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Kapitel 1

Das Chamaeleon

Es war spät als G nach Hause kam. Eigentlich mitten in der Nacht. 2.23 Uhr.
Malgorzatta saß im Dunkeln, in eine Wolldecke gehüllt, im Wohnzimmer. In ihrem einzigen Sessel
hier, neben dem Fenster.
Sie hörte das Auto in der Auffahrt.
Wenn sie wollte blieben ihr jetzt noch wenige Minuten Zeit um nach oben zu laufen und ins Bett zu
huschen.
Doch warum sollte sie G etwas vormachen? Warum sollte sie vorgeben, sie hätte geschlafen?
Die Haustür wurde leise aufgeschlossen. Schritte im kleinen Flur. Sie klangen fremd. G trug andere
Schuhe. Er trug auch andere Sachen.
Sie sah es im hereinfallenden Licht der Straßenlaterne durch das schmale Fenster neben der
Haustür. Er war ganz dunkel gekleidet. Knipste jetzt das Licht an und ging in die Küche.
Er hatte sie nicht bemerkt.
Sie hörte, wie er den Kühlschrank öffnete. Wieder schloss.
Nur einen Moment später fiel ein Kronkorken, der geworfen worden war, in das Spülbecken.
G warf die Kronkorken von seinen Bierflaschen immer irgendwo hin. In den Kühlschrank zurück.
In das Spülbecken oder Richtung der Fensterbank.
Er warf sie nie in den Müll.
Sie hatte noch nicht herausbekommen wieso das so war.
Malgorzatta schälte sich aus der dicken Wolldecke und stand auf.
G fuhr bei dem ersten Geräusch herum.
„Mali?“
Er kam ein paar Schritte ins Wohnzimmer, machte Licht.
Malgorzatta blinzelte.
„Mali, was machst Du hier? Warum schläfst Du nicht?“
Gs Stimmer klang erstaunt.
Er stellte die Flasche auf dem Holzboden ab, streckte beide Arme aus und zog sie an sich.
Er küsste sie.
Seine Sachen stanken durch und durch nach Zigarettenqualm.
„Was machst Du hier unten?“ fragte er noch `mal, sah sie an.
„Hab` auf Dich gewartet!“ gab Malgorzatta einfach zurück, lächelte ihm zu.
„Aber Du wusstest doch gar nicht, wann ich zurückkomme!“ gab G zurück, klang noch immer
verblüfft. Er streichelte ihre Wange.
„Was ist? Kannst Du nicht schlafen hier?“
Er sah sie aufmerksam an.
„Nicht, wenn Du nicht hier bist!“ antwortete sie ihm ehrlich.
Seine Abwesenheiten in der letzten Zeit begannen deutlich, sie zu traumatisieren.
Egal wo, sie würde kein Auge zumachen ohne ihn an ihrer Seite!
„G, hat alles gut geklappt für Dich? Bist Du weitergekommen?“
G verzog das Gesicht. Missbilligend.
Er wirkte angespannt seit vorgestern. Fast ein bisschen gehetzt!
Sie vermutete, dass das mit einem neuen Fall zusammen hing.
„Was weißt Du von dem Fall? Was Hetty Dir erzählt?“
Malgorzatta sah ihn erstaunt an.
„Ich weiß gar nichts! Ich nehme nur an, dass ihr einen neuen Fall habt, einen Schwierigen, denn Du
bist die letzten Tage kaum da und wenn ich Dich sehe bist Du sehr abgelenkt! Das ist Deine Arbeit!
Das ist in Ordnung! Aber wieso glaubst Du, Hetty würde mir etwas erzählen?“
G senkte den Kopf.
Atmete tief aus.
„Tut mir leid.“ meinte er nach einer Weile ergeben und drückte sie fest an sich.
Er war warm.
Der Stoff seines dunklen Hemdes, seiner dunklen Jacke rochen übelkeitserregend nach kaltem
Qualm.
„Kein Problem, G, kein Thema!“
Sie streichelte über seinen Rücken.
„Komm, wir legen uns hin und versuchen, noch ein bisschen zu schlafen, ja?“
G räusperte sich leicht.
„Ich … muss gleich wieder los! Ich wollt` nur eben duschen und mich umziehen und gucken, ob
alles in Ordnung ist!“
Malgorzatta sah ihn an.
Sie musste sich bemühen, sich ihr Entsetzen nicht anmerken zu lassen. Es gelang ihr nicht perfekt!“
„Ist schon okay! Ist ein schwieriger Fall!“ raunte G ihr zu und küsste sie.
Sein Kuss war langsam, hingebungsvoll.
Er genoss es richtig, weil er nicht wusste, wann sie wieder Zeit füreinander haben würden.
„Was kannst Du mir erzählen?“ flüsterte sie ihm zu, streichelte über seine linke Wange.
G hatte seinen linken Arm um ihre Schulter gelegt. Die Finger seiner rechten Hand streichelten
leicht durch ihre Haare.
„Wir waren in einem Club heute Abend.“ ließ G sie wissen.
„Wir hatten die Hoffnung, dass dort … Sam und ich haben vor ungefähr sechs Monaten einen
Waffenhändler hochgenommen. Nur der Fahrer hat überlebt, ich hab` ihn angeschossen, in den
Unterkiefer. In den letzten Tagen haben wir herausgefunden, dass er gar nicht der Fahrer war
sondern der Chef der ganzen Sache. Es ist ihm gelungen, aus dem Gefängnis zu entkommen, und er
hat vorgestern zwei Männer umgebracht. Wir haben ihm im Club eine Falle gestellt, aber er kam
nicht. Das heißt, er war wohl da, hat uns anscheinend beobachtet. Vermutlich hat er auch einen
Interpol-Agenten umgebracht, das wissen wir noch nicht! Granger ist auch wieder da … er nervt!“
„Tut mir leid!“ flüsterte Malgorzatta ihm zu und küsste ihn sanft.
Sie sah ihn an.
„Ist es gefährlich für Dich?“
„Nur wenn ich Granger abknalle wenn er mir weiter auf die Nerven geht!“ gab G zurück und küsste
sie.
Rechts und links auf die Lippen. Auf die Oberlippe. Auf die Unterlippe. Malgorzatta musste
lächeln.
„Ich liebe Dich.“ flüsterte sie dabei.
„Ich liebe Dich auch.“ gab G zurück. Er lehnte seine Stirn gegen ihre.
„Leistest Du mir ein bisschen Gesellschaft oben? Oder möchtest Du schlafen jetzt?“
„Ich bin hellwach jetzt, G!“ gab sie zurück, streichelte über seinen Rücken.
„Natürlich komme ich mit hoch!“
„Schön.“
G küsste sie rasch. Er wandte sich um, zog sie sanft mit sich während er im Vorbeigehen nach der
Flasche Bier griff und sie mitnahm.
„Wo ward ihr?“ erkundigte sich Malgorzatta sanft, auf der Treppe, drückte sich an G.
„Im Addison.“ gab G zurück.
„Kennst Du?
Malgorzatta schüttelte den Kopf.
„Nein. Wenn Du magst … sollen wir `mal hingehen?“
G sah sie an, grinste etwas, während er sie zum Badezimmer links von der Treppe zog.
„Ja. Wir beide sind ja auch die geborenen Nachtschwärmer!“
Malgorzatta musste lachen. Sie mochte Gs trockenen Humor. Leider kam er viel zu selten durch!
Sie wandte sich ihm zu, streichelte mit der Hand über seine Brust.
G küsste sie.
„Halb drei nachts und wir geistern in unserem Haus herum!“ flüsterte sie ihm zu, streichelte über
seine Wange.
„Wenn wir keine Nachtschwärmer sind!“
G lachte leise.
Nur so eben, ohne Hinzusehen, stellte er die Bierflasche auf dem Waschbeckenrand ab. Sie stand
dort nur für einen kurzen Moment. Dann rutschte sie und fiel in das massive, eckige
Porzellanbecken. Zerbrach dort. Sofort roch es nach Bier.
„Tut mir leid.“ meinte G zu ihr und wollte augenblicklich hin.
Malgorzatta hielt ihn fest.
„Laß` G! Ich mach` gleich! Dusch` Du erstmal!“
Sie streichelte über seine Brust.
„Danke Mali!“
G drückte ihr einen raschen Kuss auf die Lippen. Dann ließ er sie los und zog seine Jacke aus.
Malgorzatta blieb stehen,wo sie war, und sah ihm zu, wie er begann, sein dunkles Hemd
aufzuknöpfen, es dabei aus dem Hosenbund zog.
G wirkte irritiert als er ihren Blick spürte.
„Was …?“
Sie konnte ihm sein Unbehagen förmlich ansehen.
Harmlos zuckte sie die Schultern in ihrem dicken Bademantel.
„Ich seh` das gerne!“
Gs Grinsen wurde verlegen.
Seine Finger verharrten sogar an der Knopfleiste.
Er wusste nicht, wie er mit dem Kompliment umgehen sollte, wie meistens.
„Es gab `mal einen Tag in Puerto Vallarta als ich mich selbst ausziehen musste und Du gerne
zugesehen hast!“ erinnerte sie ihn gelassen, machte die wenigen Schritte an ihn heran und begann,
sein Hemd weiter aufzuknöpfen. Behutsam schob sie dabei seine Hand beiseite. G ließ es
geschehen.
„Du hast gesagt, Dir gefiele das! Das hier … gefällt mir!“
G stand ganz still.
Als sie ihre Fingerspitzen sacht seine Haut berühren ließ nachdem sie jeden Knopf zurück
geschoben hatte, schloss er die Augen leicht. Legte seinen Arm um ihre Schultern.
Malgorzatta streifte den Stoff beiseite. Streichelte mit der Hand spielerisch über seine nackte Brust.
G seufzte behaglich.
„Wir hatten auch `mal einen Tag, das hieß es, vom Quickie zum OSP!“
Er öffnete die Augen und sah sie an.
Malgorzatta musste lachen.
„Ja, ich erinnere mich! Ist noch nicht ganz so lange her, hm?“
„Hmmh.“ machte G. Sie konnte spüren, wie er sich ein wenig an sie schmiegte.
„Ist Dir danach?“ flüsterte sie ihm zu, ließ ihre Hand unter seinem Hemd langsam um seine Seite,
zu seinem Rücken streicheln. Behutsam kratzte sie mit ihren Fingernägeln über seine Wirbelsäule
hinunter.
„Kann ich mir jetzt gut vorstellen!“ erwiderte G nach einem langen Moment. Seine Stimme klang
halblaut, zärtlich …

Malgorzatta mochte kein Morgens ohne G.


Zudem machte sie sich Sorgen um ihn, seit er weg war, mitten in der Nacht, ohne sich auszuruhen.
Sie hatte bloß eine halbe Stunde geschlafen. Die letzten dreißig Minuten bevor sie schließlich
aufstehen musste.
Sie mochte nicht frühstücken ohne G.
Sie kaufte sich auf dem Weg zum Rechtsmedizinischen Institut, wo sie momentan aushalf, bloß
einen Kaffee.
Dann rief Rose an und bat sie, ihr eine vergessene Akte ins Hotel zu bringen. Es gab einen Kongress
der Rechtsmediziner, auf dem sie einen Vortag halten sollte. Sie brauchte dazu die Unterlagen!
Also machte Malgorzatta sich mit der Akte auf den Weg.
Es kam selten vor, dass sie schlechte Laune hatte, aber an so einem Tag, wenn so viel zusammen
kam, war sie schon grummelig.
Und jetzt, zehn Minuten vom Hotel entfernt, leuchtete noch das Display ihres Smartphones auf, das
auf dem Beifahrersitz lag, und zeigte einen Anruf von G an.
Roses Akte war ihr nicht wichtiger als das.
Malgorzatta lenkte den Wagen rechts an den Straßenrand, hielt an.
Sie griff zu ihrem Smartphone und wischte das Display frei, bestätigte den Anruf während sie den
Motor des Wagens abschaltete.
„G? Ja, ich bin`s! G … „
Er klang unglaublich aufgeregt. Das alarmierte sie sofort.
„Mali, wo bist Du? Wo bist Du?“
„Auf dem Weg zum Miramar-Hotel.“ gab sie ihm verwundert zurück.
„Rose hat Unterlagen für ihren Vortrag vergessen. Ich bin in der … „
„Mali, geh` sofort in das nächste Geschäft oder in ein Restaurant und warte dort auf mich!“ wies G
sie an.
Seine Stimme klang streng.
„Ist das `was, wo Leute sind, eine Post, eine Bank, irgendetwas?“
„G?“ Malgorzatta sah verwundert zu der anderen Straßenseite herüber, suchend.
„Was ist los?“
Ihr Herzschlag steigerte sich rasant innerhalb von Sekundenbruchteilen.
Ganz plötzlich war ihr kalt. Sie begann zu zittern. Tatsächlich hatte sie mit einem Mal Angst.
„Mali, geh` sofort irgendwo hin, wo viele Leute sind! Ruf` ich an, wo Du bist! Ich bin auf dem Weg
zu Dir! Hörst Du?“
Malgorzatta traute sich nicht, ihm zu widersprechen.
„Ja, G! Mache ich, alles klar! Ich melde mich gleich!“
Sie löste ihren Sicherheitsgurt, unterbrach das Gespräch und griff zu ihrer Handtasche, zog den
Schlüssel aus dem Zündschloss und stieg aus dem Wagen. Sie aktivierte die Zentralverriegelung.
