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Pontifícia Universidade Católica do Rio Grand e do Sul Fachbereich Humanwissenschaften

Abteilung für Sozialpädagogik und Soziologie

der Lebensalter & Lebenslagen

Prof. Dr. Luciano Aronne de Abreu Prof. Dr. habil. Werner Thole
Prof. Dr. Draiton Gonzaga de Souza Prof. Dr. Hans-Georg Flickinger
Rafael Klein Vinzenz Thalheim

Porto Alegre & Kassel, Oktober 2013

»Im Schatten des Balls« … Fußball, Fans und


soziale Bewegungen
Veranstaltung anlässlich der Fußballweltmeisterschaft
vom 25. Juni bis 30. Juni in Porto Alegre, Brasilien

1 Anlass & Intention


Sport ist ein integrales Element von Gesellschaften. Diese schlichte und
kaum Widerspruch provozierende Markierung trifft insbesondere auf den
Fußball zu. Kaum ein anderer Bereich moderner Gesellschaft hat eine ver-
gleichbare integrierende wie zugleich auch spaltende Wirkung und kaum
eine andere Sportart bietet eine vergleichbare Folie zur kritischen Betrach-
tung respektive zur Initiierung von Widerspruch und Protest.
Fußballfans konstituieren spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts in
Europa und später auch auf anderen Kontinenten eine eigene Kultur. Zu-
gleich sind sie eingebunden – intendiert oder strukturell – in das Spektrum
der informell organisierten sozialen Bewegungen. Diese Verwobenheit
zeigt sich aktuell 2013 anhand der Protestbewegungen in der Türkei wie
auch in Brasilien besonders deutlich.
Fußball ermöglicht die Herstellung von Zugehörigkeit, Identität und von Zu-
sammenhalt. Die Herausbildung von nationalen, regionalen und städti-
schen Kulturen wird über Fußball ermöglicht, unterstützt und partiell sogar
initiiert. Zugleich und parallel kann über Fußball Abgrenzung und Differenz
zu den »Anderen« grundiert werden. Fußball ist ambivalent und polarisiert,
nicht nur als Spiel auf dem »grünen Rasen«, sondern auch auf den Tribü-
nen, in den Städten und vor dem Fernseher – Fußball ist immer »mehr als
nur das Geschehen auf dem Platz«. Zur Beachtung und zum Nachdenken
regt auch der über Fußballanhängerschaft geförderte Regionalismus und
die mit ihm einhergehenden Verantwortungsgefühle gegenüber der eige-
nen Heimat an. Der sich hierbei zeigende – ausgeprägte – Teilhabewille
der Ultras verdient ebenfalls eine genauere Analyse hinsichtlich der For-
mierung sozialer Bewegungen.
Wenn der Blick vom eigentlichen Spiel auf den Platz abgewendet wird,
dann richtet sich der Blick sehr schnell auf die Fußballkulturen, allerdings
zuvorderst nicht auf deren Eingewobenheit in soziale Bewegungen, son-
dern vornehmlich auf die Inszenierungen der Fankulturen auf den Tribü-
nen, vor den Stadien und in den Städten. Insbesondere die in der öffentli-
chen Wahrnehmungen zunehmenden gewaltvollen Auseinandersetzungen
werden dann Thema – und das nicht erst seit Ende des 20sten Jahrhun-
derts. »Wenn man heute sagt, dass das Fußballspiel ein Symptom einer
relativ hohen Zivilisationsstufe
sei, so mag das auf den ersten
Blick vielleicht etwas unwahr-
scheinlich erscheinen«, be-
gann Norbert Elias (1983) sei-
nen Aufsatz »Der Fußballsport
im Prozess der Zivilisation«,
und setzte sogleich hinzu:
»Was wir heute vor allem se-
hen, was beim Fußball ins Au-
ge fällt, sind die vielfältigen
Gewalttätigkeiten, sei es von
Seiten des Publikums, sei es
innerhalb der Mannschaften
selber.« Ähnliches beobachte
schon vor über einhundert Jahren der evangelische Geistliche Peter
Weigle (1902) aus Essen. Dem »stets wachsende Verderben unserer
schulentlassenen Jugend« (…), das »seinen Grund in der Zuchtlosigkeit
und der damit verbundenen Gottentfremdung« der Jugend hat, und dem
Streben, dass ein »Fußballspieler (…) es so dem anderen gleichtun, ein
Klub dem anderen zuvor tun« will, ist etwas positives entgegen zu setzen:
Da das »Spiel auf die Jungen eine förmlich berauschende Wirkung ausübt,

