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Carlos Castaneda

Der Ring der Kraft


Don Juan in den Städten
Aus dem Amerikanischen von
Thomas Lindquist

Scanned by JINGSHEN

M it diesem B uch setzt der am erikanische A nthropologe


C astaneda seine lange R eise in d ie W elt des
Ü bernatürlichen und der Zauberei fort - eine R eise, an deren
Anfang die Begegnung m it d e m b e re its z u r Legende
gew ordenen Y aqui-Zauberer D on Juan s t a n d . In dem
vorliegenden Band erzählt der Autor, wie er d ie le tz te
L e k t i o n e rh ie lt. W ährend Don Juan bislang d ie Beweise
s e in e r Kraft in s e in e r G eburtsregion, den W üsten und
M ezas - in einem Landstrich m i t h i n , zu dem er so natürlich
gehört w ie S trauchw erk u n d G e s t e in -. z e le b r ie r t h a t t e ,
so kom m t es jetzt zu einer Begegnung in e i n e r ungewohnt e n
Um gebung: Auch in der Stadtwelt, in den ü b e r f ü llt e n ,
g e s c h ä f t igen Straßen, verm ag D on Juan seine Kraft zu
bew eisen u n d d i e W ahrnehm ung des Autors auf m agische
W eise in s U n e r m e ß lic h e zu s t e igern. C arlos C astaneda
starb 1998.

W eitere B ücher von C arlos C astaneda im Fischer


T aschenbuch V e r lag: >D ie Lehren des D on Juan. E in
Y aqui-W eg des W issens« ( B d . 1457): > E in e andere
W irklichkeit. N eue G espräche m i t D on J u a n - ( B d . 1616);
> R e is e nach Ix tla n . Die Lehre des Don J u a n - ( B d . 1809):
> D e r z w e ite Ring der Kraft< (B d . 3035): > D ie K u n s t des
P irs c h e n s . ( B d . 3390); >Das Feuer von in n e n « (B d . 5082); - Fischer
D ie Kraft d e r S t ille . N eue Lehren des D on Juan< (B d .
10926): » D ie Kunst des Träum ens-(B d . 14166). °> Taschenbuch
Im S. Fischer Verlag sind erschienen: >Tensegrity. D ie Verlag
m agischen Bew egungen der Zauberer< (1998) sow ie >D as
W irken der U n e n d l i c h k e it - (1998).

Unsere Adresse im Interner: www.fischer-tb.de


Inhalt

1. Teil
Zeuge von Taten der Kraft
Eine Verabredung mit der Kraft 9
Der Träumer und der Geträumte 61
Das Geheimnis der leuchtenden Wesen 91

2. Teil
Das Tonal und das Nagual
Man muß glauben 117
Die Insel des Tonal 132
Der Tag des Nagual 145
Das Tonal schrumpfen lassen 163
In der Zeit des Nagual 181
Das Flüstern des Nagual 200
Die Flügel der Wahrnehmung 217
3. Teil
Die Erklärung der Zauberer
Drei Zeugen des Nagual 233
2 l . A u f la g e : M a i 2001
Die Strategie eines Zauberers 25 l
Un g e k ü r z t e Ausgabe Die Blase der Wahrnehmung 285
V e r ö f f e n t l i c h t im F is c h e r Taschenbuch V e r l a g
GmbH Die innere Wahl zweier Krieger 304
F r a n k f u r t am M a i n . J u n i 1978
L i z e n z a u s g a b e m i t G e n e h m i g u n g des
S. F is c h e r Verlags G m b H F r a n k f u r t am M a i n
D ie a m e r i k a n i s c h e O r i g i n a l a u s g a b e e r s c h i e n
1974
m i t dem Titel Tales of Power-
im Verlag Simon a n d Schuster. New York
c Carlos Castaneda 1974
Für die deutsche Ausgabe:
© S. Fischer Verlag GmbH. Frank f urt am M ain
1976
Druck und Bindung: Clausen & Bosse. Leck
Printed in Germam
ISBN 3-596-23370-4
Der Bedingungen eines einsamen Vogels sind f ü n f :
Die erste, daß er zum höchsten Punkt fliegt;
die zweite, daß er sich nicht nach Gesellen sehnt,
nicht einmal seiner eigenen Art;
die dritte, daß sein Schnabel gen Himmel zielt;
1.Teil
die vierte, daß er keine bestimmte Farbe hat;
die fünfte, daß er sehr leise singt.

San Juan de la Cruz. Dichos de Luz y Amor Zeuge von Taten der K raft
Eine Verabredung mit der Kraft

Seit Monaten hatte ich Don Juan nicht gesehen. Es war jetzt
Herbst 1971. Ich war überzeugt, daß er sich bei Don Genaro in
Zentralmexiko aufhielt, und so traf ich die nötigen Vorbe-
reitungen für eine sechs- oder siebentägige Fahrt, um ihn zu
besuchen. Doch am zweiten Tag meiner Reise, am Spätnach-
mittag, machte ich, einer Eingebung folgend, an Don Juans
Wohnort im Staat Sonora halt. Ich parkte das Auto und ging
die kurze Entfernung bis zu seinem Haus zu Fuß. Zu meiner
Überraschung traf ich ihn dort an.
»Don Juan! Ich hatte nicht erwartet, dich hier zu treffen«, sagte
ich.
Er lachte; meine Überraschung schien im Spaß zu machen. Er
saß auf einer leeren Milchbütte vor der Haustür. Er schien auf
mich gewartet zu haben. Die Ungezwungenheit, mit der er
mich begrüßte, war irgendwie vollendet. Er nahm den Hut ab
und schwenkte ihn mit einer komischen Gebärde. Dann setzte er
ihn wieder auf und grüßte militärisch. Er lehnte sich an die
Wand und saß dabei auf der Bütte, als wäre es ein Sattel. »Setz
dich, setz dich«, sagte er in jovialem Tonfall. »Wie gut, dich
wiederzusehen.«
»Fast wäre ich umsonst den ganzen Weg nach Zentralmexiko
gefahren«, sagte ich. »Und dann hätte ich nach Los Angeles
zurückfahren müssen. Daß ich dich hier antreffe, erspart mir
viele Tage Autofahrt.«
»Irgendwie hättest du mich schon gefunden«, sagte er mit
geheimnisvoller Stimme, »aber nehmen wir an, du schuldest
mir nun sechs Tage, die du gebraucht hättest, um hinzufahren -
Tage, die du nutzen solltest, um etwas Interessanteres zu tun,
als das Gaspedal deines Autos zu drücken.« Don Juans Lächeln
war irgendwie gewinnend. Seine Herzlichkeit war ansteckend.
»Wo ist dein Schreibzeug?« fragte er.
Ich sagte ihm, ich hätte es im Auto gelassen; er meinte, ohne es
sähe ich unnatürlich aus, und so hieß er mich gehen und es
holen.
»Ich habe gerade ein Buch abgeschlossen«, sagte ich. Er warf sein Lehrling geworden sei, und doch habe er vielleicht mehr
mir einen langen, seltsamen Blick zu, der mir ein Kribbeln in Fortschritte gemacht als ich.
der Magengrube verursachte. Es war. als ob er einen weichen »Sensibel zu sein ist für manche Menschen ein natürlicher
Gegenstand gegen meinen Bauch preßte. Ich glaubte, ich Zustand«, sagte er. »Du bist es nicht. Aber ich auch nicht.
müsse mich übergeben, aber dann wandte er den Kopf zur Letzten Endes kommt es auf die Sensibilität überhaupt nicht
Seite, und ich gewann mein ursprüngliches Wohlbefinden an.«
wieder. »Was ist es denn, worauf es ankommt?« fragte ich. Er schien
Ich wollte über mein Buch sprechen, aber er machte eine Geste, nach einer passenden Antwort zu suchen. »Es kommt nur darauf
die mir bedeutete, er wolle nicht, daß ich etwas darüber sagte. Er an, daß ein Krieger makellos ist«, sagte er schließlich. »Aber das
lächelte. Seine Stimmung war unbeschwert und bezaubernd, ist bloß eine Redeweise, eine ungefähre Annäherung. Du hast
und er verwickelte mich sofort in ein zwangloses Gespräch über bereits einige Aufgaben der Zauberei vollbracht, und ich glaube,
Leute und aktuelle Ereignisse. Schließlich gelang es mir, die es ist an der Zeit, die Ursache all dessen, worauf es ankommt,
Unterhaltung auf das Thema zu lenken, das mich interessierte. beim Namen zu nennen. Ich möchte also sagen, für einen
Ich fing an, indem ich erwähnte, ich hätte meine früheren Krieger kommt es darauf an, die Ganzheit seiner selbst zu
Notizen noch einmal durchgesehen und festgestellt, daß er mir erreichen.« »Was ist die Ganzheit des Selbst, Don Juan?« »Ich
schon v o n Anfang unserer Beziehung an eine detaillierte sagte ja, daß ich der Sache nur einen Namen geben wollte. Es
Beschreibung der Welt eines Zauberers gegeben habe. Im gibt immer noch eine Menge loser Enden in deinem Leben, die
Lichte dessen, was er mir in jenem ersten Stadium gesagt habe, du zusammenknüpfen mußt, bevor wir über die Ganzheit
sei ich dahin gelangt, die Bedeutung der halluzinogenen Pflanzen deines Selbst sprechen können.« Hier endete unser Gespräch.
in Frage zu stellen. »Warum hast du mich diese Pflanzen so Er machte eine Gebärde mit den Händen, um mir anzuzeigen,
viele Male einnehmen lassen?« fragte ich. daß er wünschte, ich solle aufhören zu sprechen. Anscheinend
Er lachte und murmelte ganz leise: »Weil du ein Tölpel bist.« war irgend etwas oder irgend jemand in der Nähe. Er neigte den
Ich hatte ihn wohl verstanden, aber ich wollte mich vergewissern Kopf nach links, als lausche er. Ich konnte das Weiße seiner
und tat so, als hätte ich nicht recht gehört. »Wie bitte'1« fragte Augen sehen, während er den Blick auf die Büsche links
ich. neben dem Haus konzentrierte. Einen Augenblick lauschte er
»Du weißt sehr gut, was ich gesagt habe«, antwortete er und aufmerksam, und dann stand er a u f , kam zu mir und flüsterte
stand auf. mir ins Ohr, wir müßten das Haus verlassen und einen
Im Vorbeigehen tätschelte er mir den Kopf. »Du bist ziemlich Spaziergang machen. »Ist etwas nicht in Ordnung?« fragte
schwer von B e g r i f f «, sagte er. »Und es gab keine andere ich, ebenfalls flüsternd.
Möglichkeit, dich aufzurütteln.« » N e in . A lle s k l a r « , sa g te er. » A lle s ist ganz in O rdnung.« E r
»Also war das alles nicht absolut notwendig?« fragte ich. führte m ich in den W üstenchaparral. W ir w anderten v ie lleicht
»Doch, das war es. in deinem Fall. Es gibt aber andere e i n e h a l b e S tund e und kam en d ann zu e i n e r kleinen,
Menschentypen, die dies anscheinend nicht brauchen.« Er kreisförm igen F läche, die frei von V egetation w ar, e in F lecken
stand neben mir und blickte unverwandt auf die Wipfel der von etw a v ie r M etern D urchm esser, w o der rötliche S and eine
Büsche an der linken Seite seines Hauses; dann setzte er sich f e s t e , vollkom m en flache E bene bildete. E s gab jedoch keine
und sprach über Eligio, seinen anderen Lehrling. Eligio, sagte A nzeichen d afür, d aß d ie F läche m it M aschinen gero d et und
er, habe nur einmal psychotrope Pflanzen genommen, seit er e in g e e b n e t w o rd e n w a r. D o n Ju a n se tz te sic h in d ie M itte ,
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nach Südosten gewandt. Er deutete auf eine Stelle etwa zwei »Und ich hatte den Eindruck, es sei es meine große Schwäche,
Meter von ihm entfernt und forderte mich auf. mich dort, ihm nach Erklärungen zu suchen.«
gegenüber, hinzusetzen. »Was werden wir hier tun?« fragte ich. »Nein, deine Schwäche ist, daß du bequeme Erklärungen
»Wir haben heute abend eine Verabredung hier«, antwortete er. suchst. Erklärungen, die für dich und deine Welt von prakti-
Mit einem raschen Blick erforschte er die Umgebung, wobei er schem Nutzen sind. Was ich beanstande, ist deine Vernünftig-
sich auf der Stelle drehte, bis er das Gesicht wieder nach keit. Auch ein Zauberer erklärt in seiner Welt die Dinge, aber er
Südosten wandte. ist nicht so starrköpfig wie du.« »Wie kann ich die Erklärung
Seine Bewegungen beunruhigten mich. Ich fragte ihn. mi t der Zauberer finden?« »Indem du persönliche Kraft
wem wir die Verabredung hätten. ansammelst. Die persönliche Kraft wird bewirken, daß du mit
»Mit dem Wissen«, sagte er. »Nehmen wir an. das Wissen Leichtigkeit in die Erklärung der Zauberer hineingleitest. Die
schleicht hier umher.« Erklärung ist nicht das. was du Erklärung nennst; trotzdem
Er ließ mich nicht bei dieser rätselhaften Antwort verweilen. macht sie die Welt und ihre Geheimnisse wenn nicht klar, so
Rasch wechselte er das Thema und forderte mich in jovialem doch zumindest weniger ehrfurchtgebietend. Dies ist doch das
Ton auf, ich solle mich ganz natürlich geben, das heißt. Wesen einer Erklärung. Aber das ist es nicht, was du suchst.
Notizen machen und sprechen, als ob w i r bei ihm zu Hause Dir geht es um die Reflexion deiner Ideen.«
wären. Mir verging die Lust. Fragen zu stellen. Aber sein Lächeln
Was meine Gedanken in diesem Augenblick am meisten forderte mich auf weiterzusprechen. Ein anderes, mir sehr
beschäftigte, das war die lebhafte Empfindung, die ich vor bedeutsames Problem war sein Freund Don Genaro - und die
sechs Monaten gehabt hatte, als ich mit einem Koyoten außerordentliche Wirkung, die sein Tun auf mich gehabt
»sprach«. Für mich bedeutete dieser Vorgang, daß ich zum hatte. Jedesmal wenn ich mit ihm in Kontakt gekommen war.
erstenmal fähig gewesen war. mit meinen Sinnen und bei hatte ich die seltsamsten Sinnestäuschungen erlebt. Als ich
klarem Bewußtsein die Welt-Beschreibung des Zauberers zu meine Frage vorbrachte, lachte Don Juan. »Genaro ist
erkennen oder zu erahnen, eine Darstellung, in deren Rahmen erstaunlich«, sagte er. »Aber im Augenblick hat es keinen Sinn,
die Verständigung mit Tieren durch die Sprache etwas über ihn zu sprechen, oder über das. was er mit dir tut. Wieder
Selbstverständliches war. muß ich sagen, du hast nicht genug persönliche Kraft, um diesen
»Wir werden uns nicht damit aufhalten, über dergleichen Sachverhalt zu enträtseln. Warte, bis du sie hast, dann wollen
Erfahrungen nachzudenken«, sagte Don J uan, k a u m daß er wir sprechen.« »Und was ist, wenn ich sie nie haben werde'?«
meine Frage gehört hatte. »Es ist f ü r dich nicht ratsam, in »Dann werden wir nie darüber sprechen.« »Werde ich je genug
der Beschäftigung mit vergangenen Ereignissen zu schwelgen. davon haben, bei dem Tempo, mi t dem ich vorankomme?«
Wir können zwar darüber sprechen, aber nur in Ansp ielun- fragte ich.
gen.« »Das hängt von dir ab«, entgegnete er. »I c h habe dir alle
»Warum ist dies so, Don Juan?« nötigen Informationen gegeben. Jetzt ist es deine Aufgabe,
»Du hast noch nicht genug persönliche Kraft, um nach der genügend persönliche Kraft zu erlangen, um Gewicht zu be-
Erklärung der Zauberer zu suchen.« »Dann gibt es also eine kommen.«
Erklärung der Zauberer!« »Gewiß. Zauberer sind nur »Du sprichst in Metaphern«, sagte ich. »Drück dich klar aus.
Menschen. Wir sind denkbegabte Geschöpfe. Wir suchen nach Sag mir genau, was ich t u n soll. Falls du es mir schon gesagt
Erklärungen.« hast, nehmen wir an, ich habe es vergessen.«
Don Juan kicherte und legte sich hin, die Arme hinter dem te n , die ich ändern s o llte ? « fragte ich. » S o llte ich m ein neues
Kopf verschränkt. M anuskript v e r n ic h te n ? «
»Du weißt genau, was du brauchst«, sagte er. Ich sagte ihm, E r antw ortete n ic h t. E r s ta n d auf und ließ den B lic k über den
daß ich dies manchmal wisse, daß ich aber meistens kein R and des C haparral schw eifen.
Selbstvertrauen hätte. I c h e rz ä h lte ih m , d a ß ic h v o n v e rsc h ie d e n e n L e u te n B rie fe
»Ich fürchte, du bringst die Dinge durcheinander«, sagte er. erhalten hätte, d ie m einten, es sei falsch, üb er m eine L ehrzeit
»Das Selbstvertrauen des Kriegers ist nicht das Selbstvertrauen z u sc h re ib e n . S ie v e rw ie se n a u f d ie M e iste r d e r e so te risc h e n
des Durchschnittsmenschen. Der Durchschnittsmensch strebt L ehren d es O stens, d ie ab so lutes S chw eigen üb er ihre U nter-
nach Bestätigung in den Augen des außenstehenden w eisungen verlangten.
Betrachters und nennt dies Selbstvertrauen. Der Krieger strebt »V ielleicht schw elgen diese M eister in dem G efühl. M eister zu
nach Makellosigkeit in seinen eigenen Augen und nennt dies s e in « , m einte D on Juan, ohne m ich anzusehen. » I c h bin k e i n
Bescheidenheit. Der Durchschnittsmensch ist auf seine M e iste r, ic h b i n n u r e i n K rie g e r. D a h e r w e iß ic h w i r k l i c h
Mitmenschen angewiesen, während der Krieger nur auf sich nicht, w ie e in M eister sich fühlen m ag.« »A b er v i e l l e i c h t
selbst angewiesen ist. Vielleicht jagst du nach Luftschlössern. e n t h ü l l e ich D inge, d ie ich nicht verraten sollte, D on J u a n .«
Du suchst nach dem Selbstvertrauen des Durchschnittsmen- »E s ko m m t nicht d arauf an, w as m an verrät o d er w as m an für
schen, wo du nach der Demut eines Kriegers suchen solltest. sich b e h ä lt« , sagte er. »A lle s, was wir tu n . a lle s, was w i r sind,
Zwischen beiden besteht ein großer Unterschied. Selbstver- b eruht auf unserer p ersö nlichen K raft. H ab en w ir genug d avon,
trauen setzt voraus, daß man etwas mit Sicherheit weiß; Demut dann genügt v ie lle ic h t e in einziges W ort, das uns gesagt w ird,
setzt voraus, daß man in seinen Taten und Gefühlen makellos um unser ganzes L eben zu ändern. H aben w ir aber nicht genug
ist.« p ersö nliche K raft, d ann m ag es s e i n , d aß uns d i e w underbarste
»Ich habe versucht, nach deinen Vorschriften zu leben«, sagte W eisheit offenbart w ird, und diese O ffenbarung w ürd e nicht d as
ich. »Vielleicht schaffe ich nicht alles, aber ich gebe mein geringste b ew irken.«
Bestes. Ist das Makellosigkeit?« D ann s e n k t e er die S tim m e, als w o l l t e er m ir e in G eheim nis
»Nein. Du mußt mehr als das tun. Du mußt dich zwingen. verraten.
deine Grenzen zu überschreiten - immer.« »Aber das wäre » I c h w erde d i r das w om öglich größte W issen m i t t e i l e n , das
verrückt, Don Juan. Das kann niemand.« »Es gibt viele Dinge, m an überhaupt in W orte fassen k a n n « , sagte er. »W ir w o l l e n
die du heute tust und die dir vor zehn Jahren verrückt sehen, w as du dam it anfangen k a n n s t .
erschienen wären. Die Dinge selbst haben sich nicht verändert, W e iß t d u . d a ß d ic h g e n a u in d ie se m M o m e n t d ie E w ig k e it
aber deine Vorstellung von dir selbst hat sich geändert; was um gib t? U nd w eiß t d u. d aß d u d iese E w igkeit b enutzen kannst,
vorher unmöglich war, ist jetzt ohne weiteres möglich, und wenn du es w ills t'? «
vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, wann es dir gelingt, N ach e i n e r l a n g e n P ause, in deren V erlauf er m ich m it e i n e r
dich vollkommen zu ändern. In diesen Dingen hat ein Krieger l e i c h t e n B ew egung d er A ugen auffo rd erte, m ich zu äuß ern,
nur die eine Möglichkeit, konsequent und ohne Vorbehalte zu sagte ich. d aß ich nicht verstünd e, w o vo n er sp reche. » H ie r !
handeln. Du weißt genug über den Weg des Kriegers, um H ier is t E w ig k e it! « sagte er und d e u t e t e zum H orizo nt.
dementsprechend handeln zu können, aber deine alten D a n n w ie s e r z u m Z e n it h in a u f. »O d e r d o rt, o d e r v i e l l e i c h t
Gewohnheiten und Routinen stehen dir im Weg.« k ö n n e n w ir sa g e n , d ie E w ig k e it ist d i e s . « E r stre c k te b e id e
Ich verstand, was er meinte. »Meinst du, das Schreiben sei eine A rm e aus und zeigte nach O sten und nach W esten.
meiner alten Gewohnhei-
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Wir sahen einander an. In seinen Augen stand eine Frage. laß uns entweder ruhig dasitzen oder sprechen. Zu schweigen,
»Was sagst du dazu?« fragte er und forderte mich auf, über das ist nicht natürlich bei dir, daher laß uns weitersprechen.
seine Worte nachzudenken. Ich wußte nicht, was ich sagen Diese Stelle ist ein Platz der Kraft, und sie muß sich vor
sollte. Einbruch der Nacht an uns gewöhnen. Du mußt möglichst
»Weißt du, daß du dich in jede der Richtungen, in die ich natürlich dasitzen, ohne Furcht oder Ungeduld. Anscheinend
gezeigt habe, auf ewig ausdehnen kannst?« fuhr er fort. »Weißt ist es für dich am leichtesten, dich zu entspannen, wenn du
du, daß ein Augenblick die Ewigkeit sein kann? Dies ist kein Notizen machst, darum schreib nach Herzenslust. Und nun
Rätsel, es ist eine Tatsache, aber nur, falls du auf der Höhe erzähl mir, zum Beispiel, von deinem Träumen.«. Seine
dieses Augenblicks bist und ihn nutzt, um die Ganzheit deiner plötzliche Wendung traf mich unvorbereitet. Er wiederholte
selbst in jeder Richtung zu erfassen.« Er blickte mich an. seine Frage. Dazu muß ich nun einiges sagen. »Träumen« hieß
»Dieses Wissen kanntest du vorhin noch nicht«, sagte er für Don Juan, daß man eine eigenartige Kontrolle über seine
lächelnd. »Nun kennst du es. Ich habe es dir offenbart, aber es Träume entwickelt, und zwar so, daß die in ihnen gewonnenen
bewirkt überhaupt nichts, weil du nicht genug persönliche Erfahrungen und die Erlebnisse im Wachzustand die gleiche
Kraft hast, dir meine Offenbarung zunutze zu machen. Hättest praktische Bedeutung gewinnen. Die Auffassung der Zauberer
du aber genug Kraft, dann würden meine Worte allein dir als besagte, daß unter dem Einfluß von »Träumen« die üblichen
Mittel dienen, um die Ganzheit deiner selbst zu erfassen und Kriterien der Unterscheidung zwischen Traum und
um den wesentlichen Teil davon aus den Fesseln, in die sie Wirklichkeit außer Kraft gesetzt werden. Don Juans Praxis des
gebunden ist, zu befreien.« »Träumens« war eine Übung, die darin besteht, daß man in
Er trat neben mich und stieß mich mit den Fingern in die einem Traum seine Hände sucht. Mit anderen Worten, man
Rippen; es war eine ganz leichte Berührung. »Dies sind die muß absichtlich träumen, daß man im Traum seine Hände
Fesseln, von denen ich spreche«, sagte er. »Man kann sich sucht und findet, indem man einfach träumt, daß man die
daraus befreien. Wir sind ein Gefühl, ein Bewußtsein, das hier Hände vor die Augen hebt. Nach jahrelangen erfolglosen
eingeschlossen ist.« Mit beiden Händen schlug er mir auf die Versuchen war mir dies schließlich gelungen. Rückblickend
Schultern. Mein Schreibblock und der Bleistift fielen zu betrachtet, war mir klargeworden, daß es mir erst gelungen
Boden. Don Juan stellte den Fuß auf den Block und starrte war, nachdem ich ein gewisses Maß an Kontrolle über meine
mich an, und dann lachte er. Alltagswelt gewonnen hatte. Don Juan erkundigte sich nach den
Ich fragte ihn, ob er etwas dagegen habe, wenn ich mir wesentlichen Punkten. Ich fing an und erzählte ihm, daß es mir
Notizen machte. Nein, sagte er in beschwichtigendem Ton und oft unüberwindbar schwierig erschienen war, mir den Befehl
zog den Fuß zurück. zu erteilen, meine Hände anzusehen. Er hatte mich gewarnt,
»Wir sind leuchtende Wesen«, sagte er und schüttelte rhyth- daß die erste Phase der Vorbereitung, die er als »Planen des
misch den Kopf. »Und für leuchtende Wesen zählt allein die Träumens« bezeichnete, ein tödliches Spiel darstelle, das der
persönliche Kraft. Aber wenn du mich fragst, was persönliche Geist des Betreffenden mit sich selbst spiele, und daß ein Teil
Kraft ist, dann muß ich dir sagen, daß meine Erklärung sie meiner selbst alles tun werde, um die Erfüllung meiner
nicht erklären wird.« Aufgabe zu verhindern. Dazu konnte nach den Worten von Don
Don Juan blickte zum Horizont im Westen und meinte, es Juan gehören, daß ich in Hoffnungslosigkeit, Melancholie oder
blieben uns noch ein paar Stunden Tageslicht. »Wir werden sogar eine selbstmörderische Depression verfiel. Aber so weit
lange hierbleiben müssen«, erklärte er. »Darum war es nicht gekommen. Meine Erlebnisse waren eher harmlos,
sogar komisch; trotzdem war das Ergebnis ebenso frustrierend.
16 Jedesmal,