Verunsichert sah sie sich nach allen Seiten um während sie die Straße überquerte. Sie hatte ein
mulmiges Gefühl jetzt.
Wusste aber nicht `mal, wovor sie sich hüten musste!
Dem aufgeregten Ton von Gs Stimme nach war es eine reale Bedrohung. Er neigte normal nicht
zum Dramatisieren!
Letzte Nacht, als er kurz nach Hause gekommen war, hatte der Fall nicht so bedrohlich geklungen!
Aber so etwas konnte sich manchmal sehr schnell ändern!
Jetzt sah sie den Challenger die Straße hinaufrasen während sie auf den Waschsalon zuging.
Malgorzatta blieb stehen.
In einem waghalsigen Manöver wechselte der schwarze Wagen die Fahrbahn. Er kam direkt auf die
zu und bremste neben ihr am Bordstein, entgegen der Fahrtrichtung, was einen anderen Wagen zu
einem scharfen Ausweichmanöver zwang.
Dieser war kaum an ihnen vorbei als die Beifahrertür aufgestoßen wurde und G aus dem Wagen
sprang.
Er warf die Tür zu und lief um den Challenger vorne herum, zu ihr. Malgorzatta registrierte seinen
angespannten Gesichtsausdruck.
G streckte seinen Arm zu ihr aus.
„Komm!“
Er umfasste ihren Oberarm und zog sie mit sich, Richtung des Challengers, Malgorzatta spürte, dass
es zu ernst war um sich ihm zu widersetzen.
G riss die Beifahrertür des Challengers auf, riss die Lehne des Vordersitzes vor und schob sie auf
die Rückbank.
Malgorzatta ließ es geschehen.
G klappte die Lehne wieder zurück, ließ sich auf den Sitz fallen und zog die Tür zu.
Dann atmete er tief aus.
Sam hatte sich auf dem Fahrersitz halb zu ihr herumgedreht und sah sie an.
„Was ist los?“ fragte Malgorzatta besorgt. Ihr Herzschlag raste jetzt erst recht. Ihre Hände waren
eiskalt.
Sam sah zu G.
G wandte sich zu ihr um.
Er streckte seine Linke zu ihr aus und umfasste ihre Rechte fest.
„Ist besser, Du bleibst ein paar Tage aus der Öffentlichkeit `raus!“ meinte er vage.
Malgorzatta schluckte.
„Warum?“
G drückte leicht ihre Hand.
Er wandte kurz den Kopf ab, sah sie dann wieder an.
„Ist einfach so! Vielleicht … gehen wir besser wieder ein paar Tage zu Arkady.“
Malgorzatta sah zu Sam.
Sie wusste nur zu genau, dass sie von ihm keine Hilfe zu erwarten hatte.
Auch jetzt verzog er nur kurz das Gesicht.
„G, ich muss ins Miramar-Hotel, Rose Unterlagen für die Konferenz bringen! Die hat sie vergessen!
Sie wartet darauf!“
Sie streichelte mit der Linken über seine Hand, die die ihre fest hielt, sah ihn an.
G atmete tief aus.
Er sah zu Sam.
„Ich fahr` mit Mali zum Hotel! In ihrem Auto! Kommst Du nach?“
Sam nickte ruhig.
„Okay.“
G stieg aus. Klappte die Lehne um und reichte ihr die Hand, half ihr beim Aussteigen.
„Danke.“ meinte Malgorzatta zu ihm und rief schnell „Bye Sam!“ in den Wagen zurück bevor G die
Lehne zurück klappte und die Wagentür zuschlug.
„Komm!“ meinte er dann und legte seinen Arm um ihre Schultern, zog sie rasch mit über die
Straße, zu ihrem Wagen.
Malgorzatta registrierte genau, wie G sie dicht an sich gedrückt hielt. Wie er sich nach allen Seiten
umsah. Das waren Personenschutzmaßnahmen.
Er schob sie auf den Beifahrersitz und schlug die Tür zu.
Ging um den Wagen herum zur Fahrerseite.
Dass G in ihren Wagen stieg machte ihr am Deutlichsten, dass etwas nicht in Ordnung war. G
mochte ihren Wagen nicht, auch wenn er ihn ihr gekauft hatte. Er empfand den kleinen Smart nicht
als sicher. In keinerlei Hinsicht.
Malgorzatta rief ab, was sie an Informationen bisher von ihm erhalten hatte.
Er hatte ihr erzählt, in der Nacht, dass er vor einem halben Jahr auf jemanden geschossen und ihn
schwer verletzt hatte. Dieser Jemand war nun aus dem Gefängnis entkommen! Was lag näher als
dass er jetzt Rache nehmen wollte?
An den Leuten, die G nahe standen, respektive ihr, Hetty, Sam, denn so viele waren es ja nicht!
G war eingestiegen, auf den Fahrersitz, hatte die Autotür zugezogen.
Jetzt beugte er sich zu ihr herüber, wühlte seine rechte Hand in ihre Haare und küsste sie, fast
ungestüm.
Malgorzatta streichelte sanft über seine Wange. Löste nach einem langen Moment die Lippen von
seinen.
„G, was ist los?“
Sie sah ihn abwartend an.
„Gibt ein bisschen Schwierigkeiten!“ erwiderte G, noch immer ausweichend.
Malgorzatta nickte leicht.
„Was bedeutet das genau, G?“
Sie bemühte sich, ihn geduldig anzusehen.
G unterbrach den Blickkontakt mit ihr. Sah sekundenlang zur Frontscheibe des Wagens hinaus.
Seine Hand lag schwer auf ihrer Schulter.
Im hellen Tageslicht, das durch die kleine Scheibe hereinfiel, war sein Gesicht blass. G wirkte
müde, angespannt. Beunruhigt.
„G, bitte!“ meinte sie sanft zu ihm.
G wandte den Kopf und sah sie an.
Mit einem Mal wirkte er unendlich erschöpft.
Er trug das hellblaue luftige Hemd, das sie an seinem letzten freien Tag zusammen gekauft hatten.
Selbst diese Farbe, die ihm sonst schmeichelte, ließ ihn jetzt blass erscheinen.
„Dieser Mann von dem Du erzählt hast, G, … er ist … hinter mir her? Hinter uns?“
Sie sah ihn an. Streichelte mit der Hand über seinen Arm.
„Wir haben gerade zwei Tote im Hotel gefunden!“ ließ G sie wissen. Er schüttelte leicht den Kopf.
„Janvier hat sie umgebracht … er hat das eingefädelt! Er hat gedroht … am Telefon … er wüsste,
wo ich wohne … wer mir wichtig ist … Dass er mich auch … umbringen will!“
Malgorzatta schluckte beklommen.
Dass G es zugab bedeutete ihr, wie ernst er die Sache nahm.
Normalerweise hätte er versucht, es ihr zu verheimlichen!
Sam, der noch immer im Challenger auf der anderen Straßenseite wartete, hupte leise, auffordernd.
„Wir sind ein gutes Team, G!“ gab sie ihm sanft zurück, streichelte mit der Hand über seinen Arm
hinab. Sie schob ihre Finger zwischen seine, drückte sie fest.
„Wir Tedrows sind ein gutes Team, hm?“
Gs Lächeln war sehr klein. Kurz. Zögerlich.
„Ja. Aber er ist sehr gut. Verdammt gut!“
Malgorzatta beugte sich vor und küsste ihn auf die Lippen.
„Dann müssen wir halt ein bisschen besser sein! Und ich weiß, dass Du besser bist, G … „

Kapitel 2
Das Chamaeleon / Goodbye Lauren Hunter I

„Ich kann das nicht, Hetty!“


„Natürlich können Sie das, Malin!“ gab Hetty unerbittlich zurück.
„Und Sie werden es tun weil Ihr Land das von Ihnen erwartet! Also … der Fahrer kommt um zehn!“
Sie wandte sich einfach ab und verließ das Gästezimmer.
Malgorzatta ließ ihren Tränen freien Lauf.
Sie wunderte sich, dass überhaupt noch welche kamen.
Hetty zwang sie, zur Beerdigung von Lauren Hunter zu gehen, die von Marcel Janvier mit einer
Autobombe in die Luft gejagt worden war.
Sie sollte das Team vertreten.
Sie alleine.
Denn das Team war alleine.
G war verschwunden.
Malgorzatta hatte – während einer Maniküre – mit purem Entsetzen in den laufenden Nachrichten
verfolgen müssen, wie G einen Mann erschoss. Marcel Janvier, wie sie später erfuhr!
Er war noch am Tatort festgenommen worden. Hatte es geschehen lassen.
Sie war sofort zum Polizeirevier gefahren.
Doch sie konnte G nicht sehen! Er wollte es nicht! Er wollte sie nicht sehen!
Sam hatte sie schließlich zu Hetty gebracht, nachdem sie stundenlang vor dem Revier gewartet
hatte. Auch er hatte G nicht besuchen dürfen.
Malgorzatta hatte die meiste Zeit der Nacht geheult.
G hatte gestern einfach das Polizeirevier verlassen nachdem er erkennungsdienstlich behandelt
worden war, gegen eine Kaution von 50.000 Dollar, die der NCIS für ihn hinterlegt hatte. Er hatte
sich schuldig bekannt!
Jetzt war er untergetaucht.
Malgorzatta hatte halb Los Angeles nach ihm abgesucht.
Hatte auf dem Friedhof nach ihm gesucht, im „Warum-ich-Weg“, in ihrem Haus und bei Arkady!
Sie hatte Arkady um Hilfe gebeten. Er hatte versprochen, sich umzuhören.
Doch bis jetzt gab es keine Neuigkeiten über Gs Verbleib.
Hetty zwang sie jetzt zu dieser Beerdigung.
Sie ging mit keinem Wort auf Gs Verschwinden ein!
Sie hatte dem Nichts entgegen zu setzen!
Es klopfte.
„Malin?“
Es war Sams Stimme.
Malin lief zu Tür und riss sie auf.
Sam stand im Flur.
Er wirkte bedrückt.
„Hallo Malin. Guten Morgen.“ meinte er.
„Wie geht es Dir?“
„Hallo Sam!“
Malgorzatta gab sich erst gar keine Mühe, ihre Tränen zu verbergen.
Sam hatte sie an der Polizeiwache schon völlig verheult vorgefunden.
„Nicht … nicht so gut! Hast Du `was von G gehört?“
Sie sah ihn bange an.
„Ja, habe ich. Deswegen bin ich hier!“
Sam nahm sein Smartphone aus der Hosentasche.
Malgorzatta gab die Tür frei.
Sam machte ein paar Schritte in den Raum während er in seinem Smartphone suchte.
„Hier!“ meinte er schließlich, reichte ihr das kleine Telefon.
`Sag` Mali, ich liebe sie!` las sie unter dem heutigen Datum, mit der Uhrzeit 9.12 Uhr.
Jetzt war es kurz vor zehn.
Malgorzatta sah von dem Display zu Sam.
Warum schrieb G ihr nicht direkt? Er musste wissen, dass sie sich Sorgen machte!
„Es ist bestimmt alles gut, Malin!“ meinte Sam während er das kleine Telefon wieder an sich nahm.
„Ich bin mir sicher … G hatte einen guten Grund! Es scheint alles in Ordnung zu sein bei ihm!“
„Wenn alles in Ordnung wäre, wäre er bei mir!“ gab Malgorzatta zurück.
Sie hatte das Gefühl, dass die Nachricht sie nicht beruhigte, wie beabsichtigt, sondern eher, im
Gegenteil, sie noch viel mehr aufregte.
„Malin, es wird bestimmt alles gut!“ meinte Sam jetzt nichtssagend.
„Komm, mach` Dich fertig, ja? Hetty sagt, Du gehst gleich zu Hunters Beerdigung?“
„Ja … aber ich kann da nicht hin! Ich will nicht!“
„Du machst das schon, Malin!“
Sam beugte sich zu ihr vor und umarmte sie kurz.
„Ich muss wieder los! Pass` auf Dich auf, ja?“
„Du auch!“ schniefte Malgorzatta. Sie erwiderte seine Umarmung kurz.
Sam ließ sie los.
Er verließ das Gästezimmer ohne ein weiteres Wort, ohne sich auch noch einmal zu ihr
umzudrehen.
Leise schloss er die Tür nachdem er hinaus war.
Malgorzatta machte sich nicht einmal die Mühe, ihre Tränen weg zu wischen. Es war ihr egal, wie
verheult sie aussah! Es war ihr alles egal! Sie wollte G zurück!
Jetzt klopfte es wieder an der Tür. Sacht.
„Ma`m! Ihr Wagen ist da!“
Es war jemand von Hettys Angestellten.
„Danke!“ schniefte Malgorzatta.
Sie nahm ihre Tasche. Ihre lilane Balenciaga. Es war ihr ziemlich egal, ob sie zu ihrem schwarzen
Outfit passte. G hatte sie ihr geschenkt.
Wie automatisch drehte sie einen Moment lang an dem Ring von ihm.
Dann ging sie hinaus.
Hetty stand unten an der Haustür, im Flur.
Sie sagte nichts. Deswegen wirkte es um so mahnender, sich zusammen zu reißen, den NCIS, ihr
Land würdig zu vertreten, zu repräsentieren.
