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Nietzsche und die Tiefenpsychologie

Bearbeitet von
Elke Metzner, Almuth Bruder-Bezzel, Eckhard Frick, Günter Gödde, Daniel Krochmalnik, Michael Lindner,
Angelica Löwe, Harald Seubert, Roman Lesmeister

1. Auflage 2011. Taschenbuch. 184 S. Paperback


ISBN 978 3 495 48439 5
Format (B x L): 13,9 x 21,4 cm
Gewicht: 266 g

Weitere Fachgebiete > Psychologie > Psychologie: Allgemeines > Psychologische


Theorie, Psychoanalyse

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Roman Lesmeister / Elke Metzner (Hg.)


Nietzsche und die
Tiefenpsychologie

VERLAG KARL ALBER A


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Ausgehend von grundsätzlichen Überlegungen zur Nietzsche-Rezepti-


on untersuchen die Beiträge des vorliegenden Bandes die Zusammen-
hänge zwischen Nietzsches Denken und den tiefenpsychologischen
Konzeptionen der Psychoanalyse (S. Freud), Analytischen Psychologie
(C. G. Jung) und Individualpsychologie (A. Adler). Im Mittelpunkt
steht die Idee des schöpferischen Menschen als Subjekt tätiger Selbst-
und Weltgestaltung. Der thematische Horizont des Bandes schließt Re-
flexionen zur Nietzsche-Rezeption innerhalb des Judentums ein und
erweitert damit den Blickwinkel auf eine zeitgeschichtliche Dimension,
die in den tiefenpsychologischen Diskursen – genannt oder ungenannt
– präsent ist.

Die Herausgeber:
Roman Lesmeister, Dipl.-Psych., Psychoanalytiker (DGAP, DGPT) in
eigener Praxis; Dozent, Supervisor und Lehranalytiker an der Aka-
demie für Psychoanalyse, Psychotherapie und Psychosomatik Ham-
burg (APH) und am C. G. Jung-Institut München. Zahlreiche Ver-
öffentlichungen zur Theorie- und Rezeptionsgeschichte der
Analytischen Psychologie sowie zu Themen von Subjekt, Selbst und
Individuation. Mitbegründer und -leiter des Arbeitskreises »Analyti-
sche Psychologie und Philosophie«.

Elke Metzner, Dr. phil., Dipl.-Psych., Psychoanalytikerin (DGAP,


DGPT) und Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis in
Nürnberg; Dozentin und Lehranalytikerin am C. G. Jung-Institut
München; seit 2001 Leitung des Arbeitskreises »Analytische Psycho-
logie und Philosophie« gemeinsam mit Roman Lesmeister.
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Seele, Existenz und Leben


Band 16:

Roman Lesmeister /
Elke Metzner (Hg.)

Nietzsche und die


Tiefenpsychologie

Verlag Karl Alber Freiburg / München


SEuL 16 (48439) / p. 4 /2.12.10

Seele, Existenz und Leben


Herausgegeben von
Gnter Funke und Rolf Khn
in Zusammenarbeit mit dem
Institut fr Existenzanalyse und Lebensphnomenologie Berlin
(www.guenterfunkeberlin.de)
sowie dem
Forschungskreis Lebensphnomenologie, Freiburg i. Br.
(www.lebensphaenomenologie.de)

Originalausgabe

© VERLAG KARL ALBER


in der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2010
Alle Rechte vorbehalten
www.verlag-alber.de

Satz: SatzWeise, Föhren


Druck und Bindung: AZ Druck und Datentechnik, Kempten

Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier (säurefrei)


Printed on acid-free paper
Printed in Germany

ISBN 978-3-495-48439-5
SEuL 16 (48439) / p. 5 /2.12.10

Inhalt

Vorwort (Elke Metzner) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

Harald Seubert: ›Verwechselt mich vor Allem nicht!‹


Nietzsches Text-Partitur und ihre Realisationen.
Grundprobleme einer Hermeneutik von Rezeption . . . . 19

Gnter Gdde: Gewissen und Moral im Kontext des


Freud-Nietzsches-Diskurses . . . . . . . . . . . . . . . . 53

Almuth Bruder-Bezzel: Alfred Adlers Nietzsche-Bezug und


die schöpferische Kraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91

Michael Lindner: ›Ein tiefstes Erlebnis‹. C. G. Jungs Lektüre


von Nietzsches ›Also sprach Zarathustra‹ anhand seiner
Seminare von 1934–39 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107

