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KLAGELIEDER JEREMIAS

Nach der Luther-Bibel von 1545

Revision von Torsten Schwanke 2020

Luther 1545 V2.0

I.

1 Wie liegt die Stadt so wüst, die voll Volks war! Sie ist wie eine Witwe, die eine Fürstin unter den
Heiden und eine Königin in den Ländern war, ist nun eine Magd!

2 Sie weint des nachts, dass ihr die Tränen über die Wangen laufen! Es ist niemand unter allen ihren
Liebhabern, der sie tröstet. Alle ihre Nächsten verachten sie und sind ihre Feinde geworden!

3 Juda ist gefangen in Elend und schwerem Dienst. Sie wohnt unter den Heiden und findet keine
Ruhe! Alle ihre Verfolger behandeln sie schlecht.

4 Die Straßen nach Sion liegen wüst, weil niemand auf ein Fest kommt. Alle ihre Tore stehen öde.
Ihre Priester seufzen. Ihre Jungfrauen sehen jämmerlich drein, und sie ist betrübt!

5 Ihre Widersacher kommen auf, ihren Feinden geht es gut, denn der Herr hat sie voll Jammer
gemacht, um ihrer großen Sünde willen, und es sind ihre Kinder gefangen von dem Feinde hinweg
gezogen worden.

6 Es ist von der Tochter Sion aller Schmuck dahin. Ihre Fürsten sind wie die Hirsche, die keine
Weide finden und matt vor dem Treiber einher gehen.

7 Jerusalem denkt in dieser Zeit, wie elend und verlassen sie ist, und wie viel Gutes sie von alters
her gehabt hat, weil nun all ihr Volk nieder liegt unter dem Feind, und ihr niemand hilft! Ihre Feinde
sehen ihre Lust an ihr und spotten über ihren Sabbat.

8 Jerusalem hat sich versündigt, darum musss sie sein wie ein unreines Weib. Alle, die sie
verehrten, verschmähen sie jetzt, weil sie ihre bloße Scham sehen. Sie aber seufzt und ist zurück
gekehrt.

9 Ihr Kot klebt an ihrem Saum. Sie hätte nicht gemeint, das es ihr zuletzt so gehen würde. Sie ist ja
allzu grauenhaft herunter gestoßen worden, und hat dazu niemanden, der sie tröstet. Ach Herr!
Siehe mein Elend an, denn der Feind ist sehr stolz.

10 Der Feind hat seine Hand an alle ihre Kleinodien gelegt. Denn sie musste zusehen, wie die
Heiden in ihr Heiligtum eindrangen, von denen du geboten hast, sie sollten nicht in deine Gemeine
kommen.

11 All ihr Volk seufzt und such nach Brot. Sie geben ihre Kleinodien für Speise, dass sie die Seele
laben. Ach Herr! Siehe doch und schau, wie schnöde ich behandelt worden bin!

12 Euch sag ich, euch allen, die ihr vorübergeht: Schaut doch und seht, ob irgendein Schmerz sei
wie mein Schmerz, der mich geschlagen hat! Denn der Herr hat mich voll Jammer gemacht am
Tage seines grimmigen Zornes.
13 Er hat ein Feuer aus der Höhe in meine Gebeine gesandt und das selbe herrschen lassen! Er hat
meinen Füßen ein Netz gestellt und mich zurück gejagt! Er hat mich zur Wüste gemacht, dass ich
täglich trauern muss!

14 Meine schweren Sünden sind durch seine Strafe erwacht und in Haufen auf meinen Hals
gekommen, dasd mir alle meine Kraft vergeht! Der Herr hat mich so zugerichtet, dass ich mich
nicht erheben kann!

15 Der Herr hat zertreten alle meine Starken, die ich hatte. Er hat über mich ein Fest ausrufen
lassen, meine junge Mannschaft zu verderben. Der Herr hat die Jungfrau Tochter Juda die Kelter
treten lassen!