Doch der NCIS und ihr Land taten im Moment ziemlich wenig dafür, damit sie G wiederbekam.
Was taten sie überhaupt für G?
Würde sie ihn überhaupt wiederbekommen?
Er hatte einen Mann erschossen! In aller Öffentlichkeit, vor laufenden Kameras. An seiner Schuld
bestand kein Zweifel.
Als sie am Bildschirm gesehen hatte, wie ihm Handschellen angelegt wurden, wie er in dem
Polizeiwagen saß, hätte sie am Liebsten geschrien!
G hatte verzweifelt ausgesehen. Und hoffnungslos!
Bestimmt war es eine Kurzschlussreaktion von ihm gewesen, dass er sie im Gefängnis nicht hatte
sehen wollen.
Er wollte sie heraushalten! Schützen, wie immer! Doch allmählich brauchte er auch Schutz!
„Auf Wiedersehen!“ meinte sie bloß zu Hetty als sie im Flur an ihr vorbei ging. Sie konnte es sich
nicht ganz mit ihr verderben!
Sie war auf ihre Informationen angewiesen was G betraf, auch wenn da im Moment gar nichts von
ihr kam. Solange Arkady nichts wusste war Hetty Lange ihre einzige Anlaufstelle! Sie hasste das!
„Auf Wiedersehen, Malin!“ meinte Hetty ruhig hinter ihr her.
Malgorzatta nickte dem Fahrer leicht zu als er ihr die Tür zu der dunklen Limousine öffnete, und
rutschte auf die Rückbank.
„Danke.“
Der Fahrer schlug die Tür zu und ging um den Wagen herum, stieg auf der Fahrerseite ein.
Er startete den Wagen, lenkte ihn vom Grundstücke und hinab auf die Straße.
Es war nicht weit zum Friedhof. Zehn Minuten Fahrt vielleicht.
Eine Reihe von dunklen Limousinen stand auf dem Parkplatz an der kleinen Kirche.
Einige Leute waren dabei, bereits in das Gotteshaus zu gehen. Andere warteten noch davor.
Der Fahrer stieg aus und öffnete ihr die Wagentür.
„Ich werde hier auf Sie warten, Ma`m!“ meinte er während sie ausstieg.
„Danke.“ meinte Malgorzatta mit einem kleinen Lächeln zu ihm.
Sie ging langsam hinüber zur Treppe. Die wenigen Stufen hoch.
Sie erwartete hier niemanden, den sie kannte. Sie kannte nicht viele Leute hier in Los Angeles,
außer dem Team. Und das Team war beschäftigt. Womit, das wusste sie allerdings nicht!
Vielleicht damit, G wiederzufinden und dafür zu sorgen, dass er eine milde Strafe bekam?
Hetty hatte nicht besorgt ausgesehen. Die ganze Zeit nicht! Sie wirkte eher konstant verärgert!
Was, wenn G wirklich verurteilt wurde? Lebenslang! Was würde das für sie bedeuten? Konnte sie
das Haus behalten? Sie würde sich eine richtige Vollzeit-Stelle suchen müssen! Wie oft würde sie G
sehen dürfen? Einmal im Moment für eine Stunde? Der Gedanke war ihr unerträglich.
Ganz zu schweigen davon, dass G sich im Gefängnis in Lebensgefahr befand wenn die
Mitgefangenen herausbekamen, dass er Bundesagent war!
Sie suchte nach einem Taschentuch.
Die Leute hier in dem kleinen Vorraum der Kirche würden denken, sie trauere um Hunter.
Dabei hatte sie sie nicht `mal leiden können!
„Malin?“
Malgorzatta sah sich verwundert um.
Verschwommen, durch ihre Tränen, meinte sie Tim McGee und Gibbs in ihre Richtung kommen zu
sehen!
Doch was sollten die Beiden hier?
Andererseits, sie waren doch auch NCIS!
„Malin?“
Tims Stimme klang mehr erschrocken als begrüßend als die Beiden bei ihr ankamen.
„Hallo!“ meinte sie überrascht. Es gelang ihr sogar ein kleines Lächeln.
„Tim! Leroy! Ich hab` euch gar nicht erwartet hier? Guten Tag!“
Sie erwiderte Tims Begrüßungsumarmung.
Sein erstaunter, fast besorgter Blick, der nicht von ihrem Gesicht wich, bestätigte ihr nur, wie
furchtbar sie aussehen musste.
„Leroy.“
Sie erwiderte Gibbs` Händedruck.
„Was ist mit G?“ fragte er ruhig, sah sie fragend an.
Malgorzatta brach in Tränen aus.
„Mh.“ machte Gibbs bloß.
„Malin.“
Malgorzatta spürte so eben, wie Tim seinen Arm um ihre Schultern legte.
Sie sacht an sich zog. Dankbar ließ sie es geschehen.
„Wir haben im Fernsehen natürlich gesehen, wie Callen … Agent Callen … einen Mann erschossen
hat! Wie kam es dazu? Was ist das passiert?“
„Ich weiß es nicht!“ schluchzte Malgorzatta gegen seine Schulter. Der Stoff von Tims Jacke an ihrer
Schulter war rau.
Sie spürte wie seine Hand leicht über ihren Rücken strich.
„Ich … ich weiß` nicht, was da ist! G ist … ist vom Gefängnis verschwunden! Ich weiß nicht, wo er
ist. Keiner weiß, wo er ist! Keiner sagt mir `was!“
Für lange Sekunden konnte sie vor Schluchzen nicht weitersprechen.
Tim drückte sie sacht.
Es tat einfach gut, dass sie jemand bedauerte.
Sam hätte das auch getan. Doch bei ihm wollte sie das nicht!
Oder sie war noch nicht so weit so weit gewesen, es `rauszulassen!
„Was macht Hetty in der Sache?“ hörte sie Gibbs Stimme so eben an ihr Ohr dringen.
Malgorzatta wandte sich zu ihm um.
Sie konnte ihn kaum erkennen vor Tränen.
„Ich … ich weiß es nicht! Gar nichts? Heute Morgen schien es ihr … das Wichtigste zu sein, dass
ich hier … hier zu dieser Beerdigung … „
Sie konnte nicht weitersprechen.
„Geht schon `mal `rein!“ meinte Gibbs, mit einer kleinen raschen Kopfbewegung Richtung des
Einganges zum Altarraum.
„Ich komm` gleich nach!“
„Komm, Malin!“ meinte Tim sanft zu ihr.
Er griff in eine Tasche seiner Jacke und reichte ihr ein sauberes weißes gefaltetes Taschentuch.
Malgorzatta musste lächeln. Schniefte.
„Danke Tim!“
Er war so gentlemen-like.
G war es auch. Auf eine ganz andere Art und Weise.
Sie konnte sich nicht vorstellen, jemals von G ein sauberes weißes gefaltetes Taschentuch gereicht
zu bekommen wenn sie weinte.
Sie weinte jedoch auch extrem selten in seiner Gegenwart. Wenn er da war, hatte sie keinen Grund!
In ihrer Beziehung war sie die Taschentuchträgerin.
Sie tupfte sich die Tränen von den Wangen und suchte Tims Blick.
„Tut mir leid!“ entschuldigte sie sich bei ihm.
„Oh nein … nein, schon gut, Malin!“ erwiderte Tim schnell.
„Wie lange hast Du schon nichts von Callen … Agent Callen … gehört?“
Es war so süß von ihm, dass er immernoch nicht wusste, wie er von dem älteren Agenten reden
sollte.
„Zweieinhalb Tage.“ gab Malgorzatta zurück und spürte ihre Kehle schon wieder eng werden, ihre
Stimme hoch.
Auch Tränen stiegen bereits wieder in ihre Augen.
„Es klärt sich bestimmt alles zum Guten!“ erwiderte Tim sanft.
Seine Hand lag noch immer an ihrem Rücken.
„Vielleicht war es … ein Missverständnis?“
Malgorzatta musste lächeln, obwohl ihr die Tränen schon wieder über die Wangen liefen.
G hatte einen Mann erschossen, vor laufenden Fernsehkameras. Unmissverständlicher konnte es
kaum sein!
„Komm, wir gehen schon `mal `rein!“ meinte Tim jetzt.
Malgorzatta spürte, dass er im Grunde genau so hilflos war wie sie. Dass er sie gerne trösten wollte.
Und dass ihn das überforderte!
„Ja.“ stimmte sie ihm zu um ihn nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen.
Sie schmiegte sich ein wenig in seinen Arm. Es tat gut.
Mit einem Mal fühlte sie sich nicht mehr so allein.
Die Orgelmusik spielte schon eine ganze Weile.
Etwa die ersten drei Reihen links und rechts des Ganges waren mäßig besetzt.
Vor dem Altar stand ein brauner Sarg. Geschlossen.
Mit einer amerikanischen Flagge zur Hälfte bedeckt.
„Komm! Hier!“

Kapitel 3
Das Chamaeleon / Goodbye Lauren Hunter II
Tim schob sie sacht in die nächste leere Reihe rechts. Er setzte sich links neben sie. Suchte besorgt
ihren Blick.
Malgorzatta lächelte ihm zu.
Sie wollte ihn nicht noch mehr in Verlegenheit bringen.
Der Pfarrer hatte schon seine Rede begonnen als Gibbs schließlich hereinschlich.
Er rutschte neben sie auf die Holzbank.
Malgorzatta warf ihm einen kurzen Blick zu. Gibbs` Gesicht war ruhig. Fast ausdruckslos, wie
gewohnt.
Er schob seine linke Hand kurz über ihre Rechte und drückte sie fest, kurz.
Sein Gesicht verzog sich fast zu einem kleinen aufmunternden Lächeln.
„Alles wird gut, Malin!“ versicherte er ihr leise.
Malgorzatta lächelte irritiert.
Gibbs war kein Mann, der tröstend leere Floskeln herunterbetete.
Sie atmete tief aus.
Die ruhige Stimmung hier tat gut. Beruhigte sie etwas.
Das Brennen der Kerzen, die andächtigen Worte des Pfarrers, es rückte ihre Gedanken wieder ein
bisschen zurecht.
Lauren Hunter lag da vorne im Sarg, vermutlich in zahlreichen verbrannten kleinen Stücken. Ihre
Angehörigen würden sie nie wiedersehen.
Sie würde G wahrscheinlich wiedersehen.
Unter welchen Umständen auch immer. Sie liebte ihn! Egal, was er getan hatte! Er hatte bestimmt
einen guten Grund dafür!
Er musste nur noch Gelegenheit haben, ihn zu erzählen. Und sie wollte ihm diese Gelegenheit auf
jeden Fall geben.
Sie würde ihn suchen.
Gleich heute Nachmittag.
Sie würde noch `mal Arkady aufsuchen.
Vielleicht musste sie ein bisschen mehr Druck aufbauen und die Hilfe anderer Leute in Anspruch
nehmen! Leute, die noch ein bisschen näher am kriminellen Geschehen waren! Die sie vielleicht
mit einer Belohnung würde motivieren können!
Malgorzatta fühlte sich etwas besser nach ihrem Entschluss, noch etwas mehr zu unternehmen.
Noch etwas aktiver zu werden.
Sie verabschiedete sich von Tim und Gibbs, die nur weniger später mit einer Privatmaschine nach
Washington zurückfliegen würden. Malgorzatta richtete Grüße an Tony und Ziva aus.
„Grüß` Callen von mir!“ meinte Gibbs, auf eine so souveräne, ruhige Art und Weise, die
Malgorzatta überraschte.
Er klang so glaubhaft, so selbstverständlich – so als wisse er mehr und wolle sie beruhigen, ohne
dabei zu viel verraten zu dürfen.
„Ja … ja, danke. Mache ich!“ erwiderte sie irritiert.
„Ich wünsche euch einen guten Heimflug!“
„Ich rufe an!“ rief Tim als sie zu ihrem Wagen gingen.
Malgorzatta nickte ihm kurz zu als er sich kurz umwandte, lächelte.
Dann ging sie zu Hettys Wagen.
Der Fahrer stieg sofort aus und öffnete ihr die linke hintere Tür.
„Mrs. Callen!“
„Danke.“
Sie genoss es noch immer, mit diesem Namen angesprochen zu werden, auch wenn er ihr - bisher –
nicht angetraut worden war.
Um nichts in der Welt würde sie ihn wieder loswerden wollen. Selbst wenn ihr zukünftiger Mann
ein Mörder war!
„Fahren Sie mich bitte zurück!“
„Gerne, Mrs. Callen!“
Er schloss ihre Tür nachdem sie eingestiegen war, und stieg ebenfalls wieder in den Wagen, setzte
ihn in Bewegung.
Malgorzatta wunderte sich noch immer über Gibbs` Zuversicht. Es grenzte ihr fast an geheimes
Wissen.
Was hatte er getan nachdem er sie vorgeschickt hatte?
Es hatte sie beruhigt!
Er hatte sie etwas beruhigt.
Sie war jetzt wieder etwas klarer im Kopf.
Sie wollte etwas unternehmen. Sie konnte nicht in Hettys Haus sitzen und warten und der Gnade
anderer Leute ausgeliefert sein! Sie wollte G zurück!
Der Fahrer öffnete ihr die Tür damit sie aussteigen konnte nachdem er den Wagen mit der linken
hinteren Tür nahezu perfekt vor der Haustür geparkt hatte.
„Danke schön.“ meinte Malgorzatta zu ihm.
