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Deutsch–griechische Beziehungen

im ostdeutschen Staatssozialismus (1949–1989)


Marco Hillemann, Miltos Pechlivanos (Hg.)

Deutsch–griechische Beziehungen
im ostdeutschen Staatssozialismus (1949–1989):

Politische Migration, Realpolitik und


interkulturelle Begegnung

konferenzband der tagung am 22. und 23. april 2015


in der sächsischen landesvertretung berlin
Da s D r e i e c k s v e r hä lt n i s BRD – DDR–
G r i e c h e n l a n d u n d d i e » B e r e i n ig u n g d e r
K r i e g sf o l g e n « au s d e r Z e i t d e r Na z i –
O k k u pat io n

Andreas Stergiou

Die sogenannte Vergangenheitsbewältigung der Nazi–Okkupation in Griechenland


betraf nicht nur die Beziehungen zwischen dem griechischen Staat und der Bundes-
republik Deutschland, sondern auch die DDR, deren Rolle darin ein bis heute kaum
erforschtes Kapitel in der Geschichte der griechisch–deutschen Beziehungen bildet.
In der Tat handelt es sich um eine Episode im Antagonismus zwischen West– und
Ostdeutschland im Mittelmeer. Denn nachdem sich während des Zweiten Weltkrieges
die Radikalität des deutschen Agressionswillens im besetzten Griechenland in vollem
Umfang entladen hatte, entwickelte sich seit der Gründung der BRD eine sehr harmo-
nische politische und wirtschaftliche Beziehung zwischen beiden Ländern.1
Eine Reihe von Handels– und Zahlungsabkommen (in den Jahren 1951, 1953 und
1960, um nur einige zu erwähnen) machten die BRD zum bedeutendsten Wirtschafts-
partner Griechenlands. Der gewaltige deutsche Wirtschaftsaufstieg und der immense
Investitionsbedarf für den griechischen Wiederaufbau nach dem Bürgerkrieg sowie der
riesige Absatzbedarf von griechischen Agrarprodukten schufen sehr schnell günstige
Voraussetzungen für einen riesigen Kapitalfluss aus Westdeutschland ins damals wirt-
schaftlich peripher gelegene Griechenland. Andersherum flossen aber auch dem Grie-

1 Griechenland erhielt sogar Militärhilfe von Bonn. Im Rahmen der NATO–Verteidigungshilfe gingen bis
1967 Lieferungen im Wert von ca. 100 Millionen DM wie Flugzeuge, Schnellbote, Waffen und Munition,
Kraftfahrzeuge, Fernmelde– und Sanitätsgeräte von der BRD nach Athen. Die Verteidigungshilfe wurde
sogar, allerdings in reduziertem Umfang, in der Periode der Militärjunta 1967–1974 fortgesetzt, obwohl
die damalige Bundesregierung (SPD–FDP–Koalition) – in dieser Sache nachdrücklich unterstützt durch
den Deutschen Bundestag – keine neuen Verpflichtungen einging. Gewiss war die Ausrüstungshilfe auch
dazu gedacht, der Bundesrepublik Einflusszonen gegenüber der DDR zu sichern. Vgl. Helga Haftendorn,
»Die Militärhilfe der Bundesrepublik«. In: H. P. Schwarz (Hg.), Handbuch der deutschen Außenpolitik,
München u.a. 1975, 531.

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chischen Staat durch Industrieaufträge zugedachte Marshallplangelder nach Deutsch- rungen. Schon in den vierziger Jahren waren Kriegsverbrecher (z.B. General Alexander
land.2 Auf der politischen Ebene offenbarte sich der gute Stand der Beziehungen an der Andrae8) auf freien Fuß gesetzt und 22 weitere Verfahren gegen etwa 200 Beschuldigte
in aller Form ausgedrückten Position der griechischen Regierung, die Bundesrepublik den deutschen Justizbehörden zur Verfolgung überstellt worden. Im Juni 1956 einigten
als den einzigen deutschen Staat anzuerkennen und eine Wiedervereinigung Deutsch- sich beide Seiten auf eine Vereinbarung, die die griechische Regierung verpflichtete,
lands auf NATO–Basis sowie die Eingliederung Deutschlands in die Vereinten Natio- alle Kriegsverbrecherverfahren und Fahndungsmaßnahmen gegen die beschuldigten
nen, den Europa–Rat und die Europäische Verteidigungsgemeinschaft zu unterstützen.3 deutschen Staatsangehörigen bis zur Eröffnung deutscher Ermittlungsverfahren einzu-
Vor diesem Hintergrund scheint es wenig verwunderlich, dass alle griechischen stellen und die Akten über etwa 700 von Deutschen begangene Kriegsverbrechen und
und deutschen Nachkriegsregierungen abgeneigt waren, die Kriegshypotheken zu ähnliche Delikte der Bundesregierung zu übergeben.9 Einen im Geiste ähnlichen Ver-
einem Hindernis werden zu lassen.4 In der Bundesrepublik verhinderte zunächst die lauf nahm die sich über Jahre hinschleppende Diskussion über »Wiedergutmachung«
Neuordnung der bilateralen Beziehungen weitgehend eine geordnete Strafverfolgung und Reparationen.10
der von den Nazis in Griechenland begangenen Verbrechen. Für die zehntausenden Ein markantes Beispiel für diese Zusammenarbeit, die nach dem Motto ablief, alles was
griechischen Zivilisten, die während der deutschen Besatzung erschossen, verbrannt, unangenehm war »unter den Teppich zu kehren«, lieferte die Regelung des Falls Mer-
erschlagen oder grausam zu Tode gefoltert wurden, wurde niemand zur Verantwor- ten11 und der Entschädigung der Opfer zweier berüchtigter Massaker im Dorf Distomo
tung gezogen. Sowohl die Staatsanwaltschaften als auch die Gerichte einschließlich
in der deutschen Botschaft nach dem Krieg gefunden worden war, ging verloren, während die Karaman-
des Bundesgerichtshofes scheinen durch ihre Entscheidungen dazu beigetragen zu lis–Regierung 1975 beschloss, das sich im Nationalen Dienst für Kriegsverbrechen befindliche Materi-
haben.5 al zu zerstören) einigen Fällen auf dem Grund zu gehen, wiederholt der Druck seitens einflussreicher
deutscher Persönlichkeiten hinzukam, das Thema »auf eine versöhnliche Weise« zu regeln. Dies habe
Als ungewöhnlich kulant bei der »Bereinigung der Kriegsfolgen« (Beschlagnahmun- positive Auswirkungen auf die bilateralen Handelsbeziehungen. Vgl. hierzu: ΙΑΥΕ: Κεντρική Υπηρεσία
gen von deutschem Eigentum nach dem Abzug der Nazis aus Griechenland,6 Kriegs- 1952, Bereich: Ελληνο–γερμανικές σχέσεις, Ordner 39, Unterordner 5 und 8.

