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M.-J.

Leonard

Schwarzbuch Jugendamt - Eine Streitschrift gegen die


Masseninobhutnahmen durch Jugendämter in
Deutschland

Dokument Nr. V159340


http://www.grin.com/
ISBN 978-3-640-72543-4

9 783640 725434
Schwarzbuch Jugendamt
Eine Streitschrift gegen die Masseninobhutnahmen durch Jugendämter in
Deutschland

Autor: Dr. M.-J. Leonard


Bochum 2010
Schwarzbuch Jugendamt 2

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ............................................................................................................................................. 3
1.1. Jugendämter in Deutschland.................................................................................................. 3
1.2. Entstehung der momentanen Situation .................................................................................. 7
2. Historische Entwicklung der Jugendämter......................................................................................... 21
2.1. Rechtsaufsicht durch das Innenministerium......................................................................... 21
2.2. Selbstkontrolle und fehlende Fachaufsicht........................................................................... 35
2.3. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz: SGB XIII ..................................................................... 41
2.4. Die Rolle des Verwaltungsgerichtes..................................................................................... 48
3. Ambulante und stationäre Maßnahmen............................................................................................. 50
3.1. Hysterie bei den Inobhutnahmen und Abkehr von den ambulanten Hilfen.......................... 56
3.2. Kostenübernahme durch den Steuerzahler und die Eltern .................................................. 60
3.3. Ansatzpunkte für eine neue Familienpolitik.......................................................................... 66
3.4. Wurzeln des Jugendamtes in Nazi-Deutschland ................................................................. 74
3.5. Jugendämter haben eine große Lobby in Kirche und Politik................................................ 81
4. Scheidungsfall: Schutz der Kinder vor dem Jugendamt.................................................................... 86
4.1. Gehen Sie nicht (allein) zum Jugendamt ............................................................................. 87
4.2. Wenn Ihr Expartner mit dem Jugendamt zusammenarbeitet............................................... 94
4.3. Pest oder Cholera: Das familienpsychologische Gutachten ................................................ 98
4.4. Vom Jugendamt zur kostenlosen „Leihmutter“ degradiert ................................................ 102
5. Akzeptanzproblem des Jugendamtes in der Bevölkerung .............................................................. 106
5.1. Der Fall „Kevin“ aus Bremen als Auslöser ......................................................................... 112
5.2. Erziehungsaufgabe der Eltern ............................................................................................ 123
5.3. Ist die Inobhutnahme eine „freiheitsentziehende Maßnahme“? ......................................... 127
6. Hilfe zur Selbsthilfe: Wenn das Jugendamt klingelt......................................................................... 135
6.1. Es kann jeden treffen, der Kinder hat................................................................................. 136
6.2. Versagen von Jugendförderung und Jugendhilfe .............................................................. 142
6.3. Die Wegnahme der Kinder ................................................................................................. 148
6.3. Kooperation zwecklos: Wenn das Jugendamt auf Briefe nicht reagiert ............................. 157
6.4. Vorwürfe des Gerichtes: Weshalb Sie angeblich alles falsch machen werden ................. 167
6.5. Besuche untersagt: Weshalb Sie nun plötzlich eine Gefahr für ihr Kind sind .................... 176
6.6. Ein Trost: Sie sind nicht allein, pro Tag werden bis zu 100 Kinder in Obhut genommen .. 183
7. Trübe Zukunftsaussichten................................................................................................................ 192
7.1. Die Macht der Jugendämter: Der Fluch der „kommunalen Selbstverwaltung“ .................. 196
7.2. Familien haben in Deutschland keine Lobby...................................................................... 203
7.3. Die Meinung der Kirche: Familie ist durch nichts zu ersetzen ........................................... 214
7.4. Streit in der Europäischen Union: Das Jugendamt verletzt die Menschenrechte .............. 220
8. Abschluß .......................................................................................................................................... 224
Literaturverzeichnis.............................................................................................................................. 228
Internetquellen ..................................................................................................................................... 235
Anhang 1: Inobhutnahmen 2008 ......................................................................................................... 241
Anhang 2: Pressemitteilungen des Statist. Bundesamtes................................................................... 242

Anmerkung
Die Begriffe Mutter und Vater stehen in der vorliegenden Arbeit stellvertretend für die
erste und zweite Hauptbezugsperson des Kindes. Sie werden verwendet, um den
Text leichter lesbar und verständlicher zu machen. Eine Diskriminierung der Ge-
schlechter oder der Eltern war damit nicht gemeint. In der Praxis ergibt es sich meis-
tens, dass die Kinder zu einem Elternteil eine engere Beziehung aufbauen. Das kann
die verschiedensten Gründe haben und soll hier nicht weiter diskutiert werden.
Schwarzbuch Jugendamt 3

1. Einleitung

1.1. Jugendämter in Deutschland


Das System der Jugendämter in Deutschland ist eine der umstrittensten Einrichtun-
gen der Moderne. Da seine Wurzeln in der Weimarer Republik und dem Nationalso-
zialismus liegen, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von internationalen Politikern
mehrfach gefordert, es abzuschaffen bzw. durch ein anderes System zu ersetzen.
Bis heute jedoch ohne Erfolg.

Die Jugendämter wurden in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in Deutschland
eingeführt, um insbesondere Waisenkindern und Kindern aus Arbeiterfamilien besse-
re Zukunftschancen in der Zeit der industriellen Revolution zu ermöglichen. Sie fuß-
ten auf dem Gedankengut der Weimarer Republik, die es sich zum Ziel gesetzt hatte,
die wirtschaftliche und soziale Not der Bevölkerung nach dem verlorenen ersten
Weltkrieg durch ein neues Rechtssystem und soziale Programme zu lindern. 1
Diese Ideologie wurde vom Nationalsozialismus zunächst zur Fürsorgeerziehung für
gefährdete und verwahrloste Jugendliche weiterentwickelt und schließlich für die
Umerziehung und Auslesepraxis missbraucht.2

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich die Kinder- und Jugendhilfe in Ost- und
Westdeutschland unterschiedlich weiter.

In Westdeutschland gab es eine Reorganisation und einen Identitätswandel. Die Ju-


gendämter delegierten die Kinder- und Jugendhilfe nun vor allem auf kirchliche und
soziale Träger.3 Sie kümmerten sich um Kriegswaisen, die in den Trümmern des
durch den Krieg stark zerstörten Deutschlands aufgegriffen wurden. Sie gaben ihnen
Perspektiven durch Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten und linderten ihre mate-
rielle Not. Damit kehrte die Kinder- und Jugendhilfe wieder stärker zu ihrer ursprüng-
lichen Ausrichtung in der Anfangsphase zurück. Die Jugendämter nahmen in dieser
Zeit maßgeblich Einfluss auf die Ausbildung und die Wohnsituation der Kinder- und
Jugendlichen. Es entwickelte sich eine sozial geprägte, privatwirtschaftliche Pflege-

1
Hermanns, M. (2001): Ursprünge der Jugendsozialarbeit, S. 20.
2
Münchmeier, R. (2001): Die Zeit des Nationalsozialismus, S. 43.
3
Breuer, K.H. (2001): Jugendsozialarbeit in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, S. 58.
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industrie, die sich ausschließlich mit der Pflege und Betreuung von Kindern und Ju-
gendlichen befasste.4
Der Strukturwandel ab Mitte der 60er Jahre führte zu einem erneuten Wechsel der
Perspektive. Die Kriegswaisen waren inzwischen erwachsen und benötigten die Hil-
fen der Jugendämter nicht mehr. Gleichzeitig kam die antiautoritäre Erziehung in
Mode und beeinflusste das Bild vom Kind in Richtung gleichgestellter Partner. In die-
ser Zeit entstanden zahlreiche Studien über das Bindungsverhalten von Kindern,
welche die Heimerziehung als denkbar schlechteste Form für die Entwicklung eines
gesunden Menschen darstellten.5
Die Folge: Zahlreiche Heime wurden geschlossen.
Auf der anderen Seite forderten jedoch linksgerichtete Gruppierungen die „Vergesell-
schaftung“ der Kinderfrage. Die Betreuung der Kinder sollte nicht mehr allein durch
die Mütter stattfinden, um ihnen mehr Freiheiten und Möglichkeiten zur Arbeitsauf-
nahme und Selbstverwirklichung zu geben.
Auf diese Weise bildeten sich zwei entgegengesetzte gesellschafspolitische Positio-
nen mit verschiedenen Idealbildern.6

In Ostdeutschland wurde die Integration der Kinder- und Jugendlichen in die sozialis-
tische Gesellschaft weiterhin maßgeblich durch staatliche Institutionen gesteuert und
finanziert. Es entwickelte sich ein flächendeckendes Angebot von Kinder- und Ju-
gendhilfemaßnahmen, angefangen bei Kinderkrippen für die Kleinsten bis hin zu
Sportförderung und Familienhilfen. Die staatliche Verantwortung für die Erziehung
und Prägung auf das sozialistische System war von der Bevölkerung stark verinner-
licht und in den Gesetzen verankert.7
Die Erziehung der Kinder wurde von staatlichen Stellen übernommen, d.h. nach der
Ideologie lag die „allumfassende Erziehungsfürsorge“ beim Staat.
Die Eltern waren einem starken gesellschaftlichen Druck ausgesetzt, ihre Kinder so
früh, wie möglich, dem staatlichen Erziehungssystem zu überlassen, da die Arbeits-
kraft der Eltern der staatlich geregelten Planwirtschaft nicht länger als nötig entzogen
werden sollte.
Weiterhin hatte die Eingliederung der Kinder in das staatliche System Vorrang vor
dem Elternrecht. Die Eingriffe gingen so weit, dass z.B. die Unterbringung von Ju-

4
Breuer, K.H. (2001): Jugendsozialarbeit in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, S. 47.
5
Bowlby, J. (2006): Bindung, S. 176 ff.
6
Zerrahn, S. (2002): Familien in Deutschland, S. 85.
7
Mannschatz, E. (2001): Jugendsozialarbeit in der DDR, S. 85.
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gendlichen in Lehrlingswohnheimen auch gegen den Wunsch der Eltern und des Ju-
gendlichen selbst angeordnet werden konnte, wenn eine staatliche Erziehungsstelle
eine solche Fremdunterbringung befürwortete. Derartige Eingriffe ins Elterrecht wur-
den von großen Teilen der Bevölkerung als eine Bevormundung empfunden und füh-
rten zu Widerständen gegen solche Maßnahmen.8
An diesem Beispiel ist die allgemeine Tendenz des Sozialstaates erkennbar, die Fa-
milien – wenn nötig – „zu ihrem Glück zu zwingen“. Die Familien sahen sich durch
die Kinder- und Jugendhilfemaßnahmen „betreuungsmäßig umzingelt“, wobei An-
dersdenkende vollständig ausgegrenzt wurden. Der Staat verwendete die Jugendhil-
fe damit zu einer Maßnahme der staatlichen Kontrolle, um zu garantieren, dass auch
in den Familien die vorgegebene politische Ideologie eingehalten wurde.9

Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten kam es in den 90er Jah-
ren zu einem Wiedererstarken der Pflegeindustrie. Während in Westdeutschland die
Kindererziehung weitestgehend den Familien überlassen wurde und das Elternrecht
im Grundgesetz verankert war, gab es in den sog. „Neuen Bundesländern“ der ehe-
maligen DDR noch immer das flächendeckende Erziehungsmodell durch die staatli-
chen Organisationen.
Viele Mitglieder der ehemaligen staatlichen Erziehungseinrichtungen erwiesen sich
als gut ausgebildet und wurden nach dem Zusammenbruch der DDR in die neu er-
öffneten Behörden und Jugendhilfezentren der Jugendämter übernommen. In Folge
der Migrationsbewegungen zwischen Ost- und West übertrugen sie die DDR-
Ideologie des Staates als Erziehungsbeauftragter und der arbeitenden Mutter im er-
höhten Maße auf das westdeutsche Erziehungssystem.

Zur Finanzierung der deutschen Einheit hatte der Staat u.a. auf die Rentenkassen
zurückgegriffen. Daher wurde es notwenig, die Bevölkerung – und hier insbes. die in
Westdeutschland meist nicht arbeitenden verheirateten Frauen – stärker zur Eigenfi-
nanzierung ihrer Rente heranzuziehen. Mit einer neuen gesellschaftspolitischen I-
deologie wurde aufgrund der wirtschaftlichen Notwendigkeit die Hausfrau und Mutter,
welche nach der Geburt des ersten Kindes zu Hause bleibt und sich nur noch der
Kindererziehung widmet, trotz steigender Arbeitslosigkeit der Gesamtbevölkerung
zunehmend in Politik und Medien „verpönt“.

8
Mannschatz, E. (2001): Jugendsozialarbeit in der DDR, S. 88.
9
Mannschatz, E. (2001): Jugendsozialarbeit in der DDR, S. 89.
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In den 90er Jahren wurden damit einhergehend die Rufe nach Krippenplätzen und
Ganztagsbetreuung für Gesamtdeutschland zunehmend lauter. Die Zahl der Single-
haushalte erhöhte sich, die Mütter waren besser ausgebildet und gingen nach der
Schwangerschaft früher zurück in den Beruf, um ihre Rentenansprüche nicht zu ge-
fährden.
Die Politik verstärkte auch weiterhin den Druck gegenüber jungen Familien. Nach der
Jahrtausendwende wurden die Rentenansprüche junger Mütter, die wegen der Kin-
der nicht mehr in den Beruf zurückkehrten drastisch reduziert. Auf diese Weise
zwang die Politik, alle Mütter, so schnell wie möglich nach der Geburt der Kinder
wieder eine Arbeit aufzunehmen.
Auf der anderen Seite reichen aber Betreuungsangebote für Kleinkinder bis heute
nicht aus, um den neuen Bedarf an Ganztagsplätzen zur Betreuung von Kindern be-
rufstätiger Mütter zu decken. Die Bevölkerung reagiert auf dieses Missverhältnis mit
einer Reduzierung der Geburtenrate. Nach aktuellen Studien des Statistischen Bun-
desamtes ist Deutschlands inzwischen eines der Länder mit der weltweit geringsten
Zahl von Geburten bezogen auf die Bevölkerung.
Dieser Zustand ist bis heute ungelöst und besteht weiter fort. Szenarien gehen davon
aus, dass Deutschland aufgrund dieses Missverhältnisses in absehbarer Zeit seine
wirtschaftliche Vormachtstellung in der Europäischen Union einbüßen könnte.

Nachdem schon andere Regierungen versucht haben, durch Verbot von Frauenar-
beit oder Reglementierung des Frauenanteils in bestimmten Berufen für eine Ent-
spannung auf dem Arbeitsmarkt zu sorgen,10 dürfte es interessant sein, wie sich die
Frage der Kindererziehung in der weltweiten Wirtschaftskrise weiterentwickelt.
Aufgrund der zunehmenden werdenden staatlichen Kontrolle, die sich immer mehr in
die Privatbereiche der Menschen erstreckt, und inzwischen auch vor dem Elternrecht
des Grundgesetzes keinen Halt mehr macht (vgl. die „Aufsichtsfunktion“ der Jugend-
ämter), ist eine klare Tendenz zu der Situation erkennbar, die George Orwell in sei-
nem Roman „1984“ beschrieben hat. Einen Hinweis darauf gibt auch die immer stär-
ker ausgeprägte Einschränkung der Medienberichterstattung durch die von der Re-
gierung eingeforderte sog. „Politische Korrektheit“.11

10
Zerrahn, S. (2002): Familien in Deutschland, S. 115.
11
Orwell, George (2006): 1984, 17. Aufl., Ullstein-TB, Original in Englisch 1949.
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1.2. Entstehung der momentanen Situation


Derzeit herrscht aufgrund der demographischen Entwicklung, insbes. der Abwande-
rung von Fachkräften ins Ausland und des starken Geburtenrückganges ein Mangel
an Kindern in Deutschland. Dieser Mangel wird sich lt. einer Studie des europäischen
statistischen Amtes EUROSTAT bis 2030 derart auswirken, dass Deutschlands Be-
völkerung sinkt, überaltert und es trotz Zuwanderungen aus dem Ausland seine wirt-
schaftliche und politische Vormachtstellung in Europa einbüßen wird.12

Wenn die Entwicklung weiter anhält, wird Deutschland lt. EUROSTAT im Jahr 2050
von anderen Ländern, wie England und Frankreich, an Zahl der Einwohner und Wirt-
schaftsleistung überholt worden sein. Die deutschen Politiker sind somit dringend
zum Handel aufgerufen.

Tatsächlich suchen die Politiker schon seit längerer Zeit nach einem Ausweg aus
diesem Zukunftsszenario. Da sich der Zusammenhang zwischen Politik und Gebur-
tenrate jedoch als sehr komplex erwiesen hat, wurden auch einige politische Maß-
nahmen auf den Weg geschickt, die anstatt zu einer Steigerung eher zu einer weite-
ren Senkung der Geburtenrate beigetragen haben.13 Zu ihnen zählen die Abschaf-
fung der Fachaufsicht über die Jugendämter, die Entlassung der Jugendämter in die
Selbstverwaltung, die Einstufung der Umgangsvereitelung als Kapitalverbrechen ge-
genüber dem Kind (wie Mordversuch oder Mißhandlung), sowie die
Gesetzesänderungen zur Vereinfachung der Inobhutnahmen von Kindern in
mehreren Wellen seit den 90er Jahren. Derartige Maßnahmen waren mit einer
Einschränkung der Elternrechte verbunden und führten im Ergebnis zu einer
Verweigerungshaltung bestimmter Gesellschaftsschichten, Kinder zu bekommen.

Der Rückgang der Geburtenrate schlug sich schon in den 80er Jahren des 20. Jahr-
hunderts in den Pflegezahlen der Kinderheime nieder. Die Heime konnten nicht mehr
rentabel bewirtschaftet werden. Nachdem die Waisen des Zweiten Weltkrieges er-
wachsen geworden waren, nahmen mit der Einführung der Pille sowie dem steigen-
den Wohlstand der Bevölkerung, die Fälle unerwünschten Kindersegens, Verwahrlo-
sung und Misshandlung in den Familien ab.14 Die Reduzierung der Kinderheime und

12
Vgl. Studie des Institutes EUSTAT vom 26.08.2008. Quelle: Die Zeit-Online.
13
Vgl. Statistisches Bundesamt unter www.destatis.de. 2009 hatte die bisher niedrigsten Geburtenrate seit 1946.
14
Polizeistatistik: Kriminalität in Deutschland geht zurück, 15.06.2009,Quelle: www.spiegel.de/panorama/justiz.
Schwarzbuch Jugendamt 8

Abbau von Arbeitsplätzen in der Pflegebranche war zunächst die logische Folge und
wurde mancherorts auch erfolgreich durchgeführt.
Während die Literatur aus dieser Zeit die ambulanten Maßnahmen der Kinder- und
Jugendhilfe, welche zu einer Stärkung der Familien führen sollen, favorisiert und die
Wegnahme der Kinder als die „letzte Lösung“ ansieht, die nur eingesetzt werden
darf, wenn nachgewiesen ist, dass die betroffenen Kinder schwerste körperliche
Schäden in den Familien erleiden,15 setzten sich spätestens seit der Wiedervereini-
gung 1990 in der Politik zunehmend diejenigen Stimmen durch, die sich für eine Er-
höhung der stationären Unterbringungen von Kindern in Heimen aussprachen.16

Mit der Wende, der Abwanderung von Arbeitern in den Westen und der hohen Ar-
beitslosigkeit in den Ostgebieten, wurden Teile der Neuen Bundesländer zunächst zu
neuen sozialen Brennpunkten. Viele Familien zerbrachen an der veränderten Situati-
on. Dadurch kam es zu einer verstärkten Nachfrage nach Heimplätzen in den 90er
Jahren.17 In dieser Zeit übernahmen private Träger aus den westdeutschen Ländern
zahlreiche Heime und Kinderpflegeeinrichtungen der ehemaligen DDR und führten
sie unter neuer Leitung weiter. Die sozialen Brennpunkte lösten sich allerdings Dank
der Gewährung von Förderungen und sozialen Leistungen mit den Jahren auf, so
dass Heimplätze wieder in großer Zahl entbehrlich wurden. Daraufhin kam es zu er-
neuten Schließungen der privaten Pflegeeinrichtungen.

In dieser Situation starteten Lobbyisten der Pflegebranche eine große Pressekam-


pagne gegen Kindesmissbrauch in den Familien. Nach sexuellen Missbrauchsvor-
kommnissen in anderen europäischen Staaten, wie Belgien, wurden die Inobhut-
nahmen und Heimunterbringungen von Kindern als das einzige Mittel zum Schutz
der Kinder vor missbrauchenden Vätern propagiert. Dabei wurde unberücksichtigt
gelassen, dass in den Beispielfällen gewöhnlich eine Verbrecherorganisation und
nicht die Familie hinter den Übergriffen gegen Kinder steckte.

Durch die Pressekampagne wurden in den 90er Jahren alle Väter mit minderjährigen
Kindern zu potentiellen Kinderschändern deklariert und beschuldigt, ihren Kindern
Gewalt anzutun. Obwohl diese Beschuldigungen unsinnig waren, sprangen mit der
Zeit immer mehr Presse-Vertreter auf diesen Zug auf. Die Bevölkerung wurde stark

15
Frankfurter Kommentar zum SGB VIII, § 42, Weinheim 2003.
16
WAZ Rhein-Ruhr, 15.07.2008: Der Kevin-Effekt.
17
Christe, G. (2001): Zukunft der Arbeitsgesellschaft, S. 114 ff.
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verunsichert. Kindergärtner und Lehrer nahmen an Seminaren zur Aufdeckung von


sexuellem Missbrauch teil. Immer mehr Verdachtsfälle wurden den Jugendämtern
gemeldet, so dass diese unter der steigenden Belastung immer mehr an Personal-
mangel litten.
Hunderte von Familien wurden durch polizeiliche Ermittlungen zerstört, Eltern grund-
los von ihren Kindern getrennt und jahrelang unschuldig ins Gefängnis verbracht.
Jugendämter, Polizei und Gerichte ließen sich von der allgemeinen Hysterie anste-
cken. Fast alle Meldungen erwiesen sich im Nachhinein als ungerechtfertigt. Trotz-
dem waren die betroffenen Familien stigmatisiert und der Status der Familie als Le-
bensgemeinschaft konnte sich bis heute nicht vollständig von dieser Medienkampag-
ne erholen.18
Damit hatte diese Kampagne in den 90er Jahren unerwünschte Nebenwirkungen, die
so nicht vorhersehbar gewesen waren. Insbesondere verloren Justiz, Familienpolitik
und Jugendhilfe-System in Deutschland an Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung. So
erhielt die Institution des Jugendamtes im Volksmund beispielsweise den Beinamen
„Kinderklaubehörde“. Damit wurde dem Image der Jugendämter durch diese Me-
dienkampagne ein erheblicher Schaden zugefügt.19

Eine Gegenkampagne betroffener Väter zeigte, dass die Jugendämter auf bloßen
Zuruf und Denunziation arbeiteten. Die Mitarbeiter von Kindergärten und Schulen
waren durch die Pressekampagne „über-sensibilisiert“ und meldeten abertausend
von angeblichen Missbrauchsfällen, die sich als falsch herausstellten und die städti-
schen Haushalte sowie die Justiz mit zusätzlicher Arbeit und enormen Kosten be-
lasteten.20
In ganz Deutschland kam eine Gegenbewegung in Gang, die u.a. zum Erlass des
neuen Kindschaftsrechtes von 1998 führte. In diesem Gesetz wurde festgeschrieben,
dass ein Kind beide Eltern braucht und das gemeinsame Sorgerecht nach der Tren-
nung der Eltern zum Regelfall erklärt.21

Das neue Gesetz weist jedoch bis heute viele ungeregelte Lücken auf und lässt
zahlreiche Fälle unberücksichtigt. So findet beispielsweise keine Staffelung statt, wie
beispielsweise mit Kindern in unterschiedlichem Alter verfahren werden soll, obwohl

18
Exzesse der Justiz: Wormser Prozesse 1993-1997, Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Wormser_Prozesse.
19
Statistisches Bundesamt: 14% mehr Inobhutnahmen im Jahr 2008, Pressemitteilung 234 vom 25.06.2009.
20
Interessenverband Unterhalt und Familienrecht, ISUV/VDU, www.welt.de vom 11.01.2004.
21
Gesetz zur Reform des Kindschaftsrechts 1998
Schwarzbuch Jugendamt 10

Kinderärzte und Psychologen sich dafür ausgesprochen haben. Die Begründung ei-
ner Staffelung lautet, dass Kinder in verschiedenen Lebensaltern völlig unterschied-
lich auf externe Hilfen und insbesondere auf die gewaltsame Trennung von der Mut-
ter als Hauptbezugsperson reagieren.22
Die alte Regel, dass ein Kleinkind unter sechs Jahren zu seiner Hauptbezugsperson,
i.d.R. der Mutter, gehört, weil es ohne die Zuwendung der Hauptbezugsperson ver-
kümmert, wird zunehmend durch das Gesetz nach 1998 in Frage gestellt. In Extrem-
fällen nehmen einzelne Jugendämter sogar Säuglinge direkt nach der Entbindung im
Krankenhaus von den Müttern weg. Die Politik war bisher nicht in der Lage, mäßi-
gend auf die Jugendämter einzuwirken und die Situation zu entspannen. Die Zahl der
Inobhutnahmen von Kindern unterhalb des Schulalters steigt derzeit jedes Jahr an.23

Andere Auswirkungen zeigen sich im Verhalten der Väter bei einer Scheidung. Viele
Väter erkennen neuerdings in ihrem „Recht am Kind“ ein neues „Besitzrecht“ und
spielen dieses bei der Scheidung gegen die Frauen aus, die aufgrund der Geburt
und der noch immer tragenden Rolle in der Kindererziehung oft eine stärkere emoti-
onale Bindung zum Kind haben und daher gegenüber den Vätern zu größeren mate-
riellen Zugeständnissen bereit sind. Diese Problematik wird vom Gesetzgeber kom-
plett ausgeblendet. Der Vater hat nach dem Gesetz immer ein liebender Vater zu
sein. Daher steht ihm automatisch ein Umgangsrecht zu. In der Realität tritt diese
Liebe aber leider manchmal hinter materiellen oder persönlichen Überlegungen zu-
rück. So werden Frauen mit dem Baby in großer Zahl von den Vätern wegen einer
neuen Freundin sitzen gelassen oder vom Kindesvater mit Terrormaßnahmen über-
zogen, unter denen besonders auch die Kinder leiden. Die Justiz ist auf diese neue
Situation noch immer nicht eingestellt. Obwohl die Misshandlung in der Ehe inzwi-
schen als Straftatbestand anerkannt wird, gibt es auch heute noch Richter, die davon
ausgehen, dass ein schlagender Ehemann trotzdem ein guter Vater sein kann, ob-
wohl aus Untersuchungen bekannt ist, dass sich die meisten Kinder so stark mit ihrer
Mutter identifizieren, dass sie Gewalt gegenüber der Mutter als Gewalt gegen sich
selbst erleben.24

Gemäß neuren Studien aus der Sozialforschung benutzen mehr und mehr Männer
die Kinder im Scheidungsfall als Druckmittel gegen ihre Frauen. Bemerkenswert sind

22
Bowlby, J. (2006), Trennung, S. 18.
23
32.300 Inobhutnahme in 2008, Von der Leyen mahnt Jugendämter zur Vorsicht, 25.06.2009, www.welt.de.
24
Kavemann, B. (2001): Kinder als Opfer und Zeugen häuslicher Gewalt.
Schwarzbuch Jugendamt 11

vor allem ihre Motive. Während die Frau sich und das Kind als eine Einheit sieht und
davon ausgeht, dass jemand, der ihr schadet, grundsätzlich auch schädlich für das
Kind ist, sehen die Männer in dem Kind, mit dem die meisten Männer bedauerlicher-
weise vor allem im Baby- und Kleinkindalter noch nicht viel anzufangen wissen, ein
Druckmittel gegenüber der Frau und machen sich leider keine Gedanken darüber,
dass sie dem Kind damit schaden können. Vor diesem Hintergrund sind auch Über-
reaktionen erklärbar.25

Das Gesetz von 1998 entsprang u.a. dem neuen Sozialbild der Bundesregierung, die
aufgrund der hohen Scheidungsrate und des sozialen Versorgungsanspruches der
Ein-Eltern-Familien, nun auch von den Müttern mit kleinen Kindern verlangte, so
schnell wie möglich nach der Babypause wieder arbeiten zu gehen. Die sozialisti-
schen Parteien versuchten, vor allem den Sozialgedanken und die Bedeutung der
gemeinsamen Elternschaft mit diesem Gesetz zu verankern. Der Slogan lautete „El-
tern bleiben Eltern“ und spielte darauf an, dass die Eltern auch nach der Scheidung
ihre Entscheidungen über das Kind gemeinsam treffen und sich dabei vom Bedarf
des Kindes leiten lassen sollten.26

Unberücksichtigt blieb dabei, dass die Fronten zwischen den Eheleuten gerade nach
streitigen Scheidungen und Trennungen meist so verhärtet sind, dass eine gemein-
same Entscheidungsfindung nicht mehr möglich ist. Die Nachteile trägt dann das
Kind. Die Jugendämter, welche eigentlich zwischen den Eltern vermitteln sollten, ver-
schlimmern die Situation meist noch mit der Androhung, den Eltern werde das Kind
weggenommen, wenn sie sich nicht einigen (siehe: Cochemer Modell).27

Das Bürgerliche Gesetzbuch sagt aus, dass die Gerichte in besonders extremen Fäl-
len, in denen sich die Eltern über Jahre nicht einigen können oder wenn besonders
schlimme Vorfälle zur Trennung der Eheleute geführt haben, einem einzelnen Eltern-
teil das Sorgerecht übertragen. Dieses ist aufgrund des Alters der Kinder und der
Bindungen im Elternhaus i.d.R. die Mutter.28

Durch die neue Favorisierung des gemeinsamen Sorgerechtes wird diese Alternative
aber zunehmend aus dem Gerichtssaal verbannt, was sich zum Nachteil der Famili-

25
Kinder erleiden immer wieder Schütteltraumata durch überforderte Väter. www.ausgsburger-
allgemeine.de/home/lokales/Augsburg-Stadt/lokalnews/ARtikel,-Vater-soll-Saeugling-zu-Tode-geschüttelt-
haben-_arid,2007017_regid,2_puid,2_pageid,4490.html.
26
Informationsbroschüre der Jugendämter NRW, Eltern bleiben Eltern, 15. Aufl.
27
de.wikipedia.org/wiki/Cochemer_Modell.
28
Palandt, Kommentar zum BGB, § 1632.
Schwarzbuch Jugendamt 12

en auswirkt. Die Patchwork-Familie funktioniert in den meisten Fällen nicht. Zudem


wächst die Zahl der problematischen Konstellationen dramatisch an, denn 50 % aller
neu geschlossenen Ehen in Deutschland werden innerhalb von sieben Jahren wieder
geschieden. Trotzdem wird dieser Umstand in der neuen Rechtsprechung kaum be-
rücksichtigt.29

Die Probleme bei der Entscheidung für einen Elternteil werden durch das Verhalten
der Jugendämter noch zusätzlich verstärkt. Wenn die Jugendämter, wie heute leider
üblich ist, Negativ-Beweise gegen beide Elternteile sammeln, kann das Gericht kei-
nem der beiden Eltern das alleinige Sorgerecht zusprechen und ist gezwungen, das
Sorgerecht auf das Jugendamt zu übertragen. Auf diese Weise werden selbst Kinder
aus guten sozialen und finanziell stabilen Verhältnissen schnell zu „Dauerkunden“
des Jugendamtes und letztendlich zwangsweise in Kinderheimen untergebracht.
Diese Unterbringung schadet einem Scheidungskind mehr als sie ihm nützt. Obwohl
beide Elternteile und vielleicht auch Großeltern bereit sind, sich um das Kind zu küm-
mern, werden diese Möglichkeiten von den Jugendämtern und den Gerichten gar
nicht mehr in Betracht gezogen. Die zahlreichen Petitionen beim europäischen Ge-
richtshof für Menschenrechte in Strassburg legen von dieser bedauerlichen Entwick-
lung Zeugnis ab.30

Auf dem Gebiet der „Trennungs- und Scheidungskinder“ muß sich daher dringend
etwas in der Rechtsprechung ändern. Viele Heimkinder sind heutzutage Trennungs-
kinder, die wegen Schwierigkeiten der Eltern mit den Jugendamtsmitarbeitern oder
zur „Erzwingung von Umgangskontakten“ in Heime eingewiesen werden. Eine Indika-
tion für einen Heimaufenthalt zur Isolation von der Familie wird in diesen Fällen zur
Bestrafung der Eltern eingesetzt, obwohl der Gesetzgeber ausdrücklich davor ge-
warnt hat, dass die Verwendung des Instrumentes „Inobhutnahme“ zur Bestrafung
von Beteiligten einen Missbrauch des Instrumentes darstellt. Die Kosten für diese
unnötigen Heimunterbringungen belasten den Staatshaushalt jährlich in zweistelliger
Milliardenhöhe. Geschätzt sind unnötige Kosten im Bereich von ca. 20 Milliarden Eu-
ro unter Berücksichtigung der jährlich steigenden Inobhutnahmen.31

29
Das Problem von Patchwork-Familien, Kampf um Liebe und Macht, Süddeutsche Zeitung, 25.12.2009.
30
Petitionen beim Generalsekretär Marcin Libicki, Europaparlament, über die CEED ECCD, European Council
Children of Divorce, Daten vom Dezember 2006.
31
Zahlen des Statistischen Bundesamtes 2008: 32.200 Inobhutnahmen, Steigerung von 14,4% gegenüber 2007.
Schwarzbuch Jugendamt 13

Aber die meisten Heimkinder kommen nach wie vor aus der Schicht der sog. Hartz-
IV-Familien. Die Zahl der Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger hat sich aufgrund
der weltweiten Rezession enorm erhöht. Die Städte und Kommunen sind durch Spe-
kulationsgeschäfte mit amerikanischen Großbanken, die 2008 und 2009 in Konkurs
gegangen sind, stark verschuldet.32

Die Landesregierungen und Stadträte überlegen, wie sie die Haushaltskosten sen-
ken können und sehen einen großen Teil der Ausgaben im Bereich Kinder- und Ju-
gendhilfen. Bei diesen Hilfen schlagen vor allem die Ausgaben für die Heimunter-
bringungen und Inobhutnahmen von Kindern mit bis zu einem Drittel des Haushaltes
zu Buche. Seit 2006 sind die Ausgaben in diesem Bereich explosionsartig gestiegen.
Damit hat die Einführung des neuen Elternrechtes 1998 genau das Gegenteil von
dem bewirkt, was ursprünglich geplant war. Die Väter sollten mehr Rechte an den
Kindern und die Kinder mehr Rechte an den Vätern erhalten. Das hatte auch hand-
feste wirtschaftliche Gründe:
Viele Kinder aus geschiedenen Ehen konnten vom Staat nicht zur Finanzierung der
Sozialleistungen herangezogen werden, wenn ihre Väter später in Rente gingen. Sie
hatten nie einen sozialen Kontakt zu ihren Vätern gehabt und wurden von den Ge-
richten daher von den Zahlungen an die ARGE bzw. das Sozialamt freigestellt.33
Durch das neue Kindschaftsrecht wird ein enger sozialer Kontakt mit dem getrennt
lebenden Elternteil bis zur Volljährigkeit zur Pflicht. Auf diese Weise können auch
getrennt lebende Trennungs- oder Scheidungskinder später bei den Sozialhilfeleis-
tungen für ihre Väter verstärkt herangezogen werden, wenn deren Renten zur De-
ckung von Heim- und Pflegekosten nicht ausreichen.
Der Vorteil dieses Modells für den Staat bestand hypothetisch in einer Senkung der
staatlichen Anteile an der Arbeitslosen-Unterstützung und der Sozialhilfe.

Die ursprüngliche Idee des neuen Kindschaftsrechts sollte somit zwei positive Effekte
für den Staat haben, die allerdings durch die exzessiven Inobhutnahmen inzwischen
relativiert wurden:

a) Die Mütter sollten wieder schneller arbeiten gehen und die Kinder als ar-
beitende Mütter auf eigene Kosten in Kindergärten und Kinderhorten
betreuen lassen, so dass der Staat von den Zuzahlungen für Kindergärten
entlastet würde.

32
www.N24.de, 11.04.2008, Wirtschaftskrise beutelt Landesbanken.
33
§ 1601 BGB sieht Elternunterhalt vor, nach § 94 SGB XII gehen diese Ansprüche auf das Sozialamt über.
Schwarzbuch Jugendamt 14

b) Die Festschreibung des Umgangsrechtes der Väter per Gesetz eröffnete


vor allem die juristischen Möglichkeit, getrennt aufgewachsenen Kinder für
die Kosten der Altersversorgung ihrer getrennt lebenden Väter heranzu-
ziehen.

Aber die Auswirkungen des Gesetzes verursachen inzwischen mehr Kosten als ur-
sprünglich eingeplant worden waren.
Keiner hatte damit gerechnet, dass die Inobhutnahmen und damit die Ausgaben für
Kinder- und Jugendhilfen innerhalb weniger Jahre um das Vierfache steigen würden
und damit einen finanziellen Kollaps der Städte und Kommunen verursachen könn-
ten, wie es inzwischen in vielen Großstädten und Ballungsgebieten, wie Berlin, Mün-
chen oder dem Ruhrgebiet, der Fall ist.34

Nachdem in den 90er Jahren die Kampagne über Väter als potentielle Vergewaltiger
eine Gegenbewegung ausgelöst hatte, bemühten sich die Jugendämter über mehre-
re Jahre, ihren Ruf wieder herzustellen. Die Inobhutnahmen von Kindern gingen vo-
rübergehend wieder zurück. Als jedoch 2005 ein totes Kind in einer Tiefkühltruhe in
Bremen entdeckt worden war, erfolgte scharfe Kritik an den Jugendämtern, die den
drogensüchtigen Stiefvater und Verursacher regelmäßig ambulant überwacht hatten
(Fall „Kevin“ aus Bremen).35

Die ambulante Hilfe wurde daraufhin von den Jugendämtern zum größten Teil durch
Inobhutnahmen und stationäre Unterbringungen in Kinderheimen ersetzt, um einem
weiteren Fall „Kevin“ unter allen Umständen vorzubeugen. Das Gesetz zur Änderung
des Kindschaftsrechtes von 1998 bekam damit eine neue Bedeutung, die es zuvor in
dieser Form nicht gehabt hatte. Im KJHG war noch immer die ambulante Hilfe als
Regelfall angesehen worden und die Kinder sollten so lange, wie möglich, in ihren
Elternhäusern verbleiben. Nun wurde von den Jugendämtern plötzlich angenommen,
dass die Kinder in ihren Elternhäusern grundsätzlich gefährdet waren und „vorsorg-
lich“ eine stationäre Hilfe notwendig sein konnte. Die Kriterien für eine Inobhutnahme
wurden von den Familiengerichten und Jugendämtern immer weiter ausgelegt und
schließlich 2008 völlig abgeschafft. Seit 2008 können Inobhutnahmen auf Verdacht

34
Zahlen des statistischen Bundesamtes, zitiert in Münder, Jugendhilferecht.
35
Chronik eines vermeidbaren Todesfalls, Spiegel, 12.10.2006,
www.spiegel.de/panorama/justiz/01518,442225,00.html.
Schwarzbuch Jugendamt 15

des Jugendamtes durchgeführt werden und benötigen nicht mehr die richterliche
Genehmigung.36

Die private Pflegebranche wurde mit den gestiegenen Inobhutnahmen und Fremdun-
terbringungen der Jugendämter schlagartig wieder zu einem boomenden Wirtschaft-
zweig und konnte zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. 2007 erfolgten nach Pressebe-
richten 77 Inobhutnahmen pro Tag in Deutschland, dabei alle Sonn- und Feiertage
eingerechnet, an denen i.d.R. keine Inobhutnahmen durchgeführt werden. Berück-
sichtigt man nur die regulären Arbeitszeiten, kommt man auf eine Quote von über
einhundert Kindern, die 2007 pro Arbeitstag in Deutschland in Obhut genommen
wurden. Von 2007 auf 2008 fand gemäß dem statistischen Bundesamt noch einmal
eine Steigerung der Inobhutnahmen von mehr als 14% statt. Damit hat Deutschland
derzeit die weltweit höchste Quote an Inobhutnahmen bezogen auf seine Bevölke-
rungsdichte.37

Aufgrund dieser „Masseninobhutnahmen“ sind die Angestellten und Beamten der


Jugendämter chronisch überfordert. Wie schon in den 90er Jahren bei den Miss-
brauchsfällen kommt es nun wieder zu dramatischen Fehlern von Jugendamtsmitar-
beitern und Familiengerichten, die zumeist die Anträge auf Fremdunterbringung nur
noch „durchwinken“ und keine Zeit mehr haben, sich mit dem Fall im Detail zu befas-
sen. Auch die psychologischen Gutachter der Gerichte erstellen die Gutachten inzwi-
schen in Massenproduktion – teilweise sogar als Ferngutachten, wenn die Eltern zur
Exploration nicht erscheinen. Das SGB VIII gesteht den Eltern zu, an einem psycho-
logischen Gutachten nicht teilzunehmen und ihre Erziehungseignung auf andere Art
nachzuweisen. Bei Erziehern und Lehrpersonal dürfte das i.d.R. möglich sein. Solche
alternativen Beweise werden von den Familiengerichten aber nicht mehr anerkannt.
Der Entzug des Sorgerechtes ist dadurch in Deutschland in den letzten Jahren e-
norm angestiegen.38

Und schon ergibt sich ein neues großes Argument für die Pflegebranche, um die
Heime zu füllen: Da viele Mütter den Vätern nicht das im neuen Kindschaftsrecht von
1998 festgeschriebene regelmäßige Umgangsrecht mit dem Kind gewähren, wird von
einigen Psychologen behautet, dieses schade dem Kind genauso, wie eine Mißhand-

36
Novellierung des § 1666 BGB im März 2008, Jugendamt kann Kinder ohne Nachweis des elterlichen
Versagens in Obhut nehmen. Beweislastumkehr: Eltern müssen nachweisen, dass sie nicht gegen Kindeswohl
verstoßen.
37
www.destatis.de,Pressemitteilung Nr. 234, 25.06.2009.
38
www.destatis.de,Pressemitteilung Nr. 261, 18.07.2008.
Schwarzbuch Jugendamt 16

lung. Es entwickele angeblich ein Parent Alianation Syndrome (PAS, Elternentfrem-


dung), weil es sich nur auf die ständig anwesende Mutter konzentriere. Diese an sich
normale Reaktion des Kindes wird nun zu einer große Gefahr für das Kind erklärt,
welches sich aufgrund dieses PAS angeblich nicht gesund entwickeln könne. Die
Gefahr sei in diesem Falle „seelisch“.39
Nach Palandt 2009 wird diese „seelische Gefahr“ von Familiengerichten zunehmend
als Grund dafür angegeben, die Kinder im Fall der Umgangsvereitelung oder Um-
gangsverzögerung den Müttern wegzunehmen und in ein Kinderheim einzuweisen.

Da die Kinder im Kinderheim völlig ohne Eltern aufwachsen, ist der Sinn einer Ino-
butnahme zur „Erzwingung eines Umgangsrechtes“ nicht nachvollziehbar. Das Kind
entwickelt im Heim ein PAS zu beiden Eltern und wird dadurch gemäß der ange-
wandten Argumentation erheblich schwerer geschädigt als wenn man es beim ihm
vertrauten Elternteil belässt.40

Betroffen sind von dieser neuen Rechtsprechung der Familiengerichte seit ca.
2008/2009 alle Gesellschaftsschichten von der Hartz-IV-Empfängerin bis hin zur Pro-
fessorin. Alle Mütter, die sich dem gesetzlich vorgeschriebenen Umgangsrecht ent-
gegen stellen, werden von gerichtlichen Psychologen in einem Gutachten für nicht-
erziehungsfähig erklärt und vom Sorgerecht ausgeschlossen. Die Gründe der Mütter
für eine Aussetzung des Umganges finden keine Berücksichtigung, da den Vätern
per Gesetz ein Umgangsrecht zusteht. Ausnahmen sind lt. Auskunft der Familienge-
richte auch bei Mordversuch gegenüber der Mutter und schweren Misshandlungen
im Gesetz nicht vorgesehen.

Wieder kommt es bei dieser Beurteilung großer Teile der Bevölkerung zu uner-
wünschten Effekten und hohen Nebenkosten für den Staat, denn Frauen arbeiten
hauptsächlich in den sozialen Berufen und viele der betroffenen Mütter benötigen
eine Erziehungsfähigkeit, um ihren Beruf ausüben zu können.41

Bei einer Aberkennung der Erziehungsfähigkeit durch ein Gericht sind diese Frauen
grundsätzlich gesehen nicht mehr arbeitsfähig (z.B. als Erzieherinnen, Lehrerin,
Betreuerin, Altenpflegerin, etc.) und fallen dadurch dem Staat als Sozialhilfeempfän-

39
Gardener, R.A. (1985): Recent Trends in Divorce and custody litigation, Academy Forum, 29(2), 3-7.
40
§ 1666 Abs. 1 BGB, das „seelische Wohl des Kindes“.
41
Universitäten und andere Lehranstalten überprüfen bei den Einstellungsvoraussetzungen die pädagogische
Eignung des Bewerbers.
Schwarzbuch Jugendamt 17

ger oder Arbeitslose zur Last. Abgesehen davon tragen die betroffenen Mütter bei
der Wegnahme ihres Kindes in den meisten Fällen schwere seelische und gesund-
heitliche Schäden davon und können sich nur selten wieder soweit fangen, um einem
normalen Beruf nachzugehen.

Interessant ist vor allem, dass das Gesetz eine Unterscheidung in eine sog. „Erzie-
hungsfähigkeit“ oder „Erziehungsunfähigkeit“ gar nicht kennt. Sie ist eine Erfindung
der modernen Rechtsprechung im Familienrecht bzw. einiger Psychologen, die die
institutionelle Erziehung in staatlichen Einrichtungen befürworten. Eltern ohne vali-
dierbare Kriterien in zwei Kategorien einzuteilen widerspricht zutiefst dem demokrati-
schen Grundgedanken, den Menschenrechten und stellt eine extreme Diskriminie-
rung dar.42

Diese Vorgehensweise ist somit verfassungsrechtlich äußerst bedenklich und lt. ver-
schiedenen Urteilen des Europäischen Gerichtshofes mit den Menschenrechten nicht
vereinbar. Trotzdem gehen deutsche Gerichte und Jugendämter weiterhin nach die-
sen Kriterien vor. Die Jugendämter pochen auf ihre fachliche Unabhängigkeit, die per
Gesetz jedem Jugendamt jeder Kommune ein Selbstentscheidungsrecht in fachli-
chen Fragen einräumt. So auch in der Frage, ob eine Inobhutnahme notwendig ist,
um das Kind vor einem potentiellen Schaden zu bewahren. Damit wird die Inobhut-
nahme zunehmend zum Mittel der Wahl, obwohl sie vom Gesetzgeber ursprünglich
als große Ausnahme neben der ambulanten Hilfe in der Familie vorgesehen war.43

Die Entwicklung des Cochemer Modells hat leider maßgeblich zu diesem Trend bei-
getragen. Das Modell arbeitet bewusst mit der Drohung, den Eltern ihre Kinder weg-
zunehmen, wenn sie nicht mit einander kooperieren. Auf diese Weise erzwingt das
Gericht ein Umgangsrecht. Der Nachteil ergibt sich in der geringen Akzeptanz dieses
Modells bei den Eltern. Immer wieder versuchen sie, die Regelungen zu umgehen
und streiten über viele Alltags-Dinge, so dass die Gerichte bis zur Volljährigkeit der
Kinder permanent mit den Streitigkeiten der Eltern belastet sind. Dieses Modell hat
sich daher letztendlich nicht deutschlandweit durchsetzen können.44

42
Messung der Erziehungsfähigkeit nicht möglich. www.system-familie.de/erziehungsfähigkeit.
43
Artikel 46 EMRK, z.B. Individualbeschwerde 11057/02. Deutschland muß die Urteile gegen die Jugendämter
umsetzen, aber hat es bis heute nicht getan.
44
Cochemer Modell: www.ak-cochem.de.
Schwarzbuch Jugendamt 18

Inzwischen machen sich auch die Auswirkungen der Wirtschaftskrise zunehmend


bemerkbar. Seit der großen „Bankenpleite“ 2008 in den USA haben viele Kommunen
nicht mehr das Geld, um die hohe Zahl der Inobhutnahmen weiterhin zu finanzieren.
Wegen dieses Geldmangels wird derzeit versucht, die Zahl der Heimunterbringungen
stabil zu halten bis Alternativen für eine Finanzierung neuer Inobhutnahmen gefun-
den worden ist.45

Die Jugendämter suchen zunehmend Pflegefamilien, um die weiter steigende Zahl


von angeblich „gefährdeten“ Kindern bewältigen zu können. Aber die Bereitschaft der
Familien und kinderlosen Paare, in der Wirtschaftskrise ein fremdes Kind aufzuneh-
men, ist ernorm zurückgegangen. Daher stehen trotz einer hohen Rate an Inobhut-
nahmen immer weniger Pflegefamilien zur Verfügung.46

In anderen Ländern, wie USA oder Australien werden Anstrengungen unternommen,


die die Inobhutnahmen deutlich zu senken.47 Nur Deutschland verfolgt seine Politik
unbeirrt weiter und versucht, die noch immer steigenden Inobhutnahmen mit der stei-
genden Zahl von Hartz-IV-Empfängern zu begründen, die ihre Kinder angeblich
vernachlässigen oder misshandeln – und das, obwohl in der Realität inzwischen im-
mer mehr Kinder der sog. „gebildeten Schichten“ von den Inobhutnahmen betroffen
sind. Auch Zeitungsberichte über die vorschnellen Entscheidungen der Jugendämter,
Kinder aus den Familien herauszunehmen, haben an der vielerorts üblichen Praxis
der sofortigen Inobhutnahme ohne Überprüfung der Notwendigkeit nichts geändert.
Im Gegensatz zu Deutschland geht die Zahl der Inobhutnahmen weltweit mehr und
mehr zurück. Die USA haben gezeigt, dass durch schärfere Gesetze gegen Denun-
ziation und Bestrafung falscher Anschuldigungen die Zahl der Heimunterbringungen
reduziert werden konnte. Sie werden dort systematisch durch die Rückkehr zu den
ambulanten Hilfen ersetzt. Dieses Beispiel zeigt, wie stark Deutschland entgegen
dem allgemeinen Trend handelt. Es wird erfahrungsgemäß einige Jahre dauern, bis
auch die Politik in Deutschland entsprechend dem weltweiten Trend angepasst
wird.48

45
Jugendhilfeausschuß steht vor heillosem Finanzchaos, Pressemitteilung 11.01.2010, Jugendkulturbox, Netz-
werk für Kultur- und Jugendarbeit, Chemnitz., ähnliche Artikel in 2009 für Dortmund, Köln, München in FAZ.
46
Pressemitteilung des Landtags von Baden-Württemberg vom 26.06.2009.
47
Gesetz A5703, A 6024, A 4263, New York. Der Bundesstaat New York hat schon vor Jahren auf ambulante
Maßnahmen umgestellt und nach mehreren Fällen von ungerechtfertigter Denunziation die Strafen für falsche
Beschuldigung von Familien deutlich erhöht.
48
Gesetze A 2229, New York, AB 1349 und SB 558 California. Amerikanische Gesetze gegen Denunziation
Schwarzbuch Jugendamt 19

Eine Chance zur Änderung ergibt sich zukünftig z.B. aus dem Zusammenschluss
Europas und der Egalisierung der Gesetze in den europäischen Mitgliedstaaten. Da
Deutschland nach hiesigen Recherchen weltweit der einzige Staaten mit selbstver-
walteten Jugendämtern ist und diese Funktionen in allen andern Mitgliedstaaten von
übergeordneten Ministerien fachlich kontrolliert werden, könnte Deutschland im Sin-
ne der Egalisierung der Gesetze bald gezwungen sein, seine Organisationsstruktu-
ren derart anpassen, dass die selbstverwalteten Jugendämter entweder aufgelöst
oder unter die Fachaufsicht, z.B. des Innenministeriums, gestellt werden. Denn eine
Selbstverwaltung ohne Kontrollmöglichkeit durch übergeordnete Behörden, wider-
spricht nach Ansicht zahlreicher Juristen und Abgeordneten dem Rechtsstaatsprin-
zip.49

Ein erwünschter Nebeneffekt dieser Maßnahme wäre sicherlich die Kostensenkung


in der Kinder- und Jugendhilfe. Die stärkere Zentralisierung der Jugendämter und die
Fachaufsicht durch übergeordnete Stellen könnten zu einer Reduzierung der Heim-
unterbringungen führen. Diese belasten die kommunalen Haushalte zusammenge-
nommen jedes Jahr in Milliardenhöhe. Wenn man davon ausgeht, dass bis zu 97 %
der heutigen Inobhutnahmen und Heimunterbringungen durch ambulante Maßnah-
men in den Familien ersetzt werden könnten, die nur einen Bruchteil der Heimunter-
bringungen kosten, ergeben sich bei bis zu sechstausend Euro je Kind pro Monat an
Unterbringungskosten, derzeit ca. 40.000 Inobhutnahmen pro Jahr und einer Zahl
von ca. 300.000 Heimkindern in den Pflegeeinrichtungen, Einsparmöglichkeiten im
zweistelligen Milliardenbereich.
Es ist erstaunlich, dass nicht schon längst Einsparungen vorgenommen wurden, um
diese Milliarden für andere Zwecke zu nutzen. Schuld an der geringen Ausnutzung
des Einsparpotentials ist die große Lobby der Pflegeindustrie. Von den Betreibern
der privaten Pflegeeinrichtungen wird argumentiert, dass die Senkung der Inobhut-
nahmen zu einem Nachteil der Kinder führen würde, die dann wieder in ihre „schlim-
men Verhältnisse“ zurückgestoßen würden.50 Das trifft jedoch in der Realität nach
Meinung von Fachleuten nur in ca. 3% der Fälle zu, die sich bei ambulanten Hilfen in
den Familien sehr schnell herauskristallisieren würden. Für die Mehrheit der heutigen
Heimkinder bedeutet die Heimunterbringung eine schlimme Belastung und zerstört

49
Novellierung des § 1666 BGB im Jahre 2007, Abschaffung der Fachaufsicht über die Jugendämter.
50
Frankfurter Allgemeine Zeitung, FAZ: Rückführung in die Schutzlosigkeit, 06.11.2007. Stadt Halle, Versuch
der Rückführung inobhutgenommener Kinder in ihre Familien.
Schwarzbuch Jugendamt 20

ihnen jegliche Lebensperspektive. Befragungen von ehemaligen Heimkindern, Veröf-


fentlichungen moderner Psychologen und Kinderärzte weisen darauf hin, dass ins-
besondere die Heimerziehung immer die schlechteste Alternative darstellt.51

Die aufgrund fälschlicher Beschuldigung der Eltern jahrelang in Heimen festgehalte-


nen Kinder entwickeln aufgrund der Trennung von der Familie schwere Traumata
und Belastungsstörungen, weil sie aus ihrem gewohnten Umfeld und von den Eltern
weggerissen werden. Nach modernen Erkenntnissen kann das Heim die Familie
nicht ersetzen. Ein vernachlässigtes Umgangsrecht mit einem der Elternteile rechtfer-
tigt nicht die Wegnahme des Kindes aus seiner Familie und die damit einhergehende
Entfremdung, weil die Nachteile für die Kinder überwiegen.52

Die Politik sollte sich überlegen, wie lange sie den Jugendämtern noch „freie Hand“
lässt. Das Jugendamt wird heutzutage in der Öffentlichkeit als eine Institution wahr-
genommen, die den Hilfe suchenden Eltern nicht mehr mit ambulanten Maßnahmen
hilft, sondern ihnen die Kindern wegnimmt und ins Heim einweist. Die Mitarbeiter sind
durch die Vielzahl der Fälle überfordert und oft nicht genügend qualifiziert. Die Weg-
nahme des Kindes ist damit eine logische Folge. Diese Wegnahme hilft weder den
Eltern noch den Kindern. Sie unterstützt lediglich die private Pflegebranche, indem
sie auf Kosten des Steuerzahlers deren Heime füllt.

Auf diese Weise sinkt das Ansehen des Jugendamtes. Die Aufgaben der Elternbera-
tung, Unterstützung schulschwacher und behinderter Kinder und Jugendlicher sowie
die Betreuung von Waisen und sozial schwachen Familien durch ambulante Maß-
nahmen, ist durch die Inobhutnahmen so stark in den Hintergrund getreten, dass sie
in der Bevölkerung kaum noch wahrgenommen wird.

Auch im Ausland hat das Bild von Deutschland durch die überzogenen Inobhutnah-
men stark gelitten. Deutschland kann dieses Image nur durch eine vernünftige Fami-
lienpolitik loswerden. Diese schließt ein, die nicht mehr vertretbaren Massen-
inobhutnahmen abzuschaffen, die aufgrund fragwürdiger Gutachten ins Heim einge-
wiesenen Kinder sofort an ihre Eltern zurückzugeben und die ambulante Pflege in
den Familien zu verstärken. Zudem sollten die Jugendämter übergeordneten Ministe-
rien unterstellt werden, um eine Fachaufsicht zu erhalten.

51
Heim als schlechteste Lebensperspektive Bowlby, J. (2006): Verlust, S. 386 ff.
52
In der gerichtlichen Praxis ist das noch nicht angekommen. Die Gerichte argumentieren bei Sorgerechtsentzug
mit fehlender Bindungstoleranz, z.B. 15.04.2009, OLG Köln, 4 UF 7/09 oder 4 UF 20/09.
Schwarzbuch Jugendamt 21

2. Historische Entwicklung der Jugendämter


2.1. Rechtsaufsicht durch das Innenministerium
Jugendämter gibt es seit dem Zweiten Weltkrieg nur noch in Deutschland und in Ös-
terreich. Ansonsten finden sich Behörde der Kinder- und Jugendhilfe in dieser Form,
insbesondere mit den Befugnissen der Selbstverwaltung ohne jegliche Fachaufsicht
durch übergeordnete Institutionen, in keinem anderen EU-Mitgliedstaat. Auch welt-
weit ist keine Organisation mit ähnlich unumschränkten Befugnissen auf dem Gebiet
der Kinderfürsorge bekannt.

Anstatt einer Selbstverwaltung herrscht in anderen Ländern strikte Aufsicht über die
Wegnahme von Kindern durch die übergeordneten Ministerien und Gerichte. Außer-
dem sind an die Inobhutnahme in allen anderen Ländern besonders hohe Anforde-
rungen gestellt, so dass eine sog. „vorsorgliche“ Inobhutnahme, wie sie neuerdings in
Deutschland von den Jugendämtern durchgeführt wird, nicht in Frage kommt. Auch
in Deutschland benötigten die Jugendämter bis 2008 eine gerichtliche Genehmigung,
um Kinder aus ihren Familien herauszunehmen und in Heimen oder bei Pflegeeltern
unterzubringen.53

Weshalb in Deutschland die Fachaufsicht über die Jugendämter in den 50er Jahren
abgeschafft wurde, ist auf eine juristische „Spitzfindigkeit“ der Bundesregierung zu-
rückzuführen. Es ging darum, Schadenersatzansprüche ausländischer Eltern, deren
Kinder im Nationalsozialismus geraubt und zu deutschen Pflegeeltern gekommen
waren, von vornherein zu unterdrücken. Auf diese Weise wurden erhebliche Kosten
eingespart.54
Hinzu kommt seit den 80er Jahren der steigende Einfluss und die Lobby der Pflege-
industrie, die in Deutschland recht gut an den Inobhutnahmen verdient und über die
politischen Organe einen großen Anteil an der herrschenden Praxis hat.55

53
Leserbrief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 05.12.2005, Prof. Dr. W. Klenner, Jugendamt
hat keine Fachaufsicht. 1991 trat das Kinder- und Jugendhilfegesetz in Kraft, dessen §§ 42, 43 dem Jugendamt
erlauben kraft eigenem Ermessen Kinder in Obhut zu nehmen. Es besteht Rechtsunsicherheit, weil gegen diese
Maßnahmen des Jugendamtes kein Rechtsmittel vorgesehen ist. Seit einer Gesetzesänderung 2007 im § 1666
BGB darf auch ohne Angabe von Gründen eine Inobhutnahme erfolgen.
54
De.wikipedia.org/wiki/zwangsadoptionen. Kindesraub im Nationalsozialismus. Nach dem 2. Weltkrieg ver-
suchte die Bundesregierung durch die Selbstverwaltung der Jugendämter Schadenersatzansprüche aus dem Aus-
land zu unterdrücken.
55
Fussek, C., Schober, G. (2008): Im Netz der Pflegeindustrie, Bertelsmann-Verlag, München. Steigende Lobby
der Pflegeindustrie.
Schwarzbuch Jugendamt 22

Historisch gesehen entwickelte sich die Institution „Jugendamt“ in Deutschland aus


einer Organisation des Nationalsozialismus. Einige Abgeordnete des Europaparla-
mentes sind auch heute noch der Ansicht, man habe wahrscheinlich nur „vergessen“,
das Jugendamt nach 1945 aufzulösen. Zumindest existiert es in ähnlichen Strukturen
seit dem Zweiten Weltkrieg fort.56

Im Nationalsozialismus lag die Aufgabe der Jugendämter in der Unterstützung von


Familien. Damals wurde weniger auf die Kinder als auf die gesamte Familie als hilfs-
bedürftige Einheit abgestimmt. Wenn es den Eltern gut ging, dann konnten auch die
Kinder gut „gedeihen“. Diese Überlegung war an die Erkenntnisse der damals neuen
Wissenschaften, wie Psychologie und Ökonomie, orientiert. Auch historische Grund-
ideen des Familienbildes im Altertum wurden von den Verantwortlichen aufgegriffen
und in sozialen Projekten umgesetzt.57

Ein Sonderprojekt der Nationalsozialisten wurde von der Gruppe „Lebensborn“ ver-
folgt. Diese hatte sich die Bildung einer sog. „Herrenrasse“ zum Ziel gesetzt. Die
Reinheit des „arischen Blutes“ sollte mit entsprechenden Programmen zur Familien-
planung unterstützt werden, um es vorsichtig auszudrücken. Zu diesem Zweck wur-
den Mütter und Kinder, die die entsprechenden Merkmale, wie z.B. blaue Augen,
hervorstechende Körpergröße und helle Haare aufwiesen, registriert und ambulant
oder stationär in sog. Mütterheimen betreut. Die Aufsicht über diese Mütterheime lag
bei den Jugendämtern. Hinzu kam im Krieg die Verschleppung von Kindern besiegter
Nationen, die in den Heimen des Lebensborns eine neue Heimat finden und zu „bra-
ven“ Deutschen erzogen werden sollten. Aufgrund dieser Ideologie wurden gem. his-
torischen Angaben mehrere hunderttausend Kinder, z.B. aus Polen und Norwegen,
aus ihren Herkunftsfamilien herausgenommen und verschleppt.
Bis heute ist die überspitzte Sichtweise des „blonden und blauäugigen Naturbur-
schen“ als Idealbild des Nationalsozialismus als Beispiel für eine verfehlte und men-
schenverachtende Rassenpolitik gegenüber ethnischen Gruppen, Religionen und
Behinderten bekannt geblieben.58

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen die Jugendämter einen großen Teil der
Strukturen und Organisationen aus der NS-Zeit. Durch den Krieg war die Bevölke-

56
CEED-Press Release, 15.12.2006, Petitionen vor dem Europäischen Parlament gegen das Jugendamt als un-
demokratische Institution.
57
www.jewishgen.org/ForgottenCamps/General/LebensbornEng.html. Familienbild des Nationalsozialismus.
58
En.wikipedia.org/wiki/Lebensborn. Lebensborn-Projekt und Entführung von Kindern
Schwarzbuch Jugendamt 23

rung geschwächt und so fanden damals die alten Köpfe wieder ihren Weg in die
staatlichen Ämter und gehobene Positionen. Die Jugendämter wurden zunächst dem
Innenministerium als oberste Aufsichtsbehörde unterstellt, bis in den 50er Jahren das
Land Polen seine verschleppten Kinder zurückforderte und die Bundesregierung un-
ter Druck geriet. Die Situation war sehr brisant, da einerseits Reparationen im Raum
standen und andererseits durch den Krieg viele Unterlagen vernichtet worden wa-
ren.59

Die Regierung Adenauer entschied sich für einen „rechtlichen Kniff“, gliederte die
Jugendämter aus dem Innenministerium aus, gab ihnen eine Selbstverwaltung und
befreite sie von der Fachaufsicht, um den horrenden Schadenersatzforderungen zu
entgehen. Jedes Jugendamt jeder Kommune kann seitdem innerhalb eines nahezu
unendlich großen Ermessensspielraumes selbst die fachlichen Entscheidungen tref-
fen und die strukturell übergeordneten Ministerien sind nicht mehr befugt, einen Feh-
ler des Jugendamtes zu korrigieren und die Rückführung von Kindern zu den Eltern
anzuordnen. Selbst die Nicht-Befolgung von Gerichtsurteilen bleibt für die Jugendäm-
ter i.d.R. ohne Konsequenzen. So wurden in der Vergangenheit auch Urteile der O-
berlandesgerichte und des Europäischen Gerichtshofes von einzelnen Jugendämtern
ignoriert, ohne dass die Jugendamtsleiter dafür zur Rechenschaft gezogen wurden.60

Nachdem die Jugendämter eine Selbstverwaltung erhielten, konnte die Bundesregie-


rung damals z.B. die Rückführung der polnischen geraubten Kinder nach Polen nicht
mehr anordnen. Hunderttausende Kinder sollen damals nicht zu ihren Familien zu-
rückgegeben worden sein, obwohl sie polnischer Herkunft waren. Polen nimmt der
Regierung Deutschlands diese Handhabung der Angelegenheit bis heute sehr übel.61

Von der Fachaufsicht zu unterscheiden ist die sog. Rechtsaufsicht. Die Rechtsauf-
sicht über die kommunalen Jugendämter liegt bis heute beim Innenministerium. Die
Verwaltungsgerichte sind zuständig, wenn Eltern sich durch das Jugendamt falsch
behandelt sehen. In der Sache können diese Behörden aber nur Empfehlungen an
die Jugendämter aussprechen, da sie ihnen in inhaltlichen Angelegenheiten der Kin-
der- und Jugendhilfe mangels Fachaufsicht nicht anweisungsbefugt sind.62

59
www.Geschichtsatlas.de, Das Lebensborn-Heim Hohehorst. Polnische Kinder wurden nach dem Zweiten
Weltkrieg nicht an ihre Familien zurückgegeben.
60
Verstoß gegen Art. 46 EMKR.
61
www.Deutsche-und-Polen.de/Themen/thema_jsp/key=lebensborn.html.
62
§ 79 SGB VIII lehnt die Weisungsbefugnis der Gerichte gegenüber den Jugendämtern ab
Schwarzbuch Jugendamt 24

Diese juristische Konstellation kann zum Teil zu sehr skurrilen Situationen führen.
Wenn beispielsweise ein naher Angehöriger eines in Obhut genommenen Kindes
wegen einer lebensgefährlichen Operation ins Krankenhaus kommt und dieser An-
gehörige das im Heim untergebrachte Kind noch einmal sehen möchte („letzter
Wunsch“), kann selbst das Gericht diesem Wunsch nicht entsprechen, wenn die Mit-
arbeiter des zuständigen Jugendamtes den Wunsch nicht befürworten.63

Wenn man bedenkt, dass sich Inobhutnahmen nachträglich immer wieder als unge-
rechtfertigt herausstellen, aber von den Gerichten erst nach Monaten oder Jahren
wieder rückgängig gemacht werden, ist diese Konstellation besonders tragisch. Den
Angehörigen erscheint dieses Vorgehen der Jugendamtsmitarbeiter dann sehr hart
und willkürlich. Es steht zu überlegen, ob die herrschende Praxis aus Rücksicht auf
die betroffenen Familienangehörigen gelockert werden kann.

Gemäß dem SGB VIII soll sich das Jugendamt nach dem Kindeswohl richten. Kraft
Gesetz hat dieses Wohl des Kindes die oberste Priorität.64
In der Realität findet man jedoch immer wieder, dass sich einzelne Mitarbeiter des
Jugendamtes nicht an diese Prämisse halten. Schlechte Erfahrungen mit Eltern sind
dafür keine Entschuldigung. Alle Eltern, denen ein Kind gewaltsam weggenommen
wird, stehen unter einem extremen Druck und wehren sich naturgemäß gegen die
Inobhutnahme und die Personen, die eine solche Inobhutnahme durchführen. Von
diesen Eltern eine Einsicht oder sogar eine Kooperation zu verlangen, ist grundsätz-
lich verfehlt. Das nötige Vertrauen für eine Kooperation wird durch den Akt der Inob-
hutnahme verspielt.65
Selbst Akademiker, denen die Kinder weggenommen wurden, zeigten sich lt. Aussa-
gen der Jugendamtsmitarbeiter „völlig unkooperativ“. Die Unkooperativität ist damit
kein explizites Merkmal der Erziehungseignung, sondern ein natürlicher Ausdruck
des Beschützerinstinktes der Eltern, die ihre Kinder durch die Inobhutnahme in gro-
ßer Gefahr sehen. Diese Gefahr stellt für die Eltern das Jugendamt dar. 66

63
Klage eines todkranken Verwandten eines inobhutgenommenen Kindes vor dem Amtsgericht Essen, AZ 102 F
388/08. Der Mann starb, ohne das Kind noch einmal gesehen zu haben.
64
§ 8 SGB VIII, Schutz des Kindeswohls hat nach SGB VIII oberste Priorität.
65
www.Jugendamtskritik.de/kritik/krititk/Wiesner.html. Es wird immer von unkooperativen Eltern gesprochen,
aber wenn das Jugendamt unkooperativ ist, kann es von keinem Gericht gezwungen werden, mit den Eltern ko-
operativ zu sein.
66
Konferenz vom 10.03.2006 in Bolzano/Südtirol. „The German Jugendamt, a child robbering administration?“.
Das Jugendamt wird von den betroffenen Eltern als Feind wahrgenommen.
Schwarzbuch Jugendamt 25

Es wäre daher besonders wichtig für die Mitarbeiter des Jugendamtes, beruhigend
auf die Eltern einzuwirken und ihnen zu vermitteln, dass ihre Kinder ihnen bei einer
Überprüfung durch das Jugendamt nicht weggenommen werden. Wenn die Eltern ein
Interesse an ihrem Kind haben und bereit sind, seine Erziehung selbst zu überneh-
men, sollte in jedem Fall zunächst auf ambulante Maßnahmen zurückgegriffen wer-
den. Die momentane Praxis der Masseninobhutnahmen als Form der „Schutzhaft“ für
das Kind, ist in den meisten Fällen unverhältnismäßig. Schon 2008 ermittelte das
statistische Bundesamt eine Zahl von bis zu 77 Inobhutnahmen pro Tag, das ent-
spricht ca. 100 Inobhutnahmen pro Arbeitstag. Dieser hohe Wert ist ein eindeutiges
Indiz auf Masseninobhutnahmen, die ohne hinreichende Begründung durchgeführt
werden.67

Wie die Kirchen in Deutschland erst kürzlich wieder bestätigten, ist die Heimerzie-
hung das „letzte Mittel“ und sollte nur in extremsten Fällen von Misshandlung, Ver-
wahrlosung, etc. durchgeführt werden, wenn die Eltern z.B. aufgrund von starker
Drogensucht oder Krankheit auch mit ambulanten Hilfe des Jugendamtes nicht in der
Lage sind, ihre Kinder selbst zu versorgen.68 In den USA ist es üblich, von den Ju-
gendämtern zunächst einen Nachweis zu verlangen, dass ambulante Hilfen durchge-
führt wurden und weshalb sie erfolglos geblieben sind. Zum Schutz der Kinder vor
unkontrollierten Masseninobhutnahmen wäre es empfehlenswert, diesen Nachweis
auch in Deutschland einzuführen und die Selbstkontrolle der Jugendämter dazu einer
übergeordneten Stelle zu übertragen.69

Aus Sicht der Bindungstheorie wird immer wieder betont, dass auch Eltern, die das
herrschende Ideal der Pädagogik nicht erfüllen, zu denen ein Kind aber eine feste
Bindung hat, für die Entwicklung des Kindes besser sind als die gewaltsame Zerstö-
rung der Bindungen und ein Aufwachsen im Kinderheim. Eine ambulante Hilfe für
diese „nicht-idealen“ Eltern reicht in den meisten Fällen aus, um eine normale Ver-
sorgung des Kindes und stabile Verhältnisse sicherzustellen.70

67
Quelle: Destatis, Pressemitteilungen 2008.
68
Bischof Huber 2009 in einem Interview mit der TV-Show „Tacheles“ am 24.05.2009: Familien sind durch
nichts zu ersetzen.
69
Gesetz A5703, A 6024, A 4263, New York. Der Bundesstaat New York hat schon vor Jahren auf ambulante
Maßnahmen umgestellt und nach mehreren Fällen von ungerechtfertigter Denunziation die Strafen für falsche
Beschuldigung von Familien deutlich erhöht. Umgekehrt in Deutschland: Seit der Neufassung des § 1666 BGB
vom 12.07.2008 hat das Jugendamt noch mehr Freiheiten, die Kinder noch schneller und unbürokratischer aus
den Familien herauszunehmen und in Heime einzuweisen. Es besteht nicht einmal mehr die Notwendigkeit, dass
vorher ambulante Hilfen angeboten wurden.
70
Kölner Rundschau, 10.12.2009, Ambulant besser als stationär. Sie auch: Bowlby, J. (2006): Bindung.
Schwarzbuch Jugendamt 26

Die Inobhutnahme sollte daher (wieder) unter strengste Anforderungen gestellt und
für Widersprüche der Eltern eine unabhängige Fachaufsicht eingerichtet werden.

Insbesondere die neue Praxis der Jugendämter, ein Kind nach einer Trennung der
Eltern wegen Streitigkeiten um das Umgangsrecht aus seinem sozialen Umfeld he-
rauszureißen und in einem Kinderheim unterzubringen, ist als verfehlt zu verurteilen.
Bei einem Streit um das Umgangsrecht möchten beide Eltern sich um das Kind küm-
mern. Je nach dem Alter und den Bindungen des Kindes wird dem Kind ab ca.
vierzehn Jahren eine Mitentscheidung eingeräumt.71

Die neue Praxis der Erzwingung des Umgangsrechtes durch eine Heimeinweisung
des Kindes stellt nach Ansicht des Europäischen Gerichtshofes nicht nur einen Ver-
stoß gegen die Menschenrechte dar, weil die Eltern sich in Bezug auf das Kind nichts
haben zu schulden kommen lassen, sondern belastet auch das deutsche Gesund-
heitssystem in Milliardenhöhe.
Diese Belastung ist nachhaltig.
Kinder, die vom Jugendamt mit Gewalt von ihren Eltern getrennt werden, erleiden
schwerste Traumata. Es kommt zu psychischen und psychosomatischen Störungen,
die in jahrelangen Therapien behandelt werden müssen. Diese Behandlungen erfol-
gen auf Kosten des Gesundheitssystems und damit auf Kosten aller Steuerzahler.72
Aber nicht nur die Kinder sind betroffen. Auch die Eltern leiden schwer unter dieser
Situation. Viele werden depressiv und müssen ebenfalls therapiert werden, um die
schlimmen Erlebnisse der Inobhutnahme zu verarbeiten. Ein großer Teil der Eltern
wird arbeitsunfähig und steht dem Arbeitsmarkt auf Jahre hinaus nicht zur Verfügung.

Je mehr Kinder in Umgangsrechtsfällen aus ihren Elternhäusern genommen werden,


desto mehr Fehler unterlaufen den Jugendämtern und den Familiengerichten. Die
Jugendämter werden immer früher tätig. Sie warten nicht mehr ab, ob die Krise nach
einigen Tagen vorübergeht und die Eltern sich selbst einigen, sondern nehmen die
Kinder „vorsorglich“ weg. Dieser massive Eingriff in das Elternrecht ist keinen allge-
mein geregelten Kriterien unterworfen, sondern wird von den Jugendämtern ver-
schiedener Städte unterschiedlich gehandhabt.73

71
Mitspracherecht des Kindes im Scheidungsfall gilt ab dem 14. Lebensjahr.
72
Traumata durch Trennung von der Familie: Bowlby, J. (2006): Trennung.
73
Fehler des Jugendamtes: www.karin-jaeckel.de/offenebriefe/kindesentziehung.html.
Schwarzbuch Jugendamt 27

Im Vergleich dazu erweisen sich ambulante Maßnahmen in den Familien als der
sanftere Weg, weil sie auf ein Verständnis der Situation abzielen, um die Eltern zur
Einhaltung der Gerichtsurteile und Gesetze zu bewegen.
Vor allem misshandelte Frauen, können nicht nachvollziehen, weshalb sie nach der
Trennung vom Gesetzgeber gezwungen werden, ihre Kinder dem Peiniger zur Ver-
fügung zu stellen und sehen den anderen Elternteil als eine Gefahr an, vor der sie
ihre Kinder schützen müssen.74
Wenn sich das Jugendamt ohne Verständnis für die Situation misshandelter Frauen
auf die Seite des anderen Ehepartners stellt und vielleicht sogar Konsequenzen bei
einem Boykott oder einer Aussetzung des Umgangsrechtes androht, wird es eben-
falls als eine Bedrohung für die Kinder wahrgenommen. Eine vernünftige Kooperati-
on zugunsten eines Umgangsrechtes des Kindes mit beiden Elternteilen verbauen
sich die Mitarbeiter der Jugendämter dann selbst.75

Die Aufgabe der Jugendamtsmitarbeiter muß es daher sein, gezielt einer solchen
Bedrohungssituation entgegenzuwirken. Der Gesetzgeber könnte an dieser Stelle
ggf. noch nachbessern, um misshandelten und entwürdigten Müttern eine Sonder-
stellung einzuräumen. Ansonsten werden sie vom Jugendamt als per se „umgangs-
vereitelnd“ eingestuft und ihnen werden nach den schlimmen Erlebnissen in der Ehe
noch weitere seelische Wunden durch das Jugendamt zugefügt. Das Jugendamt be-
gibt sich damit in eine Täter-Rolle.
Viele dieser Frauen verheimlichen schlimme Erlebnisse in der Ehe, um sich dadurch
vor einem erneuten geistigen Durchleben der Gefahrensituation zu schützen. Die
Abneigung gegen den anderen Ehepartner erscheint den Jugendamtsmitarbeitern
dann übertrieben und ungerecht, obwohl reale Bedrohungen dahinter stehen. Die
Handhabung solcher Trennungssituationen erfordert von den Jugendamtsmitarbei-
tern daher größtes Fingerspitzengefühl und Erfahrung.76

Leider macht die Misshandlung von Frauen vor keiner Gesellschaftsschicht halt, so
dass sich auch in gutstituierten Familien derartige Vorkommnisse ereignen, welche
leider viel zu oft von Jugendamtsmitarbeitern nicht erkannt werden.
74
Es gibt eine Gesetzeslücke, die auch misshandelnden Vätern erlaubt, ihre Kinder zu sehen und die Mütter zu
einer Kooperation verpflichtet. Die Gesetzeslücke sollte durch Gesetzesantrag im Sommer 2009 geschlossen
werden, aber das Gesetz wurde nicht mehr vor der Bundestagswahl behandelt und fiel damit unter den Tisch.
Schüler, A., Löhr, U. (2007): Begleiteter Umgang bei häuslicher Gewalt – Chance oder Verlegenheitslösung?, 2.
durchgesehene Auflage.
75
Jugendamtskritik.de/kritik/krititk/Wiesner.html.
76
Schüler, A., Löhr, U. (2007): Begleiteter Umgang bei häuslicher Gewalt.
Schwarzbuch Jugendamt 28

Die Mitarbeiter, die mit geschiedenen Paaren zutun haben, müssen besonders sen-
sibel gegenüber den Müttern reagieren, um zunächst eine Vertrauensbasis aufzu-
bauen. Wenn es auffällt, dass die Mutter mit den zugeteilten Mitarbeitern immer wie-
der Probleme hat, sollten die Mitarbeiter zunächst ausgetauscht werden, um zu se-
hen, ob es mit anderen besser klappt. Der Austausch sollte auf Antrag ruhig mehr-
mals erfolgen, da die Entstehung der Vertrauensbasis die wichtigste Grundlage für
die Überzeugungsarbeit des Jugendamtsmitarbeiters darstellt und eine gute Vertrau-
ensbasis viele Kinder vor der Heimunterbringung bewahren kann, die nur wegen Ko-
operationsschwierigkeiten zwischen den Eltern und dem Jugendamt dorthin kom-
men.77

Die Praxis sieht leider anders aus. Die meisten Mitarbeiter der Jugendämter sind
stark überfordert und sehen in unkooperativen Eltern nur ein Hindernis für ihre Arbeit,
das sie beseitigen müssen. Die einfachste Art der Beseitigung stellt die Trennung
von Eltern und Kindern dar. Wenn das Jugendamt die Verfügungsgewalt über die
Kinder hat, können die Eltern sich nicht mehr gegen das Umgangsrecht des anderen
Elternteils wehren. Ihre Einwände werden grundsätzlich übergangen, wie zahlreiche
Beispiele aus der Praxis zeigen.
Dem Kindeswohl ist diese Vorgehensweise zutiefst abträglich. Das Kind versteht
nicht, weshalb es plötzlich von seinen Erziehungsberechtigten, meist die Mutter, oft
auch von Geschwistern und vielleicht Großeltern, getrennt wird. Ohne die Liebe der
Familie kann es in der fremden Umgebung Monate oder sogar Jahre dauern, bevor
es sich mit der neuen Situation abfindet.78

Schlimmste Abwehrreaktionen auf den anderen Elternteil, der an einem Heimaufent-


halt „schuld“ ist, sind die Folgen. Auch wenn die Mutter vorher neutral über den ande-
ren Elternteil gesprochen hat und das Kind in keiner Weise beeinflusst wurde, sorgt
das Jugendamt durch die zwangsweise Trennung von der Mutter für eine Ablehnung.
Daher darf die zwangsweise Wegnahme von Kindern keinesfalls zur Erzwingung ei-
nes Umgangsrechtes mit dem anderen Elternteil eingesetzt werden.79

77
Kooperationsschwierigkeiten mit dem Jugendamt. § 36 SGB VIII zur Mitwirkung und Beteiligung der Eltern.
78
Inobhutnahme statt ambulante Maßnahmen. Zu viele Inobhutnahmen. Welt-online.de vom 25.06.2009: Von
der Leyen mahnt Jugendämter zur Vorsicht.
79
Die Erzwingung von Umgangsrecht ist nicht in allen Fällen gut für das Kind. Nach Studien wirkt sich gerade
bei Kleinkindern das Fehlen des Vaters nicht nachhaltig aus. NJW, 1963, 37, 1659-6662. Das Wohl des Kindes
in §§ 1666 und 1671 BGB.
Schwarzbuch Jugendamt 29

Das Jugendamt sollte vielmehr mit ambulanten Hilfen zur Erziehung arbeiten und
durch Ruhephasen, in denen die Familien einfach nur in Ruhe gelassen werden, um
ihren Alltag eine Weile ungestört zu bewältigen, auf eine sanfte Art für Umgangskon-
takte sorgen. Oftmals hilft es, die ablehnenden Mütter eine Weile in Ruhe zu lassen,
bis sie die schlimmen Scheidungsvorfälle verarbeitet haben und danach einen neuen
Umgangskontakt anzubahnen.80
Die meisten Mütter stehen nach einer Ruhephase, in der sie ihr Leben neu regeln
konnten, den Kontakten weit weniger ablehnend gegenüber. Falls das aber immer
noch sein sollte, muss dringend überprüft werden, ob es in der Ehe Vorfälle gab, die
zu einer so großen Ablehnung gegenüber dem anderen Elternteil führen, dass die
Frauen meinen, sie müssten ihre Kinder vor einer Bedrohung durch den anderen El-
ternteil schützen.
Im Interesse des Kindes sollte dann geprüft werden, ob tatsächlich eine potentielle
Gefahr von dem anderen Elternteil ausgeht, die vielleicht bei einer ersten Prüfung
übersehen wurde.81

In Deutschlands Krankenhäusern gibt es ca. 17.000 Betten für die Behandlung von
psychosomatischen Störungen. Diese Zahl nannte unlängst ein Professor für Psy-
chologie im Deutschen Fernsehen. Stolz erklärte er, das seien mehr Betten als ir-
gendwo sonst auf der Welt, die für die Behandlung von psychosomatischen Erkran-
kungen zur Verfügung ständen.82

Die Frage ist jedoch, weshalb braucht Deutschland mehr Betten zur Behandlung die-
ser Krankheitsform? Sind wir ein Volk von Psychopathen?
Doch wohl eher nicht. Die Bewohner von Deutschland gelten gemeinhin als beson-
ders korrekt und zielstrebig. Naturkatastrophen und Unglücke sind hierzulande eher
selten. Die Polizei verzeichnet schon seit Jahren sinkende Zahlen von Gewaltdelik-
ten. Die hohe Zahl an psychosomatischen Erkrankungen dürfte sich folglich zu einem
wesentlichen Anteil auf die sozialen Bedingungen der Menschen zurückführen las-
sen.

80
Prof. Klenner (Leserbrief FAZ, 26.05.2005), Psychologe: „Rechtsfreier Raum“, Jugendamt kann nicht verant-
wortlich gemacht werden, selbst wenn es bewusst gegen die Interessen des Kindes handelt.
81
Schüler, A., Löhr, U. (2007): Begleiteter Umgang bei häuslicher Gewalt.
82
www.planet-wissen.de/alltag_gesundheit/krankheiten/psychosomatik/psychosomatik_interview.jsp.
Schwarzbuch Jugendamt 30

Es wäre zu untersuchen, mit welchem Prozentsatz die Politik der Inobhutnahmen zur
Erhöhung der psychosomatischen Erkrankungen bei den betroffenen Eltern und ih-
ren Kindern beiträgt.
2007 wurden durchschnittlich siebenundsiebzig Kinder pro Tag in Deutschland in
Obhut genommen. Für 2008 wurde von der Süddeutschen Zeitung sogar noch eine
Erhöhung der Inobhutnahmen um 12% festgestellt. Das bedeutet, ca. 30.000 Kinder
kommen pro Jahr ins Kinderheim.83
Obwohl durch die Bundesregierung gegengesteuert wurde, erhöhte sich für 2009 die
Zahl der Inobhutnahmen wiederum. Medienberichten zufolge kamen 2010 sogar ca.
100 Kinder pro Arbeitstag der Jugendämter in staatliche Obhut.
Ein erheblicher Teil dieser Kinder wird durch die gewaltsame Herausnahme aus dem
Elternhaus krank und weist psychosomatische Störungen auf. Da Deutschland mehr
Kinder in Obhut nimmt als jedes andere Land der Erde, gibt es hier auch logischer-
weise mehr psychosomatische Erkrankungen, die durch die Inobhutnahmen ausge-
löst werden. Dem entsprechend werden auch mehr Behandlungsplätze für psycho-
somatische Erkrankungen benötigt als in anderen Ländern.
Das bedeutet, dass das Problem der steigenden psychosomatischen Erkrankungen
in Deutschland „hausgemacht“ ist. Die Behörden verursachen mit ihrer momentanen
Politik der gesteigerten Inobhutnahmen einen großen Teil der psychosomatischen
Erkrankungen selbst und treiben damit die Kosten des Gesundheitssystems in die
Höhe.

