Sie sind auf Seite 1von 5

Neues aus der Forschung

Petra Schmidl Des Sultans Sternkunde


ternkunde. Al-Ashraf ʿUmar (st. 1296)
ar (st. 1296) und sein Kitāb al-Tabṣirafīʿilm al-nujūm.
und sein Kitāb al-Tabṣira fī ʿIlm al-Nujūm

...‫ھذا اﻟﻛﺗﺎب وﺻﻌﺗﮫ ﺑﻧﺻر ﻟﻠﻣﺑﺗدئ ﻓﻲ ﻋﻠم اﻟﻧﺟوم و‬ Arbeiten. Sie befassen sich mit Medi-
"Ich schrieb dieses Buch als Hilfe für den in der zin und Kräuterkunde, Landwirtschaft
„Ich schrieb dieses Buch als Hilfe für den in der Sternkunde und Pferdeheilkunde, Traumdeutung
bisher UnerfahrenenSternkunde
[…]“ (al-Ashrafbisher
ʿUmar,Unerfahrenen
Kitāb al-Tabṣira[…]" (al-
[H,4b,5]) und Sternkunde.
Ashraf ʿUmar, Kitāb al-Tabṣira [H,4b,5]) Drei Beiträge des Sultans zur Stern-
Im Jahre
5 bestieg in Taʿizz im1295
Jemenbestieg
ein in Taʿiz den
Mann im Jemen
Thron, einder
Mann den Thron, der in
in seiner kunde sind uns erhalten:
seiner darauffolgenden knapp zweijährigen
den knapp zweijährigen Regierungszeit wenig mehr tat, als das Regierungszeit wenig mehr (1) Sein Instrumentenbuch. Al-Ashraf
tat, als das politische Erbe seines Vaters zu verwalten. Vielleicht wäre ʿUmars Abhandlung über den Bau des
be seines Vaters zu verwalten.
er schon Vielleicht
beinahe vergessen, hättewäre er schon
er nicht beinahe
auf anderem Gebiet Bemer- Astrolabs und weiterer astronomischer
ätte er nicht kenswertes
auf anderem Gebiet
geleistet. DerBemerkenswertes geleistet.
rasūlidische Sultan al-Ashraf Der förderte
ʿUmar Instrumente (Maʿīn oder Minhaj al-
nicht ʿUmar
Sultan al-Ashraf nur Kunsthandwerk,
förderte nicht Architektur und Wissenschaft,Architektur
nur Kunsthandwerk, er fertigte auch ṭullāb fī l-ʿamal bi-l-asṭurlāb; in etwa
wissenschaftliche
chaft, er fertigte Instrumente, insbesondere
auch wissenschaftliche Instrumente, Astrolabien, und verfasste
insbesondere „Quell“ oder „Weg für den [Wissen]
wissenschaftliche Werke. Unter anderem schrieb er über agrarische, Suchenden über den Bau des Astro-
nd verfasstemedizinische,
wissenschaftliche Werke.
genealogische, Unter anderem
divinatorische schrieb erThemen,
und sternkundliche über labs“) ist in zwei Abschriften in Kai-
edizinische,darunter
genealogische, divinatorische
sein Kitāb al-Tabṣira und sternkundliche
fī ʿIlm al-Nujūm (etwa „Aufklärende Schrift ro und Teheran erhalten. Am Ende
überal-Tabṣirafīʿilm
unter sein Kitāb die Sternkunde“). Neben
al-nujūmeinem(etwa
Herrscher als Verfasser Schrift
„Aufklärende zeichnet sich des Kairoer Manuskripts finden sich
dieses einem
nkunde“). Neben Werk insbesondere
Herrscherdurch inhaltliche Besonderheiten
als Verfasser zeichnet sichund eine auf-
dieses „Zeugnisse“ bzw. „Genehmigungen“
schlussreiche Einleitung aus. Es erlaubt neue Einblicke in die vormodern zweier Lehrer, die wohl beide im
ndere durchAstronomie
inhaltliche undBesonderheiten und einegeprägten
Astrologie in den islamisch aufschlussreiche
Gesellschaften. Dienste al-Muẓaffar Yūsufs standen.
s. Es erlaubt neue Einblicke in die vormodernen Astronomie und Sie berichten, dass al-Ashraf ʿUmar
den islamischEinführung
geprägten Gesellschaften. 1183 aus Ägypten in den Jemen ge- mehrere Astrolabien und wohl auch
„Des Sultans Sternkunde“ – dieser Ti- kommen, waren die Rasūliden ur- Wasseruhren hergestellt habe, die alle
tel, der fast klingt, als verberge sich sprünglich deren Gefolgsleute, dann „mit Geschick und genau“ gefertigt
dahinter eine Geschichte aus 1001 ihre Statthalter und schließlich Herr- worden seien.
Sternkunde“ –Nacht
dieser Titel, der ein
– bezeichnet fastForschungs-
klingt, als verberge sich dahinter
scher. Insbesondere eine
unter al-Muẓaffar (2) Sein Astrolab. Eines dieser Astro­
projekt, in dessen Mittelpunkt die Yūsuf (st. 1295),
s 1001 Nacht – bezeichnet ein Forschungsprojekt, in dessen Mittelpunkt dem Vater al-Ashraf
die labien, die al-Ashraf ʿUmars Lehrer er-
Abhandlung Kitāb al-Tabṣira fī ʿIlm ʿUmars,
āb al-Tabṣirafīʿilm al-nujūm (etwa „Aufklärende Schrift über die erlebte das Land eine Blüte- wähnen, befindet sich heute im Metro-
al-Nujūm (etwa „Aufklärende Schrift zeit. 1255 wurde Taʿiz Hauptstadt. politan Museum of Art in New York.1
steht. Verfasstüber
wurde sie Ende des
die Sternkunde“) 13.
steht. Jahrhunderts
Verfasst im Jemen
Aden entwickelte sichvon
zumal-Ashraf
wichtigs- Die Ähnlichkeiten zwischen diesem In-
itten Sultan aus
wurde dersieDynastie
Ende des 13.derJahrhunderts
Rasūliden. Sie ten handelt
Hafen fürvorwiegend
den Handel mit vonWaren strument und den Skizzen in ­al-Ashraf
im Jemen von
n und astrologischen al-Ashraf
Themen. VonʿUmar,