verbrecherverfolgung7 usw.) erwiesen sich aber auch die griechischen Nachkriegsregie- 8 Der Ex–Kommandant von Kreta war zu viermal lebenslanger Haftstrafe verurteilt worden.
9 Olga Lazaridou, Von der Krise zur Normalität. Die deutsch–griechischen Beziehungen unter besonderer
2 BArch, Kabinettsprotokolle 1951, Kabinettssitzung am 24. April 1951.
Berücksichtigung der politischen und wirtschaftlichen Grundlagen 1949–1958, Diss., Bonn 1992, 252–253;
3 Vgl. ΙΑΥΕ: Κεντρική Υπηρεσία 1952, Bereich: Ελληνο–γερμανικές σχέσεις, Ordner 39, Unterordner 5, »Die Falle der Fahndung«. In: Der Spiegel (22.5.1957), 15f..
Bericht über den Stand der griechisch–deutschen Beziehungen; Konstantinos Svolopoulos (Hg.), Αρχείο
10 Hagen Fleischer, »Der Neubeginn in den deutsch–griechischen Beziehungen nach dem zweiten Welt-
Κωνσταντίνος Καραμανλής: Γεγονότα και Κείμενα, Athen 1993, Bd. II, 470, Bd. III, 272–302; Dimitris
krieg und die Bewältigung der jüngsten Vergangenheit«. In: Institute for Balkan Studies (Hg.), Griechen-
Apostolopoulos, Die griechisch–deutschen Nachkriegsbeziehungen, Frankfurt a. M. u.a. 2004, 38–40.
land und die BRD im Rahmen Nachkriegseuropas, Thessaloniki 1991, 101.
4 Gewiss trugen die Wünsche der Alliierten und insbesondere der Amerikaner zur versöhnlichen griechi-
11 ls am 26. April 1957 der Berliner Rechtsanwalt und Ex–Wehrmachtsoffizier Dr. Max Merten als freiwilli-
schen Haltung bei, die bestimmte Forderungen seitens der ehemaligen besetzten Länder wie etwa die
ger Zeuge in einem privatrechtlichen Verfahren gegen seinen ehemaligen Chefdolmetscher Meissner in
Zwangsenteignung von deutschem Auslandsvermögen abwiesen. Vgl. hierzu: ΙΑΥΕ: Κεντρική Υπηρεσία
Griechenland erschien, wurde er von den griechischen Behörden festgenommen mit der Beschuldigung,
1951, Bereich: Ελληνο–γερμανικές σχέσεις, Ordner 142, Unterordner 1, Zur Korrespondenz zwischen
als ehemaliger Chef der deutschen Militärverwaltung in Makedonien maßgeblich an Deportationen und
dem Griechischen Außenministerium und den griechischen Botschaften in Washington und Brüssel
Hinrichtungen von Juden beteiligt gewesen zu sein. Dadurch kam ein fast dreijähriges juristisches Tau-
1957–1950 zur Frage des sich in Griechenland befindlichen Vermögens.
ziehen in Gange, was aber das griechische oberste Militärgericht nicht daran hindern konnte, Merten zu
5 Insgesamt sind ca. 392 staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren gegen insgesamt ca. 1.269 ehemali- 25 Jahren Gefängnis zu verurteilen. Als Merten feststellte, dass seine Entlassung in weite Ferne rückte,
ge Angehörige der deutschen Wehrmacht, Waffen–SS und Polizei wegen Kriegsverbrechen in Griechen- begann er an der Unterstützung der deutschen Amtsträger zu zweifeln. Daraufhin entdeckte er plötz-
land durchgeführt worden. Vgl. Will Dreßen, »Deutsche Sühnemaßnahmen und Vergeltungsaktionen in lich ein Foto mit angeblichen griechischen Komplizen aus der Besatzungszeit, das ihm half, einige Vor-
Griechenland im Spiegel der deutschen Strafverfolgung«. In: Karl Giebeler u.a. (Hg.), Versöhnung ohne kommnisse aus jener Zeit in sein Gedächtnis zurückzurufen. Die auf dem Foto abgelichteten Personen
Wahrheit? Deutsche Kriegsverbrechen in Griechenland im Zweiten Weltkrieg, Peleus Monographien–Reihe waren der griechische Ministerpräsident Konstantinos Karamanlis, der Innenminister Dimitrios Makris
Bd. 8, Mannheim–Möhnesse 2001, 31–41. und dessen Frau Doxoula Makris, die ihn damals mit Informationen über Juden versorgt haben sollten.
Laut Merten seien sie anschließend mit Mitteln aus dem beschlagnahmten jüdischen Vermögen entlohnt
6 Es waren unter anderem das ehemalige konsularische Eigentum, das Eigentum des früheren deutschen
worden. Sofort schlugen die Wellen in Griechenland und Deutschland hoch und die Dinge gerieten wie-
Reiches, einige Stiftungen religiösen oder wohltätigen Charakters und das Archäologische Institut zu-
der in Bewegung. Nach zwei griechischen Abolitionsgesetzen im Jahr 1959, mit denen auf die Verfolgung
rückgegeben worden. Vgl. »Aufzeichnung betr. Besuch des griechischen Koordinationsministers Papa-
von Kriegsverbrechern erneut verzichtet wurde, konnte Merten 1960 in die BRD abgeschoben werden,
ligouras und des griechischen Finanzministers Evtaxias am 16.9.1955«. In: BArch, Bundeskanzleramt, B
wo die Ermittlungen gegen ihn nach einigen Jahren eingestellt wurden. Vgl. Wolfgang Breyer, Dr. Max
136/3629.
Merten – ein Militärbeamter der deutschen Wehrmacht im Spannungsfeld zwischen Legende und Wahrheit,
7 Aus der Archivlage geht hervor, dass zur griechischen Nachlässigkeit (wichtiges Belastungsmaterial, das Diss., Mannheim 2003.

