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Eömische Geschichte

ТОП

В. G. N i e b u h r
Mitglied der k. Akademie der Wissenschaften zu Berlin.

N e u e A x is g a b e
von

M. I s le r .

Z w e i t e r B a n d .

B E R L IN ,
V e rla g von S. C a lv a ry à Co.
1873.
V o rred e zu m z w e ite n T h e ile , E rste r A u sgab e.

D ie G e s c h ic h te d es an d erthalb h u n (Jertjäh rigen K am p fs


z w is c h e n P a tr ic ie r n und P le b e jern , a u s dem zu erst in den
z w ö lf T a fe ln g le ic h e s b ü r g e r lic h e s R ech t, d an n e in e g le ic h e
T h e ilu n g d er h ö c h ste n G ew a lt h e r v o r g in g ; d ie der allm äh ­
lic h e n A u s b ild u n g der V e r fa ssu n g w ä h ren d d ie se s Z eitraum s,
un d U n tersu ch u n g en ü b er w ic h tig e T h e ile d es röm isch en
S ta a t s r e c h ts , w orü b er m e iste n s g a n z f a ls c h e , w e n ig ste n s
v erw o rren e V o r s te llu n g e n a n g en o m m en s in d , m a ch en in
e in e m u n g le ic h ü b e r w ie g e n d e n 'V e r h a ltn is s, im U m fa n g w ie
in der W ic h tig k e it, d en b e d e u te n d e r e n In h a lt d es g e g e n ­
w ä r t ig e n B a n d e s au s.
B e i d em rö m isch en G esch ic h tsch reib er h errsch t e in
ganz a n d e r e s V e r h ä ltn iss zw isch en d ie se m T h e il der G e­
sc h ic h t e u n d dem der K r ie g e , u n d eb en so v ersch ied en von
d en m e in ig e n sin d d ie A n s ic h te n n a ch d en en sein e D a r­
s t e llu n g e n g e f a s s t sin d . Jene V e r sch ied en h eit d es E b e n -
m a a ss e s e n tsc h u ld ig e ic h n ic h t; jed er m u ss sie b illig e n
d er in je d e m Z eitrau m d as e i g e n t ü m li c h W ic h tig s te , n ic h t
in a lle n n u r ein e e in z ig e A rt der G e g e n s tä n d e ;su c h t, u n d
ein r ä u m t, d a ss d ie U n te r su c h u n g e n n ic h t en tb e h r lic h sin d :
ü b er d ie zw ey te h ab e ic h m ich w ie d e r h o lt im L au fe der
A b h a n d lu n g g e r e c h tfe r tig t u n d m u ss e s d en n och n ich t für
ü b e r flü s sig h a lte n a u ch h ier an ih rem E in g ä n g e e in ig e
W orte für d en ern sten u n d b eru fen en M itfo rsch er zu sagen»
Es wäre nm. die Geschichte gethan, und ein sonst
grosser Geschichtschreiber, der nicht zugleich das unbe-
stochene Gemüth und den tiefdringenden Blick des Thuky-
dides und Polybius hätte, wäre ein wahrer Unheilbringer
für das Andenken der vergangenen Zeiten, wenn seine
Ansicht den nachfolgenden Geschlechtern Geseze vorschrei-
ben dürfte. Die freye und immer rege Prüfung die allen
Wissenschaften allein das Leben erhalten kann, darf der
Geschichte nicht fehlen. Unter dom Druck eines gegen­
wärtigen Uebels, wie im Rausch des Factionsgeistes, ver­
breiten sich oft höchst ungerechte Urtheile, und bemäch­
tigen sich auch sehr tüchtiger Geister. Nicht zu reden
von den Knechten der Mode und der Lüge, unbehülfiichen
literarischen Gauklern und Springern, wie stark auch dies
Unkraut in Deutschland wuchert. Wenn aber unter jenen
M ä n n ern , die wir ehren, einzelno die päpstliche H ierar-
chie lobpreisen, Luther und Gustav Adolph schmähen,
werden wir uns irre machen lassen, und nicht mit der
Wahrheit des Geschehenen ihr Urthoil von unserm Ge-
jnüthe ab wen den?
Ueber den Rhetor Dionysius als kritischen oder ur-
theilenden Historiker zu reden lohnt es der Mühe gar
nicht, Livius als Autorität der Ansicht darf ich schon
wegen der Inconsequenz und der Widersprüche verwerfen,
welche in dieser Geschichte so oft gerügt sind.
Für ächt kann in der ältern Geschichte Ro ms nur der
kürzeste Begriff der Vorfälle selbst gelten : jede Ausführ­
lichkeit ist verdächtig: die beurfcheilendo Erzählung das
Werk einer späten, dem Alterthum ganz fremd geworde­
nen Zeit. Und wie fremd! Sallust ist im Urtheil und im
Verständniss der Geschichte, ohne Vergleich über Livius,
wie wenig aber auch er nur einen Begriff davon hatte
worin die innere Geschichte der alten Zeit von der des
Jahrhunderts seiner Väter nnd seiner Jugend verschieden
und gar nicht mit ihr zu vergleichen war, muss jedem
klar werden, der ihn aufmerksam liest. Wie Livius durch die
Täuschung gleichlautender Worte die mit den Jahrhunder­
ten einen ganz ändern Sinn angenommen hatten und den
Zauber der Factionsnamen irre geleitet ward, erklärt sich
sehr leicht.
In der neuern Geschichte ist es nicht schwer, unser
Urtheil unabhängig zu erhalten : gleichzeitige Zeugen reden
noch mit tausend Zungen, jedem vernehmlich der sie
hören will. In der griechischen hat nur Xenophon ver­
fälscht. Auch über die römische können wir nicht irren.
Ich nehme die einzelnen Begebenheiten: den-Mord des
Genucius: die beschüzten Gewalttätigkeiten der frechen
Jugend: Appius den Decemvir, und die Patricier seiner
Zeit: den Wuchergräuel: den Bruch jedes Vertrags, die
Verweigerung einer Armee an den plebejischen Dictator
als das Vaterland bedroht war: eine ganze Reihe von
Thaten in demselben Geist; — und ihnen stelle ich der Ple­
bejer Ruhe, Gelassenheit und Gesezlichkeit entgegen, die
auch nicht durch eine einzige Beschuldigung angetastet
wird.
Darum halte mich Niemand der lächerlichen Meynung
fähig, die Stände Roms, wie sie verschiednen Nationalur­
sprungs waren, wären, der eine ein niederes und gottloses,
der andere ein höheres und tugendhaftes Geschlecht ge­
wesen, und ich behauptete diesen Vorrang für die Plebejer.
Wohl aber bewährt es sich in dieser Geschichte, wie
in der aller spätem, auch der gepriesensten, Aristokratieen,
dass dié Herrschaft eines S ta n d e s — unter der Monar­
chie ist sie unmöglich — notw endig argwöhnisch,-unge­
recht und unedel ist, und ihn se lb st,. weit mehr als die
Unterthanen, verderbt. So wird hingegen auch dieser Ge­
TI —

schichte Fortgang bewähren, dass abgesondert bestehende


Stände zur Fortdauer einer Republik, oder einer gemisch­
ten Verfassung, nothwendig sind : denn nur festgegründote
Schranken können, bey der wenigen Fähigkeit welche die
Menschen zu allen Zeiten gehabt haben Freyheit zu er­
tragen, das Zerstörende ihrer Bewegungon aufheben.
So war anfänglich die Opposition der Plebs heilsam:
das Gleichgewicht beyder Stände war die Vollkommenheit;
als sie zusammenflossen verlor die Verfassung alle Haltung.

Vorrede zur zweyten Auflage des zwey ten Theiles.


Dieser Theil erscheint drey Jahre später als ich bey
der Vollendung des umgearbeiteten ersten für ausgemacht
hielt: und wer damals beachtete dass in der Vorrede die
bevorstehende Ausgabe nur als eine „vervollkommne“ der
früheren bezeichnet ward, hat sicher nichts weniger als
so lange Verzögerung erwartet. Wohlwollenden, die sie
getadelt haben, muss ich hier erklären wie es so gekom­
men ist.
Gegen den Inhalt des zweyten Theils hatte ich, seit­
dem die Eortsezung unterbrochen war, in einem ganz ändern
Verhältniss gestanden als zu dem des ersten. Dieser hörte
nie auf mich zu beschäftigen : jede erworbene Kunde über
ursprüngliche Institutionen anderer Völker vereinigte sich
mit den darin begonnenen Untersuchungen ȟber verwandte
römische; sehr vieles mit der Anschauung von Rom und
Italien: der zweyte, welcher nur Einzelheiten der römischen
Zustände und Rechte betrifft, nie durch solche Veranlas­
sungen zurückgerufen, war mir fremd geworden. Indessen
wusste ich sehr wohl dass die darin enthaltenen Abhand-
— ѵп —

liingen ohne Vergleich gereifter und vollendeter waren als


die im ersten Theil: an ihnen, vornämlich an der über
das agrarische Hecht, deren Untersuchungen durchgeführt
waren ehe der Gedanke die römische Geschichte zu bear­
beiten erregt ward, war nichts zu berichtigen, wenig hin­
zuzufügen. Andre Untersuchungen, die eingeschaltet wer­
den sollten, waren freylich noch nicht für den Druck nie­
dergeschrieben, doch aber -zum Theil, wie die über Muni-
cipium und Isöpolitie schon zu Bom, entworfen; der Inhalt
von allen wiederholt mündlich vorgetragen. So blieb die
historische Erzählung übrig, von der ich als sicher an­
nahm, es sey unmöglich zu grösserer Bestimmtheit zu ge­
langen als sie in der ersten Ausgabe hatte; und so war
es zum wenigsten nuzlos auf Ereignisse von so kleinem
Maassstab mehr Sorgfalt und Ausführlichkeit zu verwenden,
Nach dieser Ansicht konnte eine vervollkommte Bear­
beitung freylich in einigen Monaten geschaffen werden:
aber bald ward es klar dass die Kritik, der Skepsis zum
Troz, eine sichre und glaubhafte Geschichte seit dem An­
fang dieses Zeitraums hersteilen und behaupten könne;
und dann lohnte es der Mühe mit höchster Sorgfalt jede
Einzelheit zu erforschen; eben hier nicht zu übergehen
was in einer Zeit grösserer Ereignisse als geringfügig aus­
geschlossen werden muss. Eben so liess sich erkennen
dass es gelingen werde die Veränderungen der Verfassung
Schritt vor Schritt zu entdecken. Unter begünstigenden
Umständen hätte auch dies Unternehmen rasch ausgeführt
werden können, wie manche Forschungen im ersten Theil:
aber diesen hätte ich in einer Erschöpfung geschlossen
welche Folge der während sechszehn Monaten, bis auf sehr
wenige dinzelne Tage, ohne einige Unterbrechung fortge*
sezten Anstrengung aller, auf jenen einzigen Gegenstand
gerichteten, Seelenkräfte war. Jezt erblindete das* Gesiebt*
— пи —

indem es leidenschaftlich das Dunkel zu überwinden strebte* ;


und, wenn nicht ein vorläufiges Werk entstehen sollte,
welches früher oder später durch eine völlige Umarbeitung
ersezt werden musste, so war es nöthig abzuwarten was
die Zeit allmählich brachte; die auch nicht karg war, und,
obwohl langsam, Entdeckung zu Entdeckung treten liess.
Aber verschweigen darf ich auch nicht, dass, aus jener
eigentlich dem Bausch eines Ueberwachfeen verwandten
Ermüdung, da# allerlebhafteste Bedürfniss einer abwech­
selnden Beschäftigung entstanden war, welches auf das,
neben einem Beruf wie diese Geschichtschreibung, unüber­
legte Beginnen der Ausgabe der Byzantiner führte: wo­
durch, und durch andre höchst anstrengende Geschäfte,
namentlich die Ueberarbeitung des ersten Theils zur jüng­
sten Ausgabe, das Fortschreiten des zweymal umgebildeten
Entwurfs sehr aufgehalten ward; und, da ich alles neben
einander fortführen wollte, für eine Zeitlang* Gesundheit,
Heiterkeit und Klarheit verschwanden.
Endlich war ich von vielen Störungen los ; viele waren
überstanden: ich fühlte mich wieder frey und froh: Manu­
script für die ersten Bogen war ausgearbeitet, und es
sollte am folgenden Morgen an die Druckerey abgehen,
als das Unglück, welohes um Mitternacht mein Haus traf,
dasselbe bis auf ein zufällig geborgenes Blatt vernichtete.
Doch die Vorarbeiten waren erhalten, und mein Muth:
sieben Wochen nach dem Unglück war das Verlorne her­
gestellt, und der Druck eingeleitet. In andorn Zeiten
würde diese Verzögerung ohne Einfluss auf die Ausarbei­
tung gewesen seyn: aber diese hatte erst zwey Drittheile
erreicht als der Wahnwiz des französischen Hofs défit Ta­
lisman zerschlug welcher den Dämon der Revolution ge­
bunden hielt: das übrige ist geschrieben um das Begot>*
nene pflichtgemäss nicht unvollendet zu lasseti: mit steteöi
Abwehren der sich aufdrängenden kummervollen Sorgen
über den für Vermögen, die liebsten Besizthümer, und
jedes erfreuliche Verhältniss drohenden Untergang. Der
erste Theil war in der heitersten Gegenwart und ihrem
dankbaren innigsten Genuss, in der vollkommensten Sorg­
losigkeit über die Zukunft, geschrieben: jezt blicken wir
vor uns in eine, wenn Gott nicht wunderbar hilft, bevor­
stehende Zerstörung, wie die römische Welt sie um die
Mitte des dritten Jahrhunderts unsrer Zeitrechnung erfuhr:
auf Vernichtung des Wohlstands, der Freyheit, der Bildung,
der Wissenschaft. Wenn aber auch Verwilderung lange
Jahre hindurch Musen und Gelehrsamkeit ganz verscheu­
chen sollte, so wird doch einmal eine Zeit wiederkommen
wo, anders freylich als im fünfzehnten Jahrhundert, die
römische Geschichte aufs neue beachtet und geliebt wer­
den wird.
Ohne den Ausbruch dieser entsezlichen Zeit würde
ich, nach kurzer Erholung, zur Vollendung und Heraus­
gabe des dritten Theils geeilt seyn; von dem, was noch
in den Gränzen des zweyten der früheren Ausgabe liegt,
entworfen ist, — das fernere, bis zum ersten punischen
Krieg, nur noch der lezten Hand bedarf. Wird uns einige
Ruhe gewährt, so soll keine andre Beschäftigung dieser
vorgehen. Jezt ist mein nächstes Geschäft das Register
zu diesen beyden Bänden fertig zu machen, welches ab­
gesondert wird, um nicht in einem fortlaufenden Werk
störend einzutreten.
In dem gegenwärtigen Bande ist der Umfang der Er­
zählung noch immer unerheblich gegen die Abhandlungen:
dieses Verhältniss ändert sich gänzlich schon in den aus­
gearbeiteten Theilen des folgenden, der bis an den hanni-
balischen Krieg führen sollte ; und wie ich diese mit Liebe
und Erhebung geschrieben, so freute ich mich, als dessen
Vollendung sicher nahe schien, der ferneren Darstellung
und Schilderung von Männern und Ereignissen. So oft
diese über irgend erhebliche Vorfälle mit einigem Glauben
möglich war, ist sie schon hier gegeben : aber Erzählungen
die das Gepräge tragen nichts als Ausmahlung der Anna­
listen zu seyn, habe ich nie wiederholen mögen. Das Be­
streben meine entschiedene, gewissenhafte Ueberzeugung
von jedem Saz und jedem Gedanken dem Leser initzutheilen,
ist hier, wie in dem ersten Band, das einzige Motiv meiner
Darstellung und Behandlung. War es in bündiger Kürze
möglich, um so willkommner! und bis auf das Decemvirat
gelang das wohl oft schon durch Anführung einer einzelnen
entscheidenden Stelle, zumal aus Dionysius : weiterhin, vor­
nehmlich wo Livius allein erhalten, jede hülfreiche andre
Spur verloren ist, bedarf es für denselben Zweck manch­
mal einer Argumentation die, um nichts scheinbar will­
kürliches aufzustellen, um jedes Ansinnen auf geneigte
Zustimmung des Lesers auszuschliessen, mitunter fast weit­
läu fig gerathen, und nicht ohne alle Wiederholung bleiben
kann.
B on n , den 6. Oktober 1830.
/

Z w e it e r T h eil.

E in le itu n g .

1 E s war eine der wichtigsten Aufgaben des ersten


Theils, darzuthun, dass die Geschichte der königlichen Zeit
völlig unhistorisch sey. Ich habe die Sagen welche dafür
gelten, geläutert; was davon zersplittert und zerstreut ist
gesammelt, um die mannichfaltigen Gestalten welche sie
einst trugen herzustellen: nicht als ob dies der historischen
Kunde näher bringe; denn von der Herrlichkeit des König­
reichs , dessen Siz die sieben Hügel waren, zeugen die
Denkmähler welche es hinterliess; das Andenken seiner
Geschichte ist absichtlich vertilgt, und um die Leere zu
füllen sind Begebenheiten einer engen Sphäre, wie sie den
Pontifices nach der gallischen Zeit gegenwärtig war, an
die Stelle verschollener einer ungleich grösseren gesezt.
Schon Fabius kannte ohne allen Zweifel nichts als die auf
uns gekommene Erzählung ; und schwerlich hätte er anderswo
als in den Schriften fremder Völker ächte Berichte finden
können ; mit jener nicht zu vereinen, und ihm unbrauch­
bar. Hingegen war sein Zeitalter im Besiz einer würk-
lichen, obwohl in vielen Theilen fabelhaft gewordenen,
Geschichte seit dem Aufstande der Gemeinde: und wenn
diese auch nur sehr mangelhaft, entstellt, willkührlich ver­
arbeitet, auf uns gekommen, so ist es doch von dieser Zeit
2 an mein erfreulicher Beruf die Herstellung einer ächten,
zusammenhängenden, im wesentlichen vollständigen, zu
unternehmen.
— 12 — [bakd д .]

Dies wäre thöricht wenn die Geschichte vor der gal­


lischen Zerstörung heynahe nur mündlicher Ueberlieferung
anvertraut gewesen, und die einzelnen Anzeiclmungen einer
wenig schreibseligen Zeit damals untergegangen wären *):
dann könnte sie nur durch ein Blendwerk ersezt seyn, wie
die der Könige. So weit aber ging Livius sicher nicht
dass er dies angenommen hätte; noch wird irgendjemand,
der mit Sinn für Wahrheit begabt ist, von dem allergrössten
Theil der Vorfälle, die aus den hundert Jthren vor der
Ankunft der Gallier erzählt werden, es denkbar finden dass
sie ersonnen wären: Erzählungen werden erdichtet, nicht
einzelne Meldungen in grosser Zahl. Was Livius veran­
lassen mochte so bestimmt zn schreiben, war wohl dass
die Annalen der Pontifices erst von jenem Ereigniss be­
gannen 2); so wie Claudius Quadrigarius, wahrscheinlich
eben hierdurch entschieden, die seinigen auch von daher
anhub 8). Der gehört zu den Annalisten welche Livius
vor sich hatte; vielleicht vernehmen wir durch diesen was
er angeführt hatte um seine Abweichung von dem Her­
kömmlichen solcher Chroniken zu rechtfertigen: schwerlich з
ist auch der Clodius a) ein anderer als er, aus dem Plutarch
anführt, noch sagte er es bey einer ändern Veranlassung,
dass die Stammbäume, soweit sie über jene Zeit hinauf
reichten, erdichtet wären 4). Wo anmassender Irrthum vor­
herrscht, ist der erste Ausspruch eines zur Mündigkeit
berufenen Geistes fast immer übertrieben; und so ist es
Claudius im Unwillen über den vielfachen Betrug ergangen:
er übersah dass kein äusserer Grund es rechtfertige, die
Ahnentafel der Patricier deren Vorfahren ihre Laren auf
dem kapitolinischen Berge batten, wie die Manlier und
Quinctier, für jene ältere Zeit als unächt zu verwerfen;

1) Livius VI. 1. 2) Th. 1 S. 279. Livius gelbat,


а. а. 0., kann als Zeuge dafür betrachtet werden, wenn or dip
Commentarien der Pontifices, welche erhalten blieben, statt der
Annalen genannt hat: si quae in commentariw pontißcum alm ~
que erant monumentis — interiere. 8) Es sind viele Bruch­
stücke aus dem ersten Buch übrig, welche Vorfälle vom galli­
schen Krieg bis in. den zweyten samnitischen erwäbuen: aus frü­
herer Zeit keine Spur. «) Schwegler I. 38. A. 2.
4) Plutarch, N um a p. 59. f. KXéôtôg r tç êv àvaypcupÿ % p â vw *
[влкг> и,] — 13 —

und wie sollte er sie einzeln geprüft haben? Wären nun


er selbst oder Livius auf „das Staatsrecht aufmerksam ge­
wesen, so hätte ihnen nicht entgehen können dass die
vortrefflichen Geschichtschreiber desselben aus den Büchern
der Pontifices Nachrichten bezogen hatten, deren Aechtheit
eben so unbezweifelt war als die der XII Tafeln, der
Handfesten, andrer Geseze und Bündnisse aus jener Zeit:
und eben so ausgemacht ist die der censQrischen Bollen,
schon dadurch dass ihre Angaben für die Späteren un­
glaublich ja undenkbar lauten mussten. Allerdings werden
die Exemplare der meisten censorischen Familien ursprüng­
lich aus Abschriften von wenigen geflossen sey n , die auf
das Kapitol oder in benachbarte Städte gerettet waren;
aber es genügte auch, damit sie ächt auf die Nachkommen
gelangten, wenn ein einziges übrig blieb und vervielfäl­
tigt ward.
4 Es leidet keinen Zweifel dass, wie diese Bollen zum
Gedächtniss in censorischen Häusern bewahrt wurden, so
die, welche das Ahnenbild eines Consuls hatten, consu-
larische Fasten besassen, worin denkwürdige Ereignisse, -
wenigstens des für sie wichtigen Jahrs angezeichnet standen)
und auch manche andre werden im Besiz solcher gewesen
seyn. Das sind nun ursprüngliche Annalen, unabhängig
von denen der Pontifices entstanden, und von vielen ver­
schiedenen angelegt; nicht immer gleichzeitig, sondern für
den Anfang aus eigenen oder fremden, und dann auch
wohl aus irrigen Erinnerungen über vergangene Zeiten:
daher die Zeitbestimmungen sich oft widersprechen, wie
der aurunkische Krieg in 251, 262 oder 258, die Schlacht
am Begillus in 265 oder 258 geseztwird: desgleichen nur
aus mehreren ursprünglich verschiedenen Annalen erklärlich
ist. Es lässt sich nichts darüber sagen ob sich gleich­
zeitige erhalten hatten die mehrere Jahre vor dem Auf­
stand der Gemeinde begannen: dass keine von diesen bis
auf den Anfang des Consulats gereicht haben kann, erhellt
aus der Verwirrung der Fasten während der ersten Jahre
der freyen Republik, und dem spurlosen Verschwinden aller
ächten Geschichte in diesem Zeitraum. Zur Erinnerung,
und um dem Gedächtniss einen Halt zu geben, ward ein
Ereigniss bey den Fasten unter einem Jahr der kapito­
linischen Aera und der Consuln auf gleiche Weise erwähnt
— Ы — [bakd и,]

w ie in d e n K a le n d a r ie n b e y e in e m g e n a n n te n T a g e b e m e r k t
w ard , d ass an d e m s e lb e n der D ic ta to r T u b e rtu s g e s ie g t
babe, und w e lc h e d u rch d ie N ie d e r l a g e n an der A llia , am
T ra s im e n u s u n d b e y C a n n ä , u n s e lig g e w o rd e n w a re n . W eder б
d ie s e n o c h je n e sp rach en U m s tä n d e d e r B e g e b e n h e it a u s :
s ie d e u te te n s ie nur an: von s o lc h e n a n n a lis tis c h e n A n­
z e ic h n u n g e n , d e re n u ra lte U e b e rlie fe ru n g a u g e n s c h e in lic h
is t, so dass k au m d ie S p r a c h e g e ä n d e r t w o rd e n , h a b e n s ic h
e tlic h e e r h a l t e n 6) . F re y lic h w ill ic h k e in e s w e g s b e s tre ite n
dass auch schon frü h E rz ä h lu n g e in g e m isc h t se y n m ag;
in w e lc h e m F a ll s ie d e r C h ro n ik d e s M a rc e llin u s u n d ih re s
g le ic h e n ä h n lic h w e rd e n m u s s te n .
D er e ig e n tlic h e O rt fü r d ie s e w a re n aber d ie R om
e ig e n tü m lic h e n G e d ä c h t n i s s r e d e n a ), d eren G eb rau c h s ic h
aus u n v o rd e n k lic h e n Z e ite n h e rs c h rie b ; w ie denn d ie s e
E h re schon vor dem g a llis c h e n K rie g , o d e r g le ic h n a c h h e r,
den F rau en m itg e th e ilt w a rd . D ie s e S c h rifte n , in denen
fre y lic h eben so w e n ig e in e p ra g m a tis c h e D a rs te llu n g a ls
B e re d ts a m k e it z u fin d e n seyn k o n n te , m ögen L iv iu s , w enn
er s ic h ih re r e rin n e rte , kaum a ls h is to ris c h e Q u e lle ge­
g o lte n haben, da er a n d e rsw o ih re U n w a h rh a ftig k e it eb e n
w ie C ic e ro r ü g t 6) . In d e sse n haben s ie d a m it n ic h t vom
A n fan g her b e h a fte t seyn können: e rst im V e rla u f der
Z e it k o n n te , w enn d ie V o rfa h re n b is auf den U rsp ru n g
d e s G e s c h le c h ts m it ih re n E h re n und T h a to n h e rg e z ä h lt
w u r d e n 7) , E i t e l k e i t ü b e r s i e e rd ic h te n . Es i s t le i c h t s ic h
zu ü b e rz e u g e n dass in d e r G e s c h ic h te v o r d e r g a llis c h e n e
Z e it m a n c h e E r z ä h lu n g e n , n a m e n tl ic h ü b e r V a l e n e r , C la u -
d ie r , F a b i e r , Q u in c t ie r u n d S e r v i l i e r , a u s d i e s e r Q u ö lle h e r ­
g e le ite t s in d : u n d u n te r d ie s e n v e rd ie n e n m anche, w ie d ie
w e lc h e , d ie S e rv ilie r b e tre ffe n , v o lle n G la u b e n : auch d ie
a u s fü h rlic h e re n von den F a b ie rn e n th a lte n u n v erk en n b a r

*) Zum Beyspiel Livius II. 19. Ш в consulibw F id en a e


obsessae, Crustum eria capta , Praeneste ah L a lin is ad Romanos
descivit. Welcher Contrast gegen die weite Ausmahlung folgen­
loser Treffen an ändern Stellen. <*) Schwegler I. 1(5.
6) Livius VIII. 40. Cicero Brutus 16 (62). 7) Aus Reden
des claudischen Geschlechts gezogen, und Abbild einer solchen
Herzahlung in denselben, ist die bey Suetonius, am Anfang seine»
Tiberius.
[band и .] — 15 —

ächten Stoff. Mit ändern steht es sehr verschieden: es ist


mir leid zu sagen dass die der Valerier am allerwenigsten
Vertrauen verdienen, eben wie ihre Stammtafel auffallende
Leichtfertigkeit verräth8). Jene wurden mit dieser im
Atrium verwahrt, und werden anf gleiche Weise verloren
nnd hergestellt seyn. Aber die lebendigen Sagen, wodurch
die Zeiten’ der Vorfahren Gemeingut waren, erhielten sich
in denen welche dem Schwerdt der Gallier entgingen: und
wenn Livius diese meynte, so hatte er allerdings Recht zu
sagen, dass das Andenken der Ereignisse dem Gedächtniss
anvertraut war.
Dies ist allenthalben geschehen wo die Annalen in
dürren Anzeichnungen bestanden: und nicht nur bildet
alsdann lebendige Auffassung einen historischen Stoff eben
so frey und beweglich um wie den welchen die Poesie
geschaffen hat,, sondern es wird auf genannte Männer eine
Begebenheit die sonst von ändern erzählt wird übertragen;
manchmal willkührlich erfundenes ihnen beygelegt; welches
7 Glauben findet, wie Kaiser Karls vorgeblicher Zug nach
dem heiligen Lande. Solche Sagen wurden über die Männer
der Geschichte ebenso wife über die Wesen der Dichtkunst
f a b u l a genannt. Dass sie auch zu Rom die Gestalt von
Liedern annahmen, dass Coriolanus Tugend und Camillus
Siege in gleicher Weise besungen waren wie der erste
punische Krieg, leidet nach meinem Gefühl keinen Zweifel:
namenlos sind auch die Dichter der Nibelungen und des
Cid. Aber die rhythmische Form ist hier Nebensache a) :
darauf allein kommt es an dass erkannt werde, wie die
Ueberlieferung eben dasjenige was der Seele zuspricht frey
behandelt und daran schafft, nicht die einzelnen Umstände
zugezählt empfängt und wiedergiebt: dass, je allgemeiner
eine Erzählung mit Theilnahme gehört wird sie um so
unbeschränkter der Umbildung hingegeben ist, bis sie sich
in einem Buch festsezt; wogegen das Gleichgültige so wie
es angezeichnet ward an die Geschichtschreiber kam, welche

8) C. Valerius Potitus kommt als L . F . Vol. N . vor; un­


geachtet sein erstes Consulartribunat in 340 fällt, also 71 Jahre
Dach dem Consulat seines angeblichen Vaters, und 96 nach dem
ersten des Publicola, der sein Oheim seyn würde. ®) Vortr.
über röm. Gesch. I. 12.
— 16 — [band п .]

a jc h bem ühen m o c h te n ih m e in ig e s L e b e n zu g e b e n . D ie s
v erk e n n e n d ie n ic h t d e re n B e y S tim m u n g ic h s c h m e rz lic h
v e rm is s e n w ü rd e , und d ie es doch b e d e n k lic h fin d e n auf
der A nnahm e e in e r u n te r g e g a n g e n e n rö m is c h e n V o lk s p o e s ie
zu bauen: und so m ag ic h a n d a s B e s tre b e n m e in e U e b e r-.
zeugung ih n e n ganz m itz u th e ile n k e in e M ühe v e rw e n d e n ,
w e lc h e das B e w u s stse y n u n sre r w e s e n tlic h e n E in ig k e it
u n te rb re c h e n w ü rd e . A uch b e z w e ifle ic h k e in e s w e g s , dass
je n e S a g e n d u rch au s n ic h t a lle u r s p r ü n g lic h in L ie d e r w e is e
v o rg e tra g e n w a re n ; n o ch auch dass d ie w e lc h e s o b e g a n n e n
in p ro s a is c h e E rz ä h lu n g e n ü b e rg in g e n , a ls es m e h r und
m e h r B e s c h ä ftig u n g w a rd S c h rift zu s te lle n ; w ie d a s V o lk s - 8
buch von S ie g frie d e n tsta n d e n is t. — A ls Sagen d ie s e r
A rt s in d d ie v o n C o rio la n u s , C in c in n a tu s , dem S tu rz des
D e c e m v ira ts , C a m illu s , n i c h t z u v erk e n n e n : von der näm ­
lic h e n s in d , in d e r W e lt d es W u n d e rb a re n v erk eh re n d , d ie
von C u rtiu s und C ip u s .
W ä h re n d noch k e in e L itte ra tu r b e s te h t s c h re ib t
m a n ch er fü r das H au s n ie d e r w as e r e r l e b te a) ; im F o rt­
s c h re ite n tr a c h te t m e is te n s j e d ^ s e in e V o rg än g er zu ü b e r-
't r e f f e n , w ird a u s f ü h r li c h e r , n im m t m e h r G e g e n s tä n d e au f,
u n d n ä h e r t s ic h e in e r v o lls tä n d ig e n E r z ä h lu n g d e r Z e it­
g e s c h ic h te ; u n d d a je d e C h ro n ik v o m A n f a n g b e g in n e n
m uss, und d ie neue, a ls F o rts e z u n g , ä lte re v o rh an d en e
A h n a le n w ie d e rh o lt, sucht m an auch ih re r M a g e rk e it a b ­
z u h e lfe n , d u rc h E in v e rle ib u n g v o n S a g e n , u n d zu R o m a u c h
d e r G e d ä c h t n is s c h r if te n - , w ie w o h l d ie A u f n a h m e j e n e r d u r c h
d ie F o r m , w e lc h e B e z ie h u n g a u f e in b e s tim m te s J a h r fo r­
d e rt, e rs c h w e rt w a rd . So m u s s te n m a rm ic h fa ltig e e rw a c h s e n ,
d ie , ehe e in a n d re r G esch m ack und M a s s s ta b h e rrsc h e n d
w u rd e n , s e h r lie b e L eseb ü ch er w a re n , und im fü n fte n u n d
s e c h s te n Jah rh u n d ert der S ta d t um so m ehr v e rb re ite t
gew esen seyn w erd e n , a ls d ie a l t e n Sagen ih re u rsp rü n g ­
lic h e F ris c h e v e rlo re n : nachher aber von der L itte ra rg e -
g e s c h i c h te s c h o n d e s w e g e n ü b e r s e h e n w u r d e n w e il s ie k e i n e n
b e s tim m te n V e rfa s s e r h a tte n . D ie ä lte s te n flo re n tin is c h e n
A n n a l e n 9) s i n d s c h o n e in e V e rb in d u n g e b e n so d ü rre r und
d ü r f t i g e r w ie d ie ä l te s te n rö m is c h e n m i t F a b e l n u n d S a g e n :

«) Schwegler II. 7. ô) Welche von Lami herauegegeben nind,


[ band п .] — 17 —

im sogenannten Malispini sind sie erweitert, und durch


9 mehrere sich folgende Fortseznngen weiter geführt. Diese,
seihst durch Villani in Vergessenheit gerathene, Bearbei­
tung wodurch sie verdrängt wurden, entspricht jenen a n ­
geführteren römischen Chroniken, an deren Daseyn freylich
die klassischen Schriftsteller Eoms so wenig dachten, wie
sie von Appius des blinden Gnomen gewusst haben würden,
wenn nicht Panätius von ihnen geredet hätte. In solchen
lasen Coruncanius und die Marcier die Geschichte der Väter;
auch Villani konnte wenig erhebliches zu dem hinzufügen,
was Dante schon in jenem Malispini las.
Das fabische Geschlecht, wie es sich durch Kunst-
übnng und Vertraulichkeit mit der griechischen Litteratur
auszeichnete, dürfte eine solche Chronik mit vorzüglicher
Sorgfalt gehalten haben: der Feldzug des grossen Q. Rullus
vom Jahr 451, namentlich, ist sichtbar aus gleichzeitigen
Quellen erzählt. In diesem Geschlecht erstand der Ge­
schichtschreiber a), dessen gerügte Partheylichkeit für sein
Volk durch die feindselige Gesinnung der Griechen ver­
anlasst war, für die er, Cincius und Acilius, in griechischer
Sprache schrieben damit sie würdiger von der römischen
Geschichte dächten; nicht für ihre Mitbürger. Was dem
Ausländer genügte, befriedigte den Italiker nicht, welcher
schon römischer Bürger zu werden begehrte, und mit der
lateinischen Sprache vertraut war: dies konnte dazu bey-
tragen, dass endlich seit dem Ende des Jahrhunderts
römische Schriftsteller die Geschichte für ein Publicum in
der Muttersprache erzählten10). Bey den Römern ist das
io Daseyn einer allgemeinen Kunde der alten Geschichte da­
durch erwiesen dass Cincius über Zeitrechnung, das Staats­
recht nnd mancherley Alterthümer schrieb, welche jene
voräussezen; nicht aber nöthig erachtete diese Geschichte
Lateinisch vorzutragen. Daher behandelte auch Cato sie
nur als einen Theil der italischen. Sonst aber wurden
von Cassius Heinina an jene Geschichtschreiber zahlreich:
ihre sehr häufigen Abweichungen zeigen die Mannichfaltig-
keit der alten Chroniken: und schon der Umstand dass

a) Schwegler I. 74; R. F. Nitzsch Rörn. Annalist. 267-“ 300.


10) Ennius Gedicht ist freylich älter, aber das sollte nicht
historisch belehren.
Niebuhr, RQm. Gesch. 2
— 18 — [ba.w> п .]

jeder es for seine Aufgabe hielt die ganze alte Geschichte


wieder zn erzählen, lässt erkennen dass jeder, so wie er
deren noch nicht beachtete fand, aus ihnen Zusäze zog.
Denn sich durch, eigentüm liche Auffassung oder Dar­
stellung auszuzeichnen dachten gewiss weder Fabius Ser-
vilianus noch Yennonius; noch, die bedeutend später als
sie, ja nach Sulla, schrieben, Cn. Gellius11) und Q. Quadri-
garius. Zu derselben Klasse ist Q. Valerius von Antium «)
zu rechnen; der aber durch Betrug und Erdichtung um­
ständlicher Erzählungen ‘und bestimmter Zahlenangaben
sich schimpflich auszeichnet.
Ein eigentümlicher Zweck leitete L. Piso ö), indem
er wähnte die Sagen in ihren Widersprüchen und ihrer
Unglaublichkeit wären verwilderte Geschichte, und ihm sey 11
beschieden sie auf ihre ächte Gestalt zurückzuführen. Noch
waren die Gemüther dichterisch genug dass sein frostiges
Unternehmen ganz ohne Würkung blieb; und wie gross
auch des Altcensors persönliches Ansehen war, so erlangten
doch seine Annalen so wenig als die irgend eines ändern
jene Ehre die das Werk des Ephorus unter den Griechen
genoss; welches, indem eine Fortsezung an die andre gefügt
ward, als Grundlage der Nationalgeschichte anerkannt war.
Allerdings ward nach ihm auch die ältere noch wieder
bearbeitet, weil man gelernt hatte Urkunden zu gebrauchen:
wie Philochorus die attische Geschichte dadurch bestimmte,
so that dasselbe für Rom C. Licinius Macer e), Ciceros
Altersgenoss, mit dem eigentlich die Reihe jener Annalisten
«ndigt. Macers Einfluss auf die an uns gekommne Ge­
schichte ist sehr bedeutend. Von Dionysius und Livius

11) Mehrere Gellier anzmiehmen hat der Ausdruck dos Diony­


sius I. 7. p (5. e. At'Xiot xal Г ік к ш і m l KaXnoupvtotf veranlasst;
der doch nichts anders tagt als wenn wir von den Mascoven und
Püttern redeten. Auch iälJt niemanden ein an mehrere Calpur-
nier zu denken. In Cicero de legib. I. % (6.) ist G ellii nur durch
Conjectur hineingebracht, wahrscheinlich veranlasst durch die
untergeschobene origo p o p . R om ani , wo ein Sextus Gelliua er­
dichtet ist: nämlich nach jener Stelle des Dionysius.
®) Schwegler I. 90. ъ) Schwegler I. 88. °) Schweg­
ler I. 92; Mommsen R. G. III. 297. Röm. Chronol. 95; Röra.
Forsch. 315; H. Peter Vet. Histor. Rom. Reliq. I. 344; Nitzech.
Röm. Annalistik 351.
[ band п .] 19

lä s s t s ic h in den R eden w e lc h e s ie e in fü g e n , n ic h ts ' a ls


rh e to ris c h e E n tw ic k e lu n g e rw a rte n : d o c h ü b e rs c h re ite n s ie
m e h rm a ls d ie s e G r ä n z e , u n d z e ig e n B e z ie h u n g e n a u f U m *
s tä n d e ^ w o v o n i h r e G e s c h i c h t s e r z ä h l u n g n i c h t s w e i s s , d ie
a b e r n i c h t s w e n i g e r a l s a u s d e r L u f t g e g r i f f e n s e y n k ö n n e n 12) .
W o d ie s e s i s t m u s s te n s ie d e r g le ic h e n i n e in e m A n n a lis te n
v o r s ic h h a b e n , d e s s e n u n v o llk o m m n e n Y e r s u c h s ie u m -
b i l d e t e n 18) : n u n i s t e s v o n d e n a l t v ä t e r i s c h e n d e r s e l b e n
n ic h t w a h rs c h e in lic h d ass s ie s o lc h e K u n st a n w e n d e te n ;
12 u n d von M a c e r s a g t C ic e ro dass ê r s ic h in R e d e n b is zum
U eb erm a ass g e f i e l 14) . E s m o c h te ih m n ic h t g e lin g e n : a b e r
b e g re iflic h is t es dass d e r e in z ig e . u n te r a lle n A n n a lis te n
s e it P is o w e lc h e r im S ta a t g e h a n d e lt h a t te , w o rin e r e in e
h ö c h s t tü c h tig e G e s in n u n g b e w ä h rte , g e r n v e rw e ilte w o
d a s E le m e n t s e in e s L e b e n s h e rv o rtra t. Y o n ih m i s t d e n n
auch zu e rw a rte n , dass er d ie V e rä n d e ru n g e n der V er­
fa s s u n g m it E in s ic h t u n d A n th e il v e rfo lg te . R e c h ts s p ie g e l
s in d d ie ä lte s te n n a m e n tlic h im A n d e n k e n g e b l ie b e n e n
r ö m is c h e n B ü c h e r ; u n d C in c iu s S c h r if t e n ü b e r d a s S t a a t s ­
rech t habe ic h b e re its e rw ä h n t: a c h tz ig Jah re nach ih m
s c h rie b C. J u n iu s , von d es jü n g e re n G ra c c h u s F re u n d s c h a ft
G r a c c h a n u s b e y g e n a n n t, e in e G e s c h ic h te d e r V e r f a s s u n g u n d
O b r ig k e ite n , w e lc h e b is a u f d ie k ö n ig lic h e Z e it z u r ü c k g in g ,
u n d v o n d e r E r r i c h tu n g d e s C o n s u la ts a n , u n te r d e n J a h r ­
z a h le n d e r k a p i to li n is c h e n A e r a , d ie E i n s e z u n g n e u e r A e m t e r ,
d ie A b ä n d e r u n g d e r B e fu g n is s e d e r b e s te h e n d e n , a n g a b .
R e ic h e U e b e rre s te aus d ie s e m u n s c h ä z b a re n W e rk , w e lc h e s
g a n z a u s d e n p o n tific is c lie n S c h r if te n u n d d e n ä c h te s te n
Q u e l l e n g e s a m m e l t g e w e s e n s e y n m u s s , s i n d d a d u r c h e r-*
h a lte n dass G a iu s s e in e n B ü c h e rn über d ie z w ö lf T a f e ln
e in e G e s c h ic h te der O b rig k e ite n v o rg e se z t h a tte , w ovon
v ie le s in den e h rlic h e n A u szüg en des L ydus und dem an-
g e m a s ste n d e s P o m p o n iu s a u f u n s g e k o m m e n is t. H ä tte n
L iv iu s und D io n y s iu s , b ei denen e in ig e s s e in e n U rsp ru n g
n u r in G ra c c h a n u s haben k a n n , ih n u n m itte lb a r g e b ra u c h t,

*2) Wie in der Th. 1 . Anm. 1341 angeführten Stelle.


W) UebeihHUpt darf man annehmen, dass Livius jeden Umstand
seiner Erzählungen aus einem Vorgänger nahm, nie etwas anderes
14) de ІедіЬш


— 20 — [band п .]

so w ü rd e so m anches a n d re n ic h t fe h le n : w a s s ie fre y lic h


ü b erg eh e n k o n n te n w enn s ie aus M a cer, der es g e w is s
n ic h t v e rs ä u m te , s o lc h e e in z e ln e A ngaben aushoben; a b e r із
a lle d ie s e r A r t n i c h t h ö h e r a c h te te n w ie a n d r e a n n a lis ti s c h e ,
von denen s ie m a n c h e r le y ü b e rg in g e n . H aben s ie d e m n a c h
je n e n h e rrlic h e n L e h rer d e s S ta a ts re c h ts n ic h t u n m itte lb a r
b e n u z t, so w aren v o lle n d s d ie n a m e n lo s e n C h ro n ik e n fü r
s ie n ic h t v o rh a n d e n . W ie s c h n e ll la te in is c h e B ü c h e r v e r­
schw anden, s e itd e m e in e k la s s is c h e L itte ra tu r e n tsta n d e n
w ar der zu L ie b e das a ltv a te ris c h e ganz v e ra c h te t w a rd ,
s ie h t m a n d a ra n dass am A n fa n g des a c h te n J a h rh u n d e rts
S cau ru s und des ä lte rn Q . C a tu lu s L e b e n s g e s c h ic h te n so
v e rg e sse n w a re n w ie es je z t u n te r u n s d ie v o n J . J . M o se r
is t. D ie e in z ig e n Q u e lle n der beyden g e is tre ic h e n M ä n n o r
w e lc h e d ie G e s c h ic h te g le ic h z e iti g u n t e r A u g u s t u s s c h r i e b e n ,
w aren F a b iu s und d ie s p ä te re n A n n a lis te n : ih re n In h a lt
b ild e te n s i e a u s a l s g l e i c h f ö r m i g e n S to f f , o h n e e i n i g e R ü c k ­
s ic h t a u f d e sse n U rsp ru n g . W ie P o g g iu s u n d L e o n ard u s
d u rc h M a c h ia v e lli, so w u r d e n d ie A n n a l i s t e n des s ie b e n te n
J a h rh u n d e rts d u rch L iv iu s V o r tr e f f lic h k e it so v e rd u n k e lt,
d ass nur nach H a d ria n d ie W o r tf ü h r e r d e r A lte rth ü m lic h -
k e it, m it g e s p ie lte r V o rlie b e , s ie w ie d e r h e rv o rs u c h te n :
e in e k u rz e Z e it l a n g ; w ie k e in e d e n w ü r k lic h e n N e i g u n g e n
w id e rs p re c h e n d e L ie b h a b e r e y D a u e r h a b e n J ta n n . D ie G e ­
s c h ic h te s e lb s t w a rd h in f o r t a u s s c h lie s s lic h g e g la u b t u n d
e r z ä h l t w ie je n e beyden s ie g e s ta lte t h a tte n : w enn g le ic h
D io C a s s iu s a) s ic h von d ie s e r A b h ä n g ig k e it b e fre y te und
zur ä c h te s te n U e b e rlie fe ru n g in F a b iu s z u rü c k k e h rte ; auch
G racch a n u s, von dem d a m a ls je d e r R e c h ts le h re r w u s s te ,
n ic h t v e rn a c h lä s s ig t h a b e n kann, da d ie G e s c h ic h te der
V e rfa ssu n g s e in s te te s A u g e n m e rk w a r.
S ie i s t a u c h d a s m e in ig e : u n d d a s h ö c h s te Z ie l m e in e r и
K r i t i k , d e m B e g r if f w e lc h e n F a b iu s u n d G r a c c h a n u s v o n
d er V erfassu n g und ih re n V e rä n d e ru n g e n h a tte n , nahe m
kom m en: ganz g e w is s sahen s ie d a r ü b e r u n b e d i n g t r i c h t i g .
W ohl a b e r d ü rfe n w ir denken d ass u n sere Z e it tre ffe n d e r
a ls d ie ih r ig e , F a b e l v o n W ü rk lic h k e it u n te r s c h e id e t: auch
is t es k e in v e rm e s s e n e s U n te rfa n g e n in den E rz ä h lu n g e n
der G e s c h ic h ts c h r e ib e r e r k e n n e n z u w o lle n w as ih re n M is -

a) Schwegler II. 25.


[ bakd II.] — 21 —

V e rs tä n d n is s e n , V o r u r t e i l e n o d e r w illk ü h r lic h e r D a rs te llu n g


g e h ö r t ; w a s u r k u n d li c h i s t ; u n d , in d e m S to f f d e n s ie i n
■ den A n n a l i s t e n f a n d e n , w a s a u s j e d e r d e r v o r h i n g e d a c h t e n
Q u e lle n k o m m t; und, fü r d ie Z e it v o r d e r Z e rs tö ru n g , oh
aus g e b o rg e n e n oder g e m a c h te n S c h rifte n . D och w ü rd e
d ie s e S o n d eru n g , auch w enn d ie B ücher des s ie b e n te n
J a h rh u n d e rts , aus denen noch k e in e U m s ic h t d ie g r e lls te n
W id e rs p rü c h e e n tfe rn t h a tte , e rh a lte n w ä re n , n ic h t so ge­
li n g e n , d a s s e in e g a n z v o lls tä n d ig e G e s c h ic h te in C h ro -
n ik e n e in fa lt d a ra u s h e rv o rg in g e . D e n n o ft z w a r is t in d en
A n n a le n das w a h re G eschehene neben der Sage e rh a lte n
g e b lie b e n , u n d d ie s e , e in g e fü g t, lö s s t s ic h le ic h t u n d v o ll­
kom m en a b 16) : noch ö fte r a b e r h a t s ie , w o h l sch o n sehr
frü h , d ie S te lle der a n n a lis tis c h e n W a h rh e it v ö llig e in ­
genom m en, und d ie s e so g a n z v e r d r ä n g t d a s s k e in e Spur
von ih r g e b lie b e n is t, und k e in W iz ih re P a lin g e n e s ie
15 v o llb rin g e n k ö n n te . Es is t le ic h t zu e rw e is e n dass d ie
E in n a h m e von V e ji d u rch e in e n S to lle n v ö llig F a b e l i s t :
a b e r d e r w a h r e H e r g a n g i s t n i c h t z u e r r a t h e n , w e lc h e s b e y
ä n d e r n B e g e b e n h e ite n w e d e r s c h w e r n o c h u n s ic h e r fä llt.
Am g e w is s e s te n lä s s t s ic h in d e r G e s c h ic h te d e r V e r ­
fassu n g d ie S te lle m a n c h e r f e h l e n d e n S ta f f e l e r k e n n e n :
F rü h e re s und S p ä te re s b e s tim m e n s ie w ie G egebenes fü r
e in P ro b le m . H in g e g e n tritt h ie r e in e e ig e n tü m lic h e
S c h w ie r ig k e it d a d u r c h in d e n W e g , d a s s n ic h t w e n ig e d e r
w ic h t ig s te n , e b e n a u s d e n v o rtre fflic h s te n B e r ic h te n h e r ­
s ta m m e n d e n , M e ld u n g e n g a n z s in n lo s la u t e n , w e il d ie ,
w e lc h e s ie a u f b e w a h r t h a b e n , s ie g a r n i c h t b e g riffe n .
D io n y s iu s e r k ü n s te lte s ic h s o g a r g r u n d f a ls c h e D a r s te llu n g e n
d ie n u r v e r k e h r t e s a u s s a g e n , w e il e r n ic h t a h n d e te d a s s
ih m d e r G ru n d b e g riff d e r V e rfa s s u n g fe h le , u n d s ic h n ic h t
e n ts c h lo s s der L ösung des R ä ts e ls zu e n tsa g e n : Lydus
s ta m m e lt W o r te ohne G edanken. Ist aber das tä u s c h e n d e
M itte l e r k a n n t w e lc h e s d ie G e g e n s tä n d e vor d em B lic k d e s
K lu g e n v e rz e rrt, und e rra th e n w as d e r E in fä ltig e g e h ö rt
haben m uss, so v e rw a n d e ln s ic h s o lc h e K ä th s e l in be-


!S) Die Schlacht am Regillus von dem ohen (Anm. 5) an­
geführten ächten Bericht, — Coriolanus Zag gegen Rom von
dem des Attius Tullius — Cincinnatus Dictatar von der ächten
Erwähnung von Minucius Feldzug auf dem Algidus.
— 22 — [bàhd и .]

s tä n d ig e Z e u g n is s e , w e lc h e dann w e ite re F o lg e ru n g e n be­


g rü n d en .
M an kann s ic h n ic h t v e rh e h le n d a s s d ie s e F o r s c h u n g e n
über d ie U m w a n d e lu n g der V e rfa ssu n g , noch m ehr d ie
über a n d e re e in z e ln e E re ig n is s e , s c h w e rlic h auf g le ic h e
W e is e w ie d ie E r g r ü n d u n g d e r u r s p r ü n g lic h e n V e r f a s s u n g s ­
fo rm e n a llg e m e in ü b e rz e u g e n w erd en . D ie s e th u n s ic h
J a h rh u n d e rte h in d u rc h in ih re n A e u sse ru n g e n , und s e lb s t
d u rc h ih re A b ä n d e ru n g e n kund; und w as bey dem e in e n
V o lk n i c h t e r w ä h n t w ir d z e ig t d ie A n a lo g ie b e y v e r w a n d t e n : w
je n e s in d e in e e in z e ln e B e g e b e n h e it, a b h ä n g ig von Zu­
f ä lle n und W illk ü h r, w e n ig s te n s E n ts c h lu s s : und f r e y lic h
is t das W a h re n ic h t im m e r das W a h rs c h e in lic h e . A ber
d e r F o rsc h e r v o r d e sse n ja h re la n g e r, im m e r e r n e u te r , un­
v e rw a n d te r B eschauung, d ie G e s c h ic h te v e rk a n n te r, e n t­
s te llte r, v e rs c h w u n d e n e r B e g e b e n h e ite n , aus N ebel und
N a c h t, W esen und B ild u n g gew onnen h a t, w ie d ie kaum
s ic h tb a re L u ftg e s ta lt der N ym phe im s la v is c h e n M ä h rch e n
d u rc h das s e h n s ü c h tig e H in s c h a u e n der L ie b e 2um ird i­
s c h e n M ä d c h e n v e r k ö r p e r t w ird : — v o r d e s s e n u n o rm ü d e te r
und g e w is s e n h a fte r P r ü f u n g s ie im m e r v o llk o m m n e r e n Zu­
s a m m e n h a n g , u n d je n e u n m itte lb a re O ffe n b a ru n g d e r W ü rk -
l i c h k e i t d ie v o m D a s e y n a u s g e h t , g e w a n n ; — der d a rf
fo rd e rn d a s s e in A n d r e r , d e r n u r v o r ü b e r e ile n d s e in e B lic k e
d o rth in w irft wo er le b t und v e rw e ilt, n ic h t über d ie
E ic h tig k e it s e in e r W a h rn e h m u n g e n ab sp re c h e , w e il e r s ie
n ic h t e rb lic k t. D er g e le h rte N a tu rk u n d ig e der d ie S ta d t
n ic h t v e rlie s s , w ird d ie F ä h r te des W ild s n ic h t e rk e n n e n
d ie den W a id m a n n le ite t: und w er zu e in e r S tu n d e wo
B e n v e n u to s A ugen s ic h nach M o n a te n gew öhnt h a tte n zu
seh en , in s e in e n K e r k e r g e tr e te n w ä re , u n d b e h a u p te t h ä tte
je n e r k ö n n e in d e r F in s te rn is s auch n ic h ts u n te rs c h e id e n ,
d e r h ä t te s ic h s e h r v e rm e s s e n .
D ie G e s c h ic h te w e lc h e den In h a lt d ie s e s T h e ils aus­
m a c h t, w ar au fg e g e b e n und v e rs c h m ä h t, s e itd e m d ie F ü lle
d e s U n m ö g lic h e n und d e r W id e rs p rü c h e in der h errsch en d
g e w o rd e n e n E rz ä h lu n g b e m e rk lic h gem acht w ar: auch
e *n e s . v e r ß ^ ä n d i g e n M a n n e s n i c h t z w e i f e l ­
h a ft seyn, w enn e s k e in e a n d e re g ä b e a ls s ie z u v e r t r e te n w
w ie s ie g ew o rd en is t, o d e r s ic h von ih r lo s z u s a g e n . D as
B e s te a r t e t a u s im L a u f d e r Z e it, o ft e in e r k u rz e n ; und
[baud п.] — 23 —

v e rw e rflic h e s h ä n g t s ic h ih m a n : d e r th ö r ic h te E ife re r,
w e lc h e r z w in g e n w ill ih m d a n n z u h u l d i g e n , w ie v o rd e m
da es n ic h t e n ta r te t n o ch v e rfä lsc h t w a r, e n t f e r n t v o n ih m
d ie V e r n u n f t d ie s e in W e s e n h e r s te ile n m ö c h te , u n d d a m it
d ie a lte L ie b e : d ie V e rn u n ft, d ie e n tb e h re n a b e r n ic h ts
w id e rs in n ig e s e rtra g e n kann. D ie h is to r i s c h e K r iti k w e lc h e
nur S c h le c h te s a u s s c h e i d e t, d ie S ag e a u f ih re n e i g e n tü m ­
lic h e n B oden s te llt, ih re m A del A n erk en n u n g g e w ä h rt,
und s ie so vor S p o tt u n d T a d e l s ic h e rt, e r w ir b t d e r rö m i­
sch en G e s c h ic h te s e it d em A b s c h lu s s des B undes m it L a ­
tiu m g le ic h e s A n seh en und G e h a lt m it d e r m a n c h e r w e it
s p ä te re n Z e itr ä u m e , w e lc h e auch n ic h t d u rc h g le ic h z e itig e
B e ric h te e r h e l lt s in d .
— 24 — [baud я .]

D e r l a t i n i s c h e S t a a t . “)

In dem n ä m lic h e n Jahr w o rin d ie S tä n d e ih re F ehde


v e rg lic h e n , w a rd d e r e w ig e B u n d 16) m i t d e n L a tin e rn be­
sch w o ren . D er F rie d e w ar schon d rey Ja h re frü h e r h e r­
g e s te llt, u n d d u rc h d e n s e lb e n auch e in b e s tim m te s B u n d e s -
v e r h ä l t n i s s b e y d e r S t a a t e n 17) : es d ie n te aber der B und des
S p . C a s s iu s n ic h t b lo s s d ie s e s zu b e k rä ftig e n und m er­
lä u te rn , s o n d e rn es w a r e in neuer V e r t r a g 18) : d u rch ih n
t r a t d ie A n e r k e n n u n g v o llk o m m n e r G le ic h h e it a n d ie S te lle
der U n te rtä n ig k e it d ie T a rq u in iu s e in g e fü h rt, oder der
m ild e n A b h ä n g ig k e it w o r in s ic h L a tiu m gegen S e rv iu s
begeben h a tte . W e lc h e s v o n d ie s e n V e r h ä lt n is s e n a ls v o r­
h e r e rn e u e rt zu denken se y , w ird n ic h t a n g e d e u te t: m ehr
W a h rs c h e in lic h k e it h a t d a s le z te ; obw ohl e s im m e r m ög­
lic h is t, dass d ie L a tin e r, aus e in e r w egen d e r D ü rftig k e it
u n sre r N a c h ric h te n u n e rk lä rlic h e n V e rz a g th e it, und w e il
s ie d o c h n ic h t, in der L e id e n s c h a ft, d ie V erb ü n d u n g m it
d e n V o ls k e rn v o rzo g en , in d ie a lte D ie n s tb a rk e it zu rü ck -
g e k e h rt w ä re n ; d a rn ac h a b e r zw ey o d er d re y Ja h re nach­
h er von der V e rle g e n h e it der H e rrsc h a ft a ls P re is ih r e s
g u te n W ille n s g e g e n d ie E m p ö r te n v o llk o m m n e G le i c h h e it ,
j a A b tr e tu n g e n v o n L a n d u n d L e u te n e rz w in g e n g e k o n n t
h ä tte n . D en Z usam m enhang d ie s e r E in r ä u m u n g e n m it d em

lange nihremOrt beständen : Dionysiu« VI,


95. p. 415. b. 17) r yjv àp%alav <ptXiav xal <rußßa^lau »*
ävevsuHravTO. Dera. VI. 21. p. 358. a. Nach Livius geschah
es 259: er nennt nicht ausdrücklich einen Friedensschluss er­
zählt aber die Entlassung der Gefangenen. II. 22. 18) еиѵЩ хаи
xatval Ate#’ opxwu. Dionysius VL 95. p. 415, b.
[ band п .] — 2ê —

E in v e rs tä n d n is s d e s S e n a ts u n d d e r L a tin e r g eg e n d ie A u f ­
g e s ta n d e n e n e r k e n n t D i o n y s i u s 19) * ) : e r d e n k t je n e a ls ge­
w ä h rte n Lohn d e r g u te n G e s in n u n g ; w e lc h e s d ie A n s i c h t
des r ö m is c h e n S to lz e s , u n d g e w is s d ie e in z ig e U rsa c h e is t,
w e s h a lb d e r A b s c h lu s s des B undes nach d em F rie d e n vom
19 h e i l i g e n B erg e g e s e z t w i r d 20) . G rü n d e t s ic h nun d ie s a u f
k e in e h is to ris c h e B e s tim m u n g , so d a r f d ie in n e re W a h r­
s c h e in lic h k e it e n ts c h e id e n v ie lm e h r a n z u n e h m e n , d a s s S e n a t
und G e s c h le c h te r d ie g ro sse n Z u g e s tä n d n is s e des neuen
V e rtra g s a ls P re is e in e r H ü lfe gaben, d e re n S tä rk e d ie
A u s g e w a n d e rte n b e w o g s ic h m it e in e m s e h r m ä s s ig e n V e r­
g le ic h zu b e g n ü g e n .
D e r la tin i s c h e S ta a t w e lc h e r je z t m it R o m e in g le ic h e s
B ü n d n is s s c h lo s s ъ) , w ar e in g e rin g e r T h e il vo m U m fan g
d e s la tin is c h e n L a n d e s , v o n d e m d ie V e r t r ä g e m i t K a r th a g o
red en . In dem V e rz e ic h n is s s e in e r d re y s s ig S t ä d t e 21) is t

19) èiteidy) той noXéfxou той Ttpbç rouç ànocrraraç krotßatg èâà-
xouv Guvàpaa&ai. Ders. a. a. O. «) Schwegler II. 806. 20) Von
Dionysius a. a. 0. ausdrücklich: von Livius dadurch сіаая er an­
nimmt gleichzeitig habe Cominius gegen die Antiater im Felde ge­
standen. *) Mommsen R. G. I. 349. 21) Die Hauptstelle wo
die latlniscben Bürgerschaften verzeichnet stehen: — Dionysius V.
61. p. 3'26. b. c) — ist in den Ausgaben verstümmelt, weil ein lei­
diger Zufall dem ersten Herausgeber der Archäologie eine sehr
schlechte Handschrift zugeführt hat, während doch die Mehrzahl
der erhaltenen einen durchgehende guten Text geben. Hier
lassen sich aus der Vaticanischen nnd Lapus die ausgefallenen
Namen, und, mit geringer Nachhülfe, die verschriebenen яо ber-
stellen: ot itpößouXot ànb tootùju tùjv irâXetuu fja a v ''Apôea-
Twu, Аріщѵ&ѵ, ßoußevravüjv, Кбрѵшѵ, Кароеѵтаѵйѵ, Kipxavq-
та>ѵ, KopwXavwv, Kopßivrcov, Kopav&v, Фортіѵешѵ, Taßtm,
Ааорвѵтіѵш^ Ааѵощішѵ, Aaßtvtarä»/t Aaßixavwv, Nwßeurav&v,
Nwpßavcov, UpaiVE<nwtov^ tledavwv, KopxorouXavwv (Quergne-
tulani), Затріхаѵшѵ, Ахаптіѵшѵ, Uvjrtvrn, TbXXtjvlwv, Ttßoup-
rèvwv, TuaxXavwv, ToXepivwv, Tptxptvcuv, ObeXtrpavw. Die
Oorni sind keine andre als die Corniculi, das Volk von Corni-
culum (Th. I. Anm. 219.): wenn aber auch nicht Кбрѵшѵ^ so
muss Kaßav&v in liopavtov geändert werden. Denn Cora welches
als latinische Stadt bey Cato (in Priscian IV. p. 6"?9.) und Dio­
nysius (III. 34* p. 175. d.) vorkommt, kann au der Zeit wo Norba
iind das noch entferntere Setia zu Latium gehörten, nicht davon
c) Schwegler II. 322.
— 26 — [band и ,]

e in N a m e u n g e w is s : von m e h reren i s t d ie L a g e u n b e k a n n t , 2a
ja s ie w e rd e n n irg e n d s s o n st g e n a n n t: doch lä s s t s ic h d ie
G rä n z e des L an d es m it g e n ü g e n d e r S ic h e rh e it z ie h e n . S ie
b e g in n t am M e e r, w e s tlic h von L a u re n tu m , z ie h t s ic h von
d o rt p a ra lle l m it der T ib e r fo rt, so dass s ie den A n io
ü b e rs c h re ite t, und s ic h b is n o rd w e s tlic h von N o m e n tu m
v e rlä n g e rt, b e g re ift d a n n das G e b ie t d ie s e r S ta d t, u n d d ie
von C o rn ic u lu m , T ib u r u n d P rä n e s te , lä u ft d a rn a c h über
d ie H ö h e n w e lc h e d ie S c h e id e der G ew ässer b ild e n , a lso
dass s ie den A lg id u s und Y e liträ u m fä n g t, und w endet
s ic h dann ö s tlic h au f denen des s ü d lic h e n G eb ü rg z u g s, an
dessen P u ss d ie p o m p tin is c h e n S ü m p fe lie g e n , a lso d ass
s ie a u f d e n s e lb e n N o rb a, C o ra u n d S e tia e in s c h lie s s t, und
d a s M e e r ö s tlic h v o n C ir c e ji w ie d e r e r r e i c h t . A n tiu m , ohne
a lle n Z w e ife l d a m a ls noch ty rrh e n is c h , an d e r L a n d s e i t e 21
von d ie s e m L a tiu m u m g e b e n , w a r v o n d e m s e lb e n g e s o n d e r t.
H ie r s in d d re y s s ig O rte a u f g e f ü h r t a) ; und d ie V o r­
s te llu n g dass d ie s e Z ah l zum W e sen des l a t i n i s c h e n V o lk s j
g e h ö re , s ta n d so fe s t, d a s s g le ic h b e d e u te n d v o n d e m s e lb e n , f
und von d re y s s ig la tin is c h e n S tä d te n g e re d e t w i r d 22) . In

getrennt gewesen seyn, wenn auch die eine von jenen Erwäh­
nungen eine frühere Zeit betrifft, und die andre nur von einer
späteren gegründet seyn wird. N orbani statt M w p ea vo l, mag
nur Emendation von Lapus und Gelenius seyn; ißt aber, wie auch
ans der in die Augen fallenden Anordnung nach dem lateinischen
Alphabet erhellt, ganz sicher. S a p u e v ra v à ç statt КорошѵтаѵЬд
au schreiben, veranlasst Stephanus s. v, — Corbintes ist der Bür-
gername von Corbio. So bleibt nur Фортсѵеюі ungewiss. Das
P ist bey dem Namen der zwischen С und Q steht, sicher: da
dieses oft mit H wechselt, so könnte derselbe Ort zu verstehen
seyn, der in Livius Handschriften III, 30. JJo rlo n a heisst, bey
Dionysius X. 26. p. 653. a. B i p r m : noch näher scheint jedooh
der Name des albensischen Demus F o retii (Th, l, Anm. 570) «u
stehen. Von den früh untergegangenen Orten muss Carventum
in der östlichen Mark, in der Uegend von Lavici oder Bolä, ge­
legen haben: Corbio in der des Algidus; Toleria nicht fern von
Bolä: Satricum zwischen Lanuvium und Antium; Scaptia in der
Gegend von Veliträ.
«) Schwegler II. 322. 22) Dionysius III. 34. p. 176. b.
von Tullus Hostilius: 7cpé<rfietç àiwarrsÜLaç elç ràç ânofcooç ts
xal 07rqxéouç aÙTfjç (rfç vAXßyg) тріахоута я âÀitç,
[ba * d II.] — 27 —
d ie s e r Z a h l d e n k t s ic h D io n y s ia s h ie r d ie so la n g e A lb a
b lü h te v o n d e m s e lb e n a b h ä n g ig e n L a t in e r : e in e V o r s te llu n g
fü r d e r e n R ic h tig k e it d ie rö m isc h e n E in th e ilu n g e n und d ie
d re y s s ig a lb e n s is c h e n O rte B e w e is g e b e n , u n d e n ts c h e id e n d
d ie Sage von den se c h sh u n d e rt H a u s g e s in d e n , w o d u rch
L a v in iu m e in e C o lo n ie der A lb a n e r und der la tin is c h e n
U m la n d e w a r 23) : doch d a rin is t e in F e h le r, d a s s e r a lle
je n e d re y s s ig O rte , d ie n a c h A lb a s U n te r g a n g fre y g e w o r-
22 d e n w a r e n , a l s C o l o n i e n der z e rs tö rte n H a u p ts ta d t a n s ie h t:
e in e M eynung d ie auch der S age z u m G r u n d li e g t, w e lc h e
zu d e n G rie c h e n g e la n g te , A eneas habe in den L anden der
B o r e i g o n e n d r e y s s i g B u r g e n e r b a u t 24) ; w o d i e Z a h l e b e n ­
f a l ls a ls w e s e n tlic h f ü r L a tiu m a n e r k a n n t w ir d . I c h w e rd e
b a ld d a r a u f zu rü c k k o m m e n , d ass m e h re re d e rs e lb e n b e y d e s,
C o lo n ie n und O rte des la tin is c h e n V o lk s , seyn k o n n te n :
z u n ä c h s t b e g e g n e t d ie F r a g e , w ie denn im J a h r 261 noch

2S) Es giebt schwere Asse ohne Schrift, wo auf der einen


Seite ein schön gezeichneter Jünglingskopf mit der pbrygiechen
Müze, auf der ändern ein Bad mit sechs Speichen abgebildet ist.
In jenem erkenne ich Ascauius, in diesem die sechs Centimen
der Javinischen Colonen : deren Ansiedelung bey dem gemeinsamen
Heiligthum der Albaner und Latiner für ganz historisch wird
gelten dürfen. Ich hoffe bey dem oft geäusserten herzlichen Ab- У
scheu gegen das Distilliren einer Geschichte uralter Zeiten aus
Worten, Namen und mythologischem Kehricht, nicht selbst M
dieses Treiben zu verfallen, (Parthis m endacior), wenn ich zu
errathen glaube, dass der Dienst der Penaten tyrrhenisch war;
Alba, dessen Namen sich am Fucinus in der Heimath ster Pris-
ker findet, von diesen sacranischen Eroberern gegründet ward;
welche, zu einer Zeit da sie ein Latium von dreyssig Städten als
einen Staat freyer Genossen anerkannten, mit ihnen eine Stadt
am gemeinschaftlichen Tempel gründeten, nachdem sie sich eine
Zeitlang die Hut dieser Götter angemasst hatten. Nichts liegt
näher als dass, wie die tyrrhenischen Latiner »ich wieder erhoben,
Alba überwältigt hatten, die Darstellung ausgebildet ward, diesea
sey ursprünglich von Lavinium ausgegangen. — Auf jene Asse
zurückzukommen, will ich gegen niemanden streiten der sie den
Laviniensern allein beylegen möchte: bemerke aber dass sie hin­
reichend schwer sind, um füglich vor 410 gesezt, und dem ge­
meinen Latium zugeschrieben werden zu können. 24) Lyko-
phron V. 1253.
— 28 — [band п .]

d re y s s ig S tä d te w aren , w enn A p io la , C a m e ria , C o lla tia ,


C r u s tu m e r iu m , E ic a n a , M e d n llia , P o lito r iu m , d ie E r o b e r u n ­
gen d e r r ö m is c h e n K ö n ig e , in je n e r Z a h l g e r e c h n e t w a r e n ?
w ie doch zum B e y s p ie l v o n M e d u llia so w e n ig b e z w e ife lt
w erd en kann a ls v o n O o rn ic u lu m , N o m e n tu m und T e lle n a ,
w e lc h e d a s Y e rz e ic h n is s e n t h ä lt .
D ie M a c h t d e r Z a h lv e r h ä l tn is s e in den S ta a ts fo rm e n
d e s A lte rth u m s lö s s t d a s R ä th s e l. D er S ta a t w ard n ic h t
a ls erw a c h se n aus a n e in a n d e rg e fü g te n T h e ile n g e d a c h t,
so n d e rn s e in e in n e r e A n o rd n u n g a ls b e s tim m t d u rch das
W esen des G anzen, und e in je d e m V o lk a n g e s t a m m t e s G e - 2»
sez. D ie U e b e rs c h re itu n g oder N ic h te r f ü llu n g des e ig e n ­
tü m lic h e n s tre n g e n E benm aasses fie l u n e rträ g lic h ; und
da s ic h n ic h t h in d e rn lie s s dass d ie Z e it s o lc h e E n ts te l­
lu n g e n h e rb e y fü h rte , so w a rd ih n e n d u rc h U m b ild u n g des
G a n z e n , A u fn a h m e , S p a ltu n g o d e r V e rk n ü p fu n g , a b g e h o lfe n .
Z w ö lf w ar G ru n d z a h l der l o n e r 25) , w e lc h e s ic h in den
S tä d te n des A e g ia lu s und A sie n s w ie in den a ttis c h e n
T ritty e n z e ig t: e s fin d e t s ic h a b e r v o n je n e n a c h ä is c h ge­
w o rd en en S tä d te n e in z w ie fa c h e s V e r z e i c h n i s s 26) , d eren
jü n g e r e s L e o n tiu m und K e ry n e a s ta tt A egä und R hypes
n e n n t: n ic h t d a s s in e in e m von beyden e in Irrth u m w äre,
so n d ern je n e S tä d te w a re n v e rfa lle n und e i n g e g a n g e n 27) ,
ih re S te lle a b e r, d a m it d ie Z a h l v o lls tä n d ig b le ib e , w ie d e r
e rfü llt. S m y rn a w ard frü h io n is c h , und lie s s frü h d ie
m e is te n der z w ö lf S tä d te an G la n z und A n seh en w e it
h in t e r s ic h ; a b e r e s b lie b , w e il k e in e S te lle e r le d ig t w ard ,
von der E h re e in e S ta d t je n e s N am ens zu seyn, ausge­
s c h lo s s e n , b is e n d lic h d ie M acht des V o ru rth e ils so e n t­
k rä fte t w ar d ass e in e d re y z e h n te S ta d t n ic h t m e h r u n m ö g ­
lic h s c h ie n . D ie n ä m lic h e V e rä n d e ru n g d e r A n sic h t h a tte
in A c h a ia d ie E rse z u n g von H e lik e und O le n u s u n n ö th ig
g e m a c h t. A u f g le ic h e W e is e e rh ie lt s ic h d ie B in th e ilu n g
der frie s is c h e n N a tio n in s ie b e n S e e la n d e , o b g le ic h d ie
s ü d lic h e G rä n z e v o n d e r S c h e ld e a n K e n h e im , und e n d lic h
b is z u r V lie z u rü c k w ic h .

26) Zuerst vier; dann für jedes Viertheil drey. 26) Bey
Herodot I. 145. und Polybius II. 41. 37) Von Aegä sagt
dies, und dass es mit Aegira vereinigt worden, Strabo ausdrück­
lich VIII. p. 386. a.
[ължо II.] — 29 —

24 S o Ы іѳ Ъ auch L a tiu m « ), so la n g e d ie a lte n F o rm en


u n v e rb rü c h lic h e s G esez w a re n , in d re y s s ig O rte g e th e ilt;
und d ie s e w u rd en m e h rm a ls u m g e o rd n e t. D ie S o n d e ru n g
d e r R e ic h e des L a tin u s und des T u rn u s, w ovon d a s le z te
s ic h von A rd ea b is T e r ra c in a e r s tr e c k t, i s t n ic h t w illk ü h r -
lic h v o n dem D ic h te r e rd a c h t: n u r fe h le n uns le id e r S c h o ­
lie n d ie n a c h g e w ie s e n haben w e rd e n , ob d ie s e U n te r s c h e i­
dung z w e y e r la tin is c h e r S ta a te n , g le ic h den s a m n itis c h e n
K a n to n e n , auf C a to s Z e u g n is s o d er w essen so n st g e g rü n d et
sey. W ir d ü rfe n an n eh m en dass, w ie i n dem z w e y te n A r ­
d e a , so d o rt L a u re n tu m d ie H a u p t s t a d t w a r ; und dass d ie
den T u r i n e r n 28) e n tg e g e n g e s e z te n L a tin e r sch o n ehe d ie
E ro b e re r A lb a g rü n d e te n in d r e y s s ig S tä d te g e th e ilt w a re n .
G e w is s h a tte V ir g il n ic h t m in d e r g u te G e w ä h r u m N o m e n ­
tu m , G a b ii, F id e n ä , C o lla tia , P o m e tia , C a s tru m In u i, B o la
und C o ra a ls C o lo n ie n vo n A lb a zu n e n n e n 29) . D ie s e C o­
lo n ie n s in d nun n ic h t e in e rle y m it d e n a l b e n s is c h e n O rte n ,
w e lc h e ohne Z w e ife l n ic h ts a n d e rs a ls d ie T rib u s der
P le b e s von A lb a w a re n , so w ie d ie e ig e n tlic h e n A lb a n e r
der P o p u lu s : u n d doch f in d e n s ic h u n te r je n e n zw ey , F i-
denä und B o la ; w ä h re n d N o m e n tu m , G a b ii u n d C o ra u n te r
d e n d r e y s s ig b e y D io n y s iu s s te h e n , u n d e in s t a u c h P o m e tia
im S t a a t d e r L a t i n e r w a r . A u c h h i e r g i e b t d ie A n a lo g ie
L ic h t. D ie ä lte s te n r ö m i s c h e n C o lo n ie n v e rs c h w in d e n , w e il
26 s i e in R e g io n e n , ih r e E in w o h n e r a ls P le b e je r , a u fg e n o m m e n
w u rd e n ; an d re w u rd en zu la tin is c h e n S tä d te n : und so
lä s s t s ic h annehm en, dass e in ig e von denen der A lb a ­
n e r in ih r e P le b e s ü b e rg in g e n , an d re an d ie L a tin e r a b ­
g e tre te n w u rd e n , um d ie v e r m in d e r te Z a h l d e r d r e y s s ig
O rte z u e rg ä n z e n a ls e i n s t d ie L a tin e r f re y , w e n n a u c h
n ic h t in v ö llig g le ic h e m V e rh ä ltn is s , s ta n d e n . D as s in d
d re y s s ig S tä d te e in e r z w e y te n Z e it.
D a ra u f, nach d e r Z e rstö ru n g A lb a s , is t e in e d ritte
R e p u b lik der L a tin e r e in g e ric h te t w o rd e n , w ie d e r von
d re y s s ig S tä d te n , aber in ganz ä n d e rn G rä n z e n . E rst

a) Schwegler II. 29 7. 28) Tb. I. S. 50. 29) Aeneis


VI. 773. ff. Livius nennt sie latinische Colonien, II. 16., weiches
als eine Ungenauigkeit betrachtet werden darf. Oora war ur­
sprünglich siculisch oder pelasgisch, da seine Gründung auf Dar-
danus bezogen wird.
— 30 — [band xi.)

n a c h je n e m E re ig n is s können d ie fü n f o d er sech s O rte in


d e m V e r z e ic h n is s b e y D io n y s iu s , w e lc h e so la n g e A lb a s ta n d
D em en s e in e r L a n d sc h aft w a r e n 80) , u n te r s ie gekom m en
sey n : w ä h re n d m anche la tin is c h e , aus d e re n E in w o h n e rn
und e in e m T h e il d e r G e m e in d e v o n A l b a d io r ö m i s c h e u n t e r
A n c u s e n ts ta n d e n is t, se y cs d u rc h W a ffe n g e w a lt o d e r d u r c h
A u s ta u s c h von ih n e n g e tre n n t w u rd en . M it d ie s e m la tin i­
sch en S ta a t w a rd nun das B ü n d n is s des S e rv iu s T u lliu s
g e s c h lo ss e n , w e lc h e s a ls h is to ris c h b eg rü n d et an g e seh e n
w erd en m uss, so w e n ig so n st d ie E rz ä h lu n g e n von dem
w a s s ic h z w is c h e n d e n rö m is c h e n K ö n ig e n u n d d en L a tin e rn
begeben haben s o ll d a fü r g e lte n können: es m ag d ie s e r
S t a a t u n v e r ä n d e r t in s e in e n G r ä n z e n gew esen seyn, a ls ih n
T a r q u in iu s d e m rö m is c h e n K ö n ig re ic h u n te r w a r f . In d ie s e r
G e s a m m th e it k o n n te s ic h ab e r von den O rte n , w e lc h e das
V e rz e ic h n is s n e n n t, G a b ii n ic h t b e f in d e n , das e in e i g e n e s 2«
B ü n d n is s a ls s e lb s tä n d ig e r S ta a t m it d e m s e lb e n T a r q u in iu s
a b s c h lo ss : C ir c e ji k ö n n te d u rc h ih n h in z u g e k o m m e n seyn,
d e r d o r t e in e C o lo n ie g rü n d e te , w o fe rn s ie la tin is c h w ar;
b is d a h in w ar es a ls ty rrh e n is c h e S ta d t, s e in e r L a g e und
E n tfe rn u n g nach, den L a tin e rn ganz fre m d . D agegen
k o n n t e P o m e t i a e h e e s fie l u n d d a r a u f z e r s t ö r t w a r d , n i c h t
fe h le n , w ie e s a u c h u n t e r d e n S t ä d t e n v o r k o m m t w e lc h e
den a ric in is c h e n H a in g e w e i h t h a b e n 31) : f e r n e r w ird da­
m a ls C ru s tu m e ria n ic h t g e fe h lt haben, w e lc h e s h in g e g e n
261 n ic h t m e h r V o rk o m m e n k o n n te , da es e ro b e rt, und d ie
davon b e n a n n te T rib u s aus s e in e r B ü rg e rsc h a ft g e b ild e t
w a r 32) . H ie ra u s e rh e llt d a n n , d a s s je n e s V e rz e ic h n is s , von
dem ic h m ic h noch n ic h t lo s m a c h e n kann, irrig a ls das
d e r S tä d te , w e lc h e den K rie g gegen Eom b e s c h lo ss e n , ge­
g e b e n w i r d 88) : a u c h i s t é s v o llk o m m e n u n d e n k b a r , d a s s s ic h
d ie U rk u n d e d e r K rie g s e rk lä ru n g a u c h nur f ü r d ie ä lte s te n
A n n a lis te n e r h a l te n h a b e n s o llte . E s h a t s ic h o h n e Z w e ife l
in der des B undes m it d en g e s a m m te n L a tin e r n b e fu n d e n ,
w e lc h e w e n ig s te n s noch im J ü n g l i n g s a l t e r C ic e ro s u n d M a -
c e rs a u f e in e r T a fel h in te r den R o s tra zu le s e n s t a n d 84) :

8Ô) Th. 1. Anm. 570. 31) Cato Orig. II. bey Priscian
IV. p. 629. 82) Livius II. 19. Th. I. S. 622. Diony­
sius У. 61. p. 326. b. *4) Cum L a tin is omnibu» fo e d u s
[jBA.tfD II.] — 31
27 d o r t w a r d ie K ennung a lle r S tä d te an ih re m O r t. A lle in
D io n y s iu s fa n d e s f ü r s e in e D a rs te llu n g a n g e m e sse n e r, d ie
la n g e A u f z ä h lu n g d e r G e s c h ic h te d e s K rie g s v o ran zu s te l­
le n ; s ie w e c k te E rw a rtu n g fü r d essen G rö sse, und gab der
E rz ä h lu n g e in A n seh en von U rk u n d lic h k e it. Es tä u s c h te
d ie V o rau sse zu n g w e lc h e so u n b e d e n k lic h s c h ie n , d a s s d ie
S t ä d t e w e lc h e d e n B u n d s c h lo s s e n , d ie n ä m lic h e n s e y n m u s s ­
te n w e lc h e d e n K r ie g b e g o n n e n h a tte n .
S in d s ie aber e r s t im B und des Sp. C a s s iu s g e n a n n t
gew esen, so is t es auch n ic h t b e fre m d lic h , dass s ic h C o r-
n ic u lu m , M o m e n tu m und T e lle n a u n te r ih n e n b e fin d e n ,
w e lc h e v o r lä n g s t e r o b e r t g e w e s e n s e y n s o lle n . Z u b e z w e i­
fe ln i s t d ie s n ic h t, da d ie K ö n ig e so v ie l w e ite r h e r r s c h ­
te n ; es w erd en aber d ie s e O rte th e ils a ls E n ts c h ä d ig u n g
f ü r C ru s tu m e riu m , th e ils a ls P r e is d e r H ü lfe a b g e tr e te n s e y n :
auch C ir c e ji k a m v ie lle ic h t e r s t d a m a ls a n d ie L a tin e r . Es
w ar dem nach d ie v ie rte u n te rs c h ie d e n e O rd n u n g der näm ­
lic h e n S t ä d t e z a h l ; w ie b e y d e r H e rs te llu n g d e s B u n d e s m it
Eom gegen das Ende d e s v ie rte n J a h rh u n d e rts d e r la tin i-
sche S ta a t w ie d e r e rw e ite rt u n d u m g e sc h a ffe n w a rd .
D ie A rt w ie je n e Z ahl genannt w ird , m ö c h te le ic h t
v e ra n la s se n v o rau szu seze n , d ass d ie la tin is c h e n S tä d te k e i­
n e n w a h r h a f t e i n i g e n S t a a t b i l d e t e n w ie d ie A c h ä e r , s o n ­
d e r n e b e n n i c h t f e s te r a l s d ie a u c h d u r c h ih r e Z a h l b e ­
z e ic h n te n n ie d e rlä n d is c h e n P ro v in z e n d u rc h d ie U tre c h te r
U n io n , ^u n d d ie d rey ze h n n o rd a m e rik a n is c h e n S ta a te n
d u r c h d ie a l te F ö d e r a tio n v e r b u n d e n w a r e n : d a s s , w e n n
ih r e B o te n z u s a m m e n k a m e n u m z u r a th s c h la g e n , d e r B e -
28 s c h l u s s doch bey den e in z e ln e n S tä d te n d a h e im g e s ta n d e n
habe; d ie V e rb in d u n g e ig e n tlic h nur e in b le ib e n d e s W a f-
fe n b ü n d n iss gew esen seyn w e rd e . Z u e rg rü n d e n w a s h ie r­
über zu h a lte n sey, lo h n t d e r M ühe u m so m e h r, da es
d u rch au s Y ö lk e rs ta a te n w aren , m it denen R om in I ta lie n
z u s a m m e n tra f , u n d d ie E in e r le y h e it d e r w e s e n tlic h e n G ru n d -

iclum Sp. Cassio Post. Cominio coss, — nu per in columna aenea


meminimus post rostra incisum et perscriptum fu isse : Cicero pro
Balbo 23. (53.): wo cum L a tin is omnibus vielleicht grade auf
die Nennung aller Oite geht. Diese Tafel, seit dem juligehen
Ѳевег nur noch eine Antiquität, dürfte in Sullas Zeit fortgekom-
men seyn, wo auch Statuen vom Comitium weggenommen wurden .*
m uper braucht nicht streng ausgelegt zu werden.
32 fiUMDп .]

fo rm e n der ita lis c h e n V ö lk e r a n z n n e h m e n b e re c h tig t, dass


d e r B e g riff d e r la tin is c h e n V e rfa ssu n g auch d ie ih rig e e r­
kennen la s s e n w e rd e , w e lc h e so n st g a n z ’ u n e rfo rs c h lic h
v e rb o rg e n w äre.
D ie F o lg e r u n g e n w e lc h e aus d e r M ö g lic h k e it das la ­
tin is c h e m it dem rö m isc h e n K rie g s v o lk zu e in e m g le ic h ­
fö rm ig e n G anzen zu v e rs c h m e lz e n , h e rv o rg e h e n , d ü rfte n
fre y lic h n ic h t so a llg e m e in a n g e w a n d t w e rd e n : a b e r f ü r d ie
L a tin e r b e u r k u n d e n s ie e n ts c h e id e n d e in e w a h re E i n h e it d e s
S ta a ts . D a m i t s ie n ic h t n u r k e in e a b g e s o n d e r te n L e g io n e n
in s F e l d b rä c h te n , s o n d e r n d u rc h a u s je d e A b th e i lu n g ih re r
B e w a ffn e te n u n te r der H and e in e s rö m is c h e n B e f e h ls h a b e r s
sey , v e rb a n d T a rq u in iu s je z w e i C e n tu rie n , e in e v o n je d e m
V o lk zu e in e m M a n i p e l 30) : wo es s ic h denn von s e lb s t
v e rs te h t, dass d e r rö m isc h e C e n tu rio den Ö rd o fü h rte , und
der e ig e n tlic h e H a u p tm a n n w a r: w ie h in g e g e n , nach dor
H e rs te llu n g des B u n d e s im Jahr 391, d ie V e re in ig u n g e r - 29
n e u e rt w a rd , d ie F ü h r u n g a b e r w e c h s e lte . D ie s se z t v o r­
aus, d a s s L a tiu m d ie n ä m lic h e K la s s e n v e rfa s s u n g h a t t e w ie
K o m , a u s j e d e r K la s s e d ie n ä m lic h e Z a h l C e n tu r ie n in s F e ld
g e sa n d t w u rd en : d o rt f ü r je g lic h e e in F u s s k n e c h t a u s je d e r
S ta d t, w ie h ie r au s je d e r T rib u s, a u s g e h o b e n w a rd . Jen e
V e rfassu n g is t a b e r n u r d e n k b a r so fe rn a lle S tä d te in ih r e m
C o m itia t e n th a lte n w aren : d ie B ü r g e r s c h a f t e in e r j e d e n d e r
d re y s s ig so e in g e fc h e ilt z u d e n k e n , w onach e in e C e n tu rie d e r
A e lte r e n e in e n o d e r z w e y K ö p fe g e z ä h lt h ä tte , f ä llt lä c h e r lic h .
Eine allgemeine italische Form lässt sich in der des
Landraths erwarten. Ueber diesen drückt Dionysius sich mit
einer, wie es scheint, absichtlichen Unbestimmtheit aus,
indem er die versammelten Rathsherren Probulen nennt06);

8ö) So hätte Livius viel einfacher sagen können was er schwer


und dunkel ausclrückt I. 52. : miscuit manipulos ex Latinis Mo~
maniaque, ut ex binis sinyuloe facer et, singulonque ex bin is, Die
klassische Stelle über die älteste bewegliche Legion, ѴШ. 8.»
lehrt dasa der Manipel aus sechzig Manu bestand, und aus zwey
Centurien,; indem er zwey Centurionen hatte. 86) Tà фт)у>і~
сг&еѵта Опд т&у KpoßouXcuv : Dionysius V. 52. p* 318. b. oi
куурафаре^оі тайта -KpößouXoi: 61. p. 326. b. Beydes von den
Latinern: vom »Senat der Samniter, deanen Gleichartigkeit ihm
bekannt war: ol жpéafietç — èX&éïTeç è?ri toùç tzpofioôXouç
rwv 2auvrrtDv : exe. de leg. p. l'ôd. c.
[band п .] — 33 —

w ie H e r o d o t d ie a b g e o rd n e te n B o te n v e r b ü n d e t e r S t ä d t e 87) :
doch lä s s t s ic h d a ra u s n ic h t f o lg e rn d ass je n e r d ie l a t i n i ­
s c h e n n u r a u f d ie s e s V e r h ä ltn is s b e s c h r ä n k g e d a c h t h ä tte ,
v e r p f l ic h te t d ie B e f e h le i h r e r S tä d t e z u e m p f a n g e n , u n d d ie s e
eb en so s e lb s tä n d ig w ie d ie io n is c h e n . D enn auch den ro -
m u lis c h e n S e n a t n e n n t e r d e n R a th d e r P r o b u l e n 88) , D ie s e s
so W o r t b e z e i c h n e t e in O lig a rc h ie n den tä g lic h e n R a t h , w e l­
c h e r la u f e n d e G e s c h ä fte a b m a c h te , u n d w ic h tig e r e z u r E n t ­
s c h e i d u n g f ü r R a t h u n d B u r g e r 39) v o r b e r e i t e t e 40) : u n d e s
w ä r e m ö g lic h , d a s s d ie K l a r h e i t w o m it e in r ö m is c h e r S c h r if t­
s te lle r s ic h über d a s u rs p rü n g lic h e V e rh ä ltn is s des S e n a ts
zu d e n G e s c h le c h te rn g e ä u sse rt h a b e n k a n n , D io n y s iu s d a ­
m a ls d ie s e n A u sd ru c k zu w ä h le n v e ra n la s st ; w enn auch
d ie v o r ü b e r g e h e n d m i tg e t h e il te E i n s i c h t n a c h h e r w ie d e r v e r­
schw and. A ber d ie B e s tim m th e it w e lc h e s e in e r A n sic h t
w o h l n ic h t m in d e r a ls s e in e n W o r te n m a n g e lte , w ird d u rch

37) VI. 7. von denen der loner: VII. 172. von den auf dem
Isthmus versammelten. Er dachte sich wohl keine wesentliche
Verschiedenheit wenn er solche sonst àyyéXoog nennt: V. 9 1.—
wie Thukydides 7tpiaßeiq. I. 119. 38) r ô auvéàpiov t û j w
7tpoßouXwv : II. 45. p. 110. e. 39) Dies war in der Schweiz
die amtliche Benennung des grossen Raths in den aristokratischen
und oligarchischen Städten. Die Anwendung von Ausdrücken
der eigenen Sprache ist nicht ohne Kraft um die Geschichte des
Alterthums aus einem Gegenstand der blossen Gelehrsamkeit zu
der Würklichkeit zu beleben, welche die jüngst vergangene eines
uns angehörigen Volks hat; freylich nur für den Kundigen. Dem
Staatsrecht der Schweiz und der Reichsstädte fehlen wenige Aus­
drücke für die Verfassungen des Alterthums; allmählich wird der
Leser mit ihnen vertraut werden, dem sie jezt allerdings fremd
Vorkommen. Wollte der Himmel es liesse sich hoffen, dass die
Sprache dos bürgerlichen Rechts, die allen Adel und Reinheit
verloren hat, eben so hergestellt werden könne. 40) So muss
ihr Amt nach den Erwähnungen in Aristoteles Politik (V. 14. p.
122. b. 15. p. 124. c. 125. a.) gedacht werden. Ohne ihren Vor­
trag konnte der grosse Rath nichts verhandeln : so die Geschlech­
ter nichts ohne den des Senats: und da auch dieser auf solche
Gegenstände beschränkt war welche der Vorsizende an ihn brachte,
so nennt Dionysius anderswo, nicht unpassend, die Consuln Ttpo-
ßouXoug: IV. 76. p. 270. a. V. 1. p. 277. d.: und eben so die
beyden Vorsteher der zwanzig Tribunen bey dem zweyten Auf­
stand: XL 44. p. 724. d.
Niebuhr, Röm. Gesell. 3
— 34 — [ band п .]

d ie M e ld u n g b e i L iv iu s e rs e z t, dass d ie zehn E rs te n der


L a tin e r m it ih re m P rä to r v o r dem A u sb ru c h des g ro sse n si
K rie g s a ls G e s a n d te nach Eom gekom m en w ä r e n 41) . D ie
L a tin e r h a tte n a lso d a m a ls e in e n S e n a t, dessen z e h n E rs te
k ra ft ih re s A m te s , w ie aus dem rö m isc h e n und denen der
M u n ic ip ie n u n d C o lo n ie n , z u G e s a n d ts c h a f t e n a b g e o r d n e t w u r ­
d e n 42) : und d a s s e lb e fü r d ie ä lte s te n Z e ite n anzunehm en
b e re c h tig t L . C in c iu s , d e fr g l a u b h a f t e s t e Z e u g e , w e lc h e r d e n
la tin is c h e n S ta a t d e r u n te r d e m C o n s u la t d e s P . D e c i u s fie l
a ls e in s m it dem b e tra c h te te der nach A lb a s Z e rstö ru n g
U n a b h ä n g i g k e i t e r l a n g t h a t t e 43) ; w i e w o h l e r d i e v ie ljä h rig e
A u flö s u n g in der Z e it d e s U n g lü c k s g e w is s n ic h t ü b e rs a h .
In d ie s e n zehn E rs te n s in d , w ie in denen des rö m i­
schen S e n a ts, d ie E rs te n eben so v ie le r D e c u rie n n ic h t zu
v e r k e n n e n 44) , u n d es b e d a rf k au m e rin n e rt zu w erd en , d ass
je d e von d ie s e n e in e S ta d t, w ie zu E om e in e C u rie , v e r­
tra t. D ie s e B o te n k o n n te n e rw ä h lt o d e r von A m ts w e g e n
b e ru fe n seyn: fü r d a s le z te s p ric h t e in e A eu sse ru n g bei
D i o n y s i u s 45) ; u n d a u c h a n s ic h i s t e s m e h r a l s w a h r s c h e i n - 82
lie h . D ie S e n a te der la tin is c h e n S tä d te b e s ta n d e n ohne
a l le n Z w e ife l a u s h u n d e rt M ä n n e rn ; w ie im u rs p rü n g lic h e n
Eom , und in d e n C o lo n ie n und M u n i c i p i e n 46) : w ie w e s e n t­
lic h d ie E in th e ilu n g in zehn D e c u rie n w a r, e rh e llt sc h o n
aus dem N am en d e r D o c u rio n e n : und so z e ig t d ie V e r-
m u th u u g , dass aus je d e m s tä d tis c h e n S enat der V o rm a n n
v o n je d e r d e r z e h n D e c u rie n z u r T a g sa z u n g a b g in g , m o c h te
es e in e g e w ö h n lic h e o d e r b e s c h rie b e n e seyn, e in e fe rn e re

41) Livius ѴШ. 3. Decem principes hatinorum Homam euo-


caverunt: die Darstellung der römischen Eitelkeit, dass кіо nach
Rom geboten wären, kommt nicht in Betrachtung. *Я) Vom
Senat an die Ausgewanderten : Th. 1. Anm. 1345. Vom Rath
von Ameria an Sulla, Cicero pro Sex. R ohсio 9. (125). Aue den
latinischen Colonien, Livius XXIX. 15. Ueber die IMcemprimi
8. Noris Cenotaph. Pis. I. p. 59. 60. und Otto de aedilib. p. 149-
{ed. 2). In ihrer Abordnung aus dem Senat liegt auch der Ur­
sprung der den Feldherrn zugegebenen zelm Legate aus dem­
selben. 48) Festus, praetor ad portam. — Worüber weiterhin,
44) Th. I. S. 878. 4б) fjxBt» eiç . . àyopàv roô ç
elot&âraç unkp tou xoivou т&ѵ Аатіѵшѵ auveâpeôetv : Dionyeiue
IV. 45. p. 247. b. 46) Cicero adv. Ridlum IL 35. (Нб), und
Inschrift von Veji, Öavignye Rechtegeech. I. 2. Anm. 153.
[bakd II.] — 35 —

A nw endung des B e ru fs der zehn E rs te n zu B o ts c h a fte n .


