botschafter mochte über lange Zeit und ungeachtet
der konkreten Person dem chilenischen ähnlicher gewesen sein, als einem schwedi-
schen Bäcker. Dies war im Sinne des Berufsbildes nicht nur akzeptiert sondern er-

799 Idealtypisch Foucault 1999


800 Clausewitz 1832
801 1780–1831

289
wünscht, denn in der Diplomatie kam es primär darauf an, sich mit dem Standes-
kollegen des anderen Landes zu verständigen und nicht unbedingt mit dem Bauern
oder Tischler, der ideell und funktionell vertreten wurde. Deshalb wurde diese
Szene nicht nur von Französisch als gemeinsamer Standessprache sondern auch von
einem eigenen Soziolekt, eigenen Glaubenssätzen und quasi-aristokratischen Um-
gangsformen bestimmt, in denen Individualität wenig geschätzt war.
In diesem Sinn war Diplomatie tatsächlich eine Kunst. Denn der einzelne
Diplomat musste sich fern seiner Hauptstadt wohl auf seinen eigenen persönlichen
Stil, Charme, Charakter, sein Charisma, seine Intelligenz, Beobachtungsgabe und
Kommunikationsfähigkeit verlassen, war dabei aber durch das Mandat seiner Regie-
rung und die protokollarische Verregelung seiner Mission auf das Engste einge-
schränkt. Diese protokollarischen Rituale sind aus psychologischer Sicht zwanghafte
Milieumuster. Sie sind im modernen Kontext der Diplomatie aus der Angst entstan-
den, dass persönliche Gefühle, Interessen oder Beziehungen das reibungsfreie Funk-
tionieren der diplomatischen Vertretungen behindern könnten. Aus transrationaler
Sicht erweckt der institutionelle Versuch derartiger Objektivierung und Rationali-
sierung nicht nur Erstaunen hinsichtlich des Glaubenssatzes, sondern auch Mitleid
mit den Individuen, die einem solchen Berufsbild ausgesetzt wurden.
Das Dilemma lag darin, dass Diplomaten wohl über ein hohes Maß an Ge-
staltungsspielraum und Eigenverantwortung verfügten, aber gegenüber ihren Minis-
terien weisungsgebunden, oft beamtet802 und immer dem Protokoll ihres Berufs-
standes unterworfen waren. Rückblickend überrascht nicht, dass nur wenige diesen
Balanceakt wirklich schafften. Es mag darüber spekuliert werden, wie viele Kriege
des 19. und 20. Jahrhundert durch gelungene Diplomatie verhindert wurden. Für
das halbe Jahrhundert zwischen 1945 und 1995 meinen Pfetsch und Roloff,803 dass
13 aus weltweit 121 potenziell gewaltträchtigen Auseinandersetzungen über regio-
nale Autonomie und ethnopolitisch oder religiös begründete Konflikte diplomatisch
beigelegt wurden. Über Zahlen, Erhebungs- und Bewertungsmethoden lässt sich
immer streiten, doch dieses Ergebnis mag zumindest einen Richtwert geben.
Evident ist auch, dass vor 1945 die Ausweitung und Blütezeit der hohen Diplomatie
mit den umfangreichsten Gewaltakten der Menschheitsgeschichte einhergeht.
Das Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen von 1961804 war
die erste völkerrechtliche Neufassung des diplomatischen Protokolls seit 1815.
Doch die Praxis veränderte sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts und vor allem
seit den 1990er Jahren des weitaus dramatischer als das Völkerrecht. Die

802 Eine wichtige Ausnahme von dieser Praxis sind die USA, in denen Botschafter kein Karriereberuf ist.
803 Pfetsch/Roloff 2000
804 Wagner/Raasch/Pröpstl 2007

290
informationstechnologische Revolution gab den diplomatischen Missionen neuen
Charakter, Sinn und Rahmen. Das Stakkato höchstrangig beschickter Gipfeltreffen
der VertreterInnen aller Staaten, Regionen, Institutionen und Themenbereiche seit
den 1990er Jahren zeigt, wie sehr traditionelle Schlüsselfunktionen der Diplomatie
in die Kompetenz der ministeriellen Zentren verschoben wurden. In Zeiten der
Nullzeitübertragung von Kommunikation und eines Verkehrsnetzes, das jeden
Kabinett- oder Sektionschef, Minister oder Präsidenten binnen Stunden an jeden
beliebigen Platz der Welt befördert, wurde die klassische Diplomatie von einer
Kunst auf ein zuarbeitendes und weisungsgebundenes Verwaltungshandwerk
reduziert, das gerade wegen dieses Bedeutungsverlustes immer öfter als überbezahlt
wahrgenommen wird. Der faktische und funktionelle Bedeutungsverlust befreite die
beamtete Diplomatie aber nicht aus ihrem Zwangsmuster. Im Gegenteil, unter den
neuen Bedingungen erweisen sich die starren, einst für nützlich gehaltenen Rituale
als hinderlich für angewandte Friedensarbeit.
Die raschere Übertragung von Kommunikation und der schnellere Zugriff der
Zentrale auf die Mission bedeutet nämlich auf der persönlichen Ebene, dass sich der
in der Außenwirkung reduzierte Beamte in der Innenwirkung stärker kontrolliert
fühlt und Form- oder Sachfehler schwerer wiegen als früher, weil sie seiner Position
oder Karriere schaden könnten. Das macht ihn abhängiger und reduziert seine Risi-
kofreude und Verantwortungsbereitschaft. Aus individueller Sicht nimmt der
Zwangscharakter des Milieus somit bei sinkender individueller Strahlkraft und Re-
putation zu, was ein neues Publikum in dieses Berufsfeld einziehen lässt. So ist nur
folgerichtig, dass im Zuge der weltweiten Finanzkrise nach 2008 in etlichen Staaten
die Entbehrlichkeit diplomatischer Vertretungen diskutiert wurde. Das wäre 100
Jahre vorher nicht einmal denkbar gewesen.
Dennoch ist noch lange nicht der Zeitpunkt gekommen, das Ende der Diplo-
matie auszurufen. Denn ungeachtet aller technologischen Innovationen sind Staaten
Menschenwerk, das von Menschen, und nur von ihnen, gelenkt und repräsentiert
wird. Deshalb bleibt die zwischenmenschliche Interaktion der Träger staatlicher
und gesellschaftlicher Beziehungen. Es geht auch auf der höchsten repräsentativen
Ebene immer um zwischenmenschliche Kommunikation. Wer sich in der Politik
oder Diplomatie bewegt, muss deshalb in der Lage sein, Kommunikationsstile zu
interpretieren, Gruppenprozesse zu lesen und zu leiten, emotionale Antriebe auf der
Beziehungsebene von substanziellen Interessensgegensätzen auf der Faktenebene zu
unterscheiden, individuell oder kollektiv gewählte Traumata, Übertragungen, Ge-
genübertragungen, Projektionen und Introjektionen hinter vermeintlich sachlichen
Argumentationsoberflächen zu erkennen, um zugleich in vollem Selbst-Bewusstsein

291
respektvoll auf die VerhandlungsteilnehmerInnen, deren Empfinden und Groß-
gruppenrepräsentanz einzugehen. Das ist und bleibt eine notwendige Kunst, deren
methodische und inhaltliche Ausübung sich von jener Berufsgruppe, die traditionell
damit befasst war, in ein breiteres Soziolekt verlagert und erweitert hat.
Dieser Verlagerungsprozess, in dem ich eine Art von Transrationalisierung
sehe, drückt sich am deutlichsten im Schlagwort Multitrack Diplomacy aus. Dieser
Begriff entstand Mitte der 1980er Jahre in wissenschaftlichen Kreisen, als einfluss-
reiche Mitglieder dieser Zirkel sich bei verschiedensten Anlässen mit ihren Pendants
aus der in Verfall begriffenen Sowjet Union trafen. In dieser Phase spielten ältere
Einrichtungen wie die Pugwash-Konferenz, die George Mason und die Harvard Uni-
versity oder das Esalen Institute eine bedeutende Rolle. Vor allem wissenschaftliche
Institutionen und Fachverbände wie zum Beispiel die American Psychiatric Associa-
tion oder das Carl Rogers Peace Project gingen bewusst und organisiert daran, Konfe-
renzen mit FachkollegInnen aus Konfliktzonen einzuberufen, auf denen mehr als
alles andere die atmosphärischen und argumentativen Aufgaben der traditionellen
Diplomatie wahrgenommen wurden. Die in diesem Buch schon erwähnten Initiati-
ven von Michael Murphy, Carl Rogers, Virginia Satir oder Morihei Ueshiba reprä-
sentieren eine Vielzahl solcher Versuche. Bei diesen Begegnungen ergab sich ein
diskreter Meinungs- und Informationsaustausch, der von da aus atmosphärisch und
meist vertraulich auf die administrativen Zentren der Macht rückkoppelte.
Im Grunde war an diesen Initiativen nichts neu, denn Wissenschaft, Wirt-
schaft, Sport und Kunst haben zu allen Zeiten über alle Staats-, Religions- und
Weltanschauungsgrenzen hinweg die andere Seite bereist und besucht, dort mit
ihresgleichen gearbeitet, diskutiert, diskret beraten und die eigenen Regierungen mit
Information und Meinung versorgt. Die herkömmliche Diplomatie schätzte es aber
nicht, wenn sie dadurch in ihren Kernaufgaben gestört wurde. Mit Perestroika,
Glasnost und schließlich dem Zusammenbruch des Sowjet-Systems änderte sich ge-
nau das. Traditionell nicht dazu berufene, aber einflussreiche Akteursgruppen be-
trachteten es zunehmend als ihre Aufgabe, sich organisiert in die klassischen Tätig-
keitsbereiche der Diplomatie einzumischen. Aus diesen Akteuren ragten am Anfang
vor allem Psychologie und Psychotherapie heraus, was auf die rasche und breite
Institutionalisierung des therapeutischen Diskurses in den USA hinweist. Dieser
Diskurs hatte innerhalb weniger Jahrzehnte in alle Gesellschaftsbereiche Einzug
gehalten und Politik war ohne seine Berücksichtigung nicht mehr möglich.805 Nach
seiner Verankerung in der veröffentlichten Meinung griffen ab Mitte der 1980er
Jahre, als sich das Weltsystem in eine offensichtliche Bifurkation begab, seine Prota-
gonistInnen auch direkt und aktiv auf den traditionellen Aufgabenbereich der In-

805 Illouz 2009 S. 264

292
ternationalen Politik und Diplomatie zu. Diese neue, inoffizielle Form der Diplo-
matie rückte folgerichtig als immer öfter auftretendes Phänomen in den Mittel-
punkt des friedenswissenschaftlichen Erkenntnisinteresses.
Der Diplomat Joseph Montville bezeichnete als erster jene inoffiziellen Akti-
vitäten einflussreicher Institutionen und Persönlichkeiten, die vorsätzlich und orga-
nisiert in den Bereich klassischer Diplomatie vordrangen, als Track Two Diplo-
macy,806 während Track One in seiner Sprachregelung die offizielle Diplomatie
meinte. Montville gehörte einem psychoanalytisch orientierten Kreis in den USA
an, dessen erste Vertreter wie Christopher Mitchell,807 Harold Saunders808 oder
Vamik Volkan809 sich am aus Österreich stammenden Sozialethiker Herbert Kel-
man810 an der Harvard University orientierten und sich besonders an der George
Mason University in Virginia um John Burton sammelten. Letztere wurde zur füh-
renden Ausbildungsstätte dieser Richtung.811
John Burton,812 ein australischer Karrierediplomat und Wissenschafter metho-
distischer Herkunft, der an vielen internationalen Großereignissen seiner Zeit betei-
ligt gewesen war, hatte sich durch seine ebenso weitsichtigen wie unkonventionellen
Ansichten und Methoden einen großen, aber höchst umstrittenen Ruf in der Dip-
lomatie seiner Zeit erarbeitet. Er verbrachte die zweite Hälfte der 1980er Jahre an
der George Mason University. Vor allem in der englischsprachigen Literatur wird er
oft als Gründer einer eigenen Richtung der Conflict Resolution gefeiert, weil er schon
sehr früh Arbeiten auf die Systemtheorie, Klientzentrierte Psychologie und Maslow’s
Konzept der Grundbedürfnisse gebaut hat.813 Dass er sich damit in seinem Milieu
Gehör verschaffen konnte, ist zweifelsfrei ein Verdienst. Burtons frühe Erkenntnis,
dass internationale Konflikte eng mit inneren Konflikten von Staaten verknüpft
sind, war zu seiner Zeit eine aufregende Neuerung für die Diplomatie.814
Auch als prominenter Spiritus Rector des Track Two Ansatzes hat er zweifelsfrei
seine Verdienste. Vamik Volkan,815 der in den 1980er Jahren die ersten Konferenzen