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und im Dorf Kommeno,12 die die deutschen Nazi–Truppen in Griechenland während DDR–freundliche Publikationen15 oder Anfragen von linken Abgeordneten im grie-
der Okkupation verübt hatten. Die Regelung des Falls Merten steht aller Wahrschein- chischen Parlament zum Beispiel sorgten auf eine ritualisierte Weise dafür, die »am
lichkeit nach in kausalem Zusammenhang mit einer Anleihe von 200 Millionen DM Aufbau von Beziehungen mit allen Staaten interessierte DDR–Außenpolitik« dem
seitens der BRD an Griechenland und der deutsch–griechischen Vereinbarung vom 18. »kleinen Mann« in Griechenland nahezubringen. Nachdem diese erste Botschaft klar
März 1960, die den anspruchsberechtigten griechischen Kriegsopfern 115 Millionen und deutlich vermittelt worden war, stellte man die »Friedenspolitik« der DDR dar,
DM als Entschädigung zukommen ließ. Mit jener Vereinbarung von 1960 begnügte sich die mittlerweile den »Faschismus« und »Militarismus« ausgerottet habe, vergleichend
die griechische Regierung im Namen der Beziehungskontinuität zur BRD mit Entschä- der Politik Bonns gegenüber, in der »Revanchismus« und die »Eroberungssucht« ver-
digungen, die weit hinter den Erwartungen der Opfer zurückblieben.13 wurzelt seien.
Um die politische und ökonomische Dominanz der BRD in Griechenland zu untermi- Die Effektivität dieses Unternehmens sicherten nicht zuletzt die Rückblenden auf
nieren, musste Ost–Berlin unter der permanenten Aufsicht des »großen sozialistischen die deutsche Besatzungszeit und die Nazi–Grausamkeiten ab, die sich von der man-
Bruders«, der UdSSR, alle Register ziehen. Bekanntlich wurde der Antifaschismus in gelhaften Aufklärung einiger Kriegsverbrecher–Affären nährten.16 Dazu gehörten,
der DDR zur Staatsdoktrin erhoben, die bis in die Sprache des Alltags hineinwirkte und außer den bereits erwähnten Beispielen, die Einstellung des gerichtlichen Verfahrens
sie durchtränkte. Um dem zweiten deutschen Staat Legitimität zu verschaffen, wurde gegen den Generalinspekteur der Bundeswehr Heinz Trettner, das Schweigen Bonns
ein Gründungsmythos konstruiert, wonach sich alle Momente der historischen Erfah- zur Klärung der Zwangsanleihe, die das Naziregime der griechischen Regierung 1942
rungen auf den Antifaschismus ausrichteten, allerdings um den Preis der Verneinung aufgezwungen haben sollte, und die halbherzige Entschädigung der Opfer des Na-
und Tabuisierung der Schuldfrage sowie der Verdrängung anderer wie z.B. privater Er- tionalsozialismus. Selbstverständlich kamen die jeweiligen Autoren solcher Artikel
fahrungen. In der offiziellen DDR–Staatsideologie sei kein Platz für den Faschismus, nicht zu Überlegungen über einen möglichen Anteil der DDR an Reparationen an
der gleichzeitig im Osten ausstarb und im Westen fortlebte.14 den griechischen Staat.17
Die Antifaschismus–Ideologie manifestierte sich in den auswärtigen Beziehungen der Das Interesse Ost–Berlins zogen besonders Kriminaltaten oder allerlei Aktionen mit
DDR in ihrer Selbstdarstellung als der erste deutsche Staat der Arbeiter und Bauern, pronazistischem, rechtsradikalem Hintergrund auf sich, die in wahrer oder vermeint-