Sie wollte sich umziehen. Dann würde sie sich auf die Suche nach G machen. Vielleicht würde es
auch besser sein, in ein Hotel zu ziehen. Sie fühlte sich eingeengt bei Hetty.
Vielleicht musste sie wirklich …
Die Haustür wurde geöffnet.
Sie stand noch in dem kleinen überdachten Vorraum.
Und die konnte keinen Schritt weiter vorwärts machen!
„G … „
Mehr brachte sie nicht heraus.
Mit einem Mal fiel alles von ihr ab.
Sorge, Schwere, die trüben Gedanken, die Ausweglosigkeit. Die Hilflosigkeit und das Alleinsein.
Plötzlich fühlte sie sich so erleichtert, dass ihr sofort wieder die Tränen kamen. Ihre Knie begannen
zu zittern.
G machte zwei kleine Schritte vorwärts und langte mit einer kleinen Bewegung nach ihrem
Handgelenk.
Zog sie sanft zu sich.
Noch auf der Türschwelle zog er sie in seine Arme und drückte sie fest an sich.
„Cormoara meu … „
Seine Stimme bebte.
„G … „
Malgorzatta schlang beide Arme um ihn, drückte sich an ihn.
Er jetzt erkannte sie, verschwommen durch die Tränen, das kleine helle Pflaster über der Wunde
über seinem linken Wangenknochen und den kleinen Bluterguss rechts an seiner Unterlippe.
„Was … was ist passiert, G?“
Sie streichelte vorsichtig über seine rechte Wange. Ihre Finger bebten.
„Nichts. Alles in Ordnung!“
Gs leise Stimme war rau.
Er beugte den Kopf zu ihr vor und küsste sie.
Es klappte nicht besonders gut.
Die Wunde an seiner Lippe schien zu schmerzen. Sie spürte das Kratzen der Kruste an ihrer Lippe.
Und sie konnte seinen Kuss nicht erwidern weil sie beim Schluchzen keine Luft bekam.
Sie mussten beide lachen.
„Komm her!“ flüsterte G und schob seine Wange neben ihre, drückte sie fest an sich.
„Alles gut! Hör` auf zu weinen, Mali! Alles gut!“
Er wiegte sie sacht hin und her.
„Du zitterst … „
Malgorzatta räusperte sich mühsam. Wandte den Kopf, suchte seinen Blick.
„G … ich war am Gefängnis … ich … ich wollte zu Dir! Du wolltest mich nicht sehen! Warum? Sie
hätten mich zu Dir gelassen!“
„Es ging nicht!“ gab G ruhig zurück, nach wie vor mit bebender Stimme.
Er wühlte seine Rechte in ihre halblangen Haare.
„Du hättest den Plan gefährdet! Es tut mir leid, aber es durfte keiner wissen! Wir hatten das geplant!
Janvier ist nicht tot, wir haben nur so getan! Tut mir so leid … aber es durfte niemand wissen!
Wirklich niemand! Tut mir so leid, Mali!“
Er berührte mit den Lippen behutsam ihre Wange.
Malgorzatta spürte, wie sie mit einem Mal sehr ruhig wurde. Plötzlich war ihr fast alles egal, was
passiert war. Mit einem Mal hatte sie eine vernünftige Distanz dazu. Es war Gs Arbeit. Das, was er
gerne machte, was er gut konnte. Punkt!
„Alles okay, G!“
Sie straffte ihre Gestalt. Räusperte sich.
Suchte seinen Blick und lächelte ihm zu während sie mit der Rechten über seinen Rücken
streichelte.
Der Stoff seines dunklen Hemdes war rau.
„Ist in Ordnung! Es war wichtig für euch? Alles gut, G! Danke, dass Du wenigstens an Sam
geschrieben hast für mich!“
G stutzte nur für den Bruchteil einer Sekunde.
Doch Malgorzatta merkte es. Und was sie daraus ableitete, verursachte ihr blankes Entsetzen!
„Ich … ich habe Sam nicht geschrieben! Ich war undercover. Komplett!“
Er sah sie verwundert an.
„Ich weiß!“ erwiderte sie ihm kalt.
Sie spürte eine unbändige Wut in sich aufsteigen. Eine Wut, die alles andere in den Schatten stellte.
„Bitte, lass` uns fahren, G! Ich hol` nur eben meine Sachen!“
Sie wollte sich zur Treppe wenden.
Doch G hielt sie fest.
„Was ist?“
„Nicht so wichtig! Bitte, lass` uns nach Hause fahren!“
„Mali!“ mahnte G, sanft, aber auch sehr ernst.
„Ich habe Dir nicht geschrieben! Was meinst Du?“
Malgorzatta holte tief Luft.
Er würde nicht locker lassen!
„Ich musste vorhin zur Beerdigung von Lauren Hunter! Schöne Grüße von Gibbs und Tim übrigens.
Ich wollte da nicht hin! Ich habe nur geheult, weil ich nicht wusste, was mit Dir ist! Dann kam Sam
und zeigte mir eine Nachricht auf seinem Smartphone von heute Morgen, von Dir an mich! Dass
Du mich liebst. Ich denke … jemand wollte mich … motivieren … damit ich zur Beerdigung
gehe!“
G schluckte.
Sie konnte sehen, wie etwas Farbe aus seinem Gesicht wich.
„Okay!“ meinte er schließlich.
Seine Stimme klang hart, rau.
Sein Gesichtsausdruck war plötzlich sehr ernst.
„Pack` Deine Sachen! Ich komm` gleich hoch!“
„G … „
Malgorzatta zögerte.
G schob sie unmissverständlich in Richtung der Treppe.
„Geh!“
Langsam ging sie nach oben.
Sie hatte nicht viel zusammen zu packen. Sie hatte nicht viel benutzt.
Durch die Tür, die sie hatte offen stehen lassen, hörte sie nur ein paar Minuten später Gs Stimme,
laut und böse.
Er schrie Hetty an!
Dann kam er zu ihr hoch.
Blieb in der Tür stehen.
„Komm! Wir fahren!“
Malgorzatta blieb bei ihm stehen.
Gs Wangen waren gerötet. Kleine Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Sein Oberkörper hob und
senkte sich rasch mit seinen hastigen Atemzügen. Am Funkeln seiner blauen Augen konnte sie
erkennen, wie wütend er war.
Er hatte seine Jacke in der Hand.
„Tut mir leid, G!“
Sie streichelte sanft über seine Seite.
„Nicht Deine Schuld!“ gab G knapp zurück.
„Können wir?“
Er sah sie auffordernd an. Machte den Eindruck, als könne er gar nicht schnell genug hier
wegkommen!
„Ja.“
Malgorzatta nahm ihre Reisetasche.
G kam und nahm sie ihr aus der Hand.
Er schloss die Zimmertür und sie folgte ihm, die Treppe hinab, aus dem Haus.
Der Mercedes stand am Straßenrand.
Deswegen war er ihr vorhin, als sie vom Friedhof zurück kam, nicht aufgefallen.
G ließ sie auf dem Beifahrersitz einsteigen.
Er stellte ihre Tasche in den Kofferraum, stieg dann auf der Fahrerseite ein.
Die Bewegung, mit der er dann den Schlüssel in das Zündschloss schob, war schon sehr zögerlich.
Malgorzatta sah zu ihm herüber.
G sah nicht mehr wütend aus.
Er wirkte plötzlich unheimlich müde.
Seine Finger verharrten an dem Schlüssel. Er drehte ihn nicht.
Malgorzatta wusste nur zu gut, wie schwer er es ertrug, mit Hetty Streit zu haben.
„Schwierige Situation, hm?“ meinte sie sanft zu ihm.
G sah sie an.
„Hetty hat die Nachricht schicken lassen! Sie musste Dich aus dem Haus haben, es musste
sichergestellt sein, dass Du zur Beerdigung gehst weil … nun ja … Hetty hatte auch eine Rolle bei
der Sache! Ich habe mir verbeten, dass sie Dich … in so was … überhaupt in etwas `reinzieht! Ich
möchte das nicht! Aber … „
Er zuckte leicht die Schultern.
„ .. ich fürchte, es wird sich nicht vermeiden lassen! Es tut mir leid, Mali!“
Malgorzatta schüttelte schnell den Kopf.
Streichelte über seinen Arm.
„Kein Thema, G! Alles in Ordnung! Ich habe Dich zurück, alles andere ist nicht wichtig! Ich liebe
Dich! Und vielleicht möchtest Du jetzt … noch `mal `reingehen und mit Hetty reden?“
G senkte für einen Moment den Kopf. Schloss die Augen sekundenlang.
„Ja.“ meinte er dann, mit einem tiefen Ausatmen und zog den Schlüssel ab .

Kapitel 4
Goodbye, Mike Renko!
Die Nacht vor Mike Renkos Beerdigung war eine der Anstrengensten, die Malgorzatta mit G bisher
verbracht hatte. Mental.
Gs Aufenthalt bei den Iranern hing ihm nach. Nicht allein die noch körperlichen Verletzungen. Auch
dass man sie, Malgorzatta, praktisch mit hinein gezogen hatte weil man versuchte, sie außen vor zu
lassen. Dass sie sich so vehement bei ihm darüber beklagt hatte.
Und nun der bevorstehende Abschied von Mike.
G schlief zwei Mal ungefähr eine halbe Stunde.
Malgorzatta bekam die Pause dazwischen so eben mit und rutschte auf der Matratze zu ihm herüber
als G sich wieder hinlegte.
Dann wurde sie wieder wach.
Sie spürte sofort, dass der Platz neben ihr leer war.
Die Präsenz einer anderen Person im Zimmer.
Ein leises Summen.
Sie schlug die Augen auf.
Es war halbdunkel.
G saß am Schreibtisch.
Von hier konnte sie den Bildschirm seines Laptops erkennen. Er spielte Schach.
Malgorzatta rappelte sich auf.
G hörte das sofort.
Er wandte sich um.
„Hab` ich Dich geweckt, Mali? Tut mir leid!“
„Nein! Du warst ganz leise, G!“
Malgorzatta rutschte über seine Seite der Matratze aus dem Bett, ging zum Schreibtisch und blieb
hinter G stehen, umarmte ihn.
Er war kalt.
Sie kannte das von ihm wenn es ihm schlecht ging.
„Du kannst nicht schlafen, hm?“
Sie schob den Kopf neben seinen, drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
„Da war dieser Schachzug … den wollte ich ausprobieren!“ log G sie an.
Malgorzatta atmete tief aus.
Sie ließ ihn los und ging zu seiner Tasche, nahm eine graue Strickjacke heraus, die ganz oben lag.
Sie hatte sie vorgestern entdeckt. G hatte sie wahrscheinlich aus Versehen aus Hettys Fundus
mitgenommen.
Er war kein Strickjackenträger.
Sie kehrte damit zum Schreibtisch zurück und legte G die Jacke um die Schultern.
Dann umarmte sie ihn wieder, schmiegte sich an ihn.
„Danke.“ meinte G abgelenkt.
„Hmmh.“
Malgorzatta begann, ihn leicht hin und her zu wiegen.
G ließ es geschehen.
Er machte noch einen Schachzug, speicherte das Spiel und schaltete dann den Computer aus.
Als er sich noch etwas gegen sie zurück lehnte legte er seine Rechte auf ihren Unterarm.
Sie sah, dass er die Augen schloss.
G lehnte seinen Kopf schwer gegen ihre Brust zurück.
Malgozatta beugte sich über ihn und berührte mit den Lippen nachdrücklich seine kurzen Haare.
„Ich hab` Dich, Baby! Alles gut, G!“ flüsterte sie ihm zu.
„Ich hab` Dich!“
G seufzte leise.
Es war 2.20 Uhr morgens.
Oder besser, mitten in der Nacht.
Der ganze Albtraum mit Janvier lag jetzt drei Tage zurück.
Mike war schon länger tot.
Aber da er keine Angehörigen hatte, die auf eine Beisetzung drängten, hatte Hetty sich der Sache
angenommen.
Mike war verbrannt worden.
Die Beisetzung seiner Urne war für 10.30 Uhr geplant.
Malgorzatta hatte Mike gemocht.
Weil er G so bedingungslos unterstützt hatte wie Sam es nun tat.
G hatte ihr erzählt, dass er für einige Zeit bei Mike auf dessen Hausboot in San Diego gewohnt
hatte. Er hatte ihn in seiner Zeit bei der DEA kennengelernt.
Es dauerte lange Momente bis Malgorzatta spürte, wie Gs Schultern etwas nach unten sanken. Er
sich offenbar leicht zu entspannen begann.
„Komm, wir gehen ins Bett!“ raunte sie ihm zu.
„Ist bequemer. Du kannst Dich da noch ein bisschen ausruhen, ja? Bitte G!“
Sie drückte ihm wieder einen langen Kuss auf die Haare.
„Okay.“ Gs Antwort klang unheimlich müde. Er war erschöpft.
Er zog sanft ihre Arme hinab und Malgorzatta ließ ihn los als er aufstand.
G küsste sie rasch.
„Geh` schon ins Bett! Ich komme gleich nach!“
Er ging ins Bad.
Malgorzatta schlüpfte unter die schon abgekühlte Bettdecke.
Sie war froh, dass G sich dazu bereit erklärt hatte, sich wieder hinzulegen. Selbst wenn er nicht
schlafen konnte, Ausruhen würde ihm gut tun.