Viele kranke Kinder leiden auch später als Erwachsene noch unter den Folgen der
Traumata und begeben weiterhin in Behandlung. Zudem benötigen die Familienan-
gehörigen der Kinder oft ebenfalls ärztliche Hilfe, um die Wegnahme der Kinder zu
überwinden. Das Gesundheitssystem benötigt jedes Jahr siebenundzwanzig Millio-
nen Euro, um die Kosten für psychische Erkrankungen zu bezahlen.84
Letztendlich tragen somit die Steuerzahler und Krankenversicherten die Kosten der
Inobhutnahmen doppelt, da sie nicht nur die Herausnahme der Kinder aus den Fami-
lien und die Heimplätze bezahlen, sondern auch die Behandlungen der Folgeschä-
den, die Verwaltungskosten der Jugendämter, Behörden, etc.

83
www.destatis.de, Pressemitteilung des statistischen Bundesamtes Nr. 254 vom 15.07.2008.
84
Psychische Erkrankungen verursachen jährlich Kosten in Höhe von ca. 27 Milliarden Euro. www.curado.de,
Meldung vom 11.03.2009.
Schwarzbuch Jugendamt 31

Bisher hat noch niemand berechnet, was die Inobhutnahmen in Deutschland incl.
Folgekosten den Staat tatsächlich kosten. Bekannt sind nur die Zahlen für die Heim-
unterbringung und ggf. noch die Verwaltungskosten der Jugendämter. Pro Kind liegt
der Durchschnitt 2010 bei ca. siebentausend Euro pro Monat.85
Zwar versuchen die Jugendämter einen Teil der Kosten auf die Eltern abzuwälzen,
aber das gelingt bei Hartz-IV-Empfängern beispielsweise gar nicht und auch die an-
deren Eltern sind durch die monatlichen Kosten, die mit bis zu siebentausend Euro
pro Monat das Einkommen eines Facharbeiters übersteigen, schnell überfordert.86

Anfragen bei Jugendämtern haben ergeben, dass die ambulanten Maßnahmen der
Jugendämter nur einen Bruchteil von dem kosten, was jedes Jahr für Inobhutnahmen
und stationäre Unterbringungen ausgegeben wird.87
Trotzdem geht der Anteil der ambulanten Maßnahmen im Verhältnis zu den stationä-
ren Maßnahmen immer mehr zurück und die Jugendämter klagen über fehlendes
oder schlecht ausgebildetes Personal. Weshalb dieses schlecht ausgebildete Perso-
nal Inobhutnahmen durchführen darf, die eine gute Ausbildung sowie besonders
sensible und erfahrene Fachkräfte erfordern, ist umso erstaunlicher.88

Die Mitarbeiter der Jugendämter, Kindertagesstädten und Kindergärten gingen im


Juni 2009 auf die Straße und demonstrierten für bessere Arbeitsbedingungen. Sie
haben wahrgenommen, dass die Bevölkerung gegen die Masseninobhutnahmen und
die unverständlichen Maßnahmen, wie z.B. Inobhutnahme zur Durchsetzung von
Umgangskontakten, ablehnend reagiert.89
Für die meisten Eltern ist das Jugendamt nur noch eine „Kinderklau-Behörde“. Viele
Tatsachenberichte zeigen, dass sich Eltern hilfesuchend an das Jugendamt wand-

85
ZDF, Frontal21, 17.08.2010, „Heim statt Hilfe – wenn Kinder aus ihren Familien raus müssen“.
86
Beteiligung der Eltern an den Heimkosten. Nach § 92 SGB werden die Elternteile aus ihrem Einkommen zu
den Kosten der Leistungen herangezogen.
87
Der Westen, 11.11.2008, Interview von Corinna Weiß mit Ulrich Engelen, Jugendamt Essen: Ambulante
Maßnahmen kosten ca. 15.000 EUR/Jahr und Heimplatz ab 45.000 EUR/Jahr, aber es gibt keine Dienstanwei-
sung, nach der eine Heimunterbringung unter allen Umständen vermieden werden muß.
88
Der Westen, 11.05.2009, Mehr Personal fürs Jugendamt, Interview mit Michael Ahls, Jugendamt Dinslaken:
„Die Qualität der Arbeit ist nur mit mehr Personal zu schaffen.“
89
www.ad-hoc-news.de, Bericht vom 09.02.2010: Verbände – weiter scharfe Kritik an geplanten Kürzungen der
Jugendhilfe, Sachsen plant Kürzungen in der Jugendhilfe von 5,5 Mio EUR. Hintergrund sind Steuerausfälle.
Das Sozialministerium muß 14,4 Mio EUR einsparen. Jahresetat der Jugendhilfe soll von 83 Millionen um 7,7
Millionen gekürzt werden, davon 4,7 Millionen weniger bei sog. Jugendpauschale (15 Millionen).
Schwarzbuch Jugendamt 32

ten, um eine Haushaltshilfe oder eine Tagesmutter zu bekommen, und ihnen als ers-
te „Hilfsmaßnahme“ die Kinder weggenommen wurden.90

Die Mütter fühlen sich immer stärker benachteiligt. Sie sollen sich nicht mehr selbst
um ihre Kinder kümmern, sondern diese Aufgabe den „erfahrenen“ Pädagogen von
Einrichtungen überlassen. Die Eltern werden damit zu einem unerwünschten Ballast.
Von diesem Ballast trennen sich viele Jugendämter, indem sie die Kinder wegneh-
men und in Heimen unterbringen. Selbst Besuchskontakte, die eigentlich vom Ge-
setzgeber vorgeschrieben sind, werden von den meisten Jugendämtern wo immer
möglich unterbunden.
Die Jugendämter behaupten, die Kinder müssten angeblich „zur Ruhe kommen“ und
sich in die neue Situation im Heim erst einfügen. Dabei stören die Eltern, die von Zu-
hause erzählen, Briefe von Verwandten und Freunden überbringen und vielleicht so-
gar noch ein geliebtes Haustier mit in die Besuchszeit bringen möchten.91
In der Praxis werden die Besuchszeiten daher auf ein Minimum reduziert. Der von
den Familiengerichten meist angeordnete 14-tägige Besuchskontakt stellt eine Ideal-
vorstellung dar, die sehr oft nicht eingehalten wird. Die Jugendämter tun durch unre-
alistisch angesetzte Besuchszeiten oder die Verlegung der Kinder in weit entfernte
Pflegestellen, die oft hunderte von Kilometern vom Wohnort der Eltern entfernt lie-
gen, ein Übriges, um eine Entfremdung der Kinder von den Eltern herbeizuführen.

Eine Rückführung der Kinder wird in den meisten Fällen von den Jugendämtern nicht
mehr angestrebt. Kommt ein Kind ins Heim, dann bleibt es nach dem Willen der Ju-
gendämter und vieler Psychologen und Familienrichter dort bis es volljährig ist. Mit
der Volljährigkeit dürfen die psychosomatisch belasteten und traumatisierten jungen
Erwachsenen in ihre Elternhäuser zurückkehren, wo sie erhebliche Schwierigkeiten
bei der Wiedereingliederung haben. Viele von ihnen werden straffällig, nehmen Dro-
gen, mit denen sie im Heim in Berührung gekommen sind, oder schließen sich Sek-
ten und radikalen Parteien an.
Das Leben dieser Kinder ist in den meisten Fällen zerstört.92

90
Das Jugendamt – eine Kinderklaubehörde?, www.karin-jaeckel-autorin.de
Nicht ohne meine Kinder – Eine Mutter kämpft gegen das Jugendamt, Karin Jaeckel/Joumana Gebara, Lübbe-
Verlag, 2. Aufl., 2006
91
Frankfurter Allgemeine Zeitung, FAZ, Jugendämter in der Kritik, Wegnehmen ist das Einfachste, Artikel vom
17.03.2008, Katrin Hummel.
92
Die Rückführungsquoten im Ausland sind erheblich höher als in Deutschland. Während in Deutschland ca.
10% der Kinder nach Jahren wieder zurück in die Herkunftsfamilie kommt, sind es in USA ca. 70% der Kinder
und sie kommen nach ca. einem Jahr zur Birth-Family zurück. Quelle: childwelfare.gov.
Schwarzbuch Jugendamt 33

Nur wenige Heimkinder schaffen es später, ein an herkömmlichen Maßstäben ge-


messen „normales“ Leben zu führen.93

Selbst die Kinder von Akademikern sind inzwischen von Inobhutnahmen betroffen.
Obwohl diese ihren Kindern wesentlich bessere Zukunftsaussichten bieten können
als ein Kinderheim, werden auch ihnen z.B. bei einer Umgangsvereitelung die Kinder
weggenommen. Diese Kinder werden in den Heimen an anderen Lebenskonzepten
ausgerichtet. Beispielsweise dürfen sie nicht – wie von den Eltern vorgesehen – das
Abitur machen. Die Eltern haben keinen Einfluss mehr auf die Zukunft ihrer Kinder.

Unsere Gesellschaft sollte sich überlegen, ob die Erziehung in der Familie nicht das
bessere Ideal darstellt.
Noch bis in die 80er Jahre vertraten Psychologen, wie Bowlby94, mehrheitlich die
Auffassung, dass die Erziehung in der Familie besser für die Entwicklung der Kinder
sei als jede andere Erziehungsform. Bei der Auswahl der Eltern setzten die Psycho-
logen auf die leiblichen Eltern und ihre Bindungen zum Kind. Damals gab es Konzep-
te, die Heimerziehung völlig abzuschaffen, alle Kinder durch ihre Eltern erziehen zu
lassen, welche bei schweren Misshandlungen ggf. durch die Jugendämter mit ambu-
lanten Maßnahmen unterstützt werden, und für die wenigen Waisenkinder grundsätz-
lich Pflegefamilien zu finden.

Die Kirchen äußern sich inzwischen ebenfalls zunehmend kritisch zur Heimerzie-
hung. Der deutsche Bischof Huber erklärte Ende Mai 2009 in einer TV-Sendung, die
Familie sei für ein Kind durch nichts zu ersetzen. Daher werde die Kirche in Zukunft
die Familien mehr unterstützen.95

Psychologen sind der Ansicht, dass wir uns mit der momentanen Politik der Masse-
ninobhutnahmen als „vorsorgliche Maßnahme“, z.B. bei Umgangsboykott,96 eine
ganze Generation psychisch geschädigter Kinder und Jugendlicher heranziehen, aus
denen später psychisch geschädigte Erwachsene werden.

93
www.exheim.de/ eingesehen am 13.02.2010. Jedes 5. Heimkind stirbt vor dem 40. Lebensjahr an Drogen,
Selbstmord, sozialer Retardierung, etc. Aufruf ehemaliger Heimkinder, die Heime abzuschaffen.
94
Bowlby, J. (2006): Bindung, S. 176 ff.
95
Bischof Huber in einem Interview in der TV-Sendung Tacheles vom 24.05.2009.
96
Müttern wird immer häufiger wegen sog. Umgangsboykott das Sorgerecht entzogen, aber dann nicht auf den
Vater sondern auf an völlig Fremde übertragen. Dann könnte man das Kind auch bei der Mutter lassen. OLG
Brandenburg, 15 UF 98/08.
Schwarzbuch Jugendamt 34

Wie die Untersuchungen aus den 70er Jahren zu der Entwicklung von Heimkindern
und der sog. maternalen Deprivation (Mütterentbehrung) zeigen, ist diese Vermutung
nicht neu. Schon damals wurde mit der Verrohung der Gesellschaft argumentiert und
eine stärker narzisstische Tendenz der Jugend angeprangert.97

Die zunächst hoch gelobte antiautoritäre Erziehung verschwand nach wenigen Jah-
ren schnell wieder aus den Kinderzimmern, als man feststellte, dass die Kinder ent-
sprechende Nachteile gegenüber den traditionell erzogenen Altersgenossen hatten.
So fiel es ihnen beispielsweise schwerer, sich als Erwachsener den Konventionen
und Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft anzupassen.
Heute, mehr als dreißig Jahre später, sind wir soweit, dass Psychiater und Psycholo-
gen die Folgen der Erziehungsversuche von damals genauer einschätzen können.
Zwar ist die antiautoritäre Erziehung nicht völlig verschwunden, aber sie wird in weit-
aus abgemilderter Form gelebt als noch in den 70er Jahren. 98

Erziehungshilfen haben in Buchform oder als Fernseh-Konzept, wie z.B. „Super-


Mama“ oder „Super-Nanny“, einen Boom erlebt. Die Eltern beklagen in solchen TV-
Shows, dass ihre Kinder keinen Respekt mehr vor ihnen haben und sie nicht wissen,
wie sie sich bei den Sprösslingen durchsetzen können. Viele dieser Eltern haben nie
gelernt, sich zu behaupten. Schon sie hatten vielfach keine Geschwister, mit denen
die sie als Kinder konkurrieren mussten.99
Die Eltern sehen sich als „Freunde“ ihrer Kinder, was grundsätzlich zunächst einmal
positiv anzusehen ist, aber sie vernachlässigen oftmals völlig ihre Vorbildfunktion.
So funktioniert Erziehung leider nicht, denn Erziehung ist auch eine Führungsaufga-
be. Vor diese Aufgabe gestellt, haben die Eltern das Gefühl zu versagen. Schlagen
möchten sie ihre Kinder nicht. Anschreien ist auf Dauer keine Lösung und verliert
schon nach wenigen Versuchen seine Wirkung.100

Die neue Aufgabe der Jugendämter könnte somit eher in der Erziehungshilfe vor Ort
gesehen werden. Diese ist aber nur innerhalb der Familien wirksam. Es hilft weder
den betroffenen Kindern noch den Familien, wenn ihnen die Kinder weggenommen
werden. Besser als die Inobhutnahme ist eine positiv gestaltete ambulante Hilfe. El-

97
Materanale Deprivation heißt Mütterentbehrung. Ainsworth, M, et al..(1962): Deprivation of Maternal Care, A
Reassessment of its Effects, Geneva, WHO, Public Health Papers, No. 14.
98
Schroedter, Th. (2007): Autiautoritäre Pädagogik.
99
De.wikipedia.org/wiki/Die_Super_Nanny.
100
Kast-Zahn, A. (2007): Jedes Kind kann Regeln lernen, Verlag Gräfe-Unzer.
Schwarzbuch Jugendamt 35

tern sollten in Gesprächen und Rollenspielen lernen können, wie sie sich gegenüber
ihren Kindern durchsetzen. Das Problem der sog. „überforderten“ Eltern, denen man
angeblich die Kinder wegnehmen „muss“, um sie einer Heimerziehung zuzuführen,
hätte sich mit dieser Maßnahme automatisch erledigt.101

Es bleibt abzuwarten, wann auch die Jugendämter diesen Trend erkennen. Fernse-
hen und Presse sind meist die Vorreiter für die entsprechenden Methoden, die sich
allerdings erst Jahre später in der Praxis und der Politik niederschlagen.

2.2. Selbstkontrolle und fehlende Fachaufsicht


Die Jugendämter werden von niemandem auf fachliche Fehler kontrolliert. Da jede
Kommune ihr eigenes Jugendamt hat, kann das zu sehr abweichenden und z.T. völ-
lig absurden Beurteilungen des gleichen Sachverhaltes führen.102

Je mehr Kinder in Obhut genommen werden, desto weniger Fachpersonal mit hoher
qualifizierter Ausbildung ist dafür in den Jugendämtern vorhanden. Die Mitarbeiter
sind durch die vielen Inobhutnahmen nicht nur überlastet, sondern es geschehen
auch immer mehr Fehler. Kinder aus vollkommen intakten Familien werden in Kin-
derheime eingewiesen und die Eltern müssen erst über ein Gerichtsverfahren nach-
weisen, dass sie erziehungsfähig sind, um ihre eigenen Kinder zurückzubekom-
men.103
Die Jugendämter benehmen sich dann oft als wären alle Eltern potentielle Kinder-
schänder und Massenmörder. Viele Jugendamtsmitarbeiter glauben tatsächlich, sie
müssten die Kinder vor ihren Eltern „schützen“, weil die meisten Eltern nicht mit ei-
nem pädagogischen Berufsabschluss für eine Erziehung ihrer Kinder ausgebildet
sind.
Es gibt sogar Psychologen, die meinen, dass eine institutionelle Erziehung qualitativ
besser sei und daher bei gerichtspsychologischen Gutachten grundsätzlich die
Heimerziehung empfehlen. Ein sehr erschreckender und bedenklicher Trend.
Den Eltern wird damit grundsätzlich die Erziehungsfähigkeit abgesprochen. Die Be-
gründungen der Urteile variieren dann, wie folgt: entweder haben die Eltern ihre Kin-

101
Schmidt, M. (2006): Sozialpädagogische Diagnose: Ambulante Hilfen in der Kinder- und Jugendhilfe.
102
Selbstverwaltung der Jugendämter. Keine Fachaufsicht. Artikel „Alle murksen vor sich hin“, Stern, Ausgabe
19/2008.
103
www.destatis.de. Pressemitteilung Nr. 261, 18.07.2008. Sorgerechtsentzüge 2007 um 13% gestiegen.
Schwarzbuch Jugendamt 36

der zuviel oder zuwenig „verwöhnt“, sich zuviel oder zuwenig um sie gekümmert, sie
zuviel oder zuwenig schulisch gefordert, etc.104

In diesem Irrgarten der Argumentationen kommt kein Elternteil ungeschoren davon.


Da es keine Standards für die Kindererziehung gibt und jedes Kind anders ist, ma-
chen Eltern immer irgendetwas „falsch“.
Die Psychologen übersehen dabei gerne, dass aber auch die institutionelle Erzie-
hung viel falsch machen kann. Ein Beweis: ehemalige Heimkinder weisen einen be-
sonders hohen Anteil an den kriminellen und drogenabhängigen Personen auf, die
mit dem Leben in unserer Gesellschaft und der Anpassung an die gesellschaftlichen
Normen überfordert sind.105
Die Bindungstheoretiker unter den Psychologen stellen daher immer wieder heraus,
dass die beste Erziehung noch immer in den Familien geleistet wird. Nach J. Bowlby,
der in den 1950er und 1960er Jahren mehrere Studien für die Weltgesundheitsorga-
nisation (WHO) durchführte, ist die Bindung an die Eltern noch immer der beste
„Schutz“ für ein Kind. Je jünger das Kind ist, desto wichtiger ist dieser Schutz. Eine
institutionelle Erziehung kann nicht das gleiche leisten, wie das Elternhaus. Er plä-
dierte daher schon damals dafür, die Kinderheime völlig abzuschaffen und geschä-
digte Kinder in den Ursprungsfamilien zu belassen.106

Die Praxis sieht leider anders aus. Immer öfter kommen Kinder aus guten Lebens-
verhältnissen in Kinderheime, weil sich die Eltern beispielsweise wegen des Um-
gangsrechtes nicht einigen können. Diese Uneinigkeit reicht manchen Psychologen
bereits aus, die Eltern als „erziehungsunfähig“ einzustufen. Gute Eltern werden damit
von vornherein diskriminiert.
Die extremste Form dieser Vorgehensweise findet sich dann, wenn die Gutachter die
Eltern nicht einmal persönlich in Augenschein nehmen, sondern per Ferngutachten
über die Erziehungsfähigkeit eines Elternteils entscheiden. Das ist grundsätzlich nicht
möglich. Ein Elternteil muss immer in Interaktion mit dem Kind beurteilt werden, um
eine Bewertung abgeben zu können.107

104
Egal wie Eltern sich verhalten. Sie machen offenbar alles falsch. In Delmenhorst wurden zwei Kinder vom
Jugendamt in Obhut genommen, weil Nachbarn beobachtet hatten, wie sie auf dem Balkon spielten. Die Kinder
waren aus der offen stehenden Wohnung auf den Balkon gelaufen und hatten dort angeblich „unbeaufsichtigt“
gespielt. www.kanzlei-seiter.de/sorgerechtsentzug/.
105
Verein ehemaliger Heimkinder, e.V. www.veh-ev.info/
106
Bowlby, J. (2006): Bindung, S. 176 ff.
107
www.jugendamtskritik.de/kritik/statistik.html Die Statistik von 2008 zeigt, daß nur 23% der Inobhutnahmen
wegen Verwahrlosung, Anzeichen für Misshandlung oder sexuellem Missbrauch durchgeführt werden, wobei
Schwarzbuch Jugendamt 37

Grundsätzlich ist die Einteilung der Eltern nach den Attributen „erziehungsfähig“ und
„erziehungsunfähig“ sehr bedenklich und zweifelhaft. Die Entscheidung darüber, ob
einer Frau oder einem Mann die Kinder weggenommen werden, wird allein an dem
Gutachten eines einzelnen Psychologen festgemacht.108
Dieser geht nach „Aktenlage“ vor. Die Aktenlage bezieht sich aber fast ausschließlich
auf die Argumente, die das Jugendamt gegen die Eltern vorbringt. Immer öfter wer-
den die Akten vor der Übersendung an den Gutachter kopiert und im Extremfall so-
gar „bereinigt“, d.h. scheinbar unwichtige Dokumente weggelassen. Wieder spielen
dabei die Jugendämter eine große Rolle, die meist einen guten Kontakt zum Gutach-
ter haben und ihn mit den gewünschten Informationen versorgen.109 Im Einzelfall
können dann schon einmal Kleinigkeiten vom Jugendamt weggelassen werden, z.B.
wenn dem Gutachter verschwiegen wird, dass die Mutter des Kindes Hochschuldo-
zentin ist oder Psychologie studiert hat.

Aber das ist noch nicht alles: Die meisten Gutachter waren vor ihrer Karriere bei Ge-
richt für ein Jugendamt oder eine dem Jugendamt nahe stehende Organisation tätig
und stehen permanent in enger Beziehung zu den Jugendämtern, von denen sie in
ihrer beruflichen Existenz abhängig sind. Die Eltern haben gegen dieses Netzwerk
keine Chance. Nach dem sog. Cochemer Modell wird sogar eine enge Zusammenar-
beit zwischen Gericht, Jugendamt und Rechtsanwälten gefördert, um eine möglichst
schnelle Abwicklung der Scheidungsfälle zu gewährleisten. Wenn die Eltern Beden-
ken oder Vorbehalte haben, werden sie vom Jugendamt grundsätzlich als „unkoope-
rativ“ eingestuft, was zu einem Verlust der Erziehungsfähigkeit führen kann.110

Zwar schreibt das Gesetz vor, dass es zu den Aufgaben der Jugendamtsmitarbeiter
gehört, die Vorbehalte und Ängste der Eltern abzubauen, um eine Vertrauensbasis
zum Jugendamt zu schaffen, aber in der Praxis fehlt den Jugendamtsmitarbeitern

diese Anzeichen auch durch einen Sturz beim Fußball oder von der Schaukel passiert sein können bzw. das Kind
sich vielleicht unwissentlich missverständlich ausgedrückt hat. Mehrfachnennungen verzerren das Bild zusätz-
lich. Die restlichen 77% (oder mehr) sind aus anderen Gründen in Obhut genommen. Dabei wird meist
Überforderung der Eltern als Grund genannt. Gemeint ist allerdings meist, dass die Mütter einem Umgangsrecht
mit dem Vater nicht zugestimmt haben.
108
Familienpsychologisches Gutachten weisen große Mängel auf, wie eine Studie in den 80er Jahren herausfand.
Siehe: Schlußbericht des Projektes Psychologisches Gutachten in Prozessen vor dem Familiengericht, vorgelegt
von Christoph Werst, Dr. Hans Jörg Hemminger, Projektleiter: Dr. Peter Dietrich, Universität Freiburg. Erschei-
nungsdatum ca. 1985. Auswertung von 118 Gutachten von 70 Gerichten.
109
www.vaeterfürkinder.de/jugendamt.html. Die Akten werden bereinigt, d.h. Teile der Akten werden entfernt.
110
Cochemer Modell. de.wikipedia.org/wiki/Cochemer_Modell
Schwarzbuch Jugendamt 38

meist die Zeit und die Qualifikation, um die Eltern auf ihre Seite zu ziehen und zur
Mitarbeit zu bewegen.111
In solchen Fällen werden die Kinder „vorsorglich“ in Obhut genommen, damit sie
nicht länger den „schädlichen Einflüssen“ ihrer Eltern ausgesetzt sind.

Vor einigen Jahren gab es eine große Diskussion darüber, ob die Mütter durch eine
solche Handhabung nicht zu „Gebärmaschinen“ herabgewürdigt werden. Sie dürfen
die Kinder gebären, aber nicht selbst aufziehen. Das besorgt der Staat.112
Eine individuelle Erziehung und eine Berücksichtigung der Wünsche der Eltern ist
dann nicht mehr möglich. Eine freie Entfaltung wird ebenfalls unterdrückt. Meist wird
der Einfluß der Eltern mit der Einweisung ins Heim völlig unterbunden und sie sehen
ihre Kinder erst nach vielen Monaten oder sogar Jahren wieder.113

In der Zwischenzeit erfolgt eine „Umerziehung“ der Kinder anhand der Ideale des
jeweiligen Kinderheimes. Das kann sogar soweit gehen, dass Kindern ausländischer
Eltern verboten wird, ihre Muttersprache zu sprechen.114
Der Petitionsausschuss des Europaparlamentes wird jedes Jahr wieder mit Be-
schwerden über die unmenschlichen Praktiken der deutschen Jugendämter über-
häuft. In den letzten ca. drei Jahren haben diese Beschwerden extrem zugenommen.
Seit dieser Zeit werden Kinder wegen der Verletzung von Umgangsrechten ins Heim
eingewiesen. Die Gerichte sind auf diesen neuen Trend noch nicht vorbereitet und
winken die Anträge der Jugendämter auf Heimunterbringung, Entzug von Aufent-
haltsbestimmungsrecht oder Sorgerecht einfach durch.115

Der Begriff der „Gewalt“ wird inzwischen neu definiert. Das Fernhalten der Kinder von
einem Elternteil – egal ob begründet oder unbegründet – sieht der Staat nach dem

111
Aufbau einer Vertrauensbasis durch das Jugendamt ist die Voraussetzung einer Zusammenarbeit.
www.sgbviii.de/S33.html Artikel von H. Adler zur Fallarbeit in der Jugendhilfeplanung. Aus: Blätter der Wohl-
fahrtspflege 1998, 9+10, Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg, Stuttgart, S. 190-192.
112
Magazin Spiegel, Artikel vom 22.02.2007: Frauen als Gebärmaschine. Bischof giftet gegen von der Leyen.
Bericht des Magazins Focus, Artikel vom 25.02.2007: „Gebärmaschine“ wurde missverstanden.
113
Kontaktsperren durch die Jugendämter. In Deutschland existiert ein sog. Kontaktsperregesetz für Strafgefan-
gene seit 1977. Vom Jugendamt wird eine solche Kontaktsperre aber auch auf Eltern angewendet, wenn das
Kind in ein Heim kommt oder umgesetzt wird, damit es sich „in Ruhe eingewöhnt“.
114
Siehe hierzu Petitionen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßbourg. Polnischen
Eltern wurde verboten, mit ihren Kindern auf Polnisch zu reden. Die Kinder verlernten daraufhin die Mutter-
sprache. Petitionen beim Generalsekretär Marcin Libicki, Europaparlament, über die CEED ECCD, European
Council Children of Divorce, CEED-Press Release, vom 15.12.2006.
115
Gerichte völlig überlastet. Tagesschau vom 24.04.2008. Bundestag verabschiedet Kinderschutzgesetz. Deut-
sche Kinderhilfe erklärt, die Familiengerichte seien völlig überlastet und Richter haben keine Ausbildung für
sozialpädagogische Gespräche.
Schwarzbuch Jugendamt 39

neuen Kindschaftsrecht als Gewalt gegenüber dem Kind an und stellt es im § 1666
BGB auf die gleiche Stufe mit Vergewaltigung, Mordversuch und Misshandlung.116
Die Jugendämter dürfen hingegen die Kinder grundlos aus den Familien nehmen und
über Monate oder Jahre hinweg von ihren Eltern trennen, ohne dass der gleiche
Sachverhalt als schädlich für das Kind eingestuft wird.
Hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Die Jugendämter müssen begreifen, dass
auch sie sich schuldig machen, wenn sie Kinder unberechtigt aus den Familien he-
rausnehmen. Auch diese Maßnahmen sind eine Form des Kindesentzuges.
Die Kinder werden krank. Sie erleiden Traumata, verlieren beide Eltern, verlieren ihr
soziales Umfeld, werden an einem fremden Ort festgehalten und sehen die Bezugs-
personen nicht wieder.117
Nur die Gerichte können eine solche Handhabung beim Umgangsrecht verhindern.
Doch die Gerichte urteilen immer für das Jugendamt. Sie dürfen gar nicht davon
ausgehen, dass ein Kind vorsätzlich aus einer guten Familie herausgenommen wird,
nur um eine Art Erziehungsmaßnahme durchzuführen. Auf diese Weise leisten viele
Gerichte unbeabsichtigt einem potentiellen Machtmissbrauch durch einzelne Mitar-
beiter der Jugendämter Vorschub.

Grobe Fehler treten immer wieder in den Gutachten der sog. Sachverständigen auf.
In einem Beispielfall aus Essen litt ein Kind jahrelang unerkannt unter einem Hör-
schaden. Obwohl das Kind vor der Inobhutnahme erfolgreich operiert wurde und sich
der Fehler rechtzeitig herausstellte, wurde der Hörschaden im Gutachten des Ge-
richtspsychologen nicht einmal erwähnt. Alle Nachteile, die mit diesem Hörschaden
zusammenstanden wurden von der Sachverständigen als „psychisch“ interpretiert
und der Mutter angelastet. Dieses Vorgehen ist medizinisch nicht haltbar. Bei diesem
Gutachten handelt es sich eindeutig um ein sog. Falschgutachten.118 Medizinische
Indikationen wurden (absichtlich oder unabsichtlich) ignoriert, um einen erziehungs-
geeigneten Elternteil zu belasten, so daß ihm das Sorgerecht entzogen wurde.

Derartige Fälle dürfen in einem Rechtsstaat nicht vorkommen. Mit Rechtsprechung


hat das Ganze nichts mehr zutun. Recherchen der Medien und der Eltern des Kindes

116
Umgangsvereitelung führ zu Sorgerechtsentzug. Die Kommentare (z.B. Palandt) zum § 1666 BGB wurden
2009 entsprechend geändert. Siehe auch Gerichtsurteile, z.B. OLG Brandenburg, 15 UF 98/08.
117
Inobhutnahmen sind eine Form der Kindesentziehung. Sie werden gewaltsam durchgeführt und traumatisie-
ren die Kinder schwer. www.katrin-jaeckel-autorin.de/aktuelles/aktuelles18.html.
118
Falschgutachten begründen eine Haftung des Gutachters nach § 893a BGB bei grober Fahrlässigkeit und
Vorsatz. BT-Drucksache, 14/7752, S. 28.
Schwarzbuch Jugendamt 40

wurden nachträglich vom Jugendamt unterdrückt und die Recherchierenden bestraft,


um den Fehler des Sachverständigen zu vertuschen.
Wenn die Justiz in Deutschland diese Methoden toleriert, macht sie sie der Rechts-
beugung mitschuldig.119 Ein Gericht, das es wissentlich zulässt, dass ein Sachver-
ständiger einen Hörschaden als psychischen Schaden interpretiert, begeht einen
schweren Fehler im Amt und schadet dem betroffenen Kind.120

Der Druck, der von den Jugendämtern auf die Gerichte ausgeübt wird, ist sehr stark.
Das Europäische Parlament hat bereits festgestellt, dass die Jugendämter in
Deutschland immer wieder Menschenrechtesverletzungen vornehmen. Die Regie-
rung der Bundesrepublik Deutschland wurde dafür mehrfach gerügt. Derzeit liegen
dem Europäischen Gerichtshof mehr als 250 Petitionen gegen deutsche Jugendäm-
ter vor. Es muß endlich etwas geschehen, damit die Menschenrechtsverletzungen
durch Jugendamtsmitarbeiter aufhören.121
Die Bundesregierung nimmt zu den Themen der Menschenrechtsverletzungen in Ti-
bet, dem Iran oder Russland kritisch Stellung und duldet dieselben Methoden gleich-
zeitig im eigenen Land. Die Glaubwürdigkeit von Aussagen der Regierung wird damit
stark untergraben.122

Früher waren die Jugendämter dem Innenministerium untergeordnet. Doch 1952


wurden sie aus dem Innenministerium ausgegliedert. Seitdem sind sie eigenverant-
wortlich tätig.123 Möglicherweise würde eine Reintegration der Jugendämter unter das
Innenministerium und damit die Einführung einer fachlichen Kontrolle über die Ju-
gendämter zur Lösung des Problems beitragen.

119
Rechtsbeugung ist die bewusst falsche Anwendung des Gesetzes durch den Richter und in § 339 StGB gere-
gelt und wird mit Freiheitsstrafe zwischen einem und drei Jahren geahndet. Eine Verurteilung führt zum Verlust
der amtlichen Würden.
120
Der Beispielfall ist dem Autor persönlich bekannt. Aktenzeichen und Gericht können erfragt werden.
121
Sitzung des Petitionsausschusses des Europäischen Parlamentes gegen deutsche Jugendämter, insbes. Sitzung
vom 07.06.2007.
122
Menschenrechtsberichte der Bundesregierung, z.B. Achter Bericht über die Menschenrechtspolitik in den
auswärtigen Beziehungen und in anderen Politikbereichen, BT-Drucksachen 16/10037, 16/10285 Nr. 14,
16/11982.
123
Bamberger Erklärung vom 22.07.2007, Jugendämter waren von 1947 – 1952 dem Innenministerium (Polizei)
untergeordnet.
Schwarzbuch Jugendamt 41

2.3. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz: SGB XIII


§1 SGB VIII:124 Recht auf Erziehung, Elternverantwortung, Jugendhilfe
(1) Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf
Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Per-
sönlichkeit.
(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und
die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die
staatliche Gemeinschaft.

Nach mehreren Reformversuchen trat im Jahre 1991 das Kinder- und Jugendhilfege-
setz in Kraft. Es sollte die Rechte von Kindern besser schützen und das Kindeswohl
in allen Bereichen zur obersten Prämisse machen. Es reformierte das Jugendwohl-
fahrtsgesetz von 1922. Zwischen 1973 und 1990 waren mehrere Reformversuche
unternommen worden.125

Aber die Reform wirkte sich leider nicht positiv aus. Im Gegenteil: Das SGB VIII geht
von einem verantwortlich handelndem Jugendamt und unverantwortlich handelnden
Eltern aus. Es erklärt, dass die Elternrechte zum Schutz des Kindes eingeschränkt
werden müssen.
Von bedauerlichen Einzelfällen verwahrloster oder misshandelter Kinder wurde auf
die gesamte Elternschaft geschlossen. Da Statistiken zufolge weniger als 3 % der
Eltern Schwierigkeiten bei der Kindererziehung aufweisen, die aber i.d.R. mit ambu-
lanten Maßnahmen, wie Lernhilfen oder Förderangeboten, behoben werden können,
wurde ein Gesetz geschaffen, um eine stärkere Kontrolle aller 100 % der Eltern
durchzuführen.

Das SGB VIII hat im Effekt die Macht der Jugendämter in Deutschland weiter ausge-
dehnt. Jugendamtsmitarbeiter benötigen seit 2008 keinen Gerichtsbeschluss und
keine sachliche Prüfung der Umstände mehr, um Kinder aus „verdächtigen“ Familien
herauszunehmen und über Monate isoliert in ein Kinderheim zu verbringen. Weiter-
hin bestimmen die Jugendämter eigenständig, welche Familien als „verdächtig“ ein-
gestuft werden. Formale, einheitliche Kriterien gibt es nicht, so dass eine fachliche

124
Zitat des § 1 SGB VIII.
125
Barabas, F.K., Erler, M. (2002): Familie: Lehr- und Arbeitsbuch für Familiensoziologie und Familienrecht, 2.
Auflage, S. 213.
Schwarzbuch Jugendamt 42

Kontrolle unmöglich ist. Sicherlich können mit diesem Gesetz einige wenige Fälle von
Verwahrlosung rechtzeitig unterbunden werden, aber die Zahl dieser Fälle ist ver-
schwindend gering im Verhältnis zur großen Menge aller diejenigen Eltern, die falsch
beschuldigt werden.
Diese Eltern unterliegen plötzlich einer Beweislast-Umkehr und müssen nachweisen,
dass sie gute Eltern sind. Ansonsten werden ihnen die Kinder weggenommen und
kommen ins Heim. Ein Verdacht reicht zur Begründung der Heimunterbringung völlig
aus. Es braucht keine tatsächliche Gefährdung vorzuliegen. Die Entscheidung liegt
allein beim Jugendamt.126

Das Gericht ist dem Jugendamt nach SGB VIII nicht mehr anordnungsbefugt. In
Fachfragen entscheidet das Jugendamt, ob eine Hilfe zur Erziehung notwendig ist
und welche Hilfe zur Erziehung angewendet wird. Die Gerichte sind nur noch dazu
da, die Entscheidungen der Jugendämter rechtlich zu bestätigen. Es besteht offiziell
nicht einmal mehr ein Veto-Recht.127
Das Gesetz geht offenbar von der Unfehlbarkeit der Jugendamtsmitarbeiter aus. An-
ders ist diese große Machtvielfalt des Jugendamtes nicht zu erklären.
In der Realität vorkommende Phänomene, wie Amtsmissbrauch, Fehleinschätzung
der häuslichen Situation oder falsche Beschuldigung durch böswillige Dritte (z.B.
Nachbarn, Ex-Ehepartner) werden weder geahndet noch sind sie im Gesetz berück-
sichtigt.
Ebenfalls wird nicht darauf Rücksicht genommen, dass die Jugendämter über immer
schlechter ausgebildetes Personal und eine Überforderung durch ein steigendes Ar-
beitspensum klagen, so dass den Mitarbeitern immer öfter Fehler unterlaufen.

Dabei sind diese Probleme allgemein bekannt. Erst im Juni 2009 streikten die Mitar-
beiter von Jugendämtern und Kindertagesstätten für bessere Arbeitsbedingungen
und höhere Löhne. Kindergärten blieben über mehrere Wochen hinweg geschlossen
bis immer mehr verärgerte Eltern mit der Abmeldung der Kinder drohten, was eine
Schließung der Einrichtungen nach sich gezogen hätte.128 Diese Aktion machte auf
die schlechte berufliche Situation in der Kinderpflege aufmerksam.

126
Novellierung des § 1666 BGB fällt mit der Neuordnung des SGB VIII zusammen. Kindesentzug kommt vor
allem in Frage, wenn die Eltern „beratungs- und ermahnungsresistent“ sind. Siehe hierzu: Beitrag vom
31.03.2008, Dr. E. Rosenboom, H.H. Rotax Über den Gesetzentwurf zur Erleichterung familiengerichtlicher
Maßnahmen bei Gefährdung des Kindeswohls.
127
§ 79 SGB VIII lehnt die Weisungsbefugnis der Gerichte gegenüber den Jugendämtern ab.
128
Kölner Stadtanzeiger, 14.05.2009, Unbefristeter Streik in Kindergärten.
Schwarzbuch Jugendamt 43

Es fehlt an gut qualifiziertem Personal.

Bei den Inobhutnahmen besteht eine Folge der schlechten Ausbildung von Jugend-
amtsmitarbeitern wiederum darin, dass viele Kinder ohne genaue Prüfung des sozia-
len Sachverhaltes „vorsorglich“ aus ihren Familien herausgenommen werden, weil es
als der einfachste Weg erscheint, diese Kinder zu schützen.129 Dabei wird nicht be-
rücksichtigt, dass die Herausnahme von Kindern aus stabilen Familienverhältnissen
im Falle eines Irrtums des Jugendamtes genau den gegenteiligen Effekt hat und zu
irreversiblen Schäden bei den Kindern führt.
Eine Steigerung der Inobhutnahmen ohne Notwendigkeit erhöht somit den Anteil der
geschädigten Kinder anstatt ihn zu reduzieren.

Die Ämter tun damit weder den Kindern noch sich selbst einen Gefallen. Die Flut der
Herausnahmen und Inobhutnahmen hat zu einer Überbelegung der Kinderheime ge-
führt. Allein die Verwaltung der zuviel eingewiesenen Kinder verschlingt jährlich Milli-
arden-Beträge. Dieses Geld geht der Kinder- und Jugendhilfe an anderer Stelle ver-
loren.
Ambulante Maßnahmen in den Familien können kaum noch angeboten werden, ob-
wohl in Zeiten der Wirtschaftskrise viele Eltern und ihre Kinder vor einem Abrutschen
in die soziale Unterschicht bewahrt werden könnten.
Die gesamte Prävention für Kinder und Jugendliche bleibt auf der Strecke, weil keine
Gelder mehr dafür vorhanden sind.130 Stattdessen wird die Zahl der Einweisungen
ins Kinderheim künstlich immer höher getrieben.131

Um die Zahl der Inobhutnahmen zu beschönigen, wenden die Jugendämter gerne


einen Trick an. Den Eltern werden vorgefertigte Einweisungsunterlagen zur Unter-
schrift vorgelegt. Ihnen wird erklärt, dass sie ihre Kinder schneller wieder zurück er-
halten, wenn sie diese Papiere unterschreiben und damit ihr Einverständnis zur
Heimunterbringung geben. Ist ein Kind dann erst einmal ins Heim eingewiesen,
wechselt jedoch die Zuständigkeit des Jugendamtsmitarbeiters oder das Kind wird in

129
Kindesentzug und Inobhutnahme finden inzwischen auf Verdacht statt. Seit 2006 sind die Maßnahmen des
Kindesentzuges der Jugendämter verdreifacht worden. Die EU hat die Jugendämter gerügt. Sendung Panorama,
ARD vom 22.01.2009.
130
Ambulante Maßnahmen sind in der Mehrzahl der Fälle als erfolgreich anzusehen. Den Eltern werden Erzie-
hungs- und Verhaltenskompetenzen vermittelt. Siehe Spangler, G. (2004): Wirksamkeit ambulanter Jugendhil-
femaßnahmen bei Misshandlung bzw. Vernachlässigung, Eine internationale Literaturübersicht, Expertise im
Auftrag des Projektes „Kindeswohlgefährdung und allgemeiner sozialer Dienst (ASD)“, Bundesministerium für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend, September 2004.
131
Pressemitteilung des statistischen Bundesamtes, Destatis, Nr. 254, vom 15.07.2008.
Schwarzbuch Jugendamt 44

eine weit entfernte Einrichtung verlegt. Der neue Mitarbeiter ggf. im neuen Regie-
rungsbezirk ist selbstverständlich über Absprachen oder mündliche Vereinbarungen
nicht informiert. Sie sind zudem nicht rechtskräftig und das Kind bleibt dauerhaft in
der Einrichtung.132

Es kommt noch schlimmer. Das SGB VIII zieht die Eltern für eine Kostenerstattung
der angeblich notwendigen Hilfen heran. Die Jugendämter bekommen die Unterbrin-
gungskosten somit zum einen Teil von den Kommunen und zum anderen Teil von
den Eltern erstattet. Wenn die Eltern sich weigern, die Kosten zu tragen oder Anga-
ben über ihre Vermögensverhältnisse zu machen, wird ihnen vom Jugendamt bzw.
der Stadtverwaltung ein Bußgeld auferlegt. Die Kosten können dann sogar mit dem
Gerichtsvollzieher vollstreckt werden.133

Die Eltern haben kaum eine Möglichkeit sich gegen dieses Vorgehen des Jugendam-
tes zur wehren. Einen Aufschub bis zur gerichtlichen Entscheidung durch das
Familiengericht verschafft ihnen nur die Klage auf Vollstreckungsschutz beim
zuständigen Verwaltungsgericht des Bezirkes. Aber auch die Anordnungen und
Bitten des Verwaltungsgerichtes werden von den Jugendämtern oft ignoriert und
weiterhin Kostenrechnungen sowie Mahnungen an die Eltern geschickt.
In diesem Fall empfiehlt es sich, diese mit zusätzlichen Hinweisen ebenfalls an das
Verwaltungsgericht zu übersenden. Wichtig ist immer der umgehende Widerspruch
gegen die Rechnungen bei den städtischen Rechnungsstellen.
Letztendlich sind alle diese Maßnahmen jedoch nur von aufschiebender Wirkung.
Einen wirklichen Schutz vor den Kosteneintreibern des Jugendamtes bilden sie nicht.

Aufgrund der immer stärker werdenden Macht der Jugendämter sind sie kaum noch
zu kontrollieren. Einzelne Personen können sich innerhalb der Organisation Jugend-
amt fast ungehindert entfalten. Dieses ist nicht unbedingt zum Wohle des Systems
und schon gar nicht zum Wohle der betroffenen Kinder und ihrer Familien.134

Das SGB VIII gibt den Mitarbeitern der Jugendämter die „Lizenz zur Inobhutnahme“
von Kindern ohne gerichtliche Prüfung des Sachverhaltes. Der Druck, der dabei auf

132
www.kessie.de/tagesm.html, Mündliche Absprache gilt zwar auch als Vertrag, aber bei Unstimmigkeiten ist
es immer besser, eine schriftliche Vereinbarung vorzeigen zu können. Das wird sogar Tagesmüttern im Umgang
mit dem Jugendamt empfohlen.
133
§ 93 SGB VIII, Heranziehung der Eltern zu den Kosten.
134
Statistisches Bundesamt, Destatis, Pressemitteilung Nr. 445 vom 25.11.2008, Ausgaben für Kinder- und Ju-
gendhilfe von 2006 auf 2007 um 19% gestiegen.
Schwarzbuch Jugendamt 45

die Familien ausgeübt wird, ist unverhältnismäßig stark. Die Jugendämter ziehen bei
den Inobhutnahmen i.d.R. die Polizei hinzu, um eine Gegenwehr der Eltern zu ver-
hindern. Wenn sich Eltern trotzdem schützend vor die Kinder stellen, gehen die Be-
hörden mit Gewalt gegen sie vor, sperren sie ggf. noch in Untersuchungshaft oder
die Psychiatrie.135
Damit hat das Jugendamt mehr Rechte als die Polizei. Diese ist immer auf eine rich-
terliche Genehmigung angewiesen, um eine Inhaftierung vorzunehmen.136

Die FDP hatte in ihrem Wahlkampfprogramm von 2009 einen Spruch, der die Situati-
on der Jugendämter durch das SGB VIII treffend beschreibt:137

„Gut gemeint“ ist nicht gleich „gut gemacht“.

Leider hat dieser Spruch nicht zu einer Verbesserung der Lage geführt, sondern war
offensichtlich ein reines Lippenbekenntnis im Wahlkampf. Er zeugt aber davon, dass
der Kern des Problems den Politikern bekannt ist.

Die hohe Zahl der Kinder, die jedes Jahr aus den Familien herausgenommen und in
Heime eingewiesen werden zeugt entweder von einem Fehlverhalten der Jugend-
amtsmitarbeiter oder von einer starken Verrohung der Familienverhältnisse in
Deutschland.138 Letztere (d.h. die Verrohung bzw. Überförderung) wird durch die Po-
lizeistatistiken ausgeschlossen. Diese verzeichnen seit vielen Jahren einen deutli-
chen Rückgang der Gewalt in den Familien. Die Kinder werden immer besser ver-
sorgt und immer besser ausgebildet. Eltern nehmen dabei gerne die Unterstützung
qualifizierter Erzieher und Lehrer in den Kindergärten und Schulen in Anspruch.139
Die angeblich überforderten Eltern gibt es sicherlich noch immer, aber nicht in dem
Ausmaß und in der steigenden Tendenz, die uns die Jugendämter glauben machen
möchten. Wie die Studien von Psychologen und Kinderärzten beweisen, sind die
modernen Kinder eher zuviel als zuwenig umsorgt.140

135
www.wdr.de/themen/kurzmeldungen/2007/05/27/verwirter_sorgt_für_polizeieinsatz__:jhtml. Und vaeter-
notruf.de/jugendamt-essen.htm. Vater kam nach Besuch in Psychiatrie.
136
Art. 104 Abs. 2 GG ein Polizeigewahrsam muß gerichtlich angeordnet werden.
137
Kommentar der FDP-Generalsekretärin Miriam Gruß zur Reform des Elterngeldes, Meldung der FDP auf
www.fdp-bayern.de vom 26.08.2009.
138
Pressemitteilung des statistischen Bundesamtes, Destatis, Nr. 261 vom 18.07.2008, Zahl der Sorgerechtsent-
züge 2007 um 13% gestiegen.
139
Gewaltbericht des österreichischen Instituts für Familienforschung vom 18.10.2001. Physische Gewalt in den
Familien nimmt ab.
140
www.Sueddeutsche.de. Bericht vom 31.03.2006: Die gefühlte Gewalt. Mit steigendem Ausbildungsniveau
der Eltern sinkt die physische Gewalt in den Familien.
Schwarzbuch Jugendamt 46

Einige Ärzte reden schon von einer Generation, die „narzisstische Züge“ aufweist,
d.h. diese Kinder verhalten sich sehr egoistisch, weil sie als sog. „Wunschkinder“ von
ihren Eltern immer in den Mittelpunkt gestellt wurden und keine Grenzen oder Verbo-
te kennen gelernt haben.141
Bei diesem Problem könnten die Jugendämter mit ambulanten Hilfen eine Beratung
der Eltern durchführen und dafür sorgen, dass die Kinder mehr mit gleichaltrigen
Spielkameraden in Sport- und Spielgruppen aufeinander treffen, um soziales Verhal-
ten zu erlernen. Da die Gelder für ambulante Hilfen und Beratungsangebote jedoch
zugunsten der exzessiv durchgeführten Inobhutnahmen immer mehr eingestellt wur-
den, entwickeln sich immer mehr angeblich „narzisstisch geprägte“ Kinder.
Wenn diese später im Kindergarten oder in der Schule durch ihr Verhalten auffallen,
gehen die Jugendämter wieder den einfachsten Weg, die Kinder aus den Familien
wegzunehmen und in ein Kinderheim zu sperren, obwohl diese Kinder in keiner Wei-
se im Elternhaus gefährdet oder vernachlässigt sind und eine ambulante Hilfe voll-
kommen ausreichend gewesen wäre.

Unverständlicher Weise werden die Jugendämter von den Familiengerichten bei der
Verschlimmerung der Situation auch noch unterstützt anstatt gestoppt. Von den Ge-
richten wurde nun auch der schwammige Begriff der „seelischen Gefährdung“ von
Kindern in den § 1666 BGB aufgenommen. Eine Vermutung auf seelische Gefähr-
dung im Elternhaus kann von jedem psychologischen Gutachter auf Wunsch des Ju-
gendamtes diagnostiziert werden, da gemäß den Grundsätzen der Psychologie jeder
Mensch seelische Schäden verschieden großen Ausmaßes mit sich herumträgt und
es bis dato für die Erkrankung des sog. „Narzissmus“ keine psychologischen Stan-
dards der WHO gibt, welches Ausmaß noch normal ist und welches bereits eine Ge-
fährdung darstellt.142
Es ist bisher nicht einmal geklärt, ob ein Narzissmus überhaupt durch die Erlebnisse
im Elternhaus ausgelöst wird. Trotzdem greifen psychologische Gutachter gerne auf
dieses Argument zurück und beschuldigten die Eltern, ihre Kinder mit ihrem Verhal-
ten zu gefährden. Diese Gefährdung wird dann nach § 1666 BGB zum Anlass ge-
nommen, den Eltern das Sorgerecht zu entziehen und die Kinder in einem Kinder-

141
Bergmann, W. (2009): Ich bin der größte, und ganz allein, Patmos Verlag. Bericht über die Not der Kinder in
einer Umwelt, in der sich Eltern nicht mehr genügend kümmern (können).
142
Fiedler, P. (2007): Persönlichkeitsstörungen, 6. überarb. Aufl., Psychologie Verlagsunion: Weinmann. Der
Narzissmus ist aus dem Katalog der Persönlichkeitsstörungen wieder herausgenommen worden. Die Verbreitung
eines Narzissmus in der Bevölkerung wird bei weniger als 1% der Persönlichkeitsstörungen gesehen. Meist
werden völlig gesunde Menschen falsch mit Narzissmus diagnostiziert, weil sie sich kritisch äußerten.
Schwarzbuch Jugendamt 47

heim unterzubringen. Die Jugendämter stellen bei den Gerichten den entsprechen-
den Antrag.

Zurück bleiben Eltern, die nicht wissen, was sie falsch gemacht haben sollen und
denen vom Jugendamt keinerlei Hilfestellung gegeben wird, ihre Kinder zurück zu
bekommen, weil für Beratungen und ambulante Hilfen wiederum kein Geld zur Ver-
fügung steht. Die Kinder kommen auf diese Weise ins Kinderheim, weil sie von ihren
Eltern „zu sehr verwöhnt“ werden. Das ist eine völlige Umkehrung des ursprünglichen
Sinnes des § 1666 BGB, der Kinder vor Misshandlung und Vernachlässigung schüt-
zen sollte.143

Der Gesetzgeber ist aufgerufen, dringend etwas zu unternehmen, da diese Praxis in


der Kinder- und Jugendhilfe zunehmend um sich greift.
Die Bevölkerung sieht sich immer mehr einer staatlichen Bevormundung gegenüber.
Die Medien haben dieses Thema bereits aufgegriffen und berichten von immer ex-
zessiverem Verhalten und Willkür von Beamten gegenüber den Bürgern.144
Dabei sehen sich beide Seiten im Recht.
Dem Gesetzgeber obliegt es an dieser Stelle, wieder für Rechtssicherheit zu sorgen.

143
Kommentar zum § 1666 BGB. Palandt.
144
Beispielsweise: FAZ, Bericht vom 17.03.2008: Wegnehmen ist das Einfachste. Jugendämter in der Kritik.
Schwarzbuch Jugendamt 48

2.4. Die Rolle des Verwaltungsgerichtes


Verwaltungsgerichte sind lt. Dienstvorschrift die unmittelbar übergeordneten Stellen
der Jugendämter.
Sie können einem Betroffenen helfen, indem sie formale Fehler bei der Inobhutnah-
me aufdecken, aber sie können die Jugendämter nicht anweisen, die Kinder zu-
nächst wieder an die Eltern herauszugeben, weil die Gerichte gemäß SGB VIII in der
Fassung von 1990 keine Anweisungsbefugnis gegenüber den Jugendämtern ha-
ben.145

Auch die Richter sind Beamte. Viele Richter machen es sich gerne einfach und
möchten mit unangenehmen sozialen Angelegenheiten nicht belastet werden. Wenn
Betroffene an sie heran treten und Anträge stellen, sehen die Gerichte sofort, wenn
die Jugendämter einen Fehler unterlaufen ist, oft wissen aber auch die Richter nicht,
wie sie helfen können, da sie nur eine Rechtsaufsicht und keine Fachaufsicht über
die Jugendämter haben.146 Solange es sich nicht um offensichtliche Beamtenwillkür
handelt, die mit einem eklatanten Verstoß gegen die Dienstvorschriften oder Verwal-
tungsgesetze einhergeht, hat ein Betroffener nur sehr geringe Chancen, vom Verwal-
tungsgericht Hilfe zu bekommen.

Hinzu kommt, dass auch beim Verwaltungsgericht die Kosten durch derartige Anträ-
ge in die Höhe schnellen können. Die Bearbeitung der Fälle dauert dort sehr lange
und der Schriftverkehr kann sich über viele Monate hinziehen, bevor überhaupt dar-
an gedacht wird, einen Verhandlungstermin festzulegen. Wenn möglich entscheiden
die Richter des Verwaltungsgerichtes ohne Gerichtstermin vom Schreibtisch aus.147

Trotz all dieser Widrigkeiten sollten betroffene Elternteile sich an die Verwaltungsge-
richte um Hilfe wenden. Allein die Menge der Anträge von Eltern könnte eine Wirkung
auf die Verwaltung haben. Je mehr Eltern sich dazu entschließen, vor dem Verwal-
tungsgericht auf Herausgabe ihres Kindes zu klagen, desto größer wird der Druck auf
die Rechtsämter der Städte und Kommunen. Die dadurch entstehenden Kosten

145
Die Jugendämter sind selbstverwaltet und haben keine Fachaufsicht. § 79 SGB VIII.
146
Im Interview mit dem Autoren haben sich Familienrichter sogar dafür entschuldigt, dass sie nicht helfen kön-
nen, wenn ein Kind vom Jugendamt aus der Familie genommen wird. Da sie keine Weisungsbefugnis haben,
können sie das Jugendamt auch nicht maßregeln, wenn es bei Inobhutnahmen o.ä. das Gesetz überschreitet.
147
www.jugendamtskritik.de/kritik/kritik/verwaltungsgericht.html. Das Verwaltungsgericht kann nur den forma-
len Vorgang überprüfen.
Schwarzbuch Jugendamt 49

könnten Städte und Kommunen langfristig zum Handeln zwingen, da die Inobhut-
nahmen zunehmend zu einem hohen Kostenfaktor werden. 148

In München wurde im Oktober 2009 die Notbremse bei den Kosten des Jugendamtes
gezogen. Die Stadt wies das Jugendamt an, keine zusätzlichen Inobhutnahmen
mehr durchzuführen. Die Kinderheime waren überfüllt und die Familiengerichte mit
den Fällen überlastet. Die Steigerung der Inobhutnahmen von 2008 auf 2009 bewirk-
te eine Kostenexplosion um 20 Millionen Euro. Das war den Stadtoberen dann doch
zuviel, zumal bereits ein jährlicher Etat von 146 Millionen Euro eingeplant gewesen
war, den das Jugendamt jedoch wegen der vielen „vorläufigen“ Inobhutnahmen
ständig überschritt.149

Die Probleme der reichen Stadt München sind in anderen Städten noch wesentlich
stärker erkennbar. In Dortmund wurde nach der Landtagswahl im August 2009 eben-
falls eine Kosteneinsparung von den Jugendämtern verlangt. Die Stadt hatte ein De-
fizit von 100 Millionen Euro, das der Bevölkerung verheimlicht worden war. Das Ju-
gendamt der Stadt war längst handlungsunfähig geworden, weil die vielen Inobhut-
nahmen, fast den gesamten Etat des Jugendamtes verschlangen. 150

Die Verwaltungsgerichte stehen den Entwicklungen derzeit abwartend gegenüber.


Entscheidungen werden häufig vertagt. Die Beamten sind wieder einmal bemüht,
keinen Fehler zu machen. Durch solche Verzögerungen bleiben die in Obhut ge-
nommenen Kinder jedoch für weitere Monate auf Kosten des Steuerzahlers in den
Kinderheimen. Die Unterbringungskosten betragen nach Auskunft des Jugendamtes
Essen etwa 5.000,00 EUR/Kind/Monat.151 Das entspricht etwa dem Grundgehalt ei-
nes Bundesbankdirektors oder eines Richters an einem deutschen Gericht. Die ZDF-
Sendung Frontal21 ermittelte sogar Kosten für Heimunterbringungen in Höhe von
7.000,00 EUR/Kind/Monat.152 Unnötige Inobutnahmen stellen somit eine (inoffizielle)
Subventionierung der Pflegeindustrie dar.

148
Pressemitteilung Nr. 451 vom 25.11.2009 des statistischen Bundesamtes, Destatis, Ausgaben der Jugendhilfe
2008 wieder um 7,9% gestiegen.
149
Vgl. Süddeutsche Zeitung, SZ, 16.09.2009, Michael Tibudd, in: sueddeutsche.de/muenchen/400/487803/text/.
150
„Riesen Haushaltsloch hat auch Konsequenzen für Jugendhilfe“, Website der CDU-Fraktion der Stadt Dort-
mund, Erklärung der jugendpolitischen Sprecherin, Rosemarie Liedschulte, eingesehen am 07.10.2009.
151
Brief der Stadt Essen vom 22.08.2008, umdatiert von der Stadt Essen auf den 30.08.2008, an die Autorin.
152
ZDF, Frontal21, 17.08.2010, „Heim statt Hilfe – wenn Kinder aus ihren Familien raus müssen“.
Schwarzbuch Jugendamt 50

3. Ambulante und stationäre Maßnahmen


Die Jugendämter haben zwei Hauptkategorien von Maßnahmen zur Verfügung. Die
ambulanten Maßnahmen, welche in den Familien ansetzen und versuchen, die Situa-
tion der Familien und damit des Kindes zu verbessern, sowie die stationären Maß-
nahmen, bei denen ein Kind aus der Familie herausgenommen wird, weil es dort in
einer Gefahr schwebet, die nicht abgewendet werden kann.153

Die stationären Maßnahmen kommen maßgeblich zum Einsatz bei Gefährdungen


eines Kindes nach § 1666 BGB. Ursprünglich handelte es sich dabei um schwere
körperliche Gefahren für ein Kind, wie starke Vernachlässigung, Vergewaltigung,
Misshandlung oder sogar Todesgefahr.154
In neuerer Zeit haben diese „klassischen Gefahren“ stark abgenommen, wie die Poli-
zeistatistik immer wieder beweist. Ersatzweise wird daher vermehrt auf „seelische
Gefahren“ abgestimmt, um die hohe Quote der Masseninobhutnahmen weiter zu
rechtfertigen.
Nun können Kinder auch ins Heim kommen, wenn die Eltern sie zu wenig oder zuviel
fördern, nicht genügend bindungstolerant gegenüber dem getrennt lebenden Eltern-
teil sind oder sich nach schlechten Erfahrungen mit Behörden unkooperativ gegen-
über dem Jugendamt verhalten.155

Dieser neue Trend öffnet Fehlern und Amtsmissbrauch Tür und Tor, denn eine seeli-
sche Misshandlung ist leicht zu behaupten und das Gegenteil schwer nachzuweisen.
Die Beweislast wird auf die Eltern abgewälzt. Vermehrt verwenden die Jugendämer
psychologische Gutachten als Grundlage für den Sorgerechtsentzug, auch wenn die
Kinder ein schönes Zuhause hatten und im Heim darum betteln, wieder zu den Eltern
zurück zu dürfen.156

153
Nowaki, K. (2005): Hilfen zur Erziehung. Was können sie für Kinder und Familien leisten? In: Fthenakis,
W.E.: Online-Familienhandbuch, Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik,
www.familienhandbuch.de.
154
Siehe Kommentare zum § 1666 BGB aus den 90er Jahren, z.B. Palandt oder Münchner Kommentar. In diesen
Kommentaren wird noch wesentlich größerer Focus auf die körperliche Unversehrtheit des Kindes gelegt und
die psychischen Aspekte noch nicht als Grund für einen Kindesentzug genommen.
155
www.Süddeutsche.de. Bericht vom 31.03.2006: Die gefühlte Gewalt.
156
Familienpsychologisches Gutachten weisen große Mängel auf, wie eine Studie in den 80er Jahren herausfand.
Siehe: Schlußbericht des Projektes Psychologisches Gutachten in Prozessen vor dem Familiengericht, vorgelegt
von Christoph Werst, Dr. Hans Jörg Hemminger, Projektleiter: Dr. Peter Dietrich, Universität Freiburg. Erschei-
nungsdatum ca. 1985. Auswertung von 118 Gutachten von 70 Gerichten.
Schwarzbuch Jugendamt 51

Es gibt keine Eltern, die in der Erziehung ihrer Kinder alles richtig machen. Psycholo-
gen und Kinderärzte stellen immer wieder fest, dass Kinder in unserer Gesellschaft
die verschiedensten Störungen aufweisen. Trotzdem entwickeln sich die weitaus
meisten Kinder in der Familie normal und werden gute Mitglieder der Gesellschaft
und brave Steuerzahler.
Bei Heimkindern sieht diese Bilanz wesentlich schlechter aus. Sie wachsen in einem
sehr losen Sozialgefüge auf, haben kaum feste Bindungen und kommen früh mit
Drogen oder Kriminalität in Berührung.157
Die Kirchen und Sozialverbände plädieren daher vermehrt für eine Belassung der
Kinder in ihren Elternhäusern.158

Gemäß einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Ju-
gend von 2004 sind ambulante Maßnahmen in den Familien sehr erfolgreich und die
Kinder bräuchten eigentlich nicht stationär in Heimen untergebracht zu werden.159
Trotzdem sind die Jugendämter in den letzten ca. fünf Jahren dazu übergegangen,
immer mehr Kinder in stationären Einrichtungen unterzubringen und handeln damit
den Erkenntnissen der Wissenschaftler und Ärzte bewusst zuwider.

Die Frage lautet: Warum bestehen die Jugendämter in Deutschland entgegen aller
wissenschaftlichen Erkenntnisse auf Massen-Inobhutnahmen?
Die Beantwortung dieser Frage ist nicht ganz leicht, da mehrere Gründe eine Rolle
spielen.
Zum einen gab es nach der Medienkampagne gegen die Jugendämter 2005 im Fall
„Kevin“ eine Massenhysterie unter den Jugendamtsmitarbeitern, die dazu führte,
dass Kinder lieber zu früh als zu spät aus den Familien genommen wurden.
Damals war ein Kleinkind durch Vernachlässigung gestorben, weil das Jugendamt es
nach dem Tod der Mutter bei deren rausgiftsüchtigen Lebensgefährten gelassen hat-
te, der mit dem Kind nicht verwandt war, aber nach Ansicht des zuständigen Jugend-
amtsmitarbeiters eine Art „Vaterfigur“ für das Kind darstellte.160

157
www.exheim.de/ eingesehen am 13.02.2010. Jedes 5. Heimkind stirbt vor dem 40. Lebensjahr an Drogen,
Selbstmord, sozialer Retardierung, etc. Aufruf ehemaliger Heimkinder, die Heime abzuschaffen.
158
Interview mit Bischof Huber in der TV-Sendung Tacheles vom 24.05.2009. „Die Familie ist durch nichts zu
ersetzen.“
159
Ambulante Maßnahmen sind in der Mehrzahl der Fälle als erfolgreich anzusehen. Den Eltern werden Erzie-
hungs- und Verhaltenskompetenzen vermittelt. Siehe Spangler, G. (2004): Wirksamkeit ambulanter Jugendhil-
femaßnahmen bei Misshandlung bzw. Vernachlässigung, Eine internationale Literaturübersicht, Expertise im
Auftrag des Projektes „Kindeswohlgefährdung und allgemeiner sozialer Dienst (ASD)“, Bundesministerium für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend, September 2004.
160
WAZ Rhein-Ruhr, 15.07.2008: Der Kevin-Effekt.
Schwarzbuch Jugendamt 52

Die Jugendämter gerieten durch diesen Fall stark in die öffentliche Kritik. Von den
Medien wurde über Wochen hinweg weitere solcher Einzelfälle angeführt, in denen
es um Kindstötungen und Vernachlässigungen ging, welche angeblich durch ein här-
teres Vorgehen der Jugendämter hätten verhindert werden können.
In der Folge griffen die Jugendämter immer früher in die Elternrechte ein und nah-
men Kinder „vorsorglich“ aus den Familien heraus, um sich keiner erneuten Schelte
durch die Medien auszusetzen. Die Zahl der Inobhutnahmen nahm so stark zu, dass
sogar die Bundesministerin von der Leyen die Jugendämter zu einer Mäßigung auf-
rief. Die Resonanz in der Bevölkerung auf diese Masseninobhutnahmen war sehr
negativ und die Jugendämter sind seitdem als „Kindesräuber“ verschrien.161

Trotz der Masseninobhutnahmen wurden über mehrere Monate immer wieder Einzel-
fälle von Misshandlung oder Vernachlässigung bekannt. Die Jugendämter initiierten
daraufhin eine Gegenkampagne über Horror-Berichte von misshandelten Kindern,
die von den Beamten der Jugendämter „heldenhaft“ gerettet wurden.162
Nun gerieten vermehrt die Mütter in die Kritik. Nachdem Mütter ausfindig gemacht
worden waren, die aus falsch-verstandener Liebe zu einem Lebensgefährten ihre
Kinder verlassen oder sogar getötet hatten, wurde die „Mutterrolle“ als solche in
Zweifel gezogen.
Angeblich seien diese Frauen mit der „Doppelverantwortung“ als arbeitende Mutter
überlastet gewesen. Der Ruf nach einer stärkeren Betonung der Väter in den Famili-
en wurde laut. Die Väter sollten die überforderten Mütter entlasten. Sie sollten sich
mehr in die Familien einbringen und so die Zahl der Scheidungen absenken.
Zu diesem Zweck verabschiedete das Familienministerium sogar ein Gesetz zur El-
ternzeit, das Familien finanziell belohnte, in welchen sich der Vater am Baby-Jahr
beteiligte und dafür seine Arbeit einige Monate aussetzte.163

Das Gesetz wurde von den Politikern als neuer „Königsweg“ gefeiert, aber erlangte
bis heute in der Praxis verhältnismäßig wenig Bedeutung. In Zeiten hoher Arbeitslo-
sigkeit und starker wirtschaftlicher Probleme waren die Väter i.d.R. nicht bereit, ihre

161
Inobhutnahme statt ambulante Maßnahmen. Zu viele Inobhutnahmen. Welt-online.de vom 25.06.2009: Von
der Leyen mahnt Jugendämter zur Vorsicht, nicht übereilt zu handeln, sondern jeden Fall vorher genau zu prü-
fen, bevor ein Kind in Obhut genommen wird.
162
www.medizinauskunft.de, Horrormeldungen in der Presse von misshandelten Kindern, aber gleichzeitig we-
sentlich weniger registrierte Fälle lt. Studie. WANC 19.10.06, Quelle: Heintze, C., et al. (2006): Erkennen von
Kindesmisshandlungen durch Pädiater und Hausärzte in Berlin, ZFA, Zeitschrift für Allgemeinmedizin, 2006, 82
(9), S. 396-401.
163
BEEG, Bundeselterngeld- und Elternzeit- Gesetz, Ausfertigungsdatum 05.12.2006.
Schwarzbuch Jugendamt 53

sichere Arbeitsstelle wegen einiger Monate in Elternzeit zu gefährden. In den ersten


drei Jahren folgten weniger als 10% der Männer dem Aufruf der Ministerin und betei-
ligten sich an der Elternzeit.164

Aber dieser neue Trend zur stärkeren Betonung der Väter setzte sich auch in ande-
ren Bereichen durch. Plötzlich war es nicht mehr eindeutig, dass kleine Kinder unter
sechs Jahren bei einer Scheidung automatisch zur Mutter kamen – selbst dann nicht,
wenn die Mutter die Hauptbezugsperson war.
Dem neuen Trend folgend, entschieden die Familiengerichte immer häufiger für die
Väter und übertrugen ihnen das Sorgerecht. Auch unverheiratete Väter haben inzwi-
schen ein Sorgerecht am minderjährigen Kind.165

Nun trat in dieser Konstellation etwas ein, das niemand vorhergesehen hatte: Die
Väter entdeckten ihr „Eigentumsrecht“ am Kind als Vermögensfaktor, der ihnen mate-
rielle Vorteile gegenüber den Müttern einräumte. Dadurch kam es zu aberwitzigen
Konstruktionen, wie z.B. zwei bekannten Fällen, bei denen das Sorgerecht für die
Kinder beim Vater liegt, die Kinder jedoch im Haushalt der Mutter leben und von ihr
großgezogen werden. Die beiden Väter verteidigen diese Konstellation damit, dass
sie nun das Recht haben, der Frau jederzeit die Kinder zu entziehen, wenn sie ihren
Wünschen auf Umgangsrecht, Erziehungsvorstellungen, etc. nicht in geeigneter Wei-
se nachkommt. Es handelt sich somit um eine reine Machtfrage. Die Väter benutzen
das Sorgerecht für die Kinder, um auch nach der Scheidung Druck auf die Mütter
auszuüben und ggf. finanzielle Ansprüche auszuschalten.166
Es ist unverständlich, dass es Familiengerichte gibt, die dabei mitspielen.

Aber weiter zu den Gründen der steigenden Inobhutnahmen durch die Jugendämter:
Viele Mitarbeiter in den Jugendämtern kommen aus kirchlichen oder privatwirtschaft-
lichen Einrichtungen der Kinderpflege.
Die Netzwerke zwischen Jugendamt und der Pflegeindustrie sind unbestreitbar vor-
handen. Das Jugendamt führt der Pflegeindustrie die Kinder zu und braucht sich
selbst nicht um die Fragen der Unterbringung zu kümmern.
Es handelt sich dabei um eine Form des Outsourcing. Neben den kirchlichen und
privatwirtschaftlichen Einrichtungen unterhalten die Städte und Kommunen noch ei-

164
Artikel: Elterngeld in der Krise, bei Vätern weniger begehrt. Bericht 29.07.2009, www.bafoeg-aktuell.de.
165
Zeitschrift der Spiegel, Kommentar zum Urteil des EuGH vom 03.12.2009.
166
Auskunft lt. Interview mit dem Jugendamt Essen über derartige Fälle.
Schwarzbuch Jugendamt 54

gene Kinderheime und Treffpunkte, aber die meisten dieser Einrichtungen sind kirch-
lich oder privatwirtschaftlich. Die Betreuung und Unterbringung der Kinder wird als
Leistung bzw. Leistungspaket von den Kommunen „eingekauft“. Der Vorteil liegt in
der Reduzierung des Verwaltungsaufwandes und der Möglichkeit, mit klaren Kosten
kalkulieren zu können. Die Kostenkontrolle wird somit erleichtert.167

Über die Qualität der Leistungen wachen entsprechende Ausschüsse, in denen wie-
derum Vertreter der Organisationen und des Jugendamtes sitzen. Auf diese Weise
findet eine Abschottung gegenüber Dritten statt, die nicht dem sozialdienstlichen
Sektor angehören. Die Verwendung der Gelder wird in einer Selbstverwaltung über-
wacht.168

Nach SGB VIII sind die Jugendämter bei fachlichen Fragen autark. Das bedeutet, sie
sind keiner anderen Instanz weisungsgebunden. Im Gegenteil müssen Gerichte und
Polizei sie immer hinzuzuziehen, wenn Kinder von einer Maßnahme betroffen sind.
Der Einfluss der Jugendämter auf die Exekutive und die Jurisdiktion bleibt damit ge-
wahrt.169
Es gibt Juristen, die darin einen Verstoß gegen die Gewaltenteilung innerhalb des
Rechtsstaates sehen. Sie plädieren dafür, die Jugendämter, wie vor 1952 geschehen
und in anderen europäischen Staaten üblich, dem Innenministerium in Fachfragen zu
unterstellen.170

Vor allem aufgrund der Wirtschaftskrise seit Ende 2008 und der damit verbundenen
Knappheit der Mittel wird wieder mehr Augenmerk auf die Kostenkontrolle gelegt. Die
Kommunen sind nicht mehr bereit, die Maßnahmen der Jugendämter ungeprüft zu
bezahlen, da ihnen nur noch eingeschränkt Gelder zur Verfügung stehen und viele
Kommunen inzwischen unter Verwaltung des Regierungspräsidenten gestellt sind.
Die Gelder für alle kommunalen Behörden wurden drastisch gekürzt. Ein Einstel-
lungsstopp in den meisten behördlichen Bereichen war u.a. die Folge.171

167
Neuigkeiten vom Heimkinderverband 9/2009, Kritiker prangern Machtmissbrauch der Jugendämter und Kor-
ruption in der Jugendhilfe an. Quelle: blog.ronaldfilkas.de/2009/08/10/Jugendaemter-die-unheimliche-macht-
hinter-der-justiz/print. Jugendämter überlassen Pflegekinder den privatwirtschaftlichen Heimen.
168
Nachfrage beim MGFFI NRW, 2009: Jugendämter haben eine Selbstverwaltung. Fachaufsicht gibt es nicht.
169
FAZ-Leserbrief vom 05.12.2005 von Prof. Dr. W. Klennert, Die Jugendämter haben keine Fachaufsicht durch
die Gerichte.
170
www.medrum.de Christliches Informationsforum. Bericht vom 23.01.2009: Petitionsausschuß der Europäi-
schen Union rügt Menschenrechtsverletzungen durch Jugendämter.
171
www.bild.de/bild/regional/leipzig. Proteste gegen Kürzungen der Jugendhilfe, Bericht vom 09.02.2010. Ju-
gendhilfe soll von Sachsen um ca. 1/3tel gekürzt werden.
Schwarzbuch Jugendamt 55

Davon betroffen waren auch die Jugendämter. Sie setzten sich selbst unter den
Druck, mehr Inobhutnahmen mit weniger Personal durchzuführen. Die logische Folge
dieser Situation war eine Minderung der Qualität bei allen ambulanten und stationä-
ren Maßnahmen, d.h. es unterliefen den Jugendämtern zunehmend Fehler auf Kos-
ten der Kinder und ihrer Familien.172

Immer wieder wurden Kinder fälschlich aus intakten Familienverhältnissen herausge-


holt und in Kinderheime gesteckt. Die Medien schwenkten um und berichteten nun
über das Schicksal der unschuldig betroffenen Familien und ihrer Kinder, die zum
Teil durch die gewaltsame Herausnahme aus den Familien schwerste Traumata erlit-
ten hatten.
Das führte ab ca. 2008 dazu, dass auch bei den Gerichten und schließlich sogar bei
der Bevölkerung eine Sensibilisierung für dieses neue Problem eintrat.173

Der Schaden war indes schon eingetreten. Die Jugendämter werden aufgrund der
viel zu vielen Inobhutnahmen von weiten Teilen der Bevölkerung als „Kinderklaube-
hörde“ betitelt. Dieses schlechte Image kann nur langfristig wieder gewandelt wer-
den, indem die Jugendämter sich auf ihre ursprüngliche Aufgabe zurückbesinnen
und wieder mehr ambulante Hilfen für Familien anbieten anstatt die Kinder „vorsorg-
lich“ in Obhut zu nehmen sobald ein Problem auftritt.174

Masseninobhutnahmen sind keine Lösung.


Sie verschärfen die Situation zusätzlich durch unangenehme Erfahrungen mit den
Jugendamtsmitarbeitern und zeichnen in der Öffentlichkeit ein negatives Bild von
Deutschlands Behörden und legen den Verdacht nahe, dass gegen Menschenrechte
der Bevölkerung verstoßen wird.

172
www.focus.de, Artikel von D. Neuerer vom 06.12.2007: Tragisches Versagen der Jugendämter. Jugendämter
brauchen angeblich mehr Geld und Personal.
173
Frankfurter Allgemeine Zeitung, FAZ, Artikel vom 17.03.2008: Wegnehmen ist das Einfachste. Kritik der
Medien an den Jugendämtern.
174
Image der Jugendämter: Kinderklaubehörde. Kaum eine Behörde hat ein so schlechtes Image, wie das Ju-
gendamt. www.alkmene.blog.de/tags/elternrecht/ .
Schwarzbuch Jugendamt 56

3.1. Hysterie bei den Inobhutnahmen und Abkehr von den ambu-
lanten Hilfen
Die Zahl der Heimunterbringungen hat in den letzten Jahren unverhältnismäßig stark
zugenommen. Die ambulanten Hilfen werden hingegen aufgrund der angespannten
Haushaltslage in den Kommunen immer weiter in den Hintergrund gedrängt.
Dabei besteht ein enormes Kostengefälle zwischen beiden Formen der Hilfe. Wäh-
rend eine stationäre Unterbringung eines Kindes im Durchschnitt 4.000,00 bis
6.000,00 EUR pro Monat kostet (für 2009: bis zu 7.000,00 EUR pro Monat), was ei-
nem Kostenaufkommen von bis zu 72.000,00 EUR pro Jahr entspricht (für 2009: bis
zu 84.000,00 EUR pro Jahr), belaufen sich die Kosten für ambulante Hilfen im Ver-
gleich auf nur ca. 12.000,00 EUR pro Jahr.175

Neben der Kosteneinsparung haben die ambulanten Hilfen noch weitere Vorteile. Die
Kinder müssen nicht aus ihren Familien und ihrem gewohnten sozialen Umfeld he-
rausgenommen werden. Bindungen zu Freunden, Geschwistern und anderen Ver-
wandten bleiben erhalten. Die Eltern werden beraten oder durch ambulante Hilfen
entlastet, damit sie die Überforderungs-Situation schnell bewältigen können und wie-
der in ihr Gleichgewicht zurückfinden.

Seelisch gesunde Eltern sind eine notwendige Basis für seelisch gesunde Kinder.
Die ambulanten Hilfen gehen grundsätzlich davon aus, dass Eltern das Beste für ihre
Kinder wollen und nur durch eigene Probleme aus der Bahn geworfen werden kön-
nen. Das können z.B. eine Scheidung, Arbeitslosigkeit oder der Tod des Partners
sein. Die heutzutage weitaus meisten Fälle kommen aus diesem Bereich.176
Diese Eltern können gute Eltern sein, wenn das Jugendamt es zulässt und nicht vor-
schnell zum Mittel der Inobhutnahme greift. Meist reichen schon Beratungen oder
schulische Förderprogramme aus. Eine dauerhafte Wegnahme der Kinder und Ein-
weisung in ein Heim oder zu einer Pflegefamilie ist in diesen Fällen unangemessen.

Die momentane Politik der Herausnahme im Verdachtsfall hilft nicht bei der Bewälti-
gung dieses Problems, sondern verschlimmert es, weil auch Eltern, die von sich aus

175
Der Westen, Interview mit Ulrich Engeln vom Jugendamt Essen, 11.11.2008.
176
Ambulante Maßnahmen sind in der Mehrzahl der Fälle als erfolgreich anzusehen. Den Eltern werden Erzie-
hungs- und Verhaltenskompetenzen vermittelt. Siehe Spangler, G. (2004): Wirksamkeit ambulanter Jugendhil-
femaßnahmen bei Misshandlung bzw. Vernachlässigung, Eine internationale Literaturübersicht, Expertise im
Auftrag des Projektes „Kindeswohlgefährdung und allgemeiner sozialer Dienst (ASD)“, Bundesministerium für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend, September 2004.
Schwarzbuch Jugendamt 57

beim Jugendamt um eine ambulante Hilfe nachfragen würden, durch die hohe Zahl
der Inobhutnahmen abgeschreckt werden, dieses zu tun. Sie müssen beim Einges-
tändnis eines Problems momentan immer damit rechnen, dass ihnen die Kinder
weggenommen werden und sie ihre Kinder nie zurückbekommen.177

Derzeit ist diese Entscheidung abhängig von dem guten oder schlechten Verhältnis
der Eltern zu „ihrem“ Jugendamtsmitarbeiter. Eine Möglichkeit, den Mitarbeiter zu
wechseln, besteht fast nie. Offiziell können die Eltern zwar einen Antrag beim zu-
ständigen Amtsleiter stellen, aber in der finanziell angespannten Haushaltslage der
Städte und Kommunen werden Beschwerden und Wünsche auf die Zuweisung eines
anderen Beraters i.d.R. negativ beschieden.

Wenn es absehbar ist, dass die Familie einen Jugendamtsmitarbeiter zugeteilt be-
kommt, der eine Heimeinweisung des Kindes durchsetzen wird, bleibt der Familie
meist nur noch ein Umzug in einen anderen Regierungsbezirk, um in den Zuständig-
keitsbereich eines neuen Jugendamtes zu kommen.

Aber auch das ist keine Garantie, wie ein Fall aus Bochum zeigt. Die Mutter zog mit
ihrem Kind in eine andere Stadt um und erhielt ca. zwei Jahre später „Besuch“ vom
Jugendamt Essen, d.h. der Stadt, aus der sie damals weggezogen war. Dieses Ju-
gendamt holte ihr Kind mit Polizeigewalt zurück in den alten Zuständigkeitsbereich
und wies es dort in ein Kinderheim ein. Das Bochumer Jugendamt war nicht einmal
informiert. In diesem Fall wurde gleich gegen mehrere Vorschriften des Verwaltungs-
rechts verstoßen. Trotzdem ahndete das Gericht diese Verstöße nicht und die
Staatsanwaltschaft stellte alle Ermittlungen nach kurzer Zeit ein.

Gegen eine Behörde haben Eltern grundsätzlich keine Chance vor Gericht.

Leider sind die Familiengerichte noch immer viel zu unbedacht gegenüber den Ju-
gendämtern und bestätigen deren Anträge – auch die Anträge auf Sorgerechtsent-
zug und Heimeinweisung – ohne genaue Überprüfung.178

177
www.jugendamtskritik.de/kritik/statistik.html Die Statistik von 2008 zeigt, daß nur 23% der Inobhutnahmen
wegen Verwahrlosung, Anzeichen für Misshandlung oder sexuellem Missbrauch durchgeführt werden.
178
Ambulante Maßnahmen reichen in den meisten Fällen auch aus. Siehe Spangler, G (2004): Wirksamkeit
ambulanter Jugendhilfemaßnahmen bei Misshandlung bzw. Vernachlässigung, Expertise im Auftrag des Projek-
tes Kindeswohlgefährdung und ASD. Erstellt im September 2004 für das Bundesministerium für Familie, Senio-
ren, Frauen und Jugend der Bundesrepublik Deutschland.
Schwarzbuch Jugendamt 58

Aber auch innerhalb der Jugendämter wird immer weniger geprüft. So klagen Mitar-
beiter der Jugendämter darüber, dass sie für einzelne Fälle immer weniger Zeit ha-
ben und immer öfter nach Aktenlage entscheiden müssen, ohne die Familien vorher
eingehend angehört zu haben. Die Hysterie, einen Fehler zu begehen und dadurch
in die Schlagzeilen der Zeitungen zu geraten, verursacht gerade die Fehler, die das
Jugendamt zu vermeiden sucht.179

Die Jugendämter zeichnen sich in den letzten Jahren durch einen übertriebenen Ak-
tionismus aus, der den Kindern mehr schadet als nützt. Ambulante Hilfen werden
immer mehr abgebaut, weil durch die gesteigerten Inobhutnahmen zu wenig Perso-
nal dafür zur Verfügung steht und sie vom Kostenträger mit wesentlich geringeren
Beträgen unterstützt werden. Um eine vernünftige Kostendeckung zu erreichen, fo-
kussieren viele Jugendämter vor allem die teuren Inobhutnahmen und langjährigen
Heimunterbringungen.

