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Michael Stahr

Sanierung von
baulichen Anlagen
Nachhaltig – Ökologisch – Umweltgerecht
Sanierung von baulichen Anlagen
Michael Stahr

Sanierung von baulichen


Anlagen
Nachhaltig – Ökologisch – Umweltgerecht
Dr. Michael Stahr
Leipzig, Deutschland

ISBN 978-3-658-20474-7 ISBN 978-3-658-20475-4 (eBook)


https://doi.org/10.1007/978-3-658-20475-4

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Vorwort

Ökologische Bausanierung bedeutet gesundheitsverträgliches Bauen hinsichtlich der


Baustoffe, der Konstruktion und der Haustechnik. Die Ziele liegen dabei in der weltweit
deutlichen Reduzierung des CO2 -Ausstoßes, der Beeinflussung des Klimawandels und der
erkennbaren Steigerung des Einsatzes regenerativer Energien wie Solarstrom, Biomasse,
Wind- und Wasserkraft, aber auch in der Nutzung von Erdwärme und Pellets.
Dazu werden beispielsweise technische und technologische Verfahren wie Photovol-
taik und Solarthermie, Erdbohrverfahren und Windräder ständig weiterentwickelt und
durch eine Vielzahl gesetzlicher Vorschriften und Empfehlungen, wie z. B. der Energie-
einsparverordnung, dem Gesetz über erneuerbarer Energien oder der Verpflichtung zur
Anwendung des Energieausweises, gestützt.
Zahlreiche Projekte wie Passivhäuser und Energiesparhäuser beweisen, dass umwelt-
schonendes Bauen, Wohnen und Arbeiten heutzutage mit technischer Innovation und ver-
tretbarem Kostenaufwand möglich ist.
Eine umfassende Betrachtungsweise erfordert aber auch Kenntnisse über:

 den Eingriff in den Naturhaushalt durch Rohstoffgewinnung,


 Belastung durch die Produktion,
 Auswirkung der Verarbeitung,
 Folgen der Nutzung nicht nur für die Bewohner, sondern auch für Klima, Luft, Boden
und Wasser,
 die Abfallwirtschaft oder den selektiven Rückbau aller Konstruktionen und Baustoffe
nach Ablauf der Nutzung.

Zur ökologischen Sanierung gehört aber auch der leider noch zu häufig vernachlässigte
bauliche Artenschutz. Dank sei an dieser Stelle Herrn Friedhelm Hensen, Leiter des Büros
für Naturschutz Markkleeberg. Durch die Zurverfügungstellung umfangreichen Quellen-
materials und zahlreicher Abbildungen trug er wesentlich zur Gestaltung des Kap. 10
Artenschutz bei.
Zu diesen umfangreichen, interessanten und hochaktuellen Themen soll das vorliegen-
de Werk einen aktuellen Beitrag leisten.

V
VI Vorwort

Die Entwicklung des Buches wurde von vielen Fachkollegen, Institutionen und Firmen
durch Informationen, Beratung und Bildmaterial unterstützt. Stellvertretend soll hier das
Institut für Lernsysteme Hamburg genannt werden.
Dank auch an Frau Dipl.-Ing. (FH) Nadja Kroke, le-tex publishing services GmbH
Leipzig für die wieder stets kollegiale und konstruktive Hilfe.
Besonderer Dank gilt natürlich dem Verlag Springer Vieweg Wiesbaden, Lektorat Bau,
Energie, Umwelt, Frau Dipl.-Vw. Annette Prenzer und Herrn Dipl.-Ing. Ralf Harms für
die kompetente Unterstützung bei der Buchentwicklung.
Autor und Verlag sind gespannt auf die Aufnahme des Buches und natürlich auf kon-
struktive Hinweise der Leser.

Leipzig Michael Stahr


2019
Inhaltsverzeichnis

1 Bauen im Einklang mit der Natur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1


1.1 Einheit zwischen Baubiologie – Bauphysik – Ökologie . . . . . . . . . . . 1
1.1.1 Modell des ökologischen Gleichgewichts . . . . . . . . . . . . . . . 1
1.1.2 Wetter – Klima –Treibhauseffekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
1.1.2.1 Wetter – Klima . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
1.1.2.2 Natürliche Treibhauseffekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
1.1.2.3 Anthropogene Treibhauseffekte . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.1.3 Begriffliche Erläuterung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1.1.4 Chronologie der Entwicklung von Regeln zum baulichen
Umweltschutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
1.2 Nachhaltigkeit – nachhaltiges Bauen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
1.2.1 Begriff und Aufgabe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
1.2.2 Nachhaltigkeit in der Bautechnik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
1.2.3 Ziele und Anforderungskriterien an das nachhaltige Bauen . . . . 15
1.2.4 Nachhaltiges Bauen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
1.3 Ökologische Baugestaltung – Anforderungen und Kriterien . . . . . . . . 18
1.3.1 Energie und Umwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
1.3.2 Ökobilanzen – wichtige Prüfsteine für nachhaltiges Bauen . . . . 18
1.3.3 Kriterien für ökologisches Bauen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
1.4 Energiesparendes Bauen und Sanieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
1.4.1 Sachverständigengutachten – Voraussetzung für energetische
Sanierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
1.4.2 Energieeinsparung – Verlust oder Gewinn? . . . . . . . . . . . . . . 24
1.4.3 Energieerzeugung und -verwendung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
1.4.4 Kriterien für energiesparendes Bauen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
1.4.5 Umweltgerechtes Bauen aus baukonstruktiver Sicht . . . . . . . . . 32
1.4.6 Grundlagen sanierungsgerechter und ökologischer
Konstruktionslösungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
1.4.6.1 Ausgangspunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
1.4.6.2 Baulicher Wärmeschutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
1.4.6.3 Verbesserung des Wärmeschutzes . . . . . . . . . . . . . . 35
VII
VIII Inhaltsverzeichnis

1.4.6.4 Maßnahmen an Gebäudeteilen . . . . . . . . . . . . . . . . . 36


1.4.6.5 Wärmebrücken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
1.4.6.6 Lüftung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
1.4.6.7 Wärmeversorgung durch Heizung . . . . . . . . . . . . . . 48
1.5 Gesetzliche Regelungen – Normen – Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . 51
1.5.1 Vorüberlegungen – Zielstellungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
1.5.2 EnEV – Energieeinsparverordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
1.5.2.1 Neureglungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
1.5.2.2 EnEV – Historie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
1.5.2.3 Ziele und Entwicklung der EnEV . . . . . . . . . . . . . . . 53
1.5.2.4 Referenzgebäudeverfahren für Wohngebäude . . . . . . . 55
1.5.2.5 Modernisierung von Wohngebäuden . . . . . . . . . . . . . 57
1.5.2.6 Ausnahmen und Befreiungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
1.5.2.7 Energieausweis – notwendiges Dokument zur
Durchsetzung der EnEV . . . . . . . . . . . . . . . . .... 59
1.5.3 Gesetz für den Ausbau erneuerbarer Energien . . . . . . . . .... 63
1.5.4 Lebenszyklusanalysen und Umweltproduktionsdeklaration .... 65

2 Grundbegriffe der ökologischen Sanierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67


2.1 Grundbegriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
2.2 Leistung und Verbrauch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
2.3 Temperatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
2.4 Temperaturspreizung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
2.5 Wärmeschutztechnische Kenngrößen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
2.5.1 Grundlagen des Wärmeschutzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
2.5.2 Wärmeleitfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
2.5.3 Wärmedurchlasskoeffizient – Wärmedurchlasswiderstand . . . . . 76
2.5.4 Wärmeübergangswiderstand – Wärmedurchgangswiderstand . . . 76
2.5.5 Wärmedurchgangskoeffizient – U-Wert . . . . . . . . . . . . . . . . 77
2.6 Feuchteschutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
2.7 Schallschutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
2.8 Brandschutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85

3 Umweltschonende Baustoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
3.1 Ökologische Grundsätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
3.2 Natürliche und biologische Baustoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
3.3 Auswahl- und Bewertungskriterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
3.4 Bau- und Dämmstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
3.4.1 Ökologische Vorüberlegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
3.4.2 Künstliche Bausteine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
3.4.2.1 Gliederung und technische Grundsätze . . . . . . . . . . . 95
3.4.2.2 Ökologische Vorbetrachtungen . . . . . . . . . . . . . . . . 97
Inhaltsverzeichnis IX

3.4.2.3 Ziegel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
3.4.2.4 Kalksandstein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
3.4.2.5 Porenbetonstein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
3.4.3 Lehm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
3.4.4 Thermoziegel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
3.4.5 Holzbaustoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
3.4.6 Dämmstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
3.4.6.1 Begriff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
3.4.6.2 Ökologische Vorüberlegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
3.4.6.3 Wichtige technische und ökologische Parameter . . . . . . 118

4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125


4.1 Konstruktive Grundsätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
4.2 Dämmsysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
4.2.1 Wärmedämmverbundsystem (WDVS) . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
4.2.2 Aufdopplungssystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
4.2.3 Transparentes Wärmedämmverbundsystem (TWDS) . . . . . . . . 140
4.3 Rohbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
4.3.1 Konstruktive Vorbetrachtungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
4.3.2 Regelwerke in der Bauwerksabdichtung . . . . . . . . . . . . . . . . 146
4.3.2.1 Grundsätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
4.3.2.2 DIN 18533 – Abdichtung von erdberührten Bauteilen . . 146
4.3.3 Fundamente – Bodenplatten – Keller . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150
4.3.3.1 Fundamente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150
4.3.3.2 Bodenplatten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
4.3.3.3 Kellerdämmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
4.3.4 Fassaden – Außenwände – Innenwände . . . . . . . . . . . . . . . . 159
4.3.4.1 Fassaden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159
4.3.4.2 Außenwände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164
4.3.4.3 Innenwände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
4.3.5 Dächer und Dachgeschossausbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
4.3.5.1 Konstruktive Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . 175
4.3.5.2 Geneigte Dächer (Steildächer) . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
4.3.5.3 Dachgeschossdeckendämmung . . . . . . . . . . . . . . . . 183
4.3.5.4 Ausgebaute Dachgeschosse . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
4.3.5.5 Flachdächer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188
4.3.5.6 Umkehrdächer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
4.3.5.7 Gründächer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193
4.4 Ausbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198
4.4.1 Konstruktive Vorbetrachtungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198
4.4.2 Putzarbeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199
4.4.2.1 Außenputz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200
X Inhaltsverzeichnis

4.4.2.2 Innenputz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201


4.4.2.3 Sanierputz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202
4.4.3 Fenster und Türen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
4.4.3.1 Konstruktive Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . 205
4.4.3.2 Fenster U-Wert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207
4.4.3.3 Energiesparende Verglasung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210
4.4.3.4 Fensterrahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212
4.4.3.5 Fensterarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
4.4.3.6 Dichtheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214
4.4.3.7 Temporärer Wärmeschutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216
4.4.3.8 Sanierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220
4.4.4 Türen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221

5 Gesund bauen und wohnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229


5.1 Erfassung und Beurteilung gebäudebedingter Schadstoffe . . . . . . . . . 229
5.2 Erfassung und Beurteilung gebäudebedingter Erkrankungen . . . . . . . . 230
5.3 Schadstoffe im Haus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232
5.3.1 Physikalische Faktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232
5.3.2 Chemische Faktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
5.3.3 Stäube . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240
5.3.4 Biologische Faktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241
5.4 Untersuchungen vor Sanierungsbeginn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244
5.5 Gesunde Baustoffe – Beispiele und Probleme . . . . . . . . . . . . . . . . . 244
5.6 Umweltzeichen „Blauer Engel“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247

6 Energieeffizientes Bauen – Energetische Sanierung . . . . . . . . . . . . . . . 249


6.1 Konstruktive und wirtschaftliche Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
6.2 Vom Niedrigenergiehaus zum Effizienzhaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
6.3 Passivhaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
6.3.1 Begriff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
6.3.2 Grundkonzeption . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
6.3.3 Ökologie und Ökonomie des Passivhauses . . . . . . . . . . . . . . 257
6.3.4 Energiebilanz – Heizwärmekennwert . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258
6.3.5 Planungsgrundlage für Passivhäuser . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260
6.3.6 Materialien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263
6.3.7 Konstruktionsmerkmale zu PH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264
6.4 Effizienzhaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
6.5 Plusenergiehaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
6.6 Wintergärten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
6.7 Außenanlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273
Inhaltsverzeichnis XI

7 Erneuerbare Energien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279


7.1 Vorüberlegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279
7.2 Stand – Prognose – Einsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283
7.2.1 Stand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283
7.2.2 Prognose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285
7.2.3 Einsatz erneuerbarer Energien bei der ökologischen Sanierung . . 286
7.3 Begriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287
7.4 Solarenergie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289
7.4.1 Konstruktive Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289
7.4.2 Solarthermie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293
7.4.2.1 Konstruktive und organisatorische Grundlagen . . . . . . 293
7.4.2.2 Kollektoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294
7.4.2.3 Solaranlagen an Gebäuden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 298
7.4.2.4 Funktionsweise der Trinkwassererwärmung und der
Heizungsunterstützung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 300
7.5 Photovoltaik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303
7.5.1 Konstruktive und organische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . 303
7.5.2 Netzgekoppelte und autarke Photovoltaikanlagen . . . . . . . . . . 306
7.5.3 Solarzellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308
7.5.4 Solarmodule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310
7.5.5 Gebäudeintegration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 316
7.5.6 Neue Wege in der Solarstromerzeugung . . . . . . . . . . . . . . . . 323
7.6 Windenergie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326
7.7 Wasserkraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330
7.8 Nachwachsender Rohstoff Holz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331
7.9 Biomasse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 334
7.10 Geothermie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336
7.10.1 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336
7.10.2 Nutzungsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337
7.10.2.1 Oberflächennahe Geothermie . . . . . . . . . . . . . . . . . 337
7.10.2.2 Tiefengeothermie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339
7.10.2.3 Strom aus Geothermie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 340
7.10.2.4 Speichergeothermie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341

8 Atomkraft – Kernenergie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343

9 Abbruch – Abfall – Rückbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 345


9.1 Konstruktive Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 345
9.2 Prinzipien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347
9.3 Historischer Abriss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 350
9.4 Rechtliche Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352
9.5 Rückbau aus sanierungstechnologischer Sicht . . . . . . . . . . . . . . . . . 354
XII Inhaltsverzeichnis

9.5.1 Rückbaustufen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 358


9.6 Rückstandaufkommen – Rückfallverwertung . . . . . . . . . . . . . . . . . 358
9.6.1 Begriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 359
9.6.2 Arten von Baustoffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 359
9.6.2.1 Kreislaufführung von Baustoffen . . . . . . . . . . . . . . . 359
9.6.2.2 Verwertung von historischen Baustoffen . . . . . . . . . . 361
9.6.2.3 Baurestmassen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361
9.6.2.4 Bauschutt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363
9.6.2.5 Sperrmüll . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363
9.6.2.6 Sonderabfälle – Überwachungsbedürftige Abfälle . . . . 363
9.6.3 Verwertung von Bauabfällen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 364
9.6.4 Abfallverzeichnisverordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367

10 Artenschutz bei Sanierung und Umbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371


10.1 Artenschutz an Gebäuden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371
10.2 Baulicher Artenschutz bei Sanierung und Umbau . . . . . . . . . . . . . . . 371
10.2.1 Grundsätze baulichen Artenschutzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371
10.3 Rechtsgrundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 374
10.3.1 Vorsorgepflicht des Bauherrn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 374
10.3.2 Kosten – Risikoeinschätzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375
10.4 Vorgehensweise bei artenschutzgerechten
Sanierungs- und Umbauarbeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375
10.5 Merkmale und Bedürfnisse geschützter Tiere am Gebäude . . . . . . . . . 377
10.6 Artenschutzgerechte Gestaltung an ausgewählten Beispielen . . . . . . . . 384
10.7 Berücksichtigung der Denkmalpflege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 386

Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 391

Normen und gesetzliche Vorschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 393

Quellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 395

Sachverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 397
Bauen im Einklang mit der Natur
1

1.1 Einheit zwischen Baubiologie – Bauphysik – Ökologie

1.1.1 Modell des ökologischen Gleichgewichts

Wir finden unsere Natur gesund und gut, solange sie das Gleichgewicht hält, das sich
in Millionen Jahren eingependelt hat (Abb. 1.1). Dieses Gleichgewicht war keineswegs
immer vorhanden: Pflanzen und Tiere starben aus, andere Arten entwickelten sich. Die-
se Veränderungen wurden häufig durch Klimaverschiebungen bewirkt. Eiszeiten lösten
Warmzeiten ab. Nur – diese Veränderungen geschahen ohne Eingriff des Menschen. Das
hat sich geändert.
Beim Gleichgewicht denken wir an eine Waage (Abb. 1.2). Sie ist im Gleichgewicht,
wenn sich die beiden Gewichte auf den Waagschalen ausbalancieren. Erhöht man das Ge-
wicht auf einer Seite der Waage, wird die Waagschale unweigerlich nach unten gezogen.
Der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung ist klar erkennbar.
In unserer Umwelt sind die Gleichgewichte aber weitaus komplizierter. Das Modell
einer Waage ist nicht mehr anwendbar, denn hier hat eine Wirkung meistens mehrere
Ursachen. Vielleicht kann man einen solchen Zusammenhang noch am ehesten am Mo-
dell eines Mobiles darstellen. Hier sind unterschiedlichste kleine Massen über Hebelarme
zu einem ausgewogenen, sensiblen System miteinander verknüpft. Es reicht, ein kleines
Gewicht zu verändern, und das ganze Mobile beginnt, sich zu bewegen. Das Gleichge-
wicht ist gestört. Es dauert lange, bis sich ein neues Gleichgewicht einpendelt. Die erste
Schwierigkeit ist, herauszufinden, welches Gewicht sich verschoben hat, oder – auf unse-
re Umwelt bezogen – welcher Einfluss sich verändert hat. Haben sich mehrere Gewichte
gleichzeitig verschoben, so ist es kaum noch möglich, die Ursachen für das Ungleichge-

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 1
M. Stahr, Sanierung von baulichen Anlagen, https://doi.org/10.1007/978-3-658-20475-4_1
2 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Abb. 1.1 Ökologische


Sanierung und baulicher Um-
weltschutz im neuen Rahmen.
Ruhiger begrünter Innenhof.
Die alte Klinkerfassade wurde
gereinigt und Thermofenster
eingefügt. Im Treppenbereich
wurden die alten Sprossen-
fenster aufgefrischt. (Quelle:
Stadtentwicklung Leipzig)

Abb. 1.2 Umweltmodell –


Waage. (Quelle: YTONG,
Laußig)

wicht zu finden. Wieder auf unsere Umwelt bezogen: Wenn mehrere Faktoren gleichzeitig
einwirken, ist es sehr schwierig, den Zusammenhang zwischen Ursache und Auswir-
kung zu überblicken. Ein empfindliches System kann schnell außer Kontrolle geraten
(Abb. 1.3).
Für uns Menschen ist dieser komplizierte Zusammenhang zwischen Ursache und Wir-
kung häufig nicht sofort durchschaubar. Oft wird zu spät erkannt, dass bestimmte Stoffe,
die wir nutzen, unsere Umwelt langfristig schädigen.
1.1 Einheit zwischen Baubiologie – Bauphysik – Ökologie 3

Abb. 1.3 Umweltmodell –


Mobile. (Quelle: YTONG,
Laußig)

Daraus ist zu folgern:


Umweltbelastungen beim Bauen (und Wohnen) sind deutlich aufzuzeigen, um diese
Belastungen zu verhindern oder wenigstens auf ein Mindestmaß zu reduzieren.
Aus diesen theoretischen Betrachtungen ergeben sich für das Bauen und Wohnen Um-
welteinflüsse aus ganz verschiedenen Umweltbelastungen heraus (Abb. 1.4).

Abb. 1.4 Umweltbelastungen an verschiedenen Punkten des Bauprozesses; 1 Rohstoffabbau; 2 Pro-


duktion; 3 Verarbeitung; 4 Luftbelastung; 5 Bodenbelastung; 6 Umbau; 7 Abriss; 8 Recyceln;
9 Deponieren. (Quelle: YTONG, Laußig)
4 1 Bauen im Einklang mit der Natur

1.1.2 Wetter – Klima –Treibhauseffekt

1.1.2.1 Wetter – Klima


Wetter und Klima sind Teil unserer alltäglichen Erfahrungen und beeinflussen Mensch und
Natur auf vielfältige Weise. Bei der Analyse des Wetters richtet sich das Augenmerk der
Wissenschaftler auf die Temperatur der Luft in Bodennähe bzw. der Meeresoberfläche, auf
Meeresströmung, Strahlung. Niederschlag, Luft- und Bodenfeuchte sowie die Häufigkeit
und Stärke besonderer Wetterereignisse, wie z. B. Orkane, Fröste oder Dürren.
Mit dem Wetter werden also die wechselhaften Zustände der Atmosphäre beschrieben.
Stunden und Tage sind Zeiträume, in denen Temperatur, Luftdruck und Niederschläge
vorhergesagt werden können.
Klima hingegen ist der langfristige Mittelwert des Wettergeschehens einer Region über
einen längeren Zeitraum (Jahre, Jahrhunderte oder länger). Dazu gehören nicht nur die
mittleren Temperaturen und Niederschläge, sondern auch die Veränderlichkeit und die
Häufigkeit extremer Ereignisse. Das Klima ist von Ort zu Ort unterschiedlich – in den
Bergen anders als an der Küste, in polaren Zonen anders als in subtropischen Regionen.
Während man das Wetter nur wenige Tage im Voraus abschätzen kann, ist das groß-
räumige Klima und seine Veränderungen über große Zeiträume berechenbar. Über das
Klima der Erdgeschichte kann man beispielsweise über Messungen an Eisbohrkernen aus
der Arktis Rückschlüsse ziehen. Diese Erkenntnisse zeigen, dass das Klima sich in der
Erdgeschichte schon immer, teilweise dramatisch, verändert hat.
Das Klima der letzten 10.000 Jahre zeichnet sich durch besonders große Stabilität aus.
In dieser erdgeschichtlich kurzen Zeit haben sich der Mensch und seine Umwelt, wie wir
sie heute kennen, entwickelt.

1.1.2.2 Natürliche Treibhauseffekte


Klimaprobleme spielen in der öffentlichen Wahrnehmung schon immer eine große Rol-
le. Noch vor wenigen Jahrzehnten hatte man Sorgen vor einer neuen Eiszeit oder einem
nuklearen Winter. Neuere Prognosen sagen einen raschen Temperaturanstieg und damit
ebenfalls eine globale Gefährdung der Menschheit voraus. Begriffe wie „Treibhauseffekt“
oder „globale Erwärmung“ sind heute Allgemeingut geworden. Der Treibhauseffekt wur-
de bereits 1896 von dem schwedischen Wissenschaftler Arrhenius beschrieben. Lange
wurde er von der Öffentlichkeit ignoriert. Erst in den 1970er-Jahren begann eine ernsthaf-
te Diskussion.
Klima und Wetter werden vor allem durch folgende Faktoren beeinflusst:

1. Strahlenhaushalt der Erde:


 die relativ kurzwellige, teilweise sichtbare Sonnenstrahlung,
 die langwellige, infrarote Wärmestrahlung der Erdoberfläche. Diese Strahlung ist
für den Menschen nicht sichtbar.
2. Enge Wechselbeziehung zwischen Luft, Wasser und Erdoberfläche.
1.1 Einheit zwischen Baubiologie – Bauphysik – Ökologie 5

Sonne
Weltraum
107 W/m2
235 W/m2

Treibhauseffekt
342 W/m2 H2O CO2 CH4
N2O O3
350 W/m2
342 W/m2
Reflexion
168 W/m2 latente
Wärme

Atmosphäre Erde fühlbare


Wärme

Abb. 1.5 Natürlicher Treibhauseffekt. (Quelle: https://klima-kollekte.de/)

I Neben dem Klima sind neben dem atmosphärischen Wasserstoff Spurengase


von größter Wichtigkeit. Die folgende Reihung entspricht der Bedeutung der
Gase:

Wasserdampf H2 O
Kohlendioxid CO2
Ozon O3
Stickoxide N2 O
Methan CH4

Diese Spurengase kommen in der Erdatmosphäre zwar nur in geringen Konzentratio-


nen vor, für die langfristige Temperazurentwicklung und damit das Klima sind sie jedoch
von ausschlaggebender Bedeutung.
Diese Gase lassen die kurzwellige Sonneneinstrahlung ungehindert in Richtung Erd-
oberfläche durch. Sie mindern aber die von der Erdoberfläche in das Weltall abgegebene
Wärmestrahlung und verursachen dadurch eine Erwärmung der bodennahen Luftmassen.
In einem Treibhaus passiert prinzipiell dasselbe. Die Wirkung wird deshalb als Treibhaus-
effekt, exakter als natürlicher Treibhauseffekt bezeichnet (Abb. 1.5).
Ohne diese Gase in der Atmosphäre würde an der Erdoberfläche eine unwirtschaftliche
Durchschnittstemperatur von 18 °C herrschen. Der natürliche Treibhauseffekt bewirkt,
dass die heutige Durchschnittstemperatur in Bodennähe etwa C15 °C beträgt und bildet
somit eine Art Schutzschild für die Erde.

1.1.2.3 Anthropogene Treibhauseffekte


Ein anthropogener Treibhauseffekt ist ein zusätzlicher Treibhauseffekt, der ausschließlich
durch den Menschen verursacht wird. Vor allem die Industriestaaten sind für diesen zu-
sätzlichen Treibhauseffekt verantwortlich (Abb. 1.6).
6 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Abb. 1.6 Ursachen des zusätzlichen Treibhauseffektes. (Quelle: ILS Hamburg)

Ursächlich werden die Treibhausgase folgenden Bereichen zugeordnet:

 Energiebereich einschließlich Verkehrstechnik


 Chemische Industrie
 Tropische Regenwälder
 Landwirtschaft

Energiebereich einschließlich Verkehrstechnik


Der Anteil von rund 50 % der Treibhausgase ist auf die Nutzung der fossilen Energieträger
Kohle, Erdöl und Erdgas zurückzuführen. Davon sind

 rund 40 % CO2 und


 10 % energiebedingte Spurengase, insbesondere Methan und Ozon, das aufgrund von
Stickoxiden, Kohlenmonoxid und anderen flüchtigen organischen Verbindungen gebil-
det wird.

Chemische Industrie
Der Anteil von rund 20 % der Treibhausgase ist auf die Emission von flüchtigen Verbin-
dungen, Halogenen und anderen zurückzuführen.
1.1 Einheit zwischen Baubiologie – Bauphysik – Ökologie 7

Tropische Regenwälder
Die Vernichtung (Verbrennung/Verrottung) der tropischen Regenwälder verursacht einen
Anstieg von etwa 15 % der Treibhausgase, bestehend aus

 rund 10 % Kohlendioxid und


 rund 5 % Distickoxide, Kohlenmonoxide und Methan.

Landwirtschaft
Der Anteil von rund 15 % der Treibhausgase wird in erster Linie durch die Rinderhaltung
und den Reisanbau verursacht (bei beiden entsteht Methan). Außerdem werden durch
Düngung und durch Mülldeponien große Mengen Distickoxid und Kohlendioxid als
Hauptverursacher freigesetzt.

1.1.3 Begriffliche Erläuterung

Für die Bauwirtschaft ist es also an der Zeit, sensiblen Umgang mit der Natur zu zeigen
und Umweltschäden zu vermeiden oder stark einzugrenzen. Es geht also um die Einheit
zwischen Baubiologie, Bauphysik und Ökologie.
Das beginnt schon bei der Auswahl der Rohstoffe für die Baumaterialien, reicht über
die Produktion und den Bau selbst, bis hin zum Bewohnen und Recyceln.

I Baubiologie Die Baubiologie ist die Lehre von den ganzheitlichen Beziehun-
gen zwischen dem Menschen und der gebauten Umwelt. Die Baubiologie um-
fasst nicht ausschließlich biologische Baustoffe und ihre Wirkung, sondern auch
die Wirkung anorganischer Baustoffe wie Sand, Lehm, Beton.

Mit der „Baubiologie“ allein können nicht alle Einzelheiten der Umweltbelastungen
beim Bauen und während des gesunden Wohnens beschrieben werden.
Sanierungsmaßnahmen sollten sich nicht nur an der vorhandenen Bausubstanz sondern
auch an den biologischen Grundbedürfnissen der Nutzer orientieren (Abb. 1.7):

 Schutz vor Kälte, Nässe, Wind,


 Nahrungszubereitung,
 Sicherheit, Geborgenheit Rückzugsbereich,
 Leben in der Gemeinschaft.

Für eine baubiologische Bauweise gilt:

 für gute Austrocknung aller Bauteile sorgen und Neudurchfeuchtungen vermeiden,


 Eigenschaft der rundumschließenden Bauteile wie Luft- und Gasaustausch erhalten
oder herstellen,
8 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Abb. 1.7 Schutz und Geborgenheit im Einklang mit der Natur. (Quelle: Optigrün Krauchenwies)

 wärmedämmende Konstruktionen mit geringer Oberflächenwärmeleitfähigkeit ohne


Verlust der Diffusionsfähigkeit und Kapillarität anstreben,
 charakteristische Konstruktionen und Materialien erhalten bzw. ergänzen.

I Bauphysik Bauphysik ist nötig, um entsprechend ihrer Lehre den Zustand der
Stoffe, Wärmedämmung, Schall und Lüftung zu beschreiben.

Die Bauphysik ist nötig, um Wärmedämmung, Schall, Heizung und Lüftung zu be-
schreiben. Baubiologie und Bauphysik sind also keine Gegensätze. Sie ergänzen sich.
Auch chemische Vorgänge müssen bedacht werden, zum Beispiel:

 Fluorkohlenwasserstoffe wirken auf die Ozonhülle und


 Ausscheidungen von Schimmelpilzen können die Gesundheit beeinträchtigen.

Die Gesamtbelastung der Umwelt ist das Produkt von Art und Menge der Belastungen.
Beispiel einer gefährlichen Art von Belastung: Das Seveso-Dioxin ist schon in kleiner
Menge gefährlich.
Beispiel einer gefährlichen Menge einer Belastung: die Gülle von Haustieren, in ge-
ringer Menge ungefährlich; in großer Menge unter Missachtung der Gülleverordnung
ausgebracht, belastet sie jedoch das Grundwasser.

I Ökologie Umweltlehre, die die Wechselwirkungen zwischen Lebewesen und


Umwelt untersucht, wobei neben der Biologie auch zunehmend Wissenschaf-
ten wie Ökochemie, Ökotoxikologie und Geologie Bedeutung erlangen. Ökolo-
gisches Gleichgewicht ist zu definieren als „ungestörter Haushalt der Natur“.
1.1 Einheit zwischen Baubiologie – Bauphysik – Ökologie 9

Bauökologie
Ziele der Bauökologie sind:

 Schutz und Erhaltung von Leben und Gesundheit des Menschen,


 Schutz und Erhaltung von Tieren, Pflanzen, Ökosystemen als natürliche Existenz-
grundlage des Menschen,
 Schutz der natürlichen Ressourcen Boden, Wasser, Luft und Klima für vielfältige Nut-
zungsansprüche des Menschen,
 Schutz und Erhaltung von Sachgütern als kulturelle und wirtschaftliche Werte des Ein-
zelnen und der Gemeinschaft.

Was bedeutet Bauökologie für die Praxis? Zunächst geht es um eine gesundheitsver-
trägliche Art des Bauens hinsichtlich der Baustoffe, Konstruktionen und Haustechnik.
Diese rein biologische Sichtweise betrifft nur einen Teil der durch das Bauen verursachten
Eingriffe in die Umwelt. Eine umfassende Betrachtungsweise ist jedoch erforderlich:

 der Eingriff in den Naturhaushalt durch Rohstoffgewinnung für Baustoffe und techni-
sche Ausrüstungen,
 die Belastungen durch die Produktion,
 Auswirkungen der Verarbeitung,
 Folgen der Nutzung nicht nur für die Bewohner, sondern auch für Klima, Luft, Boden
und Wasser durch Emissionen von Heizungsabgasen oder Kühlaggregaten und schließ-
lich
 die Betrachtung der Verwertung aller Konstruktionen und Baustoffe nach Ablauf der
Nutzung.

1.1.4 Chronologie der Entwicklung von Regeln zum baulichen


Umweltschutz

Seit Jahrtausenden greifen die Menschen bewusst oder unbewusst in das natürliche
Gleichgewicht der Umwelt ein. Die Folgen sind immer deutlicher zu sehen, denn dieses
empfindliche System wird mehr und mehr gestört. Nicht immer kann man Ursache und
Wirkung auf Anhieb durchschauen und oft werden sie auch zu spät erkannt. Dennoch
waren sich die Menschen der Umweltschädigung häufig bewusst, wie die Abb. 1.8 und
die Chronologie zeigen.
10 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Abb. 1.8 Umweltschutz – ein Thema seit 750 Jahren. (Quelle: Remmers Löningen)
1.1 Einheit zwischen Baubiologie – Bauphysik – Ökologie 11

Ca. 500 Holzschutz mittels insektenwidriger Öle (Nardenöl)


v. Chr.
Ca. 100 Holzschutz mit Erdpech oder Naturbitumen (z. B. für Schiffe)
v. Chr.
1240 Edikt Friedrich II. über die Reinhaltung der Luft, der Gewässer und des Bodens
1273 Gesetz gegen die Verwendung von Steinkohle in London
1306 Hinrichtung eines Schmiedes in London wegen Verwendung von Steinkohle
1340 Verbot der Verwendung von Steinkohle zum Schmieden in Zwickau
1464 Schließung einer Kupfer- und Bleihütte in Köln wegen Luftverunreinigung
Ca. 1500Mittelalterliche Holzbauten, bis heute erhalten; konstruktiver Holzschutz sowie Re-
zepturen auf Arsen- und Kupferbasis
1550 Einbau von Rauch- und Flugstaubkammern in den Metallhütten Joachimsthal
1627 Corpus Juris Civillis Justinianei: Aerum corrumpere non licet – es ist verboten, die
Luft zu verunreinigen
1832 Holzschutzmittel Sublimat (erste Patentanmeldung)
1903 Holzschutz mit Fluorsalzen, Chrom als Fixierungsmittel
1932 Seitdem man der Verwitterung von Bausteinen Beachtung geschenkt hat, ist man auf
die wirkliche oder vermeintliche schädliche Wirkung der Rauchgase als Sündenbock
gekommen. Von der riesigen Menge dessen, was auch ohne Rauchgase zugrunde ge-
gangen ist, wird meist nicht gesprochen
1938 Holzschutzmitteleinbringung mittels Kesseldruckimprägnierung (Patent England),
Einbringung von Steinkohlenteerpech (Industriebereich und Eisenbahnschwellen);
Holzschutz mit Zinkchlorid (Patent)
Ab 1940 Holzschutz mit chlorierten Kohlenwasserstoffen (DDT) als technisches Abfallprodukt
militärischer Kampfstoffe
Ab 1960 Einführung von PCP auf dem Holzschutzmittelmarkt, vermehrter Verkauf von Holz-
schutzmitteln an Heimwerker
1972 Brundtland-Report
Vereinbarkeit zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit, 1972 United Nations Confe-
rence on the Human Environment in Stockholm. Seit 1987 ist der Brundtland-Report
der von den Vereinten Nationen veröffentlichte Bericht der „Weltkommission über
Umwelt und Entwicklung“
1977 Die Behauptung, dass Naturbausteine durch schwefeldioxidische Abgase chemisch
zerstört würden und bis zur völligen Unkenntlichkeit zerfallen, basiert auf Trugschlüs-
sen und falschen Vorstellungen (Beyer 1977)
Ab 1985 Öffentliche Diskussion über Verbot/Einschränkung zahlreicher belastender Baustoffe
1993 Chemikalienverbotsverordnung
1995 Gefahrstoffe: Neufassung der TRGS 900 (Grenzwerte in der Luft am Arbeitsplatz)
und der TRGS 905 (Verzeichnis krebserzeugender, erbgutverändernder oder fortpflan-
zungsgefährdender Stoffe; u. a. Festlegung des Kanzerogenitätsindexes für natürliche
und künstliche Mineralfasern); Aufbau von Gefahrstoff- und Baustoffinformationssys-
temen
Die III. Wärmeschutzverordnung reduziert die Emission und reguliert den Energie-
haushalt
12 1 Bauen im Einklang mit der Natur

1998 Die Heizungsanlagenverordnung (HeiAnV) regelt die energiesparenden An-


forderungen an BWW- und Heizanlagen (> 4 kWp), Förderung von NT- und
Brennwertanlagen, Kessel mit CE-Zeichen, Dämmung von Rohrleitungen und Ar-
maturen (0,035 W/mK; Dämmdicke ca. Nennweite); raumweise Temperaturregelung;
Brauchwassertemperatur im Rohrnetz max. 60 °C
2002 Mit der Einführung der Energieeinsparverordnung (EnEV 2002) werden energiespa-
render Wärmeschutz, Anforderungen an heizungs- und raumlufttechnische Anlagen,
Verteilung der Betriebskosten und Sonderregelungen für bestehende Gebäude neu
geregelt und die III. Wärmeschutzverordnung 1995 ersetzt
2002 Die Europäische Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz legt u. a. die Einführung
des Energiepasses fest (in Deutschland 04.01.2006)
2007 Die EnEV 2007 verschärft noch einmal die Anforderungen der EnEV 2002
2016 Zweite Verordnung zur Änderung der EnEV vom 18.11.2013
Ergänzungen EnEV 20016: Bis 2020 sind nationale Energieeffizienzpläne aufzustel-
len, die konkrete Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz und Senkung des
Energiebedarfs enthalten. Angesprochen sind alle Endverbraucher aber auch Dienst-
leister und insbesondere der öffentliche Sektor

1.2 Nachhaltigkeit – nachhaltiges Bauen

Nachhaltigkeit ist ein Handlungsprinzip zur Ressourcennutzung, bei denen die Bewahrung
der wesentlichsten Eigenschaften, der Stabilität und der natürlichen Regenerationsfähig-
keit des jeweiligen Systems im Vordergrund stehen.

1.2.1 Begriff und Aufgabe

Die Bezeichnung hat eine komplexe und facettenreiche Begriffsgeschichte. Das Wort
„Nachhaltigkeit“ stammt aus dem Verb „nachhalten“ mit der Bedeutung „längere Zeit
andauern oder bleiben“.
Heutzutage sind im Wesentlichen drei Bedeutungen zu unterscheiden (Rödel):

1. die ursprüngliche Bedeutung einer längere Zeit anhaltenden Wirkung,


2. die besondere forstwissenschaftliche Bedeutung nach dem Prinzip, dass nicht mehr
Holz gefällt werden darf, als nachwachsen kann,
3. die moderne, umfassende Bedeutung im Sinne eines Projekts, nach dem nicht mehr
verbraucht werden darf, als jemals nachwachen, sich regenerieren oder künftig wieder
bereitgestellt werden kann.

Eine erstmalige Verwendung der Bezeichnung Nachhaltigkeit in der deutschen Spra-


che ist bei Hans Carl von Carlowitz in seinem Werk Silvicultura oeconomica von 1713
nachgewiesen.
1.2 Nachhaltigkeit – nachhaltiges Bauen 13

Abb. 1.9 Zusammenhang


zwischen Ökologie – Ökono-
mie – Sozialem. (Quelle: ILS
Hamburg)

Der Begriff der Nachhaltigkeit gilt seit einigen Jahren als Leitbild für eine zukunfts-
fähige Entwicklung („sustainable development“) der Menschheit.
Er wird im Deutschen zumeist mit „nachhaltiger Entwicklung“ übersetzt. Weitere
Übersetzungen, die in der Literatur verwendet werden, sind dauerhafte umweltge-
rechte Entwicklung, umweltgerechte Entwicklung, ökologisch-dauerhafte Entwicklung,
zukunftsverträgliche Entwicklung, nachhaltige zukunftsverträgliche Entwicklung und
zukunftsfähige Entwicklung (Abb. 1.9).
In Deutschland wird insbesondere durch die Agenda 21 und die lokale Agenda 21 zur
Lösung gegenwärtiger und zukünftiger Umweltprobleme auf das Prinzip der Nachhaltig-
keit gesetzt.
Allerdings hat es einige Jahre intensiver Vorarbeit bedurft, um sich auf dieses Leit-
bild weltweit zu verständigen. Noch schwieriger erscheint es, die daraus erwachsenden
Anforderungen zu konkretisieren und diesen gerecht zu werden. Künftig soll sich also al-
les Wirtschaften unter Berücksichtigung ökonomischer und sozialer Dimensionen an den
Grenzen der Tragfähigkeit des Naturhaushalts orientieren.
Etwas ausführlicher kann man die „Nachhaltige Entwicklung“ als ein Leitbild ansehen,
mit dem ein Ziel erreicht werden soll. Dieses Ziel lautet:

Nachhaltig ist die Entwicklung dann, so der Brundtland-Report, „wenn sie den Bedürfnis-
sen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu
gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“ (Be-
richt der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen, 1987)

1.2.2 Nachhaltigkeit in der Bautechnik

Verschiedene Kulturen haben den Gedanken der Haltbarkeit in der Architektur angewandt.
Zum einen mit dem Grundgedanken einer reinen Zweckmäßigkeit und zum anderen, um
den Denkmalscharakter zu bewahren.
14 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Abb. 1.10 Mauer des Palastes des Inca Roca. Die Mauer hat auch nach über 800 Jahren ih-
re Struktur erhalten, obwohl die Anordnung der Natursteine ohne Bindemittel erfolgte. (Quelle:
http://org/wiki/Nachhaltigkeit)

Abb. 1.11 Gewölbekonstruktion in der Leipziger Paulinerkirche. Die Gewölbekonstruktion in der


neu wieder errichteten Kirche der Universität Leipzig 2017 wurden die Gewölbe aus Kunststoff den
ursprünglichen mittelalterlichen Ziegelgewölbe detailgetreu nachgebildet
1.2 Nachhaltigkeit – nachhaltiges Bauen 15

Die Gebäude wurden so konstruiert, dass ihre Funktion möglichst ohne Wartung er-
füllt und betrieben werden konnte, so dass nachfolgende Generationen lange davon noch
Nutzen hatten.
Heute werden auch neue Materialien entwickelt, wie beispielsweise ultrahochfester Be-
ton, und in Konstruktionen verarbeitet, um langlebige und witterungsbeständige Produkte
zu erzeugen. Im Sinne der Nachhaltigkeit wurden und werden in sich stabile Strukturen
errichtet, wie etwa Bogen und Gewölbekonstruktionen.
Diese strukturell beständige Bauweise ist auch in Erdbebengebieten durchaus von Vor-
teil und erklärt, warum beispielsweise römische Aquädukte teilweise heute noch funktio-
nieren.

1.2.3 Ziele und Anforderungskriterien an das nachhaltige Bauen

Um den Anforderungen an die Nachhaltigkeit von sanierten (neuen) Gebäuden umsetzen


zu können, haben sich in der Praxis folgende Kriterien als wirksam erwiesen:

 ökonomische Qualität (22,5 %),


 ökologische Qualität (22,5 %),
 soziokulturelle und funktionale Qualität (22,5 %),
 technische Qualität (22,5 %),
 Prozessqualität (10 %).

Dazu entwickelte die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) gemein-
sam mit dem Bundesministerium für Verkehr-, Bau – und Stadtentwicklung (BMVBS)
ein Bewertungssystem. Wenngleich das Bewertungssystem nur für Bundesgebäude gilt,
kann es dem Bauherrn aus unserer Erfahrung durchaus als Orientierung für Kosten-,
Material- und Personaleinsatz dienen. Das System wird ständig wissenschaftlich und aus-
führungstechnisch weiterentwickelt.
Nachhaltige Entwicklung („sustainable development“) ist seit dem „Erdgipfel“ 1992
in Rio de Janeiro, der größten Gipfelkonferenz des 20. Jahrhunderts, eine Idee, ein Ziel,
die/das mehr und mehr Eingang findet in die Köpfe und das Handeln der Menschen sowie
in die Verwaltungen, Betriebe usw. Auslöser ist die Erkenntnis, dass es in einer Welt mit
so viel Armut und so vielen Umweltschäden keine gesunde Gesellschaft oder Wirtschaft
geben kann. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung muss ihren Kurs än-
dern und mehr Rücksicht auf die Belange der Umwelt nehmen. Ziel ist, die Befriedigung
der menschlichen Grundbedürfnisse mit einer qualitativ hochwertigen Umwelt und einer
gesunden Wirtschaft für alle Menschen der Erde miteinander in Einklang zu bringen. Dies
kann keine Nation für sich allein tun – vielmehr ist eine weltweite Partnerschaft für eine
nachhaltige Entwicklung erforderlich.
16 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Beispiel
Während bei uns nachhaltige Forstwirtschaft zur Selbstverständlichkeit gehört, d. h. al-
le abgeholzten Flächen wieder aufgeforstet werden, ist die Sensibilität in Dritte-Welt-
Ländern für ein solches Gleichgewicht aufgrund ökonomischer und sozialer Notstände
verständlicherweise sehr gering ausgeprägt. Es ist die Aufgabe der Industrieländer, hier
Vorleistungen zu erbringen, um die erschreckende Entwicklung der letzten Jahrzehnte
umzukehren. Besondere Verantwortung ergibt sich daraus, dass in diesem Zusammen-
hang die CO2 -Problematik den Kern des Problems bildet und die industrialisierten Län-
der durch die Verbrennung fossiler Energieträger im Vergleich zu den Schwellen- und
Dritte-Welt-Ländern ein Vielfaches des Treibhauseffektes verursachen.
„Nachhaltige Entwicklung“ ist eine Entwicklung, die nicht auf Kosten kommender
Generationen stattfindet.

Tab. 1.1 Zusammenhang zwischen Ökologie – Ökonomie – Sozialem

Ökologie Ökonomie Soziokulturell


Nachhaltigkeit allgemein
„ Sparsamer und „ Ökonomische „ Schutz und Förderung
schonender Umgang mit Leistungsfähigkeit der menschlichen
natürliche Ressourcen „ Kapital/Werte Gesundheit
„ Effizienzsteigerung „ Senkung der „ Stärkung des sozialen
„ Reduzierung von Lebenszykluskosten Zusammenhangs
Schadstoffbelastungen „ Verringerung der „ Erhaltung der
„ Schutz der Schulden kulturellen Werte
Erdatmosphäre, des „ Verringerung des „ Chancengleichheit
Bodens, des Subventionsaufwands „ Sicherung von
Grundwassers und der „ Förderung einer Erwerbsfähigkeit und
Gewässer verantwortungsbewussten Arbeitsplätzen
„ Forderung nach einer Unternehmerschaft „ Armutsbekämpfung
umweltverträglichen „ Schaffung nachhaltiger „ Integration
Produktion und Konsumgewohnheiten „ Gleichberechtigung
Verwendung von „ Schaffung dynamischer „ Bildung/Ausbildung
Baumaterialen wirtschaftlicher „ Sicherheit
„ Optimierung des Rahmenbedingungen „ Lebenswertes Umfeld
Primärenergieaufwandes „ Berücksichtigung von
Anschaffung-, Folge -
und Rückbaukosten
„ Schutz der natürlichen „ Reduzierung der „ Bewahrung von
Ressourcen Lebenszykluskosten Gesundheit
„ Schutz des Ökosystems „ Verbesserung der „ Gewährleistung von
Wirtschaftlichkeit Funktionalität und
„ Erhalt von Kapital/Wert Sicherheit
„ Sicherung der
gestalterischen und
städtebaulichen
Qualität
„ Nutzerzufriedenheit
1.2 Nachhaltigkeit – nachhaltiges Bauen 17

1.2.4 Nachhaltiges Bauen

Nachhaltiges Bauen strebt für alle Phasen des Lebenszyklus von Gebäuden – von der
Planung, der Erstellung über die Nutzung und Erneuerung bis zum Rückbau – eine Mi-
nimierung des Verbrauchs von Energie und Ressourcen sowie eine möglichst geringe
Belastung des Naturhaushalts an.
Dies ist zu erreichen durch die Senkung des Energiebedarfs und des Verbrauchs an
Betriebsmitteln, die Vermeidung von Transportkosten von Baustoffen und -teilen, den
Einsatz wiederverwendbarer oder -verwertbarer Bauprodukte/Baustoffe, die Verlängerung
der Lebensdauer von Produkten und Baukonstruktionen, die gefahrlose Rückführung der
Stoffe in den natürlichen Stoffkreislauf, weitgehende Schonung von Naturräumen und
Nutzung von Möglichkeiten zu flächensparendem Bauen über die gesamte Prozesskette.
Durch frühzeitiges Beachten nachhaltiger Planungsansätze kann die Gesamtwirtschaft-
lichkeit von Gebäuden (Bau-, Betriebs-, Nutzungs-, Umwelt- und Gesundheitskosten)
erheblich verbessert werden. Bei der Bewertung der Wirtschaftlichkeit ist nicht nur die
Gesamtwirtschaftlichkeit des Vorhabens sicherzustellen, sondern jeder einzelne Planungs-
schritt ist für sich nach § 7 BHO1 auf Wirtschaftlichkeit zu hinterfragen.
Dazu ist es erforderlich, dass das Planungsteam, bestehend aus den verschiedenen
Fachdisziplinen, unter der Federführung des für die Gesamtkoordination verantwortlichen
Planers im Hinblick auf Nachhaltigkeit eng zusammenarbeitet und Nutzer und Betreiber
in die Planungsphase mit einbezogen werden.
Im Rahmen der Qualitätssicherung sollen die Ergebnisse der Baudurchführung und des
Betriebes an den Vorgaben der Planung gemessen, dokumentiert und bewertet (Monito-
ring) werden.
Die Beeinflussung der Kosten einer Maßnahme ist zu Beginn am größten. In hohem
Maße kostenwirksame Entscheidungen werden bereits bei der Programmdefinition und
in der ersten Konzeptphase getroffen. Dies gilt auch für damit einhergehende Umwelt-
beeinträchtigungen. Fragen z. B. nach der Erschließung sowie nach planungsrechtlichen,
funktionalen, städtebaulichen, architektonischen und bauordnungsrechtlichen Belangen
(insbesondere Stand- und Brandsicherheit) müssen bereits in der Vorplanung und im Zu-
ge von Architektur- und Ingenieurwettbewerben in der Gesamtheit erfasst und im Sinne
der Nachhaltigkeit optimiert werden.
Nachhaltiges Planen erfordert auch die gleichberechtigte Berücksichtigung der sozia-
len und kulturellen Auswirkungen des Bauvorhabens. Neben der städtebaulichen bzw.
landschaftsräumlichen Integration haben funktionale, gestalterische und denkmalpflegeri-
sche Aspekte maßgebliches Gewicht.
Gebäude werden üblicherweise über lange Zeiträume (durchschnittlich 50–100 Jahre)
genutzt. Die zeitlichen Maßstäbe, die im Rahmen ökologischer und ökonomischer Bewer-
tungen anzulegen sind, sollten sich daran orientieren.

1
BHO D Bundeshaushaltsordnung; § 7 D Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit, Kosten und Leis-
tungsrechnung.
18 1 Bauen im Einklang mit der Natur

I Schlussfolgerung Nachhaltiges Bauen kann nicht nach einem feststehenden


Konzept erfolgen, vielmehr erfordert das einzelne Vorhaben ein spezifisches
Konzept oder Teilkonzepte mit unterschiedlichen Lösungsansätzen, Alternati-
ven und Maßnahmen.

1.3 Ökologische Baugestaltung – Anforderungen und Kriterien

1.3.1 Energie und Umwelt

1994 formulierte das Bundesumweltministerium in einem Bericht eine auch heute noch
aktuelle Aussage:
„Der Mensch ist als Teil der Schöpfung eingebunden in die ihn umgebende Natur,
für deren Schutz und Erhalt er ebenso Verantwortung trägt wie für sich und seine Mit-
menschen.“
Diese Anforderung gilt ganz besonders für das ökologische Bauen:

 Menschen in zivilisierten Ländern halten sich 80–90 % der Zeit in Innenräumen auf
und sind den gesundheitlichen Auswirkungen des Gebäudes ausgesetzt.
 Die Bauindustrie verarbeitet hinsichtlich des Volumens den größten Teil an Produkten,
neben den klassischen mineralischen und pflanzlichen Baustoffen werden zunehmend
petrochemische Substanzen verarbeitet.
 Bauen ist ein Eingriff in die Natur, sei es durch Landverbrauch oder durch die Nutzung
von Ressourcen wie Rohstoffen, Wasser und Luft.
 In einem so dicht besiedelten Land wie der Bundesrepublik hat der sorgsame Umgang
mit unserer Umwelt einen besonders hohen Stellenwert.

1.3.2 Ökobilanzen – wichtige Prüfsteine für nachhaltiges Bauen

Denken und Handeln in Lebenszyklen sind die Basis für nachhaltiges Bauen. Je energieef-
fizienter ein Gebäude ist, und je weniger Energie es in der Nutzung verbraucht, desto mehr
gewinnt die Konstruktion, die Wahl des Materials und die Verarbeitung an Bedeutung.
Planer, Architekten und Bauherren, die ein Gebäude nachhaltig sanieren wollen, haben
einen gewaltigen Aufgabenkomplex vor sich:

 Wie viel Primärenergie ist in dem Gebäude enthalten?


 Wie recyclinggerecht sind die vorhandenen und geplanten Materialien?
 Wie groß ist der CO2 -Ausstoß?
 Sind die Umweltauswirkungen über den gesamten Lebenszyklus berücksichtigt und
dargestellt?
 Wann zahlt sich die Entscheidung für eine ökologische Lösung aus?
 Sind Vergleiche mit anderen Varianten berücksichtigt worden?
1.3 Ökologische Baugestaltung – Anforderungen und Kriterien 19

Abb. 1.12 Ökobilanz als Bewertungsgrundlage Produkte. (Quelle: Institut Bauen und Umwelt Ber-
lin)

I Ökobilanz Die Ökobilanz ist die Zusammenstellung der Input – und Output-
flüsse und der partiellen Umweltwirkungen eines Produktsystems im Verlaufe
seines Lebensweges (Definition nach DIN ISO 14040).

Jedes Gebäude ist einzigartig und bedarf einer individuellen Analyse, um die Umwelt-
auswirkungen und Nachhaltigkeitsleistungen darzustellen und Optimierungspotenziale zu
identifizieren.
Eine Gebäude-Ökobilanz liefert dafür nicht nur die notwendigen Informationen, son-
dern ist auch ein wichtiger Bestandteil der Nachhaltigkeitszertifizierung eines Gebäudes
durch das DGNB-Zertifikat (Abb. 1.12).
Die Ökobilanz untersucht Umweltaspekte und potenzielle Umweltauswirkungen im
Verlauf des Lebensweges eines Produkts unter besonderer Berücksichtigung folgender
allgemeiner Kriterien:

 Nutzung von Ressourcen,


 menschliche Gesundheit,
 ökologische Auswirkungen.
20 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Abb. 1.13 Zellulosedämmung


– ein Produkt aus nachwach-
sendem Rohstoff

Sie betrachtet den kompletten Lebensweg eines Produktes – angefangen bei der Roh-
stoffgewinnung und -erzeugung, der Energieerzeugung bei der Materialherstellung und in
der konkreten Anwendung, aber auch bei der Abfallbehandlung und letztendlich -beseiti-
gung (Abb. 1.13).

1.3.3 Kriterien für ökologisches Bauen

Der Schutz der Umwelt ist Voraussetzung für gesundes Bauen. Ökologisches Bauen be-
inhaltet sowohl die Sorge für die Gesundheit des Einzelnen (baubiologische Aspekte) als
auch für die Gemeinschaft. Nur wenn auf breiter Ebene umweltschonende Maßnahmen
getroffen werden, kann unsere Umwelt entlastet werden.

Landschaftsverbrauch
Das Neuerrichten von Gebäuden bringt zwangsläufig Landschaftsverbrauch mit sich. Von
1991 bis 1995 gingen täglich 153 ha landwirtschaftliche Fläche verloren, die „verbrauch-
te“ Fläche der alten Länder der Bundesrepublik betrug 12,5 %, davon 6,2 % Gebäudeflä-
chen und 4,9 % Verkehrsflächen.
Zur Eindämmung des Landschaftsverbrauchs und zur Erhaltung möglichst naturnaher
Landschaft sind folgende Grundsätze hilfreich (nach Darup).

 Erhaltung, Sicherung und möglichst Aufwertung von gegebener Umweltqualität,


 Behebung von Umweltschäden,
 Renaturierung,
 Schaffung von großräumigen Freiraum- und Biotopverbundsystemen, die auch städti-
sche Gebiete überspannen,
1.3 Ökologische Baugestaltung – Anforderungen und Kriterien 21

 erhaltensorientierte Flächennutzung, besonders in Räumen mit hohem Umweltpoten-


zial,
 sorgfältige Prüfung von neuen Nutzungen unter ernsthafter Anwendung der UVP,
 flächensparende Flächennutzungs- und Bebauungsplanung,
 Abstimmung von regionalen und kommunalen Interessen unter der Prämisse der Land-
schaftsewahrung und nachhaltigen Sicherung der Umweltpotenziale,
 Weiterentwicklung von dezentralen Raum- und Siedlungsstrukturen mit dem Ziel von
dezentraler Konzentration und Vermeidung von Zersiedelung,
 flächensparende Objektplanung,
 Umweltqualität als Standortfaktor.

Klima, Luft, Energie


In einer menschheitsgeschichtlich extrem kurzen Spanne fand seit der industriellen Revo-
lution eine exorbitante Entwicklung im Wirtschaftsbereich und hinsichtlich des Bevölke-
rungswachstums statt, die nur durch die Nutzung fossiler Energieträger möglich war.
Nachdem über Jahrzehnte Schwefeldioxid als Leitwert für Luftbelastungen galt, ver-
lagerte sich die Diskussion in den letzten Jahren zunehmend zu einer Gesamtbetrachtung
der Klimasituation der Erde, bei der die CO2 -Belastung die zentrale Rolle einnimmt.

Treibhauseffekt
Der Begegnung der anthropogenen Klimabeeinflussung fällt in den nächsten Jahrzehnten
eine zentrale Rolle zu. Der atmosphärische CO2 -Gehalt betrug in den letzten 250.000 Jah-
ren im Wechsel von Eiszeiten und Warmzeiten ca. 220 ppmv zu 280 ppmv. Durch mensch-
liche Einflüsse stieg der letztgenannte Wert in den letzten 100 Jahren um 30 %. Neben dem
Kohlendioxid fördern weitere Gase wie Methan, Stickstoffoxid, halogenierte Kohlenwas-
serstoffe den Treibhauseffekt. Die Gase schirmen wie das Glas eines Treibhauses von der
Erdoberfläche ausgestrahlte Wärme ab und erzeugen dadurch eine Temperaturerhöhung
auf der Erde.

Tab. 1.2 Flächennutzung in Deutschland 2017


Flächennutzung Anteil %
Landwirtschaftsfläche 54,7
Siedlungs- und Verkehrsfläche 11,3
Waldfläche 29,2
Wasserfläche 2,2
Sonstige Flächen 2,6
Gesamtfläche 35.697.000 ha
22 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Luftreinhaltung
Im Bereich der Luftreinhaltung wurden in den letzten 15 Jahren deutliche Erfolge er-
zielt. Die Belastung durch Schwefeldioxid hat an Bedeutung verloren. Bewirkt wurde
dies durch zahlreiche Maßnahmen, wobei die wesentlichen Einflüsse

 die umfassende Rauchgasentschwefelung bei Verbrennungsprozessen vor allem im


Kraftwerksbereich und
 der Zusammenbruch vieler Wirtschaftszweige und Ersatz von Braunkohlefeuerung
durch Erdgas in den vielen Ländern ab 1989 waren.

Vergleichbares gilt für Staubemissionen und in eingeschränkter Form für Kohlenmon-


oxid.

Wasser
In den 1950er- und 1960er-Jahren wurden die Oberflächengewässer der Bundesrepublik
durch Einleitung von Schadstoffen in katastrophalem Umfang verunreinigt. Der Bau von
Kläranlagen und Kanalisation (für 90 % aller Einwohner) und die Umsetzung verschiede-
ner Gesetze in den 1970er-Jahren (Waschmittelgesetz, Wasserhaushaltgesetz, Abwasser-
abgabengesetz) führten zu einer Verbesserung der Belastungswerte. Der Sauerstoffhaus-
halt in den Flüssen hat sich weitgehend erholt. Hauptschadstoffe sind heute Ammonium-
nitrate, Nitrite, Schwermetalle und chlorierte Kohlenwasserstoffe.
Die Versiegelung von Landschaft mit der Folge von erhöhtem und unverzagterem Was-
serabfluss und die Überlastung von Kläranlagen sind verursacht durch Baumaßnahmen im
Hoch- und Tiefbaubereich.
Grundwasserabsenkung durch Erschließungs- und Baumaßnahmen soll verhindert und
Kanäle sollten dicht ausgeführt werden. Nicht nur um den Austritt von belastetem Ab-
flusswasser zu verhindern, sondern auch, um das Eindringen von Grundwasser in das
Kanalsystem auszuschließen.

Boden
Der Boden ist die Grundlage des Lebens. Die Flora und mithin auch die Fauna sind auf
gesunden Boden und ein funktionierendes Kreislaufsystem der Stoffe angewiesen.

Tab. 1.3 Versiegelungsgrade 2017


Bebauung Versieglungsgrad (in %)
Parks und Friedhöfe 10–20
Einfamilienhaussiedlungsgebiete 30–50
Wohngebiete der 1950er-Jahre mit aufgelockerter Zeilenbebauung 40
Industrie- und Gewerbegebiete 60–90
Altbauquartiere mit Blockbebauung 80
Verkehrsflächen 70–100
1.4 Energiesparendes Bauen und Sanieren 23

Die Schädigung des Bodens kann auf vielfältige Art erfolgen:

 Schadstoffeintrag aus Luft und Wasser wie Schwefeldioxid, Stickstoffoxide und Am-
moniak tragen vor allem zur Bodenversauerung bei; Schwermetalle gelangen vor allem
in der näheren Umgebung von Industrieanlagen und Verkehrswegen in den Boden;
 Landwirtschaft (Pestizide, Düngemittel/Nitrat);
 Altlasten;
 Erosion als Folge intensiver Bewirtschaftung durch Land- und Forstwirtschaft, Touris-
mus;
 Rohstoffausbeutung;
 Bebauung von Boden;
 Versiegelung.

Seitens des Umweltbundesministeriums wurde ein Bundes-Bodenschutzgesetz (vom


17.03.1998, geändert 03.10.2017) fertiggestellt. Zweck des Gesetzes ist es,

 den Boden in seiner Funktionsvielfalt zu erhalten,


 Vorsorge gegen schädliche Veränderungen zu treffen,
 schädliche Bodenveränderungen abzuwehren,
 eingetretene Schäden zu beseitigen und ihre Auswirkungen auf den Menschen und die
Umwelt zu verhindern.

1.4 Energiesparendes Bauen und Sanieren

1.4.1 Sachverständigengutachten – Voraussetzung für energetische


Sanierung

Ein verantwortungsbewusster Bauherr bemüht vor einer Sanierung einen kompetenten


Gutachter, der auf sein Objekt spezialisiert ist, also auf Ein- oder Zweifamilienhäuser
oder auf denkmalsgeschützte Gebäude. Der Gurtachter sollte firmen- und produktneutral
arbeiten, denn jedes Haus ist ein komplexes bauphysikalisches Gefüge und muss indivi-
duell vor Ort untersucht werden.
Veränderungen an einzelnen Bauelementen wirken sich immer auf das gesamte Ob-
jekt aus. Durch falsche Sanierung hat sich mancher Bauherr schon teure Bauschäden erst
herbeigeholt.
Voraussetzung für eine auf das konkrete Objekt abgestimmte Sanierung ist immer ein
fundiertes Energie- und Sanierungsgutachten.
Das Gutachten muss grundlegende Informationen zu folgenden Themen enthalten:

 Gesetzliche Grundlagen (z. B. EnEV)


 Bauliche Voraussetzungen
24 1 Bauen im Einklang mit der Natur

 Qualitätssicherung
 Kosten und Wertsteigerung
 Wirtschaftlichkeitsnachweis
 Energieeinsparung und Bautenschutz
 Denkmalschutz
 Fördermöglichkeiten
 Gesundheitsschutz

Ausgestattet mit detaillierten Vorgaben zu den nötigen Maßnahmen und verträglichen


Baustoffen kann der Bauherr die Sanierung statarisch angehen, einzelne Positionen bei
örtlichen Handwerk anschreiben und die Baumaßnahme gegebenenfalls in technisch kon-
struktiver Reihenfolge und im finanziell überschaubaren Rahmen absolvieren.

1.4.2 Energieeinsparung – Verlust oder Gewinn?

Energieeinsparung – ist das nicht ein Verlust auf Komfort?


Mitunter kann man den Eindruck gewinnen, besonders im Ergebnis der aller Jahre
stattfindenden, aber kaum noch beachteten Klimakonferenzen.
Wenn die dort aber getroffenen Beschlüsse weltweit umgesetzt würden, ist die Ener-
gieeinsparung, besser Energieeffizienz, ein unverzichtbarer Beitrag zu höherem Komfort,
größerer Wohnbehaglichkeit und zur Qualitätssteigerung der Werterhaltung. Denn:

 Die Sanierung eines Altbaus oder auch eines denkmalgeschützten Gebäudes (eines
Neubaus sowieso) nach dem Prinzip der Energieeffizienz vermeidet unweigerlich be-
nötigte Emissionen des Klimakillers CO2 und schont die immer knapper werdenden
Vorräte an Erdöl und Erdgas.
 Die Planung energiesparender Maßnahmen verursachen kaum noch Mehrkosten.
Umso höher aber ist die daraus resultierende Einsparung der Betriebskosten für Wär-
me, Warmwasser und Strom.

1.4.3 Energieerzeugung und -verwendung

Die kontrollierte Nutzung des Feuers war ein wesentlicher Entwicklungsschritt der
Menschheit, der erst spät in der Entwicklungsgeschichte vor etwa 500.000 Jahren voll-
zogen wurde. Als Brennstoff kamen vegetabile und tierische Stoffe infrage. Der Einsatz
erfolgte zum Kochen von Mahlzeiten und zur Erwärmung bzw. Heizung. Es ist davon
auszugehen, dass bei Bewohnern von Höhlen und Hütten die Abgase zu starker ge-
sundheitlicher Belastung führten. Technische Einrichtungen für die gezielte Verwendung
von Feuer zu Heizzwecken in Feuerstätten mit Ableitung des Abgases fanden in vielen
Kulturen erst sehr spät Anwendung.
1.4 Energiesparendes Bauen und Sanieren 25

Die letzten 150 Jahre sind geprägt durch die hemmungslose Ausnutzung fossiler Ener-
gieträger. Billigste Beschaffungsmöglichkeit für Heizöl führte im Gebäudebereich vor
allem in den 1960er-Jahren zur Vernachlässigung des baulichen Wärmeschutzes. Nach
der Ölkrise 1973 entstanden aufgrund gestiegener Ölpreise energiebewusstes Denken und
Überlegungen zur Energieeinsparung.

1.4.4 Kriterien für energiesparendes Bauen

Wenngleich die nachfolgend aufgezeigten Kriterien (noch) nicht genormt oder einheit-
lich in den Bundesländern festgelegt sind, sind sie unverzichtbare Gestaltungsmerkmale
energiesparenden Bauens und Sanierens (Abb. 1.14).
Die Orientierung eines Gebäudes zur Sonneneinstrahlung führt bei südlich ausgerich-
tetem und trichterförmig geöffnetem Grundriss zu einem bedeutenden Energiegewinn
(Abb. 1.15). Um zu verhindern, dass an kalten Tagen oder nachts die gewonnene und
gespeicherte Sonnenenergie wieder verloren geht, sind diese Südflächen voll mit Wärme-
funktionsglas zu verglasen oder durch Läden zu schützen.
Der klimaverbesserte Außenbereich wirkt sich positiv auf die ökologische Bilanz ei-
nes Gebäudes aus. Die gärtnerische Gestaltung der Grundstücksfläche kann Lebensräume

1–700 v. Chr. Nutzung der Windkraft in Mesopotamien zur Bewässerung


Römisches Reich Erste Zentralheizung: Hypokaustenbeheizunga als zentrale Heizanlage
600 n. Chr. Erste urkundlich erwähnte Windmühle in Persien
Mitteleuropa bis Offenes Feuer mit oder ohne Abzug, offenes Herdfeuer
10. Jh.
Mitteleuropa ab Geschlossene Feuerstätten aus Steinen oder Lehm mit Rauchgasabführung
10. Jh. durch einen Kamin
Mitteleuropa ab Einsatz von Windmühlen im westlichen Europa
10. Jh.
12. Jh. Steinluftheizung (Hypokausten ähnlich)
14. Jh. Kachelöfen
Mittelalter Gewerbezentren vor allem an Flussläufen, Nutzung von Wasserkraft
17. Jh. Eiserne Öfen
Ab 17. Jh. Beginn des Steinkohlebergbaus, von England ausgehend
Bis in das 18. Jh. Holz ist wichtigster Brennstoff
17./18. Jh. 200.000 Windmühlen in Europa in Betrieb
18. Jh. Ofen-Luft-Heizung (gemauerter Ofen im Keller)
Mitte 18. Jh. Dampfheizung (England); Warmwasserheizung (Frankreich)
19. Jh. Zunehmender Einsatz von Kohle für Heizungszwecke
1839 Entdeckung des photovoltaischen Effekts durch Bequerel
Ab 1850 Beginn der Erdölförderung
1880 Erste Warmwasserzentralheizung mit Stahlheizkörpern (USA)
26 1 Bauen im Einklang mit der Natur

1900 20.000 Windkraftanlagen in Deutschland noch in Betrieb, erste Fernheizung,


Dresden
Ca. 1900 Starker Anstieg der industriellen Erdölförderung
1950–1960 Beginn der Wirtschaft; Nutzung der Kernenergie zur Stromerzeugung
1954 Herstellung der ersten Silicium-Solarzelle
Ab 1960 Verstärkter Einbau von Warmwasserzentralheizungen (meist ölbefeuert)
60er Jahre Beginn des Ausbaus der Kernkraft, hohe Erwartungen an diese Technik
Ab 1970 Ausbau der kommunalen Erdgasnetze, Förderprogramme für Heizungsum-
stellung (Minderung von Emissionen)
1973 Erste Ölkrise
1975 Beginn der Anti-Atomkraft-Bewegung
Ende 70er Jahre Vermehrter Einsatz von Windkraftanlagen, zunächst vor allem in den USA
und Dänemark
Marktreife der Gasbrennwerttechnik
Ab 1980 Vermehrter Einsatz erneuerbarer Energien (Solarthermie, Wind etc.), Bau
von Niedrigenergiehäusern
1982 II. Wärmeschutzverordnung
1983 Erstellung des ersten Photovoltaikkraftwerks über 1 MW
13. BlmSchV Verordnung über Großfeuerungsanlagen (Rauchgasbehand-
lung mit der Folge starker Emissionsminderung)
Ab 1985 BHKW-Anlagen zunehmend außerhalb des Gewebebereichs für Wohnge-
bäude
1986 Atomkraftkatastrophe Tschernobyl
Baubeginn Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf
1989 Einstellung Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf
Ab 1990 Erstellung der ersten energieautarkenb Häuser in Deutschland
Bund-Länder-1000-Dächer-Photovoltaikprogramm
1992 Weltklimakonferenz in Rio de Janeiro
1995 Inkrafttreten der III. Wärmeschutzverordnung
Weltklimakonferenz in Berlin
2002 Inkrafttreten der Energieeinsparverordnung (EnEV)
2004 Gesetz über den Vorrang erneuerbarer Energien
2007 Novellierung der EnEV 2007
Einführung von Energieausweisen
2016 Weltklimakonferenz in Paris (Neufassung des Kyoto Protokolls)
Verschärfung der Energiewerte durch EnEV 2016
2017 Weltklimakonferenz Bonn
2018 Weltklimakonferenz Katowice
a
Hypokaustenheizungen sind Warmluftheizungen, bei denen die Luft in einem zentralen Heizraum
aufgeheizt und durch Tonrohre in die Räumlichkeiten befördert wird. Sie wurden im 2. Jh. v. Chr.
im griechisch-hellenistischen Kulturkreis erfunden.
b
Autark D wirtschaftlich unabhängig, z. B. durch regenerative Energien.
1.4 Energiesparendes Bauen und Sanieren 27

Abb. 1.14 Kriterien energiesparenden Bauens und Sanierens. (Quelle: ILS Hamburg)

Abb. 1.15 Darstellung der


Sonnenbahn im Tages- und
Jahresverlauf

für Tiere und seine Artenvielfalt in der Vegetation schaffen sowie zu Einsparungen im
Unterhalt des Gebäudes und im Energieverbrauch führen. Geländemodellierungen durch
Aushub (Baugrube, Teiche), Aufschüttungen und Anpflanzungen (Wallbepflanzungen)
dienen als Wind- und Immissionsschutz (Einwirkungsschutz gegen Schall, Staub etc.)
sowie einer Verbesserung der Strahlungsstärke der Sonne (Abb. 1.16). Öffnungen für
Kaltluftabflüsse auf der Talseite eines Hanges sind vorzusehen. Je höher und verschie-
denartiger eine Vegetation ist, desto ausgeglichener ist das Kleinklima im Tages- und
Jahresverlauf. In der kalten Jahreszeit verlieren die Laubbäume ihr Blattwerk und las-
sen wärmende Sonnenstrahlen zum Gebäude durch. Im Sommer schützt das Laub das
Gebäude vor Verwitterung und Wärmeabstrahlung (Abb. 1.17).
28 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Abb. 1.16 Wirkung von Bäu-


men. (Quelle: ILS Hamburg)

Abb. 1.17 Beeinflussung des


Mikroklimas. (Quelle: ILS
Hamburg)

Die Gebäudeform eines Bauwerks beeinflusst sehr stark die Transmissionswärmever-


luste H T .
Die Idealform eines Aufenthaltsraumes wäre die Kugel. Sie besitzt im Verhältnis zu ih-
rem Volumen die geringste Oberfläche. Für unsere Wohnansprüche sind gewölbte Flächen
wenig geeignet. Deshalb sind gedrungene, ebenflächige Körper ohne Vor- und Rücksprün-
ge, Erker etc. (Kühlrippen) anzustreben (Abb. 1.18). Ein niedriger Quotientenwert von
Außenfläche/Volumen ist entscheidend für einen geringen Energieverbrauch.
Ansatzpunkte zur Minimierung:

 klimagerechter Gebäudeentwurf,
 Nutzung der Bauwerksmasse als Energiespeicher,
1.4 Energiesparendes Bauen und Sanieren 29

Abb. 1.18 Verhältnis der Ge-


bäudeoberfläche bei gleicher
Masse. (Quelle: ILS Hamburg)

 Nutzung der Fenster als Sonnenkollektoren,


 Verzicht auf Hochhäuser (Energiefresser),
 Realisierung großer Gebäudetiefen,
 Überdeckung funktionsbedingter Hofbildung (z. B. Schulen, Hotels),
 Reduzierung der Anzahl freistehender Giebel,
 Funktionsorientierung auf die Südseite,
 Möglichkeiten zur Nutzung der Solarenergie.

Die Oberflächenart beeinflusst durch Farbe, Struktur und Materialzusammensetzung


den Energieverbrauch eines Gebäudes. Helle Farben erzeugen auf der Innenseite der Au-
ßenwand durch ihr Reflexionsvermögen einen Ausstrahlungsschutz, vermindern außen
Wärmespannungen an Bauteilen und bilden als Reflexionsflächen Belichtung für Räume
und Pflanzen. Dunkle Farben auf den Bauteilen absorbieren die Wärmestrahlung und wan-
deln sie in Wärme um. Besitzen die Bauteile eine ausreichend hohe Wärmespeicherfähig-
keit, so nehmen sie viel Wärmeenergie in sich auf. Die Rauigkeit der Oberfläche, z. B. durch
Fassadenbewuchs, mindert die Windgeschwindigkeit und reduziert den Wärmeabtrans-
port. Baustoffe mit hoher Wärmedämmung verringern den Wärmefluss durch ein Bauteil.
Die Gebäudeeinbettung (Abb. 1.19) in das Erdreich verhindert den Transmissions-
wärmeverlust, da die Temperaturdifferenz zwischen Wandinnen- und Wandaußenseite im
Erdreich geringer als im Luftbereich ist. Zudem werden Fugenlüftungsverluste stark ver-
ringert. An heißen Sommertagen bleibt die Innenraumtemperatur bei angenehmen Werten.

Abb. 1.19 Energieeinsparung


durch Einbettung. (Quelle: ILS
Hamburg)
30 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Die Wärmedämmung der Außenhülle besonders im Bereich von Dach, Nord- und
Ostwand ist ein wichtiger Faktor für einen geringen Wärmeenergieverbrauch des Ge-
bäudes. Da diese Bauelemente nicht, nur teilweise oder zu einem ungünstigen Zeitpunkt
von der Sonne beschienen werden, sind dicke, wärmespeichernde Elemente an dieser
Stelle unangebracht. Eine hohe Wärmedämmung, z. B. eine Massivwand mit 15 cm Au-
ßenwärmedämmung oder Holzständerwände mit einer 30 cm dicken Zellulosedämmung,
führen bei normalen winterlichen Wetterverhältnissen zu höheren Energieeinsparungen
(Abb. 1.20).
Die luftdichte Ausführung der Gebäudehülle beeinflusst in hohem Maße den Energie-
verbrauch. Typische undichte Stellen sind:

 Durchdringungen von Sparren, Pfetten, Deckengebälk, Rohrleitungen, Kabel und


Steckdosen;
 Anschlussfugen von Fenstern und Türen an Wände und Stürze;
 Stöße und Anschlüsse von Dampfsperren im Dachbereich von Ortgang, Drempel, Fuß-
pfette und Giebelwänden;
 fehlender Putz auf Wänden hinter Holzverkleidungen.

Die Lüftungsanlage mit hochwirksamer Wärmerückgewinnung wird durch die dichte


Ausführung notwendig. Sie verringert zugleich die Lüftungswärmeverluste, die durch die
früher übliche „Stoßlüftung“ auftreten würden.
Die Speicherung hat die Aufgabe, die durch vollkommene Ausrichtung zur Sonne
und durch Glasanbauten gewonnene Sonnenenergie in möglichst hohem Maß und lan-

Abb. 1.20 Wirkung von Wärmedämmungen. (Quelle: ILS Hamburg)


1.4 Energiesparendes Bauen und Sanieren 31

ge zu speichern und bei Bedarf wieder an den Raum abzugeben. Geeignet sind vor allem
die im Inneren den Fenstern gegenüberliegenden Wände des Gebäudes. Zu allen wei-
teren Bauteilen des Hauses muss eine thermische Luftzirkulation möglich sein. Um die
Wärmeaufnahme auch bei geringeren Raumlufttemperaturen zu ermöglichen, sind die
Wandoberflächen der Innenwände durch Profilierungen, z. B. durch Nischen, Vor- und
Rücksprünge, zu vergrößern. Außenwände erfüllen ihre Aufgabe als Speichermedium nur,
wenn sie mehrschalig mit einer dicken Kerndämmschicht aufgebaut sind (Abb. 1.21). Der
Fußboden ist als Speicher weniger geeignet, da er durch die Eigenschaften des Speichers,
hohe Wärmeleitfähigkeit und hohe Dichte, nicht als fußwarm empfunden wird.
Die Pufferung (Abb. 1.22) bildet, ähnlich einer Zwiebel mit mehreren Hüllen, ver-
schiedene Temperaturzonen in einem Gebäude. Diese Temperaturzonen, die Außenzone
(12 bis 14 °C), die Zwischenzone (16 bis 18 °C) und die Kernzone (20 °C), lassen eine
der Temperatur gemäße Nutzung zu. Dabei zeichnet sich folgende Rangordnung ab: Die
äußere Hülle wird durch die Vegetationshülle gebildet. Nach innen folgt mit dem Keller,
dem Dach und den Anbauten die zweite Hülle. Die letzte Hülle vor dem Wohnkern wird
für Tätigkeiten mit körperlicher Arbeit genutzt. Die Temperaturzonen sind im Winter ge-
schlossen zu halten. Bei zunehmenden Temperaturen können die Bereiche durch Türen
verbunden werden.
Die Heizungsarten der einzelnen Zonen müssen nicht starr von innen nach außen an-
geordnet werden. Sie können auch den Bedürfnissen der Bewohner angepasst werden.

Abb. 1.21 Auskühlung eines Standardbaukörpers – vereinfacht. (Quelle ILS Hamburg)


32 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Abb. 1.22 Pufferhüllen. (Quelle ILS Hamburg)

Aufgabe der Planung ist auch der Entwurf, die Bemessung und der Nachweis des
Wärmeschutzes nach der Energieeinsparverordnung und den bauordnungsrechtlichen Vor-
schriften sowie der haustechnischen Anlagensysteme einschließlich ihrer Auslegung.

1.4.5 Umweltgerechtes Bauen aus baukonstruktiver Sicht

Grundprinzipien
Die Umsetzung von Grundprinzipien des umweltgerechten Bauens ist in Deutschland
durch das Umweltrecht geregelt und enthält zusammengefasst wichtige Gesetze und Ver-
ordnungen zum Schutz der Umwelt.
Drei der wichtigsten Prinzipien sind:
Vorsorgeprinzip: Belastende Entwicklungen müssen möglichst früh erkannt werden,
die Durchführung von Abwägungsprozessen sollte zielgerichtet und ergebnisorientiert er-
folgen und in einem angemessenen Zeitraum zu Maßnahmen führen.
Verursacherprinzip: Wer Gesundheits- und Umweltbelastungen oder -gefahren ver-
ursacht, ist dafür verantwortlich, das heißt, wer Schäden verursacht, muss zahlen.
Kooperationsprinzip: Nur die Eigenverantwortlichkeit der Menschen, der gesell-
schaftlichen Institutionen und der Wirtschaft gegenüber der Umwelt in Zusammenarbeit
mit den staatlichen Stellen kann auf Dauer Grundlage für ein wirksames Handeln zum
Schutz der Umwelt sein.
1.4 Energiesparendes Bauen und Sanieren 33

Umweltgerechtes Bauen reduziert sich nicht nur auf den Einsatz von sogenannten
„gesunden“ Baustoffen, sondern beinhaltet eine ganzheitliche Betrachtungsweise, die auf
jedes Gebäude abgestimmt werden muss. Umweltgerechtes Bauen heißt aus baukonstruk-
tiver Sicht, dass ein Gebäude mit Materialien gebaut wird, die möglichst wenig Abbauflä-
che und Energie bei ihrer Erzeugung benötigen, sodass möglichst wenig Schadstoffe bei
Herstellung und Transport entstehen und das Produkt dauerhaft ist und damit möglichst
lange im Stoffkreislauf erhalten bleibt.
Ein weiterer Punkt ist der Energieverbrauch eines Gebäudes beim Bau (Erstellungspha-
se) und während des Bewohnens (Nutzungsphase). Da der Energieverbrauch über die Ge-
samtlebensdauer betrachtet bei älteren Gebäudetypen während der Bauphase im Vergleich
zur Nutzung nur etwa 10 % ausmachte, wurde dem Bereich der Erstellungsphase keine
Beachtung geschenkt. Durch zunehmende Anforderungen an den Wärmeschutz (Ener-
gieeinsparverordnung) konnte der Energiebedarf während der Nutzung erheblich gesenkt
werden, sodass es vorstellbar ist, dass zukünftig der Energiebedarf zur Herstellung et-
wa 50 % der Nutzungsenergie entsprechen wird. Aus ökologischen Gesichtspunkten wird
somit eine energetische Bewertung unter Einbeziehung der Erstellungsphase sinnvoll.
Qualitativ hochwertige und dauerhafte Bauausführungen, die zusätzlich preiswert und
umweltgerecht sind, zeichnen sich im Wesentlichen dadurch aus

 dass einfache Bauformen den aufwendigen vorgezogen werden,


 dass sie dauerhaft konstruiert und ausgeführt sind (konstruktiver Witterungsschutz),
 dass Fugen im Außenbereich minimiert werden, Materialmix in einem Bauteil vermie-
den wird, z. B. Wände aus unterschiedlichen Mauersteinen,
 dass Materialien zum Einsatz kommen, die bei nachträglichen Änderungen leicht
trennbar, wiederverwendbar und recyclingfähig sind,
 dass Konstruktionen zum Einsatz kommen, die den sich ändernden oder wachsenden
Ansprüchen der Bewohner leicht angepasst werden können.

1.4.6 Grundlagen sanierungsgerechter und ökologischer


Konstruktionslösungen

1.4.6.1 Ausgangspunkt
Energiesparendes Bauen fängt bei der Planung an. Die Planung in der Altbaumodernisie-
rung orientiert sich an den vorgefundenen Konstruktionen und Materialien sowie deren
Gestaltungsprinzipien und handwerklichen Regeln. Grundlage ist das Verständnis für die
baukonstruktiven und bauphysikalischen Eigenschaften der vorhandenen Materialien so-
wie für die handwerklichen Methoden der Entstehungszeit.
Ausgangspunkt der energetischen Modernisierung ist die bauliche Analyse des Gebäu-
des – d. h. der Bauteile der Gebäudehülle und der Anlagentechnik – sowie seiner Nutzung.
Sowohl die Restlebensdauer sollte abgeschätzt werden als auch die Schäden.
Eine energetische Bestandsaufnahme bewertet den Energieverbrauch des Hauses und
die energetischen Schwachstellen des Gebäudes. In Abhängigkeit von den Gegebenheiten
34 1 Bauen im Einklang mit der Natur

(Zustand des Gebäudes und der Anlagentechnik, Baukonstruktion, Anforderungen des


Denkmalschutzes) kann man mit einer optimalen energetischen Sanierung von Wohnge-
bäuden einen vergleichbar niedrigen Energiebedarf, wie im Neubau, erreichen.
Bei der Bewertung des nachhaltigen Bauens ist die Wirtschaftlichkeit nicht das ein-
zige Kriterium, vielmehr spielen auch die ökologischen Aspekte der Energieeinsparung
und soziokulturelle Aspekte eine wichtige Rolle. Mehr als die Hälfte des Energieeinspar-
potenzials kann bereits mit günstig umzusetzenden Standardmaßnahmen erreicht werden.
Wesentliche Aspekte energiesparender Maßnahmen sind:

 Senkung der jährlichen Energiekosten, zumal durchaus mit einem Energiepreisanstieg


in den kommenden Jahren zu rechnen ist,
 geringer Energieverbrauch (ggf. dokumentiert durch einen Energiepass) als Wertstei-
gerung für die Immobilie bzw. für die Wohnung,
 Verbesserung des Wohnkomforts und des Raumklimas durch energetische Moderni-
sierung (beispielsweise Synergieffekte der Wärmedämmung im Hinblick auf Bauten-
schutz sowie Behaglichkeit) und
 Entlastung der Umwelt durch Verminderung von Schadstoffemissionen und Verminde-
rung der Emission klimarelevanter Gase, hierunter der CO2 -Emission.

Ein Anliegen bei der Altbaumodernisierung ist der Schutz und die Wiederverwendung
bestehender Bauteile, soweit diese funktionsfähig oder mit angemessenem Aufwand her-
gerichtet werden können. Jedes erhaltene Bauteil trägt zum originalen Erscheinungsbild
des Gebäudes bei und verringert den Aufwand, da es nicht erneuert werden muss. Es ist
während der Bauphase angemessen zu schützen oder gegebenenfalls auszubauen und für
die spätere Wiederverwendung zwischenzulagern.
Eine Reihe von Bauweisen und Konstruktionen führt zu ganz erheblichen Einsparun-
gen in der Bauzeit, ohne die vorhandene Konstruktion zu beeinträchtigen.

1.4.6.2 Baulicher Wärmeschutz


Die Gebäudehülle eines Hauses stellt die Begrenzung des beheizten Volumens dar, beste-
hend aus Wänden und Fenstern, Decken bzw. Dach, Kellerdecke bzw. Bodenplatte. Auf
der Basis des Schichtaufbaus der Bauteile, der wärmetechnischen Eigenschaften der Bau-
materialien (Dicke und Wärmeleitfähigkeit der Materialien) und der Wärmeübergangsei-
genschaften (innen/außen) wird der Wärmedurchlasswiderstand R bzw. der Wärmedurch-
lasskoeffizient U (früher k) errechnet. Ein guter Wärmeschutz wird durch niedrige U-
Werte erzielt bzw. die Bauteile weisen einen hohen Widerstand gegen Wärmeleitung auf.
Beispiele für die U-Werte verschiedener Bauteile sind in Tab. 1.4 dargestellt. U-Werte
werden durch Architekten, Ingenieure, Energieberater, Berater von Herstellern von z. B.
Wärmedämmsystemen und manchmal auch von Handwerksfirmen ermittelt.
Die angegebenen Werte (EnEV und NEH) sind nicht dauerhaft festgeschrieben. Die
jährlichen Fortschreibungen der EnEV und anderer aktueller Hinweise sind deshalb streng
zu beachten.
1.4 Energiesparendes Bauen und Sanieren 35

Tab. 1.4 Richtwerte Wärmedurchgangskoeffizienten


Bauteil Symbol U-Wert U-Wert
Altbestand W/(m2 a) EnEV Richtwerte NEH
W/(m2 a) W/(m2 a)
Außenwand U AW 0,6 . . . 1,5 0,24 . . . 0,35  0,28
Dach UD 0,8 . . . 4,0 0,25 . . . 0,3  0,2
Oberste Geschossdecke U OG 0,9 . . . 3,0 0,24 . . . 0,35  0,2
Kellerdecke U KD ca. 0,9 . . . 3,0 0,4 . . . 0,5  0,4
Fenster UW 2,5 . . . 5,0 1,5  1,1

Wirtschaftlich sinnvoll ist die Verbesserung des baulichen Wärmeschutzes in Verbin-


dung mit anderen, ohnehin erforderlichen Erhaltungs- oder Umbauarbeiten. Zum bauli-
chen Wärmeschutz können folgende Maßnahmen gerechnet werden:

 Verbesserung der Wärmedämmung an den Außenwänden,


 Fenstersanierung,
 Anbau verglaster, unbeheizter Pufferzonen, wie z. B. Wintergärten,
 sonnenenergiegewinnende Wandsysteme (z. B. translozierte Wärmedämmung – TWD-
Fassaden).

