Sie sind auf Seite 1von 157

Zweiter Weltkrieg

Erlebnisbericht
vom
Stahlgewitter über
der Normandie

-
D-Day - Westfront 1944

von
Walter Mönch
Erste Auflage Januar 2019
Copyright © 2019 Walter Mönch
ISBN: 9781549850653
"Ich würde lieber eine deutsche Division vor mir haben, als eine
französische hinter mir."

George S. Patton
Oberbefehlshaber 3. US-Armee
Dieses Buch ist den gefallenen deutschen Soldaten des Zweiten
Weltkrieges gewidmet und Mahnung für die Lebenden den Frieden zu
erhalten.

Dass das Leid, welches der Zweite Weltkrieg über Deutschland und die
Welt brachte, soll nicht in Vergessenheit geraten.

Nur wenn die Toten nicht vergessen werden und der Krieg mit all seinen
Grausamkeiten im Gedächtnis der Menschen bleibt, können zukünftige
Konflikte vielleicht vermieden werden.

Dieses Buch soll zum Nachdenken anregen und nichts verherrlichen oder
verharmlosen. Das Buch basiert auf wahren Begebenheiten.

Alle Namen, falls es sich nicht um Persönlichkeiten der Zeitgeschichte


handelt, sind verändert oder frei gestaltet.
Generalleutnant Fritz Bayerlein
Divisionskommandeur der Panzer-Lehr-Division
* 14.01.1899 † 31.01.1970

Auf dem Weg nach Vorne – Panzerlehrdivision in der Normandie nahe Sainte-
Mère-Église
Aufgesessene Infanterie der Panzerlehrdivision
Vorwort

Der Tod war überall in jenen Sommertagen des Jahres 1944. Die alliierte
Invasion in Nordfrankreich hatte die Landschaft zwischen der Halbinsel
Cotentin und Sainte-Mère-Église in eine menschenverschlingende Hölle
verwandelt.

Tausende von deutschen Soldaten wurden von Granaten in die blutgetränkte


Erde der Normandie gestampft, gewaltige Kaliber zerschlugen die
Bunkerkolosse an der Küste, und Raketen feindlicher Tiefflieger ließen selbst
von den größten Panzern nur ausgeglühte Wracks zurück. So auch in der
Landschaft Caen, Tilly und St. Lô, wo dem VIII. US-Korps am 25. Juli leider
schließlich der Durchbruch gelang.

Auch die ungeheuren Blutopfer der Panzerlehrdivision waren umsonst


gewesen, die in einem Vernichtungswirbel ohnegleichen ihr Ende gefunden
hatte. Von dieser Schlacht auf den Totenfeldern der Normandie handelt der
nachfolgende Band.

Erlebnisbericht
Südwestlich Caen. Im Raum Tilly. Die Kerzen flackern unter dem fauchenden
Luftsog der einschlagenden Granaten, und das Kellergewölbe erzittert.
Klatschend fällt der Rauhputz von der Decke herab, und Pulverdampf wälzt
sich träge die Treppe herunter. Mit stumpfen Gesichtern, in denen das Grauen
tiefe Furchen gezogen hat, hocken die Soldaten an den feuchten Wänden. Ihre
Hände umkrampfen die Waffen, und ihre Lippen zucken verhalten. Der
Engländer trommelt. Stundenlang drischt das massierte, englische
Artilleriefeuer auf die Stellungen des II. Bataillons hernieder, und der Major
weiß nicht, ob dort vorn bei den Kompanien eigentlich noch ein einziger Mann
am Leben ist.

Oberfeldwebel Blohm schiebt seine Papiere zusammen und verstaut sie in


seiner Aktentasche. Unteroffizier Daun, der Fahrer des Kommandeur-
Schützenpanzerwagens, dreht sich geschickt eine Zigarette, schiebt sie
zwischen seine trockenen Lippen und vergisst sie anzuzünden. »Lieb Vaterland,
magst ruhig sein …«, knurrt der Adjutant leise zwischen den Zähnen hindurch.
Er blickt zur Decke, als wollte er sie fragen, wie lange sie wohl noch
standhielt. Unteroffizier Hainewald schiebt sich ein Stück Brot zwischen die
Zähne und kaut langsam und bedächtig darauf herum. Obergefreiter Heinicke
schüttelt den Kopf und versucht einen Witz: »Sie schießen wieder so lange, bis
noch etwas passiert.« Hermann Pülm, evangelischer Pfarrer im Zivilleben,
tippt sich vielsagend gegen die Stirn, Aber Heinicke zuckt nur mit den
Schultern. Erst nach einer Weile sagt er leise: »Bete, Hermann, vielleicht hilft
uns der Herrgott hier noch einmal heraus!« »Alles liegt in Gottes Hand.« Pülm
lehnt sich zurück an die Wand, und seine Lippen bewegen sich lautlos. Die
Hände hält er zwischen den Knien gefaltet. Aus dem Nachbarkeller dringt das
Stöhnen der Schwerverwundeten durch das Gewölbe, und Oberfeldwebel
Blohm wirft seine Tasche mit dem Schreibkram unter die als Tisch dienende
Kiste. « Hartnäckig zieht der Major an seiner längst erloschenen Zigarre. Er
schaut auf, als Doktor Gärtchen – der Bataillonsarzt – unter der Tür zum
Nachbarkeller stehenbleibt. »Was gibt es, Doktor?«

»Leutnant Aurach ist eben gestorben, Herr Major!« Unger springt auf.
»Verdammt!« Aber dies klingt nicht wie ein Fluch, eher wie der Schrei eines
Menschen, der völlig verzweifelt ist. »Hat er… ich meine, hat er noch schwer
gelitten?« »Nein, Herr Major, ich habe ihm eine Spritze gegeben. Er ist völlig
ruhig eingeschlafen.« »Danke – danke für Aurach, Doktor!« Wieder wankt der
ganze Keller, und einige Kerzen verlöschen. Die britische Artillerie schießt
den Trauersalut für Leutnant Aurach. Ruhig zündet Otto Blohm die erloschenen
Kerzen wieder an. Aber es ist nur eine äußere Ruhe. Bei ihm wie bei allen
anderen in diesem Keller hier. Kein Fernsprecher funktioniert mehr, und die
Antenne des Hundert-Watt-Senders ist längst zerdroschen worden. »Die
Tommies arbeiten Akkord an ihren Geschützen«, sagt Feldwebel Fisser hart
und wischt sich mit der flachen Hand den Schweiß – der in dicken Tropfen auf
seiner Stirn steht – weg. Unger nickt wortlos, und Oberleutnant Gerken, der
Bataillonsadjutant, betrachtet die schwankenden Schatten, die die Kerzen von
den Silhouetten der Männer an die Wand werfen. Seit gestern Abend um acht
Uhr trommelt der britische Gegner mit unvorstellbarer Wucht auf die
Stellungen des Panzergrenadierlehrregimentes an der Normandiefront. Draußen
steht kein Baum und kein Strauch mehr. Alles ist durcheinandergewirbelt
worden. Die Erde bäumt sich auf unter den tödlichen Schlägen der Granaten,
wird zum hundertsten Male umgewühlt. Trichter reiht sich an Trichter.

Feurige Wände aus aufspritzendem Feuer und glühenden Stahlsplittern erheben


sich immer aufs Neue, und der Atem des Todes haucht über die zerstampften
Stellungen. Vorn, bei der 7. Kompanie, liegt der Oberfeldwebel Hessler mit
dem Rest seines Zuges in einem gewaltigen Trichter, den die britische
Schiffsartillerie geschossen hat. Die Männer krallen sich in die aufgerissene
Erde und ducken sich unter den pausenlosen Einschlägen der feindlichen
Granaten. »Hört denn das nie wieder auf«, stöhnt ein Obergefreiter, dessen
rechter Uniformärmel zerfetzt ist und von dessen Hand das Blut in dicken
Tropfen zu Boden fällt, um sogleich von der trockenen Erde aufgesogen zu
werden. »Ruhe bewahren!« Es ist Hessler, der es kurz hervorstößt. Aber er
kann die Männer verstehen, die mit ihm in diesem grausamen Todeswirbel
liegen. Aber einmal werden die Engländer da drüben doch aufhören zu
schießen, einmal muss doch auch bei ihnen die Munition ausgehen. Hessler
blickt auf das Leuchtzifferblatt seiner Armbanduhr. Es ist kurz vor drei Uhr,
und in siebzig Minuten wird der neue Tag anbrechen. Was wird er bringen? Er
rutscht etwas tiefer in den Trichter zurück und starrt seine dreckverschmierten
Leute an. Da ist Gierke, kaum zwanzig Jahre alt. Einstmals verwöhntes
Söhnchen eines Universitätsprofessors. Er ist hier draußen in wenigen Wochen
zum Mann geworden. Dann der Gefreite Hempel. Sein ewiges Lachen hat er
hier verlernt, er brauchte keine Woche dazu. Zwei Tage genügten, um tiefe
Furchen in sein sonst so fröhliches Gesicht zu graben. Und Baumbach? Der
Don Joan der Kompanie?

Hat er die hübschen Mädchen alle in die Tiefe seines Unterbewusstseins


vergraben, oder denkt er auch jetzt noch an sie? Wer kann Antwort darauf
geben? Hessler wirft sich herum. Dicht neben ihm hockt Paschke. Uralter
Stabsgefreiter mit ebenso vielen Dienstjahren wie er selbst. »Verfluchter Mist,
was?« »Gar kein Ausdruck!« Paschke winkt kurz ab. »Ich glaube, hier sterben
wir noch alle, Paul.« »Möglich. Aber einige von uns müssen ja wohl noch
nach Hause kommen um zu berichten, wie die anderen gefallen sind.« »Als
wenn später einmal jemand Wert darauf legen würde? Sie werden sich an ihre
Stirn tippen und sagen: Die waren ja schön dumm, da vorn im Dreck zu liegen,
während wir hier zu Hause ›Heil‹ geschrien und unsere Geschäfte gemacht
haben.« »Hast recht!« Plötzlich verstummt das wilde Artilleriefeuer
schlagartig. Die wenigen Landser heben erstaunt die Köpfe, sie können es noch
gar nicht begreifen. Die Ruhe zerrt ebenso heftig an den Nerven wie vorher das
Trommelfeuer. Die Pulverschwaden ziehen träge über das Schlachtfeld, und
dann hören sie englische Laute vorn. »Die Tommies kommen!« Hell klingt der
Warnschrei über das Trichtergelände. Die Panzergrenadiere ergreifen ihre
Waffen und schieben sich höher aus den Löchern heraus. Es ist eine dünne
Linie, aber es ist immerhin noch eine Widerstandslinie. Wenn nur der
Nordwind die Pulverschwaden nicht direkt auf die deutschen Stellungen
zutreiben würde. Mit angehaltenem Atem erwarten die Verteidiger das
Auftauchen der englischen Sturmtruppen. Und da sind sie schon, mit flachen,
schrägsitzenden Stahlhelmen. Nur schemenhaft tauchen sie auf.

Handgranaten torkeln durch die Luft und zerspringen mit bösem Knallen.
Maschinengewehre rasen los, und die ersten Schreie von zu Tode getroffenen
Männern gellen auf. Vor Hesslers Trichter wächst ein hünenhafter Engländer
empor. Paul Hessler reißt die Maschinenpistole durch …Paschke zieht eine
Handgranate nach der anderen ab und wirft sie in den hin und her wogenden
Qualm. Auf beiden Seiten wird voll Erbitterung gerungen und gestorben. »Wo
bleiben nur unsere Panzer«, keucht der Oberfeldwebel und schießt mitten
hinein in die im Qualm auftauchenden Schatten. Vom Süden klingen
Artillerieabschüsse auf, und dann fegen die Lagen der schweren
Heeresflakbatterien in das Niemandsland. Neue Feuerwände brechen auf, und
heiße Splitter zerreißen aufs Neue warmes, pulsierendes Leben. Dumpf knallen
die Abschüsse und Einschläge der schweren Feldhaubitzen dazwischen. Dann
dreht sich der Wind und treibt die Pulverschwaden plötzlich nach Westen ab.
Die Sicht wird besser, und dann können die Verteidiger auch die erdbraunen
Massen der Angreifer vor sich liegen sehen. Die Maschinengewehre erfassen
unbarmherzig ihre Ziele. Wer kennt hier noch Mitleid? Wer denkt daran, dass
auf beiden Seiten Söhne von Müttern sterben, die einstmals unter Schmerzen
geboren wurden? Und dann klart es plötzlich ganz auf. Von Norden, dort wo
die Kaminreste der ehemaligen Ferme ihre Stümpfe in den Himmel strecken,
rasseln Panzer heran.

Es sind britische Cromwell-Wagen, deren Kanonen die kaum mehr


erkennbaren deutschen Stellungen aufs Neue zerhämmern. Die Grenadiere
nehmen ihre Panzerfäuste zur Hand. Die nagende Angst haben sie ins
Unterbewusstsein verdrängt. Jetzt lauern sie nur noch darauf, dass die Panzer
auf Schussentfernung herankommen. Hauptmann Ofenbeck, der Kommandeur
der Panzerjäger-Lehrabteilung, zieht sechs seiner Geschütze durch den
Bachgrund vor und stellt die Selbstfahrlafetten dicht am Hinterhang in Stellung.
Aus ihren Langrohrmündungen lecken feurige Lohen. Stahl knallt auf Stahl.
Berstend fliegen die ersten englischen Panzer in die Luft. Breitbeinig steht der
Panzerjägerhauptmann ein Stück weiter vorn in einem Trichter neben einer
Handvoll Grenadiere und leitet über einen Funktrupp das Feuer seiner
Geschütze. Aber drüben schieben sich immer neue Panzerwellen aus dem
zerfetzten Kastanienwäldchen hervor und nähern sich den deutschen
Stellungen. Rechts, dort wo Einheiten der 12. SS-Panzerdivision liegen, rollen
jetzt einige Tiger-Panzer unter Michael Wittmann heran, die das Panzerkorps
abgestellt hat. Hart bellen die Abschüsse der Tiger auf, und mehrere Cromwell
fliegen dröhnend auseinander. Längst ist es hell geworden, niemand hat es in
der Hitze des Kampfes so richtig bemerkt. Nach einer halben Stunde rollen die
englischen Panzer wieder zurück. Nur brennende Wracks bleiben im
Niemandsland liegen. Die deutschen Panzergrenadiere atmen auf und bergen
ihre Verwundeten. In langen Reihen stolpern sie rückwärts zu Ärzten und
Verbandsplätzen.

Viele müssen getragen werden, und noch mehr schweigen für immer. Die 7.
Kompanie zählt noch ganze zweiunddreißig Mann. Der Leutnant ist tot, und
Hessler übernimmt die Kompanie. Am Hinterhang arbeiten sich einige Landser
hoch, sie bringen in großen Thermoskübeln warmes Essen. Andere holen kalte
Verpflegung und Zigaretten herbei. Es gibt für jeden Mann doppelte Rationen,
denn gestern Abend hatte die Kompanie noch eine Grabenstärke von achtzig
Mann. Der Küchenunteroffizier zögert zuerst. »Ich kann keine doppelten
Rationen abgeben. «Hessler schaut den Unteroffizier an. »Und warum nicht?«
»Die Rationen sind für achtzig Mann bemessen, Herr Oberfeldwebel!« »Hör«
mal!« Hessler steht auf. »Du hast doch für die siebente Kompanie Verpflegung
empfangen, nicht wahr?« »Jawohl!« »Nun, die siebente Kompanie sind wir,
die anderen sind gefallen oder auf dem Hauptverbandsplatz, willst du den Rest
der Verpflegung etwa wieder mit zurücknehmen?« »Ich weiß nicht«, sagt der
Küchenunteroffizier zögernd. »Dann quatsch nicht so lange und pack schon aus.
«Hessler setzte sich wieder. »Aber die Rauchwaren kann ich nicht…« Mit
einer schroffen Handbewegung unterbricht ihn der Oberfeldwebel. »Ich bin
hier der Kompanieführer – verteil die Sachen, aber ein bisschen fix,
verstanden. »Der Stabszahlmeister wird mich verantwortlich machen.« »Der
kann uns den Buckel runterrutschen, klar? «Also verteilt der Unteroffizier doch
die mitgebrachten Schätze. Die Männer grinsen sich an und beginnen zu essen.

Dann glimmen die ersten Zigaretten auf, und bläulicher Rauch kringelt aus den
Trichtern und Deckungslöchern hoch. »Jetzt sieht das Leben schon wieder viel
rosiger aus«, brummt Paschke leise vor sich hin. »Ja, man wird bescheiden
hier vorne. «Die britische Artillerie tastet das Gelände ab. Störungssucher
haben die zerfetzten Fernsprechleitungen zu den drei Schützenkompanien
wieder geflickt, und Major Unger weiß jetzt wenigstens, wie es vorn bei
seinen Kompanien aussieht. Nachdenklich geht er im Keller des zertrümmerten
Schlosses hin und her. Endlich bleibt er vor den Fernsprechapparaten stehen
und verlangt das Regiment. Nach einiger Zeit meldet sich die Vermittlung des
Lehrregiments. »Den Kommandeur, bitte!« »Einen Augenblick, Herr Major«,
tönt es aus der Hörmuschel zurück. Dann meldet sich Oberst Scholze: »Was
gibt es, Unger?« »Herr Oberst, das Bataillon hat – mit Kompanie und Stab –
noch eine Grabenstärke von einhundertfünfzig Köpfen. Ich kann mit diesen
Männern die Stellung nicht mehr halten. Noch solch ein Großangriff wie
gestern – und der Gegner bricht durch.« »Ich weiß es, Unger, aber ich kann es
nicht ändern. Ich habe wiederholt um Ablösung gebeten, sie wurde mir auch
zugesagt, bloß den genauen Zeitpunkt hat mir der General nicht verraten
können.« »Die Soldaten sind am Ende ihrer Kraft, Herr Oberst.« »Ich weiß
es.« »Das Bataillon hat noch drei Offiziere, Herr Oberst.« »Ich komme heute
Nacht vor zu Ihnen, Unger. Tun Sie Ihr Bestes.« »Selbstverständlich, Herr
Oberst. «Eine Weile summt es nur im Draht, dann sagt Oberst Scholze sehr
leise, eigentlich mehr zu sich selbst:

»Das Regiment stirbt wieder einmal.« »Herr Oberst?« »Schon gut, Unger, ich
komme vor.« »Danke, Herr Oberst!« »Ende!« Langsam legt er den Hörer
zurück auf den Fernsprechkasten. Bis es dunkel wird, vergehen noch zwei
Stunden. Und was kann in diesen zwei Stunden noch alles geschehen. Major
Unger steckt sich eine neue Zigarre an und setzt sich wieder hinter die Kiste.
Blohm macht die Abendmeldung fertig, und die Melder dreschen in der Ecke
einen Skat. Oberleutnant Gerken schreibt nach Hause, und der Doktor liest
einen Dreißig-Pfennig-Roman. Langsam verstreicht die Zeit, nur wenn eine
schwere englische Granate in unmittelbarer Nähe einschlägt, heben alle
zugleich die Köpfe. Dann spielen, lesen oder schreiben sie wieder weiter. Als
die Nacht hereinbricht, verstärkt der Engländer sein Artilleriefeuer. Aber
langsam haben sich alle deutschen Landser daran gewöhnt. Gegen Mitternacht
kommt Oberst Scholze nach vorn. »Na Unger, wie geht’s?« »Schlecht, Herr
Oberst!« »Ja, ja, ich weiß, aber morgen Abend sollen wir endlich abgelöst
werden.« »In Ruhe, Herr Oberst?« »Nein, die Panzerlehrdivision verlegt in
den Raum St-Lô, Unger.« Major Unger schüttelt den Kopf. »Was meine Männer
brauchen, ist Ruhe und noch einmal Ruhe, Herr Oberst. «Oberst Scholze blickt
den Major eigenartig an, dann sagt er leise: »Vielleicht haben wir bald alle
Ruhe, Unger?« »Verzeihung, Herr Oberst!« »Schon gut. Ich habe in zwei
Weltkriegen schon so viele meiner Soldaten sterben sehen.

Unger, wenn ich einmal vor Gott stehen werde, weiß ich nicht, wie ich mich
und mein Tun und Handeln verantworten soll. Davor habe ich Angst, Unger.
«Major Unger schweigt, denn er weiß keine Antwort darauf. Dann sagt er:
»Wollen wir durch die Stellungen gehen, Herr Oberst?« Die Nacht ist
sternenklar, und die beiden Kommandeure gehen mit zwei Meldern durch den
Bachgrund. Ein Posten ruft sie an. Major Unger gibt die Parole zurück. Sie
stoßen auf den Gefechtsstand der 7. Kompanie. Hessler meldet nichts Neues.
Scholze legt dem Oberfeldwebel die Hand auf die Schulter. »Ihr habt euch gut
geschlagen, Hessler.« »Solange wir uns wehren können, kommen sie bei uns
nicht durch, Herr Oberst!« Scholze schüttelt den Kopf und sieht den
Oberfeldwebel nachdenklich an. Er sagt nichts, und Unger würde etwas darum
geben, jetzt die Gedanken des Regimentskommandeurs lesen zu können. Auf
einmal meint der Oberst unvermittelt: »Der menschlichen Kraft sind Grenzen
gesetzt, Hessler, vergessen Sie das nicht.« »Wie meint er das wohl?« fragt der
Stabsgefreite den Oberfeldwebel, als der Kommandeur weitergegangen ist.
»Er ist ein eigenartiger Kommandeur, mehr Mensch als Oberst«, erwidert
Hessler. Der Stabsgefreite tippt sich mit dem Zeigefinger vielsagend gegen die
Stirn und knurrt: »Du fängst auch schon an zu spinnen, Paul.« »Einer spinnt ja
bekanntlich immer.« Major Unger legt den Hörer auf und lehnt sich zufrieden
zurück gegen die Wand. »Morgen früh werden wir abgelöst!«
»In Ruhe, Herr Major?« »Zwei Tage, es gibt Ersatz, Gerken.« »Na, zwei Tage
sind besser als garnichts, Herr Major. Und wenn wir dann noch aufgefrischt
werden, kann ja eigentlich gar nichts mehr schiefgehen!« Der Adjutant blickt
auf seine Armbanduhr. »In einer halben Stunde ist es dunkel!« Unger wendet
sich an Oberfeldwebel Blohm. »Sind die Abendmeldungen alle eingegangen?«
»Jawohl, Herr Major!« »Nennen Sie mir mal die Grabenstärke der
Kompanien.« »5. Kompanie: ein Offizier, sechs Unteroffiziere und
neunundvierzig Mann, 6. Kompanie: neun Unteroffiziere und dreiundfünfzig
Mann, 7. Kompanie: vier Unteroffiziere und achtundvierzig Mann, und die 8.
Kompanie: ein Offizier, sieben Unteroffiziere und einundsiebzig Mann. Dazu
kommt die Gruppe Führer mit zwei Offizieren, einem Sanitätsoffizier, sechs
Unteroffizieren und zwölf Mann.« »Und zusammengezählt, Blohm?« »Fünf
Offiziere, zweiunddreißig Unteroffiziere und zweihundertundfünfzehn
Mannschaften, Herr Major.« »Dann haben wir bereits mehr als fünfzig Prozent
Verluste, Blohm.« Unger steht auf, schiebt die Hände in die Taschen seiner
grauen Panzerüberfallhose und marschiert im Keller auf und ab. »Wer weiß,
wann wir dran sind, um in die Ewigkeit zu marschieren.« »Man sollte nicht
dran denken«, brummt Blohm und schreibt mit steiler Schrift weiter in seinem
Buch herum. Dieses schwarze Buch spricht im wahrsten Sinne des Wortes
Bände. Zahlen – nichts wie nüchterne Zahlen spiegeln das Schicksal eines
Bataillons wieder, berichten vom Leben und vom Sterben vieler Hunderter von
Männern. Man könnte es das Tagebuch des Todes nennen.

Major Unger bleibt stehen, denn von Norden dröhnt das unverkennbare
Geräusch vieler Artillerieabschüsse herüber. »Ob das uns gilt?« Lauschend
heben die Männer im Keller des Gefechtsstandesihre Köpfe. Dann hören sie
das Orgeln und Jaulen der heranrauschenden Granaten und ziehen
unwillkürlich ihre Köpfe tiefer zwischen die Schultern. Mit elementarer
Gewalt dröhnt es in den Schlosspark herunter. Die schweren, uralten Bäume
ächzen unter dem Druck der Explosionen. Knorrige Äste werden abgeschlagen
und versperren die Wege. Kaum heben die Männer im Keller wieder ihre
Köpfe, als die zweite und gleich darauf die dritte Lage heranfegt. Nach zehn
Minuten kann kein Mensch mehr einen Abschuss von einem Einschlag
unterscheiden. »Trommelfeuer«, knurrt Gerjet Fisser, seines Zeichens
Nachrichtentruppführer, leise vor sich hin. Die Erde erzittert unter den
pausenlosen Hieben. Der Posten vor dem Kellereingang kommt mit verstörtem
Gesicht die Kellertreppe heruntergestolpert und meldet: »Herr Major!« »Was
ist?« »Die Tommies…« »Was denn?« Unger sieht, wie die Angst in den Augen
des jungen Panzergrenadiers wächst. Die Augen flackern. Ruhig sagt Unger:
»Nun rede schon.« »Die Tommies schießen Nebel, Herr Major, ganz dicken
Nebel – man kann keine drei Schritte weit sehen!« »Verflucht!« Major Unger
geht die Treppe hoch und schaut ins Freie. Was er sieht, ist dicker, milchig
weißer Nebel, der nur durch die Explosionsflammen der krepierenden
Granaten zerrissen wird, um sich dann noch dichter zusammenzuballen.

Unger kommt zurück und tritt an den Feldfernsprecher. Aber er legt den Hörer
sofort wieder zurück, denn die Leitung ist tot. »Soll ich zwei Störungssucher
losschicken?« fragt Fisser. »Nein, das wäre Selbstmord. Aber versuchen Sie
das Regiment durch Funk zu erreichen. Melden Sie, dass der Tommy mit
Nebelgranaten trommelt.« »Jawohl, Herr Major! «Aber auch die Funker
bekommen keine Verbindung mehr, denn allem Anschein nach ist ihre Antenne
bereits restlos zerfetzt worden. Somit ist das II. Bataillon des Panzergrenadier-
Lehrregiments völlig abgeschnitten. »Versuchen Sie mal die Kompanien zu
erreichen, Fisser.« Der Feldwebel bemüht sich, aber außer dem Chef der 8.
Kompanie erreicht er niemand. Wenn man bedenkt, dass der Gefechtsstand der
»Achten« im Keller des benachbarten Wirtschaftshofes liegt, ist das kein
Wunder. Denn die anderen Kompanien liegen vorne, mindestens sechs- bis
siebenhundert Meter weiter nördlich. Dazwischen liegt der Bachgrund, den der
Engländer schon hundertmal zerstampft hat. Das alte Bett des Baches ist nicht
mehr zu erkennen, und das Wasser des Baches hat schon tagelang die von
Granaten gerissenen Trichter gefüllt. Jetzt trommelt der Gegner bereits wieder
volle zwei Stunden auf den Abschnitt der Panzerlehrdivision herum, und es
sieht noch nicht so aus, als wenn das Feuer in nächster Zeit schwächer werden
wird. Es hat sogar den Anschein, als wenn es sich noch weiter steigert. Pülm
nimmt seine kleine Bibel zur Hand und beginnt zu lesen. Niemand macht sich
über diesen Gefreiten lustig, der im Zivilberuf evangelischer Priester ist.

Er ist ein feiner Kerl und ein noch besserer Kamerad. Er glaubt an Gott, sonst
an niemand. Dröhnend krepieren einige Granaten auf den Schuttmassen, die
sich über dem Keller türmen. Die Kerzen flackern, und der Kalk fällt in
Mengen von der Decke. Das Trümmergeröll wirkt federnd und schützend, liegt
doch der Schutt von drei Schlossstockwerken, darunter dicke
Naturquaderblöcke, über dem Keller. Trotzdem ducken sich die Soldaten
tiefer, und in ihren Gesichtern unter den Stahlhelmen zuckt es nervös. Sie alle,
die hier vorn liegen, hadern mit ihrem Schicksal, das sie zwingt, hier
auszuhalten und auf den Tod zu warten, der über die Normandie stampft.
Klirrend und alles unter seinen Schritten zermalmend. Heinicke denkt daran,
dass sie abgelöst werden sollen. Aber werden sie es noch erleben, oder wird
das Massengrab dahinten an der Wegekreuzung wieder größer werden? Sie
wissen es nicht, aber gewiss ist, dass nicht alle aus dieser Hölle
herauskommen werden. Wer wird der nächste sein, der sterben muss? Gefallen
für zweifelhaften Ruhm und Ehre. Keiner, der hier vorn im Dreck oder in den
Gewölben zerhämmerter Schlösser und Häuser liegt, sieht mehr die
Notwendigkeit seines Todes ein, und trotzdem halten sie aus, weil es das
Gesetz so befiehlt. Niemand wird je die Kraft ergründen können, die in ihnen
wohnt. Heute und in alle Zukunft – die im Dunkeln vor ihnen liegt. Im
Nebenkeller arbeitet der Arzt mit seinen Sanitätern. Hilflos steht er mit
hängenden Armen vor denjenigen, an denen seine ärztliche Kunst versagt.

Dann hadert auch er mit seinem Schicksal. Heute hat er acht Landsern nur noch
die Augen zudrücken können, nachdem sie unter seinen Händen gestorben sind.
Er muss arbeiten, ohne die Verwundeten betäuben zu können. Zwei tiefe
Schlücke Cognac oder Schnaps, von denen Mengen im Keller lagern, müssen
genügen, dann müssen die Männer die Zähne zusammenbeißen. Aber ihr
unmenschliches Stöhnen lässt die Gesunden nebenan erschauern. Immer wieder
schleppen Träger Verwundete heran, und es ist beinahe unverständlich, wie es
den Männern gelingt, mit den verwundeten Kameraden das tobende
Trommelfeuer zu durchlaufen. Kaum haben sie die Verwundeten in Sicherheit
gebracht, verschwinden sie wieder, um weitere Verwundete anzuschleppen.
Der Doktor schimpft leise vor sich hin. Wenn er nur mehr Licht in diesem
verdammten Keller hätte. Aber das Aggregat ist längst außer Betrieb. Jetzt
muss er sich mit Kerzen begnügen. Wieder haut es mit elementarer Gewalt in
dem Schutt ein. Die Kellertür fliegt polternd die Treppe herunter, und gelber,
beißender Qualm zieht in das Kellergewölbe. Schutt kollert herunter, und ein
langgezogener Schrei dringt durch das gespenstische Toben des
Trommelfeuers. Der Obergefreite Heinicke springt die Treppe hoch, und dann
sieht er zwei Krankenträger mit einer Trage, auf der ein Verwundeter lag. Alle
drei liegen tot vor dem Kellereingang. Mit grauem Gesicht kommt er zurück in
den Keller.
Die Nacht westlich von St.-Lô. Drüben bei den amerikanischen Stellungen, die
sich südlich um St.-Lô herum winden, ist es verdächtig ruhig geblieben. Die
aufgefrischten Regimenter der Panzerlehrdivision schieben sich zwischen die
Fallschirmjäger und die 17. SS-Division. Saint-Gilles brennt noch an vielen
Stellen. Über Canisy liegt eine pechschwarze, sogar in der Nacht zu
erkennende Qualmwolke. Oberleutnant Gerken führt jetzt das Bataillon, denn
Major Unger ist noch kurz vor der Ablösung in der alten Stellung gefallen.
Gerken zieht mit der Gruppe in ein noch unzerstörtes Schloss ein, das von drei
Seiten mit Wasser umgeben ist. Oberfeldwebel Blohm schüttelt missmutig den
Kopf. »Was gefällt Ihnen denn nicht?« fragt der Oberleutnant.»

Die Keller sind nass, und wenn Granaten das Mauerwerk unterhalb des
Wasserspiegels aufreißen, ersaufen wir glatt, Herr Oberleutnant.« »Stimmt,
bleiben wir also im ersten Stock, das Schloss hat ja dicke Wände.« Die
Funkwagen des Stabes ziehen unter dichte Baumgruppen und werden noch
sorgfältig getarnt. Gegen Morgen sitzen die Schützenkompanien in den
Stellungen, die vorher Fallschirmjäger ausgebaut hatten. Hell und strahlend
schiebt sich die Sonne über den Horizont und bescheint Freund und Feind. Man
schreibt den 19. Juli1944. Amerikanische Batterien beschießen die Stellungen
der 30. schnellen Brigade, die sich im Südteil der Stadt St-Lô festgesetzt hat
Irgendwie hat der Gegner dort etwas vor. In der Nacht war Oberleutnant
Gerken noch beim Kommandeur dieser Brigade, Freiherrn von Magnussen, und
jetzt schaut er besorgt hinüber zu seinem rechten Nachbarn, denn das
amerikanische Feuer steigert sich langsam von Stunde zu Stunde. Gegen Mittag
verschwinden die Ruinen der Stadt hinter dem Pulverdampf und Qualm der
tobenden Artillerieschlacht. »Wenn das nur gut geht«, knurrt Gerken. Was ihm
alles noch bevorsteht kann der Oberleutnant zu diesem Zeitpunkt noch nicht
einmal ahnen.

General Eisenhower sieht sehr nachdenklich aus, und auch General Bradley
wiegt immer wieder den Kopf. Seine Finger gleiten dabei unruhig über die
Karte. Er sagt: »Wenn die Deutschen jetzt ihre Infanteriedivisionen
heranführen, sehe ich schwarz. Wir werden in unserem engen Brückenkopf
festgenagelt. Dann braucht es nur noch schlechtes Wetter zu geben, sodass es
mit unserer Luftüberlegenheit vorbei ist, und wir können wieder nach Old
England fahren.« »Bradley, Sie sehen zu schwarz!« »Möglich, aber wundert es
Sie nicht, dass die Deutschen ihre Divisionen immer noch im französischen
Hinterland mit Gewehr bei Fuß stehen lassen?« »Doch«, sagt Eisenhower
trocken, »und ich hoffe, dass sie noch recht lange dort stehen werden.

Jedenfalls so lange, bis General Patton mit seiner 3. US Panzerarmee


einsatzbereit ist. Wenn Patton einmal ins Rollen gekommen ist, hält ihn
niemand mehr auf, auch die Masse der deutschen Infanteriedivisionen nicht.«
Eisenhower tritt an die Karte. »Montgomerys Offensive nördlich vonCaen ist
so ziemlich gescheitert. Aber er wird an dem Tage noch einmal antreten, an
dem Patton seine Panzerdivisionen durch die deutsche Front bei St-Lô jagt.«
»Warum gerade bei St Lô?« fragt Bradley.» Weil dort die Panzerlehrdivision
steht, die einzige voll motorisierte deutsche Division in diesem Abschnitt.
Wenn ich diese Division mit einem Schlag vernichte, dann habe ich den
stärksten und beweglichsten Gegner ausgeschaltet.« »Verstehe.« Bradley blickt
auf die Karte. »Wenn ich mich recht erinnere, wurde die Panzerlehrdivision
bereits bei Tilly schwer angeschlagen, nicht wahr?« »Ja, aber Rommels alter
Stabschef aus Afrika, ein zweiter Wüstenfuchs, führt diese Division, und ich
möchte mich nicht überraschen lassen. »So, daher weht also der Wind.
Deswegen gelang wohl Montgomery auch sein Durchbruch bei Tilly und Caen
nicht?« »Ja, die Panzerlehrdivision schob ihm einen Riegel vor.« »Interessant,
und was sagte Monty dazu?« Eisenhower wischt mit der Hand durch die Luft.
»Nichts, er schluckte die bittere Pille. Ich habe so das Gefühl, dass
Montgomery nicht ganz so will, wie ich gerne möchte.« Jetzt stützt sich der
Oberkommandierende der Alliierten auf den Kartentisch. »An der
französischen Atlantikküste steht nördlich Lessay die 243. deutsche
Infanteriedivision.

Nach Osten schließt sich die 91. Infanteriedivision an, dann folgen die 2. und
die 17. SS Division. Neben Teilen verschiedener Fallschirmjägerregimenter
steht immer noch ziemlich kampfkräftig die Panzerlehrdivision, dann kommt
die 352. Infanteriedivision. Wir setzen von West nach Ost ein: Das VIII. US-
Korps und östlich St Lô das XIX. US-Korps. General Patton sammelt zwischen
dem Wald von Mont Castre und dem Vire Kanal. Am Tage X wird Patton in
Höhe der Panzerlehrdivision nach Südwest durchbrechen. Das wäre in groben
Zügen eigentlich alles. Wenn der Durchbruch gelingt, marschiert Patton bis
Avranches, um dann nach Osten einzuschwenken. Hoffentlich gelingt es dann
den Engländern bei Caen ebenfalls durchzustoßen.« »Hoffentlich!« Bradley
macht ein Gesicht, als wären ihm sämtliche Felle davongeschwommen. Er
reicht Eisenhower die Hand, stülpt sich den Helm mit den drei blitzenden
Generalssternenüber den Schädel und geht. Eisenhower beginnt sofort wieder
zu arbeiten.

Robert L. Atkins springt von dem Sherman-Panzer herunter und grinst das
hübsche Mädchen frech an. »Hallo Baby!« Das französische Mädchen hebt
kaum merklich die Hand. Ihre Stimme klingt tief, fast irgendwie traurig.
»Hallo?« Robert schiebt beide Hände in die Hosentaschen und geht auf das
Mädchen zu. »Du bist’n sauberes Kind«, sagt er anerkennend zwischen den
Zähnen hindurch. Sie nickt ihm zu und fragt: »Zigarette?« »Yes!« Er reicht ihr
die Schachtel, sie steckt sich eine zwischen die Lippen und die restliche
Schachtel in die Schürzentasche. »Merci!« »Du bist gut… na, macht nichts.«
»Voila…« Von vorn kommt der Ruf durch: »Weiterfahren!« »Okay!«

Robert L Atkins klettert wieder auf seinen Fahrersitz, und Pattons Panzer rollen
weiter nach Süden, der nicht mehr fernen Front entgegen. Ein Franzose im
blauen Monteuranzug schiebt sich neben das Mädchen. »Hast du Zigaretten
bekommen, Denise?« »Oui, Gaston! «Gaston grinst, schiebt sich mit
unnachahmlicher Gebärde die Zigarettenschachtel in die Brusttasche und
brummt: »Pass auf, wenn wieder welche anhalten, verstanden?« »Oui!« Panzer
um Panzer durchrollen den Ort, und langsam begreifen die Franzosen, die hier
als Statisten am Rande der Invasion in ihrem Dorf geblieben sind, dass es den
Deutschen jetzt wohl doch ernstlich an den Kragen geht. Robert Atkins schluckt
an diesem heißen Sommertag viel Staub. Seine Kehle ist wie ausgedörrt, aber
unaufhaltsam rollen die Panzerregimenter nach Süden. Bei einer technischen
Rast hockt sich Robert neben seinen Kommandanten an den Straßenrand. »Du,
Sam, jetzt geht’s den Krauts bestimmt an den Kragen, meinst du nicht auch?«
Robert schweigt. Erst nach längerer Zeit sagt er: »Hast recht, Sam, ein Krieg
ist keine Lebensversicherung. Ich habe beim Ausladen mit einigen
Verwundeten gesprochen, sie waren dabei, als Carentan gestürmt wurde. Sie
sagten, dass sie jedes Haus und jede Scheune einzeln stürmen und ausräuchern
mussten.« »Nun, wir sitzen in unseren Panzern immerhin etwas sicherer,
Robert!« »Hast du schon mal etwas von der 88-mm-Kanone der Germans
gehört, Sam?« »Gewiss – die schießen auch nur mit Pulver.« »Die Tommies
haben sie in Afrika fürchten gelernt.«

»Hm.« »Los, aufsitzen – es geht weiter!« General George S. Patton treibt seine
Panzerverbände unbarmherzig weiter voran. Er will die Bereitstellungsräume
pünktlich zum festgesetzten Termin erreichen. Er ist ehrgeizig und wird nicht
umsonst der amerikanische Guderian genannt. Die GIs geben ihr Letztes her.
Zugmaschinen, Jeeps, schwere Lkw, Raupenschlepper, Motorräder und Panzer
hinter Panzer bewegen sich auf Richtung St. Lô zu. Überall taucht der
Panzergeneral persönlich auf, weist Regimenter, ja manchmal sogar Bataillone
und Kompanien persönlich ein. Wenn irgendwo eine Stockung eintritt, ist
Patton nicht weit. Gerade hat er die Panzerabwehreinheiten der 2.
Panzerdivision eingewiesen, als ein völlig verstaubter Kradmelder auf ihn
zukommt und ihm einen Funkspruch überreicht. Pattons Gesicht wird um einen
Schein blasser. Dann reicht er den Spruch wortlos seinem Stabschef. Der liest
die wenigen Worte, faltet das Papier zusammen, schiebt es in das Kartenbrett,
und sagt: »Die Deutschen scheinen uns zuvorgekommen zu sein, Sir!« »Es sieht
so aus.« »Nun, für uns liegt noch kein Einsatzbefehl vor, Sir.« Patton nickt.
»Wir könnten ja auch nichts einsetzen, denn alles befindet sich erst auf dem
Marsch und ist kaum zu erreichen.« »Ich habe jetzt genug gesehen, Denise. Ich
haue ab, verstanden?« »Oui, Gaston, aber was soll ich hier tun – allein?«
»Freunde dich mit den Burschen an, horch sie aus, in drei bis vier Tagen bin
ich wieder hier.« »Eh bien!« Gaston Dupont schiebt sich die Baskenmütze
über die schwarzen Haare, kneift ein Auge zu und geht los, so, als wollte er im
nächsten Restaurant ein Bier trinken, und nicht über die Front wechseln.

Er schwingt sich auf ein Fahrrad und biegt von der Hauptstraße auf einen
Feldweg ab. Genau achtundvierzig Stunden später steht er vor einem
Korpsgeneral der deutschen Truppen und berichtet vom Panzeraufmarsch der
Amerikaner. »Wo haben Sie die Panzer abgestellt gesehen, Herr Dupont?« »Ich
kann es auf der Karte genau bezeichnen, Herr General!« »Gut, kommen Sie
mit!« Auf der großen Lagekarte zeichnet Gaston Dupont rote Kreise ein. »Hier
stehen mindestens zweihundert Panzer, Herr General, dicht an dicht, bis an den
Vire-Kanal heran.« »Und wo ist die amerikanische Infanterie untergezogen?«
»Die liegt um Carentan herum in allen Dörfern. Man kann sich kaum bewegen
vor amerikanischen Soldaten.« »Es ist gut, Sie können sich drüben beim
Quartiermeister Ihr Geld holen. Gehen Sie wieder zurück?« »Gewiss, Herr
General.« »Hals- und Beinbruch, Gaston Dupont.« »Merci, mon General.«
Nachdenklich bleibt der Kommandierende vor der Karte stehen. Dann führt er
verschiedene Telefongespräche, und um Mitternacht steht fest, dass etwas
geschehen wird. Der Amerikaner streut mit schweren Granatwerfern und
Infanteriegeschützen das Gelände ab. Mit bösem Fauchen fallen die Minen fast
senkrecht vom Himmel herab. Da nutzt keine Deckung, wenn sie nicht nach
oben abgeschirmt ist. Hinten, dort, wo Marigny liegt, stehen einige Gehöfte in
hellen Flammen, und schwarzer, undurchdringlicher Qualm wälzt sich über die
Ebene bis zu dem Laufgraben, der sich von der Ferme Villeroy bis zu den
ersten Stellungen der Kompanie vorschlängelt.

Hessler lehnt am Einstieg des kleinen Erdloches, das nur notdürftigen


Splitterschutz bietet, und sieht nach draußen. Die wenigen übriggebliebenen,
kümmerlichen Gräser biegen sich unter dem Luftdruck der heranfauchenden
Granaten zur Seite, als wollen sie ebenfalls in Deckung gehen. Die grelle
Mittagssonne trifft ihn fast schmerzhaft, als er aus dem Schatten tritt. Trotzdem
wird er noch von der Explosion einer dicht vor dem Loch zerspringenden
Granate geblendet. »Verflucht«, murmelt der Oberfeldwebel und gleitet wieder
in das Loch zurück. Schon beim ersten Angriff auf Mellon verlor die 7. gleich
ihren Chef und den Leutnant des ersten Zuges. Leutnant Horbach fiel in der
Stellung bei Fontenay, und seit diesem Tage führt Hessler die Kompanie.
Draußen zittert ein Schrei hoch, langanhaltend, klagend – um dann jäh
abzubrechen. Hessler springt auf. »Unsere Posten!« Trotz des Trommelfeuers
hastet er die roh ausgehauenen Stufen empor und blickt zum nahen Postenstand
hinüber. Vom Posten selbst ist nichts zu sehen, nur das leichte
Maschinengewehr liegt zerfetzt auf der Böschung. Mit drei gewaltigen
Sprüngen erreicht Hessler die Stellung. Der Posten liegt auf dem Rücken. Sein
Stahlhelm ist verrutscht, und sein blondes, verschwitztes Haar quillt unter dem
Helm hervor. Aus dem Mundwinkel tropft Blut auf den Feldblusenkragen, und
die Augen sind unnatürlich groß. »Wo hat’s dich erwischt? «Aber der Junge
schweigt, nur seine Lippen bewegen sich lautlos. Er will sich aufrichten, die
Hände krallen sich in die Erde, die unter seinem Griff zerbröckelt.

Aufstöhnend sinkt er wieder zurück. Dann ist Paschke da, und sie öffnen ihm
die Feldbluse. »Brustschuss!« Hessler nickt, sie zerschneiden sein Hemd und
beginnen ihn zu verbinden. »Verdammter Mist«, knurrt der Stabsgefreite, als er
die Wunde sieht. Er weiß, dass hier jede Hilfe zu spät kommt. »Bringt mich
zurück«, flüstert der Junge – »bitte, bringt mich doch zurück!« »Bleib ruhig,
wir bringen dich schon nach hinten!« Die Angst schnürt dem Verwundeten die
Kehle zu, und der Schweiß rinnt ihm in wahren Sturzbächen über das
verdreckte Gesicht. Hessler weiß, dass das Leben dieses Jungen nur noch
Minuten währen wird. Seine Hand gleitet über dessen Gesicht »Diese Hölle,
mein Junge, hast du bald hinter dir!« Der schmächtige Körper des Jungen
bäumt sich noch einmal auf, dann sackt er zusammen. Sein Kopf rollt zur Seite.
Er ist tot.» Einmal sollten sie daheim sehen, was hier ein Menschenleben wert
ist. Einmal in ihrem Leben sollten die Herren Staatsmänner in aller Welt
zusehen müssen, wie die Opfer ihrer verfahrenen Politik sterben. Sterben im
Dreck. «Paschke greift sich mit beiden Händen vor die Stirn, und erst als
Hessler dem Stabsgefreiten die Hand auf die Schulter legt, blickt dieser
wieder hoch. »Ich habe doch auch nur Nerven, Paul!« »Ja ich verstehe es ja
auch nicht mehr.« Hessler drückt dem Toten die Augen zu. Dann wischt er sich
mit dem Handrücken über die Augen. Jeden Tag bröckelt in seinem Inneren
irgendetwas ab. Der Panzerkommandeur studiert sorgfältig die Karte.

Seine Gedanken gehen zurück, als er von Generalleutnant Bayerlein den


Auftrag entgegennahm. Er soll mit seinen Panzern und den unterstellten zwei
Bataillonen Panzergrenadieren die feindliche Front durchstoßen, um dem
amerikanischen Angriff zuvorzukommen. Hauptmann Franke weiß, dass dieser
Gewaltstoß vielen den Tod bringen wird, aber er ist nicht in der Lage, das
Schicksal von seinen Männern abzuwenden. Nachdenklich blickt er auf seine
Armbanduhr. Es sind noch zwei Stunden bis zur Dämmerung, und dann werden
sie antreten. Er lauscht auf das Dröhnen der Panzermotoren und das Klirren der
Raupenbänder, die sich über die Straße schieben. Seine Panzer rollen in die
Bereitstellungsräume. Dann klingt der Marschtritt einiger Kompanien durch die
Nacht. Sie kommen aus den Ruhequartieren und rücken einer ungewissen
Zukunft entgegen. Langsam verlässt der Hauptmann den Raum und tritt hinaus
in die kühle Nacht. Er blickt den marschierenden Kolonnennach. Von vorn, aus
den Dörfern unmittelbar hinter der Hauptkampflinie, kommt eine
Flüchtlingskolonne. Karren mit zwei hohen Rädern, von je einem kräftigen
Pferd gezogen und mit allerlei Hausrat hochbepackt, ziehen über die Straße.
Die Gesichter der französischen Zivilisten sind ernst und verschlossen. Manch
hasserfüllter Blick fällt auf die grauen Soldaten. Der Himmel im Norden
scheint zu brennen. Die Front ist zu neuem Leben erwacht. In ununterbrochener
Reihenfolge zucken die Mündungsfeuer auf. Scheint der Gegner bereits zu
wissen, oder zumindest zu ahnen, dass die Deutschen etwas planen? Ein neues
Bataillon schiebt sich im Gleichschritt über die Dorfstraße.