806 Montville/Davidson 1982 S. 145–157 und darauf aufbauend und ausführlicher MacDonald/
Bendahmane 1987.
807 Mitchell 1981
808 Saunders 1991 S. 41 ff.
809 Volkan/Montville/Demetrios 1991
810 *1927 Wien; 1993–2003 Direktor des Program on International Conflict Analysis and Resolution am
Weatherhead Center for International Affairs an der Harvard University. Kelman (30.3.2010).
Exemplarisch für sein umfangreiches Werk in diesem Feld Kelman 2000 S. 273–288.
811 Mitchell/Banks 1996
812 *1915 Melbourne. Eine ausführliche Würdigung bei Ramsbotham/Woodhouse/Miall 2005 S. 43–47
813 Burton 1969
814 Burton 1984
815 Volkan 2003 S. 216/217

293
dieser Art an der Universität von Virginia organisierte, bemerkt dazu allerdings, dass es
Burton damals um die institutionelle Reorganisation der Internationalen Beziehungen
ging, nicht um die Änderung der Einstellung und des Verhaltens von Diplomaten
oder um die Lösung des beklemmenden Zwangs zur Konformität innerhalb der be-
stehenden Kaste und Ordnung. Burton vertrat gegenüber seinen spätstrukturalistisch
denkenden Anhängern eine eher idealistische Position und sah den Nutzen der Psy-
choanalyse für Diplomatie und Internationale Beziehungen nicht. Zwar kann ich
Volkans Enttäuschung darüber nicht teilen, aber ich pflichte ihm bei, wenn er Burton
deshalb nicht als Wegweiser in eine neue Disziplin oder Schule betrachtet. Ich würde
in ihm eher einen brillanten Rezipienten der großen Themen seiner Zeit innerhalb der
präskriptiven Konfliktlösung sehen als einen transrationalen Vordenker der elicitiven
Konflikttransformation. Diese richtungsweisende Rolle spielte unter seinen Zeitgenos-
sen doch eher Adam Curle,816 der im Gegensatz zu Burton auf der Basis ähnlicher
Vordenker wie Bateson, Bertalanffy, Rapoport, Rogers oder Maslow nicht nur zum
Track Two-Konzept durchdrang, sondern auch darüber hinaus ging und John Paul
Lederach den Weg zur elicitiven Konflikttransformation wies. Auch Lederach optierte
schon in der Kernthese seines ersten richtungweisenden Buchs für die Track Two
Diplomacy:

I believe that the nature and characteristics of contemporary conflict suggest the need for a
set of concepts and approaches that go beyond traditional statist diplomacy. Building
peace in today’s conflicts calls for long-term commitment to establishing an infrastructure
across the levels of a society an infrastructure that empowers the resources for recon-
ciliation from within that society and maximizes the contribution from outside.817

Das strukturalistische Modell der Track Two Diplomacy wurde breit rezipiert und
weiter ausgebaut. Zuerst folgte die Definition von Track Three Diplomacy für die
erst ab da so zu bezeichnende elicitive Konflikttransformation in der Tiefenkultur
von Gemeinden und Nachbarschaften, an den so genannten Grassroots. Diese post-
strukturalistische Erweiterung des ursprünglichen Ansatzes argumentierte in den
USA am Klarsten der in diesem Buch so oft zitierte John Paul Lederach, der für
diesen Zweck auf die Vorarbeiten Curls und der Humanistischen Psychologie griff,
als er die Praxis der elicitiven Konflikttransformation einführte.818 Aber auch der
ehemalige Botschafter John MacDonald, zuerst ein prominenter Vertreter der
strukturalistischen Two Tracks Diplomacy bewegte sich immer weiter in diese Rich-

816 Curle1995
817 Lederach1997 S. xvi und18
818 Siehe unter anderen Reimann 2004 S. 42–66

294
tung und gilt mittlerweile in den USA als Bannerträger des als Multitrack Diplomacy
bekannt gewordenen Ansatzes, der seiner ganzen Natur nach die Grenzüberschrei-
tung vom Post-strukturalismus in die Transrationalität der Diplomatie ist.819
Unter MacDonalds Einfluss griff nämlich die systemisch orientierte Friedens-
forschung das Thema auf und entwickelte einen weiter ausdifferenzierten, neun-
spurigen Ansatz, der mit den Prinzipien transrationaler Friedensforschung über-
einstimmt und sich auch als praxistauglich erwiesen hat. Heute wird unter Mul-
titrack zumeist das neunstufige Modell des Institute for Multi-Track Diplomacy820
mit Sitz an der University of Colorado in Boulder verstanden. Die Graphik seines
systemischen Zugangs erinnert an ein schamanisches Medizinrad, was Kenner des
transrationalen Ansatzes an dieser Stelle nicht mehr überrascht.821 Multitrack Diplo-
macy behandelt die Zusammenhänge zwischen den entsprechend vernetzten Ebenen
nach der hierarchiefreien Logik des Medizinrads. Die Tracks sind in diesem der US-
amerikanischen Gesellschaftsstruktur nachempfundenem Modell folgende:

ƒ Regierung,
ƒ Professionelle Konfliktarbeit,
ƒ Geschäftswelt,
ƒ Individuelle Bürgerdiplomatie,
ƒ Forschung, Ausbildung, Fortbildung
ƒ Zivil organisierter Friedenaktivismus,
ƒ Religion,
ƒ Finanzierung,
ƒ Veröffentlichte Meinung und Medien,

Das neunte Element verweist an der ursprünglichen Stelle der hohen Politik in das
Innere des nachempfundenen Medizinrads und damit auf die Annahme unendlich
vieler weiterer relevanter Ebenen:

819 Sehr interessant ist sein Perspektivenwechsel zwischen den beiden wichtigen Publikationen
MacDonald/Bendahmane 1987 und Diamond/MacDonald 1996.
820 Institute for Multitrack Diplomacy (25.11.2009)
821 Siehe dazu Kapitel B.1. Das schamanische Medizinrad ist ein altbewährtes und weit verbreitetes
Mittel der Konflikttransformation auf Gemeindeebene. Seine Verwendung in der systemische
Konfliktarbeit des Multitrack Ansatzes ist daher naheliegend und folgerichtig.

295
Quelle: MacDonald (25.11.2009)

Mit dem Multitrack Ansatz ist die Diplomatie in die Initiative und Verfügung der
Gesellschaften zurück gelangt, ohne die klassische Diplomatie auszuschließen oder
abzuschaffen. Entscheidend wird unter diesen Bedingungen die Frage, wer die Ak-
teure in diesem System sind, wie sie denken und wie sie sich auf ihr Tun vorbereiten.
Menschen, die im Geist der Humanistischen Psychologie trainiert sind, erlan-
gen in der Regel mehr Selbst-Bewusstsein als für die protokollarische Ordnung
klassischer Diplomatie gut ist. Das Berufsbild der klassischen Diplomatie steht mit
den behavioristischen Geboten des traditionellen Peacekeeping und der Conflict Re-
solution (Settlement, Management) im Einklang. Es verlangt nicht nach mehr. Alles
was darüber hinausgeht, wäre problematisch für die Staatsraison, obwohl und ge-
rade weil persönlich befreiend für die in diesem Feld agierenden Menschen.
Der im Kontext der Psychoanalyse entwickelte Track Two Ansatz Montvilles,
Volkans und anderer ist in seiner ursprünglichen Version eine Art amerikanischer
Nachlauf zum Strukturalismus, wie ihn die europäische Friedensforschung vor allem

296
von Johan Galtung822 kennt. Als ergänzende Schiene zur offiziellen Diplomatie
wurde dabei das vermeintlich neue Berufsbild des psychopolitischen Experten ent-
wickelt. Track Two war in seiner Zeit zweifelsfrei eine notwendige und heilsame
Erweiterung der eindimensionalen Diplomatie.
Das Bild war aber auch von Beginn an mit der strukturalistischen Vorstellung
vom neutralen und objektiven Experten aufgeladen, der einem Arzt oder Analytiker
gleich zur Heilung der Probleme und Konflikte anderer Menschen, in diesem Fall
von Großgruppen samt ihren politischen und diplomatischen Eliten, in der Lage
wäre. Zwar haben die Vertreter dieser Tendenz großteils den konzeptionellen
Schritt von der Konfliktlösung zur Konflikttransformation vollzogen. Die meisten
sind in ihrem methodischen Umgang damit aber in präskriptiven Glaubenssätzen
und Methoden verhaftet geblieben. Das verleiht ihrem Berufsverständnis oft die
Attitüde eines Dr. Freud der Internationalen Beziehungen. Ihre zahlreich produ-
zierten Manuale und Handbücher lesen sich manchmal wie Kochbücher der Kon-
fliktarbeit, nach denen mit dem richtigen Rezept jeder Konflikt gargemacht werden
kann. Die an kohärenter theoretischer Gründung nicht besonders interessierte Tra-
dition ihrer Konfliktlösungs-Workshops verstieg sich nur allzu gern zu einer Übung,
bei der sie ihre eigenen, meist unbewusst und unbemerkt in den Prozess einge-
brachten Normen, Glaubenssätze und Erwartungen mit Ergebnissen verwechselten
und als systematisch erarbeitete Erkenntnisse verkauften.823 Reimann spricht in ihrer
furiosen, aber brillant de-konstruktivistischen Kritik von höchst subjektiven Wert-
urteilen, die sich als objektive Beschreibung von Transformationsprozessen geben.824
Track Two-DiplomatInnen unterscheiden sich von klassischen DiplomatInnen
durch einen anderen Ausbildungsschwerpunkt, durch die Besoldungslinie Wissen-
schaft und Forschung statt Äußeres und durch das etwas andere Arbeitswerkzeug. In
der gesellschaftlichen Wirkung beanspruchen psychopolitische BeraterInnen aber
dieselbe Stellung und Aufmerksamkeit wie die DiplomatInnen der ersten Schiene, die
sie im Grunde supervidieren wollen. In ihrem Berufsbild bewegen sich beide in einer
etwas alltagsfernen Sphäre, die entsprechend ihren Arbeitsregeln über das Schicksal

822 Anders als Reimann 2004 S. 57 oder Miall 2004 S. 4, die Galtung in der post-strukturalistischen
Tradition sehen, ordne ich ihn der präskriptiven Konflikttransformation des Strukturalismus zu.
Da sich seine Oevre über einen extrem langen Zeitraum zieht, in dem sich sein Ansatz vom Einen
zum Anderen neigte, lässt sich aus der Literatur beides argumentieren. Während seine Texte seit
den 1990er Jahren eher post-strukturalistische Inhalte transportieren, weisen ihn sein persönlicher
Kommunikationsstil und seine Didaktik in Lehre und Praxis als geradezu typischen Vertreter des
präskriptiven Verständnisses von strukturalistischer Konfliktarbeit im Sinne der Kritik Reimanns
aus. Im selben Sinn auch die Galtung-Kritik bei Lawler 2008 S. 73–89.
823 Beispielhaft nenne ich dafür Fisher/Ury1981 oder Volkan 2003 S. 222–256.
824 Reimann 2004 S. 57–59

297
Dritter befinden und entscheiden will. Das Anforderungsprofil an das Psychogramm
für KandidatInnen beider Berufsbilder unterscheidet sich nicht so wesentlich, wie es
auf den ersten Blick erscheinen mag.
Der Multitrack-Ansatz öffnet Bedeutung und Wirkungsbereich von Diplomatie
radikal. Explizit bezieht sich das zuerst auf die neun oben genannten Sektoren. Prinzi-
piell meint das nach innen offene „Medizinrad“ aber alle Teile jeder Gesellschaft,
inklusive der im Colorado-Modell unterschlagenen Kunst. Eine so verstandene Dip-
lomatie benötigt mehr als einen neuen Typus oder eine neue Orientierung von Dip-
lomatInnen. Sie spricht ein ganzes Spektrum unterschiedlich begabter, geneigter,
ausgebildeter und fortbildungsbereiter Menschen an, in der nahezu unbegrenzten
Vielzahl konfligierender Kontexte und Zusammenhänge zu arbeiten. Natürlich müs-
sen auch sie Regeln befolgen, Strukturen aufbauen und einhalten, Expertise entwi-
ckeln. Welcher Art die Regeln, Strukturen und Erfordernisse sind, lässt sich erst im
konkreten Zusammenhang erkennen und nicht auf generalisierende Weise vorherbe-
stimmen oder vorhersagen. Konflikttransformation nach diesem Ansatz ist auf allen
Tracks, auch dem ersten, elicitiv.
Daher ist die Ausbildung für Multitrack Diplomacy auf der kognitiven Ebene in
notwendiger Weise begrenzt und in begrenzter Weise notwendig. Die wesentliche
Grundausstattung von transrationalen Multitrack-DiplomatInnen ist das Selbst-
Bewusstsein hinsichtlich ihrer persönlichen Möglichkeiten und Grenzen, hinsichtlich
ihrer Kommunikations-, Empathie- und Teamfähigkeit. Die persona ist bei Ausbil-
dungsbeginn bekannt, das humane Potential ist auszuloten. Dessen Grenzen zu
erkunden und zu erweitern, bevor es an die faktische, rechtliche, protokollarische,
methodische oder infrastrukturelle Vorbereitung der Konfliktarbeit in konkreten
Kontexten geht, ist eine Grundregel dieses Zugangs. Dem versucht der Innsbrucker
Universitätslehrgang mit seinen elicitiven Lehrmethoden und transrationalen Inhalten
gerecht zu werden. Einige gut erprobte Methoden dieser Vorbereitungsarbeit habe ich
in den ersten Kapiteln dieses Bandes diskutiert.
An dieser Stelle laufen transrationale Friedensphilosophie als Epistem, Mul-
titrack Diplomacy als ethisch-formaler Rahmen und elicitive Konflikttransformation
als Methode ineinander. Diskussionsstränge verschiedener Disziplinen und Schulen,
die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun zu haben scheinen, erweisen sich
in der Praxis als Phänomene einer Entwicklung, die besonders in den letzten 20
Jahren zu einer allgemeinen Transformation des Verständnisses von Konflikt und
Konfliktarbeit geführt hat – weg vom kausalen Prinzip, hin zum systemischen. Das
gilt auch für transrationale Diplomatie, welche das gesamte Spektrum der in der
Praxis längst entfalteten Multitrack Wirklichkeit umfasst.