Bei den Fenstern entspricht ein U-Wert von 5,0 W/(m2 k) einer Einfachverglasung.
Bessere Werte erreichen Kastenfenster und Doppelverglasung (Isolierverglasung). Wär-
medurchgangskoeffizienten U w D 1,1 bis 1,7 W/(m2 a) werden mit unterschiedlichen Bau-
arten von Wärmeschutzverglasungen erreicht und sind heute üblich.
Der Energieverlust eines Hauses erfolgt, wie bereits dargestellt, durch Wärmeleitung
über die Gebäudehülle (Transmissionswärmeverluste). Weitere Verluste entstehen durch
den Austausch erwärmter Raumluft gegen Luft mit Außentemperatur (Lüftungswärmever-
lust). Im Gegenzug erhält das Gebäude Energiegewinne durch die Solarstrahlung über die
Fenster (solare Wärmegewinne) sowie durch innere Wärmequellen wie Personen, elek-
trische Geräte etc. (interne Wärmegewinne). Da die Wärmegewinne die Verluste nicht
ausgleichen, muss zusätzlich geheizt werden.

1.4.6.3 Verbesserung des Wärmeschutzes


Vor der Verbesserung des Wärmeschutzes eines Gebäudes ist zu entscheiden:

 welche Räume des Gebäudes neben den Wohnräumen beheizt werden sollen (z. B.
Dachraum, Kellerräume),
 welche Räume über einen Raumverbund temperiert werden sollen (z. B. Abstellkam-
mern, Speisekammern), also innerhalb der wärmegedämmten Gebäudehülle liegen und
 welche Räume unbeheizt bleiben (z. B. Garagen) und außerhalb der wärmegedämmten
Gebäudehülle liegen sollen.
36 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Für unbeheizte Räume besteht dann aber möglicherweise Frostgefahr. Von diesen Ent-
scheidungen hängt ab, wo in dem Gebäude der Wärmeschutz verlaufen soll. Diese Hülle
muss möglichst lückenlos sein.
Wohnhäuser verlieren die meiste Wärme über die Außenflächen.
Daher stellt jede Wärmedämmmaßnahme an Gebäuden über den sinkenden Heizener-
gieeinsatzes einen Beitrag zum Umweltschutz dar.

1.4.6.4 Maßnahmen an Gebäudeteilen

Außenwände
Zwischen 25 und 40 % Wärme verliert ein Gebäude durch die Außenwände (Abb. 1.23).
Der Wärmegewinn durch Sonneneinstrahlung ist bei Außenwänden sehr gering.
Es gibt im Wesentlichen folgende Außenwände:

 monolithische Außenwand
Die massiv ausgeführte Konstruktion besteht aus einem Baustoff, z. B. aus Ziegeln,
Porenbeton oder Leichtbeton. Mittlerer Wärmeschutz bei Wanddicken über 30 cm. Ver-
besserung des Wärmeschutzes durch Einsatz von Dämmmörtel, Steinen mit trockener
Stoßfuge oder Planblöcken. Vermeidung von Mischmauerwerk und Bewehrungen. An-
gepasste Putze verbessern den Schlagregenschutz und vermindern Putzrisse.
 Außenwand mit Wärmedämmverbundsystem
Tragfunktion übernimmt eine Massivwand, z. B. aus Kalksandstein, Beton oder Zie-
gel. Den Wärmeschutz gewährleistet die außen angebrachte Wärmedämmung. Außen
ist die Wand verputzt. Leichtes bis schweres Mauerwerk mit gutem bis sehr gutem
Wärmeschutz bei Wärmedämmdicken von  10 cm. Durch die Außendämmung wer-
den Wärmebrücken in der Gebäudehülle vermieden und das tragende Mauerwerk vor
thermischen Bewegungen geschützt.

Abb. 1.23 Querschnitte verschiedener Außenwandbauarten. (Quelle: ILS Hamburg)


1.4 Energiesparendes Bauen und Sanieren 37

 zweischalige Außenwand
Im Zwischenraum einer zweischaligen Massivwand befindet sich die Kerndämmung
(unterschiedliche Dämmstoffe möglich).
Guter Wärmeschutz des leichten bis schweren Mauerwerks bei möglichen Wärme-
dämmdicken von  15 cm. Die Wärmedämmung schützt die tragende innere Schale
vor thermischen Bewegungen. Allerdings muss die Außenschale durch Dehnungsfu-
gen geteilt werden.

Die Temperaturkurven für den stationären Wärmedurchgang verlaufen entsprechend


dem Dämmwert der einzelnen Bauteilschichten.
Im Sommer (obere Temperaturkurve) ist die Temperatur an der bestrahlten Außen-
wandoberfläche höher als die mit 30 °C angenommene Lufttemperatur der Umgebung.
Für den Winter (untere Temperaturkurve) wird als tiefste Außentemperatur bei allen
Beispielen 15 °C angenommen. Diese tiefe Temperatur mit 15 °C wird in weiten Be-
reichen Deutschlands nur selten erreicht. Man liegt aber auf der sicheren Seite, wenn man
zur Beurteilung eines Bauteils den ungünstigsten Zustand annimmt.
Die Frostgrenze (Ende des Frostpfeils) gibt die Begrenzung des Frostbereichs an, der
sich bei einer entsprechend langen Einwirkung der angegebenen Außentemperatur mit
15 °C einstellen kann.
Die mittlere Raumlufttemperatur wird das ganze Jahr über mit 20 °C angenommen.
Die Knickpunkte der Temperaturkurven am raumseitigen Übergang in die Außenwand
markieren die inneren Wandoberflächentemperaturen. Diese Temperatur ist eine wichtige
Behaglichkeitskomponente.
Zu beachten ist auch die jährliche Wärmedehnung in der Tragwand. Bei einschali-
gen Wänden kann sie groß, bei Wänden mit einer Innendämmung sogar sehr groß sein.
Lediglich weit außen liegende Dämmschichten schützen die Tragwand vor äußeren Tem-
peratureinwirkungen.

 Außenwand in Holzständerbauweise
Das Ständerwerk trägt die Bauwerkslasten. Der Dämmstoff wird zwischen den Stän-
dern eingebracht, zusätzlicher Dämmstoff auf Innen- oder Außenseite kann je nach
gewünschtem Energiestandard hinzugefügt werden.
 hinterlüftete Außenwand
Die Tragwand kann massiv oder in Holzständerbauweise ausgeführt werden. Zwischen
der Verschalung aus Holz oder Fassadenplatten und der Dämmung sorgt eine Luft-
schicht für die Trockenheit der Konstruktion.

Zusätzliche Wärmedämmschichten (Abb. 1.24) können bei verputzten Außenwand-


konstruktionen entweder außen oder innenseitig angebracht werden. In jedem Fall entste-
hen bauphysikalische Veränderungen im Wandgefüge, die immer rechtzeitig vor Beginn
der Baumaßnahmen überprüft werden müssen.
38 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Abb. 1.24 Baustoffe und ihre


Dämmwirkung. (Quelle: ILS
Hamburg)

Als Faustregel für eine einwandfreie Ausbildung der Außenwand in diffusions- und
wärmetechnischer Hinsicht kann gelten:
Der Diffusionswiderstand der einzelnen Schichten sollte von innen nach außen abneh-
men. Der Wärmedurchlasswiderstand der Schichten dagegen sollte von außen nach innen
zunehmen.

Fenster
Lange Zeit waren die Fenster unter energetischen Gesichtspunkten das schwächste Ele-
ment in der Gebäudehülle. Heute können Fenster nach Süden durch moderne Wärme-
schutzverglasung mehr Energie gewinnen als verlieren. Bei Fenstern nach Westen und
Osten ist die Wärmebilanz ausgeglichen. Fenster nach Norden verlieren mehr Wärme
und sollen eher klein sein. Die verlustreichsten Stellen am Fenster sind der Verbund zwi-
schen Glas und Rahmen und der Rahmen selbst. Mittlerweile gibt es jedoch viele neue
Rahmenkonstruktionen mit guter Wärmedämmung. Im Sommer kann die starke Son-
neneinstrahlung zu unangenehm hohen Temperaturen in den Innenräumen führen. Eine
geeignete Verschattung, beispielsweise durch außen liegende Rollos oder Dachüberstän-
de, macht eine aufwendige künstliche Kühlung überflüssig (Abb. 1.25).

Dach
Bei der üblichen Holzkonstruktion unterscheidet man Auf-, Zwischen- und Untersparren-
dämmung. Meist ist die Zwischen- und Untersparrendämmung kostengünstiger als die
Aufsparrendämmung. Seltener wird die massive Ausführung des Dachs mit Poren- und
Leichtbeton oder Ziegel verwendet. Bleibt das Dachgeschoss unbeheizt, muss statt der
Dachfläche die oberste Geschossdecke (Abb. 1.26) gedämmt werden.

Keller
Je nach Gebäudenutzung bildet die Kellerdecke (Abb. 1.27) oder die Bodenplatte den
unteren Abschluss der beheizten Gebäudehülle. Sie muss gedämmt werden.
1.4 Energiesparendes Bauen und Sanieren 39

Fenster mit Aufsatz-Rolladenkasten Fenster mit aufgedoppeltem Wärmegedämmter


Blendrahmen und vorge- Rolladenkasten
setztem Rolladenkasten

Abb. 1.25 Wärmetechnische Einordnung von Rollladenkästen. (Quelle: RWE Energie Essen)

Abb. 1.26 Oberste Ge-


1
schossdecke mit aufgelegter
Dämmung. (Quelle: RWE 2
Energie Essen)
3
4
5

6
3
7

1 Dachsparren 5 Fußpfette mit horizontaler


2 Mauerwerk Abdichtung
3 Wärmedämmung 6 Kantholz
4 Holzfußboden 7 Stahlbetondecke
(Dielen, Spanplatten) 8 Außenputz
9 Innenputz
40 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Abb. 1.27 Kellerdecke mit 1


Trittschalldämmung und unter- 2
seitiger Wärmedämmung als 3
4
verlorene Schalung. (Quelle:
RWE Energie Essen)
5

7
8
9
2

13
11
2
1
1

1 Mauerwerk 8 Schwimmender Estrich


2 Wärmedämmung 9 Trittschalldämmung
3 Luftschicht 10 Stahlbetondecke
4 Vorsatzschale 11 Ringbalken
5 Innenputz 12 Außenputz
6 Randdämmstreifen 13 Poroton-Deckenplatten
7 Feuchtigkeitssperre

Zusammenfassend kann man sagen:


Je besser die Gebäudehülle gedämmt ist, desto höher ist im Winter die Oberflächen-
temperatur der den Wohnräume zugewandten Innenseite. Die relativ hohe Oberflächen-
temperatur steigert bei ausreichender Lufterneuerung die Behaglichkeit und verhindert
Zugluft.
Eine gute Wärmedämmung sorgt im Winter für einen geringeren Wärmeverlust und
im Sommer für angenehmere Temperaturen im gesamten Gebäude. Besonders das sonst
häufig überhitzte Dachgeschoss profitiert von einer guten Wärmedämmung.
Über Außenwand, Fenster, Dach, Kellerdecke oder Bodenplatte verliert ein Wohnhaus
den größten Teil der Raumwärme. Je besser die Gebäudehülle gedämmt ist, desto geringer
sind die Energieverluste.

1.4.6.5 Wärmebrücken
Seit Langem sind Wärmebrücken (Abb. 1.28) als Schwachstellen für Energieverluste be-
kannt, wurden aber nicht immer richtig eingeschätzt. Wärmebrücken sind Schwachstellen
in der Gebäudehülle.
Wärmebrücken (WB) lassen sich hinsichtlich ihrer physikalischen Ursachen unter-
scheiden in:
1.4 Energiesparendes Bauen und Sanieren 41

Abb. 1.28 Typische Wärmebrücken an Wohngebäuden. (Quelle: Multipor, Duisburg)


42 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Tab. 1.5 Beispiele für Wärmebrücken


Klassifizierung Ursachen Beispiele
Geometrische Geometrisch bedingt Massive Gebäudeaußenkanten,
Wärmebrücken Außenkanten an offenen Hofdurchfahrten
Stoffbezogene Stofflich bedingt Ungedämmte Stahlbetonstützen in hochgedämm-
Wärmebrücken ten Mauerwerk
An den Stirnseiten ungedämmte Betondecken
Fassadendämmung endet an der Kellerdecke
Der Sockelbereich ist nicht gedämmt
Luftundichtigkeiten Luftströmungsbedingt Offene Fugen, Beschädigung oder Funk-
tionsuntüchtigkeit der Dampfsperre oder
Luftdichtigkeitsschichten

 geometrisch bedingte WB,


 materialbedingte (stofflich bedingte) WB,
 umgebungsbedingte WB,
 massestrombedingte WB.

Der Wärmeverlust ist hier deutlich höher als im umliegenden Bauteil. Je stärker die
Wärmedämmung der Bauteile wie Außenwand, Fenster, Dach oder Boden ist, desto be-
deutsamer sind die Wärmebrücken. Tab. 1.5 zeigt typische Beispiele für Wärmebrücken.
Deshalb sollte man schon in der Planungsphase Wärmebrücken am Gebäude vermei-
den oder deren Wirkung durch konstruktive Maßnahmen vermindern. Schwachstellen sind
insbesondere die Anschlüsse von Wand, Fenster, Decken, Dach und Balkon sowie Gebäu-
deecken.
Wärmebrücken können neben erhöhten Wärmeverlusten auch zu Bauteilschäden, zum
Beispiel durch Schimmelpilz, führen. Feuchteschäden treten in der Regel dort auf, wo
durch schlechte Wärmedämmung niedrige Oberflächentemperaturen im Innenraum bei
gleichzeitig hoher Luftfeuchtigkeit herrschen.

Abb. 1.29 Stoffbezogene


Wärmebrücke im Bereich
eines Fenstersturzes im In-
frarotbild. (Quelle: Wild,
Brandis)
1.4 Energiesparendes Bauen und Sanieren 43

Wärmebildkameras können Wärmebrücken an bestehenden Gebäuden mit Thermogra-


fieaufnahmen sichtbar machen (Abb. 1.29).

1.4.6.6 Lüftung

Lüftungsanlagen
Im Gebäudebestand herrscht überwiegend die freie Lüftung vor, eine Lüftung ohne Ven-
tilatorunterstützung (Abb. 1.30). Auch innen liegende Bad-/WC-Räume wurden bis in die
1970er-Jahre noch über Schächte entlüftet. Solche Systeme sind nicht mehr zugelassen,
innen liegende Küchen, Bad-/WC-Räume sind als Neubau mit mechanischen Lüftungs-
anlagen auszurüsten.

8
10 9
A 8

1
5
3 2 Fortluft
5
Außenluft

Umluft
11 Heizung

Zuluft
Heizung
Zuluft
gefilterte
erwärmte
Außenluft
7
4
Abluft
6
A Lüftungs-Teil B Speicherheizungs-Teil
1 Lüfter Abluft/Fortluft 8 Hartschalen-Wärmedämmung
2 Kreuzstrom-Platten-Wärmetauscher 9 Speichersteine
3 Filter Zuluft 10 Heizkörper
4 Lüfter Außenluft/Zuluft 11 Lüfter für regelbare Wärmeabgabe
5 Luftkanäle Außenluft/Fortluft mit Rückstauklappen
6 Filter Abluft
7 Elektrische Zusatzheizung für Nacherwärmung

Abb. 1.30 Schema einer lüftungstechnischen Anlage. (Quelle: RWE Energie Essen)
44 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Saubere Luft zum Atmen fördert die Gesundheit und das Wohlbefinden des Menschen.
Da wir uns überwiegend in Innenräumen aufhalten, ist ausreichend Lüftung wichtig. Sie
soll

 verbrauchte Atemluft erneuern,


 die Raumluftfeuchtigkeit regulieren,
 Geruchs- und Schadstoffe abtransportieren.

Andererseits entstehen durch das Lüften sowie durch Schwachstellen, wie zum Beispiel
Anschlüsse und Fugen, größere oder kleinere Energieverluste. Um ungewollte Wärmever-
luste zu minimieren, ist es deshalb notwendig, die Gebäudehülle luftdicht zu bauen. Dazu
müssen sämtliche Fugen möglichst dauerhaft luftundurchlässig sein, ebenso die Anschlüs-
se an Fenstern, an Türen, am Dach und zwischen Bauteilen.

Luftdichtheit
Die Luftdichtheit bietet folgende Vorteile:

 Vermeidung von Bauschäden durch Dampfkondensation und Kälte, insbesondere im


Dachbereich und bei den Fenstern,
 geringe Wärmeverluste durch unkontrollierte Lüftung,
 keine Zugerscheinungen durch undichte Bauteile,
 wenig Lärm von außen.

Abb. 1.31 Messung der


Luftdurchlässigkeit mit dem
Differenzdruckverfahren.
(Quelle: RWE Energie Essen)

Unterdruck 50 Pa

Gebäudedruckdifferenz Luftdichte
Bespannung
Volumenstrom
V-50
Unter- Ventilator mit
druck Drehzahlregelung Meß-
50 Pa blende
1.4 Energiesparendes Bauen und Sanieren 45

Um die Luftdichtheit sicherzustellen, stehen heute vielfältige Detaillösungen zur Ver-


fügung. Allerdings ist eine sorgfältige Prüfung auf der Baustelle durch den Bauleiter
erforderlich (Abb. 1.31).

Messung der Luftdichtheit


Für den Nachweis der Luftdichtheit gibt es ein standardisiertes Verfahren, den Blower-
Door-Test. Mit ihm misst und bewertet man am besten vor Anbringen der Innenverklei-
dung die Dichtheit des Gebäudes. Die während der Messung aufgespürten Schwachstel-
len, also undichte Fugen und Anschlüsse, werden anschließend beseitigt. Die Messung
ist für jeden Neubau empfehlenswert, um spätere Schäden vorzubeugen. Sie ist allerdings
nicht zwingend durch die EnEV vorgeschrieben. Wer jedoch die Luftdichtheit durch einen
Blower-Door-Test (Abb. 1.32) nachweist, erhält bei der Energiebilanz einen Bonus.

Lüftungsarten
Um das Einsparpotenzial eines gut gedämmten Gebäudes voll ausnutzen zu können, ist
eine energieeffiziente Lüftungsart wichtig. Es gibt folgende Möglichkeiten, das Gebäude
zu lüften:

 Fensterlüftung,
 Abluftanlage,
 dezentrale Lüftungsanlage mit oder ohne Wärmerückgewinnung,
 zentrale Lüftungsanlage mit oder ohne Wärmerückgewinnung.

Abb. 1.32 Blower-Door-Test.


Ventilator zur Erzeugung von
Unter- bzw. Überdrücken im
Gebäude. (Quelle: HuT, Ham-
burg)
46 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Fensterlose Sanitärräume werden meist durch Abluftschächte mit oder ohne Ventila-
toren entlüftet. Bauherr, Architekt und Fachplaner sollten die Lüftungsart in einem mög-
lichst frühen Planungsstadium festlegen. Vor- und Nachteile der infrage kommenden Lüf-
tungen sind dabei abzuwägen.

Fensterlüftung
Der notwendige Luftaustausch lässt sich am einfachsten und preiswertesten durch das Öff-
nen der Fenster erreichen. Die Fensterlüftung erfordert allerdings eine gewisse Disziplin.
Stoßlüften ist die energiesparendste Methode, um gute Luftverhältnisse im Wohnraum zu
schaffen. Deshalb ist es wichtig, dass die Fenster vollständig geöffnet werden können. Das
Öffnen sollte also nicht durch Gegenstände behindert werden.
Dauerlüften oder gekippte Fenster bewirken dagegen unnötige Wärmeverluste. Unge-
nügendes Lüften über einen längeren Zeitraum ist häufig die Ursache für Feuchtigkeit und
Schimmel.
Luftdichtheit schützt vor Bauschäden und reduziert Wärmeverluste. Deshalb ist eine
systematische Planung und Kontrolle der Bauausführung unbedingt notwendig. Eine Luft-
dichtheitsmessung zeigt Schwachstellen auf und hat sich in der Praxis dauerhaft bewährt.

Abluftanlage
Bei Abluftanlagen saugt ein Ventilator über eine Abluftöffnung verbrauchte Luft aus Bad,
WC und Küche. Die nötige Frischluft dringt dosiert durch Außenwandöffnungen in die
Räume. Diese schließen sich bei starkem Winddruck automatisch. Abluftanlagen sind
kostengünstiger als Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung (Abb. 1.33).

Dezentrale Lüftungsanlage
Die dezentrale Lüftungsanlage besteht aus Einzelgeräten in den Außenwänden. Rohrlei-
tungen im Gebäude sind nicht nötig. Dezentrale Geräte sind für alle Aufenthaltsräume
vorgesehen, die Ablufträume (Bad, WC, Küche) erhalten lediglich einen Abluftventilator
bzw. einen Dunstabzug. Eine dezentrale Lüftungsanlage kann mit einer Wärmerückge-
winnung ausgestattet werden. Die Geräte nehmen dann im Abluftbetrieb die Wärme auf
und übertragen sie im Zuluftbetrieb an den Raum.

Zentrale Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung


Zentrale Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung bieten besonders gute Gewähr für
einen ausreichenden Luftwechsel und somit für ein gutes Raumklima. Sie sind leiser als
dezentrale Lüftungsanlagen. Lüftungsanlagen verbinden das Zentralgerät mit den einzel-
nen Zu- bzw. Ablufträumen. Zu- und Abluftöffnungen müssen so angebracht und einge-
stellt sein, dass

 die Räume gut durchlüftet werden,


 es im Aufenthaltsbereich von Menschen keine Zugluft gibt und
 Luftfeuchtigkeit aus den Räumen abgeführt wird.
1.4 Energiesparendes Bauen und Sanieren 47

Abb. 1.33 Funktionsweise Fortluft Abluft


einer zentralen Abluftanla-
ge mit Abwärmenutzung per
Wärmepumpe zur Trinkwas-
sererwärmung. (Quelle: RWE
Energie Essen) Filter

Überström-
Abluft bereich

Außenluft
Abluft

Außenluft
Fortluft

Abluftgerät mit
Wärme- Wärmepumpe
erzeuger und Trinkwasser-
speicher

Die Wärmerückgewinnung verwertet die Wärme der abgesaugten Luft. Eine Vermi-
schung der Luft und somit eine Geruchsübertragung ist ausgeschlossen. In das Zuluftsys-
tem können Schadstoff- oder Pollenfilter für Allergiker eingebaut werden. Eine Heizungs-
anlage mit Lüftung und 80 % Wärmerückgewinnung spart trotz des Stromverbrauchs über
22 % Primärenergie gegenüber einer Heizung ohne Lüftung. Zwar ist mit etwas höheren
Investitionskosten zu rechnen, diese rentieren sich jedoch durch einen geringeren Ener-
giebedarf. Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung sind keine Klimaanlagen!
Bei einer Lüftungsanlage sind Sie nicht in direktem Kontakt mit der frischen Zuluft.

I Lüftungsanlagen sorgen für einen bedarfsgerechten Luftaustausch und niedri-


ge Schadstoffkonzentrationen im Wohnraum. Besonders energiesparend sind
Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung.
48 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Abb. 1.34 Zunahme der CO2 - Zunahme der CO2-Konzentration in einem


Konzentration in einem Schlaf- Schlafzimmer
CO2
zimmer. (Quelle: RWE Energie [Vol, %]
Essen) 0,3

0,2

Keine Lüftung
0,1

Lüftungsanlage mit
Luftwechsel 0,5 fach/Stunde

0,03
0 1 2 3 4 5 6
Aufenthaltsdauer in Stunden

1.4.6.7 Wärmeversorgung durch Heizung

Wärmeversorgung
Die Wärmeversorgung bzw. die Heizsysteme decken den Wärmebedarf des Gebäudes.
Die Auswahl der Energieträger und effiziente Anlagen haben Einfluss auf den Energie-
bedarf, auf den Einsatz von Primärenergie und auf die CO2 -Emission. Im Bereich der
Anlagentechnik sind folgende Aspekte zu berücksichtigen:

 Energieträger
 Wärmeversorgung/Kesselanlage
 Heizungssysteme/Verteilung/Regelung
 Warmwasserversorgung

Die Bewertung der Anlagentechnik, einschließlich Energieträger, wird für den Neubau
in der Nachweisführung nach EnEV bei der primärenergetischen Bewertung berücksich-
tigt.
Neben der Gebäudehülle und der Wohnraumlüftung entscheidet die Heizungstechnik
über den Energieverbrauch eines Wohnhauses.

Heiztechniken
Der Markt bietet eine Fülle von Heizungstechnologien an. Bei der Auswahl der Heizung
ist auf effizienten Energieeinsatz zu achten. Die weitverbreiteten Niedertemperaturkessel
verwerten die eingesetzte Energie um etwa 20 % besser als beispielsweise Standard- oder
Konstanttemperaturkessel. Standardkessel oder Konstanttemperaturkessel sind technisch
veraltet und nicht zu empfehlen.
1.4 Energiesparendes Bauen und Sanieren 49

Brennwertkessel
Brennwertkessel nutzen den eingesetzten Brennstoff um etwa 9 % besser als Niedertem-
peraturkessel. Erdöl und Gas verbrennt überwiegend zu Kohlendioxid und Wasserdampf.
Herkömmliche Heizungsanlagen können die Wärme des Wasserdampfes allerdings nicht
verwerten. Brennwertgeräte hingegen kondensieren diesen Wasserdampf und nutzen die
dabei frei werdende Wärme zusätzlich. Sie machen sich also trotz ihrer etwas höheren
Anschaffungskosten durch die Energiekosteneinsparung schnell bezahlt.

Wärmepumpe
Elektrische Wärmepumpen fördern einen erheblichen Anteil der für ein Gebäude benö-
tigten Wärme aus dem natürlichen Wärmespeicher der Umwelt wie beispielsweise Erd-
wärme und Grundwasser. Nur ein Viertel der Heizenergie muss als Strom für den Antrieb
zugeführt werden, etwa drei Viertel kommen aus der Umwelt. Je höher der Energieanteil
aus der Umwelt ist, desto effektiver arbeitet die Wärmepumpe. Energetisch vorteilhaft ist
die Verwendung von Erdwärme oder Grundwasser als Wärmequelle und der Einsatz einer
Flächenheizung wie zum Beispiel einer Fußbodenheizung (Abb. 1.35). Dann kann eine
Wärmepumpe Primärenergie um ca. ein Drittel besser ausnutzen als ein Niedertempera-
turkessel.
Strom sollte man in der Regel nicht direkt verheizen, wie dies in Direkt- und Speicher-
heizungen geschieht. Nach der Energieeinsparverordnung kann man solche Heizsysteme
nur in sehr gut gedämmten Gebäuden einsetzen, da in der Verordnung die Gesamtener-
giebilanz eines Gebäudes bewertet wird. Um eine Kilowattstunde Strom herzustellen,
benötigt man allerdings rund drei Kilowattstunden Energie in Form von Kohle, Uran oder
anderen Brennstoffen.
Empfehlung für die Wärmeschutzwirkung der Bauteilschichten zwischen Heizschicht
und angrenzender Außenschicht (Erdreich, Außenluft„ Raumluft unbeheizter Räume
u. Ä.)

Abb. 1.35 Fußbodenheizung.


(Quelle: RWE Energie Essen)
U H ≤ 0,35 W/(m 2K)
50 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Standort der Heizung und Wärmeverteilung


Zusätzlich lässt sich in Gebäuden Energie sparen, wenn beispielsweise

 der Heizkessel statt im unbeheizten Keller im beheizten Dachgeschoss steht,


 die gedämmten Verteilungen im Inneren des Wohngebäudes verlaufen, statt an der Au-
ßenwand,
 eine geregelte Heizungsumwälzpumpe das Heizungswasser bedarfsgerecht an die
Heizkörper liefert,
 eine sehr gute Raumtemperaturregelung eingesetzt wird.

Heizkomfort aus Nah- und Fernwärme


Wesentlich effizienter als die herkömmliche Erzeugung von Strom und Wärme in Kraft-
werken und Heizanlagen ist die Kraft-Wärme-Kopplung. Heizkraft- oder Blockheizkraft-
werke erzeugen Strom. Die dabei anfallende Wärme fließt in ein Nah- oder Fernwärme-
netz, wo sie zum Heizen der angeschlossenen Gebäude bereitsteht. Nahwärmeanlagen
sind kompakter und versorgen ein kleineres Gebiet mit Fernwärmeanlagen. Durch die
gekoppelte Erzeugung von Strom und Wärme reduziert sich der Primärenergieaufwand
erheblich. Auch der erneuerbare Brennstoff Holz wird zunehmend in Biomasseheizwer-
ken und Heizkraftwerken eingesetzt.
Vorteile von Nah- oder Fernwärme sind:
Im Einzelgebäude beschränkt sich der Raumbedarf auf eine Übergabestation, ein sepa-
rater Heizungsraum entfällt. Es fallen keine Schornsteinfegerkosten an.

Sanitärtechnik
Im Bereich der Sanitärtechnik sollte eine energetische Bewertung des Gebäudebestandes
vorgenommen werden und daraus abgeleitet energiesparende Maßnahmen durchgeführt
werden. Im Kaltwasserbereich, einschließlich Toilettenspülung, können Möglichkeiten
der Wassereinsparung mittels Spararmaturen genutzt werden. Voraussetzung sind Dicht-
heit und dicht schließende Armaturen. Für die Warmwasserversorgung sind bei ausge-
dehnten Netzen Zirkulationsleitungen sinnvoll. Diese sorgen dafür, dass an den Zapf-
stellen ständig warmes Wasser zur Verfügung steht, erhöhte Verluste ablaufenden kalten
Wassers werden vermieden. Grundsätzliche Lösungen für die Trinkwassererwärmung sind
die zentrale Bereitstellung, kombiniert mit der Heizung sowohl in Ein- und Zweifamilien-
häusern als auch in Mehrfamilienhäusern, oder einzelne Kleinerzeuger auf der Basis von
Erdgas und/oder Strom.
Energieeinsparpotenziale im Bereich der Warmwasserversorgung sind:

 funktionierende Zirkulation und Installation gemäß EnEV, Abschaltmöglichkeiten für


die Zirkulationspumpe;
 ausreichende Wärmedämmung von Warmwasserleitungen, Armaturen und Speichern;
1.5 Gesetzliche Regelungen – Normen – Grundlagen 51

 optimale Temperaturen für die Warmwasserversorgung, bei Temperaturen über 60 °C


erhöhte Verkalkungsgefahr und erhöhte Wärmeverluste an Leitungen und Speichern;
 Einbeziehung einer solaren Trinkwassererwärmung zur Verminderung des Einsatzes
von fossilen Energieträgern und Einschränkung des sommerlichen Kesselbetriebes;
 wenig Anbaufläche und Energie bei der Erzeugung
 wenig Schadstoffanfall bei Herstellung und Transport
 Sicherung einer dauerhaften Produkterhaltung im Stoffkreislauf
 dauerhaft konstruiert und ausgeführt (konstruktiver Witterungsschutz);
 Minimierung von Fugen im Außenbereich, Vermeidung von Materialmix in einem
Bauteil z. B. Wände aus unterschiedlichen Mauersteinen;
 dass Materialien zum Einsatz kommen, die bei nachträglichen Änderungen leicht
trennbar, wiederverwendbar und recyclingfähig sind;
 dass Konstruktionen zum Einsatz kommen, die den sich ändernden oder wachsenden
Ansprüchen der Bewohner leicht angepasst werden können.

1.5 Gesetzliche Regelungen – Normen – Grundlagen

1.5.1 Vorüberlegungen – Zielstellungen

Am 23.01.2017 haben das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) und
das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau- und Reaktorsicherheit (BMUB)
den Referentenentwurf zum Gebäudeenergiegesetz (GEG) vorgelegt. Im Wege der No-
vellierung des Energieeinsparrechtes kodifiziert die Bundesregierung das Energieeinspar-
gesetz (EnEG), die Energieeinsparverordnung (EnEV) und das Erneuerbare-Energien-
Wärmegesetz (EEWärmeG). Die Zusammenführung in einem gemeinsamen Rechtsrah-
men stellt eine Vereinfachung der aktuellen Rechtslage dar.
Neben der Zusammenlegung der Verordnungen und Gesetze wird die Richtlinie zur
Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden (EPBD) mit der Definition des Niedrigenergiege-
bäudestandards für die Gebäude der öffentlichen Hand mit dem Effizienzhausstandard 55
(auch KfW 55) umgesetzt. Das bedeutet eine Verschärfung zum geltenden EnEV 2016
Standard um etwa 20 % hinsichtlich der Anforderungen an die Primärenergie.
Darüber hinaus sollen die der Versorgung zugrunde liegenden Primärenergiefaktoren
zukünftig in einer neuen Rechtsverordnung geregelt werden. Diese soll neben der Primär-
energie auch weitere Faktoren wie z. B. die Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und
CO2 -Emissionen berücksichtigen.
In der „Energieeffizienzstrategie Gebäude- ESG“ (Beschluss des Bundeskabinetts
10/16) wurde das Ziel eines nahezu klimaneutralen Gebäudestandards bis 2050 festgelegt
und dieses als eine Reduzierung des Primärenergiebedarfs in der Größenordnung von
80 % gegenüber 2008 definiert. Als Zwischenziel bis 2030 sind 55 % angestrebt.
52 1 Bauen im Einklang mit der Natur

1.5.2 EnEV – Energieeinsparverordnung

1.5.2.1 Neureglungen
Ursprünglich sollt die EnEV ab Anfang 2018 mit anderen Gesetzen des Energieeinspar-
rechtes zum Gebäudeenergiegesetz (GEG) zusammengeführt werden. Doch der Entwurf
blieb im parlamentarischen Verfahren stecken. Wann das GEG in Kraft treten wird, ist
zum gegenwärtigen Zeitpunkt (02/2019) noch unklar.
Deshalb gilt z. Z. noch die EnEV 2016.
Die aktuelle EnEV schreibt die EnEV 2014 fort und unterstreicht den Ansatz, dass
der Energieverbrauch in Gebäuden (sowohl Neu- als auch sanierte Bauten) weiter gesenkt
werden muss.
Grundlage hierfür sind zwei Aspekte:

 Die Novellierung des Energieeinsparungsgesetzes, das als Grundlage für die Energie-
einsparverordnung dient.
 Die europäische Gebäuderichtlinie 2010/31/EU EPBD (Energy Performance of Buil-
dings Directive). Darin wird gefordert, dass Neubauten im privaten Bereich ab 2021
einem nationalen Nullenergiestandard zu entsprechen haben.
Öffentliche Neubauten sollten dieses Ziel bereits ab 2019 erfüllen.

Mit der schrittweisen Absenkung des Energiebedarfs ist es klar, dass die EnEV 2016
auch nur einen begrenzten Gültigkeitsraum hat.
National wird durch die Gesetzgebung 2017 der sogenannte „Fast – Nullenergiestan-
dard“ vorgegeben.
2021 müssen sich dann alle Bauherren an die zukünftig formulierten europäischen Vor-
gaben halten.
2017 werden dazu die genauen Zukunftsstandards formuliert.
Neben dem nationalen Ziel der nahezu Nullenergiehäuser 2021 wird auch am Ziel, das
der gesamte Baubestand in Deutschland klimaneutral bis 2050 saniert sein soll.
Die Liste der Ordnungswidrigkeiten der EnEV enthält nun auch Konsequenzen für die
Nichteinhaltung der Nachrüstpflicht.
Seit dem 1. Januar 2016 gilt die EnEV 2016 und ab 01. April 2016 haben die KfW-
Standards nachgezogen.
20 Jahre Zinsbindung und bis zu 30 % Zuschuss zur Tilgung sind möglich. Durch die
Verschärfung der EnEV 2016 wurde das KfW-Effizienzhaus 70 praktisch zum Mindest-
standard der EnEV deklariert und ist für Neubauten ab 2016 nicht mehr förderungsfähig.
Für das geförderte KfW-Effizienzhaus 55 gibt es ein vereinfachtes Nachweisverfahren
und es wurde ein neues „KfW-Effiizienzhaus 40 Plus“ mit stromerzeugender Anlage und
Batteriespeicher eingeführt.
Vielerorts stößt man allerdings bei der Recherche zur neuen EnEV auf erste Fragen.
Wie heißt nun die aktuelle Energieeinsparverordnung richtig? EnEV 2016 oder EnEV
2014? Die korrekte Bezeichnung lautete „Zweite Verordnung zur Änderung der Ener-
1.5 Gesetzliche Regelungen – Normen – Grundlagen 53

Abb. 1.36 Systematik und Be-


griffe der Energiebilanzierung.
(Quelle: ILS Hamburg)

gieeinsparungsverordnung vom 18. November 2013“. Die Festlegung von verschiedenen


Grenzwerten erfolgt überwiegend durch Änderung tabellarischer „Kennwerte im Rahmen
der EnEV 2014 mit Gültigkeitsbeginn 2016“. Um eine Unterscheidung der verschiedenen
Vorgaben zu erleichtern wird umgangssprachlich der Begriff „EnEV 2016“ verwendet.
Intern arbeiten Expertenkommissionen schon an der Präzisierung „EnEV 2017“.

1.5.2.2 EnEV – Historie


Seit 2002 sind die Ansprüche im Hinblick auf den Transmissionswärmeverlust über die
Gebäudehülle, Lüftungswärmeverlust, Heizung, Warmwasseraufbereitung stufenweise er-
höht worden.
Bedenkt man zudem, dass das Energieeinsparpotenzial im Altbaubereich bei etwa 80 %
und im Neubaubereich bei ca. 50 % liegt, wie aus Untersuchungen hervorgeht, so wer-
den die großen Energieeinsparpotenziale deutlich, die im Gebäudebereich noch vorhanden
sind.
In der bis 2002 geltenden Wärmeschutzverordnung wurde nur der Wärmebedarf be-
grenzt, der zur Gebäudeheizung notwendig ist. Die nachfolgenden Energieeinsparverord-
nungen EnEV ergänzen dies um die Entstehung der Wärme und die Gewinnung der dazu
nötigen Energie (Abb. 1.36).
Die EnEV 2016 bewertet nicht nur die Wärmedämmung der Gebäudehülle, sondern
auch die Anlagentechnik und die eingesetzte Primärenergie (Abb. 1.37).

1.5.2.3 Ziele und Entwicklung der EnEV


Der Gesetzgeber in der Bundesrepublik Deutschland verfolgt mit dem in den letzten
Jahrzehnten zunehmenden Bestreben, im Gebäudebereich Energie einzusparen, zwei we-
sentliche Ziele:

 die Ressourcenschonung und


 den Schutz der Umwelt.

Begründet wird dieses Bestreben mit den immer knapper werdenden fossilen Energie-
trägern und der Selbstverpflichtung der Bundesrepublik Deutschland, den CO2 -Ausstoß
von 1990 bis 2005 um 25 % zu reduzieren und bis 2020 nochmals um 15–20 %.
Aufgrund der Tatsache, dass etwa ein Drittel der in Deutschland verbrauchten Endener-
gie zur Erzeugung von Raumwärme und Warmwasser aufgewendet wird und ca. 30 % der
54 1 Bauen im Einklang mit der Natur

DIN V 4108-6 DIN V 4701-10


Berechnung des Jahres- Ermittlung der Kennwerte zur
Heizwärme- und Heizenergie- energetischen Bewertung
bedarfs mit den Randbedin- heiz- und raumluft-
gungen für Deutschland technischer Anlagen

DIN EN 673 DIN V 18599 VDI 3807


Ermittlung der Wärme- Energieverbrauchswerte
Energetische Bewertung
durchgangskoeffizienten für Gebäude
von Gebäuden
von Verglasungen

DIN EN 410 DIN 4108 Bbl 2


Gesamtenergie-
durchlassgrad Energieeinsparverordnung Planungs- und
Ausführungsbeispiele
von Verglasungen Wärmebrücken

DIN EN ISO 10077 DIN 4108-2 DIN EN ISO 6946


Ermittlung der Wärme- Mindestwärmeschutz, zulässige Sonnen- Ermittlung der Wärme-
durchgangskoeffizienten eintragskennwerte und Randbedingungen durchgangskoeffizienten
von Fenstern für thermische Gebäudesimulationen opaker Bauteile

DIN EN 13829 DIN EN ISO 13789


Wärmeübertragende
Anforderungen an die
Umfassungsfläche A
Dichtheit des Gebäudes
und Gebäudevolumen Ve

Abb. 1.37 Systematik und Begriffe der Energiebilanzierung, dargestellt am Energieflussbild des
Primärenergiebedarfs der Wärmebereitstellung. (Quelle: RWE Energie Essen)

CO2 -Emission auf den Gebäudebereich entfallen, können durch bauliche und anlagen-
technische Verbesserungen der Gebäude erhebliche Energiemengen eingespart und ein
wesentlicher Beitrag zu den oben genannten Zielen geleistet werden.
In Deutschland werden die europäischen Rahmenbedingungen aus der Richtlinie
2010/31/EU und die begleitenden Verordnungen vorbildlich umgesetzt. Zugleich wird
darauf hingearbeitet, Neubauten als nahezu Nullenergiehäuser bzw. Niedrigenergiehäuser
ab 2019 im öffentlichen Bereich und ab 2021 im privaten Sektor Standard werden zu
lassen.
Die aktuelle EnEV 2016 (2018) verfolgt im Wesentlichen bei Neubau und Sanierung
vier Ziele:

1 Transparente Dokumentation der energetischen Qualität eines Gebäudes mit dem


Energieausweis
 Der Endenergiebedarf stellt die gesamte Energiemenge dar, um sowohl die Heizleis-
tung als auch die Trinkwassererwärmung des Gebäudes sicherzustellen.
 Der Primärenergiebedarf berücksichtigt zusätzlich die Gewinnung und Bereitstel-
lung der benötigten Energie.
 Der Transmissionswärmeverlust kennzeichnet die Qualität der Gebäudehülle und
daraus resultierende Wärmeverluste über trennende Bauteile mit beiderseits unter-
schiedlichen Temperaturen.
 Einführung von Energieeffizienzklassen zum orientierenden Vergleich einzelner Ge-
bäude.
1.5 Gesetzliche Regelungen – Normen – Grundlagen 55

 Schaffung einer Dokumentation über die Nutzung erneuerbarer Energien für die De-
ckung des Wärme-und Kältebedafs zur Einsparung fossiler Ressourcen.
 Bereitstellungen zum Inhalt von Energieausweisen. Daraus soll der Nutzer erkennen,
welche Qualität vorhanden ist und mit welchen Anforderungen er zu rechnen hat.
2 Verschärfung des Anforderungsniveaus ab dem 01.01.2016
 Der Jahresprimärenergiebedarf wird um 25 % abgesenkt.
 Der Transmissionswärmeverlust wird auf den Wert des vergleichbaren Referenzge-
bäudes begrenzt.
3 Anpassung des Nachweises an das aktuelle Normenwerk
 Berücksichtigung, dass die wesentlichen Nachweisnormen im Bereich der energeti-
schen Bewertung von Gebäuden seit 2009 angepasst wurden.
 Eine Folge ist die Absenkung des Primärenergiefaktors für Strom von 2,6 auf 2,4
und seit 2016 auf 1,8.
 Der sommerliche Wärmeschutz ist mit verschiedenen Nachweisverfahren der DIN
4108 – 2 (2013) zu berechnen.
4 Steigerung der Kontrollmöglichkeiten
 Die EnEV 2016 führte erstmals in einen wirksamen Kontrollmechanismus ein, der
Stichproben der energetischen Qualität ermöglicht.
 Angepasste Eskalationsstufen überprüfen die Angaben aus der Berechnung mit dem
tatsächlich errichteten Gebäude. Dies kann von der Kontrolle der Eingabedaten bis
zur Ortsbesichtigung des Objektes reichen.
 Möglich wird dies durch die Erfassung der Energieausweise anhand der neuen Re-
gisternummern und der Verpflichtung des Planers, alle Berechnungsunterlagen für
mindestens zwei Jahre aufzubewahren.

1.5.2.4 Referenzgebäudeverfahren für Wohngebäude


Mit dem Referenzgebäudeverfahren lasen sich alle Arten von Wohn- und Nichtwohnge-
bäuden energetisch berechnen. Für Wohngebäude bietet sich das Verfahren nach DIN V
4108-6 in Verbindung mit DIN V 4701-10 an, da hier der Aufwand geringer ist als mit
den Datengrundlagen aus DIN V 18599.
Die energetische Qualität der Gebäudehülle ergibt sich aus dem Transmissionswärme-
verlust. Dieser Wert bilanziert die Bauteile der Gebäudehülle so, dass die Dämmwirkung
im Mittel über alle Außenbauteile (z. B. Wände, Dächer, Fenster etc.) erkennbar wird.
Mit dem Referenzgebäudeverfahren (Abb. 1.38) lassen sich auch die Wärmedurch-
gangskoeffizienten (U-Werte) der einzelnen Bauteile ermitteln. Mit diesen Kenntnissen
kann der Planer wirtschaftliche Lösungen für die Sanierung des Gebäudes entwerfen.
Der Energieverbrauch eines Gebäudes wird maßgebend durch die Kombination aus
der Bauteilqualität, der wärmeübertragenden Gebäudehülle und der eingesetzten Anlagen-
technik für Heizung, Trinkwassererwärmung und Lüftung bestimmt.
Mit dem Wechselspiel zwischen den einzelnen Komponenten beschreibt die aktuel-
le EnEV 2016 keine starren Grenzwerte, sondern ermöglicht vielmehr ein ausgewogenes
Verhältnis zwischen der Gebäudehülle und der Anlagentechnik (Abb. 1.39). Um die ener-
56 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Abb. 1.38 Referenzgebäudeverfahren. (Quelle: Multipor, Duisburg)

Abb. 1.39 Referenzstandard Anlagentechnik – Referenzgebäudeverfahren. (Quelle: Multipor,


Duisburg)

getischen Anforderungen einzuhalten, werden Vorgaben zur Ermittlung des Jahresprimär-


energiebedarfs vorgenommen. Aus diesen Kennwerten und der Geometrie des tatsächli-
chen Gebäudes ergibt sich auch der energetische Standard. Dabei zählt die Summe aller,
die Einzelwerte zählen nicht.
Der Anforderungswert zeigt im Energieausweis den maximal zulässigen Jahresprimär-
energiebedarf sowie den Transmissionswärmeverlust, den das gesamte Gebäude einzuhal-
ten bzw. zu unterschreiten hat.
Dabei sind Abweichungen bei den einzelnen Bauteilen und der Anlagentechnik mög-
lich, solange sie die vorgegebenen Grenzwerte nicht überschreiten (Abb. 1.40).
Je deutlicher die Anforderungswerte unterschritten werden, desto geringer sind der
Energieeinsatz und damit auch die Betriebskosten der Gebäude.
1.5 Gesetzliche Regelungen – Normen – Grundlagen 57

Abb. 1.40 Berechnungsablauf der EnEV 2016 (2018). (Quelle: Multipor, Duisburg)

1.5.2.5 Modernisierung von Wohngebäuden


In Deutschland weisen immer noch überdurchschnittlich viele (2016 ca. 70 %) Wohnein-
heiten aufgrund ihres Baujahres sowohl einen schlechten bis mangelhaften Wärmeschutz
als auch eine veraltete Anlagentechnik auf. Die Folgen sind erhöhter Energieaufwand im
Winter und bisweilen unerträgliche Hitze im Sommer.
In der EnEV 2016 sind sowohl die Anforderungen bei Änderungen und Erweiterungen
von Gebäuden als auch die Plichten zu ihrer Nachrüstung festgelegt. Jede Art der energe-
tischen Sanierung senkt die Heizkosten, optimiert den Klimaschutz, erhöht den Zeitwert
und meistens auch die architektonische Gestaltung. Planer erhalten mit der EnEV höhere
Planungssicherheit. Einzelmaßnahmen und Gesamtmaßnahmen müssen im Energieaus-
weis beschrieben und unter wirtschaftlichen Aspekten bewertet werden.
Im Rahmen der Sanierung können die Planer zwischen dem einfacheren Bauteilverfah-
ren oder dem aufwendigeren detaillierteren Nachweisverfahren wählen.
Erweitert sich die Nutzfläche um mehr als 50 m2 ist zu prüfen, ob ein neuer Wärme-
erzeuger installiert werden muss. Nur dann gelten die Neubauanforderungen. Ansonsten
kann der Nachweis auch nach dem Bauteil- oder Referenzgebäudeverfahren für die Sa-
nierung geführt werden (Abb. 1.41).
58 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Abb. 1.41 Berechnungsablauf, Bauteilverfahren, Modernisierung. (Quelle: Multipor, Duisburg)

Die bauteilbezogenen Betrachtungen stellen Anforderungen an die einzelnen Bauteile


nach Tabellenwerten aus Anlage 3 Tabelle 1 zur EnEV. Die darin erhaltenen Werte gelten
stets in Kombination mit weiteren Bestimmungen aus Anlage 3 der EnEV 2014.
Die zweite Berechnungsvariante im Sanierungsbereich geht wesentlich tiefer, da sie
das gesamte Gebäude nach den Regeln der aktuellen EnEV neu berechnet.
Sanierte Wohngebäude dürfen im Ergebnis die Grenzwerte des Jahresprimärenergie-
bedarfs und des Transmissionswärmeverlustes nach dem Referenzgebäudeverfahren um
maximal 40 % überschreiten.
Damit ist offensichtlich, dass dieses Bemessungsverfahren eher für eine vollständige
Sanierung als für eine Bauteilmodernisierung geeignet ist.

1.5.2.6 Ausnahmen und Befreiungen


Neben der energetischen Qualität ergeben sich auch substanzerhaltende und gesundheit-
lich erforderliche Mindestvorgaben durch die Nutzung. Zusätzlich sind öffentlich-rechtli-
che Vorschriften zu beachten. So ist z. B. das nachträgliche Aufbringen einer Außendäm-
mung bei Grenzbebauung aus nachbarrechtlichen Gründen nicht möglich, da der Bauherr
das Grundstück des Nachbarn nicht überbauen darf. Können Anforderungen der EnEV
nicht schadensfrei erfüllt werden, so bestehen folgende Möglichkeiten:

1. Anwendung EnEV § 16 – Ausnahmen


Soweit bei Baudenkmälern oder sonstiger besonders erhaltenswerter Bausubstanz die
Erfüllung der Anforderungen die Substanz oder das Erscheinungsbild beeinträchtigen
und andere Maßnahmen zu einem unverhältnismäßig hohen Aufwand führen würden,
lassen die nach Landesrecht zuständigen Behörden auf Antrag Ausnahmen zu.
1.5 Gesetzliche Regelungen – Normen – Grundlagen 59

2. Anwendung EnEV § 17 – Befreiung


Die nach Landesrecht zuständigen Behörden können auf Antrag von den Anforderun-
gen der EnEV befreien, soweit die Anforderungen im Einzelfall wegen besonderer
Umstände durch einen unangemessenen Aufwand (Gebot der Wirtschaftlichkeit) oder
in sonstiger Weise zu einer unbilligen Härte führen. Eine unbillige Härte liegt vor,
wenn z. B. Aufwendungen über die verbleibende Nutzungsdauer nicht wirtschaftlich
sind.
Bauherr und Planer müssen für ihr Bauvorhaben bei der Behörde die Anerkennung
als erhaltenswerte Bausubstanz oder unbillige Härte beantragen. Hierfür sind für je-
den Einzelfall entsprechende Begründungen erforderlich, um eine Genehmigung zu
erreichen.

1.5.2.7 Energieausweis – notwendiges Dokument zur Durchsetzung


der EnEV

Anliegen
Die Einführung des Energieausweises (dieser Begriff wird seit der EnEV 2007 für den
Begriff Energiepass angewendet) soll dazu führen, die energetische Gebäudequalität zu
dokumentieren und die CO2 -Emission in Deutschland zu reduzieren.
Damit soll die Markttransparenz im Gebäudebestand maßgeblich gestärkt werden. Da-
zu sind in den Anlagen 6 bis 7 der EnEV 2014 neue und einheitliche Formularentwürfe
für Energieausweise für Wohngebäude und Nichtwohngebäude enthalten.
Für kleinere Gebäude sowie geschützte Baudenkmäler besteht keine Pflicht für
Energieausweise. Bei größeren Gebäuden ergibt sich die Pflicht erst dann, wenn ein
Eigentümer- oder Nutzerwechsel erfolgt.
Energieausweise müssen für Altbauten eingeholt werden, wenn Gebäude oder Gebäu-
deteile:

 verkauft,
 modernisiert,
 neu verpachtet,
 neu vermietet,
 neu geleast

werden.
Die Klassifizierung der Gebäude unter dem Aspekt der Energieeffizienz ist notwendig,
weil sie mit mehr als 40 % am gesamten Energieverbrauch zu den größten Energiefres-
sern zählen (Abb. 1.43). So wird rund ein Drittel des deutschen Energieverbrauchs für
Raumwärme und Warmwasserbereitung aufgewendet. Das hat hohe Umweltbelastungen
und unnötige Energiekosten für Hauseigentümer und Mieter zur Folge.
Energieeinsparungen, für die im Gebäudebestand reichliche Potenziale bestehen, sind
also sowohl ökologisch als auch ökonomisch sinnvoll. Mit dem Energieausweis werden
die Chancen eines optimierten Energiebedarfs nachvollziehbar aufgezeigt.
60 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Abb. 1.42 Schematische Darstellung der Verlust- und Gewinnquellen einer Gebäudeenergiebilanz.
(Quelle: ILS Hamburg)

Abb. 1.43 Primärenergiebedarf. (Quelle: RWE Energie Essen)


1.5 Gesetzliche Regelungen – Normen – Grundlagen 61

Weiterhin werden Markttransparenz auf dem Immobiliensektor und die Motivation,


energierelevante Sanierungen im Gebäudebestand vorzunehmen, gefördert. Der Energie-
ausweis weist zukünftig wichtige Kern- und Kenndaten aus, die Einfluss auf den Energie-
bedarf haben.
Der Primärenergiebedarf stellt die Basis für die Gebäudebewertung im Energiepass
dar. Vorrangige Kriterien sind also sowohl der bauliche Standard als auch die Heizungs-
anlage.
Zusätzlich wird beurteilt, wie umweltfreundlich und effizient die für Heizung und
Warmwasserbereitung benötigte Energie (Erdgas, Erdöl, Strom etc.) an anderer Stelle er-
zeugt wird. Dies macht die direkte Auswirkung des Gebäudebetriebs auf die Umwelt
ersichtlich. Ergänzt wird diese grundlegende Bewertung des Energieträgers durch Infor-
mationen über den Heizwärmebedarf, der die bauliche Qualität kennzeichnet.

Vorteile

 Der Energiepass gibt konkrete Hinweise auf energetische Modernisierungs- bzw. Sa-
nierungsmöglichkeiten von Gebäuden.
 Es ist zu erkennen, wie Energiekosten reduziert werden können, die unter Umständen
als versteckte Kosten den Wert eines Gebäudes beeinflussen.
 Instandhaltungsmaßnahmen können kostengünstig mit energetischen Sanierungsmaß-
namen verbunden werden.
 Wirtschaftlichkeit der Maßnahmen wird abgeleitet, woraus Prioritäten gesetzt werden
können (gute Entscheidungshilfe).
 Die Realisierung der Maßnahmen führt zu geringen Heiz- bzw. Mietnebenkosten
(Wettbewerbsvorteil) und einer Wertsteigerung des Gebäudes.

Energieausweise – Forderung der EU


Mit der Europäischen Richtlinie „Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden“ (EPBD) ist die
Bundesregierung verpflichtet, die Erstellung von Energieausweisen für den Gebäudebe-
stand und für Neubauten zu realisieren. Die zukünftigen Energieausweise müssen über
die energetische Qualität des Gebäudes verständlich Auskunft geben. Dazu gehören u. a.

 ein aussagekräftiges Label zum energetischen Stand des Gebäudes,


 Daten zur energetischen Qualität der Gebäudehülle und der Anlagentechnik,
 Modernisierungshinweise für technisch und wirtschaftlich sinnvolle Lösungen.

Seit 2008 ist eine Ausstellung von Energieausweisen auf der Grundlage des Energie-
bedarfs oder des Energieverbrauchs gesetzlich vorgeschrieben.

Energieverbrauchsausweis
Für den Energieverbrauchsausweis (Abb. 1.44) ist der Energieverbrauch aus den realen
Energieverbrauchsdaten zu ermitteln. Dabei wird
62 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Abb. 1.44 Energieausweis für Wohngebäude. (Quelle: Wild, Brandis)

 für Wohngebäude der Energieverbrauch für Heizung und Warmwasser,


 für Nichtwohngebäude der Energieverbrauch für Heizung, Warmwasser, Kühlung, Lüf-
tung und eingebaute Beleuchtung in Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr ange-
geben.

Der verbrauchsorientierte Ausweis bezieht sich auf die Heizkostenabrechnungen der


aktuellen Nutzer in den vergangenen drei Jahren.
Das hat allerdings einen „Haken“: Der erfasste Energieverbrauch sagt mehr über die
Heizgewohnheiten der Bewohner als über den Zustand des Gebäudes aus. Beim Verkauf
eines Gebäudes sind Sie seit 2008 verpflichtet, dem Käufer die Energiedaten Ihres Hau-
ses vorzulegen. Allerdings können Sie bei unter vier Mietparteien noch zwischen dem
kostengünstigeren verbrauchsorientierten Ausweis oder dem bedarfsorientierten wählen.

Energiebedarfsausweis
Beim Energiebedarfsausweis werden im Wesentlichen der Jahresprimärenergiebedarf und
die energetische Qualität der Gebäudehülle ausgewiesen. Dabei unterscheidet sich die Be-
rechnungsmethode zwischen Wohn- und Nichtwohngebäude.
1.5 Gesetzliche Regelungen – Normen – Grundlagen 63

 Bei Wohngebäuden wird der Jahresprimärenergiebedarf auch in der EnEV 2007 weiter
nach dem vereinfachten Verfahren oder nach DIN EN 832 ermittelt.
 Bei Nichtwohngebäuden ist der Jahresprimärenergiebedarf und die energetische Qua-
lität der Gebäudehülle nach der neuen DIN V 18599 zu ermitteln.

Des Weiteren werden die jeweiligen Anforderungswerte für Jahresprimärenergiebedarf


und die energetische Qualität der Gebäudehülle ausgewiesen. Die ermittelten Ist-Werte
dürfen die Anforderungswerte nicht überschreiten.
Der Energiebedarfsausweis ist sowohl für Verkäufer und Käufer transparenter, aber
auch aufwendiger und teurer. Es ist eine detaillierte Untersuchung durch Experten not-
wendig, um herauszufinden, wie es tatsächlich um das Haus bestellt ist. Der Fachmann
schaut sich deshalb nicht nur die Abrechnungen an, sondern auch die Gebäudehülle und
die Heizung.

I Eine Begehung vor Ort durch einen ausgewiesenen Experten ist für die Ausstel-
lung eines bedarfsorientierten Energieausweises in jedem Fall erforderlich.

Modernisierungshinweise
Zur Realisierung sinnvoller Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen beinhaltet der
Energieausweis explizit gesonderte Modernisierungstipps. Hier finden Sie Informationen
zur Absenkung des Primärenergiebedarfs wie auch zur Reduzierung von CO2 -Emissionen
und damit zur Verringerung der Betriebskosten der Immobilie. Ersichtlich wird, wie Sie
höhere Umweltfreundlichkeit, geringere Energiekosten und damit Werterhalt bzw. Wert-
steigerungen der Immobilie verwirklichen können.

1.5.3 Gesetz für den Ausbau erneuerbarer Energien

Am 01.04.2000 (letzte Neufassung 21.07.2014; letzte Änderung 21.12.2018) trat das Ge-
setz für den Ausbau erneuerbarer Energien (EEG 2017) in Kraft. Die letzte Änderung
wurde am 01.01.2017 wirksam.
Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) regelt die Abnahme und die Vergütung
von elektrischer Energie aus erneuerbaren Energiequellen und aus Grubengas und ermög-
licht dem Erzeuger feste Einspeisevergütungen.
Zweck des Gesetzes ist es, im Interesse des Klima-, Natur- und Umweltschutzes ei-
ne nachhaltige Entwicklung der Energieversorgung zu ermöglichen. Das Gesetz soll da-
zu beitragen, den Anteil erneuerbarer Energien an der Stromversorgung auf mindestens
12,5 % im Jahr 2010 und mindestens 20 % im Jahr 2020 zu erhöhen.
Durch das EEG sind Netzbetreiber verpflichtet, Anlagen zur Erzeugung von Strom aus
erneuerbarer Energie an ihr Netz anzuschließen, den Strom abzunehmen und dem EEG
entsprechend zu vergüten.
64 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Im EEG sind Mindestvergütungssätze festgelegt für:

 Wasserkraftwerke bis 5 Megawatt


 Photovoltaikanlagen bis 5 Megawatt
 Biomasse bis 20 Megawatt
 Windkraftanlagen
 Geothermische Anlagen, die bis Ende 2009 in Betrieb gehen
 Deponie-, Gruben- und Klärgasanlagen

Die Einspeisevergütung bezeichnet den Betrag, den die Netzbetreiber einem (z. B. pri-
vaten) Anlagenbetreiber für den in ihr Netz eingespeisten Strom zahlen müssen.
Die Wirtschaftlichkeit von Photovoltaikanlagen ist umso größer, je höher die Ver-
gleichskosten einer netzgebundenen Stromversorgung sind. Weitere wirtschaftliche Fak-
toren sind die Höhe der Einspeisevergütung und die Verfügbarkeit zinsgünstiger Förder-
mittel.
In Deutschland beträgt die Einspeisevergütung durch den Energieversorger gemäß dem
derzeit gültigen Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in der novellierten Fassung vom
28.12.2012 für neue Anlagen an Gebäuden (Inbetriebnahme: 2007) je nach Größe der
Anlage zwischen 46,8 und 40,21 Cent/kWh. Mehrere Anlagen auf ein und demselben Ge-
bäude, die innerhalb von sechs Monaten in Betrieb genommen werden, zählen dabei als
eine Anlage.
Für gebäudeintegrierte Fassadenanlagen gibt es einen zusätzlichen Bonus in Höhe
von 5,0 Cent/kWh ohne Differenzierung nach Anlagengrößen. Die gesetzlich festgeleg-
ten Werte der Einspeisevergütung fallen jedes Jahr für neue Anlagen um einige Prozent
niedriger aus als im Vorjahr. Diese garantierte Mindestvergütung gilt vom Zeitpunkt der
Inbetriebnahme an für das laufende Jahr und weitere 20 Kalenderjahre. Der kalkulierte
Finanzrückfluss reduziert das Investitionsrisiko und macht die Errichtung von Photovol-
taikanlagen auch für Privathaushalte oder mittelständische Betriebe interessant.

Ausblick und Entwicklung


Zur Vereinfachung der energiesparrechtlichen Vorschriften ist geplant (voraussichtlich
zum 01.01.2020), die bisher eigenständigen Gesetze und Verordnungen zu einem Re-
gelwerk zusammenzufassen. So wird aus dem bisherigen Energieeffizienzgesetz (EnEG),
dem Gesetz zur Förderung Erneuerbarer Energien im Wärmeaustausch (EEWärmeG) und
der Energieeinsparverordnung (EnEV) ein Gesetzwerk entstehen, das die energetische und
ökonomische Optimierung von Gebäuden erleichtert. Ein möglicher Name für dieses Ge-
setz ist Energieeffizienzgesetz (EnEfG).
Damit sich Planer frühzeitig auf die zu erwartenden Anforderungen ab dem Jahre 2019
bzw. 2021 einstellen zu können, wird bereits zum 01.01.2018 beschrieben werden, wie
dann der Niedrigstenergiestandard aussehen wird.
Das bereits heute Gebäude nach dem höchsten energetischen Standard gebaut werden
können, beweisen die sogenannten Plusenergiehäuser.
1.5 Gesetzliche Regelungen – Normen – Grundlagen 65

1.5.4 Lebenszyklusanalysen und Umweltproduktionsdeklaration

Die ökologische Wirkung des Gebäudes entfaltet sich über die Stoff- und Energieflüsse
über den gesamten „Lebenszyklus“ eines Produktes (Abb. 1.45).
Objektbezogene Ökobilanzen (Abb. 1.46) im Baubereich werden auch als Lebenszy-
klusanalysen von Gebäuden bezeichnet (Life Cycle Assessment, LCA).
Um die möglichen oder tatsächlichen Auswirkungen eines Produkts auf die Umwelt –
oft im Vergleich zu einem anderen, konkurrierenden Produkt – systematisch zu erfassen,
wird dessen gesamter Lebensweg „von der Wiege bis zur Bahre“ unter ökologischen Ge-
sichtspunkten analysiert, von der Rohstoffgewinnung über die Herstellung, Vertrieb und
Anwendung bis zur Entsorgung oder Wiederverwendung.
Um die Vielzahl der Informationen für eine nachhaltige Produkt- und Werkstoffaus-
wahl zu erfassen wurde eine Umweltproduktdeklaration konzipiert.
Die Environmental Produkt Deklaration (EPD) ist eine nach internationalen Normen
standardisierte Umweltinformation (ISO 140/25 FprEN 15804) unhd Konzeption zur Be-
schreibung und Bewertung von Bauprodukten.
Inhalte einer EPD:

1 Beschreibung Baustoff – Lebenszyklus


 Charakterisierung Bauprodukt
 Eingesetzte Stoffe
 Beschreibung des Herstellungsprozesses
 Hinweise zur Nutzung
 Nachnutzungsoptionen

Abb. 1.45 Lebenszyklus ei-


nes Bauproduktes. (Quelle:
bauforumstahl e. V.)
66 1 Bauen im Einklang mit der Natur

Abb. 1.46 Allgemeiner Aufbau einer Ökobilanzierung in Anlehnung an DIN ISO 14040 Umwelt-
management – Ökobilanz – Grundsätze und Rahmenbedingungen. (Quelle: bauforum stahl)

2 Ökobilanz
 Dokumentation von Randbedingungen
 Ergebnisse der Ökobilanz (Indikatoren)
3 Nachweis und Prüfungen
 Emissionen in der Raumluft
 Auslaugungsverhalten
 Nachweis über die Emission von radioaktiver Strahlung

Während DIN EN ISO 14040 die Grundsätze und Rahmenbedingungen der Ökobi-
lanz beschreibt, werden in DIN EN ISO 14044 die Anforderungen an die Durchfüh-
rung von Ökobilanzstudien und Sachbilanzstudien festgelegt. Darüber hinaus enthält DIN
EN ISO 14044 eine detaillierte Anleitung zur Erstellung von Ökobilanzen sowie eine Be-
schreibung der für die einzelnen Phasen der Ökobilanz spezifischen Methoden.
Grundbegriffe der ökologischen Sanierung
2

2.1 Grundbegriffe

Für ein besseres Verständnis der Zusammenhänge zwischen Umweltschutz und Bausanie-
rung ist es wichtig, dass einige wichtige Grundlagen der Bauphysik bekannt sind.
Gebäude sind innen wie außen einer Vielzahl häufig physikalischer Einflüsse ausge-
setzt. Besonders Wärme, Frost, Schall, Feuchtigkeit und Feuer wirken auf die Gebäu-
desubstanz zerstörend, schädigen die Gesundheit der Bewohner und belasten die Umwelt.
Der Feuchteschutz (Abb. 2.1) verhindert das Eindringen von Wasser in das Gebäude
über und unter der Geländeoberfläche sowie die Bildung von Tauwasser an den Oberflä-
chen und im Inneren von Bauteilen.

Abb. 2.1 Feuchteschutz. Wasser (Regen, Schnee, Eis)


(Quelle: REW Energie Essen)

Schlagregen

Tauwasser
Spritzwasser im Bauteil

Tauwasser auf der


Oberfläche des Bauteis

Erdfeuchte Neubaufeuchte

Grundwasser

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 67
M. Stahr, Sanierung von baulichen Anlagen, https://doi.org/10.1007/978-3-658-20475-4_2
68 2 Grundbegriffe der ökologischen Sanierung

Abb. 2.2 Wärmeschutz.


(Quelle: HuT, Hamburg)

Der Wärmeschutz (Abb. 2.2) hat die Aufgabe, im Sommer in den Räumen für ange-
nehme Temperaturen und im Winter für geringe Wärmeverluste zu sorgen. Ihm kommt
auch die Aufgabe zu, die für unsere Umwelt schädlichen Heizungsabgase zu mindern.
Der Schallschutz (Abb. 2.3) dient der Minderung des Schalls im Raum der Entstehung
und der Minderung des Schalldurchgangs durch Bauteile in andere Räume.
Der Brandschutz (Abb. 2.4) ist zu unterscheiden in vorbeugenden und bekämpfenden
Brandschutz. Er hat die Aufgabe, in gefährdeten Bereichen die Entstehung bzw. die Aus-
breitung des Feuers zu verhindern sowie im Brandfall freie Flucht- und Rettungswege zu
garantieren.
Wichtig für unsere Betrachtung sind wärmeschutztechnische Kenngrößen, da der Ener-
giehaushalt einen wesentlichen Einfluss auf die Umwelt hat. Auf andere bauphysikalische
Parameter wird bei den Konstruktionen objektbezogen eingegangen.

Abb. 2.3 Schallschutz.


(Quelle: HuT, Hamburg)
2.2 Leistung und Verbrauch 69

Abb. 2.4 Brandschutz. (Quel-


le: HuT, Hamburg)

2.2 Leistung und Verbrauch

Die Leistung hat die Einheit Watt (W) bzw. Kilowatt (kW) und ist ein Momentanwert.
Er gibt an, wie viel Energie augenblicklich jeweils benötigt wird. Der Verbrauch (auch
Arbeit genannt) dagegen hat die Einheit Wattsekunde (Ws) bzw. Kilowattsekunde (kWs)
und gibt an, wie lange Leistung bezogen wurde (Tab. 2.1).
Mit 1 kWh können Sie:

 eine 100 m2 -Wohnung 15 min lang auf 20 °C Raumtemperatur halten,


 30 l Wasser auf 37 °C erwärmen,
 eine 40-W-Glühlampe 25 h lang brennen lassen,
 mit einem Benzinauto ca. 1 km weit fahren,
 10 h lang fernsehen,
 6,7 h mit der elektrischen Eisenbahn spielen.

Tab. 2.1 Leistung – Verbrauch


Leistung
W kW kcal / h PS
1W 1 0,001 0,860 0,00136
1 kW 1000 1 860 1,35778
1 kcal / h 1,163 0,001163 1 0,00158
1 PS 736,498 0,736498 632 1
Arbeit
kWh kcal J (Joule) kJ
1 kWh 1 860 3,6 × 106 3600
1 kcal 1,63 × 103 1 4186,6 4,1868
1 J (Joule) 2,78 × 107 2,39 × 104 1 0,001
1 KJ 2,78 × 104 0,239 1000 1
70 2 Grundbegriffe der ökologischen Sanierung

2.3 Temperatur

Unter Temperatur versteht man den Wärmezustand eines Körpers. Die Messung der
Temperatur geschieht mit einem Thermometer. Dabei wird die Ausdehnung flüssiger und
fester Stoffe genutzt. Quecksilber und Alkohol dehnen sich gleichmäßig aus. Sie werden
deshalb bei Flüssigkeitsthermometern verwendet.
Temperaturen werden in Kelvin (K) oder in Grad Celsius (°C) gemessen, wobei in
der Physik die Temperatur in °C, die Temperaturdifferenzen aber in K angegeben werden
(Abb. 2.5). So wird z. B. die Lufttemperatur im Raum mit C20 C und die Lufttemperatur
außen mit 10 C angegeben, während die Temperaturdifferenz zwischen innen und außen
30 K beträgt.

Abb. 2.5 Temperaturmessung:


Vergleich zwischen Celsius
und Kelvin. (Quelle: ILS Ham-
burg)

Abb. 2.6 Temperaturverlauf Innen Außen


in einer Außenwand 1,2
i si,1 Temperatur-
2,3
verlauf
im Bauteil
n-1,n n,se
e
Wärmeleitfähigkeit
j

1 2 n

Wärme- Wärme-
übergangs- Wärmedurchlass- übergangs-
widerstand widerstand Rj widerstand
Rsi R1 R2 Rn Rse

Dicken d j
d1 d2 dn
2.4 Temperaturspreizung 71

Der Temperaturverlauf ist bei der monolithischen (einschaligen) Außenwand, mit ei-
nem 36,5 cm starken Ziegel linear. Die Wandoberfläche bleibt mit 16 °C relativ kalt, die
Frostgrenze liegt in der tragenden Wand (Abb. 2.6a).
Dagegen ist bei dem folgenden insgesamt gleich starken zweischaligen Wandaufbau
mit einem 24er Ziegel und 12 cm Wärmedämmung außen die Wandoberfläche mit 19 °C
fast so warm wie die Lufttemperatur von 20 °C. Die Frostgrenze liegt außerhalb der tra-
genden Konstruktion in der Wärmedämmung (Abb. 2.6b)

2.4 Temperaturspreizung

Für Bauteile aus homogenen Schichten lassen sich die Temperaturverläufe zwischen
Oberflächen und Trennschichttemperaturen entsprechend der in Abb. 2.6 dargestellten
Vorgehensweise wie folgt ermitteln.
Der Rechengang gliedert sich in die Abschnitte

 Beschreibung der Schichten des Bauteils;


 Ermittlung der Wärmeübergangs – und Wärmedurchlasswiderstände aller Schichten
sowie der Summe aller Widerstände, die dem Wärmedurchgangswiderstand entspricht;
 Ermittlung der Temperaturdifferenz jeder Schicht, deren Summe der Temperaturdiffe-
renz zwischen Innen- und Außenluft entspricht;
 Ermittlung der Oberflächen- bzw. Grenzschichttemperatur.

Abb. 2.7 Thermische Behaglichkeit. (Quelle: Multipor, Duisburg)


72 2 Grundbegriffe der ökologischen Sanierung

Um ein behagliches Raumklima (Abb. 2.7) in den Räumen zu gewährleisten, sind auch
die Einflüsse während der verschiedenen Jahreszeiten, wie Winter und Sommer, zu beach-
ten. Bei dem Wärmeschutz im Winter wird der Energieverbrauch für die Beheizung eines
Gebäudes und ein hygienisches Raumklima erheblich von der Wärmedämmung und der
Dichtigkeit der raumumschließenden Bauteile sowie der Gebäudeform und -gliederung
beeinflusst.
Durch Empfehlungen für den sommerlichen Wärmeschutz soll verhindert werden, dass
bei einer Folge von heißen Sommertagen die Innentemperatur in den einzelnen Räu-
men über die Außentemperatur ansteigt. Die Erwärmung der Raumluft durch die Son-
neneinstrahlung wird dabei insbesondere bestimmt durch die Energiedurchlässigkeit der
Fensterverglasungen, deren Größe und Anordnung zur Himmelsrichtung, den Einbau von
Sonnenschutzvorkehrungen, die Möglichkeit der Lüftung des Raumes sowie die Wärme-
speicherung der Innenbauteile.

2.5 Wärmeschutztechnische Kenngrößen

2.5.1 Grundlagen des Wärmeschutzes

Ausreichender Wärmeschutz ist eine wichtige Voraussetzung für gesundes und behag-
liches Wohnen. Durch guten Wärmeschutz werden die Heizkosten und die Instandset-
zungskosten des Gebäudes verringert (Abb. 2.8). Der Wärmeschutz eines Gebäudes ist
abhängig von der Wärmedämmfähigkeit der das Gebäude umschließenden Bauteile wie
Wände, Decken, Dach, Fenster und Türen.

Abb. 2.8 Wärmeschutzmaß-


nahmen an einem Gebäude.
(Quelle: ILS Hamburg)
2.5 Wärmeschutztechnische Kenngrößen 73

Abb. 2.9 Wärmeschutz;


unten winterlich, oben som-
merlich. (Quelle: RWE Essen) 40 °C

Sommer
30 °C

20 °C

Bauzeit
10 °C

Winter
0 °C

–10 °C

Der Wärmeschutz von Gebäuden ist sowohl für die Verminderung von winterlichen
Wärmeverlusten (Abb. 2.9) und der damit verbundenen Heizkosten als auch für die Ver-
minderung von sommerlicher Überhitzungen notwendig.

Wärmedämmung
Unter Wärmedämmfähigkeit (Abb. 2.10) versteht man die Fähigkeit eines Bauteils, den
Durchgang von Wärme von der einen zur anderen Seite des Bauteils einzuschränken und
damit eine Abwanderung oder Zufuhr von Wärme weitgehend zu verhindern (Abb. 2.11).
Sie kann durch Verwendung geeigneter Baustoffe und durch zweckmäßige Konstruk-
tion der Bauteile erreicht werden. Die Übertragung der Wärme geschieht im Bauwerk

Abb. 2.10 Übersicht über wichtige wärmeschutztechnische Größen. (Quelle: ILS Hamburg)
74 2 Grundbegriffe der ökologischen Sanierung

Abb. 2.11 Wärmedämmung


von Außenwänden. (Quelle:
HuT, Hamburg)

Abb. 2.12 Wärmeleitung in


einer Außenwand. (Quelle:
ILS Hamburg)

durch Wärmestrahlung, durch Wärmemitführung, vor allem aber durch Wärmeleitung


(Abb. 2.12).

2.5.2 Wärmeleitfähigkeit

Sie beschreibt, wie viel Energie durch ein Material (Bau- oder Dämmstoff) hindurch-
geht und ist damit eine Stoffgröße. Sie wird mit dem griechischen Buchstaben  (sprich:
Lambda) bezeichnet und hat die Einheit Watt je Meter und Kelvin Temperaturunterschied
(W/(Mekka))
Die Abb. 2.13 zeigt, dass für den gleichen Wärmeschutz je nach Stoff die Dicke (Stär-
ke) sehr unterschiedlich ausfallen kann.
Im Baustoffhandel, aber auch unter Fachleuten wird statt der Angabe der Wärme-
leitfähigkeit  [z. B.  D 0,035 W / (mK)] auch nur von der Wärmeleitfähigkeitsgruppe
WLG, in diesem Fall WLG 035, gesprochen. So hat der Dämmstoff Polystyrol (oft mit
dem Markennamen Styropor genannt) z. B. eine Wärmeleitfähigkeit  D 0,040 W / (mK).
Die WLG ist dann 040.
2.5 Wärmeschutztechnische Kenngrößen 75

Abb. 2.13 Dicke verschiede-


ner Bau- und Dämmstoffe bei
gleichem Wärmeschutz (An-
gaben in mm). (Quelle: ILS
Hamburg)

Je kleiner (niedriger) dieser Wert, desto besser (höher) ist die Dämmwirkung und da-
mit der Wärmeschutz. Deutlich werden die Unterschiede in der Wärmeleitfähigkeit der
verschiedenen, bei Gebäuden oft eingesetzten Bau- und Wärmedämmstoffe bei einem di-
rekten Vergleich.

Beispiel
Zum Beispiel entspricht die Dämmwirkung einer Wand aus 288 mm Vollziegel der
Dämmwirkung von lediglich 22 mm Zellulose (Faktor 13). Oder 20 mm Mineralfaser
dämmen so gut wie 80 mm provozierter Ziegel.

Die Wärmeleitfähigkeit (Abb. 2.14) bezieht sich beim Wärmedurchgang auf einen 1 m
dicken Baustoff. Die Bauteile sind in der Regel jedoch viel dünner als 1 m; sie haben die
Schichtdicke d.

I Hinweis Energie fließt immer von der höheren zur niedrigeren Temperatursei-
te. Wärme will stets zur kalten Seite – und niemals Kälte zur warmen Seite.
Deshalb wird auch grundsätzlich von Wärmebrücken (und keinesfalls von Käl-
tebrücken) gesprochen. Dies ergibt ein völlig falsches Bild!

Abb. 2.14 Darstellung der


Wärmeleitfähigkeit und des
Wärmedurchlasskoeffizienten.
(Quelle: ILS Hamburg)
76 2 Grundbegriffe der ökologischen Sanierung

2.5.3 Wärmedurchlasskoeffizient – Wärmedurchlasswiderstand

Der Wärmedurchlasskoeffizient  gibt diejenige Wärmemenge in Joule je Sekunde


(D Watt) an, die durch eine 1 m2 große Fläche eines Baustoffes mit der Dicke d hindurch-
geht, wenn der Temperaturunterschied zwischen beiden Oberflächen 1 K beträgt.
œ [W]
Wärmedurchlasskoeffizient ƒ D
d m2  K

 in W / (m2 K),  in W / (m K), d in m

Während der Wärmedurchlasskoeffizient die Wärmemenge angibt, die durch ein Bau-
teil hindurchgeht, ist der Wärmedurchlasswiderstand R der Widerstand, den das Bauteil
dem Durchgang der Wärme entgegensetzt. Rechnerisch bedeutet dies den Kehrwert des
Wärmedurchlasskoeffizienten .
d m2  K
Wärmedurchlasswiderstand R D
œ W

R in m2  K / W, d in m,  in W / (m  K)

Besteht ein Bauteil aus mehreren Schichten, so setzt sich der gesamte Wärmedurch-
lasswiderstand aus der Summe der Einzeldurchlasswiderstände zusammen.
 
d1 d2 d3 m 2  K
RD C C
œ1 œ2 œ3 W
Berechnungen des Wärmedurchlasswiderstandes sind nur bei festen Baustoffen mög-
lich. Der Wärmedurchlasswiderstand von Luftschichten, die sich zwischen den Schalen
eines Bauteils befinden, sind entsprechenden Tabellen zu entnehmen (z. B. Bautechnik –
Friedrichs Tabellenbuch).

2.5.4 Wärmeübergangswiderstand – Wärmedurchgangswiderstand

Der Wärmeübergangskoeffizient Rs ist der Widerstand, den die an ein Bauteil angrenzen-
den Luftschichten dem Wärmeübergang entgegensetzen. Der Wärmeübergangswiderstand
innen wird mit Rsi , der Wärmeübergangswiderstand außen wird mit Rse bezeichnet. Die
Einheit ist m2 K / W.
Der Wärmedurchgangswiderstand RT eines Bauteils setzt sich zusammen aus dem
Wärmeübergangswiderstand Rsi , dem Wärmedurchlasswiderstand R und dem Wärme-
übergangswiderstand Rse (Abb. 2.15).
m2  K
Wärmedurchgangswiderstand Ri D Rsi C R C Rse
W
2.5 Wärmeschutztechnische Kenngrößen 77

Abb. 2.15 Ermittlung des


Wärmedurchgangswiderstan-
des. (Quelle: ILS Hamburg)

2.5.5 Wärmedurchgangskoeffizient – U-Wert

Maß des Wärmedurchgangs durch jedes Bauteil ist der sog. Wärmedurchgangskoeffizient,
kurz U-Wert. Bekannt ist dieser Wert noch unter der nicht mehr zulässigen Bezeichnung
k-Wert. Er ist der Kehrwert des Wärmedurchgangswiderstandes.

1 W
U D
RT m2  K

oder  
1 W
U D
Rsi C R C Rse m2  K
Seine Einheit ist Watt je Quadratmeter und Kelvin [W/(m2 K)]. Sie gibt an, wie viel
Energie durch 1 m2 eines Bauteils bei 1 K Temperaturdifferenz von innen nach außen
abgegeben wird. Es handelt sich beim U-Wert also nicht um eine Stoff-, sondern um eine
Bauteilgröße.

I Auch beim U-Wert gilt: Je kleiner (niedriger) dieser Wert wird, desto besser (hö-
her) ist die Wärmedämmung.

Bei Passiv – und Niedrigenergiehäusern muss der U-Wert für Wände und Dächer zwi-
schen 0,15 und 0,24 W/m2 K liegen.
Für Fenster  1,3 UW (w D window) Ug (g D glazing) UF (f D frame).
Gute Gläser erreichen Ug 0,5–1,1 W/m2 K.
Für die exakte U-Wert-Berechnung sind allerdings sämtliche Bauteilschichten (z. B.
noch Innen- und Außenputz) sowie die sog. Wärmeübergangswiderstände (Normwerte
78 2 Grundbegriffe der ökologischen Sanierung

Abb. 2.16 Bauteilaufbau Au-


ßenwand

für den Übergang der Wärme von der Innenluft an das Bauteil und für den Übergang vom
Bauteil an die Außenluft) zu berücksichtigen (Abb. 2.16).

Beispiel
Der Wärmedurchgang durch die folgende einschalige Außenwand ist zu berechnen.
Die Außentemperatur beträgt 10 °C, innen im Raum beträgt die Temperatur C20 °C.
Das Bauteil besteht aus 3 Bauteilschichten: dem Innenputz (typisch ist ein Gipsputz),
dem Mauerstein und dem Außenputz (typisch ist ein Kalkzementputz).
Jede Schicht hat eine eigene Stärke [m] und die zugehörige Wärmeleitfähigkeit, die
z. B. der DIN 4108, Teil 4 entnommen wird:

1 Gipsputz: 0,015 m;  D 0,35 W / (mK),


2 Hochlochziegel: 0,365 m;  D 0,30 W / (mK),
3 Kalkzementputz: 0,020 m;  D 0,87 W / (mK)
Von innen nach außen werden nun bei jeder Schicht die Stärke durch die Wär-
meleitfähigkeit dividiert und die Einzelwerte addiert: (0,015 : 0,35) C (0,365 : 0,30) C
(0,02 : 0,87) =
RT D 1,283 (m2 K) / W. Das ist der Widerstand, den das Bauteil dem Durchgang der Wär-
me entgegensetzt und daher als Wärmedurchgangswiderstand RT bezeichnet wird, wobei
der Index T für Transmission steht. Addiert werden jetzt noch die Wärmeübergangswider-
stände Rsi und Rse , welche die Luftbewegung an den Bauteilen innen und außen berück-
sichtigen (normierte Rechenwerte der EN ISO 6946. Der Index „si“ steht für „surface in-
terior“, der Index „se“ für „surface exterior“: R D Rsi C RT C Rse D 0,13 C 1,283 C 0,04 =
1,453 (m2 K) / W).
Für weitere energetische Betrachtungen wird aber nicht der Durchgangswiderstand,
sondern der Wärmedurchgangskoeffizient U benötigt. Dies geschieht wie zuvor ein-
fach durch Bildung des Kehrwerts des Wärmedurchgangswiderstandes: U D 1: R; U =
1 : 1,453 (m2 K) / W D 0,69 W / (m2 K).
U-Wert-Berechnung von Bauteilen nach DIN EN ISO 6946.
2.5 Wärmeschutztechnische Kenngrößen 79

I Europaweit ist bereits seit Jahren die Berechnung des Wärmedurchgangskoef-


fizienten als U-Wert gemäß EN ISO 6946 durchzuführen, die in Deutschland be-
reits 1996 direkt als DIN EN ISO 6946 übernommen wurde. Für die Mehrheit der
üblichen Außenbauteile führt die europäische Normung zu detaillierteren aber
auch aufwendigeren Berechnungen des Wärmedurchgangskoeffizienten. Da-
bei spielen insbesondere Wärmebrücken eine große Rolle.

Die EN ISO 13370 enthält u. a. die Berechnung von U-Werten zur Ermittlung der Ver-
luste über das Erdreich. Es wird kein konstruktiver U-Wert ermittelt, der dem k-Wert
vergleichbar wäre. Die für die U-Wert-Berechnung wichtigsten Normen sind die DIN
EN ISO 10077, T1, für transparente Bauteile und die DIN EN ISO 6946 für opake (nicht
lichtdurchlässige) Bauteile.

U-Wert bei Außenwänden


Die Wärmedurchgangskoeffizienten von Außenwänden folgender Konstruktionsweisen
werden nach europäischer Normung anders berechnet:

 Mauerwerk mit Mauerankern oder ähnlichen Befestigungsteilen, die als Wärme-


brücken wirken,
 Wände mit inhomogenen Schichten, z. B. Holzständer- und Holzrahmenwände,
 Bauteile mit schwach oder stark belüfteten Luftschichten.

Für eine korrekte U-Wert-Berechnung sind die in Tab. 2.2 der DIN festgelegten Wär-
meübergangswiderstände zu beachten. Im Gegensatz zu früher ist nur noch die Richtung
des Wärmestroms entscheidend.
Horizontal gilt für Richtungen des Wärmestroms von bis zu ˙30° zur horizontalen
Ebene. Bei Bauteilen mit stark belüfteten Luftschichten (z. B. hinterlüftete Vorhangfassa-
de) wird ein äußerer Wärmeübergangswiderstand verwendet, der dem bei ruhender Luft
entspricht (d. h. er ist gleich dem inneren Wärmeübergangswiderstand desselben Bauteils).
Eine Luftschicht gilt als stark belüftet, wenn die Öffnungen zwischen Luftschicht und
Außenumgebung 1500 mm2 je m Länge für vertikale Luftschichten bzw. 1500 mm2 je m2
Oberfläche für horizontale Luftschichten überschreiten.
Bei den U-Wert-Berechnungen wird dringend geraten,

 alle zugrunde gelegten Eingangsdaten inkl. Zeichnung zu dokumentieren und


 spätere Veränderungen in der Bauphase fortzuschreiben!

Tab. 2.2 Richtung des Wärmestroms


Richtung des Wärmestroms
Aufwärts Horizontal Abwärts
Rsi 0,10 0,13 0,17
Rse 0,04 0,04 0,04
80 2 Grundbegriffe der ökologischen Sanierung

Abb. 2.17 Bauteil (Dach)


mit inhomogenen Schichten.
(Quelle: Königstein, Stuttgart)

Dächer
Da vor allem geneigte Dachkonstruktionen überwiegend in Holz-Gefach-Bauweise er-
richtet werden, handelt es sich um Bauteile mit inhomogenen Schichten (Abb. 2.17).
Zusätzlich neu berücksichtigt werden hier der Effekt eines Wärmestroms parallel zu den
Oberflächen des Bauteils (Querleitung), die Art der Belüftung (schwach, stark), Luftspal-
ten in der Konstruktion und nicht ebene Flächen.

Fenster
Zusätzlich neben der Verglasung und dem Rahmenmaterial wird nun auch der Übergangs-
bereich zwischen Glas und Rahmen berücksichtigt – der sog. Randverbund. Dazu wurde
der längenbezogene Wärmedurchgangskoeffizient U in W/(mK) eingeführt:

 Fenstergeometrie,
 Wärmebrücke Randverbund.

Erdreichberührte Bauteile
In der Berechnung des Wärmeverlustes über erdreichberührte Bauteile treten durch die
europäische Normung mit der EN ISO 13370 erhebliche Änderungen ein. In Zusammen-
hang mit der DIN V 4108-6 sind jedoch drei Möglichkeiten vorgesehen:

 ausführliche Berechnung des monatlichen Wärmestroms nach EN ISO 13370,


 Berechnung über monatliche Temperaturkorrekturfaktoren Fx nach DIN V 4108-6,
 Anwendung der in DIN V 4108-6 angegebenen Temperaturkorrekturfaktoren Fx für
Heizperiodenberechnungen.

Weil nach europäischer Normung wesentlich mehr Randbedingungen in die Berech-


nung der Verluste über das Erdreich einfließen (Gebäudegeometrie, Dämmstandard, usw.),
lassen sich allgemeine Aussagen über einen Vergleich von U-Werten nicht treffen.

