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Aufsatz

Roman Töppel

Legendenbildung in der Geschichtsschreibung -


Die Schlacht bei Kursk

Einleitung

Am 5. Juli 1943 begann mit der deutschen Sommeroffensive, dem Unternehmen


»Zitadelle«, die »Kursker Schlacht«1; sie dauerte fünfzig Tage und endete mit der
Rückeroberung von Orel und Char'kov durch die Rote Armee. In der sowjetischen
Geschichtsschreibung und jener der kommunistischen Blockstaaten nahm diese
Schlacht seit den 1960er Jahren eine bedeutende Rolle ein; sie galt als eine der drei
Entscheidungsschlachten des Zweiten Weltkrieges. Dies erklärt den umfangrei-
chen Bestand an Literatur. Die meisten dieser Darstellungen beruhen allerdings zu
einem großen Teil auf den Memoiren der ehemaligen Befehlshaber und zeichnen
ein ideologisch beeinflußtes und tendenziöses Bild2.
Mit der politischen Wende in Mittel- und Osteuropa änderte sich an der Be-
deutung, die der Kursker Schlacht beigemessen wurde, und meist auch an ihrer
Darstellung, nur wenig. Zudem sind die russischen Archive, die in der Zeit des
Kalten Krieges ohnehin nur privilegierten sowjetischen Historikern offenstanden,
Westeuropäern nach wie vor nur schwer zugänglich. Die Quellenlage zur sowje-
tischen Seite in der Kursker Schlacht ist deshalb noch nicht befriedigend. Neue
Forschungsergebnisse von russischen Historikern sind in den letzten Jahren nur

Der Begriff wurde von der sowjetischen Geschichtsschreibung geprägt, welche die
Schlacht in drei Phasen einteilt: 1. Periode: Kursker Verteidigungsphase, 5. bis 11.7.1943
(im Norden von Kursk) bzw. 5. bis 23.7.1943 (im Süden von Kursk), 2. Periode: Gegen-
angriff bei Orel, 12.7. bis 18.8.1943,3. Periode: Gegenangriff bei Char'kov, 3. bis 23.8.1943.
Auf deutscher Seite wurden die Kampfhandlungen im Sommer 1943 bei Orel, Kursk
und Char'kov nicht als zusammenhängende Schlacht betrachtet, sondern als selbstän-
dige Unternehmungen, und noch in der jüngeren Literatur herrscht offensichtlich Un-
einigkeit darüber, welchen Zeitraum die Schlacht umfaßt: Beispielsweise behandelt Wal-
ter Dunn in seiner operationsgeschichtlichen Darstellung nur den Zeitraum der deut-
schen Offensive. Walter S. Dunn Jr., Kursk. Hitler's Gamble, 1943, London 1997. Aller-
dings setzt sich zunehmend die Tendenz durch, die sowjetische Definition zu
übernehmen, vgl. z.B. David M. Glantz and Jonathan M. House, The Battle of Kursk,
Lawrence, KS 1999.
Eine Ausnahme bildet die Darstellung der Kursker Schlacht in dem von der Akademie
der Wissenschaften der DDR herausgegebenen Werk Deutschland im zweiten Weltkrieg,
Bd 3: Der grundlegende Umschwung im Kriegsverlauf (November 1942 bis September
1943), hrsg. unter Leitung von Wolfgang Schumann, Berlin (Ost) 1979, S. 517-590. Dar-
in wird, von den obligatorischen ideologischen Klischees und einigen gravierenden Ver-
zerrungen (z.B. bei den Produktionszahlen der deutschen Panzer in der Tabelle auf
S. 532) abgesehen, relativ sachlich und z.T. auf guter Quellenbasis über die Ereignisse
berichtet.

Militärgeschichtliche Zeitschrift 61 (2002), S. 369-401 © Militärgeschichtliches Unauthenticated


Forschungsamt, Potsdam
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370 MGZ 61 (2002) Roman Töppel

in geringem Maße publiziert worden, zudem erscheint nur ein Teil der russischen
Veröffentlichungen übersetzt in Westeuropa'.
Demgegenüber haben sich in der letzten Zeit vor allem angelsächsische Auto-
ren mit den Ereignissen der Schlacht bei Kursk beschäftigt. Hervorzuheben sind hier
ganz besonders die Arbeiten des amerikanischen Militärhistorikers David Glantz,
dem es auch zu verdanken ist, daß eine Studie des sowjetischen Generalstabs zur
Verteidigungsphase der Kursker Schlacht, die noch während des Krieges entstand,
vor wenigen Jahren übersetzt und veröffentlicht wurde4. Weiterhin soll die Arbeit
von Niklas Zetterling und Anders Frankson hervorgehoben werden, bei der es sich
um eine Fundgrube statistischen Materials handelt5.
In der Bundesrepublik Deutschland wurde und wird die Kursker Schlacht nach
wie vor vernachlässigt. Zwar liegt eine große Anzahl populärwissenschaftlicher
Darstellungen vor, von denen besonders die 1966 erstmals erschienene Arbeit von
Paul Carell (Pseudonym für Paul Schmidt) genannt werden soll, weil sie, gemes-
sen an ihrer Rezeption, die wahrscheinlich bekannteste Darstellung eines westeu-
ropäischen Autoren zu dieser Schlacht ist6. Die Zahl der fachwissenschaftlichen
Veröffentlichungen steht dagegen in keinem Verhältnis zur Bedeutung der Ereig-
nisse des Sommers 1943. Die einzige umfangreiche operationsgeschichtliche Dar-
stellung des Unternehmens »Zitadelle« ist der bereits 35 Jahre alte Band von Ernst
Klink7. Jüngere Forschungen, insbesondere die Veröffentlichung neuer Erkennt-
nisse über die Rote Armee, haben gezeigt, daß die Arbeit an einigen Stellen zu-
mindest einer Revision bedürfte8.
Neben der Darstellung von Klink liegt aus deutscher Feder nur noch eine wei-
tere umfangreiche wissenschaftliche (veröffentlichte) Arbeit zur Schlacht bei Kursk
vor, die ebenfalls nur die Phase der deutschen Offensive berücksichtigt und sich
primär mit der geschichtsdidaktischen Problematik der Schlacht beschäftigt9. Auch
dieses Werk ist in vielerlei Hinsicht nicht mehr aktuell. In den letzten Jahren er-
schien lediglich ein Aufsatz, in dem der jüngste Stand der Kenritnisse berücksich-
tigt wurde10.

3 An dieser Stelle sollen vor allem die Arbeiten von Boris Sokolov hervorhoben werden,
insbesondere Boris V. Sokolov, The Battle for Kursk, Orel and Char'kov: Strategie Inten-
tions and Results. A Critical View of the Soviet Historiography, in: Gezeitenwechsel im
Zweiten Weltkrieg? Die Schlachten von Char'kov und Kursk im Frühjahr und Sommer
1943 in operativer Anlage, Verlauf und politischer Bedeutung. Im Auftr. des Militärge-
schichtlichen Forschungsamtes hrsg. von Roland G. Foerster, Hamburg, Berlin, Bonn
1996 (= Vorträge zur Militärgeschichte, Bd 15), S. 69-88.
"4 The Battle for Kursk 1943. The Soviet General Staff Study, ed. by David S. Glantz and
Harold S. Orenstein, London, Portland 1999.
5 Niklas Zetterling and Anders Frankson, Kursk 1943. Α Statistical Analysis, London 2000.
6 Paul Carell, Verbrannte Erde. Schlacht zwischen Wolga und Weichsel. Unveränd. Nachdr.
der Originalausg., Augsburg 1999.
7 Ernst Klink, Das Gesetz des Handelns. Die Operation »Zitadelle« 1943, Stuttgart 1966.
8 Vgl. z.B. die an manchen Stellen fehlerhafte Gliederung der sowjetischen Verbände in
Klink, Das Gesetz des Handelns (wie Anm. 7), S. 341-344 mit der Gliederung in
Glantz/House, The Battle of Kursk (wie Anm. 1), S. 290-335.
9 Alfred Zins, Die Operation Zitadelle. Die militärgeschichtliche Diskussion und ihr Nie-
derschlag im öffentlichen Bewußtsein als didaktisches Problem, Bern, Frankfurt a.M.,
v New York 1986.
10 Karl-Heinz Frieser, Schlagen aus der Vorhand - Schlagen aus der Nachhand. Die Schlach-
ten von Char'kov und Kursk 1943, in: Gezeitenwechsel im Zweiten Weltkrieg? (wie
Anm. 3), S. 101-135.

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Die Vernachlässigung der Sommerkämpfe 1943 in der deutschen Forschung ist


um so erstaunlicher, als die Quellenlage für die deutsche Seite als gut bezeichnet
werden kann. Zwar sind zahlreiche Akten durch Kriegseinwirkungen verloren-
gegangen, das im Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg vorhandene Material ist
dennoch sehr umfangreich und ergiebig11. Das geringe Interesse ist wohl in erster
Linie mit der bei deutschen Geschichtswissenschaftlern bislang insgesamt festzu-
stellenden Gleichgültigkeit gegenüber operatiönsgeschichtlichen Themen zu er-
klären12.
Im Rahmen dieses Beitrages sollen operationsgeschichtliche Abläufe und Ent-
scheidungsprozesse der Schlacht bei Kursk einer historisch-kritischen Uberprü-
fung unterzogen werden. Ziel der Untersuchung ist die Klärung der Frage, in-
wieweit Legenden die tatsächlichen Ereignisse entstellt und die Geschichts-
schreibung zur Schlacht geprägt haben. Ein besonderes Augenmerk wird dabei
den Erinnerungen und Ausarbeitungen der seinerzeit führenden Militärs gelten,
die durch ihre Darstellungen die Historiographie zum Zweiten Weltkrieg ent-
scheidend prägen konnten. Bernd Wegner hat darauf hingewiesen, daß auf deut-
scher Seite die Tendenz vorherrschte, die eigene Professionalität herauszustellen
und die operativen und strategischen Fehlschläge vor allem Hitlers Dilettantis-
mus und seiner Unbelehrbarkeit zuzuschreiben 13 . Es wird zu untersuchen sein,
ob sich diese Neigung auch in den Darstellungen zur Schlacht bei Kursk nach-
weisen läßt.
Daneben gilt zu untersuchen, inwieweit von sowjetischer Seite Legenden über
die Schlacht verbreitet wurden. Die sowjetische Geschichtsschreibung war be-
kanntlich bemüht, die UdSSR und die Rote Armee möglichst stark und leistungs-
fähig darzustellen, um auf diese Weise Belege für die Überlegenheit der kommu-
nistischen Gesellschaftsordnung zu liefern14. Da die Kursker Schlacht in der so-
wjetischen Historiographie neben Moskau und Stalingrad als die dritte Entschei-
dungsschlacht des Zweiten Weltkrieges galt, wird die Überlegenheitspropaganda
fraglos auch in den entsprechenden Darstellungen zu finden sein.

11 Ganz besonders möchte ich an dieser Stelle Dr. Karl-Heinz Frieser vom Militärge-
schichtlichen Forschungsamt (MGFA), Potsdam, für dessen wertvolle Anregungen und
Hinweise danken, die insbesondere die Quellensuche für meine Magisterarbeit sehr er-
leichtert haben (Roman Töppel, Die Offensive gegen Kursk 1943 - Legenden, Mythen
und Propaganda, Magisterarbeit, eingereicht an der Technischen Universität Dresden,
2001, Betreuer: Prof. Dr. Reiner Pommerin). Sie bildete die Grundlage für diesen Bei-
trag-
12 Vgl. dazu Bernd Wegner, Wozu Operationsgeschichte?, in: Was ist Militärgeschichte? In
Verbindung mit dem Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. und dem Institut für soziale Be-
wegungen der Ruhr-Universität Bochum hrsg. von Thomas Kühne und Benjamin Zie-
mann, Paderborn, München, Wien, Zürich 2000, S. 105-113.
13 Bernd Wegner, Erschriebene Siege. Franz Halder, die >Historical Division* und die Re-
konstruktion des Zweiten Weltkrieges im Geiste des deutschen Generalstabes, in: Poli-
tischer Wandel, organisierte Gewalt und nationale Sicherheit. Beiträge zur neueren Ge-
schichte Deutschlands und Frankreichs. Festschrift für Klaus-Jürgen Müller, hrsg. von
Emst Willi Hansen, Gerhard Schreiber und Bernd Wegner, München 1995, S. 291 f.
14 Mit dieser Tendenz hat sich insbesondere der russische Historiker Boris Sokolov befaßt,
der u.a. darauf hinwies, daß Produktionszahlen von sowjetischen Autoren gefälscht wur-
den. Sokolov, The Battle for Kursk (wie Anm. 3), S. 86. Vgl. auch Boris V. Sokolov, The
Role of Lend-Lease in Soviet Military Efforts, 1941-1945, in: The Journal of Slavic Mili-
tary Studies, 7 (1994), S. 567-586.

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I. Hitlers Offensive?

Nach den Niederlagen der deutschen Wehrmacht bei Stalingrad und in Nord-
afrika war die strategische Initiative auf dem europäischen Kriegsschauplatz des
Zweiten Weltkrieges endgültig auf die Gegner des Deutschen Reiches überge-
gangen. Der deutschen Führung war dies bewußt; aus militärischen, politischen
und wirtschaftlichen Gründen wurde es jedoch als unerläßlich angesehen, daß
die Wehrmacht an der Ostfront aktiv bleiben müsse. Noch vor dem Abschluß der
Winterkämpfe und der Stabilisierung der Ostfront durch einen erfolgreichen Ge-
genangriff der Heeresgruppe (HG) Süd bei Char'kov hatte Hitler deshalb eine »Wei-
sung für die Kampfführung der nächsten Monate« erlassen15. Sie sah vor, der Ro-
ten Armee im Frühjahr 1943 zumindest mit einer begrenzten Offensive im An-
griff zuvorzukommen, um ihr »das Gesetz des Handelns vorzuschreiben«16. Das
Ergebnis der folgenden Operationsplanungen war schließlich das Unternehmen
»Zitadelle«, der Angriff gegen den Kursker Frontbogen. Durch ihn sollte eine
große Ansammlung sowjetischer Truppen zerschlagen und der Roten Armee we-
nigstens im Jahre 1943 die Fähigkeit zu offensiver Kriegführung genommen wer-
den. Gleichzeitig hätte die Beseitigung des Kursker Bogens eine erhebliche Front-
verkürzung zur Folge gehabt, die das Herausziehen einer großen Zahl gepanzer-
ter Verbände zu anderweitiger Verwendung erlaubt hätte. Ein Sieg bei Kursk soll-
te der deutschen Führung ermöglichen, sich auf die Kriegführung im Westen zu
konzentrieren17.
Nach dem Krieg distanzierten sich die meisten der seinerzeit führenden Mi-
litärs vehement von dieser Operation. Der ehemalige Generalstabschef, Gene-
raloberst Kurt Zeitzler, zeichnete in seiner Ausarbeitung das Bild von »Hitlers
Offensive«18. Zeitzler legte dar, daß der Entschluß, an der Ostfront im Frühjahr
1943 wieder Angriffsoperationen durchzuführen, eine fixe Idee Hitlers gewesen
sei: »Von dieser Entscheidung, die er selbst und unabhängig von anderen ge-
troffen hatte, hätte ihn zunächst kein Mensch abbringen können. Vielleicht war
es aber noch möglich, ihn in Einzelheiten zu beeinflussen. Das mußte die Zeit
zeigen19.«
Doch nicht nur der Entschluß zur Offensive, auch die Idee zum »Zangenan-
griff« gegen den Kursker Frontbogen sei von Hitler gekommen. Zeitzler habe Be-
denken gegen diese Operation vorgebracht und versucht, Hitler davon abzubrin-
gen; dieser habe jedoch nicht auf ihn gehört und den Angriff »auf jeden Fall« ge-
wollt.

15 »Operationsbefehl Nr. 5«, abgedruckt u.a. in Kriegstagebuch des Oberkommandos der


Wehrmacht (Wehrmachtführungsstab) 1940-1945 (KTB-OKW). Geführt von Helmuth
Greiner und Percy Ε. Schramm, hrsg. von Percy Ε. Schramm, 4 Bde, Sonderausg., Bonn
o.J., Bd 3/2, S. 1420-1422.
16 Ebd., S. 1420.
17 Zur Operationsplanung ausführlich vgl. Klink, Das Gesetz des Handelns (wie
Anm. 7).
18 Kurt Zeitzler, Das Ringen um die großen Entscheidungen im zweiten Weltkriege. Ab-
wehrschlachten in Rußland nach dem Wendepunkt im Kriege, Bundesarchiv-Müitärar-
chiv, Freiburg. (BA-MA), ZA 1/1734 (Studie D-406), Bl. 56-81.
19 Ebd., Bl. 59.

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Zeitzlers Darstellung blieb zwar unveröffentlicht; seine Einschätzungen wur-


den jedoch von anderen Autoren übernommen 20 . Die Ansicht, die Offensive ge-
gen Kursk sei eine Idee Hitlers gewesen, ist mittlerweile weit verbreitet. Paul Ca-
rell schrieb:
»Manstein, Guderian, Kluge, Model und viele andere hatten sich ursprünglich
gegen Hitlers Plan gestemmt, an der Ostfront nach Stalingrad zu schnell wieder
offensiv zu werden [...] Doch Hitler hatte auf die Gefährlichkeit des Kursker
Bogens hingewiesen. Die Russen versammelten in dieser günstigen
Ausfallposition riesige Offensivkräfte [...] Wenn man diese Ansammlung
vernichtete, erhielt die Rote Armee einen tödlichen Schlag. Hitler war fasziniert
von dem Gedanken. Und die Generale hatten sich diesem Argument nicht
verschließen können21.«
In Wirklichkeit war die Idee eines frühzeitigen Angriffs im Raum Kursk keines-
wegs von Hitler ausgegangen, sondern von Generalfeldmarschall Erich von Man-
stein, dem Oberbefehlshaber der HG Süd. Er schrieb später dazu:
»Das Ob[er-]K[omman]do d[er] H[eeres-]Gr[uppe] Süd hatte [...] beabsichtigt,
unmittelbar im Anschluß an die Schlacht bei Charkow, noch vor Beginn der
Schlammperiode in diesem Gebiet, die derzeitige Schwäche des Gegners
ausnutzend [...] diesen Frontbogen noch zu beseitigen. Diese Absicht hatte
aufgegeben werden müssen, da die H[eeres-]Gr[uppe] Mitte sich zur Mitwirkung
außerstande erklärte. So weich der Gegner unter dem Eindruck der Niederlage
bei Charkow auch damals geworden war, so hätten die Kräfte der Hfeeres-]
Gr[uppe] Süd allein doch nicht ausgereicht, um diesen weiten Frontbogen zu
beseitigen. Nun kam er als Ziel eines ersten Angriffs aus der Vorhand in Frage22.«
Bereits in der am 13. März 1943 erlassenen »Weisung für die Kampfführung der
nächsten Monate« wurde dieser Gedanke Mansteins, den Hitler drei Tage zuvor in
seinem Hauptquartier aufgesucht hatte, übernommen und die Bildung zweier An-
griffsgruppen nördlich und südlich von Kursk befohlen23. Allerdings hatte sich
Hitler zu diesem Zeitpunkt noch nicht endgültig auf den Angriff gegen Kursk fest-
gelegt; das zeigt die Planung von zwei weiteren Operationen südlich von Char'kov.
Daß diese beiden Unternehmen, welche die Decknamen »Habicht« und »Panther«
erhielten, lediglich als Hilfe für den Angriff gegen Kursk angesehen worden seien24,
trifft für das räumlich begrenztere Unternehmen »Habicht« zu, nicht jedoch für
das Unternehmen »Panther«, das tatsächlich als Alternative zu »Zitadelle« be-
trachtet wurde, wie eine Eintragung im Kriegstagebuch der HG Süd vom 29. März
1943 verdeutlicht25.