Leichter Staub wirbelt auf, und leise Flüche klingen herüber. Waffen klirren,
und Gasmaskenbüchsen schlagen gegen Kochgeschirr oder Seitengewehre.
»Wann werden sie wieder in die Heimat marschieren können?« denkt der
Hauptmann und zieht langsam an seiner Zigarette. Die Glut beleuchtet ein
hartes Gesicht, das trotz seiner Jugendlichkeit schon alt und verbraucht wirkt.
Verbraucht im Stahlgewitter vieler Schlachten und Gefechte. Aus dem Dunkel
der Nacht kommt eine Gestalt auf ihn zu. Es ist der Abteilungsadjutant. »Es
wird Zeit, Herr Hauptmann!« »Danke, wo steht der Wagen?« »Vor der Kirche,
Herr Hauptmann!« »Danke, ich komme sofort.« Der Hauptmann zieht sich
seinen Mantel über die graue Panzeruniform und geht quer über die Straße zu
seinem Kübelwagen. »Fertig?« »Fertig!« Aufbrummend fährt der Wagen an
und rollt nach Norden. Vorsichtig fährt der Fahrer an den marschierenden
Kolonnen vorbei und hängt sich an das Ende der Panzerkolonne. Rechts, dort
wo der Wald noch ziemlich unversehrt aussieht, feuert eine schwere deutsche
Kanonenbatterie in ununterbrochenem Salventakt zu den gegnerischen
Stellungen hinüber. Etwas weiter steht schwere Heeresflak. Ihre hellen,
peitschenschlagartigen Salven zerreißen in gleichmäßiger Folge alle paar
Sekunden den Lärm der anderen Batterien. »Dort vorn wird wieder die Hölle
los sein«, murmelt der Hauptmann und starrt in die glühenden Auspuffflammen
des vor ihm fahrenden Panzers. Er weiß, die deutschen Batterien schießen, um
das Dröhnen der Panzermotoren zu verbergen.

Vorn gibt es eine Stockung, und beim Schein einer abgeblendeten


Taschenlampe orientiert sich der Hauptmann an Hand einer Gefechtskarte.
»Die Panzer haben ihre Ausgangsstellungen erreicht, Herr Hauptmann«, knurrt
der Adjutant. »Vorfahren«, befiehlt der Kommandeur, und der Fahrer fährt an
den letzten, noch auf der Straße stehenden Panzern vorbei. Jetzt erwacht auch
die amerikanische Artillerie und streut die deutsche Front mit schweren Lagen
ab. Die vorgezogenen Panzergrenadierkompanien gehen beiderseits der Straße
in volle Deckung. Jede Bewegung auf der Straße erstirbt. Dann wandert das
amerikanische Feuer weiter ins Hinterland ab, und die Soldaten klettern
wieder aus ihren Deckungen. Eine junge Frau zieht einen Handwagen vorbei.
Oben auf ihren wenigen Habseligkeiten sitzt ein kleiner Junge und weint. Die
Landser machen stumm Platz und starren auf dieses Bild des Elends. Einer
flüstert: »Dieser verdammte Krieg.« Er schluckt hörbar und holt tief Luft.
»Warum dies alles? Warum nur?« »Ruhe im Glied«, brummt ein Leutnant. »Wir
haben Augen im Kopf«, sagt der Mann, ein alter Obergefreiter mit vielen
bunten Bändern und Auszeichnungen auf der Uniformjacke. »Schweig, meinst
du, ich sehe das nicht? Muss man erstdurch lautes Reden auf all diese
Hoffnungslosigkeit hinweisen?« Der Leutnant schüttelt den Kopf und geht
weiter nach vorn. Schließlich haben die Einheiten ihre Ausgangsstellungen
erreicht. Die Uhren sind verglichen, und jetzt warten sie mit
zusammengepressten Lippen auf den Beginn der Schlacht.

Sie schweigen. Sie wissen noch nicht, ob sie die nächsten Stunden überleben
werden. Die Angst steigt riesengroß in ihnen hoch. Aber auch an diese Angst
haben sie sich schon gewöhnt, wie an alles andere. Generalleutnant Bayerlein
blinzelt in das Kerzenlicht. Der Ia (1. Generalstabsoffizier) Oberstleutnant
Kaufmann, trommelt mit den Händen auf der Tischplatte, und Major Wrede
blickt nachdenklich auf die Karte. »Dieser Angriff ist Wahnsinn, Herr
General!« »Wem sagen Sie das?« fragt Bayerlein. Er blickt seinen ersten
Generalstabsoffizier nachdenklich an. »Es ist Unsinn, diesen Krieg
weiterzuführen, ihn überhaupt vom grünen Tisch aus führen zu wollen.« Etwas
leiser fügt er hinzu: »Unsinn, ihn überhaupt begonnen zu haben. «Bayerlein
weiß, was seinen Männern wieder bevorsteht, und er verflucht seine
Ohnmächtigkeit, sie vor nichts bewahren zu können. Erst als das Telefon
anschlägt, erwachen die Offiziere aus ihren Gedanken. Bayerlein nimmt selbst
den Hörer zur Hand und meldet sich. »Ja – hier Bayerlein? – Ja – gut!« Er
blickt auf die Uhr. »Ich weiß.« Dann legt er auf und lauscht nach draußen, denn
in diesem Augenblick erhebt die deutsche Artillerie ihre dröhnende Stimme.
»Es geht los!« knurrt Major Wrede in sich hinein. »Ja, wie so oft!« echot
Kaufmann und fährt sich mit dem Zeigefinger hinter den plötzlich zu eng
gewordenen Hemdkragen. Kein Mensch wird erfahren, was hinter den Stirnen
dieser hervorragenden und untadeligen Offiziere vor sich gegangen ist. Endlos
verstreicht die Zeit. Vorn wütet der Tod über die Stellungen bei St-Lô.

Die Hilflosigkeit schlägt über den Offizieren zusammen. Vorn treten die
Einheiten zum Sturm gegen die amerikanischen Linien an. Canisy versinkt unter
dem Hagel der Granaten. Mauern brechen und Steine werden zermahlen.
Hundertfach wird die Erde umgepflügt, und Trichter reiht sich an Trichter.
Oberfeldwebel Hessler schaut zu den Panzern hinüber. Er ergreift seine
Maschinenpistole und schiebt sich den Stahlhelmriemen unter das Kinn.
»Sprung auf - marsch marsch!« Torkelnd erheben sich die Grenadiere der
beiden Lehrregimenter und rennen einem ungewissen Schicksal entgegen. Die
Panzermotoren dröhnen, Ketten klirren, und die Auspuffflammen stehen steil
gegen die ungewisse Dämmerung. Im Schutz der Panzer schieben sich die
Grenadiere vor. Einige Maschinengewehre beginnen zu rattern, und ihre
Geschosse prallen singend von den Panzerplatten ab. Hier und da bellt eine
Pak auf, und dann beginnen die Panzerkanonen ihre Ziele zu erfassen. Das Blut
zweier Nationen tränkt die Erde der Normandie. »Zusammenbleiben!« brüllt
Hessler die Männer an, die sich mit ihm hinter einen Panzer drängen. Jeder
Schritt zur Seite bedeutet den Tod. Erst wenn die amerikanischen Linien
erreicht sind, werden sich die Panzergrenadiere zum Nahkampf entfalten.
Schuss auf Schuss bricht aus den Mündungen der Panzerkanonen, und der
Donner der Detonationen hallt über die Ebene. Dazwischen stampft die
amerikanische Artillerie und reißt Lücken in die Reihen der Angreifer.

Hesslers Kiefermuskeln zucken, und seine Finger krallen sich um die Waffe.
Rechts brechen die kurzen, harten Schläge der ersten
Handgranatendetonationen auf, und der Pulverdampf verdichtet sich über den
gegnerischen Stellungen. Dann senkt sich der Bug des vor ihm fahrenden
Panthers, hebt Sich wieder und schiebt sich über das erste
Maschinengewehrnest weg. Die Panzergrenadiere springen hinter den
deckungsbietenden Stahlkolossen hervor, und die Handgranaten torkeln durch
die Luft. Oberfeldwebel Hessler feuert aus der Hüfte. Paschke schleudert
ununterbrochen Handgranate auf Handgranate nach links in die erkannten
Stellungen, als hätte er in seinem Leben nie etwas anderes getan als
Handgranaten geworfen. Wie weggeblasen ist die nagende Angst, wie
weggewischt jeder menschliche Gedanke, geblieben ist nur der eigene Wille zu
überleben. Die Panzergrenadiere laufen den Panthern nach, die die ersten
Stellungen bereits hinter sich gelassen haben. Sie rennen hinter der Feuerwand
der deutschen Artillerie her, die sich immer weiter nach Norden wälzt. Der
Panther mit der Nummer 201 rollt eine Pak-Stellung zusammen, die plötzlich
im Dunst erkennbar wird. Einige Amerikaner erheben sich aus den
Deckungslöchern. Sie heben die Hände. Klirrend spritzen Querschläger von
der Stirnpanzerung des Panthers weg, der nun mitten in den Gegenstoß eines
amerikanischen Bataillons hineinbricht. Es dauert keine zehn Minuten, dann ist
dieses Infanteriebataillon aufgerieben – gestorben wie ein Mann. Mit
beispiellosem Elan schiebt sich ein zweites amerikanisches Bataillon den
Angreifern entgegen.

Fremde Kommandos gellen auf und ersticken im harten Bellen der


Panzerkanonen. Hauptmann Franke dirigiert seine Panzer nach Nordosten
gegen den Vire-Kanal zu. Wenn er ihn erreicht hat, werden beträchtliche Teile
von Pattons Panzerarmee eingeschlossen sein. Dies ist das eigentliche Ziel des
deutschen Gegenangriffs, von dem sie zurzeit aber noch weit entfernt sind. Das
Artilleriefeuer auf beiden Seiten schweigt, weil niemand mehr richtig weiß,
wo die eigenen Verbände stehen. Nur das helle Krachen der Panzerkanonen
und das dumpfere Dröhnen der amerikanischen Panzerabwehrgeschütze hallt
noch über die sich weiter verschiebende Schlacht. Die 7. Kompanie geht hinter
ihren Panzern durch einen Hohlweg vor, der von übermannshohen, dichten
Hecken begrenzt wird. Dicker, grauer Staub lagert auf den ehemals grünen
Blättern, wirbelt unter den Panzerketten auf und hüllt die Angreifer wie in eine
Nebelwand. Nur die Abschüsse zerreißen für kurze Zeit die Staubwände, die
sich dann nur noch dichter und zäher zusammenballen. Dann stellen die
amerikanischen Verbände plötzlich jeden hinhaltenden Widerstand ein und
ziehen sich auf Befehl kampflos zurück. So geht der Stoß der deutschen Panzer
ins Leere. Unheimlich drohend und lautlos liegt das Land vor den Angreifern.
Nur in ihrem Rücken, in ihren Flanken braut sich etwas zusammen. Bradley
setzt seine Regimenter zum Flankenstoß an, um die Deutschen abzuschneiden
und einzukesseln. Jetzt wird es den Einheiten der Panzerlehrdivision zum
Verhängnis werden, ohne ausreichende Seitensicherungen vorgestoßen zu sein.

Die Kommandeure, bis hinauf zum Divisionskommandeur, trifft hierbei


keinerlei Schuld, denn immerzu haben sie darauf hingewiesen, dass ihre Kräfte
für diesen Angriff nicht ausreichen. Ein Bauernhof taucht vor den
weiterrollenden Panzern auf. Eine einsame Rote-Kreuz-Fahne weht im leichten
Wind. Sanitätssoldaten der amerikanischen Armee stellen sich schützend vor
ihre Verwundeten. Die Straße nach Nordosten ist mit aufeinander gefahrenen
Sanitätswagen gesperrt Hauptmann Franke schickt einen Spähtrupp los, der
erkunden soll, ob die Fahrzeuge besetzt sind. Der mit diesem Auftrag betraute
Unteroffizier meldet: »Die Fahrzeuge sind leer, Herr Hauptmann.« »Weiter!«
Die Panzerketten schieben die Wagen zusammen, zerstampfen sie zu wüsten
Blech- und Schrotthaufen. Ein Teil der 7. Kompanie unter Oberfeldwebel
Hessler besetzt den Bauernhof. Im gleichen Augenblick knallen von drei Seiten
schwere amerikanische Panzerabwehrgeschütze auf. »Panzer – halt!« Das
Duell – Panzer gegen Pak steigert sich von Minute zu Minute, und jetzt weiß
der Hauptmann, dass sich der Angriff festgefahren hat. Franke verlässt seinen
Kampfwagen und springt zur Funkstelle. »Geben Sie durch: Wir igeln uns ein.
Stärkere Feindkräfte verhindern jeden weiteren Durchbruchsversuch.«
»Jawohl, Herr Hauptmann! «Es ist ein schwerwiegender Entschluss, den der
allseits beliebte Hauptmann fassen muss, denn er weiß, dass er keinesfalls
zurückgehen darf.

Auch Generalleutnant Bayerlein sieht sich außerstande, seine Verbände


zurückzurufen. Er telefoniert mit dem Korps und mit der Armee, aber alle
Bemühungen, seine Truppen zurückzuziehen, scheitern. Und so beginnt das
Drama der Panzerlehrdivision westlich St-Lô. Der amerikanische Stabsarzt
steht vor dem deutschen Oberfeldwebel und starrt in dessen unrasiertes und
dreckverschmiertes Gesicht Er spricht ein einwandfreies Deutsch.» Was wird
aus den vielen Verwundeten?« »Die bleiben vorerst hier, Herr Doktor!« sagt
Hessler. »Ihre Panzer kommen aber nicht weiter, Sergeant.« »Was kümmert
das Sie, Doktor?« »Dann gerät dieser Verbandsplatz ins Kampfgebiet?
«Hessler hebt die Schultern und lässt sie wieder fallen. »Ich kann es nicht
ändern, Doktor, ich bin nur ein kleiner Mann.« »Hm, können Sie mich zu Ihrem
Kommandeur bringen lassen?« »Das lässt sich machen!« Hessler dreht sich
um. »Hempel!« »Herr Oberfeldwebel?« »Such Hauptmann Franke und nimm
den Doktor hier mit, verstanden?« »Jawohl!« Hempel läuft mit dem
amerikanischen Arzt los, und nach einer Viertelstunde trifft er Hauptmann
Franke bei der Funkstelle. »Sir«, beginnt der Amerikaner, »im Namen meiner
vielen Verwundeten möchte ich Sie bitten, in der Gegend dieses Platzes nicht
zu kämpfen!« Der Hauptmann presst die Lippen zusammen. Dutzende
Gedanken rasen durch sein Gehirn, und fieberhaft sucht er nach einem Weg, um
diese Verwundeten vor der Vernichtung zu retten. Aber er findet keinen
Ausweg. »Es tut mir leid, Sir, aber ich sehe keine Möglichkeit.

Ihre Panzerabwehrgeschütze verhindern es.« »Ich höre es!« sagt der Arzt leise
und senkt den Blick. Er denkt an die Hunderte von Verwundeten, die sich in
seiner Obhut schon sicher fühlten, und die nun wieder mitten im
Kampfgeschehen liegen sollen. »Kapitulieren Sie, Sir?« Atemlos erwartet der
Doktor die Antwort des deutschen Offiziers. Aber Franke schüttelt den Kopf.
»Ich – kann – es –nicht, Doktor! «Der Arzt schweigt, und Franke fährt fort:
»Oder haben Sie allen Ernstes eine andere Antwort von mir erwartet,
Doktor?« »No!« »Schaffen Sie Ihre Verwundeten in die Keller, Doktor. »Dort
liegen sie schon, aber die Keller bieten keinen Schutz mehr, sie sind meistens
schon durchschossen, Sir!« »Dann ist guter Rat teuer, nicht wahr?« »Yes, Sir,
aber würden Sie mir gestatten, mit meinen Verwundeten, soweit sie
transportfähig sind, zu unseren eigenen Linien hinüber zu wechseln? «Eine
Weile denkt der Kommandeur nach, dann sagt er kurz: »Gehen Sie, gehen Sie
rasch, ich will Ihnen für zwanzig Minuten völlige Waffenruhe von unserer Seite
zusichern.« »Thanks, Sir!« Zwei Offiziere reichen sich die Hand, ein
Deutscher und ein Amerikaner. Und dann sehen die deutschen Landser, wie
sich ein langer Zug nordwärts gegen die amerikanischen Stellungen zubewegt.
Tragbahren hinter Tragbahren, und über ihren Köpfen flattert die Fahne der
Barmherzigkeit: Das rote Kreuz auf weißem Grund. Auch das amerikanische
Abwehrfeuer schweigt. Ein Arzt, vier amerikanische Sanitätssoldaten und etwa
vierzig amerikanische Schwerverwundete, die nicht transportfähig sind,
bleiben zurück.

Der amerikanische Arzt kümmert sich im Augenblick um die deutschen


Verwundeten und betreut sie genau wie seine eigenen Männer. Hessler steht
neben ihm und brummt: »Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie diesem
Schlamassel entrinnen, Doktor.« »Thanks.« Die Feuerpause haben die Panzer
ausgenutzt, um sich in bessere Deckungen zu schieben. Nur ihre
Turmoberseiten mit den überlangen Kanonenrohren schauen noch über die –
für die Normandie charakteristischen – Erdwälle hinweg. Und dann dröhnt es
wieder auf. Die Erde zittert und wankt. Haushohe Rauch- und Dreckpilze
stehen wieder dicht an dicht im Gelände, und das große Sterben geht weiter.
Oberfeldwebel Hessler schiebt sich mit den Leuten seiner Kompanie im
Halbkreis um den Bauernhof. Die Spaten beginnen zu klappern, und immer
tiefer wühlen sich die Männer in den Erdboden ein. Hessler hat aus den
liegengebliebenen amerikanischen Vorräten Zigaretten, Alkohol und
Verpflegungspäckchen herangeschleift. Immer wieder springt er zurück und
holt neue Päckchen heran. In einem Keller lagert so viel, dass ganze Bataillone
wochenlang damit versorgt werden könnten. »Die Amis führen einen besseren
Krieg als wir«, knurrt er. »Ihr solltet mal sehen, was es da für herrliche Sachen
gibt. Keine Spur von Butterschmalz und Kunsthonig, alles erstklassige Waren.«
Dann springt er wieder los, um neue Sachen zu holen. Auch die
Panzerbesatzungen holen sich Verpflegung, Jeder isst, soviel er kann.
Zigaretten verschwinden in den Brotbeuteln, und jeder ist irgendwie zufrieden.

Mit vollem Magen sieht die Welt gleich anders aus. Aber dieser rosige Zustand
hält nicht lange an. Wieder zerreißt das Aufbrüllen der feindlichen Pak die
eingetretene Stille. Einige Male knallt es schmetternd auf Stahl. Grelle
Funkenbündel schießen empor. Rechts am Wirtschaftsgebäude des Hofes fliegt
ein Panzer mit ohrenbetäubendem Donnergetöse in die Luft. »Die armen
Kerle«, murmelt Oberfeldwebel Hessler halblaut vor sich hin und starrte mit
brennenden Augen auf das ausglühende Panzerwrack, das für fünf Männer zum
stählernen Sarg geworden ist. Paschke stößt den Oberfeldwebel in die Seite
und keucht: »Sie kommen, Paul!« Hessler dreht sich um. Deutlich erkennbar
arbeiten sich amerikanische Sturmbataillone gegen die deutschen Stellungen
vor. Er taucht höher aus der Deckung empor, um sich genauer umzusehen, aber
hastig gleitet er wieder zurück. »Sie kommen von allen Seiten!« »Dann ist’s
bald zappenduster«, knurrt der Stabsgefreite und macht sich am
Maschinengewehr zu schaffen. »Alarm!« Der Ruf geistert über das Feld und
rüttelt die Panzergrenadiere wach. Sie legen die Waffen zurecht und warten
darauf, dass sich der Gegner auf Schussentfernung nähern wird. Endlich ist es
soweit. »Feuer frei!« Der heiße Atem der Maschinengewehre streicht über den
Erdboden hinweg und zwingt die Sturmtruppen erst einmal in Deckung. Einzeln
sieht man jetzt die amerikanischen Infanteristen sich vorarbeiten. Wild
hämmern die Panzerkanonen los und reißen gewaltige Lücken in die
angreifende, amerikanische Infanterie. Aber es nützt alles nichts.

Unaufhaltsam nähert sich der Gegner, und weitere Bataillone schieben sich
gegen den Hohlweg und den Bauernhof vor. »Jetzt wird’s haarig!« keucht
Paschke und legt sich die Handgranaten griffbereit auf die Deckung. Dann
bleibt kaum hundert Meter vor dem deutschen Verteidigungsring der feindliche
Angriff liegen. Aber die deutschen Soldaten haben zu früh aufgeatmet, denn nun
walzen amerikanische Panzer über das freie Feld. Aus ihren
Kanonenmündungen lecken feurige Zungen. Der Kommandeur hetzt zu seinem
Panzer und schlägt das Turmluk krachend hinter sich zu. »Turm elf Uhr –
Feuer!« Explodierend fliegt ein Feindpanzer in die Luft. »Turm zehn Uhr –
Feuer!« Wieder beendet eine deutsche Panzergranate das Leben von fünf
amerikanischen Panzersoldaten. Träge wandert der Pulverdampf nach Westen
ab. Heiß brennt die Sonne herab. Jetzt mischt sich auch wieder amerikanische
Artillerie in den Kampf ein. Brüllend detonieren die schweren Granaten in und
um den Hof, zerwühlen den Hohlweg und zerstampfen die frisch ausgehobenen
Stellung des Igels. Eine ganze Lage drischt den Keller des Wirtschaftsgebäudes
zusammen. Die Männer werden blass, denn in diesem Keller liegen die
amerikanischen und die deutschen Verwundeten. Mit hämmernden Herzen
lauschen die Panzergrenadiere auf die Entsetzensschreie der Getroffenen, aber
sie warten umsonst. Dort unten herrscht Grabesstille. »Hempel!« »Herr
Oberfeldwebel?« »Spring zurück und sieh einmal nach, ob noch jemand am
Leben ist« Hempel springt auf und läuft los. Da rauscht es mit Urgewalt heran.

Hempel verschwindet mitten zwischen den Einschlägen. Als der Staub und
Dreck verzogen sind, liegt er bewegungslos auf dem Boden. Die Einschläge
der amerikanischen Panzerkanonen umtanzen die deutschen Stellungen und
zwingen die Verteidiger immer mehr in Deckung. Links bei der 6. Kompanie
gibt es einen Volltreffer in einer Maschinengewehrstellung. Zurückbleiben nur
Tote. Paschke drückt sich neben den Oberfeldwebel in die Erde. »Paul, am
liebsten möchte ich abhauen. Ich habe die Schnauze gestrichen voll. «Hessler
schaut den alten Kameraden lange an, dann sagt er hart: »Ich auch, oder meinst
du, dass mir dies hier vielleicht Spaß macht? Aber wir können doch gar nicht
anders, als hierliegenbleiben und aushalten.« Dicht vor ihren Stellungen
schlägt eine schwere Granate ein und überschüttet sie mit Steinen und
Erdbrocken. Fluchend schütteln sie sich frei, und Hessler dreht sich um. Durch
die Trümmer des Bauernhofes rollt ein Panzer und bleibt dicht hinter ihnen
stehen. Aus seiner Kanone fährt ein langer Blitz, und knallend jagt die
Panzergranate über das freie Feld. Ein zweiter Panzer bleibt hinter der Ruine
des zerstampften Wirtschaftsgebäudes stehen und beginnt ebenfalls zu feuern.
Den Männern schmerzen die Ohren von den knallenden Abschüssen, aber sie
sind trotzdem froh, von den Panzern bei ihrem Abwehrkampf unterstützt zu
werden. Der Kommandeur befindet sich wieder bei der Funkstelle und gibt der
Division die augenblickliche Lage durch. An ein weiteres Vorstoßen ist
überhaupt nicht mehr zu denken.

Resignierend blickt sich Hauptmann Franke um. Die feindlichen Granaten


haben fürchterlich gehaust. Wie lange wird es noch dauern, bis sich die Panzer
verschossen haben? Auch die Panzergrenadiere werden mit ihrer
Munitionsausstattung sparsam umgehen müssen. Und was kommt dann? Der
Kommandeur wagt diesen Gedanken gar nicht zu Ende zu denken. Er weiß,
dass der Befehl ihn dazu zwingt, auf diesem Platz auszuhalten. Hastig wendet
er sich ab und holt sich aus einem Schützenpanzerwagen einen Zehn-Schuss-
Karabiner. Etwas wie Verzweiflung liegt in seinen Bewegungen. Er denkt:
Wenn ich einfach versuche, nach Süden durchzubrechen? Dann schüttelt er den
Kopf, denn das würde den Tod vieler seiner Männer zur Folge haben. Soll ich
kapitulieren? Es ist, als drohe er unter der Last der Verantwortung
zusammenzubrechen. General Bradley hat die von den Deutschen drohende
Gefahr rechtzeitig erkannt. Er telefoniert schon eine halbe Stunde lang mit allen
möglichen Einheitsführern, bis er sich ein genaues Bild der gegenwärtigen
Lage machen kann, und dann handelt. »Geben Sie mir die 2. US-
Panzerdivision!« »Yes, Sir.« Bradley drückt den Hörer ans Ohr und spricht:
»Hier Bradley, verstehen Sie mich?« – »Gut, Sie werden sämtliche
verfügbaren Panzerabwehreinheiten gegen den deutschen Einbruchsraum
ansetzen, verstanden?« – »Ja, Sie ziehen sämtliche Geschütze heran!« »Auch
die sich an anderen Frontabschnitten befinden!« – »Das ist egal, der Gegner
wird keine weiteren Reserven mehr zur Verfügung haben. Ihre Sorge ist
verständlich, aber im Augenblick unbegründet.

Ich erwarte die sofortige Durchführung meines Befehls!« – »Gut – Ende!«


Bradley legt auf. Er erblickt General Patton, der eben ins Zimmer tritt. »Patton,
Sie halten Ihre Kräfte noch zurück, denn Ihre Divisionen werden den
Durchbruch erzwingen müssen, wenn wir diesen deutschen Igel zerschlagen
haben. Eisenhower hat mir großzügigste Luftunterstützung zugesagt.« »Ich
könnte aber mit meinen Panzern den Igel eindrücken!« »Das weiß ich, aber ich
möchte keinen Panzer mehr als notwendig opfern. Zum Durchbruch durch die
deutsche Front brauche ich sie notwendiger.« »Ich verstehe, Sir. «Sie beugen
sich über die Karten und studieren aufmerksam das Gelände. Der Vormarsch
von Pattons Panzerarmee wird in allen Einzelheiten besprochen, und ein stiller
Beobachter würde sich wundern, mit welcher Sicherheit alles angeordnet
wird, obwohl noch starke deutsche Kräfte hinter den amerikanischen Linien
stehen. Aber Bradley weiß, dass die Stunden dieser deutschen Verbände
bereits gezählt sind. Generalleutnant Bayerlein sitzt in der verräucherten
Küche eines Bauernhauses bei Canisy und blickt seinen Ia, Oberstleutnant
Kaufmann, an. »Was meldet Franke, Kaufmann?« »Starke Gegenangriffe durch
Panzerabwehrgeschütze auf Selbstfahrlafetten, Herr General! «Bayerlein blickt
nachdenklich seinen ersten Generalstabsoffizier an, dann sagt er: »Es ist zum
Kotzen. Da wird einfach von oben herab etwas befohlen, ohne die genaue Lage
zu kennen. Die Männer werden in den sicheren Tod gejagt und unsere
schwachen Panzerkräfte noch mehr dezimiert.

Dazu kommt die Meinung der Armee, dass Eisenhower den Schwerpunkt der
alliierten Angriffe wieder auf Caen verlagern wird. Passen Sie auf, Kaufmann,
Eisenhower greift hier an, hier bei St Lô, und ich habe so das Gefühl, dass wir
wieder die Leidtragenden sein werden. Wenn ich an Frankes Stelle stehen
würde, würde ich kehrtmachen und nach hinten ausbrechen. Aber befehlen
kann ich es ihm nicht, Kaufmann.« »Ich weiß, Herr General!« Bayerleins Blick
sucht die Karte. Dort vorn an der Front halten die zurückgebliebenen Einheiten
der Regimenter 901 und 902 die alten Stellungen. Wenn die Einheiten im Igel
nicht mehr zurückkommen, wird die Front verdammt dünn sein. In diesem
Augenblick kommt ein Unteroffizier herein. »Funkspruch von Hauptmann
Franke, Herr General!« »Danke«, sagt Bayerlein mit müder Stimme und liest
den Spruch. »Franke hat von seinen 36 eingesetzten Panzern bereits zwanzig
verloren, Kaufmann.« »Das bedeutet das Ende der Kampfgruppe, Herr
General!« »Ich weiß es, Kaufmann, es ist zum Verrückt werden. Versuchen Sie
beim Korps den sofortigen Befehl zum rückwärtigen Durchbruch zu erhalten.«
»Jawohl, aber es wird wenig Zweck haben. «Kaufmann telefoniert, ohne
Erfolg zu haben. Da entschließt sich Bayerlein, auf eigene Verantwortung den
Befehl dazu zu geben. Kaufmann nickt und lässt den Funkspruch abgehen. »Es
geht zurück!« Oberfeldwebel Hessler wischt seine Maschinenpistole mit dem
Uniformärmel ab und erhebt sich. »Zurück bis zu den Panzern!«

Es ist nicht mehr viel, was bei den Panzern sammelt. Knapp die Hälfte der
Kompanie. Die Männer suchen Schutz hinter den Panzern, die immer noch nach
allen Seiten auf den Gegner feuern. Mit flackernden Augen stehen oder liegen
die Soldaten hinter den Panzern, deren Motoren plötzlich aufbrüllen. »Panzer
marsch!« Langsam rollen sie zurück durch die Hohlwege, und dann sind
plötzlich die amerikanischen Jabos da. Mit hämmernden Bordkanonen stoßen
sie auf die deutsche Kampfgruppe herab. Fluchend wirft sich Hessler mit
seinen Panzergrenadieren in den nächsten Straßengraben. Einige
Flakselbstfahrlafetten beginnen mörderisch zu feuern, aber ihre Abwehrkraft
ist zu gering. Immer wieder stoßen die Jabos mit heulendem Motor in die Tiefe
und hämmern wild auf die Panzer ein. Aber noch knallen die Panzerkanonen
über die Felder und zwingen die nachstoßende amerikanische Infanterie in ihre
Deckungen zurück. Die Munitionslage wird kritisch. Hauptmann Franke
befindet sich jetzt bei den letzten Grenadieren, die dicht vor den Panzern
liegen und die Absetzbewegung decken. Gruppenweise müssen sie
zurückgehen. Eine Gruppe gibt der anderen Feuerschutz, aber es werden immer
weniger Landser, die zurückspringen, denn der Wirbel der detonierenden
feindlichen Granaten wird immer dichter und tödlicher. An einem Wegekreuz
stößt eine feindliche Kampfgruppe in Stärke eines Bataillons in die
zurückgehende deutsche Gruppe. Es kommt zum erbitterten Nahkampf mit
Bajonetten und Handgranaten. Hessler sieht, wie vier Amerikaner auf den
Kommandeur eindringen. Er feuert von der Hüfte aus.

Franke bekommt etwas Luft, läuft zurück, stolpert, kommt wieder hoch, und
während Hessler sich eben verschossen hat, fällt der Kommandeur dem
Gegner in die Hände. Wütend schiebt Hessler ein volles Magazin in seine
Maschinenpistole. Er feuert, aber es hat keinen Zweck mehr. Der Kommandant
ist in Gefangenschaft geraten. Links fliegt ein Panzer auseinander. Er brennt,
und schwarzer Qualm steigt dick zum Himmel empor. Bis zu den eigenen
Linien sind es noch drei Kilometer. Unbarmherzig treibt Hessler seine Männer
an. Mit keuchendem Atem hetzen sie von Deckung zu Deckung. Verschnaufen
eine Weile und jagen dann wieder weiter. Die Garben von Maschinengewehren
und Schnellfeuerwaffen streichen dicht über den Erdboden hinweg und holen
sich noch manches Opfer. Im Süden ertönen die Abschüsse der deutschen
Artillerie. Die Einschläge zwingen die nachfolgenden Amerikaner vorerst in
Deckung, sodass sich die Kampfgruppe nun etwas rascher absetzen kann. Aber
dann stehen sie vor der wieder geschlossenen amerikanischen
Hauptkampflinie, die sich nach Norden und nach Süden verzweifelt wehrt.
Wieder werden einige Panzer im zusammengefassten Feuer des Gegners
vernichtet. Endlich haben sie es geschafft. Nur zehn Panthern gelingt es, wieder
über die eigene Hauptkampflinie zu rollen. Die Grenadiere, die sich mit
durchgeschlagen haben, sinken erschöpft zu Boden. Hessler steckt sich mit
zitternden Händen eine Zigarette an und raucht mit hastigen Zügen. Es war zu
viel, was man ihnen zugemutet hatte.

Zu viel und wieder einmal – wie schon so oft – umsonst. Müde und
resignierend marschieren sie auf staubiger Straße weiter zurück. Immer wieder
werden sie von herabstoßenden Jabos in die Straßengräben gezwungen, und
noch mancher Panzergrenadier muss dabei sein Leben lassen. In ohnmächtiger
Wut ballen sie die Fäuste und starren mit brennenden Augen zu den Flugzeugen
hoch. Bei Einbruch der Dunkelheit erreichen sie ihre Ruhestellungen. Aber sie
ahnen es, dass diese Ruhe nicht lange währen wird. Bei den Stäben wird
fieberhaft gearbeitet, um die Gefechtskraft so schnell wie nur irgend möglich
wiederherzustellen. Oberleutnant Gerken, der nach dem Tod von Major Unger
die Führung des II. Bataillons Panzergrenadier-Lehrregiment 901 übernommen
hat, fasst mit Oberfeldwebel Blohm die Abendmeldung ab. »Wie viel Mann
Grabenstärke haben wir noch Blohm? «Einen Augenblick, Herr Oberleutnant.
Ich bin noch nicht soweit. «Nach kurzer Zeit sagt Blohm trocken: »Drei
Offiziere, siebzehn Unteroffiziere und einhundertzweiundsiebzig Mannschaften,
Herr Oberleutnant!« »Also schwere Verluste, und noch dazu alles zwecklos.
Es ist zum „Aus der Haut fahren“, Blohm!« Blohm schweigt, was soll er auch
sagen. Unteroffizier Hainewald kaut auf einem Stückchen Brot herum, und
Unteroffizier Dathe, der Fahrer des Kommandeurschützenwagens, dreht sich
eine Zigarette. Oberleutnant Gerken sieht ihn dabei an. Er spricht eigentlich
mehr zu sich selbst: »Ich bin gespannt, wie lange es noch so weitergehen soll.
Da werden uns neue Waffen versprochen.

V1, V2, aber keine dieser vielgepriesenen Waffen wird entscheidend werden.
Nichts wie hohle Propaganda. Phrasen helfen uns nicht mehr. Die Masse der
alten aktiven Soldaten ist längst weg. Der Ersatz ist kümmerlich ausgebildet
und verblutet bereits in den ersten Einsatztagen. Es ist wirklich an der Zeit, um
Schluss zu machen.« Dathe grinst. »Wer macht den Anfang, Herr
Oberleutnant?« »Ja, wer?« Gerken steckt beide Hände in die Hosentaschen.
Dann ruft er das Regiment an. »Herr Oberst, haben sie die Abendmeldung
bereits durchbekommen?« – »Die anderen? –Tot, verwundet oder in
Gefangenschaft geraten, Herr Oberst!«– »Ich verstehe, Herr Oberst – danke,
Ende!« Blohm schaut fragend auf. »Nichts?« »Nichts, Blohm. Wir müssen
weiter in Stellung bleiben. «Der Oberfeldwebel packt seine Sachen zusammen
und deckt die kleine Schreibmaschine zu. »Ich habe Hunger und muss erst
etwas essen!« Gerken grinst »Keine schlechte Idee, aber zuerst möchte ich
noch die Stellungen ansehen. Hainewald!« »Herr Oberleutnant?« »Nimm ein
S-Krad und fahr mit mir los!« »Jawohl, Herr Oberleutnant! «Sie treten hinaus
ins Freie, und Gerken bleibt lauschend stehen. »Hörst du, Hainewald?«
»Jawohl – Flugzeuge, Herr Oberleutnant!« Gerken läuft über den freien Platz
vor dem Gefechtsstand und sucht den Himmel ab. »Da hinten kommen sie,
Bomber!« »Mein Gott«, stöhnt der Unteroffizier, »wo die abladen, bleibt auch
kein Stein mehr auf dem anderen, Herr Oberleutnant!« »Hast recht, unter
diesen Umständen werden wir lieber noch etwas warten.

«Etwa siebenhundert Bomber fliegen, von Norden kommend, in etwa


dreitausend Meter Höhe die deutschen Stellungen an. Mit angehaltenem Atem
starren die Soldaten auf die feindliche Luftflotte, die da übermächtig auf sie
zufliegt. Die Landser vermuten, dass dieser Angriff ihnen gilt. Die Nacht
verlief ziemlich ruhig. Generalleutnant Bayerlein hat keinerlei aufregende
Nachrichten erhalten, und trotzdem ahnt er als erfahrener Truppenführer und
alter Generalstäbler, dass irgendetwas in der Luft liegt. »Nichts Neues,
Kaufmann?« »Nichts Neues, Herr General!« »Was hat 901 zuletzt gemeldet,
Kaufmann?« In diesem Augenblick klingelt das Feldtelefon, und der Ia nimmt
ab. Er meldet sich, sagt einige Male Jawohl und legt dann den Hörer zurück
auf den Kasten. »Regiment 901 meldet soeben, dass die Amerikaner ihre
Stellungen verlassen, Herr General!« »Was soll denn das nun wieder
bedeuten?« Wieder schrillt das Telefon. Bayerlein bleibt abwartend im Raum
stehen. Dann meldet Kaufmann: »Amerikanische Bomberverbände haben ihre
eigenen, zurückgehenden Truppen soeben mit Bomben belegt, Herr General!«
»Ist denn so etwas möglich?« »Es besteht kein Zweifel, Herr General!« »Da
haben sich die Amerikaner also ins eigene Fleisch geschnitten. «Trocken lacht
Kaufmann auf: »Wir dürfen uns jetzt auf allerhand gefasst machen, Herr
General!« »Ich glaube es auch, Kaufmann! «Vorn bei den Panzergrenadieren
starren alle zum Himmel empor und beobachten die abfliegenden Bomber.
Aber keine zehn Minuten später dröhnt die zweite Bomberwelle heran.

Jetzt vergeht den Landsern der Humor. »Volle Deckung!« Oberleutnant Gerken
ist gerade mit dem S-Krad unterwegs, als die zweite Welle ihre
Bombenschächte öffnet. »Halt, Hainewald! Rechts heran!« Der Unteroffizier
tritt mit aller Kraft auf die Bremse. In der Luft beginnt es zu rauschen. Gerken
krallt sich in die Erde. Vor ihnen liegen einige Soldaten, die Munition nach
vorne zu bringen haben. Das Rauschen schwillt an, und dann bricht die Erde
um sie herum mit elementarer Gewalt auf. Splitter pfeifen durch die Luft und
fegen in die Erde. Ein Schrei bricht auf und geht unter im erneuten Bersten der
schweren Bomben. Die Sonne versteckt sich hinter den schwarzen
Detonationspilzen, und es riecht nach verbranntem Pulver. Das Dröhnen der
Flugzeugmotoren vermischt sich mit dem Bersten der detonierenden Bomben
zur grausamen Todesmelodie. Die Erde beginnt zu wanken, und dann fühlt der
Oberleutnant stechende Schmerzen in beiden Beinen. »Hainewald!« »Was
ist?« schreit der Unteroffizier zurück. »Mich hat es erwischt!« »Wo?« »An den
Beinen!« Gerken trägt hohe Offiziersstiefel, und als Hainewald sieausziehen
will, schreit Gerken hell auf. Da sieht der Unteroffizier, dass beide Stiefel von
unzähligen Splittern zerrissen sind. Sein Blick gleitet höher, auch die Reithose
ist bis an den Unterleib zerfetzt. Er schweigt und sagt kein Wort zu Gerken.
Kurzerhand zerschneidet er die Stiefel, reißt die Hose auseinander und macht
sich ans Verbinden, während rings um ihm Bombe um Bombe explodiert. Einer
der Männer, die vor ihnen liegen, kommt zurückgerobbt und stöhnt:

»Ich bin der letzte!« »Wo sind die anderen?« »Tot – alle tot!« »Mein Gott«,
stößt Hainewald zwischen den Zähnen hervor. »Hilf mir den Oberleutnant
verbinden!« »Ja – doch!« Mit zitternden Händen verbinden sie den
Bataillonsführer. Dann erblickt der Unteroffizier sein brennendes Krad.
»Verdammter Mist.« Der Obergefreite deutet nach Norden. »Sieh nur – da
kommen sie schon wieder! «Mit zusammengekniffenen Augen starrt Hainewald
auf die dritte Bomberwelle, die eben anfliegt. In seinen Augen beginnt es zu
flackern. Die Angst kommt übermächtig in ihm hoch, und seine Zähne schlagen
hart aufeinander. Der Obergefreite betet laut. Kurt Hainewald quält sich ein
hartes Lachen von den zitternden Lippen. Kurt Hainewald starrt die vielen
Bomber an, die dröhnend näherkommen. Von niemand behindert. Riesenhaft
und unaufhaltsam. Und schon bricht die Hölle wieder los. Riesengroße
Flammenbündel wachsen um sie herum aus der Erde auf. Es donnert, kracht
und faucht in ununterbrochener Reihenfolge. Feurig und tödlich. Gerkens
Gesicht ist leichenblass. Seine Lippen sind blutleer geworden, und seine
Nasenflügel zucken. »Schmerzen?« fragt Hainewald. »Höllisch, bitte bring
mich zurück!« Der kleine Unteroffizier zuckt mit den Schultern und deutet in
die Gegend. »Ich weiß«, flüstert der Oberleutnant und schließt die Augen.
Hainewald zieht seinen Oberleutnant in einen tiefen Trichter. Er schleudert
einen großen, noch heißen Splitter heraus und verbrennt sich dabei die Finger.
»Komm rein!« brüllt er den Obergefreiten an, der ihn aus irren Augen
unverwandt anstarrt.

Hainewald holt aus und schlägt dem Mann ins Gesicht. Das bringt ihn wieder
zur Besinnung. »Danke«, murmelt er halblaut vor sich hin, »danke!« »Du
kannst noch mehr haben, wenn du willst«, knurrt der Unteroffizier vor sich hin
und drückt den Mann tiefer in den Trichter. »Nimm Deckung, du Knallkopf, Ich
brauch dich doch, um den Oberleutnant zurückzuschaffen!« »Gewiss!« Der
Mann trägt beide Eisernen Kreuze, genau wie der Oberleutnant und der
Unteroffizier. Außerdem die Nahkampfspange, das Sturmabzeichen und die
Ostmedaille. Ein alter Frontsoldat also, der hier vom Grauen der
Materialschlacht überwältigt wird. Bei der 7. Kompanie ist die Hölle los.
Hessler drückt sein dreckiges Gesicht in den warmen Erdboden. Neben ihm
liegt der Stabsgefreite Paschke. Keiner rührt sich, während rings um ihre
Stellungen die Bomben niederprasseln. Den Panzer, der zu ihrer Sicherung
hinter der Hecke stand, hat es auf den Rücken geworfen. Die zerrissenen
Raupenbänder starren in die Luft, und er brennt. Jeden Augenblick kann seine
Munition auseinanderfliegen. Aber niemand wagt in diesem Durcheinander
aufzuspringen und wegzulaufen. Rechts, dort wo das schwere
Maschinengewehr stand, gähnen drei tiefe Trichter. Von dem Gewehr und
seiner Bedienungsmannschaft ist nicht einmal mehr ein Sohlennagel oder ein
Uniformknopf übriggeblieben. Sie brauchen kein Grab mehr. Minuten nach der
letzten Bombendetonation hebt Hessler den Kopf. Er glaubt an kein Wunder,
aber er kann es kaum fassen, unverwundet diese Hölle überstanden zu haben.

»Hast du was abbekommen, Paschke?« Aber der Stabsgefreite rührt sich nicht.
»He, gib Antwort!« Paschke ist tot. Dem Oberfeldwebel würgt es in der
Kehle, er dreht den alten Kameraden auf den Rücken und blickt in seine
gebrochenen Augen. Langsam drückt er seine Lider herunter. »Heulen –
verdammt noch mal, heulen sollte man können.« Aber keine Träne bringt ihm
die gewünschte, innere Erlösung. Alles in ihnen ist schon verhärtet. Er schiebt
sich höher, bis er über den Trichterrand blicken kann. Das Gelände hat sich in
eine Mondkraterlandschaft verwandelt. Kein Baum, kein Strauch und keine
Hecke ist verschont geblieben, alles wurde bis zur Unkenntlichkeit zerstampft
und vernichtet. Er sucht aus alter Gewohnheit nach seiner Maschinenpistole.
Endlich findet er sie, ein großer Splitter hat sie kurz vor dem Handgriff in zwei
Teile geschlagen. Wütend wirft der Oberfeldwebel die zerstörte Waffe zur
Seite. Paschkes Waffe ist auch weg, und jetzt ist der Oberfeldwebel völlig
waffenlos. Rechts taumelt ein Schwerverwundeter durch die Trichter. Sein
rechter Arm ist zerfetzt, der Rock aufgerissen, seinen Stahlhelm hat er
verloren, und in seiner linken Hand trägt er, völlig überflüssig einen leeren
Maschinengewehrkasten. »Komm her!« Der Mann stutzt, dann nickt er und
kommt näher. Er gleitet in den Trichter und lässt sich verbinden. Hessler ist
erstaunt, dass der Mann nicht eine Miene verzieht. »Spürst du gar nichts?«
»Nee!« »Das muss doch weh tun, Menschenskind!«

»Tut’s aber nicht!« Noch zwei Leichtverwundete kommen angelaufen. »Wo


sind die anderen des II. Zuges?« fragt Hessler. »Alle tot, Herr
Oberfeldwebel!« »Was, ihr seid die letzten?« »Jawohl!« Einer fragt: »Den
wievielten Juli haben wir heute eigentlich?« »Den 27. Juli 1944, genau 9 Uhr
30.« »An diesen Tag will ich ewig denken«, knurrt der Mann und hebt
beschwörend die Hand. »Wenn du jemals dazu kommst«, meint Hessler, »denn
es steht ja noch gar nicht fest, ob du auch alles heil überleben wirst.« »Stimmt
genau!« Ganz rechts, dort wo die Fallschirmjäger des Regiments 15 liegen,
rattert ein einzelnes Maschinengewehr wütend los. Aber Hessler kann nichts
entdecken, denn noch immer wog dichter Pulverdampf über das Kampffeld.
Aber dann hört er vor sich das Klirren von Panzerketten. »Wir müssen
zurück!« »Los!« Sie klettern aus dem Trichter und wenden sich nach Süden.
Die Straße ist kaum noch zu erkennen. Nur an den Steinen in den Trichtern kann
man sehen, dass sie einst zum Straßenpflaster gehören mussten, denn sie sind
viereckig behauen. Nach zweihundert Metern stoßen sie auf ihren verwundeten
Bataillonsführer. »Hat Sie’s auch erwischt, Herr Oberleutnant?« »Ja!« »Fasst
mich an!« Sie heben Gerken auf. Er stöhnt laut. Dann marschieren sie stumm
weiter nach Süden. Hessler deutet zum Schloss hinüber, wo sich der
Bataillonsgefechtsstand befand. Nur die Grundmauern und einer der vier
Ecktürme stehen noch. Der Sanitätsschützenpanzerwagen liegt auf der Seite –
ausgebrannt. Eben kommen die Männer des Stabes aus den Trümmern
gekrochen.

Oberfeldwebel Blohm blickt Hessler an: »Ist das alles, was von vorn
zurückgekommen ist?« »Jawohl!« Dathe untersucht den Kommandeurswagen,
der wie durch ein Wunder heilgeblieben ist, lässt den Motor anspringen.
Plötzlich fegen die ersten amerikanischen Maschinengewehrgarben über den
zerstörten Schlossplatz, schlagen klirrend in die Ruine des Schlosses und
ziehen als Querschläger singend durch die Luft. Oberleutnant Gerken liegt
bereits im gepanzerten Wagen. Die anderen springen auf. Einige laufen lieber
zu Fuß, denn solch ein Fahrzeug bietet ein großes Ziel. Oberfeldwebel Blohm
wirft seine ledernen Taschen in den Wagen und springt über umgestürzte
Bäume hinweg. Jetzt beginnt die amerikanische Artillerie das Gelände
abzustreuen und noch einmal umzuwühlen. Im ersten Geländegang schiebt sich
Dathe mit seinem SPW durch das Trichtergelände. Ganze
Maschinengewehrgarben knallen gegen seine Panzerung, aber noch haben die
Amerikaner keine schweren Waffen vorziehen können, denn dazu ist das
Gelände zu sehr zerrissen worden. Sogar auf Panzerunterstützung müssen sie
verzichten. Nur ihre Infanterie geht, ohne auf Widerstand zu stoßen, weiter vor.
Dort, wo sich noch etwas bewegt, wird hingeschossen. Gerken muss
wahnsinnige Schmerzen haben. Sein Gesicht verfällt zusehends. Und nach einer
halben Stunde ist Oberleutnant Gerken tot. Die Männer starren sich an. Es sind
außer dem Fahrer noch vier Männer des Bataillonsstabes.