Bauteile zu unbeheizten Räumen


Die Berechnung von Wärmeverlusten über

 oberste Geschossdecken unter einem Dachraum,


 Wände zu Garagen,
2.6 Feuchteschutz 81

 Abstell- und Lagerräume,


 geschlossene, unbeheizte Glasvorbauten

geschieht im Allgemeinen unter Berücksichtigung von festen Abminderungsfaktoren. Mit


der EN ISO 13789 steht eine Norm zur Verfügung, die einen Reduktionsfaktor b einführt,
um die Verminderung des Wärmestroms zu beheizten Räumen jeweils im konkreten Fall
zu berücksichtigen. Der Faktor b ist dabei meist größer als die üblichen Abminderungs-
faktoren.

2.6 Feuchteschutz

Der Feuchteschutz beinhaltet die Gesamtheit aller konstruktiven Maßnahmen zum Schutz
von Bauwerken vor Feuchtigkeit und Nässe. Abb. 2.18 zeigt anschaulich die unterschied-
lichen Beanspruchungen durch Wasser in flüssigem, gasförmigem und festem Zustand.

Wasserdampfdiffusion
Unter Wasserdampfdiffusion versteht man das Hindurchwandern einzelner Wasser-
dampfmoleküle durch feste, mehr oder weniger poröse Baustoffe, wenn auf beiden Seiten
des Bauteils unterschiedliche Wasserdampfteildrücke herrschen (Abb. 2.19). Infolge phy-
sikalischer Gesetze drängen die unterschiedlichen Dampfdrücke nach einem Ausgleich,
wobei der Diffusionsstrom stets von dem größeren zum kleineren Druck verläuft. In dem
nachfolgenden Bild sind typische Beispiele für den Wasserdampfteildruckausgleich im
Winter und im Sommer wiedergegeben.

Abb. 2.18 Beanspruchung Wasser (Regen, Schnee, Eis)


des Gebäudes durch Wasser.
(Quelle: RWE Energie Essen)

Schlagregen

Tauwasser
Spritzwasser im Bauteil

Tauwasser auf der


Oberfläche des Bauteis

Erdfeuchte Neubaufeuchte

Grundwasser
82 2 Grundbegriffe der ökologischen Sanierung

Abb. 2.19 Wasserdampfdiffusion im Winter und im Sommer. (Quelle: ILS Hamburg)

Die Beheizung von Aufenthaltsräumen und die stetige Feuchtigkeitszufuhr durch deren
Nutzung führen im Winter zu einem überhöhten Wasserdampfgehalt der Raumluft im
Vergleich zur Außenluft. Dadurch ist im Raum der Wasserdampfdruck höher als draußen.
Diese Druckdifferenz bewirkt eine Wasserdampfwanderung (Diffusion) von innen durch
die Außenbauteile nach außen (Abb. 2.20).

I Dem Wasserdampftransport wird im Bauteil in Abhängigkeit vom Material und


seiner Schichtdicke ein Widerstand entgegengesetzt: der Wasserdampfdiffusi-
onswiderstand.

Je höher µ ist, desto dichter ist ein Material. Vollholz hat ein µ von 40, ist also 40-mal
so dicht wie Luft oder Mineralfaser. Polystyrol ist 4- bis 10-mal dichter als Ziegel, Beton
wiederum 1,5- bis 4-mal dichter als Polystyrol (Tab. 2.3).

Abb. 2.20 Wasserdampf


durchdringt Bauteile (Diffu-
sion). (Quelle: HuT Hamburg)
2.7 Schallschutz 83

Tab. 2.3 Wasserdampfdiffusi- Material µ


onswiderstandsfaktoren Luft 1
Faserdämmstoffe 1–2
Korkdämmplatte 5–20
Porosierter Ziegel 10
Gips- und Kalkputz 10
Zementestrich 35
Vollholz 40
Polystyrol 40–100
Holzspanplatte 50–100
Beton 150
OSB-Platte 100–600
Polyethylen-Folie 10.000
Bitumendachbahn 80.000
Metall Unendlich

2.7 Schallschutz

Schallschutz (Schalldämmung) ist die Verhinderung bzw. Behinderung der Schallwellen-


fortpflanzung durch eine Trennfläche.
Luftschallschutz bedeutet ein möglichst luftdichter Abschluss von Schallquellen. Luft-
schall dringt durch schwingende Luftmoleküle an das menschliche Ohr. Zur Bewertung
der Luftschalldämmung (Abb. 2.21) wird das Schalldämmmaß RW verwendet. Die Maß-
einheit heißt Dezibel (dB).
Körperschall breitet sich in festen Körpern (z. B. Mauerwerk) aus und entsteht durch
direkte Anregung (z. B. Klopfen). Beim Begehen einer Decke nennt man den Körperschall
auch Trittschall (Abb. 2.22).

I Der vorgeschriebene oder gewünschte Schallschutz wird in der Kombination


der Materialien und der Anordnung der Schichten geplant und ausgeführt.

Abb. 2.21 Luftschalldäm-


mung. (Quelle: HuT Hamburg)
84 2 Grundbegriffe der ökologischen Sanierung

Abb. 2.22 Schallarten. (Quel-


le: HuT Hamburg)

Guten Schallschutz (Abb. 2.23) bewirken:

 biegeweiche Schalen (z. B. Gipskartonplatten, Holzschalungen),


 weiche federnde Verbindungen (z. B. Federschalen, Kokosstreifen),
 komplette Dämmung des Hohlraumes mit Hanf, Flachs, Schafswolle oder Zellulose,
 sorgfältige Konstruktion und Ausführung der Luftdichtung.

Die gesetzlichen Mindestanforderungen bezüglich des Schallschutzes sind in der DIN


4109, die Vorschläge für einen erhöhten Schallschutz im Beiblatt 2 erfasst.

Abb. 2.23 Schalldämmungen


bei Wänden. (Quelle: HuT
Hamburg)
2.8 Brandschutz 85

Beispiel
Bei Haustrennwänden werden berechtigterweise höchste Anforderungen an den Luft-
schall gestellt. Diese hohen Ansprüche können beispielsweise von Leichtbauwänden
mit einer Hohlraumdämmung aus nachwachsenden Dämmstoffen (z. B. Zellulose) zu-
verlässig erfüllt werden.
Der geforderte Luftschallschutz von 57 dB wird weit überschritten und der empfoh-
lene Wert von 67 dB fast erreicht.

2.8 Brandschutz

Die definierten Schutzziele des baulichen Brandschutzes sind in Reihenfolge der Prioritä-
ten:

 Personenschutz vor Sachschutz


 Vorbeugung der Entstehung
 Verhinderung der Ausbreitung
 Durchführung wirksamer Löscharbeiten

Die Brandentwicklung und die Ausbreitung des Feuers wird durch das Brandverhalten
der Raumeinrichtung, der Oberfläche und Materialien der Bauteile beeinflusst.

Baustoffklassen
Hinsichtlich des Brandverhaltens unterscheidet man nach DIN 4102-1 zwei nichtbrenn-
bare Baustoffe der Klasse A und brennbare Baustoffe der Klasse B.
Das in das deutsche Baurecht eingeführte europäische Klassifizierungssystem (DIN
EN 13501) unterscheidet die sogenannten Euroklassen A bis F und definiert Brandneben-
erscheinungen wie Rauch (s) – s2 und Abtropfen (dO – d2 ).

Tab. 2.4 Einteilung der Baustoffe nach ihrem Brandverhalten. (Quelle: HuT Hamburg)
86 2 Grundbegriffe der ökologischen Sanierung

Feuerwiderstandsklassen
Die Nichtbrennbarkeit oder Brennbarkeit von Baustoffen lässt nicht auf die Feuerwider-
standsfähigkeit von Bauteilen schließen. Sie wird durch die Angabe der Feuerwiderstands-
dauer in Minuten (z. B. F 60) und durch die Baustoffklasse (A, B, AB) bezeichnet. Die
Minuten sagen aus, wie lange das Bauteil einer Flammeneinwirkung mindestens wider-
stehen muss.
F 60-A bedeutet: 60 min. Widerstand; A, die Konstruktion darf keine brennbaren Mate-
rialien enthalten. F 90-B bedeutet: 90 min. Widerstand; B, die Konstruktion darf brennbare
Materialien wie beispielsweise Holz enthalten.
Die Bezeichnung AB bedeutet, dass die tragende Konstruktion und eine durchgehende
Bekleidung aus nicht brennbarem Material ausgeführt werden muss, die restlichen Mate-
rialien können brennbar sein.
Wird die Feuerwiderstandsdauer, die Nichtbrennbarkeit der Oberfläche und die Nicht-
weiterleitung von Brand als wesentlich angesehen, so sind BA-Konstruktionen die leis-
tungsfähigsten Bauteile.
Umweltschonende Baustoffe
3

3.1 Ökologische Grundsätze

Um die Umwelt weniger zu belasten und das Wohlbefinden der Bewohner zu erhöhen,
werden die Baustoffe zunehmend nach ökologischen Grundsätzen bewertet (Abb. 3.1).
Für die Beurteilung gelten folgende Prinzipien:

 positive Wirkung des Baustoffes auf das Wohlbefinden und die Gesundheit des Men-
schen,
 geringer Energieaufwand und schadstofffreie Herstellung des Baustoffs,
 örtliche Fertigung (dezentrale Fertigung) und Nutzung der einheimischen Rohstoffvor-
kommen vermindert Verkehrsbelastung,
 die ökologische Wirkung eines Gebäudezyklus entfaltet sich über den gesamten Le-
benszyklus eines Bauproduktes, auch Nutzungskreislauf genannt (Abb. 3.2),
 Gleichwertigkeit von Anforderung und Eigenschaft eines Baustoffs verhindert den Ein-
satz von hochwertigen, energieträchtigen Materialien,
 Regenerierbarkeit des Baustoffs beim Abbruch des Gebäudes.

3.2 Natürliche und biologische Baustoffe

Viele Produkte werben heute mit den Begriffen „natürlich“ oder „natürliche Baustoffe“
und „biologische Baustoffe“.
Was ist von solchen Begriffen zu halten?
Zweifellos sind Holz oder Kork biologische und natürliche Baustoffe, zumindest so-
lange sie unbehandelt sind.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 87
M. Stahr, Sanierung von baulichen Anlagen, https://doi.org/10.1007/978-3-658-20475-4_3
88 3 Umweltschonende Baustoffe

Abb. 3.1 Gesetzliche und gesellschaftliche Anforderungen

 Biologische Baustoffe stammen aus gewachsener, organischer Materie.


 Natürliche Baustoffe werden in der Natur gefunden und unverändert in Bauwerken
eingesetzt.

Mit den beiden Begriffen wird die Vorstellung verbunden, dass von natürlichen oder
biologischen Baustoffen keine Belastung für den Menschen ausgeht und das es keine Um-
weltbelastung bei der Herstellung solcher Baustoffe gibt.
Grundsätzlich ist bei der Verwendung von natürlichen Baustoffen zu beachten, dass
auch sie bei falschem Einbau zu Gesundheitsschäden führen können. So sind faserige,
bei Alterung zur Versprödung neigende (Staubemission) Dämmstoffe von den Innenräu-
men dicht abzuschotten, der Dämmert der Bauteile möglichst einheitlich zu gestalten und
Dampfbremsen bzw. Dampfsperren, wo erforderlich, fachgerecht einzubauen. Es gibt ei-
ne Vielzahl gängiger und preiswerter Baustoffe, die mittlere bis gute ökologische Werte
aufweisen.

I Das Wissen über Herkunft und Produktion eines Baustoffs ist für seine ökologi-
sche Beurteilung unumgänglich.
3.2 Natürliche und biologische Baustoffe 89

Abb. 3.2 Nutzungskreislauf des Baustoffs Stahl

Sind diese Vorstellungen haltbar? Holz nutzt man in der Regel nicht in natürlichem
Zustand. Es wird meist entweder mit Holzschutzmitteln präpariert oder einer anderen
Oberflächenbehandlung ausgesetzt. In diesem Fall sind die Begriffe „natürlich“ und „bio-
logisch“ nicht mehr anwendbar, denn von Holzschutzmitteln können Gefährdungen für
die Gesundheit des Menschen ausgehen (Abb. 3.3).
Typische Beispiele für natürliche Baustoffe nach der obigen Definition sind Natursteine
wie Granit, Buntsandstein oder Lehm. Granit ist ein seit Tausenden von Jahren verwen-
deter natürlicher Baustoff, und trotzdem kann Granit als massives Natursteinmauerwerk
in Wohngebäuden problematisch sein, weil er als magmatisches Gestein eine relativ hohe
Radioaktivität besitzt. Diese hohe Radioaktivität mit der nachfolgenden Radonbelastung
90 3 Umweltschonende Baustoffe

Abb. 3.3 Holzschädigungen. 1 Holz, ein natürliches Baumaterial. Das Abholzen der tropischen
Regenwälder ist jedoch eine der großen Umweltgefahren, weil es zu Klimaänderungen führt. 2 Holz-
stämme werden nicht in natürlichem Zustand zu Häusern verarbeitet. Das Holz wird zu Balken oder
Bretter gesägt. Die Motorsägen belasten mit ihren Emissionen die Umwelt. 3 Um Holz gegen Schäd-
linge zu schützen, wird es gestrichen oder behandelt. Die wirksamen Holzschutzmittel sind giftig,
denn sonst würden sie das Ungeziefer nicht vernichten können. (Quelle: YTONG München)

kann in Innenräumen aus heutiger medizinischer Sicht bedenkliche Konzentrationen an-


nehmen.
Für den Ziegel wird auch heute noch der Begriff „natürlich“ verwendet. Dabei ist der
Ziegel ein gebrannter Lehm oder ein gebrannter Ton. Der Grundstoff ist durch den Brenn-
prozess sowohl in seinen chemischen als auch physikalischen Eigenschaften verändert.
Man kann hier also nicht mehr von einem „natürlichen“ Baustoff sprechen.
Diese wenigen Beispiele sollen zeigen, dass die Begriffe „biologische“ oder „natürli-
che“ Baustoffe allein wenig aussagen. Besser ist es, kritisch zu untersuchen:

 welche Schadstoffe in Baustoffen enthalten sind,


 welche Belastungen von den Baustoffen unmittelbar auf die Gesundheit der Bewohner
einwirken,
 wie sehr die Baustoffe mittelbar die Umwelt belasten.

Beispiele für gefährliche Schadstoffe in Baustoffen:

 toxische Substanzen (z. B. Pentachlorphenol oder Formaldehyd),


 lungengängige Stäube, die Silikose verursachen können,
 faserförmige Stoffe, die kanzerogene Veränderungen im Körper des Menschen verur-
sachen können,
 radioaktive Belastungen aus Baustoffen, die eine zu hohe Strahlungsbelastung verursa-
chen.

Bei der Produktion von Baustoffen gibt es verschiedene Quellen für Umweltbelastun-
gen:

 Belastungen durch Gewinnung der Rohstoffe,


 Emissionen bei der Produktion,
 Schadstoffe bei der Ablagerung.
3.3 Auswahl- und Bewertungskriterien 91

3.3 Auswahl- und Bewertungskriterien

Für die Auswahl und Bewertung von umweltschonenden Baustoffen liegen eine Rei-
he von Vorschriften (DIN EN ISO 14040 und DIN EN ISO 14044 ! Punkt 1.5) und
Richtlinien vor.

I Die Auswahl geeigneter Baustoffe im Zusammenhang mit der Konstruktionsge-


staltung bietet den Bauausführenden ausreichend Möglichkeiten zur Reduzie-
rung der Umweltbelastung.

Allerdings ergeben sich zurzeit (noch) häufig Meinungsunterschiede zwischen den Ex-
perten über allgemein anerkannte Kriterien für die Bewertung der Baustoffe.
Die nachfolgende Analyse umfasst die wesentlichen Phasen, die von Baustoffen durch-
laufen werden. Rohstoffgewinnung – Produktion – Verarbeitung – Nutzung – Verwertung.
Dabei sind auch die in Punkt 2 genannten bauphysikalischen und Baustoffkennwerte
zu berücksichtigen. Nach Schulze kann die Rasterung auch noch verfeinert werden.

Rohstoffgewinnung

 Herkunft
 Gewinnungsverfahren
 Eingriff in die Umwelt
 Transportart/Entfernung
 nachwachsende Rohstoffe/fossile Rohstoffe
 Vorräte
 Emissionen bei der Rohstoffgewinnung
 Zwischenstoffe/Abfallstoffe
 Verpackung für den Transport zur Produktionsstätte

Produktion

 Beschreibung des Produktionsverfahrens


 Verwendung von Recyclingprodukten
 entstehende Zwischen- und Koppelprodukte
 Abfallstoffe aus dem Produktionsprozess
 Emissionen, Angaben zu genehmigungspflichtigen Anlagen, Auflagen nach BlmSchG
 Wasserverbrauch und -belastung
 Arbeitsplatzbelastung (Angaben nach Gefahrstoffverordnung)
 Störfallrisiken
 Entfernung zum Verarbeitungsort
 Verpackung für den Transport zur Verarbeitung
92 3 Umweltschonende Baustoffe

Verarbeitung

 Besonderheiten des Arbeitsablaufs


 Emissionen
 Arbeitsplatzbelastung (Maßnahmen nach Gefahrstoffverordnung)
 Abfallstoffe
 Verpackungsmüll, Baustellenabfälle

Nutzung

 Abgabe von Luftfremdstoffen/Partikeln/Fasern


 toxikologische Merkmale (Indoor Exposition)
– Giftklassen
– Kanzerogenität (Kennwert über krebserregende Baustoffe)
– allergene Eigenschaften
– Mutagenität (Fähigkeit einer chem. Substanz, Erbgutveränderung zu bewirken)
– Embryotoxizität
– Folgetoxizität durch chemische Reaktionen
 Werte zur Innenraumluftbelastung
 Brandverhalten
 Emissionen im Brandfall (aufgrund der zahlreichen Parameter nur bedingt Aussagen
möglich, keine systematisierten Aussagen verfügbar)
 Beständigkeit
– Abrieb/Abnutzung
– Schwinden, Kriechen, Verspröden, Oxidation
– UV-Beständigkeit
– chemische Einflüsse
– Feuchtebeständigkeit
– Korrosionsbeständigkeit
– Temperaturbeständigkeit/Temperaturbereich
– Schädlinge
 Nutzungszeitraum, Lebenserwartung
 Reparaturanfälligkeit/-kosten
 Oberflächenbeschaffenheit/Hygiene

Verwertung

 Rückbaumöglichkeit
 Kosten des Rückbaus
 Einstufung EAK (Europäischer Abfallkatalog)
– CPB: chemisch/physikalische, biologische Behandlungsanlage
– HMV: Hausmüllverbrennungsanlage
3.4 Bau- und Dämmstoffe 93

– SAV: Verbrennungsanlage für besonders überwachungsbedürftige Abfälle (Sonder-


abfall)
– HMD: Hausmülldeponie
– SAD: oberirdische Deponie für besonders überwachungsbedürftige Abfälle (Son-
derabfall)
 Wiederverwertbarkeit: Verwertungsgrad, Restabfälle
 Recycling: Verwertungsgrad, Abfallstoffe, Emissionen
 Deponierung: Angaben zur Abgabe von Schadstoffen bzw. Zersetzungsprodukten
 Verbrennung: Angaben zum Verhalten bei Verbrennungsanlagen, Emissionen, Schla-
ckenstoffe
 zusätzliche Erfordernisse hinsichtlich der Sonderabfallbehandlung

3.4 Bau- und Dämmstoffe

3.4.1 Ökologische Vorüberlegungen

Grundsätzlich gibt es weder „gute“ noch „schlechte“ Bau- und Wärmedämmstoffe. Jedes
Material hat seine Berechtigung und seine besonderen Einsatzbereiche.
In diesem Abschnitt werden die wichtigsten künstlichen Bausteine, Holz und die be-
kanntesten Wärmedämmstoffe beschrieben. Neben den künstlichen Bausteinen gibt es
noch die natürlichen (Natursteine, Ton und Lehm). Holz wird als Massiv- oder Brett-
schichtholz oder in Form von Holzwerkstoffen eingesetzt. Wärmedämmungen lassen sich
in naturnahe (tierische, pflanzliche, mineralische) und in künstliche (synthetische, mine-
ralisch-synthetische) Dämmstoffe unterteilen.
Bei allen beschriebenen Beispielen werden natürliche Rohstoffe in ihrer chemischen
und mineralischen Struktur verändert. Damit wird ein Produkt erzeugt, das den natürlichen
Rohstoffen in der Regel überlegen ist.

Abb. 3.4 Zusammensetzung


der Erdkruste. (Quelle: ILS
Hamburg)
94 3 Umweltschonende Baustoffe

Abb. 3.5 Rohstoffverbund zur


Herstellung von 1 m3 Baustoff.
(Quelle: ILS Hamburg)

Versucht man, die Baustoffe in den durchschnittlichen Chemismus der Erdrinde ein-
zuordnen, ergibt sich folgendes Bild (siehe Abb. 3.4).
Daraus folgt, dass Ziegel, Kalksandsteine und Porenbeton in den natürlichen Chemis-
mus der Erdrinde einzuordnen sind. Sie stammen aus natürlichen Rohstoffen der Erdrinde.

Beispiel: Porenbeton
Die wesentlichsten Grundstoffe von Porenbeton sind Sand, Kalk und Wasser – also
natürliche Rohstoffe. Nach DIN 4165 werden sie zu 70 % aus feinem Sand und einem
porenbildenden Zusatzmittel (z. B. auf Aluminiumbasis) hergestellt. Bekannt sind sie
auch unter der Bezeichnung „Gasbetonsteine“ (Markennamen sind u. a. YTON oder
Hebel).

Der Rohstoffverbrauch (Abb. 3.5) für einen PLANBLOCK PP 2/0,4 (YTONG) bei-
spielsweise beträgt nur 400 kg/m3 . Wie günstig unsere Rohstoffbilanz ist, zeigt der Ver-
gleich: Aus 1 m3 Rohstoff entstehen ca. 5 m3 Porenbeton (Abb. 3.6)! Porenbeton wird in
einem geschlossenen Kreislauf hergestellt, der weniger Energie benötigt als vergleichbare
Baustoffe. So wird zum Beispiel der für die Härtung nötige Wasserdampf zu 85 % mehr-
fach genutzt. Und jedes Quäntchen Energie, das in diesem Prozess nicht mehr verwendet
werden kann, wird wieder zum Heizen eingesetzt.

Abb. 3.6 Energieverbrauch


zur Herstellung von 1 m3 Bau-
stoff. (Quelle: ILS Hamburg)
3.4 Bau- und Dämmstoffe 95

3.4.2 Künstliche Bausteine

3.4.2.1 Gliederung und technische Grundsätze


Gebrannte Ziegel fanden schon 4000 v. Chr. z. B. in der Harappakultur in Indien Verwen-
dung, und Lehm als archaischer Baustoff wurde entsprechend seinem Vorkommen und
in Anpassung an klimatische Verhältnisse in vielen Kulturen verbaut. Dagegen dauerte es
bis ins vorletzte Jahrhundert, dass dampfgehärtete mineralische Materialien auf den Markt
kamen. 1880 wurde das Patent zur Herstellung von Kalksandstein angemeldet. 1889 wur-
de das erste Patent zur Porenbildung bei mineralischen Baustoffen erteilt. E. Hoffmann
benutzte die Reaktion von verdünnter Salzsäure mit Kalksandsteinmehl, um Zement- und
Gipsmörtel mit Luftporen herzustellen. 1914 wurde die Reaktion von Kalk, Wasser und
Metallpulver (0,1–0,5 % Aluminiumpulver oder 2–3 % Zinkpulver) unter Freisetzung von
gasförmigem Wasserstoff patentiert. Porenbeton wurde zuerst 1924 von J. A. Eriksson
produziert und 1927 erstmals mit dem Metallpulverporosierungsverfahren verfeinert.
Mischungen von Lehm, selbst ein Gemisch aus Ton und Feinsanden mit anderen Stof-
fen wie Holz, Stroh und Kork, sind seit Jahrtausenden Begleiter aller Kulturen. Die Baby-
lonier bauten ihren Turm aus Lehm und mit Backsteinen verkleidet, die Chinesen bauten
die Mauer aus Lehm und mit Steinen verkleidet.
Stroh, Haare der Tiere und alles, was die Natur bot, schienen sich erstaunlicherweise
gut mit Lehm verarbeiten zu lassen. Das diese Bauten 300 Jahre und älter werden, haben
unsere Vorfahren nicht geahnt.
Eine mögliche Gliederung künstlicher Steine:

 Ziegel
(Mauerwerks- und Deckensteine; Dachziegel; Steingutfliesen/feinkeramische Fliesen;
Steinzeugwaren)
 Kalksandstein
(Voll-, Loch- und Hohlblockstein)
 Porenbetonsteine
(Steine, Platten, Wandtafeln, Decken- und Dachplatten)
 Lehm
(Wandbaustoff; Ausfachung von Wänden und Decken, Mörtel, Putz, Estrich, Böden
aus Stampflehm)

Ausgangsmaterialien sind Sand, Bims, Kalk, Ton und Gips. Bausteine werden durch
Hitze, Druck, Wasserdampf und Beimischung verschiedener Chemikalien hergestellt.
Die in der Sanierung übliche Bauweise ist monolithisch; d. h. im Bereich der Außen-
wand wird nur eine Schicht, der Mauerstein, eingesetzt und innen wie außen mit einem
Putz versehen. Um einen akzeptablen Wärmeschutz zu erreichen, sind große Mauerstär-
ken von mindestens 36,5 cm erforderlich.
96 3 Umweltschonende Baustoffe

Vorteile

 gute Statik
 guter Schallschutz
 sehr guter Brandschutz
 einfache Bauweise

Nachteile

 durchschnittliche Wärmedämmung
 niedrige innere Oberflächentemperatur
 Verstärkung der Wärmebrücken
 Putz(ab)risse im Außenbereich
 erhöhte Energiekosten

Künstliche Bausteine haben je nach Material eine geringere oder höhere Wärmeleit-
fähigkeit (Tab. 3.1). Je weniger Löcher und damit Luft im Stein sind, desto dichter und
schwerer ist er. Ein wichtiges Maß ist die Rohdichte p (kg/m3 ).
Aus der Tabelle wird klar: Je weniger Luft eingeschlossen ist, desto höher ist die Roh-
dichte, umso höher die Wärmeleitfähigkeit  (und damit eine schlechte Wärmedämmung)
bei allerdings gleichzeitig immer besser werdenden statischen, schallschutztechnischen
und sogar wärmespeichernden Eigenschaften.

Tab. 3.1 Rohdichte und Wärmeleitfähigkeit


Bau- und Dämmstoffe, z. B.: p kg/m3  W/(m2 k)
Porosierter Ziegelstein 590 0,09
690 0,14
790 0,18
Gasbetonstein 500 0,22
600 0,24
700 0,18
Kalksandstein 1000 0,50
1200 0,56
1600 0,79
Stahlbeton 2300 2,10
Nadelholz 600 0,13
Laubholz 800 0,20
Polyurethan (PUR) 30 0,03
Kork 100 0,04
Holzfaser 200 0,05
3.4 Bau- und Dämmstoffe 97

Je mehr Luft im Bau- oder Dämmstoff, desto leichter wird er, umso geringer ist  (und
umso besser die Wärmedämmung) bei stetig schlechter werdenden Eigenschaften bezüg-
lich Statik, Schallschutz oder Wärmespeicherung.

3.4.2.2 Ökologische Vorbetrachtungen


Mit den „besten“ Ziegel- und Porenbetonsteinen lassen sich zwar vergleichsweise gut
gedämmte Außenwände herstellen, jedoch sind die bereits aufgezeigten Nachteile von
monolithischen Konstruktionen in Kauf zu nehmen: Frostgrenze in der Wand, niedri-
gere innere Oberflächentemperaturen, geometrische und konstruktionsbedingte Wärme-
brücken und auch Bauteilschäden z. B. in Form von Putz(ab)rissen.
Hinzu kommt: Für einen guten, niedrigen U-Wert sind sehr große Mauerstärken not-
wendig. Die Folgen sind hohe Investitionskosten (teure Steine) und (unnötiger) Wohn-
raumverlust. Bei hohen Grundstückspreisen und einzuhaltenden Mindestabständen zu den
Nachbarn kommt es darauf an, durch möglichst dünne – aber trotzdem statisch einwand-
freie, gut gedämmte – Außenwände viel Netto-Wohnraum zu schaffen.
U-Wert-Vergleich auf Basis einer Wandstärke von ca. 40 cm: Gegenüber der monoli-
thischen Ziegelbauweise (36,5 cm Mauerstärke, gutes  von 0,12 W/(mK) und einem U-
Wert von 0,31 W/(m2 K)) erzielen gedämmte Bauteile bei gleichen Gesamtstärken von 39–
42 cm einen 10–35 % besseren U-Wert. Bei guter Planung entstehen keine Mehrkosten –
falls doch, werden diese durch die daraus folgende Energieeinsparung ebenfalls in Höhe
von 15–35 % (für dieses Bauteil) langfristig wieder amortisiert (Tab. 3.2).
Die bessere Alternative sind gedämmte Bauteile, die insgesamt nicht teurer sind als die
besten monolithischen Wände. Die Statik wird durch schmale, schwere (hohe Rohdich-
te und Wärmeleitfähigkeit) und damit relativ preisgünstige Steine wie z. B. Kalksand-
stein gewährleistet. Die erforderliche gute Wärmedämmung übernehmen vergleichswei-
se leichte Baustoffe, welche gleichzeitig die tragende Mauer gegen Witterungseinflüsse
schützen und Wärmebrücken vermindern (Abb. 3.7).

Tab. 3.2 Vergleichswerte. Mauerstärkenvergleich bei einem U-Wert von 0,22 W/(m2 K) als Ver-
gleichsgröße (Bezugswert nur RT)
Bauteil U-Wert W/(mK)  W/(m2 K) Stärke cm
Porosierter Ziegel 0,22 0,100 45,0
Porenbeton 0,22 0,090 41,0
Leichtbeton und Kork 0,22 0,320 39,0
0,040 (24,0 C 15)
Kalksandstein und Mineralfaser 0,22 0,700 32,5
0,035 (17,5 C 15)
– –
Thermoziegel 0,16 0,12 24–30
98 3 Umweltschonende Baustoffe

Abb. 3.7 Zweischaliges


Mauerwerk aus 24 cm Ther-
moziegeln mit integrierter
Wärmedämmung. (Quelle:
Thermoziegel Röben)

Wärmeleitzahl: 0,07
14,0 cm Kerndämmung
11,5 cm Klinker
U D 0,12 W/m2 K

3.4.2.3 Ziegel

Materialbeschreibung
Ziegel werden hergestellt aus dem Rohstoff Ton. Für porosierte Ziegel werden dem Ton
Ausbrennstoffe wie Polystyrol oder Sägemehl zugesetzt. Chemisch sind Ziegel Verbin-
dungen aus Aluminiumoxid und Kieselsäure (AL2 O2 , SiO2 ).
Je nach Einsatzbereich sind nach DIN 105 drei Hauptsorten zu unterscheiden (Tab. 3.3).
Ziegel gibt es in vielen Formaten (DF D Dünnformat 2, 3, 5, 10, 12, 16, 20 DF und
NF D Normalformat) und Rohdichten und daher mit entsprechend hoher oder niedriger

Tab. 3.3 Ziegel – Lochanteile


Vollziegel (VMZ) Lochanteil < 15 %
Hochlochziegel (HLz o. LHLz) Lochanteil > 15 %
Großblockziegel Porosiert
3.4 Bau- und Dämmstoffe 99

Abb. 3.8 Rasterelektronen-


mikroskopaufnahme eines
Ziegels. (Quelle: ILS Ham-
burg)

Wärmeleitfähigkeit. Die energetischen „besten“ Ziegel mit niedrigem  haben dafür auch
geringere Druckfestigkeiten (schlecht für die Statik eines Gebäudes) und sind die teuersten
Mauersteine. Der Markt bietet hier noch eine Fülle weiterer Alternativen.
Die mineralische Zusammensetzung von gebrannten Ziegeln ist uneinheitlich. Sie ent-
hält Umwandlungsprodukte der Tonminerale, teilweise Mullit und Glasphase (Abb. 3.8).

Ökologische Bewertung und Einsatz


Keine Raumluftbelastung; gutes Austrocknungs- und Feuchteverhalten, verhältnismäßig
gutes Wärmedämmverhalten.
Eingesetzt werden:

 Klinker oder Vormauerziegel für Sichtmauerwerk. Sie sind besonders druckfest und
frostbeständig mit Rohdichten von 1000–2200 kg/m3 .
 Hochloch- und Leichthochlochziegel für verputztes oder verblendetes Mauerwerk mit
Rohdichten von 500–1000 kg/m3 .
 Porosierte Ziegel für „wärmedämmendes“ Mauerwerk mit Rohdichten von 500–
1000 kg/m3 .

Solch geringe Rohdichten, die durch Beimengung von Sägespänen oder Polystyrol-
kügelchen erreicht werden, ermöglichen mittlerweile Wärmeleitfähigkeiten von bis zu
0,090 W/(mK). Beim Brennen der Ziegel vergasen die Beimengungen, wodurch sich der
Porenanteil (Luftanteil) des Ziegels vergrößert. Um Wärmebrücken durch die Mörtel-
schichten zu vermeiden, werden kunstharzhaltige Dünnschichtmörtel mit geringer Wär-
meleitfähigkeit eingesetzt.
100 3 Umweltschonende Baustoffe

Tab. 3.4 Kalksandsteine – Kalksand-Vollstein (KS) Lochanteil < 15 %


Lochanteile Kalksand-Lochstein (KSL) Lochanteil > 15 %
Kalksand-Hohlblockstein Lochanteil > 15 %

Rückbau und mögliche Entsorgung


Abbruch ist im konventionellen Verfahren möglich (Vorteil von einschaligen Wandkon-
struktionen), Zerkleinerung durch energie- und kostenintensive Brecher, Aussortierung
von Fremdkörpern.
Wiederverwertbarkeit: Ziegelsteinbruch mit Anteilen von Putzen und Mörteln als
Schüttstoff (Tiefbau, Substrat für begrünte Dächer) oder Zuschlagstoff (Ziegelsplittbeton
wurde nach dem 2. Weltkrieg eingesetzt, bewährte sich technisch jedoch nicht); mit hohem
Aufwand können intakte Steine gesäubert und wiederverwendet werden; Deponierung
unproblematisch.

3.4.2.4 Kalksandstein

Inhaltsstruktur
Für Kalksandsteine werden Sand, Branntkalk und Wasser als Rohstoffe benötigt. Die
chemische Zusammensetzung besteht aus Kieselsäure, Calciumoxid und Wasser (SiO2 ,
CaO, H2 O).
Je nach Einsatzbereich werden nach DIN 106 drei Hauptarten unterschieden (Tab. 3.4).
Bei Rohdichten von 600–2200 kg/m3 haben sie insgesamt spürbar schlechtere Dämm-
eigenschaften als Ziegel, dafür aber ist ihre Druckfestigkeit deutlich höher. Der Primär-
energieverbrauch zur Herstellung ist mit 330 kWh/m3 (für  D 1400 kg/m3 ) sehr niedrig.
Kalksandstein besteht mineralisch gesehen aus Quarz mit Calciumsilikathydraten
(CSH) als Bindemittel (Abb. 3.9).

Abb. 3.9 Rasterelektronen-


mikroskopaufnahme eines
Kalksandsteins. (Quelle: ILS
Hamburg)
3.4 Bau- und Dämmstoffe 101

Nutzung
Keine Raumluftbelastung; hohe Rohdichten können kostengünstig erstellt werden (gu-
ter Schallschutz und gutes Wärmespeichervermögen); Außenwandkonstruktionen müssen
aufgrund der gegebenen -Werte als zweischalige Konstruktion (Abb. 3.10) mit einer zu-
sätzlichen wärmedämmenden Schicht erstellt werden.
Eingesetzt werden:

 Vormauer-Kalksandsteine für frostbeständiges Sicht- und Verblendmauerwerk.


 Kalksand-Vollsteine und -Lochsteine für Haustrennwände sowie Innen- und Keller-
mauern.
 Kalksand-Plansteine für Außenmauerwerk von 1000–2200 kg/m3 Rohdichte und einer
entsprechend hohen Wärmeleitfähigkeit ab  D 0,50 W/(mK). Dafür ist es ein preis-
günstiger und statisch hervorragend geeigneter Baustoff. Bei Außenwänden nutzt man
deshalb diese Vorteile in Verbindung mit einer zusätzlichen Wärmedämmung von au-
ßen. Man spricht dann auch von einem Wärmedämmverbundsystem (WDVS), wie
Abb. 3.11 mit der Korkdämmung zeigt. Hier werden die guten statischen Eigenschaf-
ten z. B. eines schweren, aber wenig Raum beanspruchenden Kalksandsteins mit den
guten wärmedämmenden Eigenschaften (z. B. Kork) einfach kombiniert.

Abb. 3.10 Zweischalige Kalksandkonstruktion mit zusätzlicher wärmedämmender Schicht. (Quel-


le: ILS Hamburg)

Abb. 3.11 Einschalige Kalksandkonstruktion mit Wärmedämmverbundsystem (WDVS)


102 3 Umweltschonende Baustoffe

Verwertung
Abbruch ist in konventionellen Verfahren möglich; Zerkleinerung durch energie- und kos-
tenintensive Brecher; Aussortierung von Fremdkörpern.
Wiederverwertbarkeit: Kalksandsteinbruch mit Anteilen von Putzen und Mörteln als
Schüttstoff und als Rohstoff für die Kalksandsteinproduktion. Deponierung unproblema-
tisch.

3.4.2.5 Porenbetonstein

Inhaltsstruktur
Für Porenbeton werden Sand, Branntkalk, Portlandzement und Wasser als Rohstoffe be-
nötigt. Der Portlandzement wiederum wird aus Kalk, Ton und Mergel hergestellt. Die
Poren entstehen durch eine Reaktion von Aluminiumpulver mit Branntkalk und Wasser.
Chemisch ist Porenbeton eine Verbindung aus Kieselsäure, Calciumoxid, Aluminiumoxid
und Wasser (SiO2 , CaO, Al2 03, H2 O).
Je nach Einsatzbereich werden nach DIN 4165 zwei Hauptsorten unterschieden: Po-
renbeton-Blocksteine und Porenbeton-Plansteine.
Sie haben trotz hoher Festigkeit ein geringes Gewicht (Rohdichten von 400–800 kg/m3 )
und erzielen deshalb mit Wärmeleitfähigkeiten von bis zu  D 0,090 W/(mK) die besten
Dämmwerte aller künstlichen Bausteine (außer Ziegel). Je nach Rohdichte beträgt der
Primärenergieaufwand zur Herstellung 300–550 kWh/m3 (Tab. 3.5). Es gibt Sonderent-
wicklungen, die das Ziel haben, die Steinabmessungen zu verkleinern und dennoch die
Wärmeleitfähigkeiten zu verringern, z. B. Blähtonsteine mit Polystyrolfüllungen. Es gibt
aber auch andere Lösungen: Polystyrol-Wandschalungselemente, die jeweils raumhoch
einfach aufeinander gesetzt und anschließend mit Leichtbeton ausgegossen werden (z. B.
System Isorast; Abb. 3.12).

Tab. 3.5 Arten von Porenbetonsteinen


Maße in mm
Bezeichnung Breite Höhe Länge
Blocksteine 50 240 490
70
100
175
240
300
365
Plansteine 50 149 499
100 und
175 624
240
300
375
3.4 Bau- und Dämmstoffe 103

Abb. 3.12 Rasterelektronen-


mikroskopaufnahme eines
Porenbetonsteins. (Quelle: ILS
Hamburg)

Mineralisch besteht Porenbeton aus Calciumsilikathydraten (CSH) mit einem Anteil


aus Restquarz. Die Calciumsilikathydrate entstehen bei der Dampfhärtung. Porenbeton ist
also kein Beton, der bekanntlich aus Zement, Wasser und Zuschlägen hergestellt wird und
bei Normaltemperatur erhärtet.

Nutzung
Eine Raumluftbelastung ist nicht zu erwarten (nur aufgrund Oberflächenbehandlung, s. o.
Fungizide). Porenbeton ist das Wandbaumaterial für einschalige Wände mit der gerings-
ten Wärmeleitfähigkeit. Das Wärmespeichervermögen ist relativ gering in Abhängigkeit
von der Rohdichte (nur geringe Auswirkung auf Heizenergieverbrauch; höhere Bedeutung
für die Aufheizung im Sommer, ggf. durch zusätzliche Verwendung schwerer Bauteile in
Aufenthaltsräumen ausgleichen).

Verwertung
Abbruch ist in konventionellen Verfahren möglich, Zerkleinerung durch die Prallleisten-
mühle oder hydraulische Presse (bewehrte Porenbetonelemente) zu einem Granulat in der
Kornbandbreite 0,8–6,3 mm oder > 6,3 mm, Sortierung durch Sieben.
Wiederverwertbarkeit:

1. Porenbetongranulat verwendbar für: Glasreinigungsanlagen, Hygienestreu, Öl- und


Flüssigkeitsbinder, Klärschlammkonditionierung, Rauchgasreinigung, Zuschlagstoff
für Leichtbaustoffe (Leichtmörtel, Leichtbeton, Dämmputz), Wärmedämmschüttun-
gen
2. Porenbetonstaub < 0,8 mm: als Sand- und Kalkersatz für die Herstellung von Kalksand-
steinen und Porenbeton.
104 3 Umweltschonende Baustoffe

3.4.3 Lehm

Inhaltsstruktur
Lehm ist ein Verwitterungsprodukt von Urgestein, das am Ort ansteht oder durch na-
türliche Prozesse verfrachtet wurde. Lehmvorkommen können regional und örtlich sehr
verschiedenartig sein. Lehm ist ein Gemisch aus Tonmineralien und sandigen bis steini-
gen Bestandteilen. Die Körnungen bilden das Mineralgerüst.
Ton ist das natürliche Bindemittel im Lehm.
Baulehm ist zur Herstellung von Lehmbaustoffen geeigneter Lehm.
Die Bindekraft eines Baulehms ist von Art und Anteil der Tonminerale abhängig.
Nach ihrer Bindekraft werden Baulehme z. B. als „mager“ oder „fett“ bezeichnet, ab einer
bestimmten Bindekraft als „Ton“.
Die Plastizität (Formbarkeit) eines Baulehms ist ebenfalls von Art und Anteil der Ton-
minerale abhängig.
Lehm ist stark angereichert mit Sand (30–80 %) und gemagertem Ton mit Anteilen von
braunfärbendem Eisenhydroxid oder Kalk; fetter Lehm enthält viel Ton, magerer Lehm
mehr sandige Bestandteile.
Lehm ist in trockenem Zustand weitgehend alterungsbeständig. Schäden (Abb. 3.13)
treten in erster Linie bei Feuchtigkeitseinwirkung (Fehlen schützender Putzschicht, Män-
gel bei der Wasserableitung am Gebäude) auf. In feuchtem Zustand wird Lehm frostemp-
findlich. Lehm quillt bzw. schrumpft stark, 2–4 %, je nach Herkommen auch mehr.
Lehmbaustoffe können nach Dichte, Zuschlag, Verarbeitung oder Verwendungszweck
bezeichnet werden.

a b

Abb. 3.13 Schäden an Lehmputzwänden. a Falscher Anstrich auf Lehmgefach – großflächige Schä-
den bei Feuchtigkeitseinwirkung; b Fehlender Verputz führt auf Dauer in witterungsausgesetzten
Bereichen zur Zerstörung der äußeren Strohlehmschalen. (Quelle: REMMERS Löningen)
3.4 Bau- und Dämmstoffe 105

Nutzung

 keine Raumluftbelastung, wirkt geruchsabsorbierend


 guter Schallschutz und gutes Wärmespeicherungsvermögen bei Erstellung hoher Roh-
dichten
 hohes Sorptions- und Diffusionsvermögen, dadurch gute Feuchteregulierung (ganzjäh-
rig ca. 50 % relative Luftfeuchte in Lehmbauten)
 wirkt holzkonservierend aufgrund der Gleichgewichtsfeuchte von 4,5 %
 technische Problempunkte: mangelnde Beständigkeit gegenüber Wasser, schlechte
Druck- und Zugfestigkeit (Rissbildung beim Trocknen)
 Strohlehm/Leichtlehm: schlechtes Brandschutzverhalten
 Lehmbau unterliegt nicht der DIN-Normung, eine neue Norm ist in Vorbereitung

Arten und Anwendung

 Stampflehm
Stampflehm ist erdfeucht aufbereiteter Lehmbaustoff. Der trockene Baustoff hat eine
Rohdichte von 1700–2200 kg/m3 . Zuschlagstoffe sind Kies, Schotter, Stroh, Heu und
Heidekraut. Stampflehm kann für tragende Lehmbauteile verwendet werden. Der Bau-
stoff wird in Schalung gestampft oder zur Herstellung von gestampften oder gepressten
Lehmsteinen eingesetzt.
 Wellerlehm
Wellerlehm ist ein halbsteif aufbereitetes Gemisch aus Stroh und Lehm. Der trockene
Baustoff hat eine Rohdichte von 1500–1800 kg/m3 . Mit Wellerlehm werden historische
Wellerwände repariert.
 Strohlehm
Strohlehm (Faserlehm) ist ein weichplastisch bis breiig aufbereitetes Gemisch aus
Stroh oder Fasern mit Lehm und einer Rohdichte von 1200–1700 kg/m3 und Zugabe
von Stroh bis zu 50 kg/m3 . Strohlehm wird als Ausfachungsbaustoff für Fachwerk-
wände, Balkendecken oder auch für putzähnliche Aufträge verwendet. Zu Formen
gepresst, können Lehmsteine oder Lehmplatten hergestellt werden.
 Leichtlehm
Leichtlehm ist ein Lehmbaustoff mit einer Rohdichte von 400–1200 kg/m3 und mindes-
tens 30 % Gewichtsanteil Lehm. Der Lehm wird flüssig bis breiig aufbereitet und mit
Leichtzuschlägen vermischt. Nach Art der Zuschläge unterscheidet man organischen
und mineralischen Leichtlehm. Nach der Rohdichte werden leichte (400–800 kg/m3 )
und schwere Mischungen (800–1200 kg/m3 ) unterschieden.
Als Fasern (50–80 kg/m3 ) werden Stroh, Heidekraut, Seggen, Riedgras, Sauergras und
Grobheu eingesetzt.
Leichtlehm wird für Außen- und Innenwände, Vorsatzschalen oder Deckenausfachun-
gen verwendet (Abb. 3.14). Der Baustoff wird feucht in Schalungen zum Bauteil ver-
dichtet oder zu Steinen, großformatigen Elementen oder Platten geformt. Leichtlehm
106 3 Umweltschonende Baustoffe

Abb. 3.14 Sanierung einer historischen Ausfachung. 1. Reinigen von losen Bestandteilen, 2. Flecht-
werk mit Lehm bewerfen, 3. Grundieren mit Silikatfestiger und 4. Beschichten mit Historic-
Kalkfarbe. (Quelle: Remmers Löningen)

wird raumabschließend verwendet und darf außer dem Eigengewicht keine Lasten ab-
tragen.
 Lehmschüttungen
Lehmschüttungen sind lehmgebundene, schüttfähige Aufbereitungen aus Baulehm
und Zuschlagstoffen zur Verfüllung waagerechter Bauteile. Die trockenen Baustoffe
haben Rohdichten von 1200–2200 kg/m3 . Leichtlehmschüttungen haben eine Roh-
dichte von 400–1200 kg/m3 .
Die Lehmschüttungen werden nach ihrem Zuschlag bezeichnet, z. B. als:
– Sandlehmschüttung
– Holzlehmschüttung
– Holzleichtlehmschüttung
– Baulehmschüttung (ohne Zuschlag)
Lehmschüttungen werden zur Massefüllung von Geschossdecken und zum Verfüllen
von Hohlräumen verwendet. Lehmschüttungen können zum Erzielen der erwünschten
Eigenschaften in verschiedenen Rohdichten hergestellt werden.

Lehmputze
Lehmputze sind in der Regel ohne chemisch-synthetische Inhaltsstoffe oder aus natürli-
chen Rohstoffen hergestellt. Lehm kann als reiner Lehmputz, Lehm-Kalk-Putz und Lehm-
Gips-Putz eingesetzt werden. Außer bei reinem Lehmputz können zur Putzbewehrung
bis zu 5 Vol.-% kurzgeschnittener Fasermaterialien oder Rinderhaare zugesetzt werden.
Ebenso verbessert Molke anstelle von Wasser oder ein Zusatz bis zu 5 Vol.-% Quark die
Verarbeitbarkeit des Putzmörtels und die Putzfestigkeit.
Lehmputz ist für alle Innenwände geeignet, außer für ausgesprochene Nassräume und
stark beanspruchte Flächen. Sie lassen sich auf Dämmkork, Fermacellplatten, Schilfrohr-
matten, Ziegelgewebe, Sandsteinen und saugenden Untergründen aufbringen (Abb. 3.15).
Bei einem ebenen Untergrund reicht mitunter auch ein einschichtiger Auftrag.
3.4 Bau- und Dämmstoffe 107

Abb. 3.15 Putzaufbaumöglichkeiten mit Lehm. (Quelle: Schönburg, Milzau)

Verwertung
Eine Deponierung (auch direkt am Abrissort) ist unproblematisch, denn soweit keine
Zuschlag- oder Zusatzstoffe beigegeben wurden, zerfällt festes Lehmmaterial schnell un-
ter Feuchteinfluss.

Wiederverwertbarkeit
Lehm kann nach Abbruch angefeuchtet und wiederverwendet werden.

3.4.4 Thermoziegel

Aus Ton gebrannte Thermoziegel enthalten keinen Kalk, Zement oder andere Bindemittel,
dafür aber unzählige kleine Poren, die eine Wärmeleitung einschränken. Die Ziegel lassen
sich fräsen, bohren und sägen.
In die Luftkammern wird eine wasserabweisende Mineralwolldämmung (Abb. 3.16)
eingefügt, die den Wärmeschutz (und den Schallschutz 53 dB) deutlich erhöht.
Durch ein hervorragendes Diffusionsverhalten wird ein gesundes Raumklima erzeugt.
Feuchte Raumluft kann sich nur schwer in der Wand festsetzen (Abb. 3.17).

3.4.5 Holzbaustoffe

Holz ist seit Jahrtausenden neben den mineralischen Produkten der gebräuchlichste Bau-
stoff (Abb. 3.18).
Dachkonstruktionen, auch Wände, Decken und Treppen, werden aus Holz erstellt. Im
Innenausbau ist Holz ein häufig verwendeter Baustoff. Daneben wird Holz im Schalungs-
bau genutzt.
108 3 Umweltschonende Baustoffe

Abb. 3.16 Thermoziegel mit


integrierter Mineralwolledäm-
mung. (Quelle: Röben, Zetel)

Abb. 3.17 Austrocknungszeit. (Quelle: Röben, Zetel)


3.4 Bau- und Dämmstoffe 109

Abb. 3.18 Holzbau im Mit-


telalter: Die Technik, die
Arbeitsweise und die Geräte
der Zimmerleute haben sich
durch die Jahrhunderte kaum
verändert. (Quelle: ILS Ham-
burg)

Die Einsatzmöglichkeiten des natürlichen Rohstoffs Holz haben sich durch Weiter-
verarbeitung zu Holzwerkstoffen wie Span-, Faser- und Sperrholzplatten noch erweitert.
Gründe für die vielseitige Anwendung von Holz sind günstige technische Eigenschaften,
ansprechendes Aussehen und ökologische Vorteile.
Ein deutlicher Vorteil liegt im ökologischen Bereich: Herstellung und Verarbeitung
sind völlig unbedenklich, der Rohstoff ist nachwachsend und der Baustoff wiederver-
wendbar. Problematisch ist die Nutzung exotischer Hölzer wegen des Raubbaus an der
Natur und dem hohen Transportenergieaufwand.
Das Bauen mit Holz ist aus Umweltgesichtspunkten also zu befürworten. Beispiele
in Nordamerika und Skandinavien zeigen, dass Holzbau sowohl deutlich kostengünstiger
als auch energiesparender sein kann. Es ist allerdings darauf hinzuweisen, dass eine kon-
ventionelle Holzständerbauweise eher teurer als ein Massivbau ist; nur einfache Ausfüh-
110 3 Umweltschonende Baustoffe

rungen und Gebäude mit hohem Selbsthilfeanteil der Bauherren sind im handwerklichen
Rahmen günstiger zu erstellen.
Hinsichtlich der Gesundheitsverträglichkeit ist Bauen mit Holz grundsätzlich empfeh-
lenswert, allerdings sind starke Einschränkungen bei der Verwendung von Holzwerkstof-
fen mit bisher üblichen Bindemitteln zu machen.
Holzschutzmittel sollten in möglichst großem Umfang durch konstruktive Maßnahmen
überflüssig gemacht werden, im trockenen Innenbereich sollten sie überhaupt nicht zur
Anwendung kommen.

Inhaltsstruktur
Holz ist ein organisches Gewebe. Die chemischen Elemente von Holz sind Kohlenstoff
(ca. 40–50 %), Sauerstoff (etwa 40 %), Wasserstoff (etwa 6 %) sowie Stickstoff und Mi-
neralstoffe (unter 1 %). Diese Elemente bilden die folgenden chemischen Verbindungen:

 Zellulose (ca. 40–60 %) besteht aus fadenförmigen Makromolekülen (Grundsubstanz:


Glukose) und bildet die Zellwandsubstanz des Holzes („Armierung“), verantwortlich
für die Zugfestigkeit und die chemische Beständigkeit des Holzes.
 Lignin (ca. 18–41 %), ein Benzolderivat, das die Kittsubstanz des Holzes darstellt
(„Bindemittel“), verantwortlich für die Druckfestigkeit des Holzes.
 Holzpolyosen (ca. 6–27 %) bestehen aus Hemizellulose und bilden z. T. Zellwandsub-
stanz, z. T. Kittsubstanz. Sie sind leicht von Schädlingen angreifbar.
 Holzinhaltsstoffe (ca. 2–7 %), umfassen Reservestoffe, Farb-, Gerb- und Imprägnier-
stoffe, Wachse und Harze. Sie bestimmen vor allem Farbe, Geruch und natürliche
Dauerhaftigkeit des Holzes.

Nutzung
Eigenschaften von Holz:

 Vorteile: geringes Gewicht bei hoher Biege- und Druckfestigkeit, elastisches Verhal-
ten, gute Verarbeitbarkeit, gutes wärmetechnisches und schalltechnisches Verhalten;
Einbindung des Kohlenstoffs für die Dauer seiner Nutzung (Verbesserung der CO2 -
Bilanz; bei Verbrennung und Verrottung Freisetzen klimarelevanter Gase), ästhetische
Gestaltungsmöglichkeiten, diffusionsoffen, stark sorptionsfähig, ohne radioaktive Ei-
genstrahlung, keine elektrostatische Aufladung bei unbehandelten Hölzern.
 Nachteile: Anfälligkeit für Mikroorganismen und Insekten, Schadstoffbelastung bei
chemisch geschützten Hölzern, mäßiges Brandverhalten, Arbeiten des Holzes bei
Änderung der Luftfeuchtigkeit (Risse, Drehung, Knacken in Holzkonstruktionen/
Holzhäusern).

Resistenz (Verhalten bei Holzfeuchte > 20 % oder Erdkontakt):


Die Resistenz ist bei Tropenhölzern im Allgemeinen besser als bei heimischen Hölzern,
Resistenzklasse 1–3 bei mehr als der Hälfte der Tropenhölzer; Alternativen zu Tropenhöl-
zern für bewetterte Bauteile sind: Eiche (Resistenzklasse 2), Lärche (R. 3), Robinie (R. 1,
3.4 Bau- und Dämmstoffe 111

jedoch starker Drehwuchs), Ulme, Thuja, Zeder, Zehreiche; zum Vergleich: Kiefer (R. 3
–4), Fichte/Tanne (R. 4), Buche (R. 5)Brandverhalten: F-30 ohne Aufwand durch ausrei-
chende Dimensionierung.
Eingesetzt werden:

 Massivholz- oder Blockbau (Abb. 3.19a)


 Skelett- oder Holzständerbau (Abb. 3.19b)
 Rippen- und Tafelbau (Abb. 3.19c)

Der Massivholz- oder Blockbau genießt baubiologisch einen guten Ruf (Abb. 3.19).
Solche Blockhäuser werden aus Naturstämmen oder verleimten Blockbalken überwie-
gend einschalig bis zu einer Stärke von ca. 20 cm oder aus Blockbohlen mehrschalig bis
zu 24 cm Dicke angeboten.
Aus energetischer Sicht ist nur der Blockbohlenbau (außen und innen 70 mm Bohlen-
stärke, dazwischen eine Kerndämmung von 100 mm aus Korkschrot Zellulose, Mineral-
oder Schafwolle) akzeptabel, bei dem ein U-Wert von etwa 0,28 W/(m2 K) erreicht wird,
und er so z. B. mit guten Ziegelaußenwänden konkurrieren kann. Eine Schwierigkeit des
Massivholzbaus liegt in der Berücksichtigung des Schwindens und Setzens von Wand-
teilen, was auch bei Fenstern, Türen, Treppen und der technischen Installation beachtet
werden muss.

Abb. 3.19 Holzbaukonstruktionssysteme. a Massivholz- oder Blockbau; b Skelett- oder Holzstän-


derbau; c Rippen- und Tafelbau. (Quelle: ILS Hamburg)
112 3 Umweltschonende Baustoffe

Standard ist die Skelett- oder Holzständerbauweise, bei der lediglich das Grundgerüst
des Hauses aus Holz besteht. Nach Errichtung der Holzkonstruktion wird sie verschalt und
die Hohlräume werden mit Dämmmaterial gefüllt. Da Holz im Vergleich zum Dämmstoff
etwa 3- bis 4-mal besser Wärme leitet, kann zur Vermeidung von Wärmebrücken über die
Holzbalken innen zusätzlich eine Querlattung mit Wärmedämmung angebracht werden.
Besonderes Augenmerk ist bei Holzständerbauten der Luftdichtheit zu schenken. Holz
ist ein „lebendiger“ Baustoff, d. h. er bewegt sich auch noch nach Jahren. Dadurch kön-
nen Fugen entstehen, durch die wortwörtlich „der Wind pfeift“. Hohe Wärmeverluste und
Unbehaglichkeit (Zugluft) für die Bewohner sind die Folge. Deshalb ist an der Außen-
seite eine Wind- und an der Innenseite eine Luftdichtung anzubringen (ähnlich einem
Dachaufbau; Abb. 3.20). Dazu eignet sich innenseitig eine dampfbremsende Folie, die
mit Klebebändern an sämtlichen Fugen und Ritzen, Stößen, Anschlussstellen aber auch
Durchdringungen luftdicht verklebt wird.
Gegenüber der üblichen einschaligen Ziegelbauweise hat die Holzständerbauweise
folgende Vor- und Nachteile:

Vorteile

 geringe Wandstärken bei gleichzeitig höherer Wärmedämmung


 einheimischer, nachwachsender Baustoff
 preisgünstige Baualternative

Nachteile

 erhöhte Schallschutzanforderungen
 „Baracken“-Klima ist nicht ausgeschlossen

Abb. 3.20 Winddichter An-


schluss an eine Giebelwand
3.4 Bau- und Dämmstoffe 113

 erhöhte Luftdichtheitsanforderungen
 gute Wärmedämmung nur durch künstliche Dämmstoffe erreichbar

Rippen- und Tafelbau sind in Großbritannien, Skandinavien und den Niederlanden sehr
verbreitet. Vor allem im Brandschutzbereich sind sie für deutsche Verhältnisse allerdings
als problematisch einzustufen.

Verwertung
Rückbau der Platten grundsätzlich möglich; Wiederverwendung in Abhängigkeit vom
Zustand; Verbrennung unter Nutzung der entstehenden Energie möglich, jedoch mit Emis-
sionen verbunden, Abgasbehandlung sicherstellen; Verbrennung von beschichtetem oder
gestrichenem Holz in Abhängigkeit vom aufgebrauchten Stoff in Sonderabfallverbren-
nungsanlagen, auf keinen Fall im Hausbrand.

3.4.6 Dämmstoffe

Dämmstoffe nehmen im Bereich der Planung einen immer wichtigeren Stellenwert ein.
Im Rahmen der Verschärfung der energetischen Vorgaben an die Gebäudehüllen, aber
auch im Bereich des Schallschutzes werden immer mehr nachwachsende Dämmstoffe
eingesetzt (Abb. 3.21).

3.4.6.1 Begriff
Wärmedämmend sind nur Baustoffe mit geringerer Wärmeleitfähigkeit – entweder von
sich aus, wie Holz, oder durch zweckvoll in ihnen angeordnete kleine oder größere Hohl-
räume, wie bei Schaumstoffen, Lochziegeln, Doppelfenstern, hohlen und luftverdünnten
Glasbausteinen sowie mehrschaligem Mauerwerk (Abb. 3.22).
Die ruhende Luft in den geschlossenen Hohlräumen leitet die Wärme schlecht – stets
schlechter als die umgebenden Baustoffe. Je kleiner und dafür zahlreicher die Hohlräume
sind, umso besser die Wärmedämmung (Abb. 3.23). Am besten dämmt Luftleere (Ther-
mosflasche!). Sie ist wegen des hohen äußeren Luftdrucks (etwa 1 bar D 0,1 N/mm2 ) im

Abb. 3.21 Gesamtmarkt Na-


turdämmstoffe 2018. (Quelle:
FNR Gülzow)
114 3 Umweltschonende Baustoffe

Abb. 3.22 Mikroaufnahme


der Zellstruktur von Poly-
styrolschaum. In zahlreichen
Hohlräumen ist Luft ein-
geschlossen. (Quelle: ILS
Hamburg)

Abb. 3.23 Aufbau einer


Dämmstoffzellwand. (Quel-
le: FNR Gülzow)

Bauwesen, etwa bei Verbundfenstern, nicht durchführbar. Feuchtigkeit in den Baustoffen


verringert die Dämmung. Die Festigkeit wird durch die Hohlräume herabgesetzt.
Dämmstoffe werden je nach Stoffart und nach Art der Verwendung in verschiedenen
Formen hergestellt, z. B. als Schüttgut, in Form von Platten, Bahnen, Matten, Filzen, Vlie-
sen oder in loser Form. Sie müssen den Normen und dem Güteschutz entsprechen und für
das Bauwesen zugelassen sein. Für die Auswahl eines Dämmstoffs sind auch der Anwen-
dungszweck, seine Qualität und der Preis maßgebend. Wegen der Vielfalt der Dämmstoffe

Tab. 3.6 Anwendungstypen bei Dämmstoffen


Typ Verwendung im Bauwerk Typ Verwendung im Bauwerk
W Wärmedämmstoffe werden nicht be- WS Wärmedämmstoffe mit erhöhter Be-
lastet, z. B. in Wänden, belüfteten lastbarkeit für Sondereinsatz-Gebiete,
Dächern z. B. Parkdecks
WB Beanspruchbar auf Biegung, z. B. WV Wärmedämmstoffe mit Beanspruchung
Bekleidung von windbelasteten auf Abreiß- und Scherfestigkeit, z. B.
Fachwerk- und Ständerkonstruktio- für angesetzte Vorsatzschalen ohne
nen Unterkonstruktion
WD Wärmedämmstoffe, druckbeansprucht, WZ Wärmedämmstoffe mit leichter Zusam-
z. B. unter druckverteilenden Böden mendrückbarkeit, z. B. in Wand- und
(ohne Trittschallanforderung), in un- Deckenhohlräumen
belüfteten Dächern
WDH Wärmedämmstoff mit erhöhter Druck- T Dämmstoffe für Trittschallschutz
belastbarkeit
WL Nicht druckbelastete (leichte) Fa- TK Trittschalldämmstoffe mit geringer
serdämmstoffe, z. B. für Dämmung Zusammendrückbarkeit, z. B. unter
zwischen Sparren und Balkenlagern Fertigteilestrich
3.4 Bau- und Dämmstoffe 115

und ihrer möglichen Verwendung im Bauwerk wurden Anwendungstypen geschaffen, die


die Auswahl für den richtigen Einsatz ermöglichen sollen (Tab. 3.6).
Bei der Auswahl eines Dämmstoffs spielen vier Kriterien eine Rolle:

 Einsatzbedingungen
 Umweltverträglichkeit
 Preis
 Gesundheit und Behaglichkeit

Nicht jeder Dämmstoff ist überall einsetzbar. So sind z. B. Schaumglas oder PUR in
feuchtempfindlichen Bereichen ohne Alternative.
Die größten und nachhaltigsten ökologischen Belastungen entstehen bei der Her-
stellung von Dämmstoffen. Hier sind in erster Linie Kunststoffschäume wie PUR
und ESR-Schäume zu nennen und (bis auf wenige Ausnahmen) zu vermeiden. Na-
turnahe Dämmstoffe sind unkritisch, vorausgesetzt, die Rohstoffe werden nicht in
intensiver Monokultur unter Chemieeinsatz gewonnen.
Die Preisunterschiede sind groß (z. B. Glaswolle 8 C/m2 ; XPS 15 C/m2 ; Schaum-
glas 40 C/m2 ). Das teuerste Dämmmaterial ist zurzeit die Vakuumdämmplatte
70 C/m2 .
Bei Verarbeitung und Einbau nach dem Stand der Technik sind alle Dämmstoffe
ohne jede Auswirkung auf die Gesundheit – und sie steigern die Behaglichkeit im
Winter (und Sommer) erheblich.

3.4.6.2 Ökologische Vorüberlegungen


Die Wahl der Dämmstoffe spielt in allen Diskussionen eine große Rolle. Die Kriterien:
Herstellung und Entsorgung, Art und Menge des Rohstoffbedarfs, Materialeigenschaften,
Einsatzbereich, physikalische Daten, Schadstoffwirkungen und die betriebswirtschaftli-
chen Kosten. Jeder Dämmstoff hat Vor- und Nachteile! Dies gilt für „nachwachsende“,
„natürliche“, „ökologische“ oder „naturnahe“ Dämmstoffe (z. B. Zellulose, Schafwol-
le, Baumwolle, Kork, Flachs, Holzweichfasern, Perlite, Schaumglas) ebenso wie für
„konventionelle“, „synthetische“ oder „künstliche“ Dämmstoffe (z. B. Mineralfasern wie
Stein- oder Glaswolle, Polystyrol- und Polyurethan-Hartschaum oder mineralische Plat-
ten).
Rohstoffe, die als Dämmstoffe zur Anwendung kommen, sind in Tab. 3.7 dargestellt.
Aber gerade die Vielfalt der angebotenen Dämmstoffe ermöglicht auch ihren differen-
zierten Einsatz und die jeweiligen baulichen Gegebenheiten. Untersuchungen und Ver-
gleiche zeigen, dass Pauschalaussagen zu Dämmstoffqualitäten nicht möglich sind.
Die Wirkung von Wärmedämmung beruht auf Lufteinschlüssen im Dämmmaterial,
d. h. nicht das Material dämmt, sondern die vielen kleinen Luftkammern, die das Materi-
al einschließt. Voraussetzung für die Dämmwirkung dieser Lufteinschlüsse ist der Schutz
116 3 Umweltschonende Baustoffe

Tab. 3.7 Rohstoffe, die als Dämmstoffe zur Anwendung kommen


Die wichtigsten nachwachsenden Rohstoffe, die als Dämmstoffe eingesetzt werden können
Flachs Kokos Schafwolle
Hanf Kork Schilfrohr
Holzfasern Miscanthus (Chinagras) Stroh
Holzspäne Roggen Zellulose
Künstliche Mineralfasern / KMF
Geschäumte und geblähte anorganische Dämmstoffe (Schaumglas, Blähperlite, Blähglimmer,
Blähton)
Geschäumte organische Dämmstoffe (extrudierter Polystyrolschaum, XPS, Polyurethanschaum)
Sonderform: Vakuumdämmstoff

vor Luftbewegung. Deshalb hat die Luftdichtheit des Gebäudes oberste Priorität für die
Dämmwirkung (DIN 4140/2014-04).
Aus ökologischer Sicht spielt der Bereich Herstellung und Entsorgung die größte Rolle.
Hier haben die künstlichen Dämmstoffe deutliche Nachteile. Die langen Herstellungs-
prozessketten stehen in direkter Verbindung mit der Chlor- und Petrochemie; ozonschicht-
zerstörende Treibmittel, Treibhausgase sowie krebserregende Substanzen werden bei der
Produktion freigesetzt. Manche Rohstoffreserven (z. B. Erdöl) sind begrenzt. Recycling
benötigt den guten Willen von allen Seiten, meist folgt die Entsorgung auf einer Deponie.
Aber auch die naturnahen Dämmstoffe haben Nachteile. Probleme gibt es durch Mo-
nokulturen und den Pestizideinsatz bei der Massenproduktion (z. B. bei Baumwolle und
Flachs), durch hohen Transportenergieaufwand (z. B. durch Schafwolle aus Neuseeland,
Kork aus Portugal oder Baumwolle aus Asien), durch Veredelung (chemische Behandlung
der Schafwolle) oder durch Belastung bei der Herstellung (z. B. Abwasserbelastungen
bei der Zellulose, sehr hoher Energieeinsatz bei Holzweichfasern). Da aus Brandschutz-
gründen alle naturnahen Dämmstoffe teilweise mit bis zu 20 % Borsalz imprägniert sind,
müssen sie im Fall der Entsorgung deponiert oder besonders aufwendig verbrannt werden
(Abb. 3.24).

Abb. 3.24 Naturdämmstoffe. (Quelle: FNR Gülzow)


3.4 Bau- und Dämmstoffe 117

I Die meisten Dämmstoffe können an verschiedenen Bauteilflächen eingesetzt


werden. Zu unterscheiden sind Schüttmaterialen/einblasfähige Materialien,
Matten und Bahnen sowie feste Platten.

Schüttungen und eingeblasene Materialien neigen dazu, sich nach dem Einbringen zu
setzen, wodurch Hohlräume auftreten können. Bei plattenförmigen, unflexiblen Dämm-
stoffen ist das Entstehen von Fugen (und damit von Wärmebrücken) kaum zu vermeiden.
Deshalb sollten Platten großflächig, mehrlagig und dabei versetzt verlegt werden. Für
Perimeter- und Flachdachdämmungen sind nur Schaumglas oder künstliche Dämmstof-
fe einsetzbar. Primärenergetisch ist jeder Dämmstoff zu empfehlen!
Der Primärenergieaufwand zur Herstellung von einem Kubikmeter (1 m3 ) künstlichem
Dämmstoff ist (teilweise) zwar deutlich höher als bei den naturnahen Dämmstoffen, dafür
ist der physikalische Wärmedämmeffekt aber oft deutlich besser. Tatsache ist, dass sich
jede Dämmung energetisch betrachtet sehr schnell (in max. 24 Monaten) amortisiert – bei
Nutzungsdauern der Bauteile von 30 und mehr Jahren.
Hinsichtlich innenraumrelevanter Schadstoffe sind bei fachgerechtem Einbau alle
Dämmstoffe völlig unproblematisch!
Bezüglich der physikalischen Daten und der Kosten sind die künstlichen Dämmstoffe
im Vorteil!
Eine wichtige Größe ist die Wärmeleitfähigkeit . Je höher sie ist, desto schlechter
ist die Wärmedämmung. Die künstlichen Dämmstoffe haben einen Wert von 0,025 bis
0,040 W/(mK), naturnahe Dämmstoffe liegen höher bei 0,040 bis 0,093 W/(mK).
Trotz dieser besseren Dämmwerte liegen die Materialkosten für künstliche Dämmstoffe
i. d. R. um 10 bis 50 % niedriger als für naturnahe.

Schwierige Untergründe
Schwierige Untergründe sind alle Flächen, die nicht oder ungenügend für eine Verklebung
der Dämmplatten geeignet sind.
Hier sind zu nennen:

 Fachwerkkonstruktionen
 Lehmwände
 sehr unebenes Mauerwerk

I Für schwierige Untergründe gibt es eine spezielle Lösung: das Wärme-Dämm-


Verbund-System(WDVS)-Schienensystem (Abb. 3.25).

Bei diesem System werden die Mineralwoll- oder Polystyrolplatten mithilfe von
Halte- und Verbindungsleisten am Untergrund verankert. Die Dämmplatten sind mit einer
umlaufenden Nut versehen und können problemlos mit den Schienen verbunden werden.
118 3 Umweltschonende Baustoffe

Abb. 3.25 WDVS-Schienensystem

3.4.6.3 Wichtige technische und ökologische Parameter


In den Tab. 3.8–3.10 erhalten Sie zusammenfassend wichtige Informationen über die we-
sentlichsten technischen, ökonomischen, ökologischen und bauphysikalischen Kennwerte
der gebräuchlichsten Dämmstoffe.

 Einsatzgebiete, Lieferarten, Kosten (Tab. 3.8)


 ökologische und gesundheitliche Aspekte (Tab. 3.9)
 bauphysikalische Kennwerte (Tab. 3.10)

Alle aufgezeigten Kennwerte unterliegen ständigen Veränderungen im Sinne von Ver-


besserungen, beispielsweise durch Erweiterung der Einsatzgebiete und Lieferarten und
Absenkung der Kosten und der gesundheitlichen Gefahren.
3.4 Bau- und Dämmstoffe 119

Tab. 3.8 Dämmstoffe, Lieferart, Kosten pro m2


Wärmedämmstoff Einsatzgebiet Lieferart Kosten ca. pro m3 im
Durchschnitt (2017)
Baumwolle – Dach Matten und Filze 153 C
– Decke
– Innenwand
Blähton – Decke Schüttungen 102 C
Flachs – Dach Matten und Filze 179 C
– Decke
– Fußboden
Glaswolle – Dach Matten und Filze 51–153 C
– Außenwand
– Innenwand
– Decke
– Fußboden
– Hohlräume
– Leitungen
Holzfaserdämmplatten – Dach Platten 225 C
Holzwollleichtbauplatten – Dach Platten 179 C
– Außenwand
Kokosfaser – Decke Matten und Filze 205–225 C
– Hohlräume
Korkplatten – Decke Platten 194 C
– Hohlräume
Perlite – Decke Schüttungen 102 C
Polystyrol (expandiert) – Dach Platten 172 C
– Außenwand
Polystyrol (extruiert) – Dach Platten 256 C
– Kelleraußenwand
Polyurethan-Hartschaum – Dach Platten 189 C
Schafwolle – Dach Matten und Filze 189–225 C
– Decke
– Innenwand
– Hohlräume
– Leitungen
Schaumglas – Dach Platten 332–384 C
– Außenwand
– Kelleraußenwand
Steinwolle – Dach Matten und Filze 51–205 C
– Außenwand
– Innenwand
– Decke
– Fußboden
– Hohlräume
– Leitungen
– Dach
Zellulose – Dach Schüttungen 77 C
120 3 Umweltschonende Baustoffe

Tab. 3.9 Ökologie der Dämmstoffe – gesundheitliche Aspekte


Wärmedämmstoffe Ökologie der Dämmstoffe Gesundheitliche Aspekte
Baumwolle – Pflanzliches Ausgangspro- Hohe Staubbelastung bei Verarbeitung,
dukt, das in Monokulturen deshalb entsprechende Schutzmaßnahmen
(Einsatz von Düngemittel und (Staubmasken) vorsehen
Pestiziden) angebaut wird
– Wiederverwendbar
– Kompostierbarkeit ist wegen
Verwendung von Boraten
noch nicht geklärt
Blähton – Mineralisches Ausgangs- Bei den bisherigen Herstellungs- und
produkt (Ton) Verarbeitungsverfahren sind keine Ge-
– Wiederverwendbar sundheitsbelastungen bekannt
– Deponiefähig
Flachs – Pflanzliches Ausgangs- Bei den bisherigen Herstellungs- und
produkt Verarbeitungsverfahren sind keine Ge-
– Wiederverwendbar sundheitsbelastungen bekannt
– Kompostierbarkeit ist wegen
Verwendung von Boraten
noch nicht geklärt
Glaswolle – Mineralisches Ausgangs- Im eingebauten Zustand sind für
produkt künstliche Mineralfasern keine gesund-
– Deponiefähig heitsschädigenden Wirkungen bekannt.
– Nicht kompostierbar Neue Herstellungsverfahren, insbesondere
die der Marktführer, lassen den Schluss
zu, dass Mineralfaserdämmstoffe auch in
Herstellung, Verarbeitung und Rückbau
heute als nicht krebserregend eingestuft
werden. Dennoch sind nach wie vor ge-
sundheitsbedenkliche Produkte auf dem
Markt, auch Importprodukte. Lassen Sie
sich daher von Ihrem Anbieter die Ge-
sundheitsunbedenklichkeit bescheinigen!
Achten Sie beim Umgang mit älteren Pro-
dukten (Ausbau, Umbau) darauf, dass Sie
entsprechende Vorsichtsmaßnahmen (z. B.
Lüftung, Schutzkleidung) treffen!
Holzfaser- – Pflanzliches Ausgangs- Bei den bisherigen Herstellungs- und
dämmplatten produkt Verarbeitungsverfahren sind keine Ge-
– Wiederverwendbar sundheitsbelastungen bekannt
– Deponiefähig
Holzwolleleicht- – Pflanzliches Ausgangs- Bei den bisherigen Herstellungs- und
bauplatten produkt Verarbeitungsverfahren sind keine Ge-
– Kaum wiederverwendbar sundheitsbelastungen bekannt
– Deponiefähig
3.4 Bau- und Dämmstoffe 121

Tab. 3.9 (Fortsetzung)


Wärmedämmstoffe Ökologie der Dämmstoffe Gesundheitliche Aspekte
Kokosfaser – Pflanzliches Ausgangspro- Bei den bisherigen Herstellungs- und
dukt Verarbeitungsverfahren sind keine Ge-
– Wiederverwendbar sundheitsbelastungen bekannt
– Deponiefähig
Korkplatten – Pflanzliches Ausgangspro- Bei den bisherigen Herstellungs- und
dukt Verarbeitungsverfahren sind keine Ge-
– Deponiefähig sundheitsbelastungen bekannt
– Nicht kompostierbar
Perlite – Mineralisches Ausgangspro- Bei den bisherigen Herstellungs- und
dukt Verarbeitungsverfahren sind keine Ge-
– Wiederverwendbar sundheitsbelastungen bekannt
– Unbeschichtetes Material ist
deponiefähig
Polystyrol – Ausgangsmaterialien sind Im Brandfall entstehen u. U. diverse toxi-
(expandiert) Erdölprodukte sche Gase
– Bei Herstellung emittiert
Pentan
– Bedingt wiederverwendbar
– Recycelbar, z. B. Porosierung
von Ziegeln
– Deponiefähig
Polystyrol – Ausgangsprodukte sind Erd- Im Brandfall entstehen u. U. diverse toxi-
(extrudiert) ölprodukte sche Gase
– Z. T. Verwendung von H-
FCKW (ggf. Importware)
– Bedingt wiederverwendbar
– Deponiefähig
Polyurethan-Hart- – Kein Recyclingverfahren für Im Brandfall entstehen u. U. diverse
schaumplatten gebrauchte Platten bekannt toxische Gase, darunter ggf. auch mit
– Deponiefähig Blausäurespuren
– Bei Verbrennung wird FCKW
freigesetzt
– Nicht kompostierbar
Schafwolle – Tierisches Ausgangsprodukt; Bei den bisherigen Herstellungs- und
z. T. aus Massentierhaltung Verarbeitungsverfahren sind keine Ge-
(Neuseeland) sundheitsbelastungen bekannt
– Ggf. mit Pestiziden behandelt
– Ggf. auch Imprägnierung mit
Sulcofuren gegen Insektenbe-
fall
– Wiederverwendbar
– Deponiefähig
– Kompostierbarkeit ist durch
Verwendung von Boraten
noch nicht geklärt
122 3 Umweltschonende Baustoffe

Tab. 3.9 (Fortsetzung)


Wärmedämmstoffe Ökologie der Dämmstoffe Gesundheitliche Aspekte
Schaumglas – Mineralisches Ausgangspro- Bei den bisherigen Herstellungs- und
dukt (Silikate) Verarbeitungsverfahren sind keine Ge-
– Deponiefähig sundheitsbelastungen bekannt; es sei denn
– Nicht kompostierbar ggf. bei der Verarbeitung mit Kunstharz-
klebern
Steinwolle – Mineralisches Ausgangspro- Im eingebauten Zustand sind für
dukt künstliche Mineralfasern keine gesund-
– Deponiefähig heitsschädigenden Wirkungen bekannt.
– Nicht kompostierbar Neue Herstellungsverfahren, insbesondere
die der Marktführer, lassen den Schluss
zu, dass Mineralfaserdämmstoffe auch in
Herstellung, Verarbeitung und Rückbau
heute als nicht krebserregend eingestuft
werden. Dennoch sind nach wie vor ge-
sundheitsbedenkliche Produkte auf dem
Markt, auch Importprodukte. Lassen Sie
sich daher von Ihrem Anbieter die Ge-
sundheitsunbedenklichkeit bescheinigen!
Achten Sie beim Umgang mit älteren Pro-
dukten (Ausbau, Umbau) darauf, dass Sie
entsprechende Vorsichtsmaßnahmen (z. B.
Lüftung, Schutzkleidung) treffen!
Zellulose – Recyclingmaterial als Aus- Bei der Verarbeitung entsteht ein hohes
gangsmaterial (Papier) Staubpotenzial; geeignete Schutzmaßnah-
– Deponiefähig men sind vorgesehen (z. B. Staubmasken).
– Nicht kompostierbar Ansonsten sind keine weiteren Gesund-
heitsbelastungen bekannt
3.4 Bau- und Dämmstoffe 123

Tab. 3.10 Wichtige bauphysikalische Kennwerte


Wärmedämmstoffe Wärmeleitfähigkeita Baustoffklasseb Dampfdiffusions-
Widerstand
mc
Baumwolle 0,040 B2 1–2
Blähton Ab 0,13 A1
Flachs 0,040 B2 1
Glaswolle Ab 0,035 A1, A2, B1 1
Holzfaserdämmplatten 0,045 B2 5–10
Holzwolleleicht- 0,09 B1, B2 1–2
bauplatten
Kokosfaser 0,045 B2 1
Korkplatten 0,045 B2 5–30
Perlite 0,045 A1, A2, B2 2–3
Polystyrol (expandiert) Ab 0,030 B1, B2 20–100
Polystyrol (extrudiert) Ab 0,030 B1, B2 80–250
Polyurethan-Hart- Ab 0,025 B1, B2 30–100
schaum
Schafwolle 0,040 B2 1– 2
Schaumglas 0,040 A1, A2, B1, B2 Dampfdicht
Steinwolle 0,035 A1, A2, B1 1
Zellulose 0,0400,045 B2 /
a
Je geringer der Wert, desto besser die Wärmedämmung.
b
Baustoffklasse gibt Auskunft über Brandverhalten: A1, A2 nicht brennbar; B1, B2 schwer ent-
flammbar.
c
Je kleiner der Wert, desto einfacher dringt Wasserdampf durch den Baustoff (atmungsaktiv). Dies
ist wichtig für offenporige Konstruktionen, da hier der Wasserdampf nach außen diffundiert und
nicht im Raum verbleibt und dort weggelüftet werden muss
Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen
4

4.1 Konstruktive Grundsätze

Ausgangspunkt der energetischen Sanierung ist die bauliche Analyse des Gebäudes – d. h.
der Bauteile der Gebäudehülle und der Anlagentechnik – sowie deren Nutzung. Sowohl
die Restlebensdauer sollte abgeschätzt werden als auch die Schäden.
Die Genauigkeit bzw. die Tiefe der Untersuchungen werden hauptsächlich von zwei
Faktoren bestimmt:

1. dem baulichen Zustand des Gebäudes und


2. der Komplexität der Bauaufgabe.

In welchem baulichen Zustand sich der Baubestand befindet, ist von einer Reihe von
Faktoren abhängig, wie z. B.:

 Alter und Bauzeit,


 Qualität der Bauausführung,
 Nutzerverhalten der Vorbesitzer sowie
 Instandhaltungs- und Modernisierungsmaßnahmen während der Standzeit.

Diese Einflussfaktoren spiegeln sich im Zustand einer gebrauchten Immobilie wider


(Abb. 4.1).
Die Untersuchungen vor den Baumaßnahmen sind weiterhin nach dem Risiko während
der Ausführung auf bauliche Schwierigkeiten zu stoßen, die zur Kostensteigerung führen,
zu bewerten. Dies können sein:

 verdeckte Schäden, wie z. B. marode Balkenköpfe einer Holzbalkendecke, die während


der Baumaßnahmen entdeckt werden,

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 125
M. Stahr, Sanierung von baulichen Anlagen, https://doi.org/10.1007/978-3-658-20475-4_4
126 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

a b

Abb. 4.1 Historische Wohnbebauung; a vor und b nach der Sanierung. (Quelle: Stadterneuerung
Leipzig)

 mangelnde Kenntnisse über die Gebäudestruktur, die z. B. bei Arbeiten an tragenden


Bauteilen zu schweren Schäden am Gebäude führen können sowie
 mangelhafte Kenntnisse über Bauaufgaben an schwer zugänglichen Stellen, die bei
einer falschen Ausführung zu erheblichem Schaden führen. Als Beispiel sei hier der
Bereich der Kellerabdichtung genannt. Hier können falsche oder fehlerhafte Bauaus-
führungen meist nur mit erheblichem Kostenaufwand behoben werden.

Tab. 4.1 zeigt den schematischen Ablauf einer Bestandsaufnahme.


In der Tab. 4.2 werden sechs typische Handlungsschwerpunkte aufgezeigt, die an kon-
krete Maßnahmen bzw. Untersuchungsverfahren geknüpft sind, deren Tiefe und die Art
der Bestandsuntersuchung sich nach den geplanten Sanierungsmaßnahmen richten.
Bei der Bewertung des nachhaltigen Bauens ist die Wirtschaftlichkeit nicht das einzige
Kriterium, vielmehr spielen auch die ökologischen Aspekte der Energieeinsparung und
soziokulturelle Aspekte eine wichtige Rolle.
Am effektivsten ist die Verminderung der Wärmeverluste (Abb. 4.2) durch Dämmung
der Gebäudehülle und die Bereitstellung des Restenergiebedarfs aus regenerativen Quel-
len.
Mehr als die Hälfte des Energieeinsparungspotenzials kann bereits mit günstig umzu-
setzenden Standardmaßnahmen erreicht werden. Wesentliche Aspekte energieeinsparen-
der Maßnahmen sind:
4.1 Konstruktive Grundsätze 127

Tab. 4.1 Ablauf einer Bestandsaufnahme


128 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Tab. 4.2 Schwerpunkte der Bestandsaufnahme


4.1 Konstruktive Grundsätze 129

Abb. 4.2 Wärmeverluste am


Gebäude. (Quelle: Stadtsanie-
rung Leipzig)

 Dämmung der Gebäudehülle von sanierungswürdigen Altbauten,


 wenn möglich und nicht schon gesetzlich vorgeschrieben Dämmung der Kellerdecke,
der obersten Geschoßdecke und der meist schmucklosen Hoffassade,
 passive Nutzung von Solarenergie z. B. durch energetische Verbesserung der Fenster,
 aktive Nutzung von Solarenergie, Solarkollektoren, Photovoltaik,
 Einsatz umweltfreundlicher Heizsysteme sowie Brennwerttechnik,
 Niedertemperaturkessel,
 Zonierung der Grundrisse, kältere Räume (Schlafzimmer, Bad) in den Nordteil;
 wärmere Räume (Kinderzimmer, Wohnzimmer) in den Südteil des Gebäudes,
 Senkung der jährlichen Energiekosten, zumal durchaus mit einem Energiepreisanstieg
in den kommenden Jahren zu rechnen ist,
 geringer Energieverbrauch (ggf. dokumentiert durch einen Energiepass) als Wertstei-
gerung für die Immobilie bzw. für die Wohnung,
 Verbesserung des Wohnkomforts und des Raumklimas durch energetische Moderni-
sierung (beispielsweise Synergieeffekte der Wärmedämmung im Hinblick auf Bauten-
schutz sowie Behaglichkeit),
 Entlastung der Umwelt durch Verminderung von Schadstoffemissionen und Verminde-
rung der Emission klimarelevanter Gase, hierunter der CO2 -Emission.

Die nachfolgenden Abschnitte sollen keine Konstruktionslehre ersetzen, sondern öko-


logisch orientierte Bauteile hinsichtlich ihrer umweltrelevanten Eigenschaften verglei-
chend gegenüberstellen.

I Die Auswahl der Konstruktionen bietet neben den Festlegungen im Entwurf den
größten Gestaltungsrahmen für ökologisches Sanieren.
130 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Ökologische Sanierung von Altbausubstanz assoziiert bei vielen Bauherren, Bauunter-


nehmern und auch Mietern standardisierte (konventionelle) Verfahrensabläufe. Die Sanie-
rungserfolge widersprechen jedoch manchmal auch den Anforderungen an substanzerhal-
tende und ressourcenschonende Instandsetzung (Tab. 4.3).

Tab. 4.3 Gegenüberstellung: Konventionelle Sanierung – Behutsame Sanierung. (Quelle: Stadtsa-


nierung Leipzig)
4.1 Konstruktive Grundsätze 131

Tab. 4.3 (Fortsetzung)


132 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Tab. 4.3 (Fortsetzung)


4.1 Konstruktive Grundsätze 133

Tab. 4.3 (Fortsetzung)


134 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Tab. 4.3 (Fortsetzung)


4.1 Konstruktive Grundsätze 135

Tab. 4.3 (Fortsetzung)


136 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Daher sollten auch immer objektbezogene behutsame Sanierungsmaßnahmen unter-


sucht werden.