Nach neuesten Untersuchungen ist eine enorme Steigerung der Heimunterbringun-


gen auch weiterhin vorausgesagt und die Pflegeindustrie wird in den nächsten Jah-
ren einer der einzigen Bereiche sein, die auch während der Wirtschaftskrise zweistel-
lige Wachstumszahlen schreiben können.180

Die privaten Pflegeorganisationen investieren derzeit Millionen in den Ausbau der


Kinder- und Jugendbetreuung durch Einrichtungen.
Während die Bereitschaft von Familien immer mehr nachlässt, sich als Pflegefamilien
zur Verfügung zu stellen und auch Aufrufe der Jugendämter über Radio und Zeitung
die Familien nur sehr eingeschränkt motivieren können, Pflegefamilien zu werden,
stellen die privaten Organisationen immer mehr zusätzliches Pflegepersonal ein und
bauen die Kinderheime weiter aus.

Ein immer größerer Anteil der Kinder wird somit in Zukunft in Heimen aufwachsen.181

Kirchen und Sozialdienste schlagen Alarm. Es kann nicht sein, dass in einem demo-
kratischen Staat, wie Deutschland, immer mehr Kinder ins Heim kommen anstatt in
den Familien groß zu werden.182 Die Elternrechte werden von der Politik zusätzlich
untergraben und das Kindeswohl immer mehr zu einer Alibi-Funktion herabgewür-

179
Kevin-Effekt. www.stern.de. Panorama, Bericht vom 13.03.2008, Der Kevin-Effekt.
180
Fussek, C., Schober, G. (2008): Im Netz der Pflegemafia, Bertelsmann, München.
181
Zunahme der Inobhutnahmen um 14% in 2008. destatis, Pressemitteilung Nr. 234 vom 25.06.2009.
182
Interview mit Bischoff Huber in der TV-Sendung Tacheles vom 24.05.2009.
Schwarzbuch Jugendamt 59

digt, um unter dem Vorwand des Kinderschutzes die Heime zu füllen. Gleichzeitig
bekommen die Jugendämter durch neue Kinderschutzgesetze immer mehr Spiel-
räume und Machtpotenziale zugewiesen.183 Eine rechtliche Schieflage entsteht.

Historisch gesehen ist die Verwendung des „Kinderschutzes“ als Alibi-Funktion in


Deutschland von den verschiedenen Regierungen oft verwendet worden, um politi-
sche Ziele zu erreichen. Typisch ist die Idee des Lebensborns aus der Nazi-Diktatur.
Aber auch in der DDR gab es beispielsweise die Maßnahme, Kinder potenzieller Re-
publikflüchtlinge in Obhut zu nehmen, um sie auf diese Weise zu einer Rückkehr zu
bewegen bzw. am Verlassen der DDR zu hindern.184

Derzeit erlebt Deutschland eine „Neuauflage“ dieser alten Maßnahmen.


Nur sind die Motive heute etwas anders gelagert als noch vor zwanzig Jahren.
Ähnlichkeiten bestehen jedoch darin, dass der Staat die Kinder in eine institutionelle
Erziehung einweist, um die Eltern zu bestrafen bzw. sie zu einem bestimmten Tun
oder Unterlassen zu zwingen.
Wie das Beispiel der DDR gezeigt hat, sind derartige „Auswüchse“ im Zusammen-
hang mit einem Verstoß gegen die Menschenrechte ein Anzeichen für immanente
Fehler im System und oftmals Vorzeichen eines schweren gesellschaftlichen Zu-
sammenbruches.

183
Tageszeitung „Die Zeit“ vom 27.05.2009: SPD kippt von der Leyens Kinderschutzgesetz.
184
Kindesentzug und Zwangsadoptionen bei Verdacht auf Republikflucht in der ehemaligen DDR.
De.wikipedia.org/wiki/zwangsadoption.
Schwarzbuch Jugendamt 60

3.2. Kostenübernahme durch den Steuerzahler und die Eltern


Die Kosten für die Inobhutnahmen und Fremdunterbringungen versuchen die Ju-
gendämter über die Eltern einzuziehen. Da die Kosten mit durchschnittlich 4.000,00
EUR/Monat bis 6.000,00 EUR/Monat sehr hoch sind (2009: bis 7.000,00
EUR/Monat), können sie von den Eltern nur anteilig eingezogen werden. Viele Eltern
sind außerdem auf Sozialhilfe angewiesen und können sich maximal mit dem staatli-
chen Kindergeld (2009: 186,00 EUR/Monat) an den Kosten beteiligen. Daher werden
die restlichen Kosten für die stationären Maßnahmen von der Kommune übernom-
men. Das bedeutet: Den größten Teil der Kosten trägt die Kommune und damit der
Steuerzahler. 185

Die Kommunen werden durch die ständig steigenden Inobhutnahmen und Heimun-
terbringungen von Kindern mit Millionen-Beträgen belastet. Bezogen auf den Staats-
haushalt bestehen sogar Einsparpotenziale in zweistelliger Milliardenhöhe.

Kritiker gehen davon aus, dass alle Heimunterbringungen unnötig sind. Gemäß einer
Studie von 2008 befanden sich 2007 nur ca. 20% der Heimkinder wegen Verdachts
auf Misshandlung, Vernachlässigung oder Missbrauch im Heim, wobei dieser Ver-
dacht keineswegs bewiesen war. Etwa 80% der Kinder waren aus „anderen Grün-
den“ im Heim untergebracht.186
Das Jugendamt bezeichnet die Eltern der 80% anderen Kinder gerne als „überfor-
dert“. Das bedeutet in der Praxis z.B., es gab Streitigkeiten zwischen den Eltern und
den Mitarbeitern des Jugendamtes, die Mütter verweigerten das Umgangsrecht mit
den Vätern oder sie baten das Jugendamt um eine ambulante Erziehungshilfe für ein
Kind. Keiner der Eltern hätte jemals damit gerechnet, wegen solcher relativ belanglo-
sen Vorkommnisse das eigene Kind an das Jugendamt zu verlieren. Diese Kinder
sind ohne jegliche Notwendigkeit im Kinderheim. Ambulante Maßnahmen hätten völ-
lig ausgereicht. Eine Inobhutnahme solcher Kinder ist unangemessen im Sinne des
BGB und des SGB.

185
Pressemitteilung Nr. 005 vom 1701.2010, destatis.de, 60% der Eltern von Heimkindern erhalten Transferleis-
tungen.
186
www.jugendamtskritik.de/kritik/statistik.html. Die Statistik beruht auf Studien des statistischen Bundesamtes.
Es wird angenommen, dass nur ca. 23,9% der Kinder aus den klassischen Gründen für eine Inobhutnahme ins
Heim kommen. Aber auch dabei handelt es sich nur um Verdächtigungen gegenüber den Eltern, von denen sich
viele als falsch herausstellen. Bei den 23,9% sind Doppelnennungen enthalten.
Schwarzbuch Jugendamt 61

Zu diesem Schluss kommt auch eine Expertise des Bundesministeriums für Familie,
Senioren, Frauen und Jugend vom September 2004. Die Erfolge der ambulanten
Maßnahmen sind dort belegt und sprechen für sich.187
Das bedeutet, mindestens 80 % der Inobhutnahmen sind unnötig und können durch
ambulante Maßnahmen ersetzt werden. Wahrscheinlich sind es mehr als 80 %, da
Doppelnennungen in der Studie zu einer leichten Verzerrung der Begründungen füh-
ren. Experten gehen von bis zu 97 % unangemessenen Inobhutnahmen aus, da sich
erfahrungsgemäß nur in ca. 3 % der Vorwurf einer Gefahr für das Kind bestätigt.

Jugendämter betonen in diesem Zusammenhang oft, dass keine Dienstanweisung


besteht, nach der eine Inobhutnahme oder Heimunterbringung des Kindes unter al-
len Umständen vermieden werden muss.188
Das ist bedauerlich. Der Gesetzgeber ist aufgerufen, unbedingt Abhilfe zu schaffen,
damit Kinder nicht aus geringfügigen Gründen oder „vorsorglich“ vom Jugendamt in
Obhut genommen werden.189

Viel zu oft geht der Gesetzgeber von einer Art „Unfehlbarkeit“ des Jugendamtes aus.
Das Jugendamt hat eine Selbstverwaltung und entscheidet bei fachlichen Fragen zur
Kinder- und Jugendhilfe autonom. Dem entsprechend entscheidet es auch selbstän-
dig darüber, welche Kinder in Obhut genommen werden. Der § 1666 BGB gibt hier-
bei nur eine sehr kurze, weit auslegbare Richtlinie vor. Seit in der Rechtsprechung
zunehmend auch die Umgangsvereitelung als Begründung für eine Wegnahme der
Kinder angesehen wird, wurde der § 1666 BGB noch weiter aufgeweicht.190

Ab wann es sich z.B. bei einer Behinderung des Umganges um eine „Umgangsverei-
telung“ handelt und wie weit sie noch zulässig begründet ist, entscheidet das Ju-
gendamt vor Ort. So ist die Aussetzung der Umgangskontakte beispielsweise nicht
gerechtfertig, wenn der umgangsberechtigte Elternteil regelmäßig Drogen konsumiert
oder AIDS hat. Andererseits wurde bei Kettenrauchern in einigen Fällen sehr konse-

187
Ambulante Maßnahmen reichen in den meisten Fällen auch aus. Siehe Spangler, G (2004): Wirksamkeit
ambulanter Jugendhilfemaßnahmen bei Misshandlung bzw. Vernachlässigung, Expertise im Auftrag des Projek-
tes Kindeswohlgefährdung und ASD. Erstellt im September 2004 für das Bundesministerium für Familie, Senio-
ren, Frauen und Jugend der Bundesrepublik Deutschland.
188
Der Westen, Interview mit dem Leiter des Jugendamts Essen, Ulrich Engelen vom 11.11.2008, Titel: Mehr
Familien brauchen Hilfe bei Erziehung, Corinna Weiß.
189
Seit der Reform des Kindschaftsrechtes durch das SGB VIII 1990 haben die Jugendämter keine Fachaufsicht
mehr und können Kinder ohne Genehmigung der Gerichte aus den Familien nehmen. Siehe § 79 SGB VIII.
190
Seit der Neufassung des § 1666 BGB vom 12.07.2008 hat das Jugendamt noch mehr Freiheiten, die Kinder
noch schneller und unbürokratischer aus den Familien herauszunehmen und in Heime einzuweisen. Es besteht
nicht einmal mehr die Notwendigkeit, dass vorher ambulante Hilfen angeboten wurden.
Schwarzbuch Jugendamt 62

quent durchgegriffen und der Umgang eingeschränkt. Auch hier unterliegt die Recht-
sprechung somit einem gewissen Mode-Trend sowie einer Form der „Political Cor-
rectness“.191

Wann sich ein Kind bei den Eltern in Gefahr befindet, hängt letztendlich von der Auf-
fassung des gerade zuständigen Jugendamtsmitarbeiters ab.

So wurde beim Jugendamt Essen im Mai 2007 ein Vater, der sein Kind nach einem
Besuchskontakt „zu lange“ umarmte, von „zufällig“ anwesenden Polizeibeamten von
Kind getrennt und danach in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen.
Ein ebenfalls „zufällig“ anwesender Psychiater des Jugendamtes attestierte ihm eine
schwere psychische Störung. Er habe sein Kind so sehr an sich gedrückt, dass er es
fast erstickt hätte.192
Natürlich ist nicht davon auszugehen, dass es die Absicht dieses Mannes war, sei-
nem Kind etwas zu Leide zu tun, aber das Jugendamt hat es in diesem Fall so aus-
gelegt.

Leider ist der betroffen Vater aus Essen kein Einzelfall. Viele Eltern berichten davon,
die Mitarbeiter der Jugendämter hätten ihnen „Wahrnehmungsstörungen“ unterstellt,
weil sie an ihren Kindern im Besuchskontakt bestimmte Beobachtungen, wie blaue
Flecken oder Verhaltensauffälligkeiten gemacht hatten und die Jugendamtsmitarbei-
ter darauf ansprachen. Hätte der beschriebene Vater einen Zeugen oder Beistand
mitgebracht, wäre die Aktion des Jugendamtes möglicherweise anders verlaufen.
Nach § 13 SGB X steht den Eltern für alle Behördengänge, Besprechungen und Ver-
handlungen mit dem Jugendamt das Recht zu einen Zeugen oder Beistand ihrer
Wahl mitzubringen. Einige Juristen raten sogar bei Behördengängen, mindestens
zwei Zeugen hinzuzuziehen. Von den Jugendamtsmitarbeitern wird dieses Verhalten
sehr ungern gesehen. Sie verstecken sich dann meist hinter der Aussage, zu den
Umgangskontakten sei vom Gericht kein Zeuge oder Beistand zugelassen. Diese
Aussage ist rechtlich äußerst umstritten, da das Recht auf einen Zeugen nach dem
Rechtsstaatsprinzip die „rechtsunkundige“ Privatperson vor einer Benachteiligung
durch die Behörde schützen soll.

191
Siehe Kommentare zum § 1666 BGB, insbes Palandt. Die „missbräuchliche Ausübung der elterlichen Sorge“
als Kriterium des § 1666 BGB lässt einen breiten Spielraum für die Wegnahme des Kindes.
192
www.vaeternotruf.de/jugendamt-essen.htm. Geistig verwirrter Mann sorgt für Poliseieinsatz in Jugendamt,
www.wer.de/themen/kurzmeldungen/2007/05/27/verwirrter_sorgt_für _polizeieinsatz_.jhtml. Fall in Essen-
Rüttenscheid. Vater ins Psychiatrie eingewiesen.
Schwarzbuch Jugendamt 63

So weichen die Jugendämter beispielsweise von den im Gesetz vorgeschlagenen


14-tägigen Mindestumgang ab und verkürzen die Besuchszeiten willkürlich. Der
Nachweis dieser verkürzten Besuchszeiten ist jedoch nur mit Hilfe eines Zeugen oder
Beistandes möglich.

Das typische Argument der Jugendämter lautet, die Kinder sollten „zur Ruhe kom-
men“, indem sie ihre Eltern möglichst wenig sehen. Kinder, die einen guten Kontakt
zu ihren Eltern haben und ständig danach verlangen, dass sie nach Hause zurück-
kommen, sind für das Jugendamt schwerer zu händeln. Daher wird fast immer eine
emotionale Trennung von den Eltern herbeigeführt.193 Diese Vorgehensweise war
vom Gesetzgeber in dieser Form jedoch nicht vorgesehen. Die Rückführung des
Kindes in sein Elternhaus wird im SGB VIII als oberste Prämisse genannt.194
Die Aufgabe der Jugendämter besteh demnach darin, die Eltern soweit zu unterstüt-
zen und „fit zu machen“, dass sie in der Lage sind, selbst für ihren Nachwuchs zu
sorgen. Die Entfremdung des Kindes von den Eltern durch das Jugendamt ist damit
ein klarer Verstoß gegen SGB VIII.

Eine Einbeziehung der Eltern in die Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe kann
durch ambulante Maßnahmen wesentlich besser geleistet werden als durch die stati-
onäre Unterbringung. Die stationäre Unterbringung schließt die Eltern von einer Mit-
hilfe aus und stellt nur auf die Isolierung des Kindes ab. In der Bindungstheorie stel-
len Eltern und Kind eine Einheit dar. Diese Einheit wird vom Jugendamt vorsätzlich
durch die Inobhutnahme zerstört.195

Die Folge besteht in einer Desorientierung des Kindes. Es wird seiner Wurzeln, sei-
nes Schutzes und seines Wertesystems beraubt. Daher sollten Heimunterbringungen
nach SGB VIII nur in absoluten Notfällen durchgeführt werden, wenn keine Alternati-
ve zur Verfügung steht. In der Praxis werden Alternativen zur Inobhutnahme aber
meist gar nicht überprüft. Offenbar besteht auch dazu keine Dienstanweisung für die
Jugendämter. Im Gegenteil wird die Inobhutnahme nicht als Notlösung nach einge-
hender Prüfung aller Verhältnisse sondern als das „Mittel der Wahl“ verwendet, das
auch bei minder schweren Fällen oder sogar Meinungsverschiedenheiten eingesetzt
wird, um die Eltern zu „erziehen“. Als Erziehungsmittel darf die Inobhutnahme jedoch

193
Merkblatt des Jugendamtes: Das Kind soll endlich zur Ruhe kommen. September 2009, Vgl. Zeitschrift für
das gesamte Familienrecht, 42. Jg. Heft 2a, 15.12.1995, S. 1529 f.
194
§ 34 SGB VIII. Ziel ist die Rückführung des Kindes in die Ursprungsfamilie.
195
PAS, de.wikipedia.org/wiki/Eltern-Kind-Entfremdung.
Schwarzbuch Jugendamt 64

lt. Wortlaut des SGB VIII grundsätzlich nicht eingesetzt werden – egal ob es sich um
eine Erziehungsmaßnahme gegenüber den Eltern oder gegenüber dem Kind han-
delt.196

Während das Gesetz eine „vorsorgliche Inobhutnahme“ nicht kennt, wenden die Ju-
gendämter in Deutschland dieses Mittel in der Praxis immer wieder an. Zunehmend
stellt sich später bei Gericht heraus, dass eine Inobhutnahme unnötig war. Die Kinder
erleiden durch eine unnötige Inobhutnahme schwerste Traumata und müssen oft
noch Jahre später wegen der Folgen solcher Fehler des Jugendamtes medizinisch
behandelt werden.197

Inzwischen haben die Zahlen für Fremdunterbringungen unerhörte Ausmaße er-


reicht. In manchen Städten, wie z.B. Essen, befand sich 2008 umgerechnet jedes 4.
Kind eines Hartz-IV-Empfängers im Kinderheim.198
Mit der Zunahme von Sozialhilfe-Empfängern aufgrund der Wirtschaftskrise seit 2008
gehen die Kritiker von einer weiteren Erhöhung der fremduntergebrachten Kinder
aus. Dabei sind es längst nicht mehr nur Kinder aus sozial schwachen Familien, die
in einem Kinderheim kommen. Seit der Aufnahme von Umgangsrechtsverweigerung
in den „Gefahrenkatalog“ des § 1666 BGB werden auch immer öfter Kinder aus Aka-
demiker-Familien herausgenommen. Besonders dann, wenn sie hochbegabt sind.199

Hierbei ist nicht ersichtlich, in wieweit einem Akademiker-Kind mit der institutionellen
Erziehung in einem Kinderheim besser geholfen werden kann als mit einer Beratung
der Eltern. Sog. „Akademiker-Eltern“ sind i.d.R. stärker in der Kindererziehung enga-
giert und finanziell gut gestellt. Grundsätzlich kann man außerdem bei Akademikern
von einer guten Erziehungsfähigkeit ausgehen, auch wenn einige psychologische
Gutachten Einzelpersonen etwas anderes bescheinigen.200 In der Praxis sind Fern-

196
Pressemitteilung von destatis.de, Nr. 234 vom 25.06.2009. Steigerung der Inobhutnahmen um 14% innerhalb
eines Jahres.
197
Trauma durch die Herausnahme aus der Familie. www.mutter-kinder.de/pageID4939.html.
198
Hochrechnung nach konkreten Zahlen der Unterbringungen von Kindern in Heimen und Pflegefamilien au-
ßerhalb des Elternhauses. Da die meisten Heimkinder aus Hartz-IV-Familien herausgenommen werden, ergibt
sich bei Hochrechnung der Daten ein Satz von ca. 25% für 2008.
199
www.netzwerk-bildungsfreiheit.de/pdf/ministerium%20wegen%20schulamt.pdf. Kind sollte wegen angebli-
cher Schulphobie von Eltern weggenommen werden. Kind war hochbegabt. Eltern wehrten sich.
200
www.uni-protokolle.de. Akademiker-Kinder studieren häufiger. Artikel vom 30.01.2009 idw, Deutsches
Studentenwerk. Von 100 Akademikerkindern studieren 83, von Nicht-Akademiker-Kindern nur 23. Die Förde-
rung der Kinder in Akademikerfamilien ist besser.
Schwarzbuch Jugendamt 65

gutachten weit verbreitet und die Gutachter haben nicht selten die Eltern gar nicht
persönlich kennen gelernt.201

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass die momentane Favorisierung der


Fremdunterbringung und vorsorglichen Inobhutnahme von Kindern nicht nur zu einer
enormen Belastung der kommunalen Haushalte führt, sondern ein Nutzen für die be-
troffenen Kinder in einer großen Zahl der Fälle nicht nachgewiesen ist.

Die Finanzierung dieser Maßnahmen über den kommunalen Haushalt sollte daher
eingehend überdacht und geprüft werden.

Exakte Zahlen über die Menge der Kinder, die sich in Deutschland in Fremdunter-
bringung befinden, sind bisher nicht zu bekommen. Die Jugendämter schieben die
Kinder ständig zwischen verschiedenen Stellen hin und her, so dass absolute Zahlen
schwer zu ermitteln sind. Der Heimkinderverband schätzt, dass sich ca. 300.000 bis
350.000 Kinder in einer permanenten Fremdunterbringung außerhalb ihres Eltern-
hauses befinden. Diese Zahl deckt sich mit einer Hochrechnung der ca. 30.000 bis
40.000 Inobhutnahmen pro Jahr, die vom statistischen Bundesamt ermittelt wurde.

Bei einem Kostensatz von ca. 4.000,00 EUR/Monat bis 7.000,00 EUR/Monat kommt
man auf jährliche Kosten im Bereich von über 20 Milliarden EUR/Jahr. Das ist ein
riesiges Einsparpotential für Städte und Kommunen.202

201
www.humanesrecht.com Die Erstellung von Ferngutachten (z.B. nur aufgrund von Aktenlage) ist unzuläs-
sig!!!!
202
Das Jugendamtes Essen bestätigte z.B. am 22.08.2008 ca. 5.000 EUR/Monat als Kosten für die Fremdunter-
bringung in einem Kinderheim.
Schwarzbuch Jugendamt 66

3.3. Ansatzpunkte für eine neue Familienpolitik


Aufgrund der Defizite bei der bisherigen Handhabung von Inobhutnahmen und He-
rausnahmen durch die Jugendämter stellt sich zwangsläufig die Frage, was man
besser machen könnte, d.h. wo die Ansatzpunkte für eine neue Familienpolitik lie-
gen.

Ein wichtiger Bereich wird gegeben durch die verstärkte Umsetzung ambulanter
Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe, welche direkt in den Familien ansetzt und
die Kinder dabei im Elternhaus beläßt. Diese könnten die stationären Maßnahmen
außerhalb des Elternhauses nach einer Expertise des Bundesministeriums für Fami-
lie, Senioren, Frauen und Jugend vom September 2004 fast vollständig ersetzen.
Das Ziel einer ambulanten Hilfe ist die Unterstützung und Begleitung der Familie vor
Ort. Die ambulante Hilfe geht davon aus, dass eine Herausnahme des Kindes aus
seinem gewohnten sozialen Umfeld immer nur die letzte Möglichkeit darstellt. Zuvor
sollten zum Wohle des Kindes alle Alternativen ins Kalkül gezogen werden, damit ein
Kind nicht mit Gewalt aus seinem gewohnten Umfeld herausgenommen wird und
durch diese gewaltsame Herausnahme Schaden erleidet.
Hierzu gehört vor allem die Beratung und Unterstützung der Eltern eines als
„gefährdet“ eingestuften Kindes. Erst dann stellt sich heraus, ob das Kind dort
tatsächlich gefährdet ist.203

Die Eltern sollten soviel Vertrauen in das Jugendamt haben können, dass sie nicht
befürchten müssen, ihre Kinder zu verlieren.

Die momentane Politik der übereilten, „vorsorglichen“ Inobhutnahmen setzt daher


das falsche Signal. Sie schürt die Angst der Eltern, dass ihnen die Kinder wegge-
nommen werden, wenn sie sich an das Jugendamt wenden. 204

Leider ist diese Angst begründet, wie Beispielfälle aus der jüngsten Vergangenheit
zeigen. So wandte sich eine Mutter von drei Kindern nach der Scheidung hilfesu-
chend an das Jugendamt ihrer Stadt, weil sie mit dem ältesten Kind Probleme hatte.
203
Im SGB XII (2005) bzw. seinem Vorläufer dem BSHG (1962) wurde 1984 mit § 3a BSHG eingeführt, dass
ambulante Maßnahmen vor stationären Hilfen zu bevorzugen sind. Im KJHG bzw. SGB VIII fehlt ein solcher
Passus. Dort steht lediglich, dass Inobhutnahmen und damit stationäre Unterbringungen der Kinder als letztes
Mittel eingesetzt werden sollen. Aber eine Entscheidung über die Maßnahmen obliegt wegen mangelnder Wei-
sungsbefugnis der Gerichte den jeweiligen Jugendämtern selbst.
204
Die Gruppe CEED kämpft seit Jahren gegen die Inobhutnahmen von Kindern ausländischer Mitbürger. Sie
hat mehrere Fälle von Kindeswegnahmen dokumentiert. Die Eltern haben kein Vertrauen mehr ins Jugendamt.
Schwarzbuch Jugendamt 67

Sie hoffte auf eine personelle Entlastung über einen kurzen Zeitraum, z.B. durch eine
Haushaltshilfe oder eine stundenweise begleitende Erzieherin. Stattdessen nahm ihr
das Jugendamt sofort alle drei Kinder weg, gab das jüngste Kind in eine Pflegefami-
lie und die älteren beiden Kinder in ein Kinderheim. Die Mutter darf ihre Kinder einige
Male im Monat für eine Stunde besuchen. Hätte sie die Reaktion des Jugendamtes
vorhersehen können, wäre sie niemals auf die Idee gekommen, dort um Hilfe zu bit-
ten.205

In einem anderen Scheidungsfall fragte eine Mutter beim Jugendamt wegen der Be-
antragung von Unterhaltsleistungen nach. Ihr Ex-Mann verweigerte den Unterhalt.
Sie erhielt sofort einen Termin. Aber nicht zur gewünschten Beratung, wie man den
Unterhalt beantragt, sondern zur Besprechung der Umgangstermine mit dem Vater.
Eine Leistung, um die weder sie noch der Ex-Mann nachgefragt hatten, weil sie sich
längst einig waren. Das Jugendamt versuchte sodann im Termin gegen den Wunsch
der Eltern eine Umgangslösung durchzusetzen, an der es als „Dritte Partei“ beteiligt
wurde und bewertete die Weigerung der Eltern, das Jugendamt zu beteiligen, als
Unkooperativität. Schließlich drohte es mit der Wegnahme des Kindes.206
Dabei besteht rein rechtlich keine Verpflichtung, das Jugendamt zur Umgangsrege-
lung hinzuzuziehen.

Solche Fälle zeigen die Dramatik, die hinter den einzelnen Schicksalen steckt. Die
Zusammenhänge sind so komplex, dass nur individuelle Lösungen erfolgverspre-
chend sein können. Für solche individuellen Lösungen fehlt den meisten Kommunen
Personal und Geld, zumindest dann, wenn die Zahl der Scheidungen weiterhin so
stark zunimmt, wie bisher.207

Es ist jedoch eine verfehlte Politik, auf dieses Problem mit Inobhutnahmen zu reagie-
ren. Diese Politik hält die elterliche Zielgruppe, welche die Kinder- und Jugendhilfen
der Jugendämter am dringendsten benötigt, von der Beantragung dieser Hilfen ab.208

Hinzu kommt, dass die Politik der „vorsorglichen“ Inobhutnahme zwar für die Ju-
gendämter die einfachste Lösung darstellt, aber zugleich für die Städte und Kommu-
nen auch die teuerste. Von den durchschnittlichen Kosten einer einzelnen Inobhut-
205
Stern.de, Bericht vom 13.05.2008, „Alle murksen vor sich hin“. Eltern bitten Jugendamt um Hilfe und be-
kommen Kind weggenommen.
206
Panorama Nr. 706, Kindesentzug, Die Allmacht der Jugendämter, Bericht vom 22.01.2009, Fallbeispiel.
207
Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, Pressemitteilung Nr. 251, vom 0807.2009, Steigerung um 3%.
208
RP-online.de, Artikel vom 29.11.2007, Angst vor dem Jugendamt.
Schwarzbuch Jugendamt 68

nahme können vier bis fünf ambulante Hilfen und Beratungen in den Familien finan-
ziert werden. Damit wäre mehr Kindern geholfen und die vermehrte Umstellung auf
ambulanten Hilfen könnte bei gleichen Kosten für die Kommunen zusätzliche Ar-
beitsplätze im Pflegebereich schaffen.209

Bisher haben die Jugendämter das Potenzial der ambulanten Pflege noch nicht er-
kannt. Die Selbstverwaltung der einzelnen kommunalen Jugendämter verhindert au-
ßerdem, dass eine Bevorzugung der ambulanten Maßnahmen von einer übergeord-
neten Stelle angeordnet werden kann.
Die Landesjugendämter und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen
und Jugend befinden sich in sofern in einem Dilemma, dass sie gegenüber den
kommunalen Jugendämtern nicht anordnungsbefugt sind.210 Dieses Dilemma wird
von ihnen gerne dadurch „kaschiert“, dass sie die Entscheidungen der jeweiligen Ju-
gendämter vorbehaltlos unterstützen. Auf diese Weise wird die fehlende Anord-
nungsbefugnis über eine hierarchisch eigentlich niedrigere Behörde nicht zum The-
ma. Grundsätzlich handelt es sich jedoch um eine juristische „Fehlkonstruktion“, da
sie die Kontrollmöglichkeiten der übergeordneten Stellen wesentlich beschneidet.

Vor diesem Hintergrund wäre es notwendig, eine Fachaufsicht über die einzelnen
kommunalen Jugendämter einzuführen und gleichzeitig zu überwachen, dass die
Effektivität der gewählten Kinder- und Jugendhilfemaßnahmen in einem vernünftigen
Kosten-Nutzen-Verhältnis steht. Die Jugendämter sind nicht zuletzt auch wegen ei-
genartiger Maßnahmen, wie der Verschickung schwer erziehbarer Jugendlicher in
beliebte Urlaubsländer, in die Kritik geraten und konnten nur schwer rechtfertigen,
was an einer Therapie in Spanien besser war als an der gleichen Therapie in
Deutschland.211

Da es sich um einen sozialen Bereich handelt, sollten die Kosten nicht die oberste
Maxime darstellen. Vielmehr sollte der Focus auf dem Kindeswohl liegen. Aber gera-
de das Kindeswohl wird durch die Politik der Masseninobhutnahmen immer weniger

209
Der Westen, 11.11.2008, Interview von Corinna Weiß mit Ulrich Engelen, Jugendamt Essen: Ambulante
Maßnahmen kosten ca. 15.000 EUR/Jahr und Heimplatz ab 45.000 EUR/Jahr, aber es gibt keine Dienstanwei-
sung, nach der eine Heimunterbringung unter allen Umständen vermieden werden muß.
210
§ 79 SGB VIII (1991). Gerichte sind gegenüber Jugendamt nicht anweisungsbefugt.
211
Stellungnahme des Heimkinderverbandes zur Bundestagswahl 2009.
www.heimkinderverband.de/newsletter9_09.pdf. Der Verband schätzt, daß mehr als 300.000 Kinder in Deutsch-
land im Heim untergebracht sind. Die TV-Sendung Mona-Lisa (ZDF, 30.05.2010) spricht davon, daß 350.000
Kinder ihre Eltern „nur zeitweise sehen dürfen“.
Schwarzbuch Jugendamt 69

berücksichtigt, indem die sozialen Bindungen eines Kindes durch die gewaltsame
Herausnahme aus der Familie zerstört werden und diese gewaltsame Vorgehens-
weise schwere Trauma bei den Kindern und ihren Familien hervorruft.212

Noch schlimmer: Das Vertrauen ganzer Bevölkerungsgruppen, insbes. der geringer


verdienenden Eltern, geschiedenen Eltern und der Mütter und Väter, die Hartz-IV
empfangen, hat unter dem exzessiven Gebrauch der Inobhutnahmen erheblich gelit-
ten.
Aufgrund dieser Zerstörung der Vertrauensbasis zwischen Eltern und Jugendamt
ergibt sich zwangsläufig die Frage, ob eine solche Institution ihre originäre Aufgabe
der Beratung und Unterstützung von Eltern grundsätzlich noch nachkommen kann.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat diese Frage ebenfalls gestellt.
Er konstatierte allein in 2007 mehr als 250 Petitionen gegen deutsche Jugendämter
und rief in mehreren Beschlüssen, die Bundesregierung zum Handeln auf, die Ju-
gendämter zu überwachen und zu verhindern, dass durch diese Behörde weiterhin
Menschenrechtsverletzungen im Namen des Kindeswohls begangen werden.
Die Institution Jugendamt existiert nur in Deutschland und Österreich. Kein anderes
Land der Welt hat eine eigene Institution für die Kinder- und Jugendhilfe, die mit so
großen Befugnissen ausgestattet ist, wie das Jugendamt.213

In den anderen Staaten werden die Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe i.d.R.
durch die Innenministerien oder Gesundheitsämter koordiniert und überwacht. Die
übergeordneten Stellen können fachlich und rechtlich in die Entscheidungen der Ju-
gendschutzbehörde eingreifen und ggf. Fehler umgehend korrigieren.214
Auch sind dort die Jugendämter gewöhnlich nicht per Gesetz als eigene Partei an
den Scheidungs- und Sorgerechtsverfahren beteiligt. Diese Funktion im Gericht war
ursprünglich dazu gedacht, die Interessen des Kindes zu stärken. Sie ging jedoch
mehr und mehr verloren, bis sogar ein eigener Verfahrenspfleger als „Anwalt des
Kindes“ eingeführt werden musste.215

212
Wapedia.mobi/de/Hospitalismus. Begleiterscheinungen von Heimaufenthalten bei Kindern, wie bei Folter
oder Isolationshaft.
213
Pressemitteilung.ws/tag/Europäisches+Parlament.42786/. Mitteilung vom 28.12.2008, CEED, Heinz-Peter
Tjaden. Betr. Jugendämter: Von Paris über Holzen nach Wilhelmshaven: Petitionsausschuß des Europäischen
Parlamentes hat es schwer. Es lagen zu diesem Zeitpunkt ca. 200 Petitionen von Eltern wegen Menschenrechts-
verletzungen durch die Jugendämter vor.
214
www.vaeterffuerkinder.de/jugendamt.html. Wer kontrolliert das Jugendamt?
215
www.sgvviii.de/s147.html. Aufgabenteilung zwischen Verfahrenspfleger („Anwalt des Kindes“) und Jugend-
amt in den verschiedenen Fallsituationen von § 50 FGG, Konrad Stolz.
Schwarzbuch Jugendamt 70

In deutschen Sorgerechtsprozessen sind seitdem vielfach neben den Eltern und ih-
ren Rechtsanwälten noch mehrere Personen des zuständigen Jugendamtes, ggf.
auch Pfleger des Jugendamtes, und ein Verfahrenspfleger beteiligt. Mehr als die
Hälfte der im Gerichtssaal anwesenden Personen können Vertreter des Jugendam-
tes sein. Sollte das noch nicht reichen, um zu einer Urteilsfindung im Sinne des Ju-
gendamtes zu kommen, beantragt es die Erstellung eines familien-psychologischen
Gutachtens. Dieses wird meist durch einen Psychologen erstellt, der selbst einmal in
einer Einrichtung des Jugendamts tätig war oder eine eigene Praxis hat, die ihn auf
eine gute Zusammenarbeit mit dem Jugendamt angewiesen macht. Selbst Ferngut-
achten sind keine Seltenheit.216

Gegenüber dieser staatlichen bzw. jugendamtlichen „Übermacht“ fällt es den Eltern


zunehmend schwerer, ihre Interessen zu vertreten. Als Folge davon enden immer
mehr Sorgerechtsprozesse mit einem gänzlichen Entzug des Sorgerechtes von bei-
den Eltern und der Übertragung auf das Jugendamt. Die Eltern haben kaum Mög-
lichkeiten, sich dagegen zu wehren. Schließlich dient ein offizielles, gerichtliches
Gutachten als „Beweis“ ihrer angeblichen Erziehungsdefizite.217
Selbst Lehrern und Professoren wurde auf diese Art schon die Erziehungsfähigkeit
für ihre eigenen Kinder abgesprochen, obwohl diese Personengruppen ihre pädago-
gische Eignung in einem staatlichen Prüfungsverfahren nachweisen müssen, d.h.
aufgrund ihres Berufsbildes bereits grundsätzlich von einer positiven Erziehungsfä-
higkeit auszugehen ist.218

Da die Diskriminierung von Eltern bei der Erziehung immer größer wird, haben sich
inzwischen einige Vertreter von Kirchen und Sozialverbänden eingeschaltet.219
Der momentane Trend von Jugendämtern und Familiengerichten geht deutlich zur
institutionellen Erziehung. Sobald Probleme in den Familien auftreten, werden die
Kinder aus den Familien herausgenommen und ins Heim eingewiesen, um sie vor

216
Ferngutachten bedeutet, der Arzt bzw. Gutachter hat die Person, über die ein Gutachten verfasst wird, nicht
persönlich untersucht. Solche Gutachten sind nach dem Ärztegesetz unzulässig. Sie werden als unwissenschaft-
lich angesehen. Nach den Richtlinien des Gutachterverbandes BDP-Verband hat der psychologische Gutachter
eine Sorgfaltspflicht. In den BDP-Richtlinien für die Gutachten vorgelegt vom Berufsverband Deutscher Psycho-
logen, e.V. (A. Kühn, 2000, GRIN-Verlag) heißt es: Wenn die Teilnahme an einem psychologischen Gutachten
verweigert wird, darf kein Gutachten abgegeben werden, sondern nur eine psychologische Stellungnahme.
217
Destatis.de, Pressemitteilung Nr. 261 vom 18.07.2008: Zahl der Sorgerechtsentzüge 2007 um 13% gestiegen.
218
Zum Berufsbild des Erziehers, Lehrers und Professors gehören pädagogische Fähigkeiten bzw. die pädagogi-
sche Eignung, die er in einer staatlichen Prüfung nachweisen muß. Die einzelnen Berufungsverordnungen gehen
auf diesen Umstand ein. (siehe: Berufsbild des Erziehers, IHK).
219
Mehrkindfamilien sind von der Diskriminierung besonders stark betroffen. Mehrkindfamilien gelten bei min-
destens drei Kindern. de.wikipedia.org/wiki/mehrkindfamilie.
Schwarzbuch Jugendamt 71

den „bösen Eltern“ zu beschützen. Immer weniger junge Paare sind unter diesen Be-
dingungen bereit, Kinder zu bekommen.220
Die jungen Frauen reagieren auf die momentane Politik der vermehrten Inobhutnah-
men mit einem „Zeugungs-Streik“. Die Paare leben als Doppelverdiener ohne Kinder
(engl. DINKS) zusammen, genießen die Vorteile des höheren Einkommens und der
Selbstbestimmung, belasten dafür aber im Alter den Staat, der mangels Angehöriger
bis zu 100% für die Kosten ihrer Versorgung aufkommen muss.221

Das wirkt sich deutlich auf die Demographie in Deutschland aus. Immer weniger Ge-
burten steht eine wachsende Anzahl von immer älteren Menschen gegenüber. Die
Alterspyramide hat sich umgekehrt und bereits dazu geführt, dass das Rentenalter
von 65 Jahren auf 67 Jahre heraufgesetzt werden musste, um eine Entlastung der
Rentenkasse zu gewährleisten.222

Weniger junge Menschen bedeuten vor allem auch weniger Steuerzahler und damit
in Zukunft weniger Steuereinnahmen für die Kommunen, Länder und den Staat.

Auf diese Weise bestraft sich der Staat mit seiner verfehlten Familienpolitik langfristig
selbst.

Alle Versuche der Bundesregierung die Geburtenraten wieder zu steigern, sind bis-
her fehlgeschlagen, obwohl Millionenpakete für die Kinder- und Jugendhilfe aufge-
wendet wurden. Die Programme zum „Schutz“ der Kinder verfehlen ihre Wirkung bei
den potenziellen Eltern, die bei einer Familienplanung grundsätzlich von einem posi-
tiven Familienbild ausgehen, und aufgrund der Schreckensmeldungen über Kindes-
misshandlungen und Hysterie der Jugendämter eher vom Kinderwunsch abge-
schreckt werden.

Studien haben in den letzten Jahren gezeigt, dass es leichter ist, Eltern dazu zu be-
wegen, ein zusätzliches Kind zu bekommen, als bei kinderlosen Paaren den Wunsch
nach einem Kind zu erzeugen.223 Trotzdem spricht die momentane Familienpolitik

220
Der Rückgang der Geburtenrate in Deutschland wird zunehmend zum Problem. Siehe Bericht in der Süddeut-
schen Zeitung, 09.03.2009, Weniger Geburten trotz Elterngeld.
221
Im Englischen hat sich für diese Lebensweise (doppeltes Einkommen ohne Kinder) der Begriff DINKs her-
ausgebildet. DINKS = double income, no kids, siehe auch de.wikipedia/wiki/double_income_no_kids.
222
Vgl. Kaiser, M., Kehle, J. (2004): Die Folgen des demographischen Wandels in der Bundesrepublik Deutsch-
land, Seminararbeit, veröffentlicht über GRIN-Verlag.
223
www.faz.net, Bericht vom 27.03.2006. „Ein Begrüßungsgeld für Kinder wäre gut“. Der Soziologe Hans-Peter
Kohler referiert darüber, wieso Paare in Schweden schneller ein zweites Kind bekommen.
Schwarzbuch Jugendamt 72

der Bundesregierung fast nur die kinderlosen Paare an und benachteiligt mit Eingrif-
fen in die Persönlichkeitsrechte und Überwachungsmentalität der Jugendämter zu-
nehmend die Eltern mit mehreren Kindern.
Die meisten Paare in Deutschland haben bereits erklärt, dass sie sich bei den derzeit
in Deutschland herrschenden politischen Verhältnissen nur noch maximal für ein
Kind entscheiden, weil mehrere Kinder die Familien in finanzielle und soziale Prob-
leme stürzen. Die Lebensbedingungen für Familien sind somit im „Wohlstandsstaat“
Deutschland denkbar schlecht.224

Während andere Länder, wie China, noch immer Probleme haben, die staatlich ver-
ordnete Ein-Kind-Politik durchzusetzen225, verzichten junge Paare in Deutschland auf
Kinder. Lange Zeit wurde dafür der steigende Egoismus der Individuen verantwortlich
gemacht. Von einem zunehmenden Narzissmus der Ehepartner war die Rede, der
angeblich auch der Grund für die hohe Scheidungsrate sei.226
Inzwischen stellt sich immer mehr heraus, dass diese Entwicklung mit dem Wunsch
junger Frauen nach einem eigenen Kind grundsätzlich nichts zutun hat. Viele junge
Frauen bekommen heutzutage Kinder, obwohl sie keinen festen Lebenspartner ha-
ben und immer mehr junge Frauen verzichten sogar bewusst auf einen Vater für ih-
ren Nachwuchs, um das Kind „für sich“ zu haben und bei einem Scheitern der Bezie-
hung nicht Gefahr zu laufen, es an den früheren Lebenspartner zu verlieren bzw. es
mit ihm teilen zu müssen.227

Hierbei zeichnet sich ein neuer Trend ab. Einige junge Frauen leben in reinen Frau-
engemeinschaften zusammen, um ihre Kinder aufzuziehen. Diese Gemeinschaften
haben i.d.R. nichts mit eingeschlechtlicher Liebe zutun, sondern dienen rein der Ver-
sorgung der Kinder.
In der Wahrnehmung junger Frauen fällt der Mann in seiner ursprünglichen Funktion
als Ernährer und Oberhaupt der Familie immer öfter aus, weil sie selbst entweder

224
Bericht der Tageszeitung „Die Welt“ vom 12.01.2005. „Bewusster Verzicht auf Kinder“. Dorothea Siems.
Klima in Deutschland wird zunehmend als kinderfeindlich empfunden.
225
www.forumchina.de/chinas-ein-kind-politik. In Europa wird diese Politik kritisiert, weil ein Grundrecht der
Menschen beschnitten wird, so viele Kinder zu bekommen, wie man sich wünscht. Aber hier in Deutschland
wird durch die Inobhutnahmen der Jugendämter ein ähnlicher Effekt ausgelöst.
226
Soziologen gehen davon aus, dass wir in einer Ellenbogengesellschaft oder Ego-Gesellschaft leben. Das be-
deutet, dass moralische Grundwerte und Traditionen immer mehr nachlassen. Der Gemeinsinn nimmt ab. Da-
durch werden auch die Ehen beeinträchtigt. Vgl. Beck, U. (1998): Kinder der Freiheit, Surkamp, Frankfurt/Main.
227
Vgl. Mayer, S. (2005): Deutschland, armes Kinderland. Wie die Egogesellschaft unsere Zukunft verspielt.
Plädoyer für eine neue Familienkultur, Frankfurt/Main
Schwarzbuch Jugendamt 73

aus einer Scheidungsfamilie stammen oder schon eine gescheiterte Beziehung hin-
ter sich haben.
Das Problem besteht darin, dass das Vertrauen breiter Bevölkerungsschichten in die
Vater-Mutter-Kind-Familie als kleinste soziale Einheit verloren gegangen ist. Wie Kir-
chen und Sozialverbände zu Recht beklagen, gibt es immer weniger Familien, die
der jungen Generation ein funktionierendes Familienleben, ggf. sogar in einer Mehr-
generationenfamilie vorleben können.

Die Jugendämter haben diesem Trend nichts entgegenzusetzen, sondern verstärken


ihn im Gegenteil noch, indem sie im Konfliktfall Partei für einen der Ehepartner er-
greifen und sofort zu gerichtlichen Schritten gegen den anderen Elternteil raten, wo-
durch die Kommunikation von der persönlichen Ebene auf die Ebene zwischen
Rechtsanwälten verlagert wird.228 Beratung oder Diskussion zwischen den Eltern
wird von den Jugendamtsmitarbeitern kaum noch unterstützt. Gründe für ein be-
stimmtes Verhalten nicht hinterfragt oder die Beschwerden von Eltern ignoriert. Das
Jugendamt nimmt somit seine Funktion als Berater oder Mediator zwischen den El-
tern nicht mehr wahr, sondern bezieht je nach sozialem Trend und Meinung der sog.
„Political Correctness“ Stellung gegen einen oder beide Elternteile.

Ein wichtiger Grund hierfür könnte in der mangelnden Qualifikation der Jugendamts-
mitarbeiter liegen. Die angebotenen Hilfen werden von den Eltern oft als nicht-
sachgerecht wahrgenommen, wodurch die Verhärtung der Fronten im Scheidungs-
verfahren von den Jugendämtern weiter vorangetrieben wird.
So lauten die typischen Beschwerden, die von Eltern gegen die Jugendämter vorge-
bracht werden, dass sich die von den Jugendämtern vorgeschlagenen Maßnahmen
mit der Lebenssituation der Eltern nicht vereinbaren ließen und auf individuelle Be-
dürfnisse des Kindes, wie z.B. Krankheiten, nicht eingegangen wurde.229
Die Jugendämter stempeln solche Eltern gerne als „unkooperativ“ ab. Diese plakative
Einteilung geht jedoch am Kern des Problems vorbei, der immer öfter im Verhalten
der Jugendamtsmitarbeiter selbst zu suchen ist. Kinderschutz ist etwas Positives,
aber übertriebener Kinderschutz schadet den Kindern.

228
Knappert, Ch., Jugendamt Bad Salzuflen, Schwierigkeiten in der Kommunikation von Jugendämtern und
Familiengerichten mit den streitenden Parteien. Referat, Tagung „Kindeswohl – Dilemma und Praxis der Ju-
gendämter“, ev. Akademie Bad Böll, 04. bis 06.11.1996, Dokumentation, S. 44-49.
229
Www.faz.net, Bericht vom 17.03.2007, K. Hummel: Jugendämter in der Kritik, Wegnehmen ist das Einfachs-
te. Kein Geld für Qualifizierungsmaßnahmen.
Schwarzbuch Jugendamt 74

3.4. Wurzeln des Jugendamtes in Nazi-Deutschland


In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in Nazi-Deutschland gegründet, befasste
sich ein Zweig des Jugendamtes, genannt „Lebensborn“ mit der Schaffung einer rei-
nen „arischen“ Menschenrasse. Diese Menschen sollten zu einer herrschenden Kas-
te ausgebildet werden.230

Bevorzugt aus Norwegen und Polen wurden auch Kinder entführt und in deutschen
Waisenhäusern und Pflegefamilien großgezogen, um sie im Sinne des nazistischen
Gedankenguts zu erziehen. Als diese Länder nach dem Zweiten Weltkrieg eine
Rückführung der geraubten Kinder verlangten, griff die neu gegründete Bundesrepu-
blik 1952 auf einen „juristischen Kniff“ zurück, gliederte die Jugendämter aus dem
Innenministerium aus und entließ sie in die kommunale Selbstverwaltung.231
Auf diese Weise mussten die zuständigen Jugendämter der Gemeinden direkt ver-
klagt werden, um eine Rückführung der Kinder in ihre Heimatländer zu erwirken. Da
nach dem Krieg eine genaue Zuordnung schwierig war und die meisten Unterlagen
vernichtet waren, konnten mehrere hunderttausend Kinder nicht mehr ausfindig ge-
macht und zurückgeführt werden.

Die polnische Regierung beklagt noch heute, dass Nazi-Deutschland polnische Kin-
der geraubt und nach dem Krieg nicht zurückgegeben hat. Eine Entschädigung hier-
für ist nicht erfolgt. Viele dieser Kinder wissen bis heute nicht, dass sie gebürtige Po-
len sind. Da sie sich ethnisch nicht unterscheiden ist eine Identifizierung so gut wie
unmöglich.232

Aufgrund dieser politischen Angelegenheit wurde die Fachaufsicht des Innenministe-


riums über die Jugendämter 1952 abgeschafft. Das Innenministerium hat bis heute
nur eine Rechtsaufsicht. Bei fachlichen Fehlern kann keine Instanz die Jugendämter
zur Rechenschaft ziehen.233
Das Resultat: Die Jugendämter dürfen keine Fehler machen bzw. sie machen (offi-
ziell) keine Fehler.

Hierbei gilt die Prämisse: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf.“

230
De.wikipedia.org/wiki/lebensborn.
231
Bamberger Erklärung vom 22.07.2007, Jugendämter waren von 1947 – 1952 dem Innenministerium (Polizei)
untergeordnet.
232
En.wikipedia.org/wiki/Lebensborn. Lebensborn-Projekt und Entführung von Kindern.
233
Bamberger Erklärung vom 22.07.2007
Schwarzbuch Jugendamt 75

Da dieser Zustand aufgrund der unterschiedlichen fachlichen Qualität der kommuna-


len Jugendamtsmitarbeiter zu einer Rechtsunsicherheit führt und Menschen natur-
gemäß Fehler begehen können, ist der Gesetzgeber hiermit aufgerufen, eine Fach-
aufsicht für die Jugendämter zu installieren. Bisher kann jeder Leiter eines kommuna-
len Jugendamtes seine eigene Familienpolitik machen und durchsetzen. Die Dienst-
anweisungen werden von den Jugendämtern nur als eine „grobe Richtschnur“ ange-
sehen. Einheitliche juristische Vorschriften z.B. wonach sich bemisst, ob eine Inob-
hutnahme durchgeführt wird, gibt es nicht.
Ein gutes Beispiel ist die Äußerung eines hochrangigen Mitarbeiters des sozialen
Dienstes des Jugendamtes Essen vom November 2008 in einem Medien-Interview.
Dort weist er ausdrücklich darauf hin, dass es keine Dienstanweisung gibt, die Inob-
hutnahmen zu vermeiden.234

Hierbei sei darauf hingewiesen, dass allerdings das SGB VIII eine Vermeidung der
Inobhutnahmen vorschreibt, indem es die Inobhutnahme als das „letzte Mittel“ klassi-
fiziert, wenn keine anderen Alternativen bestehen. Zudem kennt das SGB VIII eine
„vorläufige“ Inobhutnahme nicht. Diese bedeutet das genaue Gegenteil zur Klassifi-
zierung der Inobhutnahme als „letztes Mittel“.235
Bei den Jugendämtern wird die Inobhutnahme durch die Einführung der „vorläufigen“
Inobhutnahme somit zum Mittel der „ersten Wahl“. Da eine Inobhutnahme in der Pra-
xis nicht vom Jugendamt sondern nur vom Gericht beendet wird, bleiben die Kinder
meist monatelang oder sogar jahrelang im Kinderheim, bevor eine Prüfung des
Sachverhaltes und ggf. eine Rückgabe an die Eltern stattfindet.
Ein Problem stellt hierbei die fehlende Anordnungsbefugnis der Amtsgerichte dar.
Auch gehen die Amtsgerichte grundsätzlich nicht davon aus, dass ein Jugendamt
einen Fehler macht. Sie müssen im Sinne der Inobhutnahme als dem gesetzlichen
„letzten Mittel“ davon ausgehen, dass alle andere Alternativen vom Jugendamt ge-
prüft wurden. War das nicht der Fall, liegt die Beweislast wieder bei den Eltern.236

234
Der Westen, 11.11.2008, Interview von Corinna Weiß mit Ulrich Engelen, Jugendamt Essen.
235
Frankfurter Kommentar zum SGB VIII, § 42.
236
www.bmj.bund.de, Studie des Bundesministeriums für Justiz: Zusammenarbeit zwischen Familiengerichten
und Jugendhilfe. 17.12.2007. Da die Gerichte keine Anordnungsbefugnis gegenüber den Jugendämtern haben,
„verzichten“ sie auf Maßnahmen, die sich gegenüber dem Jugendamt nicht durchsetzen lassen. Vorschlag aus
Baden-Württemberg: Jugendamt an Gerichtsverfahren zwingend beteiligen und im Gegenzug die Jugendämter
zur Umsetzung gerichtlicher Entscheidungen verpflichten.
Schwarzbuch Jugendamt 76

Bei der Umfunktionierung der Inobhutnahme zur „vorläufigen“ Inobhutnahme prüfen


die Jugendämter jedoch nicht, ob es Alternativen gibt, sondern wälzen diese Verant-
wortung auf die Gerichte ab.
Die Gerichte sind mit einer fachlichen Prüfung, ob Alternativen zur Inobhutnahme
bestehen, überfordert. Sie greifen auf die Beurteilungen der Jugendamtsmitarbeiter
oder familien-psychologische Gutachten zurück.237
Dadurch entstehen zusätzliche Kosten und die Verfahren werden zum Nachteil des
Kindes und seiner Familie wieder unnötig in die Länge gezogen. Inzwischen ist das
Kind den Eltern oft schon stark entfremdet, hat sich im Kinderheim eingerichtet und
dort die ersten psychischen Störungen, wie sie für Heimkinder typisch sind, entwi-
ckelt. Die Heime machen die Kinder krank, aber ein krankes Kind wird den Eltern
keinesfalls zurückgegeben, sondern die Jugendämter unternehmen sogar noch den
Versuch, den Eltern im Nachhinein die Ursache der Krankheit anzulasten.238 Zu die-
sem Zweck werden von einigen Jugendämtern Atteste manipuliert und Einweisungs-
protokolle verschwinden aus den Akten.

Hierbei erhebt sich die grundsätzliche Frage nach den Motiven für eine Verlängerung
der Aufenthaltsdauer im Kinderheim durch Angestellte des Jugendamtes.
Welches Interesse haben die Jugendämter, die Aufenthaltsdauer von Kindern in ei-
ner Pflegeeinrichtung unnötig zu verlängern?
Die Antwort ist simpel:
Die Jugendämter arbeiten eng mit der privatwirtschaftlichen Pflegeindustrie zusam-
men und „beliefern“ diese mit Kindern. Kinder sind in den Augen der Pflegeindustrie
nur noch ein „Wirtschaftsgut“. Ein Kind bringt der Pflegeindustrie einen Wert von
durchschnittlich ca. 5.000,00 EUR/Monat.239
Die Interessen sind somit rein pekuniär.

Seit der abnehmenden Geburtenrate und des Rückganges von Zuwanderungen


nach Deutschland, leiden die Einrichtungen der privatwirtschaftlichen Pflegeindustrie
unter einer zu geringen Auslastung der Pflegeplätze mit Waisen und Immigranten-
Kindern.240

237
www.familiengutachter.de, Wozu dienen familienpsychologische Gutachten.
238
De.wikipeida.org/wiki/Hospitalismus. Hospitalismus wird auch Deprivationssyndrom oder KZ-Syndrom
genannt. Die Kinder werden z.B. durch Heimaufenthalte geschädigt.
239
Auskunft des Jugendamtes Essen vom 22.08.2008
240
Webseite der Bundesregierung, Artikel vom 19.10.2009. Statistisches Bundesamt: Bevölkerungszahl Deut-
schlands schrumpft.
Schwarzbuch Jugendamt 77

Zudem ging nach Auskunft der Polizeistatistik auch die Zahl der erwiesenen Miss-
handlungs- und Vernachlässigungsfälle in den vergangenen Jahren stark zurück. Die
jungen Eltern sind heute aufgeklärter und leben meist in einem sozialen Netzwerk,
das sie finanziell und bei der Kindererziehung in Anspruch nehmen können.241

In dieser Situation erwirkten die Lobbyisten der Pflegeindustrie eine Berücksichtigung


der Umgangsvereitelung als Gefährdungstatbestand nach § 1666 BGB. Die Um-
gangsvereitelung wird dabei als eine „seelische Misshandlung“ eingestuft. Die große
Zahl der Mütter, die ihren Ex-Partnern die Kinder vorenthalten, wurde damit als Miss-
handlerinnen erfasst.242
Ob es sich um eine ungerechtfertigte Umgangsverweigerung handelt, die eine Inob-
hutnahme erfordert, entscheidet allein das kommunale Jugendamt. Inzwischen wur-
den in mehreren Fällen Mütter wegen angeblich grundloser Verweigerung „vorläufig“
ins Gefängnis gesteckt und die Kinder „vorläufig“ in Obhut genommen.243 Während
die Mütter nach einiger Zeit in Untersuchungshaft i.d.R. wieder freigelassen werden,
bekommen sie ihre Kinder danach nicht zurück. Diese bleiben im Heim oder kommen
zu Pflegeeltern. Die Mütter dürfen ihre Kinder nach der Freilassung ein- bis zweimal
pro Monat für eine Stunde unter Aufsicht wieder sehen.

Ein mögliches Motiv für die Erklärung der Umgangsvereitelung zur Straftat ergibt sich
aus der Rentenpolitik. Nach dieser Theorie soll der Umgang mit dem Kindesvater
auch nach der Trennung der Eltern unter staatlichem Zwang stärker gefördert wer-
den, um die Kinder später leichter zu einer Beteiligung an den Alterspflegekosten der
Eltern heranzuziehen.244
In der Vergangenheit gab es mehrere Fälle, in denen die Kinder nicht zu den Pflege-
kosten des bedürftigen Vaters herangezogen werden konnten, weil sie nachwiesen,
dass sie ihren Vater nie kennen gelernt hatten bzw. nach der Trennung der Eltern

241
Berliner Morgenpost vom 08.08.2009 (Samstagsausgabe): Vernachlässigung und körperliche Misshandlung
von Kindern rückläufig. Dagegen wird angeblich mehr „psychische Gewalt“ angewendet. Lt. Definition von
Spiegel-Wissen (Ausgabe 06.03.2007) ist psychische Gewalt: Drohung, Einschüchterung und Liebesentzug.
Hinweis des Verfassers: Demnach ist auch die gewaltsame Inobhutnahme und Heimunterbringung von Kindern
eine psychische Folter.
242
§ 1684 BGB bestimmt das Umgangsrecht beider Eltern mit dem Kind. Die Vereitelung des Umganges durch
einen Elternteil wird seit ca. 2008 als Grund für einen Sorgerechtsentzug genommen. Die Gerichte nehmen im-
mer öfter daraufhin einem oder beiden Elternteilen das Sorgerecht weg und übertragen es auf das Jugendamt.
Die Eltern dürfen ihr Kind danach oft nicht mehr sehen. Nach Ansicht des Verfassers geht diese Maßnahme zu
weit und schadet dem Kind, welches die Trennung von beiden Eltern als psychische Gewalt empfindet.
243
Die Einstufung der Umgangsvereitelung als Kindeswohlgefährdung und ein vom Jugendamt nicht offiziell
genehmigter Umzug rechtfertigen lt. Ansicht des Strafgerichtes Essen 2008 bereits die Verhängung von Unter-
suchungshaft gegenüber einer Mutter und die Verbringung ihres Kindes in ein Heim.
244
§ 1601 BGB sieht Elternunterhalt vor, nach § 94 SGB XII gehen diese Ansprüche auf das Sozialamt über.
Schwarzbuch Jugendamt 78

keine Beziehung zum Vater bestand. Die Kosten für Heimunterbringung, Altenpflege
und Beerdigung gingen in diesen Fällen voll zu Lasten des Staates. Bei einer perma-
nent steigenden Scheidungsrate in Deutschland war mit einer weiteren Erhöhung
dieses Kostenfaktors zu rechnen. Die Rentenkasse und die Sozialhilfe versuchen
daher, mit allen Mitteln eine Beteiligung der Familien an den Kosten zu erwirken.
Wenn der Umgang mit dem Vater per Gesetz vorgeschrieben ist, können sich die
Kinder später nur schwer von der Kostenbeteiligung befreien. Das Argument der feh-
lenden Kontakte mit dem Vater scheidet damit grundsätzlich aus.245

Bedenklich ist der Trend der Jugendämter zur steigenden Diskriminierung von Min-
derheiten. Ausländer, Behinderte und sozial schwache Menschen beklagen, dass die
heutigen Methoden der Jugendämter gegen die Menschenrechte verstoßen und
warnen vor einer Wiederholung der Vorkommnisse in der Nazi-Zeit.
Heutzutage werden in Deutschland den Eltern wieder ihre Kinder weggenommen
und getrennt von den Familien in Heimen untergebracht. Wieder werden Menschen-
rechte massiv eingeschränkt. Die Eltern dürfen ihre Kinder nicht besuchen, wissen
meist über Monate oder Jahre nicht einmal, wo sie sich aufhalten. Die Kinder sind
dem unmittelbaren staatlichen Zwang ausgeliefert und werden mit Medikamenten
ruhig gestellt, wenn sie sich wehren.246

Die Jugendämter sind als Nachfolgeorganisation der Nazi-Einrichtungen zur Bildung


einer arischen Rasse bereits genug in der internationalen Kritik.247 Es sollte penibel
darauf geachtet werden, nicht weitere Angriffspunkte in dieser Hinsicht zu liefern.

Dieses Mal setzt die Diskriminierung jedoch schwerpunktmäßig bei den Eltern an.
Ihnen werden die Elternrechte aberkannt und das Sorgerecht für ihre Kinder entzo-
gen. Als angeblicher Beweis für die Erziehungsunfähigkeit werden psychologische
Gutachten angeführt von Gutachtern, die selbst unmittelbar mit den Jugendämtern
verbunden sind bzw. in einer finanziellen Abhängigkeit von den Jugendämtern ste-
hen. Die meisten Gutachten kommen dem entsprechend auch zu dem (vom Jugend-

245
www.formum-elternunterhalt.de.
246
Die Bundesministerin U. v.d. Leyen mahnte die Jugendämter 2009 an, genau zu prüfen, ob die vielen Inob-
hutnahmen tatsächlich nötig seien. www.welt.de, Bericht vom 25.06.2009, Von der Leyen mahnt Jugendämter
zur Vorsicht.
247
Beispiel für einen solchen Bericht: Infowars.worldpress.com, „Modern German Jugendamt, successor of old
German Lebensborn“. Ebenfalls: Petitionen der Organisation CEED gegen die deutschen Jugendämter.
Schwarzbuch Jugendamt 79

amt erwünschten) Ergebnis, dass eine Erziehungsunfähigkeit vorliegt und die Kinder
den Eltern zu entziehen sind.248

Wenn die Eltern sich weigern, an diesen Gutachten teilzunehmen, werden Ferngut-
achten erstellt, ohne dass mit den Eltern gesprochen wurde. Dann reicht angeblich
die Aktenlage aus. Die Akten wiederum sind von den Jugendämtern mit entspre-
chenden „Beweisen“ für die Erziehungsunfähigkeit gefüllt, die mit den tatsächlichen
Verhältnissen nicht übereinstimmen brauchen. Wie Gutachter beklagen, sind die Ak-
ten oftmals unvollständig. Es fehlen Blätter und ärztliche Bescheinigungen.249

Fazit: Wenn ein psychologisches Gutachten von einem Gericht angeordnet ist, haben
die Eltern keine Chance mehr, ihre Fähigkeiten als gute Eltern zu beweisen. Alle El-
tern machen etwas falsch. Selbst ausgebildete Erzieher machen im Einzelfall immer
wieder Fehler, so dass die Gutachter nur diese Fehler herauszustellen brauchen, um
zum Ergebnis zu kommen, die Kinder müssen ins Heim.250

Ein besonders krasses Beispiel ist der Fall eines kleinen Mädchens aus Essen, des-
sen Mutter, eine hochqualifizierte Universitätsdozentin, und deren gesamte Familie
(ca. 100 Personen) von der psychologischen Gutachterin als eine Gefahr für die
Entwicklung des Kindes eingestuft wurden. Die Gutachterin hatte zuvor weder die
Mutter noch ihre Familie kennen gelernt, bescheinigte ihr jedoch per Ferngutachten,
dass niemand von ihnen in der Lage sei, das kleine Mädchen zu erziehen.
Die Gutachterin bezog sich auf Angaben des Ex-Ehemannes der Mutter, der sich
höchst streitig getrennt und seit fünf Jahren keinen Kontakt mehr gehabt hatte.
Der Wunsch des Kindes, nach Hause zurückzukehren wurde ignoriert. Die Gutachte-
rin unterstellte der Familie der Mutter, sie würde das Kind „überfördern“, wodurch es
als Erwachsener einen Narzissmus erleiden könnte. Narzissmus ist eine Krankheit,
die lt. WHO erst im Erwachsenenalter auftritt.251 Die Gutachterin erlaubte sich somit
eine Prognose von insgesamt elf Jahren.

248
www.gwg-gutachten.de, Forum der Betroffenen von familienpsychologischen Gutachten im Familienrecht.
249
www.vaeternotruf.de/gutachten.html.
250
Opfer von Falschgutachten machen sich im Internet Luft. Da alle Eltern Fehler in der Erziehung machen,
brauchen die Gutachter nicht lange suchen. Die Fehler sind aber i.d.R. für die Kinder nicht gravierend. Siehe
z.B. Seiten, wie www.jugendamtopfer.de/Erziehungsfähigkeitsgutachten.doc.
251
Im Kriterienkatalog der WHO (Weltgesundheitsorganisation) ist der Narzissmus nicht enthalten. Die Krite-
rien sind zu unsicher. Fiedler, P. (2007): Persönlichkeitsstörungen, 6. überarb. Aufl., Psychologie Verlagsunion:
Weinmann.
Schwarzbuch Jugendamt 80

Bei diesem Fall ging es nicht um die Vernachlässigung eines Kindes, sondern um ein
angebliches „Zuviel“ an Sorge im Elternhaus. Das Kind konnte mit sechs Jahren
schon lesen, schreiben, rechnen und den Computer selbst bedienen. Bei Untersu-
chungen wurde eine Hochbegabung des Kindes festgestellt. Eine Überforderung
konnte demnach gar nicht gegeben sein.252
Für die Herausnahme aus der Familie bestand lt. Angaben der Gutachterin keine
Alternative, da die Mutter angeblich nicht bereit war, ihre übermäßige Fürsorge und
Förderung gegenüber dem Kind einstellten. Das alles stellte die Gutachterin fest, oh-
ne mit der Mutter jemals gesprochen zu haben – ein eindeutiges Ferngutachten.253

Dieser Fall ist gleichzeitig ein Beweis dafür, wie sehr die Menschenrechte der Famili-
en von den Behörden eingeschränkt werden. Wenn schon die Kinder von Hoch-
schuldozenten in dieser Art behandelt werden und ins Kinderheim kommen, wird mit
Kindern von „normalen“ Arbeitern und Angestellten erfahrungsgemäß noch weit
schlimmer umgegangen, da diese weder über die finanziellen Mittel noch über die
intellektuellen Fähigkeiten verfügen, um dem Jugendamt Paroli zu bieten.254

Derzeit befinden sich tausende von Kindern ungerechtfertigt in Kinderheimen. Der


Staat und damit wir alle kommen über Steuergelder für ihre Erziehung und Unter-
bringung auf. Diese ist so teuer, dass sich selbst gut verdienende Eltern nicht in vol-
lem Umfang daran beteiligen können. Die Kosten für Heimunterbringungen ver-
schlingen jedes Jahr einen enormen Anteil des kommunalen Haushaltes. Nach An-
sicht von Psychologen wären diese Gelder besser für eine Sanierung der Schulen
und Unterstützung der Familien angelegt.255 Auf diese Weise würden gar nicht erst
die sozialen Brennpunkte entstehen, die eine so große Gefahr für Kinder darstellen.

Wie das Kinderhilfswerk 2009 kritisierte, laufen die Jugendämter mit ihrer Politik der
Inobhutnahmen derzeit an den Bedürfnissen der Bevölkerung in einer Wirtschaftskri-
se vorbei. Es wäre an der Zeit, die Prioritäten der Jugendämter neu zu ordnen und
die Inobhutnahmen völlig zu vermeiden.

252
www.dghk.de Im Fall von hochbegabten Kindern sind die Eltern stark gefordert, Lernangebote anzubieten,
weil das Kind Wissen aufsaugt, wie ein Schwamm und ständig gefördert werden möchte, und nicht, dass die
Eltern die Kinder überfördern. Trotzdem werden die Eltern fälschlich oft als „Schuldige“ für das Verhalten der
Kinder ausgemacht („Eislaufmütter“).
253
Genauere Daten zu diesem Fall können beim Verfasser erfragt werden.
254
www.destatis.de, Pressemitteilung Nr. 483 vom 15.12.2008, Transferleistungen bei 29% der begonnenen
erzieherischen Hilfen. Die meisten Eltern beziehen ALG II.
255
Eingriffe in die Familien kosten den Staat immer mehr Geld, Interview mit Kinderhilfswerk vom 25.11.2009,
in: www.epochtimes.de.
Schwarzbuch Jugendamt 81

3.5. Jugendämter haben eine große Lobby in Kirche und Politik


2009 beantragte die CDU unter Familienministern Dr. Ursula von der Leyen eine er-
neute Gesetzesänderung. Da die Zunahme der Inobhutnahmen angeblich zeigte,
dass ein großer Bedarf an Kinder- und Jugendhilfe in den Familien bestehe, sollten
in einem neuen Gesetz den Jugendämtern weitere Befugnisse und Rechte gegen die
Eltern eingeräumt werden.256
Das Gesetz scheiterte schließlich an dem Widerstand der SPD, die zuvor eine Prü-
fung der Notwendigkeit eines solchen Gesetzes für nötig und die Menge der Inob-
hutnahmen für künstlich erzeugt und vollkommen übertrieben hielt.257

Wie das statistische Bundesamt feststellte, waren die Inobhutnahmen in 2007 um


12,5 % und in 2008 um weitere 14,4 % gestiegen. Die Inobhutnahme von Kindern
wurden inzwischen von den Jugendämtern vorsorglich in Familien durchgeführt, die
von den Jugendamtsmitarbeitern als „gefährdet“ eingestuft wurden.258
Für ambulante Maßnahmen fehlte es lt. Auskunft der Jugendämter angeblich an qua-
lifiziertem Personal, was nicht verwunderlich war, da das vorhandene Personal – ob
qualifiziert oder nicht qualifiziert – mit den Masseninobhutnahmen gänzlich ausgelas-
tet war.

Hinzu kam die neue Einstufung von Umgangsvereitelung durch geschiedene Mütter
gegenüber den Vätern als „seelische Misshandlung“, welche lt. Auskunft der Ju-
gendämter und Familiengerichte angeblich ebenfalls ein sofortiges Eingreifen der
Jugendämter notwendig machte. Die Kinder wurden den Müttern weggenommen,
weil diese eine fehlende Bindungstoleranz gegenüber den Vätern hätten und es dann
„besser“ sei, die Kinder beiden Elternteilen wegzunehmen und im Heim aufwachsen
zu lassen.
Was ist das für eine nicht nachvollziehbare Logik?
Die meisten Heimkinder wurden 2008 und 2009 wegen angeblich fehlender Erzie-
hungskompetenz der Eltern, wie z.B. Bindungsinstoleranz gegenüber dem Expartner,
aus den Familien herausgenommen und in Heim eingewiesen.259

256
www.bundestag.de. Massive Kritik am Kinderschutzgesetz, Bericht vom 25.05.2009 zum Gesetzentwurf der
Bundesregierung 16/12429. Es war sogar geplant, die ärztliche Schweigepflicht abzuschaffen.
257
www.faz.net. SPD will Kinderschutzgesetz stoppen, Bericht vom 27.05.2009.
258
Pressemitteilungen Nr. 254 vom 15.07.2008 und Nr. 038 vom 31.01.2008 auf www.destatis.de.
259
Pressemitteilungen Nr. 242 vom 30.05.2009 auf www.destatis.de.
Schwarzbuch Jugendamt 82

Kinderpsychologen und Ärzte kritisierten massiv diese neuen Methoden der Jugend-
ämter. Das änderte jedoch nichts an der herrschenden Praxis, die Kinder „vorläufig“
ins Heim zu verbringen, wo sie auf die Gerichtsverfahren warten mussten, die sich
über Monate und Jahre hinziehen konnten. In dieser Zeit wurden die Kinder von
Pflegepersonal und Psychologen betreut, um die Traumata der gewaltsamen He-
rausnahme aus den Familien zu verarbeiten. Ein riesiges Geschäft für die Pflegein-
dustrie, die immer mehr Kinderheime baute, weil die Kapazitäten innerhalb weniger
Monate ausgeschöpft waren.260
Niemand kam auf die Idee, den Eltern die Kinder zurückzugeben. Die Rückgabe war
gar nicht eingeplant. Wie ein Leiter des Jugendamtes Essen erklärte, existierte noch
im November 2008 für eine Rückgabe von Kindern gar keine Dienstanweisung.261

Mit dem Kindeswohl hat die derzeit herrschende Praxis nichts mehr zutun. Psycholo-
gen sind sich einig, dass es für Kinder höchst schädlich ist, willkürlich und ohne
Grund von ihren Eltern – vor allem von der Mutter, die in den meisten Fällen die
Hauptbezugsperson darstellt – getrennt zu werden. Wenn die Mutter in der Praxis
das Kind gestillt und über Jahre allein aufgezogen hat, ist es ein schlimmes Verbre-
chen gegen das Kind, es mit Gewalt von der Mutter wegzunehmen und in eine frem-
de Umgebung zu versetzen.262

Doch die Familiengerichte und Jugendämter setzen sich seit der Gleichstellung von
Mutter und Vater bei der Kindererziehung gerne über diese Details hinweg.
Sie vernachlässigen bewusst die Situation des Kindes in der Familie und geben der
Bindung an den Vater, der vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern bis drei Jahren
in den meisten Fällen faktisch weniger Zeit mit dem Kind verbringt als die Mutter, die
gleichen Rechte. Das mag in Zeiten der Gleichberechtigung politisch korrekt sein,
aber die Frage stellt sich, ob es bei kleinen Kindern unter drei Jahren auch vom ent-
wicklungsbiologischen Standpunkt aus sinnvoll ist. In vielen Fällen ist diese Gleichbe-
rechtigung bei den Kleinsten zum Nachteil für das Kind, das im Fall der Erzwingung
des Umgangsrechtes durch Inobhutnahme des Jugendamtes von seiner Hauptbin-

260
Das statistische Bundesamt registrierte den Neubau ständig neuer Pflegeeinrichtungen und Heime. Pressemit-
teilung Nr. 031 vom 23.01.2008 auf www.destatis.de. Von 2002 bis 2006 wurden 2800 Heime für Inobhutnah-
men und Dauerpflege gebaut.
261
Interview mit dem Leiter des Jugendamtes Essen, Ulrich Engelen vom 11.11.2008, Der Westen.
262
Siehe hierzu: de.wikipedia.de/wiki/hospitalismus.
Schwarzbuch Jugendamt 83

dungsperson, i.d.R. der Mutter, weggerissen wird. Daher sollte unbedingt der Einzel-
fall geprüft bzw. nach dem Alter des Kindes das Umgangsrecht gestaffelt werden.263

Kinder bis ins Vorschulalter erleiden meist schlimmste Existenzängste, ähnlich denen
von Kriegsopfern oder Gefängnisinsassen, wenn sie von ihren Hauptbezugsperso-
nen (meist der Mutter) getrennt werden. Solche Ängste wurden auch von den Über-
lebenden der Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg beschrieben. Deshalb wird
dieses Syndrom auch als KZ-Syndrom bzw. maternale Deprivation bezeichnet.264

Wenn die Eltern auf diese Deprivation aufgrund des Heimaufenthaltes hinweisen,
kommt es vor, dass Jugendämter mit falschen Behauptungen arbeiten, um im Um-
kehrschluss, die Eltern für die Deprivation des Kindes verantwortlich zu machen und
nachträglich die Herausnahme des Kindes damit zu rechtfertigen.

Argumentation der Jugendämter: Ein gesundes Kind wird im Kinderheim nicht krank.
Leider haben zahlreiche Fälle von maternaler Deprivation das Gegenteil bewiesen.
Gerade Kinder, die eine schöne Kindheit im Elternhaus verlebt haben, wehren sich
besonders stark gegen die Unterbringung im Heim und die zwangsweise verordneten
neuen sozialen Kontakte zu Betreuern und Pflegern.265 Sie werden krank und dann
oftmals mit Medikamenten ruhig gestellt. Jeder kann sich vorstellen, was man den
Kindern damit antut. Einige Psychologen drücken sich ganz drastisch aus: „Der Staat
produziert eine ganze Generation seelischer Krüppel.“

Wie reagieren die Eltern darauf?


Sie meiden die Jugendämter, wo es geht. Daraufhin beantragen die Jugendämter bei
den Familiengerichten das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Kinder und erwirken
gegen die Eltern Haftbefehle wegen Kindesentziehung. Auf diese Weise bevölkern
immer mehr Mütter wegen Umgangsrechtsangelegenheiten die ohnehin überfüllten
Haftvollzugsanstalten.266 Haftstrafen zwischen zwei Wochen und einem halben Jahr
sind inzwischen keine Seltenheit mehr, wenn Mütter nicht mit den Jugendämtern ko-
operieren.

263
NJW, 1963, 37, 1659-6662. Nach Studien wirkt sich gerade bei Kleinkindern das Fehlen des Vaters nicht
nachhaltig aus. Ainsworth, M, et al..(1962): Deprivation of Maternal Care, A Reassessment of its Effects, Ge-
neva, WHO, Public Health Papers, No. 14. Bericht über die sog. maternale Deprivation.
264
Siehe hierzu: de.wikipedia.de/wiki/hospitalismus.
265
Meist leisten diese Kinder sog. passiven Widerstand oder „Reaktanz“. Diese ist eine psychische Abwehrreak-
tion gegen zu hohen Druck. Siehe hierzu de.wikipedia.org/wiki/reaktanz_(Psychologie).
266
Kindesentziehung als Strafdelikt nach § 235 StGB wird mit mindestens einem Halben Jahr Gefängnis be-
straft.
Schwarzbuch Jugendamt 84

Wohl gemerkt – mit den Jugendämtern! Denn auch die Väter bekommen immer öfter
in Umgangs- und Sorgerechtsstreitigkeiten die Kinder nach einer Inobhutnahme nicht
zugewiesen. Die Kinder verbleiben dann in der staatlichen, institutionellen Erziehung
bis sie volljährig sind.
Damit wachsen die Kinder nach der Inobhutnahme und Bestätigung durch das Fami-
liengericht (die dem Jugendamt fast nie verweigert wird) quasi als Vollwaisen auf.
Wenn Vater und Mutter sie noch einmal im Monat unter Aufsicht eine Stunde sehen
dürfen, dann ist das oft, denn die Jugendämter sind, wie sie selbst immer wieder sa-
gen, völlig unterbesetzt und können daher ihren originären Aufgaben nur noch ein-
geschränkt nachkommen. 267

Die Politiker sind dringend aufgerufen, daran etwas zu ändern. Wenn diese Praktiken
nicht schnell aufgehalten werden und die Jugendämter wieder zu einer angemesse-
nen „Kultur“ zurückfinden, wird das gesamte System der Kinder- und Jugendhilfe kol-
labieren.

Immer mehr Eltern wehren sich gegen den „staatlichen Kinderklau“, wie die Inobhut-
nahmen im Volksmund bereits genannt werden. Selbst Nicht-Fachleute erkennen auf
Anhieb, dass die Kinder leiden. Eine noch so gute Pflegekraft kann eine liebende und
fürsorgliche Mutter nicht ersetzen.268
Es kann auch nicht das Ziel der Kinder- und Jugendhilfe sein, alle Kinder ins Kinder-
heim zu verbringen und getrennt von ihren Eltern zu erziehen. Besonders in den
Umgangsrechts-Fällen müssen die Kinder dringend wieder an die Eltern zurückge-
geben werden, da Umgangsschwierigkeiten zwischen den Eltern nicht durch Inob-
hutnahmen lösbar sind.

Wenn sich die Eltern gegen die Staatsgewalt zur Wehr setzen, kann das der Anfang
von sozialen Unruhen werden. Erinnert sei an die Ausschreitungen in Frankreich, die
immer wieder aufflackern, wenn die Polizei als Staatsgewalt zu hart gegenüber Ju-
gendlichen durchgreift oder Kinder zu Tode kommen. 269

267
Nach § 1684 BGB kann das Familiengericht das Umgangsrecht einschränken. Aber selbst wenn das Famili-
engericht es nicht tut, werden die Eltern oft vom Jugendamt von ihren Kindern ferngehalten.
268
J. Ecarius (2002), Familienerziehung im historischen Wandel, eine qualitative Studie über Erziehung und
Erziehungserfahrung von drei Generationen, Opladen. Pädagogische Institutionen nehmen einen immer stärke-
ren Einfluß auf die Erziehung.
269
Am 27.10.2005 begannen im französischen Banlieue heftige Unruhen nach dem Unfalltod von zwei Kindern,
die von der Polizei unter Druck gesetzt worden waren. Die Unruhen endeten in Straßenschlachten mit der Poli-
zei.
Schwarzbuch Jugendamt 85

Die Wirtschaftskrise in Deutschland könnte zu ähnlichen Auswirkungen führen. Füh-


rende Politiker haben schon davor gewarnt.270
Es wäre daher ein großer Fehler, wenn die Jugendämter die Situation durch unge-
rechtfertigte Masseninobhutnahmen weiter anheizen und zur Eskalation treiben wür-
den.

270
Bericht der Tageszeitung Die Welt vom 19.03.2009: Europas Führung fürchtet soziale Unruhen.
Schwarzbuch Jugendamt 86

4. Scheidungsfall: Schutz der Kinder vor dem Jugendamt


Die meisten Eltern können sich nicht vorstellen, dass sie irgendwann einmal mit dem
Jugendamt zutun haben und sind dem entsprechend schlecht vorbereitet, wenn es
tatsächlich zu einer Begegnung mit den Jugendamtsmitarbeitern kommt.

Die ungerechtfertigte Beschuldigung durch einen böswilligen Nachbarn reicht heutzu-


tage bereits aus, damit das Jugendamt eine Überprüfung der sozialen Verhältnisse in
den Familien durchführt. Weder der soziale Status noch ein gutes Einkommen schüt-
zen die Eltern in diesem Fall.
Gefragt ist nun eine Menge Fingerspitzengefühl, denn die Jugendamtsmitarbeiter
haben im Alltag nicht mit normalen Eltern zutun, sondern mit Problemfällen. Daher
behandeln sie alle Eltern als solche Problemfälle. 271

Einige Jugendamtsmitarbeiter können sehr überheblich werden und provozierend auf


die Eltern einreden. Dann heißt es, Ruhe bewahren und bloß keinen Fehler machen,
denn sobald ein Jugendamtsmitarbeiter die Wohnung der Eltern betritt, steht es „auf
Messers Schneide“, ob das Kind „vorläufig“ in Obhut genommen wird.
Das Ziel der meisten Jugendämter besteht noch immer darin, möglichst viele Kinder
in Obhut zu nehmen, um damit der Öffentlichkeit zu zeigen, dass etwas getan wird.
Dabei spielt es keine Rolle, ob die Kinder tatsächlich eine Inobhutnahme benötigen.

Studien belegen, dass mehr als 70 % der Kinder, die heute in den Kinderheimen le-
ben, noch vor etwa fünf Jahren nicht ins Heim gekommen wären.272

Seit die „seelische Misshandlung“ des Kindes dem § 1666 BGB hinzugefügt wurde
und die Genehmigungspflicht durch das Amtsgericht abgeschafft wurde, ist es für die
Jugendämter erheblich leichter, Kinder in Obhut zu nehmen. Die Rückführung der
Kinder gestaltet sich schwierig, weil die Familiengerichte und psychologischen Gut-
achter sich blind auf die Aussagen der Jugendamtsmitarbeiter verlassen.

Es ist daher unbedingt notwendig, dass die Eltern bestimmte Verhaltensregeln im


Zusammenhang mit dem Jugendamt beachten.

271
Prof. Jopt: „Im Jugendamt arbeiten nur wohlmeinende Laien“, siehe: www.karin-jaeckel.de/aktuelles/jopt.pdf.
272
Pressemitteilung Nr. 242 vom 30.06.2009, www.destatis.de. Die Kinder kommen ins Heim wegen einge-
schränkter Erziehungskompetenz der Eltern (43%), auffälligem Sozialverhalten (35%), schulischen/beruflichen
Problemen (24%) und Gefährdung/Vernachlässigung (22%). Somit sind nur ca. 22% wegen Verdacht auf kör-
perliche Mißhandlung im Heim. Alle anderen Kinder wegen angeblicher seelischer Misshandlung, die i.d.R.
nicht nachweisbar ist.
Schwarzbuch Jugendamt 87

4.1. Gehen Sie nicht (allein) zum Jugendamt


Seien Sie gegenüber dem Jugendamt niemals naiv, d.h. vertrauensselig, und glau-
ben Sie niemals, dass Ihnen Ihre Kinder nicht weggenommen werden können.