der eine konsequente Friedenspolitik gegen die militaristisch–imperialistische Politik licher Verbindung mit analogen Organisationen in der BRD standen. Einen solchen
Bonns betreibe. So profilierte sich die DDR als »Staat des Friedens«, indem sie geschickt, Fall bildeten die Aktivitäten einer winzigen neofaschistischen Gruppe in Griechenland
ohne sich selbst ins Spiel zu bringen, die mangelhafte Aufarbeitung der Kriegsfolgen namens Kreuzfahrer (Σταυροφόροι), die 1959 einige Anschläge auf Synagogen verübte
zwischen Athen und Bonn mit Hilfe ihres vielfältigen propagandistischen Instrumenta- und etliche pompöse Auftritte wagte, ohne dass sie sich jedoch eine breitere Basis ver-
riums ausnutzte, um die vorzügliche griechisch–westdeutsche ökonomische und politi-
15 Vgl. Kostas Chatziarjyris, Παράθυρο στο Μέλλον ΓΛΔ. Ο νέος άνθρωπος, σοσιαλισμός, ελευθερία, Δη-
sche Kooperation zu stören. μοκρατία, Athen 1979, insbes. 193–209; D. Dimitriou, »Το επεισόδιο Ramler και οι σχέσεις μας με τη
Λαοκρατική Δημοκρατία της Γερμανίας«. In: Ελληνική Αριστερά, 21 (1966), 42–48. Die folgenden Zitate
stammen aus diesen Publikationen.
12 Im Juni 1944 rächte sich die zweite Kompanie des siebten SS–Panzergrenadier–Regiments auf dem Rück-
16 Ein markantes Beispiel bildet die Rede des EDA–Abgeordneten Svolos im Sonderausschuss des griechi-
weg von einer erfolglosen Jagd auf Partisanen in einem Nachbardorf, wo drei deutsche Soldaten getötet
schen Parlaments am 21.10.1959, Επίσημα Πρακτικά της Βουλής, ΡΕ΄–ΡΜΕ, S. 2334: Die Übersetzung
und achtzehn verletzt worden waren, an der Zivilbevölkerung des Dorfs Distomo mit einem Blutbad, das
dieses Abschnittes stammt vom Verfasser: »Wie ist es möglich, dass die Menschen, die zu der Generation
228 Tote forderte. Ein Jahr zuvor waren als Vergeltung für Partisanenangriffe auf deutsche Truppen alle
gehörten, die Angst und Schrecken der nazistischen Besatzung erlebt haben, Tag für Tag und Stunde um
zwischen 13 und 77 Jahre alten Männer des Dorfes Kalavrita durch die 117. Jägerdivision der Wehrmacht
Stunde, und die Unmenschlichkeit der Eroberer in ihrer schrecklichsten Gestalt erduldeten [...], ihre
erschossen worden.
Unterschrift unter dieses Gesetzeswerk gesetzt haben, zu Gunsten einer zweifelhaften Freundschaft ge-
13 Vgl. Fleischer, Neubeginn, 102f. und ders., »Το γερμανοελληνικό... τρίγωνο, 1949–1989. Πολιτικές genüber einem Land, das uns keine Gewähr für seine freundschaftlichen Gefühle bietet und die nicht
Σκοπιμότητες και Στρατευμένες μνήμες των δύο Γερμανικών Κρατών και της Ελλάδας«. In: Κυριάκος begreifen, dass sie durch ihre Unterschrift unsere nationale Würde mit Füßen treten«.
Κεντρωτής (Hg.), Μετά το Τέλος της Ιστορίας, Athen 2012, 70f.
17 Das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR (fortan MfAA) pflegte, wenn sich »DDR–
14 Vgl. Monika Flacke und Ulrike Schmiegelt, »Deutsche Demokratische Republik. Aus dem Dunkel zu Freunde zu Gast in der DDR aufhielten« und auf solche »abwegigen Ideen« kamen, ihnen deutlich zu
den Sternen: Ein Staat im Geiste des Antifaschismus«. In: Monika Flacke (Hg.), Mythen der Nationen. machen, dass sie ihre Aufmerksamkeit anderen Fragen schenken sollten: ebd., A 12480, Aktennotiz über
1945–Arena der Erinnerungen, Berlin 2004, 173–189. ein Gespräch mit dem Botschafter der UdSSR am 15.10.1959.