Die Badezimmertür klappte.
G kam aus dem Bad.
Er rutschte auf die Matratze, unter die Decke, zu ihr hinüber.
Malgorzatta rutschte ihm entgegen.
Sie legte beide Arme um ihn und lehnte den Kopf an seinen als G sich an sie schmiegte, seinen
Kopf an ihre Schulter legte.
„Ich werde auch `mal so enden wie Mike!“ meinte er düster.
„Das werde ich zu verhindern wissen!“ gab Malgorzatta sofort zurück.
Es war ihr ernst.
Der Gedanke, G zu überleben, war unerträglich für sie.
Doch die Möglichkeit, dass sie zuerst starb, drehte ihr ebenfalls den Magen um. G würde
durchdrehen.
Doch jetzt lachte er, ehrlich amüsiert.
„Was würdest Du tun?“ fragte er halblaut.
Er schmiegte sich noch etwas enger an sie.
Eine Spur Neugierde klang in seiner Stimme mit.
Malgorzatta konnte verstehen, dass er jetzt Zuspruch brauchte. Sie wollte ihm den gerne gewähren.
„Alles G!“
Sie streifte mit der Rechten ihren Verlobungsring von ihrem Finger. Hielt ihn zwischen Daumen
und Zeigefinger ihrer Linken während sie sie unter Gs Shirt schob. Langsam strich sie mit dem
Ring über Gs Haut, über seine Brust bis hinab zu seinem Bauch.
„Weißt Du, was das ist, G?“
G ließ sich etwas in ihren Arm zurück sinken.
Sie konnte spüren, dass er sich konzentrierte, es herauszufinden versuchte.
„Mach` weiter!“ raunte er.
„Das ist … das … „
Malgorzatta drehte den Ring ein bisschen.
Ließ statt des Randes nun die breite Metallfläche langsam über sein Brustbein rutschen. Über seine
weiche Haut, die sich ein bisschen kühl anfühlte, über die kleine Falte, die sie bildete in seiner halb
aufrecht sitzenden Position, bis hinab zu seinem Bauchnabel.
„ … Dein Ring!“ meinte G.
Es klang verblüfft.
Malgorzatta genoss sein Abgelenktsein.
„Ja, mein Ring.“ bestätigte sie.
„Mein Ring. Dein Versprechen, mich zu heiraten! Das möchte ich, G! Das möchte ich wirklich!
Und deswegen werde ich alles dafür tun, dass Du nicht so endest wie Mike! Tut mir leid, Schatz …
Du hast Dich zu einem Leben an meiner Seite verdammt!“
G lachte.
Deutlich belustigt.
„Hört sich traumhaft an!“ gab er halblaut zurück, stemmte sich etwas hoch und beugte sich über sie,
suchte im Dunkeln ihre Lippen.
Sein Kuss war etwas ungenau.
„Ich kann meinen Ring zehn Minuten ins Eisfach legen und dann machen wir das noch `mal!“
raunte Malgorzatta ihm zu.
„Mmmmh.“ machte G.
„So wie Letztens, als Du erst das Mentholbonbon gelutscht hast und dann … „
„Du hast gesagt, es hat Dir gefallen!“ flüsterte Malgorzatta zurück, streichelte weiter sanft über
seinen Bauch.
Er hatte abgenommen die letzten Tage.
Sie mochte seinen kleinen Bauchansatz wenn er sich unter seinem Shirt, über den Bund seiner Jeans
wölbte.
Jetzt war er verschwunden.
Das ganze Hin und Her war ihm an die Substanz gegangen.
„Es hat sich wunderbar angefühlt!“ flüsterte G zurück.
Seine Hand streichelte sanft ihre Seite hinauf. Über ihre Brust bis zu ihrem Hals hinauf.
Er rutschte noch enger an sie heran.
„G … „
G küsste sie.
Legte beide Hände an ihre Wangen während er seine Zungenspitze sacht nach der ihren suchen ließ.
„G … „ Quetschte sie heraus, wandte den Kopf etwas beiseite.
„ … mir ist mein Ring `runtergefallen!“
„Wir suchen ihn gleich!“ flüsterte er.
„Ich muss ihn sofort wiederhaben!“ widersprach Malgorzatta.
„Ich fange in fünf Minuten an zu schreien wenn er bis dahin nicht wieder an meinem Finger ist!“
„Okay!“ erwiderte G leise, amüsiert, drückte ihr einen raschen Kuss auf die Wange.
„Mach` das Licht an!“
„Es ist mir wichtig!“ erklärte Malgorzatta als Reaktion auf den leicht resigniert klingenden Ton in
Gs Stimme.
Sie knipste das Licht der Nachttischlampe an und schlug die Decke zurück.
Eigentlich hatte sie erwartet, dass der Ring direkt vor G auf dem Bettlaken lag, dort, wo er ihr aus
den Fingern gerutscht war.
Sie strich das Laken glatt.
„G … „
Sie spürte einen Anflug von Panik.
G schüttelte den Stoff seines Shirts.
Malgorzatta grub ihre Hände unter seinen Körper.
G setzte sich auf.
Malgorzatta spürte ihr Herz bis zum Hals hinauf klopfen. Vor Aufregung. Ihr war ein bisschen
schwindelig.
Es war absolut albern, der Ring konnte nicht weg sein, musste sich im Bett befinden, aber sie wollte
ihn augenblicklich wiederhaben!
Es war fast wie eine unstillbare Sucht, eine unwiderstehliche Begierde.
Ihre Wangen brannten.
„Er muss doch hier irgendwo sein … „
G war keine 30cm von ihr entfernt.
Doch sie hatte das Gefühl, ohne ihren Ring wäre das starke emotionale Band zwischen ihnen
zerrissen.
Es war Unsinn, doch es fühlte sich so an und sie konnte nichts dagegen tun!
G nahm die beiden Bettdecken und schüttelte sie vorsichtig über der Matratze. Dann legte er sie auf
den Boden.
Malgorzatta schmiss ihr Kopfkissen von der Matratze.
Knuffte Gs Kopfkissen beiseite.
Dann sah sie das kleine rosane Schmuckstück so eben gegen das pastellfarbene Laken.
„Da ist er!“
Fast hatte sie das Gefühl, ihr Herzschlag setzte kurz aus. Hastig griff sie danach. Es war nahezu ein
unkontrolliertes Grabschen. Fest schloss sie ihre Finger um das Metall mit dem Weißgold und den
Brillianten.
Für einen Moment presste sie ihre Hand an ihr Herz, in einer unbewussten Geste.
„Mali … „
G beugte sich zu ihr herüber. Zog sie an sich.
„Du zitterst ja!“
Er legte fest beide Arme um sie, küsste sie auf die Wange.
Sein Arm rutschte in ihren Nacken.
„Komm her! Alles gut!“
Malgorzatta legte ihren Kopf gegen seinen Arm zurück und lächelte ihn an. Sie war wieder ruhiger.
„Ich wollte ihn unbedingt wiederhaben!“ meinte sie atemlos, fast ein wenig verlegen.
„Das habe ich gemerkt!“
G streichelte mit der Hand über ihre Wange.
„Ich hätte Dir einen Neuen gekauft wenn er weg gewesen wäre!“
Malgorzatta sah ihn verblüfft an.
Verwundert darüber, wie locker G es zu nehmen schien, noch einmal so viel Geld für sie
auszugeben!
„Danke, G! Aber das ist meiner! Der hier! Von Hawaii, mit Deinem Versprechen! Tust Du ihn mir
bitte wieder um?“
Sie hielt ihm den Ring entgegen.
G lächelte.
Er umschloss ihre Hand so, dass der Ring in ihre Handinnenfläche gedrückt wurde, zog ihre Finger
an seine Lippen und drückte einen Kuss auf ihren Ringfinger.
Zärtlich. Nachdrücklich.
Seine Lippen wanderten über ihren Handrücken hinauf, langsam über ihren Unterarm, ihren
Oberarm hinauf, vom Ärmelsaum ihres Shirts zu ihren Lippen.
Malgorzatta spürte – während sie seinen Kuss erwiderte – wie G den Ring in seine Hand fallen ließ.
Sie rutschte noch etwas näher zu ihm, schmiegte sich an ihn, streichelte mit der Rechten langsam
über seinen Arm.
Gs Kuss wurde ein bisschen intensiver.
Malgorzatta ließ es geschehen. Ließ sich darauf ein und öffnete ihre Lippen noch ein wenig mehr,
ließ ihm ihre Zungenspitze entgegen kommen.
G löste seine Lippen erst von ihren als sie beide etwas atemlos waren.
Er ließ seine Hände langsam ihre Schultern hinab streichen, sah sie dabei an.
„Du weißt schon, cormoara meu … dass Du gerade fast ausgeflippt bist um Deinen Ring zu
finden?“
Der Blick seiner schönen blauen Augen ruhte abwartend auf ihrem Gesicht.
Seine Hände streichelten weiter über ihren Rücken.
Malgorzatta horchte kurz in sich hinein.
G war ein scharfer Beobachter. Es wäre Unsinn, es abzustreiten.
„Ja.“ stimmte sie ihm also freimütig zu.
Sie legte beide Hände auf seine Wangen und streichelte sanft über seine Barthärchen.
„Und das galt nur für meinen Ring! Wenn Du Dich also erschießen lässt, kannst Du Dir vorstellen,
was los ist! Ich bitte Dich, davon abzusehen!“
G lachte.
Er schloss beide Arme fest um ihren Rücken und drückte sie an sich. Küsste sie.
„Mali … es ist so wundervoll mit Dir! Seit Du bei mir bist … es ist die beste Zeit meines Lebens!
Ich werde das … auf gar keinen Fall riskieren, cormoara meu! Ich liebe Dich!“
„Ich liebe Dich auch, G! Ich liebe Dich über alles!“
Sie beugte sich zu ihm vor und küsste ihn, schlang beide Arme um seinen Hals.
G erwiderte ihren Kuss.
Während er das tat, zog er ihren linken Arm hinab und tastete nach ihrer Hand, nach ihren Fingern.
Malgorzatta spürte, wie er versuchte, ihr den Ring über den Finger zu schieben.
„Das ist der Falsche, Schatz!“
Sie zog Daumen, Zeige- und Mittelfinger ihrer Linken an ihren Handteller zurück.
„Ist schwer ohne Hinzusehen, hm?“
Sie beließ ihr Gesicht dem von G ganz nah während sie genoss, wie G ihr den Ring wieder über
ihren Finger streifte.
„Danke schön, G!“
Sie berührte mit den Lippen zärtlich seine kratzige Wange.
G zog ihre Hand an seine Lippen.
Drückte einen Kuss auf ihren Ringfinger, vor das Metall, bevor er ihre Hand umdrehte und einen
langen Kuss auf ihr Handgelenk setzte, auf den einzelnen tätowierten Buchstaben dort.
„Ich fühle mich nicht gut ohne ihn! Das ist genau so, wie wenn Du nicht bei mir bist!“
„Ehrlich?“
G sah sie an.
Er legte seine Arme wieder um ihre Schultern und zog sie sanft mit sich als er sich nach hinten auf
die dicke Matratze sinken ließ.
„Mhmh … es ist schlimm, wenn Du nicht bei mir bist, G!“
Malgorzatta beugte sich über ihn.
Schob ihren linken Arm unter seinen Nacken während sie mit der Rechten langsam über seine
Wange streichelte.
Behutsam mit dem Zeigefinger über seine kratzige Wange, unter seinen Unterkiefer entlang. Seine
Barthärchen waren lang. Weich.
Sie betrachtete ihn aufmerksam.
Sein Gesicht war noch immer ein bisschen geschwollen, unsymmetrisch von den Wunden, die die
Iraner ihm zugefügt hatten.
Sie spürte die Kruste an seiner Unterlippe rechts wenn sie ihn küsste.
Die Schramme an seiner linken Wange, über seinem Jochbein, machte mehr Schwierigkeiten.
Unten in seiner Augenhöhle hatte sich ein kleiner Bluterguss gebildet, der sein Sehen
beeinträchtigte.
Deswegen durfte er nicht Autofahren. Deswegen durfte er nicht im Außeneinsatz arbeiten.
Hetty hatte G an seinen Schreibtisch verbannt.
G nahm es hin um sein Team nicht zu gefährden.
Genau so nahm er seit zwei Tagen die Infusionen hin, die vom Gesundheitsdienst des NCIS
veranlasst worden waren damit das Haematom sich möglichst schnell auflöste und der gesteigerte
Druck in der engen Augenhöhle sein Auge, sein Sehvermögen nicht auf Dauer schädigen würden.
G wirkte abgelenkt.
Nicht mehr ganz so mitgenommen wie eben.
Der Austausch ihrer Zärtlichkeiten hier schien ihm gut zu tun, von Mikes Beerdigung etwas
abzulenken.
Also ließ sie ihre Hand weiterwandern, langsam seinen Oberkörper hinab.
Dabei beugte sie sich über ihn, ließ ihre Lippen seinen Hals hinunter wandern, behutsam über die
leichte Wölbung seines Adamsapfels.
G hielt ganz still.
Malgorzatta schob ihre Rechte langsam unter den leichten Stoff seines Shirts. Streichelte über seine
weiche Haut, die allmählich warm wurde.
Gs Hand rutschte sacht an ihren Arm.