Alle anderen liegen da vorn unter den Trümmern begraben und schlafen bereits
der Ewigkeit entgegen. Dathe tritt auf die Bremse, denn ein Kübelwagen
versperrt die Straße. »Was ist los, wo wollt ihr hin?« »Zum
Hauptverbandsplatz und zu unserem Regiment, Herr Major!« »Wie sieht es
vorne aus?« Unteroffizier Dathe zieht sich höher und blickt den Major an. Er
lächelt böse. »Wir sind die letzten des II. Bataillons Panzergrenadier-
Lehrregiment 901, Herr Major. Bauen Sie lieber Ihre Geschütze ab und machen
Sie Stellungswechsel, denn in einer halben Stunde ist der Ami hier!«
»Quatschen Sie nicht solches Zeug, Unteroffizier. Wie heißen Sie?« »Idiot!«
knurrt Dathe, lässt sich auf seinen Sitz fallen und gibt Gas. »Hast du schon
solch einen Trottel gesehen, Kurt?« »Nee!« Hainewald tippt sich mit dem
Zeigefinger bedeutungsvoll an die Stirn. Dann haben sie den
Regimentsgefechtsstand erreicht. Oberst Hauser, der Oberst Scholze abgelöst
hat und erst seit kurzer Zeit das Lehrregiment führt, ist erschüttert. »Ist das
alles, was vom II. Bataillon übriggeblieben ist?« »Jawohl, Herr Oberst!«
»Und die anderen?« »Tot oder verwundet in Gefangenschaft, Herr Oberst!«
Oberst Hauser setzt sich auf den steinernen Rand eines Brunnens. Er schüttelt
immer wieder den Kopf. »Der Gegner drückt nach, Herr Oberst!« »Das glaube
ich!« Der Regimentskommandeur blickt die Straße hinunter. Eine
Infanteriekompanie zu Fuß zieht weitauseinandergezogen nach vorn. Ihr Führer,
ein junger Leutnant, tritt an Oberst Hauser heran und salutiert. »Können Sie
mich einweisen, Herr Oberst?« »Nein!« Hauser steht auf. »Sehen Sie diese
Männer hier um mich herum?«

Verwundert blickt der Leutnant die Landser und dann den Oberst an. »Jawohl,
Herr Oberst!« »Nun, das sind die letzten meines II. Bataillons. Sie allein sind
der Hölle der Bombenteppiche entronnen. Eben kommen sie von vorn. Der
Amerikaner drückt nach und wird gleich da sein. Gehen Sie hier in Stellung
und sperren Sie die Straße. Zwei Pak von mir kommen dazu, ebenso die
Regimentspioniere. Mehr kann ich Ihnen auch nicht sagen.« »Danke, Herr
Oberst«, sagt der Leutnant leise. »Alles Gute!« Hauser schaut die paar
Panzergrenadiere an. »Fahrt zum Tross zurück, mehr kann ich nicht für euch
tun!« Dumpf dröhnt der Motor auf, und rasselnd schiebt sich der
Schützenpanzerwagen wieder auf die Straße, die in sanftem Boden nach Süden
führt.

Generalfeldmarschall von Kluge schaut zum Fenster hinaus und lauscht auf das
ferne Dröhnen der Invasionsfront. Er weiß, dass hinter ihm ein Oberstleutnant
steht und auf einen Befehl wartet. Kluge weiß auch, was da vorne jetzt los ist,
und er schämt sich fast, den Befehl aus dem Führerhauptquartier
weiterzugeben. Aber was bleibt ihm anderes übrig. Hart wendet er sich um
und sagt: »Sie werden die Panzerlehrdivision aufsuchen.« »Jawohl, Herr
Generalfeldmarschall.« »Generalleutnant Bayerleins Gefechtsstand befindet
sich bei Dangy. Sagen Sie Bayerlein, dass er die Stellung St-Lô-Periers
unbedingt zu halten hat. Sagen Sie dem General, dass dies ein Befehl ist,
verstanden?« »Jawohl, Herr Generalfeldmarschall!«

»Schön, das wäre alles. Sie können fahren. Melden Sie sich nach Ihrer
Rückkehr wieder bei mir, klar? « »Jawohl, Herr Feldmarschall!« Der
Oberstleutnant grüßt und geht. Draußen besteigt er einen Kraftwagen des
Oberbefehlshabers und lässt sich nach Norden, der brodelnden Front,
entgegenfahren. Er braucht fast zwei Stunden, ehe er den Gefechtsstand der
Lehrdivision gefunden hat. Endlich entdeckt er die Gefechtsstandsflagge an der
Straße und lässt halten. »Ziehen Sie sich in Fliegerdeckung unter«, befiehlt er
dem Fahrer und wendet sich an den Posten. »Wo finde ich Generalleutnant
Bayerlein?« »In der Küche, erste Tür rechts, Herr Oberstleutnant!« »Danke!«
Dann steht der Generalstabsoffizier vor dem Kommandeur der
Panzerlehrdivision und grüßt. Er schaut in das unrasierte, übernächtigte
Gesicht Bayerleins. Er schämt sich seines sauberen Aussehens, seines weißen
Hemdes, der zinnoberroten Streifen an seinen Hosen und den tadellos blank
polierten Reitstiefeln. Irgendwie scheint er in seinem Unterbewusstsein zu
fühlen, was diese Männer hinter sich haben. Trotzdem muss er seinen Auftrag
erledigen, und er beschließt, es so kurz wie möglich zu machen. Aber schon
hört er Bayerlein sagen: »Bringen Sie uns Unterstützung oder sonst etwas
Angenehmes? «Der Oberstleutnant strafft sich. »Herr General, ich werde von
Herrn Feldmarschall von Kluge persönlich geschickt. Der Herr Feldmarschall
verlangt, dass die Linie St-Lô-Periers unter allen Umständen gehalten wird.
«Das Schweigen, minutenlang anhaltend, wirkt fast tödlich. Nur die alte
Küchenuhr tickt laut und vernehmlich, mahnend, dass alles vergänglich sei.
Bayerlein wirkt müde und stützt sich mit beiden Händen auf die eichene
Tischplatte.

»So«, sagt er plötzlich hart in die Stille hinein. Oberstleutnant Kaufmann starrt
zu Boden, und Major Wrede kaut auf einem Bleistift herum. »Das hat der
Feldmarschall befohlen?« »Jawohl, es ist ein Befehl, den ich überbringe, Herr
General!« »Nun, hat der Herr Generalfeldmarschall auch gesagt, wer diese
Linie zu halten hat, Herr Oberstleutnant?« Bayerleins Stimme hebt sich
merklich. »Die Panzerlehrdivision natürlich, Herr General!« Schweigen.
»Herr General, die Linie St-Lô-Periers ist unbedingt zuhalten. Kein Soldat darf
ohne ausdrücklichen Befehl seine Stellung verlassen. Wie mir bekannt ist,
kommt dieser Befehl direkt aus dem Führerhauptquartier, Herr General!« »Das
Führerhauptquartier ist sehr weit weg vom Schuss«, knurrt Bayerlein mit
bitterem Unterton in seiner Stimme. »Waffen-SS wird in dieser Nacht mit
Panzerunterstützung zum Gegenangriff antreten und Ihrer Division fühlbare
Entlastung bringen, Herr General. «Nur mühsam kann Bayerlein Haltung
wahren. Scharf entgegnet er: »Melden Sie dem Herrn Feldmarschall, dass
meine Division in ihren Stellungen bleiben wird. Melden Sie, dass kein Mann
seine Stellung verlassen hat. Melden Sie dem Herrn Feldmarschall weiter,
dass sie alle in ihren Löchern liegen, und dass sie dort liegenbleiben werden
bis zum Jüngsten Tag. Melden Sie, dass die Panzerlehrdivision gestorben ist,
gestorben am 26. Juli 1944. Wollen Sie mit mir nach vorne gehen? Es kann
nicht mehr weit sein, denn Sie hören bestimmt schon die amerikanischen
Maschinengewehre.

Also gut ich nehme einen Karabiner und verteidige mit den zehn Männern des
mir verbliebenen Stabes auch noch dieses Haus. Da vorn ist alles tot,
ausgelöscht, still und stumm.« Bayerlein fühlt sein Herz hoch im Halse
schlagen, und er fühlt auch, dass seine Kräfte nachlassen. Irgendwie sind auch
seiner Kraft Grenzen gesetzt. Er, der als Stabschef des Afrikakorps an der
Seite Rommels stand, der durch die Hölle der Wüstenkämpfe ging, der vor
Tobruk und in der Cyrenaika immer kaltes Blut bewahrte, schweigt jetzt vor
innerer Erregung. Das Schweigen aber ist schlimmer als lautes Aufbegehren.
Dann folgen Worte wie Hammerschläge: »Hier, wo der Tod nichts mehr zu
sagen hat, kann auch kein Feldmarschall mehr befehlen.« »Ich habe nur meinen
Auftrag ausgeführt«, wagt der Oberstleutnant einzuwenden. Verlegen blickt er
dabei zu Boden. »Das verstehe ich!« Sachlich werdend, spricht
Generalleutnant Bayerlein weiter: »Melden Sie dem Herrn
Generalfeldmarschall, dass die Panzerlehrdivision restlos vernichtet ist.
Vielleicht sammeln sich in den nächsten Tagen noch hundert oder zweihundert
Mann. Im Augenblick hat die Division ihren Eid erfüllt, sie ist in ihren
Stellungen gestorben. Der Gegner steht jetzt vor Dangy, und ich glaube, dass er
den Ort noch in dieser Nacht einnehmen wird. Ich danke Ihnen, Herr
Oberstleutnant! «Der Generalstabsoffizier grüßt und geht. Er besteigt seinen
Kraftwagen gerade in dem Augenblick, als das deutsche Munitionsdepot in der
Nähe von Dangy in die Luft fliegt. »Fahren Sie schon los!« herrscht er den
erschrockenen Fahrer an.
»Jawohl, Herr Oberstleutnant! «Im Hause geht Bayerlein unruhig auf und ab.
Er wartet – ja worauf wartet er eigentlich noch? Auch Kaufmann drängt: »Es
hat keinen Sinn mehr, hier länger zu warten, Herr General. Es wäre falsch, hier
in Gefangenschaft zu gehen!« »Dann wären wir wenigstens alle Sorgen auf
einen Schlag los, Kaufmann!« »So kann man es auch betrachten, Herr
General.« »Ich nehme einen Karabiner und verteidige den Gefechtsstand. Ja,
ich würde es tun, wenn es einen Sinn hätte. Aber so?« Er lacht kurz auf. »Was
ist ein General ohne Truppen wert? Nichts, rein gar nichts!« Er deutet nach
draußen. »Mir sind fünf Offiziere, vier Unteroffiziere und neun Melder, Funker
und Fernsprecher verblieben.« Er tritt an die Karte. »Wir verlegen jetzt hinter
den Soulesbach, verstanden?« »Jawohl, Herr General!« »Gut, dann versuchen
Sie unsere Fahrzeuge durchzubekommen, ich selbst werde zu Fuß gehen.
«Keiner wagt irgendwelche Einwände zu machen, und zehn Minuten später
marschiert der Kommandeur der einst so gefürchteten Panzerlehrdivision durch
den Staub der französischen Straße nach Süden, in der Hoffnung, doch noch
versprengte Leute seiner Division anzutreffen. Die Sonne brennt heiß vom
Himmel herab. Tiefe Trauer breitet sich in seinem Herzen aus, das immer für
seine Soldaten schlug. Tief befriedigt vom Einsatz der alliierten Bomber,
betrachtet Eisenhower die Generalstabskarte. General Patton, der sich im
Hauptquartier Eisenhowers befindet, wartet jetzt auf den Befehl, seine 3.
Panzerarmee in die entstandene Bresche westlich St Lô werfen zu können, denn
bis jetzt rücken nur die bereits im Einsatz stehenden amerikanischen Verbände
langsam und zögernd vor.

Zum Teil liegt es daran, dass die Divisions- und Korpskommandeure es


einfach nicht begreifen können, bei den Deutschen auf keinen ernsthaften
Widerstand mehr zu stoßen. Sie wittern eine Falle. Nur Eisenhower nicht. Er
richtet sich jetzt auf und blickt den Führer seiner Panzerarmee kurz an, dann
sagt er: »Marschieren Sie los, Patton! «Über Pattons sympathisches Gesicht
huscht ein leises Lächeln. Er verbeugt sich knapp und sagt: »Thanks, Sir, meine
Leute warten schon darauf.« »Viel Glück, und besorgen Sie es den Deutschen,
Patton!« »Ich werde mein Möglichstes tun, Sir.« Die beiden Generale reichen
sich die Hand. Patton geht, besteigt seinen Jeep und braust los. Wenig später
spielt der Funk und summen die Drähte der Feldfernsprecher. Immer wieder
heißt es: »Angreifen zur befohlenen X-Zeit. Panzer – marsch!« Patton selbst
führt – genau wie Rommel einst in Afrika von vorn. Die Panzerbataillone
rollen an, die Infanterieregimenter auf ihren gepanzerten Halbkettenfahrzeugen
schieben sich dazwischen. Panzerjäger, Pioniere mit großen Planierraupen, und
Nachschubeinheiten für Sprit und Munition setzen sich in Bewegung. Alles
rollt nach Süden. Jagdbombergeschwader tummeln sich am Himmel, bereit,
sich auf jedes Erdziel zu stürzen, dass sie erkennen können. Die Artillerie
zerschlägt noch einmal das Gelände bis zur Unkenntlichkeit, und dann setzt
schlagartig das Feuer der Panzerwaffen ein.

»An ein Herauslösen der Resteinheiten der Panzerlehrdivision ist gar nicht zu
denken.« Generalfeldmarschall von Kluge schaut seinen Sohn, den
Oberstleutnant im Generalstab, kurz an. »Bitte, vergiss nicht, dass auch der
Kommandeur des II. Fallschirmjägerkorps, General Meindl, von der
Sinnlosigkeit weiteren Widerstandes in dieser Frontlinie überzeugt ist!« Von
Kluge schüttelt ärgerlich den Kopf. »Was verstehen sie denn schon alle. Jeder
will Krieg nach seiner eigenen Meinung führen, und alle vergessen dabei, dass
auch ich nur das tun darf, was mir vom Führerhauptquartier erlaubt wird.«
»Na, bis jetzt hat ja das Korps Meindl immer noch die Flanke gehalten. Die
Fallschirmjäger-Aufklärungsabteilung unter Hauptmann Goetsche steht immer
noch im harten Abwehrkampf am Wegekreuz Le Mesnil Herman. Sie hat
bereits ein Dutzend Shermans dort abgeschossen.« »Gut, wenn nur die
Panzerlehrdivision noch stehen bleibt«, erwidert Kluge und sieht auf den
Oberstleutnant, den er zur Panzerlehrdivision geschickt hatte, und der eben das
Lagezimmer betritt. »Was sagt Bayerlein?« Der Oberstleutnant bleibt in
gerader Haltung neben der Tür stehen und meldet mit klarer Stimme: »Herr
Feldmarschall, von der Panzerlehrdivision können nur noch Tote in den
Stellungen bleiben!« »Was soll diese unsinnige Meldung?« Kluge wird
ungehalten und trommelt mit seinem Bleistift nervös auf der Tischplatte herum.
»Diese Meldung ist nicht unsinnig, Herr Feldmarschall, denn die
Panzerlehrdivision existiert praktisch nicht mehr.

Selbst die Gefechtstrosse der Panzer und Panzergrenadiere sind zu 99 Prozent


vernichtet worden. In unserer Front klafft eine Lücke von etwa vier Kilometer
Breite. Der Korridor des Todes, hervorgerufen durch mehr als 2.000 alliierte
Bomber, ist zehn Kilometer tief. General Bayerlein bedauert, den Befehl zum
Aushalten nicht mehr durchführen zu können. Bei meiner Abfahrt befand sich
der Gegner unmittelbar vor dem Divisionsgefechtsstand der
Panzerlehrdivision.« »Das kann doch nicht wahr sein«, flüstert Kluge vor sich
hin, aber sein Sohn sowie der andere Oberstleutnant haben es dennoch gehört.
»Es ist so, Herr Feldmarschall! «Kluge schüttelt den Kopf. »Und die 2.
Panzerdivision rollt nach Caen. Jetzt habe ich nicht eine Reservedivision zur
Verfügung. Gestern noch rechnete ich mit einer halben Kampfstärke der
Panzerlehrdivision, und heute kann ich sie bereits abschreiben. Aber trotzdem,
Bayerlein soll seine Versprengten sammeln und zu Kampfgruppen
zusammenfassen. Jedes Gewehr wird gebraucht, wir müssen eine Katastrophe
verhindern.« »Ich fürchte, die ist nicht mehr aufzuhalten«, sagt Oberstleutnant
von Kluge zu seinem Vater. »Westfrankreich muss geräumt werden, damit am
Ostufer der Seine eine neue stabile Front errichtet werden kann. Überall stehen
an den französischen Küsten deutsche Divisionen mit Gewehr bei Fuß und
erwarten eine zweite Landung, die nie mehr erfolgen wird. Hier oben haben
wir nicht eine einzige Reservedivision zur Verfügung. Hinter uns werden die
Brücken, Straßen und Bahnhöfe zerschlagen, und unser Nachschub kommt nicht
mehr heran, es ist wirklich an der Zeit…« »Schweig!« sagt der
Generalfeldmarschall zu seinem Sohn. »Bitte!« Oberstleutnant von Kluge dreht
sich herum und verlässt mit steifen Schritten das Zimmer.

Eisenhower diktiert die neuen Befehle. »Das VIII. Korps nimmt Lessay und
Periers, stößt auf Coutances vor, überschreitet die Souelles und die Sienne und
hält sich dabei immer an der Atlantikküste. Das VII. Korps stößt über Cerisy
und Villebaudon auf Avranches vor. Das XIX. Korps nimmt Torigny und
schwenkt dann sofort nach Osten ein, um die deutsche Hauptkampflinie
aufzurollen. Diese Ziele müssen bis zum 28. Juli erreicht werden. Bitte, geben
Sie das sofort an die Korpskommandeure durch. Dann erwarte ich – sofort
nach Eintreffen – Bericht von General Patton, wo er zurzeit steht. «Dass der
von ihm gesetzte Termin von seinen Einheiten allerdings nicht eingehalten
werden kann, ahnt Eisenhower zu dieser Stunde noch nicht.

Er wähnt, dass die deutsche Front einmal zerrissen – nicht wieder geflickt
werden kann: Es ist nur ein kleines Haus, unweit des Baches Soules, das
Bayerlein mit seinem Reststab bezogen hat. Überall sind seine Offiziere dabei,
die Versprengten zu sammeln, und erfreut stellt er fest, dass sich immer noch
einzelne Kampfgruppen wieder durch die amerikanischen Linien schlagen. Das
Panzergrenadier-Lehrregiment 901 hat nun wieder eine Grabenstärke von
vierhundert Mann, das Regiment 902 sogar eine Stärke von etwas mehr als
fünfhundert Mann gewonnen. An Panzern, die zurückkamen oder aus den
Werkstattkompanien nach vorn rollten, stehen noch sechsunddreißig Panther
und Panzer IV zur Verfügung. Und was den General am meisten wundert ist,
dass der Geist seiner Soldaten trotz des fürchterlichen Bombardements noch
ungebrochen ist. Er wird sich mit diesen Kampfgruppen dem Gegner
entgegenstemmen, um ein Chaos zu verhindern. Verwundert schaut er auf, als
der Gefechtsstandposten ins Zimmer stürmt. »Was gibt’s?« »Amerikanische
Panzer am anderen Ufer, Herr General!« »Nein?« »Doch!« Bayerlein läuft an
das Fenster und starrt hinaus. »Tatsächlich, jetzt sitzen wir in der Falle!«
Oberstleutnant Kaufmann sagt: »Was nun?« »Wir müssen hier sofort
verschwinden«, entscheidet Bayerlein ruhig. »Packt die Klamotten zusammen
und dann einzeln absetzen!« In fieberhafter Eile raffen die Offiziere und
Unteroffiziere alles Material zusammen und springen einzeln zur Tür hinaus.
Bis jetzt haben die Panzer dem alleinstehenden Haus noch keine Beachtung
geschenkt, aber in dem Moment, wo der General das Haus verlässt, knallen
ihre Kanonen los.

Steine und Erde wirbeln auf, aber Bayerlein springt in einen Straßengraben
und hastet weiter, während dicht über seinem Kopf die Panzergranaten jaulen.
Zwei Kilometer rückwärts sammelt sich der Stab, und aufatmend stellt
Bayerlein fest, dass nicht ein Mann fehlt. »Wir begeben uns jetzt zum Rest der
901er«, entscheidet er kurz. Oberst Hauser, der den Rest des Regiments und
die ihm unterstellten Panzer nördlich von Villebaudon gesammelt hat, ist sofort
wieder in Stellung gegangen. Die Reste des II. Bataillons führt jetzt ein
Hauptmann Ernst von Finkenstein. Dieser Offizier, obwohl nervös und reizbar,
ist von einer seltenen Kameradschaftlichkeit. Er ist immer da, wo es am
heißesten hergeht, und seine Männer verzeihen ihm sehr rasch seine Nervosität,
zumal sie wissen, was dieser Offizier bereits alles hinter sich hat. Hauptmann
von Finkenstein, die Maschinenpistole unter dem Arm, steht mit einem
Unteroffizier am Waldrand und beobachtet die vorgehenden Amerikaner.
Zwanzig Meter rechts von ihm liegt Oberfeldwebel Hessler mit sechs
Grenadiergruppen, einigen Panzerfäusten, Ofenrohren, zwei schweren
Granatwerfern und einer 7,5-cm-Pak. Weiter links stehen zwei Panther und ein
Panzer IV, sowie zwei Jagdpanzer unter Hauptmann Ofenbeck. Keine vierzig
Meter hinter den Grenadieren haben zwei komplette Batterien schwerer
Feldhaubitzen auf Selbstfahrlafetten ihre Rohre zum direkten Beschuss
heruntergekurbelt und warten auf den Feuerbefehl.

Finkenstein wendet sich an den Unteroffizier, der immer noch neben ihm steht
und knurrt: »Leg dich in Deckung, mein Sohn!« »Herr Hauptmann, Sie stehen ja
auch!« »Du sollst dich hinlegen!« »Jawohl, Herr Hauptmann!« Nach einer
Weile: »Siehst du die Panzer dort rechts im Grund?« »Nein, Herr Hauptmann!«
Finkenstein grinst. »Natürlich, du liegst ja jetzt in der Froschperspektive, steh’
wieder auf!« Als wenn der Unteroffizier heftige Zahnschmerzen hätte, solch
Gesicht macht er nun, als er die Masse der vorrollenden Panzer sieht. »Meine
Güte, das sind ja mindestens achtzig Panzer, Herr Hauptmann?« »Richtig, lauf
los und melde es den Batteriechefs und auch Hauptmann Ofenbeck. Sie stehen
alle tiefer als wir und können sie noch nicht sehen!« »Jawohl, Herr
Hauptmann!« Unteroffizier Freitag, der etwas weiter am Waldrand liegt, sieht
seinem Kameraden entgegen: »Geht’s wieder los, Oskar?« »Gleich, Justus,
wart’ noch ein wenig!« »Verfluchte Sauerei, und ich dachte schon, dass wir in
den Raum Paris zur Neuaufstellung kämen.« Aber Oskar ist schon
weitergesprungen. Fünf Minuten später steht er wieder neben von Finkenstein
und meldet, dass er den Befehl ausgeführt hat« Drohend schieben sich die
Sherman-Panzer gegen den flachen Hügel vor. Sie fahren im Breitkeil und
dazwischen geht Infanterie, sich immer in unmittelbarer Nähe der Panzer
haltend, vor. Hessler schnauft durch die Nase. Hauptmann Ofenbeck lässt sich
laufend die Entfernung geben, und dann verschwindet er blitzschnell in einem
Jagdpanzer.

Hart dröhnt der erste Abschuss auf, und ein Sherman-Turm segelt in hohem
Bogen durch die Luft. Schlagartig, als wenn alles nur auf diesen einen Schuss
gewartet hätte, bricht das Feuer los. Aus allen Rohren schlägt es den
Angreifern entgegen. Die Panzer der Amerikaner sehen die schweren Waffen
der Deutschen nicht, da sie tiefer im Wald stehen und durch das Blattwerk
vorzüglich getarnt sind. Die Abschüsse der Panther dröhnen, ihre Türme
schwenken unaufhörlich hin und her, verhalten kurz, feuern und nehmen bereits
wieder das nächste Ziel auf. Auch die 7,5-cm-Pak schießt ununterbrochen.
Maschinengewehrgarben streichen über das Feld und zwingen die
amerikanischen Infanteristen in Deckung. Trotzdem schiebt sich die Masse der
Sherman-Panzer immer weiter gegen die schwache Linie der Verteidiger vor.
Die Artillerie feuert im direkten Beschuss auf die Panzer, und fast jeder Schuss
ist auf diese kurze Distanz ein Volltreffer. »Es wird wieder gestorben«, knurrt
Hessler und macht die Panzerfäuste Schussklar. Seine Augen flackern wie
immer, wenn es heiß hergeht, aber seine Hände bleiben ruhig. »Kommt nur her,
es sind noch einige Rechnungen unbeglichen.« Neben ihm rast ein schweres
Maschinengewehr. Es frisst Gurt auf Gurt, und die Amerikaner verschwinden
hinter den Panzern, die kaum noch fünfzig Meter von den deutschen Stellungen
stehenbleiben. Mit einem Mal ist Generalleutnant Bayerlein vorn. Keiner
weiß, woher er so plötzlich gekommen ist. In Keilhosen, Feldbluse und
Feldmütze wirft er sich zwischen seine Soldaten. »Wir dürfen sie nicht
durchlassen, die Front muss sich wieder festigen«, mehr sagt er nicht.

Und er weiß, dass er sich – trotz allem, was vorhergegangen ist – auf seine
Männer verlassen kann. Amerikanische Panzergranaten zerhämmern jetzt den
Wald, aber inmitten des feurigen Splitterregens feuern die Geschütze der
Lehrbatterien unaufhörlich weiter. Und das kaum Glaubhafte geschieht, der
Gegner zieht seine Angriffsspitze langsam wieder zurück. Erst als die
Dämmerung mit ihren langen Schatten hereinbricht, wird es vor den Stellungen
der deutschen Kampfgruppen wieder ruhiger. Die Toten werden geborgen und
die Verwundeten versorgt. Generalleutnant Bayerlein sitzt in einem kleinen
Bauernhaus am Rande einer Lichtung mitten unter den Leuten des Stabes vom
II. Bataillon. Er, der nicht mehr der Jüngste ist, leidet unter den Anstrengungen
des vergangenen Tages besonders. Karl Heinicke, seines Zeichens
Obergefreiter, wendet sich an Bayerlein: »Haben Sie Hunger, Herr General?
«Bayerlein lächelt. »Ein Stück Brot könnte ich schon vertragen!« Heinicke
macht ein belegtes Brot zurecht und reicht es dem Divisionskommandeur.
»Kaffee, – zwar kalt, oder Rotwein, Herr General?« »Wo hast du den Rotwein
her?« »Gefunden, Herr General!« »Na, dann gib mir mal einen Schluck!«
Heinicke entkorkt fachgerecht die Flasche. »Schmeckt nicht schlecht, nicht
wahr?« »Nein, der Tropfen ist gut!« Heinicke reicht die Flasche weiter von
Mann zu Mann, bis sie leer ist, dann wirft er die Flasche in eine Ecke. »Ich
habe noch eine Pulle, Herr General.«

»Trinkt sie alleine, aber wenn du noch ein Brot für mich hättest?« »Klar, haben
wir! «Bayerlein freut sich über den ungebrochenen Geist dieser Soldaten, die
in den vergangenen Tagen – im wahrsten Sinne des Wortes – durch die Hölle
vor St Lô gegangen sind, die dem Tod von der Schippe sprangen, die ihre
Kameraden unter dem Bombenhagel haben sterben sehen, die den Glauben an
die gerechte Sache schon verloren haben, die aber trotzdem noch
zusammenstehen und weiterkämpfen, obwohl sie zumindest schon das
furchtbare Ende ahnen. Als Bayerlein gehen will, ist es ihm ein Bedürfnis,
einem jeden von ihnen die Hand zu drücken. Er schaut in die harten Augen
eines zwanzigjährigen Obergefreiten, er sieht die schmalen Lippen eines
zweiundzwanzigjährigen Unteroffiziers, und er bemerkt die gebeugte Gestalt
des Oberfeldwebels Hessler. Er möchte ihnen allen etwas tröstendes sagen,
aber leere Worte wären hier fehl am Platz. »Macht’s gut, Kameraden!« Hinter
ihm fällt die Tür ins Schloss. »Wenn wir mehr solche Generale hätten…«, sagt
Unteroffizier Freitag. Oberleutnant Hinz, der vom Regiment vorgeschickt
wurde, um den ständigen Offiziersmangel beheben zu helfen, nickt mit dem
Kopf und murmelt Unverständliches vor sich hin. »Was geht nicht? «Patton
sieht den Ordonnanzoffizier durchdringend an. »Wir sind auf stärksten
Widerstand gestoßen, Herr General. Die Germans haben zweiunddreißig
Panzer abgeschossen!« Fassungsloses Staunen spiegelt sich in den
Gesichtszügen des Generals wider. »Zeigen Sie mir die Stelle auf der Karte!«
»Yes, Sir!« Der Finger des jungen, Captains gleitet auf der Karte entlang.
»Hier war es, Sir.«

»Was für Truppen?« »Keine Ahnung, Sir, wir kamen nicht nahe genug heran!«
Nachdenklich starrt Patton auf die Karte, dann sagt er, zu seinem Stabschef
gewandt: »Sollten das noch Reste der Panzerlehrdivision sein?« »Unmöglich,
Sir, die Division ist bereits am 25. Juli gestorben. Reste von ihr hätten diesen
massiert geführten Angriff von uns niemals aufhalten können.« »Das erscheint
mir auch so. Dann müssen die Germans ihre 2. Panzerdivision zurückgerufen
haben. Aber unsere Agenten haben doch nichts Derartiges gemeldet, nicht
wahr?« »No, Sir, es sind keine Meldungen eingegangen. Meines Erachtens
nach steht die 2. deutsche Panzerdivision bereits im Raume südöstlich Caen.«
Patton blickt noch immer auf die Karte. »Die Deutschen liegen auf einer
flachen, aber alles beherrschenden Höhe. Wir werden morgen früh um vier
wieder angreifen. Lassen Sie das in Reserve gehaltene Panzerbataillon bis
dahin vorziehen!« »Yes, Sir!« »Außerdem will ich die ganze Nacht schweres
Artilleriefeuer auf die deutschen Linien haben.« »Sehr wohl, Sir.«
»Abschüsse?« »Es hört sich so an!« Die Stimme des Obergefreiten klingt rau.
Und dann orgelt es heran, frisst sich mit bösem Kreischen in die Erde, schlägt
mit gewaltigen Stichflammen ein und reißt Steine, Erde und Dreck hoch. »Jetzt
geht’s los«, knurrt der Posten hinter dem schweren Maschinengewehr. »Es
wäre besser, wenn wir die Knarre solange abbauen.« »Machen wir. «Hastig
nehmen sie das Gewehr von der Lafette und wickeln es in eine Zeltbahn ein.

Die nächsten Lagen liegen verteufelt nahe. Und ehe zehn Minuten vergangen
sind, liegt die ganze Höhe unter einem Hagel feindlicher Granaten. »Alle
Posten sind einzuziehen, das Bataillon geht bis an den Hinterhang zurück«,
befiehlt Hauptmann von Finkenstein, nachdem er sich mit den Artillerie-, den
Panzer- und Panzerjägeroffizieren abgesprochen hat. Unnötige Verluste sollen
unter allen Umständen vermieden werden. Heinicke grinst den Unteroffizier
Freitag an. »Jetzt können sie von mir aus die ganze Nacht trommeln!« Gegen
Mitternacht steigert sich das feindliche Artilleriefeuer zum gewaltigen Orkan.
Eine flammend rote Wand aus Feuer und berstendem Stahl steht oben auf der
Höhe, und die Landser sehen mit brennenden Augen in diese tödliche
Helligkeit. Sie graben eine zweite Auffangstellung, und alle atmen auf, als
gegen zwei Uhr morgens fünf schwere Flakgeschütze nach vorn kommen. Ein
Major führt diese fünf Geschütze, die letzten einer ganzen Abteilung. Eines
wird am Hinterhang eingebaut, um Panzer, die über die Höhe vorbrechen
sollten, unter Beschuss zu nehmen. Die anderen vier sollen unmittelbar nach
Beendigung des schweren Trommelfeuers nach vorn gezogen werden. »Jetzt
kann eigentlich nichts mehr schiefgehen«, erklärt Heinicke, über die Steigerung
der eigenen artilleristischen Feuerkraft hochbefriedigt. »Abwarten, und dann
erst Tee trinken!« Justus Freitag legt sich in sein Panzerdeckungsloch und
verschränkt beide Arme hinter dem Kopf. Er denkt an zu Hause und daran, dass
er eigentlich Organist ist. Seine Gedanken lösen sich vom Krieg und von
allem, was damit zusammenhängt.

»Ob ich je wieder zum Orgelspielen kommen werde?« denkt der Unteroffizier,
und in ihm rauscht und dröhnt es nach. Trotzdem er Diener der Kirche ist,
fühlte er sich seinem Herrgott nie so nahe, als in diesem dreimal verfluchten
Krieg. Der schrille Misston einer schweren Granate, die direkt am Hinterhang
oberhalb seines Loches detoniert, reißt ihn in die grausame Wirklichkeit
zurück. Er wischt sich mit der Hand über die Augen, als wolle er den
entschwundenen Traum festhalten. Dann richtet er sich auf und schaut zur Höhe
empor, die immer noch in Feuer und Rauch getaucht liegt» Wie soll dies alles
wohl einmal enden?« »Was meinen Sie?« Es ist Oberleutnant Hinz, der ihm
gegenüber hockt und diese Frage an den Unteroffizier richtet. »Ich meine, wie
das wohl noch einmal enden wird?« Hinz sagt: »Wir dürfen nur den Glauben
nicht verlieren, der ›Führer‹ wird’s schon machen!« »Gegen Trommelfeuer
schützt mich auch dieser Glaube nicht, Herr Oberleutnant. Hier herrschen
andere Maßstäbe!« »Wie reden Sie?« Hinz schaut verwundert drein, und
plötzlich fällt ihm ein, dass er ja nationalsozialistischer Führungsoffizier ist.
»Laut dürfen Sie so etwas nicht sagen, Freitag. Das könnte böse für Sie
ausgehen!« meint er schärfer, als beabsichtigt. »Was wird denn da für ein
Quatsch zusammengeredet?« Hauptmann von Finkenstein hat sich näher
geschoben. »Oh, wir hatten nur eine kleine Diskussion, Herr Hauptmann!«
»Lassen Sie mir die Leute in Ruhe, Hinz!« »Die Moral der Truppe ist in
erschreckendem Maße gesunken, Herr Hauptmann.

Ich bitte dies zu beachten, in meiner Eigenschaft als…« »Halten Sie Ruhe,
Herr Hinz!« »Jawohl, Herr Hauptmann!« Hinz ist beleidigt, aber in dieser
drohenden Lage wagt er keine weiteren Einwendungen zu machen. Aber
vielleicht ergibt sich einmal die Gelegenheit. Freitag klettert aus dem Loch und
hockt sich zu Oskar. »Der Hinz hat mich eben angemeckert!« »Ich hab’s gehört.
Aber der Alte hat ja ganz schön dazwischengefunkt, nicht wahr?« »Er scheint
gar nicht so unrecht zu sein!« »Hm, nur ein bisschen zu leichtsinnig, finde ich!«
Sie müssen wegen des immer noch starken Artilleriefeuers ziemlich laut reden,
und so geschieht es, dass Hauptmann von Finkenstein auch dieses Gespräch
hört. Er taucht aus der Dunkelheit und pflanzt sich vor den beiden
Unteroffizieren auf. »Was ist denn jetzt schon wieder los?« Er wischt mit der
Hand durch die Finsternis. »Wenn ich hinten rumkrauche und euch vorjage, sagt
ihr: Der ist feige, und wenn ich vornewegmarschiere, mault ihr, dass ich
unvorsichtig bin. Aber wie man es macht, es ist immer verkehrt!« Sagt es und
verschwindet wieder. »Ein komischer Heiliger.« Freitag blickt zur brennenden
Höhe hoch. »Wenn wir dort gelegen hätten, wären wir wohl alle schon längst
erledigt.« »Hast recht, Justus.« Oskar steckt sich eine Zigarette an, und bei
jedem Zug beleuchtet die Glut sein hageres Gesicht mit den dunklen, fast
schwarz wirkenden Augen. Dathe sitzt neben Hainewald im Loch.
Nachdenklich sagt er zu seinem Kameraden: »Ich möchte nur wissen, wo Otto
Blohm geblieben ist.«

»Vielleicht haben ihn die Amis geschnappt«, erwidert Hainewald »Wir


werden immer weniger, von den alten Lehrinfanteristen sind bald keine mehr
da.« »Und wann werden wir dran sein?« Die beiden Soldaten schweigen und
hadern mit ihrem Schicksal, das sie hierher verschlagen hat. Hans Dathe lehnt
sich zurück und schließt die Augen. Er wünscht sich in die Zeit zurückversetzt,
in der es keine Granaten und keine Bomben gegeben hat, in der der Mensch
noch Mensch war und nicht Soldat im Krieg. Erschrocken fährt er zusammen,
als einige zu weit gegangene Granaten in seiner unmittelbaren Nähe zerplatzen
und sie beide mit Erde und Dreck überschütten. Fern im Osten schiebt sich ein
heller Streifen über den Horizont, der Vorbote des neuen Tages. Was wird
dieser Tag wieder bringen? Wie viele Kameraden werden die Sonne nicht
mehr untergehen sehen. So ist es heute, so war es gestern und so wird es
morgen ebenfalls wieder sein. Unteroffizier Dathe denkt eben an das Mädchen
in Chartres. Sie arbeitete als Nachrichtenhelferin auf dem dortigen Flugplatz.
Fast körperlich nahe glaubt er ihr zu sein, hört ihre warme, dunkle Stimme an
sein Ohr dringen – bis ein donnerndes Krachen seine Gedanken
auseinanderreißt. Er blickt den Bruchteil einer Sekunde in eine strahlende
Helligkeit, spürt nicht einmal mehr Schmerzen, und sinkt hinab in eine
schwarze Finsternis. Ein Splitter hat seinem Leben – im dreiundzwanzigsten
Jahr– ein jähes Ende gesetzt. Unteroffizier Dathe ist tot. Hainewald rappelt
sich unter den Schuttmassen hervor und starrt auf seinen alten Kameraden.
»Hans!«

Aber Hans Dathe antwortet nicht mehr. »Brüll nicht so«, kommt die Stimme
Hauptmann von Finkensteins aus der Dunkelheit. »Der Hans … Unteroffizier
Dathe ist tot, Herr Hauptmann!« Dieser springt in das halb zugeschüttete Loch
und fühlt den Puls seines Fahrers. Dann richtet er sich auf und nimmt seine
Feldmütze ab. Betet oder hadert der Hauptmann innerlich? Seine Lippen
bleiben geschlossen, aber seine Finger verkrampfen sich ineinander. Erst nach
längerem Schweigen sagt er verbissen: »Und keine Totenglocke läutet!« Dafür
drischt die amerikanische Artillerie mit verstärkter Wucht auf die flache
Kuppe ein, wühlt die gepeinigte Erde wohl zum hundertsten Male um und
zerfetzt die letzten Baumstümpfe. »Drei Uhr dreißig.« Oberfeldwebel Hessler
starrt auf das Leuchtzifferblatt seiner Armbanduhr. »Eigentlich die günstigste
Zeit für einen Angriff. «Der Obergefreite am Maschinengewehr setzt gerade
das MG auf die Lafette. »Abwarten, es wird früh genug losgehen. «Schlag vier
Uhr morgens bricht das Trommelfeuer ab. Tödliche Stille liegt über dem
Schlachtfeld. Hauptmann von Finkenstein springt auf. »Gruppenweise bis auf
die Höhe vorarbeiten!« Müde, zerschlagen und mit brennenden Augen erheben
sich die Panzergrenadiere aus ihren Löchern und wanken den Hang hoch.
Donnernd springen die Motoren der Panzer und der Flak-Zugmaschinen an. Die
Panzerjäger rollen hinterher. Als Finkenstein mit den ersten beiden Gruppen
die Kuppe erreicht hat, sieht er in zweihundert Meter Entfernung den
amerikanischen Angriff anlaufen.

Die Kanoniere wuchten die 8,8-cm-Geschütze herum, die Spreizlafetten fallen


auseinander, und die Verschlüsse fahren klirrend zu. »Feuer!« Mit
unheimlichem Knallen eröffnen die schweren Flakgeschütze den Todesreigen
des neuen Tages. Die Pantherkanonen brüllen auf, und dazwischen mischt sich
das dumpfe Wummern der schweren Granatwerfer. Zuletzt donnern die
schweren Feldhaubitzen. Die Granaten schlagen mitten in die Reihen der
Angreifer und zwingen sie zu Boden. Die Schreie der Getroffenen hallen über
das Feld und werden durch erneute Granatexplosionen zerrissen. Hell schiebt
sich die Sonne über den Horizont Sie bescheint Freund und Feind, sie
bescheint die Lebenden und die Toten, und sie wird so lange über der
Normandie aufgehen, wie die Erde sich dreht. Generalfeldmarschall Keitel
blickt besorgt auf die eingegangenen Meldungen des gestrigen Tages. Er
schüttelt den Kopf, denn der Gedanke ist ihm unangenehm, Hitler melden zu
müssen, dass es den Amerikanern gelungen ist, bei der Panzerlehrdivision
durchzubrechen. Ausgerechnet bei dieser Division, auf die man die größten
Hoffnungen gesetzt hatte. Von dieser Panzerdivision sagte Generaloberst
Guderian einmal, dass sie allein in der Lage wäre, eine eventuelle Invasion zu
vereiteln. Dann sieht sich der Feldmarschall die Meldungen im Einzelnen an,
und er erfährt von der Größe des Opfers dieser Division. Praktisch existiert
sie gar nicht mehr. Keitel erhebt sich und geht schweren Herzens hinüber in die
Lagerbaracke. Zehn Minuten später erscheint Hitler. Nervös und übernächtigt.

Keitel legt ihm die Meldungen vor. Hitler fährt auf. »Warum hat die
Panzerlehrdivision nicht gehalten?« »Sie hat gehalten, der Gegner überrannte
nur noch Tote!« Minutenlang herrscht eisige Grabesstille in der Lagerbaracke.
Dann sagt jener Mann, der als »Führer« Deutschlands bezeichnet wird, nur ein
Wort: »So!« Er steht auf und geht – ein Bein nachziehend, auf die Lagekarte zu,
und entfernt mit raschem Griff das eingesteckte Fähnchen, das die
Panzerlehrdivision bezeichnet. Das ist der Opfertod von Tausenden tapferen
Soldaten wert: Ein Wort: »So«, und ein weggeworfenes Papierfähnchen. Am
25.7.1944 durchbrachen die Alliierten die deutsche Front. Pattons Panzer stießen
nach und stehen am 1.8. mit ihrem rechten Flügel südlich Avranches, während
ihr linker Flügel immer noch nördlich Torigny hängt, denn das I. Korps hat
bisher nur unbedeutende Geländegewinne erzielt. Patton wartet darauf, dass
man ihm einen Gefangenen vorführt. Endlich erscheint der Mann, von zwei
Soldaten bewacht. »Nehmen Sie Platz«, sagt der Dolmetscher zu dem
deutschen Unteroffizier. »Danke, ich stehe lieber!« »Wie Sie wollen!« Patton
mustert den Gefangenen. Er ist groß gewachsen, hat helle Augen und
strohblondes Haar. Dann blickt er in das vor ihm liegende Soldbuch des
Gefangenen. »Sie gehören zur Panzerlehrdivision?« »Sie haben ja mein
Soldbuch!« »Antworten Sie«, sagt der Dolmetscher barsch, aber Patton wehrt
ab. »Bitte, so nicht.« Er blickt den Deutschen fast freundlich an. »Warum
kämpft ihr eigentlich noch? Wäre es nicht besser, wenn ihr die Waffen
niederlegen würdet?« »Wir haben genau wie Sie und Ihre Soldaten einen Eid
geschworen.

Schon deshalb erübrigt sich eine solche Frage!« »Gut pariert«, gesteht Patton,
»aber wir wundern uns immer wieder, dass ihr noch die Kraft findet, euch uns
entgegenzustemmen. Wir bombardieren einen ganzen Tag, wir trommeln mit
unserer Artillerie eine weitere Nacht, und wenn wir dann angreifen, flackert
überall Widerstand auf, und zumeist an den Stellen, an denen wir annehmen
möchten, dass dort keine Maus mehr lebt. Aber ihr lebt nicht nur noch, ihr
verteidigt euch auch noch mit einer Zähigkeit, die mich in Erstaunen versetzt.«
Patton bietet dem Unteroffizier eine Zigarette an. »Danke«, sagt der Gefangene,
»kann ich jetzt wieder gehen?« »Moment noch.« Patton kommt um den Tisch
herum, hinter dem er bis, jetzt gesessen hatte, und bleibt dicht vor dem
gefangenen Deutschen stehen. »Sie haben doch lange keine warme Mahlzeit
mehr gehabt, nicht wahr?« »Seit zehn Tagen nicht mehr!« »Kaltes Essen?«
»Unregelmäßig!« »Und trotzdem haben Sie standgehalten?« »Wie Sie sehen!«
Patton richtet sich auf. »Ich bin davon überzeugt, dass Ihr Vaterland nie in der
Lage sein wird, Ihnen und Ihren Kameraden für all diese Opfer zu danken, und
das wird sehr bitter für euch Soldaten sein. Behalten Sie den Kopf oben,
einmal wird auch wieder Friede sein.« Er wendet sich ab und sagt zum
Dolmetscher: »Sie sorgen dafür, dass dieser Soldat heute mit vollständigem
Essen aus meiner Küche versorgt wird!« »Yes, Sir!« So war Patton, der
»Guderian« der Amerikaner. Der deutsche Unteroffizier grüßt mit Hitlergruß
und verlässt mit harten Schritten den Raum.

Er lässt einen kopfschüttelnden amerikanischen Panzergeneral zurück, der


nachdenklich zu einem seiner Stabsoffiziere meint: »Niemand wird jemals
ergründen können, wo der einzelne deutsche Soldat diese Kraft hernimmt, um
über sich selbst hinauszuwachsen.« Am zweiten Geschütz steht der
Obergefreite Höhne als Geschützführer. Er steht aufrecht neben der
Selbstfahrlafette und leitet – mit an den Augen gepresstem Fernglas – das
Feuer. Er stammt aus Landsberg an der Warthe, ist verheiratet und hat einen
kleinen Buben von knapp zwei Jahren. Aber in dieser Stunde hat er keine Zeit,
an seinen Sohn zu denken. Jetzt gilt es wieder einmal schneller zu schießen und
besser zu treffen als der Gegner, wenn man am Leben bleiben will. Immer
wieder leckt eine gelbrote Lohe aus der Mündung der schweren Feldhaubitze
und frisst sich mit Donnergetöse in den Stahl der angreifenden amerikanischen
Panzer. Aber nicht jeder Schuss bedeutet die Außerkampfsetzung eines
getroffenen Panzers. Zumeist feuern deren Kanonen weiter, und das ist beider
Masse der Shermans bitter. Höhne korrigiert nach. Seine Stimme klingt heiser
und unwirklich. Er muss laut schreien, damit der Richtkanonier ihn überhaupt
versteht. Der Obergefreite Blatz an der Richtmaschine ist dreiundzwanzig
Jahre alt. Aber er schießt, als hätte er in seinem Leben nie etwas anderes
getan, als nur eine Haubitze bedient. Jeder Handgriff ist ihm in Fleisch und
Blut übergegangen. Er hat die Zeit in der Oberschule völlig vergessen,
manchmal glaubt er, dass er die sorglose Jugendzeit im Elternhaus überhaupt
nur geträumt hat.

Hier draußen geht der Tod um, der auch Blatz schon mehr als einmal mit seinen
kalten Händen gestreift hat. Manchmal schüttelt er sich, als wolle er eine
erdrückende Last von seinen schmalen Schultern abwerfen. Für einen
Augenblick glaubt er, die Gesichter der Kameraden wieder vor sich zu sehen,
die vor einigen Tagen noch mitten unter ihnen weilten, und die nun nicht mehr
sind. Die hier Stehenden an den wenigen Geschützen sind noch die ganze
Abteilung. So rasch wie die 15-cm-Granaten die Rohre verlassen, so rasch
wechseln die Gedanken des Richtkanoniers. Es erscheint ihm, als wenn nach
jedem Abschuss die alte Szenerie zerreißt, um einem neuen Erinnerungsbild
Platz zu machen. Vor seinem wirklichen Blick aber stehen fahrende,
ausbrennende und explodierende Panzer. Bei jedem Abschuss bäumt sich das
Panzer-IV-Fahrgestell kurz auf und rüttelt die Kanoniere durcheinander. Eine
Woche dauert dieser harte Kampf bereits. Eine Woche schon müssen sie Schritt
für Schritt zurückgehen. Nicht, dass sie zurückgeworfen würden, nein, aber der
Gegner schiebt sich – wenn er merkt, dass er bei ihnen nicht durchkommt –
links und rechts an ihnen vorbei, und dann müssen auch die Reste der
Panzerlehrdivision wieder weichen. Höhne blickt zum Geschütz hoch und
begegnet dem Blick des Richtkanoniers. Sie brauchen nicht viele Worte zu
machen, sie verstehen sich auch so gut genug. Jetzt brüllt Blatz: »Verdammte
Scheiße!« Höhne versucht zu grinsen, aber es reicht nur zu einer verzerrten
Grimasse. Die Angst um das Leben schnürt ihnen alle weiteren Worte ab.

Blatz schaut sekundenlang zum Himmel empor und entdeckt zuerst die
anfliegenden Jagdbomber. Seine Augen weiten sich vor Entsetzen, und laut
stößt er den Warnungsschrei aus: »Jabos!« Die Kanoniere gehen hinter den
Schutzschilden der Geschütze in Deckung, und Höhne taucht zwischen die
beiden Raupenketten unter die Selbstfahrlafette. Keine Minute zu früh, denn
schon stoßen die Jabos herunter, und ihre Bordwaffen hämmern auf die
deutschen Stellungen ein. Das Stakkato der Bordwaffen reißt mit
übermächtiger Gewalt an den Nerven der Soldaten. Ihre Hände krallen sich an
Stahl und in die Erde fest, aber vielen von ihnen nutzt diese Deckung nichts
mehr. Tödlich getroffen sinken sie zur Seite. Beim zweiten Geschütz
explodieren Kartuschen, und im Nu steht das ganze Geschütz in dunkle
Explosionswolken gehüllt. Grelle Stichflammen schießen hoch, und Splitter
surren fauchend umher. Nur zehn Minuten dauert der Jabo-Angriff, aber er hat
der Kampfgruppe mehr als zwanzig Tote gekostet. Zwei Flak-Geschütze stehen
mit merkwürdig verbogenen Rohren da. Sie werden nie mehr feuern können,
denn ihre Bedienungsmannschaften sind gefallen, und die Kanonen selbst sind
zerstört. Schwer atmend schiebt sich der Obergefreite Höhne unter seinem
Geschütz wieder hervor. Sanitäter hasten an ihm vorbei, und die helle Stimme
des Kommandeurs reißt ihn in die Wirklichkeit zurück: »Einzeln
weiterfeuern!« Es bleibt keine Zeit zu langen Überlegungen, und es bleibt erst
recht keine Zeit zur Trauer um die gefallenen Kameraden.