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schaffen konnte. Aufmerksamkeit gebührt hier dem Eifer der Nachrichtenagentur der Die Frage der deutschen Reparationen und die DDR
DDR (ADN)18, solche Affären in Verbindung mit irgendwelchen antikommunistischen
internationalen Netzen oder mit Plänen offizieller Stellen und bedeutsamer Niederlas- Die Frage der deutschen Kriegsschulden und Reparationen gegenüber Griechenland
sungen Westdeutschlands in Griechenland zu bringen. Diese Stellen sollten angeblich hat einen nicht so bekannten Aspekt, der den Anteil des ostdeutschen Staates an den aus
bemüht sein, »Freunde aus den harten Jahren der Vergangenheit (damit sind Nazikolla- dem Zweiten Weltkrieg resultierenden deutschen Kriegsschulden betrifft.
borateure gemeint) erneut zusammenzubringen«.19 Bekanntermaßen verschob das Londoner Schuldenabkommen von 195324 die Rege-
Einen fruchtbaren Boden bildete vor diesem Hintergrund der DDR–Agitation die lung der Reparationsforderungen verschiedener Länder, die von den Nazis besetzt wor-
schlagzeilenträchtige Merten–Affäre, die die griechische Öffentlichkeit drei Jahre lang den waren, wegen ihres überwältigenden Umfangs bis zum Abschluss eines Friedens-
beschäftigte. Die DDR befand sich im Vergleich zu allen anderen Ostblockstaaten als vertrages. Tatsächlich steht im Artikel 5 des am 27. August 1953 im Bundesgesetzblatt
Mitstreiterin der linken Partei EDA20 in einem erheblichen Vorteil, weil auf ihrem Bo- Teil II veröffentlichten Abkommens über deutsche Auslandschulden:
den einschlägige Archivalien über den Fall verfügbar waren. Sehr aufschlussreich ist die
Korrespondenz zwischen der EDA und der SED im Zeitraum zwischen 1958 und 1960, Eine Prüfung der aus dem Zweiten Weltkriege herrührenden Forderun-
als die Angelegenheit die Gemüter in Griechenland erhitzte. Wie sich aus der Archivla- gen von Staaten, die sich mit Deutschland im Kriegszustand befanden
ge ergibt, bewies die EDA bei ihrer »Entlarvungskampagne« gegen die Kriegsverbrecher oder deren Gebiet von Deutschland besetzt war, und von Staatsange-
ein äußerst reges Interesse an der Vergangenheit dieser Personen, was sich nicht zuletzt hörigen dieser Staaten gegen das Reich und im Auftrag des Reichs han-
durch ihre wiederholten Petitionsbriefe an die SED und Besuche EDA–Abgeordneter delnde Stellen oder Personen, einschließlich der Kosten der deutschen
(P. Mavromatis, K. Pyromaglou) in der DDR bestätigt.21 Besatzung, der während der Besetzung auf Verrechnungskosten erwor-
Der Zweck dieser Bemühungen war, wie ganz klar in den Archivalien steht, Material benen Guthaben sowie der Forderungen gegen die Reichskreditkassen,
über Kriegsverbrecher zu sammeln, darunter auch über Merten, die, wie in den Akten wird bis zu der endgültigen Regelung der Reparationsfrage zurückge-
wörtlich steht »Gewaltakte in Griechenland ausgeführt hatten und jetzt in Westdeutsch- stellt.
land wieder in Positionen sind«.22 Das Material sollte anschließend der Öffentlichkeit
zugänglich gemacht werden. Über den Verlauf der Nachforschungen wurde auch die so- Die Verschiebung der Schuldentilgung für den von Deutschland zu verantwortenden
wjetische Botschaft informiert, die in Gesprächen mit der Handelsvertretung der DDR Zweiten Weltkrieg basierte auf der berechtigten Logik, Westdeutschland als der einzige
in Griechenland Instruktionen gab, wann es am günstigsten sei, unter Ausnutzung der von den westlichen Staaten anerkannte deutsche Staat könne die gesamte aus der »Wie-
Merten–Angelegenheit der griechischen Regierung gewisse Forderungen zu stellen.23 dergutmachung« sich ergebende Last allein nicht tragen, solange Deutschland geteilt
und die DDR nicht anerkannt war. 25 Dagegen wurden die Verbindlichkeiten Deutsch-
18 SAMPO, DY 30 IV 2/20/253, Agentur–Nachrichtendienst, offizieller Lieferant der SED–Presse mit inter-
nationalen Nachrichten. lands aus der Zwischenkriegszeit (die ausstehenden Zahlungen aus Dawes– und
19 SAPMO, DY 30 IV 2/20/253, ADN–Berichte von 13.1.1960 und 4.2.1960. Young–Anleihen) und die seit Kriegsende angelaufenen und weiter bis 1952 anlaufen-
20 Aus diesem Grund wurde der Wahlerfolg der EDA von der BRD–Botschaft in Athen mit Schrecken den Schulden vollständig geregelt, um die unmittelbare Integration der Bundesrepublik
wahrgenommen und als ein Ausdruck der Unzufriedenheit und schlechten wirtschaftlichen Lage ge-
wertet. 1958 riet deswegen die Botschaft der Bundesregierung, die Möglichkeit einer Einfuhr von 5.000
Deutschland in die westliche Gemeinschaft zu ermöglichen.26
Tonnen griechischen Weizens zu prüfen. Vgl. »Bericht der BRD–Botschaft in Athen an das Auswärtige
Amt vom 13. Juni 1958«. In: BArch, Bundeskanzleramt.
24 Es ist kennzeichnend für das verminderte Interesse Griechenlands am Abkommen, dass Griechenland
21 SAPMO, DY 30 IV 2/20/251; DY 30 IV 2/20/252a., Brief (Manuskript) von Mavromatis an die SED vom nicht mal eine Delegation zu der Schuldenkonferenz entsandte.
18.12.1958; Aktenvermerk vom 22.12.1958; Aktenvermerk über ein Gespräch zwischen dem Genossen
25 Griechenland ratifizierte das Abkommen 1956 (Gesetz 3480). Vgl. Εφημερίδα της Κυβερνήσεως του Βα-
Matern und dem griechischen Abgeordneten Pyromaglou am 16.11.1959.
σιλείου της Ελλάδος 6, 7.1.1956.
22 Ebd., DY 30 IV 2/20/252a.
26 Kordula Kühlem, »Wie die Bundesrepublik kreditwürdig wurde. Das Londoner Schuldenabkommen
23 MfAA, A 12498, Aktennotiz über einen Besuch des Gen. Dietrich in der sowjetischen Botschaft. 1953«. In: Die Politische Meinung 520 (2013), 62–68.