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wenn ich im Traum im Begriff stand, meine Hände anzusehen, d u rc h d e in e A k tiv itä te n b e im T rä u m en b e d ro h t. S o la n ge d u
geschah etwas Außergewöhnliches; ich fing an zu fliegen, oder n ic h t a n d ie se A k tiv itä te n d a c h te st, w a r a lle s in O rd n u n g.
mein Traum schlug in einen Alptraum um, oder er verwandelte A ber j e t z t , da du von deinem T un gesprochen hast, f ä l l s t du
sich lediglich in eine sehr angenehme körperliche Erregung; in fast in O h n m ach t.
solchen Träumen ging, was die Lebhaftigkeit betrifft, alles J e d e r K rie ge r h a t se in e e ige n e A rt z u trä u m en . J e d e A rt ist
weit über das »Normale« hinaus und war daher äußerst span- anders. D as einzige, w as w ir gem einsam haben, ist die T atsache,
nend. Angesichts der immer neuen Situationen vergaß ich stets daß w ir T ricks versuchen, um die Suche aufzugeben. D as
die ursprüngliche Absicht, meine Hände zu beobachten. G egenm ittel besteht darin, trotz a l l e r S chranken und E nttäu-
Einmal aber, ganz unerwartet, fand ich im Traum meine schungen beharrlich w eiterzum achen.«
Hände. Ich träumte, ich ging durch eine unbekannte Straße in D ann fragte er m ich, ob ich fähig sei, die T hem en des »T räu-
einer fremden Stadt, und plötzlich hob ich die Hände und hielt m en s« au szu w äh len . Ich m ein te, ich h ätte n ich t d ie b lasseste
sie vors Gesicht. Es war, als habe irgend etwas in mir nachge- A hnung, w ie m an das m achte.
geben und mir erlaubt, meine Handrücken zu betrachten. Don »D ie E rklärung der Z auberer, w ie m an ein T hem a zum Träum en
Juan hatte mich angewiesen, ich solle, sobald der Anblick meiner ausw ählt«, sagte er, »besagt, daß ein K rieger das T hem a w ählt,
Hände sich auflöste oder sich zu etwas anderem verwandelte, indem er absichtlich vor seinem inneren A uge ein B ild festhält,
den Blick von den Händen fortnehmen und auf irgendeinen w ährend er seinen inneren D ialog a b s te llt. M it andere n W o rte n ,
anderen Bestandteil der Umgebung meines Traums richten. In w e n n e r e in e n A u ge n b lic k a u fh ö re n k a n n , m it sich selbst zu
diesem einen Traum richtete ich den Blick auf ein Gebäude sprechen, und w enn er dann, sei es nur für einen M om ent, das
am Ende der Straße. Als das Bild des Gebäudes sich B ild oder die V orstellung von dem , w as er beim Träum en sehen
aufzulösen begann, konzentrierte ich meine Aufmerksamkeit w i l l , f e s t h a l t e n kann, dann w ird i h m der ge w ü n sc h te
auf die übrigen Dinge der Umgebung meines Traums. Das G e ge n sta n d e rsc h e in e n . Ic h b in sic h e r, d a ß d u d ie s ge ta n
Ergebnis war ein unglaublich klares, zusammenhängendes Bild h a st, a u c h w e n n e s d ir n ic h t b e w u ß t ge w o rd e n ist.«
einer verlassenen Straße in einer unbekannten, fremden Stadt. E s en tstan d ein e lan ge P au se, u n d d an n b egan n D o n Ju an in
Don Juan hieß mich fortfahren und von anderen Erlebnissen d er L u ft zu sch n u p p ern . E s w ar. als rein igte er sich d ie N ase;
beim »Träumen« berichten. Wir sprachen noch lange. Als ich drei oder v i e r M ale atm ete er gew altig durch die N asenlöcher
meinen Bericht beendet hatte, stand er auf u n d ging ins au s. S ein e B au ch m u skeln verkram p ften sich , w as er zu ko n -
Gebüsch. Ich stand ebenfalls auf. Ich war nervös. Dieses t r o l l i e r e n suchte, indem er m it kurzen, keuchenden A tem zügen
Gefühl war ungerechtfertigt, denn es gab nichts, was zu Angst L u ft h o lte.
oder Besorgnis Anlaß gegeben hätte. Don Juan kehrte binnen »W ir w ollen nicht m ehr über das Träum en sprechen«, sagte er.
kurzem zurück. Er bemerkte meine Erregung. »Beruhige »D u könntest davon besessen w erden. W enn e i n e m etw as ge-
dich«, sagte er und faßte mich sanft am Arm. Er hieß mich lin ge n soll, dann m uß der Erfolg a llm ä h lic h kom m en, unter großen
niedersitzen und legte mir mein Notizbuch in den Schoß. Er A nstrengungen, aber ohne Streß oder B esessenheit.« E r stan d
überredete mich zu schreiben. Er meinte, ich solle den Platz au f u n d g i n g an d en R an d d es G eb ü sch s. E r b eu gte sic h v o r
der Kraft nicht mit unnötigen Gefühlen wie Angst oder u n d sp ä h te d u rc h d a s L a u b . E r sc h ie n e tw a s a n d e n B lättern
Zaudern aufstören. »Warum werde ich so nervös?« fragte ich. zu untersuchen, ohne sich ihnen allzusehr zu nähern.
»Das ist ganz natürlich«, sagte er. »Irgend etwas in dir ist »W a s tu st d u d a ? « fra gte ic h . u n fä h ig, m e in e N e u gie r z u
zügeln.
18 19
E r d re h te sic h z u m ir u m . l ä c h e l t e u n d h o b d ie A u g e n brauen. d a ß d a s A n h a lte n d e s in n e re n D ia lo g s m e h r b e d e u te te a ls e in
» D ie B üsche sind voll von seltsam en D ingen«, sagte er, als er b lo ß e s Z u rü c k h a lte n d e r W o rte , d ie ic h z u m ir se lb st sp ra c h .
sich wieder h in se tz te . M e in g a n z e r D e n k p ro z e ß h a tte a u sg e se tz t, u n d ic h h a tte
E r sagte d ies in so b e i l ä u f i g e m T o n, d aß es m ich m ehr p raktisch d as G efühl, zu schw eb en, d ahinzutreib en. A uf d iese
erschreckte, als w enn er e i n e n plötzlichen S chrei ausgestoßen E rk e n n tn is w a r e i n G e fü h l d e r P a n ik g e fo lg t, u n d ic h m u ß te ,
h ä tte . N o tiz b u c h u n d B le istift f i e l e n m ir a u s d e r H a n d . E r sozusagen als G egenm ittel, m einen inneren D ialog w iederauf-
lachte und ahm te m ich nach, d ann m einte er, so lche üb ertrie- nehm en.
b e n e n R e a k tio n e n se ie n e in e s d e r lo se n E n d e n , d ie e s im m e r » I c h sa g te d ir j a , d e r in n e re D ia lo g ist d a s. w a s u n s b e -
no ch in m einem L eb en geb e. g rü n d e t«, m e in te D o n Ju a n . » D i e W e lt ist so o d e r a n d e rs
Ic h w o llte e tw a s e in w e n d e n , a b e r e r lie ß m ic h n ic h t z u W o rt b eschaffen, nur w e i l w ir uns vo rsagen, d aß sie so o d er and ers
kom m en. beschaffen is t.«
»W ir h a b e n n u r n o c h e i n W e ilc h e n T a g e s l i c h t « , sa g te e r. D o n Juan erklärte nun, d aß d er W eg in d ie W elt d er Z aub erer
»U nd es gib t no ch and ere D inge, üb er d ie w i r red en s o llte n . sic h e rst ö ffn e , n a c h d e m d e r K rie g e r g e le rn t h a b e , s e i n e n
bevor die D äm m erung h e r e in b r ic h t.« inneren D ialog a b z u s te lle n .
N ach m einen E rfolgen b e im »T räum en« zu u r t e i l e n , fügte er »U nsere V o rstellung, unsere A nsicht vo n d er W elt zu änd ern,
hinzu, h ä tte ich wohl g e le rn t, m einen in n e r e n D ialog w i l l e n t lic h d a s ist d e r sp rin g e n d e P u n k t b e i d e r Z a u b e re i«, sa g te e r. »U nd
abzustellen. D ies sei der F a ll, sagte ich ihm . A m A n fa n g d as A nhalten d es inneren D ialo gs ist d ie einzige M ö gl i c h k e i t ,
u n se re r V e rb in d u n g h a t t e D o n Ju a n m ir n o c h e in e w e ite re d ie s zu erreichen. D er R est ist nur B eiw erk. D u b ist j e t z t in der
T e c h n ik g e sc h ild e rt: S ie b e sta n d d a rin , la n g e S tre c k e n z u L age zu erkennen, daß nichts von alledem , w as du g e se h e n o d e r
w a n d e rn , o h n e d e n B l i c k a u f irg e n d e tw a s z u konzentrieren. g e ta n h a st, a u sg e n o m m e n d a s A n h a lte n d e s in n e re n D ia lo g s,
E r h a t t e m ir em pfohlen, n ic h ts d i r e k t anzuseh e n , so n d e rn m it v o n sic h a u s irg e n d e tw a s a n d ir o d e r a n d e i n e r V o rste llu n g
d e n A u g e n le ic h t e in w ä rts z u sc h ie le n , u m alles, w as sich dem v o n d e r W e lt h ä tte ä n d e rn k ö n n e n . V o ra u sse tz u n g ist n a tü rlic h ,
B lic k darbot, peripher im A uge zu b e h a l te n . E r h a tte b e h a u p te t d a ß d ie se V e rä n d e ru n g n ic h t g e stö rt w ird . Je tz t v e rste h st d u .
- a u c h w e n n ic h e s d a m a ls n i c h t v e rsta n d -, d a ß e s m ö g lic h w a ru m e i n L e h re r s e i n e n S c h ü le r n ic h t h a rt a n fa ß t. D ie s
se i, b e in a h e a lle s g l e i c h z e i t i g w ahrzunehm en, w as in einem w ü rd e n u r Z w a n g sv o rste llu n g e n u n d K rankheit e r z e u g e n .«
W inkel von 180 G rad vor e i n e m lie g t, w e n n m a n d e n B lic k , E r fra g te n a c h w e ite re n E in z e lh e ite n ü b e r d ie E rfa h ru n g e n ,
o h n e z u z e n trie re n , a u f e in e n P unkt knapp über dem H orizont d ie ich b eim A b stellen d es inneren D ialo gs gem acht hatte. Ich
r ic h te t. E r h a t t e m ir b e t e u ert, diese Ü bung sei das einzige b e ric h te te a lle s, w o ra n ic h m ic h e rin n e rn k o n n te . W ir
M itte l, um den i n n e r e n D ialog a b z u ste lle n . E r lie ß m ic h sp ra c h e n , b is e s d u n k e l w u rd e u n d ic h n ic h t m e h r m i t -
re g e lm ä ß ig ü b e r m e in e F o rtsc h ritte b e ric h te n , u n d irg e n d w a n n schreib en k o n n t e ; d as S chreib en verlangte zuviel A ufm erk-
fra g te e r n ic h t m e h r d a n a c h . I c h e rz ä h lte D o n Ju a n , ic h h ä tte sa m k e it, u n d d i e s b e e in trä c h tig te m e in e K o n z e n tra tio n . D o n
d ie se T e c h n ik j a h r e l a n g p ra k tiz ie rt, o h n e e in e V e rä n d e ru n g Ju a n e rk a n n te e s u n d fin g a n z u la c h e n . E r b e h a u p te te , ic h
z u b e m e rk e n , d o c h ic h h a tte o h n e h in k e in e e rw a rte t. E in e s h ä t t e n o c h e in e w e ite re A u fg a b e d e r Z a u b e re i v o llb ra c h t,
T a g e s a b e r w a r m ir ü b e rra sc h e n d b e w u ß t g e w o rd e n , d a ß ic h n ä m lic h z u sc h re ib e n , o h n e m ic h z u k o n z e n trie re n . In d e m
so e b e n e tw a z e h n M inuten gegangen w ar, ohne e in e in z ig e s A ugenblick, als er dies sagte, w urde m ir k la r , daß das N otizen-
W ort m it m ir s e lb s t zu sprechen. Ich erw ähnte auch, ich hätte m a c h e n m ir ta tsä c h lic h k a u m A u fm e rk sa m k e it a b v e rla n g te .
b ei d ieser G elegenheit e r k a n n t . E s sc h ie n e in e a u to m a tisc h e T ä tig k e it z u se in , m it d e r ic h
n ic h ts z u tu n h a tte . Ic h k a m m ir k o m isc h v o r. D o n Ju a n
20 21
fo rd e rte m ic h a u f, m ic h n e b e n i h n , in d e n M itte lp u n k t d e s normalerweise der Fall gewesen wäre. Ich konnte jeden ein-
K reises zu setzen. E r m einte, es sei schon zu dunkel und ich sei zelnen Busch sehen, als betrachtete ich sie im Zwielicht. Sie
je tz t in G e fa h r, w e n n ic h z u n a h a m C h a p a rra l sä ß e . M ir l i e f schienen sich zu bewegen: ihre Blättermassen sahen aus wie
e in F rö steln üb er d en R ücken, und ich sp rang zu i h m hinüber. schwarze Frauenröcke, die mir entgegenwallten, als würden sie
E r h ie ß m ic h n a c h S ü d o ste n b lic k e n u n d v e rla n g te , ic h so lle vom Wind hochgeweht, aber es gab keinen Wind. Ihre
m ir befehlen, zu schw eigen und k e i n e r l e i G edanken zu haben. hypnotisierenden Bewegungen nahmen mich ganz gefangen; es
Z u e rst g e la n g e s m ir n ic h t, u n d i c h w u rd e e in e n A u g e n b lic k war eine pulsierende Wellenbewegung, die sie immer näher zu
u n g e d u ld ig . D o n Ju a n w a n d te m ir d e n R ü c k e n z u u n d sa g te , mir heranzuführen schien. Und dann nahm ich eine hellere
ich so lle m ich gegen seine S chulter stützen. S o b ald ich einm al Silhouette wahr, die sich von den dunklen Umrissen der Büsche
m e in e G e d a n k e n b e ru h ig t h ä tte , m e in te e r. so lle ic h d ie A u g e n abzuheben schien. Ich richtete den Blick auf eine Stelle neben
o ffe n h a lte n u n d d e n B lic k a u f d a s G e b ü sc h im S ü d o ste n der helleren Silhouette und entdeckte dort ein hellgrünes
ric h te n . M it g e h e im n isv o lle r S tim m e fü g te e r h in z u , e r w o lle Leuchten. Dann sah ich hin. ohne meinen Blick scharf
m ir e in e A u fg a b e ste lle n , u n d w e n n e s m ir g e lä n g e , sie z u einzustellen, und ich war sicher, daß die hellere Silhouette ein
lö se n , d a n n w ä re ic h b e re it fü r e in e n w e ite re n A u ssc h n itt d e r Mann war. der sich im Unterholz verbarg. In diesem Augenblick
W e lt d e r Z a u b e re r. befand ich mich in einem höchst seltsamen Zustand der
I c h fra g te k le in la u t, w e lc h e r A rt d ie se A u fg a b e se i. E r k ic h e rte Bewußtheit. Ich war mir der Umgebung und der seelischen
le ise . Ic h w a rte te a u f se in e A n tw o rt, u n d d a n n schaltete irgend Prozesse bewußt, die diese Umgebung in mir auslöste, und
etw as in m ir ab . Ich sp ürte, d aß ic h schw eb te. M e in e O h re n doch dachte ich nicht, wie ich für gewöhnlich denke. Als ich
sc h ie n e n sic h z u ö ffn e n , u n d T a u se n d e v o n G eräuschen d es zum Beispiel erkannte, daß die Silhouette, die sich vom Gebüsch
C hap arral w urd en hö rb ar. E s w aren so v i e l e , d a ß ic h sie im abhob, ein Mann war. erinnerte ich mich an einen anderen
e in z e ln e n n ic h t u n te rsc h e id e n k o n n te . Ic h glaub te Vorfall in der Wüste; damals bemerkte ich. während Don
einzuschlafen, und d ann fesselte p lö tzlich etw as m eine Genaro und ich eines Nachts durch den Chaparral wanderten,
A ufm erksam keit. E s w ar nichts, w oran m ein D enken b e te ilig t daß sich in den Büschen hinter uns ein Mann verbarg, aber in
g e w e se n w ä re ; e s w a r k e in v isu e lle s B ild , a u c h k e in G e b ild e dem Augenblick, als ich versuchte, das Phänomen rational zu
d e r ä u ß e re n U m w e lt, so n d e rn m e in B e w u ß tse in w u rd e d u rc h erklären, hatte ich den Mann aus den Augen verloren.
etw as U nb estim m tes eingeno m m en. I c h w ar v ö l l i g w ach. Diesmal jedoch wollte ich den Überblick behalten und
M eine A ugen ko nzentrierten sich auf e i n e S telle im C hap arra l, weigerte mich, überhaupt etwas zu denken. E inen Augenblick
a b e r ic h sc h a u te w e d e r h in . n o c h d a c h te ic h , n o c h sp ra c h ich zu hatte ich den Eindruck, ich könne den Mann festhalten und
m ir. M eine G efühle w aren klare K ö rp erem p find ungen; sie ihn zwingen, zu bleiben, wo er war. Dann spürte ich einen
b e d u rfte n k e in e r W o rte . Ic h h a tte d a s G e fü h l, a ls ra ste ic h seltsamen Schmerz in der Magengrube. I r gend etwas schien
d u rc h e tw a s U n b e stim m te s h in d u rc h . W a s d a ra ste , w ä re n mich inwendig aufzureißen, und ich konnte die Bauchmuskeln
norm alerw eise v ie lle ic h t m eine G edanken gew esen; j e d e n f a l l s nicht mehr anspannen. Genau in dem Augenblick, als ich mich
hatte ich d ie E m p find ung, m ich m itten in e i n e m E rd rutsch zu dieser Empfindung überließ, taumelte der dunkle Schatten
b e fin d e n , so e tw a s w ie e in e L a w in e stü rz te z u T a l. u n d ic h eines riesigen Vogels oder irgendeines fliegenden Tieres aus
ste c k te m itte n d rin . Ic h sp ü rte d e n S tu rz im M a g e n . Irg e n d dem Chaparral auf mich zu. Es war, als habe die Gestalt des
e tw a s z o g m ic h in d e n C h a p a rra l. Ic h k o n n te d ie d u n k le n Mannes sich in die Gestalt eines Vogels verwandelt. Ich hatte
M a sse n d e r B ü sc h e v o r m ir n ic h t u n te rsc h e id e n . E s h a n d e lte die klare, bewußte Empfindung von Angst. Ich schnappte nach
sic h a b e r n ic h t u m e in e u n te rsc h ie d slo se D u n k e lh e it, w ie e s Luft, und dann stieß ich einen lauten Schrei aus und fiel auf
den Rücken.
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D o n Juan half m ir auf. S ein G esicht w ar ganz nah an m einem . E r mit einem flüchtigen Blick erspähte, wie das Wissen um das
lachte. Haus schlich. Man könnte sagen, das Wissen wußte, daß du
»W as w ar d as? « rief ich. kommen würdest, und erwartete dich. Statt ihm hier zu begeg-
E r g e b o t m ir S c h w e ig e n u n d le g te m ir d ie H a n d a u f d e n M und . nen, fand ich es richtiger, ihm an einem Platz der Kraft zu
E r b rachte seine L ip p en an m ein O hr und flüsterte, w ir m ü ß te n begegnen. Dann stellte ich dich auf die Probe, um zu sehen, ob
d ie se s G e b ie t in ru h ig e r, g e sa m m e lte r V e rfa ssu n g verlassen, so du genügend persönliche Kraft hättest, um es von den übrigen
als sei nichts geschehen. Dingen um uns her zu unterscheiden. Du hast es gut gemacht.«
W ir g in g e n n e b e n e in a n d e r. S e in S c h ritt w a r e n tsp a n n t u n d »Augenblick mal!« protestierte ich. »Ich sah die Silhouette
gleichm äß ig. E tliche M ale w and te er sich rasch um . Ich t a t es eines Mannes, der sich hinter einem Busch verbarg, und dann
ih m g le ic h , u n d z w e im a l e rsp ä h te ic h e in e d u n k le M a sse , d ie sah ich einen riesigen Vogel.«
u n s z u fo lg e n sc h ie n . Ic h h ö rte e in e n la u te n , u n h e im lic h e n »Du hast keinen Mann gesehen!« sagte er mit Nachdruck.
S c h re i h in te r m ir. E in e n A u g e n b lic k e rle b te ic h d ie re in e »Auch hast du keinen Vogel gesehen. Die Silhouette im
P anik; w ellenförm ige B ew egungen liefen durch m eine B auch- Gebüsch, die dann auf uns zuflog, war ein Nachtfalter. Wenn
m uskeln; sie traten kram p fartig auf und nahm en an H eftigkeit du es in der Sprache der Zauberer genau, in deiner eigenen
z u , b is sie m e in e n K ö rp e r e in fa c h z w a n g e n z u la u fe n . Ü b e r Sprache aber völlig lächerlich ausdrücken willst, dann könntest
m e in e R e a k tio n z u sp re c h e n ist m ir n u r in D o n Ju a n s du sagen, daß du heute abend eine Verabredung mit einem
T e rm in o lo g ie m ö g lic h ; so k a n n ic h sa g e n , d a ß m e in K ö rp e r Nachtfalter hattest. Das Wissen ist ein Nachtfalter.« Er sah
a u fg ru n d d e r F u rc h t, d ie ic h e rle b te , e tw a s a u sz u fü h re n v e r- mich durchdringend an. Das Licht der Laterne warf auf seinem
m o c h te , w a s D o n Ju a n a ls »G a n g a rt d e r K ra ft« b e z e ic h n e te - Gesicht seltsame Schatten. Ich wandte die Augen ab.
e in e T e c h n ik , d ie e r m ic h v o r Ja h re n g e le h rt h a tte u n d d ie »Vielleicht hast du persönliche Kraft genug, um dieses Ge-
d a rin b e sta n d , in d e r D u n k e lh e it z u re n n e n , o h n e z u sto lp e rn heimnis heute abend zu enträtseln«, sagte er. »Wenn nicht
o d e r sic h z u v e rle tz e n . heute abend, dann vielleicht morgen. Vergiß nicht, du schuldest
M ir w a r n ic h t g ä n z lic h b e w u ß t, w a s ic h g e ta n h a tte o d e r w ie mir sechs Tage.«
ic h e s g e ta n h a tte . P lö tz lic h fa n d ic h m ic h in D o n Ju a n s H a u s Don Juan stand auf u n d ging in die Küche an der Hinterseite
w ied er. A nscheinend w ar er eb enfalls gerannt, und w ir w aren des Hauses. Er nahm die Laterne und stellte sie, an die Wand
z u r g le ic h e n Z e it a n g e k o m m e n . E r z ü n d e te se in e P e tro le u m - gelehnt, auf den kurzen, runden Baumstrunk, der ihm als
la m p e a n , h ä n g te sie a n e in e n B a lk e n a n d e r D e c k e u n d Bank diente. Wir setzten uns einander gegenüber auf den
fo rd e rte m ic h b e ilä u fig a u f, P la tz z u n e h m e n u n d m ic h z u Boden und aßen Bohnen mit Fleisch aus einem Topf, den er
entsp annen. zwischen uns gestellt hatte. Wir aßen schweigend. Von Zeit zu
E in e W e ile tra b te ic h a u f d e r S te lle , b is ic h m e in e N e rv o sitä t Zeit warf er mir verstohlene Blicke zu und schien jeden
b e sse r b e h e rrsc h e n k o n n te . D a n n se tz te ic h m ic h . E r b e fa h l Augenblick in Gelächter auszubrechen. Seine Augen waren
m ir n a c h d rü c k lic h , so z u tu n , a ls se i n ic h ts g e sc h e h e n , u n d wie zwei Schlitze. Wenn er mich ansah, weiteten sie sich etwas,
re ic h te m ir m e in N o tiz b u c h . Ic h h a tte n ic h t b e m e rk t, d a ß ic h u n d das Licht der Laterne spiegelte sich in seinen feuchten
es in m einer H ast, d as G eb üsch zu verlassen, verlo ren hatte. Pupillen. Es war. als ob er sich das Licht zunutze machte, um
»W a s ist d o rt d ra u ß e n g e sc h e h e n , D o n Ju a n ? « fra g te ic h diese Reflexe zu erzeugen. Er spielte mit ihnen, indem er
schließlich. jedesmal. wenn er die Augen auf mich richtete, fast
»D u hattest eine V erab red ung m it d em W issen«, sagte er und unmerklich den Kopf schüttelte. Die Wirkung war ein faszi-
w ies m it einer K opfbew egung zum dunklen R and des W üsten-
ch a p a rra l h in ü b e r. » I c h fü h rte d ic h d o rth in , w e il ic h v o rh in
24 25
nierendes Lichtflimmern. Erst nach etlichen Malen bemerkte E rk lä ru n g . E r m a c h te e in e k o m isc h e G e b ä rd e d e r H ilflo sig k e it
ich, daß er dies absichtlich tat. Ich war davon überzeugt, daß u n d h o b d ie S c h u lte rn .
er damit einen bestimmten Zweck verfolgte. Ich fühlte mich »D u hast d eine V erab red ung no ch nicht eingehalten«, fügte er
geradezu gezwungen, ihn danach zu fragen. »Ich habe einen hinzu.
tieferen Grund«, versicherte er. »Ich besänftige dich mit Ich sagte ihm , ich fühlte m ich w ertlos und sollte vielleicht nach
meinen Augen. Offenbar bist du nicht mehr so nervös, nicht H a u se fa h re n , u m w ie d e rz u k o m m e n , w e n n ic h m ic h stä rk e r
wahr?« fühlte.
Ich mußte zugeben, daß ich mich recht wohl f ü h l t e . Das »D u re d e st U n sin n «, fu h r e r m ic h a n . »E in K rie g e r n im m t
stetige Flimmern in seinen Augen war nicht bedrohlich, und es se in L o s a u f sic h , w a s e s a u c h se i, u n d a k z e p tie rt e s in
hatte mich keineswegs erschreckt oder beunruhigt. »Wie ä u ß e rste r D e m u t. E r a k z e p tie rt d e m ü tig , w a s e r ist, u n d d ie s
kannst du mich mit den Augen besänftigen?« fr agte ich. ist ihm kein A nlaß zu b ed auern, so nd ern eine starke H eraus-
Er wiederholte sein unmerkliches Kopfschütteln. Tatsächlich forderung.
spiegelte sich das Licht der Petroleumlampe in seinen Pu- Jed er vo n uns b raucht Z eit, um d iesen P unkt zu verstehen und
pillen. ih n v o ll z u e rle b e n . Ic h z u m B e isp ie l h a ß te frü h e r d ie b lo ß e
»Versuch es doch selbst einmal«, sagte er wie nebenbei, als er E rw ähnung des W ortes > D em ut< . Ich bin ein Indianer, und w ir
noch mal nach dem Essen griff. »Du kannst dich selbst beru- Indianer sind s e it j e h e r dem ütig und haben nie etw as anderes
higen.« g e ta n , a ls d e n K o p f z u b e u g e n . Ic h m e in te , D e m u t se i n ic h ts
Ich versuchte den Kopf zu schütteln; meine Bewegung fiel fü r e in e n K rie g e r. I c h i r r t e m ic h ! H e u te w e iß ic h , d a ß d ie
unbeholfen aus. D e m u t e in e s K rie g e rs n ic h t d ie D e m u t e in e s B e ttle rs ist. D e r
»Du wirst dich nicht beruhigen, wenn du derart mit dem Kopf K rie g e r b e u g te d e n K o p f v o r n ie m a n d e m , a b e r g le ic h z e itig
wackelst«, sagte er lachend. »Statt dessen wirst du dir Kopf- erlaub t er es keinem and eren, seinen K o p f vo r ihm zu b eugen.
schmerzen einhandeln. Das Geheimnis liegt nicht im Kopf- D e r B e ttle r h in g e g e n f ä l l t b e i je d e r p a sse n d e n u n d u n p a s-
schütteln, sondern in dem Gefühl, das aus der Gegend unterhalb se n d e n G e le g e n h e it a u f d ie K n ie u n d le c k t je d e m , d e n e r fü r
des Magens in die Augen strömt. Das ist es. was das höher erachtet als sich selbst, die S tie f e l: zugleich aber erw arte t
Kopfschütteln verursacht.« Er rieb sich die Nabelgegend. e r. d a ß e in G e rin g e re r a ls e r ih m d ie S tie fe l le c k t. D eshalb
Als ich mit dem Essen fertig war. lehnte ich mich bequem sagte ic h dir heute auch schon, daß ich nicht verstehe, w ie d ie
gegen einen Stapel Holz und ein paar Rupfensäcke. Ich ver- M eister d es O stens, d ie G urus, sich fühlen. Ich kenne n u r d ie
suchte sein Kopfschütteln nachzuahmen. Don Juan fand das D e m u t e in e s K rie g e rs, u n d d ie se w ird m ir n ie e rla u b en, d er
anscheinend ungemein komisch. Er lachte und schlug sich auf M eister eines and eren zu s e in .« W ir schw iegen e i n e n
die Schenkel. A ugenb lick. S eine W o rte h a t t e n m ich t i e f angerührt. Ich
Dann unterbrach plötzlich ein Geräusch sein Gelächter. Ich f ü h l t e m ich betroffen, und g le ic h z e itig b e sc h ä ftig te m ic h
hörte einen seltsamen, tiefen Klang, wie ein Pochen auf Holz, d a s, w a s ic h im C h a p a rra l e rle b t h a tte . M ein b ew uß tes U rteil
das aus dem Chaparral kam. Don Juan hob das Kinn, um mi r l a u t e t e , d aß D o n Juan m ir etw as v e rh e im lic h te u n d o ffe n b a r
zu bedeuten, ich solle wachsam bleiben. »Das ist der kleine w u ß te , w a s w irk lic h g e sc h e h e n war.
Nachtfalter, der dich r u f t «, sagte er mit tonloser Stimme. Ich Ich hing solchen Ü berlegungen nach, als das gleiche seltsam e,
sprang auf die Füße. Augenblicklich hörte das Geräusch auf. Ich p o chend e G eräusch m ich aus m einen G ed anken auf-
sah Don J uan an und erwartete eine schreckte. D o n Ju a n lä c h e lte u n d fin g a n z u k ic h e rn .
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»Du hältst dich an die Demut des Bettlers«, sagte er sanft. gelernt hast, ohne jemals ihren Wert in Frage zu stellen. Wie
»Du beugst den Kopf vor der Vernunft.« »Ich glaube immer, man sieht, hast du dich schon ganz den Schwarzen Magiern
daß mich jemand hereinlegt«, sagte ich. »Das ist der Kern verschrieben.«
meines Problems.« »Wer sind die Schwarzen Magier. Don Juan?« »Die Schwarzen
»Da magst du recht haben. Du wirst hereingelegt«, erwiderte Magier sind unsere Mitmenschen. Und da du zu ihnen gehörst,
er mit entwaffnendem Lächeln. »Dies kann aber nicht dein bist auch du ein Schwarzer Magier. Denk mal einen
Problem sein. Der eigentliche Kern der Sache ist, daß du Augenblick nach! Kannst du von dem Weg abweichen, den sie
glaubst, ich lüge dich absichtlich an. Habe ich recht?« »Ja. Da dir vorschreiben? Nein. Dein Denken und dein Handeln sind
ist etwas in mir, das mich nicht glauben läßt, daß das. was auf ewig nach ihren Bedingungen festgelegt. Das ist
geschieht, wirklich ist.« Sklaverei. Ich dagegen habe dir Freiheit gebracht. Freiheit
»Du hast wieder recht. Nichts von alledem, was geschieht, ist ist teuer, aber der Preis ist nicht unerschwinglich. Darum
wirklich.« fürchte deine Gefängniswärter, deine Meister! Vergeude nicht
»Was meinst du damit, Don Juan?« deine Zeit und deine Kraft, indem du Angst vor mir hast!«
»Die Dinge sind erst dann wirklich, wenn man sich auf ihre Ich wußte, daß er recht hatte, und doch, trotz meiner ehrli-
Wirklichkeit geeinigt hat. Was zum Beispiel heute abend chen Zustimmung, wußte ich auch, daß meine lebenslangen
passiert ist, kann für dich unmöglich wirklich sein, weil sich Gewohnheiten mich unausweichlich auf meinem alten Weg
niemand mit dir darüber einigen könnte.« »Willst du damit festhalten würden. Tatsächlich, ich kam mir wie ein Sklave
sagen, du hättest nicht gesehen, was geschah?« vor.
»Natürlich sah ich es. Aber ich kümmere mich nicht darum. N a c h la n g e m S c h w e ig e n fra g te m ic h D o n Ju a n , o b ic h m ic h
Ich bin es doch, der dich anschwindelt, weißt du noch?« Don sta rk g e n u g fü r e in e w e ite re B e g e g n u n g m it d e m W isse n
Juan lachte, bis er hustete und keuchte. Obwohl er sich über fü h lte .
mich lustig machte, war sein Lachen freundlich. »Gib nicht »D u m ein st, m it d em N ach tfalter?« fragte ich h a l b im Scherz.
allzu viel auf meinen Unsinn«, beruhigte er mich. »Ich Sein Körper krümmte sich vor Lachen. Es war. als hätte ich
versuche dir nur zu helfen, dich zu entspannen, und ich weiß, ihm eben den besten Witz der Welt erzählt. »Was meist du
daß dir nur wohl ist, wenn du völlig durcheinander bist.« wirklich, wenn du sagst, das Wissen sei ein Nachtfalter?«
Sein Gesichtsausdruck war gewollt komisch, und wir lachten fragte ich.
beide. Was er eben gesagt hatte, meinte ich zu ihm, mache mir »Ich habe nichts anderes im Sinn«, erwiderte er. »Ein Nacht-
mehr Angst als alles andere. »Hast du Angst vor mir?« fragte falter ist ein Nachtfalter. Ich hatte geglaubt, daß du jetzt, nach
er. »Nicht vor dir, aber vor dem, wofür du eintrittst.« »Ich allem, was du vollbracht hast, genügend Kraft hättest, um zu
trete für die Freiheit eines Kriegers ein. Hast du davor Angst?« sehen. Statt dessen hast du einen Mann wahrgenommen, und
»Nein. Aber ich habe Angst vor der furchtbaren Entrücktheit das war nicht das wirkliche Sehen.«
deines Wissens. Darin ist kein Trost für mich, kein sicherer Vom Anfang meiner Lehrzeit an hatte Don Juan mir das
Hafen, in den ich mich flüchten könnte.« »Schon wieder »Sehen« als eine besondere Fähigkeit geschildert, die man
bringst du die Dinge durcheinander. Trost, sicherer Hafen, entwickeln könne und die einem erlaubte, das »innerste«
Furcht, all dies sind Stimmungen, die du Wesen der Dinge zu erfassen.
In den Jahren unserer Verbindung hatte ich die Vorstellung
gewonnen, daß das. was er unter »Sehen« verstand, ein intui-
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tives Begreifen der Dinge ist, oder die Fähigkeit, etwas unmit- R eh u n d ich t a t e n irgen d etw as, ab er d am als, als d ies gesch ah ,
telbar zu verstehen, oder die Eigenschaft, menschliche Inter- m u ß te ich d ie W elt in Ü b erein stim m u n g m it m ein en G ed an ken
aktionen zu durchschauen und verborgene Bedeutungen und b rin gen , gen au w ie d u es t u s t . M ein L eb en l a n g h ab e i c h
Motive zu entdecken. gered et, gen au w ie d u . d esh alb b eh errsch ten m ein e G ew oh n -
»Ich könnte es so beschreiben, daß du heute abend, als du den h e i t e n m ich w eiter und e r s t r e c k t e n sich auch auf das R eh. A ls
Nachtfalter erblicktest, halb schautest und halb sahst«, fuhr d as R eh zu m ir kam u n d etw as t a t . w as es au ch s e i n m och te,
Don Juan fort. »Obgleich du in diesem Zustand nicht gänzlich w ar ich gezw ungen, dies als R eden zu v e r s t e h e n . « » I s t d ies d ie
dein gewohntes Selbst warst, warst du doch in der Lage, voll E rkläru n g d er Z au b erer 1 « » N e i n . D ies ist m ein e E rkläru n g, d ie
bewußt zu sein, um dich deiner Kenntnis der Welt zu be- i c h d i r geb e. A b er sie w id ersp rich t n ich t d er E rkläru n g d er
dienen.« Z a u b e r e r . « D iese F e s t s t e l l u n g v e r s e t z t e m ich in ein e starke
Don Juan machte eine Pause und schaute mich an. Zuerst seelisch e E rregu n g. E in en A u gen b lick lan g vergaß ich d en
wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Dann fragte ich: »Wie u m h ersch leich en d en N ach tfalter u n d sogar m e i n M itsch reib en .
bediente ich mich meiner Kenntnis der Welt?« »Deine I c h v e r su ch te, s e i n e Ä u ß eru n gen m it m ein en e i g e n e n W orten
Kenntnis der Welt sagte dir, daß sich im Gebüsch nur w iederzugeben, u n d w ir v e r t i e f t e n uns in e i n e l a n g e
umherschleichende Tiere oder Menschen verstecken können. D iskussion über den r e f l e x i v e n C harakter unserer W e l t . D ie
An diesem Gedanken hieltst du fest, und natürlich mußtest du W elt m ußte. w ie D on J u a n m ein te, m i t i h r e r B esch reib u n g
eine Möglichkeit finden, die Welt in Übereinstimmung mit ü b erein stim m en; das h e iß t, die B eschreibung r e f l e k t i e r t e sich
diesem Gedanken zu bringen.« »Aber ich dachte überhaupt s e lb s t. E i n w eiterer P u n kt s e i n e r E rläu teru n gen w ar. d aß w ir
nichts. Don Juan.« »Nun, nennen wir es nicht Denken. Es ist g e l e r n t h ätten , u n s zu u n serer B esch reib u n g d er W elt m i t t e l s
eher die Gewohnheit, die Welt stets in Übereinstimmung mit d essen zu v e r h a lte n , was er als » G e w o h n h e i t e n « b e z e ic h n e te .
unseren Gedanken zu sehen. Wenn sie dies nicht ist. sorgen wir Ic h fü h rte e i n e n , w i e ich glau b te, u m fassen d eren B egriff e i n ,
einfach dafür, daß sie übereinstimmt. Nachtfalter, groß wie ein näm lich I n t e n t i o n a l i t ä t . die Eigenschaft m e n s c h l i c h e n Be-
Mann, kann man sich nicht einmal in Gedanken ausmalen, w ußtseins. m it deren H i l f e m an sich auf e i n O b j e k t b e z i e h t
daher mußte das, was sich im Gebüsch bewegte, für dich ein o d e r e s in te n d ie rt.
Mann sein. Dasselbe geschah mit dem Koyoten. Deine alten U nser G espräch f ü h r t e zu e in e r s e h r i n t e r e s s a n t e n Spekula-
Gewohnheiten bestimmten auch den Charakter dieser tion. B e t r a c h t e t e m an m e i n » R e d e n « m i t dem K oyoten im
Begegnung. Irgend etwas ereignete sich zwischen dir und dem L icht vo n D o n J u a n s E rklärung, d ann nahm es e i n e n n e u e n
Koyoten, aber es war kein Gespräch. Ich selbst war einmal in C harakter a n . T a ts a c h lic h h a t t e ic h den D ialog » i n t e n d i e r t « ,
einem gleichen Dilemma. Ich habe dir erzählt, daß ich einmal da ic h n ie e in anderes M i t t e l der i n t e n t i o n a l e n K om m unika-
mit einem Reh sprach; und du hast nun mit einem Koyoten tion gekannt h a b e . I c h h a t t e m i c h auch e r f o l g r e i c h an die
gesprochen, aber weder du noch ich werden jemals wissen, B eschreibung a n g e p a ß t , daß K om m unikation durch den D i a log
was bei diesen Gelegenheiten wirklich geschah.« »Was erzählst s t a t t f i n d e t , und so h a t t e ic h es d a h i n g e b r a c h t , daß die
du mir da, Don Juan?« B eschreibung sich se lb st r e f le k tie r te .
»Als ich die Erklärung der Zauberer begriff, da war es zu spät, E inen A ugenblick g e r i e t ich v ö llig in V erzückung. D on J u a n
um zu erkennen, was das Reh mit mir anstellte. Ich sagte, daß la c h te u n d m e in te , d ie T a tsa c h e , d a ß ic h m ic h d e ra rt v o n
wir miteinander sprachen, aber so war es nicht. Wenn ich sage, W o rte n b e e in d ru c k e n la sse , se i e i n w e ite re s Z e ic h e n m e in e r
daß wir ein Gespräch hatten, dann ist dies nur eine bildliche D um m heit. E r m achte e in e kom ische G rim asse l a u t l o s e n
Redeweise, die mir hilft, daß ich darüber sprechen kann. Das Sprechens.
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»Alle fallen wir auf den gleichen Quatsch herein«, sagte er e in e n e u e B e sc h re ib u n g d e r W e lt - e in e n e u e B e sc h re ib u n g ,
nach langer Pause. »Die einzige Möglichkeit, dies zu über- w o R e d e n n ic h t so w ic h tig ist u n d w o n e u e T a te n n e u e
winden, besteht darin, beharrlich wie ein Krieger zu handeln. R eflexion nach sich z ie h e n .«
Das übrige kommt von selbst und durch sich selbst.« »Was ist E r se tz te sic h n e b e n m ic h , sta rrte m ir in d ie A u g e n u n d
das übrige, Don Juan?« forderte m ich auf, auszusprechen, w as ich w irklich im C haparra l
»Wissen und Kraft. Die Wissenden haben beides. Und doch »gesehen« hätte.
könnte keiner von ihnen sagen, wie er dahin gelangt ist, es zu Ic h sta n d v o r e in e m b e u n ru h ig e n d e n W id e rsp ru c h ; Ic h h a tte
besitzen, außer daß er stets wie ein Krieger handelte und daß d ie d u n k le G e sta lt e in e s M a n n e s g e se h e n , a b e r ic h h a tte a u c h
in einem bestimmten Augenblick sich alles änderte.« Er sah g e se h e n , w ie d ie se G e sta lt sic h in e i n e n V o g e l v e rw a n d e lte .
mich an. Er schien unentschlossen, dann stand er auf und sagte, Ich hatte also m ehr erleb t, als m eine V ernunft m ir für m ö glich
es bleibe mir nichts anderes übrig, als meine Verabredung z u h a lte n g e sta tte te . S ta tt a b e r m e in e V e rn u n ft ü b e rh a u p t a u s
mit dem Wissen einzuhalten. Ein Frösteln überkam mich; mein d e m S p ie l z u la sse n , h a t t e e i n T e il m e in e r se lb st g e w isse
Herz schlug schneller. Ich stand auf. Don Juan umkreiste mich, E le m e n te m e in e r E rfa h ru n g - e tw a d ie G rö ß e u n d d ie g ro b e n
als wolle er meinen Körper von allen Seiten untersuchen. Er U m risse n d e r d u n k le n G e sta lt - h e ra u sg e g riffe n u n d sie a ls
gab mir ein Zeichen, ich solle mich setzen und weiterschreiben. v e rn ü n ftig e M ö g lic h k e ite n in B e tra c h t g e z o g e n , w o b e i ic h
»Wenn du zuviel Angst hast, wirst du deine Verabredung nicht a n d e re E le m e n te a u ß e r a c h t lie ß , so e tw a d e n U m sta n d , d a ß
einhalten können«, sagte er. »Ein Krieger muß ruhig und d ie d u n k le G e sta lt sic h in e in e n V o g e l v e rw a n d e lt h a tte .
gesammelt sein, und er darf niemals die Nerven verlieren.« F o lg lic h w a r ic h z u d e r Ü b e rz e u g u n g g e la n g t, d a ß ic h e in e n
»Ich fürchte mich wirklich«, sagte ich. »Nachtfalter oder was M a n n g e se h e n h a tte .
sonst, da draußen schleicht etwas durch die Büsche.« A ls ic h m e in e V e rle g e n h e it in W o rte fa ß te , sc h ü tte lte D o n
»Natürlich ist da etwas!« rief er. »Ich beanstande nur, daß du Juan sich vo r L achen. E r m einte, früher o d er sp äter w erd e d ie
beharrlich glaubst, es sei ein Mann, genau wie du beharrlich E rk lä ru n g d e r Z a u b e re r m ir b e h ilflic h se in , u n d d a n n w e rd e
denkst, du hättest mit einem Koyoten geredet.« Ein Teil von a lle s v o llk o m m e n k la rw e rd e n , o h n e d e sh a lb n o tw e n d ig v e r-
mir verstand vollkommen, was er sagte; da war jedoch noch ein n ü n ftig o d e r u n v e rn ü n ftig z u se in .
anderer Teil meiner selbst, der nicht aufgeben wollte und sich, »In z w isc h e n k a n n ic h n u r e in e s fü r d ic h tu n , n ä m lic h d ir
versichern, d aß es k e i n M ann w ar«, sagte er. D o n Ju a n s
dem Augenschein zum Trotz, an die »Vernunft« klammerte.
w a c h sa m e r B lic k e n tn e rv te m ic h . U n w illk ü rlic h z itte rte ic h a m
Ich sagte Don Juan, daß seine Erklärung meine Sinne nicht
g a n z e n L e ib . E r m a c h te m ic h v e rle g e n u n d nervös.
zufriedenstelle, wenngleich ich ihr intellektuell völlig zustimmte.
»Ic h su c h e n a c h irg e n d w e lc h e n Z e ic h e n a n d e in e m K ö rp e r«,
»Das ist ja der Fehler an den Worten«, sagte er in überzeu-
e rk lä rte e r. » V i e l l e i c h t w e iß t d u e s n ic h t, a b e r h e u te a b e n d
gendem Ton. »Sie zwingen uns stets, uns aufgeklärt zu fühlen,
h a tte st d u d o rt d ra u ß e n e i n e z ie m lic h e K ra ftp ro b e z u b e -
aber kaum drehen wir uns um und betrachten die Welt, wie sie
stehen.«
ist, lassen sie uns im Stich, und wir betrachten die Welt
»N a c h w a s fü r Z e ic h e n su c h st d u d e n n ? « »K e in e w irk lic h e n
schließlich, wie wir es immer taten, ohne jede Aufklärung. Aus
p h ysisc h e n Z e ic h e n a n d e in e m K ö rp e r, so n d e rn M a le ,
diesem Grund ist ein Zauberer bestrebt, lieber zu handeln, statt
A n z e ic h e n d e in e r le u c h te n d e n F a se rn , g lä n zend e F lecken. W ir
zu sprechen, und zu diesem Zweck übernimmt er
sind leuchtend e W esen, und alles, w as w ir sin d , o d e r a lle s, w a s
w ir fü h le n , z e ig t sic h a n u n se re n F a se rn . D ie M e n sc h e n z e ig e n
e in fü r sie e ig e n tü m lic h e s L e u c h te n .
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Dies ist die einzige Möglichkeit, sie von anderen lebenden »Es ist ein Gesang. Ein beschwörender Lockruf, den Nacht-
leuchtenden Wesen zu unterscheiden. falter ausstoßen. Gewöhnlich kann man ihn nicht hören, aber
»Hättest du heute abend gesehen, dann hättest du bemerkt, daß der Falter dort draußen ist ein ungewöhnlicher Nachtfalter; du
die Gestalt im Gebüsch kein lebendes leuchtendes Wesen war.« wirst seinen Ruf ganz klar hören, und vorausgesetzt, daß du
Ich wollte noch weiterfragen, aber er legte mir die Hand auf makellos bist, wird er den Rest deines Lebens bei dir bleiben.«
den Mund und gebot mir Schweigen. Dann näherte er sich »Wobei wird er mir helfen?«
meinem Ohr und flüsterte mir zu, ich solle horchen und »Heute nacht wirst du versuchen, etwas zu vollenden, was du
versuchen, ein leises Rascheln zu hören, die sanften, gedämpften bereits begonnen hast. Das Sehen geschieht nur, wenn es dem
Schritte eines Nachtfalters auf dem trockenen Laub und auf Krieger gelingt, seinen inneren Dialog anzuhalten. Heute hast
den Zweigen am Boden. du, dort draußen im Gebüsch, willentlich dein Selbstgespräch
Ich hörte nichts. Plötzlich stand Don Juan auf, nahm die angehalten. Und du hast gesehen. Was du sahst, war nicht klar.
Laterne und sagte, wir sollten uns auf die Veranda vor seiner Du glaubtest, es sei ein Mann. Ich sage, es war ein Nachtfalter.
Haustür setzen. Er führte mich zur Hintertür hinaus und. am Keiner von uns hat recht, aber nur deshalb, weil wir sprechen,
Rande des Chaparral entlang, ums Haus herum statt durch den uns mit Worten verständigen müssen. Trotzdem bin ich im
Innenraum und die Vordertür. Er erklärte, es sei wichtig, daß Vorteil, weil ich besser sehe als du und weil ich mit der
wir unsere Anwesenheit zu erkennen gäben. Wir gingen im Erklärung der Zauberer vertraut bin; daher weiß ich, auch
Halbkreis links um das Haus. Don Juans Gang war quälend wenn es nicht ganz richtig ist, daß die Gestalt, die du heute
langsam. Seine Schritte waren tapsig und schwankend. Seine abend sahst, ein Nachtfalter war. Und jetzt wirst du
Hand mit der Laterne zitterte. schweigend und ohne Gedanken hier abwarten und diesen
Ich fragte, ob ihm etwas fehle. Er winkte mich heran und kleinen Nachtfalter wieder zu dir kommen lassen.«
flüsterte mir zu, der große Nachtfalter, der hier umherschlei- Ich konnte kaum mitschreiben. Don Juan lachte und drängte
che, habe eine Verabredung mit einem jungen Mann, und der mich, weiterzuschreiben, als ob nichts mich beunruhigte. Er
langsame Gang eines schwachen, alten Mannes sei das geeignete faßte mich am Arm und meinte, das Schreiben sei der beste
Mittel um anzuzeigen, wem die Verabredung gelte. Nachdem Schutzschild, den ich hätte.
wir schließlich die Vorderfront des Hauses erreicht hatten, »Wir haben noch nie über die Nachtfalter gesprochen«, fuhr er
hängte Don Juan die Laterne an einen Balken und hieß mich, fort. »Bis jetzt war der richtige Zeitpunkt noch nicht
mit dem Rücken gegen die Wand zu sitzen. Er setzte sich gekommen. Wie du weißt, war dein Geist nicht im Gleichge-
rechts neben mich. wicht. Um dem entgegenzuwirken, habe ich dich gelehrt, wie
»Hier werden wir sitzenbleiben«, sagte er, »und du wirst ein Krieger zu leben. Du weißt, ein Krieger geht von der
schreiben und dich ganz normal mit mir unterhalten. Der Gewißheit aus, daß sein Geist aus dem Gleichgewicht geraten
Nachtfalter, der dich heute angefallen hat, ist dort draußen im ist; dadurch, daß er in vollkommener Selbstkontrolle und
Gebüsch. Nach einiger Zeit wird er näher kommen, um nach Bewußtheit. aber ohne Eile oder Zwang lebt, tut er sein
dir zu schauen. Darum habe ich auch die Laterne direkt über Äußerstes und Bestes, um sein Gleichgewicht zu erlangen. In
dir aufgehängt. Das Licht wird den Nachtfalter leiten, damit er deinem Fall, wie im Fall eines jeden Menschen, war dein
dich finde. Wenn er den Rand des Gebüschs erreicht, wird er Ungleichgewicht durch die Summe aller deiner Handlungen
dich rufen. Es ist ein ganz besonderes Geräusch. Schon das bedingt. Aber jetzt scheint dein Geist im richtigen Zustand zu
Geräusch allein kann dir vielleicht helfen.« »Was ist das für sein, um über die Nachtfalter zu sprechen.«
ein Geräusch, Don Juan?«
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»Woher wußtest du, daß dies der richtige Zeitpunkt ist, um m ir je tz t n ä h e r u n d la u te r v o r. Ic h h o rc h te a u fm e rk sa m . Je
über die Nachtfalter zu sprechen?« m e h r ic h d a ra u f a c h te te , d e sto sc h w e re r k o n n te ic h b e stim m e n ,
»Als du ankamst, konnte ich einen kurzen Blick auf den w a s e s w a r. O ffe n b a r w a r e s k e i n V o g e lru f, a u c h nicht d er
umherschleichenden Nachtfalter werfen. Dies war das erste S chrei eines L and tieres. Jed er einzelne T o n w ar vo ll und t i e f ;
Mal, daß er sich freundlich und offen zeigte. Ich hatte ihn einige hielten sich in einer t i e f e n T o nlage, and ere in e in e r
schon vorher, in den Bergen bei Genaros Haus, gesehen, aber h o h e n . S ie h a tte n e in e n e ig e n e n R h yth m u s u n d e in e b e stim m te
nur als eine bedrohliche Gestalt, die deinen Mangel an Ord- D a u e r; e in ig e w a re n la n g , ic h h ö rte sie w ie e i n e einzige
nung widerspiegelte.« K langeinheit; and ere w aren kurz und gehäuft, w ie d as S takkato
In diesem Augenblick hörte ich ein seltsames Geräusch. Es war eines M aschinengew ehrs.
wie das gedämpfte Knarren eines Astes, der sich an einem »D ie N achtfalter sind die B oten oder besser gesagt, die W ächte r
anderen reibt, oder wie das aus der Ferne gehörte Tuckern d e r E w ig k e it«, sa g te D o n Ju a n , n a c h d e m d a s G e rä u sc h
eines kleinen Motors. Seine Tonhöhe veränderte sich, beinah a u fg e h ö rt h a tte . »A u s irg e n d e in e m G ru n d , o d e r a u s g a r k e i nem
musikalisch, und schuf einen unheimlichen Rhythmus. Dann G rund , sind sie d ie B ew ahrer d es G o ld staub s d er E w igkeit.«
hörte es auf. D iese M etap her w ar m ir frem d . Ich b at ihn, sie zu erklären. »D ie
»Das war der Nachtfalter«, sagte Don Juan. »Vielleicht hast du N a c h tfa lte r h a b e n e in e n S ta u b a u f d e n F lü g e ln «, sa g te e r.
schon bemerkt, daß hier, obwohl das Licht der Laterne hell »E in e n d u n k e l-g o ld e n e n S ta u b . D ie se r S ta u b ist d e r S ta u b des
genug wäre, um Nachtfalter anzuziehen, kein einziger umher- W issens.«
fliegt.« S e in e E rk lä ru n g m a c h te d ie M e ta p h e r n o c h u n v e rstä n d lic h e r.
Dies war mir nicht aufgefallen, aber kaum hatte Don Juan mich Ic h sc h w a n k te e in e n A u g e n b lic k , w ä h re n d ic h ü b e rle g te , w ie
darauf aufmerksam gemacht, bemerkte ich ebenfalls die ic h m e in e F ra g e a m b e ste n in W o rte fa sse n k ö n n te . A b e r e r
unglaubliche Stille in der Wüste und vor dem Haus. »Werde h o b w ie d e r a n z u sp re c h e n .
nicht nervös«, sagte er ruhig. »In dieser Welt gibt es nichts, »D a s W isse n ist e in e h ö c h st e ig e n a rtig e S a c h e «, sa g te e r,
was ein Krieger sich nicht erklären könnte. Siehst du, ein »b e so n d e rs fü r e in e n K rie g e r. F ü r d e n K rie g e r ist d a s W isse n
Krieger betrachtet sich als bereits gestorben, daher hat er nichts etw as, das plötzlich kom m t, i h n überw ältigt und m i t r e i ß t . «
zu verlieren. Das Schlimmste ist ihm schon widerfahren, daher »W a s h a t d a s W isse n m it d e m S ta u b a u f d e n F lü g e ln d e r
bleibt er klar und ruhig; nach seinen Taten oder Worten zu N achtfalter zu t u n ? « fragte ich nach langer P ause. »D as W issen
urteilen, käme niemand auf den Verdacht, daß er etwas schw eb t heran w ie F lo cken vo n G o ld staub , vo m g le ic h e n S ta u b ,
Besonderes beobachtet hat.« d e r d ie F lü g e l d e r N a c h tfa lte r b e d e c k t. D a h e r w irk t d a s W isse n
Don Juans Worte, und vor allem seine Stimme, wirkten sehr a u f d e n K rie g e r, a ls n ä h m e e r e in e D u sc h e , a ls lie ß e e r sic h v o n
beruhigend auf mich. Ich erzählte ihm, daß ich in meinem d e n d u n k e l-g o ld e n e n S ta u b flo c k e n b e regnen.«
täglichen Leben nicht mehr wie einst jene zwanghafte Angst Ic h su c h te m ic h h ö flic h a u sz u d rü c k e n , a b e r ic h m u ß te i h m
verspürte, daß aber mein Körper bei dem Gedanken an das, d o c h sa g e n , d a ß se in e E rk lä ru n g e n m ic h e in ig e rm a ß e n v e rw irrt
was dort draußen in der Dunkelheit lauerte, sich vor Angst in hätten. E r lachte und versicherte m ir, er red e vö llig k l a r , n u r
Krämpfen wand. g e sta tte m e in e V e rn u n ft m ir n ic h t, d ie s z u z u g e b e n . »D ie
»Dort draußen ist nur das Wissen«, stellte er sachlich fest. N a c h tfa lte r sin d se it u n d e n k lic h e n Z e ite n d ie v e rtra u te n
»Das Wissen jagt Furcht ein, das ist wahr. Aber wenn der F reund e und H elfer d er Z aub erer«, sagte er. » I c h hab e d ieses
Krieger die beängstigende Natur des Wissens akzeptiert, dann T h e m a b ish e r n ic h t e rw ä h n t, w e il d u n ic h t b e re it w a rst.«
durchkreuzt er seine Furchtbarkeit.« Das seltsame pochende
Geräusch setzte wieder ein. Es kam
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»A ber w ieso kann der Staub auf ihren Flügeln W issen sein?« Gesicht, wobei er mich mit der Laterne anleuchtete. Er befahl
»D u w irst es sehen.« mir, die Hände über den Magen zu legen. Er stand auf. ging in
E r le gte d ie H a n d a u f m e in N o tiz b u c h u n d b e fa h l m ir, d ie die Küche und brachte mir Wasser. Einen Teil davon spritzte er
A ugen zu schließen und ruhig zu w erden, ohne jeden G edanken. mir ins Gesicht, den Rest gab er mir zu trinken. Er setzte sich
D er R uf des N achtfalters im C haparral, m einte er, w erde m ir neben mich und reichte mir mein Notizbuch. Jenes Geräusch,
helfen. W enn ich darauf achte, w erde er m ir von bevorsteh e n d e n erzählte ich ihm, habe mich in eine ungemein peinigende
E re ign isse n e rz ä h le n . E r rä u m te e in , d a ß e r w e d e r w isse, w ie Träumerei versetzt. »Du läßt dich grenzenlos gehen«, sagte er
sich die K om m unikation zw ischen dem N achtfalter und m ir scharf. Er schien tief in Gedanken versunken, als wollte er
herstellen, noch um w as es bei dieser K om m unikation ge h e n einen Vorschlag machen, ohne die rechten Worte zu finden.
w e rd e . E r fo rd e rte m ic h a u f, u n b e fa n ge n u n d z u v e rsic h tlic h »Heute abend geht es darum, Menschen zu sehen«, meinte er
z u se in u n d a u f m e in e p e rsö n lic h e K ra ft z u v e rtrauen. schließlich. »Zuerst muß du deinen inneren Dialog anhalten.
N ach ein er an fän glich en P h ase d er U n ged u ld u n d N ervo sität dann mußt du dir das Bild der Person vorstellen, die du sehen
gelan g es m ir, m ich zu b eru h igen . M ein e G ed an ken w u rd en möchtest; jeder Gedanke, den man im Zustand schweigender
im m er w eniger, bis m ein G eist völlig leer w ar. D ie G eräusche Ruhe denkt, ist strenggenommen ein Befehl, denn es sind
d e s W ü ste n c h a p a rra l sc h ie n e n im gle ic h e n M a ß la u te r z u keine anderen Gedanken vorhanden, die ihm Konkurrenz
w erden, w ie ich ruhiger w urde. machen könnten. Heute nacht will der Nachtfalter im Gebüsch
D as seltsam e G eräusch, das, w ie D on Juan m einte, von einem dir helfen, darum wird er für dich singen. Sein Gesang wird die
N achtfalter herrührte, w ar w ieder da. Ich registrierte es als ein goldenen Staubflocken rieseln lassen, und dann wirst du den
G efühl im K örper, nicht als einen G edanken in m einem K opf. Menschen sehen, für den du dich entschieden hast.« Ich wollte
Ich stellte fest, daß es überhaupt nicht bedrohlich oder feind- noch weitere Einzelheiten wissen, aber er vollführte eine jähe
se lig w a r. E s w a r lie b lic h u n d e in fa c h . W ie d e r R u f e in e s Geste und bedeutete mir, ich solle anfangen. Nachdem ich
K indes. E s rief die E rinnerung an einen kleinen Jungen w ach, einige Minuten darum ringen mußte, meinen inneren Dialog
d en ich ein st gekan n t h atte. D ie lan gen T ö n e erin n erten m ich anzuhalten, wurde ich vollkommen ruhig. Dann bemühte ich
an seinen runden, blonden K opf, die kurzen Stakkato-K länge a n mich, an einen Freund von mir zu denken. Ich schloß die
se in L a c h e n . E in sc h m e rz lic h e s G e fü h l b e d rü c k te m ic h , u n d Augen für einen, wie ich meinte, kurzen Augenblick, und dann
d o ch w ar m ein G eist l e e r vo n G ed an ken ; ich sp ü rte d en wurde mir bewußt. daß jemand mich an den Schultern schüttelte.
Schm erz körperlich. Ich konnte nicht m ehr aufrecht sitzen und Es war wie ein langsames Erwachen. Ich öffnete die Augen und
g l i t t nach der S eite zu B oden. M eine T rauer w urde so heftig, stellte fest, daß ich auf der linken Seite lag. Offenbar war ich in
d aß m ein D en ken w ied er ein setze. Ich ü b erlegte, w as es m it einen so tiefen Schlaf gefallen, daß ich mich nicht erinnern
m einem Schm erz und m einem K um m er auf sich haben m ochte, konnte, wann und ob ich zu Boden gesunken war. Don Juan half
und plötzlich fand ich m ich m itten in einem Selbstgesp rä c h ü b e r mir, mich wieder aufrecht zu setzen. Er lachte. Er imitierte
d e n k le in e n J u n ge n . D a s p o c h e n d e G e rä u sc h h atte au fgeh ö rt. mein Schnarchen und meinte. wenn er es nicht selbst gesehen
M ein e A u gen w aren gesch lo ssen . Ich h ö rte, w ie D o n Ju an hätte, würde er nicht glauben. daß jemand so schnell
au fstan d , u n d d an n sp ü rte ich , w ie er m ir h alf, m ic h a u fre c h t einschlafen könne. Jedesmal, wenn er mit mir zusammen sei
z u se tz e n . Ic h w o llte n ic h t sp re c h e n . A u c h e r sagte kein W ort. und ich etwas tun solle, was meine Vernunft nicht wahrhaben
Ich hörte seine S chritte. D ann öffnete ich die A u gen . E r kn iete wolle, habe er einen Riesenspaß mit mir, meinte er. Er schob
vo r m ir u n d b etrach tete au fm erksam m ein mein Notizbuch beiseite und erklärte, wir müßten von vorn
beginnen.
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Ic h tra f d ie n o tw e n d ig e n V o rb e re itu n g e n . D a s se ltsa m e , p o - kein Traum. Das pilzähnliche Objekt blieb unverändert in
chend e G eräusch setzte w ied er ein. D iesm al ab er kam es nicht meinem »Gesichts«-Feld, und dann zerbarst es, wie wenn das
aus dem C haparral; vielm ehr schien es in m ir selbst zu sein, als Licht, das es beschienen hatte, ausgeschaltet worden sei.
b rä c h te n m e in e L ip p e n , m e in e B e in e o d e r A rm e e s h e rv o r. Darauf folgte eine endlose Dunkelheit. Ich spürte ein Beben,
B a ld h ü llte d a s G e rä u sc h m ic h g a n z e in . M ir w a r, a ls o b ein sehr beunruhigendes Rütteln, und dann wurde mir plötzlich
w e ic h e K u g e ln a u s m ir h e ra u ssp ru d e lte n o d e r a u f m ic h n ie - bewußt, daß mich jemand schüttelte. Plötzlich waren meine
d e rre g n e te n ; ic h h a tte d a s b e sä n ftig e n d e , a n g e n e h m e G e fü h l, Sinne wieder hell wach. Don Juan schüttelte mich heftig, und
v o n sc h w e re n B a u m w o llb ä llc h e n b o m b a rd ie rt z u w e rd e n . ich sah ihn an. Offenbar hatte ich gerade in diesem Augenblick
P lö tz lic h h ö rte ic h e tw a s, w ie w e n n e in e T ü r v o n e in e m die Augen geöffnet.
W in d sto ß a u fg e sp re n g t w ird , u n d m e in D e n k e n se tz te w ie d e r Er spritzte mir Wasser ins Gesicht. Die Kälte war sehr ange-
e in . Ic h g la u b te , ic h h ä tte a b e rm a ls e in e G e le g e n h e it v e rta n . Ic h nehm. Nach kurzer Pause wollte er wissen, was mir diesmal
ö ffn e te d ie A u g e n u n d fa n d m ic h z u H a u se in m e in e m Z im m er begegnet sei.
w ied er. D ie D inge auf m einem S chreib tisch lagen d a, w ie ic h sie Ich berichtete ihm ausführlich von meiner Vision.
v e rla sse n h a tte . D ie T ü r sta n d o ffe n ; d ra u ß e n w e h te e in sta rk e r »Aber was war das, was ich da sah, Don Juan?«
W in d . M ir k a m d e r G e d a n k e , ic h so llte v ie lle ic h t d e n »Dein Freund«, antwortete er.
W a rm w a sse rb e re ite r k o n tro llie re n . Ic h h ö rte , w ie a n d e n Ich lachte und erklärte ihm geduldig, ich hätte eine pilzähn-
S c h ie b e fe n ste rn g e rü tte lt w u rd e , d ie ic h se lb st e in g e b a u t h a tte liche Figur »gesehen«. Obwohl mir ein Vergleichsmaßstab
u n d d ie im R a h m e n e in w e n ig k le m m te n . E s w a r e in h e ftig e s fehlte, sagte ich, hätte ich sie rein nach Gefühl etwa auf einen
R ü tte ln , a ls o b je m a n d e in ste ig e n w o l l t e . S chlagartig üb erkam Fuß Länge geschätzt.
m ich A ngst. Ich stand vo n m einem S tuhl a u f. Ic h sp ü rte , w ie Das Gefühl, beteuerte Don Juan, sei das einzige, worauf es
m ic h e tw a s m itz o g . Ic h sc h rie . D o n Ju a n sc h ü tte lte m ic h a n d e n ankomme. Meine Gefühle, meinte er, seien der Maßstab, der
S c h u lte rn . A u fg e re g t b e ric h te te ic h ih m v o n m e in e r V isio n . S ie über den Zustand der von mir »gesehenen« Objekte entscheide.
w a r so le b h a ft g e w e se n , d a ß ic h d a v o n n o c h z itte rte . Ic h m e in te , »Deiner Beschreibung und deinen Gefühlen muß ich wohl
e b e n n o c h a n m einem S chreibtisch gesessen zu haben, in v o lle r entnehmen«, sagte er, »daß dein Freund ein feiner Kerl ist.«
K örperlichkeit. Seine Worte verblüfften mich.
D o n Ju a n sc h ü tte lte u n g lä u b ig d e n K o p f u n d m e in te , ic h se i Die pilzähnliche Gestalt, erklärte er mir, sei das typische
e i n G e n ie d a rin , m ic h se lb e r h e re in z u le g e n . E r sc h ie n d u rc h Kennzeichen der Menschen, solange der Zauberer sie aus
m e in e n B e ric h t n ic h t so n d e rlic h b e e in d ru c k t. E r sc h o b i h n großer Entfernung »sieht«; stehe der Zauberer dem Betref-
e in fa c h b e ise ite u n d b e fa h l m ir, v o n n e u e m z u b e g in n e n . D a n n fenden aber unmittelbar gegenüber, dann zeige sich dessen
h ö rte ic h w ie d e r d a s g e h e im n isv o lle G e rä u sc h . E s e r re ic h te menschliche Eigenschaft in Form eines eiförmigen Gebildes
m ic h , w ie D o n Ju a n v e rm u te t h a tte , in F o rm e in e s R e g e n s aus leuchtenden Fasern.
g o ld e n e r F lo c k e n . Ic h sp ü rte sie n ic h t w ie F lo c k e n o d e r fla c h e »Du hast deinem Freund nicht unmittelbar gegenübergestan-
S c h e ib e n , a ls d ie D o n Ju a n sie b e sc h rie b e n h a tte , so nd ern eher den«, sagte er. »Darum sah er aus wie ein Pilz.« »Aber warum
als sp härische B lasen. S ie schw eb ten m ir entgeg e n . E in e p la tz te ist dies so, Don Juan?«
a u f u n d e n th ü llte m ir e in B ild . E s w a r, a ls h a b e sie v o r m e in e n »Das weiß niemand. Dies ist halt einfach das Aussehen der
A u g e n a n g e h a lte n u n d sic h g e ö ffn e t, u m einen seltsam en Menschen bei dieser besonderen Art des Sehens.« Alle
Merkmale der pilzähnlichen Gestalt hätten eine besonde-
G egenstand p reiszugeb en. E r sah aus w ie ein P ilz . Ic h k o n n te e s
e in d e u tig se h e n , u n d w a s ic h e rle b te , w a r
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re Bedeutung, fuhr er fort, aber ein Anfänger könne diese d e n sic h tb a r, a ls w ä re n sie b is d a h in d u rc h u n se re W o rte streng
Bedeutung noch nicht richtig interpretieren. Jetzt kam mir eine b ew acht w o rd en. D u b ist, w ie d u b ist, w eil d u d ir sagst, daß du
verblüffende Erinnerung. Vor ein paar Jahren hatte ich, in so b is t.«
einem durch die Einnahme psychotroper Pflanzen N a c h k u rz e r P a u se d rä n g te m ic h D o n Ju a n , w e ite re F re u n d e
hervorgerufenen Zustand der anderen Realität, erlebt oder vo n m ir zu »rufen«. E s ko m m e d arauf an, m einte er, d aß m an so
wahrgenommen, daß während ich in einen Wassergraben o ft w ie m ö g lic h , v e rsu c h e z u »se h e n «, u m e i n e R ic h tschnur
blickte, eine Traube von Blasen auf mich zuschwebte und mich d es F ühlens zu gew innen.
einhüllte. Die goldenen Blasen, die ich soeben gesehen hatte, N acheinand er rief ich zw eiund d reiß ig P erso nen an. N ach j e d e m
waren genauso herangeschwebt und hatten mich eingehüllt. Ich V e rsu c h v e rla n g te e r v o n m ir e in e so rg fä ltig e , a u sfü h rliche
konnte sogar feststellen, daß die Trauben jedesmal die gleiche S childerung all dessen, w as ich in m einer V ision w ahrgen o m m e n
Struktur und das gleiche Muster aufwiesen. h a tte . D ie se s V e rfa h re n ä n d e rte e r je d o c h in d e m M a ß a b , w ie
Don J uan hörte meinen Ausführungen uninteressiert zu. m e in B e m ü h e n e rfo lg re ic h e r w u rd e - je d e n fa lls d a n a c h z u
»Verschwende deine Zeit nicht auf Lappalien«, sagte er. »D u u rte ile n , w ie e s m ir g e la n g , d e n in n e re n D ia lo g b innen
hast es mit der Unendlichkeit dort draußen zu tun.« Mit einer S ekund en ab zustellen, am E nd e einer jed en E rfahrung a u s
Handbewegung deutete er zum Chaparral. »Du gewinnst nichts e ig e n e r K ra ft d ie A u g e n z u ö ffn e n u n d o h n e Ü b e rg a n g w ie d e r
dabei, wenn du all diese Herrlichkeit als etwas Vernünftiges z u n o rm a le n B e sc h ä ftig u n g e n z u rü c k z u k e h re n . D ie se
erklärst. Hier umgibt uns die Ewigkeit selbst. Das Bemühen, V e rä n d e ru n g b e m e rk te ic h , w ä h re n d w ir d ie F ä rb u n g d e r
sie auf einen handlichen Unfug zu reduzieren, ist kleinlich und p ilz fö rm ig e n G e sta lte n d isk u tie rte n . E r h a tte g e ra d e fe stg e -
geradezu verhängnisvoll.« Dann bestand er darauf, ich solle stellt, d aß d as, w as i c h F ärb ung nannte, keine F arb nuance sei,
versuchen, jemand anderen aus meinem Bekanntenkreis zu so n d e rn e in L e u c h te n v o n u n te rsc h ie d lic h e r I n t e n s i t ä t . I c h
»sehen«. Sobald die Vision vorüber sei, fügte er hinzu, solle w ollte eben e in gelbliches L euchten schildern, das ich w ahrge-
ich mich bemühen, aus eigener Kraft die Augen zu öffnen und n o m m e n h a tte , a ls e r m ic h u n te rb ra c h u n d g e n a u b e sc h rie b ,
zum vollen Bewußtsein meiner unmittelbaren Umgebung w a s ic h »g e se h e n « h a tte . V o n d ie se m A u g e n b lic k a n d isk u -
aufzutauchen. Es gelang mir, den Anblick einer anderen tie rte e r d e n In h a lt e in e r je d e n V isio n n i c h t so , a ls v e rstü n d e
pilzähnlichen Gestalt festzuhalten, aber während die erste er, w as ich sagte, sondern als h ä t t e er sie selbst »gesehen«. A ls
gelblich und klein gewesen war, war die zweite weißlich, ich ihn um e i n e E rklärung d afür b at, w eigerte er sich einfach.
größer und verschwommen. d a rü b e r z u sp re c h e n .
Als wir schließlich unser Gespräch über die zwei Gestalten, A ls ic h sc h lie ß lic h a l l e z w e iu n d d re iß ig P e rso n e n a n g e ru fe n
die ich »gesehen« hatte, beendeten, hatte ich den »Nacht- hatte, w ar m ir klargew o rd en, d aß ich e i n e V ielzahl p ilzfö rm i-
falter« im Gebüsch, der mich erst zuvor so beeindruckt hatte, g e r G e sta lte n v o n u n te rsc h ie d lic h e r L e u c h tk ra ft »g e se h e n «
ganz vergessen. Ich erzählte Don Juan, wie sehr es mich h a tte u n d d a ß i c h ih n e n g e g e n ü b e r d ie u n te rsc h ie d lic h ste n
verwunderte, daß ich mich mit solcher Leichtigkeit über etwas G efühle h e g t e , vo n gelind em E ntzücken b is zu schierem
so wahrhaft Unheimliches hinwegsetzen konnte. Mir schien, A bscheu.
als sei ich nicht mehr derselbe, als den ich mich kannte. »Ich D ie M e n sc h e n , e r k l ä r t e D o n Ju a n , se ie n v o n S tru k tu re n e r-
sehe nicht ein, warum du soviel Wesens davon machst«, sagte fü llt, d ie W ü n sc h e , P ro b le m e , L e id e n , S o rg e n u sw . d a rste lle n
Don Juan. »Sobald der Dialog aufhört, bricht die Welt k ö n n te n . N u r e i n w irk lic h sta rk e r Z a u b e re r, b e h a u p te te e r,
zusammen, und außerordentliche Seiten unseres Selbst wer- k ö n n e d ie B e d e u tu n g d ie se r S tru k tu re n e n trä tse ln , u n d so
m üsse ich m ich d am it ab find en, nur d ie allgem eine G estalt d er
M e n sc h e n z u e rk e n n e n .
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Ich w ar sehr m üd e. Irgend w ie hatten d iese seltsam en G estalten M e n sc h e n e in e a n d e re G e sta lt h a b e n , w e il sie w ie K rie ge r
m ich w irklich erschö p ft. M ein allgem einer E ind ruck ihnen le b e n . D o c h d a s ist u n w e se n tlic h . E n tsc h e id e n d ist, d a ß d u
g e g e n ü b e r w a r - A b n e ig u n g . S ie w a re n m ir u n a n g e n e h m jetzt an der Schw elle stehst. D u hast siebenundvierzig
g e w e se n . S ie h a tte n b e w irk t, d a ß ic h m ic h g e fa n g e n u n d M e n sc h e n a n ge ru fe n , u n d d u b ra u c h st n u r n o c h e in e n e in -
verurteilt fühlte. zigen zu rufen, um die ursprünglichen achtundvierzig vollzu-
D o n Juan verlangte, ich so lle schreib en, um d ieses schw erm ütig e m achen.
G e fü h l z u v e rtre ib e n . N a c h e in e r lä n g e re n P a u se , w ä h re n d In d ie se m A u ge n b lic k e rin n e rte ic h m ic h , d a ß e r m ir v o r
w e lc h e r ic h n ic h ts n o tie re n k o n n te , fo rd e rte e r m ic h a u f. L e u te Jah ren , als w ir ü b er M aiszau b er u n d W ah rsagerei sp rach en ,
a n z u ru fe n , d ie e r se lb st a u sw ä h le n w o llte . N u n tra te n e in e e rz ä h lt h a tte , d a ß d ie A n z a h l d e r M a isk ö rn e r, d ie e i n Z a u -
R e ih e a n d e re r G e sta lte n a u f. S ie w a re n n ic h t p ilz fö rm ig , berer besitze, achtundvierzig sei. W arum , das h a t t e er m ir n ie
so n d e rn sa h e n e h e r w ie u m g e stü lp te ja p a n isc h e S a k e -S c h a le n erklärt.
a u s. E in ig e w ie se n e in k o p ffö rm ig e s G e b ild e a u f, ä h n lic h d e m »S o fragte ich ihn w ieder: »W arum achtundvierzig?« »D ie
F u ß e in e r S a k e -S c h a le . A n d e re w a re n e h e r ru n d . Ih re A ch tu n d vierzig ist u n sere Z ah l«, sagte er. »D as ist es. w a s
E rsc h e in u n g w a r a n g e n e h m u n d frie d lic h . Ic h sp ü rte , d a ß e in u n s z u M e n sc h e n m a c h t. Ic h w e iß n ic h t w a ru m . V e r-
e ig e n tü m lic h e s G lü c k sg e fü h l v o n ih n e n a u sging. S ie fed erten schw ende deine K raft nicht auf törichte F ragen.« E r stand auf
auf und ab , im G egensatz zu d er erd geb und enen S chw ere, d ie und streckte seine G lieder. E r forderte m ich auf, es ihm
d er vo rhergehend en G rup p e eigen gew ese n w a r. D ie b lo ß e gleichzutun. Ich beobachtete, daß sich am H im m el im O sten
T a tsa c h e , d a ß sie d a w a re n , lin d e rte irgend w ie m eine schon ein L ichtschim m er zeigte. W ir setzten uns w ied e r. E r
E rschö p fung. b e u gte sic h v o r u n d b ra c h te se in e n M u n d a n m e in O hr.
Z u d e n P e rso n e n , d ie D o n Ju a n a u sw ä h lte , g e h ö rte se in »D er letzte, d en d u ru fen w irst, ist G en aro , d er w ah re
L ehrling E ligio. A ls ich das B ild E ligios herbeibeschw or, e r litt M cC oy«, flüsterte er.
ic h e in e n S c h o c k , d e r m ic h a u s m e in e m v isio n ä re n Z u sta n d N eugier und E rregung bestürm ten m ich. B litzartig ging ich die
a u frü tte lte . E lig io z e ig te sic h in e in e r la n g e n , w e iß e n G e sta lt, e rfo rd e rlic h e n S c h ritte d u rc h . D a s se ltsa m e G e rä u sc h v o m
die em porschnellte und sich auf m ich stürzen zu w ollen schien. R a n d d e s C h a p a rra l w u rd e le b h a fte r u n d n a h m e rn e u t a n
D o n Ju a n e rk lä rte , E lig io se i e i n se h r b e g a b te r L e h rlin g u n d L a u tstä rk e z u . Ic h h a tte e s sc h o n b e in a h v e rge sse n ge h a b t.
hab e zw eifello s b em erkt, d aß jem and ihn » s a h « . E in e w e ite re , D ie goldenen B lasen h ü l l t e n m ich e in , und dann erblickte ich
v o n D o n Ju a n a u sg e w ä h lte P e rso n w a r P a b lito . D o n G e n a ro s in ein er vo n ih n en D o n G en aro selb st. E r stan d vo r m ir u n d
L e h rlin g . D e r S c h o c k , d e n d ie V isio n P a b lito s m ir v e rse tz te , h i e l t d en H u t in d er H an d . E r läch elte. R asch sch lu g i c h d ie
w a r n o c h h e ftig e r a ls b e i E lig io s A n b lic k . D o n Ju a n la c h te , b is A ugen auf und w ollte zu D on Juan gerade etw as sagen, doch
i h m d ie T rä n e n ü b e r d i e W a n g e n rollten. bevor ich noch ein W ort herausbrachte, versteifte m ein K örp er
»W arum sind d iese M enschen and ers gefo rm t? « »S ie h a b e n sich w ie ein B r e t t ; m ein e H aare stan d en zu B erge, u n d e in e n
m e h r p e rsö n lic h e K ra ft«, e rw id e rte e r. »W ie d u v ie lle ic h t la n ge n A u ge n b lic k w u ß te ic h n ic h t, w a s ic h tu n o d e r sagen
b e m e rk t h a st, h a fte n sie n ic h t a m B o d e n .« »W as gibt i h n e n so llte. D o n G en aro stan d u n m ittelb ar vo r m ir - l e i b haftig!
diese Leichtigkeit? I s t sie ihnen angeboren?« I c h w andte m ich zu D on Juan um ; er lächelte. D ann brachen
»W ir sind alle m it d ieser fed ernd en L eichtigkeit geb o ren, ab er die beiden in ein gew altiges G elächter aus. A uch ich versuchte
m it d e r Z e it w e rd e n w ir e rd sc h w e r u n d s t e i f . W ir se lb st zu lachen. E s gelang m ir nicht. Ich stand auf. D on Juan reichte
m achen uns d azu. V ielleicht kann m an d aher sagen, d aß d iese m ir einen B echer W asser. M echanisch t r a n k
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ich. Ich erwartete, er werde mein Gesicht mit Wasser be- gesehen hatte. In meiner Vision war er genauso gekleidet wie
spritzen. Statt dessen füllte er meinen Becher erneut. Don nunmehr in leibhaftiger Gestalt. Da ich keine logische Erklä-
Genaro kratzte sich am Kopf und verbarg ein Grinsen. rung für diese Unstimmigkeiten finden konnte, nahm ich an,
»Möchtest du nicht Genaro begrüßen?« fragte Don Juan. Es wie ich es unter ähnlichen Umständen stets zu tun geneigt bin,
kostete mich eine ungeheure Anstrengung, meine Gedanken daß der emotionale Streß wohl eine wichtige Rolle bei der
und Gefühle zu ordnen. Schließlich murmelte ich Don Genaro Bestimmung dessen gespielt haben mochte, was ich zu sehen
irgendeinen Gruß zu. Er machte eine Verbeugung. »Du hast geglaubt hatte.
mich gerufen, nicht wahr?« fragte er lächelnd. Stotternd Als ich mir in Gedanken diesen grotesken Trick ausmalte,
drückte ich meine Verwunderung darüber aus, ihn leibhaftig begann ich unwillkürlich zu lachen. Ich berichtete ihnen von
vor mir zu sehen. »Er hat dich gerufen«, warf Don Juan ein. meinen Schlußfolgerungen. Sie stimmten ein schallendes Ge-
»Gut, hier bin ich«, sagte Don Genaro zu mir. »Was kann ich lächter an. Ich war ehrlich überzeugt, daß ihr Lachen ein
für dich tun?« Eingeständnis war.
Allmählich schien mein Verstand wieder zu arbeiten, und »Du hattest dich im Gebüsch versteckt, nicht wahr?« fragte ich
schließlich hatte ich eine plötzliche Einsicht. Meine Gedanken Don Genaro.
waren glasklar, und ich »wußte«, was wirklich geschehen war. Don Juan setzte sich wieder und schlug die Hände über dem
Don Genaro, so dachte ich mir, war bei Don Juan zu Besuch, Kopf zusammen.
und als sie mein Auto näherkommen hörten, war Don Genaro »Nein. Ich habe mich nicht versteckt«, sagte Don Genaro
ins Gebüsch geschlichen und hatte sich dort bis zum Einbruch nachsichtig. »Ich war weit weg von hier, und dann hast du
der Dunkelheit versteckt. Alle Anzeichen sprachen für diese mich gerufen, also bin ich zu dir gekommen.« »Wo warst du
These, meinte ich. Da Don Juan zweifellos die ganze Sache denn, Don Genaro?« »Weit weg.« »W ie w e it? «
geplant hatte, gab er mir von Zeit zu Zeit Stichworte und D on Ju an u n terb rach m ich u n d sagte, w en n D on G en aro
lenkte damit den Gang der Dinge. Zum rechten Zeitpunkt hatte gekom m en sei, so habe er m ir dam it e i n e n G efallen getan, und
Don Genaro mich dann auf seine Anwesenheit aufmerksam ich solle n i c h t fragen , w o er gew esen sei. d en n er sei n irgen d s
gemacht, und als Don Juan und ich zum Haus zurückkehrten, gew esen.
war er uns auffällig gefolgt, um mich in Angst und Schrecken D on G en aro n ah m m ich in S ch u tz u n d m e i n t e , es sei gan z in
zu versetzen. Dann hatte er im Chaparral gewartet und, O rdnung, w enn ich i h n a lle s m ögliche frage. »W en n d u d ich
jedesmal wenn Don Juan ihm ein Zeichen gab, jenes n ich t h ier b eim H au s versteckt h ast. D on G en aro, w o w arst d u
seltsame Geräusch von sich gegeben. Den Wink, aus dem d en n 1 ?« fragte ich . » I c h w ar bei m ir zu H ause«, sagte er ganz
Gebüsch hervorzukommen, mußte Don Juan ihm schließlich a u f r i c h t i g . » I n Zentralm exiko 1 ?«
gegeben haben, während ich die Augen geschlossen hatte, »Ja! E s ist das e in z ig e Z uhause, das ich h a b e . « S ie sch au ten
nachdem er mich aufgefordert hatte, Don Genaro zu »rufen«. sich an u n d b rach en w ied er in L ach en au s. I c h w u ß te, d aß sie
Dann war Don Genaro offenbar zur Veranda gekommen und sich ü b er m ich l u s t i g m ach ten , ab er ich b eschloß, bei diesem
hatte gewartet, bis ich die Augen öffnete, und hatte mir diesen T hem a n i c h t länger zu verw eilen. A nschein en d h atten sie ein en
Schrecken eingejagt. G ru n d , e i n e so kom p lizierte In szen ieru n g au szu h ecken . Ich
Die einzigen Unstimmigkeiten in meiner logischen Theorie setzte m ich . Ich f ü h l t e m ich w irklich entzw eigerissen; e i n T eil
waren, daß ich tatsächlich gesehen hatte, wie der im Gebüsch von m ir w ar
versteckte Mann sich in einen Vogel verwandelte, und daß ich
Don Genaro zuerst als ein Bild in einer goldenen Blase
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gar nicht schockiert und konnte alle Taten Don Juans und Don in meinem Körper spüren. Eindeutig hörte ich Schritte. Irgend
Genaros unbesehen akzeptieren. Aber ein anderer Teil meiner etwas schlich durch die Dunkelheit. Dann ertönte ein lautes
selbst weigerte sich einfach, und dieser war stärker. Mein knackendes Geräusch, als ob ein Ast entzweibräche, und
bewußtes Urteil lautete, daß ich Don Juans Beschreibung der plötzlich erfaßte mich eine furchtbare Erinnerung. Vor Jahren
Welt lediglich auf intellektueller Ebene akzeptiert hatte, hatte ich eine schreckliche Nacht in der Wildnis verbracht und
während mein Körper insgesamt sich ihr widersetzte; daher war von einem Wesen belästigt worden, einem ganz leichten
mein Dilemma. Aber andererseits hatte ich all die Jahre, die und weichen Etwas, das immer wieder über meinen Nacken
ich mit Don Juan und Don Genaro zusammen war, lief, während ich am Boden kauerte. Don Juan hatte mir
außerordentliche Phänomene erlebt, und diese waren körper- erklärt, dieses Ereignis sei eine Begegnung mit dem »Verbün-
liche, nicht intellektuelle Erfahrungen. Gerade an diesem deten« gewesen, mit einer geheimnisvollen Kraft, die ein
Abend hatte ich die »Gangart der Kraft« geübt, die mir, Zauberer, wie er sagte, als Wesenheit wahrzunehmen lerne. Ich
intellektuell betrachtet, als unvorstellbare Leistung erschien; beugte mich näher zu Don Juan und berichtete ihm flüsternd
hinzu kam, daß ich unglaubliche Visionen gehabt hatte, und von meiner Erinnerung. Don Genaro kroch auf allen vieren
zwar durch kein anderes Mittel als meinen eigenen Willen. Ich näher zu uns her.
erklärte ihnen meine schmerzliche und zugleich aufrichtige »Was hat er gesagt?« fragte er Don Juan flüsternd. »Er sagt,
Verwirrung. dort draußen ist ein Verbündeter«, antwortete Don Juan leise.
»Der Junge ist ein Genie«, sagte Don Juan zu Don Genaro und Don Genaro kroch zurück und setzte sich: Dann wandte er sich
schüttelte ungläubig den Kopf. an mich und sagte, laut flüsternd: »Du bist ein Genie.« Sie
»Du bist ein gewaltiges Genie, Carlitos«, sagte Don Genaro in lachten gedämpft. Don Genaro wies mit einer Kopfbewegung
einem Ton, als halte er eine Ansprache. Sie setzten sich neben zum Chaparral hinüber.
mich, Don Juan zu meiner Rechten und Don Genaro zu meiner »Geh hin und pack ihn«, sagte er. »Zieh dich nackt aus, und
Linken. Don Juan erklärte, daß es wohl bald Tag werden jage dem Verbündeten einen Schreck ein!« Sie schüttelten sich
würde. In diesem Augenblick hörte ich wieder den Ruf des vor Lachen. Das Geräusch hatte inzwischen aufgehört. Don
Nachtfalters; er hatte seinen Platz gewechselt. Das Geräusch Juan befahl mir, meine Gedanken anzuhalten, aber die Augen
kam nun aus der entgegengesetzten Richtung. Ich schaute die offenzuhalten und mich auf den Rand des Chaparral vor mir zu
beiden an und versuchte ihren Blicken standzuhalten. Mein konzentrieren. Er sagte, der Nachtfalter habe seinen Platz
logisches Schema begann sich aufzulösen. Das Geräusch war gewechselt, weil Don Genaro da sei, und wenn er sich mir
von faszinierender Fülle und Tiefe. Dann hörte ich gedämpfte zeigen wolle, dann werde er es vorziehen, von vorn zu
Schritte wie von leichten Füßen, die durch das dürre Unterholz kommen.
schlichen. Das pochende Geräusch kam näher, und ich Ich mußte einen Augenblick darum ringen, meine Gedanken
schmiegte mich an Don Juan. Tonlos befahl er mir, es zu zu beruhigen, u n d dann nahm ich das Geräusch wieder wahr.
»sehen«. Ich machte eine äußerste Anstrengung, weniger ihm Es war jetzt voller denn zuvor. Zuerst hörte ich die gedämpften
zuliebe als um meinetwillen. Vorhin war ich sicher gewesen, Schritte auf trockenem Laub, und dann spürte ich sie auf
daß Don Genaro der Nachfalter war. Aber Don Genaro saß meinem Körper. In diesem Moment entdeckte ich direkt vor
neben mir; was also war dort im Gebüsch? Ein Nachtfalter? mir, am Rand des Chaparral, eine dunkle Masse. Ich fühlte,
Das pochende Geräusch klang in meinen Ohren nach. Meinen wie ich gerüttelt wurde. Ich schlug die Augen auf. Don J u a n
inneren Dialog konnte ich ganz und gar nicht abstellen. Ich und Don Genaro standen über mich gebeugt, und ich kniete,
hörte das Geräusch, aber ich konnte es nicht mehr, wie vorhin, als sei ich in kauernder Haltung eingeschlafen. Don
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Juan gab mir Wasser zu trinken, und ich setzte mich wieder E r e rin n e rte m ic h d a ra n , w ie w ir d re i e in m a l v o r J a h re n im
mit dem Rücken zur Wand. G eb irge gew esen w aren u n d D o n G en aro , im B em ü h en , m ir
Bald darauf dämmerte es. Der Chaparral schien zu erwachen. b e i d e r Ü b e rw in d u n g m e in e r tö ric h te n V e rn u n ft z u h e lfe n ,
Die Morgenkühle war scharf und belebend. Der Nachtfalter ein en gew altigen S atz h in au f zu d en G ip feln d er S ierra getan
war nicht Don Genaro gewesen. Mein rationales Gebäude fiel h atte - zeh n M eilen w eit. Ich erin n erte m ich an d as E reign is,
auseinander. Ich wollte keine Fragen mehr stellen, aber ich ab er m ir fiel au ch ein , d aß ich d am als n ich t ein m al b egriffen
wollte auch nicht schweigen. Ich mußte endlich sprechen. h atte, d aß er gesp ru n gen w ar.
»Aber wenn du doch in Zentralmexiko warst. Don Genaro, wie D o n J u a n fü gte h in z u , d a ß D o n G e n a ro z u ge w isse n Z e ite n
bist du dann hierhergekommen?« fragte ich. Don Genaro im stan d e sei, au ß ero rd en tlich e T aten zu vo llb rin gen .
machte komische, sehr belustigende Bewegungen mit dem »Z u ge w isse n Z e ite n ist G e n a ro n ic h t G e n a ro , so n d e rn se in
Mund. D oppelgänger«, sagte er.
»Tut mir leid«, sagte er, »mein Mund will nicht sprechen.« D ie s w ie d e rh o lte e r d re i o d e r v ie rm a l. D a n n b e o b a c h te te n
Dann wandte er sich an Don Juan und sagte grinsend: m ic h d ie b e id e n , a ls w a rte te n sie a u f m e in e u n m itte lb a re
»Warum sagst du es ihm nicht?« R eaktion.
Don Juan schien unschlüssig. Dann meinte er, daß Don Genaro, Ich hatte nicht verstanden, w as er m it »seinem D oppelgänger«
als vollendeter Künstler der Zauberei, zu erstaunlichen Taten m e in te . E r h a tte n ie z u v o r d e rgle ic h e n e rw ä h n t. Ic h b a t u m
imstande sei. eine E rklärung.
Don Genaros Brust wölbte sich, als ob Don J uans Worte sie »E s gib t n o ch e i n e n an d eren G en aro «, erläu terte er.
aufblähten. Er hatte anscheinend so viel Luft eingeatmet, daß A lle d re i b lic k te n w ir u n s a n . M ir w u rd e ga n z u n ge m ü tlic h .
sein Brustkorb das Doppelte seines normalen Umfangs zu D u rc h e in e n A u ge n w in k d rä n gte m ic h D o n J u a n , ic h so lle
haben schien. Jeden Moment schien er davonzuschweben. Er w eitersprechen.
sprang in die Luft. Ich hatte den Eindruck, daß die Luft in »H ast du e i n e n Z w illingsbruder?« fragte ich zu D on G enaro
seinen Lungen ihn gezwungen hatte zu springen. Er raste über gew andt.
dem Boden hin und her, bis er anscheinend die Kontrolle über »N atürlich«, sagte er. » I c h habe einen Z w illing.«
seinen Brustkorb wieder gewann; er klopfte ihn ab und strich Ic h w a r u n sc h lü ssig, o b sie m ic h a n d e r N a se h e ru m fü h rte n
kräftig mit den Handflächen von den Brustmuskeln zum Bauch oder nicht. D ie beiden kicherten m it der A usgelassenheit von
hinab, als ob er die Luft aus einem Autoreifen pressen wollte. K in d ern , d ie jem an d em ein en S treich sp ielen .
Schließlich setzte er sich. »M a n k ö n n te sa ge n «, fu h r D o n J u a n fo rt, »d a ß G e n a ro in
Don Juan grinste. Seine Augen leuchteten vor Begeisterung. diesem A ugenblick sein eigener Z w illing ist.«
»Schreib an deinen Notizen«, befahl er mir leise. »Schreib, A u f d ie se F e stste llu n g h i n f i e l e n d ie b e id e n fa st u m v o r
schreib, sonst mußt du sterben.« L achen. A ber ich konnte i h r e r H eiterkeit nichts abgew innen.
Dann erklärte er, daß selbst Don Genaro es nicht mehr so M ein K örper zitterte unw illkürlich.
komisch finde, wenn ich mir Notizen machte. »Das stimmt!« D o n Ju an sagte in stren gem T o n , ich sei zu sch w erfällig u n d
erwiderte Don Genaro. »Ich habe selbst schon daran gedacht, nähm e m ich selbst zu w ichtig.
mit dem Schreiben anzufangen.« »Genaro ist ein Wissender«, »S ei locker!« befahl er m ir scharf. »D u w eißt, daß G enaro e i n
sagte Don Juan wie beiläufig. »Und als Wissender ist er ohne Z auberer und e i n m akelloser K rieger ist. D aher kann er T aten
weiteres imstande, sich über große Entfernungen hinweg zu vollbringen, die für den norm alen M enschen undenkbar sind.
befördern.« Sein D oppelgänger, der andere G enaro, ist eine dieser
T aten.«
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Ich war sprachlos. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß sie »D e r D o p p e lg ä n g e r ist d a s S e lb st. D ie se E rk lä ru n g so llte
mich einfach an der Nase rumführten. genügen. A b er w enn d u seh en kö nntest, d ann w üß test d u, d aß
»Für einen Krieger wie Genaro«, fuhr er fort, »ist es kein gar ein großer U nterschied zw ischen G enaro und s e in e m D oppel-
so ungewöhnliches Unterfangen, den Anderen hervorzubringen.« g ä n g e r b e ste h t. F ü r e i n e n Z a u b e re r, d e r sieh t, le u c h te t d e r
Lange überlegte ich, was ich noch sagen sollte, dann fragte ich: D oppelgänger h e lle r .«
»Ist der Andere wie das Selbst?« »Der Andere ist das Selbst«, Ic h fü h lte m ic h z u sc h w a c h , u m n o c h w e ite re F ra g e n z u
erwiderte Don Juan. Seine Erklärung hatte eine s t e l l e n . I c h legte m ein S chreib zeug w eg, und e i n e n A ugen-
unglaubliche Wendung genommen, doch war sie eigentlich b lic k w ar m ir, als w ürd e ich o hnm ächtig. Ich hatte d ie V isio n
nicht unglaublicher als alles andere, was sie taten. e in e s T u n n e ls; a l l e s u m m ic h h e r w a r d u n k e l, a u sg e n o m m e n
»Woraus besteht der Andere?« fragte ich Don Juan nach e in ru n d e r F le c k v o r m e in e n A u g e n , d e r e in k la re s B i l d zeigte.
Minuten der Unentschlossenheit. »Das zu wissen ist D on Juan sagte, ich m üsse etw as essen. I c h w ar nicht hungrig.
unmöglich«, sagte er. »Ist er real oder bloß eine Illusion?« D o n G enaro verkünd ete, er sei ganz ausgehungert, d ann stand e r
»Natürlich ist er real.« a u f u n d g in g in d e n rü c k w ä rtig e n T e il d e s H a u se s. D o n Juan
»Könnte man dann sagen, daß er aus Fleisch und Blut ist?« stand eb enfalls auf und b ed eutete m ir, i h m zu fo lgen. In d e r
fragte ich. K ü c h e f ü l l t e D o n G e n a ro sic h e in e n T e lle r u n d a h m te d a n n
»Nein, das kann man nicht«, antwortete Don Genaro. »Aber ä u ß e rst k o m isc h e in e n M e n sc h e n n a c h , d e r e sse n w ill, ab er
wenn er so wirklich ist wie ich . . .« »So wirklich wie du?« nicht schlucken kann. M ir kam es so vo r, als w o l l e D o n
unterbrachen mich Don Juan und Don Genaro wie aus einem G enaro gleich s e i n e n G eist aufgeb en; er b r ü l l t e , stram p elte,
Mund. sc h rie , k e u c h te u n d w ü rg te v o r L a c h e n . A u c h ic h m u ß te m ir
Sie schauten einander an und lachten, bis ich meinte, sie d en B auch h a l t e n . D o n G enaro s P o ssen w aren unvergleichlich.
müßten sich gleich übergeben. Don Genaro warf seinen Hut S c h lie ß lic h h i e l t e r in n e u n d b l i c k t e D o n Ju a n u n d m ic h
auf den Boden und tanzte um ihn herum. Sein Tanz war n a c h e in a n d e r a n ; se in e A u g e n le u c h te te n u n d e r l ä c h e l t e
gewandt und anmutig und aus irgendeinem unerklärlichen strahlend.
Grund äußerst spaßig. Vielleicht lag der Witz in den höchst »E s geht n i c h t « , sagte er achselzuckend. I c h aß e in e gew altige
»professionellen« Schritten, die er ausführte. Diese Unstim- P o rtio n. D o n Juan e b e n f a l l s ; d ann k e h rte n w ir a l l e d re i z u m
migkeit war so subtil und gleichzeitig so auffällig, daß ich in ihr V o rp la tz d e s H a u se s z u rü c k . D ie S o n n e s t r a h l t e , d e r H im m e l
Gelächter einstimmen mußte. w a r k l a r , u n d d ie M o rg e n b rise erfrischte d ie A tm o sp häre. I c h
»Die Schwierigkeit mit dir, Carlitos«. meinte er. als er wieder f ü h l t e m ich glücklich und gestärkt.
saß, »besteht darin, daß du ein Genie bist.« »Ich muß mehr W ir saßen im D reieck einander gegenüber. N ach einem h ö f l i -
über den Doppelgänger wissen«, sagte ich. »Es ist unmöglich chen S chw eigen b eschlo ß ich, sie zu b itten, m i r b ei d er K lä-
zu wissen, ob er aus Fleisch und Blut ist«, sagte Don Juan. rung m eines D ilem m as zu h e l f e n . Ich f ü h l t e m ich w ieder in
»Denn er ist nicht so wirklich wie du. Genaros b e s t e r Form und w o llte m eine Stärke erproben. »E rzähl m ir
Doppelgänger ist so wirklich wie Genaro. Verstehst du, was m ehr üb er d en D o p p elgänger, D o n J u a n « , sagte ich.
ich meine?« D o n Ju a n d e u te te a u f D o n G e n a ro , u n d D o n G e n a ro v e rbeugte
»Aber du mußt zugeben, Don Juan, daß es doch möglich sein sich.
muß, dies zu wissen.«
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»Das ist er«, sagte Don Juan. »Mehr gibt es nicht zu sagen. Er ist M agier, D on G enaro, einen G egenstand hervor, den er b e is e ite
hier, damit du dich selbst von seiner Existenz überzeugen w a rf, so b a ld e r sic h v e rg e w isse rt h a tte , d a ß e s n ic h t m e in
kannst.« B le istift w a r. Z u d e n so g e fu n d e n e n G e g e n stä n d e n g e h ö rte n
»Aber das ist doch Don Genaro«, sagte ich in einem schwachen K le id u n g sstü c k e , P e rü c k e n , B rille n , S p ie lz e u g . H a u sh a ltsg e -
Versuch, das Gespräch zu steuern. »Gewiß bin ich Genaro«, rä te , M a sc h in e n te ile , D a m e n u n te rw ä sc h e , m e n sc h lic h e G e -
sagte er und hob die Schultern. »Was ist also ein b isse, B utterstullen und religiö se K ultgegenständ e. E i n S tück
Doppelgänger, Don Genaro?« fragte ich. »Frag ihn doch«, fuhr w ar gerad ezu ekelerregend . E s w ar e in fester K lum p en
er mich an und wies auf Don Juan. »Er ist es, der spricht. Ich m e n sc h lic h e n K o ts, d e n D o n G e n a ro u n te r m e in e r Ja c k e
bin stumm.« hervorzauberte. S chließlich fand D on G enaro m einen B l e i s t i f t
»Ein Doppelgänger ist der Zauberer selbst, in einer durch sein u n d ü b e rre ic h te ih n m ir. n a c h d e m e r m it se in e m H e m d z ip fe l
Träumen hervorgebrachten Gestalt«, erläuterte Don Juan. »Für d e n S ta u b a b g e w isc h t h a tte .
den Zauberer ist ein Doppelgänger ein Akt seiner Kraft, für D ie b e id e n z e le b rie rte n ih re P o sse n u n te r S c h re ie n u n d G e -
dich aber nur eine Erzählung der Kraft. Im Falle Genaros ist lä c h te r . Ich stand starr vor S taunen dabei, unfähig, m ich ihnen
sein Doppelgänger vom Original nicht zu unterscheiden. Und anzuschließen.
zwar deshalb, weil seine Makellosigkeit als Krieger un- »N im m d ie D inge nicht so e r n s t , C arlito s«. sagte D o n G enaro
übertroffen ist; daher hast du selbst nie den Unterschied m it b eso rgter S tim m e. »S o nst fängst d u d ir no ch e i n . . .« E r
bemerkt. Aber in all den Jahren, die du ihn kennst, bist du nur m a c h te e in e d ro llig e G e b ä rd e , d ie a lle s u n d n ic h ts b e d e u te n
zweimal mit dem eigentlichen Genaro zusammen gewesen; k o n n te .
alle anderen Male warst du mit seinem Doppelgänger zu- N achd em ihr G elächter sich gelegt h a t t e , w o llte ich vo n D o n
sammen.« G e n a ro w isse n , w a s e i n D o p p e lg ä n g e r m a c h e o d e r w a s e i n
»Aber das ist doch absurd!« rief ich. Z a u b e re r m it d e m D o p p e lg ä n g e r m a c h e . D o n Ju a n g a b d ie
Ich spürte, wie Beklemmung meine Brust erfaßte. Ich war so A n tw o rt. D e r D o p p e lg ä n g e r, sa g te e r. v e rfü g e ü b e r K ra ft u n d
erregt, daß ich mein Schreibzeug fallen ließ, und mein Bleistift w e rd e b e n u tz t, u m T a te n z u v o llb rin g e n , d ie u n te r
rollte davon. Don Juan und Don Genaro stürzten sich kopfüber g e w ö h n lic h e n U m stä n d e n u n v o rste llb a r se ie n . » I c h hab e d i r
auf den Boden und fingen an, in einer ganz närrischen im m er w ied er gesagt, d aß d ie W elt unergründ lic h i s t « , sa g te e r
Pantomime nach dem Bleistift zu suchen. Nie hatte ich eine z u m ir. »U n d a u c h w ir sin d e s, u n d je d e s D in g , d a s a u f d ie se r
erstaunlichere Darbietung von Bühnenmagie und Taschen- W e lt e x i s t i e r t . D a h e r ist e s u n m ö g lic h , d e m D o p p e lg ä n g e r
spielerei gesehen. Nur, daß es keine Bühne, keine Kulissen und m it d e r V e rn u n ft b e iz u k o m m e n . D o c h d u h a tte st G e le g e n h e it,
keinerlei technische Apparate gab und daß die Darsteller d ic h v o n se in e r E x iste n z z u ü b e rz e u g e n , und d as so llte m ehr als
höchstwahrscheinlich keine Taschenspielertricks einsetzten. genug s e i n . «
Don Genaro, der Oberzauberer, und sein Assistent, Don Juan, »A b er es m uß d o ch m ö glich sein, d arüb er zu sp rechen«, sagte
brachten binnen Minuten die erstaunlichste, bizarrste und ich. »D u selbst hast m ir gesagt, daß du über d e i n G espräch m it
seltsamste Kollektion von Gegenständen zusammen, die sie d e m m a g isc h e n R e h b e ric h te t h a st, u m d a rü b e r z u sp re c h e n .
unter, hinter oder auf jedem größeren Gegenstand im Umkreis K annst du es m it dem D oppelgänger n i c h t ebenso h a l t e n ''« E r
der Veranda fanden. schw ieg eine W e ile . Ich drängte ih n . D ie B eklem m ung, d ie ic h
Im Stil der Bühnenmagie stellte der Assistent die Requisiten v e rsp ü rte , ü b e rstie g a lle s, w a s ic h je e rle b t h a tte . »N u n , e i n
auf, in diesem Fall etliche Gegenstände - Steine, Rupfensäk- Z a u b e re r k a n n sic h v e rd o p p e ln «, sa g te D o n Ju a n . »M e h r g ib t's
ke, Holzscheite, eine Milchbütte, eine Laterne und meine Jacke d a rü b e r n ic h t z u sa g e n .« »A b e r ist e r sic h d e sse n b e w u ß t, d a ß e r
-, die sich auf der Erde fanden; dann zauberte der d o p p e lt i s t ? «
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»N a tü rlic h ist e r sic h d e sse n b e w u ß t.« »W eiß er, d aß er an zw ei d e r Z a u b e re r n a c h trä g lic h f e s t s t e l l t , d a ß e r a n z w e i O rte n
O rten gleichzeitig is t? « D ie b e id e n sc h a u te n m ic h a n u n d gleichzeitig gewesen ist? «
w e c h se lte n d a n n e in e n B lick. » A h a ! « r i e f D on Juan. »D iesm al hast du es getroffen. S icher
»W o ist d e r a n d e re D o n G e n a ro ? « fra g te ic h . D o n G e n a ro m a g e in Z a u b e re r n a c h trä g lic h f e s t s t e l l e n , d a ß e r a n z w e i
b e u g te sic h v o r u n d sta rrte m ir in d ie A u g e n . »Ic h w e iß e s O rten zugleich gew esen ist. A ber dies is t nur B uchhalterei und
n ic h t«, sa g te e r. »K e in Z a u b e re r w e iß , w o se in A n d e re r ist.« hat keinerlei B ed eutung für d ie T atsache, d aß er, w ährend er
»G enaro hat r e c h t « , sagte D o n Juan. »E in Z aub erer hat keine hand elt, keine A hnung vo n seiner D ua lität h a t . « M ein V erstand
V o rste llu n g d a v o n , d a ß e r a n z w e i O rte n z u g le ic h ist. S ic h stockte. W enn ich j e t z t nicht w ie w ild w eiterschriebe, das
d essen b ew uß t zu sein hieß e so viel, w ie seinem D o p p elgänger z u f ü h l t e ich. m üßte ich explodieren. »D enk daran«, fuhr er fort,
b e g e g n e n , u n d d e r Z a u b e re r, d e r se in e m D o p p e lg ä n g e r v o n » d ie W elt erschließt sich uns nicht u n m itte lb a r! D a z w isc h e n
A n g e sic h t z u A n g e sic h t g e g e n ü b e rste h t, ist e in to te r Z a u b e re r. ste h t d ie B e sc h re ib u n g d e r W e lt. G enaugenom m en s in d w ir
D a s ist d ie R e g e l. S o h a t d ie K ra ft d ie D in g e eingerichtet. also stets einen Schritt w eit von i h r entfernt, und unsere
N iem and w eiß , w arum .« E rfahrung der W elt ist s te ts eine E rinneru n g a n d ie E rfa h ru n g .
S o b a ld e in K rie g e r d ie F ä h ig k e it d e s »T rä u m e n s« u n d »S e - Im m e rfo rt e rin n e rn w ir u n s a n d e n A ugenb lick, d er so eb en
h e n s« e rre ic h t u n d e in e n D o p p e lg ä n g e r h e rv o rg e b ra c h t h a b e , geschehen und vo rüb er ist. W ir erinnern, erinnern, erinnern
m üsse es ihm , erklärte D o n Juan, auch gelingen, sein p ersö n- u n s.«
lic h e G e sc h ic h te , se in G e fü h l d e r e ig e n e n W ic h tig k e it u n d E r drehte seine H and auf und ab, um m ir zu veranschaulichen,
seine R o utineverhalten auszulö schen. A lle d ie T echniken, d ie e r w as er m einte.
m ic h g e le h rt h a b e u n d d ie ic h a ls le e re s G e re d e b e tra c h te t »W enn unsere ganze E rfahrung der W elt E rinnerung ist. dann ist
hätte, seien im G rund e M ittel zur A ufheb ung d er U nm ö glichkeit, d er S chluß gar nicht so ab w egig, d aß ein Z aub erer an zw ei
in d er gew ö hnlichen W elt einen D o p p elgänger zu b esitz e n ; u n d O rten gleichzeitig sein kann. F ür seine eigene W ahrnehm ung
z w a r in d e m m a n d a s S e lb st u n d d ie W e lt in B e w e gung b ringe g i l t d ies n i c h t , d enn um d ie W elt zu erfahren, m uß d er
und sie b eid e auß erhalb d er G renzen d es V o rhersagb aren stelle. Z auberer, w ie j e d e r andere M ensch, sich an die H andlung, die e r
»E in b ew eglich gew o rd ener K rieger kann d ie W elt nicht m ehr e b e n a u sg e fü h rt h a t, a n d a s E re ig n is, d e m e r e b e n b e ig e w ohnt
c h ro n o lo g isc h a n o rd n e n «, e rk lä rte D o n Ju a n . »U n d fü r i h n h a t. an die E rfahrung, die er eben gem acht h a t , w ieder erinnern.
sin d d ie W e lt u n d e r se lb st k e in e O b je k te m e h r. E r ist e in In s e in e m B ew ußtsein gibt es nur eine einzige E rinn e ru n g . A b e r
le u c h te n d e s W e se n , d a s in e in e r le u c h te n d e n W e lt e x istie rt. fü r e i n e n A u ß e n ste h e n d e n , d e r d e n Z a u b e re r beobachtet, m ag
D e r D o p p e lg ä n g e r ist fü r d e n Z a u b e re r e in e e in fa c h e S a c h e , es so aussehen, a ls agiere er in zw ei verschied enen E p iso d en
d enn er w eiß , w as er t u t . D as N o tizenanlegen ist für d ich eine gleichzeitig. D o ch d er Z aub erer erinnert sich a n z w e i e in z e ln e
e in fa c h e S a c h e , a b e r d e n n o c h m a c h st d u G e n a ro m it d e in e m u n z u sa m m e n h ä n g e n d e A u g e n b lic k e , d e n n d er L eim d er Z eit-
B le istift Angst.« B eschreib ung b ind et ihn nicht m ehr.« A ls D o n Ju a n g e e n d e t
»K a n n e in A u ß e n ste h e n d e r, d e r d e n Z a u b e re r b e o b a c h te t, h a t t e , w a r m ir, a ls h ä t t e ic h F ie b e r. D o n G enaro b eo b achtete
fe stste lle n , d a ß e r a n z w e i O rte n g le ic h z e itig ist? « fra g te ic h m ich neugierig. »E r h a t r e c h t « , sa g te e r. »W ir sin d im m e r
D o n Juan. e in e n S c h ritt hinterher.«
»G e w iß . D a s w ä re d ie e in z ig e M ö g lic h k e it, e s z u e rk e n n e n .« E r b e w e g te se in e H a n d , w ie D o n Ju a n e s g e ta n h a t t e ; se in
»A b e r k ö n n te m a n n ic h t lo g isc h e rw e ise a n n e h m e n , d a ß a u c h K ö rp er fing an zu zittern, und er sp rang in sitzend er H altung
zurück. E s w ar so , als hab e er einen S chluckauf und als lasse
der S chluckauf s e in e n K örper zurückschnellen. Jetzt bew egte
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er sich, auf dem G esäß hüpfend, nach rückw ärts bis ans E nde »U nd w as ist m it m ir?« fragte er und versuchte e i n Lächeln zu
d er V eran d a - u n d w ied er vo r. verbergen. » W i l l s t du nicht auch m ich um arm en?« Ich stan d
S ta tt d a ß d e r A n b lic k D o n G e n a ro s, w ie e r d a a u f s e i n e m au f u n d streckte d ie A rm e au s, u m i h n an zu fassen ; m e in
H interteil hin- und hersprang, m ich - w ie m an m einen sollte - K ö rp e r e rsta rrte a u f d e r S te lle . I c h h a tte k e in e K ra ft, m ich
b elu stigt h ätte, stü rzte er m ich in e i n e n so lch en A n fall vo n zu b ew egen . M it a l l e r G ew alt versu ch te ich , d en A rm nach
A ngst, daß D on Juan m ich m ehrm als m it den Fingerknöcheln ihm auszustrecken, aber m eine M ühe w ar vergeblich. D o n J u a n
au f d en K o p f sch lagen m u ß te. u m m ich w ied er zu ern ü ch - u n d D o n G e n a ro sta n d e n d a u n d b e o b a c h te te n m ich. Ich
tern. spürte, w ie m ein K örper sich unter einem unheim lichen D ruck
» Ic h begreife das alles n ic h t. D on J u a n « , sagte ich. » I c h auch krüm m te.
n ic h t« , entgegnete D on Juan und hob d ie A chseln. »U nd ich D on G enaro setzte sich und tat so, als sei er gekränkt, w eil ich
auch n ic h t, lieber C a rlito s«. schloß D on G enaro sich an. i h n n ich t u m arm t h a t t e ; er sch m o llte u n d stam p fte m it d em
M eine E rschöpfung, der A nsturm der Sinnesw ahrnehm ungen, F u ß a u f d e n B o d e n - u n d a b e rm a ls b ra c h e n d ie b e id e n in
die leichte, hum orvolle Stim m ung, die bei alled em v o r h e rrsc h te , brüllendes G elächter aus.
u n d D o n G e n a ro s P o sse n - d a s w a r z u v ie l f ü r m eine M e in e B a u c h m u sk e ln b e b te n , u n d ic h z i t t e r t e a m ga n z e n
N erven. I c h konnte d i e E rregung m einer B auchm uskeln nicht K örper. D on Juan beschw or m ich, m einen K opf so zu bew e-
m ehr beherrschen. gen, w ie er es m ir früher einm al em pfohlen hatte, und m einte,
A u f D o n J u a n s G e h e iß w ä lz te ic h m ic h a m B o d e n , b is ic h dies sei die einzige M öglichkeit, m ich zu beruhigen, indem ich
m ich w ieder beruhigt hatte, und dann nahm ic h i h n e n gegen- näm lich einen L ichtstrahl in der H ornhaut m einer A ugen sich
über w ieder P latz. sp iegeln ließ . M it G ew alt zerrte er m ich u n ter d em V o rd ach
»Ist der Doppelgänger aus fester Materie1 ?« fragte ich Don h e ra u s a u fs o ffe n e F e ld . N u n b ra c h te e r m e in e n K ö rp e r in
Juan nach langem Schweigen. Sie sahen mich an. eine H altung, bei der die östliche S onne in m eine A ugen f i e l .
»Ist der Doppelgänger körperlich?« fragte ich. »Gewiß«, sagte A ber als er m ich s c h lie ß lic h in die richtige S tellung gebracht
Don Juan. »Festigkeit. Körperlichkeit, das sind h a tte , z i t t e r t e ic h n ic h t m e h r. E rst a ls D o n G e n a ro m e in te ,
Erinnerungen. Daher sind sie, wie alles, was wir über die Welt d a ß m e in Z itte rn w o h l v o m G e w ic h t d e s P a p ie rs h e rrü h re n
wissen, Erinnerungen, die wi r ansammeln. Erinnerungen an die m üsse, bem erkte ich. daß ich m einen N otizblock fest um klam m ert
Beschreibung. Du hast eine Erinnerung an meine Festigkeit, h ie lt.
genau wie du eine Erinnerung an die Verständigung mit I c h sagte D o n J u a n , d aß m ein K ö rp er m ich zu m F o rtgeh en
Worten hast. Daher sprachst du mit einem Kojoten und drängte. Ich w inkte D on G enaro z u . I c h w o l l t e i h n e n keine
empfindest mich als fest.« Z eit lassen, m ich um zustim m en.
Don Juan rückte näher und stieß mich leicht mit der Schulter »Lebe w ohl. D on G enaro«, r i e f ich. » I c h m uß j e t z t g e h e n .«
an. E r w inkte zurück.
»Faß mich an!« sagte er. D o n Ju an b e g l e i t e t e m ich ein p aar S c h r i t t e b is zu m ein em
Ich berührte ihn, und dann fiel ich ihm in die Arme. Ich war A uto.
den Tränen nahe. »H ast du auch e i n e n D oppelgänger, D on J u a n ? « fragte ic h .
Don Genaro stand auf und kam näher. Er sah aus wie ein » N a tü r lic h ! « rief er.
kleines Kind mit leuchtenden, schelmischen Augen. Er spitzte In d iesem A u gen b lick kam m ir e i n e b eän gstigen d e Id ee. Ich
die Lippen und schaute mich eindringlich an. w ollte sie ab sch ü tteln u n d eilig au fb rech en , ab er irgen d etw as in
m ir m ach te m ich stu tzig. In all d en Jah ren u n serer V erb in d u n g
h a t t e ich m ich d aran gew ö h n t, d aß ich jed esm al, w en n
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ic h D o n J u a n se h e n w o llte , n u r n a c h S o n o ra o d e r Z e n tra l- Der Träumer und der Geträumte
m e x ik o z u fa h re n b ra u c h te , u m ih n a n z u tre ffe n - ste ts m ic h
erw artend. Ich hatte gelernt, dies als selbstverständlich hinzu-
nehm en, und bis dahin w ar m ir nie eingefallen, etw as B eson-
deres dabei zu finden. Ich fuhr zu D o n Juan und traf am frühen M o rgen b ei i h m ein.
»Sag m ir etw as, D on Juan«, sagte ich halb im Scherz. »B ist du es D ie N a c h t h a tte ic h u n te rw e g s in e in e m M o te l v e rb ra c h t, dam it
selb st o d er b ist d u d ein D o p p elgän ger? « E r b eu gte sich zu m ir ich noch vorm ittags bei ihm e i n t r ä f e . D o n Ju a n w a r im H a u s
h erü b er. E r grin ste. »M ein D oppelgänger«, flüsterte er. u n d tra t h e ra u s, a ls ic h i h n r i e f . E r b e g rü ß te m ic h h e rz lic h ,
M ein K örper schnellte in die Luft, w ie von einer unheim lichen u n d ic h h a tte d e n E in d ru c k , d a ß e r sic h fre u te , m ic h z u se h e n .
K raft getrieb en . Ich ran n te zu m ein em A u to . »Ich h ab e b lo ß E r m a c h te e i n e B e m e rk u n g , d ie m ic h o ffe n b a r a u fh e ite rn
S p aß gem ach t«, rief D o n Ju an m it erh o b en er S tim m e. »D u s o l l t e , d ie a b e r d ie g e g e n te ilig e W irk u n g a u f m ic h h a tte .
d arfst n o ch n ich t fo rt. D u sch u ld est m ir im m er noch fünf » I c h hab e d ich ko m m en g e h ö r t « , sagte er lachend , »und b i n
T age.« in s H a u s g e la u fe n . I c h fü rc h te te , w e n n ic h h i e r d ra u ß e n g e -
D ie b eid en ran n ten au f m ein A u to zu , w äh ren d ich ein stieg. b lieb en w äre, hättest d u A ngst g e k r i e g t . « B e ilä u fig m e in te e r.
S ie lach ten u n d h ü p ften au f u n d ab . ic h se i in d ü ste re r u n d b e d rü c k te r S tim m u n g . E r sa g te , ic h
»C arlitos, ruf m ich, w ann im m er du w ills t!« schrie D on G enaro. e rin n e rte i h n a n E lig io , d e r sc h w e rm ü tig genug sei, um e i n
guter Z aub erer zu sein, ab er zu schw erm ütig, um e i n W issend er
zu w erd en, und er fügte hinzu, um d en verheerend en F o lgen
e i n e r B egegnung m it d er W elt d er Z aub e re r e n tg e g e n z u w irk e n ,
b le ib e e i n e m n u r d ie M ö g lic h k e it, d a rü b e r z u la c h e n .
M it se in e m U rte il ü b e r m e in e S tim m u n g h a t t e e r re c h t. T a t-
sä c h lic h p la g te n m ic h S o rg e n u n d Ä n g ste . W ir u n te rn a h m e n
e i n e n langen S p aziergang. E s b rauchte S tund en, b is ich m ich
u n b e sc h w e rte r f ü h l t e . E in fa c h n e b e n ih m d a h in z u g e h e n t a t
m ir w o h le r, a ls w e n n ic h v e rsu c h t h ä t t e , m ic h a u s m e in e r
T rü b se lig k e it h e ra u sz u re d e n .
A m S p ä tn a c h m itta g k e h rte n w ir z u m H a u s z u rü c k . I c h w a r
ausgehungert. N achdem w ir gegessen h a t t e n , s e t z t e n w ir uns
auf d ie V erand a. D er H im m el w ar h e ite r . D as m ild e L icht d es
N achm ittags stim m te m ich behaglich. I c h w o l l t e sprechen. »S e it
M o n a te n fü h le i c h m ic h u n w o h l«, sa g te ic h . »W a s d u und D on
G enaro b e im le tz te n M al, als ich h ie r w ar. gesagt und g e ta n
h a b t, w a r w irk lic h fu rc h tb a r.
D o n Ju a n sa g te n i c h t s . E r sta n d a u f u n d sc h ritt u m d ie
V e ra n d a h e ru m .
» I c h m uß darüber sprechen«, sagte ich. » E s verfolgt m ich, und
ic h m u ß d a u e rn d d a rü b e r n a c h d e n k e n .«
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»Hast du Angst?« fragte er. »Darf ich etwas über Don Genaro und seinen Doppelgänger
Ich hatte keine Angst, sondern war verwirrt und überwältigt sagen?« fragte ich.
durch das, was ich gehört und gesehen hatte. Die Lücken »Es hängt davon ab. was du über ihn sagen willst«, antwortete
meiner Vernunft waren so gewaltig, daß ich sie entweder er. »Willst du dich mit deinen Zwangsvorstellungen beschäf-
auffüllen oder meine Vernunft überhaupt aufgeben mußte. tigen?«
Meine Ausführungen brachten ihn zum Lachen. »Wirf deine »Ich will mich mit Erklärungen beschäftigen«, sagte ich. »Ich
Vernunft noch nicht fort!« sagte er. »Es ist noch nicht Zeit beschäftige mich zwanghaft damit, weil ich nicht wagte, dich
dafür. Es wird ohnehin geschehen, aber ich glaube nicht, daß zu besuchen, und nicht imstande war. mit irgend jemandem
dies schon der richtige Augenblick ist.« »Sollte ich also über meine Skrupel und Zweifel zu sprechen.« »Redest du
versuchen, für das Geschehene eine Erklärung zu finden?« denn nicht mit deinen Freunden?« »Das wohl, aber wie könnten
fragte ich. sie mir helfen' 1 « »Ich habe nie daran gedacht, daß du Hilfe
»Gewiß!« erwiderte er. »Es ist deine Pflicht, deinen Verstand in benötigst. Du mußt das Gefühl entwickeln, daß ein Krieger
Ordnung zu bringen. Krieger erringen ihre Siege nicht, indem nichts benötigt. Du sagst, du brauchst Hilfe. Hilfe wofür'? Du
sie mit dem Kopf gegen die Wand stürmen, sondern indem sie hast alles, was du f ü r diese großartige Reise brauchst, die dein
die Wand überwinden. Krieger überspringen die Wand; sie Leben ist. Ich habe versucht, dich zu lehren, daß die
reißen sie nicht nieder.« »Aber wie kann ich diese hier wirkliche Erfahrung darin besteht, ein Mensch zu sein, und
überspringen?« frage ich. »Vor allem halte ich es für daß es nur darauf ankommt zu leben; das Leben ist der kleine
grundfalsch, daß du alles dermaßen ernst nimmst«, sagte er und Umweg, den wir heute machen. Das Leben ist ein zureichender
setzte sich neben mich. »Es gibt dreierlei schlechte Grund, es erklärt sich aus sich selbst und ist vollkommen.
Gewohnheiten, in die wir immer wieder verfallen, sobald wir Ein Krieger weiß dies und lebt dementsprechend. Daher
im Leben mit ungewöhnlichen Situationen konfrontiert sind. könnte man ohne Überheblichkeit sagen, daß es die Erfahrung
Erstens können wir das, was geschieht oder geschehen ist, der Erfahrungen ist. ein Krieger zu sein.« Er schien darauf zu
leugnen und so tun, als sei es nie geschehen. So machen es die warten, daß ich etwas sagte. Ich zögerte. Ich wollte mir meine
Bigotten. Zweitens können wir alles unbesehen akzeptieren Worte sorgfältig überlegen. »Wenn ein Krieger Trost braucht«,
und so tun, als wüßten wir, was geschieht. So machen es die fuhr er fort, »dann wendet er sich einfach an den Nächstbesten
Frommen. Drittens kann ein Ereignis uns zwanghaft und erklärt diesem ausführlich, was ihn bedrückt. Jedenfalls
beschäftigen, weil wir es weder leugnen noch rückhaltlos sucht der Krieger nicht Hilfe oder Verständnis; indem er spricht,
akzeptieren können. So machen es die Narren. Du etwa auch? befreit er sich lediglich von dem Druck, der auf ihm lastet.
Doch es gibt noch eine vierte Möglichkeit, die richtige nämlich, Vorausgesetzt allerdings, daß es dem Krieger gegeben ist zu
die des Kriegers. Ein Krieger handelt so, als sei überhaupt sprechen: wenn nicht, erzählt er niemandem etwas von sich.
nichts geschehen, weil er an gar nichts glaubt, und doch Du aber lebst überhaupt nicht wie ein Krieger. Jedenfalls
akzeptiert er alles unbesehen. Er akzeptiert, ohne zu noch nicht. Und die Fallstricke, in die du tappst, müssen
akzeptieren, und leugnet, ohne zu leugnen. Nie tut er so, als wahrhaft gewaltig sein. Du kannst auf mein ganzes Mitleid
wisse er, noch tut er so, als sei nichts geschehen. Er handelt so, zählen.« Er meinte es nicht scherzhaft. Nach der Anteilnahme
als ob er die Situation in der Hand hätte, auch wenn ihm in seinem Blick zu urteilen, schien er zu wissen, wovon er
vielleicht die Hosen schlottern. Diese Art zu handeln vertreibt sprach. Er stand auf und streichelte mir den Kopf. Er schritt die
die zwanghafte Beschäftigung mit den Dingen.« Lange volle Länge der Veranda auf und ab und blickte gleichgültig
schwiegen wir. Don Juans Worte wirkten wie Balsam auf mich. zum
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Chaparral hinter dem Haus hinüber. Seine Bewegungen lösten Ich erklärte ih m , d aß m ein D ilem m a w oh l kom p lizierter sei. a l s
bei mir ein Gefühl der Rastlosigkeit aus. Um mich zu er es n u n d a r s t e l l e . D en n solan ge er s e l b s t u n d D on G en aro
entspannen, fing ich an. über mein Dilemma zu sprechen. Ich M en sch en w ie ich w aren , m ach te i h r e ein d ru cksvolle
hatte den Eindruck, daß es im Grunde zu spät war, so zu tun, Ü b erlegen h eit sie zu V orb ild ern fü r m ein eigen es V erh alten .
als sei ich ein harmloser Außenstehender. Unter Don Juans W aren sie ab er im G ru n d e v ö l l i g an d ere M en sch en als ich . d an n
Leitung hatte ich mich geübt, bis ich zu seltsamen kon n te ich sie n ich t m eh r als V orb ild er akzep tieren , son d ern
Wahrnehmungen fähig war, wie etwa das »Anhalten des m u ß te sie fü r w u n d erlich e O rigin ale h a l t e n , d en en ich
inneren Dialogs« oder das Kontrollieren meiner Träume. Das u n m ö glich n ach eifern m och te.
waren Dinge, die man nicht vortäuschen konnte. Ich hatte seine »G en aro ist e i n M en sch «, sagte D on Ju an m it B estim m th e i t .
Anweisungen befolgt, wenn auch nie buchstäblich, und es war »G ew iß . er i s t n ich t m eh r M en sch als d u . A b er d as ist sein
mir zum Teil gelungen, meine Alltagsroutine zu unterbrechen, V erd ien st, u n d es s o l l t e d ir k e i n e A n gst m ach en . W en n er
die Verantwortung für meine Handlungen zu übernehmen und an d ers i s t - u m so m eh r G ru n d , i h n zu b ew u n d ern .«
meine persönliche Geschichte auszulöschen, und schließlich »A ber s e i n A nderssein ist k e i n m e n s c h l i c h e s A n d e r s s e i n « ,
hatte ich einen Punkt erreicht, vor dem ich mich vor Jahren sagte ich .
noch gefürchtet hätte: ich konnte jetzt allein sein, ohne daß »U nd w as. glaubst du w ohl, i s t es? E tw a w i e der U n t e r s c h i e d
dies meinem körperlichen oder emotionalen Wohlbefinden zw ischen einem M enschen und e i n e m P ferd'!*« » I c h w eiß es
Abbruch tat. Dies war vielleicht mein allererstaunlichster Sieg. n i c h t . A ber er i s t nicht w ie i c h . « »D och, das w ar er e i n m a l . «
In Anbetracht meiner früheren Hoffnungen und Stimmungen »A b er kan n d en n ich sein e V erän d eru n g b egreifen ?« »G ew iß .
war der Zustand, allein und dabei nicht »wie von Sinnen« zu D en n d u s e l b s t verän d erst d i c h . « » W i l l s t d u d am it sagen , d a ß
sein, ganz unvorstellbar. Ich war mir all der Veränderungen, au ch i c h e i n e n D op p elgän ger h ervorb rin gen w erd e?«
die in meinem Leben und in meiner Weltauffassung » N i e m a n d b r i n g t e i n e n D oppelgänger hervor. D as is t nur e in e
stattgefunden hatten, wohl bewußt, und mir war klar, daß es b i l d l i c h e R ed ew eise. U n d d u . b ei a l l d e i n e m v i e l e n R ed en .
irgendwie überflüssig war, sich von Don Juans und Don b i s t d och d en W ö rtern h i l f l o s a u s g e l i e f e r t . D u geh st ih rer
Genaros Enthüllungen über den »Doppelgänger« so tief B ed eu tu n g au f d en L eim . J e t z t m ein st d u . m an b rin ge d en
aufwühlen zu lassen. »Was mache ich denn falsch, Don Juan?« D op p elgän ger d u rch u n r e d l i c h e T ricks h ervor, n eh m e ich a n .
fragte ich. »Du läßt dich gehen«, fuhr er mich an. »Du meinst, A b er w ir leu ch ten d en W esen h ab en a l l e e i n e n D op p elgän ger.
es sei ein Zeichen von Sensibilität, in Zweifeln und Klagen zu W ir a l l e ! E i n K rieger l e r n t l e d i g l i c h , s i c h dessen bew ußt zu
schwelgen. Nun, wenn du die Wahrheit hören willst, du bist s e in , das is t a lle s . Es gibt a n s c h e i n e n d unüberw indliche
alles andere als sensibel. Warum gibst du es also vor? Schranken, d i e d i e s e s B ew ußtsein v e r s p e r r e n . A ber das kann
Irgendwann habe ich dir einmal gesagt, ein Krieger akzeptiert n ich t an d ers s e i n . G erad e d iese S ch ran ken m ach en d as E r r e i -
in Demut, was er ist.« ch en ein es solch en B ew u ß tsein s zu ein er so ein zigartigen
»Du stellst es so dar, als brächte ich mich absichtlich in H e ra u sfo rd e ru n g .«
Verlegenheit«, sagte ich. »W aru m h ab e ich soviel A n gst d avor. D on J u a n ? « »W eil d u
»Allerdings bringen wir uns absichtlich in Verlegenheit«, g l a u b s t , d er D op p elgän ger sei d as. w as d as W ort b esagt, e i n
sagte er. »Wir sind uns stets unserer Taten bewußt. Unsere D op p elgän ger od er e i n an d eres Ich . I c h geb rau ch e d iese W ö rter
kümmerliche Vernunft bläht sich absichtlich zu dem Monstrum n u r , u m d en S ach verh alt zu b esch reib en . D er
auf, das sie zu sein vorgibt. Sie ist aber zu klein für eine so
große Schale.«
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D o p p e lg ä n g e r - d a s b ist d u se lb st. A n d e rs d a rfst d u e s n ic h t »Warum lachst du?« fragte ich.
b etrachten.« »Du steckst furchtbar in der Klemme«, sagte er. »Es ist für dich
»U nd w ie, w enn ich ihn nicht haben w i l l ? « »D e r D o p p e lg ä n g e r zu spät, einen Rückzieher zu machen, aber es ist noch zu früh,
ist k e in e S a c h e d e r p e rsö n lic h e n E n tscheidung. A uch ist es um zu handeln. Du kannst nichts anderes tun als miterleben und
keine S ache der persönlichen E ntscheid u n g , w e r a u se rw ä h lt beobachten. Du bist in der scheußlichen Situation eines Kindes,
w ird , u m d a s W isse n d e r Z a u b e re r z u le rn e n , d a s z u je n e m das nicht mehr in den Mutterleib zurückkehren, aber auch noch
B e w u ß tse in fü h rt. H a st d u d ic h je m a ls gefragt, w arum nicht fortlaufen und selbst handeln kann. Das Kind kann nichts
ausgerechnet du es b is t? « »D a s h a b e ic h im m e r. I c h h a b e d ir anderes tun als beobachten und den erstaunlichen Geschichten
h u n d e rtm a l d ie se F ra g e g e ste llt, a b e r d u h a st sie n ie von Taten zuhören, die ihm erzählt werden. Genau an diesem
b e a n tw o rte t.« » I c h m einte nicht, daß du es als Frage s te lle n Punkt stehst du jetzt. Du kannst nicht in den Mutterleib deiner
solltest, die e in e A ntw o rt verlangt, so nd ern in d em S i n n , w ie alten Welt zurückkehren, aber du kannst auch noch nicht durch
e in K rieger üb er se in g ro ß e s G lü c k n a c h d e n k t - d a s G lü c k , die Kraft handeln. Für dich gibt es nur eines: die Taten der
e i n e lo h n e n d e H erausfo rd erung gefund en zu hab en. Kraft beobachten und den Erzählungen - den Erzählungen der
D ie se n S a c h v e rh a lt a ls g e w ö h n lic h e F ra g e z u fo rm u lie re n , Kraft - zuhören. Der Doppelgänger ist eine dieser Erzählungen.
d arauf verfallen eingeb ild ete L eute, d ie d afür b ew und ert o d er Das weißt du. und das ist auch der Grund, warum deine
b em itleid et w erd en w o llen. E ine so lche F rage i n t e r e s s i e r t Vernunft dadurch so sehr erschüttert ist. Wenn du vorgibst zu
m ic h n ic h t, w e il e s u n m ö g lic h ist, sie z u b e a n tw o rte n . D ie verstehen, dann rennst du mit dem Kopf gegen eine Wand.
E ntscheid ung, d ich auszuw ählen, w ar e in e A b sicht d er K raft. Alles, was ich im Sinn einer Erklärung darüber sagen kann, ist,
N iem and kann d ie A b sichten d er K raft entschlüsseln. Jetzt, d a daß ein Doppelgänger, obgleich man durch das Träumen zu
du einm al ausgew ählt bist, gibt es nichts, w as du t u n k ö n n t e s t , ihm gelangt, so wirklich ist, wie er nur sein könnte.«
um die E rfüllung dieser A bsicht a u f z u h a l t e n . « »A b e r d u se lb st »Nach allem, was du mir gesagt hast. Don Juan, kann der
sa g te st m ir d o c h . D o n Ju a n , d a ß m a n s t e t s scheitern k a n n .« Doppelgänger handeln. Kann er also auch . . .« Er ließ mich
»D as ist richtig. M an kann stets scheitern. A b er m ir s c h e i n t , dir meine Überlegungen nicht fortsetzen. Es sei doch unpassend,
geht es um etw as anderes. D u suchst nach e in e r A u s f l u c h t . D u ermahnte er mich, davon zu sprechen, er habe mir vom
m ö c h te st d ie F re ih e it h a b e n , n a c h e ig e n e m B e lie b e n z u Doppelgänger erzählt, während ich doch behaupten dürfe, ihn
sc h e ite rn u n d d ic h a u s d e m S ta u b z u m a c h e n . Z u sp ä t d a fü r! selbst erlebt zu haben.
E in K rieger ist in d er H and d er K raft, und er hat nur no ch d ie »Offensichtlich kann der Doppelgänger handeln«, sagte ich.
F reiheit, sich für e i n L eben der M akellosigkeit zu entscheiden. »Offensichtlich!« erwiderte er.
E s ist unm öglich, S ieg oder N iederlage vorzutäuschen. V i e l - »Aber kann der Doppelgänger anstelle des Selbst handeln?«
leicht w ill deine V ernunft, daß du überhaupt s c h e ite r s t, um die »Verdammt, er ist das Selbst!«
G anzheit deines S elbst auszulöschen. A ber es gibt e in G egen- Ich hatte große Mühe, mich verständlich zu machen. Ich hatte
m ittel, d as es d ir nicht erlaub en w ird , einen falschen S ieg o d er die Vorstellung, daß - wenn ein Zauberer zwei Handlungen
e in e fa lsc h e N ie d e rla g e z u b e k e n n e n . F a lls d u g la u b st, d u gleichzeitig ausführen konnte - seine Fähigkeit, nützliche
k ö n n te st d ic h in d e n sic h e re n H a fe n d e s S c h e ite rn s flü c h te n , Dinge zu tun. sich verdoppeln mußte. Demnach konnte er
dann bist du von S innen. D ein K örper w ird w achsam sein und gleichzeitig zwei Arbeiten verrichten, an zwei Orten sein, zwei
dir w eder das eine noch das andere e r l a u b e n . « E r lachte leise Besuche machen usw. Don Juan hörte geduldig zu. »Darf ich es
vo r sich hin. mal folgendermaßen ausdrücken?« sagte ich.
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»M a n k ö n n te d o c h h yp o th e tisc h b e h a u p te n , d a ß D o n G e n a ro Ich fühlte mich gezwungen, meinen Standpunkt zu verteidigen.
H u n d e rte v o n K ilo m e te rn e n tfe rn t je m a n d e n tö te n k a n n , Ich sagte, ich spräche doch nur in hypothetischem Sinne. »Es
in d e m e r se in e n D o p p e lg ä n g e r d ie s a u sfü h re n lä ß t, n ic h t gibt keinen hypothetischen Sinn, sobald man über die Welt der
w ahr?« Wissenden spricht«, sagte er. »Ein Wissender kann seinen
D o n Ju a n sa h m ic h a n . E r sc h ü tte lte d e n K o p f u n d w a n d te sich Mitmenschen niemals Schaden zufügen, ob hypothetisch oder
ab. sonst wie.«
»D u b ist vo ll vo n gew alttätigen G eschichten«, sagte er. »G e- »Aber wie, wenn seine Mitmenschen einen Anschlag auf seine
n a ro k a n n n ie m a n d e n tö te n , w e il e r k e i n In te re sse m e h r a n Sicherheit und sein Wohl planen? Kann er dann seinen Dop-
se in e n M itm e n sc h e n h a t. W e n n e in K rie g e r e in m a l d a s S eh en pelgänger einsetzen, um sich zu schützen?« Er schnalzte
u n d d a s T rä u m en b e h e rrsc h t u n d sic h se in e r le u c h te n d e n mißbilligend mit der Zunge. »Welch unglaubliche
G e sta lt b e w u ß t ist, d a n n h a t e r fü r d e rle i k e in In te re sse m ehr.« Gewalttätigkeit steckt in deinen Gedanken«, sagte er. »Niemand
Ic h w a n d te e in , e r h a b e d o c h z u B e g in n m e in e r L e h rz e it kann einen Anschlag auf die Sicherheit und das Wohl eines
g e ä u ß e rt, d a ß e in Z a u b e re r sic h m it H ilfe se in e s »V e rb ü n d e - Wissenden planen. Er sieht, daher wird er Vorkehrungen
te n « ü b e r v ie le h u n d e rt K ilo m e te r h in w e g se tz e n k ö n n e , u m treffen, um dergleichen zu verhindern. Genaro zum Beispiel
e in e n S c h la g g e g e n se in e F e in d e z u fü h re n . »Ic h b in nimmt ein kalkuliertes Risiko auf sich, wenn er sich mit dir
v e ra n tw o rtlic h fü r d e in e V e rw irru n g «, sa g te e r. »A b e r e rin n e re abgibt. Aber du könntest gar nichts tun, um seine Sicherheit zu
d ic h : b e i e in e r a n d e re n G e le g e n h e it sa g te ic h d ir, d a ß ic h b e i gefährden. Falls es dergleichen gäbe, würde sein Sehen es ihn
d ir n ic h t je n e S c h ritte e in g e h a lte n h a b e , d ie m ein eigener wissen lassen. Wenn nun irgend etwas an dir ist, das von Natur
L ehrer m ir vo rschrieb . E r w ar ein Z aub erer, und ic h h ä tte d ic h aus schädlich für ihn ist, und sein Sehen dies nicht erfassen
re g e lre c h t in d ie se W e lt h in e in stü rz e n so lle n . Ic h ta t e s n ic h t, kann, dann ist es eben sein Schicksal, und diesem kann weder
w e il ic h m ic h n ic h t m e h r u m d a s A u f u n d A b m e in e r Genaro noch sonst jemand entgehen. Du siehst also, ein
M itm e n sc h e n k ü m m e re . D e n n o c h h a fte te n d ie W o rte m eines Wissender hat die Kontrolle, ohne irgend etwas zu
L ehrers m ir an. V iele M ale habe ich zu dir gesprochen, g e n a u kontrollieren.«
w ie e r se lb st z u sp re c h e n p fle g te . A b er G enaro ist ein Wir schwiegen. Die Sonne berührte schon die hohen Büsche
W issend er. D er vo llko m m enste vo n allen. S e in e T a te n sin d an der westlichen Seite des Hauses. Somit blieben noch zwei
u n fe h lb a r. E r ste h t ü b e r d e n g e w ö h n lic h e n M e n sc h e n , a u c h Stunden Tageslicht.
ü b e r d e n Z a u b e re rn . S e in D o p p e lg ä n g e r ist e in A u sd ru c k »Warum rufst du nicht Genaro?« fragte Don Juan beiläufig.
se in e r F re u d e u n d se in e s H u m o rs. D a h e r k a n n e r ih n Mein Körper schnellte empor. Meine erste Reaktion war, alles
u n m ö g lic h e in se tz e n , u m a lltä g lic h e S itu a tio n e n z u schaffen fallenzulassen und zum Auto zu rennen. Don Juan lachte aus
o d er zu lö sen. S o viel ich w eiß , ist d er D o p p elgänger d a s vollem Hals. Ich sagte ihm, ich hätte es nicht nötig, mir irgend
B e w u ß tse in v o n u n se re m Z u sta n d a ls le u c h te n d e W e se n . Ich etwas zu beweisen, und es genüge mir vollauf, mit ihm zu
m ag tun, w as ich w ill, und d o ch zieht er es vo r, unauffällig und sprechen. Don Juan konnte sich nicht halten vor Lachen. Es sei
freund lich zu sein. eine Schande, meinte er schließlich, daß Don Genaro nicht hier
E s w ar m ein F ehler, d aß ich d ich m it entlehnten W o rten in d ie sei, um dieses tolle Spektakel mitzuerleben. »Hör mal, wenn
Irre fü h rte . M e in L e h re r w a r n ic h t fä h ig , so lc h e D in g e z u du schon keine Lust hast, Genaro zu rufen, dann will ich es
b ew irken w ie G enaro . U nglücklicherw eise b lieb en für m einen tun«, sagte er entschlossen. »Ich liebe seine Gesellschaft.«
L ehrer - genau w ie für d ich - gew isse D inge led iglich E rzäh- Ich spürte einen scheußlich bitteren Geschmack unter dem
lungen d er K raft.« Gaumen. Schweißperlen liefen mir über die Stirn und über die
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O b e rlip p e . I c h w o llte e tw a s e in w e n d e n , a b e r e s g a b w irk lic h D o n G e n a ro b e g rü ß te m ic h ü b e rsc h w ä n g lic h u n d se tz te s i c h
nichts zu sagen. d a n n a u f d ie M ilc h b ü tte .
D o n Ju a n m u ste rte m ic h m it e in e m la n g e n , p rü fe n d e n B lic k . Irg e n d e tw a s stim m te g a n z u n d g a r n i c h t m it m ir. I c h w a r
»K o m m sc h o n !« sa g te e r. »E in K rie g e r ist im m e r b e re it. U m ruhig, gelassen. E ine unglaubliche G le ic h g ü ltig k e it und E n t -
e in K rie g e r z u se in , ist e s n ic h t e in fa c h d a m it g e ta n , d a ß m a n rücktheit hatten m ein ganzes W esen erfaß t. F ast w ar es so , als
einer sein m ö chte. V ielm ehr ist es e i n end lo ser K am p f, d er b is b eo b achtete ich m ich selb st aus e i n e m V ersteck. G anz unb e-
z u m a lle rle tz te n A u g e n b lic k u n se re s L e b e n s w ä h rt. N ie m a n d küm m ert b erichtete ich D o n G enaro , d aß er m ich b ei m einem
ist a ls K rie g e r g e b o re n , g e n a u w ie n ie m a n d a ls v e rn u n ftb e - letzten B esuch b einahe zu T o d e erschreckt hab e und ich nicht
g a b te s W e se n g e b o re n w ird . W ir m a c h e n d a s e in e o d e r d a s e in m a l b e i m e in e n E rle b n isse n m it p syc h o tro p e n P fla n z e n in
and ere aus uns. einem so vö llig chao tischen Z ustand gew esen sei. D ie b eid en
R eiß d ich zusam m en! Ich w ill nicht, d aß G enaro sieht, w ie d u bejubelten m eine Ä ußerungen, als h ä t t e ich e i n e n guten W itz
zitterst.« g e m a c h t. Ic h fie l in ih r L a c h e n e in .
E r stand auf und schritt auf d em saub er gefegten V o rp latz auf O ffe n sic h tlic h w u ß te n sie u m m e in e e m o tio n a le B e tä u b u n g .
u n d a b . Ic h k o n n te n ic h t g e la sse n b le ib e n . M e in e N e rv o sitä t Sie beobachteten m ich und h ä n s e lte n m ich, als ob ic h b e t r u n ken
w urd e so heftig, d aß ich nicht m ehr schreib en ko nnte, und ich w äre.
sp ra n g a u f d ie F ü ß e . Irg e n d e tw a s in m ir k ä m p fte v e rz w e ife lt, u m d ie S itu a tio n in
D o n Ju a n h ie ß m ic h , m it d e m G e sic h t n a c h W e ste n a u f d e r den G riff zu bekom m en. I c h h ä t t e m ich l i e b e r betroffen und
S te lle tra b e n . S c h o n v o rh e r h a tte e r m ic h b e i v e rsc h ie d e n e n verängstigt gefühlt.
G e le g e n h e ite n d ie se lb e B e w e g u n g a u sfü h re n la sse n . D a b e i S c h lie ß lic h sp ritz te D o n J u a n m ir W a sse r i n s G e sic h t u n d
ging es d arum , aus d er anb rechend en D äm m erung »K raft« zu n ö tig te m ic h , ru h ig sitz e n z u b le ib e n u n d m ir N o tiz e n z u
z ie h e n , in d e m m a n d ie A rm e m it fä c h e rfö rm ig g e sp re iz te n m a c h e n . E r sa g te , w ie sc h o n v o rh in , ic h m ü sse e n tw e d e r
F in g e rn z u m H im m e l stre c k te u n d d a n n , w e n n d ie A rm e sic h in sc h re ib e n , o d e r ic h w ü rd e ste rb e n . D e r b lo ß e A k t. e i n p a a r
d e r M itte z w isc h e n H o riz o n t u n d Z e n it b e fa n d e n , d ie H änd e W orte niederzuschreiben, brachte m ir m eine v e r t r a u t e S tim -
kraftvo ll zu F äusten b a l l t e . m ung w ieder. E s w ar, als w ürde irgend etw as w ieder g l a s k l a r -
D iese Ü b ung tat ihre W irkung, und fast augenb licklich w urd e etw as, das e in e n A ugenblick zuvor noch stum pf und t a u b w ar.
ich ruhig und gefaß t. I c h ko nnte jed o ch nicht um hin, m ich zu D a s W ie d e ra u fta u c h e n m e in e s g e w o h n te n S e lb st b e d e u te te
fragen, w as m it m einem a l t e n » I c h « geschehen sein m o chte, auch d as W ied erauftauchen m einer gew o hnten Ä ngste. S e l t -
d a s sic h d u rc h d a s A u sfü h re n so e in fa c h e r u n d tö ric h te r sa m e rw e ise h a tte ic h w e n ig e r A n g st d a v o r, A n g st z u h a b e n ,
B ew egungen niem als so vo llko m m en h ä t t e entsp annen können. a ls k e i n e A n g st z u h a b e n . D ie V e rtra u th e it m e in e r a l t e n
N u n w o llte ic h m e in e g a n z e A u fm e rk sa m k e it a u f d a s V e r- G ew o hnheiten, ganz g le ic h , w ie unangenehm sie sein m o ch-
fahren ko nzentrieren, d as D o n Juan zw eifello s b efo lgen w ürd e, t e n , b rachte m ir eine w und erb are E rleichterung. D ann erst
um D o n G enaro zu rufen. I c h erw artete irgend w elche g ro te sk e n w urde m ir v o ll bew ußt, daß D on G enaro gerade aus d em
V o rk e h ru n g e n . D o n Ju a n a b e r sta n d , n a c h S ü d o ste n g e w a n d t, C hap arral aufgetaucht w ar. M eine gew o hnten D enkp ro z e sse
a u f d e r V e ra n d a , le g te d ie H ä n d e tric h te rfö rm ig um d en M und b e g a n n e n w ie d e r z u a rb e ite n . V o n A n fa n g a n w e ig e rte ic h
und r ie f : »G enaro ! K o m m h e r ! « Im n ä c h ste n A u g e n b lic k m ic h , ü b e r d e n g a n z e n V o rg a n g n a c h z u d e n k e n o d e r z u
ta u c h te D o n G e n a ro a u s d e m C h a p a rra l a u f. D ie b e id e n sp e k u lie re n . I c h fa ß te d e n E n tsc h lu ß . i h n n ic h ts z u fra g e n .
stra h lte n . S ie ta n z te n b u c h stä b lic h v o r m ir h in u n d h e r. D iesm al w o llte ich e i n stum m er Z euge b leib en. »G enaro ist
w iedergekom m en, a u s s c h lie ß lic h für d ic h « , sagte D o n Ju a n .
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Don Genaro lehnte an der Hauswand, gegen die er, auf der so k o m isc h , d a ß e r D o n J u a n u n d m ic h z u h yste risc h e m
umgestürzten Milchbütte hockend, seinen Rücken stützte. Er G e lä c h te r re iz te .
sah aus, als reite er auf einem Pferd. Die Hände hielt er nach D o n G e n a ro k e h rte z u r V e ra n d a z u rü c k u n d se tz te sic h . S e in
vorn gestreckt, so daß man den Eindruck hatte, er halte die L ächeln s t r a h l t e e in e seltsam e W ärm e aus. »W enn's nicht geht,
Zügel fest. dann g e h t's h a l t n i c h t « , sagte er achselzuckend.
»Stimmt, Carlitos«, sagte er und stieß die Milchbütte gegen N ach kurzer P ause fügte er seufzend h i n z u : » J a . C a r lito s . der
den Boden. D o p p elgänger ist e i n T raum .« » D u m e in s t, er ist nicht r e a l ? «
Er stieg ab, wobei er das rechte Bein über einen imaginären fragte ich. » N e i n . I c h m eine, er ist e in T raum «, erw id erte er.
Pferdehals schwang, und sprang auf den Boden. Seine Bewe- D on Juan m ischte sich e i n und e r k lä r te . D on G enaro b e z ie h e
gungen waren so perfekt, daß sie mir das unzweifelhafte sich auf d as erste A nzeichen d er E r k e n n t n i s , d aß w ir leuch-
Gefühl eingaben, er sei hoch zu Pferde angekommen. Er kam tende W esen s e ie n .
zu mir herüber und setzte sich zu meiner Linken. »Genaro ist » W i r a lle sind verschieden, und daher s in d die E i n z e l h e i t e n
gekommen, weil er dir von dem Anderen erzählen will«, sagte unserer K äm p fe verschied en«, sagte D o n J u a n . »G leichw o hl
Don Juan. sind die S c h r itte , die w ir t u n m üssen, um den D oppelgänger zu
Er machte eine Gebärde, als ob er Don Genaro das Wort gew innen, die gleichen. B esonders die e r s te n S c h r itte , die stets
erteilte. Don Genaro verbeugte sich. Er drehte sich näher zu verw orren und unsicher s i n d . «
mir. D o n G e n a ro p f l i c h t e t e i h m b e i u n d sa g te e tw a s ü b e r d i e
»Was möchtest du wissen, Carlitos?« fragte er mit überzogener U n sic h e rh e it, d ie e in Z a u b e re r a u f d ie se r S tu fe h a b e . » A l s es
Stimme. m ir zum erstenm al p assierte, w uß te ich n i c h t , d aß es geschehen
»Nun, wenn du mir etwas über den Doppelgänger erzählen w a r « , e r k lä r te er. »E ines T ages sam m elte ic h K räute r im
willst, dann erzähl mir bitte alles«, sagte ich, Gelassenheit G eb irge. I c h w ar zu einer S te lle gegangen, d ie b ereits v o n
vortäuschend. Die beiden schüttelten die Köpfe und schauten a n d e re n K rä u te rsa m m le rn a b g e su c h t w o rd e n w a r. I c h h a t t e
sich an. zw ei gro ß e S äcke v o l l K räuter b ei m ir. I c h w ar b e r e i t , nach
»Genaro wird dir etwas über den Träumer und den Geträumten H ause zu gehen, ab er vo rher w o l l t e ich no ch e in e kurze R a st
erzählen«, sagte Don Juan. m a c h e n . I c h le g te m ic h a m W e g ra n d in d e n S c h a tte n e i n e s
»Wie du weißt, Carlitos«, sagte Don Genaro mit der Miene B a u m e s u n d s c h l i e f e i n . I c h h ö rte d i e S tim m e n v o n
eines sich in Eifer redenden Volksredners, »beginnt der Dop- M enschen, die den B erg herabkam en, und w achte a u f . S chnell
pelgänger im Träumen.« r a n n t e ic h in D e c k u n g u n d v e rste c k te m ic h h i n t e r e i n p a a r
Er warf mir einen Blick zu und lächelte. Seine Augen glitten B üschen, n i c h t w eit von der S traße e n t f e r n t , w o ic h e i n g e -
von meinem Gesicht zu meinem Schreibzeug hinab. »Der s c h la f e n war. D ort v e r s te c k t, h a tte ich das peinigende G e f ü h l ,
Doppelgänger ist ein Traum«, sagte er, kratzte sich unter dem i c h h ä t t e e tw a s v e rg e sse n . I c h s c h a u t e n a c h , o b i c h m e in e
Arm und stand auf. b e id e n K rä u te rsä c k e b e i m i r h a t t e . S ie w a re n n ic h t d a . I c h
Er ging zum Rand des Vorplatzes und trat in den Chaparral sp ähte üb er d ie S traß e zu d em P l a t z hinüb er, w o ich geschlafe n
hinaus. Er stand neben einem Busch, wobei er uns sein Profil h a tte , u n d d a v e rlo r i c h v o r S c h re c k fa st d ie H o se n : D o rt la g
zu drei Vierteln zeigte; anscheinend urinierte er. Im nächsten ic h im m er noch und s c h lie f ! I c h w ar es! I c h faßte m einen
Augenblick bemerkte ich, daß mit ihm etwas nicht in Ordnung K ö rp e r a n . D a s w a r ic h a u c h se lb st! In z w isc h e n h a tte n d i e
war. Offenbar versuchte er verzweifelt, zu urinieren, konnte L e u te , d i e d e n B e rg h e ra b k a m e n , m ic h , d e n S c h la fe n d e n .
aber nicht. Don Juans Lachen zeigte mir, daß Don Genaro
wieder seine Possen trieb. Don Genaro wand und drehte sich
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erreicht, während ich. der Hellwache, hilflos aus meinem Sie hänselten mich wegen meines Mißtrauens. Und dann
Versteck hervorspähte. Zum Teufel! Gleich würden sie mich sprach Don Genaro weiter.
entdecken und mir meine Säcke wegnehmen. Aber sie gingen »Wir alle sind etwas schwer von Begriff«, sagte er. »Du bist
vorüber, als sei ich gar nicht dagewesen. Meine Vision war so nicht der einzige, Carlitos. Ein paar Tage lang war ich über
lebhaft, daß ich ganz außer mir geriet. Ich schrie, und dann meinen Traum erschrocken, aber dann mußte ich für meinen
wachte ich noch einmal auf. Verflucht! Es war ein Traum Lebensunterhalt arbeiten und mich um zu viele Dinge küm-
gewesen!« mern und hatte wirklich keine Zeit, über das Geheimnis meiner
Don Genaro unterbrach seine Erzählung und schaute mich an. Träume nachzugrübeln. Daher vergaß ich es binnen kurzem.
als warte er auf eine Frage oder einen Kommentar. »Sag ihm, Darin war ich ganz wie du.
wo du das zweite Mal aufgewacht bist«, sagte Don Juan. Aber eines Tages, ein paar Monate später, nach einem furchtbar
»Ich w ach te n eb en d er S traß e au f«, sagte D o n G en aro , »w o anstrengenden Tag, schlief ich am Nachmittag tief wie ein Bär.
ich eingeschlafen w ar. A ber e in e W eile w ußte ich nicht r e c h t , Es hatte gerade angefangen zu regnen, und ein Loch im Dach
w o ich w irklich w ar. Fast m öchte ich sagen, daß ich m ir im m er weckte mich auf. Ich sprang aus dem Bett und kletterte aufs
n o c h z u sc h a u te , w ie ic h d o rt a u fw a c h te . D a n n z o g irge n d Dach, um das Loch zuzustopfen, bevor es hereinregnete. Ich
etw as m ich an den Straßenrand, und ich saß da und r i e b m ir fühlte mich so wohl und stark, daß ich augenblicklich mit dieser
die A ugen.« Arbeit fertig war und nicht einmal naß wurde. Mein kurzes
E s entstand e in e lange P ause. Ic h w ußte n i c h t , w as ic h sagen Nickerchen hatte mir, dachte ich, sehr gutgetan. Als ich fertig
sollte. war, kehrte ich ins Haus zurück, um mir etwas zu essen zu
»U nd w as hast du dann g e t a n ? « fragte D on J u a n . A ls die holen, und da erkannte ich, daß ich nicht schlucken konnte. Ich
beiden zu lachen anfingen, e r k a n n t e ich. daß er m ich verulkte. glaubte, ich sei krank. Ich zerstampfte ein paar Wurzeln und
E r im itierte m eine A rt, F ragen zu s t e l l e n . D on G enaro sprach Blätter, strich mir diese Paste um den Hals und ging zu
w eiter. E r sagte, er sei e i n e n A ugenblick verblüfft gew esen, meinem Bett. Und als ich vor dem Bett stand - da verlor ich
und dann habe er sich darangem acht, a l l e s zu überprüfen. beinahe wieder die Hosen. Ich lag im Bett und schlief, ich
»D ie Stelle, w o ich m ich versteckt h a t t e , w ar genauso, w ie ic h wollte mich wachrütteln, aber ich wußte, daß dies nicht das
sie ge se h e n h a tte «, sa gte e r. »U n d d ie L e u te , d i e a u f d e r Richtige war. Also rannte ich aus dem Haus. Mich hatte die
S traß e an m ir vo rb eigegan gen w aren , b efan d en sich gan z in Panik gepackt. Ziellos streifte ich durch die Berge. Ich hatte
der N ähe. D as w eiß ich, w eil ic h ih n e n h in te rh e rlie f . Es w aren keine Ahnung, wohin ich lief, und obgleich ich mein ganzes
die gleichen Leute, die ich gesehen h a tte . Ic h folgte i h n e n , b is Leben dort verbracht hatte, verirrte ich mich. Ich lief durch
sie ins D orf kam en. S ie m üssen m ich für verrückt g e h a l t e n den Regen und spürte ihn nicht einmal. Mir war. als könne ich
h ab en . Ich fragte sie, o b sie m ein en F reu n d am S traß en ran d nicht denken. Dann wurden Blitz und Donner so heftig, daß
schlafen gesehen hätten. A lle v e r n e i n t e n dies.« »D u sieh st«, ich davon abermals erwachte.« Er machte eine Pause.
sagte D o n Ju an , »w ir a l l e m ach en d ie g l e i c h e n Z w e ife l »Möchtest du wissen, wo ich aufwachte'1« fragte er mich.
d u rc h . W ir fü rc h te n u n s. v e rrü c k t z u w e rd e n . Zu unserem »Natürlich«, antwortete Don Juan. »Ich erwachte in den
U nglück sind w ir natürlich a l l e bereits v e r rückt.« Bergen, im Regen«, sagte er. »Aber wieso wußtest du, daß du
»Immerhin bist du ein bißchen verrückter als wir«, sagte Don aufgewacht warst?« fragte ich.
Genaro und zwinkerte mir zu. »Und mißtrauischer.« »Mein Körper wußte es«, erwiderte er. »Das war eine dumme
Frage«, warf Don Juan ein. »Du weißt
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d o ch selb st, d aß irgend etw as in einem K rieger sich stets jed er ters. Ich hatte ihm b ei d er H ausarb eit geho lfen. N un legte ic h
V eränd erung b ew uß t ist. E s ist ja gerad e d as Z iel d er L eb ens- m ic h z u r R u h e u n d f i e l w ie g e w ö h n lic h in e in e n g e su n d e n
w e ise d e s K rie g e rs, d ie se s B e w u ß tse in z u e n tw ic k e ln u n d z u S chlaf. S ein H aus w ar für m ich eindeutig ein O rt der K raft und
e rh a lte n . D e r K rie g e r p fle g t e s, p o lie rt e s u n d h ä lt e s in half m ir. P lö tzlich b eunruhigte m ich ein lautes G eräusch, vo n
Schuß.« d em ich erw achte. D as H aus m eines W o hltäters w ar gro ß . E r
E r h a tte re c h t. Ic h m u ß te ih n e n z u g e ste h e n , d a ß ic h w u ß te , w a r e in w o h lh a b e n d e r M a n n u n d lie ß v ie le fü r sic h a rb e ite n .
d a ß e s irg e n d e tw a s in m ir g a b , d a s a lle s re g istrie rte u n d sic h D e r L ä rm sc h ie n v o n e in e r im K ie s sc h a rre n d e n S c h a u fe l
all dessen, w as ich ta t, bew ußt w ar. U nd doch hatte dies nichts h e rz u rü h re n . Ic h se tz te m ic h a u f, u m z u h o rc h e n , u n d d a n n
m it d e m g e w ö h n lic h e n B e w u ß tse in m e in e r se lb st z u tu n . E s sta n d ic h a u f. D a s G e rä u sc h b e u n ru h ig te m ic h se h r, a b e r ic h
w a r e tw a s a n d e re s, d a s ic h n ic h t e rfa sse n k o n n te . V ie lle ic h t k o n n te n ic h t fe stste lle n , w a ru m . Ic h ü b e rle g te , o b ic h n a c h -
kö nnte D o n G enaro es b esser b eschreib en als ich, m einte ich. sc h a u e n so llte , a ls ic h b e m e rk te , d a ß ic h a m B o d e n la g u n d
»D u schaffst es ganz gut a lle in « , sagte D o n Juan. »E s ist e in e s c h l i e f . D ie sm a l w u ß te ic h . w a s ic h z u e rw a rte n u n d z u tu n
in n e re S tim m e , d ie d ir sa g t, w a s lo s ist. U n d d a m a ls sa g te sie hatte, und fo lgte d em G eräusch. Ich ging in d en hinteren T eil
m ir, d a ß ic h z u m z w e ite n m a l e rw a c h t w a r. S o b a ld ic h d e s H a u se s. D o rt w a r n ie m a n d . D a s G e rä u sc h sc h ie n v o n
a u fw a c h te , w a r ic h n a tü rlic h ü b e rz e u g t, d a ß ic h g eträ u m t d ra u ß e n z u k o m m e n . Ic h g in g ih m n a c h . Je lä n g e r ic h ih m
h a b e n m u ß te . O ffe n b a r w a r e s k e in g e w ö h n lic h e r T ra u m fo lgte, d esto schneller ko nnte i c h m ich b ew egen. S chließ lich
g e w e se n , a b e r e s w a r a u c h n ic h t e ig e n tlic h T rä u m en gew esen. gelangte ich an eine entfernte S telle, w o ich Z euge unglaub licher
D aher kam ich zu d em S chluß , d aß es etw as and eres g e w e se n V o rgänge w urd e.«
se in m u ß te : S c h la fw a n d e ln w a r e s, im H a lb sc h la f, n e h m e ic h Z u r Z e it j e n e r E re ig n isse , e rk lä rte e r, se i e r n o c h in d e n
a n . Ic h k o n n te e s m ir n ic h t a n d e rs e rk lä re n .« D o n G e n a ro A n fä n g e n se in e r L e h rz e it g e w e se n u n d h a b e a u f d e m G e b ie t
e rz ä h lte , se in W o h ltä te r h a b e i h m e rk lä rt, d a ß d a s, w a s e r d e s »T rä u m e n s« n o c h w e n ig E rfa h ru n g g e h a b t, a b e r e r h a b e
e rle b t h a tte , a lle s a n d e re a ls e in T ra u m w a r u n d d aß er sich üb er eine unheim liche G ab e verfügt, sich selb st im T raum zu
nicht d am it b egnügen d ürfe, es als S chlafw and eln aufzufassen. sehen.
»W a s, m e in te e r, w a r e s d e n n ? « fra g te ic h . »W o hin b i s t d u gegangen. D o n G enaro ? « fragte ich. »D ies w ar
S ie tauschten einen B lick aus. das erste M al, daß ich m ich w irklich beim Träum en fo rtb e w e g t
»E r sa g te m ir, e s w a r d e r B u tz e m a n n «, a n tw o rte te D o n h a b e «, sa g te e r. »A b e r i c h w u ß te g e n u g d a rü b e r, um m ich
G e n a ro , w o b e i e r d ie S tim m e e in e s k le in e n K in d e s n a c h - r ic h tig zu v e r h a lte n . Ich achtete darauf, nichts direkt
ahm te. anzuschauen, und fand m ich sc h lie ß lic h in e in e r tie f e n S chlucht
I c h erklärte ihnen, ich w üßte gern, ob D on G enaros W ohltäter es w ied er, w o m ein W o hltäter e i n e n T eil seiner K raft-P flanzen
genauso erklärt hab e, w ie sie selb st es t a t e n . »N atürlich tat er stehen h a tte .«
d a s « , sagte D o n Juan. »M ein W o hltäter e r k l ä r t e « , fuhr D o n »M einst d u, es funktio niert b esser, w enn m an nur w enig üb er
G enaro fo rt, » d a ß d er T raum , in d em m an sich selb st im S chlaf das Träum en w e iß ? « , fragte ich.
b eo b achtet, d ie Z eit d es D o p p elgängers sei. E r em p fahl m ir, ich » N e i n ! « w arf D o n Juan e i n . »Jed er vo n uns hat d ie G ab e zu
so lle, s t a t t m eine K raft auf G rübeleien und Z w eifel zu etw as B eso nd erem . G enaro s B egab ung ist d as T rä u m en .« »W a s
verschw enden, die G elegenheit zum H and eln nutzen, und f a l l s h a st d u d o rt in d e r S c h lu c h t g e se h e n , D o n G e n a ro ? « fragte ich.
ich no ch einm al eine G e le g e n h e it b e k ä m e , d a ra u f v o rb e re ite t »Ich sah m einen W o hltäter, d er gefährliche D inge m it and ere n
se in . M e in e n ä c h ste C h a n c e e rg a b sic h im H a u se m e in e s L e u te n a n ste llte . I c h g la u b te , ic h se i d o rt, u m ih m z u h e lfe n ,
W o h ltä - u n d v e rste c k te m ic h h in te r d e n B ä u m e n . D o c h ic h
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konnte nicht w issen, w ie ich ihm helfen so llte. Im m erhin w ar Haus entfernt. Ich ging umher und sah mir alle Einzelheiten
ich n ich t d u m m , u n d ich erkan n te, d aß d iese S zen e n u r d azu dieses Platzes an. Ich stand im Schatten eines großen Baumes
b e stim m t w a r, d a ß ic h b e o b a c h te te , n ic h t a b e r se lb st a n ih r und spähte über einen flachen Landstrich zu den Maisfeldern
m itw irkte.« am Hang eines Hügels hinüber. Dann überraschte mich etwas
»W ann und w ie und w o bist du aufgew acht?« »Ich w eiß nicht, ganz Ungewöhnliches. Die Details der Umgebung veränderten
w ann ich aufw achte. E s m uß Stunden später gew esen sein . Ich sich nicht und verschwanden auch nicht, wie lange ich sie auch
w eiß n u r, d aß ich m ein em W o h ltäter u n d d e n a n d e re n anstarrte. Ich bekam es mit der Angst zu tun und lief dorthin
M ä n n e rn fo lgte , u n d a ls sie b e in a h e d a s H a u s m eines zurück, wo ich schlief. Ich lag noch genau an der Stelle, wo
W ohltäters erreicht hatten, w urde ich durch den Lärm , den sie ich vorher gewesen war. Ich" fing an. mich zu beobachten. Ich
m achten - denn sie stritten m iteinander -, aufgew eckt. Ich w ar empfand eine unheimliche Gleichgültigkeit gegenüber diesem
an d er S telle, w o ich m ich sch lafen d liegen geseh en hatte. Körper, den ich beobachtete. Dann hörte ich die Schritte von
B e im E rw a c h e n e rk a n n te ic h , d a ß , w a s im m e r ic h ge se h e n näherkommenden Menschen. Anscheinend waren immer
o d er getan h ab en m o ch te, kein T rau m gew esen w ar. Ich w ar irgendwelche Leute hinter mir her. Ich lief einen kleinen Hügel
w irklich , d u rch d as G eräu sch gefü h rt, ein S tü ck w eit ge- hinauf und beobachtete vorsichtig von dort oben, was geschah.
gangen.« Es kamen etwa zehn Menschen zu dem Feld, wo ich schlafend
»W ußte dein W ohltäter, w as du tatst?« »A b e r sic h e r. E r h a tte lag. Lauter junge Männer. Ich rannte zurück zu der Stelle, wo
d ie se s G e rä u sc h m it d e r S c h a u fe l gem acht, um m ir zu helfen, ich lag, und nun erlebte ich einen der verzweifeltsten
m eine A ufgabe zu erfüllen. A ls er ins H aus trat, gab er vor, m ich Augenblicke meines Lebens, während ich mich dort liegen sah
auszuschelten, w eil ich eingesc h la fe n w a r. Ic h w u ß te a b e r, - schnarchend wie ein Schwein. Ich wußte, daß ich mich
d a ß e r m ic h g eseh en h a tte . Später, als seine Freunde aufwecken mußte, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich es
gegangen w aren, erzählte er m ir, er h ab e m ein L eu ch ten h in ter anfangen sollte. Auch wußte ich. daß es für mich tödlich
d en B äu m en b em erkt.« D ie se d re i E p iso d e n , sa gte D o n ausgehen konnte, wenn ich mich selbst weckte. Aber falls
G e n a ro , h ä tte n ih n a u f d e n W eg d es »T räu m en s« geb rach t, diese jungen Männer mich dort fänden, würde es für sie sehr
u n d es h ab e fü n fzeh n Jah re ged au ert, b is er sein e n äch ste unangenehm sein. Alle diese Überlegungen, die mir durch den
G elegen h eit b eko m m en h ab e. »D as vierte M al w ar eine Kopf schössen, waren nicht eigentlich Gedanken. Besser
phantastischere und vollkom m enere V ision«, sagte er. » I c h fand gesagt, es waren Szenen, die sich vor meinen Augen abspielten.
m ich schlafend inm itten bebauter F e ld e r. D o rt sa h ic h m ic h , Meine Besorgnis zum Beispiel war eine Szene, bei der ich mich
w ie ic h in tie fe m S c h la f a u f d e r Seite lag. Ich w ußte, daß dies sah. während ich das Gefühl hatte, in der Falle zu sitzen. Ich
das Träum en w ar, denn ich hatte m ic h je d e n A b e n d d a ra u f nenne das Besorgnis. Nach diesem ersten Mal ist es mir noch
v o rb e re ite t z u trä u m en . In d e r R egel hatte ich m ich jedesm al, viele Male passiert. Nun gut, da ich nicht wußte, was ich tun
w enn ich m ich im S chlaf sah, a n d e r S te lle b e fu n d e n , w o ic h sollte, stand ich da und schaute mich an, auf das Schlimmste
e in ge sc h la fe n w a r. D ie sm a l aber w ar ich nicht in m einem gefaßt. Eine Reihe flüchtiger Bilder zog vor meinen Augen
B ett, und ich w ußte, daß ich an d ie se m A b e n d z u B e tt vorbei. Besonders an eines klammerte ich mich: den Anblick
ge ga n ge n w a r. B e i d ie se m T rä u m en w ar es T ag. A lso w o llte von meinem Haus, meinem Bett. Das Bild wurde ganz klar.
ich d er S ach e au f d en G ru n d geh en . Ic h v e rlie ß d ie S te lle , w o Ach, wie wünschte ich, daheim im Bett zu sein! Dann rüttelte
ic h la g, u n d v e rsu c h te m ic h z u o rien tieren . Ich w u ß te, w o ich mich jemand; es fühlte sich an, als ob mich jemand schlüge, und
m ich b efan d . T atsäch lich w ar ich n ich t allzu w eit, vielleich t ich erwachte. Ich lag auf dem Bett! Offenbar hatte ich geträumt.
ein p aar M eilen , vo n m ein em Ich sprang auf und lief zu der Stelle, wo mein Träumen
stattgefunden
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hatte. Sie war genauso, wie ich sie gesehen hatte. Die jungen mit dem Gesicht auf dem harten Boden auf. Automatisch hielt
Männer waren da und arbeiteten. Lange schaute ich ihnen zu. ich meinen rechten Arm nach vorn und suchte meinen Sturz zu
Es waren dieselben, die ich gesehen hatte. Gegen Ende des dämpfen. Einer von ihnen hielt mich fest, indem er mein
Tages, als alle gegangen waren, kehrte ich zu der gleichen Stelle Genick nach unten drückte. Ich war nicht sicher, wer von
zurück und stand genau an dem Fleck, wo ich mich im Schlaf beiden es war. Die Hand, die mich festhielt, fühlte sich nach
gesehen hatte. Ja, dort hatte jemand gelegen. Das Gras war Don Genaro an. Ich erlebte einen Augenblick verheerender
niedergedrückt.« Don Juan und Don Genaro beobachteten Panik. Mir war. als ob ich in Ohnmacht fiele, vielleicht tat ich es
mich. Sie sahen aus wie zwei seltsame Tiere. Ein Frösteln lief auch. Auf meinem Magen lastete ein solcher Druck, daß ich
mir über den Rücken. Ich stand im Begriff, mich der ganz mich übergeben mußte. Meine nächste klare Wahrnehmung
begründeten Angst hinzugeben, sie könnten keine wirklichen war, daß jemand mir half, mich aufrecht zu setzen. Don Genaro
Menschen sein wie ich, aber Don Genaro lachte. hockte vor mir. Ich wandte mich um und suchte Don Juan. Er
»Zu jener Zeit«, sagte er, »war ich genau wie du, Carlitos. Ich war nirgends zu sehen. Don Genaro zeigte mir ein strahlendes
wollte alles herausfinden. Ich war genauso mißtrauisch wie Lächeln. Seine Augen leuchteten. Sie blickten starr in die
du.« meinen. Ich fragte ihn, was er denn mit mir angestellt hätte, und
Er machte eine Pause, dann hob er drohend den Finger. er sagte, ich sei in Stücke gegangen. Seine Stimme klang
Anschließend schaute er Don Juan an. vorwurfsvoll, und er schien verärgert oder unzufrieden mit mir.
»Warst du nicht ebenso mißtrauisch wie dieser Kerl hier?« Mehrmals wiederholte er, ich sei in Stücke gegangen und
fragte er. müsse wieder ganz und heil werden. Er versuchte einen
»Keine Spur«, sagte Don Juan. »Er ist unbestrittener Meister.« strengen Ton vorzutäuschen, aber mitten in seiner Rede mußte
Don Genaro wandte sich zu mir und machte eine Geste des er lachen. Er erzählte mir, wie furchtbar es sei. daß ich über den
Bedauerns. ganzen Platz verstreut sei. und daß er wohl einen Besen holen
»Ich glaube, ich habe mich geirrt«, sagte er. »Ich war nicht müsse, um alle meine Teile auf einen Haufen zu kehren.
ganz so mißtrauisch wie du.« Schließlich meinte er. ich würde die Teile womöglich falsch
Sie kicherten leise, als wollten sie keinen Lärm machen. Don zusammensetzen, und endlich würde mein Penis noch dort
Juans Körper wand sich in unterdrücktem Lachen. »Dies ist für sitzen, wo mein Daumen sein sollte. An diesem Punkt
dich ein Ort der Kraft«, flüsterte Don Genaro. »Du hast dir ja platzte er heraus. Ich wollte lachen, und dann hatte ich eine
die Finger wund geschrieben, hier, wo du hockst. Hast du hier höchst ungewöhnliche Empfindung. Mein Körper f i e l
jemals wilde Träume gehabt?« »Nein, das nicht«, sagte Don auseinander. Es war, als sei ich ein mechanisches Spielzeug,
Juan leise. »Aber er hat wie wild geschrieben.« das sich einfach in seine Bestandteile auflöste. Ich hatte
Sie konnten kaum noch an sich halten. Anscheinend wollten keinerlei körperliche Empfindungen mehr und verspürte auch
sie nicht laut lachen. Es schüttelte sie förmlich. Ihr unter- weder Angst noch Sorge. Das Auseinanderfallen war eine
drücktes Lachen klang wie ein rhythmisches Gackern. Don Szene, die ich aus dem Blickwinkel eines unbeteiligten
Genaro setzte sich aufrecht und rückte näher. Er klopfte mir Beobachters erlebte, und doch gewahrte ich nichts, was einer
mehrmals auf die Schulter und sagte, ich sei ein Halunke, und Sinneswahrnehmung gleichgekommen wäre. Das nächste, was
dann riß er plötzlich meinen linken Arm heftig zu sich. Ich verlor mir bewußt wurde, war. daß Don Genaro sich an meinem
das Gleichgewicht und fiel nach vorn. Fast schlug ich Körper zu schaffen machte. Dann hatte ich eine körperliche
Empfindung, ein so heftiges Beben, daß ich alles um mich her
80 aus den Augen verlor. Abermals hatte ich das Gefühl, daß
jemand mir behilflich war.