den,dem aus Ostafrika,
vorsichtig Ägypten,
geschätzt, dem Mittel-
10.000 ʿUmars Instrumentenbuch sind verblüf-
dritten Sultan aus der Dynastie der meer, Indien, Südostasien und China. fend (s. Abb. 1 und Abb. 2).
und 1.000 Instrumenten, die zu diesen Gebieten in den vom Islam
Rasūliden. Sie handelt vorwiegend Sicherlich wurden hier nicht nur Gü- (3) Seine Sternkunde. Der dritte
sellschaften erhalten sind,
von astronomischen ist immer noch nur ein
und astrologi- ter, Bruchteil
sondern auchbearbeitet.
Informationen und sternkundliche Beitrag des Sultans,
also ausgerechnet mit diesem
schen Themen. Von Werk befassen?Ideen
den, vorsichtig Wasumgeschlagen.
macht das Kitāb al- der uns erhalten ist, ist sein Kitāb al-
geschätzt,für
zigartig und wertvoll 10.000 Handschriftenauf
die Forschung unddem Gebiet
Über al-Ashraf ʿUmars Leben ist aus
der vormodernen Tabṣira fī ʿIlm al-Nujūm.
1.000 Instrumenten, die zu diesen Ge- den erhaltenen Quellen wenig zu er-
d Astrologie in den islamisch geprägten Gesellschaften? Drei Punkte stehen
bieten in den vom Islam geprägten fahren. Geboren wahrscheinlich um Der Text:
grund: Verfasser, Inhalt und
Gesellschaften Einleitung
erhalten sind, istdes
im-Kitāb
1242/43, wurde er 1295 von seinem
al-Tabṣira. Das Kitāb al-Tabṣira fī ʿIlm al-Nujūm
mer noch nur ein Bruchteil bearbeitet. Vater al-Muẓaffar Yūsuf zum Mitre- Die bisher einzig bekannte Abschrift
Weshalb sich also ausgerechnet mit genten ernannt und übernahm nach
al-Ashraf ʿUmar des Kitāb al-Tabṣira befindet sich in
diesem Werk befassen? Was macht dessen Tod vier Monate später die al- der Bodleian Library, Oxford. Ihre Si-
er haben die Wissenschaften gefördert, selbst wissenschaftlich gearbeitet
das Kitāb al-Tabṣira so einzigartig und leinige Herrschaft. Als al-Ashraf ʿUmar gnatur, Huntington 233, weist darauf
nige. Eine dieser Ausnahmen
wertvoll ist al-Ashraf
für die Forschung auf demʿUmar,
am 22. der dritte Sultan
November aus dem
1296 starb, hinter- hin, dass das Manuskript zusammen
s der Rasūliden.
GebietImder
Gefolge der Ayyūbiden
vormodernen Astronomie1173 ließoder 1183
er sechs ausund
Söhne Ägypten in
zwei Töch- mit anderen Handschriften der Samm-
und Astrologie in den islamisch ge- ter. Letztere
kommen, waren die Rasūliden ursprünglich deren Gefolgsleute, dann ihre waren jeweils mit Söh- lung Huntington im 17. Jahrhundert
prägten Gesellschaften? Drei Punkte nen seines Bruders und Nachfolgers durch mehrere Schenkungen in den
schließlich Herrscher. Insbesondere unter al-MuẓaffarYūsuf (st. 1295), dem
stehen hier im Vordergrund: Verfas- al-Muʿayyad Dāwūd (st. 1321) ver- Besitz der Bibliothek gelangte. Ur-
f ʿUmars, erlebte das Land
ser, Inhalt eine Blütezeit.
und Einleitung des Kitāb 1255 wurdeAls
heiratet. Taʿizz Hauptstadt.
der Chronist ­al-Khazrājī sprünglich hatte sie Robert Hunting-
wichtigsten Hafen für den HandelEnde
lte sich zum al-Tabṣira. des 14. Jahrhunderts
mit Waren aus Ostafrika, eine Ge- ton (1637-1701) zusammengetragen,
schichte der
Mittelmeer, Indien, Südostasien und China. Sicherlich wurden hier nicht nur Rasūliden verfasste, be- ein Sammler orientalischer Hand-
Der Verfasser: al-Ashraf ʿUmar schrieb er al-Ashraf ʿUmar als „weise, schriften. Zeitweise bei der Levanti-
n auch Informationen und Ideen umgeschlagen.
Viele Herrscher haben die Wissen- gelehrt und geistreich“. Er habe sich nischen Gesellschaft in Aleppo tätig,
ʿUmars Leben ist aus den erhaltenen
schaften gefördert, Quellen„während
selbst wissen- wenig zuseinererfahren.
Zeit alsGeboren
Emir […] nutzte er seinen Aufenthalt im Osma-
h um 1242/43,schaftlich
wurde er gearbeitet
1295 von jedoch nur we-
seinem Vaterdieal-MuẓaffarYūsuf
Wissenschaften angeeignet
zum und nischen Reich für zahlreiche Reisen,
nige. Eine nach
nannt und übernahm dieser dessen
Ausnahmen Todistvier zahlreiche
al- Monate Werke
später dieverfasst“.
alleinigeDieses war jedoch nie im Jemen.
Ashraf ʿUmar, der dritte Sultan aus Interesse an verschiedenen Wissens- Die Oxforder Abschrift des Kitāb al-
s al-Ashraf ʿUmar am 22. November 1296 starb, hinterließ er sechs Söhne
dem Herrscherhaus der Rasūliden. gebieten spiegelt sich deutlich in Tabṣira umfasst insgesamt 166 Blatt,
ter. Letztere Im
waren
Gefolgejeweils mit Söhnen
der Ayyūbiden 1173 seines BrudersʿUmars
oder al-Ashraf und Nachfolgers al-
wissenschaftlichen meist mit 25 Zeilen pro Seite, und
ūd (st. 1321) verheiratet. Als der Chronist al-Khazrājī Ende des 14.
36 Jemen-Report Jg. 47/2016, Heft 1/2
Schmidl: Des Sultans Sternkunde Neues aus der Forschung