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Da bis 1973 Athen die Bundesrepublik als den einzigen legitimen Vertreter der Schadensersatz und Wiedergutmachung, der bis weit in die achtziger Jahre anhielt.30
deutschen Nation bzw. als Nachfolger des Dritten Reichs anerkannte, hielten alle Dies schlug auch auf die griechisch–ostdeutschen Beziehungen durch. Vor dem Zwei-
Nachkriegsregierungen an den Vereinbarungen fest, die sich aus dem Londoner Ab- ten Weltkrieg gab es auf dem Boden der DDR (Dresden, Leipzig, Berlin) vermögende
kommen ergaben. Nur gelegentlich und im Rahmen von Besuchen, die griechische griechische Kolonien, deren Mitglieder ansehnliche unternehmerische Tätigkeiten ent-
Parlamentarier im Rahmen der Initiativen der DDR–Agitation unternahmen, wurde wickelt hatten. Drei große Tabakfabriken, unzählige Firmen sowie kleine Betriebe be-
die Frage des DDR–Anteils in den deutschen Reparationen zaghaft angeschnitten.27 fanden sich entweder im Besitz oder unter der unmittelbaren Kontrolle von Griechen.
Als jedoch in den sechziger Jahren einige private Personen Anklagen gegen die DDR Als die Fluchtwelle des Zweiten Weltkriegs auch sie erfasste, wurden diese Vermögens-
auf Schadenersatz aus den Jahren der Okkupation bei griechischen Gerichten ein- werte kurzerhand dort hinterlassen. Da sie durch die DDR–Regierung nach dem Krieg
reichten, beanspruchte Ost–Berlin das völkerrechtliche Prinzip der Staatenimmuni- verstaatlicht wurden, konnten sich ihre Besitzer 30 Jahre lang, solange die Existenz des
tät, um die Anklage anzufechten.28 zweiten deutschen Staates nicht anerkannt war, nicht für die Rückgabe stark machen
Im Allgemeinen bestritt die DDR die Rolle des Nachfolgers des – in ihren Augen – un- bzw. keinen Anspruch darauf erheben. Zudem gab es Ansprüche von Seiten Griechen-
tergegangenen Deutschen Reiches, denn sie folgte den Prinzipien der kommunistischen lands auf die Begleichung von Schulden des ehemaligen Deutschen Reiches aus den
Völkerrechtstheorie, wonach nachrevolutionäre Staaten (nach dem Vorbild der Praxis Weltkriegen sowie auf den Anteil der DDR als Nachfolgerstaat des Dritten Reichs an
der Sowjetunion) nicht für die Deliktschulden des Vorgängers hafteten. Aus diesem Reparationen und »Wiedergutmachungszahlungen« für Schäden und Leiden aus nazis-
Grund lehnte sie auch grundsätzlich alle Ansprüche auf Reparationen und ihre Mit- tischen Verfolgungsmaßnahmen.
verantwortung für begangenes NS–Unrecht sowie die daraus geltend gemachten For- Nach der Anerkennung der DDR versuchte Athen mit wenig Erfolg seine Ansprü-
derungen nach Kriegsentschädigung ab. Jedes Mal wenn diese Frage von einem Staat che an die Weiterentwicklung der zwischenstaatlichen Beziehungen anzukoppeln. Die
aufgeworfen wurde, verwies Ost–Berlin auf das Potsdamer Abkommen mit seiner Ein- Entschädigung der griechischen Vermögenswerte wurde von der griechischen Seite als
teilung in einen östlichen und einen westlichen Reparationsbereich, wonach die SBZ– Grundvoraussetzung für jeden weiteren diplomatischen Schritt in Richtung Aufwer-
DDR ihren Teil der Reparationsverpflichtung bereits erfüllt habe.29 tung der politischen und Bildungs–, nicht aber Handelsbeziehungen gestellt. Ost–Ber-
Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Athen und Ost–Berlin 1973– lin versuchte dagegen, diese Frage auszuklammern und sie von einer Verbesserung der
1974 brachte aus diesem Grund einige Störfaktoren mit sich, da sich die Reparations- Beziehungen zwischen beiden Ländern abzukoppeln.31
frage von Neuem auftat. Im Allgemeinen führte der Aufbau von diplomatischen Ver- Im April 1976 kam es erstmals zu Expertengeschäften in Ost–Berlin »über offene
tretungen der DDR in Kriegsteilnehmerstaaten nach der Anerkennungswelle Anfang vermögensrechtliche Fragen«. Alle kriegsbezogenen Forderungen von Seiten Athens
der siebziger Jahre dazu, dass letztere finanzielle Forderungen auf Entschädigung für wurden aber anfänglich von den DDR–Vertretern erwartungsgemäß mit Hinweis auf
die Nationalisierung von Vermögenswerten im und nach dem Zweiten Weltkrieg an das Potsdamer Abkommen offensiv zurückgewiesen. Das diplomatische Tauziehen hielt
die DDR erhoben, die das Verhältnis Ost–Berlins zu ihnen erheblich belasteten. Somit bis in die achtziger Jahre an. Doch die Ostdeutschen blieben, trotz der spektakulären
entstand ein Streit zwischen der DDR und anderen Staaten um Vermögenserstattung, Verbesserung in den bilateralen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen während
der PASOK–Ära, beim Entschädigungsthema permanent inkonziliant. Darüber hinaus
drohten die DDR–Vertreter, als die Griechen ihre Intention bekundeten, das Thema
27 Ein solcher Besuch war der, den die Abgeordneten S. Alamanis, Vorsitzender der Demokratischen Partei
Griechenlands, E. Kothris, Mitglied der Liberalen Partei und E. Savvopoulos, Mitglied der Fortschrittli- wieder auf die Tagesordnung zu bringen, mit möglichen wirtschaftlichen Gegenmaß-
chen Partei, 1959 unternahmen. Vgl. »Notizen über das Gespräch mit griechischen Abgeordneten am 19. nahmen, um den »weder politisch noch rechtlich begründeten« griechischen Repara-
Oktober 1959«. In: SAPMO, NY 4182/1316 (streng vertraulich).
tionsforderungen entgegenzuwirken. Also wurde das Thema in den achtziger Jahren
28 Vgl. Despina Konstantinakou, Πολεμικές Οφειλές και εγκληματίες Πολέμου στην Ελλάδα. Ψάχνοντας την
ηθική και υλική δικαίωση μετά τον Β΄ Παγκόσμιο Πόλεμο, Athen 2015, 204–207.
30 Vgl. hierzu Manfred Rexin, »Anerkannt und zur Kasse gebeten«, Deutschland–Archiv, 6 (1973), 134–139.
29 Vgl. Helmut Rumpf, »Die deutsche Frage und die Reparationen”. In: Zeitschrift für ausländisches öffentli-
ches Recht und Völkerrecht, 33 (1973), 61f. 31 Vgl. Jannis Drakoularakos, Ελλάδα και Ανατολική Ευρώπη 1967–1987, Athen u.a. 1989, 43f.