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mich aufrecht zu setzen. Wieder sah ich Don Genaro vor mir ten Prozesse wieder ein. Sie waren nicht so deutlich wie meine
hocken. Er zog mich an den Schultern hoch und half mir gewohnten Aktivitäten, aber klar genug, um zu erkennen, daß
umherzugehen. Ich konnte nicht feststellen, wo ich war. Ich die Szene oder das Gefühl, das ich isoliert hatte, darin bestand,
hatte das Gefühl, in einem Traum zu sein, und doch hatte ich daß Don Juan und Don Genaro auf Don Juans Veranda waren
ein exaktes Gefühl für den Zeitablauf. Ich war mir genau und mich unter den Armen festhielten. Ich wollte weiter durch
bewußt, daß ich soeben mit Don Genaro und Don Juan auf der andere Bilder und Gefühle fliehen, aber sie ließen mich nicht
Veranda von Don Juans Haus gewesen war. Don Genaro ging los. Einen Augenblick wehrte ich mich. Ich fühlte mich
neben mir her und stützte mich unter der linken Achsel. Die beschwingt und glücklich. Ich wußte, daß ich die beiden gern
Szene, die ich beobachtete, veränderte sich dauernd. Doch ich hatte, und dann wußte ich auch, daß ich keine Angst vor ihnen
konnte nicht feststellen, was ich da eigentlich beobachtete. Was hatte. Ich wollte mit ihnen scherzen, doch ich wußte nicht wie,
ich vor mir sah, war eher wie ein Gefühl oder eine Stimmung; und ich lachte dauernd und schlug sie auf die Schultern. Noch
und der Mittelpunkt, von dem all diese Veränderungen etwas war mir bewußt. Ich war sicher, daß ich »träumte«. Sobald
ausgingen, war eindeutig mein Bauch. Dieser Zusammenhang ich meinen Blick auf irgend etwas konzentrierte, wurde es sofort
wurde mir nicht als Gedanke oder Erkenntnis klar, sondern als verschwommen. Don Juan und Don Genaro sprachen zu mir.
körperliche Empfindung, die ganz deutlich wurde und alles Ich konnte ihre Worte nicht recht festhalten, und ich konnte
beherrschte. Die Schwankungen kamen aus meinem Bauch. nicht unterscheiden, wer von beiden sprach. Dann drehte Don
Ich schuf eine Welt, einen endlosen Ablauf von Gefühlen und Juan meinen Körper um und wies auf ein am Boden liegendes
Bildern. Alles, was ich wußte, war sichtbar da. Dies war selbst Etwas. Don Genaro zog mich näher heran und führte mich um
ein Gefühl, nicht aber ein Gedanke oder eine bewußte es herum. Das Etwas war ein Mann, der am Boden lag. Er lag
Feststellung. auf dem Bauch, das Gesicht nach rechts gewandt. Während sie
Einige Zeit versuchte ich mir Rechenschaft zu geben, was sprachen, zeigten sie immer wieder auf den Mann. Sie zogen
eigentlich vor sich ging; meine Gewohnheit, mir über alles ein und zerrten mich im Kreis um ihn herum. Ich konnte meinen
Urteil zu bilden, war anscheinend nicht kleinzukriegen. Ir- Blick nicht auf ihn fixieren, aber schließlich hatte ich ein Gefühl
gendwann aber setzte meine innere Buchhaltung aus, und ein der Ruhe und Nüchternheit, und ich schaute den Mann an. Ganz
namenloses Etwas hüllte mich ein - Gefühle und Bilder aller langsam dämmerte mir die Erkenntnis, daß der Mann dort am
A rt. Boden ich selbst war. Diese Erkenntnis bereitete mir keinerlei
A n einem gew issen P unkt setzte das innere R egistrieren bei Angst oder Unbehagen. Ich akzeptierte es einfach ohne Ge-
m ir w ieder ein, und ich bem erkte, daß e in B ild sich dauernd fühlsbeteiligung. In diesem Augenblick schlief ich nicht ganz,
w iederholte: E s w aren D on Juan und D on G enaro, die m ich aber ich war auch nicht völlig wach oder bei klarem Bewußt-
zu fassen versuchten. Das Bild war flüchtig, es glitt schnell an sein. Auch erkannte ich Don Juan und Don Genaro jetzt besser
mir vorbei. Es war so ähnlich, als sähe ich sie aus dem Fenster und konnte sie auseinanderhalten, wenn sie mit mir sprachen.
eines schnellen Fahrzeugs. Offenbar versuchten sie, mich zu Don Juan sagte, wir würden nun zu dem kreisrunden Platz der
fangen, während ich vorbeischwebte. Das Bild wurde klarer Kraft im Chaparral gehen. Kaum hatte er es ausgesprochen, da
und hielt länger an, je öfter es sich wiederholte. Irgendwann tauchte in meinem Kopf schlagartig das Bild jenes Ortes auf.
gewahrte ich bewußt, daß ich es willkürlich aus Tausenden Ich sah die dunkle Masse der ihn umgebenden Büsche. Ich
anderer Bilder isolieren konnte. Die übrigen überflog ich wandte mich nach rechts; auch Don Juan und Don Genaro
sozusagen, um zu dieser besonderen Szene zu gelangen. waren da. Ich spürte einen Schlag und hatte das Gefühl, daß
Schließlich konnte ich sie festhalten, indem ich an sie dachte. ich mich vor ihnen fürchtete. Vielleicht
Kaum hatte ich angefangen zu denken, setzten meine gewohn-
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deshalb, weil sie wie zwei bedrohliche Schatten aussahen. Sie betäubt. Erst nachdem ich angefangen hatte, in meinem No-
kamen näher. Sobald ich ihre Gesichter erkannte, verschwanden tizbuch zu schreiben, erlangte ich mein normales Bewußtsein
meine Ängste. Ich hatte sie wieder gern. Es war, als sei ich wieder. Es war eine Überraschung für mich, daß das Schreiben
betrunken und könne meine Gedanken nirgends festmachen. eine sofortige Ernüchterung bewirken konnte. In dem
Sie packten mich an den Schultern und schüttelten mich mit Augenblick, als ich wieder ich selbst war, stürmte sogleich ein
vereinten Kräften. Sie befahlen mir aufzuwachen. Ich konnte Trommelfeuer von vernünftigen Gedanken auf mich ein; sie
ihre Stimmen deutlich hören und unterscheiden. Dann kam ein drehten sich um die Erklärung des Phänomens, das ich soeben
einzigartiger Augenblick. Ich hatte zwei Bilder vor meinem erlebt hatte. Ich »wußte« auf der Stelle, daß Don Genaro mich
inneren Auge, zwei Träume. Mir war, als ob irgend etwas in mir in dem Moment hypnotisiert hatte, als er mich auf den Boden
fest schlief und nun erwachte, und ich fand mich auf dem drückte, aber ich versuchte nicht, herauszufinden, wie er es
Fußboden der Veranda liegend wieder, während Don Juan und angestellt hatte.
Don Genaro mich schüttelten. Aber ich war auch an dem Ort Als ich meine Gedanken vortrug, lachten die beiden fast
der Kraft, und Don Juan und Don Genaro schüttelten mich hysterisch. Don Genaro untersuchte meinen Bleistift und
ebenfalls. Es gab einen entscheidenden Moment, wo ich weder meinte, dieser Bleistift sei der Schlüssel, mit dem man mein
an der einen noch an der anderen Stelle war, sondern an zwei Uhrwerk aufziehen könne. Ich war streitlustig, war müde und
Orten als Beobachter zwei Szenen gleichzeitig sah. Ich hatte die reizbar. Schließlich schrie ich sie förmlich an. während sie sich
unglaubliche Empfindung, als könne ich mich in diesem vor Lachen schüttelten.
Augenblick für das eine oder das andere entscheiden. Ich Dann sagte Don Juan, es sei wohl verzeihlich, einmal daneben
brauchte nur den Gesichtswinkel zu wechseln und eine der zu treffen, aber nicht mit so weitem Abstand; und Don Genaro
beiden Szenen, statt sie von außen zu beobachten, aus der sei schließlich nur gekommen, um mir zu helfen und mir das
Perspektive des Subjekts zu erfühlen. Von Don Juans Haus Geheimnis des Träumenden und Geträumten zu zeigen.
ging irgendwie eine starke Wärme aus. Diese Szene bevorzugte Meine Gereiztheit erreichte einen Höhepunkt. Don Juan gab
ich. Don Genaro mit einer Kopfbewegung ein Zeichen. Beide
Sodann spürte ich einen fürchterlichen Schauder, so schreck- standen auf und führten mich hinter das Haus. Dort demon-
lich, daß mein volles, normales Bewußtsein augenblicklich zu strierte Don Genaro sein großes Repertoire von Tierstimmen
mir zurückkehrte. Don Juan und Don Genaro gössen aus und -schreien. Er forderte mich auf, mich für eine davon zu
Eimern Wasser über mich. Ich war auf der Veranda vor Don entscheiden, und lehrte mich, sie nachzuahmen. Nach
Juans Haus. stundenlanger Übung gelang es mir. sie einigermaßen gut zu
imitieren. Zu guter Letzt hatten sie selbst an meinen
Ein paar Stunden später saßen wir in der Küche. Don Juan unbeholfenen Versuchen Spaß gefunden und lachten, bis ihnen
hatte darauf bestanden, daß ich mich so benähme, als sei förmlich die Tränen kamen, und ich hatte durch das
nichts geschehen. Er gab mir etwas zu essen und sagte, ich Nachahmen eines lauten Tierschreis die Spannung in mir
solle ordentlich zugreifen, um meine verausgabte Energie gemildert. Diese meine Imitation, so sagte ich ihnen, war mir
wieder aufzufrischen. wirklich irgendwie unheimlich. Meine körperliche Entspannt-
Nachdem wir uns zu Tisch gesetzt hatten, schaute ich auf die heit war unvergleichlich. Wenn ich diesen Schrei vervoll-
Uhr; es war halb neun abends. Mein Erlebnis hatte mehrere kommnete, meinte Don Juan, dann könnte ich ihn zu einem
Stunden gedauert. Was aber meine Erinnerung betraf, so schien Medium der Kraft machen, oder ich könnte ihn auch einfach
es mir, als hätte ich nur eine kurze Weile geschlafen. Obgleich benutzen, um meine Spannung zu lindern, wann immer es
ich jetzt ganz ich selbst war, war ich immer noch wie
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nö tig sein so llte. D ann schlug er vo r, ich so lle schlafen gehen. »Paß auf!« sagte er. »Ein Krieger legt seine Wachsamkeit nie
A b er ich fürchtete m ich vo r d em E inschlafen. E inige Z eit saß ab. Wenn du weiterhin so glücklich bist, dann wirst du das
ic h n o c h b e i ih n e n a m H e rd fe u e r, u n d d a n n fie l ic h g a n z v o n bißchen Kraft, das dir geblieben ist, bald aufgezehrt haben.«
selb st in einen tiefen S chlaf. »Was soll ich denn tun?« fragte ich.
B e i T a g e sa n b ru c h e rw a c h te ic h . D o n G e n a ro sc h lie f n e b e n »Sei du selbst«, sagte er. »Zweifle an allem! Sei mißtrauisch!«
d e r T ü r. A n sc h e in e n d e rw a c h te e r z u r g le ic h e n Z e it w ie ic h . »Aber es gefällt mir nicht, so zu sein. Don Juan.« »Es kommt
S ie h a tte n m ic h z u g e d e c k t u n d m ir m e in e Ja c k e a ls K isse n nicht darauf an, was dir gefällt oder nicht. Worauf es einzig
unter den K opf geschoben. Ich w ar sehr ruhig und fühlte m ich ankommt, ist: Was kannst du als Schild benutzen? Ein Krieger
ausgeruht. Ich b em erkte zu D o n G enaro , ich sei am V o rab end muß alles ihm Verfügbare benutzen, um seine tödliche Lücke
w o h l re c h t e rsc h ö p ft g e w e se n . E r e b e n fa lls, m e in te e r. E r zu schließen, sobald sie sich öffnet. Es ist also ganz unerheblich,
flüsterte, als w o lle er m ir etw as anvertrauen, und erzählte m ir, daß es dir nicht gefällt, mißtrauisch zu sein oder Fragen zu
daß D on Juan noch erschöpfter gew esen sei, w eil er im m erhin stellen. Die ist jetzt dein einziger Schild. Schreib, schreib!
älter sei als w ir. Sonst stirbst du. An freudiger Erregung zu sterben, das ist ein
»D u u n d ic h , w ir sin d ju n g «, sa g te e r, u n d se in e A u g e n kläglicher Tod.«
fu n k e lte n . »E r a b e r ist a lt. E r m u ß j e t z t a n d ie d re ih u n d e rt »Wie sollte ein Krieger denn sterben?« fragte Don Genaro
Jahre alt sein.« genau in meinem Tonfall.
I c h se tz te m ic h ra sc h a u f. D o n G e n a ro z o g sic h d ie D e c k e »Ein Krieger stirbt schwer«, sagte Don Juan. »Sein Tod muß
ü b e rs G e sic h t u n d la c h te d rö h n e n d . In d ie se m A u g e n b lic k mit ihm kämpfen, wenn er ihn holen will. Ein Krieger wirft
k a m D o n Ju a n h e re in . sich ihm nicht in die Arme.«
Ic h sp ü rte so e tw a s w ie V o llk o m m e n h e it u n d F rie d e n . Im Don Genaro riß die Augen gewaltig auf, dann blinzelte er.
A ugenb lick w enigstens ko nnte m ir gar nichts etw as anhab en. »Was Genaro dir gestern gezeigt hat. ist von größter Wichtig-
Ich fühlte m ich so w o hl, d aß m ir nach W einen zum ute w ar. In keit«, fuhr Don Juan fort. »Du kannst es jetzt nicht durch
d er vergangenen N acht, m einte D o n Juan, hätte ich ange- frommen Eifer von dir abwehren. Gestern sagtest du mir, du
fangen, m ir m einer leuchtend en G estalt b ew uß t zu w erd en. E r interessiertest dich nur für den Doppelgänger. Aber sieh, was
em p fahl m ir, nicht in d em W o hlgefühl zu schw elgen, d as ich du jetzt machst! Du kümmerst dich gar nicht mehr um ihn.
e m p fa n d , d e n n e s k ö n n te sic h in S e lb stg e fä llig k e it v e rw a n - Das ist das Problem mit den Übereifrigen, sie sind nach beiden
deln. Seiten übereifrig. Gestern nichts als Fragen, heute nichts als
» I m A ugenb lick«, m einte ich, » w i l l ich nichts erklärt hab en. Einverständnis.«
E s ist g a n z e g a l, w a s D o n G e n a ro g e ste rn a b e n d m it m ir Ich wandte ein. er finde doch an allem, was ich tat, einen
gem acht h a t.« Makel, ganz gleich, wie ich es anstellte. »Das ist nicht wahr!«
» I c h h a b e n ic h ts m it d ir g e m a c h t«, e rw id e rte D o n G e n a ro . rief er. »An der Lebensweise eines Kriegers gibt es keinen
»S chau, ich b i n es, G enaro! D ein G enaro! F aß m ich doch an! Makel. Befolge sie, und niemand wird deine Handlungen
Ich um arm te D o n G enaro , und w ir lachten b eid e w ie K ind er. kritisieren können. Wie war es zum Beispiel gestern? Es wäre
E r fragte m ich, o b es m ir nicht seltsam erscheine, d aß ich i h n der Art eines Kriegers gemäß gewesen, wenn du zuerst ohne
jetzt um arm en kö nne, w ährend ich ihn d as le tz te M al, als ich Furcht und Mißtrauen Fragen gestellt hättest und dir dann von
ih n h ie r tra f, n ic h t h ä tte a n rü h re n k ö n n e n . Ic h v e rsic h e rte ihm , Genaro das Geheimnis des Träumers hättest zeigen lassen, ohne
d erlei F ragen interessierten m ich nicht m ehr. D o n Juan dich gegen ihn aufzulehnen und ohne dich zu erschöpfen.
b em erkte, ich schw elgte jetzt w o hl ganz im G efühl, gro ß zügig Heute entspräche es der Art eines Kriegers, wenn du aus dem,
und gut zu sein. was du gelernt hast, die Summe
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zögest - ohne Überheblichkeit und ohne frommen Eifer. Tu vertan, und als es für dich Zeit war, die Tat eines Kriegers zu
das, und niemand wird einen Makel daran finden.« Nach dem vollbringen, hattest du nicht mehr genug Mumm.« »Was wäre
Ton seiner Stimme zu urteilen, mußte Don Juan über meine diese Tat eines Kriegers gewesen. Don Juan 0 « »Ich sagte dir
Stümperei sehr verärgert sein. Aber er lächelte mir zu, und doch, daß Genaro zu dir kam. um dir etwas zu zeigen, nämlich
dann kicherte er, als müsse er über seine eigenen Worte lachen. das Geheimnis der leuchtenden Wesen als Träumer. Du
Ich sagte ihm, ich hielte mich bloß zurück, da ich sie nicht mit wolltest etwas über den Doppelgänger erfahren. Nun. er beginnt
meinen Grübeleien langweilen wolle. Tatsächlich war ich ganz in den Träumen. Aber dann fragtest du: >Was ist der
überwältigt von dem, was Don Genaro getan hatte. Ich war Doppelgänger?<. und ich sagte dir. der Doppelgänger ist das
überzeugt gewesen - obgleich es mir jetzt nicht mehr darauf Selbst. Das Selbst träumt den Doppelgänger. Ganz einfach,
ankam -, daß Don Genaro im Gebüsch gewartet hatte, bis Don nicht wahr? Nur daß an uns Menschen überhaupt nichts
Juan ihn rief. Später hatte er dann meine Furcht mißbraucht einfach ist. Vielleicht sind die gewöhnlichen Träume des
und sie ausgenutzt, um mich zu betäuben. Zweifellos war ich, Selbst einfach, aber das heißt nicht, daß das Selbst einfach
als ich gewaltsam zu Boden gedrückt wurde, ohnmächtig wäre. Sobald das Selbst gelernt hat. den Doppelgänger zu
geworden, und dann hatte Don Genaro mich wohl träumen, erreicht es diesen unheimlichen Scheideweg, und es
hypnotisiert. kommt der Augenblick, da man erkennt, daß es der Doppel-
Don Juan wandte ein, ich sei zu stark, mich so leicht überwäl- gänger ist. der das Selbst träumt.«
tigen zu lassen. Ich hatte alles aufgeschrieben, was er gesagt hatte. Ich hatte
»Was geschah also wirklich?« fragte ich ihn. »Genaro kam zu auch versucht, auf das Gesagte zu achten, aber ich hatte ihn
dir, um dir etwas ganz Außerordentliches mitzuteilen«, sagte nicht verstanden.
er. »Als er aus dem Gebüsch kam, da war es Genaro, der Don Juan wiederholte seine Ausführungen. »Die Lehre von
Doppelgänger. Man könnte es noch anders ausdrücken, und dies gestern abend handelte, wie gesagt, vom Träumer und
würde es noch besser erklären, aber das kann ich jetzt noch vom Geträumten oder davon, wer wen trä u m t.«
nicht.« »Warum nicht, Don Juan?« »W ie b i t t e ? « fragte ic h . D ie
»Weil du noch nicht bereit bist, über die Ganzheit des Selbst zu beiden la c h te n la u th a ls .
sprechen. Im Augenblick kann ich dir nur sagen, daß dieser »G estern a b e n d « . fuhr D on J u a n f o r t , » h ä t t e s t du d ic h b e i-
Genaro hier nicht der Doppelgänger ist.« Mit einer n ah e d afü r e n t s c h i e d e n , am O rt d er K raft au fzu w ach en .« »W as
Kopfbewegung wies er auf Don Genaro. Dieser blinzelte ein m e in s t du d a m i t . D on J u a n ? «
paarmal. » D a s w äre d ie Tat gew esen. H a t t e s t du n i c h t in d e i n e n b l ö d -
»Der Genaro von gestern abend war der Doppelgänger. Und s i n n i g e n G ew o h n h eiten gesch w elgt, d an n h ä t t e s t d u gen u g
wie ich dir schon sagte, hat der Doppelgänger unvorstellbare K raft g e h a b t , d i e G ren ze zu ü b ersp rin gen , u n d d u h ä t t e s t dich
Kraft. Er hat dir etwas ganz Wichtiges gezeigt. Zu diesem z w e i f e l l o s zu T ode e r s c h r e c k t. G l ü c k l i c h e r w e i s e oder
Zweck mußte er dich berühren. Der Doppelgänger berührte u n glü cklich erw eise, w ie m an 's n im m t, h a t t e s t d u n ich t gen u g
dich einfach im Genick, an derselben Stelle, wo vor Jahren der K raft. D u rch d em s i n n l o s e s D u rch ein an d er h ast d u d ein e K raft
Verbündete auf dich getreten ist. Natürlich warst du weg wie so gar in d em M aß vertan , d aß d u b ein ah n ich t m eh r gen u g zu m
eine ausgeblasene Kerze. Und natürlich hast du dich auch wie Ü b erleb en h a t t e s t .
ein Hanswurst gehenlassen. Wir brauchten Stunden, um dich D u versteh st also , d aß es n i c h t n u r d u m m u n d versch w en d er is c h
wieder auf die Beine zu bringen. Dadurch hast du deine Kraft ist. d ic h gehenzulassen u n d d e i n e n k l e i n e n M arotten zu frönen.
Ein Krieger, der sich erschöpft, kann nicht überleben.
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Der Körper ist nicht unzerstörbar. Du hättest schwer krank Das Geheimnis der leuchtenden Wesen
werden können. Du wurdest es nicht, nur weil Genaro und ich
deinen Leichtsinn etwas aufgefangen haben.« Die volle
Wucht seiner Worte begann auf mich einzuwirken.
»Gestern abend führte Genaro dich durch die Schwierigkeiten S tu n d e n la n g u n te rh ie lt m ic h D o n G e n a ro m it a b su rd e n In -
des Doppelgängers hindurch«, fuhr Don Juan fort. »Nur er struktio nen, w ie ich m ich im täglichen L eb en verhalten so llte.
kann dies für dich tun. Und es war keine Vision oder D o n Ju a n m e in te , ic h so lle m ir D o n G e n a ro s E m p fe h lu n g e n
Halluzination, als du dich am Boden liegen sahst. Du hättest ernstlich zu H erzen nehm en, denn sie seien, obzw ar scherzhaft
dies mit unendlicher Klarheit erkennen können, wenn du dich vo rgetragen, keinesw egs sp aß ig gem eint. G egen M ittag stand
nicht in einer Schwelgerei verloren hättest, und dann hättest du D o n G enaro auf und ging o hne ein W o rt d e r E rk lä ru n g in s
erkennen können, daß du selbst wie ein Traum bist, daß dein G e b ü sc h . Ic h w o llte e b e n fa lls a u fste h e n , a b e r D o n Ju a n h ie lt
Doppelgänger dich träumt, genau wie du ihn gestern abend m ic h sa n ft z u rü c k u n d v e rk ü n d e te m it fe ie rlic h e r S tim m e , d a ß
geträumt hast.« »Aber wie kann das sein, Don Juan 9 « D o n G e n a ro w ie d e r e tw a s m it m ir vorhabe.
»Niemand weiß, wie es geschieht. Wir wissen nur , daß es »W as w ird er t u n ? « fragte ich. »W as w i l l er d iesm al m it m ir
geschieht. Dies ist das Geheimnis von uns Menschen als anstellen?«
leuchtenden Wesen. Gestern abend hattest du zwei Träume, D o n Ju a n v e rsic h e rte m ir. ic h h ä tte k e in e n G ru n d , m ic h z u
und du hättest in jedem von ihnen erwachen können, aber du beunruhigen.
hattest nicht genug Kraft, das zu begreifen.« Sie schauten mich »D u näherst d ich e i n e m S cheid ew eg«, sagte er. »E inem ge-
eine Weile eindringlich an. »Ich glaube, er begreift«, sagte w issen S cheidew eg, den jeder K rieger einm al e r r e ic h t.« M ir
Don Genaro. k a m in d e n S in n , e r sp re c h e v ie lle ic h t v o n m e in e m T o d . E r
schien m eine F rage zu ahnen und b ed eutete m ir, nichts zu
sagen.
»D arüber w ollen w ir nicht d i s k u t i e r e n « , sagte er. »E s m uß dir
g e n ü g e n , w e n n ic h d ir sa g e , d a ß d e r S c h e id e w e g , d e n ic h
m eine, d ie E rklärung d er Z aub erer ist. G enaro glaub t, d u b ist
bereit d a f ü r .«
»W ann w irst d u m ir etw as d arüb er sagen? « » I c h w eiß n i c h t ,
w ann. D u bist der E m pfänger, daher hängt es vo n d i r ab . D u
w irst entscheid en m üssen, w ann es an d er Z eit ist.«
»U nd w arum nicht j e tz t g le ic h ? «
»E n tsc h e id e n h e iß t n ic h t, e in e n w illk ü rlic h e n Z e itp u n k t b e -
stim m e n «, sa g te e r. »E n tsc h e id e n h e iß t, d a ß d u d e in e n G e ist
m akellos gestählt und alles getan haben m ußt, um des W issens
u n d d e r K ra ft w ü rd ig z u se in .
H eute ab er w ird G enaro d ir ein kleines R ätsel aufgeb en. E r ist
v o ra u sg e g a n g e n u n d w ird irg e n d w o im C h a p a rra l a u f u n s
w a rte n . N ie m a n d w e iß d ie S te lle , w o e r se in w ird , o d e r d e n
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genauen Zeitpunkt, zu dem wir ihn treffen. Gelingt es dir. die d u sie verstehst o d er nicht. D as ist m eine A uffassung. G enaro
richtige Zeit zu bestimmen, das Haus zu verlassen, dann wird es ist e in eher konservativer K rieger, er w ill die richtige R eihen-
dir auch gelingen, dich dorthin zu lenken, wo er ist.« Ich sagte fo lge d er D inge einhalten, und er w ird sich nicht zufried enge-
Don Juan, ich könne mir nicht vorstellen, daß jemand b en, b is er glaub t, d aß d u b ereit b i s t . «
imstande sei, ein solches Rätsel zu lösen. »Wie kann der »W a ru m e rz ä h lst d u m ir n ic h t se lb st v o n d e r E rk lä ru n g d e r
Umstand, daß ich zu einer bestimmten Zeit das Haus verlasse, Z aub erer? «
mich dorthin führen, wo Don Genaro sich aufhält?« fragte ich. »G enaro m uß derjenige sein, der d ir h i l f t . «
Don Juan lächelte und fing an, ein Lied zu summen. Meine »W a ru m ist d ie s so , D o n Ju a n ? «
Aufregung schien ihn zu belustigen. »G enaro w ill nicht, d aß ich d ir sage, w arum «, sagte e r , »no ch
»Das ist ja das Problem, das Genaro dir aufgib t«, sagte er. nicht.«
»Falls du genügend persönliche Kraft hast, wirst du mit abso- »W ü rd e e s m ir d e n n sc h a d e n , d ie E rk lä ru n g d e r Z a u b e re r z u
luter Gewißheit den richtigen Zeitpunkt bestimmen, zu dem kennen? « fragte ich.
du das Haus verlassen mußt. Warum die Tatsache, daß du zur »D as glaube ich n ic h t.«
richtigen Zeit aufbrichst, dich führen wird, das ist etwas, was » B itte . D on Juan, dann sag sie m i r . «
niemand weiß. Und doch, wenn du genug Kraft hast, d a n n »D u m achst w o hl W itze. G enaro hat üb er d iese S ache genaue
wirst du selbst feststellen, daß es so ist.« »Aber auf welche V o rste llu n g e n , u n d w ir m ü sse n i h m E h re e rw e ise n u n d ih n
Weise werde ich geführt werden, Don Juan?« resp ektieren.«
»Auch das weiß niemand.«
M it e in e r g e b ie te risc h e n G e ste b ra c h te e r m ic h z u m
»Ich glaube, Don Genaro spielt mir einen Streich.« »Dann sei
lieber vorsichtig«, sagte er. »Falls Genaro dir einen Streich Schweigen.
spielt, dann könnte es sein, daß du von diesem Streich nicht N a c h e in e r la n g e n , e n tn e rv e n d e n P a u se w a g te ic h e in e F ra g e
mehr aufstehst.« zu stellen.
Don Juan lachte über sein Wortspiel. Ich konnte nicht ein- »A b er w ie kann ich d ieses R ätsel lö sen, D o n J u a n ? «
stimmen. Meine Angst vor der Gefahr, die von Don Genaros »W irklich, d as w eiß ich nicht. D arum kann ich d ir auch nicht
Machenschaften ausging, war zu real. raten, w as d u tun so llst«, sagte er. »G enaro w eiß , w as er w ill.
»Kannst du mir nicht wenigstens ein paar Tipps geben?« fragte E r hat d ieses R ätsel für d ich ausged acht. D a er d ies zu d einem
ich. B e ste n t u t . ist e r e in z ig a u f d ic h e in g e stim m t, u n d d a h e r
»Da gibt es keine Tipps!« sagte er scharf. »Warum will Don k a n n st n u r d u d e n ric h tig e n Z e itp u n k t d e s A u fb ru c h s fin d e n .
Genaro so etwas tun? « »Er will dich auf die Probe stellen«, E r se lb st w ird d ic h ru fe n u n d d ic h m it H i l f e s e i n e s R u fs
antwortete er. »Nehmen wir an, es ist f ü r ihn sehr wichtig zu fü h r e n .«
wissen, ob du die Erklärung der Zauberer erfassen kannst. »W as i s t d as fü r e i n R u f?«
Wenn du das Rätsel löst, dann zeigt dies, daß du genügend » I c h w eiß n i c h t . S ein R u f g i l t d i r , n ich t m ir. G en aro w ird
persönliche Kraft gespeichert hast und bereit bist. Wenn es unmittelbar deinen Willen ansprechen. Mit anderen Worten, du
dir aber nicht gelingt, dann deshalb, weil du nicht genug Kraft mußt deinen Willen benutzen, um den Ruf zu erkennen. Genaro
hast, und in diesem Fall wäre die Erklärung der Zauberer für dich meint, er muß sich nunmehr davon überzeugen, daß du
sinnlos. Ich meine, wir sollten dir die Erklärung geben, ganz genügend persönliche Kraft angesammelt hast, imstande zu sein,
gleich, ob deinen Willen zu etwas Funktionsfähigem zu machen.« »Wille«
war ein Begriff, den Don Juan ebenfalls sehr sorgfältig
92 umschrieben hatte, ohne ihn jedoch zu erklären. Aus seinen
Erläuterungen konnte ich entnehmen, daß »Wille«

93
eine Kraft sei, die vom Unterleib ausging, und zwar durch eine er über einen m exikanischen G ew ichtheber w i t z e l t e , der
unsichtbare Öffnung unterhalb des Nabels, eine Öffnung, die gew altig entw ickelte B rustm uskeln h a t t e , aber keine schw ere
er als »Lücke« bezeichnete. »Wille« war etwas, das angeblich A rb eit l e i s t e n ko nnte, w eil s e in R ücken zu schw ach war.
nur Zauberer entwickelten. Er wird demjenigen, der die Zau- »S c h a u d ie se M u sk e ln a n ! « sa g te e r. » S i e s o l l t e n n ic h t n u r
berei praktiziert, als Mysterium zuteil und verleiht ihm angeblich zum V orzeigen da s e in .«
die Fähigkeit, unglaubliche Taten zu vollbringen. Es sei wohl »M eine M uskeln hab en gar n i c h t s m it d em zu tun, w o vo n d u
aussichtslos, bemerkte ich zu Don Juan, daß etwas so sp ric h st«, sagte ich stre itlu stig .
Unbestimmtes in meinem Leben jemals zu einer funktio- »D o c h «, a n tw o rte te e r . »D e r K ö rp e r m u ß v o llk o m m e n s e i n ,
nierenden Einheit werden könnte. bevor der W ille eine funktionierende E i n h e i t w ir d .« D o n Ju a n
»Da irrst du dich«, sagte er. »Der Wille entwickelt sich beim w a r e s g e lu n g e n , m e in e Ü b e rle g u n g e n in e i n e andere
Krieger entgegen allen Widerständen der Vernunft.« »Kann R ichtung zu le n k e n . I c h w ar unruhig und f r u s t r i e r t . I c h s ta n d
Don Genaro, da er doch ein Zauberer ist, denn nicht, ohne a u f . g in g in die K üche und t r a n k etwas W asser. D on Ju a n f o l g t e
mich auf die Probe zu stellen, wissen, ob ich bereit bin oder m ir u n d sc h lu g v o r. i c h so lle m ic h in d e m T ie rsc h re i ü b e n , d e n
nicht"1«, fragte ich. D o n G e n a ro m i r b e ig e b ra c h t h a t t e . W ir gingen neb en d as
»Gewiß kann er das«, sagte er. »Aber dieses Wissen bliebe H aus: i c h setzte m ich auf e i n e n H o lzstap el und versenkte m ich
ohne Wert und ohne Folgen, denn es hätte nichts mit dir zu ganz in d i e N achahm ung d ieses S chreies. D on Juan k o rrig ie rte
tun. Du bist der Lernende, daher mußt du selbst dir Wissen als m ich und gab m i r e i n paar H in w e is e f ü r m eine A tm ung. D as
Kraft erwerben, nicht aber Genaro. Genaro kommt es weniger E rgebnis w a r e i n Z ustand vollkom m ener p hysischer
auf sein Wissen als auf dein Wissen an. Du mußt herausfinden, E ntsp annung.
ob dein Wille funktioniert oder nicht. Dies festzustellen ist sehr W ir kehrten auf d ie V erand a zurück und s e t z t e n uns w i e d e r .
schwierig. Unabhängig davon, was Genaro oder ich über dich I c h sagte ihm . w ie sehr ic h m ich m anchm al über m ich ä r g e r te .
wissen, mußt du dir selbst beweisen, daß du in der Lage bist, w eil ich so h i l f l o s sei.
Wissen als Kraft zu beanspruchen. Mit anderen Worten, du »E s ist n ic h ts S c h le c h te s an dem G e f ü h l , h i l f l o s zu s e in « , sagte
mußt dich selbst davon überzeugen, daß du deinen Willen er. »W ir a l l e ken n en es n u r zu g u t . D en k d aran , d a ß w ir e i n e
betätigen kannst. Wenn du es noch nicht bist, dann mußt du E w igkeit als h i l f l o s e K in d er l e b e n ! I c h sagte d i r ja sch o n , d aß
heute davon überzeugt werden. Kannst du diese Aufgabe nicht d u im A u gen b lick w ie e i n k l e i n e s K i n d b i s t , d as n o ch n i c h t
lösen, dann wird Genaro, unabhängig davon, was er vielleicht a l l e i n au s d er W iege k l e t t e r n , gesch w eige d en n s e l b s t ä n d i g
an dir sieh:, daraus schließen, daß du noch nicht bereit bist.« h an d eln kan n . G en aro h i l f t d i r so zu sagen au s d er W iege heraus,
Mich befiel eine unwiderstehliche Furcht. »Ist all dies denn i n d e m er d ic h a u f h e b t . A ber e i n K i n d w i l l h a n d e l n . u n d d a
notwendig?« fragte ich. »Es ist Genaros Wunsch, und du mußt es d as n i c h t kan n , jam m ert es eb en . D i e s i s t an s i c h n i c h t
ihm nachkommen«, sagte er bestimmt, aber freundlich. »Aber s c h l e c h t , aber e t w a s anderes i s t es, s ic h g e h e n z u l a s s e n u n d in
was hat Don Genaro mit mir im Sinn'1« »Das wirst du heute G rü b eln u n d Jam m ern zu s c h w e l g e n . « Er v e r la n g te , ic h so lle
vielleicht herausfinden«, sagte er lächelnd. m ich e n ts p a n n e n . Er f o r d e r t e m ich a u f . ih m n o ch e i n e W eile
Ich bedrängte Don Juan, mir aus dieser unerträglichen Situation Fragen zu s t e l l e n , b is ich in e i n e r besseren s e e lis c h e n
herauszuhelfen und mir all diese geheimnisvollen Reden zu V erfassung w ä r e .
erklären. Er lachte und klopfte mir auf die Brust, wobei E inen M om ent w ar ic h r a tlo s und konnte m ich nicht e n t s c h l i e ß en ,
w as i c h fragen so llte. D o n Ju an b r e i t e t e e i n e S tro h m atte au s u n d
m e i n t e , ich so lle
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m ic h d a ra u fse tz e n . D a n n f ü l l t e e r e in e g ro ß e K a le b a sse m it ist d e r V e rb ü n d e te . I c h k e n n e k e in e a n d e re M ö g lic h k e it, i h n
W a sse r u n d t a t sie in e i n T ra g e n e tz . A n sc h e in e n d tra f e r zu b eschreib en.«
V o rb ereitungen für e i n e n A usflug. D ann setzte er sich w ied er I c h w a n d te e i n , ic h k ö n n e m ir n ic h t v o rste lle n , d a ß m e in
und fo rd erte m ich augenzw inkernd auf. m it m einen F ragen zu K ö rp e r v o n sic h a u s h a n d e le , a ls se i e r e i n e v o n m e in e r
beginnen. V e rn u n ft u n a b h ä n g ig e E in h e it.
I c h b a t i h n . m ir m e h r ü b e r d e n N a c h tfa lte r z u e rz ä h le n . E r »D as is t er nicht, ab er d ahin hab en w ir ihn geb racht«, sagte er.
w a rf m ir e i n e n la n g e n , p rü fe n d e n B l i c k z u u n d la c h te in sich »U nsere V ernunft ist rechthab erisch, und sie liegt d auernd im
h in e in . S treit m it unserem K ö rp er. D ies ist natürlich nur eine b ild liche
»D as w ar ein V erbündeter«, sagte er. » D u w eißt es s e lb s t.« R ed ew eise, ab er d er S ieg e in e s W issend en b esteht d arin, d aß e r
»A ber w as is t e in V erbündeter e ig e n tlic h . D on J u a n ? « » E s ist d ie b e id e n m ite in a n d e r v e rsö h n t. D a d u k e i n W isse n d e r b ist,
ganz unm öglich zu sagen, w as ein V erbündeter w i r k l i c h t u t d e in K ö rp e r h e u te n o c h D in g e , d ie d e in e V e rn u n ft n ic h t
ist. genauso w ie es unm ö glich is t zu sagen, w as e i n Baum b e g re ift. E in e s d ie se r D in g e ist d e r V e rb ü n d e te . D u w a rst
e ig e n tlic h ist.« w e d e r v e rrü c k t, n o c h h a st d u g e trä u m t, a ls d u d e n V erb ünd eten
» E i n B aum is t e in leb end er O rganism us«, sagte ich. » D a s w i l l gestern nacht, genau hier an d ieser S telle, w ahrgenom m en h a s t.«
nichts b esagen«, m einte er. » I c h kann auch sagen, d aß e in I c h fragte i h n nach der beängstigenden V orstellung, die er und
V erb ünd eter e in e K raft, e in e S p annung ist. D as hab e ic h d i r D o n G enaro m ir eingegeb en hatten, d aß näm lich d er V erb ündete
b e r e i t s g e sa g t, a b e r d ie s b e sa g t n ic h t v i e l ü b e r d e n e in W esen sei, das m ich am R ande e in e r k l e i n e n Schlucht in d e n
V erb ünd eten. B e rg e n N o rd m e x ik o s e rw a rte . F rü h e r o d e r sp ä te r, h a tte n sie
G e n a u w ie im F a ll d e s B a u m e s k a n n m a n a u c h d e n V e rb ü n - g e sa g t, m ü sse ic h m e in e V e ra b re d u n g m it d e m V erbündeten
d e te n n u r e rk e n n e n , i n d e m m a n i h n e rfä h rt. A ll d ie Ja h re e i n h a l t e n und m i t ihm ringen. » A l l d ie s ist n u r e i n e
hab e ich m ich b em üht, d ich auf d ie fo lgenschw ere B egegnung b i l d l i c h e A rt, ü b e r G e h e im n isse z u sprechen, für die es k e i n e
m it e i n e m V erb ünd eten vo rzub ereiten. V i e l l e i c h t b ist d u d ir W orte g i b t « , sagte er. »G enaro und i c h sa g te n , d a ß d e r
n i c h t im k la re n d a rü b e r, a b e r d u b ra u c h te st ja a u c h Ja h re d e r V e rb ü n d e te d ic h a m R a n d d e r E b e n e e rw a rte n w ird . D ie se r
V o rb e re itu n g , u m e i n e m B a u m z u b e g e g n e n . N ic h ts a n d e re s S a tz , w a r r i c h t i g , a b e r e r h a t n ic h t d ie B e d e u tu n g , d ie d u ih m
i s t e s. e i n e m V e rb ü n d e te n z u b e g e g n e n . D e r L e h re r m u ß b e ile g st. D e r V e rb ü n d e te w a rte t a u f d ic h , das s te h t f e s t , aber
se in e n S c h ü le r n a c h u n d n a c h . S tü c k u m S tü c k m it d e m er h ä l t sich n i c h t am R and irgendein e r E b e n e a u f. E r ist h i e r
V erb ünd eten vertraut m achen. Im L auf d er Jahre hast d u e i n e o d e r d o rt o d e r a n je d e m a n d e re n O rt. D e r V e rb ü n d e te w a rte t
M enge W issen über i h n angesam m elt, und j e t z t b is t du fähig, a u f d ic h , g e ra d e w ie d e r T o d a u f dich w artet, überall und
dieses W issen zusam m enzusetzen, um den V erbündeten geradeso n ir g e n d s .« »W a ru m w a rte t d e r V e rb ü n d e te a u f m ic h ? « »A u s
zu erfahren, w ie du e in e n B aum e r f ä h r s t . « » I c h h a b e k e i n e d e m g le ic h e n G ru n d , w a ru m d e r T o d a u f d ic h w a rte t«, sagte er,
V o rste llu n g d a v o n , d a ß ic h d ie s t u e . D o n Juan.« » w e i l du geboren w orden bist. Im A ugenblick gibt es k e in e
» D e i n e V e rn u n ft ist sic h d e sse n n i c h t b e w u ß t, w e il sie d ie M ö g lic h k e it z u e rk lä re n , w a s d a m it g e m e in t ist. Z u e rst m uß t d u
M ö glichkeit d es V erb ünd eten vo n vo rnherein n i c h t akzep tiere n d en V erb ünd eten erfahren. D u m uß t i h n in all seiner M a c h t
k a n n . Z u m G lü c k ist e s n ic h t d ie V e rn u n ft, d ie d e n w a h rn e h m e n , d a n n k a n n d ie E rk lä ru n g d e r Z a u b e re r i h n
V e rb ü n d e te n z u sa m m e n se tz t. D e r K ö rp e r ist e s. D u h a st d e n v i e l l e i c h t b e g re iflic h m a c h e n . B isla n g h a tte st d u n ic h t
V erb ünd eten in verschied enen G rad en und b ei verschied enen g e n ü g e n d K ra ft, d ir a u c h n u r e in e s z u e rk lä re n , d a ß n ä m lic h
G elegenheiten w ahrgeno m m en. Jed e d ieser W ahrnehm ungen d e r V e rb ü n d e te e i n N a c h tfa lte r ist.
w urd e in d einem K ö rp er gesp eichert. D ie S um m e d ieser T eile
96 97
Vor ein paar Jahren gingen wir beide ins Gebirge, und du E r w eigerte sich , n o ch e i n w eiteres W o rt zu sagen . Ich w ar
mußtest einen Kampf mit irgend etwas bestehen. Damals war es gan z d u rch ein an d er, au s F u rch t, ich kö n n te d ie P ro b e n ich t
mir unmöglich, dir zu sagen, was dabei vor sich ging. Du sahst b e ste h e n . D o n J u a n fü h rte m ic h h in te r d a s H a u s u n d h ie ß
einen seltsamen Schatten vor dem Feuer hin- und herhuschen. m ic h a u f e in e r S tro h m a tte a m R a n d e in e s W a sse rgra b e n s
Du kamst selbst darauf, daß er wie ein Nachtfalter aussah. niedersitzen. D as W asser flöß so langsam , daß es fast stillzu-
Obwohl du nicht wußtest, was du da sagtest, hattest du absolut stehen schien. E r befahl m ir, ruhig sitzen zu bleiben, m einen
recht, denn der Schatten war ein Nachtfalter. Dann, bei einer in n e re n D ia lo g a b z u ste lle n u n d in s W a sse r z u sc h a u e n . E r
anderen Gelegenheit, brachte irgend etwas dich vor Angst fast erinnerte m ich daran, daß ich vor Jahren an m ir eine gew isse
von Sinnen, nachdem du eingeschlafen warst, und wieder war A ffin itä t z u G e w ä sse rn e n td e c k t h ä tte , e in G e fü h l, d a s fü r
es in der Nähe eines Feuers. Ich hatte dich gewarnt, nicht m ein je tz ig e s B em ühen höchst förderlich sei. Ic h entgegnete.
einzuschlafen, aber du hast meine Warnung in den Wind d a ß ic h k e in e b e so n d e re V o rlie b e fü r G e w ä sse r h ä tte , a b e r
geschlagen. Dies lieferte dich dem Verbündeten aus, und der auch keine A bneigung. D ies sei gerade der G rund, m einte er.
Nachtfalter trat dir ins Genick. Wieso du das überlebt hast, wird w arum W asser so gut für m ich sei, denn ich sei i h m gegenüber
mir immer ein Rätsel bleiben. Du wußtest es nicht, aber damals indifferent. U nter schw ierigen B edingungen könne das W asser
hatte ich dich schon aufgegeben. So schwerwiegend war m ich nicht gefangenhalten, aber es könne m ich auch nicht
dieser Schnitzer. abstoßen.
Seit damals, auch wenn du es nicht bemerkt hast, folgte der E r saß knapp hinter m ir zu m einer R echten und em pfahl m ir.
Nachtfalter uns immer, wenn wir uns im Gebirge oder in der m ich zu entspannen und keine A ngst zu haben, denn er sei ja
Wüste aufhielten. Alles in allem können wir also sagen, daß da, um m ir zu helfen, f a l l s es irgend nötig w erden sollte. E inen
der Verbündete für dich ein Nachtfalter ist. Aber ich kann nicht A ugenblick lang hatte ich A ngst. Ic h schaute i h n an und w artete
sagen, daß er wirklich ein Nachtfalter ist. so wie wir auf w eitere A nw eisungen. G ew altsam drehte er m einen K opf
Nachtfalter kennen. Den Verbündeten als Nachtfalter zu be- zum W asser und befahl m ir w eiterzum achen. Ich h a t t e keine
zeichnen ist abermals nur eine bildliche Redeweise, eine Mög- A hnung, w as er von m ir w ollte, daher entspannte ich m ich
lichkeit, die Unermeßlichkeit dort draußen verständlich zu einfach. W ährend ich so übers W asser schaute, f i e l m ein B lick
machen.« auf das Schilf am anderen U fer. U nbew ußt ließ ich m ein en
»Ist der Verbündete auch f ü r dich ein Nachtfalter 1 '« fragte u n ko n zen trierten B lick d arau f ru h en . E s b eb te u n ter d e r
ich. la n gsa m e n S trö m u n g. D a s W a sse r h a tte d ie F a rb e v o n
»Nein. Die Art, wie man den Verbündeten begreift, ist eine W üstensand. M ir f i e l a u f , d a ß die W ellen an den Schilfhalm en
Frage des Temperaments«, sagte er. w ie k l e i n e R illen oder S palten in einer w eichen O berfläche
Ich hielt ihm vor. daß wir wieder am Ausgangspunkt seien: aussahen. P l ö t z l i c h w urden die Schilfhalm e ganz riesig, das
denn er hatte mir nicht gesagt, was ein Verbündeter wirklich W asser w ar e i n e w eich e, g l a t t e , o ckerfarb en e F läch e, u n d
ist. dann befand ic h m ich binnen Sekunden im t i e f e m S c h la f; oder
»Es ist nicht nötig, sich verwirren zu lassen«, sagte er. »Die besser, ic h v e r f i e l in e in e n W ahrnehm ungszustand, w ie ich ihn
Verwirrung ist eine Stimmung, in die man hineinstürzt, aber noch nie erlebt hatte. D ie angem essenste U m schreibung w äre zu
man kann auch wieder aus ihr herausgelangen. Im Augenblick sagen, daß ich e in s c h lie f und e in e n absurden Traum hatte.
ist es unmöglich, irgend etwas zu erklären. Vielleicht werden D ie se n T ra u m m e in te ic h u n e n d lic h fo rtse tz e n z u k ö n n e n ,
wir heute noch, später, Gelegenheit haben, diese Fragen w enn ich nur w ollte, aber ich beendete ihn absichtlich, indem
ausführlich zu erörtern. Das hängt ganz von dir ab. Oder ich ein b ew u ß tes S elb stgesp räch an fin g. Ich ö ffn ete d ie A u -
besser, es hängt von deiner persönlichen Kraft ab.«
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gen. Ich lag auf der Strohmatte. Don Juan befand sich ein paar ich ganz plötzlich e i n e n unw iderstehlichen D rang, aufzuste h e n
Meter entfernt. Mein Traum war so wundervoll gewesen, daß u n d in d e n C h a p a rra l z u ge h e n , u m D o n G e n a ro z u suchen.
ich ihm davon erzählen wollte. Er gebot mir Schweigen. Mit Ich m achte einen V ersuch, m it D on Juan zu sprechen. E r hob
einem langen Zweig wies er auf zwei lange Schatten, die die d a s K in n u n d p re ß te d ie L ip p e n z u sa m m e n - e s w a r e i n
Äste des Wüstenchaparral auf die Erde warfen. Die Spitze w ortloser B efehl, j e t z t nichts zu sagen. Ich versuchte m ir ein
seines Zweiges folgte den Umrissen des einen Schattens, als vernünftiges B ild von m einer m erkw ürdigen Situation zu m a-
wollte sie ihn nachzeichnen, dann sprang sie zum anderen chen; aber m ein S chw eigen m achte m ich so glücklich, daß ich
hinüber und tat dort dasselbe. Die Schatten waren etwa einen m ich nicht m it logischen S pitzfindigkeiten herum schlagen
halben Meter lang und fast fünf Zentimeter breit; sie lagen w ollte.
zwanzig bis dreißig Zentimeter von einander entfernt. Meine N a c h k u rz e r P a u se v e rsp ü rte ic h a b e rm a ls d a s z w in ge n d e
Augen, die den Bewegungen des Zweiges folgten, gerieten B edürfnis, ins G ebüsch hineinzugehen. Ic h folgte einem
dadurch außer Kontrolle, und schließlich sah ich mit schielenden schm alen P fad. D on Juan t r o t t e t e h i n t e r h e r , als sei ich der
Augen vier Schatten; auf einmal verschmolzen die zwei Führer.
mittleren Schatten zu einem einzigen und riefen eine außeror- W ir gin ge n u n ge fä h r e in e S tu n d e . E s g e l a n g m ir, fre i v o n
dentlich tiefenscharfe Wahrnehmung hervor. Der so gebildete irge n d w e lc h e n G e d a n k e n z u b le ib e n . D a n n k a m e n w ir a n
Schatten wies eine unerklärliche Fülle und Räumlichkeit auf; e in e n H ü ge l. D o rt w a r D o n G e n a ro ; e r sa ß in d e r N ä h e d e s
er war beinah wie ein durchsichtiges Rohr, eine runde Stange G ipfels auf e i n e r Felsm auer. E r begrüßte m ich überschw eng-
aus irgendeiner unbekannten Substanz. Ich wußte, daß meine lic h , w o b e i e r la u t sc h re ie n m u ß te ; e r b e fa n d sic h a n d ie
Augen schielten, und doch schienen sie auf eine Stelle zentriert dreißig M eter über dem B oden. D on Juan befahl m ir, m ich zu
zu sein; was ich dort sah, war glasklar. Ich konnte die Augen setzen , u n d n ah m n eb en m ir P latz. D o n G en aro erklärte, ich
bewegen, ohne daß das Bild sich auflöste. Ich schaute dauernd h ätte d en P latz gefu n d en , w o er m ich erw artet h ätte, d en n er
hin, ohne jedoch meine Wachsamkeit abzulegen. Ich verspürte habe m ich durch e i n G eräusch g e le ite t, das er hervorgebracht
einen komischen Zwang, mich zu entspannen und mich ganz in h a b e . K a u m h a tte e r d ie s ge sa gt, d a w u rd e m ir k la r, d a ß ic h
die Szene zu vertiefen. Irgendwie schien das, was ich tatsäch lich e i n seltsam es G eräu sch geh ö rt h atte, d as m ir w ie
beobachtete, mich anzuziehen; aber etwas anderes in mir O hrensausen erschienen w ar; ich hatte es eher als e i n inneres
drängte sich in den Vordergrund, und ich fing ein halbbewußtes P h ä n o m e n a u fge fa ß t, e i n e n k ö rp e rlic h e n Z u sta n d , e in e so
Selbstgespräch an. Fast augenblicklich kam mir die Umgebung u n b estim m te K lan gem p fin d u n g, d aß es sich jed er b ew u ß ten
meiner alltäglichen Welt zu Bewußt-sein. B eu rteilu n g u n d D eu tu n g en tzo g.
Don Juan beobachtete mich. Er schien beunruhigt. Ich fragte Ich glaubte zu sehen, daß D on G enaro e in k l e i n e s Instrum ent in
ihn, was denn los sei. Er antwortete nicht. Er war mir behilf- der linken H and h i e l t . V on dort, w o ich saß, konnte i c h es
lich, mich aufzusetzen. Erst dann erkannte ich, daß ich auf dem n ic h t ge n a u e rk e n n e n . E s sa h a u s w ie e in e M a u ltro m m e l;
Rücken gelegen und in den Himmel geschaut hatte, während dam it brachte er einen w eichen, u n h e i m l i c h e n K lang hervor,
Don Juan sich über mein Gesicht beugte. Mein erster Impuls d er p raktisch kau m w ah rn eh m b ar w ar. E r sp ielte n o ch ein en
war, ihm zu sagen, daß ich tatsächlich die Schatten am Boden A u ge n b lic k w e ite r, a ls w o lle e r m ir Z e it la sse n , ga n z z u
gesehen hatte, während ich in den Himmel schaute, aber er erm essen , w as er eb en gesagt h atte. D an n zeigte er m ir sein e
legte mir die Hand auf den Mund. Einige Zeit saßen wir lin ke H an d . S ie w ar l e e r ; kein e S p u r vo n ein em In stru m en t.
schweigend da. Ich hatte keinerlei Gedanken. Ich empfand D u rch d ie A rt, w ie er d ie H an d an d en M u n d h i e l t , h atte ich
einen köstlichen Frieden, und dann spürte d e n E in d ru c k ge h a b t, a ls o b e r e in In stru m e n t sp ie lte . In

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W irk lic h k e it b ra c h te e r d ie se n K la n g m it d e n L ip p e n u n d m it Gehen half. Er flüsterte mir etwas ins Ohr, das ich nicht
d e r lin k e n H a n d k a n te , z w isc h e n D a u m e n u n d Z e ig e fin g e r, verstand, und plötzlich hatte ich das Gefühl, als ob er meinen
hervor. Körper auf ganz komische Art vorwärtszog. Er packte mich
Ic h w a n d te m ic h a n D o n Ju a n , u m ih m z u e rk lä re n , d a ß ic h buchstäblich an der Haut über meinem Bauch und zog mich
m ic h d u rc h D o n G e n a ro s G e b ä rd e n h ä tte tä u sc h e n la sse n . E r auf den Felsvorsprung oder vielleicht auf einen anderen Felsen
m a c h te e in e ra sc h e H a n d b e w e g u n g u n d sa g te , ic h so lle n ic h t hinauf. Ich wußte, daß ich mich einen Augenblick lang auf
sp re c h e n u n d g u t a c h tg e b e n , w a s D o n G e n a ro tu n w e rd e . Ic h einem Felsen befand. Ich hätte schwören können, daß es jener
sc h a u te m ic h w ie d e r n a c h D o n G e n a ro u m , a b e r e r w a r n ic h t Felsvorsprung war; das Bild war jedoch so flüchtig, daß ich es
m e h r d a . Ic h m e in te , e r se i w o h l h e ra b g e k le tte rt. E in ig e Z e it nicht im einzelnen erkennen konnte. Dann spürte ich. wie
w a rte te ic h d a ra u f, d a ß e r a u s d e m G e b ü sc h a u fta u c h te . D e r irgend etwas in mir aussetzte und ich stürzte rücklings hinab.
F e lse n , a u f d e m e r g e sta n d e n h a tte , w a r e in e e ig e n tü m lic h e Ganz schwach empfand ich so etwas wie Angst oder körperliches
G e ste in sfo rm a tio n ; e r sa h e h e r w ie e in rie sig e r V o rsp ru n g a n Unbehagen. Als nächstes merkte ich. daß Don Juan mit mir
d e r F la n k e e in e r n o c h h ö h e re n F e lsw a n d a u s. Ic h h a tte d o c h sprach. Ich konnte ihn nicht verstehen. Ich konzentrierte meine
nur für ein p aar S ekund en w eggeschaut. F alls er hinaufgeklette rt Aufmerksamkeit auf seine Lippen. Ich fühlte mich wie im
w a r, h ä tte ic h ih n b e stim m t g e se h e n , b e v o r e r d e n G ip fe l d er Traum und versuchte eine folienartige Hülle, die mich
F elsw and erreichte, und f a l l s er herab geklettert w ar, hätte ic h einschloß. von innen aufzureißen, während Don J uan sich
ih n v o n d o rt, w o ic h sa ß e b e n fa lls se h e n m ü sse n . Ich fragte D o n bemühte, sie von außen aufzureißen. Schließlich platzte sie
Juan, w o D o n G enaro sein m o chte. E r antw o rte te , e r ste h e tatsächlich auf. und Don Juans Worte wurden hörbar - und
im m e r n o c h a u f d e m F e lsv o rsp ru n g . S o v ie l ic h e rk e n n e n ihre Bedeutung glasklar. Er befahl mir. aus eigener Kraft
k o n n te , w a r d o rt n ie m a n d , a b e r D o n Ju a n b e h a u p t e t e im m e r wiederaufzutauchen. Verzweifelt mühte ich mich, mein klares
w ie d e r, D o n G e n a ro ste h e im m e r n o c h o b e n a u f dem F elsen. Bewußtsein wiederzugewinnen: doch ohne Erfolg. Ganz be-
O ffe n b a r sc h e rz te e r n ic h t. S e in e A u g e n b lic k te n fe st u n d wußt fragte ich mich, wieso es mir nur so schwerfiel. Ich
w ild . In sc h a rfe m T o n sa g te e r, m e in e S in n e se ie n n ic h t d a s kämpfte darum, mit mir selbst zu sprechen. Anscheinend
g e e ig n e te M itte l, u m z u e rm e sse n , w a s D o n G e n a ro tu e . E r wußte Don Juan um meine Schwierigkeiten. Er forderte mich
b e fa h l m ir, m e in e n in n e re n D ia lo g a b z u ste lle n . Ic h le h n te auf, mich noch mehr anzustrengen. Irgend etwas da draußen
m ic h a u f u n d w o llte e b e n m e in e A u g e n sc h lie ß e n . D a sp ra n g hinderte mich daran, in meinen vertrauten inneren Dialog zu
D o n Ju a n h e rb e i u n d rü tte lte m ic h a n d e n S c h u lte rn . E r verfallen. Es war. als ob eine eigentümliche Macht mich
flüsterte, ich m üsse d ie A ugen auf d en F elsvo rsp rung richten. schläfrig und gleichgültig machte. Ich kämpfte dagegen an, bis
Ic h w a r sc h lä frig u n d h ö rte D o n Ju a n s W o rte w ie a u s w e ite r ich außer Atem war. Ich hörte, wie Don Juan auf mich
F e rn e . A u to m a tisc h sc h a u te ic h z u m V o rsp ru n g h in a u f. D o n einredete. Unwillkürlich krümmte mein Körper sich unter
G e n a ro w a r w ie d e r d a . D a s in te re ssie rte m ic h n ic h t m e h r. der Anspannung. Mir war. als kämpfte ich eng umschlungen
H a lb b e w u ß t ste llte ic h f e s t , d a ß m ir d a s A tm e n sc h w e rfie l, einen tödlichen Kampf gegen irgend etwas, das mich am
a b e r b e v o r ic h n o c h e in e n G e d a n k e n d a ra n w e n d e n k o n n te , Atmen hinderte. Ich hatte keine Angst, eher war ich von
sp rang D o n G enaro herab . A uch d ieser V o rgang w eckte nicht einer unkontrollierbaren Wut besessen. Mein Zorn nahm solche
m e in In te re sse . E r k a m h e rb e i u n d h a lf m ir, a u fre c h t z u ste h e n , Formen an, daß ich wie ein Tier knurrte und brüllte. Dann
in d e m e r m ic h a m A rm f e s t h i e l t ; D o n Ju a n h ie lt m e in e n wurde mein Körper von einem Frösteln geschüttelt. Ich
a n d e re n A rm . S o stü tz te n d ie b e id e n m ic h v o n lin k s u n d verspürte einen Schock, der mich auf der Stelle stoppte. Ich
re c h ts. D a n n w a r e s n u r n o c h D o n G e n a ro , d e r m ir b e im konnte wieder normal atmen, und dann wurde mir klar, daß
Don Juan seinen Wasserbehälter über
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m einen B auch und m ein G enick geleert hatte und ich tro p fnaß »Beinah hast du es geschafft«, sagte Don Juan. Wir saßen
war. neben der Feuerstelle. Er hatte darauf bestanden, daß ich etwas
E r h a lf m ir a u fre c h t z u s i t z e n . D o n G e n a ro sta n d a u f d e m äße. Ich war weder hungrig noch müde. Eine ungewohnte
F e lsv o rsp ru n g . E r rie f m ic h b e im N a m e n , u n d d a n n sp ra n g e r Traurigkeit hatte mich befallen: alle Ereignisse dieses Tages
in d ie T ie fe . I c h sa h i h n a u s e i n e r H ö h e v o n e tw a z w a n z ig schienen mir so fern. Don Juan reichte mir mein Schreibzeug.
M etern herab stürzen und sp ürte e in unerträgliches G efühl im Ich machte eine gewaltige Anstrengung, um meinen
U n te rle ib . Ic h k a n n te d ie se s G e fü h l a u s T rä u m e n , in d e n e n ich Normalzustand wiederzugewinnen. Ich kritzelte ein paar
ab stürzte. Sätze unseres Gesprächs hin. Nach und nach kehrte meine
D o n G e n a ro t r a t h e rz u u n d fra g te lä c h e ln d , o b m ir se in alte Form wieder. Es war. als würde ein Schleier weggezogen:
S p ru n g g e fa lle n h a b e . V e rg e b lic h v e rsu c h te ic h e tw a s z u sa g e n . auf einmal fand ich wieder zu meiner vertrauten Haltung von
W ie d e r rie f D o n G e n a ro m ic h b e im N a m e n . »C arlitos! S chau Interesse u n d Staunen zurück. »Brav, brav«, sagte Don Juan
h e r ! « sagte er. und streichelte mir den Kopf. »Ich sagte d ir schon, daß die
E r sc h w e n k te d ie A rm e v i e r - o d e r fü n fm a l h i n u n d h e r. w ie wahre Kunst des Kriegers darin besteht. Erschrecken und
u m A n la u f z u n e h m e n , u n d d a n n sp ra n g e r a u ß e r S ic h tw e ite , Erstaunen im Gleichgewicht zu halten.«
o d er w enigstens glaub te ich d ies. O d er v i e l l e i c h t t a t er no ch Don J u a n war in einer merkwürdigen Stimmung. Beinahe
etw as anderes, f ü r das ich keine W orte h a tte . E r w ar z w e i, drei kam er mir nervös und besorgt vor. Er schien bereit, von sich
M eter von m ir e n t f e r n t , und dann verschw and er. a ls ob e i n e aus das Wort an mich zu richten. Ich glaubte, er habe vor.
unko ntro llierb are M acht i h n verschluckt hätte. I c h fühlte m ich mich auf die Erklärung der Zauberer vorzubereiten, und ich
gleichgültig und m üde. Irgendw ie w ar m ir a lle s e g a l, u n d ic h wurde selbst ganz unruhig. Seine Augen zeigten ein seltsames
w o llte w e d e r d e n k e n n o c h m e in S e lb stg e sp rä c h führen. I c h Glitzern, das ich nur einige Male vorher bei ihm gesehen
verspürte k e i n e A ngst, nur eine u n e r k l ä r l i c h e T ra u rig k e it. M ir hatte. Nachdem ich ihm mitgeteilt hatte, was ich von seinem
w a r n a c h W e in e n z u m u te . D o n Ju a n s c h l u g m ic h m e h rm a ls ungewöhnlichen Benehmen hielt, meinte er, er fr eue sich f ü r
m it d e n F in g e rk n ö c h e ln a u f d e n K o p f u n d l a c h t e , a ls se i a lle s, mich, denn ein Krieger könne über die Triumphe seiner
w a s g e sc h e h e n w a r, n u r e i n S p a ß . D a n n v e rla n g te e r, ic h so lle Mitmenschen frohlocken, falls es Triumphe des Geistes seien.
m it m ir se lb st re d e n , d e n n d ie s se i d e r A ugenblick, da ich den Unglücklicherweise, fügte er hinzu, sei ich noch nicht für die
inneren D ialog verzw eifelt nötig h ä t t e . I c h hörte, w ie er m ir Erklärung der Zauberer bereit, und das trotz der Tatsache, daß
b e f a h l : »R ede, r e d e ! « Ich spürte, w ie die M uskeln m einer ich Don Genaros Rätsel erfolgreich gelöst hatte. Er
Lippen sich u n w i l l k ü r l i c h v e rk ra m p fte n . M e in M u n d beanstandete, daß ich. als er meinen Körper mit Wasser
b e w e g te sic h , o h n e e i n e n T o n hervo rzub ringen. I c h e r i n n e r t e begossen hatte, beinahe gestorben wäre: meine ganze Lei-
m ich d aran, w ie D o n G enaro s e i n e n M und ganz ä h n l i c h stung sei durch meine Unfähigkeit. Don Genaros letzten Angriff
b ew egt h a t t e , als er seine S p aß e m a c h te , u n d ic h w ü n sc h te abzuwehren, zunichte geworden. »Genaros Kraft war wie eine
m ir. i c h k ö n n te , w ie e r d a m a ls, sa g e n : M e in M u n d w i l l n i c h t Flut, die dich wegspülte«, sagte er.
sp re c h e n . I c h v e rsu c h te d ie W o rte auszusto ß en, und m eine »Wollte Don Genaro mir denn Schaden zufügen?« fragte ich.
L ip p en verzerrten sich schm erzhaft. D o n Juan schien sich vo r »Nein«, sagte er. »Genaro will dir helfen. Aber Kraft ist nur
L achen ausschütten zu w o llen. S eine L ustigkeit w ar so durch Kraft aufzuwiegen. Er hat dich auf die Probe gestellt,
ansteckend , d aß ich eb enfalls lachen m ußte. S chließlich h a l f er und du hast versagt.« »Aber ich habe doch sein Rätsel gelöst,
m ir auf die B eine. Ich fragte i h n , o b D o n G e n a ro d e n n n ic h t nicht wahr?«
z u rü c k k ä m e . E r m e in te . D o n G e n a ro h a b e fü r h e u te g e n u g v o n
m ir.
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»D a s h a st d u g u t g e m a c h t«, sa g te e r. »S o g u t, d a ß G e n a ro der Verlauf der Ereignisse ein anderer gewesen. Viele Male
annehm en m uß te, d u seist im stand e, d ie T at eines K riegers zu habe ich den Verbündeten in einer dir unfreundlichen Verfas-
v o llb rin g e n . D u h a st e s b e in a h e g e sc h a fft. W a s d ic h d ie sm a l sung gesehen, aber diesmal war es das richtige Omen, und ich
z u rü c k w a rf, w a r a b e r n ic h t d e in e N e ig u n g , d ic h g e h e n z u - wußte, daß der Verbündete ein Stück Wissen für dich bereit-
lassen.« hielt. Das war auch der Grund, warum ich dir sagte, du habest
»W as w ar es d enn? « eine Verabredung mit dem Wissen, eine Verabredung mit
»D u w arst zu unged uld ig und heftig; s t a t t d ich zu entsp annen einem Nachtfalter, die seit langem fällig war. Aus uns uner-
u n d G e n a ro z u fo lg e n , h a st d u a n g e fa n g e n , i h n z u b e k ä m p fe n . findlichen Gründen wählte der Verbündete die Gestalt eines
G e g e n ih n k a n n st d u n ic h t g e w in n e n ; e r i s t stä rk e r a ls du.« Nachtfalters, um sich dir zu offenbaren.« »Aber du sagtest
D a n n g a b D o n Ju a n m ir e t l i c h e R a tsc h lä g e u n d E m p fe h - doch, der Verbündete sei gestaltlos, und man könne ihn nur an
lu n g e n fü r m e in e p e rsö n lic h e n B e z ie h u n g e n m it a n d e re n seinen Wirkungen erkennen«, sagte ich. »Das ist wahr«, sagte
M e n sc h e n . S e in e B e m e rk u n g e n w a re n e i n e rn ste s N a c h sp ie l er. »Aber für außenstehende Betrachter, die mit dir in
z u d e m , w a s D o n G e n a ro m ir z u v o r im S c h e rz g e sa g t h a t t e . Verbindung stehen - für Genaro und mich -, ist der Verbündete
E r w a r in g e sp rä c h ig e r S tim m u n g , u n d o h n e j e d e Ü b e rre d u n g ein Nachtfalter. Für dich ist er nur ein Effekt, eine Empfindung
m e in e rse its fin g e r a n , m ir z u e rk lä re n , w a s d ie b e i d e n le tz te n in deinem Körper oder ein Geräusch oder die goldenen Flecken
M a le , a ls ic h b e i ih m g e w e se n , w irk lic h v o rg e g a n g e n war. des Wissens. Tatsache ist aber, daß der Verbündete, indem er
»W ie d u w e iß t«, sa g te e r, »ist d ie C ru x d e r Z a u b e re i d e r innere die Gestalt eines Nachtfalters annimmt, Genaro und mir etwas
D ialo g. D ies ist d er S chlüssel zu a l l e m and eren. W enn e in sehr Wichtiges mitteilt. Nachtfalter sind Boten des Wissens
K rieger ihn anzuhalten l e r n t , w ird alles für i h n m ö glich, d ie und Freunde und Helfer der Zauberer. Gerade weil es dem
a u sg e fa lle n ste n V o rsä tz e w e rd e n e rre ic h b a r. D a s T o r z u all Verbündeten gefallen hat, in deiner Gegenwart ein
den seltsam en, unheim lichen E rfahrungen, die du in l e t z t e r Z e it Nachtfalter zu sein, nimmt Genaro es bei dir so genau.
g e m a c h t h a st, w a r d ie T a tsa c h e , d a ß d u a u fh ö re n k o n n te st, m it Jene Nacht, als du, wie ich vorhergesehen hatte, dem Nacht-
d ir se lb st z u re d e n . In v o llk o m m e n e r N ü c h te rn h e it h a st d u d e n falter begegnet bist, da war es für dich eine echte Verabredung
V e rb ü n d e te n g e se h e n . G e n a ro s D o p p e lg ä n g e r, d e n T rä u m e r mit dem Wissen. Du lerntest den Ruf des Nachtfalters kennen,
u n d G e trä u m te n , u n d h e u te h ä t t e s t d u b e in a h e d ie G a n z h e it spürtest den Goldstaub seiner Flügel, aber vor allem warst du
d e in e r se lb st e rfa h re n . D ie s w a r' d ie T a t d e s K riegers gew esen, dir in dieser Nacht zum erstenmal bewußt, daß du sahst, und
d ie G enaro vo n d i r erw artete. A l l d ies w ar m öglich w egen der dein Körper erfuhr, daß wir leuchtende Wesen sind. Bisher
S um m e persönlicher K raft, d ie du gespeic h e rt h a st. E s b e g a n n , hast du dir noch keinen rechten Begriff von diesem folgen-
a ls d u d a s le tz te M a l h ie r w a rst u n d a ls ich e in sehr schweren Ereignis in deinem Leben gemacht. Genaro bewies
vielversp rechend es O m en entd eckte. A l s d u e i n tra fst, h ö rte ic h dir mit ungeheurer Eindringlichkeit und Klarheit, daß wir ein
d e n V e rb ü n d e te n u m h e rsc h le ic h e n . Z u e rst hörte ich seine leisen Gefühl sind und daß das. was wir unseren Körper nennen, ein
Schritte, und dann sah ic h den N a c h t f a l te r, w ie e r d ic h Bündel leuchtender Fasern ist, die Bewußtsein haben. Und als
a n sc h a u te , a ls d u a u s d e m A u to stie g st. D e r V e rb ü n d e te du gestern abend herkamst, standst du wieder unter der
v e rh a rrte re g lo s u n d b e o b a c h te te d ic h . D a s w a r fü r m ic h d a s freundlichen Obhut des Verbündeten. Als du eintrafst, kam ich
b e ste O m e n . W ä re d e r V e rb ü n d e te u n ru h ig gew esen, w äre er und schaute dich an, und da wußte ich, daß ich Genaro rufen
herum gelaufen, als sei ihm d eine A nw esenh e it u n a n g e n e h m , mußte, damit er dir das Geheimnis vom Träumer und dem
w ie e s b ish e r ste ts d e r F a ll w a r. d a n n w ä re Geträumten erkläre. Wie immer glaubtest du, ich spielte dir
einen Streich. Aber Genaro war nicht im
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Gebüsch versteckt, wie du annehmen mochtest. Er kam eigens Schließlich fragte ich: »Hat Don Genaro mich auf den Fels-
für dich herbei, auch wenn deine Vernunft sich weigert, es zu vorsprung hinaufspringen lassen?«
glauben.« »Betrachte diesen Sprung nicht als dasselbe, was du normaler-
Diesen Teil von Don Juans Erläuterungen konnte ich aller- weise unter einem Sprung verstehst«, sagt er. »Dies ist wie-
dings am wenigsten glauben. Ich konnte es einfach nicht derum nur eine bildliche Redeweise. Solange du glaubst, du
zugeben. Genaro, sagte ich, sei doch real und von dieser Welt seist ein fester Körper, wirst du nicht begreifen, wovon ich
gewesen. spreche.«
»Alles, was du bisher erlebt hast, war real und von dieser Dann streute er neben der Laterne etwas Asche auf den Boden,
Welt«, sagte er. »Es gibt keine andere Welt. Dein Stolperstein auf eine Fläche von etwa fünfzig mal fünfzig Zentimeter, und
ist deine merkwürdige Halsstarrigkeit, und diese deine Eigenheit zeichnete mit dem Finger ein Diagramm - ein Diagramm, das
wird sich nicht durch Erklärungen kurieren lassen. Daher hat acht miteinander durch Linien verbundene Punkte aufwies. Es
Genaro heute deinen Körper direkt angesprochen. Untersuchst war eine geometrische Figur. Schon vor Jahren hatte er einmal
du einmal sorgfältig, was du heute getan hast, dann wirst du ein ähnliches gezeichnet, als er mir zu erklären versuchte, daß
erkennen, daß dein Körper gewisse Dinge auf höchst es keine Illusion gewesen sei, als ich das gleiche Blatt
lobenswerte Art zusammengesetzt hat. Irgendwie hast du viermal vom gleichen Baum herabfallen sah.
darauf verzichtet, dich in deinen Visionen am Wassergraben Das in die Asche gezeichnete Diagramm hatte zwei Epizen-
gehenzulassen. Du hast eine ungewöhnliche Beherrschtheit tren; das eine nannte er »Vernunft«, das andere »Wille«.
und Distanziertheit bewahrt, wie sie einem Krieger ansteht. »Vernunft« war direkt mit einem Punkt verbunden, den er
Du hast nichts geglaubt, aber du hast dennoch rasch gehandelt, »Sprechen« nannte; durch »Sprechen« war »Vernunft« indirekt
und dadurch warst du fähig, Genaros Ruf zu folgen. Du hast mit drei anderen Punkten verbunden, nämlich »Fühlen«.
ihn tatsächlich ohne meine Hilfe gefunden. Als wir bei jenem »Träumen« und »Sehen«. Das andere Epizentrum, »Wille«,
Felsvorsprung ankamen, warst du von Kraft erfüllt, und du sahst war direkt mit »Fühlen«, »Träumen« und »Sehen« verbunden;
Genaro dort stehen, wo schon andere Zauberer aus ähnlichen aber auch indirekt mit »Vernunft« und »Sprechen«. Ich wandte
Gründen gestanden sind. Nachdem er von dem Vorsprung ein, daß das Diagramm sich von demjenigen unterschied, das
herabgesprungen war, ging er auf dich zu. Er selbst war durch er vor Jahren aufgezeichnet hatte. »Die äußere Form ist
und durch Kraft. Hättest du dich verhalten, wie du es vorher bedeutungslos«, sagte er. »Diese Punkte stellen einen Menschen
dar und können gezeichnet werden. wie es einem beliebt.«
am Wassergraben getan hast, dann hättest du ihn als das gesehen,
was er wirklich ist. ein leuchtendes Wesen. Statt dessen »Stellen sie den Körper eines Menschen dar'?« fragte ich.
»Nenne es nicht den Körper«, sagte er. »Dies sind acht
bekamst du es mit der Angst, als Genaro dir springen half.
Punkte auf den Fasern eines leuchtenden Wesens. Der Zauberer
Dieser Sprung an sich hätte ausreichen müssen, um dich über
sagt nun, daß ein Mensch, wie du aus dem Diagramm ersiehst,
deine Grenzen hinauszutragen. Aber du warst nicht stark genug,
vor allem Wille ist, denn Wille ist direkt mit den drei Punkten
du fielst in die Welt deiner Vernunft zurück. Dann gerietst du
Fühlen, Träumen und Sehen verbunden; sodann ist der Mensch
natürlich in einen Kampf auf Leben und Tod mit dir selbst.
Vernunft. Die ist, genaugenommen, ein kleineres Zentrum als
Etwas in dir, dein Wille. wollte mit Genaro gehen, während Wille; es ist nur mit Sprechen verbunden.« »Was sind die zwei
deine Vernunft sich ihm widersetzte. Hätte ich dir nicht anderen Punkte, Don Juan?« Er sah mich an und lächelte.
geholfen, dann lägst du jetzt an diesem Platz der Kraft tot und
begraben. Aber sogar mit meiner Hilfe war das Ergebnis einen
Augenblick zweifelhaft.« Minutenlang schwiegen wir. Ich
wollte, daß er weiterspräche.
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1
liili
»Heute bist du viel stärker als damals, als wir zum erstenmal Er antwortete mit einer derben Obszönität und lachte schallend.
über dieses Diagramm sprachen«, sagte er. »Aber du bist noch »Du bist aber listig«, sagte er. »Du glaubst wohl, ich bin ein
nicht stark genug, um alle acht Punkte zu kennen. Eines Tages verschlafenes altes Schaf, nicht wahr?«
wird Genaro dir die beiden anderen zeigen.« »Hat jeder Ich erklärte ihm. daß meine Fragen ihre eigene Richtung
Mensch diese acht Punkte oder nur die Zauberer?« entwickelten.
»Man kann wohl sagen, daß jeder acht Punkte mit auf die Welt »Du brauchst dich nicht zu beeilen«, sagte er. »Du wirst es
bringt. Zwei von ihnen, Vernunft und Sprechen, kennt ein rechtzeitig erfahren, und dann wirst du allein sein, ganz auf
jeder. Fühlen ist immer unbestimmt, aber irgendwie bekannt. dich gestellt.«
Doch nur in der Welt der Zauberer wird man mit Träumen, »Du meinst, ich werde dich dann nicht Wiedersehen. Don
Sehen und Wille gänzlich vertraut. Und schließlich findet man Ju an ? «
am äußersten Rand dieser Welt die anderen zwei. Diese acht »N iem als w i e d e r « , sagte er. »G en aro u n d ich w erd en d an n sein ,
Punkte bilden die Ganzheit des Selbst.« Er zeigte mir auf dem w as w ir im m er gew esen sin d , S tau b au f d em W eg.« Ich sp ü rte
Diagramm, daß im Grunde alle Punkte indirekt miteinander ein en S ch o ck in d er M agen gru b e. »W as sagst d u d a. D o n Ju an 1 1 «
verbunden werden könnten. Ich fragte ihn nach den beiden » I c h sage, daß w ir alle unergründliche W esen s in d , l e u c h t e n d
übrigen geheimnisvollen Punkten. Er zeigte mir, daß sie nur u n d gren zen lo s. D u . G en aro u n d ich sin d d u rch e i n e A b sich t
mit »Wille« verbunden waren, daß sie von »Fühlen«, verein t, d i e au ß erh alb u n serer E n tsch eid u n g l i e g t . « »V o n
»Träumen« und »Sehen« entfernt lagen und noch viel ferner w elch er A b sich t sp rich st d u 9 «
von »Sprechen« und »Vernunft«. Er zeigte mit dem Finger »D ie L eb en sart d es K riegers zu l e r n e n . D u ko m m st n ich t m eh r
darauf, um mir zu zeigen, daß sie von den anderen und auch d avo n lo s. ab er au ch w ir b eid e n i c h t . S o lan ge u n sere V o llen d u n g
voneinander getrennt waren. »Diese zwei Punkte werden sich n o ch au ssteh t, w irst d u m ich o d er G en aro im m er w ied erfin d en ,
niemals dem Sprechen oder der Vernunft unterordnen«, sagte ab er so b ald sie vo llb rach t ist. w irst d u frei f l i e g e n , u n d n iem an d
er. »Nur der Wille kann sie beeinflussen. Vernunft ist so weit w eiß , w o h in d ie K raft d ein es L eb en s dich führen w i r d . «
von ihnen entfernt, daß es völlig nutzlos ist, sie vernünftig »W elch e R o lle s p ie lt G en aro d a b e i ? «
ergründen zu wollen. Dies ist eines der am schwersten »D ieses T hem a ist d i r j e t z t noch nicht z u g ä n g l i c h « , sagte er.
verstehbaren Dinge. Immerhin ist es das Privileg der Vernunft, »H eu te h ab e i c h n u r d i e A u fgab e, d en N agel e i n z u t r e i b e n , d en
daß sie alles vernünftelnd ergründen will.« G en aro ab gesteckt h at - n äm lich d ie T atsach e, d aß w i r
Ich fragte ihn. ob die acht Punkte gewissen Körperregionen leu ch ten d e W esen s i n d . W ir s in d W ah rn eh m u n g. W ir s i n d
oder Organen des Menschen entsprächen. »Allerdings«, B ew u ß tsein . W ir s i n d k e i n e O b jekte, w ir h ab en k e i n e feste
erwiderte er und verwischte das Diagramm. Er berührte meinen K onsistenz, w ir s in d grenzenlos. D ie W elt der f e s t e n O b j e k t e
Kopf und sagte, dies sei das Zentrum von »Vernunft« und ist e in M itte l, u n se re W a n d e rsc h a ft a u f E rd e n a n g e n e h m z u
»Sprechen«. Die Spitze meines Brustbeins sei das Zentrum von m achen. S ie ist nur e i n e B eschreib ung, geschaffen, um uns zu
»Fühlen«. Die Region unterhalb des Nabels sei »Wille«. h e l f e n . W ir - o d e r b e sse r: u n se re V ern u n ft- v e rg e sse n g e rn ,
»Träumen« sei auf der rechten Seite des Brustkorbs. »Sehen« d a ß d ie B e sc h re ib u n g n u r e in e B e sc h re ib u n g ist. u n d so
auf der linken. Manchmal, bei gewissen Kriegern, sagte er, seien sc h lie ß e n w ir d ie G a n z h e it u n se re s S e lb st in e i n e n T e u fe ls-
»Sehen« und »Träumen« beide auf der rechten Seite. »Wo sind kreis ein. d em w ir, so lange w ir l e b e n , kaum e n t r i n n e n kö nnen.
die zwei anderen Punkte?« fragte ich.
110 11
Im Augenblick bist du zum Beispiel dabei, dich aus dem Chaos anzusam m eln, d am it d u d ie G anzheit d einer selb st erreichst.
der Vernunft zu befreien. Es erscheint dir grotesk und V i e l l e i c h t scho n d as nächste M al, w enn d u ko m m st, w irst d u
undenkbar, daß Genaro einfach am Rand des Chaparral er- g e n u g d a v o n h a b e n . Je d e n fa lls, w a rte b is d u fü h lst, w ie d u e s
schienen ist, und doch kannst du nicht leugnen, daß du es mit h e u te a m W a sse rg ra b e n g e fü h lt h a st, d a ß e in e in n e re S tim m e es
eigenen Augen gesehen hast. So und nicht anders hast du es d ir b efiehlt. K o m m st d u in einem and eren G eist, d ann w ird e s
wahrgenommen.« e i n e Z e itv e rsc h w e n d u n g u n d z u d e m g e fä h rlic h fü r d ic h sein.«
Don Juan lachte leise. Sorgfältig zeichnete er ein anderes F alls ich auf diese innere S tim m e w arten sollte, w andte ich ein,
Diagramm in die Asche und bedeckte es mit seinem Hut, bevor w ürd e ich d ie b eid en nie W ied ersehen.
ich es kopieren konnte. »D u w irst d ic h w u n d e rn , w a s m a n a lle s k a n n , w e n n m a n m it
»Wir sind wahrnehmende Wesen«, fuhr er fort. »Die Welt, die d em R ücken zur W and s t e h t « , sagte er. E r sta n d a u f u n d g riff
wir wahrnehmen, ist jedoch eine Illusion. Sie ist entstanden n a c h e in e m B ü n d e l F e u e rh o lz . E r le g te e i n p a a r tro c k e n e
durch eine Beschreibung, die man uns seit dem Augenblick S c h e ite r a u f d a s H e rd fe u e r. D ie F la m m e n w a rfe n e in e n
unserer Geburt erzählt hat. g e lb lic h e n S c h im m e r a u f d e n B o d e n . D a n n lö s c h te er d ie
Wir sind leuchtende Wesen, sind mit zwei Ringen der Kraft L am p e und ho ckte sich vo r s e in e n H ut, d er d ie in d ie A sc h e
geboren, aber wir benutzen nur einen davon, um die Welt zu g e z e ic h n e te S k iz z e b e d e c k te . E r befahl m ir. r u h i g s itz e n zu
erschaffen. Dieser Ring, der sich schließt, bald nachdem wir b le ib e n , m einen inneren D ialog a b z u s t e l l e n und unverw andt
geboren sind, ist die Vernunft - und ihr Begleiter das Sprechen. seinen H ut anzuschauen. Ich gab m ir e in e W e ile M ü h e , u n d
Gemeinsam hecken die beiden die Welt aus und halten sie in d a n n h a tte ic h d a s G e fü h l z u schw eben, von einer K lippe zu
Schwung. stürzen. E s w ar. w ie w enn m ich n i c h t s m ehr s t ü t z t e , ic h n i c h t
Die Welt, die deine Vernunft erhalten möchte, ist also im m ehr auf festem B o d en säß e, k e i n e n K örper m ehr h ä tte .
Grunde eine Welt, geschaffen durch eine Beschreibung und D o n J u a n ho b d en H ut auf. D arunter w urd e eine in d ie A sche
ihre dogmatischen, unumstößlichen Regeln, welche die Ver- e in g e z e ic h n e te S p ira le sic h tb a r. Ic h b e tra c h te te sie . o h n e m ir
nunft zu akzeptieren und zu verteidigen lernt. Das Geheimnis etw as zu denken. D ann spürte ic h , daß die S pirale sich bew egte.
der leuchtenden Wesen ist, daß sie noch einen weiteren Ring der I c h spürte sie förm lich in m einem B auch. D ie A sche schien sic h
Kraft haben, der gewöhnlich nie benutzt wird, den Willen. Der a u fz u h ä u fe n . D a n n k r e i s e l t e sie u n d sto b e m p o r, u n d
Trick der Zauberer ist der gleiche Trick, wie ihn die normalen p lö tz lic h saß D on G enaro vor m ir . D ieser A nblick zw ang m ich
Menschen anwenden. Beide haben sie eine Beschreibung. Der a u g e n b lic k lic h , m e in e n in n e re n D ia lo g w ie d e ra u fz u n e h m e n .
eine, der normale Mensch, erhält sie mit Hilfe seiner Vernunft I c h m e i n t e , ic h m ü sse w o h l e in g e sc h la fe n se in . I c h fin g a n .
aufrecht, der andere, der Zauberer, erhält sie mit seinem Willen k u rz u n d k e u c h e n d z u a tm e n , u n d v e rsu c h te d ie A u g e n z u
aufrecht. Beide Beschreibungen haben ihre Regeln, und die ö ffnen, ab er m eine A ugen w aren b e r e i t s o ffen. Ic h h ö rte , w ie
Regeln sind wahrnehmbar, doch der Vorteil des Zauberers liegt D o n Ju a n z u m ir sa g te , ic h so lle a u fste h e n u n d m ic h b e w e g e n .
darin, daß der Wille umfassender ist als die Vernunft. Ic h sp ra n g a u f u n d lie f a u f d ie V e ra n d a . D o n Ju a n u n d D o n
Was ich dir jetzt vorschlagen möchte, ist, daß du von nun an G e n a ro ra n n te n h in te r m ir h e r. D o n Ju a n b ra c h te se in e L a te rn e
deine Wahrnehmung entscheiden lassen sollst, ob die Be- m it. I c h w a r g a n z a u ß e r A te m . I c h v e rsu c h te m ic h z u
schreibung der Welt durch deine Vernunft oder durch deinen b e ru h ig e n , w ie ic h e s sc h o n v o rh e r g e ta n hatte, ind em ich, nach
Willen aufrechterhalten wird. Ich glaube, dies ist deine einzige W esten schauend , auf d er S telle trab te.
Möglichkeit, deine alltägliche Welt als Herausforderung und
als Vehikel zu nutzen, um genügend persönliche Kraft
112 113
Ich hob die Arme und atmete tief. Don Juan trat neben mich
und sagte, diese Bewegung sei nur in der Dämmerung auszu-
2.Teil
führen.
Don Genaro schrie, für mich sei wohl gerade »Dämmerung«, D as T onal und N agual
und die beiden lachten herzlich. Don Genaro lief bis zum
Saum des Chaparral und hüpfte wieder zur Veranda zurück, als
ob er an einem langen Gummiband hinge, das ihn zurück-
schnellen ließ. Diese Bewegungen wiederholte er drei- oder
viermal, dann kam er zu mir. Derweil hatte Don Juan mich
unverwandt angeschaut, lachend wie ein Kind. Sie wechselten
einen verstohlenen Blick. Mit lauter Stimme sagte Don Juan
zu Don Genaro, meine Vernunft sei eine gefährliche Sache und
könne mich töten, f a l l s sie nicht beschwichtigt werde.
»Um Himmels willen!« schrie Don Genaro mit dröhnender
Stimme. »Beschwichtige einer seine Vernunft!« Sie hüpften auf
und ab und lachten wie die Kinder. Don Juan veranlaßte mich,
unter der Laterne niederzusitzen. und reichte mir mein
Notizbuch.
»Heute abend spielen wir dir wirklich übel mi t «, sagte er
versöhnlich. »Hab keine Angst. Genaro war unter meinem Hut
versteckt.«
Man muß glauben

