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Der Text

Einführung

Textlinguistik analysiert sowohl geschriebene, monologische als auch gesprochene,


dialogische Texte. Viele Regeln der Textkonstitution sind für beide Bereiche gültig.
Texte sind offen strukturiert: Es gibt keine Zeichen, die speziell das Ende eines Textes
grammatisch markieren.
Texte sind in der Regel komplex strukturiert und aus kleineren Einheiten zusammengesetzt.
Traditionell ist die nächstkleinere Einheit unter dem Text der Satz. Aber:
Texte haben unterschiedlichen Umfang. Oft haben einzelne Wörter in bestimmten Situationen
eine Textfunktion („Ein-Wort-Text“). Nach oben ist der Umfang eines Textes potentiell
unbegrenzt, siehe den sogenannten Makrotext im World Wide Web des Internets, der aus
einer extrem großen Anzahl von Einzeltexten besteht, die miteinander vernetzt sind.
In der Textlinguistik gibt es drei Analyseperspektiven: die grammatische (syntaktische), die
inhaltliche (semantische) und die handlungsbezogene (pragmatische):
a. Die Textsyntax analysiert und beschreibt, wie sprachliche Zeichen mit anderen
sprachlichen Zeichen verbunden sind. Hier spielen z.B. grammatische Kenntnisse über
den komplexen Satz (Haupt- + Nebesatz) und über Konnektoren, Pronomen usw. eine
wichtige Rolle.
b. Die Textsemantik bezieht sich hauptsächlich auf Inhaltswörter (Wörter mit
lexikalischer Bedeutung) und auf das Thema von Sätzen und Texten.
c. Die Textpragmatik untersucht die Funktionen, die Texte für die Menschen erfüllen,
die in bestimmten Situationen miteinander kommunizieren. Dabei wird nicht nur der
Text selbst (die Nachricht) berücksichtigt, sondern auch der ganze kommunikative
Kontext (die Rahmenbedingungen der Kommunikation): Sender, Empfänger, Kanal,
Code.
TEXTDEFINITION
Den oben beschriebenen Analyseperspektiven entsprechend ist ein Text ein komplexes
sprachliches Zeichen, das von den Kommunikationspartnern zusammenhängend codiert bzw.
decodiert wird. Schreiber und Leser folgen dabei syntaktischen, semantischen und
pragmatischen Regeln.
Texte sind durch Kohäsion und Kohärenz charakterisiert.
Der Begriff Kohäsion bezieht sich auf textuelle Beziehungen, die durch grammatische
Funktionswörter und –zeichen realisiert werden. Das grammatische Wissen spielt hier eine
wichtige Rolle: hier gemeint sind die Satzgrammatik und die syntaktischen Beziehungen im
Text, die über die Satzgrenze hinausgehen.

Kohäsion im Text

Kohäsion liegt vor, wenn grammatisches Wissen verwendet wird, um einen Zusammenhang
herzustellen.
Grammatisches Wissen umfasst grammatische Funktionwörter und –zeichen:
Interpunktionszeichen, Konnektoren, Artikel, Artikelwörter und Pronomen + Elemente der
Verbflexion (Tempus, Modus, Diathese).
I. Kohäsion durch Interpunktionszeichen
Interpunktionszeichen haben eine Funktion auf Satzniveau, aber auch auf Textniveau: Sie
erlauben Schlüsse über den Zusammenhang der Einzelsätze und strukturieren den Text.
Allerdings hängen sie von den kulturellen Normen einer Sprachgemeinschaft ab und können
von Kultur zu Kultur unterschiedlich sein.
Interpunktionszeichen sind Punkt (.), Fragezeichen (?), Ausrufezeichen (!), Komma (,),
Semikolon / Strichpunkt (;), Doppelpunkt (:), Gedankenstrich (–), Aufzählungsstrich (–),
Anführungsszeichen („“), Klammern (()), Auslassungspunkte (...), Schrägstrich (/).
! Unterschied zwischen Gedankenstrich (–) und Aufzählungsstrich (–):
Der Gedankenstrich (linia de pauza) signalisiert Einschübe, Redeunterbrechungen, Pausen,
Auslassungen.
Der Aufzählungsstrich („liniuța de la capătul rândului“) gliedert Listen oder zählt Aspekte
eines gemeinsamen Themas.
! Im Deutschen werden in geschriebenen dialogischen Texten Anführungsstriche verwendet,
keine „linii de dialog“.
II. Textkohäsion durch Konnektoren
Konnektoren haben die Funktion von textuellen Bindewörtern und stammen aus
unterschiedlichen Wortarten.
Inventar
A. Konjunktionen – verbinden sprachliche Einheiten (Satzteile oder Sätze) auf gleicher
Ebene. Sie stehen normalerweise auf Position 0 im Satz: und, aber, sondern, oder,
denn... Paarige Konjuktionen: nicht nur... – sondern auch...; sowohl... – als auch...;
entweder... – oder...; weder... – noch...
B. Subjunktionen zeigen die Unterordnung einer Aussage unter einen Satz oder ein Wort
an. Nebensatz und übergeordneter Satz bilden zusammen einen Komplexen Satz.
Beispiele: weil, da, obwohl, sodass, damit, wenn usw.
C. Relativwörter
- Relativpronomen: der, das, die; wer, was;
- Relativadverbien: wo, woher, wohin, womit, wodurch, wie, weshalb, wieso u.a.;
- Adverbien: sie haben Funktionen, die sich auf den Textzusammenhang beziehen:
(a) Pro-adverbien / Präpositionaladverbien: da(r)- / hier- + Präposition. Sie haben die
Funktion, Satz- und Textinhalte anaphorisch wiederaufzunehmen: Die Hausfrau
möchte den Mantel reinigen. Dazu nimmt sie ein Lösungsmittel.
(b) Textadverbien: erstens, zweitens, drittens – dienen der Gliederung des Textes in
einzelne Abschnitte.
(c) Korrelate: adverbiale Elemente im Hauptsatz, die den Nebensatz vertreten: Wir
müssen damit rechnen, dass wir noch lange zu Hause bleiben werden.

III. Textkohäsion durch Funktionswörter (Artikelwörter und Pronomen)


Artikelwörter sind Elemente, die das Substantiv begleiten.
Pronomen ersetzen Substantive und größere sprachliche Einheiten.
Wenn ein Funktionswort sich auf ein Inhaltswort im Vortext bezieht, liegt ein anaphorischer
Verweis vor.
Wenn das Funktionswort sich auf ein Element im Folgetext bezieht, geht es um einen
kataphorischen Verweis.
Beispiele:
Es waren einmal 60 Bürger, die (Demonstrativpronomen, anaphorisch) hatten einen
(unbestimmter Artikel, kataphorisch) Plan: Sie (Personalpronomen, anaphorisch) wollten
eine Umweltkonferenz in ihrer (possessives Artikelwort, anaphorisch) kleinen Stadt
durchführen.
Die wichtigsten Begleiter des Substantivs sind der bestimmte (der, die, das) und der
unbestimmte (ein, eine) Artikel.
Mit bestimmtem Artikel steht ein Substantiv, das etwas „Bekanntes“ bezeichnet. „Bekannt“
heißt: im Vortext schon erwähnt (hier hat der Artikel anaphorische Funktion) oder im
„Weltwissen“ des Lesers enthalten.
Mit unbestimmtem Artikel werden Dinge eingeführt, die vom Schreiber als „neu“
präsentiert werden. Unbestimmter Artikel hat in der Regel kataphorische Funktion.
Manchmal hat auch der bestimmte Artikel kataphorische Funktion, z.B. wenn er auf eine
Information in einem Nebensatz vorausweist:
Der Fahrer beachtete das rote Licht der Ampel nicht, mit der Folge, dass er einen Unfall
verursachte.
Nominale Strukturen mit unbestimmtem Artikel oder ohne Artikel enthalten in der Regel die
neue, rhematische Information des Satzes:
Aus Rotkäppchen: Es war einmal ein kleines süßes Mädchen, das hatte jedermann lieb, der
sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wusste gar nicht, was sie alles dem
Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rotem Samt, und weil ihm das
so wohl stand, und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rotkäppchen.

Das Personalpronomen
- 1. u. 2. Person + Höflichkeitsform stellen die Personendeixis in der Sprechsituation
her: (in einem Gespräch:) Wie geht es dir / Ihnen? – Danke, gut, und dir / Ihnen?
- 3. Person bildet die typische Anapher (Wiederaufnahme): Heute habe ich eine alte
Freundin getroffen, ich hatte sie (Anapher, Wiederaufnahme von Freundin) seit zwei
Jahren nicht mehr gesehen. 3. Pers. kann aber auch deiktische Funktion haben, wenn
sie betont ist und auf die Sprechsituation hinweist: (Gespräch:) Da sind meine
ausländischen Freunde. Er (Sprecher zeigt auf einen der beiden...) kommt aus Chile
und er (... auf den anderen) aus Marokko.
- Kataphorische Verwendung von Personalpronomen ist stilistisch markiert und ist
charakteristisch z.B. für die Boulevardpresse: Sie (Katapher von Ulrike K.) lebt mit
der Angst, dass plötzlich alles zu Ende gehen kann: Ulrike K. wurde vor 25 Jahren mit
einem Herzfehler geboren.
Demonstrative Artikelwörter und Pronomen haben in der Regel deiktische Funktion. Sie
zeigen explizit im Text (Bsp. 1) oder in der Diskurssituation (Bsp. 2):
1. Ich habe zwei Pullover: einen aus Wolle (a) und einen aus Baumwolle (b). Dieser
(Bezug auf Pullover b, der „näher“ ist) ist angenehmer, aber jener (Bezug auf
Pullover a, der „weiter entfernt“ ist) ist viel wärmer.
2. Verkäufer: Welchen Mantel möchten Sie anprobieren? Diesen hier oder jenen da? –
Kunde: Jenen da mit dem Pelzkragen.
Deiktische Funktion haben auch Wörter wie: Ersterer, Letzterer, derselbe, der Gleiche:
Gestern habe ich Markus und Tobias getroffen, aber um verschiedene Uhrzeiten: Ersteren
(Bezug auf Markus) um 9 und Letzteren (Bezug auf Tobias) um 11.

Vergleichbare Funktionen wie Pronomen haben auch Präpositionaladverbien, die aus wo(r)-
/ da(r)- + Präposition gebildet sind. Sie haben anaphorische oder kataphorische Funktion:
Anaphorisch: Der Käse schmeckt prima. – Ich weiß, ich habe auch davon (Bezug auf Käse)
genommen. // Der Akrobat ist ein richtiger Profi. Er kann Rad fahren und dabei (Bezug auf
Rad fahren) auch Gitarre spielen. // Sie gab mir das Buch, wobei (Bezug auf das Buch-geben)
sie vermied, mich anzusehen.
Kataphorisch: Wir sind gerade dabei, die mathematische Aufgabe zu lösen. (suntem pe
punctul de a... Bezug auf die folgende Infinitivkonstruktion) // Wir sind dazu da, um euch zu
helfen. (suntem aici cu scopul de a... Bezug auf die folgende Infinitivkonstruktion)

IV. Textkohäsion durch Tempus, Verbmodus und Diathese

Das Tempus codiert den zeitlichen Zusammenhang von Aussagen im Text (Was passiert
zunächst? Was passiert dann?). Tempora geben auch Informationen über die
Kommunikationssituation, in der der Textinhalt zur Sprache kommt.
Der Modus codiert die Stellung der Diskursteilnehmer zur Wirklichkeit des Gesagten und zur
Quelle der Aussage.
Die Aktiv- und Passivformen machen möglich:
1. Alternativen in der Darstellungsweise des Geschehens
2. Umkehrung der Handlungsrollen
3. Verschweigung der handelnden Person

Tempus im Text
Verbtempus kommt oft in Kombination mit Temporaladverbien und temporalen Konnektoren
vor. Sie verdeutlichen zusammen die zeitlichen Bezüge zwischen den einzelnen Aussagen.
Die Tempora, die mit Partizip Perfekt gebildet werden, zeigen Geschehen an, die im
Verhältnis zum Bezugstempus als abgeschlossen gelten:
Zeitpunkt 1 (früher) Zeitpunkt 2 (später)
mit Partizip gebildetes Tempus Bezugstempus (timp de referinta)
Perfekt Präsens
Peter hat die ganze Nacht durchgefeiert. Jetzt schläft er den ganzen Tag.
Plus-quam-Perfekt Präteritum
Nachdem den ganzen Tag geregnet hatte, begann es am Abend zu schneien.
Futur II Futur
Alles wird wieder vergangen sein, wenn wir uns im Sommer wiedersehen
werden.

Das Verbtempus (+ Konnektoren und / oder Temporaladverb) regelt die Zeitverhältnisse,


auch wenn die Reihenfolge der Geschehnisse nicht der Linearität des Textes entspricht
(Zeitpunkt 2 wird vor Zeitpunkt 1 ausgedrückt):
Zeitpunkt 2 Zeitpunkt 1
ohne Konnektor, mit Peters Tochter kam endlich Er hatte sich bis dahin große
Temporaladverb nach Hause. Sorgen gemacht.
mit Konnektor Bevor seine Tochter endlich hatte Peter sich große
nach Hause kam, Sorgen gemacht.

Aus textlinguistischer Perspektive sind nicht nur die zeitlichen Verhältnisse wichtig, sondern
auch die Tempusregister, die zwei Gruppen von Tempora bilden: Besprechen und
Erzählen. Sie markieren verschiedene Diskurssituationen:
- Besprechende Tempora sind für Situationen charakteristisch, wie sie bei der
direkten mündlichen Kommunikation vorkommen. Grundtempus: Präsens. Die
anderen Tempora sind: Perfekt, Futur, Futur II.
- Erzählende Tempora sind für das schriftliche Register charakteristisch. Die
Erzählung bildet als Ganzes eine abgeschlossene Einheit. Grundtempus: Präteritum.
Das andere Tempus: Plus-quam-Perfekt.
Darüber hinaus kann das Präsens noch verwendet werden:
- mit Zukunftsbezug: Moregn fliege ich nach Paris.
- in historischen Texten (historisches Präsens).
Das Futur kann auch eine modale Bedeutung haben und Vermutung ausdrücken.

Verbmodus im Text
Die Modi im Deutschen sind: Indikativ, Imperativ, Konjunktiv. (Infinitiv und Partizip sind
Verbformen, die der Bildung von Modus- + Tempusformen dienen.)
Der Imperativ ist eine Flexionskategorie des Verbs, drückt Aufforderungen aus und kommt
selten in schriftlichen Texten vor. Für Aufforderungen gibt es darüber hinaus viele andere
Ausdrucksformen, die meist textsortenspezifisch sind und nicht mit dem Imperativ zu
verwechseln sind (!):
- Lass uns ein Bier trinken! (mündliche Kommunikation, Imperativ vom Verb lassen)
- Nimm abends zwei von diesen Tabletten ein! (mündliche K, Imperativ) ABER:
- Jeweils zwei Tabletten vor dem Abendessen nehmen. (schriftlich, ärztliches Rezept,
Infinitiv)
- Öl in eine Pfanne geben. Zwiebel und Knoblauch darin glasig dünsten. (Kochrezept,
Imperativ)
Der Gebrauch des Indikativs bildet Realität ab, also weist in der Regel auf die Wirklichkeit
des Gesagten und auf den guten Glauben des Sprechers / Schreibers an diese Wirklichkeit
hin: Der Mond dreht sich um die Erde.
Der Konjunktiv II (eigentliche Form oder würde-Form) drückt Potentialität (1) bzw.
Irrealität (2) aus:
1. Wenn ich eine Million hätte, würde ich eine Weltreise machen.
2. Wenn man Zeitreisen machen könnte, würde ich gerne eine Woche im alten Rom
leben. // Hätten wir mehr Zeit gehabt, dann wären wir auch ins Louvre gegangen.
Der Konjunktiv I dient in erster Linie dem Ausdruck der indirekten Rede; hier führt die
Aussage auf die Äußerung eines anderen Sprechers zurück: Ein Sprecher der Polizei
Oberbayern Nord sagte am Sonntag, die Beamten seien zwischenzeitlich von der Anzahl der
Einsätze "überrollt" worden. Weil etwa der erforderliche Mindestabstand von 1,5 Metern
nicht eingehalten worden sei, sich Menschen in die Sonne legten oder Grillfeste
veranstalteten, rückte die Polizei alleine dort mehr als 150 Mal aus. "Das war absoluter
Wahnsinn", sagte der Polizeisprecher.

Diathese im Text (Aktiv und Passiv)


Passivformen machen den Wechsel der semantischen Rolle des Subjektes möglich:
- Im Aktivsatz fällt das Agens mit dem grammatischen Subjekt zusammen: Drei
Polizisten fingen einen Taschendieb auf frischer Tat.
- Im Passivsatz drückt das Subjekt das Patiens (= die von der verbalen Handlung
betroffene Person oder Sache) aus: Ein Taschendieb wurde (von drei Polizisten;
Agensphrase optional, wenn das als unwichtig erscheint) auf frischer Tat gefangen.
Das Subjekt steht typischerweise am Anfang des Satzes. Die Passivform führt also dazu, dass
das Patiens nach vorne gebracht wird. So kann eine Ausdrucksvariante zur Verfügung stehen,
die die Information am natürlichsten in den Text integriert: In einem Wald in der Nähe
Berlins fanden Förster einen kranken Braunbären. Sie brachten ihn zum lokalen Zoo, wo er
gründlich gepflegt und behandelt wurde. Besser als: wo man ihn gründlich pflegte und
behandelte.
Das Passiv ermöglicht die Thematisierung des Patiens: ...Sie brachten ihn zum lokalen Zoo,
wo er (Thema) gründlich gepflegt und behandelt wurde (Rhema).
Wenn das Agens beim Passiv genannt wird, dann erscheint es als Präpositionalphrase mit von
(seltener: durch). Da das Passiv meist ohne Agens steht, ist seine Nennung sehr auffällig und
so wird es zur wichtigsten Information des Satzes, die durch den Satzakzent hervorgehoben
wird und den Kern des Rhemas im betreffenden Satz darstellt: ... wo er von Tierärzten und
anderen Pflegekräften behandelt wurde.