Abb. 1: Rückseite des Astroblabs


Foto: Metropolitan Museum of Art, New York

Abb. 3: Titelblatt des Kitāb al-Tabṣira Foto: Bodleian Library, Oxford

einander gegenüber stehender Zahlen sakralen oder der profanen Astrono-


Abb. 2: Rückseite des Astrolabs gleich bleibt (s. Abb. 4 und Abb. 5). mie zuzuordnen sind, und gebraucht
Foto: IGN-Archiv, Frankfurt Diese Pentagramme sollten mög- hoch mathematische Methoden neben
licherweise dem Schutz des Buches sehr einfachen rechnerischen oder rein
ist fast vollständig. Ein Kolophon, dienen. Wann und von wem sie auf der deskriptiven Verfahren (s. Tab. 1).
in dem in der Regel Zeit und Ort der Titelseite angebracht wurden, ist nicht Dieser dreifach hybride Charakter
Abschrift sowie der Kopist genannt bekannt. Nach der Titelseite folgt eine der Sternkunde stellt somit einen wei-
werden, fehlt jedoch. Die Titelseite ausführliche Einleitung, ein Inhalts- teren Grund dar, der, neben der beson-
(s. Abb. 3) nennt den Titel, Kitāb al- verzeichnis, das recht genau mit den deren sozialen Rolle des Verfassers,
Tabṣira fī ʿIlm al-Nujūm, und den Ver- Überschriften der insgesamt 50 Kapi- eine Bearbeitung des Kitāb al-Tabṣira
fasser, Mawlānā al-Sulṭān al-aʿẓam al- tel des Kitāb al-Tabṣira übereinstimmt, so wünschenswert für die Forschung
ʿālim al-ʿāmil al-ʿādil al-Malik al-Ashraf und der eigentliche Text. auf dem Gebiet der vormodernen
Mumahhid al-Dunyā wa-l-Dīn Abī Fatḥ Astronomie und Astrologie in den
ʿUmar b. Mawlānā al-Sulṭān al-Malik al- (a) Inhaltliche Besonderheiten im Großen … islamisch geprägten Gesellschaften
Muẓaffar Yūsuf b. ʿUmar b. ʿAlī b. Rasūl. Schaut man sich das Inhaltsverzeich- macht. Ein Beispiel mag gerade den
Hinzu kommen noch einige Notizen nis genauer an, stößt man auf eine letzten Punkt illustrieren: Kapitel 47
und zwei Pentagramme, die jeweils sehr eigenwillige Zusammenstellung des Kitāb al-Tabṣira beginnt mit einem
in einen Kreis eingeschrieben sind. verschiedenster Themen. Die Stern- kurzen einleitenden Text. Er erklärt,
In den auf diese Weise entstandenen kunde schließt astrologische und ast- wie die Mittagshöhe der Sonne an den
zehn Feldern sind hindu-arabische Zif- ronomische Inhalte ein. Sie behandelt Tagundnachtgleichen aus der geogra-
fern so eingetragen, dass die Summe aber auch Aufgabenstellungen, die der phischen Breite von Ṣanʿāʾ berechnet

Jemen-Report Jg. 47/2016, Heft 1/2 37


Neues aus der Forschung Schmidl: Des Sultans Sternkunde

(λ) und Breite (φ) jeweils in Grad und


Kapitel Inhalt Minuten (s. Tab. 2 und Abb. 6). Ort λ φ

1-4 deskriptive Astrologie Die Längenangaben sind mit mo- Madīnat al-
5 Elektionen dernen Werten nur schwer zu ver- Ḥabasha 41;40 19;30
gleichen, denn der Nullmeridian, auf (Äthiopien)
6-13 deskriptive Astrologie den sie sich beziehen, verläuft in den
14 Magie ˁUmān (Oman) 84;30 19;45
vormodernen Quellen aus den isla-
15 deskriptive Astrologie misch geprägten Gesellschaften meist Madīnat al-Rasūl
65;20 25;00