Ich wanderte den Paseo de la Reforma hinab stadteinwärts. Ich


war müde; zweifellos war die Höhenluft von Mexico City
schuld daran. Ich hätte auch den Bus oder ein Taxi nehmen
können, aber irgendwie wollte ich, trotz meiner Erschöpfung, zu
Fuß gehen. Es war am Sonntagnachmittag. Der Verkehr war
gering, und doch verwandelten die Auspuffgase der Busse und
Lastwagen mit ihren Dieselmotoren die engen Straßen der
Innenstadt in Schluchten voller Smog. Ich kam am Zocalo
vorbei und stellte fest, daß die Kathedrale von Mexico City
diesmal noch schiefer stand als beim letzten Mal, als ich sie sah.
Ich schlenderte ein paar Schritte durch die riesigen Gewölbe.
Ein zynischer Gedanke kam mir in den Sinn.
Von dort machte ich mich zum Lagunilla-Markt auf. Ich hatte
eigentlich keine bestimmte Absicht. Ziellos, aber mit schnellem
Tempo lief ich drauflos, ohne mir etwas Besonderes
anzusehen. Schließlich landete ich bei den Ständen mit alten
Münzen und antiquarischen Büchern.
»Hallo, hallo! Sieh mal an, wer da ist!« sagte jemand und
klopfte mir leicht auf die Schulter.
Diese Stimme und die Berührung ließen mich auffahren. Rasch
drehte ich mich nach rechts. Vor Überraschung blieb mir der
Mund offenstehen. Wer mich da angesprochen hatte -war Don
Juan.
»Mein Gott, Don Juan!« rief ich, und ein Schauder lief mir
über den Körper, vom Scheitel bis zur Sohle. »Was machst du
denn hier?«
»Was machst du denn hier?« echote er. Ich sagte ihm, ich sei
auf ein paar Tage in der Stadt geblieben, bevor ich in die Berge
von Zentralmexiko aufbrechen wollte, um ihn aufzusuchen.
»Na schön«, sagte er lächelnd, »dann bin ich eben von den
Bergen heruntergekommen, um dich aufzusuchen.« Er klopfte
mir ständig auf die Schulter. Offenbar freute er sich, mich zu
sehen. Er stemmte die Fäuste in die Hüften,

117
b lä h te d ie B ru st v o r u n d fra g te m ic h , w a s ic h z u se in e m verstehen und schlug vor, w ir s o llte n in e in e n nahegelegenen
A u sse h e n sa g te . Je tz t e rst f i e l m ir a u f. d a ß e r e i n e n A n z u g P ark gehen.
tru g . D ie se U n stim m ig k e it m a c h te m ic h g a n z b e tro ffe n . Ic h Schw eigend gingen w ir e in paar Straßen w e it, dann erreichten
w ar verb lüfft. w ir die Plaza G arribaldi, e in e n P latz, w o M usiker ihre D ienste
»W ie gefällt d ir m ein ta cu ch e'l« . fragte er strahlend . E r anb o ten, eine A rt A rb eitsam t f ü r M usikanten. D o n Ju a n u n d
gebrauchte das D ialektw ort »tacuche« s t a t t des hochspanischen ic h ta u c h te n in d ie M e n g e d e r Z u sc h a u e r u n d T o u riste n e i n
» t r a j e « für A nzug. u n d w a n d e rte n d u rc h d e n P a rk . N a c h e in e r W eile b lieb er
»H e u te h a b e ic h e in e n A n z u g a n « , sa g te e r, a ls o b d ie s n o c h stehen, l e h n t e sich an eine M auer und zo g d ie H o sen b is zu d en
e in e r E rlä u te ru n g b e d u rfte . D a n n d e u te te e r a u f m e in e n M und K nien ho ch: er trug hellb raune S o cken. I c h b a t ih n . m ir d ie
und m einte: »M ach ihn zu, m ach i h n z u ! « Ic h la c h te z e rstre u t. B e d e u tu n g se in e s w u n d e rlic h e n A u fz u g s z u erklären. S eine
E r b e m e rk te m e in e V e rw irru n g u n d sc h ü tte lte sic h v o r r e ic h lic h unbestim m te A ntw ort w ar, er m üsse heute eb en e i n e n
L a c h e n , w ä h re n d e r sic h e in m a l im K re is d rehte, d am it ich i h n A nzug tragen, aus G ründ en, d ie m ir sp äter klarw erden w ürden.
vo n allen S eiten b ew und ern ko nnte. S ein A u fz u g w a r D aß ich D on Juan in e in e m A nzug begegnet w ar. w a r m ir so
u n g la u b lic h . E r tru g e in e n h e llb ra u n e n N a d e l-S tre ife n -A n z u g , unheim lich, daß ich m eine E rregung kaum beherrschen ko nnte.
b ra u n e S c h u h e , e i n w e iß e s H e m d . U n d e in e K ra w a tte ! U n d Z w ar h a t t e i c h i h n m o natelang n i c h t gesehen und w ü n sc h te
d ie s b ra c h te m ic h a u f d ie F ra g e , o b e r ü b e rh a u p t S o c k e n m ir m e h r a ls a lle s a n d e re a u f d e r W e lt, m it ih m z u sprechen,
a n h a tte o d e r o b se in e F ü ß e a m E n d e b a rfu ß in d e n S c h u h e n aber irgendw ie w ar dies nicht die richtige S itu a tio n , u n d m e in e
ste c k te n . A u fm e rk sa m k e it w a n d e rte h ie rh in u n d d o rth in . O ffe n b a r h a tte
M eine V erw irrung w urd e no ch d urch d en seltsam en E ind ruck D o n Ju a n m e in e V e rle g e n h e it b e m e rk t, d e n n er s c h lu g vor, w ir
gesteigert, daß ich näm lich, als D on Juan m ich auf die S chulter s o llte n nach La Alam eda gehen, e in e m e in p a a r S tra ß e n z e ile n
k lo p fte u n d ic h m ic h u m d re h te , g e m e in t h a tte , i h n in s e i n e n e n tfe rn te n , ru h ig e re n P a rk . H ier w aren nur w enige M enschen,
K hakiho sen, seinem K hakihem d , seinen S and alen und seinem und w ir fanden ohne M ühe eine leere B ank. W ir setzten uns.
S tro h h u t z u se h e n u n d d a ß d a n n e rst, a ls e r m ic h a u f se in e M eine N ervosität w ar e in e m unbehaglichen G efühl gew ichen.
K le id u n g a u fm e rk sa m g e m a c h t u n d i c h sie ü b e rh a u p t e rst in Ich w agte es n ic h t, D on Juan anzusehen.
a l l e n E inzelheiten w ahrgeno m m en hatte, d ie G esam theit sein e r N u n e n tsta n d e i n e l a n g e , e n tn e rv e n d e P a u se ; im m e r n o c h
E rsc h e in u n g z u e in e m fe ste n B ild g e ra n n , so a ls h ä tte ic h sie o hne in anzuschauen, sagte ich. d aß d ie innere S tim m e m ich
e rst d u rc h m e in e G e d a n k e n g e sc h a ffe n . M e in M u n d w a r s c h lie ß lic h getrieben habe, i h n aufzusuchen, daß die erschüt-
a n sc h e in e n d d e r a m stä rk ste n v o n m e in e r Ü b e rra sc h u n g b e - ternden E re ig n isse , die ich in s e in e m H aus e r le b t h a tte , m ein
tro ffene K ö rp erteil. E r ö ffnete sich u n w i l l k ü r l i c h . D o n Juan L eben tiefgreifend verändert h ä t t e n und daß ic h ganz einfach
fa ß te m ic h sa n ft a m K in n , a ls o b e r m ir h e lfe n w o l l t e , d e n d arüb er sp rechen m üsse.
M und zu schließ en. E r m a c h te e i n e u n g e d u ld ig e H a n d b e w e g u n g u n d m e in te , e s
»D u k rie g st b e stim m t n o c h e i n D o p p e lk in n «, sa g te e r u n d se i s e i n G ru n d sa tz , sic h n ie m a ls m it V e rg a n g e n e m a u fz u -
lachte rhythm isch.
halten.
Je tz t b e m e rk te ic h a u c h , d a ß e r k e in e n H u t tru g u n d d a ß se in
»W orauf es j e t z t einzig ankom m t, ist, daß du dich an m einen
k u rz e s w e iß e s H a a r a u f d e r re c h te n S e ite g e sc h e ite lt w a r. E r
V orschlag gehalten h a s t« , sagte er. »D u hast deine a lltä g lic h e
sah aus w ie ein m exikanischer a lte r H err, ein m akellos g e k le i-
W elt als H erausfo rd erung angeno m m en, und d er B ew eis, d aß
d e te r S tä d te r.
d u genügend p ersö nliche K raft gesp eichert hast, ist d ie unb e-
Ih n h ie r a n z u tre ffe n , sa g te ic h ih m , b rin g e m ic h so d u rc h e in -
a n d e r, d a ß ic h m ic h e rst m a l h in se tz e n m ü sse . E r sc h ie n z u 119
118
streitbare Tatsache, daß du mich ganz mühelos gefunden hast, »Das hängt von deiner persönlichen Kraft ab«, sagte er. »Wie
genau an der Stelle, wo du es solltest.« »Diesen stets beim Tun und Nichttun von Kriegern der Fall, ist die
Zusammenhang möchte ich doch sehr bezweifeln«, sagte ich. persönliche Kraft das einzige, worauf es ankommt. Bislang,
»Ich habe auf dich gewartet, und jetzt bist du da«, sagte er. meine ich, machst du es ganz gut.«
»Das ist alles, was ich weiß. Das ist alles, was ein Krieger zu Er ließ eine kurze Pause entstehen, wie um das Thema zu
wissen braucht. wechseln, dann stand er auf und deutete auf seinen Anzug.
»Und was geschieht jetzt, da ich dich gefunden habe?« fragte »Ich habe meinen Anzug für dich angelegt«, sagte er geheim-
ich. nisvoll. »Dieser Anzug ist meine Herausforderung. Schau nur,
»Eines zumindest«, sagte er. »Wir werden nicht die Probleme wie gut ich darin aussehe! Wie gut er sitzt! Na? Da fehlt
deiner Vernunft diskutieren; diese Erfahrungen gehören zu n ic h ts!«
einer anderen Zeit und zu einer anderen Stimmung. Genauge- Tatsächlich stand der Anzug Don Juan außerordentlich gut.
nommen sind sie nur Stufen auf einer endlosen Leiter. Sich Der einzige Vergleich, der mir einfiel, war die Art, wie mein
mit ihnen aufzuhalten, würde heißen, die Bedeutung dessen zu Großvater in seinem schweren englischen Flanell-Anzug aus-
schmälern, was hier und jetzt geschieht. Und das kann ein zusehen pflegte. Er machte mir stets den Eindruck, als fühle er
Krieger sich nicht leisten.« sich in einem Anzug unnatürlich, fremd. Don Juan dagegen
Ich spürte einen unwiderstehlichen Drang, mich zu beklagen. wa r so unbefangen.
Nicht daß ich irgend etwas bereut hätte, das mir widerfahren »Glaubst du. es fällt mir leicht, in einem Anzug natürlich zu
war, aber ich sehnte mich nach Trost und Mitleid. Don Juan wirken'?« fragte Don Juan.
schien meine Stimmung zu erkennen, und er sprach jetzt so, als Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Nach seinem Aussehen
hätte ich tatsächlich meine Gedanken geäußert. »Nur als und Auftreten zu urteilen, so dachte ich bei mir, war es für ihn
Krieger kann man den Weg des Wissens ertragen«, sagte er. wohl das Leichteste von der Welt.
»Ein Krieger darf nichts bereuen und sich über nichts beklagen. »Einen Anzug zu tragen ist eine Herausforderung für mich«,
Sein Leben ist eine immerwährende Herausforderung, und sagte er. »Eine Herausforderung, so schwierig, wie es für dich
Herausforderungen sind niemals gut oder schlecht. wäre. Sandalen und einen Poncho zu tragen. Doch du hast es
Herausforderungen sind einfach Herausforderungen.« Er nie nötig gehabt, derlei als Herausforderung anzunehmen. In
sprach mit knappen, ernsten Worten, aber sein Lächeln war meinem Fall ist es anders. Ich bin ein Indianer.« Wir schauten
herzlich und entwaffnend. uns an. Als stumme Frage zog er die Brauen hoch, als wolle
»Jetzt, wo du hier bist, wollen wir auf ein Omen warten«, sagte er meine Meinung hören. »Der grundlegende Unterschied
er. zwischen einem normalen Menschen u n d einem Krieger ist,
»Was für ein Omen??« fragte ich. daß der Krieger alles als Herausforderung annimmt«, fuhr er
»Wir müssen herausfinden, ob deine Kraft allein für sich fort, »während der normale Mensch alles entweder als Segen
bestehen kann«, sagte er. »Beim letzten Mal hat sie ja kläglich oder als Fluch auffaßt. Die Tatsache, daß du heute hier bist,
versagt. Diesmal scheinen die Umstände deines persönlichen zeigt mir, daß du die Gewichte zugunsten der Lebensweise
Lebens dir - zumindest oberflächlich betrachtet - alles zu eines Kriegers verschoben hast.«
geben, was du brauchst, um die Erklärung der Zauberer Sein Blick machte mich nervös. Ich wollte aufstehen und
auszuhalten.« weitergehen, aber er hieß mich, sitzen zu bleiben. »Hier
»Ist es denn nicht möglich, daß du mir etwas darüber er- bleibst du sitzen, ohne Ausflüchte, bis wir fertig sind«, sagte er
zählst?« fragte ich. gebieterisch. »Wir warten auf ein Omen. Ohne dies
120 121
können wir nicht weitermachen, denn es genügt nicht, daß du glaubte man. Mit anderen Worten, das Geheimnis eines Krie-
mich gefunden hast, wie es auch nicht genügte, daß du damals gers ist, daß er glaubt, ohne zu glauben. Aber natürlich kann
Genaro in der Wüste gefunden hast. Deine Kraft muß sich der Krieger nicht einfach sagen, er glaubt, und es damit
sammeln und ein Zeichen geben.« bewenden lassen. Das wäre zu leicht. Einfach glauben, das
»Ich ahne nicht, was du willst«, sagte ich. würde ihn von der Verpflichtung entbinden, seine Situation zu
»Ich habe etwas durch diesen Park schleichen sehen«, sagte überprüfen. Immer wenn ein Krieger sich darauf einlassen
er. muß, zu glauben, dann tut er es als freie Entscheidung, als
»War es der Verbündete?« Ausdruck seiner innersten Wahl. Ein Krieger glaubt nicht, ein
»Nein, der war es nicht. Wir müssen also hier sitzen bleiben Krieger muß glauben.«
und herausfinden, was f ü r ein Omen deine Kraft herbeiziehen Er starrte mich sekundenlang an, während ich in meinem
wird.« Notizbuch schrieb. Ich schwieg still. Ich konnte nicht sagen,
Dann forderte er mich auf, ihm ausführlich zu berichten, wie daß ich den Unterschied verstanden hätte, aber ich wollte nicht
ich die Empfehlungen ausgeführt hätte, die Don Genaro und argumentieren oder Fragen stellen. Ich wollte darüber
er mir für meine alltägliche Welt und meine Beziehungen mit nachdenken, was er gesagt hatte, aber meine Gedanken wurden
anderen Menschen gegeben hatten. Ich wurde etwas verlegen. abgelenkt, als ich mich umschaute. Auf der Straße hinter uns
Er zerstreute meine Bedenken mit dem Argument, daß meine bildeten hupende Autos und Busse eine lange Schlange. Am
persönlichen Angelegenheiten nichts Privates seien, weil sie Rande des Parks, etwa zwanzig Meter entfernt, seitlich von der
eine Obliegenheit der Zauberei darstellten, in der er selbst Bank, auf der wir saßen, stand eine Gruppe von etwa sieben
und Don Genaro mich förderten. Ich bemerkte scherzhaft, Leuten, einschließlich dreier Polizisten in hellgrauen
daß diese Obliegenheit der Zauberei mein Leben ruiniert Uniformen, über einen Mann gebeugt, der reglos im Gras lag.
habe, und berichtete dann von meinen Schwierigkeiten, meine Anscheinend war er betrunken oder ernstlich krank. Ich warf
alltägliche Welt beisammenzuhalten. Don Juan einen Blick zu. Auch er hatte zu dem Mann
Ich sprach sehr lange. Don Juan lachte über meinen Bericht, hinübergeschaut. Ich sagte ihm, daß ich aus irgendeinem
bis ihm Tränen über die Wangen rollten. Immer wieder schlug Grund nicht in der Lage sei, mir klarzumachen, was er eben
er sich auf die Schenkel; diese Geste, die ich Hunderte Male gesagt hatte.
bei ihm gesehen hatte, wirkte eindeutig fehl am Platz, wenn es »Ich möchte keine Fragen mehr stellen«, sagte ich. »Aber
auf den Bügelfalten eines Anzugs geschah. Ich war voller wenn ich dich nicht um Erklärungen bitte, dann verstehe ich
Befürchtungen, die ich loswerden mußte. nichts. Keine Fragen zu stellen, das ist ganz unnormal für
»Dein Anzug erschreckt mich mehr als alles andere, was du mich.«
mit mir angestellt hast«, sagte ich. »Bitte, sei normal, um alles in der Welt!« sagte er mit gespielte m
»Du wirst dich dran gewöhnen«, sagte er. »E in Krieger muß E rn st.
beweglich sein und sich harmonisch mit der ihn umgebenden Ich sagte, ich verstünde nicht den U nterschied zw ischen glaub e n
Welt verändern, sei es d ie Welt der Vernunft oder die Welt u n d g la u b e n m ü sse n . F ü r m ic h se i e s d a sse lb e . D ie
des Willens. U nterscheid ung zw ischen d en b eid en A ussagen erschiene m ir
Der gefährlichste Moment dieser Veränderung tritt immer als H aarsp alterei.
dann ein, wenn der Krieger feststellt, daß die Welt weder das »E rinnerst d u d ich an d ie G eschichte vo n d einer F reund in und
eine noch das andere ist. Ich mußte lernen, daß die einzige ih re r K a tz e , d ie d u m ir e in m a l e rz ä h lt h a s t ? « fra g te e r b e i-
Möglichkeit, diesen entscheidenden Wechsel zu überstehen. läufig. E r sa h z u m H im m e l h in a u f, le h n te sic h a u f d e r B a n k
darin besteht, daß man bei seinen Handlungen so tut. als z u rü c k
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u n d stre c k te d ie B e in e . E r le g te d ie H ä n d e h in te r d e n K o p f h in te r d e r G la stü r. S ie g in g z u r P fö rtn e rlo g e . M e in K ö rp e r
und sp annte am ganzen K ö rp er seine M uskeln an. W ie im m er versp ürte einen seltsam en S cho ck, und ganz auto m atisch ö ffnete
gaben seine K nochen laute, knackende G eräusche von sich. ich d en W agenschlag. »L auf, M ax, l a u f ! « sagte ich zu dem
K ater. E r sp ra n g h in a u s u n d sc h o ß - fla c h a m B o d e n g e d u c k t,
W o ra u f e r a n g e sp ie lt h a tte , d a s w a r e in e G e sc h ic h te , d ie ic h w ie e in e e c h te R a u b k a tz e - ü b e r d ie S tra ß e . D ie S tra ß e n se ite
ih m e in m a l ü b e r e in e F re u n d in e rz ä h lt h a tte , d ie z w e i k le in e gegenüb er w ar leer. D o rt p arkten keine A uto s, und so ko nnte
K ä tz c h e n h a lb to t in d e r T ro c k e n tro m m e l e in e r A u to m a te n - ich M ax sehen, w ie er am R innstein entlang die S traße entlang
w ä sc h e re i g e fu n d e n h a tte . S ie b ra c h te sie w ie d e r z u m L e b e n ra ste . E r e rre ic h te d ie K re u z u n g m it e in e r b re ite n A lle e u n d
u n d p ä p p e lte sie d u rc h v o rz ü g lic h e N a h ru n g u n d P fle g e z u ta u c h te d u rc h e in G u lly in d ie K a n a lisa tio n h in a b . M e in e
z w e i sta ttlic h e n K a tz e n h e ra n , d ie e in e sc h w a rz , d ie a n d e re F re u n d in k a m z u rü c k . Ic h sa g te i h r , M a x se i fo rt. S ie stie g e in
rötlich. u n d w ir fu h re n d a v o n , o h n e e in e in z ig e s W o rt. In d en
Z w ei Jahre sp äter verkaufte sie ihre W o hnung. S ie ko nnte d ie d arauffo lgend en M o naten gew ann d er Z w ischenfall für m ich
K atzen nicht m itnehm en und fand auch kein anderes H eim für eine sym b o lische B ed eutung. H atte ich es m ir eingeb ild e t o d e r
sie; unter d iesen U m ständ en b lieb ihr nichts and ers üb rig, als sa h ic h w irk lic h e i n u n h e im lic h e s F la c k e rn in M a x ' A u g e n , a ls
sie in d ie T ierklinik zu b ringen und einschläfern zu lassen. Ic h e r m ic h a n sta rrte , b e v o r e r a u s d e m A u to sp ra n g ? U nd ich
h a lf i h r , sie h in z u b rin g e n . D ie K a tz e n w a re n n o c h n ie in glaub te, d aß d ieses kastrierte, üb erfütterte und nutzlo se
e in e m A u to g e fa h re n . D ie F re u n d in v e rsu c h te sie z u b e ru h i- H a u stie r fü r e in e n A u g e n b lic k e in K a te r g e w o rd e n w a r. Ic h se i
gen. S ie kratzten und b issen sie, b eso nd ers d ie rö tliche, d er sie d a v o n ü b e rz e u g t, e rz ä h lte ic h D o n Ju a n , d a ß , a ls M a x üb er d ie
den N am en M ax gegeben hatte. A ls w ir schließlich die T ierklin ik S traß e gerannt und in d er K analisatio n verschw und en w ar, sein
e rre ic h te n , g riff sie z u e rst n a c h d e r sc h w a rz e n K a tz e . S ie n a h m K atzengeist m akello s gew esen und d aß vielleicht zu keinem
sie a u f d e n A rm u n d stie g w o rtlo s a u s d e m A u to . D ie K a tz e and eren Z eitp unkt seines L eb ens seine K atzenhaftigke it so
sp ie lte m it ih r u n d h a sc h te m it d e m P fö tc h e n n a c h ih r. o ffe n b a r g e w e se n se i. D e r E in d ru c k , d e n d ie se r Z w ischenfall
w ä h re n d sie d ie G la stü r z u r T ie rk lin ik a u fstie ß . Ich schaute b ei m ir hinterließ , w ar unvergeß lich. D a m a ls h a tte ic h d ie
m ich nach M ax um . E r hockte auf der H interbank. M e in e G e sc h ic h te a l l e n m e in e n F re u n d e n e rz ä h lt. N a c h d e m ic h sie
K o p fb e w e g u n g m u ß te i h n e rsc h re c k t h a b e n , d e n n e r sc h o ß im m e r w ie d e r z u m b e ste n g e g e b e n h a tte , g e fie l i c h m ir se h r
u n te r d e n F a h re rsitz . Ic h lie ß d e n S itz n a c h h in te n gleiten. Ich d a rin , m ic h m it d e m K a te r z u id entifizieren. Ich stellte m ir vo r,
w o llte nicht hinuntergreifen, d enn ich fürchtete, er w ü rd e m ic h ich sei w ie M ax, üb erm äß ig verw öhnt, in j e d e r H insicht
k ra tz e n o d e r b e iß e n . D e r K a te r la g in e in e r V e rtie fu n g im dom estiziert, und doch konnte ich n ic h t a n d e rs a ls g la u b e n , d a ß
B o d e n d e s W a g e n s. E r sc h ie n se h r a u fg e re g t. S e in A te m g in g e s ste ts d ie M ö g lic h k e it e in e s A u g e n b lic k s g a b , d a d e r G e ist
sto ß w e ise . E r sa h m ic h a n . U n se re B l i c k e trafen sich, und e in e s fre ie n M e n sc h e n m e in ganzes S ein erfassen w ürd e, genau
m ich üb erw ältigte e in starkes G efühl. Irgend etw as bem ächtigte w ie d er G eist d er »K atzen-h a ftig k e it« M a x ' a u fg e sc h w e m m te n
sich m eines K örpers, e in e A rt A ngst, V erzw eiflung oder u n d n u tz lo se n K ö rp e r e rfa ß t h a tte .
vielleicht auch e in schlechtes G ew issen, da ich an dem , w as hier D o n Ju a n h a tte d ie se G e sc h ic h te g e fa lle n , u n d e r h a tte e in
gespielt w urde, b e te ilig t w ar. Ich versp ürte d as B ed ürfnis, M ax p aar A nm erkungen d azu gem acht. E s sei nicht schw er, m einte
zu erklären, d aß es d o ch d ie E ntscheid ung m einer F reund in w ar e r, d e n G e ist e in e s fre ie n M e n sc h e n z u w e c k e n u n d sic h v o n
und d aß ich ihr nur d ab ei h a lf. D e r K a te r sc h a u te m ic h a n , a ls ih m e rfa sse n z u la sse n ; d o c h ih n fe stz u h a lte n , d a s se i e tw a s,
v e rstü n d e e r m e in e W orte. Ic h sc h a u te h in a u s, o b sie sc h o n w as nur e in K rieger kö nne.
z u rü c k k ä m e . Ic h sa h sie
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»W a s so ll d ie G e sc h ic h te v o n d e n K a tz e n ? « fra g te ic h . »D u »A b e r d a s h a t sie d o c h !« rie f D o n Ju a n , n a c h d e m ic h i h m
sa g te st m ir d o c h , d a ß d u m e in te st, d u w ü rd e st d e in e C h a n c e m eine G ed anken vo rgetragen h a t t e .
n u tz e n , g e n a u w ie M a x «, sa g te e r. »D as glaub e ich allerd ings.« »G la u b e n m ü ssen b e d e u te t, d a ß d u a u c h d ie a n d e re K a tz e in
»W a s w ir d ir b e iz u b rin g e n v e rsu c h te n , ist, d a ß e in K rie g e r B e tra c h t z ie h e n m u ß t. D i e j e n i g e , d ie v e rsp ie lt d ie H ä n d e
d ies nicht einfach glaub en und es d ab ei b ew end en lassen d arf. leckte, d ie sie in i h r V erd erb en trugen. D ies w ar d ie K atze, d ie
Im F a lle v o n M a x b e d e u te t g la u b en m ü ssen , d a ß d u a u c h d ie v o ll V e rtra u e n in ih re n T o d g in g , e r f ü l l t v o n ih re n K a tz e n -
T a tsa c h e a k z e p tie rst, d a ß se in e F lu c h t v ie lle ic h t e in sin n lo se r E insichten.
A u sb ru c h g e w e se n ist. V ie lle ic h t ist e r in d ie K a n a lisa tio n D u glaub st, d u seist w ie M ax. d arum hast d u d ie and ere K atze
gesp rungen und auf d er S telle verreckt. V ielleicht ist er erso ffe n v e rg e sse n . D u w e iß t n ic h t e in m a l i h r e n N a m e n . G la u b e n
o d e r v e rh u n g e rt o d e r v i e l l e i c h t so g a r v o n d e n R a tte n m ü ssen b e d e u te t, d a ß d u a lle s in B e tra c h t z ie h e n m u ß t. u n d
aufgefressen w o rd en. E in K rieger zieht alle d iese M ö glichkeite n b e v o r d u b e sc h lie ß t, d a ß d u w ie M a x b ist, m u ß t d u e rw ä g e n ,
in B e tra c h t, u n d d a n n e n tsc h e id e t e r sic h d a fü r, im E in k la n g d aß d u auch w ie d ie and ere K atze s e in kö nntest. S tatt um d ein
m it se in e r in n e rste n W a h l z u g la u b e n . A ls K rieger m u ß t d u L e b e n z u la u fe n u n d d e in e C h a n c e z u n u tz e n , k ö n n te st d u a u c h
glaub en, d aß M ax es geschafft hat, d aß er n ic h t n u r a u sg e risse n g lü c k lic h in d e in V e rd e rb e n g e h e n , e r f ü l l t v o n d e in e n
ist, so n d e rn d a ß e r se in e K ra ft b e h a lte n hat. D u m u ß t es E insichten.«
glaub en. S agen w ir, o hne d iesen G laub en hast du gar n ic h ts.« In se in e n W o rte n l a g e i n e d u rc h d rin g e n d e T ra u rig k e it, o d e r
Je tz t w u rd e m it d e r U n te rsc h ie d g a n z k l a r . I c h h a t t e m ic h v ie lle ic h t w ar es auch m eine eigene T raurigkeit. Lange
w o h l w irk lic h d a fü r e n tsc h ie d e n z u g la u b e n , d a ß M a x a m schw iegen w ir. E s w ar m ir nie in den S i n n gekom m en, daß ic h
L e b e n g e b lie b e n w a r, o b w o h l ic h w u ß te , d a ß e r d u rc h e in e a u c h w ie d ie a n d e re K a tz e se in k ö n n te . D ie se r G e d a n k e w a r
le b e n sla n g e V e rw e ic h lic h u n g u n d H ä tsc h e le i b e n a c h te ilig t war. se h r b e u n ru h ig e n d fü r m ic h .
»G la u b e n - d a s ist e in k la re r F a l l « , fu h r D o n Ju a n fo rt. P lö tz lic h w u rd e i c h d u rc h e i n e n g e l i n d e n A u fru h r u n d g e -
» G la u b en m ü ssen ist etw as and eres. In d iesem F all zum B e i - d äm p ftes S tim m engew irr aus m einen Ü b erlegungen gerissen.
sp ie l e rte ilte d ie K ra ft d ir e in e h e rv o rra g e n d e L e h re , a b e r d u P o liz iste n v e rtrie b e n d ie L e u te , d ie sic h u m d e n im G ra s
h a st d ic h d a m it b e g n ü g t, n u r e in e n T e il d a v o n z u n u tz e n . liegenden M ann gesam m elt h a t t e n . Irgendw er h a t t e den K opf
W e n n d u g la u b e n m u ß t, d a n n m u ß t d u je d o c h d e n g a n z e n d es M annes auf e i n zusam m engero lltes J a c k e t t gestützt. D er
V organg nutzen.« M a n n la g p a r a l l e l z u r S t r a ß e . E r b l i c k t e n a c h O ste n . V o n
»Ich verstehe, w as du m e i n s t « , sagte ich. I c h b e fa n d m ic h in m einem P la tz aus konnte ic h b e i n a h e f e s t s t e l l e n , daß er die
e in e m Z u sta n d g e istig e r K l a r h e i t u n d m e in te , ic h k ö n n e se in e A ugen offen h a t t e . D o n Ju a n se u fz te .
B e g riffe g a n z m ü h e lo s e rfa sse n . »Ich fürchte, du verstehst »W as für e in w underbarer N a c h m i t t a g « , s a g te er und schaute
im m er noch n i c h t « , sagte er beinahe flüsternd. zum H im m el a u f .
E r starrte m ich an. E ine W eile hielt ich seinem B lic k stand . » I c h liebe M exico C ity n ic h t« , sagte ic h .
»U n d w a s ist m it d e r a n d e re n K a tz e ? « fra g te e r. »A c h ? D ie »Warum nicht?« »Ich hasse den Smog.«
a n d e re K a tz e ? « w ie d e rh o lte ic h u n w illk ü rlic h . Ich hatte sie Er nickte rhythmisch mit dem Kopf, so als pflichte er mir bei.
ganz vergessen. M ein S ym b o l d rehte sich nur um M a x . D ie »L ie b e r w ä re i c h m it d i r in d e r W ü ste o d e r in d e n B e rg e n «,
a n d e re K a tz e h a tte k e in e rle i B e d e u tu n g fü r m ic h . sagte ich. »Ich an d einer S telle w ürd e so etw as nie s a g e n « ,
sagte er.
126 127
»Ich habe mir nichts Böses dabei gedacht, Don Juan.« »Das Er schlug die Augen auf und sah mich eine Weile an. Sein
wissen wir beide. Es kommt aber nicht darauf an, was du denkst. Blick war so durchdringend, daß er mich betäubte. »Nein. Ich
Ein Krieger, und in diesem Fall auch jeder andere, darf niemals glaube es nicht«, sagte ich.
wünschen, er wäre woanders. Ein Krieger, weil er gemäß der Ich meinte wirklich, daß dies alles zu einfach sei. Wir hatten
Herausforderung lebt - ein gewöhnlicher Mensch, weil er nicht uns in den Park gesetzt, und schon - als sei alles inszeniert -lag
weiß, wo sein Tod ihn finden wird. Schau dir den Mann da da ein Mann im Sterben.
drüben im Gras an! Was, meinst du, fehlt ihm?« »Die Welt paßt sich an sich selbst an«, sagte Don Juan,
»E r ist betrunken oder krank«, sagte ich. »Er stirbt!« sagte nachdem er meine Zweifel angehört hatte. »Dies ist keine
Don Juan mit absoluter Gewißheit. »Als wir uns hier auf die abgekartete Sache. Dies ist ein Omen, ein Akt der Kraft. Die
Bank setzten, habe ich seinen Tod erspäht, wie er ihn von der Vernunft aufrechterhaltene Welt macht aus all dem ein
umkreiste. Deshalb befahl ich dir auch, nicht aufzustehen. Ereignis, das wir einen Augenblick beobachten können,
Mach, was du willst, du kommst von dieser Bank nicht los, bis während wir unterwegs zu wichtigeren Dingen sind. Das
es zu Ende ist! Dies ist das Omen, auf das wir gewartet haben. einzige, was wir darüber sagen können, ist, daß dort ein Mann
Es ist schon spät. Gleich wird die Sonne untergehen. Das ist im Gras liegt - vielleicht betrunken. Die vom Willen
deine Stunde der Kraft. Schau! Der Anblick dieses Mannes ist aufrechterhaltene Welt macht es zu einem Akt der Kraft, den
nur für uns da.« Er machte mich auf den Umstand wir sehen können. Wir können sehen, wie der Tod um diesen
aufmerksam, daß wir von unserem Platz aus eine unverstellte Mann herumwirbelt und seinen Haken immer tiefer in seine
Sicht auf den Mann hatten. Auf der anderen Seite, uns leuchtenden Fasern senkt. Wir können sehen, wie die
gegenüber, sammelte sich eine Gruppe von Neugierigen im leuchtenden Fäden ihre Spannung verlieren und einer um den
Halbkreis. Der Anblick dieses Menschen, der da im Gras lag, anderen verschwinden.
beunruhigte mich stark. Er war schlank und von dunklem Teint, Dies sind die zwei Möglichkeiten, die uns als leuchtenden
noch ziemlich jung. Sein schwarzes Haar war kurz und lockig. Wesen offenstehen. Du stehst jetzt irgendwo in der Mitte,
Sein Hemd stand offen, und die Brust war entblößt. Er trug eine denn du willst immer noch alles unter die Rubrik Vernunft
orangefarbene Strickjacke, die an den Ellbogen Löcher hatte, einordnen. Und doch, wie kannst du die Tatsache leugnen, daß
und eine abgewetzte graue Hose. Seine Schuhe, von einer deine persönliche Kraft ein Omen angezogen hat? Wir sind in
undefinierbaren, verblichenen Farbe, waren aufgenestelt. Er lag diesen Park gekommen, nachdem du mich an der Stelle gefunden
reglos. Ich konnte nicht feststellen, ob er atmete. Ich fragte mich, hattest, wo ich auf dich wartete - du fandst mich, indem du mir
ob er sterben würde, wie Don Juan gesagt hatte. Oder benutzte einfach über den Weg liefst, ohne zu denken, zu planen oder
Don Juan den Vorgang etwa nur, um mir etwas zu erläutern? absichtlich deine Vernunft zu gebrauchen - und nachdem wir
Meine bisherigen Erfahrungen mit ihm hatten mich überzeugt, uns hierher gesetzt hatten, um auf ein Omen zu warten,
daß es ihm irgendwie gelang, alles in sein mysteriöses System entdeckten wir diesen Mann. Jeder von uns nahm ihn auf seine
einzubauen. Weise wahr , du mit deiner Vernunft und ich mit meinem
Nach langem Schweigen wandte ich mich ihm wieder zu. Er Willen.
hatte die Augen geschlossen. Ohne sie zu öffnen, fing er an zu Dieser Sterbende ist einer jener Kubikzentimeter Chance, die
sprechen. die Kraft für einen Krieger stets bereithält. Die Kunst des
»Der Mann wird gleich sterben«, sagte er. »Du willst es aber Kriegers ist es, dauernd beweglich zu sein, um ihn zu packen.
nicht glauben, nicht wahr?« Ich habe ihn gepackt. Aber hast du es auch?« Ich konnte nicht
antworten. Mir war ein gewaltiger Riß in meinem Innern
bewußt geworden, und einen Moment
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wußte ich irgendwie um die zwei Welten, von denen er sprach. ihm bevorstand, und daß er. wie der Mann dort drüben, genug
»Welch ein großartiges Omen!« fuhr er fort. »Und das alles für Kraft hatte, um wenigstens den Platz seines Endes zu wählen.
dich. Die Kraft zeigt dir, daß der Tod ein unentbehrlicher Aber dann war da noch die andere Katze, genau wie es noch
Bestandteil des Glaubenmüssens ist. Ohne das Bewußtsein vom andere Menschen gibt, deren Tod sie einkreisen wird, während
Tode ist alles gewöhnlich, banal. Nur deshalb, weil der Tod uns sie allein sind, bewußtlos, und an die Wände und die Decke
umschleicht, ist die Welt ein unergründliches Mysterium. Dies eines häßlichen, öden Zimmers starren. Dieser Mann hingegen
hat die Kraft dir gezeigt. Ich habe nichts anderes getan, als die stirbt dort, wo er immer gelebt hat, in den Straßen der Stadt.
Details dieses Omens zusammenzufügen, damit dir die Drei Polizisten sind seine Ehrenwache. Und während er
Richtung klar werde. Aber indem ich die Details verlöscht, werden seine Augen ein letztes Bild von den Lichtern
zusammenfügte, habe ich dir auch gezeigt, daß ich alles, was der Geschäfte auf der anderen Straßenseite auffangen, von den
ich dir heute sagte, selbst glauben muß, denn dies ist die innere Autos, den Bäumen, den umherirrenden Menschentrauben, und
Wahl meiner Seele.« Wir blickten uns eine Weile in die Augen. seine Ohren werden zum letztenmal vom Verkehrslärm und den
»Ich erinnere mich an ein Gedicht, das du mir immer vorgelesen Stimmen der vorübereilenden Männer und Frauen erfüllt sein.
hast«, sagte er und wandte die Augen ab. »Es handelt von einem Du siehst also, ohne ein Bewußtsein von der Gegenwart unseres
Mann, der sich geschworen hat, in Paris zu sterben. Wie geht es Todes gibt es keine Kraft, kein Mysterium.« Lange starrte ich
nur gleich?« den Mann an. Er lag reglos da. Vielleicht war er tot. Aber meine
Es handelte sich um Cesar Vallejos »Schwarzer Stein auf Zweifel zählten nicht mehr. Don Juan hatte recht. Glauben zu
weißem Stein«. Die ersten beiden Verse hatte ich Don Juan auf müssen, daß die Welt geheimnisvoll und unergründlich ist, das
seinen Wunsch unzählige Male vorgelesen und aufgesagt. war ein Ausdruck der innersten Wahl eines Kriegers. Ohne dies
besäße er nichts.
Ich will in Paris sterben, wenn es regnet. An einem Tag,
an den ich mich bereits erinnere. Ich will in Paris
sterben - und ich laufe nicht weg -Vielleicht im Herbst,
an einem Donnerstag, wie heute.

Ein Donnerstag wird es sein, denn heute


Am Donnerstag, da ich diese Zeilen schreibe
Spüren meine Knochen die Wende,
Und nie war ich wie heute, auf meinem langen Weg.
Mit mir so allein.

Dieses Gedicht enthielt für mich eine unbeschreibliche Trau-


rigkeit.
Don Juan flüsterte mir zu, er müsse glauben, daß der sterbende
Mann genug persönliche Kraft hatte, die ihn befähigte. die
Straßen von Mexico City als Ort seines Sterbens zu wählen.
»Damit sind wir wieder bei der Geschichte von den zwei
Katzen«, sagte er. »Wir müssen glauben, daß Max wußte, was
130
Die Insel des Tonal Zeit dafür. Sie muß jedoch korrekt geführt werden, sonst hätte
sie gar keinen Sinn. Ich wollte, daß mein Anzug dir das erste
Stichwort gibt. Das hat er, glaube ich. getan. Jetzt ist es Zeit zu
sprechen, denn was dieses Thema betrifft, so gibt es ohne
Anderntags, gegen Mittag, trafen Don Juan und ich uns wieder Sprechen kein völliges Verstehen.« »Welches Thema denn,
im gleichen Park. Er trug immer noch seinen braunen Anzug. Don Juan?« »Die Ganzheit des Selbst«, sagte er.
Wir setzten uns auf eine Bank; er zog seinen Rock aus, faltete ihn Er stand abrupt auf und führte mich in den Speisesaal eines
sehr sorgfältig, aber mit überlegener Gleichgültigkeit zusammen großen Hotels auf der anderen Straßenseite. Eine ziemlich
und legte ihn auf die Bank. Seine Gleichgültigkeit wirkte sehr unfreundliche Kellnerin wies uns einen Tisch in einer rück-
einstudiert und dennoch vollkommen natürlich. Ich ertappte wärtigen Nische an. Die bevorzugten Plätze waren offensichtlich
mich dabei, wie ich ihn unverwandt anschaute. Er schien zu an den Fenstern.
wissen, welch ein Paradox er mir aufgab, und lächelte. Er rückte Ich erzählte Don Juan, daß diese Frau mich an eine andere
seine Krawatte zurecht. Er trug ein beigefarbenes, Kellnerin in einem Restaurant in Arizona erinnerte, wo Don
langärmeliges Hemd. Es kleidete ihn sehr gut. »Ich habe Juan und ich einmal gegessen hatten, an eine Frau, die uns
immer noch meinen Anzug an, weil ich dir etwas sehr fragte, bevor sie uns die Speisekarte reichte, ob wir auch genug
Wichtiges sagen will«, meinte er und klopfte mir auf die Geld zum Bezahlen hätten.
Schulter. »Gestern hast du dich sehr gut gehalten. Jetzt ist es »Auch dieser armen Frau will ich keinen Vorwurf machen«,
Zeit, daß wir uns über ein paar abschließende Dinge einigen.« Er sagte Don Juan, als habe er Mitleid mit ihr. »Auch sie, wie jene
machte eine lange Pause. Anscheinend überdachte er seine andere, hat Angst vor Mexikanern.« Er lachte leise. Ein paar
Worte. Ich hatte ein seltsames Gefühl im Magen. Meine erste Menschen an den Nachbartischen drehten die Köpfe und
Vermutung war, er würde mir die Erklärung der Zauberer schauten uns an. Don Juan meinte, die Kellnerin habe uns
mitteilen. Etliche Male stand er auf und ging vor mir auf und unwissentlich oder vielleicht sogar entgegen ihrer Absicht den
ab, als ob es ihm schwerfiele, seine Gedanken in Worte zu besten Tisch des Hauses gegeben, einen Tisch, wo ich nach
fassen. Herzenslust schreiben und wir miteinander reden könnten. Ich
»Laß uns doch in das Restaurant da drüben gehen und eine hatte gerade mein Schreibzeug aus der Tasche geholt und auf
Kleinigkeit essen!« sagte er schließlich. Er faltete sein Jackett den Tisch gelegt, als der Kellner sich plötzlich vor uns
auseinander, und bevor er es anzog, zeigte er mir, daß es ganz aufbaute. Er schien genauso schlechter Laune zu sein. Mit
gefüttert war. »Es ist tadellos gearbeitet«, sagte er und herausfordernder Miene schaute er auf uns herab. Don Juan
lächelte, als sei er stolz darauf, als sei ihm viel daran gelegen. bestellte sich ein sehr ausgefallenes Gericht. Ergab seine
»Ich muß dich darauf aufmerksam machen, sonst würdest du es Bestellung auf, ohne auf die Speisekarte zu schauen, als wisse er
nicht bemerken, und es ist sehr wichtig, daß du es merkst. Du sie auswendig. Ich war im Nachteil. Der Kellner war unerwartet
aufgetaucht, und ich hatte keine Zeit gehabt, die Speisekarte
merkst nur dann etwas, wenn du glaubst, du solltest es. Die
zu lesen, daher sagte ich ihm, ich wolle das gleiche.
Bedingung eines Kriegers ist aber, daß er zu jeder Zeit alles
merkt. Don Juan flüsterte mir ins Ohr: »Ich wette, sie haben nicht, was
Mein Anzug und das ganze Drum und Dran sind wichtig, weil ich bestellt habe.« Er reckte seine Arme und Beine und forderte
es meine Bedingung im Leben darstellt. Oder besser, die mich auf, es mir
Bedingung eines der zwei Teile meiner Ganzheit. Diese Dis-
kussion war schon lange fällig. Ich glaube, jetzt ist die rechte
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bequem zu machen und mich zu entspannen, denn die Zube- etw as w ü rd e h ier n ich t serviert. E r sch lu g statt d essen S teaks
reitung des Menüs werde eine Ewigkeit dauern. »Du befindest o d er H ü h n ch en vo r. W ir ein igten u n s au f e i n e S u p p e. W ir aßen
dich an einem ganz vertrackten Scheideweg«, sagte er. schw eigend. D ie Suppe schm eckte m ir n i c h t , und ich k o n n te sie
»Vielleicht ist es der letzte und vielleicht auch der am n ic h t a u fe sse n , a b e r D o n J u a n a ß se in e n T e lle r leer.
schwersten verstehbare. Einige Dinge, die ich dir heute erklären »Ic h h a b e e in e n A n z u g a n ge z o ge n «, sa gte e r u n v e rm itte lt,
will, werden dir wahrscheinlich nie klarwerden. Sie brauchen » u m d ir etw as zu versteh en zu geb en , etw as, w as d u b ereits
dir ohnehin nicht klarzuwerden. Laß dich also nicht verwirren w eißt, w as aber einer K lärung bedarf, w enn es für dich w irksa m
oder entmutigen! Wir alle sind dumme Toren, sobald wir die w e rd e n so ll. Ic h h a b e b is j e t z t ge w a rte t, w e il G e n a ro m e in t,
Welt der Zauberer betreten, und sie zu betreten versichert uns in d a ß d u n ic h t n u r ge w illt se in m u ß t, d e n W e g d e s W issens auf
keiner Weise, daß wir uns ändern werden. Manche von uns dich zu nehm en, sondern daß deine B em ühungen selb st
bleiben dumm bis ans Ende.« Mir gefiel es, daß er sich selbst m akello s gen u g sein m ü ssen , u m d ich d ieses W issen s w ürdig
zu den Toren rechnete. Ich wußte allerdings, daß er das nicht zu erw eisen. D u hast es gut gem acht. Jetzt w i l l ich d i r d ie
aus Bescheidenheit tat. sondern es als didaktisches Hilfsmittel E rkläru n g d er Z au b erer sagen .«
einsetzte. »Mach dir nichts draus, wenn du nicht den Sinn W ie d e r m a c h te e r e in e P a u se , rie b sic h d ie W a n ge n u n d
dessen verstehst, was ich dir sagen werde!« fuhr er fort. »In bew egte die Z unge im M und, als ob er seine Z ähne befühlte.
Anbetracht deines Temperaments fürchte ich, du wirst dich »Ic h w e rd e d i r je tz t e tw a s ü b e r d a s T o n a l u n d d a s N a g u a l
halb umbringen, um es vielleicht doch zu verstehen. Tu das erzählen«, sagte er und sah m ich e i n d r i n g l i c h a n . D ie s w a r d a s
nicht! Was ich dir sagen will, soll dir lediglich eine Richtung e rste M a l, se it w ir u n s k a n n te n , d a ß e r d ie se beiden B egriffe
zeigen.« Plötzlich beschlich mich Angst. Don Juans erw ähnte. A us der anthropologischen L iteratu r ü b e r d ie
Ermahnungen zwangen mich zu endlosen Spekulationen. Ganz K u ltu re n Z e n tra lm e x ik o s w a r ic h u n ge fä h r m it ih n en vertrau t.
ähnlich hatte er mich schon bei anderen Gelegenheiten gewarnt, I c h w u ß te, d aß d as »T o n al« (gesp ro ch en to h -n a ' h l ) a ls e i n e
und jedes-mal, wenn er dies tat, hatte sich das, wovor er mich A rt S c h u tz ge ist - in d e r R e ge l e i n T ie r -vorgestellt w urde, den
warnte, als eine verheerende Sache erwiesen. e in K ind bei der G eburt erhielt und m it dem es sein Leben la n g
»Es macht mich ganz nervös, wenn du so zu mir sprichst«, eine enge B indung u n te rh ie lt. »N agua l « (gesprochen:
sagte ich. n a h 'w a 'h l ) w ar der N am e des T ieres, in das e i n Z a u b e re r sic h
»Das weiß ich«, entgegnete er ruhig. »Ich versuche absicht- a n g e b l i c h v e rw a n d e ln k o n n te , o d e r d e s Z auberers, der e i n e
lich, dir auf die Sprünge zu helfen. Ich brauche deine Auf- solche V erw andlung vornahm . » D ie s is t m ein Tonal«. sagte D on
merksamkeit, deine ungeteilte Aufmerksamkeit.« Er machte Juan und strich sich m i t den H än d en ü b er d ie B ru st. »D ein
eine Pause und sah mich an. Unwillkürlich mußte ich nervös A nzug?« »N e in , m eine P erso n .«
lachen. Ich wußte, daß er die dramatische Spannung des E r klo p fte sich au f d ie B ru st, d ie S ch en kel u n d d i e R ip p en . »A ll
Augenblicks hinauszögerte, so gut es ging. »Dies sage ich dir dies ist m ein Tonal.«
nicht aus Effekthascherei«, sagte er, als habe er meine E r erklärte, daß jeder M ensch zw ei Seiten habe, zw ei getrennte
Gedanken gelesen. »Ich will dir nur Zeit geben, dich richtig W e se n h e ite n , z w e i G e ge n stü c k e , d ie im A u ge n b lic k d e r
darauf einzustellen.« G eb u rt ih r D asein au fn eh m en : d as e i n e h e i ß e d as »T o n al«,
In diesem Augenblick blieb der Kellner vor unserem Tisch d as an d ere d as »N agu al«. Ic h e rz ä h lte ih m , w a s d ie
stehen, um zu verkünden, daß es das, was wir bestellt hatten, A n th ro p o lo ge n ü b e r d ie b e id e n
nicht gab. Don Juan lachte laut heraus und bestellte Tortillas
und Bohnen. Der Kellner lachte verächtlich und meinte, so
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Begriffe wüßten. Er ließ mich reden, ohne mich zu unterbre- gäbe ruht, das Chaos der Welt zu ordnen. Es ist nicht zu weit
D
hergeholt, wenn man - wie die Zauberer - behauptet, daß alles,
chen.
was wir als Menschen wissen und tun, das Werk des Tonal ist.
»M einetw egen. W as d u auch d arüb er zu w issen glaub st, es ist
Im A u g e n b lic k z u m B e isp ie l ist e s d e in T o n a l, d a s v e rsu c h t,
b a re r U n sin n «, sa g te e r. »D ie se B e h a u p tu n g g rü n d e ic h a u f
u n se r G e sp rä c h z u v e rste h e n . O h n e d ie se s g ä b e e s n u r k o m i-
d ie T a tsa c h e , d a ß a lle s, w a s ic h d ir ü b e r d a s T o n a l u n d d a s
sc h e G e rä u sc h e u n d G rim a sse n , u n d d u w ü rd e st n ic h ts v o n
N a g u a l sa g e , d ir u n m ö g lic h v o rh e r h ä tte g e sa g t w e rd e n
a lle d e m verstehen, w as ich sage.
kö nnen. Jed er Id io t w üß te, d aß d u nichts d arüb er w eiß t, d enn
Ic h sa g e a lso , d a s T o n a l ist e i n W ä c h te r, d e r e tw a s K o stb a re s
u m m it d ie se n B e g riffe n v e rtra u t z u se in , m ü ß te st d u e i n
b e w a c h t, u n se r g a n z e s S e in . D a h e r ist e s e i n e w e se n tlic h e
Z a u b e re r se in , u n d d a s b ist d u n ic h t. O d e r d u h ä tte st d a rü b e r
E ig e n sc h a ft d e s T o n a l, d a ß e s b e i se in e m T u n v o rsic h tig u n d
m it e in e m Z a u b e re r sp re c h e n m ü sse n , u n d d a s h a st d u n ic h t.
b ed achtsam i s t . U nd d a seine T aten d er b ei w eitem w ichtigste
V e rg iß a lso a lle s, w a s d u b ish e r d a rü b e r g e h ö rt h a st, d e n n e s
T e il u n se re s L e b e n s sin d , ist e s k e in W u n d e r, d a ß e s sic h
t r i f f t nicht zu !«
sc h lie ß lic h b e i j e d e m v o n u n s a u s e in e m W ä c h te r in e in e n
»E s w ar d o ch n u r als K o m m en tar gem ein t«, sagte ich . E r h o b d ie
W ä rte r v e rw a n d e lt.«
B rau en u n d sch n itt ein ko m isch es G esich t. » D e i n e K o m m en tare
E r h i e l t i n n e und fragte m ich, o b ich verstand en hätte. A uto -
sin d feh l am P latz«, sagte er. »D iesm al b rau ch e ich d ein e
m atisch nickte ich b estätigend , und er lächelte m it ungläub iger
u n geteilte A u fm erksam keit, d en n i c h w erd e d ich m it d em T o n a l
M iene.
u n d d em N a g u a l vertrau t m ach en . D ie Zauberer haben ein
» E i n W ächter ist gro ß zügig und verständ nisvo ll«, erklärte er.
besonderes, einzigartiges Interesse an diesem Wissen. Ich
» E i n W ä rte r d a g e g e n ist e in S ic h e rh e itso rg a n , e n g h e rz ig u n d
möchte sagen, Tonal und Nagual sind ausschließlich den
m eistens d esp o tisch. Ich b ehaup te also , d aß d as T o n a l b ei uns
Wissenden zugänglich. In deinem Fall ist dies sozusagen der
a lle n zu e in e m k l e i n l i c h e n , despotischen W ärter gem acht
Deckel, der alles abschließt, was ich dich bisher gelehrt habe.
w ird , w ä h re n d e s d o c h e in g ro ß z ü g ig e r W ä c h te r se in so llte .«
Darum habe ich bis jetzt gewartet, um dir davon zu erzählen.
Z w e ife llo s k o n n te i c h d e m G a n g se in e r E rlä u te ru n g n ic h t
Das Tonal ist nicht ein Tier, das über einem Menschen wacht.
folgen. I c h hörte zw ar j e d e s W ort und schrieb es m it, und doch
Eher könnte man sagen, es ist ein Wächter, den man sich als
h i n g i c h irgend w ie einem eigenen inneren D ialo g nach. »E s
ein Tier vorstellen kann. Aber dies ist nicht die entscheidende
f ä l l t m ir s e h r schw er, d i r zu f o l g e n « , sagte ich. »W ü rd e st d u
Frage.«
d ic h n i c h t a n d e i n S e lb stg e sp rä c h k la m m e rn , dann h ä t t e s t du
Er lächelte und zwinkerte mir zu.
k e i n e S chw ierigkeiten«, sagte er scharf. D iese B em erkung
»Ich will jetzt mal deine eigenen Worte gebrauchen«, sagte er.
v e r a n l a ß t e m ich zu e i n e r langen, w eitschw eifigen E rklärung.
»Das Tonal ist die soziale Person.«
S c h l i e ß l i c h f i n g ich m ich w ieder und e n t s c h u l d i g t e m ich
Er lachte, wie ich annahm, über mein bestürztes Gesicht. »Das
für m eine beharrliche S elbstrechtfertigung.
Tonal gilt, mit Recht, als ein Beschützer, ein Wächter -ein
E r l ä c h e l t e und m achte e i n e G eb ärd e, d ie anzud euten schien,
Wächter, der sich meistens in einen Wärter verwandelt.« Ich
d aß er sich nicht w irklich üb er m ein V erhalten geärgert hatte.
fummelte an meinem Notizbuch herum. Ich versuchte
»D a s T o n a l, d a s ist a lle s, w a s w ir sin d «, fu h r e r fo rt. »S c h a u
mitzubekommen, was er sagte. Er lachte und äffte meine
d ic h um ! A lles, w ofür w i r W örter haben, ist das Tonal. U nd da
nervösen Bewegungen nach.
das T onal n i c h t s anderes ist als sein eigenes T un, m uß folglich
»Das Tonal ist der Organisator der Welt«, fuhr er fort.
a lle s in seine Sphäre f a l l e n . «
»Vielleicht kann man seine gewaltige Arbeit am besten be-
schreiben, wenn man sagt, daß auf seinen Schultern die Auf-
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Ich erinnerte ihn daran, daß er gesagt hatte, das »Tonal« sei die Dieses Faktum mußt du im Sinn behalten. Es ist sehr wichtig,
soziale Person - ein Begriff, den ich selbst ihm gegenüber um all dies zu verstehen. Das Tonal beginnt mit der Geburt und
verwendet hatte, um den Menschen als Endresultat von Sozia- endet mit dem Tod.«
lisierungsprozessen zu bezeichnen. Falls das »Tonal« dieses Ich wollte alle seine Behauptungen gern noch einmal zusam-
Produkt sei, führte ich aus, könne es nicht »alles« sein, wie er menfassen. Ich war sogar schon so weit, daß ich meinen Mund
gesagt hatte, denn die uns umgebende Welt sei nicht das aufmachte, um ihn zu bitten, mir die wesentlichen Punkte
Produkt einer Sozialisation. unseres Gesprächs zu wiederholen, aber zu meiner Verwun-
Don Juan verwies mich darauf, daß mein Einwand für ihn derung konnte ich kein Wort hervorbringen. Ich erlebte eine
gegenstandslos sei, denn er habe mir schon vor langem erklärt, ganz eigenartige Lähmung, meine Zunge war schwer, und ich
daß es keine Welt schlechthin gebe, sondern nur eine Be- hatte keinerlei Kontrolle über diese Empfindung. Ich schaute
schreibung der Welt, die wir uns vorzustellen und als gesichert Don Juan an, um ihm zu verstehen zu geben, daß ich nicht
hinzunehmen gelernt hätten. sprechen konnte. Wieder starrte er auf meine Magengegend.
»Das Tonal ist alles, was wir kennen«, sagte er. »Ich meine, Er hob den Blick und fragte, wie ich mich fühlte. Die Wörter
dies allein ist ein zureichender Grund, warum das Tonal eine sprudelten nur so aus mir heraus, als sei ein Riegel fortge-
so überragende Bedeutung hat.« schoben worden. Ich erzählte ihm, daß ich gerade das eigenartige
Er ließ eine Pause entstehen. Zweifellos wartete er auf eine Gefühl gehabt hätte, nicht sprechen noch denken zu können,
Bemerkung oder Frage von mir, aber mir fiel nichts ein. dennoch seien meine Gedanken kristallklar gewesen. »Deine
Dennoch fühlte ich mich verpflichtet, eine Frage zu stellen. Gedanken waren also kristallklar?« fragte er. Nun erkannte ich.
und so bemühte ich mich, etwas Passendes zu formulieren. Es daß diese Klarheit sich nicht auf meine Gedanken, sondern
gelang mir nicht. Vielleicht, so meinte ich, wirkten die War- auf meine Wahrnehmung der Welt bezog.
nungen, mit denen er unser Gespräch eröffnet hatte, als »Machst du eigentlich irgend etwas mit mir. Don Juan?«
Abschreckung gegen jegliches Nachfragen meinerseits. Ich fragte ich.
war seltsam betäubt. Ich konnte meine Gedanken nicht sam- »Ich versuche, dich davon zu überzeugen, daß deine Einwände
meln noch ordnen. Tatsächlich spürte und wußte ich ohne den unnötig sind«, sagte er und lachte. »Du meinst, du möchtest
leisesten Zweifel, daß ich nicht zu denken vermochte, und doch nicht, daß ich Fragen stelle?« »Nein. nein. Frag nur alles, was
wußte ich dies, ohne es zu denken, wenn so etwas überhaupt du willst, aber laß nicht in deiner Aufmerksamkeit nach.«
möglich war. Ich mußte zugeben, daß ich durch die Ungeheuerlichkeit des
Ich blickte Don Juan an. Er starrte auf meine Körpermitte. Themas zerstreut gewesen war.
Dann hob er den Blick, und sofort kehrte mein klares Denken »Ich verstehe immer noch nicht, Don J uan, was du mit der
wieder. Feststellung meinst, daß das Tonal Alles sein soll«, meinte ich
»Das Tonal ist alles, was wir kennen«, wiederholte er lang- nach kurzer Pause.
sam. »Und dies schließt nicht nur uns als Personen ein, »Das Tonal ist das, was die Welt schafft.«
sondern alles in unserer Welt. Man kann sagen, das Tonal ist »Ist das Tonal der Schöpfer der Welt?« Don
alles, worauf unser Auge fällt. Juan kratzte sich am Kopf.
Bereits im Augenblick unserer Geburt beginnen wir es zu »Das Tonal schafft die Welt - das ist nur eine bildliche
hegen und zu pflegen. In dem Moment, da wir den ersten Redeweise. Es kann nichts erschaffen oder verändern, und
Atemzug tun, atmen wir auch Kraft für das Tonal ein: es tr ifft
also zu, daß das Tonal eines Menschen eng mit seiner Geburt
verbunden ist.
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doch schafft es die Welt, denn es ist seine Funktion, zu »W enn das Tonal all das ist, w as w ir über uns und unsere W elt
urteilen, zu bewerten und zu bezeugen. Ich sage, das Tonal w issen, w as ist d ann d as N a g u a l? «
schafft die Welt, denn es bezeugt und bewertet sie gemäß den »D a s N a g u a l ist d e rje n ig e T e il v o n u n s, d e r u n s g a n z u n z u -
Regeln des Tonal. Auf ganz seltsame Weise ist das Tonal ein gänglich ist.« »W ie b itte? «
Schöpfer, der nichts erschaffen kann. Mit anderen Worten, das »D as N a g u a l ist d er T eil vo n uns, f ü r d en es keine B eschrei-
Tonal stellt die Regeln auf, nach denen es die Welt begreift. b u n g g ib t - k e in e W ö rte r, k e in e N a m e n , k e in e G e fü h le , k e i n
Also erschafft es sozusagen die Welt.« Er summte ein W issen.«
volkstümliches Lied, wobei er den Rhythmus mit den Fingern »D a s ist e in W id e rsp ru c h , D o n Ju a n . W e n n e s n ic h t g e fü h lt
auf der Stuhllehne trommelte. Seine Augen leuchteten; sie o d e r b e sc h rie b e n o d e r b e n a n n t w e rd e n k a n n , d a n n k a n n e s
schienen Funken zu sprühen. Er lachte und schüttelte den m einer M einung nach nicht e x is tie r e n .« »N u r d e in e r M e in u n g
Kopf. n a c h ist e s e i n W id e rsp ru c h . Ic h h a b e d ich scho n gew arnt,
»Du kannst mir nicht folgen«, sagte er lachend. »Aber doch! b ring d ich nicht um im B em ühen, d ies zu verstehen.«
Es macht mir keine Mühe«, sagte ich, aber es klang nicht sehr »W ürd est d u sagen, d as d as N a g u a l d er G eist i s t ? « »N e in . D e r
überzeugend. G e ist ist n u r e i n G e g e n sta n d a u f d e m T isc h . D e r G eist ist T eil
»Das Tonal K\ eine Insel«, erklärte er. »Am besten kann man es d es T o n a l. S agen w ir e i n m a l , d er G eist is t d iese C hiliflasche.«
beschreiben, wenn man sagt, dies hier ist das Tonal.« Er strich E r nahm e i n e G ew ürzflasche und s t e l l t e sie v o r m ir auf d en
mit der Hand über die Tischplatte. »Man kann sagen, das Tonal T isch.
ist wie diese Tischplatte. Eine Insel. Und auf dieser Insel »Ist d as N a g u a l d ie S eele? «
haben wir alles mögliche. Diese Insel ist also die Welt. »N e in . A u c h d ie S e e le g ib t e s a u f d e m T isc h . N e h m e n w ir
Hier gibt es ein persönliches Tonal für jeden von uns. und da e in m a l a n , d ie S e e le se i d e r A sc h e n b e c h e r.« »S in d e s d ie
ist zu jedem gegebenen Zeitpunkt ein kollektives für uns alle, G e d a n k e n d e r M e n sc h e n ? « »N e in . A u c h d ie G e d a n k e n sin d
das wir als das Tonal der Zeiten bezeichnen können.« Er a u f d e m T isc h . D ie G e d anken sind d as B esteck h i e r . «
deutete auf die Tischreihen im Restaurant. »Schau! Jeder Tisch E r nahm e in e G abel und legte sie neben die C h i l i f l a s c h e und
zeigt das gleiche Bild. Auf allen gibt es gewisse Gegenstände. d e n A sc h e n b e c h e r.
Doch sie unterscheiden sich im einzelnen von einander. Auf »Ist e s e i n Z u sta n d d e r G n a d e ? D e r H im m e l? « »N ein, das auch
manchen Tischen findet sich mehr als auf anderen. n ic h t. D as. w as es auch sein m ag. ist ebenfalls T eil d es T o n a l.
Verschiedene Speisen stehen auf ihnen, verschiedene Teller, da S agen w ir, es sei d ie S e r v ie tte .« Ic h fu h r fo rt u n d z ä h lte a l l e
ist eine unterschiedliche Atmosphäre, und doch müssen wir M ö g lic h k e ite n d e r B e sc h re ib u n g auf für das, w as er m einen
zugeben, daß alle Tische in diesem Restaurant sich sehr ähnlich m ochte: I n t e l l e k t , P syche, E nergie, L e b e n sk ra ft,
sind. Das gleiche gilt für das Tonal. Man kann sagen, es ist das U n ste rb lic h k e it. L e b e n sp rin z ip . F ü r j e d e n B e griff, d en ich
Tonal der Zeiten, was uns einander ähnlich macht, genau wie nannte, fand er auf d em T isch einen G egenstand , d e n e r a ls
es alle Tische in diesem Restaurant sich gleichen läßt. Dennoch G e g e n stü c k b e n u tz te u n d v o r m ir a u fb a u te , b is e r a lle a u f d e m
ist jeder Tisch für sich ein Einzelfall, genau wie das T isc h b e fin d lic h e n O b je k te a u f e in e m H a u fe n v e rsa m m e lt h a tte .
persönliche Tonal eines jeden von uns. Doch das D o n Ju a n sc h ie n d ie g a n z e S a c h e u n g e h e u re n S p a ß z u m a -
entscheidende Faktum, das wir nicht vergessen dürfen, ist, daß
alles, was wir über uns selbst und über unsere Welt wissen, sich
auf der Insel des Tonal befindet. Siehst du. was ich meine?«
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chen. Er kicherte und rieb sich die Hände, sooft ich eine Anfang an ein Gefühl der Unvollkommenheit. Dann fängt das
weitere Möglichkeit erwähnte. Tonal an zu wachsen, und es wird ungemein wichtig, so
»Ist das Nagual das höchste Wesen? Der Allmächtige, Gott?« wichtig, daß es den Glanz des Nagual verdunkelt, es zurück-
»Nein. Auch Gott gibt es auf dem Tisch. Nehmen wir an, Gott drängt. Von dem Augenblick an, da wir ganz Tonal sind, tun
sei das Tischtuch.« wir nichts anderes, als jenes alte Gefühl der Unvollkommenheit
Er machte eine spaßige Gebärde, als wolle er das Tischtuch an zu verstärken, das uns seit dem Augenblick unserer Geburt
den Zipfeln hochheben, um es über die anderen Gegenstände begleitet und das uns beständig sagt, daß es noch einen anderen
zu breiten, die er vor mir aufgestellt hatte. »Aber sagtest du Teil braucht, um uns zu vervollständigen. Von dem Augenblick
nicht, daß Gott nicht existiert?« »Nein. Das habe ich nicht an. da wir ganz Tonal werden, fangen wir an, Paare zu bilden.
gesagt. Ich sagte nur, daß das Nagual nicht Gott ist, denn Gott Wir fühlen unsere zwei Seiten, aber wir stellen sie uns immer
ist ein Gegenstand unseres persönlichen Tonal und des Tonal nur anhand von Gegenständen des Tonal vor. So sagen wir. daß
der Zeiten. Wie schon gesagt, das Tonal ist alles, woraus die unsere zwei Teile Körper und Seele sind. Oder Geist und
Welt sich, wie wir glauben, zusammensetzt - einschließlich Materie. Oder Gut und Böse. Gott und Satan. Aber nie erkennen
Gott, natürlich. Gott hat nicht mehr Bedeutung, als daß er ein wir. daß wir nur Gegenstände unserer Insel zu Paaren
Teil des Tonal unserer Zeit ist.« zusammenfassen, ganz ähnlich wie wenn wir Kaffee u n d Tee.
»In meinem Verständnis, Don Juan, ist Gott alles. Sprechen Brot und Tortillas, Chili und Senf paarweise bezeichnen. Wir
wir überhaupt über dasselbe?« sind komische Wesen, sage ich dir. Wir tappen im Dunkel, und
»Nein. Gott ist nur all das, was du zu denken vermagst, daher in unserer Torheit machen wir uns vor, alles zu verstehen.«
ist er, genaugenommen, nur einer unter den Gegenständen auf Don Juan stand auf und sprach mich an, als sei er ein Volks-
der Insel. Man kann Gott nicht willentlich erleben, man kann redner. Er deutete mit dem Zeigefinger auf mich und ließ
nur über ihn sprechen. Das Nagual hingegen steht dem Krieger seinen Kopf zittern.
zu Gebot. Man kann es erleben, aber man kann nicht darüber »Der Mensch bewegt sich nicht zwischen Gut und Böse«,
sprechen.« sagte er in einem fröhlich rhetorischen Tonfall und griff mit
»Wenn das Nagual keines der Dinge ist. die ich genannt habe, beiden Händen nach Pfeffer und Salz. » I n Wirklichkeit bewegt
kannst du mir dann vielleicht etwas über seinen Aufenthaltsort er sich zwischen Negativität und Positivität.« Er ließ die Salz-
sagen? Wo ist es?« und Pfefferstreuer f a l l e n und griff nach Messer und Gabel.
Don Juan fegte mit der Hand durch die Luft und wies auf den »Du irrst! Es gibt keine Bewegung«, fuhr er fort, als ob er sich
Raum außerhalb der Tischkanten. Er bewegte die Hand, als selbst widerspräche. »Der Mensch ist nur Geist!« Er griff zur
wollte er eine imaginäre Oberfläche säubern, die über die Chiliflasche hob sie hoch. Dann stellte er sie hin. »Wie du
Kanten des Tisches hinausreichte. siehst«, sagte er leise, »können wir ohne weiteres Chiliflasche
»Das Nagual ist dort«, sagte er. »Dort, es umgibt die Insel. für Geist einsetzen und schließlich feststellen: Der Mensch ist
Das Nagual ist dort, wo die Kraft schwebt. Vom Augenblick nur Chilisoße! Wenn wir dies tun, machen wir uns nur noch
unserer Geburt an fühlen wir, daß wir aus zwei Teilen verrückter, als wir schon sind.« »Ich fürchte, ich habe nicht die
bestehen. Zum Zeitpunkt der Geburt und noch kurz danach richtige Frage gestellt«, sagte ich. »Vielleicht verstünden wir
sind wir nur Nagual. Dann fühlen wir, daß wir. um zu uns besser, wenn ich fragte, was sich im einzelnen in diesem
funktionieren, ein Gegenstück zu dem brauchen, was wir Raum außerhalb der Insel befindet?«
haben. Was fehlt, ist das Tonal, und dies gibt uns von
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»Das zu beantworten ist unmöglich. Würde ich sagen: Nichts, Der Tag des Nagual
dann würde ich das Nagual nur zu einem Teil des Tonal
machen. Man kann nichts anderes sagen, als daß man dort,
jenseits der Insel, das Nagual findet.«
»Aber wenn du es das Nagual nennst, bringst du es dann nicht Als wir das Restaurant verließen, sagte ich zu Don Juan, daß er
ebenfalls auf der Insel unter?« recht gehabt habe, mich vor der Schwierigkeit des Themas zu
»Nein. Ich habe ihm nur einen Namen gegeben, weil ich dich warnen, und daß meine intellektuellen Fähigkeiten nicht
darauf aufmerksam machen wollte.« ausreichten, um seine Begriffe und Erklärungen zu verstehen.
»Na schön! Aber indem ich darauf aufmerksam werde, tue ich Ich schlug vor. ich sollte vielleicht in mein Hotel gehen und
doch den Schritt, der das Nagual zu einem weiteren Gegen- meine Aufzeichnungen noch einmal durchlesen, um ein besseres
stand meines Tonal macht.« Verständnis des Themas zu gewinnen. Er suchte mich zu
»Ich fürchte, du verstehst nicht. Ich habe das Tonal und das beruhigen. Er meinte, ich regte mich über Wörter auf. Während
Nagual als ein echtes Paar benannt. Etwas anderes habe ich er sprach, verspürte ich ein Frösteln, und einen Augenblick
nicht getan.« fühlte ich. daß es tatsächlich einen anderen Bereich in mir gab.
Er erinnerte mich daran, daß ich einmal, als ich ihm erklären Ich berichtete Don Juan, ich hätte gewisse, unerklärliche
wollte, warum mir so viel am Sinn der Wörter gelegen sei, die Empfindungen. Meine Äußerung weckte anscheinend seine
Vorstellung erörtert hatte, daß Kinder vielleicht nicht imstande Neugier. Ich erzählte ihm, ich hätte diese Empfindungen
sind, den Unterschied zwischen »Vater« und »Mutter« zu schon vorher gehabt, und anscheinend seien es momentane
verstehen, bevor sie nicht eine Entwicklungsstufe erreicht Entgleisungen, ein Aussetzen meiner Bewußtseinsvorgänge.
haben, auf der sie mit Sinn umgehen können, und daß sie Sie manifestierten sich stets als körperlicher Schock, gefolgt
vielleicht glauben konnten, »Vater« bedeute, >Hosen tragen<, von dem Gefühl, daß irgend etwas mich in der Schwebe hielt.
und »Mutter« bedeute, >Röcke trägem - oder andere Unter- Wir gingen gemächlich stadteinwärts. Don Juan bat mich, ihm
schiede hinsichtlich Haartracht, Körpergröße oder Kleidung. diese »Entgleisungen« ausführlich zu beschreiben. Es fiel mir
»Sicher tun wir dasselbe mit unseren zwei Teilen«, sagte er. schwer, sie zu schildern, außer daß ich sie als momentane
»Wir fühlen, daß es noch eine andere Seite von uns gibt. Aber Vergeßlichkeit, geistige Abwesenheit oder als Nichtwissen um
sobald wir versuchen, diese andere Seite festzumachen, gelangt mein Tun bezeichnen konnte.
das Tonal ans Ruder, und als Kommandant ist es ziemlich Geduldig wehrte er ab. Er wies darauf hin, ich sei ein sehr
kleinlich und eifersüchtig. Es blendet uns mit seiner List und anspruchsvoller Mensch, hätte ein hervorragendes Gedächtnis
zwingt uns, auch noch die leiseste Ahnung von dem anderen und sei in meinem Handeln sehr umsichtig. Zuerst hatte ich
Teil des echten Paares, dem Nagual. auszutilgen.« gemeint, daß diese eigenartigen Entgleisungen mit dem Ab-
stellen des inneren Dialogs verbunden seien, doch ich erlebte
sie auch, während ich extensive Selbstgespräche führte. Sie
schienen aus einer Region meines Inneren herzurühren, die
ganz unabhängig von allen bewußten Vorgängen war. Don
Juan klopfte mir auf den Rücken. Er lächelte mit sichtlichem
Vergnügen.
»Endlich beginnst du die richtigen Zusammenhänge zu erken-
nen«, sage er.
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Ich b at ih n , d iese g eh eim n isvo lle Feststellu n g zu erläu tern , ben zu behaupten, daß es alles um faßt. w as ich seit dem ersten
aber er brach das G espräch abrupt ab und forderte m ich auf. T ag. als w i r uns begegneten, gesagt h a b e .« Lange Zeit
ihn in einen kleinen P ark neben e i n e r K irche zu b e g l e i ten. schw iegen w ir. I c h m einte, ich m üsse w arten, bis er se in e
»D ies ist das E nde unseres S paziergangs durch die S t a d t « , E rk lä ru n g n o c h e in m a l z u sa m m e n fa ß te . a b e r p lö tz lic h überfiel
sagte er und setzte sich auf eine B ank. » H ie r haben w ir e in e n m ich e in e A hnung, und ich fragte s c h n e ll: » S in d das N agual
ganz idealen P latz, um die L eute zu beobachten. D ie e i n e n und das Tonal m uns s e lb s t 0 « E r sah m ich eind ringlich an.
g eh en au f d er S traß e vo rü b er, u n d an d ere k o m m en au s d er » E i n e sehr schw ierige F rage«, sagte er. »D u w ürd est sagen,
K irche. V on hier aus können w ir jeden s e h e n .« E r d e u te te a u f sie sind in uns. I c h w ürde sagen, sie s in d es n ic h t, aber keiner
e in e b re ite G e sc h ä ftsstra ß e u n d a u f e i n e n K iesw eg, der zur v o n u n s h ä tte r e c h t . D a s T o n a l d e in e r Z e it v e rla n g t, d a ß d u
T reppe vor der K irche führte. U nsere B ank stand halbw egs b ehaup test, alles, w as m it d einen G efühlen und G ed anken zu
zw ischen K irche und Straße. »D as ist m eine Lieblingsbank«, tu n h a t, fin d e in d i r s t a t t . D a s T o n a l d e r Z a u b e re r sa g t, im
sagte er und s tr e ic h e lte das Holz. G e g e n te il, a lle s i s t d ra u ß e n . W e r h a t n u n re c h t? K e in e r v o n
E r zw inkerte m ir zu und fuhr grinsend f o r t : » S ie lie b t m ich. b e id e n . D rin n e n o d e r d ra u ß e n - d a ra u f k o m m t e s w irk lic h
D eshalb saß auch kein anderer hier. S ie w ußte, daß ich nicht a n .«
kom m en w ürde.« »D as w ußte die B ank?« »N ein! N icht die I c h e rh o b e in e n E in w a n d . A l s e r ü b e r d a s »T o n a l« u n d d a s
B ank. M ein N agual.« »N agual« gesp ro chen hatte, sagte ich, d a hab e es so geklun-
»H at das N agual e in B ew ußtsein? Ist es sich der D inge g e n , a ls g e b e e s n o c h e in e n d ritte n T e il. E r h a tte g e sa g t, d a s
bewußt?« »T onal« zw inge u n s , H andlungen zu t u n . I c h bat i h n nun, m ir
»Selbstverständlich. E s w eiß alles. D aher f i n d e ich auch d e inen zu sagen, w er f ü r i h n derjenige sei. der gezw ungen w erde. E r
B ericht so interessant. W as du E ntgleisungen und G efühle antw ortete m ir nicht d i r e k t .
n an n test, ist d as N a g u a l. W o llten w ir d arü b er sp rech en , » D ie s l ä ß t sich nicht so einfach e r k l ä r e n « , sagte er. »G anz
dann m üßten w ir bei der Insel des T onal A nleihen m achen, gleich, w ie s c h la u die K ontrollen des Tonal sind -T atsache ist,
darum ist es praktischer, es nicht zu erklären, sondern n u r von daß das N agual dennoch auftaucht. S ein A uftauchen geschieht
seinen A usw irkungen zu b e ric h te n .« jedoch im m er unabsichtlich. E s ist die große K unst des Tonal,
Ich w ollte noch etw as über diese eigenartigen E m pfindungen j e g lic h e B ekundung des N agual so w eitgehend zu unterdrük-
sagen, aber er gebot m ir Schw eigen. ken, d aß es. selb st w enn sein D asein d as O ffenkund igste vo n
»G enug! H eute ist nicht der T ag des .N agual. heute ist der T ag der W elt w äre, unbem erkbar b l e i b t . « »F ür w en is t es
des Tonal«, sagte er. » I c h habe m einen A nzug angelegt, w eil unbem erkbar'1 «
ich heute ganz Tonal bin.« E r lachte und n ic k te m it dem K opf. I c h bedrängte i h n um e in e
E r lie ß se in e n B lic k a u f m ir ru h e n . I c h w o l l t e i h m g e ra d e A ntw ort.
sa g e n , d a ß u n se r T h e m a m ir sc h w ie rig e r e rsc h ie n a l s a l l e s »F ür d as T o n a l« . sagte er. » I c h sp reche ausschließ lich vo m
a n d e re , w a s e r m ir je e rk lä rt h a t t e : e r s c h i e n m e in e W o rte Tonal. V ie lle ic h t bew ege ic h m ich im K reis, aber das darf dich
e ra h n t z u h a b e n . nicht überraschen oder stören. I c h habe dich b e r e its gew arnt,
»E s ist sc h w ie rig «, fu h r e r f o r t . » I c h w e iß . A b e r w e n n d u w ie schw ierig es ist. w as ich d i r zu sagen habe. Ich nehm e a l l
b e d e n k st, d a ß d ie s d e r a b sc h lie ß e n d e D e c k e l, d ie le tz te S tu fe d ie se V e rre n k u n g e n a u f m ic h , w e il m e in T o n a l sic h d e sse n
dessen ist, w as ich dich gelehrt habe, dann is t es nicht übertrie- b ew uß t ist. d aß es üb er sich selb st sp richt. M it and eren W o rte n ,
m e in T o n a l b e n u tz t sic h s e l b s t , u m d ie In fo rm a tio n z u
verstehen, über die d e i n Tonal sich klarw erden soll. M an kann
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sagen, daß das Tonal, da es genau weiß, wie strapaziös es ist. u n se re s S e lb st. E in Z a u b e re r ste llt sic h d ie F ra g e : W e n n w ir
von sich selbst zu sprechen, zum Ausgleich die Begriffe >ich<, sc h o n m it d e r G a n z h e it u n se re s S e lb st ste rb e n , w a ru m d a n n
>mich< usw. geschaffen hat, und mit deren Hilfe kann es mit n ic h t m it d ie se r G a n z h e it le b e n ? «
anderen Tonais oder mit sich selbst über sich selbst sprechen. D u rc h e in e K o p fb e w e g u n g fo rd e rte e r m ic h a u f, d ie v ie le n
Wenn ich nun sage, daß das Tonal uns zwingt, etwas zu tun. vo rb eigehend en M enschen zu b eo b achten. »S ie alle sind
dann meine ich nicht, daß es noch ein Drittes gäbe. Offen- T o n a l« -, sagte er. » I c h w erd e j e t z t etliche vo n ihnen
sichtlich zwingt es sich selbst, seine eigenen Einsichten zu herausgreifen, d am it d ein T o n a l sie b eurteilt, und ind em es sie
befolgen. beurteilt, w ird es sich selbst b e u r te ile n .« E r le n k te m e in e
Doch bei bestimmten Gelegenheiten oder unter gewissen, A u fm e rk sa m k e it a u f z w e i a lte D a m e n , d ie e b e n a u s d e r K irc h e
besonderen Umständen wird etwas im Tonal sich dessen k a m e n . S ie sta n d e n e in e n M o m e n t o b e n auf d er S teintrep p e
bewußt, daß es in uns noch etwas anderes gibt. Es ist wie eine und schickten sich nun an, m it unend licher V o rsic h t
Stimme, die von tief innen kommt, die Stimme des Nagual. Du h e ra b z u ste ig e n , w o b e i sie a u f je d e r S tu fe ste h e n blieben.
siehst, die Ganzheit unseres Selbst ist ein natürlicher Zustand, »S chau d ir d iese zw ei F rauen sehr genau a n « , sagte er. »A b er
den das Tonal nicht gänzlich austilgen kann, und es gibt b e tra c h te sie n ic h t a ls P e rso n e n o d e r a ls G e sta lte n , d ie e tw a s
Augenblicke, besonders im Leben eines Kriegers, da die m it uns gem einsam haben. > B etrachte sie als Tonais.< « D ie
Ganzheit in Erscheinung tritt. In solchen Augenblicken können b e id e n F ra u e n e rre ic h te n d e n F u ß d e r T re p p e . S ie b e w e g te n
wir mutmaßen und anschätzen. was wir wirklich sind. sic h ü b e r d e n g ro b e n K ie s, a ls se ie n e s la u te r M u rm e ln , a u f
Jene Schocks, die du verspürt hast, haben mich besonders d e n e n sie a u sz u g le ite n u n d h in z u fa lle n fü rc h te te n . S ie g in g e n
interessiert, denn dies ist die Art, wie das Nagual auftaucht. In A rm in A rm u n d stü tz te n sic h m it ih re m g a n z e n G ew icht auf
solchen Augenblicken wird das Tonal sich der Ganzheit unseres einand er.
Selbst bewußt. Dies ist stets ein Schock, denn dieses »S chau sie a n ! « sagte D o n Juan leise. »D iese F rauen sind d as
Bewußtsein unterbricht die Windstille. Dieses Bewußtsein b e ste B e isp ie l fü r d a s e rb ä rm lic h ste T o n a l, d a s m a n fin d e n
nenne ich die Ganzheit des Wesens, das weiß, daß es sterben kann.«
wird. Man kann es sich so vorstellen, daß im Augenblick des Die beiden Frauen waren, wie ich feststellte, zartgliedrig. aber
Todes der andere Partner des echten Paares, das Nagual, voll in fett. Sie waren vielleicht Anfang Fünfzig. Ihre Gesichter zeigten
Funktion tritt und das in unseren Waden und Schenkeln, im einen schmerzlichen Ausdruck, als habe der Weg über die
Rücken, in den Schultern und im Hals gespeicherte Bewußt- Kirchentreppe hinunter all ihre Kräfte überfordert. Nun war en
sein - unsere Erinnerungen und Wahrnehmungen - sich aus- sie vor uns, sie schwankten einen Augenblick und blieben dann
zudehnen und aufzulösen beginnt. Wie die Perlen einer endlosen, stehen. Vor ihnen lag nur noch ein Schritt auf dem Kiesweg.
zerrissenen Halskette fallen sie, ohne die bindende Kraft des »Seien Sie vorsichtig, meine Damen!« rief Don Juan und
Lebens, auseinander.« sprang mit gespieltem Eifer auf.
Er blickte mich an. Seine Augen waren voller Frieden. Ich Die Frauen sahen ihn an - offensichtlich verwirrt durch seinen
fühlte mich unwohl, blöde. plötzlichen Ausbruch.
»Die Ganzheit unseres Selbst ist eine sehr dehnbare Sache«, »Genau an dieser Stelle hat meine Mutter sich einmal das
sagte er. »Wir brauchen nur einen sehr geringen Teil davon, Hüftgelenk gebrochen«, fügte er hinzu und schoß hinüber, um
um die kompliziertesten Aufgaben des Lebens zu bewältigen. ihnen behilflich zu sein. Sie dankten ihm überschwänglich, und
Doch wenn wir sterben, dann sterben wir mit der Ganzheit er riet ihnen, sie müß-
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ten, falls sie einmal das Gleichgewicht verlieren und hinfallen mit sich selbst und sei im Begriff, dorthin zu gehen. Dann
sollten, reglos auf dem Fleck liegenbleiben, bis der Kranken- starrte er mich mit ausdruckslosem Gesicht an. »Schau nur. wie
wagen käme. Dies sagte er in völlig ernstem, überzeugendem er angezogen ist!« flüsterte Don Juan. »Schau dir diese Schuhe
Ton. Die Frauen bekreuzigten sich. an!«
Don Juan setzte sich wieder. Seine Augen strahlten. Er sprach Die Kleidung des jungen Mannes war zerlumpt und zerknittert
leise weiter. und seine Schuhe hingen in Fetzen. »Er ist offenbar sehr arm«,
»Diese Frauen sind gar nicht so alt, und ihre Körper sind nicht sagte ich. »Ist das alles, was du über ihn zu sagen weißt?«
so schwach, und doch sind sie hinfällig. Alles an ihnen ist fragte er. Ich zählte eine Reihe von Gründen auf, die das
trostlos, ihre Kleidung, ihr Geruch, ihr Verhalten. Warum, schäbige Aussehen des jungen Mannes erklären mochten:
glaubst du. sind sie so?« Krankheit. Unglück, Nachlässigkeit. Gleichgültigkeit gegenüber
»Vielleicht wurden sie so geboren«, meinte ich. »Niemand seinem Äußeren oder auch die Möglichkeit, daß er gerade aus
wird so geboren. Wir machen uns selbst dazu. Das Tonal dieser dem Gefängnis entlassen worden war.
Frauen ist schwach und verzagt. Ich sagte dir ja, heute ist der Don Juan meinte, ich spekulierte bloß drauflos und er habe
Tag des Tonal. Ich meinte damit, daß ich mich heute kein Interesse, irgend etwas durch den Hinweis zu rechtferti-
ausschließlich mit diesem befassen will. Ich sagte dir auch, daß gen, daß der Mann ein Opfer unüberwindlicher Schwierigkeiten
ich zu diesem besonderen Zweck meinen Anzug angezogen sei.
habe. Damit wollte ich dir zeigen, daß ein Krieger mit seinem »Vielleicht ist er ein Geheimagent, der sich wie ein Strolch
Tonal auf ganz bestimmte, sorgsame Weise umgeht. Ich habe ausstaffiert hat«, scherzte ich.
dich auch darauf aufmerksam gemacht, daß mein Anzug Der junge Mann bewegte sich mit fahrigen Schritten auf die
tadellos gearbeitet ist und daß alles, was ich heute trage, mich Straße zu.
perfekt kleidet. Nicht meine Eitelkeit wollte ich dir damit »Er ist nicht wie ein Strolch ausstaffiert, er ist ein Strolch«,
beweisen, sondern meinen Krieger-Geist, mein Krieger- Tonal. sagte Don Juan. »Schau nur. wie schwächlich sein Körper ist!
Diese beiden Frauen haben dir heute deinen erster, Eindruck Seine Arme und Beine sind ausgemergelt. Er kann kaum
vom Tonal gegeben. Das Leben kann mit dir ebenso erbar- gehen. Niemand kann vortäuschen, so auszusehen. Irgend
mungslos sein wie mit ihnen, wenn du sorglos mit deinem etwas an ihm ist von Grund auf falsch, aber es sind nicht seine
Tonal umgehst. Mich selbst möchte ich einmal als Gegenbei- äußeren Umstände. Ich betone noch einmal, ich möchte, daß
spiel anführen. Falls du mich recht verstehst. brauche ich dies du diesen Mann als Tonal betrachtest.« »Was folgt daraus,
nicht näher zu erläutern.« wenn man einen Mann als Tonal betrachtet?«
Plötzlich wurde ich unsicher und bat ihn. mir genauer zu »Daraus folgt, daß man aufhört, ihn moralisch zu beurteilen
sagen, was ich verstanden haben sollte. Wahrscheinlich klang oder ihn mit der Begründung zu entschuldigen, er sei wie ein
meine Stimme hoffnungslos. Er lachte laut heraus. hilfloses Blatt im Wind. Mit anderen Worten, es folgt daraus.
»Schau dir diesen jungen Mann in grünen Hosen und einem daß man einen Mann ansieht, ohne ihn dabei f ü r verzweifelt
rosa Hemd an!« flüsterte Don Juan und deutete auf einen sehr oder hilflos zu halten.
mageren, sehr dunkelhäutigen jungen Mann mit scharfen Du weißt genau, wovon ich spreche. Du kannst diesen jungen
Gesichtszügen, der beinahe vor uns stand. Er schien unent- Mann beurteilen, ohne in zu verurteilen oder zu entschul-
schlossen, ob er sich zur Straße oder zur Kirche wenden sollte. digen.« »Er trinkt zuviel«, sagte ich.
Zweimal hob er die Hand in Richtung Kirche, als spreche er
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D ie se F e stste llu n g h a tte ic h n ic h t w ille n tlic h g e tro ffe n . Ic h grauen Einreiher und hatte eine Aktentasche in der Hand. Sein
h a tte e s e in fa c h g e sa g t, o h n e e ig e n tlic h z u w isse n , w a ru m . Hemdkragen war aufgeknöpft, und der Schlips hing locker
E in e n M o m e n t h a tte ic h so g a r g e m e in t, e s ste h e je m a n d herab. Er schwitzte übermäßig. Seine Haut war sehr hell, was
hinter m ir und sagte d iese W o rte. Ich fühlte m ich verp flichtet die Schweißperlen noch sichtbarer machte. »Beobachte ihn!«
z u e rk lä re n , d a ß m e in e B e h a u p tu n g d o c h w ie d e r n u r e in e befahl mir Don Juan. Der Mann ging mit kurzen, schweren
m einer S p ekulatio nen gew esen sei. Schritten. Sein Gang hatte etwas Plumpsendes an sich. Er ging
»D a s ist n ic h t w a h r«, sa g te D o n Ju a n . »D e in e S tim m e b e sa ß nicht zur Kirche hinauf; er ging außen herum und verschwand
e in e F e stig k e it, d ie ih r v o rh e r fe h lte . D u h a st n ic h t g e sa g t: hinter ihr. »Es ist doch nicht nötig, den Körper so schrecklich zu
V ielleicht ist er e i n T rinker.« mißhandeln«, sagte Don Juan mit einem Anflug von
I c h w ar verw irrt, w enngleich ich nicht genau zu sagen w uß te, Verachtung. »Aber es ist eine traurige Tatsache, daß wir alle
w a ru m . D o n Ju a n la c h te . es bis zur Perfektion gelernt haben, unser Tonal zu schwächen.
»D u hast d urch d en M ann hind urch g eseh en « , sagte er. »D as Dies nenne ich Sichgehenlassen.«
w a r S eh en . S o e tw a ist d a s S eh en . M a n ä u ß e rt se in U rte il Er legte die Hand auf mein Notizbuch und ließ mich nicht
m it g ro ß e r G e w iß h e it, u n d m a n w e iß n ic h t, w ie e s d a z u weiterschreiben. Seine Begründung lautete, ich könne mich
kam. nicht konzentrieren, solange ich mir dauernd Notizen machte.
D u w e iß t, d a ß d a s T o n a l d e s ju n g e n M a n n e s k a p u tt ist, a b e r Er empfahl mir, mich zu entspannen, den inneren Dialog
du w eißt nicht, w ieso du es w e iß t.« abzustellen und mich frei fließen zu lassen, um mit der beob-
Irg e n d w ie , m u ß te ic h z u g e b e n , h a tte ic h d ie se n E in d ru c k achteten Person zu verschmelzen.
gehabt. Ich bat ihn zu erklären, was er mit »Verschmelzen« meinte. Er
»D u hast recht«, sagte D o n Juan. »E s w ill gar nichts b esagen, sagte, dies könne man nicht erklären, es sei vielmehr etwas, das
d aß er jung ist, er ist genauso h i n f ä l l i g w ie d ie zw ei F rauen. der Körper fühlt oder tut, wenn er in beobachtenden Kontakt
D ie Ju g e n d ist k e in e sw e g s e in e S c h ra n k e g e g e n d e n V e rfa ll mit anderen Körpern tritt. Dann verdeutlichte er das Gesagte,
des Tonal. indem er feststellte, er habe diesen Vorgang sonst als »Sehen«
Du glaubtest, es gebe vielleicht eine Menge Gründe für den bezeichnet und es handle sich dabei um eine Pause echten
Zustand dieses Mannes. Ich meine, es gibt nur einen: sein Schweigens im Innern, gefolgt von einer äußeren Verlängerung
Tonal. Doch es ist nicht so, daß sein Tonal etwa schwach wäre, irgendeines Teils des Selbst - eine Verlängerung, die auf den
weil er trinkt. Vielmehr umgekehrt, er trinkt, weil sein Tonal anderen Körper treffe und mit ihm verschmelze oder mit allem,
schwach ist. Diese Schwäche zwingt ihn zu sein, was er ist. was sich in unserem Wahrnehmungsfeld finde. An diesem Punkt
Aber dasselbe geschieht in der einen oder anderen Form mit wollte ich mein Schreibzeug wieder aufnehmen, aber er gebot
uns allen.« mir Einhalt und fing an, verschiedene Menschen aus der
»Aber rechtfertigst du nicht ebenfalls sein Verhalten, sobald vorüberziehenden Menge herauszugreifen. So machte er mich
du sagst, es sei sein Tonal?«- auf Dutzende von Personen aufmerksam, die den
»Ich gebe dir eine Erklärung, auf die du vorher nie gekommen verschiedensten Typen von Männern, Frauen und Kindern aller
wärest. Das ist aber keine Rechtfertigung oder Verurteilung. Altersgruppen angehörten. Don Juan sagte, er habe absichtlich
Das Tonal dieses jungen Mannes ist schwach und verzagt. Menschen ausgewählt, deren schwaches »Tonal« sich in ein
Aber er steht nicht einzig da. Wir alle sitzen mehr oder minder Kategorienschema einordnen lasse, um mir dadurch die
im gleichen Boot.« verschiedenen vorstellbaren Spielarten des Sich-gehenlassens
In diesem Augenblick ging ein sehr dicker Mann an uns vorzuführen.
vorüber, in Richtung Kirche. Er trug einen teuren dunkel-
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Ich konnte mich nicht an all die Leute erinnern, die er mir einem höflichen Schweigen sagten sie Lebewohl. Don Juan
gezeigt und über die er gesprochen hatte. Ich beschwerte mich, setzte sich wieder, und wir sahen ihnen nach, wie sie in der
daß ich, hätte ich mir Notizen gemacht, zumindest in Menge verschwanden.
Umrissen seine schematische Darstellung des Sichgehenlas- Ich sagte zu Don Juan, ich hätte sie aus irgendeinem seltsamen
sens begriffen hätte. Wie dem auch sei. er wollte es nicht Grund sehr gern gehabt.
wiederholen, oder vielleicht erinnerte er sich auch nicht mehr. »Das ist gar nicht so seltsam«, sagte er. »Du mußt gefühlt
Lachend meinte er. er entsinne sich nicht mehr, denn im Leben haben, daß ihr Tonal ganz richtig ist. Es ist richtig, aber nicht
eines Zauberers sei nur das »Nagual« f ü r schöpferische f ü r unsere Zeit.
Hinfalle zuständig. Wahrscheinlich spürtest du, daß sie wie Kinder sind. Das sind
Er sah zum Himmel auf und meinte, es sei schon spät und wir sie. Und das ist sehr schwer für sie. Ich verstehe sie besser als
müßten von nun an anders vorgehen. Statt uns mit schwachen du, darum konnte ich nicht anders als eine Spur traurig sein.
»Tonais« zu befassen, wollten wi r jetzt auf das Erscheinen Die Indianer sind wie Hunde, sie haben nichts. Aber dies ist
eines korrekten »Tonal« warten. Nur ein Krieger, fügte er eben ihr Schicksal, und ich sollte nicht traurig darüber sein.
hinzu, habe ein »korrektes Tonal«. u n d der normale Mensch Meine Traurigkeit ist natürlich meine eigene Art, mich gehen-
könne bestenfalls ein »richtiges Tonal« haben. Nach etlichen zulassen.
Minuten des Wartens schlug er sich lachend auf die Schenkel. »Woher kommen sie. Don Juan?«
»Schau, wer da kommt!« sagte er und deutete mit einer »Aus den Sierras. Sie sind hergekommen, um ihr Glück zu
Kopfbewegung auf die Straße. »Ganz, als ob sie . . .« Ich sah machen. Sie wollen Händler werden. Sie sind Brüder. Ich
drei Indianer näherkommen. Sie trugen braune Ponchos, weiße sagte ihnen, daß ich ebenfalls aus der Sierra komme und selbst
Hosen, die bis zur halben Wade reichten, langärmelige Jacken, ein Händler sei. Ich sagte ihnen, du seist mein Partner. Das
schmutzige, ausgetretene Sandalen und alte Strohhüte. Jeder Geld, das wir ihnen gaben, war ein Andenken. Solche An-
von ihnen trug ein Bündel auf dem Rücken. Don Juan stand denken sollte ein Krieger immer verschenken. Zweifellos
auf und ging ihnen entgegen. Er sprach mit ihnen. Sie schienen brauchen sie das Geld, aber ihre Bedürftigkeit sollte kein
überrascht und umringten ihn. Sie lächelten ihn an. entscheidender Grund sein, wenn man ein Andenken schenkt.
Anscheinend erzählte er ihnen etwas über mich; die drei Was man suchen muß. ist das Gefühl. Ich persönlich war v o n
drehten sich um und lächelten mir zu. Sie standen etwa drei den dreien gerührt.
bis vier Meter entfer nt. Ich horchte aufmerksam, aber ich Die Indianer sind die Verlierer unserer Zeit. Ihr Niedergang
konnte nicht hören, was sie sagten. Don Juan griff in die Tasche fing mit den Spaniern an. und jetzt, unter der Herrschaft der
und reichte ihnen ein paar Geldscheine. Sie schienen sich zu Nachfahren jener Spanier, haben die Indianer alles verloren.
freuen: sie scharrten nervös mit den Füßen. Ich hatte sie sehr Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß die Indianer ihr
gern. Sie sahen aus wie Kinder. Alle hatten sie kleine weiße Tonal verloren haben.« »Ist das eine Metapher, Don Juan'?«
Zähne und sehr ansprechende, sanfte Gesichtszüge. Einer, »Nein! Es ist eine Tatsache. Das Tonal ist sehr verletzlich.
allem Anschein nach der älteste, hatte einen Schnurrbart. Mißhandlung erträgt es nicht. Seit dem Tag. da der weiße
Seine Augen waren müde, aber freundlich. Er nahm den Hut Mann seinen Fuß auf dieses Land gesetzt hat. hat er systema-
ab und näherte sich der Bank. Die anderen folgten ihm. Die tisch nicht nur das indianische Tonal der Zeit, sondern auch
drei begrüßten mich einstimmig. Wir schüttelten uns die Hand. das persönliche Tonal jedes einzelnen Indianers zerstört. Man
Don Juan bat mich, ihnen etwas Geld zu geben. Sie bedankten kann sich leicht vorstellen, daß die Herrschaft der Weißen für
sich, und nach den durchschnittlichen armen Indianer die reine Hölle ist.
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U n d d o c h ist e s e in e Iro n ie , d a ß sie fü r a n d e re In d ia n e r d e r Ich bezeichnen, das sich im fließenden Strom unseres Bewußt-
reine S egen w ar.« seins oder unserer Erfahrung zeige, während das transzendentale
»V o n w em sp richst d u? W elche and eren Ind ianer m einst d u? « Ich hinter diesem Strom stehe. »Beobachtend . . .. vermute
»D ie Z a u b e re r. F ü r d ie Z a u b e re r w a r d ie C o n q u ista d ie ich«, sagte er spöttisch. »Ganz richtig! Sich selbst
H e ra u sfo rd e ru n g ih re s L e b e n s. S ie w a re n d ie e in z ig e n , d ie beobachtend«, sagte ich. »Ich höre dich reden« sagte er, »aber
nicht d urch sie zerstö rt w urd en, so nd ern sich i h r anp aß ten und du sagst nichts. Das Nagual ist weder Erfahrung noch Intuition,
sie z u ih re m b e ste n V o rte il n u tz te n .« noch Bewußtsein. Diese Begriffe und alles andere, was du ins
»W ie w a r d a s m ö g lic h , D o n Ju a n ? Ic h h a tte ste ts d e n E in - Feld führen magst, sind nur Gegenstände auf der Insel des
d ruck, d aß d ie S p anier keinen S tein auf d em and eren gelassen Tonal. Das Nagual hingegen ist nur Wirkung. Das Tonal
haben.« beginnt bei der Geburt und endet mit dem Tod, aber das Nagual
»N un, vielleicht stürzten sie alle S teine um , d ie in R eichw eite endet niemals. Das Nagual ist grenzenlos. Ich habe gesagt, das
ih re s e ig e n e n T o n a l la g e n . Im L e b e n d e r In d ia n e r a b e r g a b e s Nagual sei dort, wo die Kraft schwebt. Das war nur eine
D in g e , d ie fü r d e n w e iß e n M a n n u n b e g re iflic h w a re n . D ie se Benennung. Aufgrund seiner Wirkung läßt das Nagual sich
D inge b em erkte er nicht einm al. V ielleicht hatten d ie Z aub ere r vielleicht am besten als Kraft verstehen. Als du dich zum
e in fa c h G lü c k , o d e r v ie lle ic h t w a r e s ih r W isse n , d a s sie Beispiel heute nachmittag wie betäubt fühltest und nicht
r e t t e t e . N a c h d e m d a s T o n a l d e r Z e it u n d d a s p e rsö n lic h e sprechen konntest, da habe ich dich allerdings beschwichtigt,
T o n a l jed es einzelnen Ind ianers ausgetilgt w aren, h i e l t e n d ie das heißt, mein Nagual wirkte auf dich ein.«
Z a u b e re r sic h a n d a s e in z ig e , w a s u n a n g e fo c h te n g e b lie b e n »Wie war das möglich, Don Juan?«
w a r, d a s N a g u a l. M it a n d e re n W o rte n , ih r T o n a l n a h m Z u - »Du wirst es nicht glauben, aber das weiß niemand. Ich weiß
flu c h t b e i ih re m N a g u a l. D ie s h ä tte n ic h t g e sc h e h e n k ö n n e n , nur, daß ich deine ungeteilte Aufmerksamkeit wollte, und
e s se i d e n n u n te r d e n q u a lv o lle n L e b e n sb e d in g u n g e n e i n e s dann fing mein Nagual an, auf dich einzuwirken. Und dies
unterw o rfenen V o lkes. D ie heutigen W issend en sind d as P ro d u k t weiß ich auch nur. weil ich seine Wirkung sehen kann, aber ich
d ie se r B e d in g u n g e n , u n d sie sin d d ie b e ste n K e n n e r d e s weiß nicht, wie es wirkt.«
N a g u a l, d a sie g a n z a l l e i n a u f d ie se s a n g e w ie se n w a re n . B is Er schwieg eine Weile. Ich wollte noch weiter auf das Thema
d a h in ist d e r w e iß e M a n n n ie m a ls v o rg e d ru n g e n . T a tsä c h lic h eingehen. Ich versuchte, eine Frage zu stellen: er gebot mir
hat er nicht m al eine A hnung, d aß es e x i s t i e r t . « A n d iesem Schweigen.
P unkt d rängte es m ich, einen E inw and vo rzub ring e n . Ic h »Man kann sagen, daß das Nagual für die Kreativität verant-
b e h a u p te te a l l e n E rn ste s, d a ß w ir im e u ro p ä isc h e n D e n k e n wortlich ist«, sagte er schließlich und sah mich durchdringend
e in e E rk lä ru n g fü r d a s h ä t t e n , w a s e r d a s »N a g u a l« n a n n te . an. »Das Nagual ist der einzige Teil in uns, der etwas schaffen
Ic h v e rw ie s a u f d e n B e g riff d e s tra n sz e n d e n ta le n Ic h o d e r d e n k an n .«
in a l l e n u n se re n G e d a n k e n , W a h rn e h m u n g e n u n d G e fü h le n E r sch w ieg u n d sah m ich an . Ich h a t t e d en E in d ru ck, d aß er m ich
a n w e se n d e n u n sic h tb a re n B e o b a c h te r. I c h e rk lä rte D o n Juan, ein d eu tig au f e i n G eb iet fü h rte, ü b er d as ich m ir sch o n frü h er
d as Ind ivid uum kö nne sich d urch d as transzend enta le Ic h a ls e i n A u fkläru n g vo n i h m gew ü n sch t h ätte. E r sagte, d aß d as
S e lb st w a h rn e h m e n o d e r i n t u i t i v e rfa h re n , d e n n d ie se s se i d ie T o n a ln ich ts, sch affe, so n d ern n u r b eo b ach te u n d b e u r t e i l e . I c h
e in z ig e In sta n z , d ie U rte ile f ä l l e n k ö n n e , d ie im B e re ic h se in e s fragte i h n , w ie er sich d ie T atsach e erkläre, d aß w ir gro ß artige
B e w u ß tse in s R e a litä t b e z e u g e . D o n Ju a n w a r w e n ig Strukturen und Apparate konstruieren können. »Das ist keine
b e e in d ru c k t. E r la c h te . »R ealität b ezeugen«, äffte er m ich nach. Kreativität«, sagte er. »Das ist nur Formung. Wir können mit
»D as ist d as T o n a l.« D a s »T o n a l«, w a n d te ic h e i n , k ö n n e m a n unseren Händen alles formen, allein oder in
a ls d a s e m p irisc h e
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Verbindung mit den Händen anderer Tonais. Eine Gruppe von Einen Augenblick wurde meine Nervosität unkontrollierbar.
Tonais kann alles mögliche formen, großartige Strukturen, wie Don Juan stand ruhig auf, zwang mich niederzusitzen. stützte
du sagtest.« mein Kinn in seine Armbeuge u n d schlug mir mit den Knö-
»Aber was ist dann Kreativität, Don Juan?« Er starrte mich an cheln seiner rechten Hand oben auf die Schädeldecke. Die
und blinzelte. Er lachte leise, hob die rechte Hand über den Wirkung war wie ein elektrischer Schlag. Sie beruhigte mich
Kopf und bog das Handgelenk ruckartig nach unten, als ob er augenblicklich.
eine Türklinke niederdrückte. »Dies ist Kreativität«, sagte er Es gab so vieles, was ich fragen wollte. Aber meine Worte
und brachte seine hohle Hand auf die Höhe meiner Augen. konnten sich nicht durch das Gewirr meiner Gedanken hin-
Ich brauchte unheimlich lange, um meine Augen auf seine durchkämpfen. Dann wurde mir scharf bewußt. daß ich die
Hand einzustellen. Ich hatte das Gefühl, als halte eine durch- Kontrolle über meine Stimmbänder verloren hatte. Ich wollte
sichtige Folie meinen ganzen Körper in einer starren Haltung mich aber nicht anstrengen, um zu sprechen, und so lehnte ich
fest und als müsse ich diese durchbrechen, um meinen Blick mich einfach auf der Bank zurück. Don Juan sagte eindring-
auf seine Hand richten zu können. lich, ich müsse mich zusammenreißen und aufhören, mich
Ich kämpfte, bis mir der Schweiß in die Augen rann. Schließlich gehenzulassen. Mir war ein wenig schwindlig. Nachdrücklich
hörte oder spürte ich einen Knall, und meine Augen und mein empfahl er mir. an meinen Notizen weiterzuschreiben, und
Kopf waren frei. reichte mir Block und Bleistift, die er vom Boden unter der
Auf seiner rechten Handfläche hockte das seltsamste Nage- Bank aufgehoben hatte.
tier, das ich je gesehen hatte. Es sah aus wie ein Eichhörnchen Ich machte eine ungeheure Anstrengung, um etwas zu sagen.
mit buschigem Schweif. Der Schweif glich jedoch eher dem und wieder hatte ich das eindeutige Gefühl, daß eine Folie
eines Stachelschweins. Er hatte starre Stacheln. »Faß es an!« mich einhüllte. So keuchte und stöhnte ich eine Weile, wäh-
sagte Don Juan leise. rend Don Juan sich vor Lachen krümmte, bis ich wieder einen
Automatisch gehorchte ich und streichelte mit dem Finger den Knall hörte. Ich fing sofort an zu schreiben. Don Juan sprach,
zarten Rücken des Tierchens. Don Juan hielt mir seine Hand als gebe er mir ein Diktat.
noch näher vor die Augen, und dann sah ich etwas, das »Eine der Taten eines Kriegers ist. nie etwas auf sich einwirken
nervöse Zuckungen bei mir auslöste. Das Eichhörnchen trug zu lassen. So könnte ein Krieger den Teufel leib haftig vor
eine Brille und hatte große, breite Zähne. »Es sieht aus wie ein sich sehen, aber er würde sich nichts anmerken lassen. Die
Japaner«, sagte ich und fing hysterisch an zu lachen. Selbstbeherrschung eines Kriegers muß makellos sein.« Er
Dann fing das Nagetier in Don Juans Hand an zu wachsen. wartete, bis ich mit dem Aufschreiben fertig war. und dann
Und während in meinen Augen immer noch Lachtränen stan- fragte er mich lachend: »Hast du alles?« Ich schlug vor. wir
den, wurde das Nagetier so riesig, daß es aus meinem Blick sollten in ein Restaurant gehen und zu Abend essen. Ich war
verschwand. Es wuchs buchstäblich über meinen Gesichtskreis wie ausgehungert. Er sagte aber, wir müßten bleiben, bis das
hinaus. Dies geschah so rasch, daß es mich mitten in einem »korrekte Tonal« erscheinen würde. Mit ernster Stimme setzte
Lachkrampf überraschte. Als ich wieder hinschaute, vielmehr er hinzu, daß wir. we n n das »korrekte Tonal« nicht
als ich mir die Augen wischte, um schärfer zu sehen, erblickte erschiene, auf dieser Bank sitzenbleiben müßten, bis es ihm
ich vor mir Don Juan. Er saß auf der Bank, und ich stand vor gefiel zu erscheinen. »Was ist ein korrektes Tonal?« fragte
ihm, obwohl ich mich nicht entsann, aufgestanden zu sein. ich. »Ein Tonal, das einfach in Ordnung ist. ausgeglichen
und harmonisch. Heute wirst du eines finden, oder vielmehr,
deine Kraft wird es zu uns führen.«
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»Aber wie werde ich es von anderen Tonais unterscheiden?« w ä h re n d ic h sp ra c h . S ie h a tte irg e n d e tw a s G e w in n e n d e s a n
»Mach dir darum keine Sorgen! Ich werde es dir zeigen.« »Wie sich. Ich m o chte sie eb enso gern w ie vo rhin d ie d rei Ind ianer.
ist es denn beschaffen, Don Juan?« »Schwer zu sagen. Es hängt Ic h k e h rte z u u n se re r B a n k z u rü c k u n d se tz te m ic h . »Ist sie e in
von dir ab. Dies ist deine Schau, daher wirst du die K rie g e r? « fra g te ic h .
Bedingungen selbst bestimmen.« »Wie?« »N ic h t g a n z «, sa g te D o n Ju a n . »D e in e K ra ft ist n o c h n ic h t
»Das weiß ich nicht. Deine Kraft, dein Nagual wird es tun. a u sg e p rä g t g e n u g , u m e in e n K rie g e r h e rb e iz u h o le n . A b e r sie
Jedes Tonal hat, grob gesagt, zwei Seiten. Die eine ist der ist e in g a n z ric h tig e s T o n a l. E in e s, d a s z u e in e m ko rrekten
äußere Teil, der Saum, die Oberfläche der Insel. Dies ist der mit T o n a l w e rd e n k ö n n te . A u s d ie se m H o lz sin d K rie g e r g e -
Handeln und Tun verbundene Teil, die grobe Seite. Der andere schnitzt.«
Teil ist Entscheidung und Urteil, es ist das innere Tonal und S e in e W o rte m a c h te n m ic h n e u g ie rig . Ic h fra g te ih n , o b d e n n
feiner, zarter und komplexer. Das korrekte Tonal ist ein Tonal, a u c h F ra u e n K rie g e r se in k ö n n te n . E r sc h a u te m ic h a n -
bei dem die beiden Ebenen sich in vollkommener Harmonie o ffe n sic h tlic h v e rw u n d e rt über m e in e F ra g e .
und Balance befinden.« Don Juan war still. Es war schon »S e lb stv e rstä n d lic h k ö n n e n sie d a s « , sa g te e r, »u n d sie sin d
ziemlich dunkel, und ich hatte Mühe mitzuschreiben. Er sogar besser ausgestattet für den W eg des W issens als M änner.
empfahl mir, mich zu strecken und zu entspannen. Dies sei, M änner and ererseits s i n d etw as ausd auernd er. T ro tzd em
meinte er, ein recht anstrengender, aber fruchtbarer Tag m ö c h te ic h m e in e n , d a ß d ie F ra u e n , a lle s in a l l e m , e in e n
gewesen, und er sei sicher, daß das »korrekte Tonal« sich noch le ic h te n V orsprung h a b e n .«
einstellen werde. Dutzende Menschen gingen vorbei. Wir Ich erklärte, ich sei verb lüfft, d enn w ir hätten im Z usam m en-
saßen zehn oder fünfzehn Minuten in entspanntem Schweigen. h a n g m it se in e m W isse n n ie ü b e r F ra u e n g e sp ro c h e n . »D u b ist
Plötzlich stand Don Juan unvermittelt auf. e i n M a n n «, sa g te e r. »d a h e r g e b ra u c h e ic h d a s M a sk u lin u m .
»Meine Güte, du hast es geschafft! Schau nur, wer da kommt! w e n n ic h m it d ir sp re c h e . D a s ist a lle s. Im übrigen s in d sich
Ein Mädchen!« beide g le ic h .«
Mit einer Kopfbewegung deutete er auf eine junge Frau, die Ic h w o llte i h n n o c h w e ite r a u sfra g e n , a b e r e r m a c h te e in e
den Park durchquerte und sich unserer Bank näherte. Don Juan G e ste , d ie d a s T h e m a a b sc h lo ß . Ic h b lic k te a u f. D e r H im m e l
sagte, diese junge Frau sei das »korrekte Tonal«, und falls sie w ar fast schw arz. D i e W o lkenb änke w irkten b ed ro hlich d unk e l.
stehenbliebe, um an einen von uns das Wort zu richten, dann D e n n o c h g a b e s e i n p a a r S t e l l e n , w o d a s G e w ö lk le ic h t
sei dies ein außerordentliches Omen, und wir müßten tun, was o ra n g e g e fä rb t w a r.
immer sie verlangen werde. Ich konnte das Gesicht der jungen »D as E nd e d es T ages i s t d eine b este Z e i t « , sagte D o n J u a n .
Frau nur undeutlich erkennen, obgleich das Tageslicht noch hell »D a s E rsc h e in e n d ie se r ju n g e n F ra u g e n a u a m R a n d e d e s
genug war. Sie näherte sich bis auf ein paar Meter, ging aber T a g e s i s t e i n g u te s O m e n . W ir sp ra c h e n ü b e r d a s T o n a l,
vorbei, ohne uns anzusehen. Don Juan befahl mir flüsternd, deshalb g ilt das O m en d e i n e m Tonal.« »W a s b e sa g t d a s O m e n ,
aufzustehen und mit ihr zu sprechen. D o n Ju a n 9 «
Ich lief hinter ihr her und fragte sie nach dem Weg. Nun sah »E s b e sa g t, d a ß d u n u r n o c h se h r w e n ig Z e it h a st, u m d e in e
ich sie aus nächster Nähe. Sie war jung, vielleicht Mitte V o rb e re itu n g e n z u tre ffe n . A l l e V o rb e re itu n g e n , d ie d u e tw a
Zwanzig, von mittlerer Statur, sehr attraktiv und gepflegt. Ihre getro ffen hast, m üssen zuverlässige V o rb ereitungen sein, d enn
Augen waren klar und friedlich. Sie lächelte mich an, d u h a st k e i n e Z e i t , a n d e re z u tre ffe n . D e in e V o rb e re itu n g e n
m ü sse n sic h je tz t b e w ä h re n , so n st sin d e s ü b e rh a u p t k e in e
V o rb ereitungen. Ich em p fehle d ir. d aß d u. w enn d u nach H ause
ko m m st, d eine
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Verteidigungslinien überprüfst und dich versicherst, daß sie Das Tonal schrumpfen lassen
halten. Du wirst sie brauchen.« »Was steht mir denn bevor. Don
Juan?« »Vor Jahren suchtest du nach der Kraft. Du hast die
Mühen des Lernens getreulich auf dich genommen, ohne
Sträuben und ohne Eile. Jetzt stehst du am Ende des Tages.« Am Mittwoch verließ ich gegen neun Uhr fünfundvierzig das
»Was bedeutet das?« Hotel. Ich ging langsam und gönnte mir fünfzehn Minuten, um
»Für ein korrektes Tonal ist alles, was sich auf der Insel des die Stelle zu erreichen, wo Don Juan und ich uns treffen
Tonal findet, eine Herausforderung. Anders gesagt, für einen wollten. Er hatte eine Kreuzung am Paseo de la Reforma
Krieger ist alles in dieser Welt eine Herausforderung. Die bestimmt, fünf oder sechs Straßen entfernt, vor dem Stadtbüro
größte Herausforderung von allen ist natürlich sein Ansuchen einer Fluggesellschaft.
um Kraft. Aber Kraft kommt von Nagual, und wenn ein Ich hatte soeben mit einem Freund zusammen gefrühstückt. Er
Krieger am Rande des Tages steht, dann bedeutet dies, daß die hatte mich begleiten wollen, aber ich ließ durchblicken, daß ich
Stunde des Nagual näherrückt - des Kriegers Stunde der Kraft.« ein Mädchen treffen wolle. Absichtlich ging ich auf der anderen
»Ich verstehe immer noch nicht die Bedeutung von alledem. Straßenseite als der, an der das Büro der Fluggesellschaft lag.
Don Juan. Bedeutet es. daß ich bald sterben werde9« »Wenn du Mich plagte der Verdacht, daß mein Freund, der immer schon
dich töricht anstellst, dann j a«, erwiderte er scharf. »Aber gewünscht hatte, ich solle ihn mit Don Juan bekannt machen,
gelinder ausgedrückt, bedeutet es, daß dir wohl die Hosen wußte, daß ich mit diesem verabredet war. und mir vielleicht
schlottern werden. Du hast einst um Kraft angesucht, und folgte. Ich fürchtete, ich brauchte mich nur umzudrehen, um
dieses Ansuchen ist nicht rückgängig zu machen. Ich will nicht ihn hinter mir zu sehen. Ich sah Don Juan an einem
sagen, daß dein Schicksal sich erfüllen wird, denn es gibt kein Zeitungskiosk auf der anderen Straßenseite stehen. Ich schickte
Schicksal. Das einzige, was man also sagen kann, ist, daß deine mich an, die Straße zu überqueren, mußte aber auf dem
Kraft sich erfüllen wird. Das Omen war eindeutig. Diese junge Mittelstreifen warten, bis ich sicheren Fußes den breiten
Frau kam zu dir am Rande des Tages. Du hast nur noch wenig Boulevard überqueren konnte. Ich drehte mich unauffällig um,
Zeit, und schon gar keine Zeit für Dummheiten. E in um zu sehen, ob mein Freund mir folgte. Er stand an der
wunderbarer Zustand. Ich möchte sagen, das Beste in uns Straßenecke hinter mir. Er grinste blöde und winkte mir zu. als
kommt immer dann heraus, wenn wir mit dem Rücken zur wolle er mir zu verstehen geben, daß er sich nicht hatte
Wand stehen, wenn wir das Schwert über uns hängen fühlen. beherrschen können. Ich schoß über die Straße, ohne ihm Zeit
Ich selbst wünsche es mir nicht anders.« zu lassen, mich einzuholen. Don Juan schien meine mißliche
Lage zu erkennen. Als ich ihn erreichte, warf er einen
verstohlenen Blick über meine Schulter.
»Er kommt«, sagte er. »Laß uns lieber in die Seitenstraße
einbiegen!«
Er wies auf eine Straße, die den Paseo de la Reforma an der
Stelle, wo wir standen, im spitzen Winkel kreuzte. Rasch
orientierte ich mich. Ich war nie zuvor in dieser Straße ge-
wesen, aber vor zwei Tagen war ich in dem Büro der Flugge-
sellschaft gewesen. Seine eigenartige Lage war mir vertraut.
Das Büro lag nämlich im spitzen Winkel zwischen den beiden
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S traß en. A uf j e d e d er b eid en S traß en führte eine T ür, und d er unangenehm. Eine Reihe von Überlegungen schoß mir durch
A b sta n d z w isc h e n d e n z w e i T ü re n b e tru g e tw a v ie r b is fü n f den Kopf. Ich war ganz sicher, daß ich auf die Nase fallen
M e te r. V o n T ü r z u T ü r fü h rte e in e P a ssa g e d u rc h d a s B ü ro , würde. Oder ich würde mit einem Kunden zusammenstoßen,
u n d m a n k o n n te o h n e w e ite re s v o n e in e r S tra ß e z u r a n d e re n vielleicht einer alten Dame, die sich durch den Zusammenprall
w echseln. A uf einer S eite dieses D urchgangs standen S chreib- eine Verletzung zuziehen würde. Oder, noch schlimmer, die
tisc h e , u n d a u f d e r a n d e re n e in e g ro ß e , ru n d e S c h a lte rth e k e , Glastür am anderen Ende mochte geschlossen sein, und ich
h in te r d e r H o ste sse n u n d K a ssie re r sta n d e n . D a m a ls, a ls ic h würde dagegen fallen.
h ie r g e w e se n w a r, h a tte n sic h v ie le L e u te in d e n R a u m g e - Ganz betäubt erreichte ich die Tür, die auf den Paseo de la
drängt. Reforma führte. Sie war offen - und ich stand draußen. Meine
Ich w o llte schneller ausschreiten, vielleicht so gar rennen, ab er einzige Sorge war jetzt, ganz ruhig zu bleiben, mich nach
D o n Ju a n b e h ie lt se in g e m ä c h lic h e s T e m p o b e i. A ls w ir d ie T ü r rechts zu wenden und auf dem Boulevard stadteinwärts zu
d e s B ü ro s - a u f d e r Q u e rstra ß e - p a ssie rte n , w u ß te ic h , o h n e schlendern, als sei nichts geschehen. Ich war sicher, daß Don
m ic h u m d re h e n z u m ü sse n , d a ß m e in F re u n d e b e n fa lls d e n Juan mich einholen würde und daß mein Freund vielleicht auf
B o u le v a rd ü b e rq u e rt h a tte u n d sic h a n sc h ic k te , in d ie S traß e der Querstraße weitergegangen war.
einzub iegen, in d er w ir gingen. I c h sah D o n Juan an. d a ich Ich öffnete die Augen, oder genauer gesagt, ich konzentrierte
ho ffte, er w isse eine L ö sung. E r ho b d ie S chultern. Ich w ar meinen Blick auf den Schauplatz vor mir. Ich war längere Zeit
ä rg e rlic h , u n d m ir se lb st fie l n ic h ts e in , a u ß e r v ie lle ic h t, benommen, bevor mir ganz klar wurde, was los war. Ich
m e in e n F re u n d in d ie F re sse z u h a u e n . G e n a u in d ie se m befand mich nicht auf dem Paseo de la Reforma, auf dem ich
A u g e n b lic k m u ß te ic h w o h l g e se u fz t o d e r t i e f a u sg e a tm e t hätte sein sollen, sondern auf dem Lagunilla-Markt, mehr als
h a b e n , d e n n d a s n ä c h ste , w a s ic h sp ü rte , w a r e in e p lö tz lic h e zwei Kilometer entfernt.
A tem no t, b ed ingt d urch einen gew altigen S to ß , d en D o n Juan m ir Was ich in dem Augenblick empfand, als mir dies klar wurde,
versetzt hatte und d er m ich d urch d ie T ür d es L uftfahrtb üro s war ein so heftiges Erstaunen, daß ich nur noch verdutzt vor
w irb e lte . V o n d ie se m u n g e h e u re n S to ß g e trie b e n , se g e lte ich mich hinstarren konnte.
b uchstäb lich in d en R aum . D o n Juan hatte m ich so unvo rb e re ite t Ich schaute in die Runde, um mich zu orientieren. Ich stellte
e rw isc h t, d a ß m e in K ö rp e r k e in e rle i W id e rsta n d g e b o ten hatte; fest, daß ich tatsächlich ganz nahe der Stelle stand, wo ich an
m ein S chrecken verm ischte sich m it d em tatsächlic h e n S c h o c k meinem ersten Tag in Mexico City Don Juan getroffen hatte.
se in e s R e m p le rs. A u to m a tisc h h o b ic h d ie A rm e v o rs G e sic h t, Vielleicht war es sogar genau dieselbe Stelle. Die Marktstände,
u m m ic h z u sc h ü tz e n . D e r S c h u b s, d e n D o n Ju a n m ir g e g e b e n an denen alte Münzen verkauft wurden, waren nur drei Meter
h a tte , w a r so h e ftig g e w e se n , d a ß m ir d ie S p u c k e a u s d e m entfernt. Ich mußte mich gewaltig anstrengen, um meine
M u n d sp ritz te u n d ic h e in e n l e i c h t e n S c h w in d e l v e rsp ü rte , a ls Fassung zu bewahren. Was ich hier erlebte, mußte doch eine
ic h in d ie H a lle sto lp e rte . Ic h v e rlo r fa st d a s G le ic h g e w ic h t u n d Halluzination sein! Es gab keine andere Möglichkeit. Rasch
m u ß te m ic h g e w a ltig a n stre n g e n , u m n ic h t z u stü rz e n . Ic h drehte ich mich um und wollte wieder durch die Tür in das
d re h te m ic h e i n p a a rm a l u m m e in e e ig e n e A c h se . D e r S c h w u n g Flugbüro zurück, aber hinter mir war nur eine Reihe von
m e in e r D re h u n g lie ß d ie S z e n e v e rsc h w o m m e n e rsc h e in e n . W ie Ständen, an denen antiquarische Bücher und Zeitschriften
d u rc h e in e n S c h le ie r n a h m ic h d ie M e n g e d e r K u n d e n w a h r, d ie verkauft wurden. Don Juan stand rechts neben mir. Sein
ih re n G e sc h ä fte n n a c h g in g e n . Ic h w a r se h r v e rle g e n . Ic h Gesicht zeigte ein breites Grinsen.
w u ß te , d a ß a lle m ic h a n sta rrte n , w ie ic h so d u rc h d ie H a lle Ich spürte einen Druck im Kopf, ein Kitzeln, als ob Kohlen-
ta u m e lte . D ie V o rste llu n g , d a ß ic h m ic h ö ffe n tlic h b la m ie rte , säure durch meine Nase sprudelte. Ich war sprachlos. Ich
w a r m ir m e h r a l s wollte etwas sagen, aber es gelang mir nicht.
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G a n z d e u tlic h h ö rte ic h D o n Ju a n sa g e n , ic h so lle n ic h t Es war mir unmöglich, mich aufmerksam auf irgend etwas zu
v e rsu c h e n , z u sp re c h e n o d e r z u d e n k e n , a b e r d e n n o c h w o llte konzentrieren. Don Juan umkreiste mich. Er benahm sich, als
ich etw as sagen, irgend etw as. E ine furchtb are N ervo sität zo g wolle er mich irgendwie abschätzen. Er schüttelte den Kopf
m ir die B rust zusam m en. I c h spürte T ränen über m eine W angen und schürzte die Lippen.
ro llen. D iesm al schüttelte D o n Juan m ich nicht, w ie er es zu tun »Komm schon!« befahl er und ergriff sanft meinen Arm.
p flegte, w enn ich vo n unko ntro llierb arer A ngst b esessen w ar. »Zeit, daß wir weitergehen!«
S tatt dessen streichelte er m ir freundlich den K opf. »A b er. ab er, Kaum setzten wir uns in Bewegung, da bemerkte ich, daß mein
kleiner C arlo s«, sagte er. »M ach d ir nicht in d ie H ose!« Körper sehr leicht war. Tatsächlich, mir war, als fühlten meine
E inen A ugenb lick h i e l t er m ein G esicht zw ischen seinen Fußsohlen sich schwammig an. Sie vermittelten ein seltsames
H änden. gummiartiges, federndes Gefühl. Don Juan wußte anscheinend,
»V ersuche nicht, zu sp rechen!« sagte er. E r lie ß m e in e n K o p f was in mir vorging. Er hielt mich fest, als wolle er mich nicht
lo s u n d d e u te te a u f d a s G e sc h e h e n u m uns her. entkommen lassen; er zog mich herab, als ob er fürchtete, ich
»D ies ist nicht zum R ed en d a«, sagte er. »N ur zum B eo b achten. könnte wie ein Luftballon in die Lüfte entweichen.
B eo b achte! B eo b achte alles!« Das Gehen tat mir wohl. Meine Nervosität wich einer ange-
Ich w einte w irklich. D o ch m eine R eaktio n auf d en U m stand , nehmen Leichtigkeit.
d a ß ic h w e in te , w a r se h r m e rk w ü rd ig . I c h w e in te , o h n e m ir Wieder bestand Don Juan darauf, ich solle alles beobachten.
etw as d araus zu m achen. In d iesem M o m ent w ar es m ir egal, Ich sagte ihm, daß es hier f ü r mich nichts zu beobachten gebe,
o b ich m ich b lam ierte o d er nicht. daß es mir egal sei, was die Leute auf dem Markt taten, und
Ich sah m ich um . G enau vo r m ir stand ein M ann in m ittleren daß ich ungern einen Narren aus mir machen wollte, indem ich
Ja h re n , d e r e in ro sa fa rb e n e s, k u rz ä rm e lig e s H e m d u n d d u n - gehorsam irgendwelche schwachsinnige Geschäftigkeit von
k e lg ra u e H o se n tru g . A n sc h e in e n d e in A m e rik a n e r. E in e Leuten beobachtete, die alte Münzen und Bücher kauften.
rund liche F rau, o ffenb ar seine G attin, h i e l t seinen A rm . D er während das Eigentliche mir durch die Finger glitt. »Was ist
M a n n b e fin g e rte e in p a a r M ü n z e n , w ä h re n d e in d re iz e h n -o d er das Eigentliche?« fragte er.
vierzehnjähriger Junge, verm utlich d er S o hn d es B esitz e rs, ih n Ich blieb stehen und sagte ihm heftig meine Meinung: Das
n ic h t a u s d e n A u g e n lie ß . D e r Ju n g e b e o b a c h te te jede Wichtigste sei doch wohl das. was er mit mir angestellt hatte,
B ew egung, die der ältere M ann m achte. S chließlich le g te d e r um mich glauben zu machen, ich hätte die Entfernung zwi-
M a n n d ie M ü n z e n a u f d e n T isc h z u rü c k , u n d so fo rt entsp annte schen dem Luftfahrtbüro und dem Markt in Sekunden zurück-
sich d er Junge. »B eo b achte alles!« verlangte D o n Juan w ied er. gelegt.
H ier gab es nichts U ngew öhnliches zu beobachten. N ach a lle n In diesem Augenblick fing ich an zu zittern und glaubte, mich
R ic h tu n g e n g in g e n L e u te v o rb e i. Ic h d re h te m ic h u m . E i n übergeben zu müssen. Don Juan hieß mich meine Hände
M ann, o ffensichtlich d er B esitzer d es Z eitungskio sks, starrte gegen den Leib pressen.
m ich unverw and t an. E r b linzelte ständ ig, als sei er im B egriff Er deutete mit der Hand im Kreise und sagte abermals in
einzuschlafen. E r schien m üd e o d er krank zu sein und m achte energischem Ton, das einzig Wichtige sei jene profane Ge-
einen heruntergeko m m enen E ind ruck. schäftigkeit um uns her.
Ic h m e in te , h ie r g e b e e s n ic h ts z u b e o b a c h te n , z u m in d e st Ich war verärgert. Ich hatte deutlich das körperliche Gefühl.
n ic h ts w irk lic h B e d e u tsa m e s. Ic h sta rrte a u f d e n S c h a u p la tz . mich im Kreis zu drehen. Ich holte tief Luft. »Was hast du mir
getan, Don Juan?« fragte ich mit gezwungener Gleichgültigkeit.
166 167