Der Kampf nimmt seinen Fortgang, und dumpf rollt der Donner der Geschütze
über die Front. Vorn am Fuß des flachen Hügels sind die Shermans
stehengeblieben und schicken ihre ehernen Grüße zur Kuppe empor. Die
Grenadiere können nicht wagen, ihre Köpfe über die Deckungen zu nehmen,
denn kaum eine Handbreit über die Panzerdeckungslöcher hinweg fegen die
Panzergranaten und zerspringen kreischend zwischen den zerfetzten Bäumen,
die immer weniger Sichtdeckung bieten. Irgendwann müssten doch auch
Hauptmann Ofenbeck die Nerven versagen, denken die Landser, die unweit
von ihm in ihren Deckungen liegen und auf den hochgewachsenen Offizier
starren. Aber Julius Ofenbeck scheint keine Nerven mehr zu besitzen.
Breitbeinig steht er neben einem seiner Jagdpanzer und beobachtet ruhig die
Bewegungen der amerikanischen Kolosse. Auch in diesem fürchterlichen
Durcheinander trägt Hauptmann Ofenbeck nur seine weiche Feldmütze. Oskar,
der Panzergrenadierunteroffizier vom Regiment 901. der den Hauptmann schon
von der Lehrbrigade her kennt, läuft auf Ofenbeck zu und wirft sich neben ihn
zu Boden. Er keucht: »Sie sollten etwas vorsichtiger sein, Herr Hauptmann!«
Ofenbeck blickt ihn kurz an. »Oskar, altes Haus, du hältst am besten deinen
Schnabel, ich verstehe dich doch nicht.« Ein merkwürdiges
Vertrauensverhältnis verbindet diese beiden Männer. Ofenbeck war
Ordonnanzoffizier in der Winterschlacht vor Moskau bei der Kampfgruppe 900
und Oskar war Meldeunteroffizier. Deswegen kann er es sich erlauben, an
seine Stirn zu tippen. Ofenbeck schaut ihn an und nickt, als wolle er sagen:

»Eigentlich hast du ja recht, aber warum soll ich mich schonen, wenn auch
meine Leute kämpfen müssen?« Rasch bückt sich der Hauptmann, legt seine
Hand auf die Schulter des Unteroffiziers und brüllt: »Danke, Oskar, aber nun
hau wieder ab!« Oskar nickt und verschwindet. Ofenbeck klettert in seinen
Panzer und drückt den Richtschützen zur Seite. Und dann schießt Hauptmann
Ofenbeck mit der Präzision eines Uhrwerkes. Seine Granaten sitzen mit
Sicherheit immer mitten im Ziel. Erschrocken stellt er nach einer halben Stunde
fest, dass er sich fast völlig verschossen hat. Aber mit Munitionsnachschub ist
erst in der Nacht zu rechnen. Durch Funk fragt er den anderen Jagdpanzer
sowie die Pantherkommandanten, wie bei ihnen die Munitionslage aussähe.
Die Antworten sind mehr als entmutigend. Ofenbeck setzt einen Funkspruch an
den Divisionskommandeur ab und schildert kurz die Gesamtlage. Nach zehn
Minuten trifft die Antwort ein. »Handeln nach eigenem Ermessen!« Ofenbeck
geht zu Hauptmann von Finkenstein, sie ziehen auch den Artilleriemajor zu
Rate und kommen doch zu keinem Schluss, denn von Finkenstein erklärt: »Es
ist unmöglich, jetzt zurückzugehen. Wir hätten im gleichen Augenblick die
Jabos auf dem Hals und würden restlos zusammengeschlagen sein, ehe wir
auch nur drei Kilometer zurückgelegt hätten.« »Stimmt«, sagt Ofenbeck in
seiner ruhigen Art, »aber dann bleibt uns nur noch ein Weg offen!« »Und der
wäre?« »Wir sprengen unsere Waffen und marschieren geschlossen in die
Gefangenschaft.«

Dabei blickt Ofenbeck seinen Kameraden gerade ins Gesicht. »Es ist schon zu
viel unnötiges Blut vergossen worden.« »Ist das Ihre wahre Meinung?« fragt
von Finkenstein. »Ich habe aus meinem Herzen noch nie eine Mördergrube
gemacht!« Hauptmann Ofenbeck zuckt mit den Schultern, es wirkt irgendwie
resignierend und hilflos. Jeder, der ihn kennt, weiß, dass er zutiefst Sorge um
seine Männer hat. General Patton, der Befehlshaber der 3. US-Panzerarmee,
dem das VII., das XV. und das XX. Korps unterstellt sind, entschließt sich,
seine Verbände an den Resten der Panzerlehrdivision vorbeizuschieben. Dann
ist das Schicksal dieser deutschen Kampfgruppe entschieden. Aufrecht, wie
Patton nun einmal ist, erkennt er die Leistungen dieser deutschen Soldaten
bedingungslos an, und erwünscht sie so rasch wie möglich als Gefangene nach
Norden marschieren zu sehen. Kurz entschlossen erteilt er die notwendigen
Befehle, zieht seine Panzerbataillone von der Front der Deutschen zurück,
gruppiert um und lässt seine Regimenter seitlich an der deutschen
Kampfgruppe vorbeistoßen. Den GI’s in den Panzern und Schützenpanzern, auf
den Artilleriezugmaschinen, Jeeps und mot. Pionierfahrzeugen sitzt ebenfalls
die Angst im Nacken. Es ist ein unschönes Gefühl, hinter sich nun eine
kampferprobte und bewährte Feindeinheit zu wissen, die sich zäh verteidigte
und tapfer kämpfte. Sergeant McKingley hockt verbissen hinter seiner
Sherman-Kanone und sieht zu Staff-Sergeant Muller hoch, der ebenso reglos
aus dem offenen Turmluk starrt. »He – old boy, was ist dir?«

»Nichts!« »Du machst solch deprimierten Eindruck?« »Schau in den Spiegel,


dann weißt du, wie du ausschaust!« »Hm, mir gefällt es gar nicht, dass wir die
„Krauts“ in unserem Rücken stehenlassen müssen.« »Sie werden uns nicht
fressen, McKingley.« »Meinst du? Na, du musst ja deine alten Landsleute
besser kennen als ich, bist ja in Old Germany geboren.« »Quatsch nicht so
viel!« »Oho, man darf doch wohl noch etwas sagen, oder nicht?« Muller zieht
es vor zu schweigen. Seine Augen gleiten über den Heckenstreifen, der
halblinks vor ihnen liegt. Er glaubt dort drüben Bewegung gesehen zu haben
und will gerade die Sprechtaste drücken, um seinem Chef davon Mitteilung zu
machen, als es in der Hecke aufblitzt. Rasch lässt Muller sich fallen und zieht
das Turmluk hinter sich zu, aber schon haut es mit elementarer Gewalt gegen
die Stirnpanzerung seines Shermans. Feurige Sterne tanzen vor den
Sehschlitzen, aber es scheint kein wichtiger Teil getroffen worden zu sein,
denn der Panzer schiebt sich langsam weiter. Aber dann bricht die Hölle los,
Abschüsse, Einschläge, Abpraller und Treffer vermischen sich zum Toben der
wieder entbrennenden Schlacht. Muller beißt sich auf die Lippen. Er spürt den
warmen Geschmack des eigenen Blutes. Seine Augen suchen nach
Mündungsfeuer, und dann hat er es entdeckt. Rasch schwenkt sein Turm ein,
und jaulend verlässt die erste Granate das Rohr. Mit fieberhafter
Geschäftigkeit arbeiten seine beiden Kanoniere. Muller feuert unaufhörlich
weiter in die Hecke hinein. McKingley schreit auf, denn drüben hinter der
Hecke fliegt ein Rad und Teile einer Lafette in die Luft.

Grelle Flammenbündel zucken hoch, denn anscheinend explodiert dort die


deutsche Pak-Munition, die in Bereitschaft lag. Ohne es zu wissen, sind Pattons
Panzer auf die Sicherungen der 116. deutschen Panzerdivision gestoßen, die
ihnen jetzt den weiteren Weg versperren wollen. Rechts von Mullers Panzer
kurvt der Sherman des Captain Carter wild im Gelände umher, denn eine Pak-
Granate hat die linke Kette des Chefwagens zerrissen. Jetzt zeigt Carters
Wagen den Deutschen das leichter zu verwundende Heck, und die nächsten
Panzerabwehrgranaten fetzen den Sherman auseinander. »Verdammt!« knurrt
Muller unwillkürlich auf Deutsch. Immer, wenn er erregt ist, verfällt er in
seine Muttersprache. Dies soll das letzte Wort in seinem Leben gewesen sein,
das letzte Wort, ein Fluch in deutscher Sprache. Denn plötzlich sieht Muller
eine feurige Lohe vor sich aufsteigen, er fühlt noch das Schwanken des
Panzers, und dann wird es ewige Nacht um ihn. Ein unruhiges Herz, hin und her
gerissen zwischen Pflicht und Liebe zur alten Heimat, findet endlich Ruhe und
Erlösung. Die wenigen stehengebliebenen Bäume stehen drohend im Dunkel
der Nacht. Nur von Zeit zu Zeit steigt im weiten Bogen der zerrissenen Front
eine Leuchtkugel hoch und ergießt ihre strahlende Helligkeit über das
gepeinigte Land. Trotzdem ein kühler Wind – von Norden, dort, wo das Meer
liegt – weht, schwitzen die Panzergrenadiere. Sie verlassen ihre Stellungen
und sitzen auf ihren Fahrzeugen auf.

Eben ist der Befehl durchgegeben worden, sich abzusetzen und sich, wenn
notwendig, nach hinten durchzuschlagen. Die wenigen Panzer und Jagdpanzer
bilden mit ihren kargen Munitionsbeständen die Spitze. Dann folgen
Grenadiere, Artillerie und zum Schluss wieder eine schwache Kompanie
Panzergrenadiere mit einem Panzer IV als Schlusssicherung. Sie biegen nach
Südosten ab und fahren kettenklirrend querfeldein. Einmal blitzt es an der
Spitze auf, und das Echo des Abschusses rollt durch die Nacht. Dann ist es
wieder ruhig, bis auf das Stampfen der Motoren und das Rasseln der Ketten.
Hauptmann von Finkenstein sitzt auf dem Rand eines Schützenpanzerwagens
und versucht mit seinem schweren Nachtglas die Dunkelheit zu durchdringen.
Aber die Konturen der Nacht geben das Bild der Landschaft nur
verschwommen wieder. Die Nerven des Kommandeurs sind auf das Äußerste
angespannt. Immer wieder reicht ihm der Funker einen Spruch der Division,
den er beim Schein einer rot abgeblendeten Taschenlampe nur mühsam
entziffern kann. Der letzte Spruch besagt, dass die kümmerlichen Reste der
Panzerlehrdivision herausgezogen werden, um im Raum südlich der Front
notdürftig aufgefrischt zu werden. In dieser Stunde ist es nur ein schwacher
Trost für die Männer, wähnen sie sich doch alle schon weit hinter der
amerikanischen Front. Dass die Amerikaner nur sehr zögernd nachstoßen und
im Übrigen bereits wieder durch Einheiten der 116. Panzerdivision aufgehalten
werden, kann Hauptmann von Finkenstein nicht wissen. Er blickt nach Westen,
dort, wo sich der Himmel blutrot gefärbt hat. Einige Male lodern helle
Flammen über ein Waldstück empor.

Anscheinend brennt dort ein französisches Dorf. Finkenstein presst die Lippen
zu einem schmalen Strich zusammen. Er verspürt auf einmal grenzenlose Leere
in sich. Es ist eine tiefe Müdigkeit in ihm, die auch kein erfrischender Schlaf
beseitigen könnte. Innerlich ist er vollkommen leer, ausgehöhlt und
ausgebrannt. Polternd rollen die Panther über eine hartgepflasterte Straße,
schieben sich an Häusern vorbei, die sich hinter hohen Büschen und Bäumen
ducken. Wenn sich die Offiziere nicht getäuscht haben, müssen sie jetzt Vire
erreicht haben. Die gepanzerten Wagen rumpeln weiter. Keine Menschenseele
ist zu sehen, kein einziges Licht schimmert durch die Läden der dunklen
Häuser. Nur der Lärm der gepanzerten Kolonne bricht sich an den Häusern.
Plötzlich gibt es eine Stockung. Mitten auf einem freien Platz steht ein
brennendes, deutsches Beiwagenkrad. Der Kradfahrer im langen Gummimantel
liegt zwei Meter neben seiner brennenden Maschine am Boden, gespenstisch
von den Flammen beleuchtet. Hauptmann Ofenbeck springt aus seinem
Schützenpanzerwagen. Einige Landser eilen ihm zu Hilfe. Sie drehen den
Soldaten auf den Rücken und sehen auf einen Blick, dass er tot ist. Aber dass
er erst vor wenigen Minuten gestorben sein kann, versetzt den Hauptmann in
Verwunderung. Er richtet sich auf. »Die diesen Kameraden erschossen haben,
können noch nicht weit sein. Erhöhte Aufmerksamkeit ist notwendig.«
Ofenbeck hat gerade das letzte Wort ausgesprochen, als ein wüstes Feuer
einsetzt.

Aus fast jedem Fenster, jeder Tür und von jedem Dach schlägt den Deutschen
ein wildes Gewehrfeuer entgegen. Die Soldaten schwingen sich blitzartig
wieder in ihre Wagen, und stampfend und dröhnend setzt sich die Kolonne
wieder in Bewegung. Die Maschinengewehre feuern in die Fenster und
streichen die Dächer ab. Schrille Schreie ertönen und gehen unter in den
Abschüssen und Einschlägen der Panzerkanonen. Keiner der Deutschen weiß,
wer auf sie schießt. Ist es durchgebrochene amerikanische Infanterie oder sind
es französische Widerstandskämpfer? Aber Hauptmann von Finkenstein ist
entschlossen, seine Kampfgruppe um jeden Preis zurückzuführen. Vorn fährt
Hauptmann Ofenbeck mitten durch ein zweistöckiges Haus, das polternd über
seinem Jagdpanzer zusammenbricht. Dann schieben sich die Spitzenpanther
gegen eine Straßensperre vor, und das Dröhnen ihrer Abschüsse lässt die in
der Nähe befindlichen Fensterscheiben zerspringen. Die Sperre gibt unter dem
Druck der schweren Kampfwagen nach, und die Schützenpanzer können
passieren. Einige Häuser beginnen lichterloh zu brennen. Menschen laufen
über die Straßen und brechen unter dem Hämmern der deutschen
Maschinengewehre zusammen. »Weiter!« Jetzt gilt es, das eigene Leben zu
retten. Handgranaten torkeln – aus den Schützenpanzerwagen geworfen – auf
die Straße und zerplatzen berstend, kollern in dunkle, geöffnete Fenster, und
ihre Explosionsblitze lassen die Schatten der Menschen in den Zimmern für
den Bruchteil einer Sekunde deutlich werden.

Mit Vollgas rattern die Fahrzeuge durch die Nacht. Manchen der deutschen
Soldaten trifft es. Besonders die Flakkanoniere auf ihren schweren,
ungepanzerten Zugmaschinen erleiden bittere Ausfälle. Aber dann hat die
Marschkolonne den Ort hinter sich gelassen, und das Feuer ebbt ab. Nur noch
die knisternden Flammen fressen sich gierig in das Gebälk der alten Häuser.
Mehrere Kilometer außerhalb der Stadt lässt von Finkenstein die Kolonne
anhalten. Die Verwundeten müssen dringend versorgt werden. Manche sterben
dem Arzt unter den Händen, und verzweifelt schüttelt der Doktor immer
wieder den Kopf, wenn er nichts anderes mehr tun kann, als einem der Männer
die Augen zuzudrücken. »Du sollst nicht töten«, steht in der Heiligen Schrift
geschrieben«, keucht der Sanitätsfeldwebel. »Das Gewissen schweigt immer,
wenn die Politik versagt hat und die Staatsmänner der Welt zum Kampf und
Schießen aufrufen.« Es ist der Oberarzt, der diese Worte in die Nacht
hinausschreit. In eine Nacht, die stumm ist und kein Gehör hat. Am weiten
Himmel stehen die Sterne in funkelnder Pracht und schauen auf das sinnlose
Werk menschlichen Zerstörungs- und Vernichtungswillens herab. Südlich in
Domfront, etwa sechzig Kilometer östlich von Mortain, sammeln sich die
Reste der Panzerlehrdivision. Generalleutnant Bayerlein ist erschüttert, erkennt
er doch jetzt erst richtig die hohen blutigen Verluste seiner Division. Gewiss
werden viele verwundet und auch unverwundet in amerikanische
Gefangenschaft geraten sein, aber dies bedeutet nur einen schwachen und
ungewissen Trost.

Immer wieder gleitet sein Blick über die endgültigen Stärkemeldungen seiner
Regimenter, Bataillone und Kompanien hinweg. Ein Torso ist ihm geblieben,
weiter nichts. Die Kompanien sind damit beschäftigt, das Schicksal ihrer
Soldaten aufzuklären, aber nur in den wenigsten Fällen gelingt es, Klarheit zu
schaffen. Hunderte, nein Tausende von Briefen mit inhaltsschweren Sätzen
werden in die Heimat gesandt. Immer wieder wird das Wort »Vermisst« oder
»Gefallen« in den Briefen stehen. Die Hände, die diese Worte schreiben,
beginnen zu zittern. Viele Tote sind mit zurückgebracht worden, und große
Massengräber werden ausgehoben, um die gefallenen Kameraden
aufzunehmen. Hohe Birkenkreuze ragen in den strahlenden Sommerhimmel,
mahnend und anklagend. Doch wird die Menschheit daraus lernen? Wird man
für alle Zeiten einen Schlussstrich ziehen unter dieses sinnlose Völkermorden?
Stumm umstehen die Panzergrenadiere die Gräber. Pfarrer sprechen tröstende
Worte. Gebete werden gemurmelt, und Ehrensalven fegen in den blauen
Himmel. Dann poltern Erdschollen in die Gruben, und Hügel wachsen empor.
Namen– in endloser Reihe – stehen auf den Birkenkreuzen und künden von dem
Sterben deutscher Soldaten, die mitten aus ihrem Leben gerissen wurden, weil
es so befohlen worden war. Wortlos gehen die Männer nach den
Bestattungsfeierlichkeiten auseinander und suchen ihre Quartiere auf.
Französische Bauern schauen diese grauen und schwarzen Soldaten an, sie
wundern sich über die Haltung dieser Männer, die aus der großen Schlacht
kommen.

Sie sind den Bomben, Granaten und MG-Garben noch einmal entkommen, sie
wissen jedoch nicht wie lange man ihnen jetzt eine Gnadenfrist eingeräumt hat.
Unteroffizier Freitag liegt im Schatten eines Apfelbaumes und starrt zum
Himmel empor, an dem einige amerikanische Jagdbomber ihre suchenden
Kreise ziehen. Dann wendet er seine Aufmerksamkeit einer geschäftig hin und
her summenden Biene zu, die eifrig von Blüte zu Blüte fliegt. Er denkt: »Wie
lange wird es wohl noch dauern, bis auch dieses friedliche Fleckchen Erde
vom Krieg zerstampft wird?« Er hört das fröhliche Lachen einiger
französischer Mädchen, die im nahen Flüsschen baden, und er hört auch die
harten Worte eines Mannes, der sie an die Nähe der deutschen Soldaten
erinnert. »Als wenn wir wirklich Barbaren wären«, murmelt Freitag, der jedes
Wort verstanden hat, vor sich hin. Langsam erhebt er sich und starrt hinüber zu
den badenden Mädchen. Alles atmet Ruhe und Zufriedenheit, alles strahlt
Sicherheit und Lebensfreude aus, und dennoch steht der Tod nicht mehr weit
entfernt. Ganz schwach ist das Rumoren der Front zu hören, erscheint an die
Vergänglichkeit allen irdischen Lebens zu mahnen. Freitag schiebt beide Hände
in die Taschen seiner grauen Panzerüberfallhose und geht langsam ins Dorf
zurück. Die kleine Kirche mit ihrem stumpfen Turmdach grüßt freundlich
herüber, und wie von innerlichem Zwange vorwärtsgetrieben, geht Freitag auf
die Kirche zu und betritt sie. Wohltuende Kühle empfängt ihn. Das Halbdunkel
des Kirchenschiffes zwingt ihn zum Verweilen, bis sich seine Augen an das
dämmrige Dunkel gewöhnt haben.

Einige Zivilisten knien hinter den Bänken und beten. Seine benagelten Schuhe
dröhnen auf den Steinquadern des Bodens, und dann entdeckt der Unteroffizier
die Orgel auf der Empore. Er steigt die Treppe hoch, und seine Blicke gleiten
über die Tasten. Ein Mann in schwarzem Rock blickt ihm entgegen. Freitag
deutet auf den Blasebalg, und der Mann nickt wortlos. Wie lange ist es her,
dass ich nicht mehr an einer Orgel saß? Denkt Freitag, und seine Hände gleiten
suchend über die abgegriffenen Tasten. Leise und unendlich zart quellen die
ersten Töne hervor, geistern durch das Kirchenschiff und tönen lauter wieder
zurück. Aber noch bilden diese Töne keine Melodie, es hört sich an, als suche
sich dieser Mann erst aus der jüngsten Vergangenheit zu lösen. Doch dann
kommen die Töne perlend und klar aus dem alten Instrument hervor: »So nimm
denn meine Hände, und führe mich… «Die Franzosen unten in der Kirche
heben ihre Köpfe, drehen sie langsam nach oben. Sie sind erstaunt, dass dort
ein deutscher Soldat sitzt, ein Mann mit den Totenkopfabzeichen der
Panzerwaffe auf dem breiten, offenen Kragen. Und Freitag spielt weiter, er
spielt über sich selbst hinaus, er vergisst die Zeit und den Raum. »Über allen
Wipfeln ist Ruh’…« Hauptmann von Finkenstein geht an der Kirche vorbei,
hört den Klang der alten bekannten Melodie und betritt die Kirche. Unter der
Empore lehnt er sich an einen eichenen Stützbalken und lauscht. Andere
Soldaten kommen. Auch Bauern mit blauen, groben Leinenkitteln und
abgewetzten Hosen.

Und Frauen und Kinder. Immer weiter dröhnt die Orgel, die schon
Generationen überdauert hat, und die hier, unter der Hand eines Frontsoldaten,
ihre größte Stunde erlebt. Denn ein Meister lässt sie erklingen. Die letzten
Töne verrinnen wie das Wasser bei Ebbe am Meeresstrand. Aber in den
Herzen der Menschen klingen diese Melodien nach, rufen die Sehnsucht nach
Ruhe und ewigem Frieden in ihnen wach. Als Freitag die Treppe
heruntertrappt, machen ihm alle Platz. Hauptmann von Finkenstein beobachtet
ihn aus den Augenwinkeln und hält ihn an. »Freitag?« Der Unteroffizier scheint
erst jetzt in die Wirklichkeit zurückzufinden. Sein Lächeln wirkt irgendwie
hilflos. »Herr Hauptmann?« »Warum haben Sie das getan?« »Gespielt?« »Ja.«
»Ich weiß es nicht – es wäre besser gewesen, ich hätte es nicht getan. Es ist
nicht gut, wenn man in seiner Seele Saiten anschlägt, die längst verklungen
sind, Herr Hauptmann!« Finkenstein tritt mit Freitag hinaus in die Sonne.
»Trotzdem ist es gut, dass man noch nicht ganz vergessen hat, Mensch zu sein.«
Freitag deutet auf eine Sanitätswagenkolonne, die ebendurch den Ort rollt und
sagt: »Auch das ist eine Antwort, Herr Hauptmann!« Finkenstein hat diesen
Satz nicht verstanden. Kopfschüttelnd wendet er sich ab und geht mit steifen
Schritten die Dorfstraße hinunter. Oskar schiebt seine Hand unter Justus
Freitags Arm. »Menschenskind, wie du spielen kannst!« »Man muss dazu
aufgelegt sein. Man muss sich von allem lösen können, was hinter einem liegt,
nur dann kann man so spielen.« Schweigend gehen sie ihrer Unterkunft zu.

Ihr Quartierherr, ein pensionierter französischer Seeoffizier, blickt den


Unteroffizier nachdenklich an. Dann sagt er in ziemlich einwandfreiem
Deutsch: »Ich habe Ihr Spiel gehört, mein Herr. Auch wenn ich kein Freund der
Deutschen bin, so muss ich sagen, dass ich Ihre seelische Kraft bewundere,
denn Sie müssen doch Schweres hinter sich haben. Sie und Ihre Kameraden?«
»Es hat uns allen gereicht. Und es ist fast ein Wunder, dass wir überhaupt noch
atmen dürfen. Aber wozu darüber reden. Jetzt ist die Zeit dafür noch nicht reif.
Vielleicht später einmal. Ja bestimmt, der Generation, die nach uns kommt, der
sollte man von diesem großen Sterben erzählen, ihnen sagen, wie ihre Väter
und Brüder gefallen sind. Sie mahnen, solchen Krieg für alle Zukunft
abzulehnen.« Freitag schweigt eine kurze Weile, ehe er weiterspricht: »Aber
vielleicht wird dann die Dummheit der Menschheit wieder so groß geworden
sein, dass sie alles Leid vergessen hat« »Ihr Deutschen habt diesen Krieg
begonnen.« Freitag tippt auf seine Brust. »Ich etwa? Nein, kein einfacher Mann
in Deutschland wollte ihn. Die Generation, die den Ersten Weltkrieg mit all
seinen Schrecken durchgemacht hat, lebt ja noch. Aber das Gesetz befahl –
was blieb uns übrig? Jetzt hoffen meine Kameraden und ich nur noch, dieser
Hölle einmal entrinnen zu können. Aber vielleicht ist es schon zu spät dazu.«
Er schaut auf die Uhr, die auf dem Kaminsims tickt. »Und ich befehle den
Angriff auf Mortain-Avranches. Es muss gelingen, wieder bis zur Küste
durchzustoßen! «Hart stehen diese Worte in dem Raum der Baracke des
Führerhauptquartiers.

Der sie nervös ausstößt, ist niemand anders als Hitler, der noch immer im
Wahn seines Feldherrntums lebt, und glaubt, die Alliierten wieder vom
Kontinent vertreiben zu können. Jeden sachlichen Einwand seines
Generalstabschefs fegt er bedenkenlos beiseite. Sein Gesicht zuckt und läuft
blau an. »Ich verbitte mir Ihre Kritik!« Der Generaloberst schweigt betroffen,
und Generalfeldmarschall Keitel tritt unruhig von einem Bein auf das andere.
»Die Divisionen, die zu diesem Angriff befohlen werden«, der Generaloberst
holt tief Luft, »bestehen nur noch zu einem Drittel. Wir operieren hier mit
Divisionen, die nur noch den Kampfwert von Bataillonen besitzen. Die Sprit-
sowie die Munitionslage ist katastrophal, die Nachschublinien zerbombt, die
Brücken gesprengt und…« »Schweigen Sie, Herr Generaloberst«, sagt Hitler
scharf, dreht sich herum und hinkt aus dem Raum. Der Generalstabschef des
deutschen Heeres weiß, dass dies wieder den sicheren Tod von Tausenden
braver Soldaten bedeutet. Ist wirklich niemand mehr da, der dieser
Wahnsinnsherrschaft ein Ende bereitet? Die Operationsabteilung arbeitet –
weit weg vom Ort des tatsächlichen Geschehens – den Angriffsplan aus. Die
Kurieroffiziere werden in Marsch gesetzt, und ein Funkspruch jagt den
anderen. Kopfschüttelnd vernehmen die Korps- und Divisionskommandeure
diesen ungeheuerlichen Befehl, der die Reste ihrer Divisionen noch einmal
zum Angriff vorwärtstreiben soll. Auch Generalleutnant Bayerlein kann diesen
Befehl nicht begreifen. Er weiß, dass damit die letzte Stunde für seine
zusammengeschrumpfte Division angebrochen ist.

Kaufmann, der Ia der Lehrdivision, fasst sich an den Kopf. »So etwas kann
doch nur im Gehirn eines Wahnsinnigen entstehen!« »Nicht so laut, Kaufmann«,
mahnt Bayerlein und lässt sich schwer auf einen Stuhl fallen. »So ist es
immer«, murmelt der Ia, »wir haben zu lange geschwiegen und zugeschaut. Ich
glaube, jetzt ist es wirklich zu spät.« Bayerlein sieht seine Hände an und
beginnt zu sprechen: »Ich hatte für die Division schon den Herauslösebefehl in
der Tasche und wollte mich beim Oberbefehlshaber West gerade abmelden.
Aber der Generalfeldmarschall erklärte nur ganz kurz, dass die Division in
Frontnähe aufgefüllt werden solle, so, wie er es von Russland her gewöhnt ist.
Ich konnte nichts daran ändern und musste wieder gehen. Als wenn man den
Kampf im Westen in irgendeiner Form mit Russland vergleichen kann. Hier
herrschen doch ganz andere Bedingungen. «Sein Finger gleitet über die Karte.
»Hier, westlich von Nogent le Rotrou, verläuft jetzt die Front. In dieser Stadt
befand sich unser Divisionsgefechtsstand vor der Invasion. Jetzt stehen wir
wieder hier, und zwar geschlagen. Wer hätte das gedacht, Kaufmann?« »Ja,
wer hätte das gedacht«, wiederholt der Oberstleutnant im Generalstab,
Kaufmann. »Das Regiment 901 hat jetzt eine Grabenstärke von
zweihundertsiebzig Mann, das Regiment 902eine solche von
dreihundertvierzig Mann. Die Artillerie besitzt noch sechs Geschütze, denn
zwei konnten neu zugeführt werden. Die schwere Flak hat noch drei Kanonen,
die Panzerjäger vier Geschütze, so geht es weiter.

Wir sind ein kümmerlicher Haufen geworden, und in diesem idiotischen


Befehl, denn anders kann ich ihn nicht bezeichnen, steht: Die
Panzerlehrdivision greift an und so weiter und so fort. Die Panzerlehrdivision
hat dabei längst aufgehört, als Divisionsverband zu bestehen. Der „größte
Feldherr aller Zeiten“ sollte sich einmal unsere Friedhöfe ansehen, dann
wüsste er, wo sich die Panzerlehrdivision jetzt befindet.« »Kaufmann, nicht
aufregen, es hat wirklich keinen Zweck. «Major Wrede schiebt die Mütze ins
Genick. »Einmal möchte ich ungestraft meine Meinung sagen dürfen. Allen
denen, die fern vom Schuss sitzen und mit uns Krieg spielen. Die dabei keine
Ahnung haben, die die Wirklichkeit der Front nur von schöngefärbten Berichten
her kennen. Die vom Heldentod für das Vaterland faseln, ohne jemals vorn
gestanden zu haben.« »Nicht so hart, Wrede«, mahnt der General. »Ist es etwa
nicht die Wahrheit, Herr General?« »Doch!« Mehr sagt Generalleutnant
Bayerlein nicht. Er stülpt seine Feldmütze auf den Kopf und verlässt den
Raum. Er setzt sich in seinen Wagen und fährt zu seinen Regimentern. Überall
dort, wo er auftaucht, vermisst er so manches altvertraute Gesicht. Aber er
wagt gar nicht, nach den einzelnen zu fragen, denn die Antworten kann er schon
nicht mehr hören. Aber an den Gesichtern der wenigen Überlebenden kann er
das ganze furchtbare Erleben ablesen. Beim Panzergrenadier-Lehrregiment 901
ist gerade Ersatz eingetroffen. Vierhundert Soldaten, aus den Lazaretten und
Genesungskompanien zusammengekratzt.

Uralte Obergefreite mit vielen Orden und Abzeichen neben blutjungen


Soldaten, die kaum acht Wochen lang in der Uniform stecken. Wo ist der alte
Grundsatz geblieben, dass nur die besten Soldaten aller deutschen Einheiten zu
den Lehrregimentern versetzt werden? Bayerlein wagt nicht weiterzudenken,
denken ist sinnlos wie überhaupt alles, insbesondere die Weiterführung dieses
mordenden Kriegs. Drüben vor der Schule werden die Neuangekommenen auf
die beiden Bataillone und anschließend auf die einzelnen Kompanien verteilt.
Neue Maschinengewehre werden auf dem Schulhof entladen, und der
Divisionskommandeur weiß, dass der Tag, wo sie wieder antreten müssen,
nicht mehr fern ist. Antreten zum Sterben, denn die Chance zu überleben ist
verdammt gering geworden. Auch für Divisionsgenerale und auch Korps-,
sogar Armeeführer. Aber das sind blitzschnelle Gedanken. Sie kommen und
gehen innerhalb weniger Sekunden. Es ist gut, dass man sich noch in der
Gewalt hält und nicht alles lautwerden lässt. Ehe Generalleutnant Bayerlein
diesen Ort verlässt, geht er allein hinüber zu dem Friedhof, wo die Toten des
Lehrregiments 901 zur ewigen Ruhe gebettet wurden. Lange steht er mit
entblößtem Kopf zu Füßen der Gräber. Niemand kann in diesen Minuten die
Gedanken dieses Mannes lesen, der General und Divisionskommandeur ist, der
einst Rommels Stabschef in Afrika war, der vom Gegner gefürchtet und von
seinen eigenen Soldaten verehrt wird. Doch es ist gut so. Vielleicht würde sich
mancher über die Gedanken eines so hoch dekorierten Generals wundern.
Hitler hat am 30.

Juli 1944 den Bericht des Generalfeldmarschalls von Kluge erhalten und
entschließt sich daraufhin, den General Walter Warlimont an die Westfront als
seinen persönlichen Beauftragten zu entsenden. Gleichzeitig stellt er dem
Oberbefehlshaber West frei, mit dem Abzug der Infanteriedivisionen aus dem
Pas de Calais zu beginnen. Erst jetzt hat er begriffen, dass die Gefahr einer
zweiten Invasion im Raum Calais – Dünkirchen nicht mehr gegeben ist.
Warlimont entledigt sich seines Auftrages, und der General der Panzertruppen
Hans Eberbach wird mit der Durchführung des Gegenangriffes auf Mortain
beauftragt. Rechts der Panzergruppe Eberbach, die durch sechs
Panzerdivisionen gebildet wird, steht die 7. Armee unter Oberst Paul Freiherr
von Hauser, während die Caen-Front immer noch durch die neuaufgestellte
5.Panzerarmee unter Generaloberst Sepp Dietrich gehalten wird. General der
Panzertruppen Eberbach bekommt ganze 400 Panzer zusammen, mit denen er
den Stoß auf Mortain und nach Möglichkeit auf Avranches gegen die
durchgebrochenen Amerikaner führen soll. Jeder weiß, dass dies unmöglich
sein wird, wird doch der Gegner bestimmt die drei-, wenn nichtvierfache Zahl
an Panzern in die Schlacht werfen können. Eberbach weiß, dass er
Unmögliches von den ihm unterstellten Verbänden verlangen muss, und er gibt
sich über den Ausgang dieser Offensive auch keinerlei großen Hoffnungen hin.
So kommt der Morgen des 7. August 1944 herauf. Strahlend hell wächst die
Sonne über dem Horizont hoch. »Jabowetter!« fluchen die Landser, als sie ihre
Waffen aufnehmen und zum Gegenangriff antreten.

Den Stoß im Zentrum führt die 2. Panzerdivision unter General von Lüttwitz.
Ihr Nachbar zur linken Seite ist die 116.Panzerdivision. General Lüttwitz stößt
im ersten Angriffsschwung 16 Kilometer tief in die amerikanischen Linien und
verliert dabei nur drei seiner Panzer. Aber dann kommen die Jagdbomber
herabgestoßen, und am 9. August steht von Lüttwitz wieder an der Stelle, von
der er angetreten ist. 30 Panzer und 800 Soldaten liegen auf dem Schlachtfeld
vor Mortain. Etwas tiefer, hinter der 116. Panzerdivision gestaffelt, kämpfen
die Reste der Panzerlehrdivision. Nur mühsam kommen sie durch Hohlwege
und auf den heckenumsäumten Straßen vorwärts. Hauptmann Ofenbeck schießt
am 7. August vierzehn Sherman-Panzer ab und öffnet der nachfolgenden
Begleitinfanterie eine Gasse. Hart dröhnen die Abschüsse über das Feld.
Heeresartillerie schießt mit guter Trefferwirkung auf die gegnerischen
Stellungen, zerschlägt Reserven und belegt Panzerbereitstellungsräume.
Oberfeldwebel Hessler geht – mit entsicherter Maschinenpistole – vor den
Männern seiner Kompanie. Feindliche Maschinengewehre streuen das Gelände
ab, zerfetzen die Hecken und streichen über die Erdwälle, die Felder, Straßen
und Wege nach allen Seiten begrenzen. »Weiter, Männer, vorwärts!« Ohne zu
murren, wird Hecke um Hecke freigekämpft. Die Reihen der 7. Kompanie
beginnen sich wieder bedrohlich zu lichten. Und dann kommen die Jabos.
Ganze Schwärme stoßen vom Himmel herab, stürzen sich auf jeden einzelnen
Soldaten, zerhämmern die Artilleriestellungen und ziehen heulend über die
Panzerspitzen weg.

Qualm, Feuer und explodierende Granaten verdunkeln den strahlenden


Sommerhimmel. Verwundete stöhnen, und Maschinengewehre spucken ihre
tödlichen Garben über die Felder. Aber noch ist der Angriffsschwung der
Deutschen nicht gebrochen. Erst gegen Mittag beginnt der Angriff zu stocken.
»Eingraben!« Panzer schieben sich in Deckung und suchen Schussfeld für ihre
Kanonen. Panzerabwehrgeschütze rollen vor, und die Artillerie sucht gegen
Fliegersichtgeschützte Stellungen. Vorn bei der 7. Kompanie des Grenadier-
Lehrregiments 901ist die Stimmung auf den Nullpunkt gesunken.
Oberfeldwebel Paul Hessler geht die Stellungen ab und muntert seine Leute,
insbesondere die Jungen vom Ersatz etwas auf, obwohl er selbst eine
Aufmunterung dringend nötig hätte. »Passt gut auf, der Amerikaner liebt
Überraschungen!« Aus großen Augen schauen ihn die jungen Soldaten an und
schweigen, denn die Angst drückt ihnen die Kehlen zu. Nur die ganz wenigen
alten Landser versuchen bei seinen Worten zu grinsen. Einer sagt: »Paul, du
wirst auch nicht mehr gescheit.« »Hast recht, Paul.« Dann geht Hessler zurück
zu den Männern des Kompanietrupps. Sie essen ein Stück trockenes Brot, denn
ihre Feldflaschen sind längst leer. Wenige Meter links von ihnen steht ein
Vierlingsgeschütz. Dichtes Laubwerk tarnt es gegen Fliegersicht. Aufmerksam
verfolgt der Geschützführer, ein kleiner Obergefreiter, die herumfliegenden
Jabos. Sein Gesicht drückt höchste Anspannung aus, er wartet darauf, dass sich
eine der Maschinen tiefer herabwagt.

Dann stößt tatsächlich ein Flugzeug herab, braust die Heckenreihe entlang und
kurvt ein, kaum zweihundert Meter von dem Geschütz entfernt. Schon rast die
Vierlingskanone los. Wenige Schüsse genügen, die Maschine schwankt, zeigt
eine dunkle Rauchfahne, neigt sich und rutscht mit Bauchlandung dichtneben
der Straße auf die Wiese. Das Kabinendach wird zurückgeschoben, und der
Pilot klettert mit erhobenen Händen zu Boden. Er kann es gar nicht fassen,
abgeschossen worden zu sein. »Hierher!« ruft Hessler aus der Deckung heraus
und winkt. Zögernd kommt der amerikanische Flieger näher. Er fürchtet um
sein Leben. Misstrauisch betrachtet er den bärtigen Oberfeldwebel, dessen
Maschinenpistole genau auf seinen Magen zielt. Jeden Moment erwartet er
einen Feuerstoß. Aber als sie ihn in Deckung ziehen, zum Hinsetzen auffordern,
und als Hessler seine Maschinenpistole absetzt, entspannt sich sein Gesicht.
Zögernd zieht er eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche und bietet an. Die
Landser grinsen und bedienen sich, aber zum Rauchen kommen sie nicht, denn
ein ganzer Schwarm Jabos stürzt sich in diesem Augenblick auf die Straße und
die deutschen Stellungen neben den Hecken herab! Bomben donnern,
Maschinenwaffen hämmern und Motoren heulen auf. Dichter Staub zieht träge
nach Süden. Menschen schreien, und dazwischen schießt die Vierlingsflak.
Keiner wagt den Kopfüber die Deckung zu strecken, denn die
Leuchtspurgarben zischen immer wieder dicht über die Löcher hinweg. Kaum
sind die ersten Jabos abgeflogen, tauchen die nächsten auf.

Bäume, Hecken und Sträucher werden unter Feuer genommen. Bombentrichter


gähnen schwarz im Grün des Geländes, und einige Panzer der 116. Division
fliegen berstend auseinander. Der deutsche Einbruchsraum gleicht mit seinen
umgestürzten Fahrzeugen, brennenden Panzern, explodierender Munition und
toten Soldaten einem Korridor des Todes. Die 7. Kompanie ist
zusammengeschmolzen. Mitten unter ihren gefallenen Kameraden hocken die
Überlebenden. Zitternd, verängstigt, mit bleichen Wangen und tiefliegenden
Augen starren sie auf die immer wieder herabstoßenden Jagdbomber des
Gegners, die unbarmherzig auf jede erkannte Bewegung mit allen Waffen
einhämmern. Hesslers Backenmuskeln zucken, und seine Hände ballen sich in
ohnmächtiger Wut zusammen. Sie können sich nicht wehren, denn gegen diese
Jagdbombereinsätze sind sie machtlos. Neben Hessler murmelt ein junger
Panzergrenadier vor sich hin. Zu hören sind seine Worte nicht, aber an seinen
bebenden Lippen kann man sehen, wie die Angst ihn schüttelt. Der
Oberfeldwebel weiß, dass hier kein Beten und Fluchen mehr hilft. Hier muss
man nur ergeben abwarten, dass der Tod vorbeigeht. Ausharren, warten und
hoffen, das ist die Devise dieses 8. August 1944 in der Hölle um Mortain.
Hauptmann von Finkenstein liegt mit Freitag und einigen anderen Landsern im
rasch vertieften Straßengraben und starrt nach vorn. »Wenn sie doch nur
angreifen würden. Aber hier liegen zu müssen und darauf zu warten, bis man
endlich erwischt wird, ist mehr, als man vertragen kann.« Freitag schweigt.

Oskar raucht. Er zieht so lange an seiner Zigarette, bis er sich die Finger
verbrennt. Mit einem Fluch wirft er die Kippe weg. Hainewald beobachtet
schon seit ein paar Minuten einen jungen Ersatzsoldaten. Aber ehe er ihn halten
kann, springt der Grenadier auf und schreit: »Ich will nach Hause, ich habe
Angst!« »Idiot!« Der kleine Unteroffizier springt hoch und drückt den Soldaten
zu Boden. »Du bist wohl lebensmüde?« »Lass mich«, wimmert der Junge, »ich
will heim zu Muttern!« »Wir auch – als wenn das so einfach wäre!« Ehe
Hainewald sich versieht, springt der Junge wieder hoch. Eine Granate schlägt
schmetternd auf der Straße ein. Mit schrillem Aufschrei kollert der Kleine in
den Graben zurück. Er holt noch einmal tief Luft, sein Kopf rollt leblos zur
Seite. »Er kommt nicht mehr heim«, knurrt Hainewald, und seiner Stimme ist
das innere Weh nicht anzumerken. Immer stärker wird das Artilleriefeuer. Eine
Wand aus Feuer, Stahl und aufbrechender Erde baut sich um die deutschen
Landser auf. Oskar blickt über die Straße, wo eben ein Artillerievolltreffer in
den jenseitigen Straßengraben geschlagen ist. Entsetzliche Schreie dringen
durch das Krachen der krepierenden Granaten. Der Unteroffizier springt hoch
und hetzt über die Straße. Er kommt nicht weit und bricht im Aufbrüllen einer
neuen Detonation zusammen. Als der Rauch sich verzogen hat, liegt er
bewegungslos auf der Straße. Diesmal ist es Freitag, der hinausgleitet und den
alten Kameraden in Deckung zieht. »Was ist?« »Er lebt noch!« Sie verbinden
ihn, und nach fünf Minuten schlägt Oskar die Augen auf.

»Kleiner Kratzer, nicht schlimm.« »Lasst mich nicht liegen, bitte!« fleht Oskar,
dem der Schock mehr als die Verwundung zusetzt. »Wo denkst du hin.«
Finkenstein entscheidet plötzlich: »Es hat keinen Sinn mehr, zurück!« Er weiß,
dass er deswegen zur Verantwortung gezogen werden wird. Aber er kann nicht
mehr mit ansehen, wie seine Leute in diesem mörderischen Feuer zugrunde
gehen. Er robbt zurück. Freitag zieht Oskar auf seine Schultern und hetzt los.
Mehrmals stolpert und stürzt er. Zwischendurch fragt er: »Lebst du noch,
Oskar?« »Ja, aber lass mich doch laufen, mir fehlt doch gar nichts an den
Beinen!« »Dann spring!« Voll Schrecken stellen sie fest, dass die Panzer,
Panzerjäger und die Flak bereits zurückgezogen wurden. Von Finkenstein
schüttelt den Kopf. »Die hätten uns da vorn einfach liegenlassen – macht, dass
ihr weiterkommt, Kinder!« Sie laufen um ihr Leben, helfen sich gegenseitig
weiter, springen durch frische, rauchende Granattrichter, hetzen durch ein
zusammengeschossenes Dorf, blicken kurz auf gefallene Kameraden, und
erreichen nach einer Stunde beispielloser Hetzjagd endlich die deutschen
Auffangstellungen. Das Bataillon sammelt. Ein Offizier, fünf Unteroffiziere und
zweiunddreißig Mann sind es noch, davon zwei Unteroffiziere und sieben
Mann schwerverwundet. Tränen des Zorns laufen dem Hauptmann über die
verdreckten Wangen. Mit bebender Stimme sagt er: »Wer wird das alles
einmal zu verantworten haben?« Aber niemand kann ihm darauf eine Antwort
geben.

Sie marschieren auf staubiger Straße zurück. Im nächsten Dorf, das ebenfalls
schon schwer zerbombt ist, steht Hauptmann Ofenbeck von den Panzerjägern
mitten auf der Straße. Er ist barhäuptig. Wer weiß, wo er seine Feldmütze
verloren hat. Er schaut den zurückkommenden Grenadieren entgegen. Oskar
sieht ihn und brüllt: »Julius!« Steifbeinig kommt der große
Panzerjägerhauptmann näher. Sein brandrotes Haar leuchtet in der Sonne auf,
und dann erkennt er den Grenadierunteroffizier auf dem Leiterwagen. »Oskar,
hat es dich jetzt auch erwischt?« »Ja – wie du siehst!« »Sei zufrieden, so hast
du wenigstens das Leben gerettet. Wer weiß, was uns noch alles bevorsteht.
Mach’s gut, alter Freund, und grüß’ die Heimat!« »Du sollst nicht leichtsinnig
sein, Julius!« »Schon gut!« Die Hand des Hauptmanns streicht über die
schweißnasse Stirn des verwundeten Unteroffiziers, dann dreht er sich um und
läuft über die Straße zurück. Sie marschieren weiter. Wo sind die anderen
geblieben? Wo ist Oberfeldwebel Hessler? Keiner hat ihn mehr gesehen. Nur
ein Mann der 7. Kompanie ist noch da, ein alter Obergefreiter. Er zuckt mit den
Schultern. Sie marschieren bis zu ihren Trossen zurück. Infanteriekompanien
kommen ihnen entgegen, treten an den Straßenrand und lassen die an Leib und
Seele zerschlagenen Panzergrenadiere vorbei. An der Straße steht Oberst
Hauser. Er legt grüßend die Hand an die Mütze, als Hauptmann von
Finkenstein auf ihn zugeht und meldet: »Der Rest des II. Bataillons aus der
Hölle vor Mortain zurück!« Hauser bleibt regungslos stehen.

Sein Blick schweift über das kleine Häuflein der Soldaten, während im Westen
die Sonne blutrot zu sinken beginnt. Um seine Lippen zuckt es verhalten. Dann
sagt der Oberst mit knarrender Stimme, in der tiefe Niedergeschlagenheit und
Traurigkeit mitschwingt: »Vergesst eure gefallenen Kameraden nicht!« Die
Sonne taucht hinter den Horizont hinab. Sie wird wiederaufgehen und die
Lebenden und die Toten bescheinen. Sie wird noch aufgehen, wenn die
Gefallenen längst vermodert sind und keine Kreuze mehr mahnend gegen den
Himmel stehen. So wie diese Division, die deutsche Panzerlehrdivision, gab
es viele Verbände, die im Schmelztiegel des Großen Krieges starben. Ihr Tod
war sinnlos, aber ihr Sterben verpflichtet uns, sie nie zu vergessen, auch wenn
wir nicht vor ihren Gräbern stehen können.

ENDE
Zweiter Weltkrieg
Erlebnisbericht
von den
Abwehrkämpfen
in der
Normandie

Panzerschlacht um Caen
-
Entscheidungsschlacht D-Day 1944

von
Walter Mönch
Erste Auflage Mai 2017
Copyright © 2017 Walter Mönch

ISBN : 9781521433348
"Glauben Sie mir Lang, die ersten vierundzwanzig Stunden der
Invasion sind die entscheidenden. Für die Alliierten und für
Deutschland wird es der längste Tag sein!"