298
2 Die transrationale Wende in militärischen Friedensoperationen

Ähnliches wie ich es vorher über das transrationale Verständnis von Diplomatie und
DiplomatInnen gesagt habe, gilt auch für das Militär als Faktor der multi-dimensi-
onalen Konflikt- und Friedensarbeit. Auch wenn sich das groteske Stereotyp des
Soldaten als gefühls- und rücksichtslos mordende Kampfmaschine nicht aus den
Phantasien und Computerspielen vieler Buben, nicht aus den Vorstellungen und
Agitationen strukturalistisch Friedensbewegter und auch nicht auch den Ängsten
und Beschlüssen vieler politisch Verantwortlichen wegdiskutieren lässt; auch wenn
dieses Bild über seichte Unterhaltung, oberflächliche Berichterstattung oder abge-
hobene Wissenschaft laufend auf das kollektive Bewusstsein rückkoppelt, entspricht
es längst nicht mehr der Wirklichkeit.
Ohne die uralte Kriegerethik verteidigen zu wollen, die ich im ersten Band die-
ser Trilogie825 im Zusammenhang mit Eirene und den moralischen Friedensbegriffen
angesprochen habe, muss doch mit Karl Jaspers826 die Kulturleistung dieser Ethik
anerkannt werden, die darin liegt, sich mit den psychischen, mentalen und spiritu-
ellen Dimensionen der physischen Gewaltanwendung auseinander gesetzt zu haben.
Keinem noch so gewalttätigen sozialen Kontext der Welt ging es zu irgendeiner Zeit
ausschließlich um größtmögliche Tötungseffizienz. Der Versuch einer Begründung
dieses Tuns, so absurd sie aus anderer Position auch scheinen mag, kann überall
beobachtet werden. Ich habe das in diesem Band bereits in Anlehnung an Morihei
Ueshiba für Budǀ und Bujutsu in Japan ausgeführt,827 im ersten Band bin ich auf
den inneren und äußeren Dschihad im Islam eingegangen, ebenso auf das Konzept
des gerechten oder gar heiligen Krieges, das sich von der mediterranen Antike bis
zur Regierung des Friedensnobelpreisträgers Barack Obama in den USA durchzieht.
Vorsätzliche, organisierte, individuell und emotional unbegründete Anwen-
dung physischer Gewalt gegen Fremde, mit denen es keine persönliche Verbindung
gibt, ist für jeden Menschen psychischer Stress und mit Traumatisierung verbun-
den. Eine Untersuchung der US Army im Zweiten Weltkrieg ergab, dass damals
nur ein Viertel der Soldaten im Zuge eines Gefechts tatsächlich schossen. Die meis-
ten der kurzfristig eingezogenen und relativ schlecht trainierten jungen Männer
konnten ihre mitgebrachte Tötungshemmung selbst unter Lebensgefahr nicht
überwinden. Die Angst vor dem Töten war größer als jene getötet zu werden. In-
folge dessen wurde das Training im Zuge des Korea-, des Vietnamkriegs und da-

825 Dietrich 2008


826 Jaspers 1955
827 Kapitel F.1.

299
nach auf diesen Punkt hin intensiviert. Das Ergebnis ist bekannt.828 Die professio-
nelle Auseinandersetzung mit diesem Stress, die systematische Überwindung der
Tötungs- und Verletzungshemmungen, die Verarbeitung der damit verbundenen
Ängste und schließlich das körperliche und technische Training der dafür notwen-
digen Kenntnisse ergeben eine langwierige Vorbereitung auf den Beruf des Soldaten,
der, nebenbei erwähnt, nicht nur diesen einen Punkt auf der Job Discription hat.
Der Befehl zum Töten und Getötet-Werden verlangt nach einer guten Begründung,
sofern er nicht unter extremen Zwangsverhältnissen erfolgt.
Das Gewaltmonopol des modernen Staates schaffte am Weg vom kleinen vride
zur großen pax829zahlreiche Legitimationen eigenmächtiger Gewaltanwendung in
Kleingruppen per Norm ab. Somit ist das Idealbild des Berufssoldaten, von dem
dieses Kapitel handelt, das eines der staatlichen Autorität, im besten Fall einer de-
mokratisch gewählten Regierung, verantwortlichen Beamten. Ähnlich wie der Dip-
lomat ist er an Weisungen und einen strikten Verhaltenkodex gebunden, aufgrund
seiner spezifischen Kenntnisse und seines delikaten Arbeitsbereichs aber auch mit
einem hohen Maß an Eigenverantwortung und Gestaltungsspielraum ausgestattet.
Seine verfassungsmäßige Hauptaufgabe im modernen Nationalstaat ist die Landes-
verteidigung. Daher sollte er idealtypisch innerhalb der eigenen Landesgrenzen
agieren. Erfahrungsgemäß finden aber auch so genannte Verteidigungskriege oft im
Ausland statt. Da zwischenstaatliche Kriege nach den klassischen Regeln des Völker-
rechts in der Praxis nicht mehr geführt werden, ist der reguläre Berufssoldat des 21.
Jahrhunderts im Ernstfall entweder mit Aufständischen im eigenen Land beschäftigt
oder er geht auf eine internationale Mission. Auf die Einsatzbedingungen in diesem
zweiten Fall, wenn Militärs im internationalen Kontext zum Faktor von Peacekee-
ping, Conflict Management, Conflict Settlement, Peaceenforcement oder dem von vie-
len Analysten bevorzugten Peacebuilding nach gewalttätigen Auseinandersetzungen
werden, möchte ich nun eingehen.830
Diese termini technici entstanden im Gefolge des Peacekeeping, wie es UN-Ge-
neralsekretär Dag Hammerskjold und der Vorsitzende der UN-Generalversamm-
lung Lester Pearson anlässlich der Suez-Krise 1956 formulierten. Demnach waren
die Prinzipien des Peacekeeping, dass Konsens der Konfliktparteien über die Errich-
tung einer entsprechenden UN Mission bestünde, die Truppen Gewalt nur zur
Selbstverteidigung anwenden, die Truppenkontingente von kleinen, neutralen Län-
dern gestellt würden, das Prinzip der Unparteilichkeit beachtet und der Einsatz vom

828 Barash/Webel 2009 S. 114


829 Dietrich 2008 S. 111–153
830 Erstaunlicherweise gibt es nur wenig differenzierte Literatur zur Begriffsbestimmung. Empfehlenswert
die gelungene Einführung Ramsbotham/Woodhouse/Miall 2005. Ebenso Miall 2004 S. 2–20.

300
UN-Generalsekretär überwacht würde. Friedensmissionen in diesem technischen
Sinne waren eine militärische Operation im Rahmen des Völkerrechts und vor den
politischen Möglichkeiten des Kalten Kriegs eher die Ausnahme der Konfliktarbeit
als deren Regel.831
Mit dem Ende des Kalten Kriegs änderte sich das grundlegend. Die Agenda for
Peace832 des UN Generalsekretärs Boutros Boutros-Ghali aus dem Jahr 1992 gilt,
wie schon wiederholt festgehalten, als Wegweiser für die Friedensarbeit der Verein-
ten Nationen in dieser neuen Epoche der Internationalen Beziehungen.
Das vormalige Verteidigungsbündnis North Atlantic Treaty Organization NATO
beschloss Anfang der 1990er Jahre im Angesicht des abhanden gekommenen Feindes
das strategische Konzept des Bündnisses inhaltlich und geographisch neu auszurich-
ten. Zum neuen Konzept gehörten vier zentrale Elemente:

ƒ die Erweiterung nach Mittel- und Osteuropa;


ƒ die „Europäisierung“ der Allianz;
ƒ die Bereitschaft, als Mandatsnehmer der Vereinten Nationen und der Organisa-
tion für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa OSZE aufzutreten;
ƒ die Bereitschaft, notfalls auch ohne UN-Mandat zu intervenieren.

1992 erklärte der NATO-Rat seine Bereitschaft, Friedensoperationen auch außer-


halb des eigenen Bündnisgebietes zu unterstützen. Damit gab er sich über die
Selbstermächtigung zu den so genannten Out of Area Strikes ein völlig neues Selbst-
verständnis und Aufgabengebiet, das politisch umstritten und jedenfalls folgen-
schwer war. Es lässt viele Leseweisen zu. Ex post jedenfalls auch die, dass sich da-
durch ein schlagkräftiger Akteur als Exekutor derartiger Missionen an die UN
andiente, auch wenn er, wie die Geschichte auf bedauerliche Weise gezeigt hat, die
UNO nicht benötigt, um kräftig zu schlagen.
Dasselbe gilt für die EU. Unter dem Titel Ein sicheres Europa in einer besseren
Welt. approbierte der Europäische Rat den unter dem Eindruck der Anschläge vom
11. September 2001 geschriebenen Entwurf des Hohen Vertreters der EU für die
Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik Javier Solana zu einer Europäischen
Sicherheitsstrategie.833 Als Hauptbedrohungen Europas wurden dabei in dieser
Reihenfolge genannt:

831 Hansen/Ramsbotham/Woodhouse 2004 S. 298


832 Boutros-Ghali 1992 A/47/277–S/24111vom 17. Juni 1992
833 Europäische Union 2003 (31.3.2010)

301
ƒ der Terrorismus;
ƒ die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen;
ƒ regionale Konflikte;
ƒ das Scheitern von Staaten;
ƒ organisierte Kriminalität.

Dabei werden in den näheren Ausführungen alle anderen Themen jeweils mit dem
Problem des Terrorismus verknüpft, sodass sie für sich selbst eigentlich gar keine ei-
genständigen Punkte darstellen. Die Sicherheit Europas gefährdet nach dieser Logik
der Terrorismus, der durch die übrigen Punkte gefördert wird. Die Maßnahmen, die
Europa zur Abwehr dieser Bedrohung schon getroffen hat oder noch treffen möchte
sind die Einführung des Europäischen Haftbefehls, Maßnahmen zur Bekämpfung der
Finanzierung terroristischer Gruppen, Rechtshilfeabkommen mit den USA, Nicht-
verbreitungspolitik, Unterstützung schwacher Staaten und Entwicklungshilfe als Kon-
fliktprävention. Im Hauptpunkt II, Strategische Ziele der Europäischen Sicherheitsstra-
tegie, heißt es schließlich: Bei den neuen Bedrohungen wird die erste Verteidigungslinie
oftmals im Ausland liegen.834 Damit übernimmt Unionseuropa etwas zeitversetzt den
NATO Beschluss über die Out of Area Strikes aus den frühen 1990er Jahren mit vol-
lem Inhalt.
Aus militärischer Sicht ist die Neuinterpretation dessen, was Peacemaking im
Sinne des Chapter VII der UN-Charter nach dem Zusammenbruch der Sowjet-
union sein soll, die gravierendste Veränderung und das vordringlichste Problem seit
diesen Neuerungen. Während herkömmliches Peacekeeping und post conflict Peace-
building mit umfangreichen zivilen Komponenten angereichert wurden, bei dem das
Militär auf die Aspekte Monitoring, Sicherheit und Logistik reduziert wurde, konnte
der Sicherheitsrat nunmehr Peacemaking auch ohne Einverständnis der Konflikt-
parteien beschließen, was es zu Peaceenforcement mit den Mitteln internationaler
Truppen machte, die nun nicht mehr notwendigerweise aus kleinen, neutralen Län-
dern kommen mussten. Für das Lagebild und die Einsatzlogik der SoldatInnen ist
das eine grundlegend andere Ausgangslage als bei den mit den Streitparteien akkor-
dierten Operationen.
Indem die Veto-Mächte zumindest prinzipiell damit aufhörten, sich aus ideo-
logischen und taktischen Gründen gegenseitig im Sicherheitsrat zu blockieren, stieg
die Zahl der Peacekeeping Missionen der Vereinten Nationen von fünf im Jahr 1988
auf elf 1992 und 15 im Jahr 2010. Insgesamt wurden im Zeitraum 1988 bis 2010
47 UN-Missionen fort- oder durchgeführt. Standen der UNO im Jahr 1988 weni-