L
D arüber könne er m ir jederzeit A uskunft geben, beteuerte er, se i, u n d e r b e h a rrte d a ra u f, d a ß d ie W a h l d e s P la tz e s d a s
aber das, w as j e t z t und hier um uns her geschehe, w erde sich e i n z i g e sei. w o rüb er w ir d iskutieren kö nnten, und d a ab er ich
nie m ehr w iederholen. D as focht m ich nicht an. G ew iß w ürde n ic h t w u ß te , w a ru m ic h i h n g e w ä h lt h a tte , g a b e s e ig e n tlic h
d ie G esch äftigkeit, d ie ich h ier erleb te, sich n ich t in all ih rer nichts zu b esp rechen. O hne ärgerlich zu w erd en, k r itis ie r te er
V ielfalt u n d allen E in zelh eiten w ied erh o len . M ein E in w an d m e in e z w a n g h a fte B e se sse n h e it, a lle s m it V e rn u n ft z u e r-
w a r a b e r, d a ß ic h ga n z ä h n lic h e A k tiv itä te n je d e rz e it u n d gründ en, als üb erflüssiges S ichgehenlassen. E r m einte, d aß es
überall beobachten konnte. H ingegen w aren die K onsequenzen d o c h e in fa c h e r u n d e ffe k tiv e r se i, n u r z u h a n d e ln , o h n e n a c h
der T atsache, daß ich, in w elcher Form auch im m er, über d ie se E rk lä ru n g e n z u su c h e n , u n d d a ß ic h m e in e E rfa h ru n g n u r
w e ite E n tfe rn u n g h in w e g v e rse tz t w o rd e n w a r. v o n v e r z e t t e l t e , ind em ich d arüb er sp rach und nachd achte. N ach
unerm eßlicher B edeutung. einer W eile m einte er, w ir m üß ten d iesen O rt verlassen, d e n n
A ls ic h d ie se Ü b e rz e u gu n g ge ä u ß e rt h a tte , lie ß D o n J u a n ic h h ä tte i h n v e rd o rb e n , u n d e r w ü rd e je tz t im m e r gefährlicher
s e i n e n K o p f zittern , als o b d as G eh ö rte ih m regelrech t w eh für m ich.
täte. W ir v e rlie ß e n d e n M a rk t u n d g in g e n z u m L a -A la m e d a -P a rk .
W ir gingen eine W eile schw eigend w eiter. M ein K örper f i e - Ic h w ar erschöpft. I c h ließ m ich auf eine B ank f a l l e n . E rst j e tz t
berte. Ic h stellte f e s t , daß m eine H andflächen und Fußsohlen fie l m ir e i n , a u f d ie U h r z u se h e n . E s w a r z e h n U h r z w a n z ig ,
glühend heiß w aren. D ie g le ic h e ungew öhnliche H itze schien vo rm ittags. Ich m uß te m ich sehr zusam m ennehm en, um m ich z u
auch m eine N asenflügel und A ugenlider zu e r f ü l l e n . »W as hast k o n z e n trie re n . I c h e rin n e rte m ic h n ic h t m e h r, u m w e lc h e Z e it
du gem acht, D on Juan?« beschw or ich ihn. E r a n tw o rte te g e n a u i c h D o n Ju a n g e tro ffe n h a tte . Ic h sc h ä tz te , e s m o c h te
n ic h t, so n d e rn k lo p fte m ir a u f d ie B ru st u n d lach te. W ir g e g e n z e h n U h r g e w e se n se in . U n d w ir h a tte n k a u m lä n g e r a ls
M en sch en , m ein te er, seien seh r sch w ach e G eschöpfe, die sich z e h n M in u te n g e b ra u c h t, u m v o m M a rk t b is z u m P ark zu
durch i h r Sichgehenlassen noch m ehr sch w äch ten . M it ern ster gehen; m ithin b l i e b e n nur zehn M inuten üb rig. Ic h b e ric h te te
S tim m e fo rd erte er m ich au f, m ich n ic h t ge h e n z u la sse n u n d D o n Ju a n v o n m e in e n B e re c h n u n g e n . E r l ä chelte. Ich w ar m ir
in d e m G e fü h l z u sc h w e lge n , ic h w ürde gleich sterben, sicher, d aß er h i n t e r d iesem L ächeln seine G eringschätzung f ü r
sondern m eine G renzen zu überw inden u n d ga n z e in fa c h m ich verb arg, und d o ch verriet nichts in se in e m G e sic h t e in
m e in e A u fm e rk sa m k e it a u f d ie W e lt u m m ich her zu richten. so lc h e s G e fü h l.
G anz langsam gingen w ir w eiter. M eine B eklem m ung nahm »D u g la u b st w o h l, i c h b i n e i n h o ffn u n g slo se r T ro tte l, n i c h t
Ü berhand. Ic h konnte auf n ic h ts m ehr achten. D on Juan b lie b w ahr, D on J u a n ? «
stehen und schien zu überlegen, ob er etw as sagen w o llte. E r »A ch w as!« r i e f er und sp rang auf d ie F üß e. S eine R eaktio n
öffnete den M und, aber dann überlegte er es sich anscheinend kam so unerw artet, d aß ich g l e i c h z e i t i g aufsprang.
anders, und w ir gingen w eiter. »S ag m ir genau, w as du über m eine G efühle d e n k s t ! « forderte e r
»E s ist nichts anderes passiert, als daß du hergekom m en b i s t « , m it N a c h d ru c k .
sagte er unverm ittelt, indem er sich um drehte und m ich an- Ic h g la u b te , s e i n e G e fü h le z u k e n n e n . E s w a r, a ls o b ic h sie
starrte. se lb st e m p fä n d e . A b e r a ls ic h z u sa g e n v e rsu c h te , w a s ic h
»A ber w ie ist das passiert?« e m p fa n d , m e rk te ic h , d a ß ic h n ic h t d a rü b e r sp re c h e n konnte.
D ies w isse er nicht, sagte er. E r w isse lediglich, daß ich den D a s S p re c h e n e rfo rd e rte e in e u n g e h e u re A n stre n g u n g . D o n
P latz selbst ausgew ählt h ä tte . Juan sagte, ich h ä t t e no ch nicht genügend K raft, um i h n z u
Je länger w ir sprachen, desto hoffnungsloser drehten w ir uns »se h e n «. A b e r ic h k ö n n e sic h e rlic h g e n u g »se h e n «, u m
im K reis. Ich w ollte von i h m w issen, w ie es dazu gekom m en
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se lb st e in e p a sse n d e E rk lä ru n g fü r d a s G e sc h e h e n z u finden. »Du kannst es besser«, sagte er. »Du willst, daß ich dir
»S e i n ic h t sc h ü c h te rn !« sa g te e r. »S a g m ir g e n a u , w a s d u erkläre, was geschehen ist. Nun, ich will, daß du dich dazu des
siehst*.« Sehens bedienst. Du hast gesehen, aber du hast Quatsch
Plötzlich kam mir ein seltsamer Gedanke in den Sinn, ganz gesehen. Solche Informationen sind für einen Krieger un-
ähnlich jenen Gedanken, die ich in der Regel kurz vor dem brauchbar. Es würde zu lange dauern, um herauszufinden, was
Einschlafen habe. Es war mehr als ein Gedanke. Es war ein eigentlich was ist. Das Sehen muß unmittelbar sein, denn ein
vollkommenes Bild - das wäre eine bessere Beschreibung. Ich Krieger kann seine Zeit nicht damit vertrödeln, zu enträtseln,
sah ein Gemälde, das verschiedene Personen zeigte. Die eine was er selbst sieht. Sehen ist Sehen, weil es durch all diesen
unmittelbar mir gegenüber war ein Mann, der an einem Unsinn hindurchgeht.«
offenen Fenster saß. Die Fläche vor dem Fensterrahmen war Ich fragte ihn, ob er meinte, daß meine Vision lediglich eine
verschwommen, doch der Rahmen selbst und der Mann waren Halluzination und nicht wirklich »Sehen« gewesen sei. Er war
glasklar zu erkennen. Er schaute mich an; sein Kopf war leicht überzeugt, daß es sich wohl um »Sehen« gehandelt habe, und
nach links geneigt, so daß er mich buchstäblich schief a n - zwar wegen der komplizierten Einzelheiten, aber er bezeich-
schaute. Ich sah, wie seine Augen sich bewegten, um mich im nete es als unzulänglich für diesen Anlaß. »Glaubst du, daß
Blick zu behalten. Er stützte sich mit dem rechten Ellbogen auf meine Visionen irgend etwas erklären?« fragte ich.
die Fensterbank. Seine Hand war zur Faust geballt, seine »Gewiß tun sie das. Aber ich an deiner Stelle würde nicht
Muskeln waren angespannt. versuchen, sie zu enträtseln. Am Anfang ist das Sehen sehr
Links von dem Mann war auf dem Gemälde eine andere Figur verwirrend, man kann sich leicht darin verlieren. In dem Maß
zu sehen. Es war ein fliegender Löwe. Das heißt, Kopf und aber, wie der Krieger sein Leben festigt, wird sein Sehen das.
Mähne waren die eines Löwen, aber der untere Teil seines was es sein sollte, ein unmittelbares Wissen.« Während Don
Rumpfes war der eines lockigen weißen Pudels. Ich wollte ihn Juan sprach, hatte ich eine jener merkwürdigen
mir genauer ansehen, als der Mann mit den Lippen schnalzte Gefühlsentgleisungen, und ich empfand ganz deutlich, daß ich
und Kopf und Oberkörper aus dem Fenster reckte. Dann kam im Begriff stand, etwas zu entschleiern - etwas, das ich bereits
sein ganzer Körper zum Vorschein, als ob er von jemandem wußte und das mir dauernd entglitt, indem es sich in etwas
geschoben würde. Einen Moment hing er in der Luft und ganz Verschwommenes verwandelte. Mir wurde bewußt, daß
klammerte sich mit den Fingerspitzen an den Fensterrahmen, ich in einen Kampf verstrickt war. Je mehr ich versuchte, dieses
wobei er wie ein Pendel hin und her schwang. Dann ließ er los. flüchtige Wissen zu definieren oder zu erhaschen, desto tiefer
Ich empfand am eigenen Leib das Gefühl des Fallens. Es war versank es.
kein regelrechter Sturz, sondern eher ein weiches Hinabgleiten »Dieses Sehen war zu . . . zu visionär«, sagte Don Juan. Der
und dann ein federndes Schweben. Der Mann war schwerelos. Klang seiner Stimme erschreckte mich. »Ein Krieger stellt eine
Er blieb einen Augenblick in der Schwebe, und dann Frage, und durch sein Sehen erhält er eine Antwort, aber die
verschwand er. als ob ihn eine unwiderstehliche Kraft durch Antwort ist klar und einfach, sie ist nie derart ausgeschmückt,
einen Spalt im Gemälde aufgesaugt hätte. Im nächsten Moment daß lockige weiße Pudel durch die Lüfte fliegen.«
war er wieder am Fenster und sah mich schief an. Sein rechter Wir lachten über dieses Bild. Und ich sagte ihm halb im
Unterarm ruhte auf der Fensterbank, doch diesmal winkte die Scherz, daß er es mit mir zu genau nehme, daß jemand, der so
Hand mir Lebewohl. Don Juan beanstandete, mein »Sehen« sei viel durchgemacht hätte wie ich heute morgen, wohl ein wenig
zu kompliziert. Nachsicht verdiene.
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»Du machst es dir zu leicht«, sagte er. »Du läßt dich wieder gu t ic h d a ra u f v o rb e re ite t w a r, b e la ste te n m ic h so se h r, d a ß
mal gehen. Du gründest die Welt auf die Vorstellung, daß alles m ir je d e sm a l, w e n n ic h m it i h m in K o n ta k t k a m , n ic h ts
deine Kräfte überfordert. Du lebst nicht wie ein Krieger.« a n d e re s ü b rigb lie b , a ls m ic h w ie e in h a lb irre r N ö rgle r z u
Ich sagte ihm, daß das, was er die Lebensart des Kriegers b e n e h m e n u n d z u fü h le n . E in e W o ge d e s Z o rn s stü rm te a u f
nannte, so viele Aspekte habe, daß es unmöglich sei, ihnen m ic h e in , u n d ic h w e ige rte m ic h , w e ite r m itz u sc h re ib e n . In
allen gerecht zu werden, und daß die Bedeutung des Ganzen diesem A ugenblick w ar m ir danach, m eine N otizen zu zerreiß e n
mir nur klar würde, wenn ich weitere Gelegenheiten fände, sie u n d a lle s a u f d e n M ü ll z u sc h m e iß e n . Ic h h ä tte e s a u c h ge ta n ,
anzuwenden. w ä re d a n ic h t D o n J u a n ge w e se n , d e r m ir la c h e n d in den A rm
»Als Faustregel für den Krieger gilt«, sagte er, »daß er seine f i e l , um m ich zurückzuhalten. S p ö ttisch m ein te er, m ein
Entscheidungen so sorgfältig treffen muß, daß nichts, was sich »T o n al« sei w ied er im B egriff, m ir e in e n sc h le c h te n S tre ic h
aus ihnen ergeben mag, ihn überraschen, und erst recht nicht z u sp ie le n . E r e m p fa h l m ir. z u m B ru n n en zu geh en u n d
seine Kraft erschöpfen kann.« m ein en N acken u n d m ein e O h ren m it W asser zu b en etzen . D as
Ein Krieger sein heißt, bescheiden und wachsam zu sein. Heute W asser b eru h igte m ich . L an ge schw iegen w ir.
hättest du die Szene beobachten sollen, die sich vor deinen »S ch reib , sch reib !« d rän gte D o n Ju an m ich in freu n d lich em
Augen abspielte, nicht aber darüber nachgrübeln, wie all dies Ton.
möglich sei. Du hast deine Aufmerksamkeit auf das falsche »M a n k ö n n te sa ge n , d e in N o tiz b u c h ist d e r e in z ige Z a u b e r,
Ziel gerichtet. Wollte ich nachsichtig mit dir sein, dann könnte d en d u h a s t . E s zu zerreiß en h ieß e n u r, d ich d ein em T o d zu
ich leicht sagen, daß du, da dir dies zum erstenmal widerfuhr, ö ffn en . E s w äre n u r w ied er ein e vo n d ein en F lau sen , b esten -
nicht vorbereitet warst. Aber dies ist nicht zulässig, denn du falls e i n e pom pöse L aune, aber keine Ä nderung. E in K rieger
warst als Krieger hergekommen, bereit zu sterben. Was dir verläßt nie die I n s e l des Tonal. E r benutzt s i e .« M it ein er
heute widerfuhr, hätte dich daher nicht mit schlotternden rasch en H an d b ew egu n g d eu tete er rin gsu m h er u n d b erü h rte
Hosen antreffen dürfen.« d an n m ein N o tizb u ch .
Ich gab zu, daß ich die Neigung hätte, mich in Angst und »D ies ist deine W elt. D u kannst nicht auf sie verzichten. E s is t
Verwirrung gehenzulassen. sinnlos, sich über sich selbst zu ärgern und enttäuscht von sich zu
»Es sollte als Faustregel für dich gelten, daß du. immer wenn sein . A ll d ies b ew eist n u r, d aß d as T o n a l d es M en sch en in
du zu mir kommst, bereit sein solltest zu sterben«, sagte er. ein em in n eren K am p f s t e h t . E in K am p f im T o n a l selb st ist
»Wenn du herkommst, bereit zu sterben, dann dürfte es eines der s in n lo s e s te n G efechte, die ic h m ir v o rs te lle n kann.
keinerlei Fallstricke oder unwillkommene Überraschungen D as gefestigte L eben eines K riegers ist dazu bestim m t, dieses
oder unnötige Taten geben. Alles sollte sich zwanglos zusam- G efech t zu verän d ern . V o n A n fan g an h ab e i c h d ich geleh rt,
menfügen, weil du nichts erwartest.« ü b e rflü ssige K ra ftv e rge u d u n g z u v e rm e id e n . J e tz t h e rrsc h t
»Das ist leicht gesagt, Don Juan. Aber ich bin der Empfänger. nicht m ehr K rieg in deinem Innern, j e d e n f a l l s nicht m ehr so,
Ich bin es doch, der mit alldem leben muß.« »Nicht, daß du mit w ie e s w a r, d e n n d ie L e b e n sa rt d e s K rie ge rs ist H a rm o n ie -
alldem leben müßtest. Du bist all dies. Nur. du erträgst es im erstens die H arm onie zw ischen H andlungen und E ntscheidungen,
Augenblick noch nicht. Deine Entscheidung, dich dieser bösen sodann die H arm onie zw ischen Tonal und N agual. S eit ich dich
Welt der Zauberei anzuschließen, hätte alle mitgeschleppten kenne, habe ich stets sow ohl zu deinem Tonal w ie z u d e in e m
Gefühle ausbrennen und dir den Mumm geben sollen, all dies N a g u a l ge sp ro c h e n . S o m u ß d ie U n te rw e isu n g stattfinden.
als deine Welt zu beanspruchen.« Ich war verlegen und traurig. A m A n fa n g m u ß m a n z u m T o n a l sp re c h e n . A b e r d a s T o n a l
Don Juans Taten, ganz egal, wie
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m u ß d ie H e rrsc h a ft a b tre te n . M a n m u ß ih m je d o c h G e le g e n h e it er meine Gedanken gelesen. »Ich weiß nur, daß das Nagual
g e b e n , d ie s m it F re u d e n z u tu n . D e in T o n a l zu m B e isp ie l hat unvorstellbare Dinge tun kann.
einige K o ntro llen b einahe kam p flo s aufgegeb en, w eil i h m k la r Heute morgen habe ich dich aufgefordert zu beobachten. Diese
w u rd e , d a ß , w ä re e s so g e b lie b e n , w ie e s w a r, d ie G a n z h e it Szene vor deinen Augen, was immer sie sein mochte, war von
d e in e s S e lb st je tz t to t w ä re . M it a n d e re n W o rte n , d a s T o n a l unsagbarem Wert für dich. Aber statt meinem Rat zu folgen,
w ird v e ra n la ß t, u n n ö tig e D in g e w ie W ic h tig tu e re i u n d hast du dich in Selbstmitleid und Verwirrung gehenlassen und
S ichgehenlassen aufzugeb en, d ie es nur zum S tum p fsinn ver- nicht beobachtet.
d a m m e n . D ie S c h w ie rig k e it ist n u r, d a ß d a s T o n a l sic h a n Eine Zeitlang warst du ganz Nagual und konntest nicht spre-
d ie se D in g e k la m m e rt, w ä h re n d e s d o c h fro h se in so llte , d ie se n chen. Dies war die Zeit, um zu beobachten. Dann übernahm
Q u a tsc h lo sz u w e rd e n . D ie A u fg a b e b e ste h t a lso d a rin , d as dein Tonal wieder nach und nach die Führung, und statt dich in
T o n a l zu üb erzeugen, d aß es frei und b ew eglich sein so ll. D a s einen tödlichen Kampf zwischen deinem Tonal und deinem
ist's, w a s e in Z a u b e re r v o r a lle m a n d e re n b ra u c h t - e in sta rk e s, Nagual stürzen zu lassen, führte ich dich hierher.« »Was hatte
fre ie s T o n a l. Je stä rk e r e s w ird , d e sto w e n ig e r k la m m ert es sich es denn mit dieser Szene auf sich. Don Juan? Was war daran so
an sein T un und d esto leichter ist's, es schrum p fen z u la sse n . wichtig?«
H e u te m o rg e n g e sc h a h a lso n ic h ts a n d e re s, a ls d a ß ich d ie »Ich weiß nicht. Ich war's ja nicht, dem es widerfuhr.« »Was
M ö glichkeit sah, d ein T o n a l schrum p fen zu lassen. F ür einen meinst du damit?« »Es war dein Erlebnis, nicht meines.« »Aber
M o m ent w arst d u unachtsam , gehetzt, ged ankenlo s, und ich du warst doch bei mir, nicht wahr?« »Nein! Das war ich nicht.
nutzte d en A ugenb lick, um d i r einen S chub s zu geben. Du warst allein. Ich habe dir immer
D a s T o n a l sc h ru m p ft b e i b e stim m te n G e le g e n h e ite n , b e so n d e rs wieder gesagt, du solltest alles beobachten, denn diese Szene
w e n n e s in V e rle g e n h e it g e rä t. Ja w irk lic h , e in e s d e r war nur für dich bestimmt.«
M e rk m a le d e s T o n a l ist se in e S c h e u . A u f se in e S c h e u se lb st »Aber du warst doch neben mir. Don Juan?«
ko m m t es eigentlich nicht an. A b er es gib t gew isse G elegen- »Nein, das war ich nicht. Aber es hat keinen Zweck, darüber
h e i t e n , d a d as T o n a l üb errascht ist, und d ann läß t seine S cheu es zu reden. Was ich auch sagen mag, es ergibt keinen Sinn, denn
unverm eid lich schrum p fen. in diesem Augenblick waren wir in der Zeit des Nagual. Die
H eute m o rgen ergriff ich m ein Q uentchen C hance. I c h sah d ie Dinge des Nagual können nur mit dem Körper, nicht mit der
o ffe n e T ü r j e n e s F lu g b ü ro s u n d g a b d ir e i n e n S c h u b s. E i n Vernunft erfahren werden.«
S c h u b s - d a s ist a lso d ie ric h tig e T e c h n ik , u m d a s T o n a l »Aber wenn du nicht bei mir warst. Don Juan, wer oder was
sc h ru m p fe n z u la sse n . M a n m u ß e s g e n a u im ric h tig e n M o - war die Person, die ich als du erlebte?«
m ent schubsen, und dazu m uß m an n a t ü r l i c h sehen können. »Das war ich. und doch war ich nicht da.«
S o b ald d er M ann geschub st w ird und sein T o n a l geschrum p ft »Wo warst du denn?«
ist, w ird s e i n N a g u a l, f a l l s e s b e re its in B e w e g u n g ist - u n d »Ich war bei dir. aber nicht da. Sagen wir, ich war in deiner
ganz gleich w ie gering diese B ew egung sein m ag - die F ührung Nähe, aber nicht genau an der Stelle, wo dein Nagual dich
ü b e rn e h m e n u n d a u ß e ro rd e n tlic h e T a te n v o llb rin g e n . H e u te ergriff.«
m o rg e n ü b e rn a h m d e in N a g u a l d ie F ü h ru n g , u n d d u b ist a u f
d iesem M arkt geland et.« »Du meinst, du wußtest nicht, daß wir auf dem Marktwaren1'«
E r schw ieg einige Z eit. E r schien auf m eine F ragen zu w arten. »Nein, ich wußte es nicht. Ich bin einfach hinterhergelaufen.
W ir sahen einand er a n . »Ich w eiß w irklich nicht, w ie es um dich nicht zu verlieren.«
geschieht«, sagte er, als hab e »Das ist wirklich furchtbar. Don Juan.«
»Wir waren in der Zeit des Nagual, und daran ist nichts
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Furchtbares. Wir sind noch zu viel mehr befähigt. Dies liegt in »Dafür ist das Nagual zuständig. Ich weiß es nicht. Ich kann
unserer Natur als leuchtende Wesen. Doch wir haben die dir nur sagen, daß wir bewegliche, leuchtende Wesen sind, die
Neigung, beharrlich auf unserer monotonen, ermüdenden, aber aus Fasern bestehen. Die Übereinkunft, daß wir feste Objekte
bequemen Insel zu verweilen. Das Tonal ist der Bösewicht, seien, ist die Tat des Tonal. Wenn das Nagual die Führung
und der sollte es nicht sein.« übernimmt, sind ungewöhnliche Dinge möglich. Aber unge-
Ich schilderte ihm das wenige, dessen ich mich erinnerte. Er wöhnlich sind sie nur für das Tonal.
wollte wissen, ob ich irgend etwas am Himmel wahrgenommen Für das Nagual ist es eine Kleinigkeit, sich so fortzubewegen,
hätte, etwa das Licht, die Wolken, die Sonne, oder ob ich irgend wie du es heute morgen getan hast. Besonders für dein Nagual,
welche Geräusche gehört hätte. Oder ob mir ungewöhnliche das bereits die schwierigsten Tricks beherrscht. Tatsächlich hat
Menschen oder Vorgänge aufgefallen seien. Er wollte wissen, es dich heute in eine ganz unheimliche Situation gestürzt.
ob irgendwelche Auseinandersetzungen stattgefunden hätten. Spürst du, was es ist?«
Ob irgendwelche Leute geschrien hätten, und wenn ja, was sie Eine Million Fragen und Empfindungen bestürmten mich
sagten. gleichzeitig. Es war, als ob ein Windstoß meinen äußeren
Keine seiner Fragen konnte ich beantworten. Die nackte Firnis der Gelassenheit weggefegt hätte. Ich zitterte. Mein
Wahrheit war, daß ich den ganzen Vorgang scheinbar unbesehen Körper spürte, daß er am Rand eines Abgrunds stand. Ich
akzeptiert und wie selbstverständlich angenommen hatte, daß kämpfte um ein mysteriöses, aber konkretes Wissen. Es war,
ich eine beträchtliche Entfernung in ein oder zwei Sekunden als sollte mir jeden Augenblick etwas offenbart werden, und
»im Flug« zurückgelegt hatte und daß ich. dank Don Juans doch zog irgendein hartnäckiger Teil meiner selbst dauernd
Wissen, was dies auch immer sein mochte, in all meiner einen Schleier davor. Dieser Kampf betäubte mich immer
materiellen Körperlichkeit auf dem Marktplatz gelandet war. mehr, bis ich meinen Körper nicht mehr spürte. Ich hatte den
Meine Reaktion entsprach ganz und gar einer solchen Inter- Eindruck, sehen zu können, wie mein Gesicht immer hagerer
pretation. Was ich wissen wollte, waren die Verfahrensweisen, wurde, bis es das Gesicht einer verdorrten Leiche mit gelbli-
das Geheimnis der Eingeweihten, die »Kunstregeln«. Daher cher, straff über den Schädel gespannter Haut war. Als nächstes
kümmerte ich mich nicht darum, die - wie ich glaubte - spürte ich einen Schock. Don Juan stand neben mir und hielt
alltäglichen Vorgänge eines profanen Schauspiels zu beob- einen leeren Wassereimer in der Hand. Ich war tropfnaß. Ich
achten. hustete und wischte mir das Wasser aus dem Gesicht, und
»Meinst du. daß die Leute mich auf dem Markt stehen sahen?« wieder lief mir ein Schauder über den Rücken. Ich sprang
fragte ich. auf. Don J u a n hatte mi r Wasser in den Kragen gegossen.
Don Juan antwortete nicht. Er lachte und boxte mich sanft in Nicht weit entfernt stand eine Gruppe Kinder, die lachend zu
die Rippen. mir herüber schauten. Don Juan lächelte mir zu. Er hielt
meinen Notizblock in der Hand und meinte, wir sollten lieber
Ich versuchte mich zu erinnern, ob ich tatsächlich physischen
ins Hotel gehen, damit ich die Kleidung wechseln könne. Er
Kontakt mit irgendwelchen Leuten gehabt hatte. Mein Ge-
führte mich aus dem Park. Wir standen eine Weile auf dem
dächtnis ließ mich im Stich.
Trottoir, bis ein Taxi vorbeikam.
»Was sahen die Leute im Luftfahrtbüro, als ich hereingestolpert
kam?« fragte ich. Ein paar Stunden später, nachdem wir zu Mittag gegessen und
»Sie sahen vermutlich einen Mann von einer Tür zur anderen uns ausgeruht hatten, saßen Don Juan und ich wieder auf seiner
torkeln.« Lieblingsbank im Park neben der Kirche. Auf Um-
»Aber sahen sie. wie ich mich in Luft auflöste und ver-
schwand?«
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wegen kamen wir wieder auf das Thema meiner eigenartigen Preis geschützt werden. Man muß ihm das Zepter entreißen,
Reaktion zu sprechen. Er ging sehr behutsam vor. Anscheinend aber es muß als behüteter Hüter bleiben. Jegliche Bedrohung
wollte er mich nicht direkt darauf ansprechen. »Man weiß, daß des Tonal führt stets zu seinem Tod. Und wenn das Tonal
solche Dinge geschehen«, sagte er. »Das Nagual, sobald es stirbt, dann stirbt der ganze Mensch. Wegen der ihm eigenen
gelernt hat aufzutauchen, kann dem Tonal großen Schaden Schwäche kann das Tonal leicht vernichtet werden, und daher
zufügen, indem es ganz unkontrolliert auftaucht. Doch dein Fall ist es die ausgleichende Kunst des Kriegers, das Nagual
ist ein besonderer. Du neigst dazu, dich in so übertriebenem auftauchen zu lassen, damit es das Tonal stützt. Ich sage, es ist
Maß gehenzulassen, daß du sterben und dir gar nichts daraus eine Kunst, denn die Zauberer wissen, daß das Nagual nur
machen könntest, oder noch schlimmer, nicht einmal bemerken auftauchen kann, wenn das Tonal verstärkt wird. Siehst du, was
würdest, daß du stirbst.« Meine Reaktion hatte eingesetzt, ich meine? Diese Verstärkung nennt man persönliche Kraft.«
sagte ich ihm, als er mich fragte, ob ich fühlte, was mein Don Juan stand auf, reckte die Arme und krümmte den Rücken.
»Nagual« getan hatte; da glaubte ich genau zu wissen, worauf er Ich machte Anstalten ebenfalls aufzustehen, aber er drückte
anspielte, aber als ich zu beschreiben versuchte, was es war, mich sanft auf die Bank zurück. »Du mußt bis zur Dämmerung
stellte ich fest, daß ich nicht klar denken konnte. Ich erlebte auf dieser Bank bleiben«, sagte er. »Ich muß gleich gehen.
einen gewissen Leichtsinn, ja Gleichgültigkeit, als sei mir Genaro er war tet mich in den Bergen. Komm also in drei
wirklich alles egal. Dann wuchs diese Empfindung sich zu einer Tagen zu seinem Haus, dort werden wir uns treffen!«
hypnotischen Konzentration aus. Es war, als ob mein ganzes »Was werden wir bei Don Genaro tun? « fragte ich. »Das hängt
Sein langsam ausgesaugt würde. Was meine Aufmerksamkeit davon ab. ob du genug Kraft hast«, sagte er. »Vielleicht zeigt
anzog und fesselte, war das deutliche Gefühl, daß mir gleich Genaro dir das Nagual.« Da war noch etwas, das ich hier und
ein ungeheuerliches Geheimnis offenbart werden sollte, und ich jetzt äußern mußte. Ich mußte wissen, ob sein Anzug nur ein
wollte diese Offenbarung durch nichts stören lassen. schockierendes Requisit eigens für mich war oder ob er
»Was dir offenbart werden sollte, war dein Tod«, sagte Don wirklich zu seinem Leben gehörte. Nie hatte eine seiner
Juan. »Dies ist die Gefahr beim Sichgehenlassen. Besonders Handlungen mir so zu schaffen gemacht wie sein Erscheinen
bei dir, da du von Natur aus so exaltiert bist. Dein Tonal KI so in einem Anzug. Nicht der Umstand als solcher brachte mich
so durcheinander, sondern die Tatsache, daß Don Juan elegant
begabt zum Sichgehenlassen. daß es die Ganzheit deines
war. Seine Beine hatten eine jugendliche Elastizität. Es war.
Selbst bedroht. Dies ist ein furchtbarer Zustand.« »Was kann
als ob die Schuhe, die er trug, seinen Körperschwerpunkt
ich tun?«
verlagert hätten; seine Schritte waren länger und fester als
»Dein Tonal muß mit Gründen überzeugt werden, dein Nagual
gewöhnlich. »Trägst du immer einen Anzug?« fragte ich. »Ja«,
mit Taten, bis eines das andere stützt. Das Tonal herrscht, wie
antwortete er mit gewinnendem Lächeln. »Ich habe noch mehrere
ich dir sagte, und doch ist es sehr verletzlich. Das Nagual von der Sorte, aber ich wollte heute keinen anderen anziehen,
hingegen geht nie aus sich heraus oder fast nie; aber wenn es weil dich das nur noch mehr erschreckt hätte.« Ich wußte nicht,
das tut, dann jagt es dem Tonal einen Schrecken ein. Heute was ich davon halten sollte. Mir war. als sei ich am Ende
morgen geriet dein Tonal in Panik und fing von selbst an zu meines Weges angelangt. Wenn Don Juan einen Anzug tragen
schrumpfen, und dann übernahm dein Nagual die Führung. und darin elegant sein konnte, dann war alles möglich.
Ich mußte mir von einem der Fotografen im Park einen
Wassereimer borgen, um dein Nagual wie einen Hund auf
seinen Platz zurückzuscheuchen. Das Tonal muß um j ed en
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E r sc h ie n sic h ü b e r m e in e V e rw irru n g z u b e lu stig e n u n d In der Zeit des Nagual
lachte.
»Ich b in A ktio när«, sagte er geheim nisvo ll, ab er w ie selb st-
verständlich, und ging davon.
Ich rannte d en A b hang vo r D o n G enaro s H aus hinauf und sah
A m nächsten M o rgen, D o nnerstag, b at ich einen F reund , m it D o n Ju a n u n d D o n G e n a ro a u f d e r g e ro d e te n F lä c h e v o r d e r
m ir vo n d em L uftfahrtb üro , w o D o n Juan m ich d urch d ie T ür H austür sitzen. S ie l ä c h e l t e n m ir z u . In ihrem L ächeln lag so
gesto ß en hatte, b is zum L agunilla-M arkt zu gehen. W ir nahm en viel H erzlichkeit und U nschuld , d aß m ein K ö rp er so fo rt alar-
den direktesten W eg. W ir brauchten dazu fünfunddreißig m ie rt w a r. A u to m a tisc h fie l ic h in e i n e la n g sa m e re G a n g a rt
M in u te n . D o rt a n g e la n g t, v e rsu c h te ic h m ic h z u o rie n tie re n . zurück. I c h b egrüß te sie.
E s gelang m ir nicht. Ich betrat ein K onfektionsgeschäft gleich »W ie geht's d ir? « fragte D o n G enaro m ich m it so gekünstelter
a n d e r E c k e d e r b re ite n A lle e , a u f d e r w ir sta n d e n . S tim m e, d aß w ir alle lachen m uß ten.
»E ntschuldigen Sie b itte « , sagte ich zu einer jungen F rau, die »E r ist in bester F orm «, w arf D on Juan ein. bevor ich antw orte n
b e d ä c h tig e in e n H u t m it d e r K le id e rb ü rste a b sta u b te . »W o k o n n te .
sin d d ie S tä n d e m it d e n a l t e n M ü n z e n u n d a n tiq u a risc h e n »D a s se h e i c h « , e rw id e rte D o n G e n a ro . »S c h a u n u r, d ie se s
B üchern?« D o p p elkinn! U nd schau, d iese S p eckp o lster auf d en W angen!«
»H ab en w ir nicht«, sagte sie m ürrisch. D o n Juan h i e l t sich d en B auch vo r L achen. »D ein G esicht is t
»A b e r ic h h a b e sie d o c h g e se h e n , g e ste rn , irg e n d w o a u f f e i s t « , fuhr D on G enaro fort. »W as hast du d ie g a n z e Z e it ü b e r
diesem M arktplatz.« g e m a c h t? G e fre sse n ? « D on Juan erklärte i h m scherzhaft, m eine
»Q uatschen S ie nicht rum !« sagte sie und verschw and hinter Lebensw eise v e r l a n ge von m i r , viel zu essen. Im freundlichsten
d er L ad entheke. T on hänselten sie m ich w egen m einer L ebensw eise, und dann
Ic h ra n n te i h r n a c h u n d b e sc h w o r sie , m ir z u sa g e n , w o d ie forderte D on J u a n m ic h a u f, z w isc h e n i h n e n P la tz z u
S tänd e seien. S ie m usterte m ich vo n o b en b is unten. »G estern n e h m e n . D ie S o n n e w a r b e re its h in te r e in e r h o h e n B e rg k e tte
ko nnten S ie sie gar nicht gesehen hab en«, sagte sie. »D iese im W e ste n u n te rg e gangen.
S tände w erden nur am S onntag aufgebaut, gleich h i e r an d er »W o ist d e i n fam o ses N o tizb uch? « fragte D o n G enaro m ich.
M auer. D en R est d er W o che gib t es k e i n e . « »N ur am und als ich es aus der T asche zog, schrie er » J ip p iie ! « u n d r iß
S onntag?« w iederholte ic h m echanisch. »Ja. N ur am S o nntag. e s m ir a u s d e r H a n d .
S o ist es. D en R est d er W o che w ürd en sie den V erkehr s tö r e n .« A nscheinend h a t t e er m ich aufm erksam beobachtet und k a n n te
S ie d e u te te a u f d e n B o u le v a rd , a u f d e m d ie A u to s sic h m e in e A n g e w o h n h e ite n i n - u n d a u sw e n d ig . E r h i e l t d a s
stauten. N o tiz b u c h m it b e id e n H ä n d e n u n d s p i e l t e n e rv ö s d a m it
h e ru m , a ls o b e r n i c h t s R e c h te s d a m it a n z u fa n g e n w ü ß te .
Z w e im a l sa h e s so a u s. a l s w o llte e r e s w e g w e rfe n , a b e r
anscheinend verm o chte er sich zu b eherrschen. D ann legte er e s
a u f d ie K n ie u n d t a t so . a ls sc h re ib e e r fie b e rh a ft, w ie e s
m eine A rt w ar.
D o n Ju a n la c h te , b is e r h u ste n m u ß te . »W a s h a st d u d a m a ls
g e m a c h t, n a c h d e m ic h d ic h v e rla sse n
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hatte?« fragte Don Juan, nachdem die beiden sich wieder »W e rd e n w ir w e it g e h e n ? « fra g te ic h .
beruhigt hatten. »B is z u d e n E u k a lyp tu sb ä u m e n d o rt d rü b e n «, a n tw o rte te D o n
»Am Donnerstag ging ich auf den Markt«, sagte ich. »Was G enaro und w ies auf e in etw a zw ei K ilo m eter entferntes
wolltest du dort? Den Weg ausmessen?« erwiderte er. Don G ehölz.
Genaro ließ sich rückwärts fallen und imitierte mit den Lippen A ls w ird d ie B ä u m e e rre ic h te n , e rk a n n te ic h , d a ß e s k e i n
jenes trockene Geräusch, wie wenn man mit dem Kopf auf den natürliches W äld chen w ar. D ie E ukalyp tusb äum e w aren v i e l -
Boden bumst. Er sah mich schief an und zwinkerte. »Ich mußte m e h r in sc h n u rg e ra d e n R e ih e n g e p fla n z t w o rd e n , u m d ie
es tun«, sagte ich. »Und ich habe festgestellt, daß es dort G re n z e n z w isc h e n e in z e ln e n F e ld e rn z u m a rk ie re n , d ie m it
werktags keine Stände mit alten Münzen und Büchern gibt.« v e rsc h ie d e n e n G e tre id e so rte n b e p fla n z t w a re n . W ir g in g e n am
Die beiden lachten. Dann meinte Don Juan, daß man durch R and eines M aisfeld es entlang, unter e i n e r R eihe riesiger
Fragenstellen wohl selten etwas Neues erfahre. »Was geschah B ä u m e - sie w a re n sc h la n k u n d g e ra d e u n d ü b e r d re iß ig M e te r
nun wirklich, Don Juan?« fragte ich. »Glaube mir, das zu h o c h , - u n d g e la n g te n z u e in e m S to p p e lfe ld . Ic h b e m e rk te , d a ß
wissen ist unmöglich«, sagte er knapp. »In diesen Dingen e s o ffe n b a r e rst v o r k u rz e m a b g e e rn te t w o rd e n w a r. E s w a re n
stehen du und ich auf gleicher Stufe. Mein Vorteil vor dir ist im n u r n o c h tro c k e n e H a lm e u n d B lä tte r v o n irg e n d w e lc h e n
Augenblick nur, daß ich weiß, wie man zum Nagual gelangt, P fla n z e n d a , d ie ic h n ic h t k a n n te . I c h b ü c k te m ic h , u m e i n
und du es nicht weißt. Aber sobald ich einmal dort bin, habe B la tt a u fz u h e b e n , a b e r D o n G e n a ro h in d e rte m ic h d a ra n . M it
ich keinen Vorteil, keinen Wissensvorsprung vor dir.« g ro ß e r K ra ft h i e l t e r m e in e n A rm f e s t . I c h fuhr zurück, und
»Bin ich wirklich auf dem Markt gelandet. Don Juan?« fragte d ann s te llte ich fest, d aß er m einen A rm nur ganz leicht m it
ich. d em F inger b erührt h a t t e . K e in Z w e ife l, e r w u ß te , w a s e r
»Selbstverständlich. Ich sagte dir doch, das Nagual steht dem g e ta n u n d w a s ic h d a b e i e m p fu n d e n h a tte . R a sc h z o g e r
Krieger zu Gebot. Ist es nicht so. Genaro'1« »Richtig!« rief s e i n e n F in g e r v o n m e in e m A rm z u rü c k , u n d d a n n b e rü h rte e r
Don Juan mit dröhnender Stimme und stand mit einer einzigen i h n w ie d e r l e i c h t . D ie s w iederholte er noch einm al und lachte
Bewegung auf. Es war. als habe seine Stimme ihn aus der w ie e i n fröhliches K ind, a ls ic h z u sa m m e n z u c k te . D a n n w a n d te
liegenden Stellung in eine aufrechte gerissen. e r m ir s e i n P ro fil z u . Seine A dlernase v e r lie h i h m das
Vor Lachen kugelte Don Juan sich buchstäblich am Boden. A ussehen eines V ogels, e in e s V o g e ls m it m e rk w ü rd ig e n la n g e n ,
Don Genaro machte mit nonchalanter Miene eine komische w e iß e n Z ä h n e n . M it leiser S tim m e befahl D on Juan m ir, n i c h t s
Verbeugung und verabschiedete sich. anzufassen. I c h fragte i h n , o b er w isse, w elche F eld frucht hier
»Genaro wird morgen wiederkommen«, sagte Don Juan. angeb aut w o rd e n se i. E r s c h i e n e s m ir sc h o n sa g e n z u w o lle n ,
»Jetzt mußt du in völligem Schweigen hier sitzen bleiben.« a b e r D o n G e n a ro m i s c h t e sic h e i n u n d m e in te , d i e s se i e in
Wir sprachen kein Wort mehr. Nach stundenlangem F e ld v o n W ürm ern.
Schweigen schlief ich ein. D o n G enaro s a h m ich fest a n , o hne e i n L ächeln zu riskieren.
Ich schaute auf die Uhr. Es war beinah sechs Uhr früh. Don Ic h h i e l t D o n G e n a ro s sin n lo se A n tw o rt fü r e in e n W itz . I c h
Juan warf einen prüfenden Blick auf die schweren weißen w a rte te a u f e i n S tic h w o rt, u m lo sz u la c h e n , a b e r sie sc h a u te n
Wolkenberge am westlichen Horizont und meinte, heute sei m ic h b lo ß u n v e rw a n d t a n .
ein bedeckter Tag. Don Genaro schnupperte in die Luft und »E in F eld v o lle r prächtiger W ürm er«, sagte D on G enaro. » J a ,
fügte hinzu, es werde wohl auch heiß und windstill sein. w as hier angep flanzt w urd e, d as w aren d ie kö stlichsten W ürm er,
d ie d u je gesehen h a s t . « E r drehte sich zu D on Juan um . S ie
w arfen sich einen B lick zu.
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»Ist es nicht so?« fragte er. Körpermitte empfinden und dabei die Hände, fest zu Fäusten
»Völlig richtig!« sagte Don Juan, und zu mir gewandt, fügte er geballt, gegen den Nabel drücken, was die Körpermitte stärken
leise hinzu: »Genaro führt heute Regie. Nur er kann sagen, was und mithelfen würde, die Atemzüge und das tiefe Luftholen zu
los ist. tu also genau, was er sagt!« Die Vorstellung, daß Don kontrollieren, wobei man bei hinuntergepreßtem Zwerchfell die
Genaro die Führung hatte, erfüllte mich mit Schrecken. Ich Luft anhalten und bis acht zählen müsse. Das Ausatmen hatte
wandte mich an Don Juan, um ihm dies zu sagen. Aber noch zweimal durch die Nase und zweimal durch den Mund zu
bevor ich ein Wort sagen konnte, stieß Don Genaro einen geschehen, und zwar schnell oder langsam, je nach Belieben.
unheimlichen Schrei aus. einen so lauten und furchterregenden Ich gehorchte ganz automatisch. Ich wagte es aber nicht, den
Schrei, daß mein Genick sich versteifte und mir die Haare zu Blick von Don Genaro abzuwenden. Während ich weiter
Berge standen, als ob der Wind sie zauste. Eine Sekunde lang atmete, entspannte sich mein Körper, und ich bemerkte, daß
verfiel ich in eine komplette Bewußtseinsspaltung, und ich Don J uan sich an meinen Beinen zu schaffen machte. Als er
wäre wie angewurzelt stehengeblieben, wäre nicht Don Juan mich vorhin umgedreht hatte, war mein rechter Fuß anschei-
dagewesen. der mit unglaublicher Schnelligkeit und nend an einem Erdklumpen hängengeblieben, und mein Bein
Selbstbeherrschung meinen Körper umdrehte, so daß meine war in unbequemer Haltung abgewinkelt. Nachdem er es
Augen eine unglaubliche Leistung erblicken konnten. Don gerade gestellt hatte, wurde mir klar, daß der Schock. Don
Genaro stand waagerecht etwa dreißig Meter über dem Boden - Genaro in dieser Haltung am Baumstamm zu sehen, mich
auf dem Stamm eines etwa fünfzig Meter entfernten unempfindlich gegen meine unbequeme Lage gemacht hatte.
Eukalyptus. Das heißt, er stand mit leicht gespreizten Beinen im Don Juan flüsterte mir ins Ohr. ich solle nicht starr auf Don
rechten Winkel zum Stamm. Es sah aus, als habe er Steighaken Genaro blicken. Ich hörte ihn sagen: »Blinzle, blinzle!« Ich
an den Füßen, mit deren Hilfe er der Schwerkraft trotzte. Er zögerte einen Moment. Wieder befahl Don Juan es mir. Ich
hatte die Arme über der Brust verschränkt und wandte mir den war davon überzeugt, daß die ganze Angelegenheit irgendwie
Rücken zu. Ich blickte starr zu ihm hin. Ich wollte nicht mit mir als Betrachter in Verbindung stand und daß Don
blinzeln, denn ich fürchtete, ihn aus dem Blick zu verlieren. Genaro, falls ich. der einzige Zeuge seiner Tat, wegschauen
Ich überlegte rasch und kam zu dem Schluß, daß ich, falls ich ihn sollte, herunterfallen - oder die ganze Szene sogar
im Auge behielt, vielleicht einen Hinweis, eine Bewegung, eine verschwinden würde.
Gebärde oder irgend etwas entdecken könnte, das mir helfen Nach einer unerträglich langen Pause der Reglosigkeit drehte
würde zu verstehen, was hier vorging. sich Don Genaro a u f den Fersen um fünfundvierzig Grad nach
Ich spürte Don Juans Kopf neben meinem rechten Ohr und rechts und fing an, den Baumstamm hinaufzugehen. Sein
hörte, wie er mir zuflüsterte, daß jeder Versuch einer Erklä- Körper bebte. Ich sah. wie er ein Schrittchen nach dem anderen
rung sinnlos und idiotisch sei. Ich hörte ihn wiederholt sagen: machte, bis er acht zurückgelegt hatte. Er wich sogar einem Ast
»Preß deinen Bauch runter, runter!« aus. Dann, immer noch mit über der Brust verschränkten
Es handelte sich dabei um eine Technik, die er mich vor Armen, setzt er sich mit dem Rücken zu mir auf den Stamm.
Jahren gelehrt hatte und die in Augenblicken großer Gefahr. Seine Füße baumelten in der Luft, als ob er auf einem Stuhl
Angst oder Belastung einzusetzen ist. Sie besteht darin, daß säße, als ob die Schwerkraft keine Wirkung auf ihn hätte.
man das Zwerchfell hinabdrückt, während man vier rasche Dann rutschte er irgendwie auf dem Gesäß abwärts. Er erreichte
Atemzüge durch den Mund tut, gefolgt von viermaligem einen Ast. der parallel zu seinem Körper herausragte, und
tiefem Ein- und Ausatmen durch die Nase. Er hatte mir lehnte sich ein paar Sekunden mit dem linken Arm und dem
erklärt, man müsse die raschen Atemzüge wie Schläge in die Kopf dagegen. Dies tat er offenbar mehr wegen der
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dramatischen Wirkung, als um sich zu stützen. Dann rutschte Genaro sei im Begriff herunterzukommen. Ich hörte, wie er
er auf dem Gesäß weiter. Zentimeter für Zentimeter vom eindringlich flüsterte: »Nach unten pressen, nach unten!« Ich
Stamm auf den Ast. bis er seine Stellung gewechselt hatte und war mitten im schnellen Ausatmen, als Don Genaros Körper
nun dort saß. wie man wohl normalerweise auf einem Ast sich unter einer Art Spannung zu versteifen schien. Er leuchtete
sitzen würde. auf. dann erschlaffte er. schwang rückwärts und hing einen
Don Juan kicherte. Ich hatte einen scheußlichen Geschmack Augenblick mit den Kniekehlen am Ast. Seine Beine schienen
im Mund. Ich wollte mich nach Don J uan umdrehen, der zu aber so kraftlos zu sein, daß er sie nicht abgebeugt halten
meiner Rechten knapp hinter mir stand, aber ich wagte nicht, konnte, und er fiel herab.
eine von Don Genaros Taten zu versäumen. Eine Weile ließ er In der Sekunde, als sein Sturz begann, hatte auch ich das
die Füße baumeln, dann schlug er sie übereinander und wippte Gefühl, durch den leeren Raum zu stürzen. Mein ganzer
ein wenig, schließlich glitt er wieder auf den Stamm hinauf. Körper empfand einen quälenden, gleichzeitig aber sehr ange-
Don Juan nahm behutsam meinen Kopf in beide Hände und nehmen Schmerz, einen Schmerz von solcher Heftigkeit und
bog meinen Hals nach links, bis mein Gesichtswinkel parallel Dauer, daß meine Beine nicht mehr mein Gewicht zu tragen
statt senkrecht zu dem Baum verlief. Wenn ich Don Genaro vermochten und ich auf die weiche Erde fiel. Ich konnte kaum
aus dieser Perspektive sah, schien er nicht mehr der Schwer- die Arme bewegen, um meinen Sturz abzufangen. Ich atmete so
kraft zu trotzen. Er saß einfach auf einem Baumstamm. Dann heftig, daß ein wenig Sand in meine Nase geriet und ein
stellte ich fest, daß, wenn ich starr geradeaus blickte und nicht Jucken verursachte. Ich versuchte aufzustehen: meine Mus-
blinzelte, der Hintergrund verschwamm und Don Genaros keln schienen alle Kraft verloren zu haben. Don Juan und Don
Körper sich um so klarer abzeichnete; seine Gestalt trat in den Genaro kamen und beugten sich über mich. Ich hörte ihre
Vordergrund, als ob nichts anderes existierte. Nun glitt Don Stimmen, als ob sie in einiger Entfernung von mir wären, und
Genaro rasch auf den Ast zurück. Er hockte mit baumelnden doch spürte ich. wie sie mich hochzogen. Anscheinend hoben sie
Füßen wie auf einem Trapez. Wenn ich ihn aus dieser mich auf. wobei jeder mich an einem Arm und einem Bein
verzerrten Perspektive sah. dann erschienen beide Stellungen packte, und trugen mich ein Stück weit. Ich war mir der
möglich, besonders das Sitzen auf dem Baumstamm. Don Juan unbequemen Haltung meines Kopfes bewußt, der schlaff
beugte nun meinen Kopf nach rechts, bis er auf meiner herabbaumelte. Meine Augen waren offen. Ich sah die Erde und
Schulter ruhte. Don Genaros Haltung auf dem Ast erschien Grasbüschel unter mir weggleiten. Schließlich spürte ich
mir völlig normal, aber als er wieder auf den Stamm rutschte, einen kalten Schauer. Wasser drang mir in Mund und Nase,
konnte ich meine Wahrnehmung nicht entsprechend anpassen und ich mußte husten. Meine Arme u n d Beine strampelten
und sah ihn. als säße er verkehrt herum, mit dem Kopf nach wie wild. Ich versuchte zu schwimmen, aber das Wasser war
unten. nicht tief genug, und schließlich stand ich aufrecht in dem
Don Genaro bewegte sich etliche Male vor und zur ück, und seichten Bach, in den sie mich eingetaucht hatten. Don Juan
jedesmal, wenn Don Genaro sich bewegte, bog Don J u a n und Don Genaro wollten sich kaputtlachen. Don Juan
meinen Kopf nach der anderen Seite. Die Folge dieser beiden krempelte seine Hosen auf und kam zu mir her an: er spähte
Verschiebungen war. daß ich meine normale Perspektive völlig mir in die Augen, dann meinte er. ich sei noch nicht wieder
verlor, und ohne diese war en Don Genaros Taten weniger ganz und heil, und stieß mich ins Wasser zurück. Mein Körper
erschreckend. bot keinerlei Widerstand. Ich wollte nicht noch einmal
Nun blieb Don Genaro längere Zeit auf dem Ast sitzen. Don eingetunkt werden, aber es wa r mir unmöglich, meinen Willen
Juan richtete meinen Kopf gerade und flüsterte mir zu. Don auf meine Muskeln zu übertragen, und so stolperte ich rück-
lings. Diesmal empfand ich die Kälte noch stärker. Rasch
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sprang ich auf und hastete versehentlich auf das gegenüberlie- sagte jedoch nicht, was sie im Sinn hatten. Wir standen mitten
gende Ufer. Don Juan und Don Genaro schrien und pfiffen und auf dem Feld, an der gleichen Stelle, wo wir zuvor gewesen
warfen Steine ins Gebüsch hinter mir, als versuchten sie. einen waren. Don Juan stand rechts von mir, Don Genaro links.
ausgebrochenen Ochsen zu dirigieren. Ich watete durch den Beide standen mit angespannten Muskeln da, in einem Zustand
Bach zurück und setzte mich neben sie auf einen Stein. Don äußerster Wachsamkeit. Diese Anspannung hielten sie etwa
Genaro reichte mir meine Kleider, und erst jetzt fiel mir auf, zehn Minuten durch. Mein Blick wechselte vom einen zum
daß ich nackt war, obwohl ich mich nicht daran erinnerte, wann anderen. Ich hoffte, Don Juan werde mir ein Stichwort geben,
oder wie sie mich ausgezogen hatten. Don Juan wandte sich an was ich tun sollte. Ich hatte recht. Irgendwann entspannte er
Don Genaro und sagte mit dröhnender Stimme: »Um seinen Körper und stieß mit dem Fuß ein paar feste
Himmelswillen, geb' einer dem Mann doch ein Handtuch!« Ich Erdklumpen fort. Ohne mich anzusehen, sagte er: »Wir sollten
brauchte ein paar Sekunden, um die Absurdität in dieser lieber gehen.« Unwillkürlich überlegte ich, Don Genaro habe
Situation zu erkennen. wohl die Absicht gehabt, mir noch eine weitere Demonstration
Ich fühlte mich sehr wohl. Ich war sogar so glücklich, daß ich des »Nagual« zu erteilen, dann aber wohl beschlossen, es doch
nicht einmal sprechen wollte. Ich war mir aber sicher, daß sie. nicht zu tun. Ich war erleichtert. Ich wartete noch einen
falls ich meine Euphorie zeigte, mich wieder ins Wasser Augenblick auf eine letzte Bestätigung. Auch Don Genaro
tunken würden. entspannte sich, und dann taten beide einen Schritt nach vorn.
Don Genaro beobachtete mich. Seine Augen funkelten wie die Jetzt wußte ich, daß wir es hinter uns hatten. Aber genau in
eines wilden Tieres. Sein Blick drang durch mich hindurch. »Gut dem Augenblick, da ich mich ebenfalls entspannte, stieß Don
für dich!« sagte Don Juan plötzlich zu mir. »Jetzt bist du Genaro wieder seinen unglaublichen Schrei aus.
beherrscht, aber drüben bei den Eukalyptusbäumen hast du Ich fing wie wild an zu atmen. Ich schaute mich um. Don
dich gehenlassen wie ein Hanswurst.« Genaro war verschwunden. Don Juan stand vor mir. Er
Schon wollte ich hysterisch loslachen. Don Juans Worte ka- krümmte sich vor Lachen. Er kam einen Schritt näher. »Tut mir
men mir so wahnsinnig komisch vor. daß ich mich gewaltig leid«, flüsterte er. »Es geht nicht anders.« Ich wollte ihn nach
anstrengen mußte, um mich zu zügeln. Und dann erteilte mir Don Genaros Verbleib fragen, aber ich wußte, daß ich sterben
irgend etwas in mir blitzartig einen Befehl. Ein unkontrollier- würde, wenn ich nicht weiter atmete und mein Zwerchfell nach
bares Jucken in der Körpermitte veranlaßte mich, meine unten preßte. Don Juan wies mit dem Kinn auf eine Stelle
Kleider abzuwerfen und wieder ins Wasser zu springen. Ich hinter mir. Ohne meine Füße zu bewegen, wollte ich mich
blieb etwa fünf Minuten im Bach. Die Kälte machte mich nach links umdrehen. Aber noch bevor ich sehen konnte, was
wieder nüchtern. Als ich ans Ufer stieg, war ich wieder ich er mir zeigen wollte, sprang Don Juan herbei und hinderte mich
selbst. daran. Durch seinen gewaltigen Satz und den Schwung, mit
»Gut gemacht!« sagte Don Juan und klopfte mir die Schulter. dem er mich packte, verlor ich das Gleichgewicht. Im
Sie führten mich zu den Eukalyptusbäumen zurück. Im Gehen Rückwärtsfallen hatte ich das Gefühl, daß ich mich in meinem
erklärte Don Juan, mein »Tonal« sei in gefährlichem Maß Schrecken an Don Juan festklammerte und ihn folglich mit mir
verletzlich gewesen, und offensichtlich habe die Widersinnigkeit zu Boden riß. Aber als ich aufschaute, mußte ich einen völligen
von Don Genaros Taten es überfordert. Er sagte, sie hätten Widerspruch zwischen meinen taktilen und visuellen
bereits beschlossen gehabt, es keinen neuen Belastungen Sinneseindrücken feststellen. Ich sah Don Juan über mir stehen
auszusetzen und zu Don Genaro nach Hause zu gehen, aber die und lachen, während mein Körper unzweifelhaft das Gewicht
Tatsache, daß ich selbst erkannt hätte, ich müsse noch einmal im und den Druck eines ande-
Bach untertauchen, habe nun alles geändert. Er
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re n . a u f m ir lie g e n d e n K ö rp e rs sp ü rte , d e r m ic h g e ra d e z u a u f hen. Dann vollführte er eine weiche Landung, wiewohl sein
d e n B o d e n p re ß te . Gewicht Erdklumpen zerbröselte und Staub aufwirbelte. Hinter
D o n Ju a n re ic h te m ir d ie H a n d u n d h a lf m ir a u f. M e in e mir hörte ich Don Juan lachen. Don Genaro stand auf, als sei
k ö rp e rlic h e E m p fin d u n g w a r, d a ß e r z w e i L e ib e r e m p o rz o g . E r nichts geschehen, und zupfte mich am Ärmel, um mir zu
lä c h e lte w isse n d u n d flü ste rte m ir z u , m a n d ü rfe sic h n ie n a c h bedeuten, daß wir aufbrechen sollten.
lin k s u m d re h e n , w e n n m a n d a s »N a g u a l« se h e n w o lle . D a s Niemand sprach ein Wort auf dem Weg zu Don Genaros Haus.
»N a g u a l« se i tö d lic h , u n d e s se i n ic h t n o tw e n d ig , d ie R isik e n Ich war klar und gefaßt. Etliche Male blieb Don J u a n stehen
n o c h g rö ß e r z u m a c h e n , a ls sie o h n e h in sc h o n se ie n . D a n n und starrte mir prüfend in die Augen. Er schien zufrieden.
d re h te e r m ic h b e h u tsa m u m u n d le n k te m e in e n B lic k a u f Sobald wir daheim waren, ging Don Genaro hinter das Haus.
e in e n rie sig e n E u k a lyp tu s. E r w a r w o h l d e r ä lte ste B a u m hier in Es war immer noch früh am Morgen. Don Juan setzte sich
d er G egend . S ein S tam m w ar fast zw eim al so d ick w ie d ie a l l e r neben der Tür auf den Boden und wies mir mit der Hand einen
a n d e re n . M it d e n A u g e n w ie s e r z u m W ip fe l d e s B a u m e s Platz. Ich war erschöpft. Ich legte mich hin und schlief wie ein
h in a u f. D o n G e n a ro h o c k te a u f e in e m A st! E r sc h a u te z u m ir Stein.
h e ra b . Ic h sa h se in e A u g e n w ie z w e i rie sig e , d a s L ic h t
re fle k tie re n d e S p ie g e l. Ic h w o llte n ic h t h in se h e n , a b e r D o n Ich erwachte davon, daß Don Juan mich schüttelte. Ich wollte
Ju a n b e sta n d d a ra u f, ic h d ü rfe d e n B lic k n ic h t a b w e n d e n . nachsehen, wie spät es war. Meine Uhr war weg. Don Juan zog
E in d rin g lic h flü ste rn d , b e fa h l e r m ir. m it d e n A u g e n z u sie aus seiner Hemdtasche und reichte sie mir. Es war gegen
b l i n z e l n u n d n ic h t d e r A n g st n a c h z u g e b e n o d e r m ich ein Uhr mittags. Ich schaute auf, und unsere Blicke begegneten
gehenzulassen. sich.
Ich b em erkte, d aß D o n G enaro s A ugen, w enn ich regelm äß ig »Nein! Es gibt keine Erklärung«, sagte er und wandte sich ab.
b l i n z e l t e , nicht so furchterregend w aren. N ur w enn ich s t a r r »Das Nagual ist nur dazu da, erlebt zu werden.« Ich ging um
hinschaute, w urd e d as L euchten seiner A ugen e n ts e tz lic h . das Haus herum und suchte Don Genaro; er war nicht da. Dann
L a n g e b lie b e r a u f d e m A st h o c k e n . D a n n - o h n e e in e kehrte ich zum Vorplatz zurück. Don Juan hatte mir etwas zu
K ö rp e rb e w e g u n g - sp ra n g e r h e ra b u n d la n d e te in d e r g l e i chen essen zubereitet. Nachdem ich gegessen hatte, fing er an zu
ho ckend en S t e l l u n g ein p aar M eter vo n m einem S tand o rt sprechen.
e n tfe rn t. I c h k o n n te d e n g a n z e n A b la u f se in e s S p ru n g s »Wenn man es mit dem Magnat zu tun hat, soll man es nie
v e rfo lg e n , u n d ic h w u ß te , d a ß i c h m e h r g e se h e n h a t t e , a l s direkt anschauen«, sagte er. »Heute morgen hast du es ange-
m e in e A u g e n a u fn e h m e n k o n n te n . D o n G e n a ro w a r n ic h t starrt, und deshalb verließen dich die Kräfte. Die einzig
e ig e n tlic h gesprungen. Irgend etw as h a t t e i h n sozusagen von mögliche Art, das Nagual anzusehen, ist, so zu tun, als ob es
h in te n g e sc h o b e n u n d i h n e in e P a ra b e l d u rc h d ie L u ft b e - etwas ganz Alltägliches sei. Und man muß blinzeln, um die
schreib en lassen. D er A s t , auf d em er gesessen h a t t e , w ar an Fixierung zu lösen. Unsere Augen sind die Augen des Tonal
d ie d re iß ig M e te r h o c h , u n d d e r B a u m w a r u n g e fä h r fü n fz ig oder genauer gesagt, unsere Augen sind durch das Tonal
M e te r v o n m ir e n tfe rn t; fo lg lic h m u ß te se in K ö rp e r e i n e geschult, daher erhebt das Tonal Anspruch auf sie. Eine der
g e k rü m m te K u rv e b e sc h re ib e n , u m d o rt z u la n d e n , w o e r e s Ursachen für deine Verwirrung und deinen Verdruß ist, daß
t a t . A b e r d ie K ra ft, d ie e s b ra u c h te , u m e i n e so lc h e E n tfe r- dein Tonal deine Augen nicht loslassen will. An dem Tag, da
nung zu üb erw ind en, w ar nicht d as P ro d ukt vo n D o n G enaro s es dies tut, wird dein Nagual eine große Schlacht gewonnen
M uskeln; sein K ö rp er w urd e vo m A st auf d en B o d en »geb la- haben. Du bist oder besser: wi r alle sind zwanghaft besessen
s e n « . W ä h re n d se in K ö rp e r d ie se P a ra b e l b e sc h rie b , k o n n te von der Idee, die Welt nach den Gesetzen des Tonal zu
ic h e in e n A u g e n b lic k se in e S c h u h so h le n u n d s e i n G e sä ß se - arrangieren. Jedesmal. wenn wir dem Nagual gegenüberste-
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hen, strengen wir uns daher ungeheuer an. unsere Augen starr tu n g d e r R a tio n a litä t d e s T o n a l w ü n sc h t o d e r a n stre b t. D ie se
und unnachgiebig zu machen. Ich muß den Teil deines Tonal S o rg e ist u n b e g rü n d e t.
ansprechen, der dieses Dilemma versteht, und du mußt dich A n so n ste n k a n n ic h d ir n ic h ts sa g e n , a u ß e r d a ß d u j e d e
bemühen, deine Augen frei zu machen. Es kommt darauf an, B e w e g u n g , d ie G e n a ro m a c h t, v e rfo lg e n m u ß t, o h n e d ic h z u
das Tonal davon zu überzeugen, daß es noch andere Welten v e ra u sg a b e n . D u k a n n st d ic h je tz t a u f d ie P ro b e s t e l l e n , o b
geben kann, die sich vor den gleichen Fenstern abspielen. Dies d e in T o n a l m it U n w e se n tlic h e m v o llg e sto p ft ist o d e r n ic h t.
hat das Nagual dir heute morgen gezeigt. Also befrei deine W e n n e s z u v ie le u n n ö tig e D in g e a u f d e in e r In se l g ib t, d a n n
Augen! Laß sie echte Fenster sein! Die Augen können Fenster w irst d u d ie B e g e g n u n g m it d e m N a g u a l n ic h t a u sh a lle n .«
sein, durch die man in den Stumpfsinn glotzt oder in diese »W a s k ö n n te m ir p a ssie re n ? «
Unendlichkeit späht.« »D u k ö n n te st ste rb e n . N ie m a n d k a n n e i n e v o rsä tz lic h e B e -
Don Juan wies mit einer kreisförmigen Bewegung des linken g e g n u n g m it d e m N a g u a l o h n e la n g e s T ra in in g ü b e rle b e n . E s
Armes auf die Umgebung. In seinen Augen war ein Glitzern, b ra u c h t Ja h re , u m d a s T o n a l a u f e in e so lc h e B e g e g n u n g
und sein Lächeln war furchterregend und entwaffnend zugleich. v o rz u b e re ite n . W e n n e i n n o rm a le r M e n sc h d e m N a g u a l v o n
»Wie kann ich das?« fragte ich. A n g e sic h t z u A n g e sic h t e n tg e g e n trä te , d a n n w ä re d e r S c h o c k so
»Ich sage dir, das ist ganz einfach. Vielleicht sage ich. es sei sta rk , d a ß e r ste rb e n k ö n n te . D a s T ra in in g e in e s K rie g e rs
einfach, weil ich es schon so lange praktiziere. Du brauchst v e rfo lg t a lso n ic h t d a s Z ie l, i h n d a s Z a u b e rn o d e r H e x e n z u
nichts anderes tun, als deinen Vorsatz wie einen Grenzschlag- le h re n , so n d e rn se in T o n a l v o rz u b e re ite n , d a m it e s n ic h t
baum einzusetzen. Immer wenn du in der Welt des Tonal/bist, stirb t. E in se h r sc h w ie rig e s U n te rfa n g e n ! D e r K rie g e r m u ß
dann sollst du ein makelloses Tonal sein. Keine Zeit für lernen, unfehlb ar und vo llko m m en leer zu sein, b evo r er auch n u r
irrationalen Quatsch! Aber immer, wenn du in der Welt des d a ra n d e n k e n k a n n , d e m N a g u a l z u b e g e g n e n . In einem F all zum
Nagual bist, dann sollst du ebenso makellos sein. Keine Zeit B eispiel m ußt du aufhören zu k a l k u l i e r e n . W as d u heute m o rgen
f ü r rationalen Quatsch! Für den Krieger ist sein Vorsatz wie gem acht hast, w ar ab surd . D u nennst es E rk lä re n . I c h n e n n e e s
ein Schlagbaum zwischen beiden. Er schließt sich vollständig e i n ste rile s, stu m p fsin n ig e s B e h a rre n d es T o n a l, alles unter
hinter ihm, wenn er das eine oder das andere Reich betritt. K o ntro lle zu b ehalten. Im m er w enn i h m d ie s n ic h t g e l i n g t , g ib t
Und noch etwas sollte man tun. sobald man dem Nagual e s e in e n A u g e n b lic k d e r V e rw irru n g , u n d d a n n ö ffn e t d a s T o n a l
gegenübertritt, nämlich von Zeit zu Zeit die Blickrichtung sic h d e m T o d . W a s fü r e i n B lö d sin n ! E s w ü rd e sic h l i e b e r
wechseln, um den Bann des Nagual zu brechen. Eine Verän- u m b rin g e n , a ls d ie H e rrsc h a ft a b z u tre te n . U n d d o c h k ö n n e n w ir
derung der Augenstellung mildert stets den Ansturm auf das n u r w e n ig t u n , u m d ie se n Z u sta n d z u ä n d e rn .«
Tonal. Heute morgen stellte ich fest, daß du extrem verletzlich »W ie h a st d u i h n d e n n b e i d ir g e ä n d e rt. D o n Ju a n ? « »M a n m u ß
warst, und ich veränderte deine Kopfhaltung. Wenn du wieder d ie I n s e l d e s T o n a l le e rfe g e n u n d le e rh a lte n , d a s ist d a s e in z ig e ,
einmal in einer solchen Lage bist, dann solltest du selbst deine w a s d e m K rie g e r ü b rig b le ib t. E in e le e re In se l b ie te t k e in e n
Kopfhaltung wechseln können. Dieser Wechsel sollte aber nur W id e rsta n d . U n d e s ist. a ls o b e s d o rt n ic h ts gäbe.«
als Hilfsmittel dienen, nicht als eine weitere Möglichkeit, sich E r ging hinters H aus und setzte sich auf einen gro ß en, flachen
zu verbarrikadieren, um die Ordnung des Tonal zu wahren. Ich S tein. V on dort konnte m an in eine t i e f e S chlucht hinabsehen.
wette, du würdest versuchen, diese Technik einzusetzen, um W o rtlo s fo rd e rte e r m ic h a u f, m ic h n e b e n ih n z u se tz e n . »K annst
dahinter die Rationalität deines Tonal zu verstecken, und dich d u m ir sagen. D o n Juan, w as w ir heute so nst no ch tun w e rd e n ? «
dadurch im Glauben wiegen, du bewahrtest es vor der fra g te ic h .
Vernichtung. Dein Denkfehler ist, daß niemand die Vernich-
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»Wir werden gar nichts tun. Das heißt, du und ich werden nur empfand ihm gegenüber eine Vertrautheit, die aus unserer
Zuschauer sein. Dein Wohltäter ist Genaro.« Ich glaubte, ich langen Bekanntschaft entstanden war.
hätte ihn im Eifer des Mitschreibens mißverstanden. In den »Ich werde dich nicht mit Genaro allein lassen«, sagte er,
Anfangsphasen meiner Lehrzeit hatte Don Juan selbst den immer noch lachend. »Ich bin es. der für dein Tonal verant-
Begriff »Wohltäter« eingeführt. Ich hatte stets den Eindruck wortlich ist. Ohne dein Tonal wärst du tot.« »Hat jeder
gehabt, er selbst sei mein Wohltäter. Don Juan hatte aufgehört Lehrling einen Lehrer und einen Wohltäter?« fragte ich, nur
zu sprechen und starrte mich an. Rasch rekapitulierte ich das um meinen inneren Aufruhr zu besänftigen. »Nein, nicht jeder.
Gesagte und kam zu dem Schluß. er habe wohl gemeint, daß Aber einige.«
Don Genaro bei dieser Gelegenheit wohl so etwas wie der »Warum haben manche sowohl einen Lehrer als auch einen
Hauptdarsteller sei. Don Juan lachte, als ob er meine Gedanken Wohltäter?«
gelesen hätte. »Genaro ist dein Wohltäter«, wiederholte er. »Wenn ein normaler Mensch bereit ist, dann gibt die Kraft ihm
»Aber das bist doch du, oder nicht?» fragte ich mit über- einen Lehrer, und er wird ein Lehrling. Wenn der Lehrling
schnappender Stimme. bereit ist, gibt die Kraft ihm einen Wohltäter, und er wird ein
»Ich bin nur derjenige, der dir geholfen hat. die Insel des Zauberer.«
Tonal leerzufegen«, sagte er. »Genaro hat zwei Lehrlinge. »Was macht den Mann bereit, so daß die Kraft ihm einen
Pablito und Nestor. Ihnen hilft er, die Insel leerzufegen. Aber Lehrer geben kann?«
ich bin es, der ihnen das Nagual zeigen wird. Ich werde i h r »Das weiß niemand. Wir sind nur Menschen. Einige von uns
Wohltäter sein. Genaro ist bloß ihr Lehrer. Bei diesen Dingen sind Menschen, die gelernt haben zu sehen und das Nagual zu
kann man nur entweder sprechen oder handeln. Man kann nutzen, aber nichts von alledem, was wir vielleicht im Lauf
nicht beides mit ein und derselben Person machen. Entweder unseres Lebens gelernt haben, kann uns die Absichten der Kraft
man befaßt sich mit der Insel des Tonal oder man befaßt sich enträtseln. Daher findet nicht jeder Lehrling einen Wohltäter.
mit dem Nagual. In deinem Fall war es meine Aufgabe, dein Nur die Kraft entscheidet dies.« Ich fragte ihn, ob er selbst
Tonal zu bearbeiten.« einen Lehrer und einen Wohltäter gehabt hatte, und zum
Während Don Juan sprach, hatte ich einen so heftigen Angst- erstenmal seit dreizehn Jahren erzählte er bereitwillig von ihnen.
anfall, daß ich mich fast übergeben mußte. Ich hatte den Er sagte, sowohl sein Lehrer als auch sein Wohltäter seien aus
Eindruck, er wolle mich mit Don Genaro allein lassen, und Zentralmexiko gewesen. Eine solche Information wäre mir stets
das war für mich eine schreckliche Aussicht. Don Juan lachte sehr wertvoll f ü r meine anthropologische Forschungsarbeit
nur, als ich meine Befürchtungen äußerte. »Genauso ist es mit erschienen, aber jetzt, da er sie mir mitteilte, war es mir
Pablito«, sagte er. »Kaum sieht er mich nur von weitem, da irgendwie gleichgültig. Don Juan warf mir einen Blick zu. und ich
wird ihm schon schlecht. Eines Tages kam er ins Haus, während meinte, es geschehe aus Besorgnis. Dann wechselte er abrupt
Genaro ausgegangen war. Ich war allein und hatte meinen das Thema und forderte mich auf, ihm in allen Einzelheiten zu
Sombrero neben die Tür gehängt. Pablito sah ihn, und sein schildern, was ich am Vormittag erlebt hatte.
Tonal bekam einen solchen Schreck, daß er sich buchstäblich »Ein plötzlicher Schreck läßt das Tonal stets schrumpfen«,
in die Hose schiß.« lautete sein Kommentar zu meinem Bericht, wie ich mich
Ich konnte Pablitos Gefühle gut verstehen und mich in ihn gefühlt hatte, als Genaro schrie. »Dabei besteht aber das
hineinversetzen. Wenn ich mir die Sache genau überlegte, Problem, das Tonal nicht so weit schrumpfen zu lassen, daß es
dann mußte ich zugeben, daß Don Juan furchterregend war. verschwindet. Es ist eine ernste Sache für den Krieger, genau
Aber ich hatte gelernt, mich bei ihm wohl zu fühlen. Ich zu wissen, wann er sein Tonal schrumpfen lassen darf und
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wann er dem Einhalt gebieten muß. Dies ist eine große Kunst. des Vormittags fortzufahren, dann aber unterbrach er mich, als
Ein Krieger muß kämpfen wie der Teufel, um sein Tonal ich zu der Stelle kam, wo Don Genaro zwischen dem
schrumpfen zu lassen, und doch muß der Krieger in dem Baumstamm und dem Ast hin- und hergerutscht war. »Das
Moment, da das Tonal schrumpft, diesen ganzen Kampf um- Nagual kann außerordentliche Dinge vollbringen«, sagte er.
kehren, um das Schrumpfen sofort zu bremsen.« »Aber kehrt er »Dinge, die nicht möglich erscheinen, Dinge, die für das Tonal
damit nicht zum Ausgangspunkt zurück?« fragte ich. unvorstellbar sind. Aber das Außerordentliche daran ist, daß
»Nein. Sobald das Tonal geschrumpft ist, schließt der Krieger derjenige, der diese Dinge tut, niemals wissen kann, wie sie
von der anderen Seite die Pforte. Solange sein Tonal nicht geschehen. Mit anderen Worten, Genaro weiß nicht, wie er es
bedroht ist und seine Augen nur auf die Welt des Tonal macht, er weiß nur, daß er es macht. Das Geheimnis eines
eingestimmt sind, befindet der Krieger sich auf der sicheren Zauberers ist, daß er weiß, wie er zum Nagual gelangen kann,
Seite des Gatters. Er ist auf vertrautem Gelände und kennt alle aber sobald er dort ist, kann er, genau wie du, bloß raten, was
Regeln. Aber sobald sein Tonal schrumpft, steht er auf der eigentlich geschieht.« »Aber wie fühlt man sich, während man
stürmischen Seite, und diese Öffnung muß sofort fest solche Dinge tut?« »Man fühlt sich ebenso, wie wenn man
geschlossen werden, sonst würde er augenblicklich hinweggefegt. irgend etwas tut.« »Meinst du, Don Genaro fühlt sich wie
Und dies ist nicht bloß eine bildliche Redeweise. Jenseits der einer, der einen Baumstamm hinauf läuft?«
Pforte, die die Augen des Tonal bilden, tobt der Sturm. Ich Don Juan sah mich eine Weile an, dann wandte er den Kopf ab.
meine einen wirklichen Sturm, keine Metapher. Ein Wind, der »Nein«, flüsterte er eindringlich. »Nicht auf die Art, wie du es
jemandes Leben ausblasen kann. Wirklich, das ist der Wind, meinst.«
der alle Lebewesen auf dieser Welt umherweht. Vor Jahren Er sagte nichts mehr. Ich hielt buchstäblich den Atem an und
einmal habe ich dich mit diesem Wind bekannt gemacht. Aber wartete auf seine Erklärung. Schließlich mußte ich die Frage
du hast es damals als Witz aufgefaßt.« Er spielte auf eine stellen: »Aber was fühlt er nun?«
Gelegenheit an, als er mich ins Gebirge mitgenommen hatte und »Ich kann es nicht sagen, nicht weil es eine persönliche
mir gewisse Eigenschaften des Windes erklärte. Ich hatte es Angelegenheit wäre, sondern weil es unmöglich ist, das zu
jedoch nie als Witz aufgefaßt. »Es kommt nicht darauf an, ob beschreiben.«
du es ernst genommen hast oder nicht«, sagte er, nachdem er
»Ach, komm!« bedrängte ich ihn. »Es gibt nichts, was man
sich meinen Protest angehört hatte. »Als Regel gilt, daß das
nicht mit Worten erklären könnte. Ich glaube, sogar wenn es
7"o«a/sich, immer wenn es bedroht ist, um jeden Preis
unmöglich ist, etwas direkt zu beschreiben, kann man es doch
verteidigen muß. Daher ist es eigentlich bedeutungslos, wie das
umschreiben, irgendwie auf den Busch klopfen.«
Tonal reagiert, um seine Verteidigung zu bewerkstelligen. Das
Don Juan lachte. Sein Lachen war sanft und freundlich. Und
einzig Wichtige ist, daß das Tonal eines Kriegers mit anderen
doch enthielt es einen Anflug von Spott und schierer Bosheit.
Alternativen bekannt gemacht werden muß. Worauf es einem
»Ich muß das Thema wechseln«, sagte er. »Begnüge dich
Lehrer in diesem Fall ankommt, das ist das absolute Gewicht
damit, daß das Nagual heute morgen auf dich zielte! Was
dieser Möglichkeiten. Denn das Gewicht dieser neuen
Genaro auch immer tat, es war eine Mischung zwischen dir
Möglichkeiten ist es, das hilft, das Tonal schrumpfen zu lassen.
und ihm. Sein Nagual wurde durch dein Tonal gedämpft.«
Aus demselben Grund ist es ebendieses Gewicht, das einem
Ich wollte nicht aufgeben und forschte ihn weiter aus. »Wenn
hilft, das Tonal daran zu hindern, zu schrumpfen, bis es
du Pablito das Nagual zeigst, was fühlst du dann?«
verschwindet. Er forderte mich auf, mit meinem Bericht über die
»Das kann ich nicht erklären«, sagte er leise. »Und zwar nicht,
Ereignisse