S onach h ä tte auch der la tin is c h e S enat w ie der d e s v o ll­
e n d e te n B o m , a u s d re y h u n d e rte n b e s ta n d e n : d e n V o rn e h m ­
s te n a u s je d e m d e r k le in e n S e n a te , u n d s ie k o n n te n ganz
e ig e n tlic h principes Latinorum genannt w erd en ; w enn ic h
g le ic h n ic h t e n ts c h ie d e n b e h a u p te n m ö c h te , d ass L iv iu s
d ie s e n A u sd ru c k m it A b s ic h t g e w ä h lt fa n d , und nur m it
u n b e s t i m m t e r e m B e w u s s t s e y n a n w e n d e t e 47) . B e m e r k e n s w e r t h
is t e s a u c h , d a s s D io n y s iu s v o n d e n V o ls k e rn , d e r e n S ta a t
er s ic h g e w is s , und m it v o lls te m R e c h t, dem la tin is c h e n
ganz g le ic h d a c h te , s a g t, s ie h ä tte n d ie V o rn e h m s te n aus
je d e r S t a d t a l s G e s a n d t e a b g e o r d n e t 48) : j e n e z e h n G e s a n d t e
33 w a r e n j e d e r aus e in e r ä n d e rn : nur d a rin w ü rd e e r irre n
dass er von a lle n S tä d te n s p r ic h t, d a w o h l a lle m a l n u r e in
T h e il d ie E h r e h a tte : w ie d ie C u rie n , w ie d ie p le b e ji s c h e n
T rib u s, so s in d s ic h e r a u c h in a lle n V o lk s s ta a te n d ie O r t e
in K la s s e n , u rs p rü n g lic h von v e rs c h ie d e n e m R a n g , g e th e ilt
gew esen. D och e r s e lb s t d a c h te b e y d ie s e m A u s d r u c k w o h l
e ig e n tlic h d ie O b r ig k e ite n , d ie P r ä t o r e n o d e r D ic ta to r e n d e r
S tä d te : w e n ig s te n s nennt er in der e in z ig e n e rh a lte n e n
S te lle , d ie s e in e M e y n u n g b ü n d ig zu äu sse rn s c h e in t, d ie s e
und das V o lk a ls s ic h zur T a g le is tu n g v e r s a m m e l n d 49) .
W ie ausgem acht es nun auch fü r m ic h is t d a s s s ie den
S e n a t n ic h t b ild e te n , so m ö c h te ic h d o c h k e in e s w e g s lä u g -
nen, dass auch s ie au f den T agen e rs c h ie n e n , d a s i e .o f t­
m a ls d ie zehn E rs te n auf G e s a n d ts c h a fte n b e g l e i t e t e n 50) :
u n d e s h a t s ic h e r d ie h ö c h s te W a h rs c h e in lic h k e it, d a s s d e r
g e m e in s a m e M a g is tr a t d e s S ta a ts a u s ih n e n e r w ä h lt w a rd .
Es m ag u n m ö g lic h seyn d ie S te lle zu e rra th e n w e lc h e s ie

47) Bey der Versammlung unter Tarquinius nennt er dia


prin cipes und proceres der Latiner: I. 50. 51., wie er XXIX. 15.
die Nämlichen decem prin cipes und prim ores nennt. Auch im.
Concilium der Akarnaner unterscheidet er m agielratus und p rin ­
cipes XXXIII, 1Й. — römischen Sprachgebrauch auf abweichende
Verhältnisse anwendend. 48) éxdcm jç поХш и robç ènt-
<раѵеотатоид èXôfievot TzpeaßeüTag^ Dionysius VIII 9. p. 487. d.
49) оиѵцееаѵ anàavjg nôXewg o ï те èv rpîç réXsct xa i
tzoXuç àXXog ÉyXoç eîç rijv гЕ%етp a v w tzÔXiv. Dionysius VHL
4. p. 483. e. 50) Liriue VIII. 3. — XXIX. 15. Cicero 2 wt
Verr. II. 67. (162). Auch III. 28. (68).
3*
— 36 — [band ii.]

e in n a h m e n , da s ie n ic h t zu m S e n a t g e h ö re n k o n n te n : a b e r
das g ie b t k e in e n B e w e is.
J e n e M e n g e d e s V o l k s 0) , w e lc h e , n a c h d e r o b e n a n g e ­
zogenen E rw ä h n u n g , m it den B o te n zum L a n d ta g nach
E c e tra g in g , w a rd n ic h t a lle in von N e u g ie rd e , oder vom
V erk eh r der M esse g e lo c k t: s ie g in g um d ie H o h e it z u
üb en : denn ohne e in e L a n d s g e m e in d e u n d ih re B e s tä tig u n g
w ären d ie S c h lü s s e d es L a n d ra th s so w e n ig k rä ftig gew e- и
sen, w ie d ie des rö m is c h e n S e n a ts über G eseze, K rie g u n d
F rie d e n . E in e s o lc h e E k k le s ia h a tte n d ie g rie c h is c h e n
S ta a te n b ü n d e so w o h l a ls v e r e in ig te S ta a te n : d ie A m p h ik ty o -
nen w ie d ie A c h ä e r : u n d n ic h t a n d e rs a ls d ie s e g r ie c h is c h e n
L a n d s g e m e in d e n können d ie ita lis c h e n e in g e ric h te t g e w e ­
s e n seyn. O h n e Z w e ife l k o n n te in ih n e n je d e r s e in e S tim m e
abgeben, der es in s e in e m O rt a ls B ü rg e r zu tlm n be­
re c h tig t w ar: w ie aber in d e m s e lb e n d ie A b m e h r u n g n ic h t
nach der Sum m e d e r e in z e ln e n , so n d e rn n a c h 'd e n P h y lo n
g e re c h n e t w a rd , u n an g eseh en w ie v ie le o d er w e n ig e B ü r g e r
je d e e n th ie lt, so w ard h ie r d ie S tim m e je d e s O rts g e z ä h lt.
W ä re n ic h t nach d ie s e n a b g e m e h rt w o rd en , so h ä tte n d ie
B ew ohner e in e r d e r g ro s s e n S tä d te , w enn der T ag d o rt g e ­
h a l te n ^w a rd , g e g e n a lle v o n ä n d e r n O rte n H in g e k o m m e n e
e n t s c h i e d e n 51) . G a lt a b e r d ie S tim m e v o n z w a n z ig e n a u s
D ym e eben so v ie l w ie d ie von z w e y ta u s e n d K o rin th io rn
o d e r A rg iv e rn , so w ard d ie L a n d s g e m e in d o re p rä s e n tire n d ;
es kam nur d a ra u f an dass e in ig e aus e n tle g e n e n O rte n
s ic h e i n f a n d e n ,* w ie z u R o m d ie T r i b u s d e r e n R e g i o n e n e n t ­
f e r n t la g e n doch n ie um den ih n e n g e b ü h re n d e n A n th o il
am R e g im e n t v erk ü rzt w o rd e n k o n n te n . Es is t k la r dass
in den L a n d s g e m e in d e n der L a tin e r, V o ls k e r, S a m n ito r, 85-
n ic h t a n d e rs a b g e s tim m t seyn kann. Ih re V e re in ig u n g ,
neben d e n S iz u n g e n d e r B o te n , d a c h te L iv iu s s ic h b e s tim m t,

«) Schwegler II. 290. A. 4. «) Wie unter dem Wahl,


gesez von 1817 die Hauptstädte der Departementer die Wahlen
entschieden. Dass in der Landsgemeinde solcher Volkeetaatoa
auf die angegebene Weise abgemehrt ward, mag längst bemerkt
seyn: ich erwähne es nicht mit dem Anspruch etwai Neues ssu
lehren sondern weil es hier wesentlich ist. Der Hergang bey
der Aufhebung des Bündnisses mit Philippus (Livius 3CXXII.
20 . — 26.) macht das ganze Verhältniss klar.
[ band h .] — 37 -

und ein latinisches Concilium als Versammlung einer zahl­


reichen Menge derivation52). Das Concilium der herniki-
schen Völker ward im Circus von Anagnia gehalten63):
einem Ort der nur für zusammenkommende Tausende ge­
eignet war. In der vierten Decade nennt Livius die Lands­
gemeinden der griechischen Völker stets, Concilia: wo er
in der polybianischen Geschichte, wie die Bruchstücke zei­
gen, durchgehende das Wort àyopd fand54); eben dieses
gebraucht Dionysius, so gelehrt und sorgfältig im Sprach­
gebrauch, für die Versammlungen der Latiner65); nicht
etwa, als ob sie nur für eine Messe zusammengekommen
wären.
So lange die Latiner einen frey en Staat hatten, hiel­
te ten sie ihre Landsgemeinde am Quell und Hain der'Fe-
rentina: die wohl mit völligem Recht für den Quell und
Wald im Thal unter Marino gelten; wenn auch diese Ge­
gend durch den albanischen See von Montecavo geschieden
ist, unter dem doch die Stelle jener Gegend angegeben
wird56). Vielleicht war hier ein Tempel der dem Rath zur
Curie diente, wie bey den amphiktyonischen Versammlun­
gen : freylich kann derselbe auch, wie deutsche Räthe, Ge­
richte und Stände, seine Geschäfte unter freyem Himmel
gehalten haben57). Diese Mahlstatt nennt Dionysius immer

52) Livius I. 50. c o n f e s l i m L a t i n o r u m c o n c i l i u m m a g n o c u m


t u m u lt u a d v o c a tu r — dann wird von demselben alsobald die
Hoheit des römischen Königs anerkannt. б3) Ders. IX. 42.
c o n c iliu m p o p u lo r u m o m n iu m . 54) Die Meynung dass die
à y o p â nur von der ß o u l r } zu verstehen sey, ist ein grosser Irr­
thum, den die eingestandene 'wiederholte Erwähnung des 8%kog
und 7r X 9 j $ o g , und der т г о Л Л о с , nicht hätte aufkommen lassen sollen.
Das allgemeine Wort für die Landsgemeinden der Achäer ist
/ r ô v o â o g : sie hatten deren zwey jährliche bestimmte, und diese

hieesen à y o p a l : eine beschriebene (c o n c i l i u m i n d i c i u m ) а и у х к у т о д .


Zu diesen lezten ward, wie Polybius Ausdrücke, XXIX. 9, G.
allerdings folgern lassen, nicht allemal die ganze Mannheit be­
rufen, sondern zuweilen nur der weite Rath: wo es sich denn
versteht dass dieser nie die Befugnisse des ganzen Volks üben
konnte. 66) Dionysius IH. 34 p. 175. c. 51- p. 188. e. und
sonst häufig: s. Sylburga griechischen Index. ^®) Van Festus
s. v. P r a e t o r a d p o r t a m . 57) Wie unsere Ditmarscher auf
■der Heide, die Friesen am Upstalsboom ; ja, wie ich von meinem
— 38 — [band ii.}

Ferentinum; gewiss nicht durch Verwechslung mit dem


wohlbekannten Ort der Herniker: es mochte dort, als La­
tium frey war, ein Marktflecken bestanden haben, dessen
Ursprung die mit solchen Versammlungen wie mit Wall­
fahrten verbundenen Handelsmessen waren68). Auch scheint
die Erzählung von der Arglist, womit Tarquinius seiner fal­
schen Anklage gegen Turnus Herdonius Glauben verschafft
habe, vorauszusezen dass die Rathsherren in Wohnhäusern
übernachteten.
Die einzelnen Städte waren, der Verfassung nach, im
gesammten Staat enthalten wie die nordamerikanischen
Staaten in der Föderalunion: es hat sogar viel Glaublich-
keit dass das allgemeine latinische Landrecht, welches bis
zumjulischen Gesez in den Colonien dieses Namens galt59),
von uralten Zeiten her in Kraft war, und einzelne Orte sr
daran durch Beliebungen nichts ändern konnten. Die ver­
einigende Verfassung war fester als dass man Latium einen
Bundesstaat nennen könnte. Weil aber eine feste Stadt,
wie wohl alle es waren, wahrhaft in sich bestand, und jode,
die allgemeinen Verhandlungen ausgenommen, sich selbst
regierte und verwaltete, so hatten sie Anreizungen und Ge­
legenheiten ihre Befugnisse gegen das gemeine Latium zu
übertreten, woran in der römischen Republik eine Tribus
nie denken konnte.
Es darf wohl für ausgemacht gelten, dass ein Dictator
als Standeshaupt den Bund mit Rom schloss: da ein la­
tinis eher Dictator genannt wird aus der Zeit als Pometia
Latium angehörte60). Die Herleitung dieser Magistratur
aus Alba, ihr Vorkommen in uralter Zeit zu Tusculum,
ihre Portdauer zu Lanuvium fünf Jahrhunderte nachher,
bewähren ihren latinischen Ursprung. Wie nun der Senat
des gesammten Staats aus denen der dreyssig Städte ge­
bildet ward, so lässt die Analogie errathen, dass der I)i-

Freunde Pertz vernehme, noch nach dem 30jährigen Krieg die


Lüneburgischen Stände.
68) Die Kaufleute berichteten was in der Versammlung der
etruskischen Völker am Tempel der Voltumna beschlossen worden;
Livius VI. 2. 5S>) Gelliua IV. 4. M) Egerius LUvius a) :
Cato bey Priscian p. 629.
a) Baebius in der Ausgabe von Hertz,
*
[band II.] — 39 —

c ta to r von e in e r d e rs e lb e n d ie s e W ü rd e fü r das g e m e in e
L a tiu m e m p fin g : g le ic h w ie e in e r der K ö n ig e der z w ö lf
e tru sk isc h e n O rte a ls H aupt d e r N a tio n a n e rk a n n t w a rd .
F o r s c h e n z u w o lle n o b a lle o d e r n u r e in ig e S tä d te d a z u
b e r e c h t i g t w a r e n ; o b W a h l o d e r U m g a n g d ie W ü rd e e r -
t h e i lt e ; — w ä r e e in e e itle B e m ü h u n g .
G e g e n C a to s a u s d r ü c k lic h e s Z e u g n is s g ilt d ie E r z ä h -
38 l u n g g a r n i c h t s , d ie L a tin e r h ä t t e n , n a c h A lb a s U n te r g a n g ,
a ls s ie b e s c h l o s s e n d e m r ö m i s c h e n K ö n ig e z u w id e r s te h e n ,
zw ey F e ld h e rrn e rw ä h lt, w e lc h e der la te in is c h e S c h rift­
s te lle r P rä to re n g e n a n n t h a b e n m u s s 61) . Ih re N am e n w aren
g e n a n n t, in g le ic h e r A rt w ie d e rje n ig e n w e lc h e zu R om
z u e rst e in n eu es, o d e r zu n e u e r B e d e u tu n g e rh o b e n e s, A m t
b e k le id e te n . An e in e s o lc h e N o tiz aus den Z e ite n des >
T u llu s H o s tiliu s g la u b e ic h in L a tiu m so w e n ig a ls zu
R om : es m ögen je n e w ü rk lic h d ie e rs te n P rä to re n des
L andes g ew esen seyn, a b e r m a n c h e s M e n s c h e n a lte r s p ä te r ;
a ls d ie L a tin e r nach R om s g a llis c h e m U n g lü c k ih re n S ta a t
h e rs te llte n . Da h a tte e r a l le r d in g s , w ie e s d ie G e s c h ic h te
s e in e s U n te rg a n g s z e i£ t, zw ey P rä to re n : d ass R om zw ey
C o n s u ln h a tte w ar nur d u rc h das D aseyn der beyden
S tä n d e v e ra n la s st: es b lie b nachher dabey aus ä n d e rn
G rü n d e n o b w o h l d ie V e r a n la s s u n g w e g g e fa lle n w a r, j a m it
a lle r M a c h t g e w e h rt w a r d a ss s ie g e lte . D ie L a t i n e r h a t t e n
k e in e U rsa c h e gehabt e in e so m is s lic h e E in ric h tu n g e in ­
zu fü h ren , a ls s ie s ic h von A lb a b e fre y te n : w ohl aber
können s ie s p ä te r ih re V e rfa ssu n g der rö m isc h e n nachge­
b ild e t h a b e n , w ie d ie ita lis c h e n V ö lk e r in d e r m a rsisc h e n
V erb ü n d u n g .
S o la n g e L a tiu m s ic h e in e n D ic ta to r e r n a n n te , k o n n te
n ie m a n d a ls d ie s e r d a s O p fe r a u f d em a lb a n is c h e n B e rg e
d a r b r i n g e n , u n d d e n l a t i n i s c h e n F e r i e n 62) v o r s t e h e n , w i e e s
e in s t d em a lb a n is c h e n zukam . A uch f ü r d ie R ö m e r o p f e r te
er, w ie h i n g e g e n d ie s e im D ia n e n te m p e l a u f d e m A v e n tin u s
39 f ü r s i c h und d ie L a t i n e r 68) . Es v e rs te h t s ic h dass T a r-

Ci) Dionysius III. 34. p. 175. d. 62) Der eigentliche


Name war Latiar: — Macrobius Sat. I. 16. (Ï. p. 279* B ip.).
63) Tb. 1. S. 406. 407. Dionysius IV. 26. p. 230. b. ff.
Livius I. 45. Es darf nicht irren dass beyde die Errichtung die­
ses Tempels so auffassen, als sey Rom damit als Haupt des la-
— 40 — [bàkd eu]

q u in iu s d e n V o rs ta n d a n f d em a lb a n e r B e rg e fü r s ie b n a h m ,
w ie d e rs e lb e nachher s e it der Z e rstö ru n g des la tin is c h e n
S ta a ts , u n d w a h rs c h e in lic h s c h o n w ä h re n d d e r s ie b z ig J a h r e
s e in e r A u flö s u n g , von R om s e rs te r M a g is tra tu r ausgeübt
w a r d ; in g le ic h e r A r t w ie das a lljä h rlic h e d e n P e n a te n g e ­
w e ih te O p fe r zu L a v in iu m , w e lc h e s u rs p rü n g lic h fü r d ie
d re y s s ig S tä d te g e w e ih t sey n w ird , s ic h e r e b e n fa lls e in st
v o m a lb a n is c h e n , d a n n v o m la tin is c h e n D ic ta to r d a r g e b r a c h t
w o rd e n is t. D ie M e y n u n g a b e r d a s s je n e r K ö n ig , o d e r s e in
V a te r, d ie F e r i e n e in g e se z t h a b e , is t g an z v e rw e rflic h ; ih r
v ie l h ö h e re s A lte r w ird sch o n d u rc h d ie K u n d e e rw ie s e n ,
d ass d ie S tä d te d e r P ris k o r und L a tin e r e in s t a u f d e m a l­
b a n e r B e rg e ih r e n O p fe rth e il m it d e n A lb a n e rn u n d d e n
d r e y s s i g a l b e n s i s c h e n G e n o s s a m e n e m p f i n g e n 64) ; e i n e N o t i z
d eren A e c h th e it u n d U r s p r u n g a u s u ra lte n S c h rifte n d u rc h
d ie V e rz e ic h n u n g d ie s e r O rte d a rg e th a n w ird . A uch e r - 40.
k a n n te n e in ig e rö m isc h e A n tiq u a re d ie s e s hohe A lte r d es
F e s t e s 65) . F re y lic h w a rd es d u rc h T a rq u in iu s e in rö m i­
s c h e s ; a u c h d ü rfte d ie s e r d u rc h E r w e ite r u n g d e r T h e iln a h m e
den n a tio n a le n G o tte s d ie n s t z u r H e ilig u n g u n d V e rm itte lu n g
e in e r V ö lk e rg e n o s s e n s c h a ft u m g e sc h a ffe n haben. D ie d rey
v e rb ü n d e te n V ö lk e r h a tte n je d e s fü r s ic h s e in e M a h ls ta tt;
zu R om , an d e r F e re n tin a , zu A n a g n ia : dass ih re g e m e in ­
s c h a ftlic h e n T a g e m it d en la tin is c h e n F e rie n v e re in ig t w a ­
ren , d a f ü r s c h e in t d a s H e rk o m m e n Z e u g n is s z u geben, dass
d ie C o n s u ln n i c h t in s F e ld z o g e n ehe d ie s e g e f e y e r t w a r e n :
auch ih re V e r ä n d e rlic h k e it, a ls e in e s a n g e sa g te n F e s te s .

tinischcn Volks anerkannt worden: wohin freylich die Legende


vom Riesenrind gehört. Die allgemeine Analogie deutet darauf
dass Römer *und Latiner, wenn sie in gleichem Bunde standen,
an jedem der gemeinschaftlich geheiligten Orte jährlich zusam­
men kamen, wie die Amphiktyonen ihren Tag einmal im Jahr zu
Delphi, einmal bey Thermopylä hielten; und zwiefache jährliche
Versammlungen bey den griechischen Völkern gebräuchlich waren :
noch bey den Achäern. Nach des latinischen Staats Zerstörung,
wo nicht schon früher, ward freylich der Dianentempel ganas
römisch; das Opfer der Latiner hatte aufgebörfc.
6*) Plinius III. 9. Praeterea fuere in Latio clara oppida —
cum his cam era in monte Albano soliti aùcipere p o pu li A l -
bensee. 65) SchoL M ai. zur Planciana, 9. A lii a L . Tar~
quinio Prisco — der gehört hieher auf keine Weise — (institu-
[вхіш п.] — 41 —

S ie g e w ä h rte n , w ie d ie g r ie c h is c h e n F e s te , e in e n G o t­
t e s f r i e d e n 66) a ) . Ih re D auer w ar sechs T a g e 67) , so v ie l
a ls d ie a lb e n s is c h e n u n d la tin is c h e n O r te D e c u rie n z ä h lte n ;
e b e n w ie d ie d re y rö m isc h e n T rib u s in d e n g r o s s e n S p ie le n
d re y Tage fe y e rte n , b is fü r d ie P le b s e in v ie rte r h in z u ­
g e fü g t w ard . D u rch der R fö n er Z u tritt w a rd je n e Zahl
4i d e r la tin is c h e n F e y e rta g e , w e n ig s te n s ih r e A n g e m e s s e n h e it,
h e rg e s te llt : aber d ie S tiftu n g des v ie rte n F e y e rta g s zu
Rom h a t s c h w e rlic h auch d ie L a tin e n v e rlä n g e rt. A ls m it­
te lb a r e , e in ig e J a h r e s p ä te r e in g e tr e te n e , F o lg e w ä re e s a lle n ­
f a l ls d e n k b a r : w e n n a b e r d ie E i n s e z u n g je n e s v i e r t e n T a g s
g ra d e h in von den L a tin e n v e rs ta n d e n w ird , so is t es e in
h a n d g re iflic h e r, und d u rc h L iv iu s W o rte e rw ie s e n e r, Irr­
th u m , da L a tiu m 383 ganz frey w a r. U nd eben so ge­
w is s i s t je n e s F e s t m it d en r ö m is c h e n S p ie le n v e rw e c h s e lt,
w enn es h e is s t, T a rq u in iu s habe nur e in e n T ag a n g e o rd ­
n e t g e h a b t, e in zw ey te r sey nach dessen V e r b a n n u n g , .e in
d ritte r nach der A u ssö h n u n g m it d e r G e m e in d e h in z u g e ­
kom m en. D as kann n ic h t seyn, nach je n e n Z e u g n is s e n
über A lte r und D auer der L a tin e n ; zudem w a re n Rom s
in n r e V e rä n d e ru n g e n den L a tin e rn fre m d . A b er auch von
den rö m is c h e n S p ie le n lä s s t s ic h n ic h t denken, dass b is
zum Ende d e r k ö n ig lic h e n Z e it n u r d ie R am nes d ie E h re
d e r F e y e r e in e s T a g s g enossen h ä tte n , den beyden ä n d e rn
S tä m m e n e rst bey V e ra n la s s u n g e n d ie s ie g a r n ic h t u n ­
m itte lb a r b e tr a f e n d ie s e lb e b e y g e le g t w ä r e n : e s s c h e in t n ic h ts
a n d e rs a ls e in M is s v e rs tä n d n is s der M e ld u n g seyn zu i
können, d ass bey beyden V o rfä lle n d ie S p ie le um e in e n

tas f e r u n t j : — a lii a Latinis Priscis ; ai que inter hos ipsos (de)


causa sacrificii non convenit. Da diese das Schaukeln als aus­
zeichnend bei dem Fest betrachteten, und auch Cornificius, bey
Festus 8, v. oscillum , dies thut, so gehört auch er zu denen
welche den latinischen Ursprung nicht verkannten.
66) Dionysius IV. 49. p. 250. b. Macrobius a. a. 0, sagt,
dass die Römer während jener Tage kein Treffen geliefert hätten.
a ) Schwegler II. 232. A. 5./ Mommsen R. Ö. L 461.
67) Pestua s. v. oscillum. ltaqu e p e r sex eos dies J'eriatos
requirere eum : nachher: p e r eos dies feriaru m . B e y dem Scho-
liasten a. a. 0. ist ganz sicher zu emendiren: itaque i p s i s e x
diebus oecillare instituerunt : statt i p e i s d i e b u s .
— 42 — [band ii.}

Tag v e rlä n g e rt w o rd e n , w ie es h ä u fig hey D ank- oder


B u s s f e s t e n g e s c h a h 68).
A u f d e n n ä m lic h e n a lb a n is c h e n B erg , zu dem T em pel
des J u p ite r L a tia r is , w e lc h e r f ü r A lb a w ar w as d e r k a p i - 4*
to lin is c h e fü r R om , fü h rte n ohne Z w e ife l d ie D ic ta to re n
von A lb a und L a tiu m d ie s ie g re ic h h e im k e h re n d e n L e g io ­
nen im T riu m p h . U n z w e ife lh a ft w ie d ie s e F e y e r, bey
w e lc h e r d ie T riu m p h a to re n in k ö n ig lic h e n G ew än d ern er­
s c h ie n e n , aus d e r Z e it d e r K ö n ig e h e rs ta m m t, is t es auch
d a s s d ie la tin is c h e n H e e rfü h re r s ic h n ic h t g e r in g e r h ie lte n ,
noch d e m ü th ig e r g e z e ig t h a b e n w e rd e n , a ls d ie r ö m is c h e n ,
w e n n s ie n i c h t u n t e r d e re n I m p e r iu m s t a n d e n ; a u c h d e n
G ö tte rn n ic h t m in d e r d a n k b a r. E s e r h ie lt s ic h a b e r a u c h
d ie s e r T riu m p h in d e m je n ig e n w e lc h e n rö m isc h e F e ld h e r r n
a u f je n e m B e rg e fe y e rte n : denn d ass d er e rs te , w e lc h e r
s ic h d ie s e E h r e nahm , e in e n e h e m a lig e n G e b ra u c h e r n e u e r t
habe, is t w e n ig s te n s ohne V e r g le ic h w a h r s c h e in lic h e r a ls
d ass e r g e w a g t h ä tte s ic h e in e s e lb s te rs o n n e n o A u s z e ic h ­
nung anzum assen. E r triu m p h irte n ic h t e ig e n tlic h a ls rö ­
m is c h e r C o n s u l, so n d e rn a ls F e ld h e rr d e r la tin is c h e n Co-
h o rte n , w e lc h e th e ils S tä d te n d es a lte n L a tiu m a n g e h ö rte n ,
th e ils den C o lo n ie n w e lc h e aus d e r W u rz e l des z e rs tö rte n
S ta a ts erw ach sen w a re n und ih n v e rtra te n . D a s I m p e riu m
s ic h e rte ih n in d ie s e r E n tfe rn u n g von der S ta d t gegen
S tö ru n g ; d ie A c c la m a tio n d e r L a tin e r, der d ie ita lis c h e n
B u n desgenossen b e y s tim m te n , b e re c h tig te ih n : v ie lle ic h t
g e ä u sse rt d u rch je n e so n st u n e rk lä rlic h e B e g rü ssu n g a ls
Im p e ra to r, n a c h e in e m S ie g e ; d ie fre y lic h , w e n ig s te n s .a ls
L a tin e r u n d Z u g e w a n d te m ä n n ig lic h rö m isc h e B ü rg e r ge­
w o rd e n , v o n den L e g io n e n au sg e ü b t w ard : w ie s ie sch o n
frü h e r, a ls d ie U rsa c h e v erg essen w a r, s ie g e t h e i l t h a b e n
m ögen. L a tin is c h e T riu m p h e a u s K rie g e n d ie ih re F e ld ­
h e r r e n u n te r e ig e n e n A u s p ic ie n , j a m it ih re r L e itu n g u n te r ­
gebenen rö m is c h e n L e g io n e n fü h rte n , k o n n te n , w enn das 48
G lü c k h o ld w a r, in K r a f t d e r G le ic h h e it des B ü n d n is s e s ,
d a m a ls g e f ü h r t w e rd e n .

68)^ Livius XXV. 2. XXVII, 6. 21. u. s, f. — auoh sswey,


drey, vier Tage: denn ter und quater bedeutet ao viele Tage, wie
semel XXVII. 36. einen Tag: nicht dass das ganze Fest von
vier Tagen so vielmal wiederholt ward.
[ваіш п .] — 43 —

Der Bund mit den Latinern. “)


D u rc h d ie s e G le ic h h e it e rk lä rt s ic h v o llk o m m e n d ass
S p . C a s s iu s a lle in den B u n d m it d e n L a tin e rn z n B o m
b e s c h w o r , w e lc h e s e in e g a n z u n b e g rü n d e te v o n L iv iu s a n ­
genom m ene A u sle g u n g v e r a n l a s s t h a t 69) . S e in C o lle g e w a r
n ic h t a n w e se n d w e il e r d e n s e lb e n E id u n te r den L a tin e rn
a b le g te , und s e in N am e w ird auf der T a fe l g e s c h rie b e n
gew esen sey n d ie b e y ih n e n a u fg e ric h te t w a rd .
D ie E rh a ltu n g der rö m isc h e n U rk u n d e b is auf e in e
Z e it w o M a c e r s ie o h n e Z w e ife l n o c h s e lb s t g e le s e n , v e r­
b ü r g t d e n I n h a l t w e lc h e n D io n y s iu s v o r t r ä g t v o llk o m m e n :
obw ohl s ie la n g e v o rh e r ehe er Eom sah fo rtg e k o m m e n
w a r: es is t um so w e n ig e r denkbar d ass e r s e in e n G e­
w ä h rs m ä n n e rn n ic h t b u c h s tä b lic h fo lg e , d a e r a n d e rs w o ,
v o n d e n e in g e w u rz e lte n rö m is c h e n V o ru rth e ile n v e r f ü h r t
s ic h d a s V e rh ä ltn is s d e r L a tin e r z u R o m ganz v e rs c h ie d e n
44 e i n b i l d e t 70) . D em nach v e ro rd n e te je n e U rk u n d e , w as ü b er
den O p fe rn b e sc h w o re n w a r 71) : Es s o ll F r ie d e z w is c h e n

«) Schwegler I. 305; Ihne R. G. I. 81. 69) Die Schuld


sie ausgeklügelt zu haben trifft ihn nicht, da die Annahme dass
Postumus Cominius gegen die Antiaten im Felde gestanden habe,
sich eben so bey Dionysius findet. Livius verdanken wir die
Kunde dass dies nur vermuth et, und mit dem vermeynten Beweis
seiner Abwesenheit von Rom unferstüzt ward, — nämlich weil
die Sage von Öoriolanus eingeschoben war. 70) Weiterhin
hatte er die Urkunde so vergessen dass er in der Erzählung von
Coriolanus keinen Anstand nahm zu schreiben, der Senat habe
in der eigenen Rathlosigkeit den Latinern gestattet, selbst ein
Heer aufzustellen, und ihm einen Feldherrn zu ernennen, welches
ihnen im Bundesvertrag untersagt gewesen »ey (УІІІ. 15. p.
491. c.): Es ist aber die nämliche Antwort welche 291 gegeben
ward (Livius III. 6.) und für die Zeit historisch seyn wird; die»
rechtfertigt die uralte Erzählung, aber nicht die welche sie so
hoch hinaufgesezt gelten liessen, und nicht ahndeten dass die
Verhältnisse sich zwischen 266 und 291 geändert hatten. Livius,
der den Inhalt des Bundesbriefs übergeht, ist mehr entschuldigt,
wenn er sich überredete, sogar sich gegen einen Angriff zu weh­
ren sey ihnen nicht erlaubt gewesen (VIIL 4.) 7l) Diony­
sius VI. 95. p. 415. b.
— 44 — [band Д.]

R ö m e rn und L a tin e rn seyn, so la n g e H im m e l und E rd e


an ih re m O rt b e s te h e n : k e in e s von beyden L ä n d e rn s o ll
das a n d e re m i t G e w a lt ü b e rz ie h e n , noch F rem d e erreg e n
d a s s s ie e s t h u n , n o c h f r e m d e r H e e r e s m a c h t g e g e n d e n
E id s g e n o s s e n s ic h re S tra s s e n g e w ä h re n ; s o n d e rn , so w em
S chaden u n d U n lu s t g e s c h ie h t, dem s o ll d e r a n d r e S c h irm ,
H ü lfe und B e y s ta n d tre u lic h le is te n . D ie B e u te und w as
im g e m e in e n K rie g gew onnen w ird , das s o lle n s ie g le ic h -
lie h t h e i l e n 72). W as aber d ie b eso n d eren K la g e n an­
la n g t, d ie s o lle n b in n e n zehn T agen g e ric h te t w e rd e n , in * *
dem O rt w o der H andel begonnen is t. An d ie s e m B und
s o ll n ic h ts ab noch z u g e th a n w e rd en , es w ä ro denn dass
e s R ö m e rn und dem g e m e in e n L a tiu m e in trä c h tig b e lie b e .
S o v o l l s t ä n d i g w ie z u v e rlä s sig is t fre y lic h d e r V e rtra g
s ic h e r n ic h t g e g e b e n . W ir v e rm is s e n e i n e B e s t i m m u n g d ie
u n e n tb e h rlic h w a r: w ie g e m e in e K la g e n z w is c h e n beyden
R e p u b lik e n , oder e in z e ln e r B ü rg e r gegen das a n d e re O r t,
e in e s R ö m e rs gegen e in e la tin is c h e S ta d t, e i n e r s o lc h e n
gegen d ie rö m isc h e R e p u b lik , a u s g e tra g e n und g e ric h te t
w e rd e n s o llte n : fe rn e r, w em bey g e m e in e n Zügen d er B e­
f e h l z u s te h e : o b dem m a h n e n d e n O rt? o d e r o h o r w e c h s e ln
s o lle , Jahr um J a h r 73) ? D enn nur davon kann d ie R ede
seyn: d aran is t n ic h t zu denken d ass d ie L a tin e r, bey
g le ic h e r T h e ilu n g d e s K rie g s g e w in n s , k e in e n A n sp ru c h an
d ie F ü h ru n g d e s H e e re s g e h a b t h ä tte n .
W as aus dem W esen des V e rh ä ltn is s e s f o lg t, w ird
h ie r, w ie o ft, d u rch e in Z e u g n is s b e s tä tig t. W o h l kaum
a n d e rth a lb h u n d e rt Jah re nach der Z e rstö ru n g dos la tin i-

72) Auch dies hat Dionysius nachher vergessen wo die Quä­


storen bey ihm sagen, Cassius habe zuerst den Latinern ein
Drittheil der Beute eingeräumt : dann ein zwoytes don Hernikern:
VIII. 77. p. 544. d. Alle solche Verirrungen fallen Annalisten
zur Last, von denen Dionysius sich scheute abzuweichen: jene
aber hatten im Sinn dass vor dem lezten latinischen Kriege die
Latiner allerdings ein Drittheil empfingen (Plinius XXXIV. 11.
Prisci Latird quibus ex foedere tertias praedae populus Romanus
praestabat): ohne zu bedenken dass als die Hcrniker hinzutraton
der Antheil der früher Verbündeten von der Hälfte auf ein
Drittheil vermindert werden musste. Щ Welche Punkte hier
Vorkommen mussten zu vermuthen, leitet das Bündniss der Athc-
nienser mit den Argivern und ihren Genossen, Thukydides V. 47.
[band i i .J — 45 —

scheu S ta a ts b e ric h te te L. C i n c i u s 74) : s e it d e r Z e rstö ru n g


A lb a s ,* so la n g e L a tiu m fre y g ew esen, h ä tte n d ie l a t i n i ­
sc h e n S tä d te in d em J a h r e w o es d e n R ö m e rn zugekom m en
sey den F e ld h e rm zu geben, d u rc h A b g e o rd n e te au f dem
K a p ito l d i e , A u s p ic ie n b e o b a c h te n la s s e n : das la tin is c h e
H e e r w e lc h e s v o r d e m T h o r e rw a rte te , h ä tte d e n E rw ä h lte n
a ls P r ä to r b e g rü s s t, s o b a ld es v ern o m m en dass er d u rch
46 d i e S chau b e s tä tig t sey . — D ass d ie s e s V e rh ä ltn is s auf
d ie g a n z e Z e it v o n d e r Z e r s tö r u n g A lb a s b is a u f d ie g ä n z ­
l i c h e V e r n i c h t u n g d e s l a t i n i s c h e n S t a a t s , 412 , b e z o g e n ,
und w e d e r d ie Z e it w o L a tiu m u n te r d e s K ö n ig s und der
frü h e s te n C o n s u ln B o tm ä s s ig k e it s ta n d , noch d ie wo d ie
ü b r ig g e b lie b e n e n S tä d te s ic h u n te r d e r R ö m e r S c h ir m be­
geben h a tte n , au sgenom m en w ird , h a t v e r m u th lic h F e s tu s ,
wo n ic h t sc h o n V e rriu s , zu v e rtre te n : o b g le ic h auch C in ­
c iu s es v ersä u m e n k o n n te s ic h d u rc h b e h u tsa m e A u sn a h m e
e in e r d a m a ls je d e m u n te rric h te te n L eser w o h lb e k a n n te n
E in sc h rä n k u n g gegen T a d le r zu v e rw a h re n . Für Z e ite n
w i e d i e w e l c h e a u f 261 u n d 392 f o l g t e n , e r w e i s s t d i e s e r
B e r ic h t z u v o lle r G e n ü g e d a s s R o m n ic h t im m e r d e n O b e r­
b efeh l des v e re in ig te n H eeres h a tte ; m ith in auch d ie rö ­
m is c h e n L e g io n e n dem d e s la tin is c h e n D ic ta to rs a ls P r ä to r
des B undes u n te rg e b e n gew esen s in d : wo denn d ie V e r -
m u th u n g e in e s jä h r lic h e n W e c h s e ls a m m e is te n W a h rs c h e in ­
lic h k e it h a t.
D ie V e r b in d u n g der C e n tim e n zu M a n ip e ln k o n n te
a u c h je z t f o rtd a u e rn , w ie s ie nach 392 b e s ta n d , w enn der
B e f e h l im O rd o a lljä h rlic h u m g in g : d ass es a b e r in d ie s e m
Z e itr a u m n ic h t so g e h a lte n w a rd , s o n d e r n d ie la tin i s c h e L e ­
g io n fü r s ic h s ta n d , w ird fü r b e z e u g t g e lte n m ü ssen , w enn
e in e E rw ä h n u n g n ic h t v e rw o rfe n w ird , d ie , o b w o h l s ie zu
e in e r s e h r ü b e rtre ib e n d e n D a rs te llu n g g e h ö rt, d o ch a lt g e n u g
47 s e y n d ü r f t e 75) . B ey d e r D ü rftig k e it der N a c h ric h te n aus

Щ Festus s. v. Praetor ad portam. 75) Dionysius^ IX.


5. p* 562. c. duo èxdrepog äycuv cP(u{±a(u)V rdy^aza — à<ptx£TO
âk адтосд пара гои Латіѵюѵ те хаі ^Ерѵіхш Шѵоод діпшспоѵ
гой хЪфіѵтод èntxoupixou. Vier Legionen wären damals 12000
Mann gewesen: dazu andere 12000 aus den Colonien und unter-
thänigen Orten : das doppelte Contingent würde für jedes Bundes­
volk 24000 seyn: mithin die ganze zusammengekommene Macht
— 46 — [band д .]

diesem Zeitraum lässt sich wenig darauf bauen dass so


gar selten Spuren der Vereinigung der Heeresmacht beyder
Völker Vorkommen: an sich aber ist es glaublich dass die
Pliicht zuzuziehen nur Vertheidigung betraf.
Getheilt ward der Kriegsgewinn nicht nur an Geld
und Gut, der fahrenden Habe, welche auf den Lagereid
an den Quästor abgeliefert, und durch ihn versteigert ward,
— sondern auch Land und Boden76). Latium hatte, bey
seiner Zerstörung, eine Domaine welche der Sieger nahm;
es hat nothwendig von jeher einen ager Latinm gegeben,
mit dem alles vereinigt ward was sich zum Besiz als All­
mende eignete. Diese lag zerstreut77): wo würkliche Thei-
Iling möglich war, werden die Bundsgenossen sich sofort
auseinandergesezt haben : gemischter Besiz der Bürger von
beyden Staaten in derselben Markung würde zu Verwirrung
und Entzweyung geführt haben. Ueber kleinere Orte
mochte man sich ebenso vergleichen: wenn den Einwohnern
grösserer der Besiz ihrer Stadt und deren Mark gegen eine
aufgelegte Steuer gelassen "ward, diese gemeinschaftlich «
erheben und theilen. Wenn es aber galt einen festen Ort,
dessen Einwohner die Herrschaft ab zuschütteln trachteten, *
dem gemeinen Bunde zu sichern, und zu dem Ende in
demselben eine Colonie angesiedelt ward, so hatten die
verbündeten Völker gleichen Theil an ihr: davon haben
die römischen Bücher das Beyspiel von Antium bewahrt,
ohne Zweifel weil es die erste war, wohin Bömer, Latiner
und Herniker zogen78). Wie eine solche dem gesammten
72000. Die Sage zeigt sick in ihrem Spiel mit typischen Zahlen
welche eie mit Lust ins Ungeheure steigert: ihr Alter darin dass
die Bewaffneten der Unterthanen Vorkommen, deren Andenken
die XII Tafeln nicht lange überlebt haben wird. — Auch Livius
III. 5 : cohortes L a tin a e H e m ic a e q u e rem issa e d om os.
76) Y4Ç xal Xetag ß e p t g : im gleichlautenden Bund mit den
Hernikern: Dionysius VIII. 77. p. 514. e. 77) Eia einzelnes
Stück desselben war der ager Latinu s zwischen Rom und Fidenfc,
den die Tiber von der vaticanischen Feldmark trennte: Plinius
III. 9. 78) Dionysius Darstellung
nur durch ein unzeitiges pragmatisches ______
von Rome Oberherrlichkeit verdreht: àXtym йпоурафа/леѵфѵ
ëâoÇe r fj ßouXjj, èneidii oàx àÇ iô% pw ç à ânâaroXoçy è n irp é -
фас Латw (ou те xal ърѵіхш ѵ toiç fiouXojuévotç rïjç ànotxiag
flETé%ELV.
[band i i .] — 47 —

B unde v e rw a n d te und v e rp flic h te te benannt w ard , lä s s t


s ic h n ic h t e rra th e n : n u r v e rn e in e n d i s t g e w is s d a s s s ie d e n
s p ä te r so w ic h tig e n N am en e in e r la tin is c h e n n ic h t fü h re n
k o n n te ; zu e in e r s o lc h e n A u s z e ic h n u n g h ä tte n ic h ts v er­
a n la s st. W as ih r W e se n w a r, u n d w ie e ih r e E in ric h tu n g ,
d a s lä s s t s ic h b e s tim m t u n d s ic h e r e r g r ü n d e n .

Von den Colonien. a)


D ie A rt der C o lo n ie n w o m it d ie B ö m e r ih r E e ic h be­
f e s tig te n , w a r ih n e n n ic h t e ig e n tü m lic h ; w ir w is s e n von
a lb a n is c h e n , v o ls k is c h e n , s a b e llis c h e n ; v o n denen, ja auch
von den e tru sk isc h e n , n ic h t zu b e z w e ife ln is t dass s ie
ganz d ie s e lb e B e s c h a ffe n h e it h a tte n . B ey e tw a s re ic h li­
c h e re n N a c h ric h te n w ü rd en s ic h d ie s e s ä m m tlic h a ls ita ­
lis c h e C o lo n ie n z u s a m m e n s te lle n : u m d e n S c h e in w illk ü h r-
49 l i c h e r V o r a u s s e z u n g zu m e id e n , w ill ic h n u r v o n r ö m is c h e n
red en , und ih re m G egensaz gegen d ie g rie c h is c h e n .
D ie le z te n w aren d u rch g eh en d s n eu e rb a u te O r t e 79) ;
und w enn s ic h d ie A n s ie d le r in s c h o n b e s te h e n d e n S tä d te n
n ie d e r lie s s e n , so w ar d e re n a lte B e v ö lk e ru n g m e is te n s v e r­
tilg t: in der L a n d sc h a ft b lie b s ie , aber le ib e ig e n ; aus
w e lc h e m S ta n d e d ie Z e it s ie m e is te n s zu dem e in e r G e­
m e in d e e rh o b . S ie w u r d e n f e r n v o n d e r M u t t e r s t a d t a n ­
g e b a u t, g e w ö h n lic h d u r c h e in e A u s w a n d e r u n g w e lc h e v o r
G ä h ru n g und in n e r e r Fehde ’e n t w i c h , ohne L e itu n g der
R e g ie ru n g d a h e i m *, und w enn s ie auch in F rie d e n und
m it d em Segen d e r M u tte rs ta d t a u s z o g , u n d d ie s e r E h r e r ­
b ie tu n g b e w a h r t b lie b , so w ar doch d ie C o lo n ie v o n A n-

«) Schwegler II. 485. 79) Sogar die bedeutendsten do­


rischen Städte im Peloponnesus: — ob Sparta würklicli eine Aus­
nahme macht? Von den meisten im Umfang des temenischen
Argolis wird es nicht bestritten werden: aber gewiss verhält es
sich auch nicht anders mit der Hauptstadt Argos. Man wollte
ihren jüngeren Ursprung neben der uralten Mycenä nicht gestehen,
daher sollte sie in der Entfernung einer deutschen Meile von
dieser Hauptstadt des Königs der über viele Inseln und ganz
Argos herrschte, schon bestanden haben; und man verlieh sie
•einer Dynastie welche in den Sagen als herrschend in diesem
Lande Argos vorkam.
— 48 — [band IX.)

fa n g fre y u n d s e lb s tä n d ig : s o g a r w e n n s ie z u m B e h u f e in e r
s ic h e rn N ie d e rla g e fü r den H andel g e g rü n d et w a rd . D ie
ganz e n t g e g e n s t e h e n d e E i g e n t ü m l i c h k e i t d e r r ö m i s c h e n a)
w ird d u rc h e in e g e w is s sehr a lte D e fin itio n a u s g e d rü c k t,
d ie nur e in ig e r E rlä u te ru n g und Z u s ä z e b e d a r f 80) . E in e
C o lo n ie , h e iss t es, is t e in e g le ic h z e itig und g e s a m m t a n бо
e in e n b e s tim m te n , m it W o h n u n g e n b e b a u te n O rt, u m d o rt
nach b e s tim m te n R e c h ts v e rh ä ltn is s e n zu le b e n , g e fü h rte
G e s e lls c h a ft: es m ö g e n B ü rg e r oder G en o ssen seyn, nach
dem B e s c h lu ss ih re s S ta a ts oder d e s je n ig e n dem s ie an­
g e h ö rte n , ausgesandt um e in g e m e in e s W esen zu h a b e n :
n ic h t a b e r s o lc h e d ie i n i n n e r e r Z w ie tr a c h t w e g g e z o g e n
s in d . A u s s e r d e n e b e n g e n a n n te n s c h li e s s t d ie s e D e f in itio n
vom B e g r i f f d e r C o lo n ie a l lm ä h lic h e A n s i e d lu n g e n aus, von
denen m anche z u M a rk tfle c k e n erw u ch sen ; ja a lle N i e d e r ­
la s s u n g e n d ie n ic h t in e in e m schon b e s te h e n d e n O rt S ta tt
fa n d e n : e in e B e s c h rä n k u n g d ie ü b r ig e n s schon im c is a lp i-
n is c h e n L ande n ic h t m ehr g a lt, wo es k au m e ig e n tlic h e
S tä d te g a b , u n d d ie r ö m is c h e n C o lo n e n s ic h v o n e in e r g a n z
frem d en und fe in d s e lig e n B e v ö lk e ru n g e n tfe rn t h ie lte n m it
der s ie M e n s c h e n a lte r h in d u rc h n ic h t v e rs c h m e lz e n konn­
te n : und v ie lle ic h t h a tte , es schon in I ta lie n s e lb s t e in e
oder d ie a n d e re A u sn ah m e g e g e b e n 81) . Im A llg e m e in e n ы
w ar je d o c h h ie r d ie R egel um so s ic h re r, da d ie C o lo n e n

«) Mommsen I. 102. Л. 80) Servius F u ld . ad A en.


1 . 12. San e veteres colonias iia definiunt. Colonia est coetus
eorum hom im m qui universi deducii sunt in locum certum a ed i-
ß c iis m u nitu m , quem certo iu re obtinerent. A Ui : colonia —
dicta est a colendo : est autem pars civium aut sociorum, missa
u U rem publicum habeant ex consensu suae civitatis, aut publico
d u s p o p u li unde profecti sunt consilio. Jia e autem coloniae sunt
quae ex consensu p u b lic o , non ex secessione sunt conditae. —
Coetus ist xotviovta, Gesellschaft: dieses Wort herrscht bey
Cicero de re p. '— ohne Zweifel nach dem Sprachgebrauch der
Staatsrechtslehrer: die vorliegende Definition ist wenigstens nicht
jünger als seine Zeit; und kann in jenem Werk gestanden haben.
Auch die sehr seltene Bedeutung von consensus für Beschluss,
ist ihm nicht {fremd. M unitus, welches Cicero noch moenitus
schrieb, bezieht sich nicht auf die Mauern, sondern auf Gebäude
in der Stadt, wie moenia eigentlich diese bedeutete: dividim us
m uros , et moenia pandim us urbis. 81) Zum Beyspiel Inte-
ramna am Liris.
[ВАЖВ П.] — 49 —

als Besazung in eroberten festen Städten angesiedelt wur­


den, wo ihnen Land anstatt Sold und Verpflegung zuge-
theilt war82). Die alten Einwohner wurden nicht vertrie­
ben, noch das gesammte Grundeigenthum für den herr­
schenden Staat eingezogen. Beyspiele worin das alte Her­
kommen eingekleidet ist, lehren sicher, wie entfernt sie
auch von historischer Wahrheit sind, dass der Regel nach
für die eigentlichen römischen Colonien nur ein Drittheil
der Feldmark des durch eine solche besezten Orts einge­
zogen und angewiesen, das Uebrige den alten Eigenthömem
zurückgegeben ward8*). Es versteht sich dass diese Thei-
lung sich auch auf die Allmende erstreckte, wenn diese,
als das publicum, nicht vielmehr ganz an die neue Ge-
sammtheit überging welche den Populus des Orts dar­
stellte: und frey von Lasten besassen die alten Einwohner
was ihnen blieb zuverlässig nicht, wenn auch die Einzie­
hung des Drittheils als Abfindung für Grundsteuer dienen
»2 mochte. Knechtschaft war es immer, und zwiefach ver­
wundend im einst freyen eigenen Hause; auch suchten
die alten Bürgerschaften die Zwingherren auszutreiben j
und, nicht zufrieden sich zu befreyen, den Hass in ihrem
Blut zu kühlen84). Diese Empörungen, häufig in der frü­
heren römischen Geschichte, werden widersinnig als Abfall
der Colonien erzählt80); denn nur die Gesammtheit der
Colonen kann richtig Colonia genannt werden80): diese aber

в2) In Fidenä, Dionysius II. 52. p. 116. c. çuXaxyv èv r j j


iz6Xet rp ia x o a m v âvâpdtv x a r a h m o u , те ^ rip a ç f w t p a v .
àizoTsfiofievoç r)v rotç a<p£TÉpotç â i-U e v , ärzoixov èn oir^ e Pw fiaiw v.
In Cameria ebend. d. <ppoupd\ VI. 34. p. 368. c. ol èv K p n v-
атореріф ç p o u p o ii die Colonen. Щ So wird ee erzählt
von Cänina und Antemnil: Dionysius II 35. p. 103. d. von Ca«
mena II. 50. p. 114. c. vgl. 52. p. 116. d. — wo die Rechts­
bücher ihre Darstellungen in die romulische Zeit veilegen. Zu
Camcria wird ein zweites Drittheil eingtzogen : a. a. 0. als Strafe
einer Empörung: eigentlich ІЧ es abir wohl der Antheil der La­
tiner. 84) £u Sora: Livius IX. 23. Daher erklärt eich auch
der Mord der Gesandten zu Fidenä: IV. 17. 85)Eben Fi­
denä: a. a. 0. Antium III. 4. Dionysius X. 20. p. 646. d. wo
die ausdrückliche Erwähnung, dass die Colonen die Schuld ge­
theilt, nicht zu verzeihen ist: — Veliträ, LiviusVI. 13. 21.YHL.
3. 14. 8e) Nach der Definition [Th. 2.] Anm. 80.
Niebnhr, Röm. Gesch. 4
— 50 — [band и .}

h ie lte n f ü r ih re e ig e n e E rh a ltu n g am M u tte rv o lk , und es


haben n u r s e h r w e n ig e Y e r r ä th e r u n te r ih n e n se y n k ö n n en »
Im tn e r, w enn s ic h e in s o lc h e r O r t e m p ö rte , m u s s te d ie C o­
lo n ie a u s g e s to s s e n se y n . A lle in d e r S p r a c h g e b r a u c h ä n d e r t e
s ic h angem essen w enn C o lo n e n und E in w o h n e r zu e in e r
g e la m m te n B ü r g e r s c h a f t v e rs c h m o lz e n , w ie zu R om B ü rg e r
und G e m e in d e zu e in e m g e s a m m te n rö m isc h e n P o p u lu s .
E he es zu R om so w e it g e k o m m e n w a r, k o n n te das fre y ­
lic h n ic h t g e s c h e h e n : u n d a ls d ie P a tr i c ie r d e n g e m is c h te n
E ben noch k e in e b ü rg e rlic h e G ü ltig k e it z u g e sta n d e n , w e r­
den s ie auch in den nach d e r F o rm d e s a lte n R e c h ts ge­
g rü n d e te n C o lo n ie n k e in C o n n u b iu m m it den a lte n E in ­
w o h n e rn , s c h w e rlic h n u r e in C o m m e rc iu m , g e s ta tte t h a b e n .
D a m a ls h a tte d ie H e rrsc h a ft k e in e a n d e re n V o rth e ile von
d ie s e n U n te rth a n e n a ls d ie w e lc h e auch fe in d s e lig e , auf
A b fa ll s in n e n d e , e in e r R e g ie ru n g w e lc h e s ie zu z w in g e n
v e rm a g , g e w ä h re n m üssen. A ls a b e r R o m in n e rn F r i e d e n 05
e rru n g e n h a tte , da d ra n g e in ganz e n tg e g e n g e s e z te r G e is t
auch in d ie G esezgebung der C o lo n ie n : d ie C o lo n e n w a re n
R ö m e r, L a tin e r, I ta lik e r : d ie w e lc h e an d e r e rs te n A n sie ­
d e lu n g h ä tte n T h e il n e h m e n k ö n n e n , m o c h te n s ic h in den
C o lo n ie n w ie e s ih n e n g e f ie l n ie d e r la s s e n , u n d g e w is s h i n ­
d e r t e j e z t n ic h ts d ie a l te E in w o h n e r s c h a f t u n d ih r e N a c h - '
kom m en d a s B ü r g e r r e c h t in den S tä d te n d e r V o rv ä te r
w ie d e rz u g e w in n e n . D a s w a r e n d io g lä n z e n d e n la tin is c h e n
C o lo n ie n u n te r r ö m is c h e r H o h e it, d ie , w enn auch von den
s p ä te re n m ilitä ris c h e n n ic h t w e n ig e , m it g lü c k lic h e m B lic k
a n g e le g t, u n v e rg ä n g lic h b lü h e n d g e b lie b e n s in d , doch v o r-
n ä n h flic h den R uhm v e rd ie n e n w e lc h e n M a c h ia v e lli d e n rö ­
m isc h e n C o lo n ie n b e y le g t: d a s s d u r c h s ie d a s R e ic h b e ­
g rü n d e t, d e r E n tv ö lk e ru n g v o rg e b a u t, E in h e it d e r N a tio n
und der S p rac h e v e rb re ite t sey . A b er von ib n e n zu han­
d e ln g e h ö rt an den s p ä te r e n O rt, w o s ie in d e r G e s c h ic h te
zu e rs c h e in e n b e g in n e n . A ls B e s a z u n g e n d ie n te n C o lo n ie n
n ic h t a lle in um E ro b e ru n g e n zu b e h a u p te n , so n d ern auch
zur V e rte id ig u n g a n g e h ö rig e r O rte , d ie e n tv ö lk e rt, oder
an s ic h , gegen e in e n a n d rin g e n d e n F e in d zu sch w ach
w a r e n 87) . D ann w u rd e n s ie a ls W o h lth a t e rb e te n : auch

Veliträ, Dionysius VII. 13. p. d. Norba, Liviua


H. 34. Ardea, ders. IV. 11. ut c o l o n i p r a e a i d i i c a u s a a d v t t r m #
V o ls c o s s c r ib e r e n tu r .
[ВАШ) П.] — 61 —

von schon bestehenden Coloniestadten deren Heil in ge­


fährdeter Lage von einer zahlreichen Volksmenge abhing88),
oder denen bey eingetretener Entvölkerung die Leistungen
M zu schwer fielen wozu das Grundgesez ihrer Errichtung
verpflichtete. Auch wenn sie widersprochen hätten würde
Rom dies haben gebieten können, sobald Gefahr war dass
sein Dienst leide : obwohl die Sendung neuer Colonen nicht
allein die Anweisung öder Hufen, sondern, wie aus dem
agrarischen Recht hervorgeht, allgemeine Separation, und
Beschränkung des über das ursprüngliche Maass gewonne­
nen Eigenthums zur Folge hatte.
Diese Gewalt war Folge der Botmässigkeit des gründen­
den Staats, unter welcher die Colonien Roms, als Söhne
in der Familie, wie sehr sie auch erwuchsen, unverändert
beharrten, während die griechischen ihrem Schicksal, aber
auch sich selbst, überlassen waren. Von dieser wesent­
lichen Abhängigkeit, eben wie darüber dass die Colonen
eine angesiedelte Besaznng waren, schweigt die Definition.
Eine andere alte Notiz bemerkt dass die Colonien
kleine Abbilder des römischen Volks waren89): welches
von denen der ältesten Zeit, und auch nur von ihnen, voll­
kommen richtig ist. Zu Rom hatte von der ältesten An­
weisung h er90) jede Curie eine abgesonderte Flur: das war
eine durch Limitation umgränzte Centurie von zweyhnndert
Jugern: wie angenommen ward dass jede Curie hundert
Wehren enthalten91) , und jeder zwey Jugern empfangen
habe; nämlich Acker und Baumpflanzung, ohne das Feld
ю zu rechnen welches insgemein genuzt ward92). In den
Colonien dieser alten Art erhielten die Ansiedler ebenfalls
zwey Jugern Acker: von einer wird es zufällig gemeldet93),

88) Ders. XXXVII. 46. 89) effigies parvae sim vlacraque


popu li R vm a m : Gellius XVI. 13. ^ 9U) Von Romulus: кхаопд
фратрф xXfjpov йкйдшхвѵ eva. Dionysius II. 7. p. 8*2. e.
91) Nämlich das ursprüngliche Rom der Ramnes tausend Haus­
gesinde : Plutarch R o m u l . p. 22. e. 92) Ein solches Erbe
(heredium ) war, wie Pliniu9 bemerkt, ein Garten: auch bey der
fleißsigeten Bestellung konnte es, obneBenuzung des Gemeinlands,
nicht hinreichen um Weib und Kinder zu ernähren. — Ueber
jene, von der Zahl der belehnten, benannten Centurien, und die
h e r e d i a finden sich die erheblichen Stellen bey Gesner undFor-

cellini s. v. 93) Zu Anxur, Livius VIII. 21.


4*
— 62 — [bahd п .]

es ist aber als ganz, allgemeine Norm nicht zu bezweifeln.


Die Zahl der Colonen war dreyhundert94); so bildeten die
Loose von hundert derselben auch eine geschlossene Flur,
oder Centurie, die aber dem dritten Theil ihrer Gesammt-
heit, wie zu Eom dem dreyssigsten entsprach: was hier
Maass der Curie, war im Abbild dasjenige der Tnbus:
Hundred hier was dort Tything96). Sie waren der Popu-
lus, die alten Einwohner Gemeinda: und aus jenem ist em
Senat gebildet gewesen ; vielleicht nur von dreyssig Män­
nern. Grade ein solches kleines Abbild der herrschenden
Republik im unterthänigen Lande mit gleicher Bestimmung
wie die römischen Colonien, war die venezianische zu Can-
dia; der sogar ein Doge nicht fehlte: ähnlicher, wo nicht
völlig gleicher, Art scheinen die fränkischen Niederlassun­
gen jenseits des Meers während der Kreuzzüge. Wie nun
hier innerhalb der Ringmauerü von Acri ganz unabhängige w
und sich fremde Niederlassungen verschiedener Städte be­
standen, so mag auch jene zu Antium nicht eine Vereini­
gung jener drey Colonien der verbündeten Völker, als so
vieler Tribus, gewesen seyn. Und so ahnde ich dass Roma
und Quirium solche Colonien der gleich verbündeten A l­
baner und Sabiner, die Lucerer von einem ungleich ver­
bündeten Volk, oder Unterworfene waren*).
Es heisst dass die Einwohner solcher Colonien das
römische Bürgerrecht erhielten, und nicht nur in den an­
geblichen Erzählungen aus der romulischen Zeit findet sich
dies erwähnt96), sondern auch über Antium und Veliträ07).
Das lautet unglaublich von Unterthanen die mit Gewalt
und sträubend im Gehorsam; in ihrer nächsten Heimat
wahrscheinlich in harter Beschränkung, gehalten wurden:
doch lässt sich das Zeugniss nicht bestreiten; es gab auch

94) Das wird erzählt von Cänina, Antemnä und Fidenä, Dio­
nysius II. 35* p. 103 d. 52. p. 116. c. und historisch berichtet
noch unter 421, ja sogar 551 u. 554, in Küstencolonien römi«*
scher Biiiger, altes Hechte. Livius VIII. 21. XXXLI. 20. XXXIV. 45*
95) Es Ht fieylich ein arger Missgiiff dreyhundert Colonen
anzunehmen als die Kamnes allein waren: also zu irren ist denen
oft begegnet welche die Einrichtungen nach ihrem Ursprung itt
die Geschichte einführten. *) Vgl. Anm. *} zu Tb. I. S. 321.
A. d. H. 96;Dionysius II. 35. p. 103. d. 50. p- 114. o.
У7) Livius VIII. 14.
[baud п .] — 63 —

eine Art dieser Berechtigung deren Ehre und Vortheil nicht


höher standen als dass sie einer unterthänigen Gemeinde
eingeräumt seyn konnten: tief unter der welche, unter
demselben Namen, den Latinern zustand.

Die Isopolitie und das M unicipium.e)


Auch die Kunde dass die Latiner kraft des Bünd­
nisses Isopolitie hatten, ist durch Dionysius allein erhal-
57 ten 98). Hätte er diese als ein nur erneuertes gegenseitiges
Verhältniss betrachtet, so würde es nicht sehr befremden
dass in den mitgetheilten Gesezen des Vertrags darüber
nichts vorkommt: aber bey dem umsichtigen Schriftsteller
fällt es auf, da er in der Isopolitie eine neue und aus­
nehmende Begünstigung für die Latiner sieht. Ich möchte
vermuthen dass er den Auszug der Urkunde erst nach den
eben erwähnten Stellen, und jenen ändern welche dem­
selben sogar widersprechen"), ja nachdem er sein Werk
herausgegeben hatte, fand, und einrückte100); und ferner,
dass entweder unter den wenigen Artikeln von vielen,
welche der latinische Annalist g a b , keine Erwähnung der
Isopolitie vorkam, weil diese im Begriff eines gleichen
Bündnisses lag, oder sie auch dort mit einem für den
Fremden unverständlichen Ausdruck des alten Staatsrechts
bezeichnet war. Auch an jenen Stellen war er nicht von
den Schritten eines Annalisten gewichen, welcher mit kla­
ren Worten von gewährten Bürgerrechten schrieb: einen
ergänzenden Zusaz in die Meldung vom Bündnisse einzu-

a) Schwegler II. 315- 98) Dionysius von Cassius, und


diesem Bunde: VIII. 70. p. 538. a. z9jg laonokirecag ߣTdäoug
(an die Latiner) und 77. p. 544. d. ЛатЬоід otg ànê^pj) tzofo-
Tetag хоіщд &£шЩѵаі (hierüber weiterhin) (r^v) loonokvrsiav
1%арі<тато. Eben so Vll. 53- p. 459. a. und als Rathschlag
während der Sedition, VI. 63. p. 390. c. Die Herniker, die
gleiches Rechts waren, heissen ihm sogar тіоХІтаѵ. ѴШ. 69. p.
537. e. 77. p. 544. o. " ) Die ganze Stelle VI. 95. von p.
415. Zeile 11. Ijv âè rà урскрёѵта bis Z. 26. dßöaavreg xaà*
lepwu kann weggenommen werden ohne zu fehlen. 10°) Oben
[Th. 2.] Anm. 70.
— 64 — [влито п .)

schalten war er viel zu gewissenhaft: anderswo zu berich­


tigen was ihm nun als falsch auffallen konnte, mochte er
versäumen.
Was der auch in seinem Ausdruck höchst sorgfältige
Gelehrte unter dem Wort Isopolitie dachte ist aus den
Bundbriefen kretischer Städte, welche als Inschriften er­
halten sind, klar zu vernehmen: diese gehören in eine es
verhältnissmässig späte, der seinigen nahe Zeit; und zu
Athen, Ehodus, und ändern freyen Städten muss dieses
Recht für sich unter einander, und auch zu Gunsten unter-
thäniger Orte in den römischen Provinzen, als er schrieb,
ja noch lange nachher, fortbestanden haben101), so dass
er darüber nicht irren konnte.
Jene Urkunden zeigen die Isopolitie als ein durch
Vertrag eingegangenes Verhältniss zwey er vollkommen
gleicher und unabhängiger Orte, wodurch ihren Bürgern
gegenseitig alle Rechte gewährt werden, die der Beysasse
entweder gar nicht, oder nur durch Vermittlung eines
Vormunds ausüben konnte: Epigamie, Erwerbung von
Liegenschaften, Befugniss zu Contrakten jeglicher Art, in
eigner Person zu Recht zu stehen und zu fordern, Zoll-
freyheit wo der Bürger sie genoss: auch Thoilnahme an
den Opfern und Eesfen. Wenn aber diese aih allen gött­
lichen und menschlichen Dingen zugesichert wird, so darf
das nicht ausgelegt werden als ob sie auch für die Volks­
versammlung eingeräumt sey. Dem Kosmus ist der Ein­
tritt auf dem Rathhause der verbündeten Stadt zuge­
s t a n d e n , damit er d o r t d i e Sache d e r seinigen V o r b r i n g e n
könne; und als eine Ehre Siz vor ihrer Ekklesia neben
der Obrigkeit: — Siz ohne Stimme im Rath; — aber dem
Bürger wird keine Stelle in der Volksversammlung ge­
währt wo sie unvermeidlich misbraucht wäre. Krieg und ы
Selbsthülfe wollen die Städte vermeiden, und sich unsei­
tigen Richtern unterwerfen; aber sie selbst und ihre
Bürgerschaften bleiben durchaus geschieden. Das ist

loi) Die Untersuchungen wodurch die folgenden Ergebnisse


gewonnen sind, werden in einer für die Akademie m Berlin Be­
stimmten Abhandlung dargelegt werden: ich wünschte aber dass
der Leser den Vertrag zwischen Hierapytna und Priaimum. (bey
Reinesius, 7, 22, p. 491. ff.) zur Hand haben möge.
[baîto II.] — 55 —

wesentlich; in den muzelnen Pallen werden die gegen­


seitig en BereshMgangen bald mehr bald weniger be­
schränkt gewesen seyn.
Die Vorth eile der Burger einer isopolitischen Stadt
wurden auch Einzelnen in unverbundenen Orten durch die
Proxenie eingeräumt; auch dieses Verhältniss hatte viel­
fache Farbeschattungen. Ihnen dürften die Ehrenrechte
jener nicht gefehlt haben: der Metöke welcher Isdtelie
erlangte, hat ihnen darin wohl nachgestanden. Wer mit
diesem Recht begnadigt ward, er mochte ein angezogener
Fremder oder Freygelassener seyn, ward von der Unmün­
digkeit des Beysassen befreyt, handelte rechtskräftig in
eigener Person, erwarb Liegenschaften auf seinem eigenen
Namen; hatte endlich ohne Zweifel der Regel nach auch
das Connubium : wiewohl hierüber unfehlbar einige Staaten
strenger gewesen seyn werden. Gleiche bürgerliche Be­
rechtigungen müssen endlich die Einwohner von Orten die
durch Sympolitie als Unterthanen mit einem mächtigen
Staat verbunden waren, wie die Angehörigen der Aetoler,
wie Eleutherä und Oropus mit Athen in dem Volk aus*
geübt haben welches ihnen seine Politie verliehen hatte.
Unter dem Volk welches jeden Begriff zu fassen und
zu bezeichnen wusste, kann ein allgemeiner Name für die
bevorrechteten Nichtbürger aus diesen in ihrem Ursprung
so verschiedenen Klassen, welche in den grösseren Staaten
neben einander kaum unterscheidbare Befugnisse ausübten,
«o nicht gefehlt haben: es darf angenommen werden dass
dieser Homotimen oder Isotimen war. Indessen scheint
der Sprachgebrauch meistens dem der Isotelen diese All­
gemeinheit verliehen zu haben, da diese Klasse namentlich
zu Athen ohne Vergleich die zahlreichste seyn musste:
wiewohl alle im Gegentheil da wo vielfache isopolitische
Verhältnisse bestanden und wenige Fremde aus ändern
Orten sich niederliessen, wie in kretischen Städten, Pfahl­
bürger genannt werden mochten102).

102) In Psephismen des nämlichen Volks wird diesem Pro-


xenus Isotelie, einem ändern Isopolitie verliehen, ohne dass da­
mit etwas verschiedenes gemeint seyn kann: Pollux nimmt beyde
Worte als synonym: und Dionysius IV. p. 2*26. a schreibt, 8er-
vius habe den Freygelassenen Isopolitie eingeräumt.
— 66 — [bawd II.]

Unter den Isotelen befanden sich Männer die an Acht-


Ъагкеіѣ und Ansehen keinem Bürger nachstanden, und von
der Nachwelt als Zierden der Stadt welche sie zu ihrem
Wohnort erkoren hatten genannt sind. Ein solcher, auch
an Liehe für Athen dem besten Bürger gleich, war der
Redner Lysias, dem freilich der tadelsüchtige Timäus,
welcher selbst höchstens in diesem Stande ein halbes
Jahrhundert zu Athen lebte, die Ehre ein Athenienser zu
heissen absprach. Er fordert ihn zurück für seine ur­
sprüngliche Heimat Syrakus, sagt Cicero, wie nach dem
Gesez des Crassus und Scävola: unbillig: denn zu Athen
ist er geboren und gestorben, und hat dort alle Pflichten
eines Bürgers geleistet103).
Das Gesez des Crassus und Scävola berechtigte die
italischen Völker ihre Landleute zurückzurufen welche, er­
zürn Schaden der Uebrigen die von den Lasten um so
härter gedrückt wurden, die Befugniss sich unter den
Römern einschreiben zu lassen, wegen welcher ihre Orte
von einem Geschichtschreiber, dessen Ausdrücke so richtig
waren wie seine Kenntniss genau, isopolitisch genannt wur­
den 4) , benuzt hatten. Die Anspielung zeigt dass Cicero
in ihm einen Isopoliten dachte; ohne sich dadurch hindern
zu lassen dass kein Verhältniss dieser Art zwischen Athen
und Syrakus bestand: die Ausdrücke womit er seiner
Leistungen gedenkt, bezeichnen den Isotelen im weitesten
Sinn 6). Denn munus bedeutet eigentlich Leistungen durch

юз) Brut. 16. (63) certe Athenis est et natus et mortuus, et


functus omni civium munere. 4) Posidonius: dessen Geist
und Worte in dem vortrefflichen Bericht über die graechischen
Unruhen, und dem über den ager publicus welcher jenen ©inleitet,
in dem compilirenden Appian eben so unzweifelhaft zu erkennen
«ind wie in den alten Zeiten Dionysius, nachher Polybius: —
aus dem also Appian die latinischen und italischen Stftdte,
(sicht aber die Municipien römischer Bürger)» Tcôkeiç laoitoklridaç
nennt: bell. civ. 1. 10. Vgl. Cicero de re p. III. 29- und 8omn.
Scip. 2. 6) municipes, qui una munus fungi debent} Varro
V. 16. (IV. p. 49. ed. Bip.) und in den Definitionen bey Festus;
Cicero hat nur den Ablativ geeezt anstatt des Accusative, den
fungi in der solennen Formel regiert. — Weder Nävius noch
Plautus waren wohl in vollkomranerem Grade Römer als Lyeia»
Athenieneer : jener wird in der kampanitschen Legion gedient
[ВАІШ II.] — 57 —

Frohnen, Dienste oder Geldaufwand 10e): dem іттѵлт, der


вя von solchen Lasten befreyt ist, steht der municeps ent­
gegen , wie der vesticeps dem investis. Der Schein dass
die endende Sylbe von einem Verbum entlehnt sey, trögt;
es ist eben gar nichts als eine von jenen vielfachen En­
dungen womit die lateinische Sprache wuchert 7).
Dass der Name Pflichtigkeit zu gemeinen Lasten an­
deute, wussten noch die Eechtslehrer des dritten Jahr­
es hunderts 8) : es bezeichnete den Isotimen aus dem G-esichts-

haben: als municeps Campanus war er gegen den Zorn der Me-
teller unbeschüzt.
106) Es ist Xetroupyia : und wo Livius in den Bundesartikeln
der Кашрал er mit Hannibal geschrieben hat nemo invitus munus
faciat (XXIII. 7.) las er bey Polybius ohne Zweifel, jnqâelç äxwv
ÀetTOupyeiTüf. Darüber das3 die ändern Bedeutungen, Aufwand
der Obrigkeit und Geschenke, abgeleitet sind, wolle man sich
aus Brissonius s. v. belehren. — Gellius hat sich unter dem
munus honorarium, welches sie mit dem römischen Volk getheilt
hätten, grade das Gegentheil von Lasten gedacht; ob aber etwas
bestimmtes, und was, ist mir ein Käthsel. Es wäre dem Geist
seiner Zeit angemessen wenn er die Cäriten, von denen er sagt:
conce88um Ulis est ut civitatis Romanae honorem caperent, sed
negotiis tarnen atque oneribus vacarent, — dadurch belohnt ge­
glaubt hätte dass ihnen alle Lasten und Mühseligkeiten erlassen,
und dabey die Befugniss zu den höchsten Ehren zugestanden ge­
wesen sey. 7) Die verlängernde Sylbe ohne einige Bedeu­
tung ist nicht zu verkennen in princeps statt primus, und in den
fernem uralten Ordinalien bey Varro: terticeps, quarticeps, u. s. f.
Auch biceps bedeutete vermuthlich nichts anders als doppelt, wie
triceps dreyfach (daher Tricipitinus, wohl von Drillingen) : —
weil aber Monstra und Portenta der Art auch zwey Köpfe haben,
so verführte der Schein als sey das Wort mit caput zusammen-
gesezt; mag es schon gethan haben ehe die Sprache an die
Grammatiker kam. Für anceps und unser municeps, wo dies
nicht gehen wollte, suchte man Aushülfe, dort in capere, hier in
capessere; und so leichtfertig ist die Etymologie der Alten dass
die dreyfache Herleitung des nämlichen* Worttheils sie nicht
etuzig machte. Da ist es noch weniger zu verwundern dass ihnen
nicht aulfiel, wenn hier auch Zusammensezung mit einem Zeit­
wort wäre so könne das weder capere noch capessere seyn, in­
dem facere oder fungi die eigenthümlichen sind. 8) Ulpian
1. 1. D. ad municipalem (L. I.) municipes sunt recepti in civita*
tem ut munera nobiscum jfacerent.
— 58 — [»ліи>п.]

punkt nicht der Rechte sondern der Pflicht, wie der Name
Isotelie in gleicher Ausdehnung. Während aber dieser zu
Athen so weiten Umfang annahm, verlor ihn das latei­
nische Wort, und beschränkte sich auf Isopoliten ünd
Sympoliten, sammt Proxenen: die eigentlichen Isotelen
wurden mit den Atimen unter dem Namen der Aerarier
begriffen. Solche Isotelen waren zu Bom auch nur in
geringer Zahl seitdem die freygelassenen in Tribus ein­
geschrieben wurden, allen Italikern ein mehr oder minder
günstiges Pfahlbürgerrecht verliehen war. Ferner hatte
allerdings seit Ciceros Jugend eine neuere Bedeutung des
Worts Municeps auch diese eingeschränkte verdunkelt;
allein vergessen war sie noch nicht, und er hätte immer
des Lysias Verhältniss ohne Wendungen und Umwege
ausdriicken können; allein er deutete das Wort nur an
welches ihm auf den Lippen schwebte; unterdrückte es,
weil Altbürger sich nicht entblödeten ihm als Municeps
aus Arpinum Peregrinität vorzuwerfen. Vierzig Jahre
später mochte es schon sehr allgemein misverstanden
werden, und wenn Dionysius dasselbe in Macers Auszug
der Urkunde fand, so hat es ihm dunkel genug seyn
können um es lieber zu übergehen.
Als er schrieb war Verrius Flaccus schon so hoch in
Ansehen und Jahren dass sein grosses Werk über die
Bedeutung seltner Worte ziemlich als gleichzeitig ange­
sehen werden kann; und in diesem handelte er auch, und
umständlich, von dem Wort Municipes, welches seit h u n -64
dert Jahren für alle Italiener die weder zu Bom noch in
Militarcolonien einheimisch waren, so wie М и п іф іи т für
ihre Landstädte, allgemein und täglich in einem durchaus
verschiedenen Sinn von dem dieser Worte im älteren
Staatsrecht gebraucht ward. Er gab daher eine mit Bey-
spielen erläuterte Definition eines Bechtsgelehrten aus dem
lezten Zeitalter der Kepublik über das Municipium; wozu
er Bemerkungen açs ändern Alterthumskundigen über den
Stand des Municeps beifügte109): Belehrungen deren ur­

109) Jene Definition bildet in Festue und Paulus den Artikel


welchen ich in den folgenden Anmerkungen stück­
m unicipiu m ,
weise einrücken werde. Dieser ist durch eine merkwürdige Fü­
gung erhalten: er etand bey Festue auf einer weggebrannten
{В-AJÏD II.] — 59 —

sprüngliche Genauigkeit und Vollkommenheit selbst in


dem ungeschickten Auszuge der sie erhalten hat, am
Tage liegen.
Municipium ist ursprünglich ohne Zweifel wie Man-
cipium, das Recht selbst; aber, wie dieses lezte Wort
wenigstens in einer Anwendung, auf den Gegenstand über­
gegangen dem es anhängt: hier auf die Gesammtheit der
es zustand. Diese, und mit der oben angedeuteten Ab­
sonderung der eigentlichen Isotelen, betrifft die Definition
welche drey Arten Municipia unterscheidet.
«5 Die erste und älteste110) ist unzweydeutig definirt:
Leute die, wenn sie nach Rom kamen, ohne römische
Burger zu seyn alle Rechte und Belastungen dieser theil-
ten, aber von Stimmrecht und Würden ausgeschlossen
waren и ). Eine andre Definition, welche namentlich von
Columne, und Paulus hat ihn übergangen, ein römischer oder v
ravennatischer Grammatiker aber, von den einzelnen Nachschöss­
lingen der alten Schulen, im 10. oder 11. Jahrhundert dev Epi­
tome hinzugeschrieben. Er fehlt nämlich in manchen Bandschrif­
ten: wo er sich findet steht er ausser der Ordnung: und die
Vollständigkeit und Ausführlichkeit zeichnet ihn von den dürftig
zusammengezogenen Artikeln die durch deä Longobarden *Hand
gegangen sind, eben so aus wie sich die von dem Auszug des
Hermolaus aus Stephanus von dem noch mehr abgekürzten unter­
scheiden, welcher leider grösstentheils dessen Stelle einnimmt;
oder der Fuldaer Servius in den beyden ersten Büchern von dem
trivialen Commentar unter demselben Namen. Auch einen ändern
Artikel, municeps, hatte Paulus übergangen: und über den ist
wieder von Glück zu sagen, da er aut einem der Blätter stand,
welche von dem Codex getrennt und jezt verloren sind, die aber
Pomp. Lutus abgeschrieben hatte. Dieser ist aus drey eich frem­
den Theilen zusammengesezt: zuerst steht eine Nachricht aus
Aelius Gallus, wie das Recht des Municeps auf dreyerley Weise
gewonnen werde (durch Geburt, ausgeübte Isotelie, Freylassung
durch einen Municeps) : darauf folgten zwey Definitionen des iso­
politischen Municipium : eine namenlose, und eine von Serviue
dem Sohn.
110) initio fuisse: in dieser Definition des Servius.
11) Municipium id. genus hominum dicitur, qui cum Ro-
mam ven'ment neque cives Romani essent participes tarnen fu e -
runt omnium rerum ad munus fungendum una cum Romanis
civibus, praeterquam de 8иf r agio fer endo aut magistratu capiendo;
sicut fuerunt Fundani, Formiani, Gumani, Acerrani, Lanuvini,
— 60 — [ bakd i i .]

einem Juristen der alten Zeit herkommt12), hebt den Um­


stand hervor dass der Staat wo solche Municipes ein- ee
heimisch waren, von dem des römischen Volks wesentlich
geschieden seyn musste: nennt sie übrigens nach dem
Eecht welches sie übten römische Bürger, obwohl der
Würden unfähig. Hier sind drey kampanische Städte
zum Beyspiel genommen, mit dem Zusaz, ihre Bürger
hätten in der Legion gedient: das wird sich darauf be­
ziehen dass ihre Contingente nicht als Auxilia betrachtet
wurden, sondern wenigstens eine Legion bildeten, welche
eine Nummer in der Armee hatte wie die kampanische im
Krieg des Pyrrhus. In den eigentlich römischen kann zu
keiner Zeit ein Plaz für die hinübergezogenen Municipes
gewesen seyn, da sie in keiner Tribus waren. Dies Ver-
hältniss entspricht der Isopolitie so genau wie die römi­
schen Geschlechterstämme den griechischen. Wie die
römische Definition Theilnahme an allen Dingen, so nennt
die griechische Urkunde Theilnahme an allen göttlichen
und menschlichen Dingen 18). So war auch die Proxenie
den römischen Gebräuchen nicht fremd14): und da derer
einzelne Gastfreund der Republik gleiche Rechte mit dem
hatte der durch Vertrag seines Staats Municeps war, so
wird die Isopolitie gemeines Gastrecht mit dem gesammten

T u scu la n i, qui post aliquot annos cives Rom ani eff'ecti sunt .
Festus im Ausz. a. v. m unicipium . — Item municipes erant qui
ex a liis civitatibu8 liomam venissenty quihus non licehat magistra -
tum capere, sed tantum muneris partem . Festus s. v. municeps.
112) A t Ser. filiu s aiebat initio fu isse qui ea condicione cives
R o m a n i fu isse n t ut semper rem publicam. separatim a populo
Rom ano haberent : Cumanos videlicet, Acerranos, Atellanos, qui
aeque cives Rom ani erant4 et in legione merebantj sed dignitates
non capiebant. Festue s. v. municeps. In diesem Servius dem
Sohn ist wobl der vielverheissende Sohn des grossen und bered­
ten Rechtsgelehrten Servius Sulpicius zu erkennen, dessen sein
väterlicher Freund mehrmals gedenkt, wie epp. a d d iv. IV. 3.
Was hier gemeldet wird war mündliche Lehre (aiebat): bat er
vielleicht überall kein Buch hinterlassen, so konnte er im Auszug
des Pomponius um -so eher übergaugen werden. 18) /j.STo%àv
xal &SIWV x a l àviïpw m vm v я - Vertrag Jbey Reinesius а. а. О,
Z. 13. participes omnium re ru m : Festue a. a. O. M) JJospi~
tium mit Timasitheus: Livius Y. 28.
[*1XD п .] 61 —

Yolk benannt115). Ich will nicht behaupten dass die Er­


zählung, Coriolanus sey Zutritt in die Käthe aller volski-
schen Städte gestattet worden 16), für eine sichre Ueber-
lieferung gelten könne;* aber sie legt ihm keine andre
Ehre bey als jene welche in Kreta die Magistrate bey
ihren Isopöliten genossen: sie konnte dem einzelnen4Gast­
freund hohes Ansehens aus gleichem Grunde zugestanden
werden. Es ist auch dies ein Zug alter Sage den kèin
Später erfunden hätte.
So ungenügend wie dunkel wird die zweyte Art der
Municipes nur dadurch unterschieden, dass es solche wären
deren ganzer Staat mit dem römischen vereinigt worden 17):
denn das passt nicht weniger auf die dritte, welche an
sich eben so unverständlich bezeichnet werden als Bürger*
schäften, deren Städte und Colonien bey ihrer Aufnahme
es in den römischen Staat Municipia geworden w ären18).