20 Beispielsweise Gotthard Heinrici und Friedrich W. Hauck, Zitadelle. Der Angriff auf den
russischen Stellungsvorsprung bei Kursk, in: Wehrwissenschaftliche Rundschau (WWR),
15 (1965), Nr. 8, S. 474-477; Eike Middeldorf, Das Unternehmen »Zitadelle«. (Angriff auf
Kursk 5.7. bis 21.7.1943), in: WWR, 3 (1953), Nr. 11, S. 501 und Burkhart Müller-Hille-
brand, Das Heer 1933-1945. Entwicklung des organisatorischen Aufbaus, 3 Bde, Darm-
stadt, Frankfurt a.M. 1954-1969, Bd 3, S. 104 f.
21 Paul Carell, Verbrannte Erde (wie Anm. 6), S. 15.
22 Erich von Manstein, Verlorene Siege. Erinnerungen 1939-1944,14. Aufl., Bonn 1993, S. 484.
Vgl. dazu Eberhard Schwarz, Die Stabilisierung der Ostfront nach Stalingrad. Mansteins
Gegenschlag zwischen Donez und Dnjepr im Frühjahr 1943, Göttingen, Zürich 1986,
S. 228-230.
23 KTB-OKW (wie Anm. 15), Bd 3/2, S. 1421.
24 So Klink, Das Gesetz des Handelns (wie Anm. 7), S. 71.
25 Kriegstagebuch Ia der Heeresgruppe Don/Süd, 24.3.1943-4.7.1943, BA-MA, RH 19 VI/45,
Bl. 14.

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Bis in die zweite Aprilwoche hinein blieb das Unternehmen »Panther« als Ge-
genvorschlag im Gespräch. Erst mit dem »Operationsbefehl Nr. 6« erfolgte die end-
gültige Festlegung auf die Offensive gegen Kursk26. Als entscheidenden Grund
dafür, daß letztendlich der Operationsplan »Zitadelle« durchgesetzt wurde, gab
der ehemalige Generalinspekteur der Panzertruppen, Generaloberst Heinz Gude-
rian, an, Zeitzier selbst habe Hitler zur Durchführung des Unternehmens gedrängt27.
Diese Auffassung deckt sich mit den Ausführungen des Generals Walter Warli-
mont, der während des Krieges Chef der Abteilung Landesverteidigung im Wehr-
machtführungsstab war28. Oberst Friedrich Wilhelm von Mellenthin, seinerzeit Ge-
neralstabsoffizier beim XXXXVIII. Panzerkorps (PzK), traf Anfang April 1943 mit
Zeitzier zusammen. Auch er schrieb, die Initiative zum Angriff gegen Kursk sei
maßgeblich von diesem, außerdem vom Chef des Oberkommandos der Wehr-
macht, ausgegangen29. Daß Zeitzier deswegen bereits während des Sommers 1943
in die Kritik geriet, belegt ein Gespräch zwischen dem Chef der Operationsabtei-
lung des Oberkommandos des Heeres (OKH), Generalleutnant Adolf Heusinger,
und dem Bevollmächtigten Hitlers für die Kriegsgeschichtsschreibung, Oberst Wal-
ter Scherff, in dessen Verlauf dieser ebenfalls die Urheberschaft Zeitzlers an der
Idee zum Angriff gegen Kursk hervorhob30.
Die nach dem Krieg geführte Diskussion über die Idee zum Angriff auf Kursk
und die Durchführung vermeintlich besserer Alternativoperationen, namentlich ei-
nes Schlages »aus der Nachhand«, d.h. eines Gegenschlages nach dem Beginn einer
sowjetischen Offensive, erweist sich als verfehlt, denn im Frühjahr 1943 waren nicht
nur Zeitzier und Hitler von der Zweckmäßigkeit eines Angriffs »aus der Vorhand«
gegen den Kursker Frontbogen überzeugt. Generalfeldmarschall Hans Günther von
Kluge, der Oberbefehlshaber der HG Mitte, bezeichnete den eigenen Angriff noch
Ende Juni 1943 als beste Lösung, obwohl er trotz seines Protestes mittlerweile mehr-
fach verschoben worden war31; Generalfeldmarschall von Manstein sah den An-
griffsplan nach dem Krieg noch als grundsätzlich richtige Idee an, wenngleich er
als Alternative einen Angriff »aus der Nachhand« zur Diskussion stellte32. Der Schlag
»aus der Nachhand« wurde in der Literatur zum Unternehmen »Zitadelle« rasch

26 »Operationsbefehl Nr. 6«, abgedruckt u.a. in KTB-OKW (wie Anm. 15), Bd 3 / 2 ,


S. 1425-1427.
27 Heinz Guderian, Erinnerungen eines Soldaten, 13. Aufl., Stuttgart 1994, S. 276 f. und 282.
Vgl. auch Hermann Teske, Die Bedeutung der Eisenbahn bei Aufmarsch, Verteidigung
und Rückzug einer Heeresgruppe. Dargestellt an der deutschen Operation »Zitadelle«
gegen Kursk und ihre Auswirkungen im Sommer 1943, in: Allgemeine Schweizerische
Militärzeitschrift, 1955, Nr. 121, S. 121, Anmerkung.
28 Walter Warlimont, Im Hauptquartier der deutschen Wehrmacht 1939-1945. Grundlagen,
Formen, Gestalten, Bd 2, Augsburg 1990, S. 348.
29 Friedrich W. von Mellenthin, Panzerschlachten. Eine Studie über den Einsatz von Pan-
zerverbänden im Zweiten Weltkrieg, Neckargemünd 1963, S. 142 und 145 f.
30 Adolf Heusinger, Befehl im Widerstreit. Schicksalsstunden der deutschen Armee
1923-1945, Tübingen, Stuttgart 1950, S. 270. Zeitzier schrieb nach dem Krieg, Scherff ha-
be das (falsche) Gerücht vpn der Urheberschaft des Generalstabschefs am Plan zur Of-
fensive »Zitadelle« seinerzeit absichtlich verbreitet. Studie Zeitzier (wie Anm. 18), Bl. 80.
31 Klink, Das Gesetz des Handelns (wie Anm. 7), S. 170 f.; KTB-OKW (wie Anm. 15), Bd 3/1,
S. 668 und 706 f.; Deutschland im zweiten Weltkrieg (wie Anm. 2), S. 543-545. Zur Hal-
tung Kluges bezüglich der Angriffsverschiebung vgl. KTB HG Don/Süd (wie Anm. 25),
Bl. 81 und Guderian, Erinnerungen eines Soldaten (wie Anm. 27), S. 278 f.
32 Manstein, Verlorene Siege (wie Anm. 22), S. 480-506.

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Legendenbildung in der Geschichtsschreibung 375

namhaft, denn während Manstein das Für und Wider einer solchen Lösung noch
sachlich abgewogen hatte, wurde sie von anderen Autoren unmißverständlich als
eindeutig vorteilhaftere Lösung hingestellt33. Als Vorbild wurde dabei immer wie-
der der Gegenangriff der HG Süd am Donec im Februar und März 1943 angeführt,
bei dem es Manstein durch einen Schlag »aus der Nachhand« gelungen war, die
sowjetische Offensive in Richtung Dnepr abzufangen und die Front zu stabilisieren34.
Zwischen der Lage im Februar 1943 und jener im darauffolgenden Frühjahr und
Sommer bestand allerdings ein erheblicher Unterschied: In der letzten Phase der
sowjetischen Winteroffensive hatte nämlich die Feindaufklärung der Südwestfront
versagt und deren Oberkommando nicht erkannt, daß sich die Deutschen nach der
Räumung der Stadt Char'kov zum Gegenangriff rüsteten. Die sowjetischen Ver-
bände wμrden von diesem dann überrascht. Dagegen verfügte die Rote Armee im
Frühjahr 1943 über genaue Informationen; ihre Aufklärung arbeitete zu diesem Zeit-
punkt sehr effektiv35. Vor diesem Hintergrund erscheint zweifelhaft, daß die so-
wjetische Führung so kurze Zeit nach dem schwerwiegenden Fehler vom Februar
1943 noch einmal in die gleiche operative Falle geraten wäre. Auch bei allen weite-
ren in Erwägung gezogenen Alternativlösungen zum Kräfteansätz bei der Opera-
tion »Zitadelle«36 muß berücksichtigt werden, daß die Rote Armee in der Lage ge-
wesen wäre, auf deutsche Umgruppierungen zu reagieren und ihre Abwehrkräfte
ebenfalls entsprechend zu verlagern. Hinzu kommt, daß die sowjetische Seite selbst
weiträumige Offensiven »aus der Nachhand« vorbereitete, und zwar gegen die HG
Mitte bei Orel und die HG Süd im Donecbecken und bei Char'kov 37 . Im Falle eines
Angriffs gegen den Kursker Frontbogen aus nur einer Richtung, wie er sowohl von
Hitler als auch von Generaloberst Guderian und dem Chef des Generalstabs der
Luftwaffe, Generaloberst Hans Jeschonnek, vorgeschlagen wurde, wäre nach dem
Beginn der sowjetischen Offensiven eine rasche Verlegung der Angriffsverbände
an die bedrohten Frontabschnitte unmöglich gewesen. Dies hätte besonders im Orel-
bogen verhängnisvolle Konsequenzen haben können, weil dort alle Eisenbahn-
transporte durch die Einwirkung sowjetischer Partisanen in erheblichem Ausmaß
behindert wurden38. Der Ansatz der Angriffskräfte in Form einer Zange machte

33 Beispielsweise Studie Zeitzler (wie Anm. 18), Bl. 79; Heinrici/Hauck, Zitadelle (wie
Anm. 20), S. 473 f.; Mellenthin, Panzerschlachten (wie Anm. 29), S. 147 und Carell, Ver-
brannte Erde (wie Anm. 6), S. 264 f.
34 Eine umfassende Darstellung dieses Gegenangriffes bietet die Studie von Schwarz, Die
Stabilisierung (wie Anm. 22), eine summarische Analyse der Aufsatz von Friedhelm
Klein und Karl-Heinz Frieser, Mansteins Gegenschlag am Donec. Operative Analyse des
Gegenangriffs der Heeresgruppe Süd im Februar/März 1943, in: Militärgeschichte,
9 (1999), S. 12-18.
35 Timothy P. Mulligan, Spies, Ciphers and »Zitadelle«: Intelligence and the Battle of Kursk,
1943, in: Journal of Contemporary History, 22 (1987), S. 235-260; David M. Glantz, Sovi-
et Operational Intelligence in the Kursk Operation (July'1943), in: Die operative Idee und
ihre Grundlagen. Ausgewählte Operationen des Zweiten Weltkrieges, hrsg. vom
MGFA, Herford, Bonn 1989 (= Vortrage zur Militärgeschichte, Bd 10), S. 53-77.
36 Die verschiedenen Vorschläge sind dargestellt bei Frieser, Schlagen aus der Vorhand (wie
Anm. 10), S. 107-113.
37 Die sowjetischen Offensivabsichten wurden von der deutschen Aufklärung bereits im
Mai 1943 zutreffend eingeschätzt. Vgl. einen entsprechenden Bericht der Abteilung Frem-
de Heere Ost des Generalstabs des Heeres, abgedruckt in Müller-Hillebrand, Das Heer
(wie Anm. 20), Bd 3, S. 106 f.
^ Hermann Teske, Partisanen gegen die Eisenbahn, in: WWR, 3 (1953), Nr. 10, S. 468-475;
Teske, Die Bedeutung der Eisenbahn (wie Anm. 27).

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nach dem Abbruch der Offensive dagegen ein rasches Eingreifen der Panzerver-
bände sowohl bei Orel als auch am Donec und bei Char'kov möglich.
Das nach dem Krieg so heftig umstrittene und vermeintlich schlechteste Kon-
zept für eine Offensive im Jahre 1943 erweist sich bei genauer Betrachtung als
durchaus plausibel. Hitler war nicht, wie Zeitzier später behauptete, der einzige Be-
fürworter dieses Planes. Die Idee zum Angriff auf Kursk stammte von Manstein,
und Zeitzier setzte sich dann für die Durchführung der Operation ein. Doch gera-
de der Generalstabschef distanzierte sich nach dem Krieg am nachdrücklichsten
vom Unternehmen »Zitadelle«, und die Rezeption seiner Darstellung trug offen-
sichtlich entscheidend dazu bei, daß die Operation heute landläufig als »Hitlers
Offensive«39 betrachtet wird.

II. Die verspätete Offensive?

Am 4. Mai 1943 hielt Hitler in München eine Besprechung mit den Chefs der Ge-
neralstäbe des Heeres und der Luftwaffe, den Oberbefehlshabern der Heeresgrup-
pen Mitte und Süd sowie dem Generalinspekteur der Panzertruppen ab40. Hitler
teilte den Anwesenden mit, er wolle die ursprünglich für Anfang Mai festgesetz-
te Offensive verschieben. Der Grund für diesen Entschlüß war ein Lagevortrag Ge-
neraloberst Walter Models, des Oberbefehlshabers der 9. Armee, die den Angriff
aus dem Frontbogen von Orel heraus gegen Kursk führen sollte. Model hatte Hit-
ler Ende April berichtet, daß die Kräfte seiner Armee für die Offensive noch nicht
ausreichend seien und verstärkt werden müßten. Hitler hatte den Angriffstermin
daraufhin zunächst um einige Tage verschoben, doch auch der neue Zeitplan ließ
sich nach Meldungen der 9. Armee nicht einhalten41. Hitler sah deshalb eine Ver-
schiebung bis zum Juni 1943 als notwendig an.
Der Chef des Generalstabs des Heeres und die Oberbefehlshaber der beiden
Heeresgruppen sprachen sich in München gegen die Verlegung des Angriffster-
mins aus, doch Hitler setzte sich über deren Bedenken hinweg und verschob den
Angriffstermin am folgenden Tag auf den 12. Juni42. Es sollte jedoch nicht bei die-
sem Stichtag bleiben. Weitere Verzögerungen führten dazu, daß die Offensive letzt-
endlich erst Anfang Juli begann.
Die Verschiebungen des Angriffstermins wurden in den Memoiren der deut-
schen Militärs meist als ein wesentlicher Grund für das Scheitern des Unterneh-
mens »Zitadelle« angeführt. Dabei wurden sachliche Argumente zuweilen durch
bloße Spekulationen ersetzt: »Wäre das Unternehmen Zitadelle< im April oder
Mai 1943 begonnen worden«, schrieb Friedrich Wilhelm von Mellenthin im Jahre
1963, »so hätte es eine beträchtliche Ernte heimbringen können. Im Juni hatten sich
jedoch fast alle Bedingungen völlig gewandelt43!« Der Monat April, den neben Mel-

39 Die entsprechende Kapitelüberschrift in Zeitzlers Studie lautet: »Hitlers Offensive vom


Sommer 1943«. Studie Zeitzier (wie Anm. 18), Bl. 56.
40 Protokoll dieser Besprechung in KTB HG Don/Süd (wie Anm. 25), Bl. 78-82.
41 Klink, Das Gesetz des Handelns (wie Anm. 7), S. 114-116 und 140.
42 Ebd., S. 144.
43 Mellenthin, Panzerschlachten (wie Anm. 29), S. 146.