16-17 Elektionen entweder an der Westküste der Ka- (Medina)
18-20 deskriptive Astrologie naren oder Nordafrikas. Die Breiten- Makka (Mekka)
angaben hingegen stellen eine gute – möge Gott sie 67;001 21;00
21-24 Astronomie: Sonne, Mond
Näherung dar. Die geographischen beschützen
25 Elektionen Koordinaten eines Ortes zu kennen, Ṣanˁāˀ (Sana) 63;?? 14;30
26 Chronologie ist zur Lösung vieler astronomischer
und astrologischer Aufgaben hilfreich, ˁAdan (Aden) 65;30 13;00
27-30 Zeitmessung
31 deskriptive Astrologie beispielweise zur Stellung eines Horo- Taˁizz – (möge sie)
66;30 13;43
skops, zur Bestimmung der Zeit oder beschützt (sein)
32 Almanach
zur Berechnung der Richtung nach Zabīd 62;00 14;00
33 Glossar Mekka, der qibla.
34 Divination Ṣaˁda 64;25 15;00
Während Kapitel 47 die notwendi-
Astrometeorologie, gen Parameter liefert, um die Richtung Ẓufār al-Yaman 78;00 15;00
35
Elektionen nach Mekka zu berechnen, bietet al- Mārib al-Yaman
63;00 15;15
36 anwaˀ Ashraf ʿUmar in Kapitel 37 eine an- (Saba)
37 qibla dere Lösung für diese Aufgabe, ein Ḥaḍramawt 71;00 12;30
rein deskriptives Verfahren. In die-
38 azmina Miṣr (Kairo) 54;40 30;00
sem qibla-Schema sind, Blütenblättern
39 azmina, Elektionen gleich, 12 Segmente um die Kaaba im Bayt al-Maqdis
56;00 33;00
40 Elektionen Mittelpunkt angeordnet und mit ei- (Jerusalem)
41 Divination nem kurzen Text gefüllt (s. Abb. 7). Baghdād 70;00 33;00
42-44 deskriptive Astrologie Der Eintrag für den Jemen lautet:
Dimashq
45-46 Instrumente „(Erste) Gebetsnische: Aden, Ṣanaʿāʾ, 69;00 33;00
(Damaskus)
Zabīd. Die qibla für die [Menschen,
47 Geographie al-Kūfa 69;30 31;50
die hier leben,] ist in Hinblick auf das
48 Elektionen Heilige Haus [d.h. die Kaaba] – möge al-Yamāma 71;45 21;30
49-50 Symbole, Ziffern Gott, der Allmächtige es beschützen Jurash 65;00 17;00
– die Spitze der südlichen Ecke. Die
Tab. 1: Inhaltsübersicht Wāsiṭ 71;30 31;30
qibla für die [Menschen, die hier le-
ben,] ist in Hinblick auf die Sterne al-Maˁāfir 63;55 14;00
wird. Dem schließt sich eine geo- der Polarstern [al-judayy; α UMi 2] al-Baṣra 74;00 31;00
graphische Tabelle an. In der ersten zwischen beiden Augen und Kanopus
al-Mawṣul (Mosul) 69;00 35;30
Spalte nennt al-Ashraf ʿUmar den Na- [suhayl; α Car3], wenn er aufgeht, an
men eines Ortes; zwei Städte, Mekka der Wirbelsäule.“ Diesen Angaben lie- Qūṣ 55;30 24;30
und Taʿiz sind um eine Segensformel gen drei Annahmen zugrunde: Shīrāz 78;00 32;00
ergänzt. In der zweiten und dritten (1) Die Kaaba sei astronomisch aus- Kirmān 87;00 30;00
Spalte folgen die geographische Länge gerichtet: Ihre Ecken weisen ungefähr
al-Raqqa 66;00 36;00
Harrān 67;00 36;00
Ḥalab (Aleppo) 63;00 33;40
Hamadhān 73;00 35;00
Akhmīm 55;30 26;50
9 4 5 9 4 5 13 4 5 Sarakhs
13 4 83;20 37;00
Shimshāṭ 62;40 38;45
Sarra M(an)rāˀā
8 10 8 14 12 14 (Samarra) 12 69;15 34;00
11 11
Manbij 63;15 35;30
1 3 1 3 1 3 Ṭūs 1 82;45 37;00
7 6 7 6 11 10 11 10
al-Rayy 75;00 35;15
Marw al-Rūdh
2 2 2 2
(Marwarrudh)
85;00 38;50