Daniel Krochmalnik: Um den Sinai. Der Jüdische


Nietzscheanismus in religionsgeschichtlicher Perspektive . 121

Angelica Lwe: Erich Neumanns Tiefenpsychologie und


Neue Ethik im Kontext jüdischer Nietzscherezeption . . . 146

Eckhard Frick: Vom Übermenschen zum schöpferischen


Menschen. Erich Neumanns Anthropologie der Kreativität . 168

Autorenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183

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Vorwort

Erste Spuren zu dem vorliegenden Buch wurden im Jahre 2000 auf


einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Analytische Psychologie
in einem Seminar zum Thema »C. G. Jungs Denken im Spannungsfeld
esoterischer Erneuerungsideen und faschistischer Ideologie« gelegt. 1
Nietzsches Philosophie und die Bedeutung ihrer Rezeption auf die un-
terschiedlichen Entwürfe, die nihilistische Krise der christlich-abend-
ländischen Kultur zu überwinden, fand hier Beachtung. Die Psycho-
analyse Sigmund Freuds, die Individualpsychologie Alfred Adlers und
die Analytische Psychologie C. G. Jungs sind als solche Entwürfe zu
verstehen. Auf ihre Theoriebildungen nahm auch die Rezeption der
Philosophie Nietzsches bedeutenden Einfluss. Um die Erforschung der
kulturgeschichtlichen und philosophischen Grundlagen der psycho-
analytischen Theoriebildung, insbesondere der auf C. G. Jung zurück-
gehenden Richtung der Analytischen Psychologie fortsetzen zu kön-
nen, wurde 2001 der »Arbeitskreis Analytische Psychologie und
Philosophie« gegründet.
Angeregt durch ihre Forschungen zu Erich Neumanns Beeinflus-
sung durch den jüdischen Nietzscheanismus, warf Angelica Löwe (sie-
he ihren Beitrag in diesem Buch) in diesem Arbeitskreis das Thema der
Nietzsche-Rezeption in der Analytischen Psychologie auf. Sie war die
wesentliche Impulsgeberin für ein Symposion, welches der Arbeits-
kreis 2010 durchführte. Hier wurden noch nicht wissenschaftlich
erforschte Zusammenhänge und Verhältnisse zwischen Nietzsches
Philosophie, Zionismus, Nationalsozialismus und analytischer Psycho-
logie thematisiert. Aus zeitlichen Gründen musste die Rezeption der
Philosophie Nietzsches durch Freud und Adler auf dem Symposion
unberücksichtigt bleiben. Umso erfreulicher ist es, diese in dem vorlie-

1 Vgl. R. Lesmeister u. E. Metzner, Der neue Mensch, in: Analytische Psychologie 32


(2001) 138–157.

7
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Vorwort

genden Band durch die Beiträge von Almuth Bruder-Bezzel und Gün-
ter Gödde hinzufügen zu können.
Walter Kaufmann weist darauf hin, dass Nietzsche so sehr Teil des
deutschen Lebens geworden sei, dass eine Untersuchung über die Ge-
schichte seines Ruhmes »sich zu einer Kulturgeschichte Deutschlands
im zwanzigsten Jahrhundert ausweiten« dürfte. 2 Aschheim fügt hinzu,
»die problematische Bedeutung des Einflusses von Nietzsche in
Deutschland« liege gerade darin, »dass er sich überall geltend macht,
dass er in vielfältiger und oft widersprüchlicher Weise auf den ent-
scheidenden Schauplätzen des politischen wie kulturellen Lebens zu-
tage tritt. Es wäre in der Tat richtiger, nicht von einem, sondern von
vielen Einflüssen Nietzsches zu sprechen, die sich im Wandel der Zei-
ten widerspiegeln«. 3 Aschheim legte die bisher umfassendste Rezep-
tionsgeschichte zu Nietzsches Werk vor und stellt auch Zusammen-
hänge zu dessen Einflüssen auf Freud, Adler und Jung dar. Er verweist
auf den Nietzscheanismus in den verschiedenen Zirkeln der intellektu-
ellen, künstlerischen und literarischen Avantgarde, die sich im Fin de
siècle gebildet hatten. Hier beschäftigte man sich mit den Problemen
des Wandels der traditionsgeleiteten zur modernen Gesellschaft.
Nietzsches Philosophie galt der Aufklärung, der Gesellschafts-
und Kulturkritik, bot aber auch Überwindung und Herausforderung
zu einer Entwicklung zum »Übermenschen« an: »Im allgemeinen
machten sich diese Kreise zwei Tendenzen im Werk Nietzsches zu ei-
gen, die günstigstenfalls in einem Spannungsverhältnis und schlimms-
tenfalls in offenem Widerspruch zueinander standen: den dynamischen
Entwurf einer radikal gottlosen Selbsterschaffung des Menschen und
das dionysische Moment seiner vollständigen Selbstpreisgabe. In bei-
nahe allen Manifestationen der von Nietzsche inspirierten Avantgarde
traten diese beiden Tendenzen zutage, die vielen Zeitgenossen durch-
aus bewusst waren. Autoren wie Ludwig Klages beispielsweise lehnten
eine nietzscheanische Selbstschaffung ausdrücklich ab und befürworte-
ten ganz entschieden, was sie für eine dionysische Preisgabe des Selbst
im Sinne des Philosophen hielten. Die am weitesten verbreiteten Re-
aktionen bestanden jedoch darin, entweder die Spannungen zwischen
beiden Tendenzen zu verleugnen oder die individualistischen (und so-