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Legendenbildung in der Geschichtsschreibung 377

lenthin auch andere Autoren als vermeintlich möglichen Zeitpunkt für das Unter-
nehmen »Zitadelle« genannt haben44, kam in Wirklichkeit nicht in Frage. Im »Ope-
rationsbefehl Nr. 6« heißt es, der früheste Angriffstermin sei der 3. Mai45. Ein An-
griff im April wäre aus verschiedenen Gründen nicht möglich gewesen. Einerseits
war die Truppe nach den Winterkämpfen erschöpft und benötigte dringend eine
Kampfpause zur Auffrischung und Ergänzung 46 . Andererseits spielte auch die
berüchtigte russische »Schlammperiode«, der sowohl von deutscher als auch von
sowjetischer Seite große Bedeutung beigemessen wurde, eine entscheidende Rol-
le bei den Planungen. Der sowjetische Generalstab ging davon aus, daß die Deut-
schen aufgrund der »Schlammperiode« frühestens in der zweiten Maihälfte an-
greifen könnten 47 . Im KTB des Wehrmachtführungsstabes findet sich für den
15. April ein Vermerk, der deutlich macht, welche Faktoren für den Zeitpunkt des
Angriffs als ausschlaggebend angesehen wurden: »Die H[eeres-]Gr[uppe Mitte]
meldet, daß der frühestmögliche Termin für >Zitadelle< von beendeter Auffrischung,
Ergänzung der wichtigsten schweren Waffen, Eintreffen des Ersatzes und der
Straßenlage abhängig ist [...]48.«
Doch selbst im Mai wäre die Operation nach Ansicht des für das Transport-
wesen der HG Mitte verantwortlichen Offiziers praktisch nicht möglich gewesen,
weil die Kapazitäten der Eisenbahnstrecken und Ausladebahnhöfe im Frontbogen
von Orel für einen raschen Aufmarsch nicht ausreichten49. Hinzu kam die massi-
ve Störung des ohnehin unzureichenden Eisenbahnverkehrs im Aufmarschgebiet
der HG Mitte durch sowjetische Partisanen, deren erfolgreiche Aktivitäten im Orel-
bogen operative Bedeutung erlangten50. Durch die Erfolge der Partisanen sah sich
die deutsche Führung gezwungen, im Mai mehrere große Unternehmen zu deren
Bekämpfung durchführen zu lassen. Zu dem größten, fast einen Monat dauern-
den Unternehmen »Zigeunerbaron« wurde sogar ein Panzerkorps eingesetzt. Die-
se Aktion hatte jedoch zur Folge, daß der Angriffstermin erneut verschoben wer-
den mußte, weil die 9. Armee zusätzliche Zeit zur Rückführung und Auffrischung

44 Beispielsweise Albert Seaton, Der russisch-deutsche Krieg 1941-1945, Frankfurt a.M.


1973, S. 270; Zins, Die Operation Zitadelle (wie Anm. 9), S. 20; Wolfgang Fleischer und
Richard Eiermann, Die größte Panzerschlacht des Zweiten Weltkrieges. Operation »Zi-
tadelle«, Wölfersheim-Berstadt 1997, S. 12.
45 KTB-OKW (wie Anm. 15), Bd 3 / 2 , S. 1426.
46 Klink, Das Gesetz des Handelns (wie Anm. 7), S. 60; Schwarz, Die Stabilisierung (wie
Anm. 22), S. 332; Richard Muller, The German Air War in Russia, Baltimore, Md. 1983,
S. 136. So hatte beispielsweise die SS-Panzergrenadierdivision (SS-PGD) »Leibstandarte SS
Adolf Hitler« in den Kämpfen um Char'kov 44% ihrer Gefechtsstärke eingebüßt. Rudolf
Lehmann, Die Leibstandarte, Bd 3, Osnabrück 1982, S. 219. Generaloberst Guderian
schrieb, an große Angriffshandlungen sei im April 1943 nicht zu denken gewesen. Gu-
derian, Erinnerungen eines Soldaten (wie Anm. 27), S. 276.
47 Sergeij M. Scemenko, Im Generalstab, Berlin (Ost) 1969, S. 160. Zu den Schwierigkeiten
der rückwärtigen Dienste der Zentralfront während der »Schlammperiode« vgl. N.A. An-
tipenko, In der Hauptrichtung, Berlin (Ost) 1973, S. 101-104.
48 KTB-OKW (wie Anm. 15), Bd 3 / 1 , S. 334.
49 Teske, Die Bedeutung der Eisenbahn (wie Anm. 27), S. 123-125. Auch der Generalstabs-
chef Zeitzler schrieb in seiner Darstellung, der Angriff hätte frühestens Ende Mai statt-
finden können. Studie Zeitzier (wie Anm. 18), Bl. 65-67.
50 Teske, Partisanen gegen die Eisenbahn (wie Anm. 38), S. 469 f.; Teske, Die Bedeutung
der Eisenbahn (wie Anm. 27), S. 125-128. Vgl. dazu die Ausführungen 2ukovs. Georgij
K. 2ukov, Erinnerungen und Gedanken. Bd 2, Berlin (Ost) 1969, S. 89 f. und 145.

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378 MGZ 61 (2002) Roman Toppel

der beteiligten Verbände benötigte. Als frühestmöglichen Angriffstermin gab sie


nunmehr den 19. Juni an51.
Auch bei d,er HG Süd waren inzwischen neue Forderungen laut geworden. Be-
reits während eines Besuches des Oberbefehlshabers der Heeresgruppe bei der
4. Panzerarmee (PzA) und der Armeeabteilung (ArmeeAbt) Kempf in der zweiten Mai-
woche hatten die Kommandeure auf zahlreiche Mängel hingewiesen und den
Wunsch nach mehr Panzern und einer stärkeren Luftunterstützung für die bevor-
stehende Offensive geäußert. In der zweiten Maihälfte folgten neue Forderungen.
Da die Zuführung weiterer Infanteriedivisionen abgelehnt wurde, trat verstärkt
die Bitte um weitere Panzer in den Vordergrund52.
Im Juni wurde der Angriff dann wiederum mehrfach verschoben. Als Grund für
die Verzögerungen wird oftmals nur die Zuführung der neuen Panzer angeführt,
von denen Hitler fasziniert gewesen sei53. Diese Ansicht greift jedoch wesentlich zu
kurz: Neben den bereits angesprochenen taktischen und operativen Schwierig-
keiten, die sich ebenfalls auf die Vorbereitung des Angriffs auswirkten, hatte auch
ein strategischer Aspekt, der in der Literatur zumeist vernachlässigt wird, Einfluß
auf die Planung des Unternehmens. »Zitadelle« - und zwar die Lage im Mittel-
meerraum. Nach der Kapitulation der HG Afrika am 13. Mai 1943 befürchtete die
deutsche Führung nämlich einen »Abfall« Italiens. General Warlimont schrieb spä-
ter, Hitler habe die Operation »Zitadelle« erst endgültig angeordnet, als er überzeugt
gewesen sei, daß Italien den Krieg an deutscher Seite fortsetzen würde und die
Abwehrkraft in Italien genügend gefestigt sei54.
Zur Sorge um die Lage in Italien trat auch die Befürchtung, die Alliierten könn-
ten auf dem Balkan landen, was Hitler zur Verlegung einer Panzerdivision nach
Griechenland veranlaßte55. Erst die letzte größere Verschiebung, von Ende Juni auf
Anfang Juli 1943, hatte ihren wohl einzigen Grund in der Verzögerung der Zu-
führung der neuen Panzer vom Typ »Panther«56.
Generaloberst Zeitzier schrieb in seiner Darstellung, die Verschiebungen des
Angriffstermins seien der Hauptgrund für das Scheitern des Unternehmens »Zi-
tadelle« gewesen, denn dadurch sei das Überraschungsmoment preisgegeben wor-
den57. Daß diese Einschätzung jedoch offenkundig erst aus der nachträglichen Per-
spektive entstand, belegt die Niederschrift über eine Lagebesprechung von Ende
Mai 1943, in der sich Zeitzier dahingehend äußerte, daß an eine Überraschung des
Gegners sowieso nicht zu denken sei, weil sich der Kursker Frontbogen zu offen-

51 Klink, Das Gesetz des Handelns (wie Anm. 7), S. 55 und 131-137.
52 KTB HG Don /Süd (wie Anm. 25), Bl. 91-98; Klink, Das Gesetz des Handelns (wie Anm. 7),
S. 156.
53 So beispielsweise Walther K. Nehring, Die Geschichte der deutschen Panzerwaffe
1916-1945. Die Erinnerungen des Theoretikers der Panzerstrategie und des letzten Ober-
befehlshabers der 1. Panzerarmee im Zweiten Weltkrieg, Stuttgart 1974, S. 302 f.; Joa-
chim Engelmann, Zitadelle. Die größte Panzerschlacht im Osten 1943, Friedberg 1980,
S. 49 upd Fleischer/Eiermann, Die größte Panzerschlacht (wie Anm. 44), S. 12.
54 Heinrici/Hauck, Zitadelle (wie Anm. 20), S. 537. Vgl. dazu auch Warlimont, Im Haupt-
quartier (wie Anm. 28), S. 335 f.
55 Hitlers Lagebesprechungen. Die Protokollfragmente seiner militärischen Konferenzen
1942-1945, hrsg. von Helmut Heiber, Stuttgart 1962 (= Quellen und Darstellungen zur Zeit-
geschichte, Bd 10), S. 205-220.
56 Klink, Das Gesetz des Handelns (wie Anm. 7), S. 163 f.
57 Studie Zeitzier (wie Anm. 18), Bl. 78.

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Legendenbildung in der Geschichtsschreibung 379

sichtlich für einen Angriff anbiete58. Diese zeitgenössische Einschätzung war rich-
tig; tatsächlich kannte die sowjetische Führung bereits seit April die geplanten
deutschen Angriffsrichtungen59. Und dies war der deutschen Führung durchaus
bewußt, wie verschiedene Lagebeurteilungen belegen60.
In einigen Darstellungen wurde die frühzeitige Kenntnis, welche die sowjeti-
sche Führung von den deutschen Angriffsabsichten hatte, in erster Linie dem kom-
munistischen Spionagering in der Schweiz zugeschrieben61. Dabei trat vor allem ei-
ne mysteriöse Informationsquelle mit dem Decknamen »Werther« in den Mittel-
punkt der Mutmaßungen, die sich in der nächsten Umgebung Hitlers befunden
haben soll. Zu der Frage, wer dieser vermeintliche Meisterspion gewesen sei, wur-
den zahlreiche Annahmen geäußert62. Wilhelm von Schramm konnte allerdings
bereits in seiner 1967 erschienen Arbeit nachweisen, daß die Informationen »Wer-
v thers« für die sowjetische Führung bei weitem nicht die Bedeutung gehabt haben
können, die ihnen oftmals beigemessen wird63. Die jüngere Forschung betont vor
allem die konventionellen Aufklärungsmethoden (Luftaufklärung, Agententätig-
keit im besetzten Gebiet, Gefangenenvernehmungen etc.), welche der Roten Ar-
mee ein relativ genaues Bild der deutschen Angriffsvorbereitungen gegeben hät-
ten. Die Informationen des Spionageringes in der Schweiz und solche des briti-
schen Geheimdienstes, der entzifferte deutsche Funksprüche nach Moskau wei-
tergab, seien für die Rote Armee ebenfalls nützlich gewesen, hätten jedoch keine
allein ausschlaggebende Bedeutung gehabt64.
Antonius John nannte darüber hinaus einen anderen, bisher kaum beachteten
Gesichtspunkt. Seiner Ansicht nach sei denkbar, daß die deutsche Führung Gerüch-
te in Umlauf setzen ließ, welche die sowjetische Führung über das deutsche An-
griffsziel gar nicht im unklaren lassen, sondern sie im Gegenteil veranlassen soll-
ten, eine große Menge von Truppen im Kursker Bogen zu konzentrieren65. Hält
man sich das Ziel des deutschen Angriffes vor Augen, erscheint diese von John
»bestellter Verrat« genannte Taktik durchaus plausibel: Durch einen schnellen Vor-
stoß sollten möglichst viele sowjetische Verbände zerschlagen werden, um die Ini-

58 Heusinger, Befehl im Widerstreit (wie Anm. 30), S. 250.


59 The Battle for Kursk 1943 (wie Anm. 4), S. 7-28; 2ukov, Erinnerungen und Gedanken
(wie Anm. 50), S. 90-95; Scemenko, Im Generalstab (wie Anm. 47), S. 159-161. Die so-
wjetische Führung irrte allerdings in dem Glauben, die operative deutsche Gesamtpla-
nung ziele erneut auf Moskau.
60 Klink, Das Gesetz des Handelns (wie Anm. 7), S. 92; KTB-OKW (wie Anm. 15), Bd 3/1,
S. 382. Vgl. auch den Eintrag im KTB der 9. Armee vom 14.5.1943. Kriegstagebuch Nr. 8
des Armeeoberkommandos 9, Führungsabteilung, 26.3.1943-18.8.1943, BA-MA,
RH 20-9/134, Bl. 61, ferner die Lagebeurteilung derselben Armee von Anfang Juni 1943.
Klink, Das Gesetz des Handelns (wie Anm. 7), S. 165 f.
61 Besonders ausgeprägt bei Carell, Verbrannte Erde (wie Anm. 6), S. 82-101.
62 Reinhard Gehlen, der Leiter der Abteilung Fremde Heere Ost des Generalstabs des Hee-
res, schrieb, Martin Bormann, der »Sekretär des Führers«, sei der »prominenteste Infor-
mant und Berater der Sowjets« gewesen, der nach dem Kriege perfekt abgeschirmt in
der Sowjetunion weitergelebt habe. Reinhard Gehlen, Der Dienst. Erinnerungen
1942-1971, Mainz, Wiesbaden 1971, S. 48. Für weitere Hinweise zur Kontroverse um
»Werther« vgl. Mulligan, Spies, Ciphers and »Zitadelle« (wie Anm. 35), S. 254, Anm. 4.
63 Wilhelm von Schramm, Verrat im Zweiten Weltkrieg. Vom Kampf der Geheimdienste in
Europa, Düsseldorf, Wien 1967, S. 143-174,
64 Mulligan, Spies, Ciphers and »Zitadelle« (wie Anm. 35); Glantz, Soviet Operational
Intelligence (wie Anm. 35).
65 Antonius John, Kursk '43. Szenen einer Entscheidungsschlacht, Bonn 1993, S. 24-26.

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380 MGZ 61 (2002) Roman Töppel

tiative an der Ostfront wenigstens zeitweilig zurückzugewinnen und sämtliche


schnellen Verbände zu anderer Verwendung aus der Front ziehen zu können66. Im
»Operationsbefehl Nr. 6« war tatsächlich angeordnet worden, zur Täuschung des
Gegners falsche Nachrichten über Angriffstermine im Juni auszustreuen67. Offen-
kundig wurde damit gerechnet, daß der Gegner über den Angriff informiert sei, le-
diglich über den Angriffsbeginn sollte er iin unklaren gelassen werden. Daß die
befohlenen Gerüchte tatsächlich verbreitet wurden, belegt eine Nachricht des ver-
meintlichen Meisterspions »Werther«, der Ende April 1943 meldete, die deutsche
Offensive sei auf den 12. Juni verschoben worden68.
In Wirklichkeit traf Hitler die Entscheidung, die Offensive auf Anfang Juni zu
verschieben, erst am 5. Mai. - Der Spionagering in der Schweiz war folglich ent-
weder mit falschem Material der deutschen Gegenspionage versorgt worden, oder
der Informant »Werther« war selbst das Opfer der befohlenen Täuschungsaktionen
geworden69. Über die Gerüchte, die im Frühjahr 1943 verbreitet wurden, schrieb
Antonius John:
»Es war damals in der Öffentlichkeit überhaupt kein Geheimnis, daß die
deutsche Wehrmacht im Frühjahr oder Sommer bei Orel/Kursk zu einer
Offensive antreten würde. Man redete in ganz Deutschland seit April 1943 ganz
offen darüber [...] Der Verfasser hat solches in einem Urlaub selbst erlebt, als
der NS-Ortsgruppenleiter verblüffende Einzelheiten öffentlich zu berichten
wußte70.«
Daß die deutsche Führung offenbar nicht beabsichtigte, die Rote Armee über das
Angriffsziel zu täuschen und einen operativen Überraschungsschlag gegen Kursk
zu führen, belegt überdies die Anweisung an die HG Mitte, keine Täuschungs-
maßnahmen größeren Stils zu ergreifen, um den Gegner nicht in eine falsche Rich-
tung zu lenken71. Die Theorie des »bestellten Verrates« erscheint vor diesem Hin-
tergrund zumindest nicht abwegig.
Viele der Aussagen, die von führenden deutschen Militärs nach dem Krieg zu den
Verschiebungen des Angriffs gemacht wurden, halten einer kritischen Überprüfung
also nicht stand. Die Offensive hätte nicht, wie behauptet, bereits im April oder An-
fang Mai 1943 durchgeführt werden können. Die Verschiebung des Angriffs wurde
von Hitler nicht nur wegen der Zuführung der neuen Panzer durchgesetzt, und
ihretwegen ging auch kein operatives Überraschungsmoment verloren.

66 »Operationsbefehl Nr. 6«, abgedruckt u.a. in KTB-OKW (wie Anm. 15), Bd 3 / 2 ,


S. 1425-1427. Vgl. dazu die Lagebeurteilung des Oberkommandos der 4. PzA vom
20.6.1943, abgedruckt in Klink, Das Gesetz des Handelns (wie Anm. 7), S. 306 f. und
Deutschland im zweiten Weltkrieg (wie Anm. 2), S. 529.
67 KTB-OKW (wie Anm. 15), Bd 3 / 2 , S. 1426. Dabei ist zu berücksichtigen, daß der Angriff
laut ursprünglicher Planung im Mai beginnen sollte.
68 Mulligan, Spies, Ciphers and »Zitadelle« (wie Anm. 35),'S. 238.
69 Noch irreführender war eine Nachricht »Werthers« von Mitte Juni, wonach die deutsche
Offensive nicht mehr durchgeführt würde. Zu den falschen Meldungen, die offenbar
von der deutschen Gegenspionage stammten, vgl. Schramm, Verrat im Zweiten Welt-
krieg (wie Anm. 63), S. 143-174.
70 John, Kursk '43 (wie Anm. 65), S. 24. Bestätigt wird dies in der Truppengeschichte der
4. Panzerdivision (PD), wo es heißt, der beabsichtigte Angriff gegen Kursk sei bereits En-
de April Gesprächsthema in den Urlauberzügen gewesen. Joachim Neumann, Die 4. Pan-
zerdivision 1938-1945. 2 Bde, Bonn 1989, Bd 1, S. 628.
71 Operationsentwurf für die HG Mitte vom 12.4.1943, abgedruckt bei Klink, Das Gesetz
des Handelns (wie Anm. 7), S. 287-291, hier S. 289.

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Legendenbildung in der Geschichtsschreibung 381

Der Generalstabschef und die Chefs der Heeresgruppen übten bereits im Früh-
jahr 1943 heftige Kritik an der Verzögerung der Offensive. Aber nicht Hitler hatte
den Anstoß dazu gegeben, sondern Generaloberst Model, der bei seinem Vortrag
Ende April die Zuführung weiterer Kräfte gefordert hatte und immer wieder Ein-
wände gegen den festgesetzten Termin erhob72. Ob Model die Forderungen stell-
te, weil er ein Gegner der Offensive war und sie blockieren wollte, wie gelegent-
lich vermutet wurde73, läßt sich nicht eindeutig belegen und ist für die Fragestel-
lung zudem unwesentlich.