Ï15) Mit Cäre, Livius Y. 50. 1б) Dionysius YIH. 9. p.


487. d. Neben dem Comitium befanden sich zwey Pläze von
räthselhafter Benennung : e t a t i o n e s m u n i c i p i o r u m und g r a e c o s t a s i s .
Man erinnere sich dass Municipium bey Yerrius die Gesaramtheit
der Municipes ist: ich denke mir unter diesem Namen Pläze, auf
deren einem Municipes, auf dem ändern Griechen aus verbünde­
ten Städten den Yerhandlungen zuhören konnten, wie die Koe-
men in den kretischen Städten (oben S. 58): Pläze, wie privi-
legirte Tribunen im Saal einer parlamentarischen Versammlung.
17) A lio m o d o c u m id g e n u s h o m in u m d e ß n it u r q u o ru m

c iv it a s u n iv e r s a in c iv it a t e m R o m a n a m v e n it ; u t A r ic in i , C a e r i -
tes, A n a g n in i, Festus s. v . M u n ic ip iu m . 18) T e r t io , — q u i

a d c iv it a t e m R o m a n a m iia v e n e ru n t u ti m u n ic ip ia ( f. m u n ic ip e s )

eseen t e u a (/. su a e ) c u iu e q u e c iv it a t is et c o lo n ia e ; u t T ib u r t e s ,

P r a e n e s t in i, P U a n i , U r b in a t e s , N o la n i , Bononienses, P la c e n tin i,

N e p e s i n i j S u t r i n i , L u c e r n e s . Ebend. U r b i n a t e s stellt gewöhnlich


nur als Variante, und im Text A r p i n a t e * , was ich nicht weil es
falsch wäre verwerfe (da Arpinum seit 5G0, eben wie die ändern
hier genannten Orte seit 660, Municipium war), sondern jenes
vor/.iet»e weil es dann lauter Orte sind die zu einer Zeit das
Vollbür^crrecht erhielten, und auf gleiche Weise die Kraft und
den Kern der cinnanischen Parthey bildeten. Aipinum würde
fremd unter ihnen stehen: ein ähnliches undeutliches Wort so zu
lesen fiel jedem Abschreiber ein. Der sehr gelehrte Urheber der
D cfinition hat die r/ur Zeit der Zerstörung des latinischen Staats
vornehmsten fünf Städte in allen drey Klassen angebracht: zwey
welche damals Vollbürger wurden: eine die für eine ZeitlaDg
— 62 — [b ÄND Il.’j

Aber für beyde Fälle ersezen die angeführten Beyspiele


was im Auszug an der Erklärung ausgefallen ist. Für
die zweyte Art sind Cäriter und Anagniner genannt; von
denen jene das Bild aller Municipes abgeben die der
Ehrenrechte entbehrten119), und diese als sie zur Strafe in
den Stand von Unterthanen herabgesezt wurden, den
Namen römischer Bürger erhielten: die Orte welche unter
der dritten Klasse Vorkommen sind alle theils latinische
Colonien, theils italische Städte, die durch das iulische
Gesez oder die folgenden welche demselben eine weitere
Anwendung gaben, Municipia in der späteren allgemeinen «э
Bedeutung geworden. Jener unterthänigen Orte Ver­
hältniss ist das einer abhängigen Sympolitie 20); das von
Landstädten im Kanton einer souverainen Stadt, von jeder
eigenen Beziehung zu ändern ausgeschlossen; dem Willen
der Herrschaft unbedingt unterworfen: aber darin waren
solche römische Landstädte glücklicher dass ihnen alle
Rechte des Isotelen in der regierenden Stadt gesichert
waren. Dieser Gemeinden Verhältnisse theilten denn auch
die Colonien alter Art: eben so unmündig wie sie, und
unbefugt zu aller Gesezgebung, hatten diese allerdings
römisches Bürgerrecht; und zwar die gesammte Einwohner­
schaft. Die lezte Klasse ist die griechische gleiche Sym­
politie, doch mit vollkommnerer Aufopferung der Selbstän­
digkeit als wenn eine Stadt dem achäischen Staat beytrat:
und welche Definition auch Verrius gegeben haben mag,
die treffende wäre gewesen: Städte und latinische Colonien

unterthänig seyn musste: zwey die noch drittehalb Jahrhunderte


Isopoliten, zwar nicht mit gleichem Recht, blieben.
И9) Die Cäriter erwartet man nicht hier sondern unter den
Isopoliten: [Th. 2.] Anm. 115. — wo ея denn, was auch gesagt
werden mag, anstöseig bleibt, dass ihre Register entehrend waren.
Kein Zweifel dass die Römer nach der gallischen Zeit ihnen Ehre
erwiesen, wie Livius berichtet, und dafür schilt Strabo ihre ver­
meinte Undankbarkeit mit Unrecht (V. p. 230. c.): wie aber die
Definition doch richtig verfährt werde ich bey dem J. 397 dar-
thun. 20) Das ist die яоХстеіо. xotvtf, womit wie jener bey
Dionysius [Th. 2. Anm. 98] sagt, die Latiner hätten zufrieden
seyn können — dieselbe welche Romulus den eroberten Städten
verleiht — welche die von Eleutherä bey den Atheniensem «ach­
ten (P&usani&s A it. p. 37. ft.)
[в л и т и .) — 63 —

deren Bürgerschaften mit der römischen also vereinigt


wurden dass sie das heste Recht erhielten, in römische
ländliche Tribus aufgenommen, stimmfähig und wählbar
wurden. Bey dieser vollkommnen Vereinigung war der
Name eines Municeps für sie so unpassend wie für Pa-
tricief: aber das Bedürfniss ein neu gebildetes Verhältniss
70 zu bezeichnen hat auch hier den verlassenen Namen eines
abgestorbenén ihnen angeeignet, wie mit Quirites, Populus,
Plebs, Latinus. Es gab fast keine Municipia der ältesten
Art mehr als das iulische Gesez das Bürgerrecht allgemein
machte; und wenn einzelne Orte, wie die Camerter und
Heraklea, jenes hohe Recht noch hatten, so war für so
selten gewordene Verhältnisse kein allgemeiner Name mehr
im Gebrauch: er war aber für die Städte im westlichen
Latium, und für Fundi, Formiä, Arpinum als sie in die
Tribus aufgenommen waren, gewöhnlich geblieben; und
ward so auf die neuen, jenen in der Beziehung zur
gesammten Republik völlig gleichen, Landstädte an­
gewandt121).

*21) Da ich kein Buch über diesen Gegenstand schreibe, so


erlasse ich es mir den Unsinn zu enthüllen, welcher durch das
ganze leidige Kapitel herrscht (XVI. 13.) worin Gellius den
harmlosen Irrthum seiner Zeitgenossen hat berichtigen wollen die
den Bürger aus einer Militarcolonie wie den aus jeder ändern
Landstadt einen Municeps nannten : — absurda G ellii verba ,
sagt Roth (de re m unicipali I. 20.); der, wiewohl sein Zweck
ihm gestattete das Dickicht zu umgehen, durch dessen Dornen ich
einen Weg habe suchen müssen, doch eine Untersuchung die sich
mit den seinigen verbindet, durch aufmerksame Prüfung ehren
wird. Man glaubt sich selbst nicht, wenn ек sich ergiebt dass
die Colonien von denen Gellius redet jene urältesten sympoliti-
schen von dreyhundert Hausgesinden sind, die Municipien aber
die alten isopolitischen Städte: dass er so wenig von den Muni-
cipalstädten seiner Zeit etwas weise, als von den latinischen und
selbst den glanzvollen militärischen Colonien, deren noch in seinen
Tagen neue gegründet wurden: dem Knaben Ähnlich der im
Herrn von Jaxthausen seinen Vater nicht erkennt. Aber freylich
auch von jenen Colonien und Municipien weiss er nur als von
Bildern eines dumpfen Traums. Eine höhere Stufe der Pedanterie
hat niemand erstiegen als Gellius eben hier, wo er, als längst
in der ganzen römischen Welt des Kaisers Wille, der Beschluss
des Senats, ja des Prätors Verordnung, das Gesez fbr jedermann
— 64 ~- [ bjustd и . ]

In A ltg rie c h e n la n d w a rd der ü h e rg e s ie d e lte Is o p o lit n


n i c h t z u d e n B ü r g e r n g e z ä h lt, w e il e r in k e in e m S ta m m
u n d k e in e r G en o ssam e s ta n d : a h e r w o h l d u rc h g e h e n d e b e y
d e n i t a l i s c h e n V ö lk e r n g a l t e n d i e , w e lc h e d ie B e f u g n i s s e
d e s b ü r g e r lic h e n R e c h ts ü b t e n u n d g e m e in e L a s te n th e ilt e n
o h n e in je n e O rd n u n g e n e in g e s c h rie b e n zu s e y n , fü r B ü r g e r :
zu R om u n te r d em N am en d e r A e ra rie r. A ls n u n im V e r ­
la u f der Z e it auch h ie r B ü rg e r ohne T rib u s w e n ig s te n s
im g e w ö h n lic h e n L eben n ic h t m ehr v o rk a m e n , ja nach
den w ü rk lic h e n V e rh ä ltn is s e n u n m ö g l i c h s c h i e n e n 122) , w a r d
in der E rin n e ru n g lä n g s t v e rg a n g e n e r Z e ite n , den M u n i­
c ip e s e b e n fa lls das B ü rg e rre c h t a b g e sp ro ch e n . D ass aber
der U rh eb er je n e r le h rre ic h e n D e fin itio n h ie rü b e r irrte ,
e rh e llt z u r G enüge au s d e r C a s u is tik w o m it S p . P o s t u m iu s
den E lu c h d e s E rie d e n s b ru c h s den S a m n ite rn zuzuw enden
g e d a c h te . E r w a rd den C a u d in e rn ü b e ra n tw o rte t, d e m 71
K a n to n d e r u n m itte lb a r a n K a m p a n ie n g rä n z te , und ohne
a lle n Z w e ife l d e rje n ig e w a r, m it w e lc h e m d ie R ö m e r I s o ­
p o litie g e s c h lo s s e n h a t t e n 28) : h ä tte es nun n ic h t genügt
d a m it e r s a m n itis c h e r L a n d m a n n s e y 24), d a s s e r R o m v e r ­
la s s e n h a tte , u n d s ic h in S a m n iu m , m it d e r e r k lä r te n A b ­
s ic h t d o rt s e in M u n ic ip iu m g e lte n d zu m achen, b efan d ,
so w äre s e in V o rn e h m e n eben so a b g e sc h m a c k t gew esen
w ie es em p ö ren d is t. N ach dem p h a r is ä is c h e n B u c h s ta b e n

machte, und nur noch in den Provinzen hin und wieder einzelne
Landrechte galten, — den Municipien gesezgebende Gewalt ги-<
schreibt; wobey er sich denn das römische Volk, dessen Gespenst
einmal am Aufang jeder Regierung zu einer lex curiata aufge­
rufen ward, als seinen eigenen Gesergeber dachte. Seine Wüik-
lichkeit war nicht eine verschwundene Zeit in Anschauung und
Erinnerung, sondern sie stand geschrieben in verschollenen Büchern :
jeder Schreiber aus einer Landstadt hätte seine Blindheit für die
Gegenwart verlacht: die neben dem kind liehen doch auch etwas
Bchauderliches hat, wie Alles was dem natürlichen entsagt.
122) Schon 580 widersprach C. Claudius der Strenge seines
Collegen gegen die Lassen: aus allen Tribus au^schliessen heisse
Freyheit und Bürgerrecht entreissen: Livius XLV, 15.
28) Für die Ertheilung des Municipium an einen Theil der Sam-«
niter, Yellejue I. 14. Auslieferung an die Caudiner, ders. II. 1.
vgl. Livius IX. 10: traditi fecia lih u s Caudium ducendi .
24j se civem Samnitern esse.
[BAUD II.] 65 —

w ar es g le ic h , ob er d ie f r e v e l h a f te B e le id ig u n g des Fe-
tia lis v e rü b te , o d e r C. P o n t i u s : aber d e r g ro sse S a m n ite r,
fre y ^ v o n A b e rg la u b e n w ie H e k t o r , h ie s s d ie K ö rn e r s ic h
der R änke sch äm en : d ie G ö tte r H essen s ic h n ic h t ä ffe n :
— ü b e r je n e n B u c h s ta b e n s tritt er n i c h t 125) .
E ben d ie s e s B e y s p ie l z e ig t d a s s d a s B ü r g e r r e c h t d u r c h
den b lo s s e n W ille n und d ie T h a ts a c h e d e r U e b e rs ie d e lu n g
e rg riffe n w a r , o h n e d a s s v o n e in e r A n n a h m e d u rc h d e n
S ta a t w e lc h e m s ic h d e r M u n ic e p s z u w a n d te d ie E e d e g e ­
w esen w ä re . D ie s is t d a s R e c h t d e s E x u l i r e n s 26) ; w e l c h e s
noch b is vor dem B u n d e s g e n o s s e n k rie g auch gegen R om ,
obw ohl sehr s e lte n und d u n k el g ew o rd en , g a lt. E x iliu m
73 i s t , w ie C ic e ro tr e f fe n d b e m e rk t, n ic h t L a n d e s v e rw e is u n g ,
w e lc h e das rö m isc h e G e se z gar n ic h t k a n n te : es is t n ic h ts
a n d e rs a ls E n ts a g u n g d e s e in h e im is c h e n B ü r g e r r e c h ts d u rc h
B enuzung d e s M u n ic ip iu m ; und d ie B e f u g n i s s f ü r den der
auf B ü rg sc h a ft vor dem V o lk s g e ric h t s ta n d , s ic h den
F o lg e n des U rth e ils d u rch d a s E x iliu m zu e n tz ie h e n , is t
nu r A nw endung des a llg e m e in e n R e c h ts . B lie b der A n ­
g e k l a g t e b i s d e r S p r u c h g e f a l l e n w a r 27) , s o w a r e r a ls
R ö m e r v e r u r th e ilt, u n d w o e r e rg riffe n w ä re w ü rd e d a s
U r th e i l v o llz o g e n sey n : h a tte er das M u n ic ip iu m zu nüz-
lic h e r Z e it a n g e w a n d t, so w ar er B u rg er e in e s frem d en
S ta a ts g ew o rd en , u n d der S p ru c h ü b e r ih n n ic h tig . W as
ih n b e fre y te w a r n ic h t dass e r a u s w a n d e rte , so n d e rn d ass
e r s ic h e in e m O r t z u w a n d te w e lc h e r m i t R o m e in e n b e -
sc h w o rn e n V e rtra g h a t t e , n ä m l i c h e i n e n i s o p o l i t i s c h e n 28) :
w er s ic h an e in e m u n b e re c h tig te n n ie d e rlie s s , über den

125) Jt a DH credent Samnitern civem Postum ium , non civem


Romanum esse — h id ib ria reliqioymm, — mx p u e r о dignas am -
bages. 26) Cicero de oralore I. 39. (177). qui Jiomam in
exilium venissel, cui Romae exulare ius esset. 27) Nicht so
lange die Mehrheit noch nicht entschieden war, sondern so lange
noch eine einzige Tribus nicht gestimmt hatte: Polybius VI. 14:
also noch wenn alle 34 die Verurtheilung ausgesprochen hatten.
28) тсрод oDç ï%ov<itv o p x ta ; Polybius a. a. O. Gleichheit
der Staaten dem Buchstaben des Rechts nach ist dabey nicht
nöthig: тѵіе gänzlich untenhan ein Pränestinischer Befehlshaber
■war zeigt die Anekdote von Papirius Cursor, Livius 1^. 16. —
und Neapel war steuerpflichtig: ders. XXXV. 16.
Uiebuhr, Köm. Gesch. 5
— 66 — [bàkd II.]

musste das Volk aussprechen dass ihm diese Niederlassung


als ein rechtes Exilium gelten solle129).
Die alte Sitte, jedes Recht als eine Begebenheit ein­
gekleidet darzustèllen, hat die Erzählung veranlasst, es
wären im Jahr nach dem Bund des Cassius hoy grosser
Hungersnoth viele Familien in die benachbarten Städte n
gezogen, und hätten deren Bürgerrecht angenommen:
einige wären bey ihnen geblieben, andre hernach zurück­
gekehrt ao). Dieses Recht wieder unter die Römer zu
treten hatte ein solcher Ausgeschiedener unläugbar: viel­
leicht postlzmmw seinen alten Stand in der Tribus wieder
einzimehmen, wenigstens aber, gleich jedem ändern Muni­
ceps seiner neuen Heimat31), unter den Römern Aerarius
zu werden. Wären nun der Anwendung dieser Befugniss
keine Schranken gesezt worden so würde jenes grosso an­
geborene Freyheitsrecht zu einem Spott der Regierung,
und seine Erhaltung während eines halben Jahrtausends
unmöglich geworden seyn; wenn der Verurtheilte als Ti-
burtiner zurückgekehrt wäre, hätte die vorige Klage als
abgethan nicht erneuert werden können. Daher ward die
Gemeinschaft des Feuers und Wassers mit ihm untersagt:
er konnte allerdings zu Rom seyn, aber unter dem Bann,
und ausser dem gemeinen Frieden: in welcher Art das
Leben vogelfrey war. Dieser Bann ist es welcher um
einen Exul zurückzurufen aufgehoben wird, nicht Landes­
verweisung, die, wie Cicero lehrreich bemerkt, den Römern
fremd war s2).
Wie ex u l in Beziehung auf den ursprünglichen Staat 7&
den der sich von ihm entfernt hat bezeichnet, und exiliu m
die Heimat welche er in der Fremde wählte98), so ist er
129) id ei iustum exilium esse scivit plebs : dors. XXVI. 3.
30) Dionysius VII. 18. p. 432. d. 31) Uobor die mu-
tatio civitatis postliminio Cicero pro Balbo 11. (28). Dass der
Isotele die Befugniss des Municipium gleich dem Eingeborenen
batte lehrt Aelius Gallus bey Festus s. v. municipes. 32) Cicero
pro Caecina 34. (100). Ueber die interdictio aqua et igni findet
eich alles wesentliche bey Heineccius anliquit* I, 16, 10: indessen
ist vor allem die Vorstellung zu berichtigen dass der Verurtheilte
dadurch gezwungen werden sollte auszuwandern. Cicero hat aller­
dings das Bürgerrecht durch den Bann gar nicht verloren.
33) qui nullo certo exilio vagabantur : Sallustius.
[bjlköп.] — 67 —
in dieser in q u ilin u s ; eine abgeleitete Form von dem ohne?
Zweifel einst gebräuchlichen Wort oskischer Form, in qu iL
Ein eigentümliches Wort den Municeps zu bezeichnen
welcher von seinem Recht Gebrauch gemacht hatte, konnte
der im Staatsrecht reichen latinischen Sprache nicht fehlen :
bey Sallustius, der den alten Sprachgebrauch mit Vorliebe
und gelehrter Einsicht hegt, nennt Catilina den Land­
städter Cicero einen in qu ilin u s civisl u ) ; als ob Arpinum
noch immer ein der Republik fremdes Municipium ge­
wesen wäre.
Auffallend ist es aber an demselben Schriftsteller
dass er einen latinischen Befehlshaber im römischen Heer,
«inen Bürger aus Latium nennt35) ; nicht deswegen be­
fremdet es weil er Latiner und Italiker als alte Municipes
betrachtet, sondern weil jener Befehlshaber, wie der Um­
stand beweisst dass er nicht durch die porcischen Geseze
geschüzt war, das römische Bürgerrecht nicht anstatt des
eigenen erkohren hatte. Allein auch hier folgt er einem
Sprachgebrauch, dessen hohes Alter seine unläugbare Un­
richtigkeit gegen Tadel beschüzt. Die Errichtung des
Municipiums mit Städten und Kantonen bey denen kein
7e Gedanke an Sympoütie ist , die zum Theil als Beyspiele
der Isopolitie angeführt s^nd, wird als Ertheilung des
Bürgerrechts ohne Suffragium gemeldet8б) : von den Kam-
panern und Acerranern wird gesagt sie wären Römer ge­
worden37), weil jeder Einzelne, sobald es ihm gefiel,
134) Ders. Catil. 31. — Sallustius, proprietatum in verbis
retinentissimus : Gellius X. 20. 3 5 ) Ders. Jugurth. 69. von
T. Turpilius, der mit Ruthen gestrichen und enthauptet ward:
nam is civis ex Latio erat. 3 6 ) у on Kampanern, Fundanern,
Formianern, Kumanern, Suessulanern : Livius VIEL 14. Von den
drey ersten und einem Theil der Samniter, Vellejus I. 14. Von
den Acerranern ders. und Livius VIII. 17. Von diesen, Kuma­
nern, Atellanern, Servius der Sohn (Festus s. v. municeps.). Die
Herniker heissen 7гродХур&еѵтгд elg туѵ к o?uT£tav, Dionysius
ѴІП. 69. p. 537. e. und ко?Лтаі> 77. p. 544. e. Dagegen sagte
-der Consul C. Varro den Kampanern, (Livius ХХПІ. 5) civitatem
magnae parti vestrum dedimus : richtig, da jene Civität nichts
■weiter als die Befugniss das Municipium zu üben war, welche
nur ein Theil benuzte: wo nicht sogar die Aufnahme in Tribus
gemeint ist. 37) Cives Romani tune fa c ti sunt Campanim
Enniue.
5*
— 68 — [KANI) П.]

Körner seyn konnte. Wenn es nun von einer solchen


ganz unabhängigen Bürgerschaft heisst, sie wären durch
ein Gesez Römer geworden, so galt dies nur so weit Rom
sich dadurch verband: für die Acerraner wäre es nichtig
gewesen wenn sie es nicht annahmen188). Sie haben es
dann durch ein gleiches erwiedert, es war dasselbe Vor­
fahren wie wenn bey den Griechen ein Friedensschluss
durch ein Psephisma eingeleitet ward. Anders stand es
mit bezwungenen Orten, wie mit Anagninern und ändern
Hernikern: diese mussten die Civität und Untertänigkeit
annehmen wie es der Souverain verordnete: ein so unwili-
kommnes Loos dass die Aequer weil es ihnen beVorstand
die Waffen ergriffen 39).
Indessen würden die cäritischen Tafeln, worin die 7?
sämmtlichen Bürger dieser Ortschaften eingeschrieben
standen, kein Buch der Unehre gewesen seyn wenn nicht
die JSTamen der Vollbürger welche ihre Ehrenrechte vor-
würkt hatten, dorthin versezt wären. Auch zu Athen
ward, wer in die höchste Atimie verfiel, au seinem Recht
dem Isotelen gleich: dem herabgewürdigten Römer war es
der Inquilinus auch durch den Namen eines Bürgers. Es
versteht sich dass Isopoliten die ihr Recht geltend mach­
ten wie die SympoJitou unter die Aorarier eingeschrieben
wurden; aber ich halte es auch für gewiss dass die cäri­
tischen Register nur einen Theil der allgemeinen jener
Bürgerklasse ausmachten. Man darf sie auch nicht für
ein Verzeichniss der Bürger sämtlicher isopolitischer Orte
ansehen: solche Verbindungen hatte Rom in grosser Aus­
dehnung ehe Agylla etruskisch ward, und jene Orte konn­
ten niemals anders als in Ehren genannt worden: wohl
aber begreift es sich leicht wie die Verzeichnisse der
Cäriter dienten die Entehrten aufzunehmen, seitdem sie
selbst aus jenem vornehmen Stande herabgesezt worden;

yrm juruli. facti, ен н е п і. e in it tut e i n e n u f p r a g i i


la lio n e d a fa :also dcracibo Ацжігиск wie für die Iaopolitio, von
dt г Bestrafung der Anagniner und Hcrnikor, Livius IX. 4 3 . Von
der Aequer Entrüstung, ders. IX. 4 2 . Von den Cäriton, Strabo
V . p. 2 , 0 . c. T io X t r e ta v ô o v t s ç ; und Dionysius rodet immer von
T t o X t r a t und T t o X t r s ia bey der Vereinigung der romuliuchen E r­
oberungen.
[band II.] — 69 —
und wie ihr Name für den ganzen Stand sympolitischer
Unterthanen gebräuchlich ward, wenn derselbe an ihnen
erneuert wurde, da die alten Ortschaften dieser Klasse
78 längst in die Tribus aufgenommen waren140). Allein Ver­
zeichnisse der Bürger jedes Orts mit dem man in Isopolitie
stand waren doch unentbehrlich um Unbefugte abzuweisen,
welche es versuchten sich als Municipes einzudrängen;
und wenn nach jenem weiteren Sprachgebrauch alle Bürger
dieser Völker auch als römische betrachtet wurden, und
die Summe aus allen jenen gesammelten Verzeichnissen
zu derjenigen der drey römischen Städte hinzugefügt ward,
so ergiebt sich, wenn auch zuerst nur als Hypothese, die
schon angedeutete Erklärung der Capita römischer Bürger
in den Oensuszählungen von der Gesammtheit der Römer
und ihrer Isopoliten 41): jener Zahlungen, welche sonst für
den der das Widersinnige und Unmögliche der Voraus-
sezung dass sie von Römern im eigentlichsten Sinn zu
verstehe;) seyen, nicht übersieht, ihres Gleichen als Kreuz
in der ganzen alten Geschichte kaum haben.
Denn der *schon früher erwähnten beyspiellosen und
aus den Annalen unerklärlichen Ebbe und Fluth der zwi­
schen 104000 und 150000 schwankenden Zahlen0), nur
deshalb wieder zu gedenken, dass hier nicht einmal von
Veränderungen, wie der Glückswechsel durch Erweiterung
und Verminderung des Gebiets sie für unsere Staaten her-
beyführen kann, die Rede seyn würde, sondern von einer
79 sprungweise eintretenden Vergrusserung und Abnahme der
Zahl der Bürger um viele Tausende, so sind die angege­
benen Zahlen, mögen sie nun für die der Erwachsenen
männlichen Geschlechts, oder noch etwas enger beschränkt
lind richtiger für die der Waffenfähigen42), gelten, in
140) Auf der Cäritcn Herabsezuug werde ich bey dem Zeit­
punkt zurückkommen wo sie sich ereignete. Da.ss aie nach dem
gallischen Krieg die Isopolitie erhielten ist eben so ausser Zwei­
fel -wie der Definition des Municipium, welche sie ausdrücklich
mit den Anagninern auf eine Linie stellt, unbedingter Glaube
gebührt. Auch Strabos Tadel der Römer, a. a. 0. ist bey einem
so klaren Schriftsteller Bestätigung : nur dabey vermischt was zu
verschiedenen Zeiten geschah. 41) Th. I. S. 614.
ö) Schwegler II. 679; Mommsen R. G. I. 427. 42) oi èv
9)ßy cP w fiatoi. Dionysius V. 20. p. 2'J3. a. 75. p. 338. d. IX»
— 7О — [band ii.J
diesem Sinn ganz undenkbar. Das Mittel der erhaltenen
Zählungen ist ungefähr 130000, welche Summe aus dem
lezten Census vor 280 angeführt wird : und hieraus ergäbe
sich, wenn für Fremde und Leibleute nur eben so viel&
hinzugezählt werden, eine Gesammtbevölkerung von 650000,
auf einem Gebiet welches zwischen Crustumeria und Ostia,
der etruskischen Gränze und derjenigen der nächsten lati­
nischen Städte, schwerlich eine Ausdehnung von zwölf
Quadratmeilen hatte. Man seze zwanzig: für wie viel Mo­
nate würden auf jenem Boden Lebensmittel erzeugt, wie
das übrige Bedürfniss gekauft seyn, ohne Gewerbe und
Handel; wie eine blos ackerbauende Volksmenge sich so
gehäuft haben? Eben diese 130000 wehrhaften Bürger,
sammt den waffenfähigen Fremden und Knechten, wären
damals von den Vejentern, die kurz zuvor von den Fabiern
bedrängt gewesen waren, in den Mauern Koms eingeschlos­
sen gehalten worden und hätten gehungert ohne auszu­
fallen, gleich jener feigen aber nicht so zahlreichen Menge so
die sich tausend Jahre nachher von Vitiges ängstigen liess.
Ferner: unmittelbar vor der Schlacht an der Allia waren
über 152500 Capita gezählt: in der Schlacht aber standen
höchstens 28000 Römer, mit Einschluss der Proletarier
und Aerarier und der sämmtlichen Betagten bis zum sechs-
zigsten Jahr: so sehr alle Waffenfähige, dass nach der
Zerstreuung dieses Heers Niemand war der die Mauern
hätte vertheidigen können. — Und endlich um das Maass
des Undenkbaren zu füllen; nachdem 289 nur 104000 Ca­
pita gezählt waren, herrscht 291 eine entsezliche Pest die-
wenigstens ein Drittheil der Bevölkerung weggerafft haben
muss, ^ es folgen sich mehrere der allerunglücklichsten
Kriegsjahre, in denen die Römer bey Tausenden gefallen
und in die Knechtschaft geführt seyn müssen: und nun
kommt 295 eine neue Zählung die nicht weniger als
117000 ergiebt.

25. p. 583. c. 36. p. 594. d. numerus eorum qui arm a f e r r e


p o ssen t ,
Fabius Ъеу Livius L 44. Also von Anlegung der männ­
lichen Toga bis zum vollendeten 60. Jahr. Plinius, derXXXHI. 5.
von lib e ra ca p ita redet, kommt bey einer Sache nicht in Betrach­
tung wo er den nämlichen Anstand finden musste wie wir, und
fiich nicht lange bedachte wie er ihn heben solle.
[bahd II.] — 71 —
Wer dies alles erwägt hat Mühe jene Zählungen der
Erwägung eines ernsten Mannes nicht eben so unwürdig
zu finden wie die lächerlichen Zahlen der Knechte zu Ko-
rinth^ und Aegina143). Aber sie lassen sich nicht eben so
abweisen: sie standen so angegeben in den urkundlichen
censorischen Rollen, von denen Dionysius als noch erhalten
redet44) : und wollte man sagen diese wären nach der
si gallischen Zeit erdichtet, so hätte doch niemand solche
Widersinnigkeiten wie den Zuwachs von einem Achtel nach
der Pest sich einfallen lassen. In dieser Klemme werden
auch andre noch einmal an den Ausweg zurückgekommen
seyn, ob nicht, troz der bestimmten Angaben, doch eine
allgemeine Volkszählung zu verstehen seyn könnte: ver­
gebens: da die Angabe der Waffenfähigen während des
grossen cisalpinischen Kriegs mit dem Census derselben
Zeit zusammenstimmt45).

*43) Auch die allgemein bekannte angebliche Zählung der


gesammten Einwohner Attikas verdient wenigstens in Hinsicht
der Knechte gar keinen Glauben: doch ist es begreiflicher -wie
selbst geistreiche Männer, die nur nicht gewöhnt sind sich phi­
lologische Ueberlieferung als würklich zu vergegenwärtigen, durch
diese betrogen werden konnten. 4*) Er hat sie selbst gese­
hen: I. 74. p. 61. e. IV. 22. p. 225. d. 4б) Polybius П. 24.
Römer und Kampaner, Fussvolk 250000, Reuter 23000. Bey
Orosius IV. 13. wird aus Fabius für jenes 348200, für diese
26600, angegeben: wie bey ihm nichts gewöhnlicher als ver­
schriebene Zahlen, so ist auch hier ein С zu viel, und die Total­
summe 274800 nur um 1800 verschieden von der bey Polybius,
der keine Veranlassung hatte sehr genau seyn zu wollen. Die
Zählung fällt auf 523, in welchem Jahr ein Lustrum geschlossen
ward. Livius drängte, um dem hannibalischen Krieg eine runde
Decade einzuräumen, die Begebenheiten von mehr als fünf Lustern,
21 Jahren, in das 20. Buch zusammen: von diesen Lustern hatte
der Verfasser der Epitome die Zählungen aus zweyen aufgenom-
men, die eben, wie der Ort, wo er ihrer gedenkt beweiset, um
den cisalpinischen Krieg fielen. In allen Handschriften steht:
lustrum a censoribus bis condiium : primo lustro censa sunt ci-
vium capita C C L X X millia : dann fahren einige fort C C X I1 I:
andre C C X I I I m illia : andre schieben davor, alio9 ein. Sey dies
Schreibfehler oder Verfälschung, die Zahl eines zweyten Lustrum
ist ausgefallen oder verschrieben: es wäre nicht gewaltsam zu
schreiben, altero C C L X X II1 millia; inzwischen ist durch die
— 72 — [band п.]

Aber diese Angabe verwandelt jene Hypothese in Ge- 82


wissheit, indem mit den Römern auch die Kampaner ge­
nannt werden; also dass diese lezten in allen Zählungen,
die durch Livius seit dem Samniterkrieg erhalten worden,
ebenfalls zu verstehen sind: nicht aber etwa sie allein,
sondern alle Völker welche wie sie Isopolitie hatten. Veile-
jus meldet gleichzeitig, und als ganz die nämliche Sache,
dass den Kampanern und einem samnitischen Kanton der
Bürgerstand verliehen sey; und die zwiefache Censusan-
gabe für Alexanders Zeit, 130000 und 25000014ß), erklärt
sich vollkommen wenn jene als die lezte vor dom Anfang
seiner Regierung, diese als die des Jahrs 418, nachdem
jene Völker in die römische Isopolitie getreten waren, ver­
standen wird. Dasselbe gilt nun von den frühesten Zeiten
her: und so zeigt das Steigen und Fallen der Censuszahlon
im dritten Jahrhundert nicht Zunahme und Abnahme der
römischen Nation, sondern die Veränderung dieser qigen-
thümlichen Verbindungen; welche allerdings grösstonthoilto
wahren Verbündungen und Eidsgenossenschafton entspra­
chen, aber doch auch ohne sie vollkommen denkbar sind.
Sie wurden wohl mit ganz entfernten Völkern oingegangen,
deren Verbrüderung nur guten Willen bieten konnte, Jst
es gegründet dass der zweyte Q. Fabius mit der Tochter eines
vornehmen Maluentaners rechtmässig verhoirafchot war, so
wird mit dessen Volk Isopolitie bestanden haben; es wer­
den auch die Massilioten in dem Census dos Jahrs 302
begriffen gewesen seyn. So lässt sich durch die Bewegung 83
in diesen Zahlen nicht einmal die Macht wolclio auf Bünd­
nissen beruhte sicher messen : nichts desto weniger ist das
Verständniss jener Angabe fruchtbar, indem es Meldungen
über Verhältnisse zu benachbarten Völkern ausser Zweifel
sezt und erhellt, was widersinnig lautete lehrreich macht47)-

Entstellung nichts wesentliches vorloron da jono 270000 nur um


3000 von Polybius Zahl abwcichen. — Der Kampanor, das beiast
der Bürger von Kapua und ihrer Periöken, waren nicht weniger
als 34000: das ist nicht für eine unbeglaubigto Zahl bey Livius
XXIII. 5. zu achten.
146) Plutarch de fo rt. Romanor. p. 326. c. Linus IX. U).
Die lezte Zahl ist nur ungefähr. 47) Auch für die Geschichte
der Griechen diesseits dos ionischen Meers, welche so viele ita-
[bandII.] — 73 —
So begreift es sich auch dass die Zahl eigentlicher Metö-
ken in dem Grade gering war, dass sie gar nicht vorzu­
kommen scheinen.
Wäre die Summe des Census zur Zeit des cisalpini-
34 sehen Kriegs nach derselben Regel wie zweyhundert Jahre
früher gezogen worden, so würde sie vielleicht dieselbe
gewesen seyn welche Fabius für die Waffenfähigen von
ganz Italien angab: aber das hatte sich geändert. So
lange viele unabhängige Staaten waren, wird jeder den
Census seiner Isopoliten zu dem eigenen hinzugefügt haben;
also dass die Zahl der Capita des nämlichen Volks mehr­
mals wiederholt vorkam: als Rom Mittelpunkt des ganzen

lische Einrichtungen theilten. Kaum weniger widersinnig als


jene Angaben über Rom, lautet es, dass zwar die Agrigentiner,
als die Karthaginienser vor ihren Mauern erschienen, nur etwas
mehr als zwanzigtausend waren, aber die Gesammtzahl, mit der
fremden Einwohnerschaft, nicht weniger als zweymalhunderfcau-
send gewesen ware (Diodor XIII. 84) : — und darunter sind wie
die Zahl der Bürger beweisst, ebenfalls Erwachsene männliches
Geschlechts zu denken: wie denn auch jener, zwar ein Verfäl­
scher, aber leicht älter als Diodor selbst, diese Notiz fasste, wel­
cher in einer Schrift unter dem Namen der Potamilla von 800000
Freyen zu Agrigeut redete (Wesseling zu Diodor а. а. 0.). Soll­
ten denn zweymalhunderttausend, wenn auch nicht alle vollstän­
dig gerüstet waren, solche Schaafseelen gehabt haben dass sie
den Pönern auch nur gestattet hätten sich vor der Stadt festzu-
eezen, geschweige віе auszuhungern V Aber auch hier sind unter
don 1 S 0 0 0 0 , theils Sympoliten einer weiten Landschaft, theils
Isopoliten zu verstehen; nicht Griechen allein, sondern auch Si-
kaner und Sikeler, welche den schon starkgemischten Griechen
gar nicht so fremd waren wie es uns vorkommt. Für gewaltige
Zahlen bey den Italioten, wie zu Kroton, gilt die nämliche Er­
klärung: doch die dreymalhunderttausend von Sybaris möchte
ich nicht als historisch betrachten, da es eine Zeit betrifft vor
der Abschaffung der Königswürde zu Rom, und eine Zahl welche,
die verschiedenen Stufen der Verzehnfachung hinauf, eben so
wenig eigentlich numerisch ist als sieben oder siebzig es bey den
Hebräern sind (S. Reimarus meisterhafte Abhandlung de asseseo-
ѵіЪш synhedrii L X X linguarum gnaris): ~ sechs, und seine
Multiplen mit zehn bey den Latinern ; so die freygegebenen sechs­
tausend Gefangenen: Livius ГІ. 22- Dergleichen ist, wenn es
entsteht, so wenig unwahr als wahr zu nennen.
I— 74 — [band ix.J

geworden war, hätte dies den Zweck gestört, zu überschauen


über welche Kräfte der Zugewandten der Senat verfügen
könne. Es ist sogar höchst wahrscheinlich dass den Bun­
desgenossen unter einander in vielen Fällen148) das Muni­
cipium untersagt ward, wie den Städten im Umfang eines
Volks welches gegen Rom verbrochen hatte. Ein gleiches
Bündniss scheint Isopolitie in sich zu befassen, ja gleich­
bedeutend damit zu seyn49): aber das Beyspiel der Kam- s&
paner denen ein solches zugeschrieben wird, da sie doch
Roms Vorrang huldigten, ja öfter seine Hoheit anerkannt
hatten, beweiset dass dieser Name nun nicht mehr buch­
stäblich verstanden ward. Nach dem alten Sinn des Worts
waren die Römer noch immer im Municipium® mit Tibur,
Präneste, allen verbündeten Orten wofür das Recht des
Exilium bestand: ja mit den Neapolitanern welche doch
sogar Steuer zahlten: Latiner und italische Bundesgenossen
mit ihnen: da sie, wenn auch unter Beschränkungen die
ihren eigenen Bedürfnissen gewährt waren, das römische
Bürgerrecht kühren konnten: aber weil diesen beyden Stän­
den eigenthümliche G-eseze gegeben waren, die sie unter
einander und von den Municipes der alten Art unterschie­
den, so entzog der Sprachgebrauch ihnen diese Benen­
nung50): und nur die eigentlichsten Isopoliten wurden mit
den römischen Bürgern aufgeführfc.

148) Mit Fregellä hatten es Peligner und Sammtfir,


49) fo e d u s aequum — der Kampaner, Livius XXIIL 5: zum Lohn
für der Massalioten treue Hülfe in der gallischen Noth immuni-
ias d a ta , et locus spectacuhrum in Senatu decretus, et foedus
aequo iu re p ercu sm m : Justinus XLIII. 5.: das hioas ohne Zwei­
fel^ in der ein heimischen Erzählung, âréÀeta xal itpoeâpla èv
toïç âyaxrt xal itronohreia, Das mindere Bürgerrecht wie es die
Transalpiner vor Claudius hatten, noch ausgeschlossen von Senat
und Aemtern, nennt Tacitus A n n . XI. 23. foedera et civitatem.
Rom anam . 60) Klassisch für die Unterscheidung ist Livius
XXVI. 15: — der Senat müsse untersuchen mm (Gampani) com-
m u n ica ssen t co m ilia cum aliquibus sociorum , L a tin i nominis,
m u n ic ip io ru m : denn so ist zu unterpunktiren, dass die Namen
aller drey Stände nach alter Redeweise durch Neben Stellung ver­
bunden seyen, und zwar steigend nach ihrem Rang*, italische
Bundesgenossen, Latiner, freyverbundene Municipien, wie Kuma,
Fundi und Formiä. Gronovius hat richtig erkannt dass das lezte
I
[band II.] — 75 —

ее Da den jedesmal zu Kom anwesenden Latinern im


sechsten Jahrhundert die freylich mit weniger Macht ver­
bundene Ehre zustand in einer ausgeloosten Tribus ihre
Stimmen abzugeben, so hat es freylich grosse Wahrschein­
lichkeit dass sie damit für ein Stimmrecht entschädigt
worden welches die übergesiedelten Municipes ausgeübt,
so lange die alte CenturienVerfassung bestand: und dies
könnte der Erzählung zum Grunde liegen dass Cassius
durch die Stimmen der ihm anhänglichen Latiner und
Herniker sein Gesez durchzuführen gehofft habe151”), So
fremd wie jene abgeschaffte Verfassung geworden war,
dürfte in der That die Angabe der Definition, — bis auf
jene wesenlose Ausnahme vollkommen richtig seitdem alles
auf den Tribus als Grundlage beruhte, — nicht unwider-
sprechlich beweisen dass die Municipes nicht vor Alters
in den Klassen gestimmt hätten; welches doch von den
Clienten, während sie auch nur Aerarier waren, nicht zu
bezweifeln ist. War dies lezte, wie ich gern zugebe, neu­
ernde Abweichung vom Gesez des Servius, so wird man
schwerlich die Municipes versäumt haben, deren Stimmen
sich eben gegen die Plebejer richten liessen. Wenn es
aber so dargestellt wird dass Cassius Latiner und Herniker
zur Stadt gerufen habe um zu stimmen, so ist der irrthum
handgreiflich : und so sichtbar bat einem späten Annalisten
die Erinnerung tribunicischer Stürme aus seinem Jahrhun­
dert vorgegaukelt, wenn Tribunen durch hereingerufene
Latiner und Italiker, und gedrohte Gewalt, den Senat zu
87 schrecken suchten, dass jene, in verständiger Beschränkung
so glaubliche, Nachricht fast zweifelhaft wird.
Es ist zweckmässig über sehr fremde Gegenstände
Ausdrücke- zu vermeiden bey denen unbestimmte oder
falsche Nebenbegriffe verwirren können: künftig aber werde

Substantiv die vorstehenden nicht regiere; aber die Copula welche


er davor einrücken will entstellt den alten Ausdruck, und hebt
die Unterscheidung von Italikern und Latinern auf. Beyläufig
bemerke ich dass gleich weiter, wo es heisst num ojpe eorum in
béllo f o r e n t et m u n i c i p i o r u m a d iu ti , nach der Spur der Hand­
schriften, welche geben et a d m u n i d p i о r u m , zu emendiren
ist: et a d m i n i c u l o .
161) Dionysius VIII. 72- p* 540. d.
— 76 — [band xi.]

ich auch von der Isopolitie manchmal nach dem Staats­


recht unsrer Väter reden. Dass der Sympolit, mit den
mindern bürgerlichen Befugnissen, dem Pfahlbürger der
alten Stadtrechte entspricht, ist gewiss klar genug*152): von
diesem ist, meines Erachtens, der Ausbürger so zu unter­
scheiden dass er nur dann Pfahlbürger heissen kann wenn
er in die Stadt zieht. Wer einzeln das Verhältniss des
Ausbürgers erhielt, war durchgehend ein vornehmer Mann,
Ritter oder Prälat; und gleicht demProxenen: aber nicht
nur der Einzelne errichtet ein Burgrecht mit einer Stadt,
sondern auch eine ganae Bürgerschaft oder Landschaft;
und dieses Verhältniss, welches die schweizorischo Ge­
schichte, zumal das fünfzehnte Jahrhundert hindurch, un-
zähligemal nennt, nie erklärt, scheint mir nichts anders
seyn zu können als Isopolitie. Allo Bürger oder Land­
leute jener Gemeinde wären Ausbürger geworden; von
Zürich, zum Beyspiel: in demselben Sinn wie die Kampa­
ner römische Bürger: der einzelne der cs bonuzte ward
Pfahlbürger. Land recht war das nämliche Verhältniss zu
einer Landschaft: das Wort welches in diesen dom Pfahl­
bürger entspräche kenne ich nicht. Mit Land- oder Burg­
rechten war immer auch ein Schirmverein verbunden: da­
her ist es kein Wunder wenn der Name jener angewandt
ward um Verträge zu verbergen dergleichen einzeln abzu- 88
schliessen den Kantonen eigentlich nicht gestattet war53),
und das isopolitischo Verhältniss daboy in Vergessen­
heit kam.

Ueber das Recht der Latiner.


Einige Befugnisse übte der Ausbürger oluio das Ver­
hältniss zu dem Staat soiner Väter zu ätidorn, oinigo konnte
er nur als Pfahlbürger geltend machen: und hierflbor ont-
1 5 2 ) V g l . Hüllmanns Gosch, d. Stände. 2 Л. S. 582. ff.
58) Dass die späteren Burgrechte nichts anders als Yerhündnisse
waren und die oben angegebene Ursache bewogen hat jenen
Namen zu gebrauchen, sind zuverlässig gegründete, durch Herrn
Doctor Bluntschli mir mitgetheilfce Bemerkungen eines Züricher
Rechtskundigen: aber dass Pfahlbürgerschaft aus Burgrocht her-
vorging, steht aus deutschen Urkunden fest.
[band II.] — 77 —
schied nicht die höhere Würde des Rechts, sondern die
Beschaffenheit der Sache. Ohne Kapua zu verlassen hatte
Pacuvius Calavius eine Claudia geheirathet, und eine
Tochter nach Rom vermählt; dadurch ward nichts verwirrt:
aber wenn er römische steuerpflichtige Grundstücke ge­
kauft hätte, so würde der Republik das Tributum davon
entzogen seyn, welches nicht nach den Gegenständen son­
dern nach den Personen ausgeschrieben ward. So war
also das vornehmere Recht, das Commbium, jedem Isopo-
lifcen offen: das Commercium dem übergesiedelten Vorbe­
halten.
Von der Römer Verhältniss zu Alba wird gemeldet
dass Connubium bestanden habe ш ); und mag jede angeb­
liche Kunde über diese uralten Zeiten mit vielleicht un-
89 nöthiger Strenge verworfen werden, so ist dies doch als
Herleitung eines gleichen Rechts mit den Latinern gemeynt,
und zu beachten. Das Connubium mit Alba ist in der
Sage von den Müttern der Horatier und Curiatier, das mit
den Priskern und Latinern in der von den Frauen welchen
vor der Schlacht am Regillus die Scheidung freygestellt
worden55), ausgesprochen; und über solche Dinge kann
die Sage nicht von der Würklichkeit abweichen: die Ver­
mählung der Tochter des lezten Königs mit dem Dictator
Mamilius darf wohl für historisch gelten. Zu diesen all­
gemein bekannten Erzählungen ist jezt die Erwähnung hin­
zugetreten dass die Heere unter C. Marius und Q. Pom-
pädius mit traurigem Herzen gegen einander unter den
Waffen gestanden, weil viele durch das gesezlich bestehende
Connubium befreundet und verschwägert gewesen wären56).
Seitdem dieses Zeugniss ans Licht gekommen, darf
die Meynung dass die wahren Latiner kein Connubium ge­
habt, für entschieden widerlegt gelten: denn gewiss ist es
undenkbar dass die welche vor den Italikern das Ehren­

154) Strabo V. p. 231. b. ßacnXeuopevoi кхатероі %wplg


è r ù y x a v o v ‘ oùâèw т]ттоѵ èm yd fita те 7)<таѵ (1. èiztyafica те
xal U pà xoivà та èv *'AXßa, xal âXXa àtxata rroXiTtxa (die
Isopolitie). 55) Th I. S. в 17. 5G) Diodorus E xc. de
Senlentiis XXXVII. 10. p. 130. ed. Dind. o l п а р ’ àfiyoTépoig
стрктштаі — си%ѵоЬд oîxetoug xal auyyeveïg хатеѵбоиѵ, obg
à t9jg èmyafJLtag vvßog ёжелotrjxet xotvatveïy, туд тоіайгцд ftXiag*
— *78 —' [bawd H.]

recht voraus hatten zum Stimmen zugelassen zu werden,


in jener wesentlichen Sache ihnen nachgestanden hätten.
Sie hätten dann überhaupt, so lange sie sich als Ausbürger
hielten, keine Gemeinschaft des Rechts mit den Römern
gehabt, mit Ausnahme der zwölf Colonien welche Nexa
schliessen und Erbschaften antreten konnten167). Wie es 90
mit diesen bewandt gewesen seyn dürfte, darüber werde
ich meine Vermuthung äussern wenn die Geschichte die
Zeit erreicht haben wird, wo sie, wie ich denke, jene Be­
fugniss erhielten: der Grund aus welchem das Commercium
nicht bestanden hatte, war nicht mehr; und es hätte allen
Latinern eingeräumt werden können, wenn nicht eben da­
mals Mistrauen, und ein Streben ihr Aufblühen zu hemmen,
zu allen Bewilligungen abgeneigt gemacht hätten.
Nach dem Plan meines Werks würde ich von den la­
tinischen Colonien, deren Recht auf eine in der früheren
Jurisprudenz so häufig erwähnte, mithin ohne Zweifel auch
sehr zahlreiche, Klasse der Freyg<*lassenen angewandt ist,
ebenfalls bis zur Erzählung der Zeit da dieser Stand er­
richtet ward, zu reden verschieben, wenn die Erörterung
der Frage welche latinische Colonien es gewesen, nach
deren Vorbild den Junianisrhen Latinern das Connubium
versagt ward, so lange hinstehen könnte.
Ich muss also schon hier bemerklich machen dass die
noch in ihrem Recht gebliebenen alten latinischen Städte,
und die mit ihnen den latinischen Namen bildenden Colo­
nien 5Я) ein volles Jahrhundert ehe der Consul Junius
Norbanus das Recht der latinischen Freygelassonen ein­
führte, sämmtlich römische Bürger, und ihre Städte Muni­
cipien geworden waren. Nach dem julischen Gesez gab
es keine latinische Colonien, bis, ein Jahr darnach, ein 91
neues Latium5!>) eingeführt ward. Das transpadanische
I67) Cicero pro C a r d na 35 (10*2). ö8) Allo Latiner
sind unier diocMii einigen Nam< n ziisammongcfas t hey Polybius
II. 24: al e erhii4:en zugleich unter d« meclbi-n daa Bürgerrecht
durch das julmche Gc&oz, Colonen wie Tiburtinor und Prä-ne-
stiner. Latium im der Bedeutung von his Lain (welches
lezte eich bey Aseoi.iua, Arg. der Pigom&na, findet) hat Gesner,
aber ohne Beleg: vcrinuthlieh n»eh Strabo IV. p. 187. а. Муооаа
rd xaÀoujüLevov Aaretov (scr. Aartov)t und Appian Civ. U. 26.
touto yà p dôvarat тд Латюѵ: »Stellen die auch, der fremden
[band II.] — 79 —
Land hatte sich mit einer gemischten lateinisch redenden
Bevölkerung aus Italikern und umgebildeten Einheimischen
gefüllt; die Städte jenseits des Po waren noch treu, aber
machten Ansprüche; deshalb wurden sie durch ein vom
■Consul Cn. Pompejus Strabo angetragenes Gesez zu lati­
nischen Colonien erhoben, ohne dass Colonen dorthin ge­
sandt wären160). Das eigenthümliche dieses Rechts war
dass diejenigen welche in solchen Städten Magistrate und
Ehrenämter bekleideten dadurch das römische Bürgerrecht
erlangten, und nur sie 61) : als Colonien nach diesem Recht

Sprache ungeachtet, vollkommen genügten: jezt kommt Gaius


hinzu: s. [Th. 2.] Anm. 163.
IGO) non novis colon is , sed veteribus incolis m anentibus :
Asconius a. a. 0. Mithin ohne alle Deduction, grade im Wider­
spruch mit dem Wesen jener Definition [Th. 2. Anm. 80.] welche
wohl für älter gelten darf. 61) Strabo IV. p. 187. a. Appian
Civ. II. 26. Gaius I. 96. — und Asconius а. а. 0.: denn in den
widersinnigen Worten, woran schon Sigonius mit Recht Anstoss
nahm, u t p eten d i m agistratus g ra tia civitatem R om . adipisceren -
t u r , ist g ra tia Verfälschung eines Herausgebers; es fehlt ohne
Zweifel in den alten Drucken wie in der Florentiner Abschrift :
wonach sich die Emendation ergiebt u t petendis m agistratibus civ.
Rom. a d ip . — Eben vorher führt die Lesart jener Abschrift
passent hinc fast eben so sicher auf die Verbesserung possideren t ,
statt des schlechten possent h a b ere : und weiterhin hat eine heil­
lose Willkübr das ius Ita lia e , wovon der unverfälschte Text
nichts hat, eingeführt, und damit den Wahn vom Daseyn itali­
scher Colonien — dessen gänzliches Verschwinden hoffentlich
nicht mehr fern ist. Ueber dieser Stelle hat als Asconius schrieb,
und als ein vermessener Emendator sie zurecht machte, ein wahrer
Unstetn gewaltet: wenn unter diesem Einfluss der römische Schrift­
steller auch unstreitig wähnte, es sey das Recht der alten Lati­
ner das nämliche gewesen, so wollen wir bemerklich machen dass
er auch seine Verwunderung äussert wie Cicero Placentia ein
Municipium nennen könne, da es als latinische Colonie gegründet
worden: — nämlich er selbst kannte es als militärische. Der
nämliche Gelehrte dem alles was sich während Ciceros öffent­
lichem Leben ereignete so vertraut bekannt war, begriff das alte
Staatsrecht so wenig dass ihm nicht einfiel wie die Stadt vom
julischem Gesez bis die Triumvirn dort die Militarcolonie grün­
deten, nichts anderes seyn konnte. Um zu ermessen wie wenig
auch grosse theilweise Einsicht und Verstand nöthigen oder recht-
fertigen, einzelne Aensserungen über ganz untergegangene Zu-
— 80 — [band it.]
werden namentlich Comum und Nemausus angeführt1,02), ю
Von der Zeit an wurden viele Städte und Völker in diesen
Stand erhoben, der, verglichen gegen das alte latinische
Beeilt, das mindere Latium genannt ward ö3), und mit
vollem Fug. Dass diese Latiner kein Connubium hatten, 93
da sie grossentheils Barbaren, höchstens italisirte Misch­
linge waren, ist so begreiflich als dass man es den Lassen
versagte, deren eindrängender Ueberschwemmung ein Damm
gesezt werden wollte: Erweiterung des Commercium aber
war willkommen, und im Sinn mancher Maasregel welche
den Kaufpreis italischer Grundstücke zu heben bezweckte.
Ein Gesez welches latinische Völker als fremde be­
trachtete, und auf sie den Grundsaz anwandte dass das
Kind der ärgeren Hand nachschlechte 64) kann nur dieses
mindere Latium betroffen haben : und wenn die Lex Mensia
jene Bestimmung enthielt, so ist eine Gränze für ihr Alter
gegeben.

Der Bund mit den Hernikern.0)


Zwischen den Bünden Roms mit den Latinern und
den Hernikern liegen sieben Jahre, und Ereignisse welche

stände uns zum Gesoz dienen zu lassen, muss man beobachtet


haben wie fünfzig Jahre und noch weniger hinreichen sie völlig
in Vergessenheit zu bringen.
162) Strabo und Appian a. a. 0. ÖS) Wenn man nur
unbefangen gelten lässt was augenscheinlich in der Handschrift
steht, so lautet die Stelle bey Gaius a. a. O. unstreitig, nach
einigen leider jezt auf immer unlesbaren Zeilen : m agistratum
g e r u n t , civitatem Bom anam conscquuntur : m inus L atiu m est,
cum hi ta n tu m qu i vel m agistratum v tl honorem gerunt (also z. ß.
auch die ß e v iri A u gu stales, die Flammes der Kaiser u. s. w.)
a d civitatem Bom anam perveniunt. Diesem musste ein m aius
L a tiu m entgegenstehen, von dem in den verlornen Zeilen die Rede
•war; etwa so: M a i u s L a t i u m v o c a t u r , c u m q u i c u n q u e
R o m a e m u n u s f a c i u n t , n o n hi t a n t u m q u i mag. gerunt
etc. 64) Gaius I. 79. (mit Göschen Anm.): — die vergan­
gene Zeit in se ner Erwähnung bezieht «ich nur auf die des Ge-
sezes welches in der einzigen Ötellc wo es genannt wird den selt­
sam lautenden Namen Mensia führt. «) Schwegler II. 330*
[ band II.] — 81 —
diese Geschichte nicht übergehen wird: das wäre aber
eine knechtische Annalistik welche den inneren Zusammen­
hang dieser Trennung aufopferte. Es war der nämliche
Sp. Cassius der als Consul beyde Bünde schloss, und ihr
Inhalt wörtlich der nämliche166): das Bündniss den drey
Völkern gemein und gleich, so dass nun, wenn ihre Banner
vereinigt ausgezogen waren, jedem Staat ein Drittheil der
94 gewonnenen Beute und des eroberten Landes zufiel66), so
auch gleicher Antheil an Colonien zustand 67). Damit nun
diese Gleichheit bestehen konnte, musste kein ausnehmendes
Mis verhältniss zwischen den Kräften cTfer Verbündeten seyn,
wenn sie auch nicht genau gleichgewogen waren: die Her­
niker mussten einen viel bedeutenderen Umfang haben als
der worin die spätere Geschichte sie zeigt. Auch sie, wie
die Latiner, sind durch die Volsker und Aequer überwältigt
worden, und haben an diese Eroberer einen Theil ihrer
Orte verloren, von denen einige, wie es mit Ferentinum
geschehen is t68), wieder gewonnen, andre zerstört seyn
mögen; andre, als Friede hergestellt und der Besizstand
durch Verträge anerkannt war, den Volskern geblieben
seyn können. Zu ihren Städten darf Trebia gerechnet
werden, das in der Sage von Coriolanus als erobert vor­
kommt, welches einem Zeugniss gleichsteht dass es an die
Aequer verloren worden; es findet sich weder unter den
latinischen Städten noch unter den albensischen Orten 69) ;
und schon die Lage macht es höchst unwahrscheinlich
dass es jemals dem latinischen Staat angehört habe. Wohl
aber den Hernikern, wenn diese einstmals an die Marser
gränzten, von denen als dem nächsten sabellischen Volk
ihr Ursprung abgeleitet wird: und ihr Zusammenhang mit
dem Stammvolk kann nicht immer unterbrochen gewesen
seyn; es ist unmöglich dass sie die unvergänglichen, von

165) йѵтіураіроі rtbv izphq Aartuouç {auv&rjx&v) Dionysius


VIII. 69. p. b ’S l. b. 6*) Ders. VIII. 77. p. 544. o. rd ènt-
ßaXXov èxdaroiç (der drey Völker) Àà%oç: vom eroberten Boden,
das. 76. p. 542. c. Daher gebührte den Latinern ein Drittheil
vom Kriegsgewinn : Plinius XXXIV. 11. 6?) Oben S. 48.
68) Livius IV. 51. 69j Wohl aber unter den Jeztea
die Vitellienser, deren Ort als Coriolanus Eroberung mit Trebi*
genannt wird.
Niebuhr, Röm. Geich. $
— 82 — [band II.]

altern Bewohnern gegründeten, in uralten Tagen eben wie *ь


Latium und die tyrrhenische Küste von Pelasgern be­
wohnten, Felsenburge, in einem Anlauf erobert hätten,, zu
dem sie sich nur eine Strasse durch ausonische Völker­
schaften gebahnt gehabt, die sich alsdann wieder hinter
ihnen schloss. Es ist augenscheinlich dass die Aequer
das Gebürge eingenommen, und die sabellischen Völker
hier auseinander getrennt haben.
üebrigens, dass die Städte der Herniker, als sie sich
443 gegen Rom auflehnten, mehr an der Zahl gewesen
seyn müssen als Anagnia und die vier ändern welche
namentlich als solche verkommen, hat schon Cluver aus
Livius Ausdruck gefolgert, dass, ausser Verulä, Alatrium,
Ferentinum, alle hernikische Völker den Krieg beschlossen
hätten170). Zu errathen wie viele ihrer waren als sie noch
vollzählig bestanden, dazu führt die Entdeckung der Zahl
welche die Eintheilung der Staaten des sabellischen Volks­
stamms bestimmte. Denn dass auch diese durch eine solche
angeordnet ward ist nicht zu bezweifeln, mochte es nun
wie bey den Römern drey seyn, oder eine andre; durch
sich selbst , oder mit zehn vermehrt um die untern Ab­
theilungen zu gewähren. Solche Formen können nicht
zufällig seyn; sie sind Gesez, wie die dorische Musik; sie
beweisen unmittelbar was sie zeigen. Die Sabeller haben
sich in dieser Hinsicht von den Latinern grade unter­
schieden wie Ioner von Doriern: ihre anordnende Zahl
war vier.
Sie erscheint im Kriegswesen der Herniker und der sc
Samniter. Die Cohorten jener zählten vierhundert Mann 7l):
eben so die der Samniter 72): und in der Stärke ihres regel­
mässigen Heers, sechszehntausend 7S), findet sie sich zwie-

l™) Livius IX. 42. Concilium populorum omnium hahentibus


A n a g n ird s — p ra e te r A la irin a tem , F erentinatem que et Vcrida-
m im om nes H ern ici 7iomiiris p o p u li (nicht populo) Romano bellum
in d ix e r u n t. Dazu JPrusino. 71) JLivinß Vll. 7. Octo cohortes
q u a d rin g en a ria e . 7a) Ders. X. 40. vigin ti cohortes tiam n itiu m
(q u a d rin g en a ria e ferm e eran t). Die Partikel gehört dem Schrift­
steller, welcher den Ausdruck seiner älteren Quellen bestimmter
findet als ihm zu yerbürgen scheint, wie es auch Diony&iuH macht:
Th. I. Anm. 1228. 78) Die der legio lin tea ta : Ders. X. 38.
[ваяв II.] — 83 —
fach ; es sind vier Legionen, jede von viertausend Mann174).
So sind denn auch die viertausend Samniter welche zur
Yertheidigung von Paläpolis gesandt worden 75), eben eine
Legion; und jene Zahl ist angegeben, nicht weil man die
Stärke der Hülfsvölker angemerkt hätte, sondern weil die
einer samnitischen Legion den Annalisten noch wohl be­
kannt war. ^Weniger gewiss ist es wohl, allein doch sehr
wahrscheinlich, dass, auch die achttausend Mann mit denen
Numerius Decimius bey Larinum Hannibal den Sieg ent­
riss 76), von zwey Legionen zu verstehen sind.
Bie Eidgenossenschaft der Marser zählte vier Völker:
dass die samnitische eben so viele enthalten habe ist durch
jene vier Legionen fast dargethan. Denn wenn auch die
Erentaner damals sich von den Eidsgenossen, Caudinern,
Pentrern, Hirpinern, getrennt hatten, so mochte es doch
möglich gewesen seyn der Erhaltung der Grundform durch
Einrichtung eines vierten Kantons zu genügen 77).
Diese Zahlengeseze, einmal erkannt, leiten so sicher
S7 dass ich ohne Bedenken annehme jedes selbständige sa-
bellische Volk sey vierfach getheilt gewesen, also auch
die Herniker; und das zeige sich für diese in den tausend
Colonen von Antium 78). Hier hätten vierhundert herni­
kische die vier sabinischen Stämme auf gleiche Weise
dargestellt wie die dreyhundert Börner die drey Tribus
der Geschlechter; die dreyhundert Latiner die drey Decu­
rien der Städte. Und so weit fühle ich Sicherheit: nicht
ohne die Gränze zu überschreiten jenseits welcher Zauber­
gewalt dem Verwegenen auflauert und die Sinne zu be­
thören droht, lässt sich die Vermuthung bilden dass die,
in römischen Dingen so oft erscheinende, Zahl zwölf, aus
der Vermehrung der Grundzahlen der in der Nation ver-

174) Also jene zwanzig Cohorten zwey Legionen. ?5) Lirius


VIII. 23. ™) Ders. XXII. 24. Oben S. 23.
78) A n iiates m ille m ilites a)t bey Livius III. 5-, ist sicher nichts
anderes als eben der Widerschein einer Notiz dass vu Antium
tausend Colonen waren. Der Ge?ammtantbeil der Herniker war
nicht um ein Drittheil grösser als der von jedem der beyden
ändern Bundesvolker: sondern es empfing jeder Herniker nur J
тот Loose welches einem Römer oder Latiner zugetheilt ward.
e) Schwegler II. 498.
6*
84: — [важюи.]

bundenen Latiner und Sabiner mit einander, erwachsen


sey: es möge in Attika in Hinsicht der Ioner und Kranaer
die nämliche Bewandtniss gehabt haben. Daher werde
Numa, nach der Vereinigung beyder Völker, die Einfüh­
rung des zwölfmonatlichen Jahrs zugeschrieben; welches
doch von Anbeginn gewesen seyn muss, auch durch das
zehnmonatliche nie verdrängt seyn konnte.
Ich kehre auf meinen lieben redlichen Boden zurück,
und athme frey. Das mag man fragen ob die Herniker
wohl vierzig oder sechszehn Städte gezählt haben werden?
Eine andre Zahl kann es nicht seyn: und die Nachricht
dass sieben und vierzig Städte an den latinischen Ferien os
An theil nahmen179), entscheidet für die zweyte. Das aber
lässt sich nicht auf gleiche Weise finden ob Anagnia in
der Zahl der secbszehn begriffen ist, oder diese neben der
reichen Stadt80) gestanden haben, wie die dreyssig latini-
schen neben Alba: in den Fasten kommt es also, bey dem
Triumph des Q. Marcius Tremulus, neben den übrigen
ITernikern vor. Es ist unmöglich zu errathen ob der nach
welchem Dionysius jene Zahl meldete, Rom, die dreyssig
latinischen und sechszehn hernikische Städte, in jener
Summe vereinigte, oder angeben wollte wie viele ausser
Rom auf dem albanischen Berg erschienen wären.
Als Hauptstadt ist es in einer wahrscheinlich recht
alten Erzählung nicht zu verkennen, wo es heisst, Lävius
Cispius von Anagnia habe die Herniker geführt, die, um
Rom, wohl gegen einer Angriff der Sabiner, zu schüzen
während Tullus Hostilius vor Veji stand, auf einem der
beyden damals noch offenen und unbebauten Hügel der
Esquilien gelagert gewesen, wie ein latinisches Heer auf
dem ändern81). So alt ward das Bündniss der Eömer
auch mit diesem Volk gedacht, in welchem die Titier
ihre Volksgenossen erkannten, wie die Ramner in den

W ) Dionysius IV. 49. p. 250. o. Die Volsker von Ecetra


und Antium sind nur durch Verwechslung der Isopolitie mit der
Eidsgenossenschaft eingemischt. Unter Tarquinius konnte übrigens
von antiatischen Volskern die Rede gar noch nicht seyn, und
schwerlich von ecetranischen. 80) dives A n a g n ia : Aeneie,
VII. 684. 81) Festus 8. v . S q p tim o n tiu m , aus Varro. Es
sind die Hügel von S. Maria Maggiore und S. Pietro in Vincola.
[bawd п.] — 85 —
99 Latinern. Auch sie sind dann, wie die Latiner und Tyrr-
hener der Küste, unter Roms Botmässigkeit gekommen;
auch sie haben das Joch abgeschüttelt. Als freye Ge­
nossen und als Unterthanen waren sie in gleicher Weise
durch Burgrecht mit Eom verknüpft; und wenn die Zahl
der Capita durch das Hinzutreten der Sabiner zwischen
246 und 256 von 130000 bis 150700 erhöht war, so wird
es die Trennung der Herniker, nicht allein die der Sa­
biner, gewesen seyn, wodurch der Census 261, als die
Latiner doch schon wieder gewonnen waren, auf 110000
herabkam. Unkunde und Ehetorik haben in Cassius Bünd-
niss, wodurch uraltes Burgrecht nur erneuert ward, ein
ganz neues Yerhältniss gesehen; und zwar unverantwort­
liche Verschwendung der höchsten Gnaden 82). Die Führer
denen Livius folgt müssen dies besser gewusst haben, da
er von dem Allen schweigt: hingegen ist bey ihm die Zu­
sicherung eines Drittheils von dem künftig zu erobernden
Lande dahin misverstanden dass ihnen vom eigenen, wenig­
stens von ihrer Domaine, nur so viel gelassen sey, zwey
Drittheile eingezogen wären 83). Nämlich ihm gilt für
gewiss dass das Bündniss als Friedensschluss einen Krieg
geendigt habe : Dionysius weiss sogar sehr vieles umständlich
von demselben zu melden. Das verdient sicher gar keinen
Glauben; weit wahrscheinlicher ist vielmehr der Krieg
gänzlich erdacht weil man das Bündniss für einen Frie­
densvertrag ansah, und was über die Theilung von Land
und Leuten daraus erwähnt war, misdeutete.
100 Die Gefahr welche von den Volskern und Aequern
drohte machte die Eömer bereitwillig sich eine Vormauer
durch billige Zugeständnisse zu sichern; die Herniker aber
und die Latiner erwiesen sich hinwieder in den Kriegen
treu welche ihnen selber fern und gleichgültig waren, weil
sie auf der Eömer Hülfe rechnen konnten, und von ihnen
als gleiche Verbündete anerkannt wurden.

182) Dionysius VIII. 69. p. 537. b. 77. p. 544. e.


M) A g r i pa rte s duae a d em ta e : Livius II. 41.
— 86 — [band ir.]

Die Kriege mit Volskern und Aequern, bis


zum Ende des vejentischen.“)
Die unaufhörlichen Kriege mit diesen ausonischen
Völkern, welche mehr als ein Säculum hindurch fast all­
jährlich Vorkommen, haben Livius veranlasst zu äussern,
dass er mit Ueberdruss davon schreibe, und gleiches Mis-
gefühl bey seinen Lesern vermuthe184) *. wie vielmehr hat
dies der Fremde zu erwarten, welcher, achtzehn Jahr­
hunderte später, unter seinen Zeitgenossen sehr wenige
haben wird denen es klar wäre dass der volskische Name
durch A.rpinum und seine Söhne geadelt ist, oder die Herr­
lichkeit des Gebürges und des Schauplazes jener Geschichte
vor Augen stände; keinen dem jene Ereignisse durch ein
heimatliches Gefühl werth wären? So muss die ewige
Einförmigkeit von Vorfällen, die sich meistens nicht ein­
mal durch Angabe des Orts unterscheiden, anscheinend
nur Einbrüchen und Plünderungen, folgenlos verlaufender
immer wiederholter Unternehmungen, vollends bis zum
Unerträglichen ermüden. Doch dieser Schein innerer Un­
erheblichkeit ist nur veranlasst durch die Unredlichkeit 101
der römischen Annalisten, welche die Eroberungen jener
Völker geflissentlich in Vergessenheit gebracht’ hat, so
wie die Kleinlichkeit ihres Sinns heilsame und verständige
Friedensschlüsse, an denen der Nachkommen Eitelkeit An-
stoss nahm. Hätte ein Eömer, bewogen durch Abkunft
aus einem volskischen Municipium, einheimische Chroniken
aufgesucht, so würden diese ihm grosso Männer genannt
haben deren sich, nach Ciceros wohl nicht hingewagter
Aeusserung, auch das Volk seiner Vorväter rühmen
konnte85) ; und diese jezt so unerfreuliche Geschichte
könnte, erst in den glänzenden Thaten der alten Zoit,
und dann, als sich das Glück gewandt hatte, in dem un-
ennüdeten Widerstand langer Jahre, ungeachtet ihres be­
schränkten Schauplazes, achtungswürdig wie irgend eine

a) Schwegler II. 700. 184) Livius VI. 12. 85) fj8


re p . III. 4 .
[band п.] — 8ï —

-erscheinen. Das Bild einer solchen wiederzuschaffen ist


unmöglich: nur von.Attius Tullius, Yettius Messius und
-Gracchus Clölius sind die Namen auf uns gekommen, ihr
Andenken zum Theil von unwürdig feindlichem Sinn ent­
stellt: ihre siegreichen Tage sind ausgetilgt, Eroberungen
die sich nicht ganz verbergen Hessen auf einen Fremden
übertragen: der Männer entwandte Ehre hersteilen können
wir nicht, doch im Allgemeinen entdecken welche dem
Yolk gebührt.
Die römische Geschichte kann die volskischen Kriege
um so weniger versäumen, da die Macht der Latiner durch
sie vernichtet ward, und die übriggebliebenen sich ge­
zwungen sahen in der Botmässigkeit Eoms Rettung zu
suchen; also, dass durch sie der römische, nach den Kö-
102 nigen untergegangene, Staat wieder erstand. Aber Wieder­
holung der annalistischen Meldungen voll Trug und Un­
wahrheit führt nicht zu ihrer Kenntniss, sondern Betrach­
tung in Massen wie sie aus weiterer Entfernung zusammen­
treten. Vor dieser theilen sie sich in vier Zeiträume.
Der erste geht bis auf den Frieden mit den Volskern
im Jahr 295; während desselben hat sich die Herrschaft
der beyden ausonisclien Völker in Latium ausgebreitet,
und, wenn auch eine Zeitlang aus Antium zurückgedrängt,
zulezt ihre grösste Höhe erreicht. Den grösseren Theil
desselben, voll Dunkelheit, und mit spärlicher Kunde sehr
weniger bestimmter Ereignisse, nimmt der gegenwärtige
Abschnitt ein. Der zweyte Zeitraum geht von jenem
Frieden bis zum Sieg des Dictators Aulus Postumius Tu-
bertus. Während desselben erhielten sich beyde Völker
im Besiz des gewonnenen Landes; aber das Band wodurch
sie stark gewesen, war, bis zum Anfang des Kriegs den
jene Schlacht entschied, aufgelösst; und auch für denselben
nur zwischen Aequern und Ecetranern hergestellt. Bis
dahin war Bom auch mit diesen wie mit den Antiatern
befreundet, wenn auch nicht immer ohne Störung: mit
den Aequern in unfriedlichem Verhältniss, häufig in offen­
barem Krieg. Während des dritten blieben die Antiater
in der Römer Freundschaft; Ueberwältigung der ändern
westlichen Volsker und der Aequer schritt stetig vorwärts,
bis Rom vor den Galliern fiel. Der vierte umfasst an
dreyssig Jahre: die Aequer sind vom Sturm der Zeit
*
— 88 — [ВАК©II.]

»iedergeworfen; die Antiater verlassen Rom nach siebzig­


jähriger Freundschaft, sie und die. ändern vorliegenden
volskischen Städte sind mit den Latinern verbunden, und ію
endigen indem sie theils in ihren Staat theils in den römi­
schen übergehen.
Ich bin weit entfernt auch nur zu bezweifeln dass
der jüngere Tarquinius Kriege, und siegreiche, mit den
Volskern führte: der aurunkische Stamm ward gegen La­
tium vorgedrängt; ein Mährchen aber ist es mit der Zer­
störung von Suessa Pometia, wenn dieses eins mit Pometia
gewesen seyn soll welches noch in den Zeiten der Repu­
blik vorkommt186); nicht weniger als mit den dort gewon­
nenen unermesslichen Scbäzen. Signia, dessen Gründung,
Circeji, dessen Befestigung durch Colonen, çhne Zweifel
historisch dem lezten Könige zugeschrieben werden, be­
zeichnen offenbar eine nicht entfernte feindliche Gränze:
Terracina, welches noch zum römischen Königreich gehörte,
mochte Botmässigkeit als wohlthätigen Schuz betrachten:
dass es auch zur Zeit des karthaginiensischen Vertrags
noch tyrrhenisch war lässt sich mit Grund vermuthen
wegen jener Verbindung mit Rom, auch weil es nicht
unter dem volskischen Namen vorkommt. Allein als gleich
nachher Roms Stärke gebrochen war, wird es in die Ge­
walt der Eroberer gefallen seyn, denen sich 261 schon
die beyden albanischen Colonien, Cora und Pometia er­
geben hatten 87). Die Eroberer werden Aurunker genannt,
wie am Anfang des fünften Jahrhunderts die von ihrem 104

186) Ich habe fast Zweifel an dem Daseyn dieses Suessa Po­
metia : dafür redet eigentlich nur Suessa Aurunca, wo der ßey-
name ein anderes Suessa als Gegenaaz zu bedingen scheint: aber
das Adjectiv würde Pomptina seyn. Nach der Analogie müsste
man annehmen es wären zwey Orte vereinigt, etwa wie in der
Kaiserzeit Laurolavinium, hier aber nach der Sitte des hohen
Alterthums ohne Veränderung und ohne Copula ihrer Namen.
87) Der Ausdruck a d A u runcos d e ß c iu n t : (Livius II. 1(5.)
wird doch niemand störenV Läge die Begebenheit auch weit
näher, so hätte der Römer nach dem Gedanken dass nicht« ent­
schuldige wenn eine Rom angehörige Stadt nicht lieber untergehe
als dem Feind die Thore öffne, so sprechen können. Da.se die
Städte welche Livius latinische Colonien nennt albanische waren,
». oben, S. 24.
[ХАЮII.] .. — 89 —
Stamm welche um den untern Liris wohnten: auch haben
die Chroniken denjenigen mit denen die Römer vor dem
Aufstand der Gemeinde zusammentrafen Kampanien als
Heimat zugeschrieben*88). Der Krieg wodurch ihnen jene
Eroberungen auf einige Zeit wieder entrissen wurden,
kommt bey Livius zweymal vor, unter den Jahren 251,
252, und 259: ja, wer die Sache beym Licht besieht,
wird zugeben dass auch jene früheren angeblichen zwey
Feldzüge in der That der nämliche sind, den verschiedene
Annalen theils in 251, theils in 252, gesezt hatten89).
Aus dieser Verworrenheit kann nur so viel für historisch
gelten dass beyde Orte wiedergewonnen wurden und Po­
metia unterging; wie es denn 261 unter den latinischen
Städten fehlt, Cora aber vorkommt. Auch das ist nicht
zu bezweifeln dass dreyhundert aus der mit Sturm ein­
genommenen Stadt enthauptet wurden. Diese werden bald
los als Geissein dargestellt bald als aurunkische Principes des
Orts90): sind sie Geissein gewesen, so würden die alten
Einwohner sich früher den Römern verdächtig gemacht
haben, und, obwohl sie ihre Treue hatten verbürgen
müssen, dennoch abgefallen seyn; und es liesse sich sagen
dass auch hier die Zahl nicht nach unsern Ansichten ab-
zuwägen sey. Ungleich wahrscheinlicher ist es indessen
dass diese Schlachtopfer, der 'Zahl nach einer römischen
Colonie gleich, eine Aurunkische waren welche den Ort
hatte behaupten sollen: dass die Römer ihn zerstörten
weil er Öde lag, indem die alten Einwohner weggeführt
oder umgebracht waren. Denn jene Grausamkeit ist doch
nur als Rache begreiflich; und an dem Zustand mehrerer
Orte deren ich gleich gedenken werde zeigt sich augen-

188) Dionysius VI. 32. p. 366. с. та туд Каіхкаѵ&ѵ %шрад


7teâia. Das ist um so weniger nach dem strengsten römischen
Sprachgebrauch auf die Landschaft von Kapua zu beschränken
da die Griechen alle Osker KampaDer nannten. 89) Livius
II. 16. 17. 22. 25. 2G. Dieselben welche, in der Version nach
der früheren Zeit, Aurunker heissen, nennt er unter 259 Volsker.
Der behutsame Dionysius hat jene .Erzählung weggeworfen. —
Man vergleiche was unter 251 und 252 erzählt wird: es ist das
nämliche Blutbad. *>ö) 300 Geisseln in den Jahren 251 und
259: II. 16. 22. prin cipes in 252. H. 17.
— 90 — [band II.]

sclieinlich wie verheerend die volskischen Eroberungen


waren.
Niemand wird bezweifeln dass diese sich, während
des latinischen Kriegs ausbreitoten : und es mag für sicher
gelten, sey es nun errathen oder überliefert, dass die La­
tiner zwischen Frieden mit Rom, der Anfangs die Zwecke
des Kriegs nicht gewährte, und einem angebotenen Bünd­
niss mit den Volskern wählten101). Diese konnten sich,
ausser durch die Einnahme von Antium, nur von ihrem
und der Herniker Gebiet vergrössern; und verlieissene
Entschädigungen auf Kosten des römischen Staats wären
wenigstens höchst ungewiss gewesen. Sobald der Friede
hergestellt war, versäumten die Verbündeten nicht ihre
Gränze zu befestigen. Signia muss während jener Jahre
da Rom keine Hülfe durch das feindselige Latium senden ioe
konnte, verloren seyn; denn es ward 269 neu gegründet,
und eine neue Colonie dorthin gesandt m). Es war aber
die wiedergewonnene Landschaft an Ecetraa) gekommen
gewesen93); welches, zwischen Signia und Forontinum
gelegen 94), wohl eben in jenem Zeitraum durch eine vols-
kisclie Colonie eingenommen war, und seitdem zur Mahl­
statt des volskischen Staats diente der sich" am Gebürg
bildete 95) : dessen Verfassung und Landrath wir uns ganz
wie für die latinischen Städte zu denken haben. Die
Ecetranor suchten Hülfe bey ihren entfornten Stamm­
genossen, oder fortgedrängte Aurunker erschienen unbe­
rufen in Latium, und drohten den Römern Krieg wenn
jene Landschaft nicht wieder geräumt würde: bey Aricia

191) Livius II. 22. öS) Livius II. 21. «) Sch wogier
II. 699. 93) Es hemt bey dems. II. 25. und Dionysius VI.
32. p. 366. c. den Eeetranern sey ihre Mark genommen: aie
ward angewiesen xX^pou^otg elg <pulax.y)v той Шиоид è m e / x ^ s t e t :
die Auruuker ijÇtouv (r. lP.) тѵ)ѵ <ppoupàv ànayayB Ïv : eine solche
<ppoupd sind Colonen in einer festen Stadt, [Th. 2. Anm. 81.],
nicht zerstreute Ansiedler. Der oben angenommene ZuHammen-
hang muss errathen werden, ist aber nicht zweifelhaft,.
94) Livius bestimmt den Orb einer Schlacht zwischen Forontinum
uud Ecetra IV. 61. 9®) Ort der vobkischen Concilia: Diony­
sius VIII. 4. p. 483. c. Livius III. 10. Lage: laeva a d m onlet
JEcetram p e r g u n t: dors. VI. 31.
[бі-NDII.] — 91 —
wurden sie von jenem Heer geschlagen, welches der Consul
Servilius grösstentheils aus Pfandlenten gebildet hatte.
Aber das Land räumten sie nicht; erst im folgenden Jahr,
260, ist Veliträ ihnen wieder entrissen worden. Dass
diese Stadt, welche sich auch unter den dreyssigen be­
findet, ursprünglich volskisch gewesen, ist eine eben so
107 verkehrte Vorstellung wie die nämliche Ansicht über An­
tium; es ist ganz unmöglich dass alsdann Cora, und die
entfernteren Städte Latium hätten angehören können. Der
Irrthum ist daraus entstanden dass diese Orte allerdings
nachher volskisch wurden, und es blieben bis alles weit
und breit unter römische Hoheit kam. Dass ihre Bürger­
schaft nicht von fremdem und feindseligem Stamm ge­
wesen seyn kann, zeigt der Wunsch den entvölkerten Ort
durch römische und latinische Colonen herzustellen, welches
262 geschah. Es gleicht keiner erfundenen Erzählung
dass damals nul* ein Zehntheil der Einwohner übrig ge­
wesen sey; aber eine Pest, welche einen einzelnen fern
vom Meeresufer gelegenen Ort also getroffen, sich nicht
über Latium und ßom erstreckt hätte196), ist eben so ein
Unding, wie es widersinnig ist dass Volsker Feinde zu
sich geladen haben sollten, anstatt jener aurunkischen
Volksgenossen, von deren Ankunft die Annalen selbst er­
zählten. Es ist offenbar die Kriegsnoth gewesen, welche,
erst bei der volskischen Einnahme, dann bei der Wieder­
eroberung, die Bevölkerung von Veliträ hingerafft hat.
Gleiches Schicksal wird Norba gehabt haben, das im näm­
lichen Jahr 262, um die pomptinische Landschaft zu be­
haupten , Colonen empfing 97).
Keines dieser Bollwerke wird unter den Orten genannt
welche Coriolanus und die Volsker in dem Feldzuge ein­
genommen haben sollen der in der geltenden Geschichte
los ohne Verschiedenheit und Zweifel in das Consulat des
Sp. Nautius und Sex. Furius gesezt wird. Von diesem
sollte man erwarten dass er der Skepsis welche die Glaub-

196) Dionysius VII. 13. p. 427. c. vgl. mit Livius II. 31.
welcher erzählt Veliträ ьеу erobert, und .die Colonie nach Roms
Beschluss hingesandtv 97) Ders. II. 34. arx in Pom ptino :
wonach der ager Pom ptinus die Gebürgshalde über den Sümpfen
dieses Namens ist.
— 92 — [band п.]

haffcigkeit der Geschichte der ersten vier Jahrhunderte


läugnet, nicht entgangen seyn, vielmehr dass er ihr als
ein augenscheinlicher Beleg ihres Urtheils gedient haben
würde; allein so flüchtig sind jene Betrachtungen unter­
nommen dass dies nicht geschehen ist. Völlig übergangen
wird die gänzliche Verschiedenheit beyder Geschicht­
schreiber über die Eroberungen, die sich bey Dionysius
zum Theil in grade umgekehrter Ordnung von der welche
Livius annimmt, folgen; da überdies jeder mehrere Orte-
nennt von denen der andre schweigt198). Solche Wider­
sprüche hätten nun eben nach den Maximen worauf jene
allgemeine Verwerfung gegründet ist entscheiden können
die ganze Erzählung als Fabel zu verdammen ; und in der
That kann nichts unglaublicher seyn als diese Verschieden­
heiten über die eroberten Städte, welche bey Alexanders
asiatischen Feldzügen nicht so sehr auffallen möchten,
aber in einer Geschichte wo keiner sonst mehr als die
Einnahme einer einzelnen Stadt darbietet nicht denkbar
sind. Gegen die Unglaublichkeit dass Tag für Tag ein
fester Ort eingenommen worden, ohne einen Versuch die m
Eroberer aufzuhalten, ohne dass ein römisches Heer nur
aufgestellt wäre; dass, bey der blossen Annäherung der
Feinde Senat und Volk die Verteidigung Roms auch nicht
als möglich gedacht hätten; gegen diese gehäuften Un-
glaublichkeiten wird das Befremdliche in der Nachricht
von Coriolanus ruhigem Greisenalter unbédeutend. Das
ist so unwidersprechlich einleuchtend, dass, wenn es noch
in unsern Tagen gläubige Anhänger der gewöhnlichen
Geschichte gäbe wie ehedem, selbst von diesen das Zu-
geständniss nicht schwer zu erlangen seyn könnte, es
müssten hier die Eroberungen mehrerer Jahre in ein ein­
ziges zusammengedrängt, und Niederlagen verschwiegen

198) Bey Livius: Satricum, Longula, Polusca, Corioli, Mu-


gilla, Lavinium, Corbio, Vitellia, Trebia, Lavici, Podum — bey
Dionysius: Toleria, Bola, Lavici, Pedum, Corbio, Carventum, Bo*
villä, Lavinium (wovon nur gesagt wird dass еь cingeschlosson
worden): dann während der dreyssigtägigen Friat, Longula, Sa­
tricum, Cetia (?) Poluaca, die Albieter (hier iat, wohl durch Dio
nyaius Schuld, das Wort Albensis versteckt ; welche» auf die Po-
luscaner ging), Mugilla, Corioli.
:[bàkd II.] — 93 —
seyn. Allein nicht zu erwähnen dass ein Theil jener
Widersinnigkeiten für den der sich nicht mit Ausreden
begütigen lässt auch so ungeschwächt fortbesteht, so ist
damit dem Ganzen nicht geholfen wovon jener Krieg einen
Theil ausmacht. Niemand wird es denkbar finden dass
die Yolsker ihre Eroberungen geräumt hätten, wenn auch
•das Heer, seinem Eid gehorsam, den befohlenen Rückzug
antrat: eben so unmöglich aber ist es dass sie, von Circeji
bis Bovillä und Lavinium, vor Sp. Cassius drittem Con­
sulat in der Gewalt der Eroberer gewesen wären. Dann
würde von einem Ackergesez gar nicht die Rede gewesen
seyn: die Allmende war verschwunden wenn Roms Gränze
bis auf die fünfte Millie zurückgezogen war; wie nachher
der Streit über das Ackergesez verstummte, als siegreiche
Feinde die streitige Landschaft eingenommen hatten. Die
Latiner, auf jene wenigen Städte um das Albanergebürg
beschränkt die eine lange Zeit nachher allein übrig waren,
ito und die ebenfalls herabgekommnen Herniker, umringt von
erobernden Nachbaren, hätten im vejentischen Krieg keine
Hülfsheere senden können. Waren die Eroberungen 266
vollbracht, wie nahmen denn die Aequer erst 26 Jahre
nachher ihr Lager auf dem Algidus, und von der Zeit an
alljährlich? Wie konnten die Römer nach zwanzig Jahren
Antium gewinnen, ohne dass sich eine Spur von vorher­
gegangener Wiedereroberung der vorliegenden Orte findet?
Ich will wenig Gewicht darauf legen dass Krieg mit
den Hernikern im Jahr nach solcher Demüthigung gar
nicht denkbar ist, da ich wenig Glauben an denselben
habe: verbürgen möchte ich auch nicht die historische
Wahrheit der Meldung dass ein sikeliotischer Fürst das
Getreide geschenkt habe, welches Coriolanus der Gemeinde
nur um den Preis der Aufopferung ihrer Freyheiten hätte
zukommen lassen wollen199); denn auch hier könnte ein
weit späteres Ereigniss, eine Freygebigkeit des ersten
Dionysius 200), auf ältere Zeiten zurückgeführt seyn. Ist
199) Dass der Senat solches Getreide batte, bezweifle ich
gar nicht, die Frage ist nur ob es ein Geschenk aus Sicilien
war. 200) im Jabr 344, 01. 94. 2. Livius IV. 52. nennt
SicvXorum ty ra n n i : es war aber damals Dionysius der einzige Fürst
in den Seestädten: und eben ihn nannten die Chroniken in der
Geschichte von Coriolanus.
—* 94 — [band п.]
aber dieser Umstand der Sage wohlgegründet, so kommt
zn erwägen dass Gelo damals noch nicht zu Syrakus
herrschte, welches, wie auch die grössten ändern Städte
der Insel, frey war; und es lässt sich keine Ursache er­
denken weshalb jener damals eine Gunst gegen die Römer
ausgeübt haben sollte, wozu der Beherrscher seefahrender Ul
Städte durch gemeinschaftliche Feindschaft wider die
Etrusker veranlasst ward201).
Die Anklage über jene abscheulichen Rathschläge
wird als Veranlassung des Plebiscite angegeben, welches
die Tribunen berechtigte den der ihre Verhandlungen mit
der Gemeinde störte auf eine zu verbürgende Geldbrüche
zu belangen 2). Da dies Plebiscit ein allgemeines Gesez
ist, so muss es jünger als das publilische, 283, kann aber
anch nicht viel älter als 293 seyn, in welchem Jahr es ш

soi) Dionysius, welcher jenen Anachronismus der ungelehrten


Römer verlacht, zeigt sich hier schlau, indem er Gelo nur den mäch­
tigsten unter den Fürsten in den sicilischen Städten nennt (VII, l.
p. 417. d.); der Leser selbst soll ihn sich schon damals in der
Grösse seines Königreichs denken. Ueber Gelos Geschichte findet
sich eine zwiefache, ganz entgegengesezte, Zeitrechnung, die sich
um 01. 75- 2. als einen Angelpunkt dreht, welches, oder der
Archon Timosthenes, für die einen (es genügt hier Diodor zu nennen)
sein Todesjahr, für die ändern (s. Corsini fa sti att. III. p. f70.)
der Anfang seiner Regierung zu Syrakus ist. Die lezte Angabe
hat für sich das grosse Gewicht der in aicilischen Sachen höchst
genauen panschen Chronik, der bis auf eine nicht erhebliche Ab­
weichung der Scholiast zu Pindar boystimmt, welcher Tirnäus zu
gebrauchen pflegt; den auch der Verfasser jener Chronik um
so gewisser vor Augen hatte, da seine Geschichte in demselbigen
Jahr endigte wovon die Chronik zurückzählt. Die Umkehrung
erklärt sich daher dass die Erzählung Glauben gewonnen hatte,
es hätten die Griechen an demselben Tage bey »Salamis und Ш-
xnera gesiegt: wo also OL 75. 1. innerhalb Gelos Regierung ge­
bracht werden musste. Auch dann über trift der Anfang seiner
Regierung zu Syrakus etwa in 01. 73- 3. oder 4: und Dionysius
übersah es nicht dass seine Synchronistic wonach 261, 01. l'£, 1.
war, nicht passt: auch um eine Olympiade berichtigt, reicht sie
nicht. Inzwischen war Gelo in der 73. gewiss Purst von Gela,
für die vorhergehende ist es nicht erweisslich. 2) Ders. VII.
17, p. 431. ö.
[bàkd II.] — 95 —

zuerst gegen Cäso Quinctius angewandt ward103). Jene


Anklage selbst gehört in ihrer Form den Yerhältnissen
an welche sich erst nach dem vejentischen Frieden, 280,
zeigten; wo die Consuln welche das Ackergesez unvoll­
zogen gelassen hatten, und nachher Appius Claudius, vor
das Gericht der Tribus gezogen wurden, von dem Corio­
lanus verurtheilt ward 4). Ohne Zweifel waren die Tri­
bunen a) von Anfang her dazu berechtigt gegen den der
auf Vernichtung der beschwornen Richtung angetragen
hatte; wie hätten sie es aber damals geltend zu machen
vermocht, da sie wenige Jahre nach dem worin die An­
nalen Coriolanus Verurtheilung sezten, den Vertreter ihrer
Rechte nicht retten konnten, und das Wahlrecht sich
mussten rauben lassen? Also wenn der Handel welcher
Coriolanus Unglück entschied zwanzig Jahre später gesezt
würde als es in der Geschichte angenommen ist, so wären
diese Umstände seiner Glaublichkeit nicht im Wege: und
dann fände sich auch eine Eungersnoth zu Rom unter
Umständen wo ein griechischer- König in Sicilien veran­
lasst gewesen wäre sich den Römern liebreich zu erweisen.
Seit 275, ungefähr, regierte zu Syrakus Hiero, welcher
nach dem Ruhm strebte der Etrusker Seeräuberey zu zer­
stören, ihnen sein Lebelang Feind war: in seine Zeit also
из fällt das Hungerjahr 278 6): er und die Römer hatten die
nämlichen Feinde. Bald nachher zeigt sich eine unmässige
Aufregung zwischen den Ständen, wo es ganz wahrschein­
lich ist dass im Senat ein Vorschlag geschehen mochte
wie er Coriolanus zugeschrieben wird, die Plebes aber
nun auch schon kräftig genug war um den welcher die

103) H ie p rim u s vades publico d e d it : Livius III. 13. Hierauf


eben ging das Gesez. 4) Dass dieses Gericht nicht auf die
Zeit passe wohin Coriolanus Process gesezt wird, hat Hooke er­
kannt; ein Mann von gesundem Gemüth und Urtheil, der fiey-
lich den Gedauken der Möglichkeit, das Chaos der Geschichte
zu ordnen, nicht fasste. a) Mommsen Röm. Forsch. 179, 209.
5) Ungefähr 01. 77- 4. — Diodors Zeitbestimmung von я
Hieros Seesieg über die Etrusker (01. 76. 2 ) muss auf dieselbe
Weise falsch seyn wie die von Gelos Tode: jener wird nach den
Jahren seines Königreichs angegeben seyn; das vierte desselben
wäre eben 01. 77. 4.
— 96 — [band iiJ
Grundgeseze abschaffen wollte zur Strafe zu ziehen. Auf
die nämliche Zeit passen einzelne Umstände, an sich von
geringer Erheblichkeit: die Feindseligkeiten gegen die
volskischen Antiater, wobey sich Coriolanus auszeichnet.
Dass sein Vergehen, die Strafe und die Rache, sich ein­
ander sehr nahe gefolgt sein müssten, wäre eine ganz
willkührliche Voraussezung: es können zumal zwischen
dem ersten und der lezten nicht wenige Jahre verflossen
seyn. Wenn sich dann findet dass die Volsker Isopolitie
und Zurückgabe einer durch die Römer gewonnenen Land­
schaft erlangten, so lässt sich darin das Gesez des Frie­
dens nicht verkennen welches Coriolanus vorgeschrieben
haben soll; so angemessen für jene Zeit als es dreyssig
Jahre früher, und wenn alles Land bis an die alte Pfahl
in seiner Gewalt gewesen wäre, sinnlos ist von Zurück­
gabe weggenommener Ländereyen und eroberter Orte an
die Volsker und Zurückrufung der Colonen zu reden6).
Erkennen wir endlich in dem Verzeichniss seiner Erobe­
rungen nur das eines Theils der volskischen, auf den
Römer, dessen Glanz der Eitelkeit sogar wohl that, über- щ
tragen, so ist, — damit in der ganzen, auf ihre wahre
Zeit zurückgeführten Sage nichts widersinniges mehr sey,
sie vielmehr mit den annalistischen Ueberlieferungen in
die vollkommenste Harmonie trete, sie ergänze und be­
lebe, — nur noch zu erklären wie er den Krieg gegen die
Vaterstadt führte.
Dies zu thun bleibt Vorbehalten bis ich die Sage in
ihrer ursprünglichen Gestalt, deren starke Züge unver­
kennbar erhalten sind, an dem Ort wohin sie gehört er­
zählen werde: dort wird sie selbst sich geltend machen:
nicht allein als eine ächte Ueberlieferung aus sehr alter
Zeit, die doch blosses Gedicht seyn könnte, sondern als
das wesentlich wahrhafte Andenken an einen grossen
Mann und grosse Dinge; wie es Jahrhunderte lang, ohne
dass die strengste Würklichkeit bezweifelt wäre, in der
Nation fortlebt’e, und mit der Geschichte der Verfassung
und Geseze verknüpft war. Und d|ese Erzählung würde

106) èàu ànoÔtâaxrt *PmßdXot OfyoAoô<rxotç y é p a v те


aôroùç à&yjруѵтаі, xal izéÀeiç oaaç хатё%оиаіѵ, dvaxakeedßsvoi
тодд àitoixouç — Dionysius VIII. $ 5 . p. 508. b.
[band II.] — 97 —
nichts als ein unhaltbares Mährchen seyn wenn ihre Glaub­
haftigkeit davon abhinge dass sie in jenes Jahrzehend ge­
höre, wo die überlieferte Geschichte sie hinstellt.
Eine lebendige Sage fand einen sichern Plaz in den
Annalen wenn ihr Held in den Fasten vorkam; war dies
nicht, so blieb sie schwebend ausser ihren Schranken, wie*
die von Papirius Prätextatus, wahrscheinlich auch die vom
Cipus; oder sie ward auf ganz verschiedene Zeitpunkte
215 bezogen, wie die von Curtius auf 310 und 385; oder irrige
Verbindungen und Folgerungen bestimmten sie an einem
ganz falschen Ort einzufügen: so ist es mit der von Co-
riplanus ergangen. Was nun hier den Irrthum veranlasst
hat, lässt sich unzweifelhaft entdecken. Wie allenthalben
Legenden über die Errichtung verehrter Gebäude ent­
stehen, so verband die Sage einen vier Millien vor der
Stadt an der latinischen Strasse gelegenen Tempel der
Fortuna muliebris mit jener von der Göttin der Fügungen
gesegneten Verwendung der Frauen. Man erlaubte sich
zu übersehen dass er doch nicht an der Stätte stand wo
Coriolanus sie empfangen haben konnte: da dieser, wie
die Sage sehr bestimmt erzählte, sein Lager fünf Millien
von Eom am cluilischen Graben genommen hatte207); näm­
lich an der alten inaugurirten Gränze die einst römisches
und albanisches Gebiet sonderte, welche er nicht über­
schreiten konnte ehe die dreyssig und drey Tage um waren,
und der Krieg erklärt8). Auch kennt Livius sein Lager
nur hier, und es ist baare Verfälschung dass ihn Diony­
sius dasselbe während der drey lezten Tage eine Millie
näher nehmen lässt, damit es an die Stelle jenes Tempels
komme 9). Es ist sehr möglich dass die Frauen in diesem
das Andenken ihrer gesegneten Fürsprache mit Dankopfer
feyerten: die Huld der Gottheit hatte sich an jenem glück­
lichen Tage kund gethan; es mochte das nächste zu jener
Feyer geeignete Heiligthum seyn. Doch die Fortuna mu­
liebris ist nicht erst damals erdacht* worden, sondern
nothwendig eben so früh wie die Fortuna virilis, deren
ne Tempel schon Servius Tullius errichtete, als ihr Gegensaz:

207) Ders. VIII. 22. p. 496. e. Livius П. 39. 8) Th, I.