834 Europäische Union 2003 S. 6 (31.3.2010)

302
ger als 10.000 SoldatInnen für diese Zwecke zur Verfügung, so taten im Februar
2010 etwas mehr als zehn Mal so viele Uniformierte Dienst in UN-Missionen, wo-
bei der Auslandseinsatz von Polizeikräften, der in den 1980er Jahren noch im Ver-
suchsstadium gewesen war,835 zur weitgehend akzeptierten Gepflogenheit wurde.
Das offizielle Peacekeeping-Budget der UN stieg von 230 Millionen Dollar 1988 auf
5,25 Milliarden im Budgetjahr 2007.836 Zwischen 1980 und 2007 hat der UN-
Sicherheitsrat in 17 Fällen über insgesamt 18 Mitgliedsstaaten Chapter VII-Maß-
nahmen verhängt. In der gesamten Zeit davor waren es zwei, Südafrika und Rhode-
sien, gewesen.837
Es kann argumentiert werden, dass diese Truppenstärke und der entsprechende
Budgetrahmen angesichts der globalen Herausforderungen viel zu niedrig und daher
für die relativ geringe Erfolgsrate der Operationen verantwortlich sind. Darauf wäre
eine alte Forderung der Friedensbewegung nach einer Friedenssteuer auf Waffen eine
immer noch originelle Antwort, die heute vielleicht realistischer klingt als während des
Kalten Kriegs. Denn bereits mit einer einprozentigen Besteuerung der offiziell ausge-
wiesenen Waffenverkäufe der wichtigsten Herstellerländer könnten sämtliche Frie-
densoperationen der Vereinten Nationen ausfinanziert und deutlich erweitert wer-
den.838 In Zeiten, in denen Tabak und Alkohol selbstverständlich besteuert werden
und sogar Finanztransaktionssteuern kein ideologisches Tabu mehr sind, sollte auch
eine solcher Vorschlag ernsthaft diskutiert werden dürfen.
Ungeachtet solcher Überlegungen zeigen die oben genannten Zahlen doch die
grundlegenden Verschiebungen des internationalen politischen Milieus, das auf das
Selbstverständnis von SoldatInnen aller Länder rückwirkt. Seit 1988 ist der Regelfall
eines Einsatzes unter UN-Flagge der innere Konflikt im Einsatzland, manchmal
grenzübergreifend, aber nicht im klassischen Sinn zwischenstaatlich. Werden solche
Einsätze gegen den Willen der unter Waffen stehenden Parteien erzwungen, treffen
die zumindest von den radikalen Kräften unerwünschten UN-Truppen auf offene
Kampfhandlungen, korrumpierte oder kollabierte Staatsordnungen, Milizen, para-
militärische Gruppen, lokale Warlords und selbstautorisierte Machthaber. Das imp-
liziert einen realen Kampfeinsatz unter persönlicher Lebensgefahr jeder Einsatzkraft.
Das alles bei völkerrechtlichen Rahmenbedingungen und einem Code of Conduct,
der das herkömmliche und erlernte Kampfverhalten außer Kraft setzt. Die militäri-
schen Ergebnisse einiger UN-Missionen mit Somalia 1993, bei mehr als 100 toten
Blauhelmsoldaten, Ruanda 1994 mit dem Genozid als Folge des Abzugs und Bos-

835 1988 waren ganze 35 PolizistInnen im offiziellen UN Einsatz


836 United Nations Peacekeeping 2000 (29.3.2010)
837 Wallensteen 2007 S. 240
838 Lederach 1997 S. 90

303
nien 1995 mit dem Desaster von Srebrenica und Gorazde als nachhaltigem Symbol
des Versagens waren ernüchternd. In Sierra Leone und Osttimor versagten die
Selbstverteidigungsmechanismen so weit, dass UN-Personal entführt und ermordet
wurde.839 In all diesen Fällen zeigte sich auf tragische Art, dass die Ausstattung der
Operationen mit All Necessary Means, wie die diplomatische Formel für Chapter
VII-Operationen des Peaceenforcement lautet, bei weitem nicht gegeben war. Wenn
Politik und Diplomatie so gravierend irren, bedeutet dies für die Einsatzkräfte ein
notwendiges Scheitern vor der Aufgabe mit allen Konsequenzen und im schlimms-
ten Falle den Tod.840
Dass die UN und das entsendete Personal in den 1990er Jahren mit den da-
mals neuen Herausforderungen überfordert waren, verwundert rückblickend nicht.
Die Organisation übernahm auf der Basis eines hoffnungslos veralteten, auf ver-
klungene Konfliktbilder abzielenden Statuts die Verantwortung für einen sich welt-
weit ausbreitenden Konflikttypus, für den sich die Bezeichnung New War eingebür-
gert hat und der in ihren Regeln nicht vorgesehen war. Die Einsatzkräfte, die an die
Front geschickt wurden, verfügten folgerichtig über keine Erfahrung und kein Trai-
ning im Umgang damit.
Herkömmliche SoldatInnen werden ausgebildet, um einen klar identifizierba-
ren Gegner zu besiegen, dessen Feind zu sein sie selbst akzeptieren müssen. Die enge
Bindung moderner Armeen an die Idee des Nationalstaats macht den Soldaten in
seinem Selbstverständnis üblicherweise zum Landesverteidiger. Wird dieses Selbst-
verständnis in anders gearteten, offensiven Einsätzen zu sehr irritiert, wie etwa im
Afghanistanabenteuer der Sowjetunion oder im Vietnamkrieg der USA, kann dies
fatale Auswirkungen auf die Moral und Kampfkraft der Truppe haben. Sozial legi-
timierte und hoheitlich organisierte Gewalt in der Moderne braucht ein gemeinsa-
mes Ziel, an das der einzelne Soldat glauben, das er mit seinesgleichen teilen
kann.841 Der überlebensnotwendige Sieg zielte darauf ab, den Gegner zu vernichten
oder wenigsten soweit kampfunfähig zu machen, dass er sich ergibt. Die dafür ver-
wendeten Mittel sind nach Möglichkeit militärische Non-Contact Skills, die im Ide-
alfall die Zivilbevölkerung schonen oder wenigstens keinen direkten und dauerhaf-
ten Kontakt mit ihr notwendig machen.
Zwar hat sich dieses Idealbild schon während der Guerillakriege des 20. Jahr-
hunderts aufgelöst, dass es aber auch von für die Militärdoktrin der stark integrier-
ten Staaten der nördlichen Hemisphäre hinfällig wurde, ergab sich erst durch die
neuen Einsatzsituationen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Solche Ein-

839 Hansen/Ramsbotham/Woodhouse 2004 S. 301


840 Wallensteen 2007 S. 240–247
841 Kaldor 1999 S. 25/26

304
sätze enden aus soldatischer Sicht nie mit einem Sieg, weil es dabei gerade darum
nicht geht. Vielmehr soll die Ursache eines Konfliktes bekämpft werden, der aus der
Sicht des Soldaten einsatztypisch nicht sein eigener und nicht der seiner Leute oder
seines Landes sein darf. Der Einsatzzweck ist das Ende der Gewalt zwischen Dritten,
was in letzter Instanz nur auf politischer Konsensbasis erreichbar ist. Entgegen dem,
was der Ausdruck unterstellt, wird nicht einmal beim Peaceenforcement das traditio-
nelle militärische Einsatzziel, der Sieg, erzwungen.
Auch wenn nicht im Rahmen der UN, und als Friedensmission von Grund auf
zweifelhaft, ist das Scheitern der USA und ihrer Allianz der Willigen im Irak dafür
ein Paradebeispiel. Im Sinn eines auf Sieg ausgerichteten militärischen Feldzugs war
das Unternehmen ein rascher Erfolg. Am Frieden nach dem von George W. Bush
ausgerufenen Ende des Kriegs sind diese Kräfte erbärmlich gescheitert, weil sie nur
ein politisch konstruiertes Kriegsziel hatten, aber kein für sie selbst glaubwürdiges
Friedensziel, folglich auch keine darauf ausgerichtete Einsatzphilosophie oder
Einsatzlogik. Ein so fundamentaler und symbolträchtiger Irrlauf wie Abu Graib darf
und kann einer an sich selbst glaubenden Friedenstruppe nicht passieren.
Friedenstruppen kämpfen notfalls, aber sie gewinnen nicht. Ein militärischer
Friedenseinsatz der Vereinten Nationen ist internationales Aikidǀ, nicht Bujutsu,
und dieser fundamentale Unterschied in der Einsatzphilosophie muss vom General-
stab bis zum einfachen Soldaten jedem Beteiligten klar sein, soll die Mission gelin-
gen. Es geht um die Transformation aggressiver Energie im Weltsystem, nicht um
kriegerische Zerstörung, nicht um ruhmreichen Sieg. Im Rahmen von Peacekeeping
können Friedenstruppen einen Beitrag zum Unterbinden größerer Gewalteskalation
leisten, im Peacebuilding zur Sicherheit und Logistik für zivile Aufbauprojekte in
Postkonfliktsituationen. Friedenstruppen sind nicht im Eigeninteresse unterwegs
und stets unparteiisch. Der Begriff neutral ist korrekterweise aus dem fachlichen
Sprachgebrauch verschwunden, weil sich die Herkunft der Truppen nicht auf im
völkerrechtlichen Sinn neutrale Staaten beschränkt. Neutralität als friedensphiloso-
phisches Konzept macht bei bewaffneten internationalen Missionen genauso wenig
Sinn wie bei der Gruppen- oder Paartherapie in der Humanistischen Psychologie.
Das gilt immer in der Konfliktarbeit, sobald klar ist, dass vermeintliche und be-
hauptete Objektivität nie etwas Anderes als eine weitere subjektive Meinung ist.842
Wie auch immer sich die Lage darstellt, UN-Soldaten sind in ihrem Selbstver-
ständnis niemals Feinde, sondern unparteiische Friedenskräfte, weshalb ihre stärkste
Waffe nicht das Gewehr oder Geschütz ist, sondern ihr Verhandlungsgeschick im
Umgang mit einem bewaffneten Gegenüber, das sich oft nicht an ethische Prinzi-
pien, nationale oder internationale Gesetze gebunden fühlt. Doch nicht nur mit den

842 Mitchell 1991 S. 221

305
schwer ausrechenbaren Streitparteien muss verhandelt werden. Auch gegenüber der
Zivilbevölkerung müssen die mit der Unparteilichkeit oft schwer vereinbaren Con-
tact Skills beherrscht werden, weil nur auf dieser Basis die eigene Präsenz organisiert
und gerechtfertigt werden kann und das Wohl dieser Bevölkerung das eigentliche
Einsatzziel ist. So genannte Kollateralschäden sind nicht nur zu vermeiden, sondern
unverzeihbar. Das alles unter weitgehend unbekannten Einsatzbedingungen. Oft
beherrschen die Einsatzkräfte nicht die Landessprache. Eine noch größere Heraus-
forderung sind religiöse Tabus, kulturelle Besonderheiten und lokale Umgangsfor-
men im Alltag, weil die Auseinandersetzung mit der prioritär scheinenden Sicher-
heitslage, Witterung, Landschaft oder Logistik alle verfügbare Aufmerksamkeit
binden kann.
All diese Aspekte wurden um die Jahrtausendwende als Lehren aus den ersten
großen Missionen der neunziger Jahre heftig diskutiert und kritisiert, auch inner-
halb der Militärs und der UNO.843 Der relativ einfache Schluss aus den Lektionen
der neunziger Jahre ist, dass im Angesicht der neuen Herausforderungen ein neues
Anforderungsprofil für BerufssoldatInnen und Armeen erarbeitet werden muss.
Klassische Kampfaufgaben und die entsprechenden Kenntnisse und Ausrüstungen
sind nicht obsolet. Ihr Einsatzverständnis im Rahmen der Vereinten Nationen be-
ruht aber auf einer globalen Friedensethik, nicht auf Patriotismus oder Pflichtbe-
wusstsein, wie das für konventionelle SoldatInnen des 20. Jahrhunderts üblich war.
Die Pflichtenliste der unverzichtbaren Grundausbildung für international ope-
rativ und sinnvoll einsetzbare Kampfkräfte des 21. Jahrhunderts umfasst über die
herkömmlichen soldatischen Tugenden, Kenntnisse und Fähigkeiten hinaus zum
Ersten ein erweitertes Spektrum an Sprachkenntnissen, weiters ein Basisverständnis
für sozio-psychologische Vorgänge in Einsatzsituationen, vor allem ein Bewusstsein
für die Auswirkungen des eigenen Verhaltens auf eine lokale Bevölkerung, in deren
Namen die Operation letztendlich durchgeführt wird. Dass New Wars neun Zivi-
listInnen für einen Kombattanten töten, während die Ratio im klassischen Krieg
alten Stils genau umgekehrt war,844 erklärt die hohe Bedeutung der soldatischen
Contact Skills im Rahmen von Friedensoperationen, die in fremde Kontexte inter-
venieren. Das umfasst interkulturelle Sensibilität und Kommunikationsfähigkeit,
besonders auch im Umgang mit Frauen, weshalb die Gender Balance solcher Opera-
tionen sich verändert hat und noch viel weiter verändern muss. Sie verlangt Leaders-
hip Skills nicht nur in den hohen Offiziersrängen, weil die Einsatzwirklichkeit vor
allem bei etablierten Peacekeeping und post conflict Peacebuilding Einsätzen auch

843 Beispielsweise im so genannten Brahmini Report: United Nations Peacekkeping 2000 (29.3.2010).
Von wissenschaftlicher Seite schon in der Erstauflage 2002 von Wallensteen 2007 S. 220–222.
844 Ury 2000 S. 88