16 Darum weine ich so viel, und meine Augen fließen von Wasser über, dass der Tröster, der meine
Seele erquicken sollte, fern von mir ist! Meine Kinder sind dahin! Der Feind hat die Überhand
gewonnen.

17 Sion streckt ihre Hände aus, und da ist doch niemand, der sie tröstet! Denn der Herr hat rings um
Jakob her seinen Feinden geboten, dass Jerusalem zwischen ihnen sein muss wie ein unreines Weib.

18 Der Herr ist gerecht! Denn ich bin seinem Mund ungehorsam gewesen. Hört, alle Völker, und
schaut meine Schmerzen an! Meine Jungfrauen und Jünglinge mussten ins Gefängnis gehen!

19 Ich rief meine Freunde an, aber sie haben mich betrogen! Meine Priester und Ältesten in der
Stadt sind verschmachtet, sie suchen nach Brot, damit ihre Seelen zu laben.

20 Ach Herr! Siehe doch, wie bange mir ist, dass es mir im Leibe davon weh tut! Mein Herz wallt
mir in meinem Leibe, denn ich bin tief betrübt! Draußen hat mich das Schwert und im Hause hat
mich der Tod zur Witwe gemacht.

21Man hört wohl, dass ich seufze, und habe doch keinen Tröster. Alle meine Feinde hören mein
Unglück, und freuen sich. Das machst du. So lass doch den Tag kommen, den du ankündigst, dass
es ihnen gehen soll wie mir.

22 Lass alle ihre Bosheit vor dich kommen, und richte sie zu, wie du mich um aller meiner
Missetaten willen zugerichtet hast. Denn meines Seufzens ist viel, und mein Herz ist betrübt.

II.

1 Wie hat der Herr die Tochter Sion mit seinem Zorn überschüttet! Er hat die Herrlichkeit Israels
vom Himmel auf die Erde geworfen. Er hat nicht gedacht an seinen Fußschemel am Tage seines
Zornes.

2 Der Herr hat alle Wohnungen Jakobs ohne Barmherzigkeit vertilgt. Er hat die Festungen der
Tochter Juda abgebrochen in seinem Grimm, und sie geschleift. Er hat entweiht ihr Königreich und
ihre Fürsten.

3 Er hat jedes Horn Israels in seinem grimmigen Zorn zerbrochen. Er hat seine rechte Hand hinter
sich gezogen, da der Feind kam, und hat in Jakob ein Feuer angesteckt, das alles umher verzehrt.
4 Er hat seinen Bogen gespannt, wie ein Feind. Seine rechte Hand hat er geführt, wie ein Gegner,
und hat erwürgt alles, was lieblich anzusehen war, und seinen Grimm wie ein Feuer ausgeschüttet in
den Zelten der Tochter Sion.

5 Der Herr ist gleich wie ein Feind! Er hat vertilgt Israel. Er hat vertilgt alle ihre Paläste und hat
seine Festungen verderbt. Er hat der Tochter Juda viel Klagen und Leiden gemacht.

6 Er hat sein Zelt zerwühlt wie einen Garten und seine Wohnungen verderbt. der Herr hat in Sion
Feiertag und Sabbat vergessen werden lassen, und in seinem grimmigen Zorn König und Priester
schänden lassen.

7 Der Herr hat seinen Altar verworfen und sein Heiligtum verbannt. Er hat die Mauern ihrer Paläste
in des Feindes Hände gegeben, dass sie im Hause des Herrn geschrien haben wie an einem Feiertag.

8 Der Herr hat gedacht, zu verderben die Mauern der Tochter Sion. Er hat die Richtschnur darüber
gezogen und seine Hand nicht abgewandt, bis er sie vertilgte. Die Zwinger stehen kläglich und die
Mauer liegt jämmerlich da.

9 Ihre Tore liegen auf der Erde. Er hat ihre Riegel zerbrochen und zunichte gemacht. Ihre Könige
und Fürsten sind unter den Heiden, wo sie das Gesetz nicht üben können und ihre Propheten keine
Vision vom Herrn haben.