4.2 Dämmsysteme

4.2.1 Wärmedämmverbundsystem (WDVS)

Das Wärmedämmverbundsystem (WDVS) wird auch umgangssprachlich als „Ther-


mohaut“ bezeichnet. Es eignet sich sowohl für den Neubau als auch für die nachträgli-
che Wärmedämmung von Gebäuden und ist das preiswerteste Außenwanddämmsystem
(Abb. 4.3).
Je nach Anwendungsgebiet und Anforderung an das zu dämmende Bauteil gibt es nach
DIN 4108 – 10 verschiedene Lösungen (siehe Tab. 4.4).
Die Komponenten eines Wärmedämmverbundsystems müssen genau aufeinander ab-
gestimmt sein. Eine Kombination verschiedener Systeme ist daher nicht zulässig.
Im Wesentlichen werden zwei Gruppen unterschieden:
In der ersten Gruppe werden Hartschaumplatten mit einer Klebe- oder Spachtelmasse
aus Kunststoff mit eingebettetem Armierungsgewebe beschichtet und auf die zu dämmen-

Abb. 4.3 Beispiel vom


Systemaufbau eines Wär-
medämmverbundsystems.
(Quelle: ILS Hamburg)

Tab. 4.4 Anwendungsbereiche und Kurzzeichen nach DIN 4108 – 10. (Q 33/1/32)
4.2 Dämmsysteme 137

de Wand geklebt. Das Armierungssystem nimmt die Dehnungsspannungen auf und bietet
gleichzeitig die Grundlage für den Außenputz. Schimmelbildung wird vermieden und der
Taupunkt aus dem Mauerwerk in die Dämmplatte verlegt.
Bei der zweiten Gruppe können Hartschaum- oder Mineralfaserplatten zur Wärme-
dämmung verwendet werden. Mineralfaserplatten werden zwar auch geklebt, müssen aber
zusätzlich durch Dübel abgesichert werden. Kennzeichnend für diese Gruppe ist die nun
aufzutragende mineralisch gebundene Spachtelmasse mit dem eingebetteten Armierungs-
system.
Der allgemeine konstruktive Schichtenaufbau:

1 Wandkonstruktionen
Jede Art von Beton- oder Ziegelmauerwerk.
2 Untergrundvorbehandlung
Im Regelfall Spritzbewurf; warzenförmig bei schwach saugenden, voll deckend bei
stark oder unterschiedlich saugenden Untergründen.
3 Klebe- und Beschichtungsmörtel
Wasserabweisender, maschinengängiger Kalkzementmörtel nach DIN 18550/P II.
4 Dämmplatten
Polystyrol-Hartschaumplatten oder Mineralwolle-Dämmplatten (häufig mit Stufen-
falz). Plattendicke nach Wahl: 30, 40, 50, 60, 80, 100 mm. Weitere Dämmplatten
werden auf der Basis organischer Stoffe, z. B. Schafwolle, entwickelt.
5 Befestigung
durch Verklebung oder Verdübelung
6 Beschichtung und Armierung
Maschinengängiger, wasserabweisender Klebe- und Armierungsmörtel mit ca. 5 mm
Dicke in Abhängigkeit von den Ebenheitstoleranzen des Untergrundes. Armierungs-
gewebe im äußeren Drittel der Putzschicht.
7 Oberputz
Falls erforderlich, wird nochmals eine Silicat-Quarzgrundierung oder eine Dekorgrun-
dierung aufgebracht.
Wasserabweisende Oberputzbeschichtung mit einer Körnung 0–5 mm und einem Hell-
bezug von > 40 % als mineralischer Putz (Kratzputz, Münchner Rauputz, Scheiben-
putz, Modellier- und Strukturputz, Silikatputz, Silikonharzputz). Aus ästhetischem
Erfordernis können zusätzlich noch wasserdampfdurchlässige Egalisationsanstriche in
Form von Silikatdispersionsfarbe oder Silikonharzfarbe aufgebracht werden. Farbput-
ze enthalten lichtechte mineralische Farbpigmente.

I WDVS schützt wertvolle Bausubstanz nachhaltig und erhöht den Wohnwert ins-
besondere von Altbauten beträchtlich. Starke Temperaturschwankungen, Zug-
lufteffekte, Feuchtigkeitsbefall und andere schädigende Einflüsse werden ver-
mieden, ohne die Wasserdampfdiffusion der Wände zu behindern.
138 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Tab. 4.5 Funktionen und Baustoffe für WDVS


Funktion Materialien/Baustoffe
Spachtel/Kleber Mineralische diffusionsoffene Produkte mit geringen organischen
Bestandteilen
Wärmedämmung Polystyrol-Hartschaumplatten, Mineralschaumplatten, Mine-
ralfaserplatten, Korkplatten, Holzweichfaserplatten, Holzwolle,
Leichtbauplatten, Schilfrohrplatten
Armierung Kunststoffgittergewebe
Putz Rein mineralische diffusionsoffene Mörtel bzw. solche mit wenigen
organischen Bestandteilen

Wie schon der Name sagt, handelt es sich um ein Dämmsystem, das aus aufeinander
abgestimmten Materialien des jeweiligen Anbieters besteht. Eine sorgfältige Ausführung
ist unerlässlich und sollte nur vom Fachbetrieb übernommen werden, der auch die not-
wendigen Garantien übernimmt.
Tab. 4.5 verschafft einen Überblick über Funktionen und dafür geeignete Materialien.

I Wichtiger Hinweis Polystyrol hat im Vergleich zu nachwachsenden Dämmstof-


fen den Nachteil relativ dampfdicht zu sein. Bauphysikalisch ist dies ungünstig,
da die Dampfdichtheit von Bauteilen der Gebäudehülle von innen nach außen
abnehmen sollte. Ist dies nicht der Fall, besteht die Gefahr, dass sich Feuchtig-
keit im Wandquerschnitt ansammelt ohne abtrocknen zu können und somit zu
Bauschäden führen kann.

4.2.2 Aufdopplungssystem

Bis Ende der 1980er-Jahre wurden laut Fachverband WDVS rund 150 Mio. m2 Wandflä-
che mit einer durchschnittlichen Dämmstoffdicke von 4050 mm gedämmt. Damals war
diese Wärmedämmung energetisch und ökonomisch ausreichend. Inzwischen sind diese
Gebäude aber längst nicht mehr zeitgemäß.
Um dieses Problem zu lösen, wurde ein Warm-Wand-System (WDYS –WW-Duo von
Knauf) entwickelt (Abb. 4.4).
Das bauaufsichtlich zugelassene System (Z – 33. 49-981) mit Styropor-Dämmplatten
wird direkt mit einem Klebe- und Armiermörtel auf die alte Fassade aufgebracht. Dank
der Nut –und Federtechnik ist eine Verlegung ohne Rücksicht auf das alte Verlegeschema
möglich. Zum Abschluss trägt der Handwerker vollflächig mit demselben Kleber noch
einen Quarzgrund auf. Ein ausgewählter Oberputz rundet das architektonische Bild ab.
Mit diesem System sind die derzeitigen Forderungen der EnEV 2016 erfüllt und die
Kosten betragen (nur) etwa 25 C/m2 .
4.2 Dämmsysteme 139

Abb. 4.4 Aufsetzen der zwei-


ten Dämmschicht auf den
gedämmten alten Untergrund.
(Quelle: Bauhandwerk 3/12
S. 43)

Vorteile von Aufdopplungssystemen:

 Mehrkostenaufwand der energetischen Sanierung amortisiert sich bereits nach wenigen


Jahren
 Erfüllung der energetischen Anforderungen nach EnEV 2016
 Einsparung von Abbruchs- und Entsorgungskosten durch Weiternutzung der vorhan-
denen Dämmung
 Schadensbehebung von Rissen, Wärmebrücken, Dämmplatten und Dübelabzeichnun-
gen

Geeignete Dämmstoffe
Es stehen viele Dämmstoffe zur Verfügung. Die Auswahl erfolgt nach preislichen, techni-
schen und individuellen Gesichtspunkten. Eingesetzt werden überwiegend:

1. Polystyrolplatten (Vorsicht bei der Entsorgung)


2. Mineralschaumplatten
3. Mineralfaserplatten
4. Korkplatten
5. Holzfaserplatten
140 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.5 Richtige Anordnung


des Dämmmaterials unterhalb
der Kellerdecke. (Quelle: ILS
Hamburg)

Lebensdauer
Die Lebensdauer der Thermohaut entspricht der Haltbarkeit des Außenputzes. Zur Pflege
gehört praktisch nur der Putzanstrich in den üblichen Zeitabständen. Ausgeführte Däm-
mungen haben bereits mehr als 30 Jahre überdauert. Zur Sicherung einer langen Lebens-
dauer gehört auch die richtige konstruktive Ausführung.
Das Dämmmaterial wird mind. 50 cm über die Kellerdecke heruntergezogen (Abb. 4.5).
Endet der untere Abschluss der Thermohaut bereits auf Höhe der Kellerdecke, bleibt die
Decke als auskühlende Wärmebrücke erhalten und es können dadurch Bauschäden durch
Kondenswasser entstehen!

4.2.3 Transparentes Wärmedämmverbundsystem (TWDS)

Transparente Wärmedämmsysteme mit wärmedämmenden Eigenschaften werden erst


seit relativ kurzer Zeit eingesetzt. Mit diesen Systemen lässt sich der Heizenergiever-
brauch im Neu- und Altbau gegenüber einem opak1 gedämmten Gebäude weiter redu-
zieren, indem durch die Anwendung hochtransparenter Wärmedämmmaterialien die Prin-
zipien der Wärmedämmung und der passiven solaren Energiegewinnung kombiniert wer-
den.
Beim TWDS wird die transparente Kapillarplatte mit einem schwarzen Absorber-Kle-
ber direkt auf die Speicherwand geklebt (Abb. 4.6).
Das TWDS wird industriell, meist schon mit vorgefertigtem Putz hergestellt.
Durch die im Winter herrschenden Temperaturdifferenzen zwischen Innen- und Au-
ßenklima kommt es zu einem von innen nach außen gerichteten Wärmestrom, d. h. ein
Teil der dem Innenraum zugeführten Wärmeenergie geht über die Gebäudehülle wieder

1
„opak“ D lichtundurchlässig, undurchsichtig.
4.2 Dämmsysteme 141

Abb. 4.6 Aufbau eines


transparenten Wärmedämm- schwere Außenwand
verbundsystems. (Quelle:
RWE Energie Essen) Absorberkleber

transparente Kapillarplatte

transparenter Glasputz

opaker Putz
opake Wärmedämmung

verloren (Transmissionsverlust). Eine opake Wärmedämmung schränkt diese Transmis-


sionsverluste lediglich ein, während mithilfe einer transparenten Wärmedämmung eine
Umkehr des Wärmeflusses in Richtung Innenraum erreicht werden kann. Das Grundprin-
zip einer transparenten Wärmedämmung liegt in der solaren Erwärmung einer Absorber-
Schicht, die in der Regel hinter einer Schicht aus transparentem Material mit wärmedäm-
menden Eigenschaften auf eine speicherfähige Wandkonstruktion aufgebracht ist. Eine
Ausnahme bildet das Direktgewinnsystem, bei dem alle Raumumschließungsflächen als
Absorber und Speichermasse genutzt werden. In Abb. 4.7 werden die beschriebenen Prin-
zipien für eine Konstruktion mit opaker Wärmedämmung und transparenter Wärmedäm-
mung gegenübergestellt und verglichen.
Eine TWD eignet sich vor allem:

 wenn eine massive, schwere Außenwand vorhanden oder geplant ist,


 auf der Südseite des Gebäudes,
 bei Verschattungsfreiheit der Fassade im Winter durch Nachbargebäude oder Bäume,
 bei der Sanierung von Altbauten,
 in kalten und sonnigen Regionen.

Die Wahl einer transparenten Wärmedämmung ist von verschiedenen Faktoren abhän-
gig:

 Funktion der TWD-Fassade


 Material und Gewicht der TWD-Elemente
 angestrebter Wirkungsgrad
 Investitionskostenrahmen
142 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.7 Energieeintrag bei opaker (a) und transparenter (b) Wärmedämmung (Prinzipskizze).
(Quelle: ILS Hamburg)

Ein Großteil der Solarstrahlung gelangt durch die transparente Dämmschicht hindurch
und wird durch die meist schwarze Absorber-Schicht in Wärmeenergie umgewandelt.
Durch den im Verhältnis zum Wandbaustoff hohen Transmissions-widerstand des TWD-
Materials wird ein Großteil der Wärme in die speicherfähige Wandkonstruktion geleitet.
Die (massive) Wandkonstruktion wirkt als thermischer Speicher und gibt die Wärme zeit-
verzögert (Phasenverschiebung) an den Innenraum ab. Der gewählte Wandbaustoff und die
Wanddicke bestimmen dabei sowohl die Zeitverzögerung als auch den Temperaturanstieg
im Innenraum. Übersteigt die Temperatur der Wandinnenoberfläche die Raumlufttem-
peratur, so wird die Wärme an den Innenraum abgegeben. Dies hat zur Folge, dass der
durch eine Gebäudeheizung zu erbringende zusätzliche Energiebedarf mitunter erheblich
reduziert werden kann. Zum Schutz aller TWD-Elemente vor mechanischen Beanspru-
chungen, UV-Licht, Regenwasser und sonstigen Verunreinigungen sind sie außen (und
teilweise innen) mit einer Glasschicht (Scheibe oder Putz) versehen.
Zur Vermeidung einer unbehaglich hohen Raumtemperatur werden TWD-Systeme in
aller Regel nur partiell – auf etwa 10 und 30 % der Fassadenfläche – als Fassadensystem
eingesetzt. Die restliche Fassadenfläche wird mit einem anderen Fassadensystem (z. B.
WDVS) versehen. Der Anschluss zwischen den Fassadensystemen ist dabei mit äußerster
Sorgfalt auszuführen. Werden TWD-Systeme großflächig auf Fassadenoberflächen einge-
setzt, so wird gegebenenfalls der Einbau einer zusätzlichen Verschattungsvorrichtung er-
forderlich sein, damit zu hohe Innentemperaturen in den Sommermonaten vermieden wer-
den können. Die bauphysikalischen Kennwerte variieren bei den stark unterschiedlichen
TWD-Systemaufbauten und den verwendeten Grundstoffen deutlich. Daher sind Kenn-
werte der Wärmeleitfähigkeit, des Gesamtenergiedurchlassgrades oder der Baustoffklasse
eines TWD-Systems kaum zu verallgemeinern. Unabhängig vom jeweiligen Systemauf-
bau werden im Folgenden die Grundstoffe der transparenten Wärmedämmschichten mit
ihrem strukturellen Aufbau vorgestellt.
4.2 Dämmsysteme 143

Materialien
TWD müssen gleichzeitig über gute Wärmedämmeigenschaften, also geringe Wärmeleit-
fähigkeit , und eine hohe Durchlässigkeit für Licht bzw. Solarstrahlung (g-Wert > 0,4;)
verfügen. Hier stellen Hohlkammerstrukturen (Kapillaren, Waben) aus Kunststoff oder
Glas die beste Kombination aus Wärmedämmung und Transparenz dar.

TWD aus Kunststoff


Die Kunststoffe Polymethylacrylat (PMMA), auch als Plexiglas bekannt, und Polycar-
bonat (PC, Macrolon) sind bewährte Ausgangsstoffe, wobei die Temperatur- und UV-
Beständigkeit die wichtigsten Kriterien sind. So ist PMMA bis 90 C zu gebrauchen, PC
bis 140 C bei gleichzeitig höherer mechanischer Stabilität.

TWD aus Glaspaneelen


Glas bietet eine sehr hohe Temperatur- und UV-Beständigkeit, hat gegenüber Kunststoff
aber eine höhere Dichte und daher ein viel größeres Gewicht.
Glaspaneele mit TWD-Einlage schützen das TWD-Material beidseitig durch Glas-
scheiben. Diese Bauform ermöglicht den Einsatz konventioneller Fassadenbautechnik
(Abb. 4.8).

TWD als Tageslichtsysteme


TWD Materialien bestehen aus Strukturen, die das Licht streuen oder umlenken. Dieser
Effekt wird genutzt, um eine Verbesserung der Raumausleuchtung mit natürlichem Ta-
geslicht zu erreichen. Die TWD wird hierbei als transluzente Fassadenfläche eingesetzt.
Typische Anwendungsbeispiele sind Bereiche, in denen keine Durchsicht notwendig ist,
z. B. in Treppenhäusern.

schwere
Außenwand
Rohdichte
> 1400kg/m 3 Entwässerung
- 3
Belüftung
geschlossener Luftraum,
nach unten entwässert

TWD-
Glaspaneel

Entwässerung
opake Belüftung
Dämmung

Abb. 4.8 Einbauprinzip eines TWD-Glaspaneels. (Quelle: RWE Energie Essen)


144 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.9 Konstruktions- Solarstrahlung


prinzip der transparenten
Wärmedämmung für die
Raumerwärmung. (Quelle:
RWE Energie Essen)
Wärme-
gewinne

+20°C
Außenluft- Raumluft-
temperatur temperatur
–10°C

TWD als Solarwand


Bei diesem System trifft die einfallende Sonnenstrahlung durch die transparente Wärme-
dämmung (Abb. 4.9) auf eine schwarz gestrichene Absorberwand.

4.3 Rohbau

4.3.1 Konstruktive Vorbetrachtungen

Ökologisches Bauen erfordert gegenüber der herkömmlichen Bauweise ein Vielfaches an


zusätzlichen Überlegungen bei der Planung der Konstruktion (Tab. 4.6). Neue Techniken
werden eingeführt, bereits in Vergessenheit geratene Bauweisen werden wiederentdeckt.
Die Gebäudehülle eines Hauses stellt die Begrenzung des beheizten Volumens dar,
bestehend aus Wänden und Fenstern, Decken bzw. Dach, Kellerdecke bzw. Bodenplat-
te. Auf der Basis des Schichtaufbaus der Bauteile, der wärmetechnischen Eigenschaften
der Baumaterialien (Dicke und Wärmeleitfähigkeit der Materialien) und der Wärmeüber-
gangseigenschaften innen/außen wird der Wärmedurchlasswiderstand R bzw. der Wärme-
durchgangskoeffizient U (früher k) errechnet. Ein guter Wärmeschutz wird durch niedrige
U-Werte erzielt, bzw. die Bauteile weisen einen hohen Widerstand gegen Wärmeleitung
auf.

I Energiesparende Bauweisen bieten ein angenehmeres Raumklima als es in


bisher üblichen Neubauten herrscht.

Positive Erfahrungen der Bewohner belegen:

 Höhere Oberflächentemperaturen
Die Innenseiten von Außenwand, Dach, Bodenplatte und Fenstern sind deutlich wär-
mer.
4.3 Rohbau 145

Tab. 4.6 Ökologische Konstruktionen – geeignete Baustoffe


Rohbau Elemente Baustoff
Untergeschoss
Fundamente Unbewehrter Beton
Entwässerung Steinzeugrohre
Kellerboden Gestampfter Lehmboden Ziegelpflaster in Sand verlegt
UG-Umfassungswände Gewölbe aus Ziegeln
Mauerwerk aus Leichtbetonsteinen, Kalksandsteinen oder Ziegel
Decken über UG Gewölbe aus Ziegeln
Ziegel-Holzbalkendecken
Ziegeldecken
Erdgeschoss bis Dachgeschoss
Tragkonstruktion Holzskelettkonstruktion
Außenwände ausgefacht mit Strohleichtlehm, Blähtonleichtlehm (in
Gleitbauweise hergestellt) oder in Kalkmörtel vermauerte ungebrannte
Ziegel oder Leichtziegel
Mauerwerksbau aus herkömmlichen Steinen mit Kalkmörtel gemauert
Trennwände Mauerwerk aus natürlichen Steinen mit hoher Dichte (Wärmespeiche-
rung)
Mauerwerk aus künstlichen Steinen z. B. Kalksandsteinen und Ziegel
mit hoher Dichte
Brandwände Gemauerte Wände aus künstlichen Mauersteinen, Ausführung entspre-
chend den Bauordnungen der Länder
Geschossdecken Holzbalkendecken mit sichtbarem oder verdecktem Gebälk und
Ziegellagen (ungebrannt oder gebrannt) zur Verbesserung der Luft-
schalldämmung und des Feuerschutzes.
Ziegeldecken
Dachdeckungen Holzkonstruktionen
Dachdeckung bei einer Neigung von
# 20° Dachbegrünung
> 20° Ziegeldeckung

 Weniger Zugluft
Fugen und Bauteilanschlüsse sind gut abgedichtet.
 Mehr Licht und Wärme
Große Fenster nach Süden führen zu Wärmegewinnen und zu einer guten Ausleuchtung
der Wohnräume.
 Bessere Luft
Durch den Einbau von Pollenfiltern in automatische Lüftungsanlagen kann die Luft-
qualität deutlich verbessert werden.
146 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.10 Regelwerke in der Bauwerksabdichtung. (Quelle: Weber, Leipzig)

4.3.2 Regelwerke in der Bauwerksabdichtung

4.3.2.1 Grundsätze
Wie alle Bauwerke unterliegen auch Bauwerksabdichtungen umfassenden Regelwerken.
Abb. 4.10 soll Ihnen einen umfassenden Überblick verschaffen.
Der Planer bzw. die Baufirma schuldet grundsätzlich eine Planung, die zum Zeitpunkt
der Abnahme dem aktuellen Stand der anerkannten Regeln der Technik (adRdT) ent-
spricht. Der Auftraggeber muss über mögliche Normenänderungen informiert werden.
Um einer Mangeldiskussion aus dem Wege zu gehen, sollte der Auftragnehmer sich
durch den Auftraggeber schriftlich bestätigen lassen, dass er informiert ist und er dennoch
nach der alten Norm ausführen lassen will. Anderen falls ist die Planung nach den neuen
Normen durchzuführen und ebenfalls durch den Auftraggeber freizugeben.
Besteht der Auftraggeber aber auf einer verbindlichen Planungsvorgabe, muss der Pla-
ner oder die Baufirma unmissverständlich anzeigen, dass das geplante Bauwerk schon im
Moment seiner Errichtung nicht mehr den anerkannten Regeln der Technik entsprechen
wird.

4.3.2.2 DIN 18533 – Abdichtung von erdberührten Bauteilen


Die DIN 18533 regelt Anforderungen an nicht wasserdichten erdberührten Bauwer-
ken/Bauteilen mit bahnenförmigen und flüssig aufzubringenden Abdichtungsstoffen.
Sie enthält neue und aktualisierte Regelungen für Abdichtungen, die bisher in der DIN
18195 in den Teilen 1–6 und 8–10 geregelt waren. Die neue DIN 18533 (Abb. 4.11) be-
steht aus drei Teilen:
4.3 Rohbau 147

DIN 18531

DIN 18532
DIN 18534

DIN 18535

DIN 18533
Abb. 4.11 Nicht wasserdichte erdberührte Bauteile. (Quelle: Honsinger Aachen)

 dem allgemeinen Teil 1: Anforderungen, Planungs- und Ausführungsgrundsätze


 den stoffspezifischen Teilen; Teil 2: Abdichtungen mit bahnenförmigen Abdichtungs-
stoffen
 und Teil 3: Abdichtung mit flüssig zu verarbeitenden Abdichtungsstoffen.

Teil 1 ist zusammen mit den stoffspezifischen Regeln der Teile 2 und 3 anzuwenden.
Diese Norm gilt für:

 Planung,
 Auswahl,
 Ausführung

der Abdichtung mit

 bahnenförmigen Abdichtungsstoffen,
 flüssig zu verarbeitenden Abdichtungsstoffen

gegen

 Bodenfeuchte,
 nichtdrückendes Wasser,
 von außen drückendes Wasser,
 nichtdrückendes Wasser auf erdüberschütteten Decken,
 Spritzwasser an Wandsockeln,
 Kapillarwasser in und unter erdberührten Wänden.
148 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.12 Bodenfeuchte


und nichtdrückendes Wasser
(W1E). (Quelle: Honsinger
Aachen)

stark durchlässiger Boden


Abdichtungsebene ≥ 50 cm
über HGW
– Bodenfeuchte u. nicht-
drückendes Wasser –

Weiterhin gilt sie für Abdichtungen über Bewegungsfugen, Durchdringungen, Über-


gänge und Abschlüsse.
Sie kann weiterhin für erdüberschüttete unterirdische Bauwerke in offener Bauweise,
z. B. Verbindungsgänge, auch angrenzend zu Hochbauwerken und Tunnel, angewendet
werden.
Die Norm gilt nicht für Abdichtungen:

 von Deponien, Erdbauwerken und bergmännisch erstellten Tunneln,


 von Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen (WHG – Wasserhaushalts-
gesetz),
 (nachträglich) in der Bauwerkserhaltung und Baudenkmalspflege, es sei denn, es kön-
nen hierfür Verfahren angewendet werden, die in dieser Norm geregelt sind.

Diese Norm gilt weiterhin nicht für wasserundurchlässige Bauteile, z. B. Konstruktio-


nen nach DAfStb – Richtlinien für Beton.
Die Dimensionierung der Abdichtungsbauart basiert auf standardisierten Kriterien, die
in Klassen systematisch angeordnet sind.
Dabei werden die Einwirkungen auf die Abdichtung nach einem tabellarischen Verfah-
ren mit den speziellen Leistungsmerkmalen der genormten Abdichtungsart korreliert:

 Ehemalige Wasserbeanspruchungen werden als Wassereinwirkungsklasse (Wx-E)


neu definiert (Abb. 4.12–4.15).
Grundwasser, Schichtenwasser und (nicht gedrängtes Stauwasser) werden gleich be-
handelt. Es wird nicht mehr nach der Einwirkzeit (z. B. zeitweise einwirkendes Stau-
wasser) unterschieden.
 Auf Abdichtungen einwirkende Risse werden nach der DIN dahingehend neu formu-
liert, dass bewährten Abdichtungsuntergründen Rissüberbrückungsklassen (RÜx-E)
zugeordnet werden (Tab. 4.7).
4.3 Rohbau 149

a b c

wenig durchlässiger Boden Einbindetiefe beliebig oberirdisches Gewässer


– ohne Dränung –
Abdichtung ≤ 3 m unter Abdichtung ≤ 3 m im GW Abdichtung ≤ 3 m im HW
GOK
– Stauwasser – – Grundwasser – – Hochwasser –

Abb. 4.13 Von außen drückendes Wasser (W2E); a Stauwasser, wenig durchlässiger Boden ohne
Dränung; Abdichtungsebene  3m unter GOK, b Grundwasser, Einbindetiefe beliebig; Abdich-
tungsebene  3m im GW, c Hochwasser, oberirdisches Gewässer; Abdichtungsebene  3m im HW.
(Quelle: Honsinger Aachen)

Abb. 4.14 Nichtdrückendes


Wasser auf erdüberschüt-
teten Decken (W3E);
Oberflächen-/Sickerwasser;
Anstaubewässerung  10 cm
WS. (Quelle: Honsinger
Aachen) Erdüberschüttete Decken
Anstaubewässerung
≤ 10 cm WS
– Oberflächen-/
Sickerwasser –

– Gebäude mit Keller – – Nicht unterkellert –


Fassadensockel In und unter Wänden

– Spritz- und Ober-


flächenwasser – – Kapillarwasser –

Abb. 4.15 Spritzwasser an Wandsockeln sowie Kapillarwasser in und unter erdberührten Wänden
(W4E). (Quelle: Honsinger Aachen)
150 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Tab. 4.7 Rissüberbrückungsklassen RÜx-E (6)

Maß für Riss- Abdichtungsstoff


RÜx-E
überbrückung - stoffspezifische Rissüberbrückung -

RÜ1-E z. B. rissüberbrückende MDS mit der Mindest-


Ü ≤ 0,2 mm
gering trockenschichtdicke d ≥ 2 mm; vollflächig haftend
z. B. einlagige Bitumen- und Polymerbitumenbahnen
RÜ3-E Ü ≤ 1,0 mm z. B. FLK mit Vlieseinlage, d min ≥ 2 mm; vollflächig
hoch RV ≤ 0,5 mm haftend
z. B. PMBC, d min ≥ 3 mm; vollflächig haftend
RÜ4-E Ü ≤ 5,0 mm z. B. mehrlagige Abdichtung mit Bitumen- und Poly-
sehr hoch RV ≤ 0,5 mm merbitumen- oder Kunststoffbahnen

 Anforderungen an die Nutzung erdseitig abgesicherter Räume werden durch die Ein-
führung von Raumnutzungsklassen (RNx-E) berücksichtigt. Sie unterscheiden RN 1-
3 E in geringe Anforderungen (z. B. in Werkhallen), übliche Anforderungen (z. B. in
Aufenthaltsräumen) und hohe Anforderungen (z. B. in zentralen Rechnern).
W = Wassereinwirkungsklasse
RÜ = Rissüberbrückungsklasse
RN = Raumnutzungsklasse
x = Anforderungszahl
E = Erdreich

4.3.3 Fundamente – Bodenplatten – Keller

4.3.3.1 Fundamente
Fundamente (Abb. 4.16) haben im Allgemeinen keine direkte gesundheitsrelevante Wir-
kung auf die Nutzer eines Gebäudes. Dennoch sollten bei Materialauswahl und -verbrauch
folgende Punkte beachtet werden:

 Minimierung des Materialverbrauchs (Abb. 4.17),


 Bodenplatten mit Streifenfundamenten führen oft zu günstigeren Werten hinsichtlich
des Beton- und Stahlverbrauchs,
 Bevorzugung von unbewehrten Bodenplatten zur Minimierung des Stahlverbrauchs,
 tragende Bodenplatten erfordern meist höheren Betoneinsatz und fast immer höheren
Stahleinsatz.

Die Sperrung von Bauteilen gegen Feuchtigkeit und Wasser ist grundlegend nur mit
Materialien möglich, die umweltbelastend wirken können. Insofern sollte bereits bei der
4.3 Rohbau 151

Abb. 4.16 Gründungsarten.


(Quelle: HuT Hamburg)

Planung überlegt werden, inwieweit Gebäudeteile im erdberührten bzw. gar im druck-


wassergefährdeten Bereich erstellt werden müssen. Dies gilt im besonderen Maße für
Aufenthaltsräume. Grundsätzlich gilt:

 Abdichtungsmaterialien mit hohem mineralischen Anteil sind Bitumen- oder Kunst-


harzprodukten vorzuziehen und
152 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.17 Statische Stabilisierung durch Materialwechsel. (Quelle: ILS Hamburg)

 vor allem im Folgeaufbau außerhalb der Sperrung werden großvolumige Kunststoff-


produkte verwandt, die konstruktionsbedingt ersetzt oder durch mineralische Bauteile
substituiert werden können, z. B. Pordränschicht durch zementgebundene Drainsteine,
XPS- oder PUR-Schaumdämmstoffe durch porosierte Wandbausteine.
 Diese Einschätzungen treffen im Allgemeinen auf die Vielzahl möglicher Fundament-
formen zu.

Als Materialien für zu sanierende Fundamente wurden mitunter Holz, aber häufiger
Bruchstein- oder Mauerziegel, häufig in Kombination beider, vorgefunden.
Ab dem 20. Jahrhundert kam immer mehr Beton und Stahlbeton zum Einsatz. So kann
beispielsweise bei einem Bruchsteinfundament durch Unterfangung mit Beton die stati-
sche Stabilität und damit die Standsicherheit der Außenwände dauerhaft gesichert werden.

4.3.3.2 Bodenplatten
In einem Gebäude sind erdberührende Fußbodenkonstruktionen die bauphysikalisch mit
am Meisten beanspruchten Bauteile (Abb. 4.18).
Außerdem werden sie durch vorhandene oder geplante Nutzung konstruktiv erheblich
beeinflusst.
Bei der Nutzung ist grob zu unterscheiden in:

 Räume zum ständigen Aufenthalt von Menschen,


 Räume zur Lagerung temperatur- und/oder feuchteempfindlicher Materialien und
 Räume zur Lagerung geringwertiger Materialien wie Gemüse und Obst.

Bei der Planung ist wichtig, ob sich die Bodenplatte innerhalb oder außerhalb der ther-
mischen Hülle des Bauwerks befindet oder sogar ein Teil der Hülle selbst ist.
Nur in Sonderfällen sollte die Fußbodenplatte ein Teil der thermischen Hülle sein.
Wirtschaftlich und ökologischer ist es, wenn die thermische Hülle in/über oder unter der
Kellerdecke verläuft.
4.3 Rohbau 153

Abb. 4.18 Übersicht Bodenplatte. (Quelle: ILS Hamburg)

Ausgehend von der durchschnittlichen Jahrestemperatur von 5–8 °C unter der Bau-
werksgrundfläche sind folgende Randbedingungen noch zu berücksichtigen:

 Einbautiefe des Bauwerks


 Nutzung des Kellergeschosses
 Größe der Grundfläche
 Wasserverhältnisse im Boden

Erdberührende Bodenplatten sich ständig einer Feuchtebelastung aus dem Erdreich


ausgesetzt (Abb. 4.19). Die DIN 18533 (07/2017) „Abdichtung von erdberührten Bau-
teilen“ definiert für die Abdichtungen:

 gegen Bodenfeuchte und nicht drückendes Wasser,


 gegen von außen drückendes Wasser,
 gegen nichtdrückendes Wasser auf erdüberschütteten Decken,
 gegen Spritzwasser am Wandsockel,
 gegen Kapillarwasser in oder unter erdberührten Wänden.

Die Wahl der Abdichtungsbauart ist außerdem noch von folgenden Kriterien abhängig:

1. Wassereinwirkungsklasse (Wx-E)
2. Rissklasse (Rx-E)
3. Raumnutzungsklasse (RNx-E)

Bei Dämmung der Bodenplatte wird auf das planierte Erdreich erst eine Sauberkeits-
schicht aufgebracht, darauf z. B. Schaumglas oder XPS-Platten mit Stufenfalz (Abb. 4.20).
Darauf kommt dann die Bodenplatte aus Beton, Ziegeln, Holz oder anderen ökologischen
Materialien.
154 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.19 Wasser am Wandsockel, sowie in und unter erdberührten Wänden. (Quelle: Weber Leip-
zig)

Abb. 4.20 Dämmung der Bo-


denplatte. (Quelle: Königstein
Stuttgart)

In Abb. 4.21 sind einige Beispiele für die ökologische Lösung einer Bodenplattenbe-
schichtung dargestellt.
Eine besonders hochwertige Abdichtung kann mit dem kunststoffmodifizierten Bitu-
men KMB (Remmers) erzielt werden. Gegenüber einem mineralischen Schlämmsystem
bieten sie den Vorteil größerer Rissüberbrückung und Dampfdurchlässigkeit.
Diese Ausführung ist besonders empfehlenswert für beheizte Räume, für die die EnEV
2016 dampfdichte Abdichtung und Wärmedämmung vorschreibt.
Nach vollständigem Durchtrocknen der Abdichtung kann eine zweilagige PE-Folie und
darauf Dämmung und Estrich aufgebracht werden.

Dämmung oberhalb der Bodenplatte


Vor allem im Wohnungsbau wird die Dämmung von Bodenplatten (Abb. 4.22) vorzugs-
weise oberhalb der Platte und der nachträglich aufgebrachten Abdichtung eingebaut. Der
Vorteil liegt vor allem darin, dass die Dämmung im trockenen Bereich liegt und damit
kostengünstigere und umweltverträglichere Produkte zur Auswahl stehen. Aufgrund der
Forderung nach kostensparendem Bauen wird im Eigenheimbau der Zukunft zunehmend
ohne Unterkellerung gebaut werden.
4.3 Rohbau 155

Abb. 4.21 Beschichtungsablauf einer Bodenplatte. (Quelle: REMMERS, Löningen)

Abb. 4.22 Arbeitsschritte. 1. Grundierung mit KMB 1:1 mit Wasser; 2. Haftbrücke mit Sulfatex-
schlämme; 3. zweilagiger Auftrag einer Bitumenabdichtung. (Quelle: REMMERS, Löningen)

Dämmung unterhalb der Bodenplatte


Liegt die Dämmung unterhalb der Bodenplatte oder unter- und oberhalb verteilt, ist den
Wärmebrücken im Bereich der Außen- und Innenwände besondere Beachtung zu schen-
ken, soweit die Fundamente nicht gedämmt sind. Als Dämmmaterialien unterhalb der
Bodenplatte kommen nur geschlossenzellige, feuchtigkeitsunempfindliche Materialien in-
frage (Abb. 4.22).
Empfehlenswert ist Schaumglas, welches allerdings mit dem Nachteil hoher Kosten
behaftet ist, oder XPS-Platten.

Aufgeständerte Holzkonstruktion
Vor allem im Holzbau kann eine aufgeständerte Holzkonstruktion, die unterhalb hinter-
lüftet ist, eine Alternative zu den o. g. Konstruktionen darstellen. Die Primärenergiebilanz
dieser Konstruktion ist günstiger als die von Bodenplatten. Hohe Dämmstärken lassen sich
konstruktiv gut unterbringen, und es können Schütt- oder Einblasdämmstoffe verwendet
werden.
156 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.23a–c Bodenplatten. 1 Schotter; 2 Sauberkeitsschicht; 3 Dämmung unterhalb; 4 Stahlbeton;


5 Holzwerkstoff; 6 Dämmung/Holzbalken; 7 Dämmung oberhalb; 8 Schalung; 9 Dämmstoff unter
Estrich; 10 Anhydritestrich; 11 Oberbodenbelag Holz. (Quelle: ILS Hamburg)

4.3.3.3 Kellerdämmung
Wo könnte eine durchdachte Sanierung besser anfangen als in einem feuchten Keller?
Denn alle Wärmeschutzmaßnahmen sind vergebens, wenn nicht zuvor ein dauerhafter
Schutz vor Feuchte gewährleistet wird.
Die heute weit verbreitete hochwertige Nutzung von Kellergeschossen oder Kellerräu-
men verlangt ebenso wie der normale Wohnraum nach Maßnahmen zur Reduzierung der
zum Heizen benötigten Energie.

Außenabdichtung
Ziel ist auch hier die Reduktion der der Feuchtigkeit im Kellermauerwerk mittels Au-
ßenabdichtung, die zum Erreichen hoher Dämmwerte mit einer zusätzlichen Perimeter-
dämmung versehen werden sollte.
In Fällen, in denen das Kellermauerwerk von außen nicht oder nur schwer zugänglich
oder wirtschaftlich nicht realisierbar ist, werden Innenabdichtungen angewandt.
Bauphysikalische Untersuchungen haben ergeben, dass Wärmeverluste im Kellerbe-
reich bis zu 20 % des Gesamtwärmeverlustes des Gebäudes ausmachen können.
Daraus leiten sich folgende Grundregeln ab:

1. Bei einem unbeheizten Keller ist es sinnvoll, die Kellerdecke zu dämmen, um den
Wärmeabfluss aus dem beheizten Wohnraum zu verhindern.
2. Bei einem beheizten Keller oder bei nicht unterkellerten beheizten Gebäuden ist es
notwendig, gegen unzulässige Wärmeverluste und unzumutbare Fußkälte den Boden
gegen das Erdreich zu dämmen.
3. Bei einem beheizten Keller sind außerdem die Kellerwände gegen Erdreich und even-
tuell die Innenmauer gegen unbeheizte Kellerräume zu dämmen.
4. Die Dämmschicht kann bei der Kellerdecke ober- oder unterseitig angeordnet werden.
Dabei kann die Dämmung an der Unterseite leicht angebracht werden; der Einbau von
oben bedeutet hingegen Veränderungen des Fußbodenaufbaus.
4.3 Rohbau 157

5. Beim Einbau der Dämmung von oben kann gleichzeitig die Wärmeableitung verringert
werden, d. h. die Fußwärme wird verbessert.
6. Wird durch die Dämmung der Fußbodenaufbau höher als bisher, müssen die Auswir-
kungen, z. B. das Absägen von Türblättern, berücksichtig werden.

In der Praxis hat es sich bewährt, dass ähnlich wie bei der Außenwand die Dämmung
immer außen (also auf der kälteren Seite) angebracht wird.

Dadurch werden Wärmebrücken vermieden, die tragende Konstruktion Mauer oder


Decke bleibt im „warmen“ Bereich und sie wirkt auch noch wärmespeichernd. Die wich-
tigsten Argumente für diese Art der „Außendämmung“ sind allerdings:

 die Einfachheit der Anbringung und


 die relativ hohen möglichen Stärken der Dämmung (mindestens 10 cm).

Wegen des Wassers, aber auch aufgrund der ihm transportierten Schadstoffe, ist ei-
ne Außenabdichtung, die das Mauerwerk vor dem erneuten Eindringen der Feuchtigkeit
schützt, immer noch die bestmögliche Lösung.
Praxisbewährt sind dabei kunststoffmodifizierte Bitumendickbeschichtungen mit
Gummigranulatfüllstoffen. Als Wärmedämmschutz kommen sowohl mineralische na-
türliche Dämmstoffe als auch ein künstlich entwickelter Kalziumsilikatwerkstoff (iQ-
Therm) zur Anwendung. Die Platten werden mit einem mineralischen Klebemörtel auf
die Innenwandoberfläche angekoppelt und anschließend mit einem porosierten minerali-
schen Leichtmörtel überputzt. Mit einer Stärke von 10–15 mm bildet die Sorptions- und
Installationsschicht eine zusätzliche Wärmedämmung. Bei der Dämmung der Kellerwand
gegen das Erdreich wird die Dämmung einfach nach der Errichtung davorgestellt, leicht
fixiert und mit Erde gefüllt. Geeignet ist gegen Feuchte resistentes Material, wie z. B.
Schaumglas. Im Zuge einer nachträglichen Abdichtungsmaßnahme kann auf der erdbe-
rührten Seite eine Perimeterdämmung nach DIN 4102 T. 2 und 10 eingesetzt werden. Sie
besteht aus außenseitig angebrachten extrudierten Polystyrol-Hartschaumdämmplatten.
Die Dämmplatten müssen zur Lagesicherung fest mit der Abdichtung (z. B. Bitumen-
anstrich) verklebt werden. Als kombinierte Dränschutzdämmplatten werden solche mit
vertikalen Dränkanälen mit Vliesabdeckung hergestellt.
Sie besitzen:

 hohe Druckfestigkeit,
 gute Wärmedämmeigenschaften,
 durch ihre geschlossenzellige Struktur eine geringe Wasseraufnahmefähigkeit,
 geringes Eigengewicht,
 Schutzmöglichkeit vor Schimmel und Tauwasser.
158 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.24 Innenabdichtung von Kellerräumen. (Quelle: REMMERS, Löningen)

Innenabdichtung
Das Mauerwerk wird im feuchten Bereich belassen und gegenüber den höher gelegenen
Bereichen durch eine Horizontalsperre abgedichtet. Die Innenwandoberflächen werden
mit Dichtungsschlämmen gegenüber einem Feuchteeintritt geschützt (Abb. 4.24).
Da das Mauerwerk im feuchten Zustand verbleibt, kann es zur Wärmedämmung nur
wenig beitragen. Für die wohnliche Nutzung wird nun eine Innendämmung, möglichst aus
Naturdämmstoffen eingebracht.
Möglich ist aber auch die kunststoffmodifizierte iQ-Therm-Dämmung (Abb. 4.26). Bei
nur 5 cm Dicke wird ein hoher Wärmedämmwert erreicht (Wandoberflächentemperatur
durchschnittlich 19,6 °C). Anfallendes Kondensat wird gepuffert und wieder abgegeben
und verhindert damit eine Schimmelbildung. Der U-Wert beträgt 0,28 W/m2 .

Abb. 4.25 Anschluss einer Perimeterdämmung an eine Kelleraußenwand. (Quelle: RWE Essen)
4.3 Rohbau 159

Abb. 4.26 Außendämm-


systemaufbau mit iQ-Therm.
(Quelle: REMMERS Lönin-
gen)

Die Dämmschicht kann nach ausreichender Austrocknungszeit (je nach Art des Dämm-
stoffs) tapeziert oder auch mit Naturfarben beschichtet werden.

4.3.4 Fassaden – Außenwände – Innenwände

4.3.4.1 Fassaden
Fassaden sind gestaltete Außenwandkonstruktionen (Abb. 4.27). Hinsichtlich der ökologi-
schen Bewertung und der energiesparenden Bauweise sind Fassaden die meistdiskutierten
Bauteile. Dies liegt zunächst daran, dass sie vom Volumen und der Fläche her den größten
Anteil der meisten Gebäude ausmachen (Tab. 4.8).
Daran gekoppelt ist oft die irrige Vorstellung, dass die Hülle eines Gebäudes zu 70 bis
80 % aus Außenwänden besteht. Richtig ist jedoch, dass der Anteil der Außenwände an
der Gesamthüllfläche eines Gebäudes je nach Bauweise nur 35 bis 45 % ausmacht und
insofern die Außenwanddämmung nur eine Komponente unter vielen darstellt.
Der größte Wärmeverlust von Gebäuden erfolgt über das Dach und die Fassade. Al-
lein durch ungedämmte Außenwände können bis zu 25 % der aufgewendeten Heizenergie
entweichen. Das bedeutet, dass ein Viertel der aufgewendeten Energie zur Beheizung der
Räume verlorengeht- also ein Viertel der Heizkostenrechnung wurde umsonst bezahlt.
Nur eine professionell ausgeführte Fassadendämmung mit moderner Konstruktions-
technik und ökologischen Baustoffen senkt deutlich den Energieverbrauch (Abb. 4.28).
160 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.27 Fassadenstruktur. (Quelle: Stadtsanierung, Leipzig)

Für die Fassade ist gemäß der EnEV 2016 ein U-Wert von 0,20 W(m2 K) als Referenz-
wert bei Wohngebäuden vorgegeben.
Besondere Anforderungen wurden an die Sanierung von Plattenbauten in den östlichen
Bundesländern gestellt. Neben der Modernisierung von Heizungs- und Sanitäranlagen war
bei der Fassadensanierung eine deutliche Erhöhung des Wärmeschutzes erforderlich. Wie
die nachfolgende Abbildung (Abb. 4.29) zeigt, wurden Wärmedämmmaßnahmen gleich-
zeitig zur Verschönerung des Erscheinungsbildes der Fassade genutzt.
4.3 Rohbau 161

Tab. 4.8 Anteilflächen der


Bauteile an der Gesamtfläche
(12/35). (Quelle: Königstein,
Stuttgart)

Abb. 4.28 Wärmedämmung


an einer Plattenbaufassade
in Eisenach/Thür. (Quelle:
Multipor, Duisburg)

An Fassaden werden folgende Anforderungen gestellt:

 national und europäisch bauaufsichtlich zugelassen,


 Wärmedämmvermögen nach EnEV 2016,
 hoher Schlagregen- und Feuchteeintrittsschutz,
 hohe Temperaturen (umgekehrt proportional zum U-Wert) an der Oberfläche der
Wandinnenseiten,
 Feuchteausgleichs- und Sorbtionsvermögen, vor allem auf den ersten 2– 5 cm der raum-
zugewandten Seite der Konstruktion,
 bedingt erforderlich: gutes Wärmespeichervermögen, dies kann jedoch auch durch
Innenwände, Decken oder Fußböden bei gleichzeitiger Leichtbaukonstruktion der Au-
ßenwände erreicht werden,
162 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.29 Speicherarten.


(Quelle: ILS Hamburg)

 unbehindertes Diffusionsvermögen nach außen hin zur Vermeidung von Feuchtestaus;


oftmals mit dem Begriff „Atmung“ bezeichnet, der jedoch irreführend ist, weil keine
Luftströme und nur sehr geringe Feuchteströme in Höhe von 1 –3 % der jährlich anfal-
lenden Gesamtfeuchte durch Wandkonstruktionen ausdiffundieren,
 Winddichtheit, besonders relevant bei Leichtbau- und Holzkonstruktionen; fehlende
Winddichtheit führt zu Luftströmen, die vor allem auf dem Weg von innen nach au-
ßen Schäden verursachen, weil feuchtebeladende Luft abkühlt und Kondensfeuchte in
großem Umfang freisetzen kann; oftmals werden Schäden, die auf Windundichtigkeit
zurückzuführen sind, dem angeblich fehlenden Diffusionsvermögen eines Bauteils an-
gelastet

Wasser zeigt eine deutlich höhere Wärmeleitfähigkeit als Luft. Daher steigt die Wär-
meleitfähigkeit eines Baustoffs mit zunehmendem Feuchtegehalt stark an. Die Ursache für
die Verschlechterung des Wärmedämmvermögens ist darin zu sehen, dass durch das Was-
ser in den feuchten Poren erheblich höhere Wärmemengen übertragen werden können, als
es über eine Luftfüllung der Poren möglich wäre. Für einen effektiven Schlagregenschutz
von steinsichtigen Fassaden kommt meist nur eine „unsichtbare“ hydrophobierende Im-
prägnierung in Frage. Langfristige Untersuchungen haben gezeigt, dass eine stark feuchte-
belastete Ziegelwand nach einer Hydrophobierungsmaßnahme über Jahre hinweg langsam
austrocknet (Untersuchung: Fraunhofer Institut für Bauphysik) (Abb. 4.30 und 4.31). Auf-
grund der Kapillarwirkung nimmt die Ziegelwand Feuchtigkeit auf (hydrophil).
4.3 Rohbau 163

Abb. 4.30 Hydrophiles (was-


serliebendes) und hydrophobes
(wasserabweisendes) Material.
(Quelle: REMMERS, Lönin-
gen)

Eine dünne Glasröhre wird in ein Wasserbad getaucht. Auf Grund der wirkenden Kapil-
larkräfte wird das Wasser im Glasröhrchen nach oben steigen. Wird das Röhrchen nun mit
einer hydrophoben Beschichtung (z. B. einmolekulare nanoskalige Imprägnierung) verse-
hen, so kehrt sich der Effekt um – das Wasser wird nicht mehr länger eingesogen sondern
vielmehr hinausgedrückt.
Wird das Material mit einer einmolekularen nanaoskaligen Imprägnierung beschich-
tet, bildet sich eine wasserabweisende (hydrophobe) Schicht, die dampfdurchlässig und
diffusionsfähig ist.
Bei einer wasserabweisenden Imprägnierung findet auf der Schicht eine Porenwande-
rung statt (Perleffekt) (Abb. 4.32). Dabei wird der Dampftransport praktisch nicht einge-
schränkt und die Diffusionsfähigkeit voll gewährleistet.

Abb. 4.31 Hydrophobes (wasserabweisendes) Material. (Quelle: REMMERS, Löningen)


164 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.32 Wasserabperlef-


fekt im hydrophobierenden
Bereich. (Quelle: REMMERS,
Löningen)

Hydrophobierte Fassaden haben:

Eigenschaftsprofil

 Reduzierung der Wasseraufnahme  90 %,


 keine wesentlichen Veränderungen der Wasserdampfdurchlässigkeit,
 Langzeitwirkung ( 10 Jahre) durch Eindringtiefe,
 UV-Beständigkeit,
 Alkalibeständigkeit,
 klebfreies Auftrocknen.

Nutzungsprofil
Wesentliche Herabsetzung der

 Schadstoffaufnahme,
 Verschmutzung,
 Vergrünung.

Reduzierung der Wärmeleitfähigkeit der Baustoffe

 Optimierung der Wärmedämmfähigkeit,


 Energieeinsparung,
 Verbesserung der Frost-/Tausalzbeständigkeit,
 Verringerung der Verwitterung von Baustoffen durch wasserbedingte Quell- und
Schwindvorgänge,
 Verwendung von Materialien, die keine Schadstoffe an die Raumluft abgeben und eine
möglichst unbelastete Produktlinie aufweisen.

4.3.4.2 Außenwände
Bei Außenwänden kann die Wärmedämmung durch Baustoffe entsprechender Dicke oder
durch das Anbringen von Wärmedämmschichten erreicht werden (Abb. 4.33). Diese kön-
nen auf der
4.3 Rohbau 165

Abb. 4.33 Wärmedämm-


schicht bei Wänden. (Quelle:
Lillich, Schwäbisch-Gmünd)

 Außenseite (Außendämmung),
 auf der Innenseite (Innendämmung) oder
 zwischen den Schalen (Kerndämmung)
aufgebracht werden.

Die Anbringungsmöglichkeit hängt von der Art des Gebäudes und seiner Nutzung ab.
Alle drei Möglichkeiten bringen bauphysikalische und wirtschaftliche Vor- und Nachteile
mit sich, die bei der Planung zu berücksichtigen sind.
Im Außenwandbereich haben sich vielfältige Bauarten bewährt. Sowohl die monolithi-
schen Außenwände ohne jegliche Zusatzdämmung als auch die mehrschichtigen Bauteile
166 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

können ohne Einschränkungen zum Einsatz gelangen. Für die monolithischen Konstruk-
tionen ergeben sich die Grenzen des Wärmeschutzes häufig bei einer Dicke der Wand
von max. 50 cm und einer Wärmeleitfähigkeit von ca. 0,1 W/(m2 K) verbunden mit einem
U-Wert von 0,2 W/(m2 K). Hochwärmedämmende Mauerziegel mit Spitzenwerten der
Wärmeleitfähigkeit werden mit bauaufsichtlichen Zulassungen angeboten. Deren Bemes-
sungswerte der Wärmeleitfähigkeit können die Normwerte um bis zu 90 % unterschreiten.

Vorteile der Außendämmung


Aus bauphysikalischer Sicht ist die Außendämmung immer die günstigere Lösung und
bringt folgende Vorteile mit sich:

 Sie schließt weitgehend Wärmebrücken aus und erhält die Speicherfähigkeit der Au-
ßenwand, was sich positiv auf das Raumklima auswirkt.
 Im Zusammenhang mit der Außendämmung erhält das Gebäude einen neuen Wetter-
schutz.
 Besteht an der Fassade Instandsetzungsbedarf, lassen sich die Maßnahmen der Außen-
dämmung mit der Instandsetzung koppeln. Das ist eine wirtschaftlich günstige Lösung,
da sich bestimmte Leistungen decken (Gerüst, Neuputz, u. ä.).
 Bei Anwendung der Außendämmung tritt kein Verlust an Wohnfläche auf.

Dämmplatten werden an der Außenwand außen angeklebt und/oder verdübelt. Dann


kann die Dämmschicht mit einem Armierungsgewebe versehen und verputzt werden
(Wärmedämmverbundsystem) oder mit einer weiteren Bauteilschicht außen geschützt
werden (hinterlüftete Vorhangfassade).
Für die Errichtung einer gut wärmegedämmten Außenwand sind viele Konstruktionen
möglich, z. B.:

 einschalige Wand mit Außendämmung (Abb. 4.34);


 zweischalige Wand mit Kerndämmung (Abb. 4.35);
 zweischalige Wand mit Wärmedämmschicht, Hinterlüftung und schwerer Außenschale
(Abb. 4.36);
 einschalige Leichtbauwand (Holzrahmenkonstruktion; Abb. 4.37);
 an Erdreich grenzende Wand mit Außendämmung (Abb. 4.38).

Weitere Konstruktionen sind:

 Wand mit Außendämmung (Wärmedämmverbundsystem/Thermohaut);


 Wand mit Innendämmung;
 Wand mit transparenter Wärmedämmung.

Thermografien (Infrarotbilder) (Abb. 4.39) sind eine gute Möglichkeit, die Wärmever-
luste in ungedämmten Außenwänden sichtbar zu machen.
4.3 Rohbau 167

Abb. 4.34 Einschalige Wand


mit Außendämmung; 1 Innen-
putz; 2 leichtes bis schweres
Mauerwerk, 3 Ansetzkleber,
4 Wärmedämmung  10 cm;
5 armierte Beschichtung.
(Quelle: RWE Energie Essen)

Abb. 4.35 Zweischalige Wand


mit Kerndämmung; 1 Innen-
putz; 2 leichtes bis schweres
Mauerwerk; 3 Wärmedäm-
mung  10 cm; 4 Außenschale.
(Quelle: RWE Energie Essen)

Ungedämmte Wände sind meist die Ursache für ein unbehagliches Raumklima bei
tiefen Außentemperaturen sowie für Zugerscheinungen und zusammen mit anderen Fak-
toren, für Feuchte- und Schimmelbildung in den Raumecken oder Laibungen. Durch sorg-
fältige nachträgliche Außenwanddämmung im Gebäudestand können die Energieverluste
durch die Wände um mindestens 75 % reduziert, durch einen guten Dämmstandard bei
jedem Neubau halbiert werden.
Nachträglich lässt sich die Stärke einer aufgebrachten Dämmung nicht mehr (oder nur
mit kaum vertretbarem Aufwand) verändern. Deshalb spricht alles für die Wahl einer op-
timalen Dämmstoffstärke von Anfang an.
168 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.36 Zweischalige


Wand mit Wärmedämm-
schicht, Hinterlüftung und
schwerer Außenschale;
1 Innenputz; 2 leichtes bis
schweres Mauerwerk; 3 Wär-
medämmung  11 cm;
4 Luftschicht  4 cm; 5 Au-
ßenschale (z. B. Beton, Holz
oder Naturstein). Bei leichterer
Außenschale kann eine dickere
Wärmedämmung vorgesehen
werden. (Quelle: RWE Energie
Essen)

Abb. 4.37 Einschalige


Leichtbauwand; 1 Gipsplatte,
2 Dampfsperre, 3 gedämm-
te Holzrahmenkonstruktion,
4 Wärmedämmung  10 cm,
5 armierte Beschichtung.
(Quelle: RWE Energie Essen)

Altbausanierung: 12 cm Dämmstärke –
hier können durch die Dämmung nicht alle vorhandenen Wärmebrücken beseitigt werden,
daher wird der Effekt von Stärken über 12 cm immer geringer.

Neubau: mindestens 15 cm Dämmstärke –


hier können die den Heizenergieverbrauch beeinflussenden Faktoren optimal geplant wer-
den.
4.3 Rohbau 169

Abb. 4.38 An Erdreich


grenzende Wand mit Au-
ßendämmung; 1 Innenputz;
2 Stahlbeton; 3 Außenwandab-
dichtung; 4 Wärmedämmung
 8 cm; 5 Drainschicht; 6 Fil-
terschicht; 7 Erdreich (Quelle:
RWE Energie Essen)

Empfohlen werden Dämmsysteme für die Außenwand in dieser Reihenfolge:

1. Wärmedämmverbundsystem
2. Hinterlüftete Vorhangfassade
3. Wärmedämmputz
4. Kerndämmung
5. Innendämmung

Abb. 4.39 Thermobild. (Quel-


le: RWE Energie Essen)
170 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Dachfirst

Traufanschluß
Fenstersturz
Geschossdecke
zugemauertes
Fenster
Heizkörpernische
Kellerdecke

Abb. 4.40 Hybridfassade an einem Bürogebäude. (FOAM)

Hybride Fassadensysteme
Eine neue moderne Kombination aus Energieeffizienz, Wirtschaftlichkeit und architekto-
nischer Ästhetik ist eine Hybridfassade (Abb. 4.40).
Die bauaufsichtlich zugelassene Fassade besteht aus einer zweischaligen Wandbeklei-
dung. Das Sandwichelement aus Stahl wird dabei mit der vorgehängten hinterlüfteten
Aluminiumfassade verkleidet.

4.3.4.3 Innenwände
An Innenwände bestehen im Allgemeinen deutlich weniger Anforderungen als an Au-
ßenwandkonstruktionen, weil die Aspekte des Wärme- und Feuchteschutzes weit weniger
gravierend sind.
Grundsätzlich ist die Dämmung der Außenwände einer Innendämmung vorzuziehen.
Kann aber aus architektonischen, statischen oder denkmalspflegerischen Gründen die
Fassade nicht verändert werden, muss eine Innendämmung als energetische Fassadensa-
nierung in Betracht gezogen werden (Abb. 4.41).

Abb. 4.41 Wandaufbau von innen nach außen. (Quelle: FNR Münster)
4.3 Rohbau 171

Forderungen

 Zonierung der Räumlichkeiten,


 Sicherung von Schall- und Brandschutz,
 Gewährleistung eines verträglichen Raumklimas, durch Feuchtigkeitsaufnahme und
-abgabe,
 Wärmespeicherung,
 Diffusionsoffenheit über den gesamten Schichtenaufbau,
 hohlraumfreie Verbindung der Dämmung zur bestehenden Wand und zur neuen Be-
kleidung,
 Einsatz kapillar leitfähiger Dämmstoffe,
 teilweise Abtragung von Lasten.

Als Material für die Wärmedämmung kommen Holzweichfaserplatten, Schilfrohrplat-


ten, Lehmmischungen mit Holzhäckseln oder Stroh und Kork sowie Einblaszellulose zur
Anwendung.

Vorteile

 vergleichsweise einfaches Anbringen der Dämmungen,


 kombinierte Wärmedämmung und -speicherung,
 schnelles Aufheizen der Räume,
 Räume können auch einzeln gedämmt werden,
 diffusionsoffen und kapillaraktiv,
 nicht brennbar (Baustoffklasse A 1).

Nachteile

 geringe Dämmstärken,
 Wohnflächenverkleinerung,
 Wärmebrücken kaum zu vermeiden,
 Dampfbremse erforderlich,
 keinerlei Wärmespeichereffekt,
 tragende Wand nach außen ungeschützt.

Ausführungsmöglichkeiten
In der Praxis hat es sich bewährt, das auch bei der Errichtung von Innenwänden eine
konstruktiv durchdachte Planung ausgeführt wird (Tab. 4.9).
Am häufigsten werden die Innenwände in der preisgünstigen Ständerbauweise errich-
tet, wobei die Hohlräume üblicherweise mit Dämmmaterial gefüllt werden (Abb. 4.42
und Tab. 4.10). Mit den vielfältigen Möglichkeiten der Bekleidung lässt sie sich in jedes
Umfeld problemlos einfügen.
172 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Tab. 4.9 Ablaufschema bei der Planung und Ausführung einer Innendämmung. (Quelle: Multipor,
Duisburg)

Eine Dampfsperre (auch Dampfbremse) zwischen Innenputz und Innendämmung


ist unerlässlich. Die mängelfreie, sorgfältige Verlegung jedoch ist sehr aufwendig und
schwierig (Abb. 4.43).
Eine Ausnahme stellt die speziell für diese Zwecke entwickelte Kalziumsilikatplatte
dar. Sie hat sich in diesem besonderen Einsatzfall bewährt und kann ohne Dampfbremse
eingebaut werden.
4.3 Rohbau 173

Abb. 4.42 Innenwand in Holzständerbauweise. (Quelle: FNR Münster)

Tab. 4.10 Funktion und Materialien einer Innenwand in Holständerbauweise. (Quelle: FNR Müns-
ter)

Abb. 4.43 Dampfsperre.


(Quelle: FNR Münster)
174 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Massive Innenwände
Als Baustoffe kommen Kalksandsteine, Ziegel, Porenbeton, Lehm und Beton zum Ein-
satz.
Die Kriterien sind:

 Wärmespeichervermögen: Zu einem ausgeglichenen Raumklima und der kurzzeiti-


gen Speicherung von Wärme bis zu einigen Tagen können massive Innenwände mit
Rohdichten von 1400 bis 2000 kg/m3 beitragen. Beton weist ein noch höheres Wär-
mespeichervermögen auf, hat jedoch aufgrund seiner geringen Sorptionsfähigkeit ein
geringeres Feuchteausgleichsvermögen, was sich nachteilig auf das Raumklima aus-
wirkt.
 Wärmedämmvermögen: Bei aneinandergrenzenden Räumen mit unterschiedlichem
Temperatur- und Heizprofil ist auch innerhalb eines Gebäudes der U-Wert einer
Konstruktion von entscheidender Bedeutung. Wände zwischen geheizten Aufent-
haltsräumen und ständig über längere Zeit belüfteten Nebenräumen wie WC oder
Abstellräumen und auch zu Schlafzimmern, in denen nachts die Fenster geöffnet
sind, sollten wärmedämmend ausgeführt werden. Hierzu bieten sich Materialien wie
Porenziegel oder Porenbeton an.
 Wärmebrücken: Massivwände berühren kalte Bauteile wie Bodenplatten und Keller-
decken oder stehen ihrerseits im unbeheizten Dachgeschoss auf der Decke über dem
obersten genutzten Geschoss. Eine starke Minderung der Wärmeverluste kann durch
Verwendung eines Steinmaterials mit möglichst günstigem Wärmedämmverhalten er-
zielt werden.
 Ein Vorteil von massiven Wänden, die mit Kalk- oder Kalkgipsputz verputzt werden
können, liegt in der Weiterbehandlungsmöglichkeit der Oberflächen mit mineralischen
Farben ohne organische Bindemittel. Für Porenbeton- und Betonflächen gilt dies nur
begrenzt, weil vor dem Verputzen im Allgemeinen der Untergrund vorbereitet werden
muss, wozu meist Grundierungen mit organischen Bindemitteln verwendet werden.

Leichte Trennwände
Leichte Trennwände mit Unterkonstruktionen (Abb. 4.44) aus Metallprofilen und Beplan-
kungen mit Gips- oder Gipsfaserplatten o. ä. sind sinnvoll einsetzbar bei der Sanierung
und dem Ausbau von Gebäuden, bei denen

 kein Feuchteeintrag erfolgen soll und


 statisch keine schwereren Wände zulässig sind, z. B. Einfachständerwände (Abb. 4.45).
4.3 Rohbau 175

Abb. 4.44 Möglichkeiten 1


der Verbesserung des Wär-
meschutzes einer Innenwand 2
mit Trockenputz; 1 Putz im 3
Bestand; 2 Mauerwerk im Be-
stand; 3 Innenputz im Bestand; 4
4 Wärmedämmverbundplatte; a) Verbundplatte
5 CW-Profil mit Dämmstrei-
1
fen; 6 Wärmedämmung;
7 Trockenputz (Gipskarton, 2
Faserzement o. ä.); 8 Direkt-
abhänger mit Dämmstreifen. 3
5
(Quelle: RWE Energie Essen) 6
7
b) Freistehende Vorsatzschale

2
3
8
6
7
c) Direkt befestigte Vorsatzschale

Die Problempunkte von Leichtbaukonstruktionen liegen in den folgenden Punkten:

 Die Wände werden im überwiegenden Teil der Fälle mit künstlichen Mineralfasern
(KMF) gedämmt. Es ist davon auszugehen, dass Feinstaub auch im Nutzungszustand
zumindest in geringen Mengen freigesetzt wird durch Anschlussfugen, Haustechnik-
öffnungen (z. B. Elektrodosen) sowie durch Luftdruckunterschiede zwischen angren-
zenden Räumen beim Lüften oder z. B. beim Schließen von Türen,
 Gipsplatten- und Gipsfaserbeplankungen erfordern von der Oberflächenbehandlung im
Allgemeinen eine Grundierung, Anstriche sind nur mit organischen Bindemitteln mög-
lich,
 leichte Trennwände stellen Verbundkonstruktionen dar, die für die Entsorgung mit ho-
hem Aufwand rückgebaut werden müssen,
 geringes Wärmespeichervermögen.

4.3.5 Dächer und Dachgeschossausbau

4.3.5.1 Konstruktive Vorbemerkungen


Dachkonstruktionen haben neben der vorrangigen Aufgabe der Niederschlagsableitung
alle Funktionen einer Außenwandkonstruktion zu erfüllensobald ein Aufenthaltsraum an-
176 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.45 Einfachstän-


derwand mit einfacher
Beplankung. (Quelle ILS
Hamburg)

grenzt. Bei historischen Gebäuden ist diese Doppelfunktion selten anzutreffen. Die zur
Verfügung stehenden Baustoffe waren zur Erfüllung dieser Aufgabe nicht gut geeignet.
Vor allem in der Gründerzeit entstanden in verstärktem Umfang Dachraumnutzungen
in Mansardgeschossen. Die Abweisung des Niederschlags war durch die starke Dachnei-
gung unproblematisch und porige Materialien wie Bims- und Hüttensteine sowie später
Holzwolleleichtbauplatten gaben einen zumindest geringen Wärmeschutz. Hoher Heizbe-
darf im Winter und hohe Temperaturen im Sommer machten Dachwohnungen nicht zum
Domizil der Privilegierten.
Die Siedlungshäuser der 30er- und 50er-Jahre wurden in kompakter Bauweise mit
ausgebauten Dachgeschossen errichtet. Durch die Entwicklungen im Bereich der Dämm-
stoffe und der Dachbahnen wurde in den darauffolgenden Jahren der Dachgeschossausbau
standardgemäß durchgeführt. Vor allem in den Ballungsgebieten wurde der nachträgliche
Ausbau Ende der achtziger Jahr des vergangenen Jahrhunderts gefördert, um zusätzlichen
Wohnraum zu schaffen.

Zum Bereich Dach zählen geneigte Dächer, Flach- und Gründächer, Dachgeschossdecken
zum unbeheizten Dachraum und Abseitenwände.

Der Wärmeschutz wird in erster Linie von der Wärmedämmschicht erbracht und hängt
von der Art des Daches ab.
Beim belüfteten (Kaltdach !) oder nicht belüfteten (Warmdach !) Steildach kann die
Wärmedämmung auf, unter oder zwischen den Sparren angebracht sein (Abb. 4.46). Häu-
fig werden sie auch kombiniert ausgeführt.
Beim belüfteten Flachdach liegt die Wärmedämmschicht entweder auf der Stahlbeton-
decke oder über der inneren Deckenverschalung. Das nicht belüftete Flachdach benötigt
wegen der der Gefahr der Tauwasserbildung eine gute Wärmedämmung und die Anord-
nung einer Dampfsperre auf der warmen Seite der Dämmschicht. Beim Umkehrdach liegt
die Wärmedämmschicht über der Dachabdichtung. Sie besteht aus geschlossenzelligem
4.3 Rohbau 177

Abb. 4.46 Wasserdampf-


diffusion bei Steil- und
Flachdächern. (Quelle: HuT
Hamburg)
178 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Hartschaum mit verdichteter Oberfläche, der keine Feuchtigkeit aufnimmt und deshalb
auch bei Einfall von Wasser seine Wärmedämmfähigkeit behält. Die um die Tür liegende
Dachhaut wird auf diese Weise auch vor mechanischen Beschädigungen, hohen Tempera-
turschwankungen (Sommer/Winter) und UV-Strahlen geschützt.
Andere Schichten (Betondecke, Ziegeleindeckung oder Dachbegrünung) haben kon-
struktive oder mikroklimatische Aufgaben und keine Wärmeschutzfunktion. Wird der
Dachboden nicht als beheizter Raum genutzt, wird nur die oberste Geschossdecke ge-
dämmt – und keinesfalls die Schrägen.
An eine Dachfläche, die an einen Aufenthaltsraum anschließt, werden folgende Anfor-
derungen gestellt:

 Wärmedämmvermögen nach EnEV 2016 und nachfolgenden Ergänzungen,


 hohe Temperatur (umgekehrt proportional zum U-Wert) auf der Oberfläche der Innen-
seiten,
 Feuchteausgleichs- und Sorptionsvermögen der bekleideten Baustoffe auf der raumzu-
gewandten Seite der Konstruktion,
 Verhinderung der Anreicherung von Feuchtigkeit im Bauteil,
 Winddichtheit zur Vermeidung von
– Wärmeverlust,
– Zuglufterscheinungen,
– Wasserdampfkondensation beim Durchströmen von wasserdampfhaltiger Luft vom
Innenraum nach außen mit der Folgehoher Feuchtigkeit in der Konstruktion,
– Eintrag von Feinstfasern aus der Dämmschicht in den Innenraum.

Die wesentlichsten Anforderungen an Dampfdiffusion und Winddichtheit ergeben sich


aus der nachfolgenden Übersicht (siehe Tab. 4.11).
Besonders hinsichtlich der Materialien aus Kunststoffen mit Weichmachern und bei
geklebten Materialien ist grundsätzlich von der konstruktiven Seite her nach der Dau-
erhaftigkeit des Materials zu fragen. Bei Unterspannbahnen ist bekannt, dass sie nach
spätestens zehn Jahren Nutzung nur noch aus Glasfasergitter und lose daran haftenden
einzelnen Foliensegmenten bestehen. Trotz Weiterentwicklung auf diesem Gebiet sollte
bei der Materialauswahl auch dieser Aspekt inkl. der hierfür gegebenen Garantien und
Referenzen seitens der Hersteller von Bedeutung sein.

4.3.5.2 Geneigte Dächer (Steildächer)


Beim geneigten Steildach kann die Wärmedämmschicht auf, zwischen, über oder un-
ter den Sparren angebracht sein. Häufig werden diese Dämmarten kombiniert ausgeführt
(Abb. 4.47).
Hohe Dämmstärken sind im Dachbereich mit geringen Mehrkosten erzielbar. Die Spar-
renhöhe sollte großzügig dimensioniert werden bei möglichst geringer Sparrenbreite, um
den Wärmebrückeneffekt des Holzanteils der Dachkonstruktion zu minimieren. Der Be-
reich der Ausgleichslattung und Lattung unterhalb der Sparren kann mit Dämmung ausge-
4.3 Rohbau 179

Tab. 4.11 Vor- und Nachteile von Dampfsperren


Material Vorteile Nachteile
Raumseitige Dampfsperre oder Dampfbremse
PVC-Folie Gute technische Eigenschaften; Stark umweltbelastend, möglichst
schweißbar durch Alternativprodukte ersetzen
PE-Folie Gute technische Eigenschaften Umweltbelastend
Alufolie Starke Gefahr der Beschädigung
während der Verarbeitung; Wir-
kungen hins. elektr.-magn. Felder
und Wellen möglich
Beschichtete Baupappe, z. T. (glas-)faserverstärkt, Einsatz nur bei Nachweis
Baupappe PE-beschichtet der Funktionsfähigkeit des
Dachaufbaus hinsichtlich des
Diffusionsverhaltens; kaum reiß-
fest
Ölpapier Ökologisch unbedenkliches Produkt Einsatz nur bei Nachweis
der Funktionsfähigkeit des
Dachaufbaus hinsichtlich des
Diffusionsverhalten; kaum reiß-
fest
Baupapier Ökologisch unbedenkliches Produkt Nur als Windbremse bedingt ein-
setzbar; nicht reißfest
Außen liegende Dachbahn oder Unterdach
Bitumenpappe Bewährtes Produkt; durch Hoher Diffusionswiderstand
DIN 52130 erfasst
Kunststoff- Einfache Handhabung; günstiges Kunststoffprodukte möglichst
beschichtetes Diffusionsverhalten; Inhaltsstoffe vermeiden, PVC-Produkte durch
Polyestergewebe des Produktes beim Hersteller bzw. Alternativen ersetzen; z. T. fehlen-
Lieferanten erfragen (z. B. poly- de Langzeiterfahrung, möglichst
acrylatbeschichtetes Polyestervlies, Verlust der Materialeigenschaften
0,4 kg/m2 ; mit 8 % Flammschutz- durch Ausdiffundieren von z. B.
zusätzen; Zersetzungsprodukte u. a. Weichmachern
Salzsäure ! Hinweis auf Halogen-
verbindungen)
Beschichtete Baupappe, z. T. (glas-)faserverstärkt, Vergleichsweise geringe Mengen
Baupappen PE-beschichtet Kunststoffanteil
Bituminierte Holz- Unterdach, gleichzeitig obere
weichfaserplatte Begrenzung von einblasbaren
Dämmstoffen
180 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.47 Geneigte wärmegedämmte Dächer (Dachziegel, Dachsteine, Betonsteine); 1 Dachein-


deckung; 2 Dachlatte; 3 Konterlatte; 4 Unterspannung, Unterdeckung/Unterdach; 5 Dachsparren;
6 belüfteter Hohlraum (in der Dachfläche mindestens 200 cm2 /m Traufe); 7 Wärmedämmung;
8 Dampfsperre/Luftdichtung; 9 Holzschalung; 10 Spanplatte; 11 Gipsplatte  12,5 cm; 12 Bewehr-
ter Leichtbeton; 13 Innenputz. (Quelle: RWE Energie Essen)

füllt werden, besonders zwischen Sparren und innerer Bekleidung, um die Wärmebrücke
des Sparrens weiter zu verringern.
Für Niedrigenergiehäuser (Standard 2016 nach EnEV 2016 bzw. EEnG 2018 geplant)
sind auch „Mischlösungen“ möglich. Bauphysikalisch werden belüftete und nicht belüf-
tete Dächer unterschieden.
Bei belüfteten Dachkonstruktionen (selten als Kaltdach bezeichnet) müssen die un-
terhalb des belüfteten Raumes angeordneten Bauteilschichten, wie Wärmdämmung und
Innenverkleidung eine ausreichende diffusionsäquivalente Luftschichtdicke sd aufweisen.
Die Din 4108 T. 3 gibt dazu folgende Werte vor:
4.3 Rohbau 181

Sparrenlänge:  10 m: sd  2 m
 15 m: sd  5 m
 15 m: sd  10 m

Um Fugen zu vermeiden, die als Wärmebrücken wirken, muss die Dämmung dicht an
den Sparren liegen. Hier sind z. B. Dämmkeile vorteilhaft.
Das (belüftete) Kaltdach

 ist aufwendiger und damit teurer herzustellen und


 schränkt die Höhe der Wärmedämmung ein.

Im Rahmen der Bauausführung vor Ort kann eine ausreichende, durchgehende Belüf-
tung der zweiten Ebene selten sichergestellt werden (Dachgeometrie, Gauben, Schorn-
steine, Dachfenster, usw.). Bauschäden sind die Folge, wenn man sich dann auf die ganz
oder zumindest in Teilen fehlende „Belüftung“ verlässt. Das Kaltdach sollte daher nur in
Ausnahmefällen (Blecheindeckung, besonders in Höhenlagen) zur Anwendung kommen!
Die nicht belüfteten Dachkonstruktionen werden im Gegensatz zum belüfteten Dach
in ihrer Wärmedämmung als Gesamtpaket bis zur Oberkante Unterspannbahn bzw. Un-
terdach gerechnet.
Beim nicht belüfteten Dach wird auf die zweite Belüftungsebene zwischen Unterdach
und Dämmung verzichtet. Die Hinterlüftung der Dachhaut bleibt erhalten. Der Dachauf-
bau mit einer Belüftungsebene wird als unbelüftete Konstruktion oder auch als Warmdach
bezeichnet:
Für diesen Dachaufbau spricht eine Reihe von Gründen:

 Die volle Sparrenhöhe steht für die Dämmung zur Verfügung, was vor allem bei be-
grenzter Sparrenhöhe von Vorteil ist.
 Wasserdampfdiffusion und Luftströmungen können keine Schäden anrichten, wenn die
innere Dampfbremse sorgfältig ausgeführt ist.
 Das Dach ist „winddichter“. Der Dämmstoff kann nicht von der Kaltluft „durchspült“
werden.
 Es gibt weder Zugluft noch Wärmeverluste durch eindringende Kaltluft bei Wind oder
durch Fugen und Ritzen ausströmende warme Raumluft. Beim Neubau sollte eine mög-
lichst große Dämmstoffstärke durch die Wahl von schmalen, hohen Sparren, Wellsteg-
trägern oder neuartigen Box- oder I-Trägern mit der geringsten Wärmebrückenwirkung
erzielt werden.
 Als Dämmstoffe sind Platten und Matten ebenso gut wie Schüttungen (Vorsicht: Set-
zungsgefahr!) geeignet.
182 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Wärmegedämmte Dächer

Zwischensparrendämmung
Der Dämmstoff wird zwischen den Holzbalken (Sparren) der Dachkonstruktion ange-
bracht. Dabei kann dies entweder als belüftete oder als nicht belüftete Konstruktion aus-
geführt werden. Grundsätzlich sind zwei Belüftungsebenen im Dach zu unterscheiden:
Die erste Ebene zwischen Eindeckung und Unterdach hat mehrere Aufgaben. Sie soll
eventuell von außen eindringende Feuchtigkeit z. B. durch Flugschnee oder Schlagregen
ebenso abführen wie das von der Dachhaut abtropfende Tauwasser (Frost-Tauwechsel:
Die Eindeckung ist oft kälter als die Umgebungsluft). Und sie dient zur „Entwärmung“
der Dacheindeckung im Sommer bzw. bei Schneeauflage. Diese Belüftung ist von der Art
der Dämmung unabhängig.
Die zweite Ebene zwischen Unterdach und Dämmung soll den von innen in die Kon-
struktion eindringenden Wasserdampf abführen. Unter dieser Ebene, aber über der Däm-
mung (und den Sparren), liegt die Winddichtung.

Aufsparrendämmung
Hierbei wird die Dämmung auf den Sparren angebracht. Das Verfahren ist beim Neubau
oder bei der Dachneueindeckung besonders dann geeignet, wenn große Dachflächen ohne
Abseiten oder Spitzbodenflächen und einfache Dachgeometrien vorhanden sind.

Vorteile

 Durchgehende und damit lückenlose Wärmedämmung, bei der die Sparren keine Wär-
mebrücken bilden.
 Das Holz bleibt innen sichtbar und wird in die Raumgestaltung einbezogen.
 Der Dachstuhl als tragende Konstruktion bleibt im „warmen“ Bereich.

Nachteil

 Die Dämmstärke ist auf etwa 24 cm begrenzt, da sonst der gesamte Dachaufbau aus
Sparren, Dämmung und Dacheindeckung zu hoch wird.
 Um diesen Nachteil auszugleichen, wählt man Dämmstoffe mit geringerer Wärmeleit-
fähigkeit.

Eine Holzfaserplatte von 0,16 m Stärke hat ein  von 0,040 W/(m2 K), d. h.:

0;16 m W 0;040 W/(m2 K) D 4;00 W/(m2 K)I


U D 1 W 4;00 W/(m2 K) D 0;25 W/(m2 K)
4.3 Rohbau 183

Eine PUR-Platte von nur 0,10 m Stärke, aber mit einem  von 0,025 W / (m2 K) kommt
zum gleichen Ergebnis:

0;10 m W 0;025 W/(m2 K) D 4;00 W/(m2 K)I


U D 1 W 4;00 W/(m2 K) D 0;25 W/(m2 K)

Untersparrendämmung
Die Verlegung von Wärmedämmung zwischen und unter den Sparren bietet sich bei gro-
ßen Wärmedämmdicken besonders an. Hierfür sollte eine Sparrenhöhe von 16 bis 20 cm
gewählt werden, so dass die unter den Sparren liegende Wärmedämmschichtdicke nur et-
wa 25 % der Gesamtdicke beträgt. In den Sparrenraum können z. B. Mineralfaserplatten
mit Vorspannung eingepresst werden und bei bündiger Verlegung mit einer Unterspann-
bahn mit geringem Wasserdampfleitwiderstand – einer diffusionsoffenen Folie – abge-
deckt werden. Eine unterliegende Wärmedämmschicht aus Gipsplatten lässt sich mit dem
Sparren vernageln.

I Der Wechsel zu einer niedrigeren Wärmeleitfähigkeit spart Dämmstoffstärke


und damit Bauteilhöhe!

4.3.5.3 Dachgeschossdeckendämmung
Solange das gesamte Dachgeschoss nicht ausgebaut wird, ist es notwendig, die Dachge-
schossdecke energetisch im Sinne des energiesparenden Wärmeschutzes nach EnEV 2016
und der nachfolgenden Aktualisierungen zu verbessern. Deshalb wird diese Maßnahme
auch als bauliche Nachrüstungsverpflichtung in der EnEV gefordert. Diese gilt für alle
zugänglichen obersten Geschossdecken zum unbeheizten Dachraum mit einem vorhande-
nen U-Wert  0,91 W(m2 K).
Die Dachgeschossdecke ist das Bauteil, welches bei einer Zusatzdämmung zur erhebli-
chen Einsparung an Energie beiträgt. Die Dämmmaßnahmen lassen sich dabei mit relativ
geringem Aufwand realisieren.
Bei der Wärmedämmung der Dachgeschossdecke ist Folgendes zu beachten:

1 Vor Beginn der Dämmarbeiten ist die vorhandene Decke hinsichtlich ihrer Dämmei-
genschaften, Luftdichtheit und Wasserdampfdurchlässigkeit zu beurteilen.
2 Es ist zu berücksichtigen, ob eine begehbare oder nicht begehbare Nutzfläche herge-
stellt werden soll.
3 Die Dachgeschossdecke sollte von oben gedämmt werden (Abb. 4.48). Eine Dämmung
von unten, d. h. innerhalb der Wohnung ist aufwendiger und führt eventuell zu einer
nicht vertretbaren Reduzierung der lichten Raumhöhe.
4 Die konstruktive Ausbildung der Dämmung ist abhängig von der weiteren Nutzung
des Dachraumes. In nicht genutzten Bodenräumen, die nur kurzzeitig betreten werden,
z. B. Drempelgeschoss, reicht eine offene Verlegung der Dämmstoffe (Abb. 4.49).
184 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

a b

Abb. 4.48 Oberhalb gedämmte oberste Geschossdecke, a kurzzeitig begehbar, b begehbar. (Quelle:
URSA)

Abb. 4.49 Oberhalb gedämmte oberste Geschossdecke – begehbar. (Quelle: URSA, Leipzig)

Abb. 4.50 Ausblasen von


Hohlräumen. (Quelle: ILS
Hamburg)
4.3 Rohbau 185

Im ersten Schritt wird eine Dampfbremse als Luftsperre auf die Decke verlegt und
luftdicht verklebt. Ansonsten ist der Einbau einer Dampfbremse nicht zwingend erfor-
derlich.
Anschließend wird ein Dachgeschossfilz lückenlos und wärmebrückenfrei auf der ge-
samten Dachgeschossdecke ausgrollt. Das obenseitige fadenverstärkte Vlies schützt
die Dämmung vor Verschmutzung und ermöglicht das gelegentliche Betreten.
5 Für begehbare Dachräume muss über der Dämmschicht ein neuer Fußboden ausgebil-
det werden. Wenn der Bodenraum nicht genutzt wird, reichen i. d. R. Laufstege für den
Schornsteinfeger.
Im ersten Schritt wird eine Dampfbremse als Luftsperre auf die Decke verlegt und
luftdicht verklebt. Die Auswahl der Dampfbremse richtet sich nach den Dampfdiffusi-
onsverhalten der Decke und der nachfolgenden Beplankung.
Um eine ausreichende Druckfestigkeit herzustellen, werden Lagerhölzer in der glei-
chen Höhe wie die einzubauende Dämmschicht verlegt. Der Abstand richtet sich nach
Art der vorgesehenen Beplankung und der zu erwartenden Verkehrslast. Zwischen die
Hölzer wird der Dämmfilz lückenlos und eben ausgerollt. Anschließend wird die Be-
plankung aufgebracht.
6 Durch die Dämmmaßnahmen an der Dachdecke sollte keine Verschlechterung des
Schallschutzes erfolgen, d. h. ein Auswechseln der vorhandenen Schüttung durch
Dämmstoff darf im Allgemeinen nicht vorgenommen werden.
7 Für die Dachdeckendämmung können zwei unterschiedliche Verfahren zur Anwen-
dung gelangen. Es werden Platten ggf. mit Deckschichten verlegt, oder der Dämmstoff
wird aufgespritzt bzw. in Hohlräume eingeblasen (Abb. 4.50).

4.3.5.4 Ausgebaute Dachgeschosse


Gebäude mit nicht ausgebauten Dachräumen bieten oft ein beachtliches Reservoir um
zusätzlichen Wohnraum zu schaffen (Abb. 4.51). Früher wurde das Dachgeschoss nicht
ausgebaut und war daher bauphysikalisch unproblematisch und zudem ein guter Kli-
mapuffer für darunter liegende Wohnräume, besonders wenn die oberste Geschossdecke
gedämmt und der Dachraum durchlüftet war.
Seit Inkrafttreten der EnEV 2002 waren viele Hauseigentümer gesetzlich verpflichtet,
bis Ende 2006 wärmetechnische Verbesserungen der obersten Geschossdecke durchzu-
führen.
Eine Nachrüstverpflichtung der obersten Geschossdecke über beheiztem Wohnraum
bestand:

 bei Mehrfamilienhäusern,
 bei zugänglicher, aber nicht begehbarer Oberseite.

Im Prinzip gelten diese Verpflichtungen immer noch, wurden aber in der EnEV 2016
nochmal deutlich verstärkt. So beträgt beispielsweise der U-Wert für Dach und oberste
Decke 0,20 W/(m2 K).
186 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.51 Dämmung vor und nach dem Ausbau. (Quelle: KNR Münster)

Beim nachträglichen Ausbau ist daher eine Vielzahl von Besonderheiten zu berück-
sichtigen. Auch verringert sich die Belüftung der Dachkonstruktion und es entfällt der
Dachraum als Klimapuffer.

Das Klima in Wohnräumen wird beeinflusst durch:

Im Winter

 ausreichende Dämmdicken,
 kleine Wärmeleitfähigkeit der Baustoffe.

Im Sommer

 hohe Speicherfähigkeit der Baustoffe,


 Maximierung der Raumhöhe,
 Minimierung der Fensterfläche, Verschattung,
 Reduzierung von Wärmequellen im Dachraum,
 regulierbare Belüftung, Nachtlüftung,
 schwere Bauweise von Decken und Giebelwänden.

Auch der konstruktive und statische Aufbau der Dachkonstruktion darf nicht ge-
schwächt werden. Es empfiehlt sich also, vor dem Ausbau einen ausgewiesenen Fachmann
zu Rate zu ziehen.
Er sollte vor allem:

 den Dachstuhl auf Schädlinge überprüfen,


 eine geeignete Dachkonstruktion vorschlagen,
 die statischen Bedingungen für den Einbau schwerer Zwischenwände klären,
 den dampfdiffusionstechnischen sicheren Aufbau gewährleisten.
4.3 Rohbau 187

Die üblichen Dachkonstruktionen aus Sparren, Wärmedämmung und Dachziegel sind


Leichtkonstruktionen, bei denen wegen der geringen Masse der Schallschutz und im Som-
mer das Raumklima unbefriedigend sind. Durch direkte Sonneneinstrahlung entsteht un-
terhalb der Dachdeckung Stauwärme, die abgeführt werden sollte. Im Sommer kommt es
deshalb vor allem darauf an, den Durchgang der Tageshitze zu verzögern und eingedrun-
gene Wärme ausreichend zu speichern. Aus diesem Grunde sollte an Giebelwänden keine
Innendämmung angebracht und die Innenwände aus schweren Baustoffen ausgeführt wer-
den. Notwendig ist auch eine ausreichende Durchlüftung während der kühlen Nachtzeit
oder am frühen Morgen als Querlüftung.
Es gibt Dämmstoffe, die sich mehr für den winterlichen und andere, die sich mehr
für den sommerlichen Wärmeschutz eignen. Optimale Dämmstoffe, die für beide Zwecke
gleichermaßen angewendet werden können gibt es (noch) nicht. Aber man kann die der-
zeitigen Dämmstoffe nach ihrer Speicherfähigkeit (Leistungsfähigkeit) zusammenstellen
und in konstruktiver Kombination mit passenden Beplankungen so einbauen, dass sie so-
wohl den Anforderungen an den sommerlichen als auch an den winterlichen Wärmeschutz
genügen. Nach einem komplizierten Rechenverfahren (U-Wert) und Temperaturamplitu-
dendämpfung wird die Leistungsfähigkeit der Dämmstoffe ermittelt und in einer Tabelle
zusammengestellt.
Will man schlanke und wirksame Konstruktionen zusammenstellen, dann wählt man
Dämmstoffe aus, die in den oberen Zeilen stehen. Dämmstoffe aus Zellulose und Holz
weisen eine ausgeglichene hohe Leistungsfähigkeit auf! Am Ende der Tab. 4.13 findet man
die Dämmstoffe mit geringer Speicherfähigkeit die zur Realisierung des sommerlichen
Wärmeschutzes große Dämmdicken oder zusätzliche innere Beplankungen brauchen.
Wird ein Dämmstoff mit geringer Speicherfähigkeit in eine Dachkonstruktion ein-
gebaut, dann wird die Speicherfähigkeit der Dachkonstruktion auf der Innenseite mit
Beplankung verbessert. Tab. 4.12 listet Beplankungsbaustoffe nach der Speicherfähigkeit
geordnet auf. Die Baustoffe mit der besten Speicherfähigkeit stehen in der Tab. 4.13 oben.
Holz und Holzwerkstoffe haben eine hohe Speicherfähigkeit und übertreffen z. B. die
von Platten auf der Basis von Gips.
Dämmstoffe hoher Speicherfähigkeit können in der Regel mit allen angegebenen Be-
plankungsbaustoffen verbaut werden und die Konstruktionen erreichen eine hohe Leis-
tungsfähigkeit.