III. Der Mythos von Prochorovka

Das Unternehmen »Zitadelle« begann am 5. Juli 1943. Eine Woche später stand das
II. SS-Panzerkorps (SS-PzK) nach schweren Kämpfen wenige Kilometer vor Pro-
chorovka, einem Ort, der als Schlüsselstellung für den dortigen Frontabschnitt an-
gesehen wurde74. Um den deutschen Vormarsch endgültig zum Stehen zu bringen
und von der Verteidigungsphase im Raum Belgorod zur Offensive übergehen zu
können, wurde am Morgen des 12. Juli 1943 die erst in den Monaten zuvor neü
aufgestellte sowjetische 5. Gardepanzerarmee (GdPzA) aus der »strategischen Re-
serve« der Steppenfront gegen das II. SS-PzK eingesetzt. Die nun folgende Schlacht
sollte als »Panzerschlacht von Prochorovka« in die Kriegsgeschichte eingehen.
Nur wenige Schlachten des Zweiten Weltkrieges sind so verklärt und von Le-
genden umwoben wie diese. Besonders in der sowjetischen Geschichtsschreibung
wurde sie in geradezu dramatischer Weise zum Höhepunkt der Kämpfe um den
Kursker Frontbogen stilisiert. So soll es am 12. Juli 1943 zum Aufeinandertreffen
von 1200 bis 1500 Panzern in einer »Panzerbegegnungsschlacht« auf engstem Raum
gekommen sein75. Die Schlacht habe mit einem entscheidenden Sieg der sowjeti-
schen Truppen geendet, der das Scheitern der deutschen Offensive bedeutet habe.
Eine besondere Rolle bei der Legendenbildung spielten auch hier die Darstel-
lungen in den Memoiren führender Militärs, in diesem Fall des Kommandeurs der
sowjetischen 5. GdPzA, Generalleutnant Pavel Rotmistrov76, und des Chefs des so-
wjetischen Generalstabs, Marschall Aleksandr Vasilevskij77. Deren Schilderungen
fanden rasch Eingang in die Historiographie des Zweiten Weltkrieges und trugen
zur Schaffung eines Mythos' bei, der sich bis heute gehalten hat und selbst in neue-

72 Klink, Das Gesetz des Handelns (wie Anm. 7), S. 140.


73 So beispielsweise Heinrici/Hauck, Zitadelle (wie Anm. 20), S. 536; Klink, Das Gesetz des
Handelns (wie Anm. 7), S. 271 und Marcel Stein, Generalfeldmarschall Walter Model.
Legende und Wirklichkeit, Bissendorf 2001, S. 173.
74 Die Offensive gegen Kursk 1943. II. SS-Panzerkorps als Stoßkeil im Großkampf, hrsg.
von Silvester Stadler, Osnabrück 1980, S. 124.
75 Beispielsweise Il'ja I. Markin, Die Kursker Schlacht, Berlin (Ost) 1960, S. 123; Boris S. Tel'pu-
chovskij, Die sowjetische Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges 1941-1945, hrsg. und
kritisch erl. von Andreas Hillgruber und Hans-Adolf Jacobsen, Frankfurt a.M. 1961, S. 240;
Geschichte des Größen Vaterländischen Krieges der Sowjetunion, Bd 3: Der grundlegende Um-
schwung im Verlauf des Großen Vaterländischen Krieges, Berlin (Ost) 1964, S. 325.
76 Pavel A. Rotmistrov, Tankovoe srazenie pod Prochorovkoj [Die Panzerschlacht von Pro-
chorovka], Moskva 1960 (auszugsweise Übersetzung des MGFA).
77 Aleksandr M. Vasilevskij, Sache des ganzen Lebens, Berlin (Ost) 1977, S. 307 f.

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382 MGZ 61 (2002) Roman Töppel

ren Werken weiter verbreitet wird, obwohl mittlerweile bekannt ist, daß die so-
wjetischen Darstellungen, insbesondere bezüglich der Verlustzahlen, auf Propa-
gandaangaben und politisch ambitionierten Vorgaben beruhen 78 .
Obwohl der Mythos von Prochorovka in den letzten Jahren von einigen Histo-
rikern in Frage gestellt wurde und unter Verwendung deutschen und russischen
Archivmaterials Richtigstellungen erfolgten 79 , leben die Legenden durch die Ver-
breitung selbst in jüngsten Darstellungen anderer Autoren weiter 80 . Besonders die
Stärke der deutschen Seite wird in der Literatur oftmals weit übertrieben. Laut
sowjetischen Angaben, die von den meisten Autoren, die über die Schlacht ge-
schrieben haben, übernommen wurden, soll das II. SS-PzK am 12. Juli 1943 über 600
bis 800 Panzer verfügt haben - eine Anzahl, die dem Korps selbst vor dem Beginn
der Offensive nicht zur Verfügung stand 81 .
Die tatsächlichen Stärken der Verbände, die an der »Panzerschlacht von Pro-
chorovka« teilnahmen, lassen sich jedoch relativ genau klären, da sowohl v o m
II. SS-PzK als auch von der 5. GdPzA für den 11. Juli 1943, den Vorabend der Schlacht,
Panzerlagemeldungen vorliegen. Daraus geht hervor, daß die drei Panzergrena-
dierdivisionen (PGD) des II. SS-PzK über 236 einsatzbereite Panzer, 58 Sturmge-
schütze und 43 Panzerjäger auf Selbstfahrlafetten (»Marder«) verfügten 82 . Aller-
dings trafen die Panzer der Division Totenkopf am 12. Juli 1943 nicht auf die
5. GdPzA; an der »Panzerschlacht von Prochorovka« nahmen auf deutscher Seite
folglich nur die beiden Divisionen Leibstandarte SS Adolf Hitler (LAH) und Das Reich
teil. Sie verfügten am Vorabend der Schlacht zusammen über 204 einsatzbereite
Panzer, Sturmgeschütze und Panzerjäger »Marder«.
Die 5. GdPzA besaß am Vorabend der Schlacht hingegen etwa 850 einsatzbe-
reite Panzer und Selbstfahrlafetten 83 . Allerdings nahmen auch auf sowjetischer Sei-

79 So erklärte z.B. der sowjetische Militärhistoriker Grigorij Koltunov anläßlich eines Tref-
fens internationaler Militärfachleute auf dem Gelände südwestlich von Prochorovka im
Jahre 1996: »Ich habe gefälscht und gelogen...«, Wolfgang Will, Wo Panzer Geschichte
schrieben, in: Berliner Morgenpost, 20./21.7.1996, Beilage, S. 2. Er führte weiter aus, er
habe auf Befehl die deutschen Verluste höher und die sowjetischen niedriger ansetzen
müssen, als sie in Wirklichkeit waren, und seine Werke seien nicht ernst zu nehmen.
79 Frieser, Schlagen aus der Vorhand (wie Anm. 10); George M. Nipe Jr., Decision in the
Ukraine. Summer 1943, II. SS and III. Panzerkorps, Winnipeg 1996; Glantz/House, The
Battle of Kursk (wie Anm. 1).
80 Als besonders markantes jüngeres Beispiel vgl. Richard Overy, Why the Allies won, Lon-
don 1999, S. 95 f.
R1 Die Offensive gegen Kursk 1943 (wie Anm. 74), S. 34.
82 Anlagen zum Kriegstagebuch Nr. 6, Generalkommando II. SS-Pz.Korps, Feindlagebe-
richte und Tagesmeldungen, 1.6.1943-2.8.1943, BA-MA, RS 2-2/18, A 248-258. Das von
Stadler herausgegebene KTB des II. SS-PzK (vgl. Anm. 74) ist nicht komplett. Stadler hat
die Informationen über die Panzerlage, die in den Tagesmeldungen des Originals ent-
halten sind, zumeist weggelassen.
83 Iz otceta ο boevych dejstvijach 5-j Gvardejskoj Tankovoj armii za period s 7 ijulia po 24
ijulia 1943 goda. [Bericht über die Kampfhandlungen der 5. Gardepanzerarmee in der Zeit
vom 7.7. bis 24.7.1943, Kopien und auszugsweise Übersetzungen in der Materialsamm-
lung des MGFA], S. 7; The Battle for Kursk 1943 (wie Anm. 4), S. 222 f.; Svedenija ο so-
stojanii, poterijach i trofejach castej i soedinenij 5 gvardejkoj tankovoj armii na 16.7.43 g.
[Informationen .über Zustand, Verluste und Beute der Truppenteile und Verbände der
5. Gardepanzerarmee am 16.7.1943, Kopien und Übersetzung in der Materialsammlung
des MGFA], S. 1 f.; Glantz/House, The Battle of Kursk (wie Anm. 1), S. 181; M. Kolomyjec
und M. Swirin, Kursk 1943. Bd 1, Warschau 1999, S. 49; Zetterling/Frankson, Kursk 1943
(wie Anm. 5), S. 106 und 175.

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Legendenbildung in der Geschichtsschreibung 383

te nicht alle der zur Verfügung stehenden Panzer an der »Panzerschlacht von Pro-
chorövka« teil, sondern nur vier der fünf Panzerkorps der 5. GdPzA; von diesen
bildeten drei Korps mit etwa 500 Panzern die erste Angriffsstaffel84.
Der Angriff der 5. GdPzA begann am Morgen des 12. Juli und traf zunächst auf
die SS-PGD LAH, die völlig überrascht wurde, nach kurzer Zeit jedoch die Ober-
hand gewann. Dies hing nicht zuletzt damit zusammen, daß der sowjetische Haupt-
stoß in einem vollkommen ungeeigneten Gelände geführt wurde und die sowjeti-
schen Panzer einen Frontalangriff mit hoher Geschwindigkeit fuhren, um den
»Nahkampf« mit den deutschen Panzern zu suchen85. Bereits gegen Mittag des
12. Juli waren die Angriffe der beiden sowjetischen Panzerkorps 18. und 29. gegen
die SS-PGD LAH zusammengebrochen; die sowjetischen Verbände mußten zur
Verteidigung übergehen86.
Auch die Angriffe des sowjetischen 2. Gardepanzerkorps (GdPzK) mit Unter-
stützung von Teilen des 2. PzK gegen die SS-PGD Das Reich blieben erfolglos. Die
Gegenangriffe der Division am frühen Nachmittag zwangen die beiden sowjeti-
schen Panzerkorps, ihre Angriffe einzustellen und auf die Ausgangspositionen
zurückzugehen. Im KTB der 4. PzA wurden die Ereignisse beim II. SS-PzK folgen-
dermaßen zusammengefaßt:
»SS>[Das] Reich< und >LSSAH< wehrten an diesem Tage in wechselvollen
Kämpfen die feindlichen] Angriffe ab. Ortliche Einbrüche wurden bereinigt. Am
Abend war die Lage überall wiederhergestellt. SS>[Das] Reich< hatte sogar noch
Storoshewoje genommen. Den Brückenkopf [der Division] >Totenkopf< nördl[ich]
Koslowka versuchte der Feind vergeblich mit stärkeren Kräften einzudrücken.
Die Division hatte mit mehrfachen Gegenstößen nach Nordosten und Norden
sowie im Pssel-Tal nach Nordosten vollen Erfolg87.«
Die »Panzerschlacht von Prochorovka« hatte mit der völligen Erschöpfung der
sowjetischen Angriffsverbände geendet, nicht mit einem Sieg der sowjetischen
Truppen. Das II. SS-PzK war nicht zerschlagen worden. Es konnte am 12. Juli zwar
auch nicht weiter auf Prochorovka vorstoßen oder sich wie vorgesehen mit dem
von Südosten vorstoßenden III. PzK vereinigen, der Tag wurde jedoch als großer
Erfolg angesehen. Am Abend des 12. Juli ging bei demi Korps eine Meldung ein,
in der es hieß: »Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd, Generalfeldmar-
schall v. Manstein, hat den Divisionen des II. SS-Pz.-Korps Dank und Anerken-

84 Iz otceta ο boevych dejstvijach 5-j Gvardejskoj Tankovoj armii (wie Anm. 83), S. 8-10;
The Battle for Kursk 1943 (wie Anm. 4), S. 224-234; Rotmistrov, Tankovoe srazenie (wie
Anm. 76), S. 50-52.
85 Mit der taktischen Lage vor der Schlacht und den Einzelheiten der Kämpfe habe ich mich
in meiner Magisterarbeit ausführlich beschäftigt. Töppel, Die Offensive gegen Kursk
1943 (wie Anm. 11).
86 Otzet ο boevych dejstvijach 29 tankovogo korpusa za period s 7.7. po 24.7.43 g. [Be-
richt über die Kampfhandlungen des 29. Panzerkorps in der Zeit vom 7.7.-24.7.1943,
Kopien und auszugsweise Übersetzungen in der Materialsammlung des MGFA], S. 5-7;
Boevye donesenja ätaba 18-go tankovogo korpusa za period s 11 ijulja po 15 ijulja 1943
goda. [Gefechtsmeldungen des Stabes des 18. Panzerkorps an den Befehlshaber der
5. Gardepanzerarmee für den Zeitraum 11.7. bis 15.7.1943, Kopien und auszugsweise
Übersetzungen in der Materialsammlung des MGFA], Meldung vom 13.7.1943,
8.00 Uhr.
87 Kriegstagebuch des Oberkommandos der 4. Panzerarmee vom 25.3.1943-31.7.1943, BA-
MA, RH 21-4/104, Bl. 152.

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384 MGZ 61 (2002) Roman Toppel

nung für die überragenden Erfolge und vorbildliche Haltung in den Kämpfen
ausgesprochen88.«
Selbst General Rotmistrov, der Kommandeur der 5. GdPzA, dessen Darstellung
eher einem Heldenepos als einer nüchternen Beschreibung gleicht, räumte ein, daß
seine Armee sehr große Verluste erlitt und bereits am Nachmittag zur Verteidi-
gung übergehen mußte89. Zur Rechtfertigung des Mißerfolges schrieb er, seine Ar-
mee wäre an diesem Tag auf sich allein gestellt gewesen, weü die sowjetische 1. PzA,
die am 12. Juli das deutsche XXXXVIII. PzK angreifen sollte, diesem Befehl nicht
Folge geleistet hätte - eine Aussage, die einer Überprüfung nicht standhält90. Auch
die Behauptung, seiner Armee hätten 700 bis 800 deutsche Panzer gegenüberge-
standen und die geradezu phantastischen Erfolgsmeldungen, wonach die Ver-
bände der 5. GdPzA in der »Panzerschlacht von Prochorovka« 350 bis 400 deutsche
Panzer, davon 70 »Tiger«, zerstört und mehr als 3500 deutsche Soldaten getötet
hätten91, erweisen sich bei genauer Prüfung als unhaltbar. In Wirklichkeit verlor
die gesamte deutsche 4. PzA an jenem Tag 374 Tote und Vermißte92. Die Divisionen
LAH und Das Reich verloren zusammen etwa 100 Gefallene und Vermißte; die Di-
vision Totenkopf, die vor allem gegen Verbände anderer sowjetischer Armeen kämpf-
te, meldete 85 Gefallene und Vermißte93. Die personellen Verluste wogen dennoch
schwer. Besonders viele Verwundete hatte die SS-PGD LAH zu beklagen, deren
Panzergrenadiere genau im Zentrum des sowjetischen Angriffs gelegen hatten. Ein
Angehöriger der Division schrieb darüber: »[... Unsere] Kompanie hat noch 12
kampffähige Männer von 60. Alle anderen [sind] tot oder verwundet94.«
Dagegen waren die deutschen Panzerverluste sehr gering. Die Aussage Mark
Healys, die Deutschen hätten am 12. Juli 300 Panter verloren, weil die Rote Armee
das Schlachtfeld nach den Kämpfen beherrscht hätte und die beschädigten Panzer
nicht geborgen werden konnten95, ist nicht richtig; in Wirklichkeit behaupteten die
Deutschen das Gelände. Zwar liegen für den 12. Juli keine exakten Angaben vor,
aber im Zeitraum vom 10. bis 13. Juli meldeten die beiden Divisionen LAH und
Das Reich nur 3 Panzer als Totalausfälle. Die gesamten Angriffsverbände der HG

83 Die Offensive gegen Kursk 1943 (wie Anm. 74), S. 104.


89 Rotmistrov, Tankovoe srazenie (wie Anm. 76), S. 60 und 81.
90 Zum Angriff der sowjetischen 1. PzA am 12.7.1943 vgl. The Battle for Kursk 1943 (wie
Anm. 4) S. 219 f. und Glantz/House, The Battle of Kursk (wie Anm. 1), S. 204-208.
91 Rotmistrov, Tankovoe srazenie (wie Anm. 76), S. 86; Pavel A. Rotmistrov, Stal'naja gvar-
dija [Stählerne Garde], Moskva 1984, S. 181 und 197. In letzterer Darstellung erhöhte Rot-
mistrov, sieh auf eine russische Akte stützend, die vermeintliche Anzahl der deutschen
Verluste an Gefallenen sogar auf 10 000. Vgl. auch Geschichte des Großen Vaterländi-
schen Krieges der Sowjetunion (wie Anm. 75), S. 327. Seine Angaben wurden von den
meisten Autoren, die über die Schlacht geschrieben haben, übernommen.
92 OKW/Allgemeines Wehrmachtamt/Wehrmachtverlustwesen, Verluste Heer, Operation
»Zitadelle« (Juli 1943 bis August 1943), BA-MA, RW 6/v. 564 (unpag.).
93 Lehmann, Die Leibstandarte (wie Anm. 46), S. 268; Otto Weidinger, Division Das Reich.
Der Weg der 2. SS-Panzer-Division »Das Reich«. Die Geschichte der Stammdivision der
Waffen-SS, Bd 4: 1943, 2. Aufl., Osnabrück 1986, S. 217; Wolfgang Vopersal, Soldaten,
Kämpfer, Kameraden. Marsch und Kämpfe der SS-Totenkopfdivision, Bd 3b, Bielefeld
1987, S. 390.
94 Willi Detering [u.a.], 7./8. Kompanie Leibstandarte SS Adolf Hitler. Chronik 1935-1945,
o.O., o.J., S. 143. Insgesamt wurden an jenem Tag 321 Soldaten der Division LAH ver-
wundet. Lehmann, Die Leibstandarte (wie Anm. 46), S. 268.
95 Mark Healy, Kursk 1943. The Tide turns in the East, 2. ed., London 1993, S. 87 f.