2 Vgl. S. Aschheim, Nietzsche und die Deutschen. Stuttgart 2000, 2.


3 Ebd. 2.

8
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Vorwort

gar antisozialen) Momente mit der Suche nach neuen Formen einer
›Totalen‹ Gemeinschaft verschmelzen zu wollen.« 4
Hier ging es noch nicht um den Nihilismus Nietzsches, wie er –
nach Auschwitz – im Poststrukturalismus zentral wurde, sondern viel-
mehr um die schöpferischen und positiven Aspekte seines Werkes,
durch welche der Nihilismus überwunden werden sollte. Auffallend
war, wie bei Nietzsche selbst, die unpolitische Haltung seiner Anhän-
ger. Politisches Leben wurde als Banalität abgetan, dagegen standen die
Ideale des individuellen und des sozialen Lebens, der Macht und der
Kultur. 5 Dies bedingte bei Alfred Adler in den zwanziger Jahren, im
Zusammenhang mit der Einführung des »Gemeinschaftssinnes« in sei-
ne Psychologie, eine Distanzierung von Nietzsches Philosophie. Hier
verhielt er sich wie »viele der frühen Expressionisten, die später Nietz-
sches antigesellschaftliche Einstellung ablehnten und wieder auf die
bindende Macht menschlicher Solidarität vertrauten«. 6
Die Psychoanalyse wurde von Beginn an in engem Kontext zu
Nietzsches Philosophie vermutet. H. Ellenberger 7 und G. Gödde 8 stel-
len ausführlich das Verhältnis Freuds zu Nietzsche dar. Aschheim for-
muliert die Affinität zwischen Freud und Nietzsche: »Beiden ging es
darum, auf teleologische und metaphysische Erklärungen zu verzich-
ten und tiefergehende Regungen zu demaskieren. Beide betonten die
Notwendigkeit einer ›Selbsterschaffung‹ des Menschen (auch wenn sie
darunter jeweils etwas anderes verstanden). Beide formulierten, wie
Jung bemerkte, eine grundlegende Kritik an ihrer eigenen Zeit und
suchten nach einer Antwort auf die Krankheit des 19. Jahrhunderts«. 9
Erwähnt werden auch die Unterschiede. Bei Freud erscheine das Unbe-
wusste demokratisiert: »Das Projekt einer ›Selbsterschaffung‹ des
Menschen bleibt bei ihm, anders als bei Nietzsche, nicht auf einige
wenige beschränkt.« Freud habe im Gegensatz zu Nietzsche und seinen
Anhängern darauf bestanden, dass sich seine Untersuchungen in einem
»wissenschaftlichen Rahmen« bewegten. 10
C. G. Jung sieht in Nietzsche, gerade weil Freud eher individualis-

4 Ebd. 52.
5 Vgl. ebd. 53.
6 Ebd. 71.

7 Vgl. Die Entdeckung des Unbewussten. Bern 1973.

8 Vgl. Traditionslinien des Unbewussten. Tübingen 1999.

9 Vgl. S. Aschheim, Nietzsche und die Deutschen, a. a. O., 54.

10 Ebd. 55.

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Vorwort

tisch und rationalistisch eingestellt war, den scharfsichtigeren und auf


eine tiefere Wirklichkeit eingestimmten Denker: »Es ist eine große
Entdeckung, dass es unter oder neben der eigenen Psyche, dem eigenen
Bewusstsein oder Geist eine andere Intelligenz gibt, die man selbst
nicht gemacht hat und von der man abhängig ist. Wie Sie sehen, be-
steht Freuds große Angst darin, dass es etwas außerhalb geben könnte,
was nicht Ich ist. Wer behaupten wollte, dass es außerhalb des eigenen
Geistes eine größere Intelligenz gibt, der müsste verrückt sein. Eben
wie Nietzsche. Doch zu Freuds Unglück war Nietzsche nicht der ein-
zige, dem solche Gedanken gekommen waren. Vielmehr waren Jahr-
tausende vor Nietzsche davon überzeugt, dass die Intelligenz des Men-
schen nicht das letzte Wort ist, dass auch sein Geist hervorgegangen ist
aus etwas, das im Jenseits bleibt – dass wir uns also nicht machen,
sondern gemacht werden. Ihr Geist ist nicht der Schöpfergott, der eine
Welt als ganzes hervorgehen lässt aus dem Nichts. Er ist seinerseits
vorbereitet und hergestellt. Dem Bewusstsein voraus liegt ein Unbe-
wusstes, aus dem es einst entstanden ist. Und das ist eine Intelligenz,
die gewiss grenzenlos über die unsere hinausreicht.« 11
Arnold Zweig setzt entgegen, Freud habe gerade das Verlangen
gehabt, sich das Unbewusste nutzbar zu machen, es zu behandeln wie
es zu verstehen. Damit habe er sich gegenüber Nietzsche einen Vorteil
verschafft. Zweig schreibt an Freud: »Ich sehe nämlich die Sache so,
dass Sie alles getan haben, was Nietzsche intuitiv als Aufgabe empfand,
ohne jedoch imstande zu sein, es mit seinem von genialen Inspiratio-
nen durchleuchteten Dichteridealismus auch wirklich zu erreichen. Er
versuchte, die ›Geburt der Tragödie‹ zu gestalten, Sie haben es in
›Totem und Tabu‹ getan, er ersehnte ein ›Jenseits von Gut und Böse‹,
Sie haben durch die Analyse ein Reich aufgedeckt, auf das zunächst
einmal dieser Satz passt. Die Analyse hat sich alle Werte umgewertet,
sie hat das Christentum überwunden, sie hat den wahren Antichrist
gestaltet und den Genius des aufsteigenden Lebens vom asketischen
Ideal befreit. Sie hat den Willen zur Macht auf das zurückgeführt, was
ihm zu Grunde liegt … und, dank der Tatsache, dass Sie ein Naturfor-
scher sind und ein Schritt für Schritt vorwärtsgehender Psychologe
dazu, das erreicht, was Nietzsche gern vollbracht hätte: die wissen-