Tab. 4.12 Leistungsfähigkeit von Dämmstoffen im ganzjährigen Wärmeschutz


188 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Tab. 4.13 Baustoffe für die Beplankung von Dämmkonstruktionen

Dämmstoffe geringer Speicherfähigkeit brauchen innere Beplankungen mit hoher


Speicherfähigkeit. Die Konstruktionen bleiben aber trotzdem in der Leistungsfähigkeit
zurück.

4.3.5.5 Flachdächer
Flachdächer zählen zu den kritischsten aber auch variantenreichsten Bauteilen.
Konstruktive energie- und umweltgerechte Ausführungen lassen noch viel Spielraum.
Damit diese Dächer sorgsam und innovativ bearbeitet werden können und damit auf dem
neuesten Stand der Technik sind, erscheint in erforderlichen Abständen eine Flachdach-
richtlinie.
Die aktuelle Fachregel ist seit dem 10.08.2018 in Kraft und enthält neben vielen neuen
Erkenntnissen und Hinweisen folgende, sofort zu beachtende Regeln:

 Anwendungskategorien K1 und K2 sind abgeschafft,


 Beton muss vor dem Verkleben vorbehandelt werden,
 die neuen Regeln gelten jetzt auch für intensiv begrünte Dächer, Parkdecks und befahr-
bare Flächen.

Flachdächer haben Neigungen von 0 bis 10°. Sie werden als nichtbelüftete oder ein-
schalige Dächer und belüftete oder zweischalige Dächer ausgeführt.
4.3 Rohbau 189

Zur Abdichtung von Flachdachkonstruktionen kommen folgende Materialien infrage:

 Bitumen,
 Kunststoffdichtungen aus PE, PVC, XPL,
 Mischungen aus Bitumen und Kunststoffen.

Grundsätzlich sollte der Einsatz dieser Materialien minimiert werden. Vor allem der
Einsatz von Polyvinylchlorid (PVC) sollte aufgrund seiner besonders problematischen
Produkteigenschaften nach Möglichkeit vermieden werden. Bei der Entscheidung für eine
Flachdachausführung wird gleichzeitig die Entscheidung für Materialien mit umweltbe-
lastenden Produktlinien getroffen. Eine Abwägung von ökonomischen und ökologischen
Belangen ist erforderlich. So kann z. B. ein Gründach nur auf einer Flachdach-Unterkon-
struktion aufgebracht werden.
Als Dämmstoffe im Flachdachbereich kommen je nach Anforderung vor allem trittfeste
Materialien zur Anwendung:

 geschäumte organische Dämmstoffe,


 künstliche Mineralfasern,
 Schaumglas,
 Kork,
 Holzweichfaserplatten.

Abb. 4.52 Lage der Wärme-


dämmschicht. (Q 81/480)
190 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.53 Randabschluss eines belüfteten Flachdachs leichter Deckenkonstruktion; 1 Oberflächen-


schutz; 2 Dachabdichtung; 3 Schalung; 4 Querträger; 5 Luftschicht; 6 Holzträger; 7 Wärmedäm-
mung; 8 Luftdichtung; 9 Schalung. (Quelle: RWE Energie Essen)

Die darunterliegende Dachhaut wird auf diese Weise auch vor mechanischer Beschädi-
gung, hohen Temperaturschwankungen (Sommer/Winter) und vor UV-Strahlen geschützt.
Beim belüfteten Flachdach liegt die Wärmedämmschicht entweder auf der Stahlbe-
tondecke oder über der inneren Deckenverschalung (Abb. 4.52).
Das unbelüftete Flachdach (Warmdach) benötigt wegen der Gefahr der Tauwasserbil-
dung eine gute Wärmedämmung und die Anordnung eine Dampfsperre auf der warmen
Seite der Dämmschicht. Es ist für beliebige Grundrissformen und Abmessungen geeig-
net und in relativ niedriger Konstruktionshöhe ausführbar. Beispiele zeigen die Abb. 4.53
und 4.54.

Abb. 4.54 Randabschluss


eines nicht belüfteten Flach-
dachs; 1 Oberflächenschutz;
2 Dachabdichtung; 3 Dampf-
druckausgleichsschicht;
4 Wärmedämmung; 5 dif-
fusionshemmende Schicht;
6 Ausgleichsschicht; 7 Gefäl-
leestrich; 8 Stahlbetondecke.
(Quelle; RWE Energie Essen)
4.3 Rohbau 191

4.3.5.6 Umkehrdächer
Beim Umkehrdach liegt die Wärmedämmschicht über der Dachabdichtung (Abb. 4.55).
Sie besteht aus geschlossenzelligem Hartschaum mit verdichteten Oberflächen, der keine
Feuchtigkeit aufnimmt und deshalb auch bei Anfall von Wasser seine Wärmeleitfähigkeit
behält. Die Schaumplatten sind im Verband, dicht gestoßen und lose auf der Abdichtung
zu verlegen. Die Platten müssen eine Kantenausbildung, z. B. mit einem Stufenfalz aus-
weisen. Zum Schutz vor Windlast, Aufschwimmen und UV-Strahlung werden die Platten
mit einer Schicht aus gewaschenem Rundkies (Körnung 16/32) abgedeckt. Generell sollte
die Kiesschichtdicke 5 cm nicht unterschreiten. Der Nachweis der Windsogsicherung ist
nach DIN 1055 zu erbringen.
Die Dicke der lastverteilenden Schicht kann reduzieret werden, wenn zwischen den
Dämmplatten und der Kiesschicht ein Kunststoffvlies mit einem Flächengewicht von
ca. 140 g/m2 eingelegt wird. Glasvlies und Folien sind nicht geeignet.
Die darunterliegende Dachhaut wird auf diese Weise auch vor mechanischer Beschädi-
gung, hohen Temperaturschwankungen (Sommer/Winter) und vor UV-Strahlen geschützt.
Allerdings entspricht ein großer Teil bestehender Flachdächer nicht den Anforderungen
an eine energiesparende Wärmedämmung. Eine wirtschaftliche Möglichkeit, insbesonde-
re bei der Sanierung, bietet die Ausführung von Umkehrdächern als Plusdach (Abb. 4.56)
und Duodach (Abb. 4.57).
Beim Plusdach wird auf dem vorhandenen Dachaufbau ein Umkehrdach verlegt. Vor
der Verlegung der neuen Dämmschicht sind die vorhandenen Dachabdichtungen und An-
schlüsse zu prüfen und bei Bedarf auszubessern. Dächer, die nicht für eine entsprechend
dicke Kiesschicht ausgelegt waren, sind auf ihre statische Belastbarkeit zu prüfen.
Sind bei Dachaufbauten dickere Dämmschichten bzw. niedrigere U-Werte erforderlich
oder gewünscht, kann ein Duo-Dach eine konstruktive Lösung sein. Hierbei lassen sich
die Eigenschaften der Umkehrdachs und des konventionellen Warmdachs kombinieren,

Abb. 4.55 Umkehrdach. 1 Kieslast; 2 Kunststoffvlies; 3 Wärmedämmung; 4 Dachabdichtung;


5 Decke. (Quelle: URSA, Leipzig)
192 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.56 Umkehrdach. Ausführung als Plusdach; 1 Kiesauflage; 2 Trennlage; 3 Wärmedämm-


schicht; 4 Dachabdichtung; 5 Gefälledämmung oder Gefällebeton; 6 Decke mit Dampfsperre;
7 Decke. (Quelle: URSA, Leipzig)

indem zuerst eine Dämmschicht mit Dachabdichtung und darauf ein Umkehrdach ausge-
führt werden.

Vorteile – Plusdach und Duodach in der Sanierung

 nachträgliche Wärmedämmung,
 Verlängerung der Lebensdauer des Dachs,
 schnelle und wirtschaftliche Ausführung,
 kein Abriss des Dachaufbaus, keine Sondermüllentsorgung,
 Erfüllung und Einhaltung der Energieeinsparverordnung,
4.3 Rohbau 193

Abb. 4.57 Umkehrdach.


Ausführung als Duodach;
1 Kiesauflage; 2 Trennla-
ge; 3 Wärmedämmschicht;
4 Dachabdichtung; 5 vor-
handene Dämmung; 6 ggf.
Dampfsperre; 7 Decke. (Quel-
le: URSA, Leipzig)

 Reduzierung der Heizkosten und des Energieverbrauchs zum Schutze der Umwelt,
 verbesserter Wohnkomfort und Wertsteigerung der Immobilie.

4.3.5.7 Gründächer
Im Gegensatz zu gewachsenem Boden, wo Pflanzen mit ihren Wurzeln bis in große Tiefen
vordringen können und ausreichend mit Wasser und Nährstoffen versorgt werden, sind sie
auf dem Dach von den Kreisläufen geradezu „abgeschnitten“.

Abb. 4.58 Vom Vorbild Natur zum Dachbegrünungssystemaufbau. (Quelle: ZinCO GmBH Nürtin-
gen)
194 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Moderne und innovative Systeme gleichen mit aufeinander abgestimmten Komponen-


ten den fehlenden Erdanschluss aus und schaffen damit einen dauerhaften Lebensraum für
vielerlei Vegetationsformen auf Dächern und Decken (Abb. 4.58).
Bei begrünten Flachdächern ergänzt der Begrünungsaufbau die Wärmewirkung. Neben
der dämmenden Wirkung für das Gebäude hat die Begrünung positive Auswirkungen auf
die Umwelt (Abb. 4.59):

 ästhetische Gestaltung einer Dachlandschaft,


 temperaturdämpfend, so schützt der Vegetationsschirm und der Speicher der Vegetati-
onsschicht das Gebäude im Sommer wie im Winter vor zu starken Temperaturschwan-
kungen,
 wasserspeichernd wirkt die Vegetationsschicht wie ein Schwamm und entlastet das
Entwässerungssystem bei starken Regenfällen,

Abb. 4.59 Ökologische, städtebauliche und bautechnische Vorteile begrünter Dächer. (Quelle: Zin-
CO GmbH Nürtingen)
4.3 Rohbau 195

 luftverbessernd wirken die Pflanzen beim Kohlenstoffdioxid-Sauerstoff-Austausch so-


wie bei der Staubfilterung,
 Schallschutz bietet der Schichtaufbau – durch seine Masse und Mehrschaligkeit als
Schalldämmung sowie durch seinen Halm- und Blättermantel als Schalldämpfung,
 Schutz für den Dachaufbau vor mechanischer Beschädigung, z. B. Hagelschlag, und
Schutz vor Versprödung durch ultraviolette Strahlung der Sonne gewährleistet der Ve-
getationsschichtaufbau,
 minimale Pflege (Begehung ein- bis zweimal jährlich),
 Wasser- und Nährstoffversorgung weitgehend über natürliche Prozesse,
 naturnahe Pflanzengemeinschaften (anspruchslos, flächendeckend, selbstregenerie-
rend).

Damit das begrünte Dach den gestellten Anforderungen genügt, müssen bestimmte
Bedingungen erfüllt sein:

 Die Dachneigung sollte 20° nicht übersteigen. Dadurch erhalten die Pflanzen während
der Vegetationszeit auf der Nordseite eines Daches ausreichend Licht.
 5–20 cm Auflast. Die Wasserversorgung muss durch einen ausreichenden Schichtauf-
bau, wenn nötig durch eine selbst steuernde Bewässerungsanlage mit Brauchwasser,
besonders auf der Südseite, gesichert werden.
 Der Windschutz durch Dachaufbauten, Wände etc. verhindert, dass die Pflanzen aus-
trocknen bzw. in ihrem Wachstum behindert werden.
 Die Nährstoffversorgung muss durch eine der Vegetation entsprechende Schichtdicke
gewährleistet sein.

Der Aufbau der Vegetationsschicht ist abhängig von der Dachneigung und der Art der
Bepflanzung. Extensive Begrünung bedeutet im Gegensatz zur intensiven Begrünung,
dass das Dach ohne gärtnerischen Pflegeaufwand durch anspruchslose, niedrig wachsende
und selbsterhaltende Pflanzen, wie eine Sedum-Moos-Krautbegrünung, auskommt. Die
Intensivbegrünung hat auch den Nachteil des hohen Eigengewichts. Während für das
geneigte Dach nur ein einschichtiger Pflanzbodenaufbau notwendig ist, kann der Boden-
aufbau für das Flachdach beim Normal- und Umkehrdach einschichtig oder mehrschichtig
aufgebracht werden.

Extensivbegrünung
Pflegerische Begrünung anstatt eines Kiesbelages (Abb. 4.60):

 geringer Pflegeaufwand,
 ohne Zusatzbewässerung,
 Moos-Sedum bis Gras-Kraut-Begrünung Aufbaudicke 5–20 cm,
 Gewicht 60–250 kg/m2 .
196 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.60 Extensivbegrünung. (Quelle: ZinCO GmbH Nürtingen)

Intensivbegrünung
Variante 1: Gestaltete Begrünung für etwas höhere Ansprüche (Abb. 4.61):

 mittlerer Pflegeaufwand,
 periodische Bewässerung,
 Gras-Kraut- bis Gehölzbegrünung,
 Aufbaudicke 12–25 cm,
 Gewicht 150–300 kg/m2 .

Variante 2: Gepflegte Gartenanlagen auf genutzten Flachdächern

 hoher Pflegeaufwand,
 regelmäßige Bewässerung,
 Rasen oder Stauden – Sträucher oder Bäume,
 Aufbaudicke 15–200 cm,
 Gewicht 200–3000 kg/m2 .

Einschichtige Flachdachaufbauten zur extensiven Begrünung eigen sich für Moo-


se und Pflanzen, die von Natur aus Trockenphasen und Überschwemmungen vertragen
(Tab. 4.14). Die Pflanzbodenschicht besteht aus einer bis zu 15 cm dicken, mit Humus
angereicherten Erdschicht oder aus Rasenpflaster (Grassoden). Vorteilhaft sind ein Dach-
gefälle von etwa 3 % und der Einbau von Drainsträngen aus Grobkies mit einem Durch-
messer von ca. 32 mm zur besseren Entwässerung.
Mehrschichtige Flachdachaufbauten, häufig als intensive Begrünung geplant
(Tab. 4.15), eignen sich für anspruchsvolle Vegetationen, die keine stauende Nässe ver-
tragen. Der Schichtaufbau eines Flachdaches aus tragender Baukonstruktion, Ausgleichs-
schicht, Dampfsperre, Wärmedämmung, Dampfdruckausgleichsschicht, Dachabdichtung
wird durch die Schichten zur Begrünung ergänzt. Dies sind Trennlage, Wurzelschutz-
schicht, Drainschicht, Filterschicht, Vegetationsschicht und Pflanzen.
4.3 Rohbau 197

Abb. 4.61 Intensivbegrünung. (Quelle: Zincum GmbH Nürtingen)

Tab. 4.14 Regelschichten für extensive Begrünung


Begrünungsart Dicke der Vegetationsschicht in cm
Flachdächer 25
Moos-Sedum-Begrünung 58
Moos-Sedum-Kraut-Begrünung 812
Gras-Kraut-Begrünung > 15
Geneigte Dächer
Moos-Sedum-Begrünung 25
Moos-Sedum-Kraut-Begrünung 510
Sedum-Gras-Kraut-Begrünung 1015

Tab. 4.15 Regelschichten für intensive Begrünung


Begrünungsart Drainung cm Vegetationsschicht cm
Stauden, bodenbedeckende Gehölze 10 15 bis 25
Großsträucher, kleine Bäume 12 25 bis 45
Bäume 20 75 bis 90

Bauschäden entstehen hauptsächlich durch Einwachsen oder Hinterwachsen von An-


schlusskanten, Mauerwerksanschlüsse etc. Aus diesem Grund sind Pflanzen von diesen
kritischen Stellen durch 50 cm breite Kiesschüttungen oder Pflasterungen auf Abstand zu
halten. Die Anschlüsse sind mindestens 15 cm hochzuführen. Besondere Sorgfalt ist auch
auf die Abdichtung von Dehnungsfugen, Öffnungen und Durchdringungen zu verwenden.
Beim geneigten Steildach kann die Wärmedämmschicht auf den Sparren, zwischen,
über den Sparren oder unter den Sparren angebracht sein. Häufig werden diese Varianten
kombiniert ausgeführt.
Allerdings sind alle Wärmeschutzmaßnahmen vergeblich, wenn nicht zuvor ein dauer-
hafter Schutz vor Feuchte gewährleistet wird.
198 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

4.4 Ausbau

4.4.1 Konstruktive Vorbetrachtungen

Für die ökologische Bewertung von Konstruktionen haben die Ausbaukonstruktionen


einen besonderen Stellenwert, weil die Nutzer mit den meisten Materialien direkt oder
indirekt in Berührung kommen.
Die Aufführung von schadstoffbelasteten Stoffen für Gesundheit und Umwelt können
hier besonders wirkungsvoll sein.
In der Tab. 4.16 werden ökologische Baustoffe wesentlichen Ausbauelementen gegen-
übergestellt.

Tab. 4.16 Ausbauelemente – ökologische Baustoffe


Ausbauelemente Baustoff
Sperrungen Ölpapier
Bitumenbahnen
Teerbahnen nur bei Dachbegrünung
Sperrputz (Mörtelgruppe III)
Außenverkleidung Holzschalungen, Holzschindeln, Vormauerungen
Wärmedämmstoffe Stroh, Zellulose, Holzwolle, Kokos, Sisal, Kork, Blähperlite, Holz-
wolleleichtbauplatten, Mineralwolle nur im Außenbereich
Schalldämmstoffe Kork, Kokos, Weichfaserplatten
Heizung Zentrale Warmwasserheizung mit Brennwertkessel und einfacher Re-
geltechnik, Brennstoff: Gas,
Warmwasserversorgung über Sonnenkollektoren
Wasserversorgung Trennung: Trinkwasser, Grauwasser
Wasser- und Heizungs- VPE-Kunststoffrohre
rohre
Fenster, Türen Massivholzkonstruktionen
Putze Mineralische Putze ohne Stellmittel, z. B. Putze mit Bindemitteln, die
aus natürlichem Kalk-, Kalkmergel- oder Gipsstein hergestellt wurden
Trockenbau Gipskartonplatten aus natürlichem Gipsstein und Karton ohne Zusätze
(z. B. Fungizide)
Fliesen Verlegt in Zementdickbettmörtel ohne Zusatzmittel
Bodenbeläge Teppichböden aus Wolle, Flachs, Kokos, Baumwolle
Gespundete Bretter (Kiefer, Lärche)
Parkett (Buche, Eiche, Esche etc.)
Kork, Linoleum
Anstriche, Farben Außenanstriche auf mineralischem Untergrund:
Silikatfarben, Kalkfarben (Pigmente: Erdfarben)
auf Holz: Naturharzlasur,
Innenanstriche auf mineralischem Untergrund:
Naturharzdispersionsfarbe
auf Holz: Leinölfarben, Schellack, Naturharzlasuren, Wachse etc.
Wandbeläge innen Papiertapete, Kork, Leinen, Bast, Holz etc.
4.4 Ausbau 199

4.4.2 Putzarbeiten

Putzoberflächen bilden im Vergleich zu anderen Materialien den größten Teil der raum-
umschließenden Flächen bzw. der Übergänge zum Außenbereich und haben deshalb für
Gesundheit und Umwelt eine besondere Bedeutung (Tab. 4.17). Die mineralischen Binde-
mittel, vor allem Kalk und Gips sind empfehlenswerte Baustoffe ohne negative Folgen für
die Gesundheit der Bewohner sowie mit vergleichsweise geringer Belastung der Umwelt.
Nach DINV 18550 werden nur noch die Mörtelgruppen PI, PII, PIII, PIV unterschie-
den. Eine genaue Klassifizierung wird in den europäischen Normen vorgenommen.
So werden in der neuen DIN EN 998 -1(02-2017) Putzmörtelgruppen nach Eigenschaf-
ten und Verwendungszweck unterschieden in:

 Normalmörtel GP
 Leichtmörtel I, W
 Edelputzmörtel CR
 Sanierputzmörtel R
 Einlagenputzmörtel für Außen OC
 Wärmedämmputzmörtel T

Tab. 4.17 Vor- und Nachteile von zweilagigem ökologischem Außenputz


Material Vorteile Nachteile
Kunstharzputze Stark wasserabweisend; leichte Ver- Hoher Anteil Kunstharze; z. T. was-
arbeitung; oft nur als oberste Schicht serdampfsperrend (schadensanfällig);
(Edelputz) von Putzsystemen problematische Entsorgung
Silikonputz Diffusionsoffen; sehr hoher Schutz Umweltbelastende Produktion von
gegen Eindringen von Feuchtigkeit in Polysiloxanen
den Putz; i. a. als Edelputz (als mehr-
lagiges Putzsystem)
Silikatputz Diffusionsoffen; guter Feuchte- und Geringe Anteile Kunstharzbindemit-
Schlagregenschutz; mineralisches tel (0,5 %)
Bindemittel (Kaliwasserglas); i. a. als
Edelputz
Zementputz Hydraulisch abbindend; in feuchte- Geringes Diffusionsvermögen
gefährdeten Bereichen einsetzbar; als
Spritzbewurf für 1. Schicht von mehr-
lagigem Putz
Kalkzementputz Weite Anwendungsgebiete in ver- Vielfach Einsatz von Zusatzmitteln;
schiedenen Mischungsverhältnissen; bei Einsatz als oberste Putzschicht:
zweite Schicht von mehrlagigem Putz wasserabweisender Anstrich erfor-
derlich
Kalkputz Produkt ohne Zusatzmittel; In- Karbonatisierung/Gipsbildung bei
haltsstoffe leicht überprüfbar; Einwirkung von Regen (SO2 ); An-
diffusionsoffen strich erforderlich
200 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

4.4.2.1 Außenputz
Neben den üblichen technischen Merkmalen sind folgende umweltrelevante Anforderun-
gen an Außenputzmaterialien zu stellen, wobei die Systeme hinsichtlich ihrer anschlie-
ßend erforderlichen Oberflächenbeschichtung und deren Erfordernissen ebenfalls betrach-
tet werden müssen:

1 möglichst geringe Zusätze von Kunstharzvergütungen,


2 Minimierung sonstiger Zusatzmittel,
3 Unempfindlichkeit gegen Algen- und Pilzbewuchs, möglichst ohne fungizide Zusätze,
4 Diffusionsoffen,
5 keine statische Aufladung (u. a. mit der Folge schneller Verschmutzung),
6 Langlebigkeit.

Beispiel: Renovierputzsystem
Bei ruhenden Oberflächenrissen bis max. 3,0 mm wird das Renovierputzsystem
(Tab. 4.18) bestehend aus Spachtelung incl. Gewebe und Oberputz verwendet. Dif-
ferenziert wird hier zwischen mineralischen und organischen Systemen.

Bei vorhandenem mineralischem Edelputz erfolgt die Spachtelung mit einem Faser-Re-
novierputz (MFR). Die anschließende Edelputzbeschichtung kann individuell mit einem
mineralischen Kratz- (KPS), Scheiben- (SPS) oder Münchner Rauputz (MRS) gestaltet
werden. Alternativ können auch Silikatputze (Kratz oder Rille) verwendet werden. Bei

Tab. 4.18 Aufbringen eines Renovierputzes


Renovierputzsystem
Schadensfall Oberflächenrisse, Hohlstellen, Absanden, optische Beeinträch-
tigung
Untergrund Kalkputz
Kalkzementputz
Zementputz
Mineralischer Oberputz
Silikatputz
Silikatfarbe
Beton
Siloxanputz
Siloxanfarbe
Kunstharzputz
Acrylatfarbe
Vorbehandlung Nach Empfehlung des Herstellers im System mit Materialien
für Untergrund, Putz und Anstrich
Putz/Spachtel ggf. mit Gewebe Faserrenovierputz
Endbeschichtung MFR in individueller Struktur oder min. Edelputz
Egalisationsanstrich Zweimaliger Anstrich
4.4 Ausbau 201

Abb. 4.62 Wirkprinzipien von Sanierputzsystemen. (Quelle: Remmers Löningen)

pastösen Systemen wird der Armierungsspachtel ASS mit nachfolgendem Siloxan- (Kratz
oder Rille) oder Kunstharzputz (Kratz oder Rille) verarbeitet. Bei Oberflächenrissen bis
0,2 mm kann auf die Gewebearmierung verzichtet werden, wenn sich die zu sanierende
Fläche aus Farbanstrich und Unterputz zusammensetzt.
Eine hochwertige Alternative bietet ein Sanierputz (Abb. 4.62). Das ist ein difussions-
offener und kapillarbrechender Entfeuchtungsputz, der für eine dauerhafte Feuchteregu-
lierung sorgt. Mit über 60 % Porenvolumen bietet er reichlich Platz für die Einlagerung
von Salzen. Durch einen Untergrundausgleich mit dem Porengrundputz haben die Salze
die Möglichkeit auszukristallisieren, ohne dabei Schäden zu verursachen.

4.4.2.2 Innenputz
Handwerksgemäß werden Innenputze wie Außenputze verarbeitet. Dennoch sollten fol-
gende Punkte beachtet werden:

1 Minimierung von Zusatzmitteln,


2 kein Einsatz von fungiziden Zusätzen,
3 gutes Feuchteverhalten/Sorptionsvermögen,
4 Langlebigkeit,
5 möglichst universeller Einsatz ohne Erfordernis von Grundierungen etc.,
6 anschließende Oberflächenbehandlung ohne Vorbehandlung und Grundierung.

Der Tab. 4.19 können die Vor- und Nachteile ökologischer Innenputze entnommen
werden.
202 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Tab. 4.19 Ökologische Vor- und Nachteile von Innenputzen


Material Vorteile Nachteile
Zementputz Hydraulisch abbindend; in feuchtege- Mäßiges Sorptionsvermögen
fährdeten Bereichen einsetzbar
Kalkzementputz Einsatz vor allem in Feuchträumen und
als Untergrund für Fliesenarbeiten
Kalkputz Hohes Sorptionsvermögen; gutes Feuch- Als reiner Kalkputz, nicht als Ma-
teverhalten; desinfizierende Wirkung schinenputz, verarbeitbar
Kalkgipsputz Hohes Sorptionsvermögen; desinfizie- Unter Umständen Grundierung für
rende Wirkung; gute Verarbeitbarkeit als Silikatanstriche erforderlich
Maschinenputz
Gipsputz Hohes Sorptionsvermögen; gute Verar- Feuchteempfindlich; Grundierung
beitbarkeit als Maschinenputz für Silikatanstriche erforderlich
Lehmputz Sehr gutes Sorptionsvermögen; sehr Nischenprodukt einzelner
geringer Primärenergieinhalt für Herstel- Anbieter; hohe Rissgefahr; feuch-
lung teempfindlich

Abb. 4.63 Raumklimaregeln-


de Putzeigenschaften. (Quelle:
ILS Hamburg)

Die raumklimaregelnden Eigenschaften des Innenputzes (Abb. 4.63) beruhen vor allem
auf der Wasserdampfaufnahme und –abgabe innerhalb bewohnter Räume.
Sowohl für Innen- als auch für Außenputze sind je nach konstruktiven Anforderungen
ergänzende Elemente wie Putzträger-, Putzbewehrung und Putzprofile erforderlich.
Über Einzelheiten informiert Sie Tab. 4.20.

4.4.2.3 Sanierputz
Aufgabe des Sanierputzes ist es, über einen längeren Zeitraum für eine trockene und aus-
blühungsfreie Putzoberfläche zu sorgen und das Mauerwerk langfristig zu schützen, indem
Salze im Putz eingelagert und damit aus dem Mauerwerk entfernt werden (Abb. 4.64).
4.4 Ausbau 203

Tab. 4.20 Ökologische Vor- und Nachteile von Putzelementen


Putzträger Holzwolle- Bewährtes Produkt,
leichtbauplatten ökologisch verträglich
(besonders magnesitge-
bunden)
Holzwolleleichtbau- Innenliegende Dämmstof-
platten, als Sandwich- fe – ggf. problematische
konstruktion Produktlinien
Schilfrohr Bei der Sanierung Je nach Anwendungsfall
(besonders von denkmal- aufwendige Verarbeitung
geschütztem Fachwerk)
sinnvoll
Gipskarton Einsatz vor allem beim
Innenausbau
Putz- Glasfasergewebe Einfache Verarbeitung; Feinstaubproblematik
bewehrungen hohe Zugfestigkeit
Kunststoffgewebe Einfache Verarbeitung Erdölprodukt; ggf. proble-
matische Produktlinien;
besonders bei PVC
Metall Korrosionsschäden möglich
Putzprofile Verzinkter Stahl Korrosionsschäden möglich
Aluminium Hoher Primärenergie-
einsatz; Rückbau für
Recycling schwierig
Kunststoff Erdölprodukt; ggf. proble-
matische Produktlinien,
besonders bei PVC

Um dies zu erreichen. müssen Sanierputzsysteme auf verschiedene Parameter einge-


stellt sein:

1. Der Sanierputz ist wasserabweisend, dabei aber diffusionsoffen eingestellt, was zu ei-
ner Verlagerung der Verdunstungsebene von der Oberfläche in den Putz führt.
2. Der Unterputz übernimmt die Funktion einer Einlagerungsschicht. Feuchtigkeit soll
in flüssiger Form mit den in ihr gelösten Salzen eindringen können und diese beim
Ausdiffundieren durch den Sanierputz im Unterputz zurücklassen.
3. Sanierputzsysteme haben eine so hohe Salzresistenz, dass selbst bei einem „mittleren“
Versalzungsgrad ein einlagiger Auftrag von 20 mm Schichtdicke genügt.

Sanierungsputze können ohne Abdichtung bis zum Durchfeuchtungsgrad von  40 %


eingesetzt werden.
Neben den im Bindemittel vorhandenen Kapillarporen können Sanierputze bzw.
Grund-/Porenputze stark unterschiedliche Porenarten aufweisen. Zum einen nicht kapil-
laraktive Poren, die über die Luftporenbildner eingebracht werden, sog. „Transitporen“.
204 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.64 Sanierputz. Die Überwölbung wurde aus ästhetischen Gründen bewusst freigehalten,
aber fachgerecht saniert. (Quelle: Remmers, Löningen)

Zum anderen kapillaraktive Poren, die über die Zugabe von speziellen Leichtzuschlägen
eingebracht werden.
Da Salze nahezu ausschließlich in kapillaraktiven Poren eingelagert werden können,
sind für die Funktionalität und Haltbarkeit von Grund- und Porengrundputzen kapillarak-
tive Poren maßgeblich.
Für Sanierputze, die noch diffusionsfähig oder wasserabweisend sein müssen, sind
Transitporen zu bevorzugen (Abb. 4.65).

Abb. 4.65 Funktionsdifferenzierte Porensysteme. (Quelle: Remmers, Löningen)


4.4 Ausbau 205

4.4.3 Fenster und Türen

4.4.3.1 Konstruktive Vorbemerkungen


Alte Fenster verursachen noch immer große Wärmeverluste (Abb. 4.66). Bei einem Ein-
familienhaus kann der Wärmeverlust bis zu 40 % der gesamten Heizenergie betragen.
Bei einer durchdachten Sanierung hat das Fenster oberste Priorität. Das Diagramm
zeigt den Raumwärmeverlust eines Reihenhauses.
Fenster sind vom Dämmwert her nicht mit anderen Bauteilen zu vergleichen. Selbst die
beste Verglasung bleibt noch hinter einer üblichen Wand zurück. So sind Fenster einerseits
die größten „Energieverlierer“ eines Gebäudes. Andererseits sind Fenster aber für unser
Wohlbefinden (Tageslichteinfall – Sichtkontakt zur Außenwelt) sehr wichtig und haben
als transparentes Bauteil den Vorteil: Sie lassen die Sonne und damit für uns kostenlose
Energie ins Haus.

I Fenster sind buchstäblich die „dünnen Stellen“ in der Haut eines Hauses. Den-
noch müssen sie Orkanböen, Hagel, Schlagregen und Eiseskälte mit hohen Tem-
peraturdifferenzen zwischen drinnen und draußen auf Dauer verkraften.

Es ist auch wichtig zu beachten, dass ein Fenster nicht nur aus der Verglasung sondern
zu 20–40 % aus dem Rahmen besteht (Abb. 4.67).
Das unterschiedliche Rahmenmaterial (Holz, Metall, Kunststoff) hat aufgrund seines
unterschiedlichen U-Wertes wesentlichen Einfluss auf die Energieeinsparung. Ebenso
konstruktiv bedeutsam ist der möglichst wärmebrückenfreie Randverbund zwischen Ver-
glasung und Rahmen und die Dichtung.
Dabei sind (während der Heizzeit) undichte Fenster verantwortlich für Unbehaglichkeit
durch Zuglufterscheinungen und schlecht dämmende Fenster für kalte Oberflächen, die
den Räumen und Menschen einseitig Wärmestrahlung entziehen. Und natürlich bedeuten
solche Fenster einen hohen Energieverlust und daher hohe Energiekosten.

Abb. 4.66 Raumwärmeverluste am Gebäude. (Quelle: ILS Hamburg)


206 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.67 Bezeichnungen am


Fenster (Holzfenster). (Quelle:
Lillich, Schwäbisch-Gmünd)
4.4 Ausbau 207

In den nachfolgenden Ausführungen werden Sie ausführlich mit dieser Problematik


aus ökologischer Sicht vertraut gemacht.
Ein neu eingebautes, saniertes Fenster lässt sich nachträglich nicht mehr (oder nur mit
kaum vertretbarem Aufwand) ändern. Deshalb spricht alles für die Wahl eines fugendich-
ten, optimal gedämmten und luftdicht eingebauten Fensters:

 der lange Nutzungszeitraum von mindestens 30 Jahren,- eine Amortisation der Mehr-
kosten gegenüber Standard-Fenstern innerhalb der Lebensdauer (durch Einsparung des
Energieverbrauchs),- die geringe Umweltbelastung,
 bester winterlicher Wärmeschutz,
 sehr hohe Behaglichkeit durch warme innere Scheibenoberflächen,
 Tauwasserfreiheit der Konstruktion.

4.4.3.2 Fenster U-Wert


Wie Sie bisher erfahren haben, ist der Heizenergieverbrauch von Gebäuden im starken
Maße von der Größe, Art und Anordnung der Fenster abhängig.
Der Wärmeverlust beim Fenster entsteht in der Hauptsache durch Transmissions- (und
Lüftungs-)wärmeverluste.
Der Transmissionswärmeverlust ist die Wärmemenge, die infolge unterschiedlicher
Temperaturen zwischen außen und innen über die Fläche des Fensters, also über Glas und
Rahmen hindurchwandert. Dieser Verlust kommt durch den U-Wert zum Ausdruck.

I Der U-Wert des gesamten Fensters drückt aus, wie viel Wärme von innen nach
außen verloren geht. Es gilt die Faustregel: Je niedriger der U-Wert, desto ener-
giesparender ist das Fenster.

Der für jede Planung und Energiebedarfsberechnung entscheidende Wert ist der U-
Wert des gesamten Fensters. Und dieser entspricht keinesfalls nur dem U-Wert der Ver-
glasung!
Grundlage der Berechnung ist die neue EN ISO 10077-1. Sie führt zu einer komplexe-
ren Betrachtung des energetischen Verhaltens von Fenstern und damit zu einer detaillier-
ten Bewertung des Einflusses von Wärmebrücken und Abwicklungsflächen.
Der U w -Wert des Fensters wird aus dem U f -Wert des Rahmens und dem U-Wert der
Verglasung gebildet und flächenanteilig gewichtet. Zusätzlich wird noch der Einfluss des
Randverbundes der Verglasung einbezogen. Durch diese europäische Harmonisierung än-
dern sich außerdem die Bezeichnungen der einzelnen wärmetechnischen Kenngrößen.
Grundlage der Berechnung ist diese Gleichung:

Ag  Ug C Af  Uf C lg  ‰g
Uw D
Ag C Af

Ag und Af sind die Ansichtsflächen der Verglasung und des Rahmens. Der Einfluss des
Randverbundes der Verglasung wird über den linearen Faktor g berücksichtigt, wobei lg
208 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Tab. 4.21 Wärmetechnische Kenngrößen


Wärmedurchgangskoeffizient Fenster Uw
Wärmedurchgangskoeffizient Verglasung Ug
Wärmedurchgangskoeffizient Rahmen Uf
Linearer Wärmedurchgangskoeffizient Glasrandbereich (Randverbund) g

Bedeutung der engl. Indizes: F D Fenster, neu: w D window; V D Verglasung, neu: g D glass;
R D Rahmen, neu: f D frame

den sichtbaren Umfang der Scheibe darstellt. Da in die Bestimmung des U w -Wertes der
Wärmebrückeneffekt zwischen Glas und Rahmen einfließt, sind die Auswirkungen auch
von der Glasrandlänge abhängig.

U g = Wärme, die am Glas von innen nach außen verloren geht


U w = Wärme, die am gesamten Fenster von innen nach außen verloren geht
g = Psi
= linearer Wärmedurchgangskoeffizient
U f = Wärme, die am Rahmen von innen nach außen verloren geht

Beispiel einer Uw -Berechnung (nach Königstein) (Abb. 4.68)


Geplant sei eine Fensteröffnung (Rohbaumaß) von 1,948 m2 (h D 1,21 m; b D 1,61 m).
Ein Holzfenster mit U f D 1,4 W/(m2 K) und 30 % Rahmenanteil an der Fensteröff-
nung sowie ein 2-Scheiben-Wärmeschutzglas mit dem guten Wert U g D 1,1 W/(m2 K)
soll eingebaut werden:

Œ1;3636 m2 1;1 W/(m2 K) C 0;5844 m2 Å 1;4 W/(m2 K) C 6;74 m 0;05 W/(m2 K) W
Œ1;3636 m2 C 0;5844 m2  D Uw D 1;37 W/(m2 K):
4.4 Ausbau 209

Abb. 4.68 Prinzip der U-


Wert-Berechnung. (Quelle:
ILS Hamburg)

Das gesamte Fenster erreicht unter den gegebenen Bedingungen einen U w -Wert von
knapp 1,4 W/(m2 K) – also nur den Rahmenwert!
Bei der Materialwahl gilt grundsätzlich, dass alle Fensterwerkstoffe wie Holz,
Kunststoff, Aluminium etc. auch in Kombination ohne Bedenken eingesetzt werden
können, wenn sie fachlich richtig verarbeitet werden.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Überprüfung der bauphysikalischen Gege-


benheiten: bleiben Außenwände und andere Bauteile ungedämmt, besteht dort in erhöh-
tem Maß die Gefahr von Kondenswasserniederschlag und daraus resultierender Schim-
melbildung. Nach Möglichkeit sollte immer eine Gesamtsanierung aller Bauteile durchge-
führt werden, bei der die Dämmung so dimensioniert werden sollte, dass die Glasscheiben
kühlstes Bauteil bleiben, um die althergebrachte Warnwirkung beschlagener Scheiben zu
erhalten. Bei der Sanierung sollte, soweit möglich, auch die Fensterorientierung beachtet
werden (die nachfolgenden aufgeführten Aspekte sollten für den Neubau eine Selbstver-
ständlichkeit sein):

 Die Nordfensterfläche soll lediglich eine ausreichende Helligkeit in den Räumen si-
cherstellen. 10 % der Nordfassadenfläche sollten nicht überschritten werden.
 15–30 % der Fassadenfläche für Fenster jeweils auf der Ost- und Westseite sind op-
tional, wobei die Gefahr der sommerlichen Überhitzung im Westen größer ist als im
Osten.
 Für die Energieeinsparung durch eine passive Sonnenenergienutzung ist die Größe der
Südfensterflächen nicht allein entscheidend.
 Weit wichtiger als die Fenstergröße ist der Wärmeschutz-Standard des gesamten Ge-
bäudes.
 Die Qualität der Verglasung ist wichtiger als die Fenstergröße.
210 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Der Fensterflächenanteil an der Südfassade sollte bei 40–60 % liegen. Darüber hinaus
können die zusätzlichen Solargewinne nicht mehr genutzt werden! Im Gegenteil – mit
zunehmender Fensterfläche muss ein immer besserer Sonnenschutz gegen Überhitzung
im Sommer gewährleistet werden.

I Damit kann die Wahl der Fensterfläche auf der Südfassade also auf Grundlage
von architektonischen oder ökonomischen Gesichtspunkten getroffen werden
– Fenster sind das mit Abstand teuerste Bauteil!

4.4.3.3 Energiesparende Verglasung


Glas ist einer der ältesten künstlich erzeugten Werkstoffe. Die Wärmeleitfähigkeit von
Glas beträgt 0,81 W/(m2 K) und ist damit im Vergleich zu den meisten Wandbaustoffen
gering.
Die Erweichungstemperatur von Glas liegt bei 550 bis 600 °C. Glasscheiben sind
zwar unbrennbar (A1, DIN 4102), sie zerspringen aber wegen innerer Spannungen schon
bei relativ niedrigen Temperaturunterschieden. Das entscheidende Element der jetzigen
Entwicklung besteht darin, dass Glasverwendung in Verbindung mit energetischer Op-
timierung der Gebäude zu drastischen Einsparungen beim Energiebedarf führen wird
(Tab. 4.22).
Allerdings ist Glasarchitektur nicht mit Solararchitektur gleichzusetzen: Jedes Gebäu-
de verträgt nur eine spezifische Wärmezufuhr, möglichst von der Südseite des Baukörpers,
welche im Zuge der Vorentwurfsplanung von der energetischen Seite optimiert werden
muss. Opak gedämmte Bauteile werden vor allem auf der Nordseite und bedingt an der
Ost- und Westfassade die sinnvolleren Bauteile bleiben.
Die Dämmwirkung der Verglasung wird vor allem durch die Luft- oder Edelgasfüllung
im Scheibenzwischenraum (SZR) erzielt, der deshalb 12 mm nicht unterschreiten sollte.
Typische Verglasungsmaße sind 4-12-4 oder 4-16-4 (Glas-SZR-Glas in mm).

Gesamtenergiedurchlassgrad g
Verglasungen haben nicht nur Wärmeverluste. Je nach dem Grad ihrer Durchlässigkeit er-
zielen sie auch Wärmegewinne. Der g-Wert als sog. Gesamtenergiedurchlassgrad gibt
den Anteil der einfallenden Sonnenstrahlung an, der durch die Verglasung in das Raumin-
nere gelangt und im Winter zur Raumheizung genutzt werden kann (Abb. 4.69).

Tab. 4.22 Vergleiche unterschiedlicher Glassorten


Verglasung U g -Wert Scheibeninnenoberflächentemperatur bei
W/(m2 K) 10 °C außen u. C20 °C innen
Einscheibenglas 5,6 –1,0 °C
Zweischeibenisolierglas 2,9–3,1 C8,4 °C
Zweischeibenwärmeschutzglas 1,1–1,9 C15,5 bis C12,8 °C
Dreischeibenwärmeschutzglas 0,4–0,9 C17,3 bis C16,4 °C
4.4 Ausbau 211

Abb. 4.69 Ermittlung des g-


Wertes und EN 410. (Quelle:
ILS Hamburg)

Der g-Wert ergibt sich den direkten Transmissionsgrad Te (hier 48 %) und dem sekun-
dären Wärmeabgabegrad (hier 14 %) D 62 %. Je höher der g-Wert ist, desto mehr Licht
fällt in den Raum. Werte von 50 bis 65 % sollten daher selbst bei den energiesparends-
ten Verglasungen angestrebt werden. Dabei muss auf guten sommerlichen Wärmeschutz
geachtet werden, damit sich der dahinterliegende Raum gerade auf der Südseite nicht zu
stark erwärmt.
Das geringste Dämmniveau aller Außenbauteile weist in der Regel also das Fenster
auf.

I Es lassen sich allerdings erhebliche Solargewinne erzielen, sodass bei sinnvoller


Fensteranordnung und -orientierung die passiven Solargewinne die Wärmever-
luste voll ausgleichen können.

Die U 2 -Werte der Mehrscheiben-Isolierverglasungen (Abb. 4.70) mit Argon- oder


Kryptonfüllung aber ohne Sonderfunktionen wie z. B. erhöhtem Schallschutz oder
Sonnenschutz liegen bei 1,1 W/(m2 K), bei Zweifachwärmeschutzverglasungen mit
Gesamtenergiedurchlassgraden g von etwa 0,57 W/(m2 K). Die Dreischeiben-Wärme-
schutzverglasungen warten mit U-Werten von bis zu 0,6 W/(m2 K) und entsprechend
niedrigeren g-Werten von etwa 0,42 W/(m2 K) auf.
Wird das sehr teure und nur wenig verfügbare Edelgas Xenon eingesetzt, reduzieren
sich die U-Werte noch einmal um 0,1 bis 0,2 W/(m2 K), ohne dass sich die g-Werte nen-
nenswert verringern. Sonnenschutz- und Schallschutzverglasungen weisen häufig g-Werte
unter 0,3 W/(m2 K) auf minimale U-Werte von etwa 1,1 W/(m2 K) auf.

I Empfohlen werden Einfachfenster mit Zwei- oder sogar Dreischeibenwärme-


schutzverglasung sowie sehr gut gedämmte Holz- oder Kunststoffrahmen bei
gleichzeitig gutem Randverbund.
212 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.70 Wärmedurchgang durch ein Fenster mit Wärmeschutzisolierglas – schematische Dar-
stellung. (Quelle: ILS Hamburg)

4.4.3.4 Fensterrahmen
20–40 % der Fensteröffnungen im Rohbau in der Außenwand entfallen auf den Rahmen.

I Deshalb entscheidet das Rahmenmaterial bei den Energiesparüberlegungen


mit (Tab. 4.23).

Holz- und Kunststoff sind Marktführer (über 80 % Anteil) unter den Rahmenmateriali-
en und schneiden in der Dämmwirkung am besten ab. Einzelne Hersteller bieten bezüglich
der Dämmwirkung gleichwertige Aluminiumrahmen an. Neben der Materialart ist auch
die Stärke ein Faktor für die Dämmwirkung.
Ein bautechnisches Problem bei Fenstern (und Türen) ist der Anschluss an die Wand-
konstruktion. Üblicherweise verwenden Handwerker heute Montageschaumaus der prak-
tischen Sprühdose. Er lässt sich bis in die kleinsten Winkel sprühen und stopft die Ritzen

Tab. 4.23 Rahmenmaterial U-Wert-Temperaturen


Rahmenmaterial und U-Wert in Innenoberflächentemperatur bei 10 °C außen
-bauart W/(m2 K) und C20 °C innen
Holz 1,4–1,7 C15 bis C13 °C
Kunststoff
– PVC 1,4–2,8 C15 bis C9 °C
– PUR-Schaum 1,7–2,1 C14 bis C12 °C
Aluminium
– Ohne Isolierung ca. 5,8 ca. –2 °C
– Mit Isoliersteg 2,8–3,5 C9 bis C6 °C
– Thermisch optimal ca. 1,5 ca. C14 °C
Hoch gedämmte Rahmen ca. 0,8 ca. C17 °C
4.4 Ausbau 213

luftdicht aus. Allerdings ist dieser Schaum nach Ansicht von Innenraumhygienikern kein
gesundheitlich unbedenkliches Produkt. Aus Isocyanaten und einem mehrwertigen Alko-
hol entsteht Polyurethanschaum (PU). Das Isocyanat-Asthma ist eine anerkannte Berufs-
krankheit. Während die Isocyanate schnell abreagieren, verbleiben die im Schaum ent-
haltenen Flammschutzmittel längere Zeit in den Innenräumen. Diese stehen im Verdacht,
unter anderem Haut- und Schleimhautreizungen auszulösen und die Infektanfälligkeit zu
erhöhen. Brennt es doch einmal, dann setzt der Schaum im schlimmsten Fall sogar giftige
Blausäure frei. Wer im Sinne einer gesundheitlichen Vorsorge baut, der entscheidet sich
deshalb für das Ausstopfen der Fenster- und Türanschlüsse von Hand und innen mit Na-
turdämmstoffen. Im Innenbereich ist auf einen luft- und dampfdichten, im Außenbereich
auf einen regendichten Fugenverschluss zu achten.

4.4.3.5 Fensterarten
Bei den Fensterarten wird nach der jeweiligen Rahmenbauart unterschieden.

Einfachfenster
Das Einfachfenster (Abb. 4.71) ist die am häufigsten genutzte Fensterart. Sie bezeichnet
eine Rahmenbauart, die aus einem einteiligen Flügelrahmen besteht.
Energiesparende Verglasungsarten sind

 Zweischeibenwärmeschutzglas oder
 Dreischeibenwärmeschutzglas.

Verbundfenster
Der Flügelrahmen besteht aus je einem miteinander verbundenen Außen- und Innenflügel,
meist nur aus Einfachverglasung (Abb. 4.72). Bei einem Abstand der Scheiben von 40
bis 70 mm wird im Vergleich z. B. zur herkömmlichen Zweischeibenisolierverglasung ein
leicht verbesserter Dämmwert erzielt.
Energiesparende Verglasungsarten sind

 ein inneres Fensterglas und ein äußeres Zweischeibenwärmeschutzglas


 oder umgekehrt bei denkmalgeschützten Gebäuden.

Kastenfenster
Sie bestehen aus zwei getrennten Flügeln mit mind. 10–15 cm Abstand, die durch das
umlaufende Futter verbunden und im Bestand ebenfalls oft mit Einscheibenverglasung
ausgestattet sind (Abb. 4.73). Die Flügel müssen nacheinander geöffnet werden. Mit dieser
Konstruktionsart sind vergleichsweise gute Wärmedämmwerte zu erreichen.
214 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.71 Einfachfenster:


zweiflüglig untergliedertes In-
nenvorfenster. (Quelle: Lucas
Berlin)

Energiesparende Verglasungsarten sind

 ein inneres Fensterglas und ein äußeres Zweischeibenwärmeschutzglas


 oder umgekehrt bei denkmalgeschützten Gebäuden.

I Kasten- und Verbundfenster eigenen sich gut für die Erhaltung/Sanierung von
historischen Fassaden, weil der Einbau originalmaßstäblicher Sprossen möglich
ist.

4.4.3.6 Dichtheit
Neben den Wärmeverlusten durch Transmission (Wärmedurchgang durch das Fenster)
haben auch die Lüftungswärmeverluste durch Fugen und Undichtigkeit einen erheblichen
Anteil an den gesamten Wärmeverlusten eines Fensters.
Glasscheiben sind dicht und spannungsfrei in die Falze einzubauen. Dazu notwendige
Erfordernisse an Falzhöhen und -breiten ergeben sich aus DIN 18 056, z. T. aktualisiert
4.4 Ausbau 215

Abb. 4.72 Verbundfenster.


(Quelle: Lucas Berlin)

durch die technischen Regeln für die Verwendung von linienförmig gelagerten Vertikal-
verglasungen, DIN 18 361 (VOB), DIN 18 545-1 sowie die jeweiligen Herstellerrichtlini-
en.

Wegen der Gewährleistung für Mehrscheibenisoliergläser (i. d. R. fünf Jahre für Tauwas-
serfreiheit) haben die Einbaurichtlinien von Herstellerfirmen im Zweifelsfall sogar Vor-
rang (Abb. 4.74).

In diesen Regelwerken werden berücksichtigt und gegenseitig verknüpft:

 Scheibengrößen und Scheibendicken,


 Umwelteinwirkungen,
 Gebäudehöhen,
 Rahmen- (und Flügel-)Material sowie deren Farbton sowie die
 ermittelte Dicke der Dichtstoffvorlage.

Der Lüftungswärmeverlust durch ein Fenster steigt proportional mit der Länge der
Fuge. Daher sollten Fenster prinzipiell mit möglichst geringer Fugenlänge ausgewählt
werden (Tab. 4.24).
216 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.73 Kastenfenster.


(Quelle: Lucas Berlin)

Tab. 4.24 Einfluss der Fugenlänge auf die Lüftungswärmeverluste. (Quelle: ILS Hamburg)

4.4.3.7 Temporärer Wärmeschutz


Als Ergänzung können temporäre Wärmeschutzmaßnahmen sinnvoll sein.
Die erzielte Energieeinsparung liegt bei gut gedämmtem Fenstern (U-Wert < 1,50 W/
2
m K) nur bei unter 7 % (Abb. 4.74). Temporärer Wärmeschutz macht deshalb nur Sinn,
wenn noch andere Gründe ausschlaggebend sind, z. B. Einbruch- oder Sonnenschutz oder
gestalterisch-ästhetische Überlegungen (z. B. Fensterläden) eine Rolle spielen.
Die wichtigsten Maßnahmen sind:

1. Vorhänge
2. Rollläden
3. Fensterläden
4.4 Ausbau 217

Abb. 4.74 Scheibendichtung. a Einscheiben, b Zweischeiben. (Quelle: ILS Hamburg)

4. sommerlicher Wärmeschutz
5. natürlicher Sonnenschutz

1. Vorhänge
Es dürfen keine Heizkörper durch Vorhänge verdeckt werden. Die aufgewärmte Luft darf
durch die Vorhänge auch nicht an die Fensterfläche geleitet werden. In diesen Fällen wird
mit Wärmeverlusten zu rechnen sein, die bei starkem Wärmestau hinter den Fenstern bis
zu 40 % betragen können.
Die Auswahl der Stoffe kann den Wärmeeffekt positiv beeinflussen.
Es sollte die Möglichkeit gegeben sein, dass die Vorhänge seitlich neben die Fenster-
fläche verschoben werden können, damit passive Solargewinne nicht durch den reflektie-
renden Vorhang gemindert werden.

2. Rollläden
Rollläden sind die gängigste Form des temporären Wärmeschutzes (Abb. 4.75). Ein fühl-
barer Energieeinsparungseffekt tritt nur ein, wenn sie relativ dichte Abschlüsse an den
Randleisten und am unteren und oberen Abschluss haben. Während die Einsparung bei
Rollläden in Verbindung mit Isolierglasfenstern noch 20 % beträgt, sinkt sie bei Fenstern
mit Wärmeschutzverglasung auf ca. 11 % ab. Nicht berücksichtigt ist bei diesen Angaben
der gegenläufige Wärmeverlust durch die Wärmebrücken bei Rollladenkästen. Die Wär-
mebrückenverluste bei einfachen Rollladenkästen mit 2–4 cm Wärmedämmung betragen
ca. 0,4–0,8 W/(m2 K). Dazu kommen gegebenenfalls Undichtigkeiten an der Revisions-
klappe auf der Innenseite, wodurch weitere hohe Wärmeverluste bedingt sein können.

I Aus genannten Gründen sollten die Rollladenkästen kompakt und gut wärme-
gedämmt sein – mit mindestens 3 cm Dämmstoffauskleidung.

Ein U-Wert kleiner als 0,6 W/(m2 K) sollte unbedingt angestrebt werden.
218 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.75 Fenster mit Rollladenkasten (Schema). (Quelle: ILS Hamburg)

3. Fensterläden
Fensterläden (Abb. 4.76) schützen das Haus vor Kälte, Wind, Regen, Sonne und Einbruch.
Lange Tradition haben im mittleren Europa Holzklappläden. Bereits die klassizistischen
Baumeister verwendeten Rollläden für ihre repräsentativen Stadthäuser. Diese Läden hin-
gen damals allerdings in separaten Kästen außen in der Fensterlaibung und waren nicht,
wie heute üblich, mit dem Rollladenkasten direkt in den Wandaufbau integriert. Die heu-
tige Bauweise hat jedoch ein Problem:

I Der in die Wand integrierte Rollladenkasten, auch wenn er gut gedämmt ist, bil-
det eine Wärmebrücke.

Dadurch kommt es an dieser Stelle nicht nur zu Wärmeverlusten, sondern in der Fens-
terlaibung häufiger auch zu Schimmelbildung, weil sich die Luftfeuchtigkeit im Innen-
raum am kältesten Bauteil, in diesem Fall im Bereich des Rollladenkasten-Revisionsde-
ckels, niederschlägt.
Um diese Wärmebrücke zu vermeiden, muss der Laden anders konstruiert, beispiels-
weise nur von außen für Reparaturen zu öffnen sein. Als Alternative bieten sich konven-
tionelle Klappläden an. Sie hängen vor der Fassade – wo sie auch als Gestaltungselement
das Erscheinungsbild des Hauses prägen – und greifen nicht ins bauphysikalische Gefüge
der Außenwand ein. Traditionelle Modelle, die es heute wieder gibt, haben verstellbare
4.4 Ausbau 219

Abb. 4.76 Holzfensterladen. (Quelle: Lucas Berlin)

Lamellen und können auch von innen per Kurbel oder elektrisch geöffnet und geschlos-
sen werden. Über sie lässt sich an heißen Tagen die Luft- und Lichtzufuhr im Zimmer
dahinter regeln. Im Winter helfen die dämmenden Holzläden beim Energiesparen.
Wem Klappläden nicht gefallen, der kann sich für verschiebbare Holzelemente ent-
scheiden, die auf Schienen außen an der Hauswand geführt werden. Diese sogenannten
Horizontalläden lassen sich je nach Wunsch variieren und können sogar von Elektroan-
trieben nach Zeit und Sonnenstand gesteuert werden. Beliebt sind auch außen liegende
Jalousien, meist aus Leichtmetall. Sie dienen vor allem dem Sonnenschutz, der bekannt-
lich außen, vor dem Fenster montiert, effizienter ist als innen. Weil diese Bauteile auf der
Fassade befestigt werden, bilden sie keine Wärmebrücken und sind damit dem heutigen
Rollladen vorzuziehen. Hier ist allerdings auf die Sicherung bei Sturm zu achten! Und ob
das noch den ästhetischen Anforderungen genügt, ist auch fraglich.

4. Sommerlicher Wärmeschutz
Zum temporären Wärmeschutz zählt ebenso der Schutz vor übermäßiger Sonneneinstrah-
lung im Sommer und an sehr sonnigen Wintertagen während der Heizzeit. Südfenster
können und sollen im Sommer nicht nur durch geschlossene Läden, sondern auch mit ent-
sprechenden konstruktiven Abschattungen wie z. B. durch Balkone, Überdachungen oder
andere bauliche Maßnahmen vor der direkten Einstrahlung der relativ steil am Himmel
stehenden Sonne geschützt werden.
Die Abb. 4.77 zeigt weitere äußere Sonnenschutzvorrichtungen wie massive Vordächer,
Lamellenblenden, Jalousien, Markisen.
220 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.77 Sonnenschutzvorrichtungen. (Quelle: ILS Hamburg)

I Dichte Fenster und ein dichter Einbau sind unerlässlich, sonst werden die Ein-
sparungen auf der einen Seite durch Unzulänglichkeiten auf der anderen Seite
wieder zunichte gemacht. Das gilt auch für den temporären Wärmeschutz.

4.4.3.8 Sanierung
Die Sanierung von Fenstern im Altbaubestand beinhaltet ein enormes Energieeinspa-
rungspotenzial. Die übliche Sanierungsform wird der Austausch von bestehenden Fens-
tern gegen neue sein. Hierbei lassen sich neue Glas- und Rahmenqualitäten mit einem sehr
günstigen Kosten-Nutzen-Verhältnis einbauen.
Für ein Sanierungsvorhaben mit Fenstern sollten deshalb folgende Kriterien beachtet
werden:

1. Formbeständigkeit bei allen äußeren Einflüssen,


2. lange Lebensdauer und geringer Aufwand für Wartung und Unterhaltung,
4.4 Ausbau 221

3. angemessener Preis unter Berücksichtigung der Herstellungskosten, der Wartungs- und


Unterhaltungskosten,
4. die Bedienung eines Fensters zum Lüften und zum Reinigen soll ohne Kraftaufwand
möglich sein, der Verschluss soll sich möglichst mit einem Handgriff bequem betätigen
lassen,
5. bei der Materialwahl gilt grundsätzlich, dass alle Fensterwerkstoffe wie Holz, Kunst-
stoff, Aluminium oder ihre Kombination ohne Bedenken eingesetzt werden können,
wenn sie fachlich richtig verarbeitet werden.

4.4.4 Türen

Aufgrund der Materialvielfalt, die sowohl bei Außen- als auch bei Innentüren zum Einsatz
kommt, ist die Umweltverträglichkeit relativ schwer einzustufen. Die ökologische Sanie-
rung von Türen entspricht nahezu übereinstimmend den Kriterien, die auch an Fenster
gestellt werden.

Abb. 4.78 Hauseingangstür; a im Originalzustand, b im Modernisierungszustand. (Quelle: Biffar,


Maikammer)
222 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Tab. 4.25 Materialien für Türen


Material Beschreibung
Kunststoff Einsatz von Kunststoff vor allem für die Oberflächen in Form eines Anstrichs,
Beschichtung, als Kunststofffurnier oder als aufgeklebte Platten; durch den
festen Verbund keine spätere Trennung und mithin kein Recycling möglich;
Einsatz von Kunststoffen, besonders PVC, möglichst vermeiden
Stahl Üblich für Gewerbe-, Keller- und Funktionsräume, besonders für Brandschutz-
türen; Stahlzargen auch im Wohnungsbereich empfehlenswert (dauerhaft;
Montage ohne Schadstoffe); Oberflächenbehandlung beachten
Glas Keine Schadstoffbelastung der Raumluft; empfehlenswert
Holzwerkstoffe Der Einsatz von Holzwerkstoffen kann eine Belastung der Raumluft z. B. durch
Formaldehyd verursachen und sollte deshalb auf ein Mindestmaß beschränkt
bleiben. Der Werkstoff sollte ein Minimum an Emissionen aufweisen. Es emp-
fiehlt sich, Herstellerangaben über das eingesetzte Bindemittel und das Maß der
Ausgasung aus dem Werkstoff mit und ohne Furnier anzufordern (je höher die
Unterschreitung der E-1-Grenzwerte, desto besser)
Grundsätzlich nehmen die Emissionen nach folgendem Schema ab:
1. eingesetztes Bindemittel (Ausgasungsverhalten von Formaldehyd: bei Harn-
stoff-Formaldehyd-Harz am höchsten, Melamin-Formaldehyd-Harz mittlerer
Bereich, Phenol-Formaldehyd-Harz am niedrigsten),
2. Isocyanathaltige Bindemittel emittieren geringere Mengen, können jedoch
eine höhere Toxizität aufweisen,
3. die Gesamtausgasung verhält sich proportional zum Leimanteil im Werk-
stoff,
4. wirksam abgesperrte Werkstoffe emittieren weniger als offene Werkstoffe
bzw. Platten mit einer unwirksamen Absperrung.
Holz Vollholz ist der empfehlenswerteste Baustoff, Einschränkungen in Abhängig-
keit von der Oberflächenbehandlung

Langlebigkeit ist ein wesentliches Kriterium, dem allerdings der Zeitgeist bzw. neue
Modetrends entgegenstehen, die im Allgemeinen eher den Ausschlag für die Erneue-
rung von Türen geben als technische Erfordernisse. Nicht zu vernachlässigen ist jedoch
auch der Wartungsaufwand, insbesondere das Nachstreichen der Türen, was jeweils zur
Belastung der Raumluft beiträgt und aus einem positiv zu bewertenden Material ein Ab-
fallprodukt mit der Klassifizierung Sonderabfall machen kann.
Ökologisch sanieren heißt aber auch, ästhetische Belange zu berücksichtigen.
So ist die Gestaltung der Türe in Abb. 4.78a der sogenannten „Sanierung“ in Abb. 4.78b
in allen technischen und ökologischen Parametern überlegen. Möglicherweise könnten
aber die Sanierungskosten höher liegen.
Auf die Wichtigkeit von Dichtungen in den beweglichen Falzen wurde bereits beim
Fenster mehrfach hingewiesen. Im Prinzip gelten für Türen die gleichen Anforderungen.
4.4 Ausbau 223

Bei Außentüren hängt der Wärmeschutz

 vom Material des Türblattes,


 des Rahmens,
 der eingesetzten Glasscheiben und
von der Fugendichtheit ab.

Eine Holz- oder Kunststofftür mit zusätzlicher Wärmedämmung erreicht in der Regel
einen U-Wert von 1,0 oder niedriger (Abb. 4.79).
Mit passender Wärmeschutzverglasung ausgestattet ist so eine Außentür keine
Schwachstelle in der Fassadendämmung mehr (Abb. 4.80 und 4.81).
Türen aus gut wärmeleitendem Aluminium müssen unbedingt „thermisch getrennte“
Profile aufweisen. Das heißt, zwischen dem inneren und den äußeren Aluprofil muss
eine Dämmschicht eingebaut sein, in der Regel ein Dichtungsstreifen aus Schaumstoff
(Abb. 4.82).
Das hier gezeigte Modell hat ein verglastes Seitenteil, durch das in den Flur ausrei-
chend Tageslicht einfallen kann. Der Rahmen besteht aus thermisch getrennten Drei-
kammeraluminiumprofilen von 60 mm Bautiefe mit einer weißen, pulverbeschichteten

Abb. 4.79 Vollholztür. (Quel-


le: Biffar, Maikammer)
224 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.80 Glastür. (Quelle:


Biffar, Maikammer)

Abb. 4.81 Metall-/Stahltür. (Quelle: Biffar, Maikammer)


4.4 Ausbau 225

Abb. 4.82 Hochwärmegedämmte Aluminiumhaustür. (Q 141/30)

Tab. 4.26 Wärme- und Schalldämmwerte von Haus- und Abschlusstüren


Haustüren und Wohnungsabschlusstüren U-Wert Gewicht in kg/m2
– alle Türen mit Falzdichtungen in W/(m2 K)
Vollholztür, ca. 50 mm 1,3 35
Vollholztür, ca. 50 mm, mit Leichtmetallauflage 1,3 45
Schwere Vollholztür, ca. 60 mm (mit Aufdoppelung) 0,5 42
Stahl-Sicherheitstür, 55 mm mit Dämmstoff-Füllung 0,5 60
Vollholztür, ca. 60 mm mit 30–40 % Lichtfläche aus:
– 7 mm Drahtglas 1,7 30
– 20 mm zweifaches Isolierglas 1,3 31
– 24 mm Polyesterwaben 1,1 24
226 4 Ökologisches Sanieren von Baukonstruktionen

Abb. 4.83 Prinzipien der Türdichtungen. (Quelle: ILS Hamburg)

Oberfläche. Das Türblatt hat eine Kunststofffüllung mit wärmedämmendem Hartschaum-


kern.
Bei Außentüren ist es der Wärme- und Schallschutz, der damit erheblich verbessert
werden kann; bei Innentüren eher der Schallschutz (Tab. 4.26).
Dichtungsprofile müssen vor allem dauerelastisch bleiben und leicht auszuwechseln
sein. Voraussetzung für eine volle Wirksamkeit der eingebauten Profile ist außerdem ein
ausreichend großer Dichtungsraum. Fehlt dieser, dann kann sich das Profil in der vorbe-
stimmten Weise nicht entfalten, es dichtet dann nicht, es klemmt höchstens und nutzt sich
dabei unnötig ab.
Die normale Raumtür ohne Dichtung hat eine sehr geringe Luftschalldämmung mit nur
17–23 Dezibel (dB) (Abb. 4.83).
4.4 Ausbau 227

Wegen der unteren Abdichtung von Zimmertüren ist zu beachten, dass sie heute auch
Lüftungsöffnungen sein können, besonders wenn die Fenster dicht schließen.
Für einen effektiven Wärmeschutzstandard bei Haustürfüllungen bieten sich derzeitig
in der Praxis zwei Ausstattungsmöglichkeiten an:

Variante 1 Energieeffizienzklasse A Variante 2: Energieeffizienzklasse A+


Zweifachverglasung Dreifachverglasung
Innere Scheibe beschichtet Innere und äußere Scheibe
Argon-Gas-Füllung im Scheibenzwischenraum Argon-Gas-Füllung im Scheibenzwischenraum
„Warmer“ Randverbund der Verglasung „Warmer“ Randverbund der Verglasung
Dämmkern hochwärmedämmend Dämmkern hochwärmedämmend
U-Wert des Glases 1,1 W/(m2 K) U-Wert des Glases 0,7 W/(m2 K)
U-Wert der Türfüllung inklusive U-Wert der Türfüllung inklusive
Verglasung bei 28 mm Füllungsstärke Verglasung bei 42 mm Füllungsstärke
1,1 W/(m2 K) 0,8 W/(m2 K)
Gesund bauen und wohnen
5

5.1 Erfassung und Beurteilung gebäudebedingter Schadstoffe

Wohngifte, Elektrosmog, PCB, Formaldehyd, Holzschutzmittel, elektromagnetische Um-


weltverschmutzung, Lösemittel, Schimmel, krankmachender Lärm?
Jeder kennt die Schlagworte, aber was genau steckt dahinter?

I Die Debatte um gesundes Bauen und Wohnen wird seit Jahren geführt – eine
endgültige Lösung konnte noch nicht gefunden werden, aber es wird mit Hoch-
druck daran gearbeitet.

Noch nie haben Menschen in den Industrieländern mehr Lebenszeit in geschlossenen


Räumen (etwa 20 h am Tag) verbracht als heute.
Bauprodukte und andere Materialien in diesen Räumen sind zunehmend synthetischen
Ursprungs und dünsten oft Inhaltsstoffe aus.
Zugleich haben die – unbestreitbar sinnvollen – Maßnahmen zur Energieeinsparung
dazu geführt, dass der Austausch mit Außenluft immer geringer wurde. Eine Zwangsent-
lüftung wie früher – durch Fenster- und Türspalten findet heute nicht mehr statt. Aller-
dings hat sich das Lüftungsverhalten der Menschen diesen neuen Bedingungen noch nicht
umfassend angepasst.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 229
M. Stahr, Sanierung von baulichen Anlagen, https://doi.org/10.1007/978-3-658-20475-4_5
230 5 Gesund bauen und wohnen

Das alles führt dazu, das sowohl die Konzentrationen an schädlichen Stoffen in der
Innenraumluft als auch deren Anzahl immer weiter zugenommen hat.
Aber nicht alle problematischen Stoffe in Innenräumen sind systemischer Herkunft.
Die Gefährlichsten unter ihnen kommen aus der Natur. Radon – ein radioaktives Gas
– strömt in manchen Gegenden direkt aus dem Boden. Krebserzeugender Asbest ist ein
natürliches Mineral und viele Stoffe, die Allergien verursachen, stammen aus Naturpro-
dukten oder werden von lebenden Organismen freigesetzt, zum Beispiel von den Schim-
melpilzen.
Zwar dürfen mittlerweile einige der schwersten Sünden der Vergangenheit, etwa Pen-
tachlorphenol oder Asbest nicht mehr eingesetzt werden. Das heißt aber nicht, dass die
Produkte oder Materialien die solche Problemstoffe enthalten, auch alle aus den betref-
fenden Räumen entfernt worden sind.

5.2 Erfassung und Beurteilung gebäudebedingter Erkrankungen

Erste Anzeichen für gebäudebedingte Erkrankungen sind unspezifische Symptome wie


Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindelgefühl, Hautreizungen, Schleimhautschwellungen,
hohe Infektanfälligkeit, allergische und asthmaähnliche Beschwerden; daneben werden in
Innenräumen häufig auch Schadfaktoren mit krebserzeugendem Potenzial gefunden.
Es gibt jedenfalls viele Gründe, die gesundheitliche Qualität der Wohnungen oder des
Hauses unter die Lupe zu nehmen und dabei planvoll und besonnen vorzugehen.
Sobald Auffälligkeiten festzustellen sind, sollten nachfolgende Fragen beantwortet
werden:
5.2 Erfassung und Beurteilung gebäudebedingter Erkrankungen 231

Fragebogen zur Erfassung gebäudebedingter Erkrankungen


232 5 Gesund bauen und wohnen

Wenn gesundheitliche Beschwerden im Zusammenhang mit einer Schadstoffbelastung


festzustellen sind, so ist zunächst ein Arztbesuch zur näheren Abklärung absolut notwen-
dig. Notfalls kann auch ein Umweltmediziner konsultiert werden.

5.3 Schadstoffe im Haus

Innenraumexperten kennen die verschiedenen Schadfaktoren, die den Bewohnern ei-


nes Hauses gefährlich werden können (Abb. 5.1). Chemische Verbindungen, aber auch
Schwermetalle und Reaktionen verschiedener Verbindungen miteinander sind zu berück-
sichtigen. Des Weiteren gehören zu den Schadfaktoren in Innenräumen alle Arten von
Stäuben (an die häufig chemische Verbindungen angelagert sind), ferner Geruchsauffäl-
ligkeiten sowie physikalische und biologische Faktoren (Schimmelpilze, Bakterien).

5.3.1 Physikalische Faktoren

Zu den physikalischen Schadfaktoren im Haus gehören Elektrosmog, Lärm, Radioakti-


vität, Radon und künstliche Mineralfasern inklusive Asbest. Gerade Letzteres ist in den
vergangenen Jahren häufig zum Auslöser größerer Sanierungsmaßnahmen geworden. Als
preiswerte Welle fand Asbest in den Nachkriegsjahren seinen Weg auf viele Dächer, als
Platte sollte es beispielsweise altes Fachwerk vor Witterung schützen.

Asbest
Etwa ab den 1950er-Jahren wurde in Deutschland zunehmend Asbest (Abb. 5.2) (faseriges
Erdgestein) als Werkstoff im Bau- und Wohnbereich eingesetzt.

Abb. 5.1 Schadstoffe im Haus. (Quelle: ILS Hamburg)


5.3 Schadstoffe im Haus 233

Abb. 5.2 Asbestfasern. (Quelle: VBZ Düsseldorf)

Besonders zwei technisch wichtige Eigenschaften machten Asbest zu einem häufig


verwendeten Baumaterial:

 Hitze- und Feuerbeständigkeit


 Stabilität und Festigkeit

Aufgrund der eindeutig festgestellten Gesundheitsgefährdungen (besonders Krebs) ist


der Einsatz in allen EU-Staaten seit 1990 verboten.
Die vorrangige „Sanierungsmaßnahme“ muss natürlich die Beseitigung z. B. asbesthal-
tiger Fassadenplatten angestrebt werden. Laut Gefahrenschutzverordnung dürfen Arbeiten
an Asbestprodukten nur von solchen Firmen ausgeführt werden, die über die notwendi-
gen Geräte (Spezialstaubsauger) und einen Sachkundenachweis gemäß den Technischen
Regeln für Gefahrenstoffe (TRGS 519) verfügt.
Im Ausnahmefall, wenn Asbestbauteile beispielsweise eine tragende Funktion zu erfül-
len haben, dürfen sie mit dafür entwickelten Lacken beschichtet werden. Voraussetzung
ist das drucklose Reinigen des Bauteils mit Wasser und einem weichen Arbeitsmittel, z. B.
einem Schwamm. Verboten sind jedoch Abschleifen, Hochdruckreinigen und Abbürsten.
Primär aber besteht in den meisten Industriestaaten ein erhebliches Entsorgungspro-
blem.
234 5 Gesund bauen und wohnen

Künstliche Mineralfasern KMF (Mineralwolle)


Im Unterschied zum natürlichen Mineral Asbest werden Glas- und Steinwolle künstlich
aus Altglas bzw. bestimmten Gesteinen hergestellt. Anschließend werden die künstlichen
Mineralfasern (KMF) mit einem Kunstharz zu Mineralwolleprodukten weiterverarbeitet.
KMF dienen hauptsächlich zur Wärmedämmung, zum Kälte- und Brandschutz. Ihr
Einsatz erfolgt im Wohnungsbau, meist in Form von Platten, Matten, und Filzen an Dä-
chern, Fassaden und Rohrleitungen sowie als Trittschalldämmung unter dem Estrich.
Mineralfaserprodukte enthalten nur noch einen geringen Anteil an lungengängigem
Feinstaub, der außerdem ständig reduziert wird.
Dieser kann allerdings zu Hautreizungen, Juckreiz und Rötungen führen.
Seit 2000 dürfen nur noch Mineralwolledämmstoffe hergestellt und verwendet werden,
die weniger lungengängige Fasern enthalten und damit nachweislich nicht mehr krebser-
regend sind.
Mineralwolledämmstoffe, die frei von Krebsverdacht sind, tragen das RAL-Gütezei-
chen 388.
Wenngleich auch die krebsverdächtig eingestuften Mineralwolleprodukte aus Altbe-
ständen ständig weniger werden, müssen Renovierungs- und Abbrucharbeiten von Firmen
durchgeführt werden, die nach den Technischen Regeln für Gefahrenstoffe (TRGS 521)
dazu berechtigt sind.

Radon
Radon ist natürlichen Ursprungs und kommt aus dem Untergrund. Das unsichtbare,
geruchs- und geschmacklose Element Rn-222 ist das schwerste unter den Edelgasen.
Aufgrund seiner Radioaktivität wird Radon für einen nicht unerheblichen Teil der Lun-
genkrebserkrankungen in Deutschland verantwortlich gemacht.
In das Gebäude dringt Radon meist über Risse und Fugen und über Belüftungsöffnun-
gen ein.
Für die Sanierung zur Senkung der Radongaskonzentrationen haben sich in der Praxis
zwei Methoden bewährt:

 Abdichten
 Belüften

Besonders in älteren Gebäuden findet man im Keller Risse (Abb. 5.3) verschiedener
Formen und Arten durch die Radon eintreten kann.
Bei der Sanierung muss das lose Mauerwerk entfernt und die Fugen etwas erweitert
werden. Die Fugen werden nun (am besten durch erfahrene Handwerker) mit Silikon oder
Bitumen abgedichtet und das Mauerwerk instandgesetzt.
Installationsschächte sind je nach Größe ebenfalls mit Silikonkautschuk und gegebe-
nenfalls Metallblechen zu schließen. Wenn erforderlich, sind auch die Gummidichtungen
auszuwechseln.
Häufig zeigen sich im Mauerwerk oder auch auf dem Kellerboden weiße Linien.
5.3 Schadstoffe im Haus 235

Abb. 5.3 Rissvarianten im


Keller. (Quelle: VBZ Düssel-
dorf)

Das sind durch Feuchte entstandene Haarrisse. Zu deren Abdichtung lassen sich radon-
dichte Anstriche aufbringen.
Grundsätzlich kann die Radonkonzentration auch durch vermehrtes direktes Lüften
der Räume und des Kellers gesenkt werden. Dabei erhöht sich aber auch im Winter der
Wärmeverlust. Daher sind häufige Luftwechselraten ohne begleitende wärmetechnische
Maßnahmen nur als Provisorium zu empfehlen.
Dazu zählt eine Querbelüftung z. B. im Keller mit einem zusätzlichen Ventilator, der
für eine gleichmäßige Luftzufuhr sorgt.
Alternativ zur direkten Belüftung hat sich die mechanische Entlüftung durch Absau-
gung der radonhaltigen Bodenluft bewährt. Dabei wird sie unter der Bodenplatte über
mehrere Rohre gesammelt und von einem Ventilator ins Freie geblasen (Abb. 5.4). Diese
Methode (A) eignet sich besonders bei guter Bodenporosität.
Bei einer zweiten Variante wird die Bodenluft unter der Bodenplatte über einen Ra-
donschacht gesammelt und von einem Ventilator ins Freie geblasen. Diese Methode (B)
eignet sich besonders bei weniger guter Bodenporosität.
Nach Angabe des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) gibt es in jedem 10. Haushalt
in Deutschland ein Radon-Problem. Zum 31.12.2018 trat das neue Strahlenschutzgesetz
(Str.Sch.G) vollständig in Kraft. Nachfolgend die wichtigsten Neuerungen:

 Referenzwerte für die Belastung mit Radon


 Verbindliche Regelungen zum Radonschutz in Aufenthaltsräumen
 Messverpflichtungen für Arbeitgeber

Das bedeutet sowohl für Sanierung als auch für Neubau konstruktive Schutzmaßnahmen
für Radon zu planen.
236 5 Gesund bauen und wohnen

Abb. 5.4 Mechanische Bodenentlüftung unter dem Gebäude. 1 Röhrensystem unter der Bodenplat-
te, 2 Bauuntergrund, 3 Abluftkanal, 4 Ventilator. (Quelle: VBZ Düsseldorf)

Elektrosmog
Bei Elektrosmog handelt es sich um mehrere physikalische Erscheinungen, die man wegen
ihrer unterschiedlichen gesundheitlichen Wirkungen und der möglichen Sanierungsmaß-
nahmen voneinander unterscheidet in:

 niederfrequente elektrische Wechselfelder, z. B. unter Hochspannungsleitungen/Fre-


quenzen bis zu 30 Kilohertz (kHz),
 niederfrequente magnetische Wechselfelder z. B. an Trafostationen/Frequenzen bis
30 kHz,
 Hochfrequente elektromagnetische Felder, z. B. Funkanlagen/Frequenzen von 30 kHz
bis 300 GHz.

Elektromagnetische Felder und Wellen können im menschlichen Körper elektrische


Wechselströme erzeugen, die zu Reizungen von Muskeln und Nerven führen. In schweren
Fällen, z. B. bei Wirkung auf den Herzmuskel, können diese auch tödlich verlaufen. Auch
das Gewebe kann geschädigt werden (Abb. 5.5).
Besonders vorsichtig müssen Menschen mit elektronischen medizinischen Implanta-
ten, z. B. Herzschrittmachern sein.
In Deutschland begrenzt die Bundesimmissionsschutzverordnung (BImScgV) die Be-
lastung der Bevölkerung durch elektromagnetische Felder durch ständig zu aktualisieren-
de Grenzwerte.
Bevor Sanierungen durchgeführt werden, müssen Messungen durchgeführt werden und
daraus geeignete Sanierungsmaßnahmen entwickelt werden.
5.3 Schadstoffe im Haus 237

Abb. 5.5 Elektrosmog. (Quelle: VBZ Düsseldorf)

Gegen niederfrequente elektrische Felder können das sein:

 Netzkoppler einbauen (Abb. 5.6),


 Elektroinstallationen abschirmen,
 „strahlende“ Wände abschirmen.

Gegen niederfrequente Magnetfelder:

 Feldquellen abschalten,
 Abstand zur Feldquelle vergrößern,

Abb. 5.6 Netzabkoppler.


(Quelle: VBZ Düsseldorf)
238 5 Gesund bauen und wohnen

 Kompensieren durch Aufbau eines computergesteuerten Gegenfeldes (sehr aufwän-


dig),
 Abschirmen.

5.3.2 Chemische Faktoren

Flüchtige organische Verbindungen (VOC)


Flüchtige organische Verbindungen (eng. Volatile Organic Compounds) setzen sich zu-
sammen aus Kohlenstoff und mindestens einem oder mehreren der folgenden Elemente:
Stickstoff, Chlor, Brom, Sauerstoff, Schwefel, Phosphor, Stickstoff (Abb. 5.7).
Steigende Raumluftkonzentrationen führen immer häufiger zu gesundheitlichen Be-
schwerden wie:

 Reizwirkung der Atemwege, Haut und Augen,


 Geruchsbelästigungen,
 Wirkung auf das Nervensystem mit Kopfschmerzen, Müdigkeit, Leistungsminderung.

Vor der Sanierung sollen Raumluftbelastungen gemindert werden durch:

 Entfernen bekannter Emissionsquellen vor der Sanierung,


 intensives Lüften, z. B. Stoßlüftung, Durchzugslüftung,
 zwei bis drei Tage Aufheizen des Raumes mit anschließendem intensiven Lüften und
Reinigen.

Abb. 5.7 Freisetzung von Kleberpartikeln. (Quelle: VBZ Düsseldorf)


5.3 Schadstoffe im Haus 239

Nicht beachtete Sekundärquellen können auch nach der Sanierung zu Raumluftbelas-


tungen führen. Daher ist es ratsam, dass erfahrene Fachleute vorher zu Rate gezogen
werden.

Polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK)


PAK entsteht immer dann, wenn organische Materialien unter Sauerstoffmangel erhitzt,
verkokt oder verbrannt werden. Einige ihrer Vertreter sind bekanntermaßen krebserregend.
Ihr breitestes Anwendungsgebiet sind Kleber für Fußböden und Parkett.
Schäden, die zu einer PAK-Belastung der Räume führen können, sind:

 das Parkett liegt ganz oder in Teilen lose,


 das Parkett weist zwischen den Stäben Fugen von  2 mm auf,
 der Untergrund des Parketts hat hohle Stellen,
 das Parkett federt nach.

Besonders gefährdet sind Holzböden die vor 1995 und Parkettböden die vor 1980 ver-
legt wurden. Dabei treten Partikel durch Fugen und Ritzen an die Oberfläche.
Eine Sanierung ist nur sinnvoll, wenn das weitere Eindringen von PAK-haltigen Kle-
beartikeln in den Raum verhindert wird. Dazu gibt es zwei Varianten, die in der Übersicht
in Abb. 5.8 dargestellt ist.

Formaldehyd
Neben Tabakrauch sind Holzwerkstoffplatten die bedeutendsten Quellen für Formalde-
hyd in Innenräumen. Erhöhte Formaldehyd-Konzentrationen können auch durch die Ver-
wendung von Desinfektionsmitteln, sowie Wandfarben und Lacken auf wässriger Basis

Schadhafter Zustand
des Parkettbodens

Parkettboden noch Ausgeprägte


ausreichend tragfähig Parkettschäden

Entfernung des
Alternative 1 Alternative 2 Altparketts
Schließen der Fugen, Überbauen, Abdecken
Abschleifen, des Parketts mit einem
Neuversiegeln partikeldichten Belag
Alternative 3 Alternative 4
Absperren der Kleber- Vollständige Entfernung
schicht und neuer des Klebers und neuer
Fußbodenaufbau Fußbodenaufbau

Abb. 5.8 Mögliche Varianten der PAK-Sanierung. (Quelle: VBZ Düsseldorf)


240 5 Gesund bauen und wohnen

entstehen, wenn ihnen Formaldehyd zur Konservierung zugesetzt wurde. Das führt aller-
dings nur zu einer vorübergehenden Belastung. Dagegen kann es bei Holzplatten zu einer
andauernden Abgabe von Formaldehyd kommen.
Wegen des stechenden Geruchs führt Formaldehyd zu Reizungen der Augen- und Na-
senschleimhäute. Auch ein Krebsrisiko wird nicht ausgeschlossen.
Die Höhe der Formaldehyd-Konzentration in der Raumluft hängt von einer Reihe von
Faktoren ab:

 dem Verhältnis der Fläche der verbauten formaldehydhaltigen Holzwerkstoffe zum


Raumvolumen,
 der Art des verwendeten Leims,
 der Raumlufttemperatur und der Luftfeuchte.

Mit steigender Raumlufttemperatur steigt auch die Formaldehyd-Konzentration, eben-


so wie bei steigender Luftfeuchte.
Für eine dauerhafte Absenkung der Formaldehyd-Belastungen kommen folgende Maß-
nahmen in Betracht:

 Entfernen der Quelle,


 Abdichten der Quelle (z. B. Löcher werden mit Silikon ausgefüllt oder mit Acryllack
überstrichen),
 chemische Bindung des Formaldehyds.

Eine neue Methode stellt die Sanierung mit einem speziell hergestellten Schafswoll-
vlies dar. Dabei wird die natürliche chemische Zusammensetzung der Wolle genutzt, um
Formaldehyd aus der Raumluft fest in den Wollfasern zu binden. Besonders eignet sich
diese Methode für Räume, in denen die Quellen nicht oder nur mit unverhältnismäßigem
Aufwand entfernt werden können.

5.3.3 Stäube

Bei den Stäuben unterscheiden Fachleute zwischen großen Stäuben, die teilweise schon
in der Nase gefiltert und wieder ausgestoßen werden, und sogenannten lungengängigen
Feinstäuben, die, wie der Name nahe legt, bis in die Lunge dringen und dort Gesundheits-
schäden auslösen können. Ob und wann Stäube gesundheitsschädlich sind, hängt von ihrer
Zusammensetzung und der Größe der Staubpartikel ab.

Allergien
Allergien sind nicht nur lästig, sie können die Lebensqualität deutlich einschränken. Et-
wa 25 bis 34 Mio. Bundesbürger sind allergisch veranlagt. Leider wird den, auch tödlich
verlaufenden, Folgen noch viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.
5.3 Schadstoffe im Haus 241

Bei Sanierungs-/Umbauarbeiten besteht erhöhte Gefahr des Kontaktes mit allergieaus-


lösenden Stoffen!
Dabei kann es sich zum Beispiel um Stäube handeln, die beim Bearbeiten von alten
Materialien entstehen und die auf die Haut oder in die Bronchien gelangen.
Aus Bauprodukten- und -materialien können Gase austreten oder ausgasen und damit
über die Haut durch Spritzer oder Sprühnebel in den Körper gelangen.
Zur optimalen Vorbereitung einer Sanierung gehört zunächst die Festlegung eines Zeit-
rahmens, der auch die notwendigen Trocknungs- bzw. Aushärtezeiten der verarbeiteten
Produkte berücksichtigt. Ebenso wichtig sind die sorgfältige Auswahl der Materialien und
der notwendige Arbeitsschutz.
Eine Verminderung der Belastung und Beschwerden über schadstoff-, emissions- und
reizarme Stoffe ist jedoch möglich. Produkte, die mit dem Blauen Engel ausgezeichnet
sind, garantieren zum Beispiel anerkannte nachprüfbare Produkteigenschaften und funk-
tionieren technisch einwandfrei.

5.3.4 Biologische Faktoren

Das Haus „lebt“ im wahrsten Sinne des Wortes. Viele Hausbesitzer teilen sich ihr Heim
mit unliebsamen und lästigen Mitbewohnern wie Schimmelpilzen, Bakterien, Hefepilzen,
Schädlingen und Milben. Im Laufe der Jahrtausende hat sich der Mensch zwar mehr oder
weniger an die Störenfriede gewöhnt, lästig – und mitunter auch gesundheitsschädlich –
sind sie dennoch (Abb. 5.9).