306
relativ kleine, von niedrigeren Diensträngen kommandierte Einheiten in unmittel-
baren Kontakt mit der Bevölkerung bringt, sodass deren Kommunikationsstil we-
sentlichen Einfluss auf den Verlauf der Operation haben kann. In taoistischer Tra-
dition ist der beste militärische Friedensarbeiter jener, der nie kämpft, obwohl er
über alle Combat Skills verfügt. Das macht aus einer militärischen Friedensoperation
noch keine ethnologische Exkursion, aber eben so wenig einen Kampfeinsatz in
vermeintlichem Feindesland. Waren traditionelle Landesverteidiger die Sorgenkin-
der moderner Friedensbewegungen, so spielt der transrationale Soldat eine Schlüssel-
rolle in der Konfliktarbeit unter besonders schwierigen und gewaltträchtigen Um-
ständen.845 Diese Veränderung in der Einsatzlogik und im Berufsbild kann nicht
nachdrücklich genug betont werden.
Die Erfahrung der Einsätze in der jüngeren Vergangenheit hat weiters gezeigt,
dass im neuen Gebot der multilateralen, multidimensionalen, multinationalen und
multikulturellen Zusammensetzung der Truppen erhebliches Problempotential
liegt. Nicht nur die Sprachen und die Waffen, auch die Soziolekte und die Dienst-
auffassung der entsendenden Armeen können extrem unterschiedlich und deren
Koordination gelegentlich eine große Herausforderung sein. Massive Rückschläge so
mancher Mission sollen eher in diesem Bereich ihren Anfang genommen haben als
in der eigentlichen Lage vor Ort. Internationale Operationen verlangen Teamfähig-
keit, wo früher Kadavergehorsam gereicht haben mag. Sie verlangen ein Grundver-
ständnis für Gruppenprozesse in länger dauernden Einsatzsituationen, welche die
Auseinandersetzung mit dem Anderen und Unbekannten in den eigenen Reihen
nötig machen.
Dass die neue Einsatzpraxis der UN-Friedensmissionen seit den 1990er Jahren
weiters im Peacekeeping und Peacebuilding ein massives Ansteigen ziviler Einsatz-
kräfte vor Ort bewirkte und die Militärs auf klar umrissene Aufgaben begrenzt,846
stellt schließlich die dritte große Herausforderung für das Einsatzbild der SoldatIn-
nen dar. Denn egal ob zivile PolizistInnen, staatliche Institution Builder oder nicht-
staatliche ExpertInnen aus dem humanitären Bereich – sie alle befinden sich letzt-
endlich auf derselben Friedensmission wie die bewaffneten Kräfte. Für die Kommu-
nikation mit ihnen sind die Liaison-Offiziere zuständig, die dafür eigens geschult
werden. CIMIC wurde ein wichtiges Kürzel in der Fachsprache internationaler
Einsätze, wobei es dafür unterschiedliche Deutungen gibt. In der überwiegend eu-
ropäischen Variante meint Civil-Military-Cooperation die Zusammenarbeit zwischen
den Militärs in Friedensoperationen und den durch ihre Statuten selbstdefinierten
zivilen Einrichtungen zum Zweck der größtmöglichen Synergie und Sicherheit,

845 Zustimmend Ury 2000 S. 188


846 Hansen/Ramsbotham/Woodhouse 2004 S. 299

307
während Civil-Military-Coordination nach überwiegend amerikanischer, aber auch
sonst weit verbreiteter Diktion die zivilen Einrichtungen für den militärischen End-
zweck instrumentalisiert. Die zweite Variante stößt nicht selten auf wohl begründete
Zurückhaltung in der Zusammenarbeit auf ziviler Seite. Eine unmissverständliche
Klärung der zugrunde liegenden CIMIC Philosophie ist für eine zeitgemäße
Einsatzplanung unerlässlich.
In jeder Einsatzsituation liegt in diesem Bereich neben der Chance auf Syner-
gie auch großes Risiko, denn das weite und vielfältige Feld des CIMIC besteht nicht
nur so wie die oben erwähnten Kommunikationsfelder aus Menschen höchst unter-
schiedlicher Sprache, Kultur, Organisations- und Kommunikationsstile. Während
manche von ihnen, wie das Rote Kreuz/Roter Halbmond, Medecins sans Frontier,
Caritas, Oxfam, Save the Children und ähnliche, eine gut kommunizierende und
ohnedies quasi-militärische Einsatzroutine entwickelt haben, verfügen andere über
gar keine hierarchischen Strukturen. Sie befolgen auch keine internationalen Re-
geln, teils weil sie von blindem Idealismus getrieben, die Notwendigkeit nicht se-
hen, andere weil sie das aus ideologischen Gründen ablehnen.847 Letztere sind nicht
selten explizit militärfeindlich. Beide ermächtigen sich selbst, und obwohl sie sich
bei niemandem angemeldet haben, sind sie da. Das heißt, sie werden zu einem ju-
ristischen, diplomatischen, sozialen oder finanziellen Faktor und manchmal auch zu
einem der militärischen Sicherheit, wenn es auch nur die geringsten Probleme vor
Ort gibt. Für all das ist der Liaison-Offizier zuständig, aber aus denselben Gründen
wie im Umgang mit der lokalen Zivilbevölkerung keineswegs nur er.
Ich bin selbst mehrfach Zeuge von ernsthaften Schwierigkeiten in Einsatzsitu-
ationen geworden, die sich aus mangelhafter Kommunikation und Kooperation auf
dieser Ebene ergeben haben. Wiewohl die Schwachstellen meiner Beobachtung nach
öfter im zivilen Bereich gelegen sind als im militärischen, sehe ich bei der Einsatz-
koordination und Kommunikation zwischen militärischen und zivilen Kräften nach
wie vor großes Verbesserungspotential. Kleinere zivile Initiativen wirken oft am
Militär vorbei, größere tendieren gelegentlich zum eifersüchtigen Wettbewerb, wenn
es um prestigeträchtige Großprojekte geht. Beides ist dem gemeinsamen Ziel nicht
dienlich.
Fasse ich diese äußerst komprimierte Liste völlig neuer Herausforderungen
oder auch neuer Interpretationen alter soldatischer Tugenden zusammen, so wird
ersichtlich, dass sich das Profil einer Persönlichkeit, die sich für so einen Einsatz
wirklich eignet, erheblich vom Landesverteidiger alten Stils unterscheidet. Die
Fachliteratur ist seit der Jahrtausendwende voll mit Artikeln, die eine bessere pre

847 Ramsbotham/Woodhouse/Miall 2005 S. 224

308
deployment Preparation der SoldatInnen für die Complex Peace Operations verlangen
und nach dem Idealtypus der neuen SoldatInnen suchen.848
Ich nenne diesen Typus transrational, weil er erstens dem Paradoxon des mili-
tärischen Kampfes ausgesetzt ist, in dem er sein Leben riskiert, ohne eine Lizenz zum
Siegen zu haben. Zweitens muss er sich in bester Tradition Martin Bubers849 laufend
seiner freien Eigenverantwortung in der Entscheidung der Befehlsausführung bewusst
sein. Das kannte der moderne Landesverteidiger, der kausal einer ultimativen Instanz,
Sache und Wahrheit diente, nicht. Drittens dient dieser neue Typus im Sinne einer
über die Vereinten Nationen konstruierten Idee der Völkerfamilie, die in der All-
Einheit aller Menschen systemisch verbunden ist, just jenen Mitmenschen, in deren
Land er mit der Waffe in der Hand steht. Daher muss er empathisch und
kommunikationsfähig mit denen sein, die er nicht kennt und über die er in der Regel
so gut wie nichts weiß. Er muss sich der Feedback Loops seines Auftretens und daher
der Notwendigkeit eines selektiv authentischen und stets kongruenten Kommuni-
kationsstils bewusst sein. Denke ich diesen Gedanken radikal zu Ende, dient das
transrationale Militär ganz besonders jenen Einheimischen, von denen es mit der
Waffe in der Hand bekämpft wird. Als Extrembeispiel diene nochmals der Idealtyp
des Kindersoldaten. Er ist eine der unangenehmsten und gefährlichsten Bedrohungen
für jede internationale Operation, zugleich eines der hilfsbedürftigsten Wesen, das
dringend humanitären und psychologischen Beistand benötigt. Menschen wie ihm
soll die Mission in letzter Konsequenz Frieden bringen.
An dieser Stelle bekommt ein solcher Einsatz einen im Übermaß ethischen
Charakter, den Anstrich eines spirituellen, wenn nicht religiösen Unterfangens.
Jedenfalls geht das alles über die Grenzen moderner und auch postmoderner Rationa-
lität hinaus. Menschen, die sich bewusst und aus innerer Überzeugung zu einer
solchen Mission melden, haben eine transrationale Weltsicht, weil sie ihr Leben für
etwas riskieren, das sie als sinnvoll erachten. Wenn die Vereinten Nationen nicht
den Einsatz von Missionaries, Mercenaries oder Misfits fördern, sondern im Sinne
ihrer eigenen Vorgaben Peacekeeping, Enforcement oder Building betreiben, wird die
transrational orientierte Einsatzkraft der Idealtyp des Uniformierten im 21. Jahr-
hundert. Der Mangel an solchen Kräften ist dramatisch, weil sie nicht großflächig
angeworben und ausgebildet werden.
Militärische Apparate pflegen sehr langsam zu mahlen. Allein bis die strategi-
sche Einsicht in die Notwendigkeit zur Heranbildung solcher Kader gefunden ist,
vergehen Jahre, weil es dauert, bis altgediente Offiziere, die ihre erlernten Konzepte
und Einstellungen nicht verändern wollen, in die Pensionierung verabschiedet wer-

848 Exemplarisch der ausgezeichnete Beitrag von Hansen/Ramsbotham/Woodhouse 2004 S. 315.


849 In der Einleitung zu diesem Band ausführlich erklärt.

309
den und für reformfreudigere Kader Platz machen. Gibt es nicht einen Einsatzgrund
unmittelbar vor der eigenen Haustüre, wie im Fall der europäischen Balkankriege,
ist auch die politische Bereitschaft, in eine solche Neuorientierung zu investieren,
gering, weil der öffentliche Druck fehlt. Mit pre deployment Preparation für Complex
Peace Operations lässt sich in saturierten Gesellschaften keine Wahl gewinnen. Zumeist
fehlt auch der veröffentlichten Meinung das Verständnis, dass sich hier gerade in den
altgedienten, einstmals als klein und neutral eingestuften Entsendeländern nicht nur
ein attraktiver und sinnstiftende Arbeit bietender Markt für gut qualifizierte
Arbeitskräfte liegt, sondern darüber hinaus für das Land eine vergleichsweise billige
Profilierungsmöglichkeit, die im internationalen Kontext politische Reputation und
damit Sicherheit schafft. Vielerorts wurden diese Möglichkeiten im Zuge des fast
paranoid anmutenden Sicherheitsdiskurses der vergangen Jahre liegen gelassen.
Wenn ich nach dem notwendigen Persönlichkeitsprofil dieser neuen militäri-
schen Einsatzkräfte frage, liegen die Kriterien sehr nahe bei dem, was ich im ersten
Teil dieses Buches auch für zivile FriedensarbeiterInnen eingefordert habe. Das legt
die Vermutung nahe, dass beinahe jede der in diesem Buch vorgestellten Methoden
aus dem Innsbrucker Lehrgang auch für die umfassenden Ausbildungswege von trans-
rationalen SoldatInnen des 21. Jahrhunderts relevant sein können. Wenn das Einsatz-
ziel der internationalen Mission nicht das Gewinnen, sondern die Konflikttransfor-
mation nach den oben beschriebenen Kriterien der Vereinten Nationen ist, wird
Gewaltfreie Kommunikation für den Umgang mit der lokalen Zivilbevölkerung ein
gutes Mittel sein. Das Beseitigen von gröberen Ausdrucksblockaden über Butǀ oder
die Fünf Rhythmen eignet sich bestens für die persönliche Vorbereitung, um sich in
solchen Situationen auf natürliche Art selektiv authentisch geben zu können. Für das
Verständnis der Gruppendynamik innerhalb einer internationalen Truppe unter ex-
tremen Einsatzbedingungen kann die Themenzentrierte Interaktion genauso wie das
Theatre for Living eine Menge leisten. Kommunikationspsychologie und vorsprachli-
che Aspekte werden schon jetzt überall in der Aus- und Fortbildung verwendet,
ebenso Organisations- und Systemaufstellungen in den entsprechenden Institutionen.
Aikidǀ kann als regelmäßige Übung der SoldatInnen das transrationale Einsatzver-
ständnis eines Kampfes, bei dem es nicht um das Gewinnen geht, tiefenpsychologisch
verankern. Als Martial Art wird diese Disziplin bei soldatischem Publikum wahr-
scheinlich bestens aufgenommen und damit gehen auch die Atemtechniken einher,
denn ohne Atemübungen gibt es kein Aikidǀ.
Ich weiß, dass alle Armeen der Welt sich stets für die neuesten Methoden und
Erkenntnisse der Psychologie interessieren. Der entscheidende Unterschied liegt
aber auch hier in der Einsatzphilosophie. Es geht nicht um Psychologie als Waffe in
einem auf Sieg ausgerichteten Kampf, sondern um Psychologie zur Stärkung und