11 C. G. Jung, Nietzsches Zarathustra: Notes of the Seminar given in 1934–1939 (Hg.


J. J. Jarret), 2 Bände. Princeton N.J. 1988, hier Band 1, 370 f., zit. S. Aschheim, Nietzsche
und die Deutschen, a. a. O., 55.

10
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Vorwort

schaftliche Beschreibung und Verständlichmachung der menschlichen


Seele – und darüber hinaus, da Sie ja Arzt sind, ihre Regulierbarkeit,
den heilenden Eingriff gelehrt und geschaffen«. 12
In dem vorliegenden Buch wird der Versuch unternommen, die
Aufklärung des Verhältnisses zwischen Nietzsches Philosophie und
tiefenpsychologischer Theoriebildung zu vertiefen. Dabei kann es sich
nur um fragmentarische Ansätze handeln, die einer Fortführung be-
dürfen. Harald Seubert führt mit einem Beitrag über Hermeneutik
von Rezeption ein. Nietzsches eigene Betrachtungen zum »Verstehen«
werden vorgestellt, auf im Denk-Text angelegte Verzerrungen hinge-
wiesen. In jeder neuen Lesart sei auch Unerwartetes über den zugrun-
deliegenden Text selbst zu erkennen. Ausführlich wird die Nietzsche-
rezeption der NS- Zeit behandelt. Der Autor versteht in »diesen
Verhunzungen den verzerrten Nietzsche, den Fehlschlag seines gewag-
testen Gedankenexperimentes und eben nicht einfach etwas, das mit
ihm nichts zu tun hätte«.
Anschließend wird Nietzsches Denken in unvermittelten Dicho-
tomien und Gegen-Begriffen dargelegt. Oberfläche und Tiefe, Be-
wusstsein und Unbewusstes, erfahren in gleicher Weise Bedeutung.
Hinter den ›guten‹ Tendenzen werde der Willen zur Macht gewahr.
Der Verlust einer »wahren Welt« bei gleichzeitiger Insistenz auf Wahr-
haftigkeit fordere ein Ertragen der Gegensätzlichkeit zwischen Wahr-
haftigkeit und Auslöschung der Differenz von wahr und falsch. Es be-
stehe eine Antithetik von Erinnerung und Vergessen. Bringe der
Willen zur Macht im Zeit übergreifenden Gedächtnis auch das Ressen-
timent hervor, so sei er doch unerlässlich, um das Bleibende, die Wie-
derkehr des Gleichen, zu stiften.
Nach Ausführungen zu Nietzsches Verhältnis zum Judentum und
seiner Neuen Ethik verweist Seubert nochmals auf Probleme der Re-
zeption. Nietzsche könne nicht in die Geschichte des deutschen Irra-
tionalismusproblems und der Genealogie einer »Zerstörung der Ver-
nunft« einbezogen werden. Die Vernunft bleibe auf Nietzsche
verwiesen. Der aus Frankreich zurückkehrende, semiotisch gebrochene
Nietzsche ließe in immer weitergehender Textualisierung tausend Zei-
chen erkennen, in den Zeichen aber keine Welt. Nietzsche werfe noch
immer Fragen auf. Er unternehme das Wagnis der Doppelexistenz des