„Fühlt sich gut an, Mali … aber …. „
Er umfasste mit der Linken leicht ihren anderen Arm. Zog sie etwas hinauf zu sich.
„ … tut mir leid … ich hab` zu viel im Kopf! Ich kann jetzt nicht.“
Er zog ihren Kopf behutsam zu sich und küsste sie.
Malgorzatta hielt ganz still. Ließ es geschehen.
„Du hast sehr an Mike gehangen, hm? Es tut mir so leid, G … „
G schloss für einen Moment die Augen.
Wandte den Kopf beiseite.
Als er sie dann wieder ansah, nach einem langen Moment, schimmerte es deutlich in seinen Augen.
„Das ist … „
Er musste sich räuspern. Seine Stimme klang belegt.
„ … das Risiko in unserem Job! Mike wusste das! Wir alle wissen das!“
„Ja.“
Malgorzatta küsste ihn liebevoll auf die Nasenspitze.
„Wir wissen das alle! Und trotzdem ist es schlimm, wenn es dann passiert! Noch dazu … so wie bei
Mike! Es tut hier … „
Sie schob ihre Hand weiter über seinen Oberkörper hinauf, bis zu seiner Herzgegend, ließ sie dort
liegen.
„ … richtig weh, hm?“
G wandte den Kopf noch ein wenig und sah sie an.
Stumm.
„Was soll ich tun?“ fragte er schließlich.
„Soll ich weitermachen? Du weißt, wie gefährlich mein Job ist!“
Malgorzatta musste schlucken.
Sie versuchte, sich ihre Verunsicherung nicht anmerken zu lassen.
„Ich weiß nicht, was Du tun sollst!“ erwiderte sie ihm schließlich langsam, überlegt.
„Du bist großartig in dem, was Du machst! Dein Team steht zu hundert Prozent hinter Dir! Wenn
Du willst, kannst Du den Job haben von Hetty oder von Granger oder von Vance. Wenn Du beim
NCIS aufhören möchtest kannst Du bestimmt im Sicherheitsbereich einen gut bezahlten Job finden!
Jeder würde sich die Finger nach Deinem Wissen, Deinen Können lecken! Und das Schönste ist, G
… Du brauchst Dich nicht sofort zu entscheiden! Du hast alle Zeit der Welt! Wie Du möchtest! Du
kannst bestimmt einen Schreibtisch-Job haben, Du machst weiter wie bisher oder Du machst etwas
ganz anderes! Es steht Dir alles offen, mein Liebling!“
Ein sehr kleines Lächeln verzog Gs Mundwinkel nur sehr kurz.
„Was würdest Du tun … „
Gs Hand streichelte leicht über ihren Arm.
„ … wenn mir etwas passiert? Wenn ich sterbe?“
Malgorzatta wollte sich nicht wirklich mit dem Thema beschäftigen. Sie hatte Angst davor, weil es
eine reale Bedrohung war, täglich, stündlich.
Dennoch zwang sie sich zu einer ehrlichen Antwort.
Sie erwiderte Gs Blick fest, ruhig.
„Erstens habe ich gesagt, ich werde das verhindern! Zweitens würde ich Dir eine wunderschöne
Beerdigung ausrichten! Und dann käme ich Dir hinterher! Ich habe neun Monate ohne Dich gelebt,
G! Ich kann das nicht noch `mal!“
G lachte leise.
Er nahm nicht ernst, was sie sagte.
Sie konnte es ihm nicht verdenken.
Sein kleines „Okay.“ klang mehr belustigt als ernst.
Er ließ seinen Arm um ihren Nacken rutschen und drückte ihren Kopf so noch etwas näher an
seinen. Er küsste sie nachdrücklich.
„Machst Du noch ein bisschen weiter mit Deiner Hand? Es fühlt sich gerade so gut an!“
Er suchte ihren Blick. Ein kleines zärtliches Lächeln stand in seinen Augen.
Malgorzatta musste ebenfalls lächeln. Etwas verblüfft.
„Sehr gerne, G.“
Sie wartete noch einen kleinen Moment bevor sie ihre Finger, ihre Fingernägel neben seinem
Brustbein hinab kratzen ließ.
G seufzte genießerisch.
Schloss ein wenig die Augen.
Malgorzatta ließ ihre Hand sanft um seinen Bauchnabel kreisen, langsam, ruhig.
Es gefiel ihr zu sehen wie Gs Kopf leicht zur Seite sank.
Wie er begann, sich zu entspannen, ihre Zärtlichkeiten zu genießen.
Seine Schultern sanken leicht nach unten.
Ganz langsam, es selbst genießend, streifte sie mit der Linken den Stoff seines Shirts etwas nach
oben. Leicht pustete sie ihren Atem übers Gs Haut, machte das noch zwei Mal. Dann beugte sie sich
über ihn und berührte mit den Lippen behutsam die Haut um seinen Bauchnabel.

Es war viertel nach zehn am nächsten Morgen als sie das Bestattungsunternehmen in der Circuit
Street erreichten.
Es war – wie fast immer hier – ein strahlender warmer Sonnentag.
Das lang gestreckte viktorianische Gebäude auf einer sachten Auffahrt hob sich mit seiner hellroten
Ziegelverkleidung gegen das üppige Grün der Umgebung ab.
Sie mussten am Straßenrand parken. Es gab keinen Parkplatz.
„Kens und Deeks sind schon da!“ meinte G, mit einer kleinen raschen Kopfbewegung zu dem
silbernen Auto schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite, als sie ausgestiegen waren.
„Hmhm! Sam auch!“ stimmte Malgorzatta ihm zu, mit einem kleinen Nicken, denn Sam überquerte
nun gerade die Straße in ihre Richtung.
Sie aktivierte die Zentralverriegelung des Mercedes und sah zu G, der langsam um die Motorhaube
des Wagens herum kam.
Er trug einen schwarzen Anzug. Ein weißes Hemd und eine dunkle Krawatte. Er sah hinreißend aus.

Unheimlich elegant, trotz der Wunden in seinem Gesicht.


Heute, nach der Beisetzung, war die letzte Infusion angesetzt, anschließend sollte er zur
Nachuntersuchung.
Malgorzatta hoffte inständig, dass alles gut verlief.
G hatte ihr gegenüber bereits Besserung angegeben.
Sie wusste, dass er sie diesmal nicht anlog.
Sie testete sein Blickfeld unauffällig. Er merkte das nicht.
Seine anfängliche Unsicherheit beim Gehen, beim Greifen hatte sich wirklich gebessert.
Jetzt, als sie ihn auf Sam aufmerksam machte, wandte er den Kopf bloß leicht. Vorgestern noch
hätte er dafür eine Körperdrehung machen müssen!
„Guten Morgen, ihr!“ meinte Sam jetzt als er bei ihnen ankam.
„Malin … „
Er umarmte sie kurz.
„Alles in Ordnung?“
Er sah sie fragend an.
„Danke Sam, alles gut!“ versicherte sie ihm rasch und strich kurz über seinen Arm.
„Okay.“
Sam wandte sich G zu und umarmte auch ihn, kurz, herzlich, wohlwollend.
Malgorzatta liebte ihn jedes Mal dafür.
„G! Wie geht es Dir? Was macht Dein Auge?“
„Geht schon besser!“ antwortete ihm G.
Sam hatte sich sehr schnell angewöhnt, fragend zu ihr herüber zu sehen wenn G so antwortete.
Malgorzatta nickte ihm rasch zu.
„Gut.“ fand Sam und klang beruhigend.
„Gehen wir `rein? „
Er machte eine rasche Kopfbewegung zum Haus.
„Kensi und Deeks sind schon da! Ich wollte auf euch warten!“
Malgorzatta hatte Sam noch nie in Uniform gesehen.
Er wirkte noch beeindruckender als sonst.
Sie passte ihm wie angegossen, war tadellos.
Zahlreiche Abzeichen schmückten seine linke Brustseite bunt.
„Das ist nett von Dir, Sam.“ lächelte Malgorzatta ihm zu obwohl sie wusste, dass das nichts als
Eigennutz war. Sam versuchte, private Begegnungen mit Marty zu vermeiden weil ihn dessen
vermeintlich unbekümmerte Art nervte.
Auch G hatte manchmal Probleme damit.
Malgorzatta tat es leid, dass Deeks so verkannt wurde.
War die Situation brenzelig, versuchte er sie, durch eine lockere flapsige Art zu entspannen. Es
bedeutet nicht, dass er sie weniger ernst nahm.
Sam und G hingegen blieben angespannt.
Auch Malgorzatta nahm schwierige Situationen lieber mit Humor.
Sie hakte sich jetzt bei G ein.
Normalerweise vermieden sie Körperkontakt in der Öffentlichkeit. Manchmal legte G seine Hand
an ihre Schulter.
Doch so war es der Situation angemessen.
Malgorzatta langte nach Sam und hakte sich auch bei ihm ein. Sam lächelte ihr zu. Es war ihm kein
Unbehagen anzumerken. Malgorzatta lächelte zurück während sie den sanft geschwungenen Weg
hinauf zum Gebäude einschlugen.
Die breite, mit wenig Glas verzierte Metalltür zum Gebäude stand offen. Sie wirkte sehr schwer,
massiv.
Man trat in einen großen, rechteckigen Vorraum, der mit einem dunklen weinroten Teppich
ausgelegt war, der Schritte dämpfte.
Rechts oben an der Kopfseite des Raumes stand der rechte Flügel einer weiteren, mit Ornamenten
verzierten Metalltür offen.
Leise Orgelmusik erklang in dem Raum dahinter. Man konnte dort mehrere Stuhlreihen erkennen.
Links neben dem Eingang stand eine Tafel, auf der in goldenen Steckbuchstaben zu lesen war:
`Funeral Michael Renko – 10.30 a. m.“
Malgorzatta sah zu G.
Sein Gesicht war sehr ernst.
Sie mochte das nicht.
Es tat ihr weh. Körperlich. Seelisch.
Sie hatte ihn so gesehen nachdem Dominic erschossen worden war.
Hatte den Ausdruck der verzweifelten Hilflosigkeit eigentlich nie wieder bei ihm sehen wollen.
Doch mittlerweile kannte sie ihn zu gut.
Sie ließ Sam und G los als die den Eingang erreichten.
Ein Mann im dunklen Anzug stand neben der Tür in dem großen Raum.
Er wirkte sehr würdig und elegant, begrüßte sie mit einem kleinen Nicken, mit einem gedämpften
„Guten Tag!“
Vorne, an der Kopfseite des Raumes, erhöht auf einer Stufe, stand ein kleiner Tisch mit einer
schlichten blau-silbernen Urne. Ein kleines ovales Bukett aus weißen Rosen lag daneben. An einem
Stuhlbein lehnte ein weinrotes Kissen mit einem Purple Heart.
Neben dem Tisch, auf einem Dreibein, stand ein schönes großes Schwarz-Weiß-Foto von Mike. Er
trug darauf einen dunklen Anzug mit weißem Hemd und dunkler Krawatte. Wie immer waren seine
Haare strubbelig. Er lächelte.
Es standen nur zwei Kränze im Hintergrund, und sie waren nicht `mal besonders geschmackvoll.
Malgorzatta berührte sanft Gs Hand. Sie war kalt. Seine Finger tasteten kurz nach ihren.
Sie gingen langsam den schmalen Gang hinab, neben den Stuhlreihen, auf dem dicken Teppich.
Es waren nur Hetty, Nate, Marty und Kensi, die in der ersten Reihe saßen, und ein Mann im
dunklen Anzug, den Lievely nicht kannte.
G schob sie sanft in die zweite Reihe.
Malgorzatta blieb einen langen Moment mit dem Gesicht nach vorne zur Urne stehen bevor sie
Platz nahm.
Erst Marty, dann Nate drehten sich zu ihnen herum und begrüßten sie mit einem kurzen Lächeln.
Noch immer spielte die Orgelmusik. Sie schien vom Band zu kommen.
Dann, um Punkt 10.30 Uhr, schloss der Mann oben die Tür und kam angemessenen Schrittes den
Gang hinab.
Er trat vorne an das Stehpult und blickte ernst zu ihnen hinüber. Die Musik wurde leiser und hörte
dann ganz auf.
Der Mann begrüßte sie.
Er stellte sich als Harold Rhodes, Besitzer des Bestattungsinstitutes vor. Er hieß sie alle
Willkommen bei der Verabschiedung für Mike Renko, die Arbeitskollegen und die Vorgesetzten.
Obwohl er ihn persönlich gekannt hatte, freute er sich, diese Verabschiedung für ihn ausrichten zu
dürfen, da Mikes Vorgesetzte ihn hatten wissen lassen, wie verdient der Verstorbene sich um sein
Vaterland gemacht hatte.
Malgorzatta mochte die Neutralität, mit der Rhodes sprach.
Er konnte nicht mehr als die einzelnen Stationen in Renkos Leben aufzählen, die ihm mitgeteilt
worden waren, doch er tat dies mit großem Respekt, angefangen von Mikes Arbeit bei der New
Yorker Polizei über die DEA bis hin zu seinem Job beim NCIS.
Er war nicht verheiratet gewesen, hatte keine Kinder. Seine Arbeit hatte ihm wohl keine Zeit für
eine feste Beziehung gelassen. Ein Schicksal, das wohl viele Bundesagenten teilten, war ihm
zugetragen worden.