310
Klärung des Selbst-Bewusstseins einer auf Frieden ausgerichteten Einsatzkraft, wo-
für Vipassana bestens geeignet ist. Der auf blinden Gehorsam gedrillte Befehlsemp-
fänger hat in diesem Kontext ausgedient. An seine Stelle tritt die transrationale
Einsatzkraft, die sich im lebensgefährlichen Feld internationaler bewaffneter Kon-
flikte so bewegen kann und will, dass sie vom niedrigsten Rang aufwärts zu Prozes-
sen elicitiver Konflikttransformation aktiv beitragen kann. Das erfordert eine sorg-
same Ausbildung und Vorbereitung auf jede spezifische Einsatzsituation und damit
eine in sich klare, selbstbewusste und selbstverantwortliche Fachkraft.
Das bedeutet in keiner Weise die Auflösung effizienter militärischer Strukturen
zugunsten narzisstischer Selbstverwirklichung über den Einsatz. Ganz im Gegenteil,
eine internationale Operation ist keine Therapie. Sie setzt Selberfahrung voraus.
Auch und gerade ein militärisches Unternehmen der transrationalen Art verlangt
nach klaren Einsatzstrukturen und grundsätzlicher Akzeptanz der hierarchischen
Ordnung. Es benötigt auch einen verregelten Kommunikationsstil. Gewaltfreie
Kommunikation ist ein wertvolles Mittel der militärischen Kommunikation mit der
Zivilbevölkerung, nicht der internen Informationsübermittlung oder Befehlsweiter-
gabe. Wenn ein Soldat oder eine Soldatin im Sinne eines transrationalen Einsatzes
sinnvoll dienen soll, ruht diese Struktur nicht einfach auf der bloßen Norm der
Befehlsgewalt, sondern auf einem zielorientierten Einverständnis über die Entschei-
dungsabläufe. Dieses Einverständnis setzt, wie gesagt, vor allem beim Befehlsemp-
fänger eine sich ihrer selbst bewusste Persönlichkeit voraus, die bereit ist, die Ver-
antwortung für die Konsequenzen ihrer Entscheidungen voll zu tragen, auch für die
regelmäßige, aber dennoch freie Entscheidung, eine Anordnung, eine Weisung,
einen Befehl zu befolgen. Erst diese Grundhaltung macht die Einsatzkraft im trans-
rationalen Sinn team- und kommunikationsfähig, zuerst einmal innerhalb der mili-
tärischen Einheit, dann aber auch gegenüber den zivilen Einsatzkräften und der
lokalen Bevölkerung. Beziehe ich diese Forderung auf ein Soziolekt, in dem es über
lange Zeit üblich war, eigenwillige Persönlichkeiten gefügig zu machen, Anpas-
sungswiderstände zu brechen und Menschen auf bedingungslosen Gehorsam zu
drillen, so ist das eine Kehrtwende, die wahrscheinlich Generation benötigt, ehe sie
wirklich zur Selbstverständlichkeit wird.
Ich denke, dass die Erfahrungen ziviler Friedensarbeit für das Militär in vielen
Ländern ebenso lehrreich sein können wie umgekehrt. David Last850 zitiert für einen
solchen Ansatz exemplarisch das Lester B. Pearson International Peacekeeping
Training Centre in Kanada.851 Die Trainingseinheiten, die im Zuge des Innsbrucker
Universitätslehrgangs für Friedensstudien gemeinsam mit dem österreichischen

850 Last 2000 S. 87


851 Lester B. Pearson International Peacekeeping Training Centre (10.5.2010)

311
Bundesheer durchgeführt werden, mögen im Vergleich zum Pearson Centre beschei-
den sein. Die Erfahrungen, die wir daraus gezogen haben, weisen aber in dieselbe
Richtung. Zwar ist die didaktische Annahme, dass während der Übungswochen
junge Studierende aus aller Welt von einsatzerfahrenen Offizieren und SoldatInnen
die militärischen Aspekte internationaler Friedensarbeit vermittelt bekommen. In
der Praxis hat sich aber gezeigt, dass im Zuge der gemeinsamen Arbeit ein
bemerkenswerter Rückkoppelungseffekt erfolgt, der vor allem jenen SoldatInnen,
die sich selbst auf internationale Operationen vorbereiten, eine informelle pre de-
ployment Preparation ist, gerade weil die unkonventionelle Gruppe von Studieren-
den aus aller Welt in der soldatischen Wahrnehmung unorthodox, oft chaotisch
und unberechenbar agiert oder kommuniziert und dabei ein hohes Maß an Em-
pathie, Sensibilität, Kommunikationsfähigkeit und didaktischem Geschick einfor-
dert. Die beiderseitige Begeisterung über diese Übungen in einem Einsatzland wie
Österreich vermittelt mir den Eindruck, dass die Tür wohl geöffnet, das diesbezüg-
liche Potential aber noch nicht ausgeschöpft ist und die Friedensforschung etliches
zur Fortentwicklung des transrationalen Militärs beitragen kann.

3 Die transrationale Wende in der Entwicklungspolitik

Der Begriff Entwicklung gehört zu den jüngeren Plastikwörtern852 im politischen


Diskurs der Moderne. Ausgehend von der Säkularisierung der christlichen Heilsvor-
stellung und kombiniert mit den Erfahrungen des Imperialismus entstand zur Mitte
des 20. Jahrhunderts das Entwicklungsdenken auf der Basis quasi-naturwissen-
schaftlicher Stufenlehren in der Gesellschaftstheorie853 und wurde von da in den
politischen Alltag übernommen. In der Bedeutung, die ihm in der heutigen Alltags-
sprache zugeschrieben wird, existiert der Begriff erst seit dem Zweiten Weltkrieg.
Den sozialen Fortschritt und einen besseren Lebensstandard in größerer Freiheit zu för-
dern ... nahm sich zuerst die UNO in der Präambel ihrer Charter von 1945 vor.854
Die realpolitische Umsetzung erlangte Entwicklungsdenken seit dem Punkt-
Vier-Programm, das der US-amerikanische Präsident Truman anlässlich der An-
trittsrede zu seiner zweiten Amtszeit im Jänner 1949 vorstellte, und durch die Aus-

852 Ich übernehme den Terminus von Pörksen 1992. Er meint damit Platzhalter, die ein allgemeines
Verständnis unterstellen und ganze Gesellschaften ausrichten, ohne eine wirkliche Bedeutung zu
haben. Gerade die Unschärfe in der Bedeutung ermöglicht die generelle und manipulative
Verwendung. Esteva 1995 bezeichnet sie als Amöbenwörter.
853 Der Klassiker dazu Rostow 1960.
854 Regionales Informationszentrum der Vereinten Nationen für Westeuropa UNRIC (10.5.2010)

312
rufung der Entwicklungsdekaden der Vereinten Nationen ab 1960. Seither drehte
sich die Diskussion zwischen der im Kern idealistischen Modernisierungstheorie
und den im Kern strukturalistischen Dependencia-Schulen um die möglichst rasche
und effiziente Modernisierung der als unterentwickelt definierten Staaten der Welt.
Beide analysierten in einem hektischen Wettstreit die Ursachen dieser Unterent-
wicklung und entwarfen Empfehlungen und Politiken, wie dieser unerwünschte
Zustand überwunden werden könnte.855 Der Gegensatz zwischen den beiden Schu-
len lag nicht in ihren Zielvorstellungen, sondern in der Analyse und in der morali-
schen Bewertung der Ausgangssituation. Der Modernisierungsansatz glaubte an ein
wirtschaftlich erfolgreiches und aus seiner Sicht daher gutes Zentrum, das der unter-
entwickelten und daher schlechteren Peripherie in ihren Modernisierungsbemühun-
gen helfen sollte, während die Dependenzansätze ein böses Zentrum die gute, aber
deswegen arme Peripherie ausbeuten sahen und das Heil in der Flucht aus dieser
Beziehung suchten.856
Das paradigmatische Ziel beider Zugänge war die Schaffung eines globalen
und materiellen Paradieses auf Erden. Im Glauben an den linearen Ablauf sozialer
Zeit wurde dabei die Idee in den Mittelpunkt gerückt, dass jenen Gesellschaften
und Staaten, die auf diesem Weg noch weniger weit, unter-entwickelt wären, ge-
holfen werden müsse, den Weg zum Heil schneller zu beschreiten. Entwicklungs-
hilfe wurde solcherart zu einem doppelt besetzten Schlüsselbegriff. In Paraphrasie-
rung der moralischen Missionierungsobsession wollte Entwicklungshilfe die Unter-
entwickelten, die noch nicht waren, was sie werden sollten, dem Antlitz der eigenen
Zivilisation angleichen. Das moderne Verständnis betonte zugleich den ökono-
mischen Eigennutzen der Entwicklungshilfe für die postkolonialen Zentren im auf
der Heilsversprechung grenzenlosen Wachstums basierenden Weltwirtschafts-
system.857 Die Bedeutung von Entwicklung und Hilfe wurde derart zu einem si-
amesischen Zwilling, dessen semantische Trennung später durch die Einführung des
Schleierwortes Zusammenarbeit statt Hilfe wohl versucht wurde, aber nie über-
zeugend gelang.
Auf das Paradies auf Erden zielte die mechanistische Epistemologie von Ent-
wicklung und Hilfe in all ihren Varianten und trotz aller ideologischer Rivalitäten
und realer Frustrationen immer. Die in Zeiten des Wirtschaftswunders vorherr-
schenden Annahmen über die Möglichkeit der weltweiten Modernisierung von
Gesellschaften gerieten nach den enttäuschenden Ergebnissen der ersten Entwick-

855 Ausführlich zu dieser Debatte bereits der erste Band dieser Trilogie Dietrich 2008 S. 280–297,
weshalb ich das hier nicht wiederhole.
856 Besonders populär wurde die so illustrativ titelnde Arbeit von Galeano 1983.
857 Ausführlich auseinandergesetzt habe ich mich mit dieser Frage in Dietrich 1998.

313
lungsdekaden wohl in die Kritik. Einsichten und Vorstellungen über komplexere
Zusammenhänge von Abhängigkeiten im Weltsystem bereicherten die Diskussion ab
der Mitte der 1970er Jahre.858 Systemisches Denken, die Berücksichtigung des
Faktors Mensch, der Natur und Umwelt und letztlich sogar der Gender-Aspekt
flossen immer mehr in die Debatte um die Entwicklungshilfe ein. Wäre zu erwarten,
dass in diesem Licht die mechanistische Denkweise der Moderne in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts die wissenschaftliche Erkenntnis nicht mehr leiten
konnte, so war in der Praxis das Gegenteil der Fall. Modernisierende und präskriptiv
argumentierende Entwicklungspolitik erlebte gerade jetzt ihre Blüte. Sie überzog als
Weltmechanik in einer geradezu endzeitlichen Euphorie den Erdball, wobei sich die
vermeintlichen AntagonistInnen in ihren reduktionistischen Experimenten ge-
genseitig übertrafen und eine Gesellschaft nach der anderen ins Elend stürzten. Die
landläufige Bezeichnung der Vertreter dieser modernen Haltung als Mercenaries,
Missionaries, Misfits859 ist vielleicht eher eine Karikierung als eine Charakterisierung,
aber sie umschreibt die postkoloniale Variante des White men’s burden recht treffend.
Der jüngste Ausdruck dieser Denkweise sind die Millennium Development Goals,
die am 18. September 2000 von 189 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen in der
so genannten Millenniumserklärung als Katalog grundsätzlicher und verpflichtender
Zielsetzungen für alle UN-Mitgliedstaaten verabschiedet wurden.860 Armutsbekämp-
fung, Friedenserhaltung und Umweltschutz wurden als die wichtigsten Ziele der in-
ternationalen Gemeinschaft bestätigt. Das Hauptaugenmerk lag hierbei auf dem
Kampf gegen die extreme Armut. Diese wurde in jener Erklärung nicht mehr als reine
Einkommensarmut verstanden, sondern als umfassender Mangel an Chancen und
Möglichkeiten. Mit dieser Neuauflage der längst widerlegten und dramatisch geschei-
terten Philosophie präskriptiv modernisierender Entwicklungshilfe wurde der Irrwisch
dieses Glaubens noch bis ins neue Jahrtausend hineingetragen. In Anbetracht der
Tatsache, dass laut UNICEF861 selbst in Industrieländern jedes sechste Kind in Armut
lebt, was weltweit für mehr Menschen gilt als jemals zuvor in der Geschichte, und sich
die Situation laufend verschlechtert, bewegt sich der idealistische Aufruf des UN Ge-
neralsekretärs Ban Ki-moon aus dem Jahr 2010 Keeping the Promise zwischen Welt-
fremdheit und Zynismus: We must not fail the billions who look to the international
community to fulfill the promise of the Millennium Declaration for a better world …862

858 Den wohl wichtigsten Beitrag dazu leistete Wallerstein 1989.


859 Unter vielen, die mit diesem Wortspiel arbeiten, Warah 2008.
860 United Nations 2010 (10.5.2010)
861 UNICEF 2005 (10.5.2010)
862 United Nations 2010 (10.5.2010)