10 Die Ältesten der Tochter Sion liegen auf der Erde und sind still. Sie werfen Staub auf ihre
Häupter und haben Säcke angezogen. Die Jungfrauen von Jerusalem lassen hängen ihre Häupter zur
Erde.

11 Ich hab meine Augen ausgeweint, dass mir mein Leib davon weh tut. Meine Leber ist auf die
Erde ausgeschüttet über dem Jammer der Tochter meines Volkes, da die Säuglinge und Unmündigen
auf den Gassen in der Stadt verschmachten.

12 Da sie zu ihren Müttern sprachen: Wo ist Brot und Wein? Da sie auf den Gassen in der Stadt
verschmachten, wie die tödlich Verwundeten, und in den Armen ihrer Müttern den Geist aufgaben!

13 Ach, du Tochter Jerusalem, wem soll ich dich vergleichen und wofür soll ich dich halten, du
Jungfrau Tochter Sion? Wem soll ich dich vergleichen, damit ich dich trösten könnte? Denn dein
Schaden ist groß wie ein Meer! Wer kann dich heilen?

14 Deine Propheten haben dir leichtfertige, törichte Visionen gepredigt und dir deine Missetaten
nicht geoffenbart, damit sie dein Gefängnis abgewehrt hätten, sondern haben dir gepredigt
leichtfertige Predigten, womit sie dich zum Land hinaus predigten.

15 Alle, die vorübergehen, klatschen mit den Händen, pfeifen dir nach und schütteln den Kopf über
die Tochter Jerusalem: Ist das die Stadt, von der man sagt, sie sei die Allerschönste, an der sich das
ganze Land freut?

16 Alle deine Feinde reißen ihr Maul auf gegen dich, pfeifen dir nach, zeigen die Zähne und
sprechen: Ha, wir haben sie vertilgt, das ist der Tag, den wir haben begehrt, wir haben es erlangt,
wir haben es erlebt.

17 Der Herr hat getan, was er vorhatte, er hat sein Wort erfüllt, das er längst zuvor geboten hat, er
hat ohne Barmherzigkeit zerstört, er hat den Feind über dir erfreut und deiner Widersacher Horn
erhöht.
18 Ihr Herz schreit zum Herrn. O du Mauer der Tochter Sion, lass Tag und Nacht Tränen
herabfließen wie einen Bach! Höre auch nicht auf, und deine Augäpfel sollen nicht ablassen!

19 Stehe des nachts auf und schreie! Schütte dein Herz aus in der ersten Wache vor dem Herrn, wie
Wasser, hebe deine Hände zu ihm auf, um der Seelen deiner jungen Kinder willen, die vor Hunger
verschmachten vorne an allen Gassen.

20 Herr, schau und siehe doch, wen du doch so verderbt hast! Sollen denn die Frauen ihres Leibes
Frucht fressen, die jüngsten Kindlein, eine Spanne lang? Sollen denn Propheten und Priester in dem
Heiligtum des Herrn erwürgt werden?

21 Es lagen auf den Gassen auf der Erde Knaben und Alte. Meine Jungfrauen und Jünglinge sind
durchs Schwert gefallen. Du hast gewürgt am Tage deines Zornes, du hast ohne Barmhertzigkeit
geschlachtet!

22 Du hast meine Feinde umher gerufen wie zu einem Feiertag, dass niemand am Tage des Zornes
des Herrn entronnen und übriggeblieben ist. Die ich ernährt und erzogen habe, die hat der Feind
umgebracht! Es ist aus mit ihnen! Sie sind dahin!

III.

1 Ich bin ein elender Mann, der die Rute seines Grimmes sehen muss! 2 Er hat mich geführt und
gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht. 3 Er hat seine Hand gewendet gegen mich und
handelt immer anders mit mir für und für.

4 Er hat mein Fleisch und meine Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen. 5 Er hat mich
ummauert und mich mit Galle Und Mühe umgeben. 6 Er hat mich in die Finsternis gelegt wie die
Toten in der Welt.