Selbst Lehrern und Professoren sind inzwischen schon die Kinder weggenommen
worden. Diese Leute haben Erziehungswissenschaften bzw. Psychologie studiert
und damit ihre Lehr- und Erziehungsfähigkeit in staatlichen Prüfungen nachgewie-
sen. Aber das reicht für Jugendämter und Familiengerichte in Deutschland längst
nicht aus, um das eigene Kind behalten zu dürfen.273

Als „Normalbürger“, haben Sie es noch erheblich schwerer als diese Berufsgruppen,
Ihre Erziehungsfähigkeit nachzuweisen. Nehmen Sie daher zu Gespräch und Ver-
handlungen immer einen Zeugen oder Beistand mit. Dieses Recht steht Ihnen von
Gesetzes wegen zu (§ 13 SSGB X).

Es gibt drei Hauptvarianten, wie Sie das erste Mal mit dem Jugendamt in Berührung
kommen.
• Sie wenden sich selbst hilfesuchend an das Jugendamt, weil Sie Probleme in
der Kindererziehung haben oder eine Trennung vom Partner eingetreten ist.
• Sie bekommen plötzlichen Besuch vom Jugendamt, das Ihre Wohnung be-
sichtigen und mit Ihnen über ihre familiäre Situation sprechen möchte, weil
jemand Sie dort „gemeldet“ hat.
• Sie werden vom Jugendamt schriftlich kontaktiert, weil bei einem persönlichen
Besuch niemand zu Hause war. Manchmal wird Ihnen dann auch schriftlich
mitgeteilt, gegen welche Vorwürfe Sie sich zur Wehr setzen müssen.

Normalerweise erfahren Sie nicht, wer Sie beim Jugendamt gemeldet hat. Eine Mel-
dung kann anonym, z.B. telefonisch oder per Internet, durchgeführt werden. Die Be-
amten sind nicht befugt, Ihnen hierzu Auskunft zu erteilen. Auch ein Rechtsanwalt
hat keine Akteneinsicht in die Akten des Jugendamtes. Selbst wenn der Fall vor Ge-
richt kommt, erfahren Sie i.d.R. nicht, wer Ihnen und Ihren Kindern geschadet hat.274

273
Universitäten und andere Lehranstalten überprüfen bei den Einstellungsvoraussetzungen die pädagogische
Eignung des Bewerbers. Siehe Berufsbild des Pädagogen.
274
Das Amtsgericht hat ein Informationsrecht. Es darf aber aufgrund fehlender Weisungsbefugnis gegenüber
dem Jugendamt keine Akteneinsicht in die Jugendamts-Akte verlangen. § 79 SGB VIII.
Schwarzbuch Jugendamt 88

In einigen seltenen Fällen geht eine Meldung z.B. von einem Arzt, einem Kindergärt-
ner oder einem Lehrer aus, der „verdächtige“ Verletzungen oder blaue Flecken an
Ihrem Kind entdeckt hat. In diesen Fällen werden Sie allerdings nicht im Voraus be-
nachrichtigt, sondern das Kind wird direkt von Kindergarten, Schule oder Krankensta-
tion aus in Obhut genommen und Sie bekommen erst im Nachhinein die Möglichkeit,
die Angelegenheit aufzuklären.
Das kann Wochen oder Monate dauern, die ihr Kind zunächst in einer sog. Notauf-
fangstation oder einem Notlager eines Kinderheimes verbringen muss, ohne Sie zu
wieder zu sehen. Besonders kleine Kinder kommen zunächst zu einer Pflegefamilie.
In manchen Fällen, wenn Sie nicht beweisen können, dass Ihr Kind mit dem Fahrrad
gestürzt oder von der Schaukel gefallen ist, kann es sogar vorkommen, dass Sie Ihr
Kind nicht mehr zurückbekommen und es dann in neuen Lebensverhältnissen „veror-
tet“ wird.275

Es hat keinen Zweck, dass Sie sich in diesen Fällen Illusionen machen. Die Jugend-
ämter haben keine Dienstanweisung, Inobhutnahmen unter allen Umständen zu
vermeiden.276 Das bedeutet, sie haben keine Anweisung, Ihr Kind so lange bei Ihnen
zu lassen bis Ihre Schuld oder Unschuld erwiese,n ist und sie haben keine Anwei-
sung, Ihnen beim Beweis Ihrer Unschuld zu helfen.
Manchen Jugendamtsmitarbeiter betrachten nach einer solchen Meldung über ver-
dächtige Verletzungen oder blaue Flecken sogar alle Eltern zunächst als „potentielle
Täter“ und verlangen erst eine Exkulpierung bzw. Rechtfertigung, damit sie über-
haupt mit diesen Eltern kommunizieren.

Sie haben keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren, also nehmen Sie sich in die-
sem Fall sofort einen Anwalt.

Das Wichtigste: Gehen Sie niemals allein zum Jugendamt. Nehmen Sie sich immer
einen Zeugen oder Rechtsanwalt mit. Machen Sie sich klar, dass die Arbeit der Ju-
gendamtsmitarbeiter darin besteht, Ihnen nachzuweisen, dass Sie Ihr Kind misshan-
delt oder vernachlässigt haben. Ein Verbleib Ihres Kindes bei Ihnen oder eine Rück-

275
Es kommt immer wieder vor, dass sich besorgte Eltern bei der Polizei melden, weil ihr Kind nach der Schule
nicht nach Hause kommt und dort erfahren, dass es vom Jugendamt in Obhut genommen wurde, obwohl nach §
42 SGB VIII eine Pflicht zur Benachrichtigung der Personensorgeberechtigten besteht.
276
Der Westen, Interview mit dem Leiter des Jugendamtes Essen, Herrn U. Engelen, vom 11.11.2008.
Schwarzbuch Jugendamt 89

gabe an Sie ist von Seiten des Jugendamtes grundsätzlich nicht vorgesehen.277 Nur
ein Gericht ist in der Lage, Ihnen Ihr Kind zurück zu geben.

Sie haben also von vornherein einen schweren Stand.


Bei manchen Jugendamtsmitarbeitern werden Sie das Gefühl haben, sie seien herz-
los und menschenverachtend.

Versuchen Sie, diese subjektiven Gefühle zu verdrängen. Für das Jugendamt ist Ihr
Kind nur ein „Fall“ unter vielen. Emotionen sind daher völlig unangebracht.

Sie werden ohnehin aufgefordert, Ihre Emotionen zu unterdrücken, wenn Sie mit Ih-
rem in Obhut genommenen Kind zusammentreffen und sich „freudig-freundlich“ zu
geben, damit das Kind keine Angst bekommt und nicht merkt, wie schlimm die Situa-
tion für Sie ist. Da Kinder sehr feine Antennen haben, bemerken Sie aber sehr
schnell, dass Sie Ihnen etwas vorspielen, es ist also fraglich, ob Sie ein solches The-
ater tatsächlich durchführen. Natürlich hängt das auch von Ihrem Verhältnis zum
Kind und vom Alter des Kindes ab.278

Einigen Eltern wurden vom Jugendamt „Wahrnehmungsstörungen“ vorgeworfen, als


sie sahen, wie schlimm es den Kindern ging, und sich beschwerten. Die Kinder seien
selbstverständlich in bester Verfassung und bei bester Gesundheit, solange sie sich
in der Obhut des Jugendamtes befinden. Wenn Ihr Kind berichtet, dass es sich stän-
dig übergibt und in die Hose macht, dann haben Sie als Eltern Schuld, weil Sie Ihr
Kind aufregen oder weil Sie es misshandelt haben. Die gewaltsame Trennung von
den Eltern kann lt. Jugendamt angeblich keine Störungen hervorrufen. Daher müs-
sen Sie sich in jedem Fall geirrt haben. Selbst wenn sich später herausstellt, dass
das Kind wegen der Beschwerden ins Krankenhaus musste, hält das Jugendamt wei-
ter an der Version Ihrer Wahrnehmungsstörungen fest.279

Machen Sie sich klar, dass sich die Jugendamtsmitarbeiter in einer ständigen Angst
befinden, etwas falsch zu machen, was in der Presse gegen sie verwendet werden
kann. Daher werden Eltern immer als Bedrohung für die Position des Jugendamtes

277
Es gibt keine verlässliche Studie über die Zahlen von Kindern, die in ihre Herkunftsfamilien zurückgeführt
wurden. Die Zahlen differieren je nach Studie und Schätzung zwischen 5% und 10%. Das hängt auch von der
Praxis des befragten Jugendamtes ab. Diese geringen Quoten stehen im Gegensatz zu SGB VIII, wonach die
Rückführung zum Ziel der Inobhutnahme gesetzt werden soll.
278
Panorama, 22.01.2009, Kindesentzug – die Allmacht der Jugendämter. TV-Bericht.
279
Persönliche Erfahrungen von Eltern mit dem Jugendamt Essen-Rüttenscheid und Interview anlässlich eines
Umgangstermins mit dem Leiter der Zweigstelle vom 18.07.2008.
Schwarzbuch Jugendamt 90

angesehen. Zumal, wenn die Eltern mit Zeugen oder einem Rechtsanwalt erschei-
nen.280

Es kann dann vorkommen, dass Ihnen der Besuch bei Ihrem Kind verwehrt wird. Im
Gegensatz zu Ihrem Recht, bei Gericht einen Rechtsanwalt hinzuzuziehen, wird Ih-
nen vom Jugendamt noch längst nicht dieses Recht gewährt.
Falls Sie der Meinung sind, Sie können überall einen Rechtsanwalt hinzuziehen,
werden Sie von den Jugendamtsmitarbeitern schnell belehrt werden, dass Ihr Kind
durch den fremden Besucher verunsichert werden könnte, was unbedingt vermieden
werden müsse, um das Kind nicht zu verängstigen.
Seien Sie sicher, dass Ihr Kind in den letzten Tagen ohne Sie und ohne eine bekann-
te Bezugsperson so viele fremde Jugendamtsmitarbeiter und Pfleger kennen gelernt
hat, dass es auf ein neues Gesicht nicht ankommt.

Nehmen Sie auf jeden Fall einen Zeugen oder Rechtsanwalt mit.

Ansonsten könnte es Ihnen ergehen, wie einem Vater in Essen, der sich 2007 nach
dem Besuch im Jugendamt weinend an seinem Kind festklammerte und sich schließ-
lich in der Psychiatrie wiederfand, weil er angeblich versucht hatte, sein Kind mit dem
Klammergriff vorsätzlich zu ersticken.281
Der Phantasie von Jugendamtsmitarbeitern sind keine Grenzen gesetzt.

Wenn es geht, informieren Sie sich vor dem Besuch über den Ihnen zugeteilten Ju-
gendamtsmitarbeiter. Ist er schon bei einer der Hilfsorganisationen, wie Väternot-
dienst oder Mütterhilfe, bekannt? Ist er mehr für die Väter oder mehr für die Mütter
eingestellt? Steht er vielleicht in einem inoffiziellen Ranking auf der „schwarzen Lis-
te“, weil er Eltern menschenunwürdig behandelt hat? Alle diese Fragen, helfen Ihnen,
das richtige Verhältnis zu „Ihrem“ Jugendamtsmitarbeiter zu finden.

Einige Eltern, vor allem Frauen, erklären, sie seien auf dem Jugendamt „wie Dreck“
behandelt worden. Dann lohnt es sich, über einen Antrag auf Wechsel des zuständi-
gen Jugendamtsmitarbeiters nachzudenken. Beschwerden über die Mitarbeiter und
die Anträge auf Mitarbeiterwechsel wurden in den meisten hier bekannten Fällen ka-
tegorisch abgelehnt. Trotzdem lohnt sich ein Versuch, den Mitarbeiter zu wechseln

280
Tageszeitung, Die Welt, Bericht vom 08.01.2009: Mächtiges Jugendamt gegen ohnmächtige Eltern.
281
Vorfall belegt vom Portal Väternotruf.de, beschuldigtes Jugendamt: Essen-Rüttenscheid.
www.wdr.de/themen/kurzmeldungen/2007/05/27/verwirter_sorgt_für_polizeieinsatz__:jhtml.
Schwarzbuch Jugendamt 91

oder eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen ihn bei seinem Vorgesetzten bzw. dem
Rechtsamt von Landkreis, Kommune oder Stadt einzulegen. 282
I.d.R. haben Sie keine andere Wahl als es auf einen Versuch ankommen zu lassen,
denn wenn Sie schon über einen Wechsel des Mitarbeiters nachdenken, ist das Ver-
hältnis meist schon so schlecht, dass ein Mitarbeiterwechsel immer eine (vorüberge-
hende) Verbesserung bringt.

Rechnen Sie damit, dass alles, was Sie einem Jugendamtsmitarbeiter sagen, in ei-
nem schriftlichen Report gegen Sie verwendet werden wird. Der Mitarbeiter fertigt
nach jedem Gespräch mit Ihnen einen solchen Report an, der in die Akte des Ju-
gendamtes kommt, um alles Negative über Ihre Person zu dokumentieren. Nach den
Erfahrungen vieler befragter Eltern werden positive Sachverhalte, die für Sie spre-
chen könnten, in den meisten Fällen ausgeblendet und die Jugendamtsmitarbeiter
konzentrieren sich nur auf die negativen Aspekte Ihrer Person.
Manche Sachverhalte werden bewusst missverstanden oder missverständlich darge-
stellt. Sie haben nachträglich kaum eine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren, wenn
Sie keinen Zeugen oder Beistand zu den Treffen mitgebracht hatten. Es kommt auch
vor, dass ganze Akten im Jugendamt „verschwinden.

Nehmen Sie daher zum Jugendamt immer einen Zeugen oder Rechtsanwalt mit.

Eine Akteneinsicht wird aber i.d.R. weder Ihnen noch Ihrem Rechtsanwalt gewährt
werden. 283

Die Aussagen des Jugendamtsmitarbeiters und Ihres Kindes können von einem
Rechtsanwalt bestätigt werden. Ansonsten werden Ihnen Wahrnehmungsstörungen
vorgeworfen, wenn Sie dem Familiengericht im Verfahren berichten, was der Ju-
gendamtsmitarbeiter oder Ihr Kind Ihnen gesagt haben.

Die Eltern als „verrückt“ abzustempeln scheint eine beliebte Methode der Jugendäm-
ter zu sein, um die Kinder von ihnen zu isolieren.

282
www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/. Bericht vom 25.11.2007. Krise der Jugendämter – Unterbezahlt,
verunsichert, überfordert. Sozialarbeiter sollen bei Besuchen sog. „Schonebögen“ ausfüllen, in denen der Zu-
stand der Wohnung und der Ernährungszustand des Kindes angekreuzt werden. Es sei aber nicht kontrollierbar,
ob die Angaben der Jugendamtsmitarbeiter der Wahrheit entsprächen, gibt Margaret Janz vom Jugendamt Ham-
burg-Wandsbek zu. Oft weiß beim Jugendamt eine Abteilung nicht, was die andere macht.
283
Die Welt, Bericht vom 08.10.1999: Akten verschwunden – Schlamperei im Jugendamt.
Schwarzbuch Jugendamt 92

Mit psychologischen Gutachten wird vom Jugendamt versucht, die Erziehungsfähig-


keit der Eltern in Frage zu stellen und ihnen vorzuschlagen, sie sollten sich daher in
eine Therapie begeben. Für die Zeit der Therapie müsse man das arme Kind selbst-
verständlich zu seinem „Schutz“ auf Staatskosten in ein Heim einweisen.

Immer wieder fallen Familiengerichte auf diese Variante herein und entziehen Eltern
das Sorgerecht für ihre Kinder, weil die Jugendämter mit dubiosen Vorwürfen auffah-
ren, die sie sich von Gutachtern bestätigen lassen.

Einige dieser Gutachter arbeiten hauptsächlich oder ausschließlich für die Jugend-
ämter und sind von ihnen finanziell abhängig. Wie die Gutachten dieser Psychologen
aussehen, entspricht unter diesen Umständen den Erwartungen.284

Da die meisten Psychologen oder Psychiater in irgendeiner Form von den Sozialbe-
hörden oder dem Jugendamt abhängig sind, ist es nahezu unmöglich, einen unab-
hängigen Gutachter ausfindig zu machen, der in einem solchen Fall ein „Gegengut-
achten“ schreiben könnte. Einige Rechtsanwälte raten dazu, einen Gutachter aus
einem anderen Bundesland zu beauftragen, da dieser weniger stark von der Ein-
flussnahme der örtlichen Pflegeindustrie und der örtlichen Jugendämter betroffen ist.
Die ganze Sache hat einen Haken: Das Gericht spiel i.d.R. nicht mit und besteht auf
einem Gutachter, mit dem es vor Ort schon lange zusammenarbeitet.

Nach unseren Erfahrungen haben auch viele Rechtsanwälte eine große Angst vor
den Jugendämtern und trauen sich nur selten, gegen ein Jugendamt vorzugehen.

Als Familienrechtler sind viele Rechtsanwälte von einem langfristig guten Verhältnis
zum Jugendamt abhängig. Während Sie als Mandant irgendwann nichts mehr mit
dem Jugendamt zutun haben werden (spätestens wenn das Kind die Volljährigkeit
erreicht hat), haben die Rechtsanwälte für Familienrecht während ihres gesamten
Arbeitslebens mit dem Jugendamt und den Familiengerichten zutun.

Ein schwieriger Sorgerechtsfall, bei dem sich die Mandanten auch noch uneinsichtig
zeigen oder die „Hilfe“ des Jugendamtes ablehnen, kann einen Rechtsanwalt für Fa-
milienrecht schnell ins berufliche Abseits manövrieren. Deshalb ist es ratsam, ggf.
einen Rechtsanwalt aus einem anderen Landkreis oder einer anderen Stadt mit der
Vertretung zu beauftragen. Denken Sie darüber nach.
284
www.destatis.de, Pressemitteilung Nr. 261 vom 18.07.2008. Sorgerechtsentzüge 2007 um 13% gestiegen.
Schwarzbuch Jugendamt 93

Noch einmal die Verhaltenshinweisen in Kürze:

1. Nehmen Sie sich auf jeden Fall einen Zeugen oder einen Rechtsanwalt mit
zum Jugendamt. Erstellen Sie nach dem Treffen ein Protokoll, was alles getan
und gesagt wurde. Lassen Sie sich das Protokoll vom Zeugen oder Rechts-
anwalt gegenzeichnen. Nur dann haben Sie eine Chance, dass Ihre Argumen-
te auch bei einem Gericht Gehör finden.

2. Erwarten Sie vom Jugendamt keine Hilfe. Gehen Sie lieber davon aus, dass
das Jugendamt versucht, Ihnen Ihr Kind dauerhaft wegzunehmen. Denken Sie
immer daran, dass 2008 fast einhundert Kinder pro Tag von den Jugendäm-
tern ihren Familien weggenommen wurden und die Zahl der Inobhutnahmen
jedes Jahr um mehr als zehn Prozent steigt. Berücksichtigen Sie dabei, dass
die Jugendämter und die Pflegeindustrie eng „vernetzt“ sind und die Jugend-
ämter der Pflegeindustrie quasi die „Kunden liefern“.

3. Werden Sie nicht emotional. Bleiben Sie ruhig und sachlich. Alles, was Sie
sagen, wird protokolliert und vom Jugendamt gegen Sie verwendet werden.
Wir wissen, dass Sie Ihre Kinder lieben, aber wenn Sie gegenüber einem Ju-
gendamtsmitarbeiter emotional werden, wird das gegen Sie verwendet und
Ihnen werden vielleicht sogar Wahrnehmungsstörungen oder eine psychische
Erkrankung vorgeworfen. Dann schickt man Sie vielleicht noch zum Psychiater
und verlangt dann einen Nachweis von Ihnen (Alles schon vorgekommen!).

4. Versuchen Sie, auf die Wahl des Gutachters Einfluss zu nehmen, um zu ver-
hindern, dass ein Gutachter ausgewählt wird, der vom dortigen Jugendamt fi-
nanziell abhängig ist. Wenn es geht, wählen Sie einen Gutachter aus einem
anderen Bundesland. Auch ein Rechtsanwalt aus einem weiter entfernten
Landkreis könnte von Vorteil sein, da viele Familienrechtsanwälte versuchen,
zum Jugendamt ein gutes Verhältnis zu behalten – wobei Ihre Belange als
Mandant leider eine untergeordnete Rolle spielen.
Schwarzbuch Jugendamt 94

4.2. Wenn Ihr Expartner mit dem Jugendamt zusammenarbeitet

Immer ofter kommt es vor, dass nicht mehr Fremde einen Missbrauch oder eine Ver-
nachlässigung durch die Eltern melden, sondern ein Elternteil den anderen beschul-
digt. Meist passiert das aus Rache im Falle einer Scheidung oder Trennung. In den
letzten Jahren hat vor allem die Zahl der gemeldeten Missbräuche oder Vernachläs-
sigungen zugenommen, die von den getrennt lebenden Vätern gegen die Mütter ge-
richtet sind.285
Neu ist dabei, dass die Jugendämter immer schneller dazu neigen, die Kinder von
den Müttern wegzunehmen. Während noch vor wenigen Jahren derartige Vorwürfe
bei einer Scheidung als Racheaktionen abgetan wurden, nehmen die Jugendämter
heutzutage diese Kinder „vorsorglich“ aus den Familien heraus und geben sie in eine
Pflegefamilie oder ein Kinderheim.286
Wahrscheinlich ist dieser neue Trend auf die neue Rechtsprechung an den Familien-
gerichten zurückzuführen, die einerseits das Cochemer-Modell bevorzugen, bei wel-
chem die Eltern zu einer Zusammenarbeit gezwungen werden, und andererseits die
Rechte des Mannes am Kind mehr gestärkt haben.

Früher kamen die Kinder bei einer Scheidung schon fast automatisch zur Mutter, da
sie die Kinder geboren hatte und naturgemäß die engere Bezugsperson war. Heute
ist das anders. Immer mehr Väter bekommen die Kinder zugesprochen und die Müt-
ter erhalten nur noch ein Besuchsrecht. Ob sich diese Art der Rechtsprechung für die
Kinder als gut erweist, wird erst in einigen Jahren zu erkennen sein. Zumindest geht
die Rechtsprechung heutzutage davon aus, dass in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit oft
auch die Väter die Kindererziehung in der Familie übernehmen und daher die Haupt-
bezugsperson der Kinder sein können.287

Ein Problem dabei ist, dass die Richter i.d.R. noch nicht für diese neue Sichtweise
ausgebildet sind und daher selbst nicht erkennen können, ob es sich im Einzelfall um
die Mutter oder den Vater als Hauptbezugsperson handelt. Sie sind immer auf das
Jugendamt angewiesen, welches bei Streitigkeiten mit einem Elternteil schnell den

285
Vätergruppen, wie die Webseite www.pappa.com rufen sogar offen zur Anzeige wegen Kindesentzug auf.
Siehe www.pappa.com/kinder/aktio235.htm .
286
Zahl der Inobhutnahmen wegen angeblichen Erziehungsfehlern, wie z.B. Bindungsintoleranz gegenüber dem
Ex-Ehepartner ist gestiegen. Siehe Untersuchung des statistischen Bundeamtes für 2008: destatis.de, Inobhut-
nahmen 2008 um 14% gestiegen, Pressemitteilung Nr. 234 vom 25.06.09.
287
Siehe www.uploader.wuerzburg.de/sefem. Die Selbsthilfegruppe entfremdeter Mütter.
Schwarzbuch Jugendamt 95

anderen als unkommunikativ hinstellt und benachteiligt. Zudem projezieren viele Ju-
gendamtsmitarbeiter eigene Erfahrungen und Vorurteile auf die Einzelfamilien und
sorgen durch falsche Beurteilungen der Tatsachen für Verwirrung.

In den letzten Jahren fallen die Jugendamtsmitarbeiter zunehmend durch sinkende


Qualifikation und fehlendes Einfühlungsvermögen auf. Die hohe Zahl der Inobhut-
nahmen lässt ihnen keine Zeit mehr, sich mit den Einzelfällen genügend zu befassen
und eine adäquate Einschätzung vorzunehmen. Die Leidtragenden sind die Kinder,
welche ungerechtfertigt aus ihren bestehenden sozialen Verhältnissen herausgeris-
sen werden und sich in einer völlig neuen Umwelt zurechtfinden müssen. Diese Kin-
der sind nicht nur durch die Trennung der Eltern belastet, sondern noch zusätzlich
durch das Verhalten der Jugendamtsmitarbeiter.288

An dieser Stelle wäre eine staatliche Fachaufsicht über die Jugendämter dringend
nötig, um Schäden für die Kinder zu vermeiden. Eine solche Fachaufsicht gibt es
nicht. Vor allem müsste dringend überprüft werden, ob die zunehmende Zahl von
Inobhutnahmen tatsächlich nötig ist.

Derzeit steigen die Inobhutnahmen jährlich um 14,4 % an. Daraus folgt, dass inzwi-
schen bis zu einhundert Kinder täglich aus ihren Familien herausgenommen werden.
Die Kinderheime sind voll und die Pflegeindustrie boomt.289

Deutschland hat bezogen auf die Zahl seiner Einwohner mehr Inobhutnahmen als
jedes andere Land in der Europäischen Union und sogar mehr Inobhutnahmen als
die USA. Ein demokratisches, hoch entwickeltes Land, wie die Bundesrepublik sollte
eigentlich eine Lösung haben, um Inobhutnahmen und Fremdunterbringungen von
Kindern zu vermeiden.

Bischof Huber sagte in einem Interview im Frühling 2009 in der Sendung „Tacheles“:
Die Familie ist durch nichts zu ersetzen.290 Er bezog sich dabei auf die Bindungsthe-
orie, die besagt, dass Werte vor allem über die Familie vermittelt werden. Eine Erzie-
hung findet fast ausschließlich in der Familie statt. Die Bindungstheorie geht daher
davon aus, dass selbst eine „nicht-optimale“ Familie für ein Kind besser ist als die

288
Der Westen, 11.05.2009, Mehr Personal fürs Jugendamt, Interview mit Michael Ahls, Jugendamt Dinslaken:
„Die Qualität der Arbeit ist nur mit mehr Personal zu schaffen.“.
289
www.destatis.de, Inobhutnahmen 2008 um 14% gestiegen, Pressemitteilung Nr. 234 vom 25.06.09.
290
Bischof Huber 2009 in einem Interview mit der TV-Show „Tacheles“ am 24.05.2009: Familien sind durch
nichts zu ersetzen.
Schwarzbuch Jugendamt 96

Erziehung im Heim. Daher sollte unter allen Umständen versucht werden, die Kinder
in den Herkunftsfamilien zu belassen und sie nur dann wegzunehmen, wenn es gar
nicht anders geht, d.h. wenn eine Hilfeleistung in der Herkunftsfamilie auch nach lan-
ger Zeit und wiederkehrenden Versuchen, keine Aussicht auf Erfolg hat. Gemeint
sind i.d.R. die wenigen Fälle, in denen Eltern so krank oder abhängig sind, dass sie
nicht in der Lage sind, die Kinder selbst zu erziehen, und Verwandte nicht bereit sind,
die Kinder aufzunehmen.291

Derzeit wird der Begriff „Erziehungsunfähigkeit“ hingegen „inflationär“ benutzt.

Wenn Eltern aufgrund schlechter Erfahrungen mit den Jugendamtsmitarbeitern nicht


zusammenarbeiten, sind angeblich niemals die Mitarbeiter des Jugendamtes schuld,
sondern die Eltern sind angeblich erziehungsunfähig. Die Jugendämter versuchen
nicht einmal, durch einen Wechsel der Zuständigkeit, ein besseres Verhältnis mit an-
deren Personen herzustellen. Auch werden Alternativen zur Inobhutnahme nicht in
Betracht gezogen. Ein Vertrauensverhältnis zu den Eltern wird von vornherein nicht
aufgebaut und damit jede Chance auf eine Zusammenarbeit zerstört.

Daraus ergibt sich folgende These:


Durch das Fehlverhalten der Jugendamtsmitarbeiter kommen mehr Kinder ins Heim
als durch Misshandlungen oder Vernachlässigungen.

Ein Hinweis auf die Gültigkeit dieser These ergibt sich aus dem Verhalten, das die
breite Bevölkerung gegenüber den Jugendämtern zeigt. Die Eltern haben Angst vor
den Jugendämtern und bringen ihre Kinder daher immer seltener zu Untersuchungen
oder Beratungen. Die einzige Antwort der Jugendämter auf dieses Verhalten besteht
in einer weiteren Erhöhung der Inobhutnahmen, wodurch das Problem weiter ver-
stärkt wird.292

Wenn Ihr Expartner mit dem Jugendamt zusammenarbeitet, können Sie nur wenig
tun, um gegenzusteuern.
Besorgen Sie sich als erstes einen guten Rechtsanwalt, mit dem sie die Angelegen-
heit besprechen können und der mit Ihnen zusammen Kontakt zum Jugendamt auf-
nimmt. Wenn Sie alleine dort erscheinen, könnte es sein, dass der Jugendamtsmit-

291
Bowlby, J. (2006): Bindung, S. 176 ff.
292
32.300 Inobhutnahme in 2008, Von der Leyen mahnt Jugendämter zur Vorsicht, 25.06.2009, www.welt.de.
Schwarzbuch Jugendamt 97

arbeiter bereits aufgrund der Gespräche mit Ihrem Expartner gegen Sie eingestellt ist
und Vorurteile gegen Sie hat. Dieser Fall kommt in der Praxis leider recht häufig vor.
Es hat daher keinen Zweck, wenn Sie sich gegenüber dem Jugendamt emotional
oder unterwürfig verhalten. Dieses Verhalten bestätigt eher noch die Vorurteile und
macht die ganze Sache nur noch schlimmer.

Leider neigen aber gerade Frauen dazu, viel zu lächeln und möchten besonders
freundlich sein, um die Jugendamtsmitarbeiter zu „besänftigen“. Diese Freundlichkeit
wird missverstanden und als Unterwürfigkeit und Schwäche interpretiert. 293
Lassen Sie den Rechtsanwalt Fakten vorstellen. Nur mit harten Argumenten werden
Sie gegen die Behauptungen Ihres Expartners noch eine Chance haben.

Machen Sie sich auf eine gnadenlose „Schlammschlacht“ gefasst. Wenn der Expart-
ner schon zum Jugendamt geht, um Forderungen gegen Sie durchzusetzen, ist an
eine Regelung des Problems auf persönlicher Ebene nicht mehr zu denken. Das Ju-
gendamt nimmt sich nun der Sache an und lässt eigenen Vorstellungen oder sogar
persönlichen Regelungen keinen Platz mehr.294
Dafür sind die Jugendamtsmitarbeiter auch nicht ausgebildet.

Der Rechtsanwalt muss Ihnen dabei helfen, Ihre Argumente sachlich zu präsentieren
und das bestmögliche Ergebnis für Sie zu erzielen.

293
Siehe www.jugendamtskritik.de/kritik/behoerde.de.
294
„Die Jugendämter wenden brutale Methoden an.“ Ausspruch des Generalsekretärs des Petitionsausschusses
des Europaparlaments, Marcin Libicki auf der 2. Anhörung der EU-Petitionskommission vom 07.06.2007 zur
fachlichen und rechtlichen Praxis deutscher Jugendämter bei Kindesentzug in nationalen und internationalen
Familiensachen.
Schwarzbuch Jugendamt 98

4.3. Pest oder Cholera: Das familienpsychologische Gutachten

Einige Rechtsanwälte raten ihren Mandanten zu einem familien-psychologischen


Gutachten, um ihre Unschuld im Falle einer Inobhutnahme oder in einem Sorge-
rechtsstreit um das Kind zu beweisen.
Es gibt auch Familiengerichte, die ein solches Gutachten anordnen, um sich einen
„objektiven Überblick“ über die Erziehungsfähigkeit er Eltern zu verschaffen.
Aber leider ist in diesen Fällen von Objektivität bei der Erstellung des Gutachtens
keine Rede.295

Sie können natürlich Glück haben und einen der wenigen objektiven Psychologen
oder Psychiater zugeteilt bekommen, die bei den Gerichten arbeiten. In aller Regel
sind diese Gutachter aber dem Jugendamt verpflichtet, welches nicht beabsichtigt,
Ihnen Ihr Kind einfach wieder herauszugeben, sondern angeblich zum „Schutz“ des
Kindes jedes Risiko bei Ihnen ausschließen muss.

Um es kurz zu machen:
Der Auftrag an den Gutachter wird schon von vornherein so gestellt, dass es gar
nicht möglich ist, als normaler Elternteil seine Erziehungsfähigkeit zu beweisen. Das
Gutachten fällt dann in allen Fällen so aus, dass bei Ihnen oder Ihrem Kind oder bei
beiden Persönlichkeitsstörungen ausgemacht werden, so dass Sie Ihre Erziehungs-
fähigkeit in jedem Fall aberkannt bekommen.

Nach Ansicht von Psychologen hat jeder Mensch mehrere Persönlichkeitsstörungen.


Er muss nicht unter diesen Persönlichkeitsstörungen leiden, aber er hat sie in ver-
schieden schweren Graden.
Die Psychologen und Psychiater sind darauf ausgebildet, diese Persönlichkeitsstö-
rungen zu diagnostizieren und eine Empfehlung abzugeben, ob das Kind trotz dieser
Persönlichkeitsstörungen bei den Eltern bleiben kann oder nicht.296
Wenn das Jugendamt das Kind schon wegen eines Gefahren-Verdachtes aus der
Familie herausgenommen hat und die Gutachter ihre Informationen hauptsächlich

295
Familienpsychologisches Gutachten weisen große Mängel auf, wie eine Studie in den 80er Jahren herausfand.
Siehe: Schlußbericht des Projektes Psychologisches Gutachten in Prozessen vor dem Familiengericht, vorgelegt
von Christoph Werst, Dr. Hans Jörg Hemminger, Projektleiter: Dr. Peter Dietrich, Universität Freiburg. Erschei-
nungsdatum ca. 1985. Auswertung von 118 Gutachten von 70 Gerichten.
296
Fiedler, P. (2007): Persönlichkeitsstörungen, 6. überarb. Aufl., Psychologie Verlagsunion: Weinmann.
Schwarzbuch Jugendamt 99

von den Jugendämtern erhalten, kann sich jeder vorstellen, wie die Gutachten ge-
wöhnlich ausfallen. Eine „objektive“ Überprüfung findet nicht statt.
Sie ist von den Familiengerichten auch nicht erwünscht, weil sie klare Entscheidun-
gen fällen müssen.

Eine Mutter aus Bochum regte einmal beim Amtsgericht Essen den Wechsel des
Gutachters an, weil der Gutachter aufgrund eines längeren Urlaubes erst in sechs
Monaten Zeit für das Gutachten hatte und das Kind so lange im Heim bleiben sollte.
Sie bekam von der sehr jungen Familienrichterin die Antwort, dass zwar andere Gut-
achter zur Alternative ständen, aber ein Wechsel nicht gut sei, weil gerade dieser
eine Gutachter „ganz besonders gründlich“ vorgehen würde und das Gericht immer
gut mit gerade diesem Gutachter zusammengearbeitet habe.
Die Gründlichkeit bestand dann in der Praxis darin, dass ein Ferngutachten nach Ak-
tenlage erstellt wurde, ohne dass der Gutachter mit der Mutter jemals gesprochen
hatte und die Mutter samt ihrer gesamten Familie (Großeltern, Verwandte) für erzie-
hungsunfähig erklärte.
Im Gerichtsverfahren gab der Gutachter zu, sich völlig auf die Akte des Gerichtes
und die Angaben des Jugendamtes verlassen zu haben.
Solche Fehler könnten vermieden werden, wenn die Gutachter des Gerichts nicht
aus dem engeren Umfeld des beteiligten Jugendamtes ausgewählt werden würden.

Aufgrund solcher Vorkommnisse mit Gutachtern raten einige Frauenverbände und


Rechtsanwälte dazu, nicht zu den angeordneten Gutachten hinzugehen, sondern
vom Verweigerungsrecht Gebrauch zu machen.297
Diese Methode ist jedoch genauso riskant, wie das Gutachten selbst, denn wenn der
Gutachter nicht mit dem Elternteil gesprochen hat, bezieht er sich auf Akteneinträge
und Briefe des Elternteils, selbst wenn nicht einmal feststeht, ob diese Briefe mit Hilfe
von Dritten entstanden sind. Diese Methode nennt der Gutachter dann eine „indirek-
te“ Schlussfolgerung.

Ein Problem liegt darin, dass der Gutachter vom Gericht nach Quantität, d.h. nach
der Seitenzahl seines Gutachtens, und nicht nach Qualität bezahlt wird. Je mehr Sei-

297
Die Teilnahme am familienpsychologischen Gutachten können die Eltern nach SGB VIII verweigern, wenn
sie z.B. glauben, dass sie ihre Erziehungsfähigkeit bzw. pädagogische Eignung anders unter Beweis stellen kön-
nen. Der Gutachter kann dann gemäß der Satzung des Gutachterverbandes nur eine psychologische Stellung-
nahme über den verweigernden Elternteil abgeben, jedoch kein wissenschaftliches Gutachten erstellen. Siehe
Richtlinien des BDP-Verbandes.
Schwarzbuch Jugendamt 100

ten er schreibt, desto mehr verdient er. Die familienpsychologischen Gutachten ha-
ben daher mindestens einhundert Seiten. Wenn über ein Familienmitglied nichts zu
erzählen ist, weil dieses nicht teilnimmt, bedeutet das eine Umsatzeinbuße für den
Gutachter. Dieser sucht dann nach Alternativen, wie er trotzdem die Seiten noch fül-
len kann. Mit wissenschaftlichem Arbeiten hat das weniger zutun. Mehr mit Sensati-
ons-Journalismus.298

Der Elternteil kann sich gegen diese Behandlung nachträglich kaum zur Wehr set-
zen. Er hat damit die Wahl zwischen „Pest und Cholera“. Das bedeutet, egal ob er
zum Gutachten erscheint oder nicht. Es wird immer mit angeblich stichhaltigen Be-
weisen „nachgewiesen“, dass er vollkommen erziehungsunfähig ist.299
Das ist es, was das Gericht eine „unkomplizierte Zusammenarbeit“ mit einem Gut-
achter nennt.

Der Rechtsanwalt einer Mutter fragte in einem Gerichtsverfahren im Juni 2009 eine
Gutachterin, ob sich an der Beurteilung etwas ändern würde, wenn die als erzie-
hungsunfähig beschuldigte Mutter sich nun doch einer Begutachtung stellen würde.
Die Antwort lautete: Nein.
Darauf erklärte der Rechtsanwalt. Dann sei es doch in Ordnung gewesen, wenn sei-
ne Mandantin nicht erschienen wäre, denn ihre Anwesenheit hätte am Gutachten
nichts geändert.
Die Gutachterin erklärte darauf, sie habe, ohne mit der Mutter zu sprechen, heraus-
gefunden, dass die Mutter unter einer Persönlichkeitsstörung leide und sich behan-
deln lassen müsse.
Der Anwalt wurde hellhörig und fragte nach, ob noch jemand im Gerichtssaal sich
behandeln lassen müsse, weil er unter Persönlichkeitsstörungen leide.
Die Gutachterin antwortete, dass jeder Mensch immer wieder in Behandlung müsse.
Der Anwalt fragte nach, ob das auch auf das Gericht zutreffen würde.
Die Gutachterin bestätigte: Auch das Gericht.
Nach weiterer Befragung gab die Gutachterin schießlich zu, dass sie über die Per-
sönlichkeit der Mutter keine „direkte“ Aussage treffen könne, weil sie nie mit ihr ge-
sprochen habe.

298
Die Kosten liegen i.d.R. zwischen 5.000,00 und 10.000,00 EUR für das Gutachten. Siehe
www.vaeternotruf.de/professionellenkritik-gutachter.htm.
299
Der Vergleich mit „Pest und Cholera“ stammt aus einem Internet-Forum und versinnbildlicht die Schutzlo-
sigkeit der Eltern im Umgang mit dem Gutachter.
Schwarzbuch Jugendamt 101

Aber sie hatte die Mutter trotzdem für erziehungsunfähig erklärt.


Der Berufsverband der Psychologen erklärte der Mutter auf Nachfrage, sie könne
das Gutachten inhaltlich anfechten. Ein Rechtsanwalt riet ihr davon ab, weil sich die
Psychologen angeblich immer aus derartigen Klagen „herauswinden“ könnten.
Der einzige Erfolg sei durch eine neue Klage auf Sorgerecht möglich. Dabei müsse
die Mutter nachweisen, dass sich die Verhältnisse gravierend geändert bzw. zum
Positiven verändert hätten.300

300
Vgl. § 1696 BGB Antrag auf Änderung der elterlichen Sorge.
Schwarzbuch Jugendamt 102

4.4. Vom Jugendamt zur kostenlosen „Leihmutter“ degradiert

Eine Leihmutter trägt für eine fremde Familie ein Kind aus, die selbst keine Kinder
bekommen kann. In vielen Fällen lässt sie sich die Leihmutterschaft als Dienstleis-
tung bezahlen und investiert das Geld zur Verbesserung des Lebensstandards ihrer
übrigen Kinder und ihrer Familie. Leihmütter sind meist aufgrund finanzieller Proble-
me zu dieser Art von Dienstleistung gezwungen. Sie vermieten ihren Körper für eine
gewisse Zeit.301
Leihmütter haben nach der Geburt große Probleme, die Trennung vom Kind zu ver-
arbeiten, weil sie über Monate hinweg eine enge Bindung mit dem Fötus aufgebaut
haben. Sie reagieren nach der Wegnahme des Kindes, wie bei einer Todgeburt. Sie
trauern oft monate- oder sogar jahrelang.

Trotzdem floriert das Geschäft mit Babys auch in Deutschland, und zwar nicht nur in
„dunklen Kanälen“, sondern es wird durch die Inobhutnahmen nun wieder von Staats
wegen stärker gefördert.
Jedes in Obhut genommene Kleinkind kommt zu einer Pflegefamilie. Die Pflegefami-
lien machen einen Eignungstest beim Jugendamt, ob sie erziehungsfähig sind. Sie
müssen aber nicht unbedingt selbst Kinder haben. Daher benutzen immer öfter El-
tern, die keine Kinder bekommen können, diesen „neuen Service“ der Jugendämter,
um auf diese Weise zu einem Kind zu kommen.302

Ist das Kind erst einmal mehrere Monate bei der Pflegefamilie untergebracht worden,
sind Bindungen entstanden, die vom Gesetzgeber geschützt werden. Die ursprüngli-
chen Eltern können ihr Kind dann nicht mehr einfach von der Pflegefamilie wegholen
und zurück nach Hause nehmen.303
Der Gesetzgeber hat zahlreiche Hürden dafür aufgetürmt.
In den meisten Fällen bekommen die biologischen Eltern ihre Kinder nicht zurück,
egal was auch immer sie dafür tun. Die Jugendämter haben die Pflegefamilien aus-
gesucht und unterstützen diese selbstverständlich in ihrem Bemühen, die Kinder zu

301
Vgl. de.wikipedia.org/wiki/leihmutter. Leihmütter stellen ihre Gebärmutter für das Austragen einer
Schwangerschaft zur Verfügung. Ein Arzt, der bei einer Leihmutterschaft hilft, macht sich in Deutschland
strafbar. In anderen europäischen Staaten ggf. nicht. Die Rechtslage ist in der EU nicht einheitlich geregelt.
302
www.familienhandbuch.de/cmain/f_Programme/a_Angebote_und_Hilfen/s_260.html. Dort heißt es, das Kind
solle bei der Dauer-Pflege „möglichst ungestört von den leiblichen Eltern“ eine kompensatorische, positiv zu
bewertende Erziehung erfahren.
303
Siefert, S.: Wie können sich Pflegefamilien gegen die Herausnahme ihres Pflegekindes aus ihrer Familie
wehren?, siehe: www.ikap-ev.de/dokumente/siefert_herausnahme.pdf.
Schwarzbuch Jugendamt 103

behalten. Weiterhin sind die Pflegefamilien finanziell i.d.R. besser ausgestattet als
die Ursprungsfamilien und können sich die besseren Rechtsanwälte leisten.

Der Staat bevorzugt somit die von den Jugendämtern ausgesuchten Pflegefamilien
gegenüber den biologischen Eltern und benachteiligt damit bewusst die Herkunfts-
familie.

Schlimmer noch ist die Doppelmoral des Staates. Schwangere junge Frauen, die in
schwierigen finanziellen oder sozialen Verhältnissen leben und daher einen Schwan-
gerschaftsabbruch durchführen möchten, werden zunächst zu einer Beratung ge-
schickt. Sie werden überredet, das Kind zu bekommen.304 Gleichzeitig wird das Ju-
gendamt eingeschaltet. Wenn die Babys zur Welt gekommen sind, begeben sich die
Jugendamtsmitarbeiter ins Krankenhaus und holen den jungen Müttern ihr Kind aus
dem Krankenhaus weg, während die Mütter noch im Wochenbett liegen.305
Schwerste Depressionen der Mütter sind die Folge und werden von den Jugendäm-
tern ihrerseits wieder als Bestätigung dafür genommen, dass die Mütter angeblich
nicht in der Lage waren, das Kind zu versorgen und daher eine Wegnahme angeb-
lich unvermeidlich war. Die betroffenen Mütter haben noch Glück, wenn ihnen nicht
aufgegeben wird, sich wegen der Depressionen nach der Wegnahme ihrer Kinder in
psychiatrische Behandlung zu begeben.

In Deutschland wird in allen Bereichen, die mit moralisch bedenklichen Handlungen


von Staatsvertretern zutun haben, grundsätzlich gerne mit einer angeblichen psychi-
schen Unzurechnungsfähigkeit der betroffenen Opfer der Behördenwillkür gearbeitet.
Die Behördenvertreter sind schnell dabei, den Eltern eine Persönlichkeitsstörung an-
zuhängen, die es angeblich unmöglich macht, dass die Kinder bei ihnen verbleiben
können.306

Der Nebeneffekt ist allerdings bezogen auf das Verbot der Leihmutterschaft sehr be-
denklich, denn dieses Verbot wird von den Behördenvertretern aus Profitstreben be-
wusst umgangen.

304
www.profamilia.de/article/show/933.html. Artikel: Wann dürfen Sie einen Schwangerschaftsabbruch vor-
nehmen lassen?
305
www.morgenpost.de/printarchiv/berlin/article459567/Polizei_befreit_Baby_aus_Jugendamt-html. Artikel der
Berliner Morgenpost vom 01.06.2008. Baby wurde direkt nach der Geburt in Obhut genommen. Gericht sah
keinen Grund, das Kind in Obhut zu nehmen.
306
www.vaeternotruf.de/professionellenkritik-gutachter.html.
Schwarzbuch Jugendamt 104

Jedes an eine Pflegefamilie vermittelte Kind hat für die Jugendämter einen Wert von
bis zu siebentausend Euro. Für eine Heimunterbringung oder die Unterbringung bei
einer Pflegefamilie bekommt das Jugendamt ca. viertausend bis sechstausend Euro
pro Monat (2009: bis zu 7.000 EUR/Monat) von der Kommune zur freien Verfügung.
Die Arbeitsplätze der Sachbearbeiter in den Jugendämtern sind durch die ständig
steigende Zahl von Inobhutnahmen auch in wirtschaftlichen Krisenzeiten gesichert.
Die Wichtigkeit der Jugendämter wird noch einmal hervorgehoben, indem die stei-
gende Zahl angeblich unfähiger Mütter und Väter über die Medien verbreitet wird.307
Was tatsächlich dahinter steckt, erfährt niemand. Da keine Fachaufsicht existiert,
können die Inobhutnahmen von Kindern und die Unterbringungen in Pflegefamilien
und Heimen nicht von den Ministerien kontrolliert werden.

Die Eltern und Angehörigen des Kindes bleiben in der Ursprungsfamilie zurück. Die
Mütter sehen ihre Kinder meist nie mehr wieder.
Sie werden vom Staat damit zu Leihmüttern degradiert. Die Mütter werden nur noch
zu „Gebärzwecken“ benötigt. Die Bindungen einer Mutter zu ihrem eigenen Kind
werden von den Jugendamtsmitarbeitern missachtet.

In Essen musste sich eine Mutter von einem Jugendamtsmitarbeiter beschimpfen


lassen, weil sie sich bemühte „ihr Kind“ zu sehen:308

„Ihr Kind? Das ist nicht Ihr Kind. Frauen bilden sich immer ein, die Kinder wür-
den ihnen gehören, nur weil sie sie geboren haben. Dagegen müssen wir etwas
tun!“

Wie kann eine Kommune zulassen, dass ein solcher Jugendamtsmitarbeiter mit die-
ser Einstellung über Jahre hinweg in ihrem Namen agiert?
Jeden Tag demonstrieren die Jugendämter anschaulich an den ca. einhundert Kin-
dern, die täglich in Obhut genommen werden, was sie gegen die Frauen tun, die
Kinder als „ihre Kinder“ ansehen, weil sie sie geboren haben.

307
www.jugendamtskritik.de/kritik/kritik/Elternarbeit.html. Der Autor hat sich außerdem beim Jugendamt Essen
erkundigt. Ein Heimplatz kostete dort 2008 ca. 5.000,00 EUR/Monat.
308
Mitarbeiter des Jugendamtes Essen-Rüttenscheid, Herr Uwe Gattermann-Schuchardt, am 18.07.2008 zu einer
Mutter, die ihr Kind nach drei Wochen Entziehung durch das Jugendamt das erste Mal wieder in die Arme
schließen konnte. Der Ausspruch des Mitarbeiters wurde von Zeugen bestätigt. Fehlende Empathie der Jugend-
amtsmitarbeiter ist ein großes Problem.
Schwarzbuch Jugendamt 105

Diese Mütter werden von den Jugendämtern zu kostenlosen Leihmüttern degradiert.


Sie haben keine Rechte mehr an ihren Kindern. Sie bekommen die Kinder auf unbe-
stimmte Zeit (Monate oder Jahre) weggenommen. Viele bekommen ihre Kinder nie
wieder zu Gesicht, denn eine Rückgabe durch ein Jugendamt an die Ursprungsfami-
lie ist nicht vorgesehen.309

Es ist somit nicht richtig, wenn behauptet wird, in Deutschland sei die Leihmutter-
schaft verboten. Vielmehr liegt sie in den Händen der Jugendämter und wird von ih-
nen zu ihren Bedingungen durchgeführt. Diese Bedingungen können sehr men-
schenverachtend anmuten, aber solange der Staat sie noch per Gesetz fördert, sind
sie legal.

309
Eine Rückgabe der Kinder an die leiblichen Eltern wird von den Jugendämtern ganz im Gegensatz zur Ver-
pflichtung des SGB VIII vermieden bzw. möglichst lange vereitelt. Das Europäische Parlament und die Verein-
ten Nationen klagen die Jugendämter wegen der Kindesentziehungen „auf Verdacht“ ohne dass die Eltern sich
etwas Konkretes haben zu Schulden kommen lassen, der Menschenrechtsverletzungen an. Deutschland ist welt-
weit das einzige Land, in dem die Jugendämter nicht der Weisung eines Gerichtes oder übergeordneten Behörde
unterstehen und Kinder „vorsorglich“ aus den Familien herausnehmen können, ohne dass zuvor etwas Konkretes
vorgefallen sein muss.
Schwarzbuch Jugendamt 106

5. Akzeptanzproblem des Jugendamtes in der Bevölkerung

Wir haben ein großes Problem in Deutschland. Die Jugendämter verlieren zuneh-
mend an Akzeptanz in der Bevölkerung und können ihre Aufgaben nicht mehr erfül-
len.310

Zu oft wurden in den letzten Jahren Kinder den Eltern weggenommen, wenn diese
sich hilfesuchend an die Jugendämter gewandt hatten. Selbst in Fällen, in denen ei-
ne ambulante Hilfe nach objektiven Gesichtspunkten völlig ausreichend gewesen
wäre, wurden die Kinder gewaltsam ihren Eltern weggenommen und ins Heim ver-
bracht.
Den Eltern machten die Jugendamtsmitarbeiter klar, dass sie mit ihnen „kooperieren“
müssten, um ihre Kinder jemals wiederzusehen. Auf diese Weise wurde verhindert,
dass sich allzu viele Eltern wehrten.311

Jede Klage, jeder Widerspruch, jedes noch so kleine Auflehnen gegen Behördenwill-
kür und ungerechtfertigte Behandlung wurde von den Jugendämtern sofort mit einer
Aussetzung des Besuchsrechtes der Eltern geahndet. Auf diese Weise konnten die
Jugendämter fast alle Eltern in die Knie zwingen.

Kooperation bedeutet in diesem Zusammenhang nichts anderes als „Unterwerfung“


der Eltern unter die Anordnungen der Jugendamtsmitarbeiter.312

Diese Anordnungen der Jugendämter wurden immer unverständlicher:

• Besuchsverbote an Geburtstagen und Feiertagen,

• Versagen der elterlichen Teilnahme an der Einschulung oder Schulaufführun-


gen des Kindes,

• Verbot, in Gegenwart der Kinder zu weinen, etc.,

sind nur einige unverständliche Beispiele.

310
Eickhoff, B. (2008): Prügelknabe Jugendamt, Re Di Roma-Verlag, 1. Aufl.
311
KSK Fachtagung, 07.11.2007, Workshop 13: Erfahrung aus der Arbeit mit unkooperativen Eltern, Dipl.-
Psych. M. Biene, Leiter SIT. Schweiz. Die Probleme der Jugendämter sind dort gut zusammengefasst. Grund-
sätzlich hat Deutschland die gleichen Probleme. Sie werden aber nicht thematisiert.
312
www.jugendamtskritik.de/kritik/kritik/kindeswohl.html.
Schwarzbuch Jugendamt 107

Betroffen sind bis heute Eltern aller Gesellschaftsschichten und aller Einkommens-
klassen, aber ganz besonders Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger. In einigen deut-
schen Großstädten sind bis zu 25% der Kinder von Hartz-IV-Empfängern in der Ob-
hut der Jugendämter untergebracht, d.h. im Kinderheim.313

Die Eltern bekommen i.d.R. ein 14-tägiges oder monatliches Besuchsrecht in den
Räumlichkeiten des Jugendamtes, unter Aufsicht von Mitarbeitern der Behörde. Die-
se Mitarbeiter kontrollieren akribisch, wie sich die Eltern mit den Kindern unterhalten
und fertigen Berichte darüber, was gesprochen wird und wie die Eltern reagiert ha-
ben.314
Diese Methoden werden über Monate und Jahre hinweg angewendet, um Hinweise
dafür zu finden, daß die Eltern ihre Kinder „misshandeln“. Dazu gehört vor allem
„seelische Gewalt“, da die Eltern gegen diesen Verdacht schwieriger einen Gegen-
beweis antreten können. Den Eltern werden hierzu Persönlichkeitsstörungen unter-
stellt. Jedes Weinen und jede Emotion der Eltern wird von den Jugendämtern sofort
als ein Hinweis auf eine Persönlichkeitsstörung und Unkooperativität gewertet.

Die Erziehungsaufgabe der Jugendämter liegt daher in der Erziehung der Eltern. Nur
kooperative Eltern, die den Anweisungen der Jugendamtsmitarbeiter folgen, sind
auch dafür geeignet, ihre Kinder zu erziehen.
Da so wenige Eltern dafür Verständnis haben, sind die Kinderheime in Deutschland
überfüllt. 315

Die Methode ist recht einfach:


Bei Geburten, Vorsorgeuntersuchungen, Einschulungen, Schuluntersuchungen und
Scheidungen geraten die meisten Eltern eher zufällig mit den Jugendämtern in Kon-
takt und werden von diesen in Gesprächen und Besuchen „bewertet“.

Die Bewertung bezieht sich auf die Erziehungsfähigkeit der Eltern – obwohl die Ju-
gendamtsmitarbeiter im Außendienst für diese Beurteilung nicht ausgebildet sind.

313
Umrechnung der Hartz-IV-Empfänger auf die in Obhut genommenen Kinder der Stadt Essen, Ruhrgebiet,
bezogen auf das Jahr 2008.
314
Mindestumgang, der den Eltern zusteht. Einzuklagen nach §1684 BGB.
315
Wegen überfüllten Heimen wurden neue Heime gebaut. 2008 und 2009 waren lt. Angaben der Bundesregie-
rung ca. 80% der Neubauten in Deutschland Heime. Pressemitteilung Nr. 031 vom 23.01.2008 auf
www.destatis.de. Von 2002 bis 2006 wurden 2800 Heime für Inobhutnahmen und Dauerpflege gebaut.
Schwarzbuch Jugendamt 108

Fällt die Bewertung negativ aus, oder kooperieren die Eltern nicht genügend mit dem
Jugendamt, weil ihnen bestimmte Mitarbeiter überheblich oder unverschämt entge-
gen kommen, ist das Kind weg. Es kommt ins Heim oder zu Pflegeeltern. 316

Hierbei sei erwähnt, dass Pflegeeltern in den letzten Jahren immer seltener bereit
sind, Kinder aufzunehmen, seit sich herausgestellt hat, dass zunehmend Kinder aus
„normalen Familien“ von den Jugendämtern in Obhut genommen werden.317
Immer mehr Pflegeeltern möchten nicht daran Teil haben, wenn Jugendämter Mas-
seninobhutnahmen durchführen.

Das Europäische Parlament ist von vielen Eltern auf die Menschenrechtsverletzun-
gen der deutschen Jugendämter aufmerksam gemacht worden und hat in mehreren
Petitionen gegen die Jugendämter und für die Eltern entschieden. Doch selbst diese
gerichtlichen Entscheidungen werden von den Jugendämtern ignoriert und die Kinder
ihren Eltern trotzdem nicht herausgegeben.318
Das Europäische Parlament hat daher die Bundesregierung aufgefordert, die Ju-
gendämter stärker zu kontrollieren und unter eine Fachaufsicht zu stellen.319 Alterna-
tiv wird derzeit geprüft, ob die Jugendämter abgeschafft werden sollten, da sie in
Deutschland einer alten NS-Vergangenheit entspringen.

Möglicherweise ist eine Abschaffung und Reorganisierung der Jugendämter die ein-
zige Lösung. Durch die Masseninobhutnahmen werden die Jugendämter von der
Bevölkerung nicht mehr als Helfer, sondern als Bedrohung für Familienglück und Zu-
sammengehörigkeit der Familienmitglieder angesehen.320

In Notsituationen wenden sich die Eltern nicht mehr an die Jugendämter. Hilfe su-
chen sie lieber bei Verwandten, Lehrern, Ärzten oder in der Nachbarschaft.

Wie konnte es soweit kommen?

316
Stadt Duisburg, Amt 51, Jugendamt, Dienstanweisung zum Schutz bei Kindeswohlgefährdung für die Mitar-
beiterInnen des Duisburger Jugendamtes .
317
Ankündigung eines großen Ausbaus der Pflegekinderhilfe ab dem Jahr 2010 am 21.01.2010, Deutsches Insti-
tut für Pflegekinderhilfe und Familienrecht, e.V. (DIJuF). Dr. Thomas Meysen.
318
www.medrum.de, Bericht vom 12.01.2009, Gericht rehabilitiert Eltern nach falscher Verdächtigung durch
Jugendamt. Eltern bekamen Schadenersatz i.H.v. 20.000 EUR zugesprochen.
319
Bericht des Spiegel vom 13.05.2008, „Alle murksen vor sich hin“. Keine Fachaufsicht über die Jugendämter
und fehlende Dienstanweisungen.
320
Die deutsche Bevölkerung hat dem Jugendamt den Beinamen „Kinderklaubehörde“ verliehen. Siehe hierzu:
der Arbeitsgruppe Fachtagungen Jugendhilfe, 23.-24.04.2009, Titel: Warum versteht uns keiner? Das Jugendamt
im Spiegel der Medien.
Schwarzbuch Jugendamt 109

Voreilige Gesetzesänderungen haben seit den 1990er Jahren dazu geführt, dass die
Jugendämter in Deutschland zunehmend an Eigenständigkeit gegenüber Bevölke-
rung, Gerichten und anderen übergeordneten Regierungsstellen gewonnen haben.
Die Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen sind in den letzten Jahren unkon-
trolliert gestiegen. Das statistische Bundesamt zählte Steigerungsquoten von bis zu
14,4 % pro Jahr.321

Ziel war es, die Jugendämter durch diese Form der Selbstverwaltung und Unabhän-
gigkeit schlagkräftiger gegenüber Verbrechen an Kindern und Jugendlichen zu ma-
chen. Die Jugendämter als gesetzlich bestimmte Hüter des Kindeswohls sollten ihre
Aufgaben besser erfüllen können. Sie sollten ohne langwierige Gerichtsverfahren
und gerichtliche Genehmigungen die Kinder schnellstmöglich aus „gefährlichen“ Fa-
milienverhältnissen nehmen können, um sie vor Misshandlungen, Vernachlässigun-
gen und häuslicher Gewalt zu schützen.322

Zu diesem Zweck bekamen sie gegenüber den Eltern immer mehr Rechte einge-
räumt. Die Elternrechte wurden systematisch abgebaut und auf die Jugendämter als
obere Fachaufsicht übertragen.

Das Ergebnis ist ernüchternd. Die Jugendämter entscheiden heute in Deutschland,


was Kinder brauchen und was ihnen gut tut. Gleichschaltung geht vor modernen Er-
ziehungsmethoden. Ideale, wie die Antiautoritäre Erziehung, Montessori oder Wal-
dorff, haben kaum noch eine Chance.
Wie immer, wenn einzelne Institutionen oder Gruppen mehr Rechte vom Staat erhal-
ten, finden auch die Jugendämter nur schwer das rechte Maß und schießen ohne
staatliche Aufsicht über das Ziel hinaus.323

Die Zahl der Inobhutnahmen in Deutschland liegt derzeit bei ca. 40.000 Kindern pro
Jahr.324 Die Heime sind überfüllt. Die Gerichte werden durch die Vielzahl der Fälle
überlastet. Damit sind die steigenden Inobhutnahmen nicht nur ein Problem der be-

321
www.destatis.de,Pressemitteilung Nr. 234, 25.06.2009.
322
Das Jugendamt ist in jeder Stadt eine Organisationseinheit der Kommunalverwaltung und agiert selbstver-
antwortlich. Eine Fachaufsicht gibt es nicht.
323
32.300 Inobhutnahme in 2008, Von der Leyen mahnt Jugendämter zur Vorsicht, 25.06.2009, www.welt.de.
Die Masseninobhutnahmen der Jugendämter wurden auch von den Ministerien wahrgenommen und die Jugend-
ämter zu mehr Vorsicht angemahnt.
324
Hochrechnung für 2010 unter Berücksichtigung der Steigerungsquote von ca. 14,4 % bei den Inobhutnahmen
pro Jahr.
Schwarzbuch Jugendamt 110

troffenen Eltern und Kinder, sondern ein Problem für die ganze deutsche Gesell-
schaft.

Zu berücksichtigen sind auch die Kosten der Inobhutnahmen. Jede Inobhutnahme


kostet die Kommune nach Angaben der Jugendämter zwischen 4.000,00 und
6.000,00 EUR/Monat (2009: 7.000 EUR/Monat) allein an Unterbringungskosten.325
Für eine Großstadt, wie Essen, ergibt sich dadurch ein Einsparungspotential von
mehreren Millionen Euro pro Jahr.

Die Städte und Kommunen sind auf diese Gelder dringend angewiesen, um ihre de-
fizitären Haushalte zu sanieren. Auf diese Weise könnten auch Schulen renoviert
oder Bibliotheken vor der Schließung bewahrt werden.

Aber die Jugendämter blockieren diese Gelder mit unnötigen Inobhutnahmen.

Hinzu kommen die Ausgaben für Verwaltung und Beamtenapparat, Gutachter, Rich-
ter und Rechtsanwälte, die aufgrund der Regelung der Prozeßkostenhilfe ebenfalls
die Allgemeinheit jährlich mit mehrstelligen Millionenbeträgen belasten.

Letztendlich sei noch erwähnt, daß die Eltern und die Kinder durch die gewaltsamen
Trennungen psychisch sehr leiden. Viele von ihnen benötigen auch nach der Rück-
führung der Kinder noch über viele Jahre hinweg ärztliche Hilfe, Medikamente und
Beratungen. Die Inobhutnahmen belasten dadurch das Gesundheitssystem mit Milli-
ardenbeträgen.326

Es stellt sich die Frage, ob angesichts der schädigenden Wirkung fälschlicher Inob-
hutnahmen und der enormen Kosten dieser Maßnahme nicht besser wäre, auf ambu-
lante Hilfen zur Erziehung umzustellen.

Kinderärzte und Psychologen in den USA und Australien haben Studien darüber ver-
öffentlicht, daß mit ambulanten Hilfen bessere Ergebnisse zu erzielen sind als mit
Inobhutnahmen, jedoch gleichzeitig wesentlich schonender für die Familien und zu

325
Der Westen, 11.11.2008, Interview von Corinna Weiß mit Ulrich Engelen, Jugendamt Essen: Ambulante
Maßnahmen kosten ca. 15.000 EUR/Jahr und Heimplatz ab 45.000 EUR/Jahr, aber es gibt keine Dienstanwei-
sung, nach der eine Heimunterbringung unter allen Umständen vermieden werden muß.
326
Psychische Erkrankungen verursachen jährlich Kosten in Höhe von ca. 27 Milliarden Euro. www.curado.de,
Meldung vom 11.03.2009.
Schwarzbuch Jugendamt 111

einem Bruchteil der Kosten.327 Eine Studie der Bundesrepublik von 2004 bestätigt
diese Ergebnisse auch für Deutschland. Trotzdem sind in den letzten sechs Jahren
die Inobhutnahmen entgegen den wissenschaftlichen Ergebnissen immer mehr er-
höht worden.

Im Ausland wurden inzwischen so viele Kinder, wie möglich, an die Familien zurück-
gegeben.328 Der Staat New York hat nach mehreren Gesetzesänderungen zum
Schutz der Kinder fast vollständig auf die ambulanten Maßnahmen umgestellt und
damit gute Erfolge erzielt. Zudem unterstützen die US-Behörden die Familien auf
Wunsch mit Hilfen im Haushalt und Entlastung bei der Kindererziehung. Falsche De-
nunziationen durch die Nachbarn wurden unter hohe Strafen gestellt. Die Jugend-
schutzbehörden müssen nachweisen, daß ihre Hilfen bei den Eltern nichts bewirkt
haben, bevor die Kinder in Obhut genommen werden dürfen.329

In Deutschland wurde ein ähnlicher Versuch der Stadt Halle, die plante, alle Heim-
kinder an ihre Eltern zurückzugeben und die Heime zu schließen, unter Protesten der
Heimbetreiber und Jugendämter im Keim erstickt. Das Hauptargument lautete, daß
dadurch viele Arbeitsplätze verloren gehen würden.330

Arbeitsplätze sind in Deutschland noch immer wichtiger als das Wohl der Kinder.
Selbst bei den Behörden, die eigentlich zum Kinderschutz eingerichtet worden sind.
Dabei ist längst bewiesen, dass die Rückgabe der Kinder keinen einzigen Arbeits-
platz kosten muss. Die frei werdenden Mitarbeiter könnten sofort für die ambulanten
Hilfen eingesetzt werden.
Tatsächlich lehnt die Lobby der Pflegeindustrie es schichtweg ab, auf das einträgli-
che Geschäft der Inobhutnahmen und der Heimpflege zu verzichten. Die Pflegein-
dustrie in Deutschland ist trotz der Wirtschaftskrise ein boomender Wirtschaftszweig.

327
Australien hat seine Fremdunterbringungen auf 31.166 reduziert (Quelle: AIHW, 2009). Die USA baut eben-
falls Fremdunterbringungen von Kindern ab. 2008 die gesamte USA noch ca. 460.000 Fremdunterbringungen.
Dabei wurden Pflegefamilien bevorzugt, weil sie preiswerter sind als Heime. Pflegefamilien bekommen in USA
zwischen 20$ und 50$ pro Tag. Damit erhalten sie ca. die Hälfte einer deutschen Pflegefamilie. Quelle: child-
walfare.gov.
328
Die Rückführungsquoten im Ausland sind erheblich höher als in Deutschland. Während in Deutschland ca.
10% der Kinder nach Jahren wieder zurück in die Herkunftsfamilie kommt, sind es in USA ca. 70% der Kinder
und sie kommen innerhalb eines Jahres zur Birth-Family zurück. Quelle: childwelfare.gov.
329
Gesetz A5703, A 6024, A 4263, New York. Der Bundesstaat New York hat schon vor Jahren auf ambulante
Maßnahmen umgestellt und nach mehreren Fällen von ungerechtfertigter Denunziation die Strafen für falsche
Beschuldigung von Familien deutlich erhöht.
330
www.welt.de, Bericht vom 24.11.2007, Kinder in Lebensgefahr, weil die Heime schließen. Die Stadt Halle
versuchte ca. 300 Kinder an die Herkunftsfamilien zurückzugeben. Der Plan scheiterte, da die Sozialverbände
dagegen protestierten. Sie argumentierten, die Kinder seien zu Hause in Gefahr.
Schwarzbuch Jugendamt 112

5.1. Der Fall „Kevin“ aus Bremen als Auslöser

In den Medien kursieren seit Jahren Berichte über misshandelte, vernachlässigte und
getötete Kinder. Seit dem Fall „Kevin“ 2005 in Bremen stehen alle Eltern unter Beo-
bachtung durch die Jugendämter und werden als potentielle Kindesmörder behan-
delt.331

Was war damals passiert?


Das Bremer Jugendamt entdeckte in der Wohnung des rauschgiftsüchtigen Lebens-
partners von Kevins Mutter die Leiche des Kindes in einer Tiefkühltruhe. Der Mann
war für das Kind eine Vaterfigur gewesen. Die Mutter war unter misteriösen Umstän-
den verstorben und die Mitarbeiter des Jugendamtes hatten das Kleinkind beim „lie-
benden Stiefvater“ belassen. Die Familie stand schon lange unter der Beobachtung
des Jugendamtes und war wegen der Drogensucht der Mutter und des „Stiefvaters“
immer wieder aufgefallen.332

Das Versagen des Bremer Jugendamtes wurde von den Medien angeprangert und
die Jugendämter damit zum Handeln gezwungen. In Folge der Medienkampagne
werden bis heute zahlreiche Kinder „vorsorglich“ aus ihren Familien herausgeholt
und in Kinderheime gesteckt, auch wenn eine konkrete Gefahr nicht besteht.333

Ein Zuruf aus der Nachbarschaft oder eine Denunziation durch einen geschiedenen
Expartner reichen aus, um die Kinder über Monate und Jahre von ihren Eltern zu
trennen. Für ein gerettetes Kind gehen zehn, zwanzig oder dreißig unschuldige Kin-
der ins Heim. Damit hat sich die Bevölkerung abzufinden, wenn die Jugendämter so
vielen Kindern, wie möglich, helfen sollten.334

Für die Jugendämter sind diese Fälle nur „Kolateral-Schäden“.335

331
WAZ Rhein-Ruhr, 15.07.2008: Der Kevin-Effekt.
332
Kevin-Effekt. www.stern.de. Panorama, Bericht vom 13.03.2008, Der Kevin-Effekt.
333
Statistisches Bundesamt: 14% mehr Inobhutnahmen im Jahr 2008, Pressemitteilung 234 vom 25.06.2009.
334
www.jugendamtskritik.de/kritik/statistik.html Die Statistik des statistischen Bundesamtes von 2008 zeigt, daß
nur 23% der Inobhutnahmen wegen Verwahrlosung, Anzeichen für Misshandlung oder sexuellem Missbrauch
durchgeführt werden. Beim Rest von ca. 77% Inobhutnahmen werden psychische Gründe angegeben, z.B. Über-
forderte Eltern, Erziehungsfehler.
335
Wormser Prozesse: 25 Erwachsene sollten angeblich ihre eigenen und fremde Kinder missbraucht haben.
Alles stellte sich später als falsch heraus. Das Jugendamt brachte die ganzen Familien ins Gefängnis und eine
Großmutter überlebte die Haft nicht. Siehe: Zeitschrift Der Spiegel, Archiv 02/1997.
Schwarzbuch Jugendamt 113

Experten behaupten, daß heutzutage bis zu 97% der Heimkinder ungerechtfertigt in


Obhut genommen werden.336 Das entspricht bei 40.000 Inobhutnahmen pro Jahr ei-
ner Quote von 36.800 unschuldig in Obhut genommenen Kindern.

Von 2007 auf 2008 stiegen die Inobhutnahmen lt. statistischem Bundesamt um
14,6%. Da die Kriminalstatistik von einem Rückgang der Strafdelikte zeugt, nehmen
somit die ungerechtfertigten Inobhutnahmen zu, die tatsächlichen Fälle hingegen
ab.337

Ist das noch gerechtfertigt?


Wenn das Jugendamt auch nur ein einziges Kind zusätzlich schädigt, führt es seine
Existenz als Hüter des Kindeswohls ad absurdum.

Im Fall Haase brachte sich ein Schulkind im Heim um, weil es fürchtete, seine Eltern
nie wieder zu sehen. Andere Kinder entwickeln im Heim schwerste psychische
Schäden und sind in Folge dessen ihr Leben lang auf ärztliche Hilfe angewiesen.338

Viele Heimkinder werden kriminell oder drogensüchtig. Wenn die Zahl der drogen-
süchtigen ehemaligen Heimkinder zu den Todesfällen in den Kinderheimen hinzuge-
zählt wird, erhöhen sich die Opfer der Inobhutnahmen auf ein Vielfaches.339

Die Frage lautet demnach, ob es gerechtfertigt ist, ein Kind ins Unglück und ggf. ei-
nen frühen Tod zu stürzen, um ein anderes aus schlimmen Familienverhältnissen zu
erretten.

Der Sieg der Inobhutnahmen fordert zu viele Verluste. Es ist ein Phyrrus-Sieg.
Psychologen behaupten, dass die meisten „geretteten“ Kinder durch die Inobhut-
nahmen nicht den Sprung aus ihrem Millieu schaffen, sondern als Erwachsene wie-
der in die gleichen Verhältnisse zurückkehren. Das stellt das gesamte System der
staatlichen Inobhutnahmen und Umerziehungen in Frage.340

336
Schätzung eines Bochumer Kinderarztes, der sich mit der Materie auseinandergesetzt hat.
337
Berliner Morgenpost vom 08.08.2009 (Samstagsausgabe): Vernachlässigung und körperliche Misshandlung
von Kindern rückläufig. Dagegen wird angeblich mehr „psychische Gewalt“ angewendet.
338
Strafanzeige der Familie Haase über den CEED vom 27.05.2007. Das Jugendamt Münster hat lt. Entschei-
dung des Europäischen Gerichtshofes Menschenrechtsverletzungen gegenüber der Familie Haase vorgenommen.
Die Kinder hätten den Eltern nicht weggenommen werden dürfen.
339
Ehemalige Heimkinder klagen die Heimerziehung als schädlich an. Siehe: www.exheim.de.
340
Bericht der Zeitung „Die Zeit“, Kinderheime: Schwarze Pädagogik in der Bundesrepublik, vom August 2009,
Interview mit Erziehungswissenschaftler Wolfgang Schäfer.
Schwarzbuch Jugendamt 114

Im Erwachsenen-Strafrecht gibt es den Ausspruch „in dubio poreo“ – im Zweifel für


den Angeklagten. Dieser gilt aber nicht im Familienrecht. Den Eltern werden ihre
Kinder „rein vorsorglich“ weggenommen. Sie dürfen sie nicht besuchen, nicht wissen,
wo sie sind. Damit sind diese Kinderheime auch eine Form des Gefängnisses.

Die Trennung von den Eltern, insbesondere von der Mutter als Hauptbezugsperson,
ist aber erheblich schlimmer als einen Erwachsenen ins Gefängnis zu sperren. Wäh-
rend die Erwachsenen im Gefängnis zunächst unter Beobachtung stehen, weil die
Gefahr besteht, dass sie Selbstmord begehen, wird das bei den Kindern wissentlich
in Kauf genommen.341
Während die kleinen Kinder noch zu jung sind, um die Möglichkeit des Selbstmordes
in Betracht zu ziehen, greifen bei den älteren Kindern ab ca. 12 Jahren doch einige
zu diesem letzten Mittel, um sich dem Kinderheim zu entziehen.
Die tragischen Todesfälle in den Kinderheimen haben in den letzten Jahren stark
zugenommen. Die Kinder erliegen einem KZ-Syndrom.342

Die Presse berichtet in letzter Zeit vermehrt von ganzen Familien, die sich und die
Kinder umbringen, weil die Jugendämter mit einer Wegnahme der Kinder drohen.343
Die Politik tut nichts, um dieser Bedrohung und Behördenwillkür Herr zu werden. Sie
verbietet vielmehr den Medien, darüber zu berichten.
Während die Pressefreiheit in Deutschland offiziell besteht und Einschränkungen der
Pressefreiheit in Ländern, wie China, von den Medien angeprangert werden, berich-
ten auch unsere Journalisten über bestimmte Themen in Deutschland nur einge-
schränkt bis gar nicht, weil sie befürchten müssen, daß sie bei einer uneingeschränk-
ten Berichterstattung ihre Arbeit verlieren könnten.344

Political Correctness heißt die neue Zensur.

341
Strafanzeige der Familie Haase über den CEED vom 27.05.2007. Ein Kind der Familie Haase nahm sich in
Obhut des Jugendamtes Münster das Leben.
342
Wapedia.mobi/de/Hospitalismus. Begleiterscheinungen von Heimaufenthalten bei Kindern, wie bei Folter
oder Isolationshaft.
343
Bericht der Zeitung „Die Welt“ vom 24.09.2009, Familientragödie: 4 Leichen im Auto, Selbstmord wahr-
scheinlich. Anderer Fall: Meldung des „Focus“ vom 26.02.2010: Sinsheim, Familiendrama mit drei Toten. Vater
tötet seine Frau, Kind und sich selbst. Anderer Fall: Bildzeitung vom 22.02.2010: Vater erschlägt Söhne (3 und
5) mit Eisenstange. Er selbst warf sich danach vor einen Zug. Vorfall ereignete sich in Kassel. Mutter hatte
Scheidung verlangt. Anderer Fall: Zeitung „Die Welt“ berichtet am 02.01.2010 von Familiendrama: Drei tote
Kinder in Haus in Straßburg gefunden. Eltern leben in Scheidung, Täter wahrscheinlich der Vater.
344
www.zeit.de, Bericht vom 26.06.2009, Jugendamt: Was läuft falsch beim Kinderschutz?, Zahl der Kinder, die
ihren Eltern weggenommen werden, steigt.
Schwarzbuch Jugendamt 115

Eine Political Correctness verhindert beispielsweise die Berichterstattung über die


Hysterie der Jugendämter nach dem Fall Kevin aus Bremen und die überdurch-
schnittlich starke Steigerung der Inobhutnahmen in Deutschland.345
Sie verhindert auch einen Vergleich der Statistiken über Inobhutnahmen in Deutsch-
lands verschiedenen Großstädten mit denjenigen in anderen Ländern.
Dafür wird jedoch über jeden Fall von Kindesmord in Deutschland ausführlich und
über mehrere Wochen berichtet, wodurch im Ausland der Eindruck entsteht, die
Deutschen hätten sich zu einem Land der Kinderhasser und Kindermörder entwi-
ckelt.346

Langfristig schadet sich Deutschland mit dieser Form der Berichterstattung selbst.
Sein Ansehen in der Bevölkerung und im Ausland sinkt. Ähnliche Erfahrungen mach-
te Belgien nach den Kinderschänderprozessen in den 90er Jahren.347

Die ursprünglichen Funktionen der Jugendämter, nämlich die Hilfe für Eltern bei der
Erziehung und Pflege ihrer Kinder, gerät zunehmen aus dem Blick der Jugendämter.
Nach dem zweiten Weltkrieg, als Deutschland in Schutt und Asche lag, gab es viele
Probleme mit Kriegswaisen und traumatisierten Eltern oder Kindern. Die Jugendäm-
ter halfen vor allem durch Beratungstätigkeiten, Impfungen und Versorgungsleistun-
gen.348

In den sechziger und siebziger Jahren änderte sich das. Eine neue Generation war
herangewachsen. Die Antiautoritäre Erziehung kam auf und erreichte die deutschen
Kinderzimmer. Kinder wurden nun oft wie gleichgestellte Partner behandelt. Die Vor-
bildfunktion der Eltern geriet stärker in den Hintergrund. Die Einführung der Anti-
Baby-Pille führte zudem zu einem Geburtenknick, so dass die Aufgaben der Jugend-
ämter einem starken Wandel hin zur Service-Leistung unterzogen wurden.349

In den achtziger Jahren wurden die Auswirkungen des Geburtenrückganges erst


richtig spürbar. Da jedoch eine wirtschaftliche Hochkonjunktur herrschte, wurden die

345
www.webnews.de, Bericht vom 18.09.2008, Jugendamt erteilt Presse Hausverbot und verbietet Mitarbeitern,
mit der Presse zu sprechen.
346
WAZ Rhein-Ruhr, 15.07.2008: Der Kevin-Effekt.
347
Fall des Marc Dutroux aus den 90er Jahren. Kinderschänder-Prozesse in Belgien. Siehe, z.B.
de.wikipedia.org/wiki/marc_dutroux. Berichte im Stern: „Belgiens Schande“.
348
Hermanns, M. (2001): Ursprünge der Jugendsozialarbeit, S. 20.
349
Breuer, K.H. (2001): Jugendsozialarbeit in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, S. 47.
Schwarzbuch Jugendamt 116

Folgen für die Jugendämter abgemildert. Sportvereine und andere Freizeitaktivitäten


für Familien wurden von den Jugendämtern unterstützt.

In den neunziger Jahren entwickelte sich eine Pflegeindustrie, die sich auf die
Betreuung und Versorgung Minderjähriger spezialisierte. Ziel war zunächst die staat-
liche Unterstützung der Pflegeindustrie durch die Einführung einer Kindergarten-
pflicht und die Verpflichtung geschiedener Ehefrauen, frühzeitig wieder arbeiten zu
gehen, so daß sie ihre Kinder einer Einrichtung überlassen mussten.350
Zu diesem Zweck wurden zahlreiche neue Einrichtungen zur Tagespflege von Kin-
dern gebaut und in qualifiziertes Personal investiert. Die Akzeptanz in der Bevölke-
rung war jedoch mäßig. Noch immer war es das Ideal, die Kinder zu Hause, von den
Müttern erziehen zu lassen. Die Selbstverwirklichungsbestrebungen der Mütter wa-
ren eher mäßig. Inzwischen hat sich das Bild umgekehrt. Mütter, die nach der Geburt
zu Hause bleiben, werden von der Gesellschaft immer mehr diskriminiert.351

Mitte der neunziger Jahre erschienen dann mehrere Berichte über Missbrauchsfälle
in den Medien. Die Väter wurden beschuldigt, potentielle Vergewaltiger ihrer minder-
jährigen Töchter zu sein. Mit Horrormeldungen von einzelnen schweren Miss-
brauchsfällen wurden hunderttausende Väter in Deutschland kriminalisiert und dis-
kriminiert.352
Die Väter wehrten sich und die Meinung schlug um. Die Berichte über Vergewalti-
gungen kleiner Kinder durch ihre Väter wurden von Berichten über zu Unrecht be-
schuldigte Eltern verdrängt, die im Zuge von Hetz-Kampagnen ihre Existenzen verlo-
ren und denen die Jugendämter ohne Prüfung der Vorfälle ihre Kinder weggenom-
men hatten.
Ursache waren oft Bilder von Spielzeugen, die die Kinder im Kindergarten oder in der
Schule gemalt hatten. Tatsächlich war den Kindern nichts passiert. Tausende Famili-
en waren betroffen. Die Kinder kamen in Heime und sahen ihre Eltern über Jahre
nicht wieder. Die Väter wurden als Kinderschänder von der Öffentlichkeit geächtet
und auf der Straße angespuckt.

350
www.ard.de/zukunft/kinder-sind-zukunft/kinder-sind-gold-wert/hochqualifizierte-Frauen-als-muetter. „Ra-
benmütter“ contra „Heimchen am Herd“.
351
Focus, 15.06.2008: Betreuungsgeld: Merkel lobt Erziehung zu Hause. Bundeskanzlerin Merkel will Müttern
die Rückkehr ins Arbeitsleben erleichtern. Wer nach der Geburt zu Hause bleibe, dürfe nicht von der Gesell-
schaft abgeschrieben werden.
352
Exzesse der Justiz: Wormser Prozesse 1993-1997, Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Wormser_Prozesse.
Schwarzbuch Jugendamt 117

Aus dieser Hysterie hätten die Jugendämter lernen müssen und sich bei neuen Ver-
dachtsmomenten nicht zu überstürzten Handlungen hinreißen lassen dürfen.
Doch weit gefehlt.