12 Sigmund Freud und Arnold Zweig, Briefwechsel. Frankfurt/M., 1968, 35 f., zit. ebd.
56.

11
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Vorwort

Mythologen und des psychologisch tiefenpsychologischen Entzaube-


rers der Mythologie. Er nehme dabei die Ambivalenz der Moderne auf.
Nietzsche als »Aristoteles der Moderne« verweise auf die Unhinter-
gehbarkeit der letzten Fragen am Grund.
Mit dem folgenden Beitrag rückt die Rezeption der Philosophie
Nietzsches durch die Gründerväter der Tiefenpsychologie in den Fokus.
Im Kontext des Freud-Nietzsche-Diskurses geht Günter Gödde in sei-
nem Beitrag den Fragen nach, inwieweit Nietzsches Moral- und Gewis-
senspsychologie die Grundlage für Freuds Konzeptualisierung des Ge-
wissens bilde. Strukturelle Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen
beiden werden untersucht und Folgerungen für eine Auseinander-
setzung zwischen der gegenwärtigen Psychoanalyse und der Nietz-
sche-Forschung formuliert. Bedeutsam erscheint Göddes Anregung,
Psychoanalyse und Nietzsche-Forschung sollten sich aufeinander zu
bewegen. Die nach wie vor virulenten Berührungsängste gelte es ab-
zubauen, um Nietzsche als einen geistig Verwandten und in vieler Hin-
sicht Verbündeten, aber auch als einen Herausforderer und Gegen-
spieler neu zu entdecken. Freud habe mit seinem »szientistischen
Selbstmissverständnis« (Habermas) auf die am Perspektivismus und
Konstruktivismus orientierte Nietzsche-Forschung lange Zeit abschre-
ckend gewirkt. Einiges an den anthropologischen Prämissen von Freuds
Gewissenstheorie lasse sich anzweifeln, und neuere Erkenntnisse der
psychoanalytischen Forschung ermöglichten einen Brückenschlag zu
Nietzsches Entwürfen für ein gewandeltes und befreites Gewissen.
Gödde sieht in den Werken Nietzsches und Freuds gewaltige Schatz-
kammern, in denen noch viel zu entdecken sei.
Almuth Bruder-Bezzel stellt die Beziehung zwischen den Werken
Alfred Adlers und Nietzsches dar. Im Verhältnis zur sehr umfangrei-
chen Literatur Freud/Nietzsche, falle die Literatur zum Verhältnis Ad-
ler/Nietzsche nur spärlich aus. Dies erstaune, da es als selbstverständ-
lich gelte, Adler zu Nietzsche in einen mehr oder weniger engen
Zusammenhang zu bringen. Adler habe Nietzsche als eine »tragende
Säule« seiner Theorie bezeichnet und vor allem der Dimension der
»Macht« in seiner Theorie einen zentralen Stellenwert eingeräumt.
Adlers Dissidenz oder Freuds Rausschmiss von Adler ebenso wie die
Dissidenz von C. G. Jung werden im Zusammenhang mit Nietzsche
vermutet. Bruder-Bezzel stellt in übersichtlicher und klarer Form in
einem ersten Teil chronologisch Nietzsche-Bezüge in Adlers Werk-
abfolge dar. In einem zweiten Teil werden Spuren Nietzsches in den

12
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Vorwort

zentralen Topoi der Adlerschen Psychologie skizziert: Kompensation,


Wille zur Macht, Streben nach Vollkommenheit und das Schöpferi-
sche. Der Einfluss Nietzsches auf Adler selbst dürfe jedoch nicht über-
schätzt werden. Vor allem in ihrem sozialen und politisch geprägten
Menschenbild gebe es erhebliche Differenzen.
Von den drei Begründern der Psychoanalyse bekannte sich C. G.
Jung am stärksten zu Nietzsche. Als Student von den ›Unzeitgemäßen
Betrachtungen‹ »restlos begeistert«, versetzte ihn die Zarathustralek-
türe in Schrecken: »wie mir der Faust eine Tür öffnete, so schlug mir
›Zarathustra‹ eine zu, und dies gründlich und auf lange Zeit hinaus«. 13
Über 20 Jahre später, in einer von Faschismus und Nationalsozialismus
durchdrungenen Atmosphäre, hielt Jung von 1934–39 über 6 Jahre
seine Zarathustra-Seminare in englischer Sprache. Für ihn war Nietz-
sches ›Zarathustra‹ eine Gestalt, an der er interpretatorisch seine Lehre
vom kollektiven Unbewussten entfalten konnte.
Nietzsches Zarathustra erregte auch das Interesse der National-
sozialisten. Da die Psychologie C. G. Jungs mit der NS-Ideologie kom-
patibler schien als Freuds Psychoanalyse und dem Reichsleiter des
»Deutschen Instituts für Psychologische Forschung und Psychothera-
pie«, Matthias Heinrich Göring, die Möglichkeit bot, »die jüdisch-mar-
xistisch verseuchte Psychoanalyse und die Adlersche Individualpsy-
chologie durch Verschmelzung mit der Jungschen Lehre zu einer an
diesem Institut zu entwickelnden nationalsozialistisch orientierten
›Deutschen Seelenkunde‹ zu ersetzen«, 14 legte der »Arbeitskreis Ana-
lytische Psychologie und Philosophie« immer wieder einen besonderen
Schwerpunkt auf die Erforschung der kulturgeschichtlichen Hinter-
gründe des Phänomens, welche die Psychologie C. G. Jungs mit der
NS-Ideologie kompatibel zu machen scheinen.
Michael Lindners Beitrag ist Jungs Zarathustra-Seminaren gewid-
met. Im Gegensatz zur Neigung der Philosophen, in Nietzsches Zara-
thustra das Ergebnis eines souveränen Denkakts zu sehen, wird die
These vertreten, Nietzsche sei einem archetypischen Geschehen er-
legen, welches er nicht durchschaute. Jung sehe Nietzsches geistige Er-
krankung nicht als Resultat einer organischen Gehirnveränderung,
sondern als Ergebnis einer Inflationierung seines Bewusstseins durch