Samarqand 89;30 36;30


Ṣaydā (Sidon) 59;20 33;45
Abbildung1:
agramm 1 (H,3a)Pentagramm 1 (H,3a)
Abb. 4 & 5: Pentagramme
Abbildung
Abbildung 2: Pentagramm 2: Pentagramm 2 (H,3a)
2 (H,3a)
Nachzeichnungen: Petra Schmidl Tab. 2: Geographische Tabelle

38 Jemen-Report Jg. 47/2016, Heft 1/2


Schmidl: Des Sultans Sternkunde Neues aus der Forschung

astrologischen Traditionen in den isla- acht Planetenamulette. Hierzu werden


misch geprägten Gesellschaften bisher magische Quadrate auf ein Metall ge-
untersucht wurde. schrieben und mit Düften geräuchert.
Jedem der fünf, mit unbewaffnetem
(b) … wie im Kleinen Auge sichtbaren Planeten, der Sonne,
Neben diesem hybriden Charakter dem Mond oder dem Tierkreis wird
zeigt das Kitāb al-Tabṣira eine weitere traditionell ein Metall zugeordnet,
inhaltliche Eigenart. Auf den ersten ebenso wie ein Duft. Bei magischen
Blick scheint Altbekanntes dargestellt, Quadraten sind die Zahlen einer Zeile,
das aber nicht oder nur sehr selten einer Spalte oder einer Diagonale so
in den Quellen nachgewiesen werden angeordnet, dass sie addiert immer
kann, obwohl es sich in die bekannten den gleichen Wert ergeben (s. Abb.
Traditionen einfügt. 8 und 9). Für ein Mondamulett wird
Um ein Beispiel zu nennen: In Ka- al-Ashraf ʿUmars Kitāb al-Tabṣira zu-
pitel 14 beschreibt al-Ashraf ʿUmar folge ein magisches Quadrat dritter