An dieser Stelle der Rede spürte Malgorzatta ganz leicht Gs Hand an ihrem Oberschenkel. Sie
schob ihre Linke behutsam dorthin. Berührte seine kalten Finger.
G umfasste die ihren sacht.
Es war Kensi, der dann die Aufgabe zufiel, Mikes Urne zum Kolumbarium nach draußen zu tragen.
Es befand sich dort in Form einer langen mamornen Gedenkwand, die einen sanften Schwung in der
Mitte aufwies.
Ein schöner Ort für eine Gedenkstätte, fand Malgorzatta, in diesem parkähnlichen Garten mit den
weiten grünen Rasenflächen und den drei Trauerweiden in der Nähe.
Mr. Rhodes vermied jegliche religiöse Anspielung, was Malgorzatta als sehr wohltuend empfand.
Sie war nicht übermäßig gläubig und kannte das auch so von G.
Aber offenbar war über Mikes Glauben nicht viel bekannt gewesen, mit welcher Intensität er ihn
praktizierte und wie wichtig er ihm gewesen war.
Malgorzatta fand es schön, wenn dann jemand in der Lage war, das Thema in so einer Situation
dann neutral zu behandeln.
Mr. Rhodes schob das kleine Rosenbukett in das Fach nachdem Mikes Urne hinein gestellt worden
war.
„Ich werde das Fach später verschließen, wenn Sie alle in Ruhe Abschied genommen haben!“
meinte er dann schlicht.
„Heute Nachmittag wird dann die Beschriftung vorgenommen! Bitte fühlen Sie sich jederzeit frei,
hier her zu kommen und diese Grabstelle aufzusuchen und Ihres Kollegen zu gedenken! Ich werde
Sie jetzt alleine lassen damit Sie sich in Ruhe verabschieden können!“
Er nickte kurz in die Runde und ging dann mit sehr ruhigen langsamen Schritten davon.
Hetty trat als Erste an das offene Fach.
Malgorzatta umfasste kurz Gs Handgelenk und zog ihn sehr sacht ein paar Schritte beiseite um ihr
ihre Privatsphäre zu lassen.
Auch die anderen gingen auf Abstand.
Der Mann, der während der Verabschiedung neben Hetty gesessen hatte, kam nun zu ihnen.
„Mizz Callen!“ begrüßte er sie, mit einem kleinen Nicken, einem angedeuteten Lächeln.
Er sah dann zu den beiden Männern.
„Mister Callen! Mister Hanna! Guten Tag!“
„Guten Tag, Direktor Vance!“ begrüßte G ihn.
„Direktor Vance!“ grüßte auch Sam.
„Guten Tag, Direktor Vance.“ schloss Malgorzatta sich rasch an.
Sie hatte bisher nur von ihm gehört. Kannte seinen Namen. Es wunderte sie etwas, dass er sie
kannte.
„Nett, dass Sie extra aus Washington gekommen sind zur Beisetzung!“ meinte Sam zu ihm mit
seinem kleinen sanften Lächeln.
Malgorzatta bewunderte das an Sam.
Er konnte loben. Stand-übergreifend. Ehrlich und als wäre es das Selbstverständlichste von der
ganzen Welt. Sie mochte das. Es konnten nicht viele Leute loben ohne einschleimend zu klingen,
und es konnten nicht viele Leute mit einem Lob umgehen.
Direktor Vance lächelte kurz.
„Mike war ein guter Mann.“
Malgorzatta kam nicht gegen den Gedanken an, ob der Direktor des NCIS das wohl auch später
einmal über G sagen würde. Zu ihr. Auf Gs Beerdigung. Sie wollte diese Situation auf gar keinen
Fall erleben!
Jetzt trat Hetty zu ihnen während Nate zum Kolumbarium ging.
„Meine Herren! Malin! Ich habe einen Tisch im Nobu`s für uns reservieren lassen, damit wir unsere
Körper und unsere Seelen wieder etwas stärken können, und noch einmal Mister Renko in würdiger
Weise gedenken!“
„Hört sich gut an, Hetty!“ grinste Sam.
„Tut uns leid!“ meinte Malgorzatta.
„Wir … haben noch einen Termin gleich!“
Sie sah zu G.
„Komm!“ meinte er sanft, statt einer Antwort, und griff zu ihrer Hand, zog sie sanft zu dem freien
Fach vor die Mamorwand, an der Nate nun beiseite getreten war.
Malgorzatta spürte seine Finger fest die ihren umschließen.
Sie standen beide nebeneinander vor der hellen Mamorwand, vor dem offene Fach mit der Urne.
G hatte den Kopf gesenkt.
Malgorzatta versuchte, sich auf Mike zu konzentrieren. Sich daran zu erinnern, wie sie ihn kennen
gelernt hatte, als G sie miteinander bekannt gemacht hatte.
Doch statt dessen spürte sie bloß Gs kalte Hand. Das leichte Beben seiner Finger. Seine Traurigkeit,
tief innen drin, darüber, dass er einen Menschen verloren hatte, dem er vertraute.
Es gab von ihnen ohnehin nicht allzu viele für ihn.
... "Soll ich euch fahren?" erkundigte sich Sam nachdem sie sich schon am Bestattungsinstitut
verabschiedet hatte. Er kam ihnen auf dem Weg hinauf zum Wagen hinterher.
Malgorzatta lächelte ihm zu.
Sie überließ G die Antwort.
"Nee, ist schon gut! Laß' Dir `mal Dein Steak im Nobu's schmecken!" erwiderte er bloß.
Sam suchte fragend ihren Blick.
Malgorzatta deutete ein Schulterzucken an.
"Lass` es Dir schmecken, Sam!" fügte sie hinzu.
"Okay!" meinte Sam resigniert.
"G ... ich seh` Dich morgen! Malin ..."
Sein Blick suchte den ihren.
"Ruf` an wenn was ist! Und pass` gut auf ihn auf!"
Er kam zu ihr als sie den Mercedes am Straßenrand erreicht hatten, umarmte sie kurz.
"Mache ich, danke Sam!" erwiderte sie ihm rasch.
"Okay."
Sam verabschiedete sich kurz von G und ging dann hinüber zu seinem Challenger auf der anderen
Straßenseite.
Malgorzatta zog die Wagentür auf. Stieg ein. G stieg auf der Beifahrerseite ein.
G war kein guter Beifahrer. Zumindest nicht bei ihr.
Malgorzatta mochte es nicht, wenn sie fahren musste.
Es war nicht so, dass G herumnörgelte, alles besser wusste oder zu offensichtlich `mitfuhr`.
Ihm wurde schlecht.
Wenn sie langsam fuhr ging es meist gut.
Die letzten Tage war es wieder etwas schwieriger gewesen wegen der gestörten Koordination seines
Auges zum Gehirn.
Heute morgen, hier zum Bestattungshaus, war es ganz gut gegangen.
Deswegen fuhr sie jetzt langsam zum NCIS-Gesundheitsdienst.
Hier wurden die routinemäßigen Gesundheitsüberprüfungen der NCIS-Agenten durchgeführt, die
üblichen Gesundheitschecks nach Auslandseinsätzen und es gab ein kleines, angeschlossenes
Krankenhaus für Routineeingriffe und kleinere Krankheitsfälle.
Ernstere Krankheiten oder schwerere Verletzungen wurden an die großen Krankenhäuser in der
Stadt weitergeleitet.
G war hier die letzten zwei Tage behandelt worden, auf der Station für Ophthalmologie.
Das Personal war sehr nett. Aufmerksam, zuvorkommend, die Ärzte, die Schwestern.
Hier achteten alle, was die Patienten für ihr Land taten.
Auch jetzt konnten sie gleich in ein freies Behandlungszimmer durchgehen.
Alles war auf dem neuesten Stand.
Sauber, gemütlich, ohne die sterile Krankenhausatmosphäre, sondern es herrschten heimelige
Pastellfarben vor.
Hier im Raum stand ein breiter hellgrüner Liegestuhl, mit Blick zur Fensterwand, dien einen
atemberaubenden Blick auf die Skyline von L.A. bot.
Malgorzatta hatte sie nun schon so oft gesehen seit sie bei G wohnte. Doch es beeindruckte sie
immer wieder.
Der Raum war bereits vorbereitet für den nächsten Patienten, mit einem kleinen Beistelltisch rechts
neben dem Behandlungsstuhl, eine Nierenschale mit Tupfern, Desinfektionsspray und zwei Kanülen
sowie einem Keilkissen lagen darauf.
Ein frisches makelloses Papiertuch bedeckte das Kopfende des Behandlungsstuhles und auf der
Sitzfläche lag eine hellgrüne zusammengefaltete Wolldecke.
Gs Bewegungen, mit denen er seine Anzugjacke auszog, waren noch immer zögerlich, obwohl die
Schwestern hier hervorragende Arbeit leisteten.
Schwester Nela hatte für das Anlegen von zwei Infusionen bei ihm nicht mehr als zwei Stiche
gebraucht. Nun war das bei Gs Venen auch nicht besonders schwer.
Es war seine Haltung, die abschreckte.
Seine offensichtliche Angst.
Genau so langsam krempelte er nun den rechten Ärmel seines weißen Hemdes hoch.
"Willst Du nicht `mal den anderen Arm nehmen?" erkundigte Malgorzatta sich sanft.
"Der Rechte war jetzt zwei Ma dran! Vielleicht sollte man `mal abwechseln?"
G sah sie verschreckt an.
"Und wenn das nichts ist?"
Malgorzatta schenkte ihm ein sicheres Lächeln.
"Glaub` mir ... da ist genug!"
"Aber Du sitzt auf der Seite, der Hocker steht da!" widersprach G.
Malgorzatta sah ihn an. Musste sich für einen Moment zurücknehmen.
Seine wundersame Antwort zeigte ihr nur, wie viel Angst er hatte, so dass dieser sonst so kaltblütige
überlegte Bundesagent nicht einmal mehr klar denken konnte.
"G ... mein Schatz ... "
Sie blieb ganz nah bei ihm stehen, legte ihre Hand an seine Seite.
Sie spürte, dass er zitterte. Er war ein bisschen blass um die Nase. Kleine Schweißperlen standen
zwischen den Barthärchen auf seiner Oberlippe.
"Komm, setz` Dich erstmal hin!"
Sie schob ihn sacht in Richtung des bequemen Sessels, nahm auffordernd die Wolldecke weg.
G ließ sich auf die Sitzfläche sinken.
In diesem Moment ging die Tür auf und Schwester Nela kam herein.
Malgorzatta mochte sie.
Sie war schon etwas älter, rundlich, behäbig, und sie überging Gs Angst routiniert.
"Guten Tag, Mister Callen! Guten Tag, Mrs. Callen! Mister Callen, wie geht es Ihnen heute? Was
macht Ihr Auge?"
Sie hängte das kleine Fläschchen mit der Infusionslösung, das sie mit hereingebracht hatte, an einen
Haken des Infusionsständers rechts neben dem Behandlungsstuhl.
Dann legte sie Gs Akte auf den Schreibtisch rechts.
Malgorzatta hatte einen Schrecken bekommen als sie diese Akte das erste Mal gesehen hatte. Sie
war zentimeterdick. Enthielt einen ganzen Packen an Seiten
"Es ist besser." gab G zurück. Es klang ganz ungewohnt eingeschüchtert.
"Das ist gut. Wir machen nach der Infusion die Nachuntersuchung, den Sehtest und die
Gesichtsfeldbestimmung!" meinte Schwester Nela nun während sie einen Stauschlauch aus der
Tasche ihres Kittels zog und ihn um Gs rechten Oberarm schlang, ihn stramm zog.
Gleichzeitig deutete sie G mit einem kleinen Handzeichen unbeeindruckt an, im Stuhl nach hinten
zu rutschen.
Malgorzatta setzte sich rasch auf den Hocker auf der linken Seite und schob ihre Hand um Gs
Linke. Seine Hand war kalt.
Schwester Nela schob das Keilkissen unter Gs Arm und griff dann zu dem Desinfektionsspray.
„Bitte machen Sie schon 'mal eine Faust, Mister Callen!“ meinte Schwester Nela und korrigierte die
Lage des Keilkissens unter Gs Unterarm, sprühte seine Ellenbeuge dann so gründlich mit dem
Desinfektionssprays ein, dass auch sein nachlässig hochgekrempelter Ärmel einen Teil abbekam.
Malgorzatta drückte Gs Finger fest. Versuchte, ihn abzulenken.
Sie sah, dass sein Gesicht bleich war. Er atmete verkrampft.
Langsam strich sie mit der freien Hand über seinen Unterarm.
„Es gibt jetzt den Pieks!“ meinte Schwester Nela so leidenschaftslos wie die beiden Male zuvor und
streifte die Schutzhülle von einer der Kanülen aus der Nierenschale.
Malgorzatta grub die Nägeln von Daumen und Zeigefinger in Handrücken.
Es hatte die ersten beiden Male schon nicht funktioniert, denn G starrte wie hypnotisiert auf seine
Ellenbeuge, wo Schwester Nela mühelos die Nadelspitze in eine der beiden prall gestauten Venen
schob. Er hielt den Atem an.
Die Krankenschwester öffnete den Stauchschlauch und fixierte dann die Butterfly-Kanüle mit zwei
Pflasterstreifen.