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weil ich nicht will, sondern einfach, weil ich nicht kann. Hier sagte er, die Verwirrung des »Tonal« zu stoppen, bis der
macht mein Tonal halt.« Krieger so beweglich sei, daß er alles tun könne, ohne irgend-
Ich wollte nicht weiter in ihn dringen. Wir schwiegen eine welche Zugeständnisse zu machen.
Weile, dann sprach er weiter. Als ich schilderte, wie Don Genaro auf den Baum hinauf und
»Man kann sagen, ein Krieger lernt seinen Willen abzu- dann hinab gesprungen war, sagte Don Juan, daß der Schrei
stimmen, ihn auf ein Punktziel zu richten, ihn auf irgend etwas eines Kriegers eines der wichtigsten Dinge bei der Zauberei sei
zu konzentrieren, was immer er mag. Es ist, als ob sein Wille, und daß Don Genaro sich auf seinen Schrei konzentrieren
der aus seiner Körpermitte kommt, eine einzige leuchtende könne, um ihn als Vehikel zu benützen. »Du hast ganz recht«,
Faser wäre, eine Faser, die er auf jede mögliche Stelle richten sagte er. »Genaro wurde zum Teil von seinem Schrei und zum
kann. Diese Faser ist der Weg zum Nagual. Oder ich könnte Teil von dem Baum gezogen. Du hast wirklich gesehen. Dies
auch sagen, der Krieger sinkt durch diese einzelne Faser in das war ein wirkliches Bild des Nagual. Genaros Wille
Nagual ein. konzentrierte sich auf seinen Schrei, und seine persönliche Art
Sobald er eingesunken ist, ist die Ausdrucksform des Nagual bewirkte, daß der Baum das Nagual anzog. Die Fäden führten
eine Frage seines persönlichen Temperaments. Ist der Krieger in beide Richtungen, von Genaro zum Baum und vom Baum zu
lustig, dann ist das Nagual auch lustig. Ist der Krieger verdrossen, Genaro.
dann ist das Nagual auch verdrossen. Ist der Krieger böse, dann Was du hättest sehen müssen, als Genaro vom Baum herab-
ist das Nagual auch böse. sprang, war, daß er sich auf einen Fleck von dir konzentrierte
Genaro bringt mich immer zum Lachen, denn er ist einer der und der Baum ihn dann abstieß. Aber es war nur scheinbar ein
fröhlichsten Menschen, die es gibt. Ich weiß nie, was ihm als Stoß. Im Grunde war es eher ein Loslassen auf seilen des
nächstes einfallen wird. Für mich ist dies die innerste Essenz Baumes. Der Baum ließ das .Nagual los. und das Nagual kehrte
der Zauberei. Genaro ist ein so beweglicher Krieger, daß die in die Welt des Tonal zurück, an die Stelle, auf die er sich
geringste Konzentration seines Willens sein Nagual die un- konzentriert hatte.
glaublichsten Dinge tun läßt.« Das zweite Mal, als Genaro vom Baum herunterkam, war dein
»Hast du selbst beobachtet, was Genaro auf den Bäumen tat?« Tonal nicht mehr so verwirrt. Du hast dich nicht mehr so sehr
fragte ich. gehenlassen, und daher wurdest du nicht so geschwächt wie
beim ersten Mal.«
»Nein, ich wußte nur - denn ich sah —, daß das Nagual in den
Bäumen war. Der Rest des Schauspiels galt nur dir allein.« Gegen vier Uhr nachmittags beendete Don Juan unser Ge-
spräch.
»Willst du damit sagen, Don Juan, daß du, wie damals, als du
mich angestoßen hast und ich mich auf dem Markt wiederfand, »Wir gehen zurück zu den Eukalyptusbäumen«, sagte er. »Das
nicht bei mir warst?« Nagual erwartet uns dort.«
»So war es wohl irgendwie. Wenn man dem Nagual von »Laufen wir nicht Gefahr, daß uns Leute sehen?« fragte ich.
Angesicht zu Angesicht begegnet, muß man stets allein sein. »Nein! Das Nagual setzt alles außer Kraft«, sagte er.
Ich war in der Nähe, nur um dein Tonal zu schützen. Das ist
meine Aufgabe.«
Mein »Tonal«, sagte Don Juan, sei fast in Stücke gesprengt
worden, als Don Genaro vom Baum herabsprang. Weniger
aufgrund irgendeiner gefährlichen Eigenschaft des »Nagual«.
sondern weil mein »Tonal« sich in seiner Verwirrung gehen-
ließ. Es sei eines der Ziele der Ausbildung eines Kriegers.
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Das Flüstern des Nagual gab es keinen L aut. L ange hatten w ir w ed er V o gelgezw itscher
n o c h d ie G e rä u sc h e g rö ß e re r In se k te n g e h ö rt. D o n Ju a n u n d
D o n G e n a ro h i e l t e n ih re n K ö rp e r, so v ie l ic h sa h , in
v o llk o m m e n e r R e g lo sig k e it, a b g e se h e n v o n e in ig e n S ekunden,
A ls w ir u n s d e n E u k a ly p tu sb ä u m e n n ä h e rte n , sa h ic h D o n da sie ih r G ew icht verlagerten, um sich zu entspann e n . N a c h d e m
G en aro au f ein em B au m stu m p f sitzen . E r w in kte u n s zu u n d D o n Ju a n u n d ic h z u B o d e n g e g litte n w a re n , m a c h te D o n
lach te. D an n w aren w ir b ei ih m . G e n a ro e in e u n v e rh o ffte B e w e g u n g . E r z o g d ie B e in e a n u n d
In d en B äu m en h o ckte ein S ch w ärm K räh en . S ie kräch zten , h o c k te sic h a u f d e n B a u m stu m p f. D a n n d re h te e r sic h u m
a ls o b e tw a s sie b e ä n gstigte . D o n G e n a ro sa gte , w ir m ü ß te n fü n fu n d v ie rz ig G ra d , so d a ß ic h se in lin k e s P ro fil sah. In
re glo s u n d still sitz e n b le ib e n , b is d ie K rä h e n sic h b e ru h igt E rw artung eines S tichw orts b lic k te ich zu D on Juan. E r ho b d as
hätten. K inn. E s w ar e i n e A uffo rd erung, D o n G enaro anzusehen.
D on Juan lehnte sich m it dem R ücken gegen einen B aum und A llm ä h lic h b e fie l m ic h e in e u n g e h e u re E rre g u n g . Ic h k o n n te
forderte m ich auf, es ihm gleichzutun - an einem B aum , etw a m ich nicht beherrschen. M eine E ingew eide gerieten durchein-
z w e i M e te r z u se in e r L in k e n . S o sta n d e n w ir b e id e D o n and er. I c h ko nnte genau nachem p find en, w as P ab lito gefühlt
G e n a ro ge ge n ü b e r, d e r u n ge fä h r d re i b is v ie r M e te r v o r u n s hab en m o chte, als er D o n Juans S o m b rero sah. M eine E inge-
stand. w e id e w a re n in so lc h e m A u fru h r, d a ß ic h a u fste h e n u n d in s
M it einem fast unm erklichen A ugenw ink bedeutete D on Juan G e b ü sc h re n n e n m u ß te . H in te r m ir h ö rte ic h ih r b rü lle n d e s
m ir, ic h so lle m e in e F ü ß e in e i n e a n d e re L a ge b rin ge n . E r G elächter.
sta n d m it le ic h t ge sp re iz te n B e in e n fe st a m B o d e n u n d b e - Ich w agte n ic h t, zu i h n e n zurückzukehren. Lange zögerte ic h ;
rührte den B aum stam m nur m it dem oberen T eil seiner Schul- ich m achte m i r k l a r , d aß ich d urch m einen p lö tzlichen A us-
terb lätter u n d m it d em H in terko p f. S ein e A rm e h in gen s e i t lich b ru c h d e n B a n n g e b ro c h e n h a b e n m u ß te . Ic h b ra u c h te a b e r
n ic h t la n g e z u g rü b e ln : D o n Ju a n u n d D o n G e n a ro k a m e n z u
herab.
m ir herüb er. S ie nahm en m ich in d ie M itte, und w ir gingen zu
S o stan d en w ir etw a ein e S tu n d e. Ich gab sch arf ach t au f d ie
e in e m a n d e re n F e ld . D o rt b l i e b e n w ir g e n a u a u f d e r M itte
b eid en , b eso n d ers au f D o n Ju an . In e i n e m b estim m ten A u -
stehen, und ic h e r k a n n t e , d aß w ir h i e r scho n am V o rm ittag
genblick glitt er langsam am B aum stam m hinunter und setzte gew esen w aren.
sich, w obei die g l e i c h e n S t e l l e n seines K örpers im m er noch
m it dem B aum in B erührung blieben. Seine K nie ragten in die D on Juan w andte sich an m ich. E r sagte, ic h m üsse bew eglich
H ö h e, u n d er stü tzte sein e A rm e d arau f. M ein e B e i n e w aren und s t i l l sein u n d solle m einen inneren D ialog a b s te lle n . I c h
in zw isch en fast ein gesch lafen , u n d d er S tellu n gsw ech sel t a t h ö rte a u fm e rk sa m z u . D o n G e n a ro m u ß te w o h l e rk a n n t h a b e n ,
m ir sehr gut. d a ß m e in e g a n z e A u fm e rk sa m k e it D o n Ju a n s E rm a h nungen
N ach u n d n ach h atten d ie K räh en au fgeh ö rt zu kräch zen , b is g a l t , d enn er nutzte d en A ugenb lick, um d asselb e zu tun w ie in
m a n ü b e r d e m F e ld k e i n G e rä u sc h m e h r h ö rte . D ie S tille d er F rühe; w ied er s tie ß er s e i n e n e n t s e t z l i c h e n S c h re i a u s.
en tn ervte m ich m eh r als d as S p ektakel d er K räh en . D on Juan E r ü b e rra sc h te m ic h - a b e r d ie sm a l n ic h t g a n z unvo rb ereitet.
sprach m ich leise a n . E r sagte, die D äm m erung sei m ein e b este B einahe so fo rt gew ann ich d urch m eine A tem ü b u n g m e in
S tu n d e. E r b lickte zu m H im m el au f. E s m o ch te nach sechs G le ic h g e w ic h t w ie d e r. E s w a r e in fu rc h tb a re r S c h o c k , u n d
U hr sein. E s w ar e in bew ölkter T ag, und ich h a t t e keine d o c h h a t t e e r k e in e lä n g e re W irk u n g a u f m ic h , und so ko nnte
G elegenheit, den Stand der Sonne festzustellen. A us der Ferne ich D o n G enaro s B ew egungen m it d en A ugen fo lg e n . Ic h s a h ,
hörte ich Stim m en von G änsen und v i e l l e i c h t T ruthähne n . w ie e r a u f d e n u n te rste n A st e i n e s B a u m e s
A b e r h ie r a u f d e m F e ld u n te r d e n E u k a ly p tu sb ä u m e n
201
200
sprang. Während ich ihn aus einer Entfernung von fünfund- pendelte um einen Baum oder schlängelte sich wie ein Aal
zwanzig bis dreißig Metern verfolgte, fielen meine Augen einer durch die Zweige. Und dann umschwebte er uns im Kreise oder
ungewöhnlichen optischen Täuschung zum Opfer. Es war nicht schlug mit den Armen in der Luft, während sein Bauch die
so, als sei er mit Hilfe der Sprungkraft seiner Muskeln gehüpft, äußersten Wipfel der Bäume streifte. Don Genaros Kapriolen
vielmehr glitt er durch die Luft, teilweise emporegeschnellt flößten mir ehrfürchtiges Staunen ein. Ich folgte ihm mit den
durch seinen unheimlichen Schrei, und teilweise von Augen, und zwei oder dreimal nahm ich deutlich wahr, daß er
irgendwelchen undeutlich erkennbaren Linien gezogen, die von irgendwelche leuchtenden Linien wie Seilzüge benutzte, um von
dem Baum ausgingen. Es war so, als habe der Baum ihn durch Ort zu Ort zu schweben. Dann überflog er die Baumwipfel im
diese Linien angesaugt. Don Genaro blieb eine Weile auf dem Süden und verschwand. Ich versuchte abzuschätzen, wo er
niedrigen Ast hocken. Er wandte mir sein linkes Profil zu. Nun wieder auftauchen mochte, aber er kam nicht mehr zum
vollführte er eine Reihe seltsamer Bewegungen. Sein Kopf Vorschein. Dann bemerkte ich, daß ich auf dem Rücken lag,
wackelte, sein Körper zitterte. Mehrmals verbarg er den Kopf und doch wußte ich nichts davon, daß sich meine Blickrichtung
zwischen den Knien. Je mehr er sich bewegte und aufbäumte, verändert hatte. Die ganze Zeit hatte ich gemeint, Don Genaro
desto schwerer fiel es mir, meinen Blick auf seinen Körper zu aus einer aufrechtstehenden Haltung zu beobachten. Don Juan
konzentrieren. Er schien sich aufzulösen. Ich blinzelte half mir, mich aufzusetzen, und dann sah ich Don Genaro, der
verzweifelt, und dann wechselte ich die Perspektive, indem ich uns mit fröhlichem Gesicht entgegenkam. Er lächelte
den Kopf nach rechts und nach links bog, wie Don Juan es mich bescheiden und fragte mich, wie sein Flug mir gefallen habe. Ich
gelehrt hatte. Aus dem linken Gesichtswinkel sah ich Don versuchte etwas zu antworten, aber ich war sprachlos.
Genaros Körper, wie ich ihn nie zuvor gesehen hatte. Es war, Don Genaro wechselte mit Don Juan einen vielsagenden Blick
als habe er eine Verkleidung angelegt. Er trug ein Pelzkostüm; und nahm wieder eine hockende Haltung ein. Er beugte sich vor
das Fell hatte die Färbung einer Siamkatze, von hellem und flüsterte mir etwas ins linke Ohr. Ich hörte ihn sagen:
Lederbraun und mit Flecken von dunklerem Schokoladebraun »Warum kommst du nicht und fliegst mit mir?« Dies
an den Beinen und auf dem Rücken. Das Kostüm hatte einen wiederholte er fünf- oder sechsmal.
langen dicken Schwanz. In diesem Aufzug sah Don Genaro aus Don Juan trat neben mich und flüsterte mir ins rechte Ohr:
wie ein pelziges, langbeiniges Krokodil, das auf einem Ast »Sag nichts, folge Genaro einfach!«
hockte. Seinen Kopf und seine Gesichtszüge konnte ich nicht Don Genaro hieß mich in die Hocke gehen und flüsterte mir
erkennen. Ich hob den Kopf in eine normale Position. Der wieder etwas zu. Ich hörte ihn mit glasklarer Präzision. Er
Anblick von Don Genaro in seiner Maskerade blieb wiederholte den Satz etwa zehnmal. Er sagte: »Vertrau dem
unverändert. Don Genaros Arme zitterten. Er stand auf dem Nagual! Das Nagual wird dich tragen.«
Ast auf. beugte sich irgendwie vor und sprang zu Boden. Der Dann flüsterte Don Juan einen anderen Satz in mein rechtes
Ast war etwa fünf bis sieben Meter hoch. Soweit ich beurteilen Ohr. Er sagte: »Ändere dein Fühlen!«
konnte. sah ich den Sprung eines kostümierten Mannes. Ich Ich hörte die beiden gleichzeitig zu mir sprechen, aber ich
sah, wie Don Genaros Körper beinahe den Boden berührte, konnte auch jeden einzeln hören. Jeder von Don Genaros
aber dann vibrierte der dicke Schwanz seines Kostüms, und Sätzen handelte ganz allgemein vom Durch-die-Luft-Schwe-
statt zu landen, hob er wieder ab, wie von einem lautlosen ben. Die Sätze, die er dutzendemal wiederholte, schienen sich
Düsentriebwerk angeschoben. Er flog über die Bäume hinweg, in mein Gedächtnis einzugraben. Don Juans Worte hingegen
und dann schwebte er knapp über dem Boden dahin. Dies tat er hatten etwas mit spezifischen Befehlen zu tun, die er zahllose
immer wieder. Manchmal hielt er sich an einem Ast fest oder
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Male wiederholte. Die Wirkung dieser doppelten Einflüsterung D a n a c h sc h w ä c h te n sic h m e in e W a h rn e h m u n g e n a b . E n tw e d er
war ganz außerordentlich. Es war, als ob die einzelnen Klänge verlo ren sie an P räzisio n, o d er es w aren ihrer zu viele, und ic h
ihrer Worte mich entzweispalteten. Schließlich war der k o n n te sie n ic h t m e h r a u se in a n d e rh a lte n . D e r n ä c h ste S c h u b
Abstand zwischen meinen beiden Ohren so weit, daß ich u n te rsc h e id b a re r W a h rn e h m u n g e n w a r e in e R e ih e v o n
jegliches Gefühl körperlicher Einheit verlor. Da gab es zwar G eräuschen, d ie am E nd e eines langen schlauchartigen G eb ild e s
irgend etwas, das zweifellos ich war, aber es war nichts Festes. e n tsta n d e n . D e r S c h la u c h w a r ic h se lb st, u n d d ie G e rä u sche
Eher war es wie ein leuchtender Nebel, eine gelblich-dunkle m achten D o n Juan und D o n G enaro , d ie w ied er in m eine b e id e n
Wolke, die Gefühle hatte. O h re n sp ra c h e n . Je lä n g e r sie sp ra c h e n , d e sto k ü rz e r w u rd e d e r
Don Juan sagte mir, er werde mich für das Fliegen formen. Nun S c h la u c h , b is d ie G e rä u sc h e in e in e m e rk e n n b a re n B e re ic h
hatte ich die Empfindung, daß diese Worte wie Zangen la g e n , d a s h e iß t, d ie K lä n g e v o n D o n Ju a n u n d D o n G e n a ro s
wirkten, die meine »Gefühle« bogen und formten. Don Genaros W o rte n e rre ic h te n m e in e n n o rm a le n W a h rn e h m u n g sb e re ic h .
Worte waren eine Aufforderung, ihm zu folgen. Ich fühlte, daß Z u e rst w a re n d ie G e rä u sc h e a ls L ä rm e rfa h rb ar, d ann als
ich wollte, aber ich konnte nicht. Die Spaltung war so stark, daß geschriene W ö rter und schließ lich als m ir ins O hr g e flü ste rte
ich wie gelähmt war. Ich hörte, wie sie die gleichen kurzen W ö rte r.
Sätze endlos wiederholten, Sätze wie »Schau. wunderbare A ls n ä c h ste s n a h m ic h D in g e d e r v e rtra u te n U m w e lt w a h r.
fliegende Gestalt!«, »Spring, spring!«, »Deine Beine werden die O ffensichtlich lag ich m it d em G esicht nach unten am B o d en.
Baumwipfel streifen«, »Die Eukalyptusbäume sind wie grüne Ic h k o n n te e in z e ln e E rd k lu m p e n , S te in c h e n , tro c k e n e B lä tte r
Tupfen«, »Die Würmer sind Lichter«. Irgendwann setzte etwas u n te rsc h e id e n . U n d d a n n g e w a h rte ic h d a s F e ld m it d e n
in mir aus, vielleicht das Bewußtsein. daß auf mich eingeredet E ukalyp tusb äum en.
wurde. Ich spürte, daß Genaro noch immer bei mir war, aber D o n Ju a n u n d D o n G e n a ro sta n d e n n e b e n m ir. E s w a r n o c h
was meine Wahrnehmung betraf, so konnte ich nur eine im m e r h e ll. Ic h sp ü rte , d a ß ic h in s W a sse r g e h e n m u ß te , u m
ungeheure Masse ganz erstaunlicher Lichter erkennen. m ic h w ie d e r z u stä rk e n . Ic h lie f z u m B a c h , z o g m ic h a u s u n d
Manchmal nahm ihr Funkeln ab, und manchmal wurden die b lie b la n g e g e n u g im W a sse r, u m d a s G le ic h g e w ic h t m e in e r
Lichter intensiver. Ich erlebte auch eine Art Bewegung. Der W ahrnehm ung w ied erherzustellen.
Effekt war, als ob ich von einem Vakuum angesaugt würde, das
mich nicht zur Ruhe kommen ließ. Immer wenn meine S o b a ld w ir b e im H a u s a n la n g te n , g in g D o n G e n a ro fo rt. Im
Bewegung nachzulassen schien und ich endlich meine G ehen klo p fte er m ir leicht auf d ie S chulter. Im R eflex sp rang
Aufmerksamkeit auf die Lichter richten konnte, zog das ic h z u r S e ite . Ic h e rw a rte te , se in e B e rü h ru n g w e rd e
Vakuum mich wieder fort. Irgendwann, mitten im Hin- und sc h m e rz h a ft se in ; z u m e in e r V e rw u n d e ru n g w a r e s n u r e i n
Hergezogensein, erlebte ich die äußerste Konfusion. Die Welt freund liches S chulterklo p fen.
um mich her, wie immer sie beschaffen sein mochte, strebte mir D o n Ju a n u n d D o n G e n a ro la c h te n w ie z w e i K in d e r, d e n e n ein
entgegen und wich gleichzeitig von mir fort - daher der S treich gelungen w ar.
Vakuum-Effekt! Ich konnte zwei getrennte Welten sehen, eine, »S e i n ic h t so sc h re c k h a ft!« sa g te D o n G e n a ro . »D a s N a g u a l
die sich von mir entfernte, und die andere, die sich mir näherte. h a t e s n ic h t im m e r a u f d ic h a b g e se h e n .« E r sc h m a tz te m it d e n
Dies nahm ich nicht in der Weise wahr, wie man eigentlich L ip p e n , a ls m iß b illig te e r m e in e ü b e rtrie b e n e R e a k tio n , u n d
meinen sollte, das heißt, ich gewahrte es nicht als etwas mir b re ite te m it e in e r o ffe n h e rz ig e n , k a m erad schaftlichen G este d ie
bisher Verborgenes. Vielmehr hatte ich zwei Wahrnehmungen, A rm e aus. Ich um arm te ihn. S ehr fre u n d lic h u n d h e rz lic h
ohne daß ein logischer Schluß die Verbindung hergestellt hätte. k lo p fte e r m ir d e n R ü c k e n . »D u m u ß t n u r in g e w isse n
A u g e n b lic k e n a u f d a s N a g u a l
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achten«, sagte er. »Die übrige Zeit bist du wie alle anderen Ich setzte mich neben ihn. Er zog mich am Ärmel näher zu
Menschen dieser Welt.« Er schaute Don Juan an und lächelte sich, bis ich seine Schulter berührte. Er sagte, diese Nacht-
ihm zu. »Ist es nicht so, Juancho?« fragte er, wobei er das Wort stunde sei gefährlich für mich, besonders bei einer solchen
Juancho betonte - einen witzigen Spitznamen für Juan. »So ist's Gelegenheit. Mit ganz ruhiger Stimme gab er mir eine Reihe
Gerancho«, antwortete Don Juan, das Wort Gerancho von Anweisungen: Wir dürften uns nicht von der Stelle rühren,
erfindend. bis er die Zeit für gekommen halte. Wir müßten immer
Die beiden brachen in schallendes Gelächter aus. »Ich muß weitersprechen, gleichmäßig und ohne Unterbrechungen. Ich
dich warnen«, sagte Don Juan zu mir. »Du mußt dich in müsse atmen und blinzeln, als ob ich das »Nagual« sähe. »Ist
äußerster Wachsamkeit üben, um sicher zu sein, wann ein das Nagual m der Nähe?« fragte ich. »Gewiß«, sagte er und
Mensch ein Nagual ist und wann er einfach nur ein Mensch ist. lachte.
Du könntest sterben, wenn du in direkten physischen Kontakt Ich schmiegte mich buchstäblich an Don Juan. Er fing an zu
mit dem Nagual kämest. sprechen und drängte mich doch tatsächlich, diesmal aus
Don Juan wandte sich zu Don Genaro um und fragte mit Herzenslust Fragen zu stellen. Er reichte mir sogar mein
strahlendem Lächeln: »Ist's nicht so, Gerancho?« »Absolut, so Schreibzeug, als ob ich in der Dunkelheit hätte schreiben
ist es, Juancho«, erwiderte Genaro, und wieder lachten die können. Er behauptete, ich müsse unbedingt so gelassen und
beiden. normal wie möglich sein, und es gebe kein besseres Mittel,
Ihre kindliche Ausgelassenheit berührte mich stark. Die Er- mein »Tonal« zu stärken, als das Notizenmachen. Er stellte die
eignisse des Tages hatten mich erschöpft, und ich war sehr ganze Sache als sehr bedenklich dar. Er sagte, wenn das
gefühlsselig. Eine Welle des Selbstmitleids überflutete mich. Notizenmachen meine innere Wahl sei, dann müsse ich es auch
Mir kamen die Tränen, während ich mir dauernd wiederholte, in völliger Dunkelheit tun können. Es lag eine leichte Drohung
in seiner Stimme, als er sagte, ich könne das Notizenmachen in
daß das, was immer sie mit mir angestellt haben mochten, nicht
die Aufgabe eines Kriegers verwandeln, und in diesem Fall
wieder rückgängig zu machen und höchstwahrscheinlich
wäre die Dunkelheit kein Hindernis. Irgendwie mochte er mich
schädlich für mich sei. Don Juan schien meine Gedanken zu
überzeugt haben, denn es gelang mir, Teile unseres Gesprächs
lesen und schüttelte ungläubig den Kopf. Er lachte. Ich
mitzukritzeln. Es drehte sich hauptsächlich um Don Genaro als
strengte mich an, um meinen inneren Dialog abzustellen, und meinen Wohltäter. Ich war neugierig zu erfahren, wann Don
mein Selbstmitleid verschwand. Genaro mein Wohltäter geworden war, und Don Juan forderte
»Genaro ist sehr herzlich«, bemerkte Don Juan, nachdem Don mich auf, mich an einen angeblich außergewöhnlichen Vorgang
Genaro gegangen war. »Es war die Absicht der Kraft, daß du zu erinnern, der sich an jenem Tag ereignet habe, als ich Don
einen freundlichen Wohltäter finden solltest.« Ich wußte nichts Genaro traf, und der ein gutes Omen gewesen sei. Ich konnte
zu sagen. Die Vorstellung, daß Don Genaro mein Wohltäter mich an nichts dergleichen erinnern. Ich fing an, das damalige
war, beunruhigte mich ohne Unterlaß. Ich wollte, daß Don Erlebnis nachzuerzählen. Soweit ich mich erinnern konnte, war es
Juan mir mehr darüber sagte. Er schien nicht zum Sprechen eine ganz alltägliche, beiläufige Begegnung, die im Frühling
aufgelegt. Er schaute zum Himmel hinauf, wo sich die dunkle 1968 stattgefunden hatte. Don Juan unterbrach mich. »Wenn du
Silhouette einiger Bäume neben dem Haus abzeichnete. Er dumm genug bist, dich nicht zu erinnern, lassen wir es lieber
setzte sich mit dem Rücken gegen einen dicken, gegabelten dabei bewenden. Ein Krieger folgt stets dem Diktum der Kraft.
Pfosten, der nicht weit vor der Tür eingelassen war, und Es wird dir wieder einfallen, wenn es notwendig sein wird.«
forderte mich auf, links neben ihm Platz zu nehmen.
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Don Juan sagte, es sei eine schwierige Sache, einen Wohltäter D on Juan befahl m ir, gesam m elt sitzenzubleiben und nicht auf
zu finden. Als Beispiel führte er den Fall seines eigenen d ie U m g e b u n g z u a c h te n . D a s k ra tz e n d e G e rä u sc h e rin n e rte
Lehrlings Eligio an, der viele Jahre bei ihm gewesen war. m ich an d as R ascheln einer auf hartem B o d en d ahinkriechen-
Eligio, sagte er, habe keinen Wohltäter finden können. Ich d en S child krö tenschlange. Im selb en A ugenb lick, als m ir d iese r
fragte ihn, ob Eligio noch einmal einen finden werde; er V e rg le ic h e in fie l, h a tte ic h a u c h d ie v isu e lle V isio n e in e s
antwortete, es sei ganz unmöglich, die Launen der Kraft N a g e tie rs, w ie je n e s, d a s D o n Ju a n m ir a u f se in e r h o h le n
vorherzusagen. Er erinnerte mich daran, wie wir vor Jahren H and gezeigt hatte. M ir w ar, als o b ich einschliefe und m eine
einer Gruppe von jungen Indianern begegnet waren, die durch G e d a n k e n sic h in B ild e r o d e r T rä u m e v e rw a n d e lte n . Ich
die Wüste Nordmexikos streiften. Er sagte, er habe gesehen, b egann m it m einer A tem üb ung und hielt m ir m it geb allten
daß keiner von ihnen einen Wohltäter hatte und daß die F ä u ste n d e n L e ib . D o n Ju a n sp ra c h w e ite r, a b e r ic h h ö rte nicht
Umgebung insgesamt und die Stimmung des Augenblicks zu. M eine A ufm erksam keit galt dem leisen R ascheln des
gerade richtig waren, damit er ihnen behilflich sein und ihnen schlangenartigen W esens, d as üb er tro ckenes L aub zu gleiten
das »Nagual« zeigen konnte. Er sprach von einer Nacht, als sc h ie n . B e i d e m G e d a n k e n , e in e S c h la n g e k ö n n te ü b e r m ic h
einmal vier junge Männer und ich um ein Feuer saßen, hinw eg kriechen, b efiel m ich P anik, und ich hatte eine heftige
während Don Juan etwas tat, das mir als ein ungewöhnliches p h ysisc h e R e a k tio n . U n w illk ü rlic h stre c k te ic h m e in e F ü ß e
Schauspiel vorkam und wobei er anscheinend jedem von uns in unter D o n Juans B eine und atm ete und b linzelte w ie verrückt.
einer anderen Verkleidung erschienen war. »Diese Burschen Je tz t h ö rte ic h d a s G e rä u sc h so n a h , d a ß e s n u r n o c h e in p a a r
hatten eine Menge Ahnung«, sagte er. »Du warst das einzige S c h ritte e n tfe rn t z u se in sc h ie n . M e in e P a n ik stie g . D o n Ju a n
Greenhorn unter ihnen.« »Was geschah später mit ihnen?« sagte b eruhigend , d ie einzige M ö glichkeit, d as »N agual« ab -
fragte ich. »Einige von ihnen haben einen Wohltäter gefunden.« zuw ehren, b estehe d arin, sich nicht b eeind rucken zu lassen. E r
antwortete er. b e fa h l m ir, m e in e B e in e a u sz u stre c k e n u n d n ic h t a u f d a s
Don Juan sagte, daß es die Pflicht eines Wohltäters sei, seinen G e rä u sc h z u a c h te n . N a c h d rü c k lic h v e rla n g te e r, ic h so lle
Schützling der Kraft zuzuführen und daß der Wohltäter dem schreib en o d er F ragen s te lle n und m ich anstrengen, um nicht
Novizen seine persönliche Art vermittle, und zwar ebenso- zu unterliegen.
sehr, wenn nicht noch mehr als der Lehrer. Nach einer kurzen N a c h e in e m h e ftig e n in n e re n K a m p f fra g te ic h ih n , o b e tw a
Gesprächspause hörte ich ein eigenartig kratzendes Geräusch D on G enaro das G eräusch m achte. E r sagte, es sei das »N agual«
hinter dem Haus. Don Juan packte mich an Arm. Fast wollte ich und ich d ürfe d ie b eid en nicht verw echseln. G enaro sei d er
in einer Schreckreaktion aufspringen. Bevor das Geräusch N a m e d e s »T o n a l«. D a n n sa g te e r n o c h e tw a s, a b e r ic h
ertönte, war unser Gespräch mir als Selbstverständlichkeit verstand i h n nicht. Irgend etw as um kreiste d as H aus, und ich
vorgekommen. Aber als dann eine Pause eintrat und einen k o n n te m ic h n ic h t a u f d a s G e sp rä c h k o n z e n trie re n . E r b e fa h l
Moment Schweigen herrschte, war das merkwürdige Geräusch m ir, eine äuß erste A nstrengung zu unternehm en. Irgend w ann
hereingeplatzt. In diesem Augenblick hatte ich die Gewißheit, ste llte ic h fe st, d a ß ic h d u m m e s Z e u g ü b e r m e in e e ig e n e
daß unsere Unterhaltung ein ganz außerordentliches Ereignis W e rtlo sig k e it p la p p e rte . D a n n h a tte ic h e in e n A n g sta n fa ll, d e r
war. Ich hatte das Gefühl, daß Don Juans und meine Worte wie in e in e n Z u sta n d g ro ß e r K la rh e it u m sc h lu g . N u n sa g te D o n
eine Trennwand gewirkt hatten, die nun zerbrach, und daß Ju a n m ir, ic h d ü rfe ru h ig in d ie N a c h t h o rc h e n . A b e r e s w a r
jenes kratzende Geräusch draußen herumgeschlichen war und k e in G e rä u sc h m e h r z u h ö re n .
auf eine Chance gewartet hatte, um sich hereinzudrängen. »D as N a g u a l ist w eg«, sagte D o n Juan, stand auf und ging ins
H aus. E r z ü n d e te D o n G e n a ro s P e tro le u m la m p e a n u n d
b e re ite te
208 209
u n s e tw a s z u e sse n . W ir a ß e n sc h w e ig e n d . Ic h fra g te ih n , o b tu n g e n g e b ra u c h t. Ic h v e rsic h e rte ih m , d a ß ic h d ie sm a l z u
d as » N a g u a l« zurückko m m en w erd e. dem , w as ich durchgem acht hatte, keine Fragen s te lle n w ürde.
»N ein«, sagte er m it ernstem G esicht. »E s hat d ich nur auf d ie » I c h h a b e n ie e tw a s g e g e n d a s S p re c h e n g e h a b t«, sa g te e r.
P ro b e gestellt. U m d iese N achstund e, kurz nach d er D äm m e- »W ir k ö n n e n ü b e r d a s N a g u a l sp re c h e n , so v ie l d u w illst,
ru n g , so llte st d u d ic h im m e r m it irg e n d e tw a s b e sc h ä ftig e n . so la n g e d u n ic h t v e rsu c h st, e s z u e rk lä re n . W e n n d u d ic h
E g a l, w o m it. E s ist n u r e in e k u rz e S p a n n e , v ie lle ic h t e in e richtig erinnerst, so sagte ich d ir. d aß d as N a g u a l nur d azu d a
S tu n d e , a b e r in d e in e m F a ll e in e tö d lic h e S tu n d e . H e u te a b e n d ist, u m e rle b t z u w e rd e n . W ir k ö n n e n a lso o h n e w e ite re s
v e rsu c h te d a s N a g u a l, d ic h z u m S tra u c h e ln z u b rin g e n , a b e r d u d arüb er sp rechen, w as w ir erleb en und w ie w ir es erleb en. D u
w a rst sta rk g e n u g , u m se in e n A n g riff a b z u w ehren. E inm al b ist m öchtest aber eine E rklärung darüber hören, w ie denn all dies
d u ihm unterlegen, und ich m uß te d einen K ö rp e r m it W a sse r m ö glich sei, und d as ist ein U nd ing. D u m ö chtest d as N a g u a l
b e g ie ß e n , a b e r d ie sm a l h a st d u e s g u t gem acht.« durch das Tonal erklären. D as ist töricht, besonders in deinem
Ic h b e m e rk te , d a s W o rt »A n g riff« g e b e d e m G a n z e n e in e n F all, d enn d u kannst d ich nicht m ehr auf d eine U nw issenheit
A n k la n g v o n G e fa h r. b e ru fe n . D u w e iß t se h r g u t , d a ß w ir n u r d e sh a lb v e rn ü n ftig
»A n k la n g v o n G e fa h r? - K o m isc h e A u sd ru c k sw e ise !« sa g te e r. re d e n , w e il w ir d a b e i g e w isse G re n z e n e in h a lte n , u n d d ie se
»Ic h w ill d ir k e in e A n g st e in ja g e n . D ie T a te n d e s N a g u a l sind G renzen gelten nicht für d as N a g u a l.«
tö d lich. D as hab e ich d ir b ereits gesagt. U nd auch G enaro w ill Ich versuchte, d iesen P unkt zu klären. E s w ar ja nicht einfach
d i r k e in e n S c h a d e n z u fü g e n . Im G e g e n te il, se in e S o rg e um so , d a ß ic h a lle s u n te r ra tio n a le n G e sic h tsp u n k te n e rk lä re n
d ich ist m akello s, ab er w enn d u nicht genug K raft hast, um d ie w o llte , so n d e rn m e in V e rla n g e n n a c h E rk lä ru n g rü h rte v o n
A tta c k e d e s N a g u a l zu p a rie re n , d a n n b ist d u to t, m it o d e r o h n e m einem B edürfnis her, bei a ll den furchtbaren A ttacken chao-
m e in e H ilfe o d e r G e n a ro s F ü rso rg e .« N a c h d e m w ir g e g e sse n tischer R eize und W ahrnehm ungen, d ie m ir zuteil gew o rd en
h a tte n , se tz te D o n Ju a n sic h n e b e n m ic h u n d sc h a u te m ir ü b e r w aren, eine innere O rd nung zu b ew ahren. D on Juan m einte, ich
d ie S c h u lte r a u f m e in e A u fz e ic h nungen. Ich sagte m ir, ich w erde verteidigte einen S tandpunkt, an den ich selb st nicht glaub te.
w ahrscheinlich Jahre b ra u c h e n , u m m ir ü b e r a lle s »D u w e iß t v e rd a m m t g u t, d a ß d u d ic h g e h e n lä ß t«, sa g te e r.
k la rz u w e rd e n , w a s m ir h e u te w id e rfa h re n w a r. Ic h w u ß te , d a ß »Innere O rdnung bew ahren h e iß t, e in perfektes Tonal zu sein,
ic h v o n W a h rn e h m u n g e n ü b e rflu te t w o rd e n w a r, d ie ic h n ie a b e r e in p e rfe k te s T o n a l se in b e d e u te t, a lle s z u w isse n , w a s
h o ffe n d u rfte z u v e rstehen. auf d er Insel d es T o n a l s t a t t f i n d e t . A b er d as w eiß t d u nicht.
»W enn d u nichts verstehst, d ann b i s t d u gro ß in F o rm «, sagte D ein A rgum ent vo n d er A ufrechterhaltung d er inneren O rd -
e r. »N u r w e n n d u v e rste h st, b ist d u in d e r P a tsc h e . D ie s g i l t n u n g ist a lso u n w a h r. D u fü h rst e s n u r a n , u m re c h t z u
n a tü rlic h n u r v o m S ta n d p u n k t d e s Z a u b e re rs. V o m S ta n d p u n k t behalten.«
d e s n o rm a le n M e n sc h e n a u s b e tra c h te t, g e h st d u u n te r, w e n n D a ra u f w u ß te ic h n ic h ts z u sa g e n . D o n Ju a n b e ru h ig te m ic h
d u e tw a s n ic h t v e rste h st. In d e in e m F a ll, m ö c h te ic h m e in e n , ein w enig, ind em er sagte, es b ed ürfe eines gew altigen
w ü rd e d e r n o rm a le M e n sc h sa g e n , d a ß d u b e w u ß t- K am p fes, um d ie Insel d es T o n a l leerzufegen. D ann fo rd erte er
se in sg e sp a lte n b ist o d e r d a ß d e in B e w u ß tse in sic h z u sp a lte n m ich auf, ihm alles zu erzählen, w as ich bei m einer zw eiten
beginnt.« S itzung m it d em N a g u a l w ahrgeno m m en hätte. N achd em ich
Ic h la c h te ü b e r se in e W o rtw a h l. I c h w u ß te , d a ß e r e s m ir m it geend et hatte, m einte er, w as ich als p elziges K ro ko d il w ahr-
d iesem B egriff d er B ew uß tseinssp altung heim zahlte. I c h hatte g e n o m m e n h ä t t e , se i e in e k le in e P ro b e v o n D o n G e n a ro s
ih n v o r e in ig e r Z e it im Z u sa m m e n h a n g m it m e in e n B e fü rc h - H um or.
210 211
»Wie schade, daß du so schwerfällig bist«, sagte er. »Du g e lu n g e n , d ic h w ie d e r z u sa m m e n z u se tz e n , u n d d u w ä rst a u f
klammerst dich immer an deine Verwirrung, und dadurch d ie se r G e fü h lse b e n e g e b lie b e n .«
entgeht dir Genaros wirkliche Kunst.« »Wußtest du etwas von »W a r e s n o tw e n d ig , d a s m it m ir z u m a c h e n , D o n Ju a n ? « »E s
seinem Kostüm, Don Juan?« »Nein! Das Schauspiel war nur gib t einen gew issen Z eitp unkt, w o d as N a g u a l d em L ehrlin g in s
für dich.« »Was hast du gesehen?« O h r flü ste rn u n d ih n sp a lte n m u ß .« »W a s b e d e u te t d a s, D o n
»Heute sah ich nichts anderes als die Bewegung des Nagual, Ju a n ? «
wie es durch die Bäume schwebte und uns umkreiste. Jeder, der »U m e in n o rm a le s T o n a l z u se in , m u ß d e r M e n sc h e in e E inheit
sieht, kann das erkennen.« »Aber wie ist es mit jemandem, der sein. S ein ganzes S ein m uß d er Insel d es T o n a l angeh ö re n .
nicht sieht?« »Er würde nichts erkennen, vielleicht nur Bäume, O h n e d ie se E in h e it w ü rd e d e r M a n n v e rrü c k t. E in Z a u b e re r
durch die der Wind fährt. Wir interpretieren jede unbekannte h in g e g e n m u ß d ie se E in h e it a u fb re c h e n , a b e r o h n e sein eigenes
Ausdrucksform des Nagual als etwas Bekanntes. In diesem Fall S ein in G efahr zu b ringen. D as Z iel eines Z aub ere rs ist e s, z u
könnte man das Nagual als Windstoß interpretieren, der die ü b e rd a u e rn . D a s h e iß t, e r n im m t k e in e u n n ö tig e n R isik e n a u f
Blätter schüttelt, oder sogar als seltsames Licht, vielleicht als sic h . D a h e r v e rb rin g t e r Ja h re d a m it, se in e In se l le e rz u fe g e n ,
einen ungewöhnlich großen Leuchtkäfer. Drängt man jemanden, b is e in A u g e n b lic k k o m m t, d a e r sic h , b ild lic h g e sp ro c h e n ,
der nicht sieht, zu einer Antwort, dann sagt er vielleicht, daß er d a v o n ste h le n k ö n n te . D a s E n tz w e isp a lte n e in e s M e n sc h e n ist
etwas zu sehen glaubte, sich aber nicht recht erinnern kann, d ie P fo rte fü r e in e so lc h e F lu c h t. D ie S p a ltu n g , d a s
was es war. Das ist nur zu natürlich. Der Mann würde ganz G e fä h rlic h ste , w a s d u je ü b e rsta n d e n h a st, w ar b ei d ir glatt und
vernünftig reden. Immerhin, seine Augen hätten ja nichts einfach. D as N a g u a l h a t d ich m eisterhaft g e fü h rt. G la u b e m ir,
Ungewöhnliches entdeckt. Da sie die Augen des Tonal sind, n u r e in m a k e llo se r K rie g e r v e rm a g d a s z u tu n . Ic h h a b e m ic h
müssen sie sich auf die Welt des Tonal beschränken, und in se h r fü r d ic h g e fre u t.« D o n Ju a n le g te m ir d ie H a n d a u f d ie
dieser Welt gibt es nichts umwerfend Neues, jedenfalls nichts, S c h u lte r, u n d ic h sp ü rte e in u n g e h e u re s B e d ü rfn is z u w e in e n .
was nicht für die Augen erkennbar und für das Tonal erklärbar »N ä h e re ic h m ic h d e m P u n k t, d a w ir u n s n ic h t m e h r se h e n
wäre.« w e rd e n ? « fra g te ic h . E r la c h te u n d sc h ü tte lte d e n K o p f.
Ich befragte ihn nach den ungeahnten Wahrnehmungen, die ihr »D u läß t d ich gehen w ie ein H answ urst«, sagte er. »Im m erhin,
Geflüster in meine Ohren bewirkt hatte. »Das war das Beste an d a s tu n w ir a lle . W ir t u n 's b lo ß in v e rsc h ie d e n e n F o rm e n .
der ganzen Sache«, sagte er. »Auf den Rest könnte man M a n c h m a l la sse a u c h ic h m ic h g e h e n . B e i m ir ist e s d a s
verzichten, aber dies war die Krönung des Tages. Die Regel G e fü h l, d a ß ic h d ic h v e rh ä tsc h e le u n d sc h w a c h m a c h e . Ic h
verlangt, daß der Wohltäter und der Lehrer diesen letzten w e iß , d a ß G e n a ro b e i P a b lito d a sse lb e G e fü h l h a t. E r h ä tsc h e lt
Eingriff vornehmen. Die allerschwierigste Tat! Der Lehrer wie ih n w ie e i n K in d . A b e r so h a t e s d ie K ra ft n u n e in m a l
der Wohltäter müssen makellose Krieger sein, um das e in g e ric h te t. G e n a ro g ib t P a b lito a lle s, w a s e r z u g e b e n h a t,
Unterfangen, einen Mann zu spalten, auch nur zu versuchen. und m an d arf nicht w ünschen, d aß er etw as and eres täte. M an
Du weißt nichts davon, denn dies ist dir noch nicht zugänglich, d arf einen K rieger nicht d afür kritisieren, d aß er sein m akello s
aber wiederum ist die Kraft nachsichtig mit dir gewesen. B estes tu t.«
Genaro ist der makelloseste Krieger, den es gibt.« »Warum ist E r sc h w ie g e in e W e ile . Ic h w a r z u n e rv ö s, u m ru h ig sitz e n z u
das Spalten eines Menschen eine große Tat?« »Weil es bleiben.
gefährlich ist. Du hättest sterben können wie eine Fliege. Oder, »W a s, m e in st d u , g e sc h a h m it m ir, a ls ic h m e in te , ic h w ü rd e
noch schlimmer, vielleicht wäre es uns nicht v o n e in e m V a k u u m a u fg e sa u g t? « fra g te ic h .
212 213
»Du schwebtest«, sagte er wie selbstverständlich. kannst, dann wirst du zugrunde gehen. Du wirst verwelken,
»Durch die Luft?« abmagern, blaß, gedankenleer, reizbar, still werden.« »Hättest
»Nein! Für das Nagual gibt es nicht Land oder Luft oder du mir vor Jahren gesagt«, meinte ich, »was du und Don
Wasser. Das kannst du nun selbst bestätigen. Zweimal warst du Genaro vorhabt, dann hätte ich genug . . .« Er hob die Hand
in dieser Vorhölle, und du warst erst an der Pforte des Nagual. und ließ mich nicht ausreden. »Das ist ein sinnloser Spruch«,
Du hast mir gesagt, alles, was dir widerfuhr, sei ungeahnt neu sagte er. »Du hast mir vor Jahren einmal gesagt, daß du schon
gewesen. Also schwebt oder fliegt das Nagual oder was es auch längst ein Zauberer wärst, wenn da nicht dein Starrsinn und
tun mag - in der Zeit des Nagual, und diese hat nichts mit der deine Vorliebe für rationale Erklärungen wären. Aber ein
Zeit des Tonal zu tun. Zwischen den beiden gibt es keine Zauberer zu sein bedeutet in deinem Fall, daß du deinen
Übereinstimmung.« Starrsinn und deine Sucht nach rationalen Erklärungen, die dir
Während Don Juan sprach, lief ein Zittern durch meinen im Wege stehen, überwindest. Andererseits sind diese Fehler
Körper. Mein Kinn fiel nach unten, und mein Mund öffnete gerade dein Weg zur Kraft. Du kannst nicht behaupten, daß die
sich unwillkürlich. Meine Ohren taten sich auf, und ich hörte Kraft dir zufließen würde, wenn dein Leben anders wäre.
ein kaum wahrnehmbares Flirren oder Vibrieren. Als ich Don Genaro und ich müssen ebenso handeln wie du - innerhalb
Juan meine Empfindungen schilderte, merkte ich, daß es. wenn gewisser Grenzen. Diese Grenzen zieht die Kraft, und ein
ich sprach, so klang, als spräche jemand anders. Es war eine Krieger ist gewissermaßen ein Gefangener der Kraft, ein
höchst eigenartige Sensation, die darin gipfelte, daß ich hörte, Gefangener, dem eine Freiheit bleibt: die Freiheit, entweder
was ich sagen wollte, noch bevor ich es gesagt hatte. Mein wie ein makelloser Krieger zu handeln oder wie ein Esel zu
linkes Ohr war eine Quelle außerordentlicher Sinnes- handeln. Letzten Endes ist der Krieger vielleicht kein Gefan-
wahrnehmungen. Ich hatte das Gefühl, als ob es besser und gener, sondern ein Sklave der Kraft, denn diese Freiheit ist für
exakter hörte als mein rechtes Ohr. Es steckte irgend etwas in ihn keine Freiheit mehr. Genaro kann nicht anders handeln als
ihm, was zuvor nicht dagewesen war. Wenn ich Don Juan, der makellos. Handelte er wie ein Esel, dann würde es ihn
rechts von mir saß, das Gesicht zuwandte, dann wurde mir auszehren und seinen Tod herbeiführen. Du fürchtest dich
bewußt, daß ich rund um dieses Ohr einen Bereich ganz klarer deshalb vor Genaro, weil er das Mittel der Furcht benutzen
akustischer Wahrnehmung hatte. Es war ein physikalischer muß, um dein Tonal schrumpfen zu lassen. Dein Körper weiß
Raum, ein Bereich, innerhalb dessen ich alles mit unglaubli- das, wiewohl deine Vernunft vielleicht nicht, und daher will
cher Klangschärfe hörte. Indem ich den Kopf drehte, konnte dein Körper davonrennen, jedesmal wenn Genaro erscheint.«
ich die Umgebung mit dem Ohr abtasten. »Das hat das Flüstern Ich warf ein, daß ich gern wissen würde, ob Don Genaro mich
des Nagual bei dir bewirkt«, sagte Don Juan, als ich ihm meine absichtlich zu erschrecken versucht habe. Das »Nagual«, sagte
Sinneswahrnehmung schilderte. »Dieses Phänomen wird von er, mache seltsame Dinge - Dinge, die nicht vorhersehbar
nun an manchmal kommen, und dann wieder verschwinden. seien. Als Beispiel führte er an, was am Vormittag zwischen
Fürchte dich nicht davor oder vor irgendwelchen uns geschehen war, als er mich daran hinderte, über die linke
ungewöhnlichen Empfindungen, die du von nun an haben Schulter nach dem auf dem Baum sitzenden Don Genaro zu
magst. Aber vor allem, laß dich nicht gehen und beschäftige schauen. Er wisse wohl, sagte er, was sein »Nagual« getan
dich nicht zwanghaft mit diesen Sensationen. Ich weiß, es wird hatte, obwohl er dies unmöglich im voraus habe wissen kön-
dir gelingen. Der Zeitpunkt deiner Spaltung war richtig. Die nen. Er erklärte den Vorfall folgendermaßen: Meine plötzliche
Kraft hat das alles eingerichtet. Jetzt hängt alles von dir ab. Bewegung nach links sei ein Schritt hin zu meinem Tod
Wenn du stark genug bist, wirst du den Schock, gespalten zu
sein, ertragen. Aber wenn du ihn nicht bestehen
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gewesen, den mein »Tonal« absichtlich als selbstmörderischen Die Flügel der Wahrnehmung
Sprung versuchte. Diese Bewegung habe sein »Nagual« auf den
Plan gerufen, und die Folge sei gewesen, daß ein Teil von ihm
auf mich gefallen sei. Unwillkürlich äußerte ich meine
Bestürzung. »Deine Vernunft sagt dir schon wieder, daß du D on Juan und ich verbrachten den ganzen T ag in den B ergen.
unsterblich bist«, sagte er. W ir w aren in d er D äm m eru n g au fgeb ro ch en . E r fü h rte m ich
»Was meinst du damit, Don Juan?« z u v i e r O rte n d e r K ra ft, u n d a n je d e m e in z e ln e n ga b e r m ir
»Ein unsterbliches Wesen hat alle Zeit auf Erden für Zweifel sp ezifisch e In stru ktio n en , w ie ich d er E rfü llu n g ein er b eso n -
und Verwirrung und Angst. Ein Krieger hingegen kann sich deren A ufgabe näherkom m en könne, die er m ir vor Jahren als
nicht an die nach der Ordnung des Tonal getroffenen Sinnge- e in e d a s ga n z e L e b e n w ä h re n d e S itu a tio n d a rge ste llt h a tte .
bungen klammern, denn er weiß gewiß, daß der Ganzheit A m S p ä tn a c h m itta g k e h rte n w ir z u rü c k . N a c h d e m E sse n
seines Selbst nur kurze Zeit auf Erden beschieden ist.« Ich verließ D o n Ju an D o n G en aro s H au s. E r m ein te, ich so lle au f
erhob einen ernsthaften Einwand. Meine Zweifel und Ängste P ab lito w arten , d er P etro leu m fü r d ie L am p e b rin gen w o llte,
und meine Verwirrung fanden nämlich nicht auf bewußter u n d m ich m it ih m u n terh alten .
Ebene statt, und wie sehr ich auch versuchte, sie zu Ich w ar ganz vertieft in die A usarbeitung m einer N otizen und
kontrollieren - jedesmal wenn ich es mit Don Juan und Don h ö rte P ab lito erst, als er n eb en m ir stan d . P ab lito erklärte, er
Genaro zu tun hatte, kam ich mir hilflos vor. »Ein Krieger darf h ab e d en »G an g d er K raft« an gew an d t, u n d d esh alb h ätte ich
nicht hilflos sein«, sagte er, »oder verwirrt oder ängstlich - ihn unm öglich hören können, solange ich nicht »sehen« könne.
unter keinen Umständen. Ein Krieger hat nur Zeit für seine Ic h h a tte P a b lito im m e r se h r ge rn ge h a b t. B ish e r h a tte ic h
Makellosigkeit. Alles andere zehrt seine Kraft auf. Makelloses aber w enig G elegenheit gehabt, m it ihm a l l e i n zu sein, w enn-
Tun lädt sie wieder auf.« »Damit sind wir wieder bei der alten gleich w ir gu te F reu n d e w aren . P ab lito h atte m ich im m er als
Frage, Don Juan. Was ist Makellosigkeit?« ein lieb en sw ü rd iger M en sch fü r sich ein gen o m m en . E r h ieß
»Ja, da sind wir wieder bei deiner alten Frage, und folglich n atü rlich P ab lo , ab er d ie K o sefo rm P a b l i t o p aß te b esser zu
sind wir wieder bei meiner alten Antwort: Makellos handeln ih m . E r w ar zartglied rig, ab er d rah tig. W ie D o n G en aro w ar e r
heißt, dein Bestes zu tun, ganz egal, was du tust.« »Aber, Don sc h la n k , a b e r ü b e rra sc h e n d m u sk u lö s u n d sta rk . E r w a r
Juan, mir geht es doch darum, daß ich stets den Eindruck habe, vielleicht E nde Z w anzig, aber er w irkte w ie achtzehn. E r w ar
ich täte mein Bestes, und offensichtlich tue ich es doch nicht.« v o n d u n k le r H a u tfa rb e u n d m ittle re r S ta tu r. S e in e A u ge n
»Es ist nicht so kompliziert, wie du es darstellst. Der Schlüssel zu blickten klar und strahlend, und w ie D on G enaro hatte er stets
all diesen Fragen nach der Makellosigkeit ist das Gefühl, Zeit ein gew in n en d es L äch eln , m it ein em A n flu g vo n b o sh aftem
zu haben oder keine Zeit zu haben. Als Faustregel mag gelten: W itz.
Wenn du dich wie ein unsterbliches Wesen fühlst, das alle Zeit Ic h fra gte i h n n a c h se in e m F re u n d N e sto r, D o n G e n a ro s
auf Erden hat und dementsprechend handelt, dann bist du nicht a n d e re m L e h rlin g. In d e r le tz te n Z e it h a tte ic h sie im m e r
makellos. In solchen Momenten solltest du dich umdrehen, in b e isa m m e n ge se h e n , u n d sie h a tte n a u f m ic h ste ts d e n E in -
die Runde schauen, und dann wirst du erkennen, daß dein d ru ck gem ach t, als h ätten sie e i n au sgezeich n etes V erh ältn is
Gefühl, Zeit zu haben, töricht ist. Auf dieser Erde gibt es keine z u e in a n d e r; d o c h in ih re m Ä u ß e re n w ie in ih re m C h a ra k te r
Überlebenden!« w a re n sie G e ge n sä tz e . W ä h re n d P a b lito le u tse lig u n d o ffe n
w ar, w ar N estor verschlossen und in sich gekehrt. A uch w ar er
größer, schw erfälliger, dunkler und w esentlich älter.
217
Pablito erzählte, daß Nestor endlich ganz in seiner Arbeit mit Mitschreiben lustig zu machen. Don Genaro, sagte er, habe
Don Genaro aufgehe und daß er, seit der Zeit, als ich ihn zum stundenlang Heiterkeitsstürme hervorgerufen, indem er mich
letztenmal gesehen hatte, überhaupt ein völlig anderer Mensch imitierte. Auch meinte er, daß Don Genaro mich - trotz meiner
geworden sei. Er wollte aber nicht weiter auf Nestors Arbeit Ticks und Schrullen - sehr gern habe und daß er sich freue,
oder seinen Persönlichkeitswandel eingehen und wechselte mich als »protegido« zu haben.
unvermittelt das Thema. Diesen Ausdruck hörte ich zum erstenmal. Er entsprach einem
»Ich höre, das Nagual hat dich am Kragen«, sagte er. Ich war anderen Begriff, den Don Juan zu Beginn unserer Verbindung
überrascht, daß er dies wußte, und fragte ihn, wie er es eingeführt hatte. Er hatte mir gesagt, ich sei sein »escogido«,
herausgefunden habe. »Genaro erzählt mir alles«, sagte er. sein Erwählter. Das Wort »protegido« heißt soviel wie
Mir fiel auf, daß er von Don Genaro nicht mit der gleichen Schützling.
Förmlichkeit sprach wie ich. Er nannte ihn einfach vertraulich Ich befragte Pablito nach seinen Begegnungen mit dem »Na-
Genaro. Er sagte, Don Genaro sei ihm wie ein Bruder, und sie gual«, und er erzählte mir die Geschichte, wie er zum erstenmal
verkehrten unbefangen miteinander, ganz wie in einer Familie. mit ihm zusammengetroffen war. Einmal, sagte er, hatte Don
Er bekannte offen, daß er Don Genaro herzlich liebhatte. Ich Juan ihm einen Korb geschenkt, den er für eine Freund-
war tief gerührt von seiner einfachen und offenen Art. schaftsgabe angesehen hatte. Er hatte ihn an einen Haken
Während ich mit ihm sprach, erkannte ich, wie sehr Don Juan über seiner Zimmertür gehängt, und da er im Augenblick keine
und ich uns im Temperament glichen; unsere Beziehung war Verwendung dafür wußte, vergaß er ihn für den Rest des
förmlich und korrekt im Vergleich zu Don Genaros und Tages. Er war der Meinung gewesen, der Korb sei ein
Pablitos Verhalten zueinander. Geschenk der Kraft und müsse deshalb einen ganz besonderen
Ich fragte Pablito, warum er sich vor Don Juan fürchte. Seine Zweck finden.
Augen flackerten. Es war, als ob der bloße Gedanke an Don Am frühen Abend - wie Pablito sagte, war dies auch seine
Juan ihn zusammenschrecken ließe. Er antwortete nicht. Er lebensgefährliche Stunde - ging er dann in sein Zimmer, um
musterte mich auf eine irgendwie seltsame Art. »Hast du denn seine Jacke zu holen. Er war allein im Haus, und wollte eben
keine Angst vor ihm?« fragte er. Ich erzählte ihm, daß ich vor aufbrechen, einen Freund zu besuchen. Im Zimmer war es
Don Genaro Angst hätte, und er lachte, als habe er dies nun am dunkel. Er griff nach der Jacke, und als er die Hand nach der
allerwenigsten erwartet. Don Juan und Don Genaro, sagte er, Türklinke ausstreckte, fiel der Korb herab und rollte ihm vor
das sei wie der Unterschied zwischen Tag und Nacht. Don die Füße. Pablito lachte über seinen Schrecken, sobald er sah,
Genaro sei der Tag. Don Juan sei die Nacht, und insofern sei er daß bloß der Korb von seinem Haken gefallen war. Er bückte
der furchterregendste Mensch auf Erden. Von der Schilderung sich, um ihn aufzuheben, und nun erlebte er den Schock seines
seiner Furcht vor Don Juan kam Pablito dann auf seine eigene Lebens. Der Korb sprang vor ihm davon und f i n g an zu
Situation als Lehrling zu sprechen. wackeln und zu knarren, als ob jemand ihn drückte und preßte.
»Ich bin in einem ganz elenden Zustand«, sagte er. »Könntest Aus der Küche, erzählte Pablito, f i e l genügend Licht herein,
du sehen, wie es in mir aussieht, dann wäre dir klar, daß ich für daß man alles im Zimmer klar erkennen konnte. Eine Weile
einen normalen Menschen zuviel weiß, und doch, wenn du starrte er den Korb an, obwohl er irgendwie wußte, daß das
mich mit dem Nagual sähest, dann wäre dir klar, daß ich nicht falsch war. Nun begann der Korb sich unter tiefen, ächzenden
genug weiß.« Er wechselte rasch das Thema und fing an, sich und mühsamen Atemzügen zu verformen. Pablito behauptete,
über mein daß er tatsächlich den Korb atmen gesehen und gehört habe
und daß er lebendig gewesen sei und ihn im Zimmer
herumgehetzt habe, wobei er ihm den Ausgang ver-
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sperrt habe. Dann blähte der Korb sich auf, alle Bambusstreben lierten, mit dem Finger zu schreiben. Don Juan machte plötzlich
lockerten sich, und er verwandelte sich in einen riesigen Ball, mit ernster Stimme eine seltsame Bemerkung: »Kein Zweifel,
der Pablito wie eine Steppenhexe vor die Füße kollerte. Dieser daß er mit dem Finger schreiben könnte, aber würde er es auch
fiel auf den Rücken, und der Ball rollte seine Beine herauf. lesen können?«
Pablito war inzwischen, wie er sagte, völlig von Sinnen und Don Genaro lachte los und meinte dann: »Ich bin überzeugt, er
schrie hysterisch. Der Ball hielt ihn gefangen und wälzte sich kann alles lesen.« Und dann erzählte er eine sehr merkwürdige
weiter über seine Beine herauf, wobei er das Gefühl hatte, Geschichte über einen Bauerntölpel, der in einer Zeit des
überall von Nadeln durchbohrt zu werden. Er versuchte ihn politischen Umsturzes in hohe Ämter aufgerückt war. Der Held
fortzustoßen, und nun bemerkte er, daß der Ball Don Juans der Geschichte, sagte Don Genaro, war Minister oder
Gesicht war, dessen Mund offenstand, bereit, ihn zu Gouverneur oder sogar Präsident - man konnte ja nie wissen,
verschlingen. An diesem Punkt konnte er seine Panik nicht was die Leute in ihrer Tollheit anstellten. Aufgrund dieser
mehr meistern und wurde ohnmächtig. hohen Ehren kam er zu der Überzeugung, daß er ein bedeu-
Pablito berichtete ganz ungefangen und frei über eine Reihe tender Mensch sei, und er lernte, eine wichtige Rolle zu spielen.
von furchterweckenden Zusammenkünften, die Mitglieder Don Genaro machte eine Pause und schaute mich mit der
seiner Familie mit dem »Nagual« gehabt hätten. So unterhielten Miene eines seine Rolle überziehenden Schmierenkomödianten
wir uns stundenlang. Er schien im gleichen Dilemma zu an. Er blinzelte und hob und senkte die Augenbrauen. Der Held
stecken wie ich, schien sich aber entschieden geschickter im der Geschichte, sagte er, war bei öffentlichen Auftritten sehr
Bezugssystem der Zauberer zurechtzufinden. Irgendwann aber geschickt und konnte mühelos aus dem Stegreif eine Rede
stand er plötzlich auf und meinte, er habe das Gefühl, Don halten, doch seine amtliche Stellung erforderte, daß er seine
Juan werde jeden Augenblick auftauchen, und er wolle ihm Reden vom Blatt ablas, und der Mann war Analphabet. Er ließ
hier nicht begegnen. In größter Eile machte er sich davon. Es sich also etwas einfallen, um alle hereinzulegen. Er besorgte
war, als habe ihn irgend etwas aus dem Zimmer gezogen. Ich sich ein beschriebenes Blatt Papier, und immer wenn er eine
hatte noch nicht einmal Aufwiedersehn gesagt - weg war er Rede halten mußte, fuchtelte er damit herum. Und die anderen
schon! Bauerntölpel waren von seiner Überlegenheit und seinen
Kurz darauf kamen Don Juan und Don Genaro nach Hause. anderen guten Eigenschaften überzeugt. Doch eines Tages kam
Sie lachten. ein des Lesens kundiger Fremder und merkte, daß unser Held
»Pablito raste die Straße entlang wie die arme Seele vor dem das Blatt verkehrt herum hielt, während er vorgab, seine Rede
Leibhaftigen«, sagte Don Juan. »Ich frage mich, warum bloß?« abzulesen. Er lachte ihn aus und posaunte den Schwindel laut
»Ich glaube, er bekam es mit der Angst, als er sah, wie Carlitos heraus.
sich die Finger wundschreibt«, sagte Don Genaro und äffte Wieder machte Don Genaro eine kurze Pause und sah mich an,
meine Schreibbewegungen nach. Er trat neben mich. kniff die Augen zusammen und fragte: »Glaubst du, daß unser
»Heh! Ich habe eine Idee«, sagte er beinah flüsternd. »Da du Held nun ertappt war? Keine Spur! Er schaute ruhig in die
so gern schreibst, warum lernst du nicht, mit dem Finger statt Runde und sagte: >Verkehrt herum? Ist's nicht egal, wie ich
mit einem Bleistift zu schreiben. Das wäre doch ein Ding!« das Papier halte? Hauptsache ich kann es lesen !< Und die
Don Juan und Don Genaro setzten sich neben mich und anderen Bauerntölpel gaben ihm recht.« Don Juan und Don
lachten sich kaputt, während sie über die Möglichkeit speku- Genaro explodierten vor Lachen. Don Genaro klopfte mir
freundlich den Rücken, ganz so, als ob ich der Held der
Geschichte gewesen wäre. Ich war verlegen und
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la c h te n e rv ö s. Ic h a rg w ö h n te irg e n d e in e v e rste c k te B e d e u tu n g , einfach, daß da irgend etwas in Kontakt mit mir war, mich
a b e r ic h g e tra u te m ic h n ic h t, z u fra g e n . D o n Ju a n rü c k te n ä h e r überall umgab, ein freundlicher, warmer, zwingender Geruch,
a n m ic h h e ra n . E r b e u g te sic h v o r u n d flü ste rte m ir in s re c h te der von etwas ausging, das weder fest noch flüssig, sondern ein
O h r: »F in d e st d u d a s n ic h t sp a ß ig ? « A u c h D o n G e n a ro b e u g te undefinierbares anderes Etwas war. von dem ich »wußte«, daß
sic h z u m ir h e rü b e r u n d flü ste rte m ir in s lin k e O h r: »W a s h a t es ein Baum war. Indem ich in dieser Form darum »wußte«,
e r g e sa g t? « Ic h re a g ie rte g a n z auto m atisch auf b eid e F ragen meinte ich, sein Wesen zu erfassen. Ich fühlte mich nicht von
und antw o rtete m it einer unfreiw illigen S ynthese: ihm abgestoßen. Vielmehr lud er mich ein, mit ihm zu
»Ja . Ic h fa n d , e r fra g te , 's ist sp a ß ig «, sa g te ic h . O ffenkund ig verschmelzen. Ich sank in ihn ein, oder er sank in mich ein.
w ar ihnen d ie W irkung ihres M anö vers b ew uß t; sie lachten, b is Zwischen uns bestand eine Verbindung, die weder besonders
ihnen d ie T ränen üb er d ie W angen liefen. D o n G e n a ro w a r, w ie erquicklich noch unangenehm war.
im m e r, a u sg e la sse n e r a ls D o n Ju a n : e r fie l u m u n d w ä lz te sic h , Die nächste Empfindung, an die ich mich klar erinnern konnte,
e in p a a r M e te r v o n m ir e n tfe rn t, a u f d e m R ü c k e n . D a n n la g e r war ein überwältigendes Gefühl des Staunens und Frohlockens.
a u f d e m B a u c h , stre c k te A rm e u n d B e in e a u s u n d w irb e lte Alles an mir vibrierte. Es war, als ob Stromstöße durch mich
ü b e r d e n B o d e n , a ls o b e r a u f R o lle n läge. S o kreiselte er hindurch gingen. Sie waren nicht schmerzhaft. Sie waren
um her, b is er in m eine N ähe kam und sein F u ß d e n m e in e n angenehm, aber auf so unbestimmte Weise, daß es mir
s t r e i f t e . D a n n se tz te e r sic h a u f u n d g rin ste töricht. unmöglich war, sie genauer zu definieren. Ich wußte jedoch,
D on Juan hielt sich den L eib. A nscheinend h a t t e er B auchw eh daß ich mit dem Boden in Kontakt war, wie dieser auch immer
vor L achen. beschaffen sein mochte. E in Teil von mir erkannte mit prä-
N ach einer W eile b eugten b eid e sich w ied er vo r und flüsterten gnanter Klarheit, daß es der Boden war. Aber in dem Augen-
m ir unab lässig in d ie O hren. Ich versuchte m ir d ie R eihenfo lg e blick, als ich versuchte, die Unendlichkeit der unmittelbaren
ih re r S p rü c h e z u m e rk e n , a b e r n a c h e in e r v e rg e b lic h e n Wahrnehmungen, die ich hatte, kritisch zu durchdringen, verlor
A n stre n g u n g g a b ic h e s a u f. E s w a re n z u v ie le . S ie flü ste rte n ich alle Fähigkeit, meine Wahrnehmungen zu unterscheiden.
m ir in d ie O h re n , b is ic h w ie d e r d a s G e fü h l h a tte , Dann war ich auf einmal wieder ich selbst. Ich dachte. Es war
z w ie g e sp a lte n z u se in . W ie a m T a g z u v o r v e rw a n d e lte ic h m ic h ein so unvermittelter Übergang, daß ich glaubte, aufgewacht
w ie d e r in e in e n N e b e l, e i n g e lb lic h e s L e u c h te n , d a s alles ganz zu sein. Und doch war da irgend etwas an meinen Empfin-
unm ittelb ar em p fand . D as heiß t, ic h »w uß te« alles. w a s v o rg in g . dungen, das nicht ganz ich selbst war. Noch bevor ich die
D a b e i sp ie lte n k e in e G e d a n k e n m i t ; e s g a b n u r G ew iß heiten. Augen aufschlug, wußte ich, daß eigentlich etwas fehlte. Ich
U nd als ich m it einem w eichen, schw am m igen, e la stisc h e n war immer noch in einem Traum oder in einer Vision befangen.
G e fü h l in K o n ta k t g e rie t, d a s sic h a u ß e rh a lb v o n m ir befand Meine Denkprozesse aber waren nicht nur unbeeinträchtigt,
und doch e in T eil von m ir w ar, »w ußte« ic h , daß es e in B a u m sondern ungewöhnlich klar. Rasch orientierte ich mich. Ich
w a r. Ic h f ü h l t e a n se in e m D u ft, d a ß e s e i n B a u m se in m u ß te . zweifelte nicht daran, daß Don Juan und Don Genaro meinen
E s ro c h n ic h t w ie e i n b e stim m te r B a u m , a n d e n ic h m ic h traumartigen Zustand zu einem bestimmten Zweck ausgelöst
e rin n e rt h ä tte , u n d d o c h »w u ß te « irg e n d e tw a s in m ir, d a ß hatten. Ich glaubte schon zu verstehen, welch ein Zweck damit
d ie se r b e so n d e re D u ft d a s »W e se n « v o n B a u m w a r. Ic h h a tte verbunden war, als etwas mir Fremdes mich zwang, meine
n ic h t e in fa c h d a s G e fü h l, d a ß ic h »w u ß te «, a u c h k o n tro llie rte Aufmerksamkeit auf meine Umgebung zu richten. Ich brauchte
ic h w e d e r m e in W isse n m it d e r V e rn u n ft, n o c h k ü m m e rte ic h lange, bis ich wußte, wo ich war. Tatsächlich, ich lag auf dem
m ic h v ie l u m ä u ß e re M e rk m a le . I c h w u ß te Bauch, und zwar auf einem ganz sonderbaren Fußboden. Als
ich ihn näher untersuchte, konnte ich mir ein
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G e fü h l d e r E h rfu rc h t u n d d e s S ta u n e n s n ic h t v e rsa g e n . Ic h Noch bevor ich Zeit fand, über all diese unirdischen Bilder
b egriff nicht, w o raus er gem acht w ar. U nregelm äß ige P latten nachzudenken, wurde ich heftig geschüttelt. Mein Kopf ruckte
v o n irg e n d e in e r u n b e k a n n te n S u b sta n z w a re n h ö c h st k u n stvo ll und schaukelte hin und her. Ich wurde hochgehoben. Ich hörte
und d o ch einfach zusam m engesetzt. S ie w aren zw ar zu- eine schrille Stimme und Kichern - und ich war mit dem
sa m m e n g e fü g t, a b e r n ic h t a m B o d e n o d e r a n e in a n d e r b e fe - erstaunlichsten Anblick konfrontiert: einer gigantischen bar-
stigt. S ie w aren elastisch und gaben nach, w enn ich versuchte, füßigen Frau. Ihr Gesicht war rund und riesig. Ihr Haar war zu
sie m it d e m F in g e r a u se in a n d e rz u sc h ie b e n , a b e r so b a ld ic h einem Pagenkopf geschnitten. Ihre Arme und Beine waren
lo sließ , schnellten sie w ied er in ihre A usgangslage zurück. Ich monströs. Sie hob mich auf und legte mich über ihre Schulter,
versuchte aufzustehen, unterlag ab er d er b efrem d lichsten als wäre ich eine Puppe. Mein Körper hing schlaff herab. Ich
S tö ru n g m e in e r S in n e . Ic h h a tte k e in e rle i K o n tro lle ü b e r schaute ihren kräftigen Rücken hinab. Um die Schultern und
m einen K ö rp er; tatsächlich schien m ein K ö rp er nicht einm al z u am Rückgrat entlang hatte sie einen feinen Flaum, Als ich über
m ir z u g e h ö re n . E r w a r sc h la ff, u n d ic h h a tte z u k e in e m ihre Schulter hinab schaute, sah ich wieder den wundervollen
se in e r T e ile e in e V e rb in d u n g , u n d a ls ic h a u fz u ste h e n v e r- Boden. Ich hörte, wie er unter ihrem gewaltigen Gewicht
su c h te , k o n n te ic h d ie A rm e n ic h t b e w e g e n u n d p lu m p ste elastisch nachgab, und ich sah die Fußabdrücke, die sie auf ihm
hilflos auf den B auch, w obei ich zur S eite rollte. D er S chw ung hinterließ.
d es S turzes ließ m ich b einahe eine ko m p lette D rehung vo ll- Vor einem Gebilde, einer Art Bauwerk, legte sie mich auf den
führen und w ieder auf dem B auch landen. A ber m eine ausge- Bauch. Erst jetzt bemerkte ich, daß mit meiner Tiefenwahr-
stre c k te n A rm e u n d B e in e b re m ste n d ie D re h u n g , u n d ic h nehmung etwas nicht stimmte. Ich konnte die Größe des
k a m a u f d e m R ü c k e n z u lie g e n . In d ie se r P o sitio n fie l m e in Gebäudes nicht abschätzen. Einen Moment schien es lächerlich
B lick auf zw ei seltsam gefo rm te B eine und d ie fo rm lo sesten klein zu sein, aber dann wieder, nachdem ich anscheinend
F üß e, d ie ich je gesehen hatte. D as w ar m ein K ö rp er! Ich w ar meinen Blick angepaßt hatte, mußte ich mich über seine
anscheinend in eine D ecke eingehüllt. M ir kam d er G ed anke in monumentalen Ausmaße wundern.
d e n S in n , d a ß ic h m ic h v ie lle ic h t se lb st in e in e r S z e n e a ls Das gigantische Mädchen setzte sich neben mich und ließ den
K rüppel oder Invalide erlebte. Ich versuchte, m ich aufzurichte n Fußboden knarren. Ich berührte ihr riesiges Knie. Sie roch nach
u n d m e in e B e in e a n z u sc h a u e n , a b e r m e in K ö rp e r ru c k te n u r Bonbons oder Erdbeeren. Sie sprach mit mir, und ich verstand
m a tt. Ic h sc h a u te d ire k t in e in e n g e lb e n H im m e l, e in e n tiefen, alles, was sie sagte. Sie zeigte auf das Bauwerk und sagte mir,
strahlend zitro nengelb en H im m el. E r w ies R illen o d er hier wohne ich.
V ertiefungen vo n d unklerem G elb auf, und eine U nzahl vo n Als ich den Schock, mich hier zu befinden, allmählich über-
A usbuchtungen, die w ie W assertropfen herabhingen. D ie G e- wunden hatte, schien sich auch meine Beobachtungsfähigkeit
sam tw irkung d ieses unglaub lichen H im m els w ar atem b erau- wieder zu bessern. Jetzt bemerkte ich, daß das Bauwerk vier
b e n d . Ic h k o n n te n ic h t fe stste lle n , o b je n e A u sb u c h tu n g e n großartige, aber funktionslose Säulen hatte. Sie hatten nichts zu
W o lk e n w a re n . A ls ic h m e in e n K o p f h in - u n d h e rd re h te , tragen; sie befanden sich auf dem Dach des Gebäudes. Ihre
e n td e c k te ic h a u c h S c h a tte n u n d F le c k e n in a n d e re n G e lb - Form war die Schlichtheit selbst; es waren lange, zierliche
tönen. Gebilde, die sich in jenem furchterregenden, unglaublich gelben
D a n n z o g e tw a s a n d e re s m e in e A u fm e rk sa m k e it a n ; e in e Himmel zu verlieren schienen. Diese nutzlosen Säulen
S o n n e , g e n a u a m Z e n it d e s g e lb e n H im m e ls, d ire k t ü b e r erschienen mir als die reine Schönheit. Ich hatte einen Anfall
von ästhetischem Überschwang.
m e in e m K o p f, e in e m ild e S o n n e - n a c h d e r T a tsa c h e z u
u rte ile n , d a ß ic h sie a n sta rre n k o n n te -, d ie e in sa n fte s, Die Säulen schienen aus einem Stück gemacht - wie, das
gleichförm iges, w eißliches L icht ausstrahlte. konnte ich mir nicht vorstellen. Die beiden vorderen Säulen
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waren durch einen dünnen Balken miteinander verbunden -eine Schwanz. Die Wände bestanden aus konkaven und konvexen
riesige lange Latte, die vielleicht als Geländer oder als Platten aus irgendeinem seltsamen purpurnen Material; jede
Balustrade diente. Platte hatte Rillen, die wohl eher einem funktionalen als
Das gigantische Mädchen schob mich auf dem Rücken in das ornamentalen Zweck dienten.
Bauwerk hinein. Die Decke war schwarz und niedrig, und sie Ich untersuchte das Gebilde genau und in allen Einzelheiten
war von symmetrisch angeordneten Löchern übersät, die den und stellte fest, daß es, genau wie das Bauwerk vorhin,
gelblichen Glanz des Himmels hereinscheinen ließen und die durchaus unbegreiflich war. Ich erwartete, daß meine Wahr-
erstaunlichsten Muster bildeten. Ich war wirklich ergriffen von nehmung sich anpassen und das »wahre« Wesen des Gebildes
der Schlichtheit und Schönheit dieses Bildes: diese Flecken sich enthüllen würde. Aber nichts dergleichen geschah. Dann
gelben Himmels, die durch die exakt verteilten Löcher in der hatte ich eine bunte Reihe von fremdartigen, komplizierten
Decke hereinstrahlten, und die Schattenmuster, die sie auf »Erkenntnissen« oder »Feststellungen« zu dem Gebilde und
diesem wundervollen, geheimnisvollen Boden erzeugten! Das seiner Funktion, die aber keinen Sinn ergaben, weil ich sie nicht
ganze Gebilde war quadratisch, und abgesehen von seiner in einen Bezugsrahmen einordnen konnte. Plötzlich erlangte ich
prägnanten Schönheit, war es für mich unbegreiflich. Meine wieder mein normales Bewußtsein. Don Juan und Don Genaro
Beglückung war so heftig, daß ich weinen - oder für immer standen neben mir. Ich war müde. Ich suchte nach meiner Uhr;
hierbleiben wollte. Aber irgendeine Kraft oder Spannung oder sie war weg. Don Juan und Don Genaro lachten unbeschwert.
sonst etwas Undefinierbares zog an meinen Beinen. Plötzlich Don Juan meinte, ich solle mich nicht um die Uhrzeit kümmern
befand ich mich außerhalb des Bauwerks, immer noch auf dem und mich lieber darauf konzentrieren, gewisse Ermahnungen zu
Rücken liegend. Das gigantische Mädchen war da, aber bei ihr befolgen, die Don Genaro mir gegeben hatte.
war noch ein anderes Wesen, eine Frau, die so groß war, daß sie Ich wandte mich an Don Genaro, aber der machte nur einen
bis in den Himmel reichte und die Sonne verdunkelte. Witz. Er sagte, die wichtigste Ermahnung sei, daß ich lernen
Verglichen mit ihr war das gigantische Mädchen nur eine müsse, mit dem Finger zu schreiben, um Bleistifte zu sparen
Zwergin. Die große Frau war böse. Sie packte das Bauwerk an und um angeben zu können.
einer seiner Säulen, hob es auf, drehte es um und stellte es auf Eine Weile hänselten sie mich noch wegen meinen Aufzeich-
nungen, und dann schlief ich ein.
den Boden. Es war - ein Schemel! Diese Erkenntnis wirkte wie
ein Katalysator auf mich; sie löste einige überraschende
Erkenntnisse aus. Ich durchlief eine Reihe von Bildern, die Don Juan und Don Genaro hörten sich den ausführlichen
zwar nicht zusammenhingen, aber als Sequenz aufgefaßt werden Bericht meiner Erlebnisse an, den ich ihnen am nächsten
konnten. Schlag auf Schlag erkannte ich, daß der wundervolle, Morgen, auf Don Juans Aufforderung hin gab.
unbegreifliche Boden eine Strohmatte war; der gelbe Himmel »Genaro meint, daß du für diesmal genug hast«, sagte Don
war die Stuckdecke eines Zimmers; die Sonne war eine Juan, nachdem ich geendet hatte.
Glühbirne; das Bauwerk, das einen solchen Don Genaro nickte zustimmend.
Begeisterungstaumel bei mir ausgelöst hatte. war ein Stuhl, den »Welche Bedeutung hatte das, was ich gestern abend erlebt
ein Kind auf den Kopf gestellt hatte, um Häuschen zu spielen. habe?« fragte ich.
Noch einmal hatte ich eine zusammenhängende Vision einer »Du hast einen Blick auf den Kern der Zauberei geworfen«,
mysteriösen architektonischen Struktur von gewaltigen Pro- sagte Don Juan. »Gestern abend durftest du die Ganzheit
portionen. Sie stand allein im Raum. Sie sah beinahe aus wie deines Selbst erspähen. Aber im Augenblick ist dies für dich
die spitze Muschel einer Schnecke mit aufgerichtetem natürlich eine sinnlose Feststellung. Das Erreichen der Ganz-
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heit des Selbst ist offenbar nicht eine Frage des Wunsches nach mung damals noch nicht darauf abgerichtet war, sich der
Einsicht oder der Bereitschaft zu lernen. Genaro glaubt, daß gewünschten Form einzufügen«, sagte er.
dein Körper Zeit braucht, um das Flüstern des Nagual in dich
»War dies wirklich die Art, wie ich die Welt sah?« fragte
einsinken zu lassen.« Wieder nickte Don Genaro.
ich.
»Viel Zeit«, sagte er und wackelte mit dem Kopf. »Vielleicht
zwanzig oder dreißig Jahre.« »Gewiß!« sagte er. »Das war deine Erinnerung.«
Ich wußte nicht, was ich davon halten sollte. Ich schaute Don Ich fragte Don Juan, ob jener ästhetische Überschwang, der
Juan an und erwartete ein Stichwort. Beide zogen ein ernstes mich erfaßt hatte, ebenfalls Teil meiner Erinnerung gewesen
Gesicht. sei.
»Habe ich wirklich noch zwanzig oder dreißig Jahre Zeit?« »Wir erleben solche Visionen mit unseren heutigen Augen«,
fragte ich. sagte er. »Du hast diese Szene gesehen, wie du sie heute sehen
»Natürlich nicht!« schrie Don Genaro, und beide brachen in würdest. Doch es war nur eine Wahrnehmungsübung. Diese
schallendes Gelächter aus. Szene entstammte einer Zeit, als die Welt für dich zu dem
Don Juan sagte, ich solle wiederkommen, sobald meine innere wurde, was sie heute ist, aus einer Zeit, als ein Schemel zu
Stimme es mir befehlen werde, und in der Zwischenzeit solle einem Schemel wurde.«
ich versuchen, mich auf all die Empfehlungen zu besinnen, die Auf die andere Szene wollte er nicht näher eingehen.
sie mir gegeben hatten, während ich gespalten war. »Wie soll »Das war keine Erinnerung aus meiner Kindheit«, sagte
ich das anstellen?« fragte ich. »Indem du deinen inneren Dialog ich.
abstellst und irgend etwas in dir herausfließen und sich
»Ganz richtig!« sagte er. »Es war etwas anderes.« »War es
ausdehnen läßt«, sagte Don Juan. »Dieses Etwas ist deine etwas, was ich in Zukunft sehen werde?« fragte ich. »Es gibt keine
Wahrnehmung, aber versuche nicht. herauszufinden, was ich Zukunft!« rief er scharf. »Die Zukunft - das ist nur eine bildliche
damit meine! Laß dich einfach vom Flüstern des Nagual Redeweise. Für einen Zauberer gibt es nur das Hier und Jetzt.«
leiten!«
Ansonsten gebe es im Grunde nichts darüber zu sagen, meinte er,
Dann sagte er, ich hätte am Abend zuvor zwei grundverschie-
denn der Zweck dieser Übung sei gewesen, die Flügel meiner
dene Arten von Visionen gehabt. Die eine sei unerklärlich, die
Wahrnehmung zu entfalten, und obwohl ich nicht mit Hilfe
andere vollkommen klar, und die Reihenfolge, in der sie
dieser Flügel geflogen sei, hätte ich doch vier Punkte berührt,
aufgetreten seien, deute auf eine Bedingung hin, die uns allen die aus dem Blickwinkel meiner alltäglichen Wahrnehmung
wesenseigen sei. für mich unerreichbar gewesen seien. Ich fing an, meine Sachen
»Die eine Vision war das Nagual, die andere das Tonal«, fügte zu packen, um bald aufzubrechen. Don Genaro half mir, mein
Don Genaro hinzu. Notizbuch verstauen. Er legte es zuunterst in meine Tasche.
Ich bat ihn um weitere Aufklärung. Er sah mich an und klopfte
»Da wird's es warm und gemütlich haben«, sagte er augen-
mich auf den Rücken. Don Juan sprang ein und meinte, die zwinkernd. »Du kannst beruhigt sein, es wird sich keinen
ersten beiden Visionen seien das »Nagual« gewesen, und Don Schnupfen holen.«
Genaro habe einen Baum und den Fußboden zur
Dann aber schien Don Juan es sich mit meiner Abreise anders
Verdeutlichung gewählt. Die anderen beiden seien Visionen des
zu überlegen und fing an über mein Erlebnis zu sprechen. Ganz
»Tonal« gewesen, die er selbst ausgewählt habe; eine davon sei
automatisch versuchte ich, Don Genaro meine Aktentasche aus
meine Wahrnehmung als Kind. »Sie erschien dir als eine der Hand zu reißen, aber er ließ sie fallen, bevor ich sie berührt
fremde Welt, weil deine Wahrneh- hatte. Don Juan wandte mir, während er sprach,
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d e n R ü c k e n z u . Ic h sc h n a p p te m ir d ie T a sc h e u n d su c h te
hastig nach m einem N otizbuch. D on G enaro hatte es w irklich
so gut verstaut, daß ich es kaum zu fassen kriegte; schließlich
3.Teil
zo g ich es h ervo r u n d fin g an m itzu sch reib en . D o n Ju an u n d
D o n G en aro starrten m ich an .
D ie Erklärung der Zauberer
»D u b ist m iserab el in F o rm «, sagte D o n Ju an lach en d . »D u
k la m m e rst d ic h a n d e in N o tiz b u c h w ie e in S ä u fe r a n d ie
Flasche.«
»W ie eine liebende M utter an ihr K ind«, japste D on G enaro.
»W ie ein P riester an das K ruzifix«, steuerte D on Juan bei.
»W ie ein e F rau an ih r H ö sch en «, sch rie D o n G en aro . U nd so
fiel ihnen ein V ergleich um den anderen ein, w ährend sie m ich
unter schallendem G elächter zu m einem A uto geleiteten.
Drei Zeugen des Nagual