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sporadisch zwar immer wieder von den Griechen angeschnitten. Doch bis zum Zusam- lich, dass der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und der damalige Außenminister
menbruch der DDR und der deutschen Wiedervereinigung vermochten die Griechen Hans–Dietrich Genscher alles taten, um die Zahlung von Reparationen an Griechen-
in dieser Richtung nichts zu erreichen.32 land zu vermeiden. Sie nannten z.B. den Friedensvertrag nicht »Friedensvertrag« son-
Als 1990 die deutsche Einheit verhandelt wurde, waren alle vier ehemaligen Sieger- dern »Zwei–plus–Vier–Abkommen«, um an der Reparationsfrage vorbeizukommen.
mächte des Zweiten Weltkrieges einverstanden, das völkerrechtlich bindende Zwei– Da die USA, Großbritannien und Frankreich stillschweigend ihre bis dahin fortbeste-
plus–Vier–Abkommen abzuschließen, das »anstelle eines Friedensvertrages« eintrat. henden Reparationsansprüche gegenüber Westdeutschland aufgaben und die Sowjet-
Nach einigen Schwankungen, der anfänglichen Forderung der Sowjetunion nach Ab- union schon im August 1953 auf weitere Leistungen verzichtet hatte, konnten sich die
schluss eines Friedensvertrags und trotz internationaler Widerstände einigten sich die Zwei–plus–Vier–Delegationen auf die Formulierung »Abschließende völkerrechtliche
sechs Parteien auch darauf, die kleineren europäischen Staaten aus den Verhandlun- Regelung und Ablösung der Vier–Mächte–Rechte und–Verantwortlichkeiten« einigen.
gen auszuschließen.33 Es stellte sich jedoch immer wieder die Frage, ob dann nicht alle Aufgrund dieser Tatsache hat 2003 der III. Zivilsenat des Bundesgerichtsho-
Staaten, die sich während des Zweiten Weltkrieges mit Deutschland im Krieg befan- fes in einem Urteil (ZR 245/98) über Entschädigungsforderungen griechischer
den, hätten unterzeichnen müssen. Nach der Regelung, welche die Sowjets in ihrem Kriegsopfer festgestellt, dass gemäß der Auffassung der Bundesregierung sämtliche
Friedenvertragsentwurf von 1959 aufgemacht hatten, wären dies 29 Staaten einschließ- Reparationsforderungen mit dem Zwei–plus–Vier–Vertrag zur Wiederherstellung der
lich Weißrusslands und der Ukraine gewesen.34 Einheit Deutschlands obsolet geworden seien. Einige Rechtsexperten haben jedoch
Somit versuchte die deutsche Regierung, das Londoner Schuldenabkommen von 1953, dieses Urteil kritisiert, indem sie argumentieren, dass Griechenland nicht Vertrags-
das die Regelung deutscher Reparationen auf die Zeit nach Abschluss eines »förmlichen partei war; infolgedessen konnten die Vertragsschließenden nicht rechtswirksam auf
Friedensvertrages« verschob, gegenstandslos zu machen. Demselben Zweck, der Schaffung Ansprüche Dritter Staaten verzichten.38
einer Fait–accompli–Situation in der Reparationsfrage, diente die Charta von Paris für eine Ferner konnte das Londoner Moratorium von 1953 zustande kommen, indem man
neue friedliche Ordnung in Europa von 1990, der die Staaten der Konferenz über Sicherheit argumentierte, dass Westdeutschland wegen der Teilung der deutschen Nation die mit
und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) – darunter Griechenland – 1990 zustimmten.35 der »Wiedergutmachung« verbundene Last, die der von den westlichen Mächten zu
Die Auswertung bis dahin geheim gehaltener Archivalien aus dem Jahr 1989/1990 diesem Zeitpunkt nicht anerkannten DDR zustand, nicht tragen könne und dürfe. Das
durch diverse Forscher36 sowie durch die Zeitschrift Der Spiegel37 machen aber deut- Londoner Schuldenabkommen trug der verminderten Leistungsfähigkeit der Bundes-
republik dadurch Rechnung, dass der Zinssatz der Anleihen von teilweise sieben auf
32 Vgl. Hagen Fleischer u. Despina Konstantinakou, »Ad calendas graecas? Griechenland und die deutsche maximal fünf Prozent gesenkt wurde. Da alle Seiten eine Wiedervereinigung für mög-
Wiedergutmachung«. In: Hans Günter Hockerts u.a. (Ηg.), Grenzen der Wiedergutmachung. Die Entschä-
digung für NS–Verfolgte in West– und Osteuropa 1945–2000, Göttingen 2006, 438–441. lich hielten, sollten die rückständigen Zinsen für die Jahre von 1945 bis 1952 erst nach
33 Vgl. Alexander von Plato, Die Vereinigung Deutschlands – ein weltpolitisches Machtspiel, Bonn 2003, 282– der Wiedervereinigung über einen Zeitraum von 20 Jahren nachgezahlt werden – was
284. von 1990 an tatsächlich geschah. Die letzten Zinszahlungen waren am 3. Oktober 2010,
34 Vgl. Gregor Schöllgen, Geschichte der Weltpolitik von Hitler bis Gorbatschow 1941–1991, München 1996,
d.h. 53 Jahre nach dem Abschluss des Vertrags, fällig.
447.
35 In der Diskussion, die um dieses Thema geführt worden ist, gibt es im Allgemeinen zwei juristische Auf-
Aus diesem Grund und nachdem 1990 dieses Argument obsolet geworden war, be-
fassungen. Nach der ersten Auffassung ergibt sich aus der Zustimmung zur »abschließenden Regelung in harrte man dann in Berlin auf einem anderen Argument: Deutschland könne angesichts
Bezug auf Deutschland« in der Charta von Paris, dass die Reparationsfrage nicht mehr geregelt werden
sollte. Nach der zweiten hingegen sei die Entschädigungsfrage ungeklärt, denn die Unterzeichnenden, 38 Andreas Fischer–Lescano, »Griechische Forderungen nach Begleichung der Kriegsschulden nach deut-
darunter auch Griechenland, hätten den Vertrag nur zur Kenntnis genommen. schem Recht zulässig. Bundesgerichtshof zur Frage der Kriegsschulden«. In: Presseportal 11.03.2015;
Albrecht Ritschl, “Germany owes Greece a debt”. In: The Guardian, 21.6.2011; Kerstin Bartsch u. Björn
36 Vgl. »Vorlage des Ministerialdirektors Horst Teltschik an Bundeskanzler Kohl 15 März 1990 betreff.
Elberling, “Jus Cogens vs. State Immunity, Round Two: The Decision of the European Court of Human
eventueller Reparationsforderungen von Siegern des 2. Weltkriegs gegen ein Vereintes Deutschland«.
Rights in the Kalogeropoulou et al. v. Greece and Germany Decision”. In: German Law Journal, 4 (2003)
In: Hans Jürgen Küsters u. Daniel Hofmann (Hg.), Deutsche Einheit. Sonderedition aus den Akten des
5, 477–491, 490; Norman Paech, Der Juristische Schatten der Wehrmachtsverbrechen in Griechenland.
Bundeskanzleramtes 1989–1990, München 1998, 955f.
<https://groups.yahoo.com/neo/groups/wehrmacht_atrocities_in_greece/conversations/messages/195>
37 Klaus von Wiegrefe, »Die Furcht vor dem F–Wort«. In: Der Spiegel, 21.02.2015, 26f. [Stand: 10/2016].