Abb. 6: Kapitel 47
Foto: Bodleian Library, Oxford

in die vier Haupthimmelsrichtungen;


dies spiegelt sich auch in al-Ashraf
ʿUmars Bezeichnung „südliche Ecke“
wider. Die Südwestwand der Kaaba
schaut ungefähr zum Sonnenunter-
gang zur Wintersonnwende, ihre Süd-
ostwand zum Aufgang des Kanopus.
(2) Die Kaaba sei das Zentrum der
bewohnten Welt. Letztere ist in Seg-
menten um das Heilige Haus in Mekka
angeordnet; jedes Gebiet ist einem Bau-
teil der Kaaba zugeordnet, in obigem
Beispiel der Jemen der südlichen Ecke.
(3) Man stünde in Mekka vor der
Kaaba: Die Angaben, wie der eigene
Körper im Verhältnis zu den verschie-
denen himmlischen Phänomenen zu
positionieren ist, sind so gehalten, als
stünde man in Mekka vor der Kaaba.
Im obigen Beispiel blickt man zum
Polarstern, also Richtung Norden,
und stellt sich mit dem Rücken zum
Aufgang des Kanopus, also in etwa
Südsüdost. Entsprechend erhält man
aus diesen beiden Angaben eine unge-
fähre qibla Richtung Nord, leicht nach
Nordnordwest gedreht, eine durchaus
passable Angabe für den Jemen.
Kapitel 47 und 37 geben also eine
mathematische und eine deskriptive
Lösung einer sakralen Aufgabenstel-
lung, d.h. die Richtung nach Mekka,
die qibla, zu finden. Beide Verfahren,
die auf ganz unterschiedlichen Grund-
lagen fußen und zu ganz unterschied-
lich genauen Ergebnissen kommen, in
einem einzigen Text vereint zu finden,
ist eher ungewöhnlich – zumindest
aufgrund dessen, was an Texten zu
den vormodernen astronomischen und Abb.7: qibla-Schema Foto: Bodleian Library, Oxford

Jemen-Report Jg. 47/2016, Heft 1/2 39


Neues aus der Forschung Schmidl: Des Sultans Sternkunde

unser bisheriges Wissen. Schließlich

4 3 8
verspricht die Einleitung dieser Ab-
handlung eine Einführung für den
„in der Sternkunde bisher Unerfah-
renen“. Auch wenn dieser Anspruch
nicht wirklich eingelöst wird, spiegelt

9 5 1
die inhaltliche Zusammenstellung das
eine ungefähre qibla Richtung Nord, leicht nach Nordnordwest gedreht, eine durchaus
Kitāb al-Tabṣira das sternkundliche
passable Angabe für den Jemen. Interesse des Verfassers wieder. Der
Fortgang des Projekts wird sicherlich
Kapitel 47 und 37 geben also eine mathematische und eine deskriptive Lösung einer noch weitere Früchte tragen.

2 7 6
sakralen Aufgabenstellung, d.h. die Richtung nach Mekka, die qibla, zu finden. Beide
Verfahren, die auf ganz unterschiedlichen Grundlagen fußen und zu ganz unterschiedlich Die bisherigen Forschungen zu „Des Sul-
genauen Ergebnissen kommen, in einem einzigen Text vereint zu finden, ist eher tans Sternkunde“ wurden ermöglicht
ungewöhnlich – zumindest aufgrund dessen, was an Texten zu den vormodernen durch Stipendien der Fritz-Thyssen-
astronomischen und astrologischen Traditionen in den islamisch geprägten Gesellschaften Stiftung für Wissenschaftsförderung,
Abb. wurde.
8: 3x3-Quadrat in der Nach- Abb. 9: 3x3-Quadrat in der Hand-

Abbildung 9: Das magische


bisher untersucht Köln, und zwei Forschungsaufenthalte
(b) … wie im zeichnung
Kleinen schrift Foto: Bodleian Library, Oxford
am Internationalen Kolleg für Geistes-
Neben diesem hybriden Charakter zeigt das Kitāb al-Tabṣira eine weitere inhaltliche wissenschaftliche Forschungen (IKGF)
Eigenart. Auf den ersten Blick scheint Altbekanntes dargestellt, das aber nicht oder nur „Freiheit, Schicksal und Prognose. Bewäl-

Quadrat dritter Ordnung für


sehr selten inOrdnung
den Quellenauf Silber geschrieben
nachgewiesen werden undkann, systematisch
obwohl es sich aufgebaut, sondern un-
in die bekannten tigungsstrategien in Ostasien und Europa“
mit Moschus oder Kampfer geräu-
Traditionen einfügt. abhängig nebeneinandergestellt. So (unterstützt vom Bundesministerium für
Um ein Beispielchert. Auf einen
zu4nennen: ersten, 14
In Kapitel unvoreinge- folgt nach
beschreibt al-Ashraf einem
ʿUmar achtersten Block mit as- Bildung und Forschung) an der Friedrich-

den Mond (H,27a).