Nach Hause zurückgekehrt, stand ich wieder einmal vor der


Aufgabe, meine Feldnotizen zu ordnen. Je öfter ich die Ereig-
nisse rekapitulierte, desto eindringlicher wurde das, was Don
Juan und Don Genaro mich hatten erleben lassen. Ich stellte
aber fest, daß meine übliche Reaktion, nämlich mich in Be-
stürzung und Furcht über das, was ich durchgemacht hatte,
monatelang gehenzulassen, diesmal nicht so heftig war wie in
der Vergangenheit. Verschiedene Male versuchte ich vorsätz-
lich, wie ich es früher getan hatte, mich in Spekulationen und
sogar in Selbstmitleid zu ergehen; aber irgend etwas fehlte
diesmal. Ich hatte auch vorgehabt, mir eine Reihe von Fragen
aufzuschreiben, die ich Don Juan, Don Genaro oder sogar
Pablito vorlegen wollte. Das Projekt scheiterte aber, noch
bevor ich damit begonnen hatte. Irgend etwas in mir selbst
hinderte mich daran, mich auf Fragen und Grübeleien einzu-
lassen.
Ich hatte nicht gerade den Plan, Don Juan und Don Genaro
wieder aufzusuchen, aber andererseits schreckte ich auch nicht
vor dieser Möglichkeit zurück. Eines Tages aber, ohne daß ich
es mir lange überlegt hätte, spürte ich einfach, daß es Zeit war,
sie wieder zu besuchen.
Immer wenn ich mich in früheren Jahren bereit machte, nach
Mexiko zu fahren, hatte ich das Gefühl gehabt, daß es tausen-
derlei wichtige, dringende Fragen gab, die ich Don Juan stellen
wollte; diesmal belastete mich nichts dergleichen. Es war, als
ob die Überarbeitung meiner Notizen die Vergangenheit für
mich abgeschlossen und mich für das Hier und Jetzt der Welt
von Don Juan und Don Genaro vorbereitet hätte. Ich brauchte
nur ein paar Stunden zu warten, bis Don Juan mich auf dem
Marktplatz einer kleinen Stadt in den Bergen Zentralmexikos
»fand«. Er begrüßte mich sehr herzlich und rückte dann mit
einem Vorschlag heraus. Bevor wir zu Don Genaro fahren
würden, wolle er, meinte er, gern Don Genaros Lehrlingen,
Pablito und Nestor, einen Besuch abstatten. Als ich vom
Highway abbog, ermahnte er mich, besonders

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sorgfältig auf irgendwelche ungewöhnlichen Erscheinungen rig k e it h ä tte , m e in e n in n e re n D ia lo g n ic h t a b ste lle n z u k ö n n e n .
am Straßenrand oder auf der Straße selbst zu achten. Ich bat Je d e s W o rt, d a s e r sa g te , n a h m ic h in e in e m Z u sta n d inneren
ihn um genauere Anweisungen. S chw eigens auf. Ich verstand alles, und d o ch w ar ich unfähig zu
»Das geht nicht«, sagte er. »Das Nagual braucht keine genauen antw orten; es hätte m ich unglaubliche M ühe gekostet, zu
Anweisungen.« sp rechen und zu d enken. M eine R eaktio nen auf seine W o rte
Ich reagierte ganz automatisch und verlangsamte die Fahrt. Er w a re n n ic h t e ig e n tlic h G e d a n k e n , so n d e rn g a n z e G e -
lachte laut und bedeutete mir mit einer Handbewegung, ich fühlseinheiten, d ie ab er alle S innb ed eutung b esaß en, d ie ich in
solle weiterfahren. d e r R e g e l m it d e m D e n k e n in V e rb in d u n g b rin g e . E r flü ste rte ,
Als wir uns der Stadt näherten, wo Pablito und Nestor wohnten, e s se i se h r sc h w e r, a u s e ig e n e r K ra ft d e n W e g z u m »N a g u a l«
sagte Don Juan, ich solle anhalten. Mit einer fast unmerklichen z u b e sc h re ite n , u n d ic h h ä tte g ro ß e s G lü c k g e h a b t, d u rc h d e n
Kopfbewegung wies er mich auf eine Gruppe mäßig hoher N a c h tfa lte r u n d se in L ie d e in e n A n sto ß erhalten zu hab en.
Felsen am linken Straßenrand hin. »Dort ist das Nagual«, Ind em ich d ie E rinnerung an d en »R uf d es N a c h tfa lte rs«
flüsterte er. f e s t h i e l t , sa g te e r, k ö n n e ic h d ie se n z u H ilfe rufen.
Es war niemand zu sehen. Ich hatte erwartet. Don Genaro zu E n tw e d e r h a tte n se in e W o rte e in e u n w id e rste h lic h e S u g g e -
erblicken. Ich schaute noch einmal zu den Felsblöcken hinüber stiv k ra ft, o d e r v ie lle ic h t h a tte ic h m ir a u c h d a s W a h rn e h -
und suchte dann die Umgebung ab. Auch dort war niemand. Ich m ungsp häno m en, d as er als »R uf d es N achtfalters« b ezeichn e te ,
strengte meine Augen an, um irgend etwas zu entdecken, ein v e rg e g e n w ä rtig t, je d e n fa lls h a tte e r m ir k a u m se in e A n w e isu n g
kleines Tier, ein Insekt, einen Schatten oder eine sonderbare z u g e flü ste rt, a ls a u c h sc h o n je n e s e ig e n a rtig e , p o c h e n d e
Gesteinsformation - irgend etwas Ungewöhnliches. Nach einer G e rä u sc h h ö rb a r w u rd e . S e in e K la n g fü lle g a b m ir d a s G e fü h l,
Weile gab ich es auf und drehte mich zu Don Juan um. Ohne die a ls b e fä n d e ic h m ic h in e in e m F lü ste rg e w ö lb e . W ie d a s
Andeutung eines Lächelns hielt er meinem fragenden Blick G e rä u sc h la u te r w u rd e u n d n ä h e rrü c k te , b e m e rk te ic h a u c h - in
stand und stieß dann mit dem Handrücken meinen Arm an, um e in e m irg e n d w ie tra u m ä h n lic h e n Z u sta n d -, d a ß d o rt o b e n a u f
meine Aufmerksamkeit wieder auf die Felsblöcke zu lenken. d e n F e lse n sic h e tw a s b e w e g te . D o n G e n a ro h o c k te a u f e i n e m
Ich starrte zu ihnen hinüber, dann stieg Don Juan aus dem d e r B lö c k e . S e in e F ü ß e b a u m e lte n h e ra b ; u n d m it d e n
Wagen und forderte mich auf, ihm zu folgen und sie genauer A b sä tz e n h ä m m e rte e r g e g e n d e n F e ls u n d e rz e u g te e in
zu untersuchen. Langsam stiegen wir etwa sechzig Meter weit rh yth m isc h e s G e rä u sc h , d a s m it d e m »R u f d e s N achtfalters«
einen sanft geneigten Abhang zum Fuß der Felsen hinan. Dort synchro n zu sein schien. E r lächelte und w inkte m ir z u . I c h
blieb Don Juan stehen und flüsterte mir ins rechte Ohr. daß das v e rsu c h te ra tio n a l z u d e n k e n . I c h v e rsp ü rte d e n W u n sc h ,
»Nagual« mich genau an dieser Stelle erwarte. Ich sagte ihm. daß h e ra u sz u fin d e n , w ie e r d o rth in g e la n g t w a r u n d w ie so ic h ih n
ich. wie sehr ich mich auch anstrengte, lediglich die Felsen, n u n a u f e in m a l sa h , a b e r e s w o llte m ir n ic h t g e lin g e n , m e in e n
ein paar Grasbüschel und Kakteen entdecken könne. Er V e rsta n d in G a n g z u se tz e n . U n te r d ie se n U m ständen b lie b m ir
beteuerte aber, das »Nagual« sei da und warte auf mich. Er nichts anderes übrig, als ihn anzuschaue n , w ie e r lä c h e ln d d a sa ß
befahl mir, mich hinzusetzen, meinen inneren Dialog abzustellen u n d m it d e r H a n d w in k te . N a c h e in e r W e ile sc h ie n e r sic h
und den Blick, ohne mich zu konzentrieren, auf die Spitzen der a n z u sc h ic k e n , d e n ru n d e n F elsb lo ck herab zugleiten. I c h sah,
Felsblöcke zu richten. Er setzte sich neben mich, brachte seinen w ie er d ie B eine ansp annte u n d d ie F ü ß e in d ie ric h tig e S te llu n g
Mund an mein rechtes Ohr und flüsterte mir zu, daß das b ra c h te , u m a u f d e m h a rte n B o d e n z u la n d e n , w ie e r se in e n
»Nagual« mich gesehen habe, daß es da sei, auch wenn ich es R ü c k e n b o g , b is e r b e in a h d ie O b e rflä c h e d e s S te in s b e rü h rte ,
nicht entdeckte, und daß ich wohl nur die Schwie- u m S c h w u n g fü r
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das Herabgleiten zu bekommen. Aber plötzlich verharrte sein fe stste llte , d a ß ic h m it D o n G e n a ro a lle in w a r, e in e so lc h e
Körper auf halbem Weg. Ich hatte den Eindruck, daß er A ngst gepackt, daß ich ganz unbew ußt drei- oder vierm al um
irgendwo festhing. Er strampelte ein paarmal mit den Beinen, den W agen herum gelaufen w ar und nach D on Juan geschrien
als wollte er schwimmen. Anscheinend versuchte er, sich von hatte.
irgend etwas loszumachen, das ihn am Hosenboden festhielt. D o n G en aro sagte, w ir m ü ß ten P ab lito u n d N esto r ab h o len ,
Wie wild rieb er sich mit beiden Händen das Hinterteil. D on Juan w erde schon irgendw o unterw egs auf uns w arten.
Tatsächlich, es wirkte auf mich, als ob er sich von einem N a c h d e m ic h m e in e a n fä n glic h e F u rc h t ü b e rw u n d e n h a tte ,
schmerzhaften Griff zu befreien suchte. Ich wollte ihm zu sagte ich ih m , d aß ich m ich freu te, ih n zu seh en . E r h än selte
Hilfe eilen, aber Don Juan hielt mich am Arm zurück. Ich m ic h w e ge n m e in e r ü b e rtrie b e n e n R e a k tio n . D o n J u a n ,
hörte, wie er - beinahe keuchend vor Lachen - zu mir sagte: m ein te er, sei fü r m ich n ich t so etw as w ie ein V ater, so n d ern
»Beobachte ihn! Beobachte ihn!« eher eine M utter. E r gab ein paar unerhört kom ische Sprüche
Don Genaro strampelte, bog den Rumpf durch und wand sich u n d W o rtsp iele ü b er »M ü tter« zu m b esten . V o r L ach en b e-
von einer Seite zur anderen, als wenn er einen Nagel heraus- m erkte ich n ich t ein m al, d aß w ir P ab lito s H au s erreich t h atte n .
reißen wollte. Dann hörte ich einen lauten Knall, und er D o n G e n a ro h ie ß m ic h a n h a lte n u n d stie g a u s. P a b lito sta n d
schwebte - oder vielmehr: wurde geschleudert - dorthin, wo in d e r H a u stü r. E r k a m ge la u fe n , stie g e in u n d se tz te sich
Don Juan und ich standen. Er landete etwa zwei Meter vor mir neben m ich auf den B eifahrersitz. »A u f, jetzt zu N esto r.« sagte
auf den Füßen. Er rieb sich den Hintern und tanzte mit er, als o b er in E ile sei. Ich drehte m ich nach D on G enaro um .
schmerzverzerrtem Gesicht auf und ab, wobei er wüste Flüche E r w ar nicht m ehr da.
ausstieß. P ablito bat m ich m it beschw örender Stim m e, m ich zu beeilen.
»Der Stein wollte mich nicht loslassen und packte mich am W ir fu h ren an N esto rs H au s vo r. A u ch er w artete sch o n vo r
Arsch«, sagte er mit einfältiger Stimme. Ich wurde von der T ür. W ir stiegen aus. Ich hatte das G efühl, als w üßten die
unvergleichlicher Freude ergriffen. Ich lachte laut heraus. Ich beiden, w as vor sich ging.
stellte fest, daß meine Ausgelassenheit meiner geistigen »W ohin fahren w ir?« fragte ich.
Klarheit die Waage hielt. In diesem Augenblick hatte ein
»H a t G e n a ro e s d ir n ic h t ge sa gt? « fra gte P a b l i t o m ic h m it
umfassender Zustand gesteigerter Bewußtheit von mir Besitz
ungläubiger Stim m e.
ergriffen. Alles um mich her war kristallklar. Vorhin war ich,
wegen meines inneren Schweigens, schläfrig und Ich versicherte ihm , w eder D on Juan noch D on G enaro hätte
geistesabwesend gewesen. Aber dann hatte irgend etwas, das dergleichen erw ähnt.
mit Don Genaros plötzlichem Erscheinen zusammenhing, bei »W ir geh en zu ein em O rt d er K raft«, sagte P ab lito .
mir eine große Klarheit ausgelöst. »W as w erden w ir dort t u n ? «
Don Genaro rieb sich immer noch den Hintern und hüpfte auf W ie aus einem M und sagten die beiden, sie w üßten es n i c h t .
und ab; dann sprang er auf mein Auto zu, öffnete die Tür und N estor fügte hinzu, D on G enaro habe i h m aufgetragen, m ich
kroch auf den Rücksitz. an d iesen O rt zu fü h ren .
Automatisch drehte ich mich um und wollte etwas zu Don »W arst d u d en n n ich t b ei G en aro ? « fragte P ab lito .
Juan sagen. Er war nirgends zu sehen. Ich rief laut seinen Ich erzählte ihm , daß ich m it D on Juan zusam m engew esen sei,
Namen. Don Genaro sprang aus dem Auto, wobei er ebenfalls daß w ir unterw egs D on G enaro getroffen hätten und daß D on
mit schriller, sich überschlagender Stimme nach Don Juan Juan m ich m it ihm allein gelassen hätte.
schrie. Erst jetzt, während ich ihm zuschaute, erkannte ich. daß »W ohin ist D on G enaro verschw unden?« fragte ich P ablito. D och
er mein Verhalten nachäffte. Mich hatte nämlich, als ich P ablito w ußte gar nicht, w ovon ich sprach. E r hatte D on G enaro
nicht in m einem A uto gesehen.
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»Er ist mit mir zu dir gefahren«, sagte ich. »Ich glaube gar, du
lernten, daß es unmöglich sei, sich vorzustellen, für welchen
hattest das Nagual im Auto«, sagte Nestor erschrocken.
Platz man selbst sich entscheiden würde. »Man kann das deshalb
Er wollte sich nicht auf die Rückbank setzen und drängte sich
nicht, sagt Genaro, weil es nur richtige oder falsche
neben Pablito auf den Beifahrersitz.
Entscheidungen gibt«, sagte er. »Wenn du eine falsche
Auf der Fahrt herrschte Schweigen, nur von Nestors knappen Entscheidung triffst, dann weiß dein Körper das, und auch der
Richtungsangaben unterbrochen. Körper jedes anderen weiß es. Aber wenn du eine richtige
Ich wollte über die Ereignisse des Vormittags nachdenken, Entscheidung triffst, weiß der Körper es ebenfalls, und er
aber irgendwie wußte ich, daß jeder Versuch, sie zu erklären, entspannt sich und vergißt auf der Stelle, daß überhaupt eine
ein fruchtloses Sichgehenlassen meinerseits gewesen wäre. Ich Entscheidung getroffen worden ist. Du lädst deinen Körper
versuchte Nestor und Pablito in ein Gespräch zu verwickeln; wieder auf - wie ein Gewehr, weißt du - für die nächste
sie sagten, sie seien zu nervös, solange sie im Auto säßen, und Entscheidung. Wenn du deinen Körper noch einmal benutzen
wollten nicht sprechen. Ich freute mich über ihre ehrliche willst, um die gleiche Entscheidung zu treffen, dann funktioniert
Antwort und ließ sie in Ruhe. er nicht.«
Nachdem wir über eine Stunde gefahren waren, parkten wir
Nestor schaute mich an; anscheinend kam es ihm merkwürdig
den Wagen auf einer Nebenstraße und kletterten einen steilen vor, daß ich mitschrieb. Jetzt nickte er zustimmend, als wolle er
Berghang hinauf. Schweigend wanderten wir noch etwa eine Pablito beipflichten, und dann lächelte er zum erstenmal, seit
Stunde unter Nestors Führung, und dann machten wir am Fuß ich ihn kannte. Zwei von seinen oberen Zähnen waren
einer gewaltigen Felsklippe halt, die sich als beinahe senk- verwachsen. Pablito erklärte, daß Nestor keineswegs bösartig
rechte Wand etwa siebzig Meter hoch erhob. Mit halb ge- oder abweisend sei, sondern sich wegen seiner Zähne geniere
schlossenen Augen suchte Nestor den Boden ab, um einen und daß dies der Grund sei, warum er nie lächele. Nestor
geeigneten Platz zum Sitzen zu finden. Ich war mir peinlich lachte und hielt sich die Hand vor den Mund. Ich sagte ihm,
bewußt, wie unbeholfen er sich dabei bewegte. Pablito, der ich könne ihn zu einem guten Zahnarzt schicken, der seine
neben mir stand, schien mehrmals im Begriff zu sein, einzu- Zähne richten werde. Sie hielten den Vorschlag für einen Witz
schreiten und ihn zu korrigieren, doch er beherrschte sich und und lachten wie zwei Kinder.
nahm eine lockere Haltung an. Dann entschied Nestor sich »Genaro sagt, er muß seine Scheu allein überwinden«, sagte
nach kurzem Zögern für eine Stelle. Pablito seufzte erleichtert. Pablito. »Außerdem, sagt Genaro, soll er froh darüber sein. Die
Ich wußte, daß der Platz, den Nestor gewählt hatte, der richtige meisten Leute können nur normal beißen, aber Nestor kann mit
war, aber ich hatte keine Ahnung, wieso ich das wußte. Also seinen starken krummen Zähnen einen Knochen der Länge nach
beschäftigte ich mich mit dem Scheinproblem, mir spalten, und er kann dir ein Loch durch den Finger beißen,
vorzustellen, welche Stelle ich gewählt hätte, falls ich die wie mit einem Nagel.«
Führung gehabt hätte. Doch ich konnte mir nicht einmal Nestor öffnete den Mund und zeigte mir sein Gebiß. Der
ansatzweise ausmalen, wie ich dabei vorgegangen wäre. Pablito Schneidezahn und der Eckzahn oben waren einwärts gewachsen.
erkannte offenbar, was mich beschäftigte. »Das darf man Er klapperte mit den Zähnen, und dann schnappte und knurrte
nicht«, flüsterte er mir zu. Ich lachte verlegen, als habe er mich er wie ein Hund. Zwei- oder dreimal tat er so, als wolle er mich
bei etwas Unerlaubtem ertappt. Lachend erzählte Pablito, daß anfallen und beißen. Pablito lachte. Nie zuvor hatte ich Nestor
Don Genaro mit den beiden oft in den Bergen umhergewandert so unbeschwert erlebt. Die wenigen Male, die ich mit ihm
sei und jedem von ihnen von Zeit zu Zeit die Führung zusammengewesen war, hatte er auf mich wie ein Mann in
überlassen habe, damit sie mittleren Jahren gewirkt. Wie er n u n vor mir saß und mit
seinen schiefen Zähnen lächelte, staunte
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239