13Zit. A. Jaffe, Erinnerungen, Träume, Gedanken von C. G. Jung. Freiburg 1977, 108 ff.
14J. Grunert, Zur Geschichte der Psychoanalyse in München, in: Psyche 38 (1984) 865–
904.

13
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Vorwort

den Archetyp. Nietzsche werde als »pathologische Persönlichkeit« ver-


standen, sein ›Zarathustra‹ als großer intuitiver Versuch einer Selbst-
analyse, aber ohne Gewinn an bewussten Einsichten. Die starke Ab-
grenzung, die Jung Nietzsche gegenüber vornehme, könne auch als
Abwehr der Einsicht interpretiert werden, wie viel die Jungsche Psy-
chologie Nietzsche verdanke. Es liege offenbar eine »Doppelgänger-
scheu« vor: Nietzsche und Jung als abtrünnige Pfarrerssöhne, lebens-
lang von Gott verfolgt, dem christlichen Gott im Hass verbunden.
Erich Neumann, der bedeutendste Schüler C. G. Jungs, war maß-
geblich an der Weiterentwicklung der Analytischen Psychologie betei-
ligt. Angelica Löwe konnte in bisher unveröffentlichten Quellen wich-
tige Hinweise über die Beschäftigung Neumanns mit der jüdischen
Identitätsthematik im Horizont der Psychologie C. G. Jungs finden,
welche sich in dessen bisher ediertem Werk allenfalls spurenhaft nach-
weisen lassen. In der ›Jüdischen Rundschau‹ 15 schrieb Neumann: »Die
jungsche Psychologe wird entscheidend sein bei der Bemühung der
Juden, zu ihren Fundamenten zu kommen. Der ›zionistische‹ Charak-
ter seiner Erkenntnisse, die eben wie der Zionismus das Irrationale des
schöpferischen Urgrundes mit einbeziehen, wird hier wegweisend wir-
ken.«
Um das Werk Erich Neumanns, in welchem Nietzsches Philoso-
phie mit Chassidischer Lehre und der Analytischen Psychologie C. G.
Jungs verwoben ist, besser erschließen zu können, wird den beiden
Arbeiten zu seiner Tiefenpsychologie Daniel Krochmalniks Beitrag
zum Jüdischen Nietzscheanismus vorangestellt. Nach einer Darstel-
lung der Nietzsche- Impulse auf jüdische Intellektuelle um 1900 wird
die für den Jüdischen Nietzscheanismus zentrale Ausdrucksform der
Counter-History erläutert. Bezogen auf Nietzsches Schrift ›Vom
Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben‹ werden die ver-
schiedenen Bedeutungen des Begriffs Counter-History an Beispielen
aus Werken jüdischen Nietzscheanismus’ entfaltet. Kriterium der
Counter-History der jüdischen Nietzscheaner sei die Umwertung aller
Werte; sie betrachteten sich als Brecher der alten Tafeln und Stifter
neuer oder vielmehr als Entdecker uralter, verborgener Tafeln. Im An-
tichrist werde die Geschichte Israels als Paradigma der »Entnatür-
lichung der Natur-Werte« dargestellt. Jüdische Nietzscheaner forder-
ten eine Entlarvung der großen Geschichtsfälschung, die aus der