Als 2005 das tragische Schicksal des kleinen Kevin aus Bremen bekannt wurde, der
tot in der Tiefkühltruhe seines „Stiefvaters“ gefunden worden war, obwohl die Familie
unter der Aufsicht eines Jugendamts stand, befanden sich die Jugendämter wieder
am Pranger.353
Die Inobhutnahmen stiegen wieder sprunghaft an. Seit 2005 wurden Steigerungen
um mehr als 20% festgestellt, allein von 2007 auf 2008 stiegen die Inobhutnahmen
um 14%.354
Es ging nicht mehr darum, ob etwas vorgefallen war, sondern nur noch darum, ob
etwas vorgefallen sein könnte. Unterstützt wurden die Jugendämter durch Horror-
meldungen tötender Eltern und Leichenfunde toter Babys. Jedes tote Kind ging plötz-
lich auf das Konto eines potentiellen Verbrechens und die Familien wurden in die
Öffentlichkeit gezerrt.355
Gesetzesänderungen erleichterten den Jugendämtern ein Vorgehen gegen die El-
tern. Seit 2008 dürfen sie Kinder sogar ohne konkreten Grund in Obhut nehmen und
benötigen keine gerichtliche Genehmigung mehr, um sie in Heime zu verbringen.356
Das normale Maß des moralisch vertretbaren Handelns ist vielen Jugendämtern da-
durch nun völlig abhanden gekommen. Die Inobhutnahme, welche früher nur in äu-
ßersten Notfällen angeordnet wurde, gehört in den Jugendämtern heute zur täglichen
Praxis. Alternativen werden nicht mehr in Betracht gezogen.357

Die private Pflegeindustrie boomt, wie noch nie, und baut neue Heime, um die stän-
dig steigenden Inobhutnahmen auf Kosten des Steuerzahlers noch bewältigen zu
können.358

353
WAZ Rhein-Ruhr, 15.07.2008: Der Kevin-Effekt.
354
Statistisches Bundesamt: 14% mehr Inobhutnahmen im Jahr 2008, Pressemitteilung 234 vom 25.06.2009.
355
www.rp-online.de Bericht vom 07.12.2007: Jede Woche sterben drei Kinder wegen Misshandlung. Angeblich
habe sich die Rate der Kindstötungen seit den 80er Jahren verdoppelt, berichtet die Zeitung. Die FAZ berichtet
hingegen am 07.12.2007: Weniger Kindstötungen in Deutschland. Zum Beweis wird die Kriminalstatistik ange-
führt.
356
Seit einer Gesetzesänderung 2007 im § 1666 BGB darf auch ohne Angabe von Gründen eine Inobhutnahme
erfolgen.
357
32.300 Inobhutnahme in 2008, Von der Leyen mahnt Jugendämter zur Vorsicht, 25.06.2009, www.welt.de.
358
Wegen überfüllten Heimen wurden neue Heime gebaut. 2008 und 2009 waren lt. Angaben der Bundesregie-
rung ca. 80% der Neubauten in Deutschland Heime.
Schwarzbuch Jugendamt 118

Ohne die staatliche Kostenübernahme der Pflegekosten von bis zu siebentausen


Euro pro Monat, wäre das Geschäft mit den Inobhutnahmen weit weniger rentabel
und würde wahrscheinlich durch ambulante Pflege ersetzt werden.359
Ein ähnlicher Trend ist bei der Altenpflege erkennbar, die immer mehr häusliche
Pflegeleistungen für Senioren und Behinderte anbietet. Der Vorteil: Die Senioren
verbleiben in ihren Wohnungen und ihren Familien solange es möglich ist.
Auf diese Weise konnte der Missbrauch von Pflegegeldern durch private Pflegehei-
me stark eingedämmt werden.360

In England wurde im Sommer 2009 eine Big Brother Staffel im Fernsehen ausge-
strahlt, die große Kontroversen in der Bevölkerung und bei Psychologen hervorrief.
Zwanzig Kinder zwischen acht und elf Jahren wurden mit Einverständnis ihrer Eltern
in einem Big Brother Haus, das einen großen Garten und viele Spielmöglichkeiten
bot, untergebracht und sollten lernen, mit einander klar zu kommen.
Kameras beobachteten die Kinder Tag und Nacht. Die Eltern und die halbe Fernseh-
nation saßen an den Bildschirmen. Im Notfall griffen Erwachsene ein, damit die Kin-
der sich nicht gegenseitig Schaden zufügten. Und das war auch bitter nötig.
Schon nach wenigen Tagen gingen die lieben Kleinen mit Baseball-Schlägern und
Gartengeräten auf einander los. Die Kamera hielt alles fest.
Was die Zuschauer zu sehen bekamen, erinnerte manch einen an Buch „Der Herr
der Fliegen“, in dem eine Gruppe Kinder auf einer einsamen Insel abstürzt und sich
über Monate hinweg selbst verpflegen muß. Im Buch kommt es zu Machtspielen bis
hin zu Mord.361
Im Big Brother Haus von England konnte der Eingriff der Erwachsenen letzteres ge-
rade noch vermeiden. Die Kinder baten darum, zu ihren Eltern zurück zu kommen.
Daraufhin wurden die Eltern zu einem Besuch zu den Kindern gelassen, nahmen sie
jedoch nicht mit.
Nach zwei Wochen mussten mehrere Kinder in Psychotherapie, um die traumati-
schen Erlebnisse und die Trennung von den Eltern zu verarbeiten. Wieder war der
Beweis erbracht, dass die Trennung von den Eltern für Kinder in diesem Alter die
schlimmsten psychischen Konsequenzen hervorruft.

359
Der Westen, 11.11.2008, Interview von Corinna Weiß mit Ulrich Engelen, Jugendamt Essen: Ambulante
Maßnahmen kosten ca. 15.000 EUR/Jahr und Heimplatz ab 45.000 EUR/Jahr, aber es gibt keine Dienstanwei-
sung, nach der eine Heimunterbringung unter allen Umständen vermieden werden muß..
360
www.mobilpflege.net. Leider ist der Grundsatz „ambulant vor stationär“ auch in der Seniorenpflege oft nur
ein Lippenbekenntnis, wie die Pflegestatistik von 2005 zeigt.
361
www.telegraph.co.uk. Channel 4 defends children’s Big Brother show.
Schwarzbuch Jugendamt 119

Der Fernseh-Sender wurde mit Post von Psychologen und wütenden Eltern bombar-
diert. Die Zeitungen berichteten über dieses große Experiment.

Diese Verhältnisse erinnern an die gleichen Situationen, denen Kinder in Deutsch-


land nach einer Inobhutnahme durch das Jugendamt ausgesetzt sind.

Prinzipiell ist kein großer Unterschied festzustellen. Auch die Kinder, die in Obhut
genommen werden, nimmt man aus ihren Familien. Auch sie kommen in eine völlig
fremde Umgebung. Sie werden mit anderen Kindern in einer Gruppe zusammenge-
steckt. Sie müssen sich mit ihrer Situation arrangieren. Erwachsene greifen ein,
wenn die Kinder zu große Probleme haben oder sich gegenseitig verletzen könnten.
Aber im Gegensatz zu dem englischen Fernseh-Sender werden die Inobhutnahmen
in Deutschland von der Bevölkerung als notwendiges Übel akzeptiert.362

Der Bevölkerung wird zu diesem Zweck suggeriert, daß Kinder nur bei Vernachlässi-
gung, Misshandlung und Unvermögen der Eltern ins Kinderheim kommen.
Das ist jedoch schon lange nicht mehr der Fall.

Inzwischen haben sich die Gründe für eine Inobhutnahme wesentlich verändert.
Seit Anfang 2008 brauchen die Jugendämter keine konkrete Begründung mehr, um
eine Inobhutnahme eines Kindes vorzunehmen. Ein Verdacht reicht aus.363

Es spielt keine Rolle, wer den Verdacht geäußert hat und welche Motive ihn ggf. da-
zu getrieben haben. Im Gegenteil wurden zahlreiche Berufsgruppen dazu verpflich-
tet, bei einem Verdacht die Jugendämter hinzuzuziehen: Kinderärzte, Lehrer, Kin-
dergärtnerinnen, Erzieher, Psychologen, Logopäden, etc.364
Sie alle können nicht beurteilen, ob ein Kind mit blauen Flecken von der Schaukel
gefallen ist oder vom Vater geschlagen wurde, ob eine Verbrennung von einem Un-
fall mit dem Küchenherd oder brennenden Zigaretten stammt, ob sich ein Kind den
Arm beim Schlittschuhlaufen gebrochen hat oder es sich um eine Erziehungsmaß-

362
www.jugendhilfeportal.de, Fachkräfteportal zur Kinder- und Jugendhilfe, Bericht vom 05.05.2009. Seit 2005
erneuter Anstieg der Inobhutnahmen – knapp Dreiviertel der Maßnahmen resultiert aus Gefährdungslagen. Dar-
unter führt die „psychische Gewalt“ sowie angebliche Erziehungsdefizite der Eltern angeblich die Rangliste an.
Diese Vorwürfe beruhen auf subjektiven Eindrücken der Jugendamtsmitarbeiter.
363
Seit einer Gesetzesänderung 2007 im § 1666 BGB darf auch ohne Angabe von Gründen eine Inobhutnahme
erfolgen. Die Jugendämter handeln eigenverantwortlich. Das Gericht hat keine Weisungsbefugnis. § 79 SGB
VIII.
364
www.welt.de, Bericht vom 20.01.2009: Bundesregierung lockert ärztliche Schweigepflicht.
Schwarzbuch Jugendamt 120

nahme handelte. Aber sie sollen bei jedem Verdacht das Jugendamt informieren, das
die Kinder sofort „vorsorglich“ in Obhut nimmt.365

Tatsächlich bleiben in Obhut genommene Kinder in Deutschland durchschnittlich sie-


ben Jahre im Heim. Das ist von ihrer Inobhutnahme bis zur Volljährigkeit.366

Da es die perfekten Eltern nun einmal nicht gibt, stehen die Chancen sehr schlecht,
ein Kind, das in Deutschland einmal von einem Jugendamt in Obhut genommen wur-
de, jemals wieder zurück zu bekommen.

In Deutschland befinden sich derzeit ca. 300.000 Kinder im Heim.367


Experten gehen davon aus, daß 97% dieser Inobhutnahmen unnötig sind und den
Kindern schwere Schäden zufügen. Ambulante Hilfen werden von Psychologen als
wesentlich effektiver beurteilt.368
Die Jugendämter führen die Inobhutnahmen aber trotzdem durch und steigern sie lt.
Statistischem Bundesamt sogar jedes Jahr um ca. 14,4%.369

Da die durchgeführten Inobhutnahmen die notwendigen Inobhutnahmen so stark ü-


berschreiten, werden hauptsächlich gesunde Kinder aus normalen Familien heraus-
genommen und in Heimen untergebracht. Wenn diese Kinder durch die Heimunter-
bringung einen nachweisbaren Schaden erleiden würden, dürfen die Jugendämter
diese Masse an Inobhutnahmen nicht durchführen.

Die Argumentation des englischen Fernsehsenders ist logisch nachvollziehbar.


Wenn in Deutschland jedes Jahr 40.000 Kinder unbeschadet in Obhut genommen
werden können, verkraften zwanzig englische Kinder, die unter ähnlichen Bedingun-
gen wie in einem Kinderheim, ebenfalls unbeschadet die Trennung von den Eltern.

Wie das Experiment in England gezeigt hat, halten die Kleinen die Trennung von den
Eltern aber nur schwer aus und mussten danach in psychologische Behandlung. Das

365
§ 8a SGB VIII gestärkte Wächterfunktion des Jugendamtes seit der Novellierung 2007.
366
Auskunft des Jugendamts Hattingen in einem Interview mit dem TV-Sender „Der Westen“ im Sommer 2009.
367
Schätzung des Vereins ehemaliger Heimkinder. Stellungnahme des Heimkinderverbandes zur Bundestags-
wahl 2009. www.heimkinderverband.de/newsletter9_09.pdf. Der Verband schätzt, daß mehr als 300.000 Kinder
in Deutschland im Heim untergebracht sind.
368
Ambulante Maßnahmen sind in der Mehrzahl der Fälle als erfolgreich anzusehen. Den Eltern werden Erzie-
hungs- und Verhaltenskompetenzen vermittelt. Siehe Spangler, G. (2004): Wirksamkeit ambulanter Jugendhil-
femaßnahmen bei Misshandlung bzw. Vernachlässigung, Eine internationale Literaturübersicht, Expertise im
Auftrag des Projektes „Kindeswohlgefährdung und allgemeiner sozialer Dienst (ASD)“, Bundesministerium für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend, September 2004.
369
Statistisches Bundesamt: 14% mehr Inobhutnahmen im Jahr 2008, Pressemitteilung 234 vom 25.06.2009.
Schwarzbuch Jugendamt 121

Ergebnis dieser zwei Wochen Big Brother spricht daher eindeutig gegen eine Tren-
nung der Kinder von den Eltern.370

Wie auch Bischof Huber 2009 in einer TV-Sendung feststellte: “Die Familie ist durch
nichts zu ersetzen.“ Eine wirkungsvolle Erziehungsleistung ist nur in der Familie mög-
lich. Die Familie muss daher in die Lage versetzt werden, die Kinder zu erziehen.371

Heutzutage sind die meisten Deutschen verhältnismäßig gut ausgebildet und verfü-
gen über ein regelmäßiges Einkommen. Die Sicherheit in Deutschland ist demnach
gesehen zu den meisten anderen Ländern der Welt, relativ hoch.
Trotzdem werden gerade in unseren Industrienationen, insbes. in Deutschland immer
weniger Kinder geboren.372
Die meisten Mütter entscheiden sich erst mit Ende Zwanzig oder Anfang Dreißig für
ein Kind. Außerdem gibt es kaum noch Mehr-Kind-Familien. Die Frauen machen ein-
gehend von den Möglichkeiten der Geburtenkontrolle Gebrauch.

Es scheint, dass unser Leben für Kinder zu wenige Voraussetzungen bietet.


Studien haben ergeben, dass die Angst vor einer Scheidung und die Suche nach
dem richtigen Partner zwei Hauptfaktoren darstellen, weshalb Frauen zunehmend
auf Kinder verzichten. Die Heranziehung der Männer bei der Kindererziehung, um die
Frauen stärker zu entlasten, ändert daran gar nichts. Vielmehr hält das momentan
praktizierte Umgangsrecht, das den Männern immer mehr Rechte an den Kindern
einräumt, viele Frauen davon ab, Kinder zu bekommen.373

Zentral für das Kinderkriegen ist die Frau und eine Frau wird sich nur dann entschei-
den, Kinder neun Monate lang unter ihrem Herzen zu tragen und in einem schmerz-
vollen Geburtsakt zur Welt zu bringen, wenn sie sicher ist, daß sie ihr Kind danach
auch behält.374

370
Wapedia.mobi/de/Hospitalismus. Begleiterscheinungen von Heimaufenthalten bei Kindern, wie bei Folter
oder Isolationshaft.
371
Bischof Huber 2009 in einem Interview mit der TV-Show „Tacheles“ am 24.05.2009: Familien sind durch
nichts zu ersetzen.
372
Vgl. Statistisches Bundesamt unter www.destatis.de. 2009 hatte die bisher niedrigsten Geburtenrate seit 1946.
373
www.faz.net. Bericht vom 03.12.2009, Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Straßburg stärkt Sorge-
recht lediger Väter. Anderer Fall: Entscheidung des BVerfG vom 09.04.2003, 1 BvR 1493/96 und 1 BvR
1724/01, Pressemitteilung Nr. 31/03 vom 29.04.2003. Der biologische Vater hat immer ein Umgangsrecht, auch
wenn er rechtlich nicht als Vater anerkannt ist.
374
www.welt.de, Bericht vom 05.10.2004, Dorothea Siems, Angst vor dem Kinderkriegen, Neue Studie zu „ne-
gativen Einflussfaktoren auf die Geburtenrate“.
Schwarzbuch Jugendamt 122

Mit der Zunahme der Inobhutnahmen ist diese Bindung zwischen Müttern und ihren
Kindern in Frage gestellt. Es gibt jetzt plötzlich eine Möglichkeit, die Kinder auf ganz
legale Weise der Mutter zu entziehen. Solange diese Möglichkeit besteht, zögern
viele Frauen, ob sie sich überhaupt ein Kind bekommen sollen, denn sie werden ein
Kind nicht bekommen, wenn die Wahrscheinlichkeit groß ist, daß es ihnen später
entzogen und vom Staat groß gezogen wird. Für den Staat bekommt keine Frau ein
Kind.375

Wenn die Bundesrepublik Deutschland nicht schnellstens gegensteuert und den


Frauen ihr Recht an dem von ihnen geborenen Kind zurückgibt, wird die Geburtenra-
te weiter sinken und nur sehr schwer durch Zuwanderungen auszugleichen sein.376

375
www.derspiegel.de, Bericht vom 30.12.2009, Lisa Erdmann, Wie das Kinderkriegen zum Politikum wurde.
376
www.bildungsspiegel.de. Bericht vom 08.11.2006. Destatis: Bevölkerungsentwicklung in der Bundesrepublik
Deutschland. Prognose bis zum Jahr 2050, Im Jahr 2050 doppelt so viele 60-jährige, wie Neugeborene.
Schwarzbuch Jugendamt 123

5.2. Erziehungsaufgabe der Eltern


Wir sollen unsere Kinder fördern. Das steht in jedem Erziehungsbuch geschrieben.377
Angeblich ist die Funktion der Familie, ein Kind durch entsprechende Förderung auf
das Leben vorzubereiten in den letzten Jahren immer mehr in den Hintergrund getre-
ten, weil beide Eltern arbeiten müssen und die Großfamilien verschwunden sind. Da-
her wird die Erziehungsaufgabe und die Förderung von vielen Eltern nur noch der
Schule überlassen, welche sich mit dieser Aufgabe überfordert fühlt.

Die Eltern sollen lt. Erziehern und Psychologen wieder stärker in die Förderung der
Kinder eingebunden werden. Sie sollen ihnen Mut machen und den Wunsch nach
Erfolg wecken, damit die Kinder auch später als Erwachsene mit Freude lernen und
arbeiten. In Zeiten des „Lifelong Learnings“ ein frommer Wunsch, der mit Sicherheit
eine große Entlastung für das Gesellschaftssystem darstellen würde.378

Die Praxis sieht allerdings anders aus. Eine Förderung durch die Eltern wird von ei-
nigen Psychologen als negativ und sogar schädlich angesehen. Angeblich werden
die Kinder durch ihre Eltern zu schnell „überfördert“.379

Dieser Vorwurf wird Eltern von hochbegabten Kindern gemacht.380 Besonders häufig
bedient sich das Jugendamt dieser Argumentation, wenn es z.B. auf ein Kind trifft,
das schon mit sechs Jahren lesen, schreiben und rechnen kann, seinen Computer
selbst bedient, sogar erste Versuche im Schreibmaschineschreiben unternimmt –
und (das ist das „Schlimmste“) daran auch noch Spaß hat.

Also was ist Lernen denn nun – gut oder schlecht für das Kind? Soll man ein Kind
nun fördern oder nicht?
Der Wunsch nach Wissen und Lernen steckt in jedem Menschen. Eltern können
schon früh gezielt mit einer Förderung ansetzen, ohne ihr Kind dadurch zu „überför-

377
Beispiele für Erziehungsratgeber: Zimmer, R.: Kinder unter 3 – von Anfang an selbstbewusst und kompetent,
Wege, B./Wessel, M.: Das große Ideenbuch Kinderförderung, Unverzagt, G.: Warum Kinder Grenzen brauchen,
u.v.a.
378
en.wikipedia.org/wiki/lifelong_learning.
379
www.welt.de, Bericht vom 08.08.2007, Lernforschung: Viele Eltern überfördern ihre Kinder. Hinweis: Neue-
re Studien zeigen inzwischen, dass die These der Überforderung nicht haltbar war.
380
www.familienhandbuch.de. Petra A. Bauer: Hochbegabung – Segen oder Fluch? Viele Mütter hochbegabter
Kinder werden beschuldigt, ihre Kinder zu überfördern (Vorwurf: „Eislaufmütter“). Dabei wird übersehen, dass
man z.B. einem 2-jährigen Kind nicht das Alphabet beibringen kann, wenn es keine Begabung dafür hat.
Schwarzbuch Jugendamt 124

dern“. Kindern lässt sich „ganz nebenbei“ im Spiel ein Wissen vermitteln, das weit
über das schulische Wissen hinausgeht.
Ebenfalls trägt es zum Heranführen der Kinder an Bildung bei, wenn die Eltern selbst
große Freude an Büchern und Interesse an neuesten wissenschaftlichen Entwick-
lungen zeigen. Aufgrund der Vorbildfunktion übertragen Eltern damit schnell ihre
Lernmethoden auf ihre Kinder.

Die Erfolge frühkindlicher Förderung sind erstaunlich gut. Insbesondere auch bei
Kindern, die aufgrund von Behinderungen, z.B. Hörschwächen, beeinträchtigt sind.
Gerade die Hörfehler werden oft erst spät erkannt. Durch eine gezielte Förderung
des Kindes können es die Eltern jedoch schaffen, dass das Kind den Entwicklungs-
rückstand aufholt und auf einer normalen Schule eingeschult werden kann. 381
Nicht selten kommt es vor, dass diese geförderten Kinder ihre Altersgenossen sogar
überflügeln, weil sie besonders viel Zuwendung der Eltern bekommen haben.

In einem konkreten Fall aus Bochum gelang es einem Kind, dessen Hörverlust meh-
rere Jahre lang von Spezialisten nicht erkannt worden war, unter der Förderung der
Mutter (einer Hochschuldozentin), das Defizit innerhalb von etwas mehr als zwei Jah-
ren vollständig aufholen. Der Kinderarzt stellte schließlich im Alter von sechs Jahren
bei dem Kind die Diagnose auf Hochbegabung, welche später durch einen offiziellen
Test ausgerechnet für den sprachlichen Bereich bestätigt wurde, der vorher durch
den Hörschaden unterentwickelt war.
Es sind mehrere derartige Fälle bekannt, in denen gerade behinderte Kinder eine
besondere Hochbegabung auf einem Gebiet entwickelt haben, obwohl sie vorher
wegen der Behinderung zurückgestuft wurden.382

Wenn Eltern es schaffen, ihr Kind so zu fördern, dass es eine Behindern überwindet
oder eine Hochbegabung entwickelt, ist damit der Beweis erbracht, dass sie alles
richtig gemacht haben.

Auch der Einsatz von Computern für die Förderung, ist vielfach sinnvoll, um ein ge-
zieltes Training nach neuesten Kenntnissen zu garantieren und eine unabhängige
Bewertung der Kinder durchführen zu können. In der Logopädie werden heute schon
381
www.welt.de, Bericht vom 24.06.2008, Irene Habich, Hörtests für Neugeborene. Werden Defizite beim Hö-
ren zu spät erkannt, beeinträchtigt das die Sprachentwicklung und die soziale Entwicklung des Kindes.
382
Dissertation von Titus Bailer, Dezember 2008: Hochbegabte Kinder und Jugendliche mit einer Hörschädi-
gung. Eine empirische Untersuchung zur Situation hochbegabter hörgeschädigter Kinder und Jugendlicher.
Südwestdeutscher Verlag.
Schwarzbuch Jugendamt 125

Computer-Programme mit Bio-Feedback eingesetzt. Die Kinder kontrollieren sich


selbst und lernen schneller, worauf sie achten müssen, z.B. Mundform oder richtige
Aussprache. Derartige Programme sind auch im Buchhandel erhältlich, so dass die
Kinder zu Hause lernen können und nicht auf die wöchentliche Förderung bei einem
Logopäden angewiesen sind. Der Logopäde überwacht dann nur noch die Erfolge
und gibt neue Anregungen, wie die Kinder von den Eltern gezielt an bestimmte Lern-
inhalte herangeführt werden können.383

Der Buchhandel bietet außerdem eine große Auswahl kindgerechter Lernprogramme


für Kindergartenkinder, welche von Lehrern und Psychologen entwickelt wurden und
die neuesten Lehrmethoden berücksichtigten. Diese Programme werden auch schon
von den Kleinsten gerne angenommen.
Die verantwortungsvollen Eltern müssen aber auch bei diesen Lernprogrammen dar-
auf achten, dass die Kinder nicht zu lange vor dem Computer sitzen. Sonst wird die
soziale Entwicklung und die körperliche Haltung ggf. beeinträchtigt. Außerdem sollten
die Eltern bei der Benutzung des Computers im gleichen Raum sein, wie das Kind
und die verwendeten Programme kennen. Letztendlich werden gegen den Computer
jedoch von den meisten Psychologen die gleichen Argumente angeführt, wie vor 50
Jahren gegen das Fernsehen.384

Ein großer Schock ist es für die Eltern, wenn das Jugendamt plötzlich unangemeldet
erscheint, und das Kind trotz Förderung auf allen Gebieten aus der Familie heraus-
nimmt. Ein psychologisches Sachverständigengutachten soll dann meist klären, ob
die Eltern ihr Kind richtig erzogen haben.
Gerne werden dann „psychische Gründe“ als Argumente für diese Kindesentziehung
angeführt. 2008 erfolgten nur noch ca. 23 % der Inobhutnahmen wegen des Ver-
dachtes auf körperliche Mißhandlungen oder Vernachlässigungen. Das bedeutet, ca.
77 % der Inobhutnahmen wurden aus sog. „psychischen Gründen“ durchgeführt.385
Der Vorteil für das Jugendamt: psychische Gewalt beginnt schon bei Drohungen und
Fernsehverbot, wie sie selbst erfahrene Erzieher immer wieder gegen Kinder einset-

383
Computergestützte Therapieverfahren in der Logopädie. www.ukaachen.de, Übungsmöglichkeiten zur com-
putergestützten Sprachtherapie. Klinische Erprobung des Programmes EvoLing für die computergestützte Tele-
therapie.
384
www.medizinauskunft.de. Bericht vom 02.08.2004, Familie, Erziehung, Wieviel Computer ist gut für Kin-
der?
385
www.jugendamtskritik.de/kritik/statistik.html Die Statistik des statistischen Bundesamtes von 2008 zeigt, daß
nur 23% der Inobhutnahmen wegen Verdacht auf Verwahrlosung, Anzeichen für Misshandlung oder sexuellem
Missbrauch vorgenommen wurden.
Schwarzbuch Jugendamt 126

zen. Im Gesetz ist nicht geregelt, dass nur schwere psychische Gewalt einen Grund
für eine Inobhutnahme darstellt. Damit ist das Jugendamt immer im Recht und kann
die durchgeführten Masseninobhutnahmen problemlos begründen.

Wenn sich allerdings herausstellt, dass das Kind eine Behinderung hatte und da-
durch einen Rückstand gegenüber Altersgenossen ausweist, darf das Jugendamt
den Eltern den Entwicklungsrückstand nicht als „psychischen Grund“ für eine Inob-
hutnahme anlasen. Vor allem dann nicht, wenn sie nachweisen können, dass sich
Ärzte mit der Behandlung dieses Rückstandes befassen.

Ein hörgeschädigtes Kind wegen einer angeblichen psychischen Störung, die angeb-
lich durch die Eltern ausgelöst wurde, in ein Kinderheim zu verbringen und die Hör-
schädigung nicht einmal im Gutachten zu erwähnen, ist keine Kleinigkeit mehr, son-
dern grobe Fahrlässigkeit oder sogar Vorsatz.386

Im konkreten Fall in Bochum waren die Eltern auch noch Lehrer. Trotzdem wurde
ihnen das Kind entzogen und in einem Kinderheim untergebracht. Eine Gutachterin
behauptete dann, die Eltern seien schuld, dass ihr Kind nicht genauso weit entwickelt
war, wie die Altersgenossen. Die Gehörlosigkeit nahm diese Gutachterin gar nicht
zur Kenntnis und erwähnt sie in dem gesamten Gutachten nicht ein einziges Mal.387

Die Mutter beschwerte sich und gilt seitdem beim Jugendamt als „unkooperativ“.
Aber es blieb dabei.

Ein Gutachter und ein Jugendamt machen keine Fehler. Die Fehler machen immer
nur die Eltern. Stellungnahme des Jugendamtes verweigert.

386
Zeitschrift 4/2009, HUMAN 17, Institut für Sinnes- und Sprachneurologie, Linz. Psychiatrische Erkrankun-
gen kommen bei Gehörlosen nicht öfter vor als bei nicht-behinderten Personen. Eine möglichst frühe Förderung
ist wichtig, damit durch die Behinderung keine sozialen, emotionalen und kognitiven Nachteile entstehen.
387
Bei Interesse an diesem konkreten Fall können Einzelheiten über die betroffenen Personen beim Autor erfragt
werden. Sie sind hier aus Datenschutzgründen anonymisiert.
Schwarzbuch Jugendamt 127

5.3. Ist die Inobhutnahme eine „freiheitsentziehende Maßnahme“?

Im BGB gibt es den Begriff der Freiheitsentziehung. Diese darf nur durch die staatli-
che Exekutive, d.h. die Polizei, durchgeführt werden und muss innerhalb von 24
Stunden von einem Gericht genehmigt werden. Einem Gericht muss eine Begrün-
dung für die freiheitsentziehende Maßnahme vorgetragen werden, die plausibel be-
legt, weshalb der Betroffene eine Gefahr darstellt und daher in Verwahrung genom-
men werden muß. Ansonsten ist der Betroffene wieder auf freien Fuß zu setzen.388

Auch in der Erwachsenenbetreuung kann eine Freiheitsentziehung notwendig wer-


den, z.B. in der Psychiatrie, um den Betroffenen oder seine Umwelt zu schützen.
§ 1906 BGB führt hierzu aus:

„Freiheitsentziehung liegt vor, wenn der Betreute:

• auf einem beschränkten Raum festgehalten,


• sein Aufenthalt ständig überwacht
• und Kontaktaufnahme mit Personen außerhalb durch Sicherungsmaß-
nahmen verhindert werden kann.“

Hingegen wird die Unterbringung eines Kindes in einem Kinderheim von den Gerich-
ten nicht als freiheitsentziehende Maßnahme gewertet, obwohl die Bedingungen fak-
tisch denen in einer geschlossenen Unterbringung entsprechen.

So sind auch sog. „offene“ Heime i.d.R. von dicken Mauern umgeben oder haben
Eisengitter vor den Fenstern, werden durch Pförtner, ständig geschlossene Tore und
Türen gesichert und lassen die Kinder nur nach Voranmeldung mit Besuchern spre-
chen.389

Bei den Inobhutnahmen wurde mit einer Gesetzesänderung des § 1666 BGB zum
01.01.2008 die Regelung der richterlichen Genehmigung außer Kraft gesetzt.

Angeblich sollte diese Neuregelung dafür sorgen, dass die Jugendämter schneller
eingreifen können, wenn ihnen ein Verdachtsfall von Misshandlung, Verwahrlosung

388
Eine richterliche Genehmigung ist zwingend erforderlich (Art. 104 GG).
389
Beispiel: FFC-Stiftung Essen-Steele. Die Kinder dürfen während des Tages das Gelände nur für schulische
Veranstaltungen verlassen.
Schwarzbuch Jugendamt 128

oder Kindesmissbrauch gemeldet wird. Tatsächlich haben die Jugendämter durch


diese Regelung einen Freibrief zur willkürlichen Inobhutnahme von Kindern und Ju-
gendlichen erhalten.
Die Entscheidung war deshalb im Vorfeld heiß diskutiert.390

Es wird nicht mehr geprüft, ob eine Herausnahme notwendig ist, sondern es wird erst
einmal „vorläufig“ auf unbestimmte Zeit in Obhut genommen.

Das Kindeswohl spielt dabei keine Rolle, denn ansonsten würden die Jugendamts-
mitarbeiter dazu angehalten sein, Inobhutnahmen möglichst zu vermeiden.
Der Leiter des Jugendamtes Essen, Herr Ulrich Engelen, stellte jedoch in einem In-
terview mit „Der Westen“ im November 2008 fest, daß „keine Dienstvorschrift“ exis-
tiert, nach welcher die Jugendämter Inobhutnahmen vermeiden sollen.391

Daher werden so viele Kinder in Obhut genommen, wie das Jugendamt für nötig hält.
Diese Notwendigkeit orientiert sich derzeit an der wirtschaftlichen Führung der neu
gebauten Kinderheime.

Die Grundsätze von Sitte und Moral verwischen bei den Inobhutnahmen durch Ju-
gendämter zunehmend. Die Handhabung der Inobhutnahmen in Deutschland ent-
behrt jeder Moral und jeder Ethik. Es ist nachweisbar eine schwere Belastung für
Kinder und ihre Familien, wenn die Kinder aus ihrem gewohnten sozialen Umfeld
herausgerissen und in ein Heim verbracht werden. Dieser Umstand ist unbestritten.
Trotzdem werden die Inobhutnahmen in Deutschland so gehandhabt, als wären sie
das einzige Mittel, um Kinder zu schützen.392

Die potenziellen Missetäter werden dabei immer öfter in den Familien vermutet und
die Eltern sowie Verwandte und Freunde kriminalisiert. Anstatt die Familie als Ort der
Erziehung und Vermittlung von Wertbegriffen zu stärken, wird sie durch solche pau-
schalen Verdächtigungen immer mehr stigmatisiert. Das Ergebnis ist ein Verfall von
erzieherischen Werten und eine Reduzierung der Geburtenrate.

390
Elterliches Erziehungsversagen sei bis dahin nicht als Grund für eine Inobhutnahme gewertet worden. Siehe
auch: rsw.beck.de Ziel des Gesetzes zur Erleichterung familiengerichtlicher Maßnahmen bei Gefährdung des
Kindeswohls.
391
Der Westen, 11.11.2008, Interview von Corinna Weiß mit Ulrich Engelen, Jugendamt Essen: Ambulante
Maßnahmen kosten ca. 15.000 EUR/Jahr und Heimplatz ab 45.000 EUR/Jahr, aber es gibt keine Dienstanwei-
sung, nach der eine Heimunterbringung unter allen Umständen vermieden werden muß.
392
32.300 Inobhutnahme in 2008, Von der Leyen mahnt Jugendämter zur Vorsicht, 25.06.2009, www.welt.de.
Schwarzbuch Jugendamt 129

Die Jugendämter entwickeln sich dabei immer mehr zu selbsternannten Sittenwäch-


tern und entfernen sich zunehmend von ihren originären Aufgaben, wie Familienhilfe
und Beratung in Erziehungsfragen. Die Maßstäbe, welche dabei angesetzt werden,
variieren von Jugendamt zu Jugendamt ganz erheblich. Einheitliche Richtlinien wer-
den nur durch die Dienstvorschriften der Kommunen und Städte, sowie durch das
Kinder- und Jugendhilfe Gesetz (SGB VIII) vorgegeben. Diese Vorschriften sind so
weit gefasst, dass sie den Jugendämtern einen unendlich großen Spielraum bei der
Auslegung einräumen.393

So ist es nicht nachvollziehbar, wenn im Namen des Jugendamtes bestimmte Eltern-


gruppen diskriminiert werden.
Ein besonders extremes Beispiel findet sich bei der Diskriminierung von Eltern, die
Arbeitslosengeld oder Leistungen nach Hartz-IV beziehen müssen, weil sie ihre Ar-
beit verloren haben. Immer wieder finden sich Politiker, welche diese Eltern als Un-
terschicht einstufen und ihnen sogar das Recht absprechen, ihre Kinder selbst zu
erziehen.394

Dabei hat der Bezug dieser Leistungen in den heutigen Zeiten der Wirtschaftskrise
nichts mit dem Bildungsstandard oder der Bereitschaft zur Arbeit zutun. Hartz-IV-
Eltern sind nicht zwangsläufig Alkoholiker oder Drogenabhängige, auch nicht
zwangsläufig schwer AIDS-krank oder behindert. Es sind meist Eltern, die durch
Konkurs oder Restrukturierungsmaßnahmen des Arbeitgebers ihre Arbeit verloren
und aus den verschiedensten Gründen keine neue Beschäftigung mehr gefunden
haben. Die Kinder stellen dabei selbstverständlich auch eine wichtige Hürde dar, weil
eine Ganztagsbetreuung nicht nur zeit- sondern auch kostenintensiv ist und daher
arbeitslosen Eltern die Jobsuche erschwert.

Wenn eine Mutter ein Vorstellungsgespräch hat, ihr Kind aber mit 40° Fieber im Bett
liegt, kann sie sich als Hartz-IV-Empfängerin keinen Babysitter leisten, der sich wäh-
rend des Vorstellungsgespräches um das Kind kümmert. Die wenigsten Chefs haben
für eine solche Entschuldigung Verständnis. Der Job ist dann in aller Regel weg.

393
Nicht umsonst wird immer wieder vom „Wächteramt“ des Jugendamtes gesprochen. Siehe: www.agsp.de,
Arbeitsgemeinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie. Bericht vom Mai 2001, Ines Kurek-Bender, Kin-
deswohl, staatliches Wächteramt und Garantenpflicht des Jugendamts.
394
Äußerung des CSU-Bundestagsabgeordneten, Wolfgang Zöller vom Frühling 2007: „Natürlich darf ich El-
tern, die drastisch ausgedrückt, schon das Kindergeld versaufen, nicht noch 150 Euro zusätzlich geben“. Die
bayrische Familienministerin Christa Stewens erklärte dagegen der Münchner Abendzeitung: „Wir dürfen die
Eltern in diesem Land nicht unter den Generalverdacht der Asozialität stellen.“
Schwarzbuch Jugendamt 130

Schwierigkeiten, die für arbeitende Mütter bereits schwer zu meistern sind, können
für jobsuchende Mütter somit schnell zum unlösbaren Problem werden. Es ist kein
Wunder, daß so viele junge Mütter mit kleinen Kindern in der Hartz-IV-Falle resignie-
ren.395

Andererseits kann jeder andere ebenfalls sehr schnell in diese Situation geraten. Die
Gründe für ein Abrutschen in die soziale Abhängigkeit von staatlichen Leistungen
sind sehr vielfältig. Sie reichen vom Arbeitsunfall über Scheidungen vom Ehepartner
bis zu betriebsbedingten Kündigungen. Alle diese Bereiche sind nicht vorhersehbar
und für die Betroffenen ein solcher Schock, daß sie sich nur sehr schwer davon wie-
der erholen.

So unterschiedlich, wie die Gründe für Arbeitslosigkeit sind, so unterschiedlich sind


auch die Reaktionen der Arbeitslosen. Während einige der Betroffenen in einen Akti-
onismus verfallen und sofort versuchen, wieder eine Arbeit zu finden, brauchen an-
dere zunächst eine Ruhephase, um ihre „Wunden zu lecken“, bevor sie wieder auf
Jobsuche gehen. Aus psychologischer Sicht haben beide Reaktionen ihre Vorteile
und ihre Nachteile. Menschen, die sich sofort wieder nach neuer Arbeit umsehen,
verarbeiten mit der neuen Beschäftigung und dem neuen Umfeld möglicherweise
leichter ihre negativen Erfahrungen, können aber bei vergeblicher Suche auch
schnell in tiefe Depressionen verfallen. Menschen, die sich zunächst eine Aus-Zeit
nehmen und einige Wochen „durchhängen“, suchen danach ggf. gezielter nach dem
passenden Job und sind in ihrer Arbeit glücklicher.396

Die Pauschalisierung der betroffenen Personen ist in jedem Fall falsch. Individuelle,
gezielte Angebote zu Anleitung und Unterstützung helfen den Betroffenen weit mehr
als die Diskriminierung als Arbeitsscheue und Säufer durch Politiker und Medienbe-
richte. Derartige Diskriminierungen schüren lediglich eine Wut in der Gesellschaft, die
sich gegen die Politiker entladen könnte. Die Politik begibt sich daher mit derartigen
Pauschalisierungen in eine Gefahrenzone. Die Geschichte hat gezeigt, daß sich die

395
www.Sozialarbeitsnetz.de. Bericht vom 27. Mai 2009, Vier von zehn Alleinerziehenden beziehen Hartz IV.
Alleinerziehende, die Hartz IV beziehen, sind zu 95% Frauen.
396
Kast, Verena (2009): Lebenskrisen werden Lebenschancen, Wendepunkte des Lebens aktiv gestalten. 8.
Aufl., Herder, Freiburg.
Schwarzbuch Jugendamt 131

Bevölkerung wehrt, sobald das Bildungsbürgertum und die sog. „Sprecharbeiter“ von
den Ungerechtigkeiten betroffen werden.397

Wenn aufgrund der Wirtschaftskrise nun immer mehr Rechtsanwälte und Pädagogen
in die Arbeitslosigkeit abrutschen, werden sie sich die Diskriminierungen und vor al-
len Dingen die vorläufige Inobhutnahme ihrer Kinder nicht mehr gefallen lassen.
Dann kann es zu Extremreaktionen kommen, wie z.B. im Fall der Rechtsanwältin
Sabine R. aus Lörrach am 19.09.1010 oder dem Suizidfall des Fussball-
Nationaltorwarts R. Enke.

Anstatt die Inobhutnahmen umgehend auf ein Minimum zu reduzieren oder sogar
ganz einzustellen, werden aus übertriebener Vorsicht und Beamtenwillkür jährlich bis
zu 14,4 % mehr Kinder in Obhut genommen.398

Darunter immer mehr Kinder aus sozial stabilen Familien, die nur durch diese Inob-
hutnahmen in eine schwere Krise geraten. Die Bevölkerung nimmt die Ungerechtig-
keiten mit feinen Antennen wahr. Sie lässt sich dauerhaft nicht täuschen und bricht
meist völlig unerwartet aus den gewohnten Bahnen aus. Das bedeutet, das Risiko
von Unruhen nimmt aufgrund der Beamtenwillkür zu.

Es wäre demnach dringend angeraten, die Inobhutnahmen schnellstmöglich zu re-


duzieren. Bundesministerin Frau Dr. von der Leyen hat diesen Zusammenhang be-
reits erkannt und im Mai 2009 die Jugendämter zu einer Mäßigung bei den Inobhut-
nahmen aufgerufen.399 Leider ohne Erfolg. Die Ausgaben für Inobhutnahmen stiegen
beispielsweise in München derartig stark, dass die Haushaltsdebatte für das Jahr
2010 einen Stopp der Inobhutnahmen beantragen musste. Die exorbitanten Kosten
der Heimunterbringungen sind für die Städte und Gemeinden zu einem Hauptkosten-
faktor geworden, den sie mit ihren leeren Stadtsäckeln nicht mehr bewältigen kön-
nen. Die Umstellung auf ambulante Maßnahmen wurde aufgrund der Wirtschaftskrise
erstmals ernsthaft ins Kalkül gezogen.400

397
www.n-tv.de, Bericht vom 29.10.2009, „Beispiellose Diskriminierung“, Hartz-IV-Gutscheine im Kreuzfeuer.
Die Regierung überlegte, für einkommensschwache Familien Betreuungsgutscheine einzuführen.
398
Statistisches Bundesamt: 14% mehr Inobhutnahmen im Jahr 2008, Pressemitteilung 234 vom 25.06.2009.
399
32.300 Inobhutnahme in 2008, Von der Leyen mahnt Jugendämter zur Vorsicht, 25.06.2009, www.welt.de..
400
Münchner Merkur zur Abstimmung im Stadtrat von München vom 13.10.2009
Schwarzbuch Jugendamt 132

In Berlin wurde hingegen geplant, die Familien durch ein Elterngeld von 150
EUR/Monat für die häusliche Erziehung zu unterstützen. Die Mütter sollten zu Hause
bleiben und auf ihre Kinder aufpassen anstatt arbeiten zu gehen.401

Die Nachteile tragen dabei allerdings die Frauen, da ihnen die Kindererziehungszei-
ten nicht mehr bei der Rente angerechnet werden und sie nach neuen BGH-Urteilen
vorzeitig zum Wiedereinstieg in den Beruf angehalten worden sind.402 Wenn eine
Frau später die volle Rente erhalten möchte, reduziert sie nach der aktuellen Ge-
setzgebung die Kindererziehungszeiten besser auf ein Minimum. Auf diese Weise
bleibt auch die Wiedereingliederungsphase in den Beruf sehr kurz und schonend.
Das Erziehungsgeld von 150 EUR in Berlin ist hingegen ein Schritt zurück zur Aner-
kennung der Kindererziehungszeiten. Es bleibt abzuwarten, ob und auf welche Art
die Rechtsprechung sich diesen Maßnahmen anpasst.

Diskussionen im Fernsehen und in der literarischen Öffentlichkeit behandeln immer


öfter das Thema Werte und Moralbegriffe. Daraus ergibt sich die Frage, ob uns die
Werte bei der Kindererziehung verloren gegangen sind.

Nie gab es so viele verschiedene und zum Teil wiederstreitende Empfehlungen, wie
Eltern ihre Kinder erziehen sollen. Zwischen den Extremen der anti-autoritären Er-
ziehung aus den 70er Jahren und dem autoritären, vielleicht sogar prügelnden Erzie-
hungsstil findet sich jeder beliebige Erziehungsstil auf dem Beratungsmarkt.403

Die Gutachter bei den Gerichten sind nur ein Spiegel dieser Entwicklung. Einige plä-
dieren noch immer dafür, die Kinder spielen zu lassen und sehen eine gezielte För-
derung durch die Eltern als eine Form der Körperverletzung an, während andere
Gutachter die Kinder vielmehr unterfördert sehen und diese Unterförderung als eine
Vernachlässigung der Kinder interpretieren.
Auf diese Weise bekommen die Jugendämter ihre Heime immer voll. Entweder die
Kinder werden zuviel oder zuwenig gefördert. Die Interpretation liegt ganz im Auge
des Gutachters. Er ist für seine Fehler nur sehr eingeschränkt haftbar (nur Vorsatz
und grobe Fahrlässigkeit) und grundsätzlich nur seinem Gewissen verpflichtet.404

401
Tagesschau.de, Nachrichten vom 31.10.2009.
402
Unterhaltsreform vom 01.01.2008, siehe: www.asp-rechtsanwaelte.de/unterhalt/unterhaltsreform_2008.htm.
403
www.kindererziehung.com. Darstellung der verschiedenen Erziehungsstile.
404
Salzgeber, J. (2005): Familienpsychologische Gutachten, 11. Haftung, S. 145 ff., 4. Aufl., Beck-Verlag, Mün-
chen.
Schwarzbuch Jugendamt 133

Die Familiengerichte passen sich gerne an, um zu verschleiern, dass sie gegenüber
den Jugendämtern gemäß SGB VIII keine Weisungsbefugnis haben.
Sie haben einen gewissen Einfluss auf das Verfahren, da sie die Trends der Gutach-
ter gut kennen, und wählen für Sorgerechtsstreitigkeiten, in Akademikerfamilien die
„Überförderungs-Gutachter“ und bei derartigen Verfahren in Hartz-IV-Familien die
„Vernachlässigungs-Gutachter“ aus. Auf diese Weise können die Richter bei psycho-
logischen Gutachten immer im Sinne des Jugendamtes für eine Heimeinweisung
entscheiden. Auf diese Weise machen sich die Gerichte aber gleichzeitig zu „Vasal-
len“ der Jugendämter und der Pflegeindustrie.405

Die Eltern werden systematisch entrechtet. Das Elternrecht wird ihnen von den Ge-
richten aberkannt. Eine solche Ungerechtigkeit, die von einer Gesetzesform und dem
Gerichtssystem ausgeht, kann sich nur schwer halten, da sie in den Augen aller Be-
teiligten und aller objektiven Beobachter einen eklatanten Verstoß gegen alle Moral-
begriffe darstellt.406

Das ist wahrscheinlich der Hauptgrund, weshalb das Jugendamt inzwischen als „Kin-
derklaubehörde“ in der Bevölkerung verschrien ist.407 Der Image-Schaden dieser
Einschätzung in der Volksmeinung ist immens und wahrscheinlich nicht wieder gut-
zumachen. Daher ist es fraglich, ob die Jugendämter in Deutschland ihre Aufgaben
im Bereich Kinder- und Jugendhilfe jemals wieder so ausüben können, wie vor der
Eskalation der Masseninobhutnahmen.
Grundlage für die Hilfen durch die Jugenämter war das Vertrauen der Bevölkerung.
Dieses Vertrauen ist inzwischen in weiten Bevölkerungsschichten unwiederbringlich
verloren gegangen.408

Da die Jugendämter eine typisch deutsche Einrichtung sind und außer in Österreich
in keinem anderen europäischen Staat bestehen, ist es möglicherweise ratsam, die-

405
www.welt.de, Bericht vom 02.06.2008, Karsten Kammholz: Warum bayrische Gerichte immer wieder den-
selben Gutachter bestellen. Verquickung von Gericht und Gutachterfirma beschäftigen das Justizministerium.
Kritiker fürchten Monopolstellung. „Gefahr der Kumpanei“.
406
www.kinderohnerechte.de, Bericht der welt-online vom 20.10.2006, Konrad Adam: „Der Staat hat die Eltern
entrechtet“. Hinweis des Autors: Dieser Artikel ist jedoch sehr überzogen und wahrscheinlich eher satirisch
gemeint.
407
Das Jugendamt – eine Kinderklaubehörde?, www.karin-jaeckel-autorin.de
Nicht ohne meine Kinder – Eine Mutter kämpft gegen das Jugendamt, Karin Jaeckel/Joumana Gebara, Lübbe-
Verlag, 2. Aufl., 2006.
408
Aufbau einer Vertrauensbasis durch das Jugendamt ist die Voraussetzung einer Zusammenarbeit.
www.sgviii.de/S33.html Artikel von H. Adler zur Fallarbeit in der Jugendhilfeplanung. Aus: Blätter der Wohl-
fahrtspflege 1998, 9+10, Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg, Stuttgart, S. 190-192.
Schwarzbuch Jugendamt 134

se Institutionen durch eine Eingliederung unter eine ministeriale Fachaufsicht und


Neustrukturierung wieder bürgerfreundlicher zu gestalten.409

Hervorzuheben wäre besonders der Charakter des Familienschutzes anstelle des


Kinderschutzes. Eine solche Familienschutz-Behörde sollte nicht autark existieren,
sondern fachlich einem Ministerium unterstellt sein, damit Regelverstöße und Will-
kürhandlungen einzelner Mitglieder und Einrichtungen besser geahndet werden kön-
nen.

Wie sich herausgestellt hat, ist auch das Jugendamt nicht allmächtig und nicht un-
fehlbar, da es durch Menschen geleitet wird – und Menschen machen Fehler.

Die Hysterie der Inobhutnahmen nach dem Fall Kevin (2005)410, die so viele un-
schuldige Familien auseinander gerissen hat, sollte ein mahnendes Beispiel sein, nie
wieder kommunalen Trägern eine solche Machtfülle zu übertragen, ohne dass sie
einer Fachaufsicht unterstellt sind.

409
FH Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Kötter, U.: Das Jugendamt - eine unbekannte
Größe in der Jugendhilfe. Projekt zur Untersuchung der Arbeitsweise von Jugendämtern.
410
WAZ Rhein-Ruhr, 15.07.2008: Der Kevin-Effekt.
Schwarzbuch Jugendamt 135

6. Hilfe zur Selbsthilfe: Wenn das Jugendamt klingelt

Schreiben einer Mutter, veröffentlicht im Internet:411

Gute Mutter - schlechte Mutter???


„Wer masst sich an das zu entscheiden? Ich bin keine gute Mutter, will auch keine sein. Ich
bin eine Mutter und zwar die einzige für meine Kinder. Ich bin ein Mensch mit Stärken,
Schwächen und Fehlern und meine Kinder werden Menschen mit anderen, eigenen Stärken,
Schwächen und Fehlern. Es gilt einzig und allein ihnen dabei zu helfen, ihren Weg zu finden
und mit sich klar zu kommen, diesen werdenden Menschen zu akzeptieren, wie er sich ent-
wickelt und ihn dabei zu unterstützen. Nicht nach eigenen Wünschen formen oder gar bre-
chen. Nur seine Stärken sich ausprägen lassen und mit den Schwächen leben können. Nie-
mand ist perfekt, das muss man sich verinnerlichen. Es geht um Glücklichsein nicht Perfekti-
onismus.
Ich habe in jeder Schwangerschaft Freude und Angst empfunden. Freude über das neue
Leben (ob geplant oder nicht) und Angst vor der neuen, riesengroßen Aufgabe, die immer
wieder anders ist.
Diese Aufgabe wird nie beendet sein, sie wird mit den Jahren vielleicht nur leichter. Vielleicht
bin ich eine gute Mutter, wenn mein Kind sich als Erwachsener in jeder Lebenslage selbst zu
helfen weiss, sich sein Leben nach seinen Wünschen gestaltet, glücklich sein wird und das
gelernte an seine Kinder weiter gibt. Aber vielleicht habe ich dann auch nur einfach ein klu-
ges Kind.
Ich will nicht bewertet werden oder mich über andere erheben indem ich sie bewerte. Das
Muttersein ist kein Einstellungstest, das ist das Leben.

Hab ich noch vergessen: Für mich gibt es auch keine guten oder schlechten Kinder. Nur Kin-
der. Und ich kann auch bestimmt nicht aufhören, meine Kinder zu lieben, nur weil sie mal
nicht "funktionieren". Es fällt mir dann einfach nur schwerer, es ihnen zu zeigen. Aber das
gestehe ich auch meinen Kindern zu. Denn auch ich "funktioniere" manchmal nicht richtig.
Es gibt nur einfach keinen Leitfaden für Mütter, es gibt viel Theorie. Jeder muss das für sich
selber umsetzen.”

411
Gefunden im Internet in einem Forum zur Kritik am Jugendamt, am 23.09.2008. Eine Mutter beschreibt ihre
Gefühle für ihr Kind. Eine sehr gelungene Darstellung.
Schwarzbuch Jugendamt 136

6.1. Es kann jeden treffen, der Kinder hat

Jedes Jahr werden in Deutschland ca. 40.000 Kinder in Obhut genommen. Die Quo-
te steigt seit 2005 jährlich um ca. 12 % bis 14,4 %.412
Das ist zuviel, erklärte im Mai 2009 die Bundesministerin für Familie, Generationen
und Gesundheit, Frau Dr. von der Leyen, und appellierte an die Jugendämter, die
Inobhutnahmen zu reduzieren und genau zu prüfen, ob eine Inobhutnahme nötig
sei.413
Leider zeigte der Appell keine Wirkung. Die Quote steigt noch immer stetig an.

Das ist wieder ein Beispiel für die Nachteile der Selbstverwaltung bei den Jugendäm-
tern. Solange die Jugendämter nur sich selbst verpflichtet sind und keine Fachauf-
sicht besteht, ist es anderen Stellen nicht möglich, die Entscheidungen der Jugend-
amtsleiter in Frage zu stellen oder zu überprüfen.414

Jeder Jugendamtsleiter ist fachlich nur sich selbst verantwortlich. Dabei sind gerade
die Leiter der Ämter oftmals keine Erzieher, sondern reine Verwaltungsfachleute, die
rein fachlich nicht in der Lage sind, die Entscheidungen der Jugendamtsmitarbeiter
zu beurteilen.

Wahrscheinlich verweisen aus diesem Grund die Jugendämter auf die Entscheidun-
gen der Gerichte, wenn es darum geht, ein Kind an die Eltern zurückzugeben. Wäh-
rend Herausnahmen aus den Familien ohne gerichtliche Entscheidung durchgeführt
werden und bestenfalls nachträglich das Gericht angerufen wird, verstecken sich die
Jugendämter immer hinter den Amtsgerichten, wenn eine Rückgabe erfolgen soll.415

Die Amtsgerichte sind indes sehr entscheidungs-scheu und holen sich einen psycho-
logischen Gutachter zur Hilfe. Dieser soll eine Empfehlung abgeben, welcher Eltern-
teil dem Wohl des Kindes am besten dient. Von der Empfehlung eines solchen Gut-

412
Statistisches Bundesamt: 14% mehr Inobhutnahmen im Jahr 2008, Pressemitteilung 234 vom 25.06.2009.
413
32.300 Inobhutnahme in 2008, Von der Leyen mahnt Jugendämter zur Vorsicht, 25.06.2009, www.welt.de.
414
Selbstverwaltung der Jugendämter. Keine Fachaufsicht. Artikel „Alle murksen vor sich hin“, Stern, Ausgabe
19/2008.
415
Eine Rückgabe der Kinder an die leiblichen Eltern wird von den Jugendämtern ganz im Gegensatz zur Ver-
pflichtung des SGB VIII meist vermieden bzw. möglichst lange vereitelt. Das Europäische Parlament und die
Vereinten Nationen klagen die Jugendämter wegen der Kindesentziehungen „auf Verdacht“ ohne dass die Eltern
sich etwas Konkretes haben zu Schulden kommen lassen, der Menschenrechtsverletzungen an. Deutschland ist
weltweit das einzige Land, in dem die Jugendämter nicht der Weisung eines Gerichtes oder übergeordneten
Behörde unterstehen und Kinder „vorsorglich“ aus den Familien herausnehmen können, ohne dass zuvor etwas
konkretes vorgefallen sein muß.
Schwarzbuch Jugendamt 137

achters hängt demnach das gesamte Verfahren ab - und damit die Zukunft des Kin-
des und seiner Eltern. Verglichen mit dieser immensen Verantwortung des psycholo-
gischen Gutachters gehen die Gutachter recht unbedarft mit dieser Entscheidungs-
gewalt um. Die Gutachten sind voller Fehler und entsprechen oft nicht einmal den
Richtlinien, die vom Gutachterverband erlassen wurden.416

Der eigentliche Richter ist somit nicht der Familienrichter, sondern der familienpsy-
chologische Gutachter. Seiner Empfehlung wird bedingungslos gefolgt.

Zum einen ist es in einem demokratischen Land, wie Deutschland, eine Zumutung,
dass so wichtige Fragen letztendlich vom Votum einer Einzelperson ohne juristischen
Fachkenntnissen abhängig sind.
Zum anderen benutzen die Gutachter ihre Möglichkeiten oft, um auf die Eltern „erzie-
herisch“ einzuwirken. Das kann zu grotesken Situationen führen, wenn eine Diplom-
Psychologin beispielsweise einer Hochschullehrerin vorschreiben möchte, wie diese
ihr Kind zu erziehen hat oder wenn eine junge Psychologin – unverheiratet, unter
dreißig Jahre, kinderlos – sich von einer vierzig-jährigen Mutter, Sekretärin in einem
Großhandelsunternehmen, Mutter von drei Kindern, bevormundet fühlt und dann ihre
„subjektive Meinung“ in das Gutachten aufnimmt.

Eine fachliche Überprüfung des Gutachtens ist grundsätzlich nur über den Gutach-
terverband möglich – und natürlich wieder kostenpflichtig. Ein Umstand, der viele
Betroffene von einer Klage vor dem Schieds- und Ehrengericht der Gutachtervereini-
gungen abhält, vor allem, weil sich dadurch noch keine juristischen Konsequenzen
für die Entscheidung des Familiengerichtes ergeben.417
Das bedeutet, selbst wenn sich herausstellt, dass dem Gutachter ein schwerer Feh-
ler unterlaufen ist, bekommen die Eltern ihr Kind nicht wieder. Das Gericht sucht
dann lediglich nach neuen Gründen, weshalb das Kind weiterhin im Heim bleiben
muss.

Da die Jugendämter in Deutschland so großen Einfluss auf die Familiengerichte ha-


ben, entscheiden sie meistens, welcher Gutachter das psychologische Gutachten

416
Familienpsychologisches Gutachten weisen große Mängel auf, wie eine Studie in den 80er Jahren herausfand.
Siehe: Schlußbericht des Projektes Psychologisches Gutachten in Prozessen vor dem Familiengericht, vorgelegt
von Christoph Werst, Dr. Hans Jörg Hemminger, Projektleiter: Dr. Peter Dietrich, Universität Freiburg. Erschei-
nungsdatum ca. 1985. Auswertung von 118 Gutachten von 70 Gerichten.
417
Auskunft von September 2009 des Schieds- und Ehrengericht der Berufsverbandes Deutscher Psychologen,
Rechtsanwalt Jan Frederichs, Am Köllnischen Park 2, 10179 Berlin.
Schwarzbuch Jugendamt 138

über die Familie durchführt. Auf diese Weise werden vom Gericht nur Gutachter be-
stellt, welche von den Jugendämtern abhängig sind oder, die selbst längere Zeit für
Einrichtungen der Jugendämter gearbeitet haben. Die Gutachter empfehlen daher
meist eine institutionelle Erziehung.418

Mit der Pflegeindustrie hat sich eine große Industrie entwickelt, die ständig „Nach-
schub“ an Kindern benötigt. Damit ist die Kommune gezwungen, mehr Geld in den
Kinderschutz zu pumpen.

Ohne fachliche Aufsicht über die sinnvolle Verwendung der Gelder zu haben, sind
die Städte und Kommunen gezwungen, die Inobhutnahmen der Jugendämter zu fi-
nanzieren.

Ein Heimplatz kostet in Deutschland derzeit zwischen 4.000 und 6.000


EUR/Monat/Kind (2009: 7.000 EUR/Monat/Kind). Das sind im Jahr bis zu 72.000
EUR (2009: 84.000 EUR) für die Inobhutnahme eines einzelnen Kindes. Diese Kos-
ten müssen die Kommunen übernehmen, ohne bei der Verwendung des Geldes ein
Mitspracherecht zu haben. 419

Für das Geld, mit dem ein einzelnes Kind in einem Kinderheim finanziert wird, könnte
man umgerechnet mindestens sechs Kindern ambulant helfen – vorausgesetzt man
belässt sie in ihren Familien.420
Das bedeutet, von dem Geld, mit dem jährlich ca. 40.000 Kinder in Obhut genommen
werden und für Jahre im Kinderheim verbleiben, könnte ca. 240.000 Kindern ambu-
lant geholfen werden.
Die Situation der Kinder in Deutschland würde sich damit nachhaltig verbessern.

Die Frage lautet daher: Warum bevorzugen die Jugendämter noch immer stationäre
Unterbringungen? Weshalb werden noch immer so viele Kinder in Obhut genommen
anstatt eine Vielzahl von Kindern mit ambulanter Familienhilfe zu unterstützen?
Weshalb unternehmen die Politiker nichts?

418
Opfer von Falschgutachten machen sich im Internet Luft. Da alle Eltern Fehler in der Erziehung machen,
brauchen die Gutachter nicht lange suchen. Die Fehler sind aber i.d.R. für die Kinder nicht so gravierend, daß
den Eltern deshalb die Kinder entzogen werden müssten. Denn auch professionelle Erzieher machen oft die
gleichen Fehler. Siehe z.B. Seiten, wie www.jugendamtopfer.de/Erziehungsfähigkeitsgutachten.doc.
419
www.derwesten.de, Bericht vom 25.11.2009, Ausgaben für Kinder- und Jugendhilfe steigen deutlich. Vor
allem durch zunehmende Inobhutnahmen der Jugendämter stiegen die Kosten der KJH 2008 um 23%.
420
Der Westen, 11.11.2008, Interview von Corinna Weiß mit Ulrich Engelen, Jugendamt Essen: Ambulante
Maßnahmen kosten ca. 15.000 EUR/Jahr und Heimplatz ab 45.000 EUR/Jahr.
Schwarzbuch Jugendamt 139

An mangelnder Nachfrage kann es nicht liegen. Der Bedarf an ambulanten Hilfen ist
enorm. Die privaten Fernsehsender haben zu eben diesen ambulanten Hilfen ange-
regt, indem sie Sendungen, wie „Super-Nannies“, etc., zur besten Sendezeit in die
heimischen Wohnzimmer übertrugen und mit Anfragen geradezu überhäuft wur-
den.421
Die Jugendämter reagierten auf diesen Bedarf jedoch nicht mit einer Steigerung der
ambulanten Hilfen, sondern mit einer Steigerung der Inobhutnahmen.

Wenn eine Mutter mit einem Kind zum Jugendamt geht, dort um eine ambulante Er-
ziehungshilfe bittet und das Jugendamt nimmt ihr daraufhin ihr Kind weg, um es in
einem Kinderheim unterzubringen – dann läuft etwas falsch.
Genau diese Fälle passieren aber immer häufiger in Deutschland. Eltern kommen
hilfesuchend zu den Jugendämtern und ihnen werden daraufhin die Kinder wegge-
nommen.422

Daher ist es den Eltern nicht zu verdenken, daß sie sich in den letzten Jahren immer
weniger an die Jugendämter wenden und diese ihren Aufgaben bei der Familienhilfe
nicht mehr nachkommen können.
Das Resultat sind dann wieder neue Inobhutnahmen, weil den Eltern eine rechtzeiti-
ge Hilfe nicht zur Verfügung stand bzw. sie Angst hatten, ihre Kinder sofort wege-
nommen zu bekommen, wenn sie um eine ambulante Hilfe nachgefragt hätten.

Ein Extrem hat dazu geführt, dass die Jugendämter die Kinder nicht mehr nur aus
den Familien in Obhut nehmen, sondern sie inzwischen unter einem Vorwand aus
den Schulen und Kindergärten herausholen.423
So ist sich niemand, der Kinder hat, noch sicher, ob sein Kind wieder nach Hause
kommt, wenn er es morgens in die Schule geschickt hat.

Eine Denunziation eines böswilligen Nachbarn, der sich über das Kindergeschrei
aufgeregt hat, reicht aus, damit das Kind vom Jugendamt der Stadt „vorläufig“ in Ob-
hut genommen wird. Aus dieser „vorläufigen“ Inobhutnahme können leicht mehrere
Monate oder Jahre werden. Das Jugendamt Witten hat 2009 in einer TV-Sendung im
WDR zugegeben, dass die in Obhut genommenen Kinder durchschnittlich sieben
421
De.wikipedia.org/wiki/Die_Super_Nanny. Der TV-Sender RTL strahlte von 2004 bis 2009 diese Sendereihe
zur Erziehungshilfe im Fernsehen aus. In jeder Folge wurde eine Familie mit Erziehungsfragen beraten.
422
Frankfurter Allgemeine Zeitung, FAZ, Jugendämter in der Kritik, Wegnehmen ist das Einfachste, Artikel
vom 17.03.2008, Katrin Hummel.
423
Panorama Nr. 706, Kindesentzug, Die Allmacht der Jugendämter, Bericht vom 22.01.2009, Fallbeispiel.
Schwarzbuch Jugendamt 140

Jahre im Kinderheim verblieben und er gab zu, dass an dieser Praxis „vielleicht et-
was geändert werden müsste“.

Das Ganze lässt sich auf eine einfache Formel bringen: Hilfeleistungen beruhen auf
Vertrauen und das Vertrauen der Eltern in die Jugendämter haben diese mit den ü-
bermäßigen und völlig ungerechtfertigten Masseninobhutnahmen verspielt.

Vor allem ausländische Eltern wenden sich bei Problemen inzwischen lieber an Kul-
turvereine oder an Integrationsbüros als an die deutschen Jugendämter.424
Die Zuwanderung von Fachkräften nach Deutschland hat stark nachgelassen. Die
ausländischen Familien befürchten zunehmend, dass ihnen in Deutschland die Kin-
der weggenommen werden könnten.
Das gleiche gilt für immer mehr deutsche Familien, die sich in Angst vor den Jugend-
ämtern befinden.425

Der Facharbeitermangel wird trotz Wirtschaftskrise immer größer und jeder, der es
sich leisten kann, insbesondere viele deutsche Facharbeiter und Akademiker wan-
dern ins Ausland ab. Aus diesem Grund fehlen in Deutschland beispielsweise ca.
40.000 Lehrkräfte.426 Bei den Ärzten sieht es ähnlich aus. Der Ärztemangel in ländli-
chen Gebieten wird in den nächsten Jahren sehr gravierend werden, wie Experten
voraussagen.427 Die Versorgung in Deutschland wird immer schlechter, so daß die-
ser Umstand weitere Abwanderungen nach sich zieht.

Es kommt der Zeitpunkt, an dem der Staat die Vielzahl der Inobhutnahmen nicht
mehr bezahlen kann. Dann werden die meisten Jugendamtsmitarbeiter arbeitslos,
denn eine ambulante Hilfe können die Jugendämter dann wegen des fehlenden Ver-
trauens der Bevölkerung nicht mehr leisten.
Schon jetzt verteidigen die Eltern ihre Kinder mit allen Mitteln und lassen sich nicht
widerspruchslos ihre Kinder wegnehmen. Immer öfter kommt es zu Gewaltanwen-
dungen gegen die Jugendamtsmitarbeiter.428

424
Zeitung Neues Deutschland, Bericht vom 01.12.2009, Andreas Heinz, Angst vor dem Jugendamt, Kreuzber-
ger Stadtteilmütter kümmern sich um Kinder – sie wollen Misstrauen abbauen.
425
Die Zeit, Bericht vom 16.07.2008, Angst vor der Hilfe. Bevölkerung bittet Jugendamt und Ärzte nicht um
Hilfe, weil die Angst besteht, das Kind könnte weggenommen und in ein Heim eingewiesen werden.
426
Die Welt, 20.07.2009, Fachkräftemangel, Zum Schulbeginn im Herbst fehlen 40.000 Lehrer.
427
Tagesschau vom 17.02.2010, Marburger Bund warnt vor Ärztemangel, Ärztegewerkschaft warnt vor Leerstel-
len in Kliniken. Derzeit 5.000 Arztstellen unbesetzt.
428
Der Westen, NRZ, Bericht vom 28.05.2007, Verwirrter randalierte im Jugendamt. Vater war nicht bereit,
nach dem Besuchstermin sein Kind einfach herzugeben. Das Jugendamt rief die Polizei. Diese wendete Gewalt
Schwarzbuch Jugendamt 141

In einigen Vierteln von Großstädten, die vor allem von Arbeitslosen und Hartz-IV-
Empfängern bewohnt werden, können sich Jugendamtsmitarbeiter nur noch mit Poli-
zeischutz sehen lassen.429 Das trifft vor allem zu, weil die meisten in Obhut genom-
menen Kinder aus Hartz-IV-Familien stammen. In Großstädten, wie Essen, ist inzwi-
schen umgerechnet jedes 4. Hartz-IV-Kind im Kinderheim untergebracht. 430

Die Jugendämter schaffen sich mit diesen Methoden selbst ab. Sie sind nicht mehr in
der Lage, ihre Kernaufgaben wahrzunehmen. Sie können in den bedürftigen Familien
keine Unterstützung mehr leisten. Daher haben sie sich eine neue Zielgruppe ausge-
sucht und kontrollieren nun stärker die „bessergestellten“ Familien und Akademiker-
Familien auf einen „Bedarf“ an Jugendhilfe.431

So entwickelt sich die Kontrolle bei der Durchführung von Umgangskontakten zu ei-
nem Hauptaufgabengebiet der Jugendämter. Wobei auch diese Aufgaben wieder in
Gefahr geraten, am Vertrauen der Eltern zu scheitern, weil die Jugendämter damit
begonnen haben, auch diesen Eltern die Kinder wegzunehmen, wenn sie den rigoro-
sen Anweisungen der Jugendamtsmitarbeiter nicht Folge leisten.432

Auf diese Weise sind Kinder aller Gesellschaftsschichten von den Inobhutnahmen
betroffen. Auch Kinder von Lehrern, Erziehern und hochrangigen Akademikern sind
vor einer Heimunterbringung nicht mehr sicher.

Um die ständig steigenden Inobhutnahmen noch bewältigen zu können, werden


neue Heime gebaut.433 Die neuen Heime sind sofort überfüllt. Die Gerichte kommen
mit der Bearbeitung der Fälle nicht mehr nach. Das gesamte Jugendhilfesystem steht
kurz davor, zu kollabieren.434

an, um dem Mann das Kind zu entreißen. Der Mann wurde in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. So
geschehen beim Jugendamt Essen-Rüttenscheid.
429
www.rp-online.de , Bericht vom 27.07.2009. Gabi Peters. Mönchengladbach: Alarmknopf für Jugendamt.
Mitarbeiter vom Jugendamt haben immer häufiger mit aggressiven Kunden zutun. Gewalttätige Übergriffe sind
keine Ausnahmen. Ein Alarmsystem soll die Verwaltungsmitarbeiter schützen.
430
Hochrechnung der Daten, die die Stadt Essen 2008 zur Verfügung stellte auf die Zahl der Hartz-IV-
Empfänger in Essen.
431
§ 1684 BGB bestimmt das Umgangsrecht beider Eltern mit dem Kind. Die Vereitelung des Umganges durch
einen Elternteil wird seit ca. 2008 als Grund für einen Sorgerechtsentzug genommen. Die Gerichte nehmen dar-
aufhin immer öfter einem oder beiden Elternteilen das Sorgerecht weg und übertragen es auf das Jugendamt.
432
KSK Fachtagung, 07.11.2007, Workshop 13: Erfahrung aus der Arbeit mit unkooperativen Eltern, Dipl.-
Psych. M. Biene, Leiter SIT. Schweiz. Die Probleme der Jugendämter sind dort gut zusammengefasst. Grund-
sätzlich hat Deutschland die gleichen Probleme. Sie werden aber nicht thematisiert.
433
Wegen überfüllten Heimen wurden neue Heime gebaut. 2008 und 2009 waren lt. Angaben der Bundesregie-
rung ca. 80% der Neubauten in Deutschland Heime.
434
Bericht vom 12.12.2008, Deutsches Institut für Jugendhilfe und Familienrecht, e.V.: „anhaltender Kollaps der
öffentlichen Jugendhilfe“.
Schwarzbuch Jugendamt 142

6.2. Versagen von Jugendförderung und Jugendhilfe


Am 16.10.2009 veröffentlichte der TV-Sender N24 einen Kommentar von Michel
Friedman zum Thema Deutschunterricht an deutschen Schulen. Es ging darum, ob
die Zusammenfassung der Kinder in Schulklassen nach Deutschkenntnissen eine
zusätzliche Förderung oder eine Ausgrenzung darstellt.435

Dieses Thema wird von den Erziehungswissenschaftlern sehr unterschiedlich beur-


teilt. Michel Friedman vertritt die Ansicht, dass die Schüler mit schlechten Deutsch-
kenntnissen nur dann nicht ausgegrenzt werden, wenn sie in der deutschen Sprache
mehr Förderung erhalten und so die Rückstände gegenüber den anderen Schülern
aufholen können.
Das trifft seiner Ansicht nach nicht nur auf ausländische Schülerinnen und Schüler
zu, sondern genauso auf deutsche Schüler aus den unteren Bevölkerungsschichten,
die geringen Wert auf eine gute deutsche Sprache legen und die Kinder im Erlernen
der Sprache nur wenig unterstützen.
Er rief die Bevölkerung dazu auf, mehr auf eine gute Sprache zu achten und öfter ein
Buch zur Hand zu nehmen, um die eigene Ausdrucksweise zu verbessern. Anläßlich
der gerade stattfindenden Frankfurter Buchmesse eine sehr erfolgreiche PR-
Kampagne.

Aber der Hintergrund des Kommentars ist trotzdem sehr ernst. Immer mehr Schulab-
gänger in Deutschland sprechen schlecht Deutsch. Ihre Aussichten auf einen Ausbil-
dungsplatz oder einen Arbeitsplatz sinken mit den schlechten Deutschkenntnissen
erheblich. Sie können sich nicht ausdrücken und haben Schwierigkeiten in der Sozia-
lisation, da sie mit ihren Mitmenschen nur schwer kommunizieren können.

Wie die Pisa-Studie 2001 ergab, sind in keinem anderen Land Europas die Chancen
der Schüler, eine gute Ausbildung zu erhalten und später einen gut bezahlten Beruf
zu ergreifen, so stark von der Förderung und dem sozialen Stand des Elternhauses
abhängig, wie in Deutschland.436

Was bedeutet das in Bezug auf die Kinder, die von den Jugendämtern in Obhut ge-
nommen und aus den Familien in Kinderheime verbracht werden?

435
N42, Kommentar von Michel Friedman vom 16.10.2009.
436
Meyer, H. (2009): Leitfaden Unterrichtsvorbereitung, S. 138.
Schwarzbuch Jugendamt 143

Diese Kinder haben keine sozialen Bindungen zu Familienmitgliedern, die sie för-
dern. Viele von ihnen werden kriminell oder drogenabhängig. Die meisten dieser
Kinder werden als Erwachsene Hartz-IV-Empfänger und leben von der staatlichen
Unterstützung. Das bedeutet, sie sind nicht in der Lage, sich mit einem Beruf selbst
zu ernähren. Auch sie können ihren Kindern wiederum keine Zukunft bieten und för-
dern sie nur wenig, wodurch ihre Kinder ebenfalls keine Aussicht auf eine gute Aus-
bildung und einen guten Arbeitsplatz haben.437

Auf diese Weise wird von der staatlichen Institution der Jugendämter ein Kreislauf in
Gang gesetzt, der in immer neuen Inobhutnahmen mündet.

Profitieren tun von diesem Kreislauf nur die Betreiber der Kinderheime, denn sie be-
kommen für jedes Kind mehrere tausend Euro pro Monat aus den Kassen der Städte
und Kommunen.438 Dieses Geld kommt nur zum geringsten Teil bei den Kindern an.
Sie leben in den Heimen in sehr ärmlichen Verhältnissen, haben kaum Bekleidung
und Schuhe. Die Eltern werden noch zusätzlich zu Sach- und Kleiderspenden
herangezogen, damit die Kinder überhaupt angemessen zur Schule gehen können.

Den Jugendämtern ist dieser Zusammenhang bekannt, da sie seit Jahren eine Stei-
gerung der Inobhutnahmen verzeichnen. Die Inobhutnahmen haben somit nachweis-
lich für die Verbesserung des Kindeswohles keinen Erfolg. Trotzdem werden sie in
Deutschland immer mehr erhöht.439

Welche Alternative bietet sich zu Inobhutnahmen?


Der Staat New York in USA hat sich mit dieser Frage auseinandergesetzt und ist zu
dem Ergebnis gekommen, dass die ambulanten Hilfen in den Familien weit mehr für
die Förderung der Kinder bringen als die Inobhutnahmen und Wegnahmen aus dem

437
www.infokanal.zdf.de, Bericht vom 26.02.2010. Schicksal Heimkind. „Ihre Ausbildung war oft mangelhaft,
der Weg ins Berufsleben entsprechend.“
438
Fussek, C., Schober, G. (2008): Im Netz der Pflegeindustrie, Bertelsmann-Verlag, München. Steigende Lob-
by der Pflegeindustrie.
439
Ambulante Maßnahmen sind in der Mehrzahl der Fälle als erfolgreich anzusehen. Den Eltern werden Erzie-
hungs- und Verhaltenskompetenzen vermittelt. Siehe Spangler, G. (2004): Wirksamkeit ambulanter Jugendhil-
femaßnahmen bei Misshandlung bzw. Vernachlässigung, Eine internationale Literaturübersicht, Expertise im
Auftrag des Projektes „Kindeswohlgefährdung und allgemeiner sozialer Dienst (ASD)“, Bundesministerium für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend, September 2004.
Schwarzbuch Jugendamt 144

gewohnten Umfeld. Unter anderem aus diesem Grund werden die Inobhutnahmen in
New York City systematisch reduziert und auf ambulante Hilfen umgestellt.440
Nach Meinung von Psychologen und Psychiatern ist die ambulante Kinder- und Ju-
gendhilfe wesentlich schonender für die Kinder als eine gewaltsame Herausnahme
aus der Familie. Während die Kinder bei einer Inobhutnahme die Hilflosigkeit der El-
tern miterleben und durch die Trennung von der Mutter schwer traumatisiert in die
Kinderheime eingeliefert werden441, erleben ambulant versorgte Kinder die Jugend-
amtsmitarbeiter als weit weniger bedrohlich. Sie können sogar ein freundliches Ver-
hältnis zu ihnen aufbauen.

Auch darin besteht in Deutschland ein großes Problem der Jugendhilfe. Das Vertrau-
en der Bevölkerung in die Jugendämter wurde durch Masseninobhutnahmen zerstört.
Die Jugendämter können aufgrund des geschwundenen Vertrauens ihren Aufgaben
nur noch sehr eingeschränkt nachkommen.442

Ein weiterer wichtiger Punkt liegt in den gekürzten Mitteln. Die Kommunen und Städ-
te sind in Zeiten der Wirtschaftskrise auf Sparkurs. Für die Jugendhilfe stehen nicht
mehr so viele Gelder zur Verfügung.

Anstatt aber eine Einschränkung der teuren Inobhutnahmen durchzuführen und sie
durch mehr ambulante Hilfen zu ersetzen, die einen ähnlichen Effekt haben, aber nur
ca. 1/6tel der Inobhutnahmen kosten443, wird bei den Jugendämtern an den ambulan-
ten Hilfen gespart, um mehr Inobhutnahmen durchführen zu können.
Dieses Verhalten ist so widersinnig, dass es den Schluss zulässt, die Jugendämter
hätten sich bei den privaten Institutionen „verpflichtet“, eine bestimmte Quote von
Inobhutnahmen durchzuführen.

Die Verflechtungen zwischen den Jugendämtern und den privaten Pflegeinstitutionen


sind tatsächlich sehr tief gehend und sehr vielschichtig. Meist haben Leiter der Ju-
gendämter einmal in privaten Institutionen gelernt oder waren dort längere Zeit ange-

440
Gesetz A5703, A 6024, A 4263, New York. Der Bundesstaat New York hat schon vor Jahren auf ambulante
Maßnahmen umgestellt und nach mehreren Fällen von ungerechtfertigter Denunziation die Strafen für falsche
Beschuldigung von Familien deutlich erhöht
441
Wapedia.mobi/de/Hospitalismus. Begleiterscheinungen von Heimaufenthalten bei Kindern, wie bei Folter
oder Isolationshaft.
442
RP-online.de, Artikel vom 29.11.2007, Angst vor dem Jugendamt.
443
Der Westen, 11.11.2008, Interview von Corinna Weiß mit Ulrich Engelen, Jugendamt Essen: Ambulante
Maßnahmen kosten ca. 15.000 EUR/Jahr und Heimplatz ab 45.000 EUR/Jahr.
Schwarzbuch Jugendamt 145

stellt. Gleiches gilt auch im umgekehrten Fall. Auch die privaten Institutionen be-
schäftigen ehemalige Mitarbeiter der Jugendämter.

In der Stadt Halle führten diese Verflechtungen sogar dazu, daß eine Entscheidung
des Stadtrates „gekippt“ wurde. Der Stadtrat hatte 2007444 Aus Kostengründen be-
schlossen, die Inobhutnahmen abzuschaffen und alle Kinder an ihre Eltern zurück-
zugeben. Dort sollten sie von den Jugendämtern ambulant weiter betreut werden.
Die Reaktion der privaten Institutionen, welche damit hohe finanzielle Einbußen er-
lebt hätten, erfolgte prompt. Es wurde eine regelrechte Kampagne gegen die Bür-
germeisterin ins Leben gerufen. Mit psychologischen Gutachten wurde „nachgewie-
sen“, dass die Inobhutnahmen notwendig seien. Eine Rückgabe der Kinder würde sie
angeblich in die Armut zurückstoßen. Das müssten die privaten Institutionen angeb-
lich „im Sinne der Kinder“ unbedingt verhindern.
Die Presse-Kampagne brachte so viel Unruhe in Halle, dass der Stadtrat aufgrund
des großen Drucks seine Entscheidung wieder rückgängig machte. Seitdem liegen
die Pläne „auf Eis“ und die Stadt Halle wartet darauf, dass eine andere Stadt in
Deutschland den Anfang macht.

Nie waren die Kinderheime so überfüllt, wie bisher.


Die Inobhutnahmen haben dazu geführt, dass mehrere hunderttausend Kinder in
Deutschland in Kinderheimen aufwachsen werden. Eine Rückgabe an die Eltern ist
nicht vorgesehen.445
Diese Kinder haben gemäß Statistiken und Studien führender deutscher und europä-
ischer Institute sogut wie keine Chance, jemals eine vernünftige Ausbildung zu erhal-
ten oder einen guten Beruf zu bekommen. Den Kindern wird mit den Inobhutnahmen
somit rücksichtslos die Zukunft verbaut.446
Auf der anderen Seite stellen sich bekannte Kirchenfürsten ins Fernsehen und erklä-
ren: „Die Familie ist durch nichts zu ersetzen.“447

444
Frankfurter Allgemeine Zeitung, FAZ: Rückführung in die Schutzlosigkeit, 06.11.2007. Stadt Halle, Versuch
der Rückführung inobhutgenommener Kinder in ihre Familien.
445
Eine Rückgabe der Kinder an die leiblichen Eltern wird von den Jugendämtern ganz im Gegensatz zur Ver-
pflichtung des SGB VIII meist vermieden bzw. möglichst lange vereitelt. Das Europäische Parlament und die
Vereinten Nationen klagen die Jugendämter wegen der Kindesentziehungen „auf Verdacht“ ohne dass die Eltern
sich etwas Konkretes haben zu Schulden kommen lassen, der Menschenrechtsverletzungen an.
446
www.infokanal.zdf.de, Bericht vom 26.02.2010. Schicksal Heimkind. „Ihre Ausbildung war oft mangelhaft,
der Weg ins Berufsleben entsprechend.“
447
Bischof Huber 2009 in einem Interview mit der TV-Show „Tacheles“ am 24.05.2009: Familien sind durch
nichts zu ersetzen.
Schwarzbuch Jugendamt 146

Wie der bekannte Erziehungswissenschaftler, John Bowlby448, schon vor mehr als
vierzig Jahren herausfand, ist die Familie als Ort der Erziehung tatsächlich durch
nichts anderes zu ersetzen. Wenn die Familie versagt, ist es daher nur in ganz eng
zu beschränkenden Ausnahmefällen angezeigt, ein Kind aus seiner Familie heraus-
zunehmen. Auch dann sollte es nicht in einem Kinderheim untergebracht werden,
sondern in einer anderen Familie. Die Kinder erleiden ansonsten nicht wieder gutzu-
machende Schäden.449
Sie sind quasi „Entführungsopfer“, die über Jahre hinweg auf ihre Rückgabe an die
Eltern warten. Sie zeigen auch die gleichen Symptome, wie Entführungsopfer, und
müssen in den Heimen nach den gleichen Grundsätzen medizinisch behandelt und
betreut werden, um die Zeit im Heim zu überstehen.450

Nach der Rückgabe an die Eltern, welche i.d.R. erst nach vielen Jahren stattfindet –
egal ob die Kinder zu Recht oder zu Unrecht vom Jugendamt aus den Familien ge-
holt wurden – müssen die meisten Kinder psychologisch behandelt werden, um die
Erlebnisse im Kinderheim zu verarbeiten. So extrem sind die Unterschiede verglichen
zum Leben in einer Familie und so schlimm ist der Verlust der Bezugspersonen
durch die Inobhutnahme und Heimeinweisung.

Kinder und Eltern werden durch die Inobhutnahme und die Besuchskontakte gequält.
Die regelmäßige Besuchsmöglichkeit bedeutet nicht eine Erleichterung, sondern in
erster Linie eine Verschlimmerung der Situation. Die Trennung von den Eltern wird
dem Kind bei jedem Abschied erneut bewusst gemacht. Es erlebt die Eltern als hilflos
und sich selbst als Opfer eines bürokratischen Systems.451

Umfragen unter jungen Erwachsenen, die im Kinderheim aufgewachsen sind, zeigen,


dass sie meist sehr extreme politische Gruppierungen wählen, um ihre Unzufrieden-
heit mit der Zeit im Kinderheim zu dokumentieren. Zudem rekrutieren die extremen
Parteien eine Vielzahl ihrer Anhänger und Mitglieder aus ehemaligen Heimkindern.
Die Politik der Inobhutnahmen anstatt der ambulanten Maßnahmen wird sich daher
voraussichtlich gegen die Politiker wenden, die sie zugelassen haben. Da Kinder

448
Bowlby, J. (2006): Bindung, S. 176 ff.
449
Wapedia.mobi/de/Hospitalismus. Begleiterscheinungen von Heimaufenthalten bei Kindern, wie bei Folter
oder Isolationshaft.
450
De.wikipedia.org/wiki/Überlebenden_Syndrom. Auch als KZ-Syndrom oder Holocaust-Syndrom bekannt.
Eine Form der posttraumatischen Belastungsstörung.
451
Typische Seiten von Betroffenen im Internet: z.B. www.jugendamtopfer.de
Schwarzbuch Jugendamt 147

heute sehr schnell erwachsenen werden und früh ein Wahlrecht erhalten, sind die
Auswirkungen meist schon nach weniger als zehn Jahren spürbar.

