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' h i g ke it uncl Sc h ul efiol g r03

2. MigrationsbeclingteNlehrsprachigkeitinDeutschland

Wenn in Deutsctrlancl uncl Ruropa von Mehr-sprachigkeit clie Rede ist, sincl zwei verschiedene
und siclr nur t.eiIr.veise Úberlappencle Kontcxle ZLl unterscheiden: Da ist zum einen cier Kontext'
der europáisclren (Fremcl-)Sprachenpolitik. die an-eesichts cler real ťast tiberall
vorhen'schenclen Einsprachigkeit uncl cler danrit einher gehenden f)etizite an
gesamteuropiiischer Verstiincligung die Mehrsprachigkeit zur Libergl'ordneten Zielsetzung
genrircht hat. Jecler Biirger cler Europiiischen Union sollte zr.rkÚnflig iiber seine Muttersprache
hinaus (ntinclestens) zwei wcitere europžiisclre Sprachen spreclten; von cliesen Fragen soll inr
F'olgenclen nictrt ocler nLlr anl Rancle ctie Rede sein. Zutn andelen nánrlich ist Mehrspraclrigkeit
in Egropa in clen letzfen Jalrren und Jalrrzehnten auch als eine reale Ertirhrung relevant
geworclen. die clas traclitionelle Prinzip cier territorialen Einsprachigkeit zunehmencl in Frage
stellt rrncl ťúrdie Bilclungs- rrnd Schrrlpolitik irrsbesondere in Mittel-, West- und Nordeuropa
eine Herlruslbrtlerunu darstcllt. Geneint ist clie clurcli rlie anhaltencle Migration entstandene
Mclrrspraclrigl<cit. clic in l)cirtschlancl r,<lr itllcnr in clcn wcstlichun ('alten') BuncleslŽindern
uncl hier wiecler'unl vclt'allerlr in den grolien Stadten zut'Nornlalitát geworclen ist.

Zwei ncuerc Erhcbungen zul Mchrsprachigkeit an cleutschcn Schulcn, dic in Essen uncl
Halnburg durchgefiihrt r.vurclen, baben cliese Norrnalitiit einer rnigrationsbedingten
Melrrsprachigkcit deutlich sichtbar genracht. Dentnach sprechen zwar weiterhin tiber 7}a/o der
Gr'unclsclrÚler nllr Deutsch' alrer iltrmel'lrirt schon Íirsl _jOolc gelren ltll. Zu }'Iause neben Derrtsch
noch eine weiterc Sprache zu sprechen. Dabei ist auclt clirl Vielf'alt der vertretenen Spr:achen
erstaunlich. Am háufigsten vertreten ist sowohl in Esserr als auclr in Hamburg das Tiirkische,
darieben spielen Polnisclr' R'ussisclr, Aralrisolr eine groí}e, Englisclr, Serbisch/Kroatisch/Bos-
nisch, Farsi. Kurdisch sorvic 70-90 wcitclc Sprachcn cine klcincre Rolle (ugl.
Chlostďostcrmann 2008;l9ff.)' Wichtig an clicsr:n ErhebLrngen ist. class sie _ anclers als dicl
anttlichen Statistiken. clie ill der Regel nur zwischetr.auslándischen'rrnd,cleutschen'
SchúIet'n untersche iclen clas Pr"oblt: rtt rricht iln cicr StaatsarrgchÓrigkeit cler Kinder
ltstmacl-rcrr. s<lnclcrn Cli0 tatsÍichliclre Sprachensitulúiott urrabhiingig von clen rcchtliclrcn
Sntusfragen erlassen. Das ist ins<lÍern relevant, irls viele in Detrlschlancl lcbericle Mensclren
zwar einen cleutschcn Pass haben. in ihren Farnilien aber gleichwohl nicht (nur) Deutsch,
sonclern eine alrdere Sprache sprechen. weil sie entweder eingebilrgert clder als,Aussiedler'
aus Russlancl oder Polen eingewandert sind uncl somit als Der"rtsclre gelten. Wir sprecheil
daher im Kontext rler Bildungs- und Schulpolitik niclrt mehr von ,deutsche n' und
,ausliinclischen' Kinclern, sonclern lieber von Kinclern mit bzw. ohne ,MiEationshintergrund',
weil clieser BegritT clie Migrations- uncl damit auch die Sprachensituíttion cler betrefTenden
Fanrilien elrer erfasscn kann. Im Úbrigcn liat' sich das Statistische Bunciesarnt seit 2005 dieser
Spraclrregelrrng angepasst und eriasst seilclenr ebe nÍ'alls nicht ntelrr nur die
Staatsan gelrÓri gkei t' sonclent eben auch clen M i grati onslr i ntergrrrrrd.