Da s D r e i e c k s v e r hä lt n i s BRD – DDR– G r i e c h e n l a n d … | 43
der Vereinigungslasten nicht auch noch Reparationszahlungen leisten. Betrachtet man
jedoch die Summe von mindestens 1,5 Billionen Euro, die bisher im Rahmen des inner-
deutschen ›Vereinigungstransfers‹ an die ostdeutschen Länder geflossen ist, scheint das
Wiedergutmachungsgeld, das für die Gräueltaten der Nazis in Griechenland benötigt
würde, eher eine vernachlässigbare Größe. Zw i s c h e n A n sp ru c h u n d P r a x i s . D i e
B e z i e h u n g e n d e r SED z u r Kom m u n i s t i s c h e n
Pa rt e i G r i e c h e n l a n d s ( 1 9 6 7 – 1 9 8 9 )

Konstantinos Gerakis

Die Erforschung der deutsch–griechischen Beziehungen hat im Zuge gegenwärtiger


sozialpolitischer Diskurse erneut Konjunktur. Fragen nach Identität, Solidarität und
europäischer Integration wecken das Interesse am bilateralen Verhältnis beider Staaten.
Die kollektive Erinnerung an deutsch–griechische Verflechtungen nach 1945 ist dabei
überschattet von Darstellungen aus westdeutscher Perspektive.
Ein kaum berücksichtigter Forschungsgegenstand ist das Verhältnis der DDR zur Hel-
lenischen Republik. Zwischen beiden Ländern fand ein reger Austausch statt, der weit
über die antagonistischen Beziehungen des Kalten Krieges hinausging. Insbesondere
zwischen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und der Kommunisti-
schen Partei Griechenlands (Κομμουνιστικό Κόμμα Ελλάδας, KKE) entwickelte sich ein
geradezu ›bizarres‹ Verhältnis. Einerseits pflegte die Staatspartei der DDR, dem Konzept
des »proletarischen Internationalismus« entsprechend, intensive Kontakte zu ihrer Bru-
derpartei, andererseits bemühte sie sich darum, sich durch wirtschaftliche Beziehungen
mit dem griechischen Staat aus ihrer diplomatischen Isolation herauszulösen. Gegen
Ende des griechischen Bürgerkrieges (1946–1949) wurden zahlreiche Kinder in die Ost-
blockstaaten überführt. Im Zuge dieses sogenannten »Paidomazoma« (Παιδομάζωμα/
Kindesentführung) bzw. »Paidofylagma« (Παιδοφύλαγμα/Kinderschutz) kamen auch
ca. 1300 Kinder in die DDR und wurden dort einer sozialistischen Erziehung unter-
zogen. Bis heute spaltet das Schicksal dieser Kinder die öffentliche Meinung und wird
nicht selten von rechts und links für parteipolitische Interessen missbraucht.1 Vor dem

1 Vgl. Emilia Rofouzou, »Die Deutsche Demokratische Republik. Griechen und der zweite deutsche Staat«.
In: Wolfgang Schultheiss, Evangelos Chrysos (Hg.), Meilensteine deutsch–griechischer Beziehungen. Bei-
träge eines deutsch–griechischen Symposiums am 16. und 17. April 2010 in Athen, Athen 2010, 317–324,

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