nommenen
Planetenamulette. HierzuBlick scheint
werden es nun keinen
magische Quadrate trologischen
auf ein Metallund magischenund
geschrieben Inhalten
mit Alexander-Universität Erlangen.
Unterschied
Düften geräuchert. Jedemzu dermachen,
fünf, mitobunbewaffnetem
man dem (Kapitel 1-20) einPlaneten,
Auge sichtbaren Teil zur der Zeitmes-
Sonne, dem MondMond,oder
im ptolemäischen
dem Tierkreis Weltbild der
wird traditionell sung (Kapitel
ein Metall 21-24), ebenso
zugeordnet, dem sich wiemit Anmerkungen
ein Duft. Bei erdnächste
magischen Planet,
Quadratendas magische Qua- einer
sind die Zahlen denZeile,
Elektionen (Kapitel
einer Spalte oder25)einerwieder 1
International Instrument Checklist No.
Diagonale sodrat dritter Ordnung
angeordnet, zuordnet
dass sie addiert oderden ein
immer astrologisches
gleichen Wert ergeben Thema (s. anschließt.
Abb. 9 #0109; www.metmuseum.org/collection/
und 10). Für aber dem Saturn,wird
ein Mondamulett dem erdfernsten,
al-Ashraf ʿUmarsKitāb Auch bisherigezufolge
al-Tabṣira Untersuchungen
ein des the-collection-online/search/444408
(04.11.2015).
das kleinste.
magisches Quadrat dritterJedoch
Ordnung trittaufletztgenann-
Silber geschrieben Inhalts undlegen nahe, dass
mit Moschus oderein didak-
Kampfer 2
α UMi (α Ursae Minoris) ist die astrono-
geräuchert. 4 ter
AufFall
einenwesentlich häufiger auf, nicht
ersten, unvoreingenommenen tisches Interesse
Blick scheint es nun weniger
keinenim Mittel- mische Bezeichnung für den hellsten Stern
Unterschied zu nurmachen,
in den arabischen,
ob man demsondern Mond, im auch punkt gestanden
ptolemäischen Weltbild der zu haben
erdnächstescheint, im Sternbild Kleiner Bär (Ursa Minor).
in den lateinischen
Planet, das magische Quellen.
Quadrat dritter OrdnungDas zuordnet
hat dennoderesaber
fehlendem oftSaturn,
auch grundlegende
dem
3
α Car (α Carinae) ist die astronomische Be-
zeichnung für den hellsten Stern im Stern-
einen
erdfernsten, das einfachen,
kleinste. arithmantischen
Jedoch (d.h. Fall
tritt letztgenannter Erläuterungen.
wesentlich häufiger Vielmehr mutet
auf, nicht nural- bild Kiel des Schiffes (Carina).
zahlenmagischen)
in den arabischen, sondern auch Grund.
in denDer numeri- Quellen.
lateinischen Ashraf ʿUmars
Das hat„Hilfe für den in der
einen einfachen, 4
Prinzipiell verstärkt das Räuchern die Wir-
arithmantischensche(d.h.
Wertzahlenmagischen)
des arabischen Namens Grund.für SternkundeWert
Der numerische bisher desUnerfahrenen“
arabischen an, kung des Amuletts. Warum hier gerade
Namens für den den Saturn
Saturn ((‫– زﺣل‬ – zuḥal)
zuḥal)beträgt
beträgt45 45(da
(da diealsKurzvokale
hätte der Sultan im Kitāb al-Tabṣira
im Arabischen nicht Kampfer und Moschus für das Mondamu-
lett genannt sind, ist schwer zu sagen. Den
geschrieben die Kurzvokale
werden, z = 7, ḥ im
= 8Arabischen
und l = 30, gilt nicht
7 + 8 die
+ 30Themen
= 45). 45versammelt,
wiederumdie ihn selbst
ist das Planeten werden traditionell verschiedene
Dreifache dergeschrieben
Summe in einemwerden, z = 7, ḥ = 8
magischen und dritter
Quadrat an der Sternkunde
Ordnung (45 =interessierten
3 × 15). – und Eigenschaften, Materialien, Lebewesen, Orte
Abbildungen l =9 und30,10gilt 7 + 8 + 30 = 45). 45 ihm möglicherweise in anderen Wer- und so weiter zugeordnet. So gilt der Mond
wiederum unter anderem als weiblich, nächtlich, von
al-Ashraf ʿUmar bewahrtisthier
dasAltbekanntes,
Dreifache deralso Sum- ken
die mit schwer zugänglich
magischen Quadraten waren. Auch weißer oder dunkler Farbe.
beschriftetenme in einem magischen
Planetenamulette, Quadrat
präsentiert drit-
aber wenn dasgebräuchliche
eine weniger Kitāb al-Tabṣira also weniger