7 Er hat mich eingemauert, dass ich nicht heraus kann, und mich in harte Fesseln gelegt. 8 Und
wenn ich gleich schreie und rufe, so verstopft er sich die Ohren vor meinem Gebet. 9 Er hat meinen
Weg zugemauert mit Quadern und meinen Steig umgedreht.

10 Er hat mir aufgelauert wie ein Bär, wie ein Löwe im Verborgenen. 11 Er lässt mich den Weg
verfehlen. Er hat mich zerstückelt und zunichte gemacht. 12 Er hat seinen Bogen gespannt und
mich seinem Pfeil zur Zielscheibe gemacht.

13 Er hat aus dem Köcher in meine Nieren geschossen. 14 Ich bin ein Spott allem Volk und täglich
ihr Spruch. 15 Er hat mich mit Bitterkeit gesättigt und mit Wermut getränkt.

16 Er hat meine Zähne zu kleinen Stücken zerschlagen. Er wälzt mich in der Asche. 17 Meine Seele
ist aus dem Friede vertrieben. Ich muss das Gute vergessen. 18 Ich sprach: Meine Kraft ist dahin
und meine Hoffnung auf den Herrn.

19 Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Galle getränkt bin! 20 Du wirst
ja daran denken, denn meine Seele sagt es mir. 21 Das nehme ich mir zu Herzen, darum hoffe ich
noch.

22 Die Güte des Herrn ist es, dass wir noch nicht ganz am Ende sind. Seine Barmherzigkeit hat kein
Ende, 23 sondern sie ist jeden Morgen neu. Deine Treue ist groß. 24 Der Herr ist mein Anteil,
spricht meine Seele, darum will ich auf ihn hoffen.
25 Denn der Herr ist freundlich zu dem, der auf ihn wartet, und zu der Seele, die nach ihm fragt. 26
Es ist eine schöne Sache, geduldig zu sein und auf die Hilfe des Herrn zu hoffen. 27 Es ist eine
schöne Sache für einen Mann, dass er das Joch in seiner Jugend trage,

28 Dass ein Verlassener geduldig sei, wenn ihn etwas überfällt, 29 und seinen Mund in den Staub
stecke und die Hoffnung erwarte 30 und lasse sich auf die Wange schlagen und sich viel Schmach
antun.

31 Denn der Herr verstößt nicht für immer, 32 sondern er betrübt zwar, aber erbarmt sich auch
wieder nach seiner großen Güte, 33 weil er nicht von Herzen die Menschen plagt und betrübt.

34 Als wollte er alle die Gefangenen auf Erden unter seine Füße treten 35 und eines Mannes Recht
vor dem Allerhöchsten beugen lassen 36 und eines Menschen Sache verdrehen lassen, gleich als
sähe es der Herr nicht.

37 Wer darf denn sagen, dass solches geschehe ohne des Herrn Befehl 38 und das weder Böses
noch Gutes komme aus dem Mund des Allerhöchsten? 39 Was murren denn die Leute im Leben so
sehr? Jeder murre über seine Sünden!

40 und lasst uns erforschen und suchen unser Wesen und uns zum Herrn bekehren. 41 Lasst uns
unser Herz samt den Händen aufheben zu Gott im Himmel. 42 Wir, wir haben gesündigt und sind
ungehorsam gewesen, darum hast du zu Recht uns nicht verschont,

43 sondern du hast uns mit Zorn überschüttet und verfolgt, und ohne Barmherzigkeit erwürgt! 44
Du hast dich mit einer Wolke verhüllt, dass kein Gebet hindurch drang. 45 Du hast uns zu Kot und
Kotze gemacht unter den Völkern!

46 Alle unsere Feinde reißen ihr Maul auf gegen uns! 47 Wir werden bedrückt und geplagt, mit
Schrecken und Angst. 48 Meine Augen laufen über mit Wasserbächen über den Jammer der Tochter
meines Volkes.

49 Meine Augen fließen über und können nicht aufhören, denn es ist kein Ende da, 50 bis der Herr
von Himmel herabschaut und drein sieht. 51Meine Augen fressen mir das Leben auf um die Tochter
meiner Stadt.