2
fast wie Alkohol, (…) haben wir darum in unserem Verein dem Fußballspiel
den Krieg erklärt (…) durch andere harmlose Spiele, (…) auch wenn »wir in
Essen« aufgrund »der weiten Entfernung zu den Wäldern zu wenig Gele-
genheit haben, Kriegsspiele zu machen.« 1
Heute sind es insbesondere die selbstorganisierten Szenen der »Suppor-
ters«, insbesondere die »Ultras«, aber auch andere Gruppierungen wie die
der »Hooligans«, welche Sportfunktionäre, PolitikerInnen wie PädagogIn-
nen herausfordern, darüber nachzudenken, wie deren Inszenierungen und
ein darin eingebundenes gewaltorientiertes Verhalten mittels »pädago-
gisch« sinnvoller Projekte und Angebote beantwortet werden kann. In »pa-
ramilitärischen Kriegsspielen«, wie sie Peter Weigle konzipierte, wird heute
wahrscheinlich kaum noch eine sinnvolle Alternative zum Besuch von Fuß-
ballspielen vermutet. Aber die Erfahrung, das der Attraktivität des »Spiels«
vor und nach dem Spiel kaum ein pädagogisches, zivilgesellschaftliches
Angebot zu entsprechen vermag, scheint nach wie vor an Gültigkeit nicht
verloren zu haben. Der Kampf um die Vorherrschaft in öffentlichen – realen
und medialen – Räumen findet auch über den Fußball statt.
Die Tagung »Im Schatten des Balls … Fußball, Fans und soziale Bewe-
gungen« wird die Fußballkulturen – und insbesondere deren jeweiligen
Praxen und Inszenierungen – »rund um den Ball« außerhalb des Spielfel-
des nachzeichnen und aus historischen, sozialwissenschaftlichen, rechtli-
chen und erziehungswissenschaftlichen Perspektiven betrachten. Der Fo-
kus wird sich jedoch nicht ausschließlich auf die kritische Beobachtung und
Reflexion des Verhältnisses von Fußball und Fans konzentrieren, sondern
auch der Bedeutung und den Praxen der Fankulturen im Kontext der sozi-
al-kulturellen und sozialen Bewegung nachgehen. Die Frage ob und inwie-
weit Fußballfankulturen auch als soziale Bewegung gesehen werden kön-
nen, findet bislang in Analysen kaum Aufmerksamkeit. Angesichts der so-
zialpolitischen Proteste in der Türkei, wo Fangruppen beispielsweise aller
bedeutenden Fußballvereine in Istanbul eine nicht unbedeutende Rolle
spielten und spielen, aber insbesondere angesichts der sozialen Bewegung
und Proteste in Brasilien verdient diese Frage Beachtung.
Bekannt ist, dass die Bauvorhaben im Kontext der Fußballweltmeister-
schaft verbunden sind mit gravierenden Umsiedlungen – zwischen 150.000
und 170.000 Familien werden zur Räumung ihrer Häuser und damit zur
Umsiedlung in den Austragungsorten gezwungen. Die Infrastrukturmaß-
nahmen und die Umbauten der Stadien verursachen nach bisherigen
Schätzungen Kosten von circa 13 Milliarden Euro. Projekte des sozialen

1
Die Illustration zeigt, dass »Gewalt« unter Fußballfans keineswegs eine aktuelle Er-
scheinung ist und es früher, die Illustration zeigt das Fanverhalten 1902 während eines
Spiels zwischen England und Deutschland in Leipzig, wesentlich »härter zur Sache
ging«.

3
Wohnungsbaus, im Bildungs- und Sozialbereich sowie im Gesundheitswe-
sen können aufgrund dieses Investitionsprogramms nicht realisiert werden.
Gegen diese politische Prioritätensetzung engagieren sich schon seit 2008,
2009 in Brasilien Basiskomitees (Comitês Populares da Copa) in den 12
Austragungsstädten. Gefordert wird ein nationaler Dialog zu den Entwick-
lungsmöglichkeiten der brasilianischen Gesellschaft und zu den Menschen-
rechtsverletzungen, die mit dem Umbau- und Investitionsprogramm im Zu-
ge der WM einhergehen. Fußballfans und -gruppierungen sind Teil dieser
Basisbewegung.
Die Tagung »Im Schatten des Balls … Fußball, Fans und soziale Bewe-
gungen« wird die hiermit verbundenen Fragen und Herausforderungen
aufgreifen. Aus unterschiedlichen Perspektiven soll der Zusammenhang
und das -spiel zwischen Fußballfankulturen und sozialen Bewegungen
thematisiert werden. Zudem werden die differenten kulturellen Praxen und
Inszenierungen von brasilianischen und deutschen Fans vergleichend dis-
kutiert und reflektiert. Die Tagung wird versuchen, auch den Zusammen-
hang zwischen nationalen und xenophobischen Verständigungsmuster in-
nerhalb unterschiedlicher Fußballfankulturen und deren politische Instru-
mentalisierung für soziale Bewegungen zu diskutieren und die in beiden
Ländern zu erkennenden Thematisierungsweisen von Fußballfankulturen,
sozialen Bewegungen und auch von Macht und Gewalt vergleichend erör-
tern. In diesem Kontext sollen auch rechtliche Fragen und mediale Darstel-
lungen vergleichend erörtert werden.
Formate der Veranstaltung werden Vorträge, Podiumsveranstaltungen und
Symposien, Arbeitsgruppen und Kulturveranstaltungen sein. Zudem wird
im Rahmen der Tagung ein sozial-kulturelles, sportorientiertes Exkursions-
programm – insbesondere für die TeilnehmerInnen aus der Bundesrepublik
Deutschland – angeboten.
Die Tagung findet vom 26. bis zum 29. Juni 2014 in Porto Alegre, Brasilien,
statt und wird von der »Universität Kassel«, der »Pontificia Universidade
Catolica Rio Grande de Sul«, »Universidade Federal do Rio Grande do
Sul«, der »Hans-Böckler-Stiftung« sowie dem »Goethe Institut Porto Aleg-
re« gemeinsam durchgeführt. Am 25. Juni wird für die deutschen Teilneh-
merInnen ein kulturelles Vorprogramm angeboten und am 30. Juni ein
sportlich-soziales Nachprogramm.

4
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