Tatsächlich haben einige Bundesländer in den letzten zehn Jahren einen großen Zu-
lauf zu den extrem rechten und extrem linken Parteien zu verzeichnen. Diese sind
immer öfter an den Regierungen der Kommunen und Bundesländer beteiligt. Das ist
ein Anzeichen dafür, dass ein politischer Machtwechsel vonstatten geht.452
Er kommt langsam, aber beharrlich.
Die große Frage hierbei dürfte sein, ob gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise ein
Machtwechsel und ein Erstarken der extremen Parteien von Vorteil sein kann.

452
www.sgbviii.de, SGB VIII-Online Handbuch, Bericht von Günter A. Pilz, Gewaltakzeptanz und Recht-
sextremimus unter Jugendlichen – Ursachen und Erscheinungsformen.
Schwarzbuch Jugendamt 148

6.3. Die Wegnahme der Kinder

Die Wegnahme der Kinder ist das Schlimmste, das die Jugendämter den Eltern an-
tun können – und sie tun es im Durchschnitt bis einhundert Mal pro Tag in Deutsch-
land.453
Sie nehmen den Eltern das Liebste und Teuerste, das sie besitzen, und sperren die
Kinder in Heime, wo sie von den Eltern über Monate und Jahre ferngehalten werden.
In dieser Zeit werden die Kinder systematisch auf das Heimleben ausgerichtet und
an die dort herrschenden Erziehungsideale herangeführt.

Das sind in der Regel nicht die Erziehungsideale, welche die Eltern haben. Auf Son-
derwünsche, wie Montessori oder Waldorf, kann ein Kinderheim nicht eingehen.
Auch eine Förderung von Hochbegabung kann ein Kinderheim nicht leisten. Kinder,
die aus Familien kommen, wo sie entsprechend diesen Grundsätzen gefördert wur-
den, erleiden im Kinderheim somit nicht wieder gutzumachende Nachteile.

Der abrupte Abbruch eines Erziehungssystems und die zwangsweise Überführung in


ein anderes System wirken sich immer negativ auf das Kind aus.454

Gerade bei hochbegabten Kindern, deren Förderung von einem Tag auf den anderen
wegfällt, können schlimme Schäden die Folge sein. Diese Kinder werden gezwun-
gen, sich anzupassen und der Masse zu folgen. In den Kinderheimen regiert der
Durchschnitt. Für eine Förderung einer Hochbegabung sind die Mitarbeiter nicht aus-
gebildet. So wird der Selbstentfaltungsdrang der Hochbegabten systematisch unter-
drückt, damit sie leichter gehandelt werden können.455

Aber auch für die anderen Kinder sind starke Veränderungen im Verhalten notwen-
dig, damit sie sich im Heimleben integrieren können. Die meisten Kinder wachsen
heutzutage als Einzelkinder in den Familien auf. Sie sind es nicht gewohnt, sich mei-
nungsbildenden Prozessen in Gruppen und Großgruppen zu unterwerfen. Daher
müssen die Mitarbeiter in den Heimen die Kinder zunächst zwingen, an derartigen

453
Destatis.de, Pressemitteilung Nr. 254 vom 15.07.2008. Zahl bezog sich auf 2007. In 2008 gingen die Inob-
hutnahmen aber um 14% hoch und stiegen auch 2009 weiter. Wenn man bedenkt, dass die Jugendämter an Wo-
chenenden und Feiertagen nicht arbeiten, kommt man für 2008 und 2009 auf mehr als 100 Inobhutnahmen pro
Arbeitstag.
454
www.juramagazin.de/hochbegabte. Hochbegabte können Schwierigkeiten im Sozialverhalten haben. Das
kann zum Scheitern auf öffentlichen Schulen führen.
455
De.wikipedia.org/wiki/hochbegabung. Umfassende Darstellung, weshalb hochbegabte Kinder eine besondere
Förderung brauchen.
Schwarzbuch Jugendamt 149

Prozessen teilzunehmen. Es kommt zu zahlreichen Reibereien und Streitigkeiten, bis


hin zur Gewaltanwendung der Kinder untereinander, bevor die Machtverhältnisse klar
festgelegt sind.
Die Kinder, welche zu Hause als Einzelkinder aufwuchsen, ziehen mangels Übung in
derartigen Sozialisationsprozessen meist den Kürzeren und werden oftmals massiv
von älteren oder stärkern Kindern unterdrückt. Das macht ihnen die Trennung von
den Eltern zusätzlich schwer.

Bei den Mitarbeitern der Heime finden sie nur wenig Unterstützung und müssen sich
selbst mit ihren Problemen auseinandersetzen. Das in einem Alter, in dem andere
Kinder erst vorsichtig im Kindergarten oder in der Schule an die Sozialisation mit an-
deren Menschen herangeführt werden.456

Bei den Kindern kann es zu schweren Schocks oder Abwehrreaktionen kommen. Sie
beginnen zunächst, sich gegen die fremden Kinder zu wehren, werden danach auch
aggressiv gegenüber Erwachsenen und schließlich sogar gegen die Eltern, die hilflos
mit ansehen müssen, wie sich ihre Lieblinge verändern.457
Wegnahmen von Kindern sollten daher unter allen Umständen vermieden werden.
Sie sind vom Gesetzgeber nicht als Mittel der Wahl gedacht, um Erziehungsschwie-
rigkeiten zu beheben, sondern sollten nur in den allerschlimmsten Notfällen einge-
setzt werden, wenn Leib und Leben des Kindes bedroht sind.458

Die Anwendung von Inobhutnahmen zur Erzwingung von Umgangskontakten nach


einer Scheidung oder Trennung der Eltern ist eine noch erheblich schlimmere Belas-
tung für das Kind als die Trennung von einem der Elternteile. Sie sollte grundsätzlich
verboten sein und darf auch von der momentanen Rechtsprechung nicht toleriert
werden.

Vor allem muss das Verhalten der Jugendamtsmitarbeiter überprüft werden. Die Ju-
gendämter nehmen Kinder willkürlich aus Familien heraus und es ist oftmals für den

456
www.kerner.de/ehemalige%20heimkinder%20kämpfen%20um%20ihr%20recht_5040.html. Ehemalige
Heimkinder kämpfen um ihr Recht. Bericht der TV-Sendung „Kerner“ über ehemalige Heimkinder, die in deut-
schen Kinderheimen schwer misshandelt wurden. Ihre Kindheit wurde von den Menschen zerstört, die sie pflege
und schützen sollten.
457
Wapedia.mobi/de/Hospitalismus. Begleiterscheinungen von Heimaufenthalten bei Kindern, wie bei Folter
oder Isolationshaft.
458
www.sgbviii.de. SGB VIII-Online Handbuch. Thomas Tenczek: Inobhutnahme zur Krisenintervention bei
Kindern und Jugendlichen. Nur zur Abwehr einer Gefahrensituation ist die Inobhutnahme zulässig. Anmerkung
des Verfassers: In der Realität wird die Inobhutnahme auch angewendet, wenn keine Gefahrensituation vorliegt.
Schwarzbuch Jugendamt 150

neutralen Beobachter nicht nachvollziehbar, welchen Effekt – abgesehen von finan-


ziellen Vorteilen – sich die Jugendämter von einer Wegnahme der Kinder verspre-
chen.

Subjektive Inobhutnahmen müssen unbedingt aufhören. Es fehlt an einem klaren und


nachvollziehbaren Kriterienkatalog, unter welchen Bedingungen das Jugendamt ein-
greifen darf und wann die Mitarbeiter die Kinder noch in den Familien belassen sol-
len, wo sie vielleicht eine ambulante Hilfe anbieten können.

Die Kriterien, nach welchen eine Inobhutnahme durchgeführt wird, bestimmt derzeit
jedes Jugendamt selbst. Es kann daher je nach Bundesland und Stadt zu völlig ver-
schiedenen Ergebnissen kommen. Während in einigen Städten sogar Babys stark
rauchender Mütter in Obhut genommen wurden, um sie vor einer „Rauchvergiftung“
zu schützen, werden in anderen Städten die Behörden erst bei einer schweren Miß-
handlung tätig.
Die Übergänge sind hierbei fließend und eine klare Reglung ist unbedingt erforder-
lich.459

Wenn Ihr Kind von einem Jugendamt in Obhut genommen wird, kommt es zunächst
in die Notaufnahme eines Kinderheimes. Dieses liegt gewöhnlich in der Stadt, in wel-
cher die Inobhutnahme stattfand. Das ist jedoch nicht zwingend.
In dieser Notaufnahme verbleibt das Kind, bis Sie entweder unterschrieben haben,
dass Sie mit der Inobhutnahme einverstanden sind, ein Gericht die Freilassung Ihres
Kindes verfügt oder ein bindendes Urteil gesprochen wird, was mit ihrem Kind in Zu-
kunft passieren soll.460
Leider besteht nur geringe Hoffnung, ein Kind wieder zurück zu bekommen, wenn es
einmal in Obhut genommen wurde. Die Rückgabe des Kindes ist in den Dienstvor-
schriften der Jugendämter nicht vorgesehen. Daher gibt es nur die Möglichkeit, über

459
Leserbrief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 05.12.2005, Prof. Dr. W. Klenner, Jugendamt
hat keine Fachaufsicht. 1991 trat das Kinder- und Jugendhilfegesetz in Kraft, dessen §§ 42, 43 dem Jugendamt
erlauben kraft eigenem Ermessen Kinder in Obhut zu nehmen. Es besteht Rechtsunsicherheit, weil gegen diese
Maßnahmen des Jugendamtes kein Rechtsmittel vorgesehen ist. Seit einer Gesetzesänderung 2007 im § 1666
BGB darf auch ohne Angabe von Gründen eine Inobhutnahme erfolgen.
460
Vgl. Paul, J.N. (2005): Vermittlung von Kindern und Jugendlichen aus der Notaufnahme in weiterführende
pädagogische Maßnahmen, Seminararbeit, erschienen im GRIN-Verlag.
Schwarzbuch Jugendamt 151

das Gericht etwas zu erreichen, aber die Gerichte haben keine Weisungsbefugnis
gegenüber den Jugendämtern und können die Herausgabe nicht anordnen.461

Vielfach wird hierzu von den Eltern ein familienpsychologisches Gutachten verlangt,
in welchem sie nachweisen müssen, dass sie erziehungsfähig sind.
Das Problem besteht darin, dass die Gutachter nicht objektiv sind, sondern von den
Gerichten regelmäßig zu derartigen Gutachten herangezogen werden. Frei nach dem
Motto „Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing“, können Sie damit rechnen, dass der
Gutachter die Meinung des Jugendamtes übernehmen wird. Da das Jugendamt Ih-
nen das Kind bereits weggenommen hat, handelt es sich bei dem Gutachten dem-
nach nur um eine Rechtfertigung für das Jugendamt, um belegen zu können, wes-
halb die Inobhutnahme notwendig war. Das Jugendamt macht grundsätzlich keine
Fehler und wird nur in absoluten Notfällen ein Kind aus seinem Zuhause herausrei-
ßen. Von diesem Grundsatz gehen die Gutachter in jedem Fall aus.462
Wenn Sie also die Ansicht vertreten, bei Ihnen sei ein Fehler passiert, werden Sie es
schwer haben, gegen dieses ungeschriebene Gesetz zu bestehen.

Andererseits ist eine Zusammenarbeit mit dem Jugendamt auch nicht angezeigt,
denn dann gibt man zu, als Elternteil versagt zu haben, und gibt dem Jugendamt ei-
nen Grund, um das Kind für lange Zeit (d.h. bis zur Volljährigkeit) in einem Kinder-
heim oder bei Pflegeeltern unterzubringen.463

Es gibt noch die Möglichkeit, das familienpsychologische Gutachten zu verweigern.


Das SGB VIII räumt den Eltern diese Möglichkeit grundsätzlich ein und es entschei-
den sich immer wieder Eltern dafür, von ihrem Verweigerungsrecht Gebrauch zu ma-
chen. Diese Entscheidung ist jedoch mit einigen Nachteilen verbunden. Die Gutach-
ter sollen nach Anordnung des Gerichtes eine Beurteilung Ihrer Person durchführen.
Das können sie nur dann, wenn Sie persönlich an dem Gutachten teilnehmen. Wenn
Sie es nicht tun, ist eine Beurteilung Ihrer Person somit nicht möglich.464 Das denkt
zumindest der objektive Beobachter. In der Praxis wird Ihre Weigerung jedoch vom

461
Vgl. Maler, Chr./Nabert, B. (2006): Gelingende und misslingende Rückführungen von Pflegekindern in Her-
kunftsfamilien. Mit Bezug auf Permien 1987, S. 255. Es gibt in Deutschland keine Studien darüber, wie viele
Kinder an ihre Eltern zurückgegeben werden. Das Ziel jeder Inobhutnahme ist gem. SGB VIII die Rückführung.
462
www.welt.de, Bericht vom 02.06.2008, Karsten Kammholz: Warum bayrische Gerichte immer wieder den-
selben Gutachter bestellen. Verquickung von Gericht und Gutachterfrima beschäftigen das Justizministerium.
Kritiker fürchten Monopolstellung. „Gefahr der Kumpanei“.
463
RP-online.de, Artikel vom 29.11.2007, Angst vor dem Jugendamt.
464
Salzgeber, J. (2005): Familienpsychologische Gutachten, 4. Aufl., Beck, München, S. 84 ff.
Schwarzbuch Jugendamt 152

Gericht sehr negativ quittiert, da Sie den Gutachter des Gerichtes offensichtlich nicht
als Kompetenz anerkennen und damit die Entscheidung des Gerichtes in Frage stel-
len.
Ihre Motive sind dabei vollkommen unerheblich.
Das Gericht versucht alles, um Sie zu einer Teilnahme an dem Gutachten zu bewe-
gen. Auch daran können Sie erkennen, dass das Ergebnis des Gutachtens schon
vorher feststeht und Ihre Teilnahme vollkommen überflüssig ist.
Wie überflüssig sie tatsächlich ist, sehen Sie allerdings, wenn das Gutachten schließ-
lich vorliegt. Vom Verhalten des Kindes gegenüber dem Gutachter wurden dann
Rückschlüsse auf die Erziehung im Elternhaus gezogen und mit einigen Aussagen
aus Ihren Briefen an das Gericht ergänzt.
Eine Gutachterin erklärte im Mai 2009 sogar vor Gericht, dass die Teilnahme der
Mutter völlig unerheblich sei und bezog sich gänzlich auf Äußerungen des Kindes. In
der Befragung musste die Gutachterin dann aber zugeben, dass das Kind sich ihr
gegenüber gar nicht zu seiner familiären Situation geäußert hatte. Das Gutachten
wurde von ihr trotzdem erstellt (Ferngutachten) und vom Gericht akzeptiert.465

Derartige Auswüchse sind bei Familiengerichten leider an der Tagesordnung, weil


sehr junge Richter dort ihre erste Richterstelle antreten und sich vollständig auf Ju-
gendämter und Gutachter verlassen. Eltern schneiden bei familienpsychologischen
Gutachten immer schlecht ab. Es gibt nichts, was Eltern jemals richtig gemacht ha-
ben, die Verhältnisse im Elternhaus waren für das Kind grundsätzlich schädlich und
die Eltern sind niemals geeignet, eine Erziehung des Kindes durchzuführen.466

Das haben gerichtlich bestellte Gutachter auch schon Eltern bestätigt, die Erzieher,
Lehrer oder Professoren für Psychologie waren. Die Konsequenzen für diesen Per-
sonenkreis sind besonders schlimm, da Ihnen mit der Bescheinigung ihrer Erzie-
hungsunfähigkeit gleichzeitig ein Berufsverbot verhängt wird. 467
Es ist diesen Eltern somit keinesfalls zu empfehlen, an einem familienpsychologi-
schen Gutachten teilzunehmen, da Sie dann nicht nur ihr Kind, sondern auch ihre
Arbeit verlieren.

465
Situation und Fall können beim Autor erfragt werden.
466
Novellierung des § 1666 BGB im März 2008, Jugendamt kann Kinder ohne Nachweis des elterlichen
Versagens in Obhut nehmen. Beweislastumkehr: Eltern müssen nachweisen, dass sie nicht gegen Kindeswohl
verstoßen.
467
www.landkreis-osnabrueck.de. Kriterien zur Erziehungsfähigkeit.
Schwarzbuch Jugendamt 153

Internet-Seite der Stadt Osnabrück:


(www.landkreis-osnabrueck.de/pics/medien/1_1139918736/_ippErziehung.pdf)

Erziehungsfähigkeit
Beurteilungskriterien
1. krankheitsspezifische Symptomatik
- psychotischer Realitätsverlust (Wahn, Halluzinationen)
- persönlichkeitskorrelierende Verzerrung der Realitätswahrnehmung
- affektive Verstimmung (Depressionen, Manie, Reizbarkeit)
- Antriebssituation (Innitiativlosigkeit, Apathie, Desinteresse, Anhedonie)
- Verhaltensteuerung (selbst- und fremdagressive Tendenzen)
- Dissoziation (Amnesien mit Bewusstseinsstörungen, Dämmerzustände, Konversion-
symptomie)
2. Krankheitseinsicht: Therapiemotivation und -kontinuität, Kooperationsbereitschaft mit unter-
stützenden und therapierenden Institutionen
3. Verlässlichkeit, Beständigkeit, Absprachefähigkeit
4. Frustrations- und Stresstoleranz (Belastbarkeit, Durchhaltevermögen)
5. Konfliktlösungskompetenz: Kompromissfähigkeit, Rigidität, Sterotypisierung, Flucht-
Ausweichtendenzen, egozentrisch-gewaltsame Selbstdurchsetzung
6. Empathie (Deutung kindlicher Signale in Abgrenzung von eigenen Bedürfnissen)
7. Introspektionsfähigkeit (Selbstkritik)
8. Verantwortungsübernahme für das eigene Handeln (Vermeiden der Opferrolle)
9. Verhaltenssteuerung: Impulskontrolle, Selbstregulierung
10. Bevorzugung nicht-kindbezogener Bedürfnisse bei egozentrischen Wahrnehmungs- und
Handlungsmustern
11. positives inneres Modell ehelicher Fürsorge
12. Eigenständigkeit: Ressourcen und Kompetenzen bei der Alltagsbewältigung, Planungs-
kompetenz
13. Hilfestrukturen auf Familiensystemebene (Präsenz einer gesunden Betreuungsperson)
14. Bindungstoleranz: Fähigkeit und Bereitschaft, den Kontakt zum anderen Elternteil aktiv zu
fördern und zu unterstützen (Umgangsunterbindung als grundsätzliche Beeinträchtigung
des Kindeswohls)
Schwarzbuch Jugendamt 154

Weiterhin stellt sich die Frage, wie „normale Eltern“, die keine Ausbildung in Erzie-
hungswissenschaften haben und nicht zur Universität gegangen sind, ihre Erzie-
hungsfähigkeit nachweisen sollen. Auch diese Eltern ziehen ihre Kinder mit Liebe
und Verantwortung groß und erscheinen daher grundsätzlich für eine Kindererzie-
hung geeignet.

Die familienpsychologischen Gutachten sagen jedoch etwas anderes aus. Ihnen zu-
folge haben Eltern keine Chance, als erziehungsfähig eingestuft zu werden.
Entweder sie fördern ihre Kinder zu wenig oder sie überfördern die Kinder. Entweder
die Kinder sind vernachlässigt oder verwöhnt. Entweder die Kinder werden körperlich
misshandelt oder seelisch. Entweder die Eltern geben ihrem Kind zu wenig Liebe
oder sie erdrücken es mit ihrer Liebe und Fürsorge. Aber auf jeden Fall machen die
Eltern etwas falsch.468

Erklärung aus dem Kinderschutzbogen des Bundeslandes Niedersachsen:


www.kinderschutz-niedersachsen.de
/doc/doc_download_cfm?uuid=1F8484C4C2975CC8A9BDADBC127B0D18&&IRAC
ER_AuTOLINK&&

„Am heutigen Tag, …………, wurde folgende obige Vereinbarung getroffen:


Wir/ich habe/n als Eltern/Mutter/Vater dafür Sorge zu tragen, dass die Män-
gel/Auffälligkeiten ab sofort behoben/abgestellt werden. Die Einhaltung des Vertra-
ges wird durch die Fachkraft in folgenden Zeitabständen …. In Form von … über-
prüft. Bei Vertragsbruch bzw. Nichteinhaltung der Lösungsstrategien bin ich darüber
informiert, dass weitere Maßnahmen des Jugendamtes, der Polizei bzw. des Ge-
richts folgen können.

Unterschrift der/des Personensorgeberechtigten


Unterschrift der Fachkraft

468
www.kinderschutz-niedersachsen.de. Kinderschutzbogen vom 13.08.2008. Dort werden die Eltern nach be-
stimmten Kriterien befragt und müssen eine Erklärung unterschreiben, damit sie ihr Kind behalten können.
Schwarzbuch Jugendamt 155

„Normale Eltern“ machen nicht alles richtig, aber nach den Vorschriften der Jugend-
ämter dürfen sie auch nichts falsch machen, denn sobald bekannt wird, dass die El-
tern ein Problem nicht sofort abstellen können, erhalten Sie keine zweite Chance
mehr. Die Kinder werden ihnen dann prinzipiell entzogen. Dabei geht es nicht
zwangsläufig um Misshandlung oder Vernachlässigung. Auch eine angebliche „Über-
förderung“ der Kinder durch Lernen am Computer, Musikunterricht, Sportverein, o.ä.
kann von den Jugendämtern schon als Fehler der Eltern ausgelegt werden.469

Wie sollen Eltern heutzutage nachweisen, dass ein Kind beim Spielen von der
Schaukel gefallen ist und sie es nicht geprügelt haben? Wie sollen sie beweisen,
dass sie ihrem Kind den heißen Kakao nicht absichtlich über den Arm gegossen ha-
ben?

Unsere Gesetzgebung spielt verrückt, wenn es um Kinder geht, und bestraft die El-
tern eigentlich schon dafür, dass sie überhaupt Kinder in die Welt gesetzt haben.

Das Jugendamt verkommt immer mehr zur Inquisition. Es behauptet, Kinder werden
von ihren Eltern vergewaltigt, geprügelt, vernachlässigt und getötet – und die Eltern
müssen dann das Gegenteil beweisen.
Wir müssen anfangen, den Eltern wieder mehr Rechte an ihren Kindern zu geben,
denn sonst werden sich immer weniger Eltern dafür entscheiden, Kinder zu bekom-
men. Heutzutage steht man mit einem Kind schon mit einem Bein im Gefängnis,
denn zunächst wird vom Gesetzgeber immer angenommen, dass die Eltern ihren
Kindern Böses angetan haben.470

Keine andere Nation ist in diesem Denken so weit fortgeschritten, wie Deutschland.
Keine andere Nation geht von vornherein von einer Schuld der Eltern aus. Dieses
Verhalten ging kürzlich sogar so weit, dass Politiker den Eltern unterstellten, sie wür-
den bei einer Erhöhung des Kindergeldes dieses zusätzliche Geld „versaufen“ und
es käme kein Cent bei den Kindern an.471

469
Berliner Morgenpost vom 08.08.2009 (Samstagsausgabe): Vernachlässigung und körperliche Misshandlung
von Kindern rückläufig. Dagegen wird angeblich mehr „psychische Gewalt“ angewendet. Lt. Definition von
Spiegel-Wissen (Ausgabe 06.03.2007) ist psychische Gewalt: Drohung, Einschüchterung und Liebesentzug.
470
Der Westen, Bericht vom 02.02.2009, Corinna Weiß, Contra Meldepflicht, Eltern nicht unter Generalverdacht
stellen.
471
Äußerung des CSU-Bundestagsabgeordneten, Wolfgang Zöller vom Frühling 2007: „Natürlich darf ich El-
tern, die drastisch ausgedrückt, schon das Kindergeld versaufen, nicht noch 150 Euro zusätzlich geben“. Die
bayrische Familienministerin Christa Stewens erklärte dagegen der Münchner Abendzeitung: „Wir dürfen die
Eltern in diesem Land nicht unter den Gerneralverdacht der Asozialität stellen.“.
Schwarzbuch Jugendamt 156

Solche Unterstellungen und Verallgemeinerungen darf es nicht geben. Wir entwi-


ckeln uns immer mehr weg von der toleranten Gesellschaft, als die Deutschland nach
dem zweiten Weltkrieg konzipiert wurde, hin zu einer bösartigen Hass- und Neidge-
sellschaft.
Die Opfer dieser Entwicklung sind unsere Kinder. Die Jugendämter nehmen sie als
Geiseln, um die Eltern zu einem bestimmten Tun oder Unterlassen zu zwingen.

Diese Vorgehensweise ist bekannt aus dem alten Rom, als man noch die Kinder
hochrangiger Fürsten nach Rom verschleppte und dort aufzog, um die Eltern zum
Stillhalten zu bewegen. Schon damals ging diese Rechnung nicht auf, da sich die
besiegten Völker trotzdem sehr stark gegen diese Unterdrückung wehrten.472

Auch heute ist es bereits so, dass wohlhabende Familien und Akademiker mit Kin-
dern vermehrt aus Deutschland abwandern und sich in anderen europäischen Staa-
ten niederlassen. Die Politiker konstatierten mit Entsetzen ein sog. „Brain-drain“, d.h.
einen vermehrten Wegzug von Facharbeitern und Akademikern.473
Diese Bevölkerungsschicht repräsentiert das Bildungsbürgertum und ist immer ein
guter Indikator für die Meinung in einem Land. Wenn diese Schicht ein Land verlässt,
sind die Lebensbedingungen in diesem Land zunehmend feindlich.
Für Deutschland bedeutet das eine sehr bedenkliche Entwicklung für die Zukunft.

472
Im alten Rom gab es sog. „Kindergeiseln“, die zur Friedenssicherung benutzt wurden. terra-x-
zdf.de/zdfde/inhalt/20/0,1872,7536980,00.html?dr=1.
473
www.sueddeutsche.de/jobkarriere/375/469927/text/. Bericht vom 27.05.2009, R. Preuß, Abwanderung von
Fachkräften, Ein Arzt im Wert von einer Million Euro.
Schwarzbuch Jugendamt 157

6.3. Kooperation zwecklos: Wenn das Jugendamt auf Briefe nicht


reagiert

Leider benutzen die Mitarbeiter der Jugendämter die Besuchsregelungen in Obhut


genommener Kinder immer wieder, um die Eltern unter Druck zu setzen.474

Diese Mitarbeiter verhindern so oft sie können, dass die Eltern ihre Kinder sehen dür-
fen. Sie untersagen nicht nur die normalen Besuche, sondern auch die Besuche zu
den Feiertagen, wie Weihnachten, Ostern oder zum Geburtstag des Kindes. Das ist
leider traurige Realität in Deutschland und hat mit Kinderschutz nichts zutun.

So werden Besuche in der Einrichtung beispielsweise nicht genehmigt, um die Eltern


gefügig zu machen, damit sie allen Anweisungen der Jugendämter Folge leisten. Die
Eltern begeben sich zwar zur Einrichtung, aber sie werden nicht zu den Kindern vor-
gelassen. Sie werden weggeschickt, ohne etwas über die Kinder in Erfahrung ge-
bracht zu haben. Diese Besuche sehen die Eltern als sehr frustrierend und erniedri-
gend an.475

Was aber, wenn die Inobhutnahme „rein vorsorglich“ vorgenommen wurde?


Auch in diesen Fällen werden die Eltern behandelt, wie Schwerverbrecher, wie Kid-
napper oder Kindesmörder, und sie haben bei den Jugendämtern die größten
Schwierigkeiten, ihr Kinder zu besuchen oder zu sehen.476

Seit 2008 braucht das Jugendamt keinen konkreten Grund mehr, sondern kann die
Inobhutnahmen auch rein auf Verdacht vornehmen.477 Es werden also zunehmend
Kinder aus ganz normalen, gesunden Verhältnissen herausgenommen. Experten
sprechen in diesem Zusammenhang von einem „Kollateralschaden“ in Höhe von bis
zu 97 %. Das bedeutet, auf drei tatsächlich gefährdete Kinder, die auch nach der al-
ten Regelung aus ihren Familien herausgenommen worden wären, kommen 97 Kin-

474
Jugendamtskritik.de/kritik/krititk/Wiesner.html. Es wird immer von unkooperativen Eltern gesprochen, aber
wenn das Jugendamt unkooperativ ist, kann es von keinem Gericht gezwungen werden, mit den Eltern koopera-
tiv zu sein.
475
www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=2270053. Bericht vom 24.09.2009, Th. Mielke. Sorgerechts-
streit, Mutter erringt Teilerfolg vor Familiengericht.
476
www.zeit-online.de, Bericht vom 26.06.2009, Jugendamt, Was läuft falsch beim Kinderschutz?, Die Zahl der
Kinder, die ihren Familien weggenommen werden, steigt. Steht das für besseren Kinderschutz? Ein Praktiker
sagt: Nein. Es steht für staatlich tolerierte Vernachlässigung der Jugendhilfe.
477
Novellierung des § 1666 BGB am 24.04.2008. Die Novellierung ist Grundlage für einen „umfassenden Erzie-
hungsauftrag des Staates“.
Schwarzbuch Jugendamt 158

der, die aus einer intakten Familie stammen und gar nicht weggenommen werden
müssten.478

Das ist ein „Kollateralschaden“ in der Größenordnung der Atombombe von Hiroschi-
ma. Die Kinder, die fälschlicherweise aus den Familien gerissen werden, erleiden
schlimmste Schäden. Diese riesige Menge der Inobhutnahmen ist also nicht zu recht-
fertigen.

Die Systematik und das Zusammenspiel von Jugendamt, Gericht und psychologi-
schem Gutachter hat sich an die neuen Verhältnisse noch nicht angepasst, Es ist in
diesem System gar nicht vorgesehen, dass Kinder „vorläufig“ untergebracht werden
und später zu ihren Eltern wieder zurückkommen sollen. Die Psychologen sind dar-
auf geeicht, die Eltern per se für erziehungsunfähig zu erklären und nur die negativen
Aspekte der Erziehung hervorzuheben.
Immer öfter kommen auf diese Weise auch Kinder von Pädagogen oder anderen Er-
ziehungswissenschaftlern in die Kinderheime.
Die eigenen Kollegen sperren ihnen somit die Kinder weg.

Plötzlich erklärt der psychologische Gutachter im Gerichtssaal, er habe gar nicht ge-
wusst, dass die Eltern Akademiker oder Erziehungswissenschaftler waren. Er sei
davon ausgegangen, die Eltern seien Hartz-IV-Empfänger und Leute der „Unter-
schicht“, was auch immer ein psychologischer Gutachter unter einer „Unterschicht“ in
Deutschland versteht. Schon diese Wortwahl durch einen Gutachter ist diskriminie-
rend und sollte das Gericht stark ins Grübeln bringen.479

Aber seit auch der Bezirksbürgermeister des Berliner Bezirks Neuköln 2009 bei öf-
fentlichen Fernsehauftritten eine ähnliche Wortwahl verwendet, dürfte jedem bekannt
sein, was mit diesem Wort gemeint ist.480

Was ist dieser Wortwahl zu entnehmen? Sind „Unterschicht“-Eltern schlechtere El-


tern als Mittelstands-Eltern oder Akademiker-Eltern? Werden deswegen so viele Kin-

478
Das statistische Bundesamt stellte für 2008 fest, dass nur ca. 23% der Kinder aus den sog. „klassischen Fäl-
len“, wie Verdacht auf Misshandlung oder Vernachlässigung in Obhut genommen werden. Von diesen Verdach-
ten bewahrheiten sich lt. Jugendamt Essen im Durchschnitt ca. 10%. Das wären somit ca. 2,3% der Fälle. Die
anderen Inobhutnahmen (ca. 97%) sind somit unnötig.
479
Der Autor war selbst Zeuge dieses Vorfalles beim Familiengericht Essen. Das Aktenzeichen kann ggf. beim
Autor erfragt werden.
480
Der Westen, Bericht vom 28.10.2009, Kritik, Die Unterschicht versäuft das Betreuungsgeld. Bezirksbürger-
meister Buschkowsky aus Berlin-Neuköln zum Vorschlag des Betreuungsgeldes für Eltern.
Schwarzbuch Jugendamt 159

der aus diesen Familien herausgenommen, um sie von ihren schrecklichen „Unter-
schicht“-Eltern zu erlösen?

Wie viele dieser Eltern gab es nach dem Krieg? Wie viele Kinder der Nachkriegsge-
neration sind bei solchen Eltern aufgewachsen?

Ein Professor erzählte vor einigen Jahren stolz, dass er aus einer solchen Familie
kam. Sein Vater war im Krieg geblieben und die Mutter hatte in einer Zelt-Fabrik ge-
arbeitet und bis in die Nacht genäht, um dem Kind eine gute Schulausbildung zu er-
möglichen. Er hatte es schließlich bis zum Professor für Finanzwirtschaft geschafft.
Sind diese Eltern gemeint? Hätte dieser Junge es auch zum Professor geschafft,
wenn er seiner Mutter weggenommen und in ein Kinderheim gesteckt worden wäre?
Wohl nicht! Die meisten Heimkinder machen nicht einmal einen Schulabschluss.

Diese Eltern, wie die Mutter des Professors, sind mitnichten die Ausnahme. Die
meisten Eltern, wünschen sich für ihre Kinder eine gute Erziehung und eine gute Zu-
kunft. Selbst Experten für Kindererziehung streiten darüber, auf welchem Weg die
Eltern die Kinder richtig erziehen.

Wenn sich nicht einmal die Experten einig sind, wie können Mitarbeiter des Jugend-
amtes dann entscheiden, ob Eltern Erziehungsfehler machen? Woran wird gemes-
sen, ob die Eltern zuviel oder zuwenig für ihre Kinder tun? 481

Für Eltern, die aufgrund von Schicksalsschlägen, wie z.B. Krankheit oder Scheidung,
unverschuldet in die Armut abrutschen, ist eine Abqualifizierung und Diskriminierung
als „Unterschicht“ eine schwere Beleidigung.
In Folge der weltweiten Rezession werden diese Eltern zunehmen, denn unser ge-
samtes Gesellschaftssystem steht derzeit vor einem großen Umbruch. Einem Um-
bruch, der mehr verändern wird als nur die Preise für Grundnahrungsmittel. Diese
Rezession wird mit einem immensen Verlust an Lebensqualität in den Industriestaa-
ten einhergehen.482 Ist es dann richtig, dass man Eltern aus der sog. „Unterschicht“
ihre Kinder „vorsorglich“ wegnimmt, um sie ins Heim zu stecken?

481
www.spielgel.de/kultu/gesellschaft/0,1518,631101,00.html. Bericht vom 18.06.2009, Erziehungsdebatte bei
„Hart aber fair“. Chr. Buß, Sollen Kinder in der Kita dösen, balgen – oder sich auf die Karriere vorbereiten?
482
www.n24.de/news/newsitem_5707293.html. Bericht vom 31.12.2009, B. Caspary, APD, N24, Wirtschaftskri-
se, Arbeitsmarkt erlebt Strukturwandel.
Schwarzbuch Jugendamt 160

Die vorhandenen Heimen reichen schon jetzt nicht mehr aus, um diese ganzen vor-
sorglich weggenommenen Kinder unterzubringen. Wie viele Heime sollen für diese
Kinder gebaut werden? Wer bezahlt das alles?483

Derzeit gibt der Steuerzahler bis zu siebentausend Euro für einen Heimplatz aus.
Aber wenn die Zahl der Heimkinder unkontrolliert steigt, so wie es momentan bei ei-
ner Steigerung von über 14,4 % pro Jahr den Anschein hat, dann wird Deutschland
bald nicht mehr in der Lage sein, diese Heimplätze zu finanzieren.484

Was werden sich die Politiker dann einfallen lassen? Und die wichtigste Frage lautet:
Werden die weggenommenen Kinder dann wieder an ihre Eltern zurückgegeben?

Experten sagen, dass Heimkinder sich nie richtig in die Gesellschaft eingliedern und
viele von ihnen ihr Leben lang eine Betreuung durch das Gesundheitssystem benöti-
gen. Also wieder zusätzliche Kosten, welche die Gesellschaft übernehmen soll, ab-
gesehen von den Heimkindern, die drogenabhängig oder kriminell werden, weil die
Erziehung in der Familie ihnen fehlte.485

Wer von den Politikern denkt an die Folgekosten der Heimunterbringung? Die meis-
ten von ihnen sehen nur das Bild eines misshandelten Kindes vor sich und unter-
schreiben blind, was die Jugendämter beantragen. Sie verlangen mehr Befugnisse
und mehr Möglichkeiten, die Eltern zu kontrollieren und einzuschränken. Bei jedem
Neugeborenen möchten sie die Familien besuchen und „begleiten“. Möglichst so
lange, bis das Kind volljährig geworden ist.
Angeblich gibt nur diese Methode die Sicherheit, dass kein Kinder mehr misshandelt
oder vernachlässigt wird. Beim kleinsten Anzeichen schlagen die Jugendämter dann
zu und bringen das Kind in ein Kinderheim – zu seinem Schutz natürlich.

Wenn man aber nun weiß, dass die tatsächlich misshandelten Kinder nur 3 % der
Inobhutnahmen ausmachen, dann kommt man doch sehr ins Grübeln, ob es richtig
ist, den Jugendämtern einen Platz im heimischen Wohnzimmer einzuräumen.486

483
Wegen überfüllten Heimen wurden neue Heime gebaut. 2008 und 2009 waren lt. Angaben der Bundesregie-
rung ca. 80% der Neubauten in Deutschland Heime.
484
Jugendhilfeausschuß steht vor heillosem Finanzchaos, Pressemitteilung 11.01.2010, Jugendkulturbox, Netz-
werk für Kultur- und Jugendarbeit, Chemnitz., ähnliche Artikel in 2009 für Dortmund, Köln, München in FAZ.
485
www.exheim.de/ eingesehen am 13.02.2010. Jedes 5. Heimkind stirbt vor dem 40. Lebensjahr an Drogen,
Selbstmord, sozialer Retardierung, etc. Aufruf ehemaliger Heimkinder, die Heime abzuschaffen.
486
Das statistische Bundesamt stellte für 2008 fest, dass nur ca. 23% der Kinder aus den sog. „klassischen Fäl-
len“, wie Verdacht auf Misshandlung oder Vernachlässigung in Obhut genommen werden. Von diesen Verdach-
Schwarzbuch Jugendamt 161

Eltern machen Fehler. Das gehört zum Eltern sein dazu. Erziehung ist ein langwieri-
ger Prozess und die „geborenen“ Eltern gibt es nicht. Jeder Elternteil muss erst ler-
nen, wie er mit dem Kind umzugehen hat.
Das kann er keinesfalls, wenn ihm das Kind sofort weggenommen wird. Die Lernpro-
zesse werden unterbrochen.487

Wäre es nicht besser, unter dieser Voraussetzung auf die Inobhutnahmen völlig zu
verzichten und sich grundsätzlich das Ziel zu setzen, dass alle Kinder in ihrer Familie
bleiben können?

Selbst wenn Kinder von sich aus die Hilfe eines Kinderheimes in Anspruch nehmen,
um einem „schlimmen Elternhaus“ zu entkommen, stellen die meisten nach wenigen
Tagen fest, dass das Elternhaus i.d.R. wesentlich weniger schlimm war als die
Heimerziehung. Sie möchten wieder zurück nach Hause, aber dann ist es zu spät.
Dann geht es nicht mehr. Dann müssen sie im Heim bleiben.

Ein großer Teil der Heimkinder ist ca. 15 Jahre alt. Diese Kinder möchten sich in der
normalen Rebellionsphase gegenüber den Eltern von den Zwängen der Erziehung
befreien und zu Hause ausbrechen. Der Staat hilft ihnen dabei, indem er ihnen die
Möglichkeit gibt, die Erziehungshilfen in Anspruch zu nehmen und vielleicht sogar
von Zuhause auszuziehen.

Aber ist das richtig? Wie viele dieser Kinder bereuen nachträglich ihre Entscheidung
und möchten zurück zu ihren Eltern, die sie eigentlich über alles lieben.488
Das Jugendamt stellt ihnen dann erhebliche Steine in den Weg und verhindert so
lange wie möglich, dass sie zurück nach Hause kommen.489

Dazu wurden die Inobhutnahmen nicht geschaffen, aber dazu werden sie benutzt.

ten bewahrheiten sich lt. Jugendamt Essen im Durchschnitt ca. 10%. Das wären somit ca. 2,3% der Fälle. Die
anderen Inobhutnahmen (ca. 97%) sind somit unnötig..
487
Prekop, J. (2009): Eltern dürfen Fehler machen, Wie Familien an Schwierigkeiten wachsen. Kösel-Verlag.
488
Dobrik, B. (2000): Immer Probleme mit den Eltern,. Erwachsene Kinder zwischen Anpassung und Rebellion,
Kreuz Verlag, Stuttgart.
489
Nicht umsonst wird immer wieder vom „Wächteramt“ des Jugendamtes gesprochen. Siehe: www.agsp.de,
Arbeitsgemeinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie. Bericht vom Mai 2001, Ines Kurek-Bender, Kin-
deswohl, staatliches Wächteramt und Garantenpflicht des Jugendamts.
Schwarzbuch Jugendamt 162

Vielleicht sollten die Politiker sich auch einmal diese Kinder vorstellen, wenn sie von
den Jugendämtern wieder um eine Ausweitung der Zugriffsrechte im Namen des
Kinderschutzes gebeten werden. Mit Kinderschutz hat das nichts zutun.

Aber was ist mit den Kleinsten? Kinder, die ihren Eltern schon im Krankenhaus von
der Brust gerissen und in eine Pflegefamilie gesteckt werden?490
Ist das richtig? Selbst wenn die Mutter drogenabhängig ist, ist es ihr Kind. Auch wenn
sie schlimme Depressionen oder einen Selbstmordversuch hinter sich hat, weil sie
z.B. von ihrem Mann verlassen wurde, ist es noch immer ihr Kind.
Wäre es dann nicht sinnvoller, bei den Eltern anzusetzen? Ihnen bewusst zu ma-
chen, dass sie eine Verantwortung für ihr Kind tragen? Anstatt ihnen das Kind weg-
zunehmen und sie damit noch tiefer in die Depressionen zu treiben?

Ein schönes Beispiel hierfür ist der Fall des Fußballspielers Robert Enke.491
Dieser Mann hatte ein Kind durch einen tragischen Herztod verloren und litt nach
diesem Verlust angeblich auch unter Depressionen. Diese Depressionen bekam er
aber lt. Auskunft seiner Ärzte in den Griff.
Die Familie adoptierte ein Baby. Ein halbes Jahr lang hatte sie es in Adoptionspflege.
Dann wurde Robert Enke plötzlich mitgeteilt, er müsse das Kind wieder abgeben. Für
diesen Mann brach eine Welt zusammen. Zunächst kämpften er und seine Frau noch
um das Kind. Dann stellte das Jugendamt mehr und mehr Bedingungen für die Adop-
tion und schließlich gab Robert Enke auf und brachte sich um. Er hinterließ einen
Abschiedsbrief, in dem er seine Verzweiflung erklärte.
Das Jugendamt schwenkte nach seinem Tod plötzlich um und behauptete, es sei
noch gar nicht entschieden gewesen, ihm das Kind wegzunehmen. Er hätte das Kind
„sicherlich“ behalten können.

Die Erfahrungen anderer Eltern mit dem Jugendamt sind ähnlich.


Es wird von Jugendamtsmitarbeiter um die Kinder gefeilscht, wie um ein Stück Vieh.
Die Eltern werden dargestellt als hätten sie von ihren eigenen Kindern keine Ahnung,

490
www.morgenpost.de/printarchiv/berlin/article459567/Polizei_befreit_Baby_aus_Jugendamt-html. Artikel der
Berliner Morgenpost vom 01.06.2008. Baby wurde nach der Geburt in Obhut genommen. Gericht sah keinen
Grund, das Kind in Obhut zu nehmen.
491
www.derspiegel.de. Bericht vom 16.11.2009. Er hielt sich nicht mehr aus. Nationaltorwart Robert Enke be-
ging Selbstmord, weil er Angst hatte, das Jugendamt würde ihm seine Adoptiv-Tochter wegnehmen.
Schwarzbuch Jugendamt 163

wären unfähig, überhaupt ein Kind zu erziehen. Sie werden niedergemacht und nie-
dergeschrieen. Alles im Namen des Kindeswohls.492
Wenn die Eltern dann trotz der Wegnahme des Kindes und trotz der schlimmen Be-
handlung durch das Jugendamt noch immer den Mut haben, sich zu wehren, geht
die Tortur für sie erst richtig los. Sie weigern sich die „gut gemeinte Hilfe“ des Ju-
gendamtes anzunehmen. Dann sind sie uneinsichtig und unkooperativ.493

Wahrscheinlich hat Familie Enke ähnliche Erfahrungen gemacht.


Sicherlich ist es für die Jugendamtsmitarbeiter nicht einfach, mit dieser geballten Wut
der Eltern fertig zu werden. Sie machen nur „ihren Job“. Aber stimmt das wirklich?
Obwohl die Jugendämter hartnäckig dementieren, erfährt man auf jedem Spielplatz
von Familien, denen die Kinder weggenommen wurden, die sich gewehrt haben und
die dann vom Jugendamt nach Strich und Faden fertig gemacht wurden.

Immer mehr Leute kennen Familien, die mit dem Jugendamt schlechte Erfahrungen
gemacht haben, persönlich. Das Vertrauen in die Behörde „Jugendamt“ geht Schritt
für Schritt verloren.494

Aber wenn das Vertrauen vollständig aufgehoben sein wird, können die Jugendämter
ihre Funktion nicht mehr durchführen. Sie können es schon heute in einigen Stadtbe-
zirken nicht mehr, weil sie damit rechnen müssen, dass die Bevölkerung sich mit
Gewalt wehrt. In diesen Vierteln werden die Kinder im Notfall an den Schulen abge-
holt, um den wütenden Eltern aus dem Weg zu gehen.495 Langfristig ist das keine
Lösung. Besser wäre es, wenn durch wirkliche Hilfen für die Familien die Akzeptanz
der Jugendämter wieder gesteigert werden könnte.
Das müssten die Verantwortlichen aber zunächst selbst einsehen.
Solange der Steuerzahler mit einem Kopfgeld von bis zu siebentausend Euro pro
Monat über einen Zeitraum von durchschnittlich sieben Jahren an jeder Inobhutnah-
me und jeder Heimunterbringung eines Kindes beteiligt ist, wird die Zahl der Inobhut-

492
RP-online.de, Artikel vom 29.11.2007, Angst vor dem Jugendamt.
493
KSK Fachtagung, 07.11.2007, Workshop 13: Erfahrung aus der Arbeit mit unkooperativen Eltern, Dipl.-
Psych. M. Biene, Leiter SIT. Schweiz. Die Probleme der Jugendämter sind dort gut zusammengefasst. Grund-
sätzlich hat Deutschland die gleichen Probleme. Sie werden aber nicht thematisiert.
494
RP-online.de, Artikel vom 29.11.2007, Angst vor dem Jugendamt.
495
www.rp-online.de , Bericht vom 27.07.2009. Gabi Peters. Mönchengladbach: Alarmknopf für Jugendamt.
Mitarbeiter vom Jugendamt haben immer häufiger mit aggressiven Kunden zutun. Gewalttätige Übergriffe sind
keine Ausnahmen. Ein Alarmsystem soll die Verwaltungsmitarbeiter schützen.
Schwarzbuch Jugendamt 164

nahmen weiter ansteigen und Eltern, wie Robert Enke, werden verzweifeln, und sich
ggf. vor einen Zug stürzen.496

Robert Enke war leider kein Einzelfall. Etwa ein halbes Jahr zuvor erschien in der
Bild-Zeitung ein Artikel über eine Mutter, die sich und ihre drei Kinder im Auto
verbrand hatte, weil das Jugendamt ihr die Kinder wegnehmen wollte. Aus anderen
Teilen Deutschlands gibt es ähnliche Meldungen.497

Was ist los in Deutschland? Wann wird dieser Wahnsinn endlich gestoppt?
Kann man ihn überhaupt noch stoppen?
Es sei daran erinnert, dass die Jugendämter in Deutschland selbstverwaltet und kei-
ner höheren Behörde unterstellt sind. Weder die Ministerien noch die Gerichte haben
eine Handlungsmöglichkeit, wenn das Jugendamt einen fachlichen Fehler macht.498
Lediglich Verwaltungsfehler könnten theoretisch geahndet werden. Aber auch diese
Verfahren werden in den meisten Fällen eingestellt.

Die Möglichkeiten, gegen einen fachlichen Fehler eines Jugendamtsmitarbeiters vor-


zugehen, sind faktisch nicht vorhanden.

Manchmal erscheint es einem fast rührend, dass es unter diesen Bedingungen noch
immer Mitarbeiter bei Jugendämtern gibt, die glauben, sie würden einen sozialen Bei-
trag im Dienste der Menschheit leisten. Sie gehen tatsächlich davon aus, sie könnten
den Kindern und den Eltern „helfen“. Wenn sie dann die entsprechenden Dienstvor-
schriften ihres Vorgesetzten erhalten, wie sie in den entsprechenden Situationen mit
den Eltern umzugehen haben, die sich dagegen wehren, vom Jugendamt die „gut
gemeinte Hilfe“ anzunehmen und stattdessen ihre Kinder in ihrem eigenen Sinn und
nach ihren eigenen Idealen erziehen wollen, ist die Illusion vom Jugendamt als
Freund und Helfer bald Geschichte.499

496
www.jugendamtskritik.de/kritik/kritik/Elternarbeit.html. Der Autor hat sich außerdem beim Jugendamt Essen
erkundigt. Ein Heimplatz kostete dort 2008 ca. 5.000,00 EUR/Monat.
497
Bericht der Zeitung „Die Welt“ vom 24.09.2009, Familientragödie: 4 Leichen im Auto, Selbstmord wahr-
scheinlich. Anderer Fall: Meldung des „Focus“ vom 26.02.2010: Sinsheim, Familiendrama mit drei Toten. Vater
tötet seine Frau, Kind und sich selbst. Anderer Fall: Bildzeitung vom 22.02.2010: Vater erschlägt Söhne (3 und
5) mit Eisenstange. Er selbst warf sich danach vor einen Zug. Vorfall ereignete sich in Kassel. Mutter hatte
Scheidung verlangt. Anderer Fall: Zeitung „Die Welt“ berichtet am 02.01.2010 von Familiendrama: Drei tote
Kinder in Haus in Straßburg gefunden. Eltern leben in Scheidung, Täter wahrscheinlich der Vater.
498
§ 79 SGB VIII lehnt die Weisungsbefugnis der Gerichte gegenüber den Jugendämtern ab.
499
Kultur-Blog für Bamberg, www.bam-info.de/2010/02/07/ausgebrannt-jugendamt-7962006/. Überforderung,
Schuldgefühle, Ängste der Mitarbeiter. Burn-Out-Syndrom bei Jugendamtsmitarbeitern, Thematisiert in einem
Theaterstück.
Schwarzbuch Jugendamt 165

Es geht letztendlich nur noch darum, die Eltern zu einer Mitarbeit zu zwingen. Diese
Mitarbeit besteht darin, dass sie teure Kurse beim Jugendamt buchen, regelmäßig zu
den Sitzungen gehen, alles machen, was die Mitarbeiter des Jugendsamtes ihnen
sagen, alles unterschreiben, was ihnen vorgelegt wird, und sich – kurz gesagt – wie
unmündige Kinder benehmen, die sich in einer kompletten Abhängigkeit vom Ju-
gendamt befinden.

Nun lassen sich erwachsene Menschen das nicht unbedingt gerne gefallen. Vor al-
lem dann nicht, wenn sie schon selbst jahrelang Eltern wohlerzogener Kinder waren,
ihren Haushalt ordentlich organisiert und in Schuss hatten, täglich einer geregelten
Arbeit nachgegangen sind und daneben noch die kranke Großmutter gepflegt haben.
Solchen Menschen derartige Vorschriften zu machen, empfinden diese zu Recht als
Zumutung.500

Aber danach geht es nicht. Das Jugendamt macht keine Fehler und wer einmal in
diese Maschinerie geraten ist, der kommt dort nie mehr heraus.

Wenn das Jugendamt festgestellt hat, dass Sie erziehungsunfähig sind, dann haben
Sie das gefälligst auch zu sein. Ansonsten würden Sie das ganze System durchein-
ander bringen. Sie haben sich angepasst zu verhalten und auf alles zu hören, was
Ihnen das Jugendamt vorschreibt. Das bedeutet nicht, dass Sie deswegen Ihr Kind
zurückbekommen. Das bedeutet nur, dass das Jugendamt mit Ihnen keine Schwie-
rigkeiten hat und daraufhin auch keine zusätzlichen Sanktionen, wie Kürzungen des
Arbeitslosengeldes, gegen Sie erwirken muss, um Sie zur Kooperation zu zwin-
gen.501

Man bekommt den Eindruck, dass es nicht darum geht, die Eltern zu unterstützen
und aus ihnen gute Eltern zu machen, sondern dass es nur darum geht, der Pflege-
industrie und den Anbietern von Erziehungskursen die entsprechenden Kunden zu-
zuführen.

500
www.jugendamtskritik.de/kritik/kritik/kinderschutz.html. Artikel zur „Bevormundung und Entrechtung“ der
Eltern durch die Jugendämter.
501
Der Westen, Bericht vom 18.02.2009 von S. Menzel, Meldeverfahren Vorsorgeuntersuchung, Kooperation
statt Sanktion. Das Jugendamt Dorsten beginnt mit der Kontrolle von Familien, in denen eine Vorsorgeuntersu-
chung beim Kinderarzt versäumt wurde. Anfangs kommen noch keine Sanktionen für die Eltern. Aber für späte-
re Versäumnisse ist das nicht ausgeschlossen, obwohl es keine bundesweite Verpflichtung zur Teilnahme an den
Vorsorgeuntersuchungen gibt. Einige Bundesländer, z.B. Hessen, haben ab 2008 eine derartige Pflicht einge-
führt.
Schwarzbuch Jugendamt 166

Im Gegensatz zu anderen Industriezweigen geht es bei der Pflegeindustrie jedoch


nicht um die Befriedigung der Kundenbedürfnisse, denn dann müsste man den Eltern
die Heimkinder wieder zurückgeben. Es geht darum, dass die Industrie möglichst
ungestört ihre Arbeit durchführen kann. 502

Aus diesem Grund werden die Eltern vollständig entrechtet. Das Tragische dabei ist,
dass die Justiz und die psychologischen Gutachter dieses Spiel mitspielen und ge-
gen die Eltern zusammenarbeiten.

Auch das hat rein wirtschaftliche Gründe, denn die Lobby der Pflegeindustrie hat ei-
nen größeren politischen Einfluss und somit eine größere Schlagkraft als die Lobby
der ständig uneinigen Eltern. Wenn sich Eltern nur unter größten Schwierigkeiten im
Kindergarten oder der Schulversammlung einigen können, wohin der nächste Aus-
flug oder die Klassenfahrt gehen soll, wie viel sie kosten wird und ob die Kinder ein
Lunch-Paket mitbekommen oder nicht. Wie sollen sie sich dann gegen die Interessen
der Pflegeindustrie zur Wehr setzen, wenn diese beginnt, systematisch mehrere
hunderttausend Kinder in Kinderheime zu verbringen?503

Aber genau das ist die momentane Situation. Die Pflegeindustrie braucht ständig
Nachschub an Kindern und das führt dazu, dass in manchen Großstädten inzwischen
jedes vierte Hartz-IV-Kind und auch so manches Kind aus einer normalen Familie
mindestens einmal in seinem Leben für mehrere Jahre in einem Kinderheim ver-
bringt.504

502
Ständige Neubauten von Heimen. Wegen überfüllten Heimen wurden neue Heime gebaut. 2008 und 2009
waren lt. Angaben der Bundesregierung ca. 80% der Neubauten in Deutschland Heime.
503
Fussek, C., Schober, G. (2008): Im Netz der Pflegemafia, Bertelsmann, München. Die Ergebnisse dieses
Buches sind zu großen Teilen auf die Situation in der Pflege von Kindern übertragbar.
504
Umrechnung der Hartz-IV-Empfänger auf die in Obhut genommenen Kinder der Stadt Essen, Ruhrgebiet,
bezogen auf das Jahr 2008
Schwarzbuch Jugendamt 167

6.4. Vorwürfe des Gerichtes: Weshalb Sie angeblich alles falsch


machen werden
Die Eltern werden von den Familiengerichten nicht unterstützt.

Diese Aufgabe obliegt dem Rechtsanwalt und nicht dem Familiengericht. Daher be-
kommen Sie als Eltern von den Gerichten sogut wie keine Auskunft und natürlich
auch keine Gnade.

Das Familiengericht ist ein Ressort, auf dem vor allem die Anfänger im Richteramt
eingesetzt werden. Viele der Familienrichter sind daher selbst Singles und kinderlos.
Sie können sich oft nur schwer in die Gefühle und Ängste der Mütter und Väter hin-
einversetzen und winken die Anträge der Jugendämter ungeprüft durch, um mög-
lichst wenig Fehler zu machen. 505

Die jungen Richter bekommen vielfach das Richteramt am Familiengericht als erstes
selbständiges Amt zugewiesen – weil sie dort nicht so viel „falsch machen“ können,
wie sich ein pensionierter Richter ausdrückte. Richter sind auch nur Menschen und
müssen lernen, gerechte Urteile zu finden. Nach einer Zeit, in der sie zunächst unter
der Aufsicht von Altrichtern ihre Urteil sprechen, dürfen sie im Alter von ca. dreißig
Jahren schließlich allein ihre Urteile erstellen. Gerade in dieser Anfangszeit kommen
die kuriosesten Ergebnisse heraus. Tragisch ist es, wenn diese Ergebnisse sich auf
das Leben eines Kindes und seiner Familie negativ auswirken, weil einer unverheira-
teten jungen Richterin, die fast ihr ganzes Leben an der Universität und im Gerichts-
saal verbracht hat, völlig die Lebenserfahrung fehlt, um den Tatbestand angemessen
zu beurteilen.

So geschehen, z.B. bei der Aussetzung des Umgangsrechts durch die Mutter. Die
Erklärung einer jungen Richterin im Gerichtssaal „auch ein Mörder hat ein Recht an
seinem Kind“ ist nicht besonders angebracht und stößt bei einer Mutter nicht auf Ver-
ständnis, wenn sie über Monate oder Jahre das Opfer von häuslicher Gewalt gewe-
sen ist und sich von ihrem Ehemann getrennt hat, um die Kinder zu schützen.506

505
Nach der Probezeit werden nur wenige Richter in den Staatsdienst übernommen. 2005 waren nur 225 Rich-
terstellen zu vergeben und denen standen über 6.000 Bewerber gegenüber. Der Karriere-Druck im Richteramt ist
daher besonders groß. Quelle: recht.monster.de/9611_de-DE_p1.asp.
506
Insbesondere glauben gerade die Familienrichter an die „Unfehlbarkeit des Jugendamtes“. Vgl. Westdeutsche
Zeitung, Bericht vom 31.01.2008, Interview mit dem Mönchengladbacher Familienrichter Dr. Walter Röchling,
„Kindeswohl geht vor Elternrecht“.
Schwarzbuch Jugendamt 168

Im Zweifel lassen sich junge Richter am Familiengericht durch die Mitarbeiter des
Jugendamtes leiten und beziehen sich in ihren Beschlüssen auf die Vorgaben, die
ihnen von den Jugendamtsmitarbeitern gemacht werden, denn sie sind nicht in der
Lage, die Situation selbst zu beurteilen.

Nochmals ausdrücklich, damit Sie es als Elternteil auch verstehen: Es ist nicht Auf-
gabe des Gerichtes, Ihnen gegenüber „Gnade“ oder „Verständnis“ walten zu lassen.
Außerdem hat das Gericht nicht die Kompetenz, das Jugendamt zu maßregeln, wenn
es Fehler macht. Das Gericht hat keine Weisungsbefugnis gegenüber dem Jugend-
amt.

Eine Mutter, die ihr Kind von ihrem Ehemann fernhält, handelt strafbar, wenn sie kei-
ne gerichtliche Genehmigung für dieses Fernhalten hatte. Sie wird bestraft und in
manchen Fällen sogar ins Gefängnis gesteckt, auch wenn sie es noch so gut ge-
meint und ihr Kind vor schlimmsten Schäden bewahrt hat. Sie dürfen das in Deutsch-
land nicht tun, ohne eine Genehmigung dafür zu haben. Ansonsten liefern Sie sich
der Justiz aus.507

Die meisten Väter wissen das inzwischen und nutzen dieses Wissen selbstverständ-
lich aus, um die Frauen mit dem Umgangsrecht unter Druck zu setzen.
Es ist eine normale Reaktion der Väter, dass sie ihre neuen Möglichkeiten nutzen
und die staatlichen Einrichtungen, wie Jugendamt und Gericht, dazu einsetzten, um
die Mutter als „Kindesentführerin“ zu brandmarken und ins Gefängnis zu bringen. Die
meisten Männer denken in diesem Moment nicht darüber nach, was sie ihren Kin-
dern damit antun. Die Rachegefühle nach der Trennung sind zu stark.508
Das allein für sich genommen ist nicht verwerflich, sondern rein menschlich und
nachvollziehbar.

Aber interessant ist nun die Reaktion der Justiz. Während ältere Richter die erhitzten
Gemüter zunächst einmal ihren Streit ausfechten lassen, bis sich die Situation abge-
kühlt hat – was sie früher oder später immer tut, wollen die jungen Richter noch mis-
sionieren und mischen sich frühzeitig und intensiv in das Geschehen ein. Sie drohen

507
Schüler, A., Löhr, U. (2007): Begleiteter Umgang bei häuslicher Gewalt – Chance oder Verlegenheitslösung?,
2. durchgesehene Auflage.
508
Müttern wird immer häufiger wegen sog. Umgangsboykott das Sorgerecht entzogen, aber dann nicht auf den
Vater sondern auf an völlig Fremde übertragen. Dann könnte man das Kind auch bei der Mutter lassen. OLG
Brandenburg, 15 UF 98/08.
Schwarzbuch Jugendamt 169

schlimmste Strafen an, wenn das Umgangsrecht nicht bald umgesetzt wird, und set-
zen diese Strafen dann auch noch um.509
Auf diese Weise werden jedes Jahr Tausende von Sorgerechtsentzügen durchge-
führt, die vollkommen unnötig sind, den Kindern und ihren Familien schaden und die
Jugendämter mit zusätzlicher Arbeit belasten.510

Die Arbeit der Familiengerichte wird durch die vielen Beziehungen der Beteiligten
untereinander sehr komplex. Daher gehört das Richteramt eines Familien-Richters
zu den schwersten Ämtern überhaupt. Die meisten Richter sind sich über die Trag-
weite ihrer Entscheidungen scheinbar gar nicht im Klaren. Die Einweisung eines Kin-
des in ein Kinderheim wird als bloße Maßnahme der Jugendhilfe angesehen. Dabei
greift sie tief in die Beziehungsstrukturen der Familien ein und zerstört meist die na-
türlich gewachsenen Verbindungen des Kindes für den Rest seines Lebens.511

Jede Entscheidung, ein Kind aus seiner Familie herauszunehmen hat somit lebens-
längliche Konsequenzen für alle Betroffenen und ist in ihrer Tragweite durchaus mit
den schlimmsten Beschlüssen im Strafrecht, wie lebenslange Haft oder Umerziehung
vergleichbar. Die jungen Richter gehen mit dieser „Strafe“ viel zu unbefangen um.

Die meisten Entscheidungen junger Richter gegen die Eltern berücksichtigen viel zu
wenig den sozialen Hintergrund der Familie. Die jungen Richter denken mangels Le-
benserfahrung zu stark im Clichée: Akademiker, Hartz-IV-Empfänger, Arbeiter, etc.
Tatsächlich ist es heutzutage aber so, dass die Menschen im Laufe ihres Lebens
mehrere dieser Muster durchlaufen, innerhalb weniger Wochen oder Monate zwi-
schen ihnen wechseln und springen.
Der Student arbeitet neben seinem Studium in einer Fabrik und ist in dieser Zeit Ar-
beiter, wenn er seinen Abschluss bekommt, ist er aber Akademiker, und beim Verlust
seiner Arbeit nach einigen Jahren vielleicht für einige Monate Hartz-IV-Empfänger,
bevor er wieder einen neuen Job hat und wieder zur hochrangigen Fachkraft wird.
Die Einstufung muss also immer individuell erfolgen und kann sich nicht an herge-
brachten Mustern orientieren. Ansonsten wäre eine Diskriminierung die Folge.512

509
Vgl. Westdeutsche Zeitung, Bericht vom 31.01.2008, Interview mit dem Mönchengladbacher Familienrichter
Dr. Walter Röchling, „Kindeswohl geht vor Elternrecht“.
510
Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 261, Sorgerechtsentzüge 2007 um 13% gestiegen.
511
Exzesse der Justiz: Wormser Prozesse 1993-1997, Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Wormser_Prozesse.
512
www.sueddeutsche.de, Bericht vom 30.05.2008, J. Bönisch, Flexibilität und Beruf, „Akademiker pendeln, um
nicht abzusteigen“.
Schwarzbuch Jugendamt 170

Aber leider gehört die Einstufung und Abqualifizierung von bestimmten Berufsgrup-
pen noch immer zum Alltag in den Gerichten.
So wurde ein Prüfingenieur für Baustatik, d.h. ein Experte des Bauordnungsamtes,
von denen es in ganz Deutschland nur etwa einhundert Personen mit dieser Fach-
ausbildung gibt, in einem Gerichtsurteil von 1996 als „so etwas Ähnliches, wie ein
Architekt“ bezeichnet, damit die Präzedenzurteile für Architekten angewendet werden
können. Architekten gibt es aber mehrere zig-tausend in Deutschland und ihre Aus-
bildung ist erheblich geringer einzustufen als diejenige eines Prüfingenieurs.513

In einem anderen Gerichtssaal meinte der Richter 1998 zu einem Zeugen, der Dip-
lom-Ingenieur der Elektrotechnik mit Spezialisierung auf Starkstromtechnik bei
Großmaschinen im Maschinenbau war: „Elektro? Dann sind Sie doch so etwas, wie
ein Fernsehtechniker, oder?“

Und in wieder einer anderen Verhandlung 2008 sagte eine junge Richterin zu einer
Doktorin der Betriebswirtschaftslehre, deren Kind in Obhut genommen wurde, weil
sie vom Jugendamt als Hartz-IV-Empfängerin eingestuft wurde: „Sie scheinen da
tatsächlich irgendwas studiert zu haben. Das ging aus den Akten aber nicht hervor.“

In anderen Fällen wurde 2009 aus dem Schulleiter einer Berufsakademie ein „Lehrer“
gemacht und nach einem Adressfehler im Gericht war eine Mutter mit ihrem zweijäh-
rigen Baby lt. Akte angeblich mehrfach umgezogen, obwohl sie seit mehr als zehn
Jahren nachweislich noch immer die gleiche Wohnung bewohnte. Das Gericht korri-
gierte diesen Fehler zwar nachträglich in der Akte, aber in der Folgeakte tauchte er
dann wieder auf und die Frau musste sich immer wieder neu rechtfertigen.

Das sind nur einige Beispiele für Fehler, die vom Gericht oder vom Jugendamt aus-
gehen können – von zwei Instanzen, die als „unfehlbar“ angesehen werden und mit
so großen Befugnissen ausgestattet sind, dass sie es eigentlich auch sein müss-
ten.514

513
Vgl. Meder, St. (2002): Rechtsgeschichte, eine Einführung, , UTB-Verlag, S. 87. Dort heißt es: Die Richter
aber sind schlecht ausgebildet, sie geraten in Schwierigkeiten, wenn sich streitende Parteivertreter auf jeweils
abweichende Juristenmeinungen berufen. Die Prozesse laufen so Gefahr, mehr und mehr zu einer Art Lotterie-
spiel zu verkommen.
514
Andere Beispiele findet man auf: www.jurablogs.com, Artikel vom 04.05.2009, Für Fehler des Gerichtes muß
der Angeklagte büßen?.
Schwarzbuch Jugendamt 171

Die Gerichte zeigen sich gegenüber Eltern, denen das Jugendamt die Kinder weg-
genommen hat, sehr unfreundlich. Anders kann man es nicht sagen.
Diese Eltern sind abgestempelt. Das Vorurteil des Richters besagt, dass das Ju-
gendamt nur dann Kinder aus Familien wegnimmt, wenn die Eltern ihre Elternpflich-
ten schlimm vernachlässigt haben.515
Die Richter kommen gar nicht auf die Idee, dass die Kinder auch „rein vorsorglich“
weggenommen werden könnten. Ein solches Verhalten des Jugendamts wäre doch
„unmenschlich“, sagte eine ältere Richterin 2009 zu einer Großmutter, die den Sach-
verhalt erklärte. Deshalb wäre es nicht wahrscheinlich, dass das Jugendamt so vor-
gehe. Die Eltern müssten schuld sein. Die Eltern hätten in jedem Fall etwas falsch
gemacht und damit die Mitarbeiter des Jugendamtes zu einem Handeln gezwungen.
Für die meisten Richter sind die Eltern daher schon schuldig, noch bevor sie über-
haupt dem Richter persönlich gegenüber gestanden haben.

Seien wir ehrlich. Auch alle Betroffenen haben früher so gedacht, als sie noch nicht
betroffen waren. Wenn man hörte, dass einer Familie das Kind weggenommen wor-
den war, glaubte man doch sofort, dass dort etwas nicht stimmte und die Eltern et-
was Schlimmes getan haben mussten.

Bis zur Schaffung des SGB VIII und der Welle der Masseninobhutnahmen seit ca.
2006 in Deutschland galten Jugendämter in der Bevölkerung vor allem als „Hilfsor-
ganisation“, die zum Wohle misshandelter Kinder agiert und Eltern auf Anfrage ihre
Hilfe anbietet.

Damals gingen noch relativ viele Eltern zur Beratung und suchten bei Problemen mit
den Kindern das Gespräch mit dem Jugendamt. Damals wurde aber auch nicht so
schnell in Obhut genommen, wie heute.

Den Eltern wurde zugetraut, die Probleme mit etwas Hilfestellung selbst zu lösen.

Inzwischen ist das anders. Auf jedem Kinderspielplatz werden die Horrorgeschichten
über das Jugendamt erzählt, wie es die Kinder heimlich aus der Schulklasse holt o-
der früh morgens bei den Eltern zu Hause erscheint und die Kinder mitnimmt.

515
Vgl. Westdeutsche Zeitung, Bericht vom 31.01.2008, Interview mit dem Mönchengladbacher Familienrichter
Dr. Walter Röchling, „Kindeswohl geht vor Elternrecht“.
Schwarzbuch Jugendamt 172

Auch die Medien berichteten inzwischen über einige Fälle, in denen das Eingreifen
des Jugendamtes ganz eindeutig fehl am Platze war und den Kindern schwer ge-
schadet hat. Aber diese Fälle sind noch immer viel zu wenige, um die Öffentlichkeit
wirklich aufzurütteln.

Aus sog. „Political Correctness“ verzichten die meisten Zeitungen lieber auf derartige
Artikel, schon allein, um sich mit dem Jugendamt der Stadt nicht anzulegen und viel-
leicht eine Klage an den Hals zu bekommen. 516

Aber jeder, der sich mit der Materie etwas befasst hat, weiß inzwischen, dass es
längst nicht mehr nur die Fälle von Vernachlässigung und Misshandlung sind, die zu
einer Wegnahme der Kinder führen. Die meisten Kinder werden inzwischen von den
Eltern weggeholt, um das Umgangsrecht durchzusetzen. Im Bericht des Jugendam-
tes wird das umschrieben als Erziehungsprobleme der Eltern oder psychische Prob-
leme.

Denn Eltern die das Umgangsrecht mit einem Ex-Partner verweigern, gelten als „psy-
chisch krank“, „beratungsresistent“ und „uneinsichtig“.517

Alle diese Kinder haben ein gutes Zuhause und liebende Eltern, aber die Eltern kön-
nen sich nach der Trennung nicht über das Umgangsrecht einigen oder die Mütter
haben so große Angst vor den Vätern, dass sie mit den Kindern umziehen, um dann
als Kindesentführerinnen von der Polizei eingefangen werden. Manche von ihnen
wandern daraufhin sogar ins Gefängnis.

Ob das die richtige Lösung ist, sei dahingestellt, denn diese Frauen haben alles un-
ternommen, um sich und ihre Kinder zu schützen und werden dann vom Gericht da-
für bestraft.

Das setzt ein falsches Signal an die Frauen, die sich schützend vor ihre Kinder stel-
len, weil sie und die Kinder von ihren Männern misshandelt wurden. Ihre Probleme
werden bagatellisiert und das Umgangsrecht des Mannes über die Rechte von Frau
und Kindern auf Unversehrtheit gestellt.518

516
www.zeit.de, Artikel vom 16.07.2008, Angst vor der Hilfe. Das Image der Jugendämter ist so schlecht, dass
viele Eltern Angst haben, mit einem kranken Kind um Hilfe zu bitten. Die Kinder kommen deshalb zu Tode.
517
Vgl. Westdeutsche Zeitung, Bericht vom 31.01.2008, Interview mit dem Mönchengladbacher Familienrichter
Dr. Walter Röchling, „Kindeswohl geht vor Elternrecht“.
518
Schüler, A., Löhr, U. (2007): Begleiteter Umgang bei häuslicher Gewalt – Chance oder Verlegenheitslösung?,
2. durchgesehene Auflage.
Schwarzbuch Jugendamt 173

Diese Methoden, mit denen gegen Frauen vorgegangen sind, die mit einer Um-
gangsvereitelung ihre Kinder schützen, ist ein Ausdruck von Hilflosigkeit des juristi-
schen Systems gegenüber großen Teilen der Bevölkerung ein Gesetz durchzuset-
zen, das von diesen Teilen nicht akzeptiert wird.

Wie immer bei Gesetzen, die von großen Bevölkerungsteilen nicht mitgetragen wer-
den, kommt es zu großen Schwierigkeiten bei der Umsetzung in der Praxis. Die
meisten Frauen versuchen nach der Scheidung oder Trennung vom Ehemann ihre
Kinder mitzunehmen und da sich die Frauen zu einem großen Teil vor ihren Ex-
Männern verbergen, um Angriffen und Schmähungen zu entgehen, verbergen sie
natürlich auch ihre Kinder. Das ist ein ganz normales Verhalten. Die Bundesregie-
rung hat deshalb inzwischen ein Gesetz erlassen, um Opfer von Stalking zu schüt-
zen.519

Das Ganze sieht jedoch anders aus, wenn Kinder im Spiel sind. Dann sollen die
Frauen das normale Verhalten ablegen und den Männern auch weiterhin den Um-
gang mit den Kindern erlauben. Sie sollen zulassen, dass selbst schwer misshan-
delnde Männer weiterhin Einfluss auf die Kinder nehmen können, und die dadurch
entstehenden Probleme in Kauf nehmen. Angeblich ist das zum Wohle der Kinder
notwendig.

Diese Position ist allerdings selbst in der Psychologie sehr umstritten. Wenn zwi-
schen den Eltern starke Spannungen herrschen, kann es in diesen Situationen vor-
kommen, dass die Kinder instrumentalisiert werden. Die Frauen, welche ihre Kinder
mit sich nehmen und den Umgang für einige Zeit aussetzen, bis sich die schlimmsten
Spannungen gelegt haben, halten ihre Kinder zunächst aus diesem Spannungsfeld
heraus. Eine Instrumentalisierung wird dadurch vermieden und die Kinder können
„zur Ruhe kommen“. Von diesem Status quo aus könnten neue Lösungsmöglichkei-
ten erschlossen werden.520

Wenn man die Frauen jedoch zwingt, ein Umgangsrecht durchzuführen, obwohl die
Probleme noch nicht aufgearbeitet sind, leiden die Kinder wesentlich mehr, da sie
zwischen den verfeindeten Parteien hin und her gerissen werden.

519
www.bmj.bund.de, Pressemitteilung vom 30.03.2007, Stalking-Gesetz tritt in Kraft.
520
PAS, de.wikipedia.org/wiki/Eltern-Kind-Entfremdung.
Schwarzbuch Jugendamt 174

Die Anwendung des Gesetzes sollte den von der Erziehung ausgeschlossenen Vä-
tern eine Möglichkeit geben, ihre Kinder zu besuchen. Die Idee, die dahinter steht, ist
grundsätzlich gut, aber die Umsetzung in der Praxis ist schauderhaft schlecht.

Wenn sich die Parteien höchst streitig trennen – und das ist immerhin in ca. 20% der
Trennungen der Fall – dann existiert in dieser Situation keine Basis für ein Umgangs-
recht. Diese Ausnahmesituation wird aber von der Justiz nicht berücksichtigt. Den
Müttern wird unterstellt, sie würden das Umgangsrecht aus Gehässigkeit oder Ge-
meinheit gegenüber dem Exmann torpedieren und ihren Kindern damit schaden.

Kein Argument, und sei es noch so nachvollziehbar, rechtfertigt nach der bisherigen
Ausgestaltung des Gesetzes, dass die Mutter das Kind vom Vater fernhält.

Nicht einmal ein Mordversuch an der Mutter wird vom Gericht gelten gelassen, dabei
bilden Mutter und Kind meist eine Einheit und die Angriffe auf die Mutter sind von
den Kindern meist unmittelbar wahrgenommen worden. Was für ein Verhältnis soll
ein kleiner Junge zu seinem Vater aufbauen, wenn er erst gesehen hat, wie der Va-
ter die Mutter fast erwürgt und ihm dann vom Jugendamt zwangsweise für Um-
gangskontakte zugeführt wird (Umgangsfall aus Bochum)? Was soll er später als
Halbwüchsiger denken, wenn er erfährt, dass die Mutter sich mit ihm vor dem Vater
versteckt gehalten hat und das Jugendamt die Mutter dafür einige Wochen ins
Gefängnis verbracht hat, während er selbst monatelang in ein Kinderheim
eingewiesen wurde (Umgangsfall aus Essen)?521

Das halten Sie für Unsinn? Das sind aber die real existierenden Gerichtsurteile der
deutschen Familiengerichte aus den Jahren 2008 und 2009.

Mütter haben in Deutschland grundsätzlich einen schweren Stand. Wirtschaftlich wird


ihre Arbeit nicht anerkannt,522 sozial werden Vollzeitmütter von den arbeitenden Müt-
tern und den Ministerien als „arbeitsscheu“ gebrandmarkt523 und nun stellt sich auch

521
Die Umgangsrechtsfälle sind dem Verfasser bekannt, Details können bei ihm erfragt werden. Zu diesem The-
ma auch grundsätzlich: Schüler, A., Löhr, U. (2007): Begleiteter Umgang bei häuslicher Gewalt – Chance oder
Verlegenheitslösung?, 2. durchgesehene Auflage.
522
www.taz.de, Bericht vom 05.03.2010, Frauen verdienen weniger. Europaweit verdienen Frauen durchschnitt-
lich ca. 18% weniger als Männer. In der Bundesrepublik sogar durchschnittlich 23% weniger.
523
Focus, 15.06.2008: Betreuungsgeld: Merkel lobt Erziehung zu Hause. Bundeskanzlerin Merkel will Müttern
die Rückkehr ins Arbeitsleben erleichtern. Wer nach der Geburt zu Hause bleibe, dürfe nicht von der Gesell-
schaft abgeschrieben werden.
Schwarzbuch Jugendamt 175

noch die Justiz gegen den mütterlichen Schutzinstinkt (den jede Spezies in der Tier-
welt kennt524) und will ihn zugunsten des Umgangsrechtes ausradieren.

Manche Gerichte stellen das Umgangsrecht über alle anderen Rechte. Auch über
das des Kindes vor körperlicher Unversehrtheit. Wenn bekannt ist, dass der Vater
schlägt oder das Kind misshandelt – vielleicht sogar vergewaltigt – hat, dann stellen
sie einen Mitarbeiter des Jugendamtes bei einigen Treffen als „Aufpasser“ daneben,
bevor der Vater schließlich beim sechsten oder siebten Besuch allein mit dem Kind
losgehen darf. Das ist keine Lösung.

524
Lepage, F. (2008): Mamma mia, Mütter als Survival-Tainer. Zuletzt ausgestrahlt im MDR am 11.12.2008,
Der Mutterinstinkt verschiedener Tierarten wird verglichen, z.B. Königstiger, Wölfe, Kängurus, etc.
Schwarzbuch Jugendamt 176

6.5. Besuche untersagt: Weshalb Sie nun plötzlich eine Gefahr für
ihr Kind sind
Das Jugendamt erklärt den Eltern ab dem Tag der Inobhutnahme, sie dürften ihr Kind
nicht sehen, weil es erst „zur Ruhe kommen“ müsse. Was das bedeutet, fragen Sie?

Es hat damit zutun, dass die Inobhutnahme in der Regel mit Gewalt gegen den Wil-
len der Eltern und des Kindes erfolgt. Die Kinder wehren sich gegen die Inobhut-
nahme so sehr, wie sie können. Sie sind nicht bereit, ihre Eltern einfach zu verges-
sen und die Anweisungen des Heimpersonals anzunehmen.

Viele der Kinder verkraften die tagelange Isolation von ihren Eltern nicht. Gerade im
Alter zwischen drei und zwölf Jahren fällt es den Kindern besonders schwer, sich an
neue Bezugspersonen zu gewöhnen, aber genau das ist mit der Inobhutnahme be-
absichtigt. Die Eltern wurden vom Jugendamt als eine Gefahr für das Kind identifi-
ziert, ansonsten hätte man ihnen das Kind nicht weggenommen.525
Das ist besonders tragisch, wenn man bedenkt, dass in dem weitaus meisten Fällen
die Kinder aufgrund einer potentiellen Gefährdung auf Verdacht und „rein vorläufig“
in Obhut genommen werden. Diese Kinder werden trotzdem systematisch von ihren
Eltern entfremdet, obwohl kein Grund erwiesen ist, der das rechtfertigt.526

Aber auch die Eltern, denen man ein Vergehen vorwirft, haben es nach der Inobhut-
nahme sehr schwer, wieder einen Kontakt zu ihren Kindern aufzunehmen. Meist wer-
den die Kinder über Monate hinweg von ihnen ferngehalten. Nach einem Monat dür-
fen die Eltern die Kinder ggf. unter Aufsicht für eine Stunde sehen. Dabei sind sie auf
dem Prüfstand und werden kontrolliert, ob sie sich irgendeines Vergehens im Beisein
der Jugendamtsmitarbeiter schuldig machen, das man später gegen sie verwenden
könnte.527

Bei diesen ersten Treffen dürfen die Eltern nicht einmal einen Zeugen oder Rechts-
anwalt mit hinzuziehen, obwohl über sie Berichte erstellt werden, die das Gericht
vorgelegt bekommt.

525
Wapedia.mobi/de/Hospitalismus. Begleiterscheinungen von Heimaufenthalten bei Kindern, wie bei Folter
oder Isolationshaft.
526
PAS, de.wikipedia.org/wiki/Eltern-Kind-Entfremdung.
527
Konferenz vom 10.03.2006 in Bolzano/Südtirol. „The German Jugendamt, a child robbering administra-
tion?“. Das Jugendamt wird von den betroffenen Eltern als Feind wahrgenommen.
Schwarzbuch Jugendamt 177

Selbst kleinste Missverständnisse, die in dieser Extremsituation fast unausweichlich


sind, werden dann von den Jugendamtsmitarbeitern hochgespielt und zu gewichtigen
Fehlern aufgebauscht. Machen Sie sich nichts vor. Das sind nicht Ihre Freunde, die
Sie kurz ermahnen und dann versuchen, mit Ihnen auf einen Nenner zu kommen, um
Ihnen das Kind wieder zurückzuführen.

Eine Rückführung ist gar nicht vorgesehen.


Die Leute vom Jugendamt machen ihren Job und ihr Job ist es, möglichst viele Grün-
de zu finden, weshalb es richtig war, Ihnen das Kind wegzunehmen und die
Rückgabe solange wie möglich, d.h. möglichst bis zur Volljährigkeit des Kindes hin-
auszuzögern.528

Es ist egal, ob Sie Hartz-IV-Empfänger sind oder Lehrerin. Alle Eltern werden vom
Jugendamt in dieser Phase gleich schlimm behandelt. Ihnen wird das Gefühl vermit-
telt, sie seien Verbrecher und hätten Ihr Kind misshandelt. So wird auch dann verfah-
ren, wenn gar nichts vorgefallen ist und Ihnen z.B. ein böswilliger Nachbar nur etwas
anhängen wollte – da müssen Sie jetzt durch.529

Es wird Ihnen vor allem in der Anfangszeit sehr schwer fallen, wenn Ihr Kind nicht
mehr tagsüber durchs Haus tobt und nachts in seinem Bettchen schläft, aber genau
das ist es, was die Mitarbeiter des Jugendamtes einkalkulieren. Die Eltern sollen auf
diese Weise gefügig gemacht werden, damit sie auf alle Angebote des Jugendamtes
eingehen und allen Maßnahmen zustimmen, ohne darüber nachzudenken.

Die Eltern sollen keinen Widerstand leisten, wenn Ihnen die Verträge für die Jugend-
hilfe, z.B. langfristige Heimeinweisungen, etc., zur Unterschrift vorgelegt werden. El-
tern, die sich wehren, bekommen ihre Kinder weniger zu sehen.530

Aber Eltern, die das Spiel mitspielen und sich allen Forderungen des Jugendamtes
fügen, haben keine Garantie, dass sie ihr Kind jetzt öfter sehen dürfen. Schließlich

528
Eine Rückgabe der Kinder an die leiblichen Eltern wird von den Jugendämtern ganz im Gegensatz zur Ver-
pflichtung des SGB VIII meist vermieden bzw. möglichst lange vereitelt. Das Europäische Parlament und die
Vereinten Nationen klagen die Jugendämter wegen der Kindesentziehungen „auf Verdacht“ ohne dass die Eltern
sich etwas Konkretes haben zu Schulden kommen lassen, der Menschenrechtsverletzungen an. Deutschland ist
weltweit das einzige Land, in dem die Jugendämter nicht der Weisung eines Gerichtes oder übergeordneten
Behörde unterstehen und Kinder „vorsorglich“ aus den Familien herausnehmen können, ohne dass zuvor etwas
konkretes vorgefallen sein muß.
529
Gesetz A5703, A 6024, A 4263, New York. Der Bundesstaat New York hat schon vor Jahren auf ambulante
Maßnahmen umgestellt und nach mehreren Fällen von ungerechtfertigter Denunziation die Strafen für falsche
Beschuldigung von Familien deutlich erhöht.
530
Jugendamtskritik.de/kritik/krititk/Wiesner.html.
Schwarzbuch Jugendamt 178

haben sie die Genehmigung erteilt, dass das Jugendamt mit den Kindern so verfah-
ren darf, wie es ihm beliebt.