S. 385. 9) Dionysius VIII. 36. р. 50Э. b.
Ni«buhr, Köm. Gesch. 7
—' 98 — [band п.]

hier wohl nicht weil die römische Theologie alle Gott­


heiten in zwiefacher Persönlichkeit, männlich und weib­
lich, dachte, — denn da würde sie wohl nicht ange­
standen haßen die eine dieser Ideen als Fortunus zu be­
zeichnen210); sondern weil Fortuna, die Beschränkung der
allgemeinen Naturgeseze des veränderlichen Lebens durch
Individualität, Ereignisse und Schicksale, nach dem Wesen
beyder Geschlechter so verschieden ist dass jedes für sich
die Macht anbetete welche über sein Geschick waltete.
Einen Ort ausser dem Pomörium scheint die Religion für
das Heiligthum jener Gottheit vorgeschrieben zu haben,
weil der Tempel der Fortuna virilis auch vor der Stadt
lag: die so weit entfernte Stätte des ändern mag höchst
zufällig gewählt seyn. Dass aber hier keine Beziehung
auf die Gesandtschaft der Matronen bestand a) , zeigt das
Wesen des Tempeldienstes, von dem alsdann Wittwen
nicht eben so wie wiedervermählte hätten ausgeschlossen
seyn könnenn), da doch der greisen Mutter Veturia,
welche offenbar als Wittwe gedacht wird, die Erweichung
des Felsenherzens verdankt ward : ja ■es wird jeder ein­
gestehen dass sie oder Volumnia die erste Priesterin hätte
seyn müssen, nicht jene Valeria; die offenbar durch eine
schiere Erfindung, nur um zu erklären wie sie und nicht
eine von jenen beyden Frauen als solche in den Büchern
der Pontifices genannt ward, als Urheberin des Raths 117
dargestellt wird. Denn allerdings ist die Nachricht dass
sie dort, als nur noch der Altar errichtet war, das erste
Opfer an den Kalenden des Decembers 267 darbrachte,
der Tempel selbst durch den Consul Proculus Virginius
am Vorabend der Nonen des Quinctilis 268 geweiht sey,
ohne einigen Zweifel aus diesen Schriften genommen,
welche Dionysius ausdrücklich für das Wunder anführt
so sich daselbst mit dem von den Matronen geweihten

210) ln der Art wie wahrscheinlich Vertumime und Voltumna:


wo einer von den Namen wohl etwas verdreht ist. — Vgl.
Th. I. S. 463. «) Schwegler II. 383. A. 2. # u) Man
sage nicht dass Mutter und Frau ihrem Geliebten in das Elend
gefolgt seyn könnten; das Gegentheil, ewige Trennung, wird
offenbar vorausgesezt ; auch vorher hatten sie ihn nicht begleitet.
[bakd II.] — 99 —
Bilde ereignet habe212). Sobald Coriolanus Zug durch die
als unzweifelhaft geglaubte Beziehung auf jenes Opfer der
Yaleria festgestellt schien, ward seine vorhergegangene
Geschichte über drey Jahre vertheilt, auf welche dasjenige
in dem er vor Eom erschien unmittelbar folgt: denn die
Consularjahre 264 und 265 fehlen bey Livius nicht durch
einen Irrthum, sondern die Fasten denen er folgte schliessen
sie aus 13). So werden Marcius Thaten vor Corioli und
gegen die Antiater in 261 gesezt: seine Versündigung in
262, das Gericht und die Verbannung in 263. Doch
Corioli beschwor 261 den Bund mit Eom als latinische
Stadt, kann also damals weder den Antiatern gehört, noch
ns von den Eömern angegriffen seyn14): und Livius selbst
sagt eigentlich mit klaren Worten dass die alten Annalen
unter jenem Jahr in der That nichts von einem Kriege
gewusst hätten. Die Sage hatte den Kriegszug ohne alle
Zeitangabe gemeldet; als diese Ereignisse annalistisch
geordnet wurden musste er vor 262 gestellt werden, in
welchem Jahr Coriolanus diesen, wie man glaubte durch
jene Thaten erworbenen, Namen schon trug, also 261.
Sie sah nur ihn in demselben: allein es konnte nicht
fehlen dass ein Annalist erwog, wer selbst keine Auspicien
gehabt könne nur unter denen einer Obrigkeit im Felde

212) (jjç а І t ü j v i e p o p a v r ü v n t p i é ^ o v a i y p a t p a i : Dionysius


VIII. 56. p. 525. e. Іврснраѵтаі sind die Pontifices: II. 73. p.
133. a. vgl. Sylburgs Index. Jenes Wunder, welches auch bey
Valerius Maximus 1. 8, 4. vorkommt, ist merkwürdig als ein
Beleg, unter mehreren, für den Glauben, bey der Einweihung
nehme die Gottheit sich das Bild zum Leibe an, und wohne darin.
13) Für mich beweisst dies Sigonius in der vortrefflichen
chronologici Liviana S. 89. (Drakenb. VII.): wen er nicht über­
zeugt der darf wenigstens die Auslassung nicht als Schuld der
Abschreiber betrachten. 14) Auf dergleichen wird immer
weiter fortgebaut. Wie es auch mit dem Zeugniss beschaffen
seyn mag womit P. Scaptius über die öde Feldmark von Corioli
eich aufgedrungen haben soll, so hat man nur nach der Voraussezung
•es sey 261 erobert worden ausgerechnet, dass der, welcher 308
im 83 Jahr stand, damals den zwanzigsten Feldzug gemacht habe:
nämlich er wäre 226 geboren, und mit dem 17. in die Legion
getreten. Mit solchem Tand wird man in unsern Tagen nicht
mehr versuchen das Unmögliche zu stüzen.
6*
— 100 — [band п.]
erschienen seyn; keinem der Consuln des Jahrs 261 war
ein Feldzug gegen die Volsker zugeschrieben: aber der
Name des Post. Cominius kam in der römische** Urkunde des
latinischen Bundes nicht vor: also ward gefolgert, er werde
damals gegen die Volsker, und Coriolanus unter ihm ge­
standen haben216). So ganz willkührlich ist die geltende
Erzählung gebildet. Indessen erhielt sich daneben eine
Gestalt der alten Sage ; denn etwas anderes ist die Ge­
schichte nicht dass Coriolanus eine Schaar Freywilliger
versammelt und gegen die Antiater geführt habe, welche
Dionysius, auf jede Erzählung geizig, neben der gewöhn­
lichen anbringt16).
Die wahre Geschichte über jenes Jahr 266 hat sich ш
ungeachtet der Einschaltung erhalten. Nachdem Livius
diese in ihrem Reichthum erzählt hat, fährt er in anna-
listischer Kürze fort: als Coriolanus das Heer zurückgeführt,
wären Aequer und Volsker unter Attius Tullius17) wieder
in Latium eingefallen: jene hätten dem Feldherrn der
Volsker den Gehorsam verweigert, beyde ihre Waffen gegen
einander gewandt, den Römern zum Schauspiel und zur
Freude 18). Das ist nichts als die ächte Anzeichnung,
vertragen mit der Erzählung wodurch sie leicht ganz hätte
verdrängt werden können; aus der nämlichen Ursache ist
angenommen dass jener Volsker dem Coriolanus als College
für den römischen Krieg beygeordnet gewesen. Worauf
Nachfolgende immer weiter erfunden haben, denen es eben
so natürlich schien dass er die Erhöhung des Fremden

215) L iv iu s IL 3 3 . 16) Dionysius V II. 1 9 . p. 4 3 3 . a.


17) Tullius und Tullium ist die sichre Schreibart dor besten
livian b ch en Handschriften, und Tulli (IL 3 5 . 7 .) nur dio alte Ortho­
graphie des Genitivus. Zonaras hat auch ^Аттеод Т и Х Х ю д , und
Plutarch in Ciceros Leben nur umgestellt und leicht verschrieben
TuXXtog ”Atctzioç. Im Coriolan hat er Dinnysiu» vor Augen, der
jenen, damit nicht ein Gentilnamo statt des eigenen siehe, TuXXog
*А т т ш д nennt. E s mochte ihm auch schwerlich bekannt seyn,
dass die Eigennam en bey den öskischen Völkern dor Regel nach
bey den Röm ern gontilicische sind, wie Pacnvius, Statius, G elliu s:
um nur solche anzuführen die, wie Attius selbst, in der Literar-
gesch ichte berühmt geworden. 18) Rediere demde Volsci,
adiunclis Äequis — cet. L ivius II. 4 0 .
[band II.] — 101 —
scheelsüchtig betrachtet, als dass dieser für die Verscho­
nung Roms mit dem Leben habe büssen müssen.
Dies ist eine schwere Versündigung an einem Manne,
120 von dem das missmuthige Stillschweigen der römischen
Chroniken nur ein allgemeines Andenken auf uns hat
kommen lassen: dass er glänzend als König über die
Volsker geherrscht habe219): nämlich durch Wahl, wie es
allgemein bey den italischen Völkern anzunehmen ist. Es
ist um so wahrscheinlicher dass Cicero ihn vorzüglich im
Sinn hatte, wo er den Volskern grosse Männer zuschreibt,
da er selbst für dessen Geschlechter gehalten ward20) :
und nicht zufällig kann seine Lebenszeit mit dem Ein­
dringen seiner Ration in Latium Zusammentreffen. Nicht
auf immer soll es dem römischen Groll gelungen seyn ihm
diese Lorbern zu entwenden, und seine Erwähnung darauf
zu beschränken dass ihm in jenem Feldzug der Sieg durch
Eifersucht vereitelt worden: und wohlverdient, indem er
sein Volk durch Arglist bewogen gehabt, die Waffen
gegen Rom wieder zu ergreifen.
Die grossen römischen Spiele wurden nach dem Frieden
mit den Latinern wiederholt, weil ihre Feyer während des
Kriegs durch ein plözliches Geschrey zu den Waffen unter-
121 brochen war21): da begab es sich dass, als der Circus
219) ßaaiXeuaavта Харлгршд èv OôoXouaxoig : Plutarch,
Cicero p. 8 6 1 . e* Im Coriolanus liat er das nämliche im Sinn,
wagt aber nur auszusprechen : d^tw ßa £%cov ßaotXixbv èv tzüglv
OboXoùaxoig: p. 2 2 4 . b. Nämlich ihn hemmt D ionysius, der
diesen Attius nur als Bürger von Antium darstellt: denn freylich
übersah der nicht w ie unglaublich es laute dass dem Könige
ein College gegeben s e y : und dieser* eiu fremder Verbannter.
20) Plutarch, a. a. 0 . Dass Cicero selbst über diese angebliche
Abstammung schweigt beweiset nicht dass man sie erst später
ausgedacht ; er mochte ihrer sogar gern gedenken, allein es schloss
ihm der fatale V orw urf der Peregrinität, und der Vorw urf er
spiele den K ö nig (regnare eum Rom ae : s. die Planciana), den
Mund. 21) Cicero de divin. I. 2 6 . (4 5 ), wo die folgende
Wundergeschichte ganz wie von Livius und Dionysius erzählt wird.
Macrobius Saturn „ I. 1 1 . ( L p . 2 4 5 . Bip.) hat andre Namen, und
eezt sie um volle 2 0 0 Jah re später: denn C C C C L X X IV der alten
Ausgaben und Handschriften ist nur um einen Zehner unrichtig.
Auch hier ist eine Geschichte die einst unabhängig von den
Pasten in unbestimmter Zeit schwebte.
— 102 — [band ii,]
schon durch den Zug der Götterbilder geweiht war, ehe
die Wettkämpfe anhuben, ein zum Tode verurtheilter
Knecht mit Geisselhieben durch denselben getrieben ward;
nach der Zeit aber die Stadt von Seuchen und Misgeburten
heimgesucht, und von Gespenstern geängstigt; und die
Zeichendeuter wussten -keinen Eath. In dieser Trübsal
erschien Jupiter als Traumgesicht einem Landmann T. La­
tinius222), und gebot ihm vor die Obrigkeit zu gehen und
ihr anzusagen: der Yortänzer habe ihn geärgert. Furcht­
sam vor der stolzen Herren schnöder Begegnung gehorchte
Latinius nicht, nnd empfand durch seines Sohnes gäben
Tod, wie theuer die zornigen höheren Mächte die furcht­
bare Ehre erkaufen lassen ihrer Geheimnisse Vertrauter
zu seyn. Zum zweytenmal erschien der Gott, wiederholte
sein Gebot, und dräuete unmittelbare Heimsuchung: noch
fasste der Blöde nicht Muth, und ward von schweren
Gichtein auf das Lager gestreckt: da vertraute er sich
Vettern und Freunden; sie trugen ihn mit seinem Bett
auf das Forum, und nach der Consuln Geheiss, ihnen fol­
gend, in die Curie. Sobald nun Latinius hier soino Bot­
schaft verkündet hatte, verliess die Krankheit seine Glieder ;
er erhob sich und ging genesen heim. Zur Sühne der Ent- m
weihung wurden die Spiele mit grösserem Pomp als je zuvor
wiederholt, sie zu verherrlichen die Völker weit und breit
zum Schauen geladen: während ihrer Dauer herrschte ein
Gottesfriede: die Volsker zumal, welche seit dem unglück­
lichen Ausgang der Feldzüge um Veliträ und in dur pom-
ptinischen Landschaft, die Waffen niedergelegt hatten,
kamen in grossen Schaaren. Sie waren taub gewesen für
Tullius Ermahnungen das Glück wieder zu versuchen;
deshalb ersann er eine List, auch wider ihren und der
Eömer Willen den Krieg wieder anzufachen. Er warnte
die Consuln sie möchten vorsehen dass von seinen Lands­
leuten nichts verübt werde was ihnen Fluch bringen, und
den Frieden unherstellbar brechen würde: bestürzt Hess
die römische Obrigkeit sogleich ausrufen dass jeder Volsker
welcher sich nach Sonnenuntergang in Eom antreffen Hesse,
geächtet sey. Wüthend über die muthwillige Beleidigung

222) So ist bey Liyius herzustellen, statt T i, Atinius.


[band п.] — 103 —
wanderten die Fortgewiesenen aus dem capenischen Thor:
dem Spott der Heimgebliebenen entgegen. Der Fürst er­
schien in ihrer Mitte, reizte Zorn und Rachelust : am Quell
der Ferentina, wo sie sich zur Nacht lagerten, empfing er
ihren Eid die Schmach zu rächen; ein allgemeiner Tag
der Nation erklärte den Krieg. Dieses Ereigniss wird in
das Jahr 263 gesezt.
Die Eroberung von Circeji, welche abgesondert von
den übrigen die Coriolanus zugeschrieben werden, unter
265 oder 2 6 6 r erzählt wird223), mag eine der ersten dieses
123 Kriegs gewesen seyn. Die römischen und latinischen Co­
lonen wurden von dort vertrieben, aber volskische nahmen
ihre Stelle ein 24). Wie nun die Colonie welche im hanni-
balischen Krieg ihre Verpflichtung gegen Eoms Hoheit
aus den Augen sezte nicht mehr jene des Tarquinius, son­
dern die im Jahr 362 hergestellte war, so bezweifle ich
nicht dass es sich auch mit Norba’ ebenso verhielt; nur
ist die Gründung derjenigen welche dort angesiedelt ward
nachdem der Volsker Macht gebrochen war, nicht in der
Geschichte erwähnt; vielleicht war sie das Werk der La­
tiner allein, in der Zeit der Unabhängigkeit ihres her­
gestellten Staats, wo auch Setia Colonen empfing 25): und
Cora wird eben damals eine eigentliche latinische Colonie
geworden seyn; in einer ganz ändern Eigenschaft als 252
wird sie 539 also genannt. Die Lage dieser Orte sezt es
ausser Zweifel dass sie alle in der Volsker Gewalt gewesen
seyn müssen als diese auf der Höhe ihrer Macht standen:
doch konnte Attius Tullius auch ohne sie sämtlich ein­
genommen zu haben sich den Weg nach Antium öffnen.
Die Chroniken welche, historisch oder nach einer kundig
gebildeten Sage, meldeten, es wären Hülfsvölker von An-

223) B e y Dionysius entlässt Coriolanus das Heer nach dieser


Eroberung bis zum folgenden Feldzug. 24) Wenn ders. V III.
1 4 . p. 4 9 0 . e. sagt es sey niemand vertrieben worden, so geht
das nur au f die alten T yrrhener: was Livius erzählt, colonos Ro­
manos expidit , versteht sich von selbst: über die volskische Co­
lonie schreibt der Grieche richtig дХіууѵ ßotpau èv r 9j TtöXst
хатаХѵкшѵ • — Colonen als (ppoupd . L iv iu s verkennt dass Cir­
ceji erst damals volskisch ward. 26) L iviu s VI. 3 0 . V elle-
ju s I. 1 4 .
— 104 — [band H.]

tium mit den Latinern in der Schlacht am Begillus ge­


standen, und nach derselben ein volskisches Heer er­
schienen226), unterschieden damals Antium als nicht vols­
kisch; die Gräuzen für die Zeit wo es sich ergeben, sind 124
das Jahr 263, als der Anfang des Kriegs des Attius
Tullius, und, wofern die Erzählungen bey Dionysius irgend
einen Glauben verdienen, 269, in welchem Jahr und 270,
der Siz des Kriegs wider die Volsker in der antiatischen
Landschaft war 27). Longula hätten sie damals noch' nicht
eingenommen gehabt28). Za Antium ward eine volskische
Colonie angesiedelt, welche, als die Stadt 286 an die Eömer
überging, zu den Landesleuten zog 2£)). Sie wird Besazung
genannt, wie die Colonien des alten römischen Rechts 80) :
und den Aequern zugeschrieben, welche, noch mächtiger
und furchtbarer als die eigentlichen Volsker, immerfort
mit diesen, die freylich ihre Stammgenosson, und ohne"
Zweifel mit ihnen durch Landrecht wie damals durch ein
Waffenbündniss vereinigt waren, verwechselt werden. Von
den Aequern heisst es dass sie 273 eine latinische Stadt,
Ortona, belagerten. Ich wiederhole nicht was über dio
einzelnen Feldzüge gegen beyde Völker orzählt wird; der
stete Anspruch auf Siege ist lächerlich, da nicht dio aller­
geringste Frucht derselben angegeben wird: für unsre un­
befangene Erwägung ist es vielmehr gewiss, dass jene
fortschreitend Grund gewannen. Roms Zerrüttungen, die
usurpirte Ernennung der Consuln, in donon dio Gemeinde 12
keine Obrigkeit erkannte, woher bald die Bildung der Le­
gionen gehindert ward, bald die ins Feld geschickten
ihren Dienst weigerten, — endlich der vejontische Krieg,
schwächten oder vernichteten den Beystand den Latiner
und Herniker von ihren Eidsgenossen erwarteten. Nur

226) D ion ysius V I. З. p. 3 4 3 . a. 1 4 . p. 3 5 2 . a. 27) Ders.


V I I I . 8 2 . p. 5 4 8 . d. 8 4 . p. 5 5 0 . c. ff. 2 8 ) Dor«. V III. 8 5 .
p . 5 5 1 . d. 2 9 ) S i e werden dargestellfc als V o lk ohne E ig en ­
thum , w äh ren d .d ie welche dieses hatten zurückgeblieben w ären:
B e rs . IX . GO. p. 6 1 6 . d. (vgl. Livius III. 4 .) — E s öind keine
andre als die Aequer yuXaxrjg ёѵеха карбѵтед, welche aus der
Stadt ab zieh en : IX . 5 8 . p. 6 1 5 . b : ihr Eigoathum ging verloren :
den alten Antiatern blieb das ihrige. 8Ü) Oben S . 5 1 .
Anm . 8 2 .
{band и.] — 105 —
<3urch einen Waffenstillstand ist es begreiflich dass sie
hinwieder den Römern 274 gegen Veji zuzuziehen ver­
mochten ; auf einen solchen müssen sie auch gebaut haben
da ihre Völker den Krieg 279 entscheiden halfen. In­
zwischen hatten doch die zurückgebliebenen Wehrhaften
einen Angriff abschlagen müssen: auch der Consul Sp.
Nautius führte ihnen eine römische Legion zu, und die
vereinigten Heere übten rächende Verheerungen. Aber
•solche Vortheile wandten den Gang des Krieges nicht,
noch stellten sie den Frieden her.
Wenn nun auch andre Völker sich ruhig hielten, nur
Aequer und Volsker an verschiedenen Gränzen abgewehrt
werden mussten, so versagte doch einer der wesentlichsten
Vorthei'le welchen die Uebertragung der höchsten Gewalt
an zwey Collegen zu gewähren schien: der, dass die Re­
gierung, ja die Rechtspflege, nicht unterbrochen werde.
Auch jezt war ein Statthalter231) nöthig, der ihre Gegen­
wart erseze, wie einst für die Könige : aber die veränderten
Verhältnisse führten auch für sein Amt Aenderungen herbey,
126 durch deren Entdeckung, und die Erforschung der Befug­
nisse des Amts, die Geschichte wesentlich vervollständigt
und erhellt; eine Entwicklung der Verfassung weit über
den Zeitpunkt hinauf wo sie zu beginnen scheint .er­
kannt wird.

2S1) Der Statthalter in schweizerischen Republiken ist der


welcher das abwesende oder sonst behinderte Standeshaupt ver­
tritt: dass man im übrigen Deutschland gewohnt ist sich unter
diesem Namen nur den zu denken der eine Provinz für seinen
Fürsten regiert, kann den Gebrauch eines W orts nicht unange­
messen machen, welches um so willkommuer ist als es schlep­
pende oder uneigentliche ersezt. P r ä f e c t d e r S t a d t kann um
so weniger vorgezogen werden, da sich dabey eben für den G e­
lehrten die Vorstellung an das später völlig verschiedene Am t
einspielt, und der Statthalter wenigstens bis zum Decemvir&t
nicht einmal so , sondern custos urhis hiess. Diese Benennung
erlaube ich mir zuweilen durch V o g t e y d e r S t a d t zu geben;
in dem Sinn wie der Vormund Vogt heisst, und der Schirmherr
von Klöstern und Kirchen.
— 106 — [band IT.]

Das Statthalteramt.
So oft die Könige im Felde standen, wurden sie zu
Rom durch den ersten Senator vertreten, der, wie sie,
Eigenthum und Besiz gewährte, und in dringenden Fällen
Vorsorge traf282). Auch jene Zeiten des Glanzes können
nicht ohne Wechsel des Glücks gewesen seyn; hat innere
oder äussere Gefahr gedroht, so ist der Statthalter ohne
allen Zweifel befugt gewesen Völker auszuheben und zu
bewaffnen, den Senat zu berufen, und die Curien abstimmen
zu lassen 8S): dies alles muss Tacitus unter jener Vorsorge
für dringende Fälle begriffen haben. Es versteht sich dass,
was verschoben bleiben konnte, die Rückkehr des Königs er­
warten musste. Die Erzählungen vom Ursprünglichen und den 127
Umwandelungen der Verfassung berichteten: als der Senat
nur noch aus hundert Männern bestanden, wäre einer von den
Decemprimi vom Könige zum Princeps des ganzen Senats
erkoren, und ihm jene Vogtey .der Stadt aufgetragen wor­
den34): mithin gehörte derselbe nicht nur nothwendig zu
der Decurie der Interregen, sondern der custoa urbis, wie
jener Statthalter genannt ward36), war der erste in der-
282) qui i m redderet, ac m bitis m ederetur : Tacitus A n n .
V I. 1 1 . S8) Th. I. S. 5 7 3 ist gezeigt, dass die angebliche
B era th u n g der vier Röm er gegen die Tarquinier einen Senats-
besch lu ss, gefasst unter dem Vorsiz des Statthalters Sp . Lucre­
tius», darstellt. 8i) èx ôltz&vtü)v ëua тdu йрштоѵ à7tédbtÇev
ф ràç хата näh» фгто двЪ è-xirpéneiv оіхоѵо/лсад, оте аЬтЬд
èÇ àyoi атратіаѵ Ькербрюѵ. Dionysius II. 12 . p. 3 5 . e. E r er­
kennt den Unterschied dieses ersten, und neun anderer, von den
übrigen neunzig, und den Vorrang jen er D ecurie; martert sich
aber um den Senat der hundert mit drey Stämmen und dreyssig
Curien zusammenzufugen, indem ihm nicht ahndet dass bey jener
Zahl nur an zehn souveraine Curien zu denken ist. — A uch Lydus
sag t vom Präfecten : dç 7rpwTEuecp Trjç 'Pwßalwv yepoucriaç
краІрЕтаи de mensib, 1 9 , 8б) Lydus а. а. О. ъроЕащ аато
(ô Noufxäg) тЬѵ т yjç 7toàeùjç (pûXaxa. — Ders. de magistrat . I. 3 8 .
forap%oç — custos urbis 7zpoçayopEuofiEvoç. — Dies ist alao in
den von Drakenboreh (de praef. urb. p . m. 3 .) gesammelten
Stelle n , die e ig e n tü m lich e uralte Benennung: deshalb, als edel,
gew äh lt.
[band ii.J — 1Ѳ7 —
selben. Daher hält Sp. Lucretius, der jenes Amt bekleidet,
als Interrex die Wahlen der ersten Consuln236).
Die Eechtsbücher machten den Unterschied, der einst
zwischen den beyden ersten Stämmen in der Art bestand
dass die Geschlechter der Tities als mindere geachtet
wurden, auch dadurch kenntlich dass sie erzählten: nach
Numas Tode wären die Interregen aus den grösseren Ge-
128 schlechtem gewesen, also damals den Ramnes Z7y. und dass
der Vogt, welcher als der erste, von Romulus erkorene,
genannt wird zu ihnen gerechnet sey, bewährt zur Genüge
sein Name 38). Eben so aber ist ferner die Erzählung
dass Tullus Hostilius diese Würde dem Fuma Marcius
verliehen habe, hinreichend die Ansicht darzuthun dass
auf der Entwicklungsstufe, welche mit dem Namen seiner
Regierung bezeichnet wird, die Geschlechter der Tities
denen des ersten Stamms in der Weise gleichgestellt
wurden dass auch sie ihre Stellen in der Decurie der
Interregen hatten, und einer derselben erster Senator
seyn konnte39). Diese Angaben schreiben sich höchst
wahrscheinlich von Gracchanus her. Eine andre, die doch
auch aus ihm hergeleitet werden könnte, und Numa als *
Urheber des Amts nennt40), ist auffallend : es hat die
Ueberlieferer solcher Meldungen, die sie ganz gläubig
vortrugen, doch befremden müssen dass unter der Herr­
schaft ungestörtes Friedens dazu Veranlassung gewesen.
Sollte nun nicht Numa Pompilius, als ernennend, nur durch
Schuld eines der vermittelnden Schriftsteller anstatt des
ernannten Numa Marcius stehen, so möchten die pontifici-
schen Bücher damit angedeutet haben dass, ehe die Sena­
toren der beyden Stämme sich gleichgestellt wurden, auch
unter еіпещ. König aus dem satanischen, die Statthalter­
schaft einem Ramnes Vorbehalten gewesen ist. Ein dritter
129 aus der Könige Zeit, welcher den Luceres angehört hätte,
wie jene beyden unverkennbar den grösseren Geschlech-

236) Als Interrex, Dionysius IV . 8 4 . p. 2 7 6 . b. als P r ä -


fectus urbis, Livius I. fin . 37) èx rwv пре^ит вріоѵ , D io­
nysius III. 1. p. 1 3 6 . c. 38) Denter Romulius : Tacitus Annal.
V I. 1 1 . 89) Tacitus а. а. О. — Numa Marcius kommt, frey­
lich in eine ältere Zeit hinaufgesezt, als Sabiner bey Plutarch
v o r: Numa p. 6 3 . a. 40) Lydus de mensib. 1 9 .
— 108 — [band XX.]
tern, kommt nicht vor: konnte es auch nicht, da die Se­
natoren des dritten Stamms diesen so weit nachstanden.
Ich kenne keine Stelle in den Schriften des Alter­
thums welche ein so weit verbreitetes Bäthsel lösste, dessen
Wort sonst niemals durch Scharfsinn oder Glück zu finden
seyn würde, als jene Meldung Ciceros dass die Stimmen
der mindern Geschlechter nach denen der grösseren erfragt
wurden241>: wir verdanken es dem der so herrliche Trümmer
des Werks von der Republik aus dem Todtenroich ans Licht
gebracht, wenn wir viele Erwähnungen die in beyden Ge­
schichtschreibern erhalten sind; ganz anders als sie ver­
stehen. — Zu allen Zeiten haben alte Rathgeber das Vor-
urtlieil für sich gehabt weiser zu seyn als die Jugend:
so denkt Thukydides; und Relmbeams Schaden wird den
Rathschlägen seiner Altersgenossen zugoschrieben : und
obwohl die Allgemeingültigkeit dieses Sazes zweifelhaft
seyn mag, so gehört er zu denen welche beyde Geschicht­
schreiber Roms, wie geistreich sie auch waren, unbedingt
für wahr halten mussten. Indem nun der Doppelsinn der
Worte maiorea und m inores die Deutung möglich machte
dass unter den lezten, welche in der Geschichte mit allen
Fehlern auftreten die der Jugend zugeschriebon werden,
heftig und voll blinder Leidenschaft, jüngere Männer zu
verstehen wären, so dachte keiner von beyden an die
Möglichkeit eines ändern Sinns, noch daran dass im Se­
n a te s , ehe seine ursprüngliche Einrichtung sich ganz ver­
ändert hatte, niemand seyn konnte der nicht an Jahreniso
zu den Seniorea gehörte; — und bey Livius vertauschte
sich das für den Jüngern nicht mehr sehr gewöhnliche
Wort m inores mit iunioree. Wie nun hierüber jezt Licht
aufgegangen ist, finden wir in Dionysius nicht nur jene
Erwähnung in einem Beyspiel bestätigt, wo es heisst dass,
nachdem die Majores abgestimmt, die Reihe an die Mi­
nores gekommen sey42) : sondern wir können auch aus
ihm selber, in einer ändern Notiz die das Gepräge jener
ganz vortrefflichen Berichte über das alte Staatsrecht

241) Cicero de re p . II. 2 0 . 42) Dionysiue V I. 6 9 . p»


3 Ö3 . d. ё я et ôè al тшѵ izpEaßüTEpw yvtbfxai r fj Mtvuxiou 7tpoç-
éÜEVTo, x al хаЩхЕѵ ô Xôyog ènl robg vewrspoug, d v ia ra ra t
Znôptog NauTtog.
[band II.] — 109 —
trägt, erkennen dass Macer, — nach welchem er, wie
anzunehmen ist, die Verhandlungen über die Aussöhnung
mit der Gemeinde ausbildete, — einer ändern noch grösseren
Zurückstellung der Minderen nicht eingedenk war, indem er
Sp. Nautius eine Rede in den Mund legte. Sie waren aber
nur berechtigt mit stummem Munde dem Antrag des Con­
suls beyzutreten oder ihn zu verwerfen243): ich sage, ihm
beyzutreten; denn ohne Zweifel waren sie jene senatores
peclarii, deren Name, nach dem Schicksal so vieler Benen­
nungen in der wandelbaren römischen Verfassung, später
auf eine ganz andere Klasse übertragen ward die ihr Ver­
hältniss eingenommen zu haben schien: auf diejenigen
welche noch keine curulische Würde bekleidet hatten 4A).
13l Eine Beziehung der man bey dieser Auslegung gefolgt
seyn mag, war, dass ein Geschlechter von den Minderen
das Recht seine Meynung auszusprechen erhielt wenn er
Consular war. Denn nicht nur waren sie ursprünglich,
gleich wie die Plebes, im Quatuorvirat vertreten, sondern
das Consulat des M. Horatius und nachher das von jenem
Sp. Nautius beweisen dass es Consulare aus ihrer Mitte
gab. Allein sie standen doch denen aus den grösseren
Geschlechtern in der Ehre nicht gleich: zuerst wurden
im Senat die Consulare aus diesen gefragt: nach ihnen
die von den mindern, und die übrigen Senatoren aus den
grossen : worauf endlich die gemeinen Rathsherren aus
den mindern Geschlechtern zum schlichten Abmehren auf­
gerufen wurden 45).

243) Ders. VII. 47. p. 453. с. твХгитасос {йѵіатаѵто) ol


v e w T a z o t, X ayov ß kv o àâ éva X éyo vreç — èn exu pou v âè ràg
x s t / j ê v a ç U7ZO twv u ~ à r w v yvajfiaç. 44) Gellius III. 18: der
sich ohne Grund über den Namen wundert, da das Abmehren
in der Curie oft allgemein durch Auseinandertreten geschah:
nicht bedenkt dass er für die wohl passte welche nur einer Mey­
nung beytreten, nicht aber eine Stimme abgeben konnten.
45) Dionysius VII. 47. p. 453. с. ттрштоі o l кресг/Зитатос tùjv
йжатсхйѵ ( c o n s u l a r e s 7 n a io r u m g e n t i u m ) x a X o u / x s v o t x a r à tuv
s lc ü & o r a x o c ß o v Ü7id t &v b i z ä r m v , йѵіатаѵто * ётгe i r a o l toutcou
Ькодвёатерос хат äß<pa) тайта ( c o n s u l a r e s m i n o r u m g e n t i u m ,
s e n a t o r e s q u e m a i o r u m ) , теХвитасос â k o l ѵештатос ( s e n a t o r e s e
m i n o r i b u s ) X. t , X. Wenn ich das undankbare Geschäft über­
nähme Dionysius zu übersezen, so würde ich die irrigen und un-
— 110 — [band п.]
Fragen wir ferner, wer damals die Decemprimi
waren, unter denen der Princeps des Senats erkoren ward,
welcher zugleich Statthalter war; — so können diese, so­
bald der Consulare der grössern Geschlechter zehn waren,
keine andre als sie gewesen seyn. Denn es wäre ein
Widerspruch, dass die ersten im Senat nicht zuerst ge­
stimmt hätten*)- Die Lösung der Frage, ob noch damals
die Curien dort vertreten wurden wenn auch nicht mehr
die einzelnen Gentes, und jede noch einen Vormann ihrer щ
Decurie hätte ernennen können, ist entbehrlich wie un­
möglich: aber Consulare aus den Minores, welche jenen
im' Senat nachstanden, konnten eben so wenig zu den
Ersten gezählt werden. Die Decemprimi welche den Frieden
mit der Gemeinde auf dem heiligen Berg schlossen, waren
alle Consulare246): das Verzeichniss ihrer Namen, welches
Dionysius aufnahm, muss in der beschwornen Richtung
erhalten gewesen seyn : es wäre unvernünftig dasselbe für
weniger beglaubt zu halten als das der Gesandten nach
Osnabrück und Münster. Nun fehlen zwar in dem ge­
druckten Text drey Namen: allein zwey davon sind aus
besseren Handschriften hergestellt; auch den dritten werde
ich gleich angeben. Diese Consulare finden sich in den
Fasten von 249 bis 260: aus der Zeit vor 261 mag nie­
mand am Leben gewesen seyn ausser M. Valerius und
P. Tubertus, Manius Tullius war todt, aber wenigstens
fünf von sieben die fehlen, lobten 47). Von den Geschlech- ізз

bestimmten Gedanken ausdrücken welche ihm vorsehwebtcn : aber


auch h ier ist es mir nur um das zu thun was er las und nicht
verstand.
* ) S . die bereits Th. I. Anm. 1 3 4 5 . angeführte Stelle, Dio-
sius V I. 8 4 . p. 4 0 6 . b., dio ausdrücklich s a g t, dass dio Decom-
prim i zuerst stim m teu, welches in der (Th. 2 . Amn, 2 4 5 .) ein­
gedickten von den Consularen der gentes majores erwähnt wird.
A u s N ’ a. N a c h t r ä g e n z u m 2 . T h e i l . 246) E r sagt zwar,
a lle au sser einem (VI. 6 9 . p. 3 9 4 . a ,): womit er nicht Spurius
N au tiu s meynt, sondern jenen angeblichen Manius V aleriu s, den
zu dichten die Erzählung dass Marcus am R egillus gofallen sey,
verleitete (Th. I. S . 5 9 9 ): dessen Namen die vaticanische Hand­
schrift giebt, der bey diesen Staatsreden viel vorzubringen hat,
und in den . Fasten nicht gefunden w ird. E s ist aber Marcus, der
Consul des J . 2 4 9 . 47) D as Verzeichnies findet sich bey
[band h.] — Ill —

tern denen diese sieben angehören, sind die Claudier, bey


aller ihrer Hoffahrt, doch za den mindern za zählen, und
eben so die Clölier248) : dies begründet die Folgerung dass
die fehlenden aus den Minores waren, — oder, waren
sie selbst von den Grösseren, die mindere Stelle im Con­
sulat bekleideten, die den Luceres gebührt hätte. Dem
Consul m a io r 49) musste, ein minor entgegengesezt seyn:
beyde benannt nach den Geschlechtern welche sie ver­
traten: hatten sich nun die der Eamnes anfänglich, als
grössere im engen Sinn, gegen die des zweyten Stamms
134 auch im Consulat unterschieden, so verschwand dies im
ausschliesslichen Gegensaz der beyden ersten gegen den
dritten. — Ich scheue es nicht zu erzählen was ich sehe,
wenn es auch als klügelnde Spizfindigkeit ausgerufen
werden sollte. Vor 253 ist M. Horatius der einzige Consul
aus diesem Stamm: es ist ihnen also damals nicht besser
ergangen als den Plebejern: mit 253 erlangen sie wieder
den Besiz der mindern Stelle, doch ward ihnen nicht
bessere Treue gehalten als die welche sie selbst, vereinigt
Dionysius V I. 6 9 . p. 3 9 4 . b. Manius V alerius (nach - Dionysius
Sinn), und Titus Larcius sind richtig hinzugefügt: nur ist der
zwey te hinter T . Aebutius einzuschalten — Ttrou ulog, ( vEkouagy
Ttrog Aapxiog , Ttrou uîàç,) ФЫоиод. — Jen e fünf welche 2 6 1
bestimmt noch lebten, waren Appius Claudius — welcher w ie­
derholt später erwähnt w ird: einer der Consulare von 2 5 7 , sey
ев A . Atratinus, der 2 6 3 Consul, 2 7 3 Dictator oder Interrex war,
oder M. M inucius, ebenfalls Consul 2 6 3 : — dann Opiter V irgi-
nius, T . V irginius, P . Vetusius, welche alle drey 267 elend um­
kamen. Scheiden wir nun die früheren Consulate von Sp. Cassius
und Post. Com inius, der beydon Consuln des J a h r s , au s, und
sines von T . Larcius, der ebenfalls zweymal Consul gewesen, so
bleiben nur Q. Cloelius (von 2 5 6 ) und T. Vetusius (von 2 6 0 )
übrig, von denen sich nicht ermitteln lässt ob sie noch lebten.
248) ])ie Clölier werden von beyden Geschichtschreibern unter
den Geschlechtern genannt welche Tullua aufnahm, und gewisa
gehört der albanische Dictator Cluilius zu keinem ändern: die
Claudier waren zwar Sabiner, aber darum nicht unter den Tities,
sondern in die Stelle der Tarquinier eingetreten. Appius wird
namentlich zu den vewrepot gezählt (Dionysius V III. 9 0 . p.
5 5 6 . c.), auch kommen véot rw v ’Amztou сгиууеѵ&ѵ v or: V I. 6 9 .
p. 3 9 4 . a : das heisst : Gentilen des A p p iu s, von den mindern
Geschlechtern. 49) Th. L S . 5 7 3 . Anm. 1 1 4 3 .
— 112 — [band II.)
mit ihren damaligen Unterdrückern, nachher der Gemeinde
hielten, und mehr als einmal wurden sie aus der Stelle
verdrängt die ihnen zukam: so konnte T. Virginius im
Jahr 258 College eines jener zehn Consulare, und sein
Geschlechtsvetter Aulus doch unter ihnen seyn. Aber
Consul major konnte ein Minderer nicht seyn: und da
262, 296 und 297 ein Minucius mit Collegen steht deren
Geschlechter ausdrücklich zu den mindern gezählt werden,
der fehlende Name unter jenen zehn aber der von einem
der beyden Consulare des Jahrs 267 seyn muss, welche
beyde lebten, so kann es nur M. Minucius seyn260).
Ich vergleiche das Ergebniss solcher Forschungen der
Entblössung eines übertünchten alten Frescogrunds, von
dem die Farbe ohne alle Spur herab ist, und nur der mit
dem Griffel eiugedrückte Umriss, wie ihn die alten Maler
einzureissen pflegten, hie und da sichtbar wird: wir ver­
achten den Fund nicht, aus dem sich doch errathen lässt
was einst dort gemalt stand. Indem wir nun das längst m
verschollene ins Daseyn zurückrufen ist es erfreulich wahr­
zunehmen dass die Luceres in dem Jahr welches auf
Sp. Cassius erstes Consulat folgt wieder im Besiz ihres
Eechts sind: das scheint unmöglich ein Zufall, sondern
das Werk des grossen Mannes, der, über die neidischen
Vorurtheile seiner unmittelbaren Klasse wie über denen
seines Standes und seines Volks erhaben, einen billigen
unbestrittenen Theil an einem grossen Erbe Vieler höher
achtete als einen grossen, ungerechten, verhassten, ange­
feindeten an einem kümmerlichen, mit Wenigen, die ohn­
mächtig waren auch nur das angemasste Gut zu behaupten.
Die Könige, deren eigne Macht lebenswierig war, mögen
auch das Statthalteramt für das Leben verliehen haben; wie
die Würde des ersten Senators nachher dem blieb der sie
einmal erlangt hatte. Allein unter einer jährigen Obrig­
keit ist es ganz unwahrscheinlich dass demselben eine
solche Dauer zugestanden seyn sollte, welche, wenn der
Ernannte zu hohem Alter lebte, schädlich werden konnte,
da Eom nicht mehr seine Heere in die Ferne sandte, son-

25°) Je n e Collegen aus unzweifelhaft mindern Geschlechtern


w aren 2 6 2 ein Geganius, 2 9 6 ein N autius, 2 9 7 ein Horatius.
[band H.] — 113 —

dem sich gegen feindliche Angriffe rüsten musste. Es


lässt sich aber darüber nur vermuthen: denn was unter
den Dictaturen des T. Larcius und A. Postmnius über
ernannte Eparchen bey Dionysius vorkommt gehört zu den
weitläuffeigen Geschichten jener Feldzuge die dort zu lesen
sind, wahrlich aber nicht auf den geringsten Glauben An­
spruch haben. Hingegen lehrt eine Notiz welche, wie­
wohl durch die Einfältigkeit dessen von dem wir sie un­
mittelbar vernehmen zu Unsinn entstellt, doch unzwey-
136 deutig ist, und gewiss aus der ächtesten Quelle her­
kommt251), dass im drey und zwanzigsten Jahr der Con­
suln, 267, jenes Amt zu einer durch Wahl verliehenen
Magistratur erhoben ward. Der Amtsname des Statthal­
ters war eiistos urbis, nach dem Wesen seines Berufs 52).
Dass die Wahl den Curien Vorbehalten blieb, wie für die
Dictatur, ist um so weniger zu bezweifeln, da jene sich
bald hernach sogar die Ernennung der Consuln anmass-
ten; und lange nachher die aus dieser uralten Yogtey
hervorgegangene Censur durch sie verliehen ward. Auch
heisst es von dem ersten erwählten Statthalter, A. Sem-
pronius Atratinus, er sey durch den Senat ernannt53):
welches einem Zeugniss fur Ernennung durch die Curien
gleichgelten kann: theils weil der Name der Patres irre
machte; theils weil bey den Ernennungen durch die Cu­
rien der Senat die Yorwahl hatte, und, so lange er die
Patricier repräsentirte, unbedingt entschied ^). Die Wähl-

251) Von allen diesen Nachrichten über die Geschichte der


Magistraturen mit beygefügten Jahrszahlen nach der Aera der
Consuln darf angenommen werden dass sie aus Gracchanus her­
stammen. 5j{) Lydus de magistr. I. 38. та> еіхоотш tрітш
TWU ÜTZaTWV ETEL EÏÇ TptlÇ fJLOCpaç TO. Tyjç àpyyjç ÔlYjpéÛrj, elç
toùç Ьтгатоид, eÏç тЬѵ T7jç küXewç tj7zap%ov, xal tùv drj/ULov• xal
ol Juki* ѣпатоі diwxouv toùç rcoXéfxouç^ o â s dvjfioç è t r r pazéuETO,
o ye fiTjv бтгар%од туи tzôXiv е<риХатт£, custos urbis ттродауо-
pEuôfiEvoç. In dem Text den er lass, war von den Tribunen der
Gemeinde die Rede wo er vom Ôrjfioç spricht. M) Dionysius
VIII. 64. p. 53*2. a. ij ßo’jXi) ёфт}<рі<гато — j)yst(r&aL тт/ç âoud-
fjLEüiç TaÔTTjç AZXov ’АтратЪоѵ, àvdpa тйѵ Ьттатіхшѵ.
54) Diodor sagt, ehe die Bürgerschaft die Auslieferung der Fa­
bier verweigert, sey kein Beyspiel gewesen dass sie einen An­
trag des Senats verworfen hätte (XIV. 113.). Jeder wird hier die
Niebahr, Röm. Gesch. 3
— 114 — [baud П.]

barkeit blieb auf Consulare beschränkt; jeder Präfect der


bis zum Decemvirat in der Geschichte vorkommt, findet ist
sich früher als Consul266): sie ist aber nun auch auf die,
mindern Geschlechter ausgedehnt, wie denn jener erste
Erwählte aus ihrer Mitte war.
Als Häupter der Republik im Senat und auf dem
Forum, zeigen sich die Statthalter in den stürmischen
Jahren 292 und 295: in dieser Eigenschaft konnte die
Geschichte sie nennen wenn der Staat während der Con­
suln Entfernung aufgeregt war: nie hat sie Veranlassung
ihres Berufs zu erwähnen Recht und Richter zu ertheilen.
Dieses ruhte nach dem ursprünglichen Sinn ihres Amts
ohne Zweifel, sobald der den sie eigentlich nur vertreten
sollten sich zu Rom befand: seitdem es aber eine von den
Bürgern verliehene Magistratur war mochte es sich bald
einführen dass sie ein bleibendes Tribunal hatten, vor
welchem Partheyen erschienen: Berufung an das höhere
der Consuln blieb frey. Nicht anders verhielt es sich für
den Prätor urbanus: dessen Ableitung von dem alten
Custos urbis keineswegs der müssige Einfall eines späten
und unwissenden Fremden is t5G). Aufgelösst in das
Decemvirat, wie das Consulat, ging das alte Amt gleich
diesem, und ebenfalls unter einem neuen Namen, aus dem­
selben wieder hervor; und wir werden es bald neben demies
Militartribunat, bald mit ihm verbunden, bald darin auf­
gelösst, wiederfinden, bis es, als städtische Prätur, blei­
bende Selbständigkeit und höhere Würde annimmt. —
Fehlten die Consuln bey den Spielen des Populus, so ge­
hörte ohne Zweifel dem Präfekten, wie nachmals dem
Prätor, der Yorsiz.
In Kriegszeiten war ihm, mit der Bewahrung der
Stadt, wenn es Noth that die Bildung städtischer Le­
gionen, und der Befehl darüber, aufgetragen. Diese Le-

Curien erkennen : denn dass solche Harmonie auch damals mit


dem V o lk nicht bestehen konnte liegt am Tage.
266) M it der einzigen scheinbaren Ausnahme des P . Lucre­
tius (L iviu s III. 2 4 .)? dessen Name eben deshalb, wie Duker, der
die R e g e l wahrgenommen, treffend urtheilt, in L . zu ändern ist.
*>6) L y dus de mensib. 1 9 . rbv rrjç 7câÀeûJç cpôlaxa — Bv
7üdkat n p a trw p a obpßavbv іХеуоѵ.
[ВАІГОII.] 115 —
gionen sind wohl zu unterscheiden von der Reserve, welche
aus Bejahrten zwischen dem 45. und 60. Jahr, und Ent­
schuldigten innerhalb der Jahre des verpflichteten Dienstes
im Felde, aufgestellt ward267); denn jene Bejahrte waren
eben so wenig wie die Spartaner von gleichem Alter vom
Felddienst ganz befreyt, und nur zur Verteidigung der
Mauern verpflichtet68); sie wurden, wenn es Noth that,
auch zum Treffen wider den Feind geführt 59). In drin­
genden Fällen war es sogar die Regel dass eine vierfache
Heeresmacht aufgestellt ward, eine unter jedem Consul,
die erwähnte Reserve, als die dritte, unter einem er­
nannten Befehlshaber, die vierte unter dem Custos urbis
139 in der Stadt60) : und so weit müssen wir die wahnhaften

257) Tertius exerciius ex causariis senioribusque a. L. Quinctio


scribatur : Livius V I. 6- Ebenso die Bejahrten 3 6 6 . Plufcarch
Camiilus p. 1 4 0 . e. 6Ö) Der Irrthum ist beyden gemein­
schaftlich: Livius I. 4 3 . Seniores ad urbis custodiam ut praesto
essent: Dionysius IV . 1 6 . p. ‘2 2 1 . c. noch bestimmter: odg ëâec
rÿjg ѵ£0 Г7]тод elç m')Xefiov èÇiouoyç, Ù7tofiévovTaç èv rfj nôXei,
r à èvràg t sfyouç <риХаттеіѵ. — Die seniores bis 6 0 Ja h r sind
die p fy p i 7геѵте xal теттарахоѵта ày? rjßrjg* ö9) Jene von
L . Quinctius versammelte Reserve, Livius VI. 9 : wie vorher 3 6 6 :
Plutarch Camül. а. а. 0 .: und 3 7 8 « Livius V I. 3 2 : die unter
T. Quinctius 2 9 0 . ders. П І. 4 . wo es leichtfertig ist wenn sie
grade im Gegentheil erlesene Ju gen d genannt wird, wie bey Dio­
nysius IX . 6 3 . p. 6 2 0 . c. 60) Am häufigsten kommt dies
vierfache Heer nach der gallischen Zeit vor; freylich unter einem
Collegium von sechsen, abweichend in Hinsicht des Befehls. In
älterer Zeit hat 2 9 0 L . Valerius den Befehl in der S tad t:
T . Quinctius führt die Reserve zum Entsaz des mit seinem Heer
eingeschlossenen Consuls: Livius III. 5 . — 2 6 7 deckt Sp. Larcius,
von den Consuln ernannt, Rom mit einem dritten H eer; A. Atra-
tinus ist der Stadt vorgesezt. Auch 2 7 4 kommen jen e vier Heere
vor (Dionysius IX . 5 . p. 5 6 2 . d.), allerdings mit gleicher V er­
wechslung der Bejahrten und der Stadtmiliz. Eben so fand Dio­
nysius in der fabelhaften Erzählung von den beyden ersten D i-
ctatoren dies nämliche Schema zweyer Legionen lür den thätigen
Krieg, einer Reserve, und einer B esazung: welches freylich ziem­
lich unkenntlich w ird, V. 7 5 . p. 3 3 8 . e. VI. 2 . p. 3 4 2 . d, So
möchte auch Q. Purius bey demselben IX . 6 9 . p. 6 2 5 . b. nicht
in Q. Fabins zu ändern seyn, sondern etwa in Sex. Purius: oder
auch Dionysius verschrieb sich indem er ihn Consular nannte;
8*
— 116 — [band iJt.J

Bilder von Roms unermesslicher Volksmenge zusammen­


ziehen dass die vier Cohorten, jede von sechshundert
Mann, welche 292 vor Eom gelagert waren261) damals für
die gesammte Stärke der Reserve gelten mögen; eine Le­
gion ohne Ersazcohorte, — die Accensi, — welche für
sie nicht passte: nur für zwey vollzählige Legionen reichte
die Zahl der Wehrhaften aus den Klassen und den Accensi,
bis an die Gränze des Alters. Die Betagten wären nicht
einmal der Hälfte dieser gleich gewesen62), und unter
ihnen mussten im Verhältniss viel mehrere als dienst- m
unfähig ausfallen: sie wurden durch Entschuldigte aus
dem Dienstalter vollzählig. Es versteht sich dass eine
solche Legion grade wie die der Jüngeren eingerichtet
war: hingegen konnten die städtischen, in denen Prole­
tarier und Aerarier, jene plebejischen Tribus angchörig,
aber ausserhalb der Klassen, diese grösstentheils in den
Klassen, aber ohne Tribus, mit solchen plebejischen Lo-
cupleten die zu keiner Art Dienst ausser den Mauern ge­
fordert wurden, vereinigt waren, — keine Centurion bilden:
am wenigsten, als der Gebrauch des Pilum allgemeiner,
die Schlachtordnung beweglich geworden war, zu einem
Dienst bestimmt werden der lange Einübung erforderte.
Sie müssen grossentheils mit Wurfgeschoss; ein Theil
wird phalangitisch mit Speeren gerüstet gewesen seyn.
Es ist vielleicht nur nach dem Sprachgebrauch einer
viel späteren Zeit dass Livius den Befehlshaber dieser
Reserve Proconsul nenntes) : aber die Erwähnung dass
derselbe von den Consuln ernannt war ü4) hat wenigstens
eine sehr grosse Wahrscheinlichkeit. Auch diese Würde
kommt nach dem Decemvirat nie mehr vor. Darin nun
dass im Jahr 267, demjenigen wo die Statthalterschaft
ein wählbares Amt ward, Spurius Larcius in jener pro-
consularischen Eigenschaft als Befehlshaber einer A b tei­
lung, welche die Gegend um die Stadt decken sollte, vor-

ich denke er war der sonst unbekannte Befehlshaber Über jene


yier Cohorten, der Custos urbis Q. Fabius konnte das eben
nicht seyn.
sei) Dionysius IX . 7 1 . p. 6 2 6 . b.e») Th. Г. S. 4 9 3
63) Livius I II , 4 . Auch bey Dionysius IX . 1 2 , p. 5 6 9 . d.
àvTHFTpâTqros. в4) Ders. Ѵ Ш . 6 4 . p. 5 3 1 . e. von T. Laroius.
[band II.] — ЦТ --

kommt, A. Atratinus aber als ernannt vom Senat Mauern


und Bürge besezt zu halten, mögen wir ganz sicher seyn
hi zu erkennen dass der lezte der Präfect der Stadt war,
Dionysius jenem dieses Amt ganz irrig zuschreibt.
Die Eechtsbücher hatten es sicher nicht versäumt
den Namen desjenigen zu nennen der zuerst jene Wurde
von der Bürgerschaft empfing: auch jezt soll er um so
weniger vergessen werden, da es mitten in der Finsterniss,
die auf diesem Zeitraum liegt, nicht zweifelhaft ist dass
Atratinus ein ungewöhnlicher Mann und heilsamer Bürger
war. Weil er in diesem Andenken geblieben, ward ihm
ein billiger und versöhnender Vorschlag in den Händeln
über das cassische Ackergesez zugeschrieben: und ge­
schichtlich ist wenige Jahre nachher ein leidlicher Ver­
trag, der sehr heftige Bewegungen besänftigte, das Werk
seiner Vermittlung gewesen. Ob er diese als Dictator
oder Interrex geltend machte, ist ungewiss: hat die lezte
Angabe Richtigkeit, so hatten die mindern Geschlechter
jezt auch den Eintritt in die erste Decurie des Senats
gewonnen: und allerdings musste dies, etwas früher oder
später, Folge der Erwählung eines der ihrigen zur städti­
schen Prätur seyn.

Die innern Fehden der Patricier.


Eine Aristokratie ist nur dann gesichert dass sie nicht
offenbar in sich zerfalle und mit dem bittersten Groll ver­
feinde, wenn sie eine Landschaft oder Gemeinde fürchtet;
denn an Factionen fehlt es nie. und wenn sie sorgenlos
ist entbrennen diese zu unversöhnlicher Wuth gegen einan­
der; wie Guelfen und Ghibellinen, welche, wie von Florenz
ausdrücklich bezeugt wird, ursprünglich nur Partheyen
der Geschlechter waren, der Gemeinde fremd. Besteht in
142 ihr eine engere Oligarchie, mögen nun ihre Vorrechte Vor­
behalten oder angemasst seyn, so hadern die zurückgesez-
ten gegen diese mit gleicher Heftigkeit wie eine nieder­
gedrückte Gemeinde, und die Oligarchie erhebt sich wider
sie mit der nämlichen Erbitterung wie gegen diese. Die
Bakchiaden sahen in den korinthischen Doriern Unterta­
nen: die heimlichen Geschlechter zu Freyburg versagten
— 118 — [band II.)
noch in unsrer Väter Tagen dem Adel Ehren und Regi­
ment : so wollten es die Grösseren zu Rom gegen die Min­
deren halten. Diese aber fanden Beystand an wohlwollen­
den oder gekränkten Männern unter den Bevorrechteten,
und an der Gemeinde, — deren Freyheiten gefördert wur­
den solange die Stände welche nachher, versöhnt, sie
unter dem Joch zu halten strebten, als Partheyen wett­
eifernd um sie warben.
Von den Fehden unter den Patriciern ist in der Ge­
schichte jede Erwähnung ausgetilgt: aber nicht allein habe
ich gezeigt dass die mindern Geschlechter in diesem Zeit­
raum eben wie nachmals die Plebejer erweiterte Rechte
gewannen, nach wiederholter Unterbrechung behaupteten,
schrittweise ausdehnten; sondern ausser dom Bezirk der
historischen Bücher hat sich eine Nachricht erhalten welche
darthut dass dieser von den Nachkommen verschwiegene
Hader mit einer Grausamkeit wüthete dergleichen der Streit
zwischen Patriciern und Gemeinde höchstens einmal zeigt.
Was die Chroniken ewiger Vergessenheit übergaben,
darüber durften die Ritualbücher nicht schweigen. Damit
sich keiner unwissentlich oder ohne Sühne an einem Ort
in der Nähe des Circus versündige den ein Pflaster von
weissen Quadern bezeichnete, bemerkten sie, er sey den
Manen überlassen, als Grabstätte neun vornehmer Männer, ш
welche sich gegen den Consul T. Sicinius verschworen
hätten, und als Hochverräter im Circus in den Flammen
hingerichtet wären. Ihre Namen waren genannt: fünf
Consulare aus den Jahren von 252 bis 261: auch von den
übrigen vieren scheint keiner einem unbedeutenden Hause
angehört zu haben. Diese Nachricht trug Vendus in seine
Sammlung ein, Festus behielt sie: aber in dor Handschrift
stand sie auf einer von den mehr oder weniger wegge­
brannten Spalten, und von den zehn Zeilen welche sie
enthielten, ist von jeder nur die kleinere Hälfte übrig ge­
blieben. Diese Bruchstücke ergänzte Ursinus in einer un­
glücklichen Stunde nach einem völlig unbegründeten Ein­
fall; und ein gedrucktes, nur nicht barbarisch lautendes,
Supplement befängt immer mit einem Ansehen von Aecht-
heit: dieses hier hat Niemand geprüft. Meine Restauration
ist wie die einer Statue von der Hand des Bildhauers der
ihre Idee erfasste : eine solche lässt sich so wenig als eine
[band II.] — 119 ■—
Anschauung durch Begriffe beweisen: ihre Gewissheit geht
von ihrem Daseyn als Ganzes aus : und es vermindert ihre
Glaubhaftigkeit nicht dass die zerrissnen Zeilen sich in
eine höchst unerwartete und bedeutende Erzählung ver­
wandelt haben266).
26ß) Die Stelle wovon die Eed e ist steht bey Festus gleich
nach n o v a l i s a g e r a ) ; in Gothofredus Ausgabe fortlaufend, bey
Sealiger mit jenem misrathenem Supplement, und beginnend
N a u t i i c o n s u l a t u i nach Ursinus Abdiuck auf C o l . 2 3 . oder B latt
V I, c o l. 3 . der farnesinischen Handschrift. Diese ist auf breiten,
in zwey Columnen getheilten, Blättern geschrieben, und etw a ein
Drittheil der Breite verbrannt; von jedem Blatt sind die erste
und vierte Columne unversehrt, ttwas mehr oder weniger als die
H älfte ist vom Anfang der zweyten, dem Ausgang der dritten,
erhalten. Die Gränze des Verlornen ist keine absolut grade Linie,
sondern wie das Feuer genagt h at: hier beträgt der zerstörte
T heil im Durchschnitt ungefähr die H älfte der Zeile und hielt
von 16 bis 19 Buchstaben: am Anfang fehlen aber nur fünfzehn,
indem in die erste vom vorhergehenden Artikel noch zw ey ge­
hören. Nach dieser D arstellung lege ich die Stelle mit meiner
Ergänzung vo r:
— N o v e m a d v e r s a r i i T . S i c i n i V o ls c i
с o s ., c u m c o n iu r a tio n e m in is s e n t a d v e r s u s
e u m , a p o p . R . v i v i i n C i r c o co m b u sti f e r u n t u r ,
e t s e p u l t i i n e a r e g i o n e g u a e est p r o x im e C i r —
c u m , u b i l o c u s e s t l a p i d e a lb o c o n s t r a t u s .
JE о r u m n o m i n a f и e r u n i , O p i t e r V e r g i n i u s
T r i e o s t u s , . . V a l e r i u s L a e v i n u s , JP o stu m u s C o ­
rn i n i t i s A u r u n c u s ...............U iu s T o l e r i n u s , JP. V e ­
t u s i u s Q e m i n u s , . . ..... S e m p r o n i u s A t r a i i n u s . V e r ­
g i n i u s T r i c o s t u s , . ......M u i i u s S c a e v o l a , S e x . P u -
s iu s F u s u s.
Mit N o musste der Artikel anfangen, wie die 15 in deren
Mitte e r , als der neunte, steht: — die Verschwornen waren
Widersacher, nicht etw a n e c e s s a r ü , des T. Sicinius, sonst würde
auch dieser hingerichtet seyn : — in der S. Zeile ist wahrschein­
lich zu ergänzen A q u i l l i u s : — der Virginius dessen Eigennam e
fehlt, ist für Titus, Consular von 2 5 3 , zu halten, da Aulus (260 )
unter den zehn Ersten steht: — S e x . Furius ist der Consulvon
2 6 6 , also F u su e, nicht M edullinus, wie Ursinus gerathen. —
T . Sicinius hat nur in den sogenannten f a s t i s S i c u l i s den ß e y -
namen Sabinus, statt Volscus : die kapitolinischen fehlen für diese
Zeit.
«) Schwegler II. 709. A . 2.
— 120 — [band II.]
Sie ist ein Dicht geringer Gewinn, aber hinzufügen ш
lässt sich nur was Beschauung ergiebt. Irgend ein Zu­
sammenhang mit der abgedruugenen Veränderung des
Statthalteramts muss gewesen seyn. Unter den Consularen
ist keiner von jenen zehn Ersten des Jahrs 261: wohl 145
aber sind darunter die beyden Virginier, von denen es
auffiel dass sie dort nicht vorkamen266): dies berechtigt
anzunehmen dass sie als ausgeschlossene feindselig waren.
Der Name Mucius bey der Verurtheilung von neun
Männern zum Scheiterhaufen, erinnert an jene ausser den
Annalen schwebende Erzählung von dem Mucius der neun
Tribunen also soll haben hinrichten lassen; und in dieser
die Angabe, dass die Verurtheilten von Sp. Cassius ver­
leitet gewesen wären Wahlen zu hindern, an den grossen
Cassius, der als Consul auf T. Sicinius folgte. Einen än­
dern dieses Namens muss sich schaffen wem es für un­
zweifelhaft gilt dass die Hingerichteten Volkstribunen
waren, und einen ganz ändern Zeitpunkt suchen: weniger
kühn möchte in der That die Vermuthung seyn, die Er­
zählung von den Tribunen sey durch jene der Sage eigen­
tümliche Umwendung entstanden, indem Mucius aus dem
Hingerichteten zu dem ward der das Urtheil vollstrecken
liess: wobey ferner anzunehmen wäre, Sicinius, der, nach
Cassius Untergang, als Feldhauptmann, vorkommt67), habe,
als dessen Feind, anstatt seiner oder des Proculus Virgi­
nius, gesezwidrig wählen lassen wollen; die Neun, zu den
Mindern gehörig, hätten dem widerstanden, und wären
nach Cassius Fall, als seine Anhänger, hingerichtet. Es
heisst, die Vornehmsten von den ältern Geschlechtern hätten
4 sich wider ihn erklärt68): und dass die Veränderung, ш
deren Zweck es war den Sieg über ihn für die Faction
zu benuzen, die Mindern nicht weniger als die Gemeinde
in ihren Eechten verkürzte, zeigt augenscheinlich dass
beyde Stände ihm anhingen. Ueber die geringeren Patri-
cier ist dies vergessen; von der Gemeinde im Andenken
geblieben, weil Cassius ihr unentbehrliche Vortheile durch
sein Ackergesez zu gewähren bedacht war.

266 ) Opiter und Titus; oben [Th. 2 . | Anm. 2 4 7 .


67) D ionysius I X 12 y. 5 6 9 . d. e8) ü ers. V III. 6 9 .
p. 5 3 7 . b. tjx& ovto ol 7zp£<rß6 z a r o i те xai рщшгатоі.
(band II.] — 121 —

Vom gemeinen Feld und dessen Nuzung. e)


Es ist nicht genau richtig dass dieses das älteste Ge­
sez jenes Namens sey; ein jedes wodurch die Republik
über ihr gemeines Land verfugte ward so benannt, also
auch dasjenige welches das Tafelgut der Könige unter die
Gemeinde theilte, und die wodurch Colonien eingerichtet
wurden. Sogar in dem engeren Sinn, wo ein Gesez be­
zeichnet wird, worin sie ihr Eigenthumsrecht geltend
machte um die bisherigen Besizer eines Theils ihrer Do­
maine zu entfernen und sich dessen als Eigenthum zu ent-
äussern, fand sich einsolches unter denen des Servius
Tullius.
Anstatt dieser Bedeutungen hat ein ganz allgemeiner
Sprachgebrauch das Wort Ackergesez in dem Sinn ge­
wöhnlich gemacht, das es Verfügung über das Land­
eigenthum der Bürger bezeichnet, wodurch demselben eine
Gränze gesezt, und das überschreitende Maass dem Unbe­
güterten zugetheilt wird. Die Anordnung des Kleomenes,
die gleiche Theilung der Ländereyen welche in der Revo­
lution von den wildesten Zerstörern gefordert ward, werden
Ackergeseze genannt; und wo dieses Wort allenfalls pas-
147 send gelten könnte, bey der gefühllosen Anwendung des
strengsten Eigenthumsrechts gegen prekäre Besizer, die
ein von den Vorfahren her auf sie übergegangenes Grund­
stück bauen, da erinnert sich keiner desselben; und der
habsüchtige Gutsherr, der ein Dorf verödet weil er in der
Flur ein Eigenthum sieht worüber er schalten könne wie
es ihm am meisten Gewinn bringt, wird, wenn ihm der
Name der Graccheu bekannt ist, ihr Ackergesez als ein
Greuel verdammen.
Dieser Mis verstand ist so alt wie die Herstellung der
Philologie; weder Sigonius noch Manutius haben bezwei­
felt dass die Tribunen das Eigenthum auf fünfhundert
Jugern beschränkt, und das Uebermass der Armuth zu­
getheilt hätten: auch Beaufort hat nichts anders gedaoht,
noch Hooke; obwohl diesen allen die Beziehung auf die

a) Schwegler II. 401 ; Mommsen R. G. I. 270.


— 122 — [band II."I

eroberten Ländereyen welche die griechischen Geschichtsr


erzähler als so wesentlich geltend machen, vor Augen
stand. Sie erwähnen diese nur als Erklärung wie so weit­
läufige Landgüter hätten entstehen können: dass es ein
Grundeigenthum gegeben dem kein Maass gesezt worden,
kam ihnen nicht in den Sinn: indessen wird keiner sich
verhehlt haben dass hier ein Räthsel,verborgen liege: sie
haben es stillschweigend aufgegeben. Ferguson aber dachte
gar nicht an ein solches; und eben so wenig die beyden
grossen Männer deren Betrachtungen über die römische
Geschichte in ihrem Werth ganz unabhängig von MisVer­
ständnissen der Geschichte sind. Diese würde ich auch
hier nicht berühren, wäre es nicht lehrreich zu sehen wie
sie weit entfernt sind die Ackergeseze in jenem Sinn zu
verdammen. Ihre Kühnheit, die Vernichtung alles Rechts
des gehofften allgemeinen Heils wegen mit Beyfall zu be- ив
schauen möchte ich nicht theilen: doch ist sie ihnen
verzeihlich: dem einen weil er in einer seit Jahrhunderten
unaufhörlich erschütterten, und an jede Kränkung des
förmlichen Rechts gewöhnten Republik; dem ändern weil
er in einem Zeitalter lebte welches seiner Ruhe überdrüssig,
und, seit Menschenaltem mit Revolutionen unbekannt, nach
ihnen als einer Würze lüstern war. Auch der grösste Geist
ist dem seinigen verwandt,
Machiavelli glaubte schlechthin dass die Ackergeseze
ein Maass des Landeigenthums einführten, und das mehrere
der Reichen den Armen zutheilten. Er sezt hinzu, es sey
für jeden Freystaat nöthig dass er reich sey, seine Bürger
aber arm: und es scheine dass zu Rom die dazu nöthigen
Geseze in den früheren Zeiten entweder gar nicht oder
unvollkommen angeordnet gewesen, oder dass sie allmäh­
lich entartet wären. Er sieht ferner in jenen Gesezen
zwar die Veranlassung zum Untergang der Republik; aber
in dem Kampf über sie den Hauptgrund ihrer so langen
Dauer269). Montesquieu nimmt es als historisch an dass

269) Diecorsi I. 3 7 . Hätte er gewusst, was Herr Baron von


Rum ohr aus den Archiven des Doms von Florenz gefunden hat,
dass W eiler in der florentinischen Landschaft die jezt aus drey
Ъіз тіег Pachthöfen bestehen, im dreyzehnten Jahrhundert Dörfer
?on zw anzig Fam ilien erblicher Beeizer waren; und zwar nicht
[bawd п .] — 123 —
Romulus die Landschaft unter die ersten Ansiedler in
gleichen kleinen Loosen getheilt habe. Voll von der Vor­
stellung einer unermesslichen Volksmenge im alten Rom,
sezt er dessen Kraft in diese Gleichheit: und die tribuni-
cischen Bewegungen sind, nach seinem Urtheil, wie die
149 Revolutionen der lezten Herakliden zu Sparta, ein Versuch
die Verfassung auf ihre Grundideen zurückzuführen270).
Jene Revolution die für die gezähmte neuere Zeit
unmöglich geschienen hatte, brach ein; und von Acker­
gesez und den Gracchen ward vielfach geredet. Dies gab
Veranlassung, dass Heyne sich das Verdienst erwarb be-
merklich zu machen dass die Geseze der Tribunen einzig
und allein den Ager publicus betrafen71): und durch ihn
geleitet haben Erzählungen der gracchischen Bewegungen,
geschrieben als die Revolution noch nicht verrauscht war,
die Brüder von der Schuld freygesprochen das Eigenthum
erschüttert zu haben. Auch ich verdanke seiner Abhand­
lung diese Ueberzeugung welche ich seit meinen ersten
Forschungen in der römischen Geschichte festgehalten
habe : dabey aber kann es keinen peinlicheren Verstandes­
zustand geben als den worin ich eben durch jene negative
Gewissheit versezt war. Diese Marter der vollkommnen
Unmöglichkeit zu denken wovon ich das Gegentheil als
schlechthin verwerflich erkannte 72), — dem verzweifelnden

etwa in einem oder zwey F ällen , sondern fast durchaus wo sich


die Vergleichung anstellen lä sst; so würde der Verfasser des
principe unmittelbar eine heroische Cur fur sein Vaterland g e ­
fordert haben. Die Bevölkerung auf dem Lande war damals weit
geringer als je z t, wenn auch vor der P e ^ und der Kriegsnoth
von 1527 grösser als unter Grossherzog Cosimo I. wo sie unter
der Hälfte der jezigen stand. (Diese Untersuchungen sind, seit­
dem dies abgedruckt worden, erschienen ; und werden das nach
dem was ich vor Ю Jahren von meinem verehrten Freunde im
Gespräch hörte Niedergeschriebene viel näher bestimmen. Aus
JN’ s. N a c h t r ä g e n z u m 2. T h e i l ) .
870) C o n s i d é r a t i o n s , 3 . 71 ) In einem Programm von 1 7 9 3 ,
op u s c . IV . p. 3 5 0 . ff 72) Nicht allein begründen beyde,
Plutarch wie Appian, ihre Erzählung der gracchischen Unruhen
ausdrücklich auf einem Bericht über den a g e r p u b l i c u s , sondern
der lezte .sagt vom licinischen G esez: f i y â é v a ë% etv r r j g d e Т7}д
yrjç тгk é & p a п еѵтахоашѵ 7 t X e to v a ( d e b e ll. c i v . I S.): und die
— 124 — [band II.]

Bestreben theologische Mysterien zu begreifen sehr nahe


verwandt, — wuchs, als ich in das männliche Alter und
in das Geschäftsleben getreten war, in dessen Zwischen- wo
räumen meine Blicke sich, wenn es seyn durfte, auf das
geliebte Alterthum wandten : als, mit Keife und Erfahrung,
das Bedürfniss zunahm dieses eben so bestimmt zu be­
greifen wie die Gegenwart; und am meisten in den Ver­
hältnissen des bürgerlichen Lebens, mit denen ich durch
meinen Beruf beschäftigt war.
Appians Bericht dass ein fester Antheil des Ertrags
von den Ländereyen der Domaine entrichtet sey, stand im
grellsten Widerspruche mit Plutarchs Angabe über ihre
Verpachtung an den Meistbietenden273): und je näher er­
wogen um so unmöglicher zeigte sich diese in allen Thei-
len. Die Reichen, sagt Plutarch, brachten die Pachtstücke
an sich, indem sie überboten: aber der Reiche kann nie
so viel Pacht von einem kleinen Grundstück zahlen wie
der Bauer der es mit eigenen Händen bestellt74). Wie
sollte es möglich gewesen seyn die unermesslichen Domai­
nen in kleinen Parcellen zu verpachten? Hätte dennoch
Verpachtung Statt gefunden, so würde das einmal vorge­
schriebene Maass leicht hergestellt seyn sobald ein einzi­
ger treuer Censor ohne Menschenfurcht die Register unter­
suchte. Die Verpachtungen geschahen für ein Lustrum;
aber für das Gemeinland ist die Rede von einem durch ш
Erbe oder Kauf seit Jahrhunderten übertragenen Besiz 75).