Schimmelpilze
Schimmelpilze sind mit bloßem Auge erst dann zu erkennen, wenn sich bereits eine Ko-
lonie entwickelt hat. Ihre Myzelien (Zellfäden) reichen dann schon sehr tief.
Schimmelpilze benötigen vor allem Feuchtigkeit zum Gedeihen.
Schimmel benötigt für sein Wachstum Feuchtigkeit (Abb. 5.10) und einen organischen
Nährboden, dazu noch Wärme und Nahrung, sprich energiereiches organisches Material.
In bewohnten Gebäuden sind Wärme und entsprechendes Nährmaterial vorhanden.
Die notwendige Feuchtigkeit kommt meist durch defekte Außenwände, Fenster, Dä-
cher, feuchte Kellerwände oder durch die Bewohner selbst. Es reichen allerdings schon
wenige Schäden – ein paar Tage nur, in denen Wasser durch ein defektes Rohr Wandbe-
reiche durchnässt – um das Wachstum von Schimmelpilzen auszulösen. Wasserschäden
und Wärmebrücken bilden die Hauptursache für Schimmelpilzbildung.
Viele Schimmelpilzarten bilden die für die Menschen giftigen Mykotoxine. Während
einige davon relativ unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Gedächtnis-
störungen oder häufige Infektanfälligkeit verursachen, können andere sogar Krebs auslö-
sen.
Vor einer fachgerechten Sanierung empfiehlt sich die Anfertigung von Nachweisme-
thoden (Tab. 5.1) in Abhängigkeit von Belastungen.
242 5 Gesund bauen und wohnen

Abb. 5.9 Schimmelkolonie unter dem Mikroskop. (Quelle: VBZ Düsseldorf)

Tab. 5.1 Nachweismethoden in Abhängigkeit von Belastungen. (Quelle: VBZ Düsseldorf)


5.3 Schadstoffe im Haus 243

Abb. 5.10 Ursachen für Feuchteschäden. (Quelle: VBZ Düsseldorf)

Schimmelsanierungsmaßnahmen müssen aufgrund der Vielfältigkeit immer den örtli-


chen Gegebenheiten angepasst werden.
Grundsätzlich gilt: Je stärker der Schimmelbefall, desto eher empfiehlt es sich, die
Sanierung von einer Fachfirma vornehmen zu lassen.
Allgemeingültige Hinweise für eine Sanierung können daher nur für die Beseitigung
von Schimmelbelägen gegeben werden.
Sanierungsschritte:

1. Sofortmaßnahmen zur Eindämmung der Sporenausbreitung,


2. Ursachenanalyse und ggf. -beseitigung,
3. vorbereitende Arbeiten im Sanierungsbereich,
4. Entfernung befallenen Materials,
244 5 Gesund bauen und wohnen

5. ggf. Trockenlegung von betroffenen Bereichen,


6. Wiederaufbau der sanierten Fläche,
7. Sanierungskontrolle.

5.4 Untersuchungen vor Sanierungsbeginn

Am Anfang jeder Sanierung steht die sorgfältige Analyse.


Neben der allgemeinen Betrachtung des Objektes müssen mikrobiologische und physi-
kalisch-messtechnische Untersuchungen durchgeführt werden, sowie eine Bewertung der
Raumluft und eine chemisch-analytische Bestandsaufnahme erfolgen.
Oft ist die Entsorgung der schädlichen Bauteile der einzige Weg, die Ursache ge-
sundheitlicher Probleme ein für alle Mal zu beseitigen. Gesundheitsschädliche Teppiche,
Kleber, Tapeten, Bodenbeläge und Anstriche werden entfernt und durch unbedenkliche
Materialien ersetzt. Da gerade diese Materialien ohnehin dem Verschleiß unterliegen und
in regelmäßigen Abständen erneuert werden müssen, fallen die Kosten nicht ins Gewicht.
Sie laufen im Rahmen der normalen Bauunterhaltung mit.
Sind die Mängel erst einmal beseitigt, ist eine gewisse Pflege des Hauses nötig. Damit
ist weniger das ständige Wischen und Putzen gemeint, das allerdings (nicht nur) für Haus-
stauballergiker unentbehrlich ist, sondern die routinemäßige Überprüfung des Hauses und
die Bewahrung des gesunden Zustandes.
Ein modernes Problem sind die extrem winddichten Häuser. Als Folge der Energiespar-
diskussion in den vergangenen drei Jahrzehnten wurden Baukonstruktionen mit starker
Wärmedämmung nötig, die die Häuser dicht gegen Zugluft abschotten und keinen unkon-
trollierten, „natürlichen“ Luftaustausch mehr erlauben. Die meisten Menschen haben ihre
Lüftungsgewohnheiten diesen baulichen Bedingungen noch nicht angepasst. Die Folge
sind oft hohe Luftfeuchtigkeit und Stoffkonzentrationen in den Innenräumen. Bei unzu-
reichender Lüftung gedeihen Schimmelpilze, chemische Verbindungen bleiben lange im
Innenraum. Darunter leiden die Bewohner – gerade auch in neuen oder sanierten Häusern.

5.5 Gesunde Baustoffe – Beispiele und Probleme

Im vorliegenden Abschnitt werden wichtige, spezielle Probleme gesunder Baustoffe im


Innenraum aufgezeigt. Die abschließende Checkliste hilft, eine zielgerichtete Auswahl zu
treffen.

Laminat
Viele Bauherren entscheiden sich für Laminat, weil sie denken, es handele sich um einen
gesunden Holzboden. Das stimmt aber so nicht: Entgegen allgemeinen Vermutungen ist
Laminatboden kein klassischer Holzboden, sondern eine Platte, die aus mehreren Schich-
5.5 Gesunde Baustoffe – Beispiele und Probleme 245

ten verschiedenen Materials, nicht nur Holz, hergestellt und mit Kunststoff beschichtet
wird. Laminat ist mit naturbelassenem Holz also nicht zu vergleichen.

Naturfarben
Der Preis von Naturfarben kann zunächst Bedenken auslösen. Wer aber genauer hinschaut,
der merkt zwar, dass Naturfarben etwas teurer sind als hochwertige konventionelle, dafür
reichen sie aber in der Regel für viel größere Flächen. Das gleicht den Mehrpreis wieder
aus.

Tapeten
Tapeten sind nicht nötig zur Gestaltung der Wände. Vor allem Allergiker sind ohne textile
oder papierne Wandverkleidungen oft besser dran, denn manches Produkt hat Zusätze, die
nicht jeder verträgt. Wer dennoch mit Tapeten wohnen möchte, der sollte sich für reine
Naturprodukte entscheiden – und den dazu passenden Kleister.

Volldeklaration
Unter dem Begriff Volldeklaration verstehen Fachleute die exakte Auflistung aller Inhalts-
stoffe eines Produktes. Das bedeutet: Sämtliche Rohstoffe und chemischen Verbindungen
müssen aufgelistet sein. Verallgemeinernde Hinweise sind nicht zulässig. Noch steckt die
Volldeklaration im Bereich der Baustoffe in den Kinderschuhen. Es liegt mit am Verbrau-
cher, ob und wann sie sich durchsetzt und damit die gesundheitliche Einschätzung eines
Produktes oder Baustoffes erleichtert.

Brandschutz
Problem: Nicht alle Naturdämmstoffe entsprechen den brandschutztechnischen Vorschrif-
ten. Sie werden deshalb oft nachgerüstet – teilweise mit unproblematischen, teilweise mit
gesundheitlich bedenklichen Stoffen. Es empfiehlt sich deshalb, bereits bei der Baupla-
nung über zusätzliche konstruktive Brandschutzvorrichtungen nachzudenken, damit die
naturbelassenen Dämmstoffe auch im privaten Wohnhaus eingebaut werden können.

Hölzer aus kontrolliertem Anbau


Wer ökologisch baut und denkt, der sollte auch auf die Herkunft des Holzes achten: In
Deutschlands Wäldern wächst mehr Bauholz, als von der Branche benötigt wird.
Wer auf exotisches Holz nicht verzichten mag, der sollte auf das internationale FSC-
Siegel achten. Es gewährleistet die Herkunft aus kontrollierter nachhaltiger Forstwirt-
schaft.
246 5 Gesund bauen und wohnen

Fragebogen: Natürliche Materialien


5.6 Umweltzeichen „Blauer Engel“ 247

5.6 Umweltzeichen „Blauer Engel“

Der Blaue Engel ist das Umweltzeichen Deutschlands, das 1977 von den für den Umwelt-
schutz zuständigen Ministern des Bundes und der Länder eingeführt wurde (Abb. 5.11).
Mit der Vergabe dieses Umweltzeichens werden Waren und Dienstleistungen gefördert,
die im Vergleich zu herkömmlichen Angeboten umweltschonend sind. Von ihnen geht
bei sachgerechter Verwendung keine oder nur eine geringe nachhaltige Wirkung auf die
Gesundheit aus.
An dem Vergabeverfahren sind die Jury Umweltzeichen, das Umweltbundesamt und
das Deutsche Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung e. V. (RAL) beteiligt. Die
Kennzeichnung ist freiwillig und kann vom Hersteller eines Produktes beantragt werden.
Er ist für die Dauer der Nutzung des Umweltzeichens vertraglich verpflichtet, die daran
geknüpften Anforderungen einzuhalten.
Das Umweltzeichen wird seit 2003 auch in der Umschrift als „Der Blaue Engel“ be-
zeichnet. In einer Übergangsphase wird auf Produkten jedoch zunächst noch weiterhin
die alte Bezeichnung „Umweltzeichen, weil schadstoffarm oder emissionsarm“ zu finden
sein.
Sind Renovierungsarbeiten erforderlich oder sollen neue Möbel angeschafft werden,
steht der Heimwerkerin oder dem Heimwerker eine Reihe von Lacken, Tapeten, Wandfar-
ben, Paneelen, Fußböden, Bodenbelagsklebern und auch Möbeln zur Verfügung, die mit
dem Umweltzeichen Blauer Engel gekennzeichnet sind.
An einigen Beispielen zeigen wir, welche Eigenschaften Produkte und Verfahren haben
müssen, wenn sie dieses Zeichen tragen.

Lacke
mit dem „Blauen Engel“ sind schadstoffarm, weil sie ohne schwermetallhaltige Farbpig-
mente und mit nur geringen Mengen kennzeichnungspflichtiger Gefahrstoffe hergestellt
werden. Der Gehalt an Lösungsmitteln beträgt höchstens zehn Prozent.

Abb. 5.11 Umweltzeichen für


emissionsarme Wandfarben
(RAL-ZU 102) „Blauer Engel“
248 5 Gesund bauen und wohnen

Wandfarben
mit dem „Blauen Engel“ geben bei und nach der Verarbeitung kaum und wenn leicht- oder
schwerflüchtige organische Verbindungen an die Raumluft ab, sie enthalten nur geringe
Mengen an Konservierungsstoffen und keine gesundheits- und umweltgefährdenden Stof-
fe. Mit dieser Kennzeichnung gibt es Dispersionswandfarben, die auch wischfest sind,
sowie Silikat- und Dispersionssilikatfarben.

Fußböden
mit dem „Blauen Engel“ (Fertigparkett und Laminatböden) setzen kaum flüchtige organi-
sche Verbindungen frei und sind besonders arm an Formaldehyd.

Bodenbelagsklebstoffe
mit dem „Blauen Engel“ geben kaum flüchtige und schwerflüchtige organische Verbin-
dungen ab, ihr Gehalt an Konservierungsstoffen ist minimal und bestimmte gesundheits-
schädliche Stoffe sind nicht enthalten.

Möbel
mit dem „Blauen Engel“ bestehen überwiegend aus Holz, sind schadstoff- und emissions-
arm. Diese Bedingungen müssen sie während ihres gesamten Lebensweges erfüllen, das
heißt, von der Herstellung bis hin zu dem Zeitpunkt, an dem sie ausrangiert werden.
Denn beispielsweise sind halogenorganische Verbindungen, einschließlich halogenhal-
tiger Flammschutzmittel, nicht nur aus gesundheitlichen Gründen unerwünscht, sie stören
auch beim Recycling oder der Entsorgung.

Schädlingsbekämpfungsmittel
mit dem „Blauen Engel“ sind zum Beispiel Leimband-Fliegenfänger und Insektenschutz-
netze. Auch spezielle Begasungsverfahren auf Kohlendioxid- oder Stickstoffbasis zur Be-
kämpfung von Material schädigenden Insekten tragen das Umweltzeichen. Diese Bega-
sungsverfahrungen dürfen aber nur von professionellen Schädlingsbekämpfern durchge-
führt werden.

Rohrreiniger
die den Blauen Engel tragen (Rohrreinigungsspiralen, Gummiausgussreiniger, Vakuum-
pumpen) reinigen verstopfte Abflussrohre ohne ätzende chemische Wirkstoffe.
Energieeffizientes Bauen – Energetische
Sanierung 6

6.1 Konstruktive und wirtschaftliche Grundlagen

Langfristige konstruktive und wirtschaftlich ausgereifte Konzepte sind für die Sanierung
von Gebäuden im Bestand entscheidend (Tab. 6.1).
Der Gesetzgeber hat das Ziel, dass bis 2050 alle Gebäude im Bestand höchstens 20 %
der heute vorgeschriebenen energetischen Norm verbrauchen dürfen. Mit einer Sanierung
im Passivhausstandard kann man schon heute den modernsten energetischen Standard für
die nächsten Jahrzehnte erreichen.
Der Einsatz von Passivhaustechnologien und -konzepten ermöglicht neben Nachhal-
tigkeit und langfristiger Sicherheit Energieeinsparungen von bis zu 90 %. Dies entlastet
die Abhängigkeit von der Primärenergie und reduziert den Ausstoß von CO2 nachhaltig.
Förderprogramme unterstützen zudem die energetische Sanierung, Die dafür notwendigen
konstruktiven und technologischen Voraussetzungen sind erprobt und verfügbar. Auch der
Mehraufwand der Sanierung nach dem Passivhausstandard rechnet sich langfristig für die
Bauherren.
Drei Schwerpunkte sind für eine erfolgreiche Sanierung von großer Bedeutung:

1. Gebäudehülle
Der wichtigste Ansatz ist hier eine durchdachte und konstruktiv ausgerichtete Gebäu-
dehülle mit ausreichender Dämmung. Hierzu kommen Fenster mit hochwertiger Wärme-
schutzverglasung und Rahmendämmung. Der Einbau der Bauglieder muss dabei luftdicht
erfolgen. Zusätzlich installierte Lüftungsanlagen versorgen die Bewohner mit Frischluft
und schaffen somit ein behagliches und gesundes Gebäudeklima. Anlagen mit integrierter
Wärmerückgewinnung sorgen zudem für nur geringe Wärmeverluste.

2. Haustechnik
Durch die Verbesserungen am Bau reduzieren sich auch die Anforderungen an die Leis-
tungen der Heizanlage. Die Heizlast kann dabei auf den Bereich von 10 bis 20 W pro m2
© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 249
M. Stahr, Sanierung von baulichen Anlagen, https://doi.org/10.1007/978-3-658-20475-4_6
250 6 Energieeffizientes Bauen – Energetische Sanierung

Tab. 6.1 Entwicklung des Wärmeschutzes vom Altbau zum Passivhaus

beheizter Fläche reduziert werden. In Absprache mit dem Bauherren und den örtlichen
Objekterfordernissen steht eine Vielzahl von innovativen und sparsamen Heizgeräten zur
Verfügung. Auch die Einbindung von regenerativen Energiegewinnungsarten, wie der So-
larthermie und der Erdwärme, sind wirtschaftlich sinnvolle Konzepte.

3. Wirtschaftlichkeit
Die Kosten für die energetische Sanierung reduzieren den Bedarf an Heizwärme bis zu
90 %. Das Gebäude bedarf nur noch eines Bruchteils der vorherigen Unterhaltskosten und
kann sich schon innerhalb weniger Jahre amortisieren. Gedämmte Wände, Dächer, Fenster
und Fußböden sorgen für ein verbessertes Wärmeempfinden (Abb. 6.1).
Es existieren unterschiedliche Wege, um die Wärmeverluste aus einem Gebäude zu mi-
nimieren und somit die Anforderungen der Energieeinsparverordnung (EnEV) zu erfüllen.

Abb. 6.1 Heizwärmebedarf in kWh je m2 Wohnfläche und Jahr. (Quelle: ILS Hamburg)
6.1 Konstruktive und wirtschaftliche Grundlagen 251

Es haben sich unterschiedliche Begriffe für die energiesparende Bauweise eingebür-


gert.
Eine kurze Beschreibung enthält die nachfolgende Übersicht.

Gebäudekategorien
Die verwendeten Begriffe (Tab. 6.2) der Hausanbieter für ihre Produkte sind sehr
vielfältig (z. B. Niedrigenergiehaus, Energiegewinnhaus, Ökohaus, Drei-Liter-Haus, Ul-
trahaus, Hybridhaus, Passivhaus usw.). Verbindliche Kennwerte zum Heizwärme- bzw.
Heizenergie- oder auch Primärenergiebedarf sind diesen Begriffen oft nicht zugeordnet.
Aber nur darüber sind Gebäude energetisch vergleichbar. Deshalb sind in Deutschland
(2019) nur noch (mit Einschränkungen, da Niedrigenergiehäuser inzwischen verbindli-
cher Standard sind) Passivhäuser und Effizienzhäuser gängige Praxis.

Tab. 6.2 Gebäudekategorien


Bisheriges Niedrigener- 25 % unter dem zulässigen Jahresheizwärmebedarf nach Wärme-
giehaus schutz (30–75 kWh/m2 a, je nach A/V-Verhältnis) (Eigenheimzulage-
gesetz)
Heute Standard (Energiesparverordnung)
KfW-Effizienzhäuser 40, Häuser mit sehr gutem baulichen Wärmeschutz in Verbindung mit
40+, 55(KfW) effektiven Heizungs- und Lüftungsanlagen ggf. mit Wärmerückge-
Neu: 100 winnung
Nachweis des Primärenergiebedarfs von 55 bzw. 40 kWh/m2 a
(EnEV) für KfW-Förderung im Rahmen des KfW-Programms zur
CO2 -Minderung erforderlich
Passivhaus Gebäude mit sehr geringem Heizwärmebedarf unter 15 kWh/m2 a
Extrem guter baulicher Wärmeschutz U < 0,15 W/(m2 K)
Superverglasung (UF  0,75 W/(m2 K))
Vermeidung von Wärmebrücken/sehr gute Luftdichtheit n50 < 0,6
(m3 /h) /m3
Solare Brauchwassererwärmung (evtl. Wärmepumpe)
Kontrollierte Lüftungsanlage mit Zuluft-Wärmetauschersystemen
und WRG
Spezielles Heizsystem überflüssig, nur Nachheizung der Zuluft bei
Bedarf
Energiesparende Geräte
Nullenergiehaus Orientierung, dass keine zusätzliche Energiemenge für Heizung,
Warmwasser, Beleuchtung und elektrische Hausgeräte in der Jahres-
summe notwendig ist
Photovoltaikanlage entsprechender Größe unbedingt erforderlich
Bedarfs- und Überschussausgleich an Elektroenergie im Jahresmittel
Einsatz von Saison-Wärmespeichern
Plusenergiehaus Erzeugt mehr Energie als verbraucht wird
Zusätzliche Solarmodule auf dem Dach
252 6 Energieeffizientes Bauen – Energetische Sanierung

I Als Käufer oder Mieter sollte man sich den Wärmeschutznachweis bzw. Energie-
bedarfsnachweis/Energiepass des Gebäudes vom Besitzer oder Vermieter vor-
legen lassen. Der Eigentümer ist nach EnEV 2016 (2018) dazu verpflichtet.

6.2 Vom Niedrigenergiehaus zum Effizienzhaus

I Der Begriff Niedrigenergiehaus NEG ist inzwischen überholt, da alle Neubauten


und sanierten Gebäude nach der EnEV Niedrigenergiehäuser sind.

Der Begriff Niedrigenergiehaus NEG ist inzwischen überholt, da alle Neubauten und
sanierten Gebäude nach der EnEV 2014 Niedrigenergiehäuser sind, also Standardhäuser
(Effizienzhäuser) (Tab. 6.4). Ab 2016 liegt der maximal zulässige Jahres-primärenergie-
verbrauch um 25 % niedriger als das bis dahin geltende Anforderungsniveau aus der EnEv
2009.
Ein Effizienzhaus muss nicht zwangsläufig ein Neubau sein, auch bestehende Häuser
lassen sich sanieren und renovieren (Abb. 6.2). Entscheidend ist das Einhalten der in der
EnEV 2016 (und nachfolgenden Ergänzungen) festgelegten Mindestanforderungen. Die
EnEV regelt für Effizienzhäuser den Transmissionswärmeverlust sowie den Primärener-
giebedarf und begrenzt diese in Relation zum Kompaktheitsgrad (Quotient aus Oberflä-
che A und Volumen V) des Gebäudes (Tab. 6.3).
Weitere wichtige Kriterien sind:

 effiziente Heizung
 Warmwasseraufbereitung
 Lüftung
 Bauform
 Verglasungsgrad

Über notwendige U-Werte gibt es keine exakten Aussagen. Sie sollten aber bei einem
Effizienzhaus mindestens gleich, besser aber noch geringer sein:

Tab. 6.3 Verbesserungspotentiale für Jahresprimärenergiebedarf und Transmissionswärmeverluste


6.2 Vom Niedrigenergiehaus zum Effizienzhaus 253

Tab. 6.4 Konstruktionsmerkmale


254 6 Energieeffizientes Bauen – Energetische Sanierung

Primärenergiebedarf QP
(benötigte Energie unter
Berücksichtigung sämtlicher Transmissionswärmeverlust HT´
Verluste für Bereitstellung des (Energieverlust des Gebäudes
Energieträgers) über die Bauteile/Gebäudehülle)

Das KfW-Effizienzhaus steht für einen niedrigen Energiebedarf


und orientiert sich an den Vorgaben der Energieeinsparverordnung.

Abb. 6.2 Das energieeffiziente Haus (Nachschriften N 1)

 Außenwände einschließlich Einbauten U D 0,20 W/(m2 K)


 Außenwände gegen Erdreich U D 0,25 W/(m2 K)
 Fenster, Fenstertüren U D 0,90 W/(m2 K)
 Dächer, oberste Geschoßdecke U D 0,14 W/(m2 K)

Vorteile und Anlagenkonzept


Vorteile:

1. Feste Vorgaben für Dämmmaßnahmen an der Gebäudehülle und Auswahl der An-
lagentechnik
2. Keine KfW-Effizienzhausberechnung erforderlich
3. Anforderung ist mit Einhaltung der Referenzwerte erfüllt, auch wenn nach einer (nach-
träglichen) EH-Berechnung der Förderstandard (z. B. EH 55) nicht erreicht werden
sollte.
4. Jederzeit Umplanung auf KfW-EH 55 (EH-Berechnung) möglich
5. Planungssicherheit für Kunden
6. Standardisierte Bauweise für Bauträger und Fertighausbauer möglich

Varianten:

V1 Brennwertkessel, solare Trinkwarmwasser- Bereitung, zentrale Lüftungsanlage mit


WRG (80 %)
V2 mit zertifiziertem Primärenergiefaktor f P 0,7; zentrale Lüftungsanlage mit WRG
(80 %)
6.3 Passivhaus 255

V3 zentrale Biomasseheizungsanlage auf Basis von Holzpellets, Hackschnitzel oder


Scheitholz, zentrale Abluftanlage
V4 Sole-Wasserwärmepumpe mit Flächenheizsystem, zentrale Abluftanlage
V5 Wasser-Wasser-Wärmepumpe mit Flächenheizsystem, zentrale Abluftanlage
V6 Luft-Wasser Wärmepumpe mit Flächenheizsystem, zentrale Lüftungsanlage mit
WRG (80)

Die Mindestanforderungen an die energetische Fachplanung und Baubegleitung sind


grundsätzlich umzusetzen. Deshalb wurden die wesentlichen Konstruktionsmerkmale in
der nachfolgenden Übersicht unter ökologischen Gesichtspunkten stichpunktartig zusam-
mengefasst.
Abschließend noch eine kleine Anmerkung:
Der NEH-Standard erfordert keine andere Architektur und lässt sich bis auf die Aus-
nahme einer exzessiven Glasarchitektur aus jedem Entwurf entwickeln, weil die Quali-
tätsverbesserung im Bereich der Wärmedämmung und der Luftdichtheit anzustreben ist.
Die „Handschrift“ des Architekten bleibt also erhalten.

6.3 Passivhaus

6.3.1 Begriff

Das Passivhaus stellt heute den (vorläufig) letzten Stand moderner Bautechnik dar. Fälsch-
licherweise wird es oft als „Haus ohne Heizung“ etikettiert, was nicht ganz korrekt ist,
denn ein Restheizwärmebedarf von 1,5 l Heizöl pro Quadratmeter und Jahr wird immerhin
noch ausgewiesen. Das ist nur noch etwa ein Viertel eines üblichen Niedrigenergiehau-
ses, nach derzeitigem Standard. Nach Angaben des Passivhaus-Instituts in Deutschland
sind derzeit rund 10.000 bewohnte Passivhäuser ausgewiesen. Damit sind wir Spitzenrei-
ter in dieser modernen Bautechnik, gefolgt von Österreich und der Schweiz. Wobei es
hierbei nicht nur um einzelne freistehende Einfamilienhäuser geht, auch komplette Sied-
lungen, Wohnanlagen, Schulen usw. entstehen in Passivbauweise. Was beweist, dass diese
Bauweise nicht an eine besondere Konstruktion gebunden ist. Der Passivhausstandard ist
grundsätzlich mit jeder Bauweise möglich.
Erkennbar ist eine große Bandbreite an Gestaltungsmöglichkeiten, abhängig von den
Vorgaben des Dachausbaus (Abb. 6.3).

6.3.2 Grundkonzeption

Deutschland hat in klimatisch unterschiedlichen Gebieten heiße Sommer, aber auch sehr
kalte Winter – bei zum Teil gleichzeitig viel Sonnenschein (Abb. 6.4). Die monatlichen
256 6 Energieeffizientes Bauen – Energetische Sanierung

Abb. 6.3 Dachaufbau eines Passivhauses. (Quelle: Linzmeyer GmbH Riedlingen)

Durchschnittsaußentemperaturen liegen von Oktober bis April klar unter der Heizgrenze
von 12 °C.
Fällt nun die Außentemperatur unter die Heizgrenze, springt der Kessel an. Im Winter
gibt es nicht nur niedrige durchschnittliche Temperaturen von bis zu 1,4 °C wie in Mün-
chen, an wenigen Tagen gibt es auch extrem tiefe Außentemperaturen. Bei der Kesseldi-
mensionierung sind deshalb die Norm-Außentemperaturen von 10 °C (z. B. Wiesbaden)
über 14 °C (z. B. Dresden) bis zu 20 °C (z. B. Oberstdorf) zu berücksichtigen.

Abb. 6.4 Durchschnittsaußentemperaturen. (Quelle: ILS Hamburg)


6.3 Passivhaus 257

Hauptgrund für die Notwendigkeit einer Heizungsanlage ist aber nicht die Tatsache,
dass die Außentemperaturen zu tief sind, sondern dass ein Gebäude zu wenig „eingepackt“
ist: Es fehlt schlicht an ausreichender Wärmedämmung!
Ein Gebäude kann sich nicht permanent den äußeren Verhältnissen anpassen. Der ein-
mal gewählte Wärmedämmstandard bleibt i. d. R. für Jahrzehnte bestehen und bei feh-
lender oder zu wenig Dämmung muss zur Temperaturerhaltung eine Heizungsanlage in-
stalliert werden. Selten aber planen Architekten und Bauherren für ein Gebäude einen
besseren Wärmedämmstandard als den, der vom jeweiligen Gesetzgeber eines Landes
vorgeben ist. Dann jedoch ist eine Heizungsanlage unumgänglich. Das am häufigsten
eingesetzte Heizungssystem ist die Warmwasserzentralheizung (Öl- oder Gaskessel mit
unterschiedlichsten Heizflächen und einer Wärmeverteilung). Dabei sind in Altbauten im
Durchschnitt 150 W/m2 , in Neubauten 90 W/m2 und in NEH 50 W/m2 Wohnfläche an
Kesselleistung (Heizlast) installiert.
Alle Wärmeverluste über die Gebäudehülle und die Lüftung werden derart stark ver-
ringert, dass die max. Heizlast unter 10 W/m2 liegt. Ein „aktives“ Heizsystem ist dann
nicht mehr erforderlich. Die „Restheizung“ erfolgt allein durch passive Wärmequellen
wie Sonneneinstrahlung, Menschen, Haushaltgeräte und die Wärmerückgewinnung aus
der Raumluft (Abluft).
Deshalb wird ein solches Gebäude Passivhaus genannt. Ein Vorteil: Die Investitions-
kosten für die sonst übliche Heizungsanlage können eingespart werden!

6.3.3 Ökologie und Ökonomie des Passivhauses

Dieser neue Baustandard hat ein hohes Entwicklungspotenzial, das einerseits ökonomisch
sehr interessant ist und andererseits ökologische Maßstäbe setzt (Abb. 6.5).

Ökologische Gründe
Das Passivhaus ist Umweltschutz direkt an der Wurzel. Die Reduzierung der Umweltbe-
lastung wird hier z. B. nicht durch eine nachgeschaltete Filtertechnik oder den Ausgleich
an anderer Stelle erreicht.
Dieser Baustandard lässt Umweltschäden erst gar nicht entstehen, weil es keine Hei-
zungsanlage gibt, die Emissionen wie Staub, Schwefeldioxid oder das klimaschädliche
CO2 in die Atmosphäre gelangen lässt. Der extrem geringe Restenergiebedarf eines PH
kann dauerhaft und umweltverträglich durch die vorhandenen Ressourcen gedeckt wer-
den; langfristig sogar vollständig aus erneuerbaren Energien. Mit dem Bau eines Passiv-
hauses leisten Sie damit den derzeit maximalen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz
– wo keine Schadstoffe entstehen, können sie auch niemanden schädigen.

Ökonomische Gründe
Mit einem Passivhaus werden Werte geschaffen, die dauerhaft besseren Komfort und hö-
here Wertbeständigkeit garantieren. Und dies geschieht nicht zulasten, sondern zugunsten
258 6 Energieeffizientes Bauen – Energetische Sanierung

Abb. 6.5 Veranschaulichung der Planungsgrundsätze für das energieeffiziente Bauen: Eine durch-
gehende Dämmebene mit angemessener Dämmstärke, möglichst wärmebrückenfreie Anschlussde-
tails an allen Kanten, eine zusammenhängende luftdichte Schicht, die an allen Anschlussdetails
sauber verbunden werden muss. A (Traufe), B (Deckenanschluss), C (Fußpunkt) und D (Fensteran-
schluss) „Rundumdämmung“. (Quelle: AG Holz e. V. Düsseldorf)

unserer natürlichen Umwelt. Die Wertschöpfung kommt dem jeweiligen Investor unmit-
telbar zugute (lokale Komponente) – indirekt aber auch der Volkswirtschaft als Ganzes
durch Verringerung von teuren Umweltschäden (globale Komponente). Zudem sind al-
le Wirtschaftszweige gefordert, ihren Beitrag zu leisten. Dies gilt für Dienstleister wie
Architekten und Bauträger ebenso wie für Baustofflieferanten und ausführende Hand-
werksbetriebe.

6.3.4 Energiebilanz – Heizwärmekennwert

I Das wichtigste Hilfsmittel bei der Planung eines Passivhauses ist die Erstellung
der Wärmebilanz des Gebäudes.

Mit dem Passivhaus Projektierungspaket (PHPP [2], basierend auf EN 832), einem gut
eingeführten Berechnungsverfahren für Passivhäuser, steht dem Planer ein Werkzeug zur
Verfügung, mit dem die Energiebilanz und mithin die Funktionstüchtigkeit des entstehen-
den Passivhauses vom ersten bis zum letzten Planungsschritt verfolgt werden kann. Hier
fließen alle energetisch relevanten Informationen über das entstehende Gebäude zusam-
men.
Die wichtigsten Verlustbeiträge, Transmissionswärmeverluste und Lüftungswärmever-
luste, stehen im Gleichgewicht mit den solaren Gewinnen, den internen Wärmequellen
und dem restlichen aufzubringenden Heizwärmebedarf. Auf der rechten Seite sind die
6.3 Passivhaus 259

Abb. 6.6 Jahresheizwärmebilanz nach EN 832 eines beispielhaften Passivhauses. (Quelle: ILS
Hamburg)

Transmissionswärmeverluste durch die einzelnen Bauteile (Summe D 100 %) im Ver-


gleich zu deren typischen Flächenanteilen an der gesamten Hüllfläche einzeln dargestellt.
In Abb. 6.6 werden die wesentlichen Ergebnisse der Energiebilanz eines typischen
Passivhauses beispielhaft dargestellt. Links ist das Gleichgewicht zwischen Transmissi-
onswärmeverlusten und Lüftungswärmeverlusten sowie den passiv solaren Wärmegewin-
nen durch die Fenster, den internen Wärmequellen und der Heizwärme aufgetragen. Die
sogenannte „freie Wärme“ (QF), ist die Summe aus den solaren Gewinnen (QS) und
den inneren Wärmequellen (QI). Um daraus die tatsächlich für die Energiebilanz zur
Verfügung stehenden Wärmequellen (QG) zu erhalten, wird gemäß EN 832 ein Ausnut-
zungsgrad für freie Wärme berechnet. Die verbleibende Differenz zwischen den nutzbaren
Gewinnen und den Verlusten stellt den restlichen Heizwärmebedarf des Passivhauses dar
(QH D QV  QG), der dem Gebäude von einem kleindimensionierten Wärmeerzeuger zu-
geführt werden muss.
260 6 Energieeffizientes Bauen – Energetische Sanierung

6.3.5 Planungsgrundlage für Passivhäuser

Die Energiebilanz begründet das Konzept und die wichtigsten Planungsgrundsätze für
Passivhäuser: Wärmeverluste verringern – passiv solare Gewinne optimieren.
Im mitteleuropäischen, gemäßigt-atlantischen Klima ist die wichtigste Maßnahme die
Verringerung der Wärmeverluste des Gebäudes. Das liegt daran, dass hier im Winter län-
gere Zeiten mit zwar moderaten Außentemperaturen, aber wolkenverhangenem Himmel
vorkommen, in denen die solaren Gewinne gering sind.
Das Verringern der Wärmeverluste führt im Übrigen auch dazu, dass die solaren Ge-
winne und die internen Wärmequellen zu einem weit bedeutenderen Teil zur Temperie-
rung des Gebäudeinneren herangezogen werden können, als es bislang üblich war. Ein
Hinweis auf ein schlecht gedämmtes Gebäude im Bestand kann dies verdeutlichen: An
einem sonnigen Winternachmittag wird es in den besonnten Räumen zwar eine Wei-
le wohlig warm, aber spätestens nach Einbruch der Dunkelheit ist die Wärme mangels
Dämmung wieder weg und es muss geheizt werden. Anders im Passivhaus: Die Wärme-
dämmung unterstützt hier die Wärmespeicherung.
Sollte die Heizung im Passivhaus einmal ausfallen, so würde die Raumtemperatur etwa
ein Kelvin pro Tag abfallen.
Aus den Heizwärmebilanzen zahlreicher gebauter Passivhäuser ergeben sich folgen-
de Erfahrungswerte: Die U-Werte für opake Bauteile sollten normalerweise kleiner als
0,15 W/(m2 K) sein, anzustreben sind U-Werte von etwa 0,1 W/(m2 K).
Konstruktive Wärmebrücken müssen soweit wie möglich vermieden werden. Für Fens-
ter und Türen im Passivhaus sollte im Regelfall UW bzw. DU  0,8 W/(m2 K) sein.
Fensterlüftung verursacht sehr hohe Lüftungswärmeverluste, wenn der hygienisch not-
wendige Luftwechsel in einer Wohnung gewährleistet werden soll. Im Passivhaus wird
deshalb eine kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung eingesetzt, welche die Lüf-
tungswärmeverluste sehr stark reduziert. Im Passivhaus ist Fensterlüftung während der
Heizperiode nicht mehr notwendig, denn die kontrollierte Lüftung sorgt kontinuierlich für
frische, angenehme Luft. Trotzdem hat jeder Raum Fenster zum Öffnen, was besonders
im Sommer wichtig ist.
Eine konsequent luftdichte Hülle des Gebäudes ist eine weitere wesentliche Anforde-
rung, auf der das Passivhauskonzept beruht. Die Lüftungswärmeverluste werden von der
Luftströmung durch Fugen maßgeblich bestimmt. Der Grenzwert für die Luftdichtheit
liegt für das Passivhaus deshalb bei n50  0,6 1/h. Die Erfahrung zeigt, dass nur so die
Lüftungswärmeverluste klein genug gehalten werden können.
In der nachfolgenden Checkliste sollen Sie eine Art Leitlinie für die Planung und die
Ausführung eines Passivhauses kennenlernen.
Bei den fett hervorgehobenen Punkten ist eine Qualitätssicherung besonders anzuraten.
6.3 Passivhaus 261

Checkliste – Passivhaus

1. Städtebauliche Rahmenbedingungen und örtliche Gegebenheiten


 Ist ein Anschluss an ÖPNV vorhanden?
 Ist die Südorientierung der Hauptfassaden (˙ 30°) möglich?
 Ist Verschattungsfreiheit für passive Solarenergienutzung (Fenster) möglich?
 Ist eine beschattungsfreie Bepflanzung nach Süden möglich?
 Sind kompakte Bauformen möglich? Gereihte Gebäude sind vorteilhaft!
2. Vorplanung
Kompakte Baukörper bzw. Anbaumöglichkeiten an evtl. bestehende Nachbargebäude
nutzen!
 Verglasungsflächen nach Süden sind optimal, Ost-/ West-/Nordfenster klein halten,
 Verschattungsfreiheit (keine bzw. sehr wenig Verschattung im Winter durch Brüs-
tungen, Vorbauten, Balkone, Dachüberstände, Trennwände etc.),
 einfache Hüllflächenstruktur (möglichst ohne Gauben, Versätze etc.),
 Grundriss: Installationszone konzentrieren (z. B. Bäder über oder neben Küche);
notwendige Lüftungskanäle berücksichtigen,
 Abtrennung eines evtl. vorhandenen Kellergeschosses muss luftdicht und wärme-
brückenfrei sein,
 Passivhaus Vorprojektierung mit PHPP,
 Fördermittel für Passivhäuser der Länder z. B. REN-Programm der Landes oder
der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) prüfen und beantragen. Bitte beachten:
die meisten Förderprogramme verlangen, dass vor Baubeginn beantragt wird!
3. Genehmigungsplanung
 Dämmdicken der Hülle einplanen,
 Wärmebrücken vermeiden,
 Raumbedarf für Haustechnik einplanen,
 Grundriss: auf kurze Leitungsführungen (Warmwasser, Kaltwasser, Abwasser) und
kurze Lüftungskanäle achten. Kaltluftkanäle möglichst außerhalb der thermischen
Hülle führen, warme Leitungen innerhalb der thermischen Hülle.
4. Ausführungsplanung Baukörper
 hochgedämmte Regelkonstruktionen wählen U < 0,15 W/(m2 K), anzustreben sind
U D 0,1 W/(m2 K),
 wärmebrückenfreie Anschlussdetails vorsehen,
 WB-Verluste berechnen oder konsequent wärmebrückenfrei konstruieren,
 luftdichte Anschlussdetails planen,
 Fensteroptimierung (Verglasungsart, Superrahmen, Glasanteil, Sonnenschutz), su-
perisolierte Fenster mit Dreifachwärmeschutzverglasung U g < 0,8 W/(m2 K) und
wärmegedämmten Rahmen einsetzen. Der gesamte U-Wert des Fensters muss ein-
schließlich Einbauwärmebrücken U W eingebaut < 0,85 W/(m2 K) unterschreiten. U f
und g müssen bekannt sein.
Energiekennwertberechnung mit „Passivhaus Projektierungs-Paket“ (PHPP).
262 6 Energieeffizientes Bauen – Energetische Sanierung

5. Ausführungsplanung Lüftung
Kanalnetz und Zentralgerät
 Wärmetauscher möglichst nahe an der thermischen Hülle aufstellen, egal ob inner-
halb (z. B. Technikraum in Obergeschoss) oder außerhalb (kalter Keller) der Hülle.
Die kalten Leitungen im warmen Bereich, bzw. die warmen Leitungen im kalten
Bereich sind jeweils möglichst kurz zu halten und müssen sehr gut wärmegedämmt
werden,
 nach Heizregister innerhalb der thermischen Hülle anordnen,
 kurze Kanäle verwenden, glattwandig, Strömungsgeschwindigkeiten < 3m/s pro-
jektieren,
 Mess- und Abgleichvorrichtungen einplanen, Schallschutz, Brandschutz berück-
sichtigen,
 Luftauslässe: Kurzschlussluftströme vermeiden, Wurfweite, Abgleichmöglichkeit
vorsehen,
 Abluftdurchlässe nicht über Heizkörpern (falls vorhanden) anordnen,
 Überströmöffnungen auf Druckverlust Dp < 1 Pa dimensionieren,
 evtl. Zusatzdämmung von Zentralgerät und Nachheizregister vorsehen,
 Rückwärmzahl > 75 %, Luftdichtheit (Umluft < 3 %), Stromeffizienz beachten
(< 0,4 Wh/m3 ),
 Schalldämmung und gute Wärmedämmung des Gehäuses beachten,
 Steuerung der Lüftung sollte nutzerseitig stufenweise möglich sein: „schwach“,
„normal“, „stark“: evtl. zusätzliche Bedarfsschalter in der Küche und in Bädern
und Toiletten,
 Sommerbypass für Wärmetauscher vorsehen.
Erdreichwärmetauscher
 nicht unbedingt nötig, aber als Frostschutz und in Zusammenhang mit Wärmepum-
pen-Kompaktaggregat zu empfehlen,
 Luftdichtheit der Rohre zum Erdreich beachten,
 genügend Abstand kalter Leitungsteile vom Haus einhalten.
Sonstiges
 Dunstabzugshauben: auf hohen Auffanggrad bei kleinem Volumenstrom achten,
 Umlufthauben verwenden,
 Fettfilter vorsehen.
6. Ausführungsplanung übrige Haustechnik
 Sanitär, Warmwasser: kurze Leitungen vorsehen, gut gedämmt und
 Sanitär, Kaltwasser: kurze Leitungen normalgedämmt gegen Schwitzwasserbil-
dung,
 Warm- und Heizungsarmaturen dämmen,
 Wasserspar-Armaturen und Warmwasseranschlüsse für Wasch- und Spülmaschi-
nen vorsehen,
 Abwasser: kurze Leitungen vorsehen (nur ein Fallrohr),
 Unterdachrohrbelüfter vorsehen (bevorzugt) oder gedämmtes Entlüftungsrohr,
6.3 Passivhaus 263

 Sanitär- und Elektroinstallation: möglichst keine Durchdringungen der luftdichten


Gebäudehülle planen, dort wo unumgänglich, Dichtheit sicherstellen,
 energiesparende Haushaltsgeräte einsetzen (Bestandsaufnahme für PHPP sinnvoll)
 Qualitätskontrolle für Ausführung der gesamten Haustechnik durchführen
7. Ausführung, Bauleitung Baukörper
 Wärmebrückenfreiheit: Qualitätssicherungstermine auf der Baustelle,
 Dämmarbeiten: auf ununterbrochene Dämmschichten achten, Lufträume vermei-
den,
 Luftdichtheit: Anschlussdetails kontrollieren, solange zugänglich,
 Luftdichtheit: Drucktest während der Bauphase durchführen lassen!
 Wann? Sobald die luftdichte Hülle vollständig hergestellt, aber noch zugänglich ist.
 Wie? Mit einem Drucktest mit Blower-Door einschließlich Leckageaufnahme und
Nachbesserung.
8. Ausführung, Bauleitung Lüftung
 Durchführung muss luftdicht sein,
 Kanäle: sauber einbauen, sorgfältig abdichten,
 Zentralgerät: Zugänglichkeit der Filter zum Wechseln und Schalldämmung über-
prüfen,
 Dämmung der Kanäle kontrollieren,
 Einregulierung der Luftströme im Normalbetrieb,
 Messung der Zu- und Abluftströme zum Balance-Abgleich,
 Abgleich der Zu- und Abluftverteilung in den verschiedenen Räumen überprüfen,
 Messung der elektrischen Leistungsaufnahme des Zentralgeräts überprüfen.
9. Ausführung, Bauleitung übrige Haustechnik
 Kontrolle der luftdichten Durchführungen,
 Kontrolle der Wärmedämmung der Leitungen,
 Qualitätskontrolle über die Ausführung der gesamten Haustechnik.
10. Zertifikat
Zur Qualitätssicherung der Planung kann beim Passivhaus-Institut für jedes Gebäu-
de das Zertifikat „Geprüftes Passivhaus“ beantragt werden. Im Rahmen der Prüfung
werden die genannten Eigenschaften geprüft und eine detaillierte Energiebilanz nach
PHPP erstellt.

6.3.6 Materialien

Für die luftdichte Hülle sind drei Kategorien zu beachten: die luftdichte Fläche der Regel-
bauteile, Bauteilanschlüsse (Ortgang, Traufe, Fenstereinbau) und punktförmige Durch-
dringungen (z. B. Kabeldurchführungen) (Abb. 6.7). Tab. 6.5 gibt einen Überblick über
geeignete bzw. nicht geeignete Materialien für die Konstruktion der luftdichten Hülle
eines Gebäudes. Selbstverständlich sind die Verarbeitungshinweise der Hersteller zu be-
achten.
264 6 Energieeffizientes Bauen – Energetische Sanierung

Tab. 6.5 Gegenüberstellung geeigneter und weniger geeigneter Materialien


Geeignet: luftdichte Materialien für Regelbauteile Weniger geeignet: undichte Materialien
Innenputz auf Mauerwerk Mauerwerk (Mörtelfugen)
Folien HWL- und Holzweichfaserplatten
Armierte Baupappe Perforierte Folien
Harte Holzwerkstoff-Platten, z. B. OSB, FPP, BFU PS-Hartschaumplatten
Beton, richtig verarbeitet Nut- und Federschalung
Dichte Anschlüsse Nicht dauerhaft dichte Anschlüsse
Verkleben von Folien mit Butylkautschuk-Klebe- Parkettklebeband, Kreppband o. Ä.
band und zusätzliche Anpresslatte Zu trockener Beton (schwer Dichtend ein-
Sachgerecht verwendetes vorkomprimiertes Dich- zubringen)
tungsband mit Anpresslatte Zu nasser Beton (Schwindfugen)
Mit gut eingestelltem Beton ausgegossene Durch- Verklebung auf ungeprimerten Massivbau-
dringungen und verspachtelte Fugen teilen
Luftdichtes Acrylatklebeband PU-Montageschaum
Angepresste Dichtlippe Verfugung mit Silikon

Abb. 6.7 Wandanschluss an der Hauskante. (Quelle: ILS Hamburg)

6.3.7 Konstruktionsmerkmale zu PH

Abb. 6.8 zeigt ein wichtiges Konstruktionsdetail an einem Passivhaus.


An der Außenwand wurde nur ein zusätzlicher Steg eingefügt. Im Wesentlichen handelt
es sich um eine geometrische Wärmebrücke. Man beachte die Verklebung der luftdichten
Beplankung in der inneren Kante.
6.4 Effizienzhaus 265

Abb. 6.8 Traufe – luftdichte Ebene wie beim Ortgangdetail. (Quelle: ILS Hamburg)

Der tragende Untergurt ist gemäß den statischen Erfordernissen zu bemessen und zu
detaillieren.

6.4 Effizienzhaus

KfW-Häuser sind Häuser mit einer energetischen Mindesteffizienz, die sich nach den
Maßgaben der aktuellen EnEV (zuz. EnEV 2016) richten.
Die Begriffe Effizienzhaus 55, Effizienzhaus 40 und Effizienzhaus 40+ bezeichnen
die Anforderungen an die Bauweise und zeigen durch die Zahlen, welcher Jahrespri-
märenergiebedarf pro Quadratmeter Wohnfläche nicht überschritten werden darf. Beim
Primärenergiebedarf werden die Verluste berücksichtigt, die bei der Umwandlung eines
Energieträgers in Nutzenergie auftreten (Abb. 6.9).
Gemessen wird die energetische Qualität anhand des Jahresprimärenergiebedarfs (z. B.
Heizen, Lüften, Warmwasseraufbereitung) und des Transmissionswärmeverlustes. Dieser
Wert wird aus der Summe der U-Werte oder einzelnen Bauteile der Gebäudehülle ermit-
telt. Je geringer der U-Wert umso besser ist das Gebäude gegen Wärmeverluste geschützt.
Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) fördert dieses energiesparende Bauen durch
zinsgünstige Kredite (Abb. 6.10).
Nachfolgend werden je ein Beispiel eines 60- und eines 40-KfW-Energiesparhauses
aufgezeigt (Abb. 6.11 und 6.12).
266 6 Energieeffizientes Bauen – Energetische Sanierung

Abb. 6.9 U-Werte an Effizienzhäusern


Förderstufen Jahres-Primär- Transmissions- Förderkredit
nach EnEV energiebedarf (QP) wärmeverlust (H‘T)
Tilgungs-
(in % des Referenzgebäudes nach EnEV) Zinssatz*
zuschuss

KfW-Effizienzhaus 40 Plus 40 % 55 % 15 %

KfW-Effizienzhaus 40 40 % 55 % ab 0,75 % 10 %
+
KfW-Effizienzhaus 55 55 % 70 % 5%

Referenzgebäude EnEV 100 % 100 %

Abb. 6.10 KFW-Kredite

Ausgewählt wurden ein 60-KfW-Reihenmittelhaus und ein 40-KfW-Haus als kom-


paktes Einzelhaus, um Ihnen zu zeigen, dass diese Art der Energieeinsparhäuser jede
architektonische Gestaltung zulässt.
Wenn Sie die nachfolgenden Abbildungen betrachten, werden Sie feststellen, dass sich
die Energiegewinne fast decken, die Verluste im E 55 etwas höher sind, es aber auch zu
bedenken gilt, dass die Wohnfläche um ein Drittel höher ist (Tab. 6.6).
Dafür liegt beim E 40 der Quadratmeterpreis mehr als doppelt so hoch, ist aber gemes-
sen am Energiesparpotenzial durchaus vertretbar (Abb. 6.13).
6.4 Effizienzhaus 267

Abb. 6.11 Energiesparhaus 55. (Quelle: ILS Hamburg)

Abb. 6.12 Energiesparhaus 40. (Quelle: ILS Hamburg)


268 6 Energieeffizientes Bauen – Energetische Sanierung

Tab. 6.6 Vergleich der Effizienzhäuser 55 und 40


Effizienzhaus 55 Effizienzhaus 40
Anzahl Bewohner: 4 Personen 2 Personen
Wohnfläche: 155 m2 94 m2
Primärenergiebedarf: 59 kWh pro m2 und Jahr 38 kWh pro m2 und Jahr
Dämmung:
Wand 17,5 cm Mauerwerk 24 cm Leichthochlochziegel
12 cm Mineralfaserdämmung 20 cm Mineralfaserdämmung
Dach 20 cm Mineralfaserdämmung 40 cm Mineralfaserdämmung
Fenster Zweischeiben-Wärmeschutzver- Dreischeiben-Wärmeschutzvergla-
glasung sung, gedämmter Rahmen
Heizung: Gasbrennwertkessel Kleinstwärmepumpe
Solaranlage 6 m2 Kollektor 8 m2 Kollektor
Brauchwasserspeicher 300 l 400 l
Qualitätsnachweis: Blower-Door-Test Blower-Door-Test
Wärmebrücken: Weitestgehend vermindert Keine
Lüftung: Fenster Zentrale Anlage mit Wärmerückge-
winnung
Kosten (2017)
Bau 102.000,– Euro 133.500,– Euro
Technische Anlagen 20.500,– Euro 33.500,– Euro
Nebenkosten (Planer) 13.500,– Euro 20.000,– Euro
Summe 136.000,– Euro 187.000,– Euro
Euro/Quadratmeter 877,– Euro 1989,– Euro

Abb. 6.13 Gegenüberstellung der Primärenergiebilanz KfW 55. (Quelle: ILS Hamburg)
6.5 Plusenergiehaus 269

Abb. 6.14 Gegenüberstellung der Primärenergiebilanz KfW 40. (Quelle: ILS Hamburg)

6.5 Plusenergiehaus

Das Plusenergiehaus ist das (2017) modernste Gebäudekonzept beim energetischen Bau-
en.
Dabei ist die Grundidee, dass ein Gebäude vom Energieverbraucher zum Energieer-
zeuger wird.
Das Plusenergiehaus basiert dabei auf dem Passivhauskonzept und ist eine kontinuierli-
che Weiterentwicklung. Ein Passivhaus reduziert dank einer optimalen Gebäudedämmung
und konsequenten Südausstattung und einer effizienten Lüftungsanlage den Energiever-
brauch um 90 % gegenüber herkömmlichen Gebäuden. Der Energieverbrauch für Heizung
und Warmwasser ist dabei mit einem Jahres- Primärenergiebedarf von unter 40 kWh(m2 a)
sehr gering. Wird zusätzlich durch eine Photovoltaikanlage mehr Energie erzeugt, als die
Bewohner für Wärme und Warmwasser verbrauchen, dann wird aus dem Passivhaus ein
Plusenergiehaus (Abb. 6.15). Ein Konzept, dass sich trotz höherer Kosten durch hohe
Wirkungsgrade bei der Haustechnik auch ökonomisch rechnet. Wird durch den Einsatz
regenerativer Energien genau die Menge Energie erzeugt, die das Haus für den Betrieb
selbst benötigt, so spricht man von einem Nullenergiehaus.
Ein KfW-Effizienzhaus 40 Plus verfügt über folgendes Plus Paket:

 Stromerzeugende Anlage auf Basis erneuerbarer Energien


Mindestbetrag: 500 kWh/WE C 10 kWh × AN
 Stationäres Batteriespeichersystem (Stromspeicher), nutzbare Speicherkapazität: PV –
Peakleistung oder/und Leistung Windkraftanlage × eine Stunde
270 6 Energieeffizientes Bauen – Energetische Sanierung

Abb. 6.15 Plus-Energiehaus mit Solaranlage. (Quelle: Mulipor, Duisburg)

 Zentrale Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung  80 %


 Visualisierung von Stromerzeugung und Stromverbrauch über ein Benutzerinterface

Das Plus-Paket ist mit jedem Effizienzhaus-40-Konzept kombinierbar.

6.6 Wintergärten

Wintergärten und ähnliche Glasvorbauten werden in vielen verbrauchernahen Zeitschrif-


ten als Synonym für energiesparendes Bauen verwendet. Bauherren dienen sie oftmals als
Aushängeschild für umweltfreundlichen Lebensstil. Leider erfüllen sie aus energetischer
Sicht nicht die oft hochgesteckten Erwartungen, sondern verbrauchen in einer Vielzahl
der Fälle zusätzliche Heizenergie.
Viele Untersuchungen belegen: Der Beitrag eines Wintergartens zur Energieeinsparung
ist äußerst gering oder nicht nachweisbar. Durch einen Wintergarten wird ein Gebäude
weder zu einem NEH noch zu einem anders gearteten Energiesparhaus.

Beispiel
In nachfolgender Tabelle (Tab. 6.7) werden am Beispiel eines frei stehenden Einfami-
lienhauses mit 142 m2 beheizter Wohnfläche die verschiedenen Varianten der Energie-
bilanz eines Wintergartens aufgezeigt.

Den Referenzfall bildet der Bau nach geltendem Wärmeschutz (EnEV). Auf der Süd-
seite wird nun alternativ der Anbau eines Wintergartens mit 15 m2 Grundfläche und 76 m2
6.6 Wintergärten 271

Tab. 6.7 Energiebilanz eines Wintergartens

Verglasungsfläche vorgesehen. Das Beispiel macht deutlich, dass die dritte Variante, die
Verbesserung des Wärmeschutzes auf NEH-Standard, die größte Energieeinsparung bei
geringsten Investitionsmehrkosten nach sich zieht.
Nur ein unbeheizter Wintergarten bringt eine kleine Energieeinsparung.
Damit Energieeinsparungen überhaupt möglich werden, müssen folgende Anforderun-
gen an einen Wintergarten gestellt werden:
Allgemeine Anforderungen:

 keine Beheizbarkeit,
 keine Bepflanzung mit frostempfindlichen Gewächsen (oftmals Grund für eine nach-
trägliche Beheizung),
 Entkopplung des Wintergartens von der Gebäudehülle ohne Wärmebrücken,
 guter Wärmeschutz der Trennwand zwischen Wintergarten und Gebäude sowie der
sonstigen Außenwände und Fenster,
 möglichst geringe Abweichung von der Südausrichtung,
 Schrägverglasungen in steiler Ausführung mit mindestens 60° oder hochwärmege-
dämmte Ausführung der oberen Begrenzungsfläche (für hohen Wärmeeintrag im Win-
ter und geringere Wärmebelastung im Sommer),
 Wärmeschutzverglasung in Verbindung mit wärmegedämmten Profilen,
 Dämmung opaker (undurchsichtiger, lichtundurchlässiger) Bauteile und der Funda-
mente,
 Schaffung hoher Speichermassen.

Konstruktive Anforderungen
Beim Glasvorbau zur Nutzung als Wintergarten und als Pufferzone muss eine Vielzahl von
technischen Details beachtet werden, um die Regeln der Bauordnungen einzuhalten und
um Bauschäden zu vermeiden. Der Wärmeschutz ist durch eine Wärmefunktionsvergla-
sung so zu verbessern, dass ein Wärmerückstrahlungsaustausch zwischen den Scheiben
infolge des Emissionsvermögens der Scheibenoberfläche für Wärmestrahlen weitgehend
verhindert wird (Treibhauseffekt).
272 6 Energieeffizientes Bauen – Energetische Sanierung

Abb. 6.16 Vertikalschnitt durch einen Wintergarten. (Quelle: Gehlen, Troisdorf)


6.7 Außenanlagen 273

 Die Lüftung in einem Wintergarten vermeidet im Sommer die durch den Treibhausef-
fekt entstehenden hohen Temperaturen (60°) und mindert in der kalten Jahreszeit den
Schwitzwasseranfall. Die thermische Lüftung ist der mechanischen Lüftung vorzuzie-
hen.

Dabei sind Lüftungsflügel, deren Fläche etwa 20 % der Glasfläche ausmachen sollen,
im unteren und oberen Bereich vorzusehen. Sie müssen zugfrei einen 50-fachen Luft-
wechsel in der Stunde gewährleisten.

 Der Sonnenschutz ist ein weiteres bautechnisches Mittel, um eine Überhitzung im In-
nenraum zu vermeiden. Es eignen sich besonders Beschattungskonstruktionen, die im
Außenbereich vorgesehen werden. Dazu zählen Pflanzrankwerk, Rollos aus Tuchwerk,
Sonnensegel, Markisen etc.
 Die Tragfähigkeit der geneigten Glasflächen muss so bemessen sein, dass Wind- und
Schneelasten aufgenommen werden können. Außerdem sind die Überkopfverglasun-
gen splitterbindend auszuführen. Dies wird durch Verbundsicherheitsglasscheiben
VSG erreicht. Bei einem Wärmefunktionsglaselement wird die untere Scheibe als
Verbundsicherheitsglas ausgeführt.
 Für die Rahmenausbildung eignen sich alle im Fensterbau eingesetzten Werkstoffe.
Aus ökologischer Sicht wird Holz bevorzugt. Gegen Feuchtigkeit und Witterungsein-
flüsse sind die Rahmen mit einer Lasur zu schützen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Wintergärten (Abb. 6.16) bei richtiger Kon-
zeption einen sehr schönen zusätzlichen Aufenthaltsraum für begrenzte temporäre Nut-
zungen darstellen können. Der sehr geringe Energieeinsparungseffekt steht allerdings in
keinem Verhältnis zu den Kosten. Beheizte Wintergärten sind Luxusräume mit hohen
Energieverlusten, die durch die Gewinne bei Weitem nicht aufgewogen werden.

6.7 Außenanlagen

Bei der Planung der Sanierung eines Hauses sollte auch an eine ökologische Gestaltung
oder Neugestaltung der Außenanlagen Berücksichtigung finden (Abb. 6.17).
Außenanlage ist der Sammelbegriff für alle Flächen eines Grundstücks (Freiflächen),
die außerhalb des Gebäudes liegen. Außenanlagen lassen sich einteilen in Flächen für:

 Erschließung und Verkehr auf dem Grundstück (z. B. Zugangswege, Zufahrten und
Gartenwege),
 Flächen zum Aufenthalt (z. B. Terrassen, Sitzecken),
 Spielflächen,
 Gartenbereiche (z. B. Rasen- oder Pflanzflächen, Wasserflächen),
274 6 Energieeffizientes Bauen – Energetische Sanierung

Abb. 6.17 Ökologisch abgestimmte Außenanlage. (Quelle: Weltbild Augsburg)

 Funktionsflächen (z. B. Müll- oder Kompostplatz),


 Flächen für Nebengebäude (z. B. Garage, Carport, Garten- oder Gerätehaus, Sauna).

Die Gestaltung und spätere Nutzung der Außenanlagen ist in erster Linie abhängig von
der Lage und Abmessung des Grundstücks sowie den Randbedingungen, wie z. B. Nach-
barbebauung, Lage zur Straße etc. Wesentlichen Einfluss haben die Form und Stellung des
Gebäudes sowie seine Bezüge zu den Freiflächen (z. B. Eingang, Gartenzugänge, Sicht-
beziehungen). Die Planung der Außenanlagen und der Gebäudeentwurf sind somit von
Anfang an aufeinander abzustimmen.
6.7 Außenanlagen 275

Abb. 6.18 Ästhetisch gestaltete Wege und Befestigungseinfassungen. (Quelle: Weltbild Augsburg)

Einfriedung
Die Einfriedung des Grundstücks ist in der Regel in örtlichen Vorschriften geregelt. Teil-
weise sind Art, Material und Höhen vorgegeben, häufig ist nur gefordert, dass die Um-
zäunung in ortsüblicher Weise zu erfolgen hat. Dabei ist ein gewisser Spielraum für eine
individuelle Gestaltung vorhanden.

Wege und befestigte Flächen


Wege erschließen das Haus von der Straße her und verbinden die Wohnräume mit den
Freianlagen. Die Terrasse erweitert den Innenraum in den Garten und bildet damit einen
Übergang vom Haus in den Gartenbereich.
Für eine individuelle Gestaltung stehen zahlreiche Materialien zur Verfügung, wie z. B.
Naturwerkstein, Ziegelpflaster, Betonplatten, keramische Beläge, Holzpflaster und -roste
oder Rasengittersteine (Abb. 6.18).
Runde Beete mit Natursteineinfassungen komplettieren die Wege aus Wildpflaster. Un-
regelmäßiges Schichtenmauerwerk begrenzt die Anlage (Quelle: Holz und Stein, Weltbild
Augsburg)
276 6 Energieeffizientes Bauen – Energetische Sanierung

Abb. 6.19 Großzügig angelegter Spielplatz – die Grundfläche kann auch kleiner sein. (Quelle: Holz
und Stein Weltbild Augsburg)

Bei der Planung sollte der Anteil der versiegelten (wasserundurchlässigen) Flächen
möglichst gering gehalten werden, insbesondere z. B. bei der Anlage der Zufahrten.

Spielflächen
Der Spielbereich sollte etwas abgesetzt vom Haus liegen, um den Kindern ein selbst-
ständiges, weitgehend unbeobachtetes Spielen, gleichzeitig jedoch den Eltern eine Be-
aufsichtigung, zu ermöglichen (Abb. 6.19). Eine Verschattung, zumindest während der
Mittagszeit im Sommer, ist günstig. Dies kann z. B. durch Laubbäume erreicht werden,
dabei ist jedoch darauf zu achten, dass es nicht zu einer übermäßigen Verunreinigung der
Sandflächen durch Blüten oder Laub kommt.

Gartenbereiche
Der individuellen Gestaltung des Gartens sind kaum Grenzen gesetzt. Es sollten jedoch
vorab zwei wichtige Entscheidungen getroffen werden:
6.7 Außenanlagen 277

Die erste Überlegung ist, welchen Garten wollen Sie eigentlich? Einen „ordentlich“
angelegten Garten oder einen Naturgarten? Einen Garten für den Liegestuhl, die sportliche
Betätigung oder zum Gärtnern?
Die zweite Frage ist die Frage nach der Zeit, die man bei der Pflege des Gartens inves-
tieren kann oder will. Wenn diese beiden Fragen beantwortet sind, kann die eigentliche
Planung der Gartenanlage beginnen.
Einheimische standortgerechte Sträucher und Gehölze sind nicht nur ein guter Beitrag
für die Umwelt, da sie einer Vielzahl von Lebewesen Nahrung und Unterschlupf bieten,
sondern sind oft auch kostengünstiger und haltbarer als fremde Gewächse.

Funktionsflächen
Biologisch abbaubare Abfälle sollten auf dem Grundstück kompostiert werden, sofern
dies ordnungsgemäß, schadlos und ohne Belästigung des eigenen Gartens und der Nach-
barn möglich ist.

Flächen für Nebengebäude


Abhängig von der Größe und dem Zuschnitt sowie den Wünschen des Nutzers können in
den Außenanlagen verschiedene Nebengebäude, wie z. B. Garage, Carport, Garten- oder
Gerätehaus oder auch ein Saunahaus vorgesehen werden.
Durch eine Begrünung mit Rank- oder Kletterpflanzen kann der Carport als Teil der
Gartengestaltung einbezogen werden.

Niederschlagswasser
Nicht behandlungsbedürftiges Niederschlagswasser sollte, sofern es nicht bereits im Ge-
bäude (z. B. WC-Spülung) eingesetzt wird, zur Gartenbewässerung genutzt oder zumin-
dest vor Ort versickert werden.
Erneuerbare Energien
7

Ich würde mein Geld auf die Sonne und die Solartechnik setzen. Was für eine Energiequelle!
Ich hoffe, wir müssen nicht erst die Erschöpfung von Erdöl und Kohle abwarten, bevor wir
das angehen (Thomas Edison 1847–1931, US-amerikanischer Erfinder).

7.1 Vorüberlegungen

Die Suche nach erneuerbaren Energiequellen, die den weltweiten Bedarf decken ohne
der Umwelt zu schaden, gehört zu den schwerwiegendsten und dringlichsten Aufgaben
unserer modernen Welt (Abb. 7.1).
Der größte Teil der der Energie, die wir heute nutzen, stammt immer noch von stark
umweltverschmutzenden, nicht nachwachsenden fossilen Brennstoffen.
Kernkraft ist ebenfalls eine natürliche Energiequelle, aber in den Atomkraftwerken
entstehen radioaktive Abfälle und selbst die sichersten Anlagen bergen das Risiko einer
Katastrophe in sich.
Zusätzlich zum Wind bildet die Wasserkraft eine vielversprechende Alternative, aber
die zuverlässigste und unerschöpfliches von allen Energiequellen ist die Sonne (Abb. 7.2–
7.4).
Trotz vielversprechender Aussichten sind alternative Energiesysteme nicht frei von
Problemen.
Allen voran steht die Notwendigkeit auf praktikable und trotzdem preisgünstige Weise,
Elektrizität für die Zeiten speichern zu können, in denen aus Mangel an Wind, Sonnen-
schein oder Wasser die Kraftwerke brach liegen.
Trotzdem ist der Nutzen dieser Systeme enorm. Sie verringern die Abhängigkeit von
fossilen Brennstoffen und reduzieren die Belastung der Umwelt.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 279
M. Stahr, Sanierung von baulichen Anlagen, https://doi.org/10.1007/978-3-658-20475-4_7
280 7 Erneuerbare Energien

Abb. 7.1 Anteil erneuerbarer Energien. (Quelle: Stahr, Leipzig)


7.1 Vorüberlegungen 281

Abb. 7.2 Alte und neue Windräder in Kalifornien. (Quelle: National Geographic, Washington)
282 7 Erneuerbare Energien

Abb. 7.3 Solarbrenner in Süd-


frankreich. (Quelle: National
Geographic, Washington)

Abb. 7.4 Roosevelts – Staudamm in Arizona. (Quelle: National Geographic, Washington)


7.2 Stand – Prognose – Einsatz 283

Tab. 7.1 Anteil erneuerbarer 1. Österreich 70 %


Energie (Sonne, Wind, Wasser, 2. Schweden 63 %
Biomasse, Geothermik) in Eu- 3. Portugal 52 %
ropa. (Quelle: Eurobarometer
4. Lettland 51 %
2016)
5. Dänemark 49 %
6. Kroatien 45 %
7. Rumänien 42 %
8. Spanien 38 %
9. Slowenien 34 %
10. Italien 33 %
11. Finnland 31 %
12. Deutschland 28 %

7.2 Stand – Prognose – Einsatz

7.2.1 Stand

Zehn Millionen Tonnen Erdöl verfeuert die Menschheit am Tag, außerdem 12,5 Mio.
Tonnen Steinkohle und 7,5 Mrd. Kubikmeter Erdgas – begleitet von der schleichenden
Gewissheit, dass die Vorräte in einigen Jahrzehnten zur Neige gehen werden.
Der Beginn des 21. Jahrhunderts wird deshalb als Epoche der Weichenstellung in Erin-
nerung bleiben (Tab. 7.1). Scheitert die Energiewende jetzt, ist der Verfall des Wohlstands
fast unausweichlich. Drei Lager stehen einander im Streit um die Zukunft gegenüber: die
Hardliner, die Energie wie bisher aus Öl, Gas und Uran gewinnen wollen; die Gemäßig-
ten, die auf keine Option verzichten wollen und eine Schule des „sanften Pfades“ vertreten
und jene, die sich von den fossilen, nuklearen Konzepten abwenden und die Zukunft in
erneuerbaren Energien und mehr Energieeffizienz sehen (Abb. 7.5).
Und Deutschland? Bei Investitionen in erneuerbare Energien ist die Bundesrepublik
weltweit führend. Kein Land gewinnt so viel Strom aus Wind wie Deutschland. Fast jedes
fünfte Windrad weltweit stammt aus einer deutschen Werkshalle.
Allerdings gibt es ein (noch) großes Problem: Die deutsche Energiewende hat bislang
trotz Erneuerbare-Energien-Gesetz und Dreifachverglasung bis ins Gäste-WC etwas We-
sentliches versäumt: die Optimierung der Effizienz. Jeder einzelne Deutsche verbraucht
immer noch viel zu viel Energie (Abb. 7.6).
284 7 Erneuerbare Energien

Abb. 7.5 Natürliches Angebot erneuerbarer Energien und ihr technisch-wirtschaftlich nutzbares
Potenzial 2017. (Quelle: RWE Essen)

Noch ein Problem


5,5 Billionen Euro könnte es kosten, wenn die Menschheit weiterhin so gewaltige Mengen
von Klimagasen in die Atmosphäre pumpt. Das sind 20 % ihrer gesamten Wirtschaftskraft.
Zum Vergleich: Während der großen Depression der dreißiger Jahre hat die Weltökonomie
in ähnlichem Umfang eingebüßt.
Im Mittelpunkt der Weltklimakonferenz 2018 in Katowice (Polen) stand deshalb immer
noch die Frage: Wie lässt sich noch verhindern, dass die Temperaturen auf der Erde um
volle fünf Grad steigen? Und wie sollte sich die Menschheit rüsten für eine Erwärmung
von zwei Grad, die inzwischen als unabwendbar gilt?
Jeden Tag verbrauchen wir etwa so viel Kohle, Gas und Öl, wie die Natur in 500.000
Tagen geschaffen hat.
Das heißt: Jeden Tag

 haben wir 100–150 Tier- und Pflanzenarten unwiederbringlich ausgerottet,


 haben wir 30.000 ha Wüste zusätzlich geschaffen,
 haben wir 86 Mio. Tonnen fruchtbaren Boden durch Erosion verloren,
 haben wir 100 Mio. Tonnen Treibhausgase produziert.

Zu diesen ökologischen Problemen kommen noch die ökonomischen Probleme durch


beinahe täglich steigende Energiepreise. Die US-Regierung geht in einer Studie davon
aus, dass sich der Ölpreis bis 2020 nochmals vervierfachen wird.
7.2 Stand – Prognose – Einsatz 285

Abb. 7.6 Weltweiter Energieverbrauch in Exajoule D 34,12 Mio. Tonnen Steinkohleeinheiten

7.2.2 Prognose

Allerdings sind diese Probleme inzwischen weltweit, auch bei den größten „Sündern“ wie
China und den USA, bekannt (Tab. 7.2).
Ein bedeutender Schritt sind die Klimaschutzziele, die von den 27 EU-Staaten auf dem
Frühjahrsgipfel 2017 in Paris formuliert und in Bonn 2017 fortgeschrieben wurden. Leider
hat sich der größte Verursacher USA aus dem Pariser Abkommen „verabschiedet“. So will
die EU auf der Basis von 1990 den Ausstoß der Treibhausgase bis zum Jahr 2020 um 20 %
senken. Rund 30 % sollen es werden, wenn andere große Industrienationen mitziehen.
Im selben Zeitraum sollen Biokraftstoffe auf 10 % des Spritverbrauchs und regenerative
Energien auf 20 % des Primärenergieverbrauchs ansteigen.
Der Ausbau der Energien aus Wind, Wasser und Sonne kommt in Deutschland schnel-
ler voran als prognostiziert. Allein in Jahr 2006 legten die erneuerbaren Energien um fast
13 % zu. So beträgt der Anteil dieser Energien bei der Stromerzeugung bereits 11,8 %.
Durch diese Maßnahmen sind im letzten Jahr rund 24.000 neue Arbeitsplätze entstanden.
286 7 Erneuerbare Energien

Tab. 7.2 Die zehn größten Anteil an weltweiten CO2 -Emissionen in %


CO2 -Verursacher der Welt USA 21,82
2016 China 17,94
Russland 5,75
Japan 4,57
Indien 4,15
Deutschland 3,19
Kanada 2,07
Großbritannien 2,02
Italien 1,74
Südkorea 1,74

Abb. 7.7 Energieeinsparungsvorhaben mit erneuerbaren Energien in Deutschland bis 2050. (Quel-
le: Verbraucherinitiative Berlin)

Nach einer Studie des deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) kann 2020
der Anteil der erneuerbaren Energien am Primärenergieeinsatz in Deutschland rund 16 %
erreichen (Abb. 7.7).
Leider muss aber auch eingeschätzt werden, dass Deutschland aus Sicht der Experten
die hochgesteckten Ziele nicht in allen Punkten 2020 erreichen wird.

7.2.3 Einsatz erneuerbarer Energien bei der ökologischen Sanierung

Bei einer ökologischen Sanierung sollte grundsätzlich der mögliche Einsatz regenerativer
Energien untersucht werden. Dazu zählen solarthermische Anlagen, Photovoltaikanlagen,
Wärmepumpen sowie Biomasseheizungen. Mit ihnen kann eine größere Unabhängig-
keit von fossilen Brennstoffen und ihren Preisen sowie als Folge auch eine nachhaltige
7.3 Begriffe 287

Reduzierung der CO2 -Emissionen erreicht werden. Solarthermische Anlagen zur Warm-
wasserbereitung – mit oder ohne Einbindung in das Raumheizungssystem – sind heute
Stand der Technik und ihr möglicher Einsatz im Rahmen einer Altbaumodernisierung ist
in jedem Fall zu prüfen. Neben den Voraussetzungen im Verbrauchsprofil sind Vorbedin-
gungen im Gebäude zu beachten, die den Einsatz von Solarthermie begünstigen. In den
Sommermonaten kann bei entsprechender Auslegung der Warmwasserbedarf eines nor-
malen Haushalts üblicherweise vollständig gedeckt werden. In den Übergangszeiten und
der Heizperiode muss die Heizungsanlage unterstützend eingesetzt werden. Photovoltaik-
anlagen können sowohl in Dachflächen wie in Fassaden integriert werden. Der erzeugte
Strom wird in der Regel in das Netz gespeist und entsprechend dem Erneuerbare-Energi-
en-Gesetz (EEG) vergütet.
Biomasseheizungen in Form von modernen Holzheizungen sind eine ökologisch und
volkswirtschaftlich sinnvolle Alternative zu Heizungen mit fossilen Brennstoffen. Je nach
Gebäudeart und regionalem Standort ergeben sich sinnvolle Einsatzbereiche der verschie-
denen Systeme. Stärkere Verbreitung finden Holzpelletkessel, die eine vollautomatisch
geregelte Verbrennung von Pellets erlauben und einer Ölheizung in punkto Bequemlich-
keit kaum nachstehen.
Mit der Wärmepumpe kann die in Erdreich, Wasser und Luft gespeicherte Sonnen-
energie für Heizzwecke nutzbar gemacht werden. Sie dient zur Warmwassererzeugung
und zur Heizungsunterstützung. Bei optimalen Randbedingungen, z. B. einem Passivhaus-
standard, kann sie einen herkömmlichen Heizkessel ersetzen.

7.3 Begriffe

Nachfolgend werden ausgewählte Grundbegriffen erneuerbarer Energien erläutert. Weite-


re spezielle Termini werden auch bei den Einzelthemen behandelt.

Erneuerbare Energie
Erneuerbare Energie (auch regenerative Energie genannt) stammt aus Quellen, deren Nut-
zung nicht die Ressourcen des Ökosystems Erde belasten. Erneuerbare Energien sind z. B.
Solarenergie, Windkraft, Erdwärme und die Nutzung nachwachsender Biomasse. Sie steht
im Gegensatz zu fossiler Energie und nuklearer Energie.

Ertrag
Um Erträge verschiedener Anlagen vergleichen zu können, wird der Ertrag üblicherweise
in kWh (Kilowattstunden) pro kWp installierter Spitzenleistung angegeben.

Fossile Energie
Die Nutzung fossiler Energie (z. B. Erdöl, Erdgas, Kohle) belastet im Gegensatz zur Nut-
zung erneuerbarer Energie die Ressourcen des Ökosystems Erde. Durch die Freisetzung
von Kohlendioxid verstärkt die Nutzung fossiler Energie den Treibhauseffekt.
288 7 Erneuerbare Energien

Graue Energie
Als graue Energie wird die Primärenergie bezeichnet, die notwendig ist, um ein Gebäude
zu errichten. Graue Energie umfasst Energie zum Gewinnen von den Materialien, zum
Herstellen und Verarbeiten von Bauteilen, zum Transport von Menschen, Maschinen,
Bauteilen und Materialien zur Baustelle sowie zum Einbau von Bauteilen. Im ressour-
censchonenden Bauen lässt sich die im Gebäude verbaute graue Energie minimieren.

Kohlendioxid (CO2 )
Kohlendioxid entsteht bei der Nutzung fossiler Energie durch die Verbrennung von Koh-
lenstoff sowie bei Stoffwechselprozessen. In der Atmosphäre trägt Kohlendioxid zum
Treibhauseffekt bei.

Kilowattstunde (kWh)
Kilowattstunde ist die gebräuchlichste Maßeinheit der elektrischen Arbeit: Arbeit ist
gleich Leistung mal Zeit (kWh ist kW × h). Ein Kraftwerk mit der Leistung von 150 MW
erzeugt bei Vollbetrieb in 10 h 1500 MWh. Eine Glühbirne mit 60 W (0,06 kW) verbraucht
in 10 h 0,6 kWh.

Nukleare Energie
Nukleare Energie entsteht aus der Nutzung von Kernspaltung oder Kernfusion. Während
die Kernfusion aufgrund des wenig fortgeschrittenen Entwicklungsstands auf absehbare
Zeit nicht zur Energieversorgung beitragen kann, führt der Einsatz von Kernspaltung zu
großen Problemen und Risiken bei der sicheren Verwahrung der entstehenden radioakti-
ven Abfallstoffe. Zusätzlich ist Kernspaltung auf Uran angewiesen, dessen Vorkommen
auf der Erde begrenzt ist (Abb. 7.8).
Daraus resultiert auch der Widerspruch zwischen Befürwortern, die meinen, dass sich
nur mit der Nutzung der Atomenergie der rasant steigende Energiehunger stillen lässt,
während Kritiker aufgrund schwindender Uranvorräte, ungelöster Sicherheitstechnik und
zunehmender radioaktiver Abfälle diese Energie für nicht zukunftsfähig halten.

Abb. 7.8 Weltweite Ent-


wicklung radioaktiver Abfälle.
(Quelle: ILS Hamburg)
7.4 Solarenergie 289

Wirkungsgrad
Verhältnis der nutzbaren zur eingesetzten Energie.

7.4 Solarenergie

7.4.1 Konstruktive Vorbemerkungen

Die Sonne scheint jeden Tag neu (Heraklit von Ephesus, etwa 540–480 v. Chr.).

Die Sonneneinstrahlung auf die Erde innerhalb von neun Minuten reicht theoretisch
aus, um den Weltenergiebedarf der Menschheit für ein Jahr zu decken.
Die maximale Leistung, die an Sommertagen mit wolkenlosem Himmel erreicht wird,
liegt bei etwa 1000 W/m2 , das entspricht ungefähr der Leistung eines Föns. Demgegen-
über steht die eingestrahlte Leistung an einem trüben Wintertag mit nur ca. 20 W/m2 .
Daraus wird ersichtlich, dass die Sonneneinstrahlung sich im Verlauf des Jahres extrem
ändert.
Zusätzlich variiert die Strahlung aber noch täglich, wobei man zwischen direkter
Strahlung (bei wolkenlosem Himmel) und diffuser Strahlung (bei bedecktem Himmel)
unterscheidet. Beide tragen zur Leistung bei und liefern uns Energie.
In Abb. 7.9 ist zur Verdeutlichung eingetragen, in welchem Verhältnis die diffuse Strah-
lung (unterer Teil der Kurve) zur direkten Sonneneinstrahlung (schraffierter Teil) steht.
Man sieht, dass im Hochsommer jeden Tag mehr als 5 kW/m2 Energie eingestrahlt werden
(jeweils zur Hälfte diffuse und direkte Strahlung). In den Wintermonaten gibt es jedoch
fast nur diffuse Strahlung, sodass die von der Sonne täglich gelieferte Energie ungefähr
zwischen 0,5 und 1 kW/m2 liegt.

I Wer meint, dass Deutschland sich nicht als Sonnenenergieland eignet, täuscht
sich: Die Solarstrahlung liegt bei 900 bis 1200 kW/m2 im Jahr.

Abb. 7.9 Verlauf der Global-


strahlung der Sonne innerhalb
eines Jahres, aufgeteilt in den
diffusen und den direkten An-
teil. (Quelle: ILS Hamburg)
290 7 Erneuerbare Energien

Die direkte und diffuse Sonnenenergie kann auf verschiedene Arten genutzt werden.

 Solarthermie
Mit einer thermischen Solaranlage wird die Sonnenwärme direkt genutzt, indem sie
über Sonnenkollektoren der Solarflüssigkeit – einer Transportflüssigkeit mit Frost-
schutzmittel, ähnlich der Kühlflüssigkeit eines Kraftfahrzeugs – zugeführt und direkt
nutzbar gemacht wird. Diese Anlagen können zur Trinkwassererwärmung sowie zur
Unterstützung von Wasserheizungen eingesetzt werden.
Die Sonnenstrahlen prallen von den Heliostaten am Hang ab und werden in einem 45 m
hohen Parabolspiegel gebündelt. Dieser richtet das Licht auf einen 18 m entfernten
Turm, in dem sich ein High-Tech-Ofen befindet. Dieser Ofen kann fast jede Substanz
der Erde schmelzen. Aluminiumklappen oben am Turm öffnen und schließen sich in
weniger als einer Sekunde und lassen einen Lichtstoß mit über 3595 °C eindringen
(Abb. 7.10).
 Photovoltaik
Mit einer Photovoltaik-Anlage wird das einfallende Sonnenlicht mit Solarzellen direkt
in elektrischen Strom umgewandelt (Abb. 7.11). Der aus der Anlage erzeugte Strom
wird zum Wärmen, Kühlen, Beleuchten und dem Betrieb unterschiedlicher Haushalts-
geräte genutzt. Meist wird der Strom ins Netz eingespeist, es sind aber auch autarke
(unabhängige) Systeme möglich.

Abb. 7.10 Solarthermische Anlage in Oheillo. (Quelle: National Geographic; Washington)


7.4 Solarenergie 291

Abb. 7.11 Solarthermische Anlagen in Kalifornien. (Quelle: National Geographic; Washington)

Reflektorenplatten intensivieren den Beschuss durch Sonnenprothonen und erhöhen


damit die Elektrizitätsmenge, die von jeder photovoltaischen Zelle abgegeben wird.
 Solare Kühlung
Die solare Kälteerzeugung wird zur Zeit mit elektrischen, thermischen oder thermo-
mechanischen Systemen umgesetzt. Das Sonnenlicht kann auch zur passiven Solar-
energiegewinnung genutzt werden, dabei kommen meist Tageslichtlenksysteme zum
Einsatz (Abb. 7.12).
Mit einer Solaranlage am eigenen Haus haben Sie die Möglichkeit, selbst Energie zu
gewinnen – in Form von Wärme oder Strom. Sie profitieren davon im doppelten Sinn:
Zum einen senken Sie nachhaltig Ihre Energiekosten und zum anderen leisten Sie Ihren
persönlichen Beitrag zum Schutz der Umwelt und der Ressourcen.

Das Verständnis der Einzelkomponenten und ihres Zusammenspiels hilft bei der Pla-
nung einer eigenen Anlage und der Bewertung von Herstellerangeboten (Abb. 7.13).
Bei der Planung sollte nach den in Tab. 7.3 dargestellten Schritten vorgegangen werden.
Als bauliche Voraussetzung für den Neuaufbau, aber auch für die Sanierung, sollten
noch folgende Mindestanforderungen erfüllt sein:

 Schrägdach von 30°–45° Neigung; Ausrichtung Süden;


 Flachdach am Haus oder an der Garage etc.;
 Freifläche, Garten, Terrasse;
 Stellfläche für den Solarspeicher, z. B. Keller oder Dachboden.
292 7 Erneuerbare Energien

Abb. 7.12 Bestandteile einer Solaranlage zur Warmwasserbereitung. (Quelle: RWE Energie AG
Essen)

Abb. 7.13 Die Bauteile einer Solaranlage. (Quelle: ILS Hamburg)


7.4 Solarenergie 293

Tab. 7.3 Schritte zur Gestaltung einer Photovoltaikanlage


Planung Finanzierung Bau Betrieb > 20 Jahre
– Beratung – Leasing – Anlagenbau – Anlagenüberwachung
– Entscheidung – Finanzierung – Elektrische Installation – Service- und Wartungs-
– Anlagenplanung – KfW-Finan- – Abnahme verträge
– Absprache mit zierung – Qualitätsmanagement – Garantieleistungen
Behörden und Ener-
gieversorgern

7.4.2 Solarthermie

7.4.2.1 Konstruktive und organisatorische Grundlagen


Bei der Solarthermie gewinnt man mit sogenannten Thermiekollektoren auf dem eigenen
Dach Wärme für die Trinkwassererwärmung und wahlweise auch zur Unterstützung der
Heizungsanlage. Die erzeugte Wärme wird in einem Solarspeicher gesammelt und bei
Bedarf im Haus genutzt. Eine optimal für das Haus dimensionierte Anlage liefert Warm-
wasser und Heizungswärme und entlastet so die Öl- oder Gasheizung (Abb. 7.14). Eine
spezielle Anwendung der Solarthermie stellt darüber hinaus die direkte Lufterwärmung
mittels Warmluftkollektoren dar.

Abb. 7.14 Solarthermie Anlage zur Heizungsunterstützung (Aufdachmontage). (Quelle: Fine


Wood, Altenburg)
294 7 Erneuerbare Energien

Abb. 7.15 Solarertrag


in Abhängigkeit von der
Dachausrichtung. (Quelle:
SCHÜKO, Bielefeld)

Je mehr Sonneneinstrahlung auf die Thermiekollektoren trifft, desto größer ist die Wär-
meleistung. Im Idealfall zeigen die Kollektoren nach Süden. Ost- oder Westausrichtung ist
ebenfalls geeignet (Abb. 7.15). An einer nach Süden ausgerichteten Giebelseite können
die Kollektoren z. B. als Vordach montiert werden.

I Die Sonneneinstrahlung in Deutschland ist ausreichend, um mit modernen So-


larsystemen die Trinkwassererwärmung und die Raumheizung vom Frühling bis
weit in den Herbst zu gewährleisten.

7.4.2.2 Kollektoren
Der Solarkollektor, Sonnenkollektor oder kurz Kollektor ist eine Einrichtung, die Son-
nenstrahlung absorbiert, in Wärme umwandelt und diese an einen strömenden Wärme-
träger abgibt. Der aktive Teil des Kollektors, in dem die Energieumwandlung und Wär-
meübertragung stattfindet, wird Solarabsorber und Absorber genannt. Für die Einsatzge-
biete Warmwasserbereitung, Schwimmbaderwärmung und Heizung kommen unter unse-
ren Wetterbedingungen mit hohem diffusen, d. h. nicht konzentrierbaren Strahlungsanteil,
praktisch nur Kollektoren infrage, die keine Konzentration der Sonnenstrahlung bewir-
ken. Ein zusätzlicher Vorteil dieser Kollektoren für den Hausbereich ist, dass sie nicht der
Sonne nachgeführt werden müssen und sich daher für eine Integration in die Dach- oder
Fassadenfläche besonders eignen.
Je nach Art der Maßnahmen zur Verringerung der Wärmeverluste und der Art des Wär-
meträgermediums unterscheidet man verschiedene Kollektorbauarten (Abb. 7.16):

 Solarabsorber
 Flachkollektoren
 Vakuumkollektoren
7.4 Solarenergie 295

Abb. 7.16 Kollektorbauformen. (Quelle: RWE Energie AG Essen)

Abb. 7.17 Schematischer


Aufbau eines Flachkollektors.
(Quelle: RWE Energie AG
Essen)

 Speicherkollektoren
 Luftkollektoren

Abb. 7.17 zeigt den schematischen Aufbau eines Flachkollektors. Die elektromagne-
tische Energie der auftreffenden direkten und diffusen Sonnenstrahlung wird von der
schwarzen Absorberfläche nahezu vollständig in Wärme umgewandelt. Zur Verringerung
der Wärmeverluste an die äußere Umgebung ist der Absorber an der Rückseite mit einer
Wärmedämmung (Mineralwolle, Hartschaum) und an der Frontseite mit einer sonnen-
strahlungsdurchlässigen Abdeckung (Glas, Kunststoff) versehen. Der Absorber (Metall
oder Kunststoff) enthält Wärmetauscherkanäle, über die die nutzbare Kollektorwärme
mithilfe eines Wärmeträgermediums, z. B. Wasser mit Frostschutzzusatz, abgeführt wird.
Der Rahmen bestand meist aus Holz. Heute wird vor allem Aluminium, Titanzink und
(seltener) Kunststoff eingesetzt. Somit sind die Flachkollektoren unempfindlich gegenüber
296 7 Erneuerbare Energien

hohen Temperaturen im Inneren und der UV-Strahlung. Das Sicherheitsglas ermöglicht


besonders hohe Solarerträge und ist gemäß DIN EN 12975-2 auf Hagelschlag getestet.
Abb. 7.18–7.22 geben einen Überblick über die in der Anwendung befindlichen Kol-
lektoren.