15 Heft 48 (1934) 5.

14
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Vorwort

großen Zeit Israels eine Sünde mache, für die Israel mit dem Exil büße.
Die jüdischen Nietzscheaner wollten die Umkehrung der Werte wieder
umkehren und durch die doppelte Negation das ursprüngliche, natür-
liche Leben wiederfinden; die Kritik der jüdischen Geschichte im jüdi-
schen Nietzscheanismus stimme sehr mit der nietzscheanischen Kritik
der Geschichte überein: Geschichte werde als Anschlag auf das Leben
betrachtet; jüdischer Nietzscheanismus sehe sich als auftrumpfende
Behauptung der jüdischen Identität gegen die schuldbewusste Tradi-
tion und die verschämte Assimilation.
Abschließend geht Krochmalnik auf das Verhältnis zwischen jüdi-
schem Nietzscheanismus und der zionistischen Kulturrevolution ein.
Im Zionismus sei Kritik der Geschichte üblich; die Diaspora werde ver-
neint, eine Überwindung der Diasporajuden gefordert. Jüdische Nietz-
scheaner gingen in einem Punkt weiter als die üblichen Zionisten: sie
forderten mit der Verneinung des Exils auch die Verneigung der Ur-
sachen des Exils, erstrebten eine Anknüpfung an eine vorexilische Re-
ligion. Sie gaben den guten Juden die Schuld am Exil, die Entfremdung
der Juden von der Erde, vom Leben, von der Natur. Die Counter-His-
tory der jüdischen Nietzscheaner sei eine extreme Erscheinung der
nationalistischen Umwertung aller jüdischen Werte: Nietzsche sei hier
Prophet und Lehrer Israels wider das Judentum. Der jüdische Nietz-
scheanismus könnte die Frage erhellen, warum einige jüdische Psycho-
analytiker sich mehr zur Analytischen Psychologie C. G. Jungs
hingezogen fühlten als zur Psychoanalyse Freuds oder zur Individual-
psychologie Alfred Adlers. So hatte sich Erich Neumann gewünscht, in
seinen Arbeiten über die jüdische Religion von Jung unterstützt zu
werden. Jung gewährte ihm diese Hilfe nicht, vermutlich aus eigener
Inkompetenz in Fragen jüdischer Religion, wie er an einigen Stellen
bemerkte. Jung selbst hatte einen christlich-jüdischen Dialog mit Leo
Baeck, Martin Buber und Gershom Scholem begonnen, der nicht wei-
tergeführt worden ist.
Angelica Löwes Beitrag weist auf ein Bemühen hin, die Fäden zu
diesem Dialog wieder aufzugreifen. Sie reflektiert Erich Neumanns
›Tiefenpsychologie und Neue Ethik‹, geschrieben nach Auschwitz, im
Kontext jüdischer Nietzscherezeption. Die soziobiographische Einfüh-
rung zeigt auf, dass Neumanns Denken sowohl vom Werk C. G. Jungs
als auch vom Jüdischen Nietzscheanismus bestimmt ist. Neumanns
tiefenpsychologische Erklärung des Versagens der alten Ethik und die
sich daraus ergebenden Symptome werden dargelegt. Er setze unter-

15
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Vorwort

schiedliche moralische Entwicklungsstufen in ein Verhältnis dazu: dem


Gewissen als Repräsentanten des kollektiven Über-Ichs werde die hö-
her entwickelte Instanz der »Stimme« als Ausdruck innerer Offen-
barung des Neuen gegenübergestellt. Löwe rekurriert auf die von
Krochmalnik dargestellte Rezeptionsgeschichte Nietzsches und ihrer
Bedeutung für Neumann. Nietzsches Blick begleite nicht nur Neu-
manns Entwurf einer Tiefenpsychologie des jüdischen Menschen, son-
dern zeige sich auch in grundsätzlichen Gedanken seiner ›Neuen
Ethik‹. Diese werde als Transposition von Neumanns Nietzsche -Lek-
türe verstanden, insbesondere des ›Zarathustra‹. Individuelle biogra-
phische Bezüge in Form eines Vater-Sohn-Konfliktes werden in Be-
tracht gezogen. Löwe stellt drei für Neumanns Ethik wesentliche
begriffliche Kontrastpaarungen dar: Gewissen – Stimme, Vater – Sohn,
der hässlichste Mensch.
Für Neumann führe das Leben in seinem Verwiesensein auf Leib,
Erde und Natur, die für ihn heilende Aspekte der eigenen psychischen
Tiefe, die »Tiefe des eigenen Urgrunds« repräsentieren, unweigerlich
zur Frage des Bösen, welches zugleich die Ausgangsfrage der Ethik
gewesen sei. Die ›Neue Ethik‹ erweitere die Verantwortung der Persön-
lichkeit auf das Unbewusste, wenigstens auf den persönlichen Anteil
des Unbewussten, welchen die Schattenfigur beinhalte. Neumann habe
mit seiner ›Neuen Ethik‹ die Züricher Jungianer irritiert, es wurde ihm
ein »alttestamentarischer Standpunkt« vorgeworfen. Er war verblüfft
und bezeichnete die Reaktion als »geistige Unredlichkeit«. Sein Haupt-
vorwurf richte sich gegen die seiner Meinung nach falsch verstandene
Funktion des Unbewussten. Zu dieser heftigen Kontroverse von damals
sowie zur Thematik der Verständigung über Konzepte von Moral und
Ethik zwischen Jung und Neumann gebe es aufgrund des unveröffent-
lichten Materials bislang noch keine Debatte. Jung selbst sei von der
Idee einer »radikalen Individualisierung der Ethik« ergriffen gewesen.
Im letzten Beitrag führt Eckhard Frick in Neumanns Anthropolo-
gie der Kreativität ein. Zunächst wird Nietzsches »Übermensch« und
dessen Bezug zum Schöpferischen vorgestellt. Kreativität bedeute für
Nietzsche Opposition gegenüber einem Christentum, das nihilistisch-
lebensverachtend dem Willen zur Macht entgegenstehe, und Hinwen-
dung zum Dionysos-Mythos. Neu bewerte er Mühe und Schmerz, für
den schöpferischen Prozess charakteristisch, der sich durch Verlust und
Zerstörung auszeichne. Neumann betone in seiner Anthropologie des
Schöpferischen die Angewiesenheit des Ichs auf ein Nicht-Ich, ein

