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Unter die Haut


Ruben Michael war 15 Jahre alt, als er sein Regie-Debüt mit Mozarts
MEDEA
(Jiří Benda) O p e r Bastien et Bastienne im Detmolder Café Gothland gab.
Besuch am Ungewöhnlich genug, dass O-Ton die Arbeit des Schülers
25. Oktober 2020
(Premiere) weiterverfolgte. Es folgten Trouble in Tahiti und Das Tagebuch der
Anne Frank. Dann wurde es kurz ruhig um den Opern-versessenen
Kammeroper Detmold, Hangar 21, Michael. Inzwischen hat der 19-Jährige eine einen Anstellungsvertrag als
Detmold
Assistent am Theater Bonn. Und präsentiert jetzt seine neueste eigene
Arbeit. Allerdings nicht bei der Oper Bonn, sondern in seiner
Heimatstadt Detmold. Und da möchte man schon sagen: glücklicherweise. Denn Michael hat eine
großartige Spielstätte ausfindig gemacht. Hangar 21 ist, welch eine Überraschung, ein ehemaliger Hangar,
der zu einer „Kulturfabrik“ umgebaut wurde. Die riesige Halle präsentiert sich mit neuester Technik und
edlen Materialien als eine Art Stadthalle, in der vor allem junge Künstler ihre Arbeiten zeigen sollen. In
ihrer Größe ist sie derzeit ideal, trotz Corona-Beschränkungen halbwegs vernünftige Besucherzahlen zu
realisieren. Zumindest, wenn man von den Besucherzahlen der so genannten Freien Szene ausgeht. Für
Michaels Arbeit gibt es rund 90 Plätze, von denen bei der Uraufführung 82 besetzt sind.

Der angehende Regie-Assistent hat sich das Melodram Medea von Jiří Benda aus dem Jahr 1775
vorgenommen. Das Melodram ist, wenn man so will, der Vorläufer der Oper in Deutschland. Während bei
der Oper üblicherweise Orchester und Gesang vereint werden, bleiben im Melodram Musik und Stimme
strikt getrennt und ertönen wechselweise. Somit bekommt das Theater eine zusätzliche Dimension, ohne
dass dadurch etwa höhere Anforderungen an den Schauspieler gestellt werden müssten. Gleichzeitig wird
verhindert, dass der Klang der Stimme etwa durch ein zu laut spielendes Orchester überlagert wird.
Michael hat die Idee, die Aufführung um eine weitere Dimension zu erweitern, nämlich den Tanz. Ein
geschickter Schachzug, wenn man weiß, dass sich Benda auf die Rache in der Medea-Geschichte
konzentriert. Hier bietet gerade der Tanz großartige Möglichkeiten, die Verwirrung, um nicht zu sagen, das
Irre-Werden der Medea bildhaft werden zu lassen. Vor allem, wenn man weiß, dass die Tötung der Kinder
als Racheakt nur eine untergeordnete Rolle spielt. Die Kinder werden nicht mehr als Kinder begriffen,
sondern für Medea sind sie ausschließlich Mittel, um ihre Rache zu verwirklichen. Auch das löst Michael
brillant.
Im Hangar herrscht noch allgemeines
Gemurmel, als Medea pünktlich mit
einem Abspielgerät auf der Schulter aus
dem Hintergrund auftaucht und zum
Kopf der Bühne schreitet. Die Bühne ist
ein kniehoher Podest in Form eines
Laufstegs, der mittig in der Halle
aufgebaut ist. Darüber erstreckt sich die
Traverse mit den zahlreichen LED-
Leuchtmitteln, die stimmungsvoll
eingesetzt werden. Auch unter dem
Laufsteg sind noch Stableuchten
angebracht, um für einen starken Effekt
im Finale zu sorgen. Auf dem Laufsteg
ist am Kopfende ein Schreibtisch mit Foto © O-Ton
Stuhl aufgestellt, etwa in der Mitte hat
ein Overhead-Projektor Platz gefunden, im letzten Drittel ist eine Holzkiste aufgebaut. Am Fuß des
Laufstegs findet das Orchester im Halbrund Platz. Die Zuschauer sind links und rechts vom Laufsteg
platziert, so dass prinzipiell alle Besucher gleiche Sichtmöglichkeiten haben. Ein klarer, sachlicher Aufbau,
der in seiner Kühlheit den richtigen Rahmen für das beginnende Drama bietet. Dafür hat Luka Patzelt
ebenso wie für das Kostüm der Medea gesorgt, das sich in seiner Bedeutung nicht so ganz erschließt. Der –
bald blutdurchtränkte – Unterrock mag noch einleuchten, warum aber Medea die meiste Zeit einen
Arztkittel trägt, darf jeder für sich selbst interpretieren. Die Kinder werden zu nackten Plastikpuppen
reduziert, die zwar niedlich aussehen und insofern das Grauen des Geschehens verdeutlichen, aber eben
auch zeigen, dass sie in den Rachegedanken der Medea nur noch Mittel zum Zweck sind. Wirklich gut
gelöst.