314
Während die Entwicklungsforschung der letzten Dekaden eine Vielzahl von Wi-
dersprüchen aufzeigte und produzierte, blieb die heimliche Botschaft des Begriffs
konstant: Er unterstellt, dass Gesellschaften gleich Pflanzen von einem Stadium gerin-
gerer Reife und Wertigkeit zu einem solchen der Blüte und Vollendung voranschrei-
ten würden. Obwohl Sozial- und Geschichtswissenschaften den Beweis für diese de-
terministische Annahme bis heute schuldig geblieben sind, diente sie durch mehr als
ein halbes Jahrhundert als nahezu unbestrittenes Paradigma sowohl für marxistische
als auch für liberale und sogar für christlich inspirierte Versionen des Entwicklungs-
diskurses. Daher kreisten alle Überlegungen um die Frage, wie das Pflänzchen Gesell-
schaft zu düngen, zu gießen und zu beleuchten wäre, damit es am besten gedeihe. Ein
grundsätzlicher Zweifel an der Annahme, dass sich Gesellschaften kausal entwickeln,
galt bis in die späten 1980er Jahre als unwissenschaftliche oder politisch inkorrekte
Ketzerei. Der historische, ideologische und quasi-religiöse Hintergrund für diese
Denkregel ist ein lineares Geschichtsverständnis und eine vektorale Chronosophie, aus
denen sich alle genannten Denkrichtungen – unabhängig von ihrer zeitweisen Rivali-
tät – ableiten.
Die achtziger Jahre wurden von den damaligen ZeitgenossInnen überwiegend
noch als verlorenes Jahrzehnt der Entwicklung verstanden. Allerdings tauchten bereits
in dieser Dekade auch massive Zweifel am linearen Zeitverständnis auf, welches das
kausale Entwicklungsdenken voraussetzt. Zugleich erlangten die Proteste gegen die
Einbahnstraße der Entwicklung, die von jenen kamen, die nach dieser Logik als
Unterentwickelte zu entwickeln wären, die noch nicht waren, was sie werden sollten,
erstmals weltweites Gehör. Von da an erfolgte während der neunziger Jahre die
postmoderne Dekonstruktion des Mythos Entwicklung, sodass in der Praxis nur ihres
Inhalts weitgehend entleerte oder funktionell umorientierte Institutionen als formelle
Reminiszenzen an das Entwicklungszeitalter die Jahrtausendwende überdauerten.
Tatsächlich lagen nur sieben Jahre zwischen der Empörung über Gustavo Estevas
1985 erstmals publizierten Aufruf an die Welt, Entwicklung und Hilfe zu stoppen,863
und jener im Rio- und Jubiläums-Jahr864 1992 der Feder Ulrich Menzels865
entströmenden Manifestation der Enttäuschung866 des damals gesellschaftstragenden

863 Esteva199. S. 65–111. Der erstmals 1992 in deutscher Sprache publizierte Aufsatz: Entwicklung
und Hilfe stoppen – eine Antwort auf den Hunger, erschien im spanischen Original 1985.
864 Die ebenso gigantische wie ergebnislose Umweltkonferenz von Rio fiel nicht zufällig in jenes Jahr
1992, in dem die westliche Welt den 500. Jahrestag der von ihr so verstandendenen Entdeckung
Amerikas feierte.
865 Menzel 1992
866 Im Sinn postmoderner Philosophie verstehe ich den Begriff Enttäuschung zweideutig: Einerseits als
landläufigen Ausdruck einer individuellen oder kollektiven Befindlichkeit, andererseits als intellek-
tuellen Läuterungsprozess, als das Ende einer zuerst vorhanden Täuschung in einer konkreten Frage.

315
Mainstreams über den Entwicklungsmythos. Zeitgleich und überzeugend nahm der
von Wolfgang Sachs in mehreren Sprachen herausgegebene Sammelband867 der Ent-
wicklungshilfe unwiderruflich den letzten Hauch von Unschuld. Er entlarvte Ent-
wicklung als handlungsleitende Phantasie des Idealismus, die als solche ein sozial-
mächtiges Problem war, nicht aber eines der mangelhaften Umsetzung humanitärer
Mechanik. Die realpolitische Leuchtkraft dieses Irrwischs zu mindern, wäre demnach
als vordringliches Anliegen der Sozialwissenschaften in den 1990er Jahren zu erwarten
gewesen. Die meinungsmachenden Hauptströmungen der Entwicklungsländerfor-
schung haben die Dekonstruktion dieses Mythos und seiner konjunkturbedingten
Moden, des intellektuellen Stils und der vermeintlichen Selbstverständlichkeiten, die
in den knapp 200 Jahren nach Smith, Kant, List, Darwin und Marx erkenntnisleitend
wirkten, aber nicht geleistet, weil sie dafür ihre eigenen Glaubenssätze loslassen hätten
müssen. Dieses Versäumnis bereitete schließlich das intellektuelle Vorfeld für den
späten politischen Irrtum der Millennium Development Goals.
Dennoch erhob sich der intellektuelle Widerstand gegen jene Monokultur des
Denkens weltweit von den Rändern her aus der postmodernen Philosophie und post-
kolonialen Denkansätzen. Binnen weniger Jahre wuchs aus dem Anti-Entwicklungs-
Ansatz, wie er noch bei Sachs und seinem AutorInnenkreis zu finden ist das Post-
Entwicklungs-Verständnis, wie es der Iraner Majid Rahnema,868 in ähnlicher Form
wie zuvor Sachs, der Öffentlichkeit präsentierte. Von da aus war es nicht mehr weit
bis zur transrationalen Wende.
Wenn es nach dem vom Entwicklungsdenken und seinen Folgen so nachhaltig
geprägten 20. Jahrhundert immer noch erträglich und verantwortbar sein soll, über
Entwicklung und Hilfe auch nur zu reden, so kann ein sozialwissenschaftlich vertret-
bares Erkenntnisinteresse nicht mehr auf Machbarkeit oder Methoden, auf soziale,
politische oder ökonomische Entwicklungsziele gerichtet sein. Vielmehr wird es sich
einerseits auf die systematische Entlarvung jener dem entwicklungstheoretischen Den-
ken vorgelagerten Glaubenssätze über die Gesellschaft und den Menschen als soziales
Wesen konzentrieren, welche die Utopie der Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert
überhaupt erst diskussionswürdig und politikfähig gemacht haben. In einem zweiten
Schritt kann sie sich dann den Trägheitsmomenten jener Glaubenssätze zuwenden,
die, zum Beispiel in den Millennium Development Goals, ihre Sozialmächtigkeit und
ihre fortgesetzte realpolitische Leitfunktion bewirken. Der erste Schritt ist postmodern,
der zweite transrational.

867 Sachs1992
868 Rahnema/Bawtree 1997

316
Ich zögere ein wenig, dem Kreis um Ivan Illich,869 Wolfgang Sachs, Gustavo
Esteva, Vandana Shiva, Majid Rahnema, Arturo Escobar, Marianne Gronemeyer,
Ashis Nandy oder Claude Alvarez870 kommentarlos jene postmoderne Dekonstruktion
des Entwicklungsbegriffs zuzuschreiben. Sie und etliche andere frühe AutorInnen
dieser Tendenz wie Brigitte Erler,871 Graham Hancock,872 Gilbert Rist,873 Axelle Ka-
bou874 oder Al Imfeld875 lehnten diese Etikette stets entschlossen ab. Etwas anders
verhält es sich mit dem Postkolonialismus, wie er von Stuart Hall876 lanciert wurde,
dem Orientalismus877 Edward Saids oder den Subaltern Studies Gayatri Chakravorty
Spivaks,878 die sich allesamt der Postmoderne als intellektuelle Strömung ihrer Zeit
zuschreiben lassen. In Afrika bewegt sich eine jüngere Gruppe von Wirtschaftswissen-
schafterInnen um den Kenianer James Shikwati879 und das Inter Region Economic
Network880 in Nairobi in eine radikal entwicklungskritische Richtung. Die aus Sambia
stammende Ökonomin Dambisa Moyo,881 einst Mitarbeiterin der Weltbank, forderte
schließlich im Jahr 2009 neuerlich das Einstellen der Hilfe. Ihre Argumente sind
praktisch deckungsgleich mit jenen, die Gustavo Esteva ein viertel Jahrhundert zuvor
publiziert hat. Sie erregen in der öffentlichen Debatte ähnliche Aufregung mit ähnli-
chen Gegenargumenten. Die Szene hat ein sehr kurzes Gedächtnis. Mit diesen Arbei-
ten und vielleicht einigen Dutzend ähnlicher, verlor mechanistisch-moderne Entwick-
lungshilfe als sozialpolitisches Versprechen im Rahmen vektoraler Chronosophie
zumindest auf wissenschaftlicher Ebene ihre verführerische Kraft. Ich betrachte dieses
Heben des mechanistischen Schleiers als postmodernes Erwachen im Sinn Derridas,882
auch wenn einige der genannten AutorInnen das selbst nicht so sehen.
In jedem Fall leisteten sie den Abgesang des Entwicklungsdogmas und unter-
legten die Kritik mit gut dokumentierten Fallbeispielen aus ihren jeweiligen Gesell-

869 Unter vielen seiner wichtigen Texte zu dem Thema der 1980 in Tokio unter dem Titel Peace vs.
Development gehaltene Vortrag, der 1982 auf Deutsch erstveröffentlicht wurde. Neu aufgelegt als
Illich 2006 S. 15–25.
870 Sachs 1992
871 Erler 1985
872 Hancock 1989
873 Rist/Sabelli 1989
874 Kabou 1991
875 Imfeld 1985
876 Hall 2002 S. 275–246
877 Said 1981.
878 Spivak 1988, Spivak 1993, Spivak/Butler 2007.
879 *1970 Shikwati 2006
880 Inter Region Economic Network (19.5.2010)
881 Moyo 2009.
882 Derrida 1985 S. 14

317
schaften. Viele dieser AutorInnen trugen die Kritik von den vermeintlich unterent-
wickelten Peripherien, aus Indien, China, Mexiko, Kolumbien, dem Iran, der Karibik,
aus Kenia, Sambia, Kamerun oder Malaysia in die wissenschaftliche Debatte der
Zentren und wirkten geradezu idealtypisch im post-strukturalistischen Sinn. In den
Zentren fanden sie Gehör und Unterstützung bei VertreterInnen interner Peripherien
wie der Frauenbewegung, KünstlerInnen, Intellektuellen oder MigrantInnen, von
denen einige laut und etabliert genug waren, um die Argumente in die wissenschaft-
liche und öffentliche Debatte des Mainstreams zu tragen.883 Es wurde zunehmend klar
und auch belegbar, dass Entwicklung nicht eine global geteilte Hoffnung aller
Menschen und Gesellschaften ist, sondern der Mythos einer bestimmten Denkkultur
in den industriellen Zentren, der an den Peripherien stinkt.884
Der Widerstand der Hilfsorganisationen und verwandter Institutionen gegen
diese Einsicht war entschieden, unterlief sie doch die Legitimierung für ein soziales
und politisches Tun, das bis dahin als moralisch unbestrittenes Hegemonialprojekt
galt. Daraus entstand die paradoxe Situation, dass staatliche, quasi-staatliche und
nichtstaatliche Einrichtungen auf eine präskriptive Orientierung der Entwicklungs-
politik beharrten, der nicht nur, wie oft in der ideologisch verbrämten Vergangen-
heit des Kalten Kriegs, die wissenschaftliche Fundierung fehlte. Sie verfolgten nicht
nur eine Politik, von der niemand wusste, ob sie sinnvoll und zielführend wäre,
sondern sie handelten nach Richtlinien, gegen die sich ernsthafte Stimmen aus den
betroffenen Gebieten und der Wissenschaft deutlich vernehmen ließen. Sie handel-
ten wider besseres Wissen und versuchten die Quadratur des Kreises, wenn sie seit
dem so genannten Brundtland-Bericht 1987885 oder spätestens seit der Konferenz
von Rio 1992886 Nachhaltigkeit zum Prinzip erhoben und zugleich neoliberale
Wachstumspolitik und wirtschaftliche Strukturanpassungsprogramme verfolgten.
Die seither so zahlreich durchgeführten Großkonferenzen über Umwelt, Ent-
wicklung, Frieden, Menschenrechte, Soziales und Frauen erscheinen aus heutiger
Sicht als Simulation politischer Ziele, welche die Eliten der Zentren nie zu erreichen
gedachten. So wurden die Bedingungen für den Postmythos geschaffen, eine Situa-
tion, in der niemand in den politischen Institutionen wirklich an den Inhalt der
Aktion glaubte, die zur Rettung der Welt ausgerufen wurde. Die Apollinischen

883 Zur Problematik dieses Vorgangs unter Verweis auf das Beispiel Julia Kristeva Morton 2003
S. 71–90
884 Esteva 1992 S. 31
885 World Commission on Environment and Development 1987
886 United Nations Conference on Environment and Development, UNCED. Sie gilt als Meilenstein für die
Integration von Umwelt- und Entwicklungsbestrebungen. Als Nachfolgekonferenzen fanden 1997 die
Konferenz Rio+5 in New York und 2002 der Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg
statt.