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Vorwort

Selbst sei Garant zum Kontakt der Einheitswirklichkeit, zum schöpfe-


rischen Ursprung. Neumann verbinde diese Idee mit dem chassidischen
Mythos von den göttlichen Funken. Der Mensch sei hier nicht nur
Geschöpf, sondern auch Schöpfer Gottes, Gott nicht nur das vollkom-
mene Wesen, sondern auch in Entstehung. Diese Qualität komme je-
dem Menschen zu: jede und jeder sei Adam: schöpferisches Geschöpf,
im Akt der Namensgebung das wesenhaft Begegnende mit dem Du
ausdrückend. Der für das semitische Denken zentrale Begriff der
»Lebendigkeit« werde betont.
Die schöpferische Qualität des Ich werde hervorgehoben und die
Notwendigkeit, dessen Ebenbildlichkeit wiederherzustellen. Der
schöpferische Einzelne sei nie isoliert, sondern immer auf seine Grup-
pe, auf das Ganze der Menschheit bezogen. Er sei ein Gefährdeter.
Schöpferische Psychotherapie stelle demütig die Ich-Selbst-Achse wie-
der her, die jungianischen Konstrukte Persona, Schatten, Animus und
Anima seien dafür hilfreich. Neumann verweise auf die Erfahrung des
Chassidismus von der Unfestgelegtheit der Welt und Menschen. Das
»Neu-an-jedem-Tag« sei eine Revolution von ungeahntem Ausmaß
gerade für das Judentum. Im Chassidismus bestehe Möglichkeit, zur
schöpferischen Natur der Seele zurückzukehren. Im Gegensatz zu
Nietzsche, dessen schöpferischer Mensch als Übergang, als ein vom
Untergang bedrohter zu sehen sei, beziehe sich Neumann in seiner
Einschätzung des schöpferischen Menschen auf Hölderlins Satz: »Wo
aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.«
Die Beiträge dieses Buches verdeutlichen den eminenten Einfluss
Nietzsches auf die Theoriebildungen Freuds, Adlers und Jungs trotz
deren Heterogenität. Dieser Einfluss wurde sowohl anerkannt als auch
verleugnet oder einfach nicht wahrgenommen. Möglich scheint ein
Verständnis dafür nur durch die »Offenheit und umgestaltende Kraft
im Erbe Nietzsches zu sein.«16 Die vielfältigen Möglichkeiten, Nietz-
sche zu verstehen und sich auf seine Lehren zu beziehen, konnten auf
dem Feld der tiefenpsychologischen Schulen nachgewiesen werden.
Für Freud war Nietzsche als Aufklärer wesentlich. Freud stützte sich
in seinen Arbeiten über die Auswirkung der Moral auf Individuum und
Gesellschaft auf Nietzsches Analysen, entwickelte sie weiter und fand
auch Distanz zu ihnen. Auch für Adler war Nietzsches aufklärerischer
Blick das zentrale Moment: die Analyse von Machtstrukturen und de-

16 S. Aschheim, Nietzsche und die Deutschen, a. a. O., 4.

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Vorwort

ren destruktive Wirkung. Jung hingegen fand im Zarathustra seinen


Individuationsgedanken bestätigt. Wie für Neumann spielten für ihn
die von Nietzsche hervorgehobenen schöpferischen Aspekte zur Hei-
lung vom alten, kranken und zur Entwicklung des neuen, gesunden
(Über)Menschen eine zentrale Rolle.
Das vorliegende Buch soll Anregung geben, den von Günter
Gödde geforderten Dialog zwischen der nietzscheanischen Philosophie
und der Psychoanalyse zu begünstigen, ebenso wie den von Angelica
Löwe erneut aufgegriffenen christlich-jüdischen Dialog fortzuführen.
Durch ihren und Daniel Krochmalniks Beitrag wird deutlich, wie sehr
dieser Dialog von Nietzsches Philosophie beeinflusst worden ist.
Abschließend soll den Autoren für ihre engagierte Mitarbeit und
den fachlichen Austausch gedankt werden. Der Wilhelm-Bitter-Stif-
tung gilt Dank für die finanzielle Unterstützung des Symposions. Mit
diesen Mitteln konnte die Veröffentlichung dieses Tagungsbandes er-
möglicht werden. Dank gilt ebenfalls der Hochschule für Philosophie
München, die als Mitveranstalterin dem Symposion durch ihre Ta-
gungsräumlichkeiten einen würdigen Rahmen zur Verfügung gestellt
hat. Dem C. G. Jung-Institut München als Mitveranstalterin sei ge-
dankt für die Übernahme der Organisation. Ausdrücklicher Dank gilt
hier Christine Bahnsch für ihr großes Engagement

Elke Metzner

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