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Legendenbildung in der Geschichtsschreibung 385

Süd verloren im gleichen Zeitraum 31 Panzer und 3 Sturmgeschütze96. Der Chef


einer Panzerkompanie der Division LAH schrieb am 12. Juli 1943: »Bis heute hat mei-
ne Komp[anie] 43 feindliche Panzer abgeschossen, und dabei habe ich in der
Komp[anie] nur einen einzigen Totalausfall [...] Es herrscht ein Geist und eine Stim-
mung, die allein schon Bäume entwurzeln möchte97.«
Die sowjetischen Verbände hatten demgegenüber außerordentlich hohe Verlu-
ste erlitten. Allein das 29. PzK hatte von seinen 212 eingesetzten Panzern und Selbst-
fahrlafetten 150 verloren, davon 117 als Totalverluste. 587 Soldaten des Korps wä-
ren gefallen oder wurden vermißt, 513 waren verwundet worden98. Etwas günsti-
ger sah die Bilanz beim 18. PzK aus, das etwa 30 Prozent seiner Panzer und 20 Pro-
zent seiner Infanterie eingebüßt hatte99. Am 12. und 13. Juli 1943 verlor die 5. GdPzA
etwa 350 Panzer und Selbstfahrlafetten als Totalverluste100. Mehr als 200 davon dürf-
ten allein in der »Panzerschlacht von Prochorovka« gegen die beiden SS-Panzer-
grenadierdivisionen LAH und Das Reich am 12. Juli 1943 verloren gegangen sein101.
Dabei sind nicht die zahlreichen abgeschossenen Panzer berücksichtigt, die gebor-
gen und wieder instandgesetzt werden konnten. General Rotmistrov selbst schrieb,
daß sich im Bestand seiner Armee nach der Panzerschlacht 420 beschädigte Panzer
befunden hätten, von denen 112 sofort wieder instandgesetzt werden konnten102.
Sehr hoch waren auch die personellen Verluste der Armee, die bis zum 16. Juli an
Gefallenen und Veririißten 3597 Soldaten verlor, 3510 wurden verwundet103.
Sowjetischen Angaben zufolge sollen beide Seiten am 12. Juli 400 Panzer ver-
loren haben104. Diese Zahl dürfte für die Rote Armee bei den Kämpfen am gesam-
ten Frontabschnitt zutreffen, für die deutsche Seite ist sie jedoch nicht haltbar. Eben-
sowenig läßt sich die sowjetische Behauptung nachvollziehen, die oberste deut-
sche Führung habe den Kommandierenden General des IL SS-PzK, SS-Obergrup-
penführer (General) Paul Hausser, für die angebliche Niederlage bei Prochorovka
verantwortlich gemacht und abgelöst105. In Wirklichkeit wurde Hausser nach dem

96 OKH/Generalinspekteur der Panzertruppen/Der Panzeroffizier beim Chef des Gene-


ralstabs des Heeres, Panzerlage Süd, Zusammenstellung der Panzer- und Sturmge-
schützlage beim Unternehmen »Zitadelle«, Heeresgruppe Süd, BA-MA, RH 1 0 / 6 4 , Bl. 22
und 63. Auf Bl. 22 liegt ein Fehler vor: Die schwere Panzerabteilung 503 kann nicht wie an-
gegeben zwei Ρ I V verloren haben, denn sie besaß keine Panzer dieses Typs. Dadurch ist
auch die Gesamtsumme von 108 Panzern um zwei zu hoch. In den späteren Meldungen
ist dieser Fehler wieder korrigiert worden.
97 Zitat nach Lehmann, Die Leibstandarte (wie Anm. 46), S. 267.
98 Otcet ο boevych dejstvijach 29 tankovogo korpusa (wie Anm. 86), S. 8. Besonders hoch
waren die Verluste der Offiziere, von denen fast so viele gefallen waren wie von den
Mannschaften.
99 Boevye donesenja staba 18-go tankovogo korpusa (wie Anm. 86), Meldung vom 13.7.1943,
8.00 Uhr.
100 Svedenija ο bezvozvratnych poterjach tankov [...]. [Zwei handschriftliche Informationen
über die unwiederbringlichen Panzerverluste der Voronezfront während der Verteidi-
gungsphase bei Kursk (5.7.-23.7.1943) mit Quellenangaben, unterschrieben von Major
Vladimirov, Kopien und Übersetzungen in der Materialsammlung des MGFA].
101 A m 13. Juli war die 5. GdPzA ebenfalls in schwere Kämpfe verwickelt, in denen beson-
ders das 5. mechanisierte Gardekorps, das am 12. Juli in Reserve verblieben war, schwere
Verluste erlitt. Vgl. Svedenija ο sostojanii, poterijach i trofejach (wie Anm. 83).
102 Rotmistrov, Tankovoe srazenie (wie Anm. 76), S. 99.
103 Svedenija ο sostojanii, poterijach i trofejach (wie Anm. 83), S. 3.
104 Beispielsweise Markin, Die Kursker Schlacht (wie Anm. 75), S. 131.
'105 So in der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges der Sowjetunion (wie Anm. 75),
S. 327.

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386 MGZ 61 (2002) Roman Töppel

Unternehmen »Zitadelle« ausgezeichnet, behielt die Führung des Korps und über-
nahm im weiteren Verlauf des Krieges den Oberbefehl über eine Armee, später so-
gar über eine Heeresgruppe106.
Die 5. GdPzA hatte einen Angriff durchgeführt, der unverständlich und unnötig
war. Die Erfahrungen der sowjetischen 1. PzA, die bereits am 7. und 8. Juli ver-
sucht hatte, die deutsche 4. PzA durch einen Frontalangriff zum Stehen zu brin-
gen, hätten ein warnendes Beispiel sein müssen. Erst das Eingraben der Panzer
und der Ubergang zur Verteidigung konnte die Deutschen zeitweilig aufhalten,
während der Frontalangriff hohe Verluste verursacht hatte107. Die gleiche Erfah-
rung hatte General Konstantin Rokossovskij, der Oberbefehlshaber der sowjeti-
schen Zentralfront, bereits am 6. Juli gemacht. Auch er hatte daraufhin befohlen,
seine Panzer einzugraben, um die Angriffsverbände der deutschen HG Mitte auf-
zuhalten. Bei Gegenangriffen sollten die Panzer nur gegen leichte Fahrzeuge oder
Infanterie eingesetzt werden. Rokossovskij begründete diese Maßnahme später
folgendermaßen: »Dieser Befehl war von der Lage diktiert: Es hatte nämlich Fälle
gegeben, in denen sich unsere Panzersoldaten in der Hitze des Gefechts im Ge-
genangriff auf die >Tiger< gestürzt hatten und unter hohen Verlusten hinter die In-
fanterie zurückgeworfen worden waren108.«
General Rotmistrov war allerdings nicht allein für die Fehlentscheidung, einen
rücksichtslosen Frontalangriff gegen das II. SS-PzK zu führen, verantwortlich. Den
Befehl zum operativen Gegenangriff hatte er vom Chef des Generalstabs, Mar-
schall Vasilevskij, und vom Oberbefehlshaber der Voronezfront, General Nikolaj Va-
tutin, erhalten. Die Haltung Vasilevskijs ist besonders erstaunlich, da er selbst ei-
nige Tage zuvor den umstrittenen Befehl, die Panzer der 1. PzA zur Verteidigung
einzugraben, bei Stalin mit durchgesetzt hatte109. Möglicherweise wagte er nicht,
sich noch einmal für eine so unpopuläre Maßnahme einzusetzen. General Rotmi-
strov war allerdings für den taktischen Einsatz seiner Verbände zuständig. Die Idee
zum Nahkampf mit den deutschen Panzern stammte nach seinen eigenen Worten
von ihm selbst110. Aus dem Rechtfertigungszwang heraus, die gewaltigen Verluste
der gerade erst aus der Reserve herangeführten 5. GdPzA zu erklären111, entstand
ein Heldenepos, das durch die Verbreitung in der sowjetischen, kurze Zeit später
auch in der westlichen Geschichtsschreibung zum Mythos wurde:
Insgesamt müssen die sowjetischen Angriffe am 12. Juli 1943 als kontrapro-
duktiv für die Operationen der Roten Armee angesehen werden; schließlich galt
für die sowjetische Seite, ihre Panzerarmeen für die bevorstehenden Offensiven
zu erhalten und nicht, sie zu verausgaben. Das Verharren in der Verteidigungspo-
sition wäre mit Sicherheit sinnvoller gewesen; die HG Süd mußte einige Tage spä-

106 Zu Hausser vgl. Enrico Syring, Paul Hausser. »Türöffner« und Kommandeur »seiner«
Waffen-SS, in: Die SS: Elite unter dem Totenkopf, 30 Lebensläufe, hrsg. von Ronald Smel-
ser und Enrico Syring, Paderborn, München, Wien, Zürich 2000, S. 190-207.
107 The Battle for Kursk (wie Anm. 4), S. 214-216.
108 Konstantin K. Rokossovskij, Soldatenpflicht. Erinnerungen eines Frontoberbefehlsha-
bers, Berlin (Ost) 1970, S. 204.
109 Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges der Sowjetunion (wie Anm. 75), S. 320 f.
110 Rotmistrov, Stal'naja gvardija (wie Anm. 91), S. 180. Eine engüsche Übersetzung der ent-
sprechenden Passage findet sich in Glantz/House, The Battle of Kursk (wie Anm. 1),
S. 168.
111 Stalin soll Rotmistrov nach der Schlacht gefragt haben: »Was haben Sie Ihrer großartigen
Panzerarmee angetan?«. Zitat nach Glantz/House, The Battle of Kursk (wie Anm. 1),
S. 428, Anm. 31.

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Legendenbildung in der Geschichtsschreibung 387

ter ohnehin alle weiteren Angriffe einstellen, um die beginnenden Offensiven der
sowjetischen Südwest- und Südfront aufhalten zu können.
Dennoch hält sich der Mythos der siegreichen »Panzerbegegnungsschlacht«,
welche die Wende bei Kursk gebracht habe, bis heute hartnäckig; der Nachhall der
sowjetischen Darstellungen ist bis in die jüngsten Arbeiten auch westeuropäischer
und amerikanischer Autoren zu vernehmen. Eine kritische Korrektur erscheint
deshalb dringend erforderlich.

IV. Ein »verlorener Sieg«?

Am 13. Juli 1943 berief Hitler die Oberbefehlshaber der Heeresgruppen Mitte und
Süd ins Führerhauptquartier, um ihnen zu erklären, daß das Unternehmen »Zita-
delle« abgebrochen werden müsse. Nach dem Bericht Mansteins, der die einzige
ausführliche Quelle zu dieser Unterredung ist, habe Hitler vor allem die Lage im
Mittelmeerraum, die sich nach der Landung der Westalliierten auf Sizilien am
10. Juli drastisch verschärft hatte, als Grund für seine Entscheidung, die Offensive
abzubrechen, genannt" 2 . Generalfeldmarschall von Kluge habe Hitlers Entschluß
begrüßt, weil die Lage im Orelbogen, wo die Rote Armee am Vortag zur Offensi-
ve angetreten war, die Fortsetzung des Angriffs der HG Mitte aussichtslos gemacht
habe. Manstein sei jedoch anderer Auffassung gewesen:
»Ich erklärte demgegenüber, daß - was die H[eeres-]Gr[uppe] Süd angehe -
die Schlacht jetzt auf dem entscheidenden Punkt angekommen sei. Nach den
Abwehrerfolgen der letzten Tage gegen fast die gesamten in den Kampf
geworfenen operativen Reserven des Gegners läge der Sieg in greifbarer Nähe.
Jetzt den Kampf abbrechen, würde voraussichtlich bedeuten, daß man den Sieg
verschenkte113!«
Besondere Betonung legte Manstein darauf, daß das XXIV. PzK noch immer als
Reserve bereitstand, welche er als »Trumpf« in die Schlacht hätte werfen können.
Hitler habe die Freigabe dieses Korps jedoch abgelehnt und auf der Einstellung
des Unternehmens »Zitadelle« bestanden. Manstein habe erklärt, daß es zumin-
dest notwendig sei, die vor der Front der Angriffsverbände der HG Süd stehenden
Sowjetischen Verbände zu schlagen, um »Luft zu bekommen«. Hitler habe dies
zunächst genehmigt, mit dem am 17. Juli befohlenen Herauslösen des II. SS-PzK und
weiterer Kräfte am folgenden Tag habe Manstein jedoch auf alle weiteren geplan-
ten Angriffsschläge verzichten müssen. Manstein resümierte später in seinen Er-
innerungen, der Abbruch der Offensive sei nicht notwendig gewesen, der Sieg sei
verschenkt worden. Diese Einschätzung wurde von einigen Autoren mehr oder
weniger kritiklos übernommen114. Die von Manstein geäußerte und zum Teil auch
in der jüngsten Forschung vertretene Ansicht, daß Hitler die Offensive vor allem

112 Manstein, Verlorene Siege (wie Anm. 22), S. 501-503.


113 Ebd., S. 502. Daß Manstein zu jener Zeit tatsächlich dieser Überzeugung war, belegt ein
Funkspruch an den Oberbefehlshaber der 1. PzA. Anlagen zum Kriegstagebuch Nr. 11
des Panzerarmee-Oberkommandos (PzAOK) 1, Chefsachen, 1.5.1943-31.8.1943, BA-MA,
RH 21-1/95, B l . l .
114 Carell, Verbrannte Erde (wie Anm. 6), S. 74-80; Engelmann, Zitadelle (wie Anm. 53), S. 5 und
Christopher Shores, Entscheidende Luftschlachten des 2. Weltkriegs, Stuttgart 1988, S. 168.

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388 MGZ 61 (2002) Roman Toppel

wegen der Lage in Italien habe einstellen lassen, führte bei einigen Autoren zu Dar-
legungen über den Abbruch des Unternehmens »Zitadelle«, die entscheidende Er-
eignisse an der Ostfront entweder marginalisieren oder völlig ausblenden115.
Besonders vor dem Hintergrund des Kalten Krieges darf die weitreichende Wir-
kung solcher Ansichten wie derjenigen Mansteins vom »verlorenen Sieg« bei Kursk
und ihrer weiteren Interpretation durch verschiedene Historiker nicht unterschätzt
werden. Sie trugen dazu bei, daß den Kämpfen an der Ostfront in der westlichen
Geschichtsschreibung zum Zweiten Weltkrieg, von den Schlachten um Moskau
1941 und Stalingrad 1942/43 abgesehen, immer geringere Bedeutung beigemes-
sen wurde, während die Operationen der Westalliierten zunehmend stärker als
entscheidend für den Ausgang des Krieges in den Vordergrund gestellt wurden116.
Nicht zu Unrecht beklagten sowjetische Historiker und Veteranen, daß der Beitrag
der UdSSR zum Sieg von den ehemaligen Verbündeten heruntergespielt würde.
Die sowjetischen Historiker zogen den Umkehrschluß und schrieben, die Siege der
Westalliierten seien erst durch die Erfolge der Roten Armee möglich geworden,
die materielle Hilfe der Amerikaner, die von vielen westlichen Historikern als be-
deutend hingestellt wurde, habe demgegenüber keine große Rolle gespielt. Solche
grundsätzlichen Diskussionen sollen im Rahmen dieses Beitrages nicht behandelt
werden. Hier gilt es lediglich, die Ereignisse, die zum Abbruch des Unternehmens
»Zitadelle« führten, zu untersuchen und in ihrer Bedeutung einzuordnen.
Die wirkliche Lage an der Ostfront zum Zeitpunkt des Abbruchs des Unter-
nehmens »Zitadelle« stellt sich anders dar, als Mansteins optimistische Einschät-
zung vermuten läßt. Bei Orel, wo am 12. Juli eine sowjetische Offensive begonnen
hatte, gelang den sowjetischen Verbänden ein rascher Einbruch in die deutsche
Front. In einem Gefechtsbericht der beiden deutschen Armeen, die im Frontbogen
bei Orel kämpften, heißt es zum 13. Juli 1943, im Abschnitt der 2. PzA sei es zu ei-
ner schweren Krise gekommen, und nur bei größter Beschleunigung aller Hilfs-
maßnahmen habe noch Aussicht bestanden, die Lage zu retten117.
Zur Abwehr der sowjetischen Offensive gegen den Orelbogen wurden auch
Verbände der HG Süd benötigt. Generalfeldmarschall von Kluge schätzte die La-
ge sehr realistisch ein, wenn er Manstein und Hitler gegenüber äußerte, daß an ei-
ne Wiederaufnahme der Offensive durch seine Heeresgruppe nicht zu denken sei.
Manstein hatte dies jedoch als Voraussetzung genannt, um das Unternehmen »Zi-
tadelle« weiterführen zu können118.

115 Ausgesprochen markant bei Rolf Hinze, Rückzugskämpfe in der Ukraine 1943/44, Meer-
busch 1991, S. 8.
116 Ein neben der Schlacht bei Kursk besonders auffallendes Beispiel ist die sowjetische Som-
meroffensive des Jahres 1944, deren Bedeutung zumeist völlig unterschätzt wird. Vgl.
dazu Bernd Wegner, Im Schatten der »Zweiten Front«? Anmerkungen zum deutschen Zu-
sammenbruch im Osten im Sommer 1944, in: Invasion 1944. Im Auftr. des MGFA hrsg.
von Hans Umbreit, Hamburg, Berlin, Bonn 1998 (= Vortrage zur Militärgeschichte, Bd 16),
S. 117-132.
117 Gefechtsbericht der 9. Armee und der 2. Panzerarmee über die Schlacht im Orelbogen vom
5.7. bis 18.8.1943, bearb. von Hauptmann Hellmut Wendtlandt, hrsg. vom AOK 9, BA-
MA, RH 20-9/155, S. 2-4.
118 Manstein, Verlorene Siege (wie Anm. 22), S. 502 f. Dementsprechend heißt es auch im
Kriegstagebuch des Wehrmachtführungsstabes am 19.7.1943, die Weiterführung des Un-
ternehmen »Zitadelle« erscheine angesichts der heftigen sowjetischen Offensive bei Orel
nicht mehr möglich und werde eingestellt, um durch Frontverkürzung Reserven zu schaf-
fen. KTB-OKW (wie Anm. 15), Bd 3 / 2 , S. 804.