Erwin Rommel
Dieses Buch ist den gefallenen Soldaten des Zweiten Weltkrieges gewidmet
und Mahnung für die Lebenden den Frieden zu erhalten.

Dass das Leid, welches der Zweite Weltkrieg über Deutschland und die Welt
brachte, soll nicht in Vergessenheit geraten.

Nur wenn die Toten nicht vergessen werden und der Krieg mit all seinen
Grausamkeiten im Gedächtnis der Menschen bleibt, können zukünftige
Konflikte vielleicht vermieden werden.

Dieses Buch soll zum Nachdenken anregen und nichts verherrlichen oder
verharmlosen. Das Buch basiert auf wahren Begebenheiten, alle Namen, falls
es sich nicht um Persönlichkeiten der Zeitgeschichte handelt, sind verändert
oder frei gestaltet.

Militärische Lage
Konfliktparteien

Deutsches Reich Alliierte Streitkräfte

Befehlshaber

Gerd v. Rundstedt Dwight D. Eisenhower

Erwin Rommel Bernard Montgomery

Truppenstärke

380.000 1.450.000
Truppen der Waffen-SS beim Abfeuern eines 100mm Nebelwerfers 35. Die deutschen Truppen
entwickelten sich zu wahren Meistern im Umgang mit Mörsern. Die Briten nannten sie “liebevoll“ stonks.

Deutsche 88 – Amerikanische und Britische Fahrzeuge waren sehr verwundbar gegen diese Waffe
Die 12. Waffen-SS Panzerdivision „Hitlerjugend“ auf dem Weg an die Front.

Vorwort
Während auf dem sowjetischen Kriegsschauplatz die deutschen Fronten
zerbrachen, starteten die Westalliierten am 6. Juni 1944 die Invasion in
Nordfrankreich. Mit einem ungeheuren Aufwand an Soldaten und
Kriegsmaterial landeten sie zwischen der Seinemündung und der Halbinsel
Cotentin. Die deutschen Verteidiger im Landungsraum erfüllten in einem
Inferno ohnegleichen ihre Pflicht, und es steht – aus heutiger Sicht – fest, dass
bei richtigem Einsatz der vorhandenen Kräfte sogar die Möglichkeit bestanden
hätte, das gegnerische Unternehmen zu parieren.

So blieb den Normandiekämpfern aber nur noch das verzweifelte Aufbäumen


gegen einen Feind, der unter einem undurchdringlichen Luftschirm mit jedem
weiteren Tag an Stärke gewann, in den ersten Kampfwochen aber auch
schwerste Verluste hinnehmen musste. Nahezu ununterbrochen von Tieffliegern
und Jagdbombern verfolgt, waren es vor allem die im Raum Caen eingesetzten
deutschen Panzerverbände, die unter unvorstellbaren Bedingungen und mit
beispielloser Tapferkeit das Verhängnis abzuwenden versuchten. Ihr Opfergang
steht im Mittelpunkt der nachfolgenden Dokumentation.

Erlebnisbericht
Am frühen Morgen des 6. Juni rasselte im Regimentsgefechtsstand des
Panzerregiments 22 der Feldfernsprecher. Der Unteroffizier am
Klappenschrank nahm ab. »Hier Feuchtinger1. – Ich bitte, Oberst von Oppeln
an den Apparat zu holen.« »Jawohl, Herr General, sofort!« Der Unteroffizier
beugte sich zu dem leise schnarchenden zweiten Mann der Nachtwache
hinüber, rüttelte ihn an der Schulter und zischte ihm zu: »Hau ab! Sofort
unseren Chef holen. Es ist der Divisionskommandeur!« Der Mann verschwand,
und als er nach einer Minute mit dem Panzeroffizier zurückkam, atmete der
Unteroffizier auf. »Der Herr General!« sagte er und reichte Hermann von
Oppeln-Bronikowski den Hörer.

»Hier Oppeln!« meldete sich der Offizier, der als Dressurreiter 1936 in Berlin
eine Goldmedaille errungen hatte. »Morgen, Oppeln. Die Invasion rollt! Alles
sofort alarmieren. General Marcks hat Alarmstufe II befohlen.« »Danke Herr
General, ich lasse sofort Alarm geben.« Dies war leichter gesagt als getan,
denn das alte Panzerregiment 100, dem man hier in Frankreich die Bezeichnung
»Panzerregiment 22« gegeben hatte, um Verwechslungen mit der ebenfalls in
Frankreich liegenden selbständigen »Panzerabteilung 100« zu vermeiden, lag
auf der Linie Tours-Le Mans verstreut. Der Regimentsgefechtsstand befand
sich in Falaise. »Rufen Sie die I. Abteilung, Hauptmann von Gottberg,
Müller!« Der Unteroffizier nickte und steckte durch. Sekunden später meldete
sich Gottberg. Aber er brauchte nicht mehr alarmiert zu werden. »Ich habe
mitgehört, Herr Oberst, und die Abteilung sofort alarmiert. In genau 15
Minuten steht sie einsatzbereit.« »Danke, Gottberg, Ende!« Der Unteroffizier
steckte zur II. Abteilung durch. Major Vierzig meldete sich nach einer Minute,
denn die Abteilung war gerade zu einer Nachtübung aufgebrochen. »Hören Sie
zu, Vierzig!« schärfte von Oppeln dem Abteilungskommandeur ein. »Sie
brechen sofort die Übung ab, fassen Munition bis unter die Turmluken und
melden mir Vollzug.« Damit war alles klar. Hermann von Oppeln kleidete sich
vollständig an und fuhr zur I. Abteilung hinaus, danach zur II. Eine Stunde
nachdem er aus dem Schlaf gerissen worden war, stand das Regiment 22 der
21. PD (Panzerdivision) einsatzbereit.

»Was stehen wir noch so herum, Herr Oberst?« fragte Major Vierzig
verwundert, als nichts geschah. »Inzwischen geht es droben rund, und wir
stehen hier Gewehr bei Fuß. Das ist doch nicht der Sinn der
Eingreifdivisionen.« »Natürlich nicht, Vierzig.« Vier Stunden vergingen in
lähmender Unschlüssigkeit. Dann erst, nachdem Hermann von Oppeln immer
wieder drängte, entschloss sich Generalmajor Edgar Feuchtinger, auf eigene
Faust loszuschlagen. »Also, dann los, Oppeln!« »Gottberg, es geht los!« befahl
Hermann von Oppeln dem Kommandeur seiner I. Abteilung. »Ich komme sofort
zu Ihnen herüber. Fliegerabstand von 30 Meter einhalten. Sprungweise von
Deckung zu Deckung rollen.« »Panzer – maaarsch!« Hauptmann von Gottberg
stieß den Arm in die Höhe. Von ihren Plätzen und Bereitstellungen rollten die
Panzer an. Es waren P IV mit der 7,5-cm- Langrohrkanone. Die Kommandanten
standen noch in den Turmluks. Es war inzwischen taghell geworden. Der
Marsch ging genau nach Nordosten. In seinem Befehlswagen, gefolgt vom
Gefechtsstab, rollte Oberst von Oppeln zu seiner I. Abteilung hinüber. Von
rückwärts passierte er auf der linken Flanke die einzelnen Panzer, deren
Kommandanten ihm zuwinkten. »Weiter, Männer, nicht aufhalten lassen,
vorwärts!« mahnte der Regimentskommandeur immer wieder zur Eile, denn
jeden Augenblick konnte die feindliche Luftwaffe auftauchen. Bei Caen stiegen
dicke Rauchsäulen empor, und aus dem Qualm sprangen immer wieder gelbe
Flammen in die Höhe.

80 Panzer rollten dem Gegner entgegen. Wären sie unmittelbar nach dem
Alarm abgefahren, dann hätten sie den feindlichen Landungsversuch
wahrscheinlich abgewehrt, nun aber hatte sich der Gegner festgesetzt und
Truppen über Truppen nachgelandet. Als die ersten Gegner auftauchten, erhielt
dass an der Spitze fahrende 4. PR (Panzerregiment) 21 unter Hauptmann
Hoffmann Befehl, in Unterstellung unter die Kampfgruppe des Oberstleutnants
von Luck die gelandeten Fallschirmjäger anzugreifen und zu vernichten.
Inzwischen war auch die II. Abteilung nahe an den Gegner herangekommen.
Ihre 40 Panzer erreichten den Rand des Luftlandegebietes, als Oberst von
Oppeln Befehl erhielt, nicht die Luftlandetruppen der Alliierten ostwärts der
Orne, sondern den Hauptgegner westlich der Orne anzugreifen. Durch diese
Drehung geriet der Führungsstab der I.2/PR 21 mit Hauptmann von Gottberg an
das Ende der Marschgruppe, und Oberst von Oppeln kam mit seinem
Regimentsgefechtsstab noch hinter die II./PR 21. Es gelang ihm dennoch, diese
Marschänderung reibungslos abzuwickeln. Die Ornebrücke bei Le Rouville
wurde erreicht. Sie war nicht vom Feind besetzt und noch intakt. Über diese
Brücke ging das PR 21 über die Orne und stellte sich wenig später zum Angriff
nach Norden, in Richtung Nouville-Beuville, bereit. Und zwar mit der II.
Abteilung. Die Verbindung mit der I. Abteilung war jedoch abgerissen. Es war
inzwischen 14.30 Uhr geworden. Zum Glück für dieses Regiment hatten die
alliierten Jagdbomber das Panzerregiment noch nicht ausgemacht.

»Melder, Offiziere zur I. Abteilung, wir müssen sie wieder unter einen Hut
bekommen!« befahl der Oberst. Wenig später hielt der schwere
Kommandowagen von General Marcks, dem Kommandierenden General des
LXXXIV. (84.) AK (Armeekorps), neben dem Gefechtsstab des
Panzerregiments. General Marcks stieg aus, kam zu Hermann von Oppeln
herüber, dieser meldete. »Danke, Oppeln«, sagte General der Artillerie
Marcks. »Wenn es Ihnen nicht gelingt, die Engländer ins Meer zu werfen,
haben wir den Krieg verloren.« »Ich greife an, Herr General!« erwiderte der
Oberst. »Wir werden tun, was wir können.« Wenig später stieß von Oppeln-
Bronikowski zum ersten und letzten Mal auf seinen Divisionskommandeur, der
sich nie wieder an der Front blicken ließ. »Stoß zur Küste! – Jetzt gilt es! –
Panzer maaarsch!« Gefolgt vom Regimentsstabszug rollte Oberst von Oppeln
mit der II. Abteilung seines Regiments vor. Sein Stoß zielte genau in die Lücke
zwischen den beiden Landeabschnitten »Juno« und »Sword«. Die Panzer
rasselten dahin. Vor ihnen tauchte die Höhe von Bieville auf. Als die
Spitzenpanzer des Stabszuges bis auf 1.500 m herangekommen waren, blitzte
es rechts und links und dann auch in der Mitte auf. »Achtung! – 1.400, zwölf
Uhr3 – Feuer!« Aus der Mündung der Siebenfünf Kampfwagenkanone spritze
die Feuerlanze des Abschusses. Der Panzer des Feldwebels Hillers ruckte
unter dem Abschuss etwas zurück. Die Granate jagte der Höhenstellung
entgegen, hämmerte in die Böschung unmittelbar unter der erkannten Pak
(Panzerabwehrkanone) hinein.

»Vorziehen, Kühl!« Der Fahrer ließ den Stahlkoloss anrollen. Sie überwanden
fünf, sechs Meter, als eine grelle Flamme in den Kampfraum hineinstob und
dicker, wabernder Pulverdunst nachschwappte. Stahl und Dreck polterten
gegen die Seitenschürzen. Links wurde der Führungspanzer des
Regimentsstabszuges von einem Volltreffer erwischt. Flammen schlugen aus
dem Innern heraus. Männer booteten mit brennenden Uniformen aus. »Feuer!«
rief Feldwebel Hillers. Unteroffizier Kühlkens drückte den Abfeuerungsknopf.
Sie alle spürten den Rückstoß ihrer Kanone, und der Feldwebel sah durch das
schusssichere Kinonglas des Ausblicks, dass diese Granate in die Pakstellung
hineinschlug. Munition flog dort in die Luft. Sekunden später schrie der
Feldwebel auf, auch der Fahrer, und dann ging alles in einem mächtig
hallenden Einschlag unter, der den Panzer zwischen Turm und Unterwagen traf
und ihm den Turm herabriss. Der Feldwebel spürte nichts mehr. Er war sofort
tot. Unteroffizier Kühlkens, der eben wieder den nächsten Gegner anvisieren
wollte, ebenfalls. Fahrer Kühl und Ladeschütze Steffen sowie der Funker
Wiczorek booteten aus und bargen die toten Kameraden. Sie warfen sich zu
Boden, als ein MG zu tacken begann. Dreck spritzte empor, aus vielen
Panzerkanonen bellten die Abschüsse, und von der Höhe antworteten die Pak
des Gegners, die hier eine ideale Stellung erreicht hatten. Der dritte, vierte und
fünfte deutsche Panzer gingen in Flammen auf. »Da kommen wir nicht durch,
Herr Oberst!« rief Major Vierzig, das Getöse des Feuerkampfes
überschreiend.

»Die machen uns zur Sau!« »Wir rollen zu dem Waldstück dort vorn vor,
Vierzig! Dort müssen wir abwarten, bis Verstärkung rankommt und Gottberg
mit seinen Panzern da ist.« »Das ist zu kurzes Schussfeld, Herr Oberst«, ließ
sich der Abteilungskommandeur vernehmen. »Stimmt, Vierzig. Aber dorthin
werden die englischen Schiffsgeschütze nicht hinlangen, weil sie befürchten
müssen, in die eigenen Stellungen zu schießen! Auch die Bomber können uns
dort nicht sehen.« Sie fuhren bis dicht an das ebenfalls vom Feind besetzte
Wäldchen heran. Die Panzerbesatzungen gruben ihre Panzer soweit ein, wie
sie dies vermochten. Nur 100 m hinter der HKL (Hauptkampflinie) wurde auch
von Oppelns Befehlspanzer eingegraben. Der Oberst arbeitete sich
sprungweise zu den einzelnen Kompaniechefs vor, jedem sagte er: »Was auch
von der Feindseite her erfolgt, wie er auch angreift, wir halten und bleiben hier
stehen. Er darf keinen Meter Bodengewinn mehr erzielen.« Hier, nördlich von
Caen, steigerte sich das Trommelfeuer von See her zu einem Orkan. Dann
griffen die Soldaten der 27. englischen Infanteriebrigade an. »Da kommen sie,
Hubert!« rief Leutnant Rollmann, der als Zugführer in der 5. Kompanie auf der
linken Flanke im eingegrabenen Panzer hockte. Hubert Finger, Richtschütze des
Panzers, nickte. Er hatte Sprenggranaten geladen, wie alle anderen
Panzerbesatzungen auch. Durch die Optik sah er den anrennenden Gegner, wie
er über der Hügelwelle auftauchte, auf der Kammlinie erschien und dann in
einer breiten Welle hügelabwärts rannte.

Die MG-Schützen waren bereit, und als der Feuerbefehl kam, sprühten aus
Panzerkanonen und MG das Abwehrfeuer. Sprenggranaten schlugen in die
dichtgedrängten, tiefgestaffelten Gruppen der Angreifer hinein. Die
ausgebooteten überlebenden Soldaten des Panzerregiments 21 sahen sie fallen.
Sie sahen die furchtbaren Schneisen, die von den MG in die Reihen gerissen
wurden. Der erste Angriff brach keine fünfzig Meter vor den deutschen
Stellungen zusammen. Wenige Minuten darauf war hinter den Panzern die
Hölle los. Weiter rückwärts schlugen schwere Schiffsgranaten in den Grund
und rissen Riesenkrater. Wenn sie sich dort eingegraben hätten, wäre die
gesamte II./PR 21 vernichtet worden. Als der zweite Angriff des Gegners
vorgetragen wurde, ließ von Oppeln die Angreifer noch näher herankommen,
ehe er den Feuerbefehl gab. Auch diesmal wurde der Gegner abgewiesen.
Damit war die Kraft dieser am weitesten vorgedrungenen englischen Brigade
erschöpft. Was Oberst von Oppeln aber nicht wusste, war die Tatsache, dass
das I./PGR (Panzergrenadierregiment) 192 bei Lion-sur-Mer die Küste
erreicht hatte und auf ihre Panzerunterstützung wartete, während die Panzer,
die sie hätten unterstützen sollen, hier bei Bieville festlagen. Das II./PGR 192
hielt rechts vom PR 21 bei Benouville. Hier ging alles glatt. Aber am Strand
wartete seine 8./PGR 192, die in höchster Bedrängnis war, auf die Rettung
durch die eigenen Panzer.

Das PR 21 war liegengeblieben. Es hatte sich um mindestens vier Stunden zu


spät auf den Weg zur Küste gemacht. Generalmajor Feuchtinger hatte auf den
Befehl des OKW (Oberkommando der Wehrmacht) gewartet, dem diese
Division direkt unterstellt worden war, anstatt die Order von Generalleutnant
Richter zu befolgen, der Feuchtinger bereits um 01.20 Uhr des 6.6. befohlen
hatte, die luftgelandeten feindlichen Verbände mit den am nächsten zum Feind
liegenden Kräften seiner Division anzugreifen und zu vernichten. Um 02.00
Uhr gar hatte Generalleutnant Richter – der als Kommandeur der 716. ID
(Infanteriedivision) für die Verteidigung dieses Küstenabschnittes zuständig
und dem die 21. PD für den Fall einer überraschenden Invasion unterstellt
worden war – Feuchtinger befohlen: »Sie greifen mit der gesamten
Panzerdivision den luftgelandeten Feind ostwärts der Orne an und kämpfen den
Raum frei.« Die Befolgung dieses Befehls hätte zum einen den Gegner an
dieser Stelle vernichtet und deshalb auch die hohen Opfer der
Grenadierregimenter der 716. ID vermindert. Aber Feuchtinger wollte kein
Risiko eingehen. Er verlangte einen Befehl vom OKW. Damit war von den drei
Panzerdivisionen, die als OKW-Reserve bereitgestellt worden waren, um eine
alliierte Invasion sofort ins Meer zurückzuwerfen, nur eine zum Ansatz
gekommen, und das auch mit vielen Stunden Verspätung. Was war denn mit den
beiden übrigen Panzerdivisionen los? Warum marschierten sie nicht? Die
beiden übrigen Divisionen waren: die 12. SS-Panzerdivision »Hitlerjugend«
und die Panzer-Lehrdivision (PLD).

Letztere war als einzige deutsche Panzerdivision voll mit Panzern und
Motorfahrzeugen ausgerüstet. Sie verfügte über 260 Panzer und 800 armierte
Kettenfahrzeuge. Der Generalinspekteur der Panzertruppe, Generaloberst
Heinz Guderian, hatte die Aufgabenstellung dieses von ihm veranlassten
Divisionsverbandes in einem Gespräch mit dessen Kommandeur,
Generalleutnant Fritz Bayerlein, folgendermaßen umrissen: »Bayerlein, Ihr
Ziel ist nicht die Küste. Ihr Ziel ist das Meer!« Doch diese Division war in
einem Bereitstellungsraum untergezogen, der über 150 Kilometer hinter der
Küste lag. Die dritte Division der OKW-Reserve, die SS-PD »Hitlerjugend«,
war am Invasionstag um 04.00 Uhr marschbereit. SS-Gruppenführer
(Generalleutnant) Fritz Witt, der Divisionskommandeur, hoffte auf einen
schnellen Angriffsbefehl und möglicherweise auf die Unterstellung unter das
Kommando des I. SS-Panzerkorps. Alle drei Divisionen hätten am Abend des
6. Juni bei Caen im Einsatz stehen und den immer noch sehr schwachen Gegner
vernichten können. Doch dazu kam es nicht. Warum nicht, das sei am Beispiel
der PLD dargestellt. Es war 02.30 Uhr, als in Nogent-le-Rotrou, dem
Gefechtsstand der PLD, ebenfalls der Feldfernsprecher schrillte. General
Warlimont war am anderen Ende der Leitung. »Wecken Sie den General,
Hartdegen«, sagte er, als sich der Ordonnanzoffizier der PLD meldete.
Alexander Hartdegen weckte den General und blieb im Raum, als Bayerlein
ihm einen Wink gab. »Hier Bayerlein, was gibt es, Herr Warlimont?« meldete
sich der Kommandeur der PLD. »Feindliche Fallschirmlandungen an der
Calvadosküste und an der Ostküste der Halbinsel Cotentin.
Es ist mit aller Wahrscheinlichkeit die erwartete Invasion. Möglicherweise
befinden wir uns hier aber auch im Bereich des Scheinangriffes, denn die
Flugmeldezentralen Kap Gris Nez und Kap d’Albrecht, ferner die
Funkmessstation Le Touquet-Paris-Plage melden ebenfalls Annäherung großer
feindlicher Verbände über See. Die Panzer-Lehrdivision ist zum Vorstoß nach
Caen in Alarmzustand zu versetzen.« »Wie ist die neue Unterstellung?« fragte
der Divisionskommandeur, denn eines war klar: Seine Division konnte ebenso
wenig wie die beiden übrigen direkt dem OKW unterstellten Panzerdivisionen
vom OKW geführt werden, denn dann verstrich von einem Befehl zum anderen
zu viel Zeit. »Neues Unterstellungsverhältnis ist die Heeresgruppe B. Von dort
erhalten Sie Ihre nächsten Befehle, Bayerlein.« In den Dörfern und Weilern an
der Huisne, 60 Kilometer nordostwärts von Le Mans, wurde die Division
zusammengetrommelt, und nun rächte sich ein Befehl des OKW, der die drei
Eingreifdivisionen, die einen gelandeten Feind ins Meer zurückwerfen sollten,
völlig falsch aufgestellt hatte. Und zwar standen die schnellen Verbände vorn,
während die langsamen am weitesten von Caen entfernt waren. Mehrmals hatte
General Bayerlein darauf hingewiesen, dass immer und stets die langsamsten
Verbände vorn zu stehen hätten. Nun aber war es zu spät. Eine Stunde nach der
Alarmierung stand die ganze Division marschbereit. General Bayerlein ließ
sofort die schwere Panzerabteilung, die ihm fortgenommen und nach Polen in
Marsch gesetzt werden sollte, stoppen.

Er befahl, die bereits verladenen Panzer aufzuhalten. Die Wagen, die noch auf
die Verladung warteten, wurden sofort in den Aufmarschraum befohlen. »Wir
müssen in der Dunkelheit fahren!« Das war die Meinung von Leutnant Kühne,
und das war auch die einhellige Ansicht aller. Doch die Stunden verstrichen in
lähmender Untätigkeit. Immer wieder rief General Bayerlein an. Doch die
Heeresgruppe B sowie das OKW ließen die Division einfach stehen. Im
Oberkommando der Wehrmacht war man noch immer nicht davon überzeugt,
dass sich die Invasion in der Normandie abspielen würde. Man vermutete hier
noch immer den Scheinangriff, während der Hauptstoß am Pas de Calais
erfolgen würde. Diese falsche Meinung wurde durch die Operation
»Fortitude« bestärkt. Eine Täuschungsoperation des Gegners, der in diesem
Unternehmen alle Ziele zwischen Calais und Le Havre angreifen ließ. Vor
allem die Straßenbefestigungen und Küstenbatterien von Kap Gris Nez, Fort
Mahon, Pointe du Blanc und einige andere strategisch wichtige Punkte wurden
angegangen. Die Nacht verstrich. Die Panzerbesatzungen, die in
Sitzbereitschaft seit Stunden in ihren Stahlkästen hockten, waren wütend und
müde. Die Sonne ging auf. Heiß brannte sie vom sommerlichen Himmel auf die
Panzer herunter und lud die Stahlflächen mit Hitze auf. »Jabos! Jabos!« riefen
die vorn Wache schiebenden Soldaten. Die Panzerbesatzungen warteten auf
einen Angriff, doch die Feindflugzeuge entdeckten sie nicht und flogen vorüber.

»Los, Hartdegen, wir fahren ins Hauptquartier der 7. Armee!« befahl


Bayerlein, als er das untätige Warten nicht mehr ertrug. Sie schwangen sich in
den Befehlswagen und fuhren nach Le Mans. Unteroffizier Kartheuß, der
Fahrer, brachte sie in schnellster Fahrt zum Ziel. Als sie dort eintrafen,
erwartete Fritz Bayerlein eine neue Überraschung. Und zwar empfing
Generaloberst Dollmann, der Armeeoberbefehlshaber, sie mit der Nachricht,
dass die PLD ab sofort dem Oberbefehl der 7. Armee unterstellt sei. Ebenso
die 12. SS-PD »HJ«. Generaloberst Dollmann befahl den Abmarsch der PLD
um 17.00 Uhr. Fritz Bayerlein, der die verheerende Wirkung alliierter
Luftangriffe aus Afrika kannte, schlug dem Generalobersten vor, doch bis
Einfall der Dunkelheit zu warten. Doch Generaloberst Dollmann bestand auf
diesem widersinnigen Befehl. Nachdem die Division 14 Stunden untätig
herumgestanden hatte, sollte sie nun unbedingt marschieren. Als Bayerlein
dafür eine Erklärung verlangte, verlas Generalmajor Pemsel, der Chef des
Generalstabes des AOK (Armeeoberkommando) 7, einen vor wenigen Minuten
eingegangenen Funkspruch: »Der OB-West weist auf Wunsch des OKW darauf
hin, dass der Gegner im Brückenkopf noch am 6. Juni abends vernichtet wird,
da Befürchtungen verstärkter Luftlandungen und Seenachlandungen bestehen.
Gemäß Befehl Generaloberst Jodl sind alle Truppen auf die Einbruchsstelle an
der Calvadosküste in Marsch zu setzen. Der dortige Einbruch muss heute noch
bereinigt werden.«

»Wir können mit diesem Befehl nur eines erreichen«, erklärte Generalleutnant
Bayerlein, »nämlich, dass wir die PLD sinnlos verheizen, ohne auch nur das
geringste damit zu erreichen.« Generaloberst Dollmann erwiderte: »Die PLD
muss in den frühen Morgenstunden des 7. Juni im Raume südlich von Caen
stehen. Die 185. britische Brigade ist bei den Höhen von Perieres
durchgebrochen und marschiert auf Caen zu. Caen aber ist für uns von größter
Wichtigkeit. Wir müssen diese Stadt unter allen Umständen halten.« »Herr
Generaloberst«, entgegnete Bayerlein, sich nur mit Mühe beherrschend,
»meine Division kann bei der erhöhten Luftgefahr kaum mehr als 8 Kilometer
Stundengeschwindigkeit erreichen. Der Raum südlich Caen aber liegt 150
Kilometer weiter oben im Norden. Der Versuch, diesen befohlenen Raum bis
morgen früh zu erreichen, ist sinnlos und nicht durchführbar.« »Dann müssen
Sie eben Ihre Division umdirigieren und auf direktem Wege nach Caen
marschieren«, sagte Generaloberst Dollmann. Bayerlein starrte ihn an, als habe
er zwei Köpfe. Dass ein Mann mit einem so hohen Rang eine so widersinnige
Forderung stellen konnte, ging ihm nicht ein. Eine Division wie die PLD mit
über 1.000 Fahrzeugen umdirigieren zu wollen, hätte einen ganzen Tag
gedauert, und selbst dann wäre noch alles durcheinandergeraten.
Generalleutnant Bayerlein fuhr in sein Hauptquartier zurück. Er ließ die
Kommandeure im Gefechtsstand zusammenrufen und teilte ihnen mit, was zu
geschehen habe. Und zum Schluss schärfte er ihnen noch ein:

»Sehen Sie zu, dass Sie auf oder neben der Straße möglichst schnell und
ungerupft durchkommen!« Die PLD setzte sich in Bewegung. Sie rollte los, um
der 21. PD zu Hilfe zu eilen, die schon am Feind stand. Panzer,
Kettenfahrzeuge und solche, die mit Ketten und Rädern ausgerüstet waren,
setzten sich getarnt in Bewegung. Es sah so aus, als wandere ein Wald nach
Norden. Von Deckung zu Deckung ging es weiter. Doch so gut diese Tarnung
auch war, die von den vielen Fahrzeugen aufgewirbelten Staubwolken wurden
vom Gegner und seinen Aufklärern erkannt. Generalleutnant Fritz Bayerlein
berichtete in seinem persönlichen Tagebuch über diesen ersten Tag des
Vormarsches: »Ich fahre mit zwei Pkw und zwei Funkstellen meines
Gefechtsstabes vor der mittleren Kolonne – dem Panzergrenadier-
Lehrregiment 901 – auf der Straße Alencon- Argentan-Falaise. Schon bei
Beaumont-sur-Sarthe zwingt uns der erste Jaboangriff in Deckung. Es geht noch
einmal gut. Aber die Kolonnen werden immer weiter auseinandergerissen. Da
die Armee Funkstille befohlen hat, besteht nur Meldeverbindung. Als ob diese
Funkstille verhindern könnte, dass uns die Jabos und die Aufklärer, die am
Himmel hängen, erkennen. Dafür aber wird die Divisionsführung daran
gehindert, sich ein Bild vom Stande des Vormarsches zu machen, ob er rollt, ob
es Stauungen gibt oder Verluste und wo die Spitzen stehen. Dauernd muss ich
Offiziere losschicken, oder selbst zu den Verbänden fahren. Alle fünf
Marschstraßen sind von meinen Einheiten belegt. Natürlich ist der Vormarsch
durch die feindliche Luftaufklärung erkannt worden.
Und bald hängen Bomber über den Straßen, zerschlagen Kreuzungen, Dörfer
und Städte, die im Vormarschbereich liegen, und stürzen sich auf
Fahrzeugschlangen. Um 23.00 Uhr durchfahren wir die Ortschaft Sees. Sie
liegt unter ,Christbaumbeleuchtung’, und schwere Bomben krachen in das
bereits brennende Städtchen hinein. Durch, nichts wie durch! Gegen 02.00 Uhr
nähern wir uns Argentan. Es ist taghell - von Bränden und Explosionen. Die
Stadt bebt unter dem Bombenhagel der rollenden Angriffe. Wir gelangen bis in
den südlichen Vorort, dann ist es unmöglich, weiterzukommen. Ganz Argentan
brennt. Wir befinden uns in einem Hexenkessel. Auch hinter uns ist die Straße
nun blockiert. Wir sind im brennenden Argentan eingeschlossen. Staub und
Rauch nehmen uns jede Sicht. Funken sprühen über die Fahrzeuge. Glimmende,
Balken und eingestürzte Häuser versperren die Wege. Noch immer hängen die
Flugzeuge am nächtlichen Himmel. Ihre Leuchtbomben hüllen die brennenden
Häuser in strahlendes Licht. Beißender Qualm verschlägt uns den Atem. Wir
müssen zu Fuß einen Ausweg erkunden. Pioniertrupps arbeiten an der
Schwerbeschädigten Orne-Brücke. Um 03.00 Uhr gelingt es uns, aus dem
brennenden Gefängnis über die Felder in Richtung Flers auszubrechen. Die
Bombardierung lässt gegen Morgen etwas nach. Die Straße über Ecouche-
Briouze-Flers ist gut zu befahren. Wir sind um 04.00 Uhr in Flers, das auch
schwer gelitten hat. Um 05.00 Uhr erreichen wir Conde-sur- Noireau.

Von der Marschkolonne der Division ist weit und breit nichts zu sehen. Sie
quälen sich mühselig über die zerbombten Wege. Wie Argentan, waren alle
anderen Knotenpunkte hinter der Invasionsfront zusammengebombt,
offensichtlich mit dem Ziel, den Vormarsch der Reserven zum Einsatz bei Caen
zu verhindern.« (Caen sollte nach dem alliierten Angriffsplan am D-Tag plus 1,
also am 7. Juni, genommen sein, deshalb diese weitgehenden
Bombardierungen.) Wie der Marsch des Panzer-Lehrregimentes 130 an diesem
Abend des 6. und in der Nacht zum 7.6.1944 nach Norden zur Front aussah, ist
aus dem Bericht des Regimentsschreibers ersichtlich. »Dröhnend rollen die
Panzer nach Norden. Die Besatzungen suchen unentwegt den Himmel ab.
Plötzlich sind sie da! Niemand weiß, woher sie gekommen sind. Röhrend
kommen die Jabos (Jagdbomber) heran. Im Tiefflug flitzen sie über Büsche und
Heckenreihen hinweg. Eine uns begleitende Vierlings-Flak eröffnet das Feuer.
Durch konzentrierten Beschuss werden die anfliegenden Maschinen aus dem
Kurs gebracht. Vorn an der Kolonnenspitze wankt die Erde unter den
Detonationen. Die das Getöse hören, sehen sich fragend an: Ist das einer der
unseren? Man kann diesen Gedanken von den Gesichtern der Panzermänner
ablesen. Vorrollend sehen wir neben der Straße einen abgeschossenen Jabo.
Das ausgelaufene Benzin brennt lichterloh. Bordmunition zerplatzt mit lautem
Geknatter. Doch der Tod hat auch in den eigenen Reihen zugeschlagen, das
sehen die Panzerkommandanten, die wieder aus den Luks aufgetaucht sind. Ein
Kübelwagen ist das erste Opfer dieser Angriffe.

Zwei Männer finden dabei den Tod. Der Richtkanonier der Begleitflak ist
gefallen. Die ersten Toten der Division im Kampf um die Normandie. Noch
drei Fliegerangriffe muss das Panzer-Lehrregiment 130 über sich ergehen
lassen, bevor die Dunkelheit einfällt. Aber an Rast ist nicht zu denken. Der
Marsch geht weiter. Erst um Mitternacht zwingt der Spritmangel zu einem
kurzen Halt. Panzerbesatzungen tanken ihre Kampfwagen auf. Die
Gefechtsfahrzeuge werden ebenfalls aufgetankt. Kettenbolzen müssen
ausgewechselt werden. Motordeckel knallen zurück. Die Fahrer beugen sich
darüber, arbeiten hier und da. Nach einer Stunde wird wieder aufgesessen.«
Das Panzergrenadier-Lehrregiment 901 rollte auf der befohlenen Marschstraße
Illiers-Domfront-Rennes-Falaise-Conde St. Marie (Caen). Wo die Einheiten
durch die Städte fuhren, waren diese schon von den alliierten Bombern
heimgesucht worden. In Falaise waren ganze Straßenzüge dem Erdboden
gleichgemacht. Erst am 8.6. traf das Regiment in St. Marie, hart südlich von
Caen ein. Caen brannte lichterloh. Schwere Schiffsartillerie der Alliierten
streute das gesamte Aufmarschgebiet der PLD ab.
Das dritte Regiment der Division, das Panzergrenadier-Lehrregiment 902, war
unter Führung von Oberst Gutmann am 6.6. um 17.00 Uhr von Vibraye
aufgebrochen. Am frühen Morgen des 7.6. begann der Leidensweg des
Regiments. Mit dem ersten Tageslicht kamen die Jabos. In ihren offenen
Schützenpanzerwagen wurden die Panzergrenadiere immer wieder angeflogen
und förmlich hinausgeschossen.

Besonders hart traf es das I. Bataillon, dem schließlich nichts anderes


übrigblieb, als in einem Waldstück unterzuziehen und die Dunkelheit
abzuwarten. Einige Kilometer vor Brouay blieb das gesamte Regiment 902
liegen. Oberst Gutmann errichtete den Regimentsgefechtsstand, der aus einem
Deckungsloch von eineinhalb Meter Tiefe bestand. Darüber kreiste schon
wenig später ein Artilleriebeobachter, und knapp eine Minute danach eröffnete
die feindliche Schiffsartillerie das Feuer. Eine Stunde lang trommelten
Geschütze aller Kaliber auf das Regiment ein. Es erlitt schwere Verluste, ohne
in den Kampf überhaupt eingegriffen zu haben. Was aber war mit der dritten
Division der Eingreifreserve des OKW? Wo stand die 12. SS-PD
»Hitlerjugend«? Die Division, die unter dem Befehl von SS Gruppenführer
Witt stand, war bereits im April aus Belgien in die Normandie verlegt worden.
Der erste Bereitstellungsraum, der ihr zugewiesen wurde, war Lisieux. Wäre
sie dort wirklich untergezogen, hätte sie am Morgen des 6. Juni wenige
Stunden nach der Landung der ersten Gegner an der Küste sein und diesen
Feind zerschlagen können, denn von Lisieux bis zur Küste waren es nur 30
Kilometer. Doch die Division kam nicht in den Raum Lisieux, sondern wurde
50 Kilometer weiter südlich verlegt. Als Gruppenführer Witt drei Stunden
nach Mitternacht des 6.6.1944 die Meldung über feindliche Truppenlandungen
in der Normandie erhielt, alarmierte er, ohne erst den Einsatzbefehl
abzuwarten, seine Truppe. Eine Stunde später stand die gesamte Division
marschbereit und wartete auf den Befehl. Doch dieser traf nicht ein.

Während Witt Teile seines Panzergrenadier-Regiments 25 in Richtung Caen


aufklären ließ, erhielt er wenig später – es war inzwischen gegen sieben
geworden – vom Kommandierenden General des I. SS Panzerkorps,
Obergruppenführer (General) Sepp Dietrich, den Befehl sich zur Verfügung
des LXXXI. AK zu halten und sich im Raume Lisieux zu versammeln. »Das ist
doch Unsinn, Gruppenführer!« erboste sich der Regimentskommandeur des
Panzerregiments der Division, SS-Obersturmbannführer (Oberstleutnant)
Wünsche. »Die Aufklärungsergebnisse zeigen doch einwandfrei, dass der
Feind bei Caen steht und sich anschickt, in diese Stadt hineinzustoßen.«
»Stimmt, Wünsche«, entgegnete Witt, »der Feind ist beiderseits der Orne
gelandet und drückt mit aller Kraft auf Caen. Aber Befehl ist Befehl. Wir
müssen neue Marschpläne ausarbeiten, und zwar auf die Schnelle!« Zwischen
10.00 Uhr und 11.00 Uhr hatten die neuen Einsatzbefehle und Marschpläne die
einzelnen Verbände durch Kurier und Ordonnanzoffizier erreicht. Die Gruppen
traten zum Marsch gegen den gelandeten Feind an. Ein rascher und energischer
Vorstoß direkt zur Küste hatte immer noch Aussicht auf Erfolg, das sagte sich
auch Gruppenführer Witt, der energisch zum Weiterstoßen antrieb. Es wurde
15 Uhr, als ein Funkspruch der Heeresgruppe B eintraf. In diesem war ein
Befehl an Witt enthalten, dass er nun nicht nach Lisieux, sondern in den Raum
westlich von Caen zu gehen habe.
»Sie haben mit Ihrer Division einen Gegenangriff des LXXXIV. AK zu
unterstützen.« »Ja, sind die denn total übergeschnappt!« rief Witt empört, als
der Ordonnanzoffizier ihm diesen Befehl vorlas. »Wir können doch die
einzelnen Marschgruppen überhaupt nicht erreichen.« Dennoch wurde alles
versucht, diese Umgruppierung durchzuführen. Melder fuhren los. Sie
erreichten das PGR 25 um 16.00 Uhr bereits im Raum westlich von Lisieux.
Von hier aus hatte das Regiment, das sich am Ziel wähnte, noch einmal 70
Kilometer in den neuen Bereitstellungsraum zurückzulegen. Von der
Ausgangsstellung des Regiments wären es am Morgen dieses Tages nur knapp
35 Kilometer bis zum neuen Bereitstellungsraum gewesen. So aber war das
Regiment durch das Gelände gejagt worden und konnte den neuen Einsatzraum
am 6.6.1944 nicht mehr erreichen. Wenig später erhielt Gruppenführer Witt die
Nachricht, dass seine Division wieder dem I. SS-PK unterstellt sei.
Obergruppenführer Sepp Dietrich erteilte Witt den Befehl, am Morgen des 7.6.
einsatzbereit zu sein und um 12 Uhr zusammen mit der rechts von ihm
stehenden 21. PD zum Angriff nach Norden anzutreten und den gelandeten
Gegner ins Meer zu werfen. Ein ganzer Tag war somit vertan worden. Alle
drei Eingreifdivisionen des OKW standen am frühen Morgen des 6.6.1944
marschbereit, aber sie hatten keinen Befehlshaber, der sie direkt zum
Gegenstoß auf den Strand hin angesetzt hätte. Eine Stunde vor dem
vorgesehenen Angriffsbeginn am 7. 6. standen die Truppen der 12. SS-PD
»Hitlerjugend« am Westrand von Caen bereit.

Am Morgen hatte noch eine Besprechung zwischen Gruppenführer Witt und


Generalmajor Feuchtinger stattgefunden, an der auch Oberst Hermann von
Oppeln-Bronikowski teilgenommen hatte. Die Aktionen der beiden
Panzerdivisionen waren aufeinander abgestimmt worden, und es wurde
beschlossen, dass sich von Oppelns PR 22 dem Angriff der Waffen-SS-
Division nach Norden, in dem Augenblick anschließen sollte, wenn beide
Divisionen auf einer Höhe waren. Dann sollte gemeinsam der Stoß zum Meer
durchgeführt werden. Vom vorgeschobenen Gefechtsstand im Kloster Ardenne
sah der Kommandeur des SS-PGR 25, SS-Oberführer (Oberst) Kurt Meyer,
seinen Soldaten nur als »Panzer-Meyer« bekannt, das gesamte Vorfeld der
Division bis hin zur Küste. Er spähte durch sein Zeissglas und erblickte
plötzlich einen Feindpanzer, der sich zögernd vorschob und nun höchstenfalls
noch 200 m von den vordersten Stellungen seiner Panzergrenadiere entfernt
war. Kein Schuss fiel, der Panzer drehte plötzlich nach Osten und rollte quer
vor der Front her. Sekunden später zeigte es sich, dass er nur die
Flankensicherung für einen soeben aus dem Dorf Buron herausrollenden
feindlichen Panzerverband war, der nun auf der Straße in Richtung Caen-
Bayeux zurollte und wahrscheinlich den Flugplatz Carpiquet erreichen wollte.
»Feuereröffnung nur auf meinen Befehl!« ließ Oberführer Meyer durchgeben.
Dann meldete er seinem Freund Max Wünsche: »Max, feindlicher
Panzerverband, der quer zu unserer Front rollt, lass deine Panzer sich
vorbereiten.« »Danke, Kurt, alles klar!«

Wünsche hatte eine schwere Panzerkompanie im Klostergarten ganz in seiner


Nähe bereitstellen lassen. Das Gros des Regiments aber war im Gelände
verteilt; eine weitere Kompanie stand an einem Hinterhang dicht an jener
Straße, über welche die Feindpanzer anrollen mussten. »Feind hat Stärke eines
Panzerregimentes und einer Infanteriebrigade!« meldete Meyer weiter. »Wir
sollten diesen Feind vernichten und dann in einem Zuge weiter vorstoßen!«
»Geht klar, Kurt!« entgegnete Wünsche und gab die Befehle an seine
Panzerkommandeure durch. Das Rasseln der vielen Panzerketten der
gegnerischen Streitmacht wurde lauter und lauter. Fehlzündungen knallten. Und
noch immer war von den Soldaten der 12. SS-PD »Hitlerjugend« kein einziger
Schuss gefallen. »Melder zur 21. PD, dass wir uns erst diesen Gegner
vornehmen. Danach läuft alles wie besprochen ab!« Der Ordonnanzoffizier
kritzelte die Meldung auf den Block, und schon lief der Melder los. Wenige
Minuten später war es soweit, gleichzeitig erklangen die Stimmen der beiden
Regimentskommandeure: »Angreifen!« befahl Meyer. »Achtung, Panzer –
maaarsch!« hallte die klobige Stimme von Max Wünsche über die
Sprechfunkverbindung. Die Pak eröffnete das Feuer. Mit der ersten Salve traf
sie zwei Panzer. Der Spitzenpanzer des Gegners flog mit einer krachenden
Detonation in die Luft. Ein zweiter Feindpanzer brannte, schlug nach rechts ein
und rollte auf die Panzergrenadiere zu, bis ein zweiter Treffer ihn
stehenbleiben ließ.

Die deutschen Panzer rollten vor, verließen ihre Deckungen und eröffneten das
Feuer. Der erste deutsche Kampfwagen blieb getroffen liegen. Dann traf es fünf
Sherman-Panzer des Panzerregiments 27 der 2. kanadischen Panzerbrigade.
Die Kolosse blieben qualmend und lahmgeschossen liegen. Als Kurt Meyer
sah, dass die Begleitinfanterie des Gegners – die 9. Highlander Brigade –
zurückwich und in Richtung Authie rollte, befahl er seinem III. Bataillon, zu
folgen und diesen Gegner zu überholen. In den SPW (Schützenpanzerwagen)
rollten die Soldaten in schnellster Fahrt nach vorn. Sie passierten den Gegner,
an seiner linken Flanke vorbeirollend und im Fahren aus MG 42 schießend,
erreichten Authie und setzten sich in der Ortschaft fest. Als die Highlanders
hier ankamen, wurden sie von einem dichten Feuerhagel empfangen. Mit seinen
Panzern fuhr Max Wünsche mitten in den Keil des Gegners hinein. Der
entbrennende Panzerkampf wurde immer heftiger. Die rauchenden Schnüre der
Granaten zogen hinüber und herüber, dazwischen die MG-Salven. Immer mehr
feindliche Kampfwagen blieben getroffen liegen. Schützenpanzer und
Begleitfahrzeuge flogen in die Luft. Doch auch viele deutsche Panzer ereilte
das gleiche Schicksal. Der Gegner wich zurück. Er versuchte sich abzusetzen,
wurde verfolgt. Als Kurt Meyer auf seinem Krad nach vorn rollte, stellte er
plötzlich fest, dass sein I. Bataillon, das dem Gegner am weitesten gefolgt war,
auf der rechten Flanke völlig ohne Deckung war. Ein Gegenstoß weniger
Panzer würde es vernichtet haben.

Ein Melder der 21. PD, die hier rechts hätte aufschließen müssen, kam gerade
rechtzeitig, um zu melden, dass die 21. PD nicht weiter durchgekommen sei,
sondern bei Epron vor einer dicht und tiefgestaffelten Paksperre festliege. Als
dann auch tatsächlich Feindpanzer in diese ungedeckte Flanke hineinstießen
und die Grenadiere die ersten Verluste erlitten, musste Meyer den Angriff
stoppen. »Pak zu mir!« befahl er und führte die Kanonen an die gefährdete
Stelle. In schwerem Einsatz konnte die Pak den Durchstoß der Feindpanzer
verhindern. Der Vorstoß aber war zum Erliegen gekommen, zumal auch
Wünsches Panzer Verluste erlitten hatten und sich nun auch noch teilen
mussten, weil auch auf der linken Flanke Feindpanzer auftauchten. Es waren
dies Teile der 7. kanadischen Panzerbrigade, die westlich des Muebaches
angriffen und auf die Straße Caen-Bayeux zuhielten. Wenn sie dort
durchbrachen, stießen sie mitten in den Aufmarschraum des SS-PGR 26 hinein.
Dieses Regiment war soeben mit den Spitzenverbänden erst im
Aufmarschraum eingetroffen. »Angriff einstellen!« befahl Meyer. Die Kanadier
hatten 30 Prozent ihres Bestandes verloren und zudem noch 28 Sherman-
Panzer, den Durchstoß der 12. SS-PD »Hitlerjugend« zum Meer aber
verhindert. Was war nun mit der 21. PD geschehen? Diese Division war am
7.6. nicht zur Entfaltung gekommen, weil der Gegner vor ihrer Front zu stark
war und sich an diesem zweiten Tag noch weiter verstärkt hatte. Nun musste
der 8. Juni die Entscheidung bringen, und es sah ganz so aus, als sollte an
diesem 8.6.1944 erstmals die gesamte Eingreifreserve zum Einsatz kommen.

Die PLD war am Morgen des 7. Juni noch auf dem Weg in den Einsatzraum. In
fünf Kolonnen rollte sie in Richtung Caen. Um 05.00 Uhr erreichte der
Divisionskommandeur Conde-sur-Noireau. Von hier aus waren es immer noch
50 Kilometer bis Caen. Generalleutnant Bayerlein hatte kurze Zeit vorher von
der 7. Armee neue Befehle angefordert und gehofft, dass die Division bis zum
Einfall der Abenddämmerung hier stehenbleiben könne, um den zu erwartenden
Jabo-Angriffen zu entgehen. Doch Generaloberst Dollmann hatte auf seinem
Befehl beharrt: »Die PLD marschiert weiter!« Um 05.30 Uhr tauchten die
ersten Bomberverbände, von Norden kommend, vor der Division auf. Nahe
Falaise wurden die ersten Einheiten der PLD von ihnen gebombt. Britische und
amerikanische Bomber flogen wie bei einer Parade heran und warfen Bomben
auf Straßen und Knotenpunkte. Raketenbomben heulten der Erde entgegen und
schlugen Wagen und Fahrzeuge zusammen. Tankwagen standen brennend am
Straßenrand. Mit ihren Bordwaffen fetzten die Jabos die Straßengräben leer.
Vor Conde blieben die Einheiten endgültig liegen. Nachdem Fritz Bayerlein
inzwischen verständigt worden war, dass die PLD dem I. SS-Panzerkorps
unterstellt sei, versuchte er, zu diesem Korps Verbindung aufzunehmen,
vergeblich. Erst am Nachmittag dieses 7.6. gelang es, den Korpsgefechtsstand
bei Thury-Harcourt zu entdecken. Sepp Dietrich gab der PLD Befehl, mit
jeweils einer Kampfgruppe bis zum Morgengrauen des 8.6. die Einsatzräume
von Norrey und Brouay – an der Bahnlinie Caen-Bayeux – zu erreichen.