Die Kinder werden nicht mehr wie Menschen behandelt, sondern wie eine Ware. Die
Ware „Kind“ ist für den Heimbetreiber immerhin bis zu sechstausend Euro pro Monat
wert. Das entspricht einem Jahreswert von bis zu 72.000 EUR. Da die meisten Deut-
schen weniger als die Hälfte dieses Einkommens verdienen und davon eine ganze
Familien ernähren müssen, bekommen Sie nun einen Eindruck davon, was Ihr Kind
der Pflegeindustrie und dem Jugendamt wert ist.531

Hier geht es nicht um das Kindeswohl. Wenn es um das Kindeswohl gehen würde,
könnte man die Kinder in den Familien lassen und dort mit ambulanten Hilfen die
Familien stärken und ihnen den richtigen Umgang mit dem Kind zeigen. Diese ambu-
lanten Hilfen sind vor allem bei Eltern von Kleinkindern und Babys sehr erfolgreich,
die noch nicht viel Erfahrung als Eltern haben und deshalb noch einige Fehler ma-
chen, die bei besserer Sachkenntnis vermeidbar sind.532
Nicht umsonst heißt das Sprichwort: Starke Eltern ergeben starke Kinder.

Aber daran hat das Jugendamt kein Interesse, denn sonst wäre es an einer schnel-
len Rückführung der Kinder und an einer Stärkung der Elternkompetenzen interes-
siert.

Das ist es eindeutig nicht! Eltern sind in diesem Geschäft sogar eher störend, da sie
dem Nachwuchs erzählen, er solle durchhalten und sie würden ihn bald nach Hause
zurückholen. Die Kinder geraten dann in einen sog. „Loyalitätskonflikt“.

Kinder halten ihren Eltern die Treue. Diese Treue muss erst zerstört und das Selbst-
bewusstsein der Kinder untergraben werden, bevor sie folgsam genug sind, damit sie
alles machen, was die Betreuer in den Institutionen und privaten Anstalten von ihnen
verlangen. Nur dann sind die Kinder pflegeleicht.533

Bei besonders hartnäckigen Fällen, d.h. Kindern, die auch noch nach Wochen und
Monaten zu ihren Eltern zurück möchten, weil es ihnen dort gut ging und sie sich ge-
liebt fühlten, wird sogar zu noch härteren Mitteln gegriffen, um sie „in den Griff zu

531
www.destatis.de, Pressemitteilung Nr. 496 vom 27.11.2006, 33.700 EUR Nettoeinkommen durchschnittlich
je Privathaushalt.
532
Kölner Rundschau, 10.12.2009, Ambulant besser als stationär. Sie auch: Bowlby, J. (2006): Bindung.
533
PAS, de.wikipedia.org/wiki/Eltern-Kind-Entfremdung.
Schwarzbuch Jugendamt 179

bekommen“. Dann kommen Medikamente zum Einsatz, um die Kinder gefügig zu


machen. Das Psychopharmaka „Ritalin“ ist noch eines der harmloseren Mittel.534

Als Eltern erkennen Sie den Einsatz dieser Mittel z.B. daran, dass Ihr Kind Sie kaum
erkennt, reagiert als wäre es betrunken oder hätte einen Schlaganfall gehabt. Infor-
mieren Sie in diesen Fällen umgehend das Gericht und versuchen Sie, eine einstwei-
lige Verfügung zu erwirken, dass Ihrem Kind keine Psychopharmaka oder sonstige
Medikamente gegeben werden dürfen. Das Jugendamt wird abstreiten, dass solche
Mittel zum Einsatz kommen. Tatsächlich sind sie in den Kinderheimen aber Gang
und Gäbe, wie ehemalige Mitarbeiter in Interviews bestätigt haben.535

Als Eltern, deren Kind in Obhut genommen wurde, haben Sie keine Rechte mehr an
Ihrem Kind. Sie sind quasi vom Jugendamt „entrechtet“. Das bedeutet, das Jugend-
amt kann mit Ihrem Kind machen, was es will. Sie können es i.d.R. nicht nachweisen
und es wird Ihnen auch niemand glauben, dass Sie Ihrem Kind nichts getan haben,
denn sonst hätte das Jugendamt Ihnen das Kind schließlich nicht weggenommen.
Auf irgendeinem Gebiet müssen Sie als Eltern versagt haben. Selbst wenn das nicht
der Fall ist, und Sie gute Freunde und Verwandte haben, die sich für Sie einsetzen,
glaubt Ihnen niemand.536

Das Jugendamt besaß und besitzt seit Jahrzehnten einen guten Ruf als Kinderhelfer
in der Gesellschaft. Aber schöpfen Sie Mut, denn das Jugendamt ist gerade dabei,
sich mit übermäßigen Inobhutnahmen diesen Ruf selbst zu zerstören. Nach Ansicht
der Europäischen Union ist nun mit den „vorläufigen“ Inobhutnahmen der Bogen ü-
berspannt. Die Petitionen beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte haben
sich in den Jahren nach 2005 als die Jugendämter begannen, unkontrolliert viele
Kinder auf Zuruf aus den Familien zu nehmen, erheblich erhöht. In zwei Jahren um
etwa zwanzig Prozent.

Allein von 2007 auf 2009 verzeichnete das statistische Bundesamt eine Zunahme
der Inobhutnahmen um mehr als 14,4 %. Das war bisher der absolute Rekord. Noch

534
Berliner Zeitung, Bericht vom 23.04.2002, Rat Ritalin Spätfolgen?
535
www.tagesspiegel.de, weltspiegel, Bericht vom 08.04.2009. M. Thibaut, Medikamentenmissbrauch:
Chemiekeulen für britische Heimkinder. Ehemalige Heimkinder, die viel Psychopharmaka bekommen haben,
gebären später Babys mit Geburtsfehlern.
Anderer Artikel: www.imheim.de/22453-misshandelte-heimkinder.html.
536
Insbesondere glauben gerade die Familienrichter an die „Unfehlbarkeit des Jugendamtes“. Vgl. Westdeutsche
Zeitung, Bericht vom 31.01.2008, Interview mit dem Mönchengladbacher Familienrichter Dr. Walter Röchling,
„Kindeswohl geht vor Elternrecht“.
Schwarzbuch Jugendamt 180

nie hat ein Land so viele Kinder in Obhut genommen, wie die Bundesrepublik
Deutschland. Dabei ist diese Aktion sehr geschickt gemacht. Die Bevölkerung schien
sich über Jahre hinweg nicht zu wehren.537

Aber langsam regt sich nun doch Widerstand. Die Frage lautet, ob es richtig ist, wenn
ein Land von der Größe und der Bevölkerungszahl Deutschlands, das eigentlich zu
den kleinen Ländern gehört, jeden Tag durchschnittlich 77 Kinder in Obhut nimmt.538
Bei Berücksichtigung der Feiertage und Sonntage kommt man sogar auf etwa ein-
hundert Kinder pro Tag. Das ist eine Quote, wie sie selbst die riesigen Länder USA
und Russland weit in den Schatten stellt.539

Glauben Sie aber nicht, dass die Zeitungsartikel der Presse über ungerechtfertigte
Inobhutnahmen viel bewirken. Den meisten Zeitungen und TV-Sendern wurde ein
Maulkorb verpasst. Sie dürfen aus „Political Correctness“ nicht mehr über dieses
Thema berichten, weil sonst die Gefahr besteht, dass Feindseeligkeiten und Unruhen
ausbrechen können, wie in Frankreich in den vergangen Jahren.540

Mehr Eindruck macht jetzt in der Wirtschaftskrise das fehlende Geld, denn wenn die
Städte und Kommunen verschuldet sind, können auch keine weiteren Inobhutnah-
men mehr bezahlen. Die stationäre Unterbringung der Kinder in Kinderheimen ist so
enorm teuer, dass die meisten Städte schon die ambulanten Hilfen streichen, um die
bisher untergebrachten Kinder nicht an die Eltern zurückgeben zu müssen.541
Auf diese Weise werden noch weniger ambulante Hilfen in den Familien geleistet und
wenn die Eltern wieder extreme Fehler machen, weil sie keine ambulanten Hilfen
bekommen haben, nimmt ihnen das Jugendamt direkt die Kinder weg.
So entsteht ein Kreislauf, der kaum noch aufzuhalten ist. Die Situation schaukelt sich
mehr und mehr hoch, bis das gesamte System irgendwann zusammenbricht.

537
„Die Jugendämter wenden brutale Methoden an.“ Ausspruch des Generalsekretärs des Petitionsausschusses
des Europaparlaments, Marcin Libicki auf der 2. Anhörung der EU-Petitionskommission vom 07.06.2007 zur
fachlichen und rechtlichen Praxis deutscher Jugendämter bei Kindesentzug in nationalen und internationalen
Familiensachen.
538
www.destatis.de, Pressemitteilung Nr. 254 vom 15.07.2008.
539
Australien hat seine Fremdunterbringungen auf 31.166 reduziert (Quelle: AIHW, 2009). Die USA baut eben-
falls Fremdunterbringungen von Kindern ab. 2008 hatte die gesamte USA noch ca. 460.000 Fremdunterbrin-
gungen und baut kräftig ab, (Quelle: childwalfare.gov). Deutschland hat ca. 400.000 Fremdunterbringungen.
540
Am 27.10.2005 begannen im französischen Banlieue heftige Unruhen nach dem Unfalltod von zwei Kindern,
die von der Polizei unter Druck gesetzt worden waren. Die Unruhen endeten in Straßenschlachten mit der Polizei
541
Jugendhilfeausschuß steht vor heillosem Finanzchaos, Pressemitteilung 11.01.2010, Jugendkulturbox, Netz-
werk für Kultur- und Jugendarbeit, Chemnitz., ähnliche Artikel in 2009 für Dortmund, Köln, München in FAZ.
541
Pressemitteilung des Landtags von Baden-Württemberg vom 26.06.2009.
Schwarzbuch Jugendamt 181

Falls das geschieht – und es steht zu erwarten, dass der Zusammenbruch bei der
angespannten Haushaltslage nicht mehr lange auf sich warten lassen wird – haben
Sie eine Chance, Ihr Kind vielleicht zurück zu bekommen.

Wenn Ihr Kind in der Obhut des Jugendamtes ist, lassen Sie sich von den Mitarbei-
tern auf keinen Fall davon ködern, Sie könnten es schneller zurück bekommen, wenn
Sie eine Zustimmung geben oder etwas unterschreiben. Meist ist genau das Gegen-
teil der Fall. Machen Sie sich damit vertraut, so schlimm es auch klingt, dass Sie Ihr
Kind für eine lange Zeit nicht wieder sehen werden.542

Die meisten Eltern verkraften das nur sehr schwer und sind daher für die Jugendäm-
ter eine „leichte Beute“. Denken Sie nicht daran, wie es Ihrem Kind jetzt geht. Kinder
finden sich mit der Situation meist schneller ab als die Eltern.
Sie sind jetzt als Gefahr für Ihr Kind eingestuft und diese Einstufung kann nur das
Jugendamt selbst wieder aufheben. In manchen Fällen hilft eine gerichtliche Ent-
scheidung, die Aufhebung zu beschleunigen, aber das Jugendamt ist in fachlichen
Entscheidungen frei und nicht von den Gerichtsbeschlüssen abhängig.543

Gehen Sie nicht davon aus, dass ein psychologisches Gutachten Ihnen dabei etwas
nützt. Ein Vater drückte es im Internet einmal so aus: Zum psychologischen Gutach-
ten hinzugehen oder es zu verweigern (was man lt. Gesetz als Elternteil durchaus
tun darf, wenn man der Meinung ist, dass man seine Zurechnungsfähigkeit und Er-
ziehungsfähigkeit auch anders beweisen kann) ist für die Eltern wie eine Wahl zwi-
schen „Pest und Cholera“.
Gerade die psychologischen Gutachten sind in den letzten Jahren stark in die Kritik
geraten.
• Wenn Sie am Gutachten teilnehmen, wird der Psychologe Gründe finden,
weshalb er die Rückgabe des Kindes an Sie in jedem Fall unterbinden „muss“.
• Wenn Sie nicht hingehen, kann er zwar keine Gründe finden, aber bezieht sich
auf Briefe, die Sie geschrieben haben und die Angaben der Jugendamtsmitar-
beiter, um daraus ein Ferngutachten zu erstellen.

542
Kontaktsperren durch die Jugendämter. In Deutschland existiert ein sog. Kontaktsperregesetz für Strafgefan-
gene seit 1977. Vom Jugendamt wird eine solche Kontaktsperre aber auch auf Eltern angewendet, wenn das
Kind in ein Heim kommt oder umgesetzt wird, damit es sich „in Ruhe eingewöhnt“.
543
Die Durchschnittsdauer der Heimunterbringung wurde mit 8,8 Jahren ermittelt. Quelle: Fanshel, D./Finch,
St./Grundy, J.F. (1990): Foster Children in a Life Course Perspective, New York, Columbia University Press
1990.
Schwarzbuch Jugendamt 182

Das läuft grundsätzlich auf das gleiche Ergebnis hinaus, dass Ihnen das Gericht das
Sorgerecht für Ihr Kind entziehen wird. Wenn Sie jedoch nicht teilgenommen haben
und somit ein Ferngutachten erstellt wurde, haben Sie noch eine Chance, das Gut-
achten anzufechten. Diese Chance ist äußerst gering, aber wenn Sie an dem Gut-
achten teilnehmen, haben Sie nicht einmal diese kleine Chance.544

Also überlegen Sie vorher ganz genau, ob Sie an einem solchen Gutachten wirklich
teilnehmen möchten. Das Jugendamt, Ihr Rechtsanwalt und das Gericht werden Sie
unter Druck setzen und die meisten Eltern geben nach, wenn ihnen erklärt wird, dass
sie ihr Kind vielleicht niemals wieder sehen werden, wenn sie das Gutachten verwei-
gern. Ich versichere Ihnen, dem ist nicht so. Sie sehen Ihr Kind wieder, denn der Ge-
setzgeber sieht nicht vor, dass Ihnen das Kind völlig entzogen wird, außer Sie haben
versucht, es vorsätzlich umzubringen. Das ist auch für das Jugendamt schwer zu
beweisen.545

Die „Maschinerie“ rund um Jugendamt und Gericht arbeitet schon seit Jahrzehnten
hervorragend zusammen. Mitarbeiter von Gericht und Jugendamt sind darauf ausge-
bildet, die Schwächen der Eltern auszunutzen. Wenn die Eltern in Folge der gewalt-
samen Inobhutnahme der Kinder besonders anfällig und beeinflussbar sind, können
die Mitarbeiter der Behörden sie leichter lenken.

Bitte denken Sie immer daran, dass es für jeden Jugendamtsmitarbeiter nur ein Job
ist und er die Gefühle völlig ausschaltet, wenn er mit Ihnen redet. Tut er das nicht,
funktioniert er nicht richtig und wird versetzt. Das ist u.a. der Grund, weshalb die Mit-
arbeiter, die Ihnen gegenüber sitzen, so oft wechseln. Sie sollen keine Gefühle und
kein Verständnis hervorrufen, so dass der Mitarbeiter des Jugendamtes möglicher-
weise an seiner Arbeit zweifelt und dann in einen Gewissenskonflikt gestürzt wird.546

Sie sind nur ein Fall von vielen. Selbst Ihrem Familienrechtsanwalt können Sie in
dieser Sache nur eingeschränkt vertrauen, denn auch für ihn sind Sie ein Fall und
diesen Fall möchte er so schnell, wie möglich, abhandeln. Mit dem Jugendamt muss
ein Familienrechtsanwalt viele Jahrzehnte „zusammenarbeiten“ – mit Ihnen hingegen
nur wenige Monate.547

544
www.humanesrecht.com Die Erstellung von Ferngutachten (z.B. aufgrund von Aktenlage) ist unzulässig!!!!
545
§ 1684 BGB bestimmt das Umgangsrecht beider Eltern mit dem Kind.
546
Panorama Nr. 706, Kindesentzug, Die Allmacht der Jugendämter, Bericht vom 22.01.2009, Fallbeispiel.
547
Cochemer Modell: www.ak-cochem.de.
Schwarzbuch Jugendamt 183

6.6. Ein Trost: Sie sind nicht allein, pro Tag werden bis zu 100
Kinder in Obhut genommen
Wenn Sie zu den betroffenen Elternteilen gehören, ist das nur ein schwacher Trost,
aber immerhin wissen Sie nun, dass jedes Jahr 30.000 bis 40.000 Kinder in Obhut
genommen werden und die Zahl der Inobhutnahmen seit Jahren im zweistelligen
Prozent-Bereich steigt.548

Die Bevölkerung wurde durch Medienberichte über vernachlässigte Kinder so sehr


„sensibilisiert“, dass sie schon beim kleinsten Anzeichen einer wütenden Mutter oder
eines Vaters, dem einmal die Hand ausrutscht, sofort zum Telefonhörer greift und
das Jugendamt informiert.

Alles, was bis 2005, als diese Medienkampagne gegen Eltern begann, noch als nor-
mal durchging, wie der Klaps auf den Po, wenn sich das Kind im Supermarkt vor ei-
nem Regal auf den Boden wirft und mit dem Kopf auf den Boden hämmert, oder Ge-
zeter der Mutter über den Halbwüchsigen, der zum X-ten Mal die Sporttasche nach
dem Schwimmen nicht ausgepackt hat, wo das Badehandtuch seit einer Woche vor
sich hinschimmelt, werden jetzt in die Kategorie eingestuft: „Diese Eltern sind über-
fordert. Diese Eltern und ihre Kinder brauchen dringend staatliche Hilfe, denn allein
schaffen sie es nicht mehr.“549

Spätestens, wenn sich ein netter Jugendamtsbeamter ohne Voranmeldung bei Ihnen
vorstellt und nachfragt, ob denn alles bei Ihnen in Ordnung ist, denn die Nachbarn
hätten „schon wieder“ lautes Geschrei aus ihrer Wohnung gehört, sollten Sie als El-
tern aufpassen.550
Nach Auskunft betroffener Mütter sind schon Babys aus den Wohnungen der Eltern
abgeholt worden, weil die Mutter und der Vater Kettenraucher waren und das Kind
nicht in einer „rauchbelasteten Umgebung“ aufwachsen sollte.551

548
Statistisches Bundesamt: 14% mehr Inobhutnahmen im Jahr 2008, Pressemitteilung 234 vom 25.06.2009.
549
www.jugendamtskritik.de/kritik/statistik.html Die Statistik von 2008 zeigt, daß nur 23% der Inobhutnahmen
wegen Verwahrlosung, Anzeichen für Misshandlung oder sexuellem Missbrauch durchgeführt werden.
550
www.medizinauskunft.de, Horrormeldungen in der Presse von misshandelten Kindern, aber gleichzeitig we-
sentlich weniger registrierte Fälle lt. Studie. WANC 19.10.06, Quelle: Heintze, C., et al. (2006): Erkennen von
Kindesmisshandlungen durch Pädiater und Hausärzte in Berlin, ZFA, Zeitschrift für Allgemeinmedizin, 2006, 82
(9), S. 396-401.
551
Zu den Risiken des Rauchens beim Baby: www.welt.de, Artikel vom 08.04.2008, Rauchen, bis das Baby
kommt.
Schwarzbuch Jugendamt 184

Auch die Anrufe wütender Nachbarn, die sich über den Fußball-Lärm im Garten auf-
regten und den Eltern daraufhin mit falschen Anschuldigungen das Jugendamt auf
den Hals hetzten, wurden durchaus ernst genommen und das Kind mit einer frischen
Prellung an der Schulter (der kleine war der Torwart) ins Krankenhaus gebracht, um
abzuklären, ob diese Verletzung tatsächlich vom Fußballspiel kam oder von den El-
tern verursacht worden sein könnte.552

Wie hierzulande mit Eltern umgegangen wird, ist nicht mehr normal. Die Medienkam-
pagne gegen Eltern in den letzten Jahren, hat eine riesige Hysterie ausgelöst. Von
dieser Hysterie erholt sich Deutschland nur ganz langsam.553

Es besteht auch gar kein Interesse, die momentan herrschende Praxis der Inobhut-
nahmen einfach wieder zugunsten ambulanter Hilfen, wie Beratungen oder Beschäf-
tigung der Kinder in Jugendzentren, aufzugeben, denn mit Inobhutnahmen lässt sich
leichter umgehen und gleichzeitig wesentlich mehr Geld verdienen als mit ambulan-
ten Hilfen.554

Eine Inobhutnahme kostet den Steuerzahler etwa sechsmal so viel, wie eine ambu-
lante Hilfe. Das bedeutet, wenn man die Inobhutnahmen abschaffen würde, könnte
man sechsmal so vielen Kindern und Jugendlichen helfen.
In Zeiten großer Kinderarmut555, wäre das sicherlich angebracht, denn die Eltern
brauchen oft nur geringen Beratungsaufwand, um dann die Situation allein bewälti-
gen zu können. Diese Methode würde bei den meisten Eltern einen Lernprozess
auslösen und damit ihre Selbständigkeit stärken.
Aber offensichtlich ist das nicht im Interesse der Jugendämter, denn dann könnte ein
Großteil der Gelder für die derzeitige Kinder- und Jugendhilfe für andere Zwecke um-
verteilt werden und die Jobs der vernetzten Pflegeindustrie wären gefährdet.

552
Vgl. jugendamtskritik.de/kritik/statistik.html. Blaue Flecken haben sich nach der Inobhutnahme schon öfter
als Sturz beim Fußball herausgestellt, obwohl vom Jugendamt sofort Misshandlung angenommen wurde.
553
www.derwesten.de, Bericht vom 02.02.2009, Corinna Weiß, Eltern nicht unter Generalverdacht stellen.
554
Der Westen, 11.11.2008, Interview von Corinna Weiß mit Ulrich Engelen, Jugendamt Essen: Ambulante
Maßnahmen kosten ca. 15.000 EUR/Jahr und Heimplatz ab 45.000 EUR/Jahr, aber es gibt keine Dienstanwei-
sung, nach der eine Heimunterbringung unter allen Umständen vermieden werden muß.
555
www.caritas.de/kinderarmut. Deutscher Caritas-Verband, Artikel: Armen Kindern eine Perspektive geben.
Aus dem Inhalt: 2008 waren 12% der Kinder in Deutschland armutsgefährdet. Kinderarmut ist kein Einzel-
schicksal mehr.
Schwarzbuch Jugendamt 185

Aus Erfahrung wissen die Jugendamtsmitarbeiter instinktiv, dass nur schwache El-
tern auch Probleme mit ihren Kindern haben. Das bedeutet folgerichtig, es besteht
nur wenig Interesse, die Elternkompetenzen zu stärken.556
Auf diese Weise können die Eltern von den staatlichen Hilfen abhängig gemacht wer-
den und die Jugendämter ihren Kompetenzbereich und die Geldmenge, über die sie
verfügen, ausweiten.

Wie immer hat alles rein wirtschaftliche Gründe. Die passenden sozialen und kinder-
schutz-rechtlichen Begründungen werden nachträglich eruiert und nachgeschoben,
damit die Öffentlichkeit sich nicht gegen die neuen Methoden wehrt, sondern sie als
notwendig akzeptiert.
Jeder weiß inzwischen aus dem Fernsehen, wie schlimm die Kinder in Deutschland
angeblich verwahrlost sind und wie viele Eltern mit der Erziehung der Sprösslinge
angeblich nicht mehr klar kommen. Wie immer ist der Mensch durch Fernsehbilder
hervorragend manipulierbar. Jeder Journalist wählt für seinen Artikel die passenden
Bilder aus, um seiner Botschaft mehr Gewicht zu verleihen.557
So bezieht sich auch die Medienkampagne gegen die Eltern immer wieder auf tragi-
sche Einzelschicksale, wie sie seit Menschengedenken leider immer wieder vor-
kommen, aber für die Masse der Eltern gar nicht repräsentativ sind.

Allein die Wiederholung der immer gleichen Bilder und Slogans brennt sich bei den
Zuschauern ein, wie ein Musikschlager. Die ständigen Wiederholungen vermitteln
außerdem gleichzeitig das Bild, es handele sich um ständig neue Fälle und als wäre
unsere Republik überdurchschnittlich stark betroffen.

Einen ähnlichen Effekt gab es vor einigen Jahren bei der Berichterstattung über Kin-
derschänder aus Belgien,558 die von der Polizei bis in die höchsten Regierungskreise
verfolgt wurden. Innerhalb weniger Wochen gingen die Buchungen von Urlaubsrei-
sen nach Belgien messbar zurück oder wurden storniert. Jeder Belgier wurde im
Fernsehen auf die Prozesse angesprochen und vorsichtig beäugt. Es dauerte mehr
als ein Jahr, bevor sich die Lage wieder halbwegs normalisierte.

556
Kölner Rundschau, 10.12.2009, Ambulant besser als stationär. Sie auch: Bowlby, J. (2006): Bindung.
557
Beispiel: www.derwesten.de, Bericht vom 07.07.2009, Gericht: Eltern wird brutale Misshandlung vorgewor-
fen.
558
Fall des Marc Dutroux aus den 90er Jahren. Kinderschänder-Prozesse in Belgien. Siehe, z.B.
www.wikipedia.org/wiki/marc_dutroux. Berichte im Stern: „Belgiens Schande“.
Schwarzbuch Jugendamt 186

Dabei ging es damals nur um einen einzigen großen Fall. In Deutschland wird hinge-
gen mit vielen kleinen Fällen gearbeitet, meist Familientragödien, die in dieser Form
nicht vorhersehbar waren. Aus diesen vielen Fällen wird dann auf die Mentalität einer
gesamten Bevölkerungsgruppe geschlossen und diese diskriminiert: die Eltern.

Eltern mussten sich die schlimmsten Verdächtigungen von völlig unbekannten An-
klägern gefallen lassen. Die Bevölkerung wurde zur Mithilfe aufgerufen und beschul-
digte wahllos junge Familien der Vernachlässigung, des Missbrauches und der ver-
suchten Kindstötung.559

Ähnliche Sensationslust und Denunziationswellen sind nur aus der NS-Zeit Deutsch-
lands unter der Nazi-Diktatur bekannt. Aber genau die gleichen Personengruppen,
wie damals werden auch nun wieder aktiv.560

Kindergärtnerinnen und Grundschullehrerinnen gehen zu Seminaren über Verwahr-


losung und erkennen plötzlich in jeder ihrer Klassen mehrere Fälle, die sie den Ju-
gendämtern melden. Es reicht schon aus, dass die Eltern Hartz-IV-Empfänger sind.
Das Jugendamt erscheint bei Verdacht in der Schule und lässt die Kinder nicht mehr
nach Hause, sondern bringt sie „zu ihrem Schutz“ direkt in ein Kinderheim. Den ver-
zweifelten Eltern wird später erklärt, sie hätten ihre Kinder misshandelt oder verwahr-
losen lassen, was von „Experten“ (gemeint sind die Kindergärtner und Grundschul-
lehrer) einwandfrei erkannt worden sei.561

Auch wenn Eltern mit einem verletzten Kind im Krankenhaus auftauchen, müssen sie
mit einer Inobhutnahme rechnen. Ärzte und Krankenhäuser sind per Gesetz ver-
pflichtet, eine Meldung beim Jugendamt zu machen. Das schreckt immer mehr Eltern
davon ab, ihre Kinder bei Verletzungen zu den öffentlichen Einrichtungen zu geben.
Den Kindern schadet diese Vorgehensweise, da auch schwere Stürze zunächst zu
Hause behandelt werden.562

559
Novellierung des § 1666 BGB im März 2008, Jugendamt kann Kinder ohne Nachweis des elterlichen
Versagens in Obhut nehmen. Beweislastumkehr: Eltern müssen nachweisen, dass sie nicht gegen Kindeswohl
verstoßen.
560
Münchmeier, R. (2001): Die Zeit des Nationalsozialismus, S. 43.
561
www.medizinauskunft.de, Horrormeldungen in der Presse von misshandelten Kindern, aber gleichzeitig we-
sentlich weniger registrierte Fälle lt. Studie. WANC 19.10.06, Quelle: Heintze, C., et al. (2006): Erkennen von
Kindesmisshandlungen durch Pädiater und Hausärzte in Berlin, ZFA, Zeitschrift für Allgemeinmedizin, 2006, 82
(9), S. 396-401.
562
Die Zeit, Bericht vom 16.07.2008, Angst vor der Hilfe. Bevölkerung bittet Jugendamt und Ärzte nicht um
Hilfe, weil die Angst besteht, das Kind könnte weggenommen und in ein Heim eingewiesen werden.
Schwarzbuch Jugendamt 187

Wenn das Jugendamt erst einmal einen angeblichen Misshandlungsfall festgestellt


hat, werden die Eltern auch noch vor der Staatsanwaltschaft angeklagt und müssen
mit schlimmen Strafen rechnen.

Wenn es um die Kinder geht, scheinen die Deutschen zumindest derzeit jeglichen
Sinn für die Realität des Lebens verloren zu haben.

In jeder Generation sind normale Kinder aus normalen Familien vom Fahrrad oder
vom Baum gefallen, haben sich beim Fußball oder anderen Sportarten verletzt, sich
mit Mitschülern geprügelt und dabei die Nase blutig geschlagen, den Pullover zerris-
sen oder sogar einen Zahn verloren.
Heutigen Kindern müssen die Eltern diese normalen Erfahrungen verbieten, wenn
sie nicht in die Gefahr kommen möchten, von einem „Experten“ der Misshandlung
oder Verwahrlosung bezichtigt zu werden.

Seit es aufgrund sinkender Geburtenrate weniger Kinder gibt, wird auf die wenigen
Kinder auch wesentlich mehr geachtet als früher. Früher gehörten Kinder zu jedem
Stadtbild. Auf jedem Hinterhof und auf den Straßen spielten sie Seilspringen oder
Fußball. Heute fällt es vielen Kindern schwer, in der Nachbarschaft noch gleichaltrige
Freunde zu finden. Die meisten müssen dazu in den Kindergarten, die Spielgruppe,
den Sportverein oder die Schule.563

Eltern stehen aufgrund der wenigen Kinder stärker unter Beobachtung und unter
Kontrolle. Da man als Eltern nicht alles richtig machen kann, ist diese Beobachtung
eine schwere Belastung. Gerade berufstätigen Eltern wird immer wieder vorgewor-
fen, wie sehr sie ihre Kinder angeblich vernachlässigen. Daraufhin geben die meisten
berufstätigen Eltern ihre Kinder inzwischen in Krippen und Horten ab, um eine pro-
fessionelle Erziehung zu garantieren.564
Die Erziehung in der Familie, durch Eltern, Großeltern, Geschwister, Tanten, Onkel
und andere Familienangehörige, wie sie über Jahrhunderte erfolgreich durchgeführt
wurde, findet immer seltener statt und wird von denjenigen Eltern, die ihre Kinder in
eine professionelle Erziehung geben, meist argwöhnisch beäugt.

563
Vgl. Statistisches Bundesamt unter www.destatis.de. 2009 hatte Deutschland die bisher niedrigste Geburten-
rate seit 1946.
564
J. Ecarius (2002), Familienerziehung im historischen Wandel, eine qualitative Studie über Erziehung und
Erziehungserfahrung von drei Generationen, Opladen. Pädagogische Institutionen nehmen einen immer stärke-
ren Einfluß auf die Erziehung.
Schwarzbuch Jugendamt 188

Die Erziehung in der Familie gilt nicht mehr als „normal“.565

Normal ist hingegen die institutionelle Erziehung durch professionelle Erzieher, die
den Eltern alle Elternpflichten abnehmen und die Kinder am Abend nur noch zum
Schlafen nach Hause schicken.
Eltern, die sich weigern, ihre Kinder in den Kindergarten zu geben, sondern sie in der
Familie erziehen, werden sogar von anderen Eltern dafür kritisiert, weil die Kinder
dann angeblich nicht früh genug den Umgang mit anderen Kindern lernen und in ih-
rer Sozialisation zurück seien.566

Seltsamerweise sind es aber gerade diese Kinder, die in der Familie aufgezogen
wurden, die selbstbewusster auf gleichaltrige Kinder zugehen und die größeren
Kenntnisse in schulischen Fächern und im Sport aufweisen können. Die Sozialisation
holen sie meist schon im ersten Schuljahr komplett auf und sind dann nur noch durch
ihre besseren schulischen Leistungen von den anderen Kindern zu unterscheiden.567

Vor Gericht haben Eltern zumindest keine Chance. Oder etwa doch?
Nach Umfragen aus der letzten Zeit scheinen die Gerichte langsam umzudenken. Zu
viele Kinder wurden innerhalb weniger Jahre in Obhut genommen und die Argumen-
te der Jugendämter werden immer hahnebüchener, so dass sich manch erfahrener
Richter von den Mitarbeitern des Jugendamtes auf den Arm genommen fühlt:

Kinder, die nachweislich krank sind, z.B. eine Behinderung oder ein körperliches Lei-
den haben, werden von den Jugendämtern den Eltern weggenommen und in Heime
gesperrt, obwohl Ärzte ihnen bescheinigen, dass sie operiert werden müssen und
dann wieder völlig in Ordnung sind. Den Eltern wird aber vorgeworfen, diese Be-
scheinigungen der Ärzte seien Gefälligkeitsgutachten und die Kinder durch eine fal-
sche Erziehung psychisch krank. Die medizinischen Tatsachen werden von den Ju-
gendämtern ausgeblendet und ignoriert.

Selbst wenn die Kinder operiert werden und das Leiden verschwindet, weichen die
Jugendämter noch immer nicht von ihren Vorwürfen gegenüber den Eltern ab.

565
Focus, 15.06.2008: Betreuungsgeld: Merkel lobt Erziehung zu Hause. Bundeskanzlerin Merkel will Müttern
die Rückkehr ins Arbeitsleben erleichtern. Wer nach der Geburt zu Hause bleibe, dürfe nicht von der Gesell-
schaft abgeschrieben werden.
566
WAZ, Bericht vom 06.03.2010, Arbeitgeber fordern Kindergartenpflicht. Präsident der Arbeitgeberverbände
NRW fordert eine Kindergartenpflicht.
567
Vgl. www.bmfsfj.de, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Artikel vom 17.02.2010,
Elternkompetenz stärken.
Schwarzbuch Jugendamt 189

Die Eltern haben schuld zu sein, wenn es den Kindern schlecht geht, auch wenn eine
körperliche Erkrankung vorliegt. Das Jugendamt darf keinen Fehler gemacht haben,
weil es sonst wieder wegen einer Fehldiagnose in die Schlagzeilen der Medien gerät
und derartige Berichterstattungen dem Image der Jugendämter in der Öffentlichkeit
schaden.568

Das Leid der Kinder durch die Heimunterbringung ist in diesem Zusammenhang voll-
kommen nebensächlich für die Jugendämter. Es geht ihnen nur darum, Recht zu be-
halten. Die Trennung von den Eltern wird dabei als eine probate Maßnahme genom-
men, um zu verhindern, dass die Eltern die körperliche Erkrankung behandeln lassen
können. Auf diese Weise fügen Mitarbeiter der Jugendämter den Kindern sogar noch
einen Schaden zu, der durch Einbeziehung der Eltern vermeidbar gewesen wäre.

Das Verhalten der Jugendamtsmitarbeiter gegenüber den Eltern ist mehr als seltsam.
Sie behandeln die meisten Eltern von oben herab, wie unfähige Idioten, die ihren
Kindern aus Dummheit geschadet haben. Eine Hilfe finden die Eltern i.d.R. auch bei
mehrmaliger Nachfrage nicht. Sie werden bei Problemen von den Jugendämtern al-
lein gelassen. Der riesige Beamtenapparat und die ständig wechselnden Zuständig-
keiten lassen eine sinnvolle Hilfeleistung durch die Jugendämter immer unwahr-
scheinlicher erscheinen.

Viele Betroffene berichten, sie hätten das Gefühl, die Jugendämter seien nur noch
mit Inobhutnahmen und der Vertuschung ihrer Fehler beschäftigt.

Genauso wie das Kindeswohl und das Vertrauen der Eltern bleibt auch der einzelne
Beamte auf der Strecke. Immer mehr Jugendamtsmitarbeiter lassen sich wegen psy-
chischer Belastungen von der Arbeit krankschreiben. Immer mehr von ihnen quittie-
ren den Dienst, weil sie sich der geballten Wut der Eltern gegenüber sehen und er-
kennen, dass sie selbst mit den Masseninobhutnahmen eine Mitschuld an dem Leid
von Kindern tragen.569

So geht es nicht weiter. Die Strukturen und Kompetenzen der Jugendämter müssten
völlig neu geregelt werden. Die Jugendämter müssten sich von der „Kinderklaube-

568
32.300 Inobhutnahme in 2008, Von der Leyen mahnt Jugendämter zur Vorsicht, 25.06.2009, www.welt.de.
569
Der Westen, 11.05.2009, Mehr Personal fürs Jugendamt, Interview mit Michael Ahls, Jugendamt Dinslaken:
„Die Qualität der Arbeit ist nur mit mehr Personal zu schaffen.“.
Schwarzbuch Jugendamt 190

hörde“ zu einer Organisation wandeln, die Eltern und Kindern bei der Bewältigung
des Alltags hilft.
Die Wegnahme der Kinder ist keine Hilfe, sondern verschlimmert ihr Leid und das
ihrer Familien. Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise ergibt sich eine Chance, die
Zahlungen für die Jugendhilfe so weit zu senken, dass nur noch ambulante Hilfen
möglich sind, so dass viele hunderttausend Kinder wieder in ihre Ursprungsfamilien
zurückkehren könnten.

Kein Land der Welt benötigt mehrere hunderttausend Kinder in Kinderheimen, so wie
es in Deutschland momentan der Fall ist. Die Gesellschaft kann sich diese überfüllten
Kinderheime und die Masseninobhutnahmen längst nicht mehr leisten. Das trifft fi-
nanziell genauso zu, wie politisch-gesellschaftlich.
Was hier momentan in Deutschland durchgeführt wird, ist vergleichbar mit der Inter-
nierung rassistischer Minderheiten in Lagern. Die Lager mögen einen anderen Na-
men tragen, die Insassen körperlich bei Gesundheit gehalten werden, aber die seeli-
schen Narben auf der Kinderseele bleiben.570

Wie der britische Wissenschaftler, John Bowlby, schon in den 60er und 70er Jahren
feststellte, erleiden Kinder durch den Heimaufenthalt und vor allem die zwangsweise
Trennung von ihren Familien schwere gesundheitliche Schäden, egal wie sehr sie in
den Heimen von Pflegepersonal umsorgt werden.

Die familiären Bindungen sind für die normale Entwicklung junger Menschen von so
entscheidender Wichtigkeit, dass schon Heimaufenthalte von wenigen Monaten zu
irreversiblen Schäden führen können, je nachdem wie alt das Kind ist. Aber in den
letzten Jahren werden die Thesen von Bowlby immer mehr ignoriert und die instituti-
onelle Erziehung als das „non plus ultra“ der Kindererziehung propagiert.571

Es sind zunehmend parallelen zu dem Roman „Schöne neue Welt“ erkennbar. In


diesem Science Fiction Roman geht es um ein Zukunftsszenario, in dem Liebe nur
noch Sex bedeutet und dem Spaß dient, Kinder im Reagenzglas gezeugt werden
und jedes Individuum nur sich selbst verpflichtet ist.572
Ist das wirklich die schöne neue Welt, die wir uns für unsere Kinder wünschen?
570
Neuigkeiten vom Heimkinderverband 9/2009, Kritiker prangern Machtmissbrauch der Jugendämter und Kor-
ruption in der Jugendhilfe an. Quelle: blog.ronaldfilkas.de/2009/08/10/Jugendaemter-die-unheimliche-macht-
hinter-der-justiz/print. Jugendämter überlassen Pflegekinder den privatwirtschaftlichen Heimen.
571
Bowlby, J. (2006): Bindung, S. 176 ff.
572
Vgl. Huxley, A. (2008): Schöne neue Welt, 65. Auflage, Taschenbuchverlag.
Schwarzbuch Jugendamt 191

Für die meisten Menschen ist die Welt in diesem Roman eine Horror-Vorstellung.
Zwar ist alles sauber und steril, die Krankheiten sind besiegt und die Menschen ha-
ben genug zu Essen, aber die Liebe und die Bindungen an Familie, Verwandte und
Freunde bleiben völlig auf der Strecke.

Die meisten Menschen sehnen sich nach einem Zuhause, einer glücklichen Partner-
schaft und nach Kindern. Jedes Jahr geben junge Familien viele Millionen Euro dafür
aus, um schwanger zu werden und Kinder zu bekommen. Wenn das nicht geht,
nehmen sie die schlimmsten Strapazen in Kauf, um ein Kind zu adoptieren.573
Es klingt unwahrscheinlich, wenn die gleichen Eltern bei einer Trennung, Arbeitslo-
sigkeit oder einem sonstigen schlimmen Ereignis plötzlich vom Jugendamt beschul-
digt werden, dass sie ihre Kinder misshandeln oder vernachlässigen würden.

Deshalb sollte die Inobhutnahme nicht das Mittel der Wahl sein, sondern die Dienst-
vorschrift der Jugendämter sollte Inobhutnahmen nur in ganz eng umrissenen Aus-
nahmefällen erlauben. Jugendämter sollten sich für jede Inobhutnahme vor einer ü-
bergeordneten Instanz, z.B. einem Ministerium oder einem Gericht rechtfertigen müs-
sen, wobei die Beweislast auf Seiten des Jugendamtes liegen sollte und nicht auf
Seiten der Eltern. Damit wäre ein erster Schritt getan, um die Jugendämter wieder
unter Kontrolle des Staates zu bringen und viele Kinder vor einem Schicksal als
Heimkind zu bewahren.574

573
www.rp-online.de, Bericht vom 14.11.2003, 1,5 Millionen trotz Kinderwunsch ohne Nachwuchs. Immer
mehr Paare benötigen ärztliche Hilfe.
574
Leserbrief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 05.12.2005, Prof. Dr. W. Klenner, Jugendamt
hat keine Fachaufsicht. §§ 42, 43 SGB VIII erlauben dem Jugendamt kraft eigenem Ermessen Kinder in Obhut
zu nehmen. Es besteht Rechtsunsicherheit, weil dagegen kein Rechtsmittel vorgesehen ist.
Schwarzbuch Jugendamt 192

7. Trübe Zukunftsaussichten
An der Situation in der Kinder- und Jugendhilfe hat sich auch nach den Bundestags-
wahlen vom September 2009 nichts geändert. Das Thema „Kinder“ wurde zwar von
allen Parteien für den Wahlkampf als ein großes Thema erkannt und auch in die
Kampagnen einbezogen, aber das eigentliche Problem, dass nämlich die Jugendäm-
ter nicht kontrolliert werden und immer mehr Inobhutnahmen von Kindern durchfüh-
ren, die keine Inobhutnahme brauchen, wurde ignoriert.575

Noch immer gehen die Politiker davon aus, dass die Mitarbeiter der Jugendämter alle
Tätigkeiten in den Dienst des Kindeswohls stellen. Dabei sind inzwischen hinrei-
chend viele Fälle bekannt geworden, in denen sich die Jugendämter nicht einen Deut
um das Kindeswohl scherten, sondern auch gegen die Empfehlung von Gerichten
und Ärzten Inobhutnahmen durchführten, um „uneinsichtige“ Eltern zu einer „Zu-
sammenarbeit“ zu zwingen.576

Die Inobhutnahme verkommt auf diese Weise immer mehr zu einer „erzieherischen
Maßnahme“. Es werden jedoch nicht die Kinder damit erzogen, sondern die Eltern,
obwohl die Kommentare zum SGB VIII eindeutig ausführen, dass die Inobhutnahme
nicht als erzieherische Maßnahme missbraucht werden soll.

Die meisten Jugendamtsmitarbeiter sehen zu Anfang ihrer Karriere die Möglichkeit


im Vordergrund, Kindern zu helfen. Sie denken, Kinder- und Jugendhilfe habe etwas
mit „Hilfe“ zutun. Mit der Zeit werden sie dann aber darüber aufgeklärt, dass es gar
nicht um die Hilfe im eigentlichen Sinn geht, denn die könnte man auch ambulant in
den Familien durchführen, so dass die Elternkompetenzen gestärkt werden und die
Kinder bei ihren Eltern bleiben können.

Darum geht es aber nicht, sondern das Jugendamt versteht sich mit zunehmendem
Maße als eine Art Wirtschaftsbetrieb und Zulieferindustrie für die privaten Heime und
Einrichtungen. Kinder sind dort nicht wie Menschen angesehen, sondern bilden viel-
mehr die Objekte, d.h. die Fälle, die notwendig sind, um vom Staat und von den
Kommunen finanzielle Zuwendungen zu erhalten.
575
Vgl. bundestagswahl.t-online.de/bundestagswahl-2009-Dafür-stehen-die-Parteien/ Programme der Parteien,
letzte Aktualisierung vom 24.02.2009.
576
www.morgenpost.de/printarchiv/berlin/article459567/Polizei_befreit_Baby_aus_Jugendamt-html. Artikel er
Berliner Morgenpost vom 01.06.2008. Baby wurde nach der Geburt in Obhut genommen. Gericht sah keinen
Grund, das Kind in Obhut zu nehmen.
Schwarzbuch Jugendamt 193

Die Förderung in der Kinder- und Jugendhilfe wird meist anteilig bezahlt und dann
vor allem für die stationären Fälle. Die ambulanten Maßnahmen sind preiswerter und
bringen daher nicht so viele Einnahmen und Zuschüsse, wie die stationären Maß-
nahmen. Je größer aber die Zuschüsse, desto höher das Budget, über das der Leiter
eines Jugendamtes entscheiden kann. Damit steigt die Wichtigkeit des Jugendamts
innerhalb des Systems und es kann mehr Einfluss nehmen.577
Wenn dagegen die stationären Maßnahmen durch ambulante Maßnahmen ersetzt
werden, erfolgt eine geringere Förderung und damit sinkt auch das Budget, über
welches das Jugendamt entscheiden kann. Demnach haben die Jugendämter zwar
großes Interesse an Inobhutnahmen und stationären Unterbringungen, aber geringes
Interesse an ambulanten Maßnahmen.578

Bisher waren vor allem Kinder aus Hartz-IV-Familien betroffen. Diese wurden von
den Jugendämtern genauestens darauf gecheckt, ob die Eltern ggf. gegen die Ent-
scheidungen aufbegehren könnten und mit welchen Schwierigkeiten zu rechnen war,
wenn man ihnen die Kinder wegnahm.
Da die Hartz-IV-Familien nur wenig Geld zur Verfügung haben und vielfach aus der
Unterschicht stammen, war nur mit geringem Widerstand bei einer Inobhutnahme zu
rechnen. Die Eltern wussten meist nicht einmal, wohin sie sich wenden sollten und
die Gerichte kanzelten sie relativ unorthodox mit schnellen und harten Urteilen ab.

Die Verhältnisse haben sich aber inzwischen geändert. Seit den Massenentlassun-
gen in der Wirtschaftskrise sind auch viele Leute aus der Mittelschicht, Fachleute und
Akademiker von einem Abrutschen in Hartz-IV bedroht. Das Zusammenspiel Ju-
gendamt, Gericht und psychologischer Gutachter erweist sich nun plötzlich als
schädlich für die Jugendämter. Sie können die Maschinerie, wenn sie einmal in Gang
gesetzt ist, nicht mehr aufhalten. Akademiker-Kinder werden – auch wenn sie zu Un-
recht abgeholt wurden – genauso behandelt, wie Hartz-IV-Kinder. Doch der Wider-
stand der (ehemals) höhergestellten Bevölkerungsschicht gegen diese Behandlung
durch die Jugendämter ist wesentlich stärker und wirkungsvoller.579

577
Bericht der FAZ, 21.12.2008, K. Hummel: Amtlicher Größenwahn.
578
Bericht der FAZ, 17.03.2008, K. Hummel: Jugendämter in der Kritik, Wegnehmen ist das Einfachste.
579
Leserbrief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 05.12.2005, Prof. Dr. W. Klenner, Jugendamt
hat keine Fachaufsicht. 1991 trat das Kinder- und Jugendhilfegesetz in Kraft, dessen §§ 42, 43 dem Jugendamt
erlauben kraft eigenem Ermessen Kinder in Obhut zu nehmen. Es besteht Rechtsunsicherheit, weil gegen diese
Maßnahmen des Jugendamtes kein Rechtsmittel vorgesehen ist. Seit einer Gesetzesänderung 2007 im § 1666
BGB darf auch ohne Angabe von Gründen eine Inobhutnahme erfolgen.
Schwarzbuch Jugendamt 194

Die Presse folgt wesentlich bereitwilliger der Geschichte des ungerechtfertigt wegge-
nommenen Akademiker-Kindes und plötzlich erscheinen die Beamten des Jugend-
amtes als „Geiselnehmer“, die Kinder von ihren liebevollen, erziehungsfähigen und
qualifizierten Eltern wegreißen, um sie zwangsweise in Heime zu deportieren.

Vergleiche mit der Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg drängen sich bei einer sol-
chen Berichterstattung fast zwangsläufig auf. In diesem Szenario sind die Mitarbeiter
der Jugendämter Aggressoren, die nichts anderes im Sinn haben, als Familien unge-
rechtfertigt zu beschuldigen und ihren die Kinder wegzunehmen.580

Bei einer von Experten geschätzten Ziffer von 97 % ungerechtfertigten Inobhutnah-


men tun die Jugendämter selbst ihr Übriges, um das Image von der „Kinder-Klau-
Behörde“ bei der Bevölkerung zu zementieren.581

Auch die immer wieder aufkeimenden Berichte, die von den Jugendämtern lanciert
werden und von verwahrlosten Kindern handeln, verlieren beim Leser an Interesse
und an Glaubwürdigkeit.
Wie vor über 20 Jahren in der ehemaligen DDR glaubt die Bevölkerung der Bericht-
erstattung immer weniger und liest stattdessen „zwischen den Zeilen“. Sie sieht nicht
mehr die Notwendigkeit, das Kind aus den verwahrlosten Verhältnissen herauszuho-
len, sondern sie sieht immer mehr das Schicksal der Eltern, deren Arbeitslosigkeit
oder Scheidung nach langem Kampf zu diesen Verhältnissen geführt haben, und die
von keiner behördlichen Stelle Hilfen bekamen, als sie um Hilfe baten.

Die Behördenwillkür wird immer offensichtlicher. Anstatt Prävention und Hilfe in den
Familien anzubieten, wartet das Jugendamt nur noch ab, bis es einen Grund hat, die
Kinder direkt wegzunehmen und für Jahre in Heime zu sperren. Es „ergötzt“ sich ge-
radezu an den schlimmen Schicksalen der Eltern, die ihre Kinder lieben, aber auf-
grund schlimmer Lebenskrisen nicht mehr in der Lage sind, ihre Kinder zu versorgen.
Hilfe sieht anders aus. Hilfe ist nicht, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, dem es
schlecht geht, um ihm seine Kinder wegzunehmen. Hilfe bedeutet, Hilfe für die Fami-
lie, ihr Gleichgewicht wiederzufinden, eine Arbeit anzunehmen und sich eine Zukunft
aufzubauen.
580
Exzesse der Justiz: Wormser Prozesse 1993-1997, Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Wormser_Prozesse.
581 581
Das statistische Bundesamt stellte für 2008 fest, dass nur ca. 23% der Kinder aus den sog. „klassischen
Fällen“, wie Verdacht auf Misshandlung oder Vernachlässigung in Obhut genommen werden. Von diesen Ver-
dachten bewahrheiten sich lt. Jugendamt Essen im Durchschnitt ca. 10%. Das wären somit ca. 2,3% der Fälle.
Die anderen Inobhutnahmen (ca. 97%) sind somit unnötig.
Schwarzbuch Jugendamt 195

Durch die Wegnahme der Kinder geraten die Eltern in noch schlimmere finanzielle
und psychische Krisen. Einige nehmen sich das Leben, andere greifen zur Flasche.
Das nehmen die Jugendämter ihrerseits dann wieder als Bestätigung dafür, dass sie
die Kinder angeblich „zu Recht“ aus den Familien herausgenommen haben.582

Nur in den seltensten Fällen ist die Familie stark genug, die Wegnahme eines Kindes
gesund zu überstehen. Diese Menschen kämpfen mit allen Mitteln um die Rückkehr
des Kindes und sind für alle Zeiten von der Inanspruchnahme staatlicher Hilfen ku-
riert.583

Damit sinkt der Einfluss der staatlichen Organe auf große Teile der Bevölkerung. Ein
Anzeichen dafür ist auch die um sich greifende „Wahlmüdigkeit“ durch alle Gesell-
schaftsschichten hindurch. Die Wahlbeteiligung ist in den letzten zehn Jahren rapide
gesunken. Die Regierung erleidet immer stärkere Vertrauensverluste und die Zu-
stimmung zu Regierungsprojekten innerhalb der Bevölkerung nimmt immer stärker
ab.

So gesehen ist das Problem der Inobhutnahmen nur ein weiteres Signal – ein Indiz
für den sinkenden Rückhalt, den die Regierung und die Staatsorgane in der Bevölke-
rung haben.

Diese Entwicklung ist sehr bedenklich, wird jedoch von den Politikern entweder nicht
wahrgenommen oder unterschätzt, da eine Parole der „Political Correctness“ an die
Presse ausgegeben wurde, über diese Zusammenhänge nicht oder nur einge-
schränkt zu berichten.

582
Ambulante Maßnahmen sind in der Mehrzahl der Fälle als erfolgreich anzusehen. Den Eltern werden Erzie-
hungs- und Verhaltenskompetenzen vermittelt. Siehe Spangler, G. (2004): Wirksamkeit ambulanter Jugendhil-
femaßnahmen bei Misshandlung bzw. Vernachlässigung, Eine internationale Literaturübersicht, Expertise im
Auftrag des Projektes „Kindeswohlgefährdung und allgemeiner sozialer Dienst (ASD)“, Bundesministerium für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend, September 2004.
583
Zeitung Neues Deutschland, Bericht vom 01.12.2009, Andreas Heinz, Angst vor dem Jugendamt, Kreuzber-
ger Stadtteilmütter kümmern sich um Kinder – sie wollen Misstrauen abbauen.
Schwarzbuch Jugendamt 196

7.1. Die Macht der Jugendämter: Der Fluch der „kommunalen


Selbstverwaltung“
Die Familiengerichte haben gegenüber den Jugendämtern keine Anordnungsbefug-
nis. So steht es im SGB VIII. Sie dürfen sich in fachlichen Fragen über die Notwen-
digkeit einer bestimmten Jugendhilfe, deren Dauer oder den Ort, wo sie stattfindet,
nicht einmischen.

Selbst wenn das Familiengericht Empfehlungen ausspricht, wie z.B. das Besuchs-
recht aussehen sollte, brauchen sich die Jugendämter daran nicht zu halten, sondern
können das Besuchsrecht entgegen der Empfehlung des Gerichtes einfach ausset-
zen oder in längeren Abständen durchführen, als vom Gericht angedacht.584

Aber wem ist ein Jugendamt einer Stadt oder Kommune dann Rechenschaft schul-
dig? Wer übt eine fachliche Kontrolle aus und sorgt dafür, dass nicht Unmengen von
Kindern grundlos in die Kinderheime gesperrt werden, damit das Budget größer ist,
über welches das Jugendamt verfügen kann?

Eben eine solche Kontrolle gibt es nicht!

Weder ein Gericht noch eine übergeordnete Behörde oder ein Ministerium haben
eine Kontrollfunktion über die Jugendämter. Die kommunalen Jugendämter haben
eine Selbstverwaltung und sind weder dem Familiengericht noch den Landes- oder
Bundesministerien unterstellt.585

Lediglich das Verwaltungsgericht kann bei Fehlern in den Verwaltungsvorgängen der


Jugendämter eingreifen und das Strafgericht kann eklatante Strafrechtsverletzungen
durch einzelne Mitarbeiter ahnden. Ansonsten gibt es keine Möglichkeit, die Macht
der Jugendämter zu beschneiden.

In der TV-Sendung „Maybritt Illner“ vom 26.11.2009586 diskutierten Experten über die
derzeitige Familienpolitik der Bundesregierung. Sie befürchteten eine Stigmatisierung
der Familien durch die Jugendämter. Die einhellige Meinung bestand darin, dass
man nur durch starke Eltern auch starke Kinder erhalten könne. Eine institutionelle

584
§ 79 SGB VIII lehnt die Weisungsbefugnis der Gerichte gegenüber den Jugendämtern ab
585
De.wikipedia.org/wiki/zwangsadoptionen. Kindesraub im Nationalsozialismus. Nach dem 2. Weltkrieg ver-
suchte die Bundesregierung durch die Selbstverwaltung der Jugendämter Schadenersatzansprüche aus dem Aus-
land zu unterdrücken.
586
ZDF, Fernsehrrunde „Maybritt Illner“ vom 26.11.2009.
Schwarzbuch Jugendamt 197

Erziehung könne nicht das gleiche leisten, wie eine Erziehung zu Hause bei den El-
tern. Sie könne eine Unterstützung darstellen, aber die familiäre Erziehung stehe
noch immer im Vordergrund.
Weiterhin bestand Einigkeit darüber, dass mehr als 90 % der Eltern ihre Elternschaft
ernst nehmen und die Kinder gut fördern. Weniger als 10 % hätten Schwierigkeiten,
vielfach aufgrund von Lebenskrisen. Daher sei eine generelle Regelung für alle El-
tern sinnlos, da gerade diejenigen Eltern, die eine Hilfe brauchen, sie trotz Angebot
eben gerade nicht annehmen, wenn sie aus ihrer Sicht mit Stigmatisierung oder mit
hohen Kosten verbunden ist.
Die Wahlfreiheit des großen Anteiles von mehr als 90 % der Eltern, die ihre Eltern-
kompetenz gut wahrnehmen, sollte nicht wegen weniger als 10 % „überforderter El-
tern“ eingeschränkt werden. Gerade in ländlichen Gebieten, z.B. in Bayern möchten
mehr als 2/3tel die Eltern ihre Kinder selbst erziehen und nicht schon Unter-drei-
Jährige in eine Kinderkrippe oder einen Kindergarten geben.
Einigkeit bestand darüber, dass die Kinderförderung ab dem dritten Lebensjahr sinn-
voll ist und kostenfrei erfolgen sollte. Die Bindung der Kinder an ihre Eltern sollte je-
doch nicht gestört werden, da Kinder in jedem Alter ihre Eltern für eine gesunde Ent-
wicklung brauchen.

Diese Fernsehrunde von Experten zum Thema Kindererziehung zeigte wieder ein-
mal, dass sich die unterschiedlichen Meinungen der Experten nur aus den verschie-
denen Blickwinkeln des Problems ergeben, da die einen mehr auf die weniger als
10% „überforderten“ Eltern abstellen, die anderen jedoch immer wieder darauf poch-
ten, die Rechte der mehr als 90 % „funktionierenden“ Eltern bei allen geplanten
Maßnahmen zu berücksichtigen.
Während aus Sicht der weniger als 10 % „überforderten“ Eltern eine institutionelle
Erziehung587 in Ergänzung der familiären Erziehung (d.h. in Form von ambulanten
Maßnahmen) den Kindern bessere Chancen für das spätere Arbeitsleben ermöglicht,
schränkt die gleiche Erziehungsmaßnahme die Kinder der 90 % „funktionierenden“
Eltern ein, da sie von sich aus eine wesentlich weiterführende Förderung der Kinder
vornehmen, sie zum Sport fahren, zur Nachhilfe, zum Musikunterricht, zur Theater-
AG, zu Nachmittagsveranstaltungen, zu sozialen Events, etc. Die Kinder dieser
„funktionierenden“ Eltern würden auf ein Niveau heruntergezogen, von dem die 10%
587
Konferenz, Familie und institutionelle Erziehung, 26.01.2007, Justus-Liebig-Universität Gießen. Arbeitskreis
historischer Familienforschung.
Schwarzbuch Jugendamt 198

Kinder der „überforderten“ Eltern profitieren würden. Es käme zu einem extremen


Missverhältnis, das außerdem unnötige, hohe Kosten verursachen würde.588

Es müsste daher eine Einteilung stattfinden, die jedoch eine Diskriminierung darstel-
len würde, da sie die Familien bestimmter Kinder als „überfordert“ stigmatisiert.

Dadurch ergibt sich ein neues Problem, denn wenn die Diskriminierung erfolgt und
den bedürftigen Eltern Gutscheine für Fördermaßnahmen oder kostenlose Kurse zur
Verfügung gestellt werden, erfolgt gleichzeitig eine Registrierung dieser Familien. Sie
bekommen einen Stempel aufgedrückt, den sie und ihre Kinder nie wieder loswerden
können. Sie gelten dann als „überfordert“ und „bedürftig“.589

Diese Einstufung führt zu der Gefahr, dass sofort eine Inobhutnahme der Kinder
durchgeführt werden könnte, sobald es einmal Schwierigkeiten in der Schule oder in
einem anderen Bereich gibt. Dann wird den Eltern vom Jugendamt nicht zugetraut,
diese Schwierigkeiten allein zu lösen und die Kinder werden umgehend in Obhut ge-
nommen. In der Obhut verbleiben sie dann viele Jahre und sehen ihre Eltern mögli-
cherweise nie wieder.

Das lassen sich die Eltern nicht gefallen. Lieber verzichten sie auf die Förderung
durch staatliche Stellen als Gefahr zu laufen, ihre Kinder zu verlieren.590

Auf diese Weise haben die Masseninobhutnahmen der Kinder- und Jugendhilfe im-
mens geschadet und werden noch für viele Generationen einen negativen Effekt ha-
ben. Das Vertrauen in die Kinder- und Jugendhilfe ist so stark erschüttert, dass die
ambulanten Maßnahmen von der Bevölkerung nicht mehr angenommen werden.
Wahrscheinlich ist das eines der Hauptprobleme, die durch die Masseninobhutnah-
men ausgelöst wurden.591

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde überlegt, wie man die Schadenersatzleistungen
für Kinder, die aus den NS-Besatzungsgebieten nach Deutschland verschleppt wor-

588
Der Westen, Bericht vom 02.02.2009, Corinna Weiß, Contra Meldepflicht, Eltern nicht unter Generalverdacht
stellen.
589
Äußerung des CSU-Bundestagsabgeordneten, Wolfgang Zöller vom Frühling 2007: „Natürlich darf ich Eltern,
die drastisch ausgedrückt, schon das Kindergeld versaufen, nicht noch 150 Euro zusätzlich geben“. Die bayri-
sche Familienministerin Christa Stewens erklärte dagegen der Münchner Abendzeitung: „Wir dürfen die Eltern
in diesem Land nicht unter den Generalverdacht der Asozialität stellen.“
590
Zeitung Neues Deutschland, Bericht vom 01.12.2009, Andreas Heinz, Angst vor dem Jugendamt, Kreuzber-
ger Stadtteilmütter kümmern sich um Kinder – sie wollen Misstrauen abbauen.
591
Statistisches Bundesamt: 14% mehr Inobhutnahmen im Jahr 2008, Pressemitteilung 234 vom 25.06.2009.
Schwarzbuch Jugendamt 199

den waren, vermeiden konnte. Damals kamen findige „Experten“ auf die Idee die Ju-
gendämter in die Selbstverwaltung zu entlassen. Bis dahin waren sie dem Innenmi-
nisterium untergeordnet gewesen. Aber nun musste jedes Jugendamt für sich ver-
klagt werden, um Schadenersatz zu erhalten.592

In den 1990er Jahren wurde dann noch zusätzlich die Aufsicht durch die Landesju-
gendämter abgeschafft. Seitdem sind die Jugendämter jeder Stadt und jeder Kom-
mune nur noch sich selbst verantwortlich und können in fachlicher Hinsicht tun und
lassen, was ihnen beliebt.593

Daraus ergeben sich die kuriosesten Fallbeispiele. In jeder Kommune wird die Inob-
hutnahme beispielsweise anders gehandhabt. Mangels Dienstvorschriften und Richt-
linien wird in dem gleichen Fall mal in Obhut genommen und mal reichen ambulante
Hilfen und die Kinder dürfen bei den Eltern bleiben.

Der Behördenwillkür ist damit Tür und Tor geöffnet. Die Eltern werden abhängig von
„ihrem“ Jugendamtsmitarbeiter. Bloß nicht mit ihm anlegen! Bloß nicht widerspre-
chen, sonst nimmt er uns das Kind weg und wir sehen es nie wieder!
Es entsteht eine „Atmosphäre der Angst“. Eine Vertrauensbasis kann auf einer sol-
chen Angst nicht entstehen. Im Gegenteil wird immer mehr Misstrauen gesät, je tief-
greifender die Jugendämter in die Elternrechte eingreifen dürfen.

Auch einfache ambulante Hilfen werden von vielen Familien nicht mehr angenom-
men, aus Angst, dass sie die Kinder verlieren könnten. Selbst Familien, die dringend
Hilfe benötigen, verzichten lieber auf die Förderangebote der Jugendämter und auf
die Unterstützungen, weil sie eine Stigmatisierung und letztendlich die Wegnahme
ihrer Kinder fürchten.

Wenn eine Familie erst einmal mit dem Jugendamt zutun hatte, weil eine Lehrerin die
blauen Flecke nach dem Fußballspielen als mögliche Misshandlung gemeldet hat
oder eine Scheidung den Gang zum Jugendamt notwendig machte, gerät sie in
Deutschland in eine „Behördenmühle“, aus der sie so leicht nicht wieder heraus-
kommt.

592
De.wikipedia.org/wiki/zwangsadoptionen. Kindesraub im Nationalsozialismus. Nach dem 2. Weltkrieg ver-
suchte die Bundesregierung durch die Selbstverwaltung der Jugendämter Schadenersatzansprüche aus dem Aus-
land zu unterdrücken.
593
Seit der Reform des Kindschaftsrechtes durch das SGB VIII 1990 haben die Jugendämter keine Fachaufsicht
mehr und können Kinder ohne Genehmigung der Gerichte aus den Familien nehmen.
Schwarzbuch Jugendamt 200

Plötzlich melden sich Mitarbeiter des Jugendamtes zu einem Besuch an oder stehen
ganz unangemeldet vor der Tür, um sich „unverbindlich zu erkundigen“.

Tatsächlich ist dabei nichts unverbindlich und schon gar nicht harmlos, denn über die
Besuche wird ein Bericht geschrieben und eine Akte über die Familie angelegt. Wenn
die Eltern nun empört oder wütend wegen der Anschuldigungen reagieren, machen
sie sich in den Augen der Jugendamtsmitarbeiter sogar noch „verdächtig“.

Alle Bildung, Intelligenz und Erfahrung nützt den Eltern im Umgang mit dem Jugend-
amt überhaupt nichts, denn diese Behörde spielt nach ihren eigenen Regel, um nicht
zu sagen, sie macht sie selbst.594

Wählen Sie Ihre Worte vorsichtig. Seien Sie nicht zu freundlich, aber auch nicht un-
höflich. Versuchen Sie trotz aller Provokation und Frechheit dieser Leute möglichst
ruhig zu bleiben. Sie schaden sich sonst selbst und vor allem schaden Sie Ihren Kin-
dern. Sagen Sie sich selbst immer wieder, dass diese Leute die Macht haben, Ihr
Kind ohne einen triftigen Grund mitzunehmen und in ein Kinderheim zu sperren.

Seit 2008 kann eine Inobhutnahme „rein vorsorglich“ durchgeführt werden und viel-
leicht sieht die Dame vom Jugendamt in Ihren Familienverhältnissen irgendeine Ge-
fahr für Ihr Kind, von der Sie noch gar nichts wussten.
Die Eltern erfahren solche Dinge immer zuletzt. Selbst wenn tatsächlich eine Gefahr
bestehen sollte, werden Sie nicht vom Jugendamt darauf aufmerksam gemacht,
denn sonst könnten sie die Gefahr beseitigen und dann wäre kein Handlungsgrund
mehr für das Jugendamt gegeben. Aber Sie würden sich wundern, was in den Be-
richten des Jugendamtes alles über Sie und Ihre Lebensweise steht, wovon Sie
selbst noch nichts wussten.595

Auch Kleinigkeiten in der Ausdrucksweise kann größtes Gewicht beigemessen wer-


den, wenn Sie z.B. mehr über die Kompetenzen der Jugendamtsmitarbeiter erfahren
möchten, wird Ihnen dieses Informationsrecht, das Ihnen nach BGB eigentlich zu-
steht, gerne als „persönlicher Angriff“ ausgelegt oder als Aufsässigkeit gegen den
Behördenvertreter interpretiert.596

594
Bericht der FAZ, 21.12.2008, K. Hummel: Amtlicher Größenwahn.
595
www.vaeterfürkinder.de/jugendamt.html. Die Akten werden lt. dortiger Aussage teilweise „bereinigt“.
596
Jugendamtskritik.de/kritik/krititk/Wiesner.html. Es wird immer von unkooperativen Eltern gesprochen, aber
wenn das Jugendamt unkooperativ ist, kann es von keinem Gericht gezwungen werden, mit den Eltern koopera-
tiv zu sein.
Schwarzbuch Jugendamt 201

Seien Sie grundsätzlich auf alles gefasst. Diese Leute haben sehr viel Erfahrung dar-
in, Eltern Fehler nachzuweisen und arbeiten mit allen Tricks, um Ihnen Ihre Kinder
wegzunehmen – wenn Sie Ihnen dazu Gelegenheit geben.

Dieses Phänomen trifft aber leider nicht nur auf einzelne Jugendämter zu, sondern ist
allgemein bei vielen Behörden zu beobachten. Schon in dem Roman „Die Welle“597
wurde beschrieben, wie sich mit der Zeit eine Täter-Opfer-Beziehung entwickelt. Da
das Jugendamt in der Beziehung zu Ihnen in jedem Fall der Stärkere sein wird, wer-
den sich die Vertreter des Jugendamtes Ihnen gegenüber mit der Zeit immer mehr
herausnehmen, bis Ihnen irgendwann der Kragen platzt. Dann wird versucht, Sie in
die Aggressoren-Ecke abzuschieben.

Bleiben Sie also so lange, wie möglich, ruhig. Lassen Sie die Provokationen der Ju-
gendamtsmitarbeiter ins Leere gehen. Holen Sie sich Zeugen, die die Provokationen
bestätigen können und halten Sie die Geschehnisse Ihrerseits ebenfalls in einem
Protokoll fest, damit Sie Beweise haben, falls Sie sich irgendwann gegen die Frech-
heiten wehren müssen.

Eine junge Frau jammerte dem Beamten einer Essener Sozialbehörde 1999 vor, wie
wenig Geld sie habe und dass sie mit ihrem kleinen Kind von Hartz-IV kaum leben
könne. Daraufhin sah sie der Beamte von oben bis unten an und sagte zu ihr mit ei-
nem anzüglichen Lächeln, sie sei bei ihrer Figur doch wohl nicht auf Hartz-IV ange-
wiesen, sondern er könne sich doch noch einige andere Möglichkeiten denken, wie
sie zu Geld kommen könne. Die Anspielung galt ganz eindeutig dem „horizontalen
Gewerbe“. Die junge Frau erzählte später davon, wie sie mit hochrotem Kopf aus
dem Büro gestürmt sei. Trotzdem musste sie eine Woche später wieder zu dem glei-
chen Beamten und einen Antrag stellen. Ein Wechsel des Sachbearbeiters war an-
geblich nicht möglich und mangels Zeugen für den Vorfall hatte die Frau keine Be-
weise. Da kann man manchmal nur noch mit dem Kopf schütteln.

Insbesondere der Amtsmissbrauch durch Jugendämter in Deutschland ist auch in


den Medien dokumentiert.598

597
Vgl. Rhue, M./ Noak, H.-G. (2008): Die Welle – Bericht über einen Unterrichtsversuch, der zu weit ging.
Neuauflage, Ravensburger Buchverlag.
598
Vgl. www.rbb-online.de, Beitrag vom 26.09.2007. Amtsmissbrauch durch Jugendamt. Gefahrenlage wird
durch Jugendamtsmitarbeiter scheinbar oft nur vorgetäuscht, um Kinder aus Familien herausnehmen zu können.
Schwarzbuch Jugendamt 202

Eine andere Mutter erzählte, wie sie von einer Beamtin des Jugendamtes so lange
provoziert wurde, bis sie im Jugendamt eine Szene machte. Die Beamtin rief die Po-
lizei und die Mutter wurde „vor die Tür gesetzt“.

Lassen Sie es nicht so weit kommen. Sie haben noch immer das Mittel der Dienst-
aufsichtsbeschwerde. Wenn tatsächlich nichts mehr geht, können Sie an den Vorge-
setzten des Mitarbeiters oder der Mitarbeiterin des Jugendamtes schreiben und um
einen Wechsel der Zuständigkeit bitten.

Machen Sie sich aber keine Hoffnung, dass Sie nun jemand anderen zugeteilt be-
kommen. Sie haben lediglich erreicht, dass Ihr Sachbearbeiter sich Ihnen gegenüber
vorsichtiger und hoffentlich etwas anständiger verhält, weil jede Dienstaufsichtsbe-
schwerde in die Personalakte kommt und bei einer Beförderung negativ bewertet
werden kann.
Das deutsche Beamtensystem mit allen Nachteilen und Problemen für einzelne Indi-
viduen werden Sie dadurch nicht ändern.
Schwarzbuch Jugendamt 203

7.2. Familien haben in Deutschland keine Lobby


Was bedeuten die Familie und ihre Bindungen für ein Kind?
In einem Seminar an der Universität Köln hat man versucht, darauf eine eindeutige
Antwort zu geben:599

„Das Wichtigste für ein Kind in den ersten Lebensjahren ist eine enge und na-
turgegebene Gemeinschaft mit der Mutter. Eine gute Voraussetzung für eine
positive Entwicklung beinhaltet nicht nur die physische und medizinische Pflege,
sondern vor allem den intensiven seelischen Kontakt mit der Mutter bzw. einer
Ersatzperson. Eine solche gut funktionierende stetige Beziehung zwischen Mut-
ter und Kind bedeutet eine Befriedigung für beide und legt den Grundstein für
die Charakterentwicklung des Kindes, sowie für seine seelische Gesundheit.

… Sollte die intensive Beziehung zwischen Mutter und Kind unterbrochen wer-
den bzw. gar nicht existieren, können Deprivationen die Folge sein. Hierbei wird
zwischen der partiellen Deprivation, die eine eingeschränkte Befriedigung be-
deutet, und der totalen Deprivation, die das Ausbleiben der gesamten Bezie-
hung beinhaltet, unterschieden. Letztere kann verursacht werden durch z.B.
Verlust der Mutter durch Tod, Krankheit oder durch Trennung von er Mutter und
einer Unterbringung bei fremden Personen.“

Die Quote der unnötig in Obhut genommenen Kinder, die man auch mit einer ambu-
lanten Pflege zu Hause hätte betreuen können, beträgt ca. 97 %.
Nur in 3 % der Inobhutnahmen waren somit die Maßnahmen der Jugendämter not-
wendig und richtig. Allen anderen Kindern schadet das Jugendamt mit seiner Politik
der Masseninobhutnahmen.600

Jeden Tag wurden 2008 durchschnittlich 77 Kinder in Deutschland in Obhut genom-


men. An jedem Tag, auch an Sonn- und Feiertagen. Das Jugendamt arbeitet aber
nur fünf Tage die Woche. Das bedeutet, tatsächlich liegt die Zahl der Kinder, die täg-
lich in Obhut genommen wurden, bei über 100 Kindern pro Tag.601

599
Universität Köln, 2001: www.uni-koeln.de/hp-fak/gb/informationen/heinen.
600
Das statistische Bundesamt stellte für 2008 fest, dass nur ca. 23% der Kinder aus den sog. „klassischen Fäl-
len“, wie Verdacht auf Misshandlung oder Vernachlässigung in Obhut genommen werden. Von diesen Verdach-
ten bewahrheiten sich lt. Jugendamt Essen im Durchschnitt ca. 10%. Das wären somit ca. 2,3% der Fälle. Die
anderen Inobhutnahmen (ca. 97%) sind somit unnötig.
601
www.destatis.de, Pressemitteilung Nr. 254 vom 15.07.2008.
Schwarzbuch Jugendamt 204

Zudem war von 2008 auf 2009 eine Steigerung von 14,4 % zu verzeichnen.602
So viele zerstörte Kinderseelen. Aber alles angeblich im Namen des Kindeswohls.
Ein Kollateralschaden, wie bei der Atombombe von Hiroschima.603

Aber Familien haben in Deutschland keine Lobby, die gemeinschaftlich für die Rech-
te der Familien kämpft und einen maßgeblichen Einfluss auf die Politik nehmen kann.
Jede Familie denkt, das passiert nur den anderen. Wir behandeln unsere Kinder gut.
Die anderen haben etwas falsch gemacht.604
Sollten tatsächlich etwa einhundert Familien pro Tag so gravierende Fehler in der
Erziehung begangen haben, dass man ihnen deswegen die Kinder wegnehmen
muss? Oder ist es nicht vielmehr so, dass die Jugendamtsmitarbeiter von ihren Mög-
lichkeiten Gebrauch machen und immer mehr Kinder „vorsorglich“ in Obhut nehmen.

Das Gesetz kennt eine „vorsorgliche“ Inobhutnahmen nicht.

Das bedeutet, nach dem Gesetzt sind die Kinder entweder in Obhut, weil sich erwie-
sen hat, dass die Eltern eines Verbrechens schuldig sind, oder die Kinder sind bei
den Eltern, weil die Eltern unschuldig sind.
Darüber entscheidet nach dem neuen Kindschaftsrecht seit 1998 allein das Jugend-
amt, in reiner Eigenverantwortung. Eine übergeordnete Stelle gibt es nicht.605

Vielleicht kennen Sie den Film „The Fountain – Quell des Lebens“606. Ein Kunst-Film
mit Hugh Jackman und Rachel Weisz. Der Film ist nicht leicht zu verstehen. Was
aber sehr gut vermittelt wird, ist die Hoffnungslosigkeit der Hauptperson, mal darge-
stellt als Konquistador zur Zeit der Spanischen Inquisition, mal in der Gegenwart als
Gehirnchirurg, der gegen den Krebstod seiner Frau kämpft, und schließlich als Zu-
kunftsgeschöpf auf einem fernen Planeten. Er kämpft immer wieder um das Leben

602
Statistisches Bundesamt: 14% mehr Inobhutnahmen im Jahr 2008, Pressemitteilung 234 vom 25.06.2009.
603
Vgl. de.wikipedia.org/wiki/Atombombenabwürfe_auf_Hiroshima_und_Nagasaki. Durch die Explosion star-
ben ca. 92.000 Menschen und weitere 130.000 später durch die radioaktive Strahlung. Die Kinder erlitten in der
Folgegeneration genetische Folgeschäden.
604
Novellierung des § 1666 BGB im März 2008, Jugendamt kann Kinder ohne Nachweis des elterlichen
Versagens in Obhut nehmen. Beweislastumkehr: Eltern müssen nachweisen, dass sie nicht gegen Kindeswohl
verstoßen.
605
Leserbrief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 05.12.2005, Prof. Dr. W. Klenner, Jugendamt
hat keine Fachaufsicht. 1991 trat das Kinder- und Jugendhilfegesetz in Kraft, dessen §§ 42, 43 dem Jugendamt
erlauben kraft eigenem Ermessen Kinder in Obhut zu nehmen. Es besteht Rechtsunsicherheit, weil gegen diese
Maßnahmen des Jugendamtes kein Rechtsmittel vorgesehen ist. Seit einer Gesetzesänderung 2007 im § 1666
BGB darf auch ohne Angabe von Gründen eine Inobhutnahme erfolgen
606
Vgl. de.wikipedia.org/wiki/The_Fourntain.
Schwarzbuch Jugendamt 205

eines geliebten Menschen – und immer wieder verliert er. Trotzdem nimmt er aus
Liebe beständig den Kampf auf.
Genauso fühlen sich die Eltern, denen man die Kinder weggenommen hat. Ihr gan-
zes Leben lang kämpfen sie darum, die Kinder wiederzubekommen. Sie kämpfen mit
allem, was sie haben. Sie setzen all ihr Geld ein und ihre ganze Energie. Sie ver-
zweifeln. Viele verfallen in Depressionen und bringen sich um. Die anderen raffen
sich immer wieder auf und kämpfen erneut um die Feilassung ihrer Kinder.607
Das geht so über Monate und Jahre. Keiner weiß, wie viele Familien genau betroffen
sind, weil die Jugendämter die genauen Zahlen nicht preisgeben. Nach Hochrech-
nungen bzgl. der Zahl der Inobhutnahmen zu schließen, handelt es sich jedoch um
mindestens 350.000 Familien in Deutschland.608

Mit diesen Familien blockieren die Jugendämter über Jahre hinweg sich selbst und
die Familiengerichte.

Was für eine Verschwendung an Lebensenergie, Geld und Wirtschaftskraft für einen
modernen Staat, wie die Bundesrepublik Deutschland, der in Zeiten schlimmer Re-
zessionen so sehr auf den Beitrag jedes Mitbürgers angewiesen ist!

Die Inobhutnahme ist nun ein Versuch, die Bindung zwischen den Eltern und den
Kindern zu zerstören, um die Kinder umzuerziehen. Sie werden über Monate nicht zu
ihren Eltern gelassen, weil sie „zur Ruhe kommen müssen“.

Keiner weiß, was mit diesem „Zur-Ruhe-Kommen“ gemeint ist. Die meisten Kinder
werden wegen Umgangsstreitigkeiten der Eltern aus den Familien genommen. Was
es ihnen bringen soll, neben dem einen Elternteil, den sie durch die Scheidung verlo-
ren haben, nun auch noch den anderen Elternteil zu verlieren, an den sie sich mit
ihrer ganzen Liebe gehängt haben, ist nicht nachvollziehbar. Gesund ist es in keinem
Fall. Es macht die Kinder krank.609

607
Neuigkeiten vom Heimkinderverband 9/2009, Kritiker prangern Machtmissbrauch der Jugendämter und Kor-
ruption in der Jugendhilfe an. Quelle: blog.ronaldfilkas.de/2009/08/10/Jugendaemter-die-unheimliche-macht-
hinter-der-justiz/print. Jugendämter überlassen Pflegekinder den privatwirtschaftlichen Heimen.
608
Stellungnahme des Heimkinderverbandes zur Bundestagswahl 2009.
www.heimkinderverband.de/newsletter9_09.pdf. Der Verband schätzt, daß mehr als 300.000 Kinder in Deutsch-
land im Heim untergebracht sind
609
Berliner Morgenpost vom 08.08.2009 (Samstagsausgabe): Vernachlässigung und körperliche Misshandlung
von Kindern rückläufig. Dagegen wird angeblich mehr „psychische Gewalt“ angewendet. Lt. Definition von
Spiegel-Wissen (Ausgabe 06.03.2007) ist psychische Gewalt: Drohung, Einschüchterung und Liebesentzug.
Hinweis des Verfassers: Demnach ist auch die gewaltsame Inobhutnahme und Heimunterbringung von Kindern
eine psychische Folter.
Schwarzbuch Jugendamt 206

Auf diese Weise schaden die Jugendämter jedes Jahr vielen tausend Kindern. Aber
alles, was man von Jugendamtsmitarbeitern als Kommentar dazu erhält, wenn sie
damit konfrontiert werden, lautet: „Das ist mein Auftrag!“

Auch die Schützen an der Deutschen Mauer610 hatten einen Auftrag und auch sie
haben je nachdem, was ihnen ihr Gewissen auftrug, geschossen oder in die Luft ge-
zielt.
Ebenfalls hatten die Richter im Dritten Reich611 einen Auftrag. Sie haben Todesurteile
gesprochen oder sich für eine Gefängnisstrafe entschieden.

Der australische Premierminister hat sich im November 2009 bei den Opfern der
Kinderheime entschuldigt, in die bis in die 1970er Jahre von den Engländern Wai-
senkinder aus ärmlichen Verhältnissen deportiert wurden. Diese Kinder wurden als
billige Arbeitskräfte verkauft, misshandelt und missbraucht.612

Wenn dieser ganze Wahnsinn der Masseninobhutnahmen irgendwann vorbei ist,


wird die Geschichte darüber urteilen, was von den Jugendamtsmitarbeitern zu halten
war, die heute die Inobhutnahmen unterstützen und tausende von Kindern aus ihren
Familien gerissen haben. Diese Jugendamtsmitarbeiter haben vielleicht einen Auf-
trag, aber sie handeln nicht im Sinne des Kindeswohls.

Ende der 90er Jahre wurde ein großer Missbrauchsprozess in Deutschland geführt.
Mehrere Eltern eines kleinen Dorfes wurden angeklagt, ihre eigenen Kinder sexuell
missbraucht zu haben. Es stellte sich schließlich heraus, dass kein einziger dieser
Eltern seinen Kindern etwas getan hatte. Aber zu diesem Zeitpunkt hatten sie schon
ein jahrelanges Spießrutenlaufen hinter sich und eine Großmutter war sogar an den
Strapazen der Haft gestorben, die ihr als alter Frau zugemutet worden waren. Nach-
träglich entschuldigten sich die Richter in aller Form für das Unglück, dass sie diesen
Familien und ihren Kindern zugefügt hatten. Auch in diesem Fall hatten Jugend-
amtsmitarbeiter im (falsch verstandenen) Auftrag gehandelt. Sie wurden nicht be-
straft und versehen ihren Dienst noch heute. Die betroffenen Eltern und ihre Kinder
hatte es jedoch sehr schwer wieder in ein normales Leben zurückzufinden und befin-

610
Vgl. de.wikipedia.org/wiki/Schiessbefehl.
611
www.welt.de. Artikel vom 01.08.2008, G. Ismar, Vor 75 Jahren gab es die ersten NW-Hinrichtungen.
612
Zeitschrift Focus, 16.11.2009, Australien entschuldigt sich bei Heimkindern. Der australische Premierminister
Kevin Rudd entschuldigt sich im November 2009 bei Heimkindern.
Schwarzbuch Jugendamt 207

den sich zum Teil noch heute, fast zwanzig Jahre nach dem Vorfall in ärztlicher Be-
handlung.613

Was in Deutschland Kindern und ihren Eltern angetan wird, ist beispiellos auf der
ganzen Welt. Kein anderes Land der Erde geht so lieblos mit seinen Kindern um. In
keinem anderen Land der Welt haben Eltern so sehr mit Vorurteilen und amtlichem
Misstrauen zu kämpfen, wie in Deutschland.614
Es ist für Eltern, die einmal in die Mühlen der Justiz und vor allem die Mühlen eines
Jugendamtes geraten sind, unmöglich, ihre Unschuld zu beweisen.