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Legendenbildung in der Geschichtsschreibung 389

Kluges Ansicht deckt sich mit den Aufzeichnungen des ehemaligen An-
gehörigen der Operationsabteilung des Generalstabs des Heeres, Johann Adolf
Graf von Kielmansegg, der unter dem Eindruck der sowjetischen Angriffe am
12. Juli schrieb:
»Wahrscheinlich ist dieser Tag heute ein sehr wesentlicher Wendepunkt [... Die
Heeresgruppe] Süd tritt nun wieder auf der Stelle [...] Bei [der Heeresgruppe]
Mitte, 2. Panzerarmee, reißt der russische Angriff gleich solche Löcher, wie es
uns vor >ZitadelIe< nirgendwo gelungen ist. Alle verfügbaren Kräfte müssen hin.
Damit ist >Zitadelle< erledigt, nach einer Woche. Auf Sizilien gewinnen die
gelandeten Angloamerikaner gut Boden. Das ist alles sehr bitter119.«
Am nächsten Tag notierte er: »Kluge und Manstein [sind] da. >Zitadelle< wird
offiziell begraben. Die Lage bei der 2. Panzerarmee wird immer bedrohlicher. Bei
Uljanovo hat der Russe fast schön den Durchbruch erreicht. Auf Sizilien [herrscht]
allgemeiner Rückzug120.«
Hitler blieb demnach nichts anderes übrig, als das Unternehmen »Zitadelle«
endgültig einstellen zu lassen. Dieser Überzeugung gab auch der Generalstabschef
Zeitzier Ausdruck, der in seiner Darstellung schrieb, Hitler sei sehr verärgert ge-
wesen, als sich Generalfeldmarschall von Kluge wegen der Entwicklung im Orel-
bogen für die Beendigung der Offensive aussprach. Hitler habe weiter angreifen
wollen; die notwendige Einstellung des Angriffs zur Gewinnung von Reserven sei
ihm nur schwer verständlich zu machen gewesen. Schließlich habe er jedoch die
»Zwangsläufigkeit« des Abbruchs der Offensive und der Zurücknahme der An-
griffskräfte auf die Ausgangsstellungen einsehen müssen121.
Doch nicht nur bei der HG Mitte war die Fortsetzung der Offensive aussichts-
los geworden, auch der Angriff der HG Süd war praktisch zum Stillstand gekom-
men. Besonders der Mangel an Luftstreitkräften machte sich bemerkbar. Während
der ersten Tage der Offensive hatte die Luftwaffe im Südabschnitt des Kursker
Frontbogens die relative Luftüberlegenheit behaupten können122. Dies änderte sich
jedoch, als die HG Süd große Teile ihrer Fliegerkräfte zunächst an die HG Mitte,
später auch an die Front am Mius abgeben mußte. Am 10. Juli war die Kampfstärke
des VIII. Fliegerkorps, das die Angriffskräfte der HG Süd unterstützte, auf ein Drit-
tel der Stärke vom Angriffsbeginn abgesunken. Nur noch 250 einsatzbereite Jagd-
und Schlachtflugzeuge standen zur Verfügung123.
Obwohl die deutschen Angriffsverbände keineswegs so geschwächt waren,
wie es die sowjetische Propaganda und Geschichtsschreibung darstellten, waren

119 Zitat nach Johann Adolf Graf von Kielmansegg, Bemerkungen eines Zeitzeugen zu den
Schlachten von Char'kov und Kursk aus der Sicht des damaligen Generalstabsoffiziers
Ia in der Operationsabteilung des Generalstabs des Heeres, in: Gezeitenwechsel im Zwei-
ten Weltkrieg? (wie Anm. 3), S. 146, Hervorhebung durch Verfasser.
120 Zitat nach ebd.
121 Studie Zeitzier (wie Anm. 18), Bl. 75-77. Zeitzlers Ausführungen über die Haltung Hit-
lers zum Abbruch des Unternehmens »Zitadelle« decken sich nicht mit denen Mansteins.
Nach dessen Darlegungen sei Hitler von sich aus bereit gewesen, die Offensive einzu-
stellen. Manstein, Verlorene Siege (wie Anm. 22), S. 501-503.
122 Dies wurde auch von sowjetischer Seite eingeräumt. Vgl. The Battle for Kursk 1943 (wie
Anm. 4), S. 254.
123 Muller, The German Air War (wie Anm. 46), S. 143 f.; Friedrich W. Hauck, Frühjahr und
Sommer 1943 bis zum Scheitern der letzten deutschen Offensive (»Zitadelle«), BA-MA,
ZA 1 /2071 (Studie P-114c, Teil 5), S. 145 und 174 f.

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390 M G Z 61 (2002) Roman Toppel

die Verluste, insbesondere an Infanterie, nicht unbeträchtlich. Das m u ß t e auch


Manstein in seinen Erinnerungen einräumen 1 2 4 . Außerdem täuschte er sich über
die sowjetischen Kräfte. Er glaubte, daß die sowjetische Führung alle ihre »greif-
baren« Reserven bereits in die K ä m p f e geworfen hätte, deren endgültige Zer-
schlagung nunmehr den Erfolg sichern müßte. Er ahnte nicht, daß von der Step-
penfront bereits zwei weitere, frische Panzerkorps mit fast 400 Panzern herange-
führt wurden, u m die Kräfte der Voronezfront weiter zu verstärken 1 2 5 . Das XXIV.
PzK, das Manstein als »Trumpfkarte« in die Schlacht werfen wollte, bestand dem-
gegenüber lediglich aus zwei schwachen Panzer- und Panzergrenadierdivisionen
mit zusammen 122 Panzern und Sturmgeschützen, von denen noch weniger ein-
satzbereit waren 1 2 6 .
Möglicherweise war Manstein am 13. Juli und an den folgenden Tagen noch
von den Ereignissen der »Panzerschlacht von Prochorovka« beeindruckt, die wie
beschrieben mit einem großen taktischen Erfolg des II. SS-PzK geendet hatte. An-
ders ist kaum zu erklären, daß er noch an einen Erfolg der Offensive glaubte. Der
Oberbefehlshaber der 4. PzA, Generaloberst Hermann Hoth, teilte Mansteins Op-
timismus nicht. A m Abend des 13. Juli erklärt er, daß er keine Möglichkeit mehr
sehe, den Angriff noch fortzusetzen 1 2 7 . Daß diese Einschätzung der tatsächlichen
Lage entsprach, verdeutlichen die Ereignisse bei der 4. PzA: Sie führte keine größe-
ren Angriffshandlungen mehr durch, weil der Gegner sich zunehmend verstärk-
te u n d selbst i m m e r wieder z u m Angriff antrat. Der Brückenkopf nördlich des
Flusses Psel wurde geräumt. Außerdem setzten starke Regenfälle ein, welche die
Versorgung der Truppe und alle Bewegungen erheblich erschwerten 1 2 8 . Zwar stell-
te sich a m 15. Juli noch ein letzter Angriffserfolg ein: Der SS-PGD Das Reich gelang
an diesem Tag die Vereinigung mit der von Südosten vorgestoßenen 7. Panzerdivi-
sion (PD) des III. PzK. Damit war der Keil, der sich im Verlaufe der Offensive zwi-
schen der 4. PzA und der ArmeeAbt Kempf gebildet hatte, beseitigt. Die Verbände
der sowjetischen 69. Armee, welche diesen Keil gehalten hatten, waren jedoch mitt-
lerweile ausgewichen, so daß deren Einschließung mißlang.
A m selben Tag hielt Manstein eine Besprechung mit den Oberbefehlshabern
der 4. PzA und der ArmeeAbt Kempf ab. Er informierte sie über den Inhalt der Kon-
ferenz mit Hitler am 13. Juli, erwähnte jedoch offenbar nicht, daß dieser bereits den

124 Manstein, Verlorene Siege (wie Anm. 22), S. 504. Vgl. dazu OKW/Allgemeines Wehr-
machtamt/Wehrmachtverlustwesen, Verluste Heer, Operation »Zitadelle« (wie
Anm. 92).
125 Glantz/House, The Battle of Kursk (wie Anm. 1), S. 221-223.
126 OKH/Generalinspekteur der Panzertruppen, Zusammenstellungen der Panzerlage auf
sämtlichen Kriegsschauplätzen Februar 1943 bis November 1943 sowie einsatzbereite
Panzer und Sturmgeschütze 30.9.1943 bis 10.5.1944, BA-MA, RH 10/60, B1. 57; OKH/Ge-
neralinspekteur der Panzertruppen, Zusammenstellung der Sturmgeschützlage auf sämt-
lichen Kriegsschauplätzen Januar/April 1943 bis Dezember 1943, BA-MA, RH 10/62,
Bl. 92.
127 KTB 4. PzA (wie Anm. 87), Bl. 160. Vgl. auch Mellenthin, Panzerschlachten (wie Anm. 29),
S. 161.
126 Die Offensive gegen Kursk 1943 (wie Anm. 74), S. 109-133; KTB 4. PzA (wie Anm. 87),
Bl. 156-171; Kriegstagebuch Nr. 11 des Panzerarmee-Oberkommandos 4, Teil 2, Abteilung
Qu, 1.7.1943 bis 31.12.1943, BA-MA, RH 21-4/415, Bl. 19-23; Kriegstagebuch des Gene-
ralkommandos XXXXVIII. Panzerkorps, 1.7.1943 bis 31.7.1943, BA-MA, RH 24-48/115,
Bl. 70 f.

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Legendenbildung in der Geschichtsschreibung 391

Befehl erteilt hatte, das Unternehmen »Zitadelle« einzustellen 129 . Manstein erör-
terte mit den Armeeoberbefehlshabern die drei Möglichkeiten, den Angriff »Zita-
delle« entweder fortzusetzen, sofort auf die Ausgangsstellungen zurückzugehen
oder den Gegner vor der Front noch zu schlagen und danach eine günstige Posi-
tion zu beziehen. Das Ergebnis der Besprechung war die vorgesehene Durchführung
der letztgenannten Variante; auch für die Armeeoberbefehlshaber kam die Wei-
terführung der Offensive folglich nicht mehr in Frage. Manstein mußte ihnen ge-
genüber außerdem einräumen, daß sowjetische Angriffe gegen die 1. PzA am Donec
und die 6. Armee am Mius, mit denen jederzeit gerechnet werden müsse, ein Her-
ausziehen von Panzertruppen notwendig machen würde 130 .
Daß Hitler den Entschluß zum Abbruch der Offensive nicht vorrangig wegen
der Lage in Italien faßte und diese augenscheinlich auch nicht so kritisch einschätzte,
wie es Mansteins Schilderungen vermuten lassen, zeigt sich vor allem daran, daß
die meisten Panzerverbände der HG Süd zunächst bei Belgorod verblieben, um
weiter anzugreifen. Hitler hatte sich wie erwähnt am 13. Juli mit dem Vorschlag
Mansteins einverstanden erklärt, daß die Angriffsdivisionen noch versuchen soll-
ten, den ihr gegenüberstehenden sowjetischen Verbänden einen letzten, wie Man-
stein glaubte, entscheidenden Schlag zu versetzen, bevor sie aus der Front her-
ausgezogen würden. Am 16. Juli wurde die Umgruppierung für den von Manstein
geplanten Schlag, der den Decknamen »Roland« erhielt, eingeleitet. Doch noch am
selben Tag erging der Befehl, die Vorbereitungen einzustellen und die Divisionen
Das Reich und LAH aus der Front zu ziehen. Der Grund dafür war keineswegs ei-
ne geplante Verlegung nach Italien, sondern an den Donec und den Mius, wo be-
reits seit mehreren Tagen eine sowjetische Offensive erwartet wurde, die schließ-
lich am 17. Juli begann 131 .
Auch das XXIV. PzK, dessen Einsatz bei Belgorod von Manstein bereits vorbe-
reitet worden war, wurde noch kurz vor dem Beginn der sowjetischen Angriffe
wieder zum Donecbecken zurück verlegt, und nicht nach Italien. Die Führung der
deutschen 1. PzA, die wenige Tage zuvor noch ihr Unverständnis darüber zum
Ausdruck gebracht hatte, daß das zeitweilig abgezogene Korps nicht bei Belgorod
eingesetzt und ihr statt dessen wieder zugeführt wurde, war nach dem Beginn der
sowjetischen Angriffe froh, Teile dieses Verbandes zur Entlastung der hart be-
drängten Front ihrer Armee einsetzen zu können 132 .
In einer Lageeinschätzung der Führungsabteilung des XXXXVIII. PzK vom
17. Juli heißt es zur Situation der HG Süd zusammenfassend:

129 Laut der Darstellung Kielmanseggs verzögerte die Operationsabteilung des General-
stabs des Heeres die Weiterleitung des Befehls zur Einstellung der Offensive bis zum
16. Juli. Kielmansegg, Bemerkungen eines Zeitzeugen (wie Anm. 119), S. 146. Die Aus-
sage, der Grund dieser Verzögerung sei die Hoffnung der Operationsabteilung ge-
wesen, in den Tagen nach dem 13. Juli Hitlers Zustimmung zu einem von Manstein
geplanten, begrenzten Angriffsschlag zu erhalten (Unternehmen »Roland«), wider-
spricht der Darstellung Mansteins, der schrieb, Hitler habe bereits am 13. Juli die Zu-
stimmung zu diesem begrenzten Schlag gegeben. Manstein, Verlorene Siege (wie
Anm. 22), S. 503.
130 Klink, Das Gesetz des Handelns (wie Anm. 7), S. 267 f.
131 Glantz/House, The Battle of Kursk (wie Anm. 1), S. 245; Nipe, Decision in the Ukraine
(wie Anm. 79), S. 107-112.
132 Kriegstagebuch Nr. 11 des Panzerarmee-Oberkommandos 1, Ia, 1.5.1943 bis August 1943,
BA-MA, RH 21-1/94, Bl. 86-96.

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392 M G Z 61 (2002) Roman Töppel

» U m 9.00 U h r geht eine Vororientierung des A r m e e c h e f s [der 4. P z A ] ein,


wonach das Unternehmen >Roland< nicht zur Durchführung gelangt [...] Die
Aufgabe der Operation >Roland<, die zur Vernichtung erheblicher Feindkräfte
hätte führen können, steht anscheinend in Zusammenhang mit den feindlichen
Angriffen a m Mius und im R a u m von Issjum. Die vor wenigen Tagen erfolgte
L a n d u n g der angloamerikanischen Truppen auf Sizilien dürfte ebenfalls
mitbestimmend gewesen sein. Für die Führung des Korps ist der Gedanke an
die Aufgabe des so hart umkämpften Raumes sehr schmerzlich, der Truppe
wird sie nur schwer verständlich zu machen sein. Die Bindung derart starker
•Kräfte auf eng begrenztem Raum ist jedoch bei der derzeitigen Krisenlage, d e m
noch weiter zu erwartenden schweren Widerstand und d e m herannahenden
Winter nicht zu Oerantworten. Als erste M a ß n a h m e ist v o m K o r p s die
Herauslösung der P[an]z[er-]Gren[adier-]Div[ision] >GD< [>Großdeutschland<,
zur Verlegung in den Raum Orel] vorzubereiten 1 3 3 .«
Daß die L a g e e n t w i c k l u n g an Donec und Mius für die deutsche F ü h r u n g aus-
schlaggebende Bedeutung hatte, unterstreicht auch ein Funkspruch, den General-
feldmarschall von Manstein am 22. Juli an den Oberbefehlshaber der 1. PzA sand-
te. Darin fand die Situation in Italien gar keine Erwähnung. Manstein betonte da-
gegen, daß die Aufgabe, unter allen Umständen das Donecgebiet zu halten, die
Heranführung starker Kräfte an diese Front erfordere 134 .
Erst am 25. Juli 1943 richtete die deutsche Führung ihre ganze Aufmerksam-
keit auf Italien, weil an diesem Tag Mussolini verhaftet worden war und die Lage
dadurch eine dramatische Zuspitzung erfuhr. Erst jetzt erging der Befehl an das
II. SS-PzK, nach Italien zu verlegen 1 3 5 . Letztendlich verließ jedoch nur die SS-PGD
LAH dieses Korps die Ostfront. Überdies gab sie alle Panzer an die beiden dort
verbleibenden Divisionen Das Reich und Totenkopf ab 136 .
Die von Manstein in seinen Erinnerungen formulierte Einschätzung, Hitler ha-
be die Offensive gegen Kursk, vornehmlich wegen der Lage in Italien, vor d e m
vermeintlich in greifbarer Nähe liegenden Sieg abgebrochen, trifft also nicht zu. Er
ließ sie auch k e i n e s w e g s aufgrund einer wie auch i m m e r gearteten »Kurz-
schlußentscheidung« einstellen 137 , sondern aüf Drängen von Generalfeldmarschall
Günther von Kluge. Dessen Lagebeurteilung, die auch bei nachträglicher Be-
trachtung realistischer erscheint als jene, die Manstein abgegeben hat, war aus-
schlaggebend für das Ende des Unternehmens »Zitadelle«.

V. »Schwanengesang« der deutschen Panzerwaffe?

Häufig w u r d e in der Literatur, besonders in der sowjetischen, die Behauptung


vertreten, die deutsche Panzerwaffe sei bei den Kämpfen im Juli 1943 zerschla-

133 KTB XXXXVIII. PzK (wie Anm. 128), Bl. 88 f., Hervorhebung durch Verfasser.
134 Anlagen zum KTB Nr. 11 des PzAOK 1 (wie Anm. 113), Bl. 1.
135 Hitlers Lagebesprechungen (wie Anm. 55), S. 309.
136 Die Offensive gegen Kursk 1943 (wie Anm. 74), S. 168; Lehmann, Die Leibstandarte (wie
Anm. 46), S. 283.
137 So Hinze, Rückzugskämpfe (wie Anm. 115), S. 8.

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Legendenbildung in der Geschichtsschreibung 393

gen worden oder habe zumindest gravierende Verluste erlitten. Marschall Konev,
der ehemalige Oberbefehlshaber der Steppenfront, sprach vom »Schwanengesang
der deutschen Panzerwaffe«138. Einige Autoren übernahmen diese Metapher und
schrieben zuspitzend, die Panzerwaffe habe allein in der »Panzerschlacht von
Prochorovka« den vermeintlichen »Schwanengesang« erlebt139.
Marschall 2ukov äußerte in seinen Erinnerungen, bei Kursk seien »die Elite-
truppen und die stärksten Gruppierungen des Gegners zerschlagen« worden' 40 .
Diese Auffassung wurde durch die Aussagen einiger maßgeblicher deutscher Of-
fiziere scheinbar bestätigt. So schrieb der ehemalige Generalinspekteur der Pan-
zertruppen, Generaloberst Guderian, in seinen Memoiren:
»Wir hatten durch das Mißlingen der >Citadelle< [sie!] eine entscheidende
Niederlage erlitten. Die mit großer Mühe aufgefrischten Panzerkräfte waren
durch die schweren Verluste an Menschen und Gerät auf lange Zeit
verwendungsunfähig. Ihre rechtzeitige Wiederherstellung für die Verteidigung
der Ostfront, erst recht aber für die Abwehr der im nächsten Frühjahr drohenden
Landung der Alliierten an der Westfront war in Frage gestellt141.«
General Warlimont schrieb in seiner Darstellung, die deutschen Angriffstruppen
seien bei Kursk »zu Schlacke verbrannt«142. Friedrich Wilhelm von Mellenthin führ-
te aus, die deutschen Panzer- und Panzergrenadierdivisionen seien am Ende des
Unternehmens »Zitadelle« »weißgeblutet« gewesen; »die Blüte des deutschen Hee-
res« sei »endgültig und entscheidend dahingewelkt«143. In der sowjetischen Lite-
ratur wurden diese Aussagen zusammen mit denen des deutschen Historikers
'Walter Görlitz, der schlußfolgerte, den deutschen Panzerkräften sei bei Kursk »das
Genick gebrochen« worden144, mehrfach herangezogen, um entsprechende eigene
Argumentationen zu untermauern. Bei den genannten Äußerungen muß jedoch
berücksichtigt werden, daß sie zumeist von Offizieren gemacht wurden, die in
ihren Erinnerungen die größten Bedenken gegen die Operation »Zitadelle« vor-
brachten und entweder von Anfang an oder zumindest nach der Verschiebung des
Angriffstermiris gegen ihre Durchführung gewesen sein wollen. Die von ihnen her-
ausgestellten, vermeintlich entscheidenden und nicht wieder auszugleichenden
Verluste sollten nun offenbar die Richtigkeit der Bedenken und die Weitsicht der
Autoren belegen.
Doch wie hoch waren die deutschen Panzerverluste während des Unterneh-
mens »Zitadelle«? Die zeitgenössische sowjetische Propaganda verkündete bei-
spielsweise, in den ersten zehn Tagen der deutschen Offensive seien 2818 deutsche
Panzer zerstört worden, davon mehr als 700 des Typs »Tiger«145. Diese Zahl ist
schon deshalb schwer nachvollziehbar, weil an der gesamten Offensive gegen Kursk

138 Zitat nach Walter Görlitz, Der Zweite Weltkrieg 1939-1945. Bd 2, Stuttgart 1952, S. 208.
139 Geoffrey Jukes, Die Schlacht der 6000 Panzer, Rastatt 1982, S. 110 f.; Frangois de Lannoy,
Koursk. La plus grande bataille de chars de l'Histoire, Bayeux 1998.
140 2ukov, Erinnerungen und Gedanken (wie Anm. 50), S. 130.
141 Guderian, Erinnerungen eines Soldaten (wie Anm. 27), S. 283, Hervorhebung durch Ver-
fasser.
142 Warlimont, Im Hauptquartier (wie Anm. 28), Bd 2, S. 348.
143 Mellenthin, Panzerschlachten (wie Anm. 29), S. 165 und 171.
144 Görlitz, Der Zweite Weltkrieg (wie Anm. 138), S. 208.
145 Sowjetisches Flugblatt, abgedr. bei Janusz Piekalkiewicz, Unternehmen Zitadelle. Kursk
und Orel: Die größte Panzerschlacht des 2. Weltkrieges, Herrsching 1989, S. 214.