»Sie müssen bis morgen früh dort sein, Bayerlein. Von dort aus werden Sie
zusammen mit der 12. SS-PD und der 21. PD auf breiter Front zum Angriff
antreten, mit dem Ziel, den Gegner ins Meer zu werfen«, schloss Dietrich
seinen Befehl ab. Der Beginn des Angriffs wurde auf 12.05 Uhr angesetzt. Das
Panzerregiment 100 unter Oberst von Oppeln-Bronikowski sollte gemeinsam
mit dem PGR 25 den Stoß nach Norden führen. Generalleutnant Bayerlein fuhr
in Richtung Proussy zum neuen Divisionsgefechtsstand. Auf der Fahrt dorthin
sahen die Männer im Stabswagen bereits die verheerende Wirkung der
alliierten Luftangriffe. Die ganze Straße war von ausgebrannten und
zerschossenen Fahrzeugen gesäumt. Feldküchen lagen neben umgekippten
Zugmaschinen. Tankwagen glühten, und über ihnen standen schwarze
Rauchwolken. Die Straße Chaumont-Villers Bocage glich einer
Höllenszenerie. Es war genau 22.00 Uhr, als der Stabswagen die Höhe 238
erreichte. Plötzlich tauchten drei Jabos am Himmel auf, stießen herunter und
flitzten dicht über der hier schnurgerade verlaufenden Straße auf den Wagen zu.
»Drei Jabos, Herr General!« rief Hauptmann Hartdegen. »Stoppen, Kartheuß!
Raus!« Die Bremsen kreischten. Der BMW schlitterte am rechten Straßenrand
entlang. Weit voraus noch, aber rasch näher kommend, sah Fritz Bayerlein die
einschlagenden 2-cm- Granaten den Boden aufreißen. Mit einem Satz schwang
er sich aus dem Fahrzeug und landete der Länge nach im Straßengraben.

Vor sich sah er Hauptmann Hartdegen, der in eine Drainageröhre kroch. Eben
schwang sich Kartheuß aus dem Wagen. In diesem Augenblick begannen die
Bordkanonen der drei Jabos abermals ihr bellendes Konzert. Geschosse
spritzten den drei Männern um die Ohren und zwangen sie in Deckung. Nach
einigen scheppernden Einschlägen stand der Wagen in Flammen. »Weiter vom
Graben wegrobben, Herr General!« rief der Fahrer. Alles andere ging in einem
Furioso von Granateinschlägen und im hektischen Geschnatter der Bord-MG
unter. Der zweite Jabo flog genau über dem Straßengraben entlang. Neben, vor
und hinter Bayerlein schlugen Geschosse in den Grund. Splitter surrten, fester
presste er sich an den Boden. Zweimal, dreimal wiederholten die Jagdbomber
ihren Angriff, dann drehten sie ab und verschwanden in nördlicher Richtung.
Generalleutnant Bayerlein raffte sich auf und ging auf die Straße zurück.
Hauptmann Hartdegen kam aus seiner Deckung hervor. Als rauchendes Wrack
stand der Wagen am Straßenrand. »Kartheuß?« rief der General. »Kartheuß,
wo stecken Sie?« Der General wischte sich das Blut aus dem Gesicht. Er
bemerkte, wie Hartdegen plötzlich im Graben niederkniete, eilte dorthin und
sah, dass sich der Ordonnanzoffizier um den hier liegenden Fahrer kümmerte.
»Wie steht es, Hartdegen?« fragte Bayerlein. »Kartheuß ist tot, Herr General.
Ihm ist nicht mehr zu helfen.« Hauptmann Hartdegen zog seinen Pullover aus
und bedeckte damit das Gesicht des Fahrers, der sie durch so viele Gefahren
hindurchgesteuert hatte.

Beide Offiziere erwiesen dem Toten eine Ehrenbezeigung. Dann wandte sich
der Ordonnanzoffizier seinem Divisionskommandeur zu. »Herr General, wir
müssen von diesem Rauchzeichen wegkommen. Vielleicht, dass sie uns noch
Bomber auf den Hals schicken.« Bayerlein nickte, sie gingen hundert Schritte
weiter und ließen sich in dem Graben nieder. Die Abenddämmerung
verdichtete sich, dann wurde es Nacht. »Das beste wird sein, wenn ich bis
nach Coulvain zum Gefechtsstand des Regiments 902 gehe und von Oberst
Gutmann einen Wagen beschaffe«, schlug der Ordonnanzoffizier vor. Bayerlein
nickte. Doch Hartdegen brauchte nicht mehr zu gehen, denn eben kam ein
Kübelwagen in voller Fahrt aus Richtung Coulvain angebraust. Oberst
Gutmann hatte den Jabo-Angriff von seinem Gefechtsstand aus beobachtet und
vorsorglich – nach Abflug der drei Maschinen – einen Wagen nach vorn
geschickt. In schneller Fahrt fuhr der »Kübel« nach Proussy, wo Oberstleutnant
Kauffmann, 1a (I. Generalstabsoffizier) der Division, bereits seit 24 Stunden
auf den Kommandeur wartete. Auf dem Divisionsgefechtsstand hatte der 1a
inzwischen die einlaufenden Verlustmeldungen zusammenstellen lassen. Vom
Unterkunftsraum bis hierher waren bis 19.30 Uhr des 7.6.1944
verlorengegangen: 5 Panzer; 40 gepanzerte Benzin-Tankwagen mit jeweils
zweieinhalb Tonnen Sprit; 80 Halbkettenfahrzeuge und Geschütze auf
Selbstfahrlafette; 90 Kraftwagen. Damit hatte die PLD über ein Zehntel ihres
Gesamtbestandes an Fahrzeugen verloren, noch ehe auch nur eine Einheit im
Einsatz gestanden hatte.

Am Morgen des 8. Juni wurde Oberst von Oppeln-Bronikowski in seinem


Gefechtsstand durch das eben wieder einsetzende Trommelfeuer der
Schiffsgeschütze geweckt. »Das wird ein Angriff, Herr Oberst«, meinte
Oberleutnant Cordes. Von Oppeln nickte. Er fuhr in die Stiefel und trat dann ins
Freie. Granaten gingen in der Runde nieder. Die mächtigen Brocken der
schweren Schiffsartillerie aber heulten glücklicherweise hoch über die Köpfe
der Panzersoldaten hinweg und schlugen weiter rückwärts in den Grund. »Der
Gegner greift mit Panzern an, Herr Oberst!« »Kommen Sie, Cordes!« befahl
von Oppeln und rannte nach vorn. Vor einer Salve Schiffsgranaten mussten sie
in einem ausgeworfenen Graben in Deckung gehen. Dann sprangen sie wieder
auf und erreichten die ersten eingegrabenen Panzer des Regiments. Voraus, aus
einem Wald, schoben sich Feindpanzer heraus. Sie wurden angerichtet,
gleichzeitig eröffneten die Panzer das Feuer. Zwei der Angreifer blieben
getroffen liegen. Die anderen machten halt und schossen. Granaten flitzten den
deutschen Panzern entgegen, schlugen in die aufgeworfenen Dreckberge.
Oppeln hörte das Heulen eines Abprallers. Unwillkürlich zog er den Kopf ein.
Der Gegner verschwand, aber nur, um der Infanterie Platz zu machen, die in
breiter Front zum Angriff antrat. Aus MG und Panzerkanonen schlug diesem
Angreifer das Feuer der hier haltenden Panzer entgegen. Die Männer in der
Enge der Stahlkästen schwitzten, wuchteten Granaten in die Kammern,
schossen und luden neu.
Der Feind wurde abgewiesen, und von Oppeln ging mit Cordes zum
Gefechtsstand. Eben setzte das Bombardement leichterer Geschütze wieder
ein, und dann fielen auch die schweren Schiffsgeschütze in das Feuer ein.
Sekunden nachdem von Oppeln-Bronikowski den Gefechtsstand betreten hatte,
erschütterte ein schwerer Einschlag den provisorischen Bunker, und als sie
aufatmen wollten, schlug eine zweite Granate in den Gefechtsstand hinein. Der
Luftdruck schleuderte den Regimentskommandeur zu Boden. Männer schrien,
und dann knisterten Flammen, die rasch größer wurden. Von Oppeln sprang auf.
Er sah seinen Fahrer, Oberfeldwebel Spangenberg, schwer verwundet auf dem
Boden liegen und schleppte ihn mit Cordes’ Hilfe ins Freie. Er war unverletzt
geblieben. Adjutant, Ordonnanzoffizier und Nachrichtenoffizier waren nur
leicht verwundet. In Oppelns Armen starb Oberfeldwebel Spangenberg, der
den Oberst seit vielen Jahren fuhr. Eine Stunde später nahm Oberst von Oppeln
mit einem neu zusammengestellten Stab seine Arbeit wieder auf. Die
Funkstellen ließ er einen Kilometer weiter rückwärts einrichten. Der nächste
Angriff des Gegners wurde ebenfalls abgeschlagen. In den weiteren 15 Tagen,
die folgten, sollte das PR 22 an dieser Stelle nicht weniger als fünfzig
schweren Angriffen der sich täglich mehr verstärkenden Truppen Montgomerys
(brit. Marschall) ausgesetzt sein. Am Morgen dieses 8.6. wurde von Kurt
Meyer eine starke Kampfgruppe zusammengestellt, die auf Bretteville
vorstoßen und dann den erkannten Gefechtsstand der Kanadier im Handstreich
nehmen sollte.

Eine Panther-Kompanie und die schnelle Aufklärungskompanie des PGR 25


wurden zusammengefasst und stellten sich zum Angriff bereit. Eine Stunde
später erfolgte der Angriffsbefehl. Die Panzer rollten los. In schneller Fahrt
stießen sie auf Bretteville vor. Als sie Feuer erhielten, wichen die schnellen
Fahrzeuge der Aufklärungskompanie auf beide Flanken aus und rollten dort
weiter. So zwangen sie das Feuer der Pak auf sich, dem sie durch
Zickzackfahren entgingen. Die Panzer aber rollten im Zentrum weiter. Ein Zug
machte Schießhalt, die Granaten aus den 7,5-cm-Kampfwagenkanonen
zerfetzten die Deckungen der Feind-Pak. Sie ließen drei, vier, dann fünf Pak
aufbrennen, während immer ein Zug Schießhalt machte und die beiden anderen
weiterrollten. Als sie bis auf vierhundert Meter herangekommen waren,
blieben sie noch einmal stehen. Aus den Mündungen der Kanonen spritzten die
Flammen der Abschüsse. Granaten zerschlugen die Feindstellungen. Und dann
kam über Sprechfunk der Befehl an alle: »Durch und hinein!« Sie rollten auf
Bretteville zu. Rasend schnell kamen feuernde MG-Nester näher. Dann rollten
die Panther darüber hinweg. Bretteville war erreicht. Sie rollten in die
Ortschaft hinein, wurden von Pak aus den Querstraßen unter Feuer genommen,
drehten, rissen Hauswände um und walzten Zäune zusammen. »Weiter
durchstoßen, dem fliehenden Gegner nach!« Der Befehl erreichte die Panther-
Kommandanten, und nun rasselten sie hinter dem weichenden Gegner her und
erhielten noch einmal heftiges Abwehrfeuer.

Panzerbüchsengeschosse knallten gegen die Seitenschürzen der Kampfwagen.


Drehend und visierend, schießend und dann im aufheulenden Klang des Motors
vorwärts fahrend, erreichten sie den Gefechtsstand der »Regina Rifles«. Sie
rollten weiter und wurden schließlich durch einen Feuerorkan gestoppt, der
aus scheinbar allen erreichbaren Geschützen auf sie niederhagelte.
Feindangriffe abwehrend, hielten sie sich den ganzen Tag über in der Ortschaft.
Im Morgengrauen des 9.6. aber befahl Meyer seiner Kampfgruppe den
Rückzug auf die eigenen Linien. Der Gegner war an dieser Stelle bereits zu
stark geworden. Am Nachmittag dieses 8. Juni 1944 erschien der
Oberbefehlshaber der Panzergruppe West, General von Geyr, auf dem
Gefechtsstand von Oberführer Meyer. Kurt Meyer gab ihm einen Bericht über
die augenblickliche Lage, und dann sagte der General: »Ich bin skeptisch,
Meyer! Dennoch werde ich morgen früh den Großangriff anlaufen lassen. Dazu
steht die 21. PD rechts, die 12. SS-PD in der Mitte und die Panzerlehr links.
Das Ziel ist: Durchbruch bis zur Küste.« Am selben Nachmittag, an dem
General von Geyr auf dem Gefechtsstand von Meyer den Befehl gab, hatte auch
Generalleutnant Bayerlein auf seinem Gefechtsstand in Le-Mesnil-Patry
Besuch. Es war Generalfeldmarschall Erwin Rommel, der seinem früheren
Chef des Generalstabes in Afrika mitteilte, dass die 50. britische ID, die
»guten Bekannten aus Afrika«, Bayeux eingenommen hätten.

Danach setzte Rommel dem Freund auseinander, dass er – wieder einmal mehr
- umgruppieren müsse, und zwar noch in der kommenden Nacht. »Beide
Kampfgruppen müssen aus dem Raum Norrey-Brouay heraus in den Raum
Tilly umgruppiert werden. Am Morgen des 9.6. ist das neue Ziel Bayeux. Die
Stadt ist zu nehmen.« Mit Einbruch der Dunkelheit wurde der Befehl
ausgeführt, und als der Morgen des 9.6. graute, war die Bereitstellung
vollzogen. Da jedoch bereits die ersten britischen Panzerrudel auf der Straße
von Bayeux nach Tilly rollten, musste der Angriff westlich der Straße angesetzt
werden. An der Spitze der PzAufkl.-Lehr-Abt.5 130 unter Hauptmann Gerd
von Born-Fallois trat Bayerlein mit den Offizieren seines 5 Panzer
Aufklärungs-Lehrabteilung Gefechtsstabes zum Angriff auf Bayeux an. Mittags
umging die Abteilung Ellon und erreichte – daran vorbeistoßend – eine Stunde
später Arganchy. Hier richtete sich der Divisionsstab in einem Gehölz ein, um
den letzten umfassenden Angriff auf Bayeux von hier aus zu leiten. Bis Bayeux
waren es noch genau 5 Kilometer. Und diesmal – so wollten sie es alle –
musste es klappen. Britische Schiffsgeschütze feuerten in den Aufmarschraum
hinein. Die abgesessenen Panzergrenadiere suchten hinter den vorrollenden
Panzern Schutz. Dichter Pulverdampf zog über das Gelände, aus dem immer
wieder die Einschlagfontänen schwerer Granaten emporstoben. Doch die
Panzer waren dadurch nicht mehr aufzuhalten. Sie schoben sich weiter und
weiter vor. Die II./PzLehr-Abt. 130 unter Oberstleutnant Prinz von Schönburg-
Waldenburg rollte mit sämtlichen vier Kompanien vor.

Gegen Mittag tauchte im Norden der Kirchturm von Ellon auf. Der flache
Hügel vor Ellon war das erste Ziel. »Achtung, Feindpanzer links und rechts
der Höhe!« warnte eine Stimme die Chefs der vier Kompanien über UKW-
Sprechfunk. Leutnant Heiermann, Zugführer der Sechsten, sah den Gegner, der
keine 1.200 Meter vor ihm stand und aus dessen Kanone der scharfe
Feuerstrahl eines Abschusses blitzte. »Vorziehen!« rief er seinem Fahrer zu.
Röhrend kam der Motor auf Touren. Die Granate schlug seitlich hinter ihnen
ein. »Entfernung tausend! Elf Uhr!« Der Wagen hielt. Der linke Arm des
Ladeschützen glitt über den Kopf und entsicherte die Waffe. Der Turm drehte
sich etwas links, bis er die Uhrzeigerstellung 11 erreichte. Der Richtschütze
visierte etwas nach. »Feuer!« rief Heiermann. Die Mündungsflamme spritzte
aus dem Rohr. Die ausgeworfene leere Hülse klirrte gegen den Auffänger, fiel
in den Hülsensack, und unmittelbar danach rief Heiermann: »Volltreffer!
Schnell hundert Meter vorziehen!« Links und rechts Abschüsse und das
Gerassel von Ketten. Grelle Flammen stoben in den Kampfraum, als eine
Granate dicht neben ihnen detonierte. Splitter krachten gegen die
Seitenschürzen, Qualm waberte. Sie ruckten vor, machten wiederum
Schießhalt, um danach erneut vorzuprellen. Detonationsflammen beim Gegner
zeigten, dass auch die übrigen Panzer ihre Ziele fanden. Im Vorrollen sah
Leutnant Heiermann, wie rechts vor ihm einer der eigenen Panther-Panzer
getroffen wurde, wie es dem stählernen Koloss den Turm herunterschlug und
die Kameraden ausbooteten.

Endlich waren sie vorbei. Sie machten Schießhalt, hörten die Stimme des
»Prinzen« und schossen, um abermals mit Vollgas vorzuziehen und den
Schüssen der wenigen, noch immer feuernden Feind-Pak zu entgehen. »Achte
Kompanie umholt links!« befahl der Abteilungskommandeur. Eine Kompanie
schwenkte aus dem Breitkeil heraus, drehte seitlich weg, erhielt Feuer von drei
oder vier Panzern, die um den Fuß des Hügels herumschwenkten. Wieder das
Duell Panzer gegen Panzer, und auch diesmal zeigten sich die »Panther« mit
ihren Besatzungen den feindlichen Sherman-Panzern überlegen. Alle vier
»Shermans« wurden abgeschossen. Dann hatte das Gros den Hügel erreicht.
Leutnant Heiermann sah ein paar Männer, die mit Sprengmitteln zu ihnen
heruntergelaufen kamen. Der MG-Schütze ließ einen Feuerstoß
hinauspeitschen. Der Gegner verschwand. Sie rumpelten höher hinauf, waren
schließlich auf der Kuppe und rollten in schneller Fahrt über Büsche und eine
Hecke hinweg weiter. Erst als sicher war, dass die Nachkommenden ebenfalls
Platz genug hatten, machten sie Schießhalt. Plötzlich grellte keine zweihundert
Meter halblinks vor ihnen ein vierfacher Abschussblitz. Unwillkürlich zuckte
Heiermann zusammen. Ein feuriger Streifen kam direkt auf sie zu. Mit
ohrenbetäubendem Gehämmer schlug die Granate auf die schräge Panzerung,
glitt ab und heulte beinahe senkrecht hoch. Rechts von ihnen wurde der Wagen
des Führers des zweiten Zuges getroffen. Oberfeldwebel Richter gab durch,
dass er ausbooten müsse.

In diesem Moment schoss Richtschütze Willer. Seine Granate schlug in die


feindliche Batterie, und dann schmetterten sechs Granaten in die Stellung. Eine
haushohe Explosionsflamme und das nachfolgende Geknatter
auseinanderplatzender Munition zeigte ihnen, dass sie die Munitionsvorräte
getroffen hatten. »Nicht hängenbleiben, weiter vorrollen bis zum Nordende der
Höhe!« Sie zogen an, schossen den Gegner aus seinen MG-Ständen,
überrollten sie, fuhren hinter den Fliehenden her, und dann standen sie am
Nordende des Hügels. Sie hatten es geschafft. Jetzt erst wurden sie gewahr,
dass die Grenadiere des PGR 901 immer Anschluss gehalten hatten, keuchend
zu Boden sanken und nach Luft rangen, während die nachfolgenden Einheiten
die noch in den Löchern liegenden, nun aber mit erhobenen Händen
herauskommenden Gegner in Empfang nahmen und zurückschickten. Eine
schnelle Befragung ergab, dass es Soldaten der britischen 49. ID
(Infanteriedivision) waren und dass die ganze Division sich in Ellon befand,
das sie vor sich im Glast der Mittagssonne deutlich erkennen konnten. Von dort
her blitzten mit einem Male Artillerieabschüsse, und wenig später ging ein
Granatenregen auf die Höhe nieder. »Männer!« dröhnte die Stimme des
Kommandeurs durch die Funksprechverbindung, »dort vor uns liegt Ellon, das
müssen wir haben!« In breiter Front rumpelten die Panzer hügelabwärts, Ellon
entgegen. Leutnant Heiermann öffnete das Luk. In schneller Fahrt unterfuhren
sie die Feindgranaten, die immer noch auf der Höhe niedergingen und die
nachfolgenden Panzergrenadiere immer wieder in Deckung zwangen.

»Da, Panzer!« rief Feldwebel Jürgensen, Kommandant des Panzers 604. Der
englische Tank, das sah Heiermann, kam aus dem Zentrum des Dorfes hinter
der niedrigen Kirche hervor. Sein Richtschütze kurbelte ein, drückte den
Abfeuerknopf. Sie sahen die rauchende Spur, die sich zum Gegner hinzog. Die
Kette und eine der Lenkrollen zersprangen. Der Feindpanzer war
bewegungsunfähig geschossen. Der zweite Schuss traf ihn an der schwachen
Stelle zwischen Turm und Unterwagen. Rauch stob aus dem Innern dieses
getroffenen Gegners empor, und dann schlug das Luk zurück. Männer booteten
aus, eine lange Flammenlanze stob hinterher. »Achtung, Tommys6!« Eine
Gruppe von vielleicht zehn Engländern kamen hinter einer Bruchsteinmauer
zum Vorschein. Sie rannten auf die Panzer zu, schleuderten Handgranaten, die
wirkungslos verpufften. Ein MG-Feuerstoß aus dem Wagen 602 warf sie zu
Boden. In der Ortschaft peitschte ein Pak-Abschuss durch eine Seitengasse.
Die Granate streifte den Turm von Heiermanns Kampfwagen. »Achtung, erster
Zug an alle: Aus Seitengasse rechts hinter dem Eckhaus Pak-Feuer!« Nach
zweihundert Metern sahen sie die Pak, die gerade wieder feuerte. Der Panzer
hielt. Richtschütze Berkes zielte, dann der Abschuss, unter dem der »Panther«
zurückzuckte. Die Granate wurde ein Volltreffer. Die Panzer hatten Ellon
erobert. Panzergrenadiere durchkämmten die Häuser. Doch lange sollten sie
sich nicht des Besitzes dieser Ortschaft freuen, denn nun setzte ein
verheerendes Artilleriefeuer auf Ellon ein.

Das Feuer verstärkte sich mehr und mehr. Dichter und dichter wurde der Regen
der Granaten aller Kaliber. Stahlbrocken prasselten gegen die Panzer.
Häuserwände krachten zusammen und stürzten auf die untergezogenen Panzer.
Das Pflaster schien Feuer zu speien, und dann heulten überschwere
Flügelbomben aus Granatwerfern heran, schlugen auf und streuten
todbringenden Stahl in flachen Sprengkegeln umher. Die Seitenschürzen der
»Panther« wurden förmlich durchlöchert. »Achtung, hier Chef. Befehl für
Siebte und Achte: Vorrollen zum Nordrand von Ellon. Panzergrenadiere ziehen
nach und nehmen die noch umherschwirrenden Gegner gefangen.« Das
Artilleriefeuer verstummte schließlich. Die Männer der im Zentrum der
Ortschaft zurückgebliebenen 5. und 6. Kompanie stiegen aus und sahen sich
ihre Panzer an. Sie entdeckten zerrissene und durchlöcherte Seitenschürzen und
zerbeulte Stirnpanzerungen. Die Sanitäter trugen die Schwerverwundeten
zusammen und legten auch die Toten nebeneinander. Major Prinz Schönburg-
Waldenburg ging zu seinen toten Kameraden. Er nahm seine verblichene
Panzermütze ab und stand lange stumm vor jenen Männern, die auf seinen
Befehl angegriffen hatten und diesen Angriff mit dem Tode bezahlen mussten.
Da war auch Gorges, und da lag Ziemer, die unter ihm als jungem Hauptmann
in der 1. Kompanie des Panzerregiments 31 auf dem Balkan gekämpft hatten.
Als Generalleutnant Fritz Bayerlein bei ihm in Ellon erschien, setzte der
Divisionskommandeur sofort die Panzerspähtrupps der Aufklärungs-
Lehrabteilung 130 ein.

Major Gert von Born-Fallois wollte die Aufklärung selbst fahren, doch
Bayerlein winkte ab. »Sie brauche ich für die Abteilung«, sagte er. Der Major
nickte und ließ dann seinen alten Vertrauten, Oberfeldwebel Zünkley, mit drei
Wagen abfahren. Der Oberfeldwebel setzte sich an die Spitze dieser kleinen
Gruppe. Er rollte zunächst durch eine Bachsenke, hielt sich hinter einer dichten
Hecke verborgen und überquerte dann ein Geländestück, das mit hohen
Weidenbüschen bestanden war. So kam er in einer Stunde ungesehen bis auf 5
Kilometer an Bayeux heran. »Da drinnen sitzen welche von der 50. britischen
Division, Sepp«, sagte der Oberfeldwebel zu seinem Fahrer. »Weißt du noch,
bei der 15. Panzerdivision, als wir hinter der Gazala-Stellung standen und uns
von Osten nach Westen durchschlagen mussten, um nicht mitten im Feind
eingekeilt zu sein?« »Klar, Hubert. Got el Ualeb, verdammt, war das eine
Hölle. Die Tommys kämpften wie die Berserker, und sie werden es auch hier
wieder tun.« »Na, dann wollen wir mal melden!« Sie rollten durch die
buschbestandene Senke nach Ellon, und der Oberfeldwebel meldete dem
Abteilungskommandeur. Eine Minute später stand von Born-Fallois vor dem
Divisionskommandeur. Nach der Meldung sprang Fritz Bayerlein auf.
»Mensch, wir könnten also bis dicht an Bayeux herankommen und dann nur
noch fünf Kilometer?« Born-Fallois nickte. »Also dann Angriff! Hartdegen,
versuchen Sie die Division geschlossen zum Ansatz zu bringen. Wir erobern
Bayeux zurück!«

»Das wird laufen, Herr General!« entgegnete der Ordonnanzoffizier. »Wir


haben offensichtlich das Loch zwischen den englischen und den
amerikanischen Truppen gefunden und können durchwitschen, ehe es
dichtgemacht wird. Wenn wir hier durchkommen und bis ans Meer gelangen,
haben wir die beiden Gruppen voneinander getrennt, und wenn dann die
anderen beiden Divisionen nachziehen, sind wir aus dem Schneider, das steht
fest.« Die Division wurde mit den beiden Panzergrenadier-Regimentern nach
vorn gezogen. Die Panzerjägerabteilung unter Major Barth erreichte rechtzeitig
ihren zugewiesenen Abschnitt, und das Gros der Panzerpioniere unter Major
Brandt war auch zur Stelle. In dieser Situation traf der Befehl des I. SS-
Panzerkorps ein: »Angriff auf Bayeux einstellen. Division auf Tilly
zurücknehmen!« Die Männer der PLD fluchten. Sie hatten das Ziel so greifbar
nahe vor sich gesehen. Nun war alles zu Ende, und umsonst waren auch die
Opfer, die hier bei Ellon gebracht wurden. »Hauck, Sie müssen sofort die
Kampfgruppen verständigen, dass sie nicht selbständig losschlagen«, sagte
Bayerlein. Der Kommandeur der Divisionsnachrichtenabteilung 130 nickte. Er
verließ den provisorischen Gefechtsstand der Division und eilte zu seiner
Funkstelle hinüber. Kurze Zeit darauf erfuhren die Männer der Division des
Rätsels Lösung. Starke kanadische Kräfte waren in der Nahtstelle zwischen
der 12. SS-PD »Hitlerjugend« und der PLD eingesickert und in den Raum
Tilly-Audrieu-Christot eingedrungen. »Uthe, Sie bleiben mit der I./PGR 901
hier in Ellon liegen und sichern. Die 5. und 6. Panzerkompanie werden Sie
unterstützen.

Sie, Schönburg, werden mit der 7. und 8. Kompanie zum Angriff auf den
eingebrochenen Gegner antreten.« Major Prinz Schönburg-Waldenburg sagte:
»Ich werde mich im Bereitstellungsraum Fontenay um 14.00 Uhr zum Angriff
versammeln.« Während Generalleutnant Bayerlein zu Obergruppenführer Sepp
Dietrich auf den Korpsgefechtsstand fuhr und hier den Auftrag erhielt, sich mit
der PLD im Raum Tilly zur Verteidigung einzurichten, rollten die beiden
Panzerkompanien nach Fontenay. Hauptmann Reche, Chef der 8./PLR 130,
führte die Achte dorthin. Er war seit einigen Tagen schwer erkrankt, wollte
aber trotzdem bei seiner Einheit bleiben. Doch schließlich brach er zusammen
und wurde von Oberleutnant Walter vertreten. Die Linie Christot-Verrieres, so
erfuhr Generalleutnant Bayerlein weiter, sei mit dem Mittelpunkt Tilly
unbedingt zu halten. Auch dann, wenn der Gegner mit der 50. und 51. ID
gleichzeitig angreifen sollte. Die beiden Panzerkompanien rollten vor. Der
Nachmittag ging in den Abend über. Das Getöse der Panzergeräusche
verstärkte sich in der Nacht um ein Vielfaches. Weit auseinandergezogen
rasselten die »Panther« der Front entgegen. »Wenn wir jetzt Major Merkowski
mit den ›Tigern‹ hier hätten«, meinte Leutnant Stöhr, Kommandant im Panzer
801 und zugleich Zugführer des ersten Zuges. Aber die I./PLR 130 war ja auf
dem Wege nach dem Osten begriffen, und wenn auch Generalleutnant Bayerlein
die Verladung sofort angehalten hatte, so waren doch eine Kompanie und ein
Teil des Trosses bereits unterwegs gewesen und erst in Paris gestoppt worden.

Vor den »Panthern« der beiden Kompanien tauchten die schemenhaften


Umrisse der Dörfer Audrieu und Chouain auf. Zwischen den beiden Dörfern
hielten die Panzer auf einer buschbestandenen Ebene noch einmal an.
Eineinhalb Kilometer voraus mündete die Kusselebene, in der sie nun gut
gedeckt standen, in zwei dichte Waldstücke. Nur ein schmaler Streifen von
etwa 300 Meter Breite führte schnurgerade hindurch. »Wenn das keine Falle
ist, will ich Ewald heißen«, ließ sich Leutnant Stöhr wieder vernehmen. Der
Panzer 801 rollte auf der äußersten linken Flanke, als es weiterging. Sie
erreichten die ausgeworfenen Stellungen der Engländer, doch dort war
niemand. Der Tommy hatte sich beim Aufklingen der Panzergeräusche
abgesetzt und sich wahrscheinlich weiter rückwärts wieder festgesetzt. »Wir
müssen durchrollen!« befahl Major von Schönburg-Waldenburg. Er setzte sich
im Führungspanzer an die Spitze. Sie erreichten den Wald, und alle Panzer
schlossen unwillkürlich dichter als sonst auf. »Verdammter Mist!« fluchte
Leutnant Stöhr und starrte in die Nacht. Nichts war zu entdecken, aber er
glaubte das nahende Unheil fühlen zu können. Mit einem Schlag brach an
dieser Stelle die Hölle los. Gleichzeitig begannen mindestens zwanzig
englische Geschütze zu feuern. Granaten schlugen links und rechts in den Wald,
rissen Baumwipfel herunter und schleuderten sie auf die Panzer. »Chef an alle:
Mit Vollgas durch!« Drehen konnten sie nicht mehr, dann würden sie sich nur
ineinander verkeilen, also hieß es so schnell wie möglich durchrollen.

Stöhr sah Flammen, die aus den Auspufftöpfen des vorausrollenden


Spitzenpanzers schlugen. Er sah grelle Detonationsblitze, tauchte nach dem
Befehl des Abteilungskommandeurs im Luk unter und schlug es dicht. Sie
durchfuhren das Waldstück, zwei Panzer blieben beschädigt liegen. Voraus
tauchte die Höhe 130 auf. »Los, hinauf!« befahl der Kommandeur seinem
Fahrer. Der »Panther« röhrte hügelaufwärts. Er wurde von den Wagen des 1.
Zuges gefolgt, während Hauptmann Ritgen, Chef der 7./PLR 130, Befehl
erhielt, den Hügel rechts zu umfahren. Als der Panzer des »Prinzen« die Höhe
erreicht hatte, stoppte der Fahrer einige Sekunden. Dann erhielt er Befehl,
weiterzufahren. In dem Augenblick, als er anrollte, peitschte keine 200 Meter
entfernt aus der Deckung eines Gebüsches der Abschuss einer Pak. Die
Granate durchschlug, frontal auftreffend, den Turm des Panzers. Prinz Wilhelm
Schönburg-Waldenburg fiel zur Seite. Er war sofort tot. Alle übrigen Männer
des Wagens waren schwer verwundet. Leutnant Stöhr vernichtete die Pak, und
seine anderen Wagen erwiderten das einsetzende Feuer des Gegners.
Panzerkanonen krachten. Artillerie funkte dazwischen. Hauptmann Ritgen kam
mit der Siebten hügelaufwärts und fiel dem Gegner in die Flanke. Die Pak auf
der Höhe wurde abgeschossen. Auf dem Gefechtsfeld übernahm Ritgen die
Führung der Abteilung. Das feindliche Artilleriefeuer verstärkte sich zu einem
dichten Vorhang.

Jedes weitere Vordringen, das zeigten drei Versuche, wäre Selbstmord


gewesen. Hauptmann Ritgen entschloss sich, die Panzer von der Höhe
zurückzunehmen, um sie nicht nacheinander vernichten zu lassen. Am Abend
dieses Tages zeigte sich deutlich, dass sich der Schwerpunkt der englischen
Aktionen und Operationen in den Raum Tilly verlagert hatte. Nachdem es
Marschall Montgomery nicht gelungen war, Caen in Frontalangriff zu nehmen,
wollte er nunmehr aus dem Raum Bayeux auf Tilly vorstoßen, die Höhen von
Villers Bocage gewinnen und dann auf Caen eindrehen. Ein neuer Abschnitt in
der Geschichte der Invasion begann. Die Landungen waren beendet, der
Gegner hatte einen weiten Brückenkopf errichtet, und nun wollte er bei Tilly
den Durchbruch erzwingen. Und noch immer war die I./PLR 130 unter Major
Markowski noch nicht zur Stelle. In der Nacht zum 10. Juni wurde die
inzwischen vollzählig im Kampfraum eingetroffene PLD in der Linie Christot-
Tilly-Nord, Verrieres-Bernieres-La Belle-Epine-Torteyal-St.Germain-d’Ectot
eingewiesen. Damit hatte diese Division einen 17 Kilometer breiten Streifen
erhalten. In Sermentot richtete Generalleutnant Bayerlein seinen Gefechtsstand
ein. Die Funkstelle ließ er 2 Kilometer entfernt unterziehen, damit sie nicht
vom Gegner eingepeilt und mit Bomben belegt wurde, wie dies mit dem
Gefechtsstand der »Panzergruppe West« in La Caine geschehen war. Dort hatte
der gegnerische Horchfunk die große Funkstelle eingepeilt und sie dann – in
der richtigen Vermutung, einen großen Stab hier zu treffen – mit einem ganzen
Geschwader von Jabos angreifen lassen.

Bei diesem Angriff waren zwölf Stabsoffiziere getötet und eine Reihe weiterer
verletzt worden. General von Geyr wurde bei diesem Angriff ebenfalls schwer
verwundet. Am 10. Juni bereitete sich der Gegner zum Angriff auf Tilly vor.
Mit schwerer Schiffsartillerie in bis dahin noch nicht erlebter Konzentration
eröffneten die Alliierten den Höllentanz um Tilly. Danach setzten massierte
Luftangriffe ein. Die beiden übrigen Panzerdivisionen der Eingreifreserve
standen an ihren Verteidigungslinien in schweren Abwehrkämpfen. Sowohl die
eingegrabenen Panzer der 21. PD unter Oberst von Oppeln als auch die Panzer
der 12. SS-PD »Hitlerjugend« kamen nicht mehr zu einem Angriff in Richtung
Küste. Auch sie mussten sich der Angriffe des Gegners erwehren, die an dieser
Stelle durchzubrechen versuchten. Am frühen Morgen des 10. Juni begann um
05.00 Uhr das vorbereitende Artilleriefeuer des Gegners. Der Vire-Grund
wurde wenig später von den Einschlägen der Granaten emporgeschleudert.
Major Uthe, Kommandeur des I./PGR 901, ging mit zwei Meldern nach vorn.
Er besprach sich mit Oberleutnant Mersiowski, der mit der 2./PGR 901 am
oberen Hinterhang in schnell ausgehobenen Deckungslöchern lag. Dann ging er
sprungweise zwischen dem Granatfeuer zur I./PGR 901 hinüber, wo ihm
Hauptmann Salzmann meldete, dass sich der Gegner in der vor ihnen liegenden
Ferme (Bauernhof) Cheval rouge festgesetzt habe und von dort aus mit Pak
schieße, sobald sich ein Fahrzeug zeige. Major Uthe ließ sofort die Artillerie
verständigen, welche die Ferme unter Feuer nahm.

Besonders schwer hatte die 5./PGR 901 (5. Kompanie des


Panzergrenadierregiments 901) unter Hauptmann Philipps zu leiden. Hier
trommelte der Gegner pausenlos, denn die Kompanie lag unmittelbar vor der
Stadt Tilly. Doch die Panzergrenadiere ließen sich nicht hinausschießen.
Schwieriger war die Lage beim Schwesterregiment, dem PGR 902, das
nördlich von Tilly in beinahe deckungslosem Gelände lag. Fast ungedeckt
lagen zum Beispiel die 1. und 3. Kompanie dieses Regiments im 45 Minuten
andauernden Trommelfeuer der Engländer. Als einige Männer zurückgehen
wollten und sich ihnen bereits größere Gruppen anschlossen, warf sich ihnen
Oberleutnant Ritter, Chef der 4./PRG 902, entgegen und hielt sie auf. Eine
weitere kritische Situation entstand, als gegen Mittag dieses 10. Juni fünf
Feindpanzer plötzlich in schneller Fahrt beim PGR 902 durchbrachen und bald
darauf vor dem Gefechtsstand des I./PGR 902 standen. Hier war es die
1./PJAbtl. (Panzerjägerabteilung) 130, die mit ihren soeben erhaltenen neuen
Selbstfahrlafetten unter Führung von Leutnant Werner durch das Feuer nach
vorn rollten und das Duell mit den fünf Panzern aufnahm. Eine Minute nach
dem Gegenstoß stand der erste Feindpanzer in Flammen. Dem zweiten wurde
die Kette zerschossen; eine weitere Granate besiegelte sein Schicksal. Dann
traf es einen dritten Panzer, er stand bald darauf als glosendes Fanal der
Vernichtung auf dem Gefechtsfeld. Die beiden letzten Panzer fuhren sich bei
dem Versuch, diesem vernichtenden Feuer so rasch wie möglich zu entkommen,
rettungslos fest.

Sie wurden lahmgeschossen. Die Besatzungen booteten aus und versuchten, an


dem deutschen Gefechtsstand vorbei zu ihren Truppen zurückzugelangen. Sie
wurden von den Soldaten der Begleitstaffel niedergekämpft. Der Rest gab sich
gefangen. Als die Nachricht vom überraschenden Auftauchen dieser kleinen
Panzergruppe im Gefechtsstand der PLD einlief und man befürchten musste,
dass weitere Schläge folgen würden, ließ Generalleutnant Bayerlein sofort den
Stabswagen vorfahren. Er wusste nur zu gut, wie unendlich wichtig es war,
ganz genau zu wissen, was sich in diesem unübersichtlichen Gelände alles tat.
Mit Hauptmann Hartdegen fuhr er persönlich Aufklärung. In schneller Fahrt
verließ der Wagen den Bereich der eigenen Verteidigungslinien und erreichte
das freie Gelände nördlich von Tilly. Wenn der Gegner auch hierher seine
Panzer vorgezogen hatte, stand es endgültig fest, dass der feindliche
Großangriff bald erfolgen würde. Der Wagen rollte rasch durch eine Senke.
Der Fahrer stoppte plötzlich auf der Höhe und ließ das Fahrzeug im
Sichtschatten einer Hecke aus Haselsträuchern stehen. »Panzer, Herr General!«
meldete er. »Verdammt!« entfuhr es Bayerlein. »Das sind ja so viele, dass es
wie ein ganzes Regiment aussieht, Hartdegen!« »Und sie lagern hier wie im
tiefsten Frieden!« ließ sich der Ordonnanzoffizier vernehmen. »Holen Sie vor,
was Sie greifen können, Hartdegen! Die müssen wir packen! Ich bleibe hier
und beobachte weiter. Bringen Sie vor allem Achtacht-Flak mit, klar?«

Hartdegen salutierte, und als der Generalleutnant ausgestiegen und hinter einem
Heckenvorsprung in Deckung gegangen war, rollte das Fahrzeug zurück.
Generalleutnant Bayerlein lag allein auf dieser Höhe, gewissermaßen als
vorgeschobener Beobachter. Es dauerte eine knappe halbe Stunde, bevor die
ersten Panzer und die beiden »Achtacht« (8,8 cm) die Höhe erreichten und in
günstige Schusspositionen vorrollten. Der lagernde Panzerfeind hörte aus der
Distanz von knapp 2 Kilometern nichts. Als alles klar war und die Ziele
anvisiert waren, gab Bayerlein den Feuerbefehl. Fast gleichzeitig schossen alle
Panzer und die beiden Flak, die herangeschafft werden konnten. Den
dumpferen Abschüssen folgten die knallenden Aufschläge und die
Detonationen, die vom Gegner herüberbrüllten. Binnen weniger Sekunden
verwandelte sich dieser feindliche Panzerbereitstellungsraum in ein Inferno.
Schon die ersten Einschläge lagen deckend. Panzermotoren röhrten auf. Die
ersten Feindpanzer versuchten dieser Hölle zu entkommen, kurvten wild
herum, kollidierten mit anderen Panzern, ruckten zurück und vor, verkeilten
sich ineinander und wurden wieder und wieder getroffen. Einigen Panzern
gelang es schließlich, aus dieser Hölle zu entkommen, in der immer wieder
Volltreffer aufbrüllten und Panzer in Flammen aufgehen ließen. Benzin- und
Dieseltankwagen brannten lichterloh. Flammen stoben mit rotem Gezüngel in
die Höhe. Dicke Rauchwolken standen darüber. »Da kommen Feindpanzer auf
uns zu, Herr General!« rief Hartdegen, als er sah, dass drei der Panzer direkt
auf ihre Höhe zuhielten.

»Die beiden Flak richten den Angreifer an!« Die beiden 8,8-cm-Geschütze
eröffneten das Feuer. Nach drei Salven lagen alle drei Panzer brennend am Fuß
der Höhe fest. Rauch stieg empor, Flammen waberten, Männer rannten um ihr
Leben, als auch noch die Panzer-MG in das Feuer einfielen. Doch dann brach
die Hölle auch über diese kleine deutsche Kampfgruppe herein. Der Gegner
lenkte sein Schiffsgeschützfeuer auf die Höhe, von der aus ihm Tod und
Verderben entgegengepeitscht waren. Die ersten Ladungen schlugen bereits
mitten auf der Höhe ein. Ein Tankwagen flog unten beim Gegner noch in die
Luft, dann ein weiterer. Doch dann war die Höhenstellung in ein Meer aus
Stahl und Flammen getaucht. Einschläge wirbelten Sträucher und Bäume und
Hecken durch die Luft. Brüllend barst Stahl auseinander, klirrte gegen die
Panzerungen der »Panther« und gegen die Schutzschilde der »Achtacht«.
»Schiffsgeschützfeuer, Herr General«, rief Hauptmann Hartdegen, als er sah,
wie weiter vorn die gewaltigen Kaliber der schweren Schiffsartillerie
einhieben, Tonnen von Erde und Fels hochrissen und über das Gelände
verteilten. »Rückzug zu den eigenen Stellungen!« befahl Bayerlein. Verfolgt
vom Dröhnen und Pauken der Einschläge und dem kreischenden Heulen der
durch die Luft sirrenden Granatsplitter, die nun auf diesen Flecken nördlich
von Tilly niederhagelten, rollten die Panzer rückwärts zum Hinterhang, drehten
hier und jagten, schneller und schneller werdend, zurück. Die beiden
»Achtacht« folgten. Als sie die Höhe verlassen hatten, verdichtete sich dort
der Orkan der Einschläge noch mehr.

Meter um Meter wurde die Erde umgepflügt. Doch nun waren die Panzer
bereits wieder in den Deckungen bei Tilly verschwunden. Das bereitgestellte
feindliche Panzerregiment, das die Stellungen der PLD bei Tilly am anderen
Morgen angreifen sollte, musste aus der Front herausgezogen werden; es hatte
zu hohe Verluste erlitten. Am Nachmittag des 10.6. entdeckte der Spähtrupp der
9. PGR 901 westlich von Tilly in einem Birkenwäldchen den
Bereitstellungsraum eines schottischen Bataillons. Hauptmann Hennecke ließ
seine schweren Infanteriegeschütze unter Zusammenfassung der gesamten
Feuerkraft schlagartig auf dieses Wäldchen feuern. Die Schotten zogen sich
fluchtartig zurück. Die Nacht verlief bis auf das andauernde
Schiffsgeschützfeuer ruhig. Am frühen Morgen des 11.6. ließ Generalleutnant
Bayerlein seine Kommandeure nach Sermentot in den Gefechtsstand rufen.
»Kameraden! Die im Rücken des Gegners bei Douvres sich immer noch
haltende eigene Funkmessstation meldet bei Anguerny die Versammlung von
bisher 200 Panzern des Gegners mit nach Süden aufgestellter Transportstaffel.
Anhaltende weitere Bewegungen wurden ebenfalls erkannt. Es wurden in einer
Stunde über 80 Panzer gezählt.« »Das heißt, dass der feindliche Großangriff
heute noch erfolgen wird, Herr General«, ließ sich Hauptmann Oventrop
vernehmen, der die Panzerjäger führte. »Genau das!« bestätigte der General.
»Uthe, Sie halten mit Ihrem Bataillon bei Fontenay. Philipps, Sie bleiben mit
der 5. Kompanie und Teilen des II./PGR 901 in der vordersten Linie hart
nördlich von Tilly liegen.

Die Panzerreserve wird südlich davon bereitgestellt, damit sie für alle
Einbruchsstellen, die es möglicherweise geben wird, gleich schnell gerufen
werden können. Ihre Panzerjäger, Oventrop, und Ihre 9. Kompanie mit den
Selbstfahrlafetten, Hennecke, kommen hinzu. Born-Fallois, Sie halten mit der
Aufklärungs-Lehrabteilung La Belle- Epine. – Das ist alles!« Eine Stunde
später rollte der feindliche Großangriff auf Tilly. Der Hauptstoß dieses
morgendlichen Angriffs des 11. Juni 1944 richtete sich gegen die
Panzergrenadiere von Hauptmann Philipps. Ein Trommelfeuer setzte ein, das
die vorhergehenden in den Schatten stellte. Dann sprangen die Männer der 49.
Und 50. britischen ID aus ihren Löchern auf und stürmten vorwärts.
Dazwischen röhrten Jagdbomber über das Gefechtsfeld und stürzten sich auf
die schießenden MG-Gruppen. Die leichte Flak-Abteilung 311 der PLD
eröffnete aus Tilly das Feuer auf die Jabos. Einer der Jagdbomber wurde von
einer »Achtacht« (8,8-cm-Flak) voll getroffen. Er platzte im Getöse seiner
ebenfalls detonierenden Raketenbombe auseinander. Die anderen aber stießen
noch tiefer herunter. In vierzig Meter Höhe rasten sie über die
Kraterlandschaft, und aus ihren Bordwaffen spritzten Flammen und Geschosse
in schneller Folge. Dann fielen Raketenbomben. Der Stand eines VB wurde
durch Volltreffer vernichtet. Eine Pak erhielt ebenfalls Volltreffer.
Pioniergruppen und Grenadiere wurden getroffen und gingen im Höllenorkan
der Raketenbomben-Einschläge unter. Einer der Maschinen wurde Sekunden
vor dem Wurf durch einen 2-cm-Feuerstoß der leichten Flak die rechte
Tragfläche abgesägt.

Sie stellte sich auf den Kopf, raste der Erde entgegen, um in einer wuchtigen
Detonation auseinanderzuplatzen. Der Gegner griff durch den Vire-Grund an.
Die Panzergrenadiere schossen aus ihren MG 42. Dazwischen hämmerten die
Abschüsse der schweren Infanteriegeschütze auf Selbstfahrlafette. Aber der
Gegner schien nicht mehr aufzuhalten zu sein. Er drang weiter und weiter vor.
Das Ende von Tilly und damit auch das der PLD war offenbar gekommen.
Doch da eröffnete die 7. Werferbrigade unter Oberst Tzschökell das Feuer. Die
24 Raketengeschosse des Kalibers 30 Zentimeter aus den vier Werfern heulten,
lange Feuerschweife hinter sich herziehend, über die Panzergrenadiere
hinweg. Sie schlugen beinahe gleichzeitig in die zweite, tiefgestaffelte Welle
der Angreifer hinein und rissen eine schaurige Lücke in die Sturmgruppen.
Alles, was im Detonationsbereich dieser schweren Werfergeschosse lag,
wurde niedergeworfen. Der Gegner blieb liegen, und als die zweite Salve
herüberheulte, wich er weiter zurück. Doch nun kamen die Panzer! Es waren
schnelle, neue ›Cromwell‹-Panzer. »Los, zum Schloß! Meldung an Hauptmann
Philipps!« rief
Oberfeldwebel Brombach einem seiner Melder zu. Der Mann verschwand.
Nachdem Hauptmann Philipps diese Meldung erhalten hatte, war er auch schon
auf dem Weg zum Bereitstellungsraum der Panzerjäger. »Hör zu, Oventrop, du
musst mit ein paar Panzerjägern herüberkommen, sonst überkarren die
Feindpanzer meine Panzergrenadiere.«
»Geht klar, Karl«, entgegnete Oventrop und befahl sechs Panzerjägern V, durch
den Bachgrund zu fahren und bis in die Hinterhangstellung vorzurollen. »Ihr
eröffnet das Feuer, sobald ihr sicher seid, mit jedem Schuss einen ›Cromwell‹
zu erledigen!« schärfte er seinen Männern ein. Als die sechs Panzerjäger die
zugewiesene Stellung erreichten, hatten die angreifenden Feindpanzer bereits
zwei Drittel des Weges hinter sich gebracht und eröffneten das Feuer auf die
deutschen MG-Bedienungen. In dichter Formation rollten die ›Cromwells‹
nach vorn, einzelne blieben zum Schießhalt stehen. Granaten heulten den
Verteidigern entgegen. »Feuer frei!« befahl Oventrop, der mit nach vorn
gefahren war. Aus sechs Siebenfünf-Kanonen (lang) jagten dem Panzerbreitkeil
Granaten entgegen. Der vorderste ›Cromwell‹, der eben aus einem
Einschlagtrichter auftauchte, erhielt einen Treffer und blieb sofort liegen. Seine
Bereitschaftsmunition detonierte. Zwei weitere Feindpanzer wurden
lahmgeschossen. Die übrigen kamen jedoch weiter. Hinter diesen Panzern
tauchte die englische Infanterie auf; in breiter Front, tiefgestaffelt. Tackend
setzte MG-Feuer ein. Der von Norden wehende Wind trieb den Männern den
Gestank siedenden Öls und von Kordit entgegen. Bis auf vierzig Meter waren
die Spitzenpanzer an die Stellungen der Panzergrenadiere herangekommen. Sie
erhielten nach wie vor Feuer der schweren Infanteriegeschütze, aber zwei
davon waren bereits ausgefallen. Nun fauchten aus den Deckungen die
Abschüsse von Panzerfäusten. Treffer blafften, Panzer blieben stehen,
brannten, detonierende Munition flirrte umher.