E pitom e von L iviu s L V III. eben so ausdrücklich : n e q u i s e x


p u b lic o a g r o p l u s q u a m M . (so ist zu lesen) i u g e r a p o s s i d e r e t .
378) A p pian d e b e ll . c i v . I. 7 . (Posidonius: oben [T b. 2 .]
A nm . 1 0 4 .) : Plutarch G r a c c h . p. 8 2 7 . c* à p Ç a f i é v w v т ш ѵ ж Л о ѵ-
aittiv önepßdkXetv ràç ànoipupâq. 7*) Auskaufen kann er
ihn sobald jen e r in Noth geräth und niemanden findet der ihm
andere als zu unerschwinglichen Wucherzinsen liehe. So ver­
schwindet ein kleines Eigenthum nach dem ändern im Territorium
von T ivoli. 76) Cicero de o f ß c . II. 2 2 . Q>uam h a b e t a e q u i -
t a t e m u t a g r u m m u l t i e a n n i 8 , a u t e t ia m s e c u lis a n te p o s s e s -
s u m , q u i h a b u i t a m itta t% 23 . u t cu m eg о e i n e r i m , a e d lß c a v e r im ,
— t u , m e i n v i t o , f r u a r e m eo% Florus III. 1 3 . R e l i c t a s s ib i a
Appia-
m a io r ib u e s e d e s a e ta te , q u a s i h e r e d iia r io i u r e , p o s s id e b a n t .
nus d e b e l l . c i v . L. 10 . Die Besizer führen an , was sie
gebaut
und g e p fla im haben: m anche dass sie die Grundstücke gekauft
[baud II.] — 125 —
Von Besiz und Besizern ist immer die Bede wenn der
Nuzung des gemeinen Felds gedacht wird; vom Pachter
aber kann nie gesagt werden dass er ein Grundstück be-
size: Pachtung und Besiz einer Sache sind widersprechende
Begriffe276).
So war an die Stelle eines zwar falschen aber klaren,
verständlichen, in seiner Art fruchtbaren, ein Begriff ge­
treten dem ich jahrelang verzweifelte einen Sinn abzuge­
winnen: und vielleicht wäre es nie gelungen wenn mir
nicht in den Verhältnissen des Grundbesizes und der Grund­
steuer in Indien ein lebendiges Bild der römischen Posses­
sion, des römischen Vectigal, und dessen Verpachtung,
begegnet wäre. In Indien ist ' der Landesherr alleiniger
Eigenthümer des Bodens: kann die Felder welche der Ryot
152 bestellt einziehen wenn es ihm beliebt: dennoch vererbt
sie dieser und veräussert sie : er entrichtet einen grösseren
oder kleineren bestimmten Theil des Ertrags in Früchten:
diese Früchte verpachtet oder verkauft der Staat an die
Zemindare, sofern er nicht die eines Bezirks oder Grund­
stücks auf immer an Gotteshäuser und fromme Stiftungen,
oder auf Lebenszeit an Angehörige und Diener verlie­
hen hat.
Jenes Verhältniss ist nicht Indien allein eigenthüm-
lich, sondern Spuren desselben finden sich durch ganz Asien :
im Alterthum hat es daselbst weit und breit in den be­
stimmtesten Zügen bestanden : bis in Aegypten wo Pharao
alles Land zu Eigenthum hatte, und nur den Kriegern
die Steuer erliess. Die Tetrarchen in Syrien waren Ze-
mindare, welche den Fürstenstand usurpirten, wie es durch
einen der unglückseligsten Irrthümer welcher jemals Ver­
derben über ein Land gebracht hat, und bey den wohl­
wollendsten Absichten der Regierung, denen von Bengalen
unter Marquis Cornwallis gelungen ist als mediatisirte
Fürsten und ausschliessliche Grundeigentümer anerkannt

— in Erbtheilung angenommen — die Dos der F rau darin an­


gelegt — den Töchtern als Dos mitgegeben. — Paulus I. 1 1 .
D . de evictionibus (X X I. 2 J . Das w e itlä u fig e Gut, worüber der
Kaiser verfügt, ist gekauft.
276) M arcellus 1. 19 . D - d e a d q u i r . v. a m i t t . p o s s e s s . (X L I. 2 .)
Javolenus 1. 2 1 . e o d .
— 126 — [band п.]
zu werden. Eben so wenig ist das agrarische Eecht der
Eömer für ein ihnen eigentümliches zu halten: es ist
vielmehr ohne Zweifel allen italischen Völkern gemein,
mancher Begriff desselben auch ausser der Halbinsel ver­
breitet gewesen: um so weniger ist die Uebereinstimmung
rls zufällig, mithin täuschend, zu betrachten.
Es würde nicht thunlich seyn die Darstellung des Be­
griffs und der Verhältnisse des ager publicus auf die älteste
Zeit, auf seinen Umfang und sein Maass in den Tagen
des Sp. Cassius oder des Licinius Stolo, zu beschränken : 153
der Zeitpunkt für den es möglich ist sich ein bestimmtes
Bild zu schaffen ist ein viel jüngerer, wo diese Landtafel
zu ungeheurer Grösse angewachsen war, und eine Menge
Gegenstände zum Eigenthum des römischen Volks gehörten
die vor Alters darin noch nicht vorkamen. Allein es soll
auch eine Untersuchung wie die folgende sich nicht auf
eine bestimmte Zeit beziehen, indem in verschiedenen diese
oder jene wesentliche Eigentümlichkeit in ihrer Anwen­
dung aufgehoben seyn konnte, und in Hinsicht auf das
gemeine Feld des römischen Volks ganz entschieden es
gewesen ist.
Der a g e r p u b lic u s ist nur ein Theil vom p u b lic u m , oder
dem Vermögen des Populus. Dieses bestand, wie das eines
Einzelnen, aus Gegenständen, fruchtbringenden und un­
fruchtbaren, und aus Einkünften durch Rechte. Unter den
lezten sind Zölle, Accise, Steuern untertäniger Orte be­
griffen: zu dem unfruchtbaren Eigenthum gehören öffent­
liche Gebäude im weitesten Umfang, geweihte und welt­
liche, Strassen, Pläze. Die fruchtbringenden Gegenstände
sind nach ihrer Benuzung einzutheilen: denn theils sucht
der Souverain so weit als möglich den ganzen Ertrag für
seine Gesammtheit als Staat, wobey er allerdings dem
Pachter einen Theil überlassen muss: — dies ist der Fall
bey Gebäuden (und die römische Republik besass ganze
Städte eigentümlich), Bergwerken, Steinbrüchen, Salinen :
— theils behält sich der Staat nur einen geringen Theil
des Ertrags, und überlässt den grösseren seinen Bürgern
zunT Vorteil des Einzelnen. Eine Nebenarfc ist in den
römischen Verhältnissen wo die Republik eine eroberte
Feldmark den alten Einwohnern gegen Entrichtung des
Zehenten oder einer ähnlichen Steuer zurückgegeben
[band п.] — 127 —
hatte277): diese steht, so lange der geduldete Besiz dauert,
einer ändern Abgabe gleich, aber die Republik hat das
Recht den Boden in Anspruch zu nehmen, und die Be­
sizer auszuweisen.
Die Regel welche unterscheidet ob .ein Eigenthum für
den Staat allein fruchtbringend seyn solle, oder zwar auch
ihm eintragen doch eigentlich für die einzelnen Genossen
benuzt werden, liegt am Tage. Jenes geschah wenn der
Gegenstand von der Art war dass nur eine sehr kleine
Zahl die Benuzung ausüben konnte, mithin einen sehr
grossen Gewinn gehabt haben würde, wovon es billig war,
durch Erhöhung der allgemeinen Einnahme des Staats,
und entsprechende Verminderung der Lasten für die Steuer­
pflichtigen, weit mehreren einen Theil zukommen zu lassen.
Es wäre eine unbillige Begünstigung gewesen wenn einer
oder wenige zum Baue eines Bergwerks in der Art wären
zugelassen worden dass sie nur einen kleinen Theil der
Ausbeute erlegt hätten: andrerseits würde man ihn auf
Raub getrieben haben, wenn ein jeder Bürger dem es ge­
fiel hätte einbrechen können: deswegen ward das Werk
einer Gesellschaft in Pacht überlassen. Hingegen konnte
die Thunfischerey von Tausenden ausgeübt werden, wenn
sich die Aermeren zusammen thaten um Böte und №eze
anzuschaffen: es wäre unbillig gewesen sie einer Gesell-
155 schaft zu verpachten, wiewohl der Staat alsdann mehr
eingenommen haben dürfte. Wo Benuzung zum Vortheil
des Einzelnen eintreten konnte, da ward sie vorgezogen:
nuzte doch der Einzelne mancherley Eigenthum des Staats
welches diesem gar nichts eintrug.
Er zeigte sich in seinen Ansprüchen wo er das Ganze
hätte fordern können’, eben so mässig wie die Götter.
Diese begnügten sich mit dem schlechtesten Theil vom
Opfer: und das Grundstück zu Skillus welches Xenophon
der Artemis weihte, war nicht minder ihr Eigenthum ob­
wohl er sich unter Entrichtung des Zehenten Bestellung
und Benuzung vorbehielt78). Möge die Bemerkung nicht

277) Cicero 2 . in Verr. III. 6. ( 13 ). Perpaucae Siciliae


civitates sunt hello — subactae, quarum ager cum esset publicus
P. R . factus tarnen Ulis est redditus. I s ager a censoribua lo-
cari solet. — Unten S . 1 5 9 . 7®) Xenophon A nab . V . 3 .
— 128 — [band II.)

misdeutet werden, dass auch die Leviten den Zehenten


vom Ertrag des Landes Kanaan empfingen, welches Jehova,
den sie vertraten, als Eigenthura geweiht war279).
Der Antheil des Staats am Ertrag dürfte ebenfalls
durchgehende der Zehente vom Korn gewesen seyn, wie
ihn auch die römische Republik, als ihre Eigentumsrechte
geltend gemacht wurden, erhob. Von Baumfrüchten und
Trauben konnte mit Fug eine höhere Abgabe genommen
werden da sie keine Saat und weniger Bestellung erfor­
dern; daher an das römische Volk davon ein doppelter
Zehente entrichtet ward80) : und aus demselben Grunde
dürfte von den Jungen, dem Käse und der Wolle des
Viehs welches auf der gemeinen Trift gehalten ward, ein
nicht geringerer Antheil erlegt seyn, ehe dafür ein be- m
stimmtes Hutgeld eingeführt ward. Wenn nun die welche
das gemeine Feld benuzten die Gewalt in Händen hatten,
so konnten sie sich von dieser Abgabe befreyen, und die
zur Erhaltung des Staats nöthigen Lasten ganz auf die
Gemeinde wälzen: alsdann war das Eigenthum nackt, und
so unfruchtbar wie das einer Landstrasse. Allein das ist
ein zufälliger Umstand: eben so zufällig als wenn der
delphische Gott das Gefilde von Kirrha öde liegen liess,
von dem sein Tempel einen Zehenten hätte gemessen
können. Das Eigentliche ist dass auch der Staat von seinem
ager Nuzen ziehe öl). Dieser Nuzen heisst fr u c tm 8*), die
Benuzung aber welche der Einzelne gegen Erlegung jener
Abgabe ausübte, ш и з83). Denn wir dürfen den üeber-

279) A u f B e s iz u n g e n a u s s e rh a lb P a lä s t in a s G r& nzon e rs tr e c k te


« ic h a ls o d ie se V e rp flic h tu n g n ic h t, u n d s ch o n d e sw e g e n g a lt d e r
G e d a n k e , d a s s d ie n a c h d e r Z e rs tö ru n g d e r S ta d t U e b rig e n in
A e g y p t e n z ie h e n s o llte n , f ü r s ü n d lic h . 80) A p p ia n de bell,
c iv . I. 7 . 81) So s e h r , d a ss b e y d e r A n o rd n u n g d e s ager
t r ie n t iu s , d a m it e r d ie E ig e n s c h a ft d e s (ie m e in la n d e s n ic h t v e r­
l ie r e , s o n d e r n e in g e lö s s t w e rd e n k ö n n e , e in N o m in a lz in s a u fg e ­
le g t w a r d : e in A s vom J u g e r u m : L iv iu s X X X I. 1 3. 8iJ) Ven-
d itio n e s o lim d iceb a n tu r ce m o ria e lo c a tio n es , qu od velut fr u c t m
p u b lic o r u m locorum ven ib a n t. F e s tu s s. v . — g le ic h b e d e u te n d
m it v e c tig a l. 88) Possessio est, ut d e fin it G a llu s A e liu s , usrn
a g r i a u t a e d i f ic ii : F e s tu s s. v. In d ie s e m Ö inn s a g t L u c re z :
V ita q u e m a n cip io n u lli d a tu r , om nibus u s u . D a s L e b e n g e h ö r t
z u m G e m e in g u t d e r N a t u r : eie e n tlie h t es, s o b a ld eie w ill, dem.
[band H.] — 129 —

resten der Rechtslehrer wie wir sie jezt lesen, nicht glau­
ben dass fructm dem шив fructm gleichbedeutend sey284) :
167 eine so müssige- Zusammensezung zweyer Worte wäre wider
das Wesen der Sprache: es ist ums et fructm, nach der
alten Sprachweise ohne verbindende Partikel zusammen­
gefugt. Im Gegentheil, wer schlechthin den fructm hatte,
kann in alten Zeiten den usm nicht zugleich gehabt haben:
wiewohl in Privatverhältnissen beyde vereinigt werden
konnten und dies that wer den usm fructm genoss.
Diesen Antheil erhob der' Staat wohl niemals durch
Regie: es war eine ganz allgemeine Sitte, wovon sich
schwerlich eine einzige Ausnahme findet, dass, ausser dem
Schoss, Strafgeldern, und wenn es sonst ähnliches gab,
alle übrigen Einnahmen zur Erhebung verpachtet wurden.
Jene Abgabe bot der Speculation eine zwiefache Seite
dar: einmal das Maass des Ertrags nach einer mehr oder
minder ergiebigen Erndte: dann den veränderlichen Preis,
wenn die Pachtung in Geld bestimmt ward. Dieses war
freylich gar nicht nothwendig; bosonders in Kriegsläuften,
wo sonst Korn in die Magazine hätte gekauft werden
müssen, liess sich die Sache vereinfachen wenn die Ab­
lieferung eines bestimmten Maasses, für den Betrag jenes
Zehenten, bedungen ward : ja es konnte anstatt des doppel­
ten Zehenten von Oliven und Trauben ein gewisses Ver-
• hältniss von abzulieferndem Korn gesezt werden: und dies
ist in der That geschehen 85). Indessen war, was wir
nach unserem Sprachgebrauch Verpachtung in Geld nennen,
ohne allen Vergleich das Gewöhnlichere: allein der alte
und eigentümliche Ausdruck der römischen Verwaltung
dafür war nicht Verpachtung, sondern Verkauf der Fru-
ш ctus 86) : wie von dem Zehenten der sicilischen Ländereyen
B e siz e r, n ie w ird e s sein E ig e n tb u m . F ü r d ie se s is t mancipium
d a s a lte W o rt. Usus is t, im ä lte s te n S p r a c h g e b ra u c h , d e r B esiz,
a u b je c tiv : possessio d as O b je c t d e s s e lb e n : d a h e r usu capere. D e r
b e s c h rä n k te S in n in u n s e rm C iv ilre c h t k a n n n u r s p ä t g e b rä u c h ­
lic h g e w o rd e n sey n .
284) S . B ris so n iu s s. v. — w e lc h e r s e lb s t B e y sp ie le giebfc
d a ss d ies n ic h t g ilt. 85) Im h a n n ib a lis c h e n K rie g toil
Q . F u lv iu s F la c c u s m it d e m ager Campanus : — lacavit отпет,
frumento, L iv iu s X X V IL 3. 8e) F e s tu s — s. [T li. 2 .^
A nm . 282.
. Niobuhr, Köm. Gwch. 9
— 130 — [bawd i i *]

die nicht Eigenthum der römischen Republik geworden


waren, sondern ihn als Grundsteuer entrichteten287). Es
war nicht Verkauf auf die Dauer des Lustrum gegen eine
einmal gezahlte Summe, sondern eine jährlich zu erlegende
ward festgesezt. Dies geschah in der Form des strengsten
Rechts durch Mancipation; wie denn Rechte an ländliche
Grundstücke, wohin das Recht der Erhebung einer Steuer
vom Ertrag gehört, auf diese Weise veräussert wurden 88),
Demnach ist der Ausdruck, das ius vectigalie sey durch
Mancipation gekauft worden, genau richtig: ob ebenfalls,
was dabey vorkommt, es sey nicht allein auf ein Lustrum,
sondern auch auf hundert Jahre so abgeschlossen worden 89),
muss allerdings mit dem Werth des Zeugnisses, wo dies
vorkommt, dahin stehen. Vom römischen Staat ist es
unter der freyen Republik unmöglich, unter den Kaisern
nicht wahrscheinlich; es mag von Landstädten, und noch
eher von den \ estalinnen, den Augurn, und ändern geist­
lichen Genossenschaften gelten, denen der Staat das Recht
des Vectigal von gewissen Grundstücken überlassen hatte.
Mit der Zeit ward indess das Wort Location auch von
diesen censorischen Contracten gewöhnlich, die allerdings
den eigentlichen Verpachtungen, deren immer mehrere wurden,
sehr ähnlich waren; wie denn jenes auch im neueren Eu­
ropa für alle Verhandlungen der Art allgemein gebräuch­
lich geworden ist. Man redete aber nicht allein von der
Location der Steuer 90), hier der locatio fructue agri; son- ]5t
dern sagte miieiner geringen Licenz des Sprachgebrauchs,

287) l a d e r V e r r in a frumentaria, passim. 88) U lp ia n ,


tit. X I X . 1. F ü r die R e p u b lik w ar a u c h d e r ager publicus Beibet
G e g e n s ta n d d e r M a n c ip a tio n , e r w ard d u rc h d ie Q u ü -to re n v e r­
k a u fe . 89) H y g in u a de condic. agr. p. 2 0 5 . ed (Joëtni. Qui
superfuerant agri rectigalibus ниЫесІі sunt, alii per aunos qui-
nos, alii vero mandpibus ementibvs, id est conducentibus, in an-
nos сепіепоя. — Mandpes autem qui emerunt lege dicta ius
vectigaliSf ipsi per centurios Ipcaverunt aut vendiderwit proximis
quibusque possessoribus. H a t s ic h d e r fre y lic h co n fu se S c h rift­
s t e l l e r e tw a s b e stim m te » g e d a c h t, so w ü rd e h ie r ein modus des
Z e h e n t e n : e in A b k o m m e n , f ta it A b n a h m e d e r z e h n te n G a rb e , a n ­
genom m en. so) L iv iu s X X X II. 7. Censoree porloria vena-
il um Capuae — fruenda locarunt.
[ вілв п.] — 131 —

сепвогев одтиш fruendum locasse^1): von WO ein einziger


Schritt dahin führte von der Location des Ager selbst zu
sprechen- Dies thut nun nicht bloss Livius 92), sondern
Cicero selbst, wo er von den Feldmarken redet die der
Republik in Sicilien eigenthümlich gehörten 9ä): aber eben
hier sezt er den Sinn des Ausdrucks ausser Zweifel, hin-
zufögend, diese Feldmarken wären den Orten wieder ein-
geräumt worden. Demnach ist es unmöglich dass der Boden
verpachtet wäre; es kann dabey nur an das Yectigal ge­
dacht werden. Also darf es nicht irre machen dass Poly­
bius von der Verpachtung von Ländereyen durch die Cen-
soren redet: vollends, da er auch Häfen als verpachtete
Gegenstände nennt, wo der Zoll, nicht die Oertlichkeit,
dem Finanzpachter überlassen ward 9l).
Inzwischen hat dieser Ausdruck schon Griechen denen
die römische Verwaltung unbekannt war, zu der Vorstel­
lung verleitet dass die Republik ihr Landeigenthum im
eigentlichen Sinn verpachtet habe. Daher jene Darstellung
Plutarchs welche die Neueren allgemein irre geführt hat:
die Reichen hätten durch Uebergebot die geringen Leute
verdrängt. Allein auch Dionysius, der doch nicht um we­
niges sorgfältiger und genauer als jener liebenswürdige,
aber höchst flüchtige und leichte, Schriftsteller ist, schreibt,
den Inhalt jenes angeblichen Senatusconsults über das Ge­
meinland aus der Zeit der cassischen Ackerbewegungen
berichtend, es sey beschlossen worden der nicht verkaufte
noch assignirte Theil des Gemeinlands solle auf je fünf

291) D e rs . X L I I. 19. M . Lucretivs legem promulgavit ut


agrum Cumpanum cemores fruendum locarent. D ie H a b s u c h t
d e r E in z e ln e n h a tte d e r R e p u b lik -w ährend d re y s sig J a h r e n n ic h t
e in e P a c h t s o n d e rn d e n Z e h e n te n e n tz o g e n . — S o e r k lä r t U lp ia n ,
l . 1 . D. de loco pull, fruendo (X L IU . У.) den A u s d ru c k des
E d ic ts locum publicum fruendum / ot'are, von d e r conductio vecti-
galis jruendi. 92) L iv iu s X X V IL 3. Capuae Flaccus agro
locando iempus terit. 93) [X h. 2 .] A n m . ‘2 77. 94) P o ­
ly b iu s V I. 17. 7ZOÂÀWV MpywV OVTWV twv èzôidoixévüiv 07zd twv
t tpy)Tü)V9 — TtoXXüiV ôè катары», fopÄvani, xrJ7tia)V> /г е т dÀÀatv.
ywpaq. A p p ia n a. a. 0 . s a g t a u ss c h lie ss lic h von den n ic h t v e r­
h e e r te n L à n d e r e y e n , ётгітсраохиѵ 3) èÇefiio&ouv : d en v e rö d e te n
f e j e in e E r tr a g s s te u e r a u fg e le g t: e s sc h e in t d ie Z u rü c k g a b e a n
4 ie a l i f p E in w o h n e r g e m e in t.
9*
132 — [band п .] *

Jahre verpachtet werden206). Fasst zum Ueberfluss dient


um zu erkennen wovon sein römischer Vorgänger redete,
dass er dem Ertrag der Pacht dieselbe Bestimmung an-
weisst welche, nach Livius, Zweck des Vectigal war als
die Tribunen sich zuerst unter günstigeren Umständen be­
mühten es zu Lasten der Besizer des Ager publicus het-
zustellen: nämlich, Sold zu zahlen 96).
Wir verlassen die nur vermittelnden Käufer oder Pach­
ter des Rechts den vorbehaltenen Antheil der Republik an
den Erndten auf dem Ager publicus zu erheben, um das
Verhältniss derer zu erörtern, welche unter Verpflichtung m
zu dieser Abgabe die Besizthümer inne hatten, die Gegen­
stand der Ackergeseze waren.
Diese Besizthümer tragen den Namen Possessiones
eigenthümlich: die sie inne hatten heissen auszeichnend
Besizer; dass sie be siz en ist der ausschliesslich gebräuch­
liche, solenne Ausdruck von denen die einen Antheil am
Ager publicus haben, den sie übertragen und veräussem
können, obwohl das Eigenthum der Republik gehört97).

295) D io n y s iu s V III . 7 3 . p . 5 4 1 . c. 7 6 . p. 544. a.


96) L iv iu s IV . 3 6 . 97) E s b r a u c h t k e in e r v o lls tä n d ig e n
S a m m lu n g e rw e ise n d e r S te lle n : fo lg e n d e k o n n te n sch o n frü h er
g e n ü g e n u m d e n S p r a c h g e b r a u c h k la r zu m a c h e n . C icero de
offic. I I . 2 2 . qui agrariam rem tentant ut poss essor es suif
sedibus pellantur. S . [T h . 2 .] A n m . 2 75- L iv iu s II . 61. Ap.
Claudio, causam p o ss essor um p u b l i c i a g r i sustinenti. IV» 36.
vecligali po s s e s s o r i bu s a gr o r u m imponUo. 51. agrariae legis,
quae poss esso per iniuriam agro p u b l i c o Patres pdlebat, 53,
si iniusti domini p o s s e s s t o n e a gr i p u b l i c i cederent. VI. 5.
nobiles in p o s s e s s i o n e m p u b l i c i a g r i grassari. 15 . nec iam
p o s s i d e n d i s p u b i i c i s a g r i s contentoe esse. 3 5 . ne quis ріш
j> iugera p o s s i d e r e t . E p ito m e L V I II. ne quis ex p u b l i c o
a g r o plus quam M iugera p o s s i d e r e t . F lo r u s II I . 13. reduci
plebs in agros non ( n i c h t unde) poterat sine poss i de nt i um
evertione. ' — P a u lu s 1 . 1 1 . D. de evictionib. ( X X I. 2 .). Леи
p o s s e s s i o n e s ex praecepto principali partim distraciae, partim
veteranis adsignatas ( u n te n [T h . 2 .] A n m . 3 1 1 .) A u f d ie a lle r-
b ü n d i g s t e W e is e u n te r s c h e id e t C ic ero adv. Rullum I I I . 3. (12.}
d ie P o s s e s s io n e n vom E ig e n th u m : u n te r ä n d e r n : swat multi agri
lege, Cornelia p u b l i c a t i , nec cuiquam assignati neque venditi,
gui a paucis — p o s s i d e n t u r , — kos p r i v a t о s facit : ho* —
RtUlus non vobis assignare vult, sed eis condonare qui possi~
[band п .] — 133 * —

1в2 Er war so richtig wie gebräuchlich: sie hatten nur den


Usus; die Eepublik den Fructus und das Eigenthum; und
Aelius Gallus defmirte die Possession, sie sey der Usus*
von Grundstücken im Gegensaz des Eigenthums288).
Ein jedes Landgut heisst praedium; aber nur dasjenige
dessen Eigenthum dem Besizer gehört, heisst in Beziehung
auf ihn ager: was wir in Besiz haben, unser Eigenthum
aber nicht ist noch seyn kann, possessio. So sagt Javo-
lenus "): eine andere Definition der römischen Possessionen
giebt Festus, welche mehrere bezeichnende Merkmale der
Besizungen im Gemeinlande enthält. Sie werden angege­
ben als weitläuftige Landgüter, welche nicht durch Man­
cipation, sondern zur Benuzung besessen wurden, und nach
Willkühr eingenommen waren300). Die erwähnte Weitläuf­
igkeit dieser Grundstücke ist etwas nur zufälliges a); und
der Zusaz p riva tiqu e verderbt die Erklärung, wahrschein­
lich durch Festus Schuld: Уerrius mag gesagt haben, auch
Privatgrundstücke wovon man nur den Usus habe würden
Possessionen genannt: und dies ist richtig; aber die übri­
gen Bestimmungen der Definition sind der Domaine eigen­
tümlich.
івз ‘ Diese Possessionen entstanden, nach vielfachen Zeug­
nissen, ursprünglich durch Occupation oder Besiznahme
auf der vérodeten Flur*) ; wie das in allen und jeden

dent. F e r n e r : cum ea quae vestra sunt condonari p o s s e s ­


s o r ib us videatis. — Z u d ie se n S te lle n h a t S a v ig n y (vom B esiz ,
4 . A u sg . S. 1 5 1) e in e s e h r w ic h tig e b e y g e tra g e n , a u s O ro siu s,
У . 18 : eodem anno l o c a p u b l i c a quae in circuitu Capitolii
pontificibus, auguribus, decemviris et ßaminibus in p o s s e s s i o ­
nem t r a d i t a erant, cogente inopia v e n d i t a sunt. O ro s iu s
h a tte d u rc h g e h e n d e L iv iu * v o r A u g e n ; w e n n a u c h v ie lle ic h t n u r
m itte lb a r, in e in e m u m s tä n d lic h e n A u sz u g .
Щ O b en [ T h . 2.] Anco. 2 8 3 . 99) l. Ц 5 . D. de V . S .
A u c h im G e se z d e s R u ll и з w u rd e n agri u n d possessiones s ic h
e n tg e g e n g e s e z t : C icero adv. JRullum III. 2. (7 .) 80°) Posses­
siones appellantur agri late patentes publici privatique, quia
(l. g u i) 7ion mancipatione sed иsu tenebantur, et ut quisque oc-
cupaverat collibebat (l. с о leb antur). F e s tu s s. v. a) S c h w e g ­
le r I I . 4 2 5 . A. 1 . *) B e y d e n A g rim e n s o re n w ird d ie s s e h r h ä u fig
a n g e d e u te t: s o g l e i c h b ey S ic u lu e F la c c u s p . 3. nec tantum occu -
p a v e r u n t quod colere potuiasent, sed quantum in spe colendi
— 134: — [bahd п .]

Dingen entgegengesezte Grundeigentum durch bestimmte


Anweisung und Ueberantwortung von Seiten des Staats802),
Ungeregelte Willkiihr ist dabey aber doch nicht denkbar:
aus ihr müssten Gewalttätigkeiten und Verwirrung ge­
flossen seyn: durch welche Ordnung diesen vorgebeugt
ward, darüber schweigt Appian, welcher lehrt, dass die
Bürger vom Staat — also durch das Edict einer Obrigkeit
— aufgefordert wurden, die wüsten Strecken zur ßenuzung
in Besiz zu nehmen 3). Einmal bestehend, waren sie nicht
anders als Eigentum der Vererbung und Veräusserung
fä h ig 4): allein nie konnte bey ihnen Eigenthum durch ш
Usucapion entstehen. Diese war, nach einer Grundregel
des alten Rechts, gegen den römischen Staat schlechter­
dings unmöglich6): worauf sich in Javolenus Definition
der Ausdruck bezieht: was unser Eigenthum nicht seyn
kann. Vielfache Beyspiele und Erwähnungen wie Domai­
nengrundstücke dem Staat aus langer Usurpation zurück-
vindicirt worden, in Geschichtschreibern, Agrimensoreu und
Inschriften, zeigen wie streng dieser Grundsaz von der
ältesten Zeit bis auf Vespasians Censur geltend gemacht
ist. Ohne diese Sicherheit würde der Staat durch Fahr­
lässigkeit seiner Beamten endlosen Verlust erfahren haben;
er hätte die Benuzung gar nicht gestatten können. Das

r e s e r r a v e r e . A u c h L iv iu s V I. 3 7 . nec agros о c c u p a n d i modum —


P a t r ib u s f o r e : — u n d F e s tu s s. v. Possessiones — s. [T h . 2 ]
A n m . 3 0 0 . S i b i s u m e re : T a fe l d e r L e x T h o r ia D e r e n ts p r e c h e n d e
A b d r u c k f ü r d a s V e rh ä ltn is s d es S ta a ts w a r C o n cessio n . Im G e­
sez d e s R u llu s w a re n vom a n g e w ie s e n e n E ig o n th u m d ie A u sd rü c k e
p u b lic e d a ta , as&ignata g e b r a u c h t: von d e n P o s se a sio n ö n concesaa.
C ic e ro a d v . R u ll. I l l 2 . ( 7 .) . D a ss D io n y s iu s (V II I. 73. p. 5 4 1 . b.)
v o n d e r L im ita tio n d e s A g e r p u b lic u s ( n ä m lic h , n a c h s e in e r A n ­
e ic h t, d e r z u v e rp a c h te n d e n L ä n d e re y e n ) re d e t, int e in s c h la g e n ­
d e s B e j '.p i e l w ie e r k e c k lic h w agt h ö c h s t d u n k le B eg riffe von d en
e i g e n t ü m l i c h e n rö m isc h e n V e rh ä ltn is s e n a n z u w e n d e n , u n d es
d a n n g r a d e v e r k e h r t trifft.
D ie s e F e ld e r s in d d ie agri assignati, je n e d ie occupa-
torii; d ie s e limitatif j e n e arcißna/es: d ie latifundia arceniium
vicinos: P l i n i u s X V III. 4 . 3) èirexTjpurrou, A p p ia n a . a . 0 .
4) [ T h . 2.] A n m . 2 7 5 . F r o n tin u s (d e r so g en .
A g g e n u s 11.) de controv. a g ro ru m , tit. d e a llu vio n e p . 6 9 . ed*
G oëfrii .
[band п .] — 135 —

Eigenthum blieb der Republik bis sie es förmlich über­


trug, mit uneingeschränkter Befugniss den immer precaren
Besiz aufzuheben, und die erledigten Grundstöcke zu ver­
kaufen oder zu assigniren. Der Unterthan, der. das ein­
geräumte Land seiner Vorfahren baute, konnte nicht murren
wenn sie für gut fand anders darüber zu verfügen306): und
nicht unverlezlicher war der Besiz des Bürgers, selbst in­
nerhalb der fünfhundert Jugern welche das licinische Ge­
sez zu überschreiten verbot, nicht sie zusicherte: obwohl
Tiberius Gracchus den Besiz bis zu doppeltem Maass
achtete und bestätigte. Unzweifelhaft beweisen die folgen­
den Beyspiele. Der ager trientiue tabuliusque, womit der
dritte Termin der Anleihe aus dem hannibalischen Krieg
166 abgetragen ward, lag um Rom: es war den Staatsgläubi­
gern erlaubt sich innerhalb fünfzig Millien um die Stadt
Grundstücke auszusuchen, welche doch hier nothwendig
alle im Besiz römischer Bürger seyn mussten 7). So war
die Feldmark von Kapua zwischen einer grossen Menge
kleiner Besizer, römischen Bürgern, getheilt: dennoch war
nicht das Recht streitig sie ihnen zu entziehen um eine
Colonie zu gründen, nur die Billigkeit und Klugheit8).
Ais Appius der Blinde weit und breit Domainen ver­
kaufte um die fast unerschwinglichen Kosten seiner Riesen­
werke zu decken, mögen viele Familien, welche ausgewie­
sen wurden um den Käufern Raum zu machen, den Unter­
nehmungen geflucht haben welche ihr Glück zerstörten;
aber das Recht der Republik konnten sie nicht läugnen.
Es konnten dabei ungemein harte Fälle eintreten: hätte
es bloss Guter betroffen, die von den ersten her welche
sie occupirt hatten vererbt waren, so wäre es leidlich ge­
wesen ein Besizthum zu verlieren das ohne Kosten erlangt
worden. Aber wenn sie auch gekauft oder auf andere
Weise als Geldeswerth angenommen waren, immer gingen
sie dem Besizer eben so verloren als ob sie durch ein
Unglück zerstört wären: er konnte keine Eviction anspre-

306) C icero ado. Rullum II. 2 1 . (5 7 .). 7) L iv iu s X X X I. 13.


8) C icero adv. Rullam H . 31 (84). E s * war nur eine in,
te w m ie tisc h e C o n c e s sio n : obx äyovréç 7tw tr^oX^v ätaXa^stv-
іжехуриттоѵ èv rootàâe тоcg èâéXouatv ёхжоѵеіѵ : A p p ia a u a
а . а. О.
— 136 — [вім> п.)

.eben; jâ in einem Gutachten über einen bestimmten Fall


findet Paulus den ausgetriebenen Besizer pflichtig den noch
rückständigen Termin des Kaufgelds zu zahlen809). Es ist
kein Grund anzunehmen dass die Richter fünfhundert Jahre
früher eine ausreichendere Ansicht gehabt haben würden m
als diese späten Rechtslehrer welche, die gemeine Domaine
nur noch in seltenen Beyspielen kannten; wie derselbe
Paulus von ihr unter dem Namen agri publici redet, und
lehrt: ihr Besiz, da sie auf ewig verpachtet wären, könne
nur unmittelbar vom Kaiser zurückgerufen werden 10): von
diesem freylich, wie das angeführte Beyspiel zeigt, ohne
Entschädigung n ).

*09) 1. 1 1 . D . d e evict. i°| Paulus I. 1 1 . JD. de p u b lic ,


et ve c iig . (X X X IX . 4 ) n ) Der Fall worüber Paulus jenes
Gutachten abgab betraf ein Landgut im römischen Germanien,
auf dem rechten Rheinufer, in der äussersten Militargiänze. Auf
sie war jezt, wie es scheint, diese Form des alten Besizes be­
schränkt, und dauerte hier fort bis auf Honorius und Theodosius.
Eine Verordnung des Jahrs 423 vertilgte auch dies uralte Recht:
der Kaiser verwandelte den bisherigen Besiz in volles Eigenthum
(l. u n . C . T h . de r e i v in d ic a t. — II. 23.). Diese ist zu Ka-
yenna gegeben: überhaupt scheint die Sache dem östlichen Reich
fremd gewesen zu seyn; und es ist kein Wunder das* nicht nur
jene Constitution im Codex fehlt, sondern auch in den Pandekten
kaum eine Spur des alten Rechts vorkomint. — Von den kaiser­
lichen Kammergütern, die auch dem Privateigenthum entgegen-
gesezt werden, ist hier die Rede nicht.
Häufig aber reden die Pandekten, auch in einem eigenen
Titel, von den städtischen Vectigalgütern. Diesen haben die welche
sich dem richtigen Begriff am meisten näherten, die Besizungen
des Genpeinlandes gleichgestellt: doch ist dor rechtliche Unter­
schied nicht weniger gross als der GegenMände Umfang und
Wichtigkeit. Drey Hauptpunkte sind hierüber entscheidend.
1 . E s i>t bemerkt worden (Th. II. S. 164. Anm. 3i Ö ) da?<s der recht­
liche Besizer nie ein Grundstück des römischen Volks usucapiren
konnte: Vectigalgüter der Städte konnten so usuenpirt werden
(S a v ig n y vom besiz* 2. Ausg. S. 110.). — 2. Nach Paulus (l. 1.
I ) . §. i . s i ,a g er vectiga lis . VI. 3.) hatte der Vectigalbt'si/er eine
K lage gegen das Municipium, wenn ihm bey richtiger Zahlung
der Erbpacht (1. 2 . eo d .), sein Grundstück entzogen ward, —
gleich dem Zeitpächter (t. 3 . eod. — ): nach welcher bestimmten
A ngabe L 1 . p r . ta m d iu und gu a m d iu mit Haloander Yeraezt
werden muse, welches die Florentine sinnlos umstellt. (Hiernach
[ВАІШ П.] — 137 —

1в7 Man sieht leicht dass der Verlust leidlich war wenn
häufige Ausübung des Eechts der Republik auf die Un­
sicherbeit des Besizes aufmerksam machte, und den Kauf­
werth solcher Güter niedrig hielt; ja es mag Fälle gege­
ben haben, wenn die Censoren sie in grossen Massen zum
Verkauf brachten, also wohlfeil losschlagen mussten, wo
der Besizer es wohl zufrieden war um einen niedrigen
Kaufpreis die Sicherheit volles Eigenthums, und Befreyung
vom Zehenten, zu erlangen. Unter entgegengesezten Um­
ständen, wenn der Besiz lange Jahre nicht durch agrari­
sche Geseze erschüttert war, konnte der Kaufpreis, den
Kapitalwerth des Zehenten abgerechnet, dem des Eigen­
thums sehr nahe kommen.
Eben so precar wie dieser Besizstand gegen den Staat,
war gegen die Patrone derjenige ihrer Clienten, denen sie
als Preis der Hörigkeit ein kleines Grundstück von ihrem
Antheil an der Domaine eingeräumt hatten. Sie verliehen
es ihnen, heisst es, wie den eigenen Söhnen312): und die
ш Dauer jedes Besizes den der Sohn vom Vater empfing,
stand gänzlich in dessen Willkühr. Man nenne es keine
moderne Idee dass sie, gegenseitig in einem ganz freyen
Verhältniss, durch eine Käthe und ein Paar Morgen für die
Dauer ihrer Dienste mit dem Gut verbunden gewesen
wären: das Gesez gebot die Ansiedelung freyer Insten im
Verhältniss der Fläche jedes Besizthums vom Gemein­
feld 13). Ein solcher Client, ein armer Häusler, war auf
des alten Catos Gut Salonius, dessen Tochter er heirathete.
Was in späterer Zeit verordnet werden musste, und nicht
befolgt ward, war vor Alters, als die Macht der Patricier

war der spätere Vectigalbesiz von dem emphyteutischen nur in


Hinsicht der verpachtenden Personen verschieden, dort nothwen-
dig eine Commune, hier auch Privatpersonen). Die römische Re­
publik hatte ein unbesch» änktes Recht den Besizer ohne alle Ent­
schädigung zu entfernen. 3. Ein Municipium überliesd die Erb­
pacht seiner Grundstücke einem jeden, durch Contract: die Re­
publik den Mitgenossen der Souverainet ä t, oder den alten Ein­
wohnern, durch Concession.
312) P a t r e s — a g ro ru m p a rte s attrib u eb a n t tenu ioribus, p e r -
in d e a c lib eris p r o p r iis . Festüs im Auszug, und Fragment.
Von ihren HeVedien konnten sie solche Stellen nicht abgeben*
*3) Appian d e bell, c iv . I. 8.
— 138 — [band xt.]

auf der Menge ihrer Clienten beruhte, ihr eigenes Bestre­


hen: es war aber billig dass der Possessor sich eines un-
nüzen und ungetreuen Knechts müsse entledigen können;
und deshalb trat keine Macht schüzend für diesen ein
wenn der Herr seine Belehnung zurücknahm und ihn
entliess.
Der Wechsel des Besizes auf dem Gemeinland war
von allen Förmlichkeiten entblösst die erfunden worden
um dem Eigenthum Sicherheit zu geben: alle Klagen und
Eechtsmittei wodurch dieses behauptet ward, fehlten ihm:
es wäre ohne Sch uz gegen Gewaltsamkeit und Unredlich­
keit gewesen, wenn nicht die höchste Gewalt welche ihn
verliehen, und eingeladen hatte ihn zu ergreifen, diesen
hereit gehalten hätte. Er ward durch die possessorischen
Interdicte gewährt *) ; denn ich halte nichts für unzweifel­
hafter als derselben unmittelbare und ursprüngliche Be­
ziehung auf diesen Besiz. Ausdrücklich wendet Cicero sie ш
darauf an314): und bey den Berathungen über das Gemein­
land, und dem Bericht über das icilische Gesez, fehlen sie
Ley Dionysius n ich t16): nur über die Steile wobin sie
gehören, sieht er auch hier, wie sonst unzähligemal, falsch.
Unmittelbar auf den Besiz des Ager publicus deutet der
Inhalt der prätorischen Schuzgebote: freylich nicht die
Formel des Interdicts u ti possidetis wie wir sie jezt aus
dem beständigen Edict lesen, denn hier ist die Rede von
Häusern ; wohl aber die weit ältere, ursprünglich aus Aelius
e) Schwegler II. 427. A. 1 . *14) Cicero a d v . ftu llu m
III. 3- ( П .) . H a t e trib . p l. p ro m u lg a re a usus es t , ut q u od
q u is q u e — p o s s id e t , i d со iu r e teneret quo q u i oplim o p r i­
v a tu m ? E t ia m n e s i v i e ie c it f eiiam n e s i c la m t si p rec a rio
v e n it in possessionem ? E r g o h ac lege iu s c iv ile , ca u sa e posses-
s io n u m , p ra e t o rv m in te rd ic ta tolluntur. lö) et rtu a ££
a d r y g x k é n r o v r e g (clam ) 9j ßtaCofieuot (v i) ztveg lât& zat x à r a -
v é fio tx rtv : Dionysius VIU. 73. p. 54 1. b. ß eß ta crß evo t, i)
xXo7cjj X a ß o v r e g : X. 3*2. p. 658. e. In beyden Fällen nimmt er
an, ein solcher fehlerhafter Besiz eey an die Republik verfallen:
und wenn er auch die römische Darstellung damit nicht vollstän­
dig genau gefasst haben dürfte, so ist ea doch natürlich dass,
wenn nur ein Theil der Besizthümer zurückgenommen ward, die
Reihe zuerst an die kam wo der Besiz unbillig war. Wie dem»,
auch sey: das icilische Gesez war erhalten: und dass darin de^
Beeizes v i et c la m gedacht war, kann nicht bezweifelt werden.
[band п .] — 139 —

Gallus erhaltene316): diese redet ausdrücklich von einem


Fundus.
170 Wenn aber der Prätor nicht gestattete dass das w ill-
k ü h rlich v e r lie h e n e ( precario) gegen den Geber als
fester Besiz angesprochen werde, den er w ie er b esta n d
(uti possidetis) unter seinen Schuz nahm; so schözte er
nicht minder den unabhängigen kleinen Besizer, indem er
den g e w a ltsa m e n Besiz (vi) für ungültig erklärte. Auch
über diesen klagten die Gracchen und alle Yolksfreunde
ihres Zeitalters bitterlich: während der Soldat gegen den
Feind diente, vertrieb der mächtige nach seinem Gütchen
lüsterne Nachbar sein Weib und seine Kinder. Bey Eigen­
thum war dies offenbar unmöglich: auf dem Gemeinland
konnte es bey der Entfernung vieler Gegenden von römi­
scher Jurisdiction leicht gewagt werden. Dem Abwesen­
den, dem Reichen wie dem Armen, konnten ihm u n b e­
w u s st (dam) Felder von den Nachbarn entzogen werden,
wo keine Limitation schözte : auch da gewährte der Prätor
Hülfe; und in keinem Fall konnte der entzogene Besiz
durch Verjährung verloren gehen, die nur das Eigenthum
betraf. Alle Deutung auf das Verhältniss zum Staat ward
durch die Formel e in e r vom ändern (alter ab altero)
ausgeschlossen.
Es versteht sich dass die Interdicte auch den Besiz
von Dingen schüzten die zum Privateigenthum gehörten, sey
es dass der Herr den Usus allein hatte einräumen wollen,
oder dass dieser, mit Unterlassung der gerichtlichen Ueber-
tragung, zum quiritarischen Eigenthum führen sollte. In­
dessen konnte der erste Fall nicht oft eintreten, noch
konnte man zur Versäumniss der hergebrachten Förmlich­
keiten aufmuntern wollen, deren Beobachtung in den alten
171 Zeiten, wo jene Interdicte schon als gebräuchlich Vorkom­
men, gar nicht schwer fiel : also dass diese Anwendung, ver-

316) Bey Festus s. v. Possessio. U ti n u n c possidetis eum


f u n d u m : anstatt eas aedes in den Pandekten. — Es ist unmög­
lich die Ansichten welche bey lebhaftem Ideenwechsel der Freund
weckte zu scheiden, oltgleich sie in ihrem Ursprung un>er eigent­
lich nicht sind, ihm mehr gehören als uns selbst. Das mitge-
theilte können wir als seine freye Gabe nennen: die obenete-
hende Bemerkung hat Sarigny mir mitgetheilt.
— 140 — [b a k d ii .]

glichen mit der auf den Ager publicus, damals nur sehr
unerheblich gewesen seyn kann. Allerdings musste sich
dieses Verhältniss umwenden als das römische Recht auch
für den eigentlichen Provinzialboden geltend ward, und
der Geist der Zeit in Italien selbst Vernachlässigung der
beschwerlichen Formen der Uebertragung des Eigenthums
immer allgemeiner machte; während eben daselbst der
Ager publicus allmählig verschwand. Seine ungeheure
Ausdehnung war durch die Ackergeseze von Tiberius Grac­
chus bis auf den marsischen Krieg, während desselben
durch Verkauf, ausserordentlich geschmälert; und wenn die
Eroberungen in diesem Krieg, und die Confiscationen der
bürgerlichen, grosse Bezirke wieder hinzugefügt hatten, so
waren diese alsbald an Militarcolonien weggegeben. Der
Krieg wodurch Vespasian das Reich eroberte, und die Be­
lohnungen seiner Legionen, hatten die lezten grossen Ver­
änderungen dieser* Art, bedeutende Ackeranweisungen an
die Veteranen in Samnium317), verursacht: darauf aber vin­
dicate seine strenge Sparsamkeit alle von den aufgetheil-
ten Territorien übrig gebliebene, vom Staat nicht aus­
drücklich vergebene, von den Colonien und Municipien als
Communalland usurpirte Landstriche, die suöeeciva. Diese
Maassregel erschütterte das Vermögen fast aller Land- ‘
städte, und Domitian ward durch ein Edict welches die­
ses sämtliche Land den Gemeinden schenkte die es frü­
her benuzt hatt en, der Wohlthäter Italiens 18): aber damit
verschwand auch fast alles Landeigenthum des Staats; und 172
ein Schriftsteller, der wahrscheinlich in das zweyte Jahr­
hundert n. Chr. gehört, weiss nur noch in dem damaligen
Picenum, um Reate, von Ländereyen welche Eigenthum
des römischen Volks waren, und deren Steuer der Schaz
empfing 19).
Bis auf so unbedeutende Ausnahmen war nun das Ge­
meingut ( publicum) des Staats in der Halbinsel beinahe
auf Ströhme, Ufer, Strassen beschränkt: und so mögen
schon die Verfügungen des Edicts über dasselbe, nicht
bloss die Erläuterungen welche wir in Bruchstücken lesen,

817) Aggenue d e controv. p. 54. 18) Frontinus (Agge-


lius II.) tit . d e tubsecivis p. 6S. 69. Щ Siculua Flacoue
p. 2. Auch einige Foretwi: Fro&tinus p. 42. *
[band II.] — 141 —

fast nur diese Gegenstände betroffen haben- Aber nichts


desto weniger kann der Umstand dass, nach der Ordnung
der Abhandlung in Ulpians Commentar, wie in den Pan­
dekten, jene Interdicte auf die Verfügungen welche das
Gemeingut angingen im Edict gefolgt zu seyn scheinen820),
als eine Bestätigung dafür gelten dass sie ursprünglich
den Ager publicus betrafen.
Diese hat Savigny mir mitgetheilt, als ich ihm meine
Untersuchungen über den Ager publicus und die Ansicht
über den Gegenstand der Interdicte vorlegte: nicht ohne
Aengstlichkeit auf einem Boden zu straucheln den ich als
Fremder betrat. Sein Beyfall gab meinen Schritten Sicher­
heit; und als nachher jene Untersuchungen bekannt ge­
macht wurden, verdanke ich es vor allem seiner öffentlich
ausgesprochenen Zustimmung dass ihre Ergebnisse nun
173 wohl ganz allgemein angenommen sind; anstatt dass sonst
der Unzünftige für die Vermessenheit die Wahrheit zu
entdecken, gebüsst haben würde. So wagte ich es denn
schon vor einigen Jahren in mündlichen Vorträgen die
weitere Anwendung des Sazes auszusprechen, dass der
Prätor sich den Schuz der Possession auf dem Ager pu­
blicus angelegen seyn liess.
Eine igeringe Vergegenwärtigung der Verhältnisse ge­
nügt um zu überzeugen dass eine Erbschaft nur Eigen­
thum befassen, dass namentlich ein Testament durch Man­
cipation den Besiz niemals enthalten und übertragen konnte.
Ohne Hülfe des Staats wäre er bey jedem Todesfall erle­
digt gewesen, und hätte dem ersten der sich seiner be­
mächtigen wollte offen gestanden: aber dieselbe höchste
Gewalt welche ihn ursprünglich verliehen hatte, gegen
Beeinträchtigung schirmte, verlieh ihn dem Erben, der
dann ihren Schirm gleich seinem Vorgänger anrufen konnte.
Der Prätor gab die Possession des Grundstücks dem der
es, wenn es Eigenthum gewesen wäre, nach Landrecht
oder dem lezten Willen des Verstorbnen,als Erbe ange­
sprochen haben würde: weil aber der Staat über sein
Eigenthum frey verfügen konnte, so warauch die Obrig-

320) D ie V e rfü g u n g e n ü b e r d a s publicum s te h e n Dig. X L I1 I.


tit. 6 — 15» d a n n fo lg e n d ie I n te r d ic te : b e y U lp ia n s ta n d e n j e n e
i m 6 9 ' d ie s e im 7 0 . B a c h d ee C o m m e n ta rs.
— 142 — [band II.]

keit nicht nur durch die Regeln des gesezlichen Erbrechts


nicht streng gebunden, sondern sie konnte auch von den
leztwilligen V e r f ü g u n g e n abweichen, die über diese Gegen­
stände nur als Wunsch galten. Billigkeit und Verständig­
keit durften sie bestimmen; also jeden Prätor wie er sie
erkannte; und einer konnte hierüber ganz anders verord­
nen als seine Vorgänger.
Eine Magistratur die es sich hätte anmassen dürfen
ein Erbrecht eil)zuführen wodurch das gesezlich bestehende 174
untergraben werden sollte321), ist eine Monstrosität welche •
kein verständiger Mann, sobald er sich die Sache ver­
wirklicht denkt, für möglich halten kann. Wenn aber
über die Nuzung des Eigenthums der Republik, welches
ganz ausserhalb der Gesezgebung lag, ein System sich
festgestellt hatte, und diese Nnzung einen so grossen Theil
alles Vermögens ausmachte wie es zwischen dem hanniba-
lischen Krieg und dem sempronischen Gesez der Fall war*,
wenn das Eigenthum in den zugewandten Ländern und
Provinzen, welches auch nicht unter das Erbrecht der XII
Tafeln gehörte, derselben gleichgestellt ward; — so bil­
dete sich durch Gewohnheit ein Erbrecht, dessen allmähli­
che Ausbreitung zum Nachtheil des gesezlichen gar nicht
mehr befremden kann. Es mögen äusserst wenige Ver-
lassenschaften, über das Maass der Dürftigkeit, eröffnet ,
seyn, wo das Erbrecht genügt hätte, das Eintreten des
Prätors entbehrlich gewesen wäre.
Dass die Bonorum Possessio im Recht der Kaiserzeit eine
andre Gestalt und Wesen hat, weiss allerdings jedermann:
aber dergleichen Veränderungen sind dem bürgerlichen
Recht der Römer eben so gewöhnlich wie ihrem Staats­
recht, oder den Rechten der neueren Völker. Es hing
gleich diesen von der Gewalt der innern Umbildungen ab ;
ja es war eben so wenig gegen den Einfluss von Misver- i7*
ständnissen gesichert welche arge Ungerechtigkeiten för­
derten. Unkunde des einheimischen Rechts hat in Irland
nach Tyrones Rebellion die Confiscation des Landeigen-

221 ) D ie s e g a n z u n v e rs tä n d ig e M e y n u n g t r ä g t , u m n u r e in e n
s o n s t s e h r e h re n w e r th c n G e le h rte n zu n e n n e n , H e in e c c iu s so тог
a l s o b d ie S a c h e g a n z k la r w ä r e , u n d g a r n ic h ts a n stö a s ig e s in
s ic h h ä tte .
[baud п .] — 143 —

thums aller Unterthanen der empörten Häuptlinge veran­


lasst; man wandte gern die Grundsäze des Lehnrechts auf
sie an, welches der Nation ganz fremd war322): gleiche Un­
kunde hat veranlasst dass deutsche Gerichte den erblichen
Besizern, die dem Gutsherrn nur zu Landemien, leichten
Diensten und einer bloss anerkennenden Entrichtung pflich­
tig waren, ihre Rechte abgesprochen, und dem habsüchti­
gen Herrn die Befugniss zuerkannt haben, sie auf Zeit­
pacht zu sezen, und nach Belieben auszustossen. Eben so
hat die römische Jurisprudenz an den Provinzialgrund­
stücken gesündigt. Es ist unstreitig dass sie schon unter
den Antoniuen das Eigenthum des Bodens in den Provin­
zen dem römischen Volk oder dem Kaiser znschrieb, je
nachdem dieser oder jenes als Souverain betrachtet ward 23).
Die freyen verbündeten Städte, wie Rhodus, wurde Gaius
selbst als Ausnahme haben gelten lassen: aber ausser
solchen nennt Cicero im Umfang der Provinz Sicilien
rechts- und steuerfreye Orte ohne Bündniss; ja, durch den
Gegensaz sehr weniger, deren Landschaft durch den Krieg
an Rom verfallen war, erkennt er dass der Boden in den
übrigen Orten, die zehentpflichtig waren, Privateigenthum
se y 24): freylich nach fremdem und allgemeinem Recht26).
176 Von einer Feldmark in Sicilien erwähnt er, es werde be­
stritten ob sie den Einwohnern oder dem römischen Volk
gehöre 26). Es ist kein Wunder dass auf der einen Seite
die Erwerbung des Orients und Aegyptens, wo von jeher
der Boden Eigenthum der Landesherrschaft war, auf der
ändern die Eroberung von Gallien und den Gränzprovinzen,
als Massen die älteren Provinzialländereyen weit über­
wiegend, ihren Rechtsstand für die Regierenden und Rich­
tenden zu Rom eben so verdunkelten wie die Verhältnisse
der Bauern in eroberten wendischen Ländern über die in
angränzenden deutschen Landschaften irre geführt haben:

322) U e b e r d ie se G re u e l d e r U n g e r e c h tig k e it r e d e t S ir J o h n
D a v ie (u n te r K . J a c o b 1.) h ö c h s t a u iric h tig in d e n àueeerafc le h r ­
re ic h e n h isto rica l tracts. 23) G a iu s In st. II. 7. 24) S . [T h . 2.]
A nm . 277. 2Ö) F r e y li c h ia illa b le et corvéable à volonté.
26) R u llu s h a tte in S ic ilie n e in e n ager B ecen to ricu s vom V e r­
k a u f a u sg e n o m m e n : si p r iv a iu s est, s a g t C ic ero , ßo i s t es j a u n -
n ö th ig ih n a u s z u n e h m e n : a d v . R u ll. 1» 4 . (1 1 -)
— 144 — [band U» 1

auffallender ist es dass die Wahrheit die in Büchern stand


in sechszig Jahren vergessen war: da noch Frontinus die
arva •publica in den Provinzen im Gegensaz der agri pH-
vati in denselben genannt hatte. Der Unterschied zwischen
diesen und dem Landeigenthum italisches Rechts war nur
dass jene Grundsteuer entrichteten, Steuerfreyheit zum We­
sen der lezten gehörte827).

Die Landanweisungen vor Sp. C assius.“)


Man mochte Rom als Colonie von Alba, oder als die
des Göttersohns denken der die Stelle einer Mutterstadt
einnahm, so ward über seine Gründung angenommen, und m
als überliefert berichtet was bey Colonien gebräuchlich
war. Wie Romulus das Pomörium mit dem Pflug bezeich­
net haben sollte, so ward ihm auch die Anweisung von
je zwey Jugern als erbliches Eigenthum, an jeden seiner
Bürger, zugeschrieben 28) ; und dass diese kleinen Loose
auch zu Rom in uralten Zeiten würklich bestanden haben,
kann unmöglich in Zweifel gezogen werden. Hundert sol­
cher bildeten eine alte Centurie, von zweyhundert Jugern
Baufeld 29), eingeschlossen von Reinen die als unwandel­
bare Gränzen nach den Regeln der Himmelschau gezogen
waren. Dieses war die Flur einer Curie: dass jede eine
gleiche besass, gehört zu den Ueberlieferungen des alten
Rechts яо) : und dass für die Curie hundert Hausgesinde

327) A g g e n u s zu m F r o n tin u s p . 4 7 . ed. O o'éni. I d e o p u b lica


( a r v a ) h oc loco eum d ix is se exiatimo q u o d om nes etiam p r iv a t i
a g r i ( in p r o v in c m ) trib u ta atque v e c tig a lia persolvunt.
a ) S c h w e g le r L 6 1 7 ; M o m m se n R . G . I. 2 8 2 ; I h n e H. G . I . 4 4 6 ;
M . V o ig t ü b e r b in a ju g e r a d e r ä lte s te n rö m isc h e n A g ra rv e rfa s su n g
( R h e in . M u s. N . F . X X IV . S. 0 2 . 28) O b e n [T h . 2.] A n m . 92.
29) S ic u lu s F J a c c u s ed. Go'ée. p. 15. u n d V a rro de r e r.
I. 1 0 : d e r h ie r d a s R ic h tig e a n g ie b t, a n d e r s w o , de I, I. V . 4.
( I V . p . 1 0 . B ip ,) , a u f d ie se lb e W e is e w ie m a n d ie u rs p rü n g lic h e n
C e n t u r ie n d e r L e g io n a u s 1 0 0 M ä n n e rn b e ste h e n d d a c h te , eine
C e n tu rie v o n 1 0 0 J u g e r n , d ie n irg e n d s v o rk o m m t, a u c h w ohl n ie
w a r , als^ d ie u r s p r ü n g lic h e a n n im m t. 80) âœXùv тЪѵ уЩѵ
e lç т ріахоит а (s. [T h . 2.] A n m . 3 4 1 .) хЩ роид ïaouç, èxdariQ
< p pàrpq. xX ijpou àneâm xev eu a . D io n y s iu s I I . 7 . p . 8 2 . d.
[В.43ГО П.] — 145 —

angenommen wurden, erhellt daraus dass für die drey


Stämme dreytausend Wehren gezählt sind881), wie die Co­
lonen von Antium als tausend Soldaten bezeichnet werden:
also ist unzweifelhaft die Angabe von tausend Hausgesin­
den im anfänglichen Rom von den Raumes verstanden
worden 8*), wenn sie auch ursprünglich einen Zustand be-
178 treffen sollte, dessen Andenken absichtlich vertilgt ist.
Als Hundert von Bürgern wird die Curie auch durch die
Decurien welche sie enthielt, bezeichnet33). Jede Acker-
centurie war eine Gesammtheit, welche ihren Theilnehmem
bürgte84), jede Curie ebenfalls; es ist eine undenkbare
Inconsequenz dass das Eigenthum des ohne Erben ver­
storbenen Bürgers an sein Geschlecht, die Yerlassenschaft
desjenigen der zulezt von einem ausgestorbenen Geschlecht
überlebte nicht an die Curie in der es enthalten war, ver­
fallen sey 3ö). Als die Potitier erloschen musste dies frey­
lich wesentlich anders seyn. Es liegt ausserhalb aller
Möglichkeit emes Beweises, aber höchst wahrscheinlich ist
es dass kein Here dium an jemanden übergehen konnte der
nicht zur Curie gehörte.
Allein Romulus wiess nicht das ganze Gefilde seinen

381) singulae Iribus singula millia militum mittebant. V a rro


de l l V . 16. (IV . p . 2 6 ). 82) [T h . 2 ] A nm . 91.
88) D io n y s iu s а. а. O . 34) H ie r a u f b e ru h t d ie a g ra ris c h e
C o n tro v e rs e de modo. Wenn d e r S tro h m ein Ö tück w e g ris s , o d e r
e in E r d fa ll e n ts ta n d e n w ä re , so tr a f d e r V e rlu s t a lle E ig e n th ü m e r
in d e r C e n tu rie im V e rh ä ltn is s ih re s M asses. 35 ) K a m die
V e rla s s e n s c h a ft d e s E rb e n lo s e n a n d a s G e s c h le c h t z u m g e m e in -
s c h u ltlie b e n B e s iz , o d e r a n d ie G e n tile n , so dans sie zw isc h e n
ih n e n g e th e ilt w a r d ? Ich y e rm u th e d a s le z te ; s te h e w e n ig ste n s
n ic h t a n a ls ein JBeyspiel a llg e m e in e r V e rth e ilu n g e n in d e n C u ­
rie n d ie p la u tm is c h e n V e rse g e lte n zu la s s e n : A u lu l. I % 2 9 .
JSam noster nostrae qui est magister curiae Dividere argenti nu-
mos dixit in viro8 U e b e rse z u n g a u s dem G rie c h isc h e n w en n d ie
B a c h e z u R o m n ic h t v o rk a m is t m e h r a ls u n w a h rs c h e in lic h :
fre y lic h w a r e in e C u rie g e g e n 5 5 0 e in g a n z a n d re s W e s e n a b
d re y h u n d e rt J a h r e ѵ о тЬ ег; a u c h h ä tte e in E u c lio , d e n d e r D ic h te r
w ie a lle ä h n lic h e P e rs o n e n rö m is c h g e d a c h t n u r a ls A e r a r ie r
n im m t, v o r A lte re g a r n ic h t d a rin sey n k ö n n e n ; — a b e r die
S p e n d e n k ö n n e n s i c h t i n d e n u m g e b ild e te n jC urien b e g o n n e n
>h a b e n .
Niebahr, Köm. Gesell. * IQ
— 146 — [bà h d h .]

zehn Curien zum Eigenthum an: er bestimmte einen ändern


Antheil fur den Gottesdienst und den König: einen dritten m
liess er als gemeine Mark336), nämlich zu Triften. Es ist
schon bemerkt dass zwey Jugern unmöglich eine Familie
ernähren können: das Vieh welches auf der Gemeinflur
erhalten ward, half aus, und der grösste Theil des Ver­
mögens bestand in Heerden87). Für die Nuzung ward
dem gemeinen Wesen eine Abgabe entrichtet; und auf
diese ältesten Zeiten scheint die Meldung sich zu bezie­
hen, dass der Populus ursprünglich nur von den Triften
Steuer empfangen habe, und daher in den censorischen
Registern alle steuerpflichtigen Gemeiuländereyen paecua
genannt wären 88).
Die Darstellung des Bechts beachtet nicht in welchen
Verhältnissen die beyden ändern Gesammtheiten ihr Grund­
eigentum hielten ehe sie Stämme des römischen Volks
wurden: sie macht den Saz augenscheinlich, dass alles
quiritarische von der Republik ausging; dass Communen
welche das Bürgerrecht empfingen dem römischen Staat
ihr Land auftrugen, und von dessen Händen zurück er­
hielten. Daher wird Anweisung von Landeigenthum den
Königen durch die jene Stämme in die Geschichte eintreten
als die erste Handlung ihrer Herrschaft zugeschrieben 39),
und so gelangt die personificirende Entwicklung der Rechte ieo
zur Vollendung des eigentlichen ager Eomanus, der, sofern
er Eigenthum der Geschlechter war, aus drey Regionen
nach den Namen der alten Stämme bestand 40), mithin zu-’

336) a . a. O. ê$eXà)u туи àpxoücrau eig lepà


D io n y s iu s
xal т ерем ], xat riva xal т ф х о с и ф yvjv xaraXnzév. A u» d e m
r e ic h e n xXfjpog d e r K ö n ig e (v g l. C ic ero d e r e p . V. i>.) b e stritte n
ьіе a u c h d ie Kosten dea G o tte s d ie n s te s : d e rs. I I I. 1. p. 137. a.
37) C o lu m e lla V I. p r. 38) P lin iu s X V I I I , 3.
39) V o n N u m a — v i r i t i m — C icero d e r e p . II. 14. D io n y s iu s
I I . 6 2 . p . 123. c. d . N u m a a s s ig n irt à< p ' v jg eP c u ß ü \ o g è x é x r r j r o
% d > p a ç , x a l à iz b r r jg d r j ß o a ia g % é p a g ß o l p d v т і ѵ а d X f y y v , an
d ie w e lc h e u n te r R o m u lu s n ic h ts e rh a lte n h a tte n . V on T u llu s ,
d e re . I I I . 1 . p 1 3 7 . a. a u c h a u d ie w e lc h e k e in L a n d lo o s h a tte n :
m it w e lc h e r A n w e is u n g d ie G rü n d u n g d e r S ta d t a u f d em C ae liu e
v e r b u n d e n is t u m ih n e n O b d a c h z u g e b e n : e b e n d a s . 40) V a rro
d e L L V . 9 . (IV . p . 1 7 ).
[ВАШ) П.] — 1Ш —

sammen aus dreyssig Centurien oder 6000 Jugern limitir-


ter eigentümlicher Aecker: daneben aber hatte jeder der
drey Orte sein Königs- und Tempelgut, und eine gemeine
Mark, welches alles erst im Verlauf der Zeit vereinigt
seyn kann. In diese einfache und in ihrer Art gesunde
Vorstellung brachte die verkehrte, unmöglich anders als
spät entstandene Verwechslung des vollendeten Zustands
des Populus mit dem romulischen, völlige Verwirrung.
Romulus sollte schon dreyssig Curien eingerichtet haben841),
und bey der Gründung der Stadt werden ihm dreytausend
Bürger zugeschrieben 42): wie man sich nun fruchtlos quält
um die hundert Senatoren den dreyssig Curien anzupassen,
so geht es eben auch mit den Landanweisungen des zwey­
ten und dritten Königs: für jenen fehlt es freylich nicht
an Ländereyen aus Romulus Eroberungen; Numa aber
hatte seinem Nachfolger keine hinterlassen, daher erdacht
ist dass Tullus des Königs Tafelgut getheilt habe. Von
beyden wird es als Milde gegen die Armuth dargestellt.
181 Da nun das Daseyn der dreyssig Fluren der Curien
unzweifelhaft ist, so irrt freylich Livius indem er annimmt
dass die Geschlechter vor Alters kein Landeigentum hatten;
denn es wäre fast ohue Ausnahme alles Land erobert, und
alles davon verkaufte und angewiesene in den Händen der
Plebes gewesen 4S). Uebrigens war nicht bloss die Esch
des alten ager Romanus, wie alles Eigenthum, gegen ein
jedes Ackergesez gesichert, sondern auch die alte Allmende
und was dazu gewonnen war ehe es eine Plebes gab.
Ihrem Gründer, dem König Ancus, wird die vierte Anwei­
sung von Aeckern zugeschrieben 44) : und diese ist wieder
nichts als historischer Ausdruck jener Regel wonach es
sich verstand dass auch die latinischen Gemeinden aus
denen der neue Stand geschaffen ward, ihren Boden dem
römischen Staat übertragen, und von ihm, nach den Ge-

341) S . [Th. 2.] Anm. 3 3 0 . 42) Dionysius II . 2. p. 78. c.


— er fügt noch 300 Reisige hinzu, die wahrscheinlicher in jener
Zahl begriffen gedacht sind. vgl. [Th. 2.] Anm. 3 3 1 . 4^) Liviaa
IV . 4 8 . nec enim ferme quidquam agri, ut in urbe alieno solo
posita, non armis partum erat, nec quod venisset, assignatumve
publice esset, praeterquam plebs habebat. 44) T h . I. S . 392**
A nm . 880.
10*
— 148 — [band п .]

sezen der Limitation, zurück empfangen hatten. Dabey


waren Umlegung und Austausch unvermeidlich, zumal wenn
es Grund hat dass die Bürgerschaften zum Theil ihre
Wohnsize veränderten.
Das Gemeinland des römischen Staats muss schon vor
'Servius einen sehr grossen Umfang erreicht gehabt haben.
Wenn Städte mit dem Schwerdt erobert waren, oder Bürger­
schaften durch unbedingte Uebergabe ihrer Personen und
ihres Eigenthums846) sich vor Tod oder Knechtschaft gerettet
hatten, so war ihr sämtliches Land Eigenthum des Siegers46): is*
manchmal überliess ein Ort einen Theil, meistens ein Drit­
theil, seiner Landschaft oder seines gemeinen Landes als
Preis des Friedens.
Ohne Zweifel ist es unter den Königen gehalten wor­
den wie später: Ländereyen wo der Anbau nicht unter­
gegangen war, und die nicht an Colonen noch an die alten
Einwohner zu precarem Besiz überlassen wurden, werden
verkauft seyn 47), vermuthlich vorzüglich noch wohl be­
standene Oel- und Weinberge. Denn über den Besiz die­
ser konnten die welche als Mitglieder der Bürgerschaft
gleiche Ansprüche hatten sich unmöglich friedlich verglei­
chen : jeder musste ihn wünschen, und der Umfang unver-
heerter Pflanzungen konnte nur sehr beschränkt seyn: es
wird in Latium, wie in Attika und in der Lombardey, bey

я*5) I n d e r D e d itio n s fo rm e l b e y L iv iu s I. 3 8 . ü b e rg e b e n d ie
G e s a n d te n sic h s e lb s t, i h r V o lk , urbem, agros, aquam, terminos,
delubra, utemilia (d ie fa h re n d e B a b e ), divina humanaque ömräa.
46) Publicatur is ager qui ex hoetibus captm 8ii: P o m p o -
юіия I . 2 0 . de captivis et postlim. ( X H X . 15.)* W a r d as
e r o b e r te L a n d v o rh e r rö m isc h g e w e s e n , so k e h rte es a n d e n
E i g e n th ü m e r z u r ü c k : n ic h t so w e n n es F re m d e n g e h ö rt h a t t e ;
w o v o n d ie c im b ris c h e n E r o b e ru n g e n g a llis c h e r L a n d e c h a lte n e in
B e y s p ie l s in d . — D ie S a ra c e n e n g a b e n d e m E ro b e ru n g e re c h t d ie ­
s e lb e A u s d e h n u n g u n d B e s c h r ä n k u n g w ie R o m . I n »Städten d ie
s ic h u n te r w a r f e n b lie b d as G ru n d e ig e n th n m , n ic h t in d e n en d ie
m it d e m S c h w e r d t e ro b e rt w u r d e n ; u n d d ie G e sc h ic h te d e r E r ­
o b e r u n g M e s o p o ta m ie n s w e lc h e u n te r E lw a k e d is N a m en g e h t,
e r z ä h l t, d e r F e ld h e r r h a b e e r k lä r t, d ie B e k e h ru n g zu m l»lam e r ­
h a lte e s d e n E in w o h n e rn von C irc e siu m n ic h t: sie m u s ste n
p a c h te n . *7) H ie rü b e r is t, A p p ia n de bell, civ. I . 7 . h ö c h s t
b e s ti m m t u n d z u v e rlä ss ig .
[band п .] — 149 —

einem feindlichen Einbruch jeder Fruchthaum und jede


Rebe umgehauen seyn, wenn nicht ein Zufall die Zerstö­
re rung hinderte. Das wüste Land hätte nun den Bürgern
zu Eurenthum angewiesen werden können; höchst wahr­
scheinlich geschah dies nicht weil es zu gleichen Loosen
an die Curien hätte gegeben werden müssen, und diese
nach mehreren Mensel)enaltern nothwendig sehr ungleich
an Zahl waren: es hätte sich dabey auch der Widersinn
ergeben dass in den schwächsten, welche dem Staat weni­
ger leisteten, die Einzelnen grösseren Yortheil gehabt
haben würden. Aus solchen Gründen muss die an sich
so auffallende Nuzung durch Besiz eingeführt seyn, womit
ohne Zweifel von jeher die Entrichtung des Zehenten ver-,
buuden war; dessen Ertrag, nebst der Lösung aus ver­
kauften Grundstücken, die grossen Werke der Könige
allein möglich machen konnte. Diese Nuzung war dem
Mächtigen gelegen, der viele Hörige anzusiedeln hatte:
mancher, für den die Zuweisung eines kleinen entfernten
Eigenthums nichts anziehendes gehabt, der es doch nur
veräussert hätte, meldete sich nicht, und war zufrieden mit
einer Spende aus dem gemeinen Kasten seiner Curie,J8)r
vom Ertrag des Zehenten.
Sobald die Plebes gebildet war, und in dem Heer des
Staats diente, gebührte ihr von dem mit den Waffen ge­
wonnenen Lande ein billiger Theil, wenn gleich der Name
des ager •publicus von jener Zeit fortdauerte wo der Popu-
lus allein der Staat war: seitdem aber die servianische
Gesezgebung sie ausschliesslich zum Dienst als Fussvolk
verpflichtete, war die Anmassung sie von dem mit ihrem
Blut erworbenen Lande auszuschliessen, unleidlich. Dem
Urheber jener Gesezgebung wird daher auch eine unwillige
184 Aeusserung über diese Schamlosigkeit der Patricier zuge­
schrieben 49) : und eine allgemeine Assignation an die
Männer von der Gemeinde 50) a). Es ist aber nicht denk­
bar dass Servius bey einer vorübergehenden Handlung
stehen blieb: eine Ordnung welche für die Zukunft ver«

348) [T h . 2 1 A n m . 335. 49) D io n y s iu s IV . 9 . p . 215. с


rrjç dijfio riag yrjç toùç à v a c â e a rd ro u ç храт вЪ . Щ Durs.
I V . 1U. p . 216. a. 1 3 . p. 2 1 8 . d . <*) Schwegler П . 42 U
A. 2.
— ХбО — [band п .]

fügte , was gerecht und billig war, kann der Gesammtheit


der wohlthätigen Geseze nicht gefehlt haben die seinen
Namen trugen: in ihr darf man den Ursprung der plebeji- *
sehen Hufen von sieben Jugern suchen351). Wie die beyden
Stände durchaus in allem verschieden waren, so auch hier.
Die Plebejer erhielten ein bestimmtes und gleiches Mnass,
zu ewigem Eigenthum, nach strengstem Recht vererblich
und veräusserlich; frey von Ertragsteuer, aber berechnet
im Census, und dadurch jeder ausgeschriebenen Anlage 4
unterworfen, die den Besiz auf dem Gemeinland nie be­
rührte: die Loose wurden den Einzelnen angewiesen, in­
dem die Plebejer ohne Vermittlung einer Gesammtheit in
der Tribus standen, Einzelne in diese aufgenommen wur­
den. Die patncischen Ackei centurien waren hundert Loose :
die plebejischen hundert Actus52): dies war das Maass
derer welche von den Quästoren, wenigstens nach Livius
Ansicht ausschliesslich für die Plebejer, zu Kauf gestellt
wurden58): eine solche Centurie oder zehn wurden Curius
bestimmt, und von ihm verschmäht64): jede enthielt sieben ш
Loose von sieben Jugern; denn die halbe Breite der ein-
schliessenden Reine ist in den funfzigen begriffen; und
wenn nach dem latinischen Krieg in einer Gegend 28/ 4,
in einer ändern ЗѴ4 Jugern angewiesen wurden, so ward
derselbe Umfang nur unter achtzehn oder fünfzehn ge­
theilt 6Ö). Das Maass des theilbaren Landes bestimmte
nothwendig die Grösse der Loose; und selten dürfte es so
weitläuftig gewesen seyn dass sieben Jugern gewährt wer­
den konnten: obwohl die Zahl der Berechtigungen nicht
durch die der Capita angedeutet wird, sondern, um über
sie etwas zu errathen, von dieser nicht nur die Listen
der isopolitischen Städte, sondern von den eigentlichen
Römern auch die Patricier und die Aerarier weggedacht

861) f o r t m ia seplern iu g e r a : Varro d e re r. I. 2. 52) Fünf­


zig Ju g e ra : der Actus ist das urspiünghehe Maass: ein Gevier­
tes von 14400 Quadiatfuss; das Jugeium ein doppelter Actus.
ЬЪ) a g r i q u aesto riii SicuJue Flaccus p. 14. 54) Colu­
mella 1. pr. 4. und drt« Buch de v ir is ill. 33. ßB) Auch die
Centurien von 2 10 Jug< rn enthalten Loose топ trieben : jede dreyssig.
Die grösseren, *240, 400, sind durchaus neue, und beuchen sich
auf sehr gioase üulen.
[baud п .] — 161 —

werden müssen; welche beyde, die einen durch unmittel­


baren Besiz, die ändern wenigstens zum Theil als Clienten
durch verliehenen, die Gemeintlur nuzten. Die Aeriarier
hatten keinen Anspruch auf das gewonnene Land, da sie
nicht im Feld dienten: und im Kriegsdienst war von jeber
die Berechtigung auf Assignation gegründet3’6): bis sie
endlich ausschliesslich den Veteranen zu erkannt ward. —
Es versteht sich dass nach jeder vollendeten Eroberung
der Antheil des Baufelds welcher gemein bleiben, und der
18e welcher getheilt werden sollte, geschieden wäre. An der
Nuzimg von jenem durch Occupation konnten die Plebejer
so wenig Theil nehmen als die Patricier an Assignationen;
, aber die der gemeinen Triften haben sie nie entbehren
können: und es ist so wenig Spur als Wahrscheinlichkeit
dass ihnen ausgeschiedene Strecken überlassen wurden.
Die Aufopferung eines solchen Gesezes musste vor
ändern die Hülfe erkaufen welche dio Faction dem Usur­
pator gewährte: hingegen, als die Patricier die Gemeinde
unversöhnlich von dem verbannten Fürsten zu trennen
suchten, da verfügten sie eine allgemeine Anweisung mit
sieben Jugern vom königlichen Tafelland. Darauf wird
es unter den Tyranneyen erwähnt die sie übten, sobald
ihre Alleinherrschaft gegen den plebejischen Adel festbe­
gründet, die Verbannung der Tarquinier unwiderruflich
war, dass sie die Plebejer vom Gemeinland verjagten57):
nicht dass diese dort hätten occupiren können; aber der
Mangel des Commercium hinderte sie nicht Grundstücke
.anzukaufen, wofür Kauf kein Eigerithum gründete. In
diese Zeit dürfte die Erwähnung solcher gehören die wegen
ihrer Plebität vom Gemeinfeld ausgestossen worden58):
wenn gleich auch noch lange die Patricier als ausschliess-

356) So sagt Frontinus S tra teg . IV. 3. 12. schon für Curius
Zeit, die m ilites consummati hätten jenes Landroaass ei halten:
.nach dem hannibalischen Krieg wurden Seipios Soldaten mit Land
belohnt, und es zeigt sich schun ein .‘•tetiges Veihàlujias zwischen
den Antheilen des 8 oldateo, des Centuiio und des Reiters —
wovun TorAIteis keine Spur ist. M) agro p e lle re , Sal ustius
fr. p. 245. ed. B i p . ö8) g u icu n q u e p ro p te r plebitatem agro
p u b lic o eiecti sun t : Cassius Hemina bey Nonius 11. s. v. plehitas.
— 152 — [band tr.]

lieh im Besiz desselben Vorkommen859). Redliche Käufer


zu verjagen war immer tyrannisch, der Anspruch allein
zu occupiren ungerecht, weil das servianisclie Gesez nicht w 4
hergestellt worden: eine neue Usurpation, noch drückender
fur die Plebejer, indem damit die Mittel versiegten Sold
zu zahlen, war, dass sich die Patricier der Entrichtung
des Zehenten entzogen hatten. Das kann erst seitdem
das Consulat als ganz patricisch befestigt war geschehen
seyn: der mächtig herrschende Erbauer des Kapitols ent­
sagte sicher keiner dazu unentbehrlichen Einnahme. Noch
331 dauerte die angemaasste Steuerfrey heit; damals dran­
gen die Tribunen auf Belastung des Gemeinlands damit
Sold gezahlt werden könne 6Ü) : und wir lesen, sie sey für
eben diesen Zweck in den agrarischen Bewegungen unter
Sp. Cassius drittem Consulat sogar verordnet gewesen ßl).
Mag dies weniger überliefert als von einem Annalisten aus
den Verhältnissen ermittelt seyn, so hat diesen eine voll­
kommene Kunde derselben geleitet.

Sp. Cassius Ackergesez und T o d .a)


Man muss in der That bezweifeln dass irgend etwas
von allem was von Cassius Ackergesez gesagt wird einen

369) Daher Livius seine Vorurtheile verzinst wenn ihm die


Anmaa^eung vor Augen tritt, und die Patricier, nicht nur aus
der Seele der Tribunen (IV. 53. V. 5. VI. 37.) oder des M. Man­
lius (VI. 1 5 ) , sondern in seinem eigenen Namen schilt ilV. 51).
Dionysiue, der als Fremder im Orunde auch weit minder Parthey
nimmt, lässt eie noch heftiger wegen ihrer, schamlosen Habsucht
schmähen: von König Servius IV. 9. p. 2 15 . o. Sp. Cassiue
VIII. 70. sogar von Appius 73. p 54 1. c. d. L. Siccius Dentatus
X . 3 7 . p. 664. a. 60) Livius IV. 36. Cl) Dass die Be­
sizer damals nicht steuerten wird in der ganzen Eizählnng an­
genommen: so VIII. 74. p. 54'2. d: das Volk werde sich über
den Besiz der Patricier beruhigen, êà v д у ц о с ш й е ѵ та сдамтс, x à l
T à ç бЬг’ аЬтіЬу Tzpogôàoug eig та x o w à д е д а п а ѵ у ц ё ѵ а д .
«) Ihne R. G. I. 149 ; Mommsen Sp. Cassius (Hermes 1870.
S. 2 2 8 — 243). Der Beiname des Sp CaHsius ist nach Mommaen
V e c e l l i n u s oder V i c e l l i n u s , nach M. Hertz (Hermes 1870.
S . 474) V e c i l i n u s ,
[baud п .] — 153 —

iss ändern Ursprung hat als das Bestreben der Spateren,


doch einiges über ein so bedeutendes Ereigniss zu erzählen.
Da die alten Chroniken das Blutgericht über die neun
Grossen ganz verschwiegen, so waren sie über Cassius
Schicksal wenigstens einsylbig; und wie sollten sie sein
Ackergesez mehr als zu nennen nöthig geachtet haben?
Sein Inhalt konnte nichts anderes seyn als Herstellung
von jenem welches ich als servianisch annehme. Es musste
dadurch vom gemeinen Feld der Antheil des Populus Vor­
behalten, das übrige zur Theilung für die Plebejer be­
stimmt; für das gemeine Feld der Zehente wieder einge­
führt, und dessen Verwendung zum Sold befohlen werden.
Dies ist nun grade was nach Dionysius der Senat be­
schlossen haben soll: bis auf die Ausführung, welche, wie
gleich erwähnt werden wird, in einem Gesez mit dem es
Ern^t war ganz ändern Händen anvertraut seyn musste
als in jenem Senatusconsult. Wer nach innerer Evidenz
hersteUte, hätte nur noch hinzufügen mögen: die Theilung
zwischen den Ständen habe bloss die Ländereyen betroffen
welche seit der allgemeinen Assignation des Königs Ser­
vius für das gemeine Eigenthum gewonnen, und noch ge­
blieben wären.
Mochte man aber die Verordnung, welche damals ge­
fasst worden, Cassius oder dem Senat zuschreiben, so war
es das grösste Räthsel wie die Plebes selbst ihren Wohl-
thäter zum Tode habe verurtheilen können: denn daran
zweifelte niemand dass das Volksgericht eben das plebe­
jische der Tnbus gewesen sey3ü2). Wahrscheinlich ist. auch
189 die Erzählung dass der eigene Vater den schuldigen Sohn
verurtheilt habe, nur erdacht um diesen Knoten zu zer­
schneiden: andere welche Anstand daran nahmen dass
Cassius nach drey Corisulaten und Triumphen noch in der
väterlichen Gewalt gewesen seyn solle, beschränkten des
Vaters Verdammung auf ein Zeugniss über des Sohnes
Schuld: worauf das Volk dem Quästor nachgegeben das

862) Dionysius ist во entschieden im Irrthum dass er schreibt


die Quästoren hätten то 7rÀf/#oç zur Ekklesia berufen, und ron
dem herbeygekomnmen o%À°ç redet: 77. p. 544. d. a)
<*) Schwegler II. 466. A.
— 164 — [band n j

TJrthéil an ihm zù vollziehen868) : eine Darstellung die mit


unverkennbarer Einsicht in das alte Recht des Tullus Ho-
stilius gebildet ist, wonach die Blutrichter die Aussprüche
thaten, und das Volk nur sofern richtend eintrat als der
Yeruitheilte an sie berief. Rücksichtslose richterliche
Strenge mochte schon vor L. Cassius der, erbliche aus­
zeichnende Zug des cassischen Geschlechts seyn: nachdem>
sie durch ihn sprichwörtlich geworden lautete nichts glaub­
licher als jene Erfindung. — Andre hielten schlechthin au
dem Bericht dass Sp. Cassius auf der Quästoren Anklage
verurtheilt sey, und überliessen sich dem seltsamen Mis-
verständniss des Bunds mit den Hernikern, als ob diesen
nur ein Drittheil ihres gemeinen Lands gelassen sey, die
ein gezogenen zwey aber zwischen Römern und Latinern
hätten getheilt werden sollen: dann sollto er mit diesen
auch einen Theil des römischen Gemeinlands den Latinern
bestimmt haben64); andre, mit einem richtigeren Begriff
vom Bund der Herniker, liehen ihm die Absicht dass er іэо
den gesammten Ager publicus zwischen Römern und bey­
den verbündeten Völkern habe auftheilen wollen ö6). Eine
solche Begünstigung der Fremden würde allerdings die
Plebejer ihm abwendig gemacht haben; ja so sehr dass,
um zu erklären wie sie sich nicht erbittert wider ihn er­
hoben hätten als gegen einen Verräther, erdacht ward, er
habe auf die Erstattung des Geldes angetragen welches
der Gemeinde für das aus Sicilien geschenkte Getreide ab­
genommen worden: eine Erzählung die keine Widerlegung
bedarf, da jenes Geschenk wenigstens damals noch nicht
gegeben war. Es ist allem Anschein nach dieser Zug nur
aus der Gesezgebung des Tiberius Gracchus, über den
Schaz aus der attalischen Erbschaft, erborgt; eben wie die
Berufung der Latiner und Herniker, um das Gesez mit
Gewalt durchzuführen, die Auftritte nachbildet welche Rom
erlebte als C. Gracchus und M. Drusus mit der Latiner

363) qu aesto r eum cedente p o p u lo m orte m a c fa v it : Cicero


d e r e p . II. 3 5 . 6i) Livius. Ich bemerke gelegentlich dass
in der Stelle: f a s t id ir e m unu» v u lg a lu m a civibu s ш е in socios,
das mit Recht verworfne Wort ш е doch nicht au«zu*treicben,
sondern wohl, wegen egisse im Cod. F l o r . , in egen is zu äudern
ist. 6ö) Dionysius.
[ваш ) п .] — 156 —

und Italiker Hülfe die Annahme ihrer Geseze zu erzwin­


gen unternahmen.
Das Volk vor dem die Blutrichter Cäso Fabius und
L. Valerius366) gegen Sp. Cassius standen sobald das Jahr
seines Amts um war, ist der Populus, den Dionysius nie
von den plebejischen Tribus zu unterscheiden vermag, weil
191 die Griechen nur eine demokratische Ekklesia kannten;
er mag die dem römischen Sprachgebrauch nachgebildeten
Worte womit Fabius die Stände, und eben den aristokra­
tischen Theil der Nation als Demus, bezeichnete e7), für

366) Dionyeius verwechselt immerfort die quaestores cla s s ic i


und p a r r ic id ii : nemt Taßtat die er è<pérat hatte nennen sollen:
und redet deshalb von jenen beyden als jungen Männern, weil
das Säkelmeisteramt, als erste Staffel der Ehren von solchen be­
kleidet ward. Mit den Quästoren der Blutgeridhto musste es sich
ganz entgegengesezt verhalten; so hatte T. Quinctius dieses Amt
nach drey Consulaten; Livius III. 25 Dass er bey einem Römer
Fabius und Valerius als m inores bezeichnet gefunden habe weil
ihre Geschlechter sabinisch waren, ist nicht glaublich.
67) Dio nennt die Plebs gewöhnlich nXrj&og, nicht reiten oßtXogi
ärjßog ausschliesslich den Populus, nie die Plebs, obgleich, vom
Sprachgebrauch genöthigt, die Tribunen äyjßap%otf diese nur ein­
mal, um pünktlich genau zu reden, тptßouvot той 7гХу#оид:
(Zonaras Ц. p. 23 a., welcher ihm, wie die Excerpte /eigen,
auch diese Ausdrücke ganz, genau nachschreibt). Verschiedene
Beyspiele, dass er unter dyjßog nur den Populus vergeht, sind
u« a. p. 23. b die Berech igung der Tribunen zu hindern xà v
äp%ü)vy xàv ô drjßog, xàv ^ ßooty краттгсѵ eßsXXe тс: p 24. а*
т а пара тш TzXrfîei xal та Tzapà tw drjßw xal т9} ßouXfj yp&-
<p6ßeva\ — die Verurtheilung der neuen Tribunen zum Feuertod
durch den ÖTjßog, p. 26 c. E x c . d e sentent . p. 250. ed. M . —
Für die spätere Zeit und die Wahlen gebraucht er das Wort eben
nach dem lateinischen Sprachgebrauch von den Comitien der Cen­
turien: so XLIII. 47. ol äp%ovTeg Xöyw ßkv bno те той тгХц&ои<; x a l
07гд той ду)цои хатеатг^саѵ (unter Cäaai): vgl. ebendas, o b wo das
TzXrjftog den ейкатрідаід emgegengesezt ist.— Dass nun Dio «ich
diesen Vortheil eines genauen Ausdrucks nicht selbst geschaffen bat,
erhellt aus den Spuren des nämlichen bey Diodor: wo namentlich
X IV . 113 . in f i n . unter dem dijßog nur die Curien verstanden
seyn können, die Pieb-» unmöglich: und X II. 25. über die Con­
sul wählen nach dem Decemvirat: wo er selbst zwar nicht minder
verworren ist als Dionysius manchmal, aber offenbar einen Text
тог sich hatte in welchem тд 7гXrj&og und <5 drjßog bestimmt
— 156 [bakd Д.]

niebts als den unsichern nnd falschen Ausdruck eines Aus­


länders genommen haben. Wer aber die römische Ver­
fassung begriffen hat, für den bedarf es keines Beweises
dass ein Patricier vor die Tribus der Gemeinde nur von
plebejischen Anklägern, wegen eines Vergehens wider den
Stand, hätte gebracht werden können; es findet sich sogar
keine Spur dass die Centurien vor den XII Tafeln als Ge­
richt entschieden hätten. Die Geschlechter waren die na­
türlichen Richter ihres Genossen, und so bereit ihn zu
verdammen wie die Ankläger es wünschen konnten.
Weil man es nun für ausgemacht hielt dass Cassius
von dem nämlichen Volk dem er als Demagoge Geld und
Gut angeboten, verurtheilt sey, so haben beyde Geschicht­
schreiber es für unzweifelhaft gehalten dass er würklich
nach der königlichen Herrschaft gestrebt habe: ja lange
vor ihnen ist es der allgemeine Glaube gewesen368): jedoch 192
ist es klar dass von bestimmten schuldigen Handlungen
nichts erzählt ward. Aber Dio schrieb mit der Unabhän­
gigkeit die sein Urtheil auszeichnet, es sey klar dass er
unschuldig und aus Feindschaft hingerichtet worden69):
woraus ich doch nicht im Gegentheil folgern möchte dass
ihm Umstände vorgekommen wären, die entscheidend für
Cassius Unschuld geredet hätten. Er wusste, wie wir,
dass die Curien zugleich seine Feinde und Richter waren: 19g
dass sie sich in ihrem Besiz des Gemeinlands bedroht, in
dem Tode des grossen Mannes und einer Veränderung des
Wahlgesezes die Sicheiheit ihrer Usurpationen sahen.
Fragen wir, nach der Regel womit L. Cassius den Schul-

unterschieden waren: davon an seinem Ort. Dass aber Diodor


Fabius gebrauchte «), ist an eich vorauezu^ezen, da es schwerlich
eine andre so vollständige römische Geschichte vor dem Krieg
des Pyrrhus in griechischer Sprache gab, wie kurz sie auch ge-
fasst war: und er führt ihn namentlich an: Th. IV . p 2 1. ed. Bip»
368) Nicht nur Cicero uitheilte so (de re р . а а. О. und an
mehreren Stellend: bchon die Censoren welche im Jahr 590 seine
Statue einschmeizen liessen (IMinius X X X IV . 14.): aber musste
nicht die entgegengesezte Meynung voiher als die Erinnerung
weit näher und bestimmter war, herrachen, weileie geduldetwar?
69) Dio* exc. d e s en len tiis 1У. ed. M . p. 150.ëxôyXov,
ort ÇyjàotutcvjÜelç, àXX’ oùx àôtxyjvaç тс àizéXsTO.
<*) JNitzech Röm. Annalitsdk 2 2 1.
[band п .] — m —

digen ermitteln hiess870): wem der Tod seines grossen Ahn­


herrn frommte? so wären es die Patricier; und die Faction
welche Genucius umbringen liess, wird kein Bedenken ge­
habt haben Cassius gerichtlich zu morden wenn es ihr
diente: nur beweisst das doch nicht dass er schuldlos war.
Auch mit reinen Zwecken, um die servianischen Geseze
herzustellen und den Ungerechtigkeiten ein Ende zu machen,
hat Cassius nach königlicher Macht streben können; und
wenn ihm die Gemeinde vertraute, so konnte sie dabey
nur gewinnen. Dass er ein ungemeiner Mann seyn musste,
dafür zeugen seine drey Consulate, und in ihnen drey
Triumphe und drey Bündnisse, der Vergleich mit der Ge­
meinde und wahrscheinlich mit den mindern Geschlechtern:
darnach kann er sich überhoben haben, dass ihm nichts
mehr unerreichbar schien. Die Zeit der Aesymnetien, ge-
sezlicher und angemasster, — wo unter der Vormundschaft
eines Machthabers, der ausser den Gesezen stand, die
jungen Freyheiten sich stärkten, und das Abgelebte ge­
zwungen war sich mit seinen Ansprüchen an billige
Schranken zu gewöhnen, — war wenigstens unter den
westlichen Griechen noch nicht ganz vergangen, wiewohl
die Verfassungen im alten Hellas jene Stufe schon über­
schritten hatten; bey den Etruskern, und wahrscheinlich
194 durchgehende auch bey den Italikern, waren Wahlkönige
noch gewöhnlich. Es war Wahnsinn dass Appius des
Blinden Sohn sich träumen liess er köune das Diadem
Italiens nehmen: aber im vier und zwanzigsten Jahr von
den ersten Consuln war die königliche Verfassung in der
Meynung noch immer die ächte und legitime, die neue
das Werk einer Revolution: auf der königlichen Zeit ruhte
die Erinnerung glänzender Herrschaft und Siege, deren
Erneuerung von der Rückkehr zu den alten Formen ge­
hofft ward: die Plebejer, bey der Demüthigung der ge­
sammten Nation in noch grössere und schnödere Unter­
drückung versunken, richteten nun an den Nonen, wenn
sie dem Andenken ihres Wohlthäters opferten, stille Ge­
bete zu den Göttern dass sie ihnen wieder einen König
und Beschüzer verleihen wollten71). Die Rückkehr der

870) C assianum illu d , c u i b o n o f 71) Macrobius S a t u r n .