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394 M G Z 61 (2002) Roman Töppel

maximal 3147 deutsche Panzer und Selbstfahrlafetten aller Typen teilgenommen ha-
ben können 1 4 6 . Die Zahl von 700 zerstörten »Tigern« ist ausgeschlossen, weil bei
den Heeresgruppen Mitte und Süd nur 147 Panzer dieses Typs vorhanden waren.
Bis Anfang Juli 1943 waren überhaupt nur etwa 350 »Tiger« produziert worden 1 4 7 .
Radio Moskau meldete am 24. Juli 1943, in der Zeit vom 5. bis 23. Juli seien 3095
deutsche Panzer und Selbstfahrlafetten vernichtet oder beschädigt worden 1 4 8 . Der
sowjetische Autor Vladimir Mostovenko übernahm diese Zahl, schrieb jedoch, al-
le genannten Fahrzeuge seien Verluste gewesen 1 4 9 . Der russische Historiker Igor
Venkov erhöhte diese Angaben in einem unlängst erschienenen Aufsatz noch, wo-
bei er sich unkritisch auf zeitgenössische Erfolgsmeldungen der sowjetischen Ver-
bände stützte; er schrieb, die Wehrmacht habe allein in den Kämpfen gegen die
Voronez- und die Zentralfront v o m 5. bis 15. Juli 3572 Panzer verloren 1 5 0 . Die Mar-.
schälle 2 u k o v und Vasilevskij nannten in ihren Erinnerungen die Zahl von 1500
Panzern, welche die Wehrmacht in den Kämpfen bei Kursk im Juli und August
1943 verloren habe 1 5 1 . Diese Angabe findet sich auch in den jüngsten Darstellun-
gen russischer Historiker 1 5 2 . Andere Autoren nennen zum Teil immer noch höhe-
re Zahlen. Wolfgang Fleischer und Richard Eiermann schrieben beispielsweise, al-
lein im Juli 1943 seien 1500 deutsche Panzer verloren gegangen, wobei sie die An-
gaben 2 u k o v s und Vasilevskijs, die sich auf die Monate Juli und August beziehen,
offenbar falsch interpretierten 1 5 3 .
In einem 1998 veröffentlichten Aufsatz zog der russische Autor Boris Solov'ev
die Zahl von 1500 deutschen Panzerverlusten, die er als sowjetischer Historiker
selbst noch übernommen hatte 154 , in Zweifel. Er verwies auf die bereits oben ge-'
nannten Aussagen Guderians und Mellenthins, u m zu belegen, daß die deutschen
Panzerverluste wesentlich höher gewesen sein müssen als bisher a n g e n o m m e n
und die Niederlage bei Kursk für die deutschen Panzertruppen eine »Katastro-
phe« bedeutet habe. Schließlich schrieb er: »Die Feststellung der genauen Verlust-
angaben der Wehrmacht in der Kursker Schlacht stellt eine der wichtigsten Auf-
gaben in der Erforschung ihrer Geschichte dar, und dieses Problem wird gelöst

146 In dieser Zahl sind sämtliche mit einer Kanone bewaffneten Typen von Panzern und SFL
enthalten, auch solche, die sich in der Instandsetzung oder in Zuführung befanden. An
einsatzbereiten Panzern und SFL standen den deutschen Angriffsverbänden Anfang Ju-
li 1943 etwa 2650 Fahrzeuge zur Verfügung. Vgl. hierzu Anlage 4 in Töppel, Die Offen-
sive gegen Kursk 1943 (wie Anm. 11).
147 Thomas L. Jentz and Hilary L. Doyle, Germany's Tiger Tanks. 3 vols., Atglen 1997-2000,

Bd 1, S. 68.
148 Hitlers Lagebesprechungen (wie Anm. 55), S. 297, Anm. 1.
149 Vladimir D. Mostovenko, Panzer gestern und heute. Abriß der Entstehung und Ent-

wicklung der Panzertechnik, Berlin (Ost) 1961, S. 135.


ι™ j g 0 r jvj Ven^ov, Archivbestände in Rußland zu den Operationen im Frühjahr und Som-
mer 1943, in: Gezeitenwechsel im Zweiten Weltkrieg? (wie Anm. 3), S. 238.
151 Zukov, Erinnerungen und Gedanken (wie Anm. 50), S. 144; Vasilevskij, Sache des ganzen

Lebens (wie Anm. 77), S. 310.


152 Beispielsweise Sokolov, The Battle for Kursk (wie Anm. 3), S. 85 und Venkov, Archivbe-

stände in Rußland (wie Anm. 150), S. 233 (Er widerspricht sich mithin· selbst, nennt er doch
wenig später die bereits erwähnten, wesentlich höheren Zahlen).
153 Fleischer/Eiermann, Die größte Panzerschlacht (wie Anm. 44), S. 77.
154 Boris G. Solov'ev, Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges. Die Schlacht bei Kursk, Köln

1984, S. 162.

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Legendenbildung in der Geschichtsschreibung 395

werden können, wenn die Wissenschaftler Zugang zu den erforderlichen Doku-


menten in deutschen Archiven erhalten155.«
Diese Aussage stellt eine völlige Verkennung oder Entstellung der Tatsachen
dar, denn die in den deutschen Archiven vorhandenen Akten zum Zweiten Welt-
krieg sind Wissenschaftlern seit vielen Jahren zugänglich. In verschiedenen Dar-
stellungen, die zum Teil lange vor dem Erscheinen des Aufsatzes von Solov'ev ver-
öffentlicht wurden, sind zudem bereits Verlustzahlen von Panzern, die auf zeit-
genössischen Dokumenten beruhen, genannt worden156.
Tatsächlich gingen an der Ostfront im Juli und August 1943 insgesamt 1331
Panzer und Sturmgeschütze verloren157. Die Gesamtverluste an allen Fronten be-
trugen im gleichen Zeitraum 1567 Panzer und Sturmgeschütze. Hinzu kamen noch
207 Selbstfahrlafetten anderer Typen158. Wie viele der an der Ostfront verloren ge-
gangenen Fahrzeuge im Raum Kursk, Orel und Belgorod zerstört wurden, wird
sich aufgrund der häufigen Verlegung von Verbänden an andere Frontabschnitte
und des kriegsbedingten Verlustes vieler Akten nicht mehr genau klären lassen.
Daß jedoch ein großer Teil der von der Ostfront als Verluste gemeldeten Panzer
nicht am Kursker Frontbogen z;erstört wurde, soll ein Beispiel belegen. Am 17. Ju-
li 1943 begann, wie bereits angesprochen, eine sowjetische Offensive gegen das
Donecbecken. Diese wird von der sowjetischen und russischen Geschichtsschrei-
bung nicht zur Kursker Schlacht hinzugerechnet, im Gegenteil: In vielen sowjeti-
schen Darstellungen findet sie überhaupt keine Erwähnung. Gegen diese Offensi-
ve wurden jedoch mehrere Panzerverbände der HG Süd eingesetzt, darunter das
II. SS-PzK und das XXIV. PzK. Bei der Abwehr dieser sowjetischen Angriffe hatten
die deutschen Panzerverbände teilweise hohe Verluste zu beklagen. So verlor bei-
spielsweise die 23. PD an ihrem ersten Einsatztag am Mius 11 Panzer als Totalver-
luste. Die beiden Divisionen Das Reich und Totenkopf des II. SS-PzK verloren in zwei
Tagen 23 Panzer und Sturmgeschütze und damit mehr als beim gesamten Unter-
nehmen »Zitadelle« in den Wochen zuvor159. Auch an anderen Frontabschnitten, die
von sowjetischen und russischen Historikern im Rahmen der Kursker Schlacht
nicht berücksichtigt wurden, kämpften im Juli und August 1943 deutsche Panzer-

155 Boris G. Solov'ev, »Kutuzov« i »Rumjancev« protiv »Citadeli« [»Kutuzov« und »Rum-
jancev« versu's »Zitadelle«], in: Voenno-istoriceskij 2urnal [Militärgeschichtliche Zeit-
schrift], 1998, Nr. 4, S. 13, Übersetzung des MGFA.
156 Middeldorf, Das Unternehmen »Zitadelle« (wie Anm. 20); Müller-Hillebrand, Das Heer
(wie Anm. 20), auch in der UdSSR erschienen; Fritz Hahn, Waffen und Geheimwaffen des
deutschen Heeres 1933-1945. 2 Bde, 2. Aufl., Bonn 1992.
157 OKH/Generalinspekteur der Panzertruppen. Panzer-, Sturmgeschütz- und Pak-Verlu-
ste von August 1942 bis Mai 1944, BA-MA, RH 10/77,.K18, auch abgedr. in Hahn, Waf-
fen und Geheimwaffen (wie Anm. 156), Bd 2, S. 241.
158 Müller-Hillebrand, Das Heer (wie Anm. 20), Bd 3, Tabellen nach S. 274; Hahn, Waffen
und Geheimwaffen (wie Anm. 156), Bd 2, S. 240. Bei letzterer Darstellung ist zu beach-
ten, daß die aufgeführten Ausfälle von veralteten Panzermodellen, insbesondere Ρ 38(0
und Ρ II, meist keine Frontverluste waren. Es handelt sich um Fahrzeuge, die zu Selbst-
fahrlafetten umgebaut wurden, weil sie als Panzer nicht mehr für den Einsatz tauglich
waren. In geringem Umfang wurden auch Panzer III umgebaut, und zwar zu Panzer-
befehls- und Panzerbeobachtungswagen. Peter Chamberlain and Hilary L. Doyle, En-
cyclopedia of German Tanks of World War Two, 2. ed., London 1993, S. 38, 46 f. und
73-75.
159 Ernst Rebentisch, Zum Kaukasus und zu den Tauern. Die Geschichte der 23. Panzer-Di-
vision 1941-1945, Stuttgart 1963, S. 218; Die Offensive gegen Kursk 1943 (wie Anm. 74),
S. 165 und 190.

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396 MGZ 61 (2002) Roman Töppel

und Sturmgeschützverbände. Wenn an der gesamten Ostfront in den zwei Mona-


ten 1331 Panzer und Sturmgeschütze verloren gingen, waren die Verluste in der
Kursker Schlacht folglich weitaus geringer.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die von Guderian, Warlimont, Mellenthin
und vielen sowjetischen Historikern getragene Einschätzung zutrifft, das Unter-
nehmen »Zitadelle« habe der deutschen Seite entscheidende und nicht wieder-
gutzumachende Panzerverluste zugefügt und sei deshalb besonders verhängnis-
voll gewesen. Bei der Untersuchung dieser Frage muß zunächst einmal festgehal-
ten werden, daß der Wehrmacht auch ohne die Offensive gegen Kursk im Sommer
1943 schwere Kämpfe nicht erspart geblieben wären. Laut der sowjetischen Pla-
nung sollte die Rote Armee im Falle des Ausbleibens deutscher Angriffe selbst zur
Offensive übergehen160. Boris Sokolov schrieb, daß die sowjetischen Verbände be-
reits ab April 1943 dazu fähig gewesen seien und daß gerade die Entscheidung,
zunächst defensiv zu bleiben und die deutsche Offensive abzuwarten, als ent-
scheidender Fehler angesehen werden müsse161. Auch wenn diese Ansicht hypo-
thetisch bleibt, kann dennoch gesagt werden, daß die deutsche Offensive »Zita-
delle« der sowjetischen Seite beträchtliche Verluste zufügte. Die deutschen Pan-
zerausfälle waren außerdem nicht wesentlich höher als bei den anschließenden
Abwehrkämpfen gegen die zum Teil bereits geschwächten sowjetischen Truppen.
Die Angriffsverbände der HG Mitte verloren vom 5. bis 14. Juli 1943 insgesamt
87 Panzer, Sturmgeschütze und schwere Jagdpanzer. Sie hatten jedoch bereits am
12. Juli ihre Angriffe endgültig eingestellt und waren zur Defensive übergegan-
gen. Die Angriffsverbände der HG Süd, die der Befehl zur Einstellung der Angrif-
fe am 17. Juli erreichte, hatten bis zu diesem Tag 191 Panzer und Sturmgeschütze
verloren162. Das waren Verluste, die durch Neuproduktionen relativ rasch ersetzt
werden konnten, was auch für die an der Ostfront in den Monaten Juli und August
1943 insgesamt entstandenen Totalverluste zutrifft163. Von einem »Schwanenge-
sang«, der Zerschlagung oder einer entscheidenden Niederlage der deutschen Pan-
zerwaffe kann insofern nicht gesprochen werden. Die Aussage Guderians, die deut-
schen Panzerverbände seien lange Zeit nicht verwendungsfähig gewesen, ist nicht
nachvollziehbar. Sie wird allein durch die deutschen Gegenangriffe und Abwehr-
kämpfe, die dem Unternehmen »Zitadelle« an der Ostfront folgten und bei denen
die Panzerverbände stets eine bedeutende Rolle spielten, entkräftet. Dies wird auch
durch den Oberbefehlshaber der Zentralfront, General Rokossovskij, bestätigt. Er
schrieb in seinen Erinnerungen, die Deutschen hätten noch über ausreichend Pan-
zertruppen verfügt, als die Verbände seiner Front am 15. Juli zur Offensive gegen
Orel antraten164.
Allerdings sollen die Verluste der Wehrmacht in den Sommerkämpfen 1943 hier
nicht verharmlost werden. Die personellen Ausfälle wogen besonders schwer und

160 Zukov, Erinnerungen und Gedanken (wie Anm. 50), S. 98.


161 Sokolov, The Battle for Kursk (wie Anm. 3), S. 75-88.
162 OKH/Generalinspekteur der Panzertruppen/Der Panzeroffizier beim Chef des Gene-
ralstabs des Heeres. Panzerlage Mitte, Zusammenstellung der Panzer- und Sturmge-
schützlage beim Unternehmen »Zitadelle«, Heeresgruppe Mitte, BA-MA, RH 10/65,
Bl. 12; OKH/Generalinspekteur der Panzertruppen/Der Panzeroffizier beim Chef des Ge-
neralstabs des Heeres, Panzerlage Sud (Wie Anm. 96), Bl. 74.
163 Müller-Hillebrand, Das Heer (wie Anm. 20), Bd 3, Tabellen nach S. 274.
164 Rokossovskij, Soldatenpflicht (wie Anm. 108), S. 275.

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Legendenbildung in der Geschichtsschreibung 397

konnten nicht mehr ausgeglichen werden 165 . Und auch bei der Panzerwaffe zeig-
ten sich die Auswirkungen der schweren Kämpfe in drastischer Weise: die Anzahl
der einsatzbereiten Kampfwagen sank vorübergehend beträchtlich ab. Das war bei
schweren Kämpfen allerdings die Regel und kann nicht allein mit der deutschen
Offensive erklärt werden, zumal die meisten der ausgefallenen Panzer beim Rück-
zug auf die Ausgangsstellungen mit zurückgeführt wurden 166 .
Um zu einer angemessenen Beurteilung der deutschen Panzerverluste während
des Unternehmens »Zitadelle« zu gelangen, müssen sie im Verhältnis zur Härte
der Kämpfe und zu anderen Operationen gesehen werden. So waren zum Beispiel
während des Westfeldzuges 1940, der als einer der größten militärischen Siege in
die Kriegsgeschichte einging, 839 Panzer und somit etwa 35 Prozent der einge-
setzten Kampfwagen verloren gegangen. Während des Winters 1941/42 war die
Kampfstärke vieler gepanzerter Verbände auf einen Bruchteil der Stärke vom Be-
ginn des Unternehmens »Barbarossa« abgesunken; im Februar 1942 waren an der
gesamten Ostfront gerade noch 340 Panzer einsatzbereit. Im Februar des folgenden
Jahres waren insgesamt 1596 Panzer verloren gegangen, davon 1105 an der Ost-
front. Und im Juli 1944 gingen an allen Fronten sogar 2124 Panzer und Sturmge-
schütze verloren167. Von den 2374 Panzern, Sturmgeschützen und schweren Jagd-
panzern, die am Unternehmen »Zitadelle« teilnahmen, gingen in den Angriffsta-
gen demgegenüber »nur« etwa 270 Fahrzeuge verloren. Das entspricht einem An-
teil von 11 Prozent. Die in zwei Monaten an der Ostfront verlorenen 1331 Panzer
und Sturmgeschütze und die zahlreichen zeitweilig ausgefallenen Fahrzeuge be-
deuteten für die gepanzerten Verbände zweifellos eine deutliche Einschränkung
und Herabminderung der Kampfkraft, von einem »Schwanengesang« oder der
Zerschlagung der deutschen Panzerwaffe kann jedoch keine Rede sein.
Die Absicht der sowjetischen Historiker, die von der Vernichtung der deutschen
Panzerwaffe in der Kursker Schlacht sprachen, ist erkennbar: Es sollte gewisser-
maßen der Beweis geliefert werden, daß die Rote Armee fähig war, die Wehrmacht
in einer einzigen Schlacht entscheidend zu schwächen, und gerade die deutsche
Panzerwaffe, die während der raschen Feldzüge der ersten Kriegsjahre selbst zum
Mythos emporgestiegen war, vernichtend zu schlagen. Dies mußte das gewünschte
Bild von der qualitativen Überlegenheit der sowjetischen Militärmacht natürlich erst
recht untermauern. - Doch interessanterweise waren es nicht nur sowjetische Au-
toren, die von einer solchen Zerschlagung der Panzerwaffe sprachen. Gerade die
Aussagen führender deutscher Offiziere, darunter des Generalinspekteurs der Pan-
zertruppen, dessen Stimme hierbei großes Gewicht beigemessen werden muß,
prägten das Bild mit - und prägen es bis heute.
In der Realität zermürbte jedoch nicht eine einzelne Schlacht die Panzerwaffe;
es waren die langen und blutigen Abwehrkämpfe an mehreren Fronten, die nach
dem Unternehmen »Zitadelle« ihren Anfang nahmen. Die strategische Lage war an-

165
Vgl. dazu Bernhard R. Kroener, »Menschenbewirtschaftung«, Bevölkerungsverteilung
und personelle Rüstung in der zweiten Kriegshälfte (1942-1944), in: Das Deutsche Reich
und der Zweite Weltkrieg, hrsg. vom MGFA, Bd 5/2: Bernhard R. Kröener, Rolf-Dieter
Müller und Hans Umbreit, Kriegsverwaltung, Wirtschaft und personelle Ressourcen
1942-1944/45, Stuttgart 1999, bes. S. 944-964.
166
KTB PzAOK 4, Abt. Qu (wie Anm. 128), Bl. 23.
167
Thomas L. Jentz, Die deutsche Panzertruppe 1933-1945. 2 Bde, Wölfersheim-Berstadt
1998-1999, Bd 1, S. 141,210 f. und 252; Müller-Hillebrand, Das Heer (wie Anm. 20), Bd 3,
Tabellen nach S. 274.