Variante.
ter Ordnung (45 = 3 × 15).
(c) Die Einleitung einen Lehrplan darstellen dürfte, so
Noch ein dritterAl-Ashraf
Punkt, fastʿUmar
schonbewahrt hier Alt-auf dem
das Tüpfelchen gewährt es vermutlich
i, macht das Kitābdoch Einblicke
al-Tabṣira so
bekanntes, also die mit magischen in die wissenschaftlichen
lohnenswert für eine Bearbeitung: In der Einleitung seines Werks schreibt al-Ashraf ʿUmar, Vorlieben Dr. Petra G. Schmidl ist
er habe „diesesQuadraten
Buch als beschrifteten
Hilfe für den in Planeten­
der Sternkunde undbisher
Bedürfnisse eines Herrschers
Unerfahrenen“ und als im wissenschaftliche Mitar-
Textsammlung amulette, präsentiert
geschrieben. Haltenaber eine mit
wir also weni- 13. Jahrhundert.
dem Kitāb al-Tabṣira den sternkundlichen beiterin am Exzellenz-
ger gebräuchliche
Lehrplan für den Variante. in Händen? Nicht ganz, denn weder Inhalt
Jemen im 13. Jahrhundert cluster „Herausbildung
noch Aufbau des Kitāb al-Tabṣira scheinen unter didaktischen AusblickGesichtspunkten besonders normativer Ordnungen“
(c) Die Einleitung
hilfreich (s. Tab. 1). Die Kapitel sind nicht systematischAuch wenn das
aufgebaut, Projekt
sondern noch nicht ab-
unabhängig an der Goethe-Universi-
Noch ein dritter Punkt, fast schon geschlossen
nebeneinandergestellt. So folgt nach einem ersten Block mit astrologischen und ist, zeitigt es schon jetzt tät Frankfurt. Ihre For-
das Tüpfelchen
magischen Inhalten (Kapitel 1-20)aufein dem Teili,zur
macht einige(Kapitel
Zeitmessung Ergebnisse,21-24), diedem
unser
sichWissen
mit schungsinteressen liegen
das Kitāb al-Tabṣira so lohnenswert über die Sternkunde
den Elektionen (Kapitel 25) wieder ein astrologisches Thema anschließt. Auch bisherige im Jemen im 13. im Bereich der vormo-
Untersuchungen für eine Bearbeitung:
des Inhalts legen nahe,In der dassEinlei- Jahrhundert,
ein didaktisches aber auch
Interesse unsere
weniger im Kennt- dernen Astronomie und Astrologie in
tung seines Werks schreibt al-Ashraf nis von
Mittelpunkt gestanden zu haben scheint, denn es fehlen oft auch grundlegende der vormodernen Astronomie den vom Islam geprägten Gesellschaften,
Erläuterungen. ʿUmar, er habe
Vielmehr mutet„dieses BuchʿUmars
al-Ashraf als Hilfe „Hilfeund Astrologie
für den in den islamisch
in der Sternkunde bisher ge- einschließlich astronomischer Instrumen-
für den in der Sternkunde bisher Un-
Unerfahrenen“ an, als hätte der Sultan im Kitāb al-Tabṣira die Themen versammelt, dieZum
prägten Gesellschaften erweitern. ihn te, insbesondere dem Astrolabium. Hier
selbst an dererfahrenen“ und als Textsammlung einen stellt es einen weiteren interessieren sie besonders einfache astro­
Sternkunde interessierten – und ihm möglicherweise in anderen Werken Herr-
geschrieben. Halten wir also mit dem scher, al-Ashraf ʿUmar, als Verfasser nomische Verfahren und divinatorische
schwer zugänglich waren. Auch wenn das Kitāb al-Tabṣira also weniger einen Lehrplan
Kitāb al-Tabṣira den sternkundlichen wissenschaftlicher Abhandlungen Praktiken, sowie die wechselseitigen Ab-
Lehrplan für den Jemen im 13. Jahr- vor. Des Weiteren mischt das Kitāb hängigkeiten von Astronomie und Astro­
hundert in Händen? Nicht ganz, denn al-Tabṣira Aufgaben und Traditionen logie, Religion, Macht und Vorhersage.
weder Inhalt noch Aufbau des Kitāb jenseits der Genregrenzen: Es bietet schmidl@em.uni-frankfurt.de
al-Tabṣira scheinen unter didaktischen seltene oder nicht bekannte Lösungen
Gesichtspunkten besonders hilfreich und Themen, die sich aber in bisher
(s. Tab. 1). Die Kapitel sind nicht Bekanntes einfügen und ergänzt somit

40 Jemen-Report Jg. 47/2016, Heft 1/2