Abb. 7.18 Beispiel eines Solarabsorbers für die Beckenwassererwärmung: Multischlauchabsorber


aus flexiblem, schwarz eingefärbtem Kunststoff mit Zwischenstegen (Ausschnitt). (Quelle: RWE
Energie AG Essen)

Abb. 7.19 Schematische


Darstellung einer direkt durch-
strömten Vakuumröhre mit
koaxialen Doppelrohr. (Quelle:
RWE Essen)
7.4 Solarenergie 297

Abb. 7.20 Schematischer


Aufbau des Vakuum-Flachkol-
lektors. (Quelle: RWE Energie
AG Essen)

Abb. 7.21 Schematischer Auf-


bau eines Speicherkollektors.
(Quelle: RWE Energie AG
Essen)
298 7 Erneuerbare Energien

Abb. 7.22 Schematischer


Aufbau eines Luftkollektors.
(Quelle: RWE Energie AG
Essen)

7.4.2.3 Solaranlagen an Gebäuden


Für Kollektoren stehen zur Zeit sechs Montagevarianten zur Auswahl (Abb. 7.23):

 Aufdach
 Flachdach
 Indach
 Ganzdach
 Vordach
 Fassaden

Der Einbau der Kollektoren erfolgt bei den meisten Herstellern im Dach oder oberhalb
der Dacheindeckung.
Für die In-Dach-Montage (Abb. 7.24) müssen regen- und flugschneesichere Anschlüs-
se zwischen den Kollektoren und der konventionellen Dacheindeckung sowie zwischen
den benachbarten Kollektoren hergestellt werden, die auch die Aufnahme von Wärme-
dehnungen ermöglichen sollen.
Bei der Auf-Dach-Montage (Abb. 7.25) bleibt die vorhandene Dacheindeckung erhal-
ten. Die Kollektoren werden mithilfe von Haltewinkeln und -profilen parallel zur Dachein-
deckung befestigt.
7.4 Solarenergie 299

Abb. 7.23 Solarfassade. (Quelle: Herrmann Schwerte)

Abb. 7.24 In-Dach-Montage


eines Solarkollektors. (Quelle:
RWE Energie AG Essen)

Abb. 7.25 Auf-Dach-Montage


eines Solarkollektors. (Quelle:
RWE Energie AG Essen)
300 7 Erneuerbare Energien

Abb. 7.26 Sonnenbe-


strahlung eines nach Süden
ausgerichteten Kollektors im
Sommer- und Winterhalbjahr
bei unterschiedlichen Nei-
gungswinkeln. (Quelle: RWE
Energie AG Essen)

Kollektorneigung und -ausrichtung sollten so gewählt werden, dass sich für den haupt-
sächlichen Nutzungszeitraum eine hohe Sonnenbestrahlung ergibt (Abb. 7.26).
Eine optimale Orientierung wird sich bei Schrägdächern jedoch häufig nicht realisieren
lassen, da für die Festlegung der Ausrichtung und Neigung des Daches oft andere Krite-
rien ausschlaggebend sind. Bei der Ausrichtung des Kollektors sollte daher ein erfahrener
Solarexperte hinzugezogen werden.

7.4.2.4 Funktionsweise der Trinkwassererwärmung und der


Heizungsunterstützung
Die Funktionsweise der solaren Trinkwassererwärmung und der solaren Heizungsunter-
stützung ist nahezu identisch. Die Vorteile sind

 Gewinnung von Energie (bis 70 % bei der Trinkwassererwärmung und 30 % bei der
Heizenergie),
 ganzjährige Nutzung der Solarenergie durch die Vorerwärmung an Tagen mit weniger
Sonneneinstrahlung,
 längere Lebensdauer Ihrer Heizungsanlage,
 Verdopplung des Energiegewinns im Vergleich zu einer Thermieanlage ohne Heizungs-
unterstützung,
 Verlängerung der Heizperiode ohne Energiekosten,
 Wertsteigerung der Immobilie.

Trinkwassererwärmung
Abb. 7.27 zeigt, dass durch die Sonneneinstrahlung die Solarflüssigkeit in den Thermie-
kollektoren (1) erwärmt wird. Der Solarregler (2) schaltet eine Umwälzpumpe in der
7.4 Solarenergie 301

Abb. 7.27 Schema Trinkwassererwärmung. (Quelle: RWE Energie AG Essen)

Solarstation (3) ein, sobald die Temperatur im Kollektor höher ist als im Solarspeicher (4).
Die Pumpe transportiert die erwärmte Solarflüssigkeit aus den Kollektoren in den Solar-
speicher. Dort wird die Wärme über einen Wärmetauscher an das Trinkwasser abgegeben
und gespeichert. Die abgekühlte Solarflüssigkeit fließt zurück in den Kollektor und der
Kreislauf beginnt von vorn.
Die gespeicherte Wärmeenergie kann bei Bedarf genutzt werden, z. B. zum Duschen
oder Baden. Wenn die Sonneneinstrahlung einmal nicht ausreichen sollte, wird das Wasser
durch den herkömmlichen Heizkessel nachgeheizt. Der Warmwasserkomfort ist jederzeit
gewährleistet.

I Eine Thermieanlage kann mit jeder beliebigen Heizungsanlage mit zentraler


Warmwasserbereitung kombiniert und optimal abgestimmt werden. Auch der
spätere Austausch der Heizungsanlage ist problemlos möglich.

Eine Thermieanlage zur Trinkwassererwärmung für vier Personen und in einer guten,
unverschatteten Dachsituation benötigt beispielsweise zwei Kollektoren auf dem Dach (1)
und einen 300-Liter-Solarspeicher, der in der Regel den bisherigen Trinkwasserspeicher
ersetzt.
302 7 Erneuerbare Energien

Abb. 7.28 Schema Heizungsunterstützung. (Quelle: RWE Energie AG Essen)

Heizungsunterstützung
Heizungsunterstützung gedeckt werden. Im Vergleich zu einer Anlage ohne Heizungsun-
terstützung kann der Energiegewinn damit nahezu verdoppelt werden.
Die Funktionsweise bei Heizungsunterstützung (Abb. 7.28) und Trinkwassererwär-
mung ist nahezu identisch. Die gewonnene Wärme (1) wird jedoch über den Wärmetau-
scher nicht direkt an das Trinkwasser abgegeben, sondern zunächst an das Heizungswasser
im Speicher (4). Dieses erwärmt dann das Trinkwasser. Zur Nutzung der solaren Wärme
für die Heizungsunterstützung wird der Heizungsrücklauf zur Erwärmung über den Spei-
cher geleitet, sobald die Temperatur im Solarbereich des Speichers höher ist als im Rück-
lauf. Bei nicht ausreichender Sonneneinstrahlung wird selbstverständlich auch hier ohne
Komforteinbußen durch den Heizungskessel nachgeheizt. Im Vergleich zu einer Anlage
zur Trinkwassererwärmung vergrößern sich bei der zusätzlichen Heizungsunterstützung
die Kollektorfläche und das Speichervolumen. Die Kombination ist mit jeder beliebigen
zentralen Heizungsanlage möglich. Besonders geeignet sind Anlagen mit Fußboden- oder
Wandheizung, weil diese mit deutlich geringeren Rücklauftemperaturen arbeiten.
So ist auch bei geringer Einstrahlung die optimale Nutzung der Solarenergie möglich.
Eine Thermieanlage zur Heizungsunterstützung für vier Personen benötigt bei gleicher
Dachausrichtung beispielsweise vier Kollektoren und einen 500-Liter-Kombispeicher für
die Trinkwassererwärmung und Heizungsunterstützung.
7.5 Photovoltaik 303

7.5 Photovoltaik

7.5.1 Konstruktive und organische Grundlagen

Die Anwendungsmöglichkeiten der Photovoltaik sind vielfältig und reichen von der Versor-
gung individueller Einzelverbraucher bis zur Versorgung ganzer Siedlungen (Abb. 7.29).
Moderne Photovoltaikmodule sind seit vielen Jahren technisch ausgereift und werden
mit Leistungsgarantien von 20 und mehr Jahren angeboten. Technisch gesehen sind So-
larzellen die eleganteste und umweltfreundlichste Methode der Stromerzeugung, die wir
heute zur Verfügung haben. Mit ca. 30 m2 Photovoltaikmodulfläche lässt sich rechnerisch
bereits der gesamte Stromverbrauch eines durchschnittlichen Haushalts erzeugen. Einen
besonderen Anreiz für die Errichtung einer netzgekoppelten Photovoltaikanlage auf dem
eigenen Dach bietet das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Die darin geregelte Ver-
gütung für den in das öffentliche Netz eingespeisten Solarstrom sorgt langfristig für die
Rentabilität der Anlage.
Bereits der französische Physiker Alexandre Edmond Becquerel entdeckte im Jahr
1839 die Möglichkeit, aus Licht elektrische Energie zu gewinnen. Erklären konnte er das
Phänomen allerdings nicht. Das gelang erst Albert Einstein, der dafür 1921 den Nobel-
preis für Physik bekam. Den Vorgang nennt man Photovoltaik (PV), abgeleitet von dem

Abb. 7.29 Strommix in Deutschland 2017. (Quelle: RWE Energie AG Essen)


304 7 Erneuerbare Energien

Abb. 7.30 Generatoren. (Quelle: Stahr, Leipzig)

griechischen Wort für Licht „Phos“ und dem Nachnamen von Alessandro Volta, einem
Pionier der Elektrizitätsforschung aus dem 18. Jahrhundert.
Ein photovoltaischer Generator – ein Solarmodul – verwandelt die Strahlungsener-
gie des Sonnenlichts direkt in elektrische Energie bzw. in „Solarstrom“ (Abb. 7.30).
Er unterscheidet sich damit in Funktionsweise und äußerem Erscheinungsbild von
einem thermischen Generator – einem Kollektor –, der die Strahlung der Sonne in Wär-
meenergie (für Heizung und Warmwasser) verwandelt.

I In Deutschland sollen 2018 mehr als 350.000 Photovoltaikanlagen in Betrieb ge-


nommen werden.

Bei der Errichtung eine PV-Anlage sind im Wesentlichen folgende Aspekte zu berück-
sichtigen:

 organisatorische Vorbereitungen,
 Himmelsorientierung der PV-Generatorenfläche,
 Leistungsfähigkeit des PV-Generators,
 Funktionsweise der solaren Stromgewinnung.

Organisatorische Vorbereitungen
Für die Errichtung einer PV-Anlage muss der Bauherr eine Reihe organisatorischer Maß-
nahmen ergreifen und Entscheidungen treffen, die in Abb. 7.31 zusammengestellt sind.

Himmelsorientierung
Die PV-Generatorfläche sollte so ausgerichtet werden, dass die von der Sonne über ein
Jahr eingestrahlte Energie möglichst groß ist. Bei einem schattenfreien Standort hängt
die Höhe der eingestrahlten Energie von der Neigung und von der Himmelsrichtung der
Generatorfläche ab. Abb. 7.32 zeigt den Einfluss des Neigungswinkels und der Himmels-
richtung auf die jährliche Sonnenbestrahlung eines PV-Generators.

Leistungsfähigkeit
Die Leistungsfähigkeit einer Photovoltaikanlage wird in kWp (Kilowatt/peak) angege-
ben. „Peak“ (Höchstwert, Spitze) bezieht sich auf die Nennleistung bei STC-Bedingungen
7.5 Photovoltaik 305

Abb. 7.31 Organisatorischer Ablauf beim Bau einer PV-Anlage

(Standard Test Conditions), die als internationaler Standard festgelegt wurden. Die Nor-
mierung dient zum Vergleich verschiedener Solarzellen oder -module.
In vielen Fällen ergibt sich aus der verfügbaren Fläche für den PV-Generator die Leis-
tungsgrenze. Je kWp muss grob mit einer PV-Generatorfläche von 10 m2 gerechnet wer-
den. Bei PV-Anlagen für private Wohnhäuser erweist es sich meist am zweckmäßigsten,
die PV-Module auf Dachflächen anzubringen. Aus Kostengründen ist eine geschlossene,
an keiner Stelle beschattete Dachfläche erforderlich, die in Himmelsrichtung und Dach-
neigung so ausgerichtet ist, dass möglichst der maximal erreichbare Energieertrag erzielt
wird (Abb. 7.32).
306 7 Erneuerbare Energien

Abb. 7.32 Einfluss des


Neigungswinkels und der Him-
melsrichtung auf die jährliche
relative Sonnenbestrahlung
eines PV-Generators. (Quelle:
RWE Energie AG Essen)

Funktionsweise der solaren Stromgewinnung


Man unterscheidet im Wesentlichen zwei Arten von gebäudeintegrierten PV-Systemen:

 netzgekoppelte Systeme, die den Strom in das vorhandene Stromnetz einspeisen bzw.
bei Bedarf aus dem Netz entnehmen und bei denen Produktionsschwankungen nicht
ins Gewicht fallen.
 Inselsysteme (auch: Stand-alone-Systeme), die unabhängig vom Stromnetz sind und
Komponenten zur Stromspeicherung benötigen, um Versorgungssicherheit bei schwan-
kendem Energieertrag zu gewährleisten.

Größe und Art einer Solarstromanlage bemessen sich nach der nutzbaren Fläche, den
verfügbaren Finanzmitteln, der benötigten Leistung und der notwendigen zeitlichen Ver-
fügbarkeit des Stroms.

7.5.2 Netzgekoppelte und autarke Photovoltaikanlagen

In einem Photovoltaikmodul werden mehrere Solarzellen in Reihe geschaltet (Abb. 7.33).


Diese Zellen bestehen in der Regel aus dem Halbleitermaterial Silizium und verfü-
gen über eine negativ und eine positiv dotierte Schicht. Bei Sonneneinstrahlung zwischen
den Schichten und bei Anschluss eines Verbrauchers fließt Gleichstrom. Dieser wird über
einen Wechselrichter (2) in 230-Volt-Wechselstrom umgewandelt und in das öffentli-
che Stromnetz eingespeist. Die eingespeiste Strommenge wird durch einen zusätzlichen
Stromzähler (3) erfasst.
7.5 Photovoltaik 307

Abb. 7.33 Netzgekoppelte PV-Anlage. (Quelle: RWE Essen)

Eine netzgekoppelte Photovoltaikanlagen besteht aus folgenden wesentlichen Kompo-


nenten:

1 PV Generator
2 Generatorenanschlusskasten
3 DC – Verkabelung
4 Batterie optional
5 Wechselrichter
6 Zähleinrichtungen
7 Netzanschluss

Dazu AC-Verkabelung.
Netzgekoppelte Anlagen stellen in Deutschland nahezu 100 % und werden auf den
Dächern oder an die Fassade montiert (vgl. Abschn. 7.5.5 Gebäudeintegration)
Für jede eingespeiste Kilowattstunde Solarstrom zahlt der lokale Energieversorger eine
Vergütung, die über die nächsten 20 Jahre gesetzlich garantiert ist.
Der Strom für den eigenen Bedarf wird wie gewohnt bezogen und abgerechnet. Im
Falle eines Stromausfalls kann eine netzgekoppelte Photovoltaikanlage auch für den Ei-
genbedarf genutzt werden. Hierfür muss sie um optionale Komponenten ergänzt werden.
308 7 Erneuerbare Energien

Abb. 7.34 Inselsystem. (Quelle: RWE Energie AG Essen)

Autarke Photovoltaikanlagen (Inselsystem)


Bei Gebäuden ohne Anschluss an das öffentliche Stromnetz wird der photovoltaisch
gewonnene Strom zur Deckung des eigenen Bedarfs genutzt. Solche Inselanlagen
(Abb. 7.34) werden z. B. bei Berghütten oder Bohrinseln realisiert.
Die Funktionsweise ist grundsätzlich identisch mit der einer netzgekoppelten Anlage.
Der Solarstrom wird jedoch nicht eingespeist, sondern direkt verbraucht oder in wieder
aufladbaren Batterien (4) (Akkumulatoren) oder einen Back-up-Generator gespeichert.
Die Batterieladung wird durch den Laderegler (2) überwacht. Der Strom aus den Batte-
rien kann durch spezielle Gleichstromgeräte (5), z. B. Kühlschrank, Radio, Beleuchtung,
verbraucht werden oder durch einen Wechselrichter (3) in Wechselstrom umgewandelt
werden.
Während Inselsysteme in Ländern der Dritten Welt die sinnvollste Möglichkeit sind,
Strom bereitzustellen, sind sie in Deutschland kaum marktrelevant.
Allerdings gewinnt eine Kopplung der vorgenannten Systeme zunehmend an Bedeu-
tung. Zusätzlich zu den Komponenten einer netzgekoppelten Anlage verfügen diese Sys-
teme über Batteriespeicher und Laderegler bzw. Wechselrichter mit Ladereglerfunktion
(Abb. 7.35).

7.5.3 Solarzellen

Die Direktumwandlung von Licht in elektrische Energie erfolgt in Solarzellen. Dabei gibt
es keine bewegten Teile, keinen Verschleiß und es treten auch keine hohen Temperaturen
auf. Solarzellen haben daher eine sehr hohe Lebensdauer, sie wird im Wesentlichen durch
äußere Einflüsse begrenzt, wie z. B. eindringende Feuchtigkeit und daraus resultierende
Korrosion.
7.5 Photovoltaik 309

Abb. 7.35 Speichersystem mit AC-Kopplung über einen zusätzlichen Wechselrichter. (Quelle:
RWE Energie AG Essen)

Abb. 7.36 Schematischer Querschnitt einer Silizium-Solarzelle. (Quelle: ILS Hamburg)

Solarzellen werden überwiegend aus hochreinem kristallinem Silizium hergestellt. Die


eigentliche Geburtsstunde der Siliziumzelle schlug 1954, als die erste Silizium-Solarzelle
hergestellt werden konnte (Abb. 7.36). Seitdem hat sich an der grundlegenden Funktions-
weise nichts geändert.
Das klassische Einsatzfeld der Photovoltaik blieb lange Zeit die Stromversorgung von
Satelliten. Erst das steigende Umweltbewusstsein und die daraus resultierende Förderung
der Solartechnologie in Deutschland trieben die Entwicklung von Photovoltaikanlagen
voran.
Silizium, der wichtigste Rohstoff für Solarzellen, ist zwar prinzipiell in fast unbegrenz-
ter Menge (u. a. als Sand) verfügbar, doch nicht in der nötigen Reinheit: Nicht mehr als
0,0000001 % Fremdmaterial darf in Solar-Silizium stecken – anspruchsvoller ist nur noch
die Chip-Industrie.
310 7 Erneuerbare Energien

Abb. 7.37 Solarzellen; a Mo- a b


nikristallin, b Polykristallin.
(Quelle: ILS Hamburg)

Solarzellen bestehen aus zwei unterschiedlich dotierten Halbleiterschichten. Als Halb-


leiter werden beispielsweise folgende Materialien verwendet (in Reihenfolge nach dem
maximal möglichen Wirkungsgrad):

 monokristallines Silizium,
 polykristallines Silizium (Si),
 amorphes Silizium (a-Si),
 Kadmium-Tellurit (CdTe),
 Kupfer-Indium-(Gallium-)Diselenid (CIS/CIGS).

Das bei Weitem gebräuchlichste Halbleitermaterial für Solarzellen ist also Silizium.
Silizium-Solarzellen (Abb. 7.37) bestehen nur aus (n- und p-dotiertem) Silizium, wäh-
rend bei CdTe- oder CIS-/CIGS-Zellen verschiedene Halbleiter in einer Zelle eingesetzt
werden. Solarzellen werden in der Regel als Scheiben oder Schichten hergestellt. Der
erzeugte Strom wird mittels metallischer Kontakte zum Verbraucher geführt. Damit das
Licht, dass auf die Oberfläche auftrifft, in den Halbleiter eindringen kann, bestehen die
dem Licht zugewandten Kontakte meist aus schmalen Leiterbahnen, die verschieden an-
geordnet sein können, oder aus transparenten leitfähigen Schichten.
Auf der Rückseite der Zellen befindet sich eine durchgehende leitende Metallschicht,
da hier kein Licht auftrifft.
Solarsysteme liefern in ihrer Lebenszeit von mindestens 25 Jahren 10–15-mal mehr
Strom, als zu ihrer Herstellung benötigt wird.

7.5.4 Solarmodule

Solarmodule zur Montage auf Dachflächen oder an Fassaden bestehen aus miteinan-
der verschalteten Solarzellen (Abb. 7.38), die in einem Rahmen eingefasst und mit einer
Glasabdeckung versehen sind. Der erzeugte Solarstrom wird über einen Wechselrichter
(Solargenerator) in das öffentliche Netz der Elektrizitätsversorgung eingespeist.

I Die kleinste aus einzelnen Solarzellen gebildete elektrische und mechanische


Einheit wird als Modul bezeichnet.
7.5 Photovoltaik 311

a b c

Abb. 7.38 Solarzelle (a), Solarmodul (b) und Solargenerator (c). (Quelle: ILS Hamburg)

Abb. 7.39 Bestandteile einer Voltaikanlage. 1 Solarmodule, 2 Generatorenanschlusskasten, 3 DC-


Freischaltung, 4 Wechselrichter, 5 Einspeisezähler, 6 Hausanschlusskasten, 7 Öffentliches Netz.
(Quelle: ILS Hamburg)

Um PV-Module und -Systeme miteinander vergleichen und eine Auswahl treffen zu


können, ist es notwendig, die wichtigsten Leistungsangaben zu kennen (Abb. 7.39).
Sie werden in fünf Faktoren unterschieden:

 Wirkungsgrad
 Nennleistung
 Performance Ratio
 Energetische Rücklaufzeit
 Erntefaktor
312 7 Erneuerbare Energien

Wirkungsgrad
Der Wirkungsgrad bezeichnet, welchen Anteil der Sonnenstrahlung eine Solarzelle in
elektrische Leistung umsetzen kann und wird in Prozent ausgedrückt. Ein Teil der Energie
wird in Wärme umgesetzt (Aufheizung der Module auf typischerweise 60 °C) und geht
für die elektrische Energieumwandlung verloren. Praktisch bedeutet ein Wirkungsgrad
von 10 %, dass 1 m2 Modulfläche bei senkrechtem Lichteinfall eine elektrische Leistung
von 100 Watt (W) erzeugt. Monokristalline Siliziumzellen haben derzeit einen Wirkungs-
grad von 14–17 %, polykristalline von 13–15 %, amorphe von 5–7 %. Dünnschichtzellen
besitzen einen Wirkungsgrad von durchschnittlich 8 %.

Nennleistung
Ein photovoltaisches System wird durch eine Spitzenleistung in „Watt peak“ (Wp) charak-
terisiert. Diese Nennleistung gibt das Modul bei direkter, senkrechter Sonneneinstrahlung
eine Intensität von 1000 W/m2 und definiertem Sonnenspektrum (AM 1,5) bei einer Zell-
temperatur von 25 °C ab. Ein Modul hat typischerweise eine Leistung von 10–100 Wp.
Je nach Zell- bzw. Modultyp benötigt eine Anlage mit 1 kWp Leistung eine Fläche von
9–20 m2 .

Performance Ratio
Die Performance Ratio (PR) gibt den Ertrag eines Systems im Verhältnis zum Ertrag
eines idealen, verlustfreien Systems mit gleicher Auslegung, Nennleistung und Ortsan-
gabe an. Sie spiegelt die Energieeffizienz aller Komponenten (Modul, Wechselrichter,
Verkabelung etc.) im Zusammenspiel wider, ist aber unabhängig von Wirkungsgrad und
Ausrichtung der Module. Die PR liegt bei modernen Anlagen bei 0,7 bis 0,8. Eine PR
von 0,8 beispielsweise bedeutet, dass das System 20 % Ertrag „verschenkt“. Verschattung
und Verschmutzung, aber auch steigende Modultemperatur bewirken eine Minderung der
Leistung.

Energetische Rücklaufzeit
Die energetische Rücklaufzeit gibt an, wie lange ein System braucht, um die bei der Her-
stellung aufgewendete Energie zurückzuliefern. Die Bilanz ist positiv, wenn sie kleiner ist
als die Lebensdauer. Bei kristallinen Modulen beträgt sie 3 bis 4, bei Dünnschichtmodu-
len 1 bis 2 Jahre.

Erntefaktor
Der Erntefaktor gibt an, wie oft das System die zu seiner Herstellung benötigte Energie
während seiner Lebensdauer wieder einspielt. Bei einer Lebensdauer von 30 Jahren liegt
der Erntefaktor für monokristalline Siliziummodule bei 9 bis 21.
7.5 Photovoltaik 313

Modulgestaltung
Transparenz Semitransparente PV-Module sind insbesondere für die Gestaltung von fol-
genden Gebäudebereichen interessant:

 Glasfassaden
 Oberlichtern
 Wintergärten
 Vordächern
 Balkonbrüstungen

Sie erzeugen in den dahinter- oder darunterliegenden Räumen ein reizvolles Muster aus
Licht und Schatten. Gleichzeitig können sie bewusst als Verschattungselement eingesetzt
werden.
Die semitransparente Wirkung wird durch die Variation der Abstände zwischen den
eingebetteten Zellen (kristallines Silizium) oder durch mechanische Eingriffe direkt in
die Zellen (Dünnschichttechnologie) erzeugt. Die entstehenden grafischen Muster (Recht-
ecke, Streifen, runde Löcher) sind variabel an den konkreten Entwurf anpassbar und
können mit farbigen Rückgläsern kombiniert werden, was die architektonischen Gestal-
tungsvarianten noch erweitert (Abb. 7.40).
Zu berücksichtigen ist dabei, dass – durch eine Vergrößerung der Abstände zwischen
den Zellen – der Anteil der elektrisch wirksamen Modulflächen in Bezug auf die Gesamt-
fläche verringert wird.

Farbe
Die Farbigkeit von Solarmodulen kann durch folgende Faktoren beeinflusst bzw. festge-
legt werden:

 Einsatz farbiger Zellen,


 Verwendung von farbigen Rückgläsern,
 Bedruckung mit wetterbeständigem keramischen Siebdruck,
 Verwendung von Farbfolien.

Sogar eine einfache Methode wie das Sandstrahlen des Deckglases kann eine hellgrau
wirkende, matte Moduloberfläche erzeugen.
314 7 Erneuerbare Energien

Abb. 7.40 Varianten von Dünnschichtmodulen; a semitransparentes Dünnschichtmodul mit Rund-


lochmuster; b semitransparentes Dünnschichtmodul mit Rautenmuster; c semitransparentes Dünn-
schichtmodul mit Streifenmuster und farbigem Rückglas; d dunkelgrünes Dünnschichtmodul mit
strukturiertem Deckglas. (Quelle: ILS Hamburg)

Oberflächen
Da die meist gläsernen, spiegelnden Moduloberflächen einen oft zu starken Kontrast vor
allem zu matten, unregelmäßigen Oberflächen historischer Baumaterialien (Mauerwerk,
Putz, Dachziegel) bilden, bietet die Verwendung von entspiegelten Oberflächen und Struk-
turgläsern (preiswerte Standardprodukte) eine Möglichkeit zur unauffälligeren baulichen
Integration.

Rahmen
Solarmodule sehen einander zwar ähnlich, gleich sind sie aber keineswegs. Zunächst sollte
man überlegen, ob es Module mit oder ohne Rahmen sein sollen; viele Typen sind in bei-
den Varianten zu haben. Der Verzicht auf den Rahmen und seine schützende Wirkung hat
nicht nur ästhetische Gründe, sondern kommt insbesondere bei flachen Dachneigungen
der Selbstreinigung zugute, weil Regenwasser ungehindert über den Modulrand abfließt
7.5 Photovoltaik 315

Abb. 7.41 Dachziegel mit PV.


1 Solarmodul, 2 Solardach-
ziegel. (Quelle: Braas GmbH
Oberursel)

und dabei Blätter und Staub herunterspült. Zudem bildet sich an Rahmenkanten gern
Moos.

Sondermodule
Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von multifunktionalen PV-Modulen (Abb. 7.41).
Insbesondere sind folgende Varianten erhältlich:

 Dachziegel mit PV,


 Dachsteine mit PV,
 Dachschindeln mit PV,
 Sonnenschutzsysteme mit PV,
 PV-Bauteile (z. B. Balkonbrüstungen oder Fensterläden),
 Module mit integrierter Beleuchtung.

Auch Module mit individueller farbiger oder semitransparenter Gestaltung sind mach-
bar, aber durch zusätzliche Materialien und/oder Arbeitsschritte deutlich teurer als Stan-
dardanfertigungen.
316 7 Erneuerbare Energien

7.5.5 Gebäudeintegration

Die Gebäudeintegration von Photovoltaik spielt sich im Spannungsfeld von Nutzeranfor-


derungen und verfügbarem Budget ab und erfolgt auf drei Ebenen:

 bautechnisch/funktional,
 elektro-/energietechnisch,
 ästhetisch/gestalterisch.

Die ästhetische Gestaltung hat großen Einfluss auf die allgemeine Akzeptanz von So-
laranlagen, wie inzwischen durch entsprechende Studien und Befragungen bewiesen wur-
de. Solaranlagen sollten deshalb nicht allein als technologische Elemente verstanden wer-
den, die man Gebäuden lediglich hinzufügt, sondern bewusst als architektonische Ge-
staltungselemente eingesetzt werden. Die Integration von PV-Anlagen in Dächern und
Fassaden von Neubauten ist technisch und gestalterisch problemlos möglich, zumal sie
von Anfang an mitgeplant werden können und sich die technischen Elemente gut mit mo-
dernen Baumaterialien in Einklang bringen lassen.
Auch die Installation von PV-Anlagen im Baubestand, selbst an denkmalgeschützten
Bauten, gelingt in ästhetischer Hinsicht, wenn Rücksicht auf die Maßstäblichkeit, Farbig-
keit, Materialien und dekorativen Elemente des Bestandes genommen wird.
Neben der ästhetischen Qualität der Solarmodule selbst ist auch die Art der baulich-
konstruktiven Integration der PV-Anlage in das Gebäude (Dach oder Fassade) unter ge-
stalterischen Gesichtspunkten von Bedeutung.
Konstruktiv gibt es verschiedene Möglichkeiten, mit den PV-Elementen umzugehen:

 Hinzufügen als separates Element,


 Kombination mit traditionellen Baumaterialien,
 Integration in vorgefertigte Bauteile,
 individuelle „maßgeschneiderte“ Gebäudeanpassung.

Die Kosten sind am niedrigsten beim reinen Hinzufügen, am teuersten bei der indi-
viduellen Lösung. Jedoch müssen bei vollwertiger Integration, bei der die PV-Elemente
zugleich Funktionen der Gebäudehülle übernehmen und konventionelle Materialien erset-
zen, die eingesparten Materialkosten gegengerechnet werden.
Gestalterisch besonders interessant sind multifunktionale PV-Lösungen, beispiels-
weise die Verwendung in Glasfassaden zur Tageslichtmodulation, in Sonnenschutzsyste-
men, verglasten Dachöffnungen oder auf kompletten Dachflächen (Abb. 7.42).
Auf Dächern konkurrieren die Photovoltaikmodule oft mit thermischen Solarkollekto-
ren. Ein Nebeneinander ist aufgrund der unterschiedlichen Dimensionen, Bauhöhen und
der Ästhetik der beiden Generatortypen aus gestalterischer Sicht immer etwas problema-
tisch und erfordert eine klare Zonierung und Zuordnung auf Dachflächen.
7.5 Photovoltaik 317

Abb. 7.42 Solardächer – Gestaltungsvielfalt. (Quelle: BUSO Bund Solardach Berlin)

Dachgestaltung
Dächer sind gewöhnlich die am wenigsten verschatteten Gebäudeteile, sodass sie sich
bevorzugt für die Installation von PV-Systemen anbieten, zumal in der Regel auch gerade
hier ausreichend große Flächen für die solare Stromerzeugung verfügbar sind.
Bezüglich der Module, der Konstruktion und der Montagesysteme werden drei Anwen-
dungsbereiche unterschieden:

 Flachdächer
 Schrägdächer
 Glasdächer/Oberlichter

Das zusätzliche Gewicht der PV-Anlagen stellt meist kein statisches Problem dar,
sodass normalerweise keine Veränderungen an der bestehenden Dachkonstruktion vorge-
318 7 Erneuerbare Energien

Abb. 7.43 Solare Einsparungsvariante. (Quelle: BUSO Bund Solardach Berlin)

nommen werden müssen. Selbst gewölbte Dächer, z. B. Tonnendächer, können mit Photo-
voltaik ausgestattet werden. In solchen Fällen kommen beispielsweise gebogene Module
mit eingebetteten flexiblen Solarzellen oder PV-Folien zum Einsatz.
Auch kleinere Flächen auf Dachgauben (z. B. Schleppgauben) können für die PV-In-
stallation genutzt werden. Dies stellt häufig eine aus gestalterischer Sicht gute Lösung
dar, wenn die Modulfläche deutlich von der übrigen Dachfläche abgegrenzt werden soll.
Grundsätzlich gilt jedoch, dass ein PV-System – unter Berücksichtigung eines optimalen
Sonneneinfallswinkels – umso wirtschaftlicher ist, je größer seine Fläche und je einfacher
seine Montage ist.
Einen Überblick über das Einsparungspotenzial eines Hauses mit gleicher Wohnfläche
als unterschiedlicher Photovoltaikausgestaltung zeigt Abb. 7.43.
Die kleine 5 m2 -Anlage bringt also nur einen geringen Einspareffekt. Unsere Emp-
fehlung für die richtige Größe des Solardachs liegt daher bei 10–20 % der beheizten
Wohnfläche. Nur dann ist Ihre Anlage für eine hohe effektive Einsparung richtig dimen-
sioniert.
Auf die richtige Größe der Solardachfläche kommt es an (Abb. 7.44)!

Empfehlung
10–20 m2 Solarfläche bedienen ca. 100 m2 Wohnfläche.
So sollte man 10 %, besser 20 % der Wohnfläche für ein Solardach berechnen.
Wichtig ist auch die Ausrichtung der Anlagen.
Optimale Energieträger werden bei einer Anlagenausrichtung nach Süden und einem
Winkel von 30 Grad zur Horizontalen erzielt. Davon abweichende Ausrichtungen haben
etwas geringere Ertragswerte (Abb. 7.45).
7.5 Photovoltaik 319

Abb. 7.44 Fläche des Solardaches und Anteil der Solarenergie an Gesamtenergie. (Quelle: ILS
Hamburg)

Abb. 7.45 Montagemöglichkeiten für Anlagen. (Quelle: BUSO Bund Solardach Berlin)

Die Errichtung einer Solarstromanlage sollte wie im Folgenden vonstatten gehen.

Einrichtungsalgorithmus einer Solaranlage

1. Vorbereitung des Dachs


 Kontrolle der Dachsicherheit; sind Reparaturarbeiten notwendig, bevor die Solar-
anlage installiert wird
 Absturzsicherungen vorsehen
2. Bei Aufdachmontage
 Befestigung der Montageelemente (Dachhaken oder Spezialziegel) und des Monta-
gesystems (Schienen bzw. Klemmen)
 Solarmodule vorbereiten (Verbindungskabel anschließen, zu Gruppen vormontie-
ren)
320 7 Erneuerbare Energien

 Solarmodule oder Modulgruppen auf das Dach ziehen


 Module und Modulgruppen elektrisch verbinden sowie Strangleitungen anschließen
und zum Generatorschlusskasten oder NEG verlegen.
3. Bei Dachintegration
 Abdecken der Dachziegel und ggf. Änderung der Lattung
 Solarmodule verlegen und elektrisch verbinden
 Strangleitungen anschließen und verlegen
 Dach fachgerecht und wetterdicht verschließen
4. Generatorenanschlusskasten (soweit vorhanden)
 montieren und anschließen
5. Gleichstromhauptleitung
 zum NEG verlegen
6. Netzeinspeisegerät
 montieren und gleichstromseitig anschließen
7. Netzeinspeisegerät an den Netzanschlusspunkt
 wechselstromseitig anschließen
8. Zähleranlage
 umbauen
9. Prüfung und Inbetriebnahme

PV auf Schrägdächern
Am gebräuchlichsten sind Solarstromanlagen auf Schrägdächern (Abb. 7.46).
Sie versprechen in geeigneter Ausrichtung und Neigung einen guten Energieertrag. Da
die Module hier aber auch deutlich sichtbarer sind als z. B. auf Flachdächern, fallen Ge-
staltungsfragen mehr ins Gewicht. Im Idealfall wird die gesamte energietechnisch günstig
orientierte Dachfläche mit PV-Modulen belegt, womit auch der ästhetische Kontrast zwi-
schen unterschiedlichen Materialien und Formaten vermieden wird. Es wird unterschieden
zwischen zwei Montagearten:

 Auf-Dach-Montage, bei der die PV-Module auf die vorhandene Dachdeckung (Zie-
geln, Schiefer, Betondachsteinen, Blech etc.) montiert werden.
 In-Dach-Montagen, bei der die PV-Elemente in die Dachfläche integriert werden.

Das zusätzliche Konstruktionsgewicht bei der Auf-Dach-Montage erfordert im Nor-


malfall keine statischen Veränderungen am vorhandenen Dachstuhl. Ideal für diese Mon-
tageart sind Dachdeckungen mit ebenen Oberflächen. Bei der In-Dach-Montage müssen
PV-Flächen an die umgebende konventionelle Dachdeckung bezüglich Bauhöhe/Dicke
(gleich oder geringer) und Materialübergänge (Anschlusselemente) angepasst werden.
Hinterlüftete Dachkonstruktionen (Kaltdächer) eignen sich besser für die In-Dach-
Montage einer Solarstromanlage als nicht hinterlüftete Dachkonstruktionen (Warmdä-
cher), da sie es erlauben, die Stauwärme, die sich hinter bzw. unter den Modulen bildet,
abzuführen, was einer Überhitzung der Module vorbeugt.
7.5 Photovoltaik 321

Abb. 7.46 Montagemöglichkeiten auf Schrägdächern. (Quelle: RWE Energie Essen)

Neben Standardmodulen und verschiedenen Unterkonstruktionen gibt es eine Reihe


von speziell für Schrägdächer entwickelte Dachziegeln, Dachsteine und Dachschindeln
mit PV, deren Formate an die konventioneller Materialien angeglichen sind, sowie flexible
Systeme – Folien oder Bleche – mit auflaminierten PV-Zellen. Kleinteilige Solarmodule
fordern gegenüber großflächigen einen deutlich höheren Aufwand bezüglich der Verka-
belung und sind insgesamt meist weniger wirtschaftlich. Sie stellen mitunter aber die
gestalterisch bessere Lösung dar.
322 7 Erneuerbare Energien

I Bei der Wahl des Systems sollte auch auf die Anordnung und bauliche Integrati-
onsmöglichkeit anderer elektrischer Komponenten, wie z. B. die an der Rücksei-
te der Module befestigten Anschlussdosen, geachtet werden. Alle Systemkom-
ponenten sollten zudem für eine Wartung und ggf. Reparatur möglichst einfach
zugänglich sein; teilweise sind hierfür eigene Arbeits- und Laufstege erforder-
lich.

PV auf Flachdächern
Grundsätzlich ist die PV-Integration bei allen Flachdachtypen (Warmdächern, Kaltdä-
chern, Umkehrdächern sowie zusätzlich begrünten Dachflächen) möglich. Flachdächer
bieten viele Vorteile für die Installation von PV-Anlagen: Die oft großen, zusammenhän-
genden Flächen ermöglichen sowohl eine einfache und damit preisgünstige Montage, als
auch eine problemlose spätere Wartung.
Die Module können im Hinblick auf maximalen Ertrag in der solartechnisch idea-
len Ausrichtung und Neigung angeordnet werden und werden im Allgemeinen mit vor-
gefertigten Systemen befestigt. Individuelle Lösungen stellen z. B. solare Pergolen auf
Flachdächern dar. Mögliche Störfaktoren, die eine großflächige Flachdachinstallation von
Solarmodulen behindern können, sind Dachaufbauten wie Schornsteine, Antennen oder
Entlüftungsrohre.
Bei Auswahl und Installation des Systems sind vor allem Statik und Dachaufbau zu
berücksichtigen. Es muss geprüft werden, ob die bestehende Dachkonstruktion das zusätz-
liche Gewicht der PV-Installation tragen kann, wie die Windlasten aufgenommen werden
können und ob eine flächige oder eine punktuelle Lastabtragung statisch sinnvoller ist.
Festigkeit und Tragfähigkeit der Wärmedämmschicht sind wichtig, um Verformungen
und Unebenheiten zu vermeiden. Mehrlagige Dachabdichtungen sind von Vorteil, da die
Montagearbeiten die Dichtung trotz aller Vorsichtsmaßnahmen gefährden können. An den
Stellen, an denen das Tragsystem im Dachaufbau verankert wird, sind exakte Anschlüsse
und eine gute Abdichtung von besonderer Bedeutung.
Bei Installation auf Gründächern muss zusätzlich gewährleistet sein, dass die Begrü-
nung die Module nicht verschattet. Zusätzlich müssen die Module so aufgeständert bzw.
montiert werden, dass sie sich nicht gegenseitig verschatten; d. h. es muss auf einen aus-
reichenden Abstand zwischen ihnen geachtet werden.

PV an Fassaden
Grundsätzlich lassen sich Kollektoren auch an Fassaden montieren (Abb. 7.47).
Als architektonisches Gestaltungselement (z. B. als farbiger Absorber) ist diese Instal-
lation durchaus sinnvoll.
Senkrecht montierte Flachkollektoren in eine Pfosten- Riegel-Konstruktion integriert,
können entweder als Standardgroßflächenkollektor oder auch als maßgeschneiderte Lö-
sung installiert werden. Besondere Anforderungen sind an das Glashalteprofil zu stellen.
Es muss verschraubt sein.
7.5 Photovoltaik 323

Abb. 7.47 Fassadensysteme. (Quelle: RWE Energie Essen)

Schräg vor der Fassade angestellte Flachkollektoren sind ähnlich zu montieren wie
auf dem Flachdach. Sie werden häufig mit den gleichen Flachdachständern an die Wand
geschraubt. Vakuum-Röhren-kollektoren werden mit ihren Sammlern und ihren Fußschie-
nen an der Wand befestigt, entweder als quer liegende Röhre mit geneigtem Absorber oder
mit senkrecht stehenden Röhren. Bei der Fassadenmontage sind auf folgende Punkte zu
achten:

 Verschattung durch Nachbargebäude oder Bäume,


 Tragfähigkeit der Wand,
 Rohrführung auf der Wand,
 Anschluss der Wärmedämmung und des Putzes an das Kollektorenfeld,
 Optik.

7.5.6 Neue Wege in der Solarstromerzeugung

Zurzeit (2017) sind weltweit etwa 120 GWP Photovoltaikleistungen installiert. Wie dy-
namisch sich der Markt künftig entwickeln wird, hängt von den Rahmenbedingungen in
anderen Ländern (China, USA, Indien, Japan) ab. Das betrifft vor allem den Netzzugang,
324 7 Erneuerbare Energien

Einspeisregelungen, Informationsvermittlung und Aufbau von Handels- und Installati-


onsstrukturen.
Wichtig ist, das Deutschland aufgrund der ständigen Weiterentwicklung des Energie-
einsparungsgesetzes (EEG) weltweit konkurrenzfähig bleibt.
Die nachfolgende Ausführung stellt eine Möglichkeit neuer Wege in der Solarstromer-
zeugung dar.
Anders als bisher werden nicht einzelne Module auf dem Dach bzw. an der Fassade
angebracht, sondern ein komplettes Energiefeld montiert. Das Dach dient also nicht im
Teilbereich zur solaren Energiegewinnung, sondern als Ganzes und wird dabei komplett
neu gestaltet.
Das Energiefeld besteht aus hochwertigen kristallinen Siliziumsolarzellen, besonderen
Elementen für die Randabschlüsse (Traufe, First, Ortgang) und Blindelementen, die in
verschatteten Bereichen zum Einsatz kommen.
Die einzelnen Module – die sogenannten Energieeinheiten – weisen eine glatte ho-
mogene Oberfläche auf. Sie sind rahmenlos und ohne sichtbare Befestigungselemente –
anders als bei gängigen Modulen wird auf Alurahmen oder Laminatklammern verzichtet.
Das System ist frei skalierbar und passt sich so an jede Gebäudefläche an. Es kann als
Dach-, Fassaden- und Brüstungselement, aber auch als Eingangsüberdachung oder Ober-
lichtverglasung eingesetzt werden.
Eigenschaften und Konstruktionsmerkmale:

 einheitliches Rastermaß,
 kabellose Verbindung der einzelnen Einheiten,
 elektrische und mechanische Verbindung in einem Arbeitsschritt (click & send),
 keine Befestigungselemente auf der Frontseite,
 integrierte Analyseelektronik (sense & send),
 leichte, langlebige Polyurethaneinfassung,
 abgestimmte Systemarchitektur,
 offen für jede Zelltechnologie.

Solarenergie und Dachbegrünung


Mit der Weiterentwicklung der Solarbasis erweitern sich auch die Vorzüge einer Begrü-
nung um den Aspekt der Integration der Solarnutzung in den Dachbegrünungsaufbau.
Bekanntermaßen ist der Wirkungsgrad eines Moduls abhängig von deren Temperatur,
denn je wärmer das Modul, umso geringer der Wirkungsgrad. Der Standard liegt dabei
bei 25 °C. In der Praxis heizen sich aber Module durch Sonneneinstrahlung stark auf.
Dies wird durch eine heiße Oberfläche des Dachs, z. B. bei dunklen Abdichtungsbahnen
(Bitumen) oder Kiesdächern, noch verstärkt.
Das Hauptaugenmerk gilt den Temperaturen an der Unterfläche der Module. Dabei
werden leicht Temperaturen bis zu 90 °C erreicht. Das Gründach bleibt auch an heißen
Tagen moderat temperiert, die Oberflächentemperatur übersteigt kaum 30–35 °C.
7.5 Photovoltaik 325

Für die Solarbasis und den Solargrundrahmen muss in der Regel eine statische Beur-
teilung gemäß DIN EN 1993-1 und DIN EN 1999-1 (Eurocode 3 bzw. 9) vorliegen.

Dish Stirling Anlagen


Dish-Stirling-Anlagen dienen der dezentralen Stromversorgung. Ihre elektrische Leistung
liegt zwischen 10 und 50 kW pro Anlage mit der Möglichkeit, mehrere Anlagen zu ei-
ner „Farm“ zusammenzuschalten und so einen Bedarf zwischen 10 kW und mehreren
MW zu befriedigen. Dadurch eignen sich die Dish-Stirling-Kleinkraftwerke für einen
weiteren Einsatzbereich und können die heutige umweltschädliche und teure dezentra-
le Energieversorgung mit Dieselaggregaten ablösen. Dish-Stirling-Systeme konzentrieren
die Solarstrahlung und wandeln sie direkt in elektrische Energie um. Sie bestehen aus
folgenden wesentlichen Komponenten:

 parabolischer Solarkonzentrator (Spiegel),


 Nachfülleinrichtung,
 solarer Wärmetauscher (Receiver),
 Stirlingmotor mit elektrischem Generator.

Der Parabolkonzentrator bündelt die parallel auf ihn einfallenden Sonnenstrahlen. In


seinem Brennpunkt ist der solare Wärmetauscher des Stirlingmotors fixiert. Dieser absor-
biert die Solarstrahlung und heizt so das Wärmeträgermedium (Helium oder Wasserstoff)
des Stirlingmotors auf. Die gesammelte Wärme wird vom Stirlingmotor in Rotations-
energie umgewandelt und über einen direkt an die Kurbelwelle des Motors gekoppelten
Generator zu elektrischem Strom.

Intelligente Energienetze
Für die Realisierung der Energiewende, hat sich die Bundesregierung hohe Ziele gesteckt,
die im „Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz“ (NaPe) vom 03.12.2014 festgelegt sind.
Dabei ist man auf volatile Stromerzeugung mit moderner Kommunikationstechnologie
angewiesen. Mithilfe sogenannter „smart grids“ und „smart metern“ kann ein effizien-
ter und vor allem sicherer Systembetrieb garantiert werden. Smart Meter als intelligente
Strommesssysteme sind ein wichtiger Bestandteil intelligenter Stromnetze. Die jüngsten
Modelle liefern nämlich nicht nur den Stromkonsumenten differenzierte Aussagen über
den Energieverbrauch in unterschiedlichen Bereichen und zu verschiedenen Zeiten. Sie
geben auch dem Netzbetreiber wichtige Informationen über eingespeiste Strommengen,
Netzbelastungen und Spannungsausfälle. Die Anbieter können diese Daten auswerten, um
ihre Netze gleichmäßiger auszulasten
326 7 Erneuerbare Energien

7.6 Windenergie

Fehlt es an Wind, so greife zum Ruder. (Deutsches Sprichwort)

Die Überlegung, den Wind zu nutzen, hat schon immer die Gedanken der Menschen
beflügelt.
In vielen Regionen der Welt prägten jahrhundertelang traditionelle Windmühlen, bei-
spielsweise zum Mahlen von Mehl oder zur Be- und Entwässerung, das Landschaftsbild.
Hergestellt wurden zwei Konstruktionsformen:
Die Bockwindmühle (Abb. 7.48), bei der sich das gesamte Mühlhaus um einen zen-
tralen Zapfen in den Wind drehte.
Die Turmwindmühle, deren Flügel an dem drehbaren Dach des Mühlenhauses saßen.

Abb. 7.48 Hook-Windmühle wurde als Bockwindmühle konstruiert. (Quelle: National Geogra-
phic; Washington)
7.6 Windenergie 327

Tab. 7.4 Anteil der Stromer- 1. Dänemark 39,1 %


zeugnis aus Windkraft in 2. Portugal 24,2 %
Europa 2016. (Quelle: Euro- 3. Spanien 19,8 %
päisches Windenergienetzwerk
4. Rumänien 11,5 %
EWEA)
5. Deutschland 10,9 %
6. Schweden 8,5 %
7. Großbritannien 6,4 %
8. Polen 4,9 %
9. Frankreich 3,6 %
10. Norwegen 1,8 %
11. Ungarn 1,6 %
12. Finnland 1,5 %
13. Tschechien 0,8 %
14. Schweiz 0%

Aerodynamische Kenntnisse, neuartige leichte Werkstoffe und elektronische Regelsys-


teme haben dazu geführt, dass die Windenergienutzung heute einer umweltfreundlichen
Stromversorgung dient.
Das Leistungsspektrum reicht von wenigen kW bis zu mehreren MW. 10 kW-Anlagen
im Inselbetrieb versorgen Farmen oder kleine Dörfer, Offshore-Windparks mit mehreren
hundert MW installierter Leistung speisen die Stromnetze von Industriestaaten.
Neben der klassischen Wasserkraft gilt die Windenergie als am weitesten entwickelt.
Dänemark deckt bereits ein Fünftel seines Stromverbrauches mit Windenergie (Tab. 7.4).
Die weltweit höchsten Wachstumsraten verzeichnet die Windenergie allerdings in Chi-
na, Indien und den USA. In China wuchs der Windenergiemarkt 2006 um 90 %. Dort
befanden sich im vergangenen Jahr auch drei Viertel der weltweit neu installierten Son-
nenkollektoren.
Allein im Jahr 2016 wurden in Deutschland 7000 MW Leistung neu installiert. Bis
2030 sollen Offshore-Windparks mit 25.000 MW Leistung bis zu 20 % der nationalen
Stromversorgung decken.
Eine einzige 1,5 MW-Anlage produziert nach Standort 2,5–5 Mio. kWh Strom im Jahr.
Damit versorgt sie zwischen 1000 und 2000 Vier-Personen-Haushalte in Deutschland oder
zwei bis drei Elektroloks.
Ein ganz entscheidender Grundstein für den Ausbau der Windkraft vor den Küsten
wurde 2013 gelegt: Die Bundesregierung machte die „Steckdose im Meer“ zur Vorschrift.
Damit müssen jetzt die Stromkonzerne für die Kabelverlegung vom Festland zu den Wind-
parks sorgen. 8000 bis 10.000 MW sollen nach den Plänen des Bundesumweltministeri-
ums bis zum Jahr 2020 erreicht werden. Und bis zum Jahr 2030 ist angestrebt, zusätzlich
zu den derzeit gut 20.000 MW an Land weitere 20.000 bis 25.000 MW im Meer zu instal-
lieren. Der Anteil der Windkraft am deutschen Strommix, der im Jahr 2006 bei 5,1 % lag,
wird dann zweistellig sein.
328 7 Erneuerbare Energien

Durch Verbesserung der Getriebe und Regeltechnik der Horizontalachsenturbinen ist


es heute möglich, die Rotoren auf unterschiedliche Geschwindigkeiten einzustellen, so-
dass bis zu 10 % mehr Energie gewonnen werden kann. Dabei wird auch die Anfälligkeit
des Geschwindigkeitsreglers reduziert. Diese neuen wirtschaftlicheren und zuverlässige-
ren Maschinen erlauben auch einen Kostenvergleich zwischen der Windtechnologie und
den konventionellen Kohlekraftwerken. Fachleute in den USA schätzen ein, dass bis 2050
nahezu 50 % des gesamten Strombedarfs mit Windenergie gedeckt werden kann.
Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen auch die Experten in Deutschland.
Die durchschnittliche Windgeschwindigkeit an einem Standort ist der ausschlaggeben-
de Faktor für den Ertrag einer Windkraftanlage (Abb. 7.49). Die Leistung einer Wind-
kraftanlage steigt mit der Rotorkreisfläche und mit der dritten Potenz der Windgeschwin-
digkeit. Bei 10 % mehr Windgeschwindigkeit liegt die Leistung um ein Drittel höher. Die
meisten Windräder stehen heute an der Küste und in Küstennähe. Für Binnenstandorte
wurden Anlagentypen mit hohen Türmen und große Rotorflächen entwickelt.

Abb. 7.49 Computergesteu-


erte Windkraftanlage. Das
41 m hohe Modell verfügt über
Flügel mit 55 m Durchmesser
und erzeugt ca. 3000 Kilowatt
Strom. (Quelle: Geographic;
Washington)
7.6 Windenergie 329

Nach traditionellen Vorstellungen sind mindestens zwei bis drei Rotorflügel erfor-
derlich. Neuerdings werden auch Einflügler eingesetzt. Sie sind aus dem Helikopterbau
entwickelt worden und haben gegenüber den Mehrflüglern folgende Vorteile:

 Durch die Blattaufhängung kann auf Böen und Änderungen der Windgeschwindigkei-
ten weicher reagiert werden.
 Die Konstruktion ermöglicht eine lastärmere, leichte Konstruktion.

Mittlerweile dominiert in Europa der Bau von Windparks bei Neuinstallationen. Beim
Austausch alter, kleinerer Anlagen durch moderne, leistungsstärkere werden auch Einzel-
anlagen gebaut (Repowering; Abb. 7.50). Windenergieanlagen bilden die ideale Basis für
einen Energiemix mit anderen regenerativen Energieträgern im Stromverbund oder beim
Einsatz in Inselsystemen.
75 Mio. Kilowattstunden erzeugte die Anlage von Middelgrunden bei Kopenhagen
letztes Jahr. Das entspricht dem Verbrauch von 20.000 Haushalten oder drei Prozent des
gesamten Energiebedarfs der dänischen Hauptstadt. Offshoreanlagen großen Ausmaßes
werden fast nur noch von Energiekonzernen geplant; immerhin kostet ihre Errichtung bis
zu einer Milliarde Euro.

Abb. 7.50 Windpark in der Ostsee. (Quelle: Spiegel Spezial Hamburg)


330 7 Erneuerbare Energien

7.7 Wasserkraft

Seit Jahrtausenden nutzt der Mensch die Bewegungsenergie und die Fallhöhe von Wasser.
Nur wenige Bauten sind höher und keine schwerer als Staudämme, die die Flüsse der
Erde zur Stromproduktion aufstauen sollen.
Die erste nennenswerte Elektrizitätsherstellung durch einen Damm gelang 1911 mit
der Inbetriebnahme des 85 m hohen gemauerten Theodor-Roosevelt-Staudamms am Salt
River in Arizona.
Einer der größten Stauwerke ist der brasilianische-paraguayische Tapa-Damm über den
Parana (Abb. 7.51). Mit seinem 8 km langen Staudamm liefert das 1984 fertiggestellte
Betonbauwerk genügend Elektrizität für eine Drei-Millionen-Stadt.
In Deutschland wird heute mit rund 5 % Wasserkraft der größte Anteil erneuerba-
rer Energien an der Stromproduktion erreicht (weltweit ca. 18 %). Jährlich werden rund
25 Mrd. kWh Strom eingespeist, die entsprechend den Rahmenbedingungen des Energie-
Einspeise-Gesetzes (EEG) vergütet werden. Für die kommenden Jahre kann von einem
Potenzial von ca. 40 Mrd. kWh ausgegangen werden.

I Wasserkraft ist eine ausgereifte und zuverlässige Technologie, die einen wesent-
lichen Beitrag zur CO2 -Minderung, zur Unabhängigkeit von fossilen Energieim-
porten und zur regionalen Wertschöpfung leistet.

In Deutschland liegt das Ausbaupotenzial insbesondere in der Modernisierung und


Reaktivierung bestehender Kleinkraftwerke, die im Inselbetrieb oder netzgekoppelt be-
trieben werden können.

Abb. 7.51 Itaipu-Damm. Eine Wasserlawine fließt mit teilweise über 80 km/h über die Hauptüber-
laufrinne. Rechts steht der Hauptdamm. (Quelle: National Geographic; Washington)
7.8 Nachwachsender Rohstoff Holz 331

Abb. 7.52 Wasserkraftwer-


ke. (Quelle: Spiegel Spezial
Hamburg)

Laufwasserkraftwerke
Wasserkraftwerke (Abb. 7.52) bieten oftmals einen Mehrfachschutz, da sie neben der
Stromproduktion z. B. auch die regionale Wasserversorgung und die Nahrungsmittelpro-
duktion unterstützen können, oder helfen, Flutkatastrophen einzugrenzen.
Laufwasserkraftwerke nutzen die Strömung eines Flusses oder Kanals zur Stromerzeu-
gung. Charakteristisch ist eine niedrige Fallhöhe bei relativ großer, oft jahreszeitlich mehr
oder weniger stark schwankenderWassermenge. Die Anlagen werden aus wirtschaftlichen
Gründen oft in Verbindung mit Schleusen gebaut.

Speicherkraftwerke
Speicherkraftwerke nutzen das hohe Gefälle und die Speicherkapazität von Talsperren
und Bergseen zur Stromerzeugung. Speicherkraftwerke können sowohl zur Deckung der
elektrischen Grundlast als auch im Spitzenlastbetrieb eingesetzt werden. Pumpenspeicher-
kraftwerke dienen der Zwischenspeicherung von in Schwachlastzeiten erzeugtem Strom,
der zu Spitzenlastzeiten über Turbinen wieder an das Netz abgegeben wird.

7.8 Nachwachsender Rohstoff Holz

Holz ist ein Brennstoff, der CO2 -neutral verbrennt, denn beim Verbrennen wird nur so viel
Kohlendioxid freigesetzt, wie die Pflanze während des Wachstums gebunden hat. Würde
man das Holz im Wald langsam verrotten lasse, würde dieses Kohlendioxid auch freige-
setzt werden – die CO2 -Bilanz bleibt also unverändert.
Der Brennstoff Holzpellets besteht aus naturbelassenem Restholz (Säge- oder Hobel-
späne) und wird nur mit Druck und natürlichen Holzharzen als Bindemittel zu zylindri-
schen Presslingen geformt (Abb. 7.53).
332 7 Erneuerbare Energien

Abb. 7.53 Kombination So-


laranlage – Pelletsheizung.
(Quelle: Herrmann Schwerte)

Die Pellets verbrennen fast vollständig und hinterlassen nur ca. 0,5 % Asche, die oben-
drein ein hochwertiger Dünger ist. Das macht im Jahr (für ein Gebäude mit 10 kW Heiz-
wärmebedarf und 9 m3 Pelletsverbrauch) nur etwa 5 Eimer Asche.

I Die Pellets-Heizung kann als eine der wenigen regenerativen Energietechniken


gelten, die als Alternative zu einer Öl- oder Gasheizung im Ein- und Zweifamili-
enhaus einsetzbar ist.

Pellets-Heizungen bieten einen komfortablen Betrieb und arbeiten – bei einer selbst-
ständigen Beschickung – sogar vollautomatisch.
Die Holzpellets werden mit einem Tanklastzug vor Ort geliefert und direkt in den La-
gerraum oder in den Gewebetank eingeblasen.
Eine ideale Kombination stellt die Verbindung einer Pellets-Heizung mit einer Solar-
anlage dar.
Mindestens vier Sonnenkollektoren (1) und ein Kamin- oder Kachelofenheizkes-
sel (2) versorgen den Kombispeicher (3) mit umweltfreundlicher Sonnenenergie. Der
Kamin- oder Kachelofenheizkessel produziert die Hälfte seiner erzeugten Energie als
7.8 Nachwachsender Rohstoff Holz 333

Abb. 7.54 Moderner Kaminfeuerkessel. (Quelle: Herrmann Schwerte)

Wärmestrahlung und Warmluft für die direkte Beheizung des Aufstellraumes. Die an-
dere Hälfte der erzeugten Energiemenge wird als warmes Wasser in den Kombispeicher
eingespeist und dort zur Warmwasserbereitung (4) oder zur Beheizung anderer Räume,
wie Küche oder Bad (5), genutzt. Nicht verbrauchte Energie verbleibt im Kombispei-
cher bis zum Verbrauch am nächsten Tag. In einem modernen Niedrigenergiehaus kann
der gesamte Wärmebedarf für Heizung und Warmwasser durch die Kombination einer
Solaranlage und eines Kamin- oder Kachelofenheizkessels gedeckt werden. In normal
isolierten Häusern kann die Solaranlage und der Kamin- oder Kachelofenheizkessel mit
dem vorhandenen Heizsystem kombiniert werden (Abb. 7.54).
Der Öl-/Gaskessel (6) geht dann nur noch in Betrieb, wenn die Sonne und das Holz
nicht genügend Energie produzieren.
Angeboten werden auch Kombigeräte, bei denen wahlweise automatisch mit Pellets
oder manuell mit Stückholz geheizt werden kann.
334 7 Erneuerbare Energien

7.9 Biomasse

Vergilbtes Laub, Rasenschnitt, Holzreste, aber auch Maisschnitzel oder Roggen – Bio-
masse umfasst alle Arten pflanzlicher Organismen. Ihre Molekülstruktur enthält Kohlen-
stoff und Wasserstoff – die Trägerelemente von Energie. Die Eigenschaft von Biomasse ist
gespeicherte Sonnenenergie. Dabei wird so viel Kohlendioxid freigesetzt, wie die Pflanze
zuvor während ihres Wachstums durch die Photosynthese aus der Atmosphäre aufgenom-
men hat. Die CO2 -Bilanz ist daher neutral, abgesehen von der Energie, die aufgewendet
werden muss, um die Biopflanzen zu kultivieren, zu ernten und zu verarbeiten.
Biomasse ist bereits heute der wichtigste erneuerbare Energieträger Deutschlands.
Allerdings könnte bei einem weiteren Ausbau des Biomasseeinsatzes durch die ständig
nötige Nutzung von Feldern und Wäldern diese Energiegewinnung an ihre Grenzen stoßen
(Abb. 7.55).
Biomasse ist unterschiedlich verwendbar. So kann durch Gärung Bioethanol und durch
Verfaulen Biogas erzeugt werden. Die Eigenschaften des Biogases gleichen denen des
Erdgases.
Eine grobe Landvermessung des Globus lässt ahnen, welche Wucht in dem Thema
steckt: Nach einer Schätzung der UNO-Agrarbehörde FAO stehen für weltweit 6,5 Mrd.
Menschen etwa 5 Mrd. Hektar bereits erschlossenes Acker- und Weideland zur Verfügung.
Der jährliche Hektarertrag aus Energiepflanzen erreicht Spitzen von über 20 t Trocken-
masse, etwa in Form von Schilfgras. Das entspricht einem Heizwert von etwa 9000 l Erdöl.

Abb. 7.55 Botanischer Brennstoff – Jahreserträge aus einem Hektar Anbaufläche. (Quelle: Spiegel
Spezial Hamburg)
7.9 Biomasse 335

Abb. 7.56 Herstellung und


Verwendung von Biogas.
(Quelle: Solarpraxis AG Ber-
lin)

Biogas zur Stromerzeugung


Die Verstromung von Biomasse hat sich aus Sicht der Landwirtschaft in den vergange-
nen Jahren hauptsächlich auf die Biogasproduktion konzentriert (Abb. 7.56). Bei diesem
Prozess wird Biomasse unter Luftabschluss vergoren. Es entsteht ein brennbares Gas mit
ca. 55 % Methananteil, das Biogas. Dieses lässt sich in Blockheizkraftwerken (BHKW)
verbrennen. Bei diesem Prozess werden nur 40 % der Biogasenergie in Strom umge-
wandelt. 60 % der eingesetzten Energie fallen als Abgaswärme an, die sich über einen
Wärmetauscher zu Heizzwecken weiter nutzen lässt. Nach Berechnungen der Fachagen-
tur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) lassen sich aus einem Hektar Rüben, Gras, Getreide
oder Mais ca. 16 MWh Strom produzieren (Abb. 7.55).

Pflanzenöl und Holzgas


Ein anderes Verfahren mit deutlich weniger Arbeitszeitbedarf bietet sich mit der Nutzung
eines Pflanzenöl-BHKW an. Beim Betrieb sind zwei Varianten denkbar: Bei dem „strom-
geführten“ BHKW steht die Stromproduktion wie bei einer Biogasanlage im Vordergrund,
das BHKW arbeitet möglichst rund um die Uhr. Hierbei fällt die Wärme als Nebenpro-
dukt an. Ein „wärmegeführtes“ BHKW dagegen ist in erster Linie für die Heizung der
angeschlossenen Wohnräume und Ställe zuständig. Der Strom wird dabei eher nebenbei
produziert.
Ein drittes Stromproduktionsverfahren aus landwirtschaftlichen Rohstoffen mit gleich-
zeitiger Kraft-Wärme-Kopplung bietet die Vergasung von Holz. Bei der Holzgasnutzung
zur Stromerzeugung wird das entstehende Holzgas aus dem Vergaserkessel abgeführt und
in einem BHKW ähnlich der Biogasverstromung verbrannt. Während bei Biogas das koh-
lenstoffreiche Methan den Heizwert bestimmt, ist es beim Holzgas Kohlenmonoxid.

Stückholz und Hackschnitzel


Rund 51 MWh Wärme werden nach Angaben des Deutschen Bauernverbandes (DBV)
derzeit mit Holzenergie gewonnen. Rund 7 Mio. Kamin- und Kachelöfen gibt es dafür in
336 7 Erneuerbare Energien

privaten Haushalten. Hinzu kommen etwa 9000 Pelletsheizungen. Ebenso interessant sind
für viele Landwirte größere Biomasseheizkraftwerke, in denen sich Strom und Wärme
erzeugen lassen. Allerdings dienen hierzu derzeit vor allem Altholz sowie Sägerestabfälle.
Mit zunehmender Zahl könnte aber auch Schwachholz aus dem Forst interessant werden.
Rund 60 Mio. m3 Holz wächst derzeit in deutschen Wäldern nach, wovon nur 40 Mio.
genutzt werden. Der DBV sieht demnach ein Potenzial von zusätzlichen 20 Mio. m3 , die
zukünftig naturverträglich entnommen werden könnten.

7.10 Geothermie

7.10.1 Grundlagen

Die geothermische Energie (Erdwärme) der oberen Bodenschichten bis etwa 100 m Tiefe
ist in Oberflächennähe gespeicherte Sonnenenergie, in tieferen Schichten Wärmeenergie
aus dem Erdinneren.
Der Wärmeinhalt der Erde würde unseren heutigen Weltenergiebedarf für 30 Mio. Jah-
re decken, denn pro Liter „Erdinnenraum“ sind ca. 2,6 KWh Energie gespeichert.

Warmwasser-Fußbodenheizung

Wärmepumpe

Wärmeträger
(Ethylen-Glykol-Wasser-Gemisch)

Abb. 7.57 Schematische Darstellung einer Erdwärmesonden-Wärmepumpenanlage. (Quelle: RWE


Essen)
7.10 Geothermie 337

In Mitteleuropa nimmt die Temperatur in den obersten Erdschichten durchschnittlich


um 3 °C pro 100 m zu. Im obersten Erdmantel herrschen etwa 1200 °C, im Erdkern sind es
wahrscheinlich 6000 °C. Unmittelbar an der Erdoberfläche werden die Temperaturen fast
ausschließlich durch die Sonne bestimmt. Da der Boden die Wärme jedoch schlecht leitet,
ist spätestens unterhalb von 15–20 m Tiefe kein Einfluss der Sonne mehr festzustellen.

I Im Vergleich zu anderen erneuerbaren Energieträgern besitzt die Geothermie


einen bedeutenden Vorteil: Sie steht unabhängig von Tages- und Jahreszeit
oder den herrschenden Klimabedingungen immer zur Verfügung, benötigt kei-
ne aufwendigen Transportsysteme und verursacht keine direkte CO2 -Emission
(nur geringfügig durch Elektroaggregate).

In Deutschland wurden 2016 rund 700 MW umweltfreundliche Wärme auf der Basis
der Geothermie erzeugt (weltweit ~ 25.000 MW).
Zur Gewinnung der unerschöpflichen Ressourcen verfügen wir in der Bundesrepu-
blik über ein funktionsfähiges und technologisch ausgereiftes System an Wärmepumpen.
Wärmepumpen verbrauchen weniger Primärenergie und sind auch hinsichtlich der CO2 -
Emissionen günstiger als konventionelle Öl- oder Gasheizungsanlagen. Betrachtet man
weitere Schadstoffemissionen wie Schwefeldioxid, Stickoxide und Staub, so zeigt sich,
dass Wärmepumpen (Abb. 7.57) besonders im Vergleich zur Ölzentralheizung den Schad-
stoffausstoß erheblich reduzieren.
Wärmepumpenheizungen sind in der Anschaffung teurer als konventionelle Öl- oder
Gasheizungen. Durch deutlich niedrigere Energie- und Betriebskosten in den folgenden
Jahren sind sie jedoch langfristig auch wirtschaftlich attraktiv.
Die Installation einer Wärmepumpe ist durch den zuständigen Energieversorger (Bau-
amt/Landratsamt) zu genehmigen.

7.10.2 Nutzungsverfahren

7.10.2.1 Oberflächennahe Geothermie


Die ersten hundert Meter Tiefe lassen sich bereits geothermisch nutzen, obwohl dort nur
Temperaturen von 8–12 °C herrschen. Man benötigt zusätzlich nur eine erdgekoppelte
Wärmepumpe, um die für die Wärmeversorgung notwendigen höheren Temperaturen zu
erzeugen. Erdgekoppelte Wärmepumpen sparen Primärenergie.
Zur Wärmeerzeugung in der oberflächennahen Geothermie stehen folgende Nutzungs-
verfahren zur Verfügung:

Erdwärmekollektoren
In einer Tiefe von etwa 80–160 cm werden Wärmetauscherrohre aus Kunststoff horizon-
tal im Boden verlegt: Über eine zirkulierende Wärmeträgerflüssigkeit wird dem Boden
die Wärme entzogen und mittels einer Wärmepumpe auf das benötigte Temperaturniveau
angehoben.
338 7 Erneuerbare Energien

Abb. 7.58 Funktionsweise einer Kompressionswärmepumpe. 1 Ein Kältemittel nimmt die im Was-
ser gespeicherte Erdwärme auf und verdampft dabei. 2 Ein Elektromotor komprimiert den Dampf.
Dabei wird er wärmer – ähnlich wie die Luft in einer Fahrradpumpe, die beim Pumpen heiß wird.
3 Der heiße Dampf erhitzt das Heizungswasser. Dabei kühlt das Kältemittel ab und verflüssigt.
4 Ein Ventil entspannt das Kältemittel. Dabei wird es wieder kälter als das Erdsondenwasser und
kann erneut Wärme aufnehmen. (Quelle: Spiegel Spezial Hamburg)

Erdwärmesonden
Die Sonden sind senkrechte, meist 30–100 m tiefe Bohrungen, selten auch tiefere Boh-
rungen, in die gewöhnlich Kunststoffrohre installiert werden (Abb. 7.58). Sie bilden in
Mittel- und Nordeuropa die häufigsten Anlagentypen. Die mit einer Wärmeträgerflüssig-
keit gefüllten Sonden heizen oder kühlen in Verbindung mit einer Wärmepumpe einzelne
Wohngebäude, Büro- und Gewerbebauten oder sogar ganze Wohnanlagen.

Grundwasserwärmepumpen
An geeigneten Standorten lässt sich Grundwasser über Brunnen entnehmen und direkt zur
Wärmepumpe bringen (Abb. 7.57).
Es muss jedoch wieder in den Untergrund eingeleitet werden, sodass neben Förder-
brunnen auch sogenannte Schluckbrunnen einzurichten sind.

Erdberührte Betonbauteile, Energiepfähle


Dabei handelt es sich um statisch notwendige Bauteile und/oder Gründungspfähle sowie
Schlitzwände. Bei Neubauten kann man diese mit Wärmetauscherrohren ausrüsten und
sie in Verbindung mit einer Wärmepumpe wirtschaftlich zum Heizen und Kühlen des
Gebäudes einsetzen (Abb. 7.59).
7.10 Geothermie 339

Abb. 7.59 Funktionsweise einer Dublettenanlage. (Quelle: Ministerium für Verkehr, Energie und
Landesplanung NRW)

1 Ein Kältemittel nimmt die im Wasser gespeicherte Erdwärme auf und verdampft dabei.
2 Ein Elektromotor komprimiert den Dampf. Dabei wird er wärmer – ähnlich wie die
Luft in einer Fahrradpumpe, die beim Pumpen heiß wird.
3 Der heiße Dampf erhitzt das Heizungswasser. Dabei kühlt das Kältemittel ab und ver-
flüssigt.
4 Ein Ventil entspannt das Kältemittel. Dabei wird es wieder kälter als das Erdsonden-
wasser und kann erneut Wärme aufnehmen.

7.10.2.2 Tiefengeothermie
In Deutschland entstehen (und entstanden) geothermische Heizwerke dort, wo es im Un-
tergrund Thermalwasser gibt (z. B. Norddeutsche Tiefebene, Oberrheintal, Bayern).
Das warme und heiße Wasser wird über eine Tiefbohrung an die Oberfläche geför-
dert, abgekühlt und über eine weitere Bohrung wieder in den Untergrund zurückgeleitet,
und zwar in die Schicht, aus der es auch entnommen wurde. Auf diese Weise wird das
hydraulische Gleichgewicht im Untergrund erhalten und das Thermalwasservorkommen
nicht leergepumpt. Die aus dem Wasser gewonnene Wärme wird in ein Fernwärmenetz
übertragen. Ein solches Wärmeversorgungssystem mit zwei Bohrungen nennt man eine
geothermische Dublette (Abb. 7.59).
340 7 Erneuerbare Energien

In Deutschland sind sie zwischen 800 und 3200 m tief. Geothermische Heizwerke kön-
nen über eine installierte Leistung von mehr als 20 MW verfügen und mehrere Tausend
Wohnungen mit Wärme versorgen.

7.10.2.3 Strom aus Geothermie


Geothermische Kraftwerke gibt es meistens dort, wo Dampf- oder Heißwasserlagerstätten
zu finden sind. Kraftwerke produzieren mit konventioneller Technik Strom rund um die
Uhr. Noch längst sind nicht alle entsprechenden Ressourcen erschlossen. Neue Techno-
logien erweitern die Möglichkeiten. Ein weiterer neuer Schritt sind Erdwärmekraftwerke,
die die geothermische Quelle nach dem Hot-Dry-Rock-Verfahren (HDR-Verfahren) nut-
zen (Abb. 7.60).

1. Geothermiekraftwerk (Unterhaching)
Aus einer Tiefe von etwa 3500 m wird Wasser mit einer Temperatur von rund 120 °C
gefördert.
Aus dieser Wärme wird über eine Turbine und einen Generator mit bis zu 3,4 MW
Leistung Strom gewonnen. Die verbleibende Wärme wird dann über ein Nahwärme-

Abb. 7.60 Verfahren zur Energiegewinnung aus Erdwärme. (ILS Hamburg)


7.10 Geothermie 341

netz als Heizenergie im Ort verteilt. Am Ende wird das abgekühlte Wasser wieder in
den Untergrund zurückgeführt.
2. Hot-Dry-Rock-Methode
Unter hohem Druck wird trockenem Gestein heißes Wasser eingepresst, woraufhin
sich Risse bilden. Wasser, das über eine Einlassbohrung in diese Lücke gepumpt wird,
erhitzt sich stark. Über eine zweite Leitung steigt das heiße Wasser auf und treibt als
Dampf im Kraftwerk eine Turbine an, die über einen Generator Strom erzeugt.

7.10.2.4 Speichergeothermie
Der Erde kann nicht nur Wärme entzogen, in ihr kann auch Wärme gespeichert werden.

Erdwärmesondenspeicher
Im Sommer lässt sich überschüssige Wärme aus Gebäuden über Erdwärmesonden oder
Energiepfähle in den Untergrund abführen. Von dort kann sie dann im Winter zurückgeholt
werden.

Abb. 7.61 Aquiferspeicher am Berliner Reichstag. (Quelle: Stahr, Leipzig)


342 7 Erneuerbare Energien

Das Prinzip der über 400 m tiefen Erdwärmesonden wurde Anfang der 1990er-Jah-
re erstmals in der Schweiz erprobt. Damals wollte man alte Bohrungen, z. B. aus der
Erdöl- und Erdgassuche, weiternutzen. Seit 1994 wird eine fast 3000 m tiefe Erdwärme-
sonde auch in Prenzlau (Brandenburg) unter Nutzung einer schon vorhandenen Bohrung
betrieben. Die gewonnene Energie wird in das Fernwärmenetz der Stadtwerke eingespeist.

Aquiferspeicher
Verfügt man im Untergrund über eine wasserführende Schicht, in der das Wasser nicht
oder kaum fließt, kann man diese zur direkten Wärmespeicherung nutzen. Einen solchen
Aquiferspeicher gibt es z. B. am Gebäude des Berliner Reichstags. Strahlt Wärme auf
die Reichstagskuppel (Abb. 7.61), wird überschüssige Wärme in einem Wasserreservoir
300 m unter dem Gebäude zwischengelagert. Drei Viertel der Energie können im Winter
zum Heizen zurückgewonnen werden. Winterkälte dagegen wird in 60 m Tiefe gespeichert
und kühlt im Sommer.
Atomkraft – Kernenergie
8

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird Atom- bzw. Kernkraft bei der ökologischen Bausanie-
rung keine Rolle spielen. Dennoch hat die Nutzung Einfluss auf die Umwelt. Deshalb hier
einige wenige Anmerkungen.
In Deutschland sind 2017 acht kommerziell genutzte Kernreaktoren mit insgesamt
11.347 MW Leistung in Betrieb. Das entspricht etwa 17 % Anteil an der Stromerzeugung
in der BRD, 28 wurden bereits abgeschaltet. Der Atomkonsens sieht vor, dass das letzte
deutsche AKW um das Jahr 2021 abgeschaltet wird.
Nach Angeben der internationalen Atomenergiekommission (IAEA) sind weltweit 450
Reaktoren mit einer installierten Leistung von rund 39 Gigawatt (GeW) in Betrieb, um

Abb. 8.1 Reaktorentypen im Vergleich. (ILS Hamburg)

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 343
M. Stahr, Sanierung von baulichen Anlagen, https://doi.org/10.1007/978-3-658-20475-4_8
344 8 Atomkraft – Kernenergie

elektrischen Strom zu erzeugen (Informationsstand 30.11.2016). 60 Reaktoren befinden


sich im Bau.
Befürworter meinen, dass sich die wachsenden Energieprobleme nur mit der Atom- bzw.
Kernkraft lösen lassen, währenddessen Kritiker angesichts schwindender Uranvorräte und
ungelöster Sicherheitsprobleme diese Technik nicht für zukunftsträchtig halten.
Wie Abb. 8.1 zeigt, kann der Einsatz von Kernreaktoren in Bezug auf den Umwelt-
schutz durchaus problematisch sein.
Der Einsatz der (nicht regenerativen) Atomkraft wird reduziert.
Abbruch – Abfall – Rückbau
9

9.1 Konstruktive Vorbemerkungen

Jährlich fallen 400 Mio. Tonnen Rückstände an (hochgerechnet auf Gesamtdeutschland).


Mehr als die Hälfte davon, nämlich 285 t, sind Baurückstände (Erdaushub, Straßenauf-
bruch, Bauschutt, Baustellenabfälle). 80 % dieser Stoffe werden auf Deponien abgelagert,
da sie aufgrund ihrer mineralischen Bestandteile nicht recycelt und verbrannt werden kön-
nen (Abb. 9.1).
Deponieraum wird jedoch allmählich knapp und vor allem teurer. Darüber hinaus ist
eine Deponierung bei vielen umweltgefährdenden Stoffen und bei Rohstoffen nicht wün-
schenswert.
Während bisher das gesamte Abfallmaterial auf Deponien verbracht wurde wird zu-
künftig angestrebt, einen umweltgerechten Rückbau mit stofflicher Separierung im bauli-
chen Bestand nach nachhaltiger Instandhaltung vorzunehmen.
Dies hat folgende Vorteile:

 Es ist wesentlich umweltfreundlicher und erhält die Rohstoffe


 Es ist wirtschaftlicher und kostengünstiger (Abb. 9.2)

Wichtige Anmerkung:
Man verwendet seit neuester Zeit den Begriff „Rückstand“ als Überbegriff für Abfall
(nicht wiederverwertbarer Rückstand). Der Ausdruck „Müll“ ist nicht mehr gebräuchlich.
Im nachfolgenden Text wird dennoch der Begriff „Abfall“ verwendet, da sich die neuen
Bezeichnungen erst noch durchsetzen müssen.

I Baustoffrecycling wäre nicht nur eine Lösung dieser Probleme, sondern würde
auch der Einsparung von Rohstoffen und Produktionsenergie dienen.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 345
M. Stahr, Sanierung von baulichen Anlagen, https://doi.org/10.1007/978-3-658-20475-4_9
346 9 Abbruch – Abfall – Rückbau

Abb. 9.1 Vergleich von drei Abbrucharbeiten (Quelle: Pfeifer Stuttgart)

Abb. 9.2 Abfall aus der Bauwirtschaft – Durchschnittswerte 2017. (Quelle: Energiejahrbuch 2017,
Berlin)

Eine praktikable und nachvollziehbare Lösung, bietet die nachfolgende Abbruchstruk-


tur. Besonders wichtig sind die einzelnen Demontagestufen für die Sanierung, da aus jeder
Stufe Erkenntnisse und Materialien gezogen werden können.
9.2 Prinzipien 347

Demontagestufe D1

Direkte Wiederverwendung: Armaturen, Rohrleitungen, Heizkörper usw.

Demontagestufe D2
Wiederverwendung nach Vorbehandlung: Türen, Fenster, Rollläden, Elektrokabel usw.

Demontagestufe D3
Wiederverwendung durch Rückführung in die Grundsubstanz: Glas- und Holzmaterialien,
Metallbau, Bodenbeläge usw.

Demontagestufe D4
Dach- und Fassadenkonstruktion: Kiesschüttungen, Dämmmaterial, Dachziegel und
Dachstuhl, Fenster- und Fassadenelemente

Abbrucharbeiten
Sortierung des nicht für das Recycling geeigneten Baumaterials

Aufbereitung
Sortierung, Trennung und Zuordnung des wiederzuverwendenden Baumaterials und Ab-
transport des nicht weiter zu verwendenden Abbruchs. Auf Trennungsvorschriften achten!

9.2 Prinzipien

Umweltpolitik und Umweltrecht basieren auf folgenden drei Prinzipien:

 Vorsorgeprinzip
 Verursacherprinzip
 Kooperationsprinzip

Das Vorsorgeprinzip ist das inhaltliche Leitbild der Umweltpolitik. Durch den früh-
zeitigen Einsatz entsprechender Maßnahmen sollen vorbeugend Gefahren für den Men-
schen und mögliche Umweltbelastungen abgewehrt werden.
Das Verursacherprinzip: In seiner ursprünglichen Fassung besagt das Verursacher-
prinzip: Jeder, der die Umwelt belastet oder sie schädigt, soll für die Kosten dieser Be-
lastung oder Schädigung aufkommen. Dieses Prinzip erscheint auf den ersten Blick an-
gemessen und problemlos, offenbart jedoch bei näherer Analyse beträchtliche Schwächen
[1.4]. Für Schadstoffemissionen gibt es in der Regel mehrere Verursacher, die direkt oder
indirekt an Umweltbelastungen beteiligt sind.
Dem Kooperationsprinzip liegt die Idee zugrunde, Konflikte durch Beteiligung aller
Betroffenen einverständlich zu regeln. Es wird angestrebt, bestimmte Umweltgüteziele
348 9 Abbruch – Abfall – Rückbau

in Verhandlungen, beispielsweise mit dem Ergebnis freiwilliger Selbstbeschränkungen


anstelle staatlicher Vollzugsgewalt, durchzusetzen. Das Kooperationsprinzip findet auch
zwischen Bund und Ländern Anwendung. Innerhalb von Gesetzen ist es meist im Rah-
men von Anhörungsklauseln verankert.
Die nachfolgende Zusammenstellung wurde nach Texten aus einer PowerPoint-Prä-
sentation des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit vorge-
nommen.

1. Rückstandswirtschaft
 Ziele wurden weitgehend erreicht:
– Kooperation
– Mitverbrennung
– Umlenkung zur Verwertung
 Probleme:
– Gewerberückstände
– Zwischenlager (1 Jahr/3 Jahre)
– Exporte
2. Deponieanforderungen
Deponieverwertungsverordnung in Kraft
 Erarbeitung einer Leitlinie für die EU
 zahlreich noch vorhandenen Deponien müssen verfüllt, stillgelegt, rekultiviert und
jahrzehntelang nachgesorgt werden
Neben Siedlungsabfalldeponien gibt es andere Deponien, die voraussichtlich noch län-
ger genutzt werden müssen.
 Abfalldeponien
 Industrierückständedeponien
 Deponien für gefährliche Rückstände
 Bergbaurückstandsdeponien (neue EU-Richtlinien)
3. Die Verwertung von Rückständen erhält neue Impulse
 statt Verringerung der zu beseitigenden Rückstände – Ressourcenschonung zur
Substitution von Roh- und Brennstoffen
 statt Verwertungsquote künftig Substitutionsquote
 getrennte Erfassung
 Einsatz neuer Technologien in Stoffströmen
4. Gemischt anfallende Rückstände müssen vorbehandelt werden
 integrierte Lösungen mit kombinierten Verfahren (mechanisch, physikalisch, che-
misch, biologisch) steigern stoffliche und energetische Verwertung
 Vorrang der Verwertung der EU ähnlich, derzeit noch weniger konsequent (Redu-
zierung der Ablagerung biologisch abbaubarer Rückstände in Deponien)
5. Das Ziel 2020
 Verzicht von Siedlungsabfalldeponien und stattdessen vollständige Verwertung
 Ziel ist mit bestehenden Technologien bereits heute erreichbar (ecologic-Studie)
9.2 Prinzipien 349

 Flächendeckende Umsetzung erfordert strukturelle Veränderungen und Zeit (des-


halb 15 Jahre Übergangsfrist)
 Ende der Ablagerung von Siedlungsabfällen in Deponien
 keine Abfälle mit organischen Bestandteilen ablagern
 mehr Siedlungsabfälle vorbehandeln, um stoffliche Verwertung zu steigern
 begleitend: Ausbau der Produktverantwortung
Separate Erfassung (soweit erforderlich)
 zur Wiederverwendung
 zur stofflichen Verwertung
gezielte Vorbehandlung
 mechanisch, chemisch, biologisch, thermisch
gezielte Erzeugung von Rückstandsströmen
 zur werkstofflichen Verwertung
 zur rohstofflichen Verwertung
 zur energetischen Verwertung (Mitverbrennung)
 zum Einsatz MVA (Anerkennung als Verwertung)
 zur Verwertung auf Deponien oder im Bergversatz
Mineralische Rückstände nicht von Verwertung ausschließen (LAGA M 20-Verord-
nung)
6. Konsequenzen für bestehende mechanisch-biologische Anlagen
 Bis spätestens 2020 Beendigung der Deponierung von Siedlungsabfällen D voll-
ständige Verwertung der Rückstände
 MBV (mechanisch-biologische Verwertung) erfordert weiterhin Deponierung
(heizwertarme Fraktion)
 TOC von 18 % ist sechsmal höher als bei Verbrennung – keine vollständige Mine-
ralisierung
 Langzeitsicherheit der Deponierung?
 Ablagerung ist Gegenteil von Nachhaltigkeit, widerspricht Ressourcenschonung/
Klimaschutz
 Vorhandene MBV bis spätestens 2020 nachrüsten
7. Ziel 2020: Rechtliche und organisatorische Konsequenzen
 Müllverbrennung mit Energienutzung als energetische Verwertung anerkennen
 Bergversatz bleibt als stoffliche Verwertung anerkannt
 Verwertung auch auf obertägigen Deponien möglich (DepVerwertV ist seit 1. Sep-
tember 2005 in Kraft)
 Vermarktung der Sekundärrohstoffe analog zu Primärrohstoffen organisieren
 kommunale Strukturen bleiben bestehen, beschränkt auf gemischte Siedlungsabfäl-
le aus Haushaltungen (Änderung der EU-Abfallverbringungs-Verordnung ermög-
licht derartige Lösungen)
 Anforderungen des EU-Vergaberechts streng beachten
 Modifikation der EU-Abfall-Rahmenrichtlinie
350 9 Abbruch – Abfall – Rückbau

8. Europäische Entwicklungen
 Ressourcenstrategie
 Vermeidungs- und Verwertungsstrategie
 integrierte Produktpolitik
 statt rückstandsspezifischer Einzelregelungen integrierte Ansätze
 keine separate Novelle der Klärschlamm-RL; keine Kompostregelung
 Strategien müssen in für alle verbindliche, rechtliche Vorgaben münden (Richtlini-
en, Verordnungen . . . )
 Verknüpfung zwischen Rückstandsrahmen-RL und IVU-RL zu erwarten

9.3 Historischer Abriss

Schon ca. 8000 bis 9000 Jahre vor unserer Zeitrechnung haben Menschen gelernt, ihre
Abfälle außerhalb der Ansiedlungen abzulagern. Es handelte sich dabei sowohl um Spei-
sereste wie Muschelschalen und Knochen als auch um zerstörte Hauhaltsgegenstände wie
Tonscherben. Es ist zu vermuten, dass die Menschen diese Abfallplätze anlegten, um der
Belästigung durch Ungeziefer, Gestank und wilde Tiere zu entgehen.
Im Altertum wurden Abfälle in vielen Städten des europäischen und asiatischen Rau-
mes z. B. in Tonvasen gesammelt und abtransportiert. In verschiedenen anderen Gebieten
wurden Gruben für die Sammlung der Abfälle und Fäkalien angelegt, die nach einiger Zeit
geleert und gereinigt wurden. Auch Vorschriften (320 v. Chr. in Athen) für die tägliche
Straßenreinigung durch die Anlieger sind aus dieser Zeit überliefert, obwohl zu diesem
Zeitpunkt der Zusammenhang zwischen Hygiene und den Geißeln der Menschheit wie
Pest, Pocken und Cholera etc. noch nicht bekannt war.
In Athen mussten Abfuhrunternehmen den Straßenmüll und die Fäkalien mindestens
2 km außerhalb der Stadtmauern ablagern.
Die Ärzte wie der griech. Gelehrte Hippokrates (um 400 v. Chr.) und der arabische
Arzt Avicenna (Ibn Sina, 1000 n. Chr.) ahnten als erste einen Zusammenhang zwischen
Hygiene, schlechtem Wasser und verdorbenen Lebensmitteln sowie Seuchen.
Der römische Kaiser Domitian (81–96 n. Chr.) ließ regelrecht Jagd auf Ungeziefer ma-
chen, da seine Berater erkannten, dass mit abnehmender Stadthygiene die Population an
Läusen, Wanzen, Ratten etc. zunahm. Kaiser Vespasian (69–79 n. Chr.) ließ öffentlich ir-
dene Urintöpfe aufstellen und deren Wächter mit einer Urinsteuer belegen, „Pecunia non
olet“.