Hauptmann Oventrop stand vorn in einem Trichter und leitete über Funk das
Feuer seiner Panzerjäger. Aus den Langrohrkanonen zuckten Abschüsse;
Granaten hämmerten in Panzerstahl, fraßen sich hindurch, ließen die
anrollenden Gegner aufbrennen. Dann gab Oventrop den Angriffsbefehl für die
bereitgestellte Sturmgruppe, und die Panzerjäger der 3. Kompanie unter
Leutnant Schönrath rollten los. Als zweiter Jäger fuhr der von Oberfeldwebel
Erich Stolz, mit dem Richtschützen Eduard Job. Es war jener Eduard Job, der
mit der Panzerjägerabteilung 13 der 13. PD unter Hauptmann Barth bis zum
Kaukasus vorgerollt war. Drei schwere Verwundungen hatte er überstanden,
und hier fuhr er nun wieder gegen den Feind. Er zeichnete sich hier abermals
aus. Sein erster Schuss ließ einen ›Cromwell‹-Panzer in Flammen aufgehen,
der gerade wieder auf ein MG-Nest schießen wollte. Dann sah »Ede«, wie Job
von seinen Kameraden genannt wurde, den zweiten ›Cromwell‹ im Visier
seines Zielgerätes. Er feuerte, die Granate fraß sich in die Bugpanzerung des
Gegners und tötete die gesamte Besatzung. »Halbrechts, Ömmes!« wurde der
Fahrer Krenstedt angerufen. Er ließ den Panzerjäger herumrucken. Wieder
reagierte Job auf den ins Visier ruckenden Panzer. Wieder der Abschuss, und
der dritte ›Cromwell‹ blieb vernichtet liegen. Funker und Ladeschütze Heller
arbeiteten mit schweißüber57 strömten Gesichtern. Job visierte den vierten
Gegner an. Die sechs Panzerjäger unter Leutnant Schönrath rollten durch. Der
Gegner floh. Die Feindpanzer, die noch fahrbereit waren, folgten.

Einer wurde noch von einer Granate getroffen. Er blieb qualmend liegen. Der
Feindangriff war abgeschlagen. Die Panzergrenadiere atmeten auf. Sie
sammelten ihre Verwundeten und schafften sie zurück. Die 7. Kompanie des
PGR 901 hatte noch 43 Mann, alle übrigen waren verwundet oder tot.
Stabsarzt Dr. Selzer, der Bataillonsarzt, arbeitete pausenlos. Alle Verwundeten
im Kampfraum Tilly landeten zuerst bei ihm. Weiter rückwärts kämpfte auch
der Divisionsarzt, Oberstabsarzt Dr. Wolfgang Schmidt, einen erbitterten
Kampf gegen den Tod. Mit ihm versuchten Stabsarzt Dr. Wilhelm
Heinemann und Stabsarzt Dr. Hans-Joachim Schulz-Merkel verwundete
Kameraden zu retten. (Doktor Schulz-Merkel hatte während seines Einsatzes
mit der 4. Panzerdivision in Russland als einziger Arzt des Heeres das
Ritterkreuz erhalten.) Als der Gegner gerade zum dritten Mal das Schloss
angriff, in welchem Hauptmann Philipps den Bataillonsgefechtsstand
eingerichtet hatte, gelang es Leutnant Stöhr, Zugführer in der 8. PR 130, mit
seinen vier Panzern gerade noch rechtzeitig, zum Schlossparkrand zu rollen.
Hier blieben sie stehen und kämpften die vorrollenden Panzer der 7. Britischen
Panzerdivision – der »Wüstenratten« aus Nordafrika – nieder. Lediglich
westlich von Tilly gelang es einer Brigade der 50. ID der Engländer,
unterstützt von Panzern der 7. brit. PD, durchzustoßen und Berrieres zu
erobern. Schon rollten die Panzerspähwagen des Gegners aus dem großen
Wald nördlich der Straße auf die Landstraße hinaus und schoben sich durch
Wiesen und Apfelgärten weiter auf Lingevres zu.

Wenn sie diese Ortschaften erreichten, dann war das I./PGR 902 eingekesselt.
Nun fuhren die 6. und 7./PR 130 vor. Leutnant Richard Ernst, Zugführer in der
6. Kompanie, erlebte diesen Gegenstoß als Kommandant des Panzers
»Zitrone« mit. Er erlebte das Grauen der Schlacht um Tilly und berichtete
darüber: »Es war Sitzbereitschaft befohlen worden. Dann wurden wir
alarmiert, und der Alarmruf ließ uns vorrollen. Aus den unübersichtlichen
Hecken mit den uralten Dornbüschen, den kleinen, engen Wiesenstücken mit
den breitkronigen Apfelbäumen darüber, ragte nur der massive, aus rohen
Feldsteinen gefügte Kirchturm von Lingevres hervor. Ein Fernlenkpanzer des
Gegners stand unter einer Linde in der Dorfmitte. Britische Panzertruppen
waren bis an das große Waldstück nördlich der Ortschaft vorgestoßen, und
einer ihrer Aufklärungspanzer fühlte fast bis zu der großen, den Ort
durchquerenden Landstraße vor, ohne dass wir ihn im Dschungel der Gärten,
Wiesen und Apfelbäume hätten erwischen können. In diesem Augenblick
erreichten wir Lingevres. Sofort wurden wir zum Gegenstoß angesetzt. Mit
ohrenbetäubendem Lärm ihrer Motoren und Raupenketten wälzten sich unsere
Stahlkolosse durch die engen Gassen des Städtchens, kurvten quietschend vor
der Kirche auf die breitere Landstraße ein und verließen sie wieder dort, wo
der abgeschossene Fernlenkpanzer stand. Auf einem Feldweg fuhren wir dem
300 Meter entfernt liegenden Waldstück entgegen. Gefechtsbereitschaft! befahl
Hauptmann Ritgen. Luken dicht! kam sofort der nächste Befehl.

Nun war von den Hecken und Gräben, den Wiesen und dem Waldrand durch
das handbreite, schusssichere Kinonglas der Gefechtsluken im Kommandoturm
nur noch ein schmaler Ausschnitt zu sehen. Alle Geräusche von Motoren und
Ketten waren angenehm abgedämpft, und im Innern des Kampfraumes herrschte
eine erwartungsvolle, spannungsgeladene Stille. ›Beide Waffen geladen und
gesichert!‹ meldete sich der Ladeschütze über Bordfunk. Er meinte damit das
MG und das lange 7,5-cm Hochrasanzgeschütz, das den Bug drohend
überragte. Vor uns fuhren drei Wagen. Alle in Kiellinie. Sie waren auf einen
dieser Feldwege angewiesen, von dem aus sie am Südrand des Waldes auf
einen Seitenweg nach links – also nach Westen – abbogen. Es stellte sich bald
heraus, dass dieses Waldstück, außer einigen riesigen Laubbäumen,
hauptsächlich aus einem Gewirr mannshoher Hecken und Büsche, verwilderten
Apfelbäumen und immer wieder sichtbar werdenden kleinen Wiesenstücken
bestand. Plötzlich bog der Spitzenpanzer scharf nach rechts in ein
freiwerdendes größeres Wiesenstück dieses Wäldchens ab. Der zweite Wagen
folgte sofort. Dann der dritte. Doch er war noch nicht halb herumgeschwenkt,
als ich im gleichen Augenblick durch den Kopfhörer erregte Meldungen und
Befehle mehrerer Kommandanten gleichzeitig vernahm: ›Achtung
Feindpanzer!‹ klang es und: ›Feindpanzer – Richtung elf Uhr – Feuer!‹
Mehrere Abschüsse unserer Panzerkanonen dröhnten durch die doppelte
Abdichtung von Panzerwand und Kopfhörer. ›Rechts einschlagen!‹ befahl ich.
Als wir mit harter Drehung ebenfalls in das Waldstück einbogen, sah ich
unmittelbar vor mir unsere drei Panzer rollen oder stehen. Fünfzig Meter
weiter vorn stand ein qualmender, abgeschossener Churchill-Panzer. Hinter
ihm wurden die Umrisse weiterer Gegner sichtbar, die sich hinter der
aufsteigenden Rauchwolke eines Nebeltopfes zurückzogen. Sie verschwanden
hinter einer dichten Hecke. Im gleichen Augenblick sah ich, dass sich auch
rechts von uns hinter der Hecke ungefüge Panzerumrisse bewegten, die nach
einigen Metern deutlich als englische Panzer auszumachen waren. Und fast
gleichzeitig damit erkannte ich im Gebüsch links neben mir scharfe, kantige
Linien. Im selben Augenblick feuerte der rechts von mir stehende ›Cromwell‹.
›Feuer!‹ befahl ich dem Richtschützen. Unsere Granate rasierte haarscharf
über den Turm des Cromwell-Panzers hinweg. Der Gegner rollte hinter die
Hecke zurück. Unmittelbar darauf erhielt ich auch Feuer von links. ›Links
einschlagen!‹ Ruckend und tuckernd rumpelte der ›Panther‹ herum. Die
Umrisse des Feindpanzers wuchsen ins Visier. Mit mächtigem Rückstoß, der
den ›Panther‹ wippen ließ, sauste das Geschoss aus dem Rohr ins Gebüsch.
Eine Trefferdetonation erklang. Rauch quoll in die Höhe. Doch nichts rührte
sich dort. Offensichtlich hatte der Gegner – ebenso überrascht wie wir –
seinen Panzer nach seinem ersten Schuss fluchtartig verlassen und war so der
Vernichtung entgangen. Die ›Cromwells‹ zogen sich zurück.

Das Feuer der deutschen Panzerkanonen folgte ihnen. Der britische Durchbruch
war vorerst gescheitert. In den nächsten zwei Tagen ging der Kampf um dieses
Wäldchen weiter. Kurze, erbitterte Zusammenstöße forderten auf beiden Seiten
Opfer. Und immer wieder hämmerte die Schiffsartillerie, beschoss Artillerie
und bombten Flieger Tilly und die Umgebung. Auch auf Lingevres heulten
Granaten und Bomben herunter. ›Panther‹ und ›Tiger‹ beschlichen ihre Gegner
im unübersichtlichen Dickicht bis auf nächste Schussentfernung. Und mit der
damit verbundenen unfehlbaren Treffsicherheit wurden Freund oder Feind
abgeschossen. Es kam nur allein darauf an, wer eher den Finger am
Abfeuerknopf hatte. Dann ging das heißumkämpfte Waldstück verloren. Die
zahlenmäßige Überlegenheit des Gegners erwies sich als durchschlagender.
Die vorderste Linie - dort, wo sich die Panzergrenadiere des Regiments 902
eingegraben hatten – klammerte sich an den Feldweg, der zur Kirche führte.
Wir spürten, dass der Feind bald zum entscheidenden Schlag ausholen würde.
Dann kam dieser Tag. Wir lagen mit einem anderen Panzer zusammen in
Ruhestellung an der Landstraße, die durch das Dorf Lingevres führte. Gerade
hatten wir ein gewaltiges Bauernfrühstück für uns fünf Mann der
Panzerbesatzung auf dem Feuer brutzeln, als ein fürchterlicher Feuerüberfall
der feindlichen Artillerie im zusammengefaßten Feuer aller Schiffsgeschütze
auf Lingevres niederging. Unmittelbar darauf erklangen im Kopfhörer unserer
beiden eingeschalteten Funkgeräte dringende Hilferufe:

›Kirsche an Zitrone: sind von feindlicher Infanterie eingeschlossen und selber


bewegungslos. Zitrone, sofort kommen! – Zitrone, sofort kommen!‹ Wir waren
damit gemeint! Das Frühstück flog in die Kochgeschirre. Unsere Decken,
Brotbeutel, Waschzeug in den Panzer, und wir selbst hinterher. Motoren
anlassen und sich im Vorfahren gefechtsbereit machen. Wie oft hatten wir das
in den vergangenen zwei Tagen hier in Lingevres exerziert. Am Fernlenkpanzer
kurvten wir in den Feldweg ein und brauchten an seinen Hecken nicht sehr weit
vorzufahren. Dicht vor uns stand unser Sicherungspanzer – bewegungslos. Am
Heckenrand waren die Tellerstahlhelme und die dunklen Gestalten der Tommys
sichtbar. Wir setzten einige MG-Garben zwischen sie, bekamen aber vom
Waldrand her selber Feuer mit panzerbrechenden Waffen. Nun war der
kritische Augenblick gekommen, wo wir die Gefechtsluken öffnen und im
direkten Beschuss aussteigen mussten, um den havarierten Panzer vor uns
abzuschleppen, während unser zweiter Panzer den Feuerschutz übernahm. Ich
sah jedoch, wie er einen Volltreffer bekam, ohne allerdings sein eigenes Feuer
deshalb einzustellen. Dann spannten wir mit Hilfe der Männer des Panzers vor
uns die Stahltrosse aus. Im gleichen Augenblick tauchte vor mir ein Schütze
auf, dem eine Granate beide Arme weggerissen hatte und der in dem
ohrenbetäubenden Gefechtslärm Unverständliches stöhnte. Wir hoben ihn auf
unseren Panzer, um ihn in Sicherheit zu bringen. Nun unternahmen wir den
ersten Abschleppversuch. Langsam, vorsichtig, zogen die Kolosse an.
Schrittweise ging es einige Meter, da riss das Seil auch schon.

Der Panzerbeschuss vom Waldstück her wurde immer heftiger, äußerste Eile
war geboten. Dies sind solche Augenblicke, in denen im Kriege gegen jede
Erfolgswahrscheinlichkeit gehandelt werden muss. Ein junger Funker half mir,
während Einschlag auf Einschlag mit ohrenbetäubendem Bersten gegen den
Heckenwall neben uns krachte. Mir war es rätselhaft, dass der Gegner nicht
höher richtete, aber wahrscheinlich spielte sich alles in Sekundenschnelle ab.
Eine Stimme in mir sagte: ›Es geschieht nichts!‹ Und ich war mit einem Male
völlig ruhig und kaltblütig, als ich diesen Panzertreck durch die jetzt nutzlosen
Hindernisse vor dem Dorf zu Fuß einwies. In solchen Sekunden befällt uns
eine merkwürdige innere Stille. In diesem Augenblick interessierte mich nur
das mit mehr Glück als Verstand auszuführende Durchschleusen der schief
ziehenden Panzer; um Millimeterbreite gelang es, und nach wenigen weiteren
Metern waren wir in Sicherheit. Mit Mühe wurde in den nächsten Tagen die
HKL gehalten. Immer noch war Lingevres in unserer Hand. Schöner und
schöner zog der Juni herauf, die grüne Fülle der Hecken und Wiesen leuchtete
in saftigen, satten Farben. Der feuchte Duft der dunklen Erde und der Tau der
Wiesen eines kleinen Gärtchens erfrischten uns, als unsere Schützen an einem
Abend durch die dichte Hecke feindliche Panzerabwehr-Geschütze ausgemacht
hatten. Wir wechselten mit diesen einige Schüsse, traten dann aber zu einem
Gegenstoß westlich Lingevres an.

Unser Kompaniechef fuhr vor mir, verfolgt von einigen Pak-Geschossen, über
eine Wiese, und ich folgte in schneller Fahrt. Der Richtschütze verstand mein
Kommando, den Turm gerade zu drehen, nicht richtig, und mit Entsetzen
bemerkte ich, wie ein Apfelbaum sich mit rasender Geschwindigkeit dem
Winkel zwischen Panzer und überlangem Geschützrohr näherte. Auch der
Fahrer – irritiert durch die links und rechts von uns einhauenden Pak-
Geschosse – war nicht zu einer Kursänderung zu bringen. Und so geschah das
Unvermeidliche, dass der 5 Tonnen schwere Gefechtsturm mit furchtbarem
Ruck durch Apfelbaum und Geschützrohr nach hinten gedreht wurde. Im
gleichen Augenblick, als ich also gezwungenermaßen zum Feind spähte, schlug
mit donnerndem Einschlag eine Phosphorgranate in die Flanke unseres
Panzers, und eine meterhohe, schmale Flamme stieg unmittelbar neben mir steil
empor. Was nun geschah, weiß ich nicht, ich war durch den Einschlag
unmittelbar neben mir wie gelähmt. Ich fühlte mich völlig kraftlos und von dem
schier unwiderstehlichen Gluthauch der riesigen Flamme umgeben. Kameraden
berichteten mir später, ich wäre im Augenblick des Einschlages sofort
abgesprungen. Zwei weitere Panzer von uns ereilte das gleiche Schicksal. Wir
versuchten, die brennenden Kameraden zu retten, es gelang, einige aus ihrer
qualvollen Lage zu befreien. Aber es war ein fast aussichtsloses Unterfangen,
ihnen schnell genug die brennenden Uniformen vom Leibe zu reißen oder das
Feuer mit Decken zu ersticken.

Inmitten dieser Bemühungen und des wilden Tohuwabohus betrat völlig ruhig,
aber vollkommen nackt, ein Mensch die Szene dieses Schreckensbildes, der
auf unsere entsetzten Fragen nur antwortete: »Ich bin doch der Schmielewski! –
Ich bin doch der Schmielewski!« Wir hatten keine Zeit. Inmitten des nun
einsetzenden Artilleriefeuers packten wir ihn mit den anderen Verwundeten
auf den letzten, einsatzbereiten Panzer, der im Kampfraum und auf dem Heck
mit Panzermännern überfüllt war und rauschten mit voller Pulle zurück. Diese
letzte Fahrt von Lingevres wird mir unvergesslich bleiben. Auf dem Heck
lagen und hockten die Verwundeten, die meisten mit schweren Brandwunden.
Sie schrien auf, als die Auspuffrohre des mit höchster Geschwindigkeit
rollenden Panzers zu glühen begannen. Sie mussten sich anklammern, wenn der
Fahrer in scharfen Rucken zackte, um den überall um den Panzer herum
einhämmernden Artilleriegranaten zu entgehen. Unmittelbar neben mir lag
Schmielewski mit weit offenen Augen. Ohne einen Ton von sich zu geben und
offenbar im letzten Stadium, schwer verbrannt. Meine linke Hand hatte durch
die große Stichflamme in meinem Panzer Brandwunden davongetragen. Jetzt
erst empfand ich den vollen Schmerz. Ich zählte die Minuten, bis wir endlich
den Verbandsplatz erreichten und erste Hilfe erhielten. Dann wurden wir zum
Hauptverbandsplatz zurückgeschafft, einem schönen Herrensitz. Eine große,
gotische Halle empfing uns, notdürftig durch einige Kerzen erhellt. Im
flackernden Licht mit seinen huschenden Schatten erkannte ich ein fast
lebensgroßes Porträt einer Dame aus der Renaissancezeit.

Während draußen das Grollen der nächtlichen Schlacht noch drohend rollte,
herrschte hier eine fast feierliche Stille. Die meisten Verwundeten waren nun
mit schmerzstillenden Spritzen versorgt; auch meiner bemächtigte sich eine
lösende Entspannung. Die Ärzte und Sanitäter sprachen nur im Flüsterton, und
so konnte ich nur hören, wie ein Arzt neben mir wisperte: ›Ich kann nicht
spritzen, die Haut ist völlig ausgedünstet!‹ Dort lag unser Kamerad
Schmielewski, bewegungslos und schweigend. Der Soldatentod erlöste ihn
noch in derselben Nacht. Durch ihn, diesen Kameraden, den ich kaum gekannt
hatte, wurden mir endgültig die Augen darüber geöffnet, was der Krieg ist und
was er aus Menschen machen kann. So endeten für uns die ersten Tage der
Normandieschlacht. Die Landung des Feindes war nicht verhindert worden,
aber die deutsche Abwehr zwang den Gegner, eine der größten Schlachten des
vergangenen Krieges zu schlagen. In Angriff und Verteidigung wurde
Übermenschliches gefordert und – dem Zwange der Stunde und des
Selbsterhaltungstriebes folgend - auch gegeben. Das Gedenken an die Kämpfer
– auf welcher Seite sie auch immer gestanden haben mögen - an Opfer und
Verluste, wird in der Erinnerung der Beteiligten fortleben, bis auch der letzte
von ihnen gegangen ist.« Soweit der direkte Bericht des Leutnants Richard
Ernst, Zugführer in dem 6./Panzer-Lehrregiment 130. Was aber war weiter
geschehen? Was war am 12. Juni 1944 im Gefechtsstand von Generalleutnant
Bayerlein passiert?

Während die 49. und 50. britische ID unablässig gegen Tilly und Lingevres
anrannte und »Fliegende Festungen« das Angriffsgelände und die deutschen
Stellungen immer wieder bombten und Krater neben Krater setzten, von denen
diejenigen der 38-cm-Schiffsgeschütze haustief waren, machte die Divisions-
Begleitkompanie der PLD unter Oberleutnant Ernst Erich Thies (die den
Flankenstützpunkt St. Germaind’Ectot hielt) einige Gefangene, die zur
»Springmaus-Division« (der 7. englischen Panzerdivision) gehörten.
Generalleutnant Bayerlein kannte diese Division aus Afrika gut genug. In einem
Kübelwagen fuhr er zur Begleitkompanie und holte diese drei Gefangenen
persönlich ab, um sie im Divisionsgefechtsstand zu befragen. Einer dieser
Gefangenen packte aus. Es war übrigens der Chef-Totengräber des Londoner
Friedhofs Kensal-Green. Er berichtete: »Unsere Division hat einen
Sonderauftrag erhalten. Sie soll sich entlang Ihrer linken Flanke ins Land
hineinschieben und durch die Lücke zwischen dem britischen und dem
amerikanischen Landebereich entlang durchbrechen und Ihre Division
einkesseln und von rückwärts angreifen, während die Infanteriedivisionen
frontal stürmen.« »Wenn das stimmt!« ließ sich wenig später Major Werncke,
der 1b der PLD vernehmen, »dann ist unsere Lage verteufelt ernst. Wenn die
,Wüstenratten’ in unseren Rücken gelangen, ist es ihnen möglich, unsere Front
zum Einsturz zu bringen.« Am nächsten Morgen bewahrheitete sich diese
Aussage des Totengräbers.

Die 7. brit. PD war mit einer starken Kampfgruppe an der linken Flanke der
PLD vorbei bis auf Villers Bocage vorgestoßen. Nur ein Zufall und das
entschlossene Zupacken eines einzelnen Panzerkommandanten verhinderten ein
Desaster. Und das kam so: Mit der SS-PD »Hitlerjugend« war am frühen
Morgen des 6.6.1944 auch die schwere SS-Panzerabteilung 501 als
»Korpsfeuerwehr« in Marsch gesetzt worden. Sie gehörte an und für sich zur
12. SS-PD »Hitlerjugend«, wurde aber in den ersten Tagen als »Feuerwehr«
des I. SS-Panzerkorps eingesetzt. Nach den vielen Pannen und Verzögerungen
der ersten Tage der Invasion lagen die drei Panzerdivisionen der
Eingreifreserve des OKW von Westen nach Osten in folgender Aufstellung:
Die Panzer-Lehrdivision: von St. Germain d’Ectot über Verriers bis ostwärts
Tilly. Die 12. SS-PD »Hitlerjugend«: von Christot bis einschließlich Caen.
Die 21. Panzerdivision: vom Ostrande Caen bis nach Lisieux. Am 12. Juni
1944 erreichte auch die schwere Tiger Abteilung 501 der Waffen-SS (es gab
auch eine gleiche Abteilung des Heeres) den Kampfraum. Die Kompanie unter
dem Befehl von SS Obersturmführer Michael Wittmann gehörte dazu. Wittmann
hatte am 13. Januar 1944 das Ritterkreuz erhalten und war ganze 17 Tage
später als 380. deutscher Soldat mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz
ausgezeichnet worden. Am 13. Januar 1944 hatte Wittmann nach 112
Panzerabschüssen diese Auszeichnung erhalten und war wegen Tapferkeit vor
dem Feind zum Obersturmführer (Oberleutnant) befördert worden. Nun führte
er die 2. Kompanie der schweren Tiger-Abteilung.

Die 1. Kompanie wurde von Hauptsturmführer Möbius befehligt.Von Beauvais


über Paris zur Invasionsfront waren Wittmanns Tiger vom 7. bis zum 12.6.
unterwegs gewesen. Am Morgen des 8.6. war Wittmanns Kompanie bei
Versailles von alliierten Jagdbombern angegriffen worden. Mehrere »Tiger«
fielen aus und mussten vom Instandsetzungstrupp abgeschleppt und repariert
werden. Untersturmführer Stamm, einer der Zugführer, meinte dazu: »Wenn wir
so weitermachen, sind wir erledigt, noch bevor wir die Front gesehen haben,
Michel!« »Wir sollten nur noch bei Nacht marschieren, Obersturmführer«,
warf Oberscharführer (Feldwebel) Ernst Krieg ein. Wittmann beschloss, dies
zu tun, und so schoben sich die schweren Tiger-Kompanien dieser Abteilung in
den Nächten näher ans Ziel und blieben tagsüber in Gärten und Waldstücken
gedeckt stehen. Am frühen Morgen des 13.6.1944 erreichten sie den Raum
Villers Bocage. Hier sollte ein letztes Mal Rast eingelegt werden. Nachdem
dann im Laufe des Tages die Schäden an den Panzern repariert waren und alles
aufgetankt war, sollte der Angriff der schweren Panzer beginnen. Doch es kam
ganz anders. »Stamm, Schäden beheben!« sagte Wittmann dem
Untersturmführer (Leutnant) am frühen Morgen des 13.6. Es war eben hell
geworden, und binnen kurzem würde die Sonne aufgehen. »Spätestens gegen
Mittag wird alles klar sein, Obersturmführer.« »Ausgezeichnet, Stamm! Ich
fahre jetzt mit allen fünf klaren Wagen Aufklärung und melde mich über Funk
alle Stunde, damit du weißt, wo ich stecke.«
Wenig später fuhr Wittmann mit seinem Panzer los. Die vier übrigen folgten.
Nach 119 Panzerabschüssen im Osten rollte er nunmehr im Westen einem
Einsatz entgegen, von dem er nicht wusste, wie er enden würde. An Bord
waren neben dem Ladeschützen Sepp Preintl auch Balthasar Woll, der als
bester Richtschütze des Panzerregiments 1 der »Leibstandarte« im Januar 1944
das Ritterkreuz erhalten hatte. Langsam rollte der »Tiger« vor. An einem
schmalen Waldstück blieben sie stehen. Wittmann holte die Karte hervor und
sah nach, ob die beiden Wege, die sich hier kreuzten, eingezeichnet waren.
»Hör zu, Berger«, rief er dem Fahrer zu. »Wir rollen hier durch das Wäldchen
hindurch und fahren den Hügel hart nördlich Villers Bocage hinauf. Von dort
aus haben wir einen prächtigen Überblick über das Gesamtgelände, in dem
unsere Panzer stehen müssen.« »Balleroy ist schon vom Gegner besetzt«, warf
Oberscharführer Woll ein. »Vielleicht sehen wir die ersten Tommys.« »Da
kommt keiner durch. Dort steht die Panzer-Lehrdivision«, entgegnete
Hauptscharführer (Oberfeldwebel) Berger, der vom Stab zu ihnen gestoßen
war. »Stimmt, Berger!« gab Wittmann zu, »aber was wir selber sehen, ist
wichtiger als das, was sein müsste. Also los!« Sie fuhren weiter, und während
sie auf das Wäldchen zurollten, nahm der Funker des Panzers Verbindung zum
Abteilungsstab auf. Die vier »Tiger«, die Wittmanns Chefpanzer bis hierher
gefolgt waren, blieben zurück, um zu sichern. Durch sein Scherenfernrohr
suchte Wittmann während der langsamen Weiterfahrt nach Nordwesten das
Gelände voraus ab.

Sie passierten den Wald, rollten an einer Weißdornhecke entlang und


erreichten einen Feldweg, der nach Villers Bocage führte. In diesen bogen sie
ein. Als sie versuchten, eine der quer zum Weg verlaufenden Hecken einfach zu
überrollen, blieben sie hängen. Berger fluchte, und Wittmann dirigierte ihn
rückwärts wieder heraus. Dann erreichten sie den Fuß des Hügels, welcher
der Höhe 213 nach Südosten vorgelagert ist. Langsam zog der »Tiger« den
Hügel empor. Büsche wurden in den Grund gewalzt. Noch zehn Meter bis zur
Kuppe, von der aus sie eine gute Sicht auf die Straße von Alleroy nach Süden
auf Caumont und von dort nach Osten auf Villers Bocage haben mussten.
Michael Wittmann erwartete nichts Außergewöhnliches, möglicherweise einen
feindlichen Spähtrupp, dem es gelungen war, an der Flanke der Panzer-
Lehrdivision vorbei diesen Raum zu gewinnen, um die Truppenstärke der
Deutschen zu erkunden. »Haaalt!« befahl er, als sie oben waren und sich im
Morgenlicht die Ebene schräg unter ihm ausbreitete. Noch stand der Panzer zur
guten Hälfte am Hinterhang. Büsche deckten auch seinen Aufbau mit Turm und
Kanone. Der Motor verstummte. Wittmann suchte den Horizont ab. Im Norden,
nahe Sermentot, erkannte er Bewegungen. Dort lag der Stab der Panzer-
Lehrdivision. Dann zuckte er unwillkürlich zusammen und stieß einen leisen
Pfiff aus. »Siehst du etwas Besonderes, Michael?« fragte Woll. »Feindpanzer
auf der Straße nach Villers Bocage und auf dem Weg zur Höhe 213. -
Kampfbereitschaft herstellen, Woll!«

Wittmann ließ den Panzer ein paar Meter unter den Hang rückwärts
zurückziehen und dann drehen. Nun rollte der schwere »Tiger« mit der
überlangen Kampfwagenkanone in Richtung des Wäldchens zurück, von dessen
Nordwestspitze aus sie den abdrehenden Verband genau beobachten konnten.
Sie umrundeten den Hügel, erreichten das deckende Wäldchen, fuhren hindurch
und hielten etwa fünfzehn Meter vor dessen Ausgang, wo sie noch dicht genug
gedeckt wurden. Von hier aus beobachtete Wittmann die anrollenden Panzer.
»Ein ganzer Panzerverband, Männer«, berichtete er den Kameraden. »Sie
rollen eben nach Villers Bocage hinein und werden - wenn, sie weiterfahren –
hierherkommen und an der Straße nach Caen eindrehen. Funkspruch an 2.
Kompanie: »Fertigmachen und Richtung Höhe 213 fahren. Weitere Befehle
folgen!« Die Gegenstelle bestätigte, und Ladeschütze Preintl fragte seinen
Kompaniechef, was sie denn machen würden. Wittmann lächelte leicht.
»Angreifen«, entgegnete er dann. »Panzergranaten laden! - Wir lassen sie dicht
herankommen und eröffnen dann Schnellfeuer auf sie. Wenn wir das
Überraschungsmoment ausnützen, werden wir ihnen eine schöne Überraschung
bereiten können.« Das Wetter war an diesem Tage diesig, deshalb waren
wahrscheinlich auch noch keine Jabos in der Luft. Die Feindpanzergruppen und
die Schützenpanzer und Kräder, die Wittmann deutlicher herauskommen sah,
rollten ohne Sicherung vorn und auf den Flanken weiter. Es war der
Spitzenverband der 7. brit.

PD mit der 22. Panzerbrigade sowie Teilen der 1. Schützenbrigade. Zwei


Kompanien des berühmten 8. Husaren und Teile des nicht weniger ruhmreichen
1. Panzerregimentes gehörten, dazu. »Wenn es diesem Panzerpulk gelingt,
hinter den Rücken unserer Divisionen zu kommen und der Gegner gleichzeitig
auch vor der Front angreift, ist die Sache hier gelaufen«, erklärte Wittmann,
dem die Kameraden im Panzer wortlos zuhörten. »Deshalb dürfen wir nicht
warten, bis alle Waffen hier sind, sondern müssen den Gegner so früh wie
möglich angreifen.« Balthasar Woll spähte durch seine Richtoptik. Er sah
Panzer, SPW (Schützenpanzerwagen) und die Selbstfahrlafetten der 5.
britischen Artillerieabteilung, die unverdrossen weiterfuhren. »Sieh dir das an,
Michael! Jetzt macht der Haufen doch glatt auf offener Straße Rast!« rief er
verblüfft aus. Es war ein Teil der Marschkolonne, der ausscherte und am
Straßenrand rastete. Die übrigen Panzer und Fahrzeuge fuhren weiter. Die vorn
rollenden Panzer waren inzwischen bis auf 200 Meter herangekommen. Der im
Leerlauf arbeitende Motor des »Tigers« dröhnte nun auf Vollgas, was der
Gegner bei den vielen eigenen Geräuschen nicht hören konnte. Woll hatte den
ersten Panzer anvisiert, Preintl hielt bereits die zweite Panzergranate in seinen
mächtigen breiten Händen. »MG klar, Köllner?« Der Funker und MG-Schütze
bestätigte. Noch 100 Meter zu dem Spitzenpanzer! »Los!« befahl Wittmann.
Der Panzermotor röhrte auf. Der »Tiger« setzte sich in Bewegung, verließ sein
Waldversteck, erreichte die Straße und blieb stehen.

Mit mächtigem Knall fetzte die erste Panzergranate aus dem über sechs Meter
langen Rohr. Sie schlug dem vorn fahrenden Panzer den Turm herunter. Schon
hatte Preintl die nächste Granate in die Kammer geschoben und den Verschluss
zugeschnickt. Woll hatte den nächsten Gegner angerichtet, wieder der Schlag
des Abschusses und abermals ein Volltreffer, der den Gegnerpanzer
durchschlug und ihn Sekunden in Flammen stehen ließ. Der »Tiger« rollte
langsam weiter. Die Feindkolonne war jäh zum Halten gekommen. Wittmann
gab seine Befehle. Jeder Schuss aus dieser geringen Entfernung war ein
Volltreffer. Mit schnellen Feuerstößen schoss Köllner auf die absitzenden
Schützen und zwang sie in die beiden Straßengräben. Panzer, Lastwagen,
Kräder, Halbkettenfahrzeuge und Schützenpanzer passierte der vorrollende
Panzer, und jedes der anvisierten Fahrzeuge platzte unmittelbar nach dem
Schuss auseinander. Brände loderten. Explosionen gellten. Männer schrien und
warfen sich brennend auf den Boden, um durch Herumrollen die Flammen zu
ersticken. Weit legte sich der Stahlkasten über. Es krachte und knirschte. Einer
der »Cromwell«-Panzer scherte aus der Reihe aus und schoss. Die Granate traf
die Frontpanzerung des »Tiger« und heulte als Querschläger in den Himmel.
Zwei Minuten dauerte dieser erste Feuerschlag, zwei Minuten, die den
Engländern wie zwei Stunden vorgekommen sein mussten. Danach war die
gesamte Panzerkolonne des Gegners außer Gefecht gesetzt. Funker Köllner
schoss mit dem Bord-MG auf angreifende Infanteristen und zwang sie zum
Abdrehen.
Ein Befehlswagen der Engländer, an seinem Stander zu erkennen, versuchte
über das freie Feld auf die Höhe 213 zu entkommen. Die Kanone schwenkte
herum; Woll fasste den Wagen auf. Der Schuss peitschte hinaus, die Granate
schmetterte in das Heck des Wagens. Wieder schwenkte Woll zurück auf die
»Cromwell«-Panzer. Mit der ersten Granate durchbohrte er jenen, der eben auf
sie schießen wollte und nun um eine Sekunde zu spät gekommen war. Auch
dieser Gegner stand jetzt in Flammen. Der »Tiger« ruckte an, rollte weiter,
schoss nun mit Sprenggranaten, wenig später wieder Panzergranaten. Er allein
vernichtete jenen Verband, der hier die Panzer-Lehrdivision umholt hatte und
die Entscheidung bei Tilly erzwingen wollte. Wahrscheinlich hätten die
Männer der 7. britischen PD dies auch geschafft. In diesem Augenblick knackte
es in Wittmanns Kopfhörer, und er vernahm die Stimme des Untersturmführers:
»Hier Stamm. Haben die Höhe 213 erreicht, eröffnen das Gefecht. Haben
feindlichen Aufklärer abgeschossen!« »Vorwärts!« rief Wittmann zurück.
Untersturmführer Stamm rollte mit seinen vier Kolossen gegen die 8. Husaren.
Seine vier Panzer schossen zielsicher. Bald drehten diejenigen Feindpanzer,
die dieses Inferno überstanden hatten, ab und rollten in wilder Flucht zurück.
Sie verschwanden nach Villers Bocage, wo das Gros der Umgehungsgruppe
noch lagerte. Das Gefecht vor Villers Bocage war zu Ende. Fünfundzwanzig
Panzer und Panzerspähwagen lagen zerschossen, brennend, vernichtet im
Gelände. Dazwischen viele Kräder und Lastwagen.

In dieser Sekunde meldete sich auch Hauptsturmführer Möbius: »Komme mit


acht ›Tigern‹! – Bitte einweisen!« »Feind hat sich nach Villers Bocage
zurückgezogen. Wir greifen die Ortschaft aus Richtung Höhe 213 an. Dreht ihr
nach Süden ein und kommt von dort frontal!« Wittmann rollte in schneller Fahrt
zur Höhe 213. Dort stieß er auf seine vier übrigen Panzer. »Stamm, jetzt nach
Villers Bocage hinein! Passt auf die Bazooka-Schützen auf und Vorsicht vor
der Pak!« Sie griffen weiter an, doch nun hatte der Gegner diese Überraschung
überwunden und verteidigte sich aus guten Stellungen zwischen den Häusern.
Pak und Bazookas (eine Art Panzerabwehr-Rakete) schossen auf jeden
»Tiger«, der sich zeigte. Es war die Pak-Abteilung unter Major French, die
hier in Villers Bocage versuchte, die Stahlkolosse der Deutschen zum Stehen
zu bringen. Dreizehn »Tiger« griffen nun Villers Bocage von drei Seiten an.
Sie drangen in die Stadt ein, rissen Mauern um, walzten Zäune zusammen und
brachten Häuser zum Einsturz. Wo sie hinschossen, verstummte das Feuer des
Gegners. Wittmann dirigierte seinen »Tiger« in eine der Seitenstraßen, als er
auf der Hauptstraße die schmetternden Pak-Abschüsse hörte. Sie schwenkten,
sahen eine Pak, die auf einen von Stamms nachgeführten Panzern schoss und
brachten sie durch einen Schuss zum Schweigen. Die 8,8-cm-Granaten der
Langrohrkanonen durchschlugen alles, was der Gegner an Panzern und
Stahlschutzschilden zur Verfügung hatte. Dann traf es den Panzer von
Untersturmführer Stamm.

Kein Mann der Besatzung kam mehr aus dem brennenden »Tiger« heraus. Drei
Minuten später ging der Panzer von Oberscharführer Ernst Krieg in Flammen
auf. Zwei Bazooka-Schützen hatten ihn aus einem Keller heraus unter Feuer
genommen und vernichtet. Auch hier kam kein Mann der Besatzung mit dem
Leben davon. Die übrigen aber schlugen den Pak-Riegel auf. Sie vernichteten
ein Geschütz nach dem anderen. Wittmann fuhr in seinem »Tiger« weit vor den
anderen. Er erkannte sehr bald, dass Villers Bocage stark mit Infanterie belegt
war. Sie mussten ebenfalls Infanterie haben, um die durchfahrenen Stadtteile
auch sichern zu können. So schwenkten sie auf die Hauptstraße zurück, als
plötzlich aus der gegenüber einmündenden Nebenstraße ein Abschussblitz
aufzuckte. Mit ohrenbetäubendem Krachen schlug eine Pak-Granate in die
vordere rechte Laufrolle des »Tigers« und zerschmetterte diese mitsamt der
Kette. »Panzer ist lahm geschossen, Obersturmführer!« meldete Berger. »Alle
Waffen mitnehmen und ausbooten«, befahl Wittmann. Sie sprangen aus den
Luken und rannten – vom Feuer des Gegners verfolgt – hakenschlagend zu
einer niedrigen Mauer hinüber, hinter der sie sich in Deckung warfen. »Alle
hier?« fragte Wittmann und blickte sich um. Sie lagen alle hinter ihm, und Woll
fluchte unterdrückt, als er sah, dass sich die übrigen »Tiger« zurückzogen.
»Das ist vielleicht eine Sauerei!« rief Berger. »Wir sitzen jetzt hier
abgeschnitten. Warum rollen sie nicht weiter vor?« »Weil die dann ebenso wie
wir abgeschossen würden«, erklärte Wittmann.

»Ohne Begleitinfanterie gegen die Bazooka-Schützen geht es hier nicht.« Sie


krochen entlang der Mauer weiter, erreichten ein Haus, drangen darin ein und
pirschten sich an der Rückfront durch die Gärten zurück bis zum Ortsausgang.
Dort kam ihnen ein »Tiger« der eigenen Kompanie entgegen, der noch einmal
zurückgefahren war. Sein Kommandant, Scharführer Zackl, hatte gehört, dass
der Chef noch in Villers Bocage sei. »Aufsitzen, Obersturmführer!« rief Zackl,
ein Holzfäller aus dem Erzgebirge. So wurde Wittmann mit seiner Besatzung
aus dem Gefechtsfeld zurückgebracht. Als sie bei der Kompanie ankamen,
wusste Sepp Dietrich, der Kommandierende General, bereits über Wittmanns
Einsatz Bescheid. Eine Stunde später war Dietrich auf dem
Abteilungsgefechtsstand und ließ sich von Wittmann Bericht erstatten. Als
dieser geendet hatte, meinte Sepp Dietrich nur: »Gut gemacht, Wittmann. Was
wünschst du dir?« »Ich möchte meinen ›Tiger‹ bergen!« erwiderte der
Obersturmführer mit einem Seitenblick auf Woll, der energisch nickte. »Ich
glaube, das kann ich versprechen«, entgegnete der Generaloberst, »denn vor
einer Viertelstunde«, sagte er mit einem Blick auf seine Uhr, »hat der Angriff
der 2. Panzerdivision unter General von Lüttwitz auf Villers Bocage begonnen.
Eine Kampfgruppe der Panzer-Lehrdivision ist daran beteiligt. Sobald die
Stadt in unserem Besitz ist, fährt der Instandsetzungstrupp los!« Am Abend
dieses Tages erreichte die Männer um Michael Wittmann die Nachricht, dass
der Gegner Villers Bocage geräumt habe.

Mit dem I-Trupp fuhren Wittmann und Woll sofort nach Villers Bocage. Sie
fanden ihren »Tiger« dort, wo sie ihn verlassen hatten und machten sich an die
Arbeit. Kurz vor Mitternacht meldete der I-Zugführer: »Obersturmführer!
Alles ist fertig zum Einsteigen.« Dieses Gefecht, an dem zuerst nur ein einziger
»Tiger«, dann zwölf weitere teilgenommen hatten, ging in die Kriegsgeschichte
der Briten als die »Schlacht bei Villers Bocage« ein. Insgesamt waren nach
englischen Zählungen der gesamte Divisionsstab, die vorn fahrende A-Panzer-
Kompanie mit 27 Panzern sowie sämtliche Ketten- und Räderfahrzeuge der
Panzerbrigade 22 verlorengegangen. Der Kommandeur der 22. Panzerbrigade,
Brigadier W. R. N. Hinde, war verzweifelt. Er hatte 16 Offiziere und 176
Soldaten zu beklagen. Die 1. Schützenbrigade verlor ihren Kommandeur, drei
Offiziere und 60 Mann. Die von Marschall Bernard Montgomery angesetzte
Operation »Perch« war fehlgeschlagen. Caen, das Ziel dieser Operation, war
nicht erreicht worden. Die Stadt musste nun frontal und vermutlich mit hohen
Verlusten erstürmt werden. Für diesen Panzerangriff erhielt Michael Wittmann
am 22. Juni 1944 als 71. deutscher Soldat die Schwerter zum Ritterkreuz. Der
Gegner war bis zum Abend des 12.6.1944 durch den Einsatz jener insgesamt
vier Panzerdivisionen gestoppt worden, die an und für sich eine ganz andere
Aufgabe erhalten hatten, nämlich: den Gegner ins Meer zurückzuwerfen. Aber
es reichte nur zum Aufhalten desselben, und am späten Abend dieses Tages
meldete Generalfeldmarschall Erwin Rommel dem OKW:
»Die Heeresgruppe muss sich zunächst damit begnügen, mit den nur allmählich
herankommenden Kräften eine zusammenhängende Front zwischen Orne und
Viere zu bilden und den Gegner anlaufen zu lassen. Dabei können die
restlichen Panzerverbände nachrücken. Die Heeresgruppe strebt an, die
eingesetzten Panzerverbände baldigst durch Infanterieverbände ablösen zu
lassen und mit ihnen wieder bewegliche Reserven zu bilden. Den Schwerpunkt
der eigenen Operationen beabsichtigt die Heeresgruppe in den kommenden
Tagen in den Raum Carentan-Montebourg zu verlegen, um den dort
befindlichen Feind zu vernichten und die Gefahr von Cherbourg abzuwenden.
Erst wenn dies gelungen ist, kann der zwischen Orne und Viere liegende
Gegner angegriffen werden.« Feldmarschall Sir Bernard Montgomery hingegen
meldete am selben Tag an das Kriegsministerium: »Meine allgemeine Taktik ist
es, den Feind an die 2.(britische) Armee zu fesseln und es so der 1.
(amerikanischen) Armee leichter zu machen, sich auszubreiten.« In einer
Besprechung mit Großadmiral Dönitz gelangten Feldmarschall Keitel ebenso
wie der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine zu dem Schluss, dass ganz
Frankreich verloren sei, falls es dem Gegner gelänge, aus dem jetzigen
Brückenkopf heraus die operative Freiheit zum Bewegungskrieg zu gewinnen.
Am Abend des 13.6.1944 war die Feindlage an der Invasionsfront wie folgt:
Es war dem I. US-Korps gelungen, den Südzipfel des Waldes von Cerisy bei
Litteau zu erreichen.

Deutlich zeichneten sich hier die Bemühungen des Gegners ab, den deutschen
Eckpfeiler St. Lo, an der Front der 3. Fallschirmjägerdivision, zu umfassen und
auf breiter Basis eine geradlinige Front und damit eine sichere Verbindung mit
der britischen 2. Armee herzustellen. Bei Carentan stellte sich die 17. SS-PD
»Frundsberg« zum Gegenangriff auf Carentan bereit, das von dem dezimierten
Fallschirmjägerregiment 6 unter Oberstleutnant von der Heydte geräumt
werden musste. Der Gegenangriff misslang. Im Raum Cherbourg waren vier
deutsche Divisionen durch Führerbefehl festgelegt: Die 77., die 243. und die
709. ID. Ferner noch die neuaufgestellte 91. Luftlandedivision. Als die
Amerikaner nach der Zurückweisung des deutschen Panzerangriff es bei
Carentan von dort mit ihrer 9. ID und der 82. Luftlandedivision nach Westen
auf Haye du Puits vorstießen, drohten sie damit das LXXXIV. AK aufzuspalten.
Im britischen Abschnitt versuchte Feldmarschall Montgomery nach dem
Fehlschlagen der Fesselungsoperation der 7. PD, bei Tilly eine
Durchbruchsschlacht zu entwickeln. Der Kampfraum Tilly-Caen wurde von der
PLD und der 12. SS-PD »Hitlerjugend« gehalten. In diesem Kampfraum
stellten sich wiederum die 49. und 50. britische ID bereit. Am Morgen des 15.
Juni 1944 eröffnete ein orkanartiges Schiffsgeschützfeuer im Kampfraum um
Tilly einen neuen Angriffstag. Es war genau 03.40 Uhr, als die ersten Granaten
einschlugen. Binnen zweier Minuten hatte sich dieses Feuer zu einem wahren
Höllenorkan ausgeweitet. Jeder einzelne Mann des PGR 901 unter Oberst
Scholze wusste, was nun auf ihn zukommen würde.

Es schien ihnen, als feuerten die Schiffsgeschütze auf jedes Loch einzeln.
Schließlich verlegte das Artilleriefeuer zurück, und in breiter Formation flogen
drei Jagdbombergeschwader im Tiefflug an. Raketenbomben heulten der Erde
entgegen, schlugen mit mächtigem Getöse ein und schmetterten alles zusammen,
was zu schießen versuchte. Nun rollten die britischen Panzer vor. Major Uthe,
der seine Männer warnen wollte, hatte zu diesem Zeitpunkt jede Verbindung zu
ihnen verloren. Ausgeschickte Melder kamen ohne Erfolg zurück. Sie waren
vom Bataillonsgefechtsstand im Schloss Fontenay nicht zu den Kameraden
durchgekommen, die nur wenige hundert Meter weiter vorn lagen. Der
Schlachtenlärm hallte zu den wenigen Männern im Schloss herein. Major Uthe
sah sich um. Da waren seine Funker und Nachrichtenleute, da stand sein
Adjutant, Oberleutnant Gehrke, neben ihm die drei Gefechtsmelder. Der
Pionierzug, der ihm zugeteilt worden war, lag unter Trümmern, in seinen
Löchern verschüttet. »Fertigmachen!« befahl der Major. »Wir gehen zu unseren
Panzergrenadieren!« Major Uthe griff zur MP und hängte sie um. Der
Schreiber-Oberfeldwebel raffte die Bataillonsunterlagen zusammen und
verstaute sie in dem SPW. Der stand im Keller des Schlosses, der durch eine
Rampe erreicht werden konnte. Der Unteroffizier, der diesen SPW fuhr, ließ
den Wagen an und rollte nach oben. Nun schwangen sich alle hinauf, und in
wilder Fahrt rollte der SPW die zum Schloss führende Allee hinunter. In
halsbrecherischer Slalomfahrt wurden umgestürzte Bäume umfahren.