Auí c1ie Details cler Migrationsgeschichte uncl der aktuellen Situatiorr verschieclener
Migrantengruppen in Deutsclrland kann ich aus Platzgrlinden hier nicht eingehen. Wichtig fiir
unseren Zusarnnrenhang ist aber, tiass clie Bunclesregierung clie Existenz einer
Einwanclerungssituati<tn in Deulschlancl ofl'iz-iell erst vor ca. zehn Jahrelr anerkannt lrat und
auch erst seitctenr eine aktive Migrations- und Integrationspolitik betreibt. Dabei steht. bedingt
vor allern clurch clen so geltannten PISA-scltocli, ciits Probleni der sprachliclren lntegration,
d.h. cles Deutsch als Zweitsprache-Erwerbs bei Kinclern und Jugencllichen mit
104 Cllaus Altmuyer

Mi-urationslrinlergruncl, ticttlliclr im Vordergrtrncl. Dic 200l verÓťl'entlichte intel'nationale


Bildungsvergleichsstuclie PISA (Programme .fbr International Student A.ss'es.ytnent) hatte
gezeigt. dass die Leistungen deutsclrer Schtiler in den Bereichen Lesekonrpetenz,
ttratht:matische Kontpetenz uncl naturwisscnschaftlictre Grunclbilclung teilweise deutlich
unterhalb cles intentationalen Durclrschnitts liegen und class dies unter anderem mit der
vergleichsweise gerirrg ausgeprágten Bilclrrngsbetei1igung voll Familien mit
Migrationslrintcrgruncl und rnit nrange lnden Sprachkenntnisse n cler Kinder aus
Zuwanclererfamilien Zu lun hzůe. ,.Fast 50 Prozcnt cler Jugerrclliclren atts Zttwa'ndererlbmilien
iiberschreiten im Lesen nicht clie eleme ntare Kotnpc'tenzstule l, obwohl iiber 70 ProzenÍ von
ihnen clie detrtsche Schule vollstándig durchlaLrl'ert haben" (Artelt u.a.200l:39). Dariiber
hinaus wirken sich ciie spractrlictren Deťizite auch in den Sachfácherlt :-tus, ,,sodass Personen
mit unzureichenclell-t Leseverstáticlttis in allen akademischen Bereiclren in ihrem
Konrpetenzerwerb beeintriichtigt sind" (ebci.). Die Einsicht, class dieses erniichtenrde l{esultat
nicht prinriir', rvie rrtítt-tclre Politiker' glauben ntaclten wollten, clen Zuwanderel'f'anrilien selbst
anzulastcn ist, sonclern in allelerster l,inie clas Versagen der deutschen Ililclungs- uncl
Integrationspolitili clokumcntrcrt, hat sich rnittle rweilc wcit-clchend durchgesetzt und zu
vielfáltigen MaÍ3nahnlen einer lrÓrclerun.e des Spracherwerbs bei Zuwanclerelkindern geÍiihrt.
Dabei wird clie Notwertcli,ukcit, clie teilrvcisc erhchlicliur Mlingel vielcr Kinder auch noch der
zweitc:n uncl dritten Gcneratior-r ctcr Zuwantlcrcrl-anrilien irn Doutschcn zu boscitigen und dcn
Kindern zu einer clen schulischen Anfbrderungen entsprechenden Kon'rpetenz im Deutschen
zu verhelítno von allen Beteiligten arterkannt; hochgraclig untstritten ist aber, ob bzw'
inwieweit clies auť Kosten del Fantiliensprachelt uncl cler Mehrspracirigkeit der Kilider gehen
soll' welclre BecleirÍung die Melrrsprachigkeit zugewanderter Kincler' iiberhaupt hat uncl wie
sie sich auf clercn Schulerfolg auswirkt. Dalrei lasserr sich mchrere Teilaspekte dieser
Diskussion unterschcideu. vorl ctenen inr Folgenden zwei elwas niilier beleuchtet werclen
sollcn: dic Rollc. ciie dcn HcrkunÍtssprachcn cicr Kinclcr zugcsprochen wird. sowic die
Wirkungswcise verschiedencr iModelle bilingualcr Erzichung.