I. 1 3 . 1 . p. 266. ed . M p .
— 168 — [ bàxd ц .)

Tarquinier war nicht zu fürchten, der k&te König und


seine Söhne lagen im Grabe.
Vor fünfzig Jahren hatten die Patricier eine Empö­
rung begünstigt, damit nicht das Consulat eingeführt werde,
weil es damals getheilt worden wäre: nun vertheidigten sie
dieses Amt weil sie es ausschliesslich besassen: ja so sehr
hatten die Partheyen ihren Standpunkt gewechselt dass die
mindern Geschlechter, vormals die entschiedensten Anhänger
des Usurpators, jezt von einer Faction der Oligarchie selbst
unterdrückt, als Cassius zugethan in einer Coalition mit
der Gemeinde gestanden haben müssen.
Sp. Cassius ward schmählich enthauptet372), sein Hans 195
geschleift: die Stätte desselben vor dem Tempel der
Erde 73), mit Verwünschung belegt, blieb öde. Ein eher­
nes Standbild der Göttin im Tempel der Ceres trug die
Inschrift dass es von der Habe des Cassius geweiht sey:
dabey befremdet es dass patricische Obrigkeiten ein sol­
ches Denkmal in einem Tempel errichtet hätten der unter
der plebejischen Aedilen unmittelbarer Aufsicht stand, und
bey des, den Kasten und das Archiv der Gemeinde, ent­
hielt: sollte ein anderer Sp. Cassius als Opfer eines Volks­
tribuns gefallen seyn, so hätte eher dieser seine Spolien, '
obwohl mit verrätheiischem Sinn, dort weihen können 74).
Es kann nur ein Nachkomme des grossen Unglücklichen
gewesen seyn der sein Bild errichtete, welches auf der
Stätte des zerstörten Hauses bis zum Jahr 690 stand:
wie hätten wohl die Quästoren ein solches verschont75)?
Die Cassier, zu denen im siebenten Jahrhundert Lucius,
das Muster eines fehllosen Richters, gehörte, sind ohne
Zweifel bestimmt als Nachkommen des Consuls betrachtet
worden; daher angeführt* wird, er habe drey Söhne hinter­
lassen, deren Leben der Senat verschont habe, wiewohl

872) Stäupung und Enthauptung ist dio Hinrichtung more


m a io ru mfür Staatsverbrechen: so apokryphisch ist jeder Um­
stand in Dionysius Erzählung dass er Cassius vom Felsen hinab­
stürzen lässt; welches nur für die tribunicischen Verurtheilungen
gehört; eben als eine persönlich ausgeübte Gewaltsamkeit.
73) Zwischen dem Friedenstempel und San Pietro in Vincola.
74) Von dieser Hypothese wird bey dem Jahr 3 1 1 die Rede
seyn. 75) Plinius X X X IV . 14, eagt nämlich, er habe es eich
selbst gesezt gehabt.
[ band п .] — 159 —

es nich t an solchen gefehlt hätte, welche auf Vertilgung


des ganzen Geschlechts drangen876)- Dass alle Cassier*
welche später Vorkommen, Plebejer sind, ist ganz natür­
lich : vielleicht haben die Patricier das ganze Geschlecht,
36 eben wie einst die Tarquinier, ausgestossen ; oder sie selbst, '
als wenigstens nach dem Decemvirat nichts hinderte zur
Gemeinde überzutreten, den Stand verlassen der das B lu t
ihres Vaters oder Vettern vergossen hatte.
Rache übte für sie das Ackergesez des Hingerichteten.
Dass ein solches, wodurch das wesentlich Nothwendige
verordnet war, gesezliche K raft erlangt hatte, ist gar nicht
zw eifelhaft a). Ehe die plebejischen Tribus, nach An­
nahme der publilischen Rogation, sich über Gesezgebung
aussprachen, konnten die Tribunen überall kein Gesez
einleiten; und wenn sie die Leidenschaften mit dem agra­
rischen heftig aufregten 77), so konnte dies nur ein gülti­
ges, aber unredlich beseitigtes seyn. Diese Gestalt haben
auch bey Dionysius jene Bewegungen durchaus: nur ist
es bey ihm ein Beschluss womit der Senat, auf den Vor­
schlag des A. Atratinus, das Volk besänftigt hätte. E r
selbst sieht darin entschieden nichts als ein Senatuscon-
s u it 78), hat aber dennoch, ohne sich der Sache nachher
zu erinnern, aus einem erfahrneren römischen Schrift­
steller die Erwähnung aufgenommen dass es dem Populus
vorgelegt worden 79), also wenigstens zu einem Curienge-
sez erhoben sey; welches zu verpflichtender Entsagung auf
is 7 die darin abgestellten Anmassungen vollkommen genügt
haben würde : und es verstand sich dass die Centurien die
gewährte Gerechtigkeit nur freudig annehmen konnten, von
ihnen hier zu reden wäre für den Sorgfältigsten überflüs­
sig gewesen. Nun fehlt es an jedem Grund anzunehmen

376) Dionysius V III. 80. p. 547. a. «) Ihne R. G. I.


114 . A. 10. 77) Von 2G9 an jährlich: Livius II. 42. bis 5 ‘2.
78^ So sehr dass er den Consuln deshalb die Ausflucht
leiht, als solches habe es nur auf ein Jahr verpflichtet: IX. 37.
p. 595. b. 79) roöro тд ôôyixa eiç тдѵ dyjfiov elçeve%&èv,
т bv Каааюѵ іпаиае zrjç ârj/iaywyiaç. Dionysius ѴШ. 76.
p. 5 4 4 . b. — èx<pépeiv eiç rèu öijßov sagt er freylich häufiger
für, einen Beschluss an die souveraine Versammlung bringen:
aber jener Ausdruck steht darum nicht minder fest.
— 160 — [ВАІГО II.]

dass dies Gesez verschieden von dem durch Cassius vorge­


schlagenen gewesen sey: doch konnten es die welche wahn­
h afte Vorstellungen über dieses hatten dafür nicht erken­
n e n , noch irgend jemand welcher in demselben ein Ver­
brechen voraussezte. Nur die Bestimmung dass die Con­
suln des folgenden Ja h rs mit der Decurie der ältesten
Consulare von den grossen Geschlechtern die Ausführung
leiten sollten380), kann nicht von Cassius herrühren, indem
die Nichterfüllung des Gesezes damit nothwendig herbey-
geführt w ard, wie es nachher kam : und doch ist eben
dies eine Clausel die dem alten Staatsrecht so ganz ange­
hört dass sich kaum glauben lässt sie sey etwa Erfindung
eines m it demselben vertrauten Annalisten. Ist sie denn
nicht ein späterer Beschluss, um durch blosses Nichthan­
deln das Gesez dessen Annahme nicht hatte abgewehrt
werden können zu vereiteln, hat Cassius sie sich aufdrin­
gen lassen , so muss er, ermüdet, und vollkommen über­
zeugt dass die Patricier sonst auf jede Gefahr seinen An­
tra g ganz verwerfen würden, sich entschlossen haben die
A usführung der Sache besseren Zeiten zu überlasten, da
doch wenigstens Anerkennung des Grundsazes erlangt war.
A uch an die Centurien konnte er seine Bill nicht bringen,
wenn sie nicht vom Senat angenommen w ar: wenn ihn
aber dies authielt, so kann er auch nicht daran gedacht m
haben die bestehenden Geseze umzustüizen. Das thaten
durch eine beyspiellose Usurpation eben die welche für
ihre Yertheidiger gegen den Hochverräther gelten.

Die sieben Consulate der Fabier.“)


E s ist eine Erscheinung wovon die Pasten der Repu­
b lik nnr in ihrem ersten Anfang durch die Verhältnisse
d er Valerier ähnliches zeigen, dass während sieben sich
folgender Jah re, von 269 bis 2Ÿ5, Männer aus dem näm­
lichen Geschlecht immer die eine consularische Stelle ein­
nehmen : nnd zufällig kann dies um so weniger seyn, da,

380) Ders. a. a. 0 . ävâpaç èx тшѵ Ьтсатсхшу déxa Toùçnpe<T~


ßoräroog : — oben, S. 1 3 1 , a) Schwegler 11. 49 4; Momm­
sen R. G . I. 280.
[ band п .] — 161 —

so lange die mindern Geschlechter gesondert standen, da­


durch entweder sie, oder die grösseren, als Stand ausge­
schlossen wurden. Hier ist unverkennbarer Zusammenhang
mit einer Revolution, wodurch die Oligarchie ihren Sieg
unerschütterlich zu begründen erwartete; von der ihr, ob­
wohl die Hoffnung so nicht erfüllt ward, ein ungerechter
Gewinn lange blieb; und die dennoch zu tieferer Begrün­
dung der plebejischen Freyheiten führte.
Vielleicht war das Opfer des Verurtheilten in der
Form Rechtens von Q. Fabius und Ser. Cornelius, welche
bey de den altern Geschlechtern angehörten381), vollbracht,
ohne dass ein Versuch ihn zu retten geschehen wäre,
obwohl es die grössere Hälfte des herrschenden Standes 82),
199 und die gesummte Gemeinde zugleich verwundete. Die
Stärke der Herrscher .zu solchen Thaten lag in den Eids­
genossen, welche auch damals eben so bereit gewesen seyn
werden ihre Waffen gegen die Misvergnügten zu leihen,
wie die Länder bey dem Bauernaufstand 16 5 3 Bern und
Luzern unterstüzten ; ja die Oligarchie durfte darauf rech­
nen auch die Colonien, damals noch der Plebs fremd,
wider sie aufzubieten, wie die Landschaft den Oligarchen
zu Basel h alf sich gegen die gekränkten Bürger zu be­
haupten 83). Aber der Sieg genügte der Aristokratie nicht :
sie war berauscht, und erging sich in Schnödigkeit und
Mishandlung gegen die Gemeinde84). Darüber begann
diese aus der Betäubung zu erwachen; und obwohl das
Veto der Curien gekannte sehr kühne Männer aus dem
Tribunat ausgeschlossen haben muss, so konnten einzelne
viel entschiedner seyn als man es erwartete; in ändern
eine ihnen selbst fremde Tüchtigkeit im Amt erwachen;
so erhoben sich dort Stimmen welche die Ausführung des
Ackergesezes forderten. Deshalb erregten die Patricier

381) Der sabinische Ursprung der Fabier wird gemeldet: von


den Corneliern ist er auch sicher anzunehmen wegen des vicus
C o rn eliu s auf demQuirinal. 82) Wären die Minderen nicht
zahlreicher als alle übrigen Patricier gewesen so würde ihnen
nicht die eine Stelle im Consulat gegen die zwey Stämme ein­
geräumt seyn. 83) Im Einundneunzigerwesen: Meyer y.
Knonau II. S. 88. 84) Dionysius VIII. 81. p. 547. e.
Niebuhr, Eöm. Geech, 11
— 162 — [band i i .]

geflissentlich Kriege386): das Forum war leer so lange die


Legionen im Felde standen, und die Vereidigung zu den
Fahnen stellte den Eömer unbedingt unter des Feldherrn
W illkühr. So führte der Consul Q. Fabius ein Heer gegen
die V olsker, und siegte mit ihm : die Beute ward, dem
Lagereid gem äss, dem Zahlmeister abgeliefert, und von 200
diesem verkauft; allein der Erlös nicht vertheilt, obwohl
der Plebejer auf eigene Kosten ins Feld ging, sondern
dem gemeinen Kasten der Bürgerschaft zugewandt86) ;
also nach den Curien gespendet. Das war die Antwort
der Herren auf jene Mahnung.
A ber durch Publicola hatten die Centurien freye Wahl
unter den patricischen Bewerbern um das Consulat87):
und da es unter den Geschlechtern sicher weder an ge­
rechten Männern noch an solchen fehlte die geneigt waren
Sp. Cassius zu rächen, so sahen die Unterdrückten dem
Jahresw echsel mit Ungeduld, die Tyrannen mit Schrecken
entgegen. Jen e drohen und trozen, ohne zu bedenken
dass die Machthaber, wenn sie keine andre Wahl haben
als gesezlich zu unterliegen, oder zu einem kühnen Frevel
Muth zu fassen, selten so feig seyn werden eine schwere
Ahndung über sich kommen zu lassen: denn eine solche
gelassen zu erwarten, weil sie verschuldet ist, und die
Sünde abbüsst, dazu verleiht nur ein sehr edles Gemüth
dem fehlbar gewordenen Kraft. E s ist auch nicht zu ver­
kennen dass das Nothrecht der Selbsterhaltung nicht von
Schuldlosigkeit abhängt, ja eben der Tugendhafte allein
geneigt ist sich dessen zu begeben: andere für sich viel­
mehr mit grossem Schein anführen werden, dass die Strafe
alles Maass überschreiten, viele Unschuldige treffen, und
grosses Unglück stiften möchte. Daher ist eine freye Ver- 201
Fassung worin die Gewalten nicht bloss zum Schein von

385) ol диѵатоі Tzokéfxouç ix поЫ[аф\> è'Kiryjâsg èxivouv.


Zonaras И. p. 25* c. «) öß) malignitate patrum qui militera
praeda fraudavere. quicquid captum ex hostibus est, vendidit
Fabius consul ac redegit in publicum: Livius II. 42. Aerarivm
und publicum sind ganz verschieden: jenes der Kasten des ge­
sammten Staats, dieser der Bürgerschaft : die Annalen hätten den
Geiz der Patres nicht schelten können wenn das Geld in jenen
geschüttet würe. 87) ^ S. 588.
°) Schwegler II. 284. A . 6.
[ band II.] — 163 —

einander getrennt sind, unhaltbar, sobald tief verfeindete


Partheyen sich gebildet haben: die Freyheit ist gegen
Revolutionen die einen Despotismus einführen am besten
gesichert, wenn der Antheil der öffentlichen Meynung und
der Nation an der Regierung grösstentheils eine -herkömm­
lich geglaubte Fiction ist. Sonst geschieht was wir in
der Revolution zwischen der Mehrheit im Directorium und
den gesezgebenden Rathen erlebt haben: und wenn es
auch unter ändern Umständen so weit nicht kommt, so
steht doch bey dem Zusammenstossen der Gewalten die
Freyheit weit mehr in Gefahr als die Macht; und ihr
droht ein oft unheilbarer Schade durch die Thorlieit ihrer
Liebhaber welche die Klügeren nicht hören, die Geduld
und Versöhnlichkeit empfehlen, damit Rechte und Ein­
richtungen eine böse Zeit überleben; sich von der Ver­
suchung liinreissen lassen ihrem Unmuth Luft zu machen.
Wie gewaltig die Fabier waren a), zeigt die Macht
welche dem Cäso an die Cremera folgte : vermuthlich
konnte kein anderes Geschlecht sich ihnen darin gleich
stellen, und mit ihnen mochten die alten Stämme schon
den Versuch wagen die Herrschaft unbedingt zu behaup­
ten. Der Preis, dass allemal ein Fabius im Consulat seyn
solle, entzog ihnen nichts wenn die mindern Geschlechter
ausgeschlossen wurden : aber um dieses Abkommen auszu­
führen musste das Wahlgesez umgestossen werden. Die
bisherige Ordnung war dass der Senat, wenn er der Wahl
der Centurien beyfiel, hierüber einen Beschluss 'fasste den
202 die Curien annahmen: hiemit ward dem Ernannten das
Imperium verliehen388). Diese Ordnung ward umgekehrt,
und die Centurien sollten sich begnügen die von Senat
und Curien ernannten Consuln zu bestätigen*, das heisst,
ihnen zu huldigen. Zum erstenmal wurden sie 269 so
berufen um Cäso Fabius und L. Aemilius anzuerkennen,
aber sie weigerten sich die Vernichtung ihres Rechts^ zu
genehmigen. Diesen Hergang der Sache hat Dionysius,
der nur von den Centurien allein als Wahlversammlung,

o) Schwegler IL 505. 388) ^ as war 80 entschieden


dass die welche sich vorstellten die Volkstribunen seyen durch
die Curien erwählt, annahmen es sey dabey ein Senatusconsult
Torhergegangen : Dionysius X. p* 630. b.
11*
— 164 — [band и .]

nnd den Plebejern als armen Lenten, höchstens von mittle­


rem Vermögen, weiss, freylich nicht begreifen können;
und ihn mithin zu einer ganz andorn Erzählung ent­
stellt889): aber da wir die Art des Spiegels kennen in
dem sich -das Bild verzerrt, so zeichnen wir es uns richtig
wie aus einem einfachen mit völliger Sicherheit. Hier
sagt er, der Senat habe den zu . ernennenden geboten das
Consulat zu suchen: bestimmter bey dem folgenden Jahr
er habe sie vorgewähltö0) : die Ernennung der einen wie m
der ändern schreibt Livius den Patres zu ül). Ohne Zwei­
fel ist darunter auch hier, wie bey ihm überall in dor
ersten Decade vom zweyten Buch an, seitdem er sich in
die alten Schriften hineingelesen, der patricische Stand
gemeynt; auch gab, der Form nach, orst die Genehmigung
der Curien dem Senatusconsult seine Kraft. Aber in
Wahrheit war es damit bis auf äusserst seltne Fälle fast
eben so sehr eine Förmlichkeit wie nachher als nur noch
ihre Lictoren erschienen, indem der Populus dem Beschluss
des patricischen Senats immer beystimmte ö2) : wo hingegen
derselbe bey Wahlen wie bey Gesezen keine weitere Be-

389) Ders. VIII. 82. p. 549. c xeXeuouat /летсёѵои тцѵ Ьтса-


retau — Каіасоѵа (pdßcou — xal èx rwv äXXwv ъатріхіш Aeuxtov
Alßtfoov. — TOUTüJV âè [ISTLOVTIOV T à p %7 J V , xcoXuew ßku oö%
oXot те ?}<та\> ol дц/иотсхос, хатаХіпбѵтед âè ràg àp%atperiaç
ûj%ovto èx той 7:eôlou, Nämlich nach jenem Wahn der ihn
immer befamgen halt, waren die Plebejer der ersten Klasso so
fremd wie dem Ritterstand, und immer ohnmächtige Zuschauer
der Wahlen wenn nicht ein Glücksfall ihnen Bedeutung gab.
Grade so erklärt er die, wenn die Plebes gehandelt hätte, frey­
lich unbegreifliche Ernennung des L. Cincinnatus in 294: die
aber auch eben so usurpirt war: X. 17. p. 644. 9Ü) Ders.
V III. 87. p. 5 33. d. obg i] ßouXij проесХето, xal dig параууеХ-
Xetv туи àp/цѵ èxéXeucrev, Mdpxog (pdßcog xal Asuxtog OöaXe-
piog. öl) Livius II. 42. invisum erat Fahium nomen —
tenuere tarnen Patres ut cum L . Aemilio Caeeo Fabius consul
crearetur. Darnach : ea pars rei public ae (Patres) — M. Fa-
Ыиш et L . Valerium comulcs dedit. №) Diodor X IV . 113.
sagt, der erste Fall wo der Demus (Th. 2. Anm. 307.) einen
Vorschlag des Senats nicht gebilligt hätte, sey gewesen als dieser
auf die Auslieferung der Fabier angetragen habe. Damit ist ohne
allen Zweifel viol zu viel gesagt: es erhellt abet genugsam dass
«las Gegentheil äusserst selten sich ereignete.
[band II.] — 165 —

fugniss batte als das Senatusconsult anzunehmen oder zu


verwerfen398). Deshalb hat man sie oft vergessen, und
204 Livius freylich, wo*er nicht in die Fussstapfen eines älte­
ren Schriftstellers tritt, unter den bestätigenden Patres
den Senat verstanden 94) : daher schreibt auch. Dionysius
ein anderesmal dem Senat gradehin die den Centurien ent-,
wandte Wahl des Consuls zu 95) : wieder anderswo sagt er
dagegen vollkommen genau, Appius Claudius sey durch
Senatsbeschluss und Ernennung der Bürgerschaft zum Con­
sulat erhoben9б). Die ausdrückliche Meldung dass die
Wahlen von den Centurien an die Curien übertragen waren,
giebt er selbst, im Munde des Tribun Lätorius 97), wie es
in dessen Namen von einem römischen Annalisten gesagt
w ar: vereinzelt konnte er sich das, wie er es .thut, als
einen Fortschritt der Demokratie deuten; im Zusammen­
hang der Jahrgeschichten, nach Cassius Tode, musste es
ihm als ein unsinniges Misverständniss Vorkommen dass
die Aristokratie sich der Centurien, in denen er ihre Herr-
205 schaft sah, begeben hätte, um mächtiger zu seyn; und

ЗЭЗ) Dionysius VII. 38. p. 447. a. Seit Erbauung der Stadt


oùâév néitoTE ô drjßog д тс ßy TrpoßouXeuaetsv fj ßouXy одту
èn éxpcvev oÖt 1 ёквфг)<рі(Т£Ѵ.(Unter diesem Demus versteht er
selbst die Curien: IV. 20. p- 224. a. ô ärjßog èx т&ѵ тсаХашѵ
\>6ßtm> (vor Servius Tullius) тшѵ ßeycarwv xupcog fjv, хата тйд
<рратрад фгіщ(роp&v. — IX . 41. p. 598. b. ràç <pparptaxàg
(p7}<pr)<popiaç eâec TzpoßouXsueaßivrjq туд ßouXrjg xopiag вЪас.)
91) Ganz unstreitig bey Numas Ernennung: I. 17.
95) Dionysius IX . 1 . p. 559. b. à-odsixvurac Ratawv ßsu Фа-
ßtog — Око T7}g ßouXrjg — Zizôpiog âè Фобp tog bub rwv dyßo-
Tcxtbv. 9б) Ders. IX. 42. p. 599. с. ѵАістиоѵ КХаидсоѵ ърО£-
ßoüXeucrau те xal йфт)<рі<та\>то ànôvTa иъатоѵ. Hier ist nichts
weniger als Tautologie. Livius III. 21. Patres L . Quinctiuni,
consulem reficiébant. Der Ausdruck selbst zeigt dass die Ernen­
nung noch nicht vollendet war, daher der Senat verordnen konnte
ne quis L . Quinctium consulem faceret. Nach dem Sinn des
Annalisten betraf das die Curien : historisch gefasst, — mag es
nun Wahrheit haben oder nicht — ist zu verstehen dass der
Senat seinen Beschluss zurücknahm: so kamen die Geschlechter
gar nicht zum Stimmen. 97) Ders. IX. 46. p. 603. a. è n e-
десхѵито — t bu (vößov) bnèp Tfjg фущуор'сад, <bg (1. dg) oöx
ërc rijv Xo%ltiv èxxXiqmav, àXXà тг)Ѵ хоирсатіи ènoiet тшѵ фг)<ршѵ
хирсаѵ.
— 166 — [band п.]

das liess er aus. Inzwischen gesteht die ausdrückliche


Erw ähnung dass der Interrex 2 7 1 , um die Gährung zu
beruhigen, die Comitia der Centurien' auf das Marsfeld
berufen habe398), eben deutlich genug dass in den beyden
vorhergehenden Jahren andre entschieden hatten* TTnd in
beyden Jah ren waren die Yorgewählten des Senats Männer
welche die Gemeinde mit allen Wünschen und Gebeten
entfernte, ш ш ш еш еііг, wenn sie ih r vorgeschlagen wären,
ernannt haben würde, so wenig als 283 Appius Claudius,
294 Cincinnatus: und dass es mit ihnen eine eigenthiim-
liche Bewandtniss. hatte, zeigt sich auch daran dass Dio­
n ysius, allerdings nur weil er es so fand, zu ihren Namen
die ihrer Y äter hinzufügt " ) .
Die Gesammtheit der Patricier, nicht den Senat allein,
dachte sich auch Dio Cassius vor 2Ÿ3 im ausschliesslichen
B esiz der Consulatwahl400): denn Mächtige, — wie er die
nennt welchen damals die Ernennung zu der einen Stelle
entzogen worden, — ist bey ihm ein gewöhnlicher Name
für die Patricier, wie sonst Eupatriden *). Diese Stelle

398) Ders. "VIII. 90. p. 557. d. auyxaXéoaç туѵ Хо%Ттіѵ


èxxXr)<xiav, xal тйд фт)<рои<; хата та тщіціата àvadouq.
М) Ders. VIII. 83. p. 549. d. 87% p. 553. d. ^ 400) Zonaras
II. p. 25. c. X p ü v w dé 7C0TE — aux s ïw v x a l âfitpü) тоЬд b n à -
touç 9} 0 тратѵ)уоЬд Ü7:ö тшѵ доѵатшѵ àn:oôe(xvu<ri/ai4 àXX' ij&eXov
xal aÙTol тЬѵ етероѵ èx t ô v еЬкатрідшѵ a lp s ïa & a t. êg âh
toüto хатеруаааѵто npostX ovTo S n o ô p w v Фоиршѵ. 7cрреіХоѵто,
wegen der rep re h em io com itiorum <*) : dio Curien ernannten
schlechthin -— йкѣ дйіхѵоааѵ. 1) Ders. p. 14. a. à^Üofxêvwv
è n l toutoiç тшѵ диѵатшѵ (gegen Servius) — cbç dè %aXeтгйд
etyo v ol EÔTzaTptôat адтш. — p. 2 1. b. von der Dictatur: xa ivyv
à p y ^ v è r i àp<poTépotq адтоід (für heyde Stände) o l диѵатоі хате-
атцааѵто. Bey der Auswanderung der Gemeinde redet er p. 22. a.
von der ä x p iß e ta тшѵ диѵатштіршѵ p. 28. e. f. Als die Ple­
bejer auf das Consulat Anspruch machten, ol EÙ naTptâai Xtav
t yjg — КЕріеІ%оѵто' — той ïp y o u тfjç ÿyepLOvtas ol
диѵатоі 7tap£%wp7]<ra\>. Nach einem Schriftsteller bey dem dieser
Sprachgebrauch herrschte, reden Plutarch P u b lic , p. 97. e. von
den диѵатосд, Dionysius X . 36. p. 662. b. von denen die %рт}т
p.a<rt xal <piXotg доѵатоі waren : an beyden Stellen betrifft es den
patricischen Stand.
a) Schwegler II. 514. A.
[band п .] — 167 —

206 ist mehr durch die Ungeschicklichkeit als die Treue dessen
der sein Werk ins Kurze gezogen, wörtlich erhalten: aber
den Zusammenhang liess er weg; und so ist es nicht Dios
Schuld, wenn man darnach annähme es seyen die Wahlen
weit lâ'fttrÇ'Ç ѵі>ПаісТ\і ВгіФз.» ТлА , ІП dar РяЫсівт
Gewalt gewesen. Allein dass die Veränderung erst im
Jahr 2 6 9 eintrat, das erhellt aus Dionysius Darstellung
der Wahlen von jenem Jahr bis 2 7 2 : ja es trifft sich b e y .
ihm auch ein äusserer Beweis dessen Sinn er selbst zu
fassen weit entfernt war, dafür dass-sich die im genannten
Jahr als eiue grosse Veränderung im Staatsrecht ange­
merkt fand. Bey jenem Consulat des Cäso Fabius und
L. Aemilius, bemerkt er nämlich, sie hätten ihre Würde
im Jahr der Stadt 2 7 0 angetreten; und nennt den Archon402) :
die Jahre Eoms erwähnt er sonst nur zweymal, bey der
Einsezung des Consulats und als dreyhundert um waren;
207 und den atheniensischen Archon nur am Anfang jeder
Olympiade, ausgenommen eben bey einer ähnlichen Ver­
änderung, — der Ernennung der ersten consularischen
Militartribunen 3). Eben so selten zählt Livius die Jahre
der Stadt für historische Epochen: nur bey der Abschaffung
des Königreichs, und dem Ende des hannibalischen Kriegs :
wohl aber thut er es wo die Formen der consularischen
Gewalt sich geändert haben: bey der Einsezung des De-
cemvirats und des consularischen Tribunats, der ersten
Verlezung des licinischen Gesezes, und der Verlegung des
Anfangs des consularischen Jahrs auf den des bürger­
lichen4): dass es sich nicht auch bey dem Consulat des
L. Sextius findet, wird Schuld einer Handschrift seyn 5). *

402) Dionysius VIII. 83. p. 549. d. TzapaXajißdvoufn Tf)v


bitazetav xazà zb eßdofi^xocrrbv xal dtaxoatoazbv izoq àrcb zou
<njvotXL<TfjLoiï z9jç cPw{i7]ç4 Aeuxtoç АІ/jlUcoç Ma/xépxou ulbg xal
KaiaüiV (bdßiog, Katcrcuvoç uîbç, âp%ovzoç *АЩу7)<гс Ntxoôrjjj.ou.
3) Ders. X I. ,62. p. 736. b. xazà zbv zptzov èviauzbv
zijç ôXvfi7ztâdoç, âp%ovroç 'АЩ ѵуо-с AtwiXoü. 4) Livius
III. 33. IV. 7. VII. 18. Epitome X LV II. ' b) Das siebente
Buch fangt ganz auffallend an : annus hic erit insignis n. s. f.
Wie nun für die Anfangsworte der Bücher sehr häufig Baum
gelassen ward, damit der Kalligraph sie mit Farbe eintrage, dieses
aber nachher versäumt, so vermuthe ich dass hier die Worte
T rec en tesim u s оctogesimus nonus ab urbe condita
— 168 — [band II.]

So zählt Tacitus das Jahr worin die Quästur der Blut­


gerichte zuerst von den Centurien vergeben ward: Gaius
jedes worin die Verfassung eine Veränderung deren er ge­
denkt, erfahren406): beyde nach der Aera der Consuln, also
nach derselben Geschichte der Verfassung: aus dieser muss 208
ein Annalist den beyde Geschichtschreiber vor Augen
hatten diese Jahrszahlen, übersezt in die umfassendere
und weit gebräuchlichere von Erbauung der Stadt, bey
allen solchen Ereignissen hinzugefugt haben. Und aller­
dings war die Versezung des Wahlrechts in die Hände
der Curien eine so grosso Veränderung dass dor Geschicht­
schreiber des Consulats ihren Zeitpunkt nicht auslassen
konnte, wenn sie auch*nur zwey oder drey Jahre Bestand
gehabt hätte: wie er die Usurpation am Anfang des fünf­
ten Jahrhunderts auf diese Weise bezeichnete, obwohl sie
sich nur sehr kurz erhielt: und diesesmal blieb den Ge­
schlechtern der Gewinn die eine Stelle zu verleihen volle
dreyssig Jahre, bis die alte Prätur 7) im Decemvirat unter­
ging. Zwiefach merkwürdig war sie, weil der dom fabi-
schen Geschlecht zugestandne Vorzug den römischen Hera-
kliden 8) die Gewalt gewährto welche in den griechischen
Oligarchien Dynastie genannt war9): wenn auch nicht
ausschliessend, wie die Medontidon und Bakchiadon sie
besassen.
Wir täuschen uns zuverlässig nioht in dor Vorstellung
dass die völlige Unterjochung der Gemeinde im Jahr 209
dadurch abgewandt ward dass ein starker Theil der Oli­
garchie, welcher sich vom Consulat ausgeschlossen sah,
sich mit ihr verband, wonach die Herrscher es bedenklich

vor a n n u s fehlen, und h i с eingeschoben ist, um die Verstümme­


lung zu verbergen. Aus dieser Ursache fehlen die ersten Worte
am zweyten Buch der Bepublik, an Gellius VI. — und an den
vaticanischen Blättern der Bede p ro S e x . Jioscio. Wir hängen
bey der ersten Decade an dem Faden eines einzigen Urexemplars,
dessen Text durch eine sehr leichtfertige Becension angeord­
net ist.
40e) Tacitus A n n . XI. 22. G aius, bey Lydus de m agistr . I .
p a ssim . 7) T h . I. 577. 8) Festus im Ausz. s. v, F a b ii.
Ovidius F a s t . II. 237. 9) Aristoteles P o lit . IV . 5. p. 106. a.
V . 3. p. 13 2 . a.
[band п .] — 169 —

finden mussten ihren Sieg allzu heftig zu verfolgen. Oft­


mals werden die von den mindern Geschlechtern es sich
2od nachher vorgeworfen haben, wenn jene Vereinigung Ur­
sache gewesen seyn sollte dass der unwiederbringliche
Augenblick versäumt ward das Tribunat abzuschaffen: es
kann aber auch damals verschont seyn weil seine Bedeu­
tung noch nicht begriffen war; wie unter den Tudors
Marktflecken baten ihnen die Bürde zu erlassen das Unter-'
haus zu beschicken. Das Veto der Curien schloss jeden
aus den man als heftig und stolz kannte; aber sie können
einen unscheinbaren wackeren Mann unbeachtet zugelassen
haben; oder das Uebermaass der Ungerechtigkeit hatte
einen sanften Sinn, geneigt einer nur erträglichen .Regie­
rung gehorsam zu seyn, umgewandelt. Es ist glaublich
dass der Name desjenigen würklich in Andenken geblieben
ist der zuerst die Stärke seines Amts entdeckte: dass ein
C. Mänius es über die Schranken, nur einzelne Bedrückun­
gen abzuwehren, erhob410): wie ein anderer Mänius zwey
Jahrhunderte nachher in demselben Amt die Wahlfreyheit
festsezte.
Er forderte (271) die Ausführung des Ackergesezes;
und wehrte die Aushebung für einen ohne Zweifel von
den Machthabern selbst erregtenu) Krieg: mit vollem
Becht, weil die Consuln unrechtmässig waren: und wären
sie in aller Form gewählt gewesen, und es war kein Ver­
teidigungskrieg, so gebührte den Centurien derselbe An­
theil an dem Beschluss darüber wie an jedem Gesez das
ursprünglich von Senat und Curien rechtmässig erlassen
ward12). Aber der tribunicische Schuz erstreckte sich
210 nur auf eine Millie ausserhalb der Thore; jenseits des
Marstempels war das Imperium unbeschränkt,, und der
Tribun nicht mehr als der Geringste seines Standes

410) Gelemus Emendation, MaCvtog statt M a vio ç, Dionysius


VIII. 87. p. 554. a, ist unzweifelhaft. И) [Th. 2.] Anm. 385.
12) Ueber das Becht der Curien Krieg und Frieden zu
beschliessen s. Dionysius II. 14. p. 87. с. IV. 20. p- 224. a.
VI. 66. p. 392. a : und diese Befugniss ist nothwendig durch die
sermnischen Geseze den Centurien eben so wie Wahlrecht und
Gesèzgebung mitgetheilt worden; und um so mehr da sie eben
das Heer darstellten.
— 170 — [band XI-]

sicher413). Hier errichteten die Consuln ihr Tribunal, und


liesse n die Dienstpflichtigen aufrufen: wer sich nicht stellte,
dessen Habe ward gepfändet, seine Hufe geplündert oder
abgebrannt. Die Legionen wurden gebildet; aber die Ty-
Irnryn-^aj' "17ГІѴ1Л‘Л1СÎ ç
Iroine Ehre und keine Baute ßu’ ьіе ы gewinnen zeigu
sich hier zum erstenmal14). Verhöhnt von'den Soldaten
kehrte L. Valerius, einer der Blutrichter des unglücklichen
Cassius, ohne Sieg zurück: die eigenen Wunden, der Tod
der ins Feld geschleppten Freunde und Waffengenossen
verdoppelten den Hass der Plebejer. Alles deutet an dass
den höheren Geschlechtern damals die Folgen der Spaltung
des Standes klar wurden, und dass eine Vereinigung ge­
schlossen ward welche nicht mehr gestört worden ist: ja
es zeigen eben die Minderen von nun an di«o bitterste
Feindseligkeit gegen die Gemeinde. Der Senat verlieh die
neben einem Fabius freye Stelle an Appius Claudius, der
schon damals kund gethan haben muss dass er nach dem
Blut dürste, worin er zwölf Jahre später schwelgte; denn
Tribunen und Gemeinde erhoben sich wie ein Mann gegen 211
seine Ernennung15): jene, die gegen die gesammten Pa­
tricier als Stand ihr allgemeines Recht geltend machten
zu hindern wodurch die Ihrigen gekränkt wurden16), wehrten
ihr Zusammentreten zu einer rechtwidrigen Wahl: eben so
hinderten die Consuln das Concilium der Tribus, wenn die
Tribunen es beriefen 17). Da die Standeshäupter die Wah-

413) Livius III. 20. Neque enim provocationem esse longius


ah urbe mille passuum, et tribunos, si eo advenerint, in alia
turba Quiritium subiectos fo re consulari imperio. Dionysius
V III. 87. p. 554. с. и ) Ders. VIII. 89. p. 556. b.
*6) Ders. VIII. 90. p. 550. e. ß sry je t r ÿ v à p x t y xeÀ eua& eig:
[Th. 2.] Anm. 389. 390. Vom Vergleich mit den Minores muss
klar genug in den Annalen welche er vor sich hatte die Rede
gewesen seyn: èx tùjv veajT spw v èfiouXovTo тодд — rjxtara
orjixoTixoüç èizl ту» ù n a re ta u -кроауауеХѵ. *ô) Zonaras II.
p. 23. b. èxwXuov, xâv iâiwTTjç ô k o iw v , xäu â p / w v , x à v ô örjßog,
x à v f} ßouky). 17) Auch hier erliegt Dionysius dem Unstern
grade das Verbehrte zu schreiben: ѴШ . 90. p. 557. a. ô n â re
— oî йтсатоі xaÀotev тЬ ttÀŸjiïog <bg àTrodetÇovreg Ù7tdroug тоЬд
ретібѵтад туѵ àp%ty (die vom Senat genannten), ol dr)ßOLpxotr
той x w X u ew 8ѵтед x ô p io i, âtéXuou тй a p x a ip ia i a .' бпбте â' àb
[band II.] — 171 —

len ihrer Nachfolger erst eben vorher ehe sie vom Amt
abtraten hielten, so befand sich die Republik ohne Obrig­
keit; wenn es aber heisst, damals zuerst seitdem das Con­
sulat bestanden sey ein Interrex ernannt worden, A. Atra-
tinus418), so ward damit wohl nicht behauptet dass -nie
212 ein erster Senator auch diese Würde ausgeübt habe, wie
das Statthaltmmt, sondern argodeutei, dass A. Aür&tiüüö
es jezt als der erste unter den von der Bürgerschaft ge­
wählten Statthaltern gethan, oder dass der Senat den
Interrex jezt ganz frey erkor. Eine andere Erzählung
nennt ihn Dictator19). Sicher war auch die königliche
Gewalt des Interrex so wenig als die Dictatur durch die
valerischen Geseze vermindert, und der Yorsiz eines solchen
bey den Wahlen war der Regierung dadurch noch wichti­
ger weil es im Herkommen fest stand dass er nur Ab­
stimmung über Yorgeschlagene des Senats zuliess 20). Nur
dadurch ist die Wichtigkeit erklärlich welche es noch bis
ins fünfte Jahrhundert für die oligarchische Parthey hatte
die Wahlen an diese Obrigkeit zu bringen, welche aus­
schliessliches Eigenthum der Patricier blieb: ein Dictator
konnte Gewalt versuchen, aber er hatte keinen Yorwand
die Wahlen auf solche Weise einzuschränken. Wenigstens
aber wurden jezt doch die Centurien zuerst versammelt,

7tdÀiv èxscvoc хаХоІвѵ wç dp^o-tpzaidaovTa той âvj/üLOV, oùx è-xé-


трешѵ ol ütioltoi. — Er fand die Worte TzÀyj&oç und âyjfx.ogf für
Plebs und Populus gebraucht (Th. 2. Anm. 3 6 7 ), und wendet
jenes eben auf die Curien an, wie II. 60. p. 12 1. e. — vgl.
[Th. 2.] Anm. 362. Auch vermuthe ich, und habe so erzählt,
dabs die Consuln im Allgemeinen die Concilia der Tribus hin­
derten. Haben sie Wahlen gestört, so sind es die Tribunen uud
Aedilen gewesen.
418) Dionysius Y in . 90. p. 557. b. c. Dass auch Sp. Lar-
cius als Interrex vorkommt, entspricht der Verwirrung wodurch
er, eben wie A . Atratinus, für den ersten erwählten custos urbis
angesehen war. Derselbe Umstand hat rückwärts veranlasst, dass
in den fabelnden Amplificationen der Geschichten der ersten Di­
et atoren, der eine als von seinem Bruder T. Larcius, der andre
als von A. Postumius zum Statthalter verordnet, vorkommt.
19) Lydus I. 38. Daher heisst es bey Dionysius, der Beschluss
habe geschwankt, ob es ein Dictator oder Interrex seyn solle?
20) Th. I. S. 378.
— 172 — [ bakd п.]

und C. Julius, von den Minderen421), als durch sie erwählt


ausgerufen : vielleicht auch sein College Quintus Fahius.
Ein förmlicher Vergleich«), wodurch sie die freye Wahl sw
des einen Consuls wieder erhielten, die des ändern den
Curien ahtreten mussten, ging unverkennbar der des Sp.
Furius für das folgende Jahr, 273, voraus, wo Cäso Fa­
bius zum zweytenmal von Senat und Bürgern ernannt
ward 22). Denn diese Ordnung bleibt nun bis zum Decem­
virat 23) : der Ernannte der Patricier gilt für den Vor­
nehmeren, dem der Andere als College beygogeben wird:*u

421) Sie waren unter den Geschlechtern vom Borg Caelius;


und ihr albanischer Ursprung wird durch die uralte, vor wenigen
Jahren entdeckte Inschrift im Theater von BovilUi enviosen, wo
sie leege A lb a n a weihen. — Dionysius a. tu 0. hat ku errathen
gewähnt dass sie durch Parthey unterschieden gewesen: V dïov
ЧоиХю ѵ èx Tw v <pdQdr]{ioTixa>v : Lydias verwechselt sie gar; er
suchte in dem einen einen Senator, in dem anderen einen vom
V o lk , und ein Julius musste jenen Vorrang haben.
a) Mommsen R. G. I. 2 8 1. 22) Zonaras und Dionysius:
s. [Tb. 2.] Anm. 395. 400. Der lezte weise aucl^ von einem
Vergleich: a u v é n e tv a v àXXr)Xoug âç>’ ёхасттцд p ep tâ o g iïn a ro v
а І р в Щ ѵ а і. 23) Bis auf eine einzige, wenigstens sehr wahr­
scheinliche, Ausnahme im J. 3 1 6 ; unten [Th. 2.J S. 469. Anm. 917.
(Das Obige ist nach N’ö B e r ic h t ig u n g e n zum 2. T h e il
hier einzuschieben statt der nachfolgenden Anmerkung wie sie
in der 2. Ausgabe steht: „E s ist unmöglich dass Diodor, als
er in dem Bericht von den Einrichtungen nach Abschaffung
des Decemvirats die unsinnige Stelle schrieb, an der schwerlich
die Abschreiber erheblich gesündigt haben : XII. 25. t w v â è хат’
èv ia u T o v ytv o fiév m v b n d T w v тоѵ fihv е ѵ а èx tù jv тсатріхіа)ѵ
aîp£t<T&ai, x a l тЬѵ e v a izdvTwg àizb to u itXyjïïouç ха ІУ ш т а оёаі'
èéo u eca g oütryç t w ârjficp x a l ä ß y o r ip o u g t o ù ç u n dro u g èx той
ч гХ ^ о и д a lp e ïo & a t — bey Fabius etwas anderes vor Augen ge­
habt haben kann, als im Wesentlichen folgendes : tü jv хат’ èvta u -
тЬѵ Y iv o p é v w v икатійѴ) тЬѵ fjJkv ёѵ а a ripeT<rïïat è^oum ag оЬсгцд
т<р drjßtp, той âk äXXou TcdvTwg ùnb той 7тХу&оид èx тшѵ itaxpt-
xcojv xa& cora/xévou , x a l âjupoTépoug тоЬд Ьпатоид ünb той nXy-
•ô-oug % £tp 0T0veï<r&ai. Ihn betrog eine verworrene Vorstellung
vom licinischen Gesez, neben der vollkommenen Unmöglichkeit
für einen Stockgriechen einen drjfxog zu denken der nicht r.Xijäog
se y : bey diesen fremden Zeugen ist immer zu fragen was sie
vernommen hatten und nicht verstanden : die alten römischen
Schriftsteller meldeten zuverlässig nichts unvernünftiges.“ A, d.H.)
[band II.] — 173 —

so findet sich M. Fabius, 2 7 4 , vor seinem Collegen ausge­


zeichnet; so 2 8 3 , Appius Claudius224). Aber auch bey
ändern Jahren kommt die Ernennung des einen Consuls
durch die Patres bestimmt vor 25). Es kann nicht fehlen
dass eine scheinbare Gegenseitigkeit zugesagt ward; es
solle dieser durch die Centurien bestätigt werden, wie die
Bestätigung der Patres für den durch die Centurien er­
wählten unentbehrlich blieb ; eben so sicher ist zu er­
rathen dass Verweigerung jener Anerkennung nicht beach-
215 tet ward: man Hess sie dann zum Schein durch die Clien­
ten votiren 2ö).
Diese waren so zahlreich in den Klassen dass Livius
meynt die Wahlen selbst der Tribunen wären durch sie

424) Livius II. 43. (P a tres ) M . F a b iu m consulem créa n t :


F a h io eollega Cn. M a n liu s d a tu r . Das. 56. P a t r e s A p . C la u -
dium consulem f a c iu n t ; eollega e i T . Q uinctius d a tu r. Von jenem
allein schreibt Dionysius (Th. 2. Anm. 396.) er sey vom Senat
vorgeschlagen ; und der Annalist welch«: Livius Stoff gab den
Tribun Lätorius sagen zu lassen a P a trib u s n o n consulem sed
c a rn ificem ad ve x a n d a m et la cera n d a m p lebem creatum esse
(II. 56.), dachte seine Wahl gewiss nicht als Werk des Volks.
Jezt war der Ernannte der Curien, wie zuerst der Consul aus
den Ramnes, darnach der aus den beyden ersten Stämmen, der
consul m a io r ; nach beyden Erklärungen des L. Cäsar (Festus
5. v. maiorem consulem ): er war zuerst ernannt, und hatte zu­
erst die Fasces, 25) In Dionysius ganz verdrehter Erzählung
von Cincinnatus unrechtmässiger Ernennung an die Stelle des
P. Valerius (Th. 2. Anm. 389.) ist die Vorwahl des Senats eben
so sicher kenntlich in der geheimen Verabredung der Häupter
des Senats über den zu Ernennenden (X. 17. p. 643. e.), wie
die Wahlhandlung der Curien in der angeblichen Entscheidung
durch Ritter und erste Klasse (p. 644. a). Dasselbe ist klar
auch bey Livius: summo P a tr u m stu d io consul cre a tu r — . P e r -
cu lsa erat plebes , consulem h a b itu ra iratu m (Ш. 19 ): darauf am
Ende des Jahrs : P a t r e s et ip s i L . Q uinctium consulem re f i d e -
bant. III. 2 1. — Jahr 286. P le b s in te r esse com itiis con sularibu s
n o lu it . P e r P a tr e s clientesgue P a t r u m consules fa c t i, Ders. ІГ. 64.
26) Die Weigerung der Plebejer den Consul der Curien
zu bestätigen wird bey Dionysius so dargestellt dass sie das
Marsfeld niedergeschlagen verlassen: IX. 43. p. 599. d. X . 17.
p. 644. a. — wie in 269: V III. 82. p. 549. d: vgl. Liyius II. 64.
[Th. 2.] Anm. 424.
— 174 — [ band п.] I
j
nach dem Sinn ihrer Patronen entschieden worden427) : doch S
. thut die Ernennung des Volero Publilius, welcher sie eben
deshalb an die Gemeinde übertragen wollte, dar, dass
diese schon vorher Männer zu berufen vermochte, welche
zuverlässig die Stimmen der Hörigen wider sich hatten.
Die Wahrheit ist wohl dass auch diese jedesmal eine oder
mehrere abhängige Personen in das Collegium brachten.
Unbegreiflich aber ist es wie Volero, ich will nicht sagen
nachdem er eine den Herrschern gefährliche Rogation pro-
mulgirt hatte zum zweytenmal; sondern wie er auch nur
vorher, als die Patricier von ihm persönliche Rache erwarten
mussten, zum Besiz des Amts hat gelangen können, wenn
dies von der Genehmigung der Curien abhing. Also
müssen sie sich dieser Macht vorher begeben gehabt haben :
und das ist wahrscheinlich bey Gelegenheit jenes Vergleichs
als Entschädigung geschehen.
So zeigt das Tribunat von der Zeit an bis auf das
publilische Gesez beydes, äusserst entschiedene Führer der
Opposition, und erklärte Anhänger der Regierung«); die
lezten oft an Zahl überwiegend, weil, wie weiterhin dar- 216
gethan werden wird, bis auf die Mitte des vierten Jahr- ‘
hunderts nicht das Veto eines Einzelnen, sondern die Mehr- *
heit im Collegium entschied. So ward Sp. Licinius über­
stimmt, welcher in jenem nämlichen Jahr, 273, die Bil­
dung der Legionen nur wenn das Ackergesez ausgeführt
würde gestatten wollte. Die Soldaten des Sp. Furius
stritten freudig für die Ehre dessen den ihr Comitiat er­
wählt hatte wider die Aequer, und er lohnte ihnen für
den errungenen Sieg durch Theilung der Beute: aber die
welche Cäso Fabius gegen die Vejenter führte 28) betrach­
teten ihn nicht als rechtmässigen Consul : zuverlässig hatte

427) (le x P u b lilia ) q u a e p a t r ic iis от пет potestaiem p e r clim -


tiu m s u ffr a g ia c re a n d i quos vellent tribu nos a u fe r re t II. 56.
«) Schwegler II. 596. 28) So Zonaras II. p. 25. d. und
Dionysius IX. 2. p. 560. c: auch bey Livius II. 43. die Handschrif­
ten ; nicht der Schriftsteller, in dessen Sinn unzweifelhaft richtig
Sigonius geändert hat du cen dua F a b io in A e q u o s : in Veientes
cet. Allein für jene redet entscheidend dass die Vejenter nach
diesem Feldzug die Uebermacht hatten, die Aequer sowenig dass
Bom alle Kräfte gegen jene wenden konnte.
[ band п .] — 175 —

der Blutrichtcr des Cassius die Bestätigung der Centurien


nicht erhalten. Damit er keinen Triumph erlange, stiess
das Fussvolk den sichern Sieg zurück: ja sie gaben das
Lager dem erstaunten Feinde Preis, und wichen bis nach
Eom zurück. Nun konnten die Fabier sich nicht ver­
hehlen dass es eine traurige Ehre sey den Befehl über
Erbitterte zu empfangen, die lieberumkommen als siegen
wollten: SeDat und Curien konnten für das folgende.Jahr,
2 7 4 , Marcus Fabius wieder zum Consulat erbeben, aber
das Imperium war ohnmächtig gegen solchen Starrsinn.
Daher beschlossen sie sich mit der Gemeinde auszusöh-
217 nen429) : *wozu die Veränderung des Verhältnisses zu ihrem •
Stande nicht weniger antreiben musste, da die Geschlech­
ter sich unmöglich länger haben verpflichten wollen die
ihrer Wahl vorbehaltene Stelle nur an einen Fabius zu
verleihen. Es scheint dass auch diesesmal die Anerken­
nung des Consuls der Curien verweigert war: — ein Tribun
hatte der Aushebung widersprochen: — aber die drohende
Gefahr und erwachtes Gefühl bewog die Soldaten auch
ihm Gehorsam anzugeloben und Sieg zu verbürgen wenn
er ihnen vertraue. Quintus Fabius fiel unter den Schaaren
welche die Bedlichkeit ihres Worts mit dem Tod besie­
gelten : dieses Blut, das Heldenthum des ganzen Geschlechts,
welches in der hartbestrittenen Schlacht allen ein Vorbild
war, vollendeten die Aussöhnung. Marcus Fabius ver­
theilte die Verwundeten in die patricischen Häuser, sein
eigenes Geschlecht nahm die meisten. Zwey Monate ehe
sein Jahr um war, dankte er ab 30): ohne Zweifel wollte
der Senat, wie es 2 9 4 nach P. Valerius Tode geschah, an
die Stelle des gefallenen Cn. Manlius, des erwählten der
Centurien, eine unrechtmässige Ernennung eintreten lassen,
und Marcus Fabius verweigerte seine Mitwürkung. So
gänzlich hatte sich alles in fünf Jahren umgewandelt dass
die Patricier dem Geschlecht ihre Stimmen entzogen, und
die Centurien mit freyer Wahl Cäso das dritte Consulat

42») n equ e im m em or eius q u o d in itio conaulatue im b ib era i,


re c o n c ilia n d i anim os p le b is . II. 47. 30) Djonyaius IX. 13.
p. 570. d. Die Sache ist wohl sicher: die lahme Erklärung ge­
hört ihm.
— 176 —• [bàmd ix.J

übertrugen431). Wie sehr viele Mitglieder von Karls des II. 21»
langem Parlament am Schluss desselben von Leidenschaften
und Gefühlen beseelt waren, die denjenigen welche sie
bey dessen Anfang verdammten weit näher standen als
ihren damaligen Gesinnungen; so die Fabier. Cäso, der
das Todesurtheil über Cassius ausgesprochen hatte weil
sein Ackergesez die Aristokratie beeinträchtigte, empfahl
n un ,’ sobald er sein Amt antrat, es zur Ausführung zu
bringen ohne eine neue Mahnung der Tribunen abzuwarten.
Er fand kein Gehör; man schalt ihn und dio Seinigen
Verräther und Abtrünnige, tausendmal strafwürdiger als
Licinius uud Pontifioius: um so eifriger strebte die Ge­
meinde ihnen Vertrauen und Gunst darzuthun. Die Wehr­
haften traten fröhlich unter Cäsos Fahnen; drangen mit
ihm bis in das eigene Land der Aequer; und rotteten
darnach, eilig zurückgekehrt, das von den Yqjentern ein­
geschlossene Heer des ändern Consuls. Nach einem so
rühmlichen Feldzug wiederholte Cäso die Rathschläge der 21»
Aussöhnung, und da jede Hoffnung'verschwunden war für
sie Gehör zu erwerben, fasste das Geschlecht einen Ent­
schluss der unter den Griechen zur Gründung der blühend­
sten Städte Veranlassung gegeben hat; fortzuziehen mit
Angehörigen und Anhängern von dort wo sich nicht mehr
freundlich leben liess, und eine abgeschiedene Nieder-

481) Dass Dio dies erzählt hatte ist ungeachtet eines argen
Fehlers bey Zonaras II. p. 25. e. ganz sicher zu erkennen, wo
es in Hier. Wolfs Ausgabe, und wie ich durch Herrn Hases Güte
weiss, in drey Pariser Handschriften heisst: <5 optXog отратууЬѵ
тд трітоѵ тov MdXtov sïXsto: von Manlius, dessen Tod eben
erzählt ist, konnte selbst Zonaras nicht reden wollen, wohl aber
sich verschreiben. Der Irrthum ist so augenscheinlich dass sich
leicht ein Abschreiber veranlasst fand ihn abstellen zu wollen,
daher die schlechte Aenderung einer einzigen Handschrift crpa-
Trffbv ётероѵ еіХето — welche leider in die Ausgabe des Louvre
aufgenommen ist. Die Worte, тд трстои, zeigen’ dass nur an
Cäso gedacht seyn kann, nicht etwa an T. Virginius. Eine Er-
wähuung des ялу&од lag Dionysius unverstanden vor: daher,
IX. 14 . p. 570. о. той ju£<roßa<rdeatg аиухйХіааѵтод elg то 7re-
dtov t o ù ç o %X o u g . Livius glaubt die Versöhnung aber nicht
die Entzweyung: non P a tr u m m agis quam p leb ie $tu d n s Caeso
F a b i u s — co n sul f actus : H. 48.
[ band II.] — m —

lassung zu gründen, welche dem durch Elut und Gehurt


befreundeten Yolk doch nüzlich sey. Dass in jener De­
finition solche durch Absonderung veranlasste Ansiedelun­
gen von den Colonien unterschieden werden die nach dem
Willen und Gesez des Souverains gestiftet wurden432), zeigt
dass dergleichen auch in Italien nicht unerhört waren :
aus der plebejischen Secession würde ein unabhängiger
Ort entstanden seyn, wenn die T^unde nicht, als es noch
Zeit war, geheilt wäre.
Denn dass die Fabier a) nicht bloss als Yorwache ein
Kastell im feindlichen Lande behaupteten, um die Vejenter
durch Verheerung und Hinderung des Feldbaus heimzu­
suchen, den Knechten eine nahe und sichere Zuflucht
. darzubieten, und wie viele Drangsale sonst eine solche
fortwährend behauptete Feste, wie Dekelea, über eine Stadt
brachte deren Mauern nicht zu bezwingen waren 33) : dass
sie sich mit Weib und Kind an der Cremera niederge­
lassen gehabt: das schreibt mit klaren Worten Gellius,
. und gewiss nicht ohne ausdrückliche Meldung in alten
Büchern, indem er sagt, die dreyhundert und sechs Fabier
wären mit ihren Hausgesinden an der Cremera umgekom-
220 men 34). Und wenn auch diese Aeusserung nicht wäre, so
würde es für den Unbefangenen aus der einstimmigen
Sage, dass nur ein einziger zu Eom gebliebener den Un­
tergang des Geschlechts überlebt habe, erhellen: denn
dass in den Häusern aus denen dreyhundert und sechs
Wehrhafte auszogen nicht bloss ein einziger Knabe am
Leben seyn konnte, hat Dionysius mit überflüssiger Ge­
nauigkeit entwickelt, so wie hingegen Perizonius unstreitig
Eecht hat seine Erklärung zu verwerfen, dass es von den
Häusern der drey consularischen Fabier zu verstehen sey 35).
Ich glaube auch keineswegs dass der Stammvater der
Maximi als Knabe in der Stadt zurückgeblieben sey; das
kann nur eine im Lauf der Ueberlieferung entstandene
Yoraussezung seyn, und eine nicht glückliche, da er schon

432) Th. H. S. 50. Anm. 80. a) Schwegler IL 5 2 1.


33) èTctTEL^LfTfxôç. 3*) Gellius Х Ѵ П . 21. S e x et trecenti
p a t r ic ii F a b i i cum fa m i l iis su is — circu m ven ti p e rie ru n t.
38) Perizouius A n im a d v . 5. p. m. 194.
Hiebuhr, Böm. Gesch.
— ÎŸÔ — [ bàhd II.]

zehn Jahre nachher Consul ward. Er muss dies als Er­


wählter der Curien gewesen seyn, denn sein College redete
den plebejischen Ansprüchen das Wort486), und auch als
Statthalter erscheint er als Widersacher der Tribunen bey
dem heilsamsten Antrag: woraus sicher zu folgern scheint
dass er, ein reifer und entschlossener Mann, bey der frü­
heren Gesinnung seines Geschlechts beharrend, sich тон
ihnen getrennt hatte als sie auszogen. Doch vielleicht
wohnte er damals nicht zu Eom sondern zu Maluentum 37).
Sind aber auch alle Fabier ausser ihm mit ihren ge­
sammten Häusern dort untergegangen, so ist doch die Zahl
der dreyhundert und sechs ohne Zweifel, wie die des Cen­
sus und jede ähnliche, nur von Waffenfähigen zu verstehen,
sie begreift nicht Knaben und Greise, noch weniger das 221
weibliche Geschlecht. Die Yersichenmg dass keiner unter
ihnen gewesen dem der glänzendste Senat sich nicht gern
untergeordnet haben würde, ist eine rhetorische Ueber-
treibung der es jeder ansieht was sie bedeutet: und so
sollte man auch ohne Schwierigkeit einräumen dass der ,
Zusaz, alle wären Patricier gewesen, nicht mehr Gewicht
hat. Das hat schon Perizonius geltend gemacht: aber für
Fabier eigentlich so genannt, und dem Geschlecht ange­
hörig, wenn auch nur zum kleinsten Theil es bildend, sind
sie ohne Zweifel zu achten, wie die Sage sie auf das be­
stimmteste nennt. Es mochten unter ihnen viele aus un­
gleichen Ehen, und noch mehr Freygelassene seyn, welche
lezten unzweifelhaft vor Alters zu den Gentilen gezählt
wurden 38). Er glaubt diese Fabier wären hier so uneigent-
lieh genannt wie die des Eemus, und in jener Zahl die
Clienten begriffen die mit ihnen ausgezogen seyen *9),
Immer mögen die für diese angegebenen Zahlen, viertau­
send, ja fünftausend 40) , übertrieben — es mögen hierin
die Weiber und Kinder begriffen seyn: das ist unmöglich
dass ein Haufe nur von dreyhundert Männern sich im
etruskischen Lande so hätte festsezen, und den Yejentern

436) Livius HI. 1. 37) Festus s. v. N u m éris . 38) Zn


den anderswo für die Meynung angeführten Gründen kann noeb
hinzugefügt werden dass der Freygelassenen Fecennia die enuptio
g e n t is bewilligt ward. 39) Perizonius a, a. 0 . p. 200.
4°) Dionysius IX. 1 5 . p. 537. a. Festue 8. v. scelerata p o rta .
[band и .] — 179 —

furchtbar werden können. Der grösste Theil von diesem


Gefolge waren wohl Plebejer die es nicht scheuten sich
dort ein Eigenthum als Gränzer zu vertheidigen.
Mit dem Frühlingsanfang, an den Iden des Februar,
222 führte sie Cäso, damals noch Consul, zur Ansiedelung
aus der Stadt; auch dieser Tag, wie der an dem sie
umkamen, blieb auf immer verflucht441). Sie hatten
ohne Zweifel vorher, versammelt, auf dem Quirinal, wo ihr
gentilicischer Religionsdienst seine Stätte hatte 42), wo sie
vielleicht noch alle wohnten 43), geopfert: von dort zogen
sie durch das carmentalische Thor, welches dem.Berge
zunächst und an dessen Fuss lag 44)*, auf der Strasse von
wo sie nimmer wiederkehren sollten. Alle römische Thore
hatten zwey Bögen; für die Gehenden und Kommenden,
jeder hielt sich auf seiner rechten Hand: nach einem hal­
ben Jahrtausend ging kein Römer, dessen Gemüth vom
Glauben der Vorfahren beherrscht ward, durch dieses Thor
aus der Stadt 45).
441) Ovid muss den Tag ihres Auszugs und den ihres Unter­
gangs verwechselt haben, indem dieser sonst ganz bestimmt und
allgemein auf denselben gesezt wird der nachher eine noch weit un­
seligere Wichtigkeit durch die Einnahme Roms erhielt, deren Tag
ebenfalls für den der Schlacht an der Alia gehalten ist. Auch der­
jenige an dem das Heldengeschlecht Bom verliess konnte nicht
vergessen seyn. 42) Livius V . 46= 43) w ie es sich über
die Cornelier schliessen lässt nach dem Vicus Cornelius, dessen
Name sich bis in das 16. Jahrhundert erhalten hatte. 44) J)ie
Stätte a) desselben ist auf einer von der Ecke unter Ara Celi an
den Fuss des Quirinalis gedachten Linie, unfern Macel de’ Corvi,
jezt tief unter Schutt: es muss bey der Anlage des trajanischen
Forum wenigstens die Mauer zwischen demselben und dem Qui­
rinal wo nicht das Thor selbst abgebrochen, also ein W e g ge­
öffnet seyn den keine Superstition verbot. — Dass die Fabier auf
dem Wege nach Etrurien zu diesem Thor hinaus zogen, beweiset
klar dass keine Schenkelmauern an die Tiber gingen, sonst batten
sie wieder durch ein anderes einziehen müssen um an die Brücke
zu gelangen. 45) "V^er immer so nabe wohnte, machte einen
Umweg durch ein anderes. Das ist der Sinn von Ovids Versen:
F a s t . II. 201* Carm entis p o rta e dextro v ia p ro x im a la n o est :
I r e p e r hanc n o li , qu isquis es : om en habet . In die Stadt hinein,
durch den ändern Bogen, ging jeder unbedenklich; so die Pro­
cession im hannibalischen Krieg.
«) Schwegler H, 529. A. 1.
12 *
— 180 — [band п.]

Was von den Thaten erzählt wird die sie aus ihrer 22*
Feste an der Cremera verübten, und von ihrem Untergang,
gehört in die Geschichte des wandelvollen Kriegs gegen
Veji.

Der vejentische Krieg. a)

Es ist dieser den Dio die Patricier anklagt erregt zu


hahen um die Gemeinde zu beschäftigen: die Fabier, da­
mals die Häupter der Parthey ; waren demnach auch die
Urheber dieser Politik, und haben die Schuld schwer ge-
büsst; gebüsst, wie nicht selten, da alles geschehen war
was sie versöhnen konnte.
Während der beyden ersten Jahro, 271 und 272,
scheinen die Feindseligkeiten unerheblich gewesen zu seyn:
ich habe schon erwähnt wie sie sich 273 durch die innern
Zerrüttungen der Römer unglücklich wandten. Das Fuss-
volk des Cäso Fabius war mit sich einig dass der Feld­
herr den sie nicht als Consul anerkannten, aus dem Kriege
den er und sein Geschlecht veranlasst, den dio Centurien
nicht beschlossen hatten, keinen Triumph erlangen solle.
Die Reiter, theils Patricier, theils vom Geist der Waffe
ergriffen, hatten die Etrusker geworfen: aber die Cohorten
weigerten sich erst zu folgen ; darauf, wie heftig auch der
Consul ermahnte wenigstens dio Stellung zu behaupten,
bat, drohte, — wichen sie, überliessen dem Feind d a s 224
Lager, und flohen bald in schmählicher Verwirrung bis
Rom. Dieser unselige Tag hatte alle Folgen einer Nieder­
lage: die Etrusker, eben damals auf der Höhe ihrer Macht,
erwarteten das in sich zerrissene Rom völlig zu besiegen :
es kamen viele Magnaten mit ihren Hörigen440) als Frey­
willige; und in einem Lande wo es befreundeten Fremden
erlaubt war Reisläufer zu werben, konnte die einheimische
Stadt deren so viele als sie zu bezahlen vermochte ver­
sammeln. Gegen diese drohende Macht boten die folgenden
Consuln, 274, alle Kräfte der Republik und ihrer Bundes*

°) Schw egler II. 740. 446) <n>vekr)kô&e<rav èÇ &7tdc7js


TöpßTjvtag o l диѵатштатоі r o b ç каит&ѵ irevé<rraç йттауб/х&уоі.
D ionysius IX . 5. p. 56 2. d.
[band II.] — 181 —

genossen auf. Der glückliche Erfolg den Sp. Furius mit


der Gunst seiner Völker im verflossnen Jahr gehabt hatte,
scheint einen Waffenstillstand mit den Aequern möglich
gemacht zu haben, ohne welchen Latiner und Herniker
keine Hülfe hätten senden können.
Bie Erzählung топ diesem Feldzug a) hat völlig das
Ansehen aus den Hausschriften des fabischen Geschlechts
herzustammen; ja die Erwähnung dass Marcus Fabius die
Lobrede über Quintus und über seinen Collegen gespro­
chen447) lässt wohl nicht bezweifeln dass die Annalisten
von einer Laudation wussten die ihm zugeschrieben ward:
dass diese aber wenigstens sehr verändert war, erhellt aus
den Zahlen der römischen Heeresmacht, und der Erwäh­
nung der Pila als einer in den Schlachten gebrauchten
*225 Waffe. Indessen haben jene Zahlen in ihren gigantischen
Verhältnissen dieselbe Beschaffenheit wie ähnliche in den
Sagen von den Königen 48) : andre Züge boten sich bald
nach dem licinischen Gesez nicht mehr in der Gegenwart
dar, oder waren sogar schon damals sehr veraltet49) : und
so mag die Geschichte sie als ein im Wesentlichen sehr
altes Denkmal aufnehmen, ohne auch nur das zu verbür­
gen was im geringsten nicht unwahrscheinlich lautet.
Es wird erzählt dass die beyden consularischen Heere
abgesonderte Läger eingenommen hatten: und dieser Um­
stand hat vermuthlich eine historische Beziehung darauf
dass die Cohorten des M. Fabius ihn nicht wie die von
seinem Collegen Befehligten, als rechtmässigen Gebieter
anerkannten. Als der Bliz auf das Prätorium des Cn. Man-

a) Nitzsch Röm. Annalistik 7S. ^ 7) f u n e r u — collegae


jr a t r is q u e d u cit , id em in utro q ue la u d a to r : Livius II, 47.
48) Oben [Th. 2.] Anm. 75. Für Tarquinius und den Krieg
gegen Suessa Pometia wird, eben wie hier, ein Heer von 72000
Mann angenommen: Th. I. Anm. 113 6 . 49) Die Aufstellung
der Reserve und Stadtmiliz: der Proconsul (àvrtô-TpdTTjyoç)
T. Siccius (Sicinius) — Dionysius IX. 12. p. 569. d. — war
gewiss als der Anführer jener genannt: — die Unterscheidung
des Contingenta der Colonien und Unterthanen von dem der
Bundsgenossen. Jung hingegen ist die Scbäzung der Stärke des
Heers I X 13. p. 570. a. wo diese Contingente vereinigt gedacht,
und den Römern gleich, dann die Legionen jede zu 50Ü0 Mann
gerechnet werden.
— 182 — [band п.]

lins gefallen war, den Altar zertrümmert, sein Streitross


getödtet batte, nnd es nothwendig war einen dem Ver­
derben geweihten Ort zu verlassen, wurden die Läger
vereinigt: die Seher verkündigten den Etruskern, damit
habe der römische Feldherr das Schicksal, dem er ent­
gehen gewollt, auf beyde Heere gebracht. Ihre unzählige
Menge umringte die Eömer, deren Feldherrn es geschehen
Hessen, erwartend bis auch die Völker des Fabius den er­
zwungenen Eid an den welcher kein rechtmässig^ Impe- 22g
rium hatte aufrichtig bestätigt haben würden. Das geschah
auch, da sie sich von Rom abgeschnitten sahen, und den »
Hohn der Feinde über ihre furchtsame Unthätigkeit ver­
nahmen : heftig begehrten die Soldaten hinausgeführt zu
werden, und schwuren nur als Sieger aus der Schlacht
gehen zu wollen. An diesem Tage waren die Fabier dem
gesammten Heer ein Vorbild; Quintus fiel: doch sie sieg­
ten mit dem Flügel den Marcus führte, und hielten den
ändern, welcher gewichen war als sein Befehlshaber eine
Wunde empfangen hatte. Inzwischen war das Lager von * <
einem Theil der etruskischen Macht eingenommen: die *
Triarier460), welche es besezt hielten, waren um das Prä-
torium zusammengedrängt, und hätten unterlegen, wenn
nicht Manlius, der mit verbundener Wunde in dio Schlacht
zurückgekehrt war, Entsaz gebracht hätte. Er gedachte
die Eingedrungenen ganz zu vertilgen: denn während sie
plünderten hatte er alle Th ore des Lagers besozen können;
sie suchten sich durchzuschlagen: Manlius fiel: sein College, m
dem der Rückzug des Feindes gestattet hatte auch seinen
Flügel herbeyzuziehen, öffnete ein Thor wodurch sie sich

450) Triarier in der Schlachtordnung waren freylich mit der


damaligen phalangitischen Legion nicht zu vereinigen: aber ab
Lagerbesazung konnten eie seit der Einrichtung der servianischen
Centurien vorhanden seyn; und schon ursprünglich den .Namen
davon führen, dass jede der drey ersten Klassen zehn zu diesem
Dienst abgab. Um Wall und Pallisaden zu vertheidigen wären
sie zweckmässig mit Wurfgeschoss neben den Speeren und Schwerd*
tern ausgerüstet gewesen; und dieses Wurfgeschoss konnte schon
das Pilum seyn, oder wenig an dessen Vollkommenheit fehlen.
Daher der Name p ila n i. Ward eine solche Besazung nicht er­
fordert, so standen sie im Phalanx neben den übrigen.
[ в ш II.] — m —

auf das Feld warfen. Es war wohl ein Sieg: aher Marcus
Fabius hätte nicht im Triumph einziehen können, wenn
er auch nicht Quintus und des Collegen Leichen heimge­
führt hätte.
Der einzige Vortheü war dass 275 Cäso wider die
Aequer gesandt werden konnte. Aher das ein Heer welches
gegen Veji stand war zu schwach; es ward, nach einem
nachtheiligen Gefecht, eingeschlossen, und hätte die Waffen,
niederlegen müssen, wenn nicht Cäso in Eilmärschen Ent-
saz gebracht hatte. Als darauf das römische Kriegsvolk
entlassen war erschienen die Etrusker unerwartet im Felde,
und verheerten die Landschaft bis an die Feste auf dem
Janiculus.
Das consularische Jahr entsprach damals fast genau
dem der Olympiaden, und so ist es zu verstehen dass die
Fabier unter den nämlichen Consuln, und doch um die
Mitte des Februar, auszogen ihre Burg an der Cremera zu
bauen. Sie blieben Römer in der Gesinnung, ihre Aus­
wanderung hatte offnen Bruch mit.ihren Mitbürgern ver­
meidlich gemacht; sie führten rastlosen Krieg zu Roms
Vortheil, und durchstreiften die ganze vejentische Land­
schaft bis in die entlegensten Winkel. Aufs neue warben
die Vejenter Hülfe bey allen Etruskern: sie belagerten die
Feste, wurden aber von dem Consul L. Aemilius geschla­
gen. Hierauf ward Friede geschlossen; wohl nur Waffen­
stillstand für ein cyclisches Jahr: denn ehe die Zeit der
228 Consuln des folgenden Jahrs, 277, um war451), am 18.
Quinctilis, fielen die Fabier, und zur nämlichen Zeit stand
der Consul C. Menenius im Felde.
Der Tag a) an welchem die Fabier umgekommen sind,
ist eben so unzweifelhaft überliefert wie die Art ihres Un­
tergangs ungewiss ist. Die Geschichte wollte den Schmerz
über ein jammervolles Unglück lindern, vielleicht eine ent-
sezliche Schuld verschleiern, indem sie glänzende Dich-

451) Cum haec accepta cïa des esset, i a m C. H oratius et


T . M en en iu s consutes e r a n t : sagt Livius II. 5 1 • als ob sie sich
am Anfang ihres Consulats ereignet hätte. Da aber ihre Nach­
folger mit dem Sextilis antraten, so ist es klar dass das Unglück
sich im lezten Monat ihrer Magistratur zutrug. a) Schweg­
ler II. 750 ; Mommsen Röm. Chronol. 90. A . 128«
— 184 — [band ц .]

tnngen aufnahm. Wir kennen ihrer zwey deren erste Dio­


nysius verachtet462). Um ein Opfer in der Kapelle des Ge-
schlechte, wie der heilige Gehrauch es gebot, darzubringen,
zogen die dreyhundert und sechs Fabier nach Rom: sie
gingen zur frommen Handlung wie im Frieden,' ohne Waffen
und Kriegsordnung. Die Etrusker, ihres Wegs kundig,
hatten ein mächtiges aus der ganzen Nation versammeltes
Heer rechts und links verborgen, und die Strasse mit einem
Hinterhalt verlegt: der stand auf als die arglosen Helden
herangekommen waren ; da fanden sie sich allerwärts
umringt, und fielen von zahllosen Geschossen niederge­
worfen: nicht von Schwerdt oder Speor; denn auch den
Wehrlosen zu nahen wagte Niemand. Hier ist ein Gottes­
friede gedacht, wie bey einer griechischen Panegyris: die
Fabier hätten dem allgemeinen Gewissen vertraut, und die
Vejenter gefrevelt, wenn sie, gewarnt, den frommen Gang
feindlich auch nur gestört hätten. Demnach ist Dionysius 220
Tadel grundlos: auch hätte er nicht fragen sollen, wie die
Burg mit ihren viertausend Vertheidigern ohne Erwähnung
verschwinde? sondern sich erinnern dass nur die Heroen,
nicht die Schaaren der Achäer, in den Kämpfen der Ilias
erwähnt werden, ja auch bey Thermopylä die Spartaner
allein. Vergass der Dichter das zurückgebliebene Gefolge
nicht ganz, so dachte er es sich verwaiset, und ohnmäch­
tig zu widerstehen nach seiner Fürsten Untorgang.
Ich denke hätte Ovid diese Erzählung gekannt,* so
würde er sie als schöner der ändern vorgezogon haben б3),
die historisch genug lautet dass sie beyden Geschichtschrei­
bern genügte, obwohl auch hier die Burg vergessen ist. —
In wiederholten offenen Feldschlachten hatte ein einziges
römisches Geschlecht, nach Livius Erzählung54), über die
mächtigste der etruskischen Städte gesiegt: es war sicher
und ganz achtlos geworden. Da liesseu sie sich durch
Heerden, die unter einer schwachen Bedeckung getrieben
wurden, auf eine Bergweide locken, wo auf den waldigen
Höhen die sie einschlossen viele Tausende verborgen lagen.
Die Bewaffneten flohen zum Schein: die Rinder$entspran-
gen und liefen gescheucht als die Ritter ihnen nachjagten ;

452) IX . 19 . p. 577. c. 63) Oridius fast U. 19 5. ff.


54) И. 50.
[bajto п .] — 185 —

und so waren diese zerstreut auf weiter Fläche am Saum


des Walds, als ringsumher Schlachtruf und ein Wetter von
Wurfgeschossen ausbrach. Manche fielen, die übrigen zo­
gen sich zusammen: nun aber stand alles auf und kam
von den Höhen herab: je enger sich der Kreis schloss,
um so tiefer wurden die Reihen der Umringenden. Sie
230 wichen wo die Römer mit dem Schwerdt anliefen: wer
hätte sie in freyem Kampf bestanden? Geschosse aus der
Ferne und Schleudersteine warfen die Helden nieder, und
begruben sie, wie Cäneus mit Felsstücken verschüttet
ward465).
Wie immer die Fabier umgekommen sind, ohne Zwéifel
sind sie aufgeopfert worden, wie L. Siccius mit seiner
Cohorte, Aristodemus von den Oligarchen zu Kuma, und
die Samier auf den vierzig Trieren von Polykrates gesandt
wurden wo sie verderben sollten: denn als es geschah
hatte der Consul T. Menenius sein Standlager ganz nahe56),
und ist auch als schuldig an ihrem Unglück verurtheilt
worden. Allein diesmal zögerte die Strafe des Yerraths
nicht. Menenius selbst ward angegriffen und erlitt eine
gänzliche Niederlage57): und hätte die Plünderung des La­
gers die Sieger nicht aufgehalten, wenige von den Fliehen­
den würden R,om erreicht haben. Im Schrecken ward selbst
die Feste auf der Höhe des Janiculum verlassen und hier
nahmen die Etrusker ihr Lager: doch da die Brücke ab-
331 gebrochen worden 58)> war die Stadt gegen einen gewagten
Anfall gesichert, und eine Belagerung (nicht mehr zu be­
sorgen sobald C. Horatius von der volskischen Gränze her
eingerückt war.

46ß) Dass sie durchbrechen, einen Hügel erreichen, und erst


dort fallen, ist eine ausgesponnene Fortsezung von der Ovid frey
ist: vollends unerfreuliche Zusäze sind die übrigen womit Diony­
sius, so weit es gehen w ill, eine alltägliche Geschichte heraus­
zubringen sucht. 66) cum h a u d p r o c u l in d e sta tiva h ab u is -
s e t : Livius II. 52 . — 30 Stadien (4 Millien) entfernt: Dionysius
IX . 23. p. 582. b. 57) Diese Niederlage ist mit dem Unter­
gang der Fabier bey Diodor X I. 53. wohl nur durch seme Un­
geschicklichkeit zu einer einzigen grossen Schlacht zusammenge­
zogen. 58) Ihre Zusammenfügung ohne Eisen hatte gewiss
keinen ändern Grund als den sie eiligst aufbrechen zu können.
— 186 — [band nj[

Vierzehn Tage nach dem Unglück an der Cremera,


am ersten Sextilis, traten die Consuln mit deren Name das
Jahr 278 der Fasten bezeichnet wird, A. Virginius und Sp.
Servilius, in ihr Amt469). Die Etrusker sezten nun oftmals
über die Tiber, und verheerten die Landschaft ohne Wi­
derstand. Das Landvolk war mit aller Habe in die Stadt
geflüchtet, auch mit den Heerden, die doch unter dem
Schuz von Bewaffneten an der vom Fluss abgewandten
Seite, unter den Mauern auf die Stoppelweide getrieben
wurden. Bald stieg die Keckheit der Etrusker so hoch
dass sie die Beute auch hier zu erhaschen sich vermassen,
dabey aber fielen sie in einen Hinterhalt bey dem Tempel
der Spes, eine Millie vor der Stadt, auf der lavicanischen
Strasse60). Dieses Gefecht sezte den Sfcreifereyen ein Ziel, w*
und nun bezogen die Eömer Läger vor den Thoren01): das

459) Dionysius IX. 25. p. 583- b. Hat sich dieser Zeitpunkt


in den alten Jahrtafeln selbst angegeben gefunden, so war eine
Veränderung, und es müssen die vorhergehenden Consuln abge­
dankt haben : vielleicht aber hat ein umsichtiger Annalist nur die
gewöhnliche Zeit des Amtswechsels angegeben, um vorzubeugen
dass man nicht, irre geleitet durch den Schein zwey verschiede­
ner consularischer Jahre, Vorfälle, die vom 18. Quinctilis an
nicht viele Wochen des nämlichen Sommers einnahmen, auf eben
so viele physische vertheilt denke. Dionysius übersah den Wink,
denn er wähnt (a. a. 0.) die Noth in der Stadt sey daher ent­
standen dass die Aussaat wegen der Verwüstung unterblieben sey.
60) Ueber die Lage des alten Tempels der Spes s. Nardini
II. p. 18. Ich zweifle nicht dass der Hinterhalt in den die
Etrusker des Porsenna gelockt seyn sollen (Livius II. 11.) grade
dies Gefecht ist, womit, wie öfter, jene Sage ausgestattet worden,
nämlich aus reicheren Erzählungen. Die beyden Gefechte, das
am Tempel der Spes und das am collinischen Thor, sind von
einigen Annalen in das Fastenjahr 2 7 7 , von ändern in 278 ge­
sezt gewesen ; daher kommen sie bey Livius unter beyden Jahren
vor, als wären es vier: das zweytemal ohne Angabe der Orte*
Sie gehören unter die Consuln von 2 7 8 ; entschieden das Treffen
am collinischen Thor, womit der Angriff auf den Janiculue als
rasche Benuzung des Vortheils unmittelbar verbunden ist: aber
ohne Zweifel auch das erste, da die Zeit vom 18. Quinctilia bis-
zum Ende des Monats so sehr kurz ist. ei) Zu eqlchen E r ­
wähnungen dessen was in der Sache liegt, als ob es erzählt
stündfe, sind wir eben so berechtigt wie unsere Vorgänger vor
achtzehnhundert Jahren.
[band II.] — 187 —

eine vor dem collinischen: der andere Consul wird hey der
Porta Navia462) gelagert gewesen seyn, um die Verbindung
mit Ostia zu erhalten, und die Gegend zu decken. Am col­
linischen Thor ward der Angriff des gesammten etruski­
schen Heers, welches auf Flössen herübergekommen war,
zurückgeschlagen; aber dieser Sieg konnte der Hungers-
noth nicht abhelfen: die eben gewonnene Erndte war anf
den Tennen und in den Speichern vernichtet oder geraubt,
und auf dem Fluss konnte keine Zufuhr in die mit Flücht­
lingen überfüllte Stadt gelangen. Die äusserste Noth ge­
bot verwegene Entschlüsse. Am Tage nach jenem Treffen
gingen beyde consularische Heere über die Tiber: Servi-
lius stürmte das Janiculum, aber alle Anstrengungen der
Soldaten versagten an der jähen Höhe; sie wichen, und
würden in den Strohm gedrängt seyn, wofern nicht Virgi-
233 nius den rechten Flügel über die Hügel den schon siegen­
den Feinden in Seite und Rücken geführt hätte63): worauf
jene sich fassten, und einen neuen Angriff endlich mit Er­
folg ausführten. Nur einem Theil der Etrusker gelang es
die Höhe von Montorio wieder zu gewinnen: aber auch
diese verliessen in der Nacht die Feste und ihr Lager.
Vorräthe, die dort gefunden wurden, mögen den Mangel in
der Stadt erleichtert haben; hieraus kann die Sage von
Porsennas Lager entstanden seyn.
Nach dem .Rückzug der Etrusker ist die Rede von
Frieden 64) : und dass die Feindseligkeiten eingestellt wa­
ren ist auch durch die tribunicischen Bewegungen wahr­
scheinlich, deren Kraft verschwand wenn die Landleute
unter den Fahnen versammelt standen, und vom Markt
fehlten. Es ist aber doch nur ein Waffenstillstand anzu-
nebmen, wohl auf zehn Monate: wie denn auch P. Vale-

462) Unter dem Bastion von Sangallo. Die Sache spricht


dafür, und die Erwähnung in jener Erzählung aus dem Krieg
des Porsenna. 6S) Der Annalist, nach welchem Dionysius
sagt Virginius habe den rechten Flügel geführt, dachte also er
sey durch die Stadt gezogen, nach dem Heer des Servilius über
den Fluss gesezt, und dann über S. Onofrio und die Höhe vor­
gegangen. 64) Nach der Schlacht auf dem Janieulus: u r b i
cum p a c e la x io r a nn o na r e d iit : Livius II. 52 : und im folgenden
Jahr: V e ie m bellum ren a tu m . das. 53.
— 188 — [ band i i .]

rins, der Gonsul des nächsten Jahrs (279), die Vejenter


und ein Hülfsheer von Sabinern vor den Thoren von Veji
besiegte. Hierauf ward (280) Friede für vierzig Jahre ge­
schlossen : und wenn es Grund hat dass die Verschonung
der Landschaft vorher durch Sold und Lieferungen an die
römische Armee erkauft war, so werden die Bedingungen
wohl einigen Ersaz für die Noth des sehr schweren Kriegs
gebracht haben. Vielleicht sind damals die sieben Pagi
wiedergewonnen worden, deren Zurückgabe durch Porsenna
als grundlos unverkennbar seyn würde, wenn auch in der
übrigen Erzählung von jenem Kriege nicht alles blosse 2*4
Sage wäre: wobey es eben am Tage liegt dass das An­
denken wie jene Bezirke eine Zeitlang vom römischen Ge­
biet getrennt waren, hat leidlich gemacht werden sollen405).
Ben günstigen Ausgang des Kriegs verdankten die
Römer ohne Zweifel dem des Hiero, dessen Andenken durch
den zu Otympia geweihten Helm wie durch Pindars Ode
lebt. Veji a) war an Umfang Rom gleich, gewiss weit reicher,
wie seine Gebäude schöner warenсб), es konnte Völker zu
seinen Kriegen werben, und musste es thun: denn mit eige­
ner Kraft vermochte es nicht sich gegen Rom zu messen,
da der Bauer unfrey, die Landschaft gedrückt und abhold
war. Im lezten Feldzug waren diese Miethvölker nicht
mehr einheimisch : denn alle Kräfte und Gedanken der See­
städte waren auf ihre eigene Sache gerichtet, nachdem
ihre Flotte die entscheidende Niederlage erlitten, wahr­
scheinlich bald nach der verlornen Schlacht auf dem Ja-
niculum. Und nicht nur konnten sie keine Hülfe senden:
ihre Werber zogen die ledigen Reisläufer an.