52 Meine Feinde haben mich gehetzt, wie einen Vogel, ohne Grund. 53 Sie haben mein Leben in
einer Grube umgebracht und Steine auf mich geworfen. 54 Sie haben auch mein Haupt mit Wasser
übergossen. Da sprach ich: Nun bin ich ganz am Ende!

55 aber ich rief deinen Namen an, Herr, unten aus der Grube, 56 und du erhörtest meine Stimme.
Verbirg deine Ohren nicht vor meinen Seufzern und Schreien! 57 Nahe dich mir, wenn ich dich
anrufe, und sprich: Fürchte dich nicht!

58 Führe du, Herr, die Sache meiner Seele, und erlöse mein Leben! 59 Herr, schau, wie mir so
großes Unrecht geschieht, und hilf mir zu meinem Recht! 60 Du siehst ihre Angriffe und ihre bösen
Gedanken gegen mich.

61 Herr, du hörst ihre Schmähungen und alle ihre Gedanken über mich, 62 die Lippen meiner
Gegner und ihre Erfindungen gegen mich täglich. 63 Schau doch, sie setzen sich nieder oder stehen
auf, so sprechen sie über mich Sprüche.
64 Vergilt ihnen, Herr, wie sie es verdient haben, 65 lass ihr Herz erschrecken und deinen Fluch
fühlen, 66 verfolge sie mit Grimm und vertilge sie unter dem Himmel des Herrn!

IV.

yyy

1 Wie ist das Gold so ganz verdunkelt und das Feingold so hässlich geworden! Und es liegen die
Steine des Heiligtums vorne auf allen Gassen zerstreut.

2 Die edlen Kinder Sions, dem Golde einst gleich geachtet, wie sind sie nun den irdenen Töpfen
vergleichbar, die ein Töpfer macht.

3 Die Drachen reichen die Brüste ihren Jungen und säugen sie, aber die Tochter meines Volkes
muss unbarmherzig sein wie ein Straußenweibchen in der Wüste.

4 Dem Säugling klebt seine Zunge an seinem Gaumen vor Durst. Die jungen Kinder verlangen nach
Brot, und ist niemand da, der es ihnen breche.

5 Die zuvor das Süße aßen, verschmachten jetzt auf den Gassen. Die zuvor in Seide erzogen
wurden, die müssen jetzt im Dreck liegen.

6 Die Missetat der Tochter meines Volkes ist größer als die Sünde Sodoms, das plötzlich
umgeworfen wurde, und kam keine Hand zu Hilfe.

7 Ihre Nazarener waren reiner als Schnee und klarer als Milch. Ihre Gestalt war rötlicher als
Korallen, ihr Aussehen war wie Saphir.

8 Nun aber ist ihre Gestalt so dunkel vor Schwärze, dass man sie auf den Gassen nicht erkennt. Ihre
Haut hängt an den Knochen, und sie sind so dürr wie ein Zweig.

9 Den Erwürgten durch das Schwert geschah besser als denen, die da vor Hunger starben, die
verschmachteten und erstochen wurden vom Mangel an Früchten des Ackers.

10 Es haben die barmherzigen Weiber ihre Kinder selbst kochen müssen, dass sie zu essen hätten in
dem Jammer der Tochter meines Volkes.

11 Der Herr hat seinen Grimm vollbracht! Er hat seinen grimmigen Zorn ausgeschüttet! Er hat in
Sion ein Feuer angesteckt, das auch ihre Fundamente verzehrt hat.

12 Das hätten die Könige auf Erden nicht geglaubt, noch alle Leute in der Welt, dass der Gegner
und Feind sollte zum Tor Jerusalems einziehen.

13 Das ist aber geschehen um der Sünden willen ihrer Propheten und um der Missetaten willen ihrer
Priester, die drinnen der Unschuldigen Blut vergossen haben!