L,
ich üb er seine Jugend lichkeit. E r sah aus w ie ein junger M ann »W as so llen w ir hier t u n ? « fragte ich P ab lito . N e sto r
vo n A nfang Z w anzig. a n tw o rte te , a ls o b ic h d ie F ra g e a n ih n g e ric h te t hätte.
W ie d e r h a tte P a b lito m e in e G e d a n k e n g e n a u e rra te n . »E r legt »G enaro hat m ir gesagt, w ir m üssen h i e r w arten, und so lange
seine W ichtigtuerei ab «, sagte er. »D eshalb ist er jetzt jünger.« w ir w arten, so llen w ir lachen und uns vergnügen«, sagte er.
N e sto r n ic k te z u stim m e n d u n d lie ß , o h n e e in W o rt z u sa g e n , »W ie la n g e , g la u b st d u . m ü sse n w ir n o c h w a rte n ? « fra g te ich.
e in e n la u te n F u rz fa h re n . Ic h w a r e n tse tz t u n d lie ß m e in e n E r antw o rtete n i c h t , so nd ern schüttelte d en K o p f und schaute
B leistift fallen. P a b lito a n , a ls w o lle e r d ie F ra g e a n ih n w e ite rg e b e n . »K e in e
P a b lito u n d N e sto r k u g e lte n sic h v o r L a c h e n . N a c h d e m sie A h n u n g «, sa g te P a b lito .
sic h b e ru h ig t h a tte n , rü c k te N e sto r z u m ir h e ra n u n d z e ig te m ir D a n n v e rw ic k e lte n w ir u n s in e i n le b h a fte s G e sp rä c h ü b e r
e in e n se lb stg e b a u te n A p p a ra t, d e r e in k o m isc h e s G e räusch P a b lito s S c h w e ste rn . N e sto r z o g ih n w e g e n se in e r ä lte ste n
m achte, w enn m an ihn m it d er H and zusam m end rückte . G e n a ro , S chw ester auf und m einte, sie hab e e i n e n so b ö sen B lick, d aß
sa g te e r, h a b e ih m g e z e ig t, w ie m a n so e tw a s m a c h e . D ie sie m it d e n A u g e n L ä u se k n a c k e n k ö n n te . E r sa g te , P a b lito
V o rric h tu n g h a tte e in e n w in z ig e n B la se b a lg , u n d als Z unge hab e A ngst vo r ihr, d enn sie sei so stark, d aß sie ihm einm al in
d iente ein B latt o d er G ras, d as m an in einen S chlitz zw ischen e in e m W u ta n fa ll e i n B ü sc h e l H a a re a u sg e risse n h a b e , a ls o b
d en zw ei H o lzleisten steckte, d ie als L ip p en d ienten. D a s D in g e s H ü h n e rfe d e rn w ä re n .
m a c h te , w ie N e sto r m ir e rk lä rte , v e rsc h ie d e n e G e räusche, je P a b lito g a b z u . d a ß se in e ä lte ste S c h w e ste r w o h l e i n B ie st
nachdem , w as für ein B latt m an als Z unge verw end e te . E r g e w e se n se i, a b e r d a n n h a b e d a s »N a g u a l« i h r d e n K o p f
w o llte , d a ß ic h e s a u sp ro b ie rte , u n d z e ig te m ir, w ie m an d ie z u re c h tg e se tz t. N a c h d e m e r m ir d ie G e sc h ic h te e rz ä h lt h a tte ,
L ip p en zusam m enp ressen m uß te, um ein b estim m tes G e rä u sc h w ie sie w ie d e r z u r V e rn u n ft g e b ra c h t w o rd e n w a r, e rk a n n te
h e rv o rz u b rin g e n , u n d w ie m a n sie a u se in a n d e rz ie h e n m u ß te , ic h , d a ß P a b lito u n d N e sto r n ie m a ls D o n Ju a n b e im N a m e n
u m e in a n d e re s z u p ro d u z ie re n . »W o zu ist d as gut? « fragte ich. n a n n te n , so n d e rn i h n a ls d a s »N a g u a l« b e z e ic h n e te n . A n -
D ie b eid en w echselten einen B lick. scheinend h a t t e D o n Juan in P ab lito s L eb en eingegriffen und
»D a s ist se in G e ist-F ä n g e r, d u E se l«, fu h r P a b lito m ic h an. a l l e seine S chw estern d azu geb racht, e in harm o nischeres F a-
S e in T o n w a r g ro b , a b e r se in L ä c h e ln fre u n d lic h . D ie b e id e n m ilie n le b e n zu führen. N achdem das »N agual« sie sich vorge-
w aren eine eigenartig entnervend e M ischung aus D o n G enaro knö p ft hab e, sagte P ab lito , seien sie w ie H eilige gew o rd en.
u n d D o n Ju a n . N e sto r w o l l t e w isse n , w a s ic h m it m e in e n A u fz e ic h n u n g e n
N u n k a m m ir e in fu rc h tb a re r V e rd a c h t. S p ie lte n D o n Ju a n u n d v o r h ä t t e . I c h e r k l ä r t e den beiden m eine A rbeit. Ich hatte das
D o n G e n a ro m ir e tw a e in e n S tre ic h ? E in e n A u g e n b lic k la n g se ltsa m e G e fü h l, d a ß sie sic h w irk lic h fü r m e in e A u sfü h ru n gen
p a c k te m ic h d ie n a c k te A n g st. A b e r d a n n ra ste te irg e n d e tw a s in te r e s s ie r te n , und schließlich h ie lt ich ihnen einen gelehrt e n
in m e in e m In n e rn e in , u n d so fo rt w u rd e ic h w ie d e r ruhig. Ich V o rtrag üb er A nthro p o lo gie und P hilo so p hie. Ich kam m ir
w uß te j a , d aß P ab lito und N esto r i h r V erhalten am V o rb ild kom isch vor u n d w ollte aufhören, aber irgendw ie w ar ich so in
v o n D o n G e n a ro u n d D o n Ju a n a u sric h te te n . Ic h se lb st h a tte F a h rt g e k o m m e n , d a ß ic h m ic h n ic h t k u rz fa sse n k o n n te . Ic h
sc h o n fe stg e ste llt, d a ß ic h m ic h im m e r m e h r w ie d ie b e id e n h a tte d e n b e u n ru h ig e n d e n E in d ru c k , d a ß d ie b e id e n - w ie a u f
benahm . V e ra b re d u n g - m ic h z u d ie se r w e itsc h w e ifig e n E rk lä ru n g
P a b lito sa g te , d a ß e s e i n G lü c k fü r N e sto r se i, e in e n G e ist- n ö tig te n . S ie h ie lte n d ie A u g e n sta rr a u f m ic h g e ric h te t.
F ä n g e r z u h a b e n , u n d d a ß e r se lb st k e in e n b e sitz e . A nscheinend w urd e ihnen nicht langw eilig d ab ei. Ic h w a r
g e ra d e m itte n im D o z ie re n , a ls ic h w ie v o n w e ite m
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d e n »R u f d e s N a c h tfa lte rs« h ö rte . M e in K ö rp e r e rsta rrte , u n d ehern eine riesige schw arze G estalt. E s w ar, als o b d ie S träu-
ic h b e e n d e te m e in e n S a tz n ic h t m e h r. »D as N a g u a l ist d a«, c h e r se lb st a llm ä h lic h im m e r d u n k le r w ü rd e n , b is sie e in e
sagte ich m echanisch. N e sto r u n d P a b lito w e c h se lte n e in e n d ro hend e S chw ärze annahm en. D ie G estalt hatte keine klaren
B lic k , a u s d e m m ir d ie n a c k te A n g st z u sp re c h e n sc h ie n , u n d U m risse, aber sie bew egte sich. S ie schien zu atm en. Ich hörte
sp ra n g e n n e b e n m ic h , so d a ß sie m ic h fla n k ie rte n . Ih re M ü n d e r e in e n d u rc h M a rk u n d B e in g e h e n d e n S c h re i - d ie v e re in te n
sta n d e n o ffe n . S ie sahen aus w ie verängstigte K ind er. A n g stsc h re ie v o n P a b lito u n d N e sto r; u n d d a n n flo g e n d ie
D ann hatte ich eine unb egreifliche S innesw ahrnehm ung. M ein S träucher - oder die schw arze G e s ta lt, in die sie sich verw and e lt
lin k e s O h r fin g a n sic h z u b e w e g e n . Irg e n d w ie w a c k e lte e s h a tte n - a u f u n s z u .
g a n z v o n se lb st. E s d re h te m e in e n K o p f b u c h stä b lic h u m Ic h k o n n te m e in e F a ssu n g n ic h t m e h r b e w a h re n . Irg e n d w ie
n e u n z ig G ra d , b is ic h - w ie m ir sc h ie n - n a c h O ste n sc h a u te . b rach etw as in m ir zusam m en. D ie G estalt schw eb te erst üb er
M e in K o p f n e ig te sic h le ic h t n a c h re c h ts. In d ie se r H a ltu n g u n s, u n d d a n n v e rsc h la n g sie u n s. D a s L ic h t u m u n s h e r
k o n n te ic h d a s v o lle , p o c h e n d e G e rä u sc h d e s »N a c h tfa lte r- v e rd ü ste rte sic h . E s w a r, a ls se i d ie S o n n e u n te rg e g a n g e n .
R ufs« d eutlich hö ren. E s klang w ie vo n w eit her, aus no rd ö st- O d er als o b p lö tzlich d ie D äm m erung hereingeb ro chen w äre.
lic h e r R ic h tu n g . S o b a ld ic h e in m a l d ie R ic h tu n g fe stg e ste llt Ic h sp ü rte d ie K ö p fe v o n N e sto r u n d P a b lito u n te r m e in e n
h a tte , n a h m m e in O h r e in e u n g la u b lic h e F ü lle v o n G e rä u sc h e n A c h se ln ; in e in e m u n b e w u ß te n S c h u tz re fle x b re ite te ic h d ie
a u f. Ic h k o n n te a b e r n ic h t e rk e n n e n , o b e s E rin n e ru n g e n a n A rm e ü b e r sie — u n d d a n n stü rz te ic h sc h lin g e rn d n a c h
G e rä u sc h e w a re n , d ie ic h z u v o r e in m a l g e h ö rt h a tte , o d er hinten.
tatsächlich G eräusche, d ie im A ugenb lick entstand en. D ie O ffe n b a r sc h lu g ic h a b e r n ic h t a u f d e m F e lsb o d e n a u f, d e n n
S te lle , w o w ir u n s b e fa n d e n , la g a m z e rk lü fte te n W e sth a n g im nächsten A ugenb lick fand ich m ich aufrechtstehend w ied e r,
e in e r G e b irg sk e tte . N a c h N o rd o ste n g a b e s W ä ld e r u n d m it fla n k ie rt v o n P a b lito u n d N e sto r. D ie b e id e n , o b w o h l g rö ß e r
G eb irgssträuchern b estand ene F lecken. M ein O hr fing e in a ls ic h , sc h ie n e n g e sc h ru m p ft z u se in ; in d e m sie d ie B eine
G eräusch auf, d as aus d ie s e r R ichtung kam und sich anhö rte, und den R ücken krüm m ten, w aren sie tatsächlich k le in e r a ls ic h
a ls o b e in e sc h w e re M a sse ü b e r d a s G e ste in sta p fte . N e sto r u n d p a ß te n u n te r m e in e A rm e . V o r u n s sta n d e n D o n Ju a n u n d
u n d P a b lito re a g ie rte n e n tw e d e r a u f m e in V e rh a lte n , o d e r a u c h D o n G e n a ro . D o n G e n a ro s A u g e n g litz e rte n w ie
sie h ö rte n d ie se lb e n G e rä u sc h e . Ic h h ä tte sie g e rn gefragt, aber K a tz e n a u g e n in d e r N a c h t. D o n Ju a n s A ugen zeigten
ich w agte nicht zu sprechen; v ie lle ic h t gelang es m ir a u c h n u r d enselb en G lanz. S o hatte ich D o n Juan no ch nie gesehen. E r
n ic h t, m e in k o n z e n trie rte s L a u sc h e n z u u n te rbrechen. w ar w i r k l i c h furchterregend . N o ch m ehr als D on G enaro! E r
A ls d a s G e rä u sc h la u te r w u rd e u n d n ä h e rk a m , sc h m ie g te n erschien jünger und stärker als sonst. W ie ich d ie b e id e n
N e sto r u n d P a b lito sic h v o n b e id e n S e ite n a n m ic h . N e sto r a n sc h a u te , h a tte ic h d a s e n tse tz lic h e G e fü h l, d a ß sie nicht
schien am stärksten b eeind ruckt; sein K ö rp er z i t t e r t e unko n- M enschen w ie ich w aren.
tro llie rt. Irg e n d w a n n fin g m e in lin k e r A rm a n z u z a p p e ln . E r P ab lito und N esto r w im m erten leise vo r sich hin. D ann sagte
h o b sic h o h n e m e in Z u tu n , b is e r fa st a u f g le ic h e r H ö h e m it D on G enaro, w ir gäben e in B ild der D reifaltigkeit ab. Ich sei
m e in e m G e sic h t w a r, u n d z e ig te a u f e in e m it S trä u c h e rn d er V ater, P ab lito sei d er S o hn und N esto r d er H eilige G eist.
b e sta n d e n e S te lle . Ic h h ö rte e in v ib rie re n d e s K lirre n o d e r D o n Ju a n u n d D o n G e n a ro la c h te n d rö h n e n d . P a b lito u n d
D rö h n e n . E s w a r e in m ir v e rtra u te s G e rä u sc h ; v o r Ja h re n h a tte N esto r lächelten verlegen.
ic h e s e in m a l u n te r d e m E in flu ß e in e r p syc h o tro p e n P fla n z e D o n G e n a ro m e in te , w ir m ü ß te n u n s v o n e in a n d e r tre n n e n ,
v e rn o m m e n . N u n e n td e c k te ic h z w isc h e n d e n S trä u - d e n n U m a rm u n g e n se ie n n u r z w isc h e n M a n n u n d F ra u o d e r
zw ischen d em B auern und seinem E sel statthaft. Jetzt erkannte
ich, d aß ich im m er no ch an d er gleichen S telle
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stand und daß ich nicht, wie ich geglaubt hatte, nach rückwärts und weinen oder irgend etwas anderes tun, was meinen nor-
gestürzt war. Tatsächlich standen auch Nestor und Pablito an malen Reaktionen entsprochen hätte. Aber ich war wie blok-
der gleichen Stelle wie vorhin. kiert. Mein Wollen spielte sich nicht in der Form von »Den-
Don Genaro gab Pablito und Nestor mit dem Kopf ein Zei- ken« ab, so wie ich zu denken gewohnt war, daher konnte es
chen. Don Genaro bedeutete mir, ihnen zu folgen. Nestor auch keine emotionalen Reaktionen auslösen, wie sie zu haben
übernahm die Führung und wies mir, dann auch Pablito, einen ich gewohnt war.
Platz an. Wir setzten uns in gerader Linie, etwa fünfzig Meter Don Juan und Don Genaro stürzten herab. Daß sie das taten,
von der Stelle entfernt, wo Don Juan und Don Genaro reglos schloß ich aus dem unangenehmen Fallgefühl, das ich in der
am Fuß der Klippe standen. Wie ich sie so anstarrte, gerieten Magengrube verspürte.
meine Augen unwillkürlich außer Kontrolle. Ich wußte genau, Don Genaro blieb an der Stelle, wo er gelandet war, aber Don
daß ich schielte, denn ich sah vier Gestalten. Dann schob sich Juan kam zu uns und setzte sich hinter mich, zu meiner
das Bild Don Juans in meinem linken Auge über das Bild Don Rechten. Nestor kauerte am Boden, die Beine gegen den Leib
Genaros in meinem rechten Auge; das Ergebnis dieser Fusion angezogen; sein Kinn ruhte auf seinen Handflächen, und die
war, daß ich ein schillerndes Wesen zwischen Don Juan und Unterarme hatte er auf die Schenkel gestützt. Pablito saß mit
Don Genaro stehen sah. Es war kein Mensch, jedenfalls anders, leicht vorgebeugtem Rumpf da und drückte die Hände gegen
als ich normalerweise Menschen sehe. Eher war es ein weißer seinen Bauch. Erst jetzt bemerkte ich, daß ich die Unterarme
Feuerball; es war von einer Art Lichtfasern umgeben. Ich über dem Nabel gekreuzt hatte und meine Finge sich seitlich in
schüttelte den Kopf; das Doppelbild löste sich auf, und doch die Haut krallten. Mein Griff war so fest, daß mir die Seiten
blieb der Anblick von Don Juan und Don Genaro als schmerzten.
leuchtende Wesen bestehen. Ich sah zwei seltsame längliche, Don Juan sprach in einem abgehackten Murmeln, wobei er sich
leuchtende Objekte. Sie sahen aus wie weiße schillernde an uns alle wandte.
Fußbälle mit langen Fasern - Fasern, die ein eigenes Licht »Ihr müßt euren Blick auf das Nagual fixieren«, sagte er. »Alle
ausstrahlten. Gedanken und Wörter müssen weggefegt sein.« Dies
Die beiden leuchtenden Wesen erbebten. Ich sah sogar, wie wiederholte er fünf- oder sechsmal. Seine Stimme war mir
ihre Fasern zitterten, und dann schwirrten sie davon. Sie fremd und unbekannt; sie mutete mich buchstäblich wie die
wurden von einem langen Faden emporgezogen, einem Spinn- Schuppen einer Schlangenhaut an. Dieser Vergleich war eher
weben, das von der Spitze der Klippe herabzuschießen schien. ein Gefühl, kein bewußter Gedanke. Jedes seiner Worte
Mein Eindruck war, daß ein langer Lichtblitz oder ein leuch- blätterte ab wie Schuppen. Sie hatten einen so unheimlichen
tender Faden vom Felsen herabgeschossen war und sie aufge- Rhythmus; sie waren gedämpft, abgehackt, wie leises Husten,
hoben hatte. Diesen Ablauf nahm ich nicht nur mit den Augen, ein Befehl in Form eines rhythmischen Murmelns. Don Genaro
sondern auch mit dem Körper wahr. Ich konnte mir sogar die stand reglos. Wie ich ihn anstarrte, konnte ich meine Augen
gewaltigen Ungereimtheiten meiner Wahrnehmung nicht parallel halten und fing unwillkürlich an zu schielen. In
klarmachen, vermochte aber keine Spekulation darüber diesem Zustand bemerkte ich abermals ein seltsames Leuchten
anzustellen, wie ich es normalerweise getan hätte. So wußte an Don Genaros Körper. Meine Augen schlossen sich
ich, daß ich geradezu zum Fuß der Klippe hinüber schaute, und allmählich oder fingen an zu tränen. Don Juan kam mir zu
doch sah ich Don Juan und Don Genaro oben auf dem Gipfel, Hilfe. Ich hörte, wie er mir befahl, nicht die Augen zu schließen.
ganz so, als hätte ich den Blick um fünfundvierzig Grad Ich spürte einen leichten Schlag auf den Kopf. Anscheinend
gehoben. Ich wollte schon meiner Angst nachgeben, vielleicht hatte er ein Steinchen nach mir geworfen. Ich sah das
mein Gesicht in den Händen vergraben Steinchen neben mir über die Felsen springen. Er
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mußte wohl auch Nestor und Pablito getroffen haben; ich hörte sah, daß beide einen Stein in der Hand hielten, den sie sich
das leise Geräusch von weiteren Steinchen, die über die Felsen gegen den Nabel preßten. Ich überlegte, ob auch ich dies tun
kollerten. sollte, aber da sagte er mir, daß diese Vorsichtsmaßnahme zwar
Don Genaro nahm eine merkwürdige Tanzhaltung ein. Seine nicht für mich gelte, daß ich aber trotzdem einen Stein in
Knie waren gebeugt, die Arme seitlich ausgestreckt, die Finger Reichweite halten solle f ü r den Fall, daß mir übel würde. Don
gespreizt. Er schien im Begriff, herumzuwirbeln. Tatsächlich Genaro hob den Kopf, um mir zu sagen, ich solle Don Juan
machte er eine halbe Drehung, und dann zog es ihn nach oben. anschauen, und dann sagte er etwas Unverständliches; er
Ich hatte die deutliche Wahrnehmung, daß er wie vom Seil wiederholte es, und obgleich ich seine Worte nicht verstand,
eines riesigen Krans emporgezogen wurde, das seinen Körper wußte ich, daß es mehr oder minder die gleiche Formel war.
direkt zur Spitze der Klippe zog. Diese meine Wahrnehmung die Don Juan vorhin gesagt hatte. Mit den Wörtern hatte dies
seiner Aufwärtsbewegung war eine ganz komische Mischung eigentlich nichts zu tun; vielmehr schloß ich es aus dem
aus visuellen und körperlichen Eindrücken. Halb sah und halb Rhythmus, dem abgehackten Tonfall, dem Beinahe-Husten. In
fühlte ich seinen Flug zur Klippe hinauf. Da war etwas, es sah welcher Sprache Don Genaro auch reden mochte, ich war
oder fühlte sich an wie ein Seil oder ein kaum erkennbarer überzeugt, daß sie besser als das Spanische zu dem Stakkato
Lichtfaden, der ihn emporzog. Ich sah sein Hochfliegen nicht dieses eigenartigen Rhythmus paßte.
in dem Sinne, wie ich den Flug eines Vogels mit den Augen Don Juan tat anfangs genau dasselbe, was Don Genaro vorhin
verfolgt hätte. Seine Bewegung hatte keinen linearen Ablauf. getan hatte, aber dann, statt hinaufzuspringen, wirbelte er
Ich brauchte nicht den Kopf zu heben, um ihn im Auge zu herum wie ein Turner am Reck. Halb bewußt erwartete ich, er
behalten. Ich sah, wie das Seil ihn zog, dann spürte ich seine würde wieder auf den Füßen landen. Das tat er aber nicht. Sein
Bewegung in meinem Körper oder mit meinem Körper, und im Körper wirbelte immer weiter, ein paar Meter über dem
nächsten Augenblick stand er oben auf der Klippe, -zig Meter Boden. Zuerst kreiselte er ganz schnell, dann immer langsa-
über mir. Nach ein paar Minuten schwebte er herab. Ich spürte mer. Soviel ich sehen konnte, hing Don Juans Körper, genau
seinen Sturz und stöhnte unwillkürlich. wie vorhin Don Genaro, an irgendwelchen Lichtfäden. Jetzt
Dies wiederholte Don Genaro noch dreimal. Jedesmal war kreiselte er ganz langsam, als wollte er uns Gelegenheit geben,
meine Wahrnehmung deutlicher. Bei seinem letzten Sprung ihn ganz deutlich zu sehen. Dann schwebte er nach oben; er
nach oben konnte ich tatsächlich etliche Fäden erkennen, die stieg immer höher, bis er den Grat der Klippe erreicht hatte.
von seiner Körpermitte ausgingen, und aufgrund der Richtung, Don Juan schwebte tatsächlich, als ob er kein Gewicht hätte.
in die diese Fäden sich bewegten, konnte ich vorausahnen, Seine Drehungen waren sehr langsam und erinnerten an die
wann er nach oben oder nach unten springen würde. Wenn er Bilder von Astronauten, die sich im Weltraum schwerelos um
sich anschickte hinaufzuspringen, bogen die Fäden sich nach ihre eigene Achse drehen.
oben; das Gegenteil geschah, wenn er hinabspringen wollte; die Vom Hinschauen schwindelte mir. Es war ganz so, als habe
Fäden zeigten im Bogen nach unten. Nach seinem vierten meine einsetzende Übelkeit ihn angespornt, und er wirbelte
Sprung kam Don Genaro zu uns und setzte sich hinter Pablito jetzt immer schneller. Er entfernte sich von der Klippe, und
und Nestor. Dann trat Don Juan vor und stellte sich dorthin, wo als er nun immer schneller wurde, wurde mir vollends übel.
Don Genaro gestanden hatte. Dort stand er eine Weile Ich packte den Stein und drückte ihn mir gegen den Bauch. Ich
bewegungslos. Don Genaro gab Pablito und Nestor ein paar preßte, so fest ich konnte. Die Berührung half mir ein wenig.
kurze Anweisungen. Ich verstand nicht, was er sagte. Ich Der Griff nach dem Stein und das Anpressen hatten mir eine
spähte schnell zu ihnen hinüber und kurze Unterbrechung verschafft. Obwohl ich die Augen nicht
von Don Juan abgewandt hatte, war meine
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Konzentration doch zusammengebrochen. Bevor ich nach dem
Stein griff, hatte ich den Eindruck gehabt, daß das Tempo, mit
dem sein schwebender Körper sich inzwischen drehte, seine meinem übrigen Körper unabhängiges Leben zu führen schien.
Gestalt verwischte; er sah aus wie ein rotierender Diskus und Irgendein Gefühl in meinem Innern zwang mich, immer wieder
dann wie ein wirbelndes Licht. Nachdem ich den Stein gegen stehenzubleiben und mit meinem Ohr die Umgebung
meinen Leib gepreßt hatte, nahm seine Geschwindigkeit ab; er abzusuchen. Ich wußte, daß irgend etwas uns folgte. Es war
sah aus wie ein in der Luft schwebender Hut, wie ein auf- und eine schwere Masse; im Voranschreiten zermalmte es
abtrudelnder Papierdrachen. Die Drachenbewegungen waren kleinere Steine.
noch peinigender. Mir wurde unsäglich übel. Ich hörte das Nestor gewann halbwegs die Fassung wieder und konnte al-
Klatschen von Vogelschwingen und nach einer Weile der lein gehen, wobei er sich hin und wieder an Pablitos Arm fest-
Ungewißheit wußte ich, daß der Vorgang zu Ende war. hielt.
Mir war so schlecht, und ich war so erschöpft, daß ich mich Wir erreichten ein kleines Gehölz. Plötzlich hörte ich ein
zum Schlafen hinlegte. Wahrscheinlich war ich eine Weile extrem lautes Krachen. Es klang wie das Schnalzen einer
eingenickt. Ich öffnete die Augen, als jemand meinen Arm gigantischen Peitsche, die auf die Wipfel der Bäume nieder-
schüttelte. Es war Pablito. Er sprach mit gehetzter Stimme sauste. Ich spürte so etwas wie die Wellen eines Bebens über
und sagte, ich dürfe nicht einschlafen, denn wenn ich es täte, uns.
würden wir alle sterben. Er bestand darauf, wir müßten sofort Pablito und Nestor schrien und stolperten in höchster Eile
von hier weg. selbst wenn wir uns auf allen vieren fortschleppen davon. Ich wollte sie aufhalten. Ich war nicht sicher, ob ich in
müßten. Auch er schien körperlich erschöpft zu sein. Eigentlich der Dunkelheit würde laufen können. Aber in diesem Moment
hatte ich geglaubt, daß wir hier die Nacht verbringen würden. hörte und spürte ich mehrere schwere Atemzüge gleich hinter
Die Aussicht, in der Dunkelheit bis zum Auto zu laufen, mir. Meine Angst war grenzenlos. Alle drei rannten wir, bis
schreckte mich sehr. Ich versuchte Pablito umzustimmen, doch wir das Auto erreichten. Nestor führte uns einen mir
der benahm sich immer panischer. Nestor war es so übel, daß unbekannten Weg. Ich glaubte, ich sollte sie bei sich zu Hause
ihm alles gleich war. Pablito setzte sich in völliger absetzen und mir dann in der Stadt ein Hotel suchen. Um
Verzweiflung auf den Boden. Ich strengte mich an, meine keinen Preis der Welt wollte ich zu Don Genaros Haus fahren.
Gedanken zu ordnen. Inzwischen war es ziemlich dunkel, Aber weder Nestor noch Pablito und ich trauten uns aus dem
obwohl es noch hell genug war, um die Felsen um uns her zu Auto. Schließlich kamen wir zu Pablitos Haus. Er schickte
erkennen. Die Stille war köstlich und wohltuend. Ich genoß Nestor nach Bier und Cola, während seine Mutter und seine
den Augenblick sehr, aber plötzlich fuhr mein Körper hoch; ich Schwestern uns etwas zu essen machten. Nestor fragte im
hörte in der Ferne das Geräusch von knackenden Zweigen. Scherz, ob Pablito ihm nicht seine älteste Schwester als Schutz
Automatisch fuhr ich zu Pablito herum. Er schien zu wissen, mitgeben wolle, falls er von Hunden oder Trunkenbolden
was mit mir los war. Wir packten Nestor unter den Achseln angefallen würde. Pablito lachte und erzählte mir, daß Nestor
und zerrten ihn buchstäblich hoch. Wir rannten und schleppten ihm als Schützling anvertraut sei.
ihn mit. Er war anscheinend der einzige, der den Weg wußte. »Wer hat ihn dir anvertraut?« fragte ich. »Die Kraft
Von Zeit zu Zeit gab er uns knappe Anweisungen. natürlich!« antwortete er. »Einstmals war Nestor älter als ich,
Ich kümmerte mich nicht viel darum, was wir taten. Meine aber dann machte Genaro irgend etwas mit ihm, und jetzt ist er
ganze Aufmerksamkeit galt meinem linken Ohr, das ein von viel jünger. Das hast du doch gesehen, nicht wahr?«
»Was hat Genaro mit ihm gemacht?« fragte ich. »Weißt du, er
hat wieder ein Kind aus ihm gemacht. Er nahm
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sich zu wichtig und war zu verkrampft. Er wäre gestorben, Die Strategie eines Zauberers
falls er nicht jünger gemacht worden wäre.« Pablito hatte
etwas sehr Offenes und Gewinnendes an sich. Die Einfachheit
seiner Erklärung beeindruckte mich. Nestor war wirklich
jünger. Er sah nicht nur jünger aus, sondern er gab sich auch D o n Ju a n w a r in D o n G e n a ro s H a u s, a ls ic h d o rt sp ä t a m
wie ein unschuldiges Kind. Ich wußte zweifelsfrei, daß er sich V o rm itta g e in tra f. Ic h b e g rü ß te ih n .
wirklich so fühlte. »H e h , w a s w a r m it d ir p a ssie rt? G e n a ro u n d ic h h a b e n d e n
»Ich paß auf ihn auf«, fuhr Pablito fort. »Genaro sagt, es ist g a n z e n A b e n d a u f d ic h g e w a rte t«, sa g te e r. Ic h w u ß te , d a ß e r
eine Ehre, auf einen Krieger aufzupassen. Nestor ist ein guter S p a ß m a c h te . Ic h w a r u n b e sc h w e rt u n d g lü c k lic h . Ic h h a tte
Krieger.« m ic h syste m a tisc h g e w e ig e rt, ü b e r a ll d a s nachzugrüb eln, w as
Seine Augen leuchteten wie die von Don Genaro. Er schlug ich am V o rtag erleb t hatte. Jetzt ab er w ar m e in e N e u g ie r
mir kräftig auf den Rücken und lachte. »Wünsch ihm Glück, u n b e z ä h m b a r, u n d ic h b e stü rm te ih n m it F ragen.
Carlitos!« sagte er. »Wünsch ihm G l ü c k ! « »A ch, d as w ar eine einfache D em o nstratio n all d er D inge, d ie d u
Ich war sehr müde. Eine merkwürdige, glückliche Traurigkeit w isse n so llte st, b e v o r d u d ie E rk lä ru n g d e r Z a u b e re r
überflutete mich. Ich sagte ihm, ich käme aus einer Stadt, wo vernim m st«, sagte er. »W ie d u d ich gestern verhalten hast, d as
die Leute einander selten einmal Glück wünschen. »Ich weiß«, hat G enaro üb erzeugt, d aß d u genug p ersö nliche K raft gesp ei-
sagte er. »Mir ging es genauso. Aber jetzt bin ich ein Krieger, c h e rt h a st, u m z u r H a u p tsa c h e z u k o m m e n . A n sc h e in e n d h a st
und ich kann's mir leisten, ihm Glück zu wünschen.« d u se in e E m p fe h lu n g e n b e fo lg t. G e ste rn h a st d u d ie F lü g e l
d e in e r W a h rn e h m u n g n o c h n ic h t a u sg e b re ite t. D u w a rst ste if,
a b e r d u h a st d o c h d a s g a n z e K o m m e n u n d G e h e n d e s N a g u a l
w a h rg e n o m m e n . M it a n d e re n W o rte n , d u h a st g eseh en . N o c h
etw as hast d u b ew iesen, w as im A ugenb lick no ch w ichtiger ist
a ls d a s S eh en , u n d d a s w a r d ie T a tsa c h e , d a ß d u j e t z t d e in e
u n e rsc h ü tte rlic h e A u fm e rk sa m k e it a u f d a s N a g u a l ric h te n
k a n n st. U n d d ie s ist e s, w a s ü b e r d e n A u sg a n g d e r l e t z t e n
F ra g e , d e r E rk lä ru n g d e r Z a u b e re r, e n tsc h e id e n w ird . P ab lito
und du, i h r w erdet sie gleichzeitig erhalten. V on einem so guten
K rieger b egleitet zu w erd en, d as ist e i n G eschenk d er K raft.«
M ehr w o llte er anscheinend vo rläufig nicht sagen. N ach e i n i g e r
Z e it fra g te ic h ih n n a c h D o n G e n a ro . »E r ist d a «, sa g te e r. »E r
ist in s G e b ü sc h g e g a n g e n , u m d ie B e rg e e rb e b e n z u la sse n .«
In d ie se m M o m e n t h ö rte ic h in d e r F e rn e e in R u m p e ln , w ie
g e d ä m p fte n D o n n e r. D o n Ju a n sa h m ic h a n u n d la c h te .
E r h ie ß m ic h P la tz n e h m e n u n d fra g te , o b ic h g e g e sse n h ä tte .
D as hatte ich, also d rückte er m ir m ein N o tizb uch in d ie H and
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und führte mich zu Genaros Lieblingsplatz, einem großen Stein seit dem ersten Tag, als wir uns begegneten«, sagte er. »Un-
an der Westseite des Hauses, von wo aus man eine tiefe zählige Male habe ich dir gesagt, daß eine ganz grundlegende
Schlucht überblicken konnte. Änderung notwendig ist, wenn du den Weg des Wissens
»Jetzt aber brauche ich deine ganze Aufmerksamkeit«, sagte bestehen willst. Diese Veränderung ist keine Änderung der
Don Juan. »Aufmerksamkeit in dem Sinn, wie die Krieger Stimmung, der Einstellung oder des Äußeren. Diese Änderung
Aufmerksamkeit verstehen: eine echte innere Pause, um die erfordert die Transformation der Insel des Tonal. Diese
Erklärung der Zauberer voll in dich eindringen zu lassen. Wir Aufgabe hast du erfüllt.«
sind jetzt am Ende deiner Aufgabe angelangt. Du hast alle »Glaubst du, ich habe mich geändert?« fragte ich. Er
notwendigen Instruktionen erhalten, und jetzt mußt du inne- zögerte, dann lachte er auf.
halten, zurückblicken und deine Schritte überdenken. Die »Du bist so verrückt wie eh und j e«, sagte er. »Und doch bist
Zauberer sagen, dies ist das einzige Mittel, um die eigenen du nicht mehr derselbe. Siehst du, was ich meine?« Er machte
Siege zu festigen. Es wäre mir entschieden lieber gewesen, dir sich über mein Mitschreiben lustig und meinte, wie schade es
all dies an deinem eigenen Platz der Kraft zu sagen, aber sei, daß Don Genaro nicht da sei, der über die Absurdität, daß
Genaro ist dein Wohltäter, und sein Platz kann in diesem Fall ich mich anschickte, die Erklärung der Zauberer
noch wohltätiger für dich sein.« niederzuschreiben, viel zu lachen haben würde. »Jetzt, an
Was er meinen »Platz der Kraft« nannte, war ein Berggipfel in diesem Punkt, sagt der Lehrer normalerweise zu seinem
der Wüste Nordmexikos, den er mir vor Jahren einmal gezeigt Schüler, daß sie einen letzten Scheideweg erreicht haben«, fuhr
und mir »geschenkt« hatte. er fort. »Derlei ist aber irreführend. Meiner Meinung nach gibt
»Soll ich dir nur zuhören, ohne mitzuschreiben?« fragte ich. es keinen letzten Scheideweg, überhaupt keinen letzten Schritt,
»Das ist wirklich eine knifflige Frage«, sagte er. »Einerseits wohin auch immer. Und da es keinen solchen letzten Schritt
brauche ich deine ganze Aufmerksamkeit, und andererseits gibt, sollte es eigentlich auch kein Geheimnis um irgendeinen
mußt du ruhig und selbstsicher sein. Schreiben ist für dich das Teil unseres Geschicks als leuchtende Wesen geben. Die
einzige Mittel, um unbefangen zu bleiben, daher mußt du persönliche Kraft entscheidet, wer von einer Offenbarung
diesmal all deine persönliche Kraft aufbringen und diese profitieren kann und wer nicht. Meine Erfahrungen mit meinen
unmögliche Aufgabe vollbringen, du selbst zu sein, ohne du Mitmenschen haben mir gezeigt, daß nur sehr, sehr wenige
selbst zu sein.« bereit sind zuzuhören, und von denen, die zuhören, sind noch
Lachend schlug er sich auf die Schenkel. »Ich sagte dir ja weniger bereit, in ihrem Handeln zu befolgen, was sie gehört
schon, daß ich für dein Tonal verantwortlich bin und daß haben. Und von denjenigen, die bereit sind, entsprechend zu
Genaro für dein Nagual verantwortlich ist«, fuhr er fort. »Es handeln, haben noch weniger genügend persönliche Kraft, um
war meine Pflicht, dir bei allem zu helfen, was dein Tonal von ihren Handlungen zu profitieren. Das Geheimnis um die
betrifft, und alles was ich mit dir getan oder dir angetan habe, Erklärung der Zauberer reduziert sich mithin auf eine Routine -
geschah, um diese eine Aufgabe zu erfüllen, die Aufgabe, deine eine Routine, die vielleicht ebenso hohl und leer ist wie alle
Insel des Tonal leerzufegen und neu zu ordnen. Das war mein anderen auch. Jedenfalls weißt du jetzt um das Tonal und das
Job als dein Lehrer. Genaros Aufgabe als dein Wohltäter ist es, Nagual, sie sind der Kern der Erklärung der Zauberer. Dieses
dir unleugbare Demonstrationen des Nagual zu erteilen und dir zu wissen, erscheint ganz harmlos. Wir sitzen hier, sprechen
zu zeigen, wie man zu ihm gelangt.« »Was meinst du mit ganz harmlos darüber, als sei es nur ein alltägliches
Leerfegen und Neuordnen des Tonal?« fragte ich. »Ich meine Gesprächsthema. Du schreibst ruhig vor dich hin, wie du es
die totale Veränderung, von der ich dir erzähle, Jahre getan hast. Die Szene um uns her ist ein Bild des
Friedens. Es ist Nachmittag,
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ein herrlicher Tag, die Berge um uns her scheinen einen schüsselartigen Mulde und setzte sich dort bequem mit dem
schützenden Kokon zu bilden. Man braucht nicht ein Zauberer Rücken gegen den Fels, das Gesicht nach Nordwesten gewandt.
zu sein, um zu erkennen, daß dieser Platz, der von Genaros Er deutete auf eine andere Stelle, wo auch ich bequem sitzen
Kraft und Makellosigkeit kündet, der angemessene Hinter- konnte. So saß ich links neben ihm und schaute ebenfalls nach
grund ist, um die Pforte zu öffnen, denn das ist's, was ich heute Nordwesten. Der Fels war warm und vermittelte mir ein Gefühl
tun werde: dir die Pforte öffnen. Aber bevor wir den nächsten der Gelassenheit, der Geborgenheit. Es war ein milder Tag;
Schritt tun, ist eine faire Warnung angebracht. Der Lehrer ist eine sanfte Brise linderte sehr angenehm die Hitze der
gehalten, seinen Schüler in allem Ernst zu warnen, daß die Nachmittagssonne. Ich nahm den Hut ab. aber Don Juan
Harmlosigkeit und der Friede dieses Augenblicks Täuschung bestand darauf, ich solle ihn aufbehalten. »Du schaust jetzt in
sind, daß sich vor ihm ein bodenloser Abgrund auftut und daß, die Richtung deines eigenen Orts der Kraft«, sagte er. »Das ist
sobald die Pforte sich öffnet, keine Möglichkeit mehr besteht, eine Stütze, die dich vielleicht schützen wird. Heute brauchst
sie zu schließen.« Er machte eine Pause. du alle Stützen, die du mobilisieren kannst. Dein Hut ist
Ich fühlte mich unbeschwert und glücklich. Von hier, von Don vielleicht auch eine.« »Warum warnst du mich denn, Don
Genaros Platz der inneren Wahl aus, hatte ich eine atembe- Juan'1 Was soll denn eigentlich passieren?« fragte ich.
raubende Aussicht. Don Juan hatte recht; der ganze Tag und »Was hier und heute passieren wird, hängt davon ab, ob du
die Szenerie waren mehr als schön. Ich wollte seine Ermah- genug persönliche Kraft hast oder nicht, deine unerschütter-
nungen und Warnungen bedenken, aber irgendwie vereitelte liche Aufmerksamkeit auf die Flügel deiner Wahrnehmung zu
die Ruhe um mich her jeden Versuch in dieser Richtung, und konzentrieren«, sagte er.
ich gab mich der Hoffnung hin, daß er vielleicht nur von Seine Augen funkelten. Er schien erregter, als ich ihn je zuvor
metaphorischen Gefahren sprach. Plötzlich sprach Don Juan gesehen hatte. Ich fand, daß in seiner Stimme etwas Besonderes
weiter. lag, vielleicht eine ungewohnte Nervosität. Dieser Anlaß, sagte
»Die Jahre der harten Schulung sind nur eine Vorbereitung auf er. verlange von ihm. daß er hier, genau auf dem Platz der
die vernichtende Begegnung des Kriegers mit . . .« Wieder inneren Wahl meines Wohltäters, mir jeden Schritt
hielt er inne, sah mich mit zusammengekniffenen Augen an rekapituliere, den er in seinem Bemühen getan habe, mir beim
und lachte leise. Leerfegen und Neuordnen meiner Insel des »Tonal« zu helfen.
». . . mit dem, was da draußen liegt, jenseits dieses Punktes«, Diese Zusammenfassung war äußerst gründlich, und er brauchte
sagte er. dafür etwa fünf Stunden. In brillanter, klarer Form legte er
Ich bat ihn, seine dunklen Andeutungen zu erklären. »Die mir bündig Rechenschaft über alles ab, was er mit mir seit
Erklärung der Zauberer, die sich gar nicht wie eine Erklärung dem Tag, als wir uns begegneten, getan hatte. Es war, als sei
anhört, ist tödlich«, sagte er. »Sie erscheint harmlos und nett, ein Damm gebrochen. Seine Enthüllungen überraschten mich
aber sobald der Krieger sich ihr öffnet, führt sie einen Schlag gänzlich unvorbereitet. Ich hatte mich an die Rolle des
gegen ihn, den niemand parieren kann.« Er brach in lautes aggressiven Fragers gewöhnt; als daher Don Juan - der stets die
Lachen aus. Rolle des Zögernden gespielt hatte - mir eine so akademische
»Sei also auf das Schlimmste gefaßt, aber werde nicht unruhig Darstellung der wesentlichen Punkte seiner Lehren gab, da war
oder panisch!« fuhr er fort. »Du hast keine Zeit, und doch bist dies ebenso erstaunlich für mich wie die Tatsache, daß er in
du von Ewigkeit umgeben. Welch ein Paradox für deine Mexico City einen Anzug getragen hatte. Seine
Vernunft.« Don Juan stand auf. Er wischte den Staub aus einer Sprachbeherrschung, seine dramatische Pointierung, seine
glatten, Wortwahl waren so außerordentlich gekonnt, daß ich
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mir dies rational nicht erklären konnte. Er sagte, daß der Lehrer anderen«, sagte er. »Und zwar stoppt er dessen inneren Dialog.
an diesem Punkt ausschließlich zum einzelnen Krieger sprechen Dann übernimmt das Nagual die Führung. Daher die
müsse, daß die Art, wie er nun zu mir sprach, und die Klarheit Gefährlichkeit dieses Manövers! Sobald das Nagual vorherrscht,
seiner Erklärung Bestandteile seines letzten Tricks seien und und sei es nur für einen Moment, erlebt der Körper ein ganz
daß ich erst ganz am Schluß alles verstehen werde, was er mir unbeschreibliches Gefühl. Ich weiß, daß du endlose Stunden
entwickelte. Er sprach ohne Unterbrechung, bis er seine damit zugebracht hast, herauszufinden, was du empfunden hast,
zusammenfassende Darstellung beendet hatte. Und ich schrieb und daß du bis heute nicht dahintergekommen bist. Immerhin,
alles mit, ohne mich irgend bewußt anstrengen zu müssen. ich habe erreicht, was ich wollte. Ich habe dich eingefangen.«
»Laß mich dir gleich zu Anfang sagen, daß ein Lehrer nie Ich sagte ihm, ich könne mich immer noch gut daran erinnern,
Lehrlinge sucht und daß niemand um Unterweisung bitten wie er mich angestarrt hatte.
kann!« sagte er. »Es ist immer ein Omen, das einen Lehrling »Der Blick ins rechte Auge ist kein Anstarren«, sagte er.
bezeichnet. Ein Krieger, der womöglich im Begriff steht, ein »Eher ist es ein kräftiges Zupacken, das durch das Auge des
Lehrer zu werden, muß wachsam sein, um sein Quentchen anderen hindurch geschieht. Mit anderen Worten, man packt
Chance zu fassen. Ich sah dich, bevor wir uns begegneten. Du etwas, das hinter dem Auge ist. Man hat wirklich die körper-
hattest ein gutes Tonal, wie jenes Mädchen, das wir in Mexico liche Empfindung, daß man etwas mit dem Willen festhält.« Er
City trafen. Nachdem ich dich gesehen hatte, wartete ich, ganz kratzte sich am Kopf und schob sich den Hut ins Gesicht. »Das
ähnlich, wie wir an jenem Abend in Mexico City auf das ist natürlich nur eine bildliche Redeweise«, fuhr er fort. Ein
Mädchen gewartet haben. Das Mädchen ging vorbei, ohne uns Hilfsmitte, diese komischen körperlichen Empfindungen zu
Beachtung zu schenken. Dich aber führte ein Mann zu mir, der erklären.«
davonlief, nachdem er dummes Zeug von sich gegeben hatte. Er befahl mir, nicht weiterzuschreiben und ihn anzusehen. Er
Da standest du nun vor mir und redetest ebenfalls Blödsinn. Ich sagte, er werde jetzt mein »Tonal« mit seinem »Willen« ganz
wußte, daß ich schnell handeln und dich einfangen mußte. Etwas leicht »anfassen«. Das Gefühl, das ich nun empfand, war eine
Ähnliches hättest du selbst tun müssen, falls das Mädchen mit Wiederholung dessen, was ich bei unserer ersten Begegnung
dir gesprochen hätte. Also, ich packte dich mit meinem und bei anderen Gelegenheiten gespürt hatte, wenn Don Juan
Willen.« mir das Gefühl gegeben hatte, als berührte sein Blick mich
Don Juan spielte auf die ungewöhnliche Art und Weise an, wie tatsächlich körperlich.
er mich angeschaut hatte, als wir uns zum erstenmal »Aber wie machst du es, daß ich das Gefühl habe, als berührtest
begegneten. Er hatte den Blick auf mich fixiert, und ich hatte du mich, Don Juan? Was machst du wirklich?« fragte ich. »Es
ein unerklärliches Gefühl der Leere oder Betäubung empfun- läßt sich nicht genau beschreiben, was man dabei tut«, sagte er.
den. Ich konnte keine logische Erklärung für meine Reaktion »Irgend etwas schießt von irgendwo unter dem Magen hervor.
finden, und ich war stets überzeugt gewesen, daß ich ihn nach Dieses Etwas hat eine Richtung und kann auf alles mögliche
dieser ersten Begegnung nur deshalb wieder aufsuchte, weil ausgerichtet werden.«
dieser Blick mich verfolgte. Wieder hatte ich irgendwie das Gefühl, als faßte mich eine
»Das w a r das beste Mittel, um dich einzufangen«, sagte er. Pinzette an einer nicht näher auszumachenden Stelle. »Es
»Es war ein direkter Schlag gegen dein Tonal. Ich betäubte es, funktioniert nur, wenn der Krieger gelernt hat, seinen Willen
indem ich meinen Willen darauf konzentrierte.« »Wie hast du gezielt einzusetzen«, erklärte Don Juan, nachdem er den Blick
das gemacht?« fragte ich. »Der Blick des Kriegers richtet sich abgewandt hatte. »Es ist unmöglich, es zu üben, daher habe ich
auf das rechte Auge des dir nicht empfohlen oder dich gar ermuntert, es
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zu tun. Irgendwann im Leben eines Kriegers passiert es ein- er. »Es durchströmt es. Siehst du, die Aufmerksamkeit des
fach. Niemand weiß, wie es passiert.« Tonal muß auf seine Schöpfungen gelenkt werden. Eigentlich
Er schwieg eine Weile. Mir wurde ganz unbehaglich zumute. schafft überhaupt erst diese Aufmerksamkeit die Ordnung der
Aber plötzlich sprach Don Juan weiter. »Das Geheimnis liegt Welt. Das Tonal muß also aufmerksam auf die Elemente
im linken Auge«, sagte er. »Wenn ein Krieger auf dem Wege seiner Welt achten, um diese zu stützen, und muß vor allem
des Wissens bewandert ist, kann sein linkes Auge alles fassen. die Ansicht der Welt als innerer Dialog aufrechterhalten.« Das
Meist hat das linke Auge eines Kriegers ein merkwürdiges >Richtige Gehern, sagte er, sei eine List. Dabei lenkt der
Aussehen. Manchmal schielt er dauernd oder es wird kleiner Krieger, durch das Einkrümmen der Finger, seine Aufmerk-
als das andere, oder größer, oder irgendwie anders.« samkeit zuerst auf seine Arme. Und dann, indem er - ohne
Er schaute mich an und machte scherzhaft Anstalten, mein seinen Blick zu zentrieren - auf irgendeinen Punkt geradeaus
linkes Auge zu untersuchen. In gespielter Mißbilligung schüt- vor ihm auf einem an seinen Fußspitzen beginnenden und über
telte er den Kopf und lachte. dem Horizont endenden Bogen schaut, überflutet er
»Sobald der Lehrling eingefangen ist, beginnt die Unterwei- buchstäblich sein »Tonal« mit Informationen. Das »Tonal«,
sung«, fuhr er fort. »Die erste Handlung des Lehrers besteht sagt er, könne dann, ohne unmittelbaren Kontakt mit den
darin, daß er dem Schüler die Vorstellung vermittelt, daß die Elementen seiner Beschreibung, nicht mehr mit sich selbst
Welt, die wir zu sehen glauben, nur eine Ansicht, eine Be- sprechen, und so entstehe das innere Schweigen. Es komme
schreibung der Welt ist. Alle Bemühungen des Lehrers zielen dabei gar nicht auf eine bestimmte Stellung der Finger an,
darauf ab, dem Schüler dies zu beweisen. Aber es zu akzeptieren erklärte Don Juan. Es gehe lediglich darum, durch das
scheint uns schwerer zu fallen als alles andere. Selbstgefällig sind Anspannen der Finger in verschiedenen ungewohnten
wir in unserer partiellen Weltansicht befangen, die uns zwingt, Haltungen die Aufmerksamkeit auf die Arme zu lenken; das
so zu fühlen und zu handeln, als wüßten wir alles über die Welt. einzig Wichtige sei, daß die unkonzentriert blickenden Augen
Vom allerersten Augenblick an bezweckt der Lehrer mit all eine Unmenge Bilder von der Welt auffangen, ohne sie klar zu
seinem Tun, diese Ansicht zu stören. Die Zauberer nennen es sehen. In diesem Zustand, fügte er hinzu, könnten die Augen
>den inneren Dialog anhalten<, und sie sind davon überzeugt, Details aufnehmen, die zu flüchtig für die normale Beobach-
daß dies die allerwichtigste Technik ist, die der Lehrling lernen tung seien.
kann. »Zusammen mit dem >Richtigen Gehen<«, fuhr Don Juan fort,
Um einer Weltansicht ein Ende zu setzen, der wir vo n der »muß der Lehrer eine andere, noch schwierigere Fähigkeit
Wiege an gehorchen, genügt es nicht, dies nur zu wollen. Wir lehren, nämlich die Fähigkeit, zu handeln, ohne zu glauben,
brauchen dazu eine praktische Aufgabe. Diese Aufgabe ist das ohne Belohnung zu erwarten - einfach drauflos zu handeln.
>Richtige Gehen<. Das erscheint harmlos und unsinnig. Wie Ich übertreibe wohl nicht, wenn ich dir sage, daß der Erfolg
alles, was Kraft in sich trägt oder selbst Kraft ist, entgeht das eines Lehrers davon abhängt, wie gut und wie harmonisch er
>Richtige Gehen< unserer Aufmerksamkeit. Du hast es, seinen Lehrling in dieser Hinsicht leitet.« Ich sagte Don Juan,
zumindest viele Jahre lang, als eine komische Verhaltensweise ich könne mich nicht daran erinnern, daß er je das
verstanden und aufgefaßt. Erst letzthin dämmerte dir, daß es »Draufloshandeln« als besondere Technik behandelt hätte;
das wirksamste Mittel ist, deinen inneren Dialog anzuhalten.« höchstens seien mir seine häufigen, aber unzusammenhängenden
»Wie kann das >Richtige Gehen< den inneren Dialog anhal- Bemerkungen darüber präsent. Er lachte und meinte, dies sei
ten?« fragte ich. »Diese besondere Art zu gehen überflutet das ein so unauffälliger Kunstgriff gewesen, daß er bis heute
Tonal«, sagte meiner Aufmerksamkeit entgangen sei. Nun erinnerte er mich
an all die unsinnigen, beinahe
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scherzhaften Aufgaben, die er mir stets gestellt hatte, wenn ich mittelbaren Umgangs mit dem »Nagual« sei; ein Akt, der zwar
bei ihm war. Absurde Pflichten, bei denen ich Feuerholz in ein unvermeidliches Resultat der Unterweisung, aber als
symmetrischen Mustern anordnete, rund um sein Haus eine Aufgabe per se unerreichbar sei.
Linie konzentrischer Kreise mit dem Finger in den Sand »Warum war es denn wichtig, mich so auszutricksen?« fragte
zeichnete, Staub von einer Stelle zur anderen fegte usw. Dazu ich.
gehörten auch Aufgaben, die ich zu Hause erfüllen mußte: »Die Zauberer sind überzeugt, daß wir alle Toren sind«, sagte er.
eine schwarze Kappe tragen, den linken Schuh zuerst zubin- »Niemals können wir freiwillig unsere armselige Kontrolle
den, den Gürtel von rechts nach links schnallen usw. All dies aufgeben, darum müssen wir dazu getrickst werden.« Indem er
faßte ich stets nur als Scherzaufgaben auf, denn immer wenn meine Aufmerksamkeit auf eine Scheinaufgabe, nämlich das
ich mir so etwas zur regelmäßigen Gewohnheit gemacht hatte, »Sehen« lernen gelenkt habe, so seine Behauptung, habe er
meinte Don Juan, ich dürfe es ruhig wieder vergessen. zwei Dinge erreicht. Erstens habe er die direkte Begegnung mit
Als er nun all die Pflichten rekapitulierte, die er mir autge- dem »Nagual« umschrieben, ohne sie direkt zu erwähnen, und
geben hatte, erkannte ich, daß er, indem er mich zu so zweitens habe er mich mit einem Trick dazu gebracht, die
sinnlosen Routinehandlungen veranlaßte. mir tatsächlich einen wesentlichen Punkte seiner Lehren als Nebensächlichkeiten zu
Begriff davon vermittelt hatte, einfach zu handeln, ohne einen betrachten. Tatsächlich waren mir das »Auslöschen der
Nutzen davon zu erwarten. persönlichen Geschichte« und das »Träumen« nie so wichtig
»Doch der Schlüssel zur Welt der Zauberer ist das Anhalten erschienen wie das »Sehen«. Ich hielt sie eher für einen recht
des inneren Dialogs«, sagte er. »Alle übrigen Maßnahmen sind unterhaltsamen Zeitvertreib. Ich meinte sogar, daß ich für diese
nur Stützen. Sie bewirken eigentlich nichts anderes, als das Übungen die beste Begabung hätte. »Die beste Begabung . . .«
Anhalten des inneren Dialogs zu beschleunigen.« Um das sagte er spöttisch, nachdem er mich angehört hatte. »Ein
Anhalten des inneren Dialogs zu beschleunigen, gebe es zwei Lehrer darf nichts dem Zufall überlassen. Ich sagte dir ja, daß
besonders wichtige Techniken: das Auslöschen der du recht hattest, als du glaubtest, ausgetrickst zu werden. Das
persönlichen Geschichte und das »Träumen«. Er erinnerte Problem war nur, daß du überzeugt warst, dieses Austricksen
daran, daß er mir zu Beginn meiner Lehrzeit verschiedene sei dazu bestimmt, deine Vernunft irrezuführen. Für mich war
spezifische Methoden zur Veränderung meiner Persönlichkeit das Austricksen nur ein Mittel, deine Aufmerksamkeit
empfohlen hatte. Ich hatte sie in meinen Aufzeichnungen abzulenken oder einzufangen, je nachdem, wie es erforderlich
festgehalten und dann jahrelang vergessen, bis ich ihre Bedeu- war.« Er sah mich mit zusammengekniffenen Augen an und
tung erkannte. Diese spezifischen Methoden erschienen mir vollführte eine rasche kreisförmige Handbewegung. »Das
zuerst als höchst idiosynkratische Maßnahmen, die mich zwingen Geheimnis von alledem ist unsere Aufmerksamkeit«, sagte er.
sollten, mein Verhalten zu modifizieren. Die Kunst eines »Was meinst du damit, Don Juan?«
Lehrers bestehe darin, erklärte er, die Aufmerksamkeit des »All dies existiert nur aufgrund unserer Aufmerksamkeit.
Lehrlings von den Hauptsachen abzulenken. Ein schlagendes Dieser Stein, auf dem wir hier sitzen, ist ein Stein, weil wir ge-
Beispiel dafür sei die Tatsache, daß ich bis heute nicht erkannt zwungen sind, ihm als Stein Aufmerksamkeit zu schenken.«
hätte, daß er mich tatsächlich durch einen Trick zum Erlernen Ich bat ihn, diese Vorstellung genauer zu erklären. Er lachte
einer der wichtigsten Techniken gebracht hatte: zu handeln, und drohte mir scherzhaft mit dem Finger. »Dies ist eine
ohne Belohnung zu erwarten. Gemäß dieser Regel, sagte er, Zusammenfassung«, sagte er. »Für Fragen ist später noch
habe er mein Interesse für das »Sehen« geweckt, welches - Zeit.«
genaugenommen - ein Akt un-
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N ur w eil er m ich gekö d ert hab e, sagte er, hätte ich angefang e n , heftiger Charakter und hätte mich ohne weiteres aus Ver-
m ic h fü r d a s A u slö sc h e n d e r p e rsö n lic h e n G e sc h ic h te und d as zweiflung umbringen können.
»T räum en« zu interessieren. E r sagte, d aß d ie F o lgen d ieser »Was für ein komischer Kauz du doch bist, Don J uan«,
zw ei T echniken ganz verheerend seien, w enn m an sie witzelte ich, und er brach in ein unbändiges Lachen aus. Um
a u ssc h lie ß lic h ü b te , u n d d a ß se in e S o rg e fo lg lic h d ie S o rg e dem Schüler zu helfen, seine persönliche Geschichte
jedes L ehrers gew esen sei, näm lich den L ehrling nichts t u n zu auszulöschen, so erläuterte er, werde dieser in drei weiteren
lassen, w as ihn in geistige V erw irrung und D epression stürzen Techniken unterwiesen. Diese bezeichnete er wie folgt: das
könnte. Gefühl eigener Wichtigkeit verlieren, Verantwortung über-
»D as A uslöschen der persönlichen G eschichte und das Träum en nehmen und den Tod als Ratgeber benutzen. Ohne die förder-
so llte n n u r H ilfsm itte l s e i n « , sa g te e r. »W o ra u f d e r L e h rlin g liche Wirkung dieser drei Techniken würde das Auslöschen
sic h stü tz e n m u ß , d a s ist M ä ß ig u n g u n d S tä rk e . D eshalb führt der persönlichen Geschichte den Schüler nämlich unstet und
der L ehrer i h n in die L ebensw eise des K riegers e in . D ie se ist wankelmütig machen und ihn in unnötige Zweifel an sich
d e r L e im , d e r in d e r W e lt d e r Z a u b e re r a l l e s m ite in a n d e r selbst und seinen Handlungen stürzen.
v e rb in d e t. S tü c k u m S tü c k m u ß d e r L e h re r sie sc h m ie d e n u n d Don Juan fragte mich, was denn meine natürlichste Reaktion in
e n tw ic k e ln . O h n e d ie S ta n d h a ftig k e it u n d N üchternheit d er Augenblicken der Belastung, Frustration und Enttäuschung
L eb ensw eise d es K riegers ist es unm ö glich, d en W eg d es gewesen sei, bevor ich sein Schüler wurde. Seine eigene
W issens zu b estehen.« Reaktion, sagte er, sei heftige Wut gewesen. Die meinige sei
D as E rlernen d er L eb ensw eise d es K riegers, sagte D o n Juan, Selbstmitleid gewesen, sagte ich ihm.
se i d e r M o m e n t, d a d ie A u fm e rk sa m k e it d e s L e h rlin g s n ic h t »Obwohl es dir nicht bewußt wurde, mußtest du dir ein Bein
ab gelenkt, so nd ern im G egenteil eingefangen w erd en m üsse; ausreißen, um dieses Gefühl zu etwas für dich Selbstverständ-
u n d e r h a b e m e in e A u fm e rk sa m k e it e in g e fa n g e n , in d e m e r lichem zu machen«, sagte er. »Heute erinnerst du dich wohl
m ich, jedesm al w enn ich ihn besuchte, aus m einen gew ohnten nicht mehr an die gewaltige Anstrengung, die es dich kostete,
L eb ensum ständ en herausgerissen hab e. D as M ittel d azu w aren das Selbstmitleid als Merkmal deiner Insel zu begreifen. Das
unsere S treifzüge d urch d ie W üste und d ie B erge. D ie se r Selbstmitleid begleitete alles, was du tatest. Es stand dir immer
K u n stg riff, b e i d e m e r d e n Z u sa m m e n h a n g m e in e r zur Seite, bereit, dir Rat zu geben. Ein noch besserer Ratgeber
alltäglichen W elt veränderte, indem er m ich auf W anderungen ist für den Krieger der Tod, den man ebenfalls dazubringen
u n d a u f d ie Ja g d m itn a h m , w a r e in w e ite re s E le m e n t se in e s kann, alles, was man tut, zu begleiten, genau wie das
S ystem s, d as m ir entgangen w ar. D ie A uflö sung d es Z usam - Selbstmitleid oder den Zorn. Anscheinend hast du erst nach
m enhangs b ed eutete, d aß ich d en Ü b erb lick verlo r und m eine einem unsäglichen Kampf gelernt, dir wirklich leid zu tun.
A u fm e rk sa m k e it a u ssc h lie ß lic h a u f d a s ric h te n m u ß te , w a s Genauso kannst du aber auch lernen, dein drohendes Ende zu
D on Juan ta t. spüren, und mithin kannst du lernen, mit dem Gedanken zu
»W as für ein T rick! E h? « sagte er lachend . Ic h la c h te leben, daß dein Tod dir stets zur Seite steht. Als Ratgeber ist
re sp e k tv o ll. Ic h h a tte n ie e rk a n n t, d a ß e r sic h a ll d essen so das Selbstmitleid nichts im Vergleich mit dem Tod.«
b ew uß t w ar. Dann ging Don Juan auf den scheinbaren Widerspruch im
D a n n z ä h lte e r a lle M a ß n a h m e n a u f, d u rc h d ie e r m e in e Begriff der Veränderung ein. Einerseits verlange die Welt der
A u fm e rk sa m k e it e in g e fa n g e n u n d g e le n k t h a tte . A m E n d e Zauberer eine tiefgreifende Veränderung, und andererseits
seines B erichts fügte er hinzu, d er L ehrer m üsse d ie P ersö n- behaupte die Erklärung der Zauberer, daß die Insel des
lic h k e it d e s L e h rlin g s b e rü c k sic h tig e n , u n d in m e in e m F a ll »Tonal« komplett sei und kein einziges Element aus ihr
h a b e e r b e so n d e rs v o rsic h tig se in m ü sse n , d e n n ic h se i e in
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entfernt werden könne. Änderung bedeute also nicht, irgend- jetzt im Hintergrund bleiben, genau wie der Gedanke an
eines dieser Elemente auszutilgen, sondern vielmehr, eine deinen drohenden Tod oder deine Bescheidenheit oder deine
andere Verwendung davon zu machen. Verantwortung für deine Taten da waren, ohne je genutzt zu
»Nimm zum Beispiel das Selbstmitleid,« sagte er. »Es ist werden.«
unmöglich, es für immer loszuwerden. Es hat einen bestimmten Nachdem der Lehrling mit allen diesen Techniken bekannt
Platz und Charakter innerhalb deiner Insel, eine bestimmte, gemacht worden sei, sagte Don Juan, komme er an einen
erkennbare Fassade. Immer wenn die Gelegenheit sich bietet, Scheideweg. Je nach dem Grad seiner Sensibilität entscheide
wird daher das Selbstmitleid aktiv. Es hat eine Geschichte. er sich dann für eine von zwei Möglichkeiten. Entweder nehme
Wenn du also die Fassade des Selbstmitleids änderst, dann er die Empfehlungen und Vorschläge seines Lehrers
veränderst du damit nur seine Vorrangstellung.« Ich bat ihn, unbesehen an und handele, ohne Belohnung zu erwarten, oder
mir die Bedeutung seiner Metaphern zu erklären, vor allem die er fasse alles als Scherz oder als Verirrung auf. In meinem
Vorstellung einer Änderung der Fassade. Soviel ich verstand, Fall, sagte ich, habe mich das Wort »Techniken« irregeführt.
meinte sie wohl das gleichzeitige Spielen mehrerer Rollen. Ich hatte nämlich stets präzise Anweisungen erwartet, aber er
»Man verändert die Fassade, indem man die Verwendung der hatte mir nur vage Empfehlungen gegeben; daher konnte ich
Elemente der Insel ändert«, antwortete er. »Nehmen wir wieder sie nicht ernst nehmen oder gemäß seinen Maßgaben handeln.
das Selbstmitleid als Beispiel! Es war für dich nützlich, weil du »Das war dein Irrtum«, sagte er. »Darum mußte ich auch
dir entweder wichtig vorkamst und meintest, bessere entscheiden, ob wir Kraft-Pflanzen zu Hilfe nehmen sollten
Bedingungen und eine bessere Behandlung zu verdienen, oder oder nicht. Ebensogut hättest du nur diese vier Techniken
weil du nicht bereit warst, die Verantwortung für Handlungen anwenden und deine Insel des Tonal aufräumen und neu
zu übernehmen, die dich in jenen Zustand gebracht hatten, der ordnen können. Sie hätten dich zum Nagual geführt. Aber nicht
das Selbstmitleid auslöste, oder weil du es nicht fertig- allen Menschen ist es gegeben, auf einfache Empfehlungen zu
brachtest, den Gedanken an deinen drohenden Tod deine reagieren. Du, und ich selbst übrigens auch, wir brauchten
Handlungen begleiten und dich von ihm beraten zu lassen. Das etwas anderes, um uns wachrütteln zu lassen. Wir brauchten
Auslöschen der persönlichen Geschichte und die drei diese Kraft-Pflanzen.«
Hilfstechniken sind das Mittel, dessen die Zauberer sich be- Es hatte bei mir tatsächlich Jahre gedauert, bis ich die Bedeu-
dienen, um die Fassade der Elemente der Insel zu ändern. tung dieser ersten Empfehlungen Don Juans erkannte. Die
Indem du zum Beispiel deine persönliche Geschichte aus- außerordentliche Wirkung jener psychotropen Pflanzen hatte
löschtest, weigertest du dich, zum Selbstmitleid Zuflucht zu mir das Vorurteil eingegeben, daß deren Gebrauch der Schlüssel
nehmen. Damit dein Selbstmitleid funktionieren konnte, mußtest zur Lehre sei. An dieser Überzeugung hielt ich lange fest, und
du dich wichtig, unverantwortlich und unsterblich fühlen. Als erst in den späteren Jahren meiner Lehrzeit erkannte ich, daß die
diese Gefühle sich irgendwie änderten, war es dir nicht mehr bedeutsamen Veränderungen und Ergebnisse der Zauberei stets
möglich, dir leid zu tun. im Zustand nüchternen Bewußtseins erreicht werden.
Dasselbe gilt für alle anderen Elemente deiner Insel, die du »Was wäre passiert, falls ich deine Empfehlungen ernst ge-
geändert hast. Ohne den Einsatz dieser vier Techniken wäre es nommen hätte?« fragte ich. »Du wärst zum Nagual gelangt«,
dir nie gelungen, sie zu verändern. Aber das Verändern der antwortete er. »Aber wäre ich auch ohne einen Wohltäter
Fassaden bedeutet nur, daß man einem vorher wichtigen zum Nagual gelangt?«
Element einen zweitrangigen Platz zuweist. Dein Selbstmitleid
ist immer noch ein Merkmal deiner Insel. Dort wird es
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»Dafür sorgt die Kraft entsprechend deiner Makellosigkeit«, stets im Rahmen anthropomorpher Eigenschaften beschrieben
sagte er. »Hättest du diese vier Techniken ernsthaft geübt, dann und diskutiert hatte. Er hatte immer so von ihnen gesprochen,
hättest du genug persönliche Kraft gespeichert, um einen als hätten die Pflanzen eine eigene Persönlichkeit. Er
Wohltäter zu finden. Du wärst makellos geworden, und die erwiderte, dies sei ein vorgeschriebenes Mittel, um die Auf-
Kraft hätte dir alle nötigen Wege eröffnet. Das ist die Regel!« merksamkeit des Lehrlings vom Eigentlichen abzulenken,
»Warum hast du mir denn nicht mehr Zeit gelassen?« fragte nämlich dem Anhalten des inneren Dialogs. »Wenn sie nur
ich. benutzt werden, um den inneren Dialog anzuhalten, in welcher
»Du hattest soviel Zeit, wie du brauchtest«, sagte er. »Die Beziehung stehen sie dann zum Verbündeten?« fragte ich.
Kraft wies mir den Weg. Eines Nachts gab ich d ir ein Rätsel »Das ist schwer zu erklären«, sagte er. »Diese Pflanzen führen
auf. Du solltest deinen dir wohltätigen Platz vor meinem Haus den Lehrling direkt zum Nagual, und der Verbündete ist ein
finden. In dieser Nacht hast du dich unter dem Druck der Aspekt von diesem. Wir funktionieren ausschließlich mit dem
Situation hervorragend gehalten, und gegen Morgen bist du Vernunft-Zentrum, ganz gleich wer wir sind und woher wir
über einem ganz bestimmten Stein eingeschlafen, den ich kommen. Die Vernunft kann natürlich alles, was innerhalb
dorthin gelegt hatte. Die Kraft zeigte mir. daß du unbarmherzig ihrer Weltsicht geschieht, auf die eine oder andere Weise
angetrieben werden mußtest, sonst hättest du überhaupt nichts erklären. Der Verbündete ist etwas, das außerhalb dieser
getan.« Ansicht, außerhalb des Bereichs der Vernunft steht. Er kann
»Haben die Kraft-Pflanzen mir geholfen?« fragte ich. nur mit dem Willens-Zentrum erlebt werden, in Augenblicken,
»Selbstverständlich«, sagte er. »Sie öffneten dich, indem sie wenn unsere normale Ansicht außer Kraft gesetzt ist. Daher ist
deine Ansicht von der Welt unterbrachen. In dieser Hinsicht er, genaugenommen, das Nagual. Doch die Zauberer lernen
haben Kraft-Pflanzen dieselbe Wirkung auf das Tonal wie das manchmal, den Verbündeten auf sehr problematische Weise
>Richtige Gehen«. Beide überfluten es mit Informationen und wahrzunehmen, und dabei verstricken sie sich zu tief in eine
gebieten dem inneren Dialog Einhalt. Die Pflanzen eignen sich neue Weltansicht. Um dich vor diesem Schicksal zu bewahren,
hervorragend dazu, aber um einen hohen Preis. Sie fügen dem habe ich dir daher den Verbündeten nicht so dargestellt, wie
Körper unabsehbaren Schaden zu. Das ist ihr Nachteil, es die Zauberer in der Regel tun. Nach generationenlangem
besonders beim Teufelskraut« (Datura stramonium; Anm. des Gebrauch der Kraftpflanzen haben es die Zauberer gelernt, ihre
Ü bers.). Ansichten so weit zu erklären, wie sie überhaupt erklärbar
»W enn du doch w ußtest, daß sie so gefährlich sind, w arum sind. Ich möchte sagen, daß die Zauberer, indem sie ihren
hast du m ir so v ie l - so oft - davon gegeben?« fragte ich. E r Willen benutzten, ihre Ansichten der Welt erweitern konnten.
beteuerte, die E inzelheiten des V erfahrens seien von der K raft Mein Lehrer und mein Wohltäter waren die besten Beispiele
selbst vorgeschrieben w orden. O bw ohl die U nterw eisung bei dafür. Sie waren Männer von großer Kraft, aber sie waren
allen Lehrlingen dieselbe sein m üsse, sagte er, sei die keine Wissenden. Sie überwanden nie die Fesseln ihrer
R eihenfolge bei j e d e m verschieden, und außerdem habe er enormen Einsichten, und daher erreichten sie nie die Ganzheit
w iederholt A nzeichen dafür fe s tg e s te llt, daß ich v ie l Zw ang ihres Selbst, doch sie wußten darum. Es war nicht so, daß sie
brauchte, um überhaupt etw as ernst zu nehm en. »B ei dir hatte ein zielloses Leben geführt und Dinge beansprucht hätten, die
ich es m it einem vorw itzigen U nsterblichen zu tun, der ihnen nicht zugänglich waren. Sie wußten, daß der Zug für sie
keinerlei R espekt vor seinem Leben oder seinem T od h a tte « , abgefahren war und daß ihnen erst bei ihrem Tod das ganze
sagte er lachend. Ich brachte die T atsache zur S prache, daß er Geheimnis offenbart werden würde. Die Zauberei hatte ihnen
diese P flanzen die Tür einen Spaltbreit
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geöffnet, aber ihnen nie wirklich ermöglicht, jene unfaßbare erklären«, sagte er trocken. »Das Nachgrübeln über Erklä-
Ganzheit des Selbst zu erreichen. rungen würde uns genau dahin zurückwerfen, wo wir nicht
Ich habe dir genug von der Ansicht der Zauberer vermittelt, sein wollen, das heißt, wir würden wieder in eine Ansicht der
ohne dich durch sie gefangennehmen zu lassen. Ich sagte, nur Welt, diesmal allerdings in eine viel größere, zurückgeworfen.«
wenn man zwei Ansichten gegeneinander ausspielt, kann man Nachdem der innere Dialog des Lehrlings durch die Wirkung
zwischen ihnen hin- und herpendeln, um zur wirklichen Welt der Kraft-Pflanzen angehalten sei, sagte Don Juan, entwickle
zu gelangen. Ich meinte damit, man kann die Ganzheit seines sich für diesen eine auswegslose Situation. Der Lehrling be-
Selbst nur dann erreichen, wenn man vollkommen begreift, daß ginne seine ganze Lehrzeit zu bereuen. Wie Don Juan meinte,
die Welt lediglich eine Ansicht ist, ganz gleich, ob diese stelle sich auch beim bereitwilligsten Lehrling an diesem Punkt
Ansicht von einem normalen Menschen oder einem Zauberer ein gefährliches Nachlassen des Interesses ein. »Die Kraft-
vertreten wird. Pflanzen erschüttern das Tonal und bedrohen den
In diesem Punkt weiche ich von der Tradition ab. Nach einem Zusammenhalt der ganzen Insel«, sagte er. »Dies ist der
lebenslangen Kampf weiß ich, daß es nicht darauf ankommt, Augenblick, wo der Lehrling sich zurückzieht, und er tut gut
eine neue Beschreibung zu lernen, sondern die Ganzheit des daran. Er will sich aus diesem ganzen Chaos retten. Aber dies
Selbst zu erreichen. Man sollte das Nagual erreichen, ohne das ist auch der Augenblick, wo der Lehrer seine listigste Falle
Tonal zu schädigen, und vor allem, ohne seinen Körper zu stellt, und zwar mit Hilfe des würdigen Gegners. Diese Falle
verletzen. Als du jene Pflanzen einnahmst, vollführtest du dient zwei Zwecken. Erstens erlaubt sie dem Lehrer, seinen
genau dieselben Schritte wie ich damals. Der einzige Unter- Lehrling zu behalten, und zweitens bietet sie dem Lehrling
schied war, daß ich, statt dich in diese Erfahrung hineinzustürzen, einen Bezugspunkt, der ihm später nutzen wird. Die Falle ist
dich damit aufhören ließ, als ich den Eindruck hatte, daß du ein Kunstgriff, der einen würdigen Gegner ins Spiel bringt.
genügend Ansichten des Nagual gespeichert hattest. Das ist Ohne die Hilfe eines würdigen Gegners, der nicht eigentlich
auch der Grund, warum ich deine Begegnungen mit den Kraft- ein Feind, sondern ein sorgsam ausgewählter Gegenspieler ist,
Pflanzen niemals diskutieren oder zulassen wollte, daß du gibt es für den Lehrling keine Möglichkeit, auf dem Weg des
zwanghaft darüber sprachst. Ich hielt es für sinnlos, über das Wissens fortzuschreiten. Auch der Beste würde an diesem
Unaussprechliche zu debattieren. Dies waren echte Ex- Punkt aufgeben, bliebe die Entscheidung darüber ihm über-
kursionen in das Nagual, das Unbekannte.« Ich wandte ein, daß lassen. Ich gab dir als würdigen Gegner den besten Krieger,
mein Bedürfnis, über meine Wahrnehmungen unter dem den man finden kann, die Catalina.«
Einfluß psychotroper Pflanzen zu sprechen, durch mein Don Juan sprach von einer Zeit, sie lag Jahre zurück, als er
Interesse bedingt gewesen sei, eine eigene Hypothese zu mich in einen langwierigen Kampf mit einer indianischen
überprüfen. Ich war nämlich davon überzeugt, daß er mir mit Zauberin verwickelte.
Hilfe dieser Pflanzen Erinnerungen an unvorstellbare »Ich brachte dich in körperlichen Kontakt mit ihr«, fuhr er
Wahrnehmungsweisen vermittelt hatte. Diese Erinnerungen, fort. »Ich wählte eine Frau, weil du zu Frauen Vertrauen hast.
die mir zu der Zeit, als ich sie erlebte, wohl als idiosynkratisch Es war für sie sehr schwer, dieses Vertrauen auseinanderzu-
und weit entfernt von jedem Sinn erschienen, setzten sich nehmen. Nach Jahren gestand sie mir ein, daß sie lieber
später zu Sinn-Einheiten zusammen. Ich wußte, daß Don Juan aufgegeben hätte, denn sie mochte dich gern. Aber sie ist eine
mich jedesmal schlau und listig geleitet hatte und daß jede große Kriegerin, und trotz ihrer Gefühle wischte sie dich fast
Zusammenfügung von Sinn unter seiner Führung geschehen von dieser Erde. Sie nahm dein Tonal so nachhaltig auseinander,
war. »Ich möchte diese Ereignisse nicht überbewerten oder sie daß es niemals wieder so wurde wie zuvor. Ja, sie verän-
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derte die Gesichtszüge deiner Insel so tiefgreifend, daß ihre kommen. Ich hatte es in diesem Augenblick so empfunden,
Taten dich in eine andere Welt versetzten. Man möchte daß ich die Freiheit hatte, meiner Wege zu gehen, und ihm
meinen, sie selbst hätte deine Wohltäterin werden können, gegenüber nicht weiter verpflichtet war. So verließ ich ihn und
wäre es nicht so, daß du nicht dazu geschaffen bist, ein fuhr mit einer Mischung von traurigen und glücklichen
Zauberer ihrer Art zu werden. Irgend etwas stimmte nicht Gefühlen fort. Ich war traurig, daß ich Don Juan verließ, und
zwischen euch beiden. Du konntest keine Angst vor ihr haben. In doch war ich glücklich, all seine beunruhigenden
einer Nacht, als sie dich anfiel, verlorst du fast die Hosen, aber Machenschaften hinter mir zu lassen. Ich dachte an Los
trotzdem fühltest du dich zu ihr hingezogen. Für dich war sie Angeles und an meine Freunde und all die Routinege-
eine begehrenswerte Frau, ganz gleich, wie sehr du dich wohnheiten meines täglichen Lebens, die mich erwarteten,
fürchtetest. Das wußte sie. Ich habe dich einmal auf einem jene kleinen Routinen, die mir immer so viel Vergnügen
Marktplatz erlebt, wie du sie anschautest - du warst halb von gemacht hatten. Eine Weile fühlte ich mich sogar euphorisch.
Sinnen vor Angst, und doch versuchtest du, ihr zu schmeicheln. Das Unheimliche an Don Juan und seinem Leben lag hinter
Durch die Taten eines würdigen Gegners kann ein Lehrling mir, und ich war frei.
also entweder in Fetzen zerrissen oder radikal verändert Meine glückliche Stimmung hielt aber nicht lange an. Mein
werden. Die Handlungen der Catalina dir gegenüber - nachdem Wunsch, die Welt Don Juans zu verlassen, war unhaltbar.
sie dich nicht umbrachten, und zwar nicht, weil sie sich nicht Meine Routinen hatten ihre Macht eingebüßt. Ich versuchte an
genug angestrengt hätte, sondern weil du widerstandsfähig warst irgend etwas zu denken, was ich in Los Angeles tun wollte, aber
- hatten eine wohltätige Wirkung auf dich und ermöglichten dir da gab es nichts. Don Juan hatte mir einmal gesagt, daß ich
eine Entscheidung. mich vor Menschen fürchtete und gelernt hätte, mich zu
Der Lehrer bedient sich des würdigen Gegners, um den schützen, indem ich nichts erwartete. Er sagte, das Nichts-Er-
Lehrling zur Entscheidung seines Lebens zu zwingen. Der warten sei eine der besten Errungenschaften eines Kriegers. In
Lehrling muß sich zwischen der Welt des Kriegers und seiner meiner Dummheit hatte ich jedoch die Einstellung, nichts zu
alltäglichen Welt entscheiden. Aber es kann keine Entschei- erwarten, verallgemeinert und es dahin gebracht, nichts mehr
dung geben, solange der Lehrling nicht die Entscheidung als zu wollen. Dadurch war mein Leben langweilig und leer
solche begreift. Daher muß der Lehrer ein durchaus geduldiges geworden.
und verständnisvolles Verhalten zeigen und seinen Mann mit Er hatte recht, und während ich auf dem Highway nordwärts
sicherer Hand zu dieser Entscheidung hinführen, und vor allem brauste, überfiel mich schließlich mit voller Wucht eine unver-
muß er dafür sorgen, daß sein Lehrling die Welt und das Leben hoffte Traurigkeit. Ich begann die Reichweite meiner Ent-
eines Kriegers wählt. Ich habe das geschafft, indem ich dich bat, scheidung zu ermessen. Tatsächlich war ich im Begriff, für
mir zu helfen, die Catalina zu besiegen. Ich sagte dir, daß sie mein bequemes, langweiliges Leben in Los Angeles eine
vorhabe, mich zu töten, und daß ich deine Hilfe brauchte, um magische Welt der dauernden Erneuerung aufzugeben. Ich
sie loszuwerden. Ich gab dir eine faire Warnung hinsichtlich der erinnerte mich an meine leeren Tage. Besonders an einen
Konsequenzen deiner Entscheidung und Zeit genug, um zu Sonntag erinnerte ich mich. Den ganzen Tag über hatte ich
wählen, ob du es tun wolltest oder nicht.« mich unruhig gefühlt und nichts zu tun gehabt. Niemand von
meinen Freunden war gekommen, mich zu besuchen. Niemand
Ich erinnerte mich genau daran, daß Don Juan mir an diesem hatte mich zu einer Party eingeladen. Die Leute, die ich
Tag freie Wahl gegeben hatte. Falls ich ihm nicht helfen wolle, besuchen wollte, waren nicht zu Hause, und was das Schlimmste
hatte er gesagt, stünde es mir frei, zu gehen und nie wiederzu- war, ich hatte alle Filme, die in der Stadt liefen, bereits
gesehen. Am Spätnachmittag, in letzter Verzweiflung, durch-
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stöberte ich noch einmal den Veranstaltungskalender und fand ling sich versetzen müsse - als Mittel, um seine Ansicht der
schließlich einen Film, der mich nie gereizt hatte. Er lief in Welt nachhaltig zu beeinflussen. Ich selbst hatte diese Aufgabe
einer Stadt, fünfunddreißig Meilen entfernt. Ich fuhr hin, und mehr als einen vergnüglichen Scherz denn als ernste Le-
ich fand ihn scheußlich, aber das war immer noch besser, als benssituation aufgefaßt. Im Lauf der Zeit aber dämmerte mir,
nichts zu tun zu haben. daß ich sie ernst nehmen mußte.
Unter dem Einfluß von Don Juans Welt hatte ich mich »Nachdem der Lehrling seine Zauber-Aufgabe erhalten hat, ist
verändert. Eines zumindest stimmte: seit ich ihm begegnet er bereit, für eine andere Form der Unterweisung«, fuhr er fort.
war. hatte ich nie mehr Zeit gehabt, mich zu langweilen. Das »E r ist nun ein Krieger. In deinem Fall, damals, als du nicht
allein genügte mir; Don Juan hatte tatsächlich dafür gesorgt, mehr Lehrling warst, lehrte ich dich die drei Techniken, die
daß ich die Welt des Kriegers wählte. Ich kehrte um und fuhr beim Träumen helfen: das Unterbrechen der Lebensroutinen,
zurück zu seinem Haus. die Gangart der Kraft und das Nicht-Tun. Du warst sehr
konsequent, schwer von Begriff als Lehrling und schwer von
»Was wäre geschehen, falls ich mich entschieden hätte, nach Begriff als Krieger. Pflichteifrig schriebst du alles auf, was ich
Los Angeles zurückzukehren?« fragte ich. »Das wäre ganz sagte und was dir widerfuhr, aber du handeltest nicht genauso,
unmöglich gewesen«, sagte er. »Diese Wahl gab es nicht. Du wie ich es d i r aufgetragen hatte. Darum mußte ich dich
brauchtest lediglich eines zu tun - deinem Tonal erlauben, sich trotzdem mit Hilfe der Kraftpflanzen erschüttern.« Nun
bewußt zu werden, daß es bereits gewählt hatte, in die Welt der zeichnete Don Juan Schritt um Schritt nach, wie er meine
Zauberer einzutreten. Das Tonal weiß nicht, daß Aufmerksamkeit vom »Träumen« abgelenkt und mich glauben
Entscheidungen dem Bereich des Nagual angehören. Wenn wir gemacht hatte, das eigentlich wichtige Problem sei eine sehr
glauben, wir würden uns entscheiden, tun wir nichts anderes, schwierige Aktivität, die er als Nicht-Tun bezeichnete und die
als anzuerkennen, daß irgend etwas, das sich unserem aus einem Wahrnehmungsspiel bestand, bei dem ich meine
Verständnis entzieht, den Rahmen unserer sogenannten Aufmerksamkeit auf Merkmale der Welt richten mußte, die für
Entscheidung bereits abgesteckt hat und wir dies nur noch gewöhnlich übersehen werden, so etwa die Schatten der Dinge.
stillschweigend hinnehmen können. Im Leben eines Kriegers Don Juan sagte, es sei seine Strategie gewesen, das Nicht-Tun
gibt es nur eines, nur eine Frage, die wirklich unentschieden ist: hervorzuheben, indem er es mit dem striktesten Geheimnis
Wie weit kann einer auf dem Weg des Wissens und der Kraft umhüllte.
fortschreiten? Dies ist eine offene Frage, und niemand kann ihr »Wie alles andere auch, ist das Nicht-Tun eine sehr wichtige
Ergebnis voraussagen. Ich habe dir einmal gesagt, daß ein Technik, aber es war nicht das Eigentliche«, sagte er. »Du bist
Krieger nur die Freiheit hat, entweder makellos zu handeln oder auf die Geheimnistuerei hereingefallen. Du - ein Schwatzmaul
wie ein Narr zu handeln. Makellosigkeit ist wirklich die - mußtest ein Geheimnis für dich behalten!« Lachend meinte
einzige Tat, die frei ist, und mithin das wahre Maß für den er. er könne sich gut vorstellen, welche Qualen es mir bereitet
Geist eines Kriegers.« Don Juan sagte, nachdem der Lehrling haben mußte, meinen Mund zu halten. Das Unterbrechen der
seine Entscheidung getroffen habe, sich der Welt der Zauberer Routine, die Gangart der Kraft und das Nicht-Tun, sagte er,
anzuschließen, stelle der Lehrer ihm eine praktische Aufgabe, seien Mittel, um neue Wahrnehmungsweisen der Welt zu
er lege ihm eine Pflicht auf. die er in seinem alltäglichen lernen, und sie gäben dem Krieger eine Ahnung von
Leben erfüllen müsse. Diese Aufgabe, erklärte er, die stets auf ungeahnten Möglichkeiten des Handelns. Durch die
die Persönlichkeit des Lehrlings abgestimmt sein müsse, sei in Anwendung dieser drei Techniken, so Don Juans Vorstellung,
der Regel irgendeine ungewöhnliche Lebenssituation, in die der werde das Wissen um eine separate und pragmatische Welt
Lehr- des »Träumens« ermöglicht.
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»Das Träumen ist ein praktisches Hilfsmittel, das die Zauberer Wissen bereichert, das deine Vernunft herausforderte und ihr
ersonnen haben«, sagte er. »Sie waren keine Narren, sie entzogen war. Er nahm deine Ansicht der Welt auseinander,
wußten, was sie taten, und suchten nach Möglichkeiten, das obwohl du das immer noch nicht weißt. Auch in diesem Fall
Nagual zu nutzen, indem sie ihr Tonal trainierten, sozusagen hast du dich genauso verhalten wie im Falle der Kraft-Pflan-
einen Moment loszulassen und dann wieder zuzupacken. Dieser zen, die du mehr als notwendig brauchtest. Nur wenige An-
Satz wird dir kaum verständlich erscheinen. Aber das war es, sriffe des Nagual sollten genügen, um die Ansicht eines Men-
was du die ganze Zeit getan hast: du übtest dich, loszulassen, schen zu demontieren. Aber sogar heute noch, nach all diesem
ohne gleich den Kopf zu verlieren. Das Träumen ist Trommelfeuer des Nagual, scheint deine Ansicht unverletzlich zu
natürlich die Krone der Bemühungen der Zauberer, die sein. Seltsamerweise ist dies deine beste Eigenschaft. Alles in
höchste Möglichkeit, das Nagual zu nutzen.« Er zählte all die allem war es also Genaros Aufgabe, dich in das Nagual
Übungen des Nichts-Tuns auf, die er mich hatte durchführen einzuführen. Aber jetzt kommt eine komische Frage: Was
lassen, die Routinegewohnheiten meines täglichen Lebens, auf wurde da eigentlich in das Nagual eingeführt?«
die er mich hingewiesen hatte, damit ich sie unterbräche, und Augenzwinkernd drängte er mich, die Frage zu beantworten.
all die Gelegenheiten, da er mich zwang, mich in der Gangart »Meine Vernunft?«
der Kraft zu üben. »Wir kommen jetzt zum Ende meiner »Nein, die Vernunft ist hier belanglos«, antwortete er. »Die
Zusammenfassung«, sagte er. »Und jetzt müssen wir über Vernunft bricht in dem Augenblick zusammen, da sie sich
Genaro sprechen.« Don Juan sagte, es habe an dem Tag, als ich außerhalb ihrer engen, sicheren Grenzen befindet.« »Dann war
Don Genaro zum ersten Mal tr af, ein sehr bedeutsames es wohl mein Tonal?« sagte ich. »Nein, das Tonal und das
Omen gegeben. Ich sagte ihm, ich könne mich an nichts Nagual sind die zwei zusammengehörigen Teile unseres
Ungewöhnliches entsinnen. Er erinnerte mich daran, wie wir an Selbst«, sagte er scharf. »Sie können nicht ineinander
jenem Tag auf einer Bank im Park gesessen hatten. Davor habe übergeführt werden.« »Meine Wahrnehmung?«, fragte ich.
er erwähnt, sagte er, daß er auf einen Freund warte, den ich »Du hast es!« schrie er, als sei ich ein Kind, das die richtige
noch nie gesehen hätte, und daß ich dann, als dieser Freund Antwort getroffen hat. »Jetzt kommen wir zur Erklärung der
auftauchte, ihn inmitten einer großen Menschenmenge ohne Zauberer. Ich habe dich ja schon gewarnt, daß sie nichts
Zögern erkannt hätte. Das sei das Omen gewesen, das ihn erklären wird, und doch . . .«
hatte erkennen lassen, daß Don Genaro mein Wohltäter sei. Er machte eine Pause und sah mich mit strahlenden Augen an.
Jetzt, da er es sagte, erinnerte ich mich daran, daß ich, »Dies ist noch einer von den Tricks der Zauberer«, sagte er.
während wir dasaßen und uns unterhielten, mich plötzlich »Was meinst du? Was ist der Trick?« fragte ich, leicht beunruhigt.
umgedreht und einen kleinen, schlanken Mann gesehen hatte, »Die Erklärung der Zauberer, natürlich«, erwiderte er. »Das
der eine ungewöhnliche Vitalität oder Grazie oder einfach gute wirst du gleich selbst sehen. Aber laß mich fortfahren! Die
Laune ausstrahlte. Er war gerade um die Ecke in den Park Zauberer behaupten, daß wir in einer Blase stecken. In einer
gebogen. Scherzhaft aufgelegt, hatte ich zu Don Juan gesagt, Blase, in die wir im Augenblick unserer Geburt gesteckt
sein Freund sei im Anmarsch, und nach seinem Aussehen zu werden. Zuerst ist die Blase offen, aber dann beginnt sie sich
urteilen, sei er höchstwahrscheinlich ein Zauberer. »Von zu schließen, bis sie uns ganz eingeschlossen hat. Diese Blase
diesem Tag an hat Genaro stets geraten, was mit dir geschehen ist unsere Wahrnehmung. Unser Leben lang leben wir in
sollte«, fuhr Don Juan fort. »Als dein Führer zum Nagual gab
er dir makellose Demonstrationen, und jedesmal, wenn er als
Nagual eine Tat vollbrachte, warst du um ein
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dieser Blase. Und was wir an ihren gewölbten Wänden sehen, h a lb d e r B la se u n d d e r W o h ltä te r v o n a u ß e rh a lb a rb e ite t. D e r
ist unser eigenes Spiegelbild.« L e h re r o rd n e t d ie A n sic h t d e r W e lt n e u . D ie se A n sic h t h a b e
Er senkte den Kopf und sah mich schief an. Er kicherte. »Du ic h d ie In se l d e s T o n a l g e n a n n t. Ic h sa g te d ir, d a ß a lle s, w a s
kneifst«, sagte er. »Hier solltest du einen Einwand w ir sin d , sic h a u f d ie se r In se l b e fin d e t. D ie E rk lä ru n g d e r
machen.« Z a u b e re r sa g t n u n , d a ß d ie In se l d e s T o n a l d u rc h u n se re
Ich lachte. Irgendwie hatten seine Warnungen vor der Erklä- W a h rn e h m u n g e n tste h t, d ie g e sc h u lt ist, sic h a u f g e w isse
rung der Zauberer, zusammen mit der Erkenntnis des stau- E le m e n te z u k o n z e n trie re n . Je d e s d ie se r E le m e n te u n d a lle
nenswerten Grades seiner Bewußtheit, angefangen, bei mir zusam m en b ild en unsere A nsicht d er W elt. D ie A ufgab e eines
Wirkung zu zeigen. L ehrers, w as d ie W ahrnehm ung d es L ehrlings b etrifft, b esteht
»Welchen Einwand sollte ich denn machen?« fragte ich. d a r i n , a l l e E lem ente d er Insel auf d er einen H älfte d er B lase z u
»Wenn das, was wir an den Wänden sehen, unser eigenes v e rsa m m e ln . D u m u ß t in z w isc h e n e rk a n n t h a b e n , d a ß d a s
Spiegelbild ist, dann muß das, was gespiegelt wird, das Eigent- A ufräum en und N euo rd nen d er Insel d es T o n a l nichts and eres
liche sein«, sagte er lächelnd. b e d e u te t, a ls ih re E le m e n te a u f d ie S e ite d e r V ern u n ft u m zu -
»Das ist ein guter Einwand«, sagte ich in scherzendem Ton. g ru p p ieren . M e in e A u fg a b e w a r e s, d e in e a lltä g lic h e A n sic h t
Diesem Argument konnte meine Vernunft folgen. »Das, was u m z u o rd n e n , n ic h t sie z u z e rstö re n , so n d e rn sie z u z w in g e n ,
da reflektiert wird, ist unsere Ansicht der Welt«, sagte er. sic h a u f d e r S e ite d e r V ern u n ft z u sa m m e ln . D ie s h a st d u
»Diese Ansicht ist zuerst eine Beschreibung, die uns im b esser geschafft als irgend jem and , d en ich k e n n e . « E r
Augenblick unserer Geburt gegeben wird, bis unsere ganze z e ic h n e te e in e n im a g in ä re n K re is a u f d e n F e ls u n d t e i l t e ih n
Aufmerksamkeit von ihr gefangengenommen wird und die m itte ls e in e s v e rtik a le n D u rc h m e sse rs in z w e i H ä lfte n . E r sagte,
Beschreibung eine Ansicht wird. es sei d ie K unst eines L ehrers, seinen S chüler zu zw ing e n , se in e
Die Aufgabe des Lehrers ist nun, diese Ansicht umzuordnen, A n sic h t d e r W e lt a u f d e r re c h te n H ä lfte d e r B la se zu
das leuchtende Wesen auf den Zeitpunkt vorzubereiten, da der grup p ieren.
Wohltäter die Blase von außen her öffnet.« Wieder machte er »W a ru m d ie re c h te H ä lfte ? « fra g te ic h . »D a s ist d ie S e ite d e s
eine effektvolle Pause und beschwerte sich über meine T o n a l« , sa g te e r. »D e r L e h re r w e n d e t sic h im m e r a n d ie se
mangelnde Aufmerksamkeit, da ich offenbar nicht in der Lage S e ite , u n d in d e m e r se in e n L e h rlin g e in e rse its m it d e r
sei, eine passende Bemerkung zu machen oder Fragen zu L e b e n sw e ise d e s K rie g e rs b e k a n n t m a c h t, z w in g t e r ih n z u r
stellen. V e rn u n ftlo sig k e it u n d N ü c h te rn h e it, z u c h a ra k te rlic h e r u n d
»Welche Frage hätte ich denn stellen sollen?« fragte ich. k ö rp e rlic h e r S tä rk e . U n d in d e m e r ih n a n d e re rse its v o r
»Warum sollte die Blase geöffnet werden?« antwortete er. Er u n a u sd e n k b a re , a b e r re a le S itu a tio n e n ste llt, d ie d e r L e h rlin g
lachte laut auf und klopfte mir den Rücken, als ich sagte: »Das sic h n ic h t e rk lä re n k a n n , z w in g t e r ih n z u erkennen, daß seine
ist eine gute Frage.« V ernunft, obw ohl sie etw as ganz W underb ares ist, nur einen
»Natürlich! Sie muß dir ja gut vorkommen, denn sie ist ja eine kleinen B ereich erfassen kann. S o b ald d er K rieger m it seiner
von deinen Fragen.« U nfähigkeit ko nfro ntiert ist, alles vernünftig z u e rg rü n d e n , w ird
»Die Blase wird geöffnet, um dem leuchtenden Wesen den e r je d e A n stre n g u n g m a c h e n , se in e b e sie g te V ern u n ft z u
Anblick seiner Ganzheit zu gestatten«, fuhr er fort. »Natürlich stü tz e n u n d z u v e rte id ig e n , u n d z u d ie se m Z w e c k w ird e r a lle s,
ist das Ganze, die Bezeichnung als Blase, nur eine bildliche w a s e r h a t, u m sie v e rsa m m e ln . D afür so rgt d er L ehrer, ind em
Redeweise, aber in diesem Fall trifft sie buchstäblich zu. Das er ihn unnachsichtig b earb eitet, b is seine A nsicht d er W elt sich
schwierige Manöver, ein leuchtendes Wesen zur Ganzheit seines insgesam t auf d er einen H älfte d e r B la se b e fin d e t. D ie a n d e re ,
Selbst zu führen, verlangt, daß der Lehrer von inner- d ie fre ig e h a lte n e H ä lfte d e r
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B la se k a n n d a n n v o n e tw a s b e a n sp ru c h t w e rd e n , d a s d ie Unvermittelt wechselte er das Thema und bat mich, ihm einen
Z a u b e re r W ille n e n n e n . ausführlichen Bericht über meine Wahrnehmungen am Vortag
D ies läßt sich besser erklären, w enn w ir sagen, daß die A ufgab e zu geben, ausgehend von dem Augenblick, da ich Don Genaro
d es L ehrers d arin b esteht, d ie eine H älfte d er B lase reinzufe g e n auf einem Felsen neben der Straße hatte sitzen sehen. Er gab
u n d a lle s a u f d e r a n d e re n H ä lfte n e u z u o rd n e n . D ie A ufgab e keinerlei Kommentar von sich und unterbrach mich nicht. Als
d es W o hltäters ist es d ann, d ie B lase auf d er leergefegten S eite ich geendet hatte, fügte ich noch eine eigene Beobachtung an.
zu ö ffnen. S o b ald d as S iegel geb ro chen ist, ist d er K rieger nicht Am anderen Morgen hatte ich nämlich mit Nestor und Pablito
m ehr d er gleiche. D ann steht i h m seine G anzheit zu G eb o t. D ie gesprochen, und sie hatten mir von ihren Wahrnehmungen
H älfte d er B lase ist ganz und gar Z entrum d e r V ern u n ft, d a s berichtet, die den meinen ganz ähnlich waren. Ich meinte nun,
T o n a l. D ie a n d e re H ä lfte ist g a n z u n d g a r Z e n tru m d e s daß er selbst mir gesagt habe, das »Nagual« sei eine
W ille n s, d a s N a g u a l. D ie s ist d ie O rd n u n g , d ie vo rherrschen individuelle Erfahrung, die nur der Beobachter allein
s o llte . Jed e and ere V erteilung ist u n s i n n i g und schäb ig, w eil erleben könne. Am Vortag waren wir drei Beobachter gewe-
sie gegen unsere N atur v e r s t ö ß t . S ie raub t uns unser m agisches sen, und alle hatten wir mehr oder minder dasselbe erlebt. Die
E rbe und reduziert uns auf e in N ic h ts .« D o n Ju a n sta n d a u f, Unterschiede drückten sich nur in der Art aus, wie jeder von
re c k te A rm e u n d R ü c k e n , u n d l i e f um her, um seine M uskeln uns auf spezifische Einzelheiten des ganzen Phänomens rea-
zu lockern. Inzw ischen w ar es etw as kühl gew orden,. I c h fragte gierte oder was er dabei empfand.
i h n , ob w ir fertig seien. »W ieso? D ie S chau hat noch nicht »Was gestern geschah, war eine Demonstration des Nagual für
einm al angefangen!« r i e f er la c h e n d . »D a s w a r e rst d e r dich und für Nestor und Pablito. Ich bin ihr Wohltäter. Genaro
A n fa n g !« und ich haben zusammen bei euch allen dreien das Zentrum
E r sc h a u te z u m H im m e l u n d w ie s m it e in e r n a c h lä ssig e n der Vernunft ausgeschaltet. Genaro und ich hatten genügend
H and b ew egung nach W esten. Kraft, um euch zur Übereinstimmung über das zu bringen, was
»E tw a in einer S tund e w ird d as N a g u a l hier s e i n « , sagte er. E r ihr erlebtet. Vor einigen Jahren waren du und ich eines Nachts
setzte sich w ied er. mit einer Gruppe von Lehrlingen zusammen, aber ich allein
»E ine F rage haben w ir bisher ausgelassen«, fuhr er f o r t . »D ie hatte nicht genug Kraft, um euch alle dasselbe erleben zu
Z a u b e re r n e n n e n sie d a s G e h e im n is d e r le u c h te n d e n W e se n , lassen.«
u n d d ie se s ist d ie T a tsa c h e , d a ß w ir w a h rn e h m e n d e W e se n Er sagte, daß er aufgrund dessen, was ich ihm über meine
sind . W ir M enschen und alle and eren leuchtend en W esen auf Wahrnehmungen am Vortag berichtet und was er an mir
E rd e n sin d W a h rn e h m e n d e . D a s ist u n se re B la se , d ie B la se »gesehen« hatte, zu dem Schluß gekommen sei, daß ich für die
d e r W a h rn e h m u n g . U n se r Irrtu m ist, d a ß w ir g la u b e n , d ie Erklärung der Zauberer bereit sei. Pablito ebenfalls, setzte er
e in z ig a n e rk e n n e n sw e rte W a h rn e h m u n g se i d a s, w a s d u rc h hinzu, doch bei Nestor sei er sich nicht sicher. »Für die
u n se re V ern u n ft g e filte rt ist. D ie Z a u b e re r g la u b e n , d a ß d ie Erklärung der Zauberer bereit sein, das ist eine sehr schwierige
V ernunft nur e in Z entrum ist und daß m an nicht gar so fest m it Errungenschaft«, sagte er. »Das sollte es nicht sein, aber wir
ihr rechnen so llte. lassen uns gehen und gefallen uns in unserer lebenslangen
G e n a ro u n d i c h h a b e n d ic h d ie S a c h e m it d e n a c h t P u n k te n Ansicht der Welt. In dieser Hinsicht seid ihr, du. Nestor und
gelehrt, w elche d ie G anzheit unserer B lase d er W ahrnehm ung Pablito, euch ähnlich. Nestor versteckt sich hinter seiner Scheu
a u sm a c h e n . S e c h s P u n k te k e n n st d u b e re its. H e u te w e rd e n und Schwermut, Pablito hinter seinem entwaffnenden Charme.
G e n a ro u n d ic h d e in e B la se d e r W a h rn e h m u n g n o c h w e ite r Du versteckst dich hinter deinem Vorwitz und hinter Worten.
le e rfe g e n , u n d d a n a c h w irst d u d ie z w e i re stlic h e n P u n k te All dies sind Ansichten, die scheinbar nicht in Frage zu stellen
erkennen.« sind. Und solange ihr drei darauf
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beharrt, euch ihrer zu bedienen, so lange sind eure Blasen der in der Welt geschieht. Um mir eine unabweisbare Demonstra-
Wahrnehmung nicht leergefegt, und die Erklärung der Zauberer tion dessen zu geben, führte Don Genaro - als »Nagual« —
hat für euch keinen Sinn.« einen ungeheuren Sprung vor und »dehnte sich aus«, bis er die
Witzig aufgelegt, meinte ich, diese berühmte Erklärung der Spitzen der etwa zwanzig Kilometer entfernten Berge er-
Zauberer habe mir lange genug zu schaffen gemacht, aber je reichte. Daraufhin hatte Don Juan mir erklärt, daß ich das
näher ich ihr käme, desto ferner erscheine sie mir. »Wäre es Wesentliche verpaßt hätte und daß Don Genaros Demonstra-
nicht ein Ding, wenn die Erklärung der Zauberer sich als eine tion, was meine »Vernunft« betraf, ein Fehlschlag gewesen
Niete herausstellte?« fragte er unter lautem Gelächter. Er sei; doch im Hinblick auf meine körperliche Reaktion habe sie ja
klopfte mir den Rücken und schien vergnügt wie ein Kind, das einen wahren Aufruhr ausgelöst.
sich über einen gelungenen Streich freut. »Genaro ist ein Die Körperreaktion, auf die Don Juan anspielte, war etwas,
pedantischer Verfechter der Regel«, meinte er in vertraulichem woran ich noch immer eine lebhafte Erinnerung bewahrte. Ich
Ton. »Es hat nicht viel auf sich mit dieser verflixten Erklärung. sah damals Don Genaro vor meinen Augen verschwinden, als
Wäre es nach mir gegangen, dann hätte ich sie dir schon vor habe ein Windstoß ihn fortgeweht. Sein Sprung, oder was es
Jahren gegeben. Erwarte dir also nicht zu viel davon!« auch sein mochte, hatte eine so tiefe Wirkung auf mich
Er blickte prüfend zum Himmel auf. ausgeübt, daß ich glaubte, seine Bewegung habe mir die
»Jetzt bist du bereit«, sagte er in dramatischem, feierlichem Gedärme zerrissen. Mir widerfuhr ein Unglück, und ich mußte
Ton. »Es ist Zeit, daß wir gehen. Aber bevor wir diesen Ort mein Hemd und meine Hose wegwerfen. Meine Verlegenheit
verlassen, muß ich dir noch ein letztes sagen: Das Mysterium und Peinlichkeit waren grenzenlos; ich mußte nackt, nur den
oder das Geheimnis der Erklärung der Zauberer ist, daß es Hut auf dem Kopf, auf einem verkehrsreichen Highway bis zu
dabei um das Ausbreiten der Flügel der Wahrnehmung geht.« Er meinem Auto gehen. Don Juan erinnerte mich daran, daß ich
legte die Hand auf meinen Schreibblock und meinte, ich solle ihn damals gebeten hatte, nicht zuzulassen, daß ich mir noch
jetzt ins Gebüsch gehen und meine körperlichen Funktionen einmal meine Sachen ruinierte.
verrichten, und danach sollte ich meine Kleider ausziehen und Nachdem ich mich ausgezogen hatte, gingen wir einige hundert
sie als Bündel hier, wo wir waren, zurücklassen. Ich schaute Schritt zu einem sehr hohen Felsen, der die gleiche Schlucht
ihn fragend an, und er erklärte, ich müsse nackt sein, aber ich überragte. Er hieß mich hinabsehen. Die Wände stürzten fast
dürfe die Schuhe an und den Hut aufbehalten. Ich wollte senkrecht an die fünfzig Meter hinab. Dann befahl er mir,
wissen, warum ich nackt sein müsse. Lachend sagte Don Juan, meinen inneren Dialog abzustellen und auf die Geräusche um
der Grund dafür sei eher ein persönlicher, und es gehe dabei uns her zu lauschen.
um meine eigene Bequemlichkeit. Ich selbst hätte ihm gesagt, Nach einer Weile hörte ich das Geräusch eines von Fels zu
daß ich es so haben wolle. Diese Erklärung verblüffte mich. Ich Fels in die Schlucht kollernden Kiesels. Jeden einzelnen Auf-
glaubte, daß er sich über mich lustig machte oder, in prall des Steinchens hörte ich mit unvorstellbarer Klarheit.
Übereinstimmung mit seinen vorangegangenen Eröffnungen, Dann hörte ich noch einen Stein fallen und dann noch einen.
einfach meine Aufmerksamkeit ablenken wollte. Ich wollte Ich hob den Kopf und brachte mein linkes Ohr in die Richtung,
wissen, warum er dies tat. Er erinnerte mich an ein Erlebnis, aus der das Geräusch kam. und da sah ich Don Genaro auf der
das ich vor Jahren gehabt hatte, als wir mit Don Genaro in den Spitze des Felsens sitzen, vier bis fünf Meter von unserer Stelle
Bergen Nordmexikos waren. Bei dieser Gelegenheit hatten sie entfernt. Gleichmütig warf er kleine Steine in die Schlucht
mir auseinandergesetzt, daß die »Vernunft« unmöglich alles hinab.
erklären könne, was Als ich ihn entdeckte, schrie und lachte er und meinte, er habe
sich dort versteckt und darauf gewartet, daß ich ihn entdeckte.
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Einen Augenblick war ich bestürzt. Don Juan flüsterte mi r ganz eigenartige Empfindung, die an sich unbestimmbar war,
immer wieder ins Ohr, daß meine »Vernunft« zu diesem aber dem Gefühl eines »anhaltenden Juckens« gleichkam.
Ereignis nicht eingeladen sei und daß ich den bohrenden Mein Körper konnte tatsächlich den Grund der Schlucht
Wunsch, alles unter Kontrolle zu halten, aufgeben solle. Er fühlen, und ich spürte dieses Gefühl als ein Jucken an einer
sagte, das »Nagual« sei eine nur f ü r mich bestimmte Wahr- unbestimmten Stelle meines Körpers.
nehmung, und dies sei auch der Grund, warum Pablito das Don Juan und Don Genaro redeten weiter auf mich ein, ich
»Nagual« in meinem Auto nicht gesehen habe. Als könne er solle an diesem Gefühl hinabgleiten, aber ich wußte nicht, wie.
meine unausgesprochenen Gedanken lesen, fügte er hinzu, Dann hörte ich nur noch Don Genaros Stimme. Er sagte, er
daß das »Nagual«, obgleich nur allein für mich zu sehen, doch werde mit mir zusammen springen; er packte mich oder stieß
Don Genaro selbst sei. mich oder umarmte mich und stürzte sich mit mir in den
Don Juan nahm mich am Arm und führ te mich mit gespielter Abgrund. Ich empfand die äußerste physische Pein. Es war, als
Behutsamkeit dorthin, wo Don Genaro saß. Don Genaro stand ob mein Magen mir bis zum Hals aufstieß. Es war eine Mischung
auf und kam näher. Sein Körper strahlte eine Wärme aus, aus Schmerz und Lust und von solcher Heftigkeit und Dauer,
die ich förmlich sehen konnte, ein Leuchten, das mich daß ich nur mit aller Lungenkraft schreien und schreien
blendete. Er tr at neben mich, und ohne mich zu berühren, konnte. Als diese Empfindung nachließ, sah ich ein
brachte er seinen Mund ganz nah an mein linkes Ohr und fing unerklärliches Bündel von Funken und dunklen Massen,
an zu flüstern. Auch Don Juan fing an, in mein anderes Ohr zu Lichtstrahlen und wolkenähnlichen Gebilden. Ich wußte je-
flüstern. Ihre Stimmen waren synchron. Beide wiederholten doch nicht, ob meine Augen offen oder geschlossen waren
sie immer die gleichen Sätze. Sie sagten, daß ich mich nicht oder wo meine Augen waren oder wo überhaupt mein Körper
fürchten solle, daß ich lange, kraftvolle Fasern hätte, die nicht war. Dann empfand ich noch einmal die gleiche physische
dazu da seien, mich zu schützen, denn es gebe nichts zu Pein, wenn auch nicht so ausgeprägt wie das erste Mal, und
beschützen oder nichts, vor dem ich beschützt werden müsse; dann hatte ich den Eindruck, als sei ich eben erwacht, und ich
vielmehr seien sie dazu da. meine Wahrnehmung des »Nagual« fand mich zusammen mit Don Juan und Don Genaro auf dem
ganz ähnlich zu steuern, wie meine Augen meine normale Felsen wieder.
Wahrnehmung des »Tonal« steuerten. Sie sagten, daß meine Don Juan sagte, ich hätte wieder versagt, denn es sei zwecklos
Fasern mich überall umgäben, daß ich durch sie alles gleich- zu springen, wenn die Wahrnehmung des Sprungs so chaotisch
zeitig wahrnehmen könne und daß eine einzige Faser einen sei. Beide wiederholten mir zahllose Male in meine Ohren, daß
Sprung vom Felsen hinab in die Schlucht oder aus der Schlucht das »Nagual« an sich nutzlos sei, daß es durch das »Tonal«
wieder auf den Felsen hinauf ermöglichen würde. Ich hatte alles bezähmt werden müsse. Sie sagten, ich müsse bereitwillig
aufgenommen, was sie mir zuflüsterten. Jedes Wort schien springen und mir meines Tuns bewußt sein. Ich zögerte,
eine einzigartige Bedeutung f ü r mich zu haben; ich konnte weniger weil ich Angst hatte, sondern weil ich widerwillig war.
jede ihrer Äußerungen behalten und mir wieder abspielen, als Ich spürte mein inneres Schwanken ganz so. als ob mein
sei ich ein Tonbandgerät. Beide drängten mich, auf den Grund Körper wie ein Pendel hin- und herschwankte. Dann ergriff
der Schlucht hinabzuspringen. Sie sagten, ich solle zuerst meine mich eine seltsame Stimmung, und ich sprang -in aller
Fasern spüren und dann eine davon isolieren, die bis hinab zum Körperlichkeit. Während ich diesen Satz tat, versuchte ich zu
Grund der Schlucht reiche, und dieser folgen. Während sie ihre denken, aber ich konnte nicht. Wie durch einen Nebel sah ich
Kommandos flüsterten, waren ihre Worte bei mir sogar von den die Wände der engen Schlucht und die hervorspringenden Felsen
entsprechenden Gefühlen begleitet. Ich spürte ein Jucken am am Boden des Grabens. Meine Wahrnehmung des Sturzes
ganzen Leib, besonders eine bildete keine Reihenfolge, vielmehr hatte ich das
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Gefühl, sofort unten am Boden zu sein; ich konnte alle Die Blase der Wahrnehmung
Eigentümlichkeiten der Felsen im engeren Umkreis unter-
scheiden. Ich bemerkte, daß meine Sicht nicht unlinear und
auch nicht stereoskopisch war, sondern daß ich alles im Kreise
um mich her sah. und zwar fotografisch flach. Im nächsten Den Tag verbrachte ich allein in Don Genaros Haus. Die
Augenblick geriet ich in Panik, und irgend etwas zog mich wie meiste Zeit schlief ich. Am Spätnachmittag kehrte Don Juan
ein Jo-Jo hinauf. zurück, und wir wanderten in tiefem Schweigen zu einer
Don Juan und Don Genaro ließen mich immer wieder springen. nahegelegenen Bergkette. Bei Einbruch der Dämmerung
Nach jedem Sprung bedrängte Don Juan mich, ich solle machten wir halt und setzten uns am Rand einer tiefen
weniger zurückhaltend und unwillig sein. Immer wieder sagte Schlucht, bis es beinahe dunkel war. Dann führte Don Juan
er, daß das Geheimnis der Zauberer bei der Nutzung des mich an eine andere Stelle in der Nähe, zu einer gigantischen
»Nagual« in unserer Wahrnehmung liege, daß das Springen nur Klippe mit einer schier senkrechten Felswand. Die Klippe war
eine Wahrnehmungsübung sei und daß ich erst dann aufhören von dem Weg aus, der zu ihr hinführte, nicht zu sehen. Aber
dürfe, wenn es mir gelungen sei, ganz als »Tonal« Don Juan hatte sie mir schon einige Male zuvor gezeigt. Er
wahrzunehmen, was sich am Boden der Schlucht befand. hatte mich über den Rand hinunterspähen lassen und mir
Irgendwann hatte ich dann eine unglaubliche Empfindung. Ich gesagt, daß die ganze Klippe ein Ort der Kraft sei, besonders
war mir völlig nüchtern bewußt, daß ich an der Felskante stand, aber ihre Basis, die in einem mehrere hundert Fuß tiefen
während Don Juan und Don Genaro mir in die Ohren Canon lag. Jedesmal, wenn ich hinabschaute, hatte ich ein
flüsterten, und dann, im nächsten Augenblick, sah ich den unangenehmes Frösteln empfunden. Der Canon wirkte immer
Grund der Schlucht. Alles war völlig normal. Es war inzwi- dunkel und bedrohlich.
schen fast dunkel, doch es gab immer noch genügend Licht, um Bevor wir die Stelle erreichten, sagte Don Juan, ich müsse nun
alles exakt zu erkennen - wie in der Welt meines alltäglichen allein weitergehen und würde am Rand der Klippe Pablito
Lebens. Ich betrachtete gerade ein paar Büsche, als ich treffen. Er empfahl mir, mich zu entspannen und die Gangart
plötzlich ein Geräusch hörte, einen herabkollernden Fels- der Kraft anzuwenden, um meine nervöse Müdigkeit abzu-
brocken. Im gleichen Augenblick sah ich einen ziemlich großen schütteln.
Stein über die Wand der Schlucht auf mich stürzen. Blitzartig Don Juan trat zur Seite, links vom Weg, und die Dunkelheit
sah ich auch, daß Don Genaro ihn geworfen hatte. Ich hatte verschluckte ihn einfach. Ich wollte stehen bleiben und nach-
einen Anfall von Panik, und im nächsten Augenblick wurde ich schauen, wohin er gegangen war, aber mein Körper gehorchte
wieder an den alten Platz oben auf dem Felsen gehievt. Ich mir nicht. Ich fing an zu traben, obwohl ich so müde war, daß
schaute mich um; Don Genaro war nicht mehr da. Don Juan fing ich mich kaum auf den Füßen halten konnte. Als ich die Klippe
an zu lachen und meinte, Don Genaro sei gegangen, weil er erreichte, konnte ich nichts mehr sehen, und so trabte ich
meinen Gestank nicht habe ertragen können. Erst jetzt wurde weiter auf der Stelle und atmete tief. Nach einer Weile fühlte
mir peinlich bewußt, daß ich mich tatsächlich besudelt hatte. ich mich entspannter; ich stand reglos mit dem Rücken gegen
Don Juan hatte recht gehabt, mich meine Kleider ausziehen zu einen Felsen gelehnt, und dann entdeckte ich einige Meter vor
lassen. Er führte mich zu einem Bach in der Nähe und wusch mir die Gestalt eines Mannes. Er hockte dort und barg den
mich wie ein Pferd in der Schwemme, wobei er mit meinem Kopf in den Armen. Einen Augenblick hatte ich furchtbare
Hut Wasser schöpfte und mich begoß, und ließ sich übermütig Angst und fuhr zurück, aber dann erklärte ich mir, daß der
über die Tatsache aus, daß wir immerhin meine Hosen gerettet Mann Pablito sein mußte, und ich näherte mich ihm, ohne zu
hatten. zögern. Ich rief laut seinen Namen. Ich
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überlegte, vielleicht war er sich nicht sicher gewesen, wer ich a u f m e in e E rsta rru n g z u re a g ie re n . Ic h h a tte d ie G e w iß h e it,
sei, und war so erschrocken, daß er seinen Kopf bedeckt hatte, d aß irgend jem and sich d er S telle näherte, w o w ir w aren. W ir
um nicht hinschauen zu müssen. Aber bevor ich bei ihm war, d rehten uns in d ie R ichtung, aus d er d as G eräusch kam ; einen
ergriff mich eine unerklärliche Furcht. Mein Körper erstarrte A u g e n b lic k sp ä te r w u rd e n d ie U m risse v o n D o n Ju a n u n d
auf der Stelle - mit ausgestrecktem Arm, bereit, ihn zu D o n G e n a ro sic h tb a r. S ie g in g e n g e m ä c h lic h u n d b lie b e n
berühren. Der Mann hob den Kopf. Es war nicht Pablito! Seine z w e i, d re i M e te r v o r u n s ste h e n . D o n Ju a n sc h a u te m ic h a n ,
Augen waren zwei riesige Spiegel, wie die Augen eines Tigers. u n d D o n G e n a ro sc h a u te P a b lito a n . Ic h w o llte D o n Ju a n
Mein Körper schnellte rückwärts. Meine Muskeln spannten e rz ä h le n , d a ß irg e n d e tw a s m ic h h a lb z u T o d e e rsc h re c k t
sich und lockerten wieder ihre Spannung, ohne die geringste h a b e , a b e r P a b lito k n iff m ic h in d e n A rm . I c h w u ß te , w a s e r
Beteiligung meines Willens, und ich tat einen Satz nach hinten, m einte. E s w ar irgend etw as M erkw ürd iges um D o n Juan und
so schnell und so weit, daß ich unter normalen Umständen D o n G e n a ro . A ls ic h sie a n sc h a u te , g e rie t m e in B lic k a u ß e r
allerlei Spekulationen darüber angestellt hätte, wie das nur K ontrolle.
möglich sei. In diesem Fall aber war meine Angst so D o n G e n a ro stie ß e in sc h a rfe s K o m m a n d o h e rv o r. I c h v e r-
überwältigend, daß ich keine Neigung zu Grübeleien verspürte, sta n d n ic h t, w a s e r sa g te , a b e r ic h »w u ß te «, d a ß e r g e m e in t
und ich wäre davongerannt, hätte nicht jemand mich hatte, w ir so llten nicht schielen.
gewaltsam am Arm festgehalten. Das Gefühl, daß jemand » D ie D unkelheit hat sich über die W elt g e s e n k t « , sagte D on
meinen Arm gepackt hatte, stürzte mich gänzlich in Panik; ich Juan und sah zum H im m el.
schrie. Mein Ausbruch war aber nicht der Aufschrei, den ich D on G enaro zeichnete e i n e n H albm ond auf den harten S tein-
erwartet hätte, sondern ein langes, grauenerregendes Kreischen. b o d en. E inen A ugenb lick kam es m ir so vo r, als hab e er d azu
Ich wandte mich zu meinem Angreifer um. Es war Pablito, der e in e L e u c h tk re id e b e n u tz t, a b e r d a n n e rk a n n te ic h , d a ß e r
noch heftiger zitterte als ich. Meine Nervosität erreichte ihren n ic h ts in d e r H a n d h a tte ; u n d d o c h n a h m ic h d e n im a g in ä re n
Gipfel. Ich konnte nicht sprechen, meine Zähne klapperten, H a lb m o n d d e u tlic h w a h r, d e n e r m it d e m F in g e r g e z e ic h n e t
und über meinen Rücken liefen Wellenbewegungen, die mich h a tte . E r lie ß P a b lito u n d m ic h a m in n e re n R a n d d e s n a c h
unfreiwillig auf- und abspringen ließen. Ich mußte durch den auß en gew ö lb ten B o gens P latz nehm en, w ährend er und D o n
Mund atmen. Juan sich m it untergeschlagenen B einen an d ie äuß eren S p itz e n
Zähneklappernd sagte Pablito, daß das »Nagual« ihn erwartet d e s H a lb m o n d s se tz te n , z w e i b is d re i M e te r v o n u n s entfernt.
habe. Er sei ihm kaum entronnen, als er auf mich gestoßen sei, Z u e rst sp ra c h D o n J u a n ; e r sa g te , sie w o llte n u n s n u n i h r e
und ich hätte ihn dann mit meinem Schrei fast umgebracht. Ich V erb ünd eten zeigen; er sagte, w ir s o llte n auf ihre linke K ö r-
wollte lachen und brachte die unheimlichsten Geräusche p e rse ite sc h a u e n , e tw a z w isc h e n d e m H ü ftk n o c h e n u n d d e n
heraus, die man sich vorstellen kann. Als ich meine Ruhe R ip p en, d o rt w ürd en w ir so etw as w ie einen L ap p en o d er e in
wiedergefunden hatte, sagte ich Pablito, daß mir anscheinend T aschentuch von ihren G ürteln hängen » s e h e n « . D on G enaro
dasselbe widerfahren sei. Auf mich hatte das Ganze schließlich fü g te h in z u , d a ß a n ih re n G ü rte ln , n e b e n d e n L a p p e n , z w e i
die Wirkung, daß meine Müdigkeit verschwunden war; statt ru n d e , k n o p fa rtig e D in g e r h in g e n u n d d a ß w ir ih re G ü rte l
dessen empfand ich einen unbezähmbaren Ansturm von Kraft u n v e rw a n d t a n sc h a u e n so llte n , b is w ir d ie L a p p e n u n d d ie
und Wohlgefühl. Pablito schien die gleichen Gefühle zu K nö p fe »sehen« w ürd en.
erleben. Wir fingen an. nervös und albern zu kichern. Ich hörte N o c h b e v o r D o n G e n a ro g e sp ro c h e n h a tte , b e m e rk te ic h
die Laute von leisen, behutsamen Schritten in der Ferne. Ich b e re its e in e n fla c h e n G e g e n sta n d , e tw a s w ie e in S tü c k S to ff,
bemerkte das Geräusch noch vor Pablito. Er schien u n d e in e n ru n d e n K ie se l, d ie a n ih re n G ü rte ln h in g e n . D o n
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Juans Verbündete waren dunkler und bedrohlicher als die Don Haare, und die linke Seite seines Kopfes war von einer Art
Genaros. Meine Reaktion war eine Mischung aus Neugier und Ausschlag oder Ekzem bedeckt. Seine Augen leuchteten wild.
Furcht. Dabei fühlte ich meine Reaktionen im Bauch und stellte Sein Mund stand halb offen. Bekleidet war er mit einem
keinerlei rationale Überlegungen an. Don Juan und Don Genaro eigenartigen Pyjama. Die Hosen waren ihm zu kurz. Ich
griffen nach ihren Gürteln und schienen die dunklen Stoffetzen konnte nicht feststellen, ob er Schuhe trug oder nicht. So stand
abzunesteln. Sie nahmen sie in die linke Hand; Don Juan warf er da und schaute uns, wie mir schien, lange Zeit an, als ob er
seinen über sich in die Luft, doch Don Genaro ließ seinen sacht auf eine Eröffnung wartete, um sich auf uns zu stürzen und uns
zu Boden fallen. Die Stoffetzen streckten sich, als hätte das zu zerreißen. In seinen Augen lag eine solche Intensität! Es
Emporschleudern und Fallenlassen bewirkt, daß sie sich wie war nicht Haß oder Gewalt, sondern irgendein tierisches
sorgfältig gebügelte Taschentücher entfalteten: sie sanken Mißtrauen. Ich konnte die Spannung nicht länger ertragen. Ich
langsam herab, wobei sie wie Papierdrachen hin- und wollte eine Kampfstellung einnehmen, die Don Juan mich vor
herschaukelten. Die Bewegungen, die Don Juans Verbündeter Jahren gelehrt hatte, und das hätte ich auch getan, wäre da nicht
ausführte, waren die exakte Wiederholung dessen, was ich ihn Pablito gewesen, der mir zuflüsterte, daß der Verbündete nicht
selbst hatte tun sehen, als er vor ein paar Tagen durch die Luft die Linie überschreiten könne, die Don Genaro auf den Boden
gekreiselt war. Die Stoffetzen näherten sich dem Boden, sie gezeichnet hatte. Jetzt erkannte ich auch, daß dort eine helle
wurden fest, rund und massiv. Don Juans Verbündeter wuchs Linie war, die das Unwesen vor uns zurückzuhalten schien.
zu einem voluminösen Schatten an. Er setzte sich an die Spitze Nach einer Weile wandte der Mann sich nach links ab, genau
und bewegte sich auf uns zu, wobei er kleinere Steine und feste wie vorhin der Schatten. Ich hatte den Eindruck, daß Don Juan
Erdklumpen zerquetschte. Er näherte sich uns bis auf ein, zwei und Don Genaro beide zurückgerufen hatten. Nun entstand
Meter und verharrte genau an der inneren Krümmung des eine kurze, stille Pause. Ich konnte Don Juan oder Don Genaro
Halbmonds, zwischen Don Juan und Don Genaro. Einen nicht mehr sehen; sie saßen nicht mehr auf den Spitzen des
Moment meinte ich, er werde uns sogleich überrollen und Halbmonds. Plötzlich hörte ich ein Geräusch, als ob an der
pulverisieren. Mein Entsetzen loderte wie Feuer. Der Schatten Stelle, wo wir saßen, zwei Steinchen auf den festen Fußboden
vor mir war gigantisch, vielleicht fünf Meter hoch und zwei fielen, und blitzartig war die Fläche vor uns erleuchtet, als sei
Meter breit. Er bewegte sich, als müsse er sich blind seinen ein mildes, gelbliches Licht eingeschaltet worden. Vor uns
Weg ertasten. Er ruckte und taumelte hin und her. Ich wußte, stand eine raubgierige Bestie, ein riesiger, ekeleregend
daß er mich suchte. In diesem Augenblick barg Pablito seinen aussehender Kojote oder Wolf. Sein ganzer Körper war mit
Kopf an meiner Brust. Das Gefühl, das seine Berührung in mir einem weißen Sekret bedeckt, vielleicht Schweiß oder Speichel.
hervorrief, zerstreute ein wenig die furchtsame Aufmerksamkeit, Sein Haar war zottig und feucht. Seine Augen blickten wild. Er
mit der ich mich auf den Schatten konzentriert hatte. Der Schat- knurrte in blinder Wut, und mich durchfuhr ein Schauer. Seine
ten schien sich aufzulösen, jedenfalls nach seinen ziellosen Kiefer zitterten und Speichelflocken flogen umher. Er scharrte
Zuckungen zu urteilen, und dann machte er sich davon und den Boden wie ein außer Rand und Band geratener Hund, der
verschmolz mit der uns umgebenden Dunkelheit. Ich rüttelte sich von einer Kette zu befreien sucht. Dann richtete er sich
Pablito. Er hob den Kopf und stieß einen gedämpften Schrei auf den Hinterbeinen auf und bewegte wie rasend seine
aus. Ich blickte auf. Ein seltsamer Mann starrte mich an. Er Vorderpfoten und das Gebiß. Seine ganze Wut schien darauf
schien direkt hinter dem Schatten gestanden, vielleicht sich gerichtet, irgendeine Schranke vor uns zu durchbrechen. Mir
hinter ihm versteckt zu haben. Er war ziemlich groß und wurde bewußt, daß meine Angst vor dem rasenden Tier
schlank, hatte ein längliches Gesicht, keine
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von anderer Art war als die Angst vor den zwei Erscheinungen, etwas Unkontrollierbares nahm von meinem Körper Besitz,
die ich vorhin gesehen hatte. Meine Furcht vor dieser Bestie war etwas, das mich zwang, die massive, bedrohliche Last dieser
ein physischer Abscheu und Horror. In äußerster Ohnmacht Bestie von uns zu stoßen. Pablito hatte offenbar ganz ähnlich
beobachtete ich ihr Toben. Plötzlich schien ihre Wildheit reagiert, und wir standen beide gleichzeitig auf; wir mobili-
nachzulassen, und sie trottete davon. Dann hörte ich, wie etwas sierten dabei so viel Energie, daß die Bestie wie eine Stoffpuppe
anderes sich uns näherte, oder vielleicht spürte ich es: durch die Luft flog.
plötzlich erhob sich drohend vor uns die Gestalt einer Es war eine übermäßige Anstrengung gewesen. Ich brach am
kolossalen Raubkatze. Zuerst sah ich ihre Augen in der Boden zusammen und japste nach Luft. Meine Bauchmuskeln
Dunkelheit. Sie waren riesig und starr, wie zwei das Licht waren so hart gespannt, daß ich nicht Atem holen konnte. Ich
spiegelnde Wasserpfützen. Sie schnaubte und knurrte leise. Sie achtete nicht darauf, was mit Pablito geschah. Schließlich
atmete schwer und glitt vor uns hin und her. ohne den Blick merkte ich, daß Don Juan und Don Genaro mir halfen, mich
von uns zu lassen. Sie hatte nicht jenes elektrische Leuchten, aufzusetzen. Jetzt sah ich Pablito, der bäuchlings, mit ausge-
das der Kojote gehabt hatte. Ich konnte ihre Umrisse nicht breiteten Armen, am Boden lag. Anscheinend war er ohn-
klar erkennen, und doch war ihre Anwesenheit unendlich mächtig geworden. Nachdem Don Juan und Don Genaro mir
viel unheildrohender als die der anderen Bestie. Sie schien aufgeholfen hatten, kümmerten sie sich um Pablito. Beide
ihre Kräfte zu sammeln; ich spürte, sie war so wild rieben sie seinen Bauch und seinen Rücken ab. Sie stellten ihn
entschlossen, daß sie alle Grenzen sprengen würde. Pablito auf die Füße, und nach einer Weile konnte er wieder aus
mußte die gleiche Empfindung haben, denn er flüsterte mir zu, eigner Kraft aufrecht sitzen.
ich solle meinen Kopf einziehen und mich flach auf den Boden Don Juan und Don Genaro setzten sich auf die Spitzen des
werfen. In der nächsten Sekunde sprang die Katze los. Sie raste Halbmonds, und nun begannen sie vor uns hin und her zu
auf uns zu - und dann sprang sie mit vorgestreckten Klauen. Ich gleiten, als ob zwischen den beiden Punkten eine Schiene
schloß die Augen und verbarg den Kopf zwischen den Armen verlief - eine Schiene, die sie benutzten, um von einer Seite
am Boden. Ich spürte, daß die Bestie die schützende Linie, die zur anderen zu gleiten. Vom Hinschauen wurde mir schwindlig.
Don Genaro um uns gezogen hatte, durchbrach und jetzt Schließlich machten sie neben Pablito halt und fingen an, ihm
tatsächlich über uns war. Ich spürte, wie ihr Gewicht mich ins Ohr zu flüstern. Nach einer Weile standen sie auf, alle drei
niederdrückte. Das Fell ihres Bauches scheuerte an meinem gleichzeitig, und gingen zum Rand der Klippe. Don Genaro
Hals. Es schien, als steckten ihre Vorderpranken irgendwo hob Pablito hoch, als sei er ein kleines Kind. Pablitos Körper
fest; sie wand sich, um freizukommen. Ich spürte ihr Rucken war brettsteif; Don Juan packte Pablito an den Fersen. Er
und Stoßen und hörte ihr teuflisches Keuchen und Zischen. wirbelte ihn herum, offenbar um Kraft und Schwung zu
Jetzt wußte ich, daß ich verloren war. Ganz schwach empfand sammeln, und schließlich ließ er seine Beine los und schleu-
ich so etwas wie eine rationale Entscheidung, und ich derte seinen Körper in weitem Bogen über den Rand der
beschieß, mich ruhig in mein Schicksal zu fügen und hier zu Klippe in den Abgrund hinaus.
sterben, aber ich für chtete mich vor dem körperlichen Schmerz Ich sah Pablitos Körper vor dem dunklen Westhimmel sich
eines Todes unter so schrecklichen Umständen. Dann stieg in abheben. Er beschrieb Kreise, genau wie Don Juans Körper es
meinem Körper irgendeine seltsame Kraft auf: es war, als ob vor Tagen getan hatte; die Kreisbewegungen waren langsam.
mein Körper sich weigerte zu sterben und all seine Stärke an Pablito schien Höhe zu gewinnen, statt hinabzustürzen. Dann
einem einzigen Punkt zusammenzog, nämlich in meinem wurde das Kreisen schneller. Pablitos Körper wirbelte einen
linken Arm und der Hand. Ich spürte, wie eine unbezähmbare Augenblick herum wie ein Diskus, und dann zerfiel er. Ich
Aufwallung sie erfaßte. Irgend nahm wahr, wie er sich förmlich in Luft auflöste.
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Don Juan und Don Genaro kamen zu mir, hockten sich neben der K lippe w ieder. S ie flüsterten m ir zu, daß sie m ich zurück-
mich und fingen an, mir in die Ohren zu flüstern. Jeder sagte geho lt hätten und d aß ich d as U nb ekannte gesehen hätte, üb er
etwas anderes, und doch fiel es mir nicht schwer, ihre Befehle d as m an nicht sp rechen kö nne. S ie sagten, d aß sie m ich no ch
zu befolgen. Es war, als würde ich »gespalten«, kaum daß sie e in m a l in d ie se s U n b e k a n n te sc h le u d e rn w ü rd e n u n d d a ß ic h
die ersten Worte sagten. Ich spürte, daß sie mit mir dasselbe die F lügel m einer W ahrnehm ung sich entfalten lassen und das
machten wie vorhin mit Pablito. Don Genaro wirbelte mich »T o n a l« u n d d a s »N a g u a l« g le ic h z e itig b e rü h re n so lle , o h n e
herum, und dann hatte ich einen Moment das ganz bewußte m ir b e w u ß t z u se in , d a ß ic h z w isc h e n d e m e in e n u n d d e m
Gefühl, zu kreiseln oder zu schweben. Als nächstes sauste ich a n d e re n h in - u n d h e rp e n d e lte .
durch die Luft, stürzte ich mit ungeheurer Geschwindigkeit in W ied er h a t t e ich d as G efühl, d urch d ie L uft geschleud ert zu
den Abgrund. Im Fallen spürte ich, daß meine Kleider herun- w e rd e n , z u k re ise ln u n d m it u n g e h e u re r G e sc h w in d ig k e it z u
tergerissen wurden, dann fiel mein Fleisch von mir, und f a l l e n . D ann explodierte ich. Ich löste m ich auf. Irgend etw as in
schließlich blieb nur noch mein Kopf übrig. Ich hatte die ganz m ir verteilte sich. E s setzte etw as f r e i , w as ich m ein L eb en lang
klare Empfindung, daß ich, als mein Körper sich in Stücke verschlossen gehalten hatte. Ich w ar m ir deutlich bew ußt, d aß
auflöste, überflüssiges Gewicht verlor, und daß daher der m ein innerstes R eservo ir angezap ft w ar und d aß es ungehem m t
Schwung meines Sturzes nachließ und meine Geschwindigkeit verström te. E s gab nicht länger diese m ir liebe E inheit, d ie ic h
abnahm. Es war nun nicht mehr ein Sturz ins Bodenlose. Ich » i c h « n a n n te . D a w a r n ic h ts, u n d d o c h w a r d ie se s N ichts
begann hin- und herzuschaukeln wie ein fallendes Blatt. Dann e r f ü l l t . E s w ar w ed er l i c h t no ch d unkel, w ed er h e i ß no ch
verlor auch mein Kopf sein Gewicht, und alles, was von »mir« kalt, w ed er angenehm no ch unangenehm . N icht d aß ich m ic h
übrigblieb, war ein Kubikzentimeter, ein Klümpchen, ein b e w e g t o d e r stillg e sta n d e n h ä tte o d e r g e sc h w e b t w ä re , a u c h
winziger, körnchengroßer Rest. In ihm konzentrierte sich all w a r ic h k e in e v e re in z e lte E in h e it, k e in S e lb st, w ie ic h m ic h z u
mein Fühlen. Dann schien das Körnchen zu zerspringen, und e rle b e n g e w o h n t b in . Ic h w a r e in e M yria d e v o n S elbsten, die
ich ging in tausend Stücke. Ich wußte, oder irgend etwas alle » ic h « w aren, eine K olonie separater E inheite n , z w isc h e n
irgendwo wußte, daß ich mir der tausend Stücke gleichzeitig d e n e n e in b e so n d e re r Z u sa m m e n h a lt b e sta n d u n d d ie
u n a u fh a ltsa m z u sa m m e n stre b te n , um e in e in z e ln e s
bewußt war. Ich war dieses Bewußtsein selbst. Dann fing ein
B ew uß tsein, m ein m enschliches B ew uß tsein zu b ild en. N icht
Teil dieses Bewußtseins an, sich zu regen, er stieg auf und
d a ß ic h je n se its a l l e r Z w e ife l »g e w u ß t« h ä tte - d e n n e s g a b
wuchs. Ich konnte mich lokalisieren, und nach und nach
nichts, w o m it ich hätte »w issen« kö nnen, so nd ern alle m eine
gewann ich wieder das Gefühl von Grenzen, von wachen
einzelnen B ew ußtseine »w ußten« -, daß das » I c h « , das »S elbst«
Empfindungen oder dergleichen, und plötzlich ergoß sich das m einer vertrauten W elt eine K olonie, ein K onglom era t v o n
»Ich«, das ich kannte und mit dem ich vertraut war, in den iso lie rte n , u n a b h ä n g ig e n G e fü h le n w a r, d ie e in a n d e r in
spektakulärsten Anblick aller vorstellbaren Kombinationen von unauflö sb arer S o lid arität verb und en w aren. D ie unauflö sb a r
»schönen« Szenen; es war, als ob ich Tausende von Bildern der S o lid a ritä t m e in e r z a h llo se n B e w u ß tse in e , d e r Z u sa m m e n h a lt
Welt, von Menschen, von Dingen betrachtete. Dann d ie se r T e ile u n te re in a n d e r, d a s w a r m e in e L e b e n skraft.
verwischten sich diese Szenen. Ich hatte den Eindruck, daß sie U m d iese einheitliche E m p find ung irgend w ie zu b eschreib en,
immer schneller vor meinen Augen vorbeihuschten, bis ich sie kö nnte m an sagen, d aß d iese K ö rnchen B ew uß tsein verstreut
nicht mehr einzeln wahrnehmen und untersuchen konnte. w a re n ; je d e s w a r se in e r se lb st b e w u ß t, u n d k e in e s ü b e rw o g
Schließlich war es, als ob ich den Aufbau der ganzen Welt in v o r d e n a n d e re n . D a n n rü h rte irg e n d e tw a s sie a u f, u n d sie
einer ununterbrochenen, endlosen Kette vor meinen Augen vereinigten sich und strö m ten in eine R egio n, w o sie sich alle
ablaufen sähe. Plötzlich fand ich mich neben Don Juan und
Don Genaro auf
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auf einem Haufen versammeln mußten, dem »Ich«, das ich Schlafbedürfnis, aber Don Juan ließ es nicht zu. Er verlangte,
kenne. Und als »ich«, als »ich selbst« beobachtete ich dann ich solle über alles unter der Sonne sprechen, ausgenommen
eine zusammenhängende Szene irdischer Aktivität oder eine über das, was ich soeben erlebt hatte. Zuerst wußte ich nicht,
Szene, die anderen Welten angehörte und die ich für reine worüber reden, dann fragte ich ihn nach Don Genaro. Don
Imagination halten mußte, oder eine Szene, die dem »reinen Juan sagte, Don Genaro habe Pablito mitgenommen und ihn
Denken« zugehörte, das heißt, ich hatte Visionen von intel- irgendwo in der Gegend eingegraben, und er kümmere sich um
lektuellen Systemen oder von Ideen, die zu Verbalisierungen ihn, genau wie er, Don Juan, sich um mich kümmerte. Ich
gebündelt waren. In manchen Szenen sprach ich nach Her- wollte gern das Gespräch fortsetzen, aber irgend etwas in mir
zenslust mit mir selbst. Nach jeder dieser zusammenhängenden war unvollständig; ich verspürte eine ungewohnte Gleich-
Visionen löste das »Ich« sich auf und war wieder nichts. Bei gültigkeit, eine Müdigkeit, die fast wie Langeweile war. Don
einer dieser Exkursionen in eine zusammenhängende Vision Juan schien zu wissen, wie ich mich fühlte. Er fing an über
erlebte ich mich oben auf der Klippe neben Don Juan. Pablito zu sprechen und darüber, wie unsere Schicksale mit-
Augenblicklich erkannte ich, daß ich nun das ganze, mir einander verwoben seien. Er sagte, daß er zur gleichen Zeit
vertraute Ich war. Ich empfand meine Physis als real. Ich war in Pablitos Wohltäter geworden sei, als Don Genaro sein Lehrer
der Welt, statt sie nur anzuschauen. wurde, und daß die Kraft Pablito und mich Schritt um Schritt
Don Juan herzte mich wie ein Kind. Sein Gesicht war ganz zusammengeführt habe. Der einzige Unterschied zwischen
nah. Ich konnte seine Augen in der Dunkelheit sehen. Sie Pablito und mir, stellte er nachdrücklich fest, sei der, daß
waren freundlich. Sie schienen eine Frage aussprechen zu Pablitos Welt als Krieger von Zwang und Furcht beherrscht
wollen. Ich wußte, was es war. Das Unaussprechliche war sei, während meine von Zuneigung und Freiheit regiert werde.
wirklich unaussprechlich. Dieser Unterschied, erklärte Don Juan, sei durch die wesens-
»Gut?« fragte er leise, als bedürfe er meiner Bestätigung. Ich verschiedenen Persönlichkeiten der Wohltäter bedingt: Don
war sprachlos. Die Wörter »betäubt«, »bestürzt«, »verwirrt« Genaro sei herzlich und liebevoll und lustig, während er selbst
usw. konnten keineswegs meine Gefühle in diesem Augenblick streng, autoritär und direkt sei. Meine Persönlichkeit habe
angemessen beschreiben. Ich war nicht aus festem Stoff. Ich einen starken Lehrer, aber einen sanften Wohltäter verlangt,
wußte, daß Don Juan mich packen und mit Gewalt am Boden während es bei Pablito umgekehrt sei: er brauche einen
festhalten mußte, sonst wäre ich in die Luft geschwebt und freundlichen Lehrer und einen strengen Wohltäter. Wir
verschwunden. Ich fürchtete mich nicht davor zu ver- sprachen noch lange weiter, und dann brach der Morgen an.
schwinden. Ich sehnte mich nach dem »Unbekannten«, wo Als die Sonne über den Bergen am östlichen Horizont aufging,
mein Bewußtsein nicht geeint war. Langsam führte Don Juan half er mir, aus dem Erdhaufen aufzustehen.
mich, wobei er meine beiden Schultern fest nach unten drückte,
zu einem Ort nicht weit von Genaros Haus. Hier hieß er mich Nachdem ich am frühen Nachmittag erwacht war, setzten Don
niederliegen und bedeckte mich dann mit weicher Erde von Juan und ich uns neben die Tür von Don Genaros Haus. Don
einem Haufen, der zu diesem Zweck vorbereitet zu sein schien. Juan sagte, Don Genaro sei immer noch mit Pablito zusammen
Er bedeckte mich bis zum Hals hinauf. Aus Laub machte er mir und bereite ihn auf die letzte Begegnung vor. »Morgen werden
eine Art Kopfkissen und befahl mir, mich nicht zu bewegen und du und Pablito in das Unbekannte gehen«, sagte er. »Ich muß
keinesfalls einzuschlafen. Er sagte, er wolle sich neben mich dich jetzt darauf vorbereiten. Du wirst allein hineingehen.
setzen und mir Gesellschaft leisten, bis die Erde meine Form Gestern abend wart ihr beide wie zwei hin - und hergezogene Jo-
wieder gefestigt hätte. Ich fühlte mich sehr wohl und hatte ein Jos. Morgen wirst du auf dich allein gestellt sein.«
unwiderstehliches
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Dann hatte ich einen regelrechten Anfall von Neugier, und die und her. Du wurdest zweimal hineingeschleudert, um jeden
Fragen hinsichtlich meiner Erfahrungen vom letzten Abend Irrtum auszuschließen. Das zweite Mal erlebtest du die volle
sprudelten nur so aus mir heraus. Er ließ sich durch mein Wirkung der Reise ins Unbekannte. Und deine Wahrnehmung
Trommelfeuer nicht aus der Ruhe bringen. »Heute muß mir ein breitete ihre Flügel aus, als irgend etwas in dir deine wahre
ganz entscheidendes Manöver gelingen«, sagte er. »Ich muß Natur erkannte. Du bist ein Bündel. Dies ist die Erklärung der
zum letztenmal einen Trick mit dir anstellen. Und du mußt auf Zauberer. Das Nagual ist das Unaussprechliche. In ihm
meinen Trick hereinfallen.« Er lachte und schlug sich auf die schwimmen all die möglichen Gefühle und Wesenheiten und
Schenkel. »Was Genaro dir gestern abend mit der ersten Übung Ichs wie Kähne im Wasser dahin, friedlich, unabänderlich,
zeigen wollte, das war. wie die Zauberer das Nagual nutzen«, ewig. Dann bindet der Leim des Lebens einige von ihnen
fuhr er fort. »Man gelangt unmöglich zur Erklärung der zusammen. Das hast du selbst gestern abend festgestellt, und
Zauberer, solange man nicht willig das Nagual benutzt hat, oder auch Pablito hat es festgestellt, und auch Genaro, damals, als er
besser, solange man nicht willig das Tonal genutzt hat, um in das Unbekannte aufbrach, und auch ich. Wenn der Leim des
seine Handlungen im Nagual zu verstehen. Um es vielleicht Lebens diese Gefühle zusammenbindet, dann wird ein Wesen
verständlicher auszudrücken, könnte man sagen, daß die geschaffen - ein Wesen, das das Gefühl seiner wahren Natur
Ansicht des Tonal vorherrschen muß, wenn man das Nagual verliert und sich durch den Glanz und Lärm jener Region
nutzen will, wie die Zauberer es tun.« blenden läßt, in der die Wesen hausen, nämlich das Tonal. Das
Ich sagte ihm, ich fände in dem, was er eben gesagt hatte, Tonal ist da, wo einheitliche Organisation herrscht. Ein Wesen
einen eklatanten Widerspruch. Einerseits hatte er mir erst vor taucht ins Tonal ein, sobald die Kraft des Lebens alle dazu
zwei Tagen eine unglaubliche Zusammenfassung all seiner nötigen Gefühle zusammenbindet. Ich sagte dir einmal, daß das
wohlüberlegten Taten in einem Zeitraum von Jahren gegeben - Tonal mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Ich sagte
Taten, die meine Weltsicht verändern sollten. Und andererseits dies, weil ich weiß, daß, sobald die Kraft des Lebens den
wolle er nun, daß diese gleiche Ansicht vorherrsche. »Das eine Körper verläßt, alle diese Bewußtseine sich auflösen und
hat nichts mit dem ändern zu tun«, sagte er. »Die Ordnung wieder dorthin zurückkehren, woher sie kamen, ins Nagual.
unserer Wahrnehmung gehört ausschließlich zum Bereich des Was ein Krieger tut, wenn er in das Unbekannte aufbricht, ist
Tonal. Nur dort können unsere Handlungen eine Reihenfolge ganz ähnlich wie sterben, außer daß das Bündel seiner
haben, nur dort sind sie wie Leitern, auf denen man die einzelnen Gefühle sich nicht auflöst, sondern diese sich ein
Sprossen zählen kann. Im Nagual gibt es nichts dergleichen. Die wenig ausdehnen, ohne ihren Zusammenhalt zu verlieren. Beim
Tod jedoch fallen sie auseinander und bewegen sich
Anschauung des Tonal ist also ein Werkzeug, und als solches ist
unabhängig von einander, als hätten sie nie eine Einheit
es nicht nur das beste, sondern auch das einzige Werkzeug, das
gebildet.«
wir haben.
Ich wollte ihm sagen, wie vollkommen seine Erläuterungen
Gestern abend öffnete sich die Blase deiner Wahrnehmung,
mit meiner Erfahrung übereinstimmten. Aber er ließ mich
und ihre Flügel breiteten sich aus. Mehr kann man darüber
nicht zu Wort kommen.
nicht sagen. Es ist unmöglich zu erklären, was dir widerfuhr,
darum werde ich es nicht versuchen, und auch du solltest es »Es ist unmöglich, das Unbekannte zu benennen«, sagte er.
nicht versuchen. Es muß genügen, wenn ich sage, daß die »Man kann es nur erleben. Die Erklärung der Zauberer sagt,
Flügel deiner Wahrnehmung dazu bestimmt waren, deine daß jeder von uns ein Zentrum hat, von dem aus das Nagual
Ganzheit zu berühren. Gestern abend schwanktest du immer erlebt werden kann, den Willen. Ein Krieger kann sich also ins
und immer wieder zwischen dem Nagual und dem Tonal hin Nagual vorwagen und sein Bündel der Gefühle auf jede
mögliche Weise sich anordnen und umordnen lassen. Ich sagte
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d ir. d aß d ie A usd rucksfo rm d es N a g u a l ein e F rage d er P ersö n- Er sagte, daß ich, wenn ich nur einen Augenblick meinen
lichkeit ist. D am it m einte ich, d aß es d em e i n z e l n e n K rieger inneren Dialog abstellte, erkennen könne, um welche Frage es
se lb st ü b e rla sse n ist, d ie A n o rd n u n g u n d U m o rd n u n g d ie se s sich handelte. Plötzlich kam mir ein Gedanke, eine momentane
B ündels zu d ir ig ie r e n . D ie m enschliche Form , oder das Einsicht, und ich wußte, was er erwartete. »Wo war mein
m enschliche F ühlen, is t d ie ursp rüngliche F o rm , v i e l l e i c h t Körper, während all dies mit mir geschah?« fragte ich, und er
d ie je n ig e , d ie u n s u n te r a l l e n a m l i e b s t e n ist. E s g ib t je d o c h brach in herzhaftes Lachen aus. »Dies ist der letzte von den
e in e endlose Zahl a l t e r n a t i v e r Form en, die das B ündel annehm e n Tricks der Zauberer«, sagte er. »Oder sagen wir, was ich dir
k a n n . I c h sa g te d i r j a , d a ß e i n Z a u b e re r j e d e F o rm annehm en jetzt enthüllen werde, ist das letzte Stück der Erklärung der
kann, d ie er w ünscht. D as ist richtig. E in Z aub erer, d e r im B e sitz Zauberer. Bis jetzt ist deine Vernunft aufs Geratewohl meinem
d e r G a n z h e it se in e s S e lb st ist. k a n n d ie T e ile seines B ündels Tun gefolgt. Deine Vernunft ist bereit zuzugeben, daß die Welt
dirigieren, so daß sie s ic h auf j e d e v o r s te llb a r e W e ise nicht so ist, wie die Beschreibung sie darstellt, daß es mit ihr
v e re in ig e n . D ie K ra ft d e s L e b e n s i s t e s. d ie a l l e d ie se noch mehr auf sich hat als das, was unmittelbar ins Auge
M ischungen erm ö glicht. S o b ald sie erschö p ft ist. g i b t es k e i n springt. Deine Vernunft ist beinahe gewillt und bereit
M i t t e l m ehr, d ieses B ünd el zu versam m eln. D ieses B ündel habe zuzugeben, daß deine Wahrnehmung jene Klippe auf- und
ich die B lase der W ahrnehm ung g e n a n n t . Ich sagte auch, d aß abschwebte oder daß irgend etwas in dir oder du insgesamt auf
d iese v e r s ie g e lt, fest verschlo ssen is t und daß sie sich bis zum den Grund der Schlucht gesprungen bist und mit den Augen des
A ugenblick unseres T odes n i e öffnet. U nd d o ch kö nnte sie Tonal untersucht hast, was es dort zu sehen gab, ganz als ob du
geö ffnet w erd en. O ffenb ar hab en d ie Z aub ere r d ie se s körperlich an einem Seil oder über eine Leiter hinabgestiegen
G e h e im n is g e l e r n t , u n d o b w o h l sie n ic h t a lle d ie G anzheit wärst. Dieser Akt, das Untersuchen des Bodens der Schlucht,
ihres S elbst erreichen, w issen sie um deren M öglichkeit. S ie war die Krönung aller dieser Jahre der Schulung. Du hast deine
w issen, d aß d ie B lase sich nur ö ffnet, w e n n m an ins N agual Sache gut gemacht. Genaro sah sein Quentchen Chance, als er
s tü r z t. G estern habe ich d ir e in e Zusam m enfassung a ll d e r einen Stein auf dich warf, auf das Du, das am Grund der
S c h ritte g e g e b e n , d ie d u e i n h a l t e n m u ß te st. u m d i e s e n P u n k t Schlucht war. Du sahst alles. Da wußten Genaro und ich ohne
z u e rre ic h e n .« jeden Zweifel, daß du bereit warst, in das Unbekannte
E r sah m ich p rüfend a n . als erw artete er e i n e n E inw and o d er geschleudert zu werden. In diesem Augenblick sahst du nicht
eine F rage. D o ch w as er gesagt h a t t e , erüb rigte a l l e W o rte. nur, sondern du wußtest auch alles über den Doppelgänger, den
J e t z t verstand ich. daß es ganz folgenlos geblieben w äre, w enn e r Anderen.«
m ir d ie s a l l e s v o r v ie rz e h n Ja h re n o d e r z u irg e n d e in e m Ich unterbrach ihn und meinte, er lobe mich unverdientermaßen
and eren Z eitp unkt m einer L ehrzeit gesagt h ä t t e . W ichtig w ar für etwas, das ganz außerhalb meines Verständnisses liege. Er
a l l e i n d ie T a tsa c h e , d a ß ic h m it o d e r in m e in e m K ö rp e r d ie antwortete, daß ich Zeit benötigte, um all diese Eindrücke zu
V o raussetzungen s e i n e r E rklärungen erfahren h a t t e . » I c h verarbeiten, und daß, sobald ich dies getan hätte, die
w a rte a u f d e in e ü b lic h e F ra g e «, sa g te e r, w o b e i e r d ie W orte Antworten nur so aus mir heraussprudeln würden, ganz ähnlich
langsam a r tik u lie r te . »W elche F rage? « fragte ich. wie bisher die Fragen.
» D i e eine, d ie d einer V ern u n ft auf d er Z unge l i e g t . « »H eute »Das Geheimnis des Doppelgängers liegt in der Blase der
verzichte ich auf alle F ragen. I c h habe w irklich k e i n e . D on Wahrnehmung, und in deinem Fall befand sich diese gestern
J u a n .« gleichzeitig auf dem Gipfel der Klippe und am Grunde der
»D as is t nicht f a i r « , sagte er lachend. » E s gibt e in e besondere Schlucht«, sagte er. »Das Bündel von Gefühlen kann dazu
F rage, die ich von dir b r a u c h e . « gebracht werden, sich augenblicklich überall zu versammeln.
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M it a n d e re n W o rte n , m a n k a n n h i e r u n d d o rt g le ic h z e itig b en, d aß es no ch ein and eres Z entrum d er S am m lung gib t, d en
w ahrnehm en.« W illen , d urch d en es m ö glich ist, d ie auß ero rd entlichen W ir-
E r d rä n g te m ic h , n a c h z u d e n k e n u n d m ic h a n e in e R e ih e v o n k u n g e n d e s N a g u a l a b z u sc h ä tz e n o d e r z u n u tz e n . E n d lic h
V o rg ä n g e n z u e rin n e rn , d ie so a l l t ä g l i c h se ie n , d a ß ic h sie d ä m m e rt e s d e in e r V e rn u n ft, d a ß m a n d a s N a g u a l d u rc h d e n
b e in a h e v e rg e sse n h ä tte . W ille n re fle k tie re n k a n n , o b w o h l m a n e s n ie m a ls e rk lä re n
Ich w uß te nicht, w o vo n er red ete. E r verlangte, ich so lle m ich kann.
anstrengen. Je tz t a b e r z u d e in e r F ra g e : W o w a rst d u , w ä h re n d a ll d ie s
»D enk d o ch m al an d einen H u t ! « sagte er. »U nd d enk d aran, g e sc h a h ? W o w a r d e in K ö rp e r? D ie Ü b e rz e u g u n g , d a ß e s e in
w as G enaro m it ih m m a c h te ! « w irk lic h e s D u g ib t, ist e in e F o lg e d e r T a tsa c h e , d a ß d u a lle s,
S chlagartig kam m ir d ie E rkenntnis. I c h hatte ganz vergessen, w a s d u h a st, u m d e in e V e rn u n ft v e rsa m m e lt h a st. In d ie se m
d a ß D o n G e n a ro ta tsä c h lic h g e m e in t h a t t e , i c h so lle m e in e n P u n k t rä u m t d e in e V e rn u n ft e in , d a ß d a s N a g u a l d a s U n b e -
H u t a b se tz e n , w e il d e r W in d ih n m ir d a u e rn d v o m K o p f w ehte. schreib liche ist, nicht w eil B ew eise sie üb erzeugt hätten, so nd e rn
A ber ich w o llte nicht auf i h n v e r z ic h te n . I c h kam m ir w e il e s fü r sie sic h e re r ist, d ie s z u z u g e b e n . D e in e V e rn u n ft
irg e n d w ie b lö d v o r, n a c k t, w ie ic h w a r. E in e n H u t z u tra g e n , ste h t a u f sic h e re m B o d e n , a lle E le m e n te d e s T o n «/sin d auf
w a s ic h fü r g e w ö h n lic h n i e t a t , d a s g a b m ir e i n G e fü h l d e r ihrer S eite.«
F rem dheit; so w ar ich nicht w i r k l i c h ich selbst, und in diesem D o n Ju a n m a c h te e in e P a u se u n d