Die Jugendämter machen angeblich keine Fehler. Sie dürfen gar keine Fehler ma-
chen, denn diese sind im SGB VIII nicht vorgesehen. Für den Fall, dass ein Fehler
eines Jugendamtes auftritt, gibt es auch keine Dienstvorschriften.

Daher werden alle Fälle, in denen das Jugendamt vielleicht doch einen Fehler ge-
macht haben könnte, so überarbeitet und zurechtgestrickt, dass die Eltern als Ver-
brecher dastehen. Auf diese Weise können Gerichtsurteile erwirkt werden, mit denen
das Jugendamt sich rechtfertigt und wiederum gegen neue Eltern vorgehen kann.615

Die Eltern werden völlig unvorbereitet mit dieser Behörde konfrontiert. Sie kommen
gar nicht darauf, dass sie in den Augen der Jugendamtsmitarbeiter von vornherein
potenzielle Schuldige sind, selbst wenn sie noch nicht einmal den Mund aufgemacht
haben. Es reicht aus, dass sie Schuldige sein „könnten“.616

Da alle Eltern irgendetwas falsch machen, brauchen die Beamten vom Jugendamt
nicht lange zu suchen. Wenn die Kinder nicht misshandelt werden, dann werden sie
eben vernachlässigt, aber wenn sich die Eltern immer um sie gekümmert haben und
sie nicht vernachlässigt sind, dann haben sich die Eltern eben zuviel um die Kinder
gekümmert und sie damit überfordert, anstatt ihnen Freiräume zu lassen.

Diese Argumente finden sich in exakt dieser Reihenfolge immer wieder bei Inobhut-
nahmen. Einige von ihnen sogar nach einander in dem gleichen Fall. Wenn sich her-
ausstellte, dass ein Argument nicht passte, wird schnell das nächste Argument nach-

613
Exzesse der Justiz: Wormser Prozesse 1993-1997, Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Wormser_Prozesse.
614
Zeitung Neues Deutschland, Bericht vom 01.12.2009, Andreas Heinz, Angst vor dem Jugendamt, Kreuzber-
ger Stadtteilmütter kümmern sich um Kinder – sie wollen Misstrauen abbauen.
615
www.vaeterfürkinder.de/jugendamt.html. Die Akten werden bereinigt, d.h. Teile der Akten werden entfernt.
616
Der Westen, Bericht vom 02.02.2009, Corinna Weiß, Contra Meldepflicht, Eltern nicht unter Generalverdacht
stellen.
Schwarzbuch Jugendamt 208

geschoben, damit das Kind auf keinen Fall an die Eltern zurückgegeben werden
muss.617

Das erklärte Ziel der Jugendämter besteht offensichtlich darin, die Kinder so lange
wie möglich im Kinderheim zu behalten. Die Rückgabe eines Kindes an seine Eltern
ist für die Jugendämter so etwas, wie der „Super-GAU“ – selbst wenn im Gesetz
steht, dass das Ziel jeder Inobhutnahme die Rückgabe der Kinder sein „sollte“. Die
Paragraphen des SGB VIII sind „Gummiparagraphen“ und lassen sich immer so aus-
legen, dass eine Rückgabe noch nicht notwendig ist und weiter verschoben werden
kann. Wieder hat das mit dem Kindeswohl nicht das Geringste zutun.

Das Jugendamt versucht so viele Kinder, wie möglich, so lange, wie möglich, festzu-
halten.618

In den kommenden Jahren wird sich viel ändern in Wirtschaft und Gesellschaft. Die
Globalisierung zwingt die Europäer zu einem rigorosen Umdenken. Die Haushalte
der meisten Länder sind nicht mehr gedeckt und Geld wird wieder einmal zu einer
der knappsten Ressourcen des Staates. Das Problem besteht darin, dass das Steu-
eraufkommen mehr und mehr zurückgeht, weil die arbeitende Bevölkerung
schrumpft. Daraufhin können auch soziale Projekte, wie die Kinder- und Jugendhilfe
nicht mehr finanziert werden.619

Diese Entwicklung lässt darauf hoffen, dass die Inobhutnahmen aus Kostengründen
durch ambulante Hilfen in den Familien ersetzt und die Kinder wieder zu ihren Eltern
zurückgeführt werden. Leider wirken sich derartige Probleme in den Ländern erst mit
großer Verzögerung von mehreren Jahren auf die Gesetze aus.

Im Falle der Jugendhilfe ist eine eindeutige Überregulierung zu erkennen. Den Eltern
wird ihr Freiraum zur Erziehung immer mehr eingeschränkt. Dabei geben Experten
zu, dass bei mehr als 90 % der Eltern alles gut läuft und nur bei weniger als 10% ei-
ne Unterstützung durch die Kinder- und Jugendhilfe – gemeint sind in erster Linie

617
Eine Rückgabe der Kinder an die leiblichen Eltern wird von den Jugendämtern ganz im Gegensatz zur Ver-
pflichtung des SGB VIII meist vermieden bzw. möglichst lange vereitelt. Das Europäische Parlament und die
Vereinten Nationen klagen die Jugendämter wegen der Kindesentziehungen „auf Verdacht“ ohne dass die Eltern
sich etwas Konkretes haben zu Schulden kommen lassen, der Menschenrechtsverletzungen an. Deutschland ist
weltweit das einzige Land, in dem die Jugendämter nicht der Weisung eines Gerichtes oder übergeordneten
Behörde unterstehen und Kinder „vorsorglich“ aus den Familien herausnehmen können, ohne dass zuvor etwas
konkretes vorgefallen sein muß.
618
Panorama Nr. 706, Kindesentzug, Die Allmacht der Jugendämter, Bericht vom 22.01.2009, Fallbeispiel.
619
www.N24.de, 11.04.2008, Wirtschaftskrise beutelt Landesbanken.
Schwarzbuch Jugendamt 209

ambulante Maßnahmen – notwendig wäre. Das SGB VIII ist aber nicht nur für die
weniger als 10 % bedürftigen Familien gemacht, sondern für alle Familien. Deshalb
sind auch alle Familien von diesen Gesetzen betroffen, ob sie eine Hilfe benötigen
oder nicht.620

Immer öfter greift die Kinder- und Jugendhilfe mit Inobhutnahmen in die Familien ein,
anstatt zunächst ambulante Hilfen anzubieten und vor allem eine Vertrauensbasis
aufzubauen, damit diese ambulante Hilfe überhaupt angenommen werden kann.
Ambulante Hilfen anzubieten, die mit einer Stigmatisierung der Eltern verbunden
sind, ist keine Hilfe, sondern eine Bedrohung. Aufgrund der Stigmatisierung wird die
Lage der Kinder verschlimmert anstatt gebessert. Das verhindert wiederum, dass die
Eltern diese Hilfen annehmen.

Es wäre daher notwendig, dass die Jugendhilfen bedarfsgerecht geplant und ange-
wendet werden. Der Zusammenarbeit mit den Eltern müsste hierfür ein größerer
Stellenwert gegeben werden. Bisher werden die Eltern eher als lästig oder schädlich
eingestuft, wenn es um die Kinder- und Jugendhilfe geht. Diese Einstellung der Ju-
gendamtsmitarbeiter müsste sich zunächst ändern, damit die Maßnahmen der Kin-
der- und Jugendhilfe ihre Wirkung entfalten können.

Solange noch immer gerichtlich bestellte Betreuer die Eltern von den Kindern fern
halten, solange Eltern mit fadenscheinigen Begründungen, wie „Besuche sind derzeit
organisatorisch nicht möglich“ in ihren Elternrechten beschnitten werden und solange
die Gerichte und vorgesetzten Behörden dabei tatenlos zusehen, werden weiterhin
unnötige Inobhutnahmen durchgeführt, welche den betroffenen Kindern schaden.

Wir brauchen nicht mit dem Finger auf die Verhältnisse im Ausland zu zeigen und die
Menschenrechtsverletzungen in China oder Russland zu beklagen,621 wenn hier in
Deutschland noch immer jeden Tag hunderte Familien durch Sachbearbeiter davon
abgehalten werden, ihre Kinder zu besuchen, die vom Jugendamt in Obhut genom-
men wurden und wenn diese Kinder nachweislich aus Gründen von ihren Familien
getrennt wurden, bei denen eine ambulante Hilfe völlig ausgereicht hätte.

620
ZDF, Fernsehrrunde „Maybritt Illner“ vom 26.11.2009.
621
www.forumchina.de/chinas-ein-kind-politik. In Europa wird diese Politik kritisiert, weil ein Grundrecht der
Menschen beschnitten wird, so viele Kinder zu bekommen, wie man sich wünscht. Aber hier in Deutschland
wird durch die Inobhutnahmen der Jugendämter ein ähnlicher Effekt ausgelöst.
Schwarzbuch Jugendamt 210

Die Bundesrepublik Deutschland wurde vom Europäischen Gerichtshof für Men-


schenrechte dazu aufgefordert, eine bessere Kontrolle der Jugendämter durchzufüh-
ren, damit diese nicht permanent die Menschenrechter der betroffenen Bevölkerung
verletzen.622 Es handelt sich nicht um Einzelfälle, sondern um hunderte von Klagen,
die inzwischen gegen die Bundesrepublik und ihre Jugendämter geführt wurden. Die
Vielzahl dieser Fälle beweist, dass eine Änderung unbedingt nötig ist und die Ange-
legenheit immer bedrohlicher für Familien mit Kindern wird.

Gleichzeitig nimmt die Zahl der Familien mit Kindern zu, die wegen Schwierigkeiten
mit dem Jugendamt Deutschland verlassen. Sie gehen beispielsweise, weil sie mit
der Schulform nicht einverstanden sind, weil sie sich durch das Ehe- und Schei-
dungsrecht eingeengt fühlen oder weil sie schlechte Erfahrungen mit dem Rechtssys-
tem gemacht haben. Hinzu kommt die große Zahl der Deutschen, die im Ausland
nach einer neuen Arbeit und besseren wirtschaftlichen Lebensbedingungen suchen.

Deutschland erlebt derzeit einen Exodus von so großem Ausmaß, dass bei einer wei-
terhin sinkenden Geburtenrate lt. dem europäischen Statistik-Institut EUROSTAT die
Bevölkerung Deutschlands bis ca. 2060 um etwa 20 Millionen Menschen gesunken
sein wird. 623

England und Frankreich werden dann eine größere und vor allem jüngere Bevölke-
rung haben als Deutschland und es in seiner Führungsrolle in Europa ablösen.
Gleichzeitig wird die Bevölkerung in Deutschland immer älter und die Zuwanderun-
gen junger Familien aus dem Ausland bleiben immer mehr aus.
Deutschland wird sich den Sozialstaat, den es bisher gehabt hat, nicht mehr leisten
können. Der riesige Bürokraten-Apparat muss abgebaut werden, um die Sozialleis-
tungen überhaupt noch finanzieren zu können. Neben den Renten werden auch die
Pensionen zusammengestrichen. Es wird noch eine Mindestversorgung für alte Leu-
te geben, aber die meisten Senioren müssen so lange arbeiten, wie möglich, und
haben dennoch zuwenig zum Leben.

Ein schlimmes Szenario, das uns jedoch alle treffen wird, wenn wir alt sind. In Län-
dern, die nicht das gleiche Sozialstaatssystem kennen, wie in Deutschland herrschen
heute bereits ähnliche Verhältnisse. Ein festes Rentenalter gibt es meist nicht. Auch

622
Sitzung des Petitionsausschusses des Europäischen Parlamentes gegen deutsche Jugendämter, insbes. Sitzung
vom 07.06.2007.
623
Vgl. Studie des Institutes EUSTAT vom 26.08.2008. Quelle: Die Zeit-Online.
Schwarzbuch Jugendamt 211

Siebzigjährige und Achtzigjährige werden noch für Hausmeistertätigkeiten oder für


das Einsammeln von Einkaufswagen im Supermarkt beschäftigt. Schon heute gibt es
in Deutschland alte Menschen, die in den Abfällen nach Pfand-Flaschen suchen, um
sich damit ihre Rente „aufzubessern“. Das wird nicht mehr die Ausnahme sein, son-
dern die Regel.

In dieser Zeit können unsere Kinder nur überleben, wenn sie eine gute Ausbildung
haben. Es ist daher der größte Fehler, Kinder wegen einer angeblichen „Überförde-
rung“ aus ihren Familien herauszureißen, wie es von den Gerichten und Jugendäm-
tern mancherorts noch immer der Fall ist. 624
Diese eigenartigen Fälle, bei denen den Eltern wegen ihres angeblich „überfördern-
den“ Erziehungsstiles die Kinder weggenommen werden, müssen unterbunden wer-
den. Man darf den Eltern nicht das Sorgerecht entziehen, weil sie ihre Kinder zu
Sprachkursen und Computer-Training schicken. Diese Kurse sind wichtig, damit die
Kinder in Zukunft bessere Startbedingungen haben.625

Natürlich ist ein Kind nicht so zu behandeln, wie ein Erwachsener, und sollte Frei-
räume bekommen, um zu spielen und sich auszutoben. Aber was hilft dem jungen
Erwachsenen auf Arbeitssuche dieser Freiraum im Kindesalter, wenn er später er-
kennt, dass ihm ein Wettbewerber aus einem anderen Staat, der schon in der Kind-
heit kindgerecht an Fremdsprachen und Computerprogramme herangeführt wurde,
den Arbeitsplatz vor der Nase weggeschnappt hat.

Einerseits müssen die Kinder gefördert werden, um sich mit ihren Leistungen gute
Startchancen für die Zukunft als Erwachsener zu erarbeiten.
Andererseits sollten Kinder Freiräume bekommen, um sich auszuprobieren und Er-
fahrungen für ihre Sozialisation in der Gesellschaft sammeln zu können, aber diese
Freiräume und die anti-autoritäre Erziehung dürfen nicht dazu ausarten, dass den
Kindern keinerlei Anleitung mehr gegeben wird und sie sich vernachlässigt fühlen.

Die Erziehung der Eltern ist immer eine Gradwanderung und alle Eltern machen ab
und zu Fehler. Diese machen sie aber nicht absichtlich und sind bereit, auch andere
Wege zu gehen, wenn sie sehen, dass es den Kindern nützt.
624
www.infokanal.zdf.de, Bericht vom 26.02.2010. Schicksal Heimkind. „Ihre Ausbildung war oft mangelhaft,
der Weg ins Berufsleben entsprechend.“.
625
Beispiele für Erziehungsratgeber: Zimmer, R.: Kinder unter 3 – von Anfang an selbstbewusst und kompetent,
Wege, B./Wessel, M.: Das große Ideenbuch Kinderförderung, Unverzagt, G.: Warum Kinder Grenzen brauchen,
u.v.a.
Schwarzbuch Jugendamt 212

Bei den Inobhutnahmen aufgrund von „seelischen Gründen“, wie z.B. angebliche „Ü-
berförderung“ hochbegabt getesteter Kinder oder Heimunterbringung zur Erzwingung
des Umgangsrechtes, ist hingegen kein objektiver Nutzen für die Kinder erkennbar.
Es handelt sich aus Sicht der Bevölkerung um rein subjektive, mit dem normalen
Menschenverstand nicht mehr nachvollziehbare Gründe.

Die Jugendämter könnten einen unterstützenden Beitrag leisten, wenn sie von den
teuren Inobhutnahmen auf ambulante Maßnahmen in den Familien umstellen wür-
den. Dabei sollte es sich um freiwillige Angebote handeln, die mit Vorteilen verbun-
den sind und nicht zu einer Stigmatisierung der Familien führen. Ansonsten werden
die Angebote nicht angenommen und die Gelder für eine solche Förderung versi-
ckern.626

Aber ganz besonders muss das Jugendamt zunächst einmal das verspielte Vertrau-
en wieder zurückgewinnen, das durch die Masseninobhutnahmen verloren gegangen
ist. Dazu ist es unbedingt notwendig, dass die Masseninobhutnahmen aufhören und
die Kinder wieder an ihre Familien zurückgegeben werden.

Bindungstheoretiker, wie Bowlby, gingen davon aus, dass Kinderheime vollständig


überflüssig sind. Inzwischen weiss man aufgrund von Untersuchungen, dass ambu-
lante Hilfen erheblich mehr leisten können als Inobhutnahmen und Heimunterbrin-
gungen von Kindern.

Es sollte daher das Ziel sein, die Kinder wieder in ihre Ursprungsfamilien zurückzu-
führen. Das Kind ist als erstes einmal Kind seiner Eltern. Es steht keiner Behörde
und keiner staatlichen Stelle zu, in die Elternschaft einzugreifen und dem Kind
zwangsweise neue Eltern oder eine neue Wohnform zuzuweisen. Das wurde 2009 in
einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes bestätigt.627

Die Kinder- und Jugendhilfe sollte in ihrem Charakter immer eine Hilfe darstellen und
nicht eine Zwangsmaßnahme. Nur dann wird sie von den Betroffenen akzeptiert.
Wenn sie nicht akzeptiert wird, haben nicht die Betroffenen etwas falsch gemacht,
sondern die Behörden, die nicht in der Lage sind, die Vorteile der Hilfe darzustellen
und zu vermitteln.

626
Die Zeit, Bericht vom 16.07.2008, Angst vor der Hilfe. Bevölkerung bittet Jugendamt und Ärzte nicht um
Hilfe, weil die Angst besteht, das Kind könnte weggenommen und in ein Heim eingewiesen werden
627
Vgl. Bundesverfassungsgericht, Beschluss 1 BvR 1248/09.
Schwarzbuch Jugendamt 213

Wenn eine ambulante Kinder- und Jugendhilfe versagt hat, sollten daher nicht die
Eltern bestraft werden, die sich gegen die Maßnahme gewehrt haben, weil sie diese
als Zwangsmaßnahme empfinden, sondern es muss zunächst überprüft werden, ob
die geplante Maßnahme tatsächlich einen Vorteil für die Familie darstellt und ob ge-
nügend Vertrauen aufgebaut wurde, um diese Maßnahme durchzuführen.628

Heutzutage ordnet das Jugendamt subjektiv Maßnahmen an und bestraft die Eltern,
wenn sie dieser Anordnung nicht Folge leisten oder aus bestimmten Gründen nicht
Folge leisten können, indem es ihnen die Kinder wegnimmt und sie als „erziehungs-
unfähig“ oder „mit der Erziehung überfordert“ diskriminiert.
Den Schaden dabei haben vor allem die Kinder, weil sie in einem Heim unter den
Bedingungen einer institutionellen Erziehung aufwachsen müssen. Den Eltern wird
nachträglich auch zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit gegeben, sie aus dem Heim
wieder herauszuholen. Sie dürfen sie im Heim meist nicht einmal besuchen und die
Betreuer setzen alles daran, die Kinder ihren Eltern zu entfremden.
Das ist auf keinen Fall ein gangbarer Weg für die Zukunft. Hier muß unbedingt etwas
geändert werden.629

Zahlreiche Untersuchungen von Psychologen haben gezeigt, dass es immer eine


Alternative zur Inobhutnahme gibt. Die Alternative ist meist sogar kostengünstiger als
die Inobhutnahme, aber sie wird nicht oder nicht lange genug angewendet.630
Die Kinder kommen vielfach in ein Heim, bevor die alternative Maßnahme wirken
kann und die Familienstrukturen werden durch die Inobhutnahme noch mehr zerstört,
so dass eine Rückführung der Kinder immer unwahrscheinlicher wird.

Es findet sich immer ein (vorgeschobener) Grund, weshalb man Familien ihre Kinder
wegnehmen kann. Eltern sind eben nicht perfekt und das nutzt das Jugendamt für
eine Inobhutnahme aus, ohne Alternativen zu versuchen oder aufzuzeigen.631

628
Ambulante Maßnahmen sind in der Mehrzahl der Fälle als erfolgreich anzusehen. Den Eltern werden Erzie-
hungs- und Verhaltenskompetenzen vermittelt. Siehe Spangler, G. (2004): Wirksamkeit ambulanter Jugendhil-
femaßnahmen bei Misshandlung bzw. Vernachlässigung, Eine internationale Literaturübersicht, Expertise im
Auftrag des Projektes „Kindeswohlgefährdung und allgemeiner sozialer Dienst (ASD)“, Bundesministerium für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend, September 2004.
629
32.300 Inobhutnahme in 2008, Von der Leyen mahnt Jugendämter zur Vorsicht, 25.06.2009, www.welt.de.
630
Der Westen, 11.11.2008, Interview von Corinna Weiß mit Ulrich Engelen, Jugendamt Essen: Ambulante
Maßnahmen kosten ca. 15.000 EUR/Jahr und Heimplatz ab 45.000 EUR/Jahr, aber es gibt keine Dienstanwei-
sung, nach der eine Heimunterbringung unter allen Umständen vermieden werden muß.
631
Gesetz A5703, A 6024, A 4263, New York. Der Bundesstaat New York hat schon vor Jahren auf ambulante
Maßnahmen umgestellt und nach mehreren Fällen von ungerechtfertigter Denunziation die Strafen für falsche
Beschuldigung von Familien deutlich erhöht.
Schwarzbuch Jugendamt 214

7.3. Die Meinung der Kirche: Familie ist durch nichts zu ersetzen
In einem TV-Interview sagte der evangelische Bischof Huber 2009: „Die Familie ist
durch nichts zu ersetzen.“632
Er erklärte, die Familie müsse gestärkt werden, um dadurch starke Kinder zu erhal-
ten. Diese Einsicht ist lange bekannt, wird aber leider in der Praxis in den Jugendäm-
tern nicht umgesetzt.

Die Bindungstheoretiker um John Bowlby haben bereits in den 60er und 70er Jahren
das Bindungsverhalten von Kindern untersucht und ihre Ergebnisse in zahlreichen
Büchern zu diesem Thema niedergeschrieben.633 Aber in den sozialistischen Syste-
men Osteuropas und der DDR waren diese Theorien nie besonders beliebt, weil dort
das Ideal der arbeitenden Mutter galt, die ihre Kinder in einem Kinderhort bei einer
professionellen Erzieherin abgibt, während sie sich selbst auf der Arbeit befindet.634

Selbstverständlich ist dieses Modell möglich und schadet den Kindern auch nicht, wie
sich mit der Zeit herausgestellt hat. Die Kinder können sich auch an verschiedene
Bezugspersonen gewöhnen. Die besten Ergebnisse hat man bei Kindern über drei
Jahren. Bei Kindern unter drei Jahren empfehlen die Fachleute noch heute, mög-
lichst zu Hause zu bleiben oder maximal halbtags arbeiten zu gehen, da so kleine
Kinder besser von der Familien betreut werden, um Irritationen und Fremdeln zu
vermeiden.635

Die ideale Form aus Sicht des Kindes ist weiterhin die Erziehung zu Hause bei den
Eltern, wenn die Eltern die Zeit und die Möglichkeiten haben, sich um das Kind zu
kümmern. Eine feste Bezugsperson, wie die Mutter, ist mehreren wechselnden Be-
zugspersonen immer vorzuziehen.636

Die Fähigkeiten der Mutter sind dabei von untergeordneter Bedeutung. Es geht um
das Vertrauensverhältnis und die bedingungslose Liebe, die sie für ihr Kind empfin-
det. Auch behinderte Mütter, die in ihrer Erziehungsfähigkeit eingeschränkt sind, weil

632
Bischof Huber 2009 in einem Interview mit der TV-Show „Tacheles“ am 24.05.2009: Familien sind durch
nichts zu ersetzen.
633
Bowlby, J. (2006): Bindung, S. 176 ff.
634
Mannschatz, E. (2001): Jugendsozialarbeit in der DDR, S. 85.
635
Lempp, NJW 1963, 37, 1659-6662. Bei Kleinkindern unter drei Jahren wirkt sich bei einer Scheidung das
Fehlen des Vaters nicht nachhaltig aus.
636
Bowlby, J. (2006): Trennung. Werden kleine Kinder über längere Zeit von ihrer Bezugsperson getrennt, er-
leiden sie schwere psychische Schäden: von chronischer Trauer und Depression bis zur völligen Apathie, von
Aggression bis zur Delinquenz.
Schwarzbuch Jugendamt 215

sie z.B. nicht sprechen oder nicht sehen können, sind für die Erziehung ihrer Kinder
genauso gut geeignet, wie nicht-behinderte Eltern.

Die neuerdings durchgeführte Einteilung der Psychologen in erziehungsfähige und


nicht-erziehungsfähige Eltern ist vom psychologischen Standpunkt nicht haltbar. Die
Erziehungsfähigkeit von Eltern kann man nicht auf einer Skala messen. Der Versuch,
dieses zu tun, ist nicht nur grob fahrlässig, sondern führt zu einer Diskriminierung von
Eltern in der Erziehung.637

Einige psychologische Gutachter, die an deutschen Gerichten tätig sind, nehmen


Müttern, die ihre Kinder durch ihren Erziehungsstil mit Förderung an Computer und
Fremdsprachenkursen angeblich „überfordern“ auch aus solchen Gründen die Kinder
weg und stecken sie in Kinderheime oder Pflegefamilien.
Während in ganz Deutschland die Diskussion herrscht, dass zu wenig für die Ausbil-
dung der Kinder getan wird und uns die Asiaten mit der Ausbildung bald überholt ha-
ben werden, vertreten diese Psychologen noch immer die veraltete Ansicht, die Kin-
der sollten keinen eigenen Computer haben, kein eigenes Handy und keinen eigenen
Gameboy. Fortschritt lässt sich aber nicht aufhalten. Wichtiger als das Verbot be-
stimmter Gegenstände wäre das Erlernen des richtigen Umganges mit diesen Gerä-
ten. Ein Computer kann auch für altersgerechte Lernspiele genutzt werden. Das
Handy gibt dem Kind Sicherheit, wenn es nach dem Sportunterricht im Dunkeln mit
dem Fahrrad nach Hause fährt. Ein Gameboy kann für Gedächtnisspiele genutzt
werden und fördert dann die Leistungsfähigkeit des Gehirns.638

Früher wurde auch das Fernsehen als schädlich angesehen. Die heutige Generation
der Menschen, die von klein auf mit dem Fernsehen aufgewachsen ist, weist aber
nicht die befürchteten Schäden auf, wie sie noch in den 70er Jahren propagiert wur-
den. Bei einem richtigen Umgang mit dem Medium und der entsprechenden Kontrolle
durch die Eltern kann es sogar sehr förderlich für ein Kind sein, einen eigenen Com-
puter und ein eigenes Handy zu haben – noch dazu, wenn alle Klassenkameraden
auch ein Handy und einen eigenen Computer besitzen.

637
Dettenborn, H., Walter, E. (2002): Familienrechtspsychologie, S. 100. Typisches Buch über den Versuch, die
Erziehungsfähigkeit von Menschen zu messen.
638
http://www.netzwerk-bildungsfreiheit.de/html/hochbegabung_brandenburg.html. Jugendamt steckte hochbe-
gabtes Kind in ein Kinderheim. Typischer Fall.
Schwarzbuch Jugendamt 216

Psychologen, wie Winterhoff639 haben vorausgesagt, dass sich angeblich alle unsere
Kinder zu kleinen Tyrannen entwickeln und einen Narzissmus erleiden werden. Im
Jahr 2008 war dieser „Narzissmus“ in aller Munde. Daraufhin haben sich Kinderpsy-
chologen eingehend mit diesem Thema auseinandergesetzt und konnten die Be-
fürchtungen nicht bestätigen.

Im Gegenteil wurden die Kriterien für einen Narzissmus gerade 2008 aus dem Kata-
log der psychischen Erkrankungen der Weltgesundheitsorganisation herausgenom-
men, weil viel zu viele Fälle auf einen Narzissmus geschoben wurden, obwohl die
Übergänge zwischen einem normalen Selbstbewusstsein und einem narzisstischen
Verhalten fließend sind.640

Wann eine Störung vorliegt und bis wann die Symptome noch normal und tolerierbar
sind, wird bei Winterhoff nicht geklärt. Bei Kindern kann man auch noch nicht ab-
schätzen, ob sie wegen eines egoistischen kindlichen Verhaltens später tatsächlich
einen Narzissmus bekommen oder sich als Erwachsene vielleicht anpassen und sich
völlig anders verhalten.

Die Ergebnisse sind immer von den individuellen Lebensumständen des Kindes und
seiner Familie abhängig und dürfen daher nicht pauschalisiert werden.

Aber die Diskussion über den angeblichen Narzissmus unserer Kinder hat dem Sta-
tus der Eltern wieder einmal sehr geschadet. Sie hat dafür gesorgt, dass sich viele
psychologische Gutachter die Argumente von Dr. Winterhoff zu Eigen gemacht und
Kinder aus normalen Verhältnissen herausgerissen haben, um ihnen das Selbstbe-
wußtsein – zu ihrem Besten – „auszutreiben“. Dieses wird natürlich nicht zu Hause
erledigt, sondern durch professionelle Betreuer und Erzieher in einem Kinderheim
vorgenommen.

Der angeblich drohende Narzissmus musste für zahlreiche Gerichtsurteile herhalten,


bei denen es darum ging, nachzuweisen, dass die Eltern erziehungsunfähig waren

639
Winterhoff, M., Tergast, C. (2009): Warum unsere Kinder Tyrannen werden: Oder: Die Abschaffung der
Kindheit, Goldmann Verlag (Taschenbuch - 15. Dezember 2009).
640
Fiedler, P. (2007): Persönlichkeitsstörungen, 6. überarb. Aufl., Psychologie Verlagsunion: Weinmann. Der
Narzissmus ist aus dem Katalog der Persönlichkeitsstörungen wieder herausgenommen worden. Die Verbreitung
eines Narzissmus in der Bevölkerung wird bei weniger als 1% der Persönlichkeitsstörungen gesehen. Meist
werden völlig gesunde Menschen falsch mit Narzissmus diagnostiziert, weil sie sich kritisch äußerten.
Schwarzbuch Jugendamt 217

und sich ihre Kinder in ihrer Obhut zu kleinen „Monstern“ entwickeln würden, wenn
das Gericht nicht eingreift.

Eltern aller Altersgruppen und aller Berufsgruppen waren betroffen. Der Narzissmus
war immer dann die letzte Lösung, wenn die Kinder weder misshandelt noch ver-
nachlässigt waren. Dann hatten sich die Eltern eben zuviel um ihre Kinder geküm-
mert und ihnen zu viele Freiheiten gelassen. Dann hatten die Eltern eben zu wenige
Grenzen gesetzt, usw.

Es wurde in allen Fällen damit argumentiert, dass die Eltern alles falsch gemacht hät-
ten und erziehungsunfähig wären, so dass ihre Kinder in ein Heim müssten. Aus die-
sem Grund stieg die Zahl der Kinder, die aus angeblich „psychischen Gründen“ aus
dem Elternhaus genommen und in ein Heim eingewiesen wurden, auf bis zu 3/4tel
der Fälle.641

Aber es gibt noch andere Extreme im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe:

In Bochum nahm das Essener Jugendamt im Juni 2008 ein Kind in Obhut, obwohl
Bochum in einem anderen Regierungsbezirk liegt als Essen und das Jugendamt Es-
sen lt. SGB VIII in Bochum gar keine Inobhutnahmen durchführen darf. Die Behörden
in Bochum waren von dieser „Geheimaktion“ nicht informiert. Der Höhepunkt war,
dass das Kind nach Essen in ein Kinderheim verbracht wurde, obwohl es in Bochum
in Obhut genommen worden war und damit in ein Bochumer Kinderheim hätte ver-
bracht werden müssen.642
Das Jugendamt Essen bekam schließlich von einem Essener Familiengericht auf
sehr absonderliche Weise sogar das Sorgerecht für das Kind übertragen und ließ das
Kind dann wiederum aus Kostengründen in ein Kinderheim im 200 km entfernten
Landkreis Minden verbringen. Auf diese Weise wurde versucht, den Fehler zu vertu-
schen.
Das Resultat war die Zuständigkeit von drei Jugendämtern in einem einzigen Fall.
Die Vormundschaft hatte das Jugendamt Essen, die Eltern wurden betreut vom Ju-

641
Pressemitteilung Nr. 242 vom 30.06.2009, www.destatis.de. Die Kinder kommen ins Heim wegen einge-
schränkter Erziehungskompetenz der Eltern (43%), auffälligem Sozialverhalten (35%), schulischen/beruflichen
Problemen (24%) und Gefährdung/Vernachlässigung (22%). Somit sind nur ca. 22% wegen Verdacht auf kör-
perliche Mißhandlung im Heim. Alle anderen Kinder wegen angeblicher seelischer Misshandlung, die i.d.R.
nicht nachweisbar ist.
642
Regelung der Zuständigkeiten in den verschiedenen Regierungsbezirken.
Schwarzbuch Jugendamt 218

gendamt Bochum und das Kind wurde betreut vom Jugendamt des Wohnortes im
Landkreis Minden.643
Durch die Einbeziehung der verschiedenen Jugendämter kam es zu Kompetenz-
schwierigkeiten und erhöhten Kosten.
Es ist immer das gleiche Spiel: Familien werden zerstört und Kinder aus ihren sozia-
len Verhältnissen herausgerissen. Stationäre Heimunterbringungen werden einge-
setzt, obwohl von vornherein klar ist, dass sie unnötig sind.
Steuergelder werden zum Fenster herausgeworfen, ohne dass damit ein Nutzen für
die Gesellschaft oder das betroffene Kind verbunden wäre.

Auf diese Weise verschwenden die Jugendämter mehrere Milliarden Euro jährlich.
Die derzeitigen Kosten der Kinder- und Jugendhilfe belaufen sich auf ca. 20 Milliar-
den Euro pro Jahr.644 Es findet keine Kontrolle der Jugendamtsmitarbeiter statt. Auch
die Familiengerichte haben gegenüber dem Jugendamt keine Anordnungsbefugnis.
Das bedeutet, sie dürfen die Maßnahmen des Jugendamtes unterstützen und müs-
sen es als Beteiligten zu Familienrechts-Fällen hinzuziehen. Fehler dürfen sie jedoch
nicht korrigieren und auch nicht das Jugendamt dazu verurteilen, Fehler rückgängig
zu machen.645

Die angebliche Unfehlbarkeit des Jugendamtes ist eines der größten Probleme der
Justiz. Jede andere Behörde hat eine übergeordnete Instanz, bei der man sich be-
schweren kann, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt. Diese Instanz kontrolliert
dann noch einmal die Entscheidungen und die Mitarbeiter des Amtes müssen sich
rechtfertigen.646
Im Fall der Jugendämter ist jedes kommunale und städtische Jugendamt selbstver-
antwortlich tätig und daher auch keiner übergeordneten Instanz verpflichtet. Das ent-
spricht zwar nicht dem demokratischen Prinzip der Gewaltenteilung, wird in Deutsch-
land aber schon seit den 50er Jahren so gehandhabt.647

643
Aktenzeichen des Falls zu erfragen beim Autor. Abdruck aus Datenschutzgründen nicht vorgenommen.
644
Zugrundelegung der Schätzung des Verbandes der Heimkinder: 2007 waren ca. 300.000 Kinder im Heim.
Eine Heimunterbringung kostet ca. 5.000 bis 6.000 EUR pro Monat. Bis 2010 sind aufgrund steigender Inobut-
nahmen von ca. 14,4% pro Jahr die Zahlen der Kindern in Pflegefamilien und Heimen auf ca. 400.000 Kinder
gestiegen. Das bestätigte das TV-Magazin Mona-Lisa, ZDF, 30.05.2010.
645
§ 79 SGB VIII lehnt die Weisungsbefugnis der Gerichte gegenüber den Jugendämtern ab.
646
Prinzip der Gewaltenteilung und Kontrolle. Demokratieprinzip.
647
De.wikipedia.org/wiki/zwangsadoptionen. Kindesraub im Nationalsozialismus. Nach dem 2. Weltkrieg ver-
suchte die Bundesregierung durch die Selbstverwaltung der Jugendämter Schadenersatzansprüche aus dem Aus-
land zu unterdrücken.
Schwarzbuch Jugendamt 219

Systematisch bekommen die Jugendämter dabei immer mehr Rechte und die Eltern
werden in ihren Elternrechten zunehmen beschnitten.648

Dabei wird immer wieder in den Diskussionsrunden von Politikern und Elternvertre-
tern betont, dass mehr als 90 % der Eltern einen „guten Job“ machen und ihre El-
ternkompetenzen richtig wahrnehmen.649 Nur weniger als 10 % der Eltern benötigen
eine Hilfe durch das Jugendamt und diese Hilfen sollten ambulant sein.

In Deutschland überwiegen aber z.Z. nicht die ambulanten Hilfen, sondern die statio-
nären Hilfen, d.h. die Heimunterbringungen. Es werden etwa 40.000 Kinder jedes
Jahr in Obhut genommen.650

Dadurch bleibt kein Geld mehr für die ambulanten Maßnahmen übrig, mit denen we-
sentlich mehr Kindern geholfen werden könnte. Die Politik der Masseninobhutnah-
men, wie sie viele Jugendämter in Großstädten betreiben, ist somit kontraproduktiv.
Mit dem Geld, das eine Inobhutnahme monatlich kostet, könnten in der gleichen Zeit
ca. sechs Familien ambulant betreut werden.651

Die Hilfe für die Kinder wäre ungleich größer, wenn man – wie in vielen US-
amerikanischen Staaten – auf ambulante Hilfen umstellen würde.652 In mehreren
Staaten der Erde hat man mit Inobhutnahmen sehr negative, mit ambulanten Hilfen
hingegen sehr positive Erfahrungen gemacht.
Aus diesem Grund plädieren die Kinderärzte und Psychologen seit Langem dafür,
die stationären Unterbringungen durch ambulante Maßnahmen in den Familien zu
ersetzen. Auf diese Weise könnten alle negativen Effekte der Inobhutnahmen ausge-
schaltet werden. Die Jugendämter könnten ihr Personal effektiver einsetzen und die
Menge der gefährdeten Kinder würde wirkungsvoll reduziert werden.

648
Insbesondere glauben gerade die Familienrichter an die „Unfehlbarkeit des Jugendamtes“. Vgl. Westdeutsche
Zeitung, Bericht vom 31.01.2008, Interview mit dem Mönchengladbacher Familienrichter Dr. Walter Röchling,
„Kindeswohl geht vor Elternrecht“.
649
TV-Sendung „Maybritt Illner“, ZDF vom 26.11.2009.
650
Bericht des TV-Magazins Panorama vom 18.03.2010, “Kindesentzug – Dan darf nach Hause“: 90 Kinder pro
Tag kamen 2009 in Obhut des Jugendamtes.
651
Der Westen, 11.11.2008, Interview von Corinna Weiß mit Ulrich Engelen, Jugendamt Essen: Ambulante
Maßnahmen kosten ca. 15.000 EUR/Jahr und Heimplatz ab 45.000 EUR/Jahr, aber es gibt keine Dienstanwei-
sung, nach der eine Heimunterbringung unter allen Umständen vermieden werden muß.
652
Gesetz A5703, A 6024, A 4263, New York. Der Bundesstaat New York hat schon vor Jahren auf ambulante
Maßnahmen umgestellt und nach mehreren Fällen von ungerechtfertigter Denunziation die Strafen für falsche
Beschuldigung von Familien deutlich erhöht.
Schwarzbuch Jugendamt 220

7.4. Streit in der Europäischen Union: Das Jugendamt verletzt die


Menschenrechte
Die Jugendämter sind vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in
Straßbourg verklagt und schon mehrfach wegen Menschenrechtsverletzungen verur-
teilt worden.653

Immer wieder nehmen sie Kinder in Obhut, bei denen keine Notwendigkeit für eine
Inobhutnahme besteht, weil sinnvolle Alternativen zur Verfügung stehen, die eine
Isolation der Kinder von ihren Familien verhindern könnten.654

Aus Bequemlichkeit entscheiden sich die Jugendamtsmitarbeiter jedoch in den meis-


ten Fällen für die Inobhutnahme und lassen die ambulanten Alternativen unberück-
sichtigt. Ein anderer Grund sind massive Qualifizierungslücken. Die Jugendamtsmit-
arbeiter sind vielfach schlecht ausgebildet und können daher keine ambulanten Hil-
fen mehr durchführen.655 Andere sind über die neuesten Erkenntnisse auf diesem
Gebiet nicht informiert.

Immer öfter fallen den Jugendämtern Mitarbeiter aus, weil ihnen von Seiten der El-
tern blanker Hass entgegenschlägt. Die Hilfsangebote werden aus Angst um die Kin-
der nicht mehr wahrgenommen. Die Familien vermeiden den Kontakt mit den Ju-
gendämtern und behelfen sich lieber selbst. Das Risiko der Stigmatisierung, als über-
forderte oder asoziale Familie zu gelten, ist zu groß. Die Hauptangst der Eltern be-
steht jedoch darin, dass ihnen die Kinder von den Jugendämtern weggenommen und
in ein Kinderheim gesperrt werden könnten.656

653
Pressemitteilung.ws/tag/Europäisches+Parlament.42786/. Mitteilung vom 28.12.2008, CEED, Heinz-Peter
Tjaden. Betr. Jugendämter: Von Paris über Holzen nach Wilhelmshaven: Petitionsausschuß des Europäischen
Parlamentes hat es schwer. Es lagen zu diesem Zeitpunkt ca. 200 Petitionen von Eltern wegen Menschenrechts-
verletzungen durch die Jugendämter vor.
654
www.jugendamtskritik.de/kritik/statistik.html Die Statistik von 2008 zeigt, daß nur 23% der Inobhutnahmen
wegen Verwahrlosung, Anzeichen für Misshandlung oder sexuellem Missbrauch durchgeführt werden, wobei
diese Anzeichen auch durch einen Sturz beim Fußball oder von der Schaukel passiert sein können bzw. das Kind
sich vielleicht unwissentlich missverständlich ausgedrückt hat. Mehrfachnennungen verzerren das Bild zusätz-
lich. Die restlichen 77% (oder mehr) sind aus anderen Gründen in Ohbut genommen. Dabei wird meist
Überforderung der Eltern als Grund genannt. Gemeint ist allerdings meist, dass die Mütter einem Umgangsrecht
mit dem Vater nicht zugestimmt haben.
655
www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/. Bericht vom 25.11.2007. Krise der Jugendämter – Unterbezahlt,
verunsichert, überfordert. Sozialarbeiter sollen bei Besuchen sog. „Schonebögen“ ausfüllen, in denen der Zu-
stand der Wohnung und der Ernährungszustand des Kindes angekreuzt wird. Es sei aber nicht kontrollierbar, ob
die Angaben der Jugendamtsmitarbeiter der Wahrheit entsprächen, gibt Margaret Janz vom Jugendamt Ham-
burg-Wandsbek zu. Oft weiß beim Jugendamt eine Abteilung nicht, was die andere macht.
656
RP-online.de, Artikel vom 29.11.2007, Angst vor dem Jugendamt.
Schwarzbuch Jugendamt 221

Die Gründe hierfür werden immer geringer. Schon simple Streitigkeiten über den Er-
ziehungsstil zwischen einem Jugendamtsmitarbeiter und einem Elternteil reichen in-
zwischen aus, um ein Kind ins Kinderheim zu sperren und die angeblich „unkoopera-
tiven“ Eltern damit zu bestrafen.

Schon bei kleinsten Ansätzen von Gegenwehr gegen die „gut gemeinte Hilfe“ des
Jugendamtes greifen die Mitarbeiter ein und „zwingen“ die Eltern zu ihrem „Glück“,
indem sie ihnen die Kinder entziehen.657

Der Europäische Gerichtshof sieht in den Gesetzen der Bundesrepublik klare Gren-
zen gegen solche Menschenrechtsverletzungen gesetzt, deren Einhaltung aber von
Regierung und Staatsapparat nicht genügend überwacht wird.
Die Jugendämter ignorieren immer wieder gerichtliche Empfehlungen und Gerichts-
entscheidungen der Familiengerichte. Sie setzten sich zunehmend über Bestimmun-
gen und Anordnungen hinweg – alles in dem Wissen, dass ihnen nichts passieren
kann. Sie können nichts falsch machen. Das ist in den Gesetzen nicht vorgesehen.

Das Jugendamt ist damit quasi unfehlbar. Es hat einen „Persil-Schein“. Die Mitarbei-
ter dieser Institution sind einerseits mit allumfassenden Rechten gegenüber den El-
tern ausgestattet und werden zudem noch andererseits von den Gerichten mit sämt-
lichen Argumenten verteidigt.

Selbst wenn eklatante Fehler passieren, werden die Mitarbeiter des Jugendamtes
nicht zur Rechenschaft gezogen. Dann haben die Eltern das Verhalten angeblich
provoziert, indem sie nicht genügend kooperiert haben.658
Kooperation bedeutet in diesem Zusammenhang ungefähr das Gleiche, wie bedin-
gungslose Aufgabe aller Rechte und Unterordnung unter die Anordnungen des Ju-
gendamtes. Jedes Gegenargument, jeder Einspruch wird sofort als „Provokation“ und
„Unkooperativität“ bewertet und geahndet, z.B. indem die Besuchskontakte zu den
Kindern auf Null reduziert werden, obwohl das Gesetz regelmäßige Umgangskontak-
te mit den leiblichen Eltern vorschreibt.659

657
Äußerung des CSU-Bundestagsabgeordneten, Wolfgang Zöller vom Frühling 2007: „Natürlich darf ich El-
tern, die drastisch ausgedrückt, schon das Kindergeld versaufen, nicht noch 150 Euro zusätzlich geben“. Die
bayrische Familienministerin Christa Stewens erklärte dagegen der Münchner Abendzeitung: „Wir dürfen die
Eltern in diesem Land nicht unter den Gerneralverdacht der Asozialität stellen.“.
658
Panorama Nr. 706, Kindesentzug, Die Allmacht der Jugendämter, Bericht vom 22.01.2009, Fallbeispiel.
659
Kooperationsschwierigkeiten mit dem Jugendamt. § 36 SGB VIII zur Mitwirkung und Beteiligung der Eltern.
Schwarzbuch Jugendamt 222

Bisher hätten die Jugendämter alle Eltern „klein bekommen“, so wurde der Autorin
freudestrahlend von zahlreichen Jugendamtsmitarbeitern berichtet. Das Prinzip sei
immer erfolgreich. Die Eltern würden letztendlich „zu Kreuze kriechen“. Das sei
selbstverständlich nur zu ihrem Besten.

Gegen diese Allmacht ist kein Kraut gewachsen und kein Gericht wagt es, die All-
macht des Jugendamtes anzugehen. Eine Kontrolle von Maßnahmen findet nicht
statt. Damit sind die demokratischen Prinzipien lt. Europäischem Gerichtshof für
Menschenrechte im Fall der Jugendämter in Deutschland außer Kraft gesetzt.660
Das deutsche Justizsystem schaut nur hilflos zu und die Politiker schauen weg.

Die Gegenstimmen der Betroffenen werden immer lauter.


Bis 2009 wurden jährlich bis zu 40.000 Kinder pro Jahr von den Jugendämtern in
Obhut genommen. 2010 rechnet man lt. statistischem Bundesamt mit etwa 45.000
Inobhutnahmen. Die Kosten explodieren. Die Kinder- und Jugendhilfe ist in den meis-
ten Städten und Kommunen nicht mehr finanzierbar.661

Bisher hat niemand Einfluss auf die Jugendämter und kann diesen Wahnsinn stop-
pen. Die Jugendämter benehmen sich, wie ein „Staat im Staat“, mit eigenen Struktu-
ren und eigener Organisation. Sie bestimmen eigenverantwortlich, wie viele Kinder
sie in Obhut nehmen, was sie mit diesen Kindern machen und haben gleichzeitig An-
spruch darauf, dass die Kommune diese Maßnahmen ohne Kontrollmöglichkeit be-
zahlt.

Daran wird sich auch nichts ändern, solange der deutsche Staat bis zu 6.000 EUR
(2009: bis zu 7.000 EUR) pro Monat als „Kopfprämie“ für Inobhutnahmen bezahlt.
Das entspricht dem Grundgehalt eines Bundesbank-Direktors.
Die Kinderheime sind ein so einträgliches Geschäft, dass derzeit immer mehr Heime
gebaut und andere Einrichtungen zu Kinderheimen umfunktioniert werden, um noch
weitere Staatsgelder in Anspruch nehmen zu können.662

660
„Die Jugendämter wenden brutale Methoden an.“ Ausspruch des Generalsekretärs des Petitionsausschusses
des Europaparlaments, Marcin Libicki auf der 2. Anhörung der EU-Petitionskommission vom 07.06.2007 zur
fachlichen und rechtlichen Praxis deutscher Jugendämter bei Kindesentzug in nationalen und internationalen
Familiensachen.
661
Bericht des TV-Magazins Panorama vom 18.03.2010, “Kindesentzug – Dan darf nach Hause“: 90 Kinder pro
Tag kamen 2009 in Obhut des Jugendamtes.
662
Wegen überfüllten Heimen wurden neue Heime gebaut. 2008 und 2009 waren lt. Angaben der Bundesregie-
rung ca. 80% der Neubauten in Deutschland Heime. Pressemitteilung Nr. 031 vom 23.01.2008 auf
www.destatis.de. Von 2002 bis 2006 wurden 2800 Heime für Inobhutnahmen und Dauerpflege gebaut.
Schwarzbuch Jugendamt 223

Zwar gab es vorübergehend Versuche von Städten, die Inobhutnahmen zu reduzie-


ren und Kinder an ihre Eltern zurückzugeben, aber diese Versuche wurden nach ex-
tremen Protesten der privaten Pflegeindustrie schnell wieder zurückgenommen.663

Die Inobhutnahmen sind die teuerste Maßnahme der Kinder- und Jugendhilfe. Sie
werden so exzessiv durchgeführt, dass die Heime überfüllt sind und die Mitarbeiter
der Jugendämter keine Zeit mehr haben, andere Maßnahmen durchzuführen.

663
Frankfurter Allgemeine Zeitung, FAZ: Rückführung in die Schutzlosigkeit, 06.11.2007. Stadt Halle, Versuch
der Rückführung inobhutgenommener Kinder in ihre Familien.
Schwarzbuch Jugendamt 224

8. Abschluß
Die Masseninobhutnahmen von Kindern in Deutschland müssen unbedingt gestoppt
werden.

Kein anderes Land der Welt hat verglichen mit seinen Bevölkerungszahlen so viele
Kinder in Heimen und Pflegeeinrichtungen, wie die Bundesrepublik Deutschland.
Während die Zahlen der Heimerziehung in den anderen Ländern außerdem rückläu-
fig sind, gehen sie in Deutschland immer weiter hoch.

Die Kosten für Inobhutnahmen sind in den letzten ca. fünf Jahren dermaßen gestie-
gen, dass sie von den Großstädten, wie Dortmund oder München nicht mehr zu be-
zahlen sind.664

Aber das ist nur ein Aspekt der Masseninobhutnahmen. Wesentlich schwerwiegen-
der ist die Tatsache, dass Kinder unnötig in Obhut genommen werden und durch
diese Maßnahmen schwere Schäden erleiden. Der Kinderschutz wird durch die Mas-
seninobhutnahmen ad absurdum geführt. Die Jugendämter, deren Aufgaben eigent-
lich in der Wahrung des Kindeswohls liegen, werden durch solche falschen Anwen-
dungen der zur Verfügung stehenden Mittel zum Aggressor, der den Kindern scha-
det.665

Kinder werden aus vollkommen intakten Familienverhältnissen herausgenommen


und der institutionellen Erziehung im Heim zugeführt. Immer öfter wird über Beste-
chungsskandale in der Pflegeindustrie diskutiert.

Bisher war zwar noch nicht nachweisbar, dass sich Jugendamtsmitarbeiter für die
Zuführung von Kindern zur Pflegeindustrie mit einem Kopfgeld pro Kind von den
Heimen und Pflegeeinrichtungen bezahlen ließen, man geht jedoch davon aus, dass
ein Schaden bis zu 13,5 Milliarden pro Jahr durch Korruption im Gesundheitswesen
entsteht.666

Es bleibt abzuwarten, was aus den Kindern in der nächsten Generation für Erwach-
sene werden. Der Verband der Heimkinder beklagt bereits jetzt, dass Kinder, die von

664
„Riesen Haushaltsloch hat auch Konsequenzen für Jugendhilfe“, Website der CDU-Fraktion der Stadt Dort-
mund, Erklärung der jugendpolitischen Sprecherin, Rosemarie Liedschulte, eingesehen am 07.10.2009.
665
Zeitung Neues Deutschland, Bericht vom 01.12.2009, Andreas Heinz, Angst vor dem Jugendamt, Kreuzber-
ger Stadtteilmütter kümmern sich um Kinder – sie wollen Misstrauen abbauen.
666

www.medizinauskunft.de/artikel/service/politik/12_11_korruption.php+Gesundheitswesen+Korruption&cd=2&
hl=de&ct=clnk&gl=de.
Schwarzbuch Jugendamt 225

ihren Familien getrennt aufwachsen, eine erhöhte Selbstmordrate haben, mehr unter
Depressionen leiden, das Gesundheitssystem belasten und keine festen Bindungen
und Familienverhältnisse eingehen können, da sie sie selbst nicht kennen gelernt
haben.667

Eine Umstellung von den stationären Fremdunterbringungen auf ambulante Maß-


nahmen ist in Deutschlands Kinder- und Jugendhilfe dringend geboten.

Die ambulanten Maßnahmen sind einerseits erheblich kostengünstiger und schonen


auf der anderen Seite die Familienstrukturen.

Insbesondere versuchen die Jugendämtern und Familiengerichte mit der Inobhut-


nahme und Fremdunterbringung von Kindern die Eltern zu disziplinieren. Auf das
Kindeswohl wird dabei keine Rücksicht genommen. Das SGB VIII sieht hingegen
ausdrücklich vor, dass die Inobhutnahme nicht zur Disziplinierung und Erziehung
eingesetzt werden darf.

Die Jugendämter und Gerichte argumentieren jedoch immer häufiger mit angeblich
„seelischer bzw. psychischer Gefährdung“ der Kinder im Elternhaus.668 Eine solche
psychische Gefährdung wird immer dann zum Anlass für einen Kindesentzug ge-
nommen, wenn die Kinder weder misshandelt noch vernachlässigt wurden. Mit psy-
chologischen Gutachten wird den Eltern dann nachgewiesen, weshalb sie angeblich
erziehungsunfähig sind.

Selbst professionellen Pädagogen wird von Psychologen die Erziehungsfähigkeit für


ihre eigenen Kinder abgesprochen. Das sind „Exzesse der Rechtsprechung“, die das
Vertrauen der Bevölkerung untergraben und den Jugendämtern zu ihrem schlechten
Image verholfen haben.

Die Folgen sind heute noch nicht vollständig absehbar. Die Jugendämter können ihre
Aufgaben zukünftig nicht mehr wahrnehmen, weil sie von den Eltern aus Angst, die
Kinder zu verlieren, nicht angenommen werden. Familien, die dringend auf Hilfe an-
gewiesen wären, rufen die Hilfe nicht mehr ab.

667
www.exheim.de/ eingesehen am 13.02.2010. Jedes 5. Heimkind stirbt vor dem 40. Lebensjahr an Drogen,
Selbstmord, sozialer Retardierung, etc. Aufruf ehemaliger Heimkinder, die Heime abzuschaffen.
668
Berliner Morgenpost vom 08.08.2009 (Samstagsausgabe): Vernachlässigung und körperliche Misshandlung
von Kindern rückläufig. Dagegen wird angeblich mehr „psychische Gewalt“ angewendet. Lt. Definition von
Spiegel-Wissen (Ausgabe 06.03.2007) ist psychische Gewalt: Drohung, Einschüchterung und Liebesentzug.
Hinweis des Verfassers: Demnach ist auch die gewaltsame Inobhutnahme und Heimunterbringung von Kindern
eine psychische Folter.
Schwarzbuch Jugendamt 226

Die Leidtragenden dieser Politik sind wieder einmal die Kinder. Von den Jugendäm-
tern wird jedoch nicht die eigentliche Ursache beseitigt und die Zahl der Inobhutnah-
men daraufhin heruntergefahren, sondern im Gegenteil mit dem Argument, die Eltern
seien erziehungsunfähig, die Zahl der Inobhutnahmen weiter erhöht.

Dadurch nehmen wieder weniger Eltern die Hilfen in Anspruch und die Spirale der
steigenden Inobhutnahmen kommt in Gang.

In anderen Ländern hat man längst erkannt, dass Inobhutnahmen nicht zu einer Ver-
besserung der Kindesversorgung beitragen, sondern ambulante Hilfen erhebliche
Vorteile bieten. Deutschland setzt hingegen weiterhin auf steigende Inobhutnahmen
und nimmt täglich bis zu 100 Kinder in Obhut. Der Widerstand der Eltern nimmt zu.
Demonstrationen und Medienartikel gegen die Jugendämter sind die Folge. Das Aus-
land hat sich eingeschaltet und versucht zunehmend Druck auf die Bundesregierung
auszuüben, damit diese ihre Jugendämter stärker kontrolliert.

Die Anweisungen der Ministerien, die Inobhutnahmen genauer zu überprüfen, wur-


den von den Jugendämtern jedoch ignoriert. Da die Ministerien und Gerichte gegen-
über den Jugendämtern keine Weisungsbefugnis haben, können sie auch nicht die
Einhaltung ihrer Empfehlungen und Anweisungen kontrollieren.669

So steigen die Ausgaben für Inobhutnahmen und Fremdunterbringungen von Kin-


dern trotz leerer Kassen in den Städten und Kommunen immer weiter an. Viele Ex-
perten sehen in der Wirtschaftskrise die einzige Chance, die Jugendämter stärker zu
reglementieren. Ob die Bundesregierung und die Länder diese Chance wahrnehmen,
ist nicht sicher. Bisher geht der Trend eher in die entgegen gesetzte Richtung. Den
Jugendämtern werden per Gesetz immer mehr Rechte eingeräumt und die Eltern
rechte beschnitten.670

Am Schlimmsten ist jedoch die Behandlung der betroffenen Kinder und Eltern durch
die Jugendämter und Pflegheimbetreiber. Kinder werden den Eltern vorsätzlich ent-
fremdet, Gesetze zum Umgang mit den Eltern nicht eingehalten, Kinder monatelang
von ihren Eltern isoliert.

669
32.300 Inobhutnahme in 2008, Von der Leyen mahnt Jugendämter zur Vorsicht, 25.06.2009, www.welt.de.
670
http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/kinder-und-jugend,did=119948.html. Die Stärkung der Jugendämter wird
immer wieder als „Stärkung des Kinderschutzes“ bezeichnet. Das hat aber mit der Realität nichts zutun.
Schwarzbuch Jugendamt 227

Kinder brechen durch diese unmenschliche Behandlung zusammen und müssen im


Krankenhaus stationär behandelt werden. Fehler werden von Jugendämtern und Ge-
richten vertuscht, um eine Art „Unfehlbarkeit“ des Jugendamtes zu suggerieren. Das
„Wächteramt“ des Staates wird durch solche Vertuschungsmaßnahmen missbraucht.
Aber selbst wenn die Eltern diesen Missbrauch bei den Gerichten und der Staatsan-
waltschaft anzeigen, werden die Verfahren nach wenigen Monaten eingestellt.

Auf diese Weise werden Misshandlungen von Kindern in Heimen weiterhin gedeckt
bis es zum Skandal kommt, wie die jüngsten Fälle zum Kindesmissbrauch in katholi-
schen Kinderheimen zeigen.671

Den Betroffenen kann man damit nicht helfen. Besser wäre es, die Kinder gar nicht
erst auf den Familien herauszunehmen.672 Doch die Lobby der Pflegeindustrie in
Deutschland ist so groß geworden, dass selbst die Bundesregierung nicht mehr in
der Lage ist, sie zu regulieren.

Von Dritten wird die in Deutschland herrschende Situation mit sog. Child-Trafficing673
(zu Deutsch: Menschenhandel) verglichen. Es geht um Milliarden staatlicher Subven-
tionen jährlich. Daher ist das Kindeswohl zur Nebensache geworden. Deutschland
gilt im Ausland als das kinderfeindlichste Land der Welt.674

Es wird Zeit, von einer Politik der Masseninobhutnahmen zu einer Politik der ambu-
lanten Kinder- und Jugendhilfen zurückzuführen und die Kinder in ihre Familien zu-
rückzuführen.675

671
http://www.news.de/gesellschaft/855046740/viel-mehr-missbrauchsopfer-als-angenommen/1/.
672
http://www.swissinfo.ch/ger/gesellschaft/Katholiken:_Missbrauchs-Skandal_erschuettert_Europa.html
?cid=8518138.
673
http://en.wikipedia.org/wiki/Trafficking_of_children.
674
http://www.netzeitung.de/deutschland/320664.html.
675
Die Rückführungsquoten im Ausland sind erheblich höher als in Deutschland. Während in Deutschland 10%
der Kinder nach Jahren wieder zurück in die Herkunftsfamilie kommt, sind es in USA ca. 70% der Kinder und
sie kommen innerhalb eines Jahres zur Birth-Family zurück. Quelle: childwelfare.gov
Schwarzbuch Jugendamt 228

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BDP-Verband, Richtlinien des Gutachterverbandes zur Sorgfaltspflicht des Gutach-
ters.In den BDP-Richtlinien für die Gutachten vorgelegt vom Berufsverband Deut-
scher Psychologen, e.V. (A. Kühn, 2000, GRIN-Verlag) heißt es: Wenn die Teil-
nahme an einem psychologischen Gutachten verweigert wird, darf kein Gutachten
abgegeben werden, sondern nur eine psychologische Stellungnahme.
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BSHG (1962). Vorläufer des SGB VIII. § 3a enthält Hinweis: ambulant vor stationär.
Bundesgesetzbuch, § 1601 BGB, § 1666 BGB, §1671 BGB, und Kommentare, z.B,
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Bundestag . BT-Drucksachen 16/10037, 16/10285 Nr. 14, 16/11982. 8. Menschen-
rechtsbericht.
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fugnis gegenüber dem Jugendamt). § 34 (Ziel aller Maßnahmen: Rückführung in
Ursprungsfamilie).
Sozialgesetzbuch XII, § 94 SGB XII.
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Schwarzbuch Jugendamt 241

Anhang 1: Inobhutnahmen 2008


Schwarzbuch Jugendamt 242

Anhang 2: Pressemitteilungen des Statist. Bundesamtes


Pressemitteilung Nr.005 vom 07.01.2010

60% der Eltern von Heimkindern erhalten Transferleistungen

WIESBADEN – Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, begann für 32 000 junge
Menschen im Jahr 2008 eine Heimerziehung oder sonstige betreute Wohnform. In 60% der
Fälle bezogen deren Familien oder sie selbst Transferleistungen. Dazu gehören finanzielle
Hilfen des Staates wie Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld nach dem Zweiten Sozialgesetz-
buch beziehungsweise Sozialhilfe oder Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung
entsprechend dem Zwölften Sozialgesetzbuch. Von den 14 500 jungen Menschen, die in Pfle-
gefamilien neu aufgenommen wurden, erhielten die jungen Menschen selbst oder deren Eltern
in 75% der Fälle Transferleistungen.

Insgesamt begann im Jahr 2008 für 502 000 junge Menschen eine erzieherische Hilfe. Neben
Heimerziehung, sonstiger betreuter Wohnform oder der Unterbringung in einer Pflegefamilie
(Vollzeitpflege) gehören dazu auch Leistungen wie Erziehungsberatung und sozialpädagogi-
sche Familienhilfe. Von allen jungen Menschen, für die eine erzieherische Hilfe begonnen
hat, bezogen 35% zusätzlich auch Transferleistungen.

Unter den Kindern, für die eine Vollzeitpflege begonnen hat, waren die unter einjährigen mit
14% am häufigsten vertreten. In diesen Fällen war die Gefährdung des Kindeswohls der
meistgenannte Hauptgrund. Knapp die Hälfte der Kinder, die in einer Pflegefamilie aufge-
nommen wurden, war noch nicht im schulpflichtigen Alter. Insgesamt ging mit zunehmendem
Alter der Kinder die Inanspruchnahme der Vollzeitpflege zurück. Im Gegensatz dazu nahm
die Unterbringung von jungen Menschen in Heimen oder sonstigen betreuten Wohnformen
mit dem Alter der Hilfeempfänger zu. Nahezu zwei Drittel (62%) dieser Kinder und Jugendli-
chen waren zwischen 12 und 17 Jahren alt. Hauptgrund für den Beginn einer Heimunterbrin-
gung war im Jahr 2008 die unzureichende Erziehungskompetenz der Eltern beziehungsweise
Personensorgeberechtigten.

Gut jeder fünfte junge Mensch (21%), dem eine Vollzeitpflege neu gewährt wurde, verfügte
über einen Migrationshintergrund. Dieser liegt vor, sofern mindestens ein Elternteil aus dem
Ausland stammt. Bei den durch Heimerziehung betreuten Kindern, Jugendlichen und jungen
Erwachsenen verfügten 24% der Eltern über eigene Zuwanderungserfahrungen. Von allen
unter 21-jährigen jungen Menschen in Deutschland wies im Jahr 2008 ein Viertel einen
Migrationshintergrund auf.

Weitere detaillierte Ergebnisse zu Vollzeitpflegen und Heimerziehungen gibt es kostenlose im


Publikationsservice des Statistischen Bundesamtes.

Weitere Auskünfte gibt:


Zweigstelle Bonn,
Dorothee von Wahl,
Telefon: +49 611 75 8167,

E-Mail: jugendhilfe@destatis.de
Schwarzbuch Jugendamt 243

Pressemitteilung Nr.451 vom 25.11.2009

24,6 Milliarden Euro für Kinder- und Jugendhilfe im Jahr 2008

WIESBADEN – Nach Mitteilung des Statistischen Bundesamtes (Destatis) haben Bund, Län-
der und Gemeinden im Jahr 2008 insgesamt 24,6 Milliarden Euro für Leistungen und Aufga-
ben der Kinder- und Jugendhilfe ausgegeben. Das waren 7,9% mehr als im Vorjahr. Nach
Abzug der Einnahmen in Höhe von 2,3 Milliarden Euro, unter anderem aus Gebühren und
Teilnahmebeiträgen, wurden netto rund 22,3 Milliarden Euro für Kinder- und Jugendhilfe
aufgewendet (+ 8,3% gegenüber 2007).

Mit 14,5 Milliarden Euro wurde deutlich mehr als die Hälfte der Bruttoausgaben (59%) für
Kindertagesbetreuung ausgegeben. Nach Abzug der Einnahmen in Einrichtungen der Kinder-
tagesbetreuung in Höhe von 1,5 Milliarden Euro verblieben für die öffentliche Hand netto 13
Milliarden Euro an reinen Ausgaben für Kindertagesbetreuung.

Mit insgesamt 6,4 Milliarden Euro wendeten die öffentlichen Träger der Kinder- und Jugend-
hilfe 2008 gut ein Viertel der Bruttoausgaben (26%) für Hilfen zur Erziehung auf. 3,7 Milli-
arden Euro dieser Ausgaben entfielen auf die Unterbringung junger Menschen außerhalb des
Elternhauses in Vollzeitpflege, Heimerziehung oder in anderer betreuter Wohnform. Für sozi-
alpädagogische Familienhilfe erhöhten sich die Ausgaben um 21,3% auf rund 542 Millionen
Euro.

Für Maßnahmen und Einrichtungen der Jugendarbeit, zum Beispiel außerschulische Jugend-
bildung, Kinder- und Jugenderholung oder Jugendzentren, wurden 1,5 Milliarden Euro oder
6,3% der Gesamtausgaben aufgewendet. Die Ausgaben für vorläufige Schutzmaßnahmen, zu
denen insbesondere die Inobhutnahme bei Gefährdung des Kindeswohls gehört, stiegen bun-
desweit von 96 Millionen Euro im Jahr 2007 auf 118 Millionen Euro 2008 (+ 23,1%).

Detaillierte Ergebnisse sind abrufbar im Publikationsservice des Statistischen Bundesamtes.

Weitere Auskünfte gibt:


Zweigstelle Bonn,
Ulrike Steffes-Ollig,
Telefon: +49 611 75 8167,

E-Mail: jugendhilfe@destatis.de
Schwarzbuch Jugendamt 244

Pressemitteilung Nr.401 vom 22.10.2009

Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe weiter stark gefragt

WIESBADEN – Im Jahr 2008 hat für mehr als eine halbe Million Kinder, Jugendliche und
junge Erwachsene in Deutschland eine erzieherische Hilfe begonnen. Wie das Statistische
Bundesamt (Destatis) mitteilt, haben damit rund 3% der jungen Menschen unter 21 Jahren
eine erzieherische Hilfe durch das Jugendamt oder in einer Erziehungsberatungsstelle neu in
Anspruch genommen. Eine Eingliederungshilfe bei (drohender) seelischer Behinderung haben
16 000 junge Menschen begonnen.
Unter den erzieherischen Hilfen wurde im Jahr 2008 am häufigsten Erziehungsberatung mit
307 000 begonnenen Hilfen in Anspruch genommen. Dies entspricht gut zwei Dritteln aller
begonnenen erzieherischen Hilfen. Familienorientierte Hilfen, darunter die Sozialpädagogi-
sche Familienhilfe, haben in 51 000 Familien begonnen. Mit diesen Hilfen wurden 99 000
Kinder und Jugendliche und damit durchschnittlich zwei Kinder pro Familie erreicht.
An dritter Stelle folgen die stationären Hilfen mit 47 000 im Jahr 2008 begonnenen Hilfen.
Somit war für etwa jeden zehnten jungen Menschen die erzieherische Hilfe mit einer Unter-
bringung außerhalb des Elternhauses verbunden. Zu den stationären Hilfen zählen Vollzeit-
pflege in einer anderen Familie, Heimerziehung und sonstige betreute Wohnformen.
Bei nahezu einem Viertel aller neu gewährten Hilfen zur Erziehung und damit als häufigster
Hauptgrund für die Hilfegewährung wurde die Belastung des jungen Menschen durch familiä-
re Konflikte genannt. Bei 15% der begonnenen Hilfen wurde als Hauptgrund die einge-
schränkte Erziehungskompetenz der Eltern beziehungsweise der Personensorgeberechtigten
angegeben.

Begonnene Hilfen zur Erziehung und Eingliederungshilfen bei (drohender) seelischer


Behinderung in Deutschland 2008 nach Hilfeart *
Art der Hilfe Anzahl der in %
Hilfen/jungen
Menschen
Hilfen zur Erziehung insgesamt (§§ 27 bis 35 SGB VIII) 453 328 100 X
davon
Einzelhilfen 402 761 88,8 240,2
Hilfe zur Erziehung (§ 27 SGB VIII) 5 693 1,3 3,4
Erziehungsberatung 307 494 67,8 183,4
Soziale Gruppenarbeit 8 015 1,8 4,8
Erziehungsbeistand/ Betreuungshelfer 22 471 5,0 13,4
Erziehung in einer Tagesgruppe 9 356 2,1 5,6
Vollzeitpflege in einer anderen Familie 14 423 3,2 8,6
Heimerziehung 32 198 7,1 19,2
Intensive Sozialpädagogische Einzelbetreuung 3 111 0,7 1,9
Familienorientierte Hilfen 50 567 11,2 X
Hilfe zur Erziehung (§ 27 SGB VIII) 11 371 2,5 X
Sozialpädagogische Familienhilfe 39 196 8,6 X
Anzahl der jungen Menschen in den Familien 98 780 X 58,9
Anzahl der jungen Menschen insgesamt 501 541 X 299,1
Eingliederungshilfe bei (drohender) seelischer
Behinderung (§ 35a SGB VIII) 16 071 X 9,6
*) Einschließlich der Hilfen für junge Volljährige.
1) Bezug: durchschnittliche Bevölkerung im Alter von unter 21 Jahren 2008.
Schwarzbuch Jugendamt 245

Weitere kostenlose Ergebnisse gibt es im Publikationsservice des Statistischen Bundesamtes.

Weitere Auskünfte gibt:


Zweigstelle Bonn,
Stefanie Lehmann,
Telefon: (0611) 75-8167,

E-Mail: jugendhilfe@destatis.de
Schwarzbuch Jugendamt 246

Pressemitteilung Nr.269 vom 17.07.2009

2008: 12 250 Sorgerechtsentzüge

WIESBADEN – Weil eine Gefährdung des Kindeswohls anders nicht abzuwenden war, ha-
ben die Gerichte in Deutschland im Jahr 2008 in 12 250 Fällen den vollständigen oder teil-
weisen Entzug der elterlichen Sorge angeordnet. Dies teilt das Statistische Bundesamt (Desta-
tis) mit. Rechtsgrundlage für diese Maßnahme ist § 1666 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB). In
9 100 Fällen übertrugen die Gerichte das Sorgerecht ganz oder teilweise auf die Jugendämter,
in den übrigen Fällen einer Einzelperson oder einem Verein.
Bei einem teilweisen Entzug der elterlichen Sorge wird zum Beispiel das Aufenthaltsbe-
stimmungsrecht oder die Vermögenssorge entzogen. Bei der Übertragung des teilweisen Sor-
gerechts an ein Jugendamt wurde in 2 350 Fällen (26%) nur das Aufenthaltsbestimmungsrecht
zugesprochen. Mit dem Aufenthaltsbestimmungsrecht ist die Befugnis verbunden, Entschei-
dungen des alltäglichen Lebens zu treffen.
Die Zahl der gerichtlichen Maßnahmen zum Sorgerechtsentzug hat sich deutschlandweit (oh-
ne Berlin, wo für 2007 eine deutliche Untererfassung festgestellt wurde) gegenüber 2007 um
circa 8% erhöht.
Weitere Informationen werden voraussichtlich ab Montag, den 20. Juli 2009 im Publikations-
service des Statistischen Bundesamtes unter www.destatis.de kostenlos zur Verfügung stehen.

Gerichtliche Maßnahmen zum vollständigen oder teilweisen Entzug der elterlichen Sor-
ge in Deutschland 2007 und 2008
Land Gerichtliche Maßnahmen zum vollständigen oder
teilweisen Entzug der elterlichen Sorge
2008 2007 Veränderung in %
Baden-Württemberg 1 010 847 19,2
Bayern 1 441 1 531 – 5,9
Berlin 1) 1 007 x x
Brandenburg 364 306 19,0
Bremen 93 126 – 26,2
Hamburg 516 440 17,3
Hessen 843 644 30,9
Mecklenburg-Vorpommern 228 188 21,3
Niedersachsen 1 274 1 225 4,0
Nordrhein-Westfalen 3 209 3 023 6,2
Rheinland-Pfalz 687 652 5,4
Saarland 149 163 – 8,6
Sachsen 522 504 3,6
Sachsen-Anhalt 340 254 33,9
Schleswig-Holstein 310 299 3,7
Thüringen 251 234 7,3
Deutschland 12 244 x x
Deutschland ohne Berlin 11 237 10 436 7,7
Früheres Bundesgebiet ohne Berlin 9 532 8 950 6,5
Neue Länder ohne Berlin 1 705 1 486 14,7

1) Für Berlin wurde für 2007 eine deutliche Untererfassung festgestellt.

Weitere Auskünfte gibt: Zweigstelle Bonn, Heike Heilmann, Telefon: (0228) 99 643-8167, E-
Mail: jugendhilfe@destatis.de
Schwarzbuch Jugendamt 247

Pressemitteilung Nr.242 vom 30.06.2009

Eingeschränkte Erziehungskompetenz häufigster Grund für Heimerziehung

WIESBADEN – Für 28 700 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene hat im Jahr 2007 die
Erziehung in einem Heim oder in einer betreuten Wohnform begonnen. Wie das Statistische
Bundesamt (Destatis) mitteilt, waren das 17% mehr als im Jahr zuvor. Der Anteil der jungen
Volljährigen lag bei rund 8%.

Seit dem Jahr 2007 wird bei den Jugendämtern nach den Gründen für die Unterbringung von
jungen Menschen in einem Heim oder einer betreuten Wohnform gefragt. Dabei können ne-
ben einem Hauptgrund bis zu zwei weitere Gründe für die Notwendigkeit einer erzieherischen
Hilfe angegeben werden. Die eingeschränkte Erziehungskompetenz der Eltern war mit 43%
der am häufigsten genannte Grund dafür, dass junge Menschen in einem Heim untergebracht
werden. In 35% der Fälle wurden Auffälligkeiten im sozialen Verhalten und in 24% schuli-
sche beziehungsweise berufliche Probleme der jungen Menschen als Gründe angegeben. Mit
jeweils 22% spielen die Gefährdung des Kindeswohls oder die unzureichende Förderung und
Betreuung der Kinder und Jugendlichen ebenfalls eine große Rolle.

Wie in den Vorjahren war die Mehrzahl der jungen Menschen, für die eine Heimerziehung
begann, männlich (53%). Zwischen den Geschlechtern gab es zum Teil deutliche Unterschie-
de bei den Gründen für die Heimerziehung. Während Jungen und Mädchen beinahe gleich
häufig von eingeschränkter Erziehungskompetenz (44% beziehungsweise 42%) betroffen
waren, wurden Auffälligkeiten im sozialen Verhalten bei Jungen und jungen Männern zu 40%
als Grund angegeben, bei Mädchen und jungen Frauen zu 30%. Auch schulische Probleme
führten bei Jungen mit 27% häufiger zu einer Aufnahme in ein Heim als bei Mädchen mit
19%. Dagegen lagen bei Mädchen und jungen Frauen die Nennung von Belastungen durch
familiäre Konflikte (28%) und der Gefährdung des Kindeswohls (25%) jeweils um sechs Pro-
zentpunkte über denen bei Jungen und jungen Männern.

Weitere kostenlose Ergebnisse gibt es im Publikationsservice des Statistischen Bundesamtes.

Weitere Auskünfte gibt:


Zweigstelle Bonn,
Dorothee von Wahl,
Telefon: (0611) 75-8167,

E-Mail: jugendhilfe@destatis.de
Schwarzbuch Jugendamt 248

Pressemitteilung Nr.234 vom 25.06.2009

14% mehr Inobhutnahmen durch Jugendämter im Jahr 2008

WIESBADEN – Im Jahr 2008 haben die Jugendämter in Deutschland 32 300 Kinder und Ju-
gendliche in Obhut genommen. Das sind rund 4 100 (+ 14,4%) mehr als 2007. Gegenüber
dem Jahr 2005 beträgt die Steigerung 26%. Dies teilt das Statistische Bundesamt (Destatis)
mit.

Eine Inobhutnahme ist eine kurzfristige Maßnahme der Jugendämter zum Schutz von Kindern
und Jugendlichen, die sich in einer akuten, sie gefährdenden Situation befinden. Jugendämter
nehmen Minderjährige auf deren eigenen Wunsch oder auf Initiative Anderer (etwa der Poli-
zei oder Erzieher) in Obhut und bringen sie – meist für Stunden oder einige Tage – in einer
geeigneten Einrichtung unter, etwa in einem Heim.

Bereits um die Jahrtausendwende hatte die Zahl der jährlichen Inobhutnahmen bei über 31
000 gelegen, war dann aber bis 2005 auf 25 700 gesunken. Seitdem ist die Zahl wieder deut-
lich angewachsen. Berücksichtigt man die rückläufige Zahl junger Menschen in der Bevölke-
rung, zeigt sich gegenüber dem Jahr 2000 auch eine gestiegene Intensität der Inobhutnahmen:
Im Jahr 2000 wurden 20 von 10 000 Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren in Obhut ge-
nommen, im Jahr 2008 waren es 23 von 10 000.

Insbesondere in der Altersstruktur der in Obhut genommenen Kinder hat es erhebliche Verän-
derungen gegeben. Der Anteil der unter Dreijährigen an allen in Obhut genommenen Minder-
jährigen hat sich von 5% im Jahr 2000 auf 10% im Jahr 2008 verdoppelt. Bei den Drei- bis
Achtjährigen stieg der Anteil im gleichen Zeitraum von 9 auf 14%. Im Jahr 2000 wurden,
wiederum auf die Bevölkerung bezogen, 6 von 10 000 Kindern unter neun Jahren in Obhut
genommen, im Jahr 2008 waren es dagegen 12 von 10 000. Diese Zahlen deuten darauf hin,
dass die Jugendämter verstärkt den Schutz jüngerer Kinder im Blick haben.

Der mit Abstand meistgenannte Anlass für die Inobhutnahme war die Überforderung der El-
tern (in 44% aller Fälle). Bei 7 700 Kindern und Jugendlichen oder 24% der Fälle waren Ver-
nachlässigung beziehungsweise Anzeichen für Misshandlung oder für sexuellen Missbrauch
festgestellt worden.

Weitere kostenlose Informationen gibt es im Publikationsservice.

Weitere Auskünfte gibt:


Zweigstelle Bonn,
Dorothee von Wahl,
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Schwarzbuch Jugendamt 249

Pressemitteilung Nr.483 vom 15.12.2008

Transferleistungen bei 29% der begonnenen erzieherischen Hilfen

WIESBADEN – Im Jahr 2007 haben Jugendämter in Deutschland 421 000 erzieherische Hil-
fen für Familien, Kinder, Jugendliche und junge Volljährige neu gewährt. Wie das Statistische
Bundesamt (Destatis) mitteilt, erhielten 29% dieser Familien beziehungsweise der jungen
Volljährigen auch finanzielle staatliche Unterstützung. Als finanzielle staatliche Unterstüt-
zung wird in der Statistik der erzieherischen Hilfe berücksichtigt, wenn (auch teilweise) Ar-
beitslosengeld II, bedarfsorientierte Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung oder
Sozialhilfe (SGB XII) bezogen wird.
Bei den 295 000 begonnenen Erziehungsberatungen lag der Anteil der Bezieher von Trans-
ferleistungen bei 16,5%. Bei den übrigen 126 000 erzieherischen Hilfen (zum Beispiel sozial-
pädagogische Familienhilfe, Heimerziehung) betrug der Anteil der Empfängerinnen und
Empfänger von staatlichen Transferleistungen knapp 59%.
Mit etwa 73% war der Anteil der Empfänger von Transferleistungen bei den neuen Vollzeit-
pflegen in einer anderen Familie am höchsten; bei den neu gewährten sozialpädagogischen
Familienhilfen erhielten zwei von drei Familien auch finanzielle staatliche Unterstützung.
Knapp jede zweite der begonnenen erzieherischen Hilfen (ohne Erziehungsberatung) wurde
von allein lebenden Elternteilen in Anspruch genommen (49%). Von den begonnenen Erzie-
hungsberatungen richteten sich 48% an zusammenlebende Eltern und 34% an alleinlebende
Elternteile.
2007 wurden erstmals statistische Angaben zu den Eingliederungshilfen bei (drohender) seeli-
scher Behinderung als Leistung der Kinder- und Jugendhilfe erhoben. Bei einem Viertel der
13 800 begonnenen Eingliederungshilfen wurde zusätzlich auch finanzielle staatliche Unter-
stützung gewährt.
Begonnene erzieherische Hilfen 2007 nach Hilfeart und Bezug von Transferleistungen
Art der Hilfe Anzahl Bezug von Prozent
Transfer-
leistungen
Hilfen zur Erziehung insgesamt 421 232 122 569 29,1
Hilfen zur Erziehung ohne Erziehungsberatung 126 197 73 965 58,6
Hilfe zur Erziehung gemäß § 27 SGB VIII 12 626 6 910 54,7
Erziehungsberatung gemäß § 28 SGB VIII 295 035 48 604 16,5
Soziale Gruppenarbeit gemäß § 29 SGB VIII 7 813 3 296 42,2
Einzelbetreuung gemäß § 30 SGBVIII 20 442 10 089 49,4
Sozialpädagogische Familienhilfe
gemäß § 31 SGB VIII 31 689 20 990 66,2
Erziehung in einer Tagesgruppe gemäß § 32 SGB VIII 8 655 4 896 56,6
Vollzeitpflege in einer anderen Familie
gemäß § 33 SGB VIII 13 080 9 502 72,6
Heimerziehung gemäß § 34 SGBVIII 28 706 16 655 58,0
Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung
gemäß § 35 SGB VIII 3 186 1 627 51,1
Eingliederungshilfe bei (drohender) seelischer Behinderung
gemäß § 35a SGB VIII 13 829 3 427 24,8
Weitere Auskünfte gibt:

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Schwarzbuch Jugendamt 250

Pressemitteilung Nr.437 vom 20.11.2008

19% mehr Ausgaben bei Schutzmaßnahmen für Kinder

WIESBADEN – Im Jahr 2007 hat die öffentliche Hand, insbesondere die Jugendämter, 96,7
Millionen Euro für vorläufige Schutzmaßnahmen für Kinder und Jugendliche aufgewendet.
Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, stiegen die Ausgaben für vorläufige
Schutzmaßnahmen, zu denen vor allem die Inobhutnahme bei Gefährdung des Kindeswohls
gehört, bundesweit damit um 19% gegenüber 2006 (81,1 Millionen Euro) an. 2004 beliefen
sich die Ausgaben noch auf 77,4 Millionen Euro; sie sind somit innerhalb der letzten drei Jah-
re um 25% gestiegen.

Insgesamt gaben Bund, Länder und Gemeinden im Jahr 2007 für Leistungen der Kinder- und
Jugendhilfe 22,8 Milliarden Euro aus. Damit sind die Ausgaben gegenüber dem Vorjahr um
9% gestiegen. Nach Abzug der Einnahmen, unter anderem aus Gebühren und Teilnahmebei-
trägen, wurden netto rund 20,5 Milliarden Euro für Kinder- und Jugendhilfe aufgewendet (+
9,5% gegenüber 2006).

Mit 11,9 Milliarden Euro wurde mehr als die Hälfte dieser Bruttoausgaben (52%) für Kinder-
tagesbetreuung geleistet. Nach Abzug der Einnahmen von 1,5 Milliarden Euro in diesem Be-
reich verblieben für die öffentliche Hand netto 10,4 Milliarden Euro an Ausgaben.

Für Hilfen zur Erziehung wendeten Bund, Länder und Gemeinden 2007, mit insgesamt 5,4
Milliarden Euro (+ 5% gegenüber 2006) knapp ein Viertel der Bruttoausgaben (24%) im
Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe auf. 3,5 Milliarden Euro (+ 3% gegenüber 2006) von
diesen Ausgaben entfielen auf die Unterbringung junger Menschen außerhalb des Elternhau-
ses in Vollzeitpflege, Heimerziehung oder in anderer betreuter Wohnform. Für sozialpädago-
gische Familienhilfe erhöhten sich die Ausgaben um 13% auf 446 Millionen Euro.

Detaillierte Ergebnisse zu den Ausgaben und Einnahmen der Träger der öffentlichen Kinder-
und Jugendhilfe 2007 sind voraussichtlich ab 28. November 2008 abrufbar im Publikations-
service des Statistischen Bundesamtes (Suchbegriff „Ausgaben Jugendhilfe“).

Weitere Auskünfte gibt:


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