Dann erreichten sie die große Ost-West-Straße. »Voraus Engländer, Herr


Major!« meldete der Adjutant. »Schießen, Gehrke!« erwiderte Konrad Uthe.
Der Oberleutnant hinter dem Schutzschild des Bord-MG begann zu feuern. Die
übrigen Männer schossen aus MP und Sturmgewehren. Der Gegner
verschwand in den Deckungen. Mit einer jähen Fahrtänderung riss der
Unteroffizier den SPW herum, als er einen Abschuss weiter vorn sah. Auf
kreischenden Ketten ruckte der Wagen aus dem Kurs und raste in wilder Fahrt
weiter. Die Granaten erreichten ihn nicht mehr. Im Dorf schwenkte der Fahrer
abermals ein. Am Waldrand hielt er an. Auf einmal tauchten hier die ersten
versprengten und zurückgeworfenen Panzergrenadiere auf. Sie krochen aus
Verstecken und Granattrichtern heraus, und Major Uthe organisierte hier eine
Verteidigungslinie. In diesem Augenblick, da jede Sekunde später der Gegner
auftauchen konnte, stieß eine Kompanie der anschließenden 12. SS-PD
»Hitlerjugend« zu ihnen durch. Es war die Divisions-Begleitkompanie, die von
Fritz Witt in diesen bedrohten Abschnitt geschickt worden war. Von rechts
herkommend, rollten sie mit rasselnden Ketten aus dem Frühdunst heraus und
drangen bis zum Waldrand vor. »Was ist los, Major?« fragte der Kompaniechef
im vordersten Panzer. In knappen Worten unterrichtete Major Uthe den
Kameraden und berichtete von seiner Absicht, die alten Stellungen einige
hundert Meter weiter vorn, die besser zur Verteidigung geeignet seien,
zurückzugewinnen. »Wenn ihr vorfahrt, werden wir es schaffen.

Aber fahrt nicht zu schnell, damit wir nicht abgehängt werden, klar?« »Geht in
Ordnung!« sagte der Obersturmführer. »Fertigmachen. Den Panzern folgen,
nicht so dicht und in so dicken Trauben dahinterklemmen!« Dröhnend setzten
sich die »Tiger«-Panzer in Bewegung. Dahinter gingen Major Uthe und seine
Panzergrenadiere vor. Sprenggranaten schlugen in die Stellungen ein, die der
eingedrungene Gegner bereits bezogen hatte. Wo sich Widerstandsnester am
Blitzen der Abschüsse zu erkennen gaben, wurden sie mit Punktfeuer
ausgeschaltet. Die Panzergrenadiere eroberten die Stellung der Engländer, die
sich hier festgesetzt hatten, um erst einmal die Panzer vorbeizulassen. Major
Uthe riss die Sturmreihen vorwärts, wenn sie einmal ins Stocken gerieten.
Schon erreichten sie den Erdwall, zweihundert Meter hinter der eigenen HKL.
Hier ließ Uthe halten, um die Lage zu erkunden. Männer tauchten hier aus den
Trümmern auf, verwundet zumeist. Sie hatten sich vom Gegner überrollen
lassen und sich totgestellt. Fast alle befanden sich am Rand der totalen
Erschöpfung, aber sie wollten trotzdem weiter vorgehen und die alte HKL
wieder in Besitz nehmen. In diesem Augenblick kamen aus einer schmalen
Baumreihe einige durchgebrochene Feindpanzer heraus. Sie machten
Schießhalt, und schon sahen die Panzergrenadiere die grellen
Abschussflammen aus den Rohren herausspritzen. »Volle Deckung!« brüllte
Major Uthe. Einschläge hämmerten in den Erdwall. Dreck und Gestein
spritzten empor. Ein harter, berstender Schlag schleuderte Oberleutnant
Gehrke, den Adjutanten, zu Boden.
Als er sich wieder aufrappelte, sah er Major Uthe neben sich. Ein Splitter hatte
ihm den Ärmel aufgerissen. »Alles klar, Gehrke?« »Nichts passiert, Herr
Major!« Die Tiger-Panzer schossen auf die durchgebrochenen Gegner. Zwei
von ihnen blieben qualmend liegen. Die übrigen drehten und verschwanden
weiter rückwärts in einer Senke. »Jetzt durch! Die Panzer so schnell wie
möglich vorrollen, und wir hinterher! – Sprung auf – maaarsch!« Als erster
war der Major auf dem Erdwall. Ihm folgten die Panzergrenadiere. Sie rannten
um ihr Leben. Die rechts und links in schneller Fahrt vorrollenden Panzer
warfen dicke Dreckbrocken nach hinten. Sie schossen aus Kanone und MG im
Fahren; und dann erreichten sie ihre eigenen Stellungen. Handgranaten flogen
in die Gräben. MP schickten Feuerstöße in die Richtung, aus der ihnen
Schnellfeuer entgegenschlug. Die Panzer hatten die eigene HKL bereits
überrollt. Sie schossen aus der rechten Flanke in die dichten
Feindmassierungen, brachten die Front ins Wanken. Die Panzergrenadiere
sprangen in ihre früheren Deckungen. Engländer kamen mit erhobenen Händen
und waffenlos heraus. Sie wurden nach hinten geschickt. Selbst als englische
Panzerstoßgruppen den weichenden Infanteristen entgegenfuhren, um sie im
sofortigen Gegenstoß wieder in die eroberten Gräben und Stellungen
zurückzubringen, hielt die Tommys nichts. Sie hatten die Nase anscheinend
voll. Hinter diesen Panzern tauchten jetzt aber frische Infanteriekräfte auf, in
vier Wellen. Die Panzergrenadiere richteten sich zur Verteidigung ein.

Ein paar Panzerfäuste wurden gefunden. Schon eröffneten die vorrollenden


Feindpanzer das Feuer. Näher und näher kamen sie heran. Die ersten
Flammstrahlen zischten nach rückwärts und trieben die Sprengtöpfe der
Panzerfäuste dem Feind entgegen. Einer bohrte sich durch die Frontpanzerung
des zunächst stehenden Gegners und vernichtete ihn. Dann wurde noch einer
getroffen. Die Situation wurde dennoch kritisch, denn mittlerweile waren drei
eigene Panzer verlorengegangen, und mehr und mehr Feindpanzer zeigten sich.
In diesem Augenblick rollten die Panzerjäger heran. Es war die 3. Kompanie.
In seinem Kübel stehend, seinen Jägern voran, Hauptmann Oventrop, der über
Funk den Angriff dirigierte. Das Duell Panzerjäger gegen Feindpanzer war
kurz. Fünf Feindpanzer gingen in Flammen auf. Die Panzerjäger hatten den
Angriff gestoppt. An zwei Stellen war der Gegner durchgebrochen. Er wurde
vorn abgekniffen und vernichtet. Ein Teil dieser feindlichen Sturmkompanien
ging in Gefangenschaft. Für diesen Einsatz, den er an vorderster Stelle geleitet
hatte, erhielt Major Konrad Uthe am 25. August 1944 das Ritterkreuz. Er
konnte diese Auszeichnung nicht mehr selbst in Empfang nehmen, denn in den
Julikämpfen fiel er an der Spitze seines Bataillons bei dem Versuch, einen
feindlichen Durchbruch abzuwehren. In den Trümmern von Tilly hatten sich die
Panzergrenadiere des II./PGR 901 unter Major Schöne und insbesondere die
Kompanie von Hauptmann Philipps gehalten, der seit dem 15.4.1944 das
Ritterkreuz trug.

Auch im Abschnitt der 12. SS-PD »Hitlerjugend«, die rechts an die PLD
anschloss und den Raum Putot-Balleroy verteidigte, war der Gegner in
Divisionsstärke angetreten. Hier versuchte die 49. ID der Engländer
durchzubrechen. Auch hier hielt der Verteidigungsriegel den Angriffen stand.
Aber wie lange noch? Am 16. Juni meldete der Wehrmachtsbericht: »Im
Kampf gegen drei der besten englischen Infanteriedivisionen hat sich die
Panzer-Lehrdivision unter Führung des Generalleutnants Bayerlein
hervorragend bewährt.« Aber die Division hatte schwere Schläge erlitten. Am
Abend des 15.6. war Lingevres verlorengegangen. Am selben Tage war auch
La-Belle-Epine nach einem letzten, verzweifelten Aufbäumen der Panzer-
Aufklärungs-Lehrabteilung 130 gefallen. Es war den Männern um Major von
Born-Fallois nicht gelungen, den Gegner aufzuhalten. Gleichzeitig gelang es
den Engländern an diesem Tage auch noch, in breiter Front über die Straße
Tilly-Balleroy vorzustoßen, wo das Panzergrenadier-Lehrregiment 902 unter
Major Willi Welsch stand und opfervoll kämpfte. Bei Major Welsch befanden
sich die ersten der zur Front zurückgekehrten Panzer der I./PR 130 unter Major
Markowski, die noch vor dem Abtransport nach Polen hatten entladen werden
können. Generalleutnant Bayerlein war in den bedrohten Abschnitt gefahren,
als Major Welsch ihm meldete, dass die Gefahr der Einschließung bestehe. Er
wusste in Welsch einen Soldaten an der gefährdeten Stelle der Front, auf den er
sich verlassen konnte.

Bereits im September 1941 hatte Welsch als Oberleutnant und Chef einer
Schützenkompanie in Russland das Ritterkreuz erhalten. Als Bayerlein neben
Welsch an die Karte trat, erklärte dieser: »Hottot ist gefallen, Herr General.
Wenn der Gegner hier durchstößt, dann wird es verdammt brenzlig! Wir
müssen Hottot zurückgewinnen, sonst hat er dort ein ideales Aufmarschgelände
für seinen Durchstoß über uns hinweg!« »Stimmt, Welsch«, pflichtete
Bayerlein dem Major bei. »Deshalb wird Markowski Hottot zurückgewinnen!
Er hat 22 Panzer seiner Abteilung zur Verfügung. Wenn er dazu zwei
Kompanien Panzergrenadiere von Ihnen bekommt, wird er es schaffen.« »Er
kann die 2. Kompanie und Teile der 3. Kompanie haben, Herr General. Alles
andere liegt fest.« Als Major Markowski verständigt wurde, hatte er seine
Abteilung bereits alarmiert. Seine 22 »Panther« standen zum Angriff bereit. An
der Spitze dieser stählernen Phalanx rollte Major Markowski im
Befehlspanzer vorwärts. Sie durchfuhren eine flache Schlucht, und dann
tauchte vor ihnen das Dorf Hottot auf, in dem einige Häuser zerschossen waren
und qualmten. Die Divisionsartillerie schoss über die eigenen Panzer hinweg
in die Ortschaft hinein. Starkes britisches Abwehrfeuer peitschte den 22
»Panthern« und den dahinter vorgehenden Panzergrenadieren entgegen. Aus
Kellerlöchern, hinter Hecken und Gemäuer blitzten Abschüsse von Pak,
Panzerbüchsen und MG-Salven. »Feuer frei!« befahl Markowski über die
Sprechfunkverbindung seinen Panzerkommandanten.

Aus den Mündungen der »Panther« flitzten die Granaten, heulten dem Gegner
entgegen, zerschmetterten Pak- und MG-Stellungen und rissen Mauern ein. Die
Widerstandsnester des Gegners, aus denen dieser die nachfolgenden
Panzergrenadiere bekämpfte, wurden außer Gefecht gesetzt. Schritt für Schritt
rollten die 22 »Panther« weiter vor. Doch plötzlich hallte die Meldung eines
Kommandanten über den Sprechverkehr: »Panzer von vorn!« Da sahen die
Panzerkommandanten und auch Major Markowski den Gegner, der hinter einer
Hecke hervorrollte und eben stehenblieb. Aus seiner Kanone sprang der
Feuerstrahl des Abschusses. Die Panzergranate dieses »Cromwell«-Panzers
blitzte am Befehlspanzer vorbei. »Ein Uhr – 1.200 – Feuer!« Der Richtschütze
visierte den angesprochenen Panzer an, drückte den Abfeuerknopf, und die
Granate zischte in den Gegner hinein. »Treffer!« berichtete Markowski seinen
Männern, als er sah, dass die Granate den Panzer außer Gefecht setzte. Doch
da krachte der Abschuss aus dem Geschütz des Gegners. Es musste dem
Richtschützen trotz des erhaltenen Treffers also noch gelungen sein, zu
schießen. Zehn Meter vor dem Befehlspanzer Markowskis schlug diese
Granate in den Boden und wirbelte Dreck und Gestein empor. Steine
prasselten gegen die Panzerung. »Noch einmal!« Die zweite Granate verließ
das Rohr. Der Panzer wippte vom Rückstoß zurück. Das Geschoß schlug
unterhalb des Turmes in den Gegner hinein und vernichtete ihn endgültig. Alle
»Panther« hatten nun in das Gefecht eingegriffen. Aus 22 Panzerkanonen und
ebenso vielen MG schlug dem Gegner das deutsche Feuer entgegen. Der Feind
wich.

Die Panzer zogen sich nach Hottot zurück. In konzentriertem Angriff rollten die
»Panther« nach und erreichten den Dorfeingang. Der Nachmittag dieses Tages
wurde zum Inferno. Flammen stiegen über Hottot in die Höhe. Im Häuserkampf
räumten die nachdrängenden Panzergrenadiere die Stellungen des Gegners aus.
Major Markowski versuchte einen Überblick zu gewinnen. Er rief die Chefs
seiner Kompanien, erhielt ihre Meldungen. Dann sah er plötzlich den
flammenden Abschussstrahl einer Feind-Pak, die den Befehlspanzer unter
Feuer genommen hatte. »Links einschlagen!« schrie der Major. Hart ruckte der
»Panther« herum und rollte etwa zwanzig Meter weiter. Dann blieb er stehen.
Der Schütze hatte die Panzerkanone bereits in die Richtung des Gegners
gedreht. Er sah die Pak in der Optik auftauchen und drückte den Abfeuerknopf.
Mit hartem Rückstoß verließ die Granate das Rohr und schlug hart rechts
neben der Pak ein. Der Richtschütze drehte etwas nach. Schon hatte der
Ladeschütze die nächste Granate in die Kammer gemannt und den Verschluss
zugeschnickt. In dem Augenblick, als die Hand des Richtschützen sich dem
Abfeuerknopf näherte, blitzte drüben der nächste Abschuss. Die Granate röhrte
heran und hämmerte mit ohrenbetäubendem Getöse in den Panzer hinein. Major
Markowski spürte einen harten Schlag in der Seite. Er vernahm die Schreie
der getroffenen Männer. Dann roch er Benzindunst. »Ausbooten!« befahl er
noch. Der Fahrer und der Ladeschütze bemühten sich um ihn und halfen dem
Verwundeten hinaus. Der Funker war auf die Seite gekippt.

Als sie sich ihm zuwandten und ihn hinauswuchteten, merkten sie, dass er tot
war. Auch der verwundete Richtschütze wurde hinausgeschleppt und in die
nächste Deckung gebracht. Der Major winkte ab, als man ihm helfen wollte.
Doch dann brach er bewusstlos zusammen. Die übrigen Panzer drangen tiefer
in die Ortschaft ein. Einige Feindpanzer stellten sich ihnen in den Weg. Sie
wurden in hartem Duell vernichtet, das auch auf deutscher Seite herbe Verluste
kostete. Die schnellen wendigen »Panther« mit ihrer gefürchteten Kanone
schalteten den Gegner schließlich aus. Zwei »Panther« wurden von Bazooka-
Schützen angeschossen. Doch dann waren die Panzergrenadiere zur Stelle und
kämpften den Feind in den Häusern nieder. Hottot war wieder fest in deutscher
Hand. Die Grenadiere gingen bis zum Nordrand vor und richteten sich zur
Verteidigung ein. Zwei Stunden darauf rief Generalleutnant Bayerlein alle
verfügbaren Panzer aus Hottot zurück. Der neue englische Großangriff auf
Tilly und die Stellungen der PLD rollte, und jeder Panzer wurde zur Abwehr
dieses massierten Angriffs benötigt. In breiter Front griffen die Briten an und
stießen im ersten Ansturm bis über die Straße Tilly-Balleroy hinaus vor. Im
Wald südlich der Straße setzten sie sich fest. Aber hier saßen auch die
Panzergrenadiere der PLD. Sie hielten ihre Stellungen und verteidigten sich
mit ungeahnter Tapferkeit. Um diesen feindlichen Widerstand endgültig zu
brechen, wurden alle gegnerischen Geschütze zu einem bisher nicht erlebten
Trommelfeuer zusammengefasst.

Die angloamerikanische Invasionsflotte vor der Küste trommelte nun mit


allem, was sie hatte, auf Tilly herunter. Von den Häusern der Stadt und der
Umgebung stand keines mehr. Nach zweistündigem Trommelfeuer griff der
Gegner an. Die Männer um Hauptmann Philipps standen wieder auf ihren
Posten. Wo keine Menschenseele mehr lebendig durchgekommen zu sein
schien, erhoben sich die Panzergrenadiere aus den Trümmern. Den
Angriffswellen der 49. und 50. Infanteriedivision schlug das deutsche
Abwehrfeuer entgegen. Die Panzerjäger auf ihren Selbstfahrlafetten rollten
heran. Dann kamen die übriggebliebenen Panzer der I. Abteilung und
schließlich auch die »Panther« der II. Abteilung, Oberst Rudolf Gerhardt (der
als Major und Abteilungskommandeur im PR 25 am 22.9.1941 in Russland das
Ritterkreuz erhalten hatte) warf sein gesamtes Panzerregiment nach vorn und
fuhr selbst im Kommandowagen mit. Es wurde ein verzweifeltes Ringen.
Richtschütze Eduard Job, im Panzerjäger des Oberfeldwebels Stolz, schoss
drei Feindpanzer ab und vernichtete zwei Pak. Leutnant Schönrath, Zugführer
in Oventrops 3. Kompanie, schaltete ebenfalls drei Feindpanzer aus.
Feldwebel Dückert brachte zwei »Cromwells« zur Strecke. Die
Panzerpioniere von Major Brandt hielten den Gegner auf. Allen voran Major
Brand selbst. Mit Sprengmitteln und Panzerfäusten sprangen sie den Gegner an
und vernichteten die eingebrochenen Panzer. Tilly wurde gehalten, denn Tilly
war der Schlüssel zur Stadt Caen.

Am 5. August 1944 erhielt Major Walther Brandt für diese Abwehrleistung das
Ritterkreuz. Danach aber kamen sie wieder: die wilden »Hornissen«, die
Jabos! Mit aufheulenden Motoren stürzten sie sich auf die deutschen
Stellungen, um den Widerstand doch noch zu brechen. Jedoch auch dieser
Angriff aus der Luft vermochte nichts an der Tatsache zu ändern, dass die PLD
hielt. Die deutsche Front stand – noch! Beim Panzerregiment 22 war Oberst
von Oppeln-Bronikowski schon am frühen Morgen des 17. Juni bei den
eingegrabenen Panzern, deren Kanonen sich gerade über die Deckungen
erhoben. »Wie sieht es aus, Vierzig?« fragte Oberst von Oppeln den
Kommandeur der II. Abteilung seines Regiments. »Panzerbereitstellungen,
Herr Oberst! Viele Panzermotoren gehört, die in der Nacht näher
heranrückten.« »Dann wollen wir mal!« entgegnete von Oppeln und ging zu
seinem Chefpanzer hinüber. Sie hatten eben die Panzer erreicht, als auch das
Schiffsgeschützfeuer wieder einsetzte. »Kommen Sie, Herr Oberst!« rief der
Fahrer seines Panzers durch die geöffnete Fahrerluke. Hermann von Oppeln-
Bronikowski rannte hinüber und schwang sich durch das Turmluk in das Innere
des Wagens. Keine Sekunde zu früh, denn die sporadisch einhauenden
Granaten fielen nunmehr dicht bei dicht. Durch die Ausblicke sah der
Regimentskommandeur die aufstiebenden Einschlagfontänen und die riesigen
Dreckbrocken, die gegen die Panzer klatschten. Stahlsplitter sirrten
dazwischen. Die Erde schien zu schwanken und zu zittern. Die schweren
Panzer wankten mit, und immer wieder bestand die Gefahr des durch einen
Volltreffer Zermalmtwerdens.

Endlich verlegte das Feuer weiter zurück, und Sekunden später sah der
Regimentskommandeur durch die dicken Schwaden aus Dreck, Staub und
Pulverdunst die ersten Feindpanzer. »Kommandeur an alle: Feuerbereit
machen. Schießen erst auf meinen ausdrücklichen Befehl. Einzelne
Zielabschnitte beachten!« Jede der hier eingegrabenen Panzerbesatzungen
wusste, wohin sie zu schießen hatte, jeder Wagen hatte im Rahmen der
Kompanie seinen bestimmten Abschnitt. Nun hockten die Richtschützen hinter
den Zieloptiken und suchten ihren Gegner, und die Ladeschützen hielten bereits
die nächste Granate in der Hand. Es waren Panzergranaten, die sie geladen
hatten. Näher und näher kamen die Stahlkolosse des Gegners. Deutlicher
drangen die Geräusche in die Panzer hinein, groß, riesengroß wuchsen die
Kolosse aus dem Frühdunst. Noch vierhundert Meter, und nun musste
eigentlich der Befehl… »Achtung – Feuer!« Aus 26 Panzerkanonen
schmetterten gleichzeitig die Abschüsse. Sechsundzwanzig Granaten zischten
zum Gegner hinüber, fanden ihre Ziele. Danach die zweite, salvenähnlich
abgeschossene Gruppe, und wieder Treffer, Brände, Explosionen und
Detonationen. »Infanterie dahinter, Herr Oberst!« »Kommen lassen.« »Herr
Oberst, Ladehemmung!« meldete der Richtschütze. »Zeig mal her!« Oppeln
glitt herunter und zwängte sich neben den Richtschützen, der sich so weit wie
möglich zur Seite beugte. Der Oberst hantierte mit den behandschuhten Händen
am Verschluss, rüttelte hier, drehte dort, und dann ging es wieder.

Er richtete diesmal den Gegner selbst an, sah ihn im Visier. Die Granate
verließ das Rohr, zischte zum Feind hinüber und schlug ihm den Turm vom
Unterwagen herunter. »Volltreffer!« rief der Richtschütze. Die Feindpanzer
standen brennend auf der Fläche vor dem Wäldchen. Diejenigen, die dieses
verheerende Feuer überstanden hatten, drehten. Nur ein kleiner Pulk von vier
Wagen war an der linken Flanke der Panzer vorbeigerollt und drehte nun ein,
um diese Verteidigungslinie von rückwärts aufzurollen. Diese vier Wagen
gerieten an die Achtacht-Flak der Division, die hier als Eingreifreserve stand.
Sie wurden vernichtet. Der Panzerangriff war abgeschlagen, aber nun kam die
Feind-Infanterie in tiefgestaffelten Wellen und wurde einmal mehr abgewehrt.
Der Vormittag ging zu Ende. Der Gegner hatte wieder eine neue Niederlage
einstecken müssen. Dennoch wurde der Regimentskommandeur nicht froh, denn
auch diesmal hatte das verheerende Schiffsgeschützfeuer zwei seiner Panzer
vernichtet. Einer war mitten im Einschlag einer 38-cm-Granate gestanden. Es
waren nur noch Trümmer zu sehen. In den nächsten Tagen verteidigten hier die
Männer des Panzerregimentes weiter. In der Nacht zum 23.6. brach ein starker
britischer Stoßtrupp nach heftigem Artilleriefeuer in die Stellung des PGR 192
ein und öffnete die Straße von Douvres nach Caen. »Nehmen Sie die
Stabskompanie, Vierzig!« befahl der Regimentskommandeur, als er die
Meldung erhielt. »Sie soll den Feind abriegeln und werfen.«

Zwei Minuten später rollte die in ihren rückwärtigen Stellungen für alle Fälle
wartende Stabskompanie unter Führung von Oberleutnant Meyer zum
Gegenstoß vor. Die Panzer luden Sprenggranaten. Wo sie den Gegner sahen,
eröffneten sie auf ihn das Feuer. Eine Stunde nach ihrem Antreten hatten sie die
Lage bei der 5./PRG 192 wiederhergestellt. Zur gleichen Zeit traten auch vor
der Front der 12. SS-PD »Hitlerjugend« die britischen Verbände zum
Großangriff an. Auch hier ging ein verheerendes Feuer nieder. Auch hier
warteten die Soldaten in ihren Löchern und die Panzermänner in
Sitzbereitschaft auf den Gegner, der kommen würde, sobald das Feuer
zurückverlegt wurde. »Diesmal wollen sie zur Höhe 112!« Das war die
einhellige Meinung der Panzergrenadiere und der Panzerjäger, an deren
Stellungen der Gegner sich nach dem Feuerschlag mit Panzern herantastete.
»Da kommen die Panzer!« rief einer dem anderen zu, als in breiter
Schlachtordnung die »Shermans« sichtbar wurden. Es war die 11. britische
PD, die diesen Angriff mit allen verfügbaren Wagen fuhr. Dichtgestaffelt
rollten die Panzer den deutschen Linien entgegen. Sie drangen an drei, vier
Stellen mit kleinen Rudeln ein, walzten die verteidigenden Panzergrenadiere in
ihre Gräben. Aus den Stellungen der deutschen Pak bellten die Abschüsse.
Jeder Volltreffer war tödlich, denn diese Geschosse durchschlugen – wenn sie
frontal auftrafen – jeden Panzerstahl. Eine Stunde nach Angriffsbeginn waren
die Panzergruppen in die deutsche HKL eingebrochen. Wenn es ihnen nun doch
gelang, ins Tal der Odon zu kommen und nach Osten einzudrehen, dann war
Caen verloren.

Die 4. Kompanie des SS-PGR 26, die mit ihren schweren Waffen an einer der
Einbruchstellen stand, hatte dem Druck dieses Gegners standzuhalten. Mit den
Granatwerfern wurde die Infanterie des Gegners aufgehalten. Dann aber
schoben sich die Panzer vor. Es waren mindestens acht. »Panzerfäuste und
Ofenrohre klarhalten!« rief Obersturmführer Haumann seinen Männern zu. Als
er die erste Panzerfaust abschoss, wurde er von einer MG-Garbe getroffen und
zu Boden geschleudert. »Emil, pass auf, da kommen mehrere!« rief
Rottenführer (Obergefreiter) Gelhaar, als er vier, dann einen fünften Panzer
erkannte, die in Reihe hintereinander aus einer Bachsenke auftauchten. SS-
Unterscharführer (Unteroffizier) Emil Dürr griff nach der Panzerfaust und
kroch ein Stück nach vorn, wo er aus einem Deckungsloch schießen konnte,
wenn der Feindpanzer nahe genug herangekommen war. Er erreichte das Loch,
richtete sich halb auf und spähte nach vorn. Da kamen die Panzer. Es waren
schwere »Shermans«. Er visierte den ersten an, wartete noch. Donnernd und
rumpelnd, mit knallendem Abschuss seiner Kanone zeigend, dass er zu
vernichten bereit war, kam der erste Tank heran. Noch fünfzig Meter Distanz.
Wenn Dürr schoss, musste er die Deckung verlassen. Dann war es soweit. Er
erhob sich ganz. Das Rohr der Panzerfaust ragte nun über den rückwärtigen
Rand des Loches hinaus, damit der Flammenrückstoß hinauspuffen konnte.
»Schieße mit Panzerfaust!« warnte Dürr die hinter ihm liegenden Kameraden.
Dann zog er den Abzug, und das Geschoß peitschte, vom flammenden
Rückstrahl angetrieben, dem Panzer entgegen.

Es traf frontal, bohrte sich durch den Stahl und vernichtete den Panzer. Der
nächste wurde von einem Kameraden von der anderen Seite in Brand
geschossen. Ein weiterer kam genau auf Dürr zu. Er griff nach der
Hafthohlladung, hielt sich in Deckung, sah wie der Panzer aus Kanone und MG
feuerte und dann näher kam. Das Ungetüm rollte bis auf zehn Meter an Dürr
heran. Als er wieder Schießhalt machte, sprang Dürr hoch, rannte die wenigen
Schritte und schlug die Hafthohlladung gegen die Flanke dieses Panzers, der
als Deckungspanzer für die nachfolgende Infanterie wichtig war. Die Ladung
fiel ab. Offenbar hatte der Gegner den Wagen präpariert. Wieder versuchte es
Dürr. Der Panzer schoss, irgendwo weiter rückwärts ein mächtiger Einschlag.
Dort starben Kameraden. Dürr griff wieder nach der Hafthohlladung. Er
knallte sie gegen den Panzer, hielt sie fest und zündete. Mit einem
ohrenbetäubenden Knall flog der Panzer in die Luft und nahm den
Unterscharführer mit. Die entsetzten Kameraden sahen, wie Emil Dürr
zerrissen wurde. Aber sein Einsatz hatte an dieser Stelle die Entscheidung
erzwungen. Der Gegner drehte ab und verschwand nach Norden. Emil Dürr
hatte dies mit erreicht. Am 15. September erhielt Unterscharführer Emil Dürr
für diesen Kampf, in dem er sein Leben gab, um seine Kameraden zu retten,
das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes. Bei der Aufklärungskompanie der 12.
SS-PD »Hitlerjugend« aber brach ein ganzes Panzerrudel ein.

Dort stand der neue Divisionskommandeur, SS-Oberführer (Oberst) Kurt


Meyer. Er hatte den Befehl über die Division übernommen, nachdem Fritz Witt
am 16.6.1944 bei einem Feuerüberfall der britischen Schiffsartillerie getötet
worden war. Vorn bei seiner Begleitkompanie stand Panzer-Meyer und hielt,
wie die Kameraden um ihn, eine Panzerfaust schussbereit. Britische Infanterie
schoss mit MG und Gewehren auf jeden Mann, der sich zeigte, und damit war
an ein Panzerfaust- Schießen nicht zu denken. Die Pak feuerte auf die
anrollenden Panzer. Sie setzte einige außer Gefecht, die anderen stürmten
weiter vor. Doch dann dröhnten die Abschüsse der Achtacht-Kanonen der
Tiger- Panzer. Wie Schemen tauchten sie aus ihren Bereitstellungen auf und
zerschlugen diesen durchgebrochenen Panzerfeind. Der Gegner drehte ab. Er
ließ neun Panzer brennend und zerschossen zurück. Damit war auch hier der
Angriff abgeschlagen. Bis zum Nachmittag des 27. Juni gelang es jedoch der
11. britischen PD, einen Brückenkopf über die Odon zu bilden. Sturmpanzer
des Gegners drangen bis nach Verson vor, wo sich der Divisionsgefechtsstand
von Oberführer Meyer befand. Ihr Ziel war die dahinter aufragende Höhe 112.
Und diese Höhe sollte auf Befehl des I. SS-Panzerkorps unter allen Umständen
gehalten werden. Von hier aus wäre es dem Gegner nämlich ein leichtes
gewesen, zu den Ornebrücken durchzubrechen und Caen einzuschließen. An
dieser Stelle bahnte sich eine Entscheidung an. Wenn die zugesagten
Verstärkungen durch das II. SS-Panzerkorps unter Obergruppenführer Hausser
nicht bald eintrafen, dann war hier der Kampf bald zu Ende.

Der Divisionsgefechtsstand der PLD war nach Monts verlegt worden, als das
gesamte VIII. britische AK am Morgen des 18. Juni vor der Front der PLD
angriff. Die Stellungen in diesem Raum wurden von folgenden Verbänden
gehalten und besetzt: Die 12. SS-PD »Hitlerjugend« stand auf und neben der
Höhe 112. Nördlich der Odon nun die 16. Luftwaffen-Feld-Division. In Caen
selbst lagen die Panzergrenadiere der 21. PD, während das Panzerregiment in
seinen alten Stellungen an der Ostflanke von Caen aushielt. Zwischen Tilly und
Christot waren die Panzer der PLD in ihre Bereitstellungen gefahren.
Generalleutnant Bayerlein hatte nördlich Vendes eine Auffanglinie errichten
lassen. Zu seinem 1a sagte Bayerlein am Morgen des 18. Juni 1944: »Unsere
Hoffnung liegt bei den neuen Panzerdivisionen. Wir und die beiden übrigen
Divisionen des I. SS-Panzerkorps sind zu sehr geschwächt. Das
Schwergewicht der Kräfte hat sich eindeutig zu unseren Ungunsten gewandelt.
Unsere Division müsste jetzt herausgezogen werden, damit die zerschlagenen
Einheiten aufgefrischt werden könnten; so wie sie jetzt ist, wird sie bald ihre
Schlagkraft verloren haben, da mache ich mir Garnichts vor. Aber, wo ist
Ersatz, Kaufmann? Wir können einfach keinen einzigen Mann abziehen. Es
bleibt uns nichts anderes übrig, als einfach hier stehenzubleiben.« Der erste
britische Angriff am 18.6. wurde abgeschlagen. Wieder jagten Jagdbomber im
Tiefflug über das Gefechtsfeld hinweg und schlugen die erkannten
Geschützstellungen zusammen.

Der zweite Infanterieangriff des Gegners rollte wenig später. Auch er blieb
dicht vor den deutschen Stellungen liegen. Es folgten ganze Geschwader
»Fliegender Festungen« (viermotorige US-B-17-Bomber). Ihre
Bombenteppiche wühlten den Boden noch einmal um. Die daran anschließend
vorrollenden Feindpanzer wurden von der Flak unter Hauptmann Weinkopf und
von den Panzergrenadieren mit Panzerfäusten und T-Minen angegangen und
vernichtet. Dennoch tobte der Kampf ununterbrochen weiter. Er dauerte von
Sonnenaufgang dieses 18.6. bis Sonnenuntergang. Schiffsartillerie,
Feldartillerie, Bomber, Jagdbomber, Panzer, das war die Reihenfolge. Der
Gegner wurde zum Stehen gebracht. Dennoch buchte das VIII. brit. AK einen
Teilerfolg, denn Christot, vier Kilometer ostwärts Tilly, fiel in die Hand des
Gegners. Um 19.45 Uhr dieses Tages drangen schließlich auch Feindpanzer in
Tilly ein. Noch einmal flackerte der Widerstand auf. Doch der Gegner war
nicht mehr zu halten, und so entschloss sich Generalleutnant Fritz Bayerlein
dazu, die Reste seiner beiden Panzergrenadierregimenter zurückzunehmen und
südlich von Tilly eine neue Auffanglinie zu errichten. Die Alliierten hatten
Tilly erreicht. Doch nach dieser letzten, gewaltigen Anstrengung war auch ihre
Kampfkraft erloschen. Sie vermochten nicht mehr nachzustoßen, und das rettete
die Reste der PLD. Sie hätte den nachstoßenden Feind nicht mehr aufhalten
können. Bis zu diesem Abend verlor die PLD: 160 Offiziere und 5.400 Mann
an Toten, Verwundeten und Vermissten.

Von den 160 Panzern der Division waren noch ganze 66 einsatzbereit. Am
Abend des 28. Juni 1944 rollten drei Panzerdivisionen des II. SS-Panzerkorps
unter Obergruppenführer (General) Paul Hausser heran. Doch diese drei
Divisionen waren lediglich Reste der in den schweren Kämpfen zerschlagenen
Verbände. So war die 1. SS-PD aus Russland nach Belgien verlegt worden,
weil sie in Russland den Großteil ihres Bestandes verloren hatte und nun
aufgefrischt werden sollte. Die 9. und 10. SS-PD waren in Polen in schwere
Kämpfe verwickelt gewesen, als das OKW sie herauslösen und in Eilmärschen
per Bahn nach dem Westen verlegen ließ. Mit diesen Truppen sollte Paul
Hausser am Morgen des 29.6. seinen Gegenstoß gegen die kampfstarken
Divisionen von Feldmarschall Montgomery führen. Jabos hingen an diesem
Morgen am Himmel und bombten alles, was sich zeigte, auch Sanitätswagen.
Schiffsartillerie hämmerte auf die Höhe 112 ein und nahm auch die weitere
Umgebung unter Feuer. Britische Artillerie schoss sich genau auf die Höhe 112
ein. Und dann sahen die vorn am Höhenrand liegenden Verteidiger, wie sich
die ersten Panzerpulks aus ihren Bereitstellungen lösten und genau auf die
Höhe zurollten. »Sie kommen!« pflanzte sich der Ruf über Fernsprecher von
Gefechtsstand zu Gefechtsstand fort. Und sie kamen: die frischen
Panzerverbände der 2. englischen PD. Sie fuhren im Breitkeil über den Hang
des Odontales hinweg auf die Höhe zu, während die Schiffsartillerie und die
Heeresartillerie nun pausenlos auf das Angriffsziel einhämmerten.

Die Panzer machten gruppenweise Schießhalt. Einige wurden abgeschossen,


die übrigen aber kamen durch. Sie erreichten das Plateau, rollten weiter,
schossen mit Sprenggranaten und walzten die Gräben der Panzergrenadiere zu.
Sie überschwemmten die Höhe und erstickten jeden weiteren Widerstand. Die
hinter der Höhe in Stellung gegangenen Einheiten des Werferregiments 83
erhielten von ihrer Beobachtungsstelle auf der Höhe die Nachricht, dass der
Gegner die Höhe in Besitz genommen habe und ein »Sherman« keine fünf
Meter vor der B-Stelle stehe. Dann war Stille – für immer! Die ersten Panzer
tauchten am Südhang auf, um weiter herunterzurollen und zu den Ornebrücken
durchzubrechen. Die schwere Haubitzenabteilung des SS-Artillerieregiments
12 eröffnete das Feuer, die Werfer der Werferbrigade 7 schossen ebenfalls.
Granaten hämmerten in die Spitzen des Feind-Stoßkeiles hinein, und die
fauchenden Werfergeschosse taten ein übriges. Der Gegner drehte und
verschwand. Inzwischen hatte »Meyer« seine Männer zur Rundumverteidigung
in Caen eingesetzt. Die Stadt wenigstens wollte er halten. Gleichzeitig aber
rief er den Regimentskommandeur seiner Panzer, Obersturmbannführer Max
Wünsche, zu sich. »Max, morgen früh müsst ihr ran!« begann er. »Wir werden
mit allen verfügbaren Geschützen und Werfern auf die Höhe einschlagen und so
lange weiterfeuern, bis du meldest, dass du oben bist. Das wird den Gegner in
den Löchern halten. Für dich gibt es nur ein geschicktes Anpirschen, bis auf
Einbruchsentfernung, und dann hinein!« »Geht klar!« erwiderte Wünsche.

Als der Morgen des 30. Juni 1944 graute, eröffneten alle Geschütze und Werfer
das Feuer auf die Höhe 112. Zum erstenmal erlebte der Gegner hier eine
ähnlich dichte Feuerwalze, wie er sie selbst immer vor seinen Angriffen
entfachte. Feuerschwänzige Raketensalven heulten der Höhe entgegen und
schlugen unter den englischen Infanteristen und Panzern ein. Der leichte
Morgennebel, der in wandernden Schleiern um die Höhe waberte, begünstigte
die Bewegungen der Panzer, Max Wünsche ließ sie gruppenweise in die
Ausgangsstellungen emporpirschen. Dann waren sie bereit. Von allen Seiten
kamen die Meldungen: »Bereitstellung erreicht! Einsatzbereit!«
»Sprenggranaten laden und sichern!« befahlen die Kommandanten, als sie den
Befehl des Regimentskommandeurs erhielten. Dann war es soweit! »Panzer
vor!« hallte die Stimme von Wünsche durch die Sprechverbindungen. Die
Panzerfahrer gaben Vollgas und schoben die Gänge rein. Sie rollten in einem
breiten Kegel hügelaufwärts, und als der Gegner sie bemerkte, waren sie fast
oben. Infanterie tauchte auf. Die ersten Sprenggranaten schlugen in die
Gruppen. Dann erreichten die Spitzen den oberen Hügelrand und konnten die
grellen Abschussflammen der feindlichen Artillerie erkennen. Sie schossen
und kämpften die Besatzungen der Geschütze durch Sprenggranaten nieder.
»Achtung, rechts von der Senke, Feind-Pak!« Diese Warnung erreichte den
Chefwagen der 1. Kompanie. Der Obersturmführer richtete die Pak an, und als
sie abermals feuerte, erhielt sie den tödlichen Treffer.

Danach stießen sie auf eine MG-Kompanie, die motorisiert vorrollen wollte,
aber von dem Werferfeuer getroffen worden war. Sie wurde überrollt.
Rochierend, schießend und wieder Stellungswechsel machend, rollten
Wünsches Panzer über die Höhe. Sie schossen Pak ab, erhielten selbst Treffer,
die die ersten Verluste brachten, aber sie hielten sich nicht lange mit der
Bekämpfung überrollter Feindnester auf, sondern fuhren weiter, bis sie die
gesamte Kuppe in ihren Besitz gebracht hatten. Der Gegner ergab sich. Die
Höhe 112 war wieder in deutscher Hand. Vierhundert Gegner wurden
gefangengenommen. Die Gefahr für Caen war damit vorerst beseitigt. Man
hatte eine weitere Gnadenfrist gewonnen. Für diesen Einsatz erhielt Wünsche
am 11.8.1944 als 548. deutscher Soldat das Eichenlaub. »Jeder Panzermann
meines Regiments hat diese Auszeichnung verdient«, sagte er. »Ich trage sie für
alle jene mit, die diesen Kampf mit dem Leben bezahlt haben.« Die
Werferbrigade 7 mit ihren Regimentern 83 und 84 hatte ihren Anteil daran,
dass die Höhe sturmreif gemacht wurde. Mit 300 Rohren hatte Oberst
Tzschökell die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Wünsches Panzer
durchdringen konnten. Der Kampf um Caen tobte weiter, und die Front der drei
deutschen Panzerdivisionen hielt dem von Tag zu Tag stärker werdenden Druck
stand. Vor Caen und hart südlich von Tilly blieben die frischen Divisionen
Montgomerys liegen. Eingangs Juli erhielt die PLD den Befehl, die Stellungen
im Raum Tilly sofort einer Infanteriedivision zu übergeben und in der Raum
von St. Lo zu verlegen.

Hinzu kam, dass die Division ein Drittel ihrer Panzer, der Panzerjäger und der
Artillerie zur Unterstützung dieser Infanteriedivision zurücklassen musste.
Damit wurde die Division auseinandergerissen. Am Abend des 2. Juli hatte
Generalleutnant Fritz Bayerlein seine Kommandeure um sich versammelt, um
ihnen auf dem Gefechtsstand bei Monts die neue Lage vorzutragen und den
Abmarsch der Division vorzubereiten. Am Ende dieser Besprechung erfolgte
ein schwerer Feuerüberfall auf den Gefechtsstand. Das kleine Bauernhaus, das
so gut getarnt war, dass es in 20 Tagen kein einziges Mal gebombt wurde, lag
nun unter einem zweistündigen dichten Trommelfeuer. Die bereits zum
Abmarsch aufgefahrenen Wagen des Stabsquartiers erhielten Treffer. Zwei
Kübelwagen brannten aus. Ein Lkw ging ebenfalls in Flammen auf. Alles
sprang in die Splittergräben und Schützenlöcher. Durch dieses Feuer wurden
sämtliche Verbindungen zu den rückwärtigen Stellen abgeschnitten. Dennoch
gelang es Generalleutnant Bayerlein, in einer Feuerpause abzufahren. Bei
Villers Bocage sammelte sich der Stab der PLD im neuen
Divisionsgefechtsstand. Hier war Unteroffizier Kartheuß vor über drei Wochen
gefallen, als Jabos den Gefechtswagen angegriffen hatten. Die Panzer
verließen in dieser Nacht ihre alten Stellungen, und auch die Panzergrenadiere
rollten mit noch unbekanntem Ziel los. Am Morgen des 4. Juli wurden sie
gebombt und mit Bordwaffen angegriffen, aber nur ein Panzer ging verloren.
Den ganzen Tag über wurden sie nicht mehr attackiert. Daran war zum Teil der
einsetzende Landregen schuld.

Gegen Abend erreichte das Panzerregiment den Einsatzraum von St. Lo und
richtete sich in den nächsten zwei Tagen hier zur Verteidigung ein. Am 7. Juli
wurden auch die Reste des PR 22 aus den Stellungen nördlich von Caen
herausgezogen. Hier grub sich die 16. Luftwaffen-Felddivision unter der
Führung von Generalleutnant Sievers ein. Die alten Stellungen der PLD
übernahmen die Fallschirmjäger der 5. Fallschirmjägerdivision unter General
Schimpf. Insgesamt hatten die Panzer des PR 22 unter Oberst von Oppeln-
Bronikowski an dieser Stelle 30 Tage einem übermächtigen Gegner
standgehalten und dabei über die Hälfte ihres Bestandes verloren. Hermann
von Oppeln-Bronikowski hatte am 28.7. das Eichenlaub verliehen bekommen.
Sein Regiment hatte über die Hälfte seines Bestandes verloren. Die restlichen
48 Panzer fasste von Oppeln in der I. Abteilung unter Major von Gottberg
zusammen. Die II. Abteilung verlegte er zur Auffrischung auf den französischen
Truppenübungsplatz Chalons sur Marne. Der erste Teil der Invasion war zu
Ende. Jene drei Panzerdivisionen, deren Einsatz den Gegner wieder ins Meer
werfen sollte, waren zu spät zum Einsatz gebracht worden. Sie hatten zu weit
von den geplanten Einsatzorten gelegen und waren durch die einander
widersprechenden Befehle am sofortigen Durchziehen eines Angriffes zur
Küste gehindert worden. So war es dem Gegner gelungen, seine
Schwächeperiode zu überwinden, während der allein Aussicht darauf bestand,
ihn wieder ins Meer zu werfen und diese Invasion abzuschlagen.

Truppen waren nachgelandet worden. Frische Verbände hatten die


abgekämpften abgelöst und waren gegen diese drei deutschen Divisionen
unentwegt angerannt. Caen, das am D-Tag plus 1, also am 7. Juni, in der Hand
der Alliierten sein sollte, hatte sich viel länger gehalten. Als aber durch die
deutsche Strategie der Aushilfen Panzertruppen in den Raum St. Lo übergeführt
werden mussten und man den Raum Caen entsprechend schwächte, war für
Caen das Ende gekommen. Auf den eben von der PLD verlassenen Abschnitt
zwischen Tilly-Caumont ging eine Stahllawine nieder und riss die
eingetroffenen Verbände der 16. Luftwaffen-Felddivision auseinander. Die 12.
SS-PD »Hilterjugend« vor Caen spürte dies ebenso stark, und dann griffen
englische Divisionen an. Dieser Angriff begann nach dem alten Rezept mit
einem Großbombardement. Am Abend des 7. Juli warfen zunächst 467
Lancaster- Bomber und Halifax-Maschinen 2.560 Tonnen Bomben auf die
nördlichen Teile Caens, in denen sich die Panzermänner der 12. SS-PD
»Hitlerjugend« eingenistet hatten. Am nächsten Morgen griffen die Divisionen
des I. britischen AK an. Die 3. brit. ID auf der linken Flanke, die brit. 59. ID in
der Mitte und die kanadische 3. ID rechts, gingen diese Divisionen gleichzeitig
auf die Stadt vor. Dort, wo die Panzergrenadiere und die Panzer der 12. SS-PD
»Hitlerjugend« standen, wurde der Gegner immer wieder gehalten. Um jedes
Dorf musste die 59. ID kämpfen. Bei der links eingesetzten 16. Luftwaffen-
Felddivision hingegen drang der Gegner – die 3. brit. ID – bald bis zum
Stadtrand durch.

Am anderen Morgen gelang es auch der kanadischen 3. ID, von Westen her,
beiderseits der Straße Bayeux-Caen, in die Stadt einzudringen. Noch immer
hielten die Männer der Waffen-SS ihre Stützpunkte. Am Flugplatz waren es die
Panzergrenadiere des I./PGR 26, die sich in den Ruinen verteidigten und
keinen Meter Boden aufgaben. Die 1. Batterie der Flak-Abteilung 12 der
Division unter Hauptmann Ritzel stand immer noch bei Ardenne. Jedes
einzelne Geschütz musste vom Gegner im Sturm genommen werden. Zum
Schluss stand Hauptmann Ritzel als Richtschütze an einer »Acht-acht« und
schoss damit drei Sherman-Panzer ab, die versuchten, an dieser Stelle
durchzubrechen. Mit sechs seiner Männer verteidigte er diese Stellung
anschließend im Nahkampf. Hier hielten sie aus, bis die verwundeten
Kameraden aus dem Kloster Ardenne herausgeholt und in Sicherheit gebracht
worden waren. Und hier war es »Panzer-Meyer«, der den sinnlosen Tod seiner
Soldaten verhinderte, als er schließlich gegen den Befehl des LXXXIV. AK die
Räumung der Stadt Caen befahl. Am Abend des 9. Juli war Caen gefallen. 34
Tage hatten die alliierten Truppen dazu benötigt. Es war eine Strecke von 12
Kilometern. Die Opfer, die diese 12 Kilometer gekostet hatten, entsprachen
jener Zahl, die der alliierte Generalstab für die gesamte Invasion bis nach
Berlin ausgerechnet hatte. Caen war gefallen, dennoch hatten die Alliierten den
freien Raum zum Durchbruch nicht erreicht. Generalfeldmarschall Rommel
baute in aller Eile Abwehrstellungen auf, um den Gegner am schnellen
Durchbruch nach Osten zu hindern. Es sollte nicht mehr gelingen …

ENDE