Innere Geschichte vom Untergang der Fabier


bis zur ersten Pest.
Sobald die dringende Gefahr entfernt war, klagten
zwey Tribunen den Altconsul T. Menenius an, weil er die 235
a) Schwegler II. 736. 4e5) Beyde Städte werden im
Umfang mit Athen verglichen: Dionyeiua II. 54. p. 116 . e. IV .
1 3 . p. 2 19 . b. Vejis schöne Gebäude: Livius V . 24.
66) Oben [Th. 2.] Anm. 205.
[band II.] — 189 —

Fabier ohne Hülfe gelassen hatte. Der Zweck war nur


das Daseyn der Schuld zu erklären, nicht Bache an Einem
Schuldigen zu nehmen für den des Yaters Andenken re­
dete: deshalb ward die Wette auf nur zweytausend Asse
gesezt, nicht mehr als die jährliche Löhnung eines Reiters;
und eine vielfach grössere würden Gentilen und Clienten
aufgebracht haben. So weit also war die Verurtheilung
gleichgültig, und in zerrissenen Zeiten giebt die welche
von einem Gericht ausgesprochen wird wo der Geist der
entgegengesezten Faction herrscht, bey der eigenen viel­
mehr Achtung und Ansehen: daher ist es räthselhaft dass
Menenius Herz durch sie gebrochen ward: er verbarg sich
in seinem Hause und starb vor Gram. Aber eben so un­
begreiflich ist es dass die Tribunen ihn in einer Sache
welche die Rechte ihres Standes nicht berührte, vor dessen
Gericht hätten ziehen können: wohl aber sehr denkbar
dass sie eine Anklage vor die Curien brachten. Und wenn
diese den Angeklagten aufopferten, um sich rein zu wa­
schen; wenn sie die Verurtheilung mit gemeinem Leicht­
sinn nach der Unbedeutendheit der Geldsumme maassen ;
— so ist es begreiflich dass Menenius, der viele unter
seinen Richtern durch Wünsche und Befehle schuldiger
wissen mochte als sich selbst, dem Schmerz unterlag.
Nun folgten sich tribunicische Anklagen, Jahr auf
Jahr. Die nächste war gegen Servilius gerichtet, weil
durch seine Verwegenheit am Janiculus Ströhme werthes
Bluts geflossen wären: von dieser ward er, wie billig,
losgesprochen: auch hier scheint es dass die Curien das
Gericht gewesen seyn müssen. Aber vor die Gemeinde
236 lud, sobald der Friede geschlossen war, 281, der Tribun
Cn. Genucius die Altconsuln L. Furius und C. Manlius a)
weil sie sich seiner Aufforderung das Ackergesez zu voll­
ziehen geweigert hatten: eine Mahnung die unmittelbar
veranlasst gewesen ist wenn Land durch den Frieden ge­
wonnen war. Als Beleidigter war der plebejische Stand
in diesem Fall, nach allgemeinem Völkerrecht467), zu rich-

«) Mommsen R. G. L 2 8 1. 467) Von der Sage über


Tatius Angehörige, bis auf die Erzählung топ den jungen Män­
nern die sich an den Gesandten von Apollonia vergriffen hatten,
ist die römische Gesohichte voll von Beyspielen dieser R egel;
— 190 — [ b a n d XI.]

t e n b e f u g t , u n d v ie lle ic h t h a t t e d a r ü b e r n o c h e in e s p ä te r e
E i c h t u n g b e s t ä t i g e n d v e r o r d n e t 468). D i e A u s r e d e w a r , d a s
G e s e z b e t r e f f e s ie n i c h t : e s h a b e n a m e n t l i c h d e n u n m i t t e l ­
b a r e n N a c h f o lg e r n d e s C a s s iu s e in e n A u f tr a g e r th e ilt, d e s ­
s e n N i c h te r f ü l lu n g d ie s e a lle n f a lls z u v e r a n tw o r te n g e h a b t
h ä t t e n 69). A u c h b e y n i c h t e r z ü r n t e n E i c h t e r n k o n n t e d ie s
k e i n G e h ö r f i n d e n : u n d d ie B u s s e w a r w o h l n i c h t s g e r i n ­
g e r e s a ls A e c h tu n g . G e n u c i u s h a t t e v o r d e m g a n z e n V o lk
a u f d e m F o r u m g e o p f e r t 70) , u n d s i c h v e r w ü n s c h t d a s s n i c h t s
a u f d e r W e l t ih n v o n s e in e m B e g in n e n a b b r in g e n s o lle : 287
E i n s a g e v e r m o c h t e n i c h t s w e n n z w e y v o n d e n C o lle g e n
m it ih m e in ig w a re n . O ffe n b a r h ä tte A u s f ü h ru n g d e s G e -
s e z e s a l l e s a u s g e g l i c h e n : a b e r e s g a l t f ü r E h r e n s a c h e d ie
U s u r p a tio n u m je d e n P r e is z u b e h a u p te n . S e itd e m d ie
ju n g e m G e s c h le c h te r s ic h m it d e n ä lte re n v e rs ö h n t h a tte n ,
ü b e r t r a f e n s i e d ie s e a n V e r b i t t e r u n g g e g e n d ie G e m e i n d e
b e y w e i t e m : s o f in d e n w i r s ie v o n n u n a n b i s z u m D e ­
c e m v ir a t, u n d v o r h e r r s c h e n d in ih r e m S ta n d e : b e y ih n e n
s u c h t e n u n d f a n d e n d ie A n g e k l a g t e n B e y s t a n d 71) . I n g e ­
h e im e n Z u s a m m e n k ü n fte n w a rd v e ra b re d e t, w a s g le ic h d e r
S tr a f e e in e s h e im lic h e n G e ric h ts S c h re c k e n u n d E n ts e z e n
v e r b r e i t e n s o l l t e , w ä h r e n d e s d ie A n k l a g e v e r n i c h t e t e .

als der nächste Beleg welcher sich nur grade anbietet, chrono­
logisch auf der Mitte zwischen jenen beyden, mag Dionysius
V. 50. p. 316. e. dienen.
468) Der Tribun Lätorius, bey Dionysius IX. 46. p. 606. a.,
führt als Beyspiel dass sich die Patres schon bequemt hätten
Zugeständnisse zu machen, an, ідшхеѵ ß o u k i ) тф drjfjup

è$ou€Ftav хріѵвіѵ oftç äv a ù ro tç ââ$ete tw v x a r p t x i m : welches


gewiss nicht entschieden von der angeblich schon längst vorge-
fallenen Anklage gegen Coriolanus, und dem icilischen Gesez zu
erklären ist, und so gut wie ebendas, die [oben] S. 204. Anm. 397.
angeführte Erwähnung des veränderten Wahlgesezos, eine aus der
Geschichte verschwundene Notiz seyn kann.- 69) Dionysius
IX. 37. p. 595. d. 70) Ohne Zweifel p o s i t o f o c u l o ; welcher
Ritus noch gegen M. Crassus angewandt ward. 71) Livius
II. 54. C i r c u m e u n t s o r d i d a t i n o n p l e b e m m a g i s q u a m i u n i o r e s
p a t r u m . Niemand wird doch glauben dass sie die Bejahrten ver­
säumt hätten. Die grössere Feindseligkeit der Minores wird sioh
wiederholt zeigen. Nicht viele Jahre nachher befreyte sich die
oligarchische Faction zu Athen durch gleiche Missethat von dem
beschwerlichen Bphialtes.
^BAND П .] — Ш —

M it d e m fr ü h e s te n M o rg e n d e s a n b e r a u m te n G e r ic h ts ­
t a g s s t a n d e n d ie P l e b e j e r a u f d e m E o r u m , u n t e r m i s c h t m i t
v ie le n P a t r i c i e r n u n d d e r e n C lie n te n . S ie h a r r t e n a u f d e n
A n k l ä g e r , v e r w u n d e r t , u n g e d u l d i g , d a n n ä n g s t l i c h : b i s d ie
n ä h e r B e f r e u n d e t e n , w e l c h e G e n u c iu s n a c h d e r S i t t e v o r
s e in e m H a u s e v e rs a m m e lt e r w a r te t h a t t e n , u m ih n h in a b
z u m F o r u m z u b e g le ite n , d ie e n ts e z lic h e B o ts c h a f t b r a c h ­
t e n : e r lie g e to d t a u f s e in e m B e tt. E s w a r M e u c h e l­
m o r d 472) : d a r ü b e r m u s s L i v i u s , d e n s e i n e V o r u r t h e i l e g e -
238 w i s s n i c h t g e n e i g t m a c h t e n Y e r b r e c h e n a u f j e n e r S e i t e z u
a r g w ö h n e n , d a s Z e u g n is s d e r A n n a le n g a n z e in s tim m ig
g e fu n d e n h a b e n : so n st h ä tte e r n ic h t d e n H o h n u n d J u ­
b e l g e s c h i l d e r t d e m s i c h d ie P a t r i c i e r ü b e r l a s s e n : a u c h
s o lc h e d ie d e r T h a t f r e m d g e w e s e n , h ä t t e n f ü r m i t s c h u l ­
d i g g e l t e n w o l l e n 73) . l i e b e r d ie P l e b e j e r k a m e i n p a n i ­
s c h e r S c h r e c k e n : s e l b s t w e h r l o s , e r w a r t e t e n s ie a u f e i n
Z e ic h e n ta u s e n d M e s s e r e n tb lö s s t z u s e h e n , u n d e n tflo h e n ;
v ie le a u s d e n T h o r e n , a n d r e in ih r e B e z ir k e u m s ic h f ü r
d a s L e b e n zu w e h re n . E i n s o lc h e s B l u t b a d s c h i e n d o c h
z u g e w a g t o d e r z u g r ä s s l i c h : a b e r d ie C o n s u ln v e r o r d n ­
te n a ls b a ld e in e a llg e m e in e A u s h e b u n g , w o d u rc h s ie a lle
■ G eg n er u n t e r i h r e G e w a l t z u b r i n g e n , d i e v e r h a s s t e s t e n
z u t ö d t e n , u n d e in e R e v o l u t i o n a u s z u f ü h r e n g e d a c h t e n . E s
w ä r e i h r Y e r d e r b e n g e w o r d e n : E m p ö r u n g g e g e n d ie M ö r ­
d e r d e s u n v e rle z lic h e n T r ib u n w ü rd e f ü r r e c h tm ä s s ig g e ­
h a l t e n s e y n : a b e r d ie A u s h e b u n g h ä t t e v o l l e n d e t w e r d e n
k ö n n e n w e n n s ie d e m R e i z w i d e r s t a n d e n h ä t t e n e i n e n e i n -

472) Aristoteles bey Plutarch P e r i c i . p. 158. a. Diodor


XI. 77. 7S) Livius II. 54. — n e c P a t r e s s a t i s m o d e r a t e
fe r r e la e titia m : a d eo q u e n e m in e m n o x a e p a e n it e b a t , u t e t ia m in -

so n te s fe c is s e v id e r i : — 55. p e s s i m i e x e m p l i v i c t o r i a . X. 38.
v e lle n t

p. 665. a. erkennt auch Dionysius Ermordung: Геѵихсоѵ ützbï


( p a v e p îo q o ö % o î o t т’ 9 j< r a y > à u e À e t u — â ç a v w g à v 7 ) p 7 z a < r a v i ob­
wohl er im Lauf der Erzählung gesprochen hatte als ob eine
wundervolle Fügung des Himmels eingetreten wäre IX. 37. p.
595. e: ja versichert, es habe sich keine Spur eines gewaltsamen
Todes gezeigt. Wer dies zuerst schrieb dachte an Scipios Tod:
wie Livius die eitle Thorheit vorgeschwebt haben kann womit
C. Octavius und Lentulus Spinther nach Cäsars Tode zu den Ver-
schwornen gerechnet zu werden sich bemühten.
— 192 — [ban©п.]
z e l n e n z u h ö h n e n : d e n n d ie T r i b u n e n s c h w i e g e n k l e i n -
m t i t h i g w e n n e in L a n d m a n n , v o n d e n S c h e r g e n e r g r if f e n ,
ih r e n B e y s ta n d a n rie f.
Y o l e r o P u b l i l i u s a) h a t t e a l s e r s t e r C e n t u r io a u s g e - m
z e ic h n e t g e d ie n t. E r w a rd a u fg e ru fe n a ls G e m e in e r e in ­
z u t r e t e n : d e s s e n w e ig e r te e r s ic h , d a ih n n ie m a n d e in e r
S c h u ld z e ih e n k ö n n e : i n s e in e r f r ü h e r e n S te lle z u d ie n e n
s e y e r b e re it. D a s w a r A u fs ä z ig k e it g e s c h o lte n , u n d d en
L i c to r e n b e fo h le n , ä n d e r n z u m B e y s p ie l, ih n v o r d em T r i­
b u n a l z u z ü c h t i g e n . S ie s u c h t e n s e i n e T o g a z u f a s s e n u n d
i h n f o r t z u s c h l e p p e n : a b e r Y o le r o , s t a r k u n d b e h e n d e , s c h l e u ­
d e r te s ie v o n s ic h u n d e n ts p r a n g u n te r e in e n d ic h te n H a u ­
f e n . N u n w a r d e r A u f s ta n d d a : d a s Y o lk z ä h lte s ic h u n d
d i e L i c t o r e n : d ie s e , w ie s ie d ie V e r s a m m l u n g e n z e r s t r e u e n
s o l l t e n , w u rd e n ü b e rm a n n t u n d m is h a h d e lt: ih re H e rre n
e n t f l o h e n v o m T r i b u n a l i n d i e n a h e C u r i a : d ie A u s h e b u n g
w a r d a u f g e g e b e n , u n d d a m i t w a r d ie R u h e h e r g e s t e l l t .
D a s s d ie M e n g e , b is z u m W a h n s in n g e re iz t, s ic h v o n d em
g u te n G e n iu s a n d e r S c h e id e lin ie d e s Y e rs ö h n b a re n a u f­
h a l t e n lie s s , u n d d a n n g le ic h z u m g e s e z lic h e n G e h o rsa m
z u r ü c k k e h r t e , v e r a n l a s s t e d e n f r o m m e n G la u b e n ^ d e r N a c h ­
k o m m e n , e s s e y e n i n d e r g u t e n a l t e n Z e i t d ie i n n e r n B e ­
w e g u n g e n n i e ü b e r d ie G r ä n z e d e s Z i e m l i c h e n g e s t i e g e n ,
n i e b i s z u m B l u t v e r g i e s s e n : n i c h t n u r ü b e r s a h e n s ie G e -
n u c i u s E r m o r d u n g , d ie F r e v e l t h a t e n d e s C ä s o Q u i n c t i u s ;
s ie e n tz ie h e n d e n T r ib u n e n , u n d d e m Y o lk d a s s ic h v o n
i h n e n l e i t e n l i e s s , d ie A c h t u n g w e l c h e i h n e n g e b ü h r t , u n d
s c h e n k e n s i e T y r a n n e n d i e w e d e r v o r M o r d n o c h v o r M e in ­
e id z u r ü c k tr a te n .
F ü r d a s fo lg e n d e J a h r (2 8 2 ) w a rd P u b li liu s z u m T r i­
b u n d e s P le b e s e rw ä h lt. E r v e rs c h m ä h te e s s e in e n e ig e ­
n e n Z w i s t d u r c h A n k l a g e d e r C o n s u ln z u r ä c h e n : m i t d e n - mo
s e lb e n A n s tr e n g u n g e n lie s s e n s ic h b le ib e n d e V o rth e ile e r ­
o b e r n : d i e s e b e z w e c k t e s e i n e R o g a t i o n , d a s s d ie T r i b u n e n
k ü n f t i g i n d e n C o m itie n d e r T r i b u s e r n a n n t w e r d e n s o l l ­
t e n 474) . H i e r ü b e r a l l e i n z u b e s c h l i e s s e n w a r u n s t r e i t i g d i e

a) Schwegler II. 537. 474) Ueber den Irrthum dass віо


vorher von den Curien, nicht den Centurien, ernannt worden,
s. Th, I. S. 687. ff. — darüber dass die Bestätigung aufgehört
hatte; oben S. 215.
Jbaitd п.] — 193 —
“G e m e in d e v o llk o m m e n b e f u g t : v o lle n d s s e i t d e m d i e B e s t ä ­
t ig u n g d e r C u rie n a u f g e h ö r t b a t t e : e s s t r e i tig z u m a c h e n
w a r g a n z s c h a m lo s v o n d e n e n w e l c h e d i e V e r l e i h u n g d e s
C o n s u la ts a n s ic h g e r is s e n h a t t e n : u n d n o th w e n d ig w a r e s
d e n E i n f l u s s a u s z u s c h l i e s s e n w e lc h e n d e r e r s t e S t a n d d u r c h
s e in e C lie n te n h e y d ie s e n W a h le n b is h e r a u s ü b te , d a z w e y
C o l l e g e n , d ie n u r d u r c h s o lc h e S t i m m e n e r n a n n t s e y n
k o n n t e n , s i c h s o g a r g e g e n d ie s e R o g a t i o n e r k l ä r t e n 476).
D ie s e r W id e rs p r u c h h in d e rte P u b liliu s a lle rd in g s n ic h t
e i e z u r A b s t i m m u n g z u b r i n g e n , w e il d i e M e h r h e i t d e r
S t i m m e n im C o lle g iu m m i t i h m w a r 76) : u n d j e d e r m a n n s a h
v o r a u s d a s s d ie W i l l k ü h r v o n d e n T r i b u s e i n h e l l i g a n g e ­
n o m m e n w e rd e n w ü rd e . D e m B e s c h lu s s h ä t t e n S e n a t u n d
C u r i e n e in e E i n s a g e e n t g e g e n s e z e n k ö n n e n , s i c h w e i g e r n
d ie in d e r n u n b e lie b te n F o r m e r n a n n te n T r ib u n e n a n z u ­
e r k e n n e n : m a n h ä tte d a r ü b e r u n te r h a n d e lt, u n d s ic h v e r ­
g l i c h e n : a b e r d ie P a t r i c i e r w o l l t e n s i c h n i c h t a u f d i e s e n
B o d e n s t e l l e n : s ie b o t e n - a l l e s a u f u m z u h i n d e r n d a s s d ie
G e m e in d e e in e n S c h lu s s fa s se . D ie O b r i g k e i t u n d j e d e r
ш S e n a to r, w o n ic h t a lle P a t r i c i e r , h a tte n d a s R e c h t e in e r
t r i b u n i c i s c h e n R o g a t i o n w e l c h e d ie g a n z e R e p u b l i k b e t r a f ,
z u w i d e r s p r e c h e n : u n d d a r i n l i e g t d ie U r s a c h e d a s s d i e
T r i b u n e n g e g e n d a s C o m itiu m g e w a n d t , w o j e n e s t a n d e n ,
r e d e t e n 77). D a r ü b e r k o n n t e w o h l z u w e il e n o h n e a r g e L i s t
u n d a b s i c h t l i c h e V e r z ö g e r u n g d ie S o n n e u n t e r g e h e n : e s
b r a c h te a b e r d ie s e S tu n d e d e n S c h lu s s a lle r G e s c h ä fte d e s
T a g s , a ls o m u s s t e d ie V e r s a m m l u n g d a n n f r u c h t l o s e n t ­
l a s s e n w e r d e n . O f t w a r e s d a r a u f a n g e l e g t d ie s h e r b e y z u -
f ü h r e n , u n d w e n n s i c h e r w a r t e n li e s s d a s s d e r T r i b u n d i e
V e r h a n d l u n g z e i t i g s c h l i e s s e n w e r d e , s o w a r e n d ie W i d e r ­
s a c h e r a u f G o w a lts a m k e it g e rü s te t. S ie v e r b r e i t e t e n s i c h
v o n i h r e r e i g e n e n M a h l s t a t t , d e m C o m itiu ç i, ü b e r d a s F o ­
r u m w e lc h e s d e n P l e b e j e r n a n g e w i e s e n w a r ; w o d ie C lie n ­
t e n s c h o n u n t e r ih n e n s t a n d e n . V o r d e r A b m e h r u n g m u s s ­
t e n a lle d ie n i c h t z u r G e m e i n d e g e h ö r t e n d ie s e s r ä u m e n ,
d a m i t j e d e T r i b u s i n d e m f ü r s ie d u r c h S e ile a b g e s c h i e -

475) Dionysius IX. 41. p . 598. c. 76) Zwey unterschrie­


ben seine Rogation, wodurch er ёЛаттоѵсиѵ Ъѵтшѵ тшѵ fiij тайта
ßouXo[i£V(uv nept-yjv: ebendas. 77) Welches erst C. G r a c c h u a
veränderte: Plutarch G r a c c h . p. 837. b.
Niebuhr, Rom. Gesch.
— 194 — [b a n d i i . ]

d e n e n R a u m z u s a m m e n t r e t e n k o n n t e : w e n n d a n n d ie U n ­
b e r e c h t i g t e n a u fg e fo rd e rt w u rd e n s ic h zu e n tfe rn e n , w o m it
v o n d e n P a t r i c i e r n n u r v e r l a n g t w a r d d a s s s ie s i c h a u f
d ie a n d e r e S e ite d e r R o s tr a v e rfü g e n s o llte n , so w ic h e n s ie
n i c h t ; u n d d e r T u m u lt w e lc h e r a u s b r a c h w e n n m a n s ie
m i t G e w a lt z u e n tf e r n e n s u c h te , e n d ig te f ü r d e n T a g a lle s
g e s e z lic h e V e rfa h re n . E s g e s c h a h w o h l d a s s s ie s i c h d e r
S tim m tä fe lc h e n b e m e is te rte n , w o d u rc h d a s A b m e h re n u n ­
m ö g l i c h w a r d 478) .
N u n a b e r s c h e i n t e s , d ie T r i b u n e n w ü r d e n * w e n i g s t e n s 2«
a m n ä c h s t e n C o m i t i a l t a g , d e r e n m e h r a l s d ie H ä l f t s d e s
J a h r s w a r e n 79), w i e d e r a u f g e n o m m e n h a b e n w a s u n t e r b r o ­
c h e n w a r ; o f t f o l g t e n s i c h d e r e n v i e l e , u n d n a c h e in ig e n
s t ü r m i s c h e n w ä r e , d a e s d e n F ü r s p r e c h e n d e r G e m e in d e
a n A u s d a u e r n ic h t fe h lte , d e r Z w ec k e rre ic h t, o d e r d e r B ü r­
g e r k r ie g a u sg e b ro c h e n sey n . D a d a s le z te n ic h t g e s c h a h ,
s o f r a g t m a n s ic h , w o z u d e r L ä r m ?
A l l e i n d ie D i n g t a g e d e r P l e b s u n d d e s P o p u l u s w a r e n
g e s c h i e d e n w ie i h r e M a h l s t ä t t e n , i h r e F e s t s p i e l e , a l l e s u n d
je d e s . F ü r j e n e w a r e n e s d ie N u n d i n e n , a n d e n e n d e r
L a n d m a n n z u m M a r k t h e r e i n k a m : d a n n s t a n d e n s ie s ic h
u n t e r e i n a n d e r z u R e c h t , u n d h i e l t e n g e m e i n e n R a t h , w ie
e s i h n e n h e r k ö m m l i c h z u s t a n d , o d e r d e r S e n a t s ie e i n l u d 80) :

Solche Auftritte mahlt Livius II. 56. III. 11. Er nimmt


478)
in der Bedeutung, auseinandertreten : bezieht daher rfuf
d is c e d e r e

die Gemeinde dass die Tribunen p o p u l u m d i s c e d e r e i u b e b a n t ; wes­


halb er in Appius Namen II. 56. ihnen sogar über ihren eigenen
Stand das Imperium abspricht, weil es mit den höflichen Worten
geschah: s i v o b i s v i d e t u r , d i s c e d i t e . Aber es ist buchstäblich der
Populus zu verstehen, und d i s c e d e r e bedeutet Weggehen.
79) Nach Manutius 184. 80) Dionysius VII. 58. p. 463. C..
èv r a u r a tç (ra tç àyopatç, â i1 -fj/xépav èvvarrjv) aovtôvreg èx тйѵ
à y p to v ol drjpLortxol eîg туѵ TtôXtv га д те кцеіф еід ènotouvro
Tüiv â v tto v , x a l rà ç ôtxaç izap* àXkr)X(i)V è k a ^ a v o v , r â те xotvà
o<t(dv Vjaav xuptot хатй to ù ç vôfxouç, xal öaa f) ßouky) èm T pé -
ф еіеѵ aÙTOtç, фг\<роѵ àvaXaßôvтeç ènexupouv . Wozu der Senat
einlud — betrifft die spätere Zeit nach dem Decemvirat, wo den
Consuln aufgetragen ward mit den Tribünen zu handeln, dass
sie einen Gegenstand zum Beschluss der Gemeinde brächten —
Macrobius S a t u r n . I. 16. (Th. 1. S. 282. B i p . ) nach Rutiliue: •—
u t n o n o d ie — a d m e rc a tu m le g es q u e a c c ip ie n d a s B o m a m v e n i-
[ b a n d II.] — 195 —

d a s w a r in d e r u r s p r ü n g lic h e n O r d n u n g d e s K ö n ig s S e rv iu s
243 e n t h a l t e n , u n d d a h e r b r a c h t e n d ie N a c h k o m m e n a n d i e s e n
T a g e n G r a b e s o p f e r f ü r s e i n e S e e le 481)* H i n g e g e n w a r e s
a n d e n s e lb e n T a g e n v e rb o te n d e m P o p u lu s v o rz u tra g e n ,
u n d .C o m itia z u h a l t e n 82) : so w a r e n s ie f u r d ie B ü r g e r F e ­
r i e n u n d N e f a s t i , f ü r d ie G e m e i n d e G e s c h ä f f c s ta g e : u n d n u r
s ie , d i e d e s P o p u l u s e b e n n i c h t . D ie se n U n te rs c h ie d h o b
d a s h o r te n s is c h e G e se z a u f ; k e in a n d e re s a ls d a s je n ig e
w e l c h e s d ie P l e b i s c i t e d e n G e s e z e n g l e i c h s t e l l t e , u n d e b e n
d e s h a l b : d u r c h d a s s e l b e w u r d e n d ie N u n d i n e n dies fa sti* 3) ,
u n d n u n a u c h d e r C e n tu rie n Z u s a m m e n b e r u fu n g z u G e -
s e z a n n a h m e o d e r W a h l a u f d ie d r i t t e N u n d i n e e i n g e ­
f ü h r t 84). D a d i e s , a l l t ä g l i c h w a r , s o k o n n t e n v ie le A r c h ä o -
244 lo g e n s i c h n i c h t ü b e r r e d e n d a s s d i e j e n i g e n R e c h t . h a b e n
s o l l t e n w e lc h e n a c h d e n a l t e n R e c h t s b ü c h e r n d ie U n z u l ä s ­
s ig k e it d e r V e rh a n d lu n g e n m it d em P o p u lu s a n je n e n T a g e n
l e h r t e n : u m so s i c h r e r i s t e s d a s s d i e s e d e n S a z d o r t g e ­
fu n d e n h a b e n .
A ls o a u f d ie N u n d i n e n , e i n e n T a g v o n a c h t e n , w a r e n
d ie V e r h a n d l u n g e n d e r T r i b u n e n b e s c h r ä n k t 85) ; u n d d ie s e

ren t y et u t scita atque consulta frequ en tiore populo referrentwr,


quae trinundino proposita — facile noscebantur .
481) Ebendas, nach Geminus und Varro: er führt Cassius
(Hemina) dafür an dass Servius die Nundinen eingesezt habe.
82) Ebendas, p. 281. Iu liu s Caesar X V I . auspiciorum libro
negat n u n din is concionem advocari posse, id est cum populo agi,
ideoque n undinis Rom anorum Tiaberi comitia non posse. Man
sieht dass dieser Cäsar nicht der Dictator war, sondern ein An­
tiquar, für den das Ehemalige mehr Realität hatte als das Gegen­
wärtige. Plinius XVÏÏI. 3. Com itia n u n din is habere non licebati
der Zusaz ne plebs rustica avocaretur , ist durch Unkenntniss der
Verhältnisse eingegeben. Festus s. v. N u n d in is fe ria r u m diem
esse voluerunt antiqui —> eumque ne/astum n e , si liceret cum
populo a g i, in terpellaren tur nundinatores. Auch die Patres
•hatten Geschäfte auf dem Markt. 83) Macrobius a. a. O.
Demnach fallen allerdings in den erhaltenen Kalendarien dies
fasti und Nundinen oft zusammen. 84) Es ist nur eine Pro-
lepsis (Bentley de P halar. p . 17. 18. ed. L .) dass Lirius das
Trinundinum in einer Amplification über die Wahl der Decem-
virn (III. 35.) anbringt. 86) Dass Livius sagt, das Gesez
•welches die Patres zu hindern strebten, p e r omnes com itiales dies
fe re b a tu rt ІП. 11. ist Anerkennung dass es nur an bestimmten
13*
— 196 — [b a n d iiJ

m u s s t e n a n e in e m T a g e b e e n d i g t s e y n 486) . D a s h e is s t,
w e n n d u r c h i r g e n d e i n e n U m s t a n d e s n i c h t z u e i n e m S c h lu s s
g e d i e h e n w a r , s o w a r d ie R o g a t i o n v e r l o r e n , w ie e in e B i l l
d ie w ä h r e n d d e r S e s s io n n i c h t d u r c h a lle S tu f e n b is z u r
S a n c t i o n g e l a n g t i s t . W i e d i e s e i n d e r d e s f o lg e n d e n J a h r s ,
a ls o b s ie z u m e r s te n m a l e in g e b r a c h t w ü r d e , je d e n S c h r itt
v o m A n f a n g h e r a u f s n e u e g e f ü h r t w e r d e n m u s s , so w a r e n
d ie T r ib u n e n g e n ö th ig t ih r e R o g a tio n a ls e in e n fr is c h e n
A n tr a g , u m d a r ü b e r a n d e n d r itte n N u n d in e n z u b e s c h lie s -
s e n , a u f s n e u e a u f z u s t e l l e n 87) O b d ie s s o g l e i c h g e s c h e h e n 245

Dingtagen geschehen konnte: die Verwechslung mit denen des


Populus ist ein gleichgültiger Irrthum.
*86) Dionysius IX. 41- p- 598. b. r à g сроХетхад (фг}<рг)<ро-
p ia ç ë d e i) è v $)ß £ p a ß ta r e X e c û e ia a ç ù nè r w v< p u X e züjv r é X o g

g /e tv . 87) Ebend. c. d. Der erste Tag an dem die publili-


sche Rogation an der Ordnung war, verging in unentschiedenen
und leidenschaftlichen Debatten : 7ГроЫѵтсиѵ â è к à X i v ? û v d v j ß d p -
%(üv eiç трітцѵ à y o p à v tvjv tz e p l той v ö ß o u â t a y v ü x r c v , ging es
nicht besser. Ein anderes aber sind Dingtage, und ein anderes
Versammlungen in denen über die vorgeschlagene Rogation für
und wider gesprochen ward, wie es geschah da man sich tagtäg­
lich auf dem Forum fand: diese vorbereitenden Besprechungen,
die sehr stürmisch werden konnten, sind mit denen in den Bü-
reaux nach den französischen Formen zu vergleichen. Eine
solche ist eine c o n c i o , — wer ihr vorsteht c o n c i o n e m h a b e t , —
welches auch Messalla von dem a g e r e c u m p o p u l o , wie die c o n c i o
vom c o m i t i a t u s (ich seze hinzu vom c o n c i l i u m ), unterscheiden
hiess : Gellius XIII. 15. Wenn der Consul die Gemeinde berief,
so war es zur Concio : (ihr c o n c i l i u m konnte er nicht halten :) das
geschah mit Drommetenschall, durch die a e n e a t o r e e : — die Cen­
turien wurden mit Hörnern berufen, wie jenes im Lager die Sol­
daten versammelte, diese zum Auf bruch bliesen : s. Scaliger zum
Festus 8 . V . a e n e a t o r e e . Jene Drommeter waren die l i t i c i n e s ,
welches, wie wir jezt wissen, der lateinische Name für die Cen­
turie ist welche Dionysius ааХшухтаі nennt: ihre Trennung von
den c o r n i c i n e s oder ß u x a v i o T a i ist durch jene Verschiedenheit
begründet. — Eine Concio am Tage vor dem zur Abstimmung
angesezten war die wo Lätorius die Plebejer auf morgen be-
schied : Q u i r i t e s — c r a s t i n o d i e a d e s t e : a u t m o r i a r , a u t p e r f e -
r a m le g e m . Ebenso mit einem kaum ungenau çu nennenden
Ausdruck, Dionysius X. 40. p. 666. a. wo der Tribun Icilius
туи è m o ü a a v im é p a v à n o â etÇ a ç тo t ç x a r r fy ô p o ig той v6ßO O >
à té X u a e T7jv ё х х Х у а іа ѵ .
[b a n d п .] — 197 —
k o n n te , o d e r s ie d e n n ä c h s te n M a r k tta g e r w a r te n m u s s te n :
o h d a s d r i t t e F u n d i n u m d ie d r i t t e W o c h e b e g a n n o d e r
n a c h d r e y v e r f lo s s e n e n W o c h e n e i n t r a t , w i r d s c h w e r l i c h
e n t s c h i e d e n w e r d e n : j e w e i t e r d ie F r i s t e n a u s e i n a n d e r l a ­
g e n , u m so m e h r d i e n t e d ie S t ö r u n g w o r a n e i n e e r n e u e r t e
R o g a t i o n s c h e i t e r t e , d ie V o l l e n d u n g e i n e s B e s c h l u s s e s z u
h i n t e r t r e i h e n . D a n n u n t e r b r a c h e n d ie F e l d z ü g e : d e n n w ä h ­
r e n d d ie S o l d a t e n b e y d e n F a h n e n w a r e n k ö n n e n n i c h t
v ie le P le b e je r s ic h a u f d e m F o r u m e in g e fu n d e n h a b e n : h i n ­
g e g e n b l i e b e n a l l e C l i e n t e n d a h e i m , u n d m i t d ie s e n m ü s s e n
i h r e P a t r o n e d e n e n v o m z w e y t e n S t a n d d ie i n d e r S t a d t
w o h n te n a n Z a h l w e it ü b e rle g e n g e w e se n sey n .
246 S o l c b e r l e y H i n d e r n i s s e h a b e n d ie A n n a h m e d e s p u b -
l i l i s c h e n A n t r a g s e in v o lle s J a h r h i n d u r c h v e r e i t e l t , w e n n
es a n d e r s g e g r ü n d e t is t d a s s d e s s e n U r h e b e r u m s e in U n ­
te r n e h m e n z u v o lle n d e n w ie d e r e r w ä h lt w a r d : in d e s s e n h a ­
b e n d ie G e s c h i c h t s c h r e i b e r d i e s e E r e i g n i s s e s o v e r w o r r e n
a u f g e f a s s t 488) d a s s d ie z w e y t e W a h l d e s V o le r o P u b l i l i u s
a u c h B e l o h n u n g f ü r d ie 'e i n g e f ü h r t e B e s s e r u n g , u n d z u ­
g le ic h v o m V e r tr a u e n e in g e g e b e n s e y n k a n n d a s s e r n o c h
m e h r fü r d e n S ta n d g e w in n e n w e rd e . I n d ie s e m z w e y te n
T r i b u n a t , 2 8 3 , p r o m u l g a t e e r m i t C. L ä t o r i u s n e u e R o g a ­
tio n e n . D ie e r s t e , w e l c h e d ie W a h l a u c h d e r A e d i l e n a n
d i e T r i b u s ü b e r t r u g , w a r f ü r d ie P a t r i c i e r g l e i c h g ü l t i g ,
d a ih r e J u r is d ic tio n s ic h u n m ö g lic h w e ite r e r s tr e c k e n k o n n te
a ls a u f je n e a n d e n N u n d in e n v e rh a n d e lte n K la g e n w o
b e y d e P a r t h e y e n z u r G e m e i n d e g e h ö r t e n 89). D i e z w e y te *)
e r k l ä r t e , d a s s d ie P l e b e s b e f u g t s e y i n i h r e r a b g e s o n d e r ­
te n V e rs a m m lu n g ü b e r a lle G e g e n s tä n d e d e s g e m e in e n
W o h l s z u b e r a t h s c h l a g e n u n d z u b e s c h l i e s s e n 90) : n ä m l i c h

588) Livius erzählt auch im zweyten Jahr nur vom Wahl-


gesez: obgleich er, wie aus П. 60. in fin . erhellt, die Erhebung
der com itia tribu ta nicht ganz übersah. 89) r à ç ô t x a ç пар'
àXXrjXwv äXdfxßavov: [Th. 2.] Anm. 480. a) Schwegler
II. 555. A. 2. 90) Zonaras II. p. 26. b. èÇ eivat тф itÀn&ei
xal xaiï' éau rd eu viévat x al àveo èxetvùtv (тшѵ е д п а т р і о й ѵ )
ßouXeuec&at %al хрцрат К еіѵ тгаѵ#’ Zaa àv èüeXrjtrQ, Dionysius
IX. 43. p. 600. b. xal 7ta v r a r à âXXa 8<ra èy> тф ôrjfitp ярат -
тea&at те xal èmxupoô<r&ai d e y c s t, bizb гшѵ роХетшѵ
Ceotfa« x a T à таЬтб.
/I
— 198 — [b a n d п .]

a u f d e n A n t r a g d e r T r i b u n e n , n i c h t a u f d e n e in e s U n b e ­
a m t e t e n a u s i h r e r M itte . D a m it b e g a n n e in n e u e s L e b e n
i n d e r R e p u b l i k : a n d ie S te l l e d e r s t u m m e n , n u r z u A n ­
n a h m e o d e r V e r w e r f u n g b e r u f e n e n C e n t u r i e n , t r a t e n d ie 247
b e w e g te n T rib u s . E s m a g se y n d a s s d e r C o nsul e h e e r
d a s H e e r z u m A b s t i m m e n a u f d a s M a r s f e l d f ü h r t e , e in e
C o n c io b e r i e f u n d d e n A n t r a g e r k l ä r t e , a b e r s i c h e r d u r f te
d a n n n ie m a n d r e d e n d e m e r n ic h t d a s W o rt z u g e s ta n d :
u n d h ä t t e n s ic h a u c h h ie r ü b e r B e s s e r u n g e n e rla n g e n la s ­
s e n , s o w a r , s o l a n g e d ie V e r f e i n d u n g d e r S t ä n d e d a u e r te ,
Лсеіп G e s e z w o d u r c h e i n e K l a g e d e r P l e b e j e r a b g e s t e l l t
w ä r e z u h o f f e n , w e n n e s v o r h e r v o n d e r M e h r b e i t e in e s
n o c h g a n z p a tr ic is c h e n S e n a ts g e b illig t s e y n m u s s te : ja
e i n g e r e c h t e r u n d w o h lw o lle n d e r M a n n , d e rg le ic h e n u n te r
d e n P a t r i c i e r n n i c h t f e h l t e n , k o n n t e a ls C o n s u l n i c h t e in ­
m a l d e n A n tr a g d a r a u f im S e n a t m a c h e n , d a u n te r zw ey
C o l l e g e n d e r v e r w e h r e n d e e n t s c h i e d 491) ; u n d d e r E r n a n n t e
d e r C u rie n ih r e L e id e n s c h a fte n n o c h m e h r a ls ih r In te re s s e
v e rtra t.
N o c h w a r f r e i l i c h d e r B e s c h l u s s a) d e n d ie G e m e in d e
a l s d a n n f a s s t e n i c h t s w e i t e r a l s w ie e in e R e s o l u t i o n , w ie
s ie in E n g la n d v o n e in e r V e rs a m m lu n g g e n o m m e n u n d
a l s B i t t s c h r i f t a n d a s P a r l a m e n t g e b r a c h t w i r d : e in Z w e ig
d e r G e s e z g e b u n g w a r d d a s C o n c iliu m d e r P l e b e j e r e r s t s e it
d e m J a h r 2 9 8 , a ls d e r S e n a t g e g e n d e n T r ib u n Ic iliu s
d i e V e r p f l i c h t u n g a n e r k a n n t e e in s o l c h e s P l e b i s c i t in a u s ­
d rü c k lic h e E rw ä g u n g zu n e h m e n . B i s d a h i n k o n n t e es
u n b e a n t w o r te t b e s e itig t w e rd e n : a lle in n u r d ie le ic h ts in n ig ­
s t e n v e r m o c h te n s ic h d a r ü b e r z u tä u s c h e n d a s s je n e A n ­
e r k e n n u n g f r ü h e r o d e r s p ä t e r k o m m e n m u s s t e , u n d d ie
a l s g e s e z l i c h z u g e s t a n d e n e B e f u g n i s s d e r T r i b u n e n , w ie
b i s h e r ü b e r d ie A n g e l e g e n h e i t e n i h r e s S t a n d e s , so n u n ü b e r
d i e d e r g e s a m m t e n R e p u b l i k t ä g l i c h v o r a l l e m V o lk z u 248
r e d e n w a r u n t e r d e n d a m a l i g e n V e r h ä l t n i s s e n w e i t m e h r a ls
j e z t E i n r ä u m u n g d e r P r e s s f r e y h e i t i s t , D a s s d ie M a c h t h a ­
b e r w i d e r s t r e b t e n , w a r i h n e n n i c h t z u v e r d e n k e n ; a b e r d ie
A r t u n d d i e W u t h i h r e s W i d e r s t a n d s w a r e n s o v e r k e h r t w ie
s trä flic h .

*•*) Vetantiв maior potestas. a) Mommeen R. G. I. 282*


[ b a n d II.] — 199 —
A l l e r d i n g s w a r d ie e i n s e i t i g e E r k l ä r u n g j e n e r B e f u g ­
n is s n ic h t h in re ic h e n d u m d e r P le b e s ih r e A u sü b u n g z u
g e w ä h r e n : d a m it d ie s e r n ic h t a ls e in e r a u f r ü h r e r is c h e n
H a n d l u n g b e g e g n e t w e r d e , m u s s t e d ie W i l l k i i h r z u e i n e m
G e s e z e r h o b e n s e y n , w ie d ie R i c h t u n g a u f d e m h e i l i g e n
B e rg e g e fa s s t w a r. D ie s e s k o n n te d e r S e n a t u n lä u g b ä r
v e r w e i g e r n ; e r h a t t e n u r z u z u s e h e n w ie v ie l s i c h m i t W i d e r ­
s t a n d a u s r i c h t e n l a s s e : e s b r a c h t e e in e s c h l i m m e r e D e -
m ü th ig u n g w e n n e in a llz u h e f tig e r a u fg e g e b e n w e rd e n
m u s s te . D a s s n u n d ie n ä m l i c h e P a r t h e y w e l c h e v o r v i e r ­
z e h n J a h r e n a lle s m it S c h re c k e n d u rc h s e z e n k o n n te , je z t,
•da d o c h d ie M i n d e r n m i t i h r v e r e i n i g t w a r e n , d e r G e ­
m e i n d e n i c h t g e w a c h s e n w a r , i s t s e h r a u f f a l l e n d : d o c h d ie
U r s a c h e n d ü r f t e n w o h l z u e r r a t h e n s e y n : d ie L a t i n e r , b e ­
d r ä n g t v o n d e n ä u s s e re n F e in d e n , m o c h te n d e r H e rrs c h a ft
z u R o m k e i n e V ö l k e r s e n d e n k ö n n e n ; u n d i n d e m d ie M in ­
d e r n d a s U e b e r g e w ic h t in ' ih re m e ig e n e n S ta n d e a n s ic h
g e r is s e n h a t t e n m u s s te s ic h h in g e g e n u n te r d e n a lte n G e ­
s c h l e c h t e r n e in e O p p o s i t i o n w i d e r d ie H a r t e n b i l d e n , w e lc h e
d e r G e m e i n d e d ie H a n d r e i c h t e . O h n e d ie s e S p a l t u n g d e r
A r i s t o k r a t i e w ü r d e n d ie F r e y h e i t e n d e r G e m e i n d e im K e i m
v e r n ic h te t o d e r ih r S ie g b lu tig u n d z e r s tö r e n d g e w e s e n
seyn.
O f f e n b a r h a t t e n d ie H e r r s c h e r e i n B e w u s s t s e y n d e r
249 U n m ö g l i c h k e i t i h r g e s e z l i c h e s V e to g e l t e n d z u m a c h e n ;
a l l e i n a n s t a t t s i c h d e n U m s t ä n d e n z u f ü g e n w a r e n s ie v e r ­
b l e n d e t g e n u g e b e n d ie g e f ä h r l i c h s t e A r t d e s W i d e r s t a n d s
z u v e r s u c h e n : s ie d a c h t e n w i e d e r d ie F a s s u n g d e r W i l l -
k ü h r zu h in d e rn . D e s h a l b e r n a n n t e n s ie A p p i u s C la u d iu s
z u m C o n s u l : o d e r v i e l m e h r , w ie e s d e r l i v i a n i s c h e T r i b u n
s a g t , z u m B ü t t e l d e r P l e b e j e r 492) : z u m G l ü c k , v o r a l l e m
d e r U n te r d r ü c k e r , h a tte d ie fre y e W a h l d e r C e n tu rie n ih m

492) [Th. 2.] Anm. 424. Die Jahre der Consuln und Tri­
bunen entsprechen sich schon damals nicht: jedes Tribunat fiel
in zwey Consulate; und so hatte Lätorius seine Rogation schon
promulgirt ehe die Consuln für 233 ernannt wurden: welches,
wie schon bemerkt ist, die lezte Handlung der abgehéndèn war.
Z a welcher Zeit aber(> vor dem Decemvirat, die Tribunen ihr
Amt antraten, ist nicht zu ermitteln.
— 200 — [b a n d п .]

an T. Q u in c tiu s e in e n b eso n n en en und m ild e n C o lle g e n


geben können.
A m V o ra b e n d des e n ts c h e id e n d e n T a g s h a tte L ä to r iu s ,
e r m ü d e t v o n d e m G e r e d e , d ie G e m e in d e m it d e n W o rte n
e n tla s s e n : I c h w e is s n ic h t z u s c h w a z e n : a b e r m o rg e n
b r i n g e ic h d e n B e s c h lu s s d u rc h , o d e r ic h la s s e d a s L e b e n
h ie r v o r e u e rn A u g en . M it d e r F r ü h e v e rs a m m e lte n s ic h
b e y d e S t ä n d e w ie z u r S c h l a c h t . A l s n o c h e i n m a l h i n u n d
w i e d e r g e r e d e t w a r , u n d L ä t o r i u s d ie A b s t i m m u n g b e g i n n e n
l a s s e n s o l l t e , e r h o b s i c h e i n e r v o n j e n e n A u f t r i t t e n d ie
o b e n i m A l l g e m e i n e n g e s c h i l d e r t s i n d . D ie P a t r i c i e r , s e h r
z a h l r e i c h , u n d v o u i h r e n C lie n te n i n g r o s s e r M e n g e b e g l e i ­
t e t , h a t t e n s i c h , d ic h te H a u fe n b il d e n d , a u f d e m F o ru m
u n t e r d e n P l e b e j e r n v e r t h e i l t . S ie s p o t t e t e n d e r M a h n u n g
s i c h z u e n t f e r n e n , s c h l u g e n d ie F r o n b o t e n w e lc h e g e s a n d t
w u rd e n d ie W id e r s p e n s tig e n m it G e w a lt w e g z u f ü h r e n . 250
A p p i u s e r h o b s i c h v o ll Z o r n ü b e r d ie V e r m e s s e n h e i t d a s s
m a n d ie a n t a s t e d e n e n d e r T r ib u n n ic h t zu g e b ie te n h a b e :
e r s c h ic k te s e in e L ic to r e n u m d ie s e n z u e rg re ife n , L ä to r iu s
h i n w i e d e r d ie W e i b e l u m d e n C o n s u l z u v e r h a f t e n : d ie
G e m e i n d e s t a n d f ü r i h n a u f , d ie S t e c k e n b ü n d e l w u r d e n
e n t r i s s e n u n d z e r b r o c h e n ; d ie P a t r i c i e r e n t f l o h e n ; A p p i u s
w a r d v o n C o n s u l a r e n 493) s t r ä u b e n d i n d ie C u r ie g e f ü h r t-
T . Q u i n c t i u s b e s c h w o r d ie P l e b e j e r M a a s s i m S i e g z u h a l ­
t e n : s i e t h a t e n e s : d o c h z o g e n s ie a u f d a s C a p i t o l , u n d
b e s e z t e n e s b e w a f f n e t 94).
D a s i s t n i c h t z u b e z w e ife ln d a s s L ä to r iu s s e in e n
S c h w u r e r f ü l l t e , u n d d a s P l e b i s c i t b e s c h l o s s e n w a r e h e d ie
S o n n e u n t e r g i n g : w i r w o lle n e s D i o n y s i u s v e r z e i h e n d a s s
e r ,, щ і і s i c h d i e G e n e h m i g u n g d e s D e m u s f ü r d ie Z u s tim ­
m u n g d e s S e n a t s a u s d r ü c k l i c h g e m e l d e t f a n d , u n d e in d o p ­
p e l t e r B e s c h l u s s d e s V o lk s i h m g a n z w i d e r s i n n i g v o r k a m ,
s i c h b e r e d e t e , e s s e i Q u i n c t i u s g e l u n g e n d ie T r i b u n e n z u
v e r m ö g e n d ie S a c h e d em S e n a t z u f r ie d lic h e r B e e n d ig u n g
a n h e i m z u s t e l l e n 95) . H ie r i s t n ä m lic h d e r u n g lü c k lic h e

4&3) So Liviue: bey Dionyeius IX. 48. p. 604. c. vermitteln


die T tp ecß u ra T o i èx той cuvedpiou; beydes verbunden zeigt die
Decemprimi, und, wie' zumal 293, die weit friedlichere Stimmung
der älteren Geschlechter. 9*) Dionyeius a. a. 0. p. 604. d*
9ß) Ders. IX. 49. p. 604. c.
[b a n d п .] — 201 —

K r e i s i n d e n e r n ie t r e t e n k a n n o h n e d a s T J e b e r l i e f e r t e v e r ­
k e h r t z u s e h e n : g r a d e s o d e u k t e r s i c h a u c h d ie V e r d o p p e l u n g
d e r Z a h l d e r T r ib u n e n a u f V irg in iu s B itte v o m S e n a t b e ­
l i e b t , u n d d a n n v o m D e m u s b e s c h l o s s e n 496) : n u r e i n m a l ,
251 b e y d e m t e r e n t i l i s c h e n G e s e z , e r w ä h n t e r , v o n e i n e r g a n z
b e s t i m m t e n E r z ä h l u n g b e h e r r s c h t , d ie t r i b u n i c i s c h e B e h e ­
b u n g , w o ra u f S e n a ts c o n s u lt u n d V o lk s s c h lu s s g e g r ü n d e t
w o r d e n 97).
W a s s e i n e V e r w i r r u n g v o lle n d e te ^ w a r , d a s s d ie B e ­
r i c h t e ü b e r d ie O r d n u n g , w o r i n S e n a t u n d V o l k b e y e i n e m
G e s e z e i n t r a t e n ih m g a n z u n v e r e i n b a r l a u t e t e n . D a s r i c h ­
tig e d a r ü b e r is t, d a ss , a ls n o c h S e n a t u n d P o p u lu s a lle in
s t a n d e n , d i e s e r e b e n s o w e n i g a l s e in e g r i e c h i s c h e E k k l e s i a ,
w o d ie D e m o k r a t i e n i c h t a u f d a s A e u s s e r s t e g e s t e i g e r t w a r ,
a n d e r s a ls a u f e in e n A n tr a g d e s S e n a ts b e s c h lo s s e n k o n n te :
w ä h r e n d d ie P l e b s i h r e B e r a t h u n g e n s e l b s t ä n d i g i n s i c h
b e g a n n , w e lc h e i n d e s s v o r d e m h o r t e n s i s c h e n G e s e z o h n e
G e n e h m ig u n g d e r P a tr e s k e in e G eseze b ild e te n : a lle in in
d e r F o lg e t r a t a u c h in H in s ic h t ih r e r in m a n c h e n F ä lle n
V o r b e r a t h u n g d e s S e n a t s e i n ; z u e r s t w e n n s ie e i n g e l a d e n
w u rd e n C u rie n b e s c h lü s s e z u b e s tä tig e n , n a c h h e r in d em s ie
d ie S t e l l e d e s a l t e n P o p u l u s e in g e n o m m e n h a t t e n . W ie
d i e s e V e r ä n d e r u n g e n im L a u f d e r Z e it s i c h b e g e b e n h a ­
b e n , w i r d d ie G e s c h i c h t e d a r l e g e n 98) ; h i e r i s t d e r O r t z u
b e m e r k e n d a s s D i o n y s i u s e r s t n a c h d e m e r d a s z w e y te B u c h
g e s c h r i e b e n d ie r i c h t i g e A n s i c h t , d a s s d ie C u r i e n n u r ü b e r
S e n a ts b e s c h lü s s e a b z u s tim m e n h a tte n , g e f a s s t, u n d n u n
252 a l l é r d i n g s h ö c h s t b e s t i m m t a u s g e s p r o c h e n h a t 99) : a m A n ­
fa n g s e in e r A u s a r b e itu n g h a tte e r g ra d e u m g e k e h rt g e -
m e y n t , u r s p r ü n g l i c h w ä r e n d ie B e s c h l ü s s e d e s V o lk s i n
d e n C u r ie n v o r a n g e g a n g e n , d a n n z u r B e s t ä t i g u n g a n d e n

MS) Ders. X 30. p. 657. b. ^ 9?) Ders. X. 48. p. 673. a.


rd 7tepi (/. жара) rw v ôyfià p x w v doyßa Tzpoeßoökeuaav. Dann
Senatusconsult und Gesez, ö2. p. 676. d. 98) Da der Ort
dies zu tbun noch fern liegt, bemerke ich vorläufig dass in den
lezten Jahrhunderten der Republik ein Beschluss der Hoheits­
rechte betraf ganz unabhängig vom Senat war: hingegen kein
Plebiscit wa9 die Verwaltung anging anders als auf einen Senats­
beschluss gefasst werden konnte. Vgl. Livius XXXVIII. 36.
" ) [Th. 2.] Anm. 393.
— 202 — [b a n d xi.]

S e n a t g e b r a c h t ; d a s G e g e n t h e i l s e y N e u e r u n g 500). E r d a c h t e
s ic h R o m s V e r f a s s u n g b e g o n n e n m it e in e r k ö n ig lic h e n D e ­
m o k r a t i e , u n d d ie C u r ie n a l s d e m o k r a t i s c h ; A r i s t o k r a t i e
d u r c h d ie C e n tu rie n e in g e f ü h r t ; g a n z m it d e m n ä m lic h e n
Irrth u m w o n ach d ie V e r f a s s u n g d e r i t a l i ä n i s c h e n S t ä d t e
im e lf te n J a h r h u n d e r t a ls r e in d e m o k r a tis c h b e tr a c h te t
w i r d , w e i l n u r v o n d e n G e s c h l e c h t e r n d ie R e d e i s t u n d
d i e s e d e m A n s e h e n n a c h G le ic h e s i n d : e r t i b e r t r ä g t a u f
d ie K ö n i g e u n d d ie C u r ie n w a s v o n T r i b u n e n u n d d e r
P le b e s g ilt. W ie e r n u n a b e r n a c h h e r je n e E in s ic h t e r­
l a n g t h a t t e , s o e r d a c h t e e r , a ls d e n e i g e n t l i c h e n A n s t o s s
b e y d e n R o g a t i o n e n d e r T r i b u n e n , d a s s d ie s e s ic h a n g e -
m a a s s t h ä t t e n s ie o h n e V o r b e r a th u n g d e s S e n a ts a n d a s
V o l k z u b r i n g e n : o f tm a ls s e y g e g e n d ie S a c h e n i c h t s e i n ­
z u w en d en g e w e s e n , n u r h ä tte d a r a u f g e h a l te n w e rd e n
m ü s s e n d a s s j e n e s i c h i n d ie g e s e z m ä s s i g e F o r m b e q u e m -
t e n ; w e lc h e s d e n n a u c h d e r F e s tig k e it d e r V ä te r m it L ä ­
to r iu s u n d V irg in iu s g e lu n g e n sey .
I n s o lc h e n I r r th ü m e r n v e r s tr ic k t, k o n n te e r in dem
D e m u s a n d e s s e n B e s tä tig u n g d a s S e n a tu s c o n s u lt g in g ,
w ie b e i d e n U s u r p a tio n e n d e r W a h l s e it 2 6 9 , n ic h ts a n - 26»
d e r s a l s d ie C e n t u r i e n s e h e n a) ; u n d i n d e r T h a t n e n n t
e r d i e s e a u s d r ü c k l i c h a ls d ie V e r s a m m l u n g w e l c h e d a s i c i ­
lis c h e G e se z a n g e n o m m e n h a b e . A lle in e r s e lb s t re ic h t
u n s d i e M i t t e l d e n I r r t h u m z u ü b e r f ü h r e n , in d e m e r h i n -
z u s e z t , e s w ä r e n d ie s e C o m itie n v o r d e n P o n t i f i c e s , A u ­
g u r e s , u n d z w e y F l a m i n e s g e h a l t e n 1) : e s w a r a b e r d ie
G e g e n w a r t j e n e r P r i e s t e r b e y d e n e n d e r C u r ie n w e s e n tlic h
u n d u n e n t b e h r l i c h 2) ; m i t d e n C e n t u r i e n h a t t e n d ie P o n ti -

ЙОО) Dionysius II. 14. p. 87. d. 0 r t ra tg n k sto a i â â Ç e is

Ф р а т р а ід (über Wahlen, Geseze, Krieg) т ойт о è n l r ijv ß o u X vv

й ѵ е < р ір е т о . ip ’ fjp x b v â è р е т а х е іт а с тЬ М о д . o b y à p fj ßouATj

d ta y tv tb a x e i т а ( p r jip tc r & é v T a Ь п Ь т ой ä r jfio u , т ш ѵ u n d Trjg ß o u l r j g


y v w a ÿ é v T w v ô ôrjfiôg è c r t xupiog. <*) Schwegler IL 560.
i) Ders. X. 32. p. 659. b. îe p o < p a v т & ѵ т е т сар бѵт ш ѵ x a l

o lü ) v o < r x o 7 r w v , x a l le p o n o iîu v âu ocv (Th. I. S. 336.), x a l n o t r j a a -


fjié v m v r à ç v o p .tp .o u g e t y a g т е x a l à p d g . 2) Das Concilium
der Curien ward gehalten т ш ѵ le p & v ( l. le p o t p a v t w v ) x a l o lc v v o -

o x ô n a tv іт с ѵ & е а п іа а ѵ т ш ѵ : IX. 4L p» 598. b. Gellius V. 19.


C o m it ia a r b it r is p o n t ific ib u s . p ra e b e n tu r q u a e c u r ia t a a p p e lla n t u r :
[ b a n d II.] — 203 —
fic e s s o w e n i g z u s c h a f f e n a l s d ie F l a m i n e s . G e f e h l t k ö n n e n
d i e C u r ie n e b e n b e y j e n e m G e s e z n i c h t h a b e n , d a e s u n t e r
d e n b e s c h w o r n e n V e r t r ä g e n d e r S t ä n d e g e n a n n t w i r d : a ls o
w ü r d e n s ie b e s t ä t i g e n d f ü r d e n B e s c h l u s s d e r C e n t u r i e n
z u g e t r e te n s e y n , w e lc h e s a u c h , b is d e r D ic ta to r P u b liliu s
s ie b e s e itig te , b e i je d e m C e n tu rie n g e s e z g e s c h e h e n m u s s te .
D a r n a c h a b e r w ä r e d ie E i n m i s c h u n g d e r C e n t u r i e n d ie u n -
n ö th ig s te A u fh ä u fu n g v o n W e itlä u f ig k e ite n g e w e s e n , in ­
d e m d ie S u f f r a g i a i n d e n C u r i e n , p l e b e j i s c h e B i t t e r u n d
G e m e in e in d e n T r ib u s s tim m te n . G esez w a r w a s d e r
P o p u l u s b e s c h l o s s e n h a t t e 503) : d ie d a m a l i g e n M a c h t h a b e r
k o n n te n a u f n ic h ts w e n ig e r W e r th le g e n a ls d a r a u f , d e n
C o m itia t d e r C e n t u r i e n i n A n s e h e n z u e r h a l t e n .
354 M i t m e h r S c h e i n m ö c h t e s i c h d ie M e y n u n g d a r s t e l l e n a)
d a s s , m i t A u s n a h m e e i n e s e i g e n t ü m l i c h e n F a l l s w ie d a s
ic ilis c h e G esez, D io n y s iu s d a s V e rh ä ltn is s d e s S e n a ts u n d
D e m u s s i c h n u r u m g e s t e l l t g e d a c h t h a b e , u n d e s f ü r d ie
B e s tä tig u n g e in e s d a z u g e e ig n e te n P le b is c its a u f d e n S e n a t
a lle in a n g e k o m m e n , n u r d ie s e r u n te r d e n P a tr e s z u v e r ­
s t e h e n s e y , d e r e n V e to d e r D i c t a t o r P u b l i l i u s u n d d a s m a ­
n is c h e G e se z in e in e n le e r e n S c h e in v e rw a n d e lte n . U n-
l ä u g b a r h a t L iv iu s s ic h d ie s so g e d a c h t- a ls e r, o h n e e in ig e
B e k a n n ts c h a f t m it d e r S p r a c h e d e s a lte n S ta a ts r e c h ts , s e in e
G e s c h i c h t e z u s c h r e i b e n b e g a n n 4) : w ie i h n a b e r d a m a ls
d e r tä g lic h e .R e d e b r a u c h s e in e r Z e it b e h e r r s c h te , w e lc h e r
d ie P a t r i c i e r , a n d e r e n D a s e y n m a n s e h r s e l t e n e r i n n e r t
w a rd , n ie m a ls m e h r P a tr e s n a n n te , s o n d e r n n u r d e n S e n a t;

die von denen er hier redet waren Schattenbilder, aber doch


Bilder der alten.
603] L e x e s t q u o d p o p u l u s s u p r e m u m i u s s e r i l a ) Schweg­

ler II. 153. 4) In der Erzählung von Numas Wahl I. 17.


Die Patres sind hundert, diese beschlossen u t , c u m p o p u l u s
re g e m iu s s is s e t , id s ic ra tu m esset s i P a tr e s a u cto res fie r e n t .

H o d ie q u e — u s u r p a tu r id e m iu s t v i a d e m ta : — in in c e r tu m co -

m itio r u m e ven tu m P a tr e s a u c to re s Hingegen scheint kein.


fiu n t .

Grund zu seyn anzunehmen dass Cicero unter den Patres als


c o m i t i o r u m ' r e p r e h e n s o r e s — P l a n e . 3. (8.)* a u c t o r e s — de re p .
II. 32. nicht die Patricier verstanden habe, obgleich er in den
l e g e s den Senat so nennt. In der zweyten Stelle wird vielmehr
das Bestätigungsrecht, als entscheidend a d o b t i n e n d a m p o t e n d a m
n o b i l i u m , neben die Gewalt des Senate gestellt.
— 204 — [baw d I I .]

— s o n a h m e r n a c h h e r , d a e r d ie A n n a l i s t e n i m F o r t ­
s c h r e it e n d e r A r b e it v o r s ic h h a b e n m u s s te , u n d k e n n e n
le r n te , d e n ih r ig e n a n ; s e z t u n z w e y d e u tig d a s W o r t P a tr e s
f ü r d e n p a t r i c i s c h e n S t a n d 505) , j a u n t e r s c h e i d e t a u s d r ü c k ­
l ic h d ie P a t r e s a ls R a t h u n d B u r g e r v o m S e n a t, d e r ih n e n '
e i n e n B e s c h l u s s z u s e n d e t 6) : w ie e r a u c h a n s t a t t d e r P a - 20&
t r e s d e n P o p u l u s n e n n t 7). H i e h e r g e h ö r t a u c h d ie B e ­
s t ä t i g u n g v o n N u m a s W a h l d u r c h d ie P a t r i c i e r b e y D io ­
n y s i u s 8) , w e i l e r d ie C u r ie n a u c h h i e r a u s d r ü c k l i c h f ü r
d i e P l e b s a n s i e h t , j e n e W a h l f ü r e in P l e b i s c i t . Ic h habe
s c h o n b e m e r k t d a s s d ie Z u s t i m m u n g d e r C u r ie n f r e y l i c h ,
d e r R e g e l n a c h , n u r e in e b lo s s e F ö r m lic h k e it s e y n k o n n te ,
so l a n g e d ie S e n a to re n A u s s c h ü s s e je n e r w a re n , — u m so
w e n ig e r w ir d s ie a b e r , h ö c h s t d rin g e n d e F ä lle a u s g e n o m ­
m e n , w ie s ie s ic h v o rz ü g lic h b e y V e r le ih u n g d e r D ic ta tu r
e r e ig n e te n , u n te rla s s e n , s o n d e rn d em a lte n R e c h t g e n ü g t
s e y n , w o n a c h b e y G e s e z g e b u n g , W a h le n , K rie g u n d F r ie d e n
v o m g e s a m m te n P o p u lu s e n ts c h ie d e n w a rd . N a c h h e r , a ls
d e r S e n a t g e m i s c h t w a r , w a r d e s a n d e r s ; d e r L e b e n s t r i e b , 25©
w e lc h e r V e r f a s s u n g e n s tills c h w e ig e n d d em B e d ü rfn is s d e r

505) Nur einige schlagende Beyspiele: I I . 42. uno animo


P a tr e s ac p leb es — Volscos et Aequos pu gn a vicere. ibid. 45.
Om nium illo d i e , qua P atru m qua p leb is, exim ia virtu e fu it.
I V . 1. connubium P a tru m ac plebis. VI. extr. u t duoviros aedi -
les e P a trib u 8 rog aret D ictator. 6) I V . 8 . m entio illata ab
JSenatu est: — P a tr e s rem la eti a ccep ere , et trib u n i haud sane
teten dere. Ueber diese Stelle schleichen alle hinweg ausser Pig-
hius und Drakenborch, welche den vermeynten Widersinn mit
leichtfeitigen Aenderungen angreifen. Livius redet von einem Be­
schluss des Senats und der Curien, dem die Gemeinde beytritt.
7) I V , 51. a plebe, consensu populi , consulibus negotium
m a n d a tu r. — Bey Ampelius, c. 48. werden so die pa tre s statt
des p o p u lu s genannt: comitia d icu n tu r — quod p a tre s et classe»
a d s u f r a g i a vo ca n tu ry creandorum m agistratuum vel sacerdotum
ca u sa : worauf es heisst: si translatitium sit et solitum (eine For­
malität) de quo p o p u lu s, curiatis tran sigitu r ; si am plius tributis.
Dieses und die beyden folgenden Kapitel sind aus -einem Buch
übertragen welches geschrieben ist als Rom noch unter den Con­
suln, und Massilia in seiner eigentümlichen aristokratischen Ver­
fassung frey war. 8) Dionysius IL 60. p. 121. e. гшу 7га-
тptxcwv ÏTZtxupwadvrajv r à âéÇ avra rai к Ц $ еі.
{ b a n d II.] — 205 —

E r h a l t u n g a n e i g n e t , v e r m e h r t e d e n E i n f l u s s d e s S e n a ts
a u f d ie P l e b i s c i t e ; u n d d a s B e s t r e b e n d e r T r i b u n e n d ie
S e n a t o r e n a n f s o l c h e d ie s i e m i s b i l l i g e n m u s s t e n z u v e r ­
e id e n , i s t e in A n e r k e n n t n i s s d e s E e c h t s d e r P a t r e s c o n -
s c r i p t i a n s t a t t d e r P a t r e s a l t e r Z e i t e n e in Y e to e i n z u l e g e n ;
s o w i e d e r B e s c h l u s s w o d u r c h d ie G e s e z e d e s M . D r u s u s
a b g e s c h a f f t w u r d e n a u f d ie s e m n ä m l i c h e n E e c h t b e r u h t .
A u c h d i e s m a l e n t s c h i e d d e r S e n a t. D e r A b g r u n d l a g
o ff e n , u n d d ie h a l s s t a r r i g s t e n w a r e n e r s c h r o c k e n : s t i l l s c h w e i ­
g e n d w a r d d ie R o g a t i o n a l s G e s e z g e n e h m i g t 509). L e ic h t­
s in n ig e m o c h te n s ic h tä u s c h e n , u n te r g ü n s tig e n U m s tä n d e n
w e r d e s i c h a u c h d ie s z u r ü c k n e h m e n l a s s e n : E i n s i c h t i g e
e r k a n n te n d a s s m e h r a u fg e g e b e n w e rd e a ls a u f d e m h e ili­
g e n B e r g e 10) : d ie F o l g e n u n d E n t w i c k l u n g e n , v ö l l i g e T h e i l ­
n a h m e d e r G e m e i n d e a n d e r g e s e z g e b e n d e n G e w a lt, w ü r d e n
s ic h n ic h t a b w e h r e n la s s e n . W a s e in g e f ü h r t w a rd , k o n n te
k e in b le ib e n d e r Z u s ta n d w e rd e n : R u h e la g f e r n ; a b e r
L e b e n u n d A u s b ild u n g w a re n e rw a c h t. V o n d e n M ä n n e rn
d e n e n d ie R e p u b l i k , n i c h t i h r S t a n d a l l e i n , d ie W o h l t h a t
v e r d a n k t e , i s t w e i t e r d ie R e d e n i c h t : k e i n A m t w o d u r c h
i h r N a m e h ä t t e i n d e r G e s c h i c h t e V o rk o m m e n k ö n n e n w a r
ih n e n z u g ä n g lic h .
A p p iu s v e r w a r f d e n F r ie d e n . V o ll t i e f e r V e r a c h t u n g
f ü r d ie w e lc h e i h n a u f g e f o r d e r t h a t t e n d e m H a s s f ü r d e n
g a n z e n S ta n d z u tr o z e n , u n d d a n n fe ig h e rz ig v e rlie s s e n ,
3*7 g l ü h t e e r v o n V e r l a n g e n s i c h a n d e n G e r i n g g e s c h ä z t e n z u
r ä c h e n , d ie i h n g e d e m ü t l i i g t h a t t e n . W a r d a s g e s e h e n , so
w a r e s i h m r e c h t u m z u k o m m e n , s e l b s t im A u f r u h r : d a s
L e b e n w a r i h m g e s c h ä n d e t , u n d d ie T r ö s t u n g e n d e r T h o r e n
e r h ö h te n s e in e E r b itte r u n g .
E s m ü s s e n d ie B u n d e s g e n o s s e n d a m a ls d r i n g e n d e M a h ­
n u n g e n e rla s s e n h a b e n u m H ü lfe g e g e n V o ls k e r u n d A e q u e r ;
w ä r e n i c h t d ie r ö m i s c h e T r e u e v e r p f l i c h t e t g e w e s e n , n i m ­
m e r m e h r h ä t t e n d ie T r i b u n e n z u g e g e b e n d a s s A p p i u s e i n
H e e r a u s h e b e u n d b e f e h l i g e : w e r k o n n t e z w e if e l n d a s s e r
w ü t h e n w e r d e ? ^ U e b e r d ie s w a r e r n i c h t n u r a u f g e d r u n g e n
d u r c h d ie C u r i e n : d ie P l e b e j e r i n d e n C e n t u r i e n h a t t e n

509) le x s ile n t io p e r fe r t u r : Livius. 10) g r a v io r e t a e c ip i

le g e s q u a m in s a c ro m o n te a c c e p ta e e in t . ders.
— 206 — [b a n d п . ]

s i c h g e w e i g e r t i h n a n z u e r k e n n e n 611). I h m a h e r l a g n i c h t s
d a r a n d a s im m e r w e ite re V o r d r in g e n d e r F e in d e a u fz u h a lte n ,
n i c h t s a m T r iu m p h . E in g r ä s s lic h e r W e t t s t r e i t e rh o b s ic h :
d e s C o n s u ls S i n n w a r n u r d a r a u f g e s t e l l t w ie e r d ie F u s s -
k n e c h t e d u r c h u n le id lic h e G e b o te u n d w illk ü h r lic h e B e ­
s c h w e r d e n z u r V e r z w e i f l u n g t r e i b e n k ö n n e : d ie S o ld a te n
s a n n e n , w i e s i e i h n f ü h l e n l i e s s эп d a s s a l l e s e i n e W ü t h e r e y
s ie n i c h t z u b e u g e n v e r m ö g e ; tö d te n u n d f o lte r n k ö n n e e r:
e r s e y d o c h i h r S p o tt.
S o l a u t e t e , a ls es z u r S c h la c h t k o m m e n s o llte , d a s
G e r ü c h t s e h r g la u b lic h , s ie s e y e n v e r r a t h e n : e in v e rs ta n d e n
m i t d e m F e i n d , h a b e d e r C o n s u l d ie C o h o r te n s o a u f g e ­
s t e l l t d a s s k e i n M a n n e n t k o m m e n s o lle 12). D ie R e i h e n
l ö s s t e n s i c h a u f , a l l e s f lo h d e m L a g e r z u , w o h i n d ie V o l­
s k e r v e r f o l g t e n , a b e r d e n W a l l n i c h t a n g r i f f e n , a ls o d a s s 2ß&
M u s s e w a r d a s H e e r z u r V e rs a m m lu n g zu fo rd e rn . D o rt­
h i n m u s s t e n d ie S o l d a t e n u n b e w a f f n e t k o m m e n ; u n d s ie
e r w a r t e t e n e s s e y d ie A b s i c h t s ie d a n n , w ie e s v o n T u l lu s
H o s t i l i u s u n d d e n A l b a n e r n e r z ä h l t w a r d 13) , v o n B e w a ff­
n e te n u m r i n g e n z u la s s e n ; a b e r z u e in e m v ie l b lu tig e re n
G e ric h t. A p p i u s h a t t e d a z u d ie B u n d e s g e n o s s e n , w e lc h e
s i c h e r a lle m a l b e re it, ja s c h a d e n fro h , d e r H e r r s c h a f t s ta rk e
H a n d l i e h e n , u n d d ie p a t r i c i s c h e n R i t t e r : o h n e s o lc h e
M a c h t h ä t t e k e i n R a s e n d e r e i n e V e r f o l g u n g v e r s u c h t w ie
e r s i e t r i e b : H e i l i g e , d ie s i c h d e s E i d s w e g e n o h n e S t r ä u b e n
z u r S c h l a c h t b a n k h ä t t e n f ü h r e n l a s s e n , w a r e n d ie L a n z -
k n e c h te a u c h n ic h t. S ie w e i g e r t e n s i c h a ls o d ie W a f fe n
a b 2u l e g e n ; d i e B e f e h l s h a b e r w u s s t e n d a s s d a s e r s t e b e l e i ­
d i g e n d e W o r t a u s d e m M u n d e d e s T y r a n n e n d ie s e g e g e n
i h n w e n d e n w ü r d e , u n d e n d l i c h b e w o g e n s ie i h n d ie C o n cio
a b s a g e n z u la s s e n . D a fü r e r g in g d e r B e f e h l m it d e r e rs te n
F r ü h e z u m R ü c k z u g a u f z u b r e c h e n . A l s a b e r , a n s t a t t d ie s e n
s c h w e ig e n d a n z u tr e te n , z u m M a r s c h g e b la s e n w a rd , e rw a c h te
n e u e r V e r d a c h t, e s w e rd e d e n V o ls k e r n e in Z e ic h e n g e -

Ы1) [Th. 2.] Anm. 426. l2) Ueber solchen Verrath


s. oben S. 230. und weiter unten die Sage топ L. Sicçius. —
Ob Erklärungen des Geschehenen, wie diese und die bald! nach­
her gegebene, einem alten Erzähler oder uns in den Sinn kommen
ist gleichgültig. *3) Und Scipio der Grosse es nach der Em­
pörung am Suoro that.
[baud п .] — 20Ï —

g e b e n d ie S t r a s s e e i n z u n e h m e n u n d i n d i e f o r t z i e h e n d e
C o lo n n e z u f a l l e n : d a n u n d i e N a c h h u t s i c h w i r k l i c h a n ­
g e g r i f f e n f a n d , e r g r i f f e in p a n i s c h e r S c h r e c k e n d a s g a n z e
F u ssv o lk . W a f f e n u n d F a h n e n w u r d e n w e g g e w o r f e n , d ie
F lie h e n d e n tr a te n ih re V o rd e rm ä n n e r n ie d e r; e r s t a u f r ö ­
m i s c h e m B o d e n s a m m e l t e n s i c h d i e , so d e n V e r f o l g e n d e n
e n t k o m m e n w a r e n . H i e r h i e l t d e r C o n s u l e in G e r i c h t , d e s s e n
259 V o l l s t r e c k u n g j e n e f r e m d e H ü l f e , d ie W a f f e n l o s i g k e i t d e r
S c h u l d i g e n , a u c h w o h l i h r B e w u s s t s e y n d ie M a j e s t ä t d e r
R e p u b lik v e rle z t z u h a b e n , m ö g lic h m a c h te n . D ie H a u p t ­
le u te u n d d e re n V e r tr e te r , so v ie le n ic h t b e y ih r e n F a h n e n
g e b lie b e n w a re n , u n d v o n d e n G e m e in e n d e r z e h n te M an n ,
w u rd e n u m g e b ra c h t.
W a s A p p i u s v o r a u s s e h e n m u s s t e a l s e r s i c h a n 'd e m
S c h a u s p ie l le z te , g e s c h a h : a ls d a s J a h r u m w a r , (2 8 4 ),
k l a g t e n i h n d ie T r i b u n e n v o r d e r G e m e i n d e a u f d e n T o d
an. U m s o n s t ‘h a t t e n d ie P a t r i c i e r L . V a l e r i u s , e i n e n v o n
C a s s iu s R i c h t e r n , z u m C o n s u la t e r h o b e n ; e r w a g t e n i c h t s
fü r d e n S c h u ld ig e n : B e g n a d ig u n g h ä tte n a c h s o lc h e r T h a t
k e i n e D e m u t h e r l a n g e n k ö n n e n , u n d f ü r d e n S to l z e n w ä r e
d a s s c h n ö d e L e b e n , a ls G e s c h e n k d a rg e b o te n , e in E k e l g e ­
w esen . E r s c h a l t u n d v e r h ö h n t e d ie T r i b u n e n , d i e V e r ­
s a m m l u n g f ü r c h t e t e i h n w ie i n d e n T a g e n s e i n e r M a c h t :
d ie v o n s e in e r F a c tio n z itte r te n fü r s ic h s e lb s t. E s w ar
n i c h t d e r W ille s e in e r A n k lä g e r d a s s d a s L e b e n d e s s e n
d e n G o tt g e z e ic h n e t h a tt e d e m H e n k e r v e rfa lle n s e y n s o lle :
s ie v e rs c h o b e n d e n G e r ic h ts ta g d a m it e r s e in H a u s b e ­
s te lle n , u n d s ic h d e r H in r ic h tu n g e n tz ie h e n m ö g e . D ie R e ­
lig io n d e r R ö m e r v e rd a m m te d e n S e lb s tm ö rd e r, u n d v e rs a g te
i h m e h r l i c h e s B e g r ä b n i s s u n d T o d t e n f e y e r 614) : d a h e r g e ­
s t a n d e n w e n i g s t e n s d ie N a c h k o m m e n n i c h t d a s s A p p i u s
f r e y w i l l i g s e i n L e b e n g e e n d i g t h a b e , w e lc h e s d ie G r i e c h e n
n a c h i h r e r S i t t e g a r n i c h t i n Z w e if e l z o g e n 16) : h a t i h n
n i c h t w ü r k l i c h e in e r w ü n s c h t e s S c h i c k s a l b e f r e y t , s o h a t
260 d ie r a s c h e T h a t v e r b o r g e n w e r d e n k ö n n e n , d a s e i n e L e ic h e

б*4) Festus im Ausz. 8. v . ca m ificis loco, und Scaligere Anm.


— Der Selbstmörder ward unehrlich geachtet, gleich dem Büttel.
iß) Dionysius IX. 54. p. 610. c. Zonaras П. p. 26. b.
Lirius aber sagt, morbo m oritur .
— 208 — [b a n d ir.]

m it d e n h e rk ö m m lic h e n E h r e n b e s ta tte t w a r d , oh n e d ass


d ie G e d â c h t n i s s r e d é g e h in d e rt* w ä r e .
I n d e m s e l b e n J a h r e m p f a h l d e r C o n s u l T i b . A e m iliu s
i m S e n a t v e r g e b e n s d ie V o l l z i e h u n g d e s A c k e r g e s e z e s 5^ ) ;
e b e n s o f r u c h t l o s f o r d e r t e n d ie T r i b u n e n s ie i m f o lg e n d e n ,
2 8 5 . E in e n s c h w e re n A u s b r u c h d e r E r b itte r u n g h in d e rte n
d i e K r i e g s l ä u f t e : s ie m ü s s t e a b e r b i s z u r ä u s s e r s t e n V e r ­
b l e n d u n g g e s t i e g e n s e y n , w e n n e s G r u n d h ä t t e d a s s d ie
P l e b e j e r a n d e r C o n s u l w a h l f ü r 2.86 T h e i l z u n e h m e n s ic h
g e w e i g e r t , d a h e r d ie P a t r i c i e r d u r c h i h r e C l i e n t e n z u d e r
S te lle e r n a n n t h ä tte n d e re n V e rle ih u n g d e n C e n tu rie n fre y ­
s t a n d . B e n n d ie s , o d e r d a s s d ie P a t r i c i e r s i c h w i e d e r d ie
E r n e n n u n g a u c h d e r z w e y t e n S t e l l e a n g e m a a s s t h ä t t e n , is t
d e r S i n n v o n L i v i u s B e r i c h t 17) : d o m d o c h w a h r s c h e i n l i c h
n u r d ie E r w ä h n u n g zu m G ru n d e lie g t d a ss d e r v o n den
C u rie n e r n a n n te C o n su l a u c h d ie s e s m a l e in e S c h e in b e s tä ti­
g u n g d u r c h d ie C l i e n t e n e r h a l t e n h a b e , w e il d ie P l e b e j e r
s i e v e r w e i g e r t h ä t t e n 18) : s o n s t w ü r d e n s i c h d ie s e a u s ü b le r
L a u n e s e lb s t g e z ü c h tig t h a b e n . E i n ^ g l ä n z e n d e r F e ld z u g ,
d i e T J e b e r g a b e v o n A n t i u m , s t i m m t e d ie G e m ü t h e r v e r s ö h n ­
l i c h e r : T i b - A e m i l i u s , f ü r 2 8 7 w i e d e r e r w ä h l t , m a h n t e w ie - m
d e r h o l f u m d a s c a s s is c h e G e se z , u n d v ie lle ic h t n ic h t f r u c h t­
lo s . Z w a r d ie C o lo n ie n a c h A n t i u m h a l f d e n K l a g e n d e r
G e m e in d e n i c h t a b : v ie lm e h r k o n n te n s ie n u r n o c h m e h r
d u r c h e i n e M a a s r e g o l g e r e i z t w e r d e n w e l c h e n u r f ü r d ie
B ü r g e r s c h a f t s o r g t e ; d e n n o b w o h l d ie d r e y h u n d e r t G e ­
s c h l e c h t e r n i c h t m e h r v o l l z ä h l i g w a r e n , so d a s s , w ie u r ­
s p r ü n g l i c h , v o n j e d e m e i n M a n n in d ie C o lo n ie g e z o g e n
w ä r e , s o s i n d d o c h g e w i s s n o c h z e h n a u s j e d e r C u rie , u n d
n ie m a n d w e r s ic h n ic h t in e in e r b e fa n d , n a c h A n tiu m g e ­
s a n d t 19) ; u n d d ie C o lo n ie s c h ü z t e u n z w e i f e l h a f t e in v o n

616) Vgl. Livius III. 1. mit Dionysius lang ausgesponnener


Erzählung IX. 51. p. 60G. o. ff. wo dio Einmischung des Colle­
gen L. Valerius freylich wenig Glauben finden kann.
17] P e r P a ir e s clieniesque P a tru m com ules créatif Livius II. 64.
Aber der eine von den ernannten Consuln ist T. Quinctius, der
populäre- vom Jahr 283: und Dionysius, bey dem Ereignisse
dieser Art, obwohl nach seiner Ansicht aufgefasst, nie fehlen,
bemerkt gar nichts bey dieser Wahl. 18) [Th, 2.] Anm. 426.
19) Th. II. S. 55. Anm. 94.
[ b a n d II.] — 209 —
P a t r i c i e r n i n B e s i z g e n o m m e n e s G e m e i n la n d . A uch 312
f o r d e r t e n d ie T r i b u n e n n a c h d e r G r ü n d u n g d e r C o lo n ie
A r d e a e in e A c k e r t h e i l u n g . A h e r d a ss w ä h re n d d e r fü u f
u n d z w a n z ig J a h r e , w e lc h e d a m a ls s e it A e m iliu s z w e y te m
C o n s u l a t v e r f lo s s e n w a r e n , d i e a g r a r i s c h e n F o r d e r u n g e n v e r ­
s t u m m t s i n d 520), w e l c h e s e i t C a s s iu s T o d e , d ie Z e i t d e r v e -
je n tis c h e n K r ie g s n o th a u s g e n o m m e n , J a h r fü r J a h r s ic h
e r n e u e r t h a t t e n , k a n n , w o f e r n n i c h t d ie h a l d h e r n a c h e i n ­
g e b ro c h e n e U n g lü c k s z e it d a s F e l d , u m w e lc h e s b e y d e
S tä n d e s t r itt e n , d e r R e p u b lik v ö llig e n tris s e n h a t, n u r d a ­
d u r c h e r k l ä r t w e r d e n d a s s j e n e r C o n s u l, z w a r n i c h t d ie
re d lic h e A u s f ü h r u n g d e s G e s e z e s , a b e r d o c h ir g e n d e in
le i d l i c h e s A b k o m m e n f ü r d ie G e m e i n d e e r l a n g t h ä t t e .
A u c h D io h a t t e i n d i e s e m Z e i t r a u m d ie a n n a l i s t i s c h e
O r d n u n g v e r la s s e n , u n d d ie in n e r e n B e w e g u n g e n n o c h
262 m e h r e r e r J a h r e z u s a m m e n g e f a s s t ; d a h e r w ü r d e e s , w e n n
a u c h s e in B e r ic h t v o lls tä n d ig e r h a lte n w ä re , n ic h t g e w is s
s e y n d a s s e r b e s t i m m t d e r M e y n u n g g e w e s e n , d ie B e f u g ­
n i s s s i c h ü b e r e i n e d u r c h d ie C o n s u ln a u s g e s p r o c h e n e
M u l t a a n d ie B ü r g e r s c h a f t z u b e r u f e n s e y g l e i c h z e i t i g m i t
d e n p u b l i l i s c h e n G e s e z e n v e r f ü g t w o r d e n 21). U n z w e i f e l h a f t
a b e r i s t e s d a s s e r d ie s e s R e c h t a u f d ie P le b e je r b e z o g ;
i r r i g : d e n n d ie s e k o n n te n g e w is s v o n d e m P o p u lu s a ls
S ta n d k e in e n G lim p f u n d S c h u z e r w a r te n ; u n d d e r e rs te
S c h r i t t u m s ie g e g e n M i s b r a u c h d e r h o h e n o b r i g k e i t l i c h e n
G e w a lt z u s c h ü z e n m u s s te s e y n d e n B r ä c h te n M a a s s u n d
Z i e l z u s e z e n , w e l c h e s e r s t d u r c h d ie C o n s u ln T a r p e i u s u n d
A te rn iu s g e sc h a h . F ü r d ie P a t r i c i e r b e s t a n d d a s s c h o n

620) Bey Livius durchaus: und wenn bey Dionysius ein ein­
ziges Mal, 299. (X. 35- p. 662. a.) neben den Rogationen über
die Gesezreform auch das agrarische Gesez wieder vorkommt, so
darf das nur für einen Zusaz gelten, womit er oder ein Annalist
vor ihm versäumtes zu ergänzen glaubten. 21) Zonaras II.
p. 26* c. xäv reg èn 7 аітса rcvt Tzaoà тшѵ атратуушѵ n pogrt-
fiw&fj, MxxXvjTov ётгі ro u ro ig rùv ovjfxov dtxaÇeiv Mrai; av. Die
ebendaselbst erwähnte Vermehrung der Zahl der Tribunen ist
wohl nicht die Verdoppelung, sondern die von zwey auf fünf,
welche nach Pisos Meynung Folge des publilischen Gesezes ge­
wesen wäre: Livius II. 58. Bestimmt nahm Dio erst spätere
Vergrösserung der anfänglichen Zahl eines Paarä an ; Zonaras II.
p. 22. g.
X iebuhr, Röm. Gesch. 14
— 210 — [b à n d и ,]

s e i t P u b l i c o l a s Z e i t e n 622) : a l s o i s t d i e s e n d a m a l s a ls V o r ­
r e c h t d ie s e lb e G e w ä h r w id e r u n b illig e G e ld s tr a f e n e r th e ilt
w o rd e n w e lc h e g e g e n L e ib e s s tr a f e n b e y d e n S tä n d e n in
d e r S ta d t, d e m e r s te n w o h l a u c h s c h o n im F e ld e , g e g e b e n
w a r , o b w o h l d e n P le b e je rn s c h le c h t g e h a lte n w a rd . D io
v e r g a s s d a s s d a s V o lk , a ls e s k e in e n p r iv i le g ir te n S ta n d
m e h r g a b , v o n d e m h o r t e n s i s c h e n G e s e z a n , d ie G e w a lt
d e r R e g i e r u n g f o r t s c h r e i t e n d m i n d e r t e , u n d d a s s d ie P a t r i ­
c i e r f ü r s i c h d ie n ä m l i c h e n U r s a c h e n h a t t e n d a r n a c h z u
s t r e b e n a l s s i e s e l b s t n o c h ü b e r i h r e V o r r e c h t e m i t d e r 2e*
G e m e in d e s tr itte n . So b e s c h rä n k te z u B a s e l d e r g ro sse
R a t h d ie M a c h t d e s k le in e n m it H ü lfe d e r B ü r g e r s c h a f t,
v e r e i n i g t e s i c h d a n n m i t j e n e m g e g e n d ie s e , u n d a l l e d r e y
G e w a l t e n w ü r d e n z u s a m m e n g e t r e t e n s e y n w e n n d ie L a n d ­
s c h a f t b e s s e r e R e c h te g e fo rd e rt h ä tte .
A ls tr ib u n ic is c h h ä tte e r h ie r d a s G esez a n fü h re n
s o lle n w e lc h e s d e n T r ib u n b e r e c h t ig te je d e n d e r s e in e V o r­
t r ä g e a n d i e G e m e i n d e s t ö r e v o r i h r G e r i c h t z u s te l le n ,
d e n s e lb e n z u n ö th ig e n s e in E r s c h e in e n so z u v e rb ü rg e n
w i e e r e s v o r s c h r e i b e : t h ä t e d e r A n g e k l a g t e d i e s n ic h t,
s o s o l l e s e i n L e b e n u n d s e i n E i g e n t h u m v e r f a l l e n s e y n 28).
I n d e r W ü r k l i c h k e i t w a r h i e r n a c h d ie S t r a f e a l l e m a l e in e
G e l d b u s s e , d a d e r A n g e k l a g t e n i c h t v e r h a f t e t w a r d ; a lle in
o h n e Z w e ife l l a u t e t e d ie K l a g e s o b a ld d a s V e rg e h en
s c h w e r w a r , w i e g e g e n C ä s o Q u in c tiu s , a u f d e n T o d , in d e m
d ie s e r d e m g e d r o h t w a r d e r s ic h n ic h t v e rb ü rg te .
D i e s e s G e s e z a) k a n n n i c h t ä l t e r s e y n a l s d a s p u b l i l i -
s c h e , v o r w e lc h e m ü b e ra ll k e in e s a u s e in e r R o g a tio n d e r
T r i b u n e n e n t s t e h e n k o n n t e : e s i s t e i n e n o t h w e n d i g e V o lle n - .
d u n g i h r e s R e c h t s , a lle s v o r d e r C o n c io z u v e r h a n d e l n . E s
w i r d e i n e m T r i b u n S p . I c i l i u s z u g e s c h r i e b e n 24) : d ie s e r
N a m e k o m m t s e lb f ü n fte u n te r d e n e rs te n v o r w e lc h e d u rc h
d i e T r i b u s e r w ä h l t w o r d e n 2б) : i c h z w e if le n i c h t d a s s e s
d e r n ä m l i c h e , u n d d a s G e s e z im J a h r 2 8 4 v e r o r d n e t i s t .
D i e A e d i l e n w e lc h e d a m a ls w a r e n w e r d e n a u c h g e n a n n t ,
S i c i n i u s u n d L . B r u t u s 2б) : i c h h a b e s c h o n w i e d e r h o l t b e m e r k t m

522) Zwey Schaafe und fünf Rinder : Plutarch P u b lic, p. 103. a.


23) Dionysius VII. 17. p. 431. e. <*)’Schwegler II. 397.
24) Dionysius VII. 14. p. 428. e. 25) Livius II. 58.
2e) Dionysius a. a. 0.
Jband п.] — 211 —

d a s s s o lc h e F e n n u n g e n V o rk o m m e n w o d ie A e m t e r v e r ä n ­
d e r t s i n d ; d a h e r l e s e n w i r i m J a h r 2 8 3 d ie N a m e n d e r
f ü n f T r i b u n e n : e s w a r d i e s e l b e V e r a n l a s s u n g d ie A e d i l e n
zvl n e n n e n ; d e r e n E i n m i s c h u n g i n d ie V e r h a n d l u n g ü b r i g e n s
« i n e s c h l e c h t e E r f i n d u n g s p ä t e r A n n a l i s t e n , w ie d i e g a n z e
E r z ä h lu n g in ih r e n H ä n d e n v e rd o rb e n is t. D o c h fin d e t s ic h
d a r i n n o c h e in e S p u r v o n d e r B e s t ä t i g u n g d e r R o g a t i o n
d u r c h d ie C u r ie n , w o d u r c h s ie G e s e z w a r d 627) . N a c h A p p i u s
T o d e w a r e n d ie G e m ü t h e r e i n g e s c h r e c k t : u n d d e r A u g e n ­
b lic k g ü n s tig .
W ie k la r n u n a u c h d e r Z u s a m m e n h a n g d ie s e s G e se z e s
m it je n e r Z e it v o r A u g e n l i e g t , is t e s d e n n o c h u m lh e h r
a l s z w a n z ig J a h r e z u h o c h h in a u f g e s e z t: f o r tg e s c h le p p t
d u r c h d i e S a g e v o n C o r i o l a n u s , in d e m d e r U r h e b e r d e s
G e s e z e s , I c iliu s , b e y d e r A n k la g e g e g e n i h n a ls A e d ilis
v o r k o m m t 28). I c h s e h e k e in e U rs a c h e d ie s e E r w ä h n u n g
z u v e r w e r f e n ; s ie g i l t m i r v i e l m e h r a l s e i n t r i f t i g e r G r u n d
C o r i o l a n u s V e r u r t h e i l u n g b e s t i m m t u m d ie M i t t e d e r a c h t ­
z ig e r J a h r e d es d r itte n J a h r h u n d e r ts z u ^ s e z e n , u n d d e r
S a g e , w e lc h e s i c h b e y i h r e r A u f n a h m e i n d ie C h r o n i k e n
u m s o m a n c h e s J a h r v e r i r r t h a t , e in e S t e l l e a n z u w e i s e n
w o s i e , a n s ta tt g e g e n E v id e n z u n d G la u b lic h k e it u n v e r­
e in b a r z u v e rs to s s e n , m it d e r ü b e rlie fe rte n G e s c h ic h te so
v o llk o m m e n ü b e r e i n s t i m m t w ie e s f ü r e i n e a u sg e b ild e te
s e s m ö g l i c h i s t , w o d e r h i s t o r i s c h e B e r i c h t e b e n so s p u r l o s
a u s d e n ä l t e s t e n A n n a l e n v e r t i l g t w a r w ie d e r v o n [d e r
H i n r i c h t u n g d e r n e u n V e r s c h w ö r e r : o b w o h l v o n C o r io la n u s
H a n d e l e in ig e E r w ä h n u n g a u c h in d e n R e c h ts b ü c h e r n ü b r ig
g e b lie b e n z u s e y n s c h e in t.
I c h w e r d e d ie s e S a g e , s o w e it i h r e ä c h t e n Z ü g e s i c h

627) In der Erwähnung des Vulcanal bey dem Vortrag an


das Volk: VII. 17. p. 431. c. — welcher Ort das Comitium und
die Vorträge an die Curien anging : von wo der Decemvir Appius
zu ihnen redet: Dionysius XI. 39. p. 719. b. Vgl. Th.*l. Anm»
1343. 28) Nach Sylburgs unzweifelhafter Emendation, VII. 26.
p. 438. b. In den Anzeichnungen der Rechtsbücher über diesen
Prozess werden, ausser diesem Icilius, L. Brutus und M. Decius
vorgekommen seyn, welche Dionysius, um die Erzählung von
der Secession zu beleben, auch bey derselben auftreten lässt.
Es konnte ja nicht fehlen, dachte er, dass die, welche zwey Jahr»
nachher im Amt stehen, damals sich bemerkt machten.
14*
— 212 — [b a n d i i .J

e n t d e c k e n l a s s e n , e r z ä h l e n ; d ie A u s b ild u n g * d e r R h e t o r i k ,
w e lc h e s ic h n ir g e n d s b r e ite r g e m a c h t h a t, s tills c h w e ig e n d
b e s e i t i g e n 529) ; d ie B e z i e h u n g e n a u f d ie u n z w e i f e l h a f t e G e ­
s c h ic h te d a r le g e n : w a s G e d ic h t is t, w a s n ic h t g e g rü n d e t
s e y n k a n n , b e z e ic h n e n .