Öffentliche Bedürfnisanstalten im alten Rom


Rom verfügte 300 n. Chr. über 144 öffentliche Bedürfnisanstalten mit darunter fließendem
Wasser (Abb. 9.3).
Es gab nur wenige Waschgelegenheiten und statt Toilettenpapier benutzten die Men-
schen in der Regel einen Stock mit Schwamm, der nach Gebrauch gewaschen und erneut
verwendet wurde.
9.3 Historischer Abriss 351

Abb. 9.3 Öffentliche Toiletten im alten Rom. (Quelle: Sammöer Edition Berlin)

In Rom bestanden öffentliche Toiletten in der Regel aus einer Reihe von Löchern über
einer Abflussrinne.
Sie standen auf Plätzen und Straßen, waren mit Marmor getäfelt und sogar geheizt. Sie
wurden mit Wasser gespült und von Männern und Frauen gemeinsam benutzt. An einer
solchen Gepflogenheit nahm im Altertum niemand Anstoß. Die in den Stockwerken der
Mietshäuser gelegenen Wohnungen hatten kein Fallrohr und keinen Abort. Die Bewohner
waren daher gezwungen, die Einrichtungen auf der Straße aufzusuchen. Den Inhalt der
Nachtgeschirre schüttete man in der Frühe zusammen mit dem Müll in die im Hof stehen-
den großen Kübel. Es kam auch vor, dass ein Nachtgeschirr im Schutze der Nacht auf die
Straße gekippt wurde und der Topf hinterher flog. Das freilich gab Anlass zu manchem
Streit.
Erst im 15. Jahrhundert wurden auf Anweisungen der Ratsversammlungen der Städte
Straßen gepflastert, sodass niemand mehr im Kot und Abfallschlamm versinken musste.
Stadtluft machte nicht nur frei, sondern stank auch zum Himmel. Den Bürgern wurde bei
hohen Strafen äußerste Sauberkeit verordnet. Deshalb wurden Abfallsammelbehälter ein-
geführt, die Straßen regelmäßig gereinigt und Tierleichen eingesammelt sowie die Habe
von Pesttoten verbrannt.

Entwicklung in Deutschland
1893 wurde der Hamburger Senat durch die Bevölkerung des Umlandes, die die Unter-
bringung des von der Cholera verseuchten Abfalls der Stadt verweigerte, gezwungen, die
erste Müllverbrennungsanlage im Deutschen Reich zu bauen und zu betreiben.
Um die Jahrhundertwende wurde neben der Energienutzung aus der Müllverbrennung
erstmalig das Recycling von Werkstoffen aus Hausmüll eingeführt. Mit einer Kombination
352 9 Abbruch – Abfall – Rückbau

von Siebtrommeln und Förderbändern konnte z. B. die Sortieranlage in Minden ca. 3 t


Abfall/Tag verarbeiten.
Die moderne Abfallwirtschaft in Deutschland begann Mitte der sechziger Jahre des
vergangenen Jahrhunderts.
Die Abfälle wurden bis Ende der 1960er-Jahre auf einer Vielzahl von kleinen Kip-
pen lediglich abgelagert, sodass noch 1972 die im Laufe des Jahres angefallene Haus-
müllmenge nur grob auf 9 bis 18 Mio. t geschätzt werden konnte. Neben den ca. 50.000
Ablagerungsplätzen wurden ungefähr 130 geordnete Deponien, 16 Kompostwerke und
30 Verbrennungsanlagen betrieben, die nur ungefähr 37 % des Hausmülls ansatzweise
umweltgerecht entsorgen konnten.
Ein weiteres Verfahren der Abfallbehandlung stellt die Kompostierung dar.
Ein junger Bereich der Abfallwirtschaft ist seit etwa Anfang der 1980er-Jahre die
Altlastensanierung. Etliche Altlasten wurden insbesondere in der Vergangenheit durch
mangelhaften bzw. unverantwortlichen Umgang mit gefährlichen Stoffen verursacht. Die-
ser Bereich rückt aufgrund seiner Brisanz mehr und mehr in den Mittelpunkt.

Bauwesen
Die 2016 registrierte Menge an Bauabfällen beträgt rund 26 % und ist damit im Vergleich
zu anderen Abfällen auffällig hoch. Die tatsächliche Menge ist aber noch höher. Bisher
wird eine erhebliche Menge registriert, wie z. B. Bauabfälle, die im landwirtschaftlichen
Wegebau, bei Lärmschutzwällen oder zu Verfüllungen eingesetzt werden. In Fachkreisen
geht man davon aus, dass die tatsächlich angefallene Menge an Bauabfällen etwa dreimal
höher ist, als die registrierte Bauabfallmenge.
Daraus folgt, im Bauwesen dafür Sorge zu tragen, den Wert vorhandener Bauten lange
zu erhalten. Gleichzeitig ist darauf zu achten, dass der Aufwand für Instandsetzung und
Renovierung begrenzt wird.

9.4 Rechtliche Grundlagen

Durch die Mitgliedschaft in der Europäischen Union, als übergeordneter Institution, ist die
Bundesrepublik verpflichtet, Rechtsverordnungen der EU als unmittelbar geltendes Recht
zu akzeptieren sowie Richtlinien der EU innerhalb von festen Fristen (z. B. 2 Jahren) in
nationales Recht umzusetzen.
Daneben werden vom Rat der EU Verordnungen erlassen, die in jedem Staat der Ge-
meinschaft unmittelbar Rechtskraft erhalten. Ein Produkt aus jüngerer Zeit dient dem Auf-
bau eines freiwilligen Umweltplanungs- und Kontaktsystems in gewerblichen Unterneh-
men. Kern ist die Erstellung standortbezogener Umwelterklärungen eines Unternehmens,
die alle relevanten Daten zu Emissionen und Ressourcenverbrauch sowie programmati-
schen Zielsetzungen beinhalten.
9.4 Rechtliche Grundlagen 353

Beispiel
Die Europäische Kommission hat im Frühjahr 2007 eine Richtlinie vorgeschlagen, wel-
che die Mitgliedsstaaten verpflichtet, schwere Umweltdelikte als strafbare Handlungen
zu behandeln. Es soll sichergestellt werden, dass diese wirksam geahndet werden.
Dies betrifft in erster Linie EU-Staaten mit geringem Strafmaß für derartige Delikte.
In Deutschland sind bereits rechtliche Mittel in hohem Maße vorhanden. Sie müssen
damit rechnen, dass bei der Umsetzung in nationales Recht die entsprechenden Para-
grafen im Strafgesetzbuch verschärft werden.

I Die Verbringung von Rückständen innerhalb der EU regelt die EU-Abfallverbrin-


gungsverordnung vom 31.03.2017.

Die Abb. 9.4 zeigt die wesentlichsten Rechtsnormen im Abfallrecht und deren Rege-
lungsbereiche.
In der Agenda 21 wird, ähnlich wie im Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz, folgen-
de Zielhierarchie vorgegeben:
Es sollen

 weniger Abfälle entstehen,


 weniger gefährliche Stoffe in die Umwelt abgegeben werden,
 entstandene Abfälle als Sekundärrohstoffe zurückgeführt werden und
 bei der Behandlung von Abfällen die Umwelt geschont werden.

Diese vier abfallbezogenen Programmschwerpunkte sind miteinander zu verknüpfen,


sodass die einzelnen Maßnahmen sich gegenseitig unterstützen.

Kreislaufwirtschaftsgesetz
Das Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) ist vor über zwanzig Jahren verabschiedet (1993)
und in Kraft getreten (1996). Die letzte Änderung erfolgte am 01.06.2017 (Art 3G vom

Abb. 9.4 Rechtsvorschriften


des Kreislaufwirtschafts- und
Abfallgesetzes. (Quelle: ILS
Hamburg)
354 9 Abbruch – Abfall – Rückbau

27. März 2017) Die Regelung der Überlassungspflichten findet sich in § 13 KrWG. Das
KrWG brachte seinerzeit in Umsetzung entsprechender EU-rechtlicher Vorgaben die Neu-
fassung des Abfallbegriffs. Fortan war zwischen Abfall zur Beseitigung und Abfall zur
Verwertung zu unterscheiden. Hieran anknüpfend wurden auch die Überlassungspflichten
neu strukturiert. Abfälle aus privaten Haushaltungen sind nach § 13 Abs. 1 Satz 1 den
öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgern zu überlassen. Für Erzeuger und Besitzer von
Abfällen aus anderen Herkunftsbereichen gilt dies nach § 13 Abs. 1 Satz 2 nur für Ab-
fälle zur Beseitigung. Abfälle zur Verwertung aus den Bereichen Gewerbe und Industrie
unterliegen seit Inkrafttreten des KrWG nicht mehr der Überlassungspflicht gegenüber
den öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgern. Die Abfallrahmenrichtlinie der EU über
Abfallvermeidung und Recycling fixiert dabei europäischen Standard auf vergleichsweise
hohem Niveau.

9.5 Rückbau aus sanierungstechnologischer Sicht

Rückbau wird oftmals im Zusammenhang mit Wohnungsleerstandsdiskussion dem Be-


griff Abriss gleichgesetzt.
Der Sprachgebrauch ist dabei nicht einheitlich. Mindestens drei unterschiedliche Ver-
wendungen sind erkennbar:

 strategisch/konzeptioneller Rückbau (Städtebau),


 technisch/branchenseitig (Hochbau),
 wohnungswirtschaftlich (Politik/Unternehmen).

Diese möchte auch begrifflich zum Ausdruck bringen, dass veränderte Rahmenbe-
dingungen und Notwendigkeiten zur Wiederverwendung neue „Abbruchtechnologien“
hervorgebracht haben.
So geht man vom konventionellen Abbruch (möglichst schnelle Beseitigung der ge-
samten Bausubstanz mit wenig differenzierten Teilschritten) immer mehr zum Rückbau
über, wo eine Trennung der Bauteile und Baustoffe zur Verbesserung der Recyclingmög-
lichkeiten und Senkung der Entsorgungskosten erfolgt.
Beim zerstörungsfreien Ausbau kompletter Bauteile zur Wiederverwendung spricht
man sogar von einer „recyclinggerechten Demontage“.
Recycling ist die stoffliche Verwertung von Produkten, Teilen oder Stoffen aus Pro-
dukten nach ihrem Gebrauch sowie von Produktionsausschuss, Reststoffen und produk-
tionsspezifischen Abfällen in Kreisläufen, um daraus erneut Produkte oder Produktein-
satzstoffe herzustellen.

Verband Deutscher Ingenieure


Der VDI präzisiert die Definition und setzt Recycling als Oberbegriff für vier Teilberei-
che, siehe Tab. 9.1.
9.5 Rückbau aus sanierungstechnologischer Sicht 355

Tab. 9.1 Weiterverwertung – Wiederverwendung


Wiederverwendung Die erneute Benutzung des gebrauchten Produktes für den gleichen
(Mehrweg) Verwendungszweck ohne Veränderung der Teile (z. B. Pfandbehälter,
Wiedereinbau von Fenstern)
Weiterverwendung Die erneute Verwendung des gebrauchten Produktes zu einem anderen
Zweck fast ohne Veränderung der Teile (z. B. alte Fenster als Abde-
ckung für Frühbeete)
Wiederverwertung Der wiederholte Einsatz von Altstoffen und Produktionsabfällen in
einem gleichartigen Produktionsprozess. Der Rohstoff wird zu einem
gleichartigen Gegenstand verarbeitet (z. B. Altglas, Altpapier)
Weiterverwertung Der Einsatz von Altstoffen und Produktionsabfällen in einem noch
(Downcycling) nicht durchlaufenen Produktionsprozess – meistens mit einem Wert-
verlust verbunden (z. B. PVC aus einem Fenster kann nur für einen
anspruchslosen Zweck, als Zaunpfosten oder Parkbank, weiterverwertet
werden)

Rückbau ist demnach ein stufenweiser Gebäudeabriss, der die Beeinträchtigungen für
das Umfeld minimiert und zugleich den Erhalt von Teilen der Gebäudesubstanz ermög-
licht sowie auch eine Wiederverwendung bzw. Verwertung der anfallenden Materialien
möglichst vollständig gestattet.
Ein sogenannter kontrollierter Rückbau beachtet noch stärker abfallwirtschaftliche
und umweltrelevante Aspekte. Für innerstädtische Abrissmaßnahmen sowie bei Fertig-
teilbauwerken eignet sich das Verfahren besonders, z. B. bei Teilabbrüchen oder zur Be-
seitigung von Gebäudepartien aus zusammenhängender Bebauung.
Konkrete Aussagen sind nur nach einer gebietskonkreten Prüfung möglich. Im Prinzip
geht es um

 die Auflockerung der Bebauungsdichten und


 den flächenhaften Abriss und die Stilllegung ungenutzter Bestände.

Auflockerung der Bebauungsdichten


Dazu werden drei mögliche Vorgehensweisen aufgezeigt:

 Herausnahme einzelner Wohngebäude oder Teilen der bisherigen Quartierrandbebau-


ung zur Auflockerung der bestehenden Bebauungsformen bei grundsätzlicher Beibe-
haltung der bisherigen städtebaulichen Struktur – somit entfallen enge Gebäudeab-
stände und durch eine „gebäudekonkrete Entsieglung“ werden Flächengewinne im
Freiraum erreicht.
 Abriss einzelner Gebäude oder Gebäudeensembles zur Veränderung der bisherigen
städtebaulichen Struktur; damit kann sich – auch im gesamtstädtischen Zusammen-
hang – ein anders wahrgenommenes Bild ergeben.
356 9 Abbruch – Abfall – Rückbau

 Verbesserung der Gebäudestruktur und Schaffung neuer Gestaltungsqualitäten im


Wohnumfeld durch Teilrückbau von Wohngebäuden – durch geschossweisen Rückbau
einzelner Etagen oder Herausnahme einzelner Gebäudesegmente.

Flächenhafter Abriss
Flächenhafter Abriss (Abb. 9.5) wird zumeist als „Rückzug aus der Fläche“ als Siedlungs-
fläche definiert. Darüber hinaus können diese Flächen aber auch für eine Neubebauung mit
grundsätzlich anderen Wohnformen gewonnen werden.
Auch hierfür sind drei unterschiedliche Realisierungen möglich:

 Rückbau von den Randzonen her, wobei die Funktionen im Inneren des Gebietes
erhalten bleiben sollen.
 Entkernen der Siedlungen von ihrem Inneren her.
 Komplettabriss ganzer Wohngebiete oder auch Wohnkomplexe – als größtmöglich
anzunehmender Flächenabriss.

Nach den Bauordnungen der Länder zählt sowohl der konventionelle Abbruch als auch
der „selektive“ (ausgewählte) Rückbau zu den genehmigungspflichtigen Vorhaben. Die
Umsetzungen sollten in enger Abstimmung mit den Fachbehörden bezüglich der Entsor-
gungswege ausgearbeitet werden.
Das maßgebliche Kernstück der Rückbauplanung (Abb. 9.6) jedoch ist die Ausar-
beitung der Rückbaustrategie. Nach Klärung infrage kommender Entsorgungswege sowie

Abb. 9.5 Abriss. Ein ehemalig begehrter Plattenbau (Leipzig-Grünau) wird abgerissen und Grün-
flächen dafür angelegt. (Quelle: Stahr, Leipzig)
9.5 Rückbau aus sanierungstechnologischer Sicht 357

Abb. 9.6 Phasen der Rückbauplanung. (Quelle: ILS Hamburg)

der Zusammenstellung der Arbeits- und Emissionsschutzmaßnahmen beinhaltet diese die


Grundlage der späteren Aufstellungen der Ausschreibungsunterlagen.

Beispiele

 Sammeln und Sortieren freiliegender Abfälle


 Beseitigen der Asbeststäube
 Absaugen schwermetallbelasteter Stäube von Fußböden, Maschinenteilen, Rohrlei-
tungen und Dachkonstruktionen
 Demontage der Produktionsanlagen
 Absaugen von Restöl aus Maschinenteilen
 Demontage der Transformatorenanlagen, Absaugen der Kühlflüssigkeiten
 Demontage der mit Phenolharzrückständen verkrusteten Rohrleitungen
358 9 Abbruch – Abfall – Rückbau

Tab. 9.2 Rückbaustufen im baulichen Bestand. (Nach Pfeifer Stuttgart 2018)


Stufen Beschreibungen Arten und Gegenstände Verwertung
RS 1 Ausbau (zerstörungsfrei) Geräte, Maschinen, Fens- Direkte Widerverwen-
ter, Türen usw. dung, Verkauf, Baumarkt
usw.
RS 2 Demontage, Materialtren- Technische Einbauten, Recycling, gleichwertige
nung Dach, Dachstuhl usw. Sekundärbaustoffe
RS 3 Schadstoffausbau, Mess- Gefahrenstoffe beseitigen Entsorgung mit Nachwei-
programme usw. sen
RS 4 Niederlegen des Bauwerks Maschinelle Arbeits- Sortieren und Recycling
verfahren, maschineller der restlichen Baustoffe
Abbruch

 Ausbau von asbesthaltigen Dichtungen der Dampfrohrleitungen


 Ausmeißeln von Schlacke und Auskleidungen aus Gießpfannen und Schmelzöfen
 Auskernen der Produktionshallen und Werkstätten
 Ausfräsen der Innenwandung von Kaminen
 Abfräsen des schwermetallbelasteten Mauerwerks
 Abfräsen Öl-kontaminierter Betonfundamentplatten
 Absaugen des Fräsgutes
 Demontage belasteter Altbaustoffe (AZ-Platten, Teerpappe, Isoliermaterial, ge-
tränkte Hölzer)
 Demontage unbelasteter Altbaustoffe (Türen, Fensterglas, Tore . . . )
 Abriss (Abgreifen, Einschlagen, Eindrücken) der dekontaminierten und ausgekern-
ten Rumpfgebäude

9.5.1 Rückbaustufen

Fachgerechter Rückbau im baulichen Bestand kann beispielsweise in vier Stufen durch-


geführt werden (Tab. 9.2).
Rückbaustufen sind abhängig von:

 Vertragsgestaltung und gewerkeweisenden Vorgaben


 Qualifikation der Beschäftigten (z.B. Sachkundigennachweis)
 Bauorganisation

9.6 Rückstandaufkommen – Rückfallverwertung

Mit dem Verbot der Ablagerung unbehandelter Abfälle 2005 ist unbestreitbar ein Wen-
depunkt in der Abfallwirtschaft eingeleitet worden. Abgeschlossen ist die Entwicklung
9.6 Rückstandaufkommen – Rückfallverwertung 359

damit jedoch noch nicht. In der Abfallwirtschaft muss sich vielmehr ein Sinneswandel
von der Entsorgungswirtschaft hin zur Ressourcenwirtschaft vollziehen. Doch die heute
oftmals als selbstverständlich angesehenen Gegebenheiten – Entsorgungssicherheit, Um-
weltschutz auf höchstem Niveau, sozialverträgliche Kosten – können für die Zukunft nur
dann gewährleistet werden, wenn verlässliche Rahmenbedingungen geschaffen werden.

9.6.1 Begriffe

Zum besseren Verständnis der Rückfallwirtschaft sollen Sie in Tab. 9.3 mit einigen wich-
tigen Begriffen vertraut gemacht werden.

9.6.2 Arten von Baustoffen

9.6.2.1 Kreislaufführung von Baustoffen


Die Kreislaufführung ist als ökologische Strategie eine zentrale Forderung der Nachhal-
tigkeit und Verwertung. Die Nachhaltigkeitsstrategie beinhaltet die Teilziele:

 Ressourcenschonung
 Klimaschutz
 Luftqualität
 Flächeninanspruchnahme
 Artenvielfalt
 Schutz der Gesundheit
 Verwertung historischer Baustoffe

Die Verwertung ist in Deutschland durch das im vorangegangenen Kapitel schon aus-
führlich besprochenen Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz (KrWG) geregelt.
Die Pflicht zur Verwertung ist einzuhalten, sofern dies technisch möglich und wirt-
schaftlich zumutbar ist. Ausdrücklich wird im Gesetz darauf hingewiesen, dass die Ver-
wertung auch dann möglich ist, wenn hierzu eine Vorbehandlung nötig ist (§ 5 Abs. 4
KrWG). Der Vorrang der Verwertung vor der Beseitigung von Abfällen entfällt, wenn die
Beseitigung die umweltverträglichere Lösung darstellt. Stoffliche und energetische Ver-
wertung sind nach § 6 KrWG grundsätzlich gleichrangig.
Dabei hat die Verwertung ordnungsgemäß und schadlos zu erfolgen, insbesondere darf
keine Schadstoffanreicherung im Wertstoffkreislauf erfolgen (§ 5 Abs. 3). Hierzu sind
Abfälle gegebenenfalls getrennt zu halten und zu behandeln, soweit dies zur Erfüllung der
Anforderung nach §§ 4 und 5 KrWG erforderlich ist. Diese Trennpflicht ist insbesonde-
re auch für verwertbare Bestandteile von Bauschutt, Baustellenabfällen, Straßenaufbruch
und Bodenaushub verstärkt zu beachten, um dem Gebot zur Abfallvermeidung bzw. -ver-
wertung nach § 4 Abs. 1 KrWG nachkommen zu können.
360 9 Abbruch – Abfall – Rückbau

Tab. 9.3 Begriffe aus der Rückfallwirtschaft


Bauabfälle Bauschutt, Baustellenabfälle, Bodenaushub und Straßenaufbruch
Bauschutt Mineralische Stoffe aus Bautätigkeiten, auch mit geringfügigen Fremd-
anteilen
Baustellenabfälle Nichtmineralische Stoffe aus Bautätigkeit, auch mit geringfügigen
Fremdanteilen
Bioabfall Im Siedlungsabfall enthaltene biologisch abbaubare, nativ- und de-
rivativ-organische Abfallanteile (z. B. organische Küchenabfälle,
Gartenabfälle)
Bodenaushub Nicht kontaminiertes, natürliches, gewaschenes oder bereits verwende-
tes Erd- und Felsmaterial
Fäkalien In abflusslosen Sammelgruben und Behältern anfallende Exkremente
menschlichen Ursprungs, soweit sie nicht in Abwasseranlagen einge-
bracht werden
Garten- und Park- Überwiegend pflanzliche Abfälle, die auf gärtnerischen Grundstücken,
abfälle in öffentlichen Parkanlagen und auf Friedhöfen sowie als Straßenbe-
gleitgrün anfallen
Hausmüll Abfälle hauptsächlich aus privaten Haushaltungen, die von den Entsor-
gungspflichtigen selbst oder von beauftragten Dritten in genormten, im
Entsorgungsgebiet vorgeschriebenen Behältern regelmäßig gesammelt,
transportiert und der weiteren Entsorgung zugeführt werden
Restabfälle Nach Vermeidung und Verwertung verbleibender, zu entsorgender Ab-
fall
Produktions- Bei der Behandlung von Abwasser in kommunalen und entsprechenden
spezifischer industriellen Abwasserbehandlungsanlagen anfallender Schlamm, auch
Klärschlamm soweit er entwässert oder getrocknet oder in sonstiger Form behandelt
wurde
Abfälle In Industrie, Gewerbe oder sonstigen Einrichtungen anfallende Abfälle,
die keine Siedlungsabfälle sind, jedoch nach Art, Schadstoffgehalt und
Reaktionsverhalten wie Siedlungsabfälle entsorgt werden können
Rückstände aus Ab- Rechengut, Sandfang- und Fettfangrückstände aus Kläranlagen sowie
wasseranlagen Rückstände aus Siel-, Kanalisations- und Gullyreinigung
Siedlungsabfälle Abfälle wie Hausmüll, Sperrmüll, hausähnliche Gewerbeabfälle,
Garten- und Parkabfälle, Marktabfälle, Straßenkehricht, Bauabfälle,
Klärschlamm, Fäkalien, Fäkalschlamm, Rückstände aus Abwasseranla-
gen und Wasserreinigungsschlämme
Sperrmüll Feste Abfälle, die wegen ihrer Sperrigkeit nicht in die im Entsorgungs-
gebiet vorgeschriebenen Behälter passen und getrennt vom Hausmüll
gesammelt und transportiert werden
Straßenaufbruch Mineralische Stoffe, die hydraulisch, mit Bitumen oder Teer gebunden
oder ungebunden im Straßenbau verwendet werden
Wertstoffe Abfallbestandteile oder Abfallfraktionen, die zur Wiederverwertung
oder für die Herstellung verwertbarer Zwischen- oder Endprodukte
geeignet sind
9.6 Rückstandaufkommen – Rückfallverwertung 361

Tab. 9.4 Auswahl historischer Baumaterialien im baulichen Bestand mit möglicher Wiederverwen-
dung. (Nach Pfeifer Stuttgart 2018)
Materialien Verwendungen
Hölzer aller Art Stützen, Gebälk. Torbögen, Bohlen, Vertäfelungen usw.
Bodenbeläge aus Hölzern Parkett, Fußbodenbretter usw.
Türen und Tore Haus- und Füllungstüren, Scheunen- und Drehzapfentore usw.
Fenster aller Art Weichhölzer, Eiche, Gußeisen usw.
Steinmaterialien aller Art Torbögen, Sockel, Pfosten, Brunnentröge usw.
Stein-und Torbogenbeläge Platten, Pflaster, Fliesen usw.
Dachdeckungsmaterialien Biberschwanzziegel, Pfannen, Schiefer, glasierte Ziegel usw.
Gläser Bleiverglasungen, Butzescheiben, Gussgläser usw.
Tür- und Fensterbeschläge Schlösser, Drücker, Riegel, Knäufe usw.
Treppen und Geländer Block- und Wendeltreppen usw.
Eisenteile Säulen, Tore, Wannen, Vasen, Wirtshausschilder
Feuerstellen Herde, Kamine, Kachelöfen usw.

9.6.2.2 Verwertung von historischen Baustoffen


Bei der Verwertung von Restmaterialien werden Sicherstellung und Wiederverwendung
von historischen Baustoffen immer wichtiger.
Der noch gut zu überschauende Zeitraumreicht vom Anfang des 19. Jahrhunderts, in
besonderen Fällen, auch bis ins Mittelalter zurück.
Das Spektrum umfasst im Prinzip alle am Bau vorkommende Materialien und Bauteile
(Tab. 9.4)
Historische Baustoffe können insbesondere in der Denkmalspflege bei Instandsetzungs-
und Sanierungsarbeiten aber auch neu zu errichten Bauwerken verwendet werden.

9.6.2.3 Baurestmassen
Das Aufkommen von Baurestmassen ist geprägt durch den nach wie vor steigenden Flä-
chenverbrauch für Straßen-, Wohn- und Gewerbegebiete und wird durch Sanierung, Neu-
bau und Abriss von Gebäuden sowie Rekonstruktion und Erweiterung des Straßennetzes
eine wesentliche Steigerungsrate erfahren. Die Materialien, die aufgrund von Baumaß-
nahmen als Baurestmassen anfallen, werden in Gruppen untergliedert.
Eine weitere Systematisierung kann gemäß Tab. 9.5 vorgenommen werden.
Mit ca. 57 % ist die Gruppe „Bodenaushub, Bauschutt, Straßenaufbruch“ die größte der
an öffentlichen Anlagen angelieferte Abfallmenge in der Bundesrepublik. Mehr als 90 %
dieser Menge werden noch immer deponiert (Tab. 9.6).
Recyclingfähige Baustoffe sind vorwiegend ungebundene Mineralstoffgemische aus
Verkehrsflächen (z. B. Gesteinsaushub), hydraulisch gebundene (z. B. Beton) oder bitumi-
nös gebundene (z. B. Asphalt) Stoffe, die direkt aus der Baumaßnahme gewonnen werden
können. Auf Deponien werden allerdings selten Einzelstoffe, sondern fast ausschließlich
Gemische angeliefert.
362 9 Abbruch – Abfall – Rückbau

Tab. 9.5 Aufgliederung der Baureststoffe

Tab. 9.6 Bezeichnung von Bauabfallgruppen zur Einteilung für eine weitere Verwendung bzw.
Beseitigung
9.6 Rückstandaufkommen – Rückfallverwertung 363

9.6.2.4 Bauschutt
Bauschutt (Nr. 31409) fällt bei Baumaßnahmen im Hoch- und Tiefbau an. Abhängig
von Alter und Konstruktionsweise der Bauwerke weist der dabei entstehende Bauschutt
unterschiedliche Zusammensetzungen sowie Verunreinigungen mit organischen und an-
organischen Bestandteilen auf.
Der Bauschutt wird dabei unterteilt in unbelastet, belastet und schadstoffverunrei-
nigt.
Als unbelasteter Bauschutt wird das mineralische Material (z. B. Kalksandstein, Mör-
tel) bezeichnet, das bei Abbrucharbeiten (z. B. durch systematischen Rückbau) anfällt und
nur geringfügig mit organischen und anorganischen Störstoffen (z. B. Erdreich, Sand, Be-
ton ohne Bewehrungsstahl, Ziegelmauerwerk, Natursteine) durchsetzt ist.
Belasteter Bauschutt fällt bei Abrissarbeiten ohne systematischen Rückbau an. Die
darin enthaltenen Verunreinigungen können über Sortieranlagen separiert und entsorgt
werden. Bei den Verunreinigungen handelt es sich um die ehemals festen Bestandteile
des Gebäudes, die in einem funktionalen Zusammenhang mit diesem standen, wie z. B.
Installationen, Fußböden, Wand- und Deckenverkleidungen. In den Satzungen von entsor-
gungspflichtigen Körperschaften werden Anteile bis zu 10 Vol.-% akzeptiert.
Schadstoffverunreinigter Bauschutt (Abfallkartenkatalog Nr. 31441) liegt vor, wenn
die mineralischen Abbruchmassen wasser-, boden- oder gesundheitsgefährdende Stof-
fe enthalten, die aufgrund des Gehalts dieser Stoffe zu nachteiligen Auswirkungen auf
die Umwelt führen können. Diese Materialien entstehen i. d. R. beim Abbruch von In-
dustriegebäuden, Flächenbefestigungen oder nach Bränden. Der Abfall gilt als besonders
überwachungsbedürftig und muss einer geordneten Beseitigung unterzogen werden.

Baustellenabfälle
Der Begriff Baustellenabfall (Katalog Nr. 91206) fasst alle Rückstände zusammen, die
beim Neubau, Ausbau oder bei Sanierungen von Bauwerken anfallen und ist damit we-
sentlich weiter, als der des Bauschutts gefasst (Abb. 9.7). Baustellenabfall kann sich aus
Bestandteilen wie Holz, Eisen- und Nichteisenmetallen, Kunststoffen, Papier, Pappe, or-
ganischen Resten, Sperrmüll sowie Sonderabfällen (Farben, Lacke etc.) zusammensetzen.

9.6.2.5 Sperrmüll
Alles, was zu sperrig für die gewöhnliche 120-Liter-Haushaltmülltonne ist oder das Ent-
leeren erheblich erschwert gehört in den Sperrmüll.
Ausnahmen sind unbewegliche Gegenstände wie Steine, Erde, Bauschutt, Dachziegel,
keramische Erzeugnisse wie Fliesen, Sanitärartikel und natürlich Baumetalle. Diese zäh-
len zu dem Sondermüll und müssen zwingend getrennt entsorgt werden.

9.6.2.6 Sonderabfälle – Überwachungsbedürftige Abfälle


Sonderabfälle sind Abfälle, die nach Art, Beschaffenheit oder Menge in besonderem Ma-
ße ein hohes Schadstoffpotenzial aufweisen. Hierunter versteht man, dass diese Stoffe
364 9 Abbruch – Abfall – Rückbau

Abb. 9.7 Zusammensetzung von Baustellenabfällen

Tab. 9.7 Überwachungsbedürftige Rückstände


Überwachungsbedürftige Besonders überwachungs-
Rückstände bedürftige Rückstände
Abfälle zur Beseitigung § 41 Abs. 2 § 41 Abs. 1
Abfälle zur Verwertung § 41 Abs. 3 Nr. 2 § 41 Abs. 3 Nr. 1
EU-Vorschriften Europäisches Abfallverzeichnis Europäisches Verzeichnis gefähr-
(EWC) licher Abfälle (HWC)

gesundheits-, luft- oder wassergefährdend, explosiv oder brennbar sind, oder Erreger über-
tragbarer Krankheiten enthalten oder hervorrufen können (KrWG § 41).

I Sondermüll darf nicht gemeinsam mit Hausmüll entsorgt werden.

Überwachungsbedürftige Abfälle (Tab. 9.7) sind mit einem sechsstelligen Abfall-


schlüssel gekennzeichnet und in einem ständig aktualisierten europäischen Verzeichnis
(HWC) festgelegt.

9.6.3 Verwertung von Bauabfällen

I Bauabfälle machen die mengenmäßig bedeutsamste Abfallgruppe aus (2016:


69 % des Gesamtaufkommens).
9.6 Rückstandaufkommen – Rückfallverwertung 365

Abb. 9.8 Recycling von Baustoffen (ohne Boden und Steine) 2016. (Quelle: ILS Hamburg)

Im Zeitraum 2005/2006 fielen rund 93 Mio. Tonnen Bauabfälle (ohne Bodenaushub)


an, von denen rund 65 Mio. Tonnen (rund 70 %) wiederverwendet wurden. Die verwerte-
ten Mengen finden überwiegend im Straßenbau Verwendung.
Der Kreislaufwirtschaftsträger Bau strebt eine weitere Minimierung des Anfalls von
Baustellenabfällen durch vorgeschaltete Trennung auf den Baustellen in die Wertstoff-
fraktionen an.
Darüber hinaus kommt es für die Abbruch-, Bau- und Recyclingwirtschaft darauf an,
innovative Abbruch- und Aufbereitungstechniken zu entwickeln, die einen möglichst ho-
hen Verwertungsgrad für einen möglichst gleichwertigen Einsatzzweck im Sinne einer
nachhaltigen Bauwirtschaft sicherstellen (Abb. 9.8). Bodenaushub und Steine wurden im
Jahr 2006 ebenfalls zum größten Teil der Verwertung zugeführt.

Verwertung mineralischer Abfälle auf Deponien


Der Hauptzweck der Deponien besteht zwar in der Beseitigung von Abfällen, doch kön-
nen bei baulichen Maßnahmen auch Abfallverwertungen stattfinden, wenn durch die Ab-
fallverwendung Primärrohstoffe ersetzt werden (Tab. 9.8). Solche Baumaßnahmen sind
z. B. die Herstellung der Abdichtungs- und Dränageschichten, des erforderlichen Ober-
flächenprofils oder der Rekultivierungsschicht. Verwertet werden hierbei überwiegend
mineralische Abfälle wie Bauabfälle, Bodenaushub oder Straßenaufbruch (Abb. 9.9). Er-
hebliche Materialmengen werden insbesondere bei der Stilllegung von Deponien benötigt.
Gehäuft stillgelegt wurden unzureichend ausgestattete oder verfüllte Deponien. So verrin-
366 9 Abbruch – Abfall – Rückbau

Tab. 9.8 Ausgewählte Baustoffe und deren Verwertbarkeit


Baustoffe Wiederverwendung Weiterverwendung
1. Erdbaubet- Vom nichtbindigen Sand und Kies Trennen, Auswaschen, Reinigen, Sie-
tungsstoffe bis zu bindigen Stoffen wie Lehm, ben, z. B. Kies und Sand
Schluff oder Tone direkt möglich
2. Keramische Bei schadfreier Zerlegung, z. B. Mauerziegel mit Fugenmörtelresten
Baustoffe Dachziegel, direkt möglich reinigen; evtl. behauen, Aufbereitung
zu Splitt
3. Mörtel und Betone in monolithischen Verbau Mörtel zermahlen, Beton zertrümmern,
Betone kaum möglich. Als Fertigteile geeig- zerkleinern und mahlen. Betonblöcke
neter, großformatige Elemente für und Tafeln für Befestigungszwecke
Transport und Handhabung schwer- (Deiche); Beton im Verbund mit Stahl
fälliger schwer trennbar. Splittgewinnung
4. Natursteine Durch Abbauen, Abnehmen, Aus- Neu bearbeiten, hauen, zuschneiden,
sieben und Sortieren möglich, z. B. schleifen, zerkleinern, zu Splitt und
Pflastersteine, Platten u. Ä. Feinzuschlagstoffen aufbereiten
5. Mineralische Gips, Kalk oder Zementmischungen Zermahlen möglich, Mehl
Bindemittel abgebunden, direkt nicht verwenden
6. Zuschlag- In ungebundener Form gereinigt, Zerkleinerung, Brechen und Mahlen in
stoffe direkt verwendbar abgestufter Sieblinie
7. Anmachflüs- In Verbindungen nicht zurückge-
sigkeiten und winnbar
Zusatzmittel
8. Stahl In ausgebauter Form unter Berück- Durch Umformung, begrenzt möglich;
sichtigung der Streckgrenzen und Zuschneiden
Verformung möglich. Verbaute Be-
tonstähle schwer auslösbar
9. Gusseisen In ausgebauter Form von Rohren Kalt- und Warmformen fast nicht mög-
u. Ä. direkt möglich lich
10. Nichteisen- Ausgebaute Aluminiumkonstruktion, Neu formen, zuschneiden, aufbereiten
metalle Zink- und Kupferbleche, Bleiverwah-
rung möglich
11. Bauholz Vom Deckenbalken über das Zuschneiden, hobeln, zerkleinern, zer-
Schalungsbrett bis zur Edelholz- fasern, häckseln, zerspanen
vertäfelung direkt verwendbar
12. Vergütete Ausgebautes Sperrholz, Verbundplat- Zubereitung wie bei Bauholz möglich
Holzbaustoffe ten, Pressschichtholz, Formvollholz
ist direkt einsetzbar
13. Faserbau- Meistens möglich, bei glasfaserver- Durch neue Formgebung möglich
stoffe stärkten Polyesterharzen schwer
14. Papierer- Rückgewinnung schwierig (Tapeten, Unter Zusätzen zu Filzpappen, Gipskar-
zeugnisse Pappen) meist nur in Resten möglich. tonen, Asbestpapieren aufbereitbar
Oft Verbund
15. Bau- Textilbeläge für Böden, Planen u. a. Vereinzelt nur möglich im Verbund
textilien möglich einer geänderten Verwendung schwer
zuführbar
16. Kunststoffe Getrennt sammeln, neu aufbereiten Neue Formgebung und zu Parkbänken
und Rinnen
9.6 Rückstandaufkommen – Rückfallverwertung 367

Abb. 9.9 Aufkommen und Entsorgung von Boden und Steinen. (Quelle: ILS Hamburg)

gerte sich die Anzahl der Hausmülldeponien (nun Deponieklasse II) vom Jahr 2005 bis
Juni 2015 von 162 auf 88.

9.6.4 Abfallverzeichnisverordnung

Seit 11.03.2016 gilt in Deutschland eine novellierter Abfallverzeichnisverordnung (AVV).


Sie regelt in Umsetzung von EU-Recht die Bezeichnung von Abfällen und ihre Einstufung
als gefährlich oder ungefährlich. Die überarbeitete europäische und deutsche Abfallver-
zeichnisverordnung enthält nunmehr drei neue Abfallarten:

 010310 Rotschlamm aus der Aluminiumherstellung, der gefährliche Stoffe enthält


 160307 metallisches Quecksilber
 190308 teilweise stabilisiertes Quecksilber

Nachfolgend wird ausschließlich der Abschnitt 17 Bau- und Abbruchabfälle der Verord-
nung betrachtet.

Verordnung über das Europäische Abfallverzeichnis (Abfallverzeichnis-


Verordnung – AVV)
Vom 10. Dezember 2001, zuletzt geändert durch Artikel 2 des Gesetzes vom 22. Dezember
2016 (BGBI. I. S. 3103) in Kraft getreten am 31. Dezember 2017.
368 9 Abbruch – Abfall – Rückbau

Tab. 9.9 Abfallverzeichnisverordnung. 17 Bau- und Abbruchabfälle (einschließlich Aushub von


verunreinigten Standorten)
Abfall-Schlüssel Abfallbezeichnung
17 01 Beton, Ziegel, Fliesen und Keramik
17 01 01 Beton
17 01 02 Ziegel
17 01 03 Fliesen, Ziegel und Keramik
17 01 06* Gemische aus oder getrennte Fraktionen von Beton, Ziegeln, Fliesen und
Keramik, die gefährliche Stoffe enthalten
17 01 07 Gemische aus Beton, Ziegeln, Fliesen und Keramik mit Ausnahme derjeni-
gen, die unter 17 01 06 fallen
17 02 Holz, Glas und Kunststoff
17 02 01 Holz
17 02 02 Glas
17 02 03 Kunststoff
17 02 04* Glas, Kunststoff und Holz, die gefährliche Stoffe enthalten oder durch
gefährliche Stoffe verunreinigt sind
17 03 Bitumengemische, Kohlenteer und teerhaltige Produkte
17 03 01* Kohlenteerhaltige Bitumengemische
17 03 02 Bitumengemische mit Ausnahme derjenigen, die unter 17 03 01 fallen
17 03 03 Kohlenteer und teerhaltige Produkte
17 04 Metalle (einschließlich Legierungen)
17 04 01 Kupfer, Bronze, Messing
17 04 02 Aluminium
17 04 03 Blei
17 04 04 Zink
17 04 05 Eisen und Stahl
17 04 06 Zinn
17 04 07 Gemischte Metalle
17 04 08 Kabel
17 04 09* Metallabfälle, die durch gefährliche Stoffe verunreinigt sind
17 04 10* Kabel, die Öl, Kohlenteer und andere gefährliche Stoffe enthalten
17 04 11 Kabel, mit Ausnahme derjenigen, die unter 17 04 10 fallen
17 05 Boden (einschließlich Aushub von verunreinigten Standorten), Steine
und Baggergut
17 05 03* Boden und Steine, die gefährliche Stoffe enthalten
17 05 04 Boden und Steine mit Ausnahme derjenigen, die unter 17 05 03 fallen
17 05 05* Baggergut, das gefährliche Stoffe enthält
17 05 06 Baggergut, mit Ausnahme desjenigen, das unter 17 05 05 fällt
17 05 07* Gleisschotter, der gefährliche Stoffe enthält
17 05 08 Gleisschotter, mit Ausnahme desjenigen, der unter 17 05 07 fällt
9.6 Rückstandaufkommen – Rückfallverwertung 369

Tab. 9.9 (Fortsetzung)


Abfall-Schlüssel Abfallbezeichnung
17 06 Dämmmaterial und asbesthaltige Baustoffe
17 06 01* Dämmmaterial, das Asbest enthält
17 06 03* Anderes Dämmmaterial, das aus gefährlichen Stoffen besteht oder solche
Stoffe enthält
17 06 04 Dämmmaterial mit Ausnahme desjenigen, das unter 17 06 01 und 17 06 03
fällt
17 06 05* Asbesthaltige Baustoffe
17 08 Baustoffe auf Gipsbasis
17 08 01* Baustoffe auf Gipsbasis, die durch gefährliche Stoffe verunreinigt sind
17 08 02 Baustoffe auf Gipsbasis mit Ausnahme derjenigen, die unter 17 08 01 fal-
len
17 09 Sonstige Bau- und Abbruchfälle
17 09 01* Bau- Abbruchabfälle, die Quecksilber enthalten
17 09 02* Bau- Abbruchabfälle, die PCB enthalten (z. B. PCB-haltige Dich-
tungsmassen; PCB-haltige Bodenbeläge auf Harzbasis; PCB-haltige
Isolierverglasungen; PCB-haltige Kondensatoren)
17 09 03* Sonstige Bau- und Abbruchabfälle (einschließlich gemischte Abfälle), die
gefährliche Stoffe enthalten
17 09 04 Gemischte Bau- und Abbruchabfälle mit Ausnahme derjenigen, die unter
17 09 01, 17 09 02 und 17 09 03 fallen
Artenschutz bei Sanierung und Umbau
10

Alles, was gegen die Natur ist, hat auf Dauer keinen Bestand (Charles Darwin).

10.1 Artenschutz an Gebäuden

Für viele Menschen mag dieser Spruch nur eine leere Worthülse sein, andere wiederum
sehen darin einen wichtigen Handlungsgrundsatz. Im vorliegenden Abschnitt heißt der
Handlungsgrundsatz:
Sanierungsvorhaben – und Schutz bedrohter heimischer Tierarten – Konflikt und Lö-
sung.

10.2 Baulicher Artenschutz bei Sanierung und Umbau

10.2.1 Grundsätze baulichen Artenschutzes

Nachhaltiges und ökologisches Bauen ist „in“. Auf Wärmeschutz und naturverträgliche
Baumaterialien wird heutzutage schon beinahe selbstverständlich geachtet.
Dass Gebäude, ob alt oder neu, aber gleichzeitige Lebensräume für viele Tierarten sein
können, denkt man häufig zuerst einmal nicht (Abb. 10.1).
Zahlreiche Tierarten haben sich dem Menschen angeschlossen und besiedeln Gebäude
und andere Bauwerke sowie deren Umfeld (Abb. 10.2). Zu diesen Kulturfolgern gehören
z. B. Fledermäuse, Hornissen, Wildbienen oder bestimmte Vogelarten, wie Haussperling,
Hausrotschwanz, Dohle, Turmfalke, Mauersegler und Schwalben. Erfahrungsgemäß wer-
den von Fledermäusen vor allem Kellerräume, Dachböden, Verschalungen und von an-
derem Gebäude bewohnenden Arten Gesimse und Jalousiebereiche, insbesondere leerste-
hender oder verfallener Gebäude, bevorzugt. Lehmbauten hingegen sind oft Lebensstätten
zahlreicher Bienenarten.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 371
M. Stahr, Sanierung von baulichen Anlagen, https://doi.org/10.1007/978-3-658-20475-4_10
372 10 Artenschutz bei Sanierung und Umbau

Abb. 10.1 Geschützte Singvö-


gel in einem Brutkasten an der
Fassade. (Quelle: Schwegler,
Vogel- und Naturschutzpro-
dukte, Schorndorf)

In der Vergangenheit ist es durch Einwirkungen des Menschen zu einem fortschrei-


tenden Artenschwund gekommen. Diesen negativen Trend zu stoppen, genau genommen
umzukehren ist jedoch nicht einfach. Die Gründe sind vielfältig, denn oft werden Gebäu-
de saniert, ohne dass die Eigentümer überhaupt wissen, dass ihr Haus gleichzeitig Heimat
von geschützten Tierarten, z. B. Fledermäusen ist.

Abb. 10.2 Zu schützende Tierart im unsanierten Dachraum. Aufgedeckter Bereich eines Mauer-
seglernestes im unsanierten Gebäude. Die Tiere legen dort etwa 40 Nester auf die Lattung zwischen
Holzverschalung und Biberschwanzendeckung. Der Zuflug erfolgt über einen Spalt zwischen Stein-
gesims und Traufbohle. (Quelle: Hensen Markkleeberg)
10.2 Baulicher Artenschutz bei Sanierung und Umbau 373

Dazu kommt, dass energetische Sanierung im Allgemeinen auf eine geschlossene Ge-
bäudehülle orientiert. Dabei verschwinden Nischen und Fugen als Lebensraum für ge-
schützte Tierarten.
Aus diesem Grund hat der Gesetzgeber neben bestimmten Pflanzenarten auch Tierarten
besonders bzw. streng geschützt und entsprechende Vorschriften zu ihrem Schutz erlassen.

I Rechtsgrundlage für den Artenschutz in Deutschland ist das Bundesnatur-


schutzgesetz (BNatSchG).

Nach § 44 (1), Nr. 1, 2, 3 BNatSchG1 ist es verboten:

 wild lebenden Tieren der besonders geschützten Arten nachzustellen, sie zu fangen, zu
verletzen, zu töten oder ihre Entwicklungsformen, Nist-, Brut-, Wohn- und Zufluchts-
stätten der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören,
 wild lebende Tiere der streng geschützten Arten und der europäischen Vogelarten an ih-
ren Nist-, Brut-, Wohn- oder Zufluchtsstätten durch Aufsuchen, Fotografieren, Filmen
oder ähnliche Handlungen zu stören,
 Fortpflanzung – oder Ruhestätten der wild lebenden Tieren der besonders geschützten
Arten aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören.

Diese sogenannten Zugriffsverbote gelten im besiedelten wie unbesiedelten Bereich


sowie unabhängig von einer bau- oder denkmalschutzrechtlichen Gestattung.
Das Gesetz enthält für Tier – und Pflanzenarten zwei Schutzstufen:

 Besonders geschützte Art (BNatSchG § 7 Abs. 2 Nr. 13)


 Streng geschützte Art (BNatSchG § 7 Abs. 2 Nr. 14)

Besonders geschützt sind insbesondere alle europäischen Vogelarten wie Haussper-


ling, Hausrotschwanz, Dohle, Mauersegler, Schwalben.
Streng geschützt sind besonders geschützte Arten mit sehr hohem Schutzbedürfnis,
insbesondere alle heimischen Fledermäuse sowie Turmfalken, Schleiereule und Waldkauz
in der Verordnung (EU) 338/97.
Allerdings erzeugt die Kategorisierung in „besonders geschützt“ und „streng ge-
schützt“ den Eindruck, als gäbe es weniger wichtige Arten. Grundsätzlich muss klar sein,
dass in Deutschland alle wildlebenden Tiere geschützt sind § 39 BNatschG.
Wesentliche Grundlagen des Artenschutzes basieren auf internationalen Abkommen.
Der derzeitige Schutzstatus beruht auf folgenden Grundlagen:

 Bundesartenschutzverordnung
 FFH – Richtlinie der EU
1
BNatSchG – Bundesnaturschutzgesetz (Gesetz über Naturschutz und Landschaftspflege).
374 10 Artenschutz bei Sanierung und Umbau

 Vogelschutzrichtlinie der EU
 EU Artenschutzverordnung (EG – Verordnung 338/97)

Nist-, Brut-, Wohn- oder Zufluchtsstätten besonders geschützter Arten verlieren ihren
Schutz nicht, wenn sie kurzzeitig oder vorübergehend nicht benutzt werden, etwa weil sich
die Bewohner auf Nahrungssuche oder im südlichen Winterquartier befinden, erwartungs-
gemäß aber die Lebensstätten danach wieder aufsuchen. Deshalb sind z. B. Quartiere von
Fledermäusen sowie Nester von Schwalben und Mauerseglern auch ganzjährig geschützt.
Werden bei Sanierungsarbeiten, dem Um- und Ausbau sowie dem Abbruch von Bau-
werken besonders geschützte Tiere oder ihre Lebensstätten beeinträchtigt, sind o. g. Ver-
botstatbestände erfüllt.
Die Arbeiten sollten sofort unterbrochen werden, wenn Nist-, Brut-, Wohn- oder Zu-
fluchtsstätten besonders oder streng geschützter Tierarten festgestellt worden sind. Nach
Unterrichtung der unteren Naturschutzbehörde (o. g. Dienststelle) ist deren Entscheidung
abzuwarten.
Zudem geben die Bundesländer eigene Rote Listen-Arten heraus. Hier sind die im
Gebiet vorkommenden geschützten Arten und deren Bestandssituation erfasst.
Der Gefährdungsgrad der Roten Liste gibt jedoch die Bestandsbedrohung exakt an, da
sie auch regelmäßig aktualisiert werden.

10.3 Rechtsgrundlagen

10.3.1 Vorsorgepflicht des Bauherrn

Grundsätzlich ist der Bauherr verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, dass die an seinem Ge-
bäude lebenden geschützten Tierarten während der Sanierung nicht beeinträchtigt werden.
Dafür stehen ihm eine Reihe gesetzlicher Vorschriften zur Verfügung.
Einen Verstoß gegen die o. g. europäischen Richtlinien bzw. Ländergesetze kann ein
Bauherr ohne fachkompetente Hilfe kaum vermeiden. Deshalb ist es erforderlich, dass
der Bauherr rechtzeitig vor Beginn der Sanierung – oder Abrisstätigkeit durch autorisier-
te Fachleute – die Vorkommen geschützter Arten am Gebäude feststellen lässt und dann
auf der Grundlage der Ergebnisse und der vom Gutachter vorgeschlagenen Ersatzmaß-
nahmen bei der zuständigen Naturschutzbehörde eine Ausnahmegenehmigung bzw. eine
Befreiung (nach § 44 Abs. 7 in Verbindung mit Abs. 5 BNatSchG) beantragt.
Zuständig ist in der Regel die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt – Abteilung
Naturschutz.
In der Regel werden diese Anträge mit der Nebenbestimmung, dass vorhandene Tierbe-
siedlungen unbeschadet bleiben und ausreichend Ersatzmöglichkeiten geschaffen werden,
unbürokratisch bewilligt.
Nur so ist es möglich geschützte gebäudeabhängige Tierpopulationen zu erhalten und
Verstöße gegen geltendes Recht zu vermeiden.
10.4 Vorgehensweise bei artenschutzgerechten Sanierungs- und Umbauarbeiten 375

10.3.2 Kosten – Risikoeinschätzung

Das Nichtbeachten des Artenschutzes kann nicht nur zu erheblichen Störungen im Bau-
ablauf führen, sondern auch erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen:

 Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen den Bauherrn oder die auszuführenden Firmen


mit Bußgeld bis max. 50.000 C bei besonders geschützten Arten (z. B. Mauersegler)
oder Freiheitsstrafe bzw. Geldstrafe bei streng geschützten Arten (z. B. Fledermäuse)
 Partieller oder vollständiger Baustopp bis zur Beendigung des Brutgeschehens
 Nachforderung eines artenschutzfachlichen Gutachtens
 Realisierung beauflagter Ausgleichmaßnahmen, wie Nist- oder Hangplätze (Fleder-
mäuse)

10.4 Vorgehensweise bei artenschutzgerechten


Sanierungs- und Umbauarbeiten

Die Übersicht in Tab. 10.1 veranschaulicht die Schrittfolge der Berücksichtigung des Ar-
tenschutzes bei Sanierung – oder Abrissverfahren.
Bei Beachtung der dargestellten Vorgehensweise kann der Bauherr davon ausgehen,
dass:

 kein Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz zu befürchten ist,


 die Mehrkosten in einem vertretbaren Rahmen bleiben,
 die Zeitvorgaben für die geplante Sanierung in der Regel unberührt bleiben,
 er einen bedeutenden Beitrag für den Erhalt seltener geschützter Tiere geleistet hat.

Abbruch baulicher Anlagen


Ältere oder schadhafte Gebäude und Fassaden sind oft Lebensstätten besonders geschütz-
ter Tierarten wie Fledermäuse oder Vögel. Auch alte Bunkeranlagen oder Keller dienen
oft als Winterquartier.
Allerdings sind diese Quartiere meist schwierig zu erkennen und nur mithilfe eines
Experten feststellbar. Fortpflanzungs- und Ruhestätten besonders geschützter Tierarten
dürfen nicht zerstört werden. Gegebenenfalls ist auch hier eine Befreiung zu beantragen.

Freihaltung von Gewässern und Uferzonen


An natürlichen und naturnahen Bereichen von Gewässern dürfen bis zu einem Abstand
von 10 m von der Uferlinie keine baulichen Anlagen errichtet oder wesentlich geändert
werden. Darüber hinaus ist im Außenbereich nach § 35 BauGB zur Uferlinie von Gewäs-
sern 1. Ordnung und Gewässern mit einer Größe von mehr als einem Hektar ein Abstand
von mindestens 50 m einzuhalten.
376 10 Artenschutz bei Sanierung und Umbau

Tab. 10.1 Schrittfolge der Berücksichtigung des Artenschutzes bei Sanierung – oder Abrissverfah-
ren. (Quelle: Hensen, Markleeberg)
10.5 Merkmale und Bedürfnisse geschützter Tiere am Gebäude 377

10.5 Merkmale und Bedürfnisse geschützter Tiere am Gebäude

Fledermäuse
NABU zufolge gibt es in Deutschland derzeit 25 Fledermausarten. Fledermäuse sind die
einzigen flugfähigen nachtaktiven Säugetiere.
Typische Fledermäuse an oder in Gebäuden:

 Zwergfledermaus
 Breitflügelfledermaus
 Zweifarbfledermaus
 Großes Mausohr
 Graues Langohr
 Kleine Hufeisennase
 Große Hufeisennase

Die Breitflügelfledermaus ist eine große Art – knapp amselgroß (Gewicht: 17 – 35 g) –


mit variabler, meist dunkelbrauner Oberseite und goldglänzenden Haarspitzen. Die Flügel
sind breit und schwarzbraun. Sie lebt gesellig und nutzt z. B. Mauerspalten, Dachgebälk
und Fensterläden, im Winter unterirdische Hohlräume (Keller, Stollen, Tunnel) als Quar-
tier (Abb. 10.3).

I Fledermäuse gehören zu den am stärksten bedrohten Säugetierarten. Schutz-


maßnahmen sind deshalb dringend notwendig!

Abb. 10.3 Breitflügelfle-


dermaus. Diese relativ große
Fledermausart gehört nach
BNatSchG zu den besonders
streng geschütztem Tierarten.
(Quelle Hensen, Markklee-
berg)
378 10 Artenschutz bei Sanierung und Umbau

Gefährdungen

 Umfangreiche Sanierungsmaßnahmen und Modernisierungen verschließen die Quar-


tierzugänge.
 Störungen in den Winterquartieren.
 Fassaden- und Dachsanierungen ohne vorherige Bestandserfassung.

Was ist zu tun?

 Quartiere unbedingt erhalten, denn Fledermäuse sind sehr Standorttreu und nehmen
neue Ersatzquartiere nur selten an. Entsprechend müssen Ersatzquartiere lange vor Sa-
nierungsbeginn angeboten werden.
 Zugänge sichern.
 Vor jeder Sanierung und Umbaumaßnahme in den sensiblen Gebäudebereichen eine
fachliche Bestandsgutachtung durchführen lassen.
 Nur fledermausverträgliche Holzschutzmaßnahmen in den Quartierbereichen veranlas-
sen. Unsachgemäßer Gebrauch von Holzschutzmitteln ist eine enorme Gefahr für die
Tiere. So sind Lindan- und PCB-haltige Substanzen tödlich und deren Anwendung in
Deutschland verboten! Auch andere Lösungsmittel oder langlebige chemische Wirk-
stoffe führen langsam zum Tod. Achten Sie beim Kauf auf fledermausverträgliche
Mittel oder lassen Sie sich vom Fachhändler beraten.
 Hangplätze sollten ausreichend griffig sein. Als Material empfiehlt sich Holzbeton,
Bimszement sägeraue Bretter.

Hangplatz Höhe Breite Tiefe Anmerkungen


Min. Einflugloch 15 . . . 20 mm 50 . . . 100 mm
Max. Einflugloch 150 . . . 200 200 . . . 400 Oder offenes Giebelfenster
„Uhlenloch“
Einflughöhe v. Erde 0,5 . . . 25 m
Min. Kasten 350 mm 250 mm 25 mm
Max. Kasten 600 mm Beliebig 300 mm Breite je nach Bauteilgröße

 Bei befliegbaren Dachböden sind die gegebenen Abmessungen der jeweiligen Dach-
konstruktion maßgebend. Im Bereich des Spitzbodens, insbesondere bei Türmen, soll-
ten sie zugfrei sein.

Ein Wandsystem (Abb. 10.4) ist vorrangig für gebäudebewohnende Fledermäuse kon-
zipiert. Sanierungstechnisch wurden vor allem Durchstiegsmöglichkeiten in bestehende
Gebäude, geringe Einbautiefe, Vermeidung von Wärmebrücken, Abtropfkante bei Was-
serfluss auf der Fassade usw. berücksichtigt (Abb. 10.5).
10.5 Merkmale und Bedürfnisse geschützter Tiere am Gebäude 379

Anbringung: 3–5 m aufwärts


Außenmaße: H 40 × B 25 × T 3–13 cm
Farbe: betongrau aber auch der Fassadenfarbe anpassbar
Material: Holzbeton

Abb. 10.4 Fledermausquar-


tiere als Wandsystem. (Quelle:
Schwegler, Vogel- und Natur-
schutzprodukte, Schorndorf)

Abb. 10.5 Fledermausstein.


a passend zur Dachfläche;
b Schnitt. (Quelle: BRAAS
Oberursel)
380 10 Artenschutz bei Sanierung und Umbau

Abb. 10.6 Gewölbe-


stein. (Quelle: Schwegler,
Vogel- und Naturschutzpro-
dukte, Schorndorf)

Auch in Dächern und Gewölben können Fledermäuse heimisch werden.


Der Fledermausstein schafft, auch nachträglich eingebaut, eine Einschlupfmöglichkeit
für Fledermäuse bei gleichzeitig hoher Sicherheit gegen Witterungseinflüsse bei nicht aus-
gebauten Dachräumen (Abb. 10.6).

Weitere Schutzmöglichkeiten für Fledermäuse an Gebäuden

a) Wandschale
b) Einlaufblende
c) Gewölbestein
d) Fassadenröhre zur Reihenbildung
e) Grundstein zum versenkten Einbau
f) Fassadenquartier

Mauersegler
Mauersegler sind außerordentlich leistungsstarke „Luftakrobaten“ und perfekt an ihren
fast ausschließlichen Lebensraum – den Luftraum – angepasst. Nur zum Brüten finden sie
zur Erde zurück. Diese Zugvögel sind nur von Mai bis August in unseren Städten anzu-
treffen. Als typische Gebäudebrüter nutzen sie frei anfliegbare Hohlräume im Dachbereich
für ihr Nest (eine Jahresbrut), welches aus in der Luft eingesammeltem, mit Speichel ver-
klebtem Material besteht (Abb. 10.7). Sie brüten gesellig und bleiben ihrem Brutplatz über
Jahre bzw. sogar Jahrzehnte treu.
10.5 Merkmale und Bedürfnisse geschützter Tiere am Gebäude 381

Abb. 10.7 Mauersegler –


Nistkasten mit Brutkammer.
(Quelle: Schwegler, Vogel-
und Naturschutzprodukte,
Schorndorf)

Abb. 10.8 Weitere Schutz-


möglichkeiten für Mauersegler
an Gebäuden. a Aufgesetzter
Niststein in der Attika; b Nist-
quartier im Drempel. (Quelle:
Schwegler, Vogel- und Natur-
schutzprodukte, Schorndorf)

Dieser besonders leichte Nistkasten (auch mit zwei oder drei Brutkammern erhält-
lich) aus asbestfreiem Pflanzfaserbeton eignet sich besonders für Fassaden mit geringer
Festigkeit (Dämmungen, Schalungen). Mit einem Aufhängebügel kann er an die Wand
gehangen, aber auch in das Mauerwerk eingesetzt/eingeputzt werden (Abb. 10.8).

Außenmaße: H 15 (15) × T 15 (15) × L 34 (66) cm (Klammerwerte D zweifach)


Brutraum: H 14 × T 14 × L 30 cm
Gewicht: ca. 3,1 (5,5) kg

Gefährdungen

 Bausanierungen lassen Mauernischen und Dachspalten verschwinden.


 Moderne Bauweisen haben unstrukturierte glatte Oberflächen, die ungeeignet für Mau-
ersegler sind.
 Bodenversiegelungen und englischer Parkrasen verhindern die Vermehrung von Nah-
rungsinsekten.
 Nischen und Hohlräume in Gebäuden werden bei der Sanierung oft zerstört, blockiert
oder zumindest unbewohnbar.
382 10 Artenschutz bei Sanierung und Umbau

Was ist zu tun?

 Nistplätze erhalten.

Hangplatz Höhe Breite Tiefe Anmerkungen


Einflugloch 35 mm 65 mm Runde Ecken
Einflughöhe v. Erde 8 . . . 25 m
Freier Fall ca. 3 m unterhalb
Einflugloch gewährleisten
Min. Brutraum 120 mm 300 mm 125 mm
Max. Brutraum 600 mm 1000 mm 1000 mm Breite je nach Bauteilgröße
Abstand zum benachbarten  20 cm
Mauerseglereinflug

 Einflugöffnungen nicht verbauen.


 Anbringen von Ersatznistkästen oder -steinen, Mehrfachangebote bevorzugen.
 Keine Störungen während der Brutzeit.
 An- und Abflugschneisen freihalten.

I Günstiger Zeitraum für Sanierungsarbeiten: September bis April

Mehlschwalbe
Die Mehlschwalbe ist die häufigste Stadtschwalbe und im Volksmund eine Glücksbringe-
rin. Sie gehört zu den Zugvögeln. Von April bis September ist sie bei uns und baut ihre
kunstvollen Nester aus Lehm mit Speichel vermischt unter Dachtraufen, in Fensterlaibun-
gen oder Balkonecken. Mehlschwalben sind gesellige Koloniebrüter und 2–3 Jahresbruten
sind üblich. Das Nest wird gern an rauen Wandstrukturen befestigt. Die Unterhaltung einer
lehmigen Pfütze (z. B. im Hof) erleichtert Schwalben den Nestbau.

Gefährdungen

 Fassaden- und Dachsanierungen zerstören vorhandene Brutreviere.


 Abwehrmaßnahmen von Bewohnern und Hauseigentümern.
 Kaum Erd- und Lehmpfützen als Baustoffquellen vorhanden.
 Es fehlen abwechslungsreiche Grünflächen als Nahrungsquelle.

Was ist zu tun?

 Kotbrettchen anbringen, um Fassadenverschmutzungen zu verhindern.


 Erd- und Lehmpfützen in die Grünflächengestaltung einbinden.
 Anbringen von Nisthilfen an strukturarmen Fassadenoberflächen.
 Sträucher, Bäume, Kräuter- und Blütenpflanzen im Umfeld anbieten.

I Günstiger Zeitraum für Sanierungsarbeiten: Mitte Oktober bis Ende März.


10.5 Merkmale und Bedürfnisse geschützter Tiere am Gebäude 383

Abb. 10.9 Quartier für


Haussperlinge (im Dach-
kasten). (Quelle: Schwegler,
Vogel- und Naturschutzpro-
dukte, Schorndorf)

Haussperling
Der Haussperling – oder auch Spatz – ist der bekannteste Stadtvogel. Er erfreut uns das
ganze Jahr über, ist sehr zutraulich und nutzt jegliche Höhlen und Schlupfwinkel an der
Fassade und im Dachbereich (Abb. 10.9). Hier baut er durchaus voluminöse, kuschelige
Nester aus Gräsern und anderem leichten Material. Zwei bis drei Jahresbruten sind üblich.

I Günstiger Zeitraum für Sanierung: Ende September bis März.

Aufgrund zunehmender mangelnder Nahrungsangebote wurde der Hausperling auf die


Vorwarnliste aufgenommen.

Turmfalke
Der kleine, knapp taubengroße, ziegelrote Falke ist ein typischer Gebäudebrüter. Er brütet
in frei anfliegbaren Nischen, auf Simsen, in Mauerausbrüchen, defekten Dachkästen und
sogar Blumenkästen. Turmfalken bauen kein Nest! Das Gelege (eine Jahresbrut) wird in
eine Nestmulde, welches das Weibchen in vorhandenes Substrat scharrt, abgelegt. Sie
haben eine starke Brutplatzbindung! Turmfalken sind Stadtvögel.

Dohle
Die Dohle ist ein kleiner Krähenvogel mit strahlend hellblauen Augen. Brutvögel sind
Standvögel. Im Winter gibt es einen starken Zuzug von Dohlen aus Osteuropa, die im
Frühjahr wieder den Rückzug antreten. Die Dohle ist ein typischer Gebäudebrüter mit
einer Jahresbrut in Hohlräumen wie Dachkästen, Rüstlöchern, Schornsteinen und Dachbö-
den (Abb. 10.10). In diese wird ein Nest aus Reisig und weichem Polstermaterial gebaut.
Sie brütet gern gesellig und hat eine starke Brutplatzbindung.
384 10 Artenschutz bei Sanierung und Umbau

Abb. 10.10 Quartier für Dohlen. (Quelle: Schwegler, Vogel- und Naturschutzprodukte, Schorndorf)

10.6 Artenschutzgerechte Gestaltung an ausgewählten Beispielen

Um die Erhaltung der Stadtstruktur zu gewährleisten, sollten Sie das Gebäude vor Sanie-
rung oder Umbau auf das Vorhandensein geschützter Tierarten untersuchen lassen oder
die Mieter befragen. Hilfeleistung bieten hierbei auch die Verbände und Naturschutzbe-
hörden.
Trotz Fassadenerneuerung, Wärmedämmung und Dachausbau gibt es diverse Mög-
lichkeiten, dem „Wohnungsmangel“ unserer „tierischen“ Untermieter abzuhelfen. Der
Aufwand sowie die finanzielle Mehrbelastung sind oft sehr gering, wenn von vornherein
die Artenschutzbelange in den Bauablauf integriert werden. Entscheidend ist die grund-
sätzliche Bereitschaft, mit der sich dann durchaus Lösungen finden lassen, die allen Anfor-
derungen gerecht werden. Einige Möglichkeiten werden Ihnen in der Tab. 10.2 aufgezeigt.

Tab. 10.2 Baulicher Artenschutz in verschiedenen Gebäudebereichen


Dachbereich Mögliche Maßnahmen Geförderte Tierart
Dachfläche Dachbegrünung, möglichst extensiv; bei der Aus- Solitärinsekten, Schmet-
wahl sind die Belange der ansiedelnden Arten zu terlinge, Singvögel,
beachten Käfer, Spinnen und
Ameisen
Dachdeckung Offene Firstziegel, Strangfalzziegel, Reet- Solitärinsekten, Schmet-
dach/Strohdach terlinge, Fledermäuse,
Siebenschläfer, Singvögel
Luken und Öffnungen lassen für Vögel und Fledermäuse, Insekten, Singvögel
Fenster innere Simse als Ausstiegshilfe, Verzicht auf Ver-
glasung
Dachboden Schlupflöcher belassen, Einbau von Nisthilfen, Fledermäuse, Kleinsäu-
Verzicht auf chemische Holzschutzmittel ger, Schleiereule
Dachstuhlbalken Holzoberflächen rau belassen Fledermäuse
10.6 Artenschutzgerechte Gestaltung an ausgewählten Beispielen 385

Tab. 10.2 (Fortsetzung)


Dachbereich Mögliche Maßnahmen Geförderte Tierart
Fassade
Hauswand, Begrünung mit naturschutzgerechten Kletter- Insekten, Eidechsen,
Eigentliche pflanzen, Anlegen von Obstspalieren, Verzicht auf Singvögel, Käfer
Fassadenfläche Verputzen von Natursteinmauern, Nischen in der
Mauer freilassen, Einmauern von Niststeinen, An-
bringen von Nistkästen, (Anflugwinkel beachten)
Fledermauskästen und -bretter, Anbringen von In-
sektennisthilfen, zusätzliche Öffnungen schaffen,
z. B. in ungenutzten Rollläden oder in Verkleidun-
gen und Dämmungen
Fenstersims Pflanzkästen mit Wild- und Insektenblumen Insekten und Käfer
bepflanzen
Balkon Pflanzkästen mit Wild- und Insektenblumen Insekten und Käfer
bepflanzen, Wände begrünen, Anbringen von
Insektennisthilfen
Sockel Unter Dachvorsprüngen Sand- und Kiesbeete Solitärinsekten
anlegen, Anlegen von Lehmflächen
Keller Mögliche Maßnahmen Geförderte Tierart
Allgemein Nicht heizen, feucht halten, möglichst wenig Fledermäuse, Igel, Klein-
Licht und Störungen, evtl. Abtrennen einzelner säuger, Erdkröten, Käfer,
Bereiche Spinnen, Asseln
Kelleraußenwand Auffüllen der Hohlräume zwischen Boden und Insekten, Igel, Klein-
Außenwand mit Kies säuger, Erdkröten,
Feuersalamander
Lichtschacht Abdecken mit Maschendraht oder Brett als Aus- Insekten, Fledermäuse,
stiegshilfe einlegen (falls der Keller Fledermäusen Igel, Kleinsäuger, Feuer-
als Winterquartier dient, Einflugöffnung schaffen) salamander
Kellertür Oben und unten jeweils eine Öffnung von 4 cm Insekten, Fledermäuse,
Höhe und mindestens 40 cm Breite als Schlupf- Kleinsäuger, Erdkröte
loch lassen
Kellerfenster In der Holzverschalung Einflugöffnung von Insekten, Fledermäuse
40 × 40 cm belassen. Fensterluken dauerhaft min-
destens 4 cm weit öffnen
Kellerdecke Nicht komplett glatt verputzen und nicht weißen, Fledermäuse
Holzleisten und Hohlblocksteine (mit den Öffnun-
gen nach unten) als Hangplätze anbringen
Kellerinnenwand Rau verputzen, Hohlziegel oder Hohlblocksteine Insekten, Fledermäuse,
einfügen, Fugen und Nischen belassen. Unter der Spinnen, Asseln
Decke oben geschlossene Hangplätze schaffen
(durch profilierte Dachpfannen oder Vormaue-
rung)
Kellerboden Naturkeller: Böden aus Stampflehm bzw. Platten Insekten, Fledermäuse,
auf Sand belassen, evtl. befeuchten, Neubaukeller: Spinnen, Asseln, Igel,
Teilbereiche mit Naturboden lassen oder einrich- Erdkröten
ten
386 10 Artenschutz bei Sanierung und Umbau

10.7 Berücksichtigung der Denkmalpflege

Zur Selbstverständlichkeit des tierischen Artenschutzes gehört es, nur solche Lösungen
zu konzipieren, die dem architektonischen Anliegen des zu sanierenden Gebäudes nicht
widersprechen und die vor allem denkmalpflegerischen Ansprüchen gerecht werden.
Diese Ansprüche sind nicht immer eindeutig definiert, sondern auch von den Auffas-
sungen und Vorgaben des zuständigen Denkmalpflegers abhängig.
Eine konstruktive gemeinsame Lösung sollte daher zwischen Bauherrn, Architekten,
Denkmalpfleger und Artenschutzberater bereits lange vor der angestrebten Sanierung er-
folgen.
Dazu kann auch gehören, gerade an der denkmalgeschützten Fassade einmal auf Nist-
einbauten zu verzichten. Bestimmt finden alle Beteiligten eine adäquate Lösung.
Die nachfolgenden vorgestellten beiden Varianten beziehen sich auf denkmalgeschütz-
te Bausubstanz und haben sich in der Praxis bewährt.

Im Fensterbereich
Fenster sind ideale Einbauten für Niststätten (Abb. 10.11), denn

 sie können jederzeit nach der Sanierung eingebaut werden,


 der Einbau ist ohne Hilfsmittel, wie Leiter, Hebebühne oder Gerüst von innen möglich,
 für kleinere Vogelarten, wie z. B. Mauersegler können auf engstem Raum kostengüns-
tig zahleiche Nistplätze untergebracht werden,
 Kontrolle und Wartung sind ständig unkompliziert möglich.

Abb. 10.11 Verschiedene Varianten zur Integration von Niststätten im Fensterbereich. (Quelle: Hen-
sen Markleeberg)
10.7 Berücksichtigung der Denkmalpflege 387

Wahrung der Wärmedämmung beim Einbau von Nistplätzen in Außenwände


Wärmebrücken können auftreten, wo Nisteinbauten Bestandteil der Außenmauern sind
und im Winter größere Temperaturdifferenzen zwischen Außen- und Innenseite des Wand-
aufbaus auftreten. Als Folge können physikalisch bedingte Tauwasserbildungen auf der
Innenseite der Außenwand oder am Wandaufbau selber entstehen (Abb. 10.12–10.14).
Folgende konstruktive Hinweise sind daher zu beachten:

1. Vom beheiztem Wohnraum aus kontrollierbare Niststeine werden bei auftretendem


Kondenswasser auf der Innenseite mit einem herausnehmbaren Dämmstück versehen
oder der hintere Bereich des Nisthohlraums wird generell im Winter mit Schafswoll-
dämmstoff ausgefüllt.
2. Im Außendämmsystem integrierte Nist- und Hangplätze sollten selbstdämmende Ei-
genschaften besitzen und vornehmlich dort eingebaut werden, wo sich im Innenbereich
dahinter keine beheizten Räume befinden. Das können beispielsweise Drempel mit da-
hinterliegendem belüftetem Kriechboden im Kaltdach, unbeheizte Treppenhaus- und
Fluraußenwände und Attiken sein.
3. Um den Anforderungen der EnEV 2016 an ein Niedrigenergiehaus zu genügen, ist ein
im Gebäudeinnern eingebauter Kasten mit Einflug durch die Außenwand mit den der
Außenwand identischen Dämmeigenschaften auszustatten. Darüber hinaus muss die
Ausführung winddicht sein.
4. Wird als Quartier für geschützte Arten ein Niststein in die Fassade eingesetzt, muss
er so beschaffen oder gestaltet werden, dass er sich nahtlos in die Ästhetik und die
denkmalspflegerischen Forderungen einfügt.
388 10 Artenschutz bei Sanierung und Umbau

Abb. 10.12 Kontrollierte Nistplätze. (Quelle: Hensen, Markkleeberg)


10.7 Berücksichtigung der Denkmalpflege 389

Abb. 10.13 Nistkammern für Schleiereulen

Abb. 10.14 Nistkammern für Mauersegler. (Quelle: Schwegler, Vogel- und Naturschutzprodukte,
Schorndorf)
Literatur

I Wichtiger Hinweis Es ist zu beachten, dass sich rechtliche Grundlagen (DIN,


Verordnungen usw.) häufig ändern oder aktualisiert werden. Gleiches kann auch
für die Literatur zutreffen. Für Recherchen wird daher empfohlen, stets die aktu-
ellste Ausgabe zu benutzen.

Dürr, A. Dachbegrünung – ein ökologischer Ausgleich. Bauverlag, Wiesbaden


Essmann, F. Energetische Sanierung von Fachwerkhäusern. Fraunhofer IRB-Verlag,
Stuttgart
Fischer-Uhlig, H. Raumklima und Lüftung der Wohnung. Blottner-Verlage, Taunusstein
Fischer-Uhlig, H. Wege zum schadensfreien Wohnen. Blottner-Verlage, Taunusstein
Hagemann, I. Gebäudeintegrierte Photovoltaik. Rudolf Müller Verlag, Aachen
Hagenau/Günther Lexikon Technik und Umwelt. Holland + Josenhans Verlag, Stuttgart
Handwerk + Technik Hamburg
Hensen, F. Artenschutz an Gebäuden. Eigenverlag Markkleeberg
Kirschberger, A. Solares Bauen mit transparenter Wärmedämmung. Bauverlag, Wiesba-
den
Ladener, H. Solaranlagen. Ökobuch Magnum
Leser, Hartmut Ökologie wozu? Springer Verlag, Berlin
Lexika Visuelles Lexikon. Weltbild, Augsburg
Marko, A. Thermische Solarenergienutzung. Springer Verlag, Berlin
Ranft, F. Ökologische Modernisierug von Wohnsiedlungen. Bauverlag, Wiesbaden
Stahr, M. Bausanierung. Vieweg-Teubner Fachverlage, Wiesbaden
Umwelt – Recht Gesetze und Verordnungen zum Schutz der Umwelt. Verlag C. H. Beck,
München

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 391
M. Stahr, Sanierung von baulichen Anlagen, https://doi.org/10.1007/978-3-658-20475-4
Normen und gesetzliche Vorschriften

I Wichtiger Hinweis Auf aktuelle und wichtige Normen und gesetzliche Vor-
schriften (Stad 2019-01) wurde in den zugehörigen Kapiteln objektbezogen
hingewiesen.

Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen, 1987
Verordnung über energiesparenden Wärmeschutz und energiesparende Anlagentechnik
bei Gebäuden (Energieeinsparverordnung) EnEV vom 16. November 2001 (BGBL. I
S. 3085). Inkrafttreten der letzten Änderung: 01. Januar 2016
Gesetz zum Schutze von schädlichen Bodenveränderungen und zur Sanierung von Alt-
lasten (Bundes-Bodenschutzgesetz) BBodSchG vom 17. März 1998 (BGBL. I S. 502).
Inkrafttreten der letzten Änderung 03. Oktober 2017
Gesetz zur Reform des Bauvertragsrechts (2018-01)
Gesetz über Naturschutz und Landschaftspflege (Bundesnaturschutzgesetz) BNatSchG
vom 20. Dezember 1976 (BGBL. I S. 3574). Inkrafttreten der letzten Änderung: 01. April
2018
Gesetz zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und Sicherung der umweltverträglichen
Bewirtschaftung von Abfällen (Kreislaufwirtschaftsgesetz) KrWG vom 27. September
1994 (BGBL. I S. 2705). Inkrafttreten der letzten Änderung: 29. Juli 2017
Verordnung (EWG) Nr. 259/93 des Rates zur Überwachung und Kontrolle zur Verbrin-
gung von Abfällen in der, in die und aus der Europäischen Gemeinschaft vom 1. Febru-
ar 1993 (Abfallverbringungsordnung) VVA vom 09. Februar 1993. Neu geordnet ab
12. Juli 2007
Verordnung über das Europäische Abfallverzeichnis (Abfallverzeichnis-Verordnung)
AVV vom 10. Dezember 2001 (BGBL. I S. 3379). Inkrafttreten der letzten Änderung:
01. August 2017

393
394 Normen und gesetzliche Vorschriften

Gesetz für den Vorrang erneuerbarer Energien (Erneuerbare-Energien-Gesetz) EEG


vom 29. März 2000 (BGBL. I S. 305). Inkrafttreten der letzten Änderung: 17. Dezem-
ber 2018
DIN EN ISO 14044 Umweltmanagement – Ökobilanz – Anforderung und Anleitung vom
01. Oktober 2010

Internetadressen

www.baunetz.de/infoline-solar
www.heinzebauoffice.de
www.kfw.de
www.naturdaemmstoffe.info
www.energienetz.de
www.heizspiegel.de
www.asue.de
www.energielabel.de
www.solarserver.de
www.sonnenseite.de
www.erneuerbare-energien.de
Quellenverzeichnis

Für die Bereitstellung von Abbildungen, Fotos, Technischen Arbeitsblättern, Prospekten,


Architektenordnern, diversen technischen Unterlagen und Beratung wird nachfolgenden
Unternehmen, Firmen und Privatpersonen gedankt:

BENNERT, Klettbach
Dahmlos Bauzeichnen; Bildungsverlag Troisdorf. dena Berlin. Dierks Baukonstruktion;
Werner-Verlag Düsseldorf
Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe Münster
Fraunhofer IRB Stuttgart
Handwerk + Technik Hamburg
Hensen, F. Markkleeberg
IAW Institut für Lernsysteme Hamburg
Institut Bauen und Umwelt Berlin
Königshofer, Th. Stuttgart
LINZMEIER Bauelemente Königshofen. Multipor Duisburg
REMMERS Löningen
RWE Energie Essen
Röben Tonbaustoffe Zetel
Stadt Leipzig, Dezernat Bau
Stahr, M. Bausanierung, Springer – Verlag Wiesbaden
Solarsysteme GmbH Leipzig. SCHÜCO München
TROCAL Eisenberg. Verband deutscher Bauherren Berlin
Verbraucherzentrale NRW Düsseldorf. Verlag; Handwerk und Technik Hamburg. YTON
Bad Lausick
ZinCo GmbH Nürtlingen

395
Sachverzeichnis

A Dampfsperre, 179
Abfälle, 360 Deponien, 365
Aquiferspeicher, 342 Dish Stirling Anlagen, 325
Aufsparrendämmung, 182 Dohle, 383
Außenwände, 164 Drei-Liter-Haus, 251
Dünnschichtmodule, 314
B
Bauabfälle, 360 E
Baubestand, 125 Einfachfenster, 213
Bauökologie, 9 Einfriedung, 275
Bauphysik, 8 Einsparungsvariante, 318
Baurestmassen, 361 Einspeisevergütung, 64
Bauschutt, 360, 363 Energieausweis, 59
Baustellenabfall, 360, 363 Energiegewinnhaus, 251
Baustellenabfälle, 363 Energiesparende Bauweisen, 144
Baustoffklassen, 85 Energiesparendes Bauen, 25
Belasteter Bauschutt, 363 Erdreichwärmetauscher, 262
Besonders geschützt, 373 Erdrinde, 94
Bioabfall, 360 Erdwärme, 336
Biogas, 335 Erdwärmesonden, 338
Biologische Baustoffe, 87 Erdwärmesondenspeicher, 341
Biomasse, 334 Erneuerbare Energien, 287
Biomasse-Heizungen, 286 Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), 63
Blauer Engel, 247 Ertrag, 287
Boden, 22 Extensive Begrünung, 195
Bodenaushub, 360
Bodenplatten, 154 F
Brandschutz, 85, 245 Fäkalien, 360
Fassaden, 159
D Fenster, 38, 205
Dach, 38 Fensterläden, 218
Dachbahn, 179 Feuchteschutz, 67
Dachgestaltung, 317 Feuerwiderstandsklassen, 86
Dachkonstruktionen, 175 Flachdach, 190
Dämm-Systeme, 169 Flächen, 275
Dampfbremse, 179 Flächen für Nebengebäude, 277

397
398 Sachverzeichnis

Flächenhafter Abriss, 356 Lehm, 95


Flachkollektoren, 294 Lehmschüttungen, 106
Fledermäuse, 377 Leichte Trennwände, 174
Fossile Energie, 287 Leichtlehm, 105
Fundamente, 150 Luftdichtheit, 44
Funktionsflächen, 277 Luftkollektoren, 295
Fußböden, 248 Lüftung, 273
Lüftungsanlagen, 43
G
Garten- und Parkabfälle, 360 M
Geothermie, 337 Mauersegler, 380
Gesamtenergiedurchlassgrad, 210 Mehlschwalbe, 382
Glassorten, 210 Mehrschichtige Flachdachaufbauten, 196
Globalstrahlung, 289 Möbel, 248
Graue Energie, 288
Grundprinzipien, 32 N
Grundwasserwärmepumpen, 338 Nachhaltigkeit, 13
Naturfarben, 245
H Natürliche Baustoffe, 87
Hausmüll, 360 Netzgekoppelte Systeme, 306
Haussperling, 383 Niederschlagswasser, 277
Heizkomfort, 50
Niedrigenergiehaus, 251
Heiztechniken, 48
Nukleare Energie, 288
Heizungsunterstützung, 300
Himmelsorientierung, 304
O
Holz, 331
Ökohaus, 251
Holzgas, 335
Ökologie, 8
Holzständerbauweise, 112
Ökologische Bausanierung, V
Hybridhaus, 251
Ökologisches Bauen, 18, 20, 144
I
Innenputze, 201 P
Innenwände, 170 Passivhaus, 251
Inselsystem, 306, 308 Pellets, 287, 332
Intelligente Energienetze, 325 Pflanzenöl, 335
Intensive Begrünung, 195 Photovoltaik, 290, 303
Photovoltaikanlagen, 286
K Photovoltaischer Generator, 304
Kalksandstein, 95 Porenbetonstein, 95, 102, 103
Keller, 38 Primärenergiebedarf, 61
Kernkraft, 343 Produktionsspezifischer Klärschlamm, 360
Kilowattstunde (kWh), 288
Kohlendioxid, 288 R
Kollektor, 294 Raumnutzungsklassen, 150
Kontrollierter Rückbau, 355 Recycling, 354
Kooperationsprinzip, 32, 347 Restabfälle, 360
Rissüberbrückungsklassen, 148
L Rohrreiniger, 248
Lacke, 247 Rückbauplanung, 356
Laminat, 244 Rückstände aus Abwasseranlagen, 360
Sachverzeichnis 399

S Unterdach, 179
Sanitärtechnik, 50 Untergründe, 117
Schädlingsbekämpfungsmittel, 248
Schadstoffverunreinigter Bauschutt, 363 V
Schallschutz, 68, 83 Vakuumkollektoren, 294
Siedlungsabfälle, 360 Verbundfenster, 213
Solarabsorber, 294 Verschattungselement, 313
Solare Kühlung, 291 Verursacherprinzip, 32, 347
Solarkollektor, 294 Volldeklaration, 245
Solarmodul, 304, 310 Voltaikanlage, 311
Solarthermie, 290 Vorsorgeprinzip, 32, 347
Solarthermische Anlagen, 286
Solarzellen, 308 W
Sommerlicher Wärmeschutz, 219 Wandfarben, 248
Sondermodule, 315 Wärmebrücken, 40
Sonnenkollektor, 294 Wärmedämmfähigkeit, 73
Sonnenschutz, 273 Wärmedämmverbundsystem (WDVS), 136
Speicherkollektoren, 295 Wärmedurchgangswiderstand, 76
Sperrmüll, 360 Wärmedurchlasskoeffizient, 76
Spielflächen, 276 Wärmedurchlasswiderstand, 76
Stampflehm, 105 Wärmeleitfähigkeit, 74
Straßenaufbruch, 360 Wärmepumpe, 49, 286
Streng geschützt, 373 Wärmepumpenheizungen, 337
Strohlehm, 105 Wärmeschutz, 68
Wärmeübergangskoeffizient, 76
T Wasser, 22
Tapeten, 245 Wasserdampfdiffusion, 81
Temperatur, 70 Wassereinwirkungsklasse, 148
Temperaturspreizung, 71 Wasserkraft, 330
Thermiekollektoren, 293 Wege, 275
Ton, 104 Weiterverwendung, 355
Transmissionswärmeverlust, 207 Weiterverwertung, 355
Transparente Wärmedämmsysteme, 140 Wellerlehm, 105
Treibhaus, 285 Wertstoffe, 360
Trinkwassererwärmung, 300 Wiederverwertung, 355
Windenergie, 327
U Wirkungsgrad, 289
Ultrahaus, 251 Wirtschaftlichkeit, 64
Umkehrdach, 191
Umweltgerechtes Bauen, 32 Z
Umweltproduktionsdeklaration, 65 Ziegel, 95
Unbelasteter Bauschutt, 363 Zwischensparrendämmung, 182