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Der Text Script 2

Funktionale Satzperspektive

Die Funktionale Satzperspektive (FSP) oder Thema-Rhema-Gliederung (TRG) untersucht


die Zusammenwirkung von textuellen Kohäsionsmitteln und weiteren satzsyntaktischen
Elementen (z.B. Intonation u. Wortstellung) bei der Verteilung von Informationen in Sätzen
und Texten.
Da die FSP auch Informationen im Satz (und nicht nur syntaktische Elemente)
berücksichtigt / analysiert, bildet sie eine Brücke zwischen der Formseite (Kohäsion) und
der Inhaltsseite (Kohärenz) von Texten.

Thema und Rhema


Diese Begriffe werden für den Informationsfortschritt im Satz verwendet.
Thema = das, was im jeweiligen Satz als bekannt vorausgesetzt wird bzw. in einem Satz im
Vortext vorerwähnt ist.
! Unterschied zwischen bekannt und vorerwähnt:
- bekannt = das, was auf der Basis des Textinhaltes / der Kommunikationssituation
mental präsent ist.
- vorerwähnt = das, was im Text bereits genannt wurde.
- Das Bekannte kann also im Text vorerwähnt oder nicht vorerwähnt sein.
Rhema = das, was zum Thema gesagt wird, quasi die neue Information im jeweiligen Satz.
Bsp. 1. Stefan (Subjekt, Thema) schreibt ein Buch (Rhema).
Aber auch das Rhema kann Bekanntes enthalten! (Wir wissen, was ein-Buch-Schreiben
heißt.) Deshalb enthält das Rhema eine sogenannte Neuheit.
! Grammatisches Subjekt und Thema müssen nicht zusammenfallen (= a coincide):
Bsp. 2. Auch Dieter (Subjekt, Rhema) hat eins geschrieben (Thema).
In diesem Beispiel kann man auch sehen, dass Thema nicht immer am Anfang des Satzes und
Rhema am Ende steht / stehen muss, also in der Reihenfolge T-R. Auch umgekeht (R-T) ist es
möglich. Dabei spielt auch der Satzakzent eine wichtige Rolle, er hebt die zentrale neue
Information hervor. In beiden Beispielen oben fällt der Satzakzent auf das Rhema, das Neues
enthält.
Oft fallen Subjekt und Thema am Satzanfang zusammen (Bsp. 1), aber es gibt vielfältige
alternative Möglichkeiten:
1. Stefan (Subjekt, Thema) schreibt ein Buch (Rhema).
2. Das Buch (T) schreibt Stefan (R, Subjekt).
3. Stefan (R, Subjekt) schreibt das Buch (T).
4. Ein Buch (R) schreibt Stefan (T, Subjekt).
5. Das Buch (T, Subjekt) wird von Stefan geschrieben (R).
6. Von Stefan (T) wird ein Buch geschrieben (R, Subjekt).
7. Ein Buch (R, Subjekt) wird von Stefan geschrieben (T).
8. Von Stefan (R) wird das Buch geschrieben (T, Subjekt).

Als Thema kommen typischerweise vor:


- Nominalphrasen, in denen der bestimmte Artikel indiziert, (a) dass der Schreiber
voraussetzt, dass die Redegegenstände dem Leser bekannt sind, oder aber (b) dass der
jeweilige Sachverhalt vorerwähnt ist.
- Pronomen oder Eigennamen, die anaphorischen Wert haben.
Bsp.:
Der Bundespräsident (a) hat am Donnerstag in Davos die Weltwirtschaftskonferenz eröffnet.
In Todesangst schrien ein Mädchen und ein Junge aus Mannheim um Ihr Leben. Die Kinder
(b) / Victoria und Stefan / Sie / Diese waren an der Toskana-Küste von der Strömung
fortgerissen worden.
Auch vollständige Aussagen (Sätze) können im Thema stehen, wenn sie Inhalte aus dem
Vortext wiederaufnehmen.
Bsp.:
Die Bundeskanzlerin hat umfassende Steuererleichterungen versprochen. Dass die Steuerlast
abnimmt, glauben aber nur wenige Bundesbürger.
Das Rhema (R) enthält die Inhalte, die dem Thema zugeschrieben werden, also das, was zum
Thema gesagt wird. Im Zentrum des Rhemas steht für gewöhnlich ein finites Verb. Die
Nominalphrasen, die von diesem finiten Verb abhängig sind, markieren die Neuheit des
Rhemas häufig durch den unbestimmten Artikel. Kataphorische Elemente im Rhemabereich
deuten an, dass zu den entsprechenden Begriffen im Text weitere Informationen folgen.
Bsp.:
Ein Mann entführte ein 8-jähriges Mädchen (R), das sich auf dem Schulweg befand (R), in
ein Ferienhaus (Fortsetzung von R) und wollte 1 Million Lösegeld erpressen (R). Das Opfer
wurde von einer Spezialeinheit befreit (R), die den Mann in Haft nahm.
Pronomen und Eigennamen können auch rhematisch sein, wenn sie zum Teil des Satzes
gehören, der die neue Information nennt.
Bsp.:
Außer den drei Lieferfahrzeugen hat die Firma noch einen Sportwagen (R). Wenn der Chef zu
Kunden fährt (R), nimmt er den (R).
Unter Hochleistungsdruck steht nicht nur Deutschland, sondern die ganze EU (R).

Thematische Progression im Text


Dabei wird beschrieben, wie die Information in aufeinander folgenden Sätzen fortschreitet.
(1) Einfache Progression
Das Rhema des Vorgängersatzes wird zum Thema des Folgesatzes:
[T1 – R1] [T2 (= R1) – R2] [T3 (= R2) – R3] usw.
Bsp.:
Das erste Glied vom Finger eines Erwachsenen (T1) misst etwa 2,5 cm (R1). Diese Länge (T2
= R1) entspricht auf der Karte einer Entfernung von 1,25 km (R2). Sie (T3 = R2) kann im
Normalfall in etwa 15 min zu Fuß überwunden werden (R3).
(2) Progression mit durchlaufendem Thema
[T1 – R1] [T2(=T1) – R2] [T3 (=T1) – R3]
Mona (T1) kommt aus Nigeria (R1). Sie (T2 = T1) ist 16 Jahre alt (R2) und (T3 = T1) lernt
seit 3 Jahren Deutsch (R3). Sie (T4 = T1) lebt mit ihrer Familie in Hamburg (R4).
(3) Progression mit thematischem Sprung
Sie liegt vor, wenn das Rhema des vorangehenden Satzes nur teilweise wiederaufgenommen
wird.
Mein Nachbar (T1) hat einen sehr komischen Hund (R1), denn sein Schwanz (T2 < R1) ist
länger als die Beine (R2).
Dabei spielen lexikalische und pragmatische Beziehungen eine Rolle.
(4) Progression mit abgeleitetem Thema
Sie liegt vor, wenn man auf das Thema des vorangehenden Satzes mit einem verwandten
Begriff Bezug nimmt.
Mein Nachbar (T1) hat einen Hund (R1) und seine Frau (T2 < T1) zwei Katzen und einen
Hamster (R2).
Oft liefern einzelne abgeleitete Themata semantische Beiträge zu einem übergeordneten
Thema (= Hyperthema).
Die meisten Schlangen (T1) sind scheu (R1). Die Kreuzotter (T2 < T1) z.B. flüchtet
normalerweise, wenn man sich ihr nähert (R2). Der Schlangenbiss (T3 < T1) verursacht
Schmerzen, Erbrechen und Durchfall (R3). Die betroffene Stelle (T4 < T3) schwillt an (R4).
Todesfälle (T5 < T3) sind aber selten (R5).
(5) Progression mit gespaltenem Rhema
Dabei handelt es sich um die Aufspaltung des vorangehenden Rhemas in zwei (oder mehr)
Teilthemata.
Die Lawinengefahr (T1) hängt von zwei Faktoren (R1) ab: vom Wetter (R1.1) und vom
Gelände (R1.2). Das Wetter (T2.1 < R1.1) bestimmt den Aufbau der Schneedecke (R2).
Dabei spielt nicht nur das derzeitige Wetter eine Rolle, sondern auch das der vergangenen
Tage und Wochen. Beim Gelände (T2.2 < R1.2) sind die Neigung und Richtung der Hänge,
die Geländeformen und der Untergrund besonders wichtig (R?).
Die Teilinhalte können thematisiert werden, auch wenn sie zuvor im Rhema nicht explizit
genannt wurden:
Was man tun muss, wenn man sich auf einer Wanderung verirrt hat (T1), hängt von den
Umständen ab (R1). Nachts und bei Kälte (T2.1 < R1.1) ist es das Wichtigste, Schutz und
Wärme zu finden (R2). An einem sonnigen Tag (T2.2 < R1.2) ist es hingegen wichtig, eine
Straße oder ein Telefon zu finden (R3).
(6) Progression mit gespaltenem Thema
Dabei spaltet sich ein Hyperthema in einzelne dazugehörige Themata auf:
Dickhäuter sind große, plumpe Säugetiere mit dicker, lederartiger Haut. Der Elefant hat einen
langen, muskulösen und mobilen Rüssel, mit dem er die Nahrung zum Mund führen kann.
Das Nashorn zeichnet sich durch ein massives, am Oberkiefer befindliches Horn aus, und das
Flusspferd lebt in Gewässernähe und ernährt sich mit Pflanzen.

Hier eine Systematisierung der oben beschriebenen Progressionsformen:


Inhaltliche Weiterführung: 1. Weiterführung vom 2. Weiterführung vom
Rhema aus: Thema aus:
gesamthaft einfache Progression durchlaufendes Thema
abgeleitet thematischer Sprung abgeleitetes Thema
gespalten gespaltenes Rhema gespaltenes Thema