14 Sie gingen hin und her auf den Gassen, wie die Blinden, und waren mit Blut besudelt, und
konnten auch die Kleider jener Leute nicht anrühren,

15 sondern riefen sie an: Weicht, ihr Unreinen, weicht, weicht, rührt nichts an! Denn sie scheuten
sich vor ihnen und flohen vor ihnen, dass man unter den Heiden sagte: Sie werden nicht lange
bleiben.
16 Darum hat sie des Herrn Zorn zerstreut und will sie nicht mehr ansehen, weil sie die Priester
nicht ehrten und mit den Ältesten kein Erbarmen hatten.

17 Noch gafften unsere Augen auf nichtige Hilfe, bis sie müde geworden, da wir warteten auf ein
Volk, das uns doch nicht helfen konnte.

18 Man jagte uns, dass wir auf unsern Gassen nicht zu gehen wagten. Da kam auch unser Ende.
Unsere Tage sind aus, unser Ende ist gekommen!

19 Unsere Verfolger waren schneller als die Adler unter dem Himmel. Auf den Bergen haben sie
uns verfolgt und in der Wüste uns aufgelauert.

20 Der Gesalbte des Herrn, der unser Trost war, ist gefangen worden, als sie uns verstörten, dessen
wir uns trösteten, wir wollten unter seinem Schatten leben unter den Heiden.

21 Ja, freue dich und sei fröhlich, du Tochter Edom, die du wohnst im Lande Uz, denn der Kelch
wird auch über dich kommen, du musst auch betrunken und entblößt werden!

22 Aber deine Missetat hat ein Ende, du Tochter Sion. Er wird dich nicht mehr wegführen lassen.
Aber deine Missetat, du Tochter Edom, wird er heimsuchen, und deine Sünde aufdecken.

V.

1 Gedenke, Herr, wie es uns geht, schau und siehe an unsere Schmach! 2 Unser Erbe ist den
Fremden zuteil geworden, und unsere Häuser den Ausländern. 3 Wir sind Waisenkinder und haben
keinen Vater mehr, unsere Mütter sind Witwen. 4 Unser eigenes Wasser müssen wir gegen Geld
trinken, unser Holz müssen wir bezahlen. 5 Man treibt uns über unsere Kräfte an. Und wenn wir
schon müde sind, lässt man uns dennoch keine Ruhe. 6 Wir haben uns Ägypten und Assur ergeben
müssen, auf dass wir wenigstens Brot zu essen haben. 7 Unsere Väter haben gesündigt, und sind
nicht mehr da, und wir müssen für ihre Sünde büßen!

8 Knechte herrschen über uns, und ist niemand da, der uns von ihrer Hand errette. 9 Wir müssen
unser Brot unter Gefahr unseres Lebens holen vor dem Schwert in der Wüste. 10 Unsere Haut ist
verbrannt, wie in einem Ofen, vor grauenhaftem Hunger.

11 Sie haben die Frauen von Sion vergewaltigt und die Jungfrauen in den Städten von Juda. 12 Die
Fürsten wurden von ihnen aufgehängt und die Personen der Alten hat man nicht mehr geehrt. 13
Die Jünglinge haben Mühlsteine tragen müssen und die Knaben über dem Holztragen straucheln. 14
Es sitzen die Alten nicht mehr unter dem Tor, und die Jünglinge streichen kein Saitenspiel mehr. 15
Unseres Herzens Freude hat ein Ende. Unser Tanz ist in Wehklagen verkehrt. 16 Die Krone unseres
Hauptes ist abgefallen. O weh, dass wir so gesündigt haben! 17 Darum ist auch unser Herz betrübt
und unsere Augen sind finster geworden 18 um des Berges Sion willen, dass er so wüst liegt, dass
die Füchse darüber laufen.

19 Aber du, Herr, der du ewig bleibst und dein Thron für immer, 20 warum willst du uns so ganz
vergessen und uns so lange verlassen? 21 Bring uns, Herr, wieder zu dir, dass wir wieder
heimkommen. Erneuere unsere Tage wie vor alters. 22 Denn du hast uns verworfen und bist allzu
sehr über uns erzürnt.