Sie nahm das Ende des dünnen Plastikschlauches, dessen Spitze in der Flüssigkeit der kleinen
Infusionsflasche steckte, stöpselte ihn an das Verbindungsstück der Kanüle und fixierte ihn mit
einem weiteren Pflasterstreifen an Gs Unterarm.
„So.“
Zufrieden drehte sie den Tropfenregler am Schlauch und stellte die Geschwindigkeit ein.
„Das war's schon!“
Malgorzatta legte ihre Linke auf Gs Brust um ihn ans Weiteratmen zu erinnern.
Schwester Nela zog den Stauschlauch von Gs Arm und schob ihn in ihre Kitteltasche zurück,
wandte sich dann zum Gehen.
„Danke.“ meinte Malgozatta hinter ihr her.
„Keine Ursache.“ erwiderte die Krankenschwester und ging hinaus
Malgorzatta sah zu G.
Er begann, wieder etwas tiefer zu atmen. Etwas regelmäßiger. Kleine Schweißperlen standen auf
seiner Stirn.
„Siehst Du! Alles schon vorbei!“ meinte sie zärtlich zu ihm.
G wandte den Kopf und sah sie an.
Sein kleines Lächeln wirkte erschöpft.
Er gab einen unbestimmten Laut von sich, der wie ein Wimmern klang.
„Ruh' Dich ein bisschen aus!“ meinte sie sanft zu ihm, löste ihre Hand sacht aus seiner.
„Warte … „
Sie stand langsam auf.
„ … da ist ein kleines Kopfkissen auf der Liege, das hol` ich Dir!“
Sie ging rasch zu der Liege an der Wand, nahm das kleine Kopfkissen und kehrte damit zum Stuhl
zurück, schob es G behutsam unter seinen Kopf, in seinen Nacken.
„Danke Mali.“
Gs Stimme klang belegt.
Malgorzatte beugte sich über ihn und drückte ihm einen raschen Kuss auf die Lippen. Gs Lippen
waren kühl.
„Mmmmh … ich mag' es, wenn Du nicht weglaufen kannst!“ meinte sie zu ihm, um ihn
abzulenken, während sie sich wieder auf den Hocker an seine linke Seite setzte, ihre Hand über
seine kalten Finger schob.
G lachte leise.
Es klang etwas unecht.
Sein Gesicht hatte seine sonst so gesunde Farbe noch nicht gänzlich wiedererlangt.
„Alles gut!“ meinte sie liebevoll zu ihm, warf einen prüfenden Blick auf die langsam fallenden
Tropfen in der Ampulle und sah dann wieder G an, drückte seine Finger leicht.
„Hast Du gut gemacht, mein Großer! Du hast Dir eine Belohnung verdient!“
G erwiderte ihren Blick ruhig.
„Können wir das eventuell kombinieren?“ fragte er dann, ohne eine Miene zu verziehen.
„Dieses 'Belohnung verdient' und 'ich mag es, wenn Du nicht weglaufen kannst'!“
Malgorzatta sah ihn an und musste lachen.
Das klitzekleine Grinsen auf Gs Gesicht zu sehen war schön.
„Möchtest Du mir erzählen, mein Schatz, was Du Dir genau darunter vorstellst?“
Sie sah ihn aufmerksam an.
G verzog kurz das Gesicht.
Lehnte sich gegen die hohe Lehne des Stuhles zurück und schloss die Augen. Er drehte seinen Kopf
etwas zur Seite.
„Wenn wir zu Hause sind … in unserem Haus … schließen wir uns ein … machen die Alarmanlage
an … Du trägst mich die Treppe hoch … legst mich auf unser Bett … „
G öffnete die Augen, sah kurz an sich herunter.
Malgorzatta verstand einen Moment später, dass er überprüft hatte, was er trug. Er schloss die
Augen wieder.
„ … Du knöpfst mir das Hemd auf … schiebst mein Shirt hoch … ach so … Du hast mich vorher
noch mit Handschellen an das Kopfende gefesselt!“
Malgorzatta prustete ganz unvermittelt los.
„Entschuldige, aber … wir haben weder Handschellen noch ein Kopfende!“
G sah sie an.
Ein ganz kleines Grinsen stand in seinen Mundwinkeln. Der Schalk in seinen blauen Augen.
„Ich habe Kabelbinder im Kofferraum.“
„Allzeit bereit der Special Agent?“
Malgorzatta stand vom Hocker auf und beugte sich über ihn, berührte kurz, nur so eben, seine
Lippen.
G wollte ihren Kuss erwidern.
Doch Malgorzatta drehte den Kopf weg, Richtung seines Ohres.
„Weißt Du, wie unsagbar ich Dich liebe!“ flüsterte sie ihm zu, ließ ihre Hand langsam seinen
Oberkörper hinabstreicheln, vorne über den rauen Stoff seiner schwarzen Anzughose.
G stöhnte leise, genießerisch.
„Du beweist es mir gerade auf wundervolle Weise einmal mehr!“ flüsterte er, wandte den Kopf,
suchte mit den Lippen die ihren.
„Mach' weiter, Baby … „
„G!“ entfuhr es Malgorzatta, halb entsetzt, halb amüsiert.
Sie legte ihre Hand unter sein Kinn, küsste ihn ein bisschen ausführlicher.
Es war eine ganz unbekannte Seite für sie an G als er sein linkes Bein zwischen die ihren schob,
ihre Unterschenkel ein wenig auseinander drückte.
Mit der Linken umfasste er ihr Handgelenk.
„Meine Güte, G …“
Malgorzatta äugte zu der kleinen Flasche am Infusionshaken.
„Was bekommst Du da? Wenn es blau wäre würde ich vermuten, es ist Viagra … „
G lachte.
Er zog sie bestimmt zu sich und küsste sie. Dann ließ er sie los.
„Okay! Aber behalt` das für nachher im Hinterkopf!“
Malgorzatta streichelte über seine Wange bevor sie sich wieder auf den Hocker sinken ließ, mit
beiden Händen seine Linke umschloss.
„Du meinst was genau?“
Sie sah ihn fragend an.
„Alles!“
G drückte leicht ihre Finger.
„Du hast mich gerade ziemlich heiß gemacht!“
Malgorzatta schenkte ihm ein Lächeln.
„Dito!“
In diesem Moment ging die Tür auf und Schwester Nela kam herein.
„Alles in Ordnung?“ erkundigte sie sich, sah von ihr zu G, warf einen Blick auf seinen Arm.
„Mister Callen, wie fühlen Sie sich?“
„Alles in Ordnung!“ gab G ruhig zurück.
Schwester Nela nickte. Offensichtlich zufrieden.
„Gut.“ meinte sie und ging wieder hinaus.
„Das war knapp!“
Malgorzatta streichelte leicht über Gs Hand. Sah ihn an.
„Um uns Beide etwas abzulenken … erzähl` mir doch bitte einmal, wie Du Mike kennen gelernt
hast! Bei der DEA hast Du gesagt, hm?“
G lächelte.
Drückte ihre Finger sacht
„Ja … es war das erste Wochenendseminar in Alexandria, das wir hatten. Es war … „
Er überlegte kurz.
„ … Waffenkunde. Mike kam zu spät. Mike kam zu so etwas immer zu spät! Er kam von der Polizei
aus New York und hatte eine unglaubliche Ahnung von Waffen … ich damals noch gar nicht. Ich
war neu. Bei allem. Ich konnte Autos kurzschließen. Und ich wusste, dass ich diesen Job unbedingt
machen wollte. Und mitten in der Stunde kam Mike dann herein, in seinem Parka, als käme er
gerade von einem Undercover-Job, und setzte sich neben mich. Ich dachte kurz, er würde seine
Füße auf den Tisch legen! Er wusste mehr über Waffen als der Ausbilder. Er hatte ein ganzes
Arsenal auf seinem Boot, er hat es mir `mal gezeigt als ich dort war. Nach der DEA haben wir uns
aus den Augen verloren und erst beim NCIS wiedergetroffen. Wenn wir zur Ausbildung mussten
haben wir uns immer ein Zimmer geteilt. Mike hat sehr viel für Vance in Washington gearbeitet …
oder zumindest kam das so 'rüber! Vance hat ihn oft angefordert. Nachdem Dom … gestorben war,
hat er ab und zu hier ausgeholfen, auf Hettys ausdrücklichen Wunsch. Kensi war immer begeistert
wenn er da war. Die Beiden waren ein gutes Team!“
Malgorzatta sah G aufmerksam an.
Wie meinte er das wohl?
Ob zwischen Kensi und Mike wohl mehr gelaufen war?
Sie hatte nach wie vor den Eindruck, dass G so etwas nicht richtig einschätzen konnte.
So wie die Sache mit Kensi und Marty.
„Hast Du schon `mal direkt mit ihm zusammen gearbeitet?“ erkundigte sie sich bei G.
„Also … bevor der Sache mit Janvier?“
„Wir haben zusammengearbeitet … „ G machte eine kleine Pause.
„Damals als ich angeschossen worden bin hatten wir einen Fall zusammen. Mike hat uns noch bei
zwei, drei anderen Fällen geholfen und wir hatten, ganz am Anfang, bevor ich Sam zugeteilt worden
bin, zusammen einen verdeckten Einsatz im Irak!“
„Du bist Sam … zugeteilt worden?“ erkundigte sich Malgorzatta interessiert.
Erstaunt stellte sie fest, dass sie nie hinterfragt hatte, wie die Beiden zusammen gekommen waren.
Es war ihr klar, dass Hetty ihre Finger im Spiel gehabt haben musste.
„Ja.“ stimmte G ihr zu. Sah sie an.
„War das bei euch anders? Bei der CIA?“
„Ich hab' in dem Sinne nie einen Partner gehabt!“ gab Malgorzatta zurück. Langsam.
Es lag alles so lange zurück, sie musste richtig überlegen um sich zu erinnern.
„Ich hatte erst ein paar Aufträge, harmlose kleine Sachen, als das mit Efremil kam!“
Sie zuckte leicht die Schultern.
„Du hast eine Zeit … bei Mike gewohnt, nicht wahr?“
„Ja, in der Zeit nach dem Krankenhaus!“ erzählte G.
Malgorzatta sah, wie er seine rechte Hand vorsichtig bewegte.
„Ein paar Wochen. Mike war die meiste Zeit nicht da. Er war ganz froh, dass jemand ein Auge auf
sein Boot hatte!“
Malgorzatta musste lächeln. In Erinnerung.
Sie hatte Mike einmal mit G in San Diego besucht.
Weil G mit Mike getrunken hatte, hatten sie dann auf dem Hausboot übernachtet.
Sie ließ ihre Fingernägel leicht über Gs Handrücken kratzen.
„War schön als wir dort geschlafen haben, G … „
G sah sie an und erwiderte nach einem kleinen Moment ihr Lächeln.
„Hat Dir gefallen?“
„Ja, das war schön. In der Bootshütte ist das auch so ähnlich!“
G lächelte.
„Ich klingel, ja?“ fragte sie ihn weil sie aus dem Augenwinkel sah, das der letzte Tropfen aus der
Flasche soeben in die Ampulle gefallen war.
Sie drückte den Knopf neben der Tür.
Es dauerte nur einen Moment bis Schwester Nela hereinkam.
„Geschafft?“
Sie warf einen prüfenden Blick auf die kleine leere Flasche am Haken und langte dann nach zwei
Zellstofftupfern in der Nierenschale.
Mit der Rechten drehte sie den Tropfenregulierer am Schlauch zu.
Malgorzatta drückte mit der Linken wieder fest Gs Hand.
Schwester Nela entfernte die Pflasterstreifen von Gs Arm und drückte dann die Tupfer auf die
Einstichstelle. Beherzt zog sie die Nadel aus der Vene.
G sog erschrocken die Luft ein.
Die Krankenschwester drückte für einen Moment fest die beiden Tupfer auf die Einstichstelle,
klebte dann die Pflasterstreifen darüber.
„Drücken Sie noch drauf, Mister Callen, Sie kennen das!“ meinte sie, stach die gebrauchte Kanüle
durch den Gummipfropfen der leeren Flasche.
„Ich geh` eben nachschauen ob der Untersuchungsraum schon frei ist!“
„Danke.“ meinte Malgorzatta.
Sie sah ihr nach. Sah dann zu G.
Er war wieder etwas blass geworden.
Jegliches Hantieren mit Nadeln an seinem Körper war ihm zuwider.
Aber jetzt hatte er es ja überstanden.
Die Untersuchungen, die ihm jetzt noch bevorstanden, waren eindeutig nicht-invasiv.
G stand aus dem Stuhl auf.
„Langsam, bitte!“ meinte Malgorzatta erschrocken zu ihm, streckte ihn einem Reflex die Hände
nach ihm aus.
Sie konnte zwar verstehen, dass er so schnell wie möglich alles hinter sich bringen wollte.
Doch sein Kreislauf musste die Flüssigkeit und das Medikament erst noch verarbeiten.
„Ist schon gut, Mali!“
G umfasste ihr Handgelenk und zog sie zu sich, küsste sie.
„Danke, dass Du das … dass Du hier mit bei mir bist!“
Malgorzatta sah ihn an.
Hob ihre Rechte und legte sie an Gs Wange, streichelte sanft darüber.
„Gerne, G! Für Dich gerne, mein Schatz!“
Sie stemmte sich auf die Zehenspitzen und berührte mit den Lippen sanft die seinen.