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Fachthemen

Thomas Friedrich

Vorgespannte Bodenplatten –
ein brachliegendes Potential
Bodenplatten stellen eine attraktive Gründungsmöglichkeit dar: zu den übrigen Kontinenten wie Amerika, Australien und
Sie übernehmen nicht nur die Tragfunktion, sondern bilden auch Asien. Die „alte Welt“ hinkt in bautechnischer Hinsicht
einen dichten und durchgehenden Abschluß der Gebäudekon- der „neuen Welt“ erheblich hinterher. Auch die fortschritt-
struktion gegenüber dem Baugrund. Allerdings sind Bodenplatten lichen Normen wie CEB-MC-90 sowie der Eurocode [1]
hoch beanspruchte Bauteile, die entsprechend der Einwirkung haben bislang keine Wende einleiten können. Es bleibt ab-
hohe Biege- und Schubwiderstände erfordern. Eine entsprechen- zuwarten, ob die neue DIN 1045-1 mit den geschaffenen
de Konstruktionstärke mit hohen Bewehrungsgraden für Biegung Voraussetzungen die Anwendung der Vorspannung wei-
und insbesondere für den Schub sind die Folge. terbringen wird.
Diesen hohen Beanspruchungen läßt sich jedoch sehr wirkungs- Vereinzelt wird die Vorspannung im Bereich hoch
voll mit einer Vorspannbewehrung entgegenwirken. Im Gegen-
belasteter Unterzüge oder bei weitgespannten Flach-
satz zur schlaffen Bewehrung ist die Vorspannung ein aktives Be-
decken eingesetzt. Während die Vorspannung bei den ge-
wehrungselement. Der aktive Anteil der Vorspannbewehrung er-
nannten Bauteilen ein Schattendasein führt, ist sie bei Bo-
zeugt Umlenkkräfte, mit denen die einzelnen Einwirkungen direkt
denplatten gänzlich außen vor. Das ist wiederum über-
aufgenommen und gleichmäßig über die Platte verteilt werden.
haupt nicht nachzuvollziehen, da insbesondere bei diesen
Diese Direktabtragung reduziert folglich die Beanspruchungen
und führt demzufolge zu schlankeren Konstruktionen mit geringe- Bauelementen die Vorteile unübersehbar sind. Mit vorge-
ren Bewehrungsgraden. Die durch die Vorspannung erzeugte spannten Bodenplatten läßt sich schlanker bauen, was bei
Druckspannung über den Plattenquerschnitt veringert die Rißbil- den i. d. R. großen Plattenstärken derartig hoch belasteter
dung und erhöht die Dichtigkeit. Tragelemente erhebliche Einsparungen zur Folge hat. Die
Reduktion der Plattenstärke führt zu weniger Aushub, ge-
Prestressed Foundations Slabs ringer Beanspruchung aus Grundwasser, sofern vorhan-
Continuous slabs proves to be an attractive foundation system. den, geringerer Betonkubatur und damit geringer Zeit für
Foundation slabs can be used to withstand the loading and si- den Einbau. Das alles summiert sich zu wirtschaftlichen
multaneously form a tight and continuous element between foun- und zeitlichen Vorteilen, die mitentscheiden über die
dation soil and the building. Foundation slabs are highly stressed Wirtschaftlichkeit der Konstruktion an sich sowie im
structural elements, which require large bending and shear re- Wettbewerbsverfahren über den möglichen Zuschlag an
sistance. Thus hugh cross-sections and large bending and shear den Unternehmer.
reinforcement is needed.
A prestressing reinforcement will be ideal to resist especially the 2 Flachgründungen
high loading. Prestressing is an activ reinforcement element in
contrast to the mild reinforcement. The pretensioned part of the Bei guten Baugrundverhältnissen mit ausreichendem Stei-
steel cause forces, which cause deflection forces due to the cur- figkeitsmodul und hoher Belastbarkeit sind Flachgrün-
vature of the tendon geometry. Thoses forces will be able to dungen angesagt. Man unterscheidet zwischen den Ein-
match the individual loading directly and then distribute them zel- und Streifenfundamenten sowie Plattengründungen
continuously over the unloaded slab area. The load bearing sys- [2].
tem, caused by the deflection loads of the prestressing forces re-
duces the stresses within the structural element. Consequently
slender cross-section and less amount of mild reinforcement is Die Entscheidung für eine Plattengründung
needed. Additionally the compression stresses due to prestress- wird oft erst bei Grundwasser und sehr hohen
ing forces reduce the cracking and enlarge the tightness of the Beanspruchungen getroffen.
foundation slab.
Weit verbreitet ist die Gründungsform über Einzel-
1 Einleitung und Streifenfundamenten, insbesondere bei guten Bau-
grundverhältnissen, um die Abmessungen der Fundamen-
Die Anwendung der Vorspannung im Hoch- und Tiefbau te klein zu halten. Die ohnehin erforderliche Bodenplatte
bleibt in Europa auf vereinzelte Objekte beschränkt. als Abschluß des Untergeschosses zum Baugrund wird in
Außer im Brückenbau hat die Vorspanntechnik bislang in geringer Stärke oberhalb der Fundamente und von diesen
Europa keine weite Verbreitung genommen, im Gegensatz entkoppelt eingebaut. Diese hat nur die direkten Einwir-