Höchst eindrucksvoll hat auch Paula Niehoff die ihr gestellten Aufgaben in Angriff genommen. Niehoff
gehört zu den seltenen Begabungen, die nicht nur über eine tänzerische Ausbildung verfügen, sondern
auch schauspielerische Fähigkeiten mitbringen. Mit ihr wird der Abend zum Ereignis, das unter die Haut
geht. Jetzt rächt sich, dass Michael nur wenig vom Tanz und seinen Möglichkeiten versteht. Und so
bekommt Niehoff viel zu selten Gelegenheit, ihre exzeptionellen Fähigkeiten darzustellen. In den wenigen
Augenblicken, in denen sie andeuten darf, was in ihr steckt, wird sofort eine explosive Ausstrahlung
deutlich, von der man gern mehr gesehen hätte. Stattdessen lässt der Regisseur sie allzu oft am
Schreibtisch „verhungern“. Mit dem Vorteil, dass sie sich ganz auf den anspruchsvollen Text konzentrieren
kann. Da wird nicht deklamiert, aber mit einer Inbrunst und Textsicherheit gesprochen, die man nicht
mehr oft findet. Die Tücken des über 200 Jahre alten Textes nimmt Niehoff mit Gelassenheit, lässt die
Zuschauer oft an ihren Lippen kleben – sofern sie unter den langen Haaren mal zu sehen sind. Und bringt
ohne jede Aufgeregtheit den Wahnsinn des Geschehens auf die Bühne. Eine Entdeckung!

Wer Michael kennt, weiß, dass ihn die


kleinen technischen Mängel, die sich
immer mal wieder einschleichen, mehr
ärgern, als sie überhaupt vom Publikum
bemerkt werden. Da funktioniert das Licht
nicht immer ganz so, wie vom Regisseur
gewünscht. Und auch Sprecher Thomas
Bade bekommt für seinen Einsatz als
Jason mehr als einmal abgehackte oder
übersteuerte Einsätze. Aber diese kleinen
Unstimmigkeiten können den
Gesamteindruck des Abends nicht
schmälern.
Foto © O-Ton Abgerundet wird das Geschehen vom
Detmolder Kammerorchester, dessen überwiegend junge Musiker selbst zum ersten Mal ein Melodram
vertonen. Für das opernverwöhnte Ohr des heutigen Besuchers fehlt das Legato von Musik und Stimme,
und nach einer knapp einstündigen Aufführung reicht dann der beständige Wechsel auch. Und das,
obwohl Dirigentin Annalena Hösel das Orchester nicht nur zu transparentem Klang, sondern auch zu
höchst präzisen Einsätzen anleitet, ja, versucht, immer wieder so etwas wie eine Anbindung zu finden, die
genregemäß nicht stattfinden kann.

Es gibt einen Grund, warum diese Kunstform heute keine Bedeutung mehr hat. Den hat die Aufführung
gezeigt. Aber es gibt auch einen Grund, warum der Mythos der Medea bis heute im Theater eine Rolle
spielt. Und damit haben die Akteure des Abends das Publikum begeistert. Nach einem kurzen Moment der
Betäubung dankt das Publikum ihnen lautstark und nachhaltig. Sicher sollte man in Bonn einmal darüber
nachdenken, ob tatsächlich nach der zweiten Aufführung, die am selben Tag stattfindet, Schluss sein muss
mit dieser intensiven und packenden Aufführung. Oder ob man das Stück nicht doch noch in die
Bundesstadt holt. Es lohnte sich allemal.

Michael S. Zerban

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