318
Pessimisten ernüchterten zwar im Bezug auf die entwicklungspolitischen Wahrhei-
ten der mechanistischen Moderne, hielten aber formell an den Glaubenssätzen über
das Paradies auf Erden am Ende der Wachstums-, Fortschritts- und Zivilisationsge-
schichte fest. Sie scheuten nichts mehr als die Erzählung von einer Menschheitsge-
schichte, die nicht in dieses Paradies auf Erden münden würde.
Anstatt die Auswirkungen einer fortgesetzten und beschleunigten Dynamik von
Fortschritt und Entwicklung zu überdenken, wurde im Zeichen des so gearteten Post-
mythos dazu übergegangen, den Eingriff staatlicher und nichtstaatlicher Institutionen
in das tägliche Leben, in die Küchen und Klosetts, in die Wohn- und Schlafzimmer
der ZeitgenossInnen auf der ganzen Welt zu erweitern und zu vertiefen, den
Rhythmus sozialer Aktion zu erhöhen und das organisatorische Niveau zu verbessern.
Alles sollte schneller und besser werden, alles war gestattet, außer das Nachdenken
über das Endresultat eines derart beschleunigten Aktionismus. In dieser Irrationalität
entsprach die weltweite Entwicklungsbranche dem Bild der gesellschaftlichen
Postmodernität, die von der Wissenschaft des philosophischen Postmodernismus der
zitierten AutorInnen unbarmherzig angesprochen und aufgezeigt wurde.
Die Postmoderne hat mit ihrem Vielheitspostulat, das nie ein Beliebigkeits-
postulat war, den Weg in die Richtung einer respektvollen Kommunikation zwi-
schen den Kontexten geöffnet. Zwischen hermetischen Perspektiven kann sie frei-
lich nur als theoretisches Postulat verstanden werden, wie Jean Francois Lyotard
treffend feststellte.887 Als ein polyloges888 Schwingen zwischen in sich pulsierenden
Soziolekten verstanden, bilden Annäherung und Entfernung zwischen ihnen eine
natürliche Dynamik. Das Nicht-Verstehen ist für das Funktionieren der Kommuni-
kation so konstituierend wie das Verstehen, so wie ohne Stille zwischen den Tönen
keine Musik und ohne Dunkelheit kein Licht wahrgenommen werden könnte.
Stille und Dunkelheit sind keine eigenen Größen, sie sind nur das Nicht-Sein von
Ton und Licht, das deren Sein erkennbar macht.
Dass die herkömmliche Entwicklungshilfe trotz des neoliberalen Deregulie-
rungseifers dieser Zeit über die Millenniumsgrenze hinweg ins neue Jahrtausend
gezogen wurde, könnte als erstaunlich bezeichnet werden, wäre es nicht Charakte-
ristikum des postmodernen Gemütszustandes, Inhalte, an die niemand mehr glaubt,
in die hermetische Form starker Institutionen zu gießen, um sie in manischem Ak-
tionismus fortzusetzen. Das führt zur zweiten Frage, die ich vorher aufgeworfen
habe: Woraus resultiert die institutionelle Trägheit, die diesen Aktionismus wider
besseres Wissen leitet?

887 Lyotard 1989 S. 58


888 Der Polylog ist ein zentraler Begriff bei Wimmer 2004.

319
Der Versuch einer Antwort ist zugleich die Fortsetzung der Kritik. Institutio-
nen tendieren dazu, die Herrschaft der Form über den Inhalt zu begründen, woraus
folgt, dass bei Verlust des Inhalts die reine Form bestehen bleibt, die sich selbst neue
Inhalte formuliert oder überhaupt nur Bedeutungsleere umschließt. Im Fall der
Entwicklungspolitik drücken sich die Indikatoren dieses Vorgangs über die Reiz-
worte Projekt, Resultat und Evaluation aus. Das sind Denkfiguren, deren fatale
Wirkung sich heute quer durch alle Bereiche sozialer Initiativen verfolgen lässt. Das
reicht von der traditionellen Entwicklungshilfe über humanitäre Operationen bis in
die zeitgenössische Friedens- und Konfliktarbeit. Weil der Begriff so zentral ist, sei
auf die Gefahr hin naiv zu erscheinen, die Frage gestattet, was ein Projekt denn
überhaupt sei.
Als Gustavo Esteva889 das vor 25 Jahren gefragt wurde, siedelte er die Bedeu-
tung des Wortes im Umfeld von Traum oder Wunsch an. Ein siebenjähriger Bub
hat ein Projekt: Er will Präsident werden. Ihm gefallen vielleicht der rote Teppich,
der schwarze Mercedes, die strammstehenden Soldaten und die aufmerksamen Ge-
sichter, wenn der Herr Präsident spricht. Er spürt Prunk und Macht und möchte
das für sich, ohne zu wissen, was ein Präsident wirklich tut, welche Verantwortung
er trägt, welche Privilegien er genießt und, vor allem, was er leisten und leiden
müßte, um Präsident zu werden. Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass dieser Bub
eines Tages Präsident sein wird, aber es ist doch ziemlich unwahrscheinlich.
Die inflationäre Verwendung des Begriffs Projekt erweiterte und verwischte
seine Bedeutung, bis er alles und nichts umschrieb, zu einer jener Worthülsen
wurde, die ein rasches Verständnis zwischen SprecherInnen und ZuhörerInnen
unterstellen, wo es nichts zu verstehen gibt. So hat heute jeder sein Projekt. Eine
Ehe kann ein Projekt sein, die Gründung einer Zeitung ebenso wie Straßenbau, eine
Reise, Aufrüstung, wissenschaftliche Forschung oder eben Entwicklungshilfe. Der
Begriff Projekt wird verwendet, um Präzision bei der Beschreibung von Gedanken
vorzuspiegeln, deren Umrisse in Wirklichkeit so unscharf sind wie die Konturen
einer Amöbe. Projekte gehen meist Hand in Hand mit ähnlichen Amöben- oder
Plastikwörtern,890 die so scheinen, als ob sie Inhalte hätten, und deshalb gerne
verwendet werden, um Menschen zu täuschen. Guillermo Bonfil Batalla891 hat ge-
zeigt, dass ganze Staaten Projekte in diesem Sinn sein können und dass es jenseits
dieser Projekte profundere Welten gibt, die ständig ignoriert werden.
Nach mehr als einem halben Jahrhundert Entwicklung und Hilfe ist nicht
mehr zu übersehen, dass es sich bei ihnen selbst und ihren Projekten um Projek-

889 Die radikale Formulierung Estevas übernehme ich aus Brunner/Dietrich/Kaller 1993 S. 9–13.
890 Esteva 2006 S. 31
891 Bonfil Batalla 1990

320
tionen handelt, die irgendwer projektiert und in die Wahrnehmung der Menschen
von der Welt projiziert. Projekte sind das übliche Vehikel geworden, über das Initi-
ativen auf den unterschiedlichsten Niveaus finanziert, abgewickelt und evaluiert
werden, wobei die durch westliche Spezialisten nach westlicher Struktur erstellten
Evaluationsergebnisse zumeist erheblichen Einfluss auf die Chance der Zuerken-
nung weiterer Projekte an eine bestimmte Institution haben. Da im Zeichen des
Postmythos viele Institutionen davon abhängig wurden, ihren Unterhalt zu einem
erheblichen Teil aus den Overheads derartiger Projekte zu finanzieren, wurde das
Projekt zum Lebensspender für viele Institutionen. Was auch immer der statutari-
sche Daseinszweck einer humanitären Organisation sein mag, falls sie nicht zu den
wenigen Privilegierten gehört, deren Budget über eine starke Hintergrundorganisa-
tion wie eine Kirche oder Gewerkschaft basisfinanziert ist, lebt und stirbt sie mit der
Durchführung von Projekten. Diese werden folglich in erster Linie nicht mehr we-
gen der Bedürftigkeit der vermeintlich Begünstigten durchgeführt, sondern im exi-
stenziellen Interesse der Träger. Daher sind binnen kurzer Zeiträume konkrete Ziel-
vorgaben nach genau evaluierbaren Einsatzkriterien zu erreichen, damit sich das
technokratische Projektierungs-, Projizierungs-, Finanzierungs- und Evaluierungsrad
weiterdrehen kann. Die meisten Projekte sind eigentlich schon tot, wenn sie auf die
Schreibtische der Beamten kommen. Heute stinken an den Peripherien überall die
Kadaver solcher Entwicklungsprojekte zum Himmel.
John Paul Lederach892 kritisiert wie Esteva die präskriptiv und an Projekten
orientierte Attitüde in der Entwicklung-, Friedens- und Konfliktarbeit, weil sie dem
elicitiven Moment des spontanen Lernens aus der Situation, der Theoriebildung aus
der konkreten Einsatzerfahrung und den zwischenmenschlichen Beziehungen in
Konfliktsituationen nicht gerecht wird:

I have come to believe that the two greatest tragedies that negatively affect peacebuilding
in setting of protracted conflict arise from the lack of discipline of stillness by those who
come outside with good intentions. These are (1) the inability to recognize and see what
exists in a place that could have potential or is already building the web of infrastructure of
constructive change; and (2) stepping quickly toward action to provide short-term answers
of predetermined problems driven by a sense of urgency. In both cases the in situ web of
change – people, processes, and relational spaces – are overlooked, ignored, and diminis-
hed, or, worse, replaced or destroyed.893

892 Erstmals und ausführlich bereits in Lederach1997 S. 129–148


893 Lederach 2005 S. 105/106

321
Die strenge Orientierung an Projekten, Resultaten und Evaluationen unterbindet
elicitives Arbeiten zugunsten einer technokratischen Richtigkeit. Lederach fordert
die Branche dazu auf, die geldgebenden Einrichtungen von der Notwendigkeit eines
Methodenwechsels zu überzeugen, wobei er den Weg in die Richtung kleiner, fle-
xibler Plattformen führen sieht,894 die wohl Estevas Metapher der Hängematte895
von Beziehungen oder jener des Rhizoms bei Deleuze und Guattari896 entspricht.
Ich würde dies zudem als vernakulär bezeichnen, um Lederach ganz in die Tradition
der entwicklungskritischen Schule nach Ivan Illich897 zu stellen, die seit den 1980er
Jahren erhebliche Bewegung in die Diskussion gebracht hat. Ich nenne diesen An-
satz heute transrational, weil er sich rückblickend als eine Wende in der entwick-
lungspolitischen Debatte darstellt, der sehr viel mit den Veränderungen zu tun hat,
die ich schon in den beiden vorangegangenen Kapiteln angesprochen habe.
Die transrationale Wende kann mit der teleologischen Idee von Entwicklung
und Hilfe im Sinn der Moderne nichts mehr anfangen. Aber sie entzieht sich nicht
der Erkenntnis und Verantwortung, dass viele Menschen auf diesem Planeten unter
dem Mangel an subjektiven Perspektiven für ihr Leben leiden und diesen Mangel
unter gewaltsamen Bedingungen als traumatisierende Armut erfahren. In Anbet-
racht der oftmals dramatischen Not mag eine transrationale Debatte über die Se-
mantik der Armut zynisch erscheinen. Dennoch ist sie notwendig, weil sonst die
Gefahr besteht, dass sich auch das 21. Jahrhundert bei nur leicht verändertem Vo-
kabular in den Irrlichtern und Projektionen verklungener Heilsversprechungen
verliert, was die Millennium Development Goals warnend illustrieren.
Die Szene steht somit vor einer kommunikativen Herausforderung: Wie kön-
nen Prägungen und Meinungen aus dem Kontext moralisch und modern begründe-
ten Entwicklungsdenkens und die aus ihnen abgeleiteten Werturteile verwunden
und respektvoll in nicht-modernen Kontexten kommuniziert werden? Dieses Un-
terfangen ist nicht hinfällig, auch wenn sich der moderne Traum von Entwicklung
in ein postmodernes Trauma verwandelt hat. Denn das Ideal formt immer noch auf
reale Weise das Denken Tausender an den Schaltstellen der Institutionen und Or-
ganisationen.
Transrationalität überwindet per definitionem nicht, sie verwindet. Das heißt,
sie anerkennt und erinnert die Ratio dieser Akteure, während sie ihre Auswirkung
neutralisiert und transformiert. Die transrationale Wende richtet sich an dieses Pub-
likum, um in ihm die Neugier für neue Optionen zu wecken, die aus der Begeg-

894 Lederach 2005 S. 124/125


895 Esteva 1995 S. 9–44
896 Deleuze/Guattari 1977
897 Illich 2006 S. 15–25

322
nung mit anders orientierten Kontexten resultieren. Dazu muss aus dem modernen
Monolog der Entwicklungshilfe nicht nur ein postmoderner Polylog werden, sondern
auch die transrationale Aufnahmebereitschaft und Aufnahmefähigkeit der vermeint-
lichen GeberInnen für die entsprechende Information trainiert werden. Daher
könnte die obige Frage auch so gestellt werden: Wie kann der fundamentale syste-
mische Widerspruch zwischen der Logik von Entwicklung und der Psychologik
humanitärer orientierter Friedens- und KonfliktarbeiterInnen verwunden werden?
Und weiters: Wie können modern begründete Gesellschaftssysteme einen elici-
tiven Zugang zu nicht-modernen Kontexten finden? Diese Frage stellt sich in die-
s