D ie S ag e von C o r i o l a n u s * ) . “)

C n ä u s 30) M a r c i u s w a r m i t d e m L a g e r v o r C o r io li a ls
d i e V o l s k e r v o n A n t i u m k a m e n d ie S t a d t z u e n ts e z e n ..
W ä h r e n d s i e m i t d e n r ö m i s c h e n V ö l k e r n s t r i t t e n , fie le n
d i e ’B e l a g e r t e n 1 a u s d e r S t a d t : M a r c i u s w i d e r s t a n d d ie s e n ,
u n d d a s ie s ic h w a n d te n , d r a n g e r m it ih n e n d u rc h d a s
T h o r , u n d g e w a n n d e n O rt. D as Ja m m e rg e sc h re y der
W e h r l o s e n , u n d d ie a u f l o d e r n d e F l a m m e v e r k ü n d e t e d e n
H e e r e n d i e E n t s c h e i d u n g , u n d d ie A n t i a t e r w i c h e n v o n d e r
z w e c k lo s e n S c h la c h t. B e y d e S ie g e d e s n ä m l i c h e n T a g s
v e rd a n k te R om d e m C o r i o l a n u s ; w e l c h e n B e y n a m e n d ie
M e y n u n g d e r N a c h k o m m e n v o n je n e r E r o b e r u n g a b le ite te :
v o n d e r Z e it a n w a r s e in A n s e h e n g r o s s v o r d e m S e n a t
u n d d e n B ü r g e r n , a b e r s e in H o c h m u t h b e l e i d i g t e d ie G e ­
m e in d e . A l s e i n s t d ie T r i b u n e n d e n C o n s u ln g e w e h r t
h a t t e n K r ie g s v o lk a u s z u h e b e n , b o t e r s e in e e ig e n e n H ö rig e n
a u f , u n d l u d F r e y w i l l i g e e i n ; m i t d i e s e n f ie l e r i n d ie
L a n d s c h a f t d e r A n tia te r , g e w a n n g ro s se B e u te , u n d th e ilte

529) Durch diese ist Dionysius Erzählung unerträglich aus-


gesponnen, und das Schlechteste in seinem ganzen Werk: den­
noch hat er Wesentlichkeiten der alten Sage aufbewahrt welche
in Livius bündiger und vortrefflicher Schilderung fehlen. Plutarch
hat Dionysius nachgeschrieben; doch so dass er hinzugefügt was
sich noch sonst auftreiben liess. — Citationen sind hier nur an­
gemessen wo eine Darstellung Eigentümlichkeiten darbietet die
nicht junge Ausbildung sind. *) Zur Sage von Coriolanus
s. Vortr. ü. Röm. Gesch. Bd. I. S. 288. A. d. H. a) Schweg­
ler II. 349; Mommsen R. G. I. 280. und im Hermes 1869 S. 1;
Ihne R. G. 134; Nitzsch Röm. Annal. 56. 80) Ueber die
Verschiedenheit des Eigennamens s. Duker zu Florus I. 11, und
die I n tp p . zur Epitome des Livius II. Caius beruht im Grunde
allein auf Dionysius, denn Plutarch tritt nur in dessen Fuss-
etapfen; für Cnäus erklären sich, nebst Dio, überwiegend die
liviamschen Handschriften, und eigentlich ist es in den lateini­
schen Autoren bloss durch kritische Willkühr verdrängt.
[b a n d n.J — 213 —

s i e u n t e r s e i n G e f o lg e . S o f ü r c h t e t e n i h n d ie P l e b e j e r ,
u n d v e r w e i g e r t e n i h m d a s C o n s u l a t 531) : d a r ü b e r z ü r n t e e r
u n v e rs ö h n lic h .
D a rn a c h b e g a b e s s ic h d a ss H u n g e rs n o th h e r r s c h te :
v ie le v o n d e r G e m e in d e v e r k a u f te n s ic h m it ih r e n K in d e r n ,
a n d e r e s tü r z te n s ic h in d e n F lu s s , m a n c h e w a n d e r te n in
d ie F r e m d e : d ie G e s c h l e c h t e r l i t t e n n i c h t , u n d v e r s o r g t e n
a u c h ih r e H ö rig e n . E n d l i c h k a m G e tr e id e ü b e r d a s M e e r
a u s S i c i l i e n ; e in T h e i l g e k a u f t , e in T h e i l G a b e d e s g r i e ­
c h i s c h e n K ö n i g s : d a r a t h s c h l a g t e n s ie im S e n a t o b e s d e r
267 G e m e i n d e u m s o n s t g e r e i c h t , o d e r v e r k a u f t w e r d e n s o l l e :
C o r io la n u s r i e t h d ie V o r r ä t h e v e r s c h l o s s e n z u h a l t e n , w o ­
f e r n s ie n i c h t d e m T r i b u n a t e n t s a g t e n . D a s w a rd la u t,
u n d d e r G r im m d e s V o lk s e n t b r a n n t e : d e r S c h u l d i g e w ä r e
z e r r i s s e n w o r d e n , w e n n d ie T r i b u n e n i h n n i c h t v o r d a s
G e r i c h t d e r T r i b u s g e l a d e n h ä t t e n ; so w a r e r f r e y u n t e r
d em g e m e in e n F r ie d e n b is z u m d r itte n M a r k tta g . E r s e lb s t
t r o z t e u n d h ö h n t e : V e t t e r n u n d B l u t s f r e u n d e f le h te n u m
s e in e B e g n a d ig u n g : m a n c h e r lie s s s e in H e r z e rw e ic h e n ,
m a n c h e n j a m m e r t e n d ie r i t t e r l i c h e n T h a t e n : n e u n T r i b u s
e r l i e s s e n d ie S t r a f e , z w ö lf s p r a c h e n d ie V e r u r t h e i l u n g a u s .
C o r io la n u s w a n d t e s i c h n a c h A n t i u m , z u s e in e m G a s t -
f r e u n d , A ttiu s T u lliu s , d e m K ö n ig d e r V o ls k e r, u m d o rt
a l s M u n i c e p s im E x i l i u m z u l e b e n . E r v e rh ie s s ih n e n
s e i n e n A r m g e g e n d ie E ö m e r , u n d s ie v e r l i e h e n i h m d ie
h ö c h s t e n B ü r g e r r e c h t e , S iz im R a t h j e d e r S t a d t 82) , u n d
e rn a n n te n ih n z u m F e ld h e rrn . Z u e rs t e rs c h ie n e r v o r
C i r c e j i : d ie T y r r h e n e r ö f f n e te n i h r e T h o r e , d ie r ö m i s c h e n
C o lo n e n m u s s t e n w e i c h e n : V o l s k e r n a h m e n i h r e S t e l l e n
e i n , d ie E i n h e i m i s c h e n b l i e b e n u n b e e i n t r ä c h t i g t 33). Im
n ä c h s t e n F e l d z u g ü b e r z o g e r d ie l a t i n i s c h e n O r t e z w is c h e n
d e r S e e u n d d e r n a c h m a lig e n a p p is c h e n S tr a s s e : S a tric u m ,
L o n g u l a , P o l u s c a , C o rio li, M u g i l l a : j e d e S t a d t v o r d e r e r
e rs c h ie n w a rd ü b e rw ä ltig t, o d e r e rg a b s ic h : a u c h L a v in iu m ,

631) e rrp a T T jy v ja a t a n eu d eo v x a l fiy r s À e a â e t ç , Zonaras II.


p. 24. c. Dio exc. de sent. p. 147. c. — Piutarch Goriol.
p. 119. f. seq. 32) ß o u X y j g f i s r o u a t a v è v & каау n ô À e i , x a l
à p % à ç è Ç e ïv a i 7 іа ѵ т а % 0 < г е f i e n é v a i } x a l тш ѵ ä X X c jv Ь к б о а

r a r a 9 jv п а р ' ê a u r o ïç ß e T é% £tv. Dionysius VIII. 9. p. 4S7. d-


33) S. 123. Anm. 224.
#

— 214 — [b a n d i i . ]

d ie h e ilig e S ta d t d e r L a tin e r. D a n n f ü h r te e r s e in H e e r
g e g e n d ie S tä d te a n d e r L a t i n a , a u f d e n Q u e e rw e g e n 26s
w e lc h e s ie n a c h h e r m it d e r A p p ia v e r b a n d e n , u n d d a s
l a t i n i s c h e L a n d d u r c h s c h n e i d e n 584) : d o r t f ie le n C o rb io , V i -
t- e llia , T r e b i a , L a v i c i , P e d u m v o r s e i n e n W a f f e n 35) : d a s
g e s a m m t e L a t i u m s c h l o s s s i c h i h m a n 8б) . ^ D a w a r e n d ie
R ö m e r o h n e e in ig e n G e n o ss e n in d e r w e ite n W e l t , u n d
u n te r s ic h v o ll A rg w o h n u n d Z o rn , n e b e n d e m a lte n H a d e r;
d i e P a t r e s w a r f e n d e n P l e b e j e r n v o r , d a s s s ie C o r io la n u s
g e z w u n g e n h ä t t e n d e m V a t e r l a n d f e i n d z u w e r d e n , d ie
P l e b e j e r j e n e n d a s s s ie i h m V o r s c h u b t h a t e n u n d v e 'r-
rie th e n . E r n a h m s e i n L a g e r w o d ie M a r r a n a d ie l a t i n i -
s c h e S tr a s s e d u r c h s c h n e id e t , f ü n f M illie n v o n d e r P o r ta
C a p e n a 37) , w o d i e H o r a t i e r m i t d e n C u r i a t i e r n g e k ä m p f t
h a t t e n , w o d e r U m g a n g d e r A m b a r v a l i e n g e h a l t e n w a r d 88). 269
I n n e r h a lb d ie s e r a lte n in a u g u r ir te n G rä n z e v o n R om u n d
A lb a l a g d a s L a n d e ig e n th u m s e in e r S fca n d e sg e n o sse n : je n ­
s e i t s d e r s e l b e n h a t t e e r d ie H ö f e d e r P l e b e j e r n i e d e r b r e n ­
n e n l a s s e n , d i e p a t r i c i s c h e n g e s c h ü z t . D e m P ,o p u lu s h a t t e
e r n o c h n ic h t a b g e s a g t.
E s w a r u n m ö g l i c h e in H e e r g e g e n i h n z u b i l d e n : d ie
P l e b e j e r s c h r i e e n l a u t , m a n w o lle s ie n u r d e m L a n d e s f e i n d

534) Das ist einfach die Bedeutung von t r a m v e r s i l i m i t e s


oder t r a m i t e e . S6) Ueber die Unvereinbarkeit der Berichte
Ъеу Dionysius und Livius s. [Th. 2.] Anm. 198» S. 108. In
jenem scheint die Anordnung von der äquischen Gränze zu be­
ginnen, sie geht gegen Rom in der Richtung der Via Latina,
dann von dieser ab über Bovillä auf Lavinium : darnach folgen
die Orte südlich von der Appia. Ich habe Livius zu folgen ge­
wählt, wo Antium als Mittelpunkt gedacht ist : nur lautet es bey
ihm als ob Satricum und die vier folgenden Städte an der La­
tina gelegen hätten. Es ist möglich dass er selbst die Lage
dieser längst zerstörten Orte nicht gekannt hat: allein seine älte­
ren Vorgänger konnten sich darüber nicht irren; und da sich
nicht einsehen lässt weshalb er von ihnen abgewichen seyn sollte,
so scheint es fast ausgemacht dass die Worte i n L a t i n a m v i a m
t r a n s v e r s i s t r a m i t i b u s t r a n s g r e s s u s — versezt, und zwischen d e i n -

c e p s und C o r b i o n e m einzuschieben wären. Wenigstens muss man


die Erzählung verstehen als ob sie so geschrieben wäre.
36) Zonaras II. p. 24. e. x a l r o b ç A a r f a o u g 7 г р о д е і Х у ) ф 6 т е д .
37) a d f o s s a e C l u i l i a s q u i n q u e a b u r b e m i l i a p a s s u u m : etwa fünfte-
halb Millien von der Porta S. Giovanni. *8) Th. I. S. 385*
[ВА2ШП.] — 215 —

ü b e r lie f e r n : e b e n so w e n ig h ie lte n r e d lic h e B ü r g e r d e n


w e itlä u ftig e n U m fa n g d e r S ta d t g e g e n tre u lo s e O e ffn u n g
e i n e r P f o r t e s i c h e r 589) . D e r S e n a t b e s c h l o s s , d ie C u r ie n
b e s t ä t i g t e n , s e i n e H e r s t e l l u n g a l s r ö m i s c h e r B ü r g e r 40) :
d ie Z u s t i m m u n g çier G e m e i n d e f e h l t e n i c h t : w ie s t r e n g
i m m e r d a s e r w a r t e t e G e r i c h t s e y n m o c h t e , d ie m e i s t e n
v o n d e r M e n g e k o n n te n h o ffe n ih m z u e n tg e h e n , a h e r d a s
S c h ic k s a l e in e r m it d e m S c h w e rd t g e w o n n e n e n S ta d t d ro h te
a u c h d e m G e r i n g s t e n . F ü n f C o n s u la r e ü b e r b r a c h t e n d e n
B e s c h lu s s . D o c h C o r io la n u s d a c h t e n i c h t a n s i c h a l l e i n .
E r f o r d e r t e f ü r d ie Y o l s k e r Z u r ü c k g a b e d e r i h n e n e n t r i s ­
s e n e n L a n d s c h a fte n , u n d A b r u fu n g d e r d o rt a n g e s ie d e lte n
S70 C o lo n e n , B ü n d n i s s u n d M u n i c i p i u m 41). S ic h z u e n t s c h l i e s s e n
g e s t a t t e t e e r d e n R ö m e r n d ie f e t i a l i s c h e n F r i s t e n v o n
d r e y s s i g u n d d r e y T a g e n 42) : w a r e n d ie s e v e r l a u f e n , o h n e
d a s s d ie F o r d e r u n g g e w ä h r t w a r , so l a g e s i n s e i n e r B r u s t
s i c h z u e n t s c h e i d e n ; w ie , w e n n e i n S t a a t F e t i a l e n a u s g e ­
s a n d t h a t t e , a l s d a n n d ie A l t e n i m S e n a t R a t h p f lo g e n , o h
s ie d a s U n r e c h t s o f o r t a h n d e n , o d e r n o c h L a n g m u t h ü b e n
w o l l t e n 43) . •
D i e F o r d e r u n g i s t , w i e d ie F o l g e z e i g e n w i r d , n i c h t s
a n d e r s a l s e b e n d a s O p f e r w o d u r c h R o m im J a h r 2 9 5 d e n
F r i e d e n m i t d e n Y o l s k e r n z u e r k a u f e n d ie W e i s h e i t h a t t e :
e s i s t u n m ö g lic h s ic h d e s U n w ille n s g e g e n D io n y s iu s u n d .
ä h n lic h e R h e to r e n z u e r w e h re n w e lc h e , ü b e r z e u g t d a s s
R o m n u r d ie s e B e d i n g u n g e n d u r c h e r n i e d r i g e n d e s B e t t e l n
a b z u w e n d e n g e s tr e b t h a b e , in d er H a rtn ä c k ig k e it E ro b e -

639) Die Erzählungen von der Ungeduld der Gemeinde den


Krieg durch Coriolanus Zurückberufung los zu werden, beruhen
theils auf dem Gemeinplatz von der Trozigkeit und Yerzagtheit
der einfältigen Menge, theils auf Verwechslung des 7z X y j & o g mit
dem d v j f i o g . Die д ц / і о т с х о с welche drohen, wenn der Senat Co­
riolanus nicht zurückberufe, so würden sie es thun ohne ein
7z p o ß o u X B u j x a abzuwarten (Dionysius VIII. 22. p. 497. b.) sind
eben die Bürger, können die Gemeinde nicht seyn. 40) ^
y e p o u a t a x à ü o d o v r w K o p t o X a v w è ( p r j < p t a a r o \ Zonaras II. p. 24. e:

vrobey die zur Herstellung des Bürgerrechts ganz unentbehrliche


Bestätigung der Curien nur übergangen ist. 41) [Th. 2.]
Anm. 206. 42) Die erste, Dionysius VIII. 35. p. 508. d.
die zweyte 37. p. 510. a. 48) de istis rebus m aiores n atu
dom i consulemus.
— 216 — [b a n d п .]

r a n g e n n i c h t a u f z u g e b e n s o g a r G r o s s a r t i g k e i t s e h e n ; d ie
e i n v e r s t ä n d i g e r B e u r t h e i l e r n i c h t e i n m a l d a n n d a r i n f in d e n
w ü r d e , w e n n s ie m it d em E n ts c h lu s s lie b e r u m z u k o m m e n
v e r b u n d e n w ä r e . E b e n so w e n i g h ä t t e C o r i o l a n u s v o n d e r
N a c h w e lt a ls e in g e r e c h te r u n d h e ilig e r M a n n g e fe y e rt
w e r d e n k ö n n e n 544) , w e il e r s i c h b e w e g e n l a s s e n a n d e m
V o l k w e l c h e s i h n a u f g e n o m m e n u n t r e u z u w e r d e n , in d e m
e r d ie E ö m e r m it E r f ü llu n g e in e r b illig e n F o r d e r u n g v e r­
s c h o n t e ; s i e h ä t t e n a l l e n f a l l s d e m g u t e n G lü c k d e r S t a d t
danken m ögen. A lle in es w a r e in g a n z a n d e r e s U n g lü c k
w e l c h e s d r o h t e : e i n s o l c h e s d a s s d ie R e p u b l i k o h n e S c h m a c h
d e m v e r f e i n d e t e n S o h n f u s s f ä l l i g f le h e n k o n n t e e s n i c h t 271
ü b e r s i e z u b r i n g e n : d ie G e s c h i c h t e h a t e s , g e f l i s s e n t l i c h
o d e r z u f ä llig , v e rs c h w ie g e n . D a s g rö s s te , n a c h fe in d lic h e r
g e w a l t s a m e r E i n n a h m e , w a r d ie s i e g e n d e R ü c k k e h r d e r
a u s e i n e r f r e y e n S t a d t V e r b a n n t e n , w e lc h e i h r v e r ä u s s e r t e s
E i g e n t h u m , u n d R a c h e a l s e in g e b ü h r e n d e s R e c h t f o r ­
d e rte n . D ie a lle rm e is te n w a re n in la n g jä h rig e m ä u ss e rste m
E le n d z u w a h r e n B a n d ite n g e w o rd e n , d e re n B e n e n n u n g
a u s s o lc h e m S c h la g e n ts ta n d e n i s t : w e s h a lb s ie a u s g e s to s -
s e n w o r d e n , w a r v e r g e s s e n : d e r G h i b e l l i n u n d d e r B ia n c o
s ta n d e n u n t e r d e n s e lb e n F a h n e n ; u n d d e r la n d flü c h tig e ,
S c h u ld n e r o d e r V e rb re c h e r w a rd n ic h t v e rs c h m ä h t w en n
e r rü s tig w a r. D a s s R o m d a m a l s v ie le V e r b a n n t e z ä h l t e
z e ig t d a s A b e n th e u e r des A p . H e rd o n iu s : S ö h n e d e r T a r-
q u in is c h e n , v e rw e g e n e P a tric ie r u n d P le b e je r, b u n t g e ­
m is c h t. F ü r d ie s e U n g l ü e k s g e f ä h r t e n f o r d e r t e C o r io la n u s
H e r s t e l l u n g w i e f ü r s ic h s e l b s t : d a s i s t so u n z w e i f e l h a f t
g e w i s s a l s o b e s v o n a lle n Z e u g e n b e r i c h t e t w ü r d e . E i n e
s c h r e c k l i c h e F o r d e r u n g f ü r A lle i n d e r S t a d t , d ie n i c h t
Z e r s tö r u n g w ü n s c h te n , o h n e U n te rs c h ie d d e r P a rth e y ;
w a r m e A n h ä n g e r , d ie i h m , w e n n S e n a t u n d C u r ie n in
i h r e m A n s e h e n e r h a l t e n , d ie p l e b e j i s c h e n F r e y h e i t e n v e r ­
tilg t w ä re n , k ö n i g l i c h e G e w a lt g e r n ü b e r t r a g e n haben
w ü rd e n , h ä t t e n ih n n u r m it Z itte r n a ls H a u p t e in e r B a n d e
e i n z i e h e n s e h e n k ö n n e n , d ie m i t g l e i c h e r V e r a c h t u n g a u f
B ü r g e r s c h a f t u n d G e m e i n d e b l i c k t e ; d ie s i c h , w e n n e r s e i n

^44) a ô e r a t x a l u fiv e iz a t i n x a l vu u w ç îs p à ç x a l â c x a io g

à v y p rsv ö ß E v o g . Dionysius VIII. 62. p. 530. c.


[b a n d II.] — 217 —
L e b e n w a g e n w o llte , n ic h t v o n M is s e th a te n h ä t t e z u r ü c k ­
h a l t e n l a s s e n w ie R o m b e s t i m m t w a r s ie v o n d e n S c h a a r e n
272 d e s M a r i u s u n d C in n a z u e r l e i d e n . S ie w a r e n a b e r s e i n
Y o lk g e w o r d e n : w ie k o n n t e e r s i c h v o n i h n e n t r e n n e n ?
I h n z u E r b a r m e n z u b e w e g e n k a m e n d ie z e h n E r s t e n
d e s S e n a t s , a l s d ie d r e y s s i g t ä g i g e F r i s t u m w a r , v o r s e i n
T r ib u n a l. S ie w u r d e n m i t B e d r o h u n g e n f o r t g e s a n d t w e n n
s ie w ie d e rk ä m e n o h n e u n b e d in g te U n te rw e rfu n g z u b r in g e n .
A m f o l g e n d e n T a g e e r s c h i e n e n d i e F l a m i n e s , d ie P o n t i ­
f i c e s , d ie A u g u r n , a lle a n d r e P r i e s t e r c o l l e g i e n , i m O r n a t
i h r e r A e m t e r : a u c h s ie f l e h t e n v e r g e b e n s im N a m e n v o n
A lle m w a s i h n e n u n d i h m h e i l i g w a r . W enn n u n am
d r i t t e n T a g d ie S o n n e u n t e r g i n g o h n e d a s s e r s e i n e n S i n n
g e ä n d e r t h a t t e 545), so f ü h r t e e r a m f o l g e n d e n M o r g e n s e i n
H e e r ü b e r d ie n o c h n i c h t b e t r e t e n e G r ä n z e , g e g e n d ie
h ü lf l o s e u n d v e r r a t h e n e S t a d t .
D a w a r d R o m z u m z w e y t e n m a l d u r c h d ie F r a u e n g e ­
r e t t e t . A l s d ie l e z te G e s a n d t s c h a f t d e r R e p u b l i k z o g e n d ie
e d e l s t e n M a t r o n e n , g e f ü h r t v o n C o r io la n u s b e t a g t e r M u t t e r
Y e t u r i a u n d s e i n e m E h e g e m a h l Y o lu m n ia , i h r e K i n d l e i n a n
d e r H a n d , in s e in L a g e r. I h r e W e h k la g e n , d e r M u tte r
g e d ro h te r F lu c h , b e u g te n s e in e n S in n : e r e n ts a g te d e r
H e i m k e h r , d ie e r d e n G e n o s s e n n i c h t g e w ä h r e n k o n n t e .
M u tte r, s p ra c h e r u n te r h e is s e n T h r ä n e n , d u h a s t g e w ä h lt
z w i s c h e n R o m u n d d e m e i g e n e n S o h n 46) : m ic h s i e h s t d u
n i m m e r w i e d e r : m ö g e n s ie e s d i r d a n k e n ! — A l s d ie
F r a u e n g e s c h ie d e n w a re n b ra c h e r a u f u n d e n tlie s s d as
273 H e e r . E r l e b t e u n t e r d e n Y o l s k e r n b i s z u e in e m h o h e n
A lte r - , m a n h a t i h n o f t k l a g e n h ö r e n , e r s t d e r G r e i s f ü h le
w ie e l e n d d a s L e b e n i n d e r F r e m d e s e y 47). A ls i h n d e r
T o d e r l ö s s t h a t t e , h a b e n d ie M a t r o n e n e in g a n z e s J a h r
u m i h n L e i d g e t r a g e n w ie u m B r u t u s u n d P u b l i c o l a 48) :
d ie N a c h w e l t h a t i h n a l s e i n e n h e i l i g e n u n d g e r e c h t e n

ß45) Et* entlässt die Frauen ènec п ер: duatv rjXiou Dio­
nysius VIII. 54- p. 524-. с. 46) cru fxev à v r 5 è/іой туи na-
Tptda £%e, дтс 1 уЫ Х^аад. Zonaras II. p. 25. с.
t o u t

47) Livius II. 40. nach Fabius. — Zonaras II. p. 25. ѳ. nach Dio
exc. de sent. p. 150. — T u pro vera i si come sa d i sale 1 1 p a n e
altru i, e com1 è duro calle L o scender e4 salir p e r V altrui scale.
48) Dionysius VIII. 62. p. 530. b.
— 218 — [b a n d п . )

M a n n g e e h r t 549), u n d b i l l i g : e r h a t d ie S c h u l d s e i n e r J u ­
g e n d ta u s e n d f a c h v e rs ö h n t.
D a s s C o r io la n u s u n t e r d e n V o l s k e r n i n F r i e d e n l e b t e
u n d s t a r b , b e fre m d e te k e in e n so la n g e d e r G la u b e h e r r s c h te
s ie h ä tte n ih m d e n ru h m v o lle n F r ie d e n v e r d a n k t d u rc h
d e n A n t i u m i h n e n z u r ü c k g e g e b e n w a r d , e b e n w ie d ie E r ­
o b e r u n g d e r l a t i n i s c h e n S t ä d t e : j a , w e n n e s e i n e n Z w e ife l,
z u l i e s s e d a s s d ie S a g e a u c h d ie D e m ü f c h ig u n g d e s F r ie d e n »
a ls W e r k d e s R ö m e rs d a r s te l lte , s e in e T u g e n d e b e n d a ­
d u r c h e r h ö h t e d a s s e r d e n e n d ie i h n a u f g e n o m m e n h a t t e n
T r e u e h i e l t , s ic h s e lb s t a u f o p f e r te , so w ü rd e je n e E r z ä h ­
lu n g e s d a rth u n . E r s t s e h r s p ä t, a ls d e r F r ie d e v o n 2 95
in Y e r g e s s e n h e it g e b r a c h t w a r , k o n n te d e r W a b n a u f-
k o m m e n d a s s C o r io la n u s d e m F l e h e n d e r F r a u e n d ie F o r ­
d e r u n g f ü r d ie Y o l s k e r a u f g e o p f e r t h a b e ; u n d n u n h i e l t
m a n e s f ü r u n m ö g lic h d a s s e r u n te r d e n e rz ü rn te n F re m ­
d e n d a s L e b e n g e b o rg e n h ä tte ; m a n e rd ic h te te a u f v e r­
s c h i e d e n e W e i s e w ie e r u m g e k o m m e n s e y 50). Ä n d e r n fie l
e s a u f d a s s d ie F o l g s a m k e i t d e r Y o l s k e r f ü r d e n F r e m d e n , 27*
d e r i h n e n d e n K r i e g a u f z u g e b e n g e b o t e n , v ö l l i g e b e n so
u n g l a u b l i c h s e y : d a ü b e r t r u g m a n a u f i h n d ie F a b e l v o n
T h e m i s t o k l e s f r e y w i l l i g e m T o d e 61) , w ie h e r o d o t e i s c h e i n
d ie v o n d e n ta r q u in is c h e n Z e ite n g e m is c h t s in d .
C ic e r o , d u r c h d e n a l l e i n d ie s e G e s t a l t d e r E r z ä h l u n g b e ­
k a n n t is t, s a g t v o n ih re m H e ld e n n u r d a s s e r a n d e m sc h w e re n
v o l s k i s c h e n K r i e g e T h e i l g e n o m m e n 52) : s o m o c h te e r n o c h
z u A r p i n u m r e d e n g e h ö r t h a b e n : a l l e i n d ie r ö m i s c h e S a g e
b e t r a c h t e t e j e n e n K r i e g a l s u n t e r C o r io la n u s e i g e n e n A u -
s p i c i e n g e g e n d ie L a t i n e r g e f ü h r t , d e n R ö m e r n , w ie d ie
fe tia lis c h e n F r is te n z e ig e n , n u r n o c h g e d ro h t, u n d a b g e ­
w a n d t : i h n m i t s e in e m G e f o lg e a l s e i n e M a c h t , a n w e lc h e
d i e Y o l s k e r s i c h , w ie a n e i n e n S t a a t , a n g e s c h l o s s e n h ä t t e n .
G e w is s d a c h te s ie ih n n ic h t a lle in a u s g e w a n d e r t, so n d e rn
b e g l e i t e t v o n d e n S c h a a r e n d ie i h m a u f d e m e i g e n m ä c h t i -

549) [Th. 2.] Anm. 544- Wie eelbet die Guelfen Farinata
degli Uberti verehrten. 60) in vidia rei oppre&mm periisse
tr a d u n t , a lii alio leto. Livius a. a. 0. 61) Cicere B ru t. 10.
(42.) conatum iracun diae m a e morte aedavit . б3) Das. bel­
lu m Volscorum gravissim um , cui Coriolanus in terfu it.
[b a n d п .] — 219 —
g e n Z u g g e g e n A n tiu m g e f o lg t w a r e n ; u n d d ie s e n ic h t
s c h w ä c h e r a l s d ie d e r F a b i e r . D as m ag seh r fre y g e ­
d i c h t e t s e y n , d a h e r m u s s a u c h d ie g a n z e E r z ä h l u n g a u s s e r ­
h a l b d e r G e s c h i c h t e b l e i b e n : h a t d ie S a g e v o n C a m illu s
i n e i n z e l n e n T h e i l e n d ie h i s t o r i s c h e U e b e r l i e f e r u n g e r s t i c k t
so i s t d a s h ie r in ih re m g a n z e n U m fa n g g e s c h e h e n : so s e h r
d a s s k a u m d ie S t e l l e w e lc h e s ie e i n n a h m e n t d e c k t w e r d e n
m ag» S o g a r d ie K l ä n g e d e r S a g e k ö n n e n l e i c h t m i t d e n
M is tö n e n d e r A n n a lis te n v e rw e c h s e lt w e rd e n . C n. M a rc iu s
K a m p f v o r e i n e r S t a d t d ie e r a l l e i n e r o b e r t , i s t d e r G e -
27» d a n k e e in e s H e l d e n l i e d s : d a s s d i e s e s a u c h C o r io li g e n a n n t
h a tte d a r f f ü r u n s ic h e r g e lte n : w e n ig s te n s k a n n e s s ic h
m it s e in e m B e y n a m e n n ic h t a n d e r s v e r h a lte n a ls m it ä h n ­
l i c h e n d ie v o n l a t i n i s c h e n S t ä d t e n h e r g e l e i t e t s i n d 558) . I c h
h a b e s c h o n b e m e r k t d a s s d ie g a n z e E r z ä h l u n g w ie K o r n
in d e r H u n g e rs n o th a n g e s c h a f ft w o rd e n , n a c h d e r A n n a ­
lis te n s c h le c h te r S itte , v o m J a h r 3 4 4 ü b e r tr a g e n s e y n m a g ,
a ls o a u c h d ie E r w ä h n u n g d e s G e s c h e n k s e in e s s i k e l i o t i -
s c h e n K ö n i g s 54) ; a b e r C o r io la n u s V o r s c h l a g h a b e n s ie
n i c h t e r s o n n e n , s o n d e r n p r a g m a t i s c h e in e E r k l ä r u n g s c h a f f e n
w o lle n w ie d e r S e n a t G e t r e i d e e r h a l t e n h a b e . B a ld n a c h
d e m H u n g e r j a h r 2 7 8 , w e lc h e s a l l e i n g e m e y n t s e y n k a n n ,
b e g i n n e n d ie t r i b u n i c i s c h e n A n k l a g e n m ä c h t i g e r F e h l b a r e r ,
u n d d ie g e g e n C o r i o l a n u s , u n m i t t e l b a r d u r c h d a s R e c h t
d e r S tä n d e b e g r ü n d e t, k o n n te e in e d e r e r s te n s e y n , S p .
I c i l i u s v o r s e in e m T r i b u n a t d a b e y a l s A e d i l i s e r s c h e i n e n .
N ic h t w e n ig e J a h r e m ö g e n z w is c h e n d e r V e r u r th e ilu n g u n d
d e m F r i e d e n v o n 2 9 5 v e r f lo s s e n s e y n : w o b e y e s h ö c h s t
u n g e w i s s i s t d a s s C o r io la n u s a n d ie s e m a u c h n u r e i n e n

563) Th. I. S. 616. Solche Namen a) sind augenscheinlich


Camerinus, Carventanus, Collatinus, Medullinus, Tolerinus : zuver­
lässig eben so Mugillanus, Vibulanus, Viscellinus: die Ursache
ist bey unabhängigen Orten in Proxenie, bey unterthänigen im
Patronat zu suchen. 6*) Th. П. S. 110. — Man vergleiche
Livius П. 34. und IV. 52. Beyde Male wird der Einkauf zu
Knma feindlich gehindert : die sikeliotischen Fürsten sind hülf-
reich : dem unmittelbaren Bedürfniss wird durch Zufuhr au« Etru­
rien, die Tiber herab, abgeholfen 5).
a) Schwegler II. 365. A. 2. ъ) Mommsen Röm.
Chronol. 149.
— 220 — [lUND II,]

w e s e n t l i c h e n A n t h e i l g e h a b t h ä t t e : w ie d ie z w ie f a c h e A u f ­
z ä h l u n g s e in e r a n g e b lic h e n E r o b e r u n g e n n ic h ts w e ite r is t
a ls e in d o p p e lte s u n v o lls tä n d ig e s Y e rz e ic h n is s d e r v o n den
A e q u e r n , u n d d e r v o n d e n V o ls k e rn n a c h d em F a ll von
A n tiu m u n d d e r fe s te n O rte in d e r p o m p tin is c h e n L a n d ­
s c h a f t e in g e n o m m e n e n S tä d te . E s l ä s s t s i c h e b e n m it
g r o s s e r G e w i s s h e i t v e r m u t h e n , d a s s d ie r ö m i s c h e E i t e l k e i t 276
d u r c h d i e D a r s t e l l u n g , E o m h a b e s e in e m g r o s s m ü t h i g e n
G e k r ä n k t e n d ie A b b e r u f u n g d e r C o lo n e n b e w i l l i g t , s ic h
b e r u h i g e n w o l l t e ; u n d d a s s C o r io la n u s d ie F a h n e n d e r
V o ls k e r n u r a ls F ü h r e r e in e r S c h a a r rö m is c h e r V e rb a n n te r
b e g le ite te . D a a b e r e i n A n d e n k e n w ie e s ih m g e b l i e b e n
i s t n i c h t a u f e in e m M ä h r c h e n b e r u h e n k a n n , so m ö g e n
w i r f ü r s i c h e r h a l t e n d a s s s e i n E d e l m u t h d e r G e le g e n h e it
e n t s a g t h a t d ie S t a d t e i n z u n e h m e n a l s L a t i u m f a s t g a n z
ü b e r w ä l t i g t , R o m d u r c h d ie P e s t t i e f h e r a b g o b r a c h t w a r .

D ie K rie g e gegen V o ls k e r und A eq u er, b is

zum F rie d e n von 2 9 5 . *)

E h e i n d ie s e m K r i e g u n s ä g l i c h e s E l e n d ü b e r R o m
k a m , w a r e n m e h r e r e J a h r e m i t s e h r a b w e c h s e l n d e m G lü c k
v e rflo s s e n . D e r u n s e lig e F e ld z u g v o n 2 8 3 h a tte ohne
Z w e ife l d ie M a c h t d e r V o ls k e r s e h r g e s tä r k t : a u f d e r ä n d e rn
S e i t e s e z t e n d ie S a b i n e r d ie F e i n d s e l i g k e i t e n f o r t , w e lc h e .
s ie g e d u n g e n v o n d e n V e je n te rri b e g o n n e n h a tte n . V or
d e m J a h r 2 8 5 s t r i t t e n d ie R ö m e r n u r f ü r d io V e r t e i d i ­
g u n g e n t f e r n t e r e in z e ln e r B e z ir k e u n d d e r B u n d e s g e n o s s e n ;
j e z t h a t t e n s i c h d ie a u s o n i s c h e n V ö l k e r s o w e i t a u s g e b r e i ­
t e t d a s s d i e e i g e n t l i c h e r ö m i s c h e L a n d s c h a f t v o n ih n e n
v e r h e e r t w a r d : d ie S a b i n e r g i n g e n s o g a r ü b e r d e n A n io
u n d k a m e n b i s a n d ie T h o r e d e r S t a d t . Z w ie tra c h t h a tte
g e h i n d e r t L e g io n e n a u s z u s e n d e n : d ie s e w u r d e n e ilig s t g e ­
b i l d e t 555) , u n d v o r i h n e n z o g e n s i c h d ie P l ü n d e r e r z u r ü c k . 277

л) Mommsen R. G. I. 347. 655) Die Verbesserung einer


so schändlich verschriebenen Stelle wie Liviue II. 03: cow ules ,
coacti extem plo ab Senatu ad bellum , edu cta ex urbe iuventute,
— ist ein Liebesdienst den zu leisten jede Gelegenheit gut ist.
[bajtd H.] — 221 —

Y o n d e n e r z ä h lte n B e g e b e n h e ite n d ie s e r F e ld z ü g e ü b e r g e h e
ic h d a s a lle rm e is te : w e r m ö c h te , w e n n s o lc h e V o rfä lle a u c h
a n z i e h e n d e r w ä r e n , G e s c h i c h t e n , d ie l e i c h t g a r n i c h t s a l s
m ü s s ig e E r f in d u n g e n e in e s C h ro n ik e n s c h re ib e rs s e y n d ü rf te n ,
e in e S te lle e in rä u m e n ? D o c h w ird d a h in d ie n ic h t z u
r e c h n e n s e y n d a s s i n j e n e m J a h r d ie Y o ls k e r , a l s s i e s i c h
a u f A n tiu m z u rü c k z o g e n , e in g e h o lt u n d g e s c h la g e n w u rd e n ;
C e n o , e i n e H a f e n s t a d t i h r e s G e b i e t s , a n d ie E ö m e r ü b e r ­
g i n g . A u c h im n ä c h s t e n J a h r , 286, b l i e b d i e s e n d a s G l ü c k
t r e u , u n d d ie Y o l s k e r z u A n t i u m f a n d e n s i c h , n a c h e i n e m
T r e f f e n w o r in d e r C o n s u l T . Q u i n c t i u s o b g e s i e g t h a t t e , s o
b e d r ä n g t d a s s s ie v o n E c e t r a n e r n u n d A e q u e r n H ü l f s -
v ö l k e r h e r b e y r i e f e n : e b e n so s t i e s s e n C o h o r te n d e r H e r ­
n i k e r z u m C o n s u l: m i t B e c h t w a r d e r w a r t e t d a s s s i c h e i n e
w ic h tig e E n ts c h e id u n g b e re ite . D a d ie A e q u e r n a c h A n ­
t i u m k a m e n , m ü s s e n d ie L a t i n e r n i c h t m e h r v e r m o c h t
h a b e n i h n e n d e n W e g ü b e r d e n A l g i d u s z u v e r l e g e n . D ie
F e in d e u m rin g te n d a s rö m isc h e L a g e r m it g ro s s e r U e b e r-
m a c h t : g e t ä u s c h t d u r c h e i n e L i s t w e lc h e s ie e i n e n A u s f a l l
e r w a r t e n l i e s s , d u r c h w a c h t e n s i e d ie N a c h t u n t e r d e n
W a f f e n , w ä h r e n d d ie E ö m e r s i c h d u r c h E u h e s t ä r k t e n *
A m M o r g e n b e g a n n e n d ie s e g e t r o s t d e n A n g r if f , d r ä n g t e n
d e n F e i n d d ie H a l d e e i n e s B e r g s h i n a n a u s s c h w e r z u ­
g ä n g l i c h e n S t e l l u n g e n b i s a u f d ie H ö h e : d a e r g r i f f e n d ie
V e r b ü n d e t e n d ie F l u c h t , u n d ü b e r l i e s s e n A n t i u m s e i n e m
278 S c h i c k s a l . H i e r h a t t e n d ie v o l s k i s c h e n C o lo n e n d e n G r o ll
e i n e r a l t e n E i n w o h n e r s c h a f t w i d e r s i c h 556) : v o n d e r e i n
g r o s s e r T h e il, w e n n je n e a u c h e in s t o h n e Z w a n g a u f g e ­
n o m m e n ^ s e y n m o c h t e n w e il m a n E o m n i c h t g e h o r c h e n
w o llte , s i c h n u n e r b i t t e r t f ü h l t e . S ie c a p i t u l i r t e n a u f f r e y e n
A b z u g 57) : d ie E i d s g e n o s s e n a b e r , w e lc h e d ie S t a d t n i c h t
d u rc h fre y e n Z u tritt so n d e rn ü b e rlie fe rt b ek o m m en h a tte n ,
b e h i e l t e n s i e a ls E r o b e r u n g u n d s i c h e r t e n s i c h i h r e n B e ­
s iz d u r c h e i n e C o lo n ie v o n t a u s e n d M ä n n e r n a u s a l l e n d r e y

Livius schrieb ganz gewiss : consults, coacto extemjplo Senatu , a d


bellum educta ex и. i.
55e) Vgl. Th. II. S. 52. und S» 124. Antium ward frey­
willig übergehen; welches bey einer ganz volskischen Stadt un­
denkbar wäre. ß7) Dionysius IX. 58. p. 615. b. wo aie aie
eine (ppoupa der Aequer Vorkommen.
— 222 — [b x h d п .]

V ö l k e r n 558) . D e n a l t e n A n t i a t e r n w a r d e i n T h e i l , v i e l l e i c h t
d e r g r ö s s t e , i h r e r F e l d m a r k g e l a s s e n 59) , w o b e y s ie d o c h
i n d a s V e r h ä ltn is s e in e r G e m e in d e h e r a h g e s e z t s e y n m ü s se n :
s ie w u r d e n M u n ic ip e s d e r h e r r s c h e n d e n V ö lk e r. D o c h so
v ie le O rte w a re n v o n E o m a b g e f a lle n o d e r e n tris s e n , d ass
d e r n ä c h s t e C e n s u s , 2 8 9 , 2 6 0 0 0 C a p i t a w e n i g e r z e i g t a ls
d e r d e s J a h r s 2 8 0 60).
W i r l e s e n d a s s d ie A e q u e r i n d e m J a h r w o d ie Co- m
l o n i e A n t i u m g e o r d n e t w a r d , 2 8 7 , F r i e d e n m i t E o m e in ­
g e g a n g e n w ä r e n : d a s ie a b e r i n d e m n ä m l i c h e n w ie d e r im
F e l d e e r s c h e i n e n , so w e r d e n s ie t r e u b r ü c h i g g e s c h o l t e n 61).
E s w a l t e t in d e s s e n h ie r g e w is s d ie s te t e V e rw e c h s lu n g d er
b e y d e n v e r b ü n d e t e n V ö l k e r 62), u n d d ie d e n F r i e d e n s c h l o s ­
s e n w a r e n d i e E c e t r a n e r , d ie s i c h i m J a h r 2 9 0 b e w e g e n
H e s s e n d i e W a f f e n w i e d e r z u e r g r e i f e n 63) . A u c h i s t w ä h ­
r e n d d e r v o rh e rg e h e n d e n d re y J a h r è g a r k e in e E e d e von
F e i n d s e l i g k e i t e n m i t V o l s k e r n , d ie A e q u e r a l l e i n f ü h r e n
d e n K rie g . I n d ie s e m f o c h t e n u n t e r i h r e n F a h n e n v o r
a l l e n e i f r i g d ie a u s A n t i u m v e r t r i e b e n e n C o lo n e n : o h n e
Z w e i f e l a u c h m a n c h e r t y r r e h e n i s c h e A n t i a t e , d e r s ie b e -

668) Oben S. 48. Anm. 78. und S. 97. Anm. 178.


ß9) Dionysius IX. 59. p. 616. а. хатіѵецоѵ туѵ yrjv, ßoipdv-
r t v a è £ aàryjq rocg ’Аѵтіатаід äTvoXetTcößsvoc. Livius Щ. 1.
adeo p a u c i nom ina d ed ere , u t a d explendum numerum Volsci
a d d e re n tu r : mit dreyfachem Irrthum : indem er die einheimischen
Antiater für Volsker nimmt, — ihr Verhältniss als Antheil an
der Bürgerschaft der Colonie: — und die Ursache sie zuzulassen
darin sieht dass die Plebejer die dargebotene Ansiedelung ver­
schmäht hätten, die doch nicht für sie war. Es ißt aber nur
nöthig dergleichen Verschobenes zurecht zu rücken. 60) 104114
(nicht 214) Livius III. 3. gegen 130000 (nach dem Cod. Vatic.,
nicht 103000): Dionysius IX. 36. p. 594. d. Diese Zahl ist seit 26 L
durch die Isopolitie der Herniker so sehr vermehrt. öl) Livius
ІП. 1. Dionysius IX. 60. p. 616. c. Schade dass dieser sich die
vermeynten Bedingungen, die Hirngeburt eines der elendesten An­
nalisten, hat aufbinden lassen. 62) bey dem Frieden
von 295: Livius III. 24. 25. Uebrigens ist der Vorwurf der
Treulosigkeit eine eben so alltägliche Verläumdung der Feinde
Boms wie die ignavia, welche man sich nicht entblödete gegen
die männlichsten Völker aiiszusprechen. 63) Ders. III. 4.
A e q u i ab E c etra n is Volscis praesidiu m p etiere. — S e rn ic i —
p r a e d ic u n t R om an is Ecetranoe a d Aequoa d escw e.
{ b a n d II.] — 223 —
g le ite t h a tte u m d e r H e r r s c h a f t e in h e im is c h e r W id e rs a c h e r
z u e n t g e h e n w e l c h e d ie S t a d t d e n K ö r n e r n ü b e r l i e f e r t h a t t e n :
d ie s e L a n d f l ü c h t i g e n s o l l e n s e h r z a h l r e i c h g e w e s e n s e y n .
A u fg e o p fe rte V e rb ü n d e te s in d a lle m a l e in G e g e n s ta n d d e r
A h n e i g a n g : i h r A n b l i c k i s t e i n V o r w u r f : so m u s s t e n s ie
ih re n n ä c h s te n L a n d e s le u te n , d e n E c e tra n e rn , lä s t ig s e y n :
i h r e w a h r e H e i m a t w a r b e y d e n e n w e lc h e d ie W a f f e n n i c h t
n i e d e r l e g t e n 564).
2*0 D ie A e q u e r t r u g e n d ie ih r i g e n i n d a s la tin is c h e L a n d ,
u n d i m d r i t t e n d i e s e r F e l d z ü g e , 2 8 9 , w ir d d e r A l g i d u s a ls
i h r e L a g e r s t ä t t e g e n a n n t : d ie G e g e n d w e lc h e , v o n d e r Z e i t
a n h is B o m s ic h w ie d e r z u r U e b e r m a c h t e rh ö h , e s jä h r l i c h
w a r. E s i s t d e r L a n d e s s c h e i t e l d e r d ie G e w ä s s e r w e lc h e
d e m H e r n ik e r la n d e u n d d e m L i r is z u flie s s e n v o n L a tiu m
e n tf e r n t, e in e u n f r u c h tb a r e , g e b ro c h e n e , a u s g e d e h n te H ö h e ,
m i t e in e m S c h w a r z w a l d v o n i m m e r g r ü n e n E i c h e n b e d e c k t 6ß),
z w is c h e n T u s c u lu m u n d V e l i t r ä , d ie s e r S ta d t u n d d e n A e ­
q u e r n , u n d z w i s c h e n L a t i n e r n u n d H e r n i k e r n : w e lc h e g e ­
t r e n n t w a r e n w e n n j e n e G e g e n d s i c h i m B e s iz d e r A e q u e r
b e f a n d ; s o w ie d i e s e u n d d ie V o l s k e r , w e n n E ö m e r u n d
L a t i n e r s ie b e h a u p t e t e n , i h r e C o n t i n g e n t e n u r a u f w e i t e n
U m w e g e n v e r e i n i g e n k o n n t e n . I c h h a b e k e i n e n B e r u f d ie
w id e rs p re c h e n d e n E r z ä h lu n g e n z u b e ric h te n u n d zu v e r­
g l e i c h e n , w o d ie w a h r s c h e i n l i c h e r e n u r e in e v e r s t ä n d i g e
B e a r b e i t u n g s e y n m a g : s i c h e r i s t d a s s , w ä h r e n d d ie L ä ­
g e r s ic h a u f d e m A lg id u s g e g e n ü b e rs ta n d e n , e in T h e il d e r
ä q u is c h e n M a c h t in d a s rö m is c h e G e b ie t e in b ra c h , w o d e r
L a n d m a n n k e in e G e fa h r a h n d e t e , u n d s ic h g lü c k lic h a c h ­
t e t e m i t Z u r ü c k l a s s u n g d e r H a b e m i t d e n s e i n i g e n d ie
S t a d t o d e r e in e d e r B u r g e n i n d e r L a n d s c h a f t z u e r r e i c h e n .

564) Ebend. m a g n a v is h o m in u m — is m ile s p e r b e llu m

A e q u ic u m v el a c e r r im u s Dionysius: — s. [Th. 2.] Anm.


fu it .

229. Als Ecetra den Krieg erneuert hatte waren sie wieder
dort: Livius III. 10. E c e t r a e A n t i a t e s c o l o n o s p a l a m c o n c i l i a
fa c e r e . 65) N i g r a e f e r a c i f r o n d i s i n A l g i d o . So beschreibt
Herr Geh. Leg. Bath Bunsendie Gegend auch jezt: ich habe
sie nicht gesehen weil sie damals Siz der Räuberbanden war.
Dort lag die Stadt Algidus, welche Dionysius gewöhnlich anstatt
der Gegend nennt: wohl auch keine andre meint wenn er von
^er Stadt der Aequer redet. Die Itinerarien geben die Lage
«richtig an.
— 224 — [band i i .]

D i e s e S c h u z o r t e , d ie P a g i , d e r e n E r r i c h t u n g , w ie d ie a lle s
b le i b e n d w o h lth ä tig e n , d e m K ö n ig S e rv iu s z u g e s c h rie b e n
w u r d e 566), d i e n t e n , w e tin d e r f e i n d l i c h e E i n f a l l n i c h t g a n z sei
ü b e r r a s c h t e , a u s s e r d e n L e u te n a u c h d a s b e w e g lic h e E ig e n ­
th u m zu b e r g e n ; w ie i n A t t i k a d ie K a s t e l l e a u f d e n
B e r g e n : m ö g e n s ie n u n w ie d ie s e m i t M a u e r n u m g e b e n e
P l ä z e , o d e r n u r m i t G r a b e n , W a l l u n d V e r p f ä h l u n g e in ­
g e s c h l o s s e n g e w e s e n s e y n , w i e e in e s e r b i s c h e P a l a n k a . E s
h a t u n t e r d e n s p ä t e r e n A n n a l i s t e n L e u t e v o n k in d i s c h e r
E i t e l k e i t f ü r i h r V o lk g e g e b e n w e lc h e v o n d e r E r z ä h lu n g
e i n e s U n g l ü c k s a u c h , im f e r n e n A l t e r t h u m s o v e r l e z t w u r ­
d e n , d a s s s i e , w e n n e s u n m ö g l i c h w a r s ie z u v e r s c h w e ig e n ,
s i c h n i c h t s c h ä m t e n e in e r d i c h t e t e s E r e i g n i s s d a r a u f fo lg e n
z u l a s s e n w o d u r c h d e m F e i n d d e r g a n z e V o r t h e i l e n tr is s e n ,
j a m e h r a ls v e r g o lte n w ird . D i e s e L ü g e n , g r a d e h i n w ie
j e d e a n d r e U e b e r l i e f e r u n g v o r g e t r a g e n , h a b e n d ie M ä n n e r
w e lc h e e in e v o lls tä n d ig e G e s c h ic h te k la s s is c h e rz ä h lte n
b e tr o g e n : e b e n w e il ih n e n G la u b e a n d e n V o rz u g d e r e h r­
lic h e n ä l t e r e n B ü c h e r , u n d a n d a s D a s e y n e in e r w a h rh a fte n
U e b e r l i e f e r u n g , fe h lte . Z u d e n z a h lre ic h e n B e y s p ie le n
s o l c h e r T r u g g e s f c a l t e n 67), w e lc h e v e r s c h w i n d e n s o b a l d m a n
a u f s i e v o r b e r e i t e t i s t , g e h ö r t a u c h d ie E r z ä h l u n g d a s s Q
F a b i u s d i e P l ü n d e r e r e i n g e h o l t , i h n e n e i n e N ie d e r la g e ,
v o n d e r s e h r w e n i g e F l ü c h t l i n g e s i c h g e r e t t e t , z u g e f ü g t,
u n d a lle s g e r a u b te G u t w ie d e rg e w o n n e n h a b e .
S o s c h l o s s s i c h e r d a s J a h r n i c h t m i t d e m s c h o n d ie 282
U n g lü c k s z e it a n h e b t w e lc h e R o m a n d e n R a n d d e s V e r­
d e r b e n s b r a c h t e . — I m f o l g e n d e n , 2 9 0 , e r n e u e r t e n d ie v o n
E c e t r a d e n K r i e g 68) : e i n e c o n s u l a r i s c h e L e g io n u n te r

666) Dionysius IV. 15. p. 220. b. Einen solchen Pagus nennt


er Tteptnôfoov ; IX. 56. p. 612. а. в7) Dergleichen ist schon
im folgenden Jahr der Sieg dee T. Quinctius, und 295 die Er­
oberung des abtrünnigen Antium, welche Dionysius umständlich
erzählt, Livius aber ganz verwirft weil die älteren Annalen nichts
davon wussten: III. 23. — und noch aus viel späterer Zeit die
Gefangennahme des C. Pontius im Jahr nach der caudinischen
Schmach, der Sieg des L. Marcius nach dem Untergang der Sci-
pionen, — und auch in dichterischer Sage der Sieg des Cincin-
natus auf dem Algidus, des Camillus über die Gallier. Selbst
die Lüge über Regulus hat einen ähnlichen Ursprung.
«8) [Th. 2.] Anm. 562.
[ band п .] — 225 —

A . P o s t u m i u s s u c h t e d ie r ö m i s c h e G r ä n z e z u d e c k e n : d e n
H e r n ik e r n z u H ü lfe f ü h r te d e r C o n su l S p . F u r iu s d ie z w e y te :
a h e r e r w a r u n g lü c k lic h g e g e n g ro s se U e b e r m a c h t, u n d
w a r d so e n g i m L a g e r e i n g e s c h l o s s e n d a s s d a s G e r ü c h t
v o n d e r ä u s s e r s te n G e fa h r d e s H e e r s n u r d u rc h B o te n a u s
d e n S tä d te n d e r B u n d e s g e n o s s e n n a c h R o m g e la n g te . H ie r
w a re n vo m A n fa n g d es F e ld z u g s V o rk e h ru n g e n a n g e o r d n e t
w ie d ie s c h w e r e n U m s t ä n d e s ie e r f o r d e r t e n . D a s A u f g e b o t
h i e l t d ie M a u e r n b e s e z t : T . Q u i n c t i u s s t a n d m i t d e n V e ­
te r a n e n u n d d e n ih n e n B e y g e o rd n e te n b e r e it: m it d ie s e r
R e s e rv e v e re in ig te e r H ü lfs v ö lk e r d e r L a tin e r u n d v o n A n -
ti u m , w o a b e r d e r W u n s c h d e r E i n w o h n e r s i c h v o n d e n
C o lo n e n z u b e f r e y e n n i c h t z w e i f e l h a f t w a r . In z w is c h e n
h a t t e d e r C o n s u l, w a h r s c h e i n l i c h s c h o n im f r ü h e r e n G e ­
f e c h t v e rw u n d e t, s e in e n B r u d e r P . F u r iu s m it fü n f z ig C en ­
tu r ie n d e r d re y e r s te n K la s s e n g e g e n d e n F e in d a u s fa lle n
la s s e n , w ä h re n d e r s e lb s t m it d e n T r ia r ie r n u n d d e n L e ic h t-
383 g e r ü s t e t e n d a s L a g e r b e w a h r t e . D e r A u sg a n g d e s U n te r­
n e h m e n s w a r h ö c h s t u n g lü c k lic h : v e rlo c k t d u rc h d e n e r s te n
E rfo lg , u n d a b g e s c h n itte n , fa n d e n je n e T a u s e n d m it ih re m
A n f ü h r e r d e n T o d 669) . A u c h d e r C o n su l w ü rd e m it d e n

569) ich kann in den allermeisten Fällen unmöglich darauf


ausgehen die Erzählungen welche ich, mit der nämlichen Freiheit
wie Livius und Dionysius ihre Vorgänger gebrauchten, aus den
ihrigen bilde, zu rechtfertigen; der gegenwärtige gehört zu den
Ausnahmen wo es der Mühe lohnt. Man erinnere sich dass die
Triarier nach der alten Ordnung dreyssig Centurien, zehn aus
jeder der drey ersten Klassen, den Hopliten, waren; abgesondert
um, wenn es Noth that, ein Lager besezt zu halten [Th. 2.]
(Anm. 450-). Es waren aber der Schwergerüsteten überhaupt
achtzig Centurien; also zogen von der Legion fünfzig aus dem
Lager: und das sind tausend Mann, — ängstlich gezählt 1050, —
bey ein und zwanzig Tribus. Die nämlichen 50 Centurien mach­
ten in der beweglichen Legion die beyden Cohorten der Hastati
und Principes aus: daher schreibt Dionysius IX. 63. p. 620. d.,
allerdings mit einer Prolepsis, von zwey Cohorten, zusammen
tausend Mann. Man sieht klar dass hier nur von einer Legion
die Rede ist, und mehr führte auch gewiss damals der einzelne
Consul nicht. Eine so bescheidene Zahl (3300 Mann mit den
Leichtgerüsteten und den Reutern) genügte dem nicht nach dem
Livius schrieb: daher rückt bey ihm auch der Consul aus dem
Lager, nämlich mit fünfzig Centurien einer zweyten Legion.
Niebuhr, Röm. Geecb. ^5
— 226 — [b a n d п .]

ü b r ig e n u m g e k o m m e n o d e r g e fa n g e n se y n , w e n n d e r E n tsa z
g e z ö g e rt h ä tte . D ie s e r g e l a n g ; n ic h t so g lü c k lic h w a r
P o s t u m i u s 570). D ie L a n d l e u t e f l ü c h t e t e n a u f s n e u e i n d ie
S t a d t , w ie a u s A t t i k a im p e l o p o n n e s i s c h e n K r i e g : u n d e s
w a r d ie S o m m e r s z e i t , w o d a s V i e h , w e n n e s g e d e i h e n s o ll, 28*
a u s d e r v e r s e n g te n u n d w a s s e r a r m e n C a m p a g n a in s G e b ü rg
g e b r a c h t w e r d e n m u s s , h ö c h s t e n s i n d e n s u m p f ig e n G e ­
g e n d e n g e g e n d a s M eer h in , b e y h a rte m G ra s u n d W a sse r
i n L a c h e n , a u s h ä l t : n u n k o n n t e e s n i c h t e i n m a l v o r d ie
M a u e r n g e t r i e b e n w e r d e n , u n d b e f ie l m i t t ö d t l i c h e n S e u c h e n ;
d i e a u f d ie M e n s c h e n ü b e r g i n g e n , u n d z u r P e s t w u r d e n ,
o d e r d i e E m p f ä n g l i c h k e i t f ü r e in e w e i t v e r b r e i t e t e C o n ta ­
g i o n v e r m e h r t e n , w e lc h e z u g l e i c h d u r c h K u m m e r u n d N ie ­
d e r g e s c h la g e n h e it e rh ö h t w a rd .
D i e C o n s u l n n a c h d e n e n d a s J a h r 2 9 1 b e n a n n t w ird ,
ü b e r n a h m e n d a s E e g im e n t a m e rs te n S e x tilis ; m it dem
S e p t e m b e r , w o a n s i c h d ie F i e b e r z u R o m a m v e r d e r b ­
l i c h s t e n s i n d , z e i g t e s i c h d ie P e s t e n t s c h i e d e n 71). D ie
H e r n i k e r m a h n t e n a u f s n e u e ; a b e r R o m h ä t t e k a u m s e in e
e ig e n e n M a u e rn v e rth e id ig e n k ö n n e n . V o ls k e r u n d A e q u e r
l a g e r t e n s ic h d re y M illie n v o r d e m e s q u ilin is c h e n T h o r,
a n d e r S tr a s s e n a c h G a b ii, a u f S c h u tt u n d B ra n d s tä tte n
d ie i h r v o r ig e r E in f a ll z u rü c k g e la s s e n h a tte ; u n t e r u n b e -
g r a b e n e n L e i c h e n u n d g e f a l l e n e m V ie h . S ie f a n d e n n i c h t s
m e h r z u v e r n i c h t e n : d a s s s ie d ie S t a d t n i c h t s t ü r m t e n , w a r
s i c h e r n i c h t F o l g e m e n s c h l i c h e s G e f ü h ls 72) ; w a h r s c h e i n l i c h
f ü r c h t e t e n s i e d ie A n s t e c k u n g : o d e r e s d ä u c h t e i h n e n d e r
E r f o l g u n g e w is s e r a ls e r s ic h g e z e ig t h a b e n w ü r d e ; d e n n
d ie P e s t w a r in a lle n H ä u s e rn , u n d w e r n o c h n i c h t dav o n
b e f a lle n , o d e r w e r g e n e s e n w a r, w a rd o h n e R ü c k s ic h t a u f
S t a n d o d e r A l t e r a u f g e b o t e n d ie W a c h e n a n d e n T h o r e n
u n d a u f d e n M a u e rn zu b e z ie h e n . S o b r a c h e n s ie a u f, 285l
u m d i e i n n e r s t e n W i n k e l d e s l a t i n i s c h e n L a n d e s , w e lc h e

570) Valerius Antias verrietli, auch für Lirins gesundes


Gefühl, seine Lügen über die Siege womit die römischen Feld­
herrn das Unglück überwogen haben sollten, durch die lächerlichen
Zahlenangaben der gebliebenen Feinde: völlige Unbefangenheit
erkennt in jenen Vortheilen durchaus eine leidige Fabeley.
71) Dionysius IX. 67. p. 623* b. 72) Wie der Pr&fect Q, Fa­
bius bey Livius sagt: III. 9.
[b a n d п .] — 227 —
n o c h B e u t e g e w ä h r e n k o n n t e n , h e in a z u s u c h e n . U n a u fg e -r
h a l t e n e r s t i e g e u s ie d ie f l e i s s i g a n g e b a u t e n , v i e r J a h r h u n ­
d e rte s p ä te r m it rö m isc h e n V ille n b e d e c k te n , H ö h e n u m
T u s c u lu m , u n d d e n B e r g v o n F r a s c a ti s e lb s t: z o g e n d a n n
h i n a b i n d ie r e i c h e N i e d e r u n g . z o n G r o t t a f e r r a t a 578). D ie s e
v o r d e r V e rh e e r u n g zu s c h ü z e n w a g te d a s s c h w a c h e H e e r ,
w e l c h e s d ie n o c h ü b r i g e n S t ä d t e d e r L a t i n e r u n d H e r n i k e r ,
v e r s a m m e l t h a t t e n , e in e S c h l a c h t , d ie m i t e i n e r m ö r d e r i ­
s c h e n N ie d e r la g e e n d ig te . U e b e r d ie F o l g e n d i e s e s u n ­
g lü c k lic h e n T a g s s c h w e ig e n u n s re G e s c h ic h te n .
D a g e g e n s t e l l e n s ie ü b e r e i n s t i m m e n d d e n F e l d z u g d e s
f o l g e n d e n J a h r s , 2 9 2 , a l s s i e g r e i c h d a r : j a s ie m e l d e n
d a s s d ie C o n s u ln t r i u m p h i r t h ä t t e n .
D ie s w ü r d e f r e y l i c h e n t s c h e i d e n w e n n s ie g l e i c h z e i t i g e
T r i u m p h a l f a s t e n a n f ü h r t e n ; a b e r C ic e ro e r w ä h n t a ls b e ­
k a n n t d a s s e r d i c h t e t e T r i u m p h e v o r k ä m e n 74) : w ie w i l l ­
k o m m e n m u s s t e n d ie j e n e n t h ö r i c h t e n A n n a l i s t e n s e y n !
W a r u m h ä t t e n s ie n i c h t s e l b s t d ie E r d i c h t u n g w a g e n s o lle n ,
d a n a c h so g r o s s e m U n g l ü c k d ie V e r g e l t u n g a u s n e h m e n d
s e y n m u s s t e ? D i e s e im J a h r d e r P e s t e i n t r e t e n z u l a s s e n
w a r f ü r s ie s e l b s t z u d r e i s t : u m e in e s v e r s c h o b e n h a t t e e s
k e in e B e d e n k lic h k e it m e h r. W ir h in g e g e n , w e it e n tf e r n t
z u v e rk e n n e n d a s s U m s tä n d e d a s U n e r w a r te ts te w ü rk lic h
h e r b e y f ü h r e n k ö n n e n , m ü s s e n s a g e n d a s s h ie r a lle m A n -
386 s c h e i n n a c h e in e v ö llig e U n m ö g l i c h k e i t o b w a l t e t : n i c h t
e i n m a l d ie H y p o t h e s e h i l f t a u s d a s s d ie P e s t z u E o m e r ­
lo s c h e n , u n d a u f d ie fe in d lic h e n V ö lk e r ü b e r g e g a n g e n s e y n
k ö n n t e , d a s ie a u f d ie n ä m l i c h e W e i s e w ie b i s h e r a n g r e i ­
f e n d e r s c h e i n e n 7б) . L a s s e n w i r a b e r d ie E r e i g n i s s e d ie s e s

573) in T u s c u la n o e c o lle s — d e s c e n d e n t ib u s a b T u s c u la n o in

A lb a n a m v a lle m . : Cicero B r u t . 16. (62):


f a ls i tr iu m p h i

wir werden gleich ein Веувріеі haben: [Th. 2.] Anm. 579.
75) Der Gang des Feldzugs ist ziemlich Wiederholung. Das
römische Heer, aus dem Gebiet der Herniker zurückkehrend,
fängt die Plünderer auf: vgl. Livius ПІ. 5. 8. — Einen neueren
Annalisten a) dürfte die Erwähnung der Landschaft von Präneate
als den Aequern noch fremd, da sie sich doch schon auf dem
Algidus festgesezt hatten, verrathen. Eine zusammengefügte Er­
zählung zeigt sich darin dass Lucretius, nach Rom gekommen,
a) Nitzsch Röm. Annalistik 96.
15*
— 228 — [b a n d п .]

E e l d z u g s a u f s i c h b e r u h e n , s o g e w ä h r t d i e A n n a h m e e in e s
U m s ta n d e s d e r n ic h t h a t a u s b le ib e n k ö n n e n , E r k lä ru n g
f i i r d i e W a f f e n r u h e d e r b e y d e n f o l g e n d e n J a h r e , w e lc h e
d a n n a u f b e id e n S e ite n B e d ü rfn is s w a r. S ie m u s s d u r c h
e i n e n V e r t r a g g e s i c h e r t g e w e s e n s e y n : s o n s t h ä t t e , a ls
A p p iu s H e r d o n iu s a u f d e m K a p ito l w a r , T u s c u lu m w o h l
n i c h t w a g e n k ö n n e n s e in e H ü lfe z u s e n d e n .
V e r m u t h l i c h w a r e s a ls o e i n t r e u l o s e r U e b e r f a l l , a ls
i m f o l g e n d e n J a h r , 2 9 5 , L e i c h t g e r ü s t e t e d i e B u r g d ie s e r
S t a d t e r s t i e g e n , w e lc h e s ie m e h r e r e M o n d e n w i d e r T u s -
c u l a n e r u n d r ö m i s c h e C o h o r te n b e h a u p t e t e n . G eg en das
F e l d h i n s i n d d ie W ä n d e d e s B e r g s , w e l c h e n j e n e F e s t e
e i n n a h m , j ä h u n d s e h r h o c h : v o m F o r u m f ü h r t e e in e n g e r
n n d l e i c h t v e r t h e i d i g t e r P f a d h i n a u f : e i n r e i c h e r Q u e ll
g u t e s W a s s e r s v e r s o r g t e d ie B e s a z u n g 576) : a b e r M a n g e l
a n S p e i s e z w a n g s ie e n t w a f f n e t a b z u z i e h e n . D e r C o n su l 28t
Q . F a b i u s h a t t e ih n e n a u f d e r S tr a s s e n a c h i h r e r H e im a t
e i n e n H i n t e r h a l t g e l e g t , u n d l i e s s s ie n i e d e r m a c h e n : e in e
A b s c h e u l i c h k e i t d ie u n e r k l ä r l i c h i s t w e n n j e n e U n g l ü c k ­
l i c h e n i c h t a u c h d u rc h T r e u b r u c h e in e s u n a b s tih n b a r e n
V e r b r e c h e n s s c h u ld ig w a re n .
I n d e m s e l b e n J a h r g i n g A n t i u m v e r l o r e n : w e lc h e s a ls
E m p ö r u n g d a r g e s t e l l t w i r d 77), s o d a s s e s d e n A n s c h e i n h a t a ls
w ä r e d i e C o lo n ie d u r c h e i n e n A u f s t a n d d e r a l t e n E i n w o h n e r
v e r t r i e b e n , u n d d ie a l t e n H e r r e n w i e d e r a n g e n o m m e n
w o r d e n . A l l e i n m i t e i n e r B e g e b e n h e i t d ie n i c h t l e i c h t v e r ­
s c h m e r z t w e r d e n k o n n te , i s t d a s V e r h ä ltn is s v o n B e fre u n d u n g ,
w o r in d ie S t a d t v o n d e r Z e it a n b is n a c h d e m g a llis c h e n
U n g lü c k z u R o m s ta n d , n ic h t z u v e re in ig e n : u n d h ie r tr i tt
d i e S a g e v o n C o r io la n u s e r k l ä r e n d e i n , i n d e m s ie m e ld e t,
e r h ä t t e g e f o r d e r t d a s s R o m d ie C o lo n e n a u s d e n e r o b e r t e n
O rte n z u rü c k ru fe n u n d s ie d e n V o ls k e r n z u rü c k g e b e n
s o llte : e in e F o r d e r u n g w o rü b e r sch o n b e m e rk t is t d ass

dort mit den Tribunen gerechtet, und dann triumphirt haben


soll: welches gegen die unwandelbare Sitte streitet dass, wer
triumphiren wollte, die Stadt vorher nicht betreten konnte.
576) Die uralte Gallerie, welche diesen der untern Stadt zu­
führte, ward 1817 entdeckt. Ohne alle Frage ist es die aqua
C rabra. 77) E odem anno descisse A n tiates a p u d plerosque
auctores invenio : Livius III. 23.
[ban d п .] — 229 —
n u r d ie a u f u n s g e k o m m e n e D a r s t e l l u n g v e r k e n n t d a s s s ie
an g en o m m en w a rd . W a h r s c h e in lic h is t n u r g a n z z u fä llig
v o n m e h r e r e n O r t e n d ie R e d e , u n d A n t i u m a l l e i n g e m e y n t ;
s i n d d a m a l s n o c h a n d r e S t ä d t e a b g e t r e t e n w o r d e n w e lc h e
s ic h m itte n in d e m e r o b e rte n L a n d e m ü h s e h lig v e r th e id ig t
h ä t t e n , w ie A u v e r g n e u n d S o i s s o n s u m g e b e n v o n B a r b a r e n
288 s i c h l a n g e a l s R ö m e r b e h a u p t e t e n , so i s t e s m i t i h n e n e i n
a n d r e r F a ll, e s w a r n ic h t d ie R e d e d a v o n s ie z u rü c k ­
zugeben.
E in e fr ie d lic h e A b tr e tu n g k o n n te fr e y lic h d e n A n n a ­
l i s t e n s o u n m ö g l i c h V o rk o m m e n d a s s e s s i c h f ü r s ie v o n
s e lb s t v e r s ta n d A n tiu m m ü s s e a b g e f a lle n s e y n , w e il e s
v o n d e r Z e it a n , w ä h re n d f a s t h u n d e rtz w a n z ig J a h r e n , u n ­
a b h ä n g i g w a r 678) . W i e d e r u m f a n d e n s i c h s o l c h e d ie e b e n
h i e r ü b e r d ie A u g e n s c h lo s s e n , u n d , d ie E m p ö r u n g v o r a u s -
g e s e z t , e in e U n t e r n e h m u n g d e s C o n s u ls L . C o r n e liu s , w e l c h e r
b e y T u s c u l u m n i c h t b e s c h ä f t i g t v ra r, e r d i c h t e t e n , w o d u r c h
d ie a b t r ü n n i g e S t a d t w i e d e r e r o b e r t , u n d n a c h d e r S i t t e g e ­
z ü c h t i g t s e y 79) : a n d e r e , e i n g e d e n k d a s s s ie v e r l o r e n b l i e b ,
w o l l t e n w e n i g s t e n e in e n , w e n n a u c h n u n f o lg e n lo s e n , S ie g
b e i A n tiu m n ic h t f a h r e n la s s e n , u n d ü b e r tr u g e n d ie s e n
a u f Q . F a b i u s 80). B e y d e E r z ä h l u n g e n s c h e i n e n i n g l e i c h e m
M a a s s v o n a lle m h is to r is c h e n G ru n d e n tb lö s s t: v ie lm e h r
d a r f a n g e n o m m e n w e rd e n d a ss d e r F rie d e m it d e n Y o ls k e rn
o h n e S tö r u n g a u s d e m W a f f e n s tills ta n d h e r v o r g e g a n g e n is t,
d a e r s i c h i n d i e s e m J a h r s c h o n g a n z v o llz o g e n f in d e t.
289 e N ä m l i c h e in e a n d r e B e d i n g u n g d e s F r i e d e n s w e lc h e r
C o r io la n u s z u g e s c h r i e b e n w i r d , i s t , d a s s d ie R ö m e r m i t
d e n Y o l s k e r n B ü n d n i s s u n d M u n i c i p i u m e i n g i n g e n 81) . N u n

5?8) Auf diese Voraussezung beziehen sich, vorbereitend, die


wiederholten Erwähnungen von der aufrührerischen Stimmung
der Antiater, wobey Livius widersinnig die Colonen meynt: die
nach Rom berufenen Principes! 7a) So Dionysius: auch die
Triumphalfasten, welche für diese Zeiten nichts beweisen, indem sie
unter Augustus aus Anzeichnungen wie sie sich fanden zusammen-
gesezt sind: ihr Verfasser konnte sich eben so wohl wie ein Ge­
schichtschreiber täuschen. Livius sagt ausdrücklich dass die
älteren Annalen nichts davon wussten. 80) So die denen
Livius folgte. 81) Dionysius VIII. 35. p. 508. b. è à v cP w p . a Z o t
— y d t a v T z o L T jc o v T a t e lg rb v d e l % p ö vo v } x a l Іа ѵ к о Х и г е іа д fx e -

т а д а х т о и а іѵ û ç A a rw o tg .
— 230 — [вÀKD u.]

f i n d e t s i c h i n d e m C e n s u s v o n 2 9 5 j e n e s c h o n 682) b e m e r k -
l ic h g e m a c h te Z u n a h m e d e r C a p ita a u f 1 1 7 3 1 9 , v o n 1 0 4 1 1 4
i m J a h r 2 8 9 , n a c h P e s t u n d K r i e g s v e r h e e r u n g , w e lc h e s ic h
n u r d u r c h d ie H i n z u f ü g u n g d e r C e n s u s z a h l e i n e s i s o p o li­
t i s c h e n V o l k s e r k l ä r t : d a s s i n d n u n d ie V o l s k e r g e w e s e n ;
d i e v o n E c e t r a , u n d A n t i u m : w e l c h e s v o n j e z t a n C o lo n ie
d e r N a t io n w a r, a b e r u n a b h ä n g i g g le ic h d e n s a m n itis c h e n .
D i e A n n a l i s t e n m ü s s e n a u c h e in e C e n s u s a n g a b e v o m v o r ­
h e r g e h e n d e n J a h r g e fu n d e n h a b e n m it e in e r w e it g e rin ­
g e r e n Z a h l ; g e w i s s f o l g e r t e n s ie n u r , e s s e y d ie Z ä h lu n g
d a m a l s b e g o n n e n a b e r n i c h t v o l l e n d e t w o r d e n 83) : d e r U n ­
t e r s c h i e d l a g d a r a n d a s s j e z t d ie C a p i t a d e r n e u e n M u -
n ic ip ia h in z u g e fü g t w a re n .
E r w ä h n t i s t d e r F r ie d e a u c h b e y d e n G e s c h ic h ts c h re i­
b e r n , n u r d a s s d ie i r r t h ü m l i c h e B e z i e h u n g a u f d ie A e q u e r
s i c h w i e d e r h o l t 84) , d ie a u c h d i e s m a l im J a h r d a r a u f a ls
F e i n d e w i e d e r V o rk o m m e n . A n d e r s w o f i n d e t s i c h a b e r b e y
L iv iu s e in e n u n fr e y lic h s e lts a m g e s ta lt e te S p u r , d a s s e r
S c h r i f t e n l a s w e lc h e r i c h t i g ü b e r d ie A n t i a t e r u n d w e s t ­
l i c h e n V o l s k e r s a g t e n , s ie w ä r e n s i e b z i g J a h r e l a n g m it
E o m v e r b ü n d e t g e w e s e n , a ls s ie n a c h d e m g a llis c h e n U n - 290
g lü c k a b fie le n . D a s m u s s ih m u n m ö g lic h v o rg o k o m m e n
s e y n , d a s o o f t, u n d n u r w e n ig e J a h r e f r ü h e r , v o n v o ls k i­
s c h e n K rie g e n z u e rz ä h le n g e w e se n w a r: d a h e r tr ä g t er
d i e E r w ä h n u n g so v o r d a s s s i c h n i c h t w o h l b e z w e if e ln
l ä s s t , e r h a b e s i e v o n d e r D a u e r d e s K r i e g s v e r s t a n d e n 85).
A b e r d e r A n n a l i s t k a n n u n m ö g l i c h e i n e a n d e r e a ls j e n e
M eynung g e h a b t haben. A u c h d ie E r w ä h n u n g d e r T h e i l -

582) Th. II. S. 80. 83) c en su s, re s p r io r e a n n o in c h o a ta ,


p e r fic it u r : Livius III. 24. 8*) A e q u i s p a x p e t e n t i b u s d a t a :
ebendas. Mehr aie gewöhnliche Wichtigkeit wird dem Frieden
heygelegt c o n s u l u m m a g n a — g l o r i a f u i t , q u o d — p a c e m p e p e -
r e r e . Dionysius X. 21. p. 648. c. — der einem Thoren nach­
schreibt die Aequer hätten sich Rom unterworfen. 86) a d
d e d itio n e m V o U c o s s e p t u a g e s i m o d e m u m a n n o s u b e g i t : Liviua VI. 2.

Auch Eutropius und Orosius haben es von siebzig Kriegejahren


verstanden, die sich freylich auf keine Weise herausrechnen lassen:
daher die Kritik Hülfe in den verwegensten Aenderungen ge­
sucht hat. Es sind aber grade 70 Jahre vom Frieden bis auf
die Einnahme der Stadt, und die Volsker welche in Roms Un­
glück abfielen, eben die welche jenen 295 eingegangen waren.
{band II.] — 231 —

n ä h m e d e r A n t i a t e r u n d E c e t r a n e r a n d e n F e r i e n d e r drey*
v e r e i n i g t e n V ö l k e r , b e t r i f f t , w e n n s ie G r u n d h a t , d ie s e
v i e l j ä h r i g e B e f r e u n d u n g , w e lc h e a ls o b e s i e g e l t w a r d 586).
N a c h d em S in n d e r A n n a lis te n m u s s te R o m u n te r
a lle n U m s tä n d e n h o c h fa h re n d u n d u n b ie g s a m a u f tr e te n :
d a h e r w a r d ie R ä u m u n g e i n e r C o lo n ie i h n e n e in z u v e r ­
h e i m l i c h e n d e s A e r g e r n i s s ; d ie W e i s h e i t d e s E n t s c h l u s s e s
e in e n B u n d , d e s s e n M a c h t b e y w e ite m ü b e rle g e n w a r, u m
e in e n P r e is a u fz u lö s e n d e r s ic h d o c h n ic h t v ie l l ä n g e r
b e h a u p t e n l i e s s , d e n K r i e g a u f d ie A e q u e r a l l e i n z u b e ­
s c h r ä n k e n , — a h n d e t e n s ie n i c h t . N i c h t n u r d i e s e r Z w e c k
w a rd e r r e ic h t; es e rw u c h s e n in H in s ic h t a u f L a tiu m u n ­
e rw a rte te V o rth e ile a u s d e m U n g lü c k d e r le z te n J a h r e .
291 D e r l a t i n i s c h e S t a a t i s t s e i t d e m g r o s s e n v p l s k i s c h e n K r i e g
v ö llig a u fg e lö s s t: h ä tte e s n o c h e in e n L a n d ta g g e g e b e n ,
s o w ü r d e n d ie A r d e a t e r u n d A r i c i n e r d o r t u n d n i c h t z u
R o m A u s t r a g ü b e r d e n B e s i z d e r ö d e n M a r k v o n C o rio li
g e s u c h t h a b e n : d ie L a t i n e r w ä r e n d ie n o t h w e n d i g e n V e r ­
m ittl e r d e r U n r u h e n z u A rd e a g e w e s e n , u n d d ie s e S ta d t
h ä t t e n i c h t a b g e s o n d e r t e in e n V e r t r a g m i t d e n R ö m e r n g e ­
s c h l o s s e n . W o h l d ie g r ö s s e r e Z a h l d e r d r e y s s i g S t ä d t e w a r i n
d e r G e w a lt d e r E r o b e r e r o d e r l a g z e r s t ö r t : e t l i c h e m ö g e n s i c h
d u r c h V e r t r ä g e g e s i c h e r t h a b e n , s o g a r B ü n d n i s s g e g e n d ie
e h e m a l i g e n G e n o s s e n , w e lc h e k e i n e n S c h u z g e w ä h r e n k o n n t e n ,
e i n g e g a n g e n s e y n : T u s c u lu m , B o v illä , A r ic ia ,L a n u v iu m , L a u -
re n tu m , T e lle n a , u n d w o h l n o c h e in ig e a n d re , h a b e n s ic h
o f f e n b a r i n R o m s C l ie n te l b e g e b e n : a n s t a t t d e r f r ü h e r e n
Ö l e i c h h e i t d e s g a n z e n S t a a t s a u s d e m s ie a l s T r ü m m e r
ü b r i g w a r e n : u n d w a h r l i c h w ä r e d ie s e j e z t s e l b s t f ü r i h r e
G e s a m m t h e i t u n a n g e m e s s e n g e w e s e n . W o d ie L a t i n e r n u n
e r w ä h n t w e r d e n , k o m m e n s ie a l s a b h ä n g i g v o n R o m s H o ­
h e i t u n d S c h u z v o r , b i s s ie n a c h d e r g a l l i s c h e n Z e i t d i e s e
U n t e r t h ä n i g k e i t a b w e r f e n ; u n d so. b e g r e i f t e s s i c h w ie d ie
G e s c h ic h ts c h re ib e r h a b e n g la u b e n k ö n n e n L a tiu m s re c h t­
m ä s s ig e s V e rh ä ltn is s s e y n ie e in a n d e r e s , s e in A n s p r u c h
a u f G l e i c h h e i t E m p ö r u n g g e w e s e n . D ie M a c h t d e r A e q u e r
h a t t e k e i n e n B e s t a n d ; u n d a l s s ie v e r f ie l e r o b e r t e n d ie
R ö m e r, n u n f ü r s ic h a l le in , m a n c h e n f r ü h e r a n je n e g e -

SSß) Dionysius IV. 49. p. 250. a. Die Zurückführung auf


König Tarquinius kommt hiebey nicht in Erwägung.
— 232 — [b a n d п.]

k o m m e n e n O r t : — so w u c h s i h r S t a a t d u r c h d ie Z e r ­
tr ü m m e r u n g v o n L a t iu m , h is s e in e h e r g e s te llte G rö sse a n
d e r A lia z u m z w e y te n m a l fü r e in e Z e it g e b r o c h e n w a rd .
D i e H e r r s c h a f t d e r A e q u e r u m f a s s t e d e n A l g i d u s 587) : 292
n i c h t d ie w e s t l i c h d a v o n l i e g e n d e n B e r g e , d a d ie E ö m e r
i h n e n s o o f t a u f j e n e s H o c h l a n d e n t g e g e n g i n g e n . V e litr ä ,
d a s s e lb e s ü d lic h b e g rä n z e n d , w a r n u n u n z w e ife lh a ft in d e r
V o ls k e r G e w a lt, d ie s ic h d o r t s e h r z a h lr e ic h n ie d e rg e la s s e n
h a b e n m ü s s e n , w e i l e s i n d e r F o l g e g a n z a l s e in e S t a d t
d ie s e r N a tio n g e re c h n e t w a rd . S ic h e r is t k e in G ru n d zu
b e z w e i f e l n , d a s s d ie O r te , w e l c h e d a s d o p p e l t e V e r z e i c h ­
n i s s d e r a n g e b l i c h e n E r o b e r u n g e n C o r io la n s e n t h ä l t , w i r k ­
l i c h a l l e v o n d e n V o l s k e r n u n d A e q u e r n e in g e n o m m e n
w o r d e n s i n d , n u r n ic h t im L a u f e in e s F e ld z u g s . V on
O r te n d ie d o r t V o rk o m m e n , u n d s ic h u n te r d e n d re y s s ig
l a t i n i s c h e n f i n d e n , g e h ö r t e L a v i c i d e n A e q u e r n a ls e s 3 3 6
e r o b e r t w a r 88) : C o rb io 2 9 6 89) : S a t r i c u m i s t i n d e n j ü n g e r e n
K r i e g e n n a c h d e r g a l l i s c h e n Z e i t i n d e r A n t i a t e r G e w a lt,
n n d n i c h t e t w a a l s e in e n e u l i c h e E r o b e r u n g 90) : C o rio li
l a g n a c h d e r D e c e m v i r a l z e i t z e r s t ö r t , u n d d ie b e n a c h b a r t e n
S t ä d t e s t r i t t e n s i c h ü b e r d ie w ü s t e F e l d m a r k 91) : C irc e ji
m u s s t e a u f g e h ö r t h a b e n e in e l a t i n i s c h e S t a d t z u s e y n , d a
3 6 1 e i n e C o lo n ie h i n g e s a n d t w a r d 92) : C a r v e n t u m , w e lc h e s
v e r m u t h l i c h g e m e y n t i s t w o e i n S c h r e i b f e h l e r s e y n m u s s 93),
w a r d n o c h g e g e n d ie M i t t e d e s v i e r t e n J a h r h u n d e r t s , a ls 293
d ie M a c h t d e r A e q u e r s c h o n s e h r h e ra b g e k o m m e n w a r,
w i e d e r h o l t v o n i h n e n b e h a u p t e t 94) . V o n d e n a l b e n s i s c h e n
O rte n u n te r je n e n E ro b e ru n g e n w e rd e n L o n g u la u n d P o -

587) Sie lagerten dort èv oixeta y jj : Dionysius X. 21. p.


647. b. 88) Livius IV. 45. 89) Ders. III. 28. 30.
90) Ders. VI. 8. u. ferner. 91) Ders. III. 71. 92) Diodor
XIV. 102. 93) Im Dionysius kommen VIII. 19. p. 495. b.
und 36. p. 509. b. die K o p to k a vo i als Bürgerschaft zwey ver­
schiedener von Coriolanus eroberter Städte vor, von denen jene
in der Gegend von Corbio, diese in der von Satricum, Longula
und Polusca gedacht werden muss. Das ist eben die Lage von
Corioli, also liegt der Fehler an der ersten Stelle; die Aenderung
K o p o e v r a v o z ist höchst gering, und die a r x C a r v e n t a n a , wie sie
bey Livius vorkommt, muss in der angegebenen Gegend gesucht
werden. 94) Livius IV. 53. 55.
[baud II.] ~ 233 —

l u s c a a l s a n t i a t i s c h g e n a n n t 595) : z u B o l a , w e l c h e s h e y d e r
E i n n a h m e e i n g e ä s c h e r t s e y n s o ll, m ü s s e n d i e E r o b e r e r e i n e
C o lo n ie a n g e s i e d e l t h a b e n , d a d ie B o l a n e r u n t e r 3 3 9 e i n
a q u i s c h e s V o lk h e i s s e n , u n d n a c h d e r g a l l i s c h e n Z e i t a l s ­
b a l d m i t d e n A e q u e r n v e r e i n i g t w a r e n 96). Y i t e l l i a 97) k a m
u m d ie n ä m l i c h e Z e i t w ie L a v i c i u n d B o l a i n d e r R ö m e r
G e w a lt, w e l c h e a u c h d o r t h i n C o lo n e n s a n d t e n , d ie 3 6 1 v o n
d e n A e q u e r n v e r t r i e b e n w u r d e n 98). N a c h d i e s e n B e y s p i e l e n
d a r f n i c h t n u r d ie E r w ä h n u n g d e r E i n n a h m e v o n T o l e r i a
u n d P e d u m a l s e in e h i s t o r i s c h e N a c h