642 © 2004 Ernst & Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften GmbH & Co. KG, Berlin · Beton- und Stahlbetonbau 99 (2004), Heft 8
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kungen auf den Fußboden aufzunehmen. Bei dieser Vor- werden (Bild 1). Bei einem „weichen System“ ergeben sich
gehensweise bleibt bereits die ohnehin vorhandene Trag- große Verformungen. Diese lassen sich durch die Ver-
fähigkeit der Bodenplatte für die Abtragung der Stützenla- größerung der Steifigkeit reduzieren. Das gleiche Ergebnis
sten unberücksichtigt. läßt sich jedoch auch mit dem „weichen System“ und in-
Die Entscheidung für eine Plattengründung wird oft- itialen Verformung (= Eigenspannungszustand) erzielen.
mals erst bei Bauwerken im Grundwasser und bei sehr ho-
hen Beanspruchungen der Stützen und Wandlasten ge- Die Vorspannung bildet einen lastfreien Einwirkungs-
troffen [3]. zustand, der für die Umverteilung der Einwirkungen
Bei der Gründung im Grundwasser bildet die durch-
genutzt werden kann.
gehende Bodenplatte zusammen mit den aufgehenden
Außenwände die sogenannte weiße Wanne. Die Dimen-
sionierung der Platte erfolgt nach den Kriterien der Trag- Vorteilhaft wirkt sich aus, daß dieser so umverteilte
fähigkeit und in diesem Falle insbesondere nach denjeni- Anteil der Gesamteinwirkungen demzufolge nicht mehr
gen der Gebrauchstauglichkeit, indem sich die Beweh- über die Biegesteifigkeit der Platte abgetragen werden
rungsquerschnitte an den für einen dichten Baukörper er- muß. Entsprechend kann die Platte für die restliche Ein-
forderlichen Rißbreiten orientieren. Oftmals wird die wirkung schlanker ausfallen. Der Lastfall „Vorspannung“
Dimensionierung nach der zulässigen Rißbreite maßge- stellt einen derart gewünschten Eigenspannungszustand
bend und übersteigt den nach der Tragfähigkeit ermittel- dar. Bei idealen Voraussetzungen eines reibungsfreien
ten Wert. Spanngliedes steht die Summe der vertikalen Umlenkkräf-
Bei hohen Beanspruchungen durch die konzentrier- te im Gleichgewicht. Den nach oben gerichteten Um-
ten Lasteintragungen der Stützen und mäßigen Baugrund- lenkkräften stehen gleich große, nach unten gerichtete
verhältnissen werden die Dimensionen der Einzelfunda- Umlenkkräfte entgegen. Die Summe aller Umlenkkräfte
mente derart groß, daß sie sich nahezu berühren. Auch entlang eines Spanngliedverlaufs verschwindet (Bild 2).
dann ist eine durchgehende Bodenplattenkonstruktion Damit bildet die Vorspannung einen lastfreien Einwir-
angesagt. Die nach diesen Anforderungen ausgewählten kungszustand, der idealerweise für die Umverteilung von
Platten weisen jedoch eine große Konstruktionsstärke auf, Einwirkungen genutzt werden kann [5].
um einen ausreichenden Widerstand für die Biege- und
Schubbeanspruchung sicherzustellen. Liegen derartige
Bauwerke außerdem im Grundwasser, führt die aus stati-
schen Gründen erforderliche große Plattendicke zu er-
heblichen Stahlmengen, um die Rißkriterien erfüllen zu
können. Es ist insbesondere bei derartigen Gründungsver-
hältnissen entscheidend, schlanke Plattengründungen
auszuführen.

3 Elastisch gebettete Platte

Bei der Ermittlung der Biegemomente und der Sohldruck-


verteilung sind sowohl die Steifigkeiten der Platte selbst
als auch die Steifigkeit des Baugrundes angemessen zu
berücksichtigen, um zu einer wirtschaftlichen Konstrukti-
on zu gelangen [4]. Beide Bauteile, die Platte und der Un-
tergrund, gehen über ihre Schnittstelle, die Bauwerksfuge,
eine Interaktion ein, die zu gegenseitigen Abhängigkeiten
führt. Die Systemsteifigkeit ist das Verhältnis der Steifig- Bild 1. Systemsteifigkeit mit und ohne Eigenspannung
keit der Platte zu derjenigen des Bodens. Über die Variati- Fig. 1. Stiffness of the structural system with and without
initial stresses
on der Steifigkeiten kann die Verteilung der Biegemomen-
te und auch die Sohldruckverteilung maßgeblich beein-
flußt werden. Bei vorhandenen Bodenverhältnissen bleibt
somit nur noch die Variation der Plattensteifigkeit. Bei
derartigen Überlegungen beschränkt man sich jedoch viel-
fach nur auf die Veränderung der Plattensteifigkeit durch
Änderung der Plattendicke.
Unbeachtet bleibt die Möglichkeit, durch einen last-
freien Eigenspannungszustand Beanspruchungen bereits
derart umzulagern, daß sie nicht mehr über die Steifigkeit
der Platte abgetragen werden müssen. Die Verteilung der
Einwirkungen auf die Bodenplatte braucht somit nicht Bild 2. Lastumlagerung entlang der Bodenplattenachse
nur über die Plattensteifigkeit zu erfolgen, sondern kann infolge von Vorspannung
bereits durch einen Eigenspannungszustand umverteilt Fig. 2. Redistribution of the forces due to prestressing

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4 Tragverhalten der Vorspannung bei Bodenplatten

Wie vorab ausgeführt, macht man sich bei der Dimensio-


nierung von vorgespannten Bodenplatten die lastvertei-
lende Wirkung der Umlenkkräfte aus Spannkabel zu Nut-
ze. Ziel einer Dimensionierung muß es sein, die über die
Stützen eingetragenen Lasten mit den Umlenkkräften aus
Vorspannung direkt aufzunehmen und gleichmäßig über
die Platte zu verteilen, ohne daß dieser Anteil direkt über
die Biegesteifigkeit der Platte abgetragen wird. Dazu die-
nen vorderhand Spannkabel, die konzentriert entlang der
Stützenstreifen angeordnet sind. Umlenkkräfte aus dem
gespannten Kabel werden durch entsprechende Krüm-
mungen der Kabelachse erzeugt. Innerhalb des eng be-
grenzten Bereichs des Lastausbreitungskegels der Stütze
Bild 3. Kabelgeometrie im Lastabtragungsbereich
sollten große Umlenkkräfte den gewünschten Anteil der
Fig. 3. Geometry of the tendon within the loading area
Stützenlast direkt aufnehmen. Demzufolge wird für diesen
Bereich eine maximal mögliche Krümmung gewählt. Die
zugehörige Kabelgeometrie wird vom zulässig minimal-
sten Krümmungsradius bestimmt. Diese so gewählte
Krümmung bleibt konstant bis zum Lastausbreitungskegel
der Stütze (Bild 3). Exakt an diesem Ort ist die maximale
Neigung des Spannkabels erreicht. Die Summe der Um-
lenkkräfte innerhalb dieses Bereichs entspricht der verti-
kalen Komponente der geneigten Kabelkraft. Ab dieser
Stelle muß die Kabelachse gegenläufig gekrümmt sein, um
die im Lastausbreitungskegel aufgenommenen Umlenk-
kräfte außerhalb zwischen den Stützenachsen zu vertei-
len. Die zuvor geschilderten Zusammenhänge über die Ka-
belgeometrie und die zugehörigen Umlenkkräfte sind den
Angaben in Bild 4 zu entnehmen.
Die im Lastausbreitungskegel aktivierten Umlenk-
kräfte (Bild 3) erhöhen auch den Durchstanzwiderstand,
da die mit der Vorspannung direkt abgetragenen Kräfte
nicht mehr über Schubkräfte durch den Durchstanzzylin-
der abgetragen werden müssen. Es sind somit nicht nur
die Biegung der Platte, die entlastet wird, sondern auch die
Bild 4. Ermittlung der Umlenkkräfte im Bereich Stütze und
Schubeanspruchungen, die mit Hilfe der Vorspannung re-
Feld
duziert werden.
Fig. 4. Deflection forces due to prestressing at support and
Mit der Anordnung konzentrierter Spannkabel in den at span
Stützenachsen wird die konzentrierte Stützenlast gleich-
mäßig über die Gurtstreifen verteilt. Von dort muß die
derart erzeugte Streifenlast in den Feldbereich der Platte
transportiert werden. Das erfolgt i. d. R. über die Biege- dem verringert die Druckspannung die Rißbreiten bzw.
steifigkeit der Platte. Wahlweise kann jedoch auch eine im läßt Risse erst gar nicht entstehen. Dieser Effekt ist insbe-
Feldbreich gleichmäßig verteilte Vorspannung für diese sondere bei Konstruktionen im Grundwasser nicht zu ver-
Aufgabe genutzt werden, um die Streifenlasten im Gurt- achten.
streifen aufzunehmen und gleichmäßig über die Platte zu Die Vorspannkräfte werden über die Ankerkräfte an
verteilen. Dazu wäre jedoch nochmals die gleiche Menge den Plattenrändern in die Platte eingetragen. Durch die
an Vorspannung erforderlich, wie in den Stützstreifen an- Verbindung der Platte mit dem Untergrund entstehen Rei-
geordnet wurde. Deren Wirkung steht jedoch in krassem bungskräfte (deren Größe durch die Auflast bestimmt
Gegensatz zu den Aufwendungen [6], so daß man sich wird) in der Bodenfuge. Diese Reibungskräfte bewirken
i. d. R. mit der Anordnung einer konzentrierten Vorspan- eine Reduktion der Vorspannkräfte. Mit entsprechenden
nung in den Stützstreifen begnügt. konstruktiven und ausführungstechnischen Maßnahmen
Neben den Umlenkräften erzeugt die Vorspannung kann die Reibung verringert werden. Mit dem unmittelba-
auch eine Normalkraft, die innerhalb der Plattenebene ren Aufbringen der Vorspannung bei noch unbelasteter
wirksam ist und gleichmäßige Druckspannungen über Bodenplatte entstehen nur geringe Reibungskräfte. Die
den Plattenquerschnitt erzeugt. Diese Komponente wirkt derart verursachten Spannkraftverluste sind nicht über-
sich bei den Nachweisen positiv aus. Bei Biegung mit Nor- mäßig groß, sie sind jedoch bei den Nachweisen abzu-
malkraft ist ein höherer Biegewiderstand zu erzielen. Zu- schätzen [4], [7] und zu berücksichtigen.

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5 Art der Vorspannung mungsradius des Spannkabels) einzuhalten. Diese bei-


den Forderungen sind die Zwangsbedingungen für die
Man unterscheidet bei der nachträglichen Vorspannung Bestimmung der noch offenen Parameter der beiden
von Bauteilen zwei Typen von Spanngliedern. Es handelt Parabelelemente. In Funktion des Abstands zwischen
sich um die Vorspannung ohne Verbund und um diejenige den beiden Stützen ergibt sich dann die mögliche Ka-
mit Verbund. Beide lassen sich je nach Anforderung in der belhöhe in Feldmitte. Bei großer Plattenstärke kann
Bodenplatte anwenden. unter Umständen die maximal mögliche Exzentrizität
Die Vorspannung ohne Verbund ist in der Handha- nicht vollständig ausgenutzt werden. Das wiederum ist
bung sehr flexibel. Die in PE-Hüllrohren geführten bei den gegenüber den Stützmomenten deutlich gerin-
Spannlitzen sind bereits ab Werk mit einer Fettummante- geren Feldmomenten auch nicht unbedingt erforder-
lung korrossionsgeschützt. Die flexible Litze erlaubt lich.
kleinste Krümmungsradien bis zu einem minimalen Wert
von Rmin = 2,60 m. Die gefettete Litze verursacht geringe 7 Dimensionierung der Vorspannung
Reibungen. Gemäß diesen Eigenschaften ist die verbund-
lose Vorspannung bei Bodenplatten mit großer Platten- Ziel einer Vorspannung ist die direkte Abtragung eines de-
stärke und großen Ausmaßen geeignet. Nachteilig wirken finierten Anteils der Gesamtstützenlast. Dieser anteil-
sich die je Spannglied geringen Spannkräfte von Pmin = mäßige Betrag entspricht i. d. R. dem ständigen Anteil der
186 KN bis Pmax = 740 KN aus. Zudem kann die Stahl- Stützenlast (Anteil Eigengewicht und Belag des Gebäu-
spannung im Spannglied über die initiale Vorspannung des). Da die Umlenkkräfte aus Vorspannung konstant vor-
hinaus nicht weiter für den Widerstand genutzt werden. handen sind, sollte auch nur der ständige wirkende Anteil
der Stützenlasten kompensiert werden. Der variable Anteil
Die Wahl, ob Vorspannung ohne und mit Verbund, aus Verkehrslasten muß dann über die Biegesteifigkeit der
läßt sich je nach Anforderung in der Bodenplatte treffen. Platte abgetragen werden.

Ziel einer Vorspannung ist die direkte Abtragung


Die Vorspannung mit Verbund bietet große Kabelein- eines definierten Anteils der Gesamtstützenlast.
heiten von Pmin = 800 KN bis Pmax = 3000 KN. Die Rei-
bung ist jedoch in den Blechhüllrohren groß und führt bei
den vielen Umlenkungen innerhalb der Bodenplatte be- Die Dimensionierung der Vorspannung erfolgt nun
reits nach geringen Kabellängen zu großen Spannkraftver- pro Stütze, indem mit Hilfe der möglichen Kabelgeome-
lusten. Nach dem Aufbringen der Vorspannkraft und dem trie im Lastausbreitungsbereich (Bild 3) die entlastende
anschließenden Injizieren wirkt der Spannstahl mit dem Komponente für beide Richtungen ermittelt wird. Im Ver-
Betonquerschnitt im Verbund und kann somit analog dem gleich von anteilmäßiger Stützenlast und entlastender
Schlaffstahl bis zu seiner Fließgrenze ausgenutzt werden. Vorspannung ergibt sich die Kabelgröße und deren An-
Dieser Spannungszuwachs ist inbesondere bei hoch bela- zahl. Nach der Festlegung der Vorspannung nach Größe
steten Platten willkommen, da eine vergleichbare schlaffe und Kabelanzahl pro Stütze und pro Richtung müssen
Bewehrung eingespart werden kann. die Stränge entlang der einzelnen Stützenachsen aufein-
In der Regel kann keine Empfehlung für die eine oder ander abgestimmt werden. Mit der Festlegung der Ab-
andere Spannart gegeben werden. Es gilt zu entscheiden, spannstellen an den Plattenrändern aber auch an den Ar-
ob die Vorzüge der verbundlosen Vorspannung mit gering- beitsfugen ist der jeweilige Strang vollständig bestimmt,
stem Krümmungsradius und geringem Reibungsbeiwert und die zugehörigen Kräfte können nun ermittelt werden.
überwiegen, oder ob die großen Kabeleinheiten und der Der Vergleich von gewünschter und vorhandener Spann-
Spannungszuwachs der Verbundvorspannung mehr ge- kraft führt i. d. R. zu einer Iteration in bezug auf die An-
fragt sind. zahl der Spannkabel.

6 Kabelverlauf 8 Aufbringen der Vorspannung

Bei der Anordnung der Kabel im Grundriß und der zu- Nach dem Herstellen der Platte ist es i. d. R. wünschen-
gehörigen Geometrie über die Plattenstärke gilt es, folgen- wert, die Vorspannung vollständig oder teilweise aufzu-
de Punkte zu beachten: bringen. Der Anteil der Normalkraft wirkt in dieser frühen
a) Aus wirtschaftlichen Gründen werden nur Spannkabel Phase den Verformungen aus abfließender Hydrations-
bei enger Anordnung entlang der Stützstreifen geführt wärme, dem Schwinden und Kriechen entgegen und ver-
[3], [6], [8]. Nur in Außnahmefällen ist eine zusätzlich hindert eine frühe Rißbildung.
gleichmäßig verteilte Feldvorspannung anzuordnen. Dem frühen Aufbringen der Vorspannung steht je-
b) Die Kabelgeometrie entlang der Strecke von Stütze zu doch meistens die unbelastete Bodenplatte entgegen. Die
Stütze wird zusammengesetzt aus zwei gegenläufigen Lasten auf die Stützen wachsen erst mit dem Baufort-
quadratischen Parabeln. Deren Wendepunkt liegt am schritt. Mit der gewählten Kabelgeometrie wird gegen die
Rande des Lastausbreitungskegels. Zudem ist inner- äußeren Lasten gespannt. Bei fehlenden äußeren Einwir-
halb des kurzen Parabelstücks unterhalb der Stütze die kungen kann bei zu frühem Vorspannen insbesondere der
maximal mögliche Krümmung (minimalster Krüm- Lasteinleitungsbereich der Stütze zerstört werden, da das

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System

Einwirkung Vorspannung

Einwirkung Lasten

Bild 5. Bauzustände mit Vorspannung und äußeren Einwir-


kungen
Fig. 5. Different states due to prestressing and external
loading
Bild 6. Innerer Kräfteverlauf infolge unterschiedlicher Ein-
wirkungen während des Bauablaufs
Fig. 6. Internal forces due to different loading effects

„Gegengewicht“ fehlt. Moderne Normengenerationen wie


der Eurocode berücksichtigen derartige Belastungszustän-
de und sehen entsprechende Nachweise mit zugehörigen
Lastfaktoren vor (Bild 5). Daraus ergibt sich dann das stu- dazu bei, selbst hoch belastete Platten schlank auszu-
fenweise Aufbringen der Vorspannkraft abhängig vom führen.
Baufortschritt und der zugehörigen Lasteinwirkung. Oft-
mals läßt sich jedoch die Vorspannung nicht parallel mit 9 Hinweise für eine erfolgreiche Ausführung von
dem Baufortschritt aufbringen, da z. B. die Zugänglichkeit vorgespannten Bodenplatten
der Ankerstellen nicht gewährleistet ist. In diesem Falle
muß für die Einwirkung der Vorspannung, die wie be- Den vorgenannten Hinweisen zur Dimensionierung einer
schrieben einen Eigenspannungszustand darstellt, ein ent- effizienten Vorspannung folgen die erforderlichen Nach-
sprechender Gleichgewichtszustand innerhalb der Platte weise im Tragfähigkeits- und Gebrauchszustand. Die neu-
gefunden werden. Dieser stellt sich durch ein System von en Normengenerationen und damit auch die neue DIN
Zug- und Druckstreben ein, die als Fachwerk die beiden 1045-1 unterscheiden nicht mehr zwischen Stahlbeton
entgegengesetzten Gruppen von Umlenkkräften ins und Spannbeton. Es gilt ganz allgemein, der Einsatz von
Gleichgewicht setzen (Bild 6). Die Betondruckstreben Spannstahl ist wie die Verwendung von Betonstahl zu se-
werden durch die Zugstreben aus Bügeln gehalten. Derart hen [1]. Es gilt, vereinfacht formuliert, zu beachten, daß
wird die aufwärts gerichtete Umlenkkraft weitergereicht der Spannstahl mit einer Vordehnung (erzeugt durch das
und aufsummiert, um von den abwärts gerichteten Um- Vorspannen) zu versehen ist, um seine hohe Stahlfestig-
lenkkräften abgebaut zu werden. Zu diesem Zweck sind keit überhaupt erst auszunutzen. Diese Vordehnung des
Bügel entlang der Kabelachse einzubauen, damit die Zug- Spannstahls führt zu Eigenspannungen am Querschnitt
pfosten abgedeckt werden können. Diese Bügelbeweh- und in der Folge zu Dehnungen und Verkrümmungen, die
rung dient jedoch nicht nur dem beschriebenen Einwir- bei statisch unbestimmten Tragsystemen zu Eigenspan-
kungszustand aus Vorspannung, sondern kann auch in nungen am Tragsystem führen. Es gilt, diese Eigenspan-
umgekehrter Richtung für die späteren Einwirkungszu- nungen bei den Nachweisen angemessen zu berücksich-
stände genutzt werden. Als Schubbewehrung trägt sie mit tigen.

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Diese Betrachtungsweise mit der „Vorspannung“ auf unterschiedliche Dehnungen von Wand und Bodenplatte
der Widerstandsseite [1] wird oftmals durch eine anschau- verursachten Zwängungen werden durch diese konstrukti-
lichere, im Ergebnis identische Weise ersetzt. Derjenige ven Maßnahmen in ihrem Ausmaß begrenzt.
Anteil der Vorspannung, der ausschließlich auf die Vor-
dehnung (initiale Vorspannung) zurückzuführen ist, wird 10 Auswahl von ausgeführten Objekten
als einwirkende Größe am Querschnitt bzw. am Tragsy- 10.1 Vorgespanntes Streifenfundament
stem betrachtet. Die Zuwächse der Stahlspannung über
die initiale Vorspannung hinaus sind dann allerdings bei Für eine weitgespannte Halle bestehend aus einer Beton-
der Ermittlung des Widerstandes zu berücksichtigen. Die- konstruktion und aufgehendem Stahldach waren hohe
se alternative Betrachtungsweise der Vorspannung ist je- Stützenlasten im Abstand von ca. 8,50 m in den Unter-
doch bei den Nachweisen der Gebrauchstauglichkeit von grund abzutragen. Bei schlechten Bodenverhältnissen
Vorteil. Die Einwirkung aus Vorspannung läßt sich an- mußte unterhalb der Fundamente ein Bodenaustausch
hand der Verteilung der Normalkräfte aus Ankerkräften vorgenommen werden. Um das Ausmaß des Austauschs zu
und der Biegemomente infolge der Umlenkkräfte be- minimieren, sollte die Pressung entlang der Stützenachse
schreiben. Die Normalkraft am Querschnitt steigert den gleichmäßig ausfallen. So ließ sich die Streifenbreite auf
Widerstand, reduziert den Zugkeil und infolge davon die ein absolutes Minimum reduzieren. Bild 7 zeigt das bereits
Stahlspannungen. Entsprechend reduziert sich der erfor- bewehrte Streifenfundament. Aufgrund der großen Länge
derliche Stahlquerschnitt bei den Rißnachweisen. Redu- des Fundamentes und der vielen Umlenkungen dank vie-
zierte Stahlspannungen infolge einer Normalkraft verur- ler Stützen wurde eine verbundlose Vorspannung gewählt.
sachen geringere Rißbreiten. Kleinere Flächen für die Die Reibungsverluste ließen sich somit auf ein Minimum
Zugkeile erfordern geringere Stahlmengen zur Aufnahme reduzieren.
der Zugkräfte beim Aufreißen (Mindestbewehrung). Und
schlußendlich reduzieren die Umlenkkräfte die Durchbie- 10.2 Platten-Riegelkonstruktion für ein
gungen, da sie den äußeren Einwirkungen entgegenge- Einkaufszentrum
richtet sind.
Beim Ansatz der Normalkräfte ist jedoch stets darauf Hohe Lasten aus drei Geschoßen bei einem Stützenraster
zu achten, daß diese sich auch entsprechend den eingetra- von ca. 10 × 11 m und der Forderung nach einer wasser-
genen Ankerkräften aus Vorspannung entfalten können. dichten Bodenplatte führte zu der in Bild 8 abgebildeten
Wie bereits erwähnt, behindern die Reibungskräfte in der Plattenkonstruktion mit verstärkten Riegeln. Kräftige Rie-
Sohlfuge eine gleichmäßige Verteilung der Normalkräfte gel nehmen die konzentrierten Stützenlasten auf und ver-
entlang der Platte. Um diesen Zwang zu minimieren, ist teilen diese gleichmäßig auf das zulässige Maß der Boden-
die Sohlfuge derart auszubilden, daß die Platte sich ge- pressung entlang der Achse. Die im Riegel angeordnete
genüber dem Boden relativ verschieben kann. Vorspannung verteilt den ständigen Anteil der Stützenla-
Ebenso behindern Einbauten, wie Liftunterfahrten sten direkt, ohne die Biegesteifigkeit des Riegels in An-
oder Plattenabsätze, die Platte in ihren freien Verformun- spruch zu nehmen. Die zwischen den Riegeln angeordne-
gen. Das läßt sich i. d. R. mit einfachen konstruktiven Mit- te Bodenplatte ist sehr schlank gehalten, da sie nicht zur
teln verhindern, indem die seitlichen Flanken der Einbau- Abtragung der Stützenlasten herangezogen wird. Um Ris-
ten mit einer ausreichend elastischen Dämmschicht aus- se in der dünnen Platte zu vermeiden, wurde diese mit ei-
gelegt werden. Dank der Elastitzität und einer entspre- ner gleichmäßig verteilten Vorspannung senkrecht zu den
chenden Stärke der Dämmplatten sind ausreichende Riegeln versehen.
Verschiebungen möglich. Somit wird die Bodenplatte an
diesen Stellen nicht behindert. 10.3 Massive Fundamentplatte für ein Hochhaus

Ein Hochhaus mit 22 Stockwerken war auf einer durchge-


Die Einwirkung aus Vorspannung läßt sich anhand henden Platte zu gründen. Der ovale Grundriß ergibt sich
der Normalkräfte aus Ankerkräften und der aufgrund der regelmäßigen Anordnung der Räume um die
Biegemomente beschreiben. zentrale Erschließungszone herum (Bild 9). Die Lastab-
tragung erfolgt über die Wände des Erschließungskerns
und über die in der Fassade angeordneten Stützen. Zwei
Bildet die Bodenplatte gemeinsam mit den aufgehen- hoch belastete Innenstützen beidseits des Kerns in der
den Wänden eine monolithische und dichte Konstruktion, langen Richtung ergänzen das Lastabtragungskonzept.
empfiehlt es sich, die Wände ebenfalls in horizontaler Vorgesehen war eine Plattenkonstruktion mit einer
Richtung vorzuspannen. In jedem Fall ist auf die Spann- Stärke von d = 2,50 m. Alternativ dazu wurde eine Aus-
reihenfolge zu achten, um den Wandanschluß an die Bo- führung mit Vorspannung untersucht, um die Massen zu
denplatte rissefrei auszubilden [8]. Direkt unterhalb der optimieren. Bei dieser Konstruktion konnte die Platten-
aufgehenden Wände sind innerhalb der Bodenplatte eini- stärke um fast die Hälfte auf d = 1,30 m reduziert werden.
ge Spannkabel konzentriert anzuordnen. Diese werden je- Eine gleichmäßig verteilte Vorspannung über die kurze
doch erst gespannt, wenn die aufgehende Wand betoniert Seite entlastet dank der gewählten Kabelgeometrie die
ist. Damit wird gewährleistet, daß sich die Normalkraft Rand- und Kernbereiche durch aufwärts gerichtete Um-
anteilmäßig auf Bodenplatte und Wand verteilt. Die durch lenkkräfte, um mit den abwärts gerichteten Umlenkkräf-

Beton- und Stahlbetonbau 99 (2004), Heft 8 647


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Bild 7. Vorgespanntes Streifenfundament Bild 9. Spezielle Geometrie der Bodenplatte für ein Hoch-
Fig. 7. Prestressed foundation ribbon haus
Fig. 9. Layout of the foundation slab of a high-rise building

Bild 10. Vorspannung der Bodenplatte


Fig. 10. Prestressing of the foundation slab

Bild 8. Bodenplatte mit verstärktem Riegel – Vorspannung Bild 11. Bodenplatte im Grundwasser innerhalb der Bau-
für die Riegel grubenumschließung mit Schlitzwänden
Fig. 8. Foundations slab with enlarged column ribbon – Fig. 11. Foundation slab below ground water level – exte-
prestressing located within the ribbon riour walls made before excavation

ten eine gleichmäßige Lastverteilung über die gesamte Infolge der großen Umlenkwinkel und der gewünsch-
Platte zu erzwingen (Bild 10). Über die lange Seite des ten Flexibilität bei der Kabelanordnung wurde eine ver-
Grundrisses wurden nur wenige konzentrierte Kabelstrei- bundlose Vorspannung verwendet.
fen angeordnet, um sowohl den Kern als auch die Innen- Dank der durch die Vorspannung erzeugten nahezu
stützen zu entlasten. gleichmäßigen Verteilung der Beanspruchungen über die

648 Beton- und Stahlbetonbau 99 (2004), Heft 8


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Bild 12. Gebäudeschnitt des Kaufhauses mit Abmessungen und Lasten


Fig. 12. Section of the department store with informations about geometry and loading

gesamte Platte führte die Bemessung der Platte zu einer


gleichmäßigen Bewehrung in unterer und oberer Lage in
beide Richtungen. Die einheitliche Bewehrung (gleicher
Durchmesser und Abstand) ermöglichte einen raschen
Einbau der schlaffen Bewehrung.

10.4 Hoch belastete Bodenplatte im Grundwasser

Als Ausführungsalternative zu einer schlaff bewehrten Bo-


denplatte mit einer konstanten Plattendicke von d = 1,0 m
entschied sich die Unternehmung für eine vorgespannte
Variante. Hohe Stützenlasten im Raster 7,50 × 7,50 m aus
einer mehrgeschossigen Überbauung beanspruchen die
Bodenplatte. Aufgrund des hohen Grundwasserstandes
von ca. 4,0 m über Unterkante Bodenplatte wurde die
Baugrube im Schutz einer vorgängig abgeteuften Schlitz-
wand erstellt. Bei temporär abgesenktem Wasserspiegel
konnte nunmehr die vorgespannte Bodenplatte einge-
bracht werden. Die Plattendicke ließ sich dank der Vor-
spannung auf d = 0,50 m reduzieren. Im Bereich der Stüt-
zen wurden Fundamentvertiefungen mit einer Gesamt-
stärke von d = 0,70 m vorgesehen (Bild 11). Aufgrund der
hohen Beanspruchungen gelangte eine Vorspannung mit
Verbund zur Ausführung. Da die Plattenränder aufgrund
der vorhandenen Schlitzwand nicht zugänglich waren, Bild 13. Grundriß der Bodenplatte mit Plattenstärken
wurden die einzelnen Kabelstränge in Spannischen inner- Fig. 13. Ground plan of the foundation slab with informa-
halb der Platte abgespannt. Die Bodenplatte wurde mittels tion about the slab thickness
vorgängig in die Schlitzwandbewehrung eingebauten
Schraubverbindungen zugfest mit der Schlitzwand ver-
bunden. Als zusätzliche Sicherheit gegen Wasserundurch- 10.5 Bodenplatte für ein Kaufhaus im Innenstadtbereich
lässigkeit wurden Injektionsschläuche in dieser Fuge vor-
gesehen. Ohne zusätzliche Abdichtungen konnte die aus Ein mehrgeschossiges Kaufhaus mit gestaffelten Ge-
Schlitzwand und vorgespannter Bodenplatte erstellte schossen und unregelmäßigem Stützenraster wurde zwi-
weiße Wanne genutzt werden. schen bestehenden Gebäuden errichtet (Bild 12 und 13).

Beton- und Stahlbetonbau 99 (2004), Heft 8 649


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Th. Friedrich · Vorgespannte Bodenplatten – ein brachliegendes Potential

Bild 15. Kabelverlauf im Bereich der Fundamentvertiefung


Fig. 15. Geometry of the tendon at support

Bild 14. Kabelanordnung entsprechend den Einwirkungen Bild 16. Kabelverlauf entlang einer Stützenachse
Fig. 14. Layout of the tendon according to the loading Fig. 16. Geometry of the tendon along the column strip

Der Entwurf sah eine Pfahlgründung für die unterschied- den auf- und abwärtsgerichteten Umlenkkräften. Zudem
lichen Stützenlasten vor. Die innerstädtische Bebauung diente die Bügelbewehrung als unerläßliche Schubbe-
erforderte eine abgestimmte Logistik für den Bauvorgang. wehrung für die hohen Durchstanzbeanspruchungen.
Der enge Termin für die gesamte Bauzeit erschwerte die Aufgrund der hohen Beanspruchungen durch die
Ausführung zudem. Alternativ zur Pfahlgründung wurde Stützenlasten wurden Spannkabel mit Verbund einge-
eine Flachgründung mit einer vorgespannten Bodenplatte setzt (Bild 15 und 16).
untersucht. Der mäßige Baugrund ließ nur Pressungen in
der Größenordnung von maximal 100 KN/m2 zu. Die ho- 11 Schlußbemerkungen
hen und unregelmäßig über den Grundriß verteilten Stüt-
zenlasten konnten nur mit einem ausgefeilten System aus Bei Flachgründungen läßt sich die Vorspannung vorteil-
Plattenstärke und Vorspannung in die gewünschte gleich- haft einsetzen, um schlank und damit wirtschaftlich zu
mäßige Bodenpressung verwandelt werden. Die Platten- bauen. Bei hoch belasteten Platten ist die Konstruktions-
stärke betrug d = 0,50 m mit entsprechend großen Ver- stärke i. d. R. relativ groß. Eine in den Stützenachsen an-
stärkungen von d = 1,00 m unterhalb der Stützen. Auf- geordnete Vorspannung kann aufgrund der geschwunge-
grund der unterschiedlich großen Stützenlasten mußten nen Kabelgeometrie wie ein gespanntes Seil Kräfte direkt
die Kabelstränge abgestuft werden. Zudem waren die im Stützenbereich aufnehmen und gleichmäßig über die
Plattenränder wegen der Lückenbebauung nicht zugäng- Platte verteilen. Dieser derart verteilte Anteil der Stützen-
lich. Ein ausgewähltes System von Bauetappen für die last muß nicht mehr über die Biegesteifigkeit der Platte ab-
Platte erlaubte die Abspannung der Kabel an den Arbeits- getragen werden, was zu schlanken Plattenbauteilen führt.
fugen (Bild 14). Zudem mußten die Kabel ohne die feh- Außer der auf die Plattensteifigkeit günstig wirkenden
lende Auflast vollständig vorgespannt werden. Die für Lastumlagerung der Vorspannung wirkt sich deren Nor-
diesen Fall vorgesehene Bügelbewehrung in den malkraftanteil positiv auf das Rißverhalten des Platten-
Fundamentvertiefungen liefert den gewünschten Wider- querschnitts aus. Diese Wirkung ist insbesondere bei Plat-
stand zur Sicherstellung des Gleichgewichts zwischen ten im Grundwasser von großem Vorteil.

650 Beton- und Stahlbetonbau 99 (2004), Heft 8


Fachthemen
Th. Friedrich · Vorgespannte Bodenplatten – ein brachliegendes Potential

Die Wirtschafltichkeit dieser Bauart hat sich insbe- [7] Friedrich, Th.: Industrieböden aus vorgespanntem Beton,
sondere in den mehrheitlich ausgeführten Unternehmer- Vortrag Beton Seminare ’98 in Informationen der Baubera-
varianten bestätigt. Denn Einsparungen in der Plattenstär- tung Zement 1998.
[8] Friedrich, Th.: Vorgespannter Stahlbeton für dichte Bauwer-
ke führen bei derartigen Konstruktionen zu großen Vor-
ke, Braunschweiger Bauseminar 1995: „Dichte Bauwerke“
teilen durch Reduktion des Aushubs, Verringerung der Be-
Hrsg. Prof. Dr.-Ing. H. Falkner, Dr.-Ing. M. Teutsch; Institut
ton- und Stahlmassen und dadurch zu einer schnelleren für Baustoffe, Massivbau und Brandschutz, Heft 119, Braun-
Bauzeit. Zudem trägt die Vorspannung zu einer Verbesse- schweig 1995.
rung des Gebrauchszustandes und damit zu einem dauer-
haften Bauwerk bei.

Literatur
[1] Design of post-tensioned slabs and foundations, FIP
Recommendations, FIB, CEB-FiP, Mai 1998.
[2] Hettler, A.: Gründung von Hochbauten, Ernst & Sohn Ver-
lag 2000.
[3] Friedrich, Th.: Erfahrungen mit der Anwendung von Spann-
beton im Hochbau in der Schweiz – Tragwerkskonzepte, Pla-
nung und Ausführung zweier Geschoßbauten, Fachtagung
Spannbeton im Hoch- und Industriebau, Hrsg. Prof. Dr.-Ing.
H. Falkner, Dr.-Ing. M. Teutsch; Institut für Baustoffe,
Massivbau und Brandschutz, Heft 91, Braunschweig 1991.
[4] Posttensioned Foundations, Broschüre VSL-International
Ltd., Berne, Switzerland, 1988. Dipl.-Ing. Thomas Friedrich
[5] Menn, Ch.: Stahlbetonbrücken Springer Verlag 1986. Domostatik GmbH
[6] Friedrich, Th. und Conrads, E.: Vorspannung im Hochbau – Balduinstraße 1a
Herausforderung für die Zukunft, Vortrag Betontag 1993, 54470 Bernkastel-Kues
Berlin. info@domostatik.com

Ungewöhnliche Betonierfolge: Acht Tage nach dem Betonieren ho- 20 m breite Innenschalung der Flügel-
erst die Decke, dann die Wand ben dann vier Hydraulik-Hebetürme die wände eingebaut werden. Um hierbei
rund 200 Tonnen schwere Decke in ei- keine Zeit zu verlieren, wurde eine vor-
Eine alte Bahnüberführung bei laufen- nem sechsstündigen Hebevorgang in ih- montierte Wandschalung auf Spindel-
dem Zugverkehr durch einen Neubau re vorgesehene Position auf 4,90 m Lenkrollen an ihren beengten Einsatz-
ersetzen? Wie soll das funktionieren? Höhe. Nach dem Liften der Decke muß- platz geschoben. Ungefähr drei Stunden
Mit einer Schal-Sonderlösung wurde te nun auf beiden Brückenseiten dauerte dieser Vorgang auf jeder Seite.
zunächst unterhalb einer temporären schnellstens die jeweils 5 m hohe und
Hilfsbrücke die neue Überbautafel beto-
niert; anschließend wurde sie auf die
endgültige Höhe geliftet. Unmittelbar
danach wurden die Widerlager sowie
das angeschlossene, 42 m lange Trog-
bauwerk mit einer vormontierten Holz-
trägerschalung hergestellt.
Rund 16 000 Brücken, die älter als 80
Jahre sind, will die Deutsche Bahn nach
und nach durch Neubauten ersetzen. Je
weniger der Bahnbetrieb dabei behin-
dert wird, um so besser. Deshalb über-
zeugte der Sondervorschlag, der einen
Brückenneubau ermöglichte, ohne den
Zugverkehr (240 Züge pro Tag) zu un-
terbrechen. Genau unterhalb der Hilfs-
brücke stellte man mit der Holzträger-
Deckenschalung die neue Fahrbahnplat-
te (11,85 m × 10,42 m) her. Getragen
wurde die Schalung von zwanzig, je-
weils 2 m hohen ID-15-Türmen sowie
vier S50-Türmen. Erneuerung einer Bahnunterführung bei laufendem Zugverkehr (Photo: Hünnebeck)

Beton- und Stahlbetonbau 99 (2004), Heft 8 651