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398 MGZ 61 (2002) Roman Töppel

gesichts des gewaltigen Rüstungspotentials der Alliierten für die Deutschen längst
hoffnungslos geworden168. Selbst ein deutscher Sieg bei Kursk hätte die Rote Ar-
mee nicht entscheidend getroffen und ari der aussichtslosen strategischen Lage
kaum etwas geändert.

VI. Der Preis des Sieges

Seit den 1960er Jahren begann die sowjetische Geschichtsschreibung in besonde-


rem Maße, die Schlacht bei Kursk zum Mythos zu verklären und als Beweis für
die Überlegenheit des sowjetischen Volkes und des kommunistischen Systems hin-
zustellen. Entsprechende Ausführungen wurden in den Darstellungen obligato-
risch. So schrieb beispielsweise General Sergeij Scemenko über die Zeit vor der
Schlacht: »Die hohen moralischen Werte, die unsere Armeeangehörigen seit den
ersten Kriegstagen auszeichneten, festigten sich weiter. Unsere Menschen reiften,
von Tag zu Tag wuchs ihr Vertrauen in die Weisheit der Partei und in die Uner-
schütterlichkeit der Sowjetordnung169.«'
Die Überlegenheit der sowjetischen Gesellschaftsordnung stellte auch der pro-
minenteste sowjetische Befehlshaber, Marschall Georgij 2ukov, heraus17a. Marschall
Vasilevskij betonte dagegen vor allem die Überlegenheit der sowjetischen »Feld-
herrnkunst«171. Am drastischsten drückte sich Boris Solov'ev aus: Für ihn zeige die
Kürsker Schlacht nicht nur die Überlegenheit der sowjetischen Kriegskunst, son-
dern auch die »unbestreitbare« militärische und ökonomische Überlegenheit des
Sozialismus, die dem sowjetischen Sieg bei Kursk gesetzmäßigen Charakter ver-
liehen habe172. In diesem Zusammenhang erstaunt nicht, daß die sowjetischen Hi-
storiker sich über die Verluste der Roten Armee in der Kursker Schlacht kaum äußer-
ten, die der Wehrmacht dagegen in besonderem Maße herausstellten, wie oben be-
reits gezeigt wurde. Die erste Dokumentation der offiziellen sowjetischen Angaben
zu den Kriegsverlusten erschien im Jahre 1993 unter der Leitung des Militärhisto-
rikers Krivoseev173. Fast alle Autoren, die seitdem über die Schlacht bei Kursk ge-
schrieben haben, stützen sich in ihren Darstellungen auf diese Zahlenangaben174.

168 Zur strategischen Lage im Jahre 1943 zusammenfassend vgl. Bernd Wegner, Das Ende der
Strategie. Deutschlands politische und militärische Lage nach Stalingrad, in: Gezeiten-
wechsel im Zweiten Weltkrieg (wie Anm. 3), S. 211-228 und ders., Defensive ohne Stra-
tegie. Die Wehrmacht und das Jahr 1943, in: Die Wehrmacht. Mythos und Realität. Im
Auftr. des MGFA hrsg. von Rölf-Dieter Müller und Hans-Erich Volkmann, München
1999, S. 197-209.
169 Scemenko, Im Generalstab (wie Anm. 47), S. 156.
170 2ukov, Erinnerungen und Gedanken (wie Anm. 50), S. 132, besonders deutlich auch bei
Markin, Die Kursker Schlacht (wie Anm. 75), S. 143.
171 Vasilevskij, Sache des ganzen Lebens (wie Anm. 77), S. 310.
172 Solov'ev, Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges (wie Anm. 154), S. 13 f., 30, 93 und 111.
173 Grif sekretnosti snjat. Poteri vooruzennych sil SSSR ν vojnach, boevych dejstvijach i
voennych konfliktach, Statisticeskoe issledovanie [Nicht mehr geheim. Verluste sowje-
tischer Streitkräfte in Kriegen, Kampfhandlungen und militärischen Konflikten. Eine sta-
tistische Untersuchung], hrsg. von G.F. Krivoleev, Moskva 1993.
174 So auch Niklas Zetterling und Anders Frankson, die aber zumindest auf die Unzuver-
lässigkeit der Angaben hinweisen. Zetterling/Frankson, Kursk 1943 (wie Anm. 5), S. 117 f.

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Legendenbildung in der Geschichtsschreibung 399

Boris Sokolov, der bereits im Jahre 1991 eine Darstellung mit eigenen Berech-
nungen veröffentlicht hatte, wies jedoch sehr rasch nach, daß die bei Krivoseev an-
gegebenen Verluste zur Kursker Schlacht nicht haltbar sind175. Nach Krivoseev sol-
len beispielsweise die sowjetischen Luftstreitkräfte in der Phase vom 5. bis 23. Ju-
li 1943 lediglich 459 Kampfflugzeuge verloren haben 176 . Demgegenüber waren
selbst in der sowjetischen Literatur wesentlich höhere Verlustzahlen genannt wor-
den177. Die jüngst veröffentlichte Studie des sowjetischen Generalstabs zur Vertei-
digungsphase in der Kursker Schlacht liefert den Beweis, daß die Angaben Kri-
voseev erheblich zu niedrig liegen: Demnach verlor die 2. Luftarmee, welche die
Voronezfront unterstützte, im Zeitraum vom 5. bis 18. Juli allein in Luftkämpfen
371 K a m p f f l u g z e u g e als T o t a l v e r l u s t e . D i e 16. Luftarmee, w e l c h e d i e Zentralfront
unterstützte, verlor in den vier Tagen vom 5. bis 8. Juli in Luftkämpfen 275 Flug-
zeuge178. Das sind zusammen bereits 646 Flugzeuge, wobei weder der gesamte
Zeitraum der Verteidigungsphase noch die anderen an der Schlacht beteiligten
Fliegerkräfte, beispielsweise die 27. Luftarmee oder die Fernfliegerverbände, berück-
sichtigt sind. In dieser Zahl sind außerdem nicht die Verluste durch andere Ursa-
chen, wie beispielsweise Beschüß durch Flak oder Zerstörung am Boden, enthal-
ten179. In der gesamten Kursker Schlacht soll die sowjetische Luftwaffe laut Krivo-
seev lediglich 1626 Flugzeuge verloren haben180. Boris Sokolov nennt dagegen als
Minimum die Verlustzahl von 3300 Flugzeugen 181 . Über die Gesamtverluste der
an der Kursker Schlacht beteiligten Verbände der deutschen Luftwaffe liegen kei-
ne Quellen vor. Die sowjetische Behauptung, die Deutschen hätten 3700 Flugzeu-
ge verloren 182 , ist jedoch nicht haltbar. An der gesamten Ostfront gingen im Juli
und August 1943 zusammen 1030 deutsche Maschinen verloren 183 . Die sowjeti-
schen Flugzeugverluste überstiegen die deutschen folglich u m ein Mehrfaches.
Auch die personellen Verluste schätzt Sokolov doppelt so hoch, als sie bei Kri-
voseev angegeben werden; laut Sokolov verlor die Rote Armee in der Kursker
Schlacht fast 1,68 Millionen Mann an Toten, Gefangenen, Verwundeten und Kran-
ken184. Die deutschen Verluste betrugen demgegenüber etwa 203 000 Mann185. Die
Rote Armee verlor in der Kursker Schlacht demnach etwa acht mal so viele Sol-
daten wie die Wehrmacht.
Die von Krivoseev für die Kursker Schlacht genannten 6064 Panzerverluste
werden von Sokolov dagegen nicht angezweifelt, obwohl der Autor in einer frühe-

175
Sokolov, The Battle for Kursk (wie Anm. 3), S. 79-86.
176
Grif sekretnosti snjat (wie Anm. 173), S. 370.
177
Nach sowjetischen Darstellungen sollen im genannten Zeitraum allein in Luftkämpfen
etwa 1000 Flugzeuge der sowjetischen Luftwaffe abgeschossen worden sein. Sokolov,
The Battle for Kursk (wie Anm. 3), S. 83.
178
The Battle for Kursk (wie Anm. 4), S. 253 und 259.
179
Zum Vergleich: Die Verbände der deutschen Luftwaffe, welche die Offensive unter-
stützten, verloren im Zeitraum vom 5. bis 15.7. 193 Flugzeuge. Klink, Das Gesetz des
Handelns (wie Anm. 7), S. 337 f., Anlagen II/7 und II/8.
180
Grif sekretnosti snjat (wie Anm. 173), S. 370.
181
Sokolov, The Battle for Kursk (wie Anm. 3), S. 83.
182
Beispielsweise Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges der Sowjetunion (wie
Anm. 75), S. 479.
183 Williamson Murray, Strategy for Defeat. The Luftwaffe 1933-1945, Washington, D.C.
1983, S. 159. *
184
Sokolov, The Battle for Kursk (wie Anm. 3), S. 83.
185
Zetterling/Frankson, Kursk 1943 (wie Anm. 5), S. 116 f.

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400 MGZ 61 (2002) Roman Toppel

ren Studie höhere Ausfälle errechnet hatte186. Sie liegen dennoch mindestens sechs-
mal so hoch wie die Panzerverluste der Wehrmacht187.
Doch welche Bedeutung hatten diese Verluste für die Rote Armee und welche
Schlüsse lassen sich aus ihnen für die Beurteilung der Kursker Schlacht ziehen?
Ganz gleich, welche Zahlenangaben man den Betrachtungen zugrunde legt, bleibt
festzustellen, daß die Kursker Schlacht für die Rote Armee eine der verlustreich-
sten des gesamten Zweiten Weltkrieges war. Die durchschnittlichen Tagesverluste
waren nur in wenigen anderen Schlachten höher188. Als Hauptursache der schwe-
ren Verluste sehen die beiden russischen Historiker Nikolaj Ramanicev und Boris
Sokolov die inhärenten Schwächen des totalitären kommunistischen Systems an,
das selbst hochrangigen Militärführern die Möglichkeit zum selbständigen Han-
deln genommen habe189. Ein Beispiel hierfür ist die angesprochene »Panzerschlacht
von Prochorovka«, in der die 5, GdPzA trotz der schlechten Erfahrungen der anderen
Armeen bei den Gegenangriffen der vorangegangenen Tage in einen Frontalan-
griff gegen die deutschen Panzerspitzen geschickt wurde, weil Stalin darauf dräng-
te, die sowjetische Gegenoffensive auch im Raum Belgorod zu beginnen190. Diese
Entscheidung stand völlig im Gegensatz zur ursprünglichen Planung, nach der
die Verbände der Steppenfront, zu der die 5. GdPzA gehörte, nicht in der Verteidi-
gungsphase eingesetzt werden sollten. General Scemenko schrieb: »Auf keinen
Fall durfte zugelassen werden, daß der Gegner unseren Truppen in der Verteidi-
gung erhebliche Verluste zufügte. Andererseits verbot es sich aber loszuschlagen,
bevor der Gegner ausgeblutet war191.«
Mit dem Einsatz der wichtigsten Kräfte der Steppenfront in der Verteidigung
und der Verausgabung der Panzerarmeen war jedoch nachhaltig gegen diesen
Grundsatz verstoßen worden. Solche Beispiele stehen gleichzeitig im Gegensatz
zur Behauptung, die sowjetische Kriegskunst sei überlegen gewesen. Nikolaj
Ramanicev betont, daß die sowjetische Führung noch immer nicht gelernt gehabt
habe, den gegnerischen Maßnahmen wirksam entgegenzutreten. Ein Grund dafür
seien Stalins Repressionen gegen seine Befehlshaber in der Zeit der Niederlagen
1941 / 4 2 gewesen, die zur Folge gehabt hätten, daß es 1943 nur wenige erfahrene
Kommandeure gegeben habe192. Die Kursker Schlacht sei demzufolge kein Zeug-
nis für die Überlegenheit des Sowjetsystems, sondern für seine Defekte193.
Die Verluste, welche die Rote Armee in den Kämpfen bei Kursk erlitt, hatten zur
Folge, daß die operativen Ziele bei weitem nicht erreicht werden konnten. Laut
Scemenko sollten die sowjetischen Truppen bereits im Jahre 1943 bis zu den Gren-
zen Ostpreußens vorstoßen194. Dies gelang bekanntlich erst ein Jahr später.

186 Boris V. Sokolov, Cena Pobedy. Velikaja Otecestvennaja: neizvestnoe ob izvestnom [Der
Preis des Sieges. Großer Vaterländischer [Krieg]: Unbekanntes vom Bekannten], Mos-
kva 1991, S. 159.
187 Vgl. hierzu Anlage5 in Töppel, Die Offensive gegen Kursk 1943 (wie Anm. 11).
188 Grif sekretnosti snjat (wie Anm. 173), S. 368-373.
189 Nikolaj M. Ramanicev, Die Schlachten bei Kursk: Vorgeschichte, Verlauf und Ausgang,
in: Gezeitenwechsel im Zweiten Weltkrieg? (wie Anm. 3), S. 62-64; Sokolov, The Battie
for Kursk (wie Anm. 3), S. 87.
190 2ukov, Erinnerungen uiid Gedanken (wie Anm. 50), S. 122-129.
191 Scemenko, Im Generalstab (wie Anm. 47), S. 163.
192 Ramanicev, Die Schlachten bei Kursk (wie Anm. 189), S. 62-66.
193 Sokolov, The Battle for Kursk (wie Anm. 3), S. 87.
194 Scemenko, Im Generalstab (wie Anm. 47), S. 171.

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Legendenbildung in der Geschichtsschreibung 401

Resümee

Im vorliegenden Beitrag sollte die Bildung und Verbreitung von Legenden in der
Geschichtsschreibung am Beispiel der Schlacht bei Kursk untersucht werden. Es
konnte aufgezeigt werden, daß zu sehr vielen Aspekten und Ereignissen der
Schlacht Zerrbilder existieren, die auch in der jüngsten Literatur zum Teil noch un-
kritisch übernommen werden. Die von Bernd Wegner in den Ausarbeitungen deut-
scher Militärs festgestellte Tendenz, ein Bild eigener Professionalität zu entwerfen,
die lediglich durch den Dilettantismiis Hitlers konterkariert worden sei, läßt sich
im speziellen auch in den Darstellungen zur Schlacht bei Kursk nachweisen, und
das Bild der Schlacht ist auf deutscher Seite nach wie vor von solchen Aussagen,
die einer kritischen Uberprüfung nicht standhalten, geprägt. So war es, wie ge-
zeigt werden konnte, z.B. nicht Hitlers Idee, eine Offensive gegen den Kursker Bo-
gen durchzuführen. Die Verzögerungen des Angriffstermins können auch nicht
nur mit Hitlers Faszination für die neuen Panzermodelle erklärt werden. Und
schließlich ließ dieser die Angriffe bei Kursk nicht primär wegen der angloameri-
kanischen Landung auf Sizilien einstellen, sondern wegen der sowjetischen Of-
fensiven bei Orel und gegen das Donecbecken.
Auf der anderen Seite finden sich in der Literatur nach wie vor viele Sichtwei-
sen, die von der sowjetischen Geschichtsschreibung aus ideologisch-propagandi-
stischen Gründen verbreitet wurden/Auch hier spielten die Erinnerungen der be-
teiligten Befehlshaber eine entscheidende Rolle bei der Schaffung des Mythos' von
der Überlegenheit der sowjetischen Kriegskunst. Gerade am Beispiel der berühm-
ten »Panzerschlacht von Prochorovka« läßt sich jedoch aufzeigen, wie weit Pro-
paganda und Wirklichkeit voneinander entfernt sind: Tatsächlich waren viele der
Verluste, welche die Rote Armee im Verlauf der Schlacht hinnehmen mußte, das Re-
sultat militärischer Fehlentscheidungen und eines rücksichtslosen Einsatzes von
Menschen und Material. Die Schlacht offenbart demnach, um noch einmal die Aus-
sagen von Nikolaj Ramanicev und Boris Sokolov zu unterstreichen, vor allem die
inneren Defekte des totalitären kommunistischen Systems.

Abstract

Even in the latest literature about the battle at Kursk 1943 one can still find numer-
ous legends which were spread primarily by the memoirs of the commanders in-
volved at that time. E.g. the idea to attack the front bow at Kursk did not date from
Hitler as often claimed, but from field marshal von Manstein. The turning point of
the offensive was not the famous »tank battle of Prochorovka« because in reality
this battle ended for the Soviet 5th Guards Tank Army, with a disaster. The Ger-
man attacks also were not broken off primarily because of the Anglo-American in-
vasion of Sicily but because of the Soviet offensive operations at